The Project Gutenberg EBook of Die ungleichen Schalen, by Jakob Wassermann

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Title: Die ungleichen Schalen
       Fnf einaktige Dramen

Author: Jakob Wassermann

Release Date: November 27, 2006 [EBook #19940]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNGLEICHEN SCHALEN ***




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                   Die ungleichen Schalen


                    Fnf einaktige Dramen

                             von

                      Jakob Wassermann



                 S. Fischer, Verlag, Berlin

                            1912



Alle Rechte vorbehalten. Den Bhnen und Vereinen gegenber
Manuskript. Das Recht der Auffhrung ist allein durch
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Copyright 1912 S. Fischer, Verlag, Berlin.



Inhalt

Rasumowsky                       9
Gentz und Fanny Eller          59
Der Turm von Frommetsfelden    107
Lord Hamiltons Bekehrung       171
Hockenjos                      237




Rasumowsky


Personen:

  Graf Alexei Grigorjewitsch Rasumowsky
  Rodion, sein Diener
  Michael Jefimowitsch Lassunsky, Kapitnleutnant der Leibgarden
  Fedor Alexandrowitsch Chidrowo, Rittmeister der Garde-Kavallerie
  Graf Grigorij Orlow

Spielt in Petersburg im Jahre 1763.


Ein altertmlich ausgestatteter groer Raum im Hause des
Grafen Rasumowsky. An der Rckwand links ein groer Kamin,
in welchem ein Holzfeuer brennt. ber dem Kamin das Portrt
der Kaiserin Elisabeth Petrowna. Rechts ein erkerartiger
Vorbau mit Fenstern gegen die Strae. In der rechten
Seitenwand Tre in die brigen Gemcher, in der linken der
Ausgang zum Flur.

Rittmeister _Fedor Chidrowo,_ ein junger Mann von 23 Jahren,
geht aufgeregt umher. Nach kurzer Weile tritt Kapitnleutnant
_Michael Lassunsky_ ein, von _Rodion_ gefhrt, einem alten
Kleinrussen.


_Lassunsky_

(etwa im gleichen Alter wie Chidrowo)

Sag meinem Oheim, da ich ihn dringend sprechen mu.


_Rodion_

Eure Erlaucht werden gebeten zu warten. Seine grfliche
Gnaden ist noch bei der Morgenandacht.


_Lassunsky_

Sag dem Grafen --


_Rodion_

Es ist der strenge Befehl Seiner grflichen Gnaden, ihn
nicht bei der Morgenandacht zu stren.


_Lassunsky_

Kerl, die Wichtigkeit --


_Rodion_

Hab strengen Befehl von Seiner grflichen Gnaden --


_Lassunsky_

Scher dich zum Henker. (Rodion wirft Scheite in den Kamin,
dann ab.) Du hier, Fedor Alexandrowitsch?


_Chidrowo_

Gr dich, Michael Jefimowitsch. Mut dich gedulden, warte
ebenfalls schon lang.


_Lassunsky_

Orlow ist auf dem Weg hierher.


_Chidrowo_

(bestrzt)

Das kann nicht sein.


_Lassunsky_

Orlow ist auf dem Weg hierher.


_Chidrowo_

Ist das eine Vermutung?


_Lassunsky_

Eine Gewiheit; wenigstens beinahe.


_Chidrowo_

Beinahe ist keine Gewiheit. Aber du bist so erregt ...


_Lassunsky_

Hab Grund dazu. Der Grokanzler Woronzow ist an der
Kasan-Kathedrale berfallen worden.


_Chidrowo_

Bei Gottes Gte, was sagst du da!


_Lassunsky_

Erwartet Alexei Grigorjewitsch nicht den Grokanzler?


_Chidrowo_

Ja, Graf Woronzow hat mich geschickt, damit ich seine
Ankunft melde. Aber --


_Lassunsky_

Ich und Anenkow ritten als Eskorte hinter dem Wagen des
Grokanzlers. Eine Horde betrunkener Soldaten drngt sich
zwischen uns und die Karosse, und auf einmal sind wir
abgeschnitten. Wir sehen nur noch, da der Kanzler gezwungen
wird, auszusteigen, dann haben sie ihn in ein Haus
geschleppt.


_Chidrowo_

Und ihr habt nicht dreingehaut?


_Lassunsky_

Zwei gegen fnfzig?


_Chidrowo_

Das ist ja Aufruhr, Michael Jefimowitsch.


_Lassunsky_

Anenkow ist in den Palast zurckgeeilt, ich hierher.


_Chidrowo_

Und du glaubst --?


_Lassunsky_

Ich glaube, da Orlow hier sein wird, eh dort die Uhrzeiger
gestreckt stehen.


_Chidrowo_

Das sollte Orlow wagen?


_Lassunsky_

Orlow wagt alles. (Zur Tre, ruft hinaus.) Rodion!


_Rodion_

(kommt)

Erlaucht befehlen?


_Lassunsky_

Ihr seid nicht an Besuch gewhnt, Alter?


_Rodion_

Nein, Erlaucht, wir leben sehr zurckgezogen.


_Lassunsky_

Nun wohl, ihr werdet binnen kurzem Besuch erhalten, noch
dazu sehr unwillkommenen. Sperr die Tore zu.


_Chidrowo_

Sperr die Tore zu, Alter.


_Lassunsky_

Ja, sperr die beiden Tore zu, das nach der Gasse und das
nach dem Garten.


_Rodion_

Ist Gefahr fr Seine grfliche Gnaden?


_Chidrowo_

Schwatz nicht, Alter, tu, was man dir befiehlt. (Rodion ab.)


_Lassunsky_

(wirft sich in einen Sessel)

Ich bin hin.


_Chidrowo_

(ungestm auf und ab gehend)

Wie glaubst du, da Alexei Grigorjewitsch die Nachricht
aufnehmen wird?


_Lassunsky_

Kann mich nicht erinnern, ihn je sonderlich erstaunt gesehen
zu haben.


_Chidrowo_

Das ist bse.


_Lassunsky_

Bah! wer viel staunt, handelt wenig.


_Chidrowo_

So viel sag ich dir: wenn die Kaiserin den Orlow heiratet,
nehm ich meinen Abschied.


_Lassunsky_

Nach Sibirien.


_Chidrowo_

Einem Orlow huldigen? Eher nach Sibirien.


_Lassunsky_

Was knnen wir dagegen tun?


_Chidrowo_

Die Frstin Chilkow hat geweint, als sie davon erfuhr.


_Lassunsky_

Die flennt, wenn man einem Huhn den Hals abdreht. Als
Rakitin mit ihrem Wissen ihren Mann erschlug, hat sie keine
Trne vergossen. (Man hrt Waffenlrm von der Strae.)
Horch --! (Beide lauschen.)


_Chidrowo_

(nhert sich dem Erker)

Nein -- nichts. (Stellt sich vor Lassunsky; ungestm.)
Michael Jefimowitsch! Wir sollten hingehen und die Kaiserin
bitten, es nicht zu tun. Haben wir ihr nicht auf den Thron
geholfen? Wir alle? Wir sind bereit, fr sie zu sterben, nur
das, das eine, das nicht! Sie kann sich unsern Grnden nicht
verschlieen.


_Lassunsky_

Sie wird aus deinen Grnden einen Strick fr den Henker
drehen.


_Chidrowo_

Herrgott, Michael Jefimowitsch, sie ist doch eine kluge
Frau!


_Lassunsky_

Sie ist verliebt.


_Chidrowo_

Was ist denn an einem Orlow zu lieben?


_Lassunsky_

Was wir an ihm hassen.


_Chidrowo_

Sein Ehrgeiz macht ihn verrckt.


_Lassunsky_

Er ist schn, und stark wie ein Br.


_Chidrowo_

Er hat keine Erziehung.


_Lassunsky_

Umso weniger ist er gehemmt.


_Chidrowo_

(leise durch die Zhne)

Ich sage dir: er wird sie ermorden, so wie er den Zaren
ermordet hat.


_Lassunsky_

Dummkopf! Er war nur die Hand. Katharina ist tausendmal
schlauer als er. O, das ist ein Weib, mein Lieber, die
steckt uns alle in den Sack.


_Chidrowo_

Wo ist da die Schlauheit? Die Mariage ist projektiert. Es
mu ein Mittel gefunden werden, sie davon abzubringen.


_Lassunsky_

Du bist Soldat und mut schweigen.


_Chidrowo_

Schweigen kostet Herzblut.


_Lassunsky_

Ich meinerseits will nicht Politik treiben, da hast du's.


_Chidrowo_

Aber die Zhne knirschen? Das ist auch eine Art von Politik
und eine schlechte. Wie stumpf du bist!


_Lassunsky_

Stumpf?


_Chidrowo_

Oder du weit mehr als du sagen willst.


_Lassunsky_

Wohl mglich. Vielleicht wirst du heute noch alles erfahren.


_Chidrowo_

Wie ist's? warum wollte der Grokanzler mit Rasumowsky
verhandeln?


_Lassunsky_

Ist dir nicht bekannt, da Alexei Grigorjewitsch heimlich
vermhlt war mit der verstorbenen Kaiserin Elisabeth
Petrowna?


_Chidrowo_

Dies ist mir wohl bekannt, allein -- wie hngt das zusammen?


_Lassunsky_

(sieht sich um)

Schweig, schweig.


_Chidrowo_

Im Hause Rasumowskys sind die Wnde taub.


_Lassunsky_

Nicht um die Wnde handelt sich's. (Steht auf.) Aber er! Er!
Dieser furchtlose Mann! Der furchtloseste, der in Ruland
lebt. Wie ich ihn verehre, Fedor Alexandrowitsch! Wtest du
wie ich ... In wunderbarer Verschwiegenheit ist er der
Geliebte einer Kaiserin gewesen. Niemals hat ihn eine Miene,
nie ein Lcheln verraten. Nie hat er Schacher getrieben mit
seinem Glck. Nie war er ungerecht. Und jetzt (schmerzlich)
jetzt soll er sich ausliefern. Weil ein Orlow mit der
Vergangenheit dieses gerechten Mannes seine Zukunft grnden
will!


_Chidrowo_

Ausliefern? Ich verstehe dich nicht, Michael Jefimowitsch.
Kein Wort verstehe ich von allem was du sagst.


_Lassunsky_

(kummervoll)

Und er wird Grigorij Orlow empfangen. Er wird ihn einlassen,
ich wei es.


_Chidrowo_

Du meinst, weil er sich nicht getrauen wird, den ersten
Gnstling der Krone von seiner Tre zu weisen?


_Lassunsky_

Nicht deshalb, Fedor Alexandrowitsch, nicht deshalb. Sondern
eben, weil er so gerecht ist. Und wenn Orlow vor ihm steht,
dieser Sturmwind, dieser Leopard, kannst du ermessen, was
dann geschieht? Mich jammert's, Fedor Alexandrowitsch, und
ich fhle mich machtlos. Die Dinge geschehen, und wir sind
machtlos.


_Chidrowo_

Du schwaches russisches Herz! So will ich dir sagen:
Rasumowsky wird Grigorij Orlow nicht empfangen.


_Lassunsky_

(aufmerksam)

Schon vorhin hast du angedeutet, da Orlow es nicht wagen
wrde ... Da steckt was dahinter.


_Chidrowo_

Weit du nicht, was sich am Ostertag auf der Morskaja
zugetragen hat?


_Lassunsky_

Kein Sterbenswort.


_Chidrowo_

Wahrlich, in unserm Leben sind die Geschehnisse wie Trume
... (Fat sich an die Stirn.) So kurz die Zeit, so weit
entrckt. (Besinnt sich.) So war's ...


_Lassunsky_

Erzhle, Fedor Alexandrowitsch ... mir ist jetzt selbst als
htten sie in der Wachtstube davon berichtet. Zuviel drngt
sich in einen Tag.


_Chidrowo_

So war's ... (Mit Gesten, als ob er auf einen Plan wiese.)
Da ist die Morskaja. Da ist die Gasse von den Kasernen. Da
ist eine enge Gasse zum Newski-Prospekt. Orlow hatte die
Regimenter Astrachan und Ingermanland zum Gehorsam
gezwungen. Mit seinen zwanzig oder dreiig Getreuesten
strmt er zum Winterpalast, um es der Kaiserin zu melden.
Rast auf seinem Gaul an der Spitze der Schar mitten durch
die Stadt. Die Funken spritzen, das Pflaster drhnt. So
gelangen sie auf die Morskaja. Da spielen zwei Kinder auf
der Strae, schne, blonde Kinderchen, ein Mdchen und ein
Knabe, sitzen friedlich da und spielen. Denken offenbar, die
Reiter werden ausweichen, denn die Strae ist ja breit, und
so staunen sie dem Schauspiel entgegen und freuen sich.
Orlow aber sprengt mittenwegs auf sie zu, als knnt er
nicht, wollt er nicht aus der Bahn, zu spt rufen Leute aus
den Fenstern, strecken die Arme, zu spt erkennen die
Kleinen die Gefahr und starren, gtige Unschuld, wie wenn
ihr Schutzpatron sie geblendet htte. Orlow fletscht die
Zhne, spornt noch das Ro, starrt gerade vor sich hin, als
she er nichts, Weiber kreischen, Mnner strzen aus den
Husern ... alles umsonst, die beiden Muschen sind unter
den Hufen verschwunden, eh' man's denkt, zerrissen,
zertreten, und man schaut nur noch blutige Klumpen.


_Lassunsky_

O Menschheit!


_Chidrowo_

Im selben Augenblick kommt Alexei Rasumowsky aus der engen
Gasse, wohin die Reiter wollen, und vor der sie sich stauen
wie Wasser vor einem Wehr. Rasumowsky blickt hin ber die
Luft, blickt hin auf die blutige Erde und ruft: Graf Orlow!
Orlow reit den Zgel und hlt. Die hinter ihm sind, vom
tollen Ritt noch, mit ihren Gulen dicht an ihn gedrngt.
Ganz stille wird's auf einmal. Graf Orlow! ruft Alexei
Grigorjewitsch und hebt den Arm, die gemordeten Seelchen
werden sich um deine Fe klammern, wenn du vor Gottes Thron
gehst. Mit nichten wirst du schreiten knnen, mit nichten.


_Lassunsky_

Und Orlow? hat er geantwortet?


_Chidrowo_

Nun geschah das Sonderbare. Orlow zieht den Dolch, beugt
sich vor, schliet wie im Krampf die Augen und stt seinem
Pferd von oben her den Stahl mitten in die Brust. Whrend
das Tier zusammenbricht, springt er ab, geht an Rasumowsky
vorber, grt ihn schweigend und setzt schweigend und
bleich seinen Weg zu Fu fort.


_Lassunsky_

Rtselhaft.


_Chidrowo_

So hat mir's der Hauptmann Woropanow erzhlt, der an Orlows
Seite ritt.


_Lassunsky_

Was war der Zweck solcher Tat?


_Chidrowo_

Sicherlich trgt er glhenden Ha gegen Alexei
Grigorjewitsch.


_Lassunsky_

Das dnkt mich unwahrscheinlich.


_Chidrowo_

Wie ... unwahrscheinlich --?


_Lassunsky_

Es sieht wie Demut und Bue aus, was er getan.


_Chidrowo_

Hohn ist's, sag ich dir, Hohn und Bosheit. Seine Blutgier
wollte noch ein Opfer haben.


_Lassunsky_

Warum sollt es nicht Scham und Reue gewesen sein?


_Chidrowo_

Willst du Orlow verteidigen? Schnfrben den wsten Mord?


_Lassunsky_

Fast knnt ich Mitleid haben mit ihm.


_Chidrowo_

So seid ihr alle, lammsherzig und matt.


_Lassunsky_

Acht' auf deine Worte.


_Chidrowo_

Acht' du auf deine Freiheit, auf deine Mnnlichkeit!


_Lassunsky_

Stnden wir nicht hier, Fedor Alexandrowitsch --


_Chidrowo_

(wild)

Hier oder anderswo. Wer gut von Orlow redet, spricht
schlecht von mir.

(Graf Alexei Rasumowsky tritt langsam von rechts ein. Er ist
mit einem langen, schwarzen Sammetgewand bekleidet und hat
eine goldne Kette um den Hals. In der Hand trgt er die
Kasansche Bibel. Er erscheint zunchst hlich mit seinem
eingefallenen, alten, mitrauisch finstern Gesicht, an dem
die Backenknochen stark hervortreten und die schneeweien
Brauen wie dicke Wlste hngen, indes der Kinnbart schtter
und zottig ist. Aber sein Wesen hat eine bewundernswerte
Wrde, und wenn er, um zu schauen, die Lider hebt, was nicht
hufig geschieht, ist sein Blick strahlend rein und von
seltsamer, kindlicher Wehmut. Die beiden Offiziere wenden
sich von einander und begren ihn mit schweigender tiefer
Verbeugung.)


_Rasumowsky_

Streit in meinem Hause? (Langes Schweigen.) Was ist
geschehen, Rittmeister Chidrowo, da Ihre Augen so funkeln?


_Chidrowo_

(finster)

ble Neuigkeiten, Erlaucht.


_Rasumowsky_

Nichts Schlimmeres in der Welt als Neuigkeiten. Weshalb sind
Sie hier, zu so frher Stunde?


_Chidrowo_

Ich sollte den Grokanzler Woronzow anmelden.


_Lassunsky_

Graf Woronzow ist auf der Fahrt hierher von Soldaten
berfallen worden.


_Rasumowsky_

Hat Ruland keinen Zaren mehr?


_Chidrowo_

Es hat eine Zarin.


_Rasumowsky_

Gott schenke ihr Weisheit. (Kopfschttelnd.) Woronzow auf
dem Weg zu mir ... Was hat das zu bedeuten?


_Lassunsky_

Die Zarin hat den Kanzler wegen der neuen Mariage zu Euer
Erlaucht geschickt.


_Rasumowsky_

Wegen der neuen Mariage? Bin ich ein Pope?


_Lassunsky_

Der Kanzler sollte eine geheime Erkundigung einziehen.


_Rasumowsky_

(lt sich auf dem Armsessel vor dem Kamin nieder und legt
die Bibel auf seinen Scho)

Das gehrt auch zu den Neuigkeiten der Welt, da mit lauter
Geheimnissen regiert wird.


_Lassunsky_

Die Sache verhlt sich so, Erlaucht: Da ganz Petersburg
gegen die projektierte Heirat der Zarin mit Orlow gestimmt
ist, so hat man endlich ein Mittel gefunden, um die Geister
zu beschwichtigen, man hat auf die Ehe Euer Erlaucht mit der
verstorbenen Kaiserin Elisabeth Petrowna hingewiesen.


_Rasumowsky_

Wie? So weit htte man sich vermessen? Und wem ist dieser
schamlose Gedanke gekommen?


_Lassunsky_

Offenbar stammt er von den Brdern Orlow. Was ihr fr
unmglich haltet, sagten sie, ist ja schon einmal
geschehen, ohne da die Welt eingestrzt ist. Graf
Rasumowsky ist ja da, gehen wir hin zu ihm.


_Chidrowo_

Die Narren!


_Rasumowsky_

Und was sagte die Kaiserin dazu?


_Lassunsky_

Die Kaiserin soll gesagt haben: von dieser Ehe wei die Welt
nichts, aber wenn ihr mir den schriftlichen Beweis erbringt,
da zwischen dem Grafen Rasumowsky und der hochseligen Zarin
eine Heirat wirklich stattgefunden hat, will ich mich fgen.


_Chidrowo_

Das hat die Kaiserin gesagt?


_Lassunsky_

Doch als die Orlows sich anheischig machten, zu Euer
Erlaucht zu gehen, wollte die Kaiserin pltzlich nichts
davon wissen. Sie gebot, da Graf Woronzow den Auftrag
bernehmen sollte, vielleicht weil sie den Ungestm der
Brder Orlow frchtete, vielleicht, weil sie in Wirklichkeit
gar nicht wnscht, was sie zu wnschen scheint. Heut um die
achte Stunde befahl der Kanzler seinen Wagen, und vor der
Kasan-Kathedrale geschah es dann --


_Chidrowo_

(am Fenster, mit ausgestreckter Hand)

Da sind Orlows Leute! (Stimmen und Waffenlrm vor dem Haus.)


_Rasumowsky_

(steht auf)

Und du vermutest, da der berfall vom Grafen Orlow
angestiftet worden ist? (Schaut gegen den Erker.)


_Lassunsky_

Ja, Erlaucht.


_Rasumowsky_

So wre es augenscheinlich, da Orlow dem Befehl der
Kaiserin zuwidergehandelt hat --? (Man hrt heftiges Klopfen
am Tor.)


_Chidrowo_

Sie begehren Einla.


_Rasumowsky_

(erstaunt)

Einla begehren sie? Das Tor ist offen. War's denn nicht
auch fr euch geffnet?


_Lassunsky_

(zgernd)

Ich habe die Tore schlieen lassen.


_Rasumowsky_

Die Tore _meines_ Hauses?


_Chidrowo_

Ich denke, Erlaucht, man kann nicht mehr daran zweifeln, da
Orlow den Kanzler berfallen lie, um ihn dingfest zu
machen.


_Rasumowsky_

Die Tore _meines_ Hauses? (Lassunsky senkt schweigend den
Kopf.) Soll Orlow glauben, da ich vor ihm zittere?


_Chidrowo_

Wie, Erlaucht, Sie wollen Orlow empfangen? (Erneutes Pochen
von unten.)


_Rasumowsky_

Geh, Michael Jefimowitsch, und sag, da das Tor aufgesperrt
werde.


_Lassunsky_

(flehend)

Erlaucht --


_Rasumowsky_

Klang es doppelzngig, was ich gesagt?


_Lassunsky_

(geht schweigend ab --)


_Chidrowo_

(verschrnkt die Arme; vor sich hin)

Verloren, Mtterchen Ruland, verloren ...


_Rasumowsky_

Eure Gromuligkeit, was ist sie nutze? Ist euer Nein
Vernunft, euer Ja berlegung? Ich will sehen. Sehen und
hren will ich, dazu gab mir Gott Augen und Ohren. Und wenn
ich gesehen und gehrt habe, dann will ich wgen, dazu hat
mir Gott die Erfahrung eines langen Lebens zuteil werden
lassen.


_Lassunsky_

(kommt zurck)

Major Nischinski ist es, man hat ihn vorausgesandt, um Euer
Erlaucht den Grafen Orlow zu melden.


_Rasumowsky_

Ich bin bereit.


_Chidrowo_

(noch leiser als oben)

Verloren, Mtterchen Ruland, verloren ...


_Lassunsky_

Ich sagte ihm, da ich die Meldung bernehmen will.


_Rasumowsky_

(wie mit sich selber redend)

In ein Antlitz zu schauen, das heit, Entschlsse vom
Schicksal selbst empfangen. Lufst du hinauf die steile
Bahn, Orlow, ohne da dein Herz klopft, so will ich prfen,
was fr ein Ruf dich ereilt, was dich zaudern macht, was
dich feurig macht, was dich grausam macht, was dich weckt.
(Ekstatisch bewegt.) Nicht richten will ich, nur Werkzeug
eines Richters sein und handeln -- wie ich mu. (Mit der
frheren Stimme.) Michael Jefimowitsch!


_Lassunsky_

(der das Gesicht abgewandt und die eine Hand ber die Augen
gelegt hatte)

Erlaucht --?


_Rasumowsky_

Wie geht es meiner Nichte Sofia?


_Lassunsky_

Wir erwarten tglich ihre Niederkunft, Erlaucht.


_Rasumowsky_

Bete fr einen Knaben. Gott schenk uns Helden. (Man hrt
Schritte, Stimmengesurr, Sbelklirren.)


_Rodion_

(reit die Tre auf, feierlich)

Der General-Adjutant Kammerherr Graf Orlow.


_Orlow_

(tritt sbel- und sporenklirrend ein. Er trgt die Uniform
der Preobraschenskyschen Leibwachen. Seine Gestalt ist
uerst schlank, sein Gesicht kalt, bleich, hochmtig und
etwas verwstet. Die Zge verraten eine kaum zu bndigende
Leidenschaftlichkeit. Er wei um seine Schnheit, ist eitel
darauf und verachtet sie zugleich. Seine Hnde sind fein und
lang. Er verbeugt sich tief vor Rasumowsky, die beiden
Offiziere scheint er zu bersehen.)

Ich komme hoffentlich nicht zu ungelegener Stunde, Graf
Alexei?


_Chidrowo_

(kaum hrbar)

Verloren, Mtterchen Ruland, verloren ...


_Rasumowsky_

Michael Jefimowitsch, du wirst die Gte haben, drben im
gelben Zimmer zu warten.


_Lassunsky_

Wir wollen keinesfalls stren.


_Rasumowsky_

Auch Sie, Fedor Alexandrowitsch, mgen warten, wenn es Ihnen
gefllig ist.


_Chidrowo_

Wenn es erlaubt ist, will ich warten. (Ab mit Lassunsky nach
rechts.)


_Rasumowsky_

Nehmen Sie Platz, Graf Orlow. (Er setzt sich, legt die Bibel
aus der Hand.)


_Orlow_

(setzt sich gleichfalls)

Da ich nicht mit einer langen Vorrede lstig falle,
Erlaucht: Wie Ihnen bekannt sein drfte, hat sich Ihre
Majestt, die Kaiserin, entschlossen zu heiraten.


_Rasumowsky_

(bedchtig)

Wieder zu heiraten.


_Orlow_

Zar Peter ist tot.


_Rasumowsky_

Doch war er gekrnter und gesalbter Zar von Ruland.


_Orlow_

Ihm folgte von Gottes Gnaden Katharina.


_Rasumowsky_

Ich unterwerfe mich demtig ihrem mchtigen Willen.


_Orlow_

Ihre erhabene Majestt hat ihr Herz an einen Unwrdigen
verschenkt, den sie aus dem Staub zu sich auf den Thron
erheben will. Dieser Unwrdige befindet sich vor Ihnen,
Erlaucht.


_Rasumowsky_

Und schaudert Ihnen nicht vor solcher Erhebung, Graf Orlow?
Da Sie mit Worten der Bescheidenheit davon sprechen, steht
Ihnen wohl an. Ich hatte es nicht erwartet.


_Orlow_

Da ich endlich einen Mann finde, dem ich mein volles und
bedrcktes Gemt erffnen kann! (Emphatisch.) Warum hat uns
das Geschick nicht frher einander nher kommen lassen!


_Rasumowsky_

Mein Los ist Einsamkeit seit langem, Graf Orlow. Fast kenne
ich die Welt nicht mehr, und fremd ist mir geworden, was
sich auerhalb dieser Schwelle begibt.


_Orlow_

So dacht ich mir's, Erlaucht, und nur mit frommen
Empfindungen bin ich genaht.


_Rasumowsky_

Unheilig war stets, was mir von drauen kam, das ist wahr.
Doch liebe ich die Jugend, wenn schon vieles mir unbegreiflich
an ihr ist.


_Orlow_

(geschmeidig und beredt)

Wie Sie leicht ermessen knnen, Erlaucht, begegnet die edle
Absicht der Kaiserin dem Widerstand aller Groen des Reichs.
Man beneidet mich, man legt mir Fallstricke, man zettelt
Verschwrungen an, ja man schreckt nicht vor offenbaren
Beleidigungen zurck, denen mein Gleichmut unmglich
gewachsen ist.


_Rasumowsky_

Ja, ja, ja. Es ist geblieben, wie es immer war.


_Orlow_

Ich habe mich beherrschen gelernt, Erlaucht. Mein Vater hat
mich in Demut und Gehorsam erzogen. Niemals, in meinen
verwegensten Trumen nicht, konnte ich ahnen, da der Blick
meiner gndigen Herrscherin auf mich fallen wrde. Wer kann
es mir verargen, Erlaucht, da mein ganzes Blut sich in
Hingebung fr diese Frau entflammte, da ich bereit bin,
meine Seligkeit fr sie zu opfern, da mir nichts mhevoll,
nichts unerreichbar mehr erscheint, seitdem sie mich erwhlt
hat?


_Rasumowsky_

Wohl kann ich dies verstehen, Graf Orlow.


_Orlow_

(schwrmerisch)

O, ich wute es, Erlaucht, ich wute es. Dank, allen Dank
meines armen Herzens.


_Rasumowsky_

Ein Herz wie das Ihre ist nicht arm, Graf Orlow.


_Orlow_

Doch scheint mir's so in Ihrer Nhe. Aber hren Sie weiter,
Erlaucht. Vor wenigen Tagen wurde die Zarin, deren Geist in
qulender Unschlssigkeit irgend einen Weg suchte, von einem
ruchlosen Ratgeber auf Ihre Ehe --


_Rasumowsky_

(unterbricht hastig)

Ich wei, ich wei ...


_Orlow_

Sie wissen, Erlaucht? Ich atme auf. Dies mindert die
Schwierigkeit meiner Sendung.


_Rasumowsky_

Ich bin erstaunt, da Ihre Majestt ein solches Mittel ntig
zu haben glaubt. Jede Handlung ist gerechtfertigt, die sie
gutheit.


_Orlow_

Ganz meine Meinung, Erlaucht. Aber Katharina ist
gewissenhaft und dankbar, zwei Eigenschaften, die den
Frsten das Regieren erschweren.


_Rasumowsky_

Und Ihre Mission ist also --


_Orlow_

Der Plan war, den Grokanzler zu schicken --


_Rasumowsky_

(nickt)

Auch dies ist mir bekannt.


_Orlow_

Ich wollte es um jeden Preis verhindern, selbst auf die
Gefahr, ungehorsam gegen meine Wohltterin zu sein. Der
Kanzler Woronzow ist ein vortrefflicher Diener, aber er ist
nur ein Diener. Seine Rauheit, sein mrrisches Wesen, seine
Unfhigkeit, zarte Dinge zart zu packen, htte Sie unbedingt
verletzt, Graf Alexei. Ich begriff das Ungeheuerliche des
Auftrags wie die Delikatesse, mit der er behandelt werden
mute, vom ersten Augenblick an. Ich habe tief mit Ihnen
gefhlt, Erlaucht, ich frchtete die Dazwischenkunft des
Kanzlers, und -- ich habe ihn gefangen setzen lassen.


_Rasumowsky_

Was Sie getan haben, ist hchst tadelnswert, Graf Orlow,
doch kann ich dem Edelmut, der Sie antrieb, meine
Bewunderung und meinen Dank nicht versagen.


_Orlow_

Und so bin ich gekommen -- (zaudert.)


_Rasumowsky_

Gekommen --?


_Orlow_

(leise, als schme er sich)

Sie um die Dokumente Ihrer Ehe mit der Zarin Elisabeth
Petrowna zu bitten.


_Rasumowsky_

Mein Erstaunen wchst, Graf Orlow. Wie kann man mit einer
Tatsache rechnen, mit der die ffentlichkeit niemals
behelligt worden ist, die niemals zugegeben worden ist und
die daher niemals Gegenstand weder einer politischen, noch
einer privaten Aktion werden kann?


_Orlow_

Ich ehre diese Entrstung, Erlaucht, und finde sie gerecht.
Aber es gibt Dinge, die so lange verschwiegen werden bis
jedes Kind um sie wei.


_Rasumowsky_

Wahrlich, was Sie da sagen, betrbt mich aufs uerste, Graf
Orlow. Mir ist, als sei ich bestohlen worden. Mir ist, als
htte man meine Brust durchwhlt, um ihr das Teuerste zu
rauben, und als riefe man mir zu: du bewahrst es umsonst,
denn die Hunde beschnffeln es schon wie ein Aas.


_Orlow_

Schwer wird es mir, Ihnen zu widersprechen, Erlaucht.


_Rasumowsky_

Und wenn ich nun antworten wrde: eine Ehe zwischen mir und
der hochseligen Herrin Elisabeth Petrowna hat niemals
stattgefunden?


_Orlow_

(beit sich auf die Lippen; dann gleinerisch)

So wrde ich Ihre Beweggrnde zu erforschen suchen.


_Rasumowsky_

Wenn ich Ihnen versichern wrde, da ich keine Dokumente
besitze --? Wie, Graf Orlow?


_Orlow_

(dster)

Sie wrden damit mein Leben zerstren, Erlaucht.


_Rasumowsky_

Und wenn ich den Besitz der Dokumente zugebe, warum soll ich
sie ausliefern? Was knnte mich veranlassen, ein Jahr um
Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt gehaltenes bereinkommen
schmhlich zu verletzen? Nur weil ein Jngling, den die
Jugend begehrlich und begehrenswert macht, in meinen Frieden
tritt und die Hand ausstreckt nach meinem Gut?


_Orlow_

Es ist nichts in Ihren Worten, Alexei Grigorjewitsch, was
ich mir nicht auch selbst schon ins Gewissen gerufen htte.
Doch erwgen Sie, Erlaucht: mein Glck ist auch das Glck
der Kaiserin.


_Rasumowsky_

Ich werfe mich in den Staub vor Ihrer Majestt, aber sie
hat keine Macht ber die Geheimnisse meiner Seele.


_Orlow_

So flehe ich, Erlaucht, um Ihr Vertrauen ...


_Rasumowsky_

Mein Vertrauen zu den Menschen ist so gering, Graf Orlow,
da jeder Appell daran verschwendet ist. Ich habe zu viele
Worte gehrt und zu viele Taten gesehen. Ich bin meiner
selbst kaum gewi, um wie viel weniger eines andern. Ein
Ozean von Geschwtz ertrnkt die edelste Handlung, und die
niedrigste versteckt sich nicht mehr, wenn ihr ein Vorteil
winkt.


_Orlow_

Bedenken Sie, Alexei Grigorjewitsch, ein Mann, fr den so
Ungeheueres sich entscheiden soll, mu ein Verworfener
werden, wenn es milingt.


_Rasumowsky_

Also ist es nur der Erfolg, der tugendhaft macht?


_Orlow_

Ein Held jedoch, wenn er ans Ziel gelangt.


_Rasumowsky_

Ein Held? Knnt ich dies glauben, Graf Orlow, dann! ja dann!
Aber ich kann es nicht glauben. (Feierlich.) Zwei
unschuldig Zertretene wehren mir's.


_Orlow_

Viel Blut liegt auf dem Weg der Helden, Erlaucht.


_Rasumowsky_

Blut von Kindern?


_Orlow_

Macht lscht den Makel aus.


_Rasumowsky_

(betroffen)

Furchtbares Wort!


_Orlow_

(erkennt seinen Fehler, einlenkend)

Als ich heranritt, Erlaucht, ich war betrunken von Freude;
ich hatte die unheilvollste Meuterei erstickt, Rebellen
hatte ich meiner Gebieterin in Anhnger auf Tod und Leben
verwandelt, die Wirklichkeit zerrann mir vor den Augen, ich
sah kein Hindernis mehr ... und als es geschehen war, hab
ich nicht Bue getan vor allem Volk?


_Rasumowsky_

Doch haben Sie dem Volk eine unheilbare Wunde geschlagen.


_Orlow_

(mit dem letzten Aufwand seiner gleinerischen
Beredtsamkeit)

Als ich zwlf Jahre alt war, Erlaucht, trieb mich mein
Vater mit der Peitsche vom Hof, weil ich fr einen
Leibeigenen, der die Todesstrafe erleiden sollte, um Gnade
gebeten hatte. Ich liebe unser Volk. Ich wei, wie sie
leben, wie sie schmachten, wie sie Unrecht leiden, wie sie
stumm sind, wie sie ihre Hoffnung unermdlich von Jahr zu
Jahr tragen, wie sie in ihrer Not die Herren preisen, die
mit den Frchten ihrer Arbeit Feste feiern, und wie sie auf
den warten, der sie erlsen wird. Ich wei es und will ihrer
nicht vergessen.


_Rasumowsky_

Ist mir doch, als ob ich Glocken hrte aus einem versunkenen
Land, Graf Orlow. (Er steht versunken, von Orlow gespannt
beobachtet; wie zu sich selbst) Ist es Rausch? oder Wahn?
oder blinde Sucht der Jugend? Leidenschaft macht beredt den,
der sie hegt, und stumm den, der sie begreift. (Laut) Sie
fhren eine ungewhnliche Sprache, Graf Orlow, die mich irre
werden lt an meinem Vorsatz.


_Orlow_

Ich danke Ihnen, Erlaucht.


_Rasumowsky_

(geht zur Wand, wo er neben dem Kamin auf eine geheime Feder
in der Tfelung drckt. Ein Trchen springt auf. Er
entnimmt dem Schrein eine goldene Kassette, die er ffnet
und einige in roten Atlas eingeschlagene vergilbte Papiere
herauszieht)

Sieh da, wie viel Staub darauf liegt ... (Er stellt das
Kstchen beiseite) Staub ... Staub. Pulver der
Vergessenheit. berreste von Trumen. (Er legt den Atlas in
das Kstchen zurck und liest das oberste Papier aufmerksam
durch.)


_Orlow_

(der sich am Ziel glaubt)

Vterchen Alexei Grigorjewitsch! (Er sinkt auf die Kniee.)


_Rasumowsky_

(ergriffen und ganz in die Vergangenheit verloren)

Frhling und Sommer meines Lebens! (Er kt die Papiere und
erhebt, sich bekreuzigend, die Blicke nach oben.)


_Orlow_

(packt in seiner Erregung mit beiden Hnden die Papiere)

Geben Sie, Alexei Grigorjewitsch --!


_Rasumowsky_

(erschrocken)

Was fr ein Ungestm, Graf Orlow!


_Orlow_

(fast mit Wildheit, drohend)

Ich kniee vor Ihnen, Alexei Grigorjewitsch!


_Rasumowsky_

(beugt sich ein wenig vor und starrt in Orlows Gesicht)

Die Augen ... die Augen ...


_Orlow_

(springt empor)

Wollen Sie mich auf die Folter spannen, Graf Alexei? Ich
ertrag's nicht lnger.


_Rasumowsky_

(kopfschttelnd)

Ei, es ist eine ganz andere Stimme, die jetzt zu mir
spricht.


_Orlow_

Genug gesuselt.


