The Project Gutenberg EBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des
neuen Continents. Band 1. by Alexander von Humboldt



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Title: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 1.

Author: Alexander von Humboldt

Release Date: September 3, 2007 [Ebook #22492]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 1.***





Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents.
Band 1.


by Alexander von Humboldt




Edition 01 , (September 3, 2007)





               In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff.

         Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers.

   Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache.

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                                   1865

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                               Erster Band





CONTENTS


Vorwort
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fnftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel






VORWORT


Einem wissenschaftlichen Reisenden kann es wohl nicht verargt werden, wenn
er eine vollstndige Uebersetzung seiner Arbeiten jeder auch noch so
geschmackvollen Abkrzung derselben vorzieht. Bouquers und La Condamines
mehr als hundertjhrige Quartbnde werden noch heute mit groer Theilnahme
gelesen; und da jeder Reisende gewissermaen  den Zustand der
Wissenschaften seiner Zeit, oder vielmehr die Gesichtpunkte darstellt,
welche von dem Zustande des Wissens seiner Zeit abhangen, so ist das
wissenschaftliche Interesse um so lebendiger, als die Epoche der
Darstellung der Jetztzeit nher liegt. Damit aber die lebendige
Darstellung des Geschehenen weniger unterbrochen werde, habe ich das
Material, durch welches allgemeine kosmische Resultate begrndet werden,
in besonderen Zugaben ber stndliche Barometer-Vernderungen, Neigung der
Magnetnadel und Intensitt der magnetischen Erdkraft zusammengedrngt. Die
Absonderung solcher und anderer Zugaben hat allerdings, und ohne groen
Nachtheil, zu Abkrzungen in der Uebersetzung des Originaltextes der Reise
Anla geben knnen. Diese Betrachtung war auch geeignet mich bald mit dem
Unternehmen zu vershnen, einem greren Kreise gebildeter Leser, die
bisher mehr mit der Natur als mit scientifischen Wissen befreundet waren,
einen etwas *abgekrzten Text der Reise in die Tropen-Gegenden des Neuen
Continents* darzubieten. Die Buchhandlung, welche aus edler, ich setze
gern hinzu angeerbter Freundschaft meinen Arbeiten eine so lange und
sorgfltige Pflege geschenkt hat, hat mich aufgefordert diese neue
Ausgabe, welche einem vielseitig unterrichteten Gelehrten, Herrn
Bibliothekar Professor _Dr._ *Hauff* anvertraut ist, nicht blo, so viel
mein Uralter und meine gesunkenen Krfte es erlauben, zu revidiren,
sondern auch mit Zustzen und Berichtigungen zu bereichern. Die
Naturwissenschaft ist, wie die Natur selbst, in ewigem *Werden* und
Wechsel begriffen. Seit der Herausgabe des ersten Bandes der Reise sind
jetzt 45 Jahre verflossen. Die Berichtigungen mten also zahlreich seyn:
in geognostischer Hinsicht wegen Bezeichnung der Gebirgs-Formationen und
der metamorphosirten Gebirge, des wohlthtigen Einflusses der Chemie auf
die Geognosie, wie in allem, was anbetrifft die Vertheilung der Wrme auf
dem Erdkrper und die Ursach der verschiedenen Krmmung monatlicher
Isothermen (nach Doves meisterhaften Arbeiten). Die durch die neue
Ausgabe veranlate Erweiterung des Kreises wissenschaftlicher Anregung
kann ich nur freudig begren; denn in dem Entwickelungsgange physischer
Forschungen wie in dem der politischen Institutionen ist Stillstand durch
unvermeidliches Verhngnis an den Anfang eines verderblichen
*Rckschrittes* geknpft.

Es wrde mir dazu eine innige Freude seyn noch zu erleben, wie die
Unternehmer es hoffen, da meine in den Jahren freudig aufstrebender
Jugend ausgefhrte Reise, deren einer Genosse, mein theurer Freund, *Aim
Bonpland*, bereits, im hohen Alter, dahingegangen ist, in unserer eigenen
schnen Sprache von demselben deutschen Volke mit einigem Vergngen
gelesen werde, welches mehr denn zwei Menschenalter hindurch mich in
meinen wissenschaftlichen Bestrebungen und meiner Laufbahn durch ein
eifriges Wohlwollen beglckt und selbst meinen sptesten Arbeiten durch
seine partheiische Theilnahme eine Rechtfertigung gewhrt hat.

*Berlin*, 26. Mrz 1859.

*Alexander v. Humboldt.*





ERSTES KAPITEL


        Vorbereitungen -- Abreise von Spanien -- Aufenthalt auf den
                            Kanarischen Inseln


Wenn eine Regierung eine jener Fahrten auf dem Weltmeer anordnet, durch
welche die Kenntni des Erdballes erweitert und die physischen
Wissenschaften gefrdert werden, so stellt sich ihrem Vorhaben keinerlei
Hinderni entgegen. Der Zeitpunkt der Abfahrt und der Plan der Reise
knnen eingehalten werden, sobald die Schiffe ausgerstet und die
Astronomen und Naturforscher, welche unbekannte Meere befahren sollen,
gewhlt sind. Die Inseln und Ksten, deren Produkte die Seefahrer kennen
lernen sollen, liegen auerhalb des Bereiches der staatlichen Bewegungen
Europas. Wenn lngere Kriege die Freiheit zur See beschrnken, so stellen
die kriegfhrenden Mchte gegenseitig Psse aus; der Ha zwischen Volk und
Volk tritt zurck, wenn es sich von der Frderung des Wissens handelt, das
die gemeine Sache der Vlker ist.

Anders, wenn nur ein Privatmann auf seine Kosten eine Reise in das Innere
eines Festlandes unternimmt, das Europa in sein System von Kolonien
gezogen hat. Wohl mag sich der Reisende einen Plan entwerfen, wie er ihm
fr seine wissenschaftlichen Zwecke und bei den staatlichen Verhltnissen
der zu bereisenden Lnder die angemessenste scheint; er mag sich die
Mittel verschaffen, die ihm fern vom Heimathland auf Jahre die
Unabhngigkeit sicher, aber gar oft widersetzen sich unvorhergesehene
Hindernisse seinem Vorhaben, wenn er eben meint, es ausfhren zu knnen.
Nicht leicht hat aber ein Reisender mit so vielen Schwierigkeiten zu
kmpfen gehabt als ich vor meiner Abreise nach dem spanischen Amerika.
Gern wre ich darber weggegangen und htte meine Reisebeschreibungen mit
der Besteigung des Pic von Tenerifa begonnen, wenn nicht das Fehlschlagen
meiner ersten Plne auf die Richtung meiner Reise nach der Rckkehr vom
Orinoko bedeutenden Einflu geuert htte. Ich gebe daher eine flchtige
Schilderung dieser Vorgnge, die fr die Wissenschaft von keinem Belang
sind, von denen ich aber wnschen mu, da sie richtig beurteilt werden.
Da nun einmal die Neugier des Publikums sich hufig mehr an die Person des
Reisenden als an seine Werke heftet, so sind auch die Umstnde, unter
denen ich meine ersten Reiseplne entworfen, ganz schief aufgefat
worden.(1)

Von frher Jugend auf lebte in mir der sehnliche Wunsch, ferne, von
Europern wenig besuchte Lnder bereisen zu drfen. Dieser Drang ist
bezeichnend fr einen Zeitpunkt im Leben, wo dieses vor uns liegt wie ein
schrankenloser Horizont, wo uns nichts so sehr anzieht als starke
Gemthsbewegung und Bilder physischer Fhrlichkeiten. In einem Lande
aufgewachsen, das in keinem unmittelbaren Verkehr mit den Kolonien in
beiden Indien steht, spter in einem fern von der Meereskste gelegenen,
durch starken Bergbau berhmten Gebirge lebend, fhlte ich den Trieb zur
See und zu weiten Fahrten immer mchtiger in mir werden. Dinge, die wir
nur aus den lebendigen Schilderungen der Reisenden kennen, haben ganz
besonderen Reiz fr uns; Alles in Entlegenheit undeutlich Umrissene
besticht unsere Einbildungskraft; Gensse, die uns nicht erreichbar sind,
scheinen uns weit lockender, als was uns im engen Kreise des brgerlichen
Lebens bietet. Die Lust am Botanisiren, das Studium der Geologie, ein
Ausflug nach Holland, England und Frankreich in Gesellschaft eines
berhmten Mannes, Georg Forsters, dem das Glck geworden war, Capitn Cook
auf seiner zweiten Reise um die Welt zu begleiten, trugen dazu bei, den
Reiseplnen, die ich schon mit achtzehn Jahren gehegt, Gestalt und Ziel zu
geben. Wenn es mich noch immer in die schnen Lnder des heien Erdgrtels
zog, so war es jetzt nicht mehr der Drang nach einem aufregenden
Wanderleben, es war der Trieb, eine wilde, groartige, an mannichfaltigen
Naturprodukten reiche Natur zu sehen, die Aussicht, Erfahrungen zu
sammeln, welche die Wissenschaften frderten. Meine Verhltnisse
gestatteten mir damals nicht, Gedanken zu verwirklichen, die mich so
lebhaft beschftigten, und ich hatte sechs Jahre Zeit, mich zu den
Beobachtungen, die ich in der Neuen Welt anzustellen gedachte,
vorzubereiten, mehrere Lnder Europas zu bereisen und die Kette der
Hochalpen zu untersuchen, deren Bau ich in der Folge mit den Anden von
Quito und Peru vergleichen konnte. Da ich zu verschiedenen Zeiten mit
Instrumenten von verschiedener Construction arbeitete, whlte ich am Ende
diejenigen, die mir als die genauesten und dabei auf dem Transport
dauerhaftesten erschienen; ich fand Gelegenheit, Messungen, die nach den
strengsten Methoden vor genommen wurden, zu wiederholen, und lernte so
selbststndig die Grenzen der Irrthmer kennen, auf die ich gefat seyn
mute.

Im Jahre 1795 hatte ich einen Teil von Italien bereist, aber die
vulkanischen Striche in Neapel und Sizilien nicht besuchen knnen. Ungern
htte ich Europa verlassen, ohne Vesuv, Stromboli und Aetna gesehen zu
haben; ich sah ein, um zahlreiche geologische Erscheinungen, namentlich in
der Trappformation, richtig aufzufassen, mute ich mich mit den
Erscheinungen, wie noch ttige Vulkane sie bieten, nher bekannt gemacht
haben. Ich entschlo mich daher im November 1797, wieder nach Italien zu
gehen. Ich hielt mich lange in Wien auf, wo die ausgezeichneten Sammlungen
und die Freundlichkeit Jacquins und Josephs van der Schott mich in meinen
vorbereitenden Studien ausnehmend frderten; ich durchzog mit Leopold von
Buch, von dem seitdem ein treffliches Werk ber Lappland erschienen ist,
mehrere Teile des Salzburger Landes und Steiermark, Lnder, die fr den
Geologen und Landschaftsmaler gleich viel Anziehendes haben; als ich aber
ber die Tiroler Alpen gehen wollte, sah ich mich durch den in ganz
Italien ausgebrochenen Krieg gentigt, den Plan der Reise nach Neapel
aufzugeben.

Kurz zuvor hatte ein leidenschaftlicher Kunstfreund, der bereits die
Ksten Illyriens und Griechenlands als Alter thumsforscher besucht hatte,
mir den Vorschlag gemacht, ihn auf einer Reise nach Oberegypten zu
begleiten. Der Ausflug sollte nur acht Monate dauern; geschickte Zeichner
und astronomische Werkzeuge sollten uns begleiten, und so wollten wir den
Nil bis Assuan hinaufgehen und den zwischen Tentyris und den Cataracten
gelegenen Teil des Sad genau untersuchen. Ich hatte bis jetzt bei meinen
Planen nie ein auertropisches Land im Auge gehabt, dennoch konnte ich der
Versuchung nicht widerstehen, Lnder zu besuchen, die in der Geschichte
der Kultur eine so bedeutende Rolle spielen. Ich nahm den Vorschlag an,
aber unter der ausdrcklichen Bedingung, da ich bei der Rckkehr nach
Alexandrien allein durch Syrien und Palstina weiter reisen drfte. Sofort
richtete ich meine Studien nach dem neuen Plane ein, was mir spter zu
gute kam, als es sich davon handelte, die rohen Denkmale der Mexicaner mit
denen der Vlker der Alten Welt zu vergleichen. Ich hatte die nahe
Aussicht, mich nach Egypten einzuschiffen, da nthigten mich die
eingetretenen politischen Verhltnisse, eine Reise aufzugeben, die mir so
groen Genu versprach. Im Orient standen die Dinge so, da ein einzelner
Reisender gar keine Aussicht hatte, dort Studien machen zu knnen, welche
selbst in den ruhigsten Zeiten von den Regierungen mit mitrauischen Augen
angesehen werden.

Zur selben Zeit war in Frankreich eine Entdeckungsreise in die Sdsee
unter dem Befehl des Kapitns Baudin im Werk. Der ursprngliche Plan war
groartig, khn und htte verdient, unter umsichtiger Leitung ausgefhrt
zu werden. Man wollte die spanischen Besitzungen in Sdamerika von der
Mndung des Rio de la Plata bis zum Knigreich Quito und der Landenge von
Panama besuchen. Die zwei Corvetten sollten sofort ber die Inselwelt des
Stillen Meeres nach Neuholland gelangen, die Ksten desselben von
Vandiemensland bis Nuytsland untersuchen, bei Madagaskar anlegen und ber
das Kap der guten Hoffnung zurckkehren. Ich war nach Paris gekommen, als
man sich eben zu dieser Reise zu rsten begann. Der Charakter des Kapitns
Baudin war eben nicht geeignet, mir Vertrauen einzuflen; der Mann hatte
meinen Freund, den jungen Botaniker van der Schott, nach Brasilien
gebracht, und der Wiener Hof war dabei schlecht mit ihm zufrieden gewesen;
da ich aber mit eigenen Mitteln nie eine so weite Reise unternehmen und
ein so schnes Stck der Welt htte kennen lernen knnen, so entschlo ich
mich, auf gutes Glck die Expedition mitzumachen. Ich erhielt Erlaubni,
mich mit meinen Instrumenten auf einer der Corvetten, die nach der Sdsee
gehen sollten, einzuschiffen, und machte nur zur Bedingung, da ich mich
von Kapitn Baudin trennen drfte, wo und wann es mir beliebte. Michaux,
der bereits Persien und einen Teil von Nordamerika besucht hatte, und
Bonpland, dem ich mich anschlo, und der mir seitdem aufs innigste
befreundet geblieben, sollten die Reise als Naturforscher mitmachen.

Ich hatte mich einige Monate lang darauf gefreut, an einer so groen und
ehrenvollen Unternehmung Theil nehmen zu drfen, da brach der Krieg in
Deutschland und Italien von neuen aus, so da die franzsische Regierung
die Geldmittel, die sie zu der Entdeckungsreise angewiesen, zurckzog und
dieselbe auf unbestimmte Zeit verschob. Mit Kummer sah ich alle meine
Aussichten vernichtet, ein einziger Tag hatte dem Plane, den ich fr
mehrere Lebensjahre entworfen, ein Ende gemacht; da beschlo ich nur so
bald als mglich, wie es auch sey, von Europa wegzukommen, irgend etwas zu
unternehmen, das meinen Unmuth zerstreuen knnte.

Ich wurde mit einen schwedischen Konsul, Skildebrand, bekannt, der dem
Dey von Algier Geschenke von seiten seines Hofes zu berbringen hatte und
durch Paris kam, um sich in Marseille einzuschiffen. Dieser achtenswerthe
Mann war lange auf der afrikanischen Kste angestellt gewesen, und da er
bei der algerischen Regierung gut angeschrieben war, konnte er fr mich
auswirken, da ich den Theil der Atlaskette bereisen durfte, auf den sich
die bedeutenden Untersuchungen Desfontaines nicht erstreckt hatten. Er
schickte jedes Jahr ein Fahrzeug nach Tunis, auf dem die Pilger nach Mekka
gingen, und er versprach mir, mich auf diesem Wege nach Egypten zu
befrdern. Ich besann mich keinen Augenblick, eine so gute Gelegenheit zu
benutzen, und ich meinte nunmehr den Plan, den ich vor meiner Reise nach
Frankreich entworfen, sofort ausfhren zu knnen. Bis jetzt hatte kein
Mineralog die hohe Bergkette untersucht, die in Marokko bis zur Grenze des
ewigen Schnees aufsteigt. Ich konnte darauf rechnen, da ich, nachdem ich
in den Alpenstrichen der Berberei einiges fr die Wissenschaft gethan, in
Egypten bei den bedeutenden Gelehrten, die seit einigen Monaten zum
Institut von Cairo zusammengetreten waren, dasselbe Entgegenkommen fand,
das mir in Paris in so reichem Mae zu Theil geworden. Ich ergnzte rasch
meine Sammlung von Instrumenten und verschaffte mir die Werke ber die zu
bereisenden Lnder. Ich nahm Abschied von meinem Bruder, der durch Rath
und Beispiel meine Geistesrichtung hatte bestimmen helfen. Er billigte die
Beweggrnde meines Entschlusses, Europa zu verlassen; eine geheime Stimme
sagte uns, da wir uns wieder sehen wrden. Diese Hoffnung hat uns nicht
betrogen, und sie linderte den Schmerz einer langen Trennung. Ich verlie
Paris mit den Entschlu, mich nach Algier und Egypten einzuschiffen, und
wie nun einmal der Zufall in allen Menschenleben regiert, ich sah bei der
Rckkehr vom Amazonenstrom und aus Peru meinen Bruder wieder, ohne das
Festland von Afrika betreten zu haben.

Die schwedische Fregatte, welche Skildebrand nach Algier berfhren
sollte, wurde zu Marseille in den letzten Tagen Oktobers erwartet.
Bonpland und ich begaben uns um diese Zeit dahin, und eilten um so mehr,
da wir whrend der Reise immer besorgten, zu spt zu kommen und das Schiff
zu versumen. Wir ahnten nicht, welche neuen Widerwrtigkeiten uns
zunchst bevorstanden.

Skildebrand war so ungeduldig als wir, seinen Bestimmungsort zu
erreichen. Wir bestiegen mehrmals am Tage den Berg Notre Dame de la Garde,
von dem man weit ins Mittelmeer hinausblickt. Jedes Segel, das am Horizont
sichtbar wurde, setzte uns in Aufregung; aber nachdem wir zwei Monate in
groer Unruhe vergeblich geharrt, ersahen wir aus den Zeitungen, da die
schwedische Fregatte, die uns berfhren sollte, in einem Sturm an den
Ksten von Portugal stark gelitten und in den Hafen von Cadiz habe
einlaufen mssen, um ausgebessert zu werden. Privatbriefe besttigten die
Nachricht, und es war gewi, da der Jaramas -- so hie die Fregatte -- vor
dem Frhjahr nicht nach Marseille kommen konnte.

Wir konnten es nicht ber uns gewinnen, bis dahin in der Provence zu
bleiben. Das Land, zumal das Klima, fanden wir herrlich; aber der Anblick
des Meeres mahnte uns fortwhrend an unsere zertrmmerten Hoffnungen. Auf
einem Ausflug nach Hyres und Toulon fanden wir in letzterem Hafen die
Fregatte Boudeuse, die Bougainville auf seiner Reise um die Welt befehligt
hatte. Ich hatte mich zu Paris, als ich mich rstete, die Expedititon des
Kapitns Baudin mitzumachen, des besonderen Wohlwollens des berhmten
Seefahrers zu erfreuen gehabt. Nur schwer vermochte ich zu schildern, was
ich beim Anblick des Schiffes empfand, das Commerson auf die Inseln der
Sdsee gebracht. Es gibt Stimmungen, in denen sich ein Schmerzgefhl in
alle unsere Empfindungen mischt.

Wir hielten immer noch am Gedanken fest, uns an die afrikanische Kste zu
begeben, und dieser zhe Entschlu wre uns beinahe verderblich geworden.
Im Hafen von Marseille lag zur Zeit ein kleines ragusanisches Fahrzeug,
bereit nach Tunis unter Segel zu gehen. Dies schien uns eine gnstige
Gelegenheit; wir kamen ja auf diese Weise in die Nhe von Egypten und
Syrien. Wir wurden mit dem Kapitn wegen der Ueberfahrtspreises einig; am
folgenden Tage sollten wir unter Segel gehen, aber die Abreise verzgerte
sich glcklicherweise durch einen an sich ganz unbedeutenden Umstand. Das
Vieh, das uns als Proviant auf der Ueberfahrt dienen sollte, war in der
groen Kajte untergebracht. Wir verlangten, da zur Bequemlichkeit der
Reisenden und zur sicheren Unterbringung unserer Instrumente das
Notwendigste vorgekehrt werde. Allermittelst erfuhr man in Marseille, da
die tunesische Regierung die in der Berberei niedergelassenen Franzosen
verfolge, und da alle aus franzsischen Hfen ankommenden Personen ins
Gefngnis geworfen wrden. Durch diese Kunde entgingen wir einer groen
Gefahr; wir muten die Ausfhrung unserer Plne verschieben und
entschlossen uns, den Winter in Spanien zuzubringen, in der Hoffnung, uns
im nchsten Frhjahr, wenn anders die politischen Zustnde im Orient es
gestatteten, in Cartagena oder in Cadiz einschiffen zu knnen.

Wir reisten durch Katalonien und das Knigreich Valencia nach Madrid. Wir
besuchten auf dem Wege die Trmmer Tarragonas und des alten Sagunt,
machten von Barcelona aus einen Ausflug auf den Montserrat, dessen hoch
aufragende Gipfel von Einsiedlern bewohnt sind, und der durch die
Contraste eines krftigen Pflanzenwuchses und nackter, der Felsmassen ein
eigenthmliches Landschaftsbild bietet. Ich fand Gelegenheit, durch
astronomische Rechnung die Lage mehrerer fr die Geographie Spaniens
wichtiger Punkte zu bestimmen; ich ma mittels des Barometers die Hhe des
Centralplateaus und stellte einige Beobachtungen ber die Inclination der
Magnetnadel und die Intensitt der magnetischen Kraft an. Die Ergebnisse
dieser Beobachtungen sind die sich erschienen, und ich verbreite mich hier
nicht weiter ber die Naturbeschaffenheit eines Landes, in dem ich mich
nur ein halbes Jahr aufhielt, und das in neuerer Zeit von so vielen
unterrichteten Mnnern bereist worden ist.

Zu Madrid angelangt, fand ich bald Ursache, mir Glck dazu zu wnschen,
da wir uns entschlossen, die Halbinsel zu besuchen. Der Baron Forell,
schsischer Gesandter am spanischen Hofe, kam mir auf eine Weise entgegen,
die meinen Zwecken sehr frderlich wurde. Er verband mit ausgebreiteten
mineralogischen Kenntnissen das regste Interesse fr Unternehmungen zur
Frderung der Wissenschaft. Er bedeutete mir, da ich unter der Verwaltung
eines aufgeklrten Ministers, des Ritters Don Mariano Luis de Urquijo,
Aussicht habe, auf meine Kosten im Inneren des spanischen Amerika reisen
zu drfen. Nach all den Widerwrtigkeiten, die ich erfahren, besann ich
mich keinen Augenblick, diesen Gedanken zu ergreifen.

Im Mrz 1799 wurde ich dem Hofe von Aranjuez vorgestellt. Der Knig nahm
mich uerst wohlwollend auf. Ich entwickelte die Grnde, die mich
bewogen, eine Reise in den neuen Kontinent und auf die Philippinen zu
unternehmen, und reichte dem Staatssecretr eine darauf bezgliche
Denkschrift ein. Der Ritter d'Urquijo untersttzte mein Gesuch und rumte
alle Schwierigkeiten aus dem Wege. Der Minister handelte hierbei desto
gromthiger, da ich in gar keiner persnlichen Beziehung zu ihn stand.
Der Eifer, mit dem er fortwhrend meine Absichten untersttzte, hatte
keinen anderen Beweggrund als seine Liebe zu den Wissenschaften. Es wird
mir zu angenehmen Pflicht, in diesem Werke der Dienste, die er mir
erwiesen, dankbar zu gedenken.

Ich erhielt zwei Psse, den einen vom ersten Staatsecretr, den anderen
vom Rath von Indien. Nie war einem Reisenden mit der Erlaubni, die man
ihm ertheilte, mehr zugestanden worden, nie hatte die spanische Regierung
einem Fremden greres Vertrauen bewiesen. Um alle Bedenken zu beseitigen,
welche die Viceknige oder Generalcapitne, als Vertreter der kniglichen
Gewalt in Amerika, hinsichtlich des Zweckes und Wesens meiner
Beschftigungen erheben knnten, hie es im Pa der _primera secretaria de
estado:_ ich sey ermchtigt, mich meiner physikalischen und geodtischen
Instrumente mit voller Freiheit zu bedienen; ich drfe in allen spanischen
Besitzungen astronomische Beobachtungen anstellen, die Hhen der Berge
messen, die Erzeugnisse des Bodens sammeln und alle Operationen ausfhren,
die ich zur Frderung der Wissenschaft gut finde. Diese Befehle von
Seiten des Hofes wurden genau befolgt, auch nachdem infolge der Ereignisse
Don DUrquijo vom Ministerium hatte abtreten mssen. Ich meinerseits war
bemht, diese sich nie verleugnende Freundlichkeit zu erwidern. Ich
bergab whrend meines Aufenthaltes in Amerika den Statthaltern der
Provinzen Abschriften des von mir gesammelten Materials ber die
Geographie und Statistik der Colonien, das dem Mutterlande von einigen
Werth seyn konnte. Dem von mir vor meiner Abreise gegebenen Versprechen
gem bermachte ich dem naturhistorischen Cabinet zu Madrid mehrere
geologische Sammlungen. Da der Zweck unserer Reise ein rein
wissenschaftlicher war, so hatten Bonpland und ich das Glck, uns das
Wohlwollen der Colonisten wie der mit der Verwaltung dieser weiten
Landstriche betrauten Europer zu erwerben. In den fnf Jahren, whrend
wir den neuen Continent durchzogen, sind wir niemals einer Spur von
Mitrauen begegnet. Mit Freude spreche ich es hier aus; unter den
hrtesten Entbehrungen, im Kampfe mit einer wilden Natur, haben wir uns
nie ber menschliche Ungerechtigkeit zu beklagen gehabt.

Verschiedene Grnde htten uns eigentlich bewegen sollen, noch lnger in
Spanien zu verweilen. Abb Cavanilles, ein Mann gleich geistreich wie
mannigfaltig unterrichtet; Ne, der mit Hnke die Expedition Malaspinas
als Botaniker mitgemacht und allein eine der grten Krutersammlungen,
die man je in Europa gesehen, zusammengebracht hat; Don Casimir Ortega,
Abb Pourret und die gelehrten Verfasser der Flora von Peru, Ruiz und
Pavon, stellten uns ihre reichen Sammlungen zur unbeschrnkten Verfgung.
Wir untersuchten zum Theil die mexicanischen Pflanzen, die von Sesse,
Mocio und Cervantes entdeckt worden, und von denen Abbildungen an das
naturhistorische Museum zu Madrid gelangt waren. In dieser groen Anstalt,
die unter der Leitung Clavijos stand, des Herausgebers einer geflligen
Uebersetzung der Werke Buffons, fanden wir allerdings keine geologischen
Suiten aus den Cordilleren; aber Proust, der sich durch die groe
Genauigkeit seiner chemischen Arbeiten bekannt gemacht hat, und ein
ausgezeichneter Mineralog, Hergen, gaben uns interessante Nachweisungen
ber verschiedene mineralische Substanzen Amerikas. Mit bedeutendem Nutzen
htten wir uns wohl noch lnger mit den Naturprodukten der Lnder
beschftigt, die das Ziel unserer Forschungen waren, aber es drngte uns
zu sehr, von der Vergnstigung, die der Hof uns gewhrt, Gebrauch zu
machen, als da wir unsere Abreise htten verschieben knnen. Seit einen
Jahr war ich so vielen Hindernissen begegnet, da ich es kaum glauben
konnte, da mein sehnlichster Wunsch endlich in Erfllung gehen sollte.

Wir verlieen Madrid gegen die Mitte Mais. Wir reisten durch einen Theil
von Altcastilien, durch das Knigreich Leon und Galizien nach Corunna, wo
wir uns nach der Insel Cuba einschiffen sollten. Der Winter war streng und
lang gewesen, und jetzt genossen wir auf der Reise der milden
Frhlingstemperatur, die schon so weit gegen Sd gewhnlich nur den
Monaten Mai und April eigen ist. Schnee bedeckte noch die hohen
Granitgipfel der Guadarama; aber in den tiefen Thlern Galiziens, welche
an die malerischen Landschaften der Schweiz und Tirols erinnern, waren
alle Felsen mit Cistus in voller Blthe und baumartigem Heidekraut
berzogen. Man ist froh, wenn man die castilische Hochebene hinter sich
hat, welche fast ganz von Pflanzenwuchs entblst und wo es im Winter
empfindlich kalt, im Sommer drckend hei ist. Nach den wenigen
Beobachtungen, die ich selbst anstellen konnte, besteht das Innere
Spaniens aus einer weiten Ebene, die 300 Toisen (584 Meter) ber dem
Spiegel des Meeres mit secundren Gebirgsbildungen, Sandstein, Gips,
Steinsalz, Jurakalk bedeckt ist; das Klima von Castilien ist weit klter
als das von Toulon oder Genua; die mittlere Temperatur errecht kaum 15
Grad der hunderttheiligen Scale. Man wundert sich, da unter der Breite
von Calabrien, Thessalien und Kleinasien die Orangenbume im Freien nicht
mehr fortkommen. Die Hochebene in der Mitte des Landes ist umgeben von
einer tiefgelegenen, schmalen Zone, wo an mehreren Punkten Chamrops, der
Dattelbaum, das Zuckerrohr, die Banane und viele Spanien und dem
nrdlichen Afrika gemeinsame Pflanzen vorkommen, ohne vom Winterfrost zu
leiden. Unter dem 36 - 40. Grad der Breite betrgt die mittlere Temperatur
17 - 20 Grad, und durch den Verein von Verhltnissen, die hier nicht
aufgezhlt werden knnen, ist dieser glckliche Landstrich der vornehmste
Sitz des Gewerbfleies und der Geistesbildung geworden.

Kommt man im Knigreich Valencia von der Kste des Mittelmeeres gegen die
Hochebene von Mancha und Castilien herauf, so meint man, tief im Land, in
weithin gestreckten schroffen Abhngen die alte Kste der Halbinsel vor
sich zu haben. Dieses merkwrdige Phnomen erinnert an die Sagen der
Samothracier und andere geschichtliche Zeugnisse, welche darauf
hinzuweisen scheinen, da durch den Ausbruch der Wasser aus den
Dardanellen das Becken des Mittelmeeres erweitert und der sdliche Theil
Europas zerrissen und vom Mittelmeer verschlungen worden ist. Nimmt man
an, diese Sagen seyen keine geologischen Trume, sondern beruhen wirklich
auf der Erinnerung an eine uralte Umwlzung, so htte die spanische
Centralebene dem Anprall der gewaltigen Fluthen widerstanden, bis die
Wasser durch die zwischen den Sulen des Hercules sich bildende Meerende
abfloen, so da der Spiegel des Mittelmeeres allmhlig sank und
einerseits Niederegypten, andererseits die fruchtbaren Ebenen von
Tarragena, Valencia und Murcia trocken gelegt wurden. Was mit der Bildung
dieses Meeres zusammenhngt, dessen Daseyn von so bedeutendem Einflu auf
die frhesten Culturbewegungen der Menschheit war, ist von ganz besonderem
Interesse. Man knnte denken, Spanien, das sich als ein Vorgebirge
inmitten der Meere darstellt, verdanke seine Erhaltung seinem
hochgelegenen Boden; ehe man aber auf solche theoretische Vorstellungen
Gewicht legt, mte man erst die Bedenken beseitigen, die sich gegen die
Durchbrechung so vieler Dmme erheben, mte man wahrscheinlich zu machen
suchen, da das Mittelmeer einst in mehrere abgeschlossene Becken getheilt
gewesen, dere alte Grenzen durch Sicilien und die Insel Candia angedeutet
scheinen. Die Lsung dieser Probleme soll uns hier nicht beschftigen, wir
beschrnken uns darauf, auf den auffallenden Contrast in der Gestaltung
des Landes am stlichen und am westlichen Ende Europas aufmerksam zu
machen. Zwischen den baltischen und dem schwarzen Meer erhebt sich das
Land gegenwrtig kaum fnfzig Toisen ber den Spiegel des Oceans, whrend
die Hochebene von Mancha, wenn sie zwischen den Quellen des Niemen und des
Dnieper lge, sich als eine Gebirgsgruppe von bedeutender Hhe darstellen
wrde. Es ist hchst anziehend, auf die Ursachen zurckzugehen, durch
welche die Oberflche unseres Planeten umgestaltet worden seyn man;
sicherer ist es aber, sich an diejenigen Seiten der Erscheinungen zu
halten, welche der Beobachtung und Messung des Forschers zugnglich sind.

Zwischen Astorga und Corunna, besonders von Lugo an, werden die Berge
allmhlich hher. Die secundren Gebirgsbildungen verschwinden mehr und
mehr, und die Uebergangsgebirgsarten, die sie ablsen, verknden die Nhe
des Urgebirgs. Wir sahen ansehnliche Berge aufgebaut aus altem Sandstein,
den die Mineralogen der Freiberger Schule als Grauwacke und
Grauwackenschiefer auffhren. Ich wei nicht, ob diese Formation, die im
sdlichen Europa nicht hufig vorkommt, auch in andern Strichen Spaniens
aufgefunden worden ist. Eckige Bruchstcke von lydischem Stein, die in den
Thlern am Boden liegen, schienen uns darauf zu deuten, da die Grauwacke
dem Uebergangsschiefer aufgelagert ist. Bei Corunna selbst erheben sich
Granitgipfel, die bis zum Cap Ortegal fortstreichen. Diese Granite, welche
einst mit denen in Bretagne und Wales in Zusammenhang gestanden haben
mgen, sind vielleicht die Trmmer einer von den Fluthen zertrmmerten und
verschlungenen Bergkette. Schne groe Feldspathkrystalle sind fr dieses
Gestein charakteristisch, Zinnstein ist darin eingesprengt, und von den
Galiciern wird darauf ein mhsamer, wenig ergiebiger Bergbau betrieben.

In Corunna angelangt, fanden wir den Hafen von zwei englischen Fregatten
und einem Linienschiff blokirt. Diese Fahrzeuge sollten den Verkehr
zwischen dem Mutterland und den Colonien in Amerika unterbrechen; den von
Corunna, nicht von Cadiz lief damals jeden Monat ein Paketboot _(Correo
maritimo)_ nach der Havana aus und alle zwei Monate ein anderes nach
Buenos Aires oder der Mndung des la Plata. Ich werde spter den Zustand
der Posten auf dem neuen Continent genau beschreiben; hier nur so viel,
da seit dem Ministerium des Grafen Florida Blanca der Dienst der
Landcouriere so gut eingerichtet ist, da Einer in Paraquay oder in der
Provinz Jaen de Bracamoros nur durch sie ziemlich regelmig mit Einem in
Neumexiko oder an der Kste von Neukalifornien correspondiren kann, also
so weit, als es von Paris nach Siam oder von Wien an das Cap der Guten
Hoffnung ist. Ebenso gelangt ein Brief, den man in einer kleinen Stadt in
Aragonien zur Post gibt, nach Chili oder in die Missionen am Orinoko, wenn
nur der Name des Coregimiento oder Bezirks, in dem das betreffende
indianische Dorf liegt, genau angegeben ist. Mit Vergngen verweilt der
Gedanke bei Einrichtungen, die fr eine der grten Wohlthaten der Cultur
der neueren Zeit gelten knnen. Die Einrichtung der Curiere zur See und im
inneren Lande hat das Band zwischen den Kolonien unter sich und mit dem
Mutterlande enger geknpft. Der Gedankenaustausch wurde dadurch
beschleunigt, die Beschwerden der Colonisten drangen leichter nach Europa
und die Staatsgewelt konnte hin und wieder Bedrckungen ein Ende machen,
die sonst aus so weiter Ferne nie zu ihrer Kenntni gelangt wren.

Der Minister hatte uns ganz besonders dem Brigadier Don Rafael Clavijo
empfohlen, der seit kurzem die Oberaufsicht ber den Seeposten hatte.
Dieser Officier, bekannt als ausgezeichneter Schiffsbauer, war in Corunna
mit der Einrichtung neuer Werfte beschftigt. Er bot Allem auf, um uns den
Aufenthalt im Hafen angenehm zu machen, und gab uns den Rat, uns auf der
Corvette *Pizarro* [Nach dem spanischen Sprachgebrauch war der Pizarro
eine leichte Fregatte _(Fregata lijera)_.] einzuschiffen, die nach der
Havana und Mexico ging. Dieses Fahrzeug, das die Post fr Juni an Bord
hatte, sollte mit der Alcudia segeln, dem Paketboot fr den Mai, das wegen
der Blokade seit drei Wochen nicht hatte auslaufen knnen. Der Pizarro
galt fr keinen guten Segler, aber durch einen glcklichen Zufall war er
vor kurzem auf seiner langen Fahrt von Rio de la Plata nach Corunna den
kreuzenden englischen Fahrzeugen entgangen. Clavijo lie an Bord der
Korvette Einrichtungen treffen, da wir unsere Instrumente aufstellen und
whrend der Ueberfahrt unsere chemischen Versuche ber die atmosphrische
Luft vornehmen konnten. Der Capitn des Pizarro erhielt Befehl, bei
Tenerifa so lange anzulegen, da wir den Hafen von Orotava besuchen und
den Gipfel des Pic besteigen knnten.

Die Einschiffung verzgerte sich nur zehn Tage, dennoch kam uns der
Aufenthalt gewaltig lang vor. Wir benutzten die Zeit, die Pflanzen
einzulegen, die wir in den schnen, noch von keinem Naturforscher
betretenen Thlern Galiciens gesammelt; wir untersuchten die Tange und
Weichthiere, welche die Fluth von Nordwest her in Menge an den Fu des
steilen Felsen wirft, auf dem der Wachtturm des Herkules steht. Dieser
Thurm, auch der eiserne Thurm genannt, wurde im Jahre 1788 restauriert.
Er ist 92 Fu [30 m] hoch, seine Mauern sind 4 und einen halben Fu
[1,46 m] dick, und nach seiner Bauart ist er unzweifelhaft ein Werk der
Rmer. Eine in der Nhe der Fundamente gefundene Inschrift, von der ich
durch Herrn de Labordes Geflligkeit eine Abschrift besitze, besagt, der
Thurm sey von Cajus Servius Lupus, Architekten der Stadt *Aqua Flavia*
(Chaves), erbaut und dem Mars geweiht. Warum heit der eiserne Thurm der
Herkulesthurm? Sollten ihn die Rmer auf den Trmmern eines griechischen
oder phnicischen Bauwerkes errichtet haben? Wirklich behauptet Strabo,
Galizien, das Land der Gallci, sey von griechischen Colonien bevlkert
gewesen. Nach einer Angabe des Asklepiades von Myrla in seiner Geographie
von Spanien htten sich nach einer alten Sage die Gefhrten des Herkules
in diesen Landstrichen niedergelassen. [Die Phnicier und die Griechen
besuchten die Ksten von Galizien _(Gallaecia)_ wegen des Handels mit
Zinn, das sie von hier wie von den Cassiteridischen Inseln bezogen.]

Die Hhen von Ferrol und Corunna sind an derselben Bai gelegen, so da ein
Schiff, das bei schlimmem Wetter gegen das Land getrieben wird, je nach
der Richtung des Windes, im einen oder im anderen Hafen vor Anker gehen
kann. Ein solcher Vortheil ist unschtzbar in Strichen, wo die See fast
bestndig hoch geht, wie zwischen den Vorgebirgen Ortegal und Finisterre,
den Vorgebirgen Trileucum und Artabrum der algen Geographen. Ein enger,
von steilen Granitfelsen gebildeter Canal fhrt in das weite Becken von
Ferrol. In ganz Europa findet sich kein zweiter Ankerplatz, der so
merkwrdig weit ins Land hineinschnitte. Dieser enge, geschlngelte Pa,
durch den die Schiffe in den Hafen gelangen, sieht aus, als wre er durch
eine Fluth oder durch wiederholte Ste heftiger Erdbeben eingerissen. In
der Neuen Welt, an der Kste von Neuandalusien, hat die _Laguna des
Opisco_, der Bischofsee, genau dieselbe Gestalt wie der Hafen von
Ferrol. Die auffallendsten geologischen Erscheinungen wiederholen sich auf
den Festlndern an weit entlegenen Punkten, und der Forscher, der
Gelegenheit gehabt, verschiedene Welttheile zu sehen, erstaunt ber die
durchgehende Gleichfrmigkeit im Ausschnitt der Ksten, im krummen Zug der
Thler, im Anblick der Berge und ihrer Gruppirung. Das zufllige
Zusammentreffen derselben Ursachen mute allerorten dieselben Wirkungen
hervorbringen, und mitten aus der Mannigfaltigkeit der Natur tritt uns in
der Anordnung der todten Stoffe, wie in der Organisation der Pflanzen und
Thiere, eine gewisse Uebereinstimmung in Bau und Gestaltung eingegen.

Auf der Ueberfahrt von Corunna nach Ferrol machten wir ber einer Untiefe
beim weien Signal, in der Bai, die nach d'Anville der _portus magnus_
der Alten war, mittels einer Thermometersonde mit Ventilen einige
Beobachtungen ber die Temperatur der See und ber die Abnahme der Wrme
in den ber einander gelagerten Wasserschichten. Ueber der Bank zeigte das
Instrument an der Meeresflche 125 bis 133 Grad  der hunderttheiligen
Scale, whrend ringsumher, wo das Meer sehr tief war, der Thermometer bei
128 Lufttemperatur auf 15 - 153 stand. Der berhmte Franklin und
Jonathan Williams, der Verfasser des zu Philadelphia erschienenen Werkes
_thermometric Navigation,_ haben zuerst die Physiker darauf aufmerksam
gemacht, wie abweichend sich die Temperaturverhltnisse der See ber
Untiefen gestalten, sowie in der Zone warmer Wasserstrme, die aus dem
Meerbusen von Mexico zur Bank von Neufoundland und hinber an die
Nordksten von Europa sich erstreckt. Die Beobachtung, da sich die Nhe
einer Sandbank durch ein rasches Sinken der Temperatur an der Meeresflche
verkndet, ist nicht nur fr die Physik von Wichtigkeit, sie kann auch fr
Sicherheit der Schiffahrt von groer Bedeutung werden. Allerdings wird man
ber dem Thermometer das Senkblei nicht aus der Hand legen; aber
Beobachtungen, wie ich sie im Verlauf dieser Reisebeschreibung anfhren
werde, thun zur Genge dar, da ein Temperaturwechsel, den die
unvollkommensten Instrumente anzeigen, die Gefahr verkndet, lange bevor
das Schiff ber der Untiefe anlangt. In solchen Fllen mag die Abnahme der
Meerestemperatur den Schiffer veranlassen, zum Senkblei zu greifen in
Strichen, wo er sich vollkommen sicher dnkte. Auf die physischen Ursachen
dieser verwickelten Erscheinungen kommen wir anderswo zurck. Hier sey nur
erwhnt, da die niedrigere Temperatur des Wassers ber den Untiefen
groentheils daher rhrt, da es sich mit tieferen Wasserschichten mischt,
welche lngs der Abhnge der Bank zur Meeresoberflche aufsteigen.

Eine Aufregung des Meeres von Nordwest her unterbrach unsere Versuche ber
die Meerestemperatur in der Bai von Ferrol. Die Wellen gingen so hoch,
weil auf offener See ein heftiger Wind geweht hatte, in dessen Folge die
englischen Schiffe sich hatten von der Kste entfernen mssen. Man wollte
die Gelegenheit zum Auslaufen benutzen; man schiffte alsbald unsere
Instrumente, unsere Bcher, unser ganzes Gepcke ein; aber der Westwind
wurde immer strker und man konnte die Anker nicht lichten. Wir benutzten
den Aufschub, um an unsere Freunde in Deutschland und Frankreich zu
schreiben. Der Augenblick, wo man zum erstenmal von Europa scheidet, hat
etwas Ergreifendes. Wenn man sich noch so bestimmt vergegenwrtigt, wie
stark der Verkehr zwischen den beiden Welten ist, wie leicht man bei den
groen Fortschritten der Schifffahrt ber den atlantischen Ocean gelangt,
der, der Sdsee gegenber, ein nicht sehr breiter Meeresarm ist, das
Gefhl, mit dem man zum erstenmal eine weite Seereise antritt, hat immer
etwas tief Aufregendes. Es gleicht keiner der Empfindungen, die uns von
frher Jugend auf bewegt haben. Getrennt von den Wesen, an denen unser
Herz hngt, im Begriff, gleichsam den Schritt in ein neues Leben zu thun,
ziehen wir uns unwillkhrlich in uns selbst zusammen und ber uns kommt
ein Gefhl des Alleinseyns, wie wir es nie empfunden.

Unter den Briefen, die ich kurz vor unserer Einschiffung schrieb, befand
sich einer, der fr die Richtung unserer Reise und den Verlauf unserer
spteren Forschungen sehr folgereich wurde. Als ich Paris verlie, um die
Kste von Afrika zu besuchen, schien die Entdeckungsreise in die Sdsee
auf mehrere Jahre verschoben. Ich hatte mit Kapitn Baudin die Verabredung
getroffen, da ich, wenn er wider Vermuthen die Reise frher antreten
knnte und ich davon Kenntni bekme, von Algier aus in einen
franzsischen oder spanischen Hafen eilen wolle, um die Expedition
mitzumachen. Im Begriff, in die Neue Welt abzugehen, wiederholte ich jetzt
dieses Versprechen. Ich schrieb Kapitn Baudin, wenn die Regierung in auch
jetzt noch den Weg um Cap Horn nehmen lassen wolle, so werde ich mich
bemhen, mit ihm zusammenzutreffen, in Montevideo, in Chili, in Lima, wo
immer er in den spanischen Kolonien anlegen mchte. Treu dieser Zusage,
nderte ich meinen Reiseplan, sobald die amerikanischen Bltter im Jahre
1801 die Nachricht brachten, die franzsische Expedition sey von Havre
abgegangen, um von Ost nach West die Welt zu umsegeln. Ich miethete ein
kleines Fahrzeug und ging von Batabano auf der Insel Cuba nach Portobelo
und von da ber die Landenge an die Kste der Sdsee. In Folge einer
falschen Zeitungsnachricht haben Bonpland und ich ber 800 Meilen [Unter
Meilen ohne Beisatz sind immer franzsische Lieues zu verstehen.] [3600
km] in einem Lande gemacht, das wir gar nicht hatten bereisen wollen. Erst
in Quito erfuhren wir durch einen Brief Delambres, des bestndigen
Secretrs der ersten Classe des Institutes, da Kapitn Baudin um das Kap
der Guten Hoffnung gegangen und die West- und Ostkste Amerikas gar nicht
berhrt habe. Nicht ohne ein Gefhl von Wehmut gedenke ich einer
Expedition, die mehrfach in mein Leben eingreift, und die krzlich von
einem Gelehrten [Peron, der nach langen schmerzlichen Leiden im 35. Jahre
der Wissenschaft entrissen wurde.] beschrieben worden ist, den die Menge
der Entdeckungen, welche die Wissenschaft ihm dankt, und der aufopfernde
Muth, den er auf seiner Laufbahn unter den hrtesten Entbehrungen und
Leiden bewiesen, gleich hoch stellen.

Ich hatte auf die Reise nach Spanien nicht meine ganze Sammlung
physikalischer, geodtischer und astronomischer Werzeuge mitnehmen knnen;
ich hatte die Doubletten in Marselle in Verwahrung gegeben und wollte sie,
sobald ich Gelegenheit gefunden htte, an die Kste der Berberei zu
gelangen, nach Algier oder Tunis nachkommen lassen. In ruhigen Zeiten ist
Reisenden sehr zu rathen, da sie sich nicht mit allen ihren Instrumenten
beladen; man lt sie besser nachkommen, um nach einigen Jahren
diejenigen, zu ersetzen, die durch den Gebrauch oder auf dem Transport
gelitten haben. Diese Vorsicht erscheint besonders dann geboten, wenn man
zahlreiche Punkte durch rein chronometrische Mittel zu bestimmen hat. Aber
whrend eines Seekriegs thut man klug, seine Instrumente, Handschriften
und Sammlungen fortwhrend bei sich zu haben. Wie wichtig dies ist, haben
traurige Erfahrungen mir bewiesen. Unser Aufenthalt zu Madrid und Corunna
war zu kurz, als da ich den meteorologischen Apparat, den ich in
Marseille gelassen, htte von dort kommen lassen knnen. Nach unserer
Rckkehr vom Orinoko gab ich Auftrag, mir denselben nach der Havana zu
schicken, aber ohne Erfolg; weder diese Apparat, noch die achromatischen
Fernrhren und der Thermometer von Arnold, die ich in London bestellt,
sind mir in Amerika zugekommen.

Getrennt von unseren Instrumenten, die sich an Bord der Corvette befanden,
brachten wir noch zwei Tage in Corunna zu. Ein dichter Nebel, der den
Horizont bedeckte verkndete endlich die sehnlich erwartete Aenderung des
Wetters. Am 4. Juni abends drehte sich der Wind nach Nordost, welche
Windrichtung an der Kste von Galizien in der schnen Jahreszeit fr sehr
bestndig gilt. Am fnften ging der Pizarro wirklich unter Segel, obgleich
wenige Stunden zuvor die Nachricht angelangt war, eine englische Escadre
sey vom Wachtposten Sisarga signalisirt worden und scheine nach der
Mndung des Tajo zu segeln. Die Leute, welche unsere Corvette die Anker
lichten sahen, uerten laut, ehe drei Tage vergehen, seyen wir
aufgebracht und mit dem Schiffe, dessen Los wir teilen mten, auf dem
Wege nach Lissabon. Diese Prophezeiung beunruhigte uns um so mehr, als wir
in Madrid Mexicaner kennengelernt hatten, die sich dreimal in Cadiz nach
Veracruz eingeschifft hatten, jedesmal aber fast unmittelbar vor dem Hafen
aufgebracht worden und ber Portugal nach Spanien zurckgekehrt waren.

Um zwei Uhr nachmittags war der Pizarro unter Segel. Der Canal, durch den
man aus dem Hafen von Corunna fhrt, ist lang und schmal; da er sich gegen
Nord ffnet und der Wind uns entgegen war, muten wir acht kleine Schlge
machen, von denen drei so gut wie verloren waren. Gewendet wurde immer
uerst langsam, und einmal, unter dem Fort St. Amarro, schwebten wir in
Gefahr, da uns die Strmung sehr nahe an die Klippen trieb, an denen sich
das Meer mit Ungestm bricht. Unsere Blicke hingen am Schlo St. Antonio,
wo damals der unglckliche Malaspina als Staatsgefangener sa. Im
Augenblick, da wir Europa verlieen, um Lnder zu besuchen, welche dieser
bedeutende Forscher mit so vielem Erfolg bereist hat, htte ich mit meinen
Gefhrten gern bei einem minder traurigen Gegenstande verweilt.

Um sechs ein halb Uhr kamen wir am Thurm des Herkules vorber, von dem
oben die Rege war, der Corunna als Leuchtthurm dient, und auf dem man seit
ltesten Zeiten ein Steinkohlenfeuer unterhlt. Der Schein dieses Feuers
steht in schlechtem Verhltnis mit dem schnen stattlichen Bauwerk; es ist
so schwach, da die Schiffe es erst gewahr werden, wenn sie bereits Gefahr
laufen zu stranden. Bei Einbruch der Nacht wurde die See sehr unruhig und
der Wind bedeutend frischer. Wir steuerten gegen Nordwest, um nicht den
englischen Fregatten zu begegnen, die, wie man glaubte, in diesen Strichen
kreuzten. Gegen neun Uhr sahen wir das Licht in einer Fischerhtte von
Sisarga, das letzte, was uns von der Kste von Europa zu Gesicht kam. Mit
der zunehmenden Entfernung verschmolz der schwache Schimmer mit dem Licht
der Sterne, die am Horizont aufgingen, und unwillkrlich blieben unsere
Blicke daran hngen. Dergleichen Eindrcke vergit einer nie, der in einem
Alter, wo die Empfindung noch ihre volle Tiefe und Kraft besitzt, eine
weite Seereise angetreten hat. Welche Erinnerungen werden in der
Einbildungskraft wach, wenn so ein leuchtender Punkt in finsterer Nacht,
der von Zeit zu Zeit aus den bewegten Wellen aufblitzt, die Kste des
Heimatlandes bezeichnet!

Wir muten die Segel einziehen. Wir segelten zehn Knoten in der Stunde,
obgleich die Corvette nicht zum Schnellsegeln gebaut war. Um sechs Uhr
morgens wurde das Schlingern so heftig, da die kleine Bramstange brach.
Der Unfall hatte indessen keine schlimmen Folgen. Wir brauchten zu
Ueberfahrt von Corunna nach den Canarien dreizehn Tage, und dies war lang
genug, um uns in so stark befahrenen Strichen wie die Ksten von Portugal
der Gefahr auszusetzen, auf englische Schiffe zu stoen. Die ersten drei
Tage zeigte sich kein Segel am Horizont, und dies beruhigte nachgerade
unsere Mannschaft, die sich auf kein Gefecht einlassen konnte.

Am 7. liefen wir ber den Parallelkreis von Cap Finisterre. Die Gruppe von
Granitfelsen, die dieses Vorgebirge, wie das Vorgebirge Toriaes und den
Berg Corcubion bilden, heit Sierra de Toriona. Das Cap Finisterre ist
niedriger als das Land umher, aber die Toriona ist auf hoher See 76,5 km
weit sichtbar, woraus folgt, da die hchsten Gipfel derselben nicht unter
582 m hoch seyn knnen.

Am 8. bei Sonnenuntergang wurde von den Masten ein englisches Convoi
signalisiert, das gegen Sdost an der Kste hinsteuerte. Ihm zu entgehen,
wichen wir die Nacht hindurch aus unserem Curs. Damit durften wir in der
groen Cajte kein Licht mehr haben, um nicht von weitem bemerkt zu
werden. Diese Vorsicht, die an Bord aller Kauffahrer beobachtet wird und
in dem Reglement fr die Paketboote der kniglichen Marine vorgeschrieben
ist, brachte uns tdtliche Langeweile auf den vielen Ueberfahrten, die wir
in fnf Jahren gemacht hatten. Wir muten uns fortwhrend der
Blendlaternen bedienen, um die Temperatur des Meerwassers zu beobachten
oder an der Theilung der astronomischen Instrumente die Zahlen abzulesen.
In der heien Zone, wo die Dmmerung nur einige Minuten dauert, ist man
unter diesen Umstnden schon um sechs Uhr abends auer Thtigkeit gesetzt.
Dies war fr mich um so verdrielicher, als ich vermge meiner
Constitution nie seekrank wurde, und so oft ich an Bord eines Schiffes
war, immer groen Trieb zur Arbeit fhlte.

Eine Fahrt von der spanischen Kste nach den Canarien und von da nach
Sdamerika bietet wenig Bemerkenswerthes, zumal in der guten Jahreszeit.
Es ist weniger Gefahr dabei, als oft bei der Ueberfahrt ber die groen
Schweizer Seen. Ich theile daher hier nur die allgemeinen Ergebnisse
meiner magnetischen und meteorologischen Versuche in diesem Meeresstriche
mit.

Am 9. Juni, unter 39 50' der Breite und 16 10' westlicher Lnge vom
Meridian der Pariser Sternwarte, fingen wir an die Wirkung der groen
Strmung zu spren, welche von den azorischen Inseln nach der Meerenge von
Gibraltar und nach den canarischen Inseln geht. Indem ich den Punkt, den
mir der Gang der Berthoudschen Seeuhr angab, mit des Steuermanns
Schtzung verglich, konnte ich die kleinsten Aenderungen in der Richtung
und Geschwindigkeit der Strmungen bemerken. Zwischen dem 37. und
30. Breitengrade wurde das Schiff in vierundzwanzig Stunden zuweilen
18 bis 26 Meilen nach Ost getrieben. Anfnglich war die Richtung des
Stromes Ost  Sdost, aber in der Nhe der Meerenge wurde sie genau Ost.
Capitan Macintosh und einer der gebildetsten Seefahrer unserer Zeit, Sir
Erasmus Gower, haben die Vernderungen beobachtet, welche in diese
Bewegung des Wassers zu verschiedenen Zeiten des Jahres eintreten. Es
kommt nicht selten vor, da Schiffer, welche die canarischen Inseln
besuchen, sich an der Kste von Lancerota befinden, whrend sie meinten an
Teneriffa landen zu knnen. Baugainville befand sich auf seiner Ueberfahrt
vom Cap Finisterre nach den Canarien im Angesicht der Insel Ferro um
4 Grade weiter nach Ost, als seine Rechnung ihm ergab.

Gemeinhin erklrt man die Strmung, die sich zwischen den azorischen
Inseln, der Sdkste von Portugal und den Canarien merkbar macht, daraus,
da das Wasser des atlantischen Oceans durch die Meerenge von Gibraltar
einen Zug nach Osten erhalte. De Fleurieu behauptet sogar in den
Anmerkungen zur Reise des Capitn Marchand, der Umstand, da das
Mittelmeer durch die Verdunstung mehr Wasser verliere, als die Flsse
einwerfen, bringe im benachbarten Weltmeer eine Bewegung hervor, und der
Einflu der Meerenge sey sechshundert Meilen [2700 km] weit auf offener
See zu spren. Bei aller Hochachtung, die ich einem Seefahrer schuldig
bin, dessen mit Recht sehr geschtzten Werken ich viel zu danken habe, mu
es mir gestattet seyn, diesen wichtigen Gegenstand aus einem weit
allgemeineren Gesichtspunkte zu betrachten.

Wirft man einen Blick auf das atlantische Meer oder das tiefe Thal, das
die Westksten von Europa und Afrika von den Ostksten des neuen Continent
trennt, so  bemerkt man in der Bewegung der Wasser entgegengesetzte
Richtungen. Zwischen den Wendekreisen, namentlich zwischen der
afrikanischen Kste am Senegal und dem Meere der Antillen, geht die
allgemeine, den Seefahrern am lngsten bekannte Strmung fortwhrend von
Morgen nach Abend. Dieselbe wird mit dem Namen *Aequinoctialstrom*
bezeichnet. Die mittlere Geschwindigkeit derselben unter verschiedenen
Breiten ist sich im Atlantischen Ozean und in der Sdsee ungefhr gleich.
Man kann sie auf 9 bis 10 Meilen [40 bis 45 km] in 24 Stunden, somit auf
0,59 bis 0,65 Fu [0,18 bis 0,21 m] in der Secunde schtzen(2). Die
Geschwindigkeit, mit der die Wasser in diesen Strichen nach Westen
strmen, ist etwa ein Viertheil von der der meisten groen europischen
Flsse. Diese der Umdrehung des Erdballes entgegengesetzte Bewegung des
Oceans hngt mit jenem Phnomen wahrscheinlich nur insofern zusammen, als
durch die Umdrehung der Erde die Polarwinde, welche in den unteren
Luftschichten die kalte Luft aus den hohen Breiten dem Aequator zufhren,
in Passatwinde umgewandelt werden. Der Aequinoctialstrom ist die Folge der
allgemeinen Bewegung, in welche die Meeresflche durch die Passatwinde
versetzt wird, und lokale Schwankungen im Zustande der Luft bleiben ohne
merkbaren Einflu auf die Strke und die Geschwindigkeit der Strmung.

Im Canal, den der atlantische Ocean zwischen Guyana und Guinea auf 20 bis
23 Lngengrade, vom 8. oder 9. bis zum 2. oder 3. Grad nrdlicher Breite
gegraben hat, wo die Passatwinde hufig durch Winde aus Sd ode
Sd-Sd-West unterbrochen werden, ist die Richtung des Aequinoctialstroms
weniger constant. Der afrikanischen Kste zu werden die Schiffe nach
Sdost fortgetrieben, whrend der Allerheiligenbai und dem Vorgebirge
St. Augustin zu, denen die Schiffe, die nach der Mndung des La Plata
steuern, nicht gerne nahe kommen, der allgemeine Zug der Wasser durch eine
besondere Strmung maskirt ist. Letztere Strmung ist vom Cap St. Roch bis
zur Insel Trinidad fhlbar, sie ist gegen Nordwest gerichtet mit einer
Geschwindigkeit von einem bis anderthalb Fu in der Secunde.

Der Aequinoctialstrom ist, wenn auch schwach, sogar jenseits des
Wendekreises des Krebses unter 26 und 28 Grad der Breite fhlbar. Im
weiten Becken des atlantischen Oceans, sieben- bis achthundert Meilen von
der afrikanischen Kste, beschleunigt sich der Lauf der europischen
Schiffe, welche nach den Antillen gehen, ehe sie in die heie Zone
gelangen. Weiter gegen Nord, unter dem 28. bis 35. Grad, zwischen den
Parallelkreisen von Teneriffe und Ceuta, unter 46 bis 48 Grad der Lnge,
bemerkt man keine constante Bewegung; denn eine 140 Meilen breite Zone
trennt den Aequinoktialstrom, der nach West geht, von der groen
Wassermasse, die nach Ost strmt und sich durch auffallend hohe Temperatur
auszeichnet. Auf diese Wassermasse, bekannt unter dem Namen *Golfstrom*
(_Golfstream_), sind die Physiker seit 1776 durch Franklins und Sir
Charles Blagdens schne Beobachtungen aufmerksam geworden. Da in neuerer
Zeit amerikanische und englsiche Seefahrer eifrig bemht sind, die
Richtung desselben zu ermitteln, so mssen wir weiter ausholen, um ienen
allgemeinen Gesichtspunkt fr das Phnomen zugewinnen.

Der Aequinoctialstrom treibt die Wasser des atlantischen Oceans an die
Ksten der Moskito-Indianer und von Honduras. Der von Sd nach Nord
gestreckte neue Continent hlt diese Strmung auf wie ein Damm. Die
Gewsser erhalten zuerst die Richtung nach Nordwest, gelangen durch die
Meerenge zwischen Cap Catoche und Cap. St. Antonio in den Meerbusen von
Mexico, und folgen den Krmmungen der mexicanischen Kste von Vera-Cruz
zur Mndung des Rio del Norte, und von da zur Mndung des Mississippi und
denUntiefen westwrts von der Ostspitze von Florida. Nach dieser groen
Drehung nach West, Nord, Ost und Sd nimmt die Strmung wieder die
Richtung nach Nord und drngt sich mit Ungestm in den Canal von Bahama.
Dort habe ich im Mai 1804, unter 26 und 27 Grad der Breite, eine
Geschwindigkeit von 80 Meilen in 24 Stunden, also von 5 Fu in der Secunde
beobachtet, obgleich gerade ein sehr starker Nordwind wehte. Beim Ausgang
des Canals von Bahama, unter dem Parallel von Cap Caaveral, kehr sich der
Golfstrom oder Strom von Florida nach Nordost. Er gleicht hier einem
reienden Strome und erreicht zuweilen die Geschwindigkeit von fnf Meilen
in der Stunde. Der Steuermann kann, sobald er den Rand der Strmung
erreicht, mit ziemlicher Sicherheit annehmen, um was er sich in seiner
Schtzung geirrt, und wie weit er noch nach New-York, Philadelphia oder
Charlestown hat; die hohe Temperatur des Wassers, sein starker Salzgehalt,
die indigoblaue Farbe und die schwimmenden Massen Tang, endlich die im
Winter sehr merkbare Erhhung der Lufttemperatur geben den Golfstrom zu
erkennen. Gegen Norden nimmt seine Geschwindigkeit ab, whrend seine
Breite zunimmt und die Gewsser sich abkhlen. Zwischen Cayo Biscaino und
der Bank von Bahama ist er nur 15 Meilen, unter 28 Grad Breite schon 17,
und unter dem Parallel von Charlestown, Cap Henlopen gegenber, 40 bis
50 Meilen breit. Wo die Strmung am schmalsten ist, erreicht sie eine
Geschwindigkeit von 3 bis 4 Meilen in der Stunde, weiter nach Norden zu
betrgt dieselbe nur noch eine Meile. Die Gewsser des mexicanischen
Meerbusens behalten auf ihrem gewaltigen Zuge nach Nordost ihre hohe
Temperatur dermaen, da ich unter 40 und 41 Grad der Breite noch 22 5
(18 Reaumur) beobachtete, whrend auerhalb des Stroms das Wasser an der
Oberflche kaum 17 5 (14 R.) warm war. Unter der Breite von New-York und
Oporto zeigt somit der Golfstrom dieselbe Temperatur wie die tropischen
Meere unter 18 Grad Breite, also unter der Breite von Portorico und der
Inseln des grnen Vorgebirgs.

Vom Hafen von Boston an und unter dem Meridian von Halifax, unter
14 25' der Breite und 67 der Lnge, erreicht der Strom gegen
80 Seemeilen Breite. Hier kehrt er sich auf einmal nach Ost, so da sein
westlicher Rand bei der Umbiegung zur nrdlichen Grenze der bewegten
Wasser wird und er an der Spitze der groen Bank von Neufoundland
wegstreicht, die Bolney sinnreich die Barre an der Mndung dieses
ungeheurn Meerstroms nennt. Hchst auffallend ist der Abstand zwischen der
Temperatur des kalten Wassers ber dieser Bank und der Wrme der Gewsser
der heien Zone, die durch den Golfstrom nach Norden getrieben werden;
jene betrug nach meinen Beobachtungen 87 - 10 (7 - 8 R.), diese
21 - 225 (17 - 18 R.). In diesen Strichen ist die Wrme im Meere hchst
sonderbar vertheilt: die Gewsser der Bank sind um 94 klter als das
benachbarte Meer, und dieses ist um 3 klter als der Strom. Diese Zonen
knnen ihre Temperaturen nicht ausgleichen, weil jede ihre eigene
Wrmequelle oder einen Grund der Wrmeerniedrigung hat, und beide Momente
bestndig fortwirken.(3)

Von der Bank von Neufoundland, oder vom 52. Grad der Breite bis zu den
Azoren bleibt der Golfstrom nach Ost oder Ost-Sd-Ost gerichtet. Noch
immer wirkt hier in den Gewssern der Sto nach, den sie tausend Meilen
von da in der Meerende von Florida, zwischen der Insel Cuba und den
Untiefen der Schildkrteninseln, erhalten haben. Diese Entfernung ist das
Doppelte von der Lnge des Laufs des Amazonenstromes von Jaen oder dem Pa
von Manseriche zum Gran-Para. Im Meridian der Inseln Corvo und Flores, der
westlichsten der Gruppe der Azoren, nimmt die Strmung eine Meeresstrecke
von 160 Meilen in der Breite ein. Wenn die Schiffe auf der Rckreise aus
Sdamerika nach Europa diese beiden Inseln aufsuchen, um ihre Lnge zu
berichtigen, so gewahren sie immer deutlich den Zug des Wassers nach
Sdost. Umter 33 Grad der Breite rckt der tropische Aequinoctialstrom dem
Golfstrom sehr nahe. In diesem Striche des Weltmeeres kann man an Einem
Tage aus den Gewssern, die nach West laufen, in diejenigen gelangen, die
nach Sdost oder Ost-Sd-Ost strmen.

Von den Azoren an nimmt der Strom von Florida seine Richtung gegen die
Meerenge von Gibraltar, die Insel Madera und die Gruppe der Canarien. Die
Pforte bei den Sulen des Herkules beschleunigt ohne Zweifel den Zug des
Wassers gegen Ost. Und in diesem Sinne mag man mit Recht behaupten, die
Meerenge, durch welche Mittelmeer und Atlantischer Ozean zusammenhngen,
uere ihren Einflu auf sehr weite Ferne; sehr wahrscheinlich wrden
aber, auch wenn die Meerenge nicht bestnde, Fahrzeuge, die nach Teneriffa
segeln, dennoch nach Sdost getrieben, und zwar infolge eines Anstoes,
dessen Ursprung man an den Ksten der neuen Welt zu suchen hat. Im weiten
Meeresbecken pflanzen sich alle Bewegungen fort, gerade wie im Luftmeer.
Verfolgt man die Strmungen rckwrts zu ihren fernen Quellen, gibt man
sich Rechenschaft von dem Wechsel in ihrer Geschwindigkeit, warum sie bald
abnimmt, wie zwischen dem Canal von Bahama und der Bank von Neufoundland,
bald wieder wchst, wie in der Nhe der Meerenge von Gibraltar und bei den
canarischen Inseln, so kann man nicht darber im Zweifel seyn, da
dieselbe Ursache, welche die Gewsser im Meerbusen von Mexiko herumdreht,
sie auch bei der Insel Madera in Bewegung setzt.

Sdlich von letztgenannter Insel lt sich die Strmung in ihrer Richtung
nach Sdost und Sd-Sd-Ost gegen die Kste von Afrika zwischen Cap Cantin
und Cap Bojador verfolgen. In diesen Strichen sieht sich ein Schiff bei
stillem Wetter nahe an der Kste, wenn es sich nach der nicht berichtigten
Schtzung noch weit davon entfernt glaubt. Ist die Oeffnung bei Gibraltar
die Ursache der Bewegung des Wassers, warum hat dann die Strmung sdlich
von der Meerenge nicht die entgegengesetzte Richtung? Im Gegentheil aber
geht sie unter dem 25. und 26. Grad der Breite erst grade nach Sd und
dann nach Sdwest. Cap Blanc, nach Cap Verd das am weitesten sich
hinausstreckende Vorgebirge, scheint Einflu auf diese Richtung zu uern,
und unter der Breite desselben mischen sich die Wasser, deren Bewegung wir
von der Kste von Honduras bis zur afrikanischen verfolgt haben, mit dem
groen tropischen Strom, um den Lauf von Morgen nach Abend von neuem zu
beginnen. Wir haben oben bemerkt, da mehrere hundert Kilometer westwrts
von den Canarien der eigenthmliche Zug der Aequinoktialgewsser schon in
der gemigten Zone, von 28. und 29. Breitengrad an, bemerklich wird; aber
im Meridian der Insel Ferro kommen sie Schiffe sdwrts bis zum Wendekreis
des Krebses, ehe sie sich nach Schtzung ostwrts  von ihrer wahren Lnge
befinden.

Wie nun aber die nrdliche Grenze des tropischen Stroms und der
Passatwinde nach den Jahreszeiten sich verschiebt, so zeigt sich auch der
Golfstrom nach Stellung und Richtung vernderlich. Diese Schwankungen sind
besonders auffallend vom 28. Breitegrad bis zur groen Band von
Neufoundland, ebenso zwischen dem 48. Grad westlicher Lnge von Paris und
dem Meridian der Azoren. Die wechselnden Winde in der gemigten Zone und
das Schmelzen des Eises am Nordpol von wo in den Monaten Juli und August
eine bedeutende Masse sen Wassers nach Sden abfliet, erscheinen als
die vornehmsten Ursachen, aus welchen sich in diesen hohen Breiten Strke
und Richtung des Golfstoms verndern.

Wir haben gesehen, da zwischen dem 11. und 43. Grad der Breite die
Gewsser des atlantischen Oceans mittelst Strmungen fortwhrend im Kreise
umhergefhrt werden. Angenommen, ein Wassertheilchen gelange zu derselben
Stelle zurck, von der es ausgegangen, so lt sich, nach dem, was wir bis
jetzt von der Geschwindigkeit der Strmungen wissen, berechnen, da es zu
seinem 3800 Meilen langen Umlauf zwei Jahre und zehn Monate brauchte. Ein
Fahrzeug, bei dem man von der Wirkung des Windes abshe, gelangte in
dreizehn Monaten von den canarischen Inseln an die Kste von Caracas. Es
brauchte zehn Monate, um im Meerbusen von Mexico herum zu kommen und um zu
den Untiefen der Schildkrteninseln gegenber vom Hafen von Havana zu
gelangen, aber nur vierzig bis fnfzig Tage vom Eingang der Meerenge von
Florida bis Neufoundland. Die Geschwindigkeit der rcklufigen Strmung
von jener Bank bis an die Kste von Afrika ist schwer zu schtzen; nimmt
man sie im Mittel auf 7 oder 8 Meilen in vierundzwanzig Stunden an, so
ergeben sich fr diese letzte Strecke zehn bis elf Monate. Solches sind
die Wirkungen des langsamen, aber regelmigen Zuges, der die Gewsser des
Oceans herumfhrt. Das Wasser des Amazonenstroms braucht von Tomependa bis
zum Gran-Para etwa fnfundvierzig Tage.

Kurz vor meiner Ankunft auf Teneriffa hatte das Meer auf der Rhede von
Santa Cruz einen Stamm der _Cedrela odorata_, noch mit der Rinde,
ausgeworfen. Dieser amerikanischen Baum wchst nur unter den Tropen oder
in den zunchst angrenzenden Lndern. Er war ohne Zweifel an der Kste von
Terra Firma oder Honduras abgerissen worden. Die Beschaffenheit des Holzes
und der Flechten auf der Rinde zeigte augenscheinlich, da der Stamm nicht
etwa von einem der unterseeischen Wlder herrhrte, welche durch alte
Erdumwlzungen in die Fltzgebilde nrdlicher Lnder eingebettet worden
sind. Wre der Cedrelastamm, statt bei Teneriffa ans Land geworfen zu
werden, weiter nach Sden gelangt, so wre er wahrscheinlich rings um den
ganzen atlantischen Ocean gefhrt worden und mittels des allgemeinen
tropischen Stroms wieder in sein Heimathland gelangt. Diese Vermuthung
wird durch einen lteren Fall untersttzt, dessen Abb Viera in seiner
allgemeinen Geschichte der Canarien erwhnt. Im Jahre 1770 wurde ein mit
Getreide beladenes Fahrzeug, das von der Insel Lancerota nach Santa Cruz
auf Teneriffa gehen sollte, auf die hohe See getrieben, als sich niemand
von der Mannschaft an Bord befand. Der Zug der Gewsser von Morgen nach
Abend fhrte es nach Amerika, wo es an der Kste von Guyana bei Caracas
strandete.

Zu einer Zeit, wo die Schifffahrtskunst noch wenig entwickelt war, bot der
Golfstrom dem Geiste eines Christoph Columbus sichere Anzeichen vom Daseyn
westwrts gelegener Lnder. Zwei Leichname, die nach ihrer Krperlichkeit
einem unbekannten Menschenstamme angehrten, wurden gegen Ende des
15. Jahrhunderts bei den azorischen Inseln ans Land geworfen. Ungefhr um
dieselbe Zeit fand Columbus Schwager, Peter Borrea, Statthalter von Porto
Santo, am Strande dieser Insel mchtige Stcke Bambusrohr, die von der
Strmung und den Westwinden angeschwemmt worden waren. Diese Leichname und
diese Rohre machten den genuesischen Seemann aufmerksam; er errieth, da
beide von einem gegen West gelegenen Festlande herrhren muten. Wir
wissen jetzt, da in der heien Zone die Passatwinde und der tropische
Strom sich jeder Wellenbewegung in der Richtung der Umdrehung der Erde
widersetzen. Erzeugnisse der neuen Welt knnen in die alte Welt nur in
hohen Breiten und in der Richtung des Stroms von Florida gelangen. Hufig
werden Frchte verschiedener Bume der Antillen an den Ksten der Inseln
Ferro und Gomera angetrieben. Vor der Entdeckung von Amerika glaubten die
Canarier, diese Frchte kommen von der bezauberten Insel St. Borondon, die
nach den Seemannsmrchen und gewissen Sagen westwrts in einem Striche des
Oceans liegen sollte, der bestndig in Nebel gehllt sey.

Mit dieser Uebersicht der Strmungen im Atlantischen Meere wollte ich
hauptschlich darthun, da der Zug der Gewsser gegen Sdost, von Kap
St. Vincent zu den canarischen Inseln, eine Wirkung der allgemeinen
Bewegung ist, in der sich die Oberflche des Ozeans an seinem Westende
befindet. Wir erwhnen daher nur kurz des Arms des Golfstroms, der unter
dem 45. und 50. Grad der Breite, bei der Bank Bonnet Flamand, von Sdwest
nach Nordost gegen die Ksten von Europa gerichtet ist. Diese Abtheilung
des Stromes wird sehr reiend, wenn der Wind lange aus West geblasen hat.
Gleich dem, der an Ferro und Gomera vorberstreicht, wirft er alle Jahre
an die Westksten von Irland und Norwegen Frchte von Bumen, welche dem
heien Erdstrich Amerikas eigenthmlich sind. Am Strande der Hebriden
findet man Samen von _Mimosa scandens_, _Dolichos urens_, _Guilandina
bonduc_, und verschiedener anderer Pflanzen von Jamaika, Cuba und dem
benachbarten Festland. Die Strmung treibt nicht selten wohl erhaltene
Fsser mit franzsischen Wein an, von Schiffen, die im Meere der Antillen
Schiffbruch gelitten. Neben diesen Beispielen von den weiten Wanderungen
der Gewchse stehen andere, welche die Einbildungskraft beschftigen. Die
Trmmer des englischen Schiffes Tilbury, das bei Jamaika verbrannt war,
wurden an der schottischen Kste gefunden. In denselben Strichen kommen
zuweilen verschiedene Arten von Schildkrten vor, welche das Meer der
Antillen bewohnen. Hat der Westwind lange angehalten, so entsteht in den
hohen Breiten eine Strmung, die von den Ksten von Grnland und Labrador
bis nordwrts von Schottland gerade nach Ost-Sd-Ost gerichtet ist. Wie
Wallace berichtet, gelangten zweimal, in den Jahren 1682 und 1864,
amerikanische Wilde vom Stamme der Eskimos, die ein Sturm in ihren Canoes
aus Fellen auf die hohe See verschlagen, mittels der Strmung zu den
orcadischen Inseln. Dieser letztere Fall verdient um so mehr
Aufmerksamkeit, als man daraus ersieht, wie zu einer Zeit, wo die
Schifffahrt noch in ihrer Kindheit war, die Bewegung der Gewsser des
Oceans ein Mittel werden konnte, um die verschiedenen Menschenstmme ber
die Erde zu verbreiten.

Das Wenige, was wir bis jetzt ber die wahre Lage und die Breite des
Golfstroms, so wie ber die Fortsetzung desselben gegen die Ksten von
Europa und Afrika wissen, ist die Frucht der zuflligen Beobachtung
einiger unterrichteten Mnner, welche in verschiedenen Richtungen ber das
atlantische Meer gefahren sind. Da die Kennti der Strmungen zu Abkrzung
der Seefahrten wesentlich beitragen kann, so wre es von so groem Belang
fr die praktische Seemannskunst, als wissenschaftlich von Interesse, wenn
Schiffe mit vorzglichen Chronometern im Meerbusen von Mexico und im
nrdlichen Ocean zwischen dem 30. und 54. Grad der Breite kreuzten, ganz
eigens zu dem Zweck, um zu ermitteln, in welchem Abstand sich der
Golfstrom in den verschiedenen Jahreszeiten und unter dem Einflu der
verschiedenen Winde sdlich von der Mndung des Mississippi und ostwrts
von den Vorgebirgen Hatteras und Codd hlt. Dieselben knnten zu
untersuchen haben, ob der groe Strom von Florida bestndig am stlichen
Ende der Bank von Neufoundland hinstreicht, und unter welchem Parallel
zwischen dem 32. und 40. Grad westlicher Lnge die Gewsser, die von Ost
nach West strmen, denen, welche die umgekehrte Richtung haben, am
nchsten gerckt sind. Die Lsung der letzteren Frage ist desto wichtiger,
als die meisten Fahrzeuge, welche von den Antillen oder vom Cap der guten
Hoffnung nach Europa zurckgehen, die bezeichneten Striche befahren. Neben
der Richtung und Geschwindigkeit der Strmungen knnte sich eine solche
Expedition mit Beobachtungen ber die Meerestemperatur, ber die Linien
ohne Abweichung, die Inclination der Magnetnadel und die Intensitt der
magnetischen Kraft beschftigen. Beobachtungen dieser Art erhalten einen
hohen Werth, wenn der Punkt, wo sie angestellt worden, astronomisch
bestimmt ist. Auch in den von Europern am starksten besuchten Meeren,
weit von jeder Kste, kann ein unterrichteten  Seemann der Wissenschaft
wichtige Dienste leisten. Die Entdeckung einer unbewohnten Inselgruppe ist
von geringerem Interesse, als die Kenntni der Gesetze, welche um eine
Menge vereinzelter Thatsachen das einigende Band schlingen.

Denkt man den Ursachen der Strmungen nach, so erkennt man, da sie viel
hufiger vorkommen mssen, als man gemeiniglich glaubt. Die Gewsser des
Meeres knnen durch gar mancherlei in Bewegung gesetzt werden, durch einen
uern Ansto, durch Verschiedenheiten in Temperatur und Salzgehalt, durch
das zeitweise, Schmelzen des Polareises, endlich durch das ungleiche Maa
der Verdunstung unter verschiedenen Breiten. Bald wirken mehrere dieser
Ursachen zum selben Effekt zusammen, bald bringen sie entgegengesetzte
Effekte hervor. Schwache, aber bestndig in einem gnazen Erdgrtel wehende
Winde, wie die Passatwinde, bedingen eine Bewegung vorwrts, wie wir sie
selbst bei den strksten Strmen nicht beobachten, weil diese auf ein
kleines Gebiet beschrnkt sind. Wenn in einer groen Wassermasse die
Wassertheilchen an der Oberflche specifisch verschieden schwer werden, so
bildet sich an der Flche ein Strom dem Punkte zu, wo das Wasser am
kltesten ist, oder am meisten salzsaures Natron, schwefelsauren Kalk und
schwefelsaure oder salzsaure Bittererde enthlt. In den Meeren unter den
Wendekreisen zeigt der Thermometer in groen Tiefen nicht mehr als
7 - 8 Grad der hunterttheiligen Scale. Die ergibt sich aus zahlreichen
Beobachtungen des Commodore Ellis und Perons. Da in diesen Strichen die
Lufttemperatur nie unter 19 - 20 Grad sinkt, so kann das Wasser einen dem
Gefrierpunkt und dem Maximum der Dichtigkeit des Wassers so nahe gerckten
Kltegrad nicht an der Oberflche angenommen haben. Die Existenz solcher
kalten Wasserschichten in niedern Breiten weist somit auf einen Strom hin,
der in der Tiefe von den Polen zum Aequator geht; sie weist ferner darauf
hin, da die Salze, welche das specifische Gewicht des Wassers verndern,
im Ocean so vertheilt sind, da sie die von der Verschiedenheit im
Wrmegrad abhngigen Wirkungen nicht aufheben.

Bedenkt man, da in Folge der Umdrehung der Erde die Wassertheilchen je
nach der Breite eine verschiedene Geschwindigkeit haben, so sollte man
voraussetzen, da jede von Sd nach Nord gehende Strmung zugleich nach
Ost, die Gewsser dagegen, die vom Pol zum Aequator strmen, nach West
abgelenken mten. Man sollte ferner glauben, da diese Neigung den
tropischen Strom bis zu einem gewissen Grad einerseits verlangsamen,
andererseits dem Polarstrom, der sich im Juli und August, wenn das Eis
schmilzt, unter der Breite der Bank von Neufoundland und weiter nordwrts
regelmig einstellt, eine andere Richtung geben mte. Sehr alte
nautische Beobachtungen, die ich besttigen Gelegenheit hatte, indem ich
die vom Chronometer angegebene Lnge mit der Schtzung des Schiffers
verglich, widersprechen diesen theoretischen Annahmen. In beiden
Hemisphren weichen die Polarstrme, wenn sie merkbar sind, ein wenig nach
Ost ab; und nach unserer Ansicht ist der Grund dieser Erscheinung in der
Bestndigkeit der in hohen Breiten herrschenden Westwinde zu suchen.
Ueberdie bewegen sich die Wassertheilchen nicht mit derselben
Geschwindigkeit wie die Lufttheilchen, und die strksten Meerestrmungen,
die wir kennen, legen nur 8 bis 9 Fu in der Secunde zurck; es ist
demnach hchst wahrscheinlich, da das Wasser, indem es durch verschiedene
Breiten geht, die denselben entsprechende Geschwindigkeit annimmt, und da
die Umdrehung der Erde ohne Einflu auf die Richtung der Strmungen
bleibt.

Der verschiedene Druck, dem die Meeresflche in Folge der wechselnden
Schwere der Luft unterliegt, erscheint als eine weitere Ursache der
Bewegung, die besonders ins Auge zu fassen ist. Es ist bekannt, da die
Schwankungen des Barometers im Allgemeinen nicht gleichzeitig an zwei
auseinanderliegenden, im selben Niveau befindlichen Punkten eintreten.
Wenn am einen dieser Punkte der Barometer einige Linien tiefer steht als
am andern, so wird sich dort das Wasser in Folge des geringeren Luftdrucks
erheben, und diese rtliche Anschwellung wird andauern, bis durch den Wind
das Gleichgewicht der Luft wiederhergestellt ist. Nach Bauchers Ansicht
rhren die Schwankungen im Spiegel des Genfer Sees, die sogenannten
Seiches, eben davon her. In der heien Zone knnen die stndlichen
Schwankungen des Barometers kleine Schwingungen an der Meeresflche
hervorbringen, da der Meridian von 4 Uhr, der dem Minimum des Luftdrucks
entspricht, zwischen den Meridianen von 21 und 11 Uhr liegt, wo das
Quecksilber am hchsten steht; aber diese Schwingungen, wenn sie berhaupt
merkbar sind, knnen keine Bewegung in horizontaler Richtung zur Folge
haben.

Ueberall wo eine solche durch die Ungleichheit im specifischen Gewicht der
Wassertheile entsteht, bildet sich ein doppelter Strom, ein oberer und ein
unterer, die entgegengesetzte Richtungen haben. Daher ist in den meisten
Meerengen wie in den tropischen Meeren, welche die kalten Gewsser der
Polarregionen aufnehmen, die ganze Wassermasse bis zu bedeutender Tiefe in
Bewegung. Wir wissen nicht, ob es sich eben so verhlt, wenn die
Vorwrtsbewegung, die man nicht mit dem Wellenschlag verwechseln darf,
Folge eines uern Anstoes ist. De Fleurien fhrt in seinem Bericht ber
die Expedition der Isis mehrere Thatsachen an, die darauf hinweisen, da
das Meer in der Tiefe weit weniger ruhig ist, als die Physiker gewhnlich
annehmen. Ohne hier auf eine Untersuchung einzugehen, jmit der wir uns in
der Folge zu beschftigen haben werden, bemerken wir nur, da, wenn der
uere Ansto ein andauernder ist, wie bei den Passatwinden, durch die
gegenseitige Reibung der Wassertheilchen die Bewegung nothwendig von
Meeresflche sich auf die tieferen Wasserschichten fortpflanzen mu. Eine
solche Fortpflanzung nehmen auch die Seefahrer  beim Golfstrom schon lange
an; auf die Wirkungen derselben scheint ihnen die groe Tiefe hinzudeuten,
welche das Meer aller Orten zeigt, wo der Strom von Florida durchgeht,
sogar mitten in den Sandbnken an den Nordksten der Vereinigten Staaten.
Dieser ungeheure Strom warmen Wassers hat, nachdem er in fnfzig Tagen vom
24. bis 45. Grad der Breite 450 Meilen zurckgelegt, trotz der bedeutenden
Winterklte in der gemigten Zone, kaum 3 - 4 Grad von seiner
ursprnglichen Temperatur unter den Tropen verloren. Die Gre der Masse
und der Umstand, da das Wasser ein schlechter Wrmeleiter ist, machen,
da die Abkhlung nicht rascher erfolgt. Wenn sich somit der Golfstrom auf
dem Boden des atlantischen Oceans ein Bett gegraben hat, und wenn seine
Gewsser bis in betrchtliche Tiefen in Bewegung sind, so mssen sie auch
in ihren untern Schichten eine hhere Temperatur behalten, als unter
derselben Breite Meeresstriche ohne Strmungen und Untiefen zeigen. Diese
Fragen sind nur durch unmittelbare Beobachtungen mittelst des Senkbleis
mit Thermometer zu lsen.

Sir Erasmus Gower bemerkt, auf der Ueberfahrt von England nach den
canarischen Inseln gerathe man in die Strmung und dieselbe treibe vom
39. Breitegrade an die Schiffe nach Sdost. Auf unerer Fahrt von Corunna
nach Sdamerika machte sich der Einflu dieses Zugs der Wasser noch weiter
nrdlich merkbar. Vom 37. zum 30. Grad war die Abweichung sehr ungleich;
sie betrub tglich im Mittel zwlf Meilen, das heit usnere Corvette wurde
in sechs Tagen um 72 Seemeilen gegen Ost abgetrieben. Als wir auf 140
Meilen (Lieues) Entfernung den Parallel der Meerenge von Gibraltar
schnitten, hatten wir Gelegenheit zur Beobachtung, da in diesen Strichen
das Maximum der Geschwindigkeit nicht der Oeffnung der Meerenge selbst
entspricht, sondern einem nrdlicher gelegenen Punkte in der Verlngerung
einer Linie, die man durch die Meerenge und Cap Vincent zieht. Diese Linie
luft von der Gruppe der azorischen Inseln bis zum Cap Cantin parallel mit
der Richtung der Gewsser. Es ist ferner zu bemerken, und der Umstand ist
fr die Physiker, die sich mit der Bewegung der Flssigkeiten
beschftigen, nicht ohne Interesse, da in diesem Stck des rcklufigen
Stromes, in einer Breite von 120 bis 140 Meilen, nicht die ganze
Wassermasse dieselbe Geschwindigkeit, noch dieselbe Richtung hat. Bei ganz
ruhiger See zeigen sich an der Oberflche schmale Streifen, kleinen Bchen
gleich, in denen das Wasser mit einem fr das Ohr des gebten Schiffers
wohl hrbaren Gerusch hinstrmit. Am 13. Juni, unter 34 35' nrdlicher
Breite, befanden wir uns mitten unter einer Menge solcher Strombetten. Wir
konnten die Richtung derselben mit dem Compa aufnehmen: die einen liefen
nach Nordost, anderen nach Ost-Nord-Ost, trotz dem, da der allgemeine Zug
der See, wie die Vergleichung der Schtzung mit der chronometrischen Lnge
angab, fortwhrend nach Sdost gieng. Sehr hufig sieht man eine stehende
Wassermasse von Wasserfden durchzogen, die nach verschiedenen Richtungen
strmen; solches kann man tglich an der Oberflche unserer Landseen
beobachten, aber seltener bemerkt man solch partielle Bewegungen kleiner
Wassertheile in Folge lokaler Ursachen mitten in einem Meeresstrome, der
sich ber ungeheure Rume erstreckt und sich immer in derselben Richtung,
wenn auch nicht mit bedeutender Geschwindigkeit fortbewegt. Die sich
kreuzenden Strmungen beschftigen unsere Einbildungskraft, wie der
Wellenschlag, weil diese Bewegungen, die den Ocean in bestndiger Unruhe
erhalten, sich zu durchdringen scheinen.

Wir fuhren am Cap Vincent, das aus Besalt besteht, auf mehr als 80 Meilen
[360 km] Entfernung vorber. Auf 15 Meilen [67,5 km] erkennt man es nicht
mehr deutlich, aber die Foya von Monchique, ein Granitberg in der Nhe des
Caps, soll, wie die Steuerleute behaupten, auf 26 Meilen [117 km] in See
sichtbar seyn. Verhlt es sich wirklich so, so ist die Foya 700 Toisen
(1363 Meter) hoch, also 116 Toisen (225 Meter) hher als der Vesuv. Es ist
auffallend, da die portugiesische Regierung kein Feuer auf einem Punkte
unterhlt, nach dem sich alle vom Cap der guten Hoffnung und vom Cap Horn
kommenden Schiffe richten mssen; nach keinem anderen Punkte wird mit so
viel Ungeduld ausgeschaut, bis er in Sicht kommt. Die Feuer auf dem Turm
des Herkules und am Cap Spichel sind so schwach und so wenig weit
sichtbar, da man sie gar nicht rechnen kann. Dazu wre das
Capuzinerkloster, das auf Kap Vincent steht, ganz der geeignete Platz zu
einem Leuchtturm mit sich drehendem Feuer, wie zu Cadix und an der
Garonnemndung.

Seit unserer Abfahrt von Corunna und bis zum 36. Breitegrad hatten wir
auer Meerschwalben und einigen Delphinen fast kein lebendes Wesen
gesehen. Umsonst sahen wir uns nach Tangen und Weichthieren um. Am
11. Juni aber hatten wir ein Schauspiel, das uns hchlich berraschte, das
wir aber spter in der Sdsee hufig genossen. Wir gelangten in einen
Strich, wo das Meer mit einer ungeheuren Menge Medusen bedeckt war. Das
Schiff stand beinahe still, aber die Weichtiere zogen gegen Sdost,
viermal rascher als die Strmung. Ihr Vorberzug whrte beinahe
dreiviertel Stunden, und dann sahen wir nur noch einzelne Individuen dem
groen Haufen, wie wandermde, nachziehen. Kommen diese Thiere vom Grunde
des Meeres, das in diesen Strichen wohl mehrere tausend Toisen tief ist?
oder machen sie in Schwrmen weite Zge? Wie man wei, lieben die
Weichthiere die Untiefen, und wenn die acht Klippen unmittelbar unter dem
Wasserspiegel, welche Kapitn Vobonne im Jahr 1732 nordwrts von der Insel
Porto Santo gesehen haben will, wirklich vorhanden sind, so lt sich
annehmen, da diese ungeheure Masse von Medusen dorther kam, denn wir
befanden uns nur 28 Meilen [126 km] von jenen Klippen. Wir erkannten neben
der _Medusa aurita_ von Baster und der _M. pelagica_ von Bosc mit acht
Tentakeln _(Pelagia denticulata, Peron)_ eine dritte Art, die sich der
_M. hysocella_ nhert, die Vandelli an der Mndung des Tajo gefunden hat.
Sie ist ausgezeichnet durch die braungelbe Farbe und dadurch, da die
Tentakeln lnger sind als der Krper. Manche dieser Meernesseln hatten
vier Zoll [10 cm] im Durchmesser; ihr fast metallischer Glanz, ihre
violett und purpurn schillernde Frbung hob sich vom Blau der See uerst
angenehm ab.

Unter den Medusen fand Bonpland Bndel der _Dagysa notata_, eines
Weichthiers von sonderbarem Bau, das Sir Joseph Banks zuerst kennen
gelernt hat. Es sind kleine gallertartige Scke, durchsichtig,
walzenfrmig, zuweilen vieleckig, 13 Linien  [3 mm] lang, 2 - 3 [0,5 bis
0,7 mm] im Durchmesser. Diese Scke sind an beiden Enden offen. An der
einen Oeffnung zeigt sich eine durchsichtige Blase mit einem gelben Fleck.
Diese Cylinder sind der Lnge nach aneinander geklebt wie Bienenzellen und
bilden 6 - 8 Zoll [16 bis 21 cm] lange Schnre. Umsonst versuchte ich die
galvanische Elektricitt an diesen Weichthieren; sie brachte keine
Zusammenziehung hervor. Die Gattung _Dagysa_, die zur Zeit von Cooks
erster Reise zuerst aufgestellt wurde, scheint zu den Salpen zu gehren.
Auch die Salpen wandern in Schwrmen, wobei sie sich zu Schnren an
einander hngen, wie wir bei der _Dagysa_ gesehen.

Am 13. Juni Morgens unter 34 33' Breite sahen wir wieder bei vollkommen
ruhiger See groe Haufen des letzterwhnten Thiers vorbeitreiben. Bei
Nacht machten wir die Beobachtung, da alle drei Medusenarten, die wir
gefangen, nur leuchteten, wenn man sie ganz leicht anstie. Diese
Eigenschaft kommt also nicht der von Forskael in seiner _Fauna Aegytiaca_
beschriebenen _Medusa noctiluca_ allein zu, die Gmelin mit der _Medusa
pelagica_ Lflings vereinigt, obgleich sie rote Tentakeln und braune
Krperwarzen hat. Legt man eine sehr reizbare Meduse auf einen Zinnteller
und schlgt mit irgendeinem Metall an den Teller, so wird das Tier schon
durch die leichte Schwingung des Zinns leuchtend. Galvanisirt man Medusen,
so zeigt sich zuweilen der phosphorische Schein im Moment, wo man die
Kette schliet, wenn auch die Excitatoren die Organe des Tieres nicht
unmittelbar berhren. Die Finger, mit denen man es berhrt, bleiben ein
paar Minuten leuchtend, wie man dies auch beobachtet, wenn man das Gehuse
der Pholaden zerbricht. Reibt man Holz mit dem Krper einer Meduse und
leuchtet die geriebene Stelle nicht mehr, so erscheint der Schimmer
wieder, wenn man mit der trockenen Hand ber das Holz fhrt. Ist derselbe
wieder verschwunden, so lt er sich nicht noch einmal hervorrufen, wenn
auch die geriebene Stelle noch feucht und klebrig ist. Wie wirkt in diesem
Falle die Reibung oder der Sto? Die Frage ist schwer zu beantworten. Ruft
etwa eine kleine Temperaturerhhung den Schein hervor, oder kommt er
wieder, weil man die Oberflche erneuert und so die Theile des Thiers,
welche den Phosphorwasserstoff entbinden, mit dem Sauerstoff der
atmosphrischen Luft in Berhrung bringt? Ich habe durch Versuche, die im
Jahre 1797 verffentlicht worden, dargethan, da Scheinholz in reinem
Wasserstoff und Stickstoff nicht mehr leuchtet, und da der Schein
wiederkehrt, sobald man die kleinste Blase Sauerstoff in das Gas treten
lt. Diese Thatsachen, deren wir in der Folge noch mehrere anfhren
werden, bahnen uns den Weg zur Erklrung des Meerleuchtens und des
besonderen Umstandes, da das Erscheinen des Lichtschimmers mit dem
Wellenschlag in Zusammenhang steht.

Zwischen Madera und der afrikanischen Kste hatten wir gelinde Winde oder
Windstille, wodurch ich mich bei den magnetischen Versuchen, mit denen ich
mich bei der Ueberfahrt beschftigte, sehr gefrdert sah. Wir wurden nicht
satt, die Pracht der Nchte zu bewundern; nichts geht ber die Klarheit
und Heiterkeit des afrikanischen Himmels. Wir wunderten uns ber die
ungeheure Menge Sternschnuppen, die jeden Augenblick niedergingen. Je
weiter wir nach Sden kamen, desto hufiger wurden sie, besonders bei den
canarischen Inseln. Ich glaube auf meinen Reisen die Beobachtung gemacht
zu haben, da diese Feuermeteore berhaupt in manchen Landstrichen
hufiger vorkommen und glnzender sind als in anderen. Nie sah ich ihrer
so viele als in der Nhe der Vulkane der Provinz Quito und in der Sdsee
an der vulkanischen Kste von Guatimala. Der Einflu, den Oertlichkeit,
Klima und Jahreszeit auf die Bildung der Sternschnuppen zu haben scheinen,
trennt diese Classe von Meteoren von den Aerolithen, die wahrscheinlich
dem Weltraume auerhalb unseres Luftkreises angehren. Nach den
bereinstimmenden Beobachtungen von Benzenberg und Brandes erscheinen in
Europa viele Sternschnuppen nicht mehr als 30,000 Toisen [58 470 m] ber
der Erde. Man hat sogar eine gemessen, die nur 14,000 Toisen [27 280 m]
hoch war. Es wre zu wnschen, da dergleichen Messungen, die nur
annhernde Resultate ergeben knnen, fters wiederholt wrden. In den
heien Landstrichen, besonders unter den Tropen, zeigen die Sternschnuppen
einen Schweif, der noch 12 bis 15 Secunden fortleuchtet; ein andermal ist
es, als platzten sie und zerstieben in mehrere Lichtfunken, und im
allgemeinen sind sie viel weiter unten in der Luft als im nrdlichen
Europa. Man sieht sie nur bei heiterem, blauen Himmel, und unter einer
Wolke ist wohl noch nie eine beobachtet worden. Hufig haben die
Sternschnuppen ein paar Stunden lang eine und dieselbe Richtung, und dies
ist dann die Richtung des Windes. In der Bucht von Neapel haben Gay-Lussac
und ich Lichterscheinungen  beobachtet, die denen, welche mich bei meinem
langen Aufenthalt in Mexiko und Quito beschftigten, sehr hnlich waren.
Das Wesen dieser Meteore hngt vielleicht ab von der Beschaffenheit von
Boden und Luft, gleich gewissen Erscheinungen von Luftspiegelung und
Strahlenbrechung an der Erdoberflche, wie sie an den Ksten von Calabrien
und Sicilien vorkommen.

