Project Gutenberg's Der Wendekreis - Zweite Folge, by Jakob Wassermann

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Title: Der Wendekreis - Zweite Folge
       Oberlins drei Stufen, Sturreganz

Author: Jakob Wassermann

Release Date: June 11, 2006 [EBook #18552]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ZWEITE FOLGE ***




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                           Jakob Wassermann

                            Der Wendekreis

                             Zweite Folge

                               Oberlins
                              drei Stufen

                                  und

                              Sturreganz


                                 1922
                     S. Fischer / Verlag / Berlin



                     Erste bis fnfzehnte Auflage

                        Alle Rechte vorbehalten
             Copyright 1922 by S. Fischer, Verlag, Berlin




Inhalt

Oberlins drei Stufen ......   7
  Die erste Stufe .........   9
  Die zweite Stufe ........  51
  Die dritte Stufe ........ 121
Sturreganz ................ 225




Oberlins drei Stufen


Marta der Gefhrtin gewidmet




Die erste Stufe


Der Knabe Dietrich Oberlin wuchs im Hause seiner Eltern in der strengen
Zucht auf, die ein Ergebnis ehrwrdiger berlieferung war. Die Familie
gehrte zu den altpatrizischen der Stadt Basel; ererbter Reichtum und
ererbte mter zeichneten sie aus; Dietrichs Grovater war Brgermeister
gewesen, sein Vater war Mitglied der Regierung und sa im Rat der
Nation.

Er war das einzige Kind, zwei Geschwister waren in frhem Alter
gestorben, ihm war die Pflicht zur Haltung und Reprsentation schon mit
dem Erwachen des Bewutseins eingeprgt. Der Tag hatte seine
festbestimmte Teilung; er begann Sommer und Winter um sechs Uhr und
endete um neun. Da war kein bergreifen mglich, keine Viertelstunde
Licht zu abendlicher Lektre, kein Ausflug ber die gesetzte Frist. Bei
Tisch hatte man auf die Sekunde zu erscheinen, waren Gste da, so
unterlag die zu bende Zurckhaltung der wachsamsten Aufsicht. Verkehr
mit Menschen war an Regeln gebunden; das und das hat man zu sagen, das
und das hat man zu verschweigen. Jedem war ein ihm zukommendes Ma von
Ehre zu erweisen, bis auf Gleichaltrige herab; der Name, den er trug,
die Familie, aus der er stammte, der Grad der ffentlichen Schtzung,
die er infolgedessen geno, zeigten die Richtung und ordneten die
Beziehung. Man lernte, wie man jemand durch einen Gru von sich
entfernen oder Entgegenkommen ausdrcken konnte; Lcheln,
Freundlichkeit, Frage, sie beruhten auf Brauch und Verabredung.

In den Zimmern standen die Dinge unverrckbar; es war etwas Heiliges um
das Einzelne, ob es kostbar war oder nicht. Die chinesischen Vasen,
japanischen Schnitzereien; die florentinische Uhr in der Diele mit ihrem
kniglich sonoren Schlag; die bemalten Glasfenster im Treppenhaus, die
eichenen Schrnke im Flur, die Brokatdecken im Salon, die marmornen
Figuren in der Bibliothek, die Ahnenbilder im Speisesaal: Mnner mit
eckigen Schdeln, die Frauen mit hochmtig geschrzten Lippen und
buerinnenhaft stumpfen Augen; das Silbergeschirr auf der Tafel, alles
wie gewachsen, wie von Ewigkeit her. Die Hand der Mutter war nur zu
denken mit dem alten silbernen Ring, den ein ziseliert gefater Smaragd
krnte, und wenn der Blick sich zu ihrem Gesicht erhob, streifte er
zuerst das Sammetband mit dem goldenen Medaillon an ihrem Hals.

War es doch, als trge sie seit tausend Jahren den Ring mit dem Smaragd
und das goldene Medaillon am schwarzen Band. Und sie war eine junge
Frau.