_Rasumowsky_

Also nur Verstellung? Und so schlecht verstellt? So schnell
berdrssig der Verstellung?


_Orlow_

Wollen Sie mir den Kder nur vorsetzen, um mich zappeln zu
lassen?


_Rasumowsky_

Ach, Sie zeigen zu frh Ihr wahres Gesicht, Graf Orlow.


_Orlow_

Ich habe viele Gesichter, warum soll dies gerade mein wahres
sein. Wozu das Getndel? Zu Groes liegt vor mir. (Er zeigt
seine weien Zhne, whrend sich die Worte strmisch
ergieen.) Von unten heraufgestiegen, wo die Sklaven wohnen,
begrt mich endlich das Licht, und Welt und Kreatur
schreit: Herr! Herr! Gnade! Gnade! Ja, Herr will ich sein
und Gnade soll von mir trufeln fr alle, die sich bcken.
Wollust, zu befehlen, und mit einem Atemzug die Mchtigsten
zum Schweigen bringen! Alles unter mir sehen, was jetzt noch
verfhrerisch lockt, aus der Enge heraus, wo man horchen
mu, ehe man spricht, und rechnen, bevor man zahlt. Ohne
Bedachtsamkeit leben, planen ohne Angst und Ma! Unten
gehrt alles auch dem Nachbarn, was mir gehrt, oben bin ich
allein und frchte keine Grenze. Keine Grenze frchten, das
ist's. Mit seinem Willen allein sein, frei mit jeder Tat und
doch der Richtpunkt aller Aufmerksamen. Ein Reich bersehen,
den Arm von Ozean zu Ozean strecken, die Willfhrigen mit
Provinzen lohnen, die Unzufriedenen hinschmettern, -- und
eine Kaiserin umschlingen, eine Kaiserin, in den Mienen
einer Kaiserin Unterwerfung lesen, -- das ist mein Spiel,
Alexei Grigorjewitsch! Die Wrfel liegen zwischen uns.
Werfen Sie jetzt und zhlen wir die Augen.


_Rasumowsky_

(kalt)

So spricht ein Spieler. Im Wrfelspiel mgen Sie gewinnen,
Graf Orlow, im Schicksalsspiel nicht.


_Orlow_

Auch das Schicksal kann man zwingen, alter Mann.


_Rasumowsky_

Wie den Teufel in der eigenen Brust.


_Orlow_

Wer wrde anders handeln an meiner Stelle? Nur wenn ich
zaudere, verliere ich.


_Rasumowsky_

Und Gott soll mit bei diesem ... Spiele sein?


_Orlow_

Gott ist auf meiner Seite, weil ich will. Ich fhle die
Bestimmung.


_Rasumowsky_

ber Blutbestimmung und Gottes Wahl lt sich nicht rechten.


_Orlow_

Lgendunst! Zar Peter war ein Narr, ein Verrter, Affe des
Preuenknigs, ein Schwchling. Herrliche Bestimmung!


_Rasumowsky_

Besser ein Schwchling als ein gewissenloser Emporkmmling.


_Orlow_

(hochmtig)

Die Brcke zwischen uns fngt an zu krachen, Erlaucht.


_Rasumowsky_

So mag sie bersten.


_Orlow_

Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren.


_Rasumowsky_

Doch die Zeit wird Sie auffressen.


_Orlow_

Jetzt, da Sie mich berzeugt haben, da Sie die Dokumente
besitzen und sie in Ihrer Hand halten, kann ich Sie zwingen,
Alexei Grigorjewitsch.


_Rasumowsky_

Sie wollen damit sagen, da Ihre Helfershelfer mein Haus
umstellt halten?


_Orlow_

Leute, die mir blindlings ergeben sind, ja.


_Rasumowsky_

Und wozu ich mich freiwillig nicht mehr entschlieen wrde,
das glauben Sie mit Gewalt durchsetzen zu knnen. Mit
eigener Faust oder mit dem Beistand fremder Fuste.


_Orlow_

Wenn Sie mich zu dieser Notwendigkeit drngen, -- ja. Ich
kann nicht zurck. Ich kann nur vorwrts.


_Rasumowsky_

Bis zum Abgrund. -- Sie vergessen nur eines, Graf Orlow.
Sobald Ihre Leute diese Schwelle bertreten, oder sobald Sie
selbst, von dieser Sekunde ab, eine Bewegung machen, die auf
Gewalttat zielt, fallen die Dokumente hier in das Feuer. Sie
sehen, es brennt loh genug, um ein paar Papiere rasch
verzehren zu knnen. (Pause. Beide blicken einander
schweigend ins Gesicht.)


_Orlow_

(mit verschrnkten Armen)

So also steht es.


_Rasumowsky_

Ja.


_Orlow_

(langsam und mit Nachdruck)

Eines noch, Alexei Grigorjewitsch: ich knnte Sie belohnen,
wie nie ein Sterblicher belohnt worden ist.


_Rasumowsky_

Lohn? Fr mich? Welchen Lohn? Reichtum? Palste? Titel und
Wrden? Fr mich?


_Orlow_

(wie oben)

Wenn auch nicht fr Sie, Erlaucht, so doch fr einen
Knaben ...


_Rasumowsky_

Einen Knaben --?


_Orlow_

Fr Iwan, den Sohn Rasumowskys und der Kaiserin Elisabeth.


_Rasumowsky_

(schwankt einen Augenblick, hlt sich am Rand des Sessels,
sinkt dann darauf nieder).


_Orlow_

Der Pope Maximow hat mich zu ihm gefhrt.


_Rasumowsky_

Mge Gott ihm verzeihen. Es gibt keine Treue mehr.


_Orlow_

Frchten Sie nichts mehr von der verrterischen
Geschwtzigkeit dieses Priesters, Erlaucht. Ich habe dafr
gesorgt, da seine Zunge keinen Schaden mehr stiftet. Sie
und ich, wir sind die beiden einzigen Menschen auf Erden,
die um Iwan wissen ...


_Rasumowsky_

(dumpf)

Einer zu viel, Graf Orlow.


_Orlow_

Ich habe den Knaben gesehn. Es war eine weite Fahrt auf das
Gut Domnina im Epifanskischen Kreis. Ein schner, blonder
Knabe. Welche Einsamkeit fr einen Vierzehnjhrigen. Wie
durstig er in die Ferne blickte! Er wute nichts von Vater
und Mutter, die Leute, bei denen er ist, halten ihn fr den
Sohn von Euer Erlaucht verstorbenem Bruder. Er ahnt nicht,
welche Versprechungen das Leben ihm schenken knnte, und wer
nur sein Gesicht sieht (deutet auf das Bild der Kaiserin
Elisabeth), braucht keinen andern Beweis seiner Abkunft.
Grausam schien es mir, die junge Blte in der Steppenwste
verkommen zu lassen. Ich habe ihn ber seine Geburt
aufgeklrt.


_Rasumowsky_

(springt auf)

Das haben Sie getan?


_Orlow_

Ich habe es getan.


_Rasumowsky_

(sinkt wieder auf den Sessel, umklammert krampfhaft die
Dokumente vor der Brust.)

Groer Himmel! Sie hatten kein Mitleid mit dem arglos
spielenden Geschpf? Frevlerisch das Gift des Ehrgeizes und
der ungengenden Begierde in die junge Brust versenkt!
Fruchtlose Erwartungen geweckt, die ein glubiges Gemt
zerfleischen mssen! So war meine Entbehrung vergeblich,
vergeblich, da ich mein Herz von ihm entwhnt habe,
vergeblich das Opfer, vergeblich der Gram der Mutter, alles
vergeblich!


_Orlow_

(mit leisem Spott)

Ist es nicht besser, wenn der Wissende sich bescheidet, als
wenn der Getuschte verkommt?


_Rasumowsky_

(die Worte tief aus seiner Brust ringend)

Zweiunddreiig Jahre, Graf Orlow, war ich mit Elisabeth
Petrowna verbunden. Sie war eine musterhafte Christin und
eine zrtliche Mutter Millionen Volks. Auch mich liebte sie,
doch schien es mir so berflssig wie sndhaft, meinen
Ehrgeiz ber das Ma dessen zu erheben, was sie mir als Weib
gewhren konnte. Niemals in zweiunddreiig Jahren ist die
Versuchung ber mich gekommen, den geheiligten Glanz der
Majestt fr mich zu erborgen. _Sie_ war auserwhlt zu
herrschen. Von den Ahnen her war ihr die Gnade verliehen.
Woran soll das Volk glauben, diese Zahllosen, von denen wir
keine Namen wissen und die nur aufblicken in ihrer
Verlassenheit, um nach dem gottbestimmten Fhrer zu suchen,
woran sollen sie denn glauben, wenn nicht an das Mysterium,
das um eine Krone webt? Das ist ja ihr Mrchen, die
Botschaft, das Gesetz! Gesalbtes Haupt weiht das Diadem,
knigliches Blut rauscht vom Vater zum Sohn, vom Gatten zur
Gattin, von Geschlecht zu Geschlecht. Raubt ihnen diesen
Glauben, und ihr strzt sie in Gemeinheit und Verzweiflung,
die Welt steht da, ohne Ordnung, ohne Herrn. (Er erhebt
sich, bewegt.) Wenn es ein Verdienst in meinem Leben gibt,
Graf Orlow, so ist es das eine, da ich die Kaiserin zu
berzeugen vermochte, unsere Ehe, fr die sie den Segen der
Kirche gewnscht hatte, msse ein Geheimnis fr das Volk
bleiben. Und so wurde Iwan fern vom Hof und fern von den
Menschen erzogen, denn es ziemt sich nicht fr den
Halbgebrtigen, von einem Thron auch nur zu trumen.


_Orlow_

Phantome, Erlaucht, Phantome! Die Zeit hat sich verndert.
Es handelt sich nicht um die Gnade, es handelt sich um die
Kraft.


_Rasumowsky_

Ich bin kein Starrkopf, Graf Orlow, nicht einer, der
denkfaul an Vergangenem hngt. Ich kenne die Zeit. Vieles
tragen die Eimer des Jahres herauf aus dem dunklen Schacht,
und wer wirklich lebt, wandelt sich mit jedem Becher, den er
an die Lippen fhrt. Das Blut wird auch in alten Krpern
neu. War ich nicht bereit, Graf Orlow? Ich war bereit, mehr
kann ich nicht sagen. Aber ich bin gewohnt, in Menschenaugen
zu lesen, und mehr noch auf den Stirnen, Graf, auf den
Stirnen. Sie sind so unbehtet, die Stirnen; man kann sie
eine Walstatt der Dmonen nennen. (Den Arm mit
ausgestrecktem Finger gegen Orlow, stark.) Ich sehe
Schicksale auf dieser Stirn, die ungeboren bleiben sollten.


_Orlow_

Alexei Grigorjewitsch! Nicht auf meiner Stirn, -- in Ihrer
Hand liegt jetzt ein Schicksal. Iwan ist in meiner Gewalt.


_Rasumowsky_

(scheu)

Iwan ... ist ...


_Orlow_

In meiner Gewalt und nur mir erreichbar.


_Rasumowsky_

(mit weiten Augen)

Sie wollen damit sagen: um Iwan ist's geschehen, wenn ich
mich weigere ...


_Orlow_

Vielleicht ist es das, was ich sagen will.


_Rasumowsky_

(nhert sich Orlow mit gebeugtem Oberkrper und mit der
Unterwrfigkeit eines Bauern, hlt ihm mit beiden Hnden die
Dokumente hin)

Nehmen Sie, Graf Orlow ...


_Orlow_

(etwas berrascht von dem schnellen Erfolg, greift nach den
Papieren).


_Rasumowsky_

(demtig)

Nicht weil ich fr Iwan frchte, Graf Orlow ... nicht weil
ich mir sein Leben erkaufen will, ... nicht deshalb, Graf
Orlow, nicht deshalb ...


_Orlow_

(hlt die Papiere fest, mit finsterem Trotz)

Es wre auch zu spt, Alexei Grigorjewitsch, Sie retten Iwan
damit nicht. Er war zu gefhrlich, als er seine Abstammung
kannte. Er weilt nicht mehr unter den Lebenden.


_Rasumowsky_

(schmerzvoll)

Gott, dein Wille geschehe! Ich habe es geahnt!


_Orlow_

Und Sie geben mir trotzdem diese Papiere --?


_Rasumowsky_

(mit der Hoheit des Grames)

Ja, Graf Orlow! Ein Mann, der zu solchen Mitteln greift, den
mu die eigene Tat vernichten. Und wenn es die Krone selbst
wre, sie htte kein Gewicht mehr, wenn Sie sie halten.
Nichts ... ein Schemen, ein Scheinbild. Nichts. Zeigen Sie
die Dokumente der Kaiserin.


_Orlow_

(brtend)

Darum also ... Es ist zu viel ... (als wge er die Papiere)
es scheint mir zu viel Erniedrigung fr das gewhrte
Almosen. Bin ich denn ein Bettler? Soll es einen Menschen
geben, der mich _so_ einschtzen darf? (Aufflammend.) Nein,
nein, nein! Die Schmhung greift ans Herz. Wenn ich diesem
erbettelten, erschlichenen Wisch alles verdanken mte, was
mir das Leben gewhren soll, es fre mir das Mark der Tat
aus den Knochen. Ein Orlow, der alles Heil auf den Inhalt
einiger vergilbter Papiere grndet? Bin ich verloren ohne
diese Fetzen, so wie ich jetzt besudelt bin, wenn ich sie
als billige Trophe vor die Augen Katharinas bringe? Nein,
Alexei Grigorjewitsch, nein! Die Genugtuung, da es von
Ihrer Gnade abhngig war, Ruland einen Zaren zu geben, kann
ich Ihnen nicht berlassen. Jede Gegenwart wre mir
vergllt, und um Ihnen den Beweis zu liefern, da ich diese
Gnade verschmhe, da ich sie verachte, nur darum tu' ich,
was ich tue! (Er eilt zum Kamin und wirft die Dokumente ins
Feuer.)


_Rasumowsky_

(mit seltsam entzckter, schreiender Stimme, die zugleich
etwas wie physischen Schmerz enthlt)

Ein Gottesurteil! Ein Gottesurteil!

(Durch Rasumowskys Schrei alarmiert, kommen Lassunsky und
Chidrowo mit bestrzten Mienen.)


_Lassunsky_

(bleibt unter der aufgerissenen Tre stehen, hastig)

Was ist geschehen, Erlaucht?


_Chidrowo_

(tritt vor, zieht den Degen)

Wir werden Sie schtzen, Erlaucht.


_Rasumowsky_

(ohne sie zu beachten)

So hat eine hhere Macht Ihren Arm gelenkt, Graf Orlow, und
Sie haben nur den Beweis geliefert, da es keinen Weg gibt
aus Ihrer Menschentiefe zum Licht der Majestt. (Er bckt
sich, als ob er bete.)


_Lassunsky_

(drngend)

Erlaucht ... die Blsse Ihres Gesichts ... Sie sind
krank ...


_Rasumowsky_

(immer gebckt)

Ehrfurcht! Der Engel des Schicksals schwebt ber uns!


_Orlow_

(reit sich vom Anblick des Feuers los)

Verbrannt ... (Unheilvoll.) Und nun sei auch verbrannt alle
Milde, vergessen alles Zgern feiger Rcksicht und wer mich
aufhlt, meinen Schritt oder den Schritt meines Pferdes, der
mge zittern!


_Rasumowsky_

Verwirkt! Verwirkt! Wir wollen zittern, aber der Spruch ist
gefallen.


_Chidrowo_

(fast jubelnd)

Gerettet, Mtterchen Ruland, gerettet!


_Orlow_

(im Abgehen)

Htet euch!


_Rasumowsky_

(richtet sich wieder empor)

_Ich bin_ in meiner Hut, denn ich frchte die Menschen nicht
mehr.

(Vorhang)




Gentz und Fanny Eller


Personen:

  Friedrich von Gentz, Hofrat
  Felix Graf Reitzenstein
  Fanny Eller
  Jean   )
  Martin } Diener bei Gentz
  Franz  )
  Lieferanten, Geldleute usw.

Spielt in Wien, Herbst 1830


Ein Zimmer der Villa Gentz in Weinhaus bei Wien. Kostbare
Empirembel, Nippsachen, Kunstwerke, geblmte Tapeten. Auf
einer Kommode stehen zwei Glasglocken mit eingemachten
Frchten zum Naschen. Vom Kamin leuchtet eine goldene
Stehuhr. Im Hintergrund zwei Fenster, zwischen ihnen eine
hohe Glastre in den Garten. Links Tre zum Vorzimmer,
rechts in das Ankleidezimmer des Hofrats; diese Tr ist
offen.

Hinter der Tre links wird lebhaft gesprochen. Gleich darauf
_Jean_, livrierter Diener, von links durch das Zimmer nach
rechts ab. Die Tre links wird geffnet, und ein dicker Jude
will herein, _Martin_, ein zweiter livrierter Diener, der im
Zimmer damit beschftigt ist, frisches Wasser in
blumengefllte Vasen zu gieen, eilt hin und schlgt dem
Eindringling die Tr vor der Nase zu. Protestierende Rufe
von drauen. _Martin_ steht Wache.


_Gentzens Stimme_

(von rechts)

Was erfrecht Er sich? Ich zahle nicht. bermorgen. Die
Schufte sollen Geduld haben.


_Jean_

(eilig wieder von rechts nach links ab).


_Gentzens Stimme_

Die geblmte Weste! Die geblmte!


_Lebhafte Stimmen_

(hinter der Tre links).


_Jean_

(kommt abermals mit verzweifelter Miene nach rechts).


_Martin_

(hlt die Trklinke).


_Stimme Jeans_

Der Weinlieferant und der Parfmeur wollen partout mit dem
Herrn Hofrat selber sprechen.


_Gentzens Stimme_

Ach was, Er Esel, Er hat ja gar keine Schneid. -- Die Ringe,
Franz. Jetzt lauf Er zum Grtner wegen frischer Blumen.


_Franz_

(ein alter Diener, durch die Mitte ab in den Garten.)

(Gleich darauf)


_Gentz_

(Mann von fnfundsechzig Jahren. Hohe schlanke Gestalt. Er
hat einen mden, etwas gebckten Gang. Sein Gesicht ist
hchst geistreich, die ganze Physiognomie hat einen feinen,
lebhaften und verfhrerischen Ausdruck, und der Blick ist
von intensiver Kraft. Kinn und Unterkiefer sind etwas
schwer, um den Feinschmeckermund liegt bisweilen ein
trauriger, bisweilen ein zynischer Zug. Er ist nach der
letzten Mode gekleidet: brauner, langer Rock, gestickte
Weste, Vatermrder, schwarze Binde)

War schon jemand vom Frsten Metternich da?


_Martin_

Niemand, Herr Hofrat.


_Gentz_

(nach links ab, die Tre bleibt halb offen).


_Stimmen der Lieferanten_

K die Hand, Herr Hofrat! -- Wnsch guten Morgen, Herr
Hofrat! -- K die Hand, Euer Gnaden.


_Gentzens Stimme_

Also, was soll's -- Was belstigt ihr mich?


_Stimme des Parfmeurs_

Halten zu Gnaden, Herr Hofrat, hab fr siebenundachtzig
Gulden Klnisch Wasser geliefert.


_Stimme des Weinhndlers_

Ich fr dreihundertzwanzig Gulden Sekt.


_Gentzens Stimme_

Geduld, ihr Leute. Morgen schick ich zum Rothschild hin. Der
Rothschild zahlt alles, das wit ihr doch. Jetzt schert euch
friedlich nach Hause. (Er tritt ins Zimmer zurck, der dicke
Jude folgt ihm.)


_Jude_

Euer Exzellenz, der Wechsel ist schon emal prolongiert.


_Gentz_

Fort, fort, fort!


_Der Schneider_

(hat sich schchtern nachgedrngt)

Ich freu mich, da der Herr Hofrat so gut ausschaut.


_Gentz_

Keine Konfidenzen! Ich hab' gern, wenn Lieferanten was
liefern. Konfidenzen sind mir verhat. -- Hat der Grtner
schon was wegen der Rosen gemeldet?


_Martin_

Nein, Herr Hofrat.


_Gentz_

Ich will mal selber mit ihm reden. Wenn er frische Rosen
hat, ist es besser, sie erst am Stock zu sehen. (Durch die
Mitte ab.)


_Der Schneider_

Herr Hofrat! --


_Jean_

Na, was gibt's denn noch? Er hat doch gehrt, da wir heut
nicht bei Kassa sind.


_Der Schneider_

Morgen ist die Trauung von meiner Tochter, und wenn mir halt
der Herr Hofrat zwanzig Gulden geben tt ...


_Jean_

Lat eure Tchter im ledigen Stand, wenn ihr kein Geld
habt's.


_Martin_

(verchtlich)

Heiraten! Alle gemeinen Leute heiraten bestndig.


_Jean_

Und jetzt allons! marsch! (Nimmt den Besen.) Hinaus! Es wird
gelftet.


_Der Jude_

Was wird sein? Wer ich den Wechsel zu Protest bringen. (Ab,
desgleichen der Schneider, die Stimmen drauen verlieren
sich.)


_Martin_

Was macht er denn heut fr an Kramuri, der Hofrat?


_Jean_

Die Fanny war doch drei Tag am Land bei ihrer Schwester.


_Martin_

Ah so. Froher Empfang nach schmerzlicher Trennung.


_Jean_

Zu Mittag kommt s' mit der Extrapost, die Fanny.


_Martin_

Fahr'n jetzt die vom Theater auch schon mit der Extrapost?


_Jean_

Die Fanny is was man eine bessere Tnzerin heit. Hast es
schon tanzen seh'n am Krntnertor? Die Leut' soll'n sich die
Haxen abtreten hab'n.


_Martin_

(dster)

Der Hofrat g'fallt mir gar nicht mit seiner Verliebtheit.
Das is ja schon ganz auer der Normalitt. Wenn's nur keine
Mesallianz gibt.


_Gentz_

(vom Garten, zwei Burschen folgen ihm, die einen kupfernen,
mit Rosen gefllten Kessel tragen.)

Dorthin, ins Eck, ... auf die Sule.


_Franz_

(von links)

Herr Graf Reitzenstein. (Ab, auch Jean und Martin, die
Grtnerburschen durch die Mitte ab.)


_Gentz_

(zur Tr)

Guten Morgen, lieber Felix. Ein schner Herbsttag heute,
warm wie im August.


_Graf Reitzenstein_

(fnfundzwanzig Jahre, elegante Erscheinung; er ist ein
wenig Poet, und in seinen Zgen drckt sich die Schwrmerei
eines vornehmen Miggngers aus, dessen Lieblingsautor Lord
Byron ist)

Guten Morgen, Gentz. Wissen Sie, da Fanny schon aus der
Brhl zurck ist.


_Gentz_

Wie, schon zurck?


_Graf Reitzenstein_

Ich habe sie vor einer halben Stunde mit Stuhlmller beim
Theatereingang gesehen.


_Gentz_

Haben Sie mit ihr gesprochen?


_Graf Reitzenstein_

Nein, sie hat mich gar nicht bemerkt.


_Gentz_

Dann wird sie jeden Moment kommen. Stuhlmller? Stuhlmller?
Wer ist das doch? Richtig, der Tnzer.


_Graf Reitzenstein_

Ein exzellenter Tnzer. Er geht jetzt nach Berlin.


_Gentz_

Ah, nach Berlin. -- Ich erinnere mich: ein hbscher Bursche.


_Graf Reitzenstein_

Ja. Beine wie ein Narzi.


_Gentz_

Wie sah meine Fanny aus?


_Graf Reitzenstein_

Entzckend wie immer. Wenn man sie anblickt, hat man das
Gefhl, als sei man zu schlecht fr die Welt, in der sie
lebt.


_Gentz_

Sie waren ja am vorigen Sonntag mit ihr bei der Grfin
Fuchs? Ich konnte nicht hingehen, da mich der Frst zu einem
Conseil berufen hatte.


_Graf Reitzenstein_

Und am Abend zuvor fehlten Sie ja auch im Theater, Gentz --


_Gentz_

Die leidige Politik!


_Graf Reitzenstein_

Es war ein Triumph. Die Galerien haben geheult, das Parkett
hat sich die Handschuhe zerrissen. Sogar in der kaiserlichen
Loge sah man leuchtende Augen, und zwei Hofdamen, die vor
lauter Gewhnung an Feierlichkeit alles Fett an ihrem Leibe
verloren hatten, wackelten mit ihren Kpfen, als ob das
Theater eine Glocke und sie die Schwengel darin wren.


_Gentz_

(lacht)

Ja, diese Zauberin gleicht alle Gegenstze der sozialen
Welt aus, und gekrnte Hupter werden -- Publikum.


_Graf Reitzenstein_

Als sie auftrat, ging ein glckliches Seufzen durch das
Haus. Da stieg die ganze Venus aus dem Meer. Dieser Nacken,
diese Schultern, dieser Hals, die Bewegung, die anmutvolle
Hingabe, dies Sichverlieren in sester Heiterkeit! Ich sah
Mnner zittern und Frauen bleich werden. Jede Miene will
ihre angeborne Trgheit vergessen, doch ihr selbst nahen
keine Wnsche, nur Vergtterung umfngt sie. Ahnungslos und
unergriffen wandelt sie durch die gesammelte Bewunderung
hindurch, wie wenn ihr der Traum der letzten Nacht als
Schleier um die Seele gehllt wre, -- und lchelt.


_Gentz_

Sie haben recht, Felix. Ihr Lcheln ist das Wunderbarste. Es
scheint aus einer tiefen Quelle aufzusteigen, wo die Genien
wohnen, die den Menschen wohlwollen. Keine Heiterkeit deutet
so viel Schicksal wie ihre.


_Graf Reitzenstein_

Zur Fuchs kam sie spt, erst nach der Vorstellung. Man war
schon ein wenig mde. Aber als sie eingetreten war, begann
der Tag von neuem. Sie setzt sich neben die Hausfrau und
blickt sie zrtlich und vertrauensvoll an. Sie plaudert,
und Worte sind pltzlich edel. Die Luft, die sie atmet,
mitzuatmen, macht glcklich.


_Gentz_

Wenn man Sie hrt, Felix, sollte man glauben, ein Verliebter
spricht.


_Graf Reitzenstein_

Und wenn ich's wre?


_Gentz_

Sie scherzen.


_Graf Reitzenstein_

Keineswegs.


_Gentz_

Armer Felix, wie ist Ihnen das passiert?


_Graf Reitzenstein_

Das Mitleid, Gentz, sollten Sie mir aus Gromut ersparen.


_Gentz_

Nehmen Sie denn um Gottes willen Ihren Zustand ernst?


_Graf Reitzenstein_

Seh ich aus wie ein Libertin?


_Gentz_

Es gibt keinen lebendigen Mann, der Fanny gesehen hat und
sie nicht liebt. Bei Ihnen allerdings --


_Graf Reitzenstein_

Sie sprechen, Gentz, als ob Fanny Ihr Eigentum auf Leben und
Tod wre ...


_Gentz_

Lieber Felix, Sie berraschen mich. Wahrlich, ich wei nicht
mehr, was ich von der menschlichen Natur halten soll. Waren
Sie es nicht, der mich im Glauben an die Mglichkeit einer
Liebe zwischen mir und Fanny befestigt hat? Ich habe
gezweifelt, und Sie waren verschwenderisch mit Beispielen
aus Leben und Geschichte, die mich beruhigen sollten. Sie
waren der einzige, der verstehend in mein Herz drang, der
meine Jahre auf die Rechnung der Zeit und nicht zu Lasten
der Seele gesetzt hat. Ich war eiferschtig, damals, als ich
noch eiferschtig sein mute, und Sie lachten mich aus. Wenn
ich mich qulte, ob ich wrdig sei, Fanny zu gewinnen, sahen
Sie darin die Koketterie eines Mannes, der wenig verspricht,
um viel zu halten. Sie haben fr mich Sonette an Fanny
gedichtet, und in einem Brief, den ich nie vergessen werde,
schrieben Sie: Wehe dem Herzen, dem die Jahre alle Blten
rauben, und wehe der Lehre, die ein Vertrocknen vor der Zeit
fr Wrde oder Weisheit ausgibt. So dachte Anakreon nicht,
schrieben Sie, erinnern Sie sich? So dachte Anakreon
nicht.


_Graf Reitzenstein_

Waren Sie nicht glcklich mit Fanny?


_Gentz_

Nur ein junger Mann darf glcklich _gewesen_ sein.


_Graf Reitzenstein_

Ich kannte mein Gefhl nicht.


_Gentz_

So htte der geheimnisvolle Drang in Ihnen, Felix, einen
Greis beseelen wollen, und was dunkel in Ihrer jungen Brust
wohnte, bertrugen Sie mutlos und edelmtig auf mich? Ist es
so?


_Graf Reitzenstein_

Nicht ganz so.


_Gentz_

Und ich htte sechzig Jahre unter Menschen gelebt, mit
_meinen_ Augen, und habe nicht das Spiel eines Jnglings
durchschaut?


_Graf Reitzenstein_

Nein, nein, nein --


_Gentz_

Sie haben nicht bedacht, da kein Feuer so wtend brennt,
wie das in einem alten Haus.


_Graf Reitzenstein_

Ich wute und wei es. Fanny kam aus einer Welt, die tief
unter uns liegt, aus einer kleinen, armen Welt, in der man
noch an Ehren und Titel glaubt, wo von Luxus und Lebensgenu
erzhlt wird wie von Mrchen. Als Fanny Sie kennen lernte,
als sie Ihre Protektion erfuhr, da war ihr das Tor zur
groen Welt geffnet und in Ihrer Person verehrte sie den
Ruhm und die Macht, nach denen sie sich sehnte und wofr sie
auch bestimmt ist. Sie trat Ihnen mit der bebenden Andacht
entgegen, mit der die jungen Mdchen aus dem Volk einen
Prinzen aus seiner Karosse steigen sehen.


_Gentz_

(unterbricht)

Und aus diesem uerlichsten wollen Sie etwas so
Geheimnisvolles erklren, wie es mein Bund mit Fanny ist?


_Graf Reitzenstein_

Sie lernte Sie nher kennen, sie wurde bezaubert von Ihrem
Geist, von Ihrer Kunst des Umgangs -- welche Frau von
Instinkt und Kraft wrde nicht diese Atmosphre von Leben,
von Abenteuer, von Bildung und Welt spren, in der Sie
atmen? Fr sie, die Unerfahrene, waren Sie ein Gott an
Erfahrungen. Sie konnten ihr die Tore aufriegeln, die sie
fest verschlossen whnen mute, und Sie haben es getan. Sie
sah in Ihnen einen Gebieter des Schicksals, einen, der
erfllt ist von Schicksalen und dem sie Vertrauen schenken
durfte, weil er Liebe dafr gab. Sie fhlte Ihre
Vergangenheit, sie begriff Ihr Leben, Gentz, dieses Leben,
hingebracht in Schwrmerei und Leidenschaften, in den
Verfhrungen der Stdte wie im blutigen Dampf der
Schlachtfelder, unter Knigen und groen Damen, in Arbeit
wie in Genu, in der Melancholie der Einsamkeit und in der
Unruhe unter den Menschen. Sie war behtet und gefhrt,
wissend und gefeit an Ihrer Seite, und die Dankbarkeit
unterwarf Ihnen ihr Herz.


_Gentz_

Nur die Dankbarkeit? Das wre also der #punctum saliens?#
Soll ich zweifeln, nur weil andre zweifeln?


_Graf Reitzenstein_

Nicht zweifeln; aber Sie sind allzu sicher, Gentz.


_Gentz_

Fannys allzu sicher, meinen Sie?


_Graf Reitzenstein_

Ja, Fannys allzu sicher.


_Gentz_

Was gibt Ihnen Grund zu solcher Warnung? Ist die Medisance
am Werk? Hat man in den Salons und in den Kaffeehusern die
Muler zu Guillotinen meines Glcks gemacht?


_Graf Reitzenstein_

Man ist darber einig, da Gentz ein beneidenswerter Mann
ist.


_Gentz_

(mehr berlegen als bitter)

Gentz, ein Zittergreis, ein ausgebrannter Krater, und Fanny
Eller, das blhende Wunder einer morbiden Welt. Der
seufzende Diplomat und die spttisch lachende Nymphe, das
lcherliche Podagra und ein feuriger Czardas. Lassen Sie
hren, Felix, das war der Text. Die Melodie dazu -- pfeifen
die Drosseln.


_Graf Reitzenstein_

Nein.


_Gentz_

Aber Sie wenigstens haben die berzeugung gewonnen, da ber
einen Abgrund von siebenundvierzig Jahren hinweg die
Leidenschaft eines Weibes gefriert und ein Mann sich aus
seiner Dummheit und Leichtglubigkeit eine Gloriole webt.
Sagen Sie's nur.


_Graf Reitzenstein_

(wehmtig lchelnd)

Sie scheinen es also fr unmglich zu halten da Fanny -- (Er
stockt, da Gentz mit scharf markierten Schritten auf ihn
zugeht.)


_Gentz_

Ja, Felix! Unmglich! Unmglich kann Sie Fanny lieben!


_Graf Reitzenstein_

Ich dachte nicht an mich. Offen gestanden, lieber Gentz --


_Gentz_

(ergreift die Hand des Grafen)

Hren Sie mich an, Felix. Ich sage unmglich, nicht, weil
ich Ihren Wert nicht kenne. Die schnste, die vornehmste,
die stolzeste Frau mu sich glcklich schtzen, Sie zu
besitzen. Aber die schnste, die vornehmste, die stolzeste
Frau, was tut sie am Ende, wenn sie liebt? Sie opfert Ihnen
ihre Jugend. Ihre Schnheit ist nur dazu da, um von Ihnen,
dem Geliebten, begehrt und genossen zu werden. Und sei sie
lasterhaft wie Messalina oder eine Lucretia an Tugend, sie
ist ein Weib und zwischen ihr und Ihnen ist nichts als die
kleinen und groen Gefahren und Lockungen der Liebe. Fanny
hingegen ist eine Tnzerin. Eine wirkliche, gottbegnadete
Tnzerin. Verstehen Sie, was das heit?


_Graf Reitzenstein_

Ich denke ... warum sollt ich nicht?


_Gentz_

Als ich Fanny zum ersten Male tanzen sah, da verteilten
sich mir die Gewichte des Irdischen, und mein Schicksal war
mir nicht mehr so lstig nahe. Ich hatte Spielraum in mir
selbst, die Vergangenheit stand nicht mehr wie ein Leichnam
hinter mir, die Philosophie nicht mehr wie eine Erinnye ber
mir, ich fhlte mich einer hheren und leichteren Ordnung
der Dinge verwandt, und alles, was von schlechtem Gewissen
in mir war, wurde von einer heiteren Macht beschwichtigt und
zerstreut. Dem Philister ist dieser Tanz nur ein Vergngen,
an dem er vorbergeht, dem Jngling mag er die Sinne
befeuern, den reifen Mann erheben, erfreuen, doch nur der
Alte, der wahrhaft Erfahrene, einer, der durch das ganze
Fegefeuer der Geister- und Krperwelt gegangen ist, die
ganze Hlle von Niedertracht und Stumpfsinn und alles erlebt
hat, Untreue und Verrat, selbst treulos und ein Verrter
war, an allem versucht worden ist, durch Leiden schamlos,
durch Abwehr kalt, durch versteckte Armut listig, durch
Triumphe gleichgltig geworden ist, -- nur der kann die
Tnzerin lieben, wie sie geliebt werden mu, so wie man eine
Idee liebt, wie man Gott auf dem Sterbebett liebt.


_Graf Reitzenstein_

Das klingt gro, aber die Wahrheit des Lebens verteilt sich
im Kleinen.


_Gentz_

Ein Aperu beweist nichts, kaum fr den, der es macht. Wie
knntet ihr jungen Menschen diese Reinheit verehren, ohne
sie herabzuziehen? Diese beschwingte Leichtigkeit, ohne sie
zu lhmen? Wie knnt ihr besitzen, ohne mehr und immer mehr
zu fordern? Man mu durstig sein knnen und nur vom
freiwillig gereichten Becher trinken wollen. Man mu
vergttern knnen, indem man ein Wissen gibt, von dem ein
Hndedruck so voll ist wie eure erzhlten Aventren. Die
Tnzerin ist in irgend einer Art heilig zu nennen, Felix,
denn es ist etwas an ihr, was nie erobert werden kann und
nie berhrt werden darf, in den feurigsten Umarmungen nicht.
Fanny opfert alle Leidenschaft ihrer Kunst. Nicht nur ihr
Gliederspiel, auch ihr Seelenleben ist von dem Gesetz
mavoller Schnheit beherrscht. Man kann nicht weniger
emotionsbedrftig sein als sie es ist, die sich von allem
Strmischen und Heftigen geradezu bengstigt fhlt. Der
Adler wird in der Gefangenschaft traurig und verliert seine
Majestt; will man sie ganz besitzen, so mu sie frei
bleiben wie der Adler.


_Graf Reitzenstein_

Und doch dachten Sie einst an eine Heirat --


_Gentz_

Es war, als ich sie noch zu wenig liebte. Was bin ich
heute? Der entlassene Kammerdiener groer Herren. Was
besitze ich? Nichts. Schulden ber Schulden. Sollte die Frau
Hofrtin tanzen? Kann man einen Stern vom Himmel reien, um
ihn zum Schmuckstck fr die Wohnstube eines Literaten zu
machen? Das heit die Ewigkeit zum Augenblick erniedrigen,
und wer so handelt, dem versagt der Augenblick. Und so lang
ich dem Augenblick genug tue, bin ich jung. Alt bin ich
einen Augenblick vor meinem Tod.


_Graf Reitzenstein_

Wie sonderbar Sie mir erscheinen, lieber Gentz. Ich mchte
bewundern und mu doch trauern --


_Gentz_

Trauern? Worber? Sie suchen umsonst den frivolen Hfling in
mir, dessen geprgte Malicen noch gestern halb Europa zum
Lachen brachten. (Er nimmt ein mysterises Wesen an.) Ich
bin fromm geworden. Ja, ich bete, Felix, ich bete zuweilen.
Besonders in der Nacht.