Wir bekamen auf unserer Fahrt weder die Inseln Desiertas noch Madera zu
Gesicht. Gerne htte ich die Lnge dieser Inseln berichtigt und von den
vulkanischen Bergen nordwrts von Funchal Hhenwinkel genommen. De Borda
berichtet, man sehe diese Berge auf 20 Meilen [90 km], was nur auf eine
Hhe von 414 Toisen (806 Meter) hinweise; wir wissen aber, da nach
neueren Messungen der hchste Gipfel von Madera 5167 englische Fu oder
807 Toisen [1573 m] hoch ist. Die kleinen Inseln Desiertas und Salvages,
auf denen man Orseille und _Mesembryanthemum crystallinum_ sammelt, haben
nicht 200 Toisen senkrechter Hhe. Es scheint mir von Nutzen, die
Seefahrer auf dergleichen Bestimmungen hinzweisen, weil sich mittelst
einer Methode, deren in dieser Reisebeschreibung fter Erwhnung geschieht
und deren sich Borda, Lord Mulgrave, de Rossel und Don Cosme Churruca auf
ihren Reisen mit Erfolg bedient haben, durch Hhenwinkel, die man mit
guten Reflexionsinstrumenten nimmt, mit hinlnglicher Genauigkeit
ermitteln lt, wie weit sich das Schiff von einem Vorgebirge oder von
einer gebirgigen Insel befindet.

Als wir 40 Meilen [180 km] ostwrts von Madera waren, setzte sich eine
Schwalbe auf die Marsstenge. Sie war so mde, da sie sich leicht fangen
lie. Es war eine Rauchschwalbe _(Hierundo rustica, Lin.)_. Was mag einen
Vogel veranlassen, in dieser Jahreszeit und bei stiller Luft so weit zu
fliegen? Bei dEntrecasteaux Expedition sah man gleichfalls eine
Rauchschwalbe 60 Meilen [270 km] weit vom weien Vorgebirge; das war aber
Ende Oktobers, und Labillardire war der Meinung, sie komme eben aus
Europa. Wir befuhren diese Striche im Juni, und seit langer Zeit hatte
kein Sturm das Meer aufgerhrt. Ich betone den letzteren Umstand, weil
kleine Vgel, sogar Schmetterlinge zuweilen durch heftige Winde auf die
hohe See verschlagen werden, wie wir es in der Sdsee, westwrts von der
Kste von Mexiko, beobachten konnten.

Der Pizarro hatte Befehl, bei der Insel Lanzarota, einer der sieben groen
Canarien, anzulegen, um sich zu erkundigen, ob die Englnder die Rhede von
Santa Cruz auf Teneriffa blokirten. Seit dem 15. Juni war man im Zweifel,
welchen Weg man einschlagen sollte. Bis jetzt hatten die Steuerleute, die
mit den Seeuhren nicht recht umzugehen wuten, keine groen Stcke auf die
Lnge gehalten, die ich fast immer zweimal des Tags bestimmte, indem ich
zum Uebertrag der Zeit Morgens und Abends Stundenwinkel aufnahm. Endlich
am 16. Juni, um neun Uhr morgens, als wir schon unter 20 26' der Breite
waren, nderte der Capitn den Curs und steuerte gegen Ost. Da zeigte sich
bald, wie genau Louis Berthouds Chronometer war; um 2 Uhr nachmittags kam
Land in Sicht, das wie eine kleine Wolke am Horizont erschien. Um fnf
Uhr, bei niedriger stehender Sonne, lag die Insel Lanzarota so deutlich
vor uns, da ich den Hhenwinkel eines Kegelberges messen konnte, der
majesttisch die anderen Gipfel berragt und den wir fr den groen Vulkan
hielten, der in der Nacht vom ersten September 1730 so groe Verwstungen
angerichtet hat.

Die Strmung trieb uns schneller gegen die Kste, als wir wnschten. Im
Hinfahren sahen wir zuerst die Insel Fortaventura, bekannt durch die
vielen Kameele(4), die darauf leben, und bald darauf die kleine Insel
Lobos im Canal zwischen Fortaventura und Lancerota. Wir brachten die Nacht
zum Theil auf dem Verdeck zu. Der Mond beschien die vulkanischen Gipfel
von Lanzerota, deren mit Asche bedeckten Abhnge wie Silber schimmerten.
Antares glnzte nahe der Mondscheibe, die nur wenige Grad ber dem
Horizont stand. Die Nacht war wunderbar heiter und frisch. Obgleich wir
nicht weit von der afrikanischen Kste und der Grenze der heien Zone
waren, zeigte der hunderttheilige Thermometer nicht mehr als 18. Es war,
als ob das Leuchten des Meeres die in der Luft verbreitete Lichtmasse
vermehrte. Zum erstenmal konnte ich an einem zweizlligen Sextanten von
Troughton mit sehr feiner Theilung den Nonius ablesen, ohne mit einer
Kerze an den Rand zu leuchten. Mehrere unserer Reisegefhrten waren
Canarier; gleich allen Einwohnern der Insel priesen sie enthusiastisch die
Schnheit ihres Landes. Nach Mitternacht zogen hinter dem Vulkan schwere
Wolken auf und bedeckten hin und wieder den Mond und das schne Sternbild
des Scorpion. Wir sahen am Ufer Feuer hin und her tragen. Es waren
wahrscheinlich Fischer, die sich zur Fahrt rsteten. Wir hatten auf der
Reise fortwhrend in den alten spanischen Reisebeschreibungen gelesen, und
diese sich hin und her bewegenden Lichter erinnerten uns an die, welche
Pedro Guttierez, ein Page der Knigin Isabella, in der denkwrdigen Nacht,
da die neue Welt entdeckt wurde, auf der Guanahani sah.

Am 17. Morgens war der Horizont nebligt und der Himmel leicht umzogen.
Desto schrfer traten die Berge von Lanzerota in ihren Umrissen hervor.
Die Feuchtigkeit erhht die Durchsichtigkeit der Luft und rckt zugleich
scheinbar die Gegenstnde nher. Diese Erscheinung ist jedem bekannt, der
Gelegenheit gehabt hat, an Orten, wo man die Ketten der Hochalpen oder der
Anden sieht, hygrometrische Betrachtungen anzustellen. Wir liefen, mit dem
Senkblei in der Hand, durch den Canal zwischen den Inseln Alegranza und
Montaa Clara. Wir untersuchten den Archipel kleiner Eilande nrdlich von
Lanzerota, die sowohl auf der sonst sehr genauen Karte von de Fleurieu,
als auf der Karte, die zur Reise der Fregatte Flora gehrt, so schlecht
gezeichnet sind. Die auf Befehl des Herrn de Castries i. J. 1786
verffentlichte Karte des Atlantischen Oceans hat dieselben irrigen
Angaben. Da die Strmungen in diesen Strichen ausnehmend rasch sind, so
mag die fr die Sicherheit der Schiffahrt nicht unwichtige Bemerkung hier
stehen, da die Lage der fnf kleinen Inseln Alegranza, Clara, Graciosa,
Roca del Este und Infierno nur auf der Karte der canarischen Inseln von
Borda und im Atlas von Tofio genau angegeben ist, welcher letztere sich
dabei an die Beobachtungen von Don Jose Varela hielt, die mit denen der
Fregatte Boussole ziemlich bereinstimmen.

Inmitten dieses Archipels, den Schiffe, die nach Teneriffa gehen, selten
befahren, machte die Gestaltung der Ksten den eigenthmlichsten Eindruck
auf uns. Wir glaubten uns in die euganischen Berge im Vincentinischen
oder an die Ufer des Rheins bei Bonn versetzt (Siebengebirge). Die
Gestaltung der organischen Wesen wechselt nach den Klimaten, und diese
erstaunliche Mannigfaltigkeit gibt dem Studium der Vertheilung der
Pflanzen und Thiere seinen Hauptreiz; aber die Gebirgsarten, die
vielleicht frher gebildet worden, als die Ursachen, von welchen die
Abstufung der Klimate abhngt, in Wirksamkeit getreten, sind in beiden
Hemisphren die nmlichen. Die Porphyre, welche glasigen Feldspath oder
Hornblende einschlieen, die Phonolithe (Werners Porphyrschiefer),
Grnsteine, Mandelsteine und Basalte zeigen fast so constante Formen wie
in der Auvergne, im bhmischen Mittelgebirge wie in Mexiko und an den
Ufern des Ganges erkennt man die Trappformation am symmetrischen Bau der
Berge, an den gestutzten, bald einzeln stehenden, bald zu Gruppen
vereinigten Kegeln, an den Plateaux, die an beiden Enden mit einer runden
niedrigen Kuppe gekrnt sind.

Der ganze westliche Theil von Lanzerota, den wir in der Nhe sahen, hat
ganz das Ansehen eines in neuester Zeit von vulkanischem Feuer verwsteten
Landes. Alles ist schwarz, drr, von Dammerde entblt. Wir erkannten mit
dem Fernrohr Basalt in ziemlich dnnen, stark fallenden Schichten. Mehrere
Hgel gleichen dem Monte nuovo bei Neapel oder den Schlacken- und
Aschenhgeln, welche am Fue des Vulkanes Jorullo in Mexiko in Einer Nacht
aus dem berstenden Boden emporgestiegen sind. Nach Abb Viera wurde auch
im Jahre 1730 mehr als die Hlfte der Insel vllig umgewandelt. Der groe
Vulkan, dessen wir oben erwhnt, und der bei den Eingeborenen der Vulkan
von *Temanfaya* heit, verheerte das fruchtbarste und bestangebaute
Gebiet; neun Drfer wurden durch die Lavastrme vllig zerstrt. Ein
heftiges Erdbeben war der Katastrophe vorangegangen, und gleich starke
Ste wurden noch mehrere Jahre nachher gesprt. Letztere Erscheinung ist
um so auffallender, je seltener sie nach einem Ausbruch ist, wenn einmal
nach dem Ausflu der geschmolzenen Stoffe die elastischen Dmpfe durch den
Krater haben entweichen knnen. Der Gipfel des groen Vulkanes ist ein
runder, nicht genau kegelfrmiger Hgel. Nach den Hhenwinkeln, die ich in
verschiedenen Abstnden genommen, scheint seine absolute Hhe nicht viel
ber 300 Toisen [580 m] zu betragen. Die benachbarten kleinen Berge und
die der Inseln Alegranza und Clara sind kaum 100 bis 120 Toisen [95 bis
134 m] hoch. Man wundert sich, da Gipfel, die sich auf hoher See so
imposant darstellen, nicht hher seyn sollten. Aber nichts ist so unsicher
als unser Urtheil ber die Gre der Winkel, unter denen uns Gegenstnde
ganz nahe am Horizont erscheinen. Einer Tuschung derart ist es
zuzuschreiben, wenn vor den Messungen de Churrucas und Galeanos am Cap
Pilar die Berge an der Magellanschen Meerenge und des Feuerlandes bei den
Seefahrern fr ungemein hoch galten.

Die Insel Lanzerota hie frher *Titeroigotra*. Bei der Ankunft der
Spanier zeichneten sich die Bewohner vor den anderen Canariern durch
Merkmale hherer Kultur aus. Sie hatten Huser aus behauenen Steinen,
whrend die Guanchen auf Teneriffa, als wahre Troglodyten, in Hhlen
wohnten. Auf Lanzerota herrschte zu jener Zeit ein seltsamer Gebrauch, der
nur bei den Tibetanern vorkommt. [In Tibet ist brigens die Vielmnnerei
nicht so hufig, als man glaubt, und von der Priesterschaft mibilligt.]
Eine Frau hatte mehrere Mnner, welche in der Ausbung der Rechte des
Familienhauptes wechselten. Der eine Ehemann war als solcher nur whrend
eines Mondumlaufs anerkannt, sofort bernahm ein anderer das Amt und jener
trat in das Hausgesinde zurck. Es ist zu bedauern, da wir von den
Geistlichen im Gefolge Johanns von Bthencourt, welche die Geschichte der
Eroberung der Canarien geschrieben haben, nicht mehr von den Sitten eines
Volkes erfahren, bei dem so sonderbare Bruche herrschten. Im fnfzehnten
Jahrhundert bestanden auf der Insel Lanzerota zwei kleine voneinander
unabhngige Staaten, die durch eine Mauer geschieden waren, dergleichen
man auch in Schottland, in Peru und in China findet, Denkmler, die den
Nationalha berleben.

Wegen des Windes muten wir zwischen den Inseln Alegranza und Montaa
Clara durchfahren. Da Niemand am Bord der Corvette je in diesem Canal
gewesen war, so mute das Senkblei ausgeworfen werden. Wir fanden Grund
bei 25 und 32 Faden [45 bis 60 m]. Mit dem Senkbleu wurde eine organische
Substanz von so sonderbarem Bau aufgezogen, da wir lange nicht wuten, ob
wir sie fr einen Zoophyten oder fr eine Tangart halten sollten. Auf
einem brunlichen, drei Zoll langen Stiel sitzen runde lappige Bltter mit
gezahntem Rand. Sie sind hellgrn, lederartig und gestreift wie die
Bltter der Adianten und des _Ginkgo biloba_. Ihre Flche ist mit steifen,
weilichen Haaren bedeckt; vor der Entwicklung sind die concav und in
einander geschachtelt. Wir konnten keine Spur von willkhrlicher Bewegung,
von Irritabilitt daran bemerken, auch nicht als wir es mit dem
Galvanismus versuchten. Der Stiel ist nicht holzig, sondern besteht aus
einem hornartigen Stoff, gleich der Achse der Gorgonen. Da Stickstoff und
Phosphor in Menge in verschiedenen cryptogamischen Gewchsen nachgewiesen
sind, so wre nichts dabei herausgekommen, wenn wur auf chemischem Wege
htte ermitteln wollen, ob dieser organische Krper dem Pflanzen- oder dem
Thierreich angehre. Da er einigen Seepflanzen mit Adiantenblttern sehr
nahe kommt, so stellten wir ihn vorlufig zu den Tangen und nannten ihn
_Fucus vitifolius_. Die Haare, mit denen das Gewchs bedeckt ist, kommen
bei vielen andern Tangen vor. Allerdings zeigte das Blatt, als es frisch
aus der See unter dem Mikroscop untersucht wurde, nicht die drsigen
Krper in Hufchen oder die dunkeln Punkte, welche bei den Gattungen
_Ulva_ und _Fucus_ die Fructificationen enthalten; aber wie oft findet man
Tange, die vermge ihrer Entwicklungsstufe in ihrem durchsichtigen
Paranchym noch keine Spur von Krnern zeigen.

Ich htte diese Einzelheiten, die in die beschreibende Naturgeschichte
gehren, hier bergangen, wenn sich nicht am Fucus mit weinblatthnlichen
Blttern ein physiologische Erscheinung von allgemeinerem Interesse
beobachten liee. Unser Seetang hatte, an Madreporen befestigt, 192 Fu
tief am Meeresboden vegetirt, und doch waren seine Bltter so grn wie
unsere Grser. Nach de Bouguers Versuchen(5) wird das Licht, das durch 180
Fu Wasser hindurchgeht, im Verhltni von 1 zu 1477,8 geschwcht. Der
Tang von Alegranza ist also ein neuer Beweis fr den Satz, da Gewchse im
Dunkeln vegetiren knnen, ohne farblos zu werden. Die noch in den Zwiebeln
eingeschlossenen Keime mancher Liliengewchse, der Embryo der Malven, der
Rhamnoiden, der Pistazie, der Mistel und des Citronenbaums, die Zweige
mancher unterirdischen Pflanzen, endlich die Gewchse, die man in
Erzgruben findet, wo die umgebende Luft Wasserstoff oder viel Stickstoff
enthlt, sind grn ohne Lichtgenu. Diese Thatsachen berechtigen zu der
Annahme, da der Kohlenwasserstoff, der das Parenchym dunkler oder heller
grn frbt, je nachdem der Kohlenstoff in der Verbindung vorherrscht, sich
nicht blo unter dem Einflu der Sonnenstrahlen im Gewebe der Gewchse
bildet.

Turner, der so viel fr die Familie der Tange geleistet hat, und viele
andere bedeutende Botaniker sind der Ansicht, die Tange, die man an der
Meeresflche findet, und die unter dem 23. und 35. Grad der Breite und dem
32. der Lnge sich dem Seefahrer als eine weite berschwemmte Wiese
darstellen, wachsen ursprnglich auf dem Meeresgrund und schwimmen an der
Oberflche nur im ausgebildeten Zustand, nachdem sie von den Wellen
losgerissen worden. Ist dem wirklich so, so ist nicht zu lugnen, da die
Familie der Seealgen groe Schwierigkeiten macht, wenn man am Glauben
festhlt, da Farblosigkeit die nothwendige Folge des Mangels an Licht
ist; denn wie sollte man voraussetzen knnen, da so viele Arten von
Ulvaceen und Dictyoteen mit grnen Stengeln und Blttern auf Gestein
unmittelbar unter der Meeresflche gewachsen sind?

Nach den Angaben eines alten portugiesischen Wegweisers meinte der Capitn
des Pizarro sich einem kleinen Fort nrdlich von Teguise, dem Hauptort von
Lancerota, gegenber zu befinden. Man hielt einen Basaltfelsen fr ein
Kastell, man salutirte es durch Aufhissen der spanischen Flagge und warf
das Boot aus, um sich durch einen Officier beim Commandanten des
vermeintlichen Forts erkundigen zu lassen, ob die Englnder in der
Umgegend kreuzten. Wir wunderten uns nicht wenig, als wir vernahmen, da
das Land, das wir fr einen Theil der Kste von Lanzerota gehalten, die
kleine Insel Graciosa sey und da es auf mehrere Kilometer in der Runde
keinen bewohnten Ort gebe.

Wir benutzten das Boot, um ans Land zu gehen, das den Schlupunkt einer
weiten Bai bildete. Ganz unbeschreiblich ist das Gefhl des
Naturforschers, der zum erstenmal einen auereuropischen Boden betritt.
Die Aufmerksamkeit wird von so vielen Gegenstnden in Anspruch genommen,
da man sich von seinen Empfindungen kaum Rechenschaft zu geben vermag.
Bei jedem Schritt glaubt man einen neuen Naturkrper vor sich zu haben,
und in der Aufregung erkennt man hufig Dinge nicht wieder, die in unseren
botanischen Grten und naturgeschichtlichen Sammlungen zu den gemeinsten
gehren. 100 Toisen [ca. 200 m] vom Ufer sahen wir einen Mann mit der
Angelruthe fischen. Man fuhr im Boot auf ihn zu, aber er ergriff die
Flucht und versteckte sich hinter Felsen. Die Matrosen hatten Mhe, seiner
habhaft zu werden. Der Anblick der Corvette, der Kanonendonner am
einsamen, jedoch zuweilen von Kapern besuchten Orte, das Landen des
Bootes, Alles hatte dem armen Fischer Angst eingejagt. Wir erfuhren von
ihm, die kleine Insel Graciosa, an der wir gelandet, sey von Lanzerota
durch einen engen Canal, el Rio genannt, getrennt. Er erbot sich, uns in
den Hafen los Colorados zu fhren, wo wir uns hinsichtlich der Blokade von
Tenerifa erkundigen knnten; da er aber zugleich versicherte, seit
mehreren Wochen kein Fahrzeug auf offener See gesehen zu haben, so
beschlo der Kapitn, geradezu nach Santa Cruz zu steuern.

Das kleine Stck der Insel Graciosa, das wir kennengelernt, gleicht den
aus Laven aufgebauten Vorgebirgen bei Neapel zwischen Portici und Torre
del Greco. Die Felsen sind nackt, ohne Bume und Gebsche, meist ohne Spur
von Dammerde. Einige Flechten, Variolarien, Leprarien, Urceolarien, kamen
hin und wieder auf dem Basalt vor. Laven, die nicht mit vulkanischer Asche
bedeckt sind, bleiben Jahrhunderte ohne eine Spur von Vegetation. Auf dem
afrikanischen Boden hemmt die groe Hitze und die lange Trockenheit die
Entwicklung der cryptogamischen Gewchse.

Mit Sonnenuntergang schifften wir uns wieder ein und gingen unter Segel,
aber er Wind war zu schwach, als da wir unseren Weg nach Teneriffa htten
fortsetzen knnen. Die See war ruhig; ein rthlicher Dunst umzog den
Horizont und lie alle Gegenstnde grer erscheinen. In solcher
Einsamkeit, ringsum so viele unbewohnte Eilande, schwelgten wir lange im
Anblick einer wilden, groartigen Natur. Die schwarzen Berge von Graciosa
zeigten fnf, sechshundert Fu [160 bis 200 m] hohe senkrechte Wnde. Ihre
Schatten, die auf die Meeresflche fielen, gaben der Landschaft einen
schwermthigen Charakter. Gleich den Trmmern eines gewaltigen Gebudes
stiegen Basaltfelsen aus dem Wasser auf. Ihr Dasein mahnte uns an die weit
entlegene Zeit, wo unterseeische Vulkane neue Inseln emporhoben oder die
Festlnder zertrmmerten. Alles umher verkndete Verwstung und
Unfruchtbarkeit; aber einen freundlicheren Anblick bot im Hintergrunde des
Bildes die Kste von Lanzerota. In einer engen Schlucht, zwischen zwei mit
verstreuten Baumgruppen gekrnten Hgeln, zog sich ein kleiner bebauter
Landstrich hin. Die letzten Strahlen der Sonne beleuchteten das zur Ernte
reife Korn. Selbst die Wste belebt sich, sobald man den Spuren der
arbeitsamen Menschenhand begegnet.

Wir versuchten aus der Bucht herauszukommen, und zwar durch den Canal
zwischen Alegranza und Montaa Clara, durch den wir ohne Schwierigkeit
hereingelangt waren, um an der Nordspitze von Graciosa ans Land zu gehen.
Da der Wind sehr flau wurde, so trieb uns die Strmung nahe zu einem Riff,
an dem sich die See ungestm brach, und das die alten Karten als
Infierno bezeichneten. Als wir das Riff auf zwei Kabellngen vom
Vordertheil der Corvette vor uns hatten, sahen wir, da es eine drei, vier
Klafter [5,8 bis 7,8 m] hohe Lavakuppe ist, voll Hhlungen und bedeckt mit
Schlacken, die den Coaks [Koks] oder der schwammigen Masse der
entschwefelten Steinkohle hnlich ist. Wahrscheinlich ist die Klippe
Infierno(6) welche die neueren Karten _Roca del Oeste_ (westlicher Fels)
nennen, durch das vulkanische Feuer emporgehoben. Sie kann sogar frher
weit hher gewesen seyn; denn die neue Insel der Azoren, die zu
wiederholten malen aus dem Meere gestiegen, in den Jahren 1638 und 1719,
war 354 Fu [115 m] hoch [Im Jahre 1720 war die Insel auf 7 - 8 Meilen
(31 bis 36 km) sichtbar. In denselben Strichen ist im Jahre 1811 wieder
eine Insel erschienen.] geworden, als sie im Jahre 1728 so gnzlich
verschwand, da man da, wo sie gestanden das Meer 80 Faden [146 m] tief
fand. Meine Ansicht vom Ursprung der Basaltkuppe Infierno wird durch ein
Ereigni besttigt, das um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in derselben
Gegend beobachtet wurde. Beim Ausbruch des Vulkanes Temanfaya erhoben sich
vom Meeresboden zwei pyramidale Hgel von steiniger Lava und verschmolzen
nach und nach mit der Insel Lanzerota.

Da der schwache Wind und die Strmung uns aus dem Canal von Alegranza
nicht herauskommen lieen, beschlo man, whrend der Nacht zwischen der
Insel Clara und der _Roca del Oeste_ zu kreuzen. Die htte beinahe sehr
schlimme Folgen fr uns gehabt. Es ist gefhrlich, sich bei Windstille in
der Nhe dieses Riffes aufzuhalten, gegen das die Strmung ausnehmend
stark hinzieht. Um Mitternacht fingen wir an, die Wirkung der Strmung
gewahr zu werden. Die nahe vor uns senkrecht aus dem Wasser aufsteigenden
Felsmassen benahmen uns den wenigen Wind, der wehte; die Corvette
gehorchte dem Steuer fast nicht mehr und jeden Augenblick frchtete man zu
stranden. Es ist schwer begreiflich, wie eine einzelne Basaltkuppe mitten
im weiten Weltmeer das Wasser in solche Aufregung versetzen kann. Diese
Erscheinungen, welche die volle Aufmerksamkeit der Physiker verdienen,
sind brigens den Seefahrern wohl bekannt; sie treten in der Sdsee,
namentlich im kleinen Archipel der Galapagos-inseln, in furchtbarem
Mastab auf. Der Temperaturunterschied zwischen der Flssigkeit und der
Felsmasse vermag den Zug der Strmung zu ihnen hin nicht zu erklren, und
wie sollte man es glaublich finden, da sich das Wasser am Fue der
Klippen in die Tiefe strzt, und da bei diesem fortwhrenden Zug nach
unten die Wassertheilchen den entstehenden leeren Raum auszufllen suchen
(7)?

Am 18. Morgens wurde der Wind etwas frischer, und so gelang es uns, aus
dem Canal zu kommen. Wir kamen dem Infierno noch einmal sehr nahe, und
jetzt bemerkten wir im Gestein groe Spalten, durch welche wahrscheinlich
die Gase entwichen, als die Basaltkuppe emporgehoben wurde. Wir verloren
die kleinen Inseln Alegranza, Montaa Clara und Graciosa aus dem Gesicht.
Sie scheinen nie von Guanchen bewohnt gewesen zu seyn und man besucht sie
jetzt nur, um Orseille dort zu sammeln; diese Pflanze ist brigens weniger
gesucht, seit so viele andere Flechtenarten aus dem nrdlichen Europa
kostbare Farbstoffe liefern. Montaa Clara ist berhmt weger der schnen
Canarienvgel, die dort vorkommen. Der Gesang dieser Vgel wechselt nach
Schwrmen, wie ja auch bei uns der Gesang der Finken in zwei benachbarten
Landstrichen hufig ein anderer ist. Auf Montaa Clara gibt es auch
Ziegen, zum Beweis, da das Eiland im Inneren nicht so de ist als die
Kste, die wir gesehen. Der Name Alegranza kommt her von La Joyeuse, wie
die ersten Eroberer der Canarien, zwei normnnische Barone, Jean de
Bthencourt und Gadifer de Salle, die Insel benannten. Es war der erste
Punkt, wo sie gelandet. Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen auf der
Insel Graciosa, von der wir ein kleines Stck gesehen, beschlossen sie,
sich der benachbarten Insel Lanzerota zu bemchtigen, und wurden von
Guadarfia, dem Huptling der Guanchen, so gastfreundlich empfangen, wie
Cortez im Palast Montezumas. Der Hirtenknig, der keine anderen Schtze
hatte als seine Ziegen, wurde so schmhlich verraten, wie der mexikanische
Sultan.

Wir fuhren an den Ksten von Lanzerota, Lobos und Fortaventura hin. Die
zweite scheint frher mit den andern zusammengehangen zuhaben. Diese
geologische Hypothese wurde schon im siebzehnten Jahrhundert von einem
Franziskaner, Juan Galindo, aufgestellt. Er war sogar der Ansicht, Knig
Juba habe nur sechs canarische Inseln genannt, weil zu seiner Zeit drei
derselben nur Eine gebildet. Ohne auf diese unwahrscheinliche Hypothese
einzugehen, haben gelehrte Geographen den Archipel der Canarien fr die
beiden Inseln Innonia, die Inseln Rivaria, Ombrios, Canaria und Capraria
der Alten erklrt.

Da der Horizont dunstig war, konnten wir auf der ganzen Ueberfahrt von
Lanzerota nach Teneriffa des Gipfels des Pik de Teyde nicht ansichtig
werden. Ist der Vulkan wirklich 1905 Toisen [3712 m] hoch, wie Bordas
letzte trigonometrische Messung angibt, so mu sein Gipfel auf 43
Seemeilen [80 km] zu sehen sey, das Auge am Meeresspiegel angenommen und
die Refraction gleich 0,079 der Entfernung. Man hat in Zweifel gezogen, ob
der Pic zwischen Lanzerota und Fortaventura, der nach Varelas Karte 2 29'
oder gegen 50 Meilen (Lieues) davon entfernt ist, je gesehen worden sey.
Der Punkt scheint indessen durch einige Offiziere der kniglich spanischen
Marine entschieden worden zu seyn; ich habe an Bord der Corvette Pizarro
ein Schifftagebuch in Hnden gehabt, in dem stand, der Pic von Tenerifa
sey in 135 Seemeilen [250 km] Entfernung beim sdlichen Vorgebirg von
Lanzerota, genannt Pichiguera, gesehen worden, und zwar erschien der
Gipfel unter einem so groen Winkel, da der Beobachter, Don Manuel
Bazuti, glaubt, der Vulkan htte noch 9 Meilen weiter weg gesehen werden
knnen. Das war im September, gegen Abend, bei sehr feuchtem Wetter.
Rechnet man 15 Fu als Erhhung des Auges ber der See, so finde ich, da
man, um die Erscheinung zu erklren, eine Refraction gleich 0,158 des
Bogens anzunehmen hat, was fr die gemigte Zone nicht auerordentlich
viel ist. Nach den Beobachtungen des Generals Roy schwanken in England die
Refractionen zwischen 1/20 und 1/3, und wenn es wahr ist, da sie an der
Kste von Afrika diese uersten Grenzen erreichen, woran ich sehr
zweifle, so knnte unter gewissen Umstnden der Pic vom Verdeck eines
Schiffes auf 61 Seemeilen gesehen werden.

Seeleute, die hufig diese Striche befahren und ber die Ursachen der
Naturerscheinungen nachdenken, wundern sich, da der Pic de Teyde und der
der Azoren(8) zuweilen in sehr groer Entfernung zum Vorschein kommen, ein
andermal in weit grerer Nhe nicht sichtbar sind, obgleich der Himmel
klar erscheint und der Horizont nicht dunstig ist. Diese Umstnde
verdienen die Aufmerksamkeit des Physikers um so mehr, als viele Fahrzeuge
auf der Rckreise nach Europa mit Ungeduld des Erscheinens dieser Berge
harren, um ihre Lnge danach zu berichtigen, und sie sich wieder davon
entfernt glauben, als sie in Wahrheit sind, wenn sie sie bei hellem Wetter
in Entfernungen, wo die Sehwinkel schon sehr bedeutend seyn muten, nicht
sehen knnen. Der Zustand der Atmosphre hat den bedeutendsten Einflu auf
die Sichtbarkeit ferner Gegenstnde. Im Allgemeinen lt sich annehmen,
da der Pic von Tenerifa im Juli und August, bei sehr warmem, trockenem
Wetter, ziemlich selten sehr weit gesehen wird, da er dagegen im Januar
und Februar, bei leicht bedecktem Himmel und unmittelbar nach oder einige
Stunden vor einem starken Regen in auerordentlich groer Entfernung zu
Gesicht kommt. Die Durchsichtigkeit der Luft scheint, wie schon oben
bemerkt, in erstaunlichem Maae erhht zu werden, wenn eine gewisse Menge
Wasser gleichfrmig in derselben verbreitet ist. Zudem darf man sich nicht
wundern, wenn man den Pic de Teyde seltener sehr weit sieht, als die
Gipfel der Anden, die ich so lange Zeit habe beobachten knnen. Der Pic
ist nicht so hoch als der Theil des Atlas, an dessen Abhang die Stadt
Marocco liegt, und nicht wie dieser mit ewigem Schnee bedeckt. Der *Piton*
oder *Zuckerhut*, der die oberste Spitze des Pics bildet, wirft allerdings
vieles Licht zurck, weil der aus dem Krater ausgeworfene Bimsstein von
weilicher Farbe ist; aber dieser kleine abgestutzte Kegel mit nur ein
Zwanzigtheil der ganzen Hhe. Die Wnde des Vulkans sind entweder mit
schwarzen, verschlackten Lavablcken oder mit einem krftigen
Pflanzenwuchse bedeckt, dessen Masse um so weniger Licht zurckwirft, als
die Baumbltter voneinander durch Schatten getrennt sind, die einen
greren Umfang haben als die beleuchteten Theile.

Daraus geht hervor, da der Pic von Tenerifa, abgesehen vom *Piton*, zu
den Bergen gehrt, die man, wie Bouguer sich ausdrckt, auf weite
Entfernung nur *negativ* sieht, weil sie das Licht auffangen, das von der
uersten Grenze des Luftkreises zu uns gelangt, und wir ihr Daseyn nur
gewahr werden, weil das Licht in der sie umgebenden Luft und das , welches
die Lufttheilchen zwischen dem Berge und dem Auge des Beobachters
fortpflanzen, von verschiedener Intensitt sind. [Aus den Versuchen
desselben Beobachters geht hervor, da, wenn dieser Unterschi8ed fr
unsere Organe merkbar werden und der Berg sich deutlich vom Himmel abheben
soll, das eine Licht wenigstens um ein Sechzigtheil strker seyn mu als
das andere.] Entfernt man sich von der Insel Teneriffa, so bleibt der
Piton oder Zuckerhut ziemlich lange *positiv* sichtbar, weil er weies
Licht reflektirt und sich vom Himmel hell abhebt; da aber dieser Kegel nur
80 Toisen [156 m] hoch und an der Spizte 40 Toisen [78 m] breit ist, so
hat man neuerdings die Frage aufgeworfen, ob er bei so unbedeutender Masse
auf weiter als 40 Meilen sichtbar seyn kann, und ob es nicht
wahrscheinlicher ist, da man in See den Pic erst dann als ein Wlkchen
ber dem Horizont gewahr wird, wenn bereits die Basis des Piton
heraufzurcken beginnt. Nimmt man die mittlere Breite des Zuckerhutes zu
100 Toisen [200 m] an, so findet man, da der kleine Kegel in 40 Meilen
Entfernung in horizontaler Richtung noch unter einem Winkel von mehr als 3
Minuten erscheint. Dieser Winkel ist gro genug, um einen Gegenstand
sichtbar zu machen, und wenn der Piton betrchtlich hher wre, als in der
Basis breit, so drfte der Winkel in horizontaler Richtung noch kleiner
seyn, und der Gegenstand machte doch noch einen Eindruck auf unsere
Organe; aus mikrometrischen Beobachtungen geht hervor, da eine Minute nur
dann die Grenze der Sichtbarkeit ist, wenn die Gegenstnde nach allen
Richtungen von gleichem Durchmesser sind, Man erkennt in einer weiten
Ebene einzelne Baumstmme mit bloem Auge, obgleich der Sehwinkel nur 25
Secunden betrgt.

Da die Sichtbarkeit eines Gegenstandes, der sich dunkelfarbig abhebt, von
der Lichtmenge abhngt, die auf zwei Linien zum Auge gelangen, deren eine
am Berg endet, whrend die andere bis zur Grenze des Luftmeers fortluft,
so folgt daraus, da, je weiter man vom Gegenstand wegrckt, desto kleiner
der Unterschiede wird zwischen Licht der umgebenden Luft und dem Licht der
vor dem Berg befindlichen Luftschichten. Daher kommt, da nicht sehr hohe
Berggipfel, wenn sie sich ber dem Horizont zu zeigen  anfangen, anfangs
dunkler erscheinen als Gipfel, die man auf sehr groe Entfernung sieht.
Ebenso hngt die Sichtbarkeit von Bergen, die man nur negativ gewahr wird,
nicht allein vom Zustand der untern Luftschichten ab, auf die unsere
meteorologischen Beobachtungen beschrnkt sind, sondern auch von der
Durchsichtigkeit und der physischen Beschaffenheit der hheren Regionen;
denn das Bild hebt sich desto besser ab, je strker das Licht in der Luft,
das von den Grenzen der Atmosphre herkommt, ursprnglich ist, oder je
weniger Verlust es auf seinem Durchgang erlitten hat. Dieser Umstand macht
es bis zu einem gewissen Grade erklrlich, warum bei gleich heiterem
Himmel, bei ganz gleichem Thermometer- und Hygrometerstand nahe an der
Erdoberflche, der Pic auf Schiffen, die gleich weit davon entfernt sind,
des einemal sichtbar ist, das anderemal nicht. Wahrscheinlich wrde man
sogar den Vulkan nicht hufiger sehen knnen, wenn die Hhe des
Aschenkegels, an dessen Spitze sich die Kraterffnung befindet, ein
Viertheil der ganzen Berghhe wre, wies es beim Vesuv der Fall ist. Die
Asche, zu Pulver zerriebener Bimsstein, wirft das Licht nicht so stark
zurck als der Schnee der Anden. Sie macht, da der Berg bei sehr groem
Abstand sich nicht hell, sondern weit schwcher dunkelfarbig abhebt. Sie
trgt so zu sagen dazu  bei, die Antheile des in der Luft verbreiteten
Lichtes, deren vernderliche Unterschiede einen Gegenstand mehr oder
weniger deutlich sichtbar machen, auszugleichen. Kahle Kalkgebirge, mit
Granitsand bedeckte Berggipfel, die hohen Savannen der Kordilleren, [_Los
Pajonales_, von _paja_, Gras. So heit die Zone der grasartigen Gewchse,
welche unter der Region des ewigen Schnees liegt.] die goldgelb sind,
treten allerdings in geringer Entfernung deutlicher hervor als
Gegenstnde, die man negativ sieht; aber nach der Theorie besteht eine
gewisse Grenze, jenseits welcher diese letzteren sich bestimmter vom Blau
des Himmels abheben.

Bei den colossalen Berggipfeln von Quito und Peru, die ber die Grenze des
ewigen Schnees hinausragen, wirken alle gnstigen Umstnde zusammen, um
sie unter sehr kleinen Winkeln sichtbar zu machen. Wir haben oben gesehen,
da der abgestumpfte Gipfel des Pic von Tenerifa nur gegen 300 Toisen
[580 m] Durchmesser hat. Nach den Messungen, die ich im Jahre 1803 zu
Riobamba angestellt, ist die Kuppe des Chimborazo 153 Toisen [298 m] unter
der Spitze, also an einer Stelle, die 1300 Toisen [2533 m] hher liegt als
der Pik, noch 673 Toisen (1312 Meter) breit. Ferner nimmt die Zone des
ewigen Schnees ein Viertheil der ganzen Berghhe ein, und die Basis dieser
Zone ist, von der Sdsee gesehen, 3437 Toisen (6700 Meter) breit. Obgleich
aber der Chimborazo um zwei Drittel hher ist als der Pic, sieht man ihn
doch wegen der Krmmung der Erde nur 38 1/3 Meilen weiter. Wenn er im
Hafen von Guayaquil am Ende der Regenzeit am Horizont auftaucht, glnzt
sein Schnee so stark, da man glauben sollte, er mte sehr weit in der
Sdsee sichtbar seyn. Glaubwrdige Schiffer haben mich versichtert, sie
haben ihn bei der Klippe Muerto, sdwestlich von der Insel Puna, auf 47
Meilen [211,5 km] gesehen. So oft er noch weiter gesehen worden, sind die
Angaben unzuverlssig, weil die Beobachter ihrer Lnge nicht gewi waren.

Das in der Luft verbreitete Licht erhht, indem es auf die Berge fllt,
die Sichtbarkeit derer, die positiv sichtbar sind; die Strke desselben
vermindert im Gegentheil die Sichtbarkeit von Gegenstnden, die, wie der
Pic von Teneriffa und der der Azoren, sich dunkelfarbig abheben. Bouguer
hat auf theoretischem Wege gefunden, da nach der Beschaffenheit unserer
Atmosphre Berge negativ nicht weiter als auf 35 Meilen gesehen werden
knnen. Die Erfahrung -- und diese Bemerkung ist wichtig -- widerspricht
dieser Rechnung. Der Pik von Tenerifa ist hufig auf 36, 38, sogar auf 40
Meilen gesehen worden. Noch mehr, auf der Fahrt nach den Sandwichsinseln
hat man den Gipfel des Mowna-Roa(9) und zwar zu einer Zeit, wo kein Schnee
darauf lag, dicht am Horizont auf 53 Meilen gesehen. Dies ist bis jetzt
das auffallendste bekannte Beispiel von der Sichtbarkeit eines Berges, und
was noch merkwrdiger ist, es handelt sich dabei von einem Gegenstand, der
nur negativ sichtbar ist.

Ich glaubte diese Bemerkungen am Ende dieses Capitels zusammenstellen zu
sollen, weil sie sich auf eines der wichtigsten Probleme der Optik
beziehen, auf die Schwchung der Lichtstrahlen bei ihrem Durchgang durch
die Schichten der Luft, und zugleich nicht ohne praktischen Nutzen sind.
Die Vulkane Teneriffas und der Azoren, die Sierra Nevada von St. Martha,
der Pic von Orizaba, die Silla bei Caracas, Mowna-Roa und der
St. Eliasberg liegen vereinzelt in weiten Meeresstrecken oder auf den
Ksten der Continente, und dienen so dem Seefahrer, der die Mittel nicht
hat, um den Ort des Schiffes durch Sternbeobachtungen zu bestimmen,
gleichsam als Bojen im Fahrwasser. Alles, was mit der Erkennbarkeit dieser
natrlichen Bojen zusammenhngt, ist fr die Sicherheit der Schifffahrt
von Belang.

                            ------------------





    1 Ich mu hier bemerken, da ich von einem Werke in sechs Bnden, das
      unter dem seltsamen Titel: Reise um die Welt und in Sdamerika, von
      A. v. Humboldt, erschienen bei Vollmer in Hamburg, niemals Kenntni
      genommen habe. Diese in meinem Namen verfate Reisebeschreibung
      scheint nach in den Tageblttern gegebenen Nachrichten und nach
      einzelnen Abhandlungen, die ich in der ersten Classe des
      franzsischen Institutes gelesen, zusammengeschrieben zu seyn. Um
      das Publikum aufmerksam zu machen, hielt es der Kompilator fr
      angemessen, einer Reise in einige Lnder des neuen Kontinentes den
      anziehenderen Titel einer Reise um die Welt zu geben.

    2 Ich habe die Beobachtungen, die ich in beiden Hemisphren
      anzustellen Gelegenheit gehabt, mit denen zusammengestellt, die in
      den Werken von Cook, Laprouse, dEntrecasteur, Vancouver,
      Macartney, Krusenstern und Marchand gegeben sind, und darnach
      schwankt die Geschwindigkeit der allgemeinen Strmung unter den
      Tropen zwischen 5 und 18 Meilen in 24 Stunden, somit zwischen
      0,3 und 1,2 Fu in der Secunde.

    3 Wenn es sich von der Meerestemperatur handelt, hat man sorgfltig
      vier ganz gesonderte Erscheinungen zu unterscheiden: 1) die
      Temperatur des Wassers an der Oberflche unter verschiedenen
      Breiten, das Meer als ruhig angenommen; 2) die Abnahme der Wrme in
      den ber eineander gelagerten Wasserschichten; 3) den Einflu der
      Untiefen auf die Temperatur des Meeres; 4) die Temperatur der
      Strmungen, die mit constanter Geschwindigkeit die Gewsser der
      einen Zone durch ruhenden Gewsser der andern hindurchfhren.

    4 Diese Kameele, die zum Feldbau dienen und deren Fleisch man im Lange
      zuweilen eingesalzen it, lebten hier nicht vor der Eroberung der
      Inseln durch die Bthencourts. Im sechzehnten Jahrhundert hatten
      sich die Esel auf Fortaventura dergestalt vermehrt, da sie
      verwildert waren und man Jagd auf sie machen mute. Man scho ihrer
      mehrere tausend, damit die Ernten nicht zu Grunde gingen. Die Pferde
      auf Fortaventura sind von berberischer Rasse und ausgezeichnet
      schn.

    5 In 32 Faden Tiefe kann der Fucus nur von einem Lichte beleuchtet
      gewesen seyn, das 203mal strker ist als das Mondlicht, also gleich
      der Hlfte des Lichts, das eine Talgkerze auf 1 Fu Entfernung
      verbreitet. Nach meinen direkten Versuchen wird aber das _Lepidium
      saticum_ beim glnzenden Lichte zweier Argandschen Lampen kaum
      merkbar grn.

    6 Ich bemerke hier, da diese Klippe schon auf der berhmten
      venetianischen Karte des Andrea Bianco angegeben ist, da aber mit
      dem Namen Infierno, wie auch auf der ltesten Karte des Picigano,
      Teneriffa bezeichnet ist, wahrscheinlich, weil die Guanchen den Pic
      als den Eingang der Hlle ansahen.

    7 Mit Verwunderung liest man in einem sonst ganz ntzlichen, unter den
      Seeleuten sehr verbreiteten Buche, in der neunten Ausgabe des
      _Practical Navigator_ von Hamilton Moore, p. 200, in Folge der
      Massenattractien oder der allgemeinen Schwere komme ein Fahrzeug
      schwer von der Kste weg und werde die Schaluppe einer Fregatte von
      dieser selbst angezogen.

    8 Die Hhe dieses Pics betrgt nach de Fleurien 1100 Toisen [2144 m],
      nach Ferrer 1238 [2413], nach Tofino 1260 [2457], aber diese Maae
      sind nur annhernde Schtzungen. Der Capitn des Pizarro, Don Manuel
      Cagigal, hat mir aus seinem Tagebuch bewiesen, da er den Pic der
      Azoren auf 37 Meilen Entfernung gesehen hat, zu einer Zeit, wo er
      seiner Lnge wenigstens bis auf 2 Minuten gewi war. Der Vulkan
      wurde in Sd 4 Ost gesehen, so da der Irrthum in der Lnge auf die
      Schtzung der Entfernung nur ganz unbedeutenden Einflu haben
      konnte. Indessen war der Winkel, unter dem der Pic der Azoren
      erschien, so gro, da Cagigal der Meinung ist, der Vulkan msse auf
      mehr als 40 oder 42 Lieues zu sehen seyn. Der Abstand von 37 Lieues
      setzt eine Hhe von 1431 Toisen [2789 m] voraus.

    9 Der Mowna-Roa auf den Sandwichsinseln ist nach Marchand ber 2598
      Toisen hoch, nach King 2577, aber diese Messungen sind, trotz ihrer
      zuflligen Uebereinstimmung, keineswegs auf zuverlssigem Wege
      erzielt. Es ist eine ziemlich auffallende Erscheinung, da ein
      Berggipfel unter 19 Breite, der wahrscheinlich ber 2500 Toisen
      hoch ist, von Schnee ganz entblt wird. Die starke Abplattung des
      Mowna-Roa, der *Mesa* der alten spanischen Karten, seine vereinzelte
      Lage im Weltmeer und die Hufigkeit gewisser Winde, die durch den
      aufsteigenden Strom abgelenkt, in schiefer Richtung wehen, mgen die
      vornehmsten Ursachen seyn. Es lt sich nicht wohl annehmen, da
      sich Capitn Marchand in der Schtzung des Abstandes, in dem er am
      10. Oktober 1791 den Gipfel des Mowna-Roa sah, bedeutend geirrt
      habe. Er hatte die Insel O-Whyhee erst am 7. Abends verlassen, und
      nach der Bewegung der Gewsser und den Mondsbeobachtungen am
      10. betrug die Entfernung wahrscheinlich sogar noch mehr als 53
      Meilen. Ueberdie berichtet ein erfahrner Seemann, de Fleurien, da
      der Pic von Teneriffa selbst bei nicht ganz klarem Wetter auf 35 bis
      36 Meilen zu sehen sey.





ZWEITES KAPITEL


      Aufenthalt auf Teneriffa -- Reise von Santa Cruz nach Orotava --
                           Besteigung des Pics


Von unserer Abreise von Graciosa an war der Horizont fortwhrend so
dunstig, da trotz der ansehnlichen Hhe der Berge Canarias _(Isla de la
gran Canaria)_ die Insel erst am 19. Abends in Sicht kam. Sie ist die
Kornkammer des Archipels der glckseligen Inseln, und man behauptet, was
fr ein Land auerhalb der Tropen sehr auffallend ist, in einigen Strichen
erhalte man zwei Getreideernten im Jahre, eine im Februar, die andere im
Juni. Canaria ist noch nie von einem unterrichteten Mineralogen besucht
worden; sie verdiente es aber um so mehr, als mir ihre in parallen Ketten
streichenden Berge von ganz andrem Charakter schienen, als die Gipfel von
Lancerota und Teneriffa. Nichts ist fr den Geologen anziehender als die
Beobachtung, wie sich an einem bestimmten Punkte die vulkanischen
Bildungen zu den Urgebirgen und den securdren Gebirgen verhalten. Sind
einmal die canarischen Inseln in allen ihren Gebirgsgliedern erforscht, so
wird sich zeigen, da man zu voreilig die Bildung der ganzen Gruppe einer
Hebung durch unterseeische Feuerausbrche zugeschrieben hat.

Am 19. Morgens sahen wir den Berggipfel Naga (_Punta de Naga_, _Anaga_
oder _Nago_), aber der Pik von Teneriffa blieb fortwhrend unsichtbar. Das
Land trat nur undeutlich hervor, ein dicker Nebel verwischte alle Umrisse.
Als wir uns der Rhede von Santa Cruz nherten, bemerkten wir, da der
Nebel, vom Winde getrieben, auf uns zukam. Das Meer war sehr unruhig, wie
fast immer in diesen Strichen. Wir warfen Anker, nachdem wir mehrmals das
Senkblei ausgeworfen; denn der Nebel war so dicht, da man kaum auf ein
paar Kabellngen sah. Aber eben da man anfing den Platz zu salutiren,
zerstreute sich der Nebel vllig, und da erschien der Pic de Teyde in
einem freien Stck Himmel ber den Wolken, und die ersten Strahlen der
Sonne, die fr uns noch nicht aufgegangen war, beleuchteten den Gipfel des
Vulkanes. Wir eilten eben aufs Vordertheil der Corvette, um dieses
herrlichen Schauspiels zu genieen, da signalisirte man vier englische
Schiffe, die ganze nahe an unseren Hintertheile auf der Seite lagen. Wir
waren in ihnen vorbeigesegelt, ohne da sie uns bemerkt hatten, und
derselbe Nebel, der uns den Anblick des Pic entzogen, hatte uns der Gefahr
entrckt, nach Europa zurckgebracht zu werden. Wohl wre es fr
Naturforscher ein groer Schmerz gewesen, die Kste von Teneriffa von
weitem gesehen zu haben, und einen von Vulkanen zerrtteten Boden nicht
betreten zu drfen.

Alsbald hoben wir den Anker und der Pizarro nherte sich so viel mglich
dem Fort, um unter den Schutz desselben zu kommen. Hier auf dieser Rhede,
als zwei Jahre vor unserer Ankunft die Englnder zu landen versuchten, ri
eine Kanonenkugel Admiral Nelson den Arm ab (im Juli 1797). Der
Generalstatthalter der canarischen Inseln [Don Andrs de Perlasca.]
schickte an den Capitn der Corvette den Befehl, alsbald die
Staatsdepechen fr die Statthalter der Colonien, das Geld an Bord und die
Post ans Land schaffen zu lassen. Die englischen Schiffe entfernten sich
von der Rhede; sie hatten tags zuvor auf das Paketboot Alcadia Jagd
gemacht, das wenige Tage vor uns von Corunna abgegangen war. Es hatte in
den Hafen von Palmas auf Canaria einlaufen mssen, und mehrere Passagiere,
die in einer Schaluppe nach Santa Cruz auf Teneriffa fuhren, waren
gefangen worden.

Die Lage dieser Stadt hat groe Aehnlichkeit mit der von Guayra, dem
besuchtesten Hafen der Provinz Caracas. An beiden Orten ist die Hitze aus
denselben Ursachen sehr gro; aber von  auen erscheint Santa Cruz
trbseliger. Auf einem den, sandigen Strande stehen blendend weie Huser
mit platten Dchern und Fenstern ohne Glas vor einer schwarzen senkrechten
Felsmauer ohne allen Pflanzenwuchs. Ein hbscher Hafendamm aus gehauenen
Steinen und der ffentliche, mit Pappeln besetzte Spaziergang bringen die
einzige Abwechselung in das eintnige Bild. Von Santa Cruz aus nimmt sich
der Pic weit weniger malerisch aus als im Hafen von Orotava. Dort ergreift
der Gegensatz zwischen einer lachenden, reich bebauten Ebene und der
wilden Physiognomie des Vulkanes. Von den Palmen- und Bananengruppen am
Strande bis zu der Region der Arbutus, der Lorbeeren und Pinien ist das
vulkanische Gestein mit krftigem Pflanzenwuchs bedeckt. Man begreift, wie
sogar Vlker, welche unter dem schnen Himmel von Griechenland und Italien
wohnen, im stlichen Teil von Teneriffa eine der glckseligen Inseln
gefunden zu haben meinten. Die Ostkste dagegen, an der Santa Cruz liegt,
trgt berall den Stempel der Unfruchtbarkeit. Der Gipfel des Pics ist
nicht der als das Vorgebirge aus basaltischer Lava, das der Punta de Naga
zuluft und wo Fettpflanzen in den Ritzen des Gesteines eben erst den
Grund zu einstiger Dammerde legen. ImHaven von Orotava erscheint die
Spitze des Zuckerhutes unter einem Winkel von 16 , whrend auf dem
Hafendamm von Santa Cruz der Winkel kaum 4 36' betrgt. [Der Spitze des
Vulkans ist von Orotava etwa 8600, von Santa Cruz 22,500 Toisen entfernt.]

Trotz diesem Unterschied, und obgleich am letzteren Orte der Vulkan kaum
so weit ber den Horizont aufsteigt, als der Vesuv, vom Molo von Neapel
aus gesehen, so ist dennoch der Anblick des Pics, wenn man ihn vor Anker
auf der Rhede zum erstenmal sieht, uerst groartig. Wir sahen nur den
Zuckerhut; sein Kegel hob sich vom reinsten Himmelsblau ab, whrend
schwarze dicke Wolken den brigen Berg bis auf 1800 Toisen [3500 m] Hhe
einhllten. Der Bimsstein, von den ersten Sonnenstrahlen  beleuchtet, warf
ein rthliches Licht zurck, dem hnlich, das hufig die Gipfel der
Hochalpen frbt. Allmhlich ging dieser Schimmer in das blendendste Wei
ber, und es ging uns wie den meisten Reisenden, wir meinten, der Pic sey
noch mit Schnee bedeckt und wir werden nur mit groer Mhe an den Rand des
Kraters gelangen knnen.

Wir haben in der Cordillere der Anden die Beobachtung gemacht, da
Kegelberge, wie der Cotopaxi und der Tungurahua, sich fter unbewlkt
zeigen als Berge, deren Krone mit vielen kleinen Unebenheiten besetzt ist,
wie der Antisana und der Pichincha; aber der Pic von Teneriffa ist, trotz
seiner Kegelgestalt, einen groen Theil des Jahres in Dunst gehllt, und
zuweilen sieht man ihn auf der Rhede von Santa Cruz mehrere Wochen lang
nicht ein einzigesmal. Die Erscheinung erklrt sich ohne Zweifel daraus,
da er westwrts von einem groen Festland und ganz isoliert im Meere
liegt. Die Schiffer wissen recht gut, da selbst die kleinsten,
niedrigsten Eilande die Wolken anziehen und festhalten. Ueberdie erfolgt
die Wrmeabgabe ber den Ebenen Afrika's und ber der Meeresflche in
verschiedenem Verhltni, und die Luftschichten, welche die Passatwinde
herfhren, khlen sich immer mehr ab, je weiter sie gegen Wesst gelangen.
Die Luft, die ber dem hieen Wstensand ausnehmend trochen war,
schwngert sich rasch, sobald sie mit der Meeresflche oder mit der Luft,
die auf dieser Flche ruht, in Berhrung kommt. Man sieht also leicht,
warum die Dnste in Luftschichten sichtbar werden, die, vom Festland
weggefhrt, nicht mehr die Temperatur haben, bei der sie sich mit Wasser
gesttigt hatten. Zudem hlt die bedeutende Masse eines frei aus dem
atlantischen Meere aufsteigenden Berges die Wolken auf, welche der Wind
der hohen See zutreibt.

Lange und mit Ungeduld warteten wir auf die Erlaubnis von seiten des
Statthalters, ans Land gehen zu drfen. Ich ntzte die Zeit, um die Lnge
des Hafendammes von Santa Cruz zu bestimmen und die Inclination der
Magnetnadel zu beobachten. Der Chronometer von Louis Berthoud gab jene zu
18 33' 10" an. Diese Bestimmung weicht um 3-4 Bogenminuten von derjenigen
ab, die sich aus den alten Beobachtungen von Fleurieu, Pingr, Borda,
Vancouver und la Peyrouse ergibt. Guenot hatte brigens gleichfalls
18 33' 36" gefunden und der unglckliche Capitn Blight 18 34' 30". Die
Genauigkeit meines Ergebnisses wurde drei Jahre darauf bei der Expedition
des Ritters Krusenstern besttigt: man fand fr Santa Cruz 16 12' 45"
westlich von Greenwich, folglich 18 33' 0" westlich von Paris. Diese
Angaben zeigen, da die Lngen, welche Capitn Cook fr Teneriffa und das
Cap der guten Hoffnung annahm, viel zu weit westlich sind. Derselbe
Seefahrer hatte im Jahr 1799 die magnetische Inclination gleich 61 52'
gefunden. Bonpland und ich fanden 62 24', was mit dem Resultat
bereinstimmt, das de Rossel bei d'Entrecasteaux's Expedition im Jahr 1791
erhielt. Die Declination der Nadel schwankt um mehrere Grade, je nachdem
man sie auf dem Hafendamm oder an verschiedenen Punkten nordwrts lngs
des Gestades beobachtet. Diese Schwankungen knnen ein einem von
vulkanischem Gestein umgebenen Orte nicht befremden. Ich habe mit
Gay-Lussac die Beobachtung gemacht, da am Abhang des Vesuvs und im Innern
des Kraters die Intensitt der magnetischen Kraft durch die Nhe der Laven
modicirt wird.

Nachdem die Leute, die zu uns an Bord gekommen waren, um sich nach
politischen Neuigkeiten zu erkundigen, uns mit ihren vielerlei Fragen
geplagt hatten, stiegen wir endlich ans Land. Das Boot wurde sogleich zur
Corvette zurckgeschickt, weil die auf der Rhede sehr gefhrliche Brandung
es leicht htte am Hafendamm zertrmmern knnen. Das erste, was uns zu
Gesicht kam, war ein hochgewachsenes, sehr gebruntes, schlecht
gekleidetes Frauenzimmer, das die *Capitana* hie. Hinter ihr kamen einige
andere in nicht anstndigerem Aufzug; sie bestrmten uns mit der Bitte, an
Bord des Pizarro gehend zu drfen, was ihnen natrlich nicht bewilligt
wurde. In diesem von Europern so stark besuchten Hafen ist die
Ausschweifung diszipliniert. Die Capitana ist von ihresgleichen als
Anfhrerin gewhlt, und sie hat groe Gewalt ber sie. Sie lt nichts
geschehen, was sich mit dem Dienst auf den Schiffen nicht vertrgt, sie
fordert die Matrosen auf, zur rechten Zeit an Bord zurckzukehren, und die
Officiere wenden sich an sie, wenn man frchtet, da sich einer von der
Mannschaft versteckt habe, um auszureien.

Als wir die Straen von Santa Cruz betraten, kam es uns zum Ersticken hei
vor, und doch stand der Thermometer nur auf 25 Grad. Wenn man lange
Seeluft geathmet hat, fhlt man sich unbehaglich, so oft man ans Land
geht, nicht weil jene Luft mehr Sauerstoff enthlt als die Luft am Land,
wie man irrthmlich behauptet hat, sondern weil sie weniger mit den
Gasgemischen geschwngert ist, welche die thierischen und Pflanzenstoffe
und die Dammerde, die sich aus ihrer Zersetzung bildet, fortwhrend in den
Luftkreis entbinden. Miasmen, welche sich der chemischen Analyse
entziehen, wirken gewaltig auf die Organe, zumal wenn sie nicht schon seit
lngerer Zeit denselben Reizen ausgesetzt gewesen sind.

Santa Cruz de Tenerifa, das Aaza der Guanchen, ist eine ziemlich hbsche
Stadt mit 8000 Einwohnern. Mir ist die Menge von Mnchen und
Weltgeistlichen, welche die Reisenden in allen Lndern unter spanischem
Zepter sehen zu mssen glauben, gar nicht aufgefallen. Ich halte mich auch
nicht damit auf, die Kirchen zu beschreiben, die Bibliothek der
Dominicaner, die kaum ein paar hundert Bnde zhlt, den Hafendamm, wo die
Einwohnerschaft Abends zusammenkommt, um der Khle zu genieen, und das
berhmte dreiig Fu [10 m] hohe Denkmal aus carrarischen Marmor, geweiht
unserer lieben Frau von Candelaria, zum Gedchtni ihrer wunderbaren
Erscheinung zu Chimisay bei Guimar im Jahre 1362. Der Hafen von Santa Cruz
ist eigentlich ein groes Caravanserai auf dem Wege nach Amerika und
Indien. Fast alle Reisebeschreibungen beginnen mit einer Beschreibung von
Madeira und Teneriffa, und wenn die Naturgeschichte dieser Inseln der
Forschung noch ein ungeheures Feld bietet, so lt dagegen die Topographie
der kleinen Stdte Funchal, Santa Cruz, Laguna und Orotava fast nichts zu
wnschen brig.

Die Empfehlungen des Madrider Hofes verschafften uns auf den Canarien, wie
in allen anderen spanischen Besitzungen, die befriedigendste Aufnahme. Vor
allem ertheilte uns der Generalcapitn die Erlaubni, die Insel zu
bereisen. Der Oberst Armiaga, Befehlshaber eines Infanterieregimentes,
nahm uns in seinem Hause auf und berhufte uns mit Hflichkeit. Wir
wurden nicht mde, in seinem Garten im Freien gezogene Gewchse zu
bewundern, die wir bis jetzt nur in Treibhusern gesehen hatten, den
Bananenbaum, den Melonenbaum, die _Poinciana pulcherrima_ und andere. Das
Klima der Canarien ist indessen nicht warm genug, um den chten _Platano
arton_ mit dreieckiger, sieben bis acht Zoll langer Frucht, der eine
mittlere Temperatur von etwa 24 Graden verlangt und selbst nicht im Thale
von Caracas fortkommt, reif werden zu lassen. Die Bananen auf Teneriffa
sind die, welche die spanischen Colonisten *Camburis* oder *Guineos* und
*Dominicos* nennen. Der Camburi, der am wenigsten vom Frost leidet, wird
sogar in Malaga mit Erfolg gebaut [Die mittlere Temperatur dieser Stadt
betrgt nur 18.]; aber die Frchte, die man zuweilen zu Cadix sieht,
kommen von den Canarien auf Schiffen, welche die Ueberfahrt in drei, vier
Tagen machen. Die Musa, die allen Vlkern der heien Zone bekannt ist, und
die man bis jetzt nirgends wild gefunden hat, variiert meist in ihren
Frchten, wie unsere Apfel- und Birnenbume. Diese Varietten, welche die
meisten Botaniker verwechseln, obgleich sie sehr verschiedene Klimate
verlangen, sind durch lange Cultur constant geworden.

Am Abend machten wir eine botanische Excursion nach dem Fort Passo Alto
lngs der Basaltfelsen, welche das Vorgebirge Naga bilden. Wir waren mit
unserer Ausbeute sehr schlecht zufrieben, denn die Trockenheit und der
Staub hatten die Vegetation so ziemlich vernichtet. _Cacalia Kleinia_,
_Euphorbia canariensis_ und sehr verschiedene andere Fettpflanzen, welche
ihre Nahrung vielmehr aus der Luft als aus dem Boden ziehen, auf dem sie
wachsen, mahnten uns durch ihren Habitus daran, da diese Inseln Afrika
angehren, und zwar dem drrsten Striche dieses Festlandes.

Der Capitn der Corvette hatte zwar den Befehl, so lange zu verweilen, da
wir die Spitze des Pics besteigen knnten, wenn anders der Schnee es
gestattete; man gab uns aber zu erkennen, wegen der Blockade der
englischen Schiffe drften wir nur auf einen Aufenthalt von vier, fnf
Tagen rechnen. Wir eilten demnach, in den Hafen von Orotava zu kommen, der
am Westabhang des Vulkans liegt, und wo wir Fhrer zu finden sollten. In
Santa Cruz konnte ich Niemanden auffinden, der den Pic bestiegen gehabt
htte, und ich wunderte mich nicht darber. Die merkwrdigsten Dinge haben
desto weniger Reiz fr uns, je nher sie uns sind, und ich kannte
Schaffhauser, welche den Rheinfall niemals in der Nhe gesehen hatten.

Am 20. Juni vor Sonnenaufgang machten wir uns auf den Weg nach Villa de la
Laguna, die 350 Toisen [682 m] ber dem Hafen von Santa Cruz liegt. Wir
konnten diese Hhenangabe nicht verificiren, denn wegen der Brandung
hatten in der Nacht nicht an Bord gehen knnen, um Barometer und
Inclinationscompa zu holen. Da wir voraussahen, da wir bei unserer
Besteigung des Pic sehr wrden eilen mssen, so war es uns ganz lieb, da
die Instrumente, die uns in unbekannteren Lndern dienen sollten, hier
keiner Gefahr aussetzen konnten. Der Weg nach Laguna hinauf luft an der
rechten Seite eines Baches oder *Barranco* hin, der in der Regenzeit
schne Flle bildet; er ist schmal und vielfach gewunden. Nach meiner
Rckkehr habe ich gehrt, Herr von Perlasca habe hier eine neue Strae
anlegen lassen, auf der Wagen fahren knnen. Bei der Stadt begegneten uns
weie Kameele, die sehr leicht beladen schienen. Diese Thiere werden
vorzugsweise dazu gebraucht, die Waaren von der Douane in die Magazine der
Kaufleute zu schaffen. Man ladet ihnen gewhnlich zwei Kisten Havanazucker
auf, die zusammen 900 Pfund wiegen, man kann aber die Ladung bis auf 13
Zentner oder 52 castilische Arrobas steigern. Auf Teneriffa sind die
Kameele nicht sehr hufig, whrend ihrer auf Lanzerota und Fortaventura
viele Tausende sind. Diese Inseln liegen Afrika nher und kommen daher
auch in Klima und Vegetation mehr mit diesem Continent berein. Es ist
sehr auffallend, da dieses ntzliche Thier, das sich in Sdamerika
fortpflanzt, dies auf Teneriffa fast nie thut. Nur im fruchtbaren Distrikt
von Adexe, wo die bedeutendsten Zuckerrohrpflanzungen sind, hat man die
Kameele zuweilen Junge werfen sehen. Diese Lastthiere, wie die Pferde,
sind im fnfzehnten Jahrhundert durch die normnnischen Eroberer auf den
Canarien eingefhrt worden. Die Guanchen kannten sie nicht, und dies
erklrt sich wohl leicht daraus, da ein so gewaltiges Thier schwer auf
schwachen Fahrzeugen zu transportiren ist, ohne da man die Guanchen als
die Ueberreste der Bevlkerung der Atlantis zu betrachten und zu glauben
braucht, sie gehren einer anderen Rasse an als die Westafrikaner.

Der Hgel, auf dem die Stadt San Christobal de la Laguna liegt, gehrt dem
System von Basaltgebirgen an, die, unabhngig vom System neuerer
vulkanischer Gebirgsarten, einen weiten Grtel um den Pic von Teneriffa
bilden. Der Basalt von Laguna ist nicht sulenfrmig, sondern zeigt nicht
sehr dicke Schichten, die nach Ost unter einem Winkel von 30 - 40 Grad
fallen. Nirgends hat er das Ansehen eines Lavastroms, der an den Abhngen
der Pics ausgebrochen wre. Hat der gegenwrtige Vulkan diese Basalte
hervorgebracht, so mu man annehmen, wie bei den Gesteinen, aus denen die
Somma neben dem Vesuv besteht, da sie in Folge eines unterseeischen
Ausbruchs gebildet sind, wobei die weiche Masse wirklich geschichtet
wurde. Auer  einigen baumartigen Euphorbien, _Cacalia Kleinia_ und
Fackeldisteln (Cactus), welche auf den Canarien, wie im sdlichen Europa
und auf dem afrikanischen Festland verwildert sind, wchst nichts auf
diesem drren Gestein. Unsere Maulthiere glitten jeden Augenblick auf
stark geneigten Steinlagern aus. Indessen sahen wir die Ueberreste eines
alten Pflasters. Bei jedem Schritt stt man in den Colonien auf Spuren
der Thatkraft, welche die spanische Nation im sechzehnten Jahrhundert
entwickelt hat.

Je nher wir Laguna kamen, desto khler wurde die Luft, und dies thut um
so wohler, da es in Santa Cruz zum Ersticken hei ist. Da widrige
Eindrcke unsere Organe strker angreifen, so ist der Temperaturwechsel
auf dem Rckweg von Laguna zum Hafen noch auffallender; man meint, man
nhere sich der Mndung eines Schmelzofens. Man hat dieselbe Empfindung,
wenn man an der Kste von Caracas vom Berg Avila zum Hafen von Guayra
niedersteigt. Nach dem Gesetz der Wrmeabnahme machen in dieser Breite 350
Toisen Hhe nur drei bis vier Grad Temperaturunterschied. Die Hitze,
welche dem Reisenden so lstig wird, wenn er Santa Cruz de Teneriffa oder
Guayra betritt, ist daher wohl dem Rckprallen der Wrme von den Felsen
zuzuschreiben, an welche beide Stdte sich lehnen.

Die fortwhrende Khle, die in Laguna herrscht, macht die Stadt fr die
Canarier zu einem kstlichen Aufenthaltsort. Auf einer kleinen Ebene,
umgeben von Grten, am Fue eines Hgels, den Lorbeeren, Myrten und
Erdbeerbume krnen, ist die Hauptstadt von Teneriffa wirklich ungemein
freundlich gelegen. Sie liegt keineswegs, wie man nach meheren
Reiseberichten glauben sollte, an einem See. Das Regenwasser bildet hier
periodisch einen weiten Sumpf, und der Geolog, der berall in der Natur
vielmehr einen frheren Zustand der Dinge als den gegenwrtigen im Auge
hat, zweifelt nicht daran, da die ganze Ebene ein groes ausgetrockenetes
Becken ist. Laguna ist in seinem Wohlstand herabgekommen, seit die
Seitenausbrche des Vulkans den Hafen von Garachico zerstrt haben und
Santa Cruz der Haupthandelsplatz der Inseln geworden ist; es zhlt nur
noch 9000 Einwohner, worunter gegen 400 Mnche in sechs Klstern. Manche
Reisende behaupten, die Hlfte  der Bevlkerung bestehe aus Kuttentrgern.
Die Stadt ist mit zahlreichen Windmhlen umgeben, ein Wahrzeichen des
Getreidebaus in diesem hochgelegenen Striche. Ich bemerke bei dieser
Gelegenheit, da die nhrenden Grasarten den Guanchen bekannt waren. Das
Korn hie auf Teneriffa _tano_, auf Lanzerota _triffa_; die Gerste hie
auf Canaria _aramotanoque_, auf Lanzerota _tamosen_. Gerstetes
Gerstenmehl _(gofio)_ und Ziegenmilch waren die vornehmsten Nahrungsmittel
dieses Volkes, ber dessen Ursprung so viele systematische Trumereien
ausgeheckt worden sind. Diese Nahrung weist bestimmt darauf hin, da die
Guanchen zu den Vlkern der alten Welt gehrten, wohl selbst zur
caucasischen Race, und nicht, wie die andern Atlanten [Ich lasse mich hier
auf keine Verhandlung ber die Existenz der Atlantis ein und erwhne nur,
da nach Diodor von Sicilien die Atlanten die Cerealien nicht kannten,
weil sie von der brigen Menschheit getrennt worden, bevor berhaupt
Getreide gebaut wurde.], zu den Volksstmmen der neuen Welt; die letzteren
kannten vor der Ankunft der Europer weder Getreide, noch Milch, noch
Kse.

Eine Menge Capellen, von den Spaniern _ermitas_ genannt, liegen um die
Stadt Laguna. Umgeben von immergrnen Bumen auf kleinen Anhhen, erhhen
diese Capellen, wie berall den malerischen Reiz der Landschaft. Das
Innere der Stadt entspricht dem Aeuern durchaus nicht. Die Huser sind
solid gebaut, aber sehr alt und die Straen de. Der Botaniker hat
brigens nicht zudauern, da die Huser so alt sind. Dcher und Mauern
sind bedeckt mit _Sempervivum canariense_ und dem zierlichen
_Trichomanes_, dessen alle Reisende gedenken; die hufigen Nebel geben
diesen Gewchsen Unterhalt.

Anderson, der Naturforscher bei Capitn Cooks dritter Reise, gibt den
europischen Aerzten den Rath, ihre Kranken nach Teneriffa zu schicken,
keineswegs auf der Rcksicht, welche manche Heilknstler die entlegendsten
Bder whlen lt, sondern wegen der ungemeinen Milde und Gleichmigkeit
des Klimas der Canarien. Der Boden der Inseln steigt amphitheatralisch auf
und zeigt, gleich Peru und Mexico, wenn auch in kleinerem Maastab, alle
Klimate, von afrikanischer Hitze bis zum Froste der Hochalpen. Santa Cruz,
der Hafen von Orotava, die Stadt desselben Namens und Laguna sind vier
Orte, deren mittlere Temperaturen eine abnehmende Reihe darstellen. Das
sdliche Europa bietet nicht dieselben Vortheile, weil der Wechsel der
Jahreszeiten sich noch zu stark fhlbar macht. Teneriffa dagegen,
gleichsam an der Pforte der Tropen und doch nur wenige Tagereisen von
Spanien, hat schon ein gut Theil der Herrlichkeit aufzuweisen, mit der die
Natur die Lnder zwischen den Wendekreisen ausgestattet. Im Pflanzenreich
treten bereits mehrere der schnsten und groartigsten Gestalten auf, die
Bananen und die Palmen. Wer Sinn fr Naturschnheit hat, findet auf dieser
kstlichen Insel noch krftigere Heilmittel als das Klima. Kein Ort der
Welt scheint mir geeigneter, die Schwermuth zu bannen und einen
schmerzlich ergriffenen Gemthe den Frieden wiederzugeben, als Teneriffa
und Madeia. Und solches wirkt nicht allein die herrliche Lage und die
reine Luft, sondern vor allem das Nichtvorhandensein der Sklaverei, deren
Anblick einen in beiden Indien so tief emprt, wie berall, wohin
europische Colonisten ihre sogenannte Aufklrung und ihre Industrie
getragen haben.

Im Winter ist das Klima von Laguna sehr nebligt und die Einwohner beklagen
sich hufig ber Frost. Man hin indessen nie schneien sehen, woraus man
schlieen sollte, da die mittlere Temperatur der Stadt ber 18,7
(15 R.) betrgt, das heit mehr als in Neapel. Fr streng kann dieser
Schlu nicht gelten; denn im Winter hngt die Erkltung der Wolken weniger
von der mittleren Temperatur des ganzen Jahres ab als vielmehr von der
augenblicklichen Erniedrigung der Wrme, der ein Ort vermge seiner
besondern Lage ausgesetzt ist. Die mittlere Temperatur der Hauptstadt von
Mexico ist z. B. nur 16,8 (13,5 R.), und doch hat man in hundert Jahren
nur ein einziges mal schneien sehen, whrend es im sdlichen Europa und in
Afrika noch an Orten schneit, die ber 19 Grad mittlere Temperatur haben.

Wegen der Nhe des Meeres ist das Klima von Laguna im Winter milder, als
es nach der Meereshhe seyn sollte. Herr Broussonet hat sogar, wie ich mit
Verwunderung hrte, mitten in der Stadt, im Garten des Marquis von Nava,
Brotfruchtbume _(Artocarpus incisa)_ und Zimmtbume _(Laurus cinnamomum)_
angepflanzt. Diese kstlichen Gewchse der Sdsee und Ostindiens wurden
hier einheimisch, wie auch in Orotava. Sollte dieser Versuch nicht
beweisen, da der Brotfruchtbaum in Calabrien, auf Sicilien und in Grenada
fortkme? Der Anbau des Kaffeebaumes ist in Laguna nicht in gleichem Maae
gelungen, wenn auch die Frchte bei Tegueste und zwischen dem Hafen von
Orotava und dem Dorfe San Juan de la Rambla reif werden. Wahrscheinlich
sind rtliche Verhltnisse, vielleicht die Beschaffenheit des Bodens und
die Winde, die in der Blthezeit wehen, daran Schuld. In andern Lndern,
z. B. bei Neapel, trgt der Kaffeebaum ziemlich reichlich Frchte,
obgleich die mittlere Temperatur kaum ber 18 Grad der hunderttheiligen
Scale betrgt.

Auf Teneriffa ist die mittlere Hhe, in der jhrlich Schnee fllt, noch
niemals bestimmt worden. Solches ist mittelst barometrischer Messung
leicht auszufhren, es ist aber bis jetzt fast in allen Erdstrichen
versumt worden; und doch ist diese Bestimmung von groem Belang fr den
Ackerbau in den Colonien und fr die Meteorologie, und ganz so wichtig als
das Hhenmaa der untern Grenze des ewigen Schnees. Ich stelle die
Ergebnisse meiner betreffenden Beobachtungen in folgender Uebersicht
zusammen.

Diese Tafel gibt nur das Durchschnittsverhltni, das heit die
Erscheinungen, wie sie sich im ganzen Jahre zeigen. Besondere Lokalitten
knnen Ausnahmen herbeifhren. So schneit es zuweilen, wenn auch sehr
selten, in Neapel, Lissabon, sogar in Malaga, also noch unter dem 37. Grad
der Breite, und wie schon bemerkt, hat man Schnee in der Stadt Mexiko
fallen sehen, die 1173 Toisen [2286 m] ber dem Meere liegt. Dies war seit
mehreren Jahrhunderten nicht vorgekommen, und das Ereigni trat gerade am
Tage ein, da die Jesuiten vertrieben wurden, und wurde vom Volke natrlich
dieser Gewaltmaaregel zugeschrieben. Noch ein auffallenderes Beispiel
bietet das Klima von Valladolid, der Hauptstadt der Provinz Mechoacan.
Nach meinen Messungen liegt diese Stadt unter 19 41' der Breite nur
tausend Toisen hoch; dennoch waren daselbst wenige Jahre vor meiner
Ankunft in Neuspanien die Straen mehrere Stunden lang mit Schnee bedeckt.

Auch auf Teneriffa hat man an einem Orte ber Esperanza de la Laguna,
dicht bei der Stadt dieses Namens, in deren Grten Brotbume wachsen,
schneien sehen. Dieser auerordentliche Fall wurde Broussonet von sehr
alten Leuten erzhlt. Die _Erica arborea_, die _Mirica Faya_ und _Arbutus
callycarpa_ litten nicht durch den Schnee; aber alle Schweine, die im
Freien waren, kamen dadurch um. Diese Beobachtung ist fr die
Pflanzenphysiologie von Wichtigkeit. In heien Lndern sind die Gewchse
so krftig, da ihnen der Frost weniger schadet, wenn er nur nicht lange
anhlt. Ich habe auf der Insel Cuba den Bananenbaum an Orten angebaut
gesehen, wo der hunderttheilige Thermometer auf 7 Grad, ja zuweilen fast
auf den Gefrierpunkt fllt. In Italien und Spanien gehen Orangen- und
Dattelbume nicht zu Grunde, wenn es auch bei Nacht zwei Grad Klte hat.
Im Allgemeinen macht man beim Garten- und Landbau die Bemerkung, da
Pflanzen in fruchtbarem Boden weniger zrtlich und somit auch fr
ungewhnlich niedrige Temperaturgrade weniger empfindlich sind, als
solche, die in einem Erdreich wachsen, da ihnen nur wenig Nahrungssfte
bietet(10)

Zwischen der Stadt Laguna, und dem Hafen von Orotava und der Westkste von
Teneriffa kommt man zuerst durch ein hgligtes Land mit schwarzer
thonigter Dammerde, in der man hin und wieder kleine Augitkrystalle
findet. Wahrscheinlich reit das Wasser diese Krystalle vom anstehenden
Gestein ab, wie zu Frascati bei Rom. Leider entziehen eisenhaltige
Fltzschichten den Boden der geologischen Untersuchung. Nur in einigen
Schluchten kommen sulenfrmige, etwas gebogene Basalte zu Tag, und
darber sehr neue, den vulkanischen Tuffen hnliche Mengsteine. In
denselben sind Bruchstcke des unterliegenden Basalts eingeschlossen, und
wie versichert wird, finden sich Versteinerungen von Seethieren darin;
ganz dasselbe kommt im Vicentinischen bei Montechio maggiore vor.

Wenn man ins Tal von Tacoronte hinabkommt, betritt man das herrliche Land,
von dem die Reisenden aller Nationen mit Begeisterung sprechen. Ich habe
im heien Erdgrtel Landschaften gesehen, wo die Natur groartiger ist,
reicher in der Entwicklung organischer Formen; aber nachdem ich die Ufer
des Orinoko, die Cordilleren in Peru und die schnen Thler von Mexiko
durchwandert, mu ich gestehen, nirgends ein so mannigfaltiges, so
anziehendes, durch die Vertheilung von Grn und Felsmassen so harmonisches
Gemlde vor mir gehabt zu haben.

Das Meeresufer schmcken Dattelpalmen und Cocosnubume; weiter oben
stechen Bananengebsche von Drachenbumen ab, deren Stamm man ganz richtig
mit einem Schlangenleib vergleicht. Die Abhnge sind mit Reben bepflanzt,
die sich um sehr hohe Spaliere ranken. Mit Blthen bedeckte Orangenbume,
Myrten und Cypressen umgeben Capellen, welche die Andacht auf
freistehenden Hgeln errichtet hat. Ueberall sind die Grundstcke durch
Hecken von Agave und Cactus eingefriedigt. Unzhlige kryptogamische
Gewchse, zumal Farne, bekleiden die Mauern, die von kleinen klaren
Wasserquellen feucht erhalten werden. Im Winter, whrend der Vulkan mit
Eis und Schnee bedeckt ist, geniet man in diesem Landstrich eines ewigen
Frhlings. Sommers, wenn der Tag sich neigt, bringt der Seewind angenehme
Khlung. Die Bevlkerung der Kste ist hier sehr stark; sie erscheint noch
grer, weil Huser und Grten zerstreut liegen, was den Reiz der
Landschaft noch erhht. Leider steht der Wohlstand der Bewohner weder mit
ihrem Fleie, noch mit der Flle der Natur im Verhltni. Die das Land
bauen, sind meist nicht Eigenthmer desselben; die Frucht ihrer Arbeit
gehrt dem Adel, und das Lehnssystem, das so lange ganz Europa unglcklich
gemacht hat, lt noch heute das Volk der Canarien zu keiner Blthe
gelangen.

Von Tegueste und Tacoronte bis zum Dorfe San Juan de la Rambla, berhmt
durch seinen trefflichen Malvasier, ist die Kste wie ein Garten angebaut.
Ich mchte sie mit der Umgegend von Capua oder Valencia vergleichen, nur
ist die Westseite von Teneriffa unendlich schner wegen der Nhe des Pics,
der bei jedem Schritt wieder eine andere Ansicht bietet. Der Anblick
dieses Berges ist nicht allein wegen seiner imposanten Masse anziehend; er
beschftigt lebhaft des Geist und lt uns den geheimnisvollen Quellen der
vulkanischen Krfte nachdenken. Seit Tausenden von Jahren ist kein
Lichtschimmer auf der Spitze des Piton gesehen worden, aber ungeheure
Seitenausbrche, deren letzter im Jahre 1798 erfolgte, beweisen die
fortwhrende Thtigkeit eines nicht erlschenden Feuers. Der Anblick eines
Feuerschlundes mitten in einem fruchtbaren Lande mit reichem Anbau hat
indessen etwas Niederschlagendes. Die Geschichte des Erdballes lehrt uns,
da die Vulkane wieder zerstren, was sie in einer langen Reihe von
Jahrhunderten aufgebaut. Inseln, welche die unterirdischen Feuer ber die
Fluthen emporgehoben, schmcken sich allmhlich mit reichem, lachenden
Grn; aber gar oft werden diese neuen Lnder durch dieselben Krfte
zerstrt, durch die sie vom Boden des Ozeans ber seine Flche gelangt
sind. Vielleicht waren Eilande, die jetzt nichts sind als Schlacken- und
Aschenhaufen, einst so fruchtbar als die Gelnde von Tacoronte und Sauzal.
Wohl den Lndern, wo der Mensch dem Boden, auf dem er wohnt, nicht
mitrauen darf!

Auf unserem Wege zum Hafen von Orotava kamen wir durch die hbschen Drfer
Matanza und Victoria. Diese beiden Namen findet man in allen spanischen
Colonien neben einander; sie machen einen widrigen Eindruck in einem
Lande, wo alles Ruhe und Frieden atmet. *Matanza* bedeutet Schlachtbank,
Blutbad, und schon das Wort deutet an, um welchen Preis der Sieg erkauft
worden. In der neuen Welt weist er gewhnlich auf eine Niederlage der
Eingeborenen hin; auf Teneriffa bezeichnet Matanza den Ort, wo die Spanier
von denselben Guanchen geschlagen wurden, die man bald auf den spanischen
Mrkten als Sklaven verkaufte.

Ehe wir nach Orotava kamen, besuchten wir den botanischen Garten nicht
weit vom Hafen. Wir trafen da den franzsischen Viceconsul Legros, der oft
auf der Spitze des Pic gewesen war und an dem wir einen vortrefflichen
Fhrer fanden. Er hatte mit Capitn Baudin eine Fahrt nach Antillen
gemacht, durch die der Pariser Pflanzengarten ansehnlich bereichert worden
ist. Ein furchtbarer Sturm, den Ledru in seiner Reise nach Portorico
beschreibt, zwang das Fahrzeug bei Teneriffa anzulegen, und das herrliche
Klima der Insel brachte Legros zu dem Enschlu, sich hier niederzulassen.
Ihm verdankt die gelehrte Welt Europa's die ersten genauen Nachrichten
ber den groen Seitenausbruch des Pics, den man sehr uneigentlich den
Ausbruch des Vulkans von Chahorra nennt. [Am 8. Juni 1798.]

Die Anlage eines botanischen Gartens auf Teneriffa ist ein sehr
glcklicher Gedanke, da derselbe sowohl fr die wissenschaftliche Botanik
als fr die Einfhrung ntzlicher Gewchse in Europa sehr frderlich
werden kann. Die erste Idee eines solchen verdankt man dem Marquis von
Nava (Marquis von Villanueva del Prado), einem Mann, der Poivre an die
Seite gestellt zu werden verdient und im Triebe, das Gute zu frdern, von
seinem Vermgen den edelsten Gebrauch gemacht hat. Mit ungeheuren Kosten
lie er den Hgel von Durasno, der amphitheatralisch aufsteigt, abheben,
und im Jahr 1795 machte man mit den Anpflanzungen den Anfang. Nava war der
Ansicht, da die Canarien, vermge des midlen Klimas und der
geographischen Lage, der geeignetste Punkt seyen, um die Naturprodukte
beider Indien zu acclimatisiren, um die Gewchse aufzunehmen, die sich
allmhlich an die niedrigere Temperatur des sdlichen Europa gewhnen
sollen. Asiatisch, afrikanische, sdamerikanische Pflanzen gelangen leicht
in den Garten bei Orotava, um den Chinabaum [Ich meine die Chinaarten, die
in Peru und im Knigreich Neu-Grenada auf dem Rcken der Cordilleren,
zwischen 1000 und 1500 Toisen Meereshhe an Orten wachsen, wo der
Thermometer bei Tag zwischen 9 und 10 Grad, bei Nacht zwischen 3 und 4
Grad steht. Die orangegelbe Quinquina _(Cinchona lancifolia)_ ist weit
weniger empfindlich als die rothe _(C. oblongifolia)_] in Sicilien,
Portugal oder Grenada einzufhren, mte man ihn zuerst in Durasno oder
Laguna anbauen und dann erst die Schlinge der canarischen China nach
Europa verpflanzen. In besseren Zeiten, wo kein Seekrieg mehr den Verkehr
in Fesseln schlgt, kann der Garten in Teneriffa auch fr die starken
Pflanzensendungen aus Indien nach Europa von Bedeutung werden. Diese
Gewchse gehen hufig, ehe sie unsere Ksten erreichen, zu Grunde, weil
sie auf der langen Ueberfahrt eine mit Salzwasser geschwngerte Luft
athmen mssen. Im Garten von Orotava fnden sie eine Pflege und ein Klima,
wobei sie sich erholen knnten. Da die Unterhaltung des botanischen
Gartens von Jahr zu Jahr kostspieliger wurde, trat der Marquis denselben
der Regierung ab. Wir fanden daselbst einen geschickten Grtner, einen
Schler Aitons, des Vorstehers des kniglichen Gartens zu Kew. Der Boden
steigt in Terrassen auf und wird von einer natrlichen Quelle bewssert.
Man hat die Aussicht auf die Insel Palma, die wie ein Castell aus dem
Meere emporsteigt. Wir fanden aber nicht viele Pflanzen hier: man hatte,
wo Gattungen fehlten, Etiketten aufgesteckt, mit auf Gerathewohl aus
Linns _systema vegetabilium_ genommen schienen. Diese Anordnung der
Gewchse nach den Classen des Sexualsystems, die man leider auch in
manchen europischen Grten findet, ist dem Anbau sehr hinderlich. In
Durasno wachsen Proteen, der Gojavabaum, der Jambusenbaum, die Chirimoya
aus Peru, [_Annona Cherimolia_ Lamarck.] Mimosen und Heliconien im Freien.
Wir pflckten reife Samen von mehreren schnen Glycinearten aus
Neuholland, welche der Gouverneur von Cumana, Emparan, mit Erfolg
angepflanzt hat und die seitdem auf den sdamerikanischen Ksten wild
geworden sind.

Wir kamen sehr spt in den Hafen von Orotava, [_Puerto de la Cruz_. Der
einzige schne Hafen der Canarien ist der von San Sebastiano auf der Insel
Gomera.] wenn man anders diesen Namen einer Rhede geben kann, auf der die
Fahrzeuge unter Segel gehen mssen, wenn der Wind stark aus Nordwest
blst. Man kann nicht von Orotova sprechen, ohne die Freunde der
Wissenschaft an Cologan zu erinnern, dessen Haus von jeher den Reisenden
aller Nationen offen stand. Mehrere Glieder dieser achtungswerthen Familie
sind in London und Paris erzogen worden. Don Bernardo Cologan ist bei
grndlichen, mannigfaltigen Kenntnissen der feurigste Patriot. Man ist
freudig berrascht, auf einer Inselgruppe an der Kste von Afrika der
liebenswrdigen Geselligkeit, der edlen Wibegierde, dem Kunstsinn zu
begegnen, die man ausschlielich in einem kleinen Theile von Europa zu
Hause glaubt.

Gerne htten wir einige Zeit in Cologans Hause verweilt und mit ihm in der
Umgegend von Orotava die herrlichen Punkte San Juan de la Rambla und
Rialexo de Abaxo besucht. Aber auf einer Reise wie die, welche ich
angetreten, kommt man selten dazu, der Gegenwart zu genieen. Die qulende
Besorgni, nicht ausfhren zu knnen, was man den andern Tag vorhat,
erhlt einen in bestndiger Unruhe. Leidenschaftliche Natur- und
Kunstfreunde sind auf der Reise durch die Schweiz oder Italien in ganz
hnlicher Gemthsverfassung; da sie die Gegenstnde, die Interesse fr sie
haben, immer nur zum kleinsten Theil sehen knnen, so wird ihnen der Genu
durch die Opfer verbitternt, die sie auf jedem Schritt zu bringen haben.

Bereits am 21. Morgens waren wir auf dem Weg nach dem Gipfel des Vulkans.
Legros, dessen zuvorkommende Geflligkeit wir nicht genug loben knnen,
der Secretr des franzsischen Consulats zu Santa Cruz und der englische
Grtner von Durasno teilten mit uns die Beschwerden der Reise. Der Tag war
nicht sehr schn, und der Gipfel des Pic, den man in Orotava fast immer
sieht, von Sonnenaufgang bis zehn Uhr in dicke Wolken gehllt. Ein
einziger Weg fhrt auf den Vulkan durch Villa de Orotava, die Ginsterebene
und das Malpays, derselbe, den Pater Feulle, Borda, Labillardire, Barrow
eingeschlagen, und berhaupt alle Reisenden, die sich nur kurze Zeit in
Teneriffa aufhalten konnten. Wenn man den Pic besteigt, ist es gerade, wie
wenn man das Chamounithal oder den Aetna besucht: man mu seinen Fhrern
nachgehen und man bekommt nur zu sehen, was schon andere Reisende gesehen
und beschrieben haben.

Der Contrast zwischen der Vegetation in diesem Striche von Teneriffa und
der in der Umgegend von Santa Cruz berraschte uns angenehm. Beim khlen,
feuchten Klima war der Boden mit schnem Grn bedeckt, whrend auf dem Weg
von Santa Cruz nach Laguna die Pflanzen nichts als Hlsen hatten, aus
denen bereits der Samen ausgefallen war. Beim Hafen von Orotava wird der
krftige Pflanzenwuchs den geologischen Beobachtungen hinderlich. Wir
kamen an zwei kleinen glockenfrmigen Hgeln vorber. Beobachtungen am
Vesuv und in der Auvergne weisen darauf hin, da dergleichen runde
Erhhungen von Seitenausbrchen des groen Vulkans herrhren. Der Hgel
Montannitta de la Villa scheint wirklich einmal Lava ausgeworfen zu haben;
nach den Ueberlieferungen der Guanchen fand dieser Ausbruch im Jahr 1430
statt. Der Obest Franqui versicherte Borda, man sehe noch deutlich, wo die
geschmolzenen Stoffe hervorquollen, und die Asche, die den Boden ringsum
bedecke, sey noch nicht fruchtbar. [Ich entnehme diese Notiz einer
interessanten Handschrift, die jetzt in Paris im _Dpt des cartes de la
Marine_ aufgewahrt wird. Sie fhrt den Titel. _Rsum des oprations
gographiques des ctes dEspagne et de Portugal sur lOcan, dune partie
des ctes occidentales de lAfrique et des les Canaries, par le chevalier
de Borda._ Es ist dies die Handschrift, von der de Fleurien in seinen
Noten zu Marchands Reise spricht und die mir Borda zum Theil schon vor
meiner Abreise mitgetheilt hatte. Ich habe wichtige, noch nicht
verffentlichte Beobachtungen daraus ausgezogen.] Ueberall, wo das Gestein
zu Tag ausgeht, fanden wir basaltartigen Mandelstein (Werner) und
Bimssteinconglomerat, in dem Rapilli oder Bruchstcke von Bimsstein
eingeschlosen sind. Letztere Formation hat Aehnlichkeit mit dem Tuff von
Pausilipp und mit den Puzzolanschichten, die ich im Thal von Quito, am
Fue des Vulkans Pichincha, gefunden habe. Der Mandelstein hat
langgezogene Poren, wie die obern Lavaschichten des Vesuv. Es scheint die
darauf hinzudeuten, da eine elastische Flssigkeit durch die geschmolzene
Materie durchgegangen ist. Trotz diesen Uebereinstimmungen mu ich noch
einmal bemerken, da ich in der ganzen unteren Region des Pics von
Tenerifa auf der Seite gegen Orotava keinen Lavastrom, berhaupt keinen
vulkanischen Ausbruch gesehen habe, der scharf begrenzt wre. Regengsse
und Ueberschwemmungen wandeln die Erdoberflche um, und wenn zahlreiche
Lavastrme sich vereinigen und ber eine Ebene ergieen, wie ich es am
Vesuv im _Atrio dei Cavalli_ gesehen, so verschmelzen sie in einander und
nehmen das Ansehen wirklich geschichteter Bildungen an.

Villa de Orotava macht schon von weitem einen guten Eindruck durch die
Flle der Gewsser, die auf den Ort zueilen und durch die Hauptstraen
flieen. Die Quelle _Aqua mansa_, in zwei groe Becken gefat, treibt
mehrere Mhlen und wird dann in die Weingrten des anliegenden Gelndes
geleitet. Das Klima in der *Villa* ist noch khler als am Hafen, da dort
von morgens zehn Uhr ein starker Wind weht. Das Wasser, das sich bei
hherer Temperatur in der Luft aufgelst hat, schlgt sich hufig nieder,
und dadurch wird das Klima sehr nebligt. Die Villa liegt etwa 160 Toisen
(312 Meter) ber dem Meer, also zweihundert Toisen niedriger als Laguna;
man bemerkt auch, da dieselben Pflanzen an letzterem Orte einen Monat
spter blhen.

Orotava, das alte Taoro der Guanchen, liegt am steilen Abhang eines
Hgels; die Straen schienen uns de, die Huser, solid gebaut, aber
trbselig anzusehen, gehren fast durch einem Adel, der fr sehr stolz
gilt und sich selbst anspruchsvoll als _dozo casas_ bezeichnet. Wir kamen
an einer sehr hohen, mit einer Menge schner Farn bewachsenen
Wasserleitung vorber. Wir besuchten mehrere Grten, in denen die
Obstbume des nrdlichen Europas neben Orangen, Granatbumen und
Dattelpalmen stehen. Man versicherte uns, letztere tragen hier so wenig
Frchte als in Terra Firma an der Kste von Cumana. Obgleich wir den
Drachenbaum in Herrn Franquis Garten aus Reiseberichten kannten, so setzte
uns seine ungeheure Dicke dennoch in Erstaunen. Man behauptet, der Stamm
dieses Baumes, der in mehreren sehr alten Urkunden erwhnt wird, weil er
als Grenzmarke eines Feldes diente, sey schon im fnfzehnten Jahrhundert
so ungeheuer dick gewesen wie jetzt. Seine Hhe schtzten wir auf 50 bis
60 Fu [16 bis 19,5 m]; sein Umfang nahe ber den Wurzeln betrgt 45 Fu
[14,6 m]. Weiter oben konnten wir nicht messen, aber Sir Georg Staunton
hat gefunden, da zehn Fu [3,25 m] ber dem Boden der Stamm noch zwlf
englische Fu [3,90 m] im Durchmesser hat, was gut mit Bordas Angabe
bereinstimmt, der den mittleren Umfang zu 33 Fu 8 Zoll [10,93 m] angibt.
Der Stamm theilt sich in viele Aeste, die kronleuchterartig aufwrts ragen
und an den Spitzen Bltterbschel tragen, hnlich der Yucca im Tale von
Mexiko. Durch diese Theilung in Aeste unterscheidet sich sein Habitus
wesentlich von der der Palmen.

Unter den organischen Bildungen ist dieser Baum, neben der Adansonie oder
Baobab in Senegal, ohne Zweifel einer der ltesten Bewohner unseres
Erdballs. Die Baobabs werden indessen noch dickder als der Drachenbaum von
Villa dOrotava. Man kennt welche, die an der Wurzel 34 Fu Durchmesser
haben, wobei sie nicht hher sind als 50 bis 60 Fu(11). Man mu aber
bedenken, da die Adansonia, wie die Ochroma und alle Gewchse aus der
Familie der Bombaceen, viel schneller wchst(12) als der Drachenbaum, der
sehr langsam zunimmt. Der in Herrn Franqui's Garten trgt noch jedes Jahr
Blten und Frchte. Sein Anblick mahnt lebhaft an die ewige Jugend der
Natur [_Aristoteles de longit. vitae. cap. 6._], die eine unerschpfliche
Quelle von Bewegung und Leben ist.

Der Drachenbaum, der nur in den angebauten Strichen der Canarien, auf
Madera und Porto Santo vorkommt, ist eine merkwrdige Erscheinung in
Beziehung auf die Wanderung der Gewchse. Auf dem Kontinent und Afrika(13)
ist er nirgends wild gefunden worden, und Ostindien ist sein eigentliches
Vaterland. Auf welchem Wege ist der Baum nach Teneriffa verpflanzt worden,
wo er gar nicht hufig vorkommt? Ist sein Daseyn ein Beweis dafr, da in
sehr entlegener Zeit die Guanchen mit andern, mit asiatischen Vlkern in
Verkehr gestanden haben?

Von Villa da Orotava gelangten wir auf einem schmalen steinigen Pfad durch
einen schnen Kastanienwald _(el Monte de Castaos)_ in eine Gegend, die
mit einigen Lorbeerarten und der baumartigen Heide bewachsen ist. Der
Stamm der letzteren wird hier ausnehmend dick, und die Blthen, mit denen
der Strauch einen groen Teil des Jahres bedeckt ist, stechen angenehm ab
von den Blthen des _Hypericum canariense_, das in dieser Hhe sehr hufig
vorkommt. Wir machten unter einer schnen Tanne halt, um uns mit Wasser zu
versehen. Dieser Platz ist im Lande unter dem Namen _Pino del Dornajito_
bekannt; seine Meereshhe betrgt nach Bordas barometrischer Messung 522
Toisen [1017 m]. Man hat da eine prachtvolle Aussicht auf das Meer und die
ganze Westseite der Insel. Beim _Pino del Dornajito_, etwas rechts vom Weg
sprudelt eine ziemlich reiche Quelle; wir tauchten ein Thermometer hinein,
es fiel auf 15,4.  Hundert Toisen davon ist eine andere eben so klare
Quelle. Nimmt man an, da diese Gewsser ungefhr die mittlere Wrme des
Orts, wo sie zu Tage kommen, anzeigen, so findet man als absolute Hhe des
Platzes 520 Toisen, die mittlere Temperatur der Kste zu 21 und unter
dieser Zone eine Abnahme der Wrme um einen Grad auf 93 Toisen angenommen.
Man drfte sich nicht wundern, wenn diese Quelle etwas unter der mittleren
Lufttemperatur bliebe, weil sich sich wahrscheinlich weiter oben am Pic
bildet, und vielleicht sogar mit den kleinen unterirdischen Gletschern
zusammenhngt, von denen weiterhin die Rede seyn wird. Die eben erwhnte
Uebereinstimmung der barometrischen und der thermometrischen Messung ist
desto auffallender, als im Allgemeinen, wie ich anderwrts ausgefhrt, [So
hat Hunter in den blauen Bergen auf Jamaica die Quellen immer klter
gefunden, als sie nach der Hhe, in der sie zu Tage kommen, seyn sollten.]
in Gebirgslndern mit steilen Hngen die Quellen eine zu rasche
Wrmeabnahme anzeigen, weil sie kleine Wasseradern aufnehmen, die in
verschiedenen Hhen in den Boden gelangen, und somit ihre Temperatur das
Mittel aus dem Temperaturen dieser Adern ist. Die Quellen des Dornajito
sind im Lande berhmt; als ich dort war, kannte man auf dem Weg zum Gipfel
des Vulkans keine andere. Quellenbildung setzt eine gewisse Regelmigkeit
im Streichen und Fallen der Schichten voraus. Auf vulkanischem Boden
verschluckt das lcherige, zerklftete Gestein das Regenwasser und lt es
in groe Tiefen versinken. Deshalb sind die Canarien grtentheils so
drr, trotzdem da ihre Berge so ansehnlich sind und der Schiffer
fortwhrend gewaltige Wolkenmassen ber dem Archipel gelagert sieht.

Vom Pino del Dornajito bis zum Krater zieht sich der Weg bergan, aber
durch kein einziges Thal mehr; denn die kleinen Schluchten _(Barancos)_
verdienen diesen Namen nicht. Geologisch betrachtet, ist die ganze Insel
Teneriffa nichts als ein Berg, dessen fast eifrmige Grundflche sich
gegen Nordost verlngert, und der mehrere Systeme vulkanischer, zu
verschiedenen Zeiten gebildeter Gebirgsarten aufzuweisen hat. Was man im
Lande fr besondere Vulkane ansieht, wie der *Chahorra* oder *Montaa
Colorada* und die *Urca*, das sind nur Hgel, die sich an den Pic anlehnen
und seine Pyramide maskiren. Der groe Vulkan, dessen Seitenausbrche
mchtige Vorgebirge gebildet haben, liegt indessen nicht genau in der
Mitte der Insel, und diese Eigenthmlichkeit im Bau erscheint weniger
auffallend, wenn man sich erinnert, da nach der Ansicht eines
ausgezeichneten Mineralogen (Cordier) vielleicht nicht der kleine Krater
im Piton die Hauptrolle bei den Umwlzungen der Insel Teneriffa gespielt
hat. Auf die Region der baumartigen Heiden, *Monte Verde* genannt, folgt
die der Farn. Nirgends in der gemigten Zone habe ich _Pteris_,
_Blechnum_ und _Asplenium_ in solcher Menge gesehen; indessen hat keines
dieser Gewchse den Wuchs der Baumfarn, die in Sdamerika, in fnf,
sechshundert Toisen Hhe, ein Hauptschmuck der Wlder sind. Die Wurzel der
_Pteris aquilina_ dient den Bewohnern von Palma und Gomera zur Nahrung;
sie zerreiben sie zu Pulver und mischen ein wenig Gerstenmehl darunter.
Dieses Gemisch wird gerstet und heit *Gofio*; ein so rohes
Nahrungsmittel ist ein Beweis dafr, wie elend das niedere Volk auf den
Canarien lebt.

Der Monte Verde wird von mehreren kleinen, sehr drren Schluchten
(_caadas_) durchzogen. Ueber der Region der Farn kommt man durch ein
Gehlz von Wachholderbumen (_cedro_) und Tannen, das durch die Strme
sehr gelitten hat. An diesen Ort, den einige Reisende _la Caravela_ nenne,
will Edens [Die Reise wurde im August 1715 gemacht. Carabela heit ein
Fahrzeug mit lateinischen Segeln. Die Tannen vom Pic dienten frher als
Mastholz und die knigliche Marine lie im Monte Verde schlagen.] kleine
Flammen gesehen haben, die er nach den physikalischen Begriffen seiner
Zeit schwefligten Ausdnstungen zuschreibt, die sich von selbst entznden.
Es ging immer aufwrts bis zum Felsen *Gayta* oder *Portillo*; hinter
diesem Engpa, zwischen zwei Basalthgeln, betritt man die groe Ebene des
Ginsters (_los Llanos del Retama_). Bei Laperouses Expedition hatte
Manneron den Pic bis zu dieser etwa 1400 Toisen ber dem Meere gelegenen
Ebene gemessen, er hatte aber wegen Wassermangels und des blen Willens
der Fhrer die Messung nicht bis zum Gipfel des Vulkans fortsetzen knnen.
Das Ergebni dieser zu zwei Drittheilen vollendeten Operation ist leider
nicht nach Europa gelangt, und so ist das Geschft von der Kste an noch
einmal vorzunehmen.

Wir brauchten gegen zwei und eine halbe Stunde, um ber die Ebene des
Ginsters zu kommen, die nichts ist als ein ungeheures Sandmeer. Trotz der
hohen Lage zeigte hier der hunderttheilige Thermometer gegen
Sonnenuntergang 13,8, das heit 3,7 mehr als mitten am Tage auf dem
Monte Verde. Dieser hhere Wrmegrad kann nur von der Strahlung des Bodnes
und  von der weiten Ausdehnung der Hochebene herrhren. Wir litten sehr
vom erstickenden Bimsstaub, in den wir fortwhrend gehllt waren. Mitten
in der Ebene stehen Bsche von *Retama*, dem _Spartium nubigenum_
dAitons. Dieser schne Strauch, den de Martinire [Einer der Botaniker,
die auf Laperouses Seereise umkamen.] in Languedoc, wo Feuermaterial
selten ist, einzufhren rth, wird neun Fu hoch, er ist mit
wohlriechenden Blthen bedeckt, und die Ziegenjger, denen wir unterwegs
begegneten, hatten ihre Strohhte damit geschmckt. Die dunkelbraunen
Ziegen des Pics gelten fr Leckerbissen; sie nhren sich von den Blttern
des Spartium und sind in diesen Einden seit unvordenklicher Zeit
verwildert. Man hat sie sogar nach Madera verpflanzt, wo sie geschtzter
sind, als die Ziegen aus Europa.

Bis zum Felsen Gayta, das heit bis zum Anfang der groen Ebene des
Ginsters ist der Pic von Teneriffa mit schnem Pflanzenwuchs berzogen,
und nichts weist auf Verwstungen in neuerer Zeit hin. Man meint einen
Vulkan zu besteigen, dessen Feuer so lange erloschen ist, wie das des
Monte Cavo bei Rom. Kaum hat man die mit Bimsstein bedeckte Ebene
betreten, so nimmt die Landschaft einen ganz anderen Charakter an; bei
jedem Schritt stt man auf ungeheure Obsidianblcke, die der Vulkan
ausgeworfen. Alles ringsum ist d und still; ein paar Ziegen und Kaninchen
sind die einzigen Bewohner dieser Hochebene. Das unfruchtbare Stck des
Pics mit ber zehn Quadratmeilen, und da die unteren Regionen, von ferne
gesehen, in Verkrzung erscheinen, so stellt sich die ganze Insel als ein
ungeheurer Haufen verbrannten Gesteins dar, um den sich die Vegetation nur
wie ein schmaler Grtel zieht.

Ueber der Region des _Spartium nubigenum_ kamen wir durch enge Schrnde
und kleine, sehr alte, vom Regenwasser ausgesplte Schluchten zuerst auf
ein hheres Plateau und dann an den Ort, wo wir die Nacht zubringen
sollten. Dieser Platz, der mehr als 1530 Toisen [2982 m] ber der Kste
liegt, heit _Estancia de los Ingleses_(14), ohne Zweifel, weil frher die
Englnder den Pik am hufigsten besuchten. Zwei berhngende Felsen bilden
eine Art Hhle, die Schutz gegen den Wind bietet. Bis zu diesem Ort, der
bereits hher liegt als der Gipfel des Canigu, kann man auf Maulthieren
gelangen; viele Neugierige, die beim Abgang von Orotava den Kraterrand
erreichen zu knnen glaubten, bleiben daher hier liegen. Obgleich es
Sommer war und der schne afrikanische Himmel ber uns, hatten wir doch in
der Nacht von der Klte zu leiden. Der Thermometer fiel auf 5 Grad.
Unsere Fhrer machten ein groes Feuer von drren Zweigen der Retama an.
Ohne Zelt und Mntel lagerten wir uns auf Haufen verbrannten Gesteins, und
die Flammen und der Rauch, die der Wind bestndig gegen uns her trieb,
wurden uns sehr lstig. Wir hatten noch nie eine Nacht in so bedeutender
Hhe zugebracht, und ich ahnte damals nicht, da wir einst in Stdten
wohnen wrden, die hher liegen als die Spitze des Vulkans, den wir morgen
vollends besteigen sollten. Je tiefer die Temperatur sank, desto mehr
bedeckte sich der Pic mit dicken Wolken. Bei Nacht stockt der Zug des
Stroms, der den Tag ber den Ebenen in die hohen Luftregionen aufsteigt,
und im Maae als sich die Luft abkhlt, nimmt auch ihre das Wasser
auflsende Kraft ab. Ein sehr starker Nordwird jagte die Wolken; von Zeit
zu Zeit brach der Mond durch das Gewlk und seine Scheibe glnzte auf tief
dunkelblauen Grunde; im Angesicht des Vulkans hatte diese nchtliche Scene
etwas wahrhaft Groartiges. Der Pic verschwand bald gnzlich im Nebel,
bald erschien er unheimlich nahe gerckt und warf wie eine ungeheure
Pyramode seinen Schatten auf die Wolken unter uns.

Gegen drei Uhr morgens brachen wir beim trben Schein einiger Kienfackeln
nach der Spitze des Piton auf. Man beginnt die Besteigung an der
Nordostseite, wo der Abhang ungemein steil ist, und wir gelangten nach
zwei Stunden auf ein kleines Plateau, das seiner isolirten Lage wegen
_Alta Vista_ heit. Hier halten sich auch die _Neveros_ auf, das heit die
Eingeborenen, die gewerbsmig Eis und Schnee suchen und in den
benachbarten Stdten verkaufen. Ihre Maulthiere, die das Klettern mehr
gewhnt sind, als die, welche man den Reisenden gibt, gehen bis zur Alta
Vista und die Neveros mssen den Schnee dahin auf dem Rcken tragen. Ueber
diesem Punkte beginnt das *Malpays*, wie man in Mexiko, in Peru und
berall, wo es Vulkane gibt, einen von Dammerde entblten und mit
Lavabruchstcken bedeckten Landstrich nennt.

Wir bogen rechts von Wege am, um die *Eishhle* zu besehen, die in 1728
Toisen [3367 m] Hhe liegt, also unter der Grenze des ewigen Schnees in
dieser Breite. Wahrscheinlich rhrt die Klte, die in dieser Hhle
herrscht, von denselben Ursachen her, aus denen sich das Eis in den
Gebirgsspalten des Jura und der Pyrenen erhlt, und ber welche die
Ansichten der Physiker noch ziemlich auseinander gehen(15). Die natrliche
Eisgrube des Pics hat brigens nicht jene senkrechten Oeffnungen, durch
welche die warme Luft entweichen kann, whrend die kalte Luft am Boden
ruhig liegen bleibt. Das Eis scheint sich hier durch starke Anhufung zu
erhalten, und weil der Proce des Schmelzens durch die bei rascher
Verdunstung erzeugte Klte verlangsamt wird. Dieser kleine unterirdische
Gletscher liegt an einem Ort, dessen mittlere Temperatur schwerlich unter
3 betrgt, und er wird nicht, wie die eigentlichen Gletscher der Alpen,
vom Schneewasser gespeist, das von den Berggipfeln herabkommt. Whrend des
Winters fllt sich die Hhle mit Schnee und Eis, und da die Sonnenstrahlen
nicht ber den Eingang hinaus eindringen, so ist die Sommerwrme nicht im
Stande, den Behlter zu leeren. Die Bildung einer natrlichen Eisgrube
hngt also nicht sowohl von der absoluten Hhe der Felsspalte und der
mittleren Temperatur der Luftschicht, in der sie sich befindet, als von
der Masse des Schnees, der hineinkommt, und von der geringen Wirkung der
warmen Winde im Sommer. Die im Innern eines Berges eingeschlossene Luft
ist schwer von der Stelle zu bringen, wie man am Monte Testaccio in Rom
sieht, dessen Temperatur von der der umgebenden Luft so bedeutend
abweicht. Wir werden in der Folge sehen, da am Chimborazo ungeheure
Eismassen unter dem Sand liegen, und zwar, wie auf dem Pic von Teneriffa,
weit unter der Grenze des ewigen Schnees.

Bei der Eishhe _(Cueva del Hielo)_ stellten bei Laperouses Seereise
Lamanon und Mongs ihren Versuch ber die Temperatur des siedenden Wassers
an. Sie fanden dieselbe 88,7, whrend der Barometer auf 19 Zoll 1 Linie
stand. Im Knigreich Neugranada, bei der Capelle Guadeloupe in der Nhe
von Santa Fe de Bogota, sah ich das Wasser bei 89,9 unter einem Luftdruck
von 19 Zoll 1,9 Linien sieden. Zu Tambores, in der Provinz Popayan, fand
Caldas 89,5 fr die Temperatur des siedenden Wassers bei einen
Barometerstand von 18 Zoll 11,6 Linien. Nach diesen Ergebnissen knnte man
vermuthen, da bei Lamanons Versuch das Wasser das Maximum seiner
Temperatur nicht ganz erreicht hatte.

Der Tag brach an, als wir die Eishhle verlieen. Da beobachteten wir in
der Dmmerung eine Erscheinung, die auf hohen Bergen hufig ist, die aber
bei der Lage des Vulkanes, auf dem wir uns befanden, besonders auffallend
hervortrat. Eine weie flockige Wolkenschicht entzog das Meer und die
niedrigeren Regionen der Insel unseren Blicken. Die Schicht schien nicht
ber 800 Toisen [1560 m] hoch; die Wolken waren so gleichmig verbreitet
und lagen so genau in Einer Flche, da sie sich ganz wie eine ungeheure
mit Schnee bedeckte Ebene darstellten. Die colossale Pyramide des Piks,
die vulkanischen Gipfel von Lanzerota, Forteventura und Palma ragten wie
Klippen aus dem weiten Dunstmeer empor. Ihre dunkle Frbung stach grell
vom Wei der Wolken ab.

Whrend wir auf den zertrmmerten Laven des Malpays emporklommen, wobei
wir oft die Hnde zu Hlfe nehmen muten, beobachteten wir eine
merkwrdige optische Erscheinung. Wir glaubten gegen Ost kleine Raketen in
die Luft steigen zu sehen. Leuchtende Punkte, 7 - 8 Grad ber dem
Horizont, schienen sich zuerst senkrecht aufwrts zu bewegen, aber
allmhlich ging die Bewegung in eine waagrechte Oszillation ber, die acht
Minuten anhielt. Unsere Reisegefhrten, sogar die Fhrer uerten ihre
Verwunderung ber die Erscheinung, ohne da wir sie darauf aufmerksam zu
machen brauchten. Auf den ersten Blick glaubten wir, diese sich hin und
her bewegenden Lichtpunkte seyen die Vorlufer eines neuen Ausbruchs des
groen Vulkanes von Lanzerota. Wir erinnerten uns, da Bouquer und La
Condamine bei der Besteigung des Vulkans Pichincha den Ausbruch des
Cotopaxi mit angesehen hatten; aber die Tuschung dauerte nicht lange, und
wir sahen, da die Lichtpunkte die durch die Dnste vergrerten Bilder
verschiedener Sterne waren. Die Bilder standen periodisch still, dann
schienen sie senkrecht aufzusteigen, sich zur Seite abwrts zu bewegen und
wieder am Ausgangspunkt anzugelangen. Diese Bewegung dauerte eine bis zwei
Secunden. Wir hatten keine Mittel zur Hand, um die Gre der seitlichen
Verrckung genau zu messen, aber den Lauf eines Lichtpunktes konnten wir
ganz gut beobachten. Er erschien doppelt durch Luftspiegelung und lie
keine leuchtende Spur hinter sich. Als ich im Fernrohr eines kleinen
Troughtonschen Sextanten die Sterne mit einen hohen Berggipfel auf
Lanzerota in Contact brachte, konnte ich sehen, da die Oscillation
bestndig gegen denselben Punkt hinging, nmlich gegen das Stck des
Horizontes, wo die Sonnenscheibe erscheinen sollte, und da, abgesehen von
der Declinationsbewegung des Sterns, das Bild immer an denselben Fleck
zurckkehrte. Diese scheinbaren seitlichen Refractionen hrten auf, lange
bevor die Sterne vor dem Tageslicht gnzlich verschwanden. Ich habe hier
genau wiedergegeben, was wir in der Dmmerung beobachteten, versuche aber
keine Erklrung der auffallenden Erscheinung, die ich schon vor zwlf
Jahren in Zachs astronomischem Tagebuch bekannt gemacht habe. Die Bewegung
der Dunstblschen in Folge des Sonnenaufgangs, die Mischung verschiedener,
in Temperatur und Dichtigkeit sehr von einander abweichenden Luftschichten
haben ohne Zweifel zu der Verrckung der Gestirne in horizontaler Richtung
das ihrige beigetragen. Etwas Aehnliches sind wohl die starken
Schwankungen der Sonnenscheibe, wenn eben den Horizont berhrt; aber diese
Schwankungen betragen selten mehr als zwanzig Secunden, whrend die
seitliche Bewegung der Sterne, wie wir sie auf dem Pic in mehr als 1800
Toisen Hhe beobachteten, ganz gut mit bloem Auge zu bemerken, und
auffallender war als alle Erscheinungen, die man bis jetzt als Wirkungen
der Brechung des Sternlichts angesehen hat. Ich war bei Sonnenaufgang und
die ganze Nacht in 2100 Toisen Hhe auf dem Rcken der Anden, in Antisana,
konnte aber nichts gewahr werden, was mit jenem Phnomen bereingekommen
wre.

Ich wnschte in so bedeutender Hhe wie die, welche wir am Pic von
Teneriffa erreicht hatten, den Moment des Sonnenaufganges genau zu
beobachten. Kein mit Instrumenten versehener Reisender hatte noch eine
solche Beobachtung angestellt. Ich hatte ein Fernrohr und ein Chronometer,
dessen Gang mir sehr genau bekannt war. Der Himmelsstrich, wo die
Sonnenscheibe erscheinen sollte, war dunstfrei. Wir sahen den obersten
Rand um 4 Uhr 48' 55" wahrer Zeit, und, was ziemlich auffallend ist, der
erste Lichtpunkt der Scheibe berhrte unmittelbar die Grenze des
Horizonts; wir sahen demnach den wahren Horizont, das heit einen Strich
Meers auf mehr als 43 Meilen Entfernung. Die Rechnung ergibt, da unter
dieser Breite in der Ebene die Sonne um 5 Uhr 1 Minute 50 Secunden, oder
11 Minuten 51,3 Secunden spter als auf dem Pic htte anfangen sonnen
aufzugehen. Der beobachete Unterschied betrug 12 Minuten 55 Secunden, und
die kommt ohne Zweifel von der Ungewiheit hinsichtlich der
Refractionsverhltnisse fr einen Abstand vom Zenith, wofr keine
Beobachtungen vorliegen(16).

Wir wunderten uns, wie ungemein langsam der untere Rand der Sonne sich vom
Horizont zu lsen schien. Dieser Rand wurde erst um 4 Uhr 56 Min. 56 Sec.
sichtbar. Die stark abgeplattete Sonnenscheibe war scharf begrenzt; es
zeigte sich whrend des Aufgangs weder ein doppeltes Bild noch eine
Verlngerung des untern Randes. Der Sonnenaufgang dauerte dreimal lnger,
als wir in dieser Breite htten erwarten sollen, und so ist anzunehmen,
da eine sehr gleichfrmig verbreitete Dunstschicht den wahren Horizont
verdeckte und der aufsteigenden Sonne nachrckte. Trotz des Schwankens der
Sterne, das wir vorhin im Osten beobachtet, kann man die Langsamkeit des
Sonnenaufgangs nicht wohl einer ungewhnlich starken Brechung der vom
Meereshorizont zu uns gelangenden Strahlen zuschrieben; denn, wie le
Gentil es tglich in Pondichery und ich ffers in Cumana beobachet haben,
erniedrigt sich der Horizont gerade bei Sonnenaufgang, weil die Temperatur
der Luftschicht unmittelbar auf der Meeresflche sich erhht.

Der Weg, den wir uns durch das Malpays bahnen muten, ist uerst
ermdend. Der Abhang ist steil und die Lavablcke wichen unter unseren
Fen. Ich kann dieses Stck des Weges nur mit den *Mornen* der Alpen
vergleichen, jenen Haufen von Rollsteinen, welche am untern Ende der
Gletscher liegen; die Lavatrmmer auf dem Pic haben aber scharfe Kanten
und lassen oft Lcken, in die man Gefahr luft bis zum halben Krper zu
fallen Leider trug die Faulheit und der ble Wille unserer Fhrer viel
dazu bei, uns das Aufsteigen sauer zu machen; sie glichen weder den
Fhrern im Chamounithal noch jenen gewandten Guanchen, von denen die Sage
geht, da sie ein Kaninchen oder eine wilde Ziege im Laufe fingen. Unsere
canarischen Fhrer waren trg zum Verzweifeln: sie hatten tags zuvor uns
bereden wollen, nicht ber die Station bei den Felsen hinaufzugehen; sie
setzten sich alle zehn Minuten nieder, um auszuruhen; sie warfen hinter
uns die Handstcke Obsidian und Bimsstein, die wir sorgfltig gesammelt
hatten, weg, und es kam heraus, da noch keiner auf dem Gipfel des
Vulkanes gewesen war.

Nach dreistndigem Marsch erreichten wir das Ende des Malpays bei einer
kleinen Ebene, _la Rambleta_ genannt; aus ihrem Mittelpunkte steigt der
Piton oder Zuckerhut empor. Gegen Orotava zu gleicht der Berg jenen
Treppenpyramiden in Fejoum und in Mexiko, denn die Plateaus der Retama und
die Rambleta bilden zwei Stockwerke, deren ersteres viermal hher ist als
letzteres. Nimmt man die ganze Hhe des Piks zu 1904 Toisen [3710 m] an,
so liegt die Rambleta 1820 Toisen [3546 m] ber dem Meere. Hier befinden
sich die Luftlcher, welche bei den Eingeborenen *Nasenlcher des Piks*
(_Narices des Pico_) heien. Aus mehreren Spalten im Gestein dringen hier
in Abstzen warme Wasserdnste; wir sahen den Thermometer darin auf 43,2
steigen; Labillardire hatte acht Jahre vor uns diese Dmpfe 53,7 hei
gefunden, ein Unterschied, der vielleicht nicht sowohl auf eine Abnahme
der vulkanischen Thtigkeit als auf einen lokalen Wechsel in der Erhitzung
der Bergwnde hindeutet. Die Dmpfe sind geruchlos und scheinen reines
Wasser. Kurz vor dem groen Ausbruch des Vesuv im Jahr 1806 beobachteten
Gay-Lussac und ich, da das Wasser, das in Dampfform aus dem Innern des
Kraters kommt, Lackmuspapier nicht rthete. Ich kann brigens der khnen
Hypothese mehrerer Physiker nicht beistimmen, wornach die *Naslcher des
Pic* als die Mndungen eines ungeheuren Destillierapparates, dessen Boden
unter der Meeresflche liegt, zu betrachten seyn sollen. Seit man die
Vulkane sorgfltiger beobachetet und der Hang zum Wunderbaren sich in
geologischen Bchern weniger bemerkbar macht, fngt man an den
unmittelbaren bestndigen Zusammenhang zwischen dem Meer und den Herden
des vulkanischen Feuers mit Recht stark in Zweifel zu ziehen(17). Diese
durchaus nicht auffallende Erscheinung erklrt sich wohl sehr einfach. Der
Pic ist einen Theil des Jahres mit Schnee bedeckt; wir selbst fanden noch
welchen auf der kleinen Ebene Rambleta; ja Odonell und Armstrong haben im
Jahre 1806 im Malpays eine sehr starke Quelle entdeckt, und zwar hundert
Toisen ber der Eishhle, die vielleicht zum Theil von dieser Quelle
gespeist wird. Alles weist also darauf hin, da der Pic von Teneriffa,
gleich den Vulkanen der Anden und der Inzel Lucon, im Inneren groe
Hhlungen hat, die mit atmosphrischem Wasser gefllt sind, das einfach
durchgesickert ist. Die Wasserdmpfe, welche die Naslcher und die Spalten
im Krater ausstoen, sind nichts als dieses selbe Wasser, das durch die
Wnde, ber die es fliet, erhitzt wird.

Wir hatten jetzt noch den steilsten Theil des Berges, der die Spitze
bildet, den Piton, zu ersteigen. Der Abhang dieses kleinen, mit
vulkanischer Asche und Bimssteinstcken bedeckten Kegels ist so schroff,
da es fast unmglich wre, auf den Gipfel zu gelangen, wenn man nicht
einem alten Lavastrom nachginge, der aus dem Krater geflossen scheint und
dessen Trmmer dem Zahn der Zeit getrotzt haben. Diese Trmmer bilden eine
verschlackte Felswand, die sich mitten durch die lose Asche hinzieht. Wir
erstiegen den Piton, indem wir uns an diesen Schlacken anklammerten, die
scharfe Kanten haben und, halb verwittert, wie sie sind, uns nicht selten
in der Hand blieben. Wir brauchten gegen eine halbe Stunde, um einen Hgel
zu ersteigen, dessen senkrechte Hhe kaum 90 Toisen [175 m] betrgt. Der
Vesuv, der dreimal niedriger ist als der Vulkan auf Teneriffa, luft in
einen fast dreimal hheren Aschenkegel aus, der aber nicht so steil und
zugnglicher ist. Unter allen Vulkanen, die ich besucht, ist nur der
Jorullo in Mexiko noch schwerer zu besteigen, weil der ganze Berg mit
loser Asche bedeckt ist.

Wenn der Zuckerhut mit Schnee bedeckt ist, wie bei Eintritt des Winters,
so kann die Steilheit des Anhanges den Reisenden in die grte Gefahr
bringen. Le Gros zeigte uns die Stelle, wo Kapitn Baudin auf seiner Reise
nach Teneriffa beinahe ums Leben gekommen wre. Muthig hatte er gegen Ende
Dezembers 1797 mit den Naturforschern Advenier, Mauger und Riedl die
Besteigung des Gipfels des Vulkans unternommen. In der halben Hhe des
Kegels fiel er und rollte bis zur kleinen Ebene Rambleta hinunter; zum
Glck machte ein mit Schnee bedeckter Lavahaufen, da er nicht noch weiter
mit beschleunigter Geschwindigkeit hinabflog. Wie man mir versichert, ist
ein Reisender, der den mit festem Rasen bedeckten Abhang des Col de Balme
hinabgerollt war, erstickt gefunden worden.

Auf der Spitze des Piton angelangt, wunderten wir uns nicht wenig, da wir
kaum Platz fanden, bequem niederzusitzen. Wir standen vor einer kleinen
kreisfrmigen Mauer aus porphyrartiger Lava mit Pechsteinbasis; diese
Mauer hinterte uns, in den Krater hinabzusehen. [La Caldera oder der
Kessel des Pics. Der Name erinnert an die *Oules* der Pyrenen.] Der Wind
blies so heftig aus West, da wir uns kaum auf den Beinen halten konnten.
Es war acht Uhr morgens und wir waren starr vor Klte, obgleich der
Thermometer etwas ber dem Gefrierpunkt stand. Seit lange waren wir an
eine sehr hohe Temperatur gewhnt, und der trockene Wind steigerte das
Frostgefhl, weil er die kleine Schicht warmer und feuchter Luft, welche
sich durch die Hautausdnstung um uns her bildete, fortwhrend wegfhrte.

Der Krater des Pic hat, was den Rand betrifft, mit den Kratern der meisten
anderen Vulkane, die ich besucht, z. B. mit dem des Vesuvs, des Jorullo
und Pipincha, keine Aehnlichkeit. Bei diesen behlt der Piton seine
Kegelgestalt bis zum Gipfel; der ganze Abhang ist im selben Winkel geneigt
und gleichfrmig mit einer Schicht sehr fein zertheilten Bimssteins
bedeckt; hat man die Spitze dieser drei Vulkane erreicht, so blickt man
frei bis auf den Boden des Schlunds. Der Pic von Teneriffa und der
Cotopaxi dagegen sind ganz anders gebaut; auf ihrer   Spitze luft
kreisfrmig ein Kamm oder eine Mauer um den Krater; von ferne stellt sich
diese Mauer wie ein kleiner Cylinder auf einem abgestutzten Kegel dar.
Beim Cotopaxi erkennt man dieses eigenthmliche Bauwerk ber 2000 Toisen
weit mit bloem Auge, wehalb auch noch kein Mensch bis zum Krater dieses
Vulkans gekommen ist. Beim Pik von Tenerifa ist der Kamm, der wie eine
Brustwehr um den Krater luft, so hoch, da er gar nicht zur *Caldera*
gelangen liee, wenn sich nicht gegen Ost eine Lcke darin befnde, die
von einem sehr alten Lavaergu herzurhren scheint. Durch diese Lcke
stiegen wir auf den Boden des Trichters hinab, der elliptisch ist; die
groe Achse luft von Nordwest nach Sdost, etwa Nord 35 Ost. Die grte
Breite der ffnung schtzten wir auf 300 Fu [97 m], die kleinste auf 200
Fu [65 m]. Diese Angaben stimmen ziemlich mit den Messungen von Berguin,
Verela und Borda; nach diesen Reisenden messen die zwei Axen 40 und 30
Toisen. [Cordier, der den Gipfel des Pics vier Jahre nach mir besucht hat,
schtzt die groe Axe auf 65 Toisen. Lamanon gibt dafr 50 T. an, Odonnell
aber gibt dem Krater 550 Baras (236 Toisen) Umfang.]

Man sieht leicht ein, da die Gre eines Kraters nicht allein von der
Hhe und der Masse des Berges abhngt, dessen Hauptffnung er bildet.
Seine Weite steht sogar selten im Verhltni mit der Intensitt des
vulkanischen Feuers oder der Thtigkeit des Vulkans. Beim Vesuv, der gegen
den Pik von Teneriffa nur ein Hgel ist, hat der Krater einen fnfmal
greren Durchmesser. Bedenkt man, da sehr hohe Vulkane aus ihrem Gipfel
weniger Stoffe auswerfen als aus Seitenspalten, so knnte man versucht
seyn anzunehmen, da, je niedriger die Vulkane sind, ihre Krater, bei
gleicher Kraft und Thtigkeit, desto grer seyn mten. Allerdings gibt
es ungeheure Vulkane in den Anden, die nur sehr kleine Oeffnungen haben,
und man knnte es als ein geologisches Gesetz hinstellen, da die
colossalsten Berge auf ihren Gipfeln nur Krater von geringem Umfang haben,
wenn sich nicht in den Cordilleren mehrere Beispiele [Die groen Vulkane
Cotopaxi und Rucupichincha haben nach meinen Messungen Krater mit
Diametern von mehr als 500 und 700 Toisen.] des gegentheiligen Verhaltens
fnden. Ich werde im Verfolg Gelegenheit finden, zahlreiche Thatsachen
anzufhren, welche einst auf das, was man den uern Bau der Vulkane
nennen kann, einiges Licht werfen knnten. Dieser Bau ist so mannigfaltig
als die vulkanischen Erscheinungen selbst, und will man sich zu
geologischen Vorstellungen erheben, die der Gre der Natur wrdig sind,
so mu man die Meinung aufgeben, als ob alle Vulkane nach dem Muster des
Vesuv, des Stromboli und des Aetna gebaut wren.

Die ueren Rnder der *Caldera* sind beinahe senkrecht; sie stellen sich
ungefhr dar wie die Somma, vom Atrio dei Cavalli aus gesehen. Wir stiegen
auf den Boden des Kraters auf einen Streif zerbrochener Laven, der zu der
Lcke in der Umfassungsmauer hinaufluft. Hitze war nur ber einigen
Spalten zu spren, aus denen Wasserdampf mit einem eigenthmlichen Sumsen
strmte. Einige dieser Luftlcher oder Spalten befinden sich uerhalb des
Kraterumfanges, am ueren Rand der Brstung, welche den Krater umgibt.
Ein in dieselben gebrachter Thermometer stieg rasch auf 68 und 75 Grad. Er
zeigte ohne Zweifel eine noch hhere Temperatur an; aber wir konnten das
Instrument erst ansehen, nachdem wir es herausgezogen, wollten wir uns
nicht die Hnde verbrennen. Cordier hat mehrere Spalten gefunden, in denen
die Hitze der des siedenden Wassers gleich war. Man knnte glauben, diese
Dmpfe, die stoweise hervorkommen, enthalten Salzsure oder
Schwefelsure; lt man sie aber an einem kalten Krper sich verdichten,
zeigen sie keinen besondern Geschmack, und die Versuche mehrerer Physiker
mit Reagentien beweisen, da die Fumarolen des Pic nur reines Wasser
aushauchen; diese Erscheinung, die mit meinen Beobachtungen im Krater des
Jorullo bereinstimmt, verdient desto mehr Aufmerksamkeit, als Salzsure
in den meisten Vulkanen in groer Menge vorkommt und Bauquelin sogar in
den porphyrhnlichen Laven von Sarcouy in der Auvergne Salzsure gefunden
hat.

Ich habe an Ort und Stelle die Ansicht des inneren Kraterrandes
gezeichnet, wie er sich darstellt, wenn man durch die gegen Ort gelegene
Lcke hinabsteigt. Nichts merkwrdiger als diese Aufeinanderlagerung von
Lavaschichten, die Krmmungen zeigen, wie der Alpenkalkstein. Diese
ungeheuren Bnke sind bald wagrecht, bald geneigt und wellenfrmig
gewunden, und Alles weist darauf hin, da einst die ganze Masse flssig
war, und da mehrere strende Ursachen zusammenwirkten, um jedem Strom
seine bestimmte Richtung zu geben. An der obenumlaufenden Mauer sieht man
das seltsame Astwerk, wie man es an der entschwefelten Steinkohle
beobachtet. Der nrdliche Rand ist der hchste; gegen Sdwest erniedrigt
sich die Mauer bedeutend und am uersten Rand ist eine ungeheure
verschlackte Lavamasse angebacken. Gegen West ist das Gestein
durchbrochen, und durch eine weite Spalte sieht man den Meereshorizont.
Vielleicht hat die Gewalt der elastischen Dmpfe im Moment, wo die im
Krater aufgestiegene Lava berquoll, hier durchgerissen.

Das Innere des Trichters weist darauf hin, da der Vulkan seit
Jahrtausenden nur noch aus seinen Seiten Feuer gespieen hat. Diese
Behauptung grndet sich nicht darauf, weil sich am Boden der Caldera keine
groen Oeffnungen zeigen, wie man erwarten knnte. Die Physiker, die die
Natur selbst beobachtet haben, wissen, da viele Vulkane in der
Zwischenzeit zweier Ausbrche ausgefllt und fast erloschen scheinen, da
sich dann aber im vulkanischen Schlund Schichten sehr rauher, klingender
und glnzender Schlacken finden. Man bemerkt kleine Erhhungen,
Auftreibungen durch die elastischen Dmpfe, kleine Schlacken- und
Aschenkegel, unter denen die Oeffnungen liegen. Der Krater des Pic von
Teneriffa zeigt keiens dieser Merkmale; sein Boden ist nicht im Zustand
geblieben, wie ein Ausbruch ihn zurcklt. Durch den Zahn der Zeit und
den Einflu der Dmpfe sind die Wnde abgebrckelt und haben das Becken
mit groen Blcken steinigter Lava bedeckt.

Man gelangt gefahrlos auf den Boden des Kraters. Bei einem Vulkan, dessen
Hauptthtigkeit dem Gipfel zu geht, wie beim Vesuv, wechselt die Tiefe des
Kraters vor und nach jedem Ausbruch; auf dem Pic von Teneriffa dagegen
scheint die Tiefe seit langer Zeit sich gleichgeblieben zu seyn. Edens
schtzte sie im Jahre 1715 auf 115 Fu [37 m], Cordier im J. 1803 auf 110
[35,5 m]. Nach dem Augenmaa htte ich geglaubt, da der Trichter nicht
einmal so tief wre. In seinem jetzigen Zustand ist er eigentlich eine
Solfatara; er ist ein weites Feld fr interessante Beobachtungen, aber
imposant ist sein Anblick nicht. Groartig wird der Punkt nur durch die
Hhe ber dem Meeresspiegel, durch die tiefe Stille in dieser Region,
durch den unermelichen Erdraum, den das Auge auf der Spitze des Berges
berblickt.

Die Besteigung des Vulkans von Teneriffa ist nicht nur dadurch anziehend,
da sie uns so reichen Stoff fr wissenschaftliche Forschung liefert; sie
ist es noch weit mehr dadurch, da sie den, der Sinn hat fr die Gre der
Natur, eine Flle malerischer Reize bietet. Solche Empfindungen zu
schildern, ist eine schwere Aufgabe; sie regen uns desto tiefer auf, da
sie etwas Unbestimmtes haben, wie es die Unermelichkeit des Raums und die
Gre, Neuheit und Mannigfaltigkeit der uns umgebenden Gegenstnde mit
sich bringen. Wenn ein Reisender die hohen Berggipfel unseres Erdballs,
die Cataracten der groen Strme, die gewundenen Thler der Anden zu
beschreiben hat, so luft er Gefahr den Leser durch den eintnigen
Ausdruck seiner Bewunderung zu ermden. Es scheint mir den Zwecken, die
ich bei dieser Reisebeschreibung im Auge habe, angemessener, den
eigenthmlichen Charakter zu schildern, der jeden Landstrich auszeichnet.
Man lehrt die Physiognomie einer Landschaft deste besser kennen, je
genauer man die einzelnen Zge auffat, sie unter einander vergleicht und
so auf dem Wege der Analysis den Quellen der Gensse nachgeht, die uns das
groe Naturgemlde bietet.

Die Reisenden wissen aus Erfahrung, da man auf der Spitze hoher Berge
selten eine so schne Aussicht hat und so mannigfaltige malerische Effekte
beobachtet als auf den Gipfeln von der Hhe des Vesuvs, des Rigi, des Puy
de Dome. Colossale Berge wie der Chimborazo, der Antisana oder der
Montblanc haben eine so groe Masse, da man die mit reichem Pflanzenwuchs
bedeckten Ebenen nur in groer Entfernung sieht und ein blulicher Duft
gleichfrmig auf der ganzen Landschaft liegt. Durch seine schlanke Gestalt
und seine eigenthmliche Lage vereinigt nun der Pic von Teneriffa die
Vortheile niedrigerer Gipfel mit denen, wie sehr bedeutende Hhen sie
bieten. Man berblickt auf seiner Spitze nicht allein einen ungeheuren
Meereshorizont, der ber die hchsten Berge der benachbarten Inseln
hinaufreicht, man sieht auch die Wlder von Teneriffa und die bewohnten
Kstenstriche so nahe, da noch Umrisse und Farben in den schnsten
Contrasten hervortreten. Es ist als ob der Vulkan die kleine Insel, die
ihm zur Grundlage dient, erdrckte; er steigt aus dem Schooe des Meeres
dreimal hher auf, als die Wolken im Sommer ziehen. Wenn sein seit
Jahrhunderten halb erloschener Krater Feuergarben auswrfe wie der
Stromboli der olischen Inseln, so wrde der Pik von Tenerifa dem Schiffer
in einem Umkreis von mehr als 260 Meilen als Leuchtthurm dienen.

Wir lagerten uns am uern Rande des Kraters und blickten zuerst nach
Nordwest, wo die Ksten mit Drfern und Weilern geschmckt sind. Vom Winde
fortwhrend hin und her getriebene Dunstmassen zu unser Fen boten uns
das mannigfaltigste Schauspiel. Eine ebene Wolkenschicht zwischen uns den
tiefen Regionen der Insel, dieselbe, von der oben die Rede war, war da und
dort durch die kleinen Luftstrme durchbrochen, welche nachgerade die von
der Sonne erwrmte Erdoberflche zu uns heraufsandte. Der Hafen von
Orotava, die darin ankernden Schiffe, die Grten und Weinberge um die
Stadt wurden durch eine Oeffnung sichtbar, welche jeden Augenblick grer
zu werden schien. Aus diesen einsamen Regionen blickten wir nieder in eine
bewohnte Welt; wir ergtzten uns am lebhaften Contrast zwischen den drren
Flanken des Pics, seinen mit Schlacken bedeckten steilen Abhngen, seinen
pflanzenlosen Plateaus, und dem lachtenden Anblick des bebauten Landes;
wir sahen, wie sich die Gewchse nach der mit der Hhe abnehmenden
Temperatur in Zonen vertheilen. Unter dem Piton beginnen Flechten die
verschlackten, glnzenden Laven zu berziehen; ein Veilchen [_Viola
cheiranthifolia_], das der _Viola decumbens_ nahe steht, geht am Abhang
des Vulkans bis zu 1740 Toisen [3390 m] Hhe, hher nicht allein als die
andern krautartigen Gewchse, sondern sogar hher als die Grser, welche
in den Alpen und auf dem Rcken der Kordilleren unmittelbar an die
Gewchse aus der Familie der Kryptogamen stoen. Mit Blthen bedechte
Retamabsche schmcken die kleinen, von den Regenstrmen eingerissenen und
durch die Seitenausbrche verstopften Thler; unter der Retama folgt die
Region der Farn und auf diese die der baumartigen Heiden. Wlder von
Lorbeeren, Rhamnus und Erdbeerbumen liegen zwischen den Heidekrutern und
den mit Reben und Obstbumen bepflanzten Gelnden. Ein reicher grner
Teppich breitet sich von der Ebene der Ginster und der Zone der
Alpenkruter bis zu den Gruppen von Dattelpalmen und Musen, deren Fu das
Weltmeer zu besplen scheint. Ich deute hier nur die Hauptzge dieser
Pflanzenkarte an; im Folgenden gebe ich einiges Nhere ber die
Pflanzengeographie der Insel Teneriffa.

Da auf der Spitze des Pics die Drfchen, Weinberge und Grten an der
Kste einem so nahe gerckt scheinen, dazu trgt die erstaunliche
Durchsichtigkeit der Luft viel bei. Trotz der bedeutenden Entfernung
erkannten wir nicht nur die Huser, die Baumstmme, das Takelwerk der
Schiffe, wir sahen auch die reiche Pflanzenwelt der Ebenen in den
lebhaftesten Farben glnzen.  Diese Erscheinung ist nicht allein dem hohen
Standpunkt zuzuschreiben, sie deutet auf eine eigenthmliche
Beschaffenheit der Luft in den heien Lndern. Unter allen Zonen erscheint
ein Gegenstand, der sich auf dem Meeresspiegel befindet und von dem die
Lichtstrahlen in wagrechter Richtung ausgehen, weniger lichtstark, als
wenn man ihn vom Gipfel eines Berges sieht, wohin die Wasserdmpfe durch
Luftschichten von abnehmender Dichtigkeit gelangen. Gleich auffallende
Unterschiede werden vom Einflu der Klimate bedingt; der Spiegel eines
Sees oder eines breiten Flusses glnzt bei gleicher Entfernung weniger,
wenn man ihn vom Kamme der Schweizer Hochalpen, als wenn man ihn vom
Gipfel der Cordilleren von Peru oder Mexico sieht. Je reiner und heiterer
die Luft ist, desto vollstndiger wird das Licht bei seinem Durchgang
geschwcht. Wenn man von der Sdsee her auf die Hochebene von Quito oder
Antisana kommt, so wundert man sich in den ersten Tagen, wie nahe gerckt
Gegenstnde erscheinen, die sieben, acht Meilen entfernt sind. Der Pic von
Teyde geniet nur zwar nicht des Vortheils, unter den Tropen zu liegen,
aber die Trockenheit der Luftsulen, welche fortwhrend ber den
benachbarten afrikanischen Ebenen aufsteigen und die die Westwinde rasch
herbeifhren, verleiht der Luft der canarischen Inseln eine
Durchsichtigkeit, hinter der nicht nur die Luft Neapels und Siziliens,
sondern vielleicht sogar der klare Himmel Perus und Quitos zurckstehen.
Auf dieser Durchsichtigkeit beruht vornehmlich die Pracht der Landschaften
unter den Tropen; sie hebt den Glanz der Farben der Gewchse und steigert
die magische Wirkung ihrer Harmonien und ihrer Contraste. Wenn eine groe,
um die Gegenstnde verbreitete Lichtmasse in gewissen Stunden des Tages
die uern Sinne ermdet, so wird der Bewohner sdlicher Klimate durch
moralische Gensse dafr entschdigt. Schwung und Klarheit der Gedanken,
innerliche Heiterkeit entsprechen der Durchsichtigkeit der umgebenden
Luft. Man erhlt diese Eindrcke, ohne die Grenzen von Europa zu
berschreiten; ich berufe mich auf die Reisenden, welche jene durch die
Wunder des Gedankens und der Kusnt verherrlichten Lnder gesehen haben,
die glcklichen Himmelsstriche Griechenlands und Italiens.

Umsonst verlngerten wir unseren Aufenthalt auf dem Gipfel des Pics, des
Moments harrend, wo wir den ganzen Archipel der glckseligen Inseln(18)
wrden bersehen knnen. Wir sahen zu unseren Fen Palma, Gomera und die
Groe Canaria. Die Berge von Lanzerota, die bei Sonnenaufgang dunstfrei
gewesen waren, hllten sich bald wieder in dichte Wolken. Nur die
gewhnliche Refraction vorausgesetzt, bersieht das Auge bei hellen Wetter
vom Gipfel des Vulkans ein Stck Erdoberflche von  5700 Quadratmeilen
[115000 qkm], also so viel als ein Viertheil der Oberflche Spaniens. Oft
ist die Frage aufgeworfen worden, ob man von dieser ungeheurn Pyramide die
afrikanische Kste sehen knne. Aber die nchsten Striche dieser Kste
sind 2 Grad 49 Minuten im Bogen, oder 56 Meilen [252 km] entfernt; da nun
der Gesichtshalbmesser des Horizonts des Pics 1 Grad 47 Minuten betrgt,
so kann Cap Bojador nur sichtbar werden, wenn man ihm 200 Toisen
Meereshhe gibt. Wiir wissen gar nicht, wie hoch die Schwarzen Berge bei
Cap Bojador sind, sowie der Pic sdlich von diesem Vorgebirge, den die
Seefahrer Peon grade nennen. Wre der Gipfel des Vulkans von Teneriffa
zugnglicher, so lieen sich dort ohne Zweifel bei gewissen Windrichtungen
die Wirkungen ungewhnlicher Refraction beobachten. Liest man die Berichte
spanischer und portugiesischer Schriftsteller ber die Existenz der
fabelhaften Insel San Borondon oder Antilia, so sieht man, da in diesen
Strichen vorzglich der feuchte West-Sd-Westwind Luftspiegelungen zur
Folge hat;(19) indessen wollen wir nicht mit Viera glauben, da durch das
Spiel der irdischen Refraction die Inseln des grnen Vorgebirges, ja sogar
die Apalachen in Amerika den Bewohnern der Canarien sichtbar werden
knnen.

Die Klte, die wir auf dem Gipfel des Pics empfanden, war fr die
Jahreszeit sehr bedeutend. Der hunderttheilige Thermometer(20) zeigte
entfernt vom Boden und von den Fumarolen, die heie Dmpfe ausstoen, im
Schatten 2,7. Der Wind war West, also dem entgegengesetzt, der einen
groen Teil des Jahres Teneriffa die heie Luft zufhrt, die ber den
glhenden Wsten Afrikas aufsteigt. Da die Temperatur im Hafen von
Orotava, nach Herrn Savagis Beobachtung, 22,8 war, so nahm die Wrme auf
94 Toisen Hhe um einen Grad ab. Dieses Ergebni stimmt vollkommen mit dem
berein, was Lamanon und Saussure auf den Spitzen des Pics und des Aetna,
obwohl in sehr verschiedenen Jahreszeiten, beobachtet haben. [Lamanons
Beobachtung ergiebt einen Grad auf 99 Toisen, obgleich die Temperatur des
Pics um 9 von der von uns beobachteten abwich. Am Aetna fand Saussure die
Abnahme gleich 91 Toisen.] Die schlanke Gestalt dieser Berge bietet den
Vortheil, da man die Temperatur zweier Luftschichten fast senkrecht ber
einander beobachten kann, und in dieser Beziehung gleichen die
Beobachtungen, die man bei der Besteigung des Vulkans von Teneriffa macht,
denen, die man bei einer Auffahrt im Luftballon machen kann. Es ist
indessen zu bemerken, da die See wegen ihrer Durchsichtigkeit und wegen
der Verdunstung weniger Wrme den hohen Luftschichten zusendet als die
Ebenen; daher ist es auf vom Meer umgebenen Berggipfeln im Sommer klter
als auf Bergen mitten im Lande; dieses Moment hat aber nur geringen
Einflu auf die Abnahme der Luftwrme, da die Temperatur der tiefen
Regionen in der Nhe des Meeres gleichfalls eine niedrigere ist.

Anders verhlt es sich mit dem Einflusse der Windrichtung und der
Geschwindigkeit des aufsteigenden Stroms; letzterer erhht nicht selten
die Temperatur der hchsten Berge in erstaunlichem Grade. Am Abhang des
Antisana im Knigreich Quito sah ich in 2837 Toisen Hhe den Thermometer
auf 19 stehen; Labillardire beobachtete am Kraterrand des Pic von
Teneriffa 18,7, wobei er alle erdenkliche Vorsicht gebraucht hatte, um
den Einflu zuflliger Ursachen auszuschlieen. Da die Temperatur der
Rhede von Santa Cruz zur selben Zeit 28 war, so betrug der Unterschied
zwischen der Luft an der Kste und der auf dem Pic 9,3 statt 20, die
einer Wrmeabnahme von einem Grad auf 94 Toisen entsprechen. Ich finde im
Schiffstagebuch von lEntrecasteauxs Expedition, da damals in Santa Cruz
der Wind Sd-Sd-Ost war. Vielleicht wehte derselbe Wind strker in den
hohen Luftregionen; vielleicht trieb er in schiefer Richtung die warme
Luft vom nahen Festlande der Spitze des Piton zu. Labillardires
Besteigung fand zudem am 17. Oktober 1791 statt, und in den Schweizer
Alpen hat man die Beobachtung gemacht, da der Temperaturunterschied
zwischen Berg und Tiefland im Herbst geringer ist als im Sommer. Alle
diese Schwankungen im Ma der Temperaturabnahme haben auf die Messungen
mittelst des Barometers nur insofern Einflu, als die Abnahme in den
dazwischenliegenden Schichten nicht gleichfrmig ist, und von der
arithmetischen gleichmigen Progression, wie die angewandten Formeln sie
annehmen, abweicht.

Wir wurden auf dem Gipfel des Pics nicht mde, die Farbe des blauen
Himmelsgewlbes zu  bewundern. Ihre Intensitt im Zenith schien uns gleich
41 des Cyanometers. Man wei nach Saussures Versuchen, da diese
Intensitt mit der Verdnnung der Luft zunimmt, und da dasselbe
Instrument zu selben Zeit bei der Priorei von Chamouni 39 und auf der
Spitze des Montblanc 40 zeigte. Dieser Berg ist um 540 Toisen hher als
der Vulkan von Teneriffa, und wenn trotz diesem Unterschied auf ersterem
das Himmelsblau nicht so dunkel ist, so rhrt dies wohl von der
Trockenheit der afrikanischen Luft und der Nhe der heien Zone her.

Wir fingen am Kraterrand Luft auf, um sie auf der Fahrt nach Amerika
chemisch zu zerlegen. Die Flasche war so gut verschlossen, da, als wir
sie nach zehn Tagen ffneten, das Wasser mit Gewalt hineindrang. Nach
mehreren Versuchen mit Salpetergas in der engen Rhre des Fontanaschen
Eudiometers enthielt die Luft im Krater neun Hunderttheile weniger
Sauerstoff als die Seeluft; ich gebe aber wenig auf dieses Resultat, da
die Methode jetzt fr ziemlich unzuverlssig gilt. Der Krater des Pics hat
so wenig Tiefe und die Luft darin erneuert sich so leicht, da schwerlich
mehr Stickstoff darin ist als an der Kste. Wir wissen berdem aus
Gay-Lussacs und Theodor Saussures Versuchen, da die Luft in den hchsten
Luftregionen wie in den tiefsten 0,21 Sauerstoff enthlt.(21)

Wir sahen auf dem Gipfel des Pics keine Spur von Psora, Lecidium oder
andern Crytogamen, kein Insekt flatterte in der Luft. Indessen findet man
hie und da ein hautflgligtes Insekt an den Schwefelmassen angeklebt, die
von schwefligter Sure feucht sind und die Oeffnungen der Fumarolen
auskleiden. Es sind Bienen, die wahrscheinlich die Blthen des _Spartium
nubigenum_ aufgesucht hatten und vom Winde schief aufwrts in diese Hhe
getrieben worden waren, wie die Schmetterlinge, welche Ramond auf dem
Gipfel des Mont-Perdu gefunden. Die letzteren gehen durch die Klte zu
Grunde, whrend die Bienen auf dem Pic gerstet werden, wenn sie
unvorsichtig den Spalten, an denen sie sich wrmen wollen, zu nahe kommen.

Trotz dieser Wrme, die man am Rande des Kraters unter den Fen sprt,
ist der Aschenkegel im Winter mehrere Monate mit Schnee bedeckt.
Wahrscheinlich bilden sich unter der Schneehaube groe Hhlungen, hnlich
denen unter den Gletschern in der Schweiz, die bestndig eine niedrigere
Temperatur haben als der Boden, auf dem sie ruhen. Der heftige kalte Wind,
der seit Sonnenaufgang blies, zwang uns, am Fue des Piton Schutz zu
suchen. Hnde und Gesicht waren uns erstarrt, whrend unsere Stiefel auf
dem Boden, auf den wir den Fu setzten, verbrannten. In wenigen Minuten
waren wir am Fu des Zuckerhuts, den wir so mhsam erklommen, und diese
Geschwindigkeit war zum Theil unwillkrlich, da man hufig in der Asche
hinunterrutscht. Ungern schieden wir von dem einsamen Ort, wo sich die
Natur in ihrer ganzen Groartigkeit vor uns aufthut; wir hofften die
canarischen Inseln noch einmal besuchen zu knnen, aber aus dem Plan wurde
nichts, wie aus so vielen, die wir damals entwarfen.

Wir gingen langsam durch das Malpays; auf losen Lavablcken tritt man
nicht sicher auf. Der Station bei den Felsen zu wird der Weg abwrts
uerst beschwerlich; der dichte kurze Rasen ist so glatt, da man sich
bestndig nach hinten berbeugen mu, um nicht zu strzen. Auf der
sandigen Ebene der Retama zeigte der Thermometer 22,5, und die schien
uns nach dem Frost, der uns auf dem Gipfel geschttelt, eine erstickende
Hitze. Wir hatten gar kein Wasser; die Fhrer hatten nicht allein den
kleinen Vorrath Malvasier, den wir der freundlichen Vorsage Cologans
verdankten, heimlich getrunken, sondern sogar die Wassergefe zerbrochen.
Zum Glck war die Flasche mit der Kraterluft unversehrt geblieben.

In der schnen Region der Farn und der baumartigen Heiden genossen wir
endlich einiger Khlung. Eine dicke Wolkenschicht hllte uns ein; sie
hielt sich in 600 Toisen Hhe ber der Niederung. Whrend wir durch diese
Schicht kamen, hatten wir Gelegenheit, eine Erscheinung zu beobachten, die
uns spter am Abhang der Cordilleren fters vorgekommen ist. Kleine
Luftstrme trieben Wolkenstreifen mit verschiedener Geschwindigkeit nach
entgegengesetzten Richtungen. Die nahm sich aus, als ob in einer groen
stehenden Wassermasse kleine Wasserstrme sich rasch nach allen Seiten
bewegten. Diese theilweise Bewegung der Wolken rhrt wahrscheinlich von
sehr verschiedenen Ursachen her, und man kann sich denken, da der Ansto
dazu sehr weit her kommen mag. Man kann den Grund in den kleinen
Unebenheiten des Bodens suchen, die mehr oder weniger Wrme strahlen, in
einem auf irgend einem chemischen Proce beruhenden Temperaturunterschied,
oder endlich in einer starken elektrischen Ladung der Dunstblschen.

In der Nhe der Stadt Orotava trafen wir groe Schwrme von Canarienvgeln
[_Fringilla Canaria_. La Caille erzhlt in seiner Reisebeschreibung nach
dem Cap, auf der Insel Salvage fnden sich diese Vgel in so ungeheurer
Menge, da man in einer gewissen Jahreszeit nicht umhergehen knne, ohne
Eier zu zertreten.] Diese in Europa so wohl bekannten Vgel waren ziemlich
gleichfrmig grn, einige auf dem Rcken gelblich; ihr Schlag glich dem
der zahmen Canarienvgel, man bemerkt indessen, da die, welche auf der
Insel Gran Canaria und auf dem kleinen Eiland Monte Clara bei Lanzerota
gefanden werden, einen strkeren und zugleich harmonischeren Schlag haben.
In allen Himmelsstrichen hat jeder Schwarm derselben Vogelart seine eigene
Sprache. Die gelben Canarienvgel sind eine Spielart, die in Europa
entstanden ist, und die, welche wir zu Orotava und Santa Cruz de Teneriffa
in Kfigen sahen, waren in Cadix und anderen spanischen Hfen gekauft.
Aber der Vogel der canarischen Inseln, der von allen den schnsten Gesang
hat, ist in Europa unbekannt, der Capirote, der so sehr die Freiheit
liebt, da er sich niemals zhmen lie. Ich bewunderte seinen weichen,
melodischen Schlag in einem Garten bei Orotava, konnte ihn aber nicht nahe
genug zu Gesicht bekommen, um zu bestimmen, welcher Gattung sie angehrt.
Was die Papageien betrifft, die man beim Aufenthalt des Kapitn Cook auf
Teneriffa gesehen haben will, so existiren sie nur in Reiseberichten, die
einander abschreiben. Es gibt auf den Canarien wieder Papageien noch
Affen, und obgleich erstere in der neuen Welt bis Nordcarolina wandern, so
glaube ich doch kaum, da in der alten ber dem 28sten Grad nrdlicher
Breite welche vorkommen.

Wir kamen, als der Tag sich neigte, im Hafen von Orotava an und erhielten
daselbst die unerwartete Nachricht, da der Pizarro erst in der Nach vom
24. zum 25. unter Segel gehen werde. Htten wir auf diesen Aufschub
rechnen knnen, so wren wir entweder lnger auf dem Pic geblieben(22)
oder htten einen Ausflug nach dem Vulkan Chahorra gemacht. Den folgenden
Tag durchstreiften wir die Umgegend von Orotava. Da fhlten wir recht, da
der Aufenthalt auf Teneriffa nicht blo fr den Naturforscher von
Interesse ist; man findet in Orotava Liebhaber von Literatur und Musik,
welche den Reiz europischer Gesellschaft in diese fernen Himmelsstriche
verpflanzt haben. In dieser Beziehung haben die canarischen Inseln mit den
brigen spanischen Kolonien, Havanna ausgenommen, wenig gemein.

Am Vorabend des Johannistages wohnten wir einem lndlichen Feste in Herrn
Littles Garten bei. Dieser Handelsmann, der den Canarien bei der letzten
Getreidetheuerung bedeutende Dienste erwiesen, hat einen mit vulkanischen
Trmmern bedeckten Hgel angepflanzt und an diesem kstlichen Punkt einen
englischen Garten angelegt, wo man eine herrliche Aussicht auf die
Pyramide des Pics, auf die Drfer an der Kste und die Insel Palme hat,
welche die weite Meeresflche begrenzt. Ich kann diese Aussicht nur mit
der in den Golfen von Neapel und Genua vergleichen, aber hinsichtlich der
Groartigkeit der Massen und der Flle des Pflanzenwuchses steht Orotave
ber beiden. Bei Einbruch der Nacht bot uns der Abhang des Vulkans auf
einmal ein eigenthmliches Schauspiel. Nach einem Brauch, den ohne Zweifel
die Spanier eingefhrt hatten, obgleich er an sich uralt ist, hatten die
Hirten die Johannisfeuer angezndet. Die zerstreuten Lichtmassen, die vom
Winde gejagten Rauchsulen hoben sich an den Seiten des Pics vom
Dunkelgrn der Wlder ab. Freudengeschrei drang aus der Ferne zu uns
herber, und schien der einzige Laut, der die Stille der Natur an jenen
einsamen Orten unterbrach.

Die Familie Cologan besitzt ein Landhaus nher an der Kste als das eben
beschriebene. Der Name, den ihm der Eigenthmer gegeben, bezeichnet den
Eindruck, den dieser Landsitz macht. Das Haus *la Paz* hatte zudem noch
besonderes Interesse fr uns. Borda, dessen Tod wir bedauerten, hatte hier
bei seiner letzten Reise nach den Canarien gewohnt. Auf einer kleinen
Ebene in der Nhe hat er die Standlinie zur Messung der Hhe des Pics
abgesteckt. Bei dieser trigonometrischen Messung diente der groe
Drachenbaum von Orotava als Signal. Wollte einmal ein unterrichteter
Reisender eine genauere Messung des Vulkans mittelst astronomischer
Repetitionskreise vornehmen, so mte er die Standlinie nicht bei Orotava,
sondern bei *los Silos*, an einem Orte, *Bante*  genannt, messen; nach
Broussonet ist keine Ebene in der Nhe des Pics so gro wie diese. Wir
botanisirten bei la Paz und fanden in Menge das _Lichen roccella_ auf
basaltischem, von der See besplten Gestein. Die Orseille der Canarien ist
ein sehr alter Handelsartikel; man bezieht aber das Moos weniger von
Teneriffa als von den unbewohnten Inseln Salvage, Graciosa, Alagranza,
sogar von Canaria und Hierro.

Am 24. Juni Morgens verlieen wir den Hafen von Orotava; in Laguna
speisten wir beim franzsischen Consul. Er hatte die Geflligkeit, die
Besorgung der geologischen Sammlungen zu bernehmen, die wir dem
Naturaliencabinett des Knigs von Spanien bermachten. Als wir vor der
Stadt auf die Rhede hinausblickten, sahen wir zu unserem Schreck den
Pizarro, unsere Corvette, unter Segel. Im Hafen angelangt, erfuhren wir,
er lavire mit wenigen Segeln, uns erwartend. Die englischen bei Teneriffa
stationirten Schiffe waren verschwunden, und wir hatten keinen Augenblick
zu verlieren, um aus diesen Strichen wegzukommen. Wir schifften uns allein
ein; unsere Reisegefhrten waren Canarier gewesen, die nicht mit nach
Amerika gingen.

Ehe wir den Archipel der Canarien verlassen, werfen wir einen Blick auf
die Geschichte des Landes.

Vergeblich sehen wir uns im Periplus des Hanno und dem des Scylax nach den
ersten schriftlichen Urkunden ber die Ausbrche des Pics von Teneriffa
um. Diese Seefahrer hielten sich ngstlich an die Ksten, sie liefen jeden
Abend in eine Bay und ankerten, uns so konnten sie nichts von einem Vulkan
wissen, der 56 Meilen vom Festland von Afrika liegt. Hanno berichtet
indessen von leuchtenden Strmen, die sich in das Meer zu ergieen
schienen; jede Nacht haben sich auf der Kste viele Feuer gezeigt, und der
groe Berg, der *Gtterwagen* genannt, habe Feuergarben ausgeworfen, die
bis zu den Wolken aufgestiegen. Aber dieser Berg, nordwrts von der Insel
der Gorillas,(23) bildete das Westende der Atlaskette, und es ist zudem
sehr zweifelhaft, ob die von Hanno bemerkten Feuer wirklich von einem
vulkanischen Ausbruch herrhrten, oder von dem bei so vielen Vlkern
herrschenden Brauch, die Wlder und das drre Gras der Savannen
anzuznden. In neuester Zeit waren ja auch die Naturforscher, welche die
Expedition unter Controadmiral dEntrecasteaux mitmachten, ihrer Sache
nicht gewi, als sie die Insel Amsterdam mit dickem Rauch bedeckt sahen.
Auf der Kste von Caracas sah ich mehrere Nchte hinter einander rthliche
Feuerstreifen von brennendem Grase, die sich tuschend wie Lavastrme
ausnahmen, die von den Bergen herabkamen und sich in mehrere Arme
theilten.

Obgleich in den Reisetagebchern des Hanno und des Scylax, so weit sie uns
erhalten sind, keine Stelle vorkommt, die sich mit einigen Schein von
Recht auf die canarischen Inseln beziehen liee, ist es doch sehr
wahrscheinlich, da die Carthager und auch die Phnicier den Pic von
Teneriffa gekannt haben. [Einer der angesehensten deutschen Gelehrten,
Heeren, hlt die glckseligen Inseln Diodors von Sicilien fr Madera und
Porto Santo.] Zu Platos und Aristoteles Zeit waren dunkle Gerchte davon
zu den Griechen gedrungen, nach deren Vorstellung die ganze Kste von
Afrika jenseits der Sulen des Hercules von vulkanischem Feuer verheert
war.(24) Die Inseln der Seligen, die man Anfangs im Norden, jenseits der
riphischen Gebirge bei den Hyperborern [Die Vorstellung vom Glck, der
hohen Kultur und dem Reichthum der Bewohner des Nordens hatten die
Griechen, die indischen Vlker und die Mexicaner mit einander gemein.],
spter sdwrts von Cyrenaica gesucht hatte, wurden nach Westen verlegt,
dahin, wo die den Alten bekannte Welt ein Ende hatte. Was man glckselige
Inseln nannte, war lange ein schwankender Begriff, wie der Name *Dorado*
bei den ersten Eroberern Amerikas. Man versetzte das Glck an das Ende der
Welt, wie man den lebhaftesten Geistesgenu in einer idealen Welt jenseits
der Grenzen der Wirklichkeit sucht.

Es ist nicht zu verwundern, da vor Aristoteles die griechischen
Geographen keine genaue Kenntni von den canarischen Inseln und ihren
Vulkanen hatten. Das einzige Volk, das weit nach West und Nord die See
befuhr, die Carthager, fanden ihren Vortheil dabei, wenn sie diese
entlegenen Landstriche in den Schleier des Geheimnisses hllten. Der
carthagische Senat duldete keine Auswanderung Einzelner und ersah diese
Inseln als Zufluchtsort in Zeiten der Unruhe und politischen Unflle; so
sollten fr die Carthager seyn, was der freie Boden von Amerika fr die
Europer bei ihren brgerlichen und religisen Zwistigkeiten geworden ist.

Die Rmer wurden erst achtzig Jahre vor Octavians Regierung nher mit den
canarischen Inseln bekannt. Ein bloer Privatmann wollte den Gedanken
verwirklichen, den der carthagische Senat mit weiser Vorsicht gefat. Nach
seiner Niederlage durch Sylla sucht Sertorius, mde des Waffenlrms, eine
sichere, ruhige Zufluchtssttte. Er whlt die glckseligen Inseln, von
denen man ihm an den Ksten von Btika eine reizende Schilderung entwirft.
Er sammelt sorgfltig, was ihm von Reisenden an Nachrichten zukommt; aber
in den wenigen Stcken dieser Nachrichten, die auf uns gekommen sind, und
in den umstndlicheren Beschreibungen des Sebosus und des Juba ist niemals
von Vulkanen und vulkanischen Ausbrchen die Rede. Kaum erkennt man die
Insel Teneriffa und den Schnee, der im Winter die Spitze des Pics bedeckt,
am Namen *Nivaria*, der einer der glckseligen Inseln beigelegt wird. Man
knnte darnach annehmen, da der Vulkan damals kein Feuer gespien habe,
wenn sich aus dem Stillschweigen von Schriftstellern etwas schlieen
liee, von denen wir nichts besitzen als Bruchstcke und trockene
Namenverzeichnisse. Umsonst sucht der Physiker in der Geschichte Urkunden
ber die ltesten Ausbrche des Pics; er findet nirgends welche auer in
der Sprache der Guanchen, in der das Wort Echeyde(25) zugleich die Hlle
und den Vulkan von Teneriffa bedeutete.

Die lteste schriftliche Nachricht von der Thtigkeit des Vulkans, die ich
habe auffinden knnen, kommt aus dem Anfang des sechzehnten Jahrhunderts.
Sie findet sich in der Reisebeschreibung(26) des Aloysio Cadamusto, der im
Jahr 1505 auf den Canarien landete. Dieser Reisende war nicht selbst Zeuge
eines Ausbruchs, er versichert aber bestimmt, der Berg brenne fortwhrend
gleich dem Aetna und das Feuer sey von Christen gesehen worden, die als
Sklaven der Guanchen auf Teneriffa lebten. Der Pic befand sich also damals
nicht im Zustand der Ruhe wie jetzt, denn es ist sicher, da kein
Reisender und kein Einwohner von Teneriffa der Mndung des Pics von weitem
sichtbaren Rauch, geschweige denn Flammen, hat entsteigen sehen. Es wre
vielleicht zu wnschen, da der Schlund der *Caldera* sich weiter ffnete,
die Seitenausbrche wrden damit weniger heftig und die ganze Inselgruppe
hatte weniger von Erdbeben zu leiden.

Ich habe zu Orotava die Frage besprechen hren, ob anzunehmen sey, da der
Krater des Pics im Lauf der Jahrhunderte wieder in Thtigkeit treten
werde. In einer so zweifelhaften Sache kann man sich nur an die Analogie
halten. Nun war nach Braccinis Bericht im Jahr 1611 der Krater des Vesuvs
im Innern mit Gebsch bewachsen. Alles verkndete die tiefste Ruhe, und
dennoch warf derselbe Schlund, der sich in ein schattiges Thal verwandeln
zu wollen schien, zwanzig Jahre spter Feuersulen und ungeheure Massen
Asche aus. Der Vesuv wurde im Jahr 1631 wieder so thtig, als er im Jahr
1500 gewesen war. So knnte mglicherweise auch der Krater des Pics sich
eines Tags wieder umwandeln. Er ist jetzt eine Solfatare, hnlich der
friedlichen Solfatare von Puzzuoli; aber sie ist auf der Spitze eines noch
thtigen Vulkans gelegen.

Die Ausbrche des Pics waren seit zweihundert Jahren sehr selten, und
solche lange Pausen scheinen charakteristisch fr sehr hohe Vulkane. Der
kleinste von allen, der Stromboli, ist fast in bestndiger Thtigkeit.
Beim Vesuv sind die Ausbrche seltener, indessen hufiger als beim Aetna
und dem Pic von Teneriffa. Die colossalen Gipfel der Anden, der Cotopaxi
und der Tungurahua speien kaum einmal im Jahrhundert Feuer. Bei thtigen
Vulkanen scheint die Hufigkeit der Ausbrche im umgekehrten Verhltni
mit der Hhe und der Masser derselben zu stehen. So schien auch der Pic
nach zwei und neunzig Jahren erloschen, als im Jahr 1792 der letzte
Ausbruch durch eine Seitenffnung im Berg Chahorra erfolgte. In diesem
Zeitraum hat der Vesuv sechzehnmal Feuer gespieen.

Ich habe anderwo ausgefhrt, da der genze gebirgigte Theil des
Knigreichs Quito anzusehen ist als ein ungeheurer Vulkan von 700
Quadratmeilen Oberflche, der aus verschiedenen Kegeln mit eigenen Namen,
Cotopaxi, Tungurahua, Pichincha, Feuer speit. Ebenso ruht die ganze Gruppe
der canarischen Inseln gleichsam auf Einem untermeerischen Vulkan. Das
Feuer brach sich bald durch diese, bald durch jene der Inseln Bahn. Nur
Teneriffa trgt in seiner Mitte eine ungeheure Pyramide mit einem Krater
auf der Spitze, die in jahrhundertlangen Perioden aus ihren Seiten
Lavastrme ergiet. Auf den andern Inseln haben die verschiedenen
Ausbrche an verschiedenen Stellen stattgefunden, und man findet dort
keinen vereinzelnten Berg, an den die vulkanische Thtigkeit gebunden
wre. Die von uralten Vulkanen gebildete Basaltrinde scheint dort aller
Orten unterhhlt, und die Lavastrme, die auf Lanzerota und Palma
ausgebrochen sind, kommen geologisch durchaus mit dem Ausbruch berein,
der im Jahr 1301 auf der Insel Ischia durch die Tuffe des Epomeo erfolgte.

Es folgt hier die Liste der Ausbrche, deren Andenken sich bei den
Geschichtschreibern der Insel seit der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts
erhalten hat.

*Jahr 1558.* -- Am 15. April. Zur selben Zeit wurde Teneriffa zum erstenmal
von der aus der Levante eingeschleppten Pest verheert. Ein Vulkan ffnet
sich auf der Insel Palma, nahe einer Quelle im _Partido de los Llanos_.
Ein Berg steigt aus dem Boden; auf der Spitze bildet sich ein Krater, der
einen hundert Toisen breiten und ber 2500 Toisen langen Lavastrom
ergiet. Die Lava strzt sich ins Meer, und durch die Erhitzung des
Wassers gehen die Fische in weitem Umkreis zu Grunde. [Dieselbe
Erscheinung wiederholte sich 1811 bei den Azoren, als der Vulkan Sabrina
auf dem Meeresboden ausbrach. Das calcinirte Skelett eines Haifisches
wurde im erloschenen, mit Wasser gefllten Krater gefunden.]

*Jahr 1646.* -- Am 13. November thut sich ein Schlund auf der Insel Palma
bei Tigalate auf; zwei andere bilden sich am Meeresufer. Die Laven, die
sich aus diesen Spalten ergieen, machen die berhmte Quelle Foncaliente
oder Fuente Santa versiegen, deren Mineralwasser Kranke sogar aus Europa
herbeizog. Nach einer Volkssage wurde dem Ausbruch durch ein seltsames
Mittel Einhalt geboten. Das Bild unserer lieben Frau zum Schnee wurde aus
Santa Cruz an den Schlund des Vulkans gebracht, und alsbald fiel eine so
ungeheure Masse Schnee, da das Feuer dadurch erlosch. In den Anden von
Quito wollen die Indianer die Bemerkung gemacht haben, da die Thtigkeit
der Vulkane durch vieles einsickerndes Schneewasser gesteigert wird.

*Jahr 1677.* -- Dritter Ausbruch auf der Insel Palma. Der Berg las Cabras
wirft aus einer Menge kleienr Oeffnungen, die sich nacheinander bilden,
Schlacken und Asche aus.

*Jahr 1704.* -- Am 31. December. Der Pic von Teneriffa macht einen
Seitenausbruch in der Ebene les Infantes, oberhalb Ocore, im Bezirk
Guimar. Furchtbare Erdbeben gingen dem Ausbruch voran. Am 5. Januar 1705
thut sich ein zweiter Schlund in der Schlucht Almerchiga, eine Meile von
Icore auf. Die Lava ist so stark, da sie das ganze Thal Fasnia oder Areza
ausfllt. Dieser zweite Schlund hrt am 13. Januar zu speien auf. Ein
dritter bildet sich am 2. Februar in der Caada de Araso. Die Lava in drei
Strmen bedroht das Dorf Guimar, wird aber im Thal Melosar durch einen
Felsgrat aufgehalten, der einen unbersteiglichen Damm bildet. Whrend
dieser Ausbrche sprt die Stadt Orotava, die nur einen schmaler Damm von
den neuen Schlnden trennt, starke Erdste.

*Jahr 1706.* -- Am 5. Mai. Ein weiterer Seitenausbruch des Pics von
Teneriffa. Der Schlund bricht ab sdlich vom Hafen von Garachico, damls
dem schnsten und besuchtesten der Insel. Die volkreiche, wohlhabende
Stadt hatte eine malerische Lage am Saum eines Lorbeerwaldes. Zwei
Lavastrme zerstren sie in wenigen Stunden; kein Haus blieb stehen. Der
Hafen, der schon im Jahr 1645 gelitten hatte, weil ein Hochwasser viel
Erdreich hineingefhrt, wurde so ausgefllt, da die sich aufthrmenden
Laven in der Mitte seines Umfangs ein Vorgebirge bildeten. Ueberall, rings
um Garachico, wurde das Erdreich vllig umgewandelt. Aus der Ebene stiegen
Hgel auf, die Quellen blieben aus, und Felsmassen wurden durch die
hufigen Erdste der Dammerde und des Pflanzenwuchses beraubt und blieben
nackst stehen. Nur die Fischer lieen nicht vom heimathlichen Boden.
Muthig, wie die Einwohner von Torre del Greco, erbauten sie wieder ein
Drfchen auf Schlackenhaufen und dem verglasten Gestein.

*Jahr 1730.* -- Am 1. September. Eine der furchtbarsten Catastrophen
zerstrt den Landungsplatz der Insel Lancerota. Ein neuer Vulkan bildet
sich bei Temenfaya. Die Lavastrme und die Erdste, welche den Ausbruch
begleiten, zerstren eine Menge Drfer, worunter die alten Flecken der
Guanchen Tingafa, Macintase und Guatisca. Die Ste dauern bis 1736 fort,
und die Bewohner von Lancerota flchten sich groen Theils auf die Insel
Fortanventra. Whrend dieses Ausbruchs, von dem schon im vorigen Capitel
die Rede war, sieht man eine dicke Rauchsule aus der See aufsteigen.
Pyramidalische Felsen erheben sich ber der Meeresflche, die Klippen
werden immer grer und verschmelzen allmhlich mit der Insel selbst.

*Jahr 1798.* -- Am 9. Juni. Seitenausbruch des Pics von Teneriffa, am
Abhang des Berges Charhorra oder Venge, [Der Abhang des Berges Venge, auf
dem Ausbruch stattfand, heit Chazajae.] an einem vllig unbebauten Ort.
Dieser Berg, der sich an den Pic anlehnt, galt von jeher fr eine
erloschenen Vulkan. Er besteht zwar aus festen Gebirgsarten, verhlt sich
aber doch zum Pic wie der Monte Rosso, der im Jahr 1661 aufstieg, oder die
_boche nueve_, die im Jahr 1794 aufbrachen, zum Aetna und zum Vesuv. Der
Ausbruch des Chahorra whrte drei Monate und sechs Tage. Die Lava und die
Schlacken wurden aus vier Mndungen in Einer Reihe ausgeworfen. Die drei
bis vier Toisen hoch aufgethrmte Lava legte drei Fu in der Stunde
zurck. Da dieser Ausbruch nur ein Jahr vor meiner Ankunft auf Teneriffa
erfolgt war, so war der Eindruck desselben bei den Einwohnern noch sehr
lebhaft. Ich sah bei Herrn le Gros in Durasno eine von ihm an Ort und
Stelle entworfene Zeichnung der Oeffnungen des Chahorra. Don Bernardo
Cologan hat diese Oeffnungen, acht Tage nachdem sie aufgebrochen, besucht
und die Haupterscheinungen bei dem Ausbruch in einem Aufsatz beschrieben,
von dem er mir eine Abschrift mittheilte, um sie meiner Reisebeschreibung
einzuverleiben. Seitdem sind dreizehn Jahre verflossen; Bory St. Vincent
ist mir mit der Verffentlichung des Aufsatzes zuvorgekommen, und so
verweise ich den Leser auf sein interessantes Werk: _Essai sur les les
fortunes._ Ich beschrnke mich hier darauf, Einiges ber die Hhe
mitzutheilen, zu der sehr ansehnliche Felstcke aus den Oeffnungen des
Chahorra emporgeschleudert wurden. Cologan zhlte whrend des Falls der
Steine 12-15 Secunden, [Cologan bemerkt, der Fall habe sogar ber 15
Sekunden gedauert, weil er den Stein mit dem Auge nicht verfolgen konnte,
bis er auffiel.] das heit er fing im Moment zu zhlen an, wo sie ihre
hchste Hhe erreicht hatten. Aus dieser interessanten Beobachtung geht
hervor, da die Felstcke aus der Oeffnung ber dreitausend Fu hoch
geschleudert wurden.

Alle in dieser chronologischen Uebersicht verzeichneten Ausbrche gehren
den drei Inseln Palma, Teneriffa und Lancerota an. Wahrscheinlich sind vor
dem sechzehnten Jahrhundert die brigen Inseln auch vom vulkanischen Feuer
heimgesucht worden. Nach mit mitgetheilten unbestimmten Notizen lge
mitten auf der Insel Ferro ein erloschener Vulkan und ein anderer auf der
Groen Canaria bei Arguineguin. Es wre aber wichtig zu erfahren, ob sich
an der Kalkformation von Fortaventura oder am Granit und Glimmerschiefer
von Gomera Spuren des unterirdischen Feuers zeigen.

Die rein seitliche vulkanische Thtigkeit des Pics von Teneriffa ist
geologisch um so merkwrdiger, als sie dazu beitrgt, die Berge, die sich
an den Hauptvulkan anlehnen, isolirt erscheinen zu lassen. Allerdings
kommen auch beim Aetna und beim Vesuv die groen Lavastrme auch nicht aus
dem Krater selbst, und die Masse geschmolzener Stoffe steht meist im
umgekehrten Verhltni mit der Hhe, in der sich die Spalte bildet, welche
die Lava auswirft. Aber beim Vesuv und Aetna endet ein Seitenausbruch
immer damit, da der Krater, das heit die eigentliche Spitze des Bergs,
Feuer und Asche auswirft. Beim Pic von Teneriffa ist solches seit
Jahrhunderten nicht vorgekommen. Auch beim letzten Ausbruch im Jahr 1798
blieb der Krater vollkommen unthtig. Sein Grund hat sich nicht gesenkt,
whrend nach Leopolds von Buch scharfsinniger Bemerkung beim Vesuv die
grere oder geringere Tiefe des Kraters fast ein untrgliches Zeichen
ist, ob ein neuer Ausbruch bevorsteht oder nicht.

Werfen wir jetzt einen Blick darauf, wie einst geschmolzenen Felsmassen
des Pics, wie die Basalte und Mandelsteine sich allmhlich mit einer
Pflanzendecke berzogen haben, wie die Gewchse an den steilen Abhngen
des Vulkans vertheilt sind, welcher Charakter der Pflanzenwelt der
canarischen Inseln zukommt.

Im nrdlichen Theile des gemigten Erdstrichs bedecken cryptogamische
Gewchse zuerst die steinigte Erdrinde. Auf die Flechten und Moose, deren
Lauf sich unter dem Schnee entwickelt, folgen grasartige und anderen
phanerogame Pflanzen. Anders an den Grenzen des heien Erdstrichs und
zwischen den Tropen selbst. Allerdings findet man dort, was auch manche
Reisende sagen mgen, nicht allein auf den Bergen, sondern auch an
feuchten, schattigen Orten Funarien, Dicranum- und Bryumarten; unter den
zahlreichen Arten dieser Gattungen befinden sich mehrere, die zugleich in
Lappland, auf dem Pic von Teneriffa und in den blauen Bergen auf Jamaica
vorkommen; im Allgemeinen aber beginnt die Vegetation in den Lndern in
der Nhe der Tropen nicht mit Flechten und Moosen. Auf den Canarien, wie
in Guinea und an den Felsenksten von Peru, sind es die Saftpflanzen, die
den Grund zur Dammerde legen, Gewchse, deren mit unzhligen Oeffnungen
und Hautgefen versehenen Bltter der umgebenden Luft des darin
aufgelste Wasser entziehen. Sie wachsen in den Ritzen des vulkanischen
Gesteins und bilden gleichsam die erste vegetabilische Schicht, womit sich
die Lavastrme berziehen. Ueberall wo die Laven verschlackt sind oder
eine glnzende Oberflche haben, wie die Basaltkuppen im Norden von
Lancerota, entwickelt sich die Vegetation ungemein langsam darauf, und es
vergehen mehrere Jahrhunderte, bis Buschwerk darauf wchst. Nur wenn die
Lava mit Tuff und Asche bedeckt ist, verliert sich auf vulkanischen
Eilanden die Kahlheit, die sich in der erstene Zeit nach ihrer Bildung
auszeichnet, und schmcken sie sich mit einer ppigen glnzenden
Pflanzendecke.

In seinem gegenwrtigen Zustand zeigt die Insel Teneriffa oder das
*Chinerfe* [Aus *Chinerfe* haben die Europer durch Corruption
*Tschineriffe*, *Teneriffa* gemacht.] der Guanchen fnf Pflanzenzonen, die
man bezeichnen kann als die Regionen der Weinreben, der Lorbeeren, der
Fichten, der Retama, der Grser. Diese Zonen liegen am steilen Abhang des
Pics wie Stockwerke ber einander und haben 1750 Toisen senkrechte Hhe,
whrend 15 Grad weiter gegen Norden in den Pyrenen der Schnee bereits zu
1300-1400 Toisen absoluter Hhe herabreicht. Wenn auf Teneriffa die
Pflanzen nicht bis zum Gipfel des Vulkans vordringen, so rhrt dies nicht
daher, weil ewiges Eis(27) und die Klte der umgebenden Luft ihnen
unbersteigliche Grenzen setzen: vielmehr lassen die verschlackten Laven
des Malpays und der drre, zerriebene Bimsstein des Piton die Gewchse
nicht an den Kraterrand gelangen.

Die *erste Zone*, die der Reben, erstreckt sich vom Meeresufer bis in
2-300 Toisen Hhe; sie ist die am strksten bewohnte und die einzige, wo
der Boden sorgfltig bebaut ist. In dieser tiefen Lage, im Hafen von
Orotava und berall, wo die Winde freien Zutritt haben, hlt sich der
hunderttheilige Thermometer im Winter, im Januar und Februar, um Mittag
auf 15-17; im Sommer steigt die Hitze nicht ber 25 oder 26, ist also um
5-6 geringer als die grte Hitze, die jhrlich in Paris, Berlin und
St. Petersburg eintritt. Die ergibt sich aus den Beobachtungen Savaggis
in den Jahren 1795-1799. Die mittlere Temperatur der Kste von Teneriffa
scheint wenigstens 21 (16,8 R.) zu seyn, und ihr Klima steht in der
Mitte zwischen dem von Neapel und dem heien Erdstrichs. Auf der Insel
Madera sind die mittleren Temperaturen des Januar und des August, nach
Heberden, 17,7 und 23,8, in Rom dagegen 5,6 und 26,1. Aber so hnlich
sich die Klimate von Madera und Teneriffa sind, kommen doch die Gewchse
er ersteren Insel im Allgemeinen in Europa leichter fort als die von
Teneriffa. Der _Cheiranthus longifolius_ von Orotava z. B. erfriert in
Marseille, wie de Candolle beobachtet hat, whrend der _Cheiranthus
mutabilis_ von Madera dort im Freien berwintert. Die Sommerhitze dauert
auf Madera nicht so lang als auf Teneriffa.

In der Region der Reben kommen vor acht Arten baumartiger Euphorbien,
Mesembryanthemum-Arten, die vom Cap der guten Hoffnung bis zum Peloponnes
verbreitet sind, die _Cacalia Kleinia_, der Drachenbaum, und andere
Gewchse, die mit ihrem nackten, gewundenen Stamm, mit den saftigen
Blttern und der blaugrnen Frbung den Typus der Vegetation Afrikas
tragen. In dieser Zone werden der Dattelbaum, der Bananenbaum, der
Zuckerrohr, der indische Feigenbaum, _Arum colocasia_, dessen Wurzel dem
gemeinen Volk ein nahrhaftes Mehl liefert, der Oelbaum, die europischen
Obstarten, der Weinstock und die Getreidearten gebaut. Das Korn wird von
Ende Mrz bis Anfang Mai geschnitten, und man hat mit dem Anbau des
Otaheiteschen Brodbaums, des Zimmtbaums von den Molukken, des Kaffeebaums
aus Arabien und des Cacaobaums aus Amerika gelungene Versuche gemacht. Auf
mehreren Punkten der Kste hat das Land ganz den Charakter einer
tropischen Landschaft. Chamrops und der Dattelbaum kommen auf der
fruchtbaren Ebene von Murviedro, an der Kste von Genua und in der
Provence bei Antibes unter 39-44 Grad der Breite ganz gut fort; einige
Dattelbume wachsen sogar innerhalb der Mauern von Rom und dauern in einer
Temperatur von 2,5 unter dem Gefrierpunkt aus. Wenn aber dem sdlichen
Europa nur erst ein geringes Theil von Schtzen zugetheilt ist, welche die
Natur in der Region der Palmen ausstreut, so ist die Insel Teneriffa, die
unter derselben Breite liegt wie Egypten, das sdliche Persion und
Florida, bereits mit denselben Pflanzengestalten geschmckt, welche den
Landschaften in der Nhe des Aequators ihre Groartigkeit verleihen.

Bei der Musterung der Sippen einheimischer Gewchse vermit man ungern die
Bume mit den zartgefiederten Blttern und die baumartigen Grser. Keine
Art der zahlreichen Familie der Sensitiven ist auf ihrer Wanderung zum
Archipel der Canarien vorgedrungen, whrend sie auf beiden Continenten bis
zum 38. und 40. Breitegrad vorkommen. In Amerika ist die _Schrankchia
uncinata_ Wildenows [_Mimosa horridula, Michaux_] bis hinauf in die Wlder
von Virginien verbreitet; in Afrika wchst die _Acacia gummifera_ auf den
Hgeln bei Mogador, in Asien, westwrts vom caspischen Meer, hat v.
Biberstein die Ebenen von Ehyrvan mit _Acacia stephaniana_ bedeckt
gesehen. Wenn man die Pflanzen von Lancerota und Fortaventura, die der
Kste von Marocco am nchsten liegen, genauer untersuchte, knnten sich
doch unter so vielen Gewchsen der afrikanischen Flora leicht ein paar
Mimosen finden.

Die *zweite Zone*, die der Lorbeeren, begreift den bewaldeten Strich von
Teneriffa; es ist die auch die Region der Quellen, die aus dem immer
frischen, feuchten Rasen sprudeln. Herrliche Wlder krnen die an den
Vulkan sich lehnenden Hgel Hier wachsen vier Lorbeerarten [_Laurus
indica, L. foetens, L. nobilis_ und _L. Til._. Zwischen diesen Bumen
wachsen _Aridisia excelsa_, _Rhamnus glandulosus_, _Erica arborea_, _Erica
Texo._], eine der _Quercus Turneri_ aus den Bergen Tibets nahestehende
Eiche, [_Quercus Canariensis, Broussonet._] die _Visnea Mocanera_, die
_Myrica Faya_ der Azoren, ein einheimischer Olivenbaum (_Olea excelsa_),
der grte Baum in dieser Zone, zwei Arten _Sideroxylon_ mit ausnehmend
schnem Laub, _Arbutus callycarpa_ und andere immergrne Baume aus der
Familie der Myrten. Winden und ein vom europischen sehr verschiedener
Epheu (_Hedera canariensis_) berziehen die Lorbeerstmme, und zu ihren
Fen wuchern zahllose Farn, [_Woodwardia radicans, Asplenium palmatum,
A. canariense, A. latifolium, Nothalaena subcurdata, Trichomanes
canariensis, T. speciosus_ und _Davallia canariensis_.] von denen nur drei
Arten [Zwei _Acrostichum_ und das _Ophyoglossum lusitanicum_.] schon in
der Regin der Reben vorkommen. Auf dem mit Moosen und zartem Grad
berzogenen Boden prangen berall die Blthen der _Campanula aurea_, des
_Chrysanthemum pinnatifidum_, der _Mentha canariensis_ und mehrerer
strauchartiger Hypericumarten [_Hypericum canariense_, _H. floribundum_
und _H. glandulosum._]. Pflanzungen von wilden und geimpften Kastanien
bilden einen weiten Grtel um das Gebiet der Quellen, welches das grnste
und lieblichste von allen ist.

Die *dritte Zone* beginnt in 900 Toisen absoluter Hhe, da wo die letzten
Gebsche von Erdbeerbumen, _Myrica Faya_ und des schnen Heidekrauts
stehen, das bei den Eingeborenen Texo heit. Diese 400 Toisen breite Zone
besteht ganz aus einem mchtigen Fichtenwald, in dem auch Broussonets
_Juniperus Cedro_ vorkommt. Die Fichten haben sehr lange, ziemlich steife
Bltter, deren zuweilen zwei, meist aber drei in einer Scheide stecken. Da
wir ihre Frchte nicht untersuchen konnten, wissen wir nicht, ob diese
Art, die im Wuchs der schottischen Fichte gleicht, sich wirklich von den
achtzehn Fichtenarten unterscheidet, die wir bereits in der alten Welt
kennen. Nach der Ansicht eines berhmten Botanikers, dessen Reisen die
Pflanzengeographie Europas sehr gefrdert haben, de Candolle,
unterscheidet sich die Fichte von Teneriffa sowohl von der _Pinus
atlantica_ in den Bergen bei Mogador, als von der Fichte von Aleppo,(28)
die dem Becken des mittellndischen Meeres angehrt und nicht ber die
Sulen des Herkules hinauszugehen scheint. Die letzten Fichten fanden wir
am Pic etwa in 1200 Toisen Hhe ber dem Meer. In den Cordilleren von
Neuspanien, im heien Erdstrich, gehen die mexicanischen Fichten bis zu
2000 Toisen Hhe. So sehr auch die verschiedenen Arten einer und derselben
Pflanzengattung im Bau bereinkommen, so verlangt doch jede zu ihrem
Fortkommen einen bestimmten Grad von Wrme und Verdnnung der umgebenden
Luft. Wenn in den gemigten Landstrichen und berall, wo Schnee fllt,
die constante Bodenwrme etwas hher ist als die mittlere Lufttemperatur,
so ist anzunehmen, da in der Hhe des Portillo die Wurzeln der Fichten
ihre Nahrung aus einem Boden ziehen, in dem in einer gewissen Tiefe der
Thermometer hchstens auf 9 bis 10 Grad steigt.

Die *vierte und fnfte Zone*, die der Retama und der Grser, liegen so
hoch wie die unzugnglichsten Gipfel der Pyrenen. Es ist die der de
Landstrich der Insel, wo Haufen von Bimsstein, Obsidian und zertrmmerter
Lava wenig Pflanzenwuchs aufkommen lassen. Schon oben war von den
blhenden Bschen des Alpenginsters _(Spartium nubigenum)_ die Rede,
welche Oasen in einem weiten Aschenmeer bilden. Zwei krautartige Gewchse,
_Scrophularia glabrata_ und _Viola cheiranthifolia_, gehen weiter hinauf
bis ins Malpays. Ueber einem vom der afrikanischen Sonne ausgebrannten
Rasen bedeckt die _Cladonia paschalis_ drre Strecken; die Hirten znden
sie hufig an, wobei sich dann das Feuer sehr weit verbreitet. Dem Gipfel
des Pic zu arbeiten Urceolarien und andere Flechten an der Zersetzung des
verschlackten Gesteins, und so erweitert sich auf von Vulkanen verheerten
Eilanden Floras Reich durch die nie stockende Thtigkeit organischer
Krfte.

Ueberblicken wir die Vegetationszonen von Teneriffa, so sehen wir, da die
ganze Insel als ein Wald von Lorbeeren, Erdbeerbumen und Fichten
erscheint, der kaum an seinen Rndern von Menschen urbar gemacht ist, und
in der Mitte ein nacktes steinigtes Gebiet umschliet, das weder zum
Ackerbau noch zur Weide taugt. Nach Broussonets Bemerkung lt sich der
Archipel der Canarien in zwei Gruppen theilen. Die erste begreift
Lancerota und Fortaventura, die zweite Teneriffa, Canaria, Gomera, Ferro
und Palma. Beide weichen im Habitus ihrer Vegetation bedeutend von
einander ab. Die ostwrts gelegenen Inseln, Lancerota und Fortaventura,
haben weite Ebenen und nur niedrige Berge; sie sind fast quellen los, und
diese Eilande haben noch mehr als die andern die Charakter vom Continent
getrennter Lnder. Die Winde wehen hier in derselben Richtung und zu
denselben Zeiten; _Euphorbia mauritanica_, _Atropa frutescens_ und
_Sonchus arborescens_ wuchern im losen Sand und dienen wie in Afrika den
Kameelen als Futter. Auf der westlichen Gruppe der Canarien ist das Land
hher, strker bewaltet, und besser von Quellen bewssert.

Auf dem ganzen Archipel finden sich zwar mehrere Gewchse, die auch in
Portugal(29), in Spanien, auf den Azoren und im nordwestlichen Afrika
vorkommen, aber viele Arten und selbst einige Gattungen sind Teneriffa,
Porto-Santo und Madera eigenthmlich, unter andern _Mocanera_, _Plocama_,
_Bosea_, _Canarina_, _Drusa_, _Pittosporum_.Ein Typus, der sich als ein
nrdlicher ansprechen lt, der der Kreuzblthen, [Von den wenigen
Cruciferen in der Flora von Teneriffa fhren wir an: _Cheiranthus
longifolius_, _Ch. frutescens_, _Ch. scoparis,_ _Erysimum bicorne_,
_Crambe strigosa_, _C. laevigata_.] ist auf den Canarien schon weit
seltener als in Spanien und Griechenland. Weiter nach Sden, im tropischen
Landstrich beider Continente, wo die mittlere Lufttemperatur ber 22 ist,
verschwinden die Kreuzblthen fast gnzlich.

Eine Frage, die fr die Geschichte der fortschreitenden Entwicklung des
organischen Lebens auf dem Erdball von groer Bedeutung erscheint, ist in
neuerer Zeit viel besprochen worden, nmlich, ob polymorphe Gewchse auf
vulkanischen Inseln hufiger sind als anderswo? Die Vegetation von
Teneriffa untersttzt keineswegs die Annahme, da die Natur auf
neugebildetem Boden in Pflanzenformen weniger streng festhlt. Broussonet,
der sich so lang auf den Canarien aufgehalten, versichert, vernderlich
Gewchse seyen nicht hufiger als im sdlichen Europa. Wenn auf der Inseln
Bourbon so viele polymorphe Arten vorkommen, sollte dies nicht vielmehr
von der Beschaffenheit Bodens und des Klimas herrhren, als davon, da die
Vegetation jung ist?

Wohl darf ich mir schmeicheln, mit dieser Naturskizze von Teneriffa
einiges Licht ber Gegenstnde verbreitet zu haben, die bereits von so
vielen Reisenden besprochen worden sind; indessen glaube ich, da die
Naturgeschichte dieses Archipels der Forschung noch ein weites Feld
darbietet. Die Leiter der wissenschaftlichen Entdeckungsfahrten, wie sie
England, Frankreich, Spanien, Dnemark und Ruland zu ihrem Ruhme
unternommen, haben meist zu sehr geeilt, von den Canaren wegzukommen. Sie
dachten, da diese Inseln so nahe bei Europa liegen, mten sie genau
beschrieben seyn; sie haben vergessen, da das Innere von Neuholland
geologisch nicht unbekannter ist als die Gebirgsarten von Lancerota und
Gomera, Porto-Santo und Terceira. So viele Gelehrte bereisen Jahr fr Jahr
ohne bestimmten Zweck die besuchtesten Lnder Europas. Es wre
wnschenswerth, da einer und der andere, den chte Liebe zur Wissenschaft
beseelt und dem die Verhltnisse eine mehrjhrige Reise gestatten, den
Archipel der Azoren, Madera, die Canarien, die Inseln des grnen
Vorgebirgs und die Nordwestkste von Afrika bereiste. Nur wenn man die
atlantischen Inseln und das benachbarte Festland nach den selben
Gesichtspunkten untersucht und die Beobachtungen zusammenstellt, gelangt
man zur genauen Kenntni der geologischen Verhltnisse und der Verbreitung
der Thiere und Gewchse.