_Graf Reitzenstein_

Armer Freund, kaum will mir das Wort ber die Lippen ...


_Gentz_

Was fr ein Wort? Gegen Worte bin ich gewappnet. Das ist
mein Beruf.


_Graf Reitzenstein_

Fanny ist nicht nur eine Tnzerin, sie ist auch ein Weib.


_Gentz_

Ich gratuliere Ihnen zu dieser Entdeckung. Wollen Sie mir
damit sagen, da Sie ein Mann sind? Ich habe nie daran
gezweifelt.


_Graf Reitzenstein_

Nicht um mich handelt sich's. Es tut mir leid, da ich mich
zu einem Gestndnis meiner Empfindungen fr Fanny habe
hinreien lassen. Es geschah, weil ich Ihnen Offenheit
schuldig zu sein glaubte. Es ist von meiner Seite nichts
geschehen, was mit dem Gebot der Freundschaft unvereinbar
wre, und da Sie keinen Anla haben, diese Freundschaft zu
beargwhnen --


_Gentz_

Nicht den geringsten, teurer Felix.


_Graf Reitzenstein_

-- so drfen Sie meiner Mitteilung keine falschen Motive
geben. Neigung und Freundschaft haben mein Auge geschrft,
das ist alles.


_Gentz_

Nun, Sie machen mich neugierig.


_Graf Reitzenstein_

Jener Stuhlmller --


_Gentz_

Was ist mit ihm?


_Graf Reitzenstein_

Fanny liebt ihn.


_Gentz_

Oh! Oh! Oh! Stuhlmller! Felix, Sie sind gar zu treuherzig.


_Graf Reitzenstein_

Sie befinden sich, lieber Gentz, in einem Rausch von
Tuschung und Illusion. Ich habe die beiden beieinander
gesehen, und nicht nur heute.


_Gentz_

Was noch?


_Graf Reitzenstein_

Ich habe Blicke gesehn, Gebrden gesehn ... O, ich kenne
Fanny. Wo ihr Herz spricht, ist sie ehrlich bis zur
Selbstvergessenheit.


_Gentz_

Und wre in dieser Ehrlichkeit betrgerisch gegen mich?
Felix! Felix!


_Graf Reitzenstein_

Ich wiederhole: sie ist ein Weib.


_Gentz_

Komischer Refrain. Mann -- Weib. Ist die Natur eine Maschine
und sind die grbsten Gegenstze der Begriffe nur erfunden,
damit man aus einem Engel im Handumdrehen eine Dirne machen
kann?


_Graf Reitzenstein_

Sie beleidigen die Natur, Gentz.


_Gentz_

Da sieht man, wie ihr jung seid, ihr jungen Leute. Ihr
stolziert in abgestempelten Anschauungen herum wie ein Hahn
auf einer Grammatik. Stuhlmller? wer ist Stuhlmller fr
mich? Was ist er fr meine Welt, fr mein Gefhl, was er
nicht auch zugleich fr Fanny wre?


_Graf Reitzenstein_

Ein Bursche wie aus Blut und Stahl, Gentz.


_Gentz_

Ihr wit nichts von Fanny, keiner. Ihr kennt nur eine
Liebenswrdigkeit, bei der das Herz abwesend ist ... (Er
lauscht.) Horch! Sie kommt, Felix! (Entzckt.) Ich hre
ihren Schritt ...


_Graf Reitzenstein_

Dann wird es Ihnen wohl bequemer sein, wenn ich mich jetzt
verabschiede.


_Gentz_

(mit leichtem Spott)

Sie mssen ihr wenigstens in die Augen schauen, Felix. (Er
lauscht angestrengter, mit geneigtem Kopf.)


_Graf Reitzenstein_

Sie knnte mich glauben machen, da ich ihr etwas bedeute,
und um so weniger knnt ich sie vergessen.


_Gentz_

Ist sie's? -- Ja, sie ist's.


_Graf Reitzenstein_

Vielleicht feiern wir heute abend noch ein kleines Fest zu
dreien, lieber Gentz. Am Sonntag reis' ich nach Paris.


_Gentz_

(vorwurfsvoll, doch ein wenig zerstreut)

Felix!


_Jean_

(tritt ein, reit die Tre auf)

Demoiselle Eller.


_Fanny Eller_

(folgt dem Diener. Sie trgt ein helles, schottisches Kleid
und einen blumengeschmckten Spitzenhut mit Band und
seitlich herabgebogenen Bndern. Gestalt und Bewegungen sind
von vollendeter Schnheit. Die ursprngliche Naivitt,
Heiterkeit und Frische kmpft bisweilen gegen eine
erworbene, anmutige Wrde)

Gr Gott, lieber Gentz! Endlich bin ich wieder bei dir.


_Gentz_

(fast erschttert bei ihrem Anblick)

Fanny! Teuerste! Wie lang waren diese drei Tage!


_Fanny_

Ei, der Graf Felix! Guten Morgen, Felix, wie geht's Ihnen?
Habt ihr ernste Gesprche gehabt? Es liegt so was in der
Luft.


_Gentz_

Du siehst blhend aus, Fanny. Tu doch den Hut herunter ...


_Fanny_

(nimmt den Hut ab, streicht mit den Hnden das schwarze
gescheitelte Haar glatt, das rckwrts zu einem griechischen
Knoten geknpft ist)

Gemtlich ist's bei dir, Gentz, und ich freu mich, da ich
wieder da bin. Die schnen Rosen!


_Gentz_

Findest du nicht, da Rosen auch Schwermut erwecken knnen?
Es gibt eine gewisse Flle des Lebens, die traurig macht.


_Fanny_

(streicht ihm ber die Stirn)

La das, Gentz. Wenn du von der Traurigkeit sprichst, krieg
ich gleich ein schlechtes Gewissen. Warum so schweigsam,
Felix? Ihr Mnner seid komische Leute. Wenn ihr miteinander
gesprochen habt, tut ihr furchtbar geheimnisvoll, und doch
wei man alles, wenn man euch nur anschaut.


_Gentz_

Wie steh ich armer Diplomat nun da!


_Graf Reitzenstein_

(lchelnd)

Die Traurigkeit unseres Freundes hat also schon gewirkt?


_Fanny_

(lacht)

Auf das schlechte Gewissen, meinen Sie? So stehn die Sachen,
Gentz?


_Gentz_

Er ist ein gar zu grblerischer Geist, der Felix. Denke dir,
er hat mir Vorwrfe ber meine leichtsinnige Wirtschaft
gemacht. Er ist der Meinung, da ich zu verschwenderisch
gegen dich bin --


_Graf Reitzenstein_

Gentz! Gentz!


_Fanny_

Sie haben ganz recht, Felix. Neulich wollte er mir partout
eine diamantene Agraffe kaufen --


_Graf Reitzenstein_

Es hiee Sie beleidigen, Fanny, wollte man Edelsteine fr
kstlicher halten als die Freude, Sie damit schmcken zu
knnen.


_Fanny_

Wie galant!


_Gentz_

Galant und wahr zugleich. Ich habe ihm gesagt, wenn man in
meinem Alter zum Harpagon wird, gleicht man einem Soldaten,
der nach dem Krieg desertiert.


_Graf Reitzenstein_

Der Geizige hat vor dem Verschwender das eine voraus, da er
alle seine Wnsche erfllen kann. (Greift nach seinem Hut.)


_Fanny_

Gehen Sie schon, Felix? Wie schade!


_Gentz_

Leben Sie wohl, lieber Freund.


_Graf Reitzenstein_

Ich darf doch darauf rechnen, da Sie heute abend mit Fanny
bei mir soupieren?


_Fanny_

Das wre reizend.


_Gentz_

Heut abend kann ich unmglich, 's ist ein Diner beim Frsten
und der franzsische Gesandte kommt hin. Der Frst legt Wert
auf meine Anwesenheit. Aber morgen, wenn dir's recht ist,
Fanny? Gut, wir kommen morgen.


_Graf Reitzenstein_

Auf Wiedersehen denn. (Ab.)


_Fanny_

(die ihm nachgeschaut hat)

Er ist ganz anders als sonst, der Felix ...


_Gentz_

Bist du nicht eiferschtig auf dich selbst, da deine besten
Freunde eiferschtig auf deine besten Freunde werden?


_Fanny_

Ist es so, dann tut er mir herzlich leid.


_Gentz_

Nun, die Dinge liegen so einfach nicht. Du steigst empor, du
richtest die Blicke der Menschen auf dich, die Mnner, wie
sie einmal sind: eiferschtig selbst da, wo sie nicht
lieben ...


_Fanny_

Oft denk ich mir, es wre Zeit, dem Wiener Boden Valet zu
sagen --


_Gentz_

Sprich's nicht aus, Kind.


_Fanny_

(schchtern)

Jetzt grade knnt ich's tun, Gentz. Ich hab einen Antrag
nach Berlin; soll an der kniglichen Oper tanzen.


_Gentz_

Also doch! Wie hab ich den Moment gefrchtet.


_Fanny_

Ich tu's ja nicht, Gentz, tu's keinesfalls.


_Gentz_

Hat man dir den Kontrakt schon vorgelegt?


_Fanny_

Ja, ich hab ihn dabei. (Zieht das Dokument aus ihrem
Pompadour und bergibt es Gentz.)


_Gentz_

La sehn ... (liest) Ballette Blaubart, die Fee und der
Ritter, Ottavio Pinelli, die Stumme von Portici ... fr
drei Monate ... die Summe von fnfzehnhundert Talern nebst
Spielhonorar ... (laut) Das ist nicht bel. Das wre ja
durchaus nicht von der Hand zu weisen.


_Fanny_

(versucht gleichgltig zu erscheinen)

Nicht wahr? Verlockend ist es.


_Gentz_

Du hast also Lust, zu den Berlinern zu gehen?


_Fanny_

(rasch)

Nein, Gentz; eigentlich ganz und gar keine Lust.


_Gentz_

Den Antrag abzuweisen wre nicht klug von dir.


_Fanny_

Man kann's ja aufs nchste Jahr verschieben.


_Gentz_

Nein. Die Welt verlangt nach dir. Dein Bezirk ist Europa,
der Erdball.


_Fanny_

Ist denn Berlin schon Europa?


_Gentz_

Fr jeden beginnt Europa, beginnt die Welt da, wo er seine
Heimat verlt.


_Fanny_

(mit sehnschtigen Blicken, trotz des entschiedenen Tons)

So gern ich's mchte, Gentz, ich kann nicht von dir weg. Bei
dir wei ich, da ich behtet bin. Du hast alles aus mir
gemacht. Du warst alles fr mich, mein Vater, mein Bruder,
mein Freund, mein Lehrer. Du hast mich aufgeweckt, ich htte
keinen Ehrgeiz ohne dich, ich wte nichts von mir ...


_Gentz_

Doch kann ich dir den Ruhm nicht geben, der dich fern von
mir erwartet.


_Fanny_

Was soll mir der Ruhm, wenn ich ihn nicht bei dir vergessen
kann.


_Gentz_

Je lnger ich berlege, je unverantwortlicher erscheint es
mir, dich zurckzuhalten.


_Fanny_

(mit unwillkrlich hingerissener Gebrde)

Hinaus ins Unbekannte --! Eines ist ja wahr: zu eng wird's
mir hier. Sie glauben mir nicht ganz, ich bin ihnen nicht
fremd genug.


_Gentz_

Kehrst du zurck, so gebietest du denen, die dich jetzt nur
dulden.


_Fanny_

Und doch ... nein, 's ist unmglich. Schau, Lieber, mit
Berlin ist's ja nicht abgetan. Da mu ich dann weiter. Da
lockt's mich weiter. Nach Paris, wo die Taglioni tanzt.


_Gentz_

Sie ist kalt, sie ist blutlos, ein Schatten gegen dich.


_Fanny_

Aber dort wissen sie, was tanzen heit. Man ist strker,
wenn's um den hheren Preis geht. Die Franzosen, siehst du,
die mcht ich behexen, und wenn die Taglioni ein Engel ist,
wie sie sagen, will ich zum Teufel werden. O, ich fhle, da
ich's kann! Ich hab's neulich gesprt im Blaubart, das
ganze Theater war so still wie eine leere Kirche, und alle
Augen waren so feurig in der Dunkelheit. Ach, Gentz! Paris!
Paris!


_Gentz_

(der sich immer mehr in heroische Entsagung hineinlebt)

Warum nicht? Paris ist nur eine Domne des Glcksreichs, das
du grnden wirst.


_Fanny_

Und von Paris nach London, und von London nach Amerika. Die
Amerikaner sollen ja so reich sein, da knnt ich mir viel
Geld verdienen, herrliche Kostme kaufen, die Dichter und
die Komponisten bezahlen, da sie mir wunderbare Texte und
schne Musik machen. O, ich htte Mut. Das Meer frcht ich
nicht und die Wildnis nicht.


_Gentz_

So gefllst du mir. So grt der Most, aus dem edler Wein
wird.


_Fanny_

(enthusiastisch)

Und lernen, lernen, lernen, Gentz! Weit du, was man von der
Taglioni und ihrem Vater erzhlt? Als sie in London war,
wohnte unter ihr ein Mann, der lie ihr sagen, sie mchte
sich durch die Rcksicht auf seine Nachtruhe nicht in der
Arbeit stren lassen. Und was hat der alte Taglioni
geantwortet? Sagen Sie diesem Herrn, hat er dem Diener
zugerufen, da ich noch nie den Schritt meiner Tochter
gehrt habe, und da ich sie verfluchen wrde an dem Tag, wo
es geschhe. Das find ich gro!


_Gentz_

Du hast Gaben, um die dich eine Taglioni beneiden wird.


_Fanny_

(stockt, seufzt)

Das ist's ja eben. Es ist einem oft zu Mut, als ob die
Menschen voll Ha wren gegen die Kunst. Der Neid, die
Migunst, wie soll ich's ertragen, wenn du mir nicht hilfst?
Du bist klug, bist mchtig, sie beugen sich vor dir, und
wenn ich bei dir bin, verge' ich die hmischen Gesichter.
Nein, ich will nicht fort.


_Gentz_

Ich kann dich nur bis dahin fhren, wo dir der Sinn des
Daseins verstndlicher wird, Fanny. Wir sind allein und
mssen allein bleiben, ein jeder. Vielleicht ist es deine
Aufgabe, dieses Gefhl der Einsamkeit, von dem die Menschen
erfllt sind, in Schnheit zu verwandeln. Uns beide hat das
Geschick nur in einer Laune zusammengeworfen, mich am Ende,
dich am Anfang eines Wegs. Es ist mehr als Liebe, was uns
bindet. Du warst fr mich geschaffen und fhlst es. Da die
Zeit sich in unserer Geburt verrechnet hat, kann uns nicht
beirren. Nichts wird uns trennen, -- weshalb so viel Wesens
machen um die paar Meilen von hier bis Berlin?


_Fanny_

Und unsere Gesprche, unsere Ausflge, unsere gemtlichen
Abende, wo wir das Buch der Lieder zusammen gelesen
haben ...


_Gentz_

(scherzhaft)

Bst! Willst du wohl? Da du mich nicht verrtst, denn dieser
Heine ist ein Erzliberaler.


_Fanny_

Doch liebt er die Tnzerinnen, so viel ich wei.


_Gentz_

Ja, das tun die Liberalen sonst nicht. Und nun setz dich an
den Schreibtisch, nimm den Federkiel und schreib deinen
Namen unter den Kontrakt.


_Fanny_

(schalkhaft)

Das heit so viel, als du schickst mich fort? (Sie setzt
sich.)


_Gentz_

In dieser Minute schreibst du deinen Namen ins Firmament der
Unsterblichkeit.


_Fanny_

Noch ist's nicht geschehen, Gentz. Soll ich? Soll ich
wirklich?


_Gentz_

(legt seine Hand auf ihre Schulter, sie blickt zu ihm empor)

Ich bin stolz darauf, deinen vollen Wert, von dem deine
Schnheit und deine Kunst nur Teile sind, erkannt zu haben,
und die Freundschaft, mit der du meine Liebe belohnst,
schtze ich hher als Gter der Erde. Ich lebe nur in dir,
Fanny; sterben hat keinen andern Sinn fr mich als eine Welt
verlassen mssen, in der du atmest. Ich habe den Mut zu
glauben, da mich nichts aus deinem Herzen reien kann. Wenn
du mich durch einen einzigen Hndedruck versicherst, da ich
mich nicht irre, so bleibt mir nichts mehr zu wnschen
brig.


_Fanny_

(gibt ihm die Hand)

Ja, Gentz, Freundschaft, das ist das rechte Wort.


_Gentz_

Das einzige, Fanny?


_Fanny_

Gibt's ein besseres noch?


_Gentz_

Ich wag es nicht auszusprechen. Doch nun ich deine Hand
habe, bist du mir versprochen, Fanny. Es ist zwar nur die
linke, aber es ist mir keine lieber als die andre. Ich
drcke sie an die Lippen und mit der rechten schreib'.
Schreib deinen Namen, verschreib dich dem Ruhm.


_Fanny_

Schwer ist das Schreiben ohnehin, und erst wenn du mir den
Arm wegnimmst ... Also probier ich's (schreibt) Fanny ...
El ... ler. Wunderlich! Da steht's nun! Und ist nichts
geschehen eigentlich ...


_Gentz_

Siehst du, Fanny, so hab ich dich zu deinem Wunsch bekehrt.


_Fanny_

(dankbar)

Gentz! Lieber!


_Jean_

(kommt)

Es ist einer drauen und sagt, er will die gn' Frul'n
sprechen.


_Fanny_

Mich?


_Gentz_

Wer mag's denn sein? Hat er den Namen nicht genannt?


_Fanny_

(rasch)

Ach richtig, das ist sicherlich der Stuhlmller.


_Jean_

(verchtlich)

Ja. Stuhlmller. So nennt er sich.


_Fanny_

(mit blitzenden Augen)

Weshalb spricht der Mensch so despektierlich, frag ich?


_Jean_

Entschuldigen die gn' Frul'n, aber ...


_Gentz_

(streng)

Nichts. Genug. Frag ihn, was er will. (Jean ab.) Wie kann
der Bursch es wagen ...


_Fanny_

Aber ich versteh dich gar nicht ... abholen will er mich. 's
ist Prob am Nachmittag, und auerdem ...


_Gentz_

Auerdem?


_Jean_

(kommt zurck)

Der Monsieur Stuhlmller lt sagen ...


_Gentz_

's ist gut. Wei schon. Soll drauen warten. (Jean ab.)
Auerdem, Fanny?


_Fanny_

Er ist's ja, Gentz, der Stuhlmller, der mir den Kontrakt
verschafft hat, und jetzt brennt ihn halt die Neugier zu
erfahren --


_Gentz_

_Er_ hat dir den Kontrakt verschafft? Wie kommt er denn
dazu?


_Fanny_

Er ist ja in Berlin engagiert, und ich soll seine Partnerin
sein.


_Gentz_

Er dein Partner, meinst du ...


_Fanny_

Ja, wenn du so willst ...


_Gentz_

Deshalb ist immer noch kein Grund fr ihn, in mein Haus zu
dringen.


_Fanny_

Warum denn so feindselig, Gentz?


_Gentz_

Ich mag's nicht. Mag das Theatervolk nicht leiden. Haben
alle so was Penetrantes.


_Fanny_

Er war mir ein guter Kamerad.


_Gentz_

(mit den Hnden auf dem Rcken hin- und hergehend)

Das dacht ich mir.


_Fanny_

(langsam)

Er war's ... (stockend) er ist's nimmer.


_Gentz_

(bleibt stehen)

Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Also habt ihr euch
zerstritten?


_Fanny_

Er ist mir noch was anderes.


_Gentz_

(blickt sie starr an)

Er ist dir sehr ergeben, hoff ich.


_Fanny_

Ergeben? Nein. Eher ... stolz.


_Gentz_

Der elende Komdiant! Werd ihm die Leviten lesen.


_Fanny_

Willst du denn _nicht_ begreifen, Gentz? (Lange Pause.)


_Gentz_

(die Hand an der Stirn, pltzlich schwer)

Sprich nicht davon, Fanny. Sprich nicht davon. Du kennst
dich selber nicht. Du kennst mich nicht.


_Fanny_

(innig)

Schau, Gentz, anders konnt' es doch nicht, durft' es doch
nicht kommen, oder die Natur ist nicht mehr Natur und Blut
nicht mehr Blut.


_Gentz_

(leise)

Also doch ... Felix! Felix! -- Sprich nicht davon, Fanny!
(Ausbrechend.) Oder sag lieber, da alte Mnner langweilig
sind, da sie graue Haare haben und schwarze Zhne, da sie,
anstatt Liebesworte zu girren, besser ihr Testament abfassen
sollten, da jung sein, nichts anderes bedeutet als grausam
sein, gefrig sein, meineidig sein und da man nicht
vergessen soll, zur rechten Zeit zu sterben ... Gott, wohin
verlier' ich mich!


_Fanny_

(erregt)

Gentz, hr mich an. Den Kontrakt, noch kann ich ihn
zerreien --


_Gentz_

Nimmermehr, Fanny. Blieb ich darum weniger ein Greis?


_Fanny_

Dir dank ich alles, Gentz, und will dir's danken, ohne
Engigkeit, nicht blo mit Reden, sondern von Herzen gern,
und da, in meinem Herzen, bist du und bleibst du allezeit.
Du bist mir das Hchste auf der Welt, als Mensch, und weil
du's bist, mut du's verstehen, wenn ich mein Herz nicht vor
dir hehle. So war ja die Abrede zwischen uns, und immer
warst du darauf gefat.


_Gentz_

(dster)

Man ist nie auf ein Ende gefat, wenn es da ist. Der
Glckliche steht immer an einem Anfang.


_Fanny_

Ein Ende, Gentz! Wer spricht vom Ende? Wahrlich, du betrbst
mich ganz und gar. Ich bin ganz irre jetzt.


_Gentz_

Sprich nur weiter, Fanny, so hr ich wenigstens deine
Stimme.


_Fanny_

Dir mag's von mindrem Wert erscheinen, was mich jetzt
erfllt; vielleicht ist's auch so, doch was ntzt Rede und
Widerrede, wenn dich die Sinne zwingen und dich auf den Weg
treiben, -- einem in die Arme, der wartet, wartet, und den du
nicht hast kommen sehn, und du mut zu ihm, als ob's Gott
selber so beschlossen htte. Rhmt' ich seine Augen oder
seinen Gang oder da er's redlich meint und ein treues Gemt
hat, so wrd ich lgen, Gentz, denn dies ist's nicht, was
mich hintreibt, 's ist vielmehr wie ein Rhythmus beim Tanz,
der die Unruhe auflst und die Luft um einen her dnner
macht. Auch auf Betrug war's nicht abgesehn, denn her bin
ich gekommen, um alles frei zu sagen, nur hat's mir weh um
dich getan.


_Gentz_

Wie deine Augen glnzen, Fanny ...


_Fanny_

Du mut ihn sehen, Gentz! Wie er schreitet, sich bewegt! Wie
schlank er ist, wie er den Kopf wendet, wie edel er sich
hlt, wie die Gelenke abgesetzt sind. Mit ihm zu tanzen, ist
halbe Arbeit; er trgt mich, schwingt mich so dahin. Wie
mir's bei dir geschieht, wenn ich im Leben zaghaft werde, so
gibt er mir Mut und Lust beim Tanz.


_Gentz_

Wann willst du reisen, Fanny?


_Fanny_

(mit gesenktem Kopf)

Wei noch nicht. In der nchsten Woche, denk ich.


_Gentz_

Wozu der lange Aufschub? Es wre besser, du wrdest morgen
reisen.


_Fanny_

Bist du so ungeduldig, mich los zu werden, Gentz?


_Gentz_

Ich will dir einen Platz auf der Post bestellen.


_Fanny_

Soll ich heut abend nicht zu dir kommen?


_Gentz_

Heut abend la mich lieber allein.


_Fanny_

Jetzt will ich aber den armen Stuhlmller nicht lnger
warten lassen.


_Gentz_

Adieu, Fanny.


_Fanny_

Magst ihn nicht wenigstens sehen? Sprich ein freundlich Wort
mit ihm.


_Gentz_

Nicht heute, nicht jetzt.


_Fanny_

So leb wohl. (Reicht ihm die Hand.)


_Gentz_

Komm noch einmal ...


_Fanny_

Morgen komm ich wieder.


_Gentz_

Und bermorgen ...


_Fanny_

bermorgen auch.


_Gentz_

Wie ein gehorsames Kind!


_Fanny_

Wie eine Tochter, ja.


_Gentz_

(zu dem Kupfergef, nimmt Rosen und gibt sie ihr)

Hier, die Rosen, Fanny; nimm sie mit auf den Weg.


_Fanny_

Dank dir.


_Gentz_

Und sei glcklich.


_Fanny_

Dank dir schn.


_Gentz_

Und noch etwas: geh nicht direkt die Strae entlang, -- geh
am Gartentor mit ihm vorbei, damit ich euch sehe. Es ist nur
ein kleiner Umweg.


_Fanny_

Ist recht, Gentz. (Sie beugt sich schnell, kt seine Hand;
ab.)


_Gentz_

(lauscht; dann auf und ab. Er geht zur Gartentr, schaut
angestrengt nach rechts hinber)

Da gehen sie hin, -- die jungen Leute! (Er zieht sein Lorgnon
heraus und verfolgt die sich Entfernenden mit den Blicken,
bis sie verschwunden sind, dann wendet er sich ab und lt
sich in den Fauteuil sinken. In seinem Gesicht erlischt
gleichsam ein Feuer, und der Ausdruck wird vllig
greisenhaft.) Da gehen sie hin. Die jungen Leute. Als ob sie
einen Sarg in die Erde gesenkt htten. Wozu die Trauer? Wozu
Opfer, wozu Treue, wozu Mh und Sorge? Das Leben schwindet,
das Krglein ist geleert. Kein Wort mehr, Gentz, den letzten
Traum hast du dir verdient und bezahlt. Genug, genug. (Er
erhebt sich, greift nach der Handglocke.) Wie noch alles
hier nach ihrer Jugend riecht! Wie die Luft noch von jungem
Lachen klingt ... Kein Wort, kein Wort mehr, Gentz. (Er
lutet.)


_Jean_

(kommt)

Herr Hofrat befehlen?


_Gentz_

Geh Er zum Frsten Metternich und richt Er aus, da ich zum
Diner heut abend nicht kommen kann.


_Jean_

Sehr wohl.


_Gentz_

Bring Er mir meinen Schlafrock, den trkischen und mach Er
Feuer im Ofen. 's ist kalt.


_Jean_

Sehr wohl.


_Gentz_

Sag Er den andern drauen, da ich fr niemand zu Hause bin.
Fr niemand, hrt Er?


_Jean_

Sehr wohl.


_Gentz_

Vor allem mach Er Feuer an.


_Jean_

Sofort. (Ab.)


_Gentz_

's ist kalt. 's ist kalt. (Sinkt wieder in den Sessel.) Kein
Wort mehr, Gentz. (Bedeckt das Gesicht mit den Hnden.)

(Vorhang)




Der Turm von Frommetsfelden


Personen:

  Der Ritter Karl Heinrich von Lang, ansbachischer Domnenrat
  Anna, seine Frau
  Frau von Hnlein, deren Mutter
  Leutnant Amandus Schlzer
  Rechnungsrat Birnkoch
  Kammerdirektor Mhlbach
  Kasteljack, Schreiber
  Fnf Bauern, darunter: Der Ringhofbauer, der Waldhofbauer,
    der Erlhofbauer
  Brbel, Dienstmagd bei Langs

Spielt zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Ansbach.


Das gerumige Arbeitszimmer des Ritters von Lang, zugleich
eine Art Wohngemach. Die Mbel im franzsischen Geschmack
des achtzehnten Jahrhunderts. Rckwrts zwei Fenster mit
Aussicht auf romantisch verwinkeltes Huserwerk. Links Tr
in die andern Zimmer, rechts in den Flur.

_Frau von Hnlein_ ordnet die auf Tischen, Sthlen und Sofa
herumliegenden Bcher und Hefte; _Brbel_ kehrt mit einem
riesigen Besen aus.


_Frau von Hnlein_

(eine stattliche Dame in der Mitte der vierzig; sehr
riegelsam, frisch, gesund, nur wenig angegraut)

In aller Frhe war er also schon da?


_Brbel_

Heroben war er nit. Vorbeigangen ist er am Haus, wie ich zum
Bcker bin, und hat g'fragt, wie's der jungen Frau geht.


_Frau von Hnlein_

Scheint viel Zeit zu haben, der junge Herr.


_Brbel_

Die Herren Leutnants mchten halter gern, da an Krieg gitt.


_Frau von Hnlein_

Wenn ich der Lang wre, ich tt ihm das Haus verbieten. Die
Mnner sind zu schlampig in manchen Sachen. Du kannst jetzt
in die Kche gehn, Brbel. In einer halben Stunde mu die
junge Frau ihre Milchsuppe bekommen. (Brbel ab.) Sitzt da
herum. Schwatzt. Wr die Anna nicht die Anna, er knnt sie
am Ende um den Verstand schwatzen. Lang, Lang! So gescheit
du bist, so dumm bist du.


_Anna_

(kommt von links. Blasse, schlanke, zarte, zierliche Frau
von zwanzig Jahren. Sie trgt ein elegantes Morgengewand
nach Pariser Schnitt; lchelnd)

Sprichst fr dich alleine, Mutter, und rumst schon wieder?


_Frau von Hnlein_

Was zu rumen ist, rum' ich. Guten Morgen, Kind. Bist schon
aus dem Bett gehupft? 's ist erst zehn Uhr und der Doktor
hat gesagt, du sollst bis Mittag liegen.


_Anna_

(heiter)

Erklrt mich der Doktor fr krank, dann fhl' ich mich
gleich gesund.


_Frau von Hnlein_

Bist ja auch nicht krank, sollt' ich meinen.


_Anna_

Krank nicht, gesund auch nicht. Was soll man glauben!


_Frau von Hnlein_

Glaub an deine Natur.


_Anna_

Grad die Natur macht mich oft irre. Oft versuch ich froh zu
sein, dann kommt unversehens die Traurigkeit.


_Frau von Hnlein_

Wie hast denn geschlafen heute?


_Anna_

Einen wunderlichen Traum hab ich gehabt, Mutter.


_Frau von Hnlein_

La hren. Vielleicht kann ich ihn deuten.


_Anna_

(setzt sich aufs Sofa, Frau von Hnlein bleibt vor ihr
stehen)

Mir trumte, ich war in Frommetsfelden und alles war noch
so, wie ich ein Kind gewesen. Der schne Garten mit den
vielen Obstbumen, alle voller pfel und Birnen und die
lieben alten niedlichen Huschen, und ich geh so und freu
mich ber den blauen Himmel, und wie ich so gehe, wird's auf
einmal stockfinstre Nacht, und auf einmal seh ich Flammen,
und das ganze Stdtchen steht lichterloh in Brand. Mir wird
Angst, und ich wei nicht wohin, da packt mich Karl Heinrich
am Arm, so fest, da mir's durch und durch weh tut. La
mich wenigstens noch in meinen Garten, bitt ich ihn, aber er
schttelt den Kopf, macht ein bses Gesicht und hlt mich
nur immer fester. Da seh ich den Leutnant Schlzer kommen,
er winkt mir so freundlich, da mir ganz warm ums Herz wird,
und pltzlich kann ich zu ihm hingehen, und wie ich bei ihm
bin, da sind wir im Garten, und aus einem schnen blauen
Krug gibt er mir Wasser zu trinken. Dabei ist mir immer
wohler und wohler geworden, und so bin ich aufgewacht.


_Frau von Hnlein_

Das war das Vernnftigste, was du hast tun knnen, das
Aufwachen.


_Anna_

Sollen die Trume auch noch vernnftig sein? Schau, Mutter,
ich fhl' mich so verlassen oft.


_Frau von Hnlein_

(setzt sich zu ihr, tadelnd)

Und du hast doch den besten Mann von der Welt.


_Anna_

(steht auf, geht zum Fenster)

's ist wahr.


_Frau von Hnlein_

Ist's wahr mit Seufzen, so ist's Lge.


_Anna_

Wei wirklich nicht, wie mir zumut ist ...


_Frau von Hnlein_

Hr' zu, Anna. Du solltest dich weniger mit dem Leutnant
Schlzer abgeben. Ein paar Monate seid ihr erst verheiratet,
und, -- es schickt sich eben nicht. Lang mu sich auch
krnken.


_Anna_

(bitter)

Karl Heinrich? Oh nein, Mutter. Oh nein. Der krnkt sich
nicht. Darber nicht.


_Frau von Hnlein_

Warum nicht _da_rber? Etwa weil er nicht darber spricht?


_Anna_

Wt ich's nur! Das ist's ja, was mich qult. Er denkt nur
an die Verwaltung. Nur seine Eingaben und Verbesserungen hat
er im Kopf.


_Frau von Hnlein_

(lacht)

Bist eiferschtig auf die Verwaltung? Damit mut du dich
abfinden. Ein Mann gehrt seinem Beruf.


_Anna_

(mit niedergeschlagenen Augen)

So bin ich betrogen worden, Mutter. Man hat mir's anders
eingeredet.


_Frau von Hnlein_

Als dein Vater auf dem Totenbett lag, sagte er zu mir:
Schau, Rieke, du hast ja graue Haare an den Schlfen. Da hab
ich ihm antworten mssen: Dummer Mann, die grauen Haare hab
ich schon seit sechs Jahren. Glaubst du, wir haben uns
deshalb minder lieb gehabt?


_Anna_

Ach, -- Liebe! Das ist viel, oder 's ist wenig, je nachdem!
Wie kann ich wissen, ob sie _mir_ gilt, (mit beiden Hnden
an der Brust) ob's _meine_ Liebe ist, die erwidert wird,
ganz genau meine?


_Frau von Hnlein_

Warum soll es denn, um Gottes willen, ganz genau die deine
sein? Wir Menschen sind doch aus verschiedenem Teig.


_Anna_

Ist sie ihm mehr wert als das Amt? Was Greres als die
Geschfte? Was anderes als eine Stunde zum Vergessen? Ich
will wissen, ob sie mir gilt, mir ganz allein und ganz so
wie ich bin.


_Frau von Hnlein_

Kind, spiel du nicht mit Worten, denn das heit so viel wie
zum Teufel beten. (Sie steht auf.)


_Anna_

Was sind mir seine Geschenke, wenn ich das nicht wei? Er
ist so verschlossen; so viel fremdes Leben bringt er mit.
Seine Augen sind fremd. Sein Gesicht ist fremd. Mir ist als
htt ich sein wirkliches Gesicht noch kaum gesehen; als ob
er gar nicht leiden knnte um was. Immer mcht ich grbeln,
wenn er mit mir redet; indes sein Wort weiter geht, bin ich
noch beim ersten und frag mich: wo bist du, Karl Heinrich?
Ich find ihn nicht. Mu ich ihm nicht auch fremd sein? Wie
wird er mich nehmen, wenn mein Fremdestes zu seinem Herzen
will?


_Frau von Hnlein_

(bekmmert)

Das kommt mir alles wie Snde vor. Auch versteh ich's nicht.
Ich bin schon froh, wenn mich die Sonne bescheint.


_Brbel_

(von rechts)

A Herr is da un will unsern Herrn sprech'n.


_Frau von Hnlein_

Unser Herr ist ausgegangen.


_Brbel_

Der Herr will auf unsern Herrn wart'n.


_Frau von Hnlein_

Was ist's denn fr ein Herr?


_Brbel_

Birnkoch haat 'r.


_Rechnungsrat Birnkoch_

(unter die Tre tretend; ein dicker, kleiner, geschniegelter
junger Mann mit Glatzkopf und einem eiertanzhnlichen Gang)

#Excusez, mes dames --#


_Frau von Hnlein_

Der Herr Rechnungsrat! Bitte nur einzutreten, Herr
Rechnungsrat.


_Birnkoch_

Ist nicht meine Absicht, die Damen zu troublieren. #Bonjour,
mesdames#. Frau Domnenrtin, meine Reverenz. Wie befindet
sich dero beneidenswerter Gatte?


_Frau von Hnlein_

(hastig, um Annas zerstreutes Schweigen zu verdecken)

Mein Schwiegersohn ist zur Inspektion des Waisenhauses, Herr
Rechnungsrat. Mssen Sie ihn dringend sprechen, so schick
ich hinber.


_Birnkoch_

Inspektion in aller Frhe? Ein rhriger Beamter, der
Domnenrat Lang, #un caractre de fer#. Wollen Sie hinber
schicken? Ich bitte, nein. Allerdings habe ich ein Anliegen,
will sagen einen Auftrag von Seiner Exzellenz, dem Minister
Haugwitz, der die Gnade hatte, mit mir in Berlin zu
konferieren ...


_Frau von Hnlein_

Nun, wenn es von Wichtigkeit ist, Herr Rechnungsrat ...
(Will zur Tr.)


_Birnkoch_

Bitte nein, Madame. Mu wohl von einiger #importance# sein,
da man mich damit beauftragt hat. Aber, bitte nein. Das
Vergngen, Ihnen Gesellschaft leisten zu drfen ... Es
handelt sich um die fatale Affre ... #une chose ridicule,
au fond# ... mit dem Turm von ... von ... #quel nom
abominable# ...


_Frau von Hnlein_

Mit dem eingestrzten Stadtturm vielleicht --?


_Birnkoch_

Ganz richtig, Madame; mit dem eingestrzten Stadtturm. In
... in ...


_Frau von Hnlein_

Frommetsfelden.


_Birnkoch_

#Milles mercis, madame#. Frommetsfelden. #Mon Dieu,# was fr
seltsame ... Bezeichnungen in Deutschland die Drfer haben!