Bevor ich die alte Welt verlasse und in die neue bersetze, habe ich einen
Gegenstand zu berhren, der allgmeineres Interesse bietet, weil der sich
auf die Geschichte der Menschheit und die historischen Verhngnisse
bezieht, durch welche ganze Volkssstmme vom Erdboden verschwunden sind.
Auf Cuba, St. Domingo, Jamaica fragt man sich, wo die Ureinwohner dieser
Lnder hingekommen sind; auf Teneriffa fragt man sich, was aus den
Guanchen geworden ist, deren in Hhlen versteckte, vertrocknete Mumien
ganz allein der Vernichtung entgangen sind. Im fnfzehnten Jahrhundert
holten fast alle Handelsvlker, besonders aber die Spanier und
Portugiesen, Sklaven von den Canarien, wie man sie jetzt von der Kste von
Guinea holt. [Die spanischen Geschichtsschreiber sprechen von Fahrten,
welche die Hugenotten von La Rochelle unternommen haben sollen, um
Guanchensklaven zu holen. Ich kann dies nicht glauben, da diese Fahrten
nach dem Jahr 1530 fallen mten.] Die christliche Religion, die in ihren
Anfngen die menschliche Freiheit so mchtig frderte, mute der
europischen Habsucht als Vorwand dienen. Jedes Individuum, das gefangen
wurde, ehe es getauft war, verfiel der Sklaverei. Zu jener Zeit hatte man
noch nicht zu beweisen gesucht, da der Neger ein Mittelding zwischen
Mensch und Thier ist; der gebrunte Guanche und der afrikanische Neger
wurden auf dem Markte zu Sevilla mit einander verkauft, und man stritt
nicht ber die Frage, ob nur Menschen mit schwarzer Haut und Wollhaar der
Sklaverei verfallen sollen.

Auf dem Archipel der Canarien bestanden mehrere kleine, einander feindlich
gegenber stehende Staaten. Oft war dieselbe Insel zwei unabhngigen
Frsten unterworfen, wie in der Sdsee und berall, wo die Cultur noch auf
tiefer Stufe steht. Die Handelsvlker befolgten damals hier dieselbe
arglistige Politik, wie jetzt auf den Ksten von Afrika: sie leisteten den
Brgerkriegen Vorschub. So wurde ein Guanche Eigenthum des andern, und
dieser verkaufte jenen den Europern; manche zogen den Tod der Sklaverei
vor und tdteten sich und ihre Kinder. So hatte die Bevlkerung der
Canarien durch den Sklavenhandel, durch die Menschenruberei der Piraten,
besonders aber durch lange blutige Zwiste bereits starke Verluste
erlitten, als Alonso de Lugo sie vollends eroberte. Den Ueberrest der
Guanchen raffte im Jahr 1494 grtentheils die berhmte Pest, die
sogenannte *Modorra* hin, die man den vielen Leichen zuschrieb, welche die
Spanier nach der Schlacht bei Laguna hatten frei liegen lassen. Wenn ein
halb wildes Volk, das man um sein Eigenthum gebracht, im selben Lande
neben einer civilisirten Nation leben mu, so sucht es sich in den
Gebirgen und Wldern zu isoliren. Inselbewohner haben keine andere
Zuflucht, und so war denn das herrliche Volk der Guanchen zu Anfang des
siebzehnten Jahrhunderts so gut wie ausgerottet; auer ein paar alten
Mnnern in Candelaria und Guimar gab es keine mehr.

Es ist ein trstlicher Gedanke, da die Weien es nicht immer verschmht
haben, sich mit den Eingeborenen zu vermischen; aber die heutigen
Canarier, die bei den Spaniers schlechtweg *Isleos* heien, haben
triftige Grnde, eine solche Mischung in Abrede zu ziehen. In einer langen
Geschlechtsfolge verwischen sich die charakteristischen Merkmale der
Racen, und da die Nachkommen der Andalusier, die sich auf Teneriffa
niedergelassen, selbst von ziemlich dunkler Gesichtsfarbe sind, so kann
die Hautfarbe der Weien durch die Kreuzung der Racen nicht merkbar
verndert worden seyn. Es ist Thatsache, da gegenwrtig kein Eingeborener
von reiner Race mehr lebt, und sonst ganz wahrheitsliebende Reisende sind
im Irrthum, wenn sie glauben, bei der Besteigung des Pics schlanke,
schnellfige Guanchen zu Fhrern gehabt zu haben. Allerdings wollen
einige canarische Familien vom letzten Hirtenknig von Guimar abstammen,
aber diese Ansprche haben wenig Grund; sie werden von Zeit zu Zeit wieder
laut, wenn einer aus dem Volk, der brauner ist als seine Landsleute, Lust
bekommt, sich um eine Officiersstelle im Dienste des Knigs von Spanien
umzuthun.

Kurz nach der Entdeckung von Amerika, als Spanien den Gipfel seines Ruhms
erstiegen hatte, war es Brauch, die sanfte Gemthsart der Guanchen zu
rhmen, wie man in unserer Zeit die Unschuld der Bewohner von Otaheiti
gepriesen hat. Bei beiden Bildern ist das Colorit glnzender als wahr.
Wenn die Vlker, erschpft durch geistige Gensse, in der Verfeinerung der
Sitten nur Keime der Entartung vor sich sehen, so finden sie einen eigenen
Reiz in der Vorstellung, da in weit entlegenen Lndern, beim Dmmerlicht
der Cultur, in der Bildung begriffene Menschenvereine eines reinen,
ungestrten Glckes genieen. Diesem Gefhl verdankt Tacitus zum Theil den
Beifall, der ihm geworden, als der den Rmern, den Unterthanen der
Csaren, die Sitten der Germanen schilderte. Dasselbe Gefhl gibt den
Beschreibungen der Reisenden, die seit dem Ende des verflossenen
Jahrhunderts die Inseln des stillen Oceans besucht haben, den
unbeschreiblichen Reiz.

Die Einwohner der zuletzt genannten Inseln, die man wohl zu stark
gepriesen hat und die einst Menschenfresser waren, haben in mehr als einer
Beziehung Aehnlichkeit mit den Guanchen von Teneriffa. Beide sehen wir
unter dem Joche eines feudalen Regiments seufzen, und bei den Guanchen war
diese Staatsform, welche so leicht Kriege herbeifhrt und sie nicht enden
lt, durch die Religion geheiligt. Die Priester sprachen zum Volk:
Achaman, der groe Geist, hat zuerst die Edlen, die Achimenceys,
geschaffen und ihnen alle Ziegen in der Welt zugetheilt. Nach den Edeln
hat Achaman das gemeine Volk geschaffen, die Achicaxnas; dieses jngere
Geschlecht nahm sich heraus, gleichfalls Ziegen zu verlangen; aber das
hchste Wesen erwiederte, das Volk sey dazu da, den Edeln dienstbar zu
seyn, und habe kein Eigenthum nthig. Eine solche Ueberlieferung mute
den reichen Vasallen der Hirtenknige ungemein behagen; auch stand dem
Faycan oder Oberpriester das Recht zu, in den Adelstand zu erheben, und
ein Gesetz verordnete, da jeder Achimencey, der sich herbeiliee, eine
Ziege mit eigenen Hnden zu melken, seines Adels verlustig seyn sollte.
Ein solches Gesetz erinnert keineswegs an die Sitteneinfalt des
homerischen Zeitalters. Es befremdet, wenn man schon bei den Anfngen der
Cultur die ntzliche Beschftigung mit Ackerbau und Viehzucht mit
Verachtung gebrandmarkt sieht.

Die Guanchen waren berhmt durch ihren hohen Wuchs; sie erschienen als die
Patagonen der alten Welt und die Geschichtschreiber bertrieben ihre
Muskelkraft, wie man vor Bougainvilles und Cordobas Reisen dem Volksstamm
am Sdende von Amerika eine colossale Krpergre zuschrieb. Mumien von
Guanchen habe ich nur in den europischen Cabinetten gesehen; zur Zeit
meiner Reise waren sie auf Teneriffa sehr selten; man mte sie aber in
Menge finden, wenn man die Grabhhlen, die am stlichen Abhang des Pics
zwischen Arico und Guimar in den Fels gehauen sind, bergmnnisch
aufbrechen liee. Diese Mumien sind so stark vertrocknet, da ganze Krper
mit der Haut oft nicht mehr als sechs bis sieben Pfund wiegen, das heit
ein Drittheil weniger als das Skelett eines gleich groen Individuums, von
dem man eben das Muskelfleisch abgenommen hat. Die Schdelbildung hnelt
einigermaen der der weien Race der alten Egypter, und die Schneidezhne
sind auch bei den Guanchen stumpf, wie bei den Mumien vom Nil. Aber diese
Zahnform ist rein knstlich und bei genauerer Untersuchung der Kopfbildung
der alten Guanchen haben gebte Anatomen [Blumenbach, _Decas quinta
collectionis craniorum diversarum gentium illustrium._] gefunden, da sie
im Jochbein un dim Unterkiefer von den gyptischen Mumien bedeutend
abweicht. Oeffnet man Mumien von Guanchen, so findet man Ueberbleibsel
aromatischer Kruter, unter denen immer das _Chenopodium ambrosioides_
vorkommt; zuweilen sind die Leichen mit Schnren geschmckt, an denen
kleine Scheiben aus gebrannter Erde hngen, die als Zahlzeichen gedient zu
haben scheinen und die mt den Quippos der Peruaner, Mexicaner und Chinesen
Aehnlichkeit haben.

Da im Allgemeinen die Bevlkerung von Inseln den umwandelnden Einflssen,
wie sie Folgen von Wanderungen sind, weniger ausgesetzt ist als die
Bevlkerung der Festlnder, so lt sich annehmen, da der Archipel der
Canarien zur Zeit der Carthager und Griechen vom selben Menschenstamm
bewohnt war, den die normnnischen und spanischen Eroberer vorfanden. Das
einzige Denkmal, das einiges Licht auf die Herkunft der Guanchen werfen
kann, ist ihre Sprache; leider sind uns aber davon nur etwa hundert
fnfzig Worte aufbehalten, die zum Theil dasselbe in der Mundart der
verschiedenen Inseln bedeuten. Auer diesen Worten, die man sorgfltig
gesammelt, hat man in den Namen vieler Drfer, Hgel und Thler wichtige
Sprachreste vor sich. Die Guanchen, wie Basken, Hindus, Peruvianer und
alle sehr alten Vlker, benannten die Oertlichkeiten nach der
Beschaffenheit des Bodens, den sie bebauten, nach der Gestalt der Felsen,
deren Hhlen ihnen als Wohnsttten dienten, nach den Baumarten, welche die
Quellen beschatteten.

Man war lange der Meinung, die Sprache der Guanchen habe keine
Aehnlichkeit mit den lebenden Sprachen; aber seit die Sprachforscher durch
Hornemanns Reise und durch die scharfsinnigen Untersuchungen von Marsden
und Ventura auf die Berbern aufmerksam geworden sind, die, gleich den
slavischen Vlkern, in Nordafrika ber eine ungeheure Strecke verbreitet
sind, hat man gefunden, da in der Sprache der Guanchen und in den
Mundarten von Chilha und Gebali mehrere Worte gleiche Wurzeln haben.

Wir fhren folgende Beispiele an:

+-------------+----------------+----------------+
|             |     Guanchisch |     Berberisch |
+-------------+----------------+----------------+
|     Himmel, |      *Tigo*,   |      *Tigot.*  |
+-------------+----------------+----------------+
|      Milch, |       *Aho*,   |      *Acho.*   |
+-------------+----------------+----------------+
|     Gerste, |     *Temasen*  |     *Tomzeen.* |
+-------------+----------------+----------------+
|      Korb,  |     *Carianas* |     *Carian.*  |
+-------------+----------------+----------------+
|     Wasser, |      *Aenum*   |      *Anan.*   |
+-------------+----------------+----------------+

Ich glaube nicht, da diese Sprachhnlichkeit ein Beweis fr gemeinsamen
Ursprung ist; aber sie deutet darauf hin, da die Guanchen in alter Zeit
in Verkehr standen mit den Berbern, einem Gebirgsvolk, zu dem die
Numidier, Getuler und Garamanten verschmolzen sind und das vom Ostende des
Atlas durch das Harudj und Fezzan bis zur Oase von Syuah und Audjelah
sich ausbreitet. Die Eingeborenen der Canarien nannten sich Guanchen, von
*Guan*, Mensch, wie die Tongusen sich *Pye* und *Donky* nennen, welche
Worte dasselbe bedeuten, wie Guan. Indessen sind die Vlker, welche die
Berbersprache sprechen, nicht alle desselben Stammes, und wenn Scylax in
seinem Periplus die Einwohner von Cerne als ein Hirtenvolk von hohem Wuchs
mit langen Haaren beschreibt, so erinnert die an die krperlichen
Eigenschaften der canarischen Guanchen.

Je genauer man die Sprachen aus philosophischem Gesichtspunkte untersucht,
desto mehr zeigt sich, da keine ganz allein steht; diesen Anschein wrde
auch die Sprache der Guanchen(30) noch weniger haben, wenn man von ihrem
Mechanismus und ihrem grammatischen Bau etwas wte, Elemente, welche von
grerer Bedeutung sind als Wortform und Gleichlaut. Es verhlt sich mit
gewissen Mundarten wie mit den organischen Bildungen, die sich in der
Reihe der natrlichen Familien nirgends unterbringen lassen. Sie stehen
nur scheinbar so vereinzelt da; der Schein schwindet, so bald man eine
grere Masse von Bildungen berblickt, wo dann die vermittelnden Glieder
hervortreten.

Gelehrt, die berall, wo es Mumien, Hieroglyphen und Pyramiden gibt,
Egypten sehen, sind vielleicht der Ansicht, das Geschlecht Typhons und die
Guanchen stehen in Zusammenhang mittelst der Berbern, chter Atlanten, zu
denen die Tibbos und Tuarycks der Wste gehren. [Hornemanns Reise von
Cairo nach Mourzouk.] Es gengt hier aber an der Bemerkung, da eine
solche Annahme durch keinerlei Aehnlichkeit zwischen der Berbersprache und
dem Coptischen, das mit Recht fr ein Ueberbleibsel des alten Egyptischen
gilt, untersttzt wird.

Das Volk, das die Guanchen verdrngt hat, stammt von Spaniern und zu einem
sehr kleinen Theil von Normannen ab. Obgleich diese beiden Volksstmme
drei Jahrhunderte lang demselben Klima ausgesetzt gewesen sind, zeichnet
sich dennoch der letztere durch weiere Haut aus. Die Nachkommen der
Normannen wohnen im Thal Taganana zwischen Punte de Naga und Punta de
Hidalgo. Die Namen Grandville und Dampierre kommen in diesem Bezirke noch
ziemlich hufig vor. Die Canarier sind ein redliches, miges und
religises Volk; zu Haus zeigen sie aber weniger Betriebsamkeit als in
fremden Lndern. Ein unruhiger Unternehmungsgeist treibt diese Insulaner,
wie die Biscayer und Catalanen, auf die Philippinen, auf die Marianen, und
in Amerika berall hin, wo es spanische Colonien gibt, von Chili und dem
la Plata bis nach Neumexico. Ihnen verdankt man groentheils die
Fortschritte des Ackerbaus in den Colonien. Der ganze Archipel hat kaum
160,000 Einwohner, und der *Isleos* sind vielleicht in der neuen Welt
mehr als in ihrer alten Heimath.

+-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
|             | hatte auf Q. | i. J. | Einwohner | auf die Q.M. |
|             | Seemeilen    |       |           |              |
+-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
|Teneriffa    | 73           | 1790  | 70,000,   | 958          |
+-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
|Fortaventura | 63           | 1790  | 9,000,    | 142          |
+-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
|Die groe    | 60           | 1790  | 50,000,   | 833          |
|Canaria      |              |       |           |              |
+-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
|Palma        | 27           | 1790  | 22,600,   | 837          |
+-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
|Lancerota    | 26           | 1790  | 10,000,   | 384          |
+-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
|Gomera       | 14           | 1790  | 7,400,    | 528          |
+-------------+--------------+-------+-----------+--------------+
|Ferro        | 7            | 1790  | 5,000,    | 714          |
+-------------+--------------+-------+-----------+--------------+

An Wein werden auf Teneriffa geerntet 20-24,000 Pipes, worunter 5000
Malvasier; jhrliche Ausfuhr von Wein 8-9000 Pipes; Gesammt-Getreideernte
des Archipels 54,000 Fanegas zu hundert Pfund. In gemeinen Jahren reicht
diese Ernte aus zum Unterhalt der Einwohner, die groentheils von Mais,
Kartoffeln und Bohnen (_Frisoles_) leben. Der Anbau des Zuckerrohrs und
der Baumwolle ist von geringem Belang, und die vornehmsten Handelsartikel
sind Wein, Branntwein, Orseille und Soda. Bruttoeinnahme der Regierung,
die Tabakspacht eingerechnet, 240,000 Piaster.

Auf nationalkonomische Errterungen ber die Wichtigkeit der canarischen
Inseln fr die Handelsvlker Europas lasse ich mich nicht ein. Ich
beschftigte mich whrend meines Aufenthalts zu Caracas und in der Havana
lange mit statistischen Untersuchungen ber die spanischen Colonien, ich
stand in genauer Verbindung mit Mnnern, die auf Teneriffe bedeutende
Aemter bekleidet, und so hatte ich Gelegenheit, viele Angaben ber den
Handel von Santa Cruz und Orotava zu sammeln. Da aber mehrere Gelehrte
nach mir die Canarien besucht haben, standen ihnen dieselben Quellen zu
Gebot, und ich entferne ohne Bedenken aus meinem Tagebuch, was in Werken,
die vor dem meinigen erschienen sind, genau verzeichnet steht. Ich
beschrnke mich hier auf einige Bemerkungen, mit denen die Schildung, die
ich vom Archipel der Canarien entworfen, geschlossen seyn mag.

Es ergeht diesen Inseln, wie Egypten, der Krimm und so vielen Lndern,
welche von Reisenden, welche in Contrasten Wirkung suchen, ber das Maa
gepriesen oder heruntergesetzt worden sind. Die einen schildern von
Orotava aus, wo sie ans Land gestiegen, Teneriffa als einen Garten der
Hesperiden; sie knnen das milde Klima, den fruchtbaren Boden, den reichen
Anbau nicht genug rhmen; andere, die sich in Santa Cruz aufhalten muten,
sahen in den glckseligen Inseln nichts als ein kahles, drres, von einem
elenden, geistesbeschrnkten Volke bewohntes Land. Wir haben gefunden, da
die Natur auf diesem Archipelagus, wie in den meisten gebirgigen und
vulkanischen Lndern, ihre Gaben sehr ungleich vertheilt hat. Die
canarischen Inseln leiden im Allgemeinen an Wassermangel; aber wo sich
Quellen finden, wo knstlich bewssert wird oder hufig Regen fllt, da
ist auch der Boden ausnehmend fruchtbar. Das niedere Volk ist fleiig,
aber es entwickelt seine Thtigkeit ungleich mehr in fernen Colonien als
auf Teneriffa selbst, wo dieselbe auf Hindernisse stt, die eine kluge
Verwaltung allmhlich aus dem Wege rumen knnte. Die Auswanderung wird
abnehmen, wenn man sich entschliet, das unangebaute Grundeigenthum des
Staats unter der Einwohnerschaft zu vertheilen, die Lndereien, welche zu
den Majoraten der groen Familien gehren, zu verkaufen und allmhlich die
Feudalrechte abzuschaffen.

Die gegenwrtige Bevlkerung der Canarien erscheint allerdings
unbedeutend, wenn man sie mit der Bevlkerung mancher europischen Lnder
vergleicht. Die Insel Madera, deren fleiige Bewohner einen fast von
Pflanzenerde entblten Felsen bebauen, ist siebenmal kleiner als
Teneriffa, und doch doppelt so stark bevlkert; aber die Schriftsteller,
die sich darin gefallen, die Entvlkerung der spanischen Colonien mit so
grellen Farben zu schildern und den Grund davon in der kirchlichen
Hierarchie suchen, bersehen, da berall seit der Regierung Philipps V.
die Zahl der Einwohner in mehr oder minder rascher Zunahme begriffen ist.
Bereits ist auf den Canaren die Bevlkerung relativ strker als in beiden
Castilien, in Estremadure und in Schottland. Alle Inseln zusammengerckt
stellen ein Gebirgsland dar, das um ein Siebentheil weniger Flcheninhalt
hat als die Insel Corsica und doch gleich viel Einwohner zhlt.

Obgleich die Inseln Fortaventura und Lancerota, die am schlechtesten
bevlkert sind, Getreide ausfhren, whrend Teneriffa gewhnlich nicht
zwei Drittheile seines Bedarfs erzeugt, so darf man doch daraus nicht den
Schlu ziehen, da auf letzterer Insel die Bevlkerung aus Mangel an
Lebensmitteln nicht zunehmen knnte. Die canarischen Inseln sind noch auf
lange vor den Uebeln der Ueberbevlkerung bewahrt, deren Ursachen Mathus
so sicher und scharfsinnig entwickelt hat. Das Elend des Volks ist um
vieles gelindert worden, seit der Kartoffelbau eingefhrt ist und man
angefangen hat mehr Mais als Gerste und Weizen zu bauen.

Die Bewohner der Canarien sind ihrem Charakter nach ein Gebirgsvolk und
ein Inselvolk zugleich. Will man sie richtig beurtheilen, mu man sie
nicht nur in ihrer Heimath sehen, wo ihr Flei auf gewaltige Hemmnisse
stt; man mu sie beobachten in den Steppen der Provinz Caracas, auf dem
Rcken der Anden, auf den glhenden Ebenen der Philippinen, berall wo
sie, einsam in unbewohnten Lndern, Gelegenheit finden die Kraft und die
Thtigkeit zu entwickeln, welcher der wahre Reichthum des Colonisten sind.

Die Canarier gefallen sich darin, ihr Land als einen Theil des
europischen Spaniens zu betrachten, und sie haben auch wirklich die
castilianische Literatur bereichert. Die Namen Clavigo (Verfasser des
*Pensador*), Viera, Yriarte und Betancourt sind in Wissenschaft und
Literatur mit Ehren genannt; das canarische Volk besietzt die lebhafte
Einbildungskraft, die den Bewohnern von Andalusien und Grenada eigen ist,
und es ist zu hoffen, da die glckseligen Inseln, wo der Mensch wie
berall die Segnungen und die harte Hand der Natur empfindet, dereinst
einen eingebornen Dichter finden, der sie wrdig besingt.

                            ------------------





   10 Die Schwche der Lebenskraft zeigt sich an den Maulbeerbumen, die
      auf magerem sandigen Boden in der Nhe des baltischen Meeres gezogen
      werden. Die Sptfrste thun ihnen weit weher als den Maulbeerbumen
      in Piemont. In Italien bringt ein Frost von 5 Grad unter dem
      Gefrierpunkt krftige Orangenbume nicht um. Diese Bume, die
      weniger empfindlich sind als Citronen, erfrieren nach Galesio erst
      bei -10 der hunderttheiligen Scale.

   11 Adanson wundert sich, da die Baobabs nicht von andern Reisenden
      beschrieben worden seyen. Ich finde in der Sammlung des Grynus, da
      schon Aloysio Cadamosto vom hohen Alter dieser ungeheuren Bume
      spricht, die er im Jahr 1504 gesehen, und von denen er ganz richtig
      sagt: _eminentia altitudinis non quadrat magnitudini.
      Cadam. navig. c. 42_. Am Senegeal und bei Praya auf den Cap
      Verdischen Inseln haben Adanson und Staunton Adansonien gesehen,
      deren Stamm 56 bis 60 Fu im Umfang hatte. Den Baobab mit 34 Fu
      Durchmesser hat Golberry im Thal der zwei Gagnack gesehen.

   12 Ebenso verhlt es sich mit den Platanen _(Platanus occidentalis)_,
      die Michaux zu Marietta am Ufer des Ohio gemessen hat und die 20 Fu
      ber dem Boden noch 15 7/10 Fu im Durchmesser hatten. Die Taxus,
      die Kastanien, die Eichen, die Platanen, die kahlen Cypressen, die
      Bombax, die Mimosen, die Csalpinen, die Hymenen und die
      Drachenbume sind, wie mir scheint, die Gewchse, bei denen in
      verschiedenen Klimaten Flle von so auerordentlichem Wachsthum
      vorkommen. Eine Eiche, die zugelcih mit gallischen Helmen im Jahr
      1809 in den Torfgruben im Departement der Somme beim Dorf Aseux,
      sieben Lieues von Abbville, gefunden wurde, gibt dem Drachenbaum
      von Orotava in der Dicke nichts nach. Nach Angabe von Traulle hatt
      der Stamm der Eiche 14 Fu Durchmesser.

   13 Schousboue (Flora von Marocco) erwhnt seiner nicht einmal unter den
      cultivirten Pflanzen, whrend er doch vom Cactus, von der Agave und
      der Yucca spricht. Die Gestalt des Drachenbaumes kommt verschiedenen
      Arten der Gattung Dracaena am Cap der Guten Hoffnung, in China und
      auf Neuseeland zu; aber in der neuen Welt vertritt die Yucca die
      Stelle derselben; denn die _Dracaena borealis_ d'Aitons ist eine
      _Convallaria_, deren Habitus sie auch hat. Der im Handel unter dem
      Namen Drachenblut bekannte adstringierende Saft kommt nach unseren
      Untersuchungen an Ort und Stelle von verschiedenen amerikanischen
      Pflanzen, die nicht derselben Gattung angehren, unter denen sich
      einige Lianen befinden. In Laguna verfertigt man in Nonnenklstern
      Zahnstocher, die mit dem Saft des Drachenbaumes gefrbt sind, und
      die man uns sehr anpries, weil sie das Zahnfleische conserviren
      sollten.

   14 Diese Benennung war schon zu Anfang des vorigen Jahrhunderts im
      Brauch. Edens, der alle spanischen Wrter verdreht, wie noch heute
      die meisten Reisenden, nennt sie *Stancha*; es ist Bordas *Station
      des rochers*, wie aus den daselbst beobachteten Barometerhhen
      hervorgeht. Diese Hhen waren nach Cordier im Jahr 1803 19 Zoll 9,5
      Linien, und nach Borda und Varela im Jahr 1776 19 Zoll 9,8 Linien,
      whrend er Barometer zu Orotava bis auf eine Linie ebenso hoch
      stand.

   15 In den meisten Erdhhlen, z. B. in der von Saint George, zwischen
      Riort und Rolle, bildet sich an den Kalksteinwnden selbst im Sommer
      eine dnne Schichte durchsichtigen Eises. Pictet hat die Beobachtung
      gemacht, da der Thermometer alsdann in der Luft der Hhle nicht
      unter 2 - 3 steht, so da man das Frieren des Wassers einer
      rtlichen, sehr raschen Verdunstung zuzuschreiben hat.

   16 In der Rechung wurden fr 91 54' scheinbaren Abstands vom Zenith
      57' 7" Refraction angenommen. Die Sonne erscheint bei ihrem Aufgang
      auf dem Pic von Teneriffa um so viel frher, als sie braucht, um
      einen Bogen von 1 54' zurckzulegen. Fr den Gipfel des Chimborazo
      nimmt dieser Bogen nur um 41' zu. Die Alten hatten so bertriebenen
      Vorstellungen von der Beschleunigung des Sonnenaufgangs auf dem
      Gipfel hoher Berge, da sie behaupteten, die Sonne sey auf dem Berg
      Athos drei Stunden frher sichtbar, als am Ufer des geischen
      Meeres. (Strabo Buch VII.) Und doch ist der Athos nach Delambre nur
      713 Toisen hoch.

   17 Diese Frage ist mit groem Scharfsinn von Breislack in seiner
      _Introduzzione alle Geologia_ errtert. Der Cotopaxi und der
      Popocatepetl, die ich im Jahr 1804 Rauch und Asche auswerfen sah,
      liegen weiter vom groen Ocean und dem Meere der Antillen als
      Grenoble vom Mittelmeer und Orleans vom atlantischen Meer. Man kann
      es allerdings nicht als einen bloen Zufall ansehen, da man keinen
      thtigen Vulkan entdeckt hat, der ber 40 Seemeilen von der
      Meereskste lge; aber die Hypothese, nach der das Meerwasser von
      den Vulkanen aufgesogen, destillirt und zersetzt wrde, scheint mit
      sehr zweifelhaft.

   18 Von allen kleinen canarischen Inseln ist nur die Rocca del Este vom
      Pic auch bei hellem Wetter nicht zu sehen. Sie liegt 3,5 ab,
      Salvage dagegen nur 2 1'. Die Insel Madera, die 4 29' entfernt
      ist, wre nur dann zu sehen, wenn ihre Berge ber 3000 Toisen hoch
      wren.

   19 _La refraction de par todo._ Wir haben schon oben bemerkt, da die
      amerikanischen Frchte, welche das Meer hufig an die Ksten von
      Ferro und Gomera wirft, frher fr Gewchse der Insel San Borondon
      gehalten wurden. Dieses Land, das nach der Volkssage von einen
      Erzbischof und sechs Bischfen regiert wurde, und das, nach Pater
      Feijoos Ansicht, das auf einer Nebelschicht projicirte Bild der
      Insel Ferro ist, wurde im sechzehnten Jahrhundert vom Knig von
      Portugal Ludwig Perdigon geschenkt, als dieser sich zur Eroberung
      desselben rstete.

   20 Nach Odonell und Armstrong stand auf dem Gipfel des Pics am
      2. August 1806 um acht Uhr Morgnes der Thermometer im Schatten auf
      13,8, in der Sonne auf 20,5; Unterschied oder Wirkung der
      Sonne: 6,7.

   21 Im Merz 1805 fingen Gay-Lussac und ich beim Hospiz auf dem Mont
      Cenis in einer stark elektrisch geladenen Wolke Luft auf und
      zerlegten sie im Voltaschen Eudometer. Sie enthielt keinen
      Wasserstoff und nicht um 0,002 weniger Sauerstoff als die Pariser
      Luft, die wir in hermetisch verschlossenen Flaschen bei uns hatten.

   22 Da viele Reisende, welche bei Santa Cruz de Teneriffa anlegen, die
      Besteigung des Pics unterlassen, weil sie nicht wissen, wie viel
      Zeit man dazu braucht, so sind die folgenden Angaben wohl nicht
      unwillkommen. Wenn man bis zum Haltpunkt der Englnder sich der
      Maulthiere bedient, braucht man von Orotava aus zur Besteigung des
      Pics und zur Rckkehr in den Hafen 21 Stunden; nmlich von Orotava
      zum Pino del Dornajito 3 Stunden, von da zur Felsenstation 6, von da
      nach der Caldera 3 . Fr die Rckkehr rechne ich 9 Stunden. Es
      handelt sich dabei nur von der Zeit, die man unterwegs zubringt,
      keineswegs von der, die man auf die Untersuchung der Produkte des
      Pic oder zum Ausruhen verwendet. In einem halben Tag gelangt man von
      Santa Cruz de Teneriffa nach Orotava.

   23 Auf dieser Insel sah der carthaginensische Feldherr zum erstenmal
      eine groe menschenhnliche Affenart, die Gorillas. Er beschreibt
      sie als durchaus behaarte Weiber, und als hchst bsartig, weil sie
      sich mit Ngeln und Zhnen wehrten. Er rhmt sich, ihrer drei die
      Haut abgezogen zu haben, um sie mitzunehmen. Gosselin verlegt die
      Insel der Gorillas an die Mndung des Flusses Nun, aber nach dieser
      Annahme mte der Sumpf, in dem Hanno eine Menge Elephanten weiden
      sah, unter 35 Grad Breite liegen, beinahe am Nordende von Afrika.

_   24 Aristoteles, Mirab. Auscultat._ Solinus sagt vom Atlas: _vertex
      semper nivalis lucet nocturnis ignibus_; aber dieser Atlas ist
      gleich dem Berge Meru der Hindus ein aus richtigen Begriffen und
      mythischen Fictionen zusammengesetztes Ding, und lag nicht auf einer
      der hesperischen Inseln, wie Abb Viera und nach ihm verschiedene
      Reisende annehmen, die den Pic von Teneriffa beschreiben. Die
      folgenden Stellen lassen keinen Zweifel hierber: Herodot IV, 184.
      Strabo XVII. Mela III, 10. Plinius V, 1. Solinus I, 24, sogar Diodor
      von Sicilien III.

   25 Der Berg hie auch *Aya-dyrma*, in welchem Wort Horn (_de Origin.
      Americ. p._ 155 und 185) den alten Namen des Atlas findet, der nach
      Strabo, Plinius und Solinus *Dyris* war. Diese Ableitung ist hchst
      zweifelhaft; lagt man auf die Vokale mehr Werth, als sie bei den
      orientalischen Vlkern haben, so findet man *Dyris* fast ganz in
      *Daran*, wie die arabischen Geographen den stlichen Theil des
      Atlasgebirges nennen.

_   26 Non silendum puto de insula Teneriffa quae et eximie colitur et
      inter orbis insulas est eminentior. Nam coelo sereno eminus
      conspicitur, adeo ut qui absunt ab ea ad leucas hispanas sexaginta
      vel septuaginta, non difficulter eam intueantur. Quod cernatur a
      longe id efficit acuminatus lapis adamantinus, instar pyramidis, in
      medio. Qui metiti sunt lapidem ajunt altitudine leucarum quindecim
      mensuram excedere ab imo ad summum verticem. Is lapis jugiter
      flagrat, instar Aetnae montis; id affirmant nostri Christiani qui
      capti aliquando haec animadvertere. __Al. Cadamusti__ Navigatio ad
      terras incognitas c. 8._

   27 Obgleich der Pic von Teneriffa sich nur in den Wintermonaten mit
      Schnee bedeckt, knnte der Vulkan doch die seiner Breite
      entsrpechende Schneegrenze erreichen, und wenn er Sommers ganz
      schneefrei ist, so knnte die nur von der freien Lage des Berges in
      der weiten See, von der Hufigkeit aufsteigender sehr warmer Winde
      oder von der hohen Temperatur der Asche des Piton herrhren.. Beim
      gegenwrtigen Stand unserer Kenntnisse lassen sich diese Zweifel
      nicht heben. Vom Parallel der Berge Mexicos bis zum Parallel der
      Pyrenen und der Alpen, zwischen dem 20. und dem 45. Grad ist die
      Curve des ewigen Schnees durch keine direkte Messung bestimmt
      worden, und da sich durch die wenigen Punkte, welche uns unter 0,
      20, 45, 62 und 71 nrdlicher Breite bekannt sind, unendliche
      viele Curven ziehen lassen, so kann die Beobachtung nur sehr
      mangelhaft durch Rechnung ergnzt werden. Ohne es bestimmt zu
      behaupten, kann man als wahrscheinlich annehmen, da unter 28 17'
      die Schneegrenze ber 1900 Toisen liegt. Vom Auquator an, wo der
      Schnee mit 2460 Toisen, also etwa in der Hhe des Montblanc beginnt,
      bis zum 20. Breitegrad, also bis zur Grenze des heien Erdstrichs,
      rckt der Schnee nur 100 Toisen herab; lt sich demnach annehmen,
      da 8 Grad weiter in einem Klima, das fast noch durchaus als ein
      tropisches erscheint, der Schnee schon 400 Toisen tiefer stehen
      sollte? Selbst vorausgesetzt, der Schnee rckte vom 20. bis zum
      45. Breitegrad in arithmetischer Progression herab, was den
      Beobachtungen widerspricht, so finge der ewige Schnee unter der
      Breite des Pic erst bei 2050 Toisen ber der Meeresflche an, somit
      550 Toisen hher als in den Pyrenen und in der Schweiz. Dieses
      Ergebni wird noch durch andere Beobachtungen untersttzt. Die
      mittlere Temperatur der Luftschicht, mit der der Schnee im Sommer in
      Berhrung kommt, ist in den Alpen ein paar Grad unter, unter dem
      Aequator ein paar Grad ber dem Gefrierpunkt. Angenommen, unter 28
      Grad sey die Temperatur gleich Null, so ergibt sich nach dem Gesetz
      der Wrmeabnahme, auf 98 Toisen einen Grad gerechnet, das der Schnee
      in 2058 Toisen ber einer Ebene mit einer mittleren Temperatur von
      21, wie sie der Kste von Teneriffa zukommt, lieben bleiben mu.
      Diese Zahl stimmt fast ganz mit der, welche sich bei der Annahme
      einer arithmetischen Progression ergibt. Einer der Hochgipfel der
      Sierra de Nevada de Grenada, der Pico de Beleta, dessen absolute
      Hhe 1781 Toisen betrgt, ist bestndig mit Schnee bedeckt; da aber
      die untere Grenze des Schnees hier nicht gemessen worden ist, so
      trgt dieser Berg, der unter 37 10' der Breite liegt, zur Lsung
      des vorliegenden Problems nichts bei. Durch die Lage des Vulkans von
      Teneriffa mitten auf einer nicht groen Insel kann die Curve des
      ewigen Schnees schwerlich hinaufgeschoben werden. Wenn die Winter
      auf Inseln weniger streng sind, so sind dagegen auch die Sommer
      weniger hei, und die Hhe des Schnees hngt nicht sowohl von der
      ganzen mittleren Jahrestemperatur als vielmehr von der mittlere
      Wrme der Sommermonate ab. Auf dem Aetna beginnt der Schnee schon
      bei 1500 Toisen oder  selbst etwas tiefer, was bei einem unter 37
      der Breite gelegenen Gipfel ziemlich auffallend erscheint. In der
      Nhe des Polarkreises, wo die Sommerhitze durch den fortwhrend aus
      dem Meere aufsteigenden Nebel gemildert wird, zeigt sich der
      Unterschied zwischen Inseln oder Ksten und dem inneren Lande hchst
      auffallend. Auf Island z. B. ist auf dem Osterjckull, unter 65 der
      Breite, die Grenze des ewigen Schnees in 482, in Norwegen dagegen,
      unter 67, fern von der Kste in 600 Toisen Hhe, und doch sind hier
      die Winter ungleich strenger, folglich die mittlere Jahrestemperatur
      geringer als in Island. Nach diesen Angaben erscheint es als
      wahrscheinlich, da Bouquer und Saussure im Irrthum sind, wenn sie
      annehmen, da der Pic von Teneriffa die untere Grenze des ewigen
      Schrees erreiche. Unter 28 17' der Breite ergeben sich fr diese
      Grenze wenigstens 1950 Toisen, selbst wenn man sie zwischen dem
      Aetna und den Bergen von Mexico durch Interpolation berechnet.
      Dieser Punkt wird vollstndig ins Reine gebracht werden, wenn einmal
      der westliche Theil des Atlas gemessen ist, wo bei Marocco unter 31
      Grad Breite ewiger Schnee liegt.

_   28 Pinus halepensis._ Nach de Candolles Bemerkung hiee diese Fichte,
      die in Portugal fehlt und am Abhang von Frankreicht und Spanien
      gegen das Mittelmeer in Italien, in Kleinasien und in der Barbarei
      vorkommt besser _Pinus mediterranea._ Sie ist der herrschende Baum
      in den Fichtenwldern des sdstlichen Frankreichs, wo sie von Gonan
      und Gerard mit der _Pinus sylvestris_ verwechselt worden ist.

   29 Willdenow und ich haben unter den Pflanzen vom Pic von Teneriffa das
      schne _Satyrium diphyllum_ (_Orchis cordata, Willd._) erkannt, die
      Link in Portugal gefunden. Die Canarien haben nicht die _Dicksonia
      Culcita_, den einzigen Baumfarn, der unter 39 der Breite vorkommt,
      wohl aber _Asplenium palmatun_ und _Myrica Faya_ mit der Flora der
      Azoren gemein. Letzterer Baum findet sich in Portugal wild,
      Hofmannsegg hat sehr alte Stmme  gesehen, es bleibt aber
      zweifelhaft, ob er in diesen Theil unseres Continents einheimisch
      oder eingefhrt ist. Denkt man ber die Wanderungen der Gewchse
      nach zieht man in Betracht, da es geologisch mglich ist, da
      Portugal, die Azoren, die Canarien und die Atlaskette einst durch
      nunmehr im Meer versunkene Lnder zusammengehangen habe, so
      erscheint das Vorkommen der _Myrica Facya_ im westlichen Europa zum
      mindestens ebenso auffallend, als wenn die Fichte von Aleppe auf den
      Azoren vorkme.

   30 Nach Vaters Untersuchungen zeigt die Sprache der Guanchen folgende
      Aehnlichkeiten mit den Sprachen weit aus einander gelegener Vlker:
      Hund bei den Huronen in Amerika _aguienon_, bei den Guanchen aguyan;
      *Mensch* bei den Peruanern _cari_, bei den Guanchen _coran_; *Knig*
      bei den Mandingos in Afrika _monso_, bei den Guanchen _monsey_. Der
      Name der Insel Gomera kommt um Worte Gomer zum Vorschein, das der
      Name eines Berberstammes ist. (*Vater*, Untersuchungen ber Amerika,
      S. 170.) Die Guanchischen Worte _alcorac_, Gott, und _almogaron_,
      Tempel, scheinen arabischen Ursprungs, wenigstens bedeutet in
      letzterer Sprache _almoharram_ *heilig*.





DRITTES KAPITEL


     berfahrt von Teneriffa an die Kste von Sdamerika -- Ankunft in
                                  Cumana


Am 25. Juni Abends verlieen wir die Rhede von Santa Cruz und schlugen den
Weg nach Sdamerika ein. Es wehte stark aus Nordost und das Meer schlug in
Folge der Gegenstrmungen kurze gedrngte Wellen. Die canarischen Inseln,
auf deren hohen Bergen ein rthlicher Duft lag, verloren wir bald aus dem
Gesicht. Nur der Pic zeigte sich von Zeit zu Zeit in Blinken,
wahrscheinlich, weil der in der hohen Luftregion herrschende Wind dann und
wann die Wolken um den Piton verjagte. Zum erstenmal empfanden wir,
welchen lebhaften Eindruck der Anblick von Lndern an der Grenze des
heien Erdgrtels, wo die Natur so reich, so groartig und so wundervoll
auftritt, auf unser Gemth macht. Wir hatten nur kurze Zeit auf Teneriffa
verweilt, und doch schieden wir von der Insel, als htten wir lange dort
gelebt.

Unsere Ueberfahrt von Santa Cruz nach Cumana, dem stlichsten Hafen von
Terra Firma, war so schn als je eine. Wir schnitten den Wendekreis des
Krebses am 27., und obgleich der *Pizarro* eben kein guter Segler war,
legten wir doch den neunhundert Meilen [4050 km] langen Weg von Kste von
Afrika zur Kste der neuen Welt in zwanzig Tagen zurck. Wir fuhren auf 50
Meilen [225 km] westwrts am Vorgebirge Bojador, am weien Vorgebirge und
an den Inseln des grnen Vorgebirges vorber. Ein paar Landvgel, der der
starke Wind auf die hohe See verschlagen, zogen uns einige Tage nach.
Htten wir nicht unsere Lnge mittelst der Seeuhren genau gekannt, so
wren wir versucht gewesen zu glauben, wir seyen ganz nahe der
afrikanischen Kste.

Unser Weg war derselbe, den seit Kolumbus erster Reise alle Fahrzeuge nach
den Antillen einschlagen. Vom Parallel von Madera bis zum Wendekreis nimmt
dabei die Breite rasch ab, whrend man an Lnge fast nichts zulegt; hat
man die Zone des bestndigen Passatwindes erreicht, so fhrt man von Ost
nach West auf einer ruhigen, friedlichen See, die bei den spanischen
Seefahrern _el Golfo de las Damas_ heit. Wie alle, welche diese Striche
befahren, machten auch wir die Beobachtung, da, je weiter man gegen
Westen rckt, der Passat, der Anfangs Ost-Nord-Ost war, immer mehr Ostwind
wird.

Hadley(31) hat in einer berhmten Abhandlung die Theorie des Passats
entwickelt, wie sie gemeiniglich angenommen ist, aber die Erscheinung ist
eine weit verwickeltere, als die meisten Physiker glauben. Im atlantischen
Ocean ist die Lnge wie die Abweichung der Sonne von Einflu auf die
Richtung und die Grenzen der Passatwinde. Dem neun Continent zu gehen sie
in beiden Halbkugeln 8 bis 9 Grad ber den Wendekreis hinauf, whrend in
der Nhe von Afrika die vernderlichen Winde weit ber den 28. oder
27. Grad hinunter herrschen. Es ist im Interesse der Meteorologie und der
Schifffahrt zu bedauern, da die Vernderungen, denen die Luftstrmungen
unter den Tropen im stillen Ocean unterliegen, weit weniger bekannt sind
als das Verhalten derselben Strme in einem engeren Meeresbecken, wo die
nicht weit auseinander liegenden Ksten von Guinea und Brasilien ihre
Einflsse geltend machen. Die Schiffer wissen seit Jahrhunderten, da im
atlantischen Ocean der Aequator nicht mit der Linie zusammenfllt, welche
die Passatwinde aus Nordort und die aus Sdost scheidet. Diese Linie
liegt, nach Hadley richtiger Beobachtung, unter dem 3. bis 4. Grad
nrdlicher Breite, und wenn ihre Lage daher rhrt, da die Sonne in der
nrdlichen Halbkugel lnger verweilt, so weist sie darauf hin, da die
Temperaturen der beiden Halbkugeln [Nimmt man mit Aepinus an, da die
sdliche Halbkugel nur um 1/14 klter ist als die nrdliche, so ergibt die
Rechnung fr die nrdliche Grenze des Ost-Sd-Ost-Passats 1 28'.] sich
verhalten wie 11 zu 9. In der Folge, wenn von der Luft ber der Sdsee die
Rede ist, werden wir sehen, da westwrts von Amerika der Sdost-Passat
nicht so weit ber den Aequator hinausreicht als im atlantischen Ocean.
Der Unterschied in der Luftstrmung dem Aequator zu vom einen und vom
andern Pol her kann ja nicht unter allen Lngengraden derselbe seyn, das
heit auf Punkten der Erdkugel, wo die Festlnder sehr verschieden breit
sind und sich mehr oder minder weit gegen die Pole erstrecken.

Es ist bekannt, da auf der Ueberfahrt von Santa Cruz nach Cumana, wie von
Acapulco nach den Philippinen, die Matrosen fast keine Hand an die Segel
zu legen brauchen. Man fhrt in diesen Strichen, als ginge es auf einem
Flusse hinunter, und es ist zu glauben, da es kein gewagtes Unternehmen
wre, die Fahrt mit einer Schaluppe ohne Verdeck zu machen. Weiter
westwrts aber, an der Kste von St. Marta und im Meerbusen von Mexico
weht der Wind sehr stark und macht die See sehr unruhig.(32)

Je weiter wir uns von der afrikanischen Kste entfernten, desto schwcher
wurde der Wind; oft blieb er einige Stunden ganz aus, und diese
Windstillen wurden regelmig durch elektrische Erscheinungen
unterbrochen. Schwarze, dichte, scharf umrissene Wolken zogen sich im Ost
zusammen; man konnte meinen, es sey eine B im Anzug und man werde die
Marssegel einreffen mssen, aber nicht lange, so erhob sich der Wind
wieder, es fielen einige schwere Regentropfen und das Gewitter verzog
sich, ohne da man hatte donnern hren. Es war interessant, whrend dessen
die Wirkung schwarzer Wolken zu beobachten, die einzeln und sehr tief
durch das Zenith liefen. Man sprte, wie der Wind allmhlig strker oder
schwcker wurde, je nachdem die kleinen Haufen von Dunstblschen sich
nherten oder entfernten, ohne da die Elektrometer mit langer
Metallstange und brennendem Docht in den untern Luftschichten eine
Aenderung in der elektrischen Spannung anzeigten. Mittels solcher kleinen,
mit Windstillen wechselnden Ben gelangt man in den Monaten Juni und Juli
von den canarischen Inseln nach den Antillen oder an die Ksten von
Sdamerika. Im heien Erdstrich lsen sich die meteorologischen Vorgnge
uerst regelmig ab, und das Jahr 1803 wird in den Annalen der
Schifffahrt lange denkwrdig bleiben, weil mehrere Schiffe, die von Cadix
nach Cumana gingen, unter 14 der Lnge und 48 der Breite umlegen muten,
weil mehrere Tage lang ein heftiger Wind aus Nord-Nord-West blies. Welch
bedeutende Strung im regelmigen Lauf der Luftstrmungen mu man
annehmen, um sich von einem solchen Gegenwind Rechenschaft zu geben, der
ohne Zweifel auch den regelmigen Gang des Barometers in seiner
stndlichen Schwankung gestrt haben wird!

Einige spanische Seefahrer haben neuerlich einen andern Weg nach den
Antillen und zur Kste von Terra Firma als den von Christoph Columbus
zuerst eingeschlagenen zur Sprache gebracht. Sie schlagen vor, man sollte
nicht gerade nach Sd steuern, um den Passat aufzusuchen, sondern auf
einer Diagonale zwischen Cap St. Vincent und Amerika in Lnge und Breite
zugleich vorrcken. Dieser Weg, der die Fahrt abkrzt, da man den
Wendekreis etwa 20 westwrts vom Punkte schneidet, wo ohn die Schiffe
gewhnlich schneiden, ist von Admiral Gravina mehreremale mit Glck
eingeschlagen worden. Dieser erfahrene Seemann, der in der Schlacht von
Trafalgar einen rhmlichen Tod fand, kam im Jahr 1802 auf diesem schiefen
Wege mehrere Tage vor der franzsischen Flotte nach St. Domingo, obgleich
er zufolge eines Befehls des Madrider Hofs mit seinem Geschwader im Hafen
von Ferrel hatte einlaufen und sich dort eine Zeitlang aufhalten mssen.

Diese neue Verfahren krzt die Ueberfahrt von Cadix nach Cumana etwa um
ein Zwanzigtheil ab; da man aber erst unter dem 40. Grad der Lnge die
Tropen betritt, so luft man Gefahr, lnger mit den vernderlichen Winden
zu thun zu haben, die bald aus Sd, bald aus Sdwest blasen. Beim alten
Verfahren wird der Nachtheil, da man einen lngeren Weg macht, dadruch
ausgeglichen, da man sicher ist, in den Passat zu gelangen und ihn auf
einem greren Stck der Ueberfarht bentzen zu knnen. Whrend meines
Aufenthalt in den spanischen Colonien sah ich mehrere Kauffahrer an
kommen, die aus Furcht vor Kapern den schiefen Weg eingeschlagen hatten
und ausnehmend rasch herbergekommen waren; nur nach wiederholten
Versuchen wird man sich bestimmt ber einen Punkt aussprechen knnen, der
zum mindesten so wichtig ist als die Wahl des Meridians, auf dem man bei
der Fahrt nach Buenos Ayres oder Cap Horn den Aequator schneiden soll.

Nichts geht ber die Pracht und die Milde des Klimas im tropischen
Weltmeer. Whrend der Passatwind stark blies, stand der Thermometer bei
Tage auf 23-24 Grad, bei Nacht zwischen 22 und 22,5. Um den Reiz dieser
glcklichen Erdstriche in der Nhe des Aequators voll zu empfinden, mu
man in rauher Jahreszeit von Acapulco oder von den Ksten von Chili nach
Europa gesegelt haben. Welcher Abstand zwischen den strmischen Meeren in
nrdlichen Breiten und diesen Strichen, wo in der Natur ewige Ruhe
herrscht! Wenn die Rckfahrt aus Mexiko oder Sdamerika nach den
spanischen Ksten zu kurz und so angenehm wre als die Reise aus der alten
in die neue Welt, so wre die Zahl der Europer, die sich in den Kolonien
niedergelassen, lange nicht so gro, als sie jetzt ist. Das Meer, in dem
die Azoren und die Bermuden liegen, durch das man kommt, wenn man in hohen
Breiten nach Europa zurckfhrt, fhrt bei den Spanier den seltsamen Namen
_Golfe de las Yeguas_. [Der Meerbusen der Stuten.] Colonisten, die an die
See nicht gewhnt sind, und lange einsam in den Wldern von Guyana, in den
Savanen von Caracas oder auf den Cordilleren von Peru gelebt haben,
frchten sich vor dem Seestrich bei den Bermuden mehr als jetzt die
Bewohner von Lima vor der Fahrt um Cap Horn. Sie bertreiben in der
Einbildung die Gefahren einer Ueberfahrt, die nur im Winter bedenktlich
ist. Sie verschieben es von Jahr zu Jahr, ein Vorhaben auszufhren, das
ihnen gewagt erscheint, und meist berrascht sie der Tod, whrend sie sich
zur Rckreise rsten.

Nrdlich von den Inseln des Grnen Vorgebirges stieen wir auf groe
Bndel schwimmenden Tangs. Es war die tropische Seetraube, _Fucus natans_,
die nur bis zu 40 nrdlicher und sdlicher Breite auf dem Gestein unter
dem Meeresspiegel wchst. Diese Algen schienen hier, wie sdwestlich von
der Bank von Neufoundland, das Vorhandenseyn der Strmungen anzuzeigen.
Die Seestriche, wo viel einzelner Tag vorkommt, und die mit Seegewchsen
bedeckten Strecken, welche Columbus mit groen Wiesen vergleicht und die
der Mannschaft der Santa Maria unter 42 der Lnge Schrecken einjagten,
sind nicht mit einander zu verwechseln. Durch die Vergleichung vieler
Schiffstagebcher habe ich mich berzeugt, da es im Becken des nrdlichen
Atlantischen Oceans zwei solcher mit Algen bedeckten Strecken gibt, die
nichts miteinander zu tun haben. Die grte derselben(33) liegt etwas
westlich vom Meridian von Fayal, einer der azorischen Inseln, zwischen
35 und 36 der Breite. Die Meerestemperatur betrgt in diesem Strich
16 bis 20 Grad, und die Nordostwinde, die dort zuweilen sehr stark sind,
treiben schwimmende Tanginseln in tiefe Breiten, bis zum 24., ja bis zum
20. Grad. Die Schiffe, die von Montevideo und vom Kap der guten Hoffnung
nach Europa zurckfahren, kommen ber diese Fucusbank, die nach den
spanischen Schiffern von den kleinen Antillen und von den canarischen
Inseln gleich weit entfernt ist; die Ungeschicktesten knnen darnach ihre
Lnge berichtigen. Die zweite Fucusbank ist wenig bekannt; sie liegt unter
22 und 26 der Breite, 80 Seemeilen [148 km] westlich vom Meridian der
Bahamainseln, und ist von weit geringerer Ausdehnung. Man stt auf sie
auf der Fahrt von den Caycosinseln nach den Bermuden.

Allerdings kennt man Tangarten mit 800 Fu [260 m] langen Stengeln [_Fucus
giganteus_, _Forster_ oder _Laminaria pyrifera_, _Lamouroux_.], und diese
Cryptogamen der hohen See wachsen sehr rasch; dennoch ist kein Zweifel
darber, da in den oben beschriebenen Strichen die Tange keinesweg am
Meeresboden haften, sondern in einzelnen Bndeln auf dem Wasser schwimmen.
In diesem Zustand knnen diese Gewchse nicht viel lnger fortvegetiren
als ein vom Stamm abgerissener Baumast. Will man sich Rechenschaft davon
geben, wie es kommt, da bewegliche Massen sich seit Jahrhunderten an
denselben Stellen befinden, so mu man annehmen, da sie vom Gestein
73 bis 92 m unter der Meeresflche herkommen und der Nachwuchs fortwhrend
wieder ersetzt, was die tropische Strmung wegreit. Diese Strmung fhrt
die tropische Seetraube in hohe Breiten, an die Ksten von Norwegen und
Frankreich, und die Algen werden sdwrts von den Azoren keineswegs vom
*Golfstrom* zusammengetrieben, wie manche Seeleute meinen. Es wre zu
wnschen, da die Schiffer in diesen mit Pflanzen bedeckten Strichen
hufiger das Senkblei auswrfen; man versichert, hollndische Seeleute
haben mittelst Leinen aus Seidenfden zwischen der Bank von Neufoundland
und der schottischen Kste eine Reihe von Untiefen gefunden.

Wie und wodurch die Algen in Tiefen, in denen nach der allgemeinen Annahme
das Meer wenig bewegt ist, losgerissen werden, darber ist man noch nicht
im Klaren. Wir wissen nur nach den schnen Beobachtungen von Lamouroux,
da die Algen zwar vor der Entwicklung ihrer Fructificationen ausnehmend
fest am Gestein hngen, dagegen nach dieser Zeit oder in der Jahreszeit,
wo bei ihnen wie bei den Landpflanzen die Vegetation stockt, sehr leicht
abzureien sind. Fische und Weichthiere, welche die Stengel der Tange
benagen, mgen wohl auch dazu beitragen, sie von ihren Wurzeln zu lsen.

Vom 22. Breitengrad an fanden wir die Meeresflche mit fliegenden Fischen
[_Exocoetus volitans._] bedeckt; sie schnellten sich fnfzehn, ja achtzehn
Fu [4,5, ja 6 m] in die Hhe und fielen auf den Oberlauf nieder. Ich
scheue mich nicht, hier gleichfalls einen Gegenstand zu berhren, von dem
die Reisenden so viel sprechen, als von Delphinen und Haifischen, von der
Seekrankheit und dem Leuchten des Meeres. Alle diese Dinge bieten den
Physikern noch lange Stoff genug zu anziehenden Beobachtungen, wenn sie
sich ganz besonders damit beschftigen. Die Natur ist eine unerschpfliche
Quelle der Forschung, und im Ma, als die Wissenschaft vorschreitet,
bietet sie dem, der sie recht zu befragen wei, immer wieder eine neue
Seite, von der er sie bis jetzt nicht betrachtet hatte.

Ich erwhne der fliegenden Fische, um die Naturkundigen auf die ungeheure
Gre ihrer Schwimmblase aufmerksam zu machen, die bei einem 6,4 Zoll
langen Fisch 3,6 Zoll lang und 0,9 breit ist und 3 Kubikzoll [60 ml] Luft
enthlt. Die Blase nimmt ber die Hlfte vom Krperinhalt des Thieres ein,
und trgt somit wahrscheinlich dazu bei, da es so leicht ist. Man knnte
sagen, dieser Luftbehlter diese ihm vielmehr zum Fliegen als zum
Schwimmen, denn die Versuche, die Provenzal und ich angestellt, beweisen,
da dieses Organ selbst bei den Arten, die damit versehen sind, zu der
Bewegung an die Wasserflche herauf nicht durchaus nothwendig ist. Bei
einem jungen 5,0 Zoll langen Exocoetus bot jede der Brustflossen, die als
Flgen diesen, der Luft bereits eine Oberflche von 3 7/10 Quadratzoll
dar. Wir haben gefunden, da die neun Nervenstrnge, die zu den zwlf
Strahlen dieser Flossen verlaufen, fast dreimal dicker sind als die Nerven
der Bauchflossen. Wenn man die ersteren Nerven galvanisch reizt, so gehen
die Strahlen, welche die Haut der Brustflossen tragen, fnfmal krftiger
auseinander, als die der andern Flossen, wenn man sie mit denselben
Metallen galvanisirt. Der Fisch kann sich ab er auch zwanzig Fu [6,5 m]
weit wagrecht fortschnellen, ehe er mit der Spitze seiner Flossen die
Meeresflche wieder berhrt. Man hat diese Bewegung und die eines flachen
Steines, der auffallend und wieder abprallend ein paar Fu hoch ber die
Wellen hpft, ganz richtig zusammengestellt. So ausnehmend rasch die
Bewegung ist, kann man doch deutlich sehen, da das Thier whrend des
Sprungs die Luft schlgt, das heit, da es die Brustflossen abwechselnd
ausbreitet und einzieht. Dieselbe Bewegung beobachtet man am fliegenden
Seescorpion auf den japanischen Flssen, der gleichfalls eine groe
Schwimmblase hat, whrend sie den meisten Seescorpionen, die nicht
fliegen, fehlt [_Scorpaena porcus_, _S. scrofa_, _S. dactyloptera_,
Delaroche.]. Die Exocoetus knnen, wie die meisten Kiementhiere, ziemlich
lange und mittelst derselben Organe im Wasser und in der Luft athmen, das
heit der Luft wie dem Wasser den darin enthaltenen Sauerstoff entziehen.
Sie bringen einen groen Theil ihres Lebens in der Luft zu, aber ihr
elendes Leben wird ihnen dadurch nicht leichter gemacht. Verlassen sie das
Meer, um den gefrigen Goldbrassen zu entgehen, so begegnen sie in der
Luft den Fregatten, Albatrossen und andern Vgeln, die sie im Flug
erschnappen. So werden an den Ufern des Orinoco Rudel von Cabiais, [_Cavia
Capybara._ L.] wenn sie vor den Krokodilen aus dem Wasser flchten, am
Ufer die Beute der Jaguars.

Ich bezweifle indessen, da sich die fliegenden Fische allein um der
Verfolgung ihrer Feinde zu entgehen, aus dem Wasser schnellen. Gleich den
Schwalben schieen sie zu Tausenden Fort, gerade aus und immer gegen die
Richtung der Wellen. In unsern Himmelsstrichen sieht man hufig am Ufer
eines klaren, von der Sonne beschienenen Flusses einzeln stehende Fische,
die somit nichts zu frchten haben knnen, sich ber die Wasserflche
schnellen, als machte es ihnen Vergngen, Luft zu athmen. Warum sollte
dieses Spiel nicht noch hufiger und lnger bei den Exocoetus vorkommen,
die vermge der Form ihrer Brustflossen und ihres geringen specifischen
Gewichtes sich sehr leicht in der Luft halten? Ich fordere die Forscher
auf, zu untersuchen, ob andere fliegende Fische, z. B. _Exocoetus
exiliens_, _Trigla volitans_ und _T. horundo_ auch so groe Schwimmblasen
haben wie der tropische Exocoetus. Dieser geht mit dem warmen Wasser des
Golfstroms nach Norden. Die Schiffsjungen schneiden ihm zum Spa ein Stck
der Brustflossen ab und behaupten, diese wachsen wieder, was mir mit den
bei andern Fischfamilien gemachten Beobachtungen nicht zu stimmen scheint.

Zur Zeit, da ich von Paris abreiste, hatten die Versuche, welche
_Dr._ Broddelt in Jamaica mit der Luft in der Schwimmblase des
Schwertfisches angestellt, einige Physiker zur Annahme veranlat, da
unter den Tropen dieses Organ bei den Seefischen reines Sauerstoffgas
enthalte. Auch ich hatte diese Vorstellung, und so war ich berrascht, als
ich in der Schwimmblase des Exocoetus nur 0,04 Sauerstoff auf 0,94
Stickstoff und 0,02 Kohlensure fand. Der Antheil des letzteren Gases, der
mittelst der Absorption durch Kalkwasser in graduirten Rhren gemessen
wurde, [Anthracometer, gekrmmte Rhren mit einer groen Kugel.] schien
constanter als der des Sauerstoffs, von dem einige Exemplare fast noch
einmal so viel zeigten. Nach Biots, Cosigliachis und Delaroches
interessanten Beobachtungen mu man annehmen, da der von Broddelt secirte
Schwertfisch in groen Meerestiefen gelebt habe, wo manche Fische bis zu
94 Procent Sauerstoff in ihrer Schwimmblase zeigen.

Am 1. Juli, unter 17 42' der Breite und 34 21' der Lnge stieen wir auf
die Trmmer eines Wrackes. Wir konnten einen Mastbaum sehen, der mit
schwimmendem Tang berzogen war. In einem Strich, wo die See bestndig
ruhig ist, konnte das Fahrzeug nicht Schiffbruch gelitten haben.
Vielleicht da diese Trmmer aus den nrdlichen strmischen Meeren kamen,
und infolge der merkwrdigen Drehung, welche die Wasser des Atlantischen
Meeres in der nrdlichen Halbkugel erleiden, wieder zum Fleck
zurckwanderte, wo das Schiff zugrunde gegangen.

Am dritten und vierten fuhren wir ber den Theil des Oceans, wo die Karten
die Bank des Maalstroms verzeichne; mit Einbruch der Nacht nderte man den
Curs, um einer Gefahr auszuweichen, deren Vorhandenseyn so zweifelhaft
ist, als das der Inseln Fonseco und Santa Anna.(34) Es wre wohl klger
gewesen, den Curs beizubehalten. Die alten Seekarten wimmeln von
sogenannten wachenden Klippen, die zum Theil allerdings vorhanden sind,
grtentheils aber sich von optischen Tuschungen herschreiben, die auf
der See hufiger sind als im Binnenland. Die Lage der wirklich
gefhrlichen Punkte ist meist wie auf Gerathewohl angegeben; sie waren von
Schiffern gesehen worden, die ihre Lnge nur auf ein paar Grade kannten,
und meist kann man sicher darauf rechnen, keine Klippen zu finden, wenn
man den Punkten zusteuert, wo sie auf den Karten angegeben sind. Als wir
dem vorgeblichen Maalstrom nahe waren, konnten wir am Wasser keine andere
Bewegung bemerken, als ein Strmung nach Nordwest, die uns nicht so viel
in Lnge zurcklegen lie, als wir gewnscht htten. Die Strke dieser
Strmung nimmt zu, je nher man dem neuen Continente kommt; sie wird durch
die Bildung der Ksten von Brasilien und Guyana abgelenkt, nicht durch die
Gewsser des Orinoco und des Amazonenstroms, wie manche Physiker
behaupten.

Seit unserem Eintritt in die heie Zone wurden wir nicht mde, in jeder
Nacht die Schnheit des sdlichen Himmels zu bewundern, an dem, je weiter
wir nach Sden vorrckten, immer neue Sternbilder vor unseren Blicken
aufstiegen. Ein sonderbares, bis jetzt ganz unbekanntes Gefhl wird in
einem rege, wenn man dem Aequator zu, und namentlich beim Uebergang aus
der einen Halbkugel in die andere, die Sterne, die man von Kindheit auf
kennt, immer tiefer hinabrcken und endlich verschwinden sieht. Nichts
mahnt den Reisenden so auffallend an die ungeheure Entfernung seiner
Heimath, als der Anblick eines neuen Himmels. Die Gruppirung der groen
Sterne, einige zerstreute Nebelflecke, die an Glanz mit der Milchstrae
wetteifern, Strecken, die sich durch ihr tiefes Schwarz auszeichnen, geben
dem Sdhimmel eine ganz eigenthmliche Physiognomie. Dieses Schauspiel
regt selbst die Einbildungskraft von Menschen auf, die den physischen
Wissenschaften sehr ferne stehen und zum Himmelsgewbe aufblicken, wie man
eine schne Landschaft oder eine groartige Aussicht bewundert. Man
braucht kein Botaniker zu seyn, um schon am Anblick der Pflanzenwelt den
heien Erdstrich zu erkennen, und wer auch keine astronomischen Kenntnisse
hat, wer von Flamsteads und Lacaille's Himmelskarten nichts wei, fhlt,
da er nicht in Europa ist, wenn er das ungeheure Sternbild des Schiffs
oder die leuchtenden Magellanschen Wolken am Horizont aufsteigen sieht.
Erde und Himmel, Allem in den Aequinoctiallndern drckt sich der Stempel
des Fremdartigen auf.

Die niedrigen Luftregionen waren seit einigen Tage mit Dunst erfllt. Erst
in der Nacht vom vierten zum fnften Juli, unter 16 Breite, sahen wir das
sdliche Kreuz zum erstenmal deutlich; es war stark geneigt und erschien
von Zeit zu Zeit zwischen den Wolken, deren Mittelpunkt, wenn das
Wetterleuchten dadurch hinzuckte, wie Silberlicht aufflammte. Wenn es
einem Reisenden gestattet ist, von seinen persnlichen Empfindungen zu
sprechen, so darf ich sagen, da ich in dieser Nacht einen der Trume
meiner frhesten Jugend in Erfllung gehen sah.

Wenn man anfngt geographische Karten zu betrachten und Schilderungen der
Seefahrer zu lesen, so fhlt man fr gewisse Lnder und gewisse Klimate
eine Art Vorliebe, von der man sich in reiferem Alter keine Rechenschaft
zu geben vermag. Eindrcke der Art uern einen nicht ungebedeutenden
Einflu auf unsere Entschlsse, und wie instinkmig suchen wir
Gegenstnden, die schon so lange eine geheime Anziehungskraft fr uns
gehabt, wirklich nahe zu kommen. Als ich mich mit dem Himmel beschftigte,
nicht um Astronomie zu treiben, sondern nur um die Sterne kennen zu
lernen, empfand ich eine bange Unruhe, die Menschen, die ein sitzendes
Leben lieben, ganz fremd ist. Der Hoffnung entsagen zu sollen, jemals jene
herrlichen Sternbilder am Sdpol zu erblicken, das schien mit sehr hart.
Im ungeduldigen Drange, die Aequatoriallnder kennen zu lernen, konnte ich
nicht die Augen zum Sterngewlbe aufschlagen, ohne an das sdliche Kreuz
zu denken und mir die erhabenen Verse Dante's vorzusagen, welche sich nach
den berhmtesten Auslegern auf jenes Sternbild beziehen:(35)

Jo mi volsi a man destra e posi mente
All altro polo, e vidi quattro stelle,
Non viste mai fuor ch alla prima gente.

Goder parea lo ciel di lor fiammelle,
O settentrional vedovo sito,
Pio che privato se di mirar quelle!

Unsere Freude beim Erscheinen des sdlichen Kreuzes wurde lebhaft von
denjenigen unter der Mannschaft getheilt, die in den Colonien gelebt
hatten. In der Meereseinsamkeit begrt man einen Stern wie einen Freund,
von dem man lange Zeit getrennt gewesen. Bei den Portugiesen und Spaniern
steigert sich diese gemthliche Theilnahme noch durch besondere Grnde:
religises Gefhl zieht sie zu einem Sternbild hin, dessen Gestalt an das
Wahrzeichen des Glaubens mahnt, das ihre Vter in den Einden der neuen
Welt aufgepflanzt.

Da die zwei groen Sterne, welche Spitze und Fu des Kreuzes bezeichnen,
ungefhrt dieselbe Rectascension haben, so mu das Sternbild, wenn es
durch den Meridian geht, fast senkrecht stehen. Dieser Umstand ist allen
Vlkern jenseits des Wendekreises und in der sdlichen Halbkugel bekannt.
Man hat sich gemerkt, zu welcher Zeit bei Nacht in den verschiedenen
Jahreszeiten das sdliche Kreuz aufrecht oder geneigt ist. Es ist eine
Uhr, die sehr regelmig etwa vier Minuten im Tag vorgeht, und an keiner
anderen Sterngruppe lt sich die Zeit mit bloem Auge so genau
beobachten. Wie oft haben wir unsere Fhrer in den Savannen von Venezuela
oder in der Wste zwischen Lima und Truxillo sagen hren: Mitternacht ist
vorber, das Kreuz fngt an sich zu neigen! Wie oft haben wir uns bei
diesen Worten an den rhrenden Auftritt erinnert, wo Paul und Virginie an
der Quelle des Fcherpalmenflusses zum letztenmale mit einander sprechen
und der Greis beim Anblick des sdlichen Kreuzes sie mahnt, da es Zeit
sey zu scheiden!

Die letzten Tage unserer Ueberfahrt waren nicht so gnstig, als das milde
Klima und die ruhige See hoffen lieen. Nicht die Gefahren der See strten
uns in unserem Genusse, aber der Keim eines bsartigen Fiebers entwickelte
sich unter uns, je nher wir den Antillen kamen. Im Zwischendeck war es
furchtbar hei und der Raum sehr beschrnkt. Seit wir den Wendekreis
berschritten, stand der Thermometer auf 34 bis 36 Grad. Zwei Matrosen,
mehrere Passagiere und, was ziemlich auffallend ist, zwei Neger von der
Kste von Guinea und ein Mulattenkind wurden von einer Krankheit befallen,
die epidemisch zu werden drohte. Die Symptome waren nicht bei allen
Kranken gleich bedenklich; mehrere aber, und gerade die krftigsten,
delirirten schon am zweiten Tage und die Krfte lagen vllig darnieder.
Bei der Gleichgltigkeit, mit der an Bord der Paketboote alles behandelt
wird, was mit der Fhrung des Schiffes und der Schnelligkeit der
Ueberfahrt nichts zu thun hat, dachte der Kapitn nicht daran, gegen die
Gefahr, die uns bedrohte, die gemeinsten Mittel vorzukehren. Es wurde
nicht geruchert, und ein unwissender, phlegmatischer galicischer Wundarzt
verordnete Aderlssen, weil er das Fieber der sogenannten Schrfe und
Verderbnis des Blutes zuschrieb. Es war keine Unze Chinarinde an Bord, und
wir hatten vergessen, beim Einschiffen uns selbst damit zu versehen;
unsere Instrumente hatten uns mehr Sorge gemacht als unsere Gesundheit,
und wir hatten unbedachterweise vorausgesetzt, da es an Bord eines
spanischen Schiffes nicht an peruanischer Fieberrinde fehlen knne.

Am achten Juli genas ein Matrose, der schon in den letzten Zgen lag,
durch einen Zufall, der der Erwhnung wohl werth ist. Seine Hngematte war
so befestigt, da zwischen seinen Gesicht und dem Deck keine zehn Zoll
[26 cm] Raum blieben. In dieser Lage konnte man ihm unmglich die
Sakramente reichen; nach dem Brauch auf den spanischen Schiffen htte das
Allerheiligste mit brennenden Kerzen herbeigebracht werden und die ganze
Mannschaft dabei seyn mssen. Man schaffte daher den Kranken an einen
luftigen Ort bei der Lucke, wo man aus Segeln und Flaggen ein kleines
viereckiges Gemach hergestellt hatte. Hier sollte er liegen bis zu seinem
Tode, den man nahe glaubte; aber kaum war er aus einer bermig heien,
stockenden, mit Miasmen erfllten Luft in eine khlere, reinere,
fortwhrend erneuerte gebracht, so kam er allmhlich aus seiner Betubung
zu sich. Mit dem Tage, da er aus dem Zwischendeck fortgeschafft worden,
fing die Genesung an, und wie denn in der Arzneikunde dieselben Thatsachen
zu Sttzen der entgegengesetzten Systeme werden, so wurde unser Arzt durch
diesen Fall von Wiedergenesung in seiner Ansicht von der Entzndung des
Bluts und von der Nothwendigkeit des Eingreifens durch Aderlssen,
abfhrende und asthenische Mittel aller Art bestrkt. Wir bekamen bald die
verderblichen Folgen dieser Behandlung zu sehen und sehnten uns mehr als
je nach dem Augenblick, wo wir die Kste Amerikas betreten knnte.

Seit mehreren Tagen war die Schtzung der Steuerleute um 1 12' von der
Lnge abgewichen, die mir mein Chronometer angab. Dieser Unterschied
rhrte weniger von der allgemeinen Strmung her, die ich den
Rotationsstrom genannte habe, als von dem eigenthmlichen Zuge des
Wassers nach Nordwest, von der Kste von Brasilien gegen die kleinen
Antillen, wodurch die Ueberfahrt von Cayenne nach der Insel Guadeloupe
abgekrzt wird.(36) Am zwlften Juli glaubte ich ankndigen zu knnen, da
Tags darauf vor Sonnenaufgang Land in Sicht seyn werde. Wir befanden uns
jetzt nach meinen Beobachtungen unter 10 46' der Breite und 60 54'
westlicher Lnge. Einige Reihen Mondsbeobachtungen besttigten die Angabe
des Chronometers; aber wir wuten besser, wo sich die Corvette befand, als
wo das Land lag, dem unser Curs zuging und das auf den franzsischen,
spanischen und englischen Karten so verschieden angegeben ist. Die aus den
genauen Beobachtungen von Churruca, Fidalgo und Noguera sich ergebenden
Lngen waren damals noch nicht bekannt gemacht.

Die Steuerleute verlieen sich mehr auf das Log als auf den Gang eines
Chronometers; sie lchelten zu der Behauptung, da  bald Land in Sicht
kommen msse, und glaubten, man habe noch zwei, drei Tage zu fahren. Es
gereichte mir daher zu groer Befriedigung, als ich am dreizehnten gegen
sechs Uhr Morgens hrte, man sehe von den Masten ein sehr hohes Land,
jedoch wegen des Nebels, der darauf lag, nur undeutlich. Es windete sehr
stark und die See war sehr unruhig. Es regnete hie und da in groen
Tropfen und Alles deutete auf ungestmes Wetter. Der Capitn des Pizarro
hatte beabsichtigt, durch den Canal zwischen Tabago und Trinidad zu
laufen, und da er wute, da unsere Corvette sehr langsam wendete, so
frchtete er gegen Sden unter dem Wind und der Mndung des Dragon nahe zu
kommen. Wir waren allerdings unserer Lnge sicherer als der Breite, da
seit dem elften keine Beobachtung um Mittag gemacht worden war. Nach
doppelten Hhen, die ich nach Douwes Methode am Morgen aufgenommen hatte,
befanden wir uns in 11 6' 50", somit 15 Minuten weiter nach Nord als nach
der Schtzung. Die Gewalt, mit der der groe Orinocostrom seine Gewsser
in den Ocean ergiet, mag in diesen Strichen immerhin den Zug der
Strmungen steigern; wenn man aber behauptet, bis auf 60 Meilen von der
Mndung des Orinoco habe das Meerwasser eine andere Farbe und sey weniger
gesalzen, so ist die ein Mhrchen der Kstenpiloten. Der Einflu der
mchtigsten Strme Amerikas, des Amazonenstroms, des la Plata, des
Orinoco, des Mississippi, des Magdalenenstroms, ist in dieser Beziehung in
weit engere Grenzen eingeschlossen, als man gemeiniglich glaubt.

Obgleich das Ergebnis der doppelten Sonnenhhen hinlnglich bewies, da
das hohe Land, das am Horizont aufstieg, nicht Trinidad war, sondern
Tabago, steuerte der Capitn dennoch nach Nord-Nord-West fort, um letztere
Insel aufzusuchen, die sogar auf Bordas schner Karte des atlantischen
Oceans fnf Minuten zu weit sdlich gesetzt ist. Man sollte kaum glauben,
da an Ksten, welche von allen Handelsvlkern besucht werden, so
auffallende Irrthmer in der Breite sich Jahrhunderte lang erhalten
knnten. Ich habe diesen Gegenstand anderswo besprochen, und so bemerke
ich hier nur, da sogar auf der neuesten Karte von Westindien von
Arrowsmith, die im Jahr 1803, also lange nach Churrucas Beobachtungen
erschienen ist, die Breiten der verschiedenen Vorgebirge von Tabago und
Trinidad um 6-11 Minuten falsch angegeben sind.

Durch die Beobachtung der Sonnenhhe um Mittag wurde die Breite, wie ich
sie nach Douwes Verfahren erhalten, vollkommen besttigt. Es blieb kein
Zweifel mehr ber den Schiffsort den Inseln gegenber, und man beschlo,
um das nrdliche Vorgebirge von Tabago zu laufen, zwischen dieser Insel
und la Grenada durchzugehen und auf einen Hafen der Insel Margarita
loszusteuern. In diesen Strichen liefen wir jeden Augenblick Gefahr, von
Kapern aufgebracht zu werden, aber zu unserem Glck war die See sehr
unruhig und ein kleiner, englischer Kutter berholte uns, ohne uns nur
anzurufen. Bonpland und mir war vor einem solchen Unfall weniger bang,
seit wir so nahe am amerikanischen Festland sicher waren, da wir nicht
nach Europa zurckgebracht wurden.

Der Anblick der Insel Tabago ist hchst malerisch. Es ist ein sorgfltig
bebauter Felsklumpen. Des blendende Wei des Gesteines sticht angenehm vom
Grn zerstreuter Baumgruppen ab. Sehr hohe cylindrische Fackeldisteln
krnen die Bergkmme und geben der tropischen Landschaft einen ganz
eigenen Charakter. Schon ihr Anblick sagt dem Reisenden, da er eine
amerikanische Kste vor sich hat: denn die Cactus gehren ausschlielich
der neuen Welt an, wie die Heidekruter der alten. Der nordstliche Theil
der Insel Tabago ist der gebirgigste, nach den Hhenwinkeln, die ich mit
dem Sextanten genommen, scheinen indessen die hchsten Gipfel an der Kste
nicht ber 140-150 Toisen [270 bis 290 m] hoch zu seyn. Am sdlichen
Vorgebirge senkt sich das Land und luft in die Sandspitze aus, die nach
meiner Rechnung unter 10 20' 13" der Breite und 62 47' 30" der Lnge
liegt. Wir sahen mehrere Felsen ber dem Wasserspiegel, an denen sich die
See mit Ungestm brach, und beobachteten groe Regelmigkeit in der
Neigung und dem Streichen der Schichten, die unter einem Winkel von 60
nach Sdost fallen. Es wre zu wnschen da ein gebter Mineralog die
groen und kleinen Antillen von der Kste von Paria bis zum Vorgebirge von
Florida bereiste und die ehemalige, durch Strmungen, Erderschtterungen
und Vulkane auseinander gerissene Bergkette untersuchte.

Wir waren eben um das Nordcap von Tabago und die kleine Insel St. Giles
gelaufen, als man vom Mastkorb ein feindliches Geschwader signalisirte.
Wir wendeten sogleich und die Passagiere wurden unruhig, da mehrere ihr
kleines Vermgen in Waaren gesteckt hatten, die sie in den spanischen
Colonien zu verwerthen gedachten. Das Geschwader schien sich nicht zu
rhren, und es zeigte sich bald, da man eine Menge einzelner Klippen fr
Segel angesehen hatte.

Wir fuhren ber die Untiefe zwischen Tabago und la Grenada. Die Farbe der
See war nicht merkbar verndert, aber ein paar Zoll unter der Oberflche
zeigte der Thermometer nur 23, whrend er ostwrts auf hoher See unter
derselben Breite und gleichfalls an der Meeresflche auf 25,6 stand.
Trotz der Strmung zeigte die geringe Temperatur des Wassers die Untiefe
an, die nur auf wenigen Karten angegeben ist. Nach Sonnenuntergang wurde
der Wind schwcher, und je nher der Mond zum Zenith rckte, desto mehr
klrte sich der Himmel auf. In dieser und in den folgenden Nchten fielen
wieder sehr viele Sternschnuppen; gegen Nord zeigten sie sich nicht so
hufig als gegen Sd, ber Terra Firma, an deren Kste wir jetzt
hinzufahren anfingen. Diese Vertheilung weist darauf hin, da diese
Meteore, ber deren Wesen wir noch so sehr im Unklaren sind, zum Theil von
rtlichen Ursachen abhngig seyn mgen.

Am 14. bei Sonnenaufgang kam die Bocca de Dragon in Sicht. Wir konnten die
Insel Chacachacarreo sehen, das westlichste der Eilande zwischen dem
Vorgebirge Paria und dem nordwestlichen Vorgebirge von Trinidad. Fnf
Meilen von der Kste, bei der *Punte de la Baca*, wurden wir gewahr, da
eine eigenthmliche Strmung die Corvette nach Sd trieb. Durch den Zug
des Wassers, das aus der Bocca de Dragon kommt, und durch die Bewegung von
Ebbe und Fluth entsteht eine Gegenstrmung. Man warf das Senkblei aus und
fand 36-43 Faden Tiefe ber einem Grund von grnlichem, sehr feinem Thon.
Nach Dampiers Grundstzen htten wir in der Nhe einer von sehr hohen,
steil aufsteigenden Gebirgen gebildeten Kste keine so geringe Meerestiefe
erwartet. Wir lotheten fort bis zum _Cabo de tres puntas_ und fanden
berall erhhten Meeresgrund, dessen Umri das Streichen der ehemaligen
Meereskste zu bezeichnen scheint. Die Temperatur des Meeres war hier
23-24 Grad, somit 1,5 bis 2 Grad niedriger als auf hoher See, das heit
jenseits der Rnder der Bank.

Das _Cabo de tres puntas_, von Columbus selbst so benannt [Im
August 1598.], liegt nach meinen Beobachtungen unter 65 4' 5" der Lnge.
Es erschien uns um so hher, da seine gezackten Gipfel in Wolken gehllt
waren. Das ganze Ansehen der Berge von Paria, ihre Farbe und besonders
ihre meist runden Umrisse lieen uns vermuthen, da die Kste aus Granit
bestehe; die Folge zeigte aber, wie sehr man sich, selbst wenn man sein
Lebenlang in Gebirgen gereist ist, irren kann, wenn man ber die
Beschaffenheit der Gebirgsart aus der Ferne urtheilt.

Wir bentzten eine Windstille, die ein paar Stunden anhielt, um die
Intensitt der magnetischen Kraft beim _Cabo de tres puntas_ genau zu
bestimmen. Wir fanden sie grer als auf hoher See ostwrts von Tabago, im
Verhltni von 257 zu 229. Whrend der Windstille trieb uns die Strmung
rasch nach West. Ihre Geschwindigkeit betrug 3 Meilen in der Stunde; sie
nahm zu, je nher wir dem Meridian der *Testigos* kamen, eines Haufens von
Klippen, die aus der weiten See aufsteigen. Als der Mond unterging,
bedeckte sich der Himmel mit Wolken, der Wind wurde wieder strker und es
strzte ein Platzregen nieder, wie sie dem heien Erdstrich eigen sind und
wir auf unsern Zgen im Binnenlande sie so oft durchgemacht haben.

Die an Bord des Pizarro ausgebrochene Seuche breitete sich rasch aus, seit
wir uns nahe der Kste von Terra Firma befanden; der Thermometer stand bei
Nacht regelmig zwischen 22 und 23, bei Tag zwischen 24 und 27. Die
Congestionen gegen den Kopf, die ausnehmende Trockenheit der Haut, das
Daniederliegen der Krfte, alle Symptome wurden immer bedenklicher; wir
waren aber so ziemlich am Ziele unserer Fahrt, und so hofften wir alle
Kranke genesen zu sehen, wenn man sie an der Insel Margarita oder im Hafen
von Cumana, die fr sehr gesund gelten, ans Land bringen knnte.

Diese Hoffnung ging nicht ganz in Erfllung. Der jngste Passagier bekam
das bsartige Fieber und unterlag ihm, blieb aber zum Glck das einzige
Opfer. Es war ein junger Asturier von neunzehn Jahren, der einzige Sohn
einer armen Wittwe. Mehrere Umstnde machten den Tod des junge Mannes, aus
dessen Gesicht viel Gefhl und groe Gutmthigkeit sprachen, ergreifend
fr uns. Er war mit Widerstreben zu Schiffe gegangen; er hatte seine
Mutter durch den Ertrag seiner Arbeit untersttzen wollen, aber diese
hatte ihre Liebe und den eigenen Vortheil dem Gedanken zum Opfer gebracht,
da ihr Sohn, wenn er in die Colonien ginge, bei einem reichen Verwandten,
der auf Cuba lebte, sein Glck machen knnte. Der unglckliche junge Mann
verfiel rasch in Betubung, redete dazwischen irre und starb am dritten
Tage der Krankheit. Das gelbe Fieber oder schwarze Erbrechen rafft in Vera
Cruz nicht leicht die Kranken so furchtbar schnell dahin. Ein anderer,
noch jngerer Asturier wich keinen Augenblick vom Bette des Kranken und
bekam, was ziemlich auffallend ist, die Krankheit nicht. Er wollte mit
seinem Landsmann nach San Jago de Cuba gehen und sich dort von ihm im
Hause des Verwandten einfhren lassen, auf den sie ihre ganze Hoffnung
gesetzt hatten. Es war herzzerreiend, wie der, welcher den Freund
berlebte, sich seinem tiefen Schmerze berlie und die unseligen
Ratschlge verwnschte, die ihn in ein fernes Land getrieben, wo er nun
allein und verlassen dastand.

Wir standen beisammen auf dem Verdeck in trben Gedanken. Es war kein
Zweifel mehr, das Fieber, das an Bord herrschte, hatte seit einigen Tagen
einen bsartigen Charakter angenommen. Unsere Blicke hingen an einer
gebirgigen, wsten Kste, auf die zuweilen ein Mondstrahl durch die Wolken
fiel. Die leise bewegte See leuchtete in schwachem phosphorischen Schein;
man hrte nichts als das eintnige Geschrei einiger groer Seevgel, die
das Land zu suchen schienen. Tiefe Ruhe herrschte ringsum am einsamen Ort;
aber diese Ruhe der Natur stand im Widerspiel mit den schmerzlichen
Gefhlen in unserer Brust. Gegen acht Uhr wurde langsam die Todtenglocke
gelutet; bei diesem Trauerzeichen brachen die Matrosen ihre Arbeit ab und
lieen sich zu kurzem Gebet auf die Kniee nieder, eine ergreifende
Handlung, die an die Zeiten gemahnt, wo die ersten Christen sich als
Glieder Einer Familie betrachteten, und die auch jetzt noch die Menschen
im Gefhl gemeinsamen Unglcks einander nher bringt. In der Nacht
schaffte man die Leiche des Asturiers auf das Verdeck, und auf die
Vorstellung des Priesters wurde er erst nach Sonnenaufgang ins Meer
geworfen, damit man die Leichenfeier nach dem Gebrauch der rmischen
Kirche vornehmen konnte. Kein Mann an Bord, den nicht das Schicksal des
jungen Mannes rhrte, den wir noch vor wenigen Tagen frisch und gesund
gesehen hatten.

Der eben erzhlte Vorfall zeigte uns, wie gefhrlich dieses bsartige oder
atactische Fieder sey, und wenn die langen Windstillen die Ueberfahrt von
Cumana nach Havana verzgerten, so mute man besorgen, da es viele Opfer
fordern knnte. An Bord eines Kriegsschiffs oder eines Transportschiffs
machen einige Todesflle gewhnlich nicht mehr Eindruck, als wenn man in
einer volkreichen Stadt einem Leichenzug begegnet. Anders an Bord eines
Paketboots mit kleiner Mannschaft, wo zwischen Menschen, die dasselbe
Reiseziel haben, sich nhere Beziehungen knpfen. Die Passagiere auf dem
Pizarro sprten zwar noch nichts von den Vorboten der Krankheit,
beschlossen aber doch, das Fahrzeug am nchsten Landungsplatz zu verlassen
und die Ankunft eines andern Postschiffes zu erwarten, um ihren Weg nach
Cuba oder Mexico fortzusetzen. Sie betrachteten das Zwischendeck des
Schiffes als einen Herd der Ansteckung, und obgleich es mir keineswegs
erwiesen schien, da das Fieber durch Berhrung anstecke, hielt ich es
doch durch die Vorsicht geraten, in Cumana ans Land zu gehen. Es schien
mir wnschenswerth, Neuspanien erst nach einem lngeren Aufenthalt an den
Ksten von Venezuela und Paria zu besuchen, wo der unglckliche Lffling
nur sehr wenige naturgeschichtliche Beobachtungen hatte machen knnen. Wir
brannten vor Verlangen, die herrlichen Gewchse, die Bose und Bredemeyer
auf ihrer Reise in Terra Firma gesammelt und die eine Zierde der
Gewchshuser zu Schnbrunn und Wien sind, auf ihrem heimathlichen Boden
zu sehen. Es htte uns sehr wehe getan, in Cumana oder Guayra zu landen,
ohne das Innere eines von den Naturforschern so wenig betretenen Landes zu
betreten.

Der Entschlu, den wir in der Nacht vom vierzehnten auf den fnfzehnten
Juli faten, uerte einen glcklichen Einflu auf den Verfolg unserer
Reisen. Statt einiger Wochen verweilten wir ein ganzes Jahr in Terra
Firma; ohne die Seuche an Bord des Pizarro wren wir nie an den Orinoco,
an den Cassiquiare und an die Grenze der portugiesischen Besitzungen am
Rio Negro gekommen. Vielleicht verdanken wir es auch dieser unserer
Reiserichtung, da wir whrend eines so langen Aufenthaltes in den
Aequinoctiallndern so gesund blieben.

Bekanntlich schweben die Europer in den ersten Monaten, nachdem sie unter
den glhenden Himmel der Tropen versetzt worden, in sehr groer Gefahr.
Sie betrachten sich als acclimatisirt, wenn sie die Regenzeit auf den
Antillen, in Vera Cruz oder Carthagena berstanden haben. Diese Meinung
ist nicht unbegrndet, obgleich es nicht an Beispielen fehlt, da Leute,
die bei der ersten Epidemie des gelben Fiebers durchgekommen, in einem der
folgenden Jahre Opfer der Seuche werden. Die Fhigkeit, sich zu
acclimatisieren, scheint im umgekehrten Verhltni zu stehen mit dem
Unterschied zwischen der mittleren Temperatur der heien Zone und der des
Geburtslandes des Reisenden oder Colonisten, der das Klima wechselt, weil
die Lufttemperatur den mchtigsten Einflu auf die Reizbarkeit und die
Vitalitt der Organe uert. Ein Preue, ein Pole, ein Schwede sind mehr
gefhrdet, wenn sie auf die Inseln oder nach Terra Firma kommen, als ein
Spanier, ein Italiener und selbst ein Bewohner des sdlichen Frankreichs.
Fr die nordischen Vlker betrgt der Unterschied in der mittleren
Temperatur 19-21 Grad, fr die sdlichen nur 9-10. Wir waren so glcklich,
die Zeit, in der der Europer nach der Landung die grte Gefahr luft, im
ausnehmend heien, aber sehr trockenen Klima von Cumana zu verleben, einer
Stadt, die fr sehr gesund gilt. Htten wir unsern Weg nach Vera Cruz
fortgesetzt, so htten wir leicht das Loos mehrerer Passagiere des
Paketboots *Aleudia* theilen knnen, das mit dem *Pizarro* in die Havana
kam, als eben das *schwarze Erbrechen* auf Cuba und an der Ostkste von
Mexico schreckliche Verheerungen anrichtete.

Am 15. Morgens, ungefhr gegenber dem kleinen Berge St. Joseph, waren wir
von einer Menge schwimmenden Tangs umgeben. Die Stengel desselben hatten
die sonderbaren, wie Blumenkelche und Federbsche gestalteten Anhnge, wie
sie Don Hypolite Ruiz auf seiner Rckkehr aus Chili beobachtet und in
einer besondern Abhandlung als die Geschlechtsorgane des _Fucus natans_
beschrieben hat. Ein glcklicher Zufall setzte uns in den Stand, eine
Beobachtung zu berichtigen, die sich nur Einmal der Naturforschung
dargeboten hatte. Die Bndel Tang, welche Bonpland aufgefischt hatte,
waren durchaus identisch mit den Exemplaren, die wir der Geflligkeit der
gelehrten Verfasser der peruanischen Flora verdankten. Als wir beide unter
dem Mikroscop untersuchten, fanden wir, da diese angeblichen
Befruchtungswerkzeuge, diese Pistille und Staubfden eine neue Gattung
Pflanzenthiere aus der Familie der Ceratophyten seyen. Die Kelche, welche
Ruiz fr Pistille hielt, entspringen aus hornartigen, abgeplatteten
Stielen, die so fest mit der Substand des Fucus zusammenhngen, da man
sie gar wohl fr bloe Rippen halten knnte; aber mit einem sehr dnnen
Messer gelingt es, sie abzulsen, ohne das Parenchym zu verletzen. Die
nicht gegliederten Stiele sind Anfangs schwarzbraun, werden aber, wenn sie
vertrocknen, wei und zerreiblich. In diesen Zustand brausen sie mit
Suren auf, wie die kalkigte Substanz der Sertularia, deren Spitzen mit
den Kelchen des von Ruiz beobachteten Fucus Aehnlichkeit haben. In der
Sdsee, auf der Ueberfahrt von Guayaquil nach Acapulco, haben wir an der
tropischen Seetraube dieselben Anhngsel gefunden, und eine sehr
sorgfltige Untersuchung berzeugte uns, da sich hier ein Zoophyt an den
Tang heftet, wie der Epheu den Baumstamm umschlingt. Die unter dem Namen
weiblicher Blthen beschriebenen Organe sind ber zwei Linien lang, und
schon diese Gre htte den Gedanken an wahrhafte Pistille nicht aufkommen
lassen sollen.

Die Kste von Paria zieht sich nach West fort und bildet eine nicht sehr
hohe Felsmauer mit abgerundeten Gipfeln und wellenfrmigen Umrissen. Es
dauerte lange, bis wir die hohe Kste der Insel Margarita zu sehen
bekamen, wo wir einlaufen sollten, um hinsichtlich der englischen Kreuzer,
und ob es gefhrlich sey, bei Guayra anzulegen, Erkundigung einzuziehen.
Sonnenhhen, die wir unter sehr gnstigen Umstngen genommen, hatten uns
gezeigt, wie unrichtig damals selbst die gesuchtesten Seekarten waren. Am
15. Morgens, wo wir uns nach dem Chronometer unter 66 1' 15" der Lnge
befanden, waren wir noch nicht im Meridian der Insel St. Margarita,
whrend wir nach der verkleinerten Karte des atlantischen Oceans ber das
westliche sehr hohe Vorgebirge der Insel, das unter 66 0' der Lnge
gesetzt ist, bereits htten hinaus seyn sollen. Die Ksten von Terra Firma
wurden vor Fidalgos, Nogueras und Tiscars, und ich darf wohl hinzufgen,
vor meinen astronomischen Beobachtungen in Cumana, so unrichtig
gezeichnet, da fr die Schifffahrt daraus htten Gefahren erwachsen
knnen, wenn nicht das Meer in diesen Strichen bestndig ruhig wre. Ja
die Fehler in der Breite waren noch grer als die in der Lnge, denn die
Kste von Neuandalusien luft westwrts vom _Capo de tres Puntas_ 15-20
Meilen weiter nach Norden, als auf den vor dem Jahr 1800 erschienenen
Karten angegeben ist.

Gegen elf Uhr Morgens kam uns ein sehr niedriges Eiland zu Gesicht, auf
dem sich einige Sanddnen erhoben. Durch das Fernrohr lie sich keine Spur
von Bewohnern oder von Anbau entdecken. Hin und wieder standen
cylindrische Cactus wie Kandelaber. Der fast pflanzenlose Boden schien
sich wellenfrmig zu bewegen infolge der starken Brechung, welche die
Sonnenstrahlen erleiden, wenn sie durch Luftschichten hindurchgehen, die
auf einer stark erhitzten Flche aufliegen. Die Luftspiegelung macht, da
in allen Zonen Wsten und sandiger Strand sich wie bewegte See ausnehmen.

Das flache Land, das wir vor uns hatten, stimmte schlecht zu der
Vorstellung, die wir uns von der Insel Margarita gemacht. Whrend man
beschftigt war, die Angaben der Karten zu vergleichen, ohne sie in
Uebereinstimmung bringen zu knnen, signalisirte man vom Mast einige
kleine Fischerboote. Der Capitn des Pizarro rief sie durch einen
Kanonenschu herbei; aber ein solches Zeichen dient zu nichts in Lndern,
wo der Schwache, wenn er dem Starken begegnet, glaubt sich nur auf
Vergewaltigungen gefat machen zu mssen. Die Boote ergriffen die Flucht
nach Westen zu, und wir sahen uns hier in derselben Verlegenheit, wie bei
unserer Ankunft auf den Canarien vor der kleinen Insel Graciosa. Niemand
an Bord war je in der Gegend am Land gewesen. So ruhig die See war, so
schien doch die Nhe eines kaum ein paar Fu hohen Eilandes
Vorsichtsmaregeln zu erheischen. Man steuerte nicht weiter dem Lande zu,
und warf eilends den Anker aus.

Ksten, aus der Ferne gesehen, verhalten sich wie Wolken, in denen jeder
Beobachter die Gegenstnde erblickt, die seine Einbildungskraft
beschftigen. Da unsere Aufnahmen und die Angabe des Chronometers mit den
Karten, die uns zur Hand waren, im Widerspruch standen, so verlor man sich
in eitlen Muthmaungen. Die einen hielten Sandhaufen fr Indianerhtten
und deuteten auf den Punkt, wo nach ihnen das Fort Pampatar liegen mute;
andere sahen die Ziegenheerden, welche im drren Thal von San Juan so
hufig sind; sie zeigten die hohen Berge von Macanao, die ihnen halb in
Wolken gehllt schienen. Der Capitn beschlo einen Steuermann ans Land zu
schicken; man legte Hand an, um die Schaluppe ins Wasser zu lassen, da das
Boot auf der Rhede von Santa Cruz durch die Brandung stark gelitten hatte.
Da die Kste ziemlich fern war, konnte die Rckfahrt zur Corvette
schwierig werden, wenn der Wind Abends stark wurde.

Als wir uns eben anschickten, ans Land zu gehen, sah man zwei Piroguen an
der Kste hinfahren. Man rief sie durch einen zweiten Kanonenschu an, und
obgleich man die Flagge von Castilien aufgezogen hatte, kamen sie doch nur
zgernd herbei. Diese Piroguen waren, wie alle der Eingeborenen, aus Einem
Baumstamm, und in jeder befanden sich achtzehn Indianer vom Stamme der
Guayqueries [Guaykari], nackt bis zum Grtel und von hohem Wuchs. Ihr
Krperbau zeugte von groer Muskelkraft und ihre Hautfarbe war ein
Mittelding zwischen braun und kupferroth. Von weitem, wie sie unbeweglich
dasaen und sich vom Horizont abhoben, konnte man sie fr Bronzestatuen
halten. Die war uns um so auffallender, da es so wenig dem Begriff
entsprach, den wir uns nach manchen Reiseberichten von der eigenthmlichen
Krperbildung und der groen Krperschwche der Eingeborenen gemacht
hatten. Wir machten in der Folge die Erfahrung, und brauchten deshalb die
Grenzen der Provinz Cumana nicht zu berschreiten, wie auffallend die
Guayqueries uerlich von den Chaymas und den Caraiben verschieden sind.
So nahe alle Vlker Amerikas miteinander verwandt scheinen, da sie ja
derselben Race angehren, so unterscheiden sich doch die Stmme nicht
selten bedeutend im Krperwuchs, in der mehr oder weniger dunkeln
Hautfarbe, im Blick, aus dem den einen Seelenruhe und Sanftmuth, bei
andern ein unheimliches Mittelding von Trbsinn und Wildheit spricht.