_Anna_

(die am Fenster gesessen ist, hat erstaunt aufgehorcht)

Wie, Mutter, -- in Frommetsfelden ist der Turm eingestrzt?


_Birnkoch_

Ganz wie Sie sagen, Frau Domnenrtin. Von oben bis unten
eingestrzt.


_Frau von Hnlein_

(verschchtert durch Annas erschrockene Miene)

War ja ein altes, bauflliges Germpel, der Turm.


_Birnkoch_

#C'est a.# Uralt. Und baufllig, jawohl. Baufllig.
Unbedingt baufllig. Deshalb ist er ja eben eingestrzt.


_Anna_

Wann ist denn das geschehen?


_Birnkoch_

Nun ... es mgen drei bis vier Wochen sein. Eher vier.
Jawohl. Vier bis fnf Wochen, jawohl.


_Anna_

Davon hat mir Karl Heinrich kein Wort gesagt ...


_Frau von Hnlein_

Da dich das sonderlich interessiert, hat er nicht denken
knnen.


_Birnkoch_

So wissen Sie auch nicht, da der Herr Domnenrat sich
weigert, mit allen Grnden seiner Amtsgewalt sich weigert,
den Turm wieder aufbauen zu lassen?


_Anna_

Er will ihn nicht wieder aufbauen lassen?


_Birnkoch_

#Une marotte! une marotte inexplicable!# Er weigert sich.
Die Regierung selbst untersttzt das Verlangen der Bauern.
Und er weigert sich. #C'est son enttement.#


_Anna_

Aus welchem Grund will er denn den Turm nicht bauen lassen?


_Birnkoch_

#Parole d'honneur,# ich wei ihn nicht, den Grund. Und wt
ich ihn, so knnt ich ihn keinesfalls approuvieren. Aber ich
bin erfreut, Madame, da Sie an der Sache solchen Anteil
nehmen. Da kann man ja auf Ihre Untersttzung rechnen ...


_Frau von Hnlein_

Meine Tochter nmlich, Herr Rechnungsrat, hat ihre ganze
Jugend dort in Frommetsfelden zugebracht. Sie hat bei ihrem
Oheim auf dem Gut gelebt, whrend ich mit meinem Mann in der
Welt herumgezogen bin.


_Birnkoch_

Verstehe ...


_Frau von Hnlein_

Da ist ihr natrlich jeder Baum und jeder Stein ans Herz
gewachsen.


_Birnkoch_

Verstehe. Die Erinnerung. #Le souvenir.# Verstehe. (Zitiert
mit prezisem Tonfall.)

    Erinnerung taucht ihren Farbenpinsel
    Ins wunde Herz und bermalt den Gram.
    Sie fleucht mit dir auf eine Zauberinsel,
    Wenn das Geschick dir Mut und Freude nahm.

Verstehe.


_Frau von Hnlein_

Reizend, Herr Rechnungsrat. Haben Sie das selbst gedichtet?


_Birnkoch_

Nicht ganz. Nicht ganz. Hab's mir aus einer #anthologie#
kopieren lassen.

(Es klopft, ein kleines Mdchen tritt verschmt ein. Sie
trgt einen Fliederstrau in der Hand, blickt von einem zum
andern, eilt jh auf Anna zu und berreicht ihr den Strau
mit einem Knix.)


_Birnkoch_

Sieh da, sieh da! Flieder schon, im Mrz?


_Anna_

(erhebt sich; tief errtend)

Von wem ist denn der Flieder, Kind? (Schnell, ehe das
Mdchen antworten kann.) Ist schon gut. Ich la mich recht
sehr bedanken. Da hast was fr den Zuckerbcker. (Gibt ihr
ein Geldstck; das Mdchen geht.)


_Frau von Hnlein_

(leise mahnend)

Anna!


_Birnkoch_

Befinde ich mich in einem #erreur,# wenn ich annehme, da
Sie den Spender kennen, Frau Domnenrtin?


_Anna_

(fr sich)

Herrlich! Herrlich! (Steckt das ganze Gesicht in den Strau
und atmet mit Inbrunst; flsternd.) Mein Traum!...


_Frau von Hnlein_

(am Fenster)

Da kommt der Domnenrat! (Sie winkt hinunter.)


_Anna_

(stellt die Blumen in eine Vase vor die Spiegelkonsole,
betrachtet entzckt die Wirkung).


_Frau von Hnlein_

Weshalb stellst du denn den Strau vor'n Spiegel, Anna?


_Anna_

(ohne sich umzuwenden, lchelnd)

Dann sieht es aus, als ob ich zwei Strue htte.


_Birnkoch_

#C'est drle! c'est ravissant!#


_Ritter von Lang_

(tritt ein. Er ist ein mittelgroer, stmmiger Mann mit
einer starken, energischen Stimme; sein Gesicht ist der Mode
der Zeit gem bartlos, sein Wesen hat ein khnes
Selbstbewutsein wie das eines Menschen, der seinen Wert
genau kennt und sich auerdem mit Absicht von andern
Beamten, ihrem Servilismus nach oben, ihrer Brutalitt nach
unten, unterscheiden will)

Guten Morgen, Herr Birnkoch; hab' gestern schon gehrt, da
Sie wieder in Ansbach sind. -- Bist schon so frhzeitig
munter, Anna? (Kt sie auf die Stirn.) -- Woher ist denn der
frische Flieder da?


_Anna_

Da du's gleich gesehen hast! (Nimmt seine Hand und sieht
ihn hell an.) Er hat's gleich gesehen, Mutter.


_Frau von Hnlein_

Werden vom Hofgrtner aus dem Treibhaus sein ... (Raunt
Lang in die Ohren.) Nennen Sie ihn doch nicht Birnkoch,
lieber Lang! Wollen Sie ihn auf Lebenszeit zum Feind haben?


_Lang_

(lacht kurz, dann sehr hflich)

Warten Sie schon lang, Herr Rechnungsrat? Was gibt's? Soll
ich die Frauenzimmer fortschicken?


_Birnkoch_

Beileibe, Herr Domnenrat, beileibe nicht. Die Damen und
ich, wir haben uns ber den Gegenstand schon ausgesprochen
und sind ganz #d'accord.# Denn Sie mssen nachgeben in der
Affre mit dem nrrischen Turm.


_Lang_

Potz Knackwurst, lieber Birnkoch --


_Birnkoch_

(indigniert und weinerlich)

Aber hochgeschtzter Herr Domnenrat, warum wollen Sie mir
nicht meinen sauer verdienten Titul zubilligen?


_Lang_

Schn, Herr Rechnungsrat. Ich sage nur, wenn Sie einen
ganzen Harem von Weibspersonen um mich aufstellen, der Lang
gibt nicht nach. In _der_ Sache nicht.


_Birnkoch_

Es ist der entschiedene Wunsch Seiner Exzellenz, des
Ministers Haugwitz --


_Lang_

Vor allem steht es so, da ich, in meinem Ressort, Befehle
nur vom Frsten Hardenberg empfange. Es ist mir ja bekannt
geworden, da der Frst, der mir freundlich gesinnt ist,
durch allerlei Kabalen aus seinem Amt gedrngt werden soll,
aber eine offizielle Mitteilung habe ich darber nicht
erhalten.


_Birnkoch_

Seine Exzellenz, der Minister Haugwitz hat ber den Fall
eine Note abfertigen lassen -- (zieht sein Portefeuille.)


_Lang_

Ihr knnt Noten schmieren, so viel ihr wollt. Das lebendige
Bedrfnis spricht anders.


_Birnkoch_

(bestrzt)

#Mon dieu!# Sie anerkennen also keine hhere Instanz?


_Lang_

Instanz? Zu deutsch: Schleichweg. Der Minister Haugwitz ist
von Kreaturen umgeben, die ihren Vorteil suchen.


_Birnkoch_

Eine solche Verdchtigung mu ich mit aller zukmmlichen
Entschiedenheit repoussieren.


_Anna_

(zwischen beide tretend, sehr sanft)

Warum soll denn der Turm nicht wieder aufgebaut werden, Karl
Heinrich?


_Lang_

(barsch)

Misch du dich nicht in die Affren, Kind.


_Frau von Hnlein_

(nimmt sie am Arm, leise)

Er hat recht. Er mu wissen, was er tut.


_Lang_

Ist dem Minister auch wahrheitsgem angegeben worden, was
der Wiederaufbau des Turmes kostet?


_Birnkoch_

(in seinen Papieren bltternd)

Der Baurat sterlein hat vierhundert Gulden in Voranschlag
gebracht.


_Lang_

Dann ist der Baurat sterlein ein ganz gemeiner Schwindler,
der einen Auftrag will und eine Versprechung leistet, die er
nicht halten kann. Das sag ich ihm auf den Kopf zu.


_Birnkoch_

Sie erschrecken mich, Herr Domnenrat --


_Lang_

Das Vierfache reicht nicht hin. Aus meinen genauen
Berechnungen geht hervor, da bei aller Sparsamkeit
achtzehnhundert bis zweitausend Gulden ntig sind.


_Birnkoch_

#Eh bien,# wenn die Bauern dafr aufkommen wollen und die
Regierung einen Beitrag gibt --?


_Lang_

Die Bauern, die sich ohnehin unterm Steuerdruck winden? Und
die Regierung, die kann das teure Geld frderlicher
verwenden.


_Birnkoch_

(spitz und kalt)

Inwiefern frderlicher, wenn ich bitten darf?


_Lang_

Herr, in Frommetsfelden ist keine Schule!


_Birnkoch_

(heuchlerisch bekmmert)

Ei, ei, ei ...


_Lang_

Bei Regen, bei Frost, im tiefsten Schnee mssen die Kinder
zwei Stunden laufen, um in die nchste Schule zu gelangen.
Die Folge? Weitaus die meisten Eltern behalten ihre
Sprlinge zu Haus und erziehen dem Staat Analphabeten. Ich
will Ihnen eine Schule bauen fr das Geld, das der Turm
kosten wrde.


_Birnkoch_

Unter uns, -- finden Sie denn diese sogenannte Bildung
wirklich so notwendig fr das Volk? Durch jeden Bauern, der
lesen und schreiben kann, wird uns das Regieren schwerer
gemacht.


_Lang_

Meine Ambition ist nicht, den Herrschaften das Regieren zu
erleichtern. Was ihr gern seht, das ist eine mglichst groe
Armee von Nullen. Und jede Null soll zugleich ein Geldsack
sein, ein Ding jedenfalls ohne Kopf und ohne Fe, und wenn
ihr diese ganze Nullenkarawane gemchlich vor euch hinrollt,
das nennt ihr dann regieren.


_Birnkoch_

(entsetzt)

#Mais, monsieur! Ce sont des ides revolutionaires!#


_Lang_

Das ist meine Ansicht.


_Birnkoch_

(dem nicht mehr ganz geheuer ist)

Aber ... ich meine ... wenn wo ein Turm einstrzt ... wenn
berhaupt wo was einstrzt, mu man's doch wieder aufbauen.


_Lang_

Ich bin dafr, da man Ruinen wegrumt und nicht neue
schafft.


_Birnkoch_

(rafft sich auf; wrdevoll)

Sohin ist meine Mission beendet. Ich werde nicht ermangeln,
hheren Orts Bericht zu erstatten.


_Lang_

Das bleibt Ihnen unbenommen.


_Birnkoch_

Ich habe in der leidigen Angelegenheit um elf Uhr noch eine
#confrence# mit dem Herrn Prsidenten von Schuckmann --


_Lang_

Wei schon. Der Prsident hat mich dazu gebeten. Man zwickt
und zwackt mich von allen Seiten. In einer halben Stunde
komm' ich hinber. Habe vorher noch ein Referat zu
erledigen. (Verbirgt mhsam seinen rger und begibt sich,
nach einem kurzen Kompliment, unhflicherweise sogleich an
seinen Schreibtisch.)


_Birnkoch_

#Mesdames#, meine ehrerbietigste Empfehlung.


_Frau von Hnlein_

(macht bedauernde Gesten, um Lang zu entschuldigen, und
begleitet Birnkoch. Ehe noch die Tr ganz geschlossen ist,
hrt man von drauen)


_Birnkochs Stimme_

Seien Sie versichert, Madame, daran ist der Bonaparte
schuld. Der Bonaparte sitzt ihm im Nacken. Schade,
jammerschade ...


_Lang_

(horcht auf, lacht vor sich hin, whrend er schreibt)

Der Bonaparte mu allen Faulenzern den Wauwau machen.
(Schreibt.) Aber sein Franzsisch reden sie. (Schreibt.) Und
miserabel noch dazu.


_Anna_

(hat sich vorsichtig genhert und schaut Lang ber die
Schulter. Sie schttelt den Kopf, als ob sie sagen wollte:
er sprt mich nicht. Endlich legt sie ihm die Hnde auf die
Schultern).


_Lang_

Was gibt's denn, Anna? (Schreibt weiter.)


_Anna_

Hast du nicht ein Mintchen Zeit fr mich?


_Lang_

(ein bichen ungeduldig)

Sag nur, was du willst. Ich bin ja beschftigt, wie du
siehst.


_Anna_

(schweigt, entfernt sich seufzend).


_Lang_

(schreibt)

Na sag's nur, aber geschwind.


_Anna_

Manche Dinge kann man nicht geschwind sagen.


_Lang_

Dann sind's gewi berflssige Dinge.


_Anna_

(nhert sich von neuem, neigt sich ber ihn; mit einem
Versuch zur Koketterie)

Weit, von wem ich den Flieder hab'?


_Lang_

(stockt; kleine Pause, scheinbar gleichgltig)

Von wem ... vom Leutnant Schlzer natrlich.


_Anna_

Falsch geraten. Nein, richtig geraten. Ist's nicht nett von
ihm? Er wei, da mich Blumen ganz toll machen vor Freude.
(Naiv.) Aber das blaue Seidenkleid, das du mir vom Baron
Imhoff aus Paris hast bringen lassen, ist wunderschn.


_Lang_

(schreibt wieder)

Sollst es tragen, wenn der Frst kommt.


_Anna_

Das dauert bis zum Herbst.


_Lang_

Bis dahin wird's nicht altmodisch.


_Anna_

Ob ich aber dann noch lebe ...


_Lang_

(kehrt sich rasch um)

Anna!


_Anna_

Flieder, der verwelkt von heut auf morgen. Der ist fr den
Augenblick. So ein Kleid, das soll tuschen ber den
Augenblick.


_Lang_

Du qulst dich mit Hirngespinsten und mich nicht minder.


_Anna_

Hirngespinste? Das Hirn spinnt, was das Herz bewegt.


_Lang_

(steht auf)

Du darfst mir nicht den Boden unter den Fen wegziehen,
Anneli. Gegen Menschen kann ich streiten, gegen Schatten
nicht.


_Anna_

(verzagt, sieht ihn gro an)

Mir ist so bang.


_Lang_

Weshalb denn, Anna?


_Anna_

Um dich, um mich, um uns beide ist mir bang. Ich seh dich
oft gar nicht. Du bist so fern, auch jetzt, wo du vor mir
stehst. Und ich wei, du siehst mich auch nicht. Mir ist,
als ob wir zwei Blinde wren, die vergeblich mit den Hnden
nacheinander greifen. Du bist so tchtig, so fest, so klug,
aber es ist was in dir, was mich schreckt. Ganz, ganz nahe
mcht ich oft zu dir und kann nicht, wie wenn einem das
eigene Haus zugesperrt wr'.


_Lang_

(kopfschttelnd, doch heimlich erleichtert)

Schau, schau, was fr eine kleine Schwrmerin du bist!


_Anna_

(verletzt)

Nein, Karl Heinrich, wirf's nicht mit einem Wort von dir.
Bist doch sonst ein Feind von denen, die sich's bequem
machen. Mich sollst du dir auch nicht bequem machen.


_Lang_

(ablehnend)

Ich versteh dich nicht, Kind. Mir ist das alles Spiel, was
du vorbringst. Zum Spielen ist mir der Tag zu wert. (Will
sich wieder zur Arbeit setzen.)


_Anna_

(schmiegt sich an ihn, mit einem jhen Entschlu, bittend)

Schenk mir den Turm, Karl Heinrich!


_Lang_

(verwundert)

Den Turm? Was fr einen Turm?


_Anna_

Den Turm in Frommetsfelden.


_Lang_

Was soll das heien? -- Der Turm ist ja eingestrzt.


_Anna_

(leidenschaftlich schmeichelnd)

So bau ihn wieder auf! Bau ihn! Fr mich!


_Lang_

(ruhig)

Solchen Unsinn kannst du von mir im Ernst nicht verlangen.


_Anna_

(beteuernd)

Im tiefen, heiligen Ernst. Ist kein Unsinn, Karl Heinrich;
ist ein Wunsch, nur ein Wunsch.


_Lang_

Den ich unmglich erfllen kann; oder ich wrde mich zum
Windbeutel machen. Denk doch nach --


_Anna_

Denk ich nach, kann ich den Wunsch nicht mehr so spren.


_Lang_

Nun also!


_Anna_

Wnschen ist strker als denken. Du nennst's vielleicht eine
Laune.


_Lang_

Eine ble noch dazu.


_Anna_

(ruhiger)

Schau, der Turm war mir immer was Ehrwrdiges, das zum
Himmel lockt. So stolz und wacker ist er gestanden, so fest
und alt ins Firmament hineingegossen, und so unvergnglich,
weit du, als stnd' er von Anbeginn der Welt bis zum Ende.
Wenn ich als Kind nachts vom Schlaf erwacht bin, hab ich die
Glocke gehrt; dumpf und schwer und mchtig langsam und so
wohllautend wie des Herrgotts Stimme selber. Wie Zeit und
Ewigkeit hat's da zusammengeklungen, zwischen Schlag und
Schlag war ein ganzes Leben, gute Trume, bse Trume, und
die Nacht ist so gro geworden, und der Tag so fern ...
Aber wr's nur darum, so wr's am Ende wirklich Laune. Darum
ist's aber nicht.


_Lang_

So erklr dich deutlicher.


_Anna_

Ach, da du's nicht begreifst, da du's nicht ahndest!


_Lang_

Und da auch _du_ mir's noch schwer machst, Anna, auch du!
Bin ich denn nicht wie der bse Feind dahier geachtet? Jede
Handlung, die dem gemeinen Wesen zugute kommen soll, braucht
zwanzig Schreibereien. Wohin du blickst, die rgsten
Mibruche, Zehrungen und Unterschleife. Was an Steuern dem
armen Volk erpret wird, geht fr die Zeche der Herren auf.
Meinst du, ich knnte nicht gleichfalls so ein Ditenfresser
sein? Und sparte mir die Galle dabei. Was fr Zustnde,
Anna! Davon hast du ja keinen Begriff! Im Alumneninstitut
des Gymnasiums lauter feuchte, ungeheizte Stuben, wo die
schamlos vernachlssigten Schler ffentlichen und
heimlichen Snden frnen. Dabei mu man alljhrlich das Geld
aufborgen, um nur den Kostwirt bezahlen zu knnen. Im
Waisenhaus sind den Kindern vor lauter Krtze und englischer
Krankheit Hnde und Fe gebogen und die Kpfe
aufgeschwollen. In der elenden Baracke, genannt Seelhaus und
Lazarett, liegen scheuliche Gestalten halbnackt auf
muffigem Stroh. Fragt man: wo ist das Geld? Es ist nicht da.
Es ist aber doch dafr bestimmt worden --? Ja, es ist aber
nicht da. Keiner hlt stand, keinen kannst du beim
Schlafittich packen; alle, die davon fett werden, da nichts
geschieht, spritzen dir ihr Gift ins Gesicht, bei jeder
ntzlichen Anordnung setzen sich die Magistrate selbst
entgegen; hinter denen stecken wieder die Verwalter, die
Advokaten, die Gutsbesitzer, die Latifundienruber, die
Bevollmchtigten der Regierung, und so geschieht's, da ich
im ganzen Land als unbarmherziger Mann verschrien bin, und
da man mich durch Appelle und Eingaben und Rekurse und
Beschwerden und Rnke und Quertreibereien ermden und
zurckhalten will. Und nun kommst du auch noch und nagst an
mir.


_Anna_

Ich seh's wohl ein; Grund und Recht sind auf deiner Seite,
und als gute Frau drft ich nicht zuwiderstimmen. Mein Grund
ist unaussprechlich und liegt vielleicht nur in meinen
Augen; nur in meinem Blick, wenn er deinem begegnet. Sieh
mich an, Karl Heinrich! Ist's Lge, dann ist alles Lge, was
mich zu dir treibt. Denk, es ist ein Gebet. Oder denk, es
ist eine Krankheit in dir, die du selber nicht kennst, und
du mut sie durch einen bittern Trunk heilen.


_Lang_

Ich kann dir nicht helfen, Anna. Der Frommetsfelder Turm
darf mir nicht gebaut werden, so lang ich hier im Amt bin.


_Anna_

(wendet sich weg, lt die Arme schlaff fallen und den Kopf
tief sinken).


_Lang_

Ist mir leid um dich, Anneli, denn in deinem Begehren ist
was, das mir wie freventlicher bermut erscheint. Zart bist
du beschaffen, aber es ist was Verwegenes in dir, und wollt
ich mich dem fgen, so wr' ich geliefert fr alle Zeit. Ihr
Weiber habt oft so eine spindeldrre Phantastik in euerm
Kopf; wenn man sich davon einfangen lt, geht's einem wie
Simson, dem Propheten.


_Anna_

(geht langsam gegen die Tre links, zgert noch vor der
Schwelle, dann ab).


_Lang_

(wandert unruhig hin und her)

Ist ein feines Geschpflein, und kann sich nicht abfinden
mit ihrem begehrlichen Gemt. Nhrst du's, frit's dich
auf. Mut es ziehen lassen, als ob's ne Wolke wr'. Die eine
Wolke knnt ich ja vertragen, wird nicht gleich Blitz und
Donnerwetter geben. Eheweisheit ist ein ander Ding denn
Amtsweisheit. (Schaut auf die Uhr.) Die Zeit ist mir schon
wieder davongelaufen. (Wie er zur Tr will, klopft es.)
Herein!


_Leutnant Amandus Schlzer_

(tritt von rechts an. Er ist einundzwanzig Jahre alt, sehr
schlank, mit einem gut markierten, charaktervollen Gesicht
und Augen, in denen sich der Romantiker verrt. Sein Betragen
schwankt zwischen Schchternheit und soldatischer Offenheit
und Krze. Er trgt die preuische Infanterieuniform)

Verzeihung, Herr Domnenrat, wenn ich Sie stre -- (Verbeugt
sich, grt militrisch.)


_Lang_

(flchtig)

Guten Morgen, Herr Leutnant. Ich wei nicht, ob meine Frau
Sie empfangen kann ...


_Schlzer_

Ich mchte, Herr Domnenrat, wenn ich Sie nicht von
dringenden Geschften zurckhalte, ein paar Worte mit Ihnen
allein --


_Lang_

(stirnrunzelnd)

Ich habe allerdings ... ich werde beim Prsidenten erwartet
... Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Leutnant? Wollen Sie
Platz nehmen?


_Schlzer_

Merci. (Bleibt stehen.) Ich wollte Ihnen nur sagen, Herr
Domnenrat ... es ist etwas in mir, was mich zwingt, Ihnen
diese Mitteilung zu machen, ... da ich abzureisen gentigt
bin.


_Lang_

(leichthin, jedoch etwas aufmerksamer)

Wirklich, Herr Leutnant? Sind es Grnde privater Natur, die
einen so raschen Entschlu hervorgerufen haben?


_Schlzer_

(gepret)

Ja. Grnde von der dringendsten Beschaffenheit. Mein
Urlaubsgesuch ist bereits bewilligt. Die Postpferde sind
bestellt.


_Lang_

(konventionell)

Es tut mir leid, Herr Leutnant. Wir hatten gehofft, Sie
lnger hier halten zu knnen. Freilich, -- die Provinz.


_Schlzer_

(mit festem Blick)

Dies ist es nicht, Herr Domnenrat. Es ist schwer zu sagen
... doch kam ich deshalb her ... und so sei es gesagt: Herr
Domnenrat, ich liebe Ihre Frau.


_Lang_

(sieht ihn schweigend an; dann mit starker berwindung)

Das nennt man ohne Umstnde deutlich sein. (Kalt.) Ich
beklage diese Fatalitt, Herr Leutnant, doch berschtzen
Sie vielleicht ihre Tragweite fr mich, -- wenn Sie
_des_wegen Postpferde bestellt haben.


_Schlzer_

(ohne sich zu regen)

Wrden Sie mir eine solche Antwort auch geben, wenn Ihre
Frau meine Abreise nicht ganz so teilnahmslos betrachten
wrde?


_Lang_

(brsk)

Herr Leutnant, meine Frau ist ber jede Insinuation erhaben.


_Schlzer_

(verbeugt sich)

Ich wei es.


_Lang_

Warum gleich Postpferde bestellen, Herr Leutnant? Und wenn
Postpferde bestellt sind, warum sie zur Parade tanzen
lassen? Soll ich das Almosen einer Entsagung mit Dank
quittieren? Soll ich bewundern, wo ich kaum bedauern kann?
(Ernst und mit Bedeutung.) Der ehrt sich selbst und seine
Freunde, der durch Schweigen unerfllbare Wnsche
beschwichtigt.


_Schlzer_

Ich glaubte Ihnen, in dessen Haus ich Gastfreundschaft
genossen habe, eine Erklrung schuldig zu sein.


_Lang_

Sie verpflichtet mich zu keinem Dank. Wenn Sie fr sich
frchten, Herr Leutnant, Sie fr Ihre Person und Ihre Ehre
sage ich, dann nehmen Sie Postpferde.


_Schlzer_

(mit zu Boden gekehrtem Blick)

Ich reise, Herr Domnenrat.


_Lang_

So wnsch ich glckliche Fahrt. -- Vermutlich werden Sie sich
von meiner Frau verabschieden wollen. (Auf eine Bewegung
Schlzers.) Bitte, Herr Leutnant, meine Frau wre gewi
verletzt, wenn Sie ohne Gru von ihr scheiden wrden. Ich
werde drauen sagen lassen, da Sie hier warten. Ich selbst
mu Sie leider verlassen. (Mit stummem Gru nach rechts ab.)


_Schlzer_

(blickt dster vor sich hin. Er gewahrt den Fliederstrau,
eilt hin, nimmt ihn in die Hand und drckt seine Lippen in
die Blumen. Dann lt er das Bukett fallen, wie von einem
hoffnungslosen Gedanken erstarrt)

Er schickt sie zu mir! Kein Zweifel ist in ihm, kein
Zweifel!


_Anna_

(von links)

Guten Morgen, Amandus. War nicht Lang eben hier?


_Schlzer_

(zu ihr, kt ihr die Hand)

Teure Anna, wie bla Sie heute aussehen ...


_Anna_

(abweisend)

Dies Betragen lieb ich nicht an Ihnen, Amandus. Sie wissen
es. Mein Mann ist fortgegangen?


_Schlzer_

Er sagte, er wolle Ihnen Nachricht geben, da ich warte.


_Anna_

(mit verlorenem Blick)

Und ist fortgegangen. (Rafft sich zusammen.) Ich habe Sie
doch gebeten, Amandus, da Sie am Vormittag nicht kommen
mchten. (Sie setzt sich, Schlzer nimmt ihr gegenber
Platz.)


_Schlzer_

Es ist das letzte Mal, Anna. Ich kann den Gedanken, da Sie
in meiner Nhe weilen, nicht lnger ertragen. Ich kann nicht
lnger in den Nchten liegen und mit lebendig-offenen Augen
trumen, was mir das Herz verbrennt. Ich kann's nicht
lnger, und ich komme nun, um Ihnen Lebewohl zu sagen.


_Anna_

(versonnen)

Ich hatt' es erwartet. Sie reisen also. Und wohin reisen
Sie?


_Schlzer_

Die Erde dreht sich, und ich fhle mich so schwunglos;
heruntergestrzt und in den Boden gewhlt wie in ein Grab. --
Wohin ich reise? Es gibt bald Krieg, Anna. Wenn mein Knig
keine Verwendung fr mich hat, wird Bonaparte wissen, wie
ein Mann zu brauchen ist, dem das Leben nichts mehr gilt.


_Anna_

(aufschreckend)

Haben Sie mit Lang gesprochen?


_Schlzer_

War es mein Schmerz oder war es das Bedrfnis, da es
zwischen mir und ihm zum Ausgleich kommt; da er es wissen
mge, da er Sie hten mge, Anna, wie das kostbarste
Kleinod der Welt, -- ich wei nicht mehr warum, nennen Sie
es eine Verfinsterung meines Herzens, -- ich habe ihm gesagt,
wie es um mich beschaffen ist und weshalb ich gehe.


_Anna_

(grblerisch)

Das haben Sie ihm gesagt? Wie seltsam! Und er?


_Schlzer_

Er! Er war kalt und berlegen.


_Anna_

(wie oben)

Und er sagte, er wolle mir Nachricht geben lassen, da Sie
warten. Wie seltsam ...


_Schlzer_

Als ob keine Faser in Ihnen wre, die ohne seinen Willen
sich regte.


_Anna_

(wie oben)

Vielleicht vertraut er mir so.


_Schlzer_

Und dies Vertrauen sollte Sie nicht ein wenig krnken, teure
Anna? Ist denn Liebe etwas so Unzweifelbares, da sie einmal
beschworen, jedem Feuer stand hlt? Ist denn das noch Liebe,
die so ruhig, so stumm, so satt werden darf?


_Anna_

Wie wrden Sie gehandelt haben, Amandus, wenn ein Mann Ihnen
ein solches Gestndnis gemacht htte?


_Schlzer_

Wie ich gehandelt htte, wei ich nicht. Vielleicht htte
ich den Mann erdolcht. Vielleicht htte ich ihn in die Arme
geschlossen. Wer aber darf so bermenschlich sich gebrden,
da er nichts wissen will von den Gewalten, die seiner
Sicherheit ein Ziel setzen knnten? Ach, Anna, wenn! -- wenn!
Ich wrde hinschmelzen unter jedem Blick und jedem Lcheln.


_Anna_

(kopfschttelnd)

Nein, Amandus, das Hinschmelzen, das ist das Wichtige nicht.
Wichtig ist, da man nie einander vergit. Da man immer
geborgen ist im andern, da er die Gedanken hlt und kennt,
da er die Wnsche wei und jeden recht versteht, denn es
ist eine Qual, zu reden, wenn man wnscht. Da man nicht ein
Opfer wird von einer Stunde, wo aufs Ungefhr das Blut
strmt und man dann zur schalen Erinnerung wird in den
Geschften des Lebens. Da wird alles kalt in einem.


_Schlzer_

Alles ist fremd ohne Zrtlichkeit, fremd und zufllig.


_Anna_

Ja, Zrtlichkeit, das ist es. Ohne Zrtlichkeit wird Liebe
sndhaft. Zrtlichkeit ist wie ein treuer Hund am Herd, der
nie den Herrn verkennt.


_Schlzer_

Ich wei es seit langem, Anna, da Sie nicht glcklich sind.


_Anna_

Glcklich! Ich bin noch vor dem Glck vielleicht und hab
Angst, da es vorbergeht, ohne da ich wei, was es ist.
Ich mcht' es ausgraben wo und kenn' den Ort nicht, wo es
liegt. -- Wenn Sie mein Mann wren, Amandus, und Lang km'
ins Haus, so wie Sie kommen, und Sie wrden dazu schweigen
und ich wte nicht, schweigen Sie aus Gromut oder aus
Nachlssigkeit, die Unruh' wrde mir das Herz abdrcken. Und
schwiegen Sie aus Nachlssigkeit, und ich wt' es, so wr
alles vorbei. Aber auch wenn Sie eiferschtig wren und es
zeigten, wr alles vorbei, denn ist ein Mann eiferschtig,
so achtet er sich selbst nicht oder die Frau nicht. -- Wir
mssen uns jetzt trennen, Amandus. (Sie steht auf.)


_Schlzer_

(zu ihr)

So gilt's denn. Es wird Nacht in meinem Leben.


_Anna_

(verloren und wie zu sich selbst; schmerzlich)

Der Turm, Amandus, wird nicht gebaut. Mein Turm wird nicht
gebaut.


_Schlzer_

Der Turm --?


_Anna_

Ach, wundern Sie sich nicht. Ich schwatze wohl zu viel. -- Zu
welcher Stunde wollen Sie denn fort?


_Schlzer_

Zwischen zwlf und ein Uhr denk' ich.


_Anna_

Und wohin?


_Schlzer_

Gen Wrzburg geht die Fahrt.


_Anna_

(wie aus einem Traum)

Wenn ich mitginge ... wenn ich mitginge ...


_Schlzer_

(leidenschaftlich, packt ihre Hnde)

Anna! --


_Anna_

(lchelnd und verstrt)

Tu' ich den Schleier ums Gesicht, erkennt mich niemand ...


_Schlzer_

(auer sich)

Ich lass' den Wagen beim Mauthaus auf der Chaussee warten.
Ich la ihn bis zum Abend warten, wenn Sie wollen!


_Anna_

(leise)

Wie er's tragen wird? Ob's ihn wandeln wird ... (Schlzer
mit der Linken von sich abhaltend.) Ja, warten Sie, Amandus.
Beim Mauthaus zwischen zwlf und eins. Nur dies noch, -- Sie
sind mein Ritter. Nicht fragen werden Sie, mich nicht
bedrngen ... (Hastig.) Nein, nein, nicht reden jetzt. Beim
Mauthaus zwischen zwlf und eins ... Geh ich den Feldweg,
sieht mich niemand. Gehen Sie, Amandus. Nichts reden! (Sie
legt den Finger auf den Mund.)


_Schlzer_

(geht wie ein Schlafwandler mit zurckgekehrtem Gesicht zur
Tr).


_Anna_

Nichts reden ...


_Schlzer_

(mit einer trunkenen Bewegung ab. Whrend die Tr offen ist,
hrt man vom Flur die Stimmen der Bauern).


_Anna_

(steht entgeistert mit geschlossenen Augen).


_Frau von Hnlein_

(kommt)

Da drauen sind die Frommetsfeldner Bauern. Wollen beim
Domnenrat petitionieren wegen ihres Turmes ... Um Gott,
Kind, -- wie siehst du aus?


_Anna_

Nichts, Mutter, es ist nichts. (Ab nach links.)


_Frau von Hnlein_

(schaut ihr nach)

Da ist was nicht rund in der Welt, sollt' mich dnken. Der
Schlzer ist mir auch ganz rabiat vorgekommen ... Als ob
einer vom Wein aufsteht und durch die Wand steigen will.
Kind! Kind!...


_Brbel_

(kommt)

Knna die Bauersleit' da herinnet wart'n?


_Frau von Hnlein_

Ja, la sie nur herein. Der Domnenrat mu gleich kommen.
Die Leute sagen ja, sie htten ihn unterwegs schon
getroffen. Ich will mich nach der jungen Frau umschauen.
(Links ab.)


_Brbel_

(nach drauen)

No, spaziert nur da 'rein! (Es kommen der Ringhofbauer, der
Erlhofbauer, der Waldhofbauer, und zwei andere Bauern. Alle
tragen die urtmliche frnkische Bauerntracht: silberne
Knpfe an den blauen Westen, schwarze Jacken, schwarze Hosen
in hohen Stiefeln, schwarze Zipfelmtzen. Sie drcken sich
scheu und ehrfrchtig herein, bleiben regungslos stehen.)


_Brbel_

Derft euch au' niedersetzen. (Ab, lt die Tr offen.)


_Der Ringhofbauer_

Joo ... (Sie bleiben stehen.)


_Der Erlhofbauer_

Wer soll'n reden?


_Der Ringhofbauer_

I wer' scho reden.


_Der Waldhofbauer_

Was werst'n sog'n?


_Der Ringhofbauer_

I wer scho was sog'n. (Es kommen Lang und der Kammerdirektor
Mhlbach, ein lterer, wrdiger Herr.)


_Kammerdirektor_

Ich hab's Ihnen gleich gesagt: der Prsident ist in dieser
Sache machtlos.


_Lang_

Niemand hat den Mut, fr das Notwendige sich einzusetzen,
wenn er gleich die Vernunft hat, es zu sehen. Es ist ein
Hllenzirkel.


_Kammerdirektor_

Da haben Sie Ihre Bauern ...


_Lang_

Ja. Und morgen werden die Pfarrer kommen, und bermorgen die
Kster.


_Kammerdirektor_

Der Prsident hat nicht so unrecht, wenn er meint, da das
Wegschaffen des Turms gleichsam eine #capitis deminutio#
sein wrde.


_Lang_

Das #Corpus juris# wird maulfeil, wo das gesunde Gefhl
revoltiert. Bin ich schwcher hier als Stumpfsinn und bser
Wille, dann kenn ich meinen Weg.


_Kammerdirektor_

Aber Lang! Lang!


_Lang_

(zu den Bauern)

Hrt mich an, ihr Leute! Wenn ihr einen Webstuhl habt, und
der zerbricht, dann werdet ihr euch einen neuen Webstuhl
anschaffen. Nicht wahr?


_Die Bauern_

Joo ... joo ...


_Lang_

Und wenn euch ein alter Hofhund krepiert, dann werdet ihr
euch nach einem andern, einem jungen Hofhund umsehen. Ist's
so?


_Die Bauern_

Joo ... joo ...


_Lang_

Wenn euch aber ein Haus abbrennt, das auf einem vom Wasser
unterhhlten und durchweichten Grund gestanden ist, werdet
ihr dann das Haus auf demselben Grund wieder aufbauen? Sagt
mir eure Meinung. Frisch heraus!


_Die Bauern_

Naa ... naa ...


_Ringhofbauer_

Das wll'n mer nit ton. Naa ... naa ... (Er nickt den andern
verstndnisinnig zu, als sollten sie seine Beredsamkeit
bestaunen.)