Sobald die Piroguen so nahe waren, da man die Indianer spanisch anrufen
konnte, verloren sie ihr Mitrauen und fuhren geradezu an Bord. Wir
erfuhren von ihnen, das niedrige Eiland, bei dem wir geankert, sey die
Insel Coche, die immer unbewohnt gewesen und an der die spanischen
Schiffe, die aus Europa kommen, gewhnlich weiter nrdlich zwischen
derselben und der Insel Margarita durchgehen, um im Hafen von Pampatar
einen Lootsen einzunehmen. Unbekannt in der Gegend, waren wir in den Canal
sdlich von Coche gerathen, und da die englischen Kreuzer sich damals
hufig in diesen Strichen zeigten, hatten uns die Indianer fr ein
feindliches Fahrzeug angesehen. Die sdliche Durchfahrt hat allerdings
bedeutende Vortheile fr Schiffe, die von Cumana nach Barcelona gehen; sie
hat weniger Wassertiefe als die nrdliche, weit schmalere Durchfahrt, aber
man luft nicht Gefahr aufzufahren, wenn man sich nahe an den Inseln Lobos
und Moros del Tunal hlt. Der Canal zwischen Coche und Margarita wird
durch die Untiefen am nordwestlichen Vorgebirge von Coche und durch die
Bank an der Punte de Mangles eingeengt.

Die Guayqueries gehren zum Stamm civilisirter Indianer, welche auf den
Ksten von Margarita und in den Vorstdten von Cumana wohnen. Nach den
Caraiben des spanischen Guyana sind sie der schnste Menschenschlag in
Terra Firma. Sie genieen verschiedener Vorrechte, da sie seit der ersten
Zeit der Eroberung sich als treue Freunde der Castilianer bewhrt haben.
Der Knig von Spanien nennt sie daher auch in seinen Handschreiben seine
lieben, edlen und getreuen Guayqueries. Die Indianer, auf die wir in den
zwei Piroguen gestoen, hatten den Hafen von Cumana in der Nacht
verlassen. Sie wollten Bauholz in den Cedrowldern [_Cedrela odorata_
Linn] holen, die sich vom Cap San Jos bis ber die Mndung des Rio
Carupano hinaus erstrecken. Sie gaben uns frische Cocosnsse und einige
Fische von der Gattung _Choetodon_, deren Farben wir nicht genug bewundern
konnten. Welche Schtze enthielten in unseren Augen die Khne der armen
Indianer! Ungeheure Vijaobltter [_Heliconia bihai._] bedeckten
Bananenbschel; der Schuppenpanzer eines Tatou [Armadill, _Dasypus_,
_Cachicamo_], die Frucht der _Crescentia cujete_, die den Eingeborenen als
Trinkgefe dienen, Naturkrper, die in den europischen Cabinetten zu den
gemeinsten gehren, hatten ungemeinen Reiz fr uns, weil sie uns lebhaft
daran mahnten, da wir uns im heien Erdgrtel befanden und das
lngstersehnte Ziel erreicht hatten.

Der *Patron* einer der Piroguen erbot sich, an Bord des Pizarro zu
bleiben, um uns als Lootse zu dienen. Der Mann empfahl sich durch sein
ganzes Wesen; er war ein scharfsinniger Beobachter und hatte sich in
lebhafter Wibegier mit den Meeresprodukten wie mit den einheimischen
Gewchsen abgegeben. Ein glcklicher Zufall fgte es, da der erste
Indianer, dem wir bei unserer Landung begegneten, der Mann war, dessen
Bekanntschaft unseren Reisezwecken uerst frderlich wurde. Mit Vergngen
schreibe ich in dieser Erzhlung den Namen Carlos del Pino nieder, so hie
der Mann, der uns sechzehn Monate lang auf unseren Zgen lngs der Ksten
und im inneren Lande begleitet hat.

Gegen Abend lie der Capitn der Corvette den Anker lichten. Bevor wir die
Untiefe oder den _Placer_ bei Coche verlieen, bestimmte ich die Lnge des
stlichen Vorgebirges der Insel und fand sie 66 11' 53". Westwrts
steuernd hatten wir bald die kleine Insel Cubagua vor uns, die jetzt ganz
de ist, frher aber durch Perlenfischerei berhmt war. Hier hatten die
Spanier unmittelbar nach Columbus und Ojedas Reisen eine Stadt unter dem
Namen Neucadix gegrndet, von der keine Spur mehr vorhanden ist. Zu Anfang
des sechzehnten Jahrhunderts waren die Perlen von Cubagua in Sevilla und
Toledo, wie auf den groen Messen von Augsburg und Brgge bekannt. Da
Neucadix kein Wasser hatte, so mute man es an der benachbarten Kste aus
dem Manzanaresflusse holen, obgleich man es, ich wei nicht warum,
beschuldigte, da es Augenentzndungen verursache. Die Schriftsteller
jener Zeit sprechen alle vom Reichthum der ersten Ansiedler und vom Luxus,
den sie getrieben; jetzt erheben sich Dnen von Flugsand auf der
unbewohnten Kste und der Name Cubagua ist auf unseren Karten kaum
verzeichnet.

In diesem Striche angelangt, sahen wir die hohen Berge von Kap Macanao im
Westen der Insel Margarita majesttisch am Horizont aufsteigen. Nach den
Hhenwinkeln, die wir in 18 Meilen Entfernung nahmen, mgen diese Gipfel
500-600 Toisen absolute Hhe haben. Nach Louis Berthouds Chronometer
liegt Cap Macanao unter 66 47' 5" Lnge. Ich nahm die Felsen am Ende des
Vorgebirges auf, nicht die sehr niedrige Landzunge, die nach West
fortstreicht und sich in eine Untiefe verliert. Die Lnge, die ich fr
Macanao gefunden, und die, welche ich oben fr die Ostspitze der Insel
Coche angegeben, weichen von Fidalgos Beobachtungen nur um 4 Zeitsecunden
ab.

Der Wind war sehr schwach; der Capitn hielt es fr rathsamer, bis zu
Tagesanbruch zu laviren. Er scheute sich, bei Nacht in den Hafen von
Cumana einzulaufen, und ein unglcklicher Zufall, der vor kurzem eben hier
vorgekommen war, schien diese Vorsicht zu gebieten. Ein Paketboot hatte
Anker geworfen, ohne die Laternen auf dem Hintertheil anzuznden; man
hielt es fr ein feindliches Fahrzeug und die Batterien von Cumana gaben
Feuer darauf. Dem Capitn des Postschiffes wurde ein Bein weggerissen und
er starb wenige Tage darauf in Cumana.

Wir brachten die Nacht zum Theil auf dem Verdeck zu. Der indianische
Lootse unterhielt uns von den Thieren und Gewchsen seines Landes. Wir
hrten zu unserer groen Freude, wenige Meilen von der Kste sey ein
gebirgiger, von Spaniern bewohnter Landstrich, wo empfindliche Klte
herrsche, und auf den Ebenen kommen zwei sehr verschiedene Krokodile
[_Crocodilus acutus_ und _C. Bava_.] vor, ferner Boas, elektrische Aale
[_Gymnotus electricus_, _Temblador_.] und mehrere Tigerarten. Obgleich die
Worte *Bava*, *Cachicamo* und *Temblador* uns ganz unbekannt waren, lie
uns die naive Beschreibung der Gestalt und der Sitten der Thiere alsbald
die Arten erkennen, welche die Creolen so benennen. Wir dachten nicht
daran, da diese Thiere ber ungeheure Landstriche zerstreut sind, und
hofften, sie gleich in den Wldern bei Cumana beobachten zu knnen. Nichts
reizt die Neugierde des Naturkundigen mehr als der Bericht von den Wundern
eines Landes, das er betreten soll.

Am 16. Juli 1799, bei Tagesanbruch, lag eine grne, malerische Kste vor
uns. Die Berge von Neuandalusien begrenzten, halb von Wolken verschleiert,
nach Sden den Horizont. Die Stadt Cumana mit ihrem Schlo erschien
zwischen Gruppen von Cocosbumen. Um neun Uhr morgens, ein und vierzig
Tage nach unserer Abfahrt von Corunna, gingen wir im Hafen vor Anker. Die
Kranken schleppten sich auf das Verdeck um sich am Anblick eines Landes zu
laben, wo ihre Leiden ein Ende finden sollten.

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   31 Da fortwhrend ein oberer Luftstrom vom Aequator zu den Polen und
      ein unterer von den Polen zum Aequator geht, die ist, die Arago
      dargethan hat, schon von Hooke erkannt worden. Seine Ideen hierber
      entwickelte der berhmte englische Physiker in einer Rede vom Jahr
      1686. Ich glaube, fgt er hinzu, da sich mehrere Erscheinungen
      in der Luft und auf dem Meere, namentlich die Winde, aus
      Polarstrmen erklren lassen. Hadley fhrt diese interessante
      Stelle nicht an; andererseits nimmt Hooke, wo er auf die Passatwinde
      selbst zu sprechen kommt, Galileis unrichtige Theorie an, nach der
      sich die Erde und die Luft mit verschiedener Geschwindigkeit bewegen
      sollen.

   32 Die spanischen Seeleute nennen die sehr starken Passatwinde in
      Cartagena _los brisotes de la Santa Martha_ und im Meerbusen von
      Mexico _las brizas pardas_. Bei letzteren Winden ist der Himmel grau
      und umwlkt.

   33 Phnicische Fahrzeuge scheinen in in 30 Tagen Schiffahrt und mit
      dem Ostwind zum *Grasmeer* gekommen zu seyn, das bei den Spaniern
      und Portugiesen _Mar de Sargazo_ heit. Ich habe anderswo dargetan,
      da diese Stelle im Buche des Aristoteles _De Mirabilibus_ sich
      nicht wohl, wie eine hnliche Stelle im Periplus des Scylax, auf die
      Kste von Afrika beziehen kann. Setzt man voraus, da das Gras
      bedeckte Meer, das die phnicischen Schiffe in ihrem Lauf aufhielt,
      das _Mar de Sargazo_ gar, so braucht man nicht anzunehmen, da die
      Alten im Atlantischen Meer ber den 30. Grad westlicher Lnge vom
      Meridian von Paris hinausgekommen seyen.

   34 Die Karten von Jefferys und Van-Keulen geben vier Inseln an, die
      nichts als eingebildete Gefahren sind: die Inseln Garca und Santa
      Anna, westlich von den Azoren, die grne Insel (unter 14 52'
      Breite, 28 30' Lnge) und die Insel Fonseco (unter 13 15' Breite,
      57 10' Lnge). Wie kann man an die Existenz von vier Inseln in von
      Tausenden von Schiffen befahrenen Strichen glauben, da von so vielen
      kleinen Riffen und Untiefen, die seit hundert Jahren von
      leichtglubien Schiffern angegeben worden sind, sich kaum zwei oder
      drei bewahrheitet haben? Was die allgemeine Frage betrifft, mit
      welchen Grade von Wahrscheinlichkeit sich annehmen lt, da
      zwischen Europa und Amerika eine auf eine Meile sichtbare Insel
      werde entdeckt werden, so knnte man sie einer strengen Rechnung
      unterwerfen, wenn man die Zahl der Fahrzeuge kennte, die seit
      dreihundert Jahren jhrlich das atlantische Meer befahren, und wenn
      man dabei die ungleiche Vertheilung der Fahrzeuge in verschiedenen
      Strichen berchsichtigte. Befnde sich der Maalstrom, nach
      Van-Keulens Angabe unter 16 Breite und 39 30' Lnge, so wren wir
      am 4. Juli darber weggefahren.

         35 Rechts an des andern Poles Firmament
      Boten sich dar vier Sterne meinen Blicken,
      Die nur dem ersten Paar zu schaun vergnnt.

      Ihr Schimmer schien den Himmel zu entzcken:
      O mitternchtger Bogen, so verwaist,
      Weil du an ihnen nie dich kannst erquicken!

      (Nach Kannegieers Uebersetzung).

   36 Im atlantischen Meere ist ein Strich, wo das Wasser immer milchigt
      erscheint, obgleich die See dort sehr tief ist. Diese merkwrdige
      Erscheinung zeigt sich unter der Breite der Insel Dominica und etwa
      unter 57 der Lnge. Sollte an diesem Punkt, noch stlicher als
      Barbados, ein versunkenes vulkanisches Eiland unter dem Meerespiegel
      liegen?





VIERTES KAPITEL


         Erster Auftenthalt in Cumana. -- Die Ufer des Manzanares


Wir waren am 16. Juli mit Tagesanbruch auf dem Ankerplatz, gegenber der
Mndung des Rio Manzanares, angelangt, konnten uns aber erst spt am
Morgen ausschiffen, weil wir den Besuch der Hafenbeamten abwarten muten.
Unsere Blicke hingen an den Gruppen von Cocosbumen, die das Ufer sumten
und deren ber sechzig Fu [20 m] hohe Stmme die Landschaft beherrschten.
Die Ebene war bedeckt mit Bschen von Cassien, Capparis und den
baumartigen Mimosen, die gleich den Pinien Italiens ihre Zweige
schirmartig ausbreiten. Die gefiederten Bltter der Palmen hoben sich von
einem Himmelsblau ab, das keine Spur von Dunst trbte. Die Sonne stieg
rasch zum Zenith auf; ein blendendes Licht war in der Luft verbreitet und
lag auf den weilichen Hgeln mit zerstreuten cylindrischen Cactus und auf
dem ewig ruhigen Meere, dessen Ufer von Alcatras [Ein brauner Pelikan von
der Gre des Schwans. _Pelicanus fuscus_, _Linn_.], Reihern und Flamingo
bevlkert sind. Das glnzende Tageslicht, die Kraft der Pflanzenfarben,
die Gestalten der Gewchse, das bunte Gefieder der Vgel, alles trug den
groartigen Stempel der tropischen Natur.

Cumana, die Hauptstadt von Neuandalusien, liegt eine Meile [4,5 km] vom
Landungsplatz oder der Batterie _de la Bocca_, bei der wir ans Land
gestiegen, nachdem wir ber die Barre des Manzanares gefahren. Wir hatten
ber eine weite Ebene [_El Salado_] zu gehen, die zwischen der Vorstadt
der Guayqueries und der Kste liegt. Die starke Hitze wurde durch die
Strahlung des zum Theil pflanzenlosen Bodens noch gesteigert. Der
hunderttheilige Thermometer, in den weien Sand gesteckt, zeigte 37,7. In
kleinen Salzwasserlachen stand er auf 30,5, whrend im Hafen von Cumana
die Temperatur des Meeres an der Oberflche meist 25,2 bis 26,3 betrgt.
Die erste Pflanze, die wir auf dem amerikanischen Festland pflckten, war
die _Avicennia tomentosa_ (_Mangle prieto_), die hier kaum zwei Fu hoch
wird. Dieser Strauch, das _Sesuvium_, die gelbe _Gomphrena_ und die Cactus
bedecken den mit salzsaurem Natron geschwngerten Boden; sie gehren zu
den wenigen Pflanzen, die, wie die europischen Heiden, gesellig leben,
und dergleichen in der heien Zone nur am Meeresufer und auf den hohen
Plateaus der Anden vorkommen. Nicht weniger interessant ist die die
cumanische Avicennia durch eine andere Eigenthmlichkeit: diese Pflanze
gehrt dem Gestade und der Kste von Malabar gemeinschaftlich an.

Der indische Lootse fhrte uns durch seinen Garten, der viel mehr einem
Gehlz als einem bebauten Lande glich. Er zeigte uns als Beweis der
Fruchtbarkeit des Klimas einen Ksebaum _(Bombax heptaphyllum)_, dessen
Stamm im vierten Jahre bereits gegen dritthalb Fu [75 cm] Durchmesser
hatte. Wir haben an Ufern des Orinoco und des Magdalenenflusses die
Beobachtung gemacht, da die Bombax, die Carolineen, die Ochromen und
andere Bume aus der Familie der Malven ausnehmend rasch wachsen. Ich
glaube aber doch, da die Angabe des Indianers ber das Alter des
Ksebaumes etwas bertrieben war; denn in der gemigten Zone, auf dem
feuchten und warmen Boden Nordamerikas zwischen dem Mississippi und den
Aleghanis werden die Bume in zehn Jahren nicht ber einen Fu [32 cm]
dick, und das Wachsthum ist dort im Allgemeinen nur um ein Fnftheil
rascher als in Europa, selbst wenn man zum Vergleich die Platane, den
Tulpenbaum und _Cupressus disticha_ whlt, die zwischen neun und fnfzehn
Fu [3 und 4,5 m] dick werden. Im Garten des Lootsen am Gestade von Cumana
sahen wir auch zum erstenmal einen *Guama*(37) voll Blthen, deren
zahlreiche Staubfden sich durch ihre ungemeine Lnge und ihren
Silberglanz auszeichnen. Wir gingen durch die Vorstadt der Indianer, deren
Straen geradlinigt und mit kleinen, ganz neuen Husern von sehr
freundlichem Ansehen besetzt sind. Dieser Stadttheil war infolge des
Erdbebens, das Cumana anderthalb Jahre vor unserer Ankunft zerstrt hatte,
eben erst neu aufgebaut worden. Kaum waren wir auf einer hlzernen Brcke
ber den Manzanares gegangen, in dem hier Bava oder Krokodile von der
kleinen Art vorkommen, begegneten uns berall die Spuren dieser
schrecklichen Katastrophe; neue Gebude erhoben sich auf den Trmmern der
alten.

Wir wurden vom Capitn des Pizarro zum Statthalter der Provinz, Don
Vicente Emparan, gefhrt, um ihm die Psse zu berreichen, die das
Staatssecretariat uns ausgestellt. Er empfing uns mit der Offenheit und
edlen Einfachheit, die von jeher Zge des baskischen Volkscharakters
waren. Ehe er zum Statthalter von Portobelo und Cumana ernannt wurde,
hatte er sich als Schiffscapitn in der kniglichen Marine ausgezeichnet.
Sein Name erinnert an einen der merkwrdigsten und traurigsten Vorflle in
der Geschichte der Seekriege. Nach dem letzten Bruch zwischen Spanien und
England schlugen sich zwei Brder des Statthalters Emparan bei Nacht vor
dem Hafen von Cadix mit ihren Schiffen, weil jeder das andere Schiff fr
ein feindliches hielt. Der Kampf war so furchtbar, da beide Schiffe fast
zugleich sanken. Nur ein sehr kleiner Theil der beiderseitigen Mannschaft
wurde gerettet, und die beiden Brder hatten das Unglck, einander kurz
vor ihrem Tode zu erkennen.

Der Statthalter von Cumana uerte sich sehr zufrieden ber unseren
Entschlu, uns eine Zeitlang in Neuandalusien aufzuhalten, das zu jener
Zeit in Europa kaum dem Namen nach bekannt war, und das in seinen Gebirgen
und an den Ufern seiner zahlreichen Strme der Naturforschung das reichste
Feld der Beobachtung bietet. Der Statthalter zeigte uns mit einheimischen
Pflanzen gefrbte Baumwolle und schne Mbeln ganz aus einheimischen
Hlzern; er interessirte sich lebhaft fr alle physischen Wissenschaften
und fragte uns zu unserer groen Verwunderung, ob wir nicht glaubten, da
die Luft unter dem schnen tropischen Himmel weniger Stickstoff
_(azotico)_ enthalte als in Spanien, oder ob, wenn das Eisen hierzulande
rascher oxydire, dies allein von der greren Feuchtigkeit herrhre, die
der Haarhygrometer anzeige. Dem Reisenden kann der Name des Vaterlandes,
wenn er ihn auf einer fernen Kste aussprechen hrt, nicht lieblicher in
den Ohren klingen, als uns hier die Worte Stickstoff, Eisenoxyd,
Hygrometer. Wir wuten, da wir, trotz der Befehle des Hofs und der
Empfehlung eines mchtigen Ministers, bei unserem Aufenthalt in den
spanischen Colonien mit zahllosen Unannehmlichkeiten zu kmpfen haben
wrden, wenn es uns nicht gelang, bei den Regenten dieser ungeheuren
Landstrecken besondere Theilnahme fr uns zu wecken. Emparan war ein zu
warmer Freund der Wissenschaft, um es seltsam zu finden, da wir so weit
hergekommen, um Pflanzen zu sammeln und die Lage gewisser Oertlichkeiten
astronomisch zu bestimmen. Er argwhnte keine andern Beweggrnde unserer
Reise als die in unseren Pssen angegebenen, und die ffentlichen Beweise
von Achtung, die er uns whrend unseren langen Aufenthaltes in seinem
Regierungsbezirke gegeben, haben Groes dazu beigetragen, uns berall in
Sdamerika eine freundliche Aufnahme zu verschaffen.

Am Abend lieen wir unsere Instrumente ausschiffen und fanden zu unserer
Befriedigung keines beschdigt. Wir mietheten ein gerumiges, fr die
astronomischen Beobachtungen gnstig gelegenes Haus. Man geno darin, wenn
der Sdwind wehte, einer angenehmen Khle; die Fenster waren ohne
Scheiben, nicht einmal mit Papier bezogen, das in Cumana meist statt des
Glases dient. Smmtliche Passagiere des Pizarro verlieen das Schiff, aber
die vom bsartigen Fieber Befallenen genasen sehr langsam. Wir sahen
welche, die nach einem Monat, trotz der guten Pflege, die ihnen von ihren
Landsleuten geworden, noch erschrecklich bla und mager waren. In den
Spanischen Colonien ist die Gastfreundschaft so gro, da ein Europer,
kme er auch ohne Empfehlung und ohne Geldmittel an, so ziemlich sicher
auf Untersttzung rechnen kann, wenn er krank in irgend einem Hafen ans
Land geht. Die Catalonier, Galizier und Biscayer stehen im strksten
Verkehr mit Amerika. Sie bilden dort gleichsam drei gesonderte
Corporationen, die auf die Sitten, den Gewerbsflei und den Handel der
Colonien bedeutenden Einflu haben. Der rmste Einwohner von Siges oder
Vigo ist sicher, im Hause eines catalonischen oder galizischen *Pulpero*
(Krmer) Aufnahme zu finden, ob er nun nach Chile oder nach Mexiko oder
auf die Philippinen kommt. Ich habe die rhrendsten Beispiele gesehen, wie
fr unbekannte Menschen ganze Jahre lang unverdrossen gesorgt wird. Man
kann hren, Gastfreundschaft sey leicht zu ben in einem herrlichen Klima,
wo es Nahrungsmittel im Ueberflu gibt, wo die einheimischen Gewchse
wirksame Heilmittel liefern, und der Kranke in seiner Hngematte unter
einem Schuppen das nthige Obdach findet. Soll man aber die Ueberlast,
welche die Ankunft eines Fremden, dessen Gemthsart man nicht kennt, einer
Familie verursacht, fr nichts rechnen? und die Beweise gefhlvoller
Theilnahme, die aufopfernde Sorgfalt der Frauen, die Geduld, die whrend
einer langen, schweren Wiedergenesung nimmer ermdet, soll man von dem
allen absehen? Man will die Beobachtung gemacht haben, da, vielleicht mit
Ausnahme einiger sehr volkreichen Stdte, seit den ersten Niederlassungen
spanischer Ansiedler in der neuen Welt die Gastfreundschaft nicht merkbar
abgenommen habe. Der Gedanke thut wehe, da die allerdings anders werden
mu, wenn einmal Bevlkerung und Industrie in den Colonien rascher
zunehmen, und wenn sich auf der Stufe gesellschaftlicher Eintwicklung, die
man als vorgeschrittene Kultur zu bezeichnen pflegt, die alte
castilianische Offenheit allmhlich verliert.

Unter den Kranken, die in Cumana an Land kamen, befand sich ein Neger, der
einige Tage nach unserer Ankunft in Raserei verfiel; er starb in diesem
klglichen Zustand, obgleich sein Herr, ein siebzigjhriger Mann, der
Europa verlassen hatte, um in San Blas, am Eingang des Golfs von
Californien, eine neue Heimath zu suchen, ihm alle erdenkliche Pflege
hatte zu Theil werden lassen. Ich erwhne dieses Falls, um zu zeigen, da
zuweilen Menschen, die im heien Erdstrich geboren sind, aber in einem
gemigten Klima gelebt haben, den verderblichen Einflssen der tropischen
Hitze erliegen. Der Neger war ein junger Mensch von achtzehn Jahren, sehr
krftig und auf der Kste von Guinea geboren. Durch mehrjhrigen
Aufenthalt auf der Hochebene von Castilien hatte aber seine Constitution
den Grad von Reizbarkeit erhalten, der die Miasmen der heien Zone fr die
Bewohner nrdlicher Lnger so gefhrlich macht.

Der Boden, auf dem die Stadt Cumana liegt, gehrt einer geologisch sehr
interessanten Bildung an. Da mir aber seit meiner Rckkehr nach Europa
einige Reisende mit der Beschreibung von Kstenstrichen, die sie nach mir
besucht, zuvorgekommen sind, so beschrnke ich mich hier auf Bemerkungen,
die auerhalb des Kreises ihrer Beobachtungen fallen. Die Kette der
Kalkalpen des Brigantin und Tataraqual streicht von Ost nach West vom
Gipfel *Imposible* bis zum Hafen von Mochima und nach Campanario. In einer
sehr fernen Zeit scheint das Meer diesen Gebirgsdamm von der Felsen kste
von Araya und Maniquarez getrennt zu haben. Der weite Golf von Cariaco ist
durch einen Einbruch des Meeres entstanden, und ohne Zweifel stand damals
an der Sdkste das ganze mit salzsaurem Natron getrnkte Land, durch das
der Manzanares luft, unter Wasser. Ein Blick auf den Stadtplan von Cumana
lt diese Thatsache so unzweifelhaft erscheinen, als da die Becken von
Paris, Oxford und Wien einst Meerboden gewesen. Das Meer zog sich langsam
zurck und legte das weite Gestade trocken, auf dem sich eine Hgelgruppe
erhebt, die aus Gips und Kalkstein von der neuesten Bildung besteht.

Die Stadt Cumana lehnt sich an diese Hgel, die einst ein Eiland im Golf
von Cariaco waren. Das Stck der Ebene norwrts von der Stadt heit der
kleine Strand (_Plaga chica_); sie dehnt sich gegen Ost bis zur Punta
Delgada aus, und hier bezeichnet ein enges mit _Gomphrena flava_ bedecktes
Thal den Punkt, wo einst der Durchbruch der Gewsser stattfand. Dieses
Tal, dessen Eingang durch kein Auenwerk vertheidigt wird, erscheint als
der Punkt, von wo der Platz einem Angriff am meisten ausgesetzt ist. Der
Feind kann in voller Sicherheit zwischen der *Punta Arenas del Barigon*
und der Mndung des Manzanares durchgehen, wo die See 40-50 [73-91 m] und
weiter nach Sdost sogar 87 Faden [159 m] tief ist. Er kann an der *Punta
Delgada* landen und das Fort St. Antonio und die Stadt Cumana im Rcken
angreifen, ohne da er vom Feuer der westlichen Batterien auf der Playa
Chica an der Mndung des Stroms und beim *Cerro Colorado* etwas zu
frchten htte.

Der Hgel aus Kalkstein, den wir, wie oben bemerkt, als eine Insel im
ehemaligen Golf betrachten, ist mit Fackeldisteln bedeckt. Manche davon
sind 30-40 Fu [10-13 m] hoch und ihr mit Flechten bedeckter, in mehrere
Aeste kronleuchterartig getheilter Stamm nimmt sich hchst seltsam aus.
Bei Maniquarez an der Punta Araya maen wir einen Cactus, dessen Stamm
ber vier Fu neun Zoll [1,54 m] Umfang hatte. Ein Europer, der nur die
Fackeldisteln unserer Gewchshuser kennt, wundert sich, wenn er sieht,
da das Holz dieses Gewchses mit dem Alter sehr hart wird, da es
Jahrhunderte lang der Luft und Feuchtigkeit widersteht, und da es die
Indianer von Cumana vorzugsweise zu Rudern und Trschwellen verwenden.
Nirgends in Sdamerika kommen die Gewchse aus der Familie der Nopaleen
hufiger vor als in Cumana, Coro, Curaao und auf der Insel Margarita. Nur
dort knnte der Botaniker nach langem Aufenthalt eine Monographie der
Cactus schreiben, die nicht in Hinsicht auf Blthen und Frchte, aber nach
der Form des gegliederten Stamms, nach der Zahl der Grten und der
Stellung der Stacheln ausnehmend viele Varietten bilden. Wir werden in
der Folge sehen, wie diese Gewchse, die fr ein heies, trockenes Klima,
wie das Egyptens und Californiens, charakteristisch sind, immer mehr
verschwinden, wenn man von Terra Firma ins Innere des Landes kommt.

Die Cactusgebsche spielen auf drrem Boden in Sdamerika dieselbe Rolle
wie in unseren nrdlichen Lndern die mit Binsen und Hydrocharideen
bewachsenen Brche. Ein Ort, wo stachlichte Cactus von hohem Wuchs in
Reihen stehen, gilt fast fr undurchdringlich. Solche Stellen, *Tunales*
genannt, halten nicht allein den Eingeborenen auf, der bis zum Grtel
nackt ist, sie sind ebensosehr von den Stmmen gefrchtet, die ganz
bekleidet gehen. Auf unsern einsamen Spaziergngen versuchten wir es
manchmal in den *Tunal* einzudringen, der die Spitze des Schloberges
krnt und durch den zum Theil ein Fuweg fhrt. Hier liee sich der Bau
dieses sonderbaren Gewchses an Tausenden von Exemplaren beobachten.
Zuweilen wurden wir von der Nacht berrascht, denn in diesem Klima gibt es
fast keine Dmmerung. Unsere Lage war dann desto bedenklicher, da der
*Cascabel* oder die Klapperschlange, der *Coral* und andere Schlangen mit
Giftzhnen zur Legezeit solche heien trockenen Orte aufsuchen, um ihre
Eier in den Sand zu legen.

Das Schlo St. Antonio liegt auf der westlichen Spitze des Hgels, aber
nicht auf dem hchsten Punkt; es wird gegen Osten von einer nicht
befestigten Hhe beherrscht. Der *Tunal* gilt hier und berall in den
spanischen Niederlassungen fr ein nicht unwichtiges militrisches
Vertheidigungsmittel. Wo man Erdwerke anlegt, suchen die Ingenieurs recht
viele stachlichte Fackeldisteln darauf anzubringen und ihr Wachsthum zu
befrdern, wie man auch die Krokodile in den Wassergrben der festen
Pltze hegt. In einem Klima, wo die organische Natur eine so gewaltige
Triebkraft hat, zieht der Mensch fleischfressende Reptilien und mit
furchtbaren Stacheln bewehrte Gewchse zu seiner Vertheidigung herbei.

Das Schlo St. Antonio, wo man an Festtagen die Flagge von Castilien
aufzieht, liegt nur 30 Toisen [58,5 m] ber dem Wasserspiegel des
Meerbusens von Cariaco. Auf seinem kahlen Kalkhgel beherrscht es die
Stadt und liegt, wenn man in den Hafen einfhrt, hchst malerisch da. Es
hebt sich hell von der dunkeln Wand der Gebirge ab, deren Gipfel bis zur
Schneeregion aufsteigen und deren duftiges Blau mit dem Himmelsblau
verschmilzt. Geht man vom Fort St. Antonio gegen Sdwest herab, so kommt
man am Abhang desselben Felsen zu den Trmmern des alten Schlosses Santa
Maria. Dies ist ein herrlicher Punkt, um gegen Sonnenuntergang des khlen
Seewindes und der Aussicht auf den Meerbusen zu genieen. Die hohen
Berggipfel der Insel Margarita erscheinen ber der Felsenkste der
Landenge von Araya; gegen Westen mahnen die kleinen Inseln Caracas,
Picuito und Boracha an die Katastrophe, durch welche die Kste von Terra
Firma zerrissen worden ist. Diese Eilande gleichen Festungswerken, und da
die Sonne die untern Luftschichten, die See und das Erdreich ungleich
erwrmt, so erscheinen ihre Spitzen infolge der Luftspiegelung
hinaufgezogen, wie die Enden der groen Vorgebirge der Kste. Mit
Vergngen verfolgt man bei Tage diese wechseln den Erscheinungen; bei
Einbruch der Nacht sieht man dann, wie die in der Luft schwebenden
Gesteinmassen sich wieder auf ihre Grundlage niedersenken, und das
Gestirn, das der organischen Natur Leben verleiht, scheint durch die
vernderliche Beugung seiner Strahlen den starren Fels vom Fleck zu rcken
und drre Sandebenen wellenfrmig zu bewegen.

Die eigentliche Stadt Cumana liegt zwischen dem Schlosse St. Antonio und
den kleinen Flssen Manzanares und Santa Catalina. Das durch die Arme des
ersteren Flusses gebildete Delta ist ein fruchtbares Land, bewachsen mit
Mammea, Achra, Bananen und anderen Gewchsen, die in den Grten oder
*Charas* der Indianer gebaut werden. Die Stadt hat kein ausgezeichnetes
Gebude aufzuweisen, und bei der Hufigkeit von Erdbeben wird sie
schwerlich je welche haben. Starke Erdste kommen zwar im selben Jahre in
Cumana nicht so hufig vor als in Quito, wo durch prchtige, sehr hohe
Kirchen stehen; aber die Erdbeben in Quito sind nur scheinbar so heftig,
und in Folge der eigenthmlichen Beschaffenheit des Bodens und der Art der
Bewegung strzt kein Gebude ein. In Cumana, wie in Lima und mehreren
anderen Stdten, die weit von den Schlnden thtiger Vulkane liegen, wird
die Reihe schwacher Erdste nach Ablauf vieler Jahre leicht durch grere
Katastrophen unterbrochen, die in ihren Wirkungen dener einer springenden
Mine hnlich sind. Wir werden fters Gelegenheit haben, auf diese
Erscheinungen zurckzukommen, zu deren Erklrung so viele eitle Theorien
ersonnen worden sind, und fr die man eine Classification gefunden zu
haben glaubte, wenn man senkrechte und wagrechte Bewegungen, stoende und
wellenfrmige Bewegungen annahm.(38)

Die Vorstdte von Cumana sind fast so stark bevlkert wie die alte Stadt.
Es sind ihrer drei: Die der *Serritos* auf dem Wege nach der Plaga chica,
wo einige schne Tamarindenbume stehen, die sdstlich gelegene, San
Francisco genannt, und die groe Vorstadt der Guayqueries. Der Name dieses
Indianerstammes war vor der Eroberung ganz unbekannt. Die Eingeborenen,
die denselben jetzt fhren, gehrten frher zu der Nation der Guaraunos,
die nur noch auf dem Sumpfboden zwischen den Armen des Orinoco lebt. Alte
Mnner versicherten mich, die Sprache ihrer Vorfahren sey eine Mundart des
Guaraunosprache gewesen, aber seit hundert Jahren gebe es in Cumana und
auf Margarita keinen Eingeborenen vom Stamme mehr, der etwas anderes
spreche als castilianisch.

Das Wort *Guayqueries* verdankt, gerade wie die Worte *Peru* und
*Peruaner*, seinen Ursprung einem bloen Miverstndnisse. Als die
Begleiter des Columbus an der Insel Margarita hinfuhren, auf deren
Nordkste noch jetzt der am hchsten stehende Theil dieser Nation wohnt,
stieen sie auf einige Eingeborene, die Fische harpunirten, indem sie
einen mit einer sehr feinen Spitze versehenen, an einen Strick gebundenen
Stock gegen sie schleuderten. Sie fragten sie in haytischer Sprache, wie
sie hieen: die Indianer aber meinten, die Fremden erkundigten sich nach
den Harpunen aus dem harten, schweren Holz der Macanapalme und
antworteten: *Guaike*, *Guaike*, das heit: spitziger Stock. Die
Guayqueries, ein gewandtes, civilisirtes Fischervolk, unterscheiden sich
jetzt auffallend von den wilden Guaraunos am Orinoco, die ihre Htten an
den Stmmen der Morichepalme aufhngen.

Die Bevlkerung von Cumana ist in der neuesten Zeit viel zu hoch angegeben
worden. Im Jahre 1800 schtzten sie Ansiedler, die in nationalkonomischen
Untersuchungen wenig Bescheid wissen, auf 20,000 Seelen, wogegen
knigliche bei der Landesregierung angestellte Beamte meinten, die Stadt
samt den Vorstdten habe nicht 12,000. Depons gibt in seinem schtzbaren
Werk ber die Provinz Caracas der Stadt im Jahre 1802 gegen 28,000
Einwohner; andere geben im Jahr 1810 30,000 an. Wenn man bedenkt, wie
langsam die Bevlkerung in Terra Firma zunimmt, und zwar nicht auf dem
Land, sondern in den Stdten, so lt sich bezweifeln, da Cumana bereits
um ein Drittheil volkreicher seyn sollte als Vera Cruz, der vornehmste
Hafen des Knigreichs Neuspanien. Es lt sich auch leicht darthun, da im
Jahr 1802 die Bevlkerung kaum ber 18,000 bis 19,000 Seelen betrug. Es
waren mir verschiedene Notizen ber die statistischen Verhltnisse des
Landes zu Hand, welche die Regierung hatte zusammenstellen lassen, als die
Frage verhandelt wurde, ob die Einknfte aus der Tabakspacht durch eine
Personalsteuer ersetzt werden knnten, und ich darf mir schmeicheln, da
meine Schtzung auf ziemlich sichern Grundlagen ruht.

Eine im Jahr 1792 vorgenommene Zhlung ergab fr die Stadt Cumana, ihre
Vorstdte und die einzelnen Huser auf eine Meile in der Runde nur 10,740
Einwohner. Ein Schatzbeamter, Don Manuel Navarete, versichert, da man
sich bei dieser Zhlung hchstens um ein Drittheil oder ein Viertheil
geirrt haben knne. Vergleicht man die jhrlichen Taufregister, so macht
sich von 1792 bis 1800 nur eine geringe Zunahme bemerklich. Die Weiber
sind allerdings sehr fruchtbar, besonders die eingeborenen, aber wenn auch
die Pocken im Lande noch unbekannt sind, so ist doch die Sterblichkeit
unter den kleinen Kindern furchtbar gro, weil sie in vlliger
Verwahrlosung aufwachsen und die ble Gewohnheit haben, unreife,
unverdauliche Frchte zu genieen. Die Zahl der Geburten betrgt im
Durchschnitt 520 bis 600, was auf eine Bevlkerung von hchstens 16,800
Seelen schlieen lt. Man kann versichert seyn, da smmtliche
Indianerkinder getauft und in das Taufregister der Pfarre eingetragen
sind, und nimmt man an, die Bevlkerung sey im Jahr 1800 26,000 Seelen
stark gewesen, so kme auf dreiundvierzig Kpfe nur Eine Geburt, whrend
sich die Geburten zur Gesammtbevlkerung in Frankreich wie 28 zu 100 und
in den tropischen Strichen von Mexico wie 17 zu 100 verhalten.

Vermuthlich wird sich die indianische Vorstadt allmhlich bis zum
Landungsplatz ausdehnen, da die Flche, auf der noch keine Huser oder
Htten stehen, hchstens 340 Toisen lang ist. Dem Strande zu ist die Hitze
etwas weniger drckend als in der Altstadt, wo wegen des Zurckprallens
der Sonnenstrahlen vom Kalkboden und der Nhe des Berges St. Antonio die
Temperatur der Luft ungemein hoch steigt. In der Vorstadt der Guayqueries
haben die Seewinde freien Zutritt, der Boden ist Thon und damit, wie man
glaubt, den heftigen Sten der Erdbeben weniger ausgesetzt, als die
Huser, die sich an die Felsen und Hgel am rechten Ufer des Manzanares
lehnen.

Bei der Mndung des kleinen Flusses Santa Catalina ist der Saum des Ufers
mit sogenannten Wurzeltrgern [_Rhizophora Mangle._] besetzt; aber diese
*Manglares* sind nicht gro genug, um der Salubritt der Luft in Cumana
Eintrag zu thun. Im brigen ist die Ebene theils kahl, theils bedeckt mit
Bschen von _Sesubium portulacastrum_, _Gomphrena flava_, _Gomphrena
myrtifolia_, _Talinum cuspidatum_, _Talinum cumanense_ und _Portulaca
lanuginosa_. Unter diesen krautartigen Gewchsen erheben sich da und dort
die _Avicennia tomentosa_, die _Scoparia dulcus_, eine strauchartige
Mimose mit sehr reizbaren Blttern, besonders aber Cassien, deren in
Sdamerika so viele vorkommen, da wir auf unsern Reisen mehr als dreiig
neue Arten zusammengebracht haben.

Geht man zur indischen Vorstadt hinaus und am Flu gegen Sd hinauf, so
kommt man zuerst an ein Cactusgebsch und dann an einen wunderschnen
Platz, den Tamarindenbume, Brasilienholzbume, Bombax und andere durch
ihr Laub und ihre Blthen ausgezeichnete Gewchse beschatten. Der Boden
bietet hier gute Weide, und Melkereien, aus Rohr erbaut, liegen zerstreut
zwischen den Baumgruppen. Die Milch bleibt frisch, wenn man nicht in der
Frucht des Flaschenkrbisbaums, die ein Gewebe aus sehr dichten Holzfasern
ist, sondern in porsen Thongefen von Maniquarez aufbewahrt. In Folge
eines in nrdlichen Lndern herrschenden Vorurtheils habe ich geglaubt, in
der heien Zone geben die Khe keine sehr fette Milch; aber der Aufenthalt
in Cumana, besonders aber die Reise ber die weiten mit Grsern und
krautartigen Mimosen bewachsenen Ebenen von Calabozo haben mich belehrt,
da sich die Wiederkuer Europas vollkommen an das heieste Klima
gewhnen, wenn sie nur Wasser und gutes Futter finden. Die
Milchwirthschaft ist in den Provinzen Neuandalusien, Barcelona und
Venezuela ausgezeichnet, und hufig ist die Butter auf den Ebenen der
heien Zone besser als auf dem Rcken der Anden, wo fr die Alppflanzen
die Temperatur in keiner Jahreszeit hoch genug ist und sie daher weniger
aromatisch sind als auf den Pyrenen, auf den Bergen Estremaduras und
Griechenlands.

Den Einwohnern Cumanas ist die Khlung durch den Seewind lieber als der
Blick ins Grne, und so kennen sie fast keinen andern Spaziergang als den
groen Strand. Die Castilianer, denen man nachsagt, sie seyen im
allgemeinen keine Freunde von Bumen und Vogelgesang, haben ihre Sitten
und ihre Vorurtheile in die Colonien mitgenommen. In Terra Firma, Mexico
und Peru sieht man selten einen Eingeborenen einen Baum pflanzen allein in
der Absicht, sich Schatten zu schaffen, und mit Ausnahme der Umgegend der
groen Hauptstdte wei man in diesen Lndern so gut wie nichts von
Alleen. Die drre Ebene von Cumana zeigt nach starken Regengssen eine
merkwrdige Erscheinung. Der durchnte, von den Sonnenstrahlen erhitzte
Boden verbreitet jenen Bisamgeruch, der in der heien Zone Thieren der
verschiedensten Klassen gemein ist, dem Jaguar, den kleinen Arten von
Tigerkatzen, dem Cabia [_Cavia capybara_, _Linn_], Galinazogeier
[_Vultur aura_, _Linn_], dem Krokodil, den Vipern und Klapperschlangen.
Die Gase, die das Vehikel dieses Aromas sind, scheinen sich nur in dem
Maae zu entwickeln, als der Boden, der die Reste zahlloser Reptilien,
Wrmer und Insekten enthlt, sich mit Wasser schwngert. Ich habe
indianische Kinder vom Stamme der Chaymas achtzehn Zoll lange und sieben
Linien breite [40 cm lange und 15 mm breite]  Scolopender oder Tausendfe
aus dem Boden ziehen und verzehren sehen. Wo man den Boden aufgrbt, mu
man staunen ber die Massen organischer Stoffe, die wechselnd sich
entwickeln, sich umwandeln oder zersetzen. Die Natur scheint in diesen
Himmelsstrichen kraftvoller, fruchtbarer, man mchte sagen mit dem Leben
verschwenderischer.

Am Strande und bei den Melkereien, von denen eben die Rede war, hat man,
besonders bei Sonnenaufgang, eine sehr schne Aussicht auf die Gruppe
hoher Kalkberge. Da diese Gruppe im Hause, wo wir wohnten, nur unter einem
Winkel von drei Grad erscheint, diente sie mir lange dazu, die
Vernderungen in der irdischen Refraction mit den meteorologischen
Vernderungen in der irdischen Refraction zu vergleichen. Die Gewitter
bilden sich mitten in dieser Cordillere, und man sieht von weitem, wie die
dicken Wolken sich in starken Regen auflsen, whrend in Cumana sechs bis
acht Monate lang kein Tropfen fllt. Der hchste Gipfel der Bergkette, der
sogenannte Brigantin, nimmt sich hinter dem Brito und dem Tetaraqual
hchst malerisch aus. Sein Name rhrt her von der Gestalt eines sehr
tiefen Thals an seinem nrdlichen Abhang, das dem Inneren eines Schiffes
gleicht. Der Gipfel des Bergs ist fast ganz kahl und abgeplattet, wie der
Gipfel des Mawna-Roa auf den Sandwichinseln; es ist eine senkrechte Wand,
oder, um mich des bezeichnenderen Ausdruckes der spanischen Schiffer zu
bedienen, ein Tisch, eine _mesa_. Diese eigenthmliche Bildung und die
symmetrische Lage einiger Kegel, die den Brigantin umgeben, brachten mich
anfnglich auf die Vermuthung, da diese Berggruppe, die ganz aus
Kalkstein besteht, Glieder der Basalt- oder Trappformation enthalten
mchte.

Der Statthalter von Cumana hatte im Jahr 1797 muthige Mnner ausgeschickt,
die das vllig unbewohnte Land untersuchen und einen geraden Weg nach
Neu-Barcelona ber den Gipfel der *Mesa* erffnen sollten. Man vermuthete
mit Recht, dieser Weg werde krzer und fr die Gesundheit der Reisenden
nicht so gefhrlich seyn als der lngs der Kste, den die Couriere von
Caracas einschlagen; aber alle Bemhungen, ber die Bergkette zu kommen
waren fruchtlos. In diesen Lndern Amerikas, wie in Neuholland(39) im
Westen von Sidney, bietet nicht sowohl die Hhe der Cordilleren als die
Gestaltung des Gesteins schwer zu besiegende Hindernisse. Durch das von
den Gebirgen im Innern und dem sdlichen Abhang des *Cerro de San Antonio*
gebildete Lngenthal fliet der Manzanares. In der ganzen Umgegend von
Cumana ist die der einzige ganz bewaldete Landstrich; er heit die *Ebene
der Charas*, [*Chacra*, verdorben *Chara*, heit eine von einem Garten
umgebene Htte.] wegen der vielen Pflanzungen, welche die Einwohner seit
einigen Jahren den Flu entlang versucht haben. Ein schmaler Pfad fhrt
vom Hgel von San Francisco durch den Forst zum Kapuzinerhospiz, einem
hchst angenehmen Landhaus, das die aragonesischen Mnche fr alte
entkrftete Missionre, die ihres Amtes nicht mehr walten knnen, gebaut
haben. Gegen Ost werden die Waldbume immer krftiger und man sieht hier
und da einen Affen [Der gemeine *Machi* oder Heulaffe.], die sonst in der
Gegend sehr selten sind. Zu den Fen der Capparis, Bauhinien und des
Zygophyllum mit goldgelben Blthen breitet sich ein Teppich vom Bromelien
[Chihuchihue, aus der Familie der Ananas.] aus, deren Geruch und deren
khles Laub die Klapperschlangen hieher ziehen.

Der Manzanares hat sehr klares Wasser und zum Glck nichts mit dem
Madrider Manzanares gemein, der unter seiner prchtigen Brcke noch
schmler erscheint. Er entspringt, wie alle Flsse Neuandalusiens, in
einem Striche der Savanen (Llanos), der unter dem Namen der Plateaus von
Jonoro, Amana und Guanipa bekannt ist und beim indianischen Dorfe San
Fernando die Gewsser des Rio Juanillo aufnimmt. Man hat der Regierung
fter, aber immer vergeblich, den Vorschlag gemacht, beim ersten *Ipure*
ein Wehr bauen zu lassen, um die Ebene der Charas knstlich zu bewssern,
denn der Boden ist trotz seiner scheinbaren Drre ausnehmend fruchtbar,
sobald Feuchtigkeit zu der herrschenden Hitze hinzukommt. Die Landleute,
die im Allgemeinen in Cumana nicht wohlhabend sind, sollten nach und nach
die Auslagen fr die Schleue ersetzen. Bis das Projekt in Ausfhrung
kommt, hat man Schpfrder, durch Maulthiere getriebene Pumpen und andere
sehr unvollkommene Wasserwerke angelegt.

Die Ufer des Manzanares sind sehr freundlich, von Mimosen, Erythrina,
Ceiba und anderen Bumen von riesenhaftem Wuchs beschattet. Ein Flu,
dessen Temperatur zur Zeit des Hochwassers auf 22 fllt, whrend der
Thermometer der Luft auf 30-33 steht, ist eine unschtzbare Wohltat in
einem Lande, wo das ganze Jahr eine furchtbare Hitze herrscht und man den
Trieb hat, mehrere Male des Tages zu baden. Die Kinder bringen sozusagen
einen Teil ihres Lebens im Wasser zu; alle Einwohner, selbst die
weiblichen Glieder der reichsten Familien, knnen schwimmen, und in einem
Lande, wo der Mensch dem Naturstande noch so nahe ist, hat man sich, wenn
man morgens einander begegnet, nichts Wichtigeres zu fragen, als ob der
Flu heute khler sey als gestern. Man hat verschiedene Bademethoden. So
besuchten wir jeden Abend eine Zirkel sehr achtungswerter Personen in der
Vorstadt der Guaykari. Da stellte man bei schnem Mondschein Sthle ins
Wasser; Mnner und Frauen waren leicht bekleidet, wie in manchen Bdern
des nrdlichen Europas, und die Familie und die Fremden blieben ein paar
Stunden im Flusse sitzen, rauchten Cigarren dazu und unterhielten sich
nach Landessitte von der ungemeinen Trockenheit der Jahreszeit, vom
starken Regenfall in den benachbarten Distrikten, besonders aber vom
Luxus, den die Damen in Cumana den Damen in Caracas und Havana zum Vorwurf
machen. Durch die *Bavas* oder kleinen Krokodile, die jetzt sehr selten
sind und den Menschen nahe kommen, ohne anzugreifen, lie sich die
Gesellschaft durchaus nicht stren. Diese Tiere sind drei bis vier Fu
[1 bis 1,3 m] lang; wir haben nie eines im Manzanares gesehen, wohl aber
Delphine, die zuweilen bei Nacht im Flusse heraufkommen und die Badenden
erschrecken, wenn sie durch ihre Luftlcher Wasser spritzen.

Der Hafen von Cumana ist eine Reede, welche die Flotten von ganz Europa
aufnehmen knnte. Der ganze Meerbusen von Cariaco, der sechsunddreiig
Semeilen [67 km] lang und sechs bis acht [11 bis 15 km] breit ist, bietet
vortrefflichen Ankergrund. Der Groe Ozean an der Kste von Peru kann
nicht stiller und ruhiger seyn als das Meer der Antillen von Portocabello
an, namentlich aber vom Vorgebirge Codera bis zur Landspitze von Paria.
Von den Strmen bei den Antillischen Inseln sprt man nie etwas in diesem
Strich, wo man in Schaluppen ohne Verdeck das Meer befhrt. Die einzige
Gefahr im Hafen von Cumana ist eine Untiefe, *Baxo del Morro roxo*, die
von West nach Ost 900 Toisen [1750 m] lang ist und so steil abfllt, da
man dicht dabei ist, ehe man sie gewahr wird.

Ich habe die Lage von Cumana etwas ausfhrlich beschrieben, weil es mir
wichtig schien, eine Gegend kennenzulernen, die seit Jahrhunderten der
Herd der fruchtbarsten Erdbeben war. Ehe wir von diesen auerordentlichen
Erscheinungen sprechen, erscheint es mir als zweckmig, die verschiedenen
Zge des von mir entworfenen Naturbildes zusammenzufassen.

Die Stadt liegt am Fue eines kahlen Hgels und wird von einem Schlosse
beherrscht. Kein Glockenturm, keine Kuppel fllt von weitem dem Reisenden
ins Auge, nur einige Tamarinden-, Kokosnu- und Dattelstmme erheben sich
ber die Huser mit platten Dchern. Die Ebene ringsum, besonders dem
Meere zu ist trbselig, staubig und drr, wogegen ein frischer, krftiger
Pflanzenwuchs von weitem den geschlngelten Lauf des Flusses bezeichnet,
der die Stadt von den Vorstdten, die Bevlkerung von europischer und
gemischter Abkunft von den kupferfarbenen Eingeborenen trennt. Der
freistehende, kahle, weie Schloberg San Antonio wirft zugleich eine
groe Masse Licht und strahlender Wrme zurck; er besteht aus Breccien,
deren Schichten versteinerte Seetiere einschlieen. In weiter Ferne gegen
Sden streicht dunkel ein mchtiger Gebirgszug hin. Dies sind die hohen
Kalkalpen von Neuandalusien, wo dem Kalk Sandsteine und andere neuere
Bildungen aufgelagert sind. Majesttische Wlder bedecken diese Kordillere
im innern Land und hngen durch ein bewaldetes Tal mit dem nackten,
tonigen und salzhaltigen Boden zusamen, auf dem Cumana liegt. Einige Vgel
von bedeutender Gre tragen zur eigentmlichen Physiognomie des Landes
bei. Am Gestade und am Meerbusen sieht man Scharen von Fischreihern und
Alcatras, sehr plumpen Vgeln, die gleich den Schwnen mit gehobenen
Flgeln ber das Wasser gleiten. Nher bei den Wohnsttten der Menschen
sind Tausende von Galinazogeiern, wahre Chakals unter dem Gefieder,
rastlos beschftigt, tote Tiere zu suchen. Ein Meerbusen, auf dessen
Grunde heie Quellen vorkommen, trennt die sekundren Gebirgsbildungen vom
primitiven Schiefergebirge der Halbinsel Araya. Beide Ksten werden von
einem ruhigen, blauen, bestndig vom selben Winde leicht bewegten Meere
besplt. Ein reiner, trockener Himmel, an dem nur bei Sonnenaufgaug
leichtes Gewlk aufzieht, ruht auf der See, auf der baumlosen Halbinsel
und der Ebene von Cumana, whrend man zwischen den Berggipfeln im Inneren
Gewitter sich bilden, sich zusammenziehen und in fruchtbaren Regengssen
sich entladen sieht. So zeigen denn an diesen Ksten, wie am Fue der
Anden, Himmel und Erde scharfe Gegenstze von Heiterkeit und Bewlkung,
von Trockenheit und gewaltigen Wassergssen, von vlliger Kahlheit und
ewig neu sprossendem Grn. Auf dem neuen Continent unterscheiden sich die
Niederungen an der See von den Gebirgslndern im Innern so scharf, wie die
Ebenen Untergyptens von den hochgelegenen Plateaus Abyssiniens.

Zu den Zgen, welche, wie oben angedeutet, der Kstenstrich von
Neu-Andalusien und der von Peru gemein haben, kommt nun noch, da die
Erdbeben dort wie hier gleich hufig sind, und da die Natur fr diese
Erscheinungen beidemal dieselben Grenzen einzuhalten scheint. Wir selbst
haben in Cumana sehr starke Erdste gesprt, eben war man daran, die vor
kurzem eingestrzten Gebude wieder aufzurichten, und so hatten wir
Gelegenheit, uns an Ort und Stelle ber die Vorgnge bei der furchtbaren
Katastrophe vom 14. Dezember 1797 genau zu erkundigen. Diese Angaben
werden um so mehr Interesse haben, da die Erdbeben bisher weniger aus
physischem und geologischem Gesichtspunkt, als vielmehr nur wegen ihrer
schrecklichen Folgen fr die Bevlkerung und fr das allgemeine Wohl ins
Auge gefat worden sind.

Es ist eine an der Kste von Cumana und auf der Insel Margarita sehr
verbreitete Meinung, da der Meerbusen von Cariaco sich infolge der
Zertrmmerung des Landes und eines gleichzeitigen Einbruches des Meeres
gebildet habe. Die Erinnerung an diese gewaltige Umwlzung hatte sich
unter den Indianern bis zum Ende des fnfzehnten Jahrhunderts erhalten,
und wie erzhlt wird, sprachen die Eingeborenen bei der dritten Reise des
Christoph Kolumbus davon wie von einem ziemlich neuen Ereignis. Im Jahre
1530 wurden die Bewohner der Ksten von Paria und Cumana durch neue
Erdste erschreckt. Das Meer strzte ber das Land her, und das kleine
Fort, das Jakob Castellon bei Neutoledo gebaut hatte, wurde gnzlich
zerstrt. Zugleich bildete sich eine ungeheure Spalte in den Bergen von
Cariaco, am Ufer des Meerbusens dieses Namens, und eine gewaltige Masse
Salzwasser, mit Asphalt vermischt, sprang aus dem Glimmerschiefer hervor.
Am Ende des sechzehnten Jahrhunderts waren die Erdbeben sehr hufig, und
nach den Ueberlieferungen, die sich in Cumana erhalten haben,
berschwemmte das Meer fter den Strand und stieg 15-20 Toisen [30-39 m]
hoch an. Die Einwohner flchteten sich auf den Cerro de San Antonio und
auf den Hgel, auf dem jetzt das kleine Kloster San Francisco steht. Man
glaubt sogar, infolge dieser hufigen Ueberschwemmungen habe man das an
den Berg gelehnte Stadtviertel angelegt, das zum Teil auf dem Anhang
desselben liegt.

Da es keine Chronik von Cumana gibt, und da sich wegen der bestndigen
Verheerungen der Termiten oder weien Ameisen in den Archiven keine
Urkunde befindet, die ber 150 Jahre hinaufreicht, so wei man nicht
genau, wann diese frhen Erdbeben stattgefunden haben. Man wei nur, da
nher unserer Zeit das Jahr 1766 fr die Ansiedler das entsetzlichste und
zugleich fr die Naturgeschichte des Landes merkwrdigste gewesen ist.
Seit fnfzehn Monaten hatte eine Trockenheit geherrscht, wie sie zuweilen
auch auf den Inseln des Grnen Vorgebirges beobachtet wird, als am
21. Oktober 1766 die Stadt Cumana von Grund aus zerstrt wurde. Das
Gedchtnis dieses Tages wird alljhrlich mit einem Gottesdienst und einer
feierlichen Prozession begangen. In wenigen Minuten strzten smtliche
Huser zusammen. An verschiedenen Orten der Provinz tat sich die Erde auf
und spie nach Schwefel riechendes Wasser aus. Diese Ausbrche waren
besonders hufig auf einer Ebene, die sich gegen Casanay, zwei Meilen
stlich von Cumana hinzieht, und die unter dem Namen *terra de hueca*,
_hohler Boden_, bekannt ist, weil sie berall von warmen Quellen
unterhhlt zu seyn scheint. Whrend der Jahre 1766 und 1767 lagerten die
Einwohner von Cumana in den Straen und begannen mit dem Wiederaufbau
ihrer Huser erst, als sich die Erdbeben nur noch alle Monate
wiederholten. Hier auf der Kste traten damals dieselben Erscheinungen
ein, die man auch im Knigreich Quito unmittelbar nach der groen
Katastrophe vom 4. Februar 1797 beobachtet hat. Whrend sich der Boden
bestndig wellenfrmig bewegte, war es, als wollte sich die Luft im Wasser
auflsen. Durch ungeheure Regengsse schwollen die Flsse an; das Jahr war
ausnehmend fruchtbar, und die Indianer, deren leichten Htten die
strksten Erdste nichts anhaben, feierten nach einen uralten Aberglauben
durch festlichen Tanz den Untergang der Welt und ihre bevorstehende
Wiedergeburt.

Nach der Ueberlieferung waren beim Erdbeben von 1766, wie bei einem andern
sehr merkwrdigen im Jahr 1794, die Ste bloe wagerechte wellenfrmige
Bewegungen; erst am Unglckstage des 14. Dezember 1797 sprte man in
Cumana zum erstenmal eine hebende Bewegung von unten nach oben. Ueber vier
Fnftheile der Stadt wurden damals vllig zerstrt, und der Sto, der von
einem starken unterirdischen Getse begleitet war, glich, wie in Riobamba,
der Explosion einer in groer Tiefe angelegten Mine. Zum Glck ging dem
heftigen Sto eine leichte wellenfrmige Bewegung voraus, so da die
meisten Bewohner sich auf die Strae flchten konnten, und von denen, die
eben in den Kirchen waren, nur wenige das Leben verloren. Man glaubt in
Cumana allgemein, die verheerendsten Erdbeben werden durch ganz schmale
Schwingungen des Bodens und durch ein Sausen angekndigt, und Leuten, die
an solche Vorflle gewhnt sind, entgeht solches nicht. In diesem
verhngnisvollen Augenblicke hrt man berall den Ruf: _Misericordia!
tembla, tembla!_ [Erbarmen! sie (die Erde) bebt! sie bebt!] und es kommt
selten vor, da ein blinder Lrm durch einen Eingeborenen veranlat wird.
Die Aengstlichen achten auf das Benehmen der Hunde, Ziegen und Schweine.
Die letzteren, die einen ausnehmend scharfen Geruch haben und gewhnt sind
im Boden zu whlen, verknden die Nhe der Gefahr durch Unruhe und
Geschrei. Wir lassen es dahingestellt, ob sie das unterirdische Getse
zuerst hren, weil sie nher am Boden sind, er ob etwa Gase, die der Erde
entsteigen, auf ihre Organe wirken. Da letzteres mglich ist, lt sich
nicht lugnen. Als ich mich in Peru aufhielt, wurde ein Fall beobachtet,
der mit diesen Erscheinungen zusammenhngt und der schon fters
vorgekommen war. Nach starken Erdsten wurde das Gras af den Savanen von
Tucuman ungesund; es brach eine Viehseuche aus und viele Stcke scheinen
durch die bsen Dnste, die der Boden ausstie, betubt oder erstickt
worden zu seyn.

In Cumana sprte man eine halbe Stunde vor der groen Katastrophe am
14. Dezember 1797 am Klosterberg von San Francisco einen starken
Schwefelgeruch. Am selben Orte war das unterirdische Getse, das von
Sdost nach Sdwest fortzurollen schien, am strksten. Zugleich sah man am
Ufer des Manzanares, beim Hospiz der Kapuziner und im Meerbusen von
Cariaco bei Mariguitar Flammen aus dem Boden schlagen. Wir werden in der
Folge sehen, da letztere in nicht vulkanischen Lndern so auffallende
Erscheinung in den aus Alpenkalk bestehenden Gebirgen bei Cumanacao, im
Thale des Rio Bordones, auf der Insel Margarita und mitten in dn Savanen
oder *LLanos* von Neu-Andalusien ziemlich hufig ist. In diesen Savanen
steigen Feuergarben zu bedeutender Hhe auf; man kann sie Stunden lang an
den drrsten Orten beobachten, und man versichert, wenn man den Boden, dem
der brennbare Stoff entstrmt, untersuche, sey keinerlei Spale darin zu
bemerken. Dieses Feuer, das an die Wasserstoffquellen oder *Salse* in
Modena und an die Irrlichter unserer Smpfe erinnert, zndet das Gras
nicht an, wahrscheinlich weil die Sule des sich entbindenden Gases mit
Stickstoff und Kohlensure vermengt ist und nicht bis zum Boden herab
brennt. Das Volk, da brigens hier zu Land nicht so aberglubisch ist als
in Spanien, nennt diese rthlichen Flammen seltsamerweise die Seele des
Tyrannen Aguirre; Lopez d'Aguirre soll nmlich, von Gewisensbissen
gefoltert, in dem Lande umgehen, das er mit seinen Verbrechen
befleckt.(40)

Durch das groe Erdbeben von 1797 ist die Untiefe an der Mndung des Rio
Bordones in ihrem Umri verndert worden. hnliche Hebungen sind bei der
vlligen Zerstrung Cumanas im Jahr 1766 bobachtet worden. Die Punta
Delgada an der Westkste des Meerbusens von Cariaco wurde damals bedeutend
grer, und im Rio Guarapiche beim Dorfe Maturin entstand eine Klippe,
wobei ohne Zweifel der Boden des Flusses durch elastische Flssigkeiten
zerrissen und emporgehoben wurde.

Wir verfolgen die lokalen Vernderungen, welche die verschiedenen Erdbeben
in Cumana hervorgebracht, nicht weiter. Dem Plane dieses Werkes
entsprechend suchen wir vielmehr die Ideen unter allgemeine Gesichtspunkte
zu bringen und alles, was mit diesen schrecklichen und zugleich so schwer
zu erklrenden Vorgngen zusammenhngt, in Einen Rahmen zusammenzufassen.
Wenn Naturforscher, welche die Schweizer Alpen oder die Ksten Lapplands
besuchen, unsere Kenntni von den Gletschern und dem Nordlicht erweitern,
so lt sich von Einem, der das spanische Amerika bereist hat, erwarten,
da er sein Hauptaugenmerk auf Vulkane und Erdbeben gerichtet haben werde.
Jeder Strich des Erdballs liefert der Forschung eigenthmliche Stoffe, und
wenn wi nicht hoffen drfen, die Ursachen der Naturerscheinungen zu
ergrnden, so mssen wir wenigstens versuchen, die Gesetze derselben
kennen zu lernen und durch Vergleichung zahlreicher Thatsachen das
Gemeinsame und immer Wiederkehrende vom Vernderlichen und Zuflligen zu
unterscheiden.

Die groen Erdbeben, die nach einer langen Reihe kleiner Ste eintreten,
scheinen in Cumana nichts Periodisches zu haben. Man hat sie nach achtzig,
nach hundert und manchmal nach nicht dreiig Jahren sich wiederholen
sehen, whrend an der Kste von Peru, z. B. in Lima, die Epochen, die
jedesmal durch die gnzliche Zerstrung der Stadt bezeichnet werden,
unverkennbar mit einer gewissen Regelmigkeit eintreten. Da die
Einwohner selbst an einen solchen Typus glauben, ist auch vom besten
Einflu auf die ffentliche Ruhe und die Erhaltung des Gewerbefleies. Man
nimmt allgemein an, da es ziemlich lange Zeit braucht, bis dieselben
Ursachen wieder mit derselben Gewalt wirken knnen; aber dieser Schlu ist
nur dann richtig, wenn man die Erdste als lokale Erscheinungen auffat,
wenn man unter jedem Punkt des Erdballes, der groen Erschtterungen
ausgesetzt ist, einen besonderen Herd annimmt. Ueberall, wo sich neue
Gebude auf den Trmmern der alten erhoben, hrt man Leute, die nicht
bauen wollen, uern, auf die Zerstrung Lissabons am ersten November 1755
sey bald eine zweite, gleich schreckliche gefolgt, am 31. Mrz 1761.

Nach einer uralten, auch in Cumana, Acapulco und Lima sehr verbreiteten
Meinung [_Ariostoteles, Meteorologica, Lib. II. Seneca, Quaest. natur.,
Lib. VI, c. 12._] stehen die Erdbeben und der Zustand der Luft vor dem
Eintreten derselben sichtbar in Zusammenhang. An der Kste von
Neu-Andalusien wird man ngstlioch, wenn bei groer Hitze und nach langer
Trockenheit der Seewind auf einmal aufhrt und der im Zenith reine
wolkenlose Himmel sich bis zu sechs, acht Grad ber dem Horizont mit einem
rthlichen Duft berzieht. Diese Vorzeichen sind indessen sehr unsicher
und wenn man sich nachher alle Vorgnge im Luftkreis zur Zeit der
strksten Erschtterungen vergegenwrtigt, so zeigt sich, dass heftige
Ste so gut bei feuchtem als bei trockenem Wetter, so gut bei starkem
Wind als bei drckend schwler stiller Luft eintreten knnen. Nach den
vielen Erdbeben, die ich nrdlich vom Aequator, auf dem Festland und in
Meeresbecken, an der Kste und in 4870 m Hhe erlebt, will es mir
scheinen, als ob die Schwingungen des Bodens und der vorgehende Zustand
der Luft im allgemeinen nicht viel miteinander zu tun htten. Dieser
Ansicht sind auch viele gebildete Mnner in den spanischen Kolonien, deren
Erfahrung sich, wo nicht auf ein greres Stck der Erdoberflche, so doch
auf eine lngere Reihe von Jahren erstreckt. In europischen Lndern
dagegen, wo Erdbeben im Verhltni zu Amerika selten vorkommen, sind sie
Physiker geneigt, die Schwingungen des Bodens und irgend ein Meteor, das
zufllig zur selben Zeit erscheint, in nahe Beziehung zu bringen. So
glaubt man in Italien an einen Zusammenhang zwischen dem Sirocco und
Erdbeben, und in London sah man das hufige Vorkommen von Sternschnuppen
und jene Sdlichter, die seitdem von Dalton fters beobachtet worden sind,
als die Vorlufer der Erdste an, die man im Jahr 1748 bis zum Jahr 1756
sprte.

An den Tagen, wo die Erde durch starke Ste erschttert wird, zeigt sich
unter den Tropen keine Strung in der regelmigen stndlichen Schwankung
des Barometers. Ich habe mich in Cumana, Lima und Riobamba hievon
berzeugt; auf diesen Umstand sind die Physiker umso mehr aufmerksam zu
machen, als man auf St. Domingo in der Stadt Cap Franais unmittelbar vor
dem Erdbeben von 1770 den Wasserbarometer um 2 Zoll will haben fallen
sehen [Dieses Fallen entspricht nur zwei Linien Quecksilber.]. So erzhlt
man auch bei der Zerstrung von Oran habe sich ein Apotheker mit seiner
Familie gerettet, weil er wenige Minuten vor der Katastrophe zufllig auf
seinen Barometer gesehen und bemerkt habe, da das Quecksilber auffallend
stark falle. Ich wei nicht, ob dieser Behauptung Glauben zu schenken ist;
da es fast unmglich ist, whrend der Ste selbst, die Schwankungen im
Luftdruck zu beobachten, so mu man sich begngen, auf den Barometer vor
oder nach dem Vorfall zu sehen. Im gemigten Erdstrich uern die
Nordlichter nicht immer Einflu auf die Declination der Magnetnadel und
die Intensitt der magnetischen Kraft; so wirken vielleicht die Erdbeben
nicht gleichmig auf die us umgebende Luft.

Es ist schwerlich in Zweifel zu ziehen, da in weiter Ferne von den
Schlnden ttiger Vulkane der durch Erdste geborstene und erschtterte
Boden zuweilen Gase in die Luft ausstrmen lt. Wie schon oben angefhrt,
brachen in Cumana aus dem trockensten Boden Flammen und mit schweflichter
Sure vermischte Dmpfe hervor. An anderen Orten spie ebendaselbst der
Boden Wasser und Erdpech aus. In Riobamba bricht eine brennbare
Schlammasse, *Moya* genannt, aus Spalten, die sich wieder schlieen, und
trmt sich zu ansehnlichen Hgeln auf. Sieben Meilen [31 km] von Lissabon,
bei Colares, sah man whrend des furchtbaren Erdbebens vom 1. November
1755 Flammen und eine dicke Rauchsule aus der Felswand bei Alvidras und
nach einigen Augenzeugen aus dem Meere selbst hervorbrechen. Der Rauch
dauerte mehrere Tage und wurde desto strker, je lauter das unterirdische
Getse war, das die Ste begleitete.

In die Atmosphre ausstrmende elastische Flssigkeiten knnen lokal auf
den Barometer wirken, freilich nicht durch ihre Masse, die im Verhltnis
zur ganzen Luftmasse sehr unbedeutend ist, sondern weil sich, sobald ein
groer Ausbruch erfolgt, wahrscheinlich ein aufsteigender Strom bildet,
der den Luftdruck vermindert. Ich bin geneigt, anuzunehmen, da bei den
meisten Erdbeben der erschtterte Boden nichts von sich gibt, und da,
wenn wirklich Gase und Dmpfe ausstrmen, die weit nicht so oft vor den
Sten, als whrend derselben und hernach stattfindet. Aus diesem
letzteren Umstand erklrt sich eine Erscheinung, die schwerlich
abzulugnen ist, ich meine den rthselhaften Einflu, den die Erdbeben im
tropischen Amerika auf das Klima und den Eintritt der nassen und der
trockenen Jahreszeit uern. Wenn die Erde erst im Moment der
Erschtterung selbst eine Vernderung in der Luft hervorbringt, so sieht
man ein, warum so selten ein auffallender meteorologischer Vorgang als
Vorbote dieser groen Umwlzungen in der Natur erscheint.

Fr die Annahme, da bei den Erdbeben in Cumana elastische Flssigkeiten
durch die Erdoberflche zu entweichen suchen, scheint das furchtbare
Getse zu sprechen, das man whrend der Erdste auf der Ebene der
*Charas* am Rande der Brunnen vernimmt. Zuweilen werden Wasser und Sand
ber 6,5 m hoch emporgeschleudert. Aehnliche Erscheinungen entgingen schon
dem Scharfsinn der Alten nicht, die in den Lndern Griechenlands und
Kleinasiens wohnten, wo es sehr viele Hhlen, Erdspalten und unterirdische
Strme gibt. Das gleichfrmige Walten der Natur erzeugt allerorten
dieselben Vorstellungen ber die Ursachen der Erdbeben und ber die
Mittel, durch welche der Mensch, der so leicht das Ma seiner Krfte
vergit, die Wirkungen der Ausbrche aus der Tiefe mildern zu knnen
meint. Was ein groer rmischer Naturforscher vom Nutzen der Brunnen und
Hhlen sagt,(41) wiederholen in der Neuen Welt die unwissendsten Indianer
in Quito, wenn sie den Reisenden die *Guaicos* oder Hhlen am Pichincha
zeigen.

Das unterirdische Getse, das bei Erdbeben so hufig vorkommt, ist meist
auer Verhltni mit der Kraft der Erdste. In Cumana geht es denselben
immer zuvor, whrend man in Quito und neuerdings in Caracas und auf den
Antillen, nachdem die Ste lngst aufgehrt haben, einen Donner wie vom
Feuer einer Batterie gehrt hat. Eine dritte Classe dieser Erscheinungen,
und die merkwrdigste von allen ist das Monate lang fortwhrende
unterirdische Donnerrollen, ohne da dabei die geringste Wellenbewegung
des Bodens zu spren wre.

In allen den Erdbeben ausgesetzten Lndern sieht man als die Veranlassung
und den Herd der Erdste den Punkt an, wo, wahrscheinlich in Folge einer
eigenthmlichen Anordnung der Gesteinschichten, die Wirkungen am
auffallendsten sind. So glaubt man in Cumana, der Schloberg von San
Antonio besonders aber der Hgel, auf dem das Kloster San Francisco liegt,
enthalten eine ungeheure Masse Schwefel und andere brennbare Stoffe. Man
vergit, da die Geschwindigkeit, mit der sich die Schwingungen auf groe
Entfernung, sogar ber das Becken des Oceans fortpflanzen, deutlich darauf
hinweist, da der Mittelpunkt der Bewegung von der Erdoberflche sehr weit
entfernt ist. Ohne Zweifel aus demselben Grunde sind die Erdbeben nicht an
gewisse Gebirgsarten gebunden, wie manche Physiker behaupten, sondern alle
sind vielmehr gleich geeignet, die Bewegung fortzupflanzen. Um nicht den
Kreis meiner eigenen Erfahrung zu berschreiten, nenne ich nur die Granite
von Lima und Acapulco, den Gneis von Caracas, den Glimmerschiefer der
Halbinsel Araya, den Urgebirgsschiefer von Tepecuacuilco in Mexico, die
secundren Kalksteine des Apennins, Spaniens und Neu-Andalusiens, endlich
die Trapp-Porphyre der Provinzen Quito und Popayan. An allen diesen Orten
wird der Boden hufig durch die heftigsten Ste erschttert; aber
zuweilen werden in derselben Gebirgsart die obenauf gelagerten Schichten
zu einem unberwindlichen Hinderni fr die Fortpflanzung der Bewegung. So
sah man schon in den schsischen Erzgruben die Bergleute wegen Bebungen,
die sie empfunden, erschrocken ausfahren, whrend man an der Erdoberflche
nichts davon gesprt hatte.

Wenn nun auch in den weitentlegensten Lndern die Urgebirge, die
secundren und die vulkanischen Gebirgsarten an den krampfhaften Zuckungen
des Erdballs in gleichem Mae theilnehmen nehmen, so lt sich doch nicht
in Abrede ziehen, da in einem nicht sehr ausgedehnten Landstrich gewisse
Gebirgsarten die Fortpflanzung der Ste hemmen. In Cumana z. B. wurden
vor der groen Katastrophe im Jahr 1797 die Erdbeben nur lngs der aus
Kalk bestehenden Sdkste des Meerbusens von Cariaco bis zur Stadt dieses
Namens gesprt, whrend auf der Halbinsel Araya und im Dorfe Maniquarez
der Boden an denselben Bewegungen keinen Theil nahm. Die Bewohner dieser
Nordkste, die aus Glimmerschiefer besteht, bauten ihre Htten auf
unerschtterlichem Boden; ein 3000-4000 Toisen breiter Meerbusen lag
zwischen ihnen und einer durch die Erdbeben mit Trmmern bedeckten und
verwsteten Ebene. Mit dieser auf die Erfahrung von Jahrhunderten gebauten
Sicherheit ist es vorbei: mit dem 14. December 1797 scheinen sich im
Innern der Erde neue Verbindungswege geffnet zu haben. Jetzt empfindet
man es in Araya nicht nur, wenn in Cumana der Boden bebt, das Vorgebirge
aus Glimmerschiefer ist seinerseits zum Mittelpunkt von Bewegungen
geworden. Bereits wird zuweilen im Dorfe Maniquarez der Boden stark
erschttert, whrend man an der Kste von Cumana der tiefsten Ruhe
geniet, und doch ist der Meerbusen von Cariaco nur 60-80 Faden tief.

Man will beobachtet haben, da auf dem Festlande wie auf den Inseln die
West- und Sdksten den Sten am meisten ausgesetzt seyen. Diese
Beobachtung sieht im Zusammenhang mit den Ideen hinsichtlich der Lage der
groen Gebirgsketten und der Richtung ihrer steilsten Abhnge, wie sie
sich schon lange in der Geologie geltend gemacht haben; das Vorhandenseyn
der Cordillere von Caracas und die Hufigkeit der Erdbeben an den Ost- und
Nordksten von Terra Firma, im Meerbusen von Paria, in Carupano, Cariaco
und Cumana beweisen, wie wenig begrndet jene Ansicht ist.

In Neu-Andalusien, wie in Chili und Peru, gehen die Erdste den Ksten
nach und nicht weit ins Innere des Landes hinein. Dieser Umstand weist,
wie wir bald sehen werden, darauf hin, da die Ursachen der Erdbeben und
der vulkanischen Ausbrche in engem Verbande stehen. Wrde der Boden an
den Ksten dehalb strker erschttert, weil diese die am tiefsten
gelegenen Punkte des Landes sind, warum wren dann in den Savanen oder
Prairien, die kaum acht oder zehn Toisen ber dem Meeresspiegel liegen,
die Ste nicht eben so oft und eben so stark zu fhlen?

Die Erdbeben in Cumana sind mit denen auf den kleinen Antillen verkettet,
und man hat sogar vermutet, sie knnten mit den vulkanischen Erscheinungen
in den Kordilleren der Anden in einigem Zusammenhang stehen. Am
11. Februar 1797 erlitt der Boden der Provinz Quito eine Umwlzung, durch
die, trotz der sehr schwachen Bevlkerung des Landes, gegen 40,000
Eingeborene unter den Trmmern ihrer Huser begraben wurden, in Erdspalten
strzten oder in den pltzlich neu gebildeten Seen ertranken. Zur selben
Zeit wurden die Bewohner der stlichen Antillen durch Erdste erschreckt,
die erst nach acht Monaten aufhrten, als der Vulkan auf Guadeloupe
Bimssteine, Asche und Wolken von Schwefeldmpfen ausstie. Auf diesen
Ausbruch vom 29. September, whrenddessen man lange anhaltendes
unterirdisches Brllen hrte, folgte am 14. Dezember das groe Erdbeben
von Cumana. Ein anderer Vulkan der Antillen, der auf St. Vincent, hat
seitdem ein neues Beispiel solcher Wechselbeziehungen geliefert. Er hatte
seit 1718 kein Feuer mehr gespieen, als er im Jahre 1812 wieder auswarf.
Die gnzliche Zerstrung der Stadt Caracas erfolgte 34 Tage vor diesem
Ausbruch, und starke Bodenschwingungen wurden sowohl auf den Inseln als an
den Ksten von Terra Firma gesprt.

Man hat lngst die Bemerkung gemacht, da die Wirkungen groer Erdbeben
sich ungleich weiter verbreiten als die Erscheinungen der ttigen Vulkane.
Beobachtet man in Italien die Umwlzungen des Erdbodens, betrachtet man
die Reihe der Ausbrche des Vesuv und des Aetna genau, so entdeckt man, so
nahe auch diese Berge beieinander liegen, kaum Spuren gleichzeitiger
Ttigkeit. Dagegen unterliegt es keinem Zweifel, da bei den beiden
letzten Erdbeben von Lissabon(42) das Meer bis in die Neue Welt hinber in
Aufregung geriet, z. B. bei der Insel Barbados, die ber 5400 km von der
Kste von Portugal liegt.

Verschiedene Tatsachen weisen darauf hin, da die Erdbeben und die
vulkanischen Ausbrche(43) in engem urschlichen Zusammenhang stehen. In
Pasto hrten wir, die schwarze dicke Rauchsule, die im Jahre 1797 seit
mehreren Monaten dem Vulkan in der Nhe dieser Stadt entstiegen war, sey
zur selben Stunde verschwunden, wo sechzig Meilen [270 km] gegen Sd die
Stdte Riobamba, Hambata und Tacunga durch einen ungeheuren Sto ber den
Haufen geworfen wurden. Setzt man sich im Inneren eines brennenden Kraters
neben die Hgel, die sich durch die Schlacken- und Aschenauswrfe bilden,
so fhlt man mehrere Sekunden vor jedem einzelnen Ausbruch die Bewegung
des Bodens. Wir haben dies im Jahre 1805 auf dem Vesuv beobachtet, whrend
der Berg glhende Schlacken auswarf: wir waren im Jahre 1802 Zeugen
diesselben Vorganges gewesen, als wir am Rande des ungeheuren Kraters des
Pichincha standen, aus dem brigens eben nur schweflig saure Dmpfe
aufstiegen.

Alles weist darauf hin, da das eigentlich Wirksame bei den Erdbeben darin
besteht, da elastische Flssigkeiten einen Ausweg suchen, um sich in der
Luft zu verbreiten. An den Ksten der Sdsee pflanzt sich diese Wirkung
oft fast augenblicklich sechshundert Meilen [2700 km] weit, von Chile bis
zum Meerbusen von Guayaquil fort, und zwar scheinen, was sehr merkwrdig
ist, die Erdste desto strker zu seyn, je weiter ein Ort von den
thtigen Vulkanen abliegt. Die mit Fltzen von sehr neuer Bildung
bedeckten Granitberge Calabriens, die aus Kalk bestehende Kette des
Apennins, die Grafschaft Perigord, die Ksten von Spanien und Portugal,
die von Peru und Terra Firma liefern deutliche Belege fr diese
Behauptung. Es ist als wrde die Erde desto strker erschttert, je
weniger die Bodenflche Oeffnungen hat, die mit den Hhlungen im Innern in
Verbindung stehen. In Neapel und Messina, am Fu des Cotopaxi und des
Tunguragua frchtet man die Erdbeben nur, so lange nicht Rauch und Feuer
aus der Mndung der Vulkane bricht. Ja im Knigreich Quito brachte die
groe Katastrophe von Riobamba, von der oben die Rede war, mehrere
unterrichtete Mnner auf den Gedanken, da das unglckliche Land wohl
nicht so oft verwstet wrde, wenn das unterirdische Feuer den Porphyrdom
des Chimborazo durchbrechen knnte und dieser kolossale Berg sich wieder
in einen thtigen Vulkan verwandelte. Zu allen Zeiten haben analoge
Thatsachen zu denselben Hypothesen gefhrt. Die Griechen, die, wie wir,
die Schwingungen des Bodens der Spannung elastischer Flssigkeiten
zuschrieben, fhrten zur Bekrftigung ihrer Ansicht an, da die Erdbeben
auf der Insel Euba gnzlich aufgehrt haben, seit sich aus der Ebene von
Lelante eine Erdspalte gebildet.

Wir haben versucht, am Schlu dieses Kapitels die allgemeinen
Erscheinungen zusammenzustellen, welche die Erdbeben unter verschiedenen
Himmelsstrichen begleiten. Wir haben gezeigt, da die unterirdischen
Meteore so festen Gesetzen unterliegen, wie die Mischung der Gase, die
unsern Luftkreis bilden. Wir haben uns aller Betrachtungen ber das Wesen
der chemischen Agentien enthalten, die als Ursachen der groen Umwlzungen
erscheinen, welche die Erdoberflche von Zeit zu Zeit erleidet. Es sey
hier nur daran erinnert, da diese Ursachen in ungeheuren Tiefen liegen,
und da man sie in den Erdbildungen zu suchen hat, die wir Urgebirge
nennen, wohl gar unter der erdigen, oxydierten Kruste, in Tiefen, wo die
halbmetallischen Grundlagen der Kieselerde, der Kalkerde, der Soda und der
Pottasche gelagert sind.

Man hat in neuester Zeit den Versuch gemacht, die Erscheinungen der
Vulkane und Erdbeben als Wirkungen des Galvanismus aufzufassen, der sich
bei eigenthmlicher Anordnung ungleichartiger Erdschichten entwickeln
soll. Es lt sich nicht lugnen, da hufig, wenn im Verlauf einiger
Stunden starke Erdste auf einander folgen, die elektrische Spannung der
Luft im Augenblick, wo der Boden am strksten erschttert wird, merkbar
zunimmt; um aber diese Erscheinung zu erklren, braucht man seine Zuflucht
nicht zu einer Hypothese zu nehmen, die in geradem Widerspruch steht mit
allem, was bis jetzt ber den Bau unseres Planeten und die Anordnung
seiner Erdschichten beobachtet worden ist.

                            ------------------





_   37 Inga spuria_. Die weien Staubfden, 60 bis 70 an der Zahl, sitzen
      an einer grnlichen Blumenkrone, haben Seidenglanz und an der Spitze
      einen gelben Staubbeutel. Die Blthe der Guama ist 18 Linien [4 cm]
      lang. Dieser schne Baum, der am liebsten an feuchten Orten wchst,
      wird zwischen 8 und 10 Toisen [15,5 und 19,5 m] hoch.

   38 Diese Eintheilung schreibt sich schon aus der Zeit des Posidonius
      her. Es ist die _succusio_ und die _inclinatio_ des Seneca
      (_Quaestiones naturales. Lib. VI. c. 21_). Aber schon der Scharfsinn
      der Alten machte die Bemerkung, da die Art und Weise der Erdste
      viel zu vernderlich ist, als da man sie unter solche vermeintliche
      Gesetze bringen knnte. (Plato bei Plutarch _de placit. Philos.
      L. III. c. 15._)

   39 Die blauen Berge in Neuholland, die Berge von Carmathen und
      Landsdown, sind bei hellem Wetter auf 50 Meilen nicht mehr sichtbar.
      Nimmt man den Hhenwinkel zu einem halben Grad an, so htten diese
      Berge etwa 620 Toisen absoluter Hhe.

   40 Wenn das Volk in Cumana und auf der Insel Margarita von _el tirano_
      spricht, so ist immer der schndliche Lopez d'Aguirre gemeint, der
      im Jahr 1560 sich am Aufstand Fernandos de Guzman gegen den
      Statthalter von Omegua und Dorado, Pedro de Ursua, betheiligtwe, und
      sich nachher selbst _traidor_, Verrther, nannte.

   41 Plinius: _In puteis est remedium, quale et crebi specus praebent:
      conceptum enim spiritum exhalant, quod in certis notatur oppidis,
      quae minus quatiuntur, crebis ad eluviem cuniculus cavata (Plin.
      L. II. c. 82)._ Noch gegenwrtig glaubt man in der Hauptstadt von
      St. Domingo, da die Brunnen die Kraft der Erdste schwchen. Ich
      bemerke bei dieser Gelegenheit, da die Erklrung, die Seneca von
      den Erdbeben gibt (_Natur. Quaest. Lib. VI. c. 4_ bis _31_), den
      Keim alles dessen enthlt, was in unserer Zeit ber die Wirkung
      elastischer, im Inneren des Erdballes eingeschlossener Dmpfe gesagt
      worden ist.

   42 Am 1. November 1755 und 31. Mrz 1761. Beim ersteren Erdbeben
      berschwemmte das Meer in Europa die Ksten von Schweden, England
      und Spanien, in Amerika die Inseln Antiqua, Barbados und Martinique.
      Auf Barbados, wo die Flut gewhnlich nur 24-28 Zoll [640 bis 746 mm]
      hoch steigt, stieg das Wasser in der Bucht von Carlisle zwanzig Fu
      [6,5 m] hoch. Es wurde zugleich tintenschwarz, ohne Zweifel, weil
      sich der Asphalt, der im Meerbusen von Cariaco, wie bei der Insel
      Trinidad, auf dem Meeresboden hufig vorkommt, mit dem Wasser
      vermengt hatte. Auf den Antillen und auf mehreren Schweizer Seen
      wurde eine auffallende Bewegung des Wassers sechs Stunden vor dem
      ersten Sto, den man in Lissabon sprte, beobachtet. In Cadiz sah
      man auf acht Meilen [36 km] weit aus der offenen See einen sechzig
      Fu [20 m] hohen Wasserberg anrcken; er strzte sich auf die Kste
      und zerstrte eine Menge Gebude, hnlich wie die achtzig Fu [56 m]
      hohe Flutwelle, die am 9. Juni 1586 beim Erdbeben von Lima den Hafen
      von Callao berschwemmte. In Amerika hatte man auf dem Ontariosee
      seit Oktober 1755 eine starke Aufregung des Wassers beobachtet.
      Diese Erscheinungen weisen darauf hin, da auf ungeheure Strecken
      hin unterirdische Verbindungen bestehen. Bei der Zusammenstellung
      der meist weit auseinanderliegenden Zeitpunkte, in denen Lima und
      Guatemala vllig zerstrt wurden, glaubte man hin und wieder die
      Bemerkung zu machen, als ob sich eine Wirkung langsam den
      Kordilleren entlang geuert htte, bald von Nord nach Sd, bald von
      Sd nach Nord. Ich gebe hier vier dieser auffallenden Zeitpunkte:

      +----------------------+---------------------+
      |Mexiko                | Peru                |
      +----------------------+---------------------+
      |(Breite 13 32 Nord) | (Breite 12 6 Sd) |
      +----------------------+---------------------+
      |30. Nov. 1577,        | 17. Juni 1578,      |
      +----------------------+---------------------+
      |4. Mrz 1679,         | 17. Juni 1678,      |
      +----------------------+---------------------+
      |12. Febr. 1689,       | 10. Okt. 1688,      |
      +----------------------+---------------------+
      |27. Sept. 1717,       | 8. Febr. 1716.      |
      +----------------------+---------------------+

      Ich gestehe, wenn die Erdste nicht gleichzeitig sind, oder doch
      kurz nacheinander folgen, so erscheint die angebliche Fortpflanzung
      der Bewegung sehr zweifelhaft.

   43 Dieser urschliche Zusammenhang, den schon die Alten erkannten,
      beschftigte die Geister nach der Entdeckung von Amerika wieder sehr
      lebhaft. Diese Entdeckung vergngte nicht allein die Neugier der
      Menschen durch neue Naturprodukte, sie erweiterte auch ihre
      Vorstelluugen von der physischen Beschaffenheit der Lnder, von den
      Spielarten des Menschengeschlechts und von den Wanderungen der
      Vlker. Man kann die Beschreibungen der ltesten spanischen
      Reisenden, namentlich die des Jesuiten Acosta, nicht lesen, ohne
      jeden Augenblick freudig zu staunen, wie mchtig der Anblick eines
      groen Festlandes, die Betrachtung einer wundervollen Natur und die
      Berhrung mit Menschen von anderer Race auf die Geistesentwicklung
      in Europa gewirkt haben. Der Keim sehr vieler physikalischer
      Wahrheiten ist in den Schriften des sechzehnten Jahrhunderts
      niedergelegt, und dieser Keim htte Frchte getragen, wre er nicht
      durch Fanatismus und Aberglauben erstickt worden.





FNFTES KAPITEL


       Die Halbinsel Araya -- Salzsmpfe -- Die Trmmer des Schlosses
                                 Santiago


Die ersten Wochen unseres Aufenthaltes in Cumana verwendeten wir dazu,
unsere Instrumente zu berichtigen, in der Umgegend zu botanisieren und die
Spuren des Erdbebens vom 14. Dezember 1797 zu beobachten. Die
Mannigfaltigkeit der Gegenstnde, die uns zumal in Anspruch nahmen, lie
uns nur schwer den Weg zu geordneten Studien und Beobachtungen finden.
Wenn unsere ganze Umgebung den lebhaftesten Reiz fr uns hatte, so machten
dagegen unsere Instrumente die Neugier der Einwohnerschaft rege. Wir
wurden sehr durch Besuche von der Arbeit abgezogen, und wollte man nicht
Leute vor den Kopf stoen, die so seelevergngt durch einen Dollond die
Sonnenflecken betrachteten oder auf galvanische Berhrung einen Frosch
sich bewegen sahen, so mute man sich wohl herbeilassen, auf oft
verworrene Fragen Auskunft zu geben und stundenlang dieselben Versuche zu
wiederholen.

So ging es uns fnf ganze Jahre, so oft wir uns an einem Orte aufhielten,
wo man in Erfahrung gebracht hatte, da wir Mikroskope, Fernrohre oder
elektromotorische Apparate besitzen. Dergleichen Auftritte wurden meist
desto angreifender, je verworrener die Begriffe waren, welche die Besucher
von Astronomie und Physik hatten, welche Wissenschaften in den spanischen
Colonien den sonderbaren Titel: neue Philosophie, _nueva filosofia_
fhren. Die Halbgelehrten sahen mit einer gewissen Geringschtzung auf uns
herab, wenn sie hrten, da sich unter unsern Bchern weder das _spectac1e
de la nature_ vom Abb Pluche, noch der _cours de physique_ von Sigand la
Fond, noch das Wrterbuch von Valmont de Bomare befanden. Diese drei Werke
und der _trait d'conomie politique_ von Baron Bielfeld sind die
bekanntesten und geachtetsten fremden Bcher im spanischen Amerika von
Caracas und Chili bis Guatimala und Nordmexico. Man gilt nur dann fr
gelehrt, wenn man die Uebersetzungen derselben recht oft citiren kann, und
nur in den groen Hauptstdten, in Lima, Santa Fe de Bogota und Mexico,
fangen die Namen Haller, Cavendish und Lavoisier an jene zu verdrngen,
deren Ruf seit einem halben Jahrhundert populr geworden ist.

Die Neugierde, mit der die Menschen sich mit den Himmelserscheinungen und
verschiedenen naturwissenschaftlichen Gegenstnden abgeben, uert sich
ganz anders bei altcivilisirten Vlkern als da, wo die Geistesentwicklung
noch geringe Fortschritte gemacht hat. In beiden Fllen finden sich in den
hchsten Stnden viele Personen, die den Wissenschaften ferne stehen; aber
in den Colonien und bei jungen Vlkern ist die Wibegier keineswegs mig
und vorbergehend, sondern entspringt aus dem lebendigen Trieb, sich zu
belehren; sie uert sich so arglos und naiv, wie sie in Europa nur in
frher Jugend auftritt.

Erst am 28. Juli konnte ich eine ordentliche Reihe astronomischer
Beobachtungen beginnen, obgleich mir viel daran lag, die Lnge, wie sie
Louis Berthouds Chronometer angab, kennen zu lernen. Der Zufall wollte,
da in einem Lande, wo der Himmel bestndig rein und klar ist, mehrere
Nchte sternlos waren. Zwei Stunden nach dem Durchgang der Sonne durch den
Meridian zog jeden Tag ein Gewitter aus und es wurde mir schwer
rorrespondirende Sonnenhhen zu erhalten, obgleich ich in verschiedenen
Intervallen drei, vier Gruppen aufnahm. Die vom Chronometer angegebene
Lnge von Cumana differirte nur um 4 Secunden Zeit von der, welche ich
durch Himmelsbeobachtungen gefunden, und doch hatte unsere Ueberfahrt
einundvierzig Tage gewhrt und bei der Besteigung des Pic von Teneriffa
war der Chronometer starken Temperaturwechseln ausgesetzt gewesen.

Aus meinen Beobachtungen in den Jahren 1799 und 1800 ergibt sich als
Gesammtresultat, da der groe Platz von Cumana unter 10 27' 52" der
Breite und 66 30' 2" der Lnge liegt. Die Bestimmung der Lnge grndet
sich auf den Uebertrag der Zeit, aus Monddistanzen, auf die
Sonnenfinsterni vom 28. Oktober 1799 und aus zehn Immersionen der
Jupiterstrabanten, verglichen mit in Europa angestellten Beobachtungen.
Sie weicht nur um sehr weniges von der ab, die Fidalgo vor mir, aber durch
rein chronometrische Mittel gefunden. Unsere lteste Karte des neuen
Continents, die von Diego Ribeiro, Geographen Kaiser Carls des Fnften,
setzt Cumana unter 9 30' Breite, was um 58 Minuten von der wahren Breite
abweicht und einen halben Grad von der, die Jefferys in seinem im
Jahr 1794 herausgegebenen Amerikanischen Steuermann angibt. Dreihundert
Jahre lang zeichnete man die ganze Kste von Paria zu weit sdlich, weil
in der Nhe der Insel Trinidad die Strmungen nach Nord gehen und die
Schiffer nach der Angabe des Logs weiter gegen Sd zu seyn glauben, als
sie wirklich sind.

Am 17. August machte ein Hof oder eine Lichtkrone um den Mond den
Einwohnern viel zu schaffen. Man betrachtete es als Vorboten eines starken
Erdstoes, denn nach der Volksphysik stehen alle ungewhnlichen
Erscheinungen in unmittelbarem Zusammenhang. Die farbigen Kreise um den
Mond sind in den nrdlichen Lndern weit seltener als in der Provence, in
Italien und Spanien. Sie zeigen sich, und die ist auffallend, bei reinem
Himmel, wenn das gute Wetter sehr bestndig scheint. In der heien Zone
sieht man fast jede Nacht schne prismatische Farben, selbst bei der
grten Trockenheit. Zuweilen habe ich zwischen dem 15. Grad der Breite
und dem Aequator sogar um die Venus kleine Hfe gesehen; man konnte
Purpur, Orange und Violett unterscheiden; aber um Sirius, Canopus und
Achernar habe ich niemals Farben gesehen.

Whrend der Mondhof in Cumana zu sehen war, zeigte der Hygrometer groe
Feuchtigkeit an; die Wasserdnste schienen aber so vollkommen aufgelst,
oder vielmehr so elastisch und gleichfrmig verbreitet, da sie der
Durchsichtigkeit der Luft keinen Eintrag thaten. Der Mond ging nach einem
Gewitterregen hinter dem Schlosse San Antonio auf. Wie er am Horizont
erschien, sah man zwei Kreise, einen groen, weilichen von 44 Grad
Durchmesser und einen kleinen, der in allen Farben des Regenbogens glnzte
und 1 Grad 43 Minuten breit war. Der Himmelsraum zwischen beiden Kronen
war dunkelblau. Bei 40 Grad Hhe verschwanden sie, ohne da die
meteorologischen Instrumente die geringste Vernderung in den niedern
Luftregionen anzeigten. Die Erscheinung hatte nichts Auffallendes auer
der groen Lebhaftigkeit der Farben, neben dem Umstand, da nach Messungen
mit einem Ramsdenschen Sextanten die Mondscheibe nicht ganz in der Mitte
der Hfe stand. Ohne die Messung htte man glauben knnen, diese
Excentricitt rhre von der Projection der Kreise auf die scheinbare
Concavitt des Himmels her. Die Form der Hfe und die Farben, welche in
der Luft unter den Tropen beim Mondlicht zu Tage kommen, verdienen es von
den Physikern von Neuem in den Kreis der Beobachtungen gezogen zu werden.
In Mexico habe ich bei vollkommen klarem Himmel breite Streifen in den
Farben des Regenbogens ber das Himmelsgewlbe und gegen die Mondscheibe
hin zusammenlaufen sehen; dieses merkwrdige Meteor erinnert an das von
Cotes im Jahr 1716 beschriebene.