_Lang_

Und wenn auf euerm Acker ein groer Baum steht, der dem
Getreide Licht und Sonne nimmt, den ihr aber nicht umhauen
wollt, weil er dort seit Menschengedenken wchst, und der
Baum bricht nun eines Tages, weil er krank ist, oder der
Blitz haut ihn zu Boden, werdet ihr da nicht froh sein, da
er weg ist?


_Die Bauern_

Joo ... joo ...


_Lang_

Oder werdet ihr ihn von neuem in die Erde stecken?


_Die Bauern_

Naa ... naa ...


_Ringhofbauer_

Des tenna mer nit, Herr Rt! (Wie oben.)


_Lang_

Nun also! (Der Schreiber Kasteljack, ein drrer, langer,
fusliger, schattenhafter Mensch, kommt schchtern und eilig
getrippelt, hat ein amtliches Dokument in der Hand.)


_Lang_

(unwirsch)

Was gibt's, Kasteljack?


_Kasteljack_

(asthmatisch)

Herr Domnenrat ... (hstelt) das Gesuch an die Regierung
wegen Nichtwiederaufbaus des Frommetsfeldner Turms ...
(Greift sich an die Brust, hstelt.)


_Lang_

Hurtig, hurtig, Mensch! (Entreit ihm den Bogen.)


_Kasteljack_

... ist leider diesen Morgen als unerledigbar ... unerledig
... lich ... zurckgekommen.


_Lang_

(mit verbissenem Grimm)

Und der Grund?


_Kasteljack_

Eine Formalitt, Herr Domnenrat ...


_Lang_

Was fr eine Formalitt?


_Kasteljack_

Der Submissionsstrich fehlt.


_Lang_

Der -- Submissionsstrich?


_Kammerdirektor_

Der Submissionsstrich?


_Kasteljack_

Ja. Es ist dies eine wichtige amtliche Formalitt.
(Hstelt.) Die Vorschrift lautet, da zwischen dem Text des
Gesuches oder des Referats oder des Ausweises oder des
Testimoniums ... da zwischen dem Text und der Unterschrift
des betreffenden Herrn Referenten oder Berichterstatters ein
dicker, gerader, deutlicher Strich gezogen werde. Diesen
Strich nennen wir den Submissionsstrich.


_Kammerdirektor_

Ja. 's ist wahr, eine ganz zweifellose Institution, die Sie
doch kennen mssen, Lang.


_Lang_

Ich kenne sie. Jetzt kenn ich sie. Mit einem Wort: diese
Unterlassung bedeutet zwei bis drei Monate Aufschub. Der
Submissionsstrich soll das Seil werden, auf dem man mich
tanzen lassen will. Oder der Balken, mit dem man mir um die
Fe schlgt. (Er eilt zum Schreibtisch und zieht in grter
Hast mit Bleistift und Lineal Striche auf einem groen Bogen
Papier.) So werden hierzuland die Mnner traktiert und die
wahren Interessen schachmatt gemacht. (Kehrt zu Kasteljack
zurck.) Hier, Kasteljack. Da ist ein ganzer Schreibebogen,
reichlich versehen mit Submissionsstrichen. Schicken Sie den
Bogen an die betreffende Kanzlei der Regierung, ich lasse
submissest ersuchen, in einschlgigen Fllen sich aus diesem
Vorrat von Submissionsstrichen bedienen zu wollen.


_Kasteljack_

Aber ...


_Lang_

Kein Aber. Tun Sie, was ich Ihnen befehle. Es ist Ernst.

(Kasteljack unter Bcklingen rckwrtsgehend ab.)


_Kammerdirektor_

Sie werden sich's mit der hohen Regierung grndlich
verderben, lieber Lang.


_Lang_

Die und ich, wir knnen nicht in derselben Kche unser
Fleisch kochen. Ihres schmeckt mir ranzig und meins ist
ihnen zu zhe. Verderben! Ich mit ihnen verderben! Ich hab'
ihnen gedient, wie einer, der's redlich meint. Sie haben
mich bezahlt wie einen, der schon betrogen hat. Wer sein
Schfchen ins Trockene bringt, erregt ihnen keinen Argwohn,
wer sich mausig macht und ihre verstaubten Litaneien
berhrt, den legen sie nackt in die Sonne und salben ihn
mit dem l ihrer Schikanen, da das Ungeziefer ber ihn
kommt.


_Kammerdirektor_

Lang! Lang! migen Sie sich doch.


_Lang_

Ich bin am Ende meiner Fassung. Wenn man zusehen mu, da
alle Quellen hmisch verstopft werden und die Menschheit
verdurstet. Da die Frchte wachsen, um zu verfaulen. Groe
Mnner Groes richten, um Popanze zu werden fr die
Phrasendrechsler. Verderb ich mir's mit ihnen, steht's desto
besser zwischen mir und meinem Gewissen. (Zu den Bauern, die
unterdessen heimlich gewispert haben.) Nun, ihr Leute! Der
Baum, von dem ich euch da gesprochen habe, vergleichsweise,
versteht mich wohl, der Baum ist euer alter, unntzer Turm.
Was wollt ihr beginnen mit einem Turm? Knnt ihr ihn als
Heuschober brauchen? Nein. Knnt ihr drinnen wohnen? Nein.
Wollt ihr drinnen beten? Nein. War er besonders schn von
Ansehen? Nein. Es war nichts in ihm oder an ihm, was euch
htte ergtzen oder frdern knnen. Und doch wollt ihr ihn
wieder aufrichten. Warum?


_Erlhofbauer_

Mer war's halt so g'whnt, Gnaden Herr Rt.


_Waldhofbauer_

's wr a Schand, Gnaden Herr Rt.


_Lang_

Die Schande will ich euch auswetzen. Ich bau euch ein
Schulhaus, das wird ein wahrer Staat sein. Seht, das ist
eine Aussaat, von der ihr eine gute Ernte einheimsen knnt.
Profitiert _ihr_ nicht mehr davon, so profitieren eure
Kinder, die Shne und die Tchter. 's ist, wie wenn man
Klber auf eine fette Weide treibt. Da wchst euch kein
habergasiges Vieh heran, das sich seiner Haut schmen mu,
sondern ein edler Schlag. Der Bauer hat nicht ntig, sein
Licht unter den Scheffel zu stellen. Mit dem Wissen ist's
eine eigene Sache und, glaubt mir's oder glaubt mir's nicht,
wenn ihr eure Kinder was lernen lat, werden eure Mhlen
besseres Korn zu mahlen haben.


_Ringhofbauer_

Da hab'n mer alles nichts dageg'n, Herr Rt; aber um unsern
Turm woll'n mer halt fleiig gebeten hab'n.


_Lang_

Holzkpfe! (Verzweifelt zum Kammerdirektor.) Das ganze Ding
gleicht einem Gnsespiel, wo man sich schon nah am Ziel
glaubt, und durch einen miglckten Wurf von einem
umgekehrten Schnabel zum andern wieder zum ersten Anfang
zurckgewiesen wird.


_Kammerdirektor_

Ich wut es vorher.


_Frau von Hnlein_

(kommt mit einem Brief, von rechts).


_Lang_

Doch la' ich nicht nach, und wenn's ein Jahr meines Lebens
kostet.


_Frau von Hnlein_

Da ist ein Brief an Sie gekommen, Lang.


_Lang_

Das Siegel sollt ich kennen. 's ist vom Frsten Hardenberg.
(Er bricht den Brief auf und liest; seine Miene verzerrt
sich sichtlich, er wirft das Schreiben mit einem Laut des
Schmerzes und der Wut zur Erde und schlgt die Fuste vor
die Augen.)


_Frau von Hnlein_

(erschrocken)

Lang!


_Lang_

Geht mir aus den Augen! Geht! Fort ihr alle! -- Auch er! auch
er! -- Nichts richten knnen! nichts vollenden knnen!


_Frau von Hnlein_

Aber Lang, sein Sie doch vernnftig! (Sie hebt den Brief
auf.)


_Lang_

(entreit ihn ihr)

Sehen Sie, Mhlbach, -- hren Sie! (Liest im Tiefsten erregt,
mit zusammengebissenen Zhnen.) Die gegnerischen Umtriebe
sind so mchtig geworden, lieber Lang, da ich Sie in Ihrem
wie in meinem Interesse bitten mu, die fragliche Affre mit
dem unglckseligen Turm fallen zu lassen. Sie wissen,
welchen Anteil ich an Ihren Bestrebungen nehme, ich kenne
die edle Selbstlosigkeit, mit der Sie allem hingegeben sind,
was Sie fr recht und frderlich erkannt haben, aber das
Tchtige lt sich auf vielen Wegen durchsetzen, -- so
spricht Er! Er! So haben sie ihn zu Brei gemacht! Das
Tchtige auf vielen Wegen! -- (Liest.) Stehen Sie ab vom
Unerreichbaren und wirken Sie im Mglichen -- nichts da, von
Gnadenbrot will der Lang nichts wissen, -- (Liest.) Ich war
gezwungen, die einschlgigen Akten einem anderen Referenten
zu bertragen -- (Wirft wie von Ekel erfat das Papier von
sich.)


_Kammerdirektor_

Ich finde das Schreiben Seiner Exzellenz uerst wrdig und
schmeichelhaft, lieber Lang ...


_Lang_

(scheinbar gefat)

Ja. Das ist es. Ohne Zweifel. Einem andern Referenten.
Einem, der biegsam ist und Ja und Amen sagt. Gnnen Sie mir
jetzt eine Stunde der Ruhe und berlegung, lieber Mhlbach.
Ich habe heute noch mancherlei zu tun, denn morgen mit dem
Frhesten werde ich meine Bestallung per Extrapost an die
Regierung zurcksenden.


_Frau von Hnlein_

Lang!


_Kammerdirektor_

(macht beschwrende Gesten).


_Lang_

Lassen Sie nur, Mhlbach. Ich wei, Sie haben die beste
Meinung von mir. Aber das kann jetzt nichts ntzen. Gott
befohlen, ihr Leute. Gehn Sie nur, Mutter. Adieu, lieber
Mhlbach. (Die Bauern, der Kammerdirektor und Frau von
Hnlein ab. Lang prft, ob die Tre zu ist, geht dann zum
Schreibtisch, lt sich nieder und sttzt den Kopf in die
Hand. Sein Gesicht hat einen tief verbitterten und tief
erschpften Ausdruck.)


_Anna_

(kommt von links. Sie ist zum Ausgehen gekleidet, doch hat
sie statt des Hutes einen schwarzen Schal ber dem Kopf. Sie
tritt leise auf, schaut vorsichtig durch das Zimmer. Als sie
Lang so augenscheinlich gebrochen sieht, erschrickt sie und
faltet unwillkrlich die Hnde).


_Lang_

(blickt empor, mit innerlicher Wildheit)

Ja, Anna. Da bin ich nun. Kannst mich verpflegen, wenn du
willst. Als Tagedieb im Haus, als Siebenschlfer im Bett.
Bin zu nichts mehr nutze. Sie haben mir die Hnde aus den
Gelenken gedreht.


_Anna_

(macht zwei Schritte, bleibt wieder stehen).


_Lang_

(erhebt sich; mit verzweifelter Klage und Anklage)

Es krnkt mich wahrlich um meinen Stolz. Es krnkt mich um
die Ader, die mir schwillt. Mcht alle getanen Schritte
bereuen und alle gesprochenen Worte wieder einschlucken.
Warum bin ich nicht auch so ein Jasager und
Sonnenblumen-Mnnlein, dann stnd' ich nicht so da, Schmach
und Spott mir selber. Der elende Mckentanz! Wohin man
greift, nur Luft; wohin man schlgt, trifft's den eigenen
Leib. (Ausbrechend in heller Bitterkeit.) Schau' mich nicht
an, Frau, ich schm mich vor dir. Was kannst du anders
glauben, als da ein Mannsbild nur dazu da ist, um zu
flunkern und sich wichtig zu machen? Und wenn er sich ganz
#in floribus# hat zeigen wollen und einer Sache sich
verdungen hat, bei der von Recht und Wohlfahrt zu
schwadronieren war, so sitzt er nun um so erbrmlicher da,
mit Futritten heimgeschickt.


_Anna_

(in deren Zgen sich eine innige Besorgnis malt, leise)

Karl Heinrich!


_Lang_

Und keinen Menschen! Keinen, der 's redlich meint! So
ohnmchtig sein! Geh von mir fort. Du hast nichts an mir.
Geh aus meinem Hause. Ich bin kein Mann fr dich. Bin deiner
nicht wert. Geh zu einem, der 's mit ehrlichen Feinden zu
tun hat und ein Schwert in die Faust nehmen kann, wenn ihn
die Horde bedrngt. (Er setzt sich mutlos und matt wieder in
den Sessel.)


_Anna_

(wie oben)

Nicht so, Karl Heinrich!...


_Lang_

Oder willst du nur darum bei mir bleiben, weil mein
Schicksal deiner Torheit zu Hilfe gekommen ist? Trotzt ihr
doch in eurer blinden Sucht, ihr Weiber, dem Himmel selber
unvernnftige Taten ab. Ja, er wird gebaut, dein Turm. Er
wird gebaut.


_Anna_

(leise)

Das wute ich gleich, Karl Heinrich, als ich dich so sah.


_Lang_

Kannst du mich darum hher estimieren, was soll ich dann von
meinem Wert noch halten und was von deinem Stolz?


_Anna_

(mit kaum merkbarer, schmerzlicher Schalkhaftigkeit)

Soll ich aber von dir fort, nur um zu beweisen, da mir an
dem Turm jetzt nichts mehr liegt?


_Lang_

(bitter)

Wenn man den Kindern das Spielzeug gibt, nach dem sie
verlangt haben, dann werfen sie's beiseite.


_Anna_

Ich habe ja den Turm von dir begehrt und nicht von denen,
die dir ein Leids damit getan. So komm' ich mir ja vor, als
stnd ich mit ihnen im Bund. Und wenn noch dazu dein Herz
gegen mich gestimmt ist, so flstert's dir vielleicht ein,
ich htte dich verraten, irgendwie geheimnisvoll verraten.
Ach, Karl Heinrich! Pltzlich bin ich schuldig und wei kaum
wieso. Schuldig vor dir, schuldig vor mir und wei kaum
wieso.


_Lang_

(schaut sie an)

Was stehst du denn da mit deinem Kopftchlein und wohin
willst du denn gehen? Willst nach Frommetsfelden hinaus und
zugucken, wie sie bauen?


_Anna_

Ich will's dir sagen, Karl Heinrich. Zum Mauthaus wollt ich
gehn auf der Chaussee.


_Lang_

Und was willst du denn dorten beim Mauthaus auf der
Chaussee?


_Anna_

Dort kommt der Leutnant Schlzer vorbei und will auf mich
warten.


_Lang_

(den Oberkrper nach vorn gebeugt, sttzt den Kopf mit
beiden Hnden. Schweigt.)


_Anna_

Es war beschlossen, Karl Heinrich, -- fast wie man den Tod
beschliet.


_Lang_

(dumpf)

Beschlossen! Dies beschlossen! So mu es Laster in mir
geben, die rger sind, als ich sie ahnte, und was dich zu
mir gefhrt, war nur ein Gaukelspiel betrgerischer Tage.
Alle Wege: abwrts. Jeder Tag nur eine kurze Dmmerung
zwischen zwei Nchten. Es ist ein unheimlicher Geisterspuk,
der einen so lang schaudern macht, bis die Gedanken still
stehn, und was die Brust bewegt, ist Scham, Scham, Scham!


_Anna_

(tief erregt)

Hr mich an, Karl Heinrich --


_Lang_

Hr ich dich, so bin ich schon getuscht. Was gabst du mir
freundliche Mienen und Blicke? Nur damit es jetzt offenbar
wird, da du einen brauchst, der se Worte machen kann und
immer beteuern kann und schwrmen kann und zeigen kann, was
ihr mit euren kurzen Sinnen sehen mt. Geh nur, Anna. Denk
nicht, da du einen Verzweifelten zurcklt. Ich bin's
nicht ungewohnt, abzurechnen mit mir und meinem Leben. Was
ich nie besessen habe, kann ich nicht verlieren. Freilich
der Irrtum, der frit am Mark und macht alt und krank und
mde.


_Anna_

Es ist hart fr mich, was du sprichst, aber ich verdien's.
Doch la es genug sein, Karl Heinrich, und vergi, was du
gesagt, damit ich vergessen kann, was ich nur halb getan.


_Lang_

(steht auf)

Du sollst nicht vergessen und ich kann nicht vergessen. Es
sei denn, wir wollen nicht fr unsere Handlungen einstehen
und uns auffhren wie Knaben, die einander schn tun,
nachdem sie sich geprgelt haben. Es ist von bel, jegliches
Wort von bel. Mit Schwatzen und Auseinandersetzungen
erreichen die Menschen nichts weiter, als da sie sich so
nahe rcken, da sie keinen Platz mehr zum Atmen haben. Und
um mein Glck und um meinen Frieden kann ich nicht
feilschen. Was man einander gewhrt und einander erlt,
kann nicht durch Abmachungen geregelt werden. Alles wahre
Zusammenleben beruht auf Schweigen, Frau! Je tiefer der
Bund, je tiefer das Schweigen. Bliebst du aus Mitleid bei
mir, so wnscht' ich lieber, ich htte dich nie gesehen.


_Anna_

(hat die Hand an die Stirn gedrckt, lt sie fallen, tritt
nher, frei und entflammt)

Wie kommt's nur, da ich dich jetzt so spre, Karl Heinrich!
Schon als es mich da drauen ber die Schwelle zog, war mir,
als lie ich alle Zweifel zurck. Nicht Mitleid ist's, nein,
nein! -- Hchstens knnte ich dein Mitleid fordern fr mich,
denn ich war so klein und ich glaubte, du wrfest mich hin
gegen die Welt und die Welt sei dir alles und ich zu wenig,
ich zu allein gegen dich und die Welt. Jetzt aber sehe ich
dich auch allein und das -- das! Karl Heinrich --! (Sie
ergreift seine Hand und drckt ihre Stirn darauf.)


_Lang_

(sinnend)

Ach, du wunderliches Geschpf von einem Weib.


_Anna_

(wieder aufgerichtet)

Du hast recht, Karl Heinrich. Es sollen nicht so viele Worte
zwischen den Menschen hin und her geworfen werden. Es soll
vielleicht bestehen bleiben, dies Fremde und dies Ferne, das
mich so oft geqult hat. Vielleicht ist es gut so, da wir
nicht zu allen Zeiten alles von einander wissen, und gut ist
es auch, da ich dich suchte. Ja, es ist gut, da ich dich
suche, wenn du mich hltst! -- Behalte mich!


_Lang_

Ich will dich halten.


_Anna_

(ohne Emphase ganz hingegeben)

Was soll's noch um den dumpfigen, stockigten Turm, Karl
Heinrich? Habe ihn gewnscht, wie man ein Zeichen wnscht,
ein Zeichen fr etwas, das nun da ist.


_Lang_

(zu ihr gebeugt)

Und doch mut du vieles dafr tragen, Kind. Mich vor allem,
der eine Weile zusehn mu, unttig beiseite. Wir wollen aus
der Stadt ziehen. Vom Amt will ich weg --


_Anna_

(bestimmt und mit freier Heiterkeit)

Nein, Karl Heinrich. Dieses wirst und kannst du nicht tun.
Du bist der Mann nicht frs Ausgeding. Mit den Wurzeln sich
selber ausgraben und verdorren lassen? Du berzeugst sie ja
schon von deinem Wert, indem du da bist. Knnte das Wasser
schumen ohne Damm? Htt es solche Kraft? Kommt's darauf an,
bezahlt zu werden, Karl Heinrich, heute oder morgen bezahlt?
Bezahlt dich nicht dein eigenes Blut und deine innere
Flamme?


_Lang_

(betroffen)

Frau, -- wie du das sagst! Woher kommen dir solche Worte?
Also bedeutet dir mein Treiben wirklich was? Willst nimmer
so scheu und zweifelhaft neben mir wandeln?


_Anna_

Es hat mir nichts bedeutet, so lang ich nicht fhlen konnte,
wie du mich damit umschlingst und wie ich dazu gehre.


_Lang_

So htte mir der Aberwitz und blde Widerstand der Welt zum
Kstlichsten verholfen?


_Anna_

Sprst du's so, dann ist es mehr, als ich gesehnt.


_Lang_

(packt ihre Hnde, leidenschaftlich)

Und doch hat dich das trbe Wesen zum Scheideweg gefhrt ...


_Anna_

Wer am Scheideweg war, wei besser ums Ziel. (Man hrt Rder
rollen auf der Strae.) Komm, Karl Heinrich -- (Sie zieht ihn
zum Fenster.)


_Lang_

Es ist ein Wagen, der vom Posthaus abfhrt ...


_Anna_

Zum Mauthaus auf der Chaussee. -- Gib mir die Hand, Karl
Heinrich! Drck sie fest, fest ... so. Hrst du, wie mein
Herz klopft? Ich glaube, es klopft vor Glck.


_Lang_

Unsere Herzen sind wie zwei Schalen in der Hand eines
Engels. Ist ein Auf- und Niederschwanken sondergleichen.
Jeder Pulsschlag zieht's hier hinunter, dort hinauf. Wir
wgen nicht, es wird uns zugewogen. Wir mssen still halten,
das ist alles.


_Anna_

Ich halte still, Karl Heinrich. (Das Posthorn tnt.) Gute
Fahrt, Schwager Postillon!

_Vorhang._




Lord Hamiltons Bekehrung


Personen:

  Lord William Hamilton (von der Seitenlinie der Herzoge)
  Sir Francis Hamilton, sein Sohn
  Emma Lyon
  Mr. Dashwood, Notar
  Mr. Fletcher, Uhrmacher
  Der Majordom
  Mrs. Adams, Wirtschafterin
  Doktor Middlewater
  James, ein alter Diener
  Drei andere Diener

Spielt am Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Easton Park
in der Grafschaft Suffolk.


Das Frhstckzimmer in Easton Park. Nach hinten fhrt eine
offene Flgeltr in die Halle, durch die man wiederum in den
Park blickt. Rechts eine geschlossene Flgeltre, links zwei
hohe Fenster. Ein schmaler Tisch, mehr links, ist fr zwei
Personen gedeckt. Ein anderer, schwerer Eichentisch steht
mehr rechts. In der linken Ecke eine Wanduhr in einem
massiven Gehuse, das bis zur Decke reicht. An den Wnden
hngen alte Gobelins und ein paar niederlndische Stilleben.

Auf einer kleinen Leiter vor der Wanduhr steht Mr.
_Fletcher_; er hat den mchtigen Pendel abgenommen und
horcht ins Rderwerk. Der _Majordom_ hat den gedeckten Tisch
inspiziert und beobachtet dann ernsthaft, mit verschrnkten
Armen, die Hantierung des Uhrmachers. Whrenddem tritt
_Doktor Middlewater_ vom Park her in die Halle, stellt
seinen Medikamentenkasten auf die Bank und kramt darin,
wobei er der Szene den Rcken zukehrt. Gleichzeitig kommt
_Lord Hamilton_ von drauen rechts in die Halle. Er beachtet
den Arzt nicht, der sich rasch umwendet und, obwohl er schon
gebckt steht, eine noch tiefere Verbeugung macht. Der
_Lord_ hat einen Brief in der Hand und geht unruhig auf und
ab.


_Lord Hamilton_

(drauen)

Mister Wardle!


_Der Majordom_

Mylord! (Eilt hinaus.)


_Lord Hamilton_

Fr welche Stunde ist Mister Dashwood bestellt?


_Der Majordom_

Fr elf Uhr, Mylord.


_Lord Hamilton_

(die Taschenuhr ziehend)

Dann mu er in sechsunddreiig Minuten hier sein.


_Der Majordom_

Gewi, Mylord.


_Lord Hamilton_

Doktor Middlewater, ich bin bereit. (Mit Doktor Middlewater
in der Halle rechts ab.)


_Mr. Fletcher_

(hat neugierig gelauscht. Er ist trotz seiner vorgerckten
Jahre ungemein eitel. Whrend der Lord geht und der Majordom
zurckkommt, holt er einen Handspiegel aus seiner Tasche und
betrachtet sich wohlgefllig).


_Der Majordom_

Sie hren, Mister Fletcher, -- es ist sechsunddreiig Minuten
vor elf.


_Mr. Fletcher_

Ich habe bemerkt, da die Pnktlichkeit in diesem Hause
etwas willkrlich gehandhabt wird. Seine Lordschaft ist
imstande, der Sonne zu befehlen, welche Zeit es ist. Das
erscheint mir etwas waghalsig. Es widerspricht der
gttlichen Weltordnung. -- Wie finden Sie mich heute
aussehend, Mister Wardle?


_Der Majordom_

Ich mu Sie darauf aufmerksam machen, da die Uhr gestern um
neun Minuten zu spt gegangen ist.


_Mr. Fletcher_

(hngt den Pendel ein)

Genau das Gegenteil von dem, was ich tue. Ich bin immer zu
frh daran; immer zu frh. Aber in der Liebe ist das der
einzige Weg zum Erfolg. Meinen Sie nicht, Mister Wardle, da
ich noch eine ganz reprsentable Erscheinung bin? Das schne
Geschlecht ist nicht unzufrieden mit mir.


_Der Majordom_

(amtlich)

Sind Sie bald fertig, Mister Fletcher?


_Mrs. Adams_

(kommt in Eile; sie ist eine muntere und beleibte Dame)

Denken Sie nur, Mister Wardle, James ist betrunken!


_Der Majordom_

James? betrunken --? Wie ist das mglich?


_Mrs. Adams_

Sie mssen uns helfen, Mister Wardle. Wenn ihn Seine
Lordschaft in der Verfassung sieht, geht's dem armen alten
Kerl schlecht. Erinnern Sie sich noch, wie er vor drei
Jahren den unglcklichen Jimmy mit der Hundspeitsche auf die
Landstrae jagen lie, weil er benebelt war --?


_Der Majordom_

Aber wie konnte das geschehen, Missis Adams? wie konnte sich
James so vergessen?


_Mrs. Adams_

Der Kummer, Mister Wardle. Der Kummer um den jungen Herrn.
Sie wissen doch, wie er an Sir Francis hngt. Nun hat Seine
Lordschaft wahrscheinlich etwas durchblicken lassen, von
Enterbung oder so ... James ist ja der einzige, mit dem er
hie und da ein vertrautes Wort spricht ... der Kummer,
Mister Wardle. Ich gehe zu den Stllen hinber, um Milch zu
holen, da sehe ich ihn taumeln und mit den Hnden fuchteln
und hre, wie er wild vor sich hinmurmelt, -- kurz, er ist im
Zustand eines Schweines.


_Mr. Fletcher_

(hat vergebens mit Missis Adams zu liebugeln versucht)

Was fr ein angenehmes Wesen! welche verlockende Stimme!
(Seufzt, holt den Spiegel hervor.)


_Der Majordom_

(ringt die Hnde, schnell durch die Halle in den Park ab)


_Mr. Fletcher_

(zu Mrs. Adams, die sich anschickt, dem Majordom zu folgen)

Haben Sie indessen meinen Antrag berschlafen, Missis Adams?


_Mrs. Adams_

(unruhig nach der Tr schauend, hastig und verschmt).

Es kann nicht sein, Mister Fletcher. Mylord ist ein so
verschworener Feind von allem Heiraten, da ich mir's
zeitlebens mit ihm verderben wrde.


_Mr. Fletcher_

(bekmmert)

Sehr unrecht von Seiner Herrlichkeit.


_Mrs. Adams_

(vertraulich flsternd)

Sie wissen ja, er hat Malheur gehabt. Mylady ist ihm nach
der Geburt von Sir Francis mit einem Schmugglerkapitn
durchgebrannt und in der irischen See ertrunken.


_Mr. Fletcher_

Wie Sie mich hier sehen, Missis Adams, bin ich ein Mann mit
einem geregelten Einkommen von zweihundertvierzig Pfund.


_Mrs. Adams_

Sie brechen mir das Herz, Mister Fletcher. Ich bin so
attachiert an Easton Park.


_Mr. Fletcher_

Und sonst, Missis Adams, wenn ich auch den Kahlkopf nicht
ableugnen kann, wer will meine Stattlichkeit bezweifeln?


_Mr. Dashwood_

(tritt mit allen Zeichen eines berstandenen Schreckens in
die Halle, schaut sich ngstlich um, kommt dann auf die
Szene. Unterm Arm trgt er die Aktentasche. Tracht der Zeit.
Qukerhut)

Guten Morgen! (Legt den Hut ab, wischt den Schwei von der
Stirn.)


_Mrs. Adams_

Ist Ihnen etwas Schlimmes widerfahren, Mister Dashwood?


_Mr. Dashwood_

Es mu der leibhaftige Satan gewesen sein, -- Gott sei mir
gndig.


_Mrs. Adams_

Was denn? wo denn?


_Mr. Dashwood_

(Atem schpfend)

Whrend ich durch den Hohlweg reite ... Sie kennen ja diesen
Hohlweg, Ma'am ... er ist so schmal, da zwei Fugnger
einander nicht ausweichen knnen ... ach, das Entsetzen ist
mir in alle Glieder gefahren.


_Der Majordom_

(kommt nervs wie ein Mann, der nicht wei, wo er zuerst
Hand anlegen soll)

Es steht wirklich verzweifelt mit dem alten Esel. Mister
Fletcher, die Uhr in den Dienerwohnungen mu noch reguliert
werden. Mylord erwartet Sie um elf Uhr, Mister Dashwood.


_Mr. Fletcher_

(der an Mister Dashwoods Erregung keinen Anteil nimmt)

In unserer zarten Angelegenheit werde ich zu passenderer
Stunde wieder anfragen, Missis Adams. (Da sie ihn
schmachtend anschaut.) Ach, dieser Blick! -- (Wirft ihr eine
Kuhand zu. Ab.)


_Mrs. Adams_

(zum Majordom)

Mister Dashwood hat etwas Grliches erlebt -- -- --


_Mr. Dashwood_

Ich reite also durch den Hohlweg, und hinter mir her, auf
einem kohlschwarzen Ro, ein Bursche mit flatternden
schwarzen Haaren. Immer mir nach ... immer auf meinen
Fersen, im vollen Galopp! Ich treibe mein Tier zur Eile an
... er, mit hhnischem Geschrei, tut dasselbe. Ich glaube
nicht fehl zu gehen, wenn ich vermute, da es ein Ruber
war.


_Der Majordom_

Am hellen, lichten Tag?


_Mr. Dashwood_

Ein blut- und mordgieriger Geselle.


_Mrs. Adams_

Da mchte ich nicht an Ihrem Platz gewesen sein, Mister
Dashwood.


_Mr. Dashwood_

Ich pflege sonst nie ohne Pistole auszugehen. Wei man doch
nicht, was einem zustoen wird. Mein Freund, Mister Sparre,
-- Sie kennen doch Mister Sparre, Ma'am? -- ist neulich in
Pall Mall von einem wtenden Hund gebissen worden. Es ist
nichts Seltenes, da jemand inmitten der Ausbung seiner
Amtsgeschfte von einem jhen Tod ereilt wurde. Solche
Katastrophen treten gewhnlich dann ein, wenn sich der
kurzsichtige Mensch auf dem Gipfel seines Glcks befindet
und geneigt ist, sich der wohlverdienten Ruhe hinzugeben.
(Er erblickt Emma Lyon, die, mit der Reitpeitsche in der
Hand, in die Halle tritt; sehr erregt.) Da ist er, Ma'am! Da
ist er, Mister Wardle! Schtzen Sie mich! Er verfolgt mich
bis hieher! Rufen Sie die Diener zusammen!


_Emma Lyon_

(hat sich in der Halle verwundert umgeschaut und kommt nun
auf die Szene. Sie ist als junger Mann im Reitkostm
gekleidet. Ihre brnetten Haare quellen unter dem Hut ber
das schne, von schnellem Ritt erglhte Gesicht).


_Der Majordom_

(auf sie zutretend)

Womit kann ich dienen, Sir?


_Emma Lyon_

(gebieterisch)

Lassen Sie mein Pferd versorgen. Ich wei nicht, ob der
Mensch, dem ich es bergeben habe, sich damit auskennt. Was
ist denn das fr ein Betrunkener drauen, um den sie alle
herumstehen?


_Mr. Dashwood_

Der Herr beschtze uns vor dem bel ... Erst neulich habe
ich in der Zeitung gelesen, da der berchtigte Thomas Field
frecherweise in den Palast des Herzogs von York gedrungen
ist.


_Der Majordom_

Wen darf ich melden, Sir?


_Emma Lyon_

Mister Rippledale aus London. Benachrichtigen Sie zuerst Sir
Francis.


_Der Majordom_

(argwhnisch)

Mister Rippledale --?


_Mr. Dashwood_

Ein falscher Name. Ohne Zweifel ein falscher Name.


_Emma Lyon_

Was murmelt der Dicke dort? Ei, sind Sie es, Sir, der auf
einem Ding, mehr Ochse als Gaul, bestndig vor mir
hergetrabt ist? Ein andermal machen Sie Platz, wenn einer
hinter Ihnen ist, der Eile hat.


_Mr. Dashwood_

(demtig stotternd)

Es ... ich ... der Weg war so schmal ... (Abgewendet.) Die
Sprache! Er mu eine ganze Bande im Rcken haben.


_Mrs. Adams_

(leise zum Majordom)

Ich lasse mich hngen, wenn das kein Frauenzimmer ist.


_Der Majordom_

Sir Francis kommt erst von der Jagd zurck, Sir.


_Emma Lyon_

Dann fhren Sie mich einstweilen in seine Zimmer.


_Mr. Dashwood_

Schau, schau, wie schlau! Und doch, wie wenig schlau. Wie
tollkhn vielmehr.


_Sir Francis_

(kommt eilig. Ein junger Mann von zwei- bis dreiundzwanzig
Jahren mit hbscher Gestalt und hbschem Gesicht. Er trgt
einen roten Jagdreitrock, manchesterne Reithosen und lange
Stiefel mit weiten Schften. Mit allen Zeichen der
Bestrzung.) Um Gottes willen, du hier, E -- --


_Emma Lyon_

(ist schnell auf ihn zugegangen, drckt die Hand auf seinen
Mund)

Ja, ich bin's. Bist du nicht froh, deinen alten Rippledale
hier zu sehen?


_Sir Francis_

Ich sah dein Pferd drauen. Ich erkannte es gleich. Aber -- --


_Emma Lyon_

Wundre dich nicht lnger. Jede Frage ist berflssig.


_Sir Francis_

Mein Vater -- --


_Emma Lyon_

Mit ihm zu reden bin ich gekommen. Ich bin von Suffolk
herbergeritten, wo ich bernachtet habe und wo meine
Freunde geblieben sind.


_Sir Francis_

(noch immer fassungslos)

Du kannst ihm doch nicht in diesem Aufzug unter die Augen
treten -- --


_Emma Lyon_

Auch dafr ist gesorgt. Ich habe Mary mit den Kleidern
vorausgeschickt.


_Ein Diener_

(kommt)

Es ist ein Frauenzimmer da mit einer Schachtel fr Mister
Rippledale.


_Emma Lyon_

Also rasch, mein Lieber, bring mich in ein Zimmer, wo ich
mich herrichten kann. (Sie wendet sich gegen die Halle, in
der jetzt der betrunkene James erscheint, von einigen
mnnlichen und weiblichen Dienstboten umgeben, die ihn zu
verhindern suchen, ins Zimmer zu dringen.)


_Sir Francis_

(Emma folgend und in sie hineinredend)

Es ist sinnlos, sage ich dir. Bei ihm erreichst du nichts
damit.


_Emma Lyon_

Wir werden sehen, jedenfalls ist deine Angst vor ihm
lustiger als du meinst. Ich liebe nicht, da man hinter
meinem Rcken ber mich verfgt, und ich bin neugierig, wie
er es macht, wenn ich dabei bin. (Sie geht ab.)


_Mr. Dashwood_

Das Geheimnis wird immer undurchdringlicher.


_Sir Francis_

(bleibt auf der Schwelle stehen, zum Majordom gewandt und
auf die Gruppe um James deutend)

Was ist das, Mister Wardle?


_Der Majordom_

Ich wei nicht mehr, was ich anfangen soll, Sir Francis.


_Sir Francis_

Schaffen Sie ihn hinaus. -- Wenn mein Vater nach mir fragt,
sagen Sie ihm, ich sei noch nicht zurck. (Ratlos vor sich
hin.) Mein Gott! (Ab.)


_James_

(in der Halle)

Die Welt ist kugelrund ... drum will ich mich vergngen ...
sauft nur in vollen Zgen ... dann bleibt ihr auch gesund
... (Erblickt Sir Francis.) Sir Francis! oh, Sir Francis!
Armer Sir Francis!


_Sir Francis_

(bleibt einen Moment drauen stehen, winkt dem Betrunkenen
verwirrt zu, dann weiter und nach rechts ab).


_Mrs. Adams_

(strzt gegen die Schwelle, da James trotz der Diener, die
ihn zurckhalten, sich dem Zimmer nhert)

Nicht hier herein!


_Der Majordom_

Nehmen Sie doch Vernunft an, James! Sie kommen ja von Dienst
und Brot, wenn Mylord --


_James_

Und wr die Welt nicht kugelrund ... (Er kmpft mit denen,
die ihn halten, dringt aber dabei immer weiter vor.)


_Mr. Dashwood_

Die berwucherung der tierischen Natur kann beltaten im
Gefolge haben, deren Tragweite sich gar nicht ermessen lt.
Fr den Zuschauer ist dabei das Gedchtnis ein qulender
Faktor. Ich erinnere mich eines Tuchwebers, der in der
Trunkenheit seine eigene Gromutter erdrosselte. (Er
verbeugt sich tief, da von rechts der Lord und Doktor
Middlewater eintreten.)

_Lord Hamilton_ ist eine Erscheinung von imposanter
Magerkeit. Sein Gesicht hat den Ausdruck drren Ernstes.
Ihm zu widersprechen, scheint wahnsinnig. Doktor
Middlewater, ein Landarzt, hat seinen Vorteil darin zu
finden gelernt, dem Lord nach dem Mund zu reden.


_Doktor Middlewater_

Man kann mit einem solchen Leiden neunzig Jahre alt werden,
Mylord.


_Lord Hamilton_

Ich hoffe es. Im brigen ist mein Krper dazu da, um mir zu
dienen, so lange ich ihn brauche.


_James_

Und wr die Welt nicht kugelrund ... so mt ich mich
erhngen ... (Er stockt, da der Lord erstaunt auf die Gruppe
zugeht.)


_Lord Hamilton_

Was bedeutet das, Mister Wardle?


_Der Majordom_

Wir haben alles mgliche versucht, den Mann zur Besinnung zu
bringen, Mylord.


_James_

Eure Herrlichkeit mgen verzeihen ... ich bin ein
sterblicher Mensch ... ich ... (Er zuckt unter dem Blick
seines Herrn zusammen, schweigt, bemht sich, fest zu
stehen.)


_Lord Hamilton_

(berlegt eine Weile; pltzlich nimmt sein Gesicht die Miene
der Besorgnis an)

Doktor Middlewater, der Mann ist krank.


_Doktor Middlewater_

(kichert, nach einem Blick des Lords fat er sich)

Es scheint mir selber so, Mylord.


_Lord Hamilton_

(strafend)

Fhlen Sie ihm den Puls, Doktor Middlewater.


_Doktor Middlewater_

(tut es; James fgt sich wie gebannt).


_Lord Hamilton_

Der Mann hat Fieber, Doktor Middlewater. Der Mann hat hohes
Fieber.


_Doktor Middlewater_

(eifrig)

Ohne Zweifel, Mylord. Der Mann hat betrchtliches Fieber.


_Lord Hamilton_

Mister Wardle, Sie werden veranlassen, da der Mann zu Bett
gebracht werde.


_Der Majordom_

Du hrst es, James --!


_Lord Hamilton_

Vorher bergiee man ihn mit zwei Eimern kalten Wassers.
Gegen das Fieber.


_Der Majordom_

Soll geschehen, Mylord.


_Lord Hamilton_

Hierauf werden Sie ihm zur Ader lassen, Doktor Middlewater.
Zwei Unzen des kranken Bluts knnen Sie ihm gut und gern
entziehen, nicht wahr, Doktor Middlewater?


_Doktor Middlewater_

Ich bewundere die Sachkenntnis Eurer Herrlichkeit.


_Lord Hamilton_

Sodann belegen Sie ihm Brust und Rcken mit Senfpflastern,
und Sie, Missis Adams, sorgen dafr, da ein stark
purgierender Tee fr ihn gekocht werde. (Missis Adams ab.)


_Doktor Middlewater_

Es fragt sich allerdings, ob bei diesen Jahren eine so
vehemente Kur -- --


_Lord Hamilton_

(ohne den Einwurf zu beachten; streng)

Da du dich widerspruchslos diesen Verordnungen fgst,
James! Du bist todkrank, hrst du? Und das eine merk dir fr
die Zukunft: Kein solches -- Fieber mehr! Hinaus mit ihm!
Doktor Middlewater, tun Sie Ihre Pflicht. (Die Diener fhren
den schon halb ernchterten und widerstandslosen James ab.
Der Doktor folgt ihnen.) Nun zu unserem Geschft, Mister
Dashwood. (Zum Majordom.) Sir Francis soll kommen.


_Der Majordom_

Sir Francis ist von der Jagd noch nicht zurck.


_Lord Hamilton_

Wie viel Uhr ist es?


_Der Majordom_

(mit Blick auf die Wanduhr)

Elf Uhr, neun Minuten.


_Lord Hamilton_

Unmglich.


_Der Majordom_

(ngstlich)

Mister Fletcher hat soeben die Uhr reguliert, Mylord.


_Lord Hamilton_

(ruhig)

Da Sir Francis fr elf Uhr bestellt ist, kann es jetzt
unmglich elf Uhr neun sein, Mister Wardle.


_Der Marjordom_

(blde; wei nichts zu antworten).


_Lord Hamilton_

(mit der Taschenuhr in der Hand)

Es ist zehn Uhr fnfzig Minuten. Stellen Sie den Zeiger dort
geflligst zurck, Mister Wardle.


_Der Majordom_

(rckt einen Stuhl vor die Uhr, steigt hinauf, vollzieht den
Befehl, dann kopfschttelnd ab).


_Mr. Dashwood_

(schchtern)

Ich glaube Sir Francis schon hier gesehen zu haben, Mylord.


_Lord Hamilton_

Sprechen wir nicht von Ihren privaten Wahrnehmungen, Mister
Dashwood. Es ist fr mich kein Anla vorhanden, ber Ihre
Sinnestuschungen zu diskutieren. Ich glaube heit so
viel, als ich schwtze.


_Mr. Dashwood_

(verletzt)

Ohne da ich dieser groartigen Auffassung zu nahe treten
will, lassen sich doch Flle denken, wo die Bestimmtheit der
Angaben einer notgedrungenen Philosophie zuwiderluft. Die
Kleinen mssen politisch sein, wo die Groen ihrem Impulse
gehorchen. Lord Gordon durfte eine Revolution anzetteln und
behielt seinen Kopf, aber der arme Snatch kam an den
Galgen. Was wrde Eure Lordschaft sagen, wenn ich mich
unterstehen wollte, im Schlafrock vor Ihnen zu erscheinen?
Ich bitte um Entschuldigung, es ist dies nur vergleichsweise
gesprochen: ich meine im Schlafrock der Rede.


_Lord Hamilton_

(auf und ab gehend; ungeduldig)

Schwtzer waren immer meine Feinde. Ich wnsche nicht, da
man in Gleichnissen zu mir spricht. Das sind
Vertraulichkeiten, die ich nicht liebe. Sie wissen, weshalb
ich Sie rufen lie, Mister Dashwood. Das ungeheuerliche
Heiratsprojekt meines Sohnes zwingt mich zu einem solchen
schweren Schritt.


_Mr. Dashwood_

Das Gesetz legt Ihnen nur geringe Hindernisse in den Weg,
Mylord. Es ist ein erhebendes Gefhl fr den Staatsbrger,
da die Wagschale der Justitia sich stets auf die Seite der
Autoritt neigt.


_Lord Hamilton_

Ich habe inzwischen durch meinen Londoner Mittelsmann genaue
Nachrichten ber die fragwrdige Person dieser Emma Lyon
einziehen lassen. Die Nachrichten besttigen meine
schlimmsten Ahnungen, und wenn Sir Francis, was sich in
dieser Stunde noch entscheiden wird, auf seinem Vorsatz
beharrt, werde ich keinen Sohn mehr haben.


_Mr. Dashwood_

Es wird nicht an mir liegen, wenn die Inkraftsetzung der
vermgensrechtlichen Maregel einen langsameren Gang nimmt,
als der Heroismus wnschbar macht, den ich an Eurer
Herrlichkeit ehrfrchtig erkenne.


_Lord Hamilton_

(nimmt den Brief aus der Tasche)

Es wird sich zeigen.


_Ein Diener_

(meldet)

Sir Francis. (Ab.)


_Sir Francis_

(schuldbewut)

Ich bitte Sie um Verzeihung, Vater, da ich mich versptet
habe.


_Lord Hamilton_

Nicht da ich wte. Wie du siehst, ist es elf Uhr. Punkt
elf Uhr.


_Sir Francis_

Wirklich? -- Dann mu meine Uhr falsch gehen.


_Lord Hamilton_

Das leidet keinen Zweifel. Die Unterredung, zu der ich dich
gebeten habe, knnte auch nicht wie ein Rendez-vous zwischen
Kartenspielern behandelt werden.


_Sir Francis_

(unruhig, mit Blick auf den Notar)

Ich darf doch hoffen, da eine solche Zwiesprache unter vier
Augen ...


_Lord Hamilton_

Mister Dashwood ist Amtsperson und hat als solche weder zu
hren noch zu sehen. Betrachte ihn als abwesend.


_Sir Francis_

(resigniert)

Wie Sie befehlen.


_Lord Hamilton_

Du hast mir gestern eine Art von Entschlu brieflich
kundgegeben. Abgesehen davon, da ich die Zulssigkeit eines
schriftlichen Verkehrs zwischen uns niemals in Erwgung
gezogen habe, kann ich mir auch den ... nun, sagen wir, den
Mut deiner Ausdrucksweise nur durch den Gebrauch von Tinte
und Feder erklren. Ein Hamilton spricht hchstens, aber er
schreibt nicht.


_Mr. Dashwood_

(schnupft; vor sich hin)

Ein Diktum von antiker Gre.


_Sir Francis_

Wenn Sie Emma kennten, Vater -- --


_Lord Hamilton_

Emma? Was ist das, -- Emma --? Du unterstehst dich, mit
sonderbarer Intimitt einen Namen zu nennen, der fr mich
nicht mehr bedeutet als der Straenschmutz.


_Sir Francis_

(aufwallend)

Durch eine solche Sprache empren Sie alle meine Gefhle!


_Lord Hamilton_

(kalt)

Ich statuiere deine Gefhle nicht, mein Sohn. Gefhle sind
der Luxus der Unbotmigen.


_Mr. Dashwood_

Herrlich! Unvergleichlich! Wie sagt Hamlet: Schreibtafel
her.


_Sir Francis_

(wtend)

Knnte jener Mann nicht schweigen, da er doch -- abwesend
ist?


_Lord Hamilton_

Wir wollen zunchst den Tatbestand ordnungsmig darlegen.
(Setzt sich in richterliche Pose.) Mister Dashwood, seien
Sie so freundlich, den Bericht ber die Vergangenheit der in
Rede stehenden Personage vorzulesen. Meine Zunge strubt
sich dagegen. (Reicht das Schriftstck hinber.)


_Mr. Dashwood_

(liest)

Besagte Emma Lyon ist von der niedrigsten Herkunft. Man wei
weder die Zeit noch den Ort ihrer Geburt anzugeben. Zuerst
war sie Gouvernante, dann ergab sie sich einem schndlichen
Gewerbe. Sie durchlief die Straen von London; auf den
Trottoirs der unermelichen Hauptstadt irrte sie obdachlos
umher und sank zur tiefsten Erniedrigung ihres Geschlechtes
herab.


_Sir Francis_

Dies ist eine Verleumdung!


_Lord Hamilton_

Es wrde wenig Konsequenz, selbst in der Verranntheit,
beweisen, wenn dich meine Ermittlungen sogleich berzeugen
wrden. Ein Umstand, der freilich ihrer Triftigkeit nichts
anhaben kann. Fahren Sie fort, Mister Dashwood.


_Mr. Dashwood_

(in weinerlichem Ton)

-- Geschlechtes herab. Da traf sie einen schottischen
Scharlatan, der sich Doktor Graham nennen lie und der einen
sogenannten Tempel der Gesundheit mit einem sogenannten
himmlischen Bett eingerichtet hatte. Wer fr die Nacht
fnfzig Pfund bezahlte, durfte sich in das mit Gold und
Seide geschmckte Bett legen und erhielt angeblich die
verlorenen Krfte der Liebe und der Mnnlichkeit zurck.


_Sir Francis_

So viel ist richtig, da Doktor Graham Emmas Wohltter war.
Es ist richtig, da sie Not litt und an dem Schotten einen
vterlichen Beschtzer fand.


_Lord Hamilton_

Ich gebe zu, da du ein guter Schtze und ein
ausgezeichneter Schwimmer bist, aber dein Verhltnis zur
Welt ist ein wahrhaft kindliches.


_Sir Francis_

brigens ist sogar der Lord Schatzkanzler in dem himmlischen
Bett gelegen.


_Mr. Dashwood_

(fr sich)

Bejammernswerte Verirrung des Menschengeistes!


_Lord Hamilton_

Fahren Sie fort, Mister Dashwood. Sie wrden mich verbinden,
wenn Sie die persnlichen uerungen Ihrer sittlichen
Entrstung einstellen knnten.


_Mr. Dashwood_

-- der Liebe und der Mnnlichkeit zurck. Doktor Graham
verfiel auf den Gedanken -- (stockt, zieht das Taschentuch,
wischt die Stirne.) Mylord, es fllt mir schwer ...


_Lord Hamilton_

berwinden Sie sich, Mister Dashwood.


_Mr. Dashwood_

-- verfiel auf den Gedanken, Emma Lyon vllig ... vllig
unbekleidet ...


_Lord Hamilton_

(scharf)

Steht da unbekleidet, Mister Dashwood?


_Mr. Dashwood_

(trostlos)

Nackt. Vllig nackt!


_Lord Hamilton_

(erhebt sich)

So ist es. Vllig nackt. Das ist der Gipfelpunkt.


_Mr. Dashwood_

-- oder kaum bedeckt mit einem Schleier ...


_Sir Francis_

(seine Position mit ungengenden Mitteln sttzend)

Also doch mit einem Schleier bedeckt --


_Lord Hamilton_

(stark)

Kaum! -- kaum!


_Mr. Dashwood_

Der Herr bewahre mich in seiner Huld und Gnade vor diesem
Sodom!


_Lord Hamilton_

Er verfiel also auf den Gedanken, besagte Emma Lyon vllig
nackt, oder --


_Mr. Dashwood_

(mit erbarmenswrdiger Stimme)

-- kaum bedeckt mit einem Schleier unter dem Namen der Gttin
Hyga in das Vorzimmer zu dem himmlischen Bett zu postieren
und sie fr Geld sehen zu lassen ... Neugierige strmten nun
in Massen herbei, um vor dem Altar der Gttin ihren Tribut
niederzulegen und bald sah man berall unanstndige
Kupferstiche der neuen mythologischen Person, Bilder, worauf
sie als Venus, als Phryne, als Olympia, als Kleopatra
abkonterfeiet war.


_Lord Hamilton_

Ich danke; damit ist es genug. Wir brauchen uns keine Mhe
mehr zu geben, den Pfuhl weiter auszumalen. Ob du von
alledem unterrichtet warst, lasse ich dahingestellt. Ich
frage mich nur, wie es mglich war, da du eine Verbindung
mit diesem Auswurf des Lasters auch nur in Betracht ziehen
konntest ...


_Sir Francis_

(verzagt)

Ich liebe sie.


_Lord Hamilton_

Einfltiges Zeug!


_Sir Francis_

Wenn Sie auch nicht Rechte der Leidenschaft anerkennen,
Vater --


_Lord Hamilton_

Lderliche Phantasien! Ich hrte einmal einen Mnzensammler
sagen, da er seine Mnzen liebe. Das hatte wohl eher einen
Sinn. Man habe keine Leidenschaften unter der Wrde des
eigenen Standes. Und wenn man sie hat, so verberge man sie
wie ein unappetitliches Geschwr. Wo in aller Welt ist es
erhrt, da man aus einer Leidenschaft die Folgerung zu
heiraten ableitet?


_Sir Francis_

Erfllen Sie mir eine einzige Bitte, mein Vater, ehe Sie
sich endgltig entschlieen ...


_Lord Hamilton_

Nun?


_Sir Francis_

Sprechen Sie mit Emma Lyon!


_Lord Hamilton_

(voll Verachtung)

Du bist ebenso verrckt als vermessen.


_Sir Francis_

(mit stoischer Gleichgltigkeit, da er keine Hoffnung mehr
hat)

Sie ist hier im Hause und will nicht eher fort als bis sie
mit Ihnen gesprochen hat.


_Lord Hamilton_

(starr und steif)

Wie --?


_Mr. Dashwood_

Jesus Christus steh mir bei!


_Emma Lyon_

(tritt, in weiblicher Kleidung, drauen in die Halle).


_Der Majordom_

(geht auf sie zu, sie spricht mit ihm, er kommt und meldet
mit dummem Gesicht)

Mister Theseus Rippledale bittet vorgelassen zu werden.


_Lord Hamilton_

Ich kenne keinen Mister Theseus Rippledale. Bedaure.
(Majordom ab.)


_Emma Lyon_

(am Majordom vorber, tritt frech ein. Ihr Kostm ist im
Stil des Direktoire gehalten; es ist uerst geschmackvoll
und bringt die Formen des Krpers verfhrerisch zur Geltung)

Guten Morgen, Mylord. Mister Rippledale und Emma Lyon sind
nmlich ein und dieselbe Person.


_Mr. Dashwood_

(mit gefalteten Hnden vor sich hin)

Lockbild der Hlle!


_Emma Lyon_

Ich konnte doch den armen Schelm nicht ganz ohne Beistand
dem Sturm des vterlichen Unwillens preisgeben. Im
Wortgefecht ist er leider nicht sehr gewandt. Auch mu man
ihn bisweilen an der Leine halten wie einen unbesonnenen
jungen Hund.


_Lord Hamilton_

(schweigt angeekelt).


_Emma Lyon_

(unbekmmert weiterplaudernd)

Sie als Vater knnen freilich nicht so viel Possierliches
an ihm finden wie ich. Er hat sich in letzter Zeit zu seinem
Vorteil entwickelt, aber als ich ihn kennen lernte, konnte
er durch die Art, wie er ein Kompliment machte, eine
Methodistenversammlung zum Lachen bringen und seine
Konversation htte einen Holzhacker in Verlegenheit
gebracht. Es hat Mhe gekostet, ihm eine passable Figur zu
geben. Sie haben seine Erziehung entschieden vernachlssigt,
Mylord.


_Mr. Dashwood_

(entsetzt flsternd)

Ein Dmon!


_Sir Francis_

(zerknirscht und vorwurfsvoll)

Emma --!


_Lord Hamilton_

(schweigt, schaut gegen die Zimmerdecke).


_Emma Lyon_

(wie oben)

Was Wunder, da ich mit dem Vorurteil herkam, ein
unwirtliches Waldhaus und in ihm einen bissigen
Menschenfeind zu finden? Francis hat nur mit Zhneklappern
von seinem vterlichen Heim gesprochen, und da endlich sagte
ich mir: den Minotaurus will ich sehen. Vielleicht ist er
gar nicht so frchterlich. In der Tat er ist nicht
frchterlich. Auch mutet mich alles hier ganz behaglich an,
und die Theseus-Rolle kommt mir fast schon komisch vor. (Zu
Sir Francis.) Was meinst du, liebe Ariadne?


_Mr. Dashwood_

Diese Vertrautheit mit der Mythologie ist nicht gro
erstaunlich.


_Lord Hamilton_

(ergreift die Handglocke, lutet energisch. Ein Diener
kommt)

Mister Rippledale wnscht seinen Wagen. Lassen Sie
vorfahren!


_Emma Lyon_

Mister Rippledale ist zu Pferde gekommen, Mylord. (Sie ist
durchaus nicht aus der Fassung gebracht, spricht, als ob ein
unsichtbarer Rippledale vor ihr stnde.) Sie wollen schon
gehen, Mister Rippledale? Schade. Aber ich sehe ein, da Sie
sich nicht zweimal mit dem Zaunpfahl winken lassen wollen.
Ich wnsche Ihnen gute Reise. (Schttelt dem Unsichtbaren
die Hand.) Sei so freundlich, Francis, und begleite Mister
Rippledale hinaus. (Da Sir Francis sie zgernd anschaut, mit
einem befehlenden und vielsagenden Blick.) Hurtig, mein
Lieber! Mister Rippledale ist nicht gewhnt, unhflich
behandelt zu werden. (Zu Mr. Dashwood.) Und Sie, mein
dicker Reitersmann, Sie wrden gut daran tun, wenn Sie
drauen die Identitt meines Freundes Rippledale feststellen
wrden. Nehmen Sie ihn in ein Kreuzverhr und lassen Sie
sich eine kleine Magenstrkung reichen. (Zum Diener, der mit
aufgerissenen Augen wartet.) Ein Glas Sherry fr den Herrn!
Er bedarf der Krftigung.


_Mr. Dashwood_

(erhebt sich, starrt den Lord ratlos an, weicht vor der
Berhrung Emma Lyons zurck, die ihn unterm Arm fassen will,
und da der Lord wie versteinert ist und keine Miene macht zu
sprechen, geht er in weitem Bogen ngstlich um sie herum
nach der Tr, wo ihm Sir Francis durch eine mrrische Geste
bedeutet, da er gehen solle. Er schlgt die Hnde zusammen,
als sei der Untergang der Welt angebrochen, und verlt das
Zimmer. Der Diener folgt ihm, dann, nach kurzem Zaudern und
unter allerlei Versuchen, stumm mit Emma Lyon zu
korrespondieren, auch Sir Francis).


_Emma Lyon_

(schliet die Tre zur Halle hinter ihnen)

Auf Wiedersehen, lieber Rippledale! (ffnet noch einmal die
Tr und winkt.) Addio! (Kehrt zurck.) Darf ich jetzt von
Ihrer Einladung, Platz zu nehmen, Gebrauch machen, Mylord?
(Sie setzt sich, lchelt gewinnend.)


_Lord Hamilton_

(ist vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben vollkommen
konsterniert. Er greift sich wie trumend an den Kopf. Seine
Stimme klingt heiser, whrend er stotternd beginnt)

Wer sind Sie? Wer gibt Ihnen das Recht, vermittelst einer
schamlosen Komdie in mein Haus zu dringen?


_Emma Lyon_

(blickt ihn mit unschuldiger Miene lchelnd an, winkt, als
ob sie ihn ermuntern wolle).


_Lord Hamilton_

(immer noch mhsam nach Worten ringend, wobei er sich
bestrebt, das junge, schne Geschpf nicht zu sehen)

Sie erteilen Befehle an meine Dienerschaft. Ich erklre
diese Befehle fr ungltig.


_Emma Lyon_

(harmlos)

Das dacht ich mir gleich.


_Lord Hamilton_

Sie haben mich berfallen, aber ich weigere mich, mit Ihnen
zu sprechen. Ich fordere Sie auf, Sir Francis und Mister
Dashwood wieder hereinzurufen.


_Emma Lyon_

Da ich eine Nrrin wre! Es hat Arbeit genug gekostet, sie
hinauszubringen.


_Lord Hamilton_

Ich kenne Sie nicht, ich -- --


_Emma Lyon_

Tut nichts, Mylord. Es ist ja der Zweck meiner Anwesenheit,
da Sie mich kennen lernen.


_Lord Hamilton_

Ihre Gegenwart ist mir unerwnscht, und wenn Sie nicht gehen
wollen, so werde ich einem meiner Diener befehlen mssen,
Sie hinauszubegleiten.


_Emma Lyon_

Ah? wirklich? wrden Sie das wirklich tun?


_Lord Hamilton_

(nimmt die Handglocke, lutet).


_Emma Lyon_

(fast frhlich)

Ich bin gespannt, ob Sie dazu den Mut finden werden.


_Ein Diener_

(kommt)

Mylord befehlen?


_Lord Hamilton_

(heftet pltzlich einen etwas verzagten Blick auf Emma Lyon;
er zaudert).


_Der Majordom_

(kommt)

Mylord befehlen?


_Emma Lyon_

(lchelnd)

Ich kann mir nicht vorstellen, da ein Gentleman sich auf
diese Weise einer Dame entledigt.


_Lord Hamilton_

(zum Majordom, gepret)

Sagen Sie Mister Dashwood, er mge warten. (Winkt den
beiden, das Zimmer zu verlassen.)


_Der Majordom_

Sehr wohl. (Ab mit dem Diener.)


_Emma Lyon_

Jetzt bleibt Ihnen nichts brig, als da Sie selbst die
Flucht ergreifen, Mylord.


_Lord Hamilton_

(bleibt unwillkrlich stehen)

Ich fliehe nicht, ich ignoriere blo.


_Emma Lyon_

Aber Sie haben mich doch nicht ignoriert, als Sie Spione auf
meine Spur geschickt haben, die meine Vergangenheit
durchschnffeln muten, -- wie kommt das?


_Lord Hamilton_

Es geschah fr die Ehre der Familie.


_Emma Lyon_

Und sind Sie berzeugt davon, da man Ihnen die Wahrheit
berichtet hat?


_Lord Hamilton_

Man hatte keinen Grund zu Entstellungen.


_Emma Lyon_

So war es nicht gemeint. Ich bezweifle nur, da man imstande
gewesen ist, Ihnen die _ganze_ Wahrheit zu enthllen.
Vielleicht htten Sie dann eine Kompagnie Soldaten
aufgeboten, um Sir Francis' Unschuld vor mir zu schtzen.


_Lord Hamilton_

Dieser Zynismus entwaffnet mich nicht. (Finster.) Sagen Sie
in aller Krze, was Sie noch zu sagen haben. Ich will
versuchen, Sie anzuhren, um mich nicht dem Vorwurf
auszusetzen, als ob ich ungehrt verdammte.


_Emma Lyon_

Warum sollten Sie mich denn verdammen, Mylord? Ist es etwa
nicht erlaubt, da einer von dem Kapital lebt, das er
besitzt? Ziehen Sie nicht mit Hilfe Ihrer Pchter aus Ihren
Lndereien so viel Gewinn, wie Sie daraus ziehen knnen? Sie
wrden lachen, obwohl Sie vermutlich ungern lachen, wenn
ich Sie bitten wrde, mir eine Wiese oder ein Stck Wald zu
schenken. Warum also sollte ich mich verschenken? Ich habe
nur mich selbst. Ich beleidige Ihr keusches Ohr, ich wei
es. Es gibt keinen Kiebitz, der nicht die Tugend preist. O
ja, die Tugend ist eine ganz schne Sache, wenn das
Lebensspiel sie nicht als Einsatz fordert. Wenn mir das
Schicksal die Versprechungen erfllt, die ich ihm abgerungen
habe, will ich so tugendhaft sein wie ein zahnloses altes
Weib. Bis dahin kann mich nicht einmal Ihre Verachtung
hindern, meine -- Wlder und Lndereien zinstragend zu
verwerten.


_Lord Hamilton_

(begegnet endlich ihrem Blick, wendet jedoch sofort wieder
die Augen ab. Die schlaue Emma Lyon bemerkt, da er nicht
mehr daran denkt, sie durch Hinausgehen zu brskieren. Diese
Sicherheit gibt ihr noch mehr Impertinenz. Der Lord zieht
die Brauen zusammen und versetzt widerwillig)

Das alles interessiert mich nicht. Auch sehe ich keinen
plausiblen Grund darin, weshalb Sie Ihre Netze gerade nach
meinem Sohn werfen muten.


_Emma Lyon_

Na, einer mu es doch sein.


_Lord Hamilton_

Die vernnftige Erwgung mu Ihnen sagen, da diese
Spekulation verfehlt ist.


_Emma Lyon_

Keineswegs. Weshalb denn? Was knnen Sie ihm anhaben? Sie
werden ihn aufs Trockene setzen. Gut. Sie werden ihn des
baren Geldes berauben, mehr ist Ihnen nach den Gesetzen
unseres Landes nicht verstattet. Grund und Boden mu er
erben. Sie sehen, auch ich habe mich unterrichtet.


_Lord Hamilton_

Francis ist nicht der Mann, um einer Torheit willen zwanzig
Jahre lang zu hungern. Denn so lange gedenke ich mindestens
noch auf Easton Park zu wohnen.


_Emma Lyon_

Das glaub ich. Aus lauter Trotz werden Sie am Ende hundert
Jahre alt. Aber auf die Dauer knnen Sie nicht so verblendet
sein, der friedlichen Fortpflanzung Ihres Geschlechts
unntige Hindernisse zu bereiten.


_Lord Hamilton_

Sie irren.


_Emma Lyon_

Ich gebe Ihnen mein Wort, da ich Lady Hamilton sein werde,
-- so oder so.


_Lord Hamilton_

(kalt)

Dann werde ich Ihnen beweisen mssen, da es noch Mittel in
England gibt gegen Abenteuerinnen Ihres Schlags.


_Emma Lyon_

Nein, Mylord, die gibt es nicht. Und wissen Sie, warum
nicht? Weil in England Mnner regieren.


_Lord Hamilton_

Ja, glauben Sie denn im Ernst, da Ihnen kein Mann im
Knigreich gewachsen ist?


_Emma Lyon_

Ach, Mylord, Sie tun mir leid! Sie ahnen nicht, wie sie alle
schmelzen, wie die stolzesten Hhne klein werden und sich
die Federn putzen und wie gefllig sie mit den Fen
scharren und wie einladend sie krhen, wenn ich blo am
Horizont auftauche. Neulich hatte ich in Kings bench zu tun;
na, da war ein Richter, -- ich kann Ihnen sagen, sein Gesicht
war saurer als Essig, und er hatte eine Art dreinzublicken,
als lge es in seiner Macht, die ganze Christenheit um einen
Kopf krzer zu machen. Ich war angeklagt, weil der Sohn des
Lord Hervey idiotisch genug war, hunderttausend Pfund in
meiner Gesellschaft zu verspielen, als ob es meines Amtes
wre, erst nachzufragen, wie lang ein Grnspecht vom
Wickeltisch zum Pharaotisch sich Zeit lassen mu. Kaum hatte
ich angefangen, mich zu verteidigen, kaum hatte ich mein
seidenes Tuch gezogen, um meinen Trnen ein anstndiges
Quartier zu verschaffen, da zerging der Gestrenge schon wie
Butter, er machte Zeichen mit den Hnden, grinste wie ein
Hkerweib am Feierabend und hatte Augen so lang wie ein
Hummer, wenn man ihn ins heie Wasser tut. Ich konnte nicht
widerstehen, ich mute ihn durch ein paar freundliche Worte
aufmuntern.


_Lord Hamilton_

(dem pltzlich unbehaglich wird)

Ich bin nicht fhig, Ihrer Suada zu begegnen, Madame. Ich
bekenne offen, da ich ein schlechter Redner bin. Selbst das
Zuhren ermdet mich, und meine Gedanken schweifen haltlos
umher. Haben Sie doch die Gte, mich jetzt allein zu lassen.
Vielleicht erteilen Sie Mister Wardle Auftrag, da er Ihnen
den Lunch serviere, bevor Sie Easton Park den Rcken kehren.


_Emma Lyon_

Wenn ich in Easton Park den Lunch nehme, Mylord, werde ich
es entweder in Ihrer Gesellschaft oder gar nicht tun.


_Lord Hamilton_

(setzt sich mit versorgtem Gesicht)

Also wie soll das enden?


_Emma Lyon_

(mit versteckter Schelmerei)

Ist Ihnen nicht wohl, Mylord? Sicherlich ist Ihnen nicht
wohl. Es wre grausam, wenn ich Sie jetzt allein liee.


_Lord Hamilton_

Es scheint, Sie treiben ein Spiel mit mir ...


_Emma Lyon_

Gott bewahre. Dazu ist mein Respekt viel zu gro. Ich habe
ein bichen Revolution auszufhren versucht, das ist alles,
aber Ihre Unerschtterlichkeit flt mir Bewunderung ein.
Mit Ihnen kann man nicht paktieren. Trotzdem schlage ich
Ihnen ein Kompromi vor. berzeugen Sie mich davon, da Ihr
Geschlecht zu keiner Zeit und unter keiner Bedingung ein
plebejisches Reis auf seinen erlauchten Stammbaum gepfropft
hat, und ich will mich bescheiden. Ich gebe Sir Francis den
Laufpa, wenn Sie mir beweisen knnen, da Ihre adeligen
Vorfahren keinen andern Ehrgeiz gehabt haben, als eine
fehlerlose Genealogie zu fabrizieren.


_Lord Hamilton_

(in die Enge getrieben, vornehm)

Wenn ich eine Errterung hierber fr mglich hielte, wrde
ich die Fundamente untergraben, auf denen ich stehe.


_Emma Lyon_

Und damit soll ich mich zufrieden geben? Die Klatschbase,
die man Geschichte nennt, behauptet ganz frech, da hin und
wieder eine ziemlich zweifelhafte Lady ins Ehebett eines
leichtsinnigen Lords geschlpft ist. Oder ist es Schwindel,
da Lord James eine arme irische Schauspielerin geheiratet
hat? Sie soll freilich so schn gewesen sein, da whrend
ihrer Vorstellung bei Hof der Scharlach der Aristokratie auf
Tische und Sthle stieg, um sie zu sehen. Douglas Hamilton
verga sich so weit, die Tochter eines Akziskommissrs mit
seiner Hand zu beglcken. Von einigen Ladies habe ich mir
gar sagen lassen, da sie mit Kutschern, Schreibern,
Schmugglerkapitnen ...


_Lord Hamilton_

(nervs)

Nicht weiter, Madame! Genug der Indiskretionen.


_Emma Lyon_

Die Wahrheit wird immer beschimpft, wenn sie unbequem ist.
Sehen Sie mich doch einmal an, Mylord! Kommt es Ihnen nicht
so vor, als ob ein Frauenzimmer meiner Kategorie geeigneter
wre, die verdickten Ahnensfte wieder zum Moussieren zu
bringen, als irgend eine hochgeborene Kuh aus einem sublimen
Stall --?


_Lord Hamilton_

Stall --? Kuh --? Um Himmels willen, was fr Worte!


_Emma Lyon_

Ich habe jetzt nicht Lust, auf meine Worte zu achten. Sehen
Sie mich an, sage ich.


_Lord Hamilton_

(irritiert)

Nun ja ... ja ... ich sehe.


_Emma Lyon_

Was finden Sie an meinem Wuchs zu tadeln?


_Lord Hamilton_

(noch mehr irritiert)

Ich habe ... offengestanden ... darber kein Urteil.


_Emma Lyon_

Wer verstnde nicht zu tadeln, auch wenn er kein Urteil hat!
So schauen Sie wenigstens. Was haben Sie an diesen Schultern
auszusetzen? was an der Bste? Diese Linien (mit den
Fingerspitzen an den Hften entlang streifend) sind edler
als jeder Name. Der Fu, Mylord, (hebt ihr Kleid ein wenig)
zeigen Sie mir einen aristokratischen Fu, vor dem er sich
verstecken mte. Und der Nacken, -- (wendet sich) mifllt
er Ihnen? Die Haare, -- braucht man sich ihrer zu schmen?
Die Hand, -- lt sie auf eine schlechte Rasse schlieen?
Ohr, Nase, Stirn, Zhne, Lippen, -- vertragen sie nicht jede
Kritik? Romney hat mich vierzehnmal portrtiert, Mylord.


_Lord Hamilton_

(bestrzt und im Anfangsstadium einer verhngnisvollen
Narkose)

Romney ... jawohl. Mister Romney ist ein Meister seines
Handwerks. Er hat auch die Knigin gemalt, wenn ich nicht
irre ... Aber wrden Sie nicht die Freundlichkeit haben, Mi
Lyon, sich in grerer Entfernung von mir aufzuhalten? Ihr
Parfm ist es, glaube ich, das mich schwindlig macht.


_Emma Lyon_

(diebisch)

Soll ich das Fenster ffnen, Mylord?


_Lord Hamilton_

Ich wre Ihnen verbunden, wenn Sie mir ein Glas Wasser
reichen wollten.


_Emma Lyon_

(tritt beflissen zum Tisch, schenkt aus einer Karaffe Wasser
in ein Glas, bringt es ihm).


_Lord Hamilton_

Ich danke Ihnen.


_Emma Lyon_

(nachsichtig)

Sie sind an die Nhe von Frauen nicht mehr gewhnt, Mylord.


_Lord Hamilton_

Durchaus nicht. -- Durchaus nicht.


_Emma Lyon_

Schade. Dabei vertrocknet das Temperament. Ist Ihnen besser?
(Sie fat seine Hand.) Die arme kalte Hand!


_Lord Hamilton_

(scheu)

Die Ihre freilich, Mi Lyon, die Ihre ist hinlnglich warm.


_Emma Lyon_

Wie pedantisch! Hinlnglich warm! O Gott!


_Lord Hamilton_

Es ist auerdem eine begehrliche Hand; sie ist allzu
begehrlich.


_Emma Lyon_

Wer nicht zehnmal so viel begehrt als ihm gewhrt wird, der
soll nicht zu leben anfangen. Weiter, Herr Chiromant? Was
sehen Sie noch? Da ich neugierig bin? Stimmt. Eitel?
Stimmt. Treulos? Stimmt. Aber treulos machen uns nur die,
die kraftlos sind.


_Lord Hamilton_

Was ist das fr eine Narbe hier neben dem Daumen?


_Emma Lyon_

Sie stammt von den Zhnen des Prinzen von Wales.


_Lord Hamilton_

Wieso? Ist er bissig?


_Emma Lyon_

Er beit aus Enthusiasmus. Aber er steht in meiner Schuld
dadurch. Die Narbe ist unter Brdern eine Einladung nach St.
James wert.


_Lord Hamilton_

Was doch alles geschieht! Sonderbar. Ich mu gestehen, ich
fasse nicht die Existenz, die Sie fhren. Da reiht sich wohl
Fest an Fest und Genu an Genu, und fr Genauigkeit und
Regelmigkeit bleibt nichts mehr brig. Und dabei kann man
leben ... es macht wohl gar Spa? Sonderbar. Eine sonderbare
Welt!


_Emma Lyon_

Die zu beklagen ist, weil Sie sich von ihr fern halten,
Mylord.


_Lord Hamilton_

Keine Flatterien, Mi Lyon! Ich liebe nicht die Exaltationen
des Vergngens.


_Emma Lyon_

(heuchlerisch)

Eigentlich haben Sie recht, Mylord. Es gibt nichts, was so
anstrengend ist wie das Laster.


_Lord Hamilton_

Sehen Sie! Sehen Sie!


_Emma Lyon_

(versonnen)

Oder vielleicht doch ... Ich glaube, da die Tugend _noch_
anstrengender ist.


_Lord Hamilton_

Versuchen Sie es doch einmal ...


_Emma Lyon_

Meinen Sie?


_Lord Hamilton_

Fangen Sie damit an, da Sie Ihre auf Sir Francis zielenden
Absichten fallen lassen.


_Emma Lyon_

Aha, Sie wollen schon ein Geschft mit meiner Tugend
machen. Das ist ja eben das Verdchtige an der Sache.