Wenn unser Haus in Cumana fr die Beobachtung des Himmels und der
meteorologischen Vorgnge sehr gnstig gelegen war, so muten wir dagegen
zuweilen bei Tage etwas ansehen, was uns emprte. Der groe Platz ist zum
Teil mit Bogengngen umgeben, ber denen eine lange hlzerne Galerie
hinluft, wie man sie in allen heien Lndern sieht. Hier wurden die
Schwarzen verkauft, die von der afrikanischen Kste herberkommen. Unter
allen europischen Regierungen war die von Dnemark die erste und lange
die einzige, die den Sklavenhandel abgeschafft hat, und dennoch waren die
ersten Sklaven, die wir aufgestellt sahen, auf einem dnischen
Sklavenschiff gekommen. Der gemeine Eigennutz, der mit Menschenpflicht,
Nationalehre und den Gesetzen des Vaterlandes im Streite liegt, lt sich
durch nichts in seinen Speculationen stren.

Die zum Verkauf ausgesetzten Sklaven waren junge Leute von fnfzehn bis
zwanzig Jahren. Man lieferte ihnen jeden Morgen Kokosl, um sich den
Krper damit einzureiben und die Haut glnzend schwarz zu machen. Jeden
Augenblick erschienen Kufer und schtzten nach der Beschaffenheit der
Zhne Alter und Gesundheitszustand der Sklaven; sie rissen ihnen den Mund
auf, ganz wie es auf dem Pferdemarkt geschieht. Dieser entwrdigende
Brauch schreibt sich aus Afrika her, wie die getreue Schilderung zeigt,
die Cervantes nach langer Gefangenschaft bei den Mauren in einem seiner
Theaterstcke [_El trado de Argel._] vom Verkauf der Christensklaven in
Algier entwirft. Es ist ein emprender Gedanke, da es noch heutigen Tages
auf den Antillen spanische Ansiedler gibt, die ihre Sklaven mit dem
Glheisen zeichnen, um sie wieder zu erkennen, wenn sie entlaufen. So
behandelt man Menschen, die anderen Menschen die Mhe des Sens, Ackerns
und Erntens ersparen [_La Bruyre, Charactres cap. XI._].

Je tieferen Eindruck der erste Verkauf von Negern in Cumana auf uns
gemacht hatte, desto mehr wnschten wir uns Glck, da wir uns bei einem
Volk und auf einem Continent befanden, wo ein solches Schauspiel sehr
selten vorkommt und die Zahl der Sklaven im Allgemeinen hchst unbedeutend
ist. Dieselbe betrug im Jahr 1800 in den Provinzen Cumana und Barcelona
nicht ber sechstausend, whrend man zur selben Zeit die
Gesammtbevlkerung auf hundert und zehntausend schtzte. Der Handel mit
afrikanischen Sklaven, den die spanischen Gesetze niemals begnstigt
haben, ist jetzt vllig bedeutungslos auf Ksten, wo im sechzehnten
Jahrhundert der Handel mit amerikanischen Sklaven schauerlich lebhaft war.
Macarapan, frher Amaracapana genannt, Cumana, Araya und besonders
Neu-Cadix, das auf dem Eiland Cubagua angelegt worden war, konnten damals
fr Comptoirs gelten, die zur Betreibung des Sklavenhandels errichtet
waren. Girolamo Benzoni aus Mailand, der im Alter von zweiundzwanzig
Jahren nach Terra Firma gekommen war, machte im Jahr 1542 an den Ksten
von Bordones, Cariaco und Paria Raubzge mit, bei denen unglckliche
Eingeborene weggeschleppt wurden. Er erzhlt sehr naiv und oft mit einem
Gefhlsausdruck, wie er bei den Geschichtschreibern jener Zeit selten
vorkommt, von den Grausamkeiten, die er mit angesehen. Er sah die Sklaven
nach Neu-Cadix bringen, wo sie mit dem Glheisen auf Stirne und Armen
gezeichnet und den Beamten der Krone der Quint entrichtet wurde. Aus
diesem Hafen wurden sie nach Haiti oder St. Domingo geschickt, nachdem sie
mehrmals die Herren gewechselt, nicht weil sie verkauft wurden, sondern
weil die Soldaten mit Wrfeln um sie spielten.

Unser erster Ausflug galt der Halbinsel Araya und jenen ehemals durch
Sklavenhandel und die Perlenfischerei vielberufenen Landstrichen. Am
19. August gegen zwei Uhr nach Mitternacht schifften wir uns bei der
indischen Vorstadt auf dem Manzanares ein. Unser Hauptzweck bei dieser
kleinen Reise war, die Trmmer des alten Schlosses von Araya zu besehen,
die Salzwerke zu besuchen und auf den Bergen, welche die schmale Halbinsel
Maniquarez bilden, einige geologische Untersuchungen anzustellen. Die
Nacht war kstlich khl, Schwrme leuchtender Insekten [_Elater
noctilucus._] glnzten in der Luft, auf dem mit Sesuvium bedeckten Boden
und in den Mimosenbschen am Flu. Es ist bekannt, wie hufig die
Leuchtwrmer in Italien und im ganzen mittaglichen Europa sind; aber ihr
malerischer Eindruck ist gar nicht zu vergleichen mit den zahllosen
zerstreuten, sich hin und her bewegenden Lichtpunkten, welche im heien
Erdstrich der Schmuck der Nchte sind, wo einem ist, als ob das
Schauspiel, welches das Himmelsgewlbe bietet, sich auf der Erde, auf der
ungeheuren Ebene der Grasfluren wiederholte.

Als wir Flu abwrts an die Pflanzungen oder *Charas* kamen, sahen wir
Freudenfeuer, die Neger angezndet hatten. Leichter, gekruselter Rauch
stieg zu den Gipfeln der Palmen auf und gab der Mondscheibe einen
rthlichen Schein. Es war Sonntag Nacht und die Sklaven tanzten zur
rauschenden, eintnigen Musik einer Guitarre. Der Grundzug im Charakter
der afrikanischen Vlker von schwarzer Rasse ist ein unerschpfliches Ma
von Beweglichkeit und Frohsinn. Nachdem er die Woche ber hart gearbeitet,
tanzt und musicirt der Sklave am Feiertage dennoch lieber, als da er
ausschlft. Hten wir uns, ber diese Sorglosigkeit, diesen Leichtsinn
hart zu urteilen, wird ja doch dadurch ein Leben voll Entbehrung und
Schmerz verst.

Die Barke, in der wir ber den Meerbusen von Cariaco fuhren, war sehr
gerumig. Man hatte groe Jaguarfelle ausgebreitet, damit wir bei Nacht
ruhen knnten. Noch waren wir nicht zwei Monate in der heien Zone, und
bereits waren unsere Organe so empfindlich fr den kleinsten
Temperaturwechsel, da wir vor Frost nicht schlafen konnten. Zu unserer
Verwunderung sahen wir, da der hunderttheilige Thermometer auf 21,8
stand. Dieser Umstand, der allen, die lange in beiden Indien gelebt haben,
wohl bekannt ist, verdient von den Physiologen beachtet zu werden. Boucher
erzhlt, auf dem Gipfel der _Montagne Pele_ auf Martiniques [der Berg ist
nach verschiedenen Angaben zwischen 666 und 736 Toisen hoch] haben er und
seine Begleiter vor Frost gebebt, obgleich die Wrme noch 21  Grad
betrug. In der anziehenden Reisebeschreibung des Capitn Bligh, der in
Folge einer Meuterei an Bord des Schiffes Bounty zwlfhundert Meilen in
einer offenen Schaluppe zurcklegen mute, liest man, da er zwischen dem
zehnten und zwlften Grad sdlicher Breite weit mehr vom Frost als vom
Hunger gelitten.(44) Im Januar 1803, bei unserem Aufenthalt in Guayaquil,
sahen wir die Eingeborenen sich ber Klte beklagen und sich zudecken,
wenn der Thermometer auf 23,8 fiel, whrend sie bei 30,5 die Hitze
erstickend fanden. Es brauchte nicht mehr als sieben bis acht Grad, um die
entgegengesetzten Empfindungen von Frost und Hitze zu erzeugen, weil an
diesen Ksten der Sdsee die gewhnliche Lufttemperatur 28 betrgt. Die
Feuchtigkeit, mit der sich die Leitungsfhigkeit der Lust fr den
Wrmestoff ndert, spielt bei diesen Empfindungen eine groe Rolle. Im
Hafen von Guayaquil, wie berall in der heien Zone auf tief gelegenem
Boden, khlt sich die Lust nur durch Gewitterregen ab, und ich habe
beobachtet, da, whrend der Thermometer auf 23,8 fllt, der Deluc'sche
Hygrometer auf 50-52 Grad stehen bleibt; dagegen steht er auf 37 bei einer
Temperatur von 30,5. In Cumana hrt man bei starken Regengssen in den
Straen schreien: _"Que hielo! Estoy emparamado!"_(45) und doch fllt der
dem Regen ausgesetzte Thermometer nur auf 21,5. Aus allen diesen
Beobachtungen geht hervor, da man zwischen den Wendekreisen auf Ebenen,
wo die Lufttemperatur bei Tag fast bestndig ber 27 ist, bei Nacht das
Bedrfni fhlt, sich zuzudecken, so oft bei feuchter Luft der Thermometer
um 4-5 Grad fllt.

Gegen acht Uhr Morgens stiegen wir an der Landspitze von Araya bei der
Neuen Saline ans Land. Ein einzelnes Haus steht auf einer kahlen Ebene
neben einer Batterie von drei Kanonen, auf die sich seit Zerstrung des
Forts St. Jakob die Verteidigung dieser Kste beschrnkt. Der
Salineninspektor  bringt sein Leben in einer Hngematte zu, in der er den
Arbeitern seine Befehle erteilt, und eine _Lancha del rey_ (knigliche
Barke) fhrt ihm jede Woche von Cumana seine Lebensmittel zu. Man wundert
sich, da bei einem Salzwert, das frher bei den Englndern, Hollndern
und anderen Seemchten Eifersucht erregte, kein Dorf oder auch nur ein Hof
liegt. Kaum findet man am Ende der Landspitze von Araya ein paar armselige
indianische Fischerhtten.

Man bersieht von hier aus zugleich das Eiland Cubagua, die hohen
Berggipfel von Margarita, die Trmmer des Schlosses St. Jakob, den Cerro
de la Vela und das Kalkgebirge des Brigantin, das gegen Sden den Horizont
begrenzt. Wie reich die Halbinsel Araya an Kochsalz ist, wurde schon
Alonso Nio bekannt, als er im Jahr 1499 in Colombo's, Djeda's und Amerigo
Vespucci's Fustapfen diese Lnder besuchte. Obgleich die Eingeborenen
Amerikas unter allen Vlkern des Erdballes am wenigsten Salz verbrauchen,
weil sie fast allein von Pflanzenkost leben, scheinen doch bereits die
Guaykari im Ton- und Salzboden der *Punta Arenas* gegraben zu haben.
Selbst die jetzt die *neuen* genannten Salzwerke, am Ende des Vorgebirgs
Araya, waren schon in der frhsten Zeit in Gang. Die Spanier, die sich
zuerst auf Cubagua und bald nachher auf der Kste von Cumana
niedergelassen hatten, beuteten schon zu Anfang des sechzehnten
Jahrhunderts die Salzsmpfe aus, die sich als Lagunen nordwestlich vom
Cerro de la Vela hinziehen. Da das Vorgebirge Araya damals keine stndige
Bevlkerung hatte, machten sich die Hollnder den natrlichen Reichtum des
Bodens zunutze, den sie fr ein Gemeingut aller Nationen ansahen.
Heutzutage hat jede Kolonie ihre eigenen Salzwerke und die
Schiffahrtskunst ist so weit fortgeschritten, da die Cadizer Handelsleute
mit geringen Kosten spanisches und portugiesisches Salz 1900 Meilen
[8500 km] weit in die stliche Halbkugel senden knnen, um Montevideo und
Buenos Aires mit ihrem Bedarf fr das Einsalzen zu versorgen. Solche
Vortheile waren zur Zeit der Eroberung unbekannt; die Industrie in den
Colonien war damals noch so weit zurck, dass das Salz von Araya mit
groen Kosten nach den Antillen, nach Carthagena und Portobelo verschifft
wurde. Im Jahr 1605 schickte der Madrider Hof bewaffnete Fahrzeuge nach
Punta Araya, mit dem Befehl, daselbst auf Station zu liegen und die
Hollnder mit Gewalt zu vertreiben. Diese fuhren nichts desto weniger fort
heimlich Salz zu holen, bis man im Jahr 1622 bei den Salzwerken ein Fort
errichtete, das unter dem Namen _Castillo de Santiago_ oder _Real Fuerza
de Araya_ berhmt geworden ist.

Die groen Salzsmpfe sind auf den ltesten spanischen Karten bald als
Bucht, bald als Lagune angegeben. Laet, der seinen _Orbis novus_ im Jahr
1633 schrieb und sehr gute Nachrichten von diesen Ksten hatte, sagt sogar
ausdrcklich, die Lagune sey von der See durch eine ber der Fluthhhe
gelegene Landenge getrennt gewesen. Im Jahr 1726 zerstrte ein
auerordentliches Ereigni die Saline von Araya und machte das Fort, das
ber eine Million harter Piaster gekostet hatte, unntz. Man sprte einen
heftigen Windsto, eine groe Seltenheit in diesen Strichen, wo die See
meist nicht unruhiger ist als das Wasser unserer Flsse; die Fluth drang
weit ins Land hinein und durch den Einbruch des Meeres wurde der Salzsee
in einen mehrere Meilen langen Meerbusen verwandelt. Seitdem hat man
nrdlich von der Hgelkette, welche das Schlo von der Nordkste der
Halbinsel trennt, knstliche Behlter oder Kasten angelegt. Der
Salzverbrauch war in den Jahren 1799 und 1800 in den beiden Provinzen
Cumana und Barcelona zwischen neun und zehn tausend Fanegas, jede zu
sechzehn Arrobas oder vier Centnern. Dieser Verbrauch ist sehr
betrchtlich, und es ergeben sich dabei, wenn man 50,000 Indianer
abrechnet, die nur sehr wenig Salz verzehren, sechzig Pfund auf den Kopf.
In Frankreich rechnet man, nach Necker, nur zwlf bis vierzehn Pfund, und
der Unterschied rhrt daher, da man so viel Salz zum Einsalzen braucht.
Das gesalzene Ochsenfleisch, *Tasajo* genannt, ist im Handel von Barcelona
der vornehmste Ausfuhrartikel. Von neun bis zehn tausend Fanegas Salz,
welche die beiden Provinzen zusammen liefern, kommen nur dreitausend vom
Salzwerk von Araya; das brige wird bei Morro de Barcelona, Pozuelos,
Piritu und im *Golfo triste* aus Meerwasser gewonnen. In Mexico liefert
der einzige Salzsee *Pennon Blanco* jhrlich ber 250,000 Fanegas unreines
Salz.

Die Provinz Caracas hat schne Salzwerke bei den Klippen los Noquez; das
frher aus der kleinen Insel Tortuga gelegene ist auf Befehl der
spanischen Regierung zerstrt worden. Man grub einen Kanal, durch den das
Meer zu den Salzsmpfen dringen konnte. Andere Nationen, die auf den
kleinen Antillen Colonien haben, besuchten diese unbewohnte Insel, und der
Madrider Hof frchtete in seiner argwhnischen Politik, das Salzwerk von
Tortuga mchte Veranlassung zu einer festen Niederlassung werden, wodurch
dem Schleichhandel mit Terra Firma Vorschub geleistet wrde. Die Salzwerke
von Araya werden erst seit dem Jahr 1792 von der Regierung selbst
betrieben. Bis dahin waren sie in den Hnden indianischer Fischer, die
nach Belieben Salz bereiteten und verkauften, wofr sie der Regierung nur
die mige Summe von 300 Piastern bezahlten. Der Preis der Fanega war
damals vier Realen; [In dieser Reisebeschreibung sind alle Preise in
harten Piastern und Silberrealen, _reales de plata_ ausgedrckt. Acht
Realen gehen auf einen harten Piaster oder 105 Sous franzsischen Geldes.]
aber das Salz war sehr unrein, grau, und enthielt sehr viel salzsaure und
schwefelsaure Bittererde. Da zudem die Ausbeutung von Seiten der Arbeiter
uerst unregelmig betrieben wurde, so fehlte es oft an Salz zum
Einsalzen des Fleisches und der Fische, das in diesen Lndern fr den
Fortschritt des Gewerbfleies von groem Belang ist, da das indianische
niedere Volk und die Sklaven von Fischen und etwas *Tasajo* leben. Seit
die Provinz Cumana unter der Intendauz von Caracas steht, besteht die
Salzregie, und die Fanega, welche die Guayqueries fr einen halben Piaster
verkauften, kostet anderthalb Piaster. Fr diese Preiserhhung leistet nur
geringen Ersatz, da das Salz reiner ist und da die Fischer und
Colonisten es das ganze Jahr im Ueberflu beziehen knnen. Die
Salinenverwaltung von Araya brachte im Jahr 1799 dem Schatze 8000 Piaster
jhrlich ein. Aus diesen statistischen Notizen geht hervor, da die
Salzbereitung in Araya, als Industriezweig betrachtet, von keinem groen
Belang ist.

Der Thon, aus dem zu Araya das Salz gewonnen wird, kommt mit dem
*Salzthon* berein, der in Berchtesgaden und in Sdamerika in Zipaquira
mit dem Steinsalz vorkommt. Das salzsaure Natron ist in diesem Thon nicht
in sichtbaren Theilchen eingesprengt, aber sein Vorhandenseyn lt sich
leicht bemerklich machen. Wenn man die Masse mit Regenwasser netzt und der
Sonne aussetzt, schiet das Salz in groen Krystallen an. Die Lagune
westlich vom Schlo Santiago zeigt alle Erscheinungen, wie sie von
Lepechin, Gmelin und Pallas in den sibirischen Salzseen beobachtet worden
sind. Sie nimmt brigens nur das Regenwasser auf, das durch die
Thonschichten durchsickert und sich am tiefsten Punkte der Halbinsel
sammelt. So lange die Lagune den Spaniern und Hollndern als Salzwerk
diente, stand sie mit der See in keiner Verbindung; neuerdings hat man nun
diese Verbindung wieder aufgehoben, indem man an der Stelle, wo das Meer
im Jahr 1726 eingebrochen war, einen Faschinendamm anlegte. Nach groer
Trockenheit werden noch jetzt vom Boden der Lagune drei bis vier Kubikfu
groe Klumpen krystallisirten, sehr reinen salzsauren Natrons
heraufgefrdert. Das der brennenden Sonne ausgesetzte Salzwasser des Sees
verdunstet an der Oberflche; in der gesttigten Lsung bilden sich
Salzkrusten, sinken zu Boden, und da Kristalle von derselben
Zusammensetzung und der gleichen Gestalt einander anziehen, so wachsen die
kristallinischen Massen von Tag zu Tag an. Man beobachtet im Allgemeinen,
da das Wasser berall, wo sich Lachen im Thonboden gebildet haben,
salzhaltig ist. Im neuen Salzwerk bei den Batterien von Araya leitet man
allerdings das Meerwasser in die Kasten, wie in den Salzsmpfen im
mittglichen Frankreich; aber auf der Insel Margarita bei Pampadar wird
das Salz nur dadurch bereitet, da man ses Wasser den salzhaltigen Thon
auslaugen lt.

Das Salz, das in Thonbildungen enthalten ist, darf nicht verwechselt
werden mit dem Salz, das im Sand am Meeresufer vorkommt, und das an den
Ksten der Normandie ausgebeutet wird. Diese beiden Erscheinungen haben,
aus geologischen Gesichtspunkt betrachtet, so gut wie nichts mit einander
gemein. Ich habe salzhaltigen Thon am Meeresspiegel, bei Punta Araya, und
in 2000 Toisen Hhe in den Cordilleren von Neugrenada gesehen. Wenn
derselbe am erstgenannten Ort unter einer Muschelbreccie von sehr neuer
Bildung liegt, so tritt er dagegen bei Ischl in Oesterreich als mchtige
Schicht im Alpenkalk auf, der, obgleich gleichfalls jnger als die
Existenz organischer Wesen auf der Erde, doch sehr alt ist, wie die vielen
Gebirgsglieder zeigen, die ihm aufgelagert sind. Wir wollen nicht in
Zweifel ziehen, da das reine [das von Wieliczka und Peru] oder mit
salzhaltigem Thon vermengte Steinsalz [das von Hallein, Ischl und
Zipaquira] der Niederschlag eines alten Meeres seyn knne; alles weist
aber darauf hin, da es sich unter Naturverhltnissen gebildet hat, die
sehr bedeutend abweichen muten von denen, unter welchen die jetzigen
Meere in Folge allmhliger Verdunstung hie und da ein paar Krner
salzsauren Natrons im Ufersande niederschlagen. Wie der Schwefel und die
Steinkohle sehr weit auseinander liegenden Formationen angehren, kommt
auch das Steinsalz bald im Uebergangsgips, bald im Alpenkalk, bald in
einem mit sehr neuem Muschelsandstein bedeckten Salzthon (Punta Araya),
bald in einem Gips vor, der jnger ist als die Kreide.

Das neue Salzwerk von Araya besteht aus fnf Behltern oder Kasten, von
denen die grten eine regelmige Form und 2300 Quadrattoisen Oberflche
haben. Die mittlere Tiefe betrgt acht Zoll. Man bedient sich sowohl des
Regenwassers, das sich durch Einsickerung am tiefsten Punkt der Ebene
sammelt, als des Meerwassers, das durch Kanle hereingeleitet wird, wenn
der Wind die See an die Kste treibt. Dieses Salzwerk ist nicht so gnstig
gelegen wie die Lagune. Das Wasser, das in die letztere fllt, kommt von
strker geneigten Abhngen und hat ein greres Bodenstck ausgelaugt. Die
Indianer pumpen mit der Hand das Meerwasser aus einem Hauptbehlter in die
Kasten. Leicht liee sich indessen der Wind als Triebkraft bentzen, da
der Seewind fortwhrend stark aus die Kste blst. Man hat nie daran
gedacht, weder die bereits ausgelangte Erde wegzuschaffen, noch Schachte
im Salzthon niederzutreiben, um Schichten aufzusuchen, die reicher an
salzsaurem Natron sind. Die Salzarbeiter klagen meist ber Regenmangel,
und beim neuen Salzwerk scheint es mir schwer auszumitteln, welches
Quantum von Salz allein auf Rechnung des Seewassers kommt. Die
Eingeborenen schtzen es aus ein Sechstheil des ganzen Ertrags. Die
Verdunstung ist sehr stark und wird durch den bestndigen Luftzug
gesteigert; das Salz wird aber auch am achtzehnten bis zwanzigsten Tage,
nachdem man die Behlter gefllt, ausgezogen. Wir fanden (am 19. August um
3 Uhr Nachmittags) die Temperatur des Salzwassers in den Kasten 32,5,
whrend die Luft im Schatten 27,2 und der Sand an der Kste in sechs Zoll
Tiefe 42,5 zeigte. Wir tauchten den Thermometer in die See und sahen ihn
zu unserer Ueberraschung nur auf 23 steigen. Diese niedrige Temperatur
rhrt vielleicht von den Untiefen her, welche die Halbinsel Araya und die
Insel Margarita umgeben, und an deren Abfllen sich tiefere
Wasserschichten mit den oberflchlichen vermischen.

Obgleich das salzsaure Natron aus der Halbinsel Araya nicht so sorgfltig
bereitet wird als in den europischen Salzwerken, ist es dennoch reiner
und enthlt weniger salzsaure und schwefelsaure Erden. Wir wissen nicht,
ob diese Reinheit dem Antheil von Salz, den das Meer liefert,
zuzuschreiben ist; denn wenn auch die Menge der im Meerwasser gelsten
Salze hchst wahrscheinlich unter allen Himmelsstrichen dieselbe ist,(46)
so wei man doch nicht, ob auch das Verhltnis zwischen dem salzsauren
Natron, der salzsauren und schwefelsauren Bittererde und dem
schwefelsauren und kohlensauren Kalk sich gleich bleibt.

Nachdem wir die Salinen besehen und unsere geodtischen Arbeiten beendet
hatten, brachen wir gegen Abend auf, um einige Meilen weiterhin in einer
indianischen Htte bei den Trmmern des Schlosses von Araya die Nacht zu
zuzubringen. Unsere Instrumente und unseren Mundvorrat schickten wir
voraus; denn wenn wir von der groen Hitze und der Reverberation des
Bodens erschpft waren, sprten wir in diesen Lndern nur abends und in
der Morgenkhle Elust. Wir wandten uns nach Sd und gingen zuerst ber
die kahle mit Salzton bedeckte Ebene und dann ber zwei aus Sandstein
bestehende Hgelketten, zwischen denen die Lagune liegt. Die Nacht
berraschte uns, whrend wir einen schmalen Pfad verfolgten, der
einerseits vom Meer, andererseits von senkrechten Felswnden begrenzt ist.
Die Flut war im raschen Steigen und engte unseren Weg mit jedem Schritt
mehr ein. Am Fue des alten Schlosses von Araya angelangt lag ein
Naturbild mit einem melancholischen, romantischen Anstrich vor uns, und
doch wurde weder durch die Khle des finsteren Forstes, noch durch die
Groartigkeit der Pflanzengestalten die Schnheit der Trmmer gehoben. Sie
liegen auf einem kahlen, drren Berge, mit Agaven, Sulenkaktus und
Mimosen bewachsen und gleichen nicht sowohl einem Werke von Menschenhand,
als vielmehr Felsmassen, die in den ltesten Umwlzungen des Erdballes
zertrmmert worden.

Wir wollten Halt machen, um das groartige Schauspiel zu genieen und den
Untergang der Venus zu beobachten, deren Scheibe von Zeit zu Zeit zwischen
dem Gemuer des Schlosses erschien; aber der Mulatte, der uns als Fhrer
diente, wollte verdursten und drang lebhaft in uns, umzukehren. Er hatte
lngst gemerkt, da wir uns verirrt hatten, und da er hoffte, durch die
Furcht auf uns zu wirken, sprach er bestndig von Tigern und
Klapperschlangen. Giftige Reptilien sind allerdings beim Schlosse Araya
sehr hufig, und erst vor kurzem waren beim Eingang des Dorfes Maniquarez
zwei Jaguars erlegt worden. Nach den aufbehaltenen Fellen waren sie nicht
viel kleiner als die ostindischen Tiger. Vergeblich fhrten wir unserem
Fhrer zu Gemt, da diese Tiere an einer Kste, wo die Ziegen ihnen
reichliche Nahrung bieten, keinen Menschen anfallen; wir muten nachgeben
und hingehen, woher wir gekommen waren. Nachdem wir drei Viertelstunden
ber einen von der steigenden Flut bedeckten Strand gegangen, stie der
Neger zu uns, der unsern Mundvorrath getragen hatte; da er uns nicht
kommen sah, war er unruhig geworden und uns entgegengegangen. Er fhrte
uns durch ein Gebsch von Fackeldisteln zu der Htte einer indianischen
Familie. Wir wurden mit der herzlichen Gastfreundschaft aufgenommen, die
man in diesen Lndern bei Menschen aller Kasten findet. Von auen war die
Htte, in der wir unsere Hngematten befestigten, sehr sauber; wir fanden
daselbst Fische, Bananen u. dgl. Und, was im heien Landstrich ber die
ausgesuchtesten Speisen geht, vortreffliches Wasser.

Des anderen Tages bei Sonnenaufgang sahen wir, da die Htte, in der wir
die Nacht zugebracht, zu einem Haufen kleienr Wohnungen am Ufer des
Salzsees gehrte. Es sind dies die schwachen Ueberbleibsel eines
ansehnlichen Dorfes, das sich einst um das Schlo gebildet. Die Trmmer
einer Kirche waren halb im Sand begraben und mit Strauchwerk bewachsen.
Nachdem im Jahre 1762 das Schlo von Araya, um die Unterhaltungskosten der
Besatzung zu sparen, gnzlich zerstrt worden war, zogen sich die in der
Umgegend angesiedelten Indianer und Farbigen allmhlich nach Maniquarez,
Cariaco und in die indianische Vorstadt von Cumana. Nur wenige blieben aus
Anhnglichkeit an den Heimathboden am wilden, den Ort. Diese armen Leute
leben vom Fischfang, der an den Ksten und auf dem Untiefen in der Nhe
uerst ergiebig ist. Sie schienen mit ihrem Loos zufrieden und fanden die
Frage seltsam, warum sie keine Grten htten unsd keine nutzbaren Gewchse
bauten. Unsere Grten, sagten sie, sind drben ber der Meerenge; wir
bringen Fische nach Cumana und verschaffen uns dafr Bananen, Cocosnsse
und Manioc. Diese Wirtschaft, die der Trgheit zusagt, ist in Maniquarez
und auf der ganzen Halbinsel Araya Brauch. Der Hauptreichtum der Einwohner
besteht in Ziegen, die sehr gro und schn sind. Sie laufen frei umher wie
die Ziegen auf dem Pic von Tenerifa; sie sind vllig verwildert und man
zeichnet sie wie die Maultiere, weil sie nach Aussehen, Farbe und
Zeichnung nicht zu unterscheiden wren. Die wilden Ziegen sind hellbraun
und nicht verschiedenfarbig wie die zahmen. Wenn ein Colonist auf der Jagd
eine Ziege schiet, die nicht seine eigene ist, so bringt er sie sogleich
dem Nachbar, dem sie gehrt. Zwei Tage lang hrten wir als von einer
selten vorkommenden Niedertrchtigkeit davon sprechen, da einem Einwohner
von Maniquarez eine Ziege abhanden gekommen, und da wahrscheinlich eine
Familie in der Nachbarschaft sich gthlich damit gethan habe. Dergleichen
Zge, die fr groe Sittenreinheit beim gemeinen Volk sprechen, kommen
hufig auch in Neu-Mexiko, in Canada und in den Lndern westlich von den
Aleghanys vor.

Unter den Farbigen, deren Htten um den Salzsee stehen, befand sich ein
Schuhmacher von castilianischem Blute. Er nahm uns mit dem Ernst und der
Selbstgeflligkeit auf, die unter diese Himmelsstrichen fast allen Leuten
eigen sind, die sich fr besonders begabt halten. Er war eben daran, die
Sehne seines Bogens zu spannen und Pfeile zu spitzen, um Vgel zu
schieen. Sein Gewerbe als Schuster konnte in einem Lande, wo die meisten
Leute barfu gehen, nicht viel eintragen; er beschwerte sich auch, da das
europische Pulver so teuer sey und ein Mann wie er zu denselben Waffen
greifen msse wie die Indianer. Der Mann war das gelehrte Orakel des
Dorfs; er wute, wie sich das Salz durch den Einflu der Sonne und des
Vollmonds bildet, er kannte die Vorzeichen der Erdbeben, die Merkmale, wo
sich Gold und Silber im Boden finden, und die Arzneipflanzen, die er, wie
alle Colonisten von Chili bis Californien, in heie und kalte [reizende
oder schwchende, sthenische oder asthenische nach Browns System]
eintheilte. Er hatte die geschichtlichen Ueberlieferungen des Landes
gesammelt, und gab uns interessante Notizen ber die Perlen von Cubagua,
welchen Luxusartikel er hchst wegwerfend behandelte. Um uns zu zeigen,
wie bewandert er in der heiligen Schrift sey, fhrte er wohlgefllig den
Spruch Hiobs an, da Weisheit hher zu wgen ist denn Perlen. Seine
Philosophie ging nicht ber den engen Kreis der Lebensbedrfnisse hinaus.
Ein derber Esel, der eine tchtige Ladung Bananen an den Landungsplatz
tragen knnte, war das hchste Ziel seiner Wnsche.

Nach einer langen Rede ber die Eitelkeit menschlicher Herrlichkeit zog er
aus einer Ledertasche sehr kleine und trbe Perlen und drang uns dieselben
auf. Zugleich hie er uns, es in unsere Schreibtafel aufzuzeichnen, da
ein armer Schuster von Araya, aber ein weier Mann und von edlem
castilischen Blute, uns etwas habe schenken knnen, das drben ber dem
Meer fr eine groe Kostbarkeit gelte. Ich komme dem Versprechen, das ich
dem braven Manne gab, etwas spt nach und freue mich, dabei bemerken zu
knnen, da seine Uneigenntzigkeit ihm nicht gestattete, irgend eine
Vergtung anzunehmen. An der Perlenkste sieht es allerdings so armselig
aus, wie im Gold- und Diamantenland, in Choco und Brasilien; aber mit
dem Elend paart sich hier nicht die zgellose Gewinnsucht, wie sie durch
Schtze des Mineralreichs erzeugt wird.

Die Perlenmuschel ist auf den Untiefen, sie sich von Kap Paria zum Kap
Vela erstrecken, sehr hufig. Die Insel Margarita, Cubagua, Coche, Punta
Araya und die Mndung des Rio la Hacha waren im sechzehnten Jahrhundert
berhmt, wie im Altertum der Persische Meerbusen und die Insel Taprobante.
[_Strabo lib. XV. Plinius Lib. IX, c. 35, Lib. XII, c. 18. Solinus,
Polyhistor c. 68_; besonders _Athenaeus, Deipnosoph. Lib. III, c. 45._] Es
ist nicht richtig, wie mehrere Geschichtsschreiber behaupten, da die
Eingeborenen Amerikas die Perlen als Luxusartikel nicht gekannt haben
sollen. Die Spanier, die zuerst an Terra Firma landeten, sahen bei den
Wilden Hals- und Armbnder, und bei den zivilisierten Vlkern in Mexiko
und Peru waren Perlen von schner Form ungemein gesucht. Ich habe die
Basaltbste einer mexikanischen Priesterin bekanntgemacht, [Humboldt,
_Atlas pittoresque_ Tafel 1 und 2.] deren Kopfputz, der auch sonst mit der
*Calantica* der Isiskpfe Aehnlichkeit hat, mit Perlen besetzt ist. Las
Casas und Benzoni erzhlen, und zwar nicht ohne Uebertreibung, wie grausam
man mit den Indianern und Negwern umging, die man zur Perlenfischerei
brauchte. In der ersten Zeit der Eroberung lieferte die Insel Coche allein
1500 Mark Perlen monatlich. Der *Quint*, den die kniglichen Beamten vom
Ertrag an Perlen erhoben, belief sich auf 15,000 Dukaten, nach dem
damaligen Werth der Metalle und in Betracht des starken Schmuggels eine
sehr bedeutende Summe. Bis zum Jahre 1530 scheint sich der Werth der nach
Europa gesendeten Perlen im Jahresdurchschnitt auf mehr als 800,000
Piaster belaufen zu haben. Um zu ermessen, von welcher Bedeutung dieser
Handelszweig in Sevilla, Toledo, Antwerpen und Genua seyn mochte, mu man
bedenken, da zur selben Zeit alle Bergwerke Amerikas nicht zwei Millionen
Piaster lieferten und da die Flotte Ovandos fr unermelich reich galt,
weil sie gegen 2600 Mark Silber fhrte.

Die Perlen waren desto gesuchter, da der asiatische Luxus auf zwei gerade
entgegengesetzten Wegen nach Europa gedrungen war, von Konstantinopel her,
wo die Palologen reich mit Perlen gestickte Kleider trugen, und von
Granada her, wo die maurischen Knige saen, an deren Hof der ganze
asiatische Prunk herrschte. Die ostindischen Perlen waren geschtzter als
die westindischen; indessen kamen doch die letzteren in der ersten Zeit
nach der Entdeckung von Amerika in Menge in den Handel. In Italien wie in
Spanien wurde die Insel Cubagua das Ziel zahlreicher
Handelsunternehmungen. Benzoni erzhlt, was einem gewissen Ludwig
Lampagnano begegnete, dem Karl der Fnfte das Privilegium ertheilt hatte,
mit fnf Caravelen an die Kste von Cumana zu gehen und Perlen zu
fischen. Die Ansiedler schickten ihn mit der kecken Antwort heim, der
Kaiser gehe mit etwas, das nicht sein gehre, allzu freigebig um; es stehe
ihm nicht das Recht zu, ber Austern zu verfgen, die auf dem Meeresboden
leben.

Gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts nahm die Perlenfischerei rasch
ab, und nach Laets Angabe(47) hatte sie im Jahr 1633 lngst aufgehrt.
Durch den Gewerbflei der Venediger, welche die echten Perlen tuschen
nachmachten, und den starken Gebrauch der geschnittenen Diamanten [Das
Schneiden der Diamanten wurde im Jahre 1456 von Ludwig de Berquen
erfunden; in allgemeinen Gebrauch kam es aber erst im folgenden
Jahrhundert.] wurden die Fischereien in Cubagua weniger eintrglich.
Zugleich wurden die Perlenmuscheln seltener, nicht wie man nach der
Volkssage glaubt, weil die Tiere vom Gerusch der Ruder verscheucht
wurden, sondern, weil man im Unverstand die Muscheln zu Tausenden
abgerissen und so ihrer Fortpflanzung Einhalt getan hatte. Die
Perlenmuschel ist noch von zarterer Constitution als die meisten andern
kopflosen Weichthiere. Auf der Insel Ceylon, wo in der Bucht von
Condeatchy die Perlenfischerei sechshundert Taucher beschftigt und der
jhrliche Ertrag ber eine halbe Million steigt, hat man das Thier
vergeblich auf andere Kstenpunkte zu verpflanzen gesucht. Die Regierung
gestattet die Fischerei nur einen Monat lang, whrend man in Cubagua die
Muschelbank das ganze Jahr hindurch ausbeutete. Um sich eine Vorstellung
davon zu machen, in welchem Mae die Taucher unter diesem Thiergeschlecht
aufrumen, mu man bedenken, da manches Fahrzeug in zwei, drei Wochen
ber 35,000 Muscheln aufnimmt. Das Thier lebt nur neun bis zehn Jahre und
die Perlen fangen erst im vierten Jahre an zum Vorschein zu kommen. In
10,000 Muscheln ist oft nicht Eine werthvolle Perle. Nach der Sage
ffneten die Fischer auf der Bank bei der Insel Margarita die Muscheln
Stck fr Stck; auf Ceylon schttet man die Thiere aus und lt sie
faulen, und um die Perlen zu gewinnen, welche nicht an den Schalen hngen,
wascht man die Haufen thierischen Gewebes aus, gerade wie man in den Minen
den Sand auswascht, der Gold- oder Zinngeschiebe oder Diamanten enthlt.

Gegenwrtig bringt das spanische Amerika nur noch die Perlen in den
Handel, die aus dem Meerbusen von Panama und von der Mndung des Rio de la
Hacha kommen. Auf den Untiefen um Cubagua, Coche und Margarita ist die
Fischerei aufgegeben, wie an der californischen Kste.(48) Man glaubt in
Cumana, die Perlenmuschel habe sich nach zweihundertjhriger Ruhe wieder
bedeutend vermehrt [Im Jahr 1812 sind bei Margarita einige Versuche
gemacht worden, die Perlenfischerei wieder aufzunehmen], und man fragt
sich, warum die Perlen, die man jetzt in Muscheln findet, die an den
Fischnetzen hngen bleiben [Die Einwohner von Araya verkaufen zuweilen
solche kleine Perlen an die Kaufleute von Cumana. Der gewhnliche Preis
ist ein Piaster fr das Dutzend.], so klein sind und so wenig Glanz haben,
whrend man bei der Ankunft der Spanier sehr schne bei den Indianern
fand, die doch schwerlich darnach tauchten. Diese Frage ist desto schwerer
zu beantworten da wir nicht wissen, ob etwa Erdbeben die Beschaffenheit
des Seebodens verndert haben, oder ob Richtungsnderungen in
untermeerischen Strmen auf die Temperatur des Wassers oder auf die
Hufigkeit gewisser Weichthiere, von denen sich die Muscheln nhren,
Einflu geuert haben.

Am 20. Morgens fhrte uns der Sohn unseres Wirths, ein sehr krftiger
Indianer, ber den Barigon und Caney ins Dorf Maniquarez. Es waren vier
Stunden Weges. Durch das Rckprallen der Sonnenstrahlen vom Sand stieg der
Thermometer auf 31.3. Die Sulenkaktus, die am Wege stehen, geben der
Landschaft einen grnen Schein, ohne Khle und Schatten zu bieten. Unser
Fhrer setzte sich, ehe er eine Meile [5 km] gegangen war, jeden
Augenblick nieder. Im Schatten eines schnen Tamarindenbaumes bei den
Casas de la Vela wollte er sich gar niederlegen, um den Anbruch der Nacht
abzuwarten. Ich hebe diesen Charakterzug hervor, da er einem berall
entgegentritt, so oft man mit den Indianern reist, und zu den irrigsten
Vorstellungen von der Krperverfassung der verschiedenen Menschenracen
Anla gegeben hat. Der kupferfarbene Eingeborene, der besser als der
reisende Europer an die glhende Hitze des Himmelsstriches gewhnt ist,
beklagt sich nur deshalb mehr darber, weil ihn kein Reiz antreibt. Geld
ist keine Lockung fr ihn, und hat er sich je einmal durch Gewinnsucht
verfhren lassen, so reut ihn sein Entschlu, sobald er auf dem Wege ist.
Derselbe Indianer aber, der sich beklagt, wenn man ihm beim Botanisieren
eine Pflanzenbchse zu tragen gibt, treibt einen Kahn gegen die rascheste
Strmung und rudert so vierzehn bis fnfzehn Stunden in einem fort, weil
er sich zu den Seinen zurcksehnt. Will man die Muskelkraft der Vlker
richtig schtzen lernen, mu man sie  unter Umstnden beobachten, wo ihre
Handlungen durch einen gleich krftigen Willen bestimmt werden.

Wir besahen in der Nhe die Trmmer des Schlosses Santiago, das durch
seine ausnehmend feste Bauart merkwrdig ist. Die Mauern aus behauenen
Steinen sind fnf Fu dick; man mute sie mit Minen sprengen; man sieht
noch Mauerstcke von sieben-, achthundert Quadratfu, die kaum einen Ri
zeigen. Unser Fhrer zeigte uns eine Cisterne (_el aljibe_), die dreiig
Fu tief ist und, obgleich ziemlich schadhaft, den Bewohnern der Halbinsel
Araya Wasser liefert. Diese Cisterne wurde im Jahr 1681 vom Statthalter
Don Juan Padilla Guardiola vollendet, demselben, der in Cumana das kleine
Fort Santa Maria gebaut hat. Da der Behlter mit einem Gewlbe im
Rundbogen geschlossen ist, so bleibt das Wasser darin frisch und sehr gut.
Conserven, die den Kohlenwasserstoff zersetzen und zugleich Wrmern und
Insekten zum Aufenthalt dienen, bilden sich nicht darin. Jahrhunderte lang
hatte man geglaubt, die Halbinsel Araya habe gar keine Quellen sen
Wassers, aber im Jahr 1797 haben die Einwohner von Maniquarez nach langem
vergeblichem Suchen doch solches gefunden.

Als wir ber die kahlen Hgel am Vorgebirge Cirial gingen, sprten wir
einen starken Berglgeruch. Der Wind kam vom Orte her, wo die
Berglquellen liegen, deren schon die ersten Beschreibungen dieser Lnder
erwhnen. -- Das Tpfergeschirr von Maniquarez ist seit unvordenklicher
Zeit berhmt, und dieser Industriezweig ist ganz in den Hnden der
Indianerweiber. Es wird noch gerade so fabriziert wie vor der Eroberung.
Dieses Verfahren ist einerseits eine Probe vom Zustand der Knste in ihrer
Kindheit und andererseits von der Starrheit der Sitten, die allen
eingeborenen Vlkern Amerikas als ein Charakterzug eigen ist. In
dreihundert Jahren konnte die Tpferscheibe keinen Eingang auf einer Kste
finden, die von Spanien nur dreiig bis vierzig Tagreisen zur See entfernt
ist. Die Eingeborenen haben eine dunkle Vorstellung davon, da es ein
solches Werkzeug gibt, und sie wrden sich desselben bedienen, wenn man
ihnen das Muster in die Hand gbe. Die Thongruben sind eine halbe Meile
stlich von Maniquarez. Dieser Thon ist das Zersetzungsprodukt eines durch
Eisenoxyd roth gefrbten Glimmerschiefers. Die Indianerinnen nehmen
vorzugsweise solchen, der viel Glimmer enthlt. Sie formen mit groem
Geschick Gefe von zwei bis drei Fu Durchmesser mit sehr regelmiger
Krmmung. Da sie den Brennofen nicht kennen, so schichten sie Strauchwerk
von Desmanthus, Cassia und baumartiger Capparis um die Tpfe und brennen
sie in freier . Luft. Weiter westwrts von der Thongrube liegt die
Schlucht der *Mina* (Bergwerk). Nicht lange nach der Eroberung sollen
venetianische Goldschrfer dort Gold aus dem Glimmerschiefer gewonnen
haben. Dieses Metall scheint hier nicht auf Quarzgngen vorzukommen,
sondern im Gestein eingesprengt zu seyn, wie zuweilen im Granit und Gnei.

Wir trafen in Maniquarez Kreolen, die von einer Jagdpartie auf Cubagua
kamen. Die Hirsche von der kleinen Art sind auf diesem unbewohnten Eilande
so hufig, da man tglich drei und vier schieen kann. Ich wei nicht,
wie die Thiere hinbergekommen sind; denn Laet und andere Chronisten des
Landes, die von der Grndung von Neucadix berichten, sprechen nur von der
Menge Kaninchen auf der Insel. Der *Venado* auf Cubagua gehrt zu einer
der vielen kleinen amerikanischen Hirscharten, die von den Zoologen lange
unter dem allgemeinen Namen _Cervus Americanus_ zusammengeworfen wurden.
Er scheint mir nicht identisch mit der _Biche des Savanes_ von Guadeloupe
oder dem *Guazuti* in Paraguay, der auch in Rudeln lebt. Sein Fell ist auf
dem Rcken rothbraun, am Bauche wei; es ist gefleckt, wie beim Axis. In
den Ebenen am Cari zeigte man uns als eine groe Seltenheit in diesen
heien Lndern eine weie Spielart. Es war eine Hirschkuh von der Gre
des europischen Rehs und von uerst zierlicher Gestalt. *Albinos* kommen
in der Neuen Welt sogar unter den Tigern vor. Azara sah einen Jaguar, auf
dessen ganz weiem Fell man nur hier und da gleichsam einen Schatten von
den runden Flecken sah.

Fr den merkwrdigsten, man kann sagen fr den wunderbarsten aller
Naturkrper auf der Kste von Araya gilt beim Volke der *Augenstein*,
_Piedra de los ojos_. Dieses Gebilde aus Kalkerde ist in aller Munde; nach
der Volksphysik ist es ein Stein und ein Thier zugleich. Man findet es im
Sande, und da rhrt es sich nicht; nimmt man es aber einzeln auf und legt
es auf eine ebene Flche, z. B. auf einen Zinn- oder Fayence-Teller, so
bewegt es sich, sobald man es durch Citronsaft reizt. Steckt man es ins
Auge, so dreht sich das angebliche Tier um sich selbst und schiebt jeden
fremden Krper heraus, der zufllig ins Auge geraten ist. Auf der neuen
Saline und im Dorfe Maniquarez brachte man uns solche Augensteine zu
Hunderten, und die Eingeborenen machten uns den Versuch mit dem Citronsaft
eifrig vor. Man wollte uns Sand in die Augen bringen, damit wir uns selbst
von der Wirksamkeit des Mittels berzeugten. Wir sahen alsbald, da diese
Steine die dnnen, porsen Deckel kleiner einschaliger Muscheln sind. Sie
haben 1-4 Linien Durchmesser; die eine Flche ist eben, die andere
gewlbt. Diese Kalkdeckel brausen mit Zitronensaft auf und rcken von der
Stelle, indem sich die Kohlensure entwickelt. In Folge hnlicher Reaction
bewegt sich zuweilen das Brod im Backofen auf wagerechter Flche, was in
Europa zum Volksglauben an bezauberte Oefen Anla gegeben hat. Die
_pietras de los ojos_ wirken, wenn man sie ins Auge schiebt, wie die
kleinen Perlen und verschiedene runde Samen, deren sich die Wilden in
Amerika bedienen, um den Thrnenflu zu steigern. Diese Erklrungen waren
aber gar nicht nach dem Geschmack der Einwohner von Araya. Die Natur
erscheint dem Menschen desto grer, je geheimnivoller sie ist, und die
Volksphysik weist alles von sich, was einfach ist.

Ostwrts von Maniquarez an der Sdkste liegen nahe an einander drei
Landzungen, genannt Punta de Soto, Punta de la Brea und Punta Guaratarito.
In dieser Gegend besteht der Meeresboden offenbar aus Glimmerschiefer, und
aus dieser Gebirgsart entspringt bei Punta de la Brea, aber achtzig Fu
vom Ufer, eine *Naphthaquelle*, deren Geruch sich weit in die Halbinsel
hinein verbreitet. Man mute bis zum halben Leibe ins Wasser gehen, um die
interessante Erscheinung in der Nhe zu beobachten. Das Wasser ist mit
_Zostera_ bedeckt, und mitten in einer sehr groen Bank dieses Gewchses
sieht man einen freien runden Fleck von drei Fu Durchmesser, auf dem
einzelne Massen von _Ulva lactuca_ schwimmen. Hier kommen die Quellen zu
Tag. Der Boden des Meerbusens ist mit Sand bedeckt, und das Bergl, das
durchsichtig und von gelber Farbe der eigentlichen Naphtha nahe kommt,
sprudelt stoweise unter Entwicklung von Luftblasen hervor. Stampft man
den Boden mit den Fen fest, so sieht man die kleinen Quellen wegrcken.
Die Naphtha bedeckt das Meer ber tausend Fu [320 m] weit. Nimmt man an,
da das Fallen der Schichten sich gleich bleibt, so mu der
Glimmerschiefer wenige Toisen unter dem Sande liegen.

Der Salzthon von Araya enthlt festes, zerreibliches Bergl. Dieses
geologische Verhltni zwischen salzsaurem Natron und Erdpech kommt in
allen Steinsalzgruben und bei allen Salzquellen vor; aber als ein hchst
merkwrdiger Fall erscheint das Vorkommen einer Naphtaquelle in einer
Urgebirgsart. Alle bis jetzt bekannten gehren secundren Formationen an,
und dieser Umstand schien fr die Annahme zu sprechen, da alles
mineralische Harz Produkt der Zersetzung von Pflanzen und Thieren oder des
Brandes der Steinkohlen sey. Auf der Halbinsel Araya aber fliet Naphtha
aus dem Urgebirge selbst, und diese Erscheinung wird noch bedeutender,
wenn man bedenkt, da in diesem Urgebirge der Herd des unterirdischen
Feuers ist, da man am Rande brennender Krater zuweilen Naphthageruch
bemerkt, und da die meisten heien Quellen Amerikas aus Gneis und
Glimmerschiefer hervorbrechen.

Nachdem wir uns in der Umgegend von Maniquarez umgesehen, bestiegen wir
ein Fischerboot, um nach Cumana zurckzukehren. Nichts zeigt so deutlich,
wie ruhig die See in diesen Strichen ist, als die Kleinheit und der
schlechte Zustand dieser Khne, die ein sehr hohes Segel fhren. Der Kahn,
den wir ausgesucht hatten, weil er noch am wenigsten beschdigt war,
zeigte sich so leck, da der Sohn des Steuermannes fortwhrend mit einer
Tutuma, der Frucht der _Crescentia cujete_, das Wasser ausschpfen mute.
Es kommt im Meerbusen von Cariaco,  besonders nordwrts von der Halbinsel
Araya, nicht selten vor, da die mit Kokosnssen beladenen Piroguen
umschlagen, wenn sie zu nahe am Winde gerade gegen den Wellenschlag
steuern. Vor solchen Unfllen frchten sich aber nur Reisende, die nicht
gut schwimmen knnen; denn wird die Pirogue von einem indianischen Fischer
mit seinem Sohne gefhrt, so dreht der Vater den Kahn wieder um und macht
sich daran, das Wasser hinauszuschaffen, whrend der Sohn schwimmend die
Kokosnsse zusammenholt. In weniger als einer Viertelstunde ist die
Pirogue wieder unter Segel, ohne da der Indianer in seinem
unerschpflichen Gleichmut eine Klage htte hren lassen.

Die Einwohner von Araya, die wir auf der Rckkehr vom Orinoco noch einmal
besuchten, haben nicht vergessen, da ihre Halbinsel einer der Punkte ist,
wo sich am frhesten Castilianer niedergelassen. Sie sprechen gerne von
der Perlenfischerei, von den Ruinen des Schlosses Santiago, das, wie sie
hoffen, einst wieder aufgebaut wird, berhaupt von dem, was sie den
ehemaligen Glanz des Landes nennen. In China und Japan gilt alles, was man
erst seit zweitausend Jahren kennt, fr neue Erfindung; in den
europischen Niederlassungen erscheint ein Ereigni, das dreihundert
Jahre, bis zur Entdeckung von Amerika hinausreicht, als ungemein alt.
Dieser Mangel an alter Ueberlieferung, der den jungen Vlkern in den
Vereinigten Staaten wie in den spanischen und portugiesischen Besitzungen
eigen ist, verdient alle Beachtung. Er hat nicht nur etwas Peinliches fr
den Reisenden, der sich dadurch um den hchsten Genu der Einbildungskraft
gebracht sieht, er uert auch seinen Einflu auf die mehr oder minder
starken Bande, die den Colonisten an den Boden fesseln, auf dem er wohnt,
an die Gestalt der Felsen, die seine Htte umgeben, an die Bume, in deren
Schatten seine Wiege gestanden.

Bei den Alten, z. B. bei Phniziern und Griechen, gingen Ueberlieferungen
und geschichtliches Bewutseyn des Volks vom Mutterland auf die Colonien
ber, erbten dort von Geschlecht zu Geschlecht fort und uerten
fortwhrend den besten Einflu auf Geist, Sitten und Politik der
Ansiedler. Das Klima in jenen ersten Niederlassungen ber dem Meere war
vom Klima des Mutterlandes nicht sehr verschieden. Die Griechen in
Kleinasien und aus Sicilien entfremdeten sich nicht den Einwohnern von
Argos, Athen und Corinth, von denen abzustammen ihr Stolz war. Groe
Uebereinstimmuug in Sitte und Brauch that das ihrige dazu, eine Verbindung
zu befestigen, die sich auf religise und politische Interessen grndete.
Hufig opferten die Colonien die Erstlinge ihrer Ernten in den Tempeln der
Mutterstdte, und wenn durch einen unheilvollen Zufall das heilige Feuer
auf den Altren von Hestia erloschen war, so schickte man von hinten in
Jonien nach Griechenland und lie es aus den Prytaneen wieder holen.
Ueberall, in Cyrenaica wie an den Ufern des Sees Motis, erhielten sich
die alten Ueberlieserungen des Mutterlandes. Andere Erinnerungen, die
gleich mchtig zur Einbildungskraft sprechen, hafteten an den Colonien
selbst. Sie hatten ihre heiligen Haine, ihre Schutzgottheiten, ihren
lokalen Mythenkreis; sie hatten, was den Dichtungen der frhesten
Zeitalter Leben und Dauer verleiht, ihre Dichter, deren Ruhm selbst ber
das Mutterland Glanz verbreitete.

Dieser und noch mancher andern Vortheile entbehren die heutigen
Ansiedlungen. Die meisten wurden in einem Landstrich gegrndet, wo Klima,
Naturprodukte, der Anblick des Himmels und der Landschaft ganz anders sind
als in Europa. Wenn auch der Ansiedler Bergen, Flssen, Thlern Namen
beilegt, die an vaterlndische Landschaften erinnern, diese Namen
verlieren bald ihren Reiz und sagen den nachkommenden Geschlechtern nichts
mehr. In fremdartiger Naturumgebung erwachsen aus neuen Bedrfnissen
andere Sitten; die geschichtlichen Erinnerungen verblassen allmhlich, und
die sich erhalten, knpfen sich fortan gleich Phantasiegebilden weder an
einen bestimmten Ort, noch an eine bestimmte Zeit. Der Ruhm Don Pelagio's
und des Cid Campeador ist bis in die Gebirge und Wlder Amerikas
gedrungen; dem Volk kommen je zuweilen diese glorreichen Namen auf die
Zunge, aber sie schweben seiner Seele vor wie Wesen aus einer idealen
Welt, aus dem Dmmer der Fabelzeit.

Der neue Himmel, das ganz vernderte Klima, die physische Beschaffenheit
des Landes wirken weit strker auf die gesellschaftlichen Zustnde in den
Colonien ein, als die gnzliche Trennung vom Mutterland. Die Schifffahrt
hat im neuerer Zeit solche Fortschritte gemacht, da die Mndungen des
Orinoco und Rio de la Plata nher bei Spanien zu liegen scheinen, als
einst der Phasis und Tartessus von den griechischen und phnicischen
Ksten. Man kann auch die Bemerkung machen, da sich in gleich weit von
Europa entfernten Lndern Sitten und Ueberlieferungen desselben im
gemigten Erdstrich und auf dem Rcken der Gebirge unter dem Aequator
mehr erhalten haben, als in den Tieflndern der heien Zone. Die
Aehnlichkeit der Naturumgebung trgt in gewissem Grad dazu bei, innigere
Beziehungen zwischen den Colonisten und dem Mutterland aufrecht zu
erhalten. Dieser Einflu physischer Ursachen auf die Zustnde jugendlicher
gesellschaftlicher Vereine tritt besonders auffallend hervor, wenn es sich
von Gliedern desselben Volksstannnes handelt, die sich noch nicht lange
getrennt haben. Durchreist man die neue Welt, so meint man berall da, wo
das Klima den Anbau des Getreides gestattet, mehr Ueberlieferungen, einem
lebendigeren Andenken an das Mutterlaud zu begegnen. In dieser Beziehung
kommen Pennsylvanien, Neu-Mexico und Chili mit den hochgelegenen Plateaus
von Quito und Neuspanien berein, die mit Eichen und Fichten bewachsen
sind.

Bei den Alten waren die Geschichte, die religisen Vorstellungen und die
physische Beschaffenheit des Landes durch unauslsliche Bande verknpft.
Um die Landschaften und die alten brgerlichen Strme des Mutterlandes zu
vergessen, htte der Ansiedler auch dem von seinen Voreltern berlieferten
Gtterglauben entsagen mssen. Bei den neueren Vlkern hat die Religion,
so zu sagen, keine Localfarbe mehr. Das Christenthum hat den Kreis der
Vorstellungen erweitert, es hat alle Vlker darauf hingewiesen, da sie
Glieder Einer Familie sind, aber eben damit hat es das Nationalgefhl
geschwcht; es hat in beiden Welten die uralten Ueberlieferungen des
Morgenlandes verbreitet, neben denen, die ihm eigenthmlich angehren.
Vlker von ganz verschiedener Herkunft und vllig abweichender Mundart
haben damit gemeinschaftliche Erinnerungen erhalten, und wenn durch die
Missionen in einem groen Theil des neuen Festlandes die Grundlagen der
Cultur gelegt worden sind, so haben eben damit die christlichen
kosmogonischen und religisen Vorstellungen ein merkbares Uebergewicht
ber die rein nationalen Erinnerungen erhalten.

Noch mehr: die amerikanischen Colonien sind fast durchaus in Lndern
angelegt, wo die dahingegangenen Geschlechter kaum eine Spur ihres Daseyns
hinterlassen haben. Nordwrts vom Rio Gila, an den Usern des Missouri, auf
den Ebenen, die sich im Osten der Anden ausbreiten, gehen die
Ueberlieferungen nicht ber ein Jahrhundert hinauf. In Peru, in Guatimala
und in Mexico sind allerdings Trmmer von Gebuden, historische Malereien
und Bildwerke Zeugen der alten Kultur der Eingeborenen; aber in einer
ganzen Provinz findet man kaum ein paar Familien, die einen klaren Begriff
von der Geschichte der Incas und der mexikanischen Frsten haben. Der
Eingeborene hat seine Sprache, seine Tracht und seinen Volkscharakter
behalten; aber mit dem Aufhren des Gebrauches der Quippus und der
symbolischen Malereien, durch die Einfhrung des Christentums und andere
Umstnde, die ich anderswo auseinander gesetzt, sind die geschichtlichen
und religisen Ueberlieferungen allmhlich untergegangen. Andererseits
sieht der Ansiedler von europischer Abkunft verchtlich auf alles herab,
was sich auf die unterworfenen Vlker bezieht. Er sieht sich in die Mitte
gestellt zwischen die frhere Geschichte des Mutterlandes und die seines
Geburtslandes, und die eine ist ihm so gleichgltig wie die andere; in
einem Klima, wo bei dem geringen Unterschied der Jahreszeiten der Ablauf
der Jahre fast unmerklich wird, berlt er sich ganz dem Genusses der
Gegenwart und wirft selten einen Blick in Vergangene Zeiten.

Aber auch welch ein Abstand zwischen der eintnigen Geschichte neuerer
Niederlassungen und dem lebenvollen Bilde, das Gesetzgebung, Sitten und
politische Strme der alten Colonien darbieten! Ihre durch abweichende
Regierungsformen verschieden gefrbte geistige Bildung machte nicht selten
die Eifersucht der Mutterlnder rege. Durch diesen glcklichen Wetteifer
gelangten Kunst und Literatur in Jonien, Grogriechenland und Sicilien zur
herrlichsten Entwicklung. Heutzutage dagegen haben die Colonien weder eine
eigene Geschichte noch eine eigene Literatur. Die in der neuen Welt haben
fast nie mchtige Nachbarn gehabt, und die gesellschaftlichen Zustnde
haben sich immer nur allgemach umgewandelt. Des politischen Lebens bar,
haben diese Handels- und Ackerbaustaaten an den groen Welthndeln immer
nur passiven Antheil genommen.

Die Geschichte der neuen Kolonien hat nur zwei merkwrdige Ereignisse
aufzuweisen, ihre Grndung und ihre Trennung vom Mutterlande. Da Erstere
ist reich an Erinnerungen, die sich wesentlich an die von den Colonisten
bewohnten Lnder knpfen; aber statt Bilder des friedlichen Fortschrittes
des Gewerbefleies und der Entwickelung der Gesetzgebung in den Kolonien
vorzufhren, erzhlt diese Geschichte nur von verbtem Unrecht und von
Gewaltthaten. Welchen Reiz knnen jene auerordentlichen Zeiten haben, wo
die Spanier unter Carls V. Regierung mehr Mut als sittliche Kraft
entwickelten, und die ritterliche Ehre wie der kriegerische Ruhm durch
Fanatismus und Golddurst befleckt wurden? Die Colonisten sind von sanfter
Gemthsart, sie sind durch ihre Lage den Nationalvorurtheilen enthoben,
und so wissen sie die Thaten bei der Eroberung nach ihrem wahren Werthe zu
schtzen. Die Mnner, die sich damals ausgezeichnet, sind Europer, sind
Krieger des Mutterlandes. In den Augen des Colonisten sind sie Fremde,
denn drei Jahrhunderte haben hingereicht, die Bande des Blutes aufzulsen.
Unter den "Konquistadoren" waren sicher rechtschaffene und edle Mnner,
aber sie verschwinden in der Masse und konnten der allgemeinen Verdammnis
nicht entgehen.

Ich glaube hiermit die hauptschlichsten Ursachen angegeben zu haben, aus
denen in den heutigen Kolonien die Nationalerinnerungen sich verlieren,
ohne da andere, auf das nunmehr bewohnte Land sich beziehende, wrdig in
ihre Stelle trten. Dieser Umstand, wir knnen es nicht genug wiederholen,
uert einen bedeutenden Einflu auf die ganze Lage der Ansiedler. In der
strmevollen Zeit einer staatlichen Wiedergeburt sehen sie sich auf sich
selbst gestellt, und es ergeht ihnen, wie einem Volke, das es verschmhte,
seine Geschichtsbcher zu befragen und aus den Unfllen vergangner
Jahrhunderte Lehren der Weisheit zu schpfen.

                            ------------------





   44 Die Mannschaft der Schaluppe wurde hufig von den Wellen durchnt;
      wir wissen aber, da unter dieser Breite die Temperatur des
      Meerwassers nicht unter 23 seyn kann, und da die durch Verdunstung
      entstehende Abkhlung in Nchten, wo die Lufttemperaur selten ber
      25 steigt, nur unbetrchtlich ist.

   45 "Welche Eisesklte. Ich friere, als wre ich auf dem Rcken der
      Berge!" [Das provincielle Wort _emparamarse_ lt sich nur durch
      lange Umschreibung wiedergeben. _Paramo_, peruanisch _Puna_ ist ein
      Name, den man auf allen Karten des spanischen Amerikas findet. Er
      bedeutet in den Colonien weder eine Wste noch eine _lande_,
      sondern einen gebirgigen, mit verkrppelten Bumen bewachsenen, den
      Winden ausgesetzten Landstrich, wo es bestndig nakalt ist. In der
      heien Zone liegen die Paramos gewhnlich 1600-2000 Toisen hoch. Es
      fllt hufig Schnee, der nur ein paar Stunden liegen bleibt; denn
      man darf die Worte _Paramo_ und _Puna_ nicht, wie es den Geographen
      hufig begegnet, mit dem Wort _Nevado_ peruanisch _Ritticapa_
      verwechseln, was einen zur Linie des ewigen Schnees emporragenden
      Berg bedeutet. Diese Begriffe sind fr die Geologie und die
      Pflanzengeographie sehr wichtig, weil man in Lndern, wo noch kein
      Berggipfel gemessen ist, eine richtige Vorstellung von der
      *geringsten Hhe* erhlt, zu der sich die Cordilleren erheben, wenn
      man die Worte _Paramo_ und _Nevado_ aussucht. Da die Paramos fast
      bestndig in kalten, dichten Nebel gehllt sind, so sagt das Volk in
      Santa Fe und Mexico: _cae un paramito_, wenn ein feiner Regen fllt
      und die Lufttemperatur bedeutend abnimmt. Aus _Paramo_ hat man
      _emparamarse_ gemacht, d. h. frieren, als wre man auf dem Rcken
      der Anden.

   46 Mit Ausnahme der Binnenmeere und der Lnder, wo sich Polargletscher
      bilden. Dieses Sichgleichbleiben des Salzgehaltes des Meeres
      erinnert an die noch weit grere Gleichfrmigkeit der Vertheilnng
      des Sauerstoffs im Luftmeer. In beiden Elementen wird das
      Gleichgewicht in der Lsung oder im Gemenge durch Strmungen
      hergestellt und erhalten.

   47 _Insularum Cubaguae et Coches quondam fuit dignitos, quum unionum
      captura floreret, nunc, illa deficiente, obscura admodum fama_
      Laet. Nov. Orbis, p. 669. Dieser sorgfltige Compilater sagt, wo er
      von der Punta Araya spricht, weiter, das Land sey dergestalt in
      Vergessenheit gerathen, _ut vix ulla alia Americae meridionalis
      pars hodie obscurior sit_

   48 Es wundert mich, auf unsern Reisen nirgends gehrt zu haben, da in
      Sdamerika Perlen in Swassermuscheln gefunden worden wren, und
      doch kommen manche Arten der Gattung _Unio_ in den peruanischen
      Flssen in groer Menge vor.





SECHSTES KAPITEL


     Die Berge von Neuandalusien -- Das Tal von Cumanacoa -- Der Gipfel
               des Cocollar -- Missionen der Chaymasindianer


Unserem ersten Ausflug auf die Halbinsel Araya folgte bald ein zweiter und
lehrreicherer ins Innere des Gebirges zu den Missionen der
Chaymasindianer. Gegenstnde von mannigfaltiger Anziehungskraft sollten
uns dort in Anspruch nehmen. Wir betraten jetzt ein mit Wldern bedecktes
Land; wir sollten ein Kloster besuchen, das im Schatten von Palmen und
Baumfarnen in einem engen Thale liegt, wo man, mitten im heien Erdstrich,
kstliche Khle geniet. In den benachbarten Bergen gibt es dort Hhlen,
welchen von Tausenden von Nachtvgeln bewohnt sind, und was noch
lebendiger zur Einbildungskraft spricht als alle Wunder der physischen
Welt, jenseits dieser Berge lebt ein vor Kurzem noch nomadisches Volk,
kaum aus dem Naturzustande getreten, wild, jedoch nicht barbarisch,
geistesbeschrnkt, nicht weil es lange versunken war, sondern weil es eben
nichts wei. Zu diesen so mchtig anziehenden Gegenstnden kamen noch
geschichtliche Erinnerungen. Am Vorgebirge Paria sah Kolumbus zuerst das
Festland; hier laufen die Tler aus, die bald von den kriegerischen,
menschenfressenden Caraiben, bald von den zivilisierten Handelsvlkern
Europas verwstet wurden. Zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts wurden
die unglcklichen Einwohner auf den Ksten von Carupano, Macarapas und
Caracas behandelt, wie zu unsrer Zeit die Einwohner der Kste von Guinea.
Bereits wurden die Antillen angebaut und man fhrte dort die Gewchse der
Alten Welt ein; aber in Terra Firma kam es lange zu keienr ordentlichen
und planmigen Niederlassung. Die Spanier besuchten die Kste nur, um
sich mit Gewalt oder im Tauschhandel Sklaven, Perlen, Goldkrner und
Farbholz zu verschaffen. Durch den Schein gewaltigen Religionseifers
meinte man diese unersttliche Habsucht in eine hhere Sphre zu heben. So
hat jedes Jahrhundert seine eigene geistige und sittliche Farbe.

Der Handel mit den kupferfarbigen Eingebornen fhrte zu denselben
Unmenschlichkeiten wie der Negerhandel; er hatte auch dieselben Folgen,
Sieger und Unterworfene verwilderten dadurch. Von Stunde an wurden die
Kriege unter den Eingeborenen hufiger; die Gefangenen wurden aus dem
innern Lande an die Kste geschleppt und an die Weien verkauft, die sie
auf ihren Schiffen fesselten. Und doch waren die Spanier damals und noch
lange nachher eines der civilisirtesten Vlker Europas. Ein Abglanz der
Herrlichkeit, in der in Italien Kunst und Literatur blhten, hatte sich
ber alle Vlker verbreitet, deren Sprache dieselbe Quelle hat wie die
Sprache Dantes und Petrarcas. Man sollte glauben, in dieser mchtigen
geistigen Entwicklung, bei solch erhabenem Schwung der Einbildungskraft
htten sich die Sitten snftigen mssen. Aber jenseits der Meere, berall,
wo der Golddurst zum Mibrauch der Gewalt fhrt, haben die europischen
Vlker in allen Abschnitten der Geschichte denselben Charakter entwickelt.
Das herrliche Jahrhundert Leos X. trat in der neuen Welt mit einer
Grausamkeit auf, wie man sie nur den finstersten Jahrhunderten zutrauen
sollte. Man wundert sich aber nicht so sehr ber das entsetzliche Bild der
Eroberung von Amerika, wenn man daran denkt, was trotz der Segnungen einer
menschlicheren Gesetzgebung noch jetzt auf den Westksten von Afrika
vorgeht.

Der Sklavenhandel hatte dank den von Karl V. zur Geltung gebrachten
Gundstzen auf Terra Firma lngst aufgehrt; aber die Conquistadoren
setzten ihre Streifzge ins Land fort, und damit den kleinen Krieg, der
die amerikanische Bevlkerung herabbrachte, dem Nationalha immer frische
Nahrung gab, auf lange Zeit die Keime der Cultur erstickte. Es war Pflicht
der Religion, da sie der Menschheit einigen Trost brachte fr die Greuel,
die in iherem Namen verbt worden; sie fhrte fr die Eingeborenen das
Wort vor dem Richterstuhl der Knige, sie widersetzte sich den
Gewaltttigkeiten der Pfrndeninhaber, sie vereinigte umherziehende Stmme
zu den kleinen Gemeinden, die man *Missionen* nennt und die der
Entwickelung des Ackerbaues Vorschub leisten. So haben sich allmhlich,
aber in gleichfrmiger, planmiger Entwicklung jene groen mnchischen
Niederlassungen gebildet, jenes merkwrdige Regiment, das immer darauf
hinausgeht, sich abzuschlieen, und Lnder, die vier und fnfmal grer
sind als Frankreich, den Mnchsorden unterwirft.

Einrichtungen, die trefflich dazu dienten, dem Blutvergieen Einhalt zu
thun und den ersten Grund zur gesellschaftlichen Entwicklung zu legen,
sind in der Folge dem Fortschritt derselben hindelich geworden. Die
Abschlieung hatte zur Folge, da die Indianer so ziemlich blieben, was
sie waren, als ihre zerstreuten Htten noch nicht um das Haus des
Missionars beisammen lagen. Ihre Zahl hat ansehnlich zugenommen,
keineswegs aber ihr geistiger Gesichtskreis.

Sie haben mehr und mehr von der Charakterstrke und der natrlichen
Lebendigkeit eingebt, die aus allen Stufen menschlicher Entwicklung die
edlen Frchte der Unabhngigkeit sind. Man hat Alles bei ihnen, sogar die
unbedeutendsten Verrichtungen des huslichen Lebens, der unabnderlichen
Regel unterworfen, und so hat man sie gehorsam gemacht, zugleich aber auch
dumm. Ihr Lebensunterhalt ist meist gesicherter, ihre Sitten sind milder
geworden; aber der Zwang und das trbselige Einerlei des Missionsregiments
lastet auf ihnen und ihr dsteres, verschlossenes Wesen verrth, wie
ungern sie die Freiheit der Ruhe zum Opfer gebracht haben. Die Mnchszucht
innerhalb der Klostermauern entzieht zwar dem Staate ntzliche Brger,
indessen mag sie immerhin hie und da Leidenschaften zur Ruhe bringen,
groe Schmerzen lindern, der geistigen Vertiefung frderlich seyn; aber in
die Wildnisse der neuen Welt verpflanzt, auf alle Beziehungen des
brgerlichen Lebens angewendet, mu sie desto verderblicher wirken, je
lnger sie andauert. Sie hlt von Geschlecht zu Geschlecht die geistige
Entwicklung nieder, sie hemmt den Verkehr unter den Vlkern, sie weist
Alles ab, was die Seele erhebt und den Vorstellungskreis erweitert. Aus
allen diesen Ursachen zusammen verharren die Indianer in den Missionen in
einem Zustand von Uncultur, der Stillstand heien mte, wenn nicht auch
die menschlichen Vereine denselben Gesetzen gehorchten, wie die
Entwicklung des menschlichen Geistes berhaupt, wenn sie nicht
Rckschritte machten, eben weil sie nicht fortschreiten.

Am 4. September um 5 Uhr morgens brachen wir zu unserem Ausflug zu den
Chaymas-Indianern und in die hohe Gebirgsgruppe von Neu-Andalusien auf.
Man hatte uns geraten, wegen der sehr beschwerlichen Wege unser Gepck
mglichst zu beschrnken. Zwei Lasttiere reichten auch hin, unseren
Mundvorrat, unsere Instrumente und das ntige Papier zum Pflanzentrocknen
zu tragen. In derselben Kiste waren ein Sextant, ein Inclinationscompa,
ein Apparat zur Ermittlung der magnetischen Declination, Thermometer und
ein Saussure'scher Hygrometer. Auf diese Jnstrumente beschrnkten wir uns
bei kleineren Ausflgen immer. Mit dem Barometer mute noch vorsichtiger
umgegangen werden, als mit dem Chronometer, und ich bemerke hier, da kein
Instrument dem Reisenden mehr Last und Sorge macht. Wir lieen ihn in den
fnf Jahren von einem Fhrer tragen, der uns zu Fu begleitete, aber
selbst diese ziemlich kostspielige Vorsicht schtzte ihn nicht immer vor
Beschdigung. Nachdem wir die Zeiten von Ebbe und Fluth im Luftmeere genau
beobachtet, das heit die Stunden, zu denen der Barometer unter den Tropen
tglich regelmig steigt und fllt, sahen wir ein, da wir das Relief des
Landes mittelst des Barometers wrden aufnehmen knnen, ohne
correspondirende Beobachtungen in Cumana zu Hlfe zu nehmen. Die grten
Schwankungen im Luftdruck betragen in diesem Klima an der Kste nur
1-1,3 Linien, und hat man ein einziges mal, an welchem Ort und zu welcher
Stunde es sey, die Quecksilberhhe beobachtet, so lassen sich mit
ziemlicher Wahrscheinlichkeit die Abweichungen von diesem Stand das ganze
Jahr hindurch und zu allen Stunden des Tages und der Nacht angeben. Es
ergibt sich daraus, da im heien Erdstrich durch den Mangel an
correspondirenden Beobachtungen nicht leicht Fehler entstehen knnen, die
mehr als 12-15 Toisen ausmachen, was wenig zu bedeuten hat, wenn es sich
von geologischen Aufnahmen, oder vom Einflu der Hhe auf das Klima und
die Vertheilung der Gewchse handelt.

Der Morgen war kstlich khl. Der Weg oder vielmehr der Fupfad nach
Cumanacoa fhrt am rechten Ufer des Manzanares hin ber das
Kapuzinerhospiz, das in einem kleinen Gehlze von Gayacbumen und
baumartigen Capparis liegt. Nachdem wir von Cumana aufgebrochen, hatten
wir auf dem Hgel von San Francisco in der kurzen Morgendmmerung eine
weite Aussicht ber die See, ber die mit goldgelb blhender Bava
[_Zygophyllum arboreum, Jacq._] bedeckte Ebene und die Berge des
Brigantin. Es fiel uns auf, wie nahe uns die Cordillere gerckt schien,
bevor die Scheibe der ausgehenden Sonne den Horizont erreicht hatte. Das
Blau der Berggipfel ist dunkler, ihre Umrisse erscheinen schrfer, ihre
Massen treten deutlicher hervor, so lange nicht die Durchsichtigkeit der
Luft durch die Dnste beeintrchtigt wird, die Nachts in den Thlern
lagern und im Maae, als die Luft sich zu erwrmen beginnt, in die Hhe
steigen.

Beim Hospiz Divina Pastora wendet sich der Weg nach Nordost und luft zwei
Meilen ber einen baumlosen Landstrich, der frher Seeboden war. Man
findet hier nicht nur Cactus, Bsche des cistusbltterigen Tribulus und
die schne purpurfarbige Euphorbie, die in Havana unter dem seltsamen
Namen _Dictamno real_ gezogen wird, sondern auch _Aviceunia_, _Allionia_,
_Peruvium_, _Thalinum_ und die meisten Portulaceen, die am Golf von
Cariaco vorkommen. Diese geographische Vertheilung der Gewchse weist, wie
es scheint, auf den Umri der alten Kste hin und spricht dafr, da, wie
oben bemerkt worden, die Hgel, an deren Sdabhang wir hinzogen, einst
eine durch einen Meeresarm vom Festland getrennte Insel bildeten.

Nach zwei Stunden Weges gelangten wir an den Fu der hohen Bergkette im
Inneren, die vom Brigantin bis zum Cerro de San Lorenzo von Ost nach West
streicht. Hier beginnen neue Gebirgsarten und damit ein anderer Habitus
des Pflanzenwuchses. Alles erhlt einen groartigeren, malerischeren
Charakter. Der quellenreiche Boden ist nach allen Richtungen von
Wasserfden durchzogen. Bume von riesiger Hhe, mit Schlinggewchsen
bedeckt, steigen aus den Schluchten empor; ihre schwarze, von der
Sonnengluth und vom Sauerstoff der Luft verbrannte Rinde sticht ab vom
frischen Grn der Pothos und der Dracontien, deren lederartige glnzende
Bltter nicht selten mehrere Fu lang sind. Es ist nicht anders, als ob
unter den Tropen die parasitischen Monocotyledonen die Stelle des Mooses
und der Flechten unserer nrdlichen Landstriche vertrten. Je weiter wir
kamen, desto mehr erinnerten uns die Gesteinmassen sowohl nach Gestalt als
Gruppierung an Schweizer und Tiroler Landschaften. In diesen
amerikanischen Alpen wachsen noch in bedeutenden Hhen Helikonien,
Cosstus, Maranta und andere Pflanzen aus der Familie der Canna-Arten, die
in der Nhe der Kste nur niedrige, feuchte Orte aufsuchen. So kommt es,
da die heie Erdzone und das nrdliche Europa die interessante
Eigentmlichkeit gemein haben, da in einer bestndig mit Wasserdampf
erfllten Luft, wie auf einem vom schmelzenden Schnee durchfeuchteten
Boden die Vegetation in den Gebirgen ganz den Charakter einer
Sumpfvegetation zeigt.

Wir kamen in der Schlucht los Frailes und zwischen Cuesta de Caneyes und
dem Rio Guriental an Htten vorbei, die von Mestizen bewohnt sind. Jede
Htte liegt mitten in einem Gehege, das Bananenbume, Melonenbume,
Zuckerrohr und Mais einfriedigt. Man mte sich wundern, wie klein diese
Flecke urbar gemachten Landes sind, wenn man nicht bedchte, da ein mit
Pisang angepflanzter Morgen Landes gegen zwanzigmal mehr Nahrungsstoff
liefert, als die gleiche mit Getreide bestellte Flche. In Europa bedecken
unsere nahrhaften Grasarten, Weizen, Gerste, Roggen, weite Landstrecken;
berall, wo die Vlker sich von Cerealien nhren, stoen die bebauten
Grundstcke nothwendig an einander. Anders in der heien Zone, wo der
Mensch sich Gewchse aneignen konnte, die ihm weit reichere und frhere
Ernten liefern. In diesen gesegneten Landstrichen entspricht die
unermeliche Fruchtbarkeit des Bodens der Gluthhitze und der Feuchtigkeit
der Lust. Ein kleines Stck Boden, auf dem Bananenbume, Manioc, Yams und
Mais stehen, ernhrt reichlich eine zahlreiche Bevlkerung. Da die Htten
einsam im Walde zerstreut liegen, wird fr den Reisenden ein Merkmal der
Ueberflle der Natur; oft reicht ein ganz kleiner Fleck urbaren Landes fr
den Bedarf mehrerer Familien hin.

Diese Betrachtungen ber den Ackerbau in heien Landstrichen erinnern von
selbst daran, welch inniger Verband zwischen dem Umfang des urbar
gemachten Landes und dem gesellschaftlichen Fortschritt besteht. So gro
die Flle der Lebensmittel ist, die dieser Reichthum des Bodens, die
strotzende Kraft der organischen Natur hervorbringt, dennoch wird die
Culturentwicklung der Vlker dadurch niedergehalten. In einem milden,
gleichfrmigen Klima kennt der Mensch kein anderes dringendes Bedrfni
als das der Nahrung. Nur wenn dieses Bedrfni sich geltend macht, fhlt
er sich zur Arbeit getrieben, und man sieht leicht ein, warum sich im
Schooe des Ueberflusses, im Schatten von Bananen- und Brodfruchtbumen,
die Geistesfhigkeiten nicht so rasch entwickeln als unter einem strengen
Himmel, in der Region der Getreidearten, wo unser Geschlecht in ewigem
Kampf mit den Elementen liegt. Wirft man einen Blick auf die von
ackerbautreibenden Vlkern bewohnten Lnder, so sieht man, da die
bebauten Grundstcke durch Wald von einander getrennt bleiben oder
unmittelbar an einander stoen, und da solches nicht nur von der Hhe der
Bevlkerung, sondern auch von der Wahl der Nahrungsgewchse bedingt wird.
In Europa schtzen wir die Zahl der Einwohner nach der Ausdehnung des
urbaren Landes; unter den Tropen dagegen, im heiesten und feuchtesten
Striche von Sdamerika, scheinen sehr stark bevlkerte Provinzen beinahe
wste zu liegen, weil der Mensch zu seinem Lebensunterhalt nur wenige
Morgen bebaut.

Diese Umstnde, die alle Aufmerksamkeit verdienen, geben sowohl der
physischen Gestaltung des Landes als dem Charakter der Bewohner ein
eigenes Geprge; beide erhalten dadurch in ihrem ganzen Wesen etwas
Wildes, Rohes, wie es zu einer Natur pat, deren ursprngliche
Physiognomie durch die Kunst noch nicht verwischt ist. Ohne Nachbarn, fast
ohne allen Verkehr mit Menschen, erscheint jede Ansiederfamilie wie ein
vereinzelter Volksstamm. Diese Vereinzelung hemmt den Fortschritt der
Kultur, die sich nur in dem Maa entwickeln kann, als der Menschenverein
zahlreicher wird und die Bande zwischen den einzelnen sich fester knpfen
und vervielfltigen; die Einsamkeit entwickelt aber auch und strkt im
Menschen das Gefhl der Unabhngigkeit und Freiheit; sie nhrt jenen
Stolz, der von jeher die Vlker von castilianischem Blute ausgezeichnet
hat.

Dieselben Ursachen, deren mchtiger Einflu uns weiterhin noch oft
beschftigen wird, haben zur Folge, da dem Boden, selbst in den am
strksten bevlkerten Lndern des tropischen Amerika, der Anstrich von
Wildheit erhalten bleibt, der in gemigten Klimaten sich durch den
Getreidebau verliert. Unter den Tropen nehmen die ackerbauenden Vlker
weniger Raum ein; die Herrschaft des Menschen reicht nicht so weit; er
tritt nicht als unumschrnkter Gebieter auf, der die Bodenoberflche nach
Gefallen modelt, sondern wie ein flchtiger Gast, der in Ruhe des Segens
der Natur geniet. In der Umgegend der volkreichsten Stdte starrt der
Boden noch immer von Wldern oder ist mit einem dichten Pflanzenfilz
berzogen, den niemals eine Pflugschar zerrissen hat. Die wildwachsenden
Pflanzen beherrschen noch durch ihre Masse die angebauten Gewchse und
bestimmen allein den Charakter der Landschaft. Allem Vermuthen nach wird
dieser Zustand nur uerst langsam einem andern Platz machen. Wenn in
unsern gemigten Landstrichen es besonders der Getreidebau ist, der dem
urbaren Lande einen so trbselig eintnigen Anstrich gibt, so erhlt sich,
aller Wahrscheinlichkeit nach, in der heien Zone selbst bei zunehmender
Bevlkerung die Groartigkeit der Pflanzengestalten, das Geprge einer
jungfrulichen, ungezhmten Natur, wodurch diese so unendlich anziehend
und malerisch wird. So werden denn, in Folge einer merkwrdigen
Verknpfung physischer und moralischer Ursachen, durch Wahl und Ertrag der
Nahrungsgewchse drei wichtige Momente vorzugsweise bestimmt: das
gesellige Beisammenleben der Familien oder ihre Vereinzelung, der raschere
oder langsamere Fortschritt der Cultur, und die Physiognomie der
Landschaft.

Je tiefer wir in den Wald hineinkamen, desto mehr zeigte uns das
Barometer, da der Boden mehr anstieg. Die Baumstmme boten uns hier einen
ganz eigenen Anblick; eine Grasart mit quirlfrmigen Zweigen klettert,
gleich einer Liane, acht, zehn Fu [2,6 bis 3,25 m hoch] und bildet ber
dem Wege Gewinde, die sich im Luftzuge schaukeln. Gegen drei Uhr
nachmittags hielten wir auf einer kleinen Hochebene an, *Quetepe* genannt,
die etwa 190 Toisen [370 m] ber dem Meere liegt. Es stehen hier einige
Htten an einer Quelle, deren Wasser bei den Eingeborenen als sehr khl
und gesund berhmt ist. Wir fanden das Wasser wirklich ausgezeichnet; es
zeigte 22,5 der hundertteiligen Scale (18 R.), whrend das Thermometer
an der Luft auf 28,7 stand. Die Quellen, die von benachbarten hheren
Bergen herabkommen, geben hufig eine zu rasche Abnahme der Luftwrme an.
Nimmt man als mittlere Temperatur des Wassers an der Kste von Cumana 26
an, so folgt daraus, wenn nicht andere lokale Ursachen auf die Temperatur
der Quellen Einflu uern, da die Quelle von Quetepe sich erst in mehr
als 350 Toifen absoluter Hhe so bedeutend abkhlt. Da hier von Quellen
die Rede ist, die in der heien Zone in der Ebene oder in unbedeutender
Hhe zu Tage kommen, so sey bemerkt, da nur in Lndern, wo die mittlere
Sommertemperatur von der durchschnittlichen des ganzen Jahres bedeutend
abweicht, die Einwohner in der heiesten Jahreszeit sehr kaltes
Quellwasser trinken knnen. Die Lappen bei Umeo und Srsele, unter dem 65.
Breitegrad, erfrischen sich an Quellen, deren Temperatur im August kaum
2 bis 3 Grad ber dem Frierpunkt steht, whrend bei Tage die Luftwrme im
Schatten auf 26 oder 27 Grad steigt. In unsern gemigten Landstrichen, in
Frankreich und Deutschland, ist der Abstand zwischen der Luft und den
Quellen niemals ber 16-17 Grad, und unter den Tropen steigt er selten auf
6-7 Grad. Man gibt sich leicht Rechenschaft von diesen Erscheinungen, wenn
man wei, da die Temperatur in der Tiefe des Bodens und die der
unterirdischen Quellen fast ganz bereinkonnnt mit der mittleren
Jahrestemperatur der Luft, und da diese von der mittleren Sommerwrme
desto mehr abweicht, je mehr man sich vom Aequator entfernt. -- Die
magnetische Inclination war in Quetepe 40,7 der hunderttheiligen Scale,
der Cyanometer gab das Blau des Himmels im Zenith nur zu 84 an, ohne
Zweifel weil die Regenzeit seit mehreren Tagen begonnen und die Luft
bereits Wasserdunst aufgenommen hatte.

Auf einem Sandsteinhgel ber der Quelle hatten wir eine prachtvolle
Aussicht auf das Meer, das Vorgebirge Macanao und die Halbinsel
Maniquarez. Ein ungeheurer Wald breitete sich zu unseren Fen bis zum
Ocean hinab; die Baumwipfel, mit Lianen behangen, mit langen
Blthenbscheln gekrnt, bildeten einen ungeheuren grnen Teppich, dessen
tiefdunkle Frbung das Licht in der Luft noch glnzender erscheinen lie.
Dieser Anblick ergriff uns um so mehr, da uns hier zum erstenmal die
Vegetation der Tropen in ihrer Massenhaftigkeit entgegentrat. Auf dem
Hgel von Quetepe, unter den Stmmen von _Malpighia corolloboefolia_ mit
stark lederartigen Blttern, in Gebschen von _Polygala montana_, brachen
wir die ersten Melastomen, namentlich die schne Art, die unter dem Namen
_Melastoma rufescens_ beschrieben worden. Dieser Aussichtspunkt wird uns
lange in Gedchtnis bleiben; der Reisende behlt die Orte lieb, wo er
zuerst ein Pflanzengeschlecht angetroffen, das er bis dahin nie wild
wachsend gesehen.

Weiter gegen Sdwest wird der Boden drr und sandig; wir erstiegen eine
ziemlich hohe Berggruppe, welche die Kste von den groen Ebenen oder
Savannen an den Ufern des Orinoko trennt. Der Teil dieser Berggruppe,
durch den der Weg nach Cumanacoa luft, ist pflanzenlos und fllt gegen
Nord und Sd steil ab. Er fhrt den Namen *Imposible*, weil man meint, bei
einer feindlichen Landung wrden die Einwohner von Cumana auf diesem
Gebirgskamm eine Zufluchtssttte finden. Wir kamen kurz vor
Sonnenuntergang auf dem Gipfel an, und ich konnte eben noch ein paar
Stundenwinkel aufnehmen, um mittelst des Chronometers die Lnge des Orts
zu bestimmen.

Die Aussicht auf dem Imposible ist noch schner und weiter als auf der
Ebene Quetepe. Deutlich konnten wir mit bloem Auge den abgestutzten
Gipfel des Brigantin, dessen geographische Lage genau zu kennen so wichtig
wre, den Landungsplatz und die Rhede von Cumana sehen. Die Felsenkste
von Araya lag nach ihrer ganzen Lnge vor uns. Besonders fiel uns die
merkwrdige Bildung eines Hafens auf, den man _Laguna grande_ oder _Laguna
de Obispo_ nennt. Ein weites, von hohen Bergen umgebenes Becken steht
durch einen schmalen Canal, durch den nur Ein Schiff fahren kann, mit dem
Meerbusen von Cariaco in Verbindung. In diesem Hafen, den Fidalgo genau
aufgenommen hat, knnten mehrere Geschwader neben einander ankern. Es ist
ein vllig einsamer Ort, den nur einmal im Jahr die Fahrzeuge besuchen,
welche Maulthiere nach den Antillen bringen. Hinten in der Bucht liegen
einige Weiden. Unser Blick verfolgte die Windungen des Meeresarms, der
sich wie ein Flu durch senkrechte, kahle Felsen sein Bett gegraben hat.
Dieser merkwrdige Anblick erinnert an die phantastische Landschaft, die
Leonardo da Vinci aus dem Hintergrund seines berhmten Bildnisses der
Joconda [Mona Lisa, Gattin des Francesco del Gioconde] angebracht hat.

Wir konnten mit dem Chronometer den Moment beobachten, in dem die
Sonnenscheibe den Meereshorizont berhrte. Die erste Berhrung fand statt
um 6 Uhr 8 Minuten 13 Secunden, die zweite um 6 Uhr 10 Min. 26 Sec.
mittlere Zeit. Diese Beobachtung, die fr die Theorie der irdischen
Strahlenbrechung nicht ohne Belang ist, wurde auf dem Gipfel des Berges in
296 Toisen absoluter Hhe angestellt. Mit dem Untergang der Sonne trat
eine sehr rasche Abkhlung der Luft ein. Drei Minuten nach der letzten
scheinbaren Berhrung der Scheibe mit dem Meereshorizont fiel das
Thermometer pltzlich von 25,2 auf 21,3. Wurde diese auffallende
Abkhlung etwa durch einen aufsteigenden Strom bewirkt? Die Luft war
indessen ruhig und kein wagrechter Luftzug zu bemerken.

Die Nacht brachten wir in einem Hause zu, wo ein Militrposten von acht
Mann unter einem spanischen Unteroffizier liegt. Es ist ein Hospiz, das
neben einem Pulvermagazin liegt und wo der Reisende alle Bequemlichkeit
findet. Dasselbe Commando bleibt fnf bis sechs Monate lang auf dem Berg.
Man nimmt dazu vorzugsweise Soldaten, die *Chacras* oder Pflanzungen in
der Gegend haben. Als nach der Einnahme der Insel Trinidad durch die
Englnder im Jahr 1797 der Stadt Cumana ein Angriff drohte, flchteten
sich viele Einwohner nach Cumanacoa und brachten ihre werthvollste Habe in
Schuppen unter, die man in der Eile auf dem Gipfel des Imposible
aufgeschlagen. Man war entschlossen, bei einem pltzlichen feindlichen
Ueberfall nach kurzem Widerstand das Schlo San Antonio aufzugeben und die
ganze Kriegsmacht der Provinz um den Berg zusammenzuziehen, der als der
Schlssel der Llanos anzusehen ist. Die kriegerischen Ereignisse, deren
Schauplatz nach der seitdem eingetretenen politischen Umwlzung diese
Gegend wurde, haben bewiesen, wie richtig jener erste Plan berechnet war.

Der Gipfel des Imposible ist, soweit meine Beobachtung reicht, mit einem
quarzigen, versteinerungslosen Sandstein bedeckt. Die Schichten desselben
streichen hier wie auf dem Rcken der benachbarten Berge ziemlich
regelmig von Nord-Nord-Ost nach Sd-Sd-West. Diese Richtung ist auch im
Urgebirge der Halbinsel Araya und lngs der Kste von Venezuela die
hufigste. Am nrdlichen Abhang des Imposible, bei Peas Negras, kommt aus
dem Sandstein, der mit Schieferthon wechsellagert, eine starke Quelle zu
Tag. Man sieht an diesem Punkt von Nordwest nach Sdost streichende,
zerbrochene, fast senkrecht ausgerichtete Schichten.

Die Llaneros, das heit die Bewohner der Ebenen, schicken ihre Produkte,
namentlich Mais, Leder und Vieh ber den Imposible in den Hafen von
Cumana. Wir sahen rasch hintereinander Indianer oder Mulatten mit
Maulthieren ankommen. Der einsame Ort erinnerte mich lebhaft an die
Nchte, die ich oben auf dem St. Gotthard zugebracht. Es brannte an
mehreren Stellen in den weiten Waldungen um den Berg. Die rthlichen, halb
in ungeheure Rauchwolken gehllten Flammen gewhrten das groartigste
Schauspiel. Die Einwohner znden die Wlder an, um die Weiden zu
verbessern und das Unterholz zu vertilgen, unter dem das Gras erstickt,
das hierzulande schon selten genug ist. Hufig entstehen auch ungeheure
Waldbrnde durch die Unvorsichtigkeit der Indianer, die auf ihren Zgen
die Feuer, an denen sie gekocht haben, nicht auslschen. Durch diese
Zuflle sind auf dem Wege von Cumana nach Cumanacoa die alten Bume
seltener geworden; und die Einwohner machen die richtige Bemerkung, da an
verschiedenen Orten der Provinz die Trockenheit zugenommen habe, nicht
allein weil der Boden durch die vielen Erdbeben von Jahr zu Jahr mehr
zerklftet wird, sondern auch weil er nicht mehr so stark bewaldet ist wie
zur Zeit der Eroberung.

Ich stand Nachts auf, um die Breite des Orts nach dem Durchgang Fomahaults
durch den Meridian zu bestimmen. Es war Mitternacht; ich starrte vor
Klte, wie unser Fhrer, und doch stand der Thermometer noch auf 19,7
(15 R.). In Cumana sah ich ihn nie unter 21 fallen; aber das Haus auf
dem Imposible, in dem wir die Nacht zubrachten, lag auch 258 Toisen ber
dem Meeresspiegel. Bei der Casa de la Polvora beobachtete ich die
Inclination der Magnetnadel; sie war gleich 40,5. Die Zahl der
Schwingungen in zehn Minuten Zeit betrug 233; die Intensitt der
magnetischen Kraft hatte somit zwischen der Kste und dem Berg zugenommen,
was vielleicht von eisenschssigem Gestein herrhrte, das die auf dem
Alpenkalk gelagerten Sandsteinschichten enthalten mochten.

Am 5. September vor Sonnenaufgang brachen wir vom Imposible auf. Der Weg
abwrts ist fr Lasttiere sehr gefhrlich; der Pfad ist meist nur 15 Zoll
[40 cm] breit und luft beiderseits an Abgrnden hin. Im Jahr 1797 hatte
man sehr zweckmig beschlossen, von St. Fernando bis an den Berg eine
gute Strae anzulegen. Die Strae war sogar zu einem Drittheil bereits
fertig; leider hatte man damit in der Ebene am Fu des Imposible begonnen,
und das schwierigste Stck des Wegs wurde gar nicht in Angriff genommen.
Die Arbeit gerieth aus einer der Ursachen ins Stocken, aus denen aus allen
Fortschrittsprojekten in den spanischen Colonien nichts wird. Verschiedene
Civilbehrden nahmen das Recht in Anspruch, die Arbeit mit zu leiten. Das
Volk bezahlte geduldig den Zoll fr einen Weg, der gar nicht da war, bis
der Statthalter von Cumana den Mibrauch abstellte.

Wenn man vom Imposible herabkommt, sieht man den Alpenkalk unter dem
Sandstein wieder zum Vorschein kommen. Da die Schichten meist nach Sd und
Sdost fallen, so kommen am Sdabhang des Berges sehr viele Quellen zu
Tag. In der Regenzeit werden diese Quellen zu reienden Bergstrmen, die
im Schatten von Hura, Cuspa und Cecropia mit silberglnzenden Blttern
niederstrzen.

Die *Cuspa*, die in der Umgegend von Cumana und Bordones ziemlich hufig
vorkommt, ist ein den europischen Botanikern noch unbekannter Baum. Er
diente lange nur als Bauholz uns seit dem Jahre 1797 unter dem Namen
Cascarilla oder Quinquina von Neuandalusien berhmt geworden. Sein Stamm
wird kaum 15 bis 20 Fu [5 bis 6,5 m] hoch; seine wechselstndigen Bltter
sind glatt, ganzrandig, eifrmig. Seine sehr dnne, blagelbe Rinde ist
ein ausgezeichnetes Fiebermittel; dieselbe hat sogar mehr Bitterkeit als
die Rinden der echten Cinchonen, aber diese Bitterkeit ist nicht so
unangenehm. Die Cuspa wird mit sehr guten Erfolg als weingeistiger Extrakt
und als wsseriger Aufgu sowohl bei Wechselfiebern als bei bsartigen
Fiebern gegeben. Emparan, der Statthalter von Cumana, hat den Aerztn in
Cadiz einen ansehnlichen Vorrat davon geschickt, und nach den krzlichen
Mittheilungen Don Pedro Francos, Pharmaceuten am Militrspital zu Cumana,
hat man in Europa die Cuspa fr fast ebenso wirksam erklrt, als die
Quinquina von Santa Fe. Man behauptet, in Pulverform gereicht, habe sie
vor letzterer den Vorzug, da sie bei Kranken mit geschwchtem Unterleib
den Magen weniger angreife.

Als wir aus der Schlucht, die sich am Imposible hinabzieht, herauskamen,
betraten wir einen dichten Wald, durch den eine Menge kleiner Flsse
laufen, die man leicht durchwatet. Wir machten die Bemerkung, da die
Cecropia, die durch die Stellung ihrer Aeste und den schlanken Stamm an
den Palmenhabitus erinnert, je nachdem der Boden drr oder sumpfig ist,
mehr oder weniger silberfarbige Bltter treibt. Wir sahen Stmme, deren
Laub auf beiden Seiten ganz grn war. Die Wurzeln dieser Bume waren unter
Bschen von Dorstenia versteckt, die nur feuchte, schattige Orte liebt.
Mitten im Wald, an den Ufern des Rio Erdeo, findet man, wie am Sdabhang
des Cocollar, Melonenbume und Orangenbume mit groen sen Frchten wild
wachsend. Es sind wahrscheinlich Ueberbleibsel einiger Conucas oder
indianischer Pflanzungen; denn auch der Orangenbaum kann in diesen
Landstrichen nicht zu den ursprnglich hier heimischen Gewchsen gerechnet
werden, so wenig wie der Pisang, der Melonenbaum, der Mais, der Manioc und
so viele andere nutzbare Gewchse, deren eigentliche Heimat wir nicht
kennen, obgleich sie den Menschen seit uralter Zeit auf seinen Wanderungen
begleitet haben.

Wenn ein eben aus Europa angekommener Reisender zum erstenmal die Wlder
Sdamerikas betritt, so hat er ein ganz unerwartetes Naturbild vor sich.
Alles was er sieht, erinnert nur entfernt an die Schilderungen, welche
berhmte Schriftsteller an den Ufern des Mississippi, in Florida und in
andern gemigten Lndern der neuen Welt entworfen haben. Bei jedem
Schritt fhlt er, da er sich nicht an den Grenzen der heien Zone
befindet, sondern mitten darin, nicht auf einer der antillischen Inseln,
sondern auf einem gewaltigen Continent, wo Alles riesenhaft ist, Berge,
Strme und Pflanzenmassen. Hat er Sinn fr landschaftliche Schnheit, so
wei er sich von seinen mannigfaltigen Empfindungen kaum Rechenschaft zu
geben. Er wei nicht zu sagen, was mehr sein Staunen erregt, die
feierliche Stille der Einsamkeit oder die Schnheit der einzelnen
Gestalten und ihrer Kontraste oder die Kraft und die Flle des
vegetabilischen Lebens. Es ist als htte der mit Gewchsen berladene
Boden gar nicht Raum genug zu ihrer Entwicklung. Ueberall verstecken sich
die Baumstmme hinter einen grnen Teppich, und wollte man all die
Orchideen, die Pfeffer- und Pothosarten, die auf einem einzigen
Heuschreckenbaum oder amerikanischen Feigenbaum [_Ficus gigantea._]
wachsen, sorgsam verpflanzen, so wrde ein ganzes Stck Land damit
bedeckt. Durch diese wunderliche Aufeinanderfolge erweitern die Wlder,
wie die Fels und Gebirgswnde, den Bereich der organischen Natur. --
Dieselben Lianen, die am Boden kriechen, klettern zu den Baumwipfeln empor
und schwingen sich, mehr als hundert Fu [30 m] hoch, vom einen zum
anderen. So kommt es, da, da die Schmarotzergewchse sich berall
durcheinander wirren, der Botaniker Gefahr luft, Blten, Frchte und
Laub, die verschiedenen Arten gehren, zu verwechseln.

Wir wanderten einige Stunden im Schatten dieser Wlbungen, durch die man
kaum hin und wieder den blauen Himmel sieht. Er schien mir um so tiefer
indigoblau, da das Grn der tropischen Gewchse meist einen sehr
krftigen, ins Brunliche spiegelnde Ton hat. Zerstreute Felsmassen waren
mit einem groen Baumfarn bewachsen, der sich vom _Polypodium arboreum_
der Antillen wesentlich unterscheidet. Hier sahen wir zum erstenmal jene
Nester in Gestalt von Flaschen oder kleinen Taschen, die an den Aesten der
niedrigsten Bume aufgehngt sind. Es sind Werke des bewunderungswrdigen
Bautriebes der Drosseln, deren Gesang sich mit dem heiseren Geschrei der
Papageien und Aras mischte. Die letzteren, die wegen der lebhaften Farben
ihres Gefieders allgemein bekannt sind, flogen nur paarweise, whrend die
eigentlichen Papageien in Schwrmen von mehreren hundert Stck
umherfliegen. Man mu in diesen Lndern, besonders in den heien Thlern
der Anden gelebt haben, um es fr mglich zu halten, da zuweilen das
Geschrei dieser Vgel das Brausen der Bergstrme, die von Fels zu Fels
strzen, bertnt.

Eine starke Meile vor dem Dorfe San Fernando kamen wir aus dem Walde
heraus. Ein schmaler Fupfad fhrt auf mehreren Umwegen in ein offenes,
aber ausnehmend feuchtes Land. Unter dem gemigten Himmelsstrich htten
unter solchen Umstnden Grser und Riedgrser einen weiten Wiesenteppich
gebildet; hier wimmelte der Boden von Wasserpflanzen mit pfeilfrmigen
Blttern, besonders von Canna-Arten, unter denen wir die prachtvollen
Blthen der Costus, der Thalien und Heliconien erkannten. Diese saftigen
Gewchse werden acht bis zehn Fu hoch, und wo sie dicht beisammen stehen,
knnten sie in Europa fr kleine Wlder gelten. Das herrliche Bild eines
Wiesgrundes und eines mit Blumen durchwirkten Rasens ist den niedern
Landstrichen der heien Zone fast ganz fremd und findet sich nur auf den
Hochebenen der Anden wieder.

Bei San Fernando war die Verdunstung unter den Strahlen der Sonne so
stark, da wir, da wir sehr leicht gekleidet waren, durchnt wurden, wie
in einem Dampfbade. Am Wege wuchs eine Art Bambusrohr, das die Indianer
Jagua oder Guadua nennen und das ber vierzig Fu [13 m] hoch wird. Nichts
kann zierlicher sein als diese baumartige Grasart. Form und Stellung der
Bltter geben ihr ein Ansehen von Leichtigkeit, das mit dem hohen Wuchs
angenehm kontrastiert. Der glatte, glnzende Stamm der Jagua ist meist den
Bauchufern zugeneigt und schwankt beim leisesten Luftzuge hin und her. So
hoch auch das Rohr [_Arundo donax_] im mittglichen Europa wchst, so gibt
es doch keinen Begriff vom Aussehen der baumartigen Grser, und wollte ich
nur meine eigene Erfahrung sprechen lassen, so mchte ich behaupten, da
von allen Pflanzengestalten unter den Tropen keine die Einbildungskraft
des Reisenden mehr anregt als der Bambus und der Baumfarn.

Die ostindischen Bambus, die _calumets des hauts_ [_Bambusa_, oder
vielmehr _Nestus alpina_] der Insel Bourbon, der Guaduas Sdamerikas,
vielleicht sogar die riesenhaften Arundinarien an den Ufern des
Mississippi, gehren derselben Pflanzengruppe an. In Amerika sind aber die
Bambusanen nicht so hufig, als man gewhnlich glaubt. In den Smpfen sind
auf den groen unter Wasser stehenden Ebenen am untern Orinoco, am Apure
und Atabapo fehlen sie fast ganz, wogegen sie im Nordwesten, in Neugrenada
und im Knigreich Quito mehrere Meilen lange dichte Wlder bilden. Der
westliche Abhang der Anden erscheint als ihre eigentliche Heimath, und was
ziemlich auffallend ist, wir haben sie nicht nur in tiefen, kaum ber dem
Meer gelegenen Landstrichen, sondern auch in den hohen Thlern der
Cordilleren bis in 860 Toisen Meereshhe angetroffen.

Der Weg mit dem Bambusgebsch zu beiden Seiten fhrte uns zum kleinen
Dorfe San Fernando, das auf einer schmalen, von sehr steilen
Kalksteinwnden umgebenen Ebene liegt. Es war die erste Mision, die wir in
Amerika betraten.(49) Die Huser oder vielmehr Htten der Chaymasindianer
sind weit auseinander gerckt und nicht von Grten umgeben. Die breiten
geraden Straen schneiden sich unter rechten Winkeln; die sehr dnnen,
unsoliden Wnde bestehen aus Letten oder Lianenzweigen. Die gleichfrmige
Bauart, das ernste schweigsame Wesen der Einwohner, die ausnehmende
Reinlichkeit in den Husern, alles erinnert an die Gemeinden der
mhrischen Brder. Jede indianische Familie baut drauen vor dem Dorfe
auer ihren eigenen Garten den *Conuco de la comunidad*. In diesem
arbeiten die Erwachsenen beider Geschlechter morgens und abends je eine
Stunde. In den Missionen, die der Kste zu liegen, ist der Gemeindegarten
meist eine Zucker- oder Indigoplantage, welcher der Missionar vorsteht,
und deren Ertrag, wenn das Gesetz streng befolgt wird, nur zur Erhaltung
der Kirche und zur Anschaffung von Paramenten verwendet werden darf. Auf
dem groen Platze mitten im Dorfe stehen die Kirche, die Wohnung des
Missionars und das bescheidene Gebude, das pomphaft *Case des Rey*,
knigliches Haus, betitelt wird. Es ist eine frmliche Karawanserei, wo
die Reisenden Obdach finden, und, wie wir oft erfahren, eine wahre Wohltat
in einem Lande, wo das Wort Wirtshaus noch unbekannt ist. Die _Casas des
Rey_ findet man in allen spanischen Kolonien, und man knnte meinen, sie
seyen eine Nachahmung der nach dem Gesetze Manco-Capacs errichteten
*Tambos* in Peru.

Wir waren an die Ordensleute, die den Missionen der Chaymas-Indianer
vorstehen, durch ihren Syndicus in Cumana empfohlen. Diese Empfehlung kam
uns desto mehr zu statten, als die Missionre, sey es aus Besorgni fr
die Sittlichkeit ihrer Pfarrkinder, oder um die mnchische Zucht der
zudringlichen Neugier Fremder zu entziehen, oft an einer alten Verordnung
festhalten, nach welcher kein Weier weltlichen Standes sich lnger als
eine Nacht in einem indianischen Dorfe aufhalten darf. Will man in den
spanischen Missionen angenehm reisen, so darf man sich meist nicht allein
auf den Pa des Madrider Staatssecretariats oder der Civilbehrden
verlassen, man mu sich mit Empfehlungen geistlicher Behrden versehen; am
wirksamsten sind die der Gardians der Klster und der in Rom residirenden
Ordensgenerale, vor denen die Missionare weit mehr Respekt haben als vor
den Bischfen. Die Missionen bilden, ich sage nicht nach ihren
ursprnglichen canonischen Satzungen, aber thatschlich eine so ziemlich
unabhngige Hierarchie fr sich, die in ihren Ansichten selten mit der
Weltgeistlichkeit bereinstimmt.

Der Missionar von San Fernando war ein sehr bejahrter, aber noch sehr
krftiger und munterer Kapuziner aus Aragon. Seine bedeutende
Krperrundung, sein guter Humor, sein Interesse fr Gefechte und
Belagerungen stimmten schlecht zu der Vorstellung, die man sich im Norden
vom schwrmerischen Trbsinn und dem beschaulichen Leben der Missionare
macht. So viel ihm auch eine Kuh zu tun gab, die des anderen Tages
geschlachtet werden sollte, empfing uns doch der alte Ordensmann ganz
freundlich und erlaubte uns, unsere Hngematten in einem Gange seines
Hauses zu befestigen. Er sa den grten Teil des Tages ber in einem
groen Armstuhle von rotem Holz und beklagte sich bitter ber die Trgheit
und Unwissenheit seiner Landsleute. Er richtete tausenderlei Fragen an uns
ber den eigentlichen Zweck unserer Reise, die ihm sehr gewagt und zum
wenigsten ganz unntz schien. Hier wie am Orinoco wurde es uns sehr
beschwerlich, da sich die Spanier mitten in den Wldern Amerikas fr die
Kriege und politischer Strme der alten Welt immer noch so lebhaft
interessiren.

Unser Missionr schien brigens mit seiner Stellung vollkommen zufrieden.
Er behandelte die Indianer gut, er sah die Mission gedeihen, er pries in
begeisterten Worten das Wasser, die Bananen, die Milch des Landes. Als er
unsere Instrumente, unsere Bcher und getrockneten Pflanzen sah, konnte er
sich eines boshaften Lchelns nicht enthalten, und er gestand mit der in
diesem Klima landesblichen Naivitt, von allen Genssen dieses Lebens,
den Schlaf nicht ausgenommen, sey doch gutes Kuhfleisch, *carne de vaca*,
der kstlichste; die Sinnlichkeit quillt eben berall ber, wo es an
geistiger Beschftigung fehlt. Oft bat uns unser Wirth, mit ihm die Kuh zu
besuchen, die er eben gekauft hatte, und am andern Tage bei Tagesanbruch
muten wir sie nach Landessitte schlachten sehen; man machte ihr einen
Schnitt durch die Hckse, ehe man ihr das breite Messer in die Halswirbel
stie. So widrig dieses Geschft war, so lernten wir dabei doch die
ausnehmende Fertigkeit der Chaymas kennen, deren acht in weniger als
zwanzig Minuten das Thier in kleine Stcke zerlegten. Die Kuh hatte nur
sieben Piaster gekostet, und die galt fr sehr viel. Am selben Tag hatte
der Missionar einem Soldaten aus Cumana, der ihm nach mehreren
vergeblichen Versuchen endlich am Fu die Ader geschlagen, achtzehn
Piaster bezahlt. Dieser Fall, so unbedeutend er scheint, zeigt recht
auffallend, wie hoch in uncultivirten Lndern die Arbeit dem Werth der
Naturprodukte gegenber im Preise steht.

Die Mission San Fernando wurde zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts an der
Stelle gegrndet, wo die kleinen Flsse Manzanares und Lucasperez sich
vereinigen. Eine Feuersbrunst, welche die Kirche und die Htten der
Indianer in Asche legte, gab den Anla, da die Kapuziner das Dorf an dem
schnen Punkt, wo es jetzt liegt, wieder aufbauten. Die Zahl der Familien
ist auf hundert gestiegen, und der Missionar machte gegen uns die
Bemerkung, da der Brauch, die jungen Leute im dreizehnten oder
vierzehnten Jahre zu verheirathen, zu dieser raschen Zunahme der
Bevlkerung viel beitrage. Er zog in Abrede, da die Chaymas-Indianer so
frh altern, als die Europer gewhnlich glauben. Das Regierungswesen in
diesen indianischen Gemeinden ist brigens sehr verwickelt; sie haben
ihren Gobernador, ihre Alguazils Majors und ihre Milizoffiziere, und diese
Beamten sind lauter kupferfarbene Eingeborene. Die Schtzencompagnie hat
ihre Fahnen und bt sich mit Bogen und Pfeilen im Zielschieen; es ist die
Brgerwehr des Landes. Solch kriegerische Anstalten und einem rein
mnchischen Regiment kamen uns sehr seltsam vor.

In der Nacht vom fnften September und am andern Morgen lag ein dicker
Nebel, und doch waren wir nur hundert Toisen ber dem Meeresspiegel. Bevor
wir aufbrachen, ma ich geometrisch den groen Kalkberg, der achthundert
Toisen sdlich von San Fernando liegt und nach Norden steil abfllt. Sein
Gipfel ist nur 215 Toisen hher als der groe Dorfplatz, aber kahle
Felsmassen, die sich aus der dichten Pflanzendecke erheben, geben ihm
etwas sehr Groartiges.

Der Weg von San Fernando nach Cumana fhrt ber kleine Pflanzungen durch
ein offenes feuchtes Tal. Wir wateten durch viele Bche. Im Schatten stand
das Thermometer nicht ber 30, wir waren ab er unmittelbar den
Sonnenstrahlen ausgesetzt, weil die Bambus am Wege nur wenig Schutz
gewhren, und wir hatten stark von der Hitze zu leiden. Wir kamen durch
das Dorf Arenas, das von Indianers desselben Stammes wie die von San
Fernando bewohnt ist; aber Arenas ist keine Mission mehr; die Eingeborenen
stehen unter einem Pfarrer und sind nicht so nackt und kultivierter als
jene. Ihre Kirche ist im Lande wegen einiger rohen Malereien bekannt; auf
einem schmalen Fries sind Grteltiere, Kaimane, Jaguare und andere Tiere
der Neuen Welt abgebildet.

In diesem Dorfe wohnt ein Landmann Namens Francisco Lozano, der eine
physiologische Merkwrdigkeit ist, und der Fall macht Eindruck auf die
Einbildungskraft, wenn er auch den bekannten Gesetzen der organischen
Natur vollkommen entspricht. Der Mann hat einen Sohn mit seiner eigenen
Milch aufgezogen. Die Mutter war krank geworden, da nahm der Vater das
Kind, um es zu beruhigen, zu sich ins Bett und drckte es an die Brust.
Lozano, damals zweiundreiig Jahre alt, hatte es bis dahin nicht bemerkt,
da er Milch gab, aber infolge der Reizung der Brustwarze, an der das Kind
saugte, scho die Milch ein. Dieselbe war fett und sehr s. Der Vater war
nicht wenig erstaunt, als seine Brust schwoll, und sugte fortan das Kind
fnf Monate lang zwei-, dreimal des Tages. Seine Nachbarn wurden
aufmerksam auf ihn, er dachte aber nicht daran, die Neugierde auszubeuten,
wie er wohl in Europa getan htte. Wir sahen das Protokoll, das ber den
merkwrdigen Fall aufgenommen worden. Augenzeugen desselben leben noch,
und sie versicherten uns, der Knabe habe whrend des Stillens nichts
bekommen als die Milch des Vaters. Lozano war nicht zu Hause, als wir die
Missionen bereisten, besuchte uns aber in Cumana. Er kam mit seinem Sohne,
der schon 13 bis 14 Jahre als war. Bonpland untersuchte die Brust des
Vaters genau und fand sie runzlig, wie bei Weibern, die gesugt haben. Er
bemerkte, da besonders die linke Brust sehr ausgedehnt war, und Lozano
erklrte dies aus dem Umstande, da niemals beide Brste gleich viel Milch
gegeben. Der Statthalter Don Vicente Emparan hat eine ausfhrliche
Beschreibung des Falles nach Cadiz geschickt.

Es kommt bei Menschen und Thieren nicht gar selten vor, da die Brust
mnnlicher Individuen Milch enthlt, und das Klima scheint auf diese mehr
oder weniger reichliche Absonderung keinen merkbaren Einflu zu uern.
Die Alten erzhlen von der Milch der Bcke aus Lemnos und Corsica; Noch in
neuester Zeit war in Hannover ein Bock, der jahrelang einen Tag um den
anderen gemolken wurde und mehr Milch gab als die Ziegen. Unter den
Merkmalen der vermeintlichen Schwchlichkeit der Amerikaner fhren die
Reisenden auch auf, da die Mnner Milch in den Brsten haben [Man hat
sogar alles Ernstes behauptet, in einem Teile Brasiliens werden die Kinder
von den Mnnern, nicht von den Weibern gesugt.]. Es ist indessen hchst
unwahrscheinlich, da solches bei einem ganzen Volksstamm in irgend einem
der heutigen Reisenden unbekannten Landstriche Amerikas beobachtet worden
sein sollte, und ich kann versichern, da der Fall gegenwrtig in der
Neuen Welt nicht hufiger vorkommt als in der Alten. Der Landmann in
Arenas, dessen Geschichte wir soeben erzhlt, ist nicht vom kupferfarbenen
Stamm der Chaymas, er ist ein Weier von europischem Blut. Ferner haben
Petersburger Anatomen die Beobachtung gemacht, da Milch in den Brsten
der Mnner beim niederen russischen Volke weit hufiger vorkommt, als bei
sdlicheren Vlkern, und die Russen haben nie fr schwchlich und weibisch
gegolten.

Es gibt unter den mancherlei Spielarten unseres Geschlechts eine, bei der
der Busen zur Zeit der Mannbarkeit einen ansehnlichen Umfang erhlt.
Lozano gehrte nicht dazu, und er versicherte uns wiederholt, erst durch
die Reizung der Brust in Folge des Saugens sey bei ihm die Milch gekommen.
Dadurch wird besttigt, was die Alten beobachtet haben: Mnner, die etwas
Milch haben, geben ihrer in Menge, sobald man an den Brsten saugt.
[_Aristoteles, Historia animalium. Lib. III. c. 20_] Diese sonderbare
Wirkung eines Nervenreizes war den griechischen Schfern bekannt; die auf
dem Berge Oeta rieben den Ziegen, die noch nicht geworfen hatten, die
Euter mit Nesseln, um die Milch herbeizulocken.

Ueberblickt man die Lebenserscheinungen in ihrer Gesammtheit, so zeigt
sich, da keine ganz fr sich allein steht. In allen Jahrhunderten werden
Beispiele erzhlt von jungen, nicht mannbaren Mdchen oder von bejahrten
Weibern mit eingeschrumpften Brsten, welche Kinder sugten. Bei Mnnern
kommt solches weit seltener vor, und nach vielem Suchen habe ich kaum zwei
oder drei Flle finden knnen. Einer wird vom veronesischen Anatomen
Alexander Benedictus angefhrt, der am Ende des fnfzehnten Jahrhunderts
lebte. Er erzhlt, ein Syrier habe nach dem Tode der Mutter sein Kind, um
es zu beschwichtigen, an die Brust gedrckt. Sofort scho die Milch so
stark ein, da der Vater sein Kind allein sugen konnte. Andere Beispiele
werden von Santorellus, Feria und Robert, Bischof von Cork, berichtet. Da
die meisten dieser Flle ziemlich entlegenen Zeiten angehren, ist es von
Interesse fr die Physiologie, da die Erscheinung zu unserer Zeit
besttigt werden konnte. Sie hngt brigens genau mit dem Streit ber die
Endursachen zusammen. Da auch der Mann Brste hat, ist den Philosophen
lange ein Stein des Anstoes gewesen, und noch neuerdings hat man geradezu
behauptet: Die Natur habe die Fhigkeit zu sugen dem einen Geschlecht
versagt, weil diese Fhigkeit gegen die Wrde des Mannes wre.

In der Nhe der Stadt Cumanacoa wird der Boden ebener und das Thal nach
und nach weiter. Die kleine Stadt liegt auf einer kahlen, fast
kreisrunden, von hohen Bergen umgebenen Ebene und nimmt sich von auen
sehr trbselig aus. Die Bevlkerung ist kaum 2300 Seelen stark; zur Zeit
des Vaters Caulin im Jahr 1753 betrug sie nur 600. Die Huser sind sehr
niedrig, unsolid und, drei oder vier ausgenommen, smmtlich aus Holz. Wir
brachten indessen unsere Instrumente ziemlich gut beim Verwalter der
Tabaksregie, Don Juan Sanchez, unter, einem liebenswrdigen, geistig sehr
regsamen Mann. Er hatte uns eine gerumige, bequeme Wohnung einrichten
lassen; wir blieben vier Tage hier und er lie sich nicht abhalten, uns
auf allen unsern Ausflgen zu begleiten.

Cumanacoa wurde im Jahre 1717 von Domingo Arias gegrndet, als er von
einem Kriegszuge zurckkam, den er an die Mndung des Guarapiche
unternommen, um eine von franzsischen Freibeutern begonnene Niederlassung
zu zerstren. Die Stadt hie anfangs San Baltazar de las Arias, aber der
indische Name verdrngte jenen, wie der Name Caracas den Namen Santiago de
Leon, den man noch hufig auf unseren Karten sieht, in Vergessenheit
gebracht hat.

Als wir den Barometer ffneten, sahen wir zu unserer Ueberraschung das
Quecksilber kaum 7,3 Linien tiefer stehen als an der Kste, und doch
schien das Instrument in ganz gutem Stand. Die Ebene, oder vielmehr das
Plateau, auf dem Cumanacoa steht; liegt nicht mehr als 104 Toisen ber dem
Meeresspiegel, und die ist drei oder viermal weniger, als man in Cumana
glaubt, weil man dort von der Klte in Cumanacoa die bertriebensten
Vorstellungen hat. Aber der klimatische Unterschied zwischen zwei so nahen
Orten rhrt vielleicht weniger von der hohen Lage des letzteren her als
von rtlichen Verhltnissen, wozu wir rechnen, da die Wlder sehr nahe,
die niedergehenden Luftstrme, wie in allen eingeschlossenen Thlern,
hufig, die Regenniederschlge und die Nebel sehr stark sind, wodurch
einen groen Theil des Jahres hindurch die unmittelbare Wirkung der
Sonnenstrahlen geschwcht wird. Da die Wrmeabnahme unter den Tropen und
Sommers in der gemigten Zone ungefhr gleich ist, so sollte der geringe
Hhenunterschied von 100 Toisen nur einen Unterschied in der mittleren
Temperatur von 1 bis 1 Grad verursachen; wir werden aber bald sehen, da
derselbe ber vier Grad betrgt. Dieses khle Klima fllt um so mehr auf,
da es noch in der Stadt Carthago, in Tomependa am Ufer des Amazonenstroms
und in den Thlern von Aragua, westwrts von Caracas, sehr hei ist,
lauter Orte, die in 200-480 Toisen absoluter Meereshhe liegen. In der
Ebene wie im Gebirge laufen die Linien gleicher Wrme (Isothermen) nicht
immer dem Aequator oder der Erdoberflche parallel, und darin besteht eben
die groe Aufgabe der Meteorologie, den Lauf dieser Linien zu ermitteln
und durch alle von rtlichen Ursachen bedingte Abweichungen hindurch die
constanten Gesetze der Wrmevertheilung zu erfassen.

Der Hafen von Cumana liegt von Cumanacoa nur etwa sieben Seemeilen. Am
ersteren Orte regnet es fast nie, whrend an letzterem die Regenzeit sechs
bis sieben Monate dauert. Die trockene Jahreszeit whrt in Cumanacoa von
der Winter- bis zur Sommer- Tag- und Nachtgleiche. Strichregen sind im
April, Mai und Juni ziemlich hufig; spter wird es wieder sehr trocken,
vom Sommersolstitium bis Ende August; nunmehr tritt die eigentliche
Regenzeit ein, die bis zum November anhlt und in der das Wasser in
Strmen vom Himmel giet. Nach der Breite von Cumanacoa geht die Sonne das
einemal am 16. April, das anderemal am 27. August durch das Zenith, und
aus dem eben Angefhrten geht hervor, da diese beiden Durchgnge mit dem
Eintreten der groen Regenniederschlge und der starken elektrischen
Entladungen zusammenfallen.

Unser erster Aufenthalt in den Missionen fiel in die Regenzeit. Jede Nacht
war der Himmel mit schweren Wolken wie mit einem dichten Schleier umzogen,
und nur durch Ritzen im Gewlk konnte ich ein paar Sternbeobachtungen
anstellen. Das Thermometer stand auf 18,5-20 (14,8-16 R.), und dies ist
in der heien Zone und fr das Gefhl des Reisenden, der von der Kste
herkommt, bedeutend khl. In Cumana sah ich die Temperatur bei Nacht
niemals unter 21 sinken. Der Delucsche Hygrometer zeigte in Cumanacoa
85, und, was auffallend ist, sobald das Gewlk sich zerstreute und die
Sterne in ihrer ganzen Pracht leuchteten, ging das Instrument aus 55
zurck. Gegen Morgen nahm die Temperatur wegen der starken Verdunstung nur
langsam zu und noch um zehn Uhr war sie nicht ber 21. Am heiesten ist
es von Mittag bis drei Uhr, wo dann der Thermometer auf 26-27 steht. Zur
Zeit der grten Hitze, etwa zwei Stunden nach dem Durchgang der Sonne
durch den Meridian, zog fast regelmig ein Gewitter auf, das auch zum
Ausbruch kam. Dicke, schwarze, sehr niedrig ziehende Wolken lsten sich in
Regen auf; diese Gsse dauerten zwei bis drei Stunden, und whrend
derselben fiel der Thermometer um 5-6 Grad. Gegen fnf Uhr hrte der Regen
ganz auf, die Sonne kam aber bis zum Untergang nicht leicht zum Vorschein
und der Hygrometer ging dem Trockenpunkte zu; aber um acht oder neun Uhr
Abends waren wir schon wieder in eine dicke Wolkenschicht gehllt. Dieser
Witterungswechsel erfolgt, wie man uns versicherte, durchaus gesetzmig
Monate lang einen Tag wie den andern, und doch lt sich nicht der
geringste Luftzug spren. Nach vergleichenden Beobachtungen mu ich
annehmen, da es in Cumanacoa bei Nacht um 2-3, bei Tag um 4-5 Grad khler
ist als in Cumana. Diese Unterschiede sind sehr bedeutend, und wenn man
statt meteorologischer Instrumente nur sein Gefhl befragte, so wrde man
sie fr noch bedeutender halten.

Die Vegetation auf der Ebene um die Stadt ist sehr einfrmig, aber infolge
der groen Feuchtigkeit der Luft ungemein frisch. Ihre
Haupteigentmlichkeiten sind ein baumartiges Solanum, das 13 m hoch wird,
die _Urtica baccifera_ und eine neue Art der Gattung _Guettarda_. Der
Boden ist sehr fruchtbar und er wre auch leicht zu bewssern, wenn man
von den vielen Bchen, deren Quellen das ganze Jahr nicht versiegen,
Kanle zge. Das wichtigste Erzeugnis ist der Tabak, und nur diesem
verdankt es die kleine, schlecht gebaute Stadt, wenn sie einen gewissen
Ruf hat. Seit der Einfhrung der Pacht (_Estanco real de Tabaco_) im Jahre
1779 ist der Tabaksbau in der Provinz Cumana fast ganz auf Cumanacoa
beschrnkt. Die ganze Tabaksernte mu an die Regierung verkauft werden,
und um dem Schmuggel zu steuern, oder vielmehr nur ihn einzuschrnken,
lie man geradezu nur an einem Punkte Tabak bauen. Aufseher streifen durch
das Land; sie zerstren jede Anpflanzung, die sie auerhalb der zum Bau
angewiesenen Distrikte finden, und geben die Unglcklichen an, die es
wagen, selbstgemachte Cigarren zu rauchen. Diese Aufseher sind meist
Spanier und fast eben so grob wie die Menschen, die in Europa dieses
Handwerk treiben. Diese Grobheit hat nicht wenig dazu beigetragen, den Ha
zwischen den Colonien und dem Mutterland zu schren.

Nach dem Tabak auf der Insel Cuba und dem vom Rio Negro hat der Cumana am
meisten Arom. Er bertrifft allen aus Neuspanien und der Provinz Varinas.
Wir theilen Einiges ber den Bau desselben mit, weil er sich wesentlich
vom Tabaksbau in Virginien unterscheidet. Schon der Umstand, da im Thale
von Cumanacoa die Gewchse aus der Familie der Solaneen so ausnehmend
stark entwickelt sind, besonders die vielen Arten von _Solanum
arborescens_, von _Aquartia_ und _Cestrum_ weisen darauf hin, da hier der
Boden fr den Tabaksbau sehr geeignet seyn mu. Die Aussaat wird im
September vorgenommen; zuweilen wartet man damit bis zum Dezember, was
aber fr den Ausfall der Ernte nicht so gut ist. Die Wurzelbltter zeigen
sich am achten Tage; man bedeckt die jungen Pflanzen mit groen
Heliconien- und Bananenblttern, um sie der unmittelbaren Einwirkung der
Sonne zu entziehen, und reutet das Unkraut, das unter den Tropen furchtbar
schnell aufschiet, sorgfltig aus. Der Tabak wird sofort einen und einen
halben Monat, nachdem der Samen aufgegangen, in einen fetten, gut
gelockerten Boden versetzt. Die Pflanzen werden in geraden Reihen drei,
vier Fu voneinander gesteckt; man jtet sie fleiig und kpft den
Hauptstengel mehrmals, bis blulich grne Flecken auf den Blttern als
Wahrzeichen der *Reife* sich zeigen. Im vierten Monat fngt man an sie
abzunehmen, und diese erste Ernte ist in wenigen Tagen vorber. Besser
wre es, die Bltter nacheinander abzunehmen, so wie sie trocken werden.
In guten Jahren schneiden die Pflanzer den Stock, wenn der vier Fu hoch
ist, ab, und der Wurzelscho treibt so rasch neue Bltter, da sie schon
am 13. oder 14. Tage geerntet werden knnen. Diese haben sehr lockeres
Zellgewebe; sie enthalten mehr Wasser, mehr Eiwei und weniger von dem
scharfen, flchtigen, im Wasser schwer lslichen Stoff, an den die
eigenthmlich reizende Wirkung des Tabaks gebunden scheint.

Der Tabak wird in Cumanacoa nach dem Verfahren behandelt, das bei den
Spaniern _de cura seca_ heit. Man hngt die Bltter an Cocuizafasern
[_Agave americana_] auf, lst die Rippen ab und dreht sie zu Strngen. Der
zubereitete Tabak sollte im Juni in die kniglichen Magazine geschafft
werden, aber aus Faulheit und weil sie dem Bau des Mais und des Maniok
mehr Aufmerksamkeit schenken, machen die Leute den Tabak selten vor August
fertig. Begreiflich verlieren die Bltter an Arom, wenn sie zu lange der
feuchten Luft ausgesetzt bleiben. Der Verwalter lt den Tabak sechzig
Tage unberhrt in den kniglichen Magazinen liegen; dann schneidet man die
Bndel auf, um die Qualitt zu prfen. Findet der Verwalter den Tabak gut
zubereitet, so bezahlt er dem Pflanzer fr die Aroba von fnfundzwanzig
Pfund drei Piaster. Dasselbe Gewicht wird auf Rechnung der Krone fr zwlf
einen halben Piaster wieder verkauft. Der faule (_potrido_) Tabak, d. h.
der noch einmal geghrt hat, wird ffentlich verbrannt, und der Pflanzer,
der von der kniglichen Pacht Vorschsse erhalten hat, kommt
unwiderruflich um die Frchte seiner langen Arbeit. Wir sahen auf dem
groen Platz Haufen von fnfhundert Arobas vernichten, aus denen man in
Europa sicher Schnupftabak gemacht htte.

Der Boden von Cumanacoa eignet sich fr diesen Culturzweig so
ausgezeichnet, da der Tabak berall, wo der Same Feuchtigkeit findet,
wildwchst. So kommt er beim Cerro del Cuchivano und bei der Hhle von
Caripe vor. In Cumanacoa, wie in den benachbarten Distrikten von Aricagua
und San Lorenzo, wird brigens nur die Tabaksart mit groen sitzenden
Blttern, der sogenannte virginische Tabak [_Nicotiana tabacum_] gebaut.
Ganz unbekannt ist der Tabak mit gestielten Blttern [_Nicotiana
rustica_], der eigentliche *Yetl* der alten Mexicaner, den man in
Deutschland sonderbarerweise trkischen Tabak nennt.

Wre der Tabaksbau frei, so knnte die Provinz Cumana einen groen Theil
von Europa damit versehen; ja, andere Distrikte scheinen sich fr die
Erzeugung dieser Colonialwaare ganz so gut zu eignen wie das Thal von
Cumanacoa, wo der bermige Regen nicht selten dem Arom der Bltter
Eintrag thut. Gegenwrtig, wo der Tabaksbau auf ein paar Quadratmeilen
beschrnkt ist, betrgt der ganze Ertrag der Ernte nur 6000 Arobas. Die
beiden Provinzen Cumana und Barcelona verbrauchen aber 12,000, und der
Ausfall wird aus dem spanischen Guyana gedeckt. In der Gegend von
Cumanacoa geben sich im Durchschnitt nur 1500 Personen mit dem Tabaksbau
ab, lauter Weie; die Eingeborenen vom Stamme der Chaymas lassen sich
durch Aussicht auf Gewinn selten dazu verlocken, auch hlt es die Pacht
nicht fr gerathen, denselben Vorschsse zu machen.

Beschftigt man sich mit der Geschichte unserer Culturpflanzen, so sieht
man mit Ueberraschung, da vor der Eroberung der Gebrauch des Tabaks ber
den grten Theil von Amerika verbreitet war, whrend man die Kartoffel
weder in Mexico, noch auf den Antillen kannte, wo sie doch in gebirgigen
Lagen sehr gut fortkommt. Ferner wurde in Portugal schon im Jahr 1559
Tabak gebaut, whrend die Kartoffel erst am Ende des siebzehnten und zu
Anfang des achtzehnten Jahrhunderts in den europischen Ackerbau berging.
Letzteres Gewchs, das fr das Wohl der menschlichen Gesellschaft so
bedeutsam geworden ist, hat sich auf beiden Continenten weit langsamer
verbreitet, als ein Produkt, das nur fr einen Luxusartikel gelten kann.

Das wichtigste Produkt nach dem Tabak ist im Thale von Cumanacoa der
Indigo. Die Pflanzungen in Cumanacoa, San Fernando und Arenas liefern eine
Waare, die im Handel noch geschtzter ist als der Indigo von Caracas; er
kommt an Glanz und Flle der Farbe oft dem Indigo von Guatimala nahe. Aus
letzterer Provinz ist der Samen von _Indigofera Anil_ die neben
_Indigofera tinctoria_ gebaut wird, zuerst auf die Kste von Cumana
gekommen. Da im Thale von Cumanacoa sehr viel Regen fllt, so gibt eine
vier Fu hohe Pflanze nicht mehr Farbstoff als eine dreimal kleinere in
den trockenen Thlern von Aragua, westlich von der Stadt Caracas.

Alle Indigofabriken, die wir gesehen, sind nach demselben Plane
eingerichtet. Zwei Weichkpen, in denen das Kraut faulen soll, stehen
neben einander. Jede mit fnfzehn Quadratfu und ist zwei einen halben
Fu tief. Aus diesen obern Kufen luft die Flssigkeit in die
Stampfkasten, zwischen denen die Wassermhle angebracht ist. Der Baum des
groen Rades luft zwischen diesen Kasten durch, und an ihm sitzen an
langen Stielen die Lffel zum Stampfen. Aus einer weiten Abseihekpe kommt
der farbhaltige Bodensatz in die Trockenkasten und wird daselbst auf
Brettern aus Brasilholz ausgebreitet, die mittelst kleiner Rollen unter
Dach gebracht werden knnen, wenn unerwartet Regen eintritt. Diese
geneigten, sehr niedrigen Dcher geben den Trockenkasten von weitem das
Ansehen von Treibhusern. Im Thale von Cumanacoa verluft die Ghrung des
Krauts, das man faulen lt, ungemein rasch. Sie whrt meist nicht
lnger als vier bis fnf Stunden. Die kann nur von der Feuchtigkeit des
Klimas herrhren und daher, da whrend der Entwicklung der Pflanze die
Sonne nicht scheint. Ich glaube auf meinen Reisen die Bemerkung gemacht zu
haben, da je trockener das Klima ist, die Kufe um so langsamer arbeitet
und die Stengel zugleich desto mehr Indigo aus der niedersten
Oxydationsstufe enthalten. In der Provinz Caracas, wo 562 Cubikfu locker
aufgeschichteten Krautes 35 bis 40 Pfund trockenen Indigo geben, kommt die
Flssigkeit erst nach zwanzig, dreiig oder fnfunddreiig Stunden in die
Stampfe. Wahrscheinlich erhielten die Einwohner von Cumanacoa mehr
Farbestoff aus dem Kraut, wenn sie dasselbe lnger in der ersten Kufe
weichen lieen. Ich habe whrend meines Aufenthalts in Cumana den etwas
schweren kupferfarbigen Indigo von Cumanacoa und den von Caracas zur
Vergleichung in Schwefelsure aufgelst, und die Auflsung des ersteren
schien mir weit satter blau.

Trotz der ausgezeichneten Beschaffenheit der Produkte und der
Fruchtbarkeit des Bodens ist der Landbau in Cumanacoa noch vllig in der
Kindheit. Arenas, San Fernando und Cumanacoa bringen in den Handel nur
3000 Pfund Indigo, der im Lande 4500 Piaster werth ist. Es fehlt an
Menschenhnden und die schwache Bevlkerung nimmt durch die Auswanderung
in die Llanos tglich ab. Diese unermelichen Savanen nhren den Menschen
reichlich, weil sich das Vieh dort so leicht vermehrt, whrend der Indigo-
und Tabaksbau viel Sorge und Mhe macht. Der Ertrag des letzteren ist
desto unsicherer, da die Regenzeit bald lnger, bald krzer dauert. Die
Pflanzer sind von der kniglichen Pacht, die ihnen Vorschsse macht,
vllig abhngig, und hier, wie in Georgien und Virginien, baut man lieber
Nahrungsgewchse als Tabak. Man hatte neuerdings der Regierung den
Vorschlag gemacht, auf knigliche Kosten fnfhundert Neger anzuschaffen
und sie den Pflanzern abzugeben, die im Stande wren, in zwei oder drei
Jahren den Ankaufspreis abzutragen. Dadurch hoffte man die jhrliche
Tabaksernte auf 15,000 Arobas zu bringen. Zu meiner Freude habe ich viele
Grundeigenthmer sich gegen dieses Projekt aussprechen hren. Es stand
nicht zu hoffen, da man, nach dem Vorgang mancher Provinzen der
Vereinigten Staaten, nach einer gewissen Reihe von Jahren den Schwarzen
oder ihren Nachkommen die Freiheit schenken wrde; desto bedenklicher
schien es, zumal nach den entsetzlichen Vorgngen auf St. Domingo, die
Sklavenbevlkerung in Terra Firma zu vermehren. Weise Politik hat nicht
selten dieselben Folgen, wie die edelsten und seltensten Regungen der
Gerechtigkeit und Menschenliebe.

Die mit Hfen und Indigo- und Tabakspflanzungen bedeckte Ebene von
Cumanacoa ist von Bergen umgeben, die besonders gegen Sd hher ansteigen
und fr den Physiker und den Geologen gleich interessant sind. Alles weist
darauf hin, da das Thal ein alter Seeboden ist; auch fallen die Berge,
welche einst das Ufer desselben bildeten, dem See zu senkrecht ab. Der See
hatte nur Arenas zu einen Abflu. Beim Graben von Hausfundamenten stie
man bei Cumanacoa auf Schichten von Geschieben, mit kleinen zweischaligen
Muscheln darunter. Nach der Angabe mehrerer glaubwrdiger Personen sind
sogar vor mehr als dreiig Jahren hinten in der Schlucht San Juanillo zwei
ungeheure Schenkelknochen gefunden worden, die vier Fu lang waren und
ber dreiig Pfund wogen. Die Indianer hielten sie, wie noch heute das
Volk in Europa, fr Riesenknochen, whrend die Halbgelehrten im Lande, die
das Privilegium haben, Alles zu erklren, alles Ernstes versicherten, es
seyen Naturspiele und keiner groen Beachtung werth. Diese Leute beriefen
sich bei ihrer Behauptung auf den Umstand, da menschliche Gebeine im
Boden von Cumanacoa sehr rasch vermodern. Zum Schmuck der Kirchen am
Allerseelentag lt man Schdel aus den Kirchhfen an der Kste kommen, wo
der Boden mit Salzen geschwngert ist. Die vermeintlichen Riesenknochen
wurden nach Cumana gebracht. Ich habe mich dort vergeblich darnach
umgesehen; aber nach den fossilen Knochen, die ich aus andern Strichen
Sdamerikas heimgebracht und die von Cuvier genau untersucht worden,
gehrten die riesigen Schenkelknochen von Cumanacoa wahrscheinlich einer
ausgestorbenen Elephantenart an. Es kann befremden, da dieselben in so
geringer Hhe ber dem gegenwrtigen Wasserspiegel gefunden worden; denn
es ist sehr merkwrdig, da die fossilen Reste von Mastodonten und
Elephanten, die ich aus den tropischen Lndern von Mexico, Neugrenada,
Quito und Peru mitgebracht, nicht in tief gelegenen Strichen (wo in
gemigten Zonen Megatherien am Rio Luxan(50) und in Virginien, groe
Mastodonten am Ohio und fossile Elephanten am Susquehanna vorkommen),
sondern auf den in sechshundert bis vierzehnhundert Fu Hhe gelegenen
Hochebenen erhoben wurden.

Als wir dem sdlichen Rand des Beckens von Cumanacoa zugingen, sahen wir
den Turimiquiri vor uns liegen. Eine ungeheure Felswand, das Ueberbleibsel
eines alten Kstenstrichs, steigt mitten im Walde empor. Weiter nach West,
beim Cerro del Cuchivano, erscheint die Bergkette wie durch ein Erdbeben
aus einander gerissen. Die Spalte ist ber hundert fnfzig Toisen breit
und von senkrechten Felsen umgeben. Tief beschattet von den Bumen, deren
verschlungene Zweige nicht Raum haben sich auszubreiten, nahm sich die
Spalte aus wie eine durch einen Erdfall entstandene Grube. Ein Bach, der
Rio Juagua, luft durch die Spalte, die ungemein malerisch ist und Risco
del Cuchivano heit. Der kleine Flu entspringt sieben Meilen weit gegen
Sdwest am Fue des Brigantin und bildet schne Flle, ehe er in die Ebene
von Cumanacoa ausluft.

Wir besuchten fters einen kleinen Hof, Conuco de Bermudez, dem Erdspalt
von Cuchivano gegenber. Man baut hier auf feuchtem Boden Bananen, Tabak
und mehrere Arten von Baumwollenbumen, besonders die, deren Wolle
nanking-gelb ist und die auf der Insel Margarita so hufig vorkommt. Der
Eigenthmer sagte uns, der Erdspalt sey von Jaguars bewohnt. Diese Thiere
bringen den Tag in Hhlen zu und schleichen bei Nacht um die Wohnungen. Da
sie reichliche Nahrung haben, werden sie bis sechs Fu lang. Ein solcher
Tiger hatte im verflossenen Jahr ein zum Hof gehriges Pferd verzehrt. Er
schleppte seine Beute bei hellem Mondschein ber die Savane unter einen
ungeheur dicken Ceibabaum. Vom Winseln des verendenden Pferdes erwachten
die Sklaven im Hofe. Sie rckten mitten in der Nacht aus, bewaffnet mit
Spieen und *Machetes*(51). Der Tiger lag auf seiner Beute und lie sie
ruhig herankommen; er erlag erst nach langem hartnckigem Widerstand.
Dieser Fall und viele andere, von denen wir an Ort und Stelle Kunde
erhielten, zeigt, da der groe Jaguar [_Felis Onca, Linn_, die Buffon
_panthre oille_ nennt und in Afrika zu Hause glaubt. Wir werden spter
Gelegenheit haben, auf diesen fr die Zoologie und Thiergeographie
wichtigen Punkt zurckzukommen.] von Terra Firma, wie der Jaguarete in
Paraguay und der eigentliche asiatische Tiger, vor dem Menschen nicht
fliehen, wenn ihm dieser zu Leibe geht und die Zahl der Angreifenden ihn
nicht scheu macht. Die Zoologen wissen jetzt, da Buffon die grte
amerikanische Katzenart ganz falsch beurtheilt hat. Was der berhmte
Schriftsteller von der Feigheit der Tiger der neuen Welt sagt, gilt nur
von den kleinen Ocelots, oder Pantherkatzen, und wir werden bald sehen,
da am Orinoco der chte amerikanische Jaguar sich zuweilen ins Wasser
strzt, um die Indianer in ihren Piroguen anzugreifen.

Dem Hofe Bermudez gegenber liegen die Oeffnungen zweier gerumigen Hhlen
im Erdspalt des Cuchivano; von Zeit zu Zeit schlagen Flammen daraus empor,
die man bei Nacht sehr weit sieht. Die benachbarten Berge sind dann davon
beleuchtet, und nach der Hhe der Felsen, ber welche diese brennenden
Dnste hinanfreichen, wre man versucht zu glauben, da sie mehrere
hundert Fu hoch werden. Beim letzten groen Erdbeben in Cumana war diese
Erscheinung von einem unterirdischen dumpfen, anhaltenden Getse
begleitet. Sie kommt vorzglich in der Regenzeit vor, und die Besitzer der
dem Berge Cuchivano gegenber liegenden Pflanzungen versichern, die
Flammen zeigen sich seit dem December 1797 hufiger.

Auf einer botanischen Excursion nach Rinconada versuchten wir vergeblich
in die Spalte einzudringen. Wir htten die Felsen, die in ihrem Schoe die
Ursachen dieses merkwrdigen Feuers zu bergen schienen, gerne nher
untersucht; aber die ppige Vegetation, die in einander geschlungenen
Lianen und Dornstrucher lieen uns nicht vorwrts kommen. Zum Glck
nahmen die Bewohner des Thals lebhaften Antheil an unsern Forschungen,
nicht sowohl weil sie sich vor einem vulkanischen Ausbruch frchteten, als
weil sie sich in den Kopf gesetzt hatten, der Risco del Cuchivano enthalte
eine Goldgrube. Es half nichts, da wir ihnen auseinandersetzten, warum
wir an Gold im Muschelkalk nicht glauben knnten; sie wollten einmal
wissen, was der deutsche Bergmann vom Reichthum des Erzgangs halte. Seit
Karls des Fnften Zeit und seit die Welser, die Alsinger und Sailer in
Coro und Caracas als Statthalter gesessen, hat sich in Terra Firma im Volk
der Glaube an das besondere bergmnnische Geschick der Deutschen erhalten.
Wohin ich in Sdamerika kam, berall, sobald man erfuhr, wo ich hersey,
zeigte man mir Muster von Erzen. In den Colonien ist jeder Franzose ein
Arzt, jeder Deutsche ein Bergmann.

Die Pflanzer bahnten mit ihren Sklaven einen Weg durch den Wald bis zum
ersten Fall des Rio Juagua, und am 10. September machten wir unsern
Ausflug nach dem Risco del Cuchivano. Kaum hatten wir die Schlucht
betreten, so merkten wir, da Tiger in der Nhe waren, sowohl an einem
frisch zerrissenen Stachelschwein, als am Gestank ihres Kothes, der dem
der europischen Katze gleicht. Zur Vorsicht gingen die Indianer nach dem
Hof zurck und brachten Hunde von sehr kleiner Race mit. Man behauptet,
wenn man dem Jaguar auf schmalem Pfad begegne, springe er zuerst auf den
Hund los, nicht auf den Menschen. Wir stiegen nicht am Ufer des Baches,
sondern an der Felswand ber dem Wasser hinauf. Man geht an einem zwei-,
dreihundert Fu tiefen Abgrund hin auf einem ganz schmalen Vorsprung, wie
auf dem Wege von Grindelwald am Mettenberg hin zum groen Gletscher. Wird
der Vorsprung so schmal, da man nicht mehr wei, wohin man den Fu setzen
soll, so steigt man zum Bach hinunter, watet durch oder lt sich von
einem Sklaven hinber tragen, und klimmt an der andern Bergwand weiter.
Das Niederklettern ist ziemlich mhselig, und man darf sich nicht auf die
Lianen verlassen, die wie groe Stricke von den Baumgipfeln niederhngen.
Die Ranken- und Schmarotzergewchse hngen nur locker an den Aesten, die
sie umschlingen; ihre Stengel haben zusammen ein ganz ansehnliches
Gewicht, und wenn man auf abschssigem Boden sich mit dem Krper an Lianen
hngt, luft man Gefahr eine ganze grne Laube niederzureien. Je weiter
wir kamen, desto dichter wurde die Vegetation. An mehreren Stellen hatten
die Baumwurzeln, die in die Spalten zwischen den Schichten hineingewachsen
waren, das Kalkgestein zersprengt. Wir konnten kaum die Pflanzen
fortbringen, die wir bei jedem Schritte aufnahmen. Die Cannas, die
Heliconien mit schnen purpurnen Blthen, die Costus und andere Gewchse
aus der Familie der Amomeen werden hier acht bis zehn Fu hoch. Ihr helles
frisches Grn, ihr Seidenglanz und ihr strotzendes Fleisch stechen grell
ab vom brunlichen Ton der Baumfarn mit dem zartgefiederten Laub. Die
Indianer hieben mit ihren groen Messern Kerben in die Baumstmme und
machten uns auf die Schnheit der rothen und goldgelben Hlzer aufmerksam,
die einst bei unsern Mbelschreinern und Drehern sehr gesucht seyn werden.
Sie zeigten uns ein Gewchs mit zusammengesetzter Blthe, das zwanzig Fu
hoch ist (_Eupatorium laevigatum, Lamarck_), die sogenannte *Rose von
Belveria* (_Brownea racemosa_), berhmt wegen ihrer herrlichen
purpurrothen Blthen, und das einheimische *Drachenblut*, eine noch nicht
beschriebene Art Croton, deren rother adstringirender Saft zur Strkung
des Zahnfleisches gebraucht wird. Sie unterschieden die Arten durch den
Geruch, besonders aber durch Kauen der Holzfasern. Zwei Eingeborene, denen
man dasselbe Holz zu kauen gibt, sprechen, meist ohne sich zu besinnen,
denselben Namen aus. Wir konnten brigens von den scharfen Sinnen unserer
Fhrer nicht viel Nutzen ziehen; denn wie soll man zu Blttern, Blthen
oder Frchten gelangen, die auf Stmmen wachsen, deren ersten Aeste
fnfzig, sechzig Fu ber dem Boden sind? Mit Ueberraschung sieht man in
dieser Schlucht die Baumrinde, sogar den Boden mit Moosen und Flechten
berzogen. Diese Cryptogamen sind hier so hufig wie im Norden. Die
feuchte Luft und der Mangel an direktem Sonnenlicht begnstigen ihre
Entwicklung, und doch betrgt die Temperatur bei Tag 25, bei Nacht
19 Grad.

Die angebliche Goldgrube von Cuchivano, die wir untersuchen sollten, ist
nichts als ein Loch, das man in eine der schwarzen, an Schwefelkies
reichen Mergelschichten im Kalk zu graben angefangen. Das Loch liegt auf
der rechten Seite des Rio Inagua an einem Punkt, wohin man vorsichtig
klettern mu, weil der Bach hier ber acht Fu tief ist. Der Schwefelkies
ist hell goldgelb und man sieht ihm nicht an, da er Kupfer enthlt. Die
Mergelschicht, in der er vorkommt, streicht ber den Bach hinber. Das
Wasser splt die metallisch glnzenden Krner aus, und dehalb glaubt das
Volk, der Bach fhre Gold. Man erzhlt, nach dem groen Erdbeben im
Jahr 1766 habe das Wasser des Inagua so viel Gold gefhrt, da Mnner,
die weit her gekommen, und von denen man nicht gewut, wo sie zu Hause
seyen, Goldwschen angelegt htten; sie seyen aber bei Nacht und Nebel
verschwunden, nachdem sie eine Menge Gold gesammelt. Es braucht keines
Beweises, da die ein Mhrchen ist; die Kiese in den Quarzgngen des
Glimmerschiefers sind allerdings sehr oft goldhaltig; aber nichts
berechtigt bis jetzt zur Annahme, da der Schwefelkies im Mergelschiefer
des Alpenkalks gleichfalls Gold enthalte. Einige direkte Versuche auf
nassem Weg, die ich whrend meines Aufenthalts in Caracas angestellt, thun
dar, da der Schwefelkies von Cuchivano durchaus nicht goldhaltig ist.
Unsern Fhrern behagte mein Unglaube sehr schlecht; ich hatte gut sagen,
aus dieser angeblichen Goldgrube knnte man hchstens Alaun und
Eisenvitriol gewinnen; sie lasen nichtsdestoweniger heimlich jedes
Stckchen Schwefelkies auf, das sie im Wasser glnzen sahen. Je rmer ein
Land an Erzgruben ist, desto leichter wird es in der Einbildung der
Einwohner, die Schtze aus dem Schoe der Erde zu holen. Wie viele Zeit
haben wir auf unserer fnfjhrigen Reise verloren, um auf das dringende
Verlangen unserer Wirthe Schluchten zu untersuchen, in denen
schwefelkieshaltige Schichten seit Jahrhunderten den stolzen Namen _Minas
de Oro_ fhren! Wie oft sahen wir lchelnd zu, wenn Leute aller Stnde,
Beamte, Dorfgeistliche, ernste Missionre mit unermdlicher Geduld
Hornblende oder gelben Glimmer zerstieen, um mittelst Quecksilbers das
Gold auszuziehen! Die leidenschaftliche Gier, mit der man nach Erzen
sucht, erscheint doppelt auffallend in einem Lande, wo man den Boden kaum
umzuwenden braucht, um ihm reiche Ernten zu entlocken.

Nachdem wir den Schwefelkies am Rio Juagua untersucht, gingen wir weiter
in der Schlucht hinauf, die sich wie ein enger, von sehr hohen Bumen
beschatteter Kanal fortzieht. Nach sehr beschwerlichem Marsch und ganz
durchnt, weil wir so oft ber den Bach gegangen waren, langten wir am
Fu der Hhlen des Cuchivano an, aus denen man vor einigen Jahren die
Flammen hatte brechen sehen. Achthundert Toisen hoch steigt senkrecht eine
Felswand auf. In einem Landstrich, wo der ppige Pflanzenwuchs berall den
Boden und das Gestein bedeckt, kommt es selten vor, da ein groer Berg in
senkrechtem Durchschnitt seine Schichten zeigt. Mitten in diesem
Durchschnitt, leider dem Menschen unzugnglich, liegen die Spalten, die zu
zwei Hhlen fhren. Sie sollen von denselben Nachtvgeln bewohnt seyn, die
wir bald in der Cueva del Guacharo bei Caripe werden kennen lernen.

Wir ruhten am Fu der Hhlen aus. Hier sah man die Flammen hervorkommen,
welche in den letzten Jahren hufiger geworden sind. Unsere Fhrer und der
Pchter, ein verstndiger, mit den Oertlichkeiten der Provinz wohl
bekannter Mann, verhandelten nach der Weise der Creolen ber die Gefahr,
der die Stadt Cumanacoa ausgesetzt wre, wenn der Cuchivano ein thtiger
Vulkan wrde, _se veniesse a reventar_. Es schien ihnen unzweifelhast, da
seit dem groen Erdbeben von Quito und Cumana im Jahr 1797 Neu-Andalusien
vom unterirdischen Feuer immer mehr unterhhlt werde. Sie brachten die
Flammen zur Sprache, die man in Cumana hatte aus dem Boden schlagen sehen,
und die Ste, die man jetzt an Orten empfindet, wo man frher nichts von
Erdbeben wute. Sie erinnerten daran, da man in Macarapan seit einigen
Monaten fters Schwefelgeruch spre. Auf diese und hnliche Erscheinungen,
die uns damals in ihrem Munde auffielen, grndeten sie Prophezeiungen, die
fast smmtlich in Erfllung gegangen sind. Entsetzliche Zerstrungen haben
im Jahr 1812 in Caracas stattgefunden, zum Beweis, welch gewaltige Unruhe
im Nordosten von Terra Firma in der Natur herrscht.

Was ist wohl aber die Ursache der feurigen Erscheinungen, die man am
Cuchivano beobachtet? Ich wei wohl, da man zuweilen die Luftsule, die
ber der Mndung brennender Vulkane aufsteigt, in hellem Lichte glnzen
sieht. Dieser Lichtschein, den man von brennendem Wasserstoffgas
herleitet, wurde von Chillo aus auf dem Gipfel des Cotopaxi zu einer Zeit
beobachtet, wo der Berg ziemlich ruhig schien. Ich wei, da die Alten
erzhlen, auf dem _Mons Albanus_ bei Rom, dem heutigen _Monte cavo_ sey
zuweilen bei Nacht Feuer gesehen worden; aber der _Mons albanus_ ist ein
erst in neuerer Zeit erloschener Vulkan, der noch zu Catos Zeit Rapilli
auswarf [_Albano monte biduum continenter lapidibus pluit. Livius
XXV. 7._], whrend der Cuchivano ein Kalkberg ist in einer Gegend, wo weit
und breit keine Trappbildungen vorkommen. Kann man jene Flammen etwa
daraus erklren, da das Wasser, wenn es mit den Kiesen im Mergelschiefer
in Berhrung kommt, zersetzt wird? Ist das Feuer, das aus den Hhlen des
Cuchivano kommt, brennendes Wasserstoffgas? Das Wasser, das durch den
Kalkstein sickert und durch die Schwefelschichten zersetzt wird, und die
Erdbeben von Cumana, die Lager gediegenen Schwefels bei Carupano und die
schwefligt sauren Dmpfe, die man zuweilen in den Savanen sprt: zwischen
all dem liee sich leicht ein Zusammenhang denken; es ist auch nicht zu
bezweifeln, da, wenn sich bei der starken Affinitt zwischen dem
Eisenoxyd und den Erden bei hoher Temperatur Wasser ber Schwefelkiesen
zersetzt, die Entbindung von Wasserstoffgas erfolgen kann, welche mehrere
neuere Geologen eine so wichtige Rolle spielen lassen. Aber bei
vulkanischen Ausbrchen tritt weit constanter schwefligte Sure auf als
Wasserstoff, und der Geruch, den man zuweilen bei starken Erdsten
versprt, ist vorzugsweise der Geruch von schwefligter Sure. Ueberblickt
man die vulkanischen Erscheinungen und die Erdbeben im Ganzen, bedenkt
man, in welch ungeheuren Entfernungen sich die Ste unter dem Meeresboden
fortpflanzen, so lt man bald Erklrungen fallen, die von unbedeutenden
Schichten von Schwefelkies und bituminsem Mergel ausgehen. Nach meiner
Ansicht knnen die Ste, die man in der Provinz Cunana so hufig sprt,
so wenig den zu Tag ausgehenden Gebirgsarten zugeschrieben werden, als die
Ste, welche die Apenninen erschttern, Asphaltadern oder brennenden
Erdlquellen. Alle diese Erscheinungen hngen von allgemeineren, fast
htte ich gesagt, tiefer liegenden Ursachen her, und der Herd der
vulkanischen Wirkungen ist nicht in den secundren Gebirgsbildungen, aus
denen die uere Erdrinde besteht, sondern in sehr bedeutender Tiefe unter
der Oberflche in den Urgebirgsarten zu suchen. Je weiter die Geologie
fortschreitet, desto mehr sieht man ein, wie wenig man mit den Theorien
ausrichtet, die sich auf wenige, rein rtliche Beobachtungen grnden.

Nach Meridianhhen des sdlichen Fisches, die ich in der Nacht vom
7. September beobachtet, liegt Cumanacoa unter 10 16' 11" der Breite; die
Angabe der geschtztesten Karten ist also um  Grad unrichtig. Die Neigung
der Magnetnadel fand ich gleich 42,60 und die Intensitt der magnetischen
Kraft gleich 228 Schwingungen in zehn Zeitminuten; die Intensitt war
demnach um neun Schwingungen oder 1/25 geringer als in Ferrol.

Am zwlften setzten wir unsere Reise nach dem Kloster Caripe, dem Hauptort
der Chaymas-Missionen, fort. Wir zogen der geraden Strae den Umweg ber
die Berge Cocollar und Turimiquiri vor, die nicht viel hher sind als der
Jura. Der Weg luft zuerst ostwrts drei Meilen ber die Hochebene von
Cumanacoa, den alten Seeboden, und biegt dann nach Sd ab. Wir kamen durch
das kleine indianische Dorf Aricagua, das von bewaldeten Hgeln umgeben
sehr freundlich daliegt. Von hier an ging es bergauf und wir hatten ber
vier Stunden zu steigen. Dieses Stck des Weges ist sehr angreifend; man
setzt zweiundzwanzigmal ber den Pututucuar, ein reiendes Bergwasser voll
Kalksteinblcken. Hat man auf der _Cuesta del Cocollar_ zweitausend Fu
Meereshhe erreicht, so sieht man zu seiner Ueberraschung fast keine
Wlder, oder auch nur groe Bume mehr. Man geht ber eine ungeheure, mit
Grsern bewachsene Hochebene. Nur Mimosen mit halbkugeliger Krone und drei
bis vier Fu hohem Stamm unterbrechen die de Einfrmigkeit der Savanen.
Ihre Aeste sind gegen den Boden geneigt oder breiten sich schirmartig aus.
Ueberall, wo Abhnge oder halb mit Erde bedeckte Gesteinmassen sich
zeigen, breitet die Clusia oder der Cupey mit den groen Nymphenblthen
sein herrliches Grn aus. Die Wurzeln dieses Baums haben zuweilen acht
Zoll Durchmesser und gehen oft schon fnfzehn Fu ber dem Boden vom
Stamme ab.

Nachdem wir noch lange bergan gestiegen waren, kamen wir auf einer kleinen
Ebene zum _Hato del Cocollar_. Es ist die ein Hof, der 408 Toisen hoch
ganz allein auf dem Plateau liegt. In dieser Einsamkeit blieben wir drei
Tage, vortrefflich verpflegt von dem Eigenthmer [Don Mathias Yturburi,
ein geborener Biscayer], der vom Hafen von Cumana an unser Begleiter
gewesen war. Wir fanden daselbst bei der reichen Weide Milch,
vortreffliches Fleisch und vor allem ein herrliches Klima. Bei Tag stieg
der hunderttheilige Thermometer nicht ber 22 oder 23 Grad, kurz vor
Sonnenuntergang fiel er auf 19 und bei Nacht zeigte er kaum 14. Bei Nacht
war es daher um sieben Grad khler als an der Kste, was, da die Hochebene
des Cocollar nicht so hoch liegt, als die Stadt Caracas, wiederum auf eine
ausnehmend rasche Wrmeabnahme hinweist.

So weit das Auge reicht, sieht man auf dem hohen Punkt nichts als kahle
Savanen; nur hin und wieder tauchen aus den Schluchten kleine Baumgruppen
auf, und trotz der scheinbaren Einfrmigkeit der Vegetation findet man
ausnehmend viele sehr interessante Pflanzen. Wir fhren hier nur an eine
prachtvolle Lobelia mit purpurnen Blthen, die _Brownea coccinea_ die ber
hundert Fu hoch wird, und vor allen den *Pejoa*, der im Lande berhmt
ist, weil seine Bltter, wenn man sie zwischen den Fingern zerreibt, einen
kstlichen aromatischen Geruch von sich geben. Was uns aber am meisten am
einsamen Ort entzckte, das war die Schnheit und Stille der Nchte. Der
Eigenthmer des Hofes blieb mit uns wach. Er schien sich daran zu weiden,
wie Europer, die eben erst unter die Tropen gekommen, sich nicht genug
wundern konnten ber die frische Frhlingsluft, deren man nach
Sonnenuntergang hier aus den Bergen geniet. In jenen fernen Lndern, wo
der Mensch die Gaben der Natur noch voll zu schtzen wei, preist der
Grundeigenthmer das Wasser seiner Quelle, den gesunden Wind, der um den
Hgel weht, und da es keine schdlichen Insekten gibt, wie wir in Europa
uns der Vorzge unseres Wohnhauses oder des malerischen Effekts unserer
Pflanzungen rhmen.

Unser Wirth war mit einer Mannschaft, die an der Kste des Meerbusens von
Paria Holzschlge fr die spanische Marine einrichten sollte, in die neue
Welt gekommen. In den groen Mahagoni-, Cedrela- und Brasilholzwldern,
die um das Meer der Antillen her liegen, dachte man die grten Stmme
auszusuchen, sie im Groben so zuzuhauen, wie man sie zum Schiffsbau
braucht, und sie jhrlich auf die Werfte von Caraques bei Cadix zu
schicken. Aber weie, nicht acclimatisirte Mnner muten der anstrengenden
Arbeit, der Sonnengluth und der ungesunden Luft der Wlder erliegen.
Dieselben Lfte, welche mit den Wohlgerchen der Blthen, Bltter und
Hlzer geschwngert sind, fhren auch den Keim der Auflsung in die
Organe. Bsartige Fieber rafften mit den Zimmerleuten der kniglichen
Marine die Aufseher der neuen Anstalt weg, und die Bucht, der die ersten
Spanier wegen des trbseligen, wilden Aussehens der Kste den Namen
_Golfo triste_ gegeben, wurde das Grab der europischen Seeleute. Unser
Wirth hatte das seltene Glck, diesen Gefahren zu entgehen; nachdem er den
grten Theil der Seinigen hatte hinsterben sehen, zog er weit weg von der
Kste auf die Berge des Cocollar. Ohne Nachbarschaft, im ungestrten
Besitz eines Savanenstrichs von fnf Meilen, geniet er hier der
Unabhngigkeit, wie die Vereinzelung sie gewhrt, und der Heiterkeit des
Gemths, wie sie schlichten Menschen eigen ist, die in reiner, strkender
Luft leben.

Nichts ist dem Eindruck majesttischer Ruhe zu vergleichen, den der
Anblick des gestirnten Himmels an diesem einsamen Ort in einem hinterlt.
Blickten wir bei Einbruch der Nacht hinaus ber die Prairien, die bis zunm
Horizont fortstreichen, ber die grn bewachsene, sanft gewellte
Hochebene, so war es uns, gerade wie in den Steppen am Orinoco, als shen
wir weit weg das gestirnte Himmelsgewlbe auf dem Ocean ruhen. Der Baum,
unter dem wir saen, die leuchtenden Insekten, die in der Luft tanzten,
die glnzenden Sternbilder im Sden, Alles mahnte uns daran, wie weit wir
von der Heimatherde waren. Und wenn nun, inmitten dieser fremdartigen
Natur, aus einer Schlucht heraus das Schellengelute einer Kuh oder das
Brllen des Stieres zu unsern Ohren drang, dann sprang mit einemmal der
Gedanke an die Heimath ins uns auf. Es war, als hrten wir aus weiter,
weiter Ferne Stimmen, die ber das Weltmeer herber riefen und uns mit
Zauberkraft aus einer Hemisphre in die andere versetzten. So wunderbar
beweglich ist die Einbildungskraft des Menschen, die ewige Quelle seiner
Freuden und seiner Schmerzen!

In der Morgenkhle machten wir uns auf, den Turimiquiri zu besteigen. So
heit der Gipfel des Cocollar, der mit dem Brigantin nur Einen
Gebirgsstock bildet, welcher bei den Eingeborenen frher Sierra de los
Tageres hie. Man macht einen Theil des Wegs auf Pferden, die frei in den
Savanen laufen, zum Theil aber an den Sattel gewhnt sind. So plump ihr
Aussehen ist, klettern sie doch ganz flink den schlpfrigsten Rasen
hinaus. Wir machten zuerst bei einer Quelle Halt, die nicht aus dem
Kalkstein, sondern noch aus einer Schichte quarzigen Sandsteins kommt.
Ihre Temperatur war 21, also um 1,5 geringer als die der Quelle von
Quetepe; der Hhenunterschied betrgt aber auch gegen 220 Toisen.
Ueberall, wo der Sandstein zu Tage kommt, ist der Boden eben und bildet
gleichsam kleine Plateaus, die wie Stufen ber einander liegen. Bis zu
700 Toisen und sogar darber ist der Berg, wie alle in der Nachbarschaft,
nur mit Grsern bewachsen. In Cumana schreibt man den Umstand, da keine
Bume mehr vorkommen, der groen Hhe zu; vergegenwrtigt man sich aber
die Vertheilung dr Gewchse in den Cordilleren der heien Zone, so sieht
man, da die Berggipfel in Neu-Andalusien lange nicht zu der obern
Baumgrenze hinaufreichen, die in dieser Breite mindestens 1600 Toisen hoch
liegt. Ja der kurze Rasen zeigt sich auf dem Cocollar stellenweise sogar
schon bei 350 Toisen ber dem Meer und man kann auf demselben bis zu
1000 Toisen Hhe gehen; weiter hinauf, ber diesem mit Grsern bedeckten
Grtel, befindet sich auf dem Menschen fast unzugnglichen Gipfeln ein
Wldchen von Cedrela, Javillos(52) und Mahagonibumen. Nach diesen lokalen
Verhltnissen mu man annehmen, da die Bergsavanen des Cocollar und
Turimiquiri ihre Entstehung nur der verderblichen Sitte der Eingeborenen
verdanken, die Wlder anzuznden, die sie in Weideland verwandeln wollen.
Jetzt, da Grser und Alppflanzen seit dreihundert Jahren den Boden mit
einem dicken Filz berzogen haben, knnen die Baumsamen sich nicht mehr im
Boden befestigen und keimen, obgleich Wind und Vgel sie fortwhrend von
entlegenen Wldern in die Savanen herbertragen.

Das Klima auf diesen Bergen ist so mild, da beim Hofe auf dem Cocollar
der Baumwollenbaum, der Kaffeebaum, sogar das Zuckerrohr gut fortkommen.
Trotz aller Behauptungen der Einwohner an der Kste ist unter dem 10. Grad
der Breite auf Bergen, die kaum hher sind als der Mont d'Or und der Puy
de Dome, niemals Reif gesehen worden. Die Weiden auf dem Turimiquiri
nehmen an Gte ab, je hher sie liegen. Ueberall, wo zerstreute Felsmassen
Schatten bieten, kommen Flechten und verschiedene europische Moose vor.
_Melastoma xanthostachis_ und ein Strauch (_Palicourea rigida_), dessen
groe lederartige Bltter im Wind wie Pergament rauschen, wachsen hie und
da in der Savane. Aber die Hauptzierde des Rasens ist ein Liliengewchs
mit goldgelber Blthe, die _Marica martinicensis_. Man findet sie in den
Provinzen Cumana und Caracas meist erst in 400 bis 500 Toisen Hhe. Die
Gebirgsarten des Turimiquiri sind ein Alpenkalk, hnlich dem bei
Cumanacoa, und ziemlich dnne Schichten Mergel und quarziger Sandstein. Im
Kalkstein sind Klumpen von braunem Eisenoxyd und Spatheisen eingesprengt.
An mehreren Stellen habe ich ganz deutlich beobachtet, da der Sandstein
dem Kalk nicht nur aufgelagert ist, sondern da beide nicht selten in
Wechsellagerung vorkommen.

Man unterscheidet im Lande den abgerundeten Gipfel des Turimiquiri und die
spitzen Pics oder *Cucuruchos*, die dicht bewaldet sind und wo es viele
Tiger gibt, auf die man wegen des groen und schnen Fells Jagd macht. Den
runden begrasten Gipfel fanden wir 707 Toisen hoch. Von diesem Gipfel
luft nun nach West ein steiler Felskamm aus, der eine Seemeile von jenem
durch eine ungeheure Spalte unterbrochen ist, die gegen den Meerbusen von
Cariaco hinunterluft. An der Stelle, wo der Kamm htte weiter laufen
sollen, erheben sich zwei Bergspitzen aus Kalkstein, von denen die
nrdliche die hhere ist. Die ist der eigentliche Cucurucho de
Turimiquiri, der fr hher gilt als der Brigantin, der den Schiffern, die
der Kste von Cumana zusteuern, so wohl bekannt ist. Nach Hhenwinkeln und
einer ziemlich kurzen Standlinie, die wir auf dem abgerundeten kahlen
Gipfel zogen, maen wir den Spitzberg oder Cucurucho und fanden ihn
350 Toisen hher als unsern Standort, so da seine absolute Hhe ber
1050 Toisen betrgt.

Man geniet auf dem Turimiquiri einer der weitesten und malerischsten
Aussichten. Vom Gipfel bis hinunter zum Meer liegen Bergketten vor einem,
die parallel von Ost nach West streichen und Lngenthler zwischen sich
haben. Da in letztere eine Menge kleiner, von den Bergwassern ausgesplter
Thler unter rechtem Winkel mnden, so stellen sich die Seitenketten als
Reihen gleich vieler bald abgerundeter, bald kegelfrmiger Hhen dar. Bis
zum Imposible sind die Berghnge meist ziemlich sanft; weiterhin werden
die Abflle sehr steil und streichen hinter einander fort bis zum Ufer des
Meerbusens von Cariaco. Die Umrisse dieser Gebirgsmassen erinnern an die
Ketten des Jura, und die einzige Ebene, die sich darin findet, ist das
Thal von Cumanacoa. Es ist als she man in einen Trichter hinunter, auf
dessen Boden unter zerstreuten Baumgruppen das indianische Dorf Aricagua
erscheint. Gegen Nord hob sich eine schmale Landzunge, die Halbinsel
Araya, braun vom Meere ab, das, von den ersten Sonnenstrahlen beleuchtet,
ein glnzendes Licht zurckwarf. Jenseits der Halbinsel begrenzte den
Horizont das Vorgebirge Macanao, dessen schwarzes Gestein gleich einem
ungeheuren Bollwerk aus dem Wasser aufsteigt.

Der Hof auf dem Cocollar am Fue des Turimiquiri liegt unter 10 9' 32"
der Breite. Die Inclination der Magnetnadel fand ich gleich 42 10'. Die
Nadel schwang 220mal in zehn Zeitminuten. Die im Kalk liegenden
Brauneisensteinmassen mgen die Intensitt der magnetischen Kraft um ein
Weniges steigern.

Am 14. September gingen wir vom Cocollar zur Mission San Antonio hinunter.
Der Weg fhrt Anfangs ber Savanen, die mit groen Kalksteinblcken
berset sind, und dann betritt man dichten Wald. Nachdem man zwei sehr
steile Berggrte berstiegen, hat man ein schnes Thal vor sich, das fnf
Meilen lang fast durchaus von Ost nach West streicht. In diesem Thale
liegen die Missionen San Antonio und Guanaguana. Erstere ist berhmt wegen
einer kleinen Kirche aus Backsteinen, in ertrglichem Styl, mit zwei
Thrmen und dorischen Sulen. Sie gilt in der Umgegend fr ein Wunder. Der
Gardian der Kapuziner wurde mit diesem Kirchenbau in nicht ganz zwei
Sommern fertig, obgleich er nur Indianer aus seinem Dorfe dabei verwendet
hatte. Die Sulencapitle, die Gesimse und ein mit Sonnen und Arabesken
gezierter Fries wurden aus mit Ziegelmehl vermischtem Thon modellirt.
Wundert man sich, an der Grenze Lapplands Kirchen im reinsten griechischen
Styl [In Skelestar bei Torneo. S. Buch, Reise in Norwegen] anzutreffen, so
berraschen einen dergleichen erste Kunstversuche noch mehr in einem
Erdstrich, wo noch Alles den Stempel menschlicher Urzustnde trgt und von
den Europern erst seit etwa vierzig Jahren der Grund zu knftiger Cultur
gelegt wurde. Der Statthalter der Provinz mibilligte es, da in Missionen
mit solchem Luxus gebaut werde, und zum groen Leidwesen der Mnche wurde
die Kirche nicht ausgebaut. Die Indianer von San Antonio sind weit
entfernt, solches gleichfalls zu beklagen; sie sind insgeheim mit dem
Spruche des Statthalters vollkommen einverstanden, weil er ihrer
natrlichen Trgheit behagt. Sie machen sich eben so wenig aus
architektonischen Ornamenten als einst die Eingeborenen in den
Jesuitenmissionen in Paraguay.

Ich hielt mich in der Mission San Antonio nur auf, um auf den Barometer zu
sehen und ein paar Sonnenhhen zu nehmen. Der groe Platz liegt 216 Toisen
ber Cumana. Jenseits des Dorfs durchwateten wir die Flsse Colorado und
Guarapiche, die beide in den Bergen des Cocollar entspringen und weiter
unten, ostwrts, sich vereinigen. Der Colorado hat eine sehr starke
Strnnmg und wird bei seiner Mndung breiter als der Rhein; der Guarapiche
ist, nachdem er den Rio Areo aufgenommen, ber fnf und zwanzig Faden
tief. An seinen Ufern wchst eine ausnehmend schne Grasart, die ich zwei
Jahre spter, als ich den Magdalenenstrom hinausfuhr, gezeichnet habe. Der
Halm mit zweizeiligen Blttern wird 15 bis 20 Fu hoch. Unsere Maulthiere
konnten sich durch den dicken Morast auf dem schmalen ebenen Weg kaum
durcharbeiten. Es go in Strmen vom Himmel; der ganze Wald erschien in
Folge des starken anhaltenden Regens wie Ein Sumpf.

Gegen Abend langten wir in der Mission Guanaguana an, die so ziemlich in
derselben Hhe liegt, wie das Dorf San Antonio. Es that sehr noth, da wir
uns trockneten. Der Missionr nahm uns sehr herzlich auf. Es war ein alter
Mann, der, wie es schien, seine Indianer sehr verstndig behandelte. Das
Dorf steht erst seit dreiig Jahren am jetzigen Fleck, frher lag es
weiter nach Sden und lehnte sich an einen Hgel. Man wundert sich, mit
welcher Leichtigkeit man die Wohnsitze der Indianer verlegt. Es gibt in
Sdamerika Drfer, die in weniger als einem halben Jahrhundert dreimal den
Ort gewechselt haben. Den Eingeborenen knpfen so schwache Bande an den
Boden, auf dem er wohnt, da er den Befehl, sein Haus abzureien und es
anderswo wieder aufzubauen, gleichmthig aufnimmt. Ein Dorf wechselt
seinen Platz wie ein Lager. Wo es nur Thon, Rohr, Palmbltter und
Heliconienbltter gibt, ist die Htte in wenigen Tagen wieder fertig.
Diesen gewaltsamen Aenderungen liegt oft nichts zu Grunde als die Laune
eines frisch aus Spanien angekommenen Missionrs, der meint, die Mission
sey dem Fieber ausgesetzt oder liege nicht luftig genug. Es ist
vorgekommen, da ganze Drfer mehrere Stunden weit verlegt wurden, blo
weil der Mnch die Aussicht aus seinem Hause nicht schn oder weit genug
fand.

Guanaguana hat noch keine Kirche. Der alte Geistliche, der schon seit
dreiig Jahren in den Wldern Amerikas lebte, uerte gegen uns, die
Gemeindegelder, d. h. der Ertrag der Arbeit der Indianer, mten zuerst
zum Bau des Missionshauses, dann zum Kirchenbau und endlich fr die
Kleidung der Indianer verwendet werden. Er versicherte in wichtigem Ton,
von dieser Ordnung drfe unter keinem Vorwand abgegangen werden. Nun, die
Indianer, die lieber ganz nackt gehen als die leichtesten Kleider tragen,
knnen gut warten, bis die Reihe an sie kommt. Die gerumige Wohnung des
*Padre* war eben fertig geworden, und wir bemerkten zu unserer
Ueberraschung, da das Haus, das ein plattes Dach hatte, mit einer Menge
Kaminen wie mit Thrmchen geziert war. Sie sollten, belehrte uns unser
Wirth, ihn an sein geliebtes Heimathland, und in der tropischen Hitze an
die aragonesischen Winter erinnern. Die Indianer in Guanaguana bauen
Baumwolle fr sich, fr die Kirche und fr den Missionr. Der Ertrag gilt
als Gemeindeeigenthum und mit den Gemeindegeldern werden die Bedrfnisse
des Geistlichen und die Kosten des Gottesdienstes bestritten. Die
Eingeborenen haben hchst einfache Vorrichtungen, um den Samen von der
Baumwolle zu trennen. Es sind hlzerne Cylinder von sehr kleinem
Durchmesser, zwischen denen die Baumwolle durchluft und die man wie
Spinnrder mit dem Fue umtreibt. Diese hchst mangelhaften Maschinen
leisten indessen gute Dienste und man fngt in den andern Missionen an sie
nachzuahmen. Ich habe anderswo, in meinem Werke ber Mexico, auseinander
gesetzt, wie sehr die Sitte, die Baumwolle mit dem Samen zu verkaufen, den
Transport in den spanischen Colonien erschwert, wo alle Waaren auf
Maulthieren in die Seehfen kommen. Der Boden ist in Guanaguana eben so
fruchtbar wie im benachbarten Dorfe Aricagua, das gleichfalls seinen
indianischen Namen behalten hat. Eine *Almuda* (1850 Quadrattoisen) trgt
in guten Jahren 25-30 Fanegas Mais, die Fanega zu hundert Pfund. Aber hier
wie berall, wo der Segen der Natur die Entwicklung der Industrie hemmt,
macht man nur ganz wenige Morgen Landes urbar, und kein Mensch denkt
daran, mit dem Anbau der Nahrungspflanzen zu wechseln. Die Indianer in
Guanaguana erzhlten mir als etwas Ungewhnliches, im verflossenen Jahr
seyen sie, ihre Weiber und Kinder drei Monate lang _al monte_ gewesen, das
heit, sie seyen in den benachbarten Wldern umhergezogen, um sich von
saftigen Pflanzen, von Palmkohl, von Farnwurzeln und wilden Baumfrchten
zu nhren. Sie sprachen von diesem Nomadenleben keineswegs wie von einem
Nothstand. Nur der Missionr hatte dabei zu leiden gehabt, weil das Dorf
ganz verlassen stand und die Gemeindegenossen, als sie aus den Wldern
wieder heim kamen, weniger lenksam waren als zuvor.

Das schne Thal von Guanaguana luft gegen Ost in die Ebenen von Punzere
und Terecen aus. Gerne htten wir diese Ebenen besucht, um die Quellen von
Bergl zwischen den Flssen Guarapiche und Areo zu untersuchen; aber die
Regenzeit war frmlich eingetreten, und wir hatten tglich vollauf zu
thun, um die gesammelten Pflanzen zu trocknen und aufzubewahren. Der Weg
von Guanaguana nach dem Dorfe Punzere fhrt entweder ber San Felix, oder
ber Caycara und Guahuta, wo sich ein *Hato* (Hof fr Viehzucht) der
Missionre befindet. An letzterem Orte findet man, nach dem Bericht der
Indianer, groe Schwefelmassen, nicht in Gips oder Kalkstein, sondern in
geringer Tiefe unter der Flche des Bodens in Thonschichten. Dieses
auffallende Vorkommen scheint Amerika eigenthmlich; wir werden demselben
im Knigreich Quito und in Neugrenada wieder begegnen. Vor Punzere sieht
man in den Savanen Sckchen von Seidengewebe an den niedrigsten Baumsten
hngen. Es ist die die _seda silvestre_ oder einheimische wilde Seide,
die einen schnen Glanz hat, aber sich sehr rauh anfhlt. Der
Nachtschmetterling, der sie spinnt, kommt vielleicht mit denen in den
Provinzen Gnanaxuato und Antioquia berein, die gleichfalls wilde Seide
liefern. Im schnen Walde von Punzere kommen zwei Bume vor, die unter den
Namen Curucay und Canela bekannt sind; ersterer liefert ein von den
*Pinches* oder indianischen Zauberern sehr gesuchtes Harz, der zweite hat
Bltter, die nach chtem Ceylonzimmt riechen. Von Punzere luft der Weg
ber Terecen und Neu-Palencia, das eine neue Niederlassung von Canariern
ist, nach dem Hafen San Juan, der am rechten Ufer des Rio Areo liegt, und
man mu in einer Pirogue ber diesen Flu setzen, wenn man zu den
berhmten Berglquellen von Buen Pastor gehen will. Man beschrieb sie uns
als kleine Schachte oder Trichter, die sich von selbst im sumpfigen Boden
gebildet haben. Diese Erscheinung erinnert an den Asphaltsee oder
*Chapapote* auf der Insel Trinidad, der in gerader Linie von Buen Pastor
nur 35 Seemeilen entfernt ist.

Nachdem wir eine Weile mit dem Verlangen gekmpft, den Guarapiche hinunter
in den _Golfo triste_ zu fahren, wandten wir uns gerade den Bergen zu. Die
Thler von Guanaguana und Caripe sind durch eine Art Damm oder Grat aus
Kalkstein, der unter dem Namen _Cuchilla de Guanaguana_ weit und breit
berhmt ist, von einander getrennt [Im ganzen spanischen Amerika bedeutet
_cuchilla_ Messerklinge, einen Bergkamm mit sehr steilen Abhngen.]. Wir
fanden den Uebergang beschwerlich, weil wir damals noch nicht in den
Cordilleren gereist waren, aber so gefhrlich, als man ihn in Cumana
schildert, ist er keineswegs. Allerdings ist der Weg an mehreren Stellen
nur 14 oder 15 Zoll breit; der Bergsattel, ber den er wegluft, ist mit
kurzem, sehr glattem Rasen bedeckt, die Abhnge zu beiden Seiten sind
ziemlich jh, und wenn der Reisende fiele, knnte er auf dem Grase sieben,
achthundert Fu hinunterrollen. Indessen sind die Bergseiten vielmehr nur
starke Bschungen als eigentliche Abgrnde, und die Maulthiere hier zu
Lande haben einen so sichern Gang, da man sich ihnen ruhig anvertrauen
kann. Ihr Benehmen ist ganz wie das der Saumthiere in der Schweiz und in
den Pyrenen. Je wilder ein Land ist, desto feinfhliger und schrfer
witternd wird der Instinkt der Hausthiere. Spren die Maulthiere eine
Gefahr, so bleiben sie stehen und wenden den Kopf hin und her, bewegen die
Ohren auf und ab; man sieht, sie berlegen, was zu thun sey. Sie kommen
langsam zum Entschlu, aber derselbe fllt immer richtig aus, wenn er frei
ist, das heit, wenn ihn der Reisende nicht unvorsichtigerweise strt oder
bereilt. Wenn man in den Anden sechs, sieben Monate auf entsetzlichen
Wegen durch die von den Bergwassern zerrissenen Gebirge zieht, da
entwickelt sich die Intelligenz der Reitpferde und Lastthiere auf wahrhaft
erstaunliche Weise. Man kann auch die Gebirgsbewohner sagen hren: Ich
gebe Ihnen nicht das Maulthier, das den bequemsten Schritt hat, sondern
das vernnftigste, _la mas racional_. Dieses Wort aus dem Munde des
Volks, die Frucht langer Erfahrung, widerlegt das System, das in den
Thieren nur belebte Maschinen sieht, wohl besser als alle Beweisfhrung
der speculativen Philosophie.

Auf dem hchsten Punkt des Kammes oder der Cuchilla von Guanaguana
angelangt, hatten wir eine interessante Fernsicht. Wir bersahen mit Einem
Blick die weiten Prairien oder Savanen von Maturin und am Rio Tigre, den
Spitzberg Turimiquiri und zahllose parallel streichende Bergketten, die
von weitem einer wogenden See gleichen. Gegen Nordost ffnet sich das
Thal, in dem das Kloster Caripe liegt. Sein Anblick ist um so einladender,
als es bewaldet ist und so von den kahlen, nur mit Gras bewachsenen Bergen
umher freundlich absticht. Wir fanden die absolute Hhe der Cuchilla
gleich 548 Toisen; sie liegt also 329 Toisen ber dem Missionshaus von
Guanaguana.

Steigt man auf sehr krummem Pfade vom Bergkamme nieder, so betritt man
bald ein ganz bewaldetes Land. Der Boden ist mit Moos und einer neuen Art
Drosera bedeckt, die im Wuchs der Drosera unserer Alpen gleicht. Je nher
man dem Kloster Caripe kommt, desto dichter wird der Wald, desto ppiger
die Vegetation. Alles bekommt einen andern Charakter, sogar die
Gebirgsart, in der wir von Punta Delgada an gewesen waren. Die
Kalksteinschichten werden dnner; sie bilden Mauern, Gesimse und Thrme
wie in Peru, im Pappenheimschen und bei Dicow in Gallizien. Es ist nicht
mehr Alpenkalk, sondern eine Formation, welche jenem bergelagert ist,
analog dem Jurakalk.

Der Weg von der Cuchilla herab ist bei weitem nicht so lang als der
hinaus. Wir fanden, da das Thal von Caripe 200 Toisen hher liegt als das
Thal von Guanaguana. Ein Bergzug von unbedeutender Breite trennt zwei
Becken; das eine ist kstlich khl, das andere als furchtbar hei
verrufen. Solchen Contrasten begegnet man in Mexico, in Neu-Grenada und
Peru hufig, aber im Nordosten von Sdamerika sind sie selten. Unter allen
hochgelegenen Thlern in Neu-Andalusien ist auch nur das von Caripe
[absolute Hhe des Klosters 412 Toisen] sehr stark bewohnt. In einer
Provinz mit schwacher Bevlkerung, wo die Gebirge weder eine sehr
bedeutende Masse, noch ausgedehnte Hochebenen haben, findet der Mensch
wenig Anla, aus den Ebenen wegzuziehen und sich in gemigteren
Gebirgsstrichen niederzulassen.

                            ------------------





   49 In den spanischen Kolonien heit *Mision* oder *Pueblo de Mision*
      ein Anzahl Wohnungen um eine Kirche herum, wo ein Missionar, der
      Ordensgeistlicher ist, den Gottesdienst versieht. Die indianischen
      Drfer, die unter der Obhut von Pfarrers stehen, heien *Pueblos de
      Doctrina*. Man unterscheidet noch weiter den *Cura doctrinero*, den
      Pfarrer einer indianischen Gemeinde, und den *Cura rector*, den
      Pfarrer eines von Weien oder Farbigen bewohnten Dorfes.

   50 Das virginische Megatherium ist der Megalonyx Jeffersons. Alle diese
      ungeheuren Knochen, die man *auf den Ebenen* der neuen Welt,
      nrdlich oder sdlich vom Aequator gefunden, gehren nicht der
      heien, sondern der gemigten Zone an. Andererseits macht Pallas
      die Bemerkung, da in Sibirien, also auch nrdlich vom Wendekreis,
      fossile Knochen in den gebirgigen Landestheilen gar nicht vorkommen.
      Diese eng mit einander verknpften Thatsachen scheinen den Weg zur
      Auffindung eines wichtigen geologischen Gesetzes zu bahnen.

   51 Groe Messer mit sehr langen Klingen, hnlich den Jagdmessern. In
      der heien Zone geht man nicht ohne *Machete* in den Wald, sowohl um
      die Lianen und Baumste abzuhauen, die einem den Weg sperren, als um
      sich gegen wilde Thiere zu vertheidigen.

_   52 Hura crepitans_, aus der Familie der Euphorbien. Dieser Baum wird
      ungeheuer dick; im Thal von Curiepe zwischen Cap Codera und Caracas
      ma Bonpland Kufen aus Javilloholz, die vierzehn Fu lang und acht
      breit waren. Diese Kufen aus Einem Stck dienen zur Aufbewahrung des
      Guarapo oder Zuckerrohrsasts und der Melasse. Die Samen des Javillo
      sind ein starkes Gift, und die Milch, die aus dem Blthenstengel
      quillt, wenn man ihn abbricht, hat uns oft Augenschmerz verursacht,
      wenn zufllig auch nur ein ganz klein wenig davon zwischen die
      Augenlider kam.





SIEBENTES KAPITEL


         Das Kloster Caripe -- Die Hhle des Guacharo -- Nachtvgel


Eine Allee von Perseabumen fhrte uns zum Hospiz der aragonesischen
Kapuziner. Bei einem Kreuz aus Brasilholz mitten auf einem groen Platz
machten wir Halt. Das Kreuz ist von Bnken umgeben, wo die kranken und
schwachen Mnche ihren Rosenkranz beten. Das Kloster lehnt sich an eine
ungeheure, senkrechte, dicht bewachsene Felswand. Das blendend weie
Gestein blickt nur hin und wieder hinter dem Laube vor. Man kann sich kaum
eine malerischere Lage denken; sie erinnerte mich lebhaft an die Thler
der Grafschaft Derby und an die hhlenreichen Berge bei Muggendorf in
Franken. An die Stelle der europischen Buchen und Ahorne treten hier die
groartigeren Gestalten der Ceiba und der Praga- und Irassepalmen.
Unzhlige Quellen brechen aus den Bergwnden, die das Becken von Caripe
kreisfrmig umgeben und deren gegen Sd steil abfallende Hnge tausend Fu
hohe Profile bilden. Diese Quellen kommen meist aus Spalten oder engen
Schluchten hervor. Die Feuchtigkeit, die sie verbreiten, befrdert das
Wachsthum der groen Bume, und die Eingeborenen, welche einsame Orte
lieben, legen ihre *Conucos* lngs dieser Schluchten an. Bananen und
Melonenbume stehen hier um Gebsche von Baumfarn. Dieses Durcheinander
von cultivirten und wilden Gewchsen gibt diesen Punkten einen
eigenthmlichen Reiz. An den nackten Bergseiten erkennt man die Stellen,
wo Quellen zu Tage kommen, schon von weitem an den dichten Massen von
Grn, die anfangs am Gestein zu hngen scheinen und sich dann den
Windungen der Bche nach ins Thal hinunter ziehen.

Wir wurden von den Mnchen im Hospiz mit der grten Zuvorkommenheit
aufgenommen. Der Pater Gardian war nicht zu Hause; aber er war von unserem
Abgang von Cumana in Kenntni gesetzt und hatte Alles aufgeboten, um uns
den Aufenthalt angenehm zu machen. Das Hospiz hat einen innern Hof mit
einem Kreuzgang, wie die spanischen Klster. Dieser geschlossene Raum war
sehr bequem fr uns, um unsere Instrumente unterzubringen und zu
beobachten. Wir trafen im Kloster zahlreiche Gesellschaft: junge, vor
Kurzem aus Europa angekommene Mnche sollten eben in die Missionen
vertheilt werden, whrend alte krnkliche Missionre in der scharfen
gesunden Gebirgsluft von Caripe Genesung suchten. Ich wohnte in der Zelle
des Gardians, in der sich eine ziemlich ansehnliche Bchersammlung befand.
Ich fand hier zu meiner Ueberraschung neben Feijos _teatro critico_ und
den erbaulichen Briefen auch Abb Nollets _trait d'lectricit_. Der
Fortschritt in der geistigen Entwicklung ist, sollte man da meinen, sogar
in den Wldern Amerikas zu spren. Der jngste Kapuziner von der letzten
Mission(53) hatte eine spanische Uebersetzung von Chaptals Chemie
mitgebracht. Er gedachte dieses Werk in der Einsamkeit zu studiren, in der
er fortan fr seine brige Lebenszeit sich selbst berlassen seyn sollte.
Ich glaube kaum, da bei einem jungen Mnche, der einsam am Ufer des Rio
Tigre lebt, der Wissenstrieb wach und rege bleibt; aber so viel ist sicher
und gereicht dem Geist des Jahrhunderts zur Ehre, da wir bei unserern
Aufenthalt in den Klstern und Missionen Amerikas nie eine Spur von
Unduldsamkeit wahrgenommen haben. Die Mnche in Caripe wuten wohl, da
ich im protestantischen Deutschland zu Hause war. Mit den Befehlen des
Madrider Hofes in der Hand, hatte ich keinen Grund, ihnen ein Geheimni
daraus zu machen; aber niemals that irgend ein Zeichen von Mitrauen,
irgend eine unbescheidene Frage, irgend ein Versuch, eine Controverse
anzuknpfen, dem wohlthuenden Eindruck der Gastfreundschaft, welche die
Mnche mit so viel Herzlichkeit und Offenheit bten, auch nur den
geringsten Eintrag. Wir werden weiterhin untersuchen, woher diese
Duldsamkeit der Missionare rhrt und wie weit sie geht.

Das Kloster liegt an einem Orte, der in alter Zeit Areocuar hie. Seine
Meereshhe ist ungefhr dieselbe wie die der Stadt Caracas oder des
bewohnten Strichs in den blauen Bergen von Jamaica. Auch ist die mittlere
Temperatur dieser drei Punkte, die alle unter den Tropen liegen, so
ziemlich dieselbe. In Caripe fhlt man das Bedrfni, sich Nachts
zuzudecken, besonders bei Sonnenaufgang. Wir sahen den hunderttheiligen
Thermometer um Mitternacht zwischen 16 und 17 Grad (12,8-14 R.) stehen,
Morgens zwischen 19 und 20. Gegen ein Uhr Nachmittags stand er nur auf 21
bis 22,5. Es ist die eine Temperatur, bei der die Gewchse der heien
Zone noch wohl gedeihen; gegenber der bermigen Hitze auf den Ebenen
bei Cumana knnte man sie eine Frhlingstemperatur nennen. Das Wasser, das
man in porsen Thongesen dem Luftzug aussetzt, khlt sich in Caripe
whrend der Nacht auf 13 ab. Ich brauche nicht zu bemerken, da solches
Wasser einem fast eiskalt vorkommt, wenn man in Einem Tage entweder von
der Kste oder von den glhenden Savanen von Terezen ins Kloster kommt und
daher gewhnt ist, Fluwasser zu trinken, das meist 25-26 (20-20,8 R.)
warm ist.

Die mittlere Temperatur des Thals von Caripe scheint, nach der des Monats
September zu schlieen, 18,5 zu seyn. Nach den Beobachtungen, die man in
Cumana gemacht, weicht unter dieser Zone die Temperatur des Septembers von
der des ganzen Jahres kaum um einen halben Grad ab. Die mittlere
Temperatur von Caripe ist gleich der des Monats Juni zu Paris, wo brigens
die grte Hitze 10 Grad mehr betrgt als an den heiesten Tagen in
Caripe. Da das Kloster nur 400 Toisen ber dem Meere liegt, so fllt es
auf, wie rasch die Wrme von der Kste an abnimmt. Wegen der dichten
Wlder knnen die Sonnenstrahlen nicht vom Boden abprallen, und dieser ist
feucht und mit einem dicken Gras- und Moosfilz bedeckt. Bei anhaltend
nebligter Witterung ist von Sonnenwirkung ganze Tage lang nichts zu spren
und gegen Einbruch der Nacht wehen frische Winde von der Sierra del
Guacharo ins Thal herunter.