_Lord Hamilton_

(steht auf)

Im Ernst, Mi Lyon: -- Was kann Sie an dem Jngling locken?
Seine Geistesgaben, Sie mssen es selbst zugeben, sind
keineswegs blendend. Er wrde Sie langweilen, Sie wrden ihn
betrgen, und was wre die Folge? Der Skandal in
gesteigerter Hlichkeit. Sie brauchen eine starke Hand.
Einen reifen Mann brauchen Sie, der durch Erfahrung und
Charakter befhigt ist, Ihrem ungebundenen Wesen Schranken
zu setzen.


_Emma Lyon_

(zerknirscht)

Es ist wahr. Wenn Sie wten, Mylord, wie ich dieser jungen
Leute satt bin, die ihre Leidenschaften mit so viel Lrm und
Prtension zur Schau tragen! Ich sehne mich nach einem
verschwiegenen und klugen Mann, so an der Grenze der
Fnfzig, nach einem Mann, der nicht immer nur etwas haben
will, sondern auch etwas gibt.


_Lord Hamilton_

(erfreut)

Nun also ...


_Emma Lyon_

Wrden Sie mir helfen?


_Lord Hamilton_

Ich ... ja, gewi ... Ich wrde sehen, was sich tun lt.


_Emma Lyon_

Aber Sie haben doch hoffentlich nicht vergessen, da ich vor
zehn Minuten geschworen habe, Lady Hamilton zu werden? Ich
gedenke, das Gelbde unter allen Umstnden zu erfllen.


_Lord Hamilton_

Das versteh ich nicht ...


_Emma Lyon_

Verstndlicher kann nichts auf der Welt sein.


_Lord Hamilton_

(vor Schrecken gelhmt)

Sie meinen --?


_Emma Lyon_

Ja!


_Lord Hamilton_

Ich? -- Ich --? Ich sollte --? Sie trumen wohl, Mi Lyon? (Er
fllt in den Stuhl zurck.)


_Emma Lyon_

(lt sich in einer reizenden Magdalenen-Stellung vor ihm
auf die Kniee nieder. Da er nicht zurckweichen kann, pret
er den Rcken gegen die Lehne und drckt den Kopf in den
Nacken)

Sie wren schwerlich, trotz meines ununterbrochenen
Geschwtzes, bis zu diesem Augenblick im Zimmer geblieben,
wenn ich Ihnen nicht gefallen htte, Mylord. Und jetzt ist
es leider zu spt. Fngt dieses Gift einmal zu wirken an,
dann ist man verloren.


_Lord Hamilton_

(klagend)

Zweifellos. Ich habe es an der ntigen Festigkeit fehlen
lassen.


_Emma Lyon_

Und mir sprechen Sie jedes Verdienst ab?


_Lord Hamilton_

Ich kann nicht leugnen, da Ihnen eine ... wie soll ich mich
nur ausdrcken? -- eine seltsame Gewaltttigkeit eigen ist.


_Emma Lyon_

Gut. Ich akzeptiere das Kompliment.


_Lord Hamilton_

Nichtsdestoweniger befinden Sie sich mit Ihrer Vermutung,
was meinen Seelenzustand betrifft, auf dem Holzweg. Ich will
es wenigstens hoffen.


_Emma Lyon_

Sie kennen die menschliche Natur nicht so gut wie ich,
Mylord. Ich will Ihnen sagen, was Ihnen bevorsteht, wenn Sie
jetzt eigensinnig sind. Ich reise ab. Ihre Gedanken
verursachen Ihnen ein unangenehmes Kribbeln, Sie sind
unzufrieden mit sich, Sie haben keinen Appetit mehr, des
Nachts flieht Sie der Schlaf, und pltzlich, Sie wissen
selbst nicht wie, fassen Sie den Entschlu, mich
aufzusuchen. Da erscheint eines Tages Lord Hamilton im Salon
von Emma Lyon. Aber Emma Lyon wird durchaus nicht auf die
Kniee fallen, so wie jetzt. Emma Lyon wird spttisch
lcheln; sie wird Seiner Herrlichkeit einen Stuhl bieten,
sie wird mit Mister Jennings plaudern und wird die
Albernheiten von Mister Davis entzckt anhren und wird Sir
Roberts empfangen, und Mylord wird gehen, verdrielich,
aufgebracht, wtend gegen sich und mich, aber er wird
wiederkommen, er wird Blumen bringen, er wird Geschenke
bringen, all die Laffen und Schmeichler und Dandies werden
ihm lstig sein, aber Emma Lyon wird sagen: Platz genug im
Hause! Dort unter der Treppe ist fr die Migelaunten Platz,
und unterm Dachboden fr die Hochmtigen, und im Keller fr
die Moralisten. Und mein kleiner Schohund wird klffen,
wenn Sie nahen, und diese weie begehrliche Hand wird ihre
Finger spreizen, -- so, denn ich, Mylord, (sie erhebt sich)
ich wrde Sie zappeln lassen. Und davor mge Gott Sie
bewahren.


_Lord Hamilton_

(murmelnd)

Niemals wrde ich mich so tief erniedrigen.


_Emma Lyon_

(kategorisch)

Sie werden es tun! Ihre Augen versichern es mir. Ich erspare
Ihnen demnach eine unabsehbare Reihe von Qualen und
Krnkungen durch ein freimtiges Anerbieten.


_Lord Hamilton_

(schttelt den Kopf)

Ich vermute, Mi Lyon, Sie ahnen nicht, was ich
durchzusetzen vermag, selbst gegen meine heftigsten Wnsche
und Triebe. Insofern bleibt also Ihr Schreckbild ohne
Wirkung. Aber Sie verfechten Ihre Sache mit Bravour und
nicht ohne Geist. Ich liebe das. In diesem hbschen kleinen
Kopf rumort ein Teufel, den zu zhmen der Mhe vielleicht
verlohnen knnte. Wie Sie richtig bemerkten, bin ich des
Elements entwhnt, das, in Ihnen personifiziert, meinen
Frieden so geruschvoll unterbrochen hat. Ich habe jedoch
gerade dadurch erkannt, da zwischen mir und der Welt eine
gewisse Entfremdung besteht, und ich knnte Ihren Vorschlag
in Betracht ziehen, wenn nicht Hindernisse vorlgen, die fr
mich beinahe unberwindlich sind. Der Doktor Graham ... das
himmlische Bett ... die Mystifikation als Gttin Hyga ...
(Schttelt wieder den Kopf.) Das sind ble Dinge ... ble
Dinge.


_Emma Lyon_

Die mich vor dem Verhungern geschtzt haben, Mylord.


_Lord Hamilton_

Sie htten eine minder exponierende Abhilfe whlen sollen.


_Emma Lyon_

Ich hatte keine Wahl. Ich bin auch nicht schlechter geworden
dadurch. Es war eine Hlle, die ich angelegt habe.


_Lord Hamilton_

Verzeihen Sie, die Hlle, -- die haben Sie abgeworfen.


_Emma Lyon_

Man kann alle Hllen abwerfen und doch undurchdringlicher
sein als in Panzern.


_Lord Hamilton_

Das ist Rabulismus.


_Emma Lyon_

Sie haben wenigstens die Sicherheit, da ich gegen jede
knftige Verfhrung und Verlockung gefeit bin. Alles was
andere lstern macht, davon habe ich genug und bergenug.


_Lord Hamilton_

Das ist ein Argument.


_Emma Lyon_

Die Welt ist vergelich. Ein Name, wie der Ihre Mylord,
deckt jugendliche Torheiten zu.


_Lord Hamilton_

(mit einem Rest von Bedenklichkeit)

Ich bin fnfundfnfzig Jahre alt ...


_Emma Lyon_

Man hat mir erzhlt, und ich habe mich darber amsiert, da
Sie es bisweilen nicht verschmhen, der Zeit Gewalt anzutun.
Ich, sehen Sie, ich kann das auch. (Sie steigt auf einen
Stuhl, ffnet das Uhrgehuse und dreht den groen Zeiger
sehr schnell und mehrere Male ber das Zifferblatt zurck.)


_Lord Hamilton_

Was tun Sie da, junge Hexe! (Das Uhrwerk knackt, der Pendel
hrt auf zu schwingen.)


_Emma Lyon_

Ich drehe die Jahre zurck, Mylord, und wenn ich will, --
sehn Sie! -- bleibt die Zeit stehen! (Sie springt herab.) Wir
gehen nach Italien, Mylord! (mit ausgebreiteten Armen,
bacchantisch.) Illuminationen! Barken auf dem Meer!
Mondschein und Liebeslieder! Fackeltanz und Tarantella!


_Lord Hamilton_

(vor sich hin)

Es bliebe noch zu erwgen, ob hier ein freier Entschlu oder
die Macht einer Bezauberung vorliegt. -- Gnnen Sie mir, Mi
Lyon, gnnen Sie mir Frist bis morgen.


_Emma Lyon_

So lang Sie wollen. Nur bedenken Sie, da auch ich
Dispositionen zu treffen habe --


_Lord Hamilton_

Ich knnte es versuchen ...


_Emma Lyon_

Schn, versuchen wir es.


_Lord Hamilton_

Begleiten Sie mich fr zwei Monate nach dem Sden.


_Emma Lyon_

Zwei Monate? Das ist etwas wenig.


_Lord Hamilton_

Sagen wir vier Monate.


_Emma Lyon_

Wenn ich so durchtrieben wre wie man mich Ihnen geschildert
hat, wre ich mit drei Tagen zufrieden. Aber ich bin eine
ehrliche Person und sage Ihnen ohne Umschweife: drei Tage
Probezeit oder drei Jahre oder dreiig Jahre, das ist fr
mich im Grunde gleichgltig, denn nach dem ersten Tag werden
Sie vom letzten nichts mehr wissen wollen.


_Lord Hamilton_

Ihre Prophezeiung ist sehr khn. Immerhin bleiben wir
vorlufig bei den vier Monaten.


_Emma Lyon_

Vergessen Sie nicht, da Sie Ihren Sohn vor eine
unwiderrufliche Tatsache stellen mssen, sonst komme ich ihm
gegenber in eine schiefe Position.


_Lord Hamilton_

Eine bedeutende Schwierigkeit. Wie soll ich ihm erffnen --?


_Emma Lyon_

Sie berschtzen ihn doch. Die Schwierigkeit ist mit zwei
Worten aus der Welt geschafft. (Sie nimmt die Handglocke,
lutet.)


_Lord Hamilton_

(verwundert)

Oh! Sie ergreifen die Initiative mit groem Feuer.


_Der Majordom_

(tritt ein)

Mylord befehlen?


_Emma Lyon_

Sir Francis soll kommen.


_Der Majordom_

(erstaunt ber den diktatorischen Ton von dieser Seite)

Mylord wnschen Sir Francis?


_Lord Hamilton_

(kalt)

Sie haben gehrt.


_Der Majordom_

Mister Dashwood lt gehorsamst fragen, ob er sich entfernen
kann. Er hat dringende Geschfte.


_Emma Lyon_

Er soll warten. -- Ist nicht Frhstckszeit?


_Lord Hamilton_

Es drfte Frhstckszeit sein.


_Der Majordom_

(schaut auf die Wanduhr)

Jawohl; es ... (Stockt verblfft.) Die Uhr steht.


_Lord Hamilton_

Ja. Die Uhr steht.


_Emma Lyon_

Es soll serviert werden.


_Der Majordom_

(bekmmert und fast vorwurfsvoll)

Soll serviert werden, Mylord?


_Lord Hamilton_

Sie hren.


_Emma Lyon_

Auch fehlt noch ein Gedeck.


_Der Majordom_

Noch ein Gedeck, Mylord?


_Lord Hamilton_

Noch ein Gedeck.


_Der Majordom_

Sehr wohl. (Ab.)


_Emma Lyon_

Der Mann scheint auf dem rechten Ohr taub zu sein.


_Lord Hamilton_

(in ziemlicher Unruhe)

In welche Form soll ich also Francis gegenber die
Mitteilung kleiden?


_Emma Lyon_

Sie sagen ihm, da Sie seine Schulden bezahlen und mich
dafr in Ihre Obhut nehmen.


_Lord Hamilton_

(zieht die Stirn in Falten)

Das wre ja ein regelrechter Handel!


_Emma Lyon_

Ich habe noch nie gehrt, da ein Englnder in Ohnmacht
fllt, wenn von einem Handel die Rede ist.


_Lord Hamilton_

Wie viel betragen seine Schulden?


_Emma Lyon_

Eine Lappalie. Vierzigtausend Pfund.


_Lord Hamilton_

Wie? Und das nennen Sie eine Lappalie?


_Emma Lyon_

(lacht)

Also fange ich schon an, Ihnen teuer zu werden?


_Lord Hamilton_

Wenigstens geben Sie mir einen starken Begriff von Ihrer --
Weitherzigkeit.


_Emma Lyon_

Wo geknausert wird, kann ich nicht froh sein.


_Lord Hamilton_

Ich werde trachten, Sie bei guter Laune zu erhalten.


_Emma Lyon_

(streckt den Arm aus)

So kssen Sie mir die Hand.


_Lord Hamilton_

(beugt sich mit steifer Galanterie; whrend er ihr die Hand
kt, kommt)


_Sir Francis_

(bleibt bei diesem Schauspiel wie angewurzelt stehen. Gleich
hinter ihm kommen: der Majordom, dem ein Diener mit dem
fehlenden Gedeck folgt; hinter diesem ein zweiter Diener mit
dem Tablett, auf dem sich die Speisen befinden. Gleich
darauf erscheint auch Mister Dashwood auf der Schwelle. Die
Tr zur Halle bleibt offen).


_Lord Hamilton_

(geht zum Tisch, gibt dem Majordom Anweisung ber die
Sitzordnung, dann tritt er zu Mister Dashwood und spricht
mit ihm. Dieser lauscht aufmerksam und verbeugt sich oft zum
Zeichen seines Eifers. Indessen ist Sir Francis zu Emma Lyon
getreten).


_Sir Francis_

(bewundernd; leise)

Das war ein Meisterstck, Emma. Wie hast du ihn denn
herumgekriegt?


_Emma Lyon_

Still, lieber Freund. Keine Elogen. Du wirst alles hren.
Jetzt hab ich Hunger wie ein Matrose.


_Sir Francis_

Und zahlt er die fnfundzwanzigtausend Pfund --? Du weit,
meine Glubiger drngen ...


_Emma Lyon_

Fnfundzwanzig und noch fnfzehntausend dazu.


_Sir Francis_

(entzckt)

Du bist umsichtig wie ein Kaufmann!


_Lord Hamilton_

(zu Mister Dashwood)

Die Informationen waren falsch. Es ist dies eine
Gewissenlosigkeit, die ich ahnden mu, und Sie tun gut
daran, Mister Dashwood, wenn Sie den Londoner Herrn darauf
aufmerksam machen, da ich ihn wegen bswilliger Verleumdung
bestrafen lassen werde.


_Mr. Dashwood_

Gewi, Mylord, gewi. Die Zunge der Menschen ist ein
giftiges Instrument und unheilvoll in ihren Wirkungen --


_Lord Hamilton_

(unterbricht den drohenden Redeschwall und wendet sich auch
an Sir Francis)

Mi Emma Lyon hat mich davon berzeugt, da alles, was wir
von ihrem frheren Leben gehrt haben, nichtswrdige Lgen
sind.


_Sir Francis_

Das hab ich ja gleich gesagt --


_Lord Hamilton_

Es gibt keinen Doktor Graham ... Es gibt kein himmlisches
Bett, und sie hat niemals eine Gttin Hyga dargestellt.
Genug davon. Es sei von solchen Dingen nicht mehr die Rede.
Sie knnen gehen, Mister Dashwood.


_Mr. Dashwood_

(mit tiefer Verbeugung ab).


_Lord Hamilton_

(mit der Taschenuhr in der Hand)

Darf ich zu Tisch bitten? Es ist zwlf Uhr, fnf Minuten.
(Mister Dashwood hat sich entfernt.)


_Emma Lyon_

Ihre Przision, Mylord, verspricht meinem Magen ein Dasein
von angenehmer Sorglosigkeit.


_Lord Hamilton_

Zuerst den Bordeaux, John. (Emma Lyon und Sir Francis haben
Platz genommen, der Lord bleibt stehen.) Mein lieber Sohn,
erlaube mir, dich von einem freudigen Ereignis zu
unterrichten. Mi Emma Lyon ist von heute ab keine Fremde
mehr fr dich. Verehre in ihr (stockt; Pause, dann mit
ruhiger Sicherheit) deine zuknftige Mutter, Lady Hamilton.


_Sir Francis_

(springt auf, lt sich aber unter dem hoheitsvollen und
bannenden Blick seines Vaters wieder aus den Sessel nieder).


_Lord Hamilton_

Den Fisch, Mister Wardle!

_Vorhang._




Hockenjos


Personen:

  Karinkel, Brgermeister
  Bienemann, Redakteur
  Mettenschleicher, Bildhauer
  Hockenjos
  Hannewickel, Stadtrat
  Abendrot, Amtsschreiber
  Binder, Kommissr
  Ein Amtsdiener, ein Kellnerbursche

Spielt in einer kleinen sddeutschen Stadt.


Kanzlei des Brgermeisters. Rechts und links Tren. Hinten
zwei Fenster mit Aussicht auf einen von altertmlichen
Husern umgebenen Platz, in dessen Mitte das noch umhllte
Denkmal steht.


_Abendrot_

(schlgt mit einem Aktenheft Fliegen tot)

Hin muscht werde! Pardon gibt's net ... htt'scht es vorher
berlegt, mei Schtzle ... hin muscht werde, sag' ich ...


_Karinkel_

(ein untersetzter, glattrasierter, eiliger Mann, kommt; er
ist im Frack)

Was treiben Sie denn da, Abendrot?


_Abendrot_

Die Fliege schlag' i tot, Herr Brgermeischter.


_Karinkel_

Die Fliegen schlagen Sie tot? Sind Sie verrckt, Mensch? Wo
wir bis an den Hals in Arbeit stecken!


_Abendrot_

Ich hab' ja bei der Denkmalsenthllung nix zu tun, Herr
Brgermeischter.


_Karinkel_

Scheren Sie sich an die Arbeit. Und wenn Sie nichts zu tun
haben, dann tun Sie wenigstens so, als ob Sie was zu tun
htten. Das fordert die Wrde des Amtes. Der Professor
Mettenschleicher mu jeden Moment kommen, -- was soll er sich
denken, wenn Sie Allotria treiben.


_Abendrot_

Isch scho guet, Herr Brgermeischter ...


_Karinkel_

Keine Widerrede! Diese Biederkeit, diese ewige
Treuherzigkeit! wie sie mir auf die Nerven geht! Ich wei
nicht, wo mir der Kopf steht, und der Mensch schlgt Fliegen
tot. (Es klopft.) Herein!


_Mettenschleicher_

(tritt ein; ein groer, wrdevoll aussehender,
schwarzbrtiger, seriser Mann, ebenfalls im Frack)

Guten Morgen.


_Karinkel_

Guten Morgen, lieber Professor. Wie geht's? wie steht's? Gut
geschlafen? gut getrumt? Hat unser bescheidenes Hotel Ihren
Ansprchen gengt? Oder haben Sie irgend welche
Rekriminationen? Ich lege groen Wert darauf, da es Ihnen
bei uns gefllt.


_Mettenschleicher_

Danke, ich bin zufrieden. In so einem Stdtchen wird mir
immer behaglich zumut.


_Karinkel_

Na, na, Professor ... Stdtchen ...


_Mettenschleicher_

Nun ja, es ist doch eine sehr kleine Stadt ...


_Karinkel_

Eine sehr kleine Stadt? -- Eine kleine Stadt, das eher. Aber
es ist gut, da Sie sich wohl fhlen. Man hat nicht oft die
Freude, einen so berhmten Meister bewirten zu drfen. Noch
dazu bei so feierlichem Anla ...


_Mettenschleicher_

(steif)

Zu viel Ehre.


_Karinkel_

Sagen Sie mal, verehrter Professor, um unser gestriges
Gesprch fortzusetzen ... (Zgert, da er sich der Gegenwart
Abendrots erinnert.) Gehen Sie hinber in den Schwan,
Abendrot, und bestellen Sie mir ein Gabelfrhstck. Fragen
Sie, -- aber fragen Sie Herrn Gumpelmaier selber -- was man
haben kann. Etwas Warmes natrlich. Am liebsten etwas vom
Kalb.


_Abendrot_

Oder vielleicht Schweinsrippche?


_Karinkel_

(tiefsinnig)

Schweinsrippchen ... nicht bel. Schweinsrippchen oder
Kalbsherz. Auch saure Nieren wre eine Idee. Beraten Sie
sich nur mit Herrn Gumpelmaier, der kennt meinen Geschmack.
Der Kellner soll laufen, damit die Sache unterwegs nicht
kalt wird. Dann gehn Sie in die Redaktion des Tagesboten und
fragen Sie Herrn Bienemann, ob er meine Rede schon fertig
hat. Er soll sich sputen, um zwlf Uhr kommt der Prinz, da
mu alles auf dem #qui vive# sein.


_Abendrot_

Isch guet, Herr Brgermeischter. (Ab.)


_Karinkel_

(seufzend)

Du lieber Gott, bis man so der schwerflligen Welt Beine
macht, Professor --! (Knipst, eilig zur Tr, ruft.) Hallo! --
Abendrot! -- Abgebratene Kartoffel soll er mitschicken! Wie?
Sie Esel! Der Schwanenwirt natrlich. (Kehrt zurck,
abermals seufzend.) Ein Mann, der nur fr sich selber
verantwortlich ist, ist ein glcklicher Mann.


_Mettenschleicher_

Wir dienen alle dem ffentlichen Wohl, Verehrtester. Jeder
auf seine Weise.


_Karinkel_

Aber nicht auf jeden sind bestndig die Augen des Publikums
gerichtet, teurer Freund. So wie auf Sie und auf mich. Wenn
ich noch einmal auf die Welt kme, -- wissen Sie, wonach es
mich gelsten wrde? (Ausdrucksvoll.) Es wrde mich darnach
gelsten, das Leben eines einsamen, unverheirateten
Privatgelehrten zu fhren. Was brauchte ich da Belobungen?
Anerkennung von unten oder von oben? -- Da htte man sein
Gengen in sich selber, da htte man keinen Orden ntig. In
meiner Position freilich mu ich dergleichen haben, um
meinen Mitbrgern den Beweis zu liefern, da ich ihres
Vertrauens wrdig bin.


_Mettenschleicher_

Zweifellos. Sie sind ja auf dem besten Weg --


_Karinkel_

(erregt)

Es besteht also Aussicht --?


_Mettenschleicher_

Gewi. Man mu es nur delikat behandeln ...


_Karinkel_

Wissen Sie, was ich mir berlegt habe, Professor? Ich knnte
ja, falls man mir den Michaelsorden verweigert, auch mit
dem Friedrichsorden vorlieb nehmen.


_Mettenschleicher_

(vornehm belustigt von solcher Unwissenheit)

Der Friedrichsorden steht keineswegs niedriger im Rang als
der Michaelsorden, mein lieber Brgermeister. Der eine wie
der andere wird nur dann verliehen, wenn sich der
Betreffende in hervorragender Weise verdient gemacht hat.


_Karinkel_

(in wachsender Erregung)

Seit zwanzig Jahren mache ich mich verdient, Professor. Ich
tue ja berhaupt nichts anderes. Ich habe eine elektrische
Beleuchtung, eine Wasserleitung, ein Findelhaus, einen
Veteranenverein geschaffen; ich habe die Fortschritte der
Sozialdemokratie nach Krften aufgehalten, ich habe niemals
und nach keiner Seite hin Ansto erregt, weder bei der
Geistlichkeit, noch bei der Regierung, -- aber man kann sich
doch nicht ausbieten! -- Man hat doch seinen Stolz! Man wirkt
in der Stille -- und hofft, da es bemerkt wird.


_Mettenschleicher_

Alterieren Sie sich nicht, lieber Freund.


_Karinkel_

Ich wrde mich nicht beklagen, wenn es mir an loyaler
Gesinnung gefehlt htte. Denn ich begreife, da die hchsten
Kulturtaten nicht ins Gewicht fallen, wenn die loyale
Gesinnung mangelt --


_Mettenschleicher_

Freilich. Die loyale Gesinnung, die wird vorausgesetzt.
Wohin kmen wir denn sonst!


_Karinkel_

Das sagt sich leicht --: vorausgesetzt. Aber bis man sie
erwirbt, bis man sie sozusagen einkeltert, damit sie s und
schmackhaft bleibt in all den Jahren, das ist nicht so
einfach. Und nun habe ich noch dieses Denkmal gebaut --


_Mettenschleicher_

Eben. Das war dringend ntig. Es gibt kaum mehr eine
deutsche Stadt, die nicht ihre marmorne Attraktion htte,
wenn ich mich so ausdrcken darf. Man ist hhern Orts sehr
geneigt, solche Bestrebungen, soweit sie sich auf die Kunst
beziehen, zu untersttzen. Sie snftigen die Sitten, sie
lenken die Instinkte des Volkes nach ungefhrlichen
Regionen.


_Karinkel_

Ehrlich gesagt, es ist ein Sorgenkind, dieses Denkmal --


_Mettenschleicher_

Warum denn? Lassen Sie sich nur nicht irre machen ...


_Karinkel_

Sie haben mich ja so weit gebracht, Professor ... Ihrer
Energie haben wir es ja zu danken, da ...


_Mettenschleicher_

Nun ja, ich fand es dringend geboten, da auch Sie in diesem
stillen Winkel Ihr Scherflein beitragen zur Vermehrung der
nationalen Ideale.


_Karinkel_

Das klingt sehr hbsch --


_Mettenschleicher_

Erlauben Sie, das sind tiefste Lebensberzeugungen!


_Karinkel_

Allerdings --


_Mettenschleicher_

Heraus mit der Farbe! Weshalb sind Sie so kleinlaut, heute,
an Ihrem groen Tag?


_Karinkel_

Es wird von gegnerischer Seite behauptet, -- haben Sie nicht
den Ochsenfurter Anzeiger gelesen? Da steht es drin --


_Mettenschleicher_

Ich lese solche Ksbltter nicht. Was steht drin?


_Karinkel_

Da wir dem Hockenjos das Denkmal nur aus Wichtigtuerei
errichtet haben ...


_Mettenschleicher_

Das ist der Neid.


_Karinkel_

Und da es eine Blamage sei.


_Mettenschleicher_

Die Whler mu man whlen lassen.


_Karinkel_

Und da der Hockenjos gar nicht in Neuguinea gewesen ist und
da er gar nicht bei der Expedition des Doktor Rittersteig
war und da er infolgedessen auch nicht von den wilden
Papuanern erschlagen worden ist. Im Gegenteil, so behaupten
diese Schurken, er sei in einer australischen Matrosenkneipe
bei einem Raufhandel umgekommen.


_Mettenschleicher_

Leeres Geschwtz.


_Karinkel_

Na ja, ein Sufer _war_ ja der Kerl. Der Wahrheit die Ehre.


_Mettenschleicher_

Es ist vollkommen gleichgltig, was der Hockenjos _war_. Die
Hauptsache bleibt, da er tot ist. -- Was sagt denn Bienemann
zu diesen Sudeleien? Er hat doch damals die Nachricht von
dem Ende des Hockenjos zuerst gebracht ...


_Karinkel_

Ach, mit dem Bienemann wei man nie, wie man dran ist. Ich
frchte, er glaubt gar nicht an das Genie von dem Hockenjos.


_Mettenschleicher_

Es ist das Kennzeichen eines guten Journalisten, da er in
einem solchen Fall eine Sache umso berzeugender vertritt.


_Karinkel_

Und ich selbst habe auch meine Zweifel ...


_Mettenschleicher_

Glauben Sie denn, lieber Freund, da der Ruhm anders
fabriziert wird als auf diese Art? Neun Zehntel unserer
Berhmtheiten verdanken ihren Glanz dem Notizenmangel einer
Zeitung oder dem Hang nach Redensarten, der in den Leuten
von der Feder steckt. Es ist nicht meines Amtes, das
wirkliche Verdienst vom erlogenen zu trennen. Ich denke, es
liegt eine viel hhere Sendung darin, die hliche Realitt
in einen angenehmen Schein zu verwandeln. Je verworfener,
unwrdiger und unfhiger dieser Hockenjos in Wirklichkeit
war, desto mehr Grund fr uns, der Welt ein so trauriges
Faktum vorzuenthalten und sein Bild zu veredeln. Wenn man
einem Menschen wie Hockenjos ein Denkmal setzt, geschieht es
nur, um seine wirkliche Gestalt zu verschleiern. Dadurch
eben bereichert man den Bestand an nationalen Idealen.


_Karinkel_

Na ja, seine Gestalt mgen Sie am Ende verschleiern, aber
die Bilder, die der Kerl gemalt hat, die knnen Sie nicht
verschleiern. Wir haben ja eine Ausstellung veranstaltet,
und was ich da von den hiesigen Damen zu hren bekommen
habe, -- wahrhaftig, der ganze Appetit auf die Kunst ist mir
vergangen. Schamlose nackte Weiber hat er gemalt. Die knnen
Sie doch nicht verschleiern.


_Mettenschleicher_

Wenn ein Knstler tot ist, verlieren seine Arbeiten den
moralischen Charakter, wenn ich mich so ausdrcken darf.
Schamlos waren die Weiber eigentlich nicht, nur nackt waren
sie. Aber wer wird schlielich darnach fragen, was fr
Bilder der Hockenjos gemalt hat, wenn er vor seinem Denkmal
steht? Keine Katze wird darnach krhen.


_Karinkel_

Kein Hahn, meinen Sie ...


_Mettenschleicher_

Kein Hahn, natrlich. Sie knnen sich in diesem Punkt
getrost meiner Erfahrung berlassen, lieber Brgermeister.
Der Umstand, da Hockenjos tot ist, verschafft ihm einen
unbeschrnkten Kredit an guter Meinung. Ich kannte eine
ganze Reihe von Idioten, die blo dem Zufall, da sie
gestorben waren, Bewunderer und Anhnger zu verdanken
hatten. Dem Publikum sind nmlich die Knstler so ungeheuer
gleichgltig, da man ihm, wenn einer stirbt, weismachen
kann, was man will.


_Karinkel_

Ich verstehe nicht viel von der Kunst, aber das eine mu man
doch von ihr fordern: da sie den Menschen bessert und
erhebt.


_Mettenschleicher_

Das ist richtig, hat aber mit unserer Angelegenheit momentan
nichts zu schaffen. Sie mssen stark sein, lieber Freund.
Sie drfen sich in Ihrer berzeugung nicht erschttern
lassen.


_Karinkel_

In welcher berzeugung meinen Sie?


_Mettenschleicher_

In _Ihrer_ berzeugung. Ein Mann hat doch nur eine.


_Karinkel_

(etwas stupid)

So. -- Im allgemeinen bin ich ja stark. Aber einen Menschen
mu man doch haben, dem man sein Herz erffnen kann. (Es
klopft.) Herein!


_Bienemann_

(kommt; schmaler gelbgesichtiger Mann von etwa dreiig
Jahren. Tartarenbart, Zwicker. Er hat das Phlegma
intelligenter Leute, die viele berflssige und langweilige
Dinge reden mssen. Hinter diesem Phlegma verbergen sich
Neugier, Bosheit, Resignation und Menschenverachtung).


_Karinkel_

Guten Morgen, Bienemann! Sind Sie schon fertig?


_Bienemann_

Guten Tag, meine Herren. -- Ja, ich wollte noch einige Punkte
mit Ihnen besprechen ...


_Karinkel_

Darf ich die Herren miteinander bekannt machen, Redakteur
Bienemann, Professor Mettenschleicher von der kniglichen
Akademie der bildenden Knste.


_Bienemann_

Freut mich, freut mich.


_Mettenschleicher_

Ich bin Ihnen fr den schmeichelhaften Artikel im Tagesboten
sehr zu Danke verpflichtet, Herr Doktor.


_Bienemann_

Noch nicht, Herr Professor, noch nicht.


_Mettenschleicher_

(verdutzt)

Was --? was, -- noch nicht?


_Karinkel_

(ebenso)

Ja ... was -- noch nicht?


_Bienemann_

Noch nicht Doktor, meine ich. Die #Honoris causa# ist noch
nicht gegeben. Bienemann, ganz schmucklos Bienemann.

Karinkel und Mettenschleicher

(sehen einander an).


_Karinkel_

(mit dem Daumen ber die Schulter weisend)

Stolz? wie? Demokrat! Ganz schmucklos Bienemann! (Lacht.)
Ausgezeichnet!


_Mettenschleicher_

(geniert)

Na, na! (Klopft Karinkel mit frstlicher Leutseligkeit auf
die Schulter.)

(Klapperlrm. Ein Kellner kommt mit einer Platte, auf der
das Frhstck in zwei Tellern dampft. Ein Amtsdiener eilt
geschftig voraus und subert den Tisch. Beide entfernen
sich wieder. Karinkel setzt sich mit strahlendem Gesicht,
bindet die Serviette um den Hals und vergit alle Sorgen.)


_Bienemann_

Mein Artikel hat Ihnen also gefallen, Herr Professor?


_Karinkel_

(kauend; taktlos)

Na, hren Sie, Bienemann, wenn mir so viele Elogen gemacht
wrden, wre ich auch nicht unzufrieden. Es war famos. Und
sehr aktuell.


_Bienemann_

Das schon; einige giftgeschwollene Schlangen knnen sich
nmlich nicht darber beruhigen, da das Denkmal so rasch
fertiggestellt worden ist. Vor sechs Wochen hatten wir die
Todesnachricht in der Zeitung, und heute thront bereits der
Marmor da drauen. Es ist ja wirklich die reine Hexerei.


_Karinkel_

(kauend)

Was geht die Leute das an? -- Diese geschmorten Stckchen da
sind kstlich. Wollen Sie nicht zugreifen, Professor? Nein?
Schade.


_Bienemann_

(tut verlegen)

Freilich, das sag ich auch. Aber ein Mensch wie ich besteht
aus lauter Ohren. Und so hr ich denn unter anderm das
bldsinnige Gercht, da das Denkmal schon vorher fertig
gewesen ist.


_Karinkel_

Wieso? Vor dem Tod des Hockenjos? Mit solchen Dummheiten
sollten Sie uns nicht kommen, Bienemann. Ich verstehe ja
nichts von der Bildhauerei, aber unser verehrter Meister
hier konnte doch nicht die Unsterblichkeit des Hockenjos
voraussehen.


_Bienemann_

Das sag ich auch; es sei denn, man macht Denkmler auf
Lager. Was meinen Sie, Herr Professor?


_Mettenschleicher_

(windet sich)

Ich will nicht hinterm Berg halten ... es hat mit dieser
Sache eine eigene Bewandtnis. Ich hatte doch, wie Ihnen
vielleicht erinnerlich ist, den Auftrag, ein Monument fr
den verstorbenen Sanittsrat Ulfinger zu schaffen --


_Bienemann_

(roh)

Der die Schweinereien gemacht hat ...


_Mettenschleicher_

Schweinereien ist eine etwas starke Bezeichnung. Er war ein
bedeutender Gelehrter, lebte aber leider Gottes ber seine
Verhltnisse, und ein halbes Jahr nach seinem Tod kamen die
geflschten Wechsel zum Vorschein. Es geschah alles, um den
Skandal zu vermeiden, schlielich drang die Geschichte doch
an die ffentlichkeit, und das Denkmal konnte nicht
aufgestellt werden. Meine ganze Arbeit war umsonst, der
Marmor lag da --


_Bienemann_

Auerordentlich interessant!


_Mettenschleicher_

Und da traf ich gerade unsern Freund Karinkel, der den noch
unbestimmten Plan hegte, etwas zur Verschnerung des
hiesigen Stadtbildes zu tun.


_Bienemann_

Aha! und weil der Hockenjos eben das Zeitliche gesegnet
hatte --


_Mettenschleicher_

Ja, so kamen wir berein --


_Karinkel_

(dankbar)

Sie waren es, teurer Meister, der mir die Idee gab!


_Bienemann_

Wirklich, eine Fgung des Himmels, dieses Zusammentreffen
der Umstnde! Da hat also der gute Hockenjos quasi ein von
Herrschaften abgelegtes Denkmal bekommen.


_Karinkel_

(zornig)

Witzeln Sie nicht, Bienemann.


_Bienemann_

Aber Sie muten doch Ihrem marmornen Sanittsrat einen
andern Kopf aufsetzen --?


_Mettenschleicher_

War merkwrdigerweise berflssig. Die beiden Leute hatten
eine gewisse hnlichkeit. Beide gro, ziemlich fett,
langbrtig ... Auerdem, ein Denkmal ist doch ein Symbol.


_Bienemann_

Toll! einfach toll! Man lernt nie aus.


_Mettenschleicher_

Ich rechne selbstverstndlich auf Ihre Diskretion. Auer
Ihnen beiden wei nur noch mein erlauchter Freund, der Prinz
Albert, davon, ohne dessen Rat und Zustimmung ich etwas
Derartiges berhaupt nicht unternehmen wrde.


_Bienemann_

Das ist derselbe, der heute zur Enthllung kommt?


_Mettenschleicher_

Derselbe. Er liebt die schnen Knste. Sie knnen sicher
sein, da er auch auf Sie ein Auge haben wird.


_Bienemann_

(verbeugt sich)

Oh! Danke sehr. -- Mssen Sie nicht auf den Bahnhof, Herr
Brgermeister?


_Mettenschleicher_

Seine knigliche Hoheit trifft ja erst um zwlf Uhr ein.


_Karinkel_

Ja, aber um viertelzwlf kommt der Regierungsprsident. Wei
der Stadtrat Hannewickel, da er sich mit den
Ehrenjungfrauen aufzustellen hat?


_Bienemann_

Die Ehrenjungfrauen und der Veteranenverein sind schon in
vollem Wichs.