Die Erfahrung hat ausgewiesen, da das gemigte Klima und die leichte
Luft des Orts dem Anbau des Kaffeebaums, der bekanntlich hohe Lagen liebt,
sehr frderlich sind. Der Superior der Kapuziner, ein thtiger,
aufgeklrter Mann, hat in seiner Provinz diesen neuen Kulturzweig
eingefhrt. Man baute frher Indigo in Caripe, aber die Pflanze, die
starke Hitze verlangt, lieferte hier so wenig Farbstoff, da man es
aufgab. Wir fanden im Gemeinde-Conuco viele Kchenkruter, Mais,
Zuckerrohr und fnftausend Kaffeestmme, die eine reiche Ernte
versprachen. Die Mnche hofften in wenigen Jahren ihrer dreimal so viel zu
haben. Man sieht auch hier wieder, wie die geistliche Hierarchie berall,
wo sie es mit den Anfngen der Cultur zu thun hat, in derselben Richtung
ihre Thtigkeit entwickelt. Wo die Klster es noch nicht zum Reichthum
gebracht haben, auf dem neuen Continent wie in Gallien, in Syrien wie im
nrdlichen Europa, berall wirken sie hchst vortheilhaft auf die
Urbarmachung des Bodens und die Einfhrung fremdlndischer Gewchse. In
Caripe stellt sich der Gemeinde-Conuco als ein groer schner Garten dar.
Die Eingeborenen sind gehalten, jeden Morgen von sechs bis zehn Uhr darin
zu arbeiten. Die Alcaden und Alguazils von indianischem Blut fhren dabei
die Aufsicht. Es sind das die hohen Staatsbeamten, die allein einen Stock
tragen drfen und vom Superior des Klosters angestellt werden. Sie legen
auf jenes Recht sehr groes Gewicht. Ihr pedantischer, schweigsamer Ernst,
ihre kalte, geheimnivolle Miene, der Eifer, mit dem sie in der Kirche und
bei den Gemeindeversammlungen reprsentiren, kommt den Europern hchst
lustig vor. Wir waren an diese Zge im Charakter des Indianers noch nicht
gewhnt, fanden sie aber spter gerade so am Orinoco, in Mexico und Peru
bei Vlkern von sehr verschiedenen Sitten und Sprachen. Die Alcaden kamen
alle Tage ins Kloster, nicht sowohl um mit den Mnchen ber
Angelegenheiten der Mission zu verhandeln, als unter dem Vorwand, sich
nach dem Befinden der krzlich angekommenen Reisenden zu erkundigen. Da
wir ihnen Branntwein gaben, wurden die Besuche hufiger, als die
Geistlichen gerne sahen.

So lange wir uns in Caripe und in den andern Missionen der Chaymas
aufhielten, sahen wir die Indianer berall milde behandeln. Im Allgemeinen
schien uns in den Missionen der aragonesischen Kapuziner grundstzlich
eine Ordnung und eine Zucht zu herrschen, wie sie leider in der neuen Welt
selten zu finden sind. Mibruche, die mit dem allgemeinen Geist aller
klsterlichen Anstalten zusammenhngen, drfen dem einzelnen Orden nicht
zur Last gelegt werden. Der Gardian des Klosters Verkauft den Ertrag des
Gemeinde-Conuco, und da alle Indianer darin arbeiten, so haben auch alle
gleichen Theil am Gewinn. Mais, Kleidungsstcke, Ackergerthe, und, wie
man versichert, zuweilen auch Geld werden unter ihnen vertheilt. Diese
Mnchsanstalten haben, wie ich schon oben bemerkt, Aehnlichkeit mit den
Gemeinden der mhrischen Brder; sie frdern die Entwicklung in der
Bildung begriffener Menschenvereine, und in den katholischen Gemeinden,
die man Missionen nennt, wird die Unabhngigkeit der Familien und die
Selbststndigkeit der Genossenschaftsglieder mehr geachtet, als in den
protestantischen Gemeinden nach Zinzendorfs Regel.

Am berhmtesten ist das Thal von Caripe, neben der ausnehmenden Khle des
Klimas, durch die groe *Cueva* oder Hhle des *Guacharo*. In einem Lande,
wo man so groen Hang zum Wunderbaren hat, ist eine Hhle, aus der ein
Strom entspringt und in der Tausende von Nachtvgeln leben, mit deren Fett
man in den Missionen kocht, natrlich ein unerschpflicher Gegenstand der
Unterhaltung und des Streits. Kaum hat daher der Fremde in Cumana den Fu
ans Land gesetzt, so hrt er zum Ueberdru vom Augenstein von Araya, vom
Landmann in Arenas, der sein Kind gesugt, und von der Hhle des Guacharo,
die mehrere Meilen lang seyn soll. Lebhafte Theilnahme an
Naturmerkwrdigkeiten erhlt sich berall, wo in der Gesellschaft kein
Leben ist, wo in trbseliger Eintnigkeit die alltglichen Vorkommnisse
sich ablsen, bei denen die Neugierde keine Nahrung findet.

Die Hhle, welche die Einwohner eine Fettgrube nennen, liegt nicht im
Thal von Caripe selbst, sondern drei kleine Meilen vom Kloster gegen
West-Sd-West. Sie mndet in einem Seitenthale aus, das der *Sierra des
Guacharo* zuluft. Am 18. September brachen wir nach der Sierra auf,
begleitet von den indianischen Alcaden und den meisten Ordensmnnern des
Klosters. Ein schmaler Pfad fhrte zuerst anderthalb Stunden lang sdwrts
ber eine lachende, schn beraste Ebene, dann wandten wir uns westwrts an
einem kleinen Flusse hinauf, der aus der Hhle hervorkommt. Man geht drei
Viertelstunden lang aufwrts bald im Wasser, das nicht tief ist, bald
zwischen dem Flu und einer Felswand, auf sehr schlpfrigem, morastigem
Boden. Zahlreiche Erdflle, umherliegende Baumstmme, ber welche die
Maulthiere nur schwer hinber kommen, die Rankengewchse am Boden machen
dieses Stck des Weges sehr ermdend. Wir waren berrascht, hier, kaum
500 Toisen ber dem Meere, eine Kreuzblthe zu finden, den _Raphanus
pinnatus_. Man wei, wie selten Arten dieser Familie unter den Tropen
sind; sie haben gleichsam einen *nordischen Typus*, und auf diesen waren
wir hier auf dem Plateau von Caripe, in so geringer Meereshhe, nicht
gefat.

Wenn man am Fu des hohen Guacharoberges nur noch vierhundert Schritte von
der Hhle entfernt ist, sieht man den Eingang noch nicht. Der Bach luft
durch eine Schlucht, die das Wasser eingegraben, und man geht unter einem
Felsenberhang, so da man den Himmel gar nicht sieht. Der Weg schlngelt
sich mit dem Flu und bei der letzten Biegung steht man auf einmal vor der
ungeheuren Mndung der Hhle. Der Anblick hat etwas Groartiges selbst fr
Augen, die mit der malerischen Scenerie der Hochalpen vertraut sind. Ich
hatte damals die Hhlen am Pic von Derbyshire gesehen, wo man, in einem
Rachen ausgestreckt, unter einem zwei Fu hohen Gewlbe ber einen
unterirdischen Flu setzt. Ich hatte die schne Hhle von Treshemienshiz
in den Karpathen befahren, ferner die Hhlen im Harz und in Franken, die
groe Grabsttten sind fr die Gebeine von Tigern, Hynen und Bren, die
so gro waren, wie unsere Pferde. Die Natur gehorcht unter allen Zonen
unabnderlichen Gesetzen in der Vertheilung der Gebirgsarten, in der
ueren Gestaltung der Berge, selbst in den gewaltsamen Vernderungen,
welche die uere Rinde unseres Planeten erlitten hat. Nach dieser groen
Einfrmigkeit konnte ich glauben, die Hhle von Caripe werde im Aussehen
von dem, was ich der Art auf meinen frheren Reisen beobachtet, eben nicht
sehr abweichen; aber die Wirklichkeit bertraf meine Erwartung weit. Wenn
einerseits alle Hhlen nach ihrer ganzen Bildung, durch den Glanz der
Stalaktiten, in allem, was die unorganisches Natur betrifft, auffallende
Aehnlichkeit mit einander haben, so gibt andererseits der groartige
tropische Pflanzenwuchs der Mndung eines solchen Erdlochs einen ganz
eigenen Charakter.

Die Cueva del Guacharo ffnet sich im senkrechten Profil eines Felsen. Der
Eingang ist nach Sd gekehrt; es ist eine Wlbung achtzig Fu breit und
siebzig hoch, also bis auf ein Fnftheil so hoch als die Colonnade des
Louvre. Auf dem Fels ber der Grotte stehen riesenhafte Bume. Der Mamei
und der Genipabaum mit breiten glnzenden Blttern strecken ihre Aeste
gerade gen Himmel, whrend die des Courbaril und der Erythrina sich
ausbreiten und ein dichtes grnes Gewlbe bilden. Pothos mit saftigen
Stengeln, Oxalis und Orchideen von seltsamem Bau [Ein _Dendrobium_ mit
goldgelber, schwarzgefleckter, drei Zoll langer Blthe] wachsen in den
drrsten Felsspalten, whrend vom Winde geschaukelte Rankengewchse sich
vor dem Eingang der Hhle zu Gewinden verschlingen. Wir sahen in diesen
Blumengewinden eine violette Bignonie, das purpurfarbige Dolichos und zum
erstenmal die prachtvolle Solandra, deren orangegelbe Blthe eine ber
vier Zoll lange fleischige Rhre hat. Es ist mit dem Eingang der Hhlen,
wie mit der Ansicht der Wasserflle; der Hauptreiz besteht in der mehr
oder weniger groartigen Umgebung, die den Charakter der Landschaft
bestimmt. Welcher Contrast zwischen der Cueva de Caripe und den Hhlen im
Norden, die von Eichen und dstern Lerchen beschattet sind!

Aber diese Pflanzenpracht schmckt nicht allein die Auenseite des
Gewlbes, sie dringt sogar in den Vorhof der Hhle ein. Mit Erstaunen
sahen wir, da achtzehn Fu hohe prchtige Heliconien mit Pisangblttern,
Pragapalmen und baumartige Arumarten die Ufer des Baches bis unter die
Erde sumten. Die Vegetation zieht sich in die Hhle von Caripe hinein,
wie in die tiefen Felsspalten in den Anden, in denen nur ein Dmmerlicht
herrscht, und sie hrt erst 30-40 Schritte vom Eingang auf. Wir maen den
Weg mittelst eines Stricks und waren gegen vier hundert dreiig Fu weit
gegangen, ehe wir nthig hatten die Fackeln anzuznden. Das Tageslicht
dringt so weit ein, weil die Hhle nur Einen Gang bildet, der sich in
derselben Richtung von Sdost nach Nordwest hineinzieht. Da wo das Licht
zu verschwinden anfngt, hrt man das heisere Geschrei der Nachtvgel,
die, wie die Eingeborenen glauben, nur in diesen unterirdischen Rumen zu
Hause sind.

Der Guacharo hat die Gre unserer Hhner, die Stimme der Ziegenmelker und
Procnias, die Gestalt der geierartigen Vgel mit Bscheln steifer Seide um
den krummen Schnabel. Streicht man nach Cuvier die Ordnung der _Picae_
(Spechte), so ist dieser merkwrdige Vogel unter die _Passeres_ stellen,
deren Gattungen fast unmerklich in einander bergehen. Ich habe ihn im
zweiten Band meiner _Observations de zoologie et d'anatomie compare_ in
einer eigenen Abhandlung unter dem Namen _Steatornis_ (Fettvogel)
beschrieben. Er bildet eine neue Gattung, die sich von _Caprimulgus_ durch
den Umfang der Stimme, durch den ausnehmend starken mit einem doppelten
Zahn versehenen Schnabel, durch den Mangel der Haut zwischen den vorderen
Zehengliedern wesentlich unterscheidet. In der Lebensweise kommt er sowohl
den Ziegenmelkern als den Alpenkrhen [_Corvus Pyrrhocorax_] nahe. Sein
Gefieder ist dunkel graublau, mit kleinen schwarzen Streifen und Tupfen;
Kopf, Flgel und Schwanz zeigen groe, weie, herzfrmige, schwarz
gesumte Flecken. Die Augen des Vogels knnen das Tageslicht nicht
ertragen, sie sind blau und kleiner als bei den Ziegenmelkern. Die Flgel
haben 17-18 Schwungfedern und ihre Spannung betrgt 3 Fu. Der Guacharo
verlt die Hhle bei Einbruch der Nacht, besonders bei Mondschein. Es ist
so ziemlich der einzige krnerfressende Nachtvogel, den wir bis jetzt
kennen; schon der Bau seiner Fe zeigt, da er nicht jagt wie unsere
Eulen. Er frit sehr harte Samen, wie der Nuheher (_Corvus
cariocatactes_) und der _Pyrrhocorax_. Letzterer nistet auch in
Felsspalten und heit der Nachtrabe. Die Indianer behaupten, der
Guacharo gehe weder Insekten aus der Ordnung der Lamellicornia (Kfern),
noch Nachtschmetterlingen nach, von denen die Ziegenmelker sich nhren.
Man darf nur die Schnbel des Guacharo und des Ziegenmelkers vergleichen,
um zu sehen, da ihre Lebensweise ganz verschieden seyn mu.

Schwer macht man sich einen Begriff vom furchtbaren Lrm, den Tausende
dieser Vgel im dunkeln Innern der Hhle machen. Er lt sich nur mit dem
Geschrei unserer Krhen vergleichen, die in den nordischen Tannenwldern
gesellig leben und auf Bumen nisten, deren Gipfel einander berhren. Das
gellende durchdringende Geschrei der Guacharos hallt wider vom Felsgewlbe
und aus der Tiefe der Hhle kommt es als Echo zurck. Die Indianer zeigten
uns die Nester der Vgel, indem sie Fackeln an eine lange Stange banden.
Sie stacken 60-70 Fu hoch ber unsern Kpfen in trichterfrmigen Lchern,
von denen die Decke wimmelt. Je tiefer man in die Hhle hinein kommt, je
mehr Vgel das Licht der Copalfackeln aufscheucht, desto strker wird der
Lrm. Wurde es ein paar Minuten ruhiger um uns her, so erschallte von
weither das Klaggeschrei der Vgel, die in andern Zweigen der Hhle
nisteten. Die Banden lsten einander im Schreien ordentlich ab.

Jedes Jahr um Johannistag gehen die Indianer mit Stangen in die Cueva del
Guacharo und zerstren die meisten Nester. Man schlgt jedesmal mehrere
tausend Vgel todt, wobei die Alten, als wollten sie ihre Brut
vertheidigen, mit furchtbarem Geschrei den Indianern um die Kpfe fliegen.
Die Jungen, die zu Boden fallen, werden auf der Stelle ausgeweidet. Ihr
Bauchfell ist stark mit Fett durchwachsen, und eine Fettschicht luft vom
Unterleib zum After und bildet zwischen den Beinen des Vogels eine Art
Knopf. Da krnerfressende Vgel, die dem Tageslicht nicht ausgesetzt sind
und ihre Muskeln wenig brauchen, so fett werden, erinnert an die uralten
Erfahrungen beim Msten der Gnse und des Viehs. Man wei, wie sehr
dasselbe durch Dunkelheit und Ruhe befrdert wird. Die europischen
Nachtvgel sind mager, weil sie nicht wie der Guacharo von Frchten,
sondern vom drftigen Ertrag ihrer Jagd leben. Zur Zeit der Fetternte
(_cosecha de la manteca_), wie man es in Caripe nennt, bauen sich die
Indianer aus Palmblttern Htten am Eingang und im Vorhof der Hhle. Wir
sahen noch Ueberbleibsel derselben. Hier lt man das Fett der jungen,
frisch getdteten Vgel am Feuer aus und giet es in Thongefsse. Dieses
Fett ist unter dem Namen Guacharoschmalz oder Oel (_manteca_ oder
_aceite_) bekannt; es ist halbflssig, hell und geruchlos. Es ist so rein,
da man es lnger als ein Jahr aufbewahren kann, ohne da es ranzig wird.
In der Klsterkche zu Caripe wurde kein anderes Fett gebraucht als das
aus der Hhle, und wir haben nicht bemerkt, da die Speisen irgend einen
unangenehmen Geruch oder Geschmack davon bekmen.

Die Menge des gewonnenen Oels steht mit dem Gemetzel, das die Indianer
alle Jahre in der Hhle anrichten, in keinem Verhltni. Man bekommt,
scheint es, nicht mehr als 150 bis 160 Flaschen (zu 44 Kubikzoll) ganz
reine Manteca; das brige weniger helle wird in groen irdenen Gefssen
aufbewahrt. Dieser Industriezweig der Eingeborenen erinnert an das Sammeln
des Taubenfetts [Das _pigeon oil_ kommt von der Wandertaube, _Columba
migratoria_.] in Carolina, von dem frher mehrere tausend Fsser gewonnen
wurden. Der Gebrauch des Guacharofetts ist in Caripe uralt und die
Missionare haben nur die Gewinnungsart geregelt. Die Mitglieder einer
indianischen Familie Namens Morocoymas behaupten von den ersten Ansiedlern
im Thale abzustammen und als solche rechtmige Eigenthmer der Hhle zu
seyn; sie beanspruchen das Monopol des Fetts, aber in Folge der
Klosterzucht sind ihre Rechte gegenwrtig nur noch Ehrenrechte. Nach dem
System der Missionare haben die Indianer Guacharol fr das ewige
Kirchenlicht zu liefern; das Uebrige, so behauptet man, wird ihnen
abgekauft. Wir erlauben uns kein Urtheil weder ber die Rechtsansprche
der Morocoymas, noch ber den Ursprung der von den Mnchen den Indianern
auferlegten Verpflichtung. Es erschiene natrlich, da der Ertrag der Jagd
denen gehrte, die sie anstellen; aber in den Wldern der neuen Welt, wie
im Schooe der europischen Cultur, bestimmt sich das ffentliche Recht
darnach, wie sich das Verhaltni zwischen dem Starken und dem Schwachen,
zwischen dem Eroberer und dem Unterworfenen gestaltet.

Das Geschlecht der Guacharos ware lngst ausgerottet, wenn nicht mehrere
Umstnde zur Erhaltung desselben zusammenwirkten. Aus Aberglauben wagen
sich die Indianer selten weit in die Hhle hinein. Auch scheint derselbe
Vogel in benachbarten, aber dem Menschen unzugnglichen Hhlen zu nisten.
Vielleicht bevlkert sich die groe Hhle immer wieder mit Colonien,
welche aus jenen kleinen Erdlchern ausziehen; denn die Missionre
versicherten uns, bis jetzt habe die Menge der Vgel nicht merkbar
abgenommen. Man hat junge Guacharos in den Hafen von Cumana gebracht; sie
lebten da mehrere Tage, ohne zu fressen, da die Krner, die man ihnen gab,
ihnen nicht zusagten. Wenn man in der Hhle den jungen Vgeln Kropf und
Magen ausschneidet, findet man mancherlei harte, trockene Samen darin, die
unter dem seltsamen Namen Guacharosamen (_semilla del Guacharo_) ein
vielberufenes Mittel gegen Wechselfieber sind. Die Alten bringen diese
Samen den Jungen zu. Man sammelt sie sorgfltig und lt sie den Kranken
in Cariaco und andern tief gelegenen Fieberstrichen zukommen.

Wir gingen in die Hhle hinein und am Bache fort, der daraus entspringt.
Derselbe ist 28-30 Fu breit. Man verfolgt das Ufer, so lange die Hgel
aus Kalkincrustationen die gestatten; oft, wenn sich der Bach zwischen
sehr hohen Stalaktitenmassen durchschlngelt, mu man in das Bette selbst
hinunter, das nur zwei Fu tief ist. Wir hrten zu unserer Ueberraschung,
diese unterirdische Wasserader sey die Quelle des Rio Caripe, der wenige
Meilen davon, nach seiner Vereinigung mit dem kleinen Rio de Santa Maria,
fr Piroguen schiffbar wird. Am Ufer des unterirdischen Baches fanden wir
eine Menge Palmholz; es sind Ueberbleibsel der Stmme, auf denen die
Indianer zu den Vogelnestern an der Decke der Hhle hinaufsteigen. Die von
den Narben der alten Blattstiele gebildeten Ringe dienen gleichsam als
Sprossen einer aufrecht stehenden Leiter.

Die Hhle von Caripe behlt, genau gemessen, auf 472 Meter oder 1458 Fu
dieselbe Richtung, dieselbe Breite und die anfngliche Hhe von 60-70 Fu.
Ich kenne auf beiden Continenten keine zweite Hhle von so gleichfrmiger,
regelmiger Gestalt. Wir hatten viele Mhe, die Indianer zu bewegen, da
sie ber das vordere Stck hinausgingen, das sie allein jhrlich zum
Fettsammeln besuchen. Es brauchte das ganze Ansehen der Patres, um sie bis
zu der Stelle zu bringen, wo der Boden rasch unter einem Winkel von
60 Grad ansteigt und der Bach einen kleinen unterirdischen Fall bildet.
Diese von Nachtvgeln bewohnte Hhle ist fr die Indianer ein schauerlich
geheimnivoller Ort; sie glauben, tief hinten wohnen die Seelen ihrer
Vorfahren. Der Mensch, sagen sie, soll Scheu tragen vor Orten, die weder
von der Sonne, *Zis*, noch vom Monde, *Nuna*, beschienen sind. Zu den
Guacharos gehen, heit so viel, als zu den Vtern versammelt werden,
sterben. Daher nahmen auch die Zauberer, *Piaches*, und die Giftmischer,
*Imorons*, ihre nchtlichen Gaukeleien am Eingang der Hhle vor, um den
Obersten der bsen Geister, *Ivorokiamo*, zu beschwren. So gleichen sich
unter allen Himmelsstrichen die ltesten Mythen der Vlker, vor allen
solche, die sich aus zwei die Welt regierende Krfte, auf den Aufenthalt
der Seelen nach dem Tod, auf den Lohn der Gerechten und die Strafe der
Bsen beziehen. Die verschiedensten und darunter die rohesten Sprachen
haben gewisse Bilder mit einander gemein, weil diese unmittelbar aus dem
Wesen unseres Denk- und Empfindungsvermgens flieen. Finsterni wird
aller Orten mit der Vorstellung des Todes in Verbindung gebracht. Die
Hhle von Caripe ist der Tartarus der Griechen, und die Guacharos, die
unter klglichem Geschrei ber dem Wasser flattern, mahnen an die
stygischen Vgel.

Da wo der Bach den unterirdischen Fall bildet, stellt sich das dem
Hhleneingang gegenber liegende, grn bewachsene Gelnde ungemein
malerisch dar. Man sieht vom Ende eines geraden, 240 Toisen langen Ganges
daraus hinaus. Die Stalaktiten, die von der Decke herabhngen und in der
Luft schwebenden Sulen gleichen, heben sich von einem grnen Hintergrunde
ab. Die Oeffnung der Hhle erscheint um die Mitte des Tages auffallend
enger als sonst, und wir sahen sie vor uns im glnzenden Lichte, das
Himmel, Gewchse und Gestein zumal widerstrahlen. Das ferne Tageslicht
stach grell ab von der Finsterni, die uns in diesen unterirdischen Rumen
umgab. Wir hatten unsere Gewehre fast auf Gerathewohl abgeschossen, so oft
wir aus dem Geschrei und dem Flgelschlagen der Nachtvgel schlieen
konnten, da irgendwo recht viele Nester beisammen seyen. Nach mehreren
fruchtlosen Versuchen gelang es Bonpland, zwei Guacharos zu schieen, die,
vom Fackelschein geblendet, uns nachflatterten. Damit fand ich
Gelegenheit, den Vogel zu zeichnen, der bis dahin den Zoologen ganz
unbekannt gewesen war. Wir erkletterten nicht ohne Beschwerde die
Erhhung, ber die der unterirdische Bach herunter kommt. Wir sahen da,
da die Hhle sich weiterhin bedeutend verengert, nur noch 40 Fu hoch ist
und nordostwrts in ihrer ursprnglichen Richtung, parallel mit dem groen
Thale des Caripe, fortstreicht.

In dieser Gegend der Hhle setzt der Bach eine schwrzlichte Erde ab, die
groe Aehnlichkeit hat mit dem Stoff, der in der Muggendorfer Hhle in
Franken Opfererde heit. Wir konnten nicht ausfindig machen, ob diese
feine, schwammigte Erde durch Spalten im Gestein, die mit dem Erdreich
auerhalb in Verbindung stehen, hereinfllt, oder ob sie durch das
Regenwasser, das in die Hhle dringt, hereingefltzt wird. Es war ein
Gemisch von Kieselerde, Thonerde und vegetabilischem Detritus. Wir gingen
in dickem Koth bis zu einer Stelle, wo uns zu unserer Ueberraschung, eine
unterirdische Vegetation entgegentrat. Die Samen, welche die Vgel zum
Futter fr ihre Jungen in die Hhle bringen, keimen berall, wo sie auf
die Dammerde fallen, welche die Kalkincrustationen bedeckt. Vergeilte
Stengel mit ein paar Blattrudimenten waren zum Theil zwei Fu hoch. Es war
unmglich, Gewchse, die sich durch den Mangel an Licht nach Form, Farbe
und ganzem Habitus vllig umgewandelt hatten, specifisch zu unterscheiden.
Diese Spuren von Organisation im Schoe der Finsterni reizten gewaltig
die Neugier der Eingeborenen, die sonst so stumpf und schwer anzuregen
sind. Sie betrachteten sie mit stillem, nachdenklichem Ernst, wie er sich
an einem Orte ziemte, der fr sie solche Schauer hat. Diese unterirdischen
bleichen, formlosen Gewchse mochten ihnen wie Gespenster erscheinen, die
vom Erdboden hieher gebannt waren. Mich aber erinnerten sie an eine der
glcklichsten Zeiten meiner frhen Jugend, an einen langen Aufenthalt in
den Freiberger Erzgruben, wo ich ber das Vergeilen der Pflanzen Versuche
anstellte, die sehr verschieden ausfielen, je nachdem die Luft rein war
oder viel Wasserstoff und Stickstoff enthielt.

Mit aller ihrer Autoritt konnten die Missionre die Indianer nicht
vermgen, noch weiter in die Hhle hinein zu gehen. Je mehr die Decke sich
senkte, desto gellender wurde das Geschrei der Guacharos. Wir muten uns
der Feigheit unserer Fhrer gefangen geben und umkehren. Man sah auch
berall so ziemlich das Nmliche. Ein Bischof von St. Thomas in Guyana
scheint weiter gekommen zu seyn als wir; er hatte vom Eingang bis zum
Punkt, wo er Halt machte, 2500 Fu gemessen, und die Hhle lief noch
weiter sort. Die Erinnerung an diesen Vorfall hat sich im Kloster Caripe
erhalten, nur wei man den Zeitpunkt nicht genau. Der Bischof hatte sich
mit dicken Kerzen aus weiem spanischem Wachs versehen; wir hatten nur
Fackeln aus Baumrinde und einheimischem Harz. Der dicke Rauch solcher
Fackeln in engem unterirdischem Raum thut den Augen weh und macht das
Athmen beschwerlich.

Wir gingen dem Bache nach wieder zur Hhle hinaus. Ehe unsere Augen vom
Tageslicht geblendet wurden, sahen wir vor der Hhle drauen das Wasser
durch das Laub der Bume glnzen. Es war, als stnde weit weg ein Gemlde
vor uns und die Oeffnung der Hhle wre der Rahmen dazu. Als wir endlich
heraus waren, setzten wir uns am Bache nieder und ruhten von der
Anstrengung aus. Wir waren froh, da wir das heisere Geschrei der Vgel
nicht mehr hrten und einen Ort hinter uns hatten, wo sich mit der
Dunkelheit nicht der wohlthuende Eindruck der Ruhe und Stille paart. Wir
konnten es kaum glauben, da der Name der Hhle von Caripe bis jetzt in
Europa vllig unbekannt gewesen seyn sollte. Schon wegen der Guacharos
htte sie berhmt werden sollen; denn auer den Bergen von Caripe und
Cumanacoa hat man diese Nachtvgel bis jetzt nirgends angetroffen.

Die Missionre hatten am Eingang der Hhle ein Mahl zurichten lassen.
Pisang- und Bijaobltter, die seidenartig glnzen, dienten uns, nach
Landessitte als Tischtuch. Wir wurden trefflich bewirthet, sogar mit
geschichtlichen Erinnerungen die so selten sind in Lndern, wo die
Geschlechter einander ablsten, ohne eine Spur ihres Daseyns zu
hinterlassen. Wohlgefllig erzhlten uns unsere Wirthe, die ersten
Ordensleute, die in diese Berge gekommen, um das kleine Dorf Santa Maria
zu grnden, haben einen Monat lang in der Hhle hier gelebt und auf einem
Stein bei Fackellicht das heilige Meopfer gefeiert. Die Missionre hatten
am einsamen Orte Schutz gefunden vor der Verfolgung eines Huptlings der
Tuapocans, der am Ufer des Rio Caripe sein Lager aufgeschlagen.

So viel wir uns auch bei den Einwohnern von Caripe, Cumanacoa und Cariaco
erkundigten, wir hrten nie, da man in der Hhle des Guacharo je Knochen
von Fleischfressern oder Knochenbreccien mit Pflanzenfressern gefunden
htte, wie sie in den Hhlen Deutschlands und Ungarns oder in den Spalten
des Kalksteins bei Gibraltar vorkommen. Die fossilen Knochen der
Megatherien, Elephanten und Mastodonten, welche Reisende aus Sdamerika
mitgebracht, gehren smmtlich dem ausgeschwemmten Land in den Thlern und
auf hohen Plateans an. Mit Ausnahme des Megalonyx,(54) eines Faulthiers
von der Gre eines Ochsen, das Jefferson beschrieben, kenne ich bis jetzt
auch nicht Einen Fall, da in einer Hhle der neuen Welt ein Thierskelett
gefunden worden wre. Da diese zoologische Erscheinung hier so ausnehmend
selten ist, erscheint weniger auffallend, wenn man bedenkt, da es in
Frankreich, England und Italien auch eine Menge Hhlen gibt, in denen man
nie eine Spur von fossilen Knochen entdeckt hat.

Die interessanteste Beobachtung, welche der Physiker in den Hhlen
anstellen kann, ist die genaue Bestimmung ihrer Temperatur. Die Hhle von
Caripe liegt ungefhr unter 10 10' der Breite, also mitten im heien
Erdgrtel, und 506 Toisen ber dem Spiegel des Wassers im Meerbusen von
Cariaco. Wir fanden im September die Temperatur der Luft im Innern
durchaus zwischen 18,4 und 18,9 der hunderttheiligen Scale. Die uere
Luft hatte 16,2. Beim Eingang der Hhle zeigte der Thermometer an der
Luft 17,6, aber im Wasser des unterirdischen Bachs bis hinten in der
Hhle 16,8. Diese Beobachtungen sind von groer Bedeutung, wenn man ins
Auge fat, wie sich zwischen Wasser, Luft und Boden die Wrme ins
Gleichgewicht zu setzen strebt. Ehe ich Europa verlie, beklagten sich die
Physiker noch, da man so wenig Anhaltspunkte habe, um zu bestimmen, was
man ein wenig hochtrabend *die Temperatur des Erdinnern* heit, und erst
in neuerer Zeit hat man mit einigem Erfolg an der Lsung dieses groen
Problems der unterirdischen Meteorologie gearbeitet. Nur die
Steinschichten, welche die Rinde unseres Planeten bilden, sind der
unmittelbaren Forschung zugnglich, und man wei jetzt, da die mittlere
Temperatur dieser Schichten sich nicht nur nach der Breite und der
Meereshhe verndert, sondern da sie auch je nach der Lage des Orts im
Verlauf des Jahrs regelmige Schwingungen um die mittlere Temperatur der
benachbarten Luft beschreibt. Die Zeit ist schon fern, wo man sich
wunderte, wenn man in andern Himmelsstrichen in Hhlen und Brunnen eine
andere Temperatur beobachtete, als in den Kellern der Pariser Sternwarte.
Dasselbe Instrument, das in diesen Kellern 12 Grad zeigt, steigt in
unterirdischen Rumen auf Madera bei Funchal aus 16,2, im
St. Josephsbrunnen in Cairo auf 21,2, in den Grotten der Insel Cuba auf
22-23 Grad. Diese Zunahme ist ungefhr proportional der Zunahme der
mittleren Lufttemperaturen vom 48. Grad der Breite bis zum Wendekreis.

Wir haben eben gesehen, da in der Hhle des Guacharo das Wasser des
Baches gegen 2 Grad khler ist als die umgebende Luft im unterirdischen
Raum. Das Wasser, ob es nun durch das Gestein sickert oder ber ein
steinigtes Bette fliet, nimmt unzweifelhaft die Temperatur des Gesteins
oder des Bettes an. Die Luft in der Hhle dagegen steht nicht still, sie
communicirt mit der Atmosphre drauen. Und wenn nun auch in der heien
Zone die Schwankungen in der uern Temperatur sehr unbedeutend sind, so
bilden sich dennoch Strmungen, durch welche die Luftwrme im Innern
periodische Vernderungen erleidet. Demnach knnte man die Temperatur des
Wassers, also 16,8, als die Bodentemperatur in diesen Bergen betrachten,
wenn man sicher wre, da das Wasser nicht rasch von benachbarten hheren
Bergen herabkommt.

Aus diesen Betrachtungen folgt, da, wenn man auch keine ganz genauen
Resultate erhlt, sich doch in jeder Zone *Grenzzahlen* auffinden lassen.
In Caripe, unter den Tropen, ist in 500 Toisen Meereshhe die mittlere
Temperatur der Erde nicht unter 16,8; die geht aus der Messung der
Temperatur des unterirdischen Wassers hervor. So lt sich nun aber auch
beweisen, da diese Temperatur des Bodens nicht hher seyn kann als 19,
weil die Luft in der Hhle im September 18,7 zeigt. Da die mittlere
Luftwrme im heiesten Monat 19,5 nicht bersteigt, so wrde man sehr
wahrscheinlich zu keiner Zeit des Jahres den Thermometer in der Luft der
Hhle ber 19 steigen sehen. Diese Ergebnisse, wie so manche andere, die
wir in dieser Reisebeschreibung mittheilen, mgen fr sich betrachtet von
geringem Belang scheinen; vergleicht man sie aber mit den krzlich von
Leopold von Buch und Wahlenberg unter dem Polarcirkel angestellten
Beobachtungen, so verbreiten sie Licht ber den Haushalt der Natur im
Groen und ber den bestndigen Wrmeaustausch zwischen Luft und Boden zu
Herstellung des Gleichgewichts. Es ist kein Zweifel mehr, da in Lappland
die feste Erdrinde eine um 3 bis 4 Grad *hhere* mittlere Temperatur hat
als die Luft. Bringt die Klte, welche in den Tiefen des tropischen Meeres
in Folge der Polarstrme fortwhrend herrscht, im heien Erdstrich eine
merkbare Verminderung der Temperatur des Bodens hervor? Ist diese
Temperatur dort *niedriger* als die der Luft? Das wollen wir in der Folge
untersuchen, wenn wir in den hohen Regionen der Cordilleren mehr
Beobachtungen zusammengebracht haben werden.

                            ------------------





   53 Auer den Drfern, in denen Eingeborene unter der Obhut eines
      Geistlichen stehen, nennt man in den spanischen Colonien *Mission*
      auch die jungen Mnche, die mit einander aus einem spanischen Hafen
      abgehen, um in der neuen Welt oder auf den Philippinen die
      Niederlassungen der Ordensgeistlichen zu ergnzen. Daher der
      Ausdruck: in Cadix eine neue *Mission* holen.

   54 Der Megalonyx wurde in den Hhlen von Green-Briar in Virginien
      gefunden, 1500 Meilen vom Megatherium, dem er sehr nahe steht und
      das so gro war wie ein Nashorn.





ACHTES KAPITEL


      Abreise von Caripe. -- Berg und Wald Santa Maria. -- Die Mission
                      Catuaro. -- Hafen von Cariaco.


Rasch verflossen uns die Tage, die wir im Kapuzinerkloster in den Bergen
von Caripe zubrachten, und doch war unser Leben so einfach als einfrmig.
Von Sonnenaufgang bis Einbruch der Nacht streiften wir durch die
benachbarten Wlder und Berge, um Pflanzen zu sammeln, deren wir nie genug
beisammen haben konnten. Konnten wir des starken Regens wegen nicht weit
hinaus, so besuchten wir die Htten der Indianer, den Gemeinde-Conuco oder
die Versammlungen, in denen die Alcaden jeden Abend die Arbeiten fr den
folgenden Tag austheilen. Wir kehrten erst ins Kloster zurck, wenn uns
die Glocke ins Refectorium an den Tisch der Missionre rief. Zuweilen
gingen wir mit ihnen frh Morgens in die Kirche, um der _Doctrina_
beizuwohnen, das heit dem Religionsunterricht der Eingeborenen. Es ist
ein zum wenigsten sehr gewagtes Unternehmen, mit Neubekehrten ber Dogmen
zu verhandeln, zumal wenn sie des Spanischen nur in geringem Grade mchtig
sind. Andererseits verstehen gegenwrtig die Ordensleute von der Sprache
der Chaymas so gut wie nichts, und die Aehnlichkeit gewisser Laute
verwirrt den armen Indianern die Kpfe so sehr, da sie sich die
wunderlichsten Vorstellungen machen. Ich gebe nur Ein Beispiel. Wir sahen
eines Tags, wie sich der Missionr groe Mhe gab, darzuthun, da
_infierno_ die Hlle, und _invierno_ der Winter, nicht dasselbe Ding
seyen, sondern so verschieden wie Hitze und Frost. Die Chaymas kennen
keinen andern Winter als die Regenzeit, und unter der Hlle der Weien
dachten sie sich einen Ort, wo die Bsen furchtbaren Regengssen
ausgesetzt seyen. Der Missionr verlor die Geduld, aber es half Alles
nichts: der erste Eindruck, den zwei hnliche Consonanten hervorgebracht,
war nicht mehr zu verwischen; im Kopfe der Neophyten waren die
Vorstellungen Regen und Hlle, _invierno_ und _infierno_, nicht mehr aus
einander zu bringen.

Nachdem wir fast den ganzen Tag im Freien zugebracht, schrieben wir Abends
im Kloster unsere Beobachtungen und Bemerkungen nieder, trockneten unsere
Pflanzen und zeichneten die, welche nach unserer Ansicht neue Gattungen
bildeten. Die Mnche lieen uns volle Freiheit und wir denken mit
Vergngen an einen Aufenthalt zurck, der so angenehm als fr unser
Unternehmen frderlich war. Leider war der bedeckte Himmel in einem Thal,
wo die Wlder ungeheure Wassermassen an die Luft abgeben, astronomischen
Beobachtungen nicht gnstig. Ich blieb Nachts oft lange auf, um den
Augenblick zu bentzen, wo sich ein Stern vor seinem Durchgang durch den
Meridian zwischen den Wolken zeigen wrde. Oft zitterte ich vor Frost,
obgleich der Thermometer nie unter 16 Grad fiel. Es ist die in unserem
Klima die Tagestemperatur gegen Ende Septembers. Die Instrumente blieben
mehrere Stunden im Klosterhof aufgestellt, und fast immer harrte ich
vergebens. Ein paar gute Beobachtungen Fomahaults und Denebs im Schwan
ergaben fr Caripe 10 10' 14" Breite, wornach es auf der Karte von Caulin
um 18', auf der von Arrowsmith um 14' unrichtig eingezeichnet ist.

Der Verdru, da der bedeckte Himmel uns die Sterne entzog, war der
einzige, den wir im Thal von Caripe erlebt. Wildheit und Friedlichkeit,
Schwermuth und Lieblichkeit, beides zusammen ist der Charakter der
Landschaft. Inmitten einer so gewaltigen Natur herrscht in unserm Innern
nur Friede und Ruhe. Ja noch mehr, in der Einsamkeit dieser Berge wundert
man sich weniger ber die neuen Eindrcke, die man bei jedem Schritte
erhlt, als darber, da die verschiedensten Klimate so viele Zge mit
einander gemein haben. Auf den Hgeln, an die das Kloster sich lehnt,
stehen Palmen und Baumfarn; Abends, wenn der Himmel auf Regen deutet,
schallt das eintnige Geheul der rothen Brllaffen durch die Luft, das dem
fernen Brausen des Windes im Walde gleicht. Aber trotz dieser unbekannten
Tne, dieser fremdartigen Gestalten der Gewchse, all dieser Wunder einer
neuen Welt, lt doch die Natur den Menschen aller Orten eine Stimme
hren, die in vertrauten Lauten zu ihm spricht. Der Rasen am Boden, das
alte Moos und das Farnkraut auf den Baumwurzeln, der Bach, der ber die
geneigten Kalksteinschichten niederstrzt, das harmonische Farbenspiel von
Wasser, Grn und Himmel, Alles ruft dem Reisenden wohlbekannte
Empfindungen zurck.

Die Naturschnheiten dieser Berge nahmen uns vllig in Anspruch, und so
wurden wir erst am Ende gewahr, da wir den guten gastfreundlichen Mnchen
zur Last fielen. Ihr Vorrath von Wein und Weizenbrod war nur gering, und
wenn auch der eine wie das andere dort zu Lande bei Tisch nur als
Luxusartikel gelten, so machte es uns doch sehr verlegen, da unsere
Wirthe sie sich selbst versagten. Bereits war unsere Brodration auf ein
Viertheil herabgekommen, und doch nthigte uns der furchtbare Regen,
unsere Abreise noch einige Tage zu verschieben. Wie unendlich lang kam uns
dieser Aufschub vor! wie bange war uns vor der Glocke, die uns ins
Refectorium rief! Das Zartgefhl der Mnche lie uns recht lebhaft
empfinden, wie ganz anders wir hier daran waren als die Reisenden, die
darber zu klagen haben, da man ihnen in den coptischen Klstern
Ober-Egyptens ihren Mundvorrath entwendet.

Endlich am 22. September brachen wir auf mit vier Maulthieren, die unsere
Instrumente und Pflanzen trugen. Wir muten den nordstlichen Abhang der
Kalkalpen von Neu-Andalusien, die wir als die groe Kette des Brigantin
und Cocollar bezeichnet, hinunter. Die mittlere Hhe dieser Kette betrgt
nicht leicht ber 6-700 Toisen, und sie lt sich in dieser wie in
geologischer Hinsicht mit dem Jura vergleichen. Obgleich die Berge von
Cumana nicht sehr hoch sind, so ist der Weg hinunter gegen Cariaco zu doch
sehr beschwerlich, ja sogar gefhrlich. Besonders berchtigt ist in dieser
Beziehung der Cerro de Santa Maria, an dem die Missionre hinauf mssen,
wenn sie sich von Cumana in ihr Kloster Caripe begeben. Oft, wenn wir
diese Berge, die Anden von Peru, die Pyrenen und die Alpen, dir wir nach
einander besucht, verglichen, wurden wir inne, da die Berggipfel von der
geringsten Meereshhe nicht selten die unzugnglichsten sind.

Als das Thal von Caripe hinter uns lag, kamen wir zuerst ber eine
Hgelkette, die nordostwrts vom Kloster liegt. Der Weg fhrte immer
bergan ber eine weite Savane auf die Hochebene *Guardia de San Augustin*.
Hier hielten wir an, um auf den Indianer zu warten, der den Barometer
trug; wir befanden uns in 533 Toisen absoluter Hhe, etwas hher als der
Hintergrund der Hhle des Guacharo. Die Savanen oder natrlichen Wiesen,
die den Klosterkhen eine treffliche Weide bieten, sind vllig ohne Baum
und Buschwerk. Es ist die das eigentliche Bereich der Monocothyledonen,
denn aus dem Grase erhebt sich nur da und dort eine Agave [_Agave
americana_] (Maguey), deren Blthenschaft ber 26 Fu hoch wird. Auf der
Hochebene von Guardia sahen wir uns wie auf einen alten, vom langen
Aufenthalt des Wassers wagrecht geebneten Seeboden versetzt, Man meint
noch die Krmmungen des alten Ufers zu erkennen, die vorspringenden
Landzungen, die steilen Klippen, welche Eilande gebildet. Auf diesen
frheren Zustand scheint selbst die Vertheilung der Gewchse hinzudeuten.
Der Boden des Beckens ist eine Savane, whrend die Rnder mit
hochstmmigen Bumen bewachsen sind. Es ist wahrscheinlich das hchst
gelegene Thal in den Provinzen Cumana und Venezuela. Man kann bedauern,
da ein Landstrich, wo man eines gemigten Klimas geniet, und der sich
ohne Zweifel zum Getreidebau eignete, vllig unbewohnt ist.

Von dieser Ebene geht es fortwhrend abwrts bis zum indianischen Dorf
Santa Cruz. Man kommt zuerst ber einen jhen, glatten Abhang, den die
Missionre seltsamerweise das *Fegefeuer* nennen. Er besteht aus
verwittertem, mit Thon bedecktem Schiefersandstein und die Bschung
scheint furchtbar steil; denn in Folge einer sehr gewhnlichen optischen
Tuschung scheint der Weg, wenn man oben auf der Anhhe hinunter sieht,
unter einem Winkel von mehr als 60 Grad geneigt. Beim Hinabsteigen nhern
die Maulthiere die Hinterbeine den Vorderbeinen, senken das Kreuz und
rutschen auf Gerathewohl hinab. Der Reiter hat nichts zu befahren, wenn er
nur den Zgel fahren lt und dem Thiere keinerlei Zwang anthut. An diesem
Punkte sieht man zur Linken die groe Pyramide des Guacharo. Dieser
Kalksteinkegel nimmt sich sehr malerisch aus, man verliert ihn aber bald
wieder aus dem Gesicht, wenn man den dicken Wald betritt, der unter dem
Namen *Montana de Santa Maria* bekannt ist. Es geht nun sieben Stunden
lang in einem fort abwrts, und kaum kann man sich einen entsetzlicheren
Weg denken; es ist ein eigentlicher _chemin des chelles,_ eine Art
Schlucht, in der whrend der Regenzeit die wilden Wasser von Fels zu Fels
abwrts strzen. Die Stufen sind zwei bis drei Fu hoch, und die armen
Lastthiere messen erst den Raum ab, der erforderlich ist, um die Ladung
zwischen den Baumstmmen durchzubringen, und springen dann von einem
Felsblock auf den andern. Aus Besorgni, einen Fehltritt zu thun, bleiben
sie eine Weile stehen, als wollten sie die Stelle untersuchen, und
schieben die vier Beine zusammen wie die wilden Ziegen. Verfehlt das Thier
den nchsten Steinblock, so sinkt es bis zum halben Leib in den weichen,
ockerhaltigen Thon, der die Zwischenrume der Steine ausfllt. Wo diese
fehlen, finden Menschen- und Thierbeine Halt an ungeheuren Baumwurzeln.
Dieselben sind oft zwanzig Zoll dick und gehen nicht selten hoch ber dem
Boden vom Stamme ab. Die Creolen vertrauen der Gewandtheit und dem
glcklichen Instinkt der Maulthiere so sehr, da sie auf dem langen,
gefhrlichen Wege abwrts im Sattel bleiben. Wir stiegen lieber ab, da wir
Anstrengung weniger scheuten, als jene, und gewhnt waren langsam vorwrts
zu kommen, weil wir immer Pflanzen sammelten und die Gebirgsarten
untersuchten. Da unser Chronometer so schonend behandelt werden mute,
blieb uns nicht einmal eine Wahl.

Der Wald, der den steilen Abhang des Berges von Santa Maria bedeckt, ist
einer der dichtesten, die ich je gesehen. Die Bume sind wirklich
ungeheuer hoch und dick. Unter ihrem dichten, dunkelgrnen Laub herrscht
bestndig ein Dmmerlicht, ein Dunkel, weit tiefer als in unsern Tannen-,
Eichen- und Buchenwldern. Es ist als knnte die Luft trotz der hohen
Temperatur nicht all das Wasser aufnehmen, das der Boden, das Laub der
Bume, ihre mit einem uralten Filz von Orchideen, Peperomien und andern
Saftpflanzen bedeckten Stmme ausdnsten. Zu den aromatischen Gerchen,
welche Blthen, Frchte, sogar das Holz verbreiten, kommt ein anderer, wie
man ihn bei uns im Herbst bei nebligtem Wetter sprt. Wie in den Wldern
am Orinoco sieht man auch hier, wenn man die Baumwipfel ins Auge fat,
hufig Dunststreifen an den Stellen, wo ein paar Sonnenstrahlen durch die
dicke Lust dringen. Unter den majesttischen Bumen, die 120 bis 130 Fu
hoch werden, machten uns die Fhrer auf den *Curucay* von Terecen
aufmerksam, der ein weilichtes, flssiges, starkriechendes Harz gibt. Die
indianischen Vlkerschaften der Cumanagotas und Tagires rucherten einst
damit vor ihren Gtzen. Die jungen Zweige haben einen angenehmen, aber
etwas zusammenziehenden Geschmack. Nach dem Curucay und ungeheuren, ber 9
und 10 Fu dicken Hymenastmmen nahmen unsere Aufmerksamkeit am meisten
in Anspruch: das Drachenblut (_Croton sanguifluum_), dessen purpurbrauner
Saft an der weien Rinde herabfliet; der Farn *Calahuala*, der nicht
derselbe ist wie der in Peru, aber fast eben so heilkrftig, und die
Irasse-, Macanilla-, Corozo- und Pragapalmen. Letztere gibt einen sehr
schmackhaften Palmkohl, den wir im Kloster Caripe zuweilen gegessen. Von
diesen Palmen mit gefiederten, stachligten Blttern stachen die Baumfarn
uerst angenehm ab. Einer derselben, _Cyathea speciosa_ wird ber 35 Fu
hoch, eine ungeheure Gre fr ein Gewchs aus dieser Familie. Wir fanden
hier und im Thal von Caripe fnf neue Arten Baumfarn; zu Linns Zeit
kannten die Botaniker ihrer nicht vier auf beiden Continenten.

Man bemerkt, da die Baumfarn im Allgemeinen weit seltener sind als die
Palmen. Die Natur hat ihnen gemigte, feuchte, schattige Standorte
angewiesen. Sie scheuen den unmittelbaren Sonnenstrahl, und whrend der
Pumos, die Corypha der Steppen und andere amerikanische Palmenarten die
kahlen, glhend heien Ebenen aussuchen, bleiben die Farn mit Baumstmmen,
die von weitem wie Palmen aussehen, dem ganzen Wesen cryptogamer Gewchse
treu. Sie lieben versteckte Pltze, das Dmmerlicht, eine feuchte,
gemigte, stockende Luft. Wohl gehen sie hie und da bis zur Kste hinab,
aber dann nur im Schutze dichten Schattens.

Dem Fue des Berges von Santa Maria zu wurden die Baumfarn immer seltener,
die Palmen hufiger. Die schnen Schmetterlinge mit groen Flgeln, die
Nymphalen, die ungeheuer hoch fliegen, mehrten sich: Alles deutete darauf,
da wir nicht mehr weit von der Kste und einem Landstrich waren, wo die
mittlere Tagestemperatur 28-30 Grad der hunderttheiligen Scale betrgt.

Der Himmel war bedeckt und drohte mit einem der Gsse, bei denen zuweilen
1 bis 1,3 Zoll Regen an Einem Tage fllt. Die Sonne beschien hin und
wieder die Baumwipfel, und obgleich wir vor ihrem Strahl geschtzt waren,
erstickten wir beinahe vor Hitze. Schon rollte der Donner in der Ferne,
die Wolken hingen am Gipfel des hohen Guacharogebirgs, und das klgliche
Geheul der Araguatos, das wir in Caripe bei Sonnenuntergang so oft gehrt
hatten, verkndete den nahen Ausbruch des Gewitters. Wir hatten hier zum
erstenmal Gelegenheit, diese Heulaffen in der Nhe zu sehen. Sie gehren
zur Gattung _Alouate_ (_Stentor_, Geoffroy), deren verschiedene Arten von
den Zoologen lange verwechselt worden sind. Whrend die kleinen
amerikanischen Sapajus, die wie Sperlinge pfeifen, ein einfaches, dnnes
Zungenbein haben, liegt die Zunge bei den groen Affen, den Alouaten und
Marimondas, ans einer groen Knochentrommel. Ihr oberer Kehlkopf hat sechs
Taschen, in denen sich die Stimme fngt, und wovon zwei,
taubennestfrmige, groe Aehnlichkeit mit dem untern Kehlkopf der Vgel
haben. Der den Araguatos eigene klgliche Ton entsteht, wenn die Luft
gewaltsam in die kncherne Trommel einstrmt. Ich habe diese den Anatomen
nur sehr unvollstndig bekannten Organe an Ort und Stelle gezeichnet und
die Beschreibung nach meiner Rckkehr nach Europa bekannt gemacht
[_Observations de zoologie_]. Bedenkt man, wie gro bei den Alouatos die
Knochenschachtel ist und wie viele Heulaffen in den Wldern von Cumana und
Guyana auf einem einzigen Baum beisammensitzen, so wundert man sich nicht
mehr so sehr ber die Strke und den Umfang ihrer vereinigten Stimmen.

Der Araguato, bei den Tamanacas-Indianern Aravata, bei den Maypures Marave
genannt, gleicht einem jungen Bren. Er ist vom Scheitel des kleinen,
stark zugespitzten Kopfes bis zum Anfang des Wickelschwanzes drei Fu
lang; sein Pelz ist dicht und rothbraun von Farbe; auch Brust und Bauch
sind schn behaart, nicht nackt wie beim _Mono colorado_ oder Bffons
_Alouate roux_ den wir auf dem Wege von Carthagena nach Santa-Fe de Bogota
genau beobachtet haben. Das Gesicht des Araguato ist blauschwarz, die Haut
desselben fein und gefaltet. Der Bart ist ziemlich lang, und trotz seines
kleinen Gesichtswinkels von nur 30 Grad hat er in Blick und
Gesichtsausdruck so viel Menschenhnliches als die Marimonda (_Simia
Belzebuth_) und der Kapuziner am Orinoco (_S. chiropotes_). Bei den
Tausenden von Araguatos, die uns in den Provinzen Cumana, Caracas und
Guyana zu Gesicht gekommen, haben wir nie weder an einzelnen Exemplaren,
noch an ganzen Banden einen Wechsel im Rothbraun des Pelzes an Rcken und
Schultern wahrgenommen. Durch die Farbe unterschiedene Spielarten schienen
mir berhaupt bei den Affen nicht so hufig zu seyn, als die Zoologen
annehmen, und bei den gesellig lebenden Arten sind sie vollends sehr
selten.

Der Araguato bei Caripe ist eine neue Art der Gattung _Stentor_, die ich
unter dem Namen _Simia ursina_ bekannt gemacht habe. Ich habe ihn lieber
so benannt als nach der Farbe des Pelzes, und zwar desto mehr, da die
Griechen bereits einen stark behaarten Affen unter dem Namen
_Arctopithekos_ kannten. Derselbe unterscheidet sich sowohl vom Uarino
(_Simia Guariba_) als vom _Alouate roux_ (_S. Seniculus_). Blick, Stimme,
Gang, Alles an ihm ist trbselig. Ich habe ganz junge Araguatos gesehen,
die in den Htten der Indianer aufgezogen wurden; sie spielen nie wie die
kleinen Sagoins, und Lopez del Gomara schildert zu Anfang des sechzehnten
Jahrhunderts ihr ernstes Wesen sehr naiv, wenn er sagt: *Der Aranata de
los Cumaneses* hat ein Menschengesicht, einen Ziegenbart und eine
gravittische Haltung (_honrado gesto_). Ich habe anderswo die Bemerkung
gemacht, da die Affen desto trbseliger sind, je mehr Menschenhnlichkeit
sie haben. Ihre Munterkeit und Beweglichkeit nimmt ab, je mehr sich die
Geisteskrfte bei ihnen zu entwickeln scheinen.

Wir hatten Halt gemacht, um den Heulaffen zuzusehen, wie sie zu dreiig,
vierzig in einer Reihe von Baum zu Baum auf den verschlungenen wagrechten
Aesten ber den Weg zogen. Whrend dieses neue Schauspiel uns ganz in
Anspruch nahm, kam uns ein Trupp Indianer entgegen, die den Bergen von
Caripe zuzogen. Sie waren vllig nackt, wie meistens die Eingeborenen hier
zu Lande. Die ziemlich schwer beladenen Weiber schlossen den Zug; die
Mnner, sogar die kleinsten Jungen, waren alle mit Bogen und Pfeilen
bewaffnet. Sie zogen still, die Augen am Boden, ihres Wegs. Wir htten
gerne von ihnen erfahren, ob es noch weit nach der Mission Santa Cruz sey,
wo wir bernachten wollten. Wir waren vllig erschpft und der Durst
qulte uns furchtbar. Die Hitze wurde drckender, je nher das Gewitter
kam, und wir hatten auf unserem Weg keine Quelle gefunden, um den Durst zu
lschen. Da die Indianer uns immer _si Padre, no Padre_ zur Antwort gaben,
meinten wir, sie verstehen ein wenig Spanisch. In den Augen der
Eingeborenen ist jeder Weie ein Mnch, ein Pater; denn in den Missionen
zeichnet sich der Geistliche mehr durch die Hautfarbe als durch die Farbe
des Gewandes aus. Wie wir auch den Indianern mit Fragen, wie weit es noch
sey, zusetzten, sie erwiederten offenbar auf gerathewohl _si_ oder _no_,
und wir konnten aus ihren Antworten nicht klug werden. Die war uns um so
verdrielicher, da ihr Lcheln und ihr Geberdenspiel verriethen, da sie
uns gerne gefllig gewesen wren, und der Wald immer dichter zu werden
schien. Wir muten uns trennen; die indianischen Fhrer, welche die
Chaymassprache verstanden, waren noch weit zurck, da die beladenen
Maulthiere bei jedem Schritt in den Schluchten strzten.

Nach mehreren Stunden bestndig abwrts ber zerstreute Felsblcke sahen
wir uns unerwartet am Ende des Waldes von Santa Maria. So weit das Auge
reichte, lag eine Grasflur vor uns, die sich in der Regenzeit frisch
begrnt hatte. Links sahen wir in ein enges Thal hinein, das sich dem
Guacharogebirge zuzieht und im Hintergrunde mit dichtem Walde bedeckt ist.
Der Blick streifte ber die Baumwipfel weg, die 800 Fu tief unter dem Weg
sich wie ein hingebreiteter, dunkelgrner Teppich ausnahmen. Die
Lichtungen im Walde glichen groen Trichtern, in denen wir an der
zierlichen Gestalt und den gefiederten Blttern Praga- und Irassepalmen
erkannten. Vollends malerisch wird die Landschaft dadurch, da die Sierra
del Guacharo vor einem liegt. Ihr nrdlicher, dem Meerbusen von Cariaco
zugekehrter Abhang ist steil und bildet eine Felsmauer, ein fast
senkrechtes Profil, ber dreitausend Fu hoch. Diese Wand ist so schwach
bewachsen, da man die Linien der Kalkschichten mit dem Auge verfolgen
kann. Der Gipfel der Sierra ist abgeplattet und nur am Ostende erhebt
sich, gleich einer geneigten Pyramide, der majesttische Pic Guacharo.
Seine Gestalt erinnert an die Aiguilles und Hrner der Schweizer Alpen
(Schreckhrner, Finsteraarhorn). Da die meisten Berge mit steilem Abhang
hher scheinen, als sie wirklich sind, so ist es nicht zu verwundern, da
man in den Missionen der Meinung ist, der Guacharo berrage den
Turimiquiri und den Brigantin.

Die Savane, ber die wir zum indianischen Dorfe Santa Cruz zogen, besteht
aus mehreren sehr ebenen Plateaus, die wie Stockwerke ber einander
liegen. Diese geologische Erscheinung, die in allen Erdstrichen vorkommt,
scheint darauf hinzudeuten, da hier lange Zeit Wasserbecken bereinander
lagen und sich in einander ergossen. Der Kalkstein geht nicht mehr zu Tage
aus; er ist mit einer dicken Schicht Dammerde bedeckt. Wo wir ihn im Walde
von Santa Maria zum letztenmale sahen, fanden wir Nester von Eisenerz
darin, und, wenn wir recht gesehen haben, ein Ammonshorn; es gelang uns
aber nicht, es loszubrechen. Es ma sieben Zoll im Durchmesser. Diese
Beobachtung ist um so interessanter, als wir sonst in diesem Theile von
Sdamerika nirgends einen Ammoniten gesehen haben. Die Mission Santa Cruz
liegt mitten in der Ebene. Wir kamen gegen Abend daselbst an, halb
verdurstet, da wir fast acht Stunden kein Wasser gehabt hatten. Der
Thermometer zeigte 26 Grad; wir waren auch nur noch 190 Toisen ber dem
Meer. Wir brachten die Nacht in einer der Ajupas zu, die man Huser des
Knigs nennt, und die, wie schon oben bemerkt, den Reisenden als *Tombo*
oder Caravanserai dienen. Wegen des Regens war an keine Sternbeobachtung
zu denken, und wir setzten des andern Tags, 23. September, unsern Weg zum
Meerbusen von Cariaco hinunter fort. Jenseits Santa Cruz fngt der dichte
Wald von Neuem an. Wir fanden daselbst unter Melastomenbschen einen
schnen Farn mit Blttern gleich denen der Osmunda, die in der Ordnung der
Polypodiaceen eine neue Gattung (_Polybotria_) bildet.

Von der Mission Catuaro aus wollten wir ostwrts ber Santa Rosalia,
Casanay, San Josef, Carupano, Rio-Carives und den Berg Paria gehen,
erfuhren aber zu unserern groen Verdru, da der starke Regen die Wege
bereits ungangbar gemacht habe und wir Gefahr laufen, unsere frisch
gesammelten Pflanzen zu verlieren. Ein reicher Cacaopflanzer sollte uns
von Santa Rosalia in den Hafen von Carupano begleiten. Wir hatten noch zu
rechter Zeit gehrt, da er in Geschften nach Cumana msse. So
beschlossen wir denn, uns in Cariaco einzuschiffen und gerade ber den
Meerbusen, statt zwischen der Insel Margarita und der Landenge Araya
durch, nach Cumana zurckzufahren.

Die Mission Catuaro liegt in ungemein wilder Umgebung. Hochstmmige Bume
stehen noch um die Kirche her und die Tiger fressen bei Nacht den
Indianern ihre Hhner und Schweine. Wir wohnten beim Geistlichen, einem
Mnche von der Congregation der Observanten, dem die Kapuziner die Mission
bergeben hatten, weil es ihrem eigenen Orden an Leuten fehlte. Er war ein
Doktor der Theologie, ein kleiner, magerer, fast bertrieben lebhafter
Mann; er unterhielt uns bestndig von dem Proce, den er mit dem Gardian
seines Klosters fhrte, von der Feindschaft seiner Ordensbrder, von der
Ungerechtigkeit der Alcaden, die ihn ohne Rcksicht auf seine
Standesvorrechte ins Gefngni geworfen. Trotz dieser Abenteuer war ihm
leider die Liebhaberei geblieben, sich mit metaphysischen Fragen, wie er
es nannte, zu befassen. Er wollte meine Ansicht hren ber den freien
Willen, ber die Mittel, die Geister von ihren Krperbanden frei zu
machen, besonders aber ber die Thierseelen, lauter Dinge, ber die er die
seltsamsten Ideen hatte. Wenn man in der Regenzeit sich durch Wlder
durchgearbeitet hat, ist man zu Spekulationen der Art wenig aufgelegt.
Uebrigens war in der kleinen Mission Catuaro Alles ungewhnlich, sogar das
Pfarrhaus. Es hatte zwei Stockwerke und hatte dadurch zu einem hitzigen
Streit zwischen den weltlichen und geistlichen Behrden Anla gegeben. Dem
Gardian der Kapuziner schien es zu vornehm fr einen Missionr und er
hatte die Indianer zwingen wollen, es niederzureien; der Statthalter
hatte krftige Einsprache gethan und auch seinen Willen gegen die Mnche
durchgesetzt. Ich erwhne dergleichen an sich unbedeutende Vorflle nur,
weil sie einen Blick in die innere Verwaltung der Missionen werfen lassen,
die keineswegs immer so friedlich ist, als man in Europa glaubt.

Wir trafen in der Mission Catuaro den Corregidor des Distrikts, einen
liebenswrdigen, gebildeten Mann. Er gab uns drei Indianer mit, die mit
ihren Machetes vor uns her einen Weg durch den Wald bahnen sollten. In
diesem wenig betretenen Lande ist die Vegetation in der Regenzeit so
ppig, da ein Mann zu Pferd auf den schmalen, mit Schlingpflanzen und
verschlungenen Baumsten bedeckten Fusteigen fast nicht durchkommt. Zu
unserem groen Verdru wollte der Missionr von Catuaro uns durchaus nach
Cariaco begleiten. Wir konnten es nicht ablehnen; er lie uns jetzt mit
seinen Faseleien ber die Thierseelen und den menschlichen freien Willen
in Ruhe, er hatte uns aber nunmehr von einem ganz andern, traurigeren
Gegenstand zu unterhalten. Den Unabhngigkeitsbestrebungen, die im
Jahr 1798 in Caracas beinahe zu einem Ausbruch gefhrt htten, war eine
groe Aufregung unter den Negern zu Coro, Maracaybo und Cariaco
vorangegangen und gefolgt. In letzterer Stadt war ein armer Neger zum Tod
verurtheilt worden, und unser Wirth, der Seelsorger von Catuaro, ging
jetzt hin, um ihm seinen geistlichen Beistand anzubieten. Wie lang kam uns
der Weg vor, auf dem wir uns in Verhandlungen einlassen muten ber die
Nothwendigkeit des Sklavenhandels, ber die angeborene Bsartigkeit der
Schwarzen, ber die Segnungen, welche der Race daraus erwachsen, da sie
als Sklaven unter Christen leben!

Gegenber dem Code noir der meisten andern Vlker, welche Besitzungen in
beiden Indien haben, ist die spanische Gesetzgebung unstreitig sehr mild.
Aber vereinzelt, auf kaum urbar gemachtem Boden leben die Neger in
Verhltnissen, da die Gerechtigkeit, weit entfernt sie im Leben krftig
schtzen zu knnen, nicht einmal im Stande ist die Barbareien zu
bestrafen, durch die sie ums Leben kommen. Leitet man eine Untersuchung
ein, so schreibt man den Tod des Sklaven seiner Krnklichkeit zu, dem
heien, nassen Klima, den Wunden, die man ihm allerdings beigebracht, die
aber gar nicht tief und durchaus nicht gefhrlich gewesen. Die brgerliche
Behrde ist in Allem, was die Haussklaverei angeht, machtlos, und wenn man
rhmt, wie gnstig die Gesetze wirken, nach denen die Peitsche die und die
Form haben mu und nur so und so viel Streiche *auf einmal* gegeben werden
drfen, so ist das reine Tuschung. Leute, die nicht in den Colonien oder
doch nur auf den Antillen gelebt haben, sind meist der Meinung, da es im
Interesse des Herrn liege, da seine Sklaven ihm erhalten bleiben, mssen
sie desto besser behandelt werden, je weniger ihrer seyen. Aber in Cariaco
selbst, wenige Wochen bevor ich in die Provinz kam, tdtete ein Pflanzer,
der nur acht Neger hatte, ihrer sechs durch unmenschliche Hiebe. Er
zerstrte muthwillig den grten Theil seines Vermgens. Zwei der Sklaven
blieben auf der Stelle todt, mit den vier andern, die krftiger schienen,
schiffte er sich nach dem Hafen von Cumana ein, aber sie starben auf der
Ueberfahrt. Vor dieser abscheulichen That war im selben Jahr eine hnliche
unter gleich emprenden Umstnden begangen worden. Solche furchtbare
Unthaten blieben so gut wie unbestraft; der Geist, der die Gesetze macht,
und der, der sie vollzieht, haben nichts mit einander gemein. Der
Statthalter von Cumana war ein gerechter, menschenfreundlicher Mann; aber
die Rechtsformen sind streng vorgeschrieben und die Gewalt des
Statthalters geht nicht so weit, um Mibruche abzustellen, die nun einmal
von jedem europischen Colonisationssystem untrennbar sind.

Der Weg durch den Wald von Catuaro ist nicht viel anders als der vom Berge
Santa Maria herab; auch sind die schlimmsten Stellen hier eben so
sonderbar getauft wie dort. Man geht wie in einer engen, durch die
Bergwasser ausgesplten, mit feinem, zhem Thon gefllten Furche dahin.
Bei den jhsten Abhngen senken die Maulthiere das Kreuz und rutschen
hinunter; das nennt man nun *Saca-Manteca*, weil der Koth so weich ist wie
*Butter*. Bei der groen Gewandtheit der einheimischen Maulthiere ist
dieses Hinabgleiten ohne alle Gefahr. Der Weg fhrt ber die Felsschichten
herab, die am Ausgehenden Stufen von verschiedener Hhe bilden, und so ist
es auch hier ein wahrer chemin des chelles. Weiterhin, wenn man zum
Wald heraus ist, kommt man zum Berge *Buenavista*. Er verdient den Namen,
denn von hier sieht man die Stadt Cariaco in einer weiten, mit
Pflanzungen, Htten und Gruppen von Cocospalmen bedeckten Ebene. Westwrts
von Cariaco breitet sich der weite Meerbusen aus, den eine Felsmauer vom
Ocean trennt; gegen Ost zeigen sich, gleich blauen Wolken, die hohen
Gebirge von Areo und Paria. Es ist eine der weitesten, prachtvollsten
Aussichten an der Kste von Neu-Andalusien.

Wir fanden in Cariaco einen groen Theil der Einwohner in ihren
Hngematten krank am Wechselfieber. Diese Fieber werden im Herbst bsartig
und gehen in Ruhren ber. Bedenkt man, wie auerordentlich fruchtbar und
feucht die Ebene ist, und welch ungeheure Masse von Pflanzenstoff hier
zersetzt wird, so sieht man leicht, warum die Luft hier nicht so gesund
seyn kann wie ber dem drren Boden von Cumana. Nicht leicht finden sich
in der heien Zone groe Fruchtbarkeit des Bodens, hufige, lange dauernde
Wasserniederschlge, eine ungemein ppige Vegetation beisammen, ohne da
diese Vortheile durch ein Klima ausgewogen wrden, das der Gesundheit der
Weien mehr oder weniger gefhrlich wird. Aus denselben Ursachen, welche
den Boden so fruchtbar machen und die Entwicklung der Gewchse
beschleunigen, entwickeln sich auch Gase aus dem Boden, die sich mit der
Luft mischen und sie ungesund machen. Wir werden oft Gelegenheit haben,
auf die Verknpfung dieser Erscheinungen zurckzukommen, wenn wir den
Cacaobau und die Ufer des Orinoco beschreiben, wo es Flecke gibt, an denen
sich sogar die Eingeborenen nur schwer acclimatisiren. Im Thale von
Cariaco hngt brigens die Ungesundheit der Luft nicht allein von den eben
erwhnten allgemeinen Ursachen ab; es machen sich dabei auch lokale
Verhltnisse geltend. Es wird nicht ohne Interesse seyn, den Landstrich,
der die Meerbusen von Cariaco und von Paria von einander trennt, nher zu
betrachten.

Vom Kalkgebirge des Brigantin und Cocollar luft ein starker Ast nach Nord
und hngt mit dem Urgebirg an der Kste zusammen. Dieser Ast heit _Sierra
de Meapire_; der Stadt Cariaco zu fhrt er den Namen _Cerro grande de
Cariaco_. Er schien mir im Durchschnitt nicht ber 150-200 Toisen hoch; wo
ich ihn untersuchen konnte, besteht er aus dem Kalkstein des Uferstrichs.
Mergel- und Kalkschichten wechseln mit andern, welche Quarzkrner
enthalten. Wer die Reliefbildung des Landes zu seinem besondern Studium
macht, mu es auffallend finden, da ein quergelegter Gebirgskamm unter
rechtem Winkel zwei Ketten verbindet, deren eine, sdliche, aus secundren
Gebirgsbildungen besteht, whrend die andere, nrdliche, Urgebirge ist.
Auf dem Gipfel des Cerro de Meapire sieht man das Gebirge einerseits nach
dem Meerbusen von Paria, andererseits nach dem von Cariaco sich abdachen.
Ostwrts und westwrts vom Kamm liegt ein niedriger, sumpfiger Boden, der
ohne Unterbrechung fortstreicht, und nimmt man an, da die beiden
Meerbusen dadurch entstanden sind, da der Boden durch Erdbeben zerrissen
worden ist und sich gesenkt hat, so mu man voraussetzen, da der Cerro de
Meapire diesen gewaltsamen Erschtterungen widerstanden hat, so da der
Meerbusen von Paria und der von Cariaco nicht zu Einem verschmelzen
konnten. Wre dieser Felsdamm nicht da, so bestnde wahrscheinlich auch
die Landenge nicht. Vom Schlosse Araya bis zum Cap Paria wrde die ganze
Gebirgsmasse an der Kste eine schmale, Margarita parallel laufende,
viermal lngere Insel bilden. Diese Ansichten grnden sich nicht nur auf
unmittelbare Untersuchung des Bodens und die Schlsse aus der
Reliefbildung desselben; schon ein Blick auf die Umrisse der Ksten und
die geognostische Karte des Landes mu auf dieselben Gedanken bringen. Die
Insel Margarita hat, wie es scheint, frher mit der Kstenkette von Araya
durch die Halbinsel Chacopata und die caraibischen Inseln Lobo und Coche
zusammengehangen, wie die Kette noch jetzt mit den Gebirgen des Cocollar
und von Caripe durch den Gebirgskamm Meapire zusammenhngt.

Im gegenwrtigen Zustand der Dinge sieht man die feuchten Ebenen, die ost-
und westwrts vom Kamm streichen und uneigentlich die Thler von San
Bonifacio und Cariaco heien, sich fortwhrend in das Meer hinaus
verlngern. Das Meer zieht sich zurck, und diese Verrckung der Kste ist
besonders bei Cumana auffallend. Wenn die Hhenverhltnisse des Bodens
darauf hinweisen, da die Meerbusen von Cariaco und Paria frher einen
weit greren Umfang hatten, so lt sich auch nicht in Zweifel ziehen,
da gegenwrtig das Land sich allmhlich vergrert. Bei Cumana wurde im
Jahr 1791 eine Batterie, die sogenannte Bocca, dicht am Meer gebaut, im
Jahr 1799 sahen wir sie weit im Lande liegen. An der Mndung des Rio
Nevari, beim Morro de Nueva Barcelona, zieht sich das Meer noch rascher
zurck. Diese lokale Erscheinung rhrt wahrscheinlich von Anschwemmungen
her, deren Zunahmeverhltnisse noch nicht gehrig beobachtet sind.

Geht man von der Sierra de Meapire, welche die Landenge zwischen den
Ebenen von San Bonifacio und von Cariaco bildet, herab, so kommt man gegen
Ost an den groen Putacuao, der mit dem Rio Areo in Verbindung steht und
4-5 Meilen breit ist. Das Gebirgsland um dieses Becken ist nur den
Eingeborenen bekannt. Hier kommen die groen Boas vor, welche die
Chaymas-Indianer *Guainas* nennen, und denen sie einen Stachel unter dem
Schwanz andichten. Geht man von der Sierra Meapire nach West hinunter, so
betritt man zuerst einen hohlen Boden (_tierra hueca_), der bei dem
groen Erdbeben des Jahres 1766 in zhes Erdl gehllten Asphalt auswarf;
weiterhin sieht man eine Unzahl warmer, schwefelwasserstoffhaltiger
Quellen aus dem Boden brechen, und endlich kommt man zum See Campoma,
dessen Ausdnstungen zum Theil die Ungesundheit des Klimas von Cariaco
veranlassen. Die Eingeborenen glauben, der Boden sey dehalb hohl, weil
die warmen Wasser sich hier aufgestaut haben, und nach dem Schall des
Hufschlags scheinen sich die unterirdischen Hhlungen von West nach Ost
bis Casanay, drei bis viertausend Toisen weit zu erstrecken. Ein Flchen,
der Rio Azul, luft durch diese Ebenen. Sie sind zerklftet in Folge von
Erdbeben, die hier einen besondern Herd haben und sich selten bis Cumana
fortpflanzen. Das Wasser des Rio Azul ist kalt und hell; er entspringt am
westlichen Abhang des Meapire, und man glaubt, er sey dehalb so stark,
weil das Gewsser des Putacuao-Sees auf der andern Seite des Gebirgszugs
durchsickere. Das Flchen und die schwefelwasserstoffhaltigen Quellen
ergieen sich zusammen in die Laguna de Campoma. So heit ein weites
Sumpfland, das in der trockenen Jahreszeit in drei Becken zerfllt, die
nordwestlich von der Stadt Cariaco am Ende des Meerbusens liegen.
Uebelriechende Dnste steigen fortwhrend vom stehenden Sumpfwasser auf.
Sie riechen nach Schwefelwasserstoff und zugleich nach faulen Fischen und
zersetzten Vegetabilien.

Die Miasmen bilden sich im Thale von Cariaco gerade wie in der rmischen
Campagna; aber durch die tropische Hitze wird ihre verderbliche Kraft
gesteigert. Durch die Lage der Laguna von Campoma wird der Nordwest, der
sehr oft nach Sonnenuntergang weht, den Einwohnern der kleinen Stadt
Cariaco hchst gefhrlich. Sein Einflu unterliegt desto weniger einem
Zweifel, da die Wechselfieber dem Sumpfe zu, der der Hauptherd der faulen
Miasmen ist, immer hufiger in Nervenfieber bergehen. Ganze Familien
freier Neger, die an der Nordkste des Meerbusens von Cariaco kleine
Pflanzungen besitzen, liegen mit Eintritt der Regenzeit siech in ihren
Hngematten. Diese Fieber nehmen den Charakter remittirender bsartiger
Fieber an, wenn man sich, erschpft von langer Arbeit und starker
Hautansdnstung, dem feinen Regen aussetzt, der gegen Abend hufig fllt.
Die Farbigen, besonders aber die Creolenneger, widerstehen den
klimatischen Einflssen mehr als irgend ein anderer Menschenschlag. Man
behandelt die Kranken mit Limonade, mit dem Aufgu von _Scoparia dulcis_,
selten mit Euspare, das heit mit der Chinarinde von Angostura.

Im Ganzen ist bei den Epidemien in Cariaco die Sterblichkeit geringer, als
man erwarten sollte. Wenn das Wechselfieber mehrere Jahre hinter einander
einen Menschen befllt, so greift es den Krper stark an und bringt ihn
herunter; aber dieser Schwchezustand, der in ungesunden Gegenden so
hufig vorkommt, fhrt nicht zum Tode. Auch ist es merkwrdig, da hier,
wie in der rmischen Campagna, der Glaube herrscht, die Luft sey in dem
Mae ungesunder geworden, je mehr Morgen Landes man urbar gemacht. Die
Miasmen, die diesen Ebenen entsteigen, haben indessen nichts gemein mit
jenen, die sich bilden, wenn man einen Wald niederschlgt und nun die
Sonne eine dicke Schicht abgestorbenen Laubs erhitzt; bei Cariaco ist das
Land kahl und sehr sparsam bewaldet. Soll man glauben, da frisch
ausgewhlte und vom Regen durchfeuchtete Dammerde die Luft mehr verderbt
als der dichte Pflanzenfilz, der einen nicht bebauten Boden bedeckt? Zu
diesen rtlichen Ursachen kommen andere, weniger zweifelhafte. Das nahe
Meeresufer ist mit Manglebumen, Avicennien und andern Baumarten mit
adstringirender Rinde bedeckt. Alle Tropenbewohner sind mit den
schdlichen Ausdnstungen dieser Gewchse bekannt, und man frchtet sie
desto mehr, wenn Wurzeln und Stamm nicht immer unter Wasser stehen,
sondern abwechselnd na und von der Sonne erhitzt werden. Die Manglebume
erzeugen Miasmen, weil sie, wie ich anderswo gezeigt habe, einen
thierisch-vegetabilischen, an Gerbstoff gebundenen Stoff enthalten. Man
behauptet, der Kanal, durch den die Laguna de Campoma mit dem Meer
zusammenhngt, liee sich leicht erweitern und so dem stehenden Wasser ein
Abflu verschaffen. Die freien Neger, die das Sumpfland hufig betreten,
versichern sogar, der Durchstich brauchte gar nicht tief zu seyn, da das
kalte, klare Wasser des Rio Azul sich auf dem Boden des Sees befindet und
man beim Nachgraben aus den untern Schichten trinkbares, geruchloses
Wasser erhlt.

Die Stadt Cariaco ist mehreremale von den Caraiben verheert worden. Die
Bevlkerung hat rasch zugenommen, seit die Provinzialbehrden, den
Verboten des Madrider Hofs zuwider, nicht selten dem Handel mit fremden
Colonien Vorschub geleistet haben. Sie hat sich in zehn Jahren verdoppelt
und betrug im Jahr 1800 ber 6000 Seelen. Die Einwohner treiben sehr
fleiig Baumwollenbau; die Baumwolle ist sehr schn und es werden mehr als
10,000 Centner erzeugt. Die leeren Hlsen der Baumwolle werden sorgsam
verbrannt; wirft man sie in den Flu, wo sie faulen, so erzeugen sie
Ausdnstungen, die man fr schdlich hlt. Der Bau des Cacaobaums hat in
letzter Zeit sehr abgenommen. Dieser kstliche Baum trgt erst im achten
bis zehnten Jahr. Die Frucht ist schwer in Magazinen aufzubewahren, und
nach Jahresfrist geht sie an, wenn sie noch so sorgfltig getrocknet
worden ist. Dieser Nachtheil ist fr den Colonisten von groem Belang. Auf
diesen Ksten ist je nach der Laune eines Ministeriums und dem mehr oder
minder krftigen Widerstand der Statthalter der Handel mit den Neutralen
bald verboten, bald mit gewissen Beschrnkungen gestattet. Die Nachfrage
nach einer Waare und die Preise, die sich nach der Nachfrage bestimmen,
unterliegen daher dem raschesten Wechsel. Der Colonist kann sich diese
Schwankungen nicht zu Nutze machen, weil sich der Cacao in den Magazinen
nicht hlt. Die alten Cacaostmme, die meist nur bis zum vierzigsten Jahre
tragen, sind daher nicht durch junge ersetzt worden. Im Jahr 1792 zhlte
man ihrer noch 254,000 im Thal von Cariaco und am Ufer des Meerbusens.
Gegenwrtig zieht man andere Culturzweige vor, welche gleich im ersten
Jahr einen Ertrag liefern, und deren Produkte nicht nur nicht so lange aus
sich warten lassen, sondern auch leichter aufzubewahren sind. Solche sind
Baumwolle und Zucker, die nicht der Verderbni unterliegen wie der Cacao
und sich aufbewahren lassen, so da man sie im gnstigsten Zeitpunkt
losschlagen kann. Die Umwandlungen, die in Folge der fortschreitenden
Cultur und des Verkehrs mit Fremden Sitten und Charakter der
Kstenbewohner erlitten, haben anuch bestimmend mitgewirkt, wenn sie jetzt
diesem und jenem Culturzweig den Vorzug geben. Jenes Ma in der sinnlichen
Begierde, jene Geduld, die lange warten kann, jene Gemthsruhe, welche die
trbselige Eintnigkeit des einsamen Lebens ertragen lt, verschwinden
nach und nach aus dem Charakter der Hispano-Amerikaner. Sie werden
unternehmender, leichtsinniger, beweglicher und werfen sich mehr auf
Unternehmungen, die einen raschen Ertrag geben.

Nur im Innern der Provinz, ostwrts von der Sierra de Meapire, auf dem
unbebauten Boden von Carupano an durch das Thal San Bonifacio bis zum
Meerbusen von Paria entstehen neue Cacaopflanzungen. Sie werden dort desto
eintrglicher, je mehr die Luft ber dem frisch urbar gemachten, von
Wldern umgebenen Land stockt, je mehr sie mit Wasser und mephitischen
Dnsten geschwngert ist. Hier leben Familienvter, welche, treu den alten
Sitten der Colonisten, sich und ihren Kindern langsam, aber sicher
Wohlstand erarbeiten. Sie behelfen sich bei ihrer mhsamen Arbeit mit
einem einzigen Sklaven; sie brechen mit eigener Hand den Boden um, ziehen
die jungen Cacaobume im Schatten der Erythrina und der Bananenbume,
beschneiden den erwachsenen Baum, vertilgen die Massen von Wrmern und
Insekten, welche Rinde, Bltter und Blthen anfallen, legen Abzugsgrben
an, und unterziehen sich sieben, acht Jahre lang einem elenden Leben, bis
der Cacaobaum anfngt Ernten zu liefern. Dreiig tausend Stmme sichern
den Wohlstand einer Familie auf anderthalb Generationen. Wenn durch die
Baumwolle und den Kaffee der Bau des Cacao in der Provinz Caracas und im
kleinen Thale von Cariaco beschrnkt worden ist, so hat dagegen letzterer
Zweig der Colonialindustrie im Innern der Provinzen Neubarcelona und
Cumana zugenommen. Warum die Cacaopflanzungen sich von West nach Ost mehr
und mehr ausbreiten, ist leicht einzusehen. Die Provinz Caracas ist die am
frhesten bebaute; je lnger aber ein Land urbar gemacht ist, desto
baumloser wird es in der heien Zone, desto drrer, desto mehr den Winden
ausgesetzt. Dieser Wechsel in der uern Natur ist dem Gedeihen des
Cacaobaums hinderlich, und dehalb gehen die Pflanzungen in der Provinz
Caracas ein und hufen sich dafr westwrts auf unberhrtem, erst krzlich
urbar gemachtem Boden. Die Provinz Neu-Andalusien allein erzeugte im
Jahr 1799 18,000-20,000 Fanegas Cacao (zu 40 Piastern die Fanega in
Friedenszeiten), wovon 5000 nach der Insel Trinidad geschmuggelt wurden.
Der Cacao von Cumana ist ohne allen Vergleich besser als der von
Guayaquil.

Die in Cariaco herrschenden Fieber nthigten uns zu unserem Bedauern,
unsern Aufenthalt daselbst abzukrzen. Da wir noch nicht recht
acclimatisirt waren, so riethen uns selbst die Colonisten, an die wir
empfohlen waren, uns auf den Weg zu machen. Wir lernten in der Stadt viele
Leute kennen, die durch eine gewisse Leichtigkeit des Benehmens, durch
umfassenderen Ideenkreis und, darf ich hinzusetzen, durch entschiedene
Vorliebe fr die Regierungssorm der Vereinigten Staaten verriethen, da
sie viel mit dem Ausland in Verkehr gestanden. Hier hrten wir zum
erstenmal in diesem Himmelsstriche die Namen Franklin und Washington mit
Begeisterung aussprechen. Neben dem Ausdruck dieser Begeisterung bekamen
wir Klagen zu hren ber den gegenwrtigen Zustand von Neu-Andalusien,
Schilderungen, oft bertriebene, des natrlichen Reichthums des Landes,
leidenschaftliche, ungeduldige Wnsche fr eine bessere Zukunft. Diese
Stimmung mute einem Reisenden ausfallen, der unmittelbarer Zeuge der
groen politischen Erschtterungen in Europa gewesen war. Noch gab sich
darin nichts Feindseliges, Gewaltsames, keine bestimmte Richtung zu
erkennen. Gedanken und Ausdruck hatten die Unsicherheit, die, bei den
Vlkern wie beim Einzelnen, als ein Merkmal der halben Bildung, der
voreilig sich entwickeln den Kultur erscheint. Seit die Insel Trinidad
eine englische Colonie geworden ist, hat das ganze stliche Ende der
Provinz Cumana, zumal die Kste von Paria und der Meerbusen dieses Namens
ein ganz anderes Gesicht bekommen. Fremde haben sich da niedergelassen und
den Bau des Kaffeebaums, des Baumwollenstrauchs, des otaheitischen
Zuckerrohrs eingefhrt. In Carupano, im schnen Thal des Rio Caribe, in
Guire und im neuen Flecken Punta de Pietro gegenber dem Puerto d'Espana
auf Trinidad hat die Bevlkerung sehr stark zugenommen. Im _Golfo triste_
ist der Boden so fruchtbar, da der Mais jhrlich zwei Ernten und das
380ste Korn gibt. Die Vereinzelung der Niederlassungen hat dem Handel mit
fremden Colonien Vorschub geleistet, und seit dem Jahr 1797 ist eine
geistige Umwlzung eingetreten, die in ihren Folgen dem Mutterland noch
lange nicht verderblich geworden wre, htte nicht das Ministerium fort
und fort alle Interessen gekrnkt, alle Wnsche miachtet, Es gibt in den
Streitigkeiten der Colonien mit dem Mutterland, wie fast in allen
Volksbewegnngen, einen Moment, wo die Regierungen, wenn sie nicht ber den
Gang der menschlichen Dinge vllig verblendet sind, durch kluge,
frsichtige Migung das Gleichgewicht herstellen und den Sturm beschwren
knnen. Lassen sie diesen Zeitpunkt vorbergehen, glauben sie durch
physische Gewalt eine moralische Bewegung niederschlagen zu knnen, so
gehen die Ereignisse unaufhaltsam ihren Gang und die Trennung der Colonien
erfolgt mit desto verderblicherer Gewaltsamkeit, wenn das Mutterland
whrend des Streits seine Monopole und seine frhere Gewalt wieder eine
Zeitlang hatte aufrecht erhalten knnen.

Wir schifften uns Morgens sehr frh ein, in der Hoffnung, die Ueberfahrt
ber den Meerbusen von Cariaco in Einem Tage machen zu knnen. Das Meer
ist hier nicht unruhiger als unsere groen Landseen, wenn sie vom Winde
sanft bewegt werden. Es sind vom Landungsplatz nach Cumana nur zwlf
Seemeilen. Als wir die kleine Stadt Cariaco im Rcken hatten, gingen wir
westwrts am Flusse Carenicuar hin, der schnurgerade wie ein knstlicher
Kanal durch Grten und Baumwollenpflanzungen luft. Der ganze, etwas
sumpfige Boden ist aufs sorgsamste angebaut. Whrend unseres Aufenthalts
in Peru wurde hier auf trockeneren Stellen der Kaffeebau eingefhrt. Wir
sahen am Flusse indianische Weiber ihr Zeug mit der Frucht des *Parapara*
(_Sapindus saponaria_) waschen. Feine Wsche soll dadurch sehr mitgenommen
werden. Die Schale der Frucht gibt einen starken Schaum und die Frucht ist
so elastisch, da sie, wenn man sie auf einen Stein wirft, drei, viermal
sieben bis acht Fu hoch aufspringt. Da sie kugeligt ist, verfertigt man
Rosenkrnze daraus.

Kaum waren wir zu Schiffe, so hatten wir mit widrigen Winden zu kmpfen.
Es regnete in Strmen und ein Gewitter brach in der Nhe aus. Schaaren von
Flamingos, Reihern und Cormorans zogen dem Ufer zu. Nur der Alcatras, eine
groe Pelicanart, fischte ruhig mitten im Meerbusen weiter. Wir waren
unser achtzehn Passagiere, und auf der engen, mit Rohzucker,
Pisangbscheln und Cocosnssen berladenen Pirogue (Fancha) konnten wir
unsere Instrumente und Sammlungen kaum unterbringen. Der Rand des
Fahrzeugs stand kaum ber Wasser. Der Meerbusen ist fast berall 45-50
Faden tief, aber am stlichen Ende bei Curaguaca findet das Senkblei fnf
Meilen weit nur 3-4 Faden. Hier liegt der Baxo de la Cotua, eine Sandbank,
die bei der Ebbe als Eiland ber Wasser kommt. Die Piroguen, die
Lebensmittel nach Cumana bringeng stranden manchmal daran, aber immer ohne
Gefahr, weil die See hier niemals hoch geht und scholkt. Wir fuhren ber
den Strich des Meerbusens, wo auf dem Boden der See heie Quellen
entspringen. Es war gerade Fluth und daher der Temperaturwechsel weniger
merkbar; auch fuhr unsere Pirogue zu nahe an der Sdkste hin. Man sieht
leicht, da man Wasserschichten von verschiedener Temperatur antreffen
mu, je nachdem die See mehr oder minder tief ist, oder je nachdem die
Strmungen und der Wind die Mischung des warmen Quellwassers und des
Wassers des Golfs befrdern. Diese heien Quellen, die, wie behauptet
wird, auf 10,000-12,000 Quadrattoisen die Temperatur der See erhhen, sind
eine sehr merkwrdige Erscheinung. Geht man vom Vorgebirge Paria westwrts
ber Irapa, _Aguas calientes_, den Meerbusen von Cariaco, den Brigantin
und die Thler von Aragua bis zu den Schneegebirgen von Merida, so findet
man auf einer Strecke von mehr als 150 Meilen eine ununterbrochene Reihe
von warmen Quellen.

Der widrige Wind und der Regen nthigten uns bei Pericantral, einem
kleinen Hofe aus der Sdkste des Meerbusens, zu landen. Diese ganze,
schn bewachsene Kste ist fast ganz unbebaut; man zhlt kaum
700 Einwohner und auer dem Dorfe Mariguitar sieht man nichts als
Pflanzungen von Cocosbumen, die die Oelbume des Landes sind. Diese Palme
wchst in beiden Continenten in einer Zone, wo die mittlere
Jahrestemperatur nicht unter 20 betrgt. Sie ist, wie der Chamrops im
Becken des Mittelmeers, eine wahre Kstenpalme. Sie zieht Salzwasser dem
sen Wasser vor und kommt im Innern des Landes, wo die Luft nicht mit
Salztheilchen geschwngert ist, lange nicht so gut fort als auf den
Ksten. Wenn man in Terra Firma oder in den Missionen am Orinoco
Cocosnubume weit von der See pflanzt, wirft man ein starkes Quantum
Salz, oft einen halben Scheffel, in das Loch, in das die Cocosnsse gelegt
werden. Unter den Culturgewchsen haben nur noch das Zuckerrohr, der
Bananenbaum, der Mammei und der Avocatier, gleich dem Cocosnubaum, die
Eigenschaft, da sie mit sem oder mit Salzwasser begossen werden knnen.
Dieser Umstand begnstigt ihre Verpflanzung, und das Zuckerrohr von der
Kste gibt zwar einen etwas salzigten Saft, derselbe eignet sich aber, wie
man glaubt, besser zur Branntweindestillation als der Saft aus dem
Binnenlande.

Im brigen Amerika wird der Cocosnubaum meist nur um die Hfe gepflanzt,
und zwar um der ebaren Frucht willen; am Meerbusen von Cariaco dagegen
sieht man eigentliche Pflanzungen davon. Man spricht in Cumana von einer
_hacienda de coco_, wie von einer _hacienda de caa_ oder _cacao_. Auf
fruchtbarem, feuchtem Boden fngt der Cocosbaum im vierten Jahre an
reichlich Frchte zu tragen; auf drrem Lande dagegen erhlt man vor dem
zehnten Jahre keine Ernte. Der Baum dauert nicht ber 80-100 Jahre aus,
und er ist dann im Durchschnitt 70-80 Fu hoch. Dieses rasche Wachsthum
ist desto ausfallender, da andere Palmen, z. B. der Moriche (_Mauritia
flexuosa_) und die _Palma de Sombrero_ (_Coripha tectorum_), die sehr
lange leben, im sechzigsten Jahr oft erst 14-18 Fu hoch sind. In den
ersten dreiig bis vierzig Jahren trgt am Meerbusen von Cariaco ein
Cocosbaum jeden Monat einen Bschel mit 10-14 Frchten, von denen jedoch
nicht alle reif werden. Man kann im Durchschnitt jhrlich auf den Baum
100 Nsse rechnen, die acht Flascos [Der Flasco zu 70-80 Pariser
Cubikzoll] Oel geben. Der Flasco gilt zwei einen halben Silberrealen oder
32 Sous. In der Provence gibt ein dreiigjhriger Oelbaum zwanzig Pfund
oder sieben Flascos Oel, also etwas weniger als der Cocosbaum. Es gibt im
Meerbusen von Cariaco Haciendas mit 8000-9000 Cocosbumen; ihr malerischer
Anblick erinnert an die herrlichen Dattelpflanzungen bei Elche in Murcia,
wo auf einer Quadratmeile ber 70,000 Palmstmme bei einander stehen. Der
Cocosbaum trgt nur bis zum dreiigsten bis vierzigsten Jahr reichlich,
dann nimmt der Ertrag ab und ein hundertjhriger Stamm ist zwar nicht ganz
unfruchtbar, bringt aber sehr wenig mehr ein. In der Stadt Cumana wird
sehr viel Cocosnul geschlagen; es ist klar, geruchlos und ein gutes
Brennmaterial. Der Handel damit ist so lebhaft als auf der Westkste von
Afrika der Handel mit Palml, das von _Elays guinneensis_ kommt. Dieses
ist ein Speisel. In Cumana sah ich mehr als einmal Piroguen ankommen, die
mit 3000 Cocosnssen beladen waren. Ein Baum von gutem Ertrag gibt ein
jhrliches Einkommen von 2 Piastern (14 Francs 5 Sous), da aber auf den
_Haciendas de Coco_ Stmme von verschiedenem Alter durch einander stehen,
so wird bei Schtzungen durch Sachverstndige das Kapital nur zu
4 Piastern angenommen.

Wir verlieen den Hof Pericantral erst nach Sonnenuntergang. Die Sdkste
des Meerbusens in ihrem reichen Pflanzenschmuck bietet den lachendsten
Anblick, die Nordkste dagegen ist felsigt, nackt und drr. Trotz des
drren Bodens und des seltenen Regens, der zuweilen fnfzehn Monate
ausbleibt, wachsen auf der Halbinsel Araya (wie in der Wste Canound in
Indien) 30-50 Pfund schwere *Patillas* oder Wassermelonen. In der heien
Zone ist die Luft etwa zu 9/10 mit Wasserdunst gesttigt und die
Vegetation erhlt sich dadurch, da die Bltter die wunderbare Eigenschaft
haben, das in der Luft aufgelste Wasser einzusaugen. Wir hatten auf der
engen, berladenen Pirogue eine recht schlechte Nacht und befanden uns um
drei Uhr Morgens an der Mndung des Rio Manzanares. Wir waren seit
mehreren Wochen an den Anblick der Gebirge, an Gewitterhimmel und finstere
Wlder gewhnt, und so fielen uns jetzt die Naturverhltnisse von Cumana,
der ewig heitere Himmel, der kahle Boden, die Masse des berall
zurckgeworfenen Lichtes doppelt auf.

Bei Sonnenaufgang sahen wir Tamurosgeier (_Vultur aura_) zu Vierzigen und
Fnfzigen auf den Cocosnubumen sitzen. Diese Vgel hocken zum Schlafen
in Reihen zusammen, wie die Hhner, und sie sind so trge, da sie, lange
ehe die Sonne untergeht, aufsitzen und erst wieder erwachen, wenn ihre
Scheibe bereits ber dem Horizont steht. Es ist, als ob die Bume mit
gefiederten Blttern nicht minder trge wren. Die Mimosen und Tamarinden
schlieen bei heiterem Himmel ihre Bltter 25-30 Minuten vor
Sonnenuntergang, und sie ffnen sie am Morgen erst, wenn die Scheibe
bereits eben so lang am Himmel steht. Da ich Sonnen-Auf- und Untergang
ziemlich regelmig beobachtete, um das Spiel der Luftspiegelung und der
irdischen Refraction zu verfolgen, so konnte ich auch die Erscheinungen
des Pflanzenschlafs fortwhrend im Auge behalten. Ich fand sie gerade so
in den Steppen, wo der Blick aus den Horizont durch keine Unebenheit des
Bodens unterbrochen wird. Die sogenannten Sinnpflanzen und andere
Schotengewchse mit seinen, zarten Blttern empfinden, scheint es, da sie
den Tag ber an ein sehr starkes Licht gewhnt sind, Abends die geringste
Abnahme in der Strke der Lichtstrahlen, so da fr diese Gewchse, dort
wie bei uns, die Nacht eintritt, bevor die Sonnenscheibe ganz verschwunden
ist. Aber wie kommt es, da in einem Erdstriche, wo es fast keine
Dmmerung gibt, die ersten Sonnenstrahlen die Bltter nicht um so strker
aufregen, da durch die Abwesenheit des Lichts ihre Reizbarkeit gesteigert
worden seyn mu? Lt sich vielleicht annehmen, da die Feuchtigkeit, die
sich durch die Erkaltung der Bltter in Folge der nchtlichen Strahlung
auf dem Parenchym niederschlgt, die Wirkung der ersten Sonnenstrahlen
hindert? In unsern Himmelsstrichen erwachen die Schotengewchse mit
reizbaren Blttern schon ehe die Sonne sich zeigt, in der Morgendmmerung.

                            ------------------






***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 1.***



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September 3, 2007

            Project Gutenberg TEI edition 01
            R. Stephan and K. Stber



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      General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.


Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
with any particular paper edition.

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***FINIS***