_Mettenschleicher_

Noch einen Vorschlag, meine Herren. Wie wre es, wenn man
heute noch ein Extrablatt drucken liee, durch dessen Inhalt
das Volk einige Aufklrung ber die knstlerischen
Verdienste des Malers Hockenjos erhielte?


_Karinkel_

Nicht schlecht ...


_Mettenschleicher_

Es ist in dieser Beziehung vieles versumt worden --


_Karinkel_

Und man knnte die Verleumder damit zum Schweigen bringen.
Nicht schlecht. Was meinen Sie, Bienemann?


_Bienemann_

Ein ziemlich teurer Spa. Es fragt sich, ob die Interessen,
die dabei im Spiele sind, eine solche Ausgabe fordern.


_Karinkel_

Es sind _ideale_ Interessen, mein Lieber. Dafr ist nichts
zu teuer.


_Bienemann_

Ideale Interessen? Entschuldigen Sie, meine Herren, aber an
ideale Interessen glaub ich nicht. Sie auch nicht. Das
Publikum auch nicht. Das ist eben das Heikle mit den idealen
Interessen, da niemand daran glaubt, weil zu viele ihren
Vorteil daraus ziehen.


_Karinkel_

Pfui, Bienemann! Bestndig gieen Sie Ihr nchternes l in
die Wogen unserer Begeisterung.


_Bienemann_

Das ist mein Beruf.


_Mettenschleicher_

Ein trauriger Beruf.


_Bienemann_

Sie drften damit den Nagel auf meinen Kopf getroffen haben,
Herr Brgermeister. Wer mit Papier gefttert wird, dem
wachsen keine Blumen auf der Zunge.


_Karinkel_

Wenn Ihnen an meinem ferneren Vertrauen gelegen ist, so
untersttzen Sie uns jetzt mit allen Ihren Krften,
Bienemann.


_Bienemann_

Ich soll also gewissermaen die ffentliche Meinung
beruhigen ...


_Mettenschleicher_

Ja ... wenn Sie es so betrachten ... obwohl, -- ffentliche
Meinung gibt es nicht.


_Karinkel_

(brstet seine Kleider)

Die ffentliche Meinung sind wir.


_Mettenschleicher_

ffentliche Meinung ist die Konspiration der Dummkpfe.


_Bienemann_

Die Herren sind entschlossen, wie ich sehe. Allen Respekt.
Nun, was an mir liegt, soll geschehen. Die Druckerpresse hat
schon ganz andere Dinge gerechtfertigt als Denkmler. Die
Ingredienzen, aus denen man den Brei der
Zeitungsunsterblichkeit kocht, sind billig zu haben. Die
Hauptsache ist der Superlativ. Das ist das Universalrezept.
Der Superlativ ist fr den Leser, was neunzigprozentiger
Fusel fr einen Gewohnheitstrinker ist. Leider ntzen sich
die Superlative jetzt so stark ab, da eine neue Steigerung,
ein ber-Superlativ eine wahre Wohltat fr die Menschheit
wre.


_Karinkel_

Das ist mir zu hoch, davon versteh ich nichts.


_Bienemann_

Na, schn. Ich will Ihnen einen Hockenjos hinstellen, der
sich gewaschen hat. Ich werde Ihnen mit einer Verklrung
aufwarten, da der Mann in seinem Grab noch Lust zu einer
Himmelfahrt bekommt. Ich tue einfach, als ob Tizian ein
Zimmermaler und Feuerbach der kleine Moritz gegen ihn wre.


_Mettenschleicher_

Ich hoffe, da diese bertreibungen nur Ausflsse einer
momentanen Laune sind.


_Bienemann_

Nein, Herr Professor. Sie kennen den Abonnenten nicht. Wenn
man dem Abonnenten einen neuen Mann glaubhaft machen will,
mu man erst einen alten in Stcke reien. Der Abonnent ist
grausam, er will Blut sehen.


_Karinkel_

Ich denke, wir berlassen Bienemann da am besten seinem
Genius.


_Bienemann_

Keinesfalls werde ich etwas davon wissen, da der arme
Hockenjos in unserer Mitte beinahe verhungert ist. Da er
mit Hohn abgefertigt wurde, als er sich vor vier Jahren um
das Staatsstipendium bewarb. Apropos, waren Sie es nicht
selbst, Herr Professor, der diese Sache damals
hintertrieb --?


_Mettenschleicher_

(rgerlich)

Mein Gott ja, ... ich kann nicht leugnen ... der Mann war mir
_persnlich_ unsympathisch.


_Karinkel_

(ebenso)

Wozu kramen Sie denn die alten Sachen aus?


_Bienemann_

Ich werde auch davon schweigen, da das Publikum vor seinen
Bildern Lachkrmpfe bekam und der Magistrat ihm das Atelier
auf der Schanze kndigen lie, aus Grnden, die der Anstand
zu erwhnen verbietet.


_Karinkel_

(wie oben)

Das war wegen der Modelle. Aber die Kunst, lieber Bienemann,
wie soll ich sagen, die Kunst braucht eben keine Moral.


_Mettenschleicher_

Na! na! Da mu ich bitten --


_Karinkel_

Das heit, ich meine: die Moral braucht keine Kunst.


_Bienemann_

Um seine Auswanderung plausibel zu machen, werde ich sagen,
da ihn malerische Probleme in die Tropen zogen.


_Karinkel_

Sehr gut.


_Bienemann_

Und whrend er das Gefieder der Paradiesvgel studierte, um
bisher unerhrte Farbenmischungen fr seine Palette zu
gewinnen, haben ihn die Eingeborenen erschlagen und
verspeist.


_Karinkel_

(der sich die Zhne stochert, erschrocken)

Verspeist --?


_Bienemann_

Hchstwahrscheinlich.


_Karinkel_

Wissen Sie was? Setzen Sie sich gleich hier an meinen
Schreibtisch und fangen Sie an. (Das Telephon klingelt, er
eilt hin.) Hier Karinkel! Ja? Ja. Bitte. -- In der Redaktion
will man Sie sprechen, Bienemann. (Whrend Bienemann zum
Apparat geht.) Fr uns ist es jetzt Zeit, lieber Professor.


_Mettenschleicher_

Also gehen wir.


_Bienemann_

(am Telephon)

Hier Bienemann. (Pause.)


_Karinkel_

(setzt sich den Zylinder auf)

Ich bin neugierig, ob der Prsident eine Rede halten wird.


_Mettenschleicher_

Er kann Seiner kniglichen Hoheit nicht vorgreifen.


_Bienemann_

(am Telephon)

Unsinn! -- Wie? Gesehen worden? Wo? In Amannshausen? Da lebt
ja die Frau jetzt? So. Einen Liebhaber. So. Natrlich.
Durchgeprgelt? Nein! Nicht mglich! Da hat man Ihnen einen
Bren aufgebunden. Einen B--ren! Das wre ja unerhrt.


_Karinkel_

Was ist denn los?


_Bienemann_

(am Telephon)

Ich gebe nichts auf solche Gerchte. Schicken Sie einen
verllichen Menschen hin. Schlu! (Lutet ab.) Recht
heiter. Der Hockenjos soll in Amannshausen gesehen worden
sein.


_Karinkel_

(wie erstarrt)

Um Gottes willen, Mensch, was reden Sie da!


_Mettenschleicher_

Das fehlte nur noch!


_Bienemann_

Er soll seine Gattin mit einem Viehhndler erwischt und den
Galan windelweich geschlagen haben.


_Karinkel_

Aber lieber Bienemann, -- das ist ja um den Verstand zu
verlieren ...


_Bienemann_

Ich halte das Ganze fr einen blinden Alarm.


_Karinkel_

Sie nehmen mir einen Stein vom Herzen.


_Bienemann_

Man will uns ins Bockshorn jagen.


_Mettenschleicher_

Eine Frivolitt sondergleichen.


_Bienemann_

Kmmern wir uns nicht darum.


_Karinkel_

Wenn aber doch was Wahres dran ist ...


_Bienemann_

Bah! meine Informationen waren immer verllich. Wenn der
Tagesbote jemand als tot meldet, dann ist er tot.


_Karinkel_

Es ist hchste Zeit. Wir mssen zur Bahn. Machen Sie sich
nur gleich an die Arbeit, Bienemann. Lassen Sie uns nicht im
Stich.


_Bienemann_

Auf Wiedersehen, meine Herren.


_Karinkel und Mettenschleicher_

(ab).


_Bienemann_

(setzt sich vor den Schreibtisch, zndet eine Zigarre an;
behaglich)

Was der Sybarit fr einen weichen Lehnsessel hat! Wenn ich
nicht Bienemann wre, mchte ich Karinkel sein. (Legt das
Papier zurecht.) Los also! Her mit euch, ihr bebnderten
Adjektiva und geschniegelten Substantiva! ihr gromulichen
Interjektionen und schmetternden Exklamationen! ihr
Metaphern, Hyperbeln und Epitheta! Ich rhr euch zusammen
wie Mandeln und Rosinen in einem Kuchenteig, von dem die
ganze Welt Verdauungsbeschwerden kriegt.


_Abendrot_

(tritt mit verstrtem Gesichtsausdruck unter die Tre;
winkt)

Herr Bienemann! -- Herr Bienemann!


_Bienemann_

Was gibt's? Ich habe keine Zeit.


_Abendrot_

(flsternd)

's isch was Schreckliches passiert, Herr Bienemann ...


_Karinkel_

(kommt im Sturmschritt zurck, den Zylinder schief auf dem
Kopf)

Bienemann, wir sind verloren!


_Mettenschleicher_

(seine Wrde mhsam bewahrend, ist Karinkel gefolgt)

Eine Katastrophe!


_Karinkel_

(mehr heulend als redend)

Der Abendrot hat ihn zuerst gesehen. In der Bahnhofsstrae
hat er ihn gesehen. Mitten unter den Leuten.


_Bienemann_

Und hat ihn jemand erkannt?


_Abendrot_

Noi, noi ...


_Bienemann_

War er allein?


_Abendrot_

Ganz alleine.


_Mettenschleicher_

Was fr Maregeln gedenken Sie zu treffen?


_Karinkel_

Er mu auf der Stelle fort.


_Bienemann_

Ist bis jetzt etwas unternommen worden?


_Karinkel_

Kommissr Binder ist mit zwei Wachleuten ausgerckt.
Hoffentlich gelingt es, den Kerl festzuhalten.


_Mettenschleicher_

Es ist eine entsetzliche Blamage.


_Karinkel_

Ich lasse ihn einsperren.


_Bienemann_

berlegen wir die Sache gut, meine Herren, sonst kann's uns
an den Kragen gehn.


_Karinkel_

(wild)

Lassen Sie mich in Frieden mit Ihrem Kragen, Sie, Sie ...
Unerschtterlicher!


_Mettenschleicher_

Es gibt nicht viel zu berlegen, hier heit es handeln.


_Bienemann_

Also handeln wir.


_Karinkel_

Tun Sie mir nur den Gefallen, lieber Professor, und
empfangen Sie den Prsidenten. Der Zug mu ja jeden Moment
eintreffen. Irgend ein Wrdentrger mu ihn doch begren.
(Das Telephon klingelt.) Groer Gott, was ist denn das schon
wieder? (Bienemann eilt zum Telephon.)


_Mettenschleicher_

Gut ich gehe. (Ab. Ein Polizist tritt unter die offene Tr.)


_Bienemann_

(am Telephon)

Ja? -- Ja! Eine Stunde frher? Danke. Schlu. (Lutet ab.)
Der Hoftrain mit dem Prinzen trifft also um eine Stunde
frher ein.


_Karinkel_

(der mit dem Polizisten gesprochen hat)

Also der Kommissr Binder hat den Hockenjos verhaftet und
ihn gleich in einen Wagen setzen lassen. Er ist jetzt in der
Wachtstube.


_Bienemann_

Dort kann er nicht bleiben.


_Karinkel_

Wie sagten Sie? Der Hofzug kommt um eine Stunde frher? Dann
ist ja kein Augenblick mehr zu verlieren. Es ist elf Uhr.
Mir ist ganz wirblig im Kopf. Wenn ich nur wte, wer an
alledem schuld ist! (Ausbrechend.) Sie sind schuld,
Bienemann! Sie haben seinerzeit die schwindelhafte
Todesnachricht in die Zeitung gebracht.


_Bienemann_

Ich weise Ihre Anschuldigungen zurck. Meine Pflicht ist zu
schweigen und zu schreiben, aber nicht den Sndenbock zu
machen.


_Karinkel_

Sie sind ein ganz gefhrliches Subjekt.


_Bienemann_

(verdrossen)

Ich bin kein Subjekt, ich bin ein Prinzip.


_Karinkel_

Groer Gott, warum hast du mir das angetan! Bienemann,
liebster Herzensbienemann, laufen Sie schleunigst auf die
Wache. Sehen Sie zu, da keine Dummheit begangen wird. Keine
Menschenseele darf dem Hockenjos nahe kommen. Niemand darf
mit ihm sprechen. Nehmen Sie noch ein paar Polizeileute zu
Hilfe. Ntigenfalls lassen Sie ihn binden --


_Bienemann_

In Ketten legen --


_Karinkel_

Was Sie wollen ... (Man vernimmt Glockenluten.) Um Himmels
willen, mir scheint, der Hofzug fhrt schon ein. Ich komme
zu spt. (Ab.)


_Bienemann_

Es ist am besten, wir lassen den Delinquenten hierher
transportieren. Hier ist er am sichersten.


_Abendrot_

Da hawe Se recht, Herr Bienemann.


_Bienemann_

Rennen Sie hin und sagen Sie es dem Binder.


_Abendrot_

(zur Tr, lauscht, kehrt um)

Er bringt ihn schon von selber, der Kommissar ...


_Bienemann_

Na, der Mann denkt wenigstens. Denkende Menschen ersparen
einem immer Laufereien. (Hockenjos und Kommissar Binder
kommen.)


_Binder_

So, Meister Hockenjos. Jetzt habe ich Ihren Wunsch, Sie aufs
Brgermeisteramt zu fhren, erfllt, nun mssen Sie sich
aber auch ganz ruhig verhalten.


_Hockenjos_

(groer, breitschultriger Mann. Haar und Bart sind stark
ergraut. Er spricht schwer, aber nachdrcklich, in tiefem,
meist humoristisch sordiniertem Ba; trgt vernachlssigte
Kleider, einen breitrandigen Filzhut)

Der Teufel soll Sie holen, Mann! Knnen Sie auf eine
anstndige Art erklren, weshalb Sie mich wie einen
Strfling behandeln, he?


_Abendrot_

P--scht! p--scht!


_Binder_

Sie mssen sich den behrdlichen Anordnungen fgen.


_Hockenjos_

Ich fge mich, weil es mir pat. So steht die Sache. In die
Suppe werd' ich euch schon spucken, darauf knnt ihr euch
verlassen. Aber anders als ihr denkt. Wo ist denn der
Oberkoch? Ah, Herr Bienemann! Freut mich, Sie zu sehen, Herr
Redakteur. Sind Sie jetzt avanciert, weil Sie in der
Brgermeisterkanzlei sitzen?


_Bienemann_

(schmunzelnd, slich)

Sprechen wir nicht von mir, Meister Hockenjos. Die
interessante Person sind Sie. Wie kommen Sie denn her? von
wo? Sie erscheinen ja wie ... wie ...


_Hockenjos_

Wie das Gespenst am Hochzeitstag, jawohl. Aber ich fhle
mich gar nicht gespensterhaft. Zunchst will ich mich mal --
unaufgefordert, Sie verzeihen schon -- hier niederlassen.
So. Hier sitze ich, ich kann nicht anders.


_Bienemann_

Bitte sehr. Ruhen Sie sich nur aus. (Zu Abendrot, leise.)
Suchen Sie den Brgermeister auf und sagen Sie ihm, da ich
ihn hier in Gewahrsam halte. Aber Vorsicht! -- (Zu Binder.)
Sie brauchen nicht hier zu bleiben. Es gengt, wenn Sie im
Korridor einen Polizeidiener als Wache aufstellen. Es soll
niemand hereingelassen werden. (Whrend Binder und Abendrot
abgehen.) Wie ich aus Ihrem Verhalten schlieen darf, ist
Ihnen also die ganze Komplikation schon bekannt, Meister?


_Hockenjos_

Komplikation nennen Sie diese Schurkerei? Auch recht.


_Bienemann_

Nun, man meint es gut mit Ihnen. Man sorgt fr Ihren
Nachruhm.


_Hockenjos_

Hanswurste seid ihr.


_Bienemann_

Unterschreib ich unbesehen.


_Hockenjos_

Aber mit meinem Leichnam werdet ihr nicht so kurzen Proze
haben wie mit meinem lebendigen Korpus.


_Bienemann_

Ich frchte. Ich frchte. Sie waren also in Amannshausen
bei Ihrer Frau?


_Hockenjos_

Reden Sie meinetwegen von meinem Nachruhm, Herr, obwohl das
ein Gemse ist, das keinem mehr schmeckt, wenn man's ihm
auftischt, aber von meinem Weib reden Sie nicht. Die Fuste
tun mir noch weh, und das ist alles, was ich an Erinnerung
behalten will. Ich sage Ihnen, ein Vieh ist der Mensch.
Allerwegen treibt's ihn zum Stall zurck. Und wenn drauen
die beste Weide ist, er denkt blo an den Stall. Das
schnste Futter lt er liegen, das ihm der Herrgott
spendet, und rennt zur Krippe, wo der Bauer spart und mit
der Peitsche knallt.


_Bienemann_

(echt)

Ja, zum Henker, warum sind Sie denn nicht dort geblieben in
den wilden Gegenden, wenn es Ihnen schon nicht gefallen hat,
das Zeitliche zu segnen? Es wre besser fr Sie und fr uns.
Jetzt haben wir blo die Scherereien.


_Hockenjos_

Glauben Sie, ich htte den Ehrgeiz, Ihnen Scherereien zu
ersparen? Im Gegenteil. Sie werden Ihre blauen Wunder
erleben.


_Bienemann_

(resigniert)

Na, wohl bekomm's.


_Hockenjos_

Wie flink ihr seid, einen Toten leben zu lassen, whrend ihr
dem lebendigen Menschen die Haut abzieht!


_Bienemann_

Mein Gott, die Zivilisation bringt eben manchen belstand
mit sich. Sind Sie denn nun eigentlich dort unten gewesen
bei den wilden Vlkern?


_Hockenjos_

Und ob, mein lieber Herr, und ob! War dabei, wie sechzig
wackere Burschen aufgerieben worden sind von den braunen
Satansbrdern, und wre nicht ein malaiisches Mdchen
gewesen, das mich auf Gebirgswegen zur Kste fhrte, dann
knnt ich heute eure Kirchweih dahier nicht stren.


_Bienemann_

Sie betrachten unsere Angelegenheit etwas zu vergngt,
scheint mir. Da haben Sie wohl groe Strapazen erlitten?
Aussehen tun Sie ja wie der leibhafte Odysseus.


_Hockenjos_

Was wollen Strapazen schlielich bedeuten? Ist eine
Herrlichkeit, wenn einem die Sonne immerfort bis in den
Magen leuchtet. Dort ist der Mann ein Mann. Von Polizei
nirgends die Spur. Und Blumen! und Vgel! und Bume! Da wei
man erst, was Gott der Herr erschaffen, und warum er am
siebenten Tag ausgeschnauft hat. Hier guckt einer dem andern
auf die Finger, und schockweis fressen sie aus demselben
Tiegel. Und ein Eifer, und ein Flei, und eine Wichtigkeit,
aber ist's denn irgend jemandem Ernst? Tinte schwatzen sie.


_Bienemann_

Ganz meine Meinung.


_Hockenjos_

Sie sind auch so ein Kalfakter.


_Bienemann_

Verurteilen Sie mich nicht. Ich diene dem Gemeinwohl.


_Hockenjos_

Gemeinwohl ... ein richtiges Tintenwort.


_Bienemann_

Durchaus nicht.


_Hockenjos_

Mchten Sie mir nicht erklren, was Sie unter Gemeinwohl
verstehen?


_Bienemann_

(trocken)

Gemeinwohl ist das, was viele tun mssen, um einen einzelnen
zu frdern.


_Hockenjos_

Der Tausend! Mensch, Sie sind ja ein Zyniker!


_Bienemann_

Gott sei Dank, das bin ich. Diese Eigenschaft hab ich mir im
Umgang mit Leuten erworben, die sich dadurch von mir
unterscheiden, da sie den Begriff Gemeinwohl anders
definieren. (Stimmenlrm von der Strae.)


_Hockenjos_

Jetzt geht's los da drunten.


_Bienemann_

Ja. Ich bin nur neugierig, was wir mit Ihnen da oben
anfangen werden.


_Hockenjos_

Ich auch.


_Bienemann_

Sie haben also keine bestimmte Vorstellung ber Ihre
zuknftige Rolle bei dieser immerhin ungewhnlichen
Verwicklung?


_Hockenjos_

Ich? Nein. Ich habe nur nicht die Absicht, mir meinen Platz
in der Welt so ohne weiters wegstibitzen zu lassen. Wenn's
auch nur ein ganz lumpiger Platz war, so ein
Fnfzigpfennigplatz, auf dem Olymp ...


_Bienemann_

Das kann ich Ihnen nachfhlen. Als deklarierter Toter lebt
sich's nicht sehr bequem.


_Hockenjos_

Und noch dazu auf solche Manier deklariert ... (Erregt
sich.) Wenn ihr wenigstens das Denkmal von einem anstndigen
Kerl httet machen lassen. Aber von diesem Zuckerbcker, dem
Mettenschleicher! diesem Pfrndner, der von der Kunst
ungefhr so viel versteht wie ich vom Koloratursingen,
diesem Eunuchen, der mit seiner Nase immer an den
unanstndigsten Gegenden prinzlicher Personen schnuppert, --
da ihr mich von dem habt verewigen lassen, das wurmt mich.


_Bienemann_

Wir haben halt Pech mit Ihnen. Jetzt ist es zu spt.


_Hockenjos_

Mir wird schon bel, wenn ich das Zeugs da unter den Hllen
sehe. Wahrscheinlich so ein Marzipan-Engel, was?


_Bienemann_

Natrlich, was glauben Sie denn! Wir werden uns doch die
Muse nicht entgehen lassen, die den Knstler auf die Stirne
kt!


_Hockenjos_

Und mit zwei Flgeln, was?


_Bienemann_

Zwei Flgel. Ganz richtig. Wie sich's gehrt.


_Hockenjos_

O, du Schuft!


_Bienemann_

Achtung, jetzt hr ich den Brgermeister kommen.


_Karinkel_

(strzt in hchster Eile herein)

Das ist er also! (Starrt Hockenjos an.)


_Hockenjos_

(ironisch)

So echauffiert, Herr Brgermeister?


_Karinkel_

Sie spotten wohl? Mir ist gar nicht sptterisch zumut.


_Hockenjos_

(brsk)

Was steht dem Herrn zu Diensten?


_Karinkel_

(wischt den Schwei von der Stirn)

Es wird Ihnen doch bekannt sein, da wir eben im Begriff
sind, die Enthllung Ihres Denkmals zu feiern.


_Hockenjos_

Jawohl. Ist mir zu Ohren gekommen. Das ist auch der Grund,
weshalb ich da bin.


_Karinkel_

(einschmeichelnd)

Sie werden doch einsehn, lieber Meister, da Sie unmglich
in der Stadt bleiben knnen.


_Hockenjos_

Sehe ich ohne weiters ein.


_Karinkel_

(hocherfreut)

Das lob ich mir. Sie sind ein prchtiger Mensch.


_Hockenjos_

Gewi. Man mu bei mir nur den Herzpunkt treffen.


_Karinkel_

Es wre ja auch ein Mord, lieber Freund, ein moralischer
Mord.


_Hockenjos_

Ei wieso denn?


_Karinkel_

Sehr einfach. Jeder, der ber diesen Platz an diesem Denkmal
vorbergehen wird, eifert Ihnen nach, schaut zu Ihnen
hinauf, bringt ebenfalls Groes hervor und ntzt so wieder
seinen Mitbrgern und der Stadt.


_Hockenjos_

Das leuchtet mir beinahe ein.


_Bienemann_

Es ist so klar wie zweimalzwei.


_Karinkel_

(immer eifriger)

Sie sind heute ... wie alt sind Sie?


_Hockenjos_

Vierundfnfzig.


_Karinkel_

Vierundfnfzig. Wie alt wird der Mensch? Siebzig. Sagen wir
fnfundsiebzig.


_Hockenjos_

Gut. Sagen wir fnfundsiebzig.


_Karinkel_

Wegen dieser erbrmlichen zwanzig Jahre wollen Sie Ihre
Unsterblichkeit aufs Spiel setzen?


_Hockenjos_

Hm ... Finden Sie nicht, da ein Sperling in der Hand besser
ist --


_Karinkel_

Nein, nein, nein, vom idealen Standpunkt nein.


_Bienemann_

Durchaus nicht.


_Hockenjos_

Was habe ich also nach Ihrer Ansicht zu tun?


_Karinkel_

Sie mssen fort.


_Hockenjos_

Es haben mich aber doch einige Leute gesehen ...


_Karinkel_

Das macht nichts; wir geben Sie fr Ihren Doppelgnger aus.
Wir bringen in der Zeitung eine kleine scherzhafte Notiz.
Nicht wahr, Bienemann? Wir nennen ihn Mister Koch aus
Pennsylvanien. Hahaha!


_Bienemann_

Das geht, das geht. Ein heiteres Spiel des Zufalls fgte
es -- und so weiter.


_Karinkel_

Sie mssen Deutschland verlassen.


_Hockenjos_

Mit Vergngen.


_Karinkel_

Sie mssen Europa den Rcken kehren.


_Hockenjos_

Mehr kann ich aber unmmglich fr Sie tun.


_Karinkel_

(glcklich)

Sie sind ein Engel von einem Mann. Mit Ihnen kann man ja
ausgezeichnet reden. Da sieht man erst, wie schlecht man im
Leben einander kennen lernt.


_Hockenjos_

Langsam, langsam, bester Herr --


_Karinkel_

Sie fahren also nach Amerika. Sie benutzen den Schnellzug,
der um drei Uhr hier hlt. Die Reisekosten --


_Hockenjos_

Langsam. Jetzt komme ich.


_Karinkel_

Die Reisekosten zahlen wir selbstverstndlich --


_Hockenjos_

So billig denken Sie mich loszuwerden?


_Karinkel_

Na ja, man kann noch ein briges tun ...


_Bienemann_

(aus dem Hinterhalt hetzend)

Ein kleines Douceur ...


_Hockenjos_

Ihre Propositionen haben Sie gemacht. Jetzt will ich die
meinen machen.


_Karinkel_

(ngstlich)

So ... Sprechen Sie nur frei von der Leber weg.


_Hockenjos_

Wie viel hat Sie der Marmorhaufen da drauen gekostet?


_Karinkel_

Viel Geld; schndlich viel!


_Hockenjos_

Na ... dreiigtausend --?


_Karinkel_

Mehr!


_Hockenjos_

Also. Ich verlange nur so viel.


_Karinkel_

(wie mit der Nadel gestochen)

Was? Sie sind toll!


_Hockenjos_

Kommt denn das gegen die Unsterblichkeit in Betracht,
verehrter Brgermeister?


_Karinkel_

Mensch, es handelt sich ja um _Ihre_ Unsterblichkeit!


_Hockenjos_

Mit der _Sie_ ein Geschft machen wollen. So viel wie Sie
fr mein Denkmal ausgegeben haben, lieber Herr, habe ich
mein ganzes Leben lang mit meiner Hnde Arbeit nicht
verdient. Ich verkaufe Ihnen meinen Leichnam fr weniger
Geld als Sie fr seine Glorifikation ausgegeben haben. Ist
das nicht kulant? Sie haben ja eine Ausstellung meiner
Bilder veranstaltet. Sie haben ja allen mglichen
blumeranten Quatsch darber schreiben lassen. Die Bilder
gehren Ihnen. Bezahlen Sie sie mir, so da ich endlich
einmal leben kann, denn hierzulande hab ich bis jetzt kein
Leben gefhrt.


_Karinkel_

(jammernd)

Aber, Mann! was kmmern mich Ihre Bilder!


_Hockenjos_

Endlich ein Wort aus dem Herzen. Also kurz und bndig, Herr:
ist Ihnen meine Willfhrigkeit so viel wert oder nicht? Den
Hanswurst spiel ich nimmer lnger.


_Karinkel_

(verzweifelt)

Wo soll ich so eine Menge Geld hernehmen? Bienemann helfen
Sie mir doch! berreden Sie ihn doch --


_Hockenjos_

(greift nach seinem Hut)

Genug geredet. Ich werde jetzt eine kleine Unterhaltung mit
meinem -- Doppelgnger fhren.


_Karinkel_

Halt! halt! Ich will ja ... gengt eine Sicherstellung des
Kapitals?


_Hockenjos_

Die gengt. (Sehr ernst.) Wenn ich nur was Sicheres habe.
Was Sicheres brauch ich jetzt. Brot! Und Frieden.


_Karinkel_

(das Folgende sehr rasch)

Man mu eine Anleihe aufnehmen.


_Bienemann_

Gibt es keine geheimen Fonds?


_Karinkel_

Wenn wir nur ein paar reiche Juden htten ...

(Beit sich in die Finger.)


_Bienemann_

Zu berlegen ist keine Zeit.


_Karinkel_

Ich habe eine Idee. Ich beantrage im Gemeinderat den Bau
eines Hockenjos-Museums, und das Geld verwend' ich
einstweilen, um den Mann zu befriedigen.


_Bienemann_

Vortrefflich. Rechnen Sie auf mich.


_Hockenjos_

(am Fenster, mit Blick gegen das Denkmal)

Da faseln sie von Kunst. Von Kunst faseln sie, die Hunde.
Ruhm! Ha. Mich verlangt nach keinem Ruhm. Selbst wenn's
ernst damit wre. Alle Vorbehalte gehn dabei flten. Ich
will meine Vorbehalte haben. Will nicht von jedem Narren
angesturt werden. Da ist man ja wie das Tor von einem
Pfandhaus. Ich pfeif auf die Kunst. Sie ist viel zu gro fr
den schwachen Schdel. Kannst du den Groen gro sein? Die
wandeln im Elysium, whrend du im Dreck kutschierst.
Ntzlich mu man sein. Und kaltbltig. Adieu, Stdtchen!
Dieses Amerika ist ja blo ein paar Stunden weit von hier.
Am Samstag, eh ich sterbe, komm ich mal bern Sonntag
herber.


_Karinkel_

(hat die Tr geffnet, Abendrot hereingewinkt und mit ihm
lebhaft geflstert. Abendrot nickt mehrmals und geht wieder
hinaus, Karinkel zu Hockenjos)

Vom Fenster weg, um aller Heiligen willen!


_Hockenjos_

(gemchlich)

Aber lieber Herr, wer denkt denn da drunten an mich!


_Karinkel_

Also, es wird alles geordnet. Nur noch eine Bedingung habe
ich zu stellen.


_Hockenjos_

Die wre --?


_Karinkel_

Sie mssen sich den Bart abrasieren lassen.


_Hockenjos_

Wenn es sein mu -- (Abendrot kommt mit einer Seifenschssel,
Pinsel und Rasiermesser.)


_Karinkel_

Es mu sein. Ich habe schon mit Abendrot gesprochen. Er
versteht sich auf die Hantierung. Wir drfen keinen Fremden
mehr ins Vertrauen ziehn.


_Kommissr Binder_

(kommt)

Herr Brgermeister, es ist die hchste Zeit. Der Herr
Professor Mettenschleicher fhrt soeben Seine knigliche
Hoheit zum Festplatz.


_Karinkel_

Ich komme.


_Bienemann_

(am Fenster)

Das Volk ist schon versammelt.


_Karinkel_

Geben Sie mir das Konzept meiner Rede, Bienemann.


_Bienemann_

Jaso, die Festrede. Hier. (Reicht ihm das Manuskript.)


_Karinkel_

Wie seh ich aus?


_Bienemann_

Tadellos.


_Karinkel_

Ist es wahr, Binder? Keine Flecken?


_Binder_

Da am Knie ist ein Spritzer ... (Bckt sich, reibt.)


_Bienemann_

Von der Bratensauce.


_Karinkel_

Schnell, schnell. Kommen Sie, Binder. Und Sie Bienemann,
bleiben hier und passen gut auf. (Ab mit Binder.)


_Abendrot_

Wolle Se geflligst Platz nehme, Herr?


_Hockenjos_

(setzt sich; zu Bienemann)

Sie sind also der Verfasser der Festrede?


_Bienemann_

Jawohl. Ich bin des Brgermeisters Tintenfa. Er
verschwendet geradezu meinen Geist. Eines Tages werde ich
wegen Gehirnschwund der Armenkasse zur Last fallen.
Vielleicht bekomm ich dann auch einen Denkstein. Die
Inschrift wird lauten: Dem treuen Hohlkopf Bienemann sein
vterlicher Blutegel Karinkel.


_Hockenjos_

Der Mann ist sehr strebsam.


_Bienemann_

Strebsam, ja; das ist er. Fr mich ist er vorbildlich.
Geradezu ein Gattungsbegriff. Er war ein einfacher
Schneider.


_Hockenjos_

(bereits mit abgeschnittenem Bart)

Davon hat er was beibehalten.


_Bienemann_

Die ganze Stadt knnte man Karinkelei nennen. Der Schneider
siegt auf der ganzen Linie.


_Hockenjos_

Sie sind bitter.


_Bienemann_

Bitter und (mit Blick auf Abendrot) unvorsichtig.
(Musiktusch von drauen.) Aha, der Prinz!


_Hockenjos_

Na, Abendrot, was denken denn Sie bei dem Rummel?


_Abendrot_

(einseifend)

Ich hab mer nie Gedanke gemacht ber meine vorgesetzte
Behrde.


_Stadtrat Hannewickel_

(tritt ein; ein schlottriger, schwerhriger Greis)

Entschuldige die Herre, ich mcht mir die Festlichkeit von
owe ansehe. (Stutzt.) No, no, was isch denn das?


_Bienemann_

(ihm ins Ohr schreiend)

Ein berhmter Zeitungsberichterstatter aus Amerika, Herr
Stadtrat. Hat Eile, will dem Prinzen vorgestellt werden. Mu
sich hier rasieren lassen. Mister Koch -- Herr Stadtrat
Hannewickel.


_Hannewickel_

Merkwrdig, merkwrdig ...


_Hockenjos_

#How do you do,# Sir?


_Bienemann_

(ihm ins Ohr)

Er erkundigt sich nach Ihrem Befinden.


_Hannewickel_

Dank schn. Dank schn. (Geht ans Fenster, ffnet es.)


_Stimme Karinkels_

Zum ersten Mal tritt die hohe Aufgabe an uns heran, dem
Namen eines Mitbrgers zu huldigen, eines Mannes, der in
unserem engsten Kreis gestrebt und geschaffen hat, eines
groen, gottbegnadeten Knstlers.


_Abendrot_

Sie msse den Kopf e bissele rechts halte ...


_Stimme Karinkels_

Wir sehen noch im Geist seine herrliche Gestalt durch unsere
Gassen schreiten, wir knnen sein feuriges Auge nicht
vergessen, wir spren noch mit Ehrfurcht den Hauch seiner
Gegenwart, die uns erhoben und ber den Alltag entrckt
hat ...


_Hockenjos_

Da dich der Satan beie ...


_Abendrot_

Nu msse Se 'n Kopf e bissele links halte ...


_Hannewickel_

(zu Bienemann)

Wie heischt jetz der Knschtler, dem Se's Denkmal g'setzt
hawe?


_Bienemann_

(schreit ihm ins Ohr)

Hockenjos!


_Hannewickel_

Richtig. Ich hab halt gar koi Gedchtnis mehr. Drei Sachen
kann i mir berhaupt nimmer merke. Erschtens Zahlen.
Zweitens Namen. Drittens ... Herrjeses, 's dritte haw' i
vergessen.


_Karinkels Stimme_

Der Ruhm seines lichtstrahlenden Pinsels wird durch die
Zeiten schimmern und unsern Shnen ein Vorbild sein -- -- -- --

(Der Vorhang fllt.)



[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch
wurde auf Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die
nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller gegenber
dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 021: sind die Geschehnisse wie Trume .. -> ...
S. 021: Erzhle, Fedor Alexandrowitsch .. mir -> ...
S. 050: die um Iwan wissen .. -> ...
S. 062: Gleich darauf -> (Gleich darauf)
S. 076: Die schnste die vornehmste -> schnste, die vornehmste
S. 098: Hnden anf dem Rcken -> auf
S. 099: konnt' es doch nicht durft' es doch nicht kommen -> nicht, durft'
S. 173: geht nruhig auf und ab. -> unruhig
S. 174: Pnklichkeit -> Pnktlichkeit
S. 193: Herrlicheit -> Herrlichkeit
S. 277: Begriff Geweinwohl -> Gemeinwohl

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Textauszeichnungen wurden folgendermaen ersezt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]



[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans
of a first edition copy. The table below lists all
corrections applied to the original text.

p. 021: sind die Geschehnisse wie Trume .. -> ...
p. 021: Erzhle, Fedor Alexandrowitsch .. mir -> ...
p. 050: die um Iwan wissen .. -> ...
p. 062: Gleich darauf -> (Gleich darauf)
p. 076: Die schnste die vornehmste -> schnste, die vornehmste
p. 098: Hnden anf dem Rcken -> auf
p. 099: konnt' es doch nicht durft' es doch nicht kommen -> nicht, durft'
p. 173: geht nruhig auf und ab. -> unruhig
p. 174: Pnklichkeit -> Pnktlichkeit
p. 193: Herrlicheit -> Herrlichkeit
p. 277: Begriff Geweinwohl -> Gemeinwohl

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text
has been replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Antiqua:    #text in Antiqua font# ]





End of Project Gutenberg's Die ungleichen Schalen, by Jakob Wassermann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNGLEICHEN SCHALEN ***

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Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
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($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
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ways including checks, online payments and credit card donations.
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Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
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