Man ging leise, man sprach ohne merklichen Aufwand von Stimme. Man
behielt die Trklinke in der Hand, bis die Tre geschlossen war.
Mitteilung geschah in gemigter Form. Artigkeit war ein Begriff von
wesentlicher Bedeutung. Alles Tun hatte zum Mittelpunkt das Interesse
des Hauses. Pltzliches war nicht willkommen; in erster Reihe stand das
Gefllige, was nicht verletzt und nicht beunruhigt. Wichtig, zwischen
Herrschenden und Dienenden genau zu unterscheiden, sich niemals etwas zu
vergeben, niemals die weise gezogenen Grenzen zu berschreiten.

Es kann nicht behauptet werden, da der Knabe unter der Unantastbarkeit
der ueren Ordnungen und des tglichen Ablaufes litt. Die Gebote waren
wirksam gewesen, als sein Blut zu pulsen begonnen hatte;
geschlechterlang hatten sie regiert, die eckigen Schdel geformt, den
ernsthaften Bauernblick, die hochmtig geschrzten Lippen; es konnte
dagegen kein Anderswollen aufkommen. Kein Gefhl der Last war da.
Innerhalb des zugestandenen Bezirks durfte Dietrich die seiner Jugend
gebhrenden, dem Rang der Familie entsprechenden Freiheiten genieen.
Da er sie mibrauche, wurde nicht befrchtet. Mibrauch wre bereits
Entartung gewesen, und auf die Art mute man sich verlassen knnen. Die
Familie war eine unzerstrbare Einheit; man htte sagen knnen, sie
unterhielten sich in ihrer besonderen Sprache, wenn sie unter sich
waren. Die Fesseln lockerten sich, die die Welt auferlegte; ein
beziehender Blick, Scherzwort, lchelndes Zunicken besiegelten
Unverbrchlichkeit oder offenbarten Empfindungen, die man sonst
verschlo.

Dietrich war zum Studium der Rechtswissenschaft bestimmt, wie der
lteste Sohn seit jeher. Spter sollte er in den Staatsdienst treten.
Dem Vorhaben der Eltern sich zu fgen, war ihm selbstverstndlich. Er
hatte nie eine abirrende Neigung in sich versprt. Vor ihm lag geebnete
Bahn. Sein eigenes Treiben beschftigte ihn nur im Hinblick auf das
erreichbare Ziel. Er gab sich unfragend dem hin, er war sich ohne
Gewicht fast. Er kannte keine Verdunkelung, keine Zweifel. Gehorsam war
bequem, da er Hindernisse aus dem Weg rumte.

Zu Ende des Winters, in dem er siebzehn Jahre alt geworden war,
erkrankte sein Vater. Schon Monate vorher hatte ihn die Spannkraft
verlassen. Er zog sich von den Geschften zurck, legte mter und
Ehrenstellen nieder, wollte seine Freunde nicht sehen, hatte den Glauben
an sich, an die Zukunft, an die Nation verloren, und wurde die Beute
einer unabwendbar einsickernden Schwermut, die den krperlichen Verfall
beschleunigte. Kaum, da er begraben war, fiel auch Dietrich in schwere
Krankheit, von der er sich erst mit Anbruch des Frhlings zu erholen
begann.

Der Arzt riet, ihn aufs Land zu schicken, und zwar fr lange. Damit der
Studiengang nicht geschdigt wrde, erachtete er es fr zweckmig, wenn
er in einer Waldschule Unterkunft fnde. Nach mancherlei Umfragen wollte
sich die Ratsherrin fr die Schulgemeinde Hochlinden entscheiden, die
sich durch ihre landschaftliche Lage in einem Tal des sdlichen
Schwarzwaldes empfahl; aber gutmeinende Bekannte warnten vor den extrem
modernen Ideen, die dort im Schwange seien, und hauptschlich vor dem
Leiter der Anstalt, Doktor von der Leyen, der in pdagogischen Fragen
als gefhrlicher Fortschrittler galt.

Zufllig war Georg Mathys auf Ferienbesuch bei seinen Eltern. Er war
seit einem Jahr Zgling in Hochlinden. Die Mathys, weltberhmte
Seidenweber, im Besitz des Privilegs seit 1560, waren als Familie
ebenbrtig. Nach ihrer Meinung sich zu richten, ihren Rat zu befolgen,
lag nahe und war klug. Die Auskunft beseitigte jedes Bedenken. Georg
selbst schilderte ihr das Leben in der Schulgemeinde ruhig und
anschaulich. Er urteilte nicht, schwrmte nicht, das sagte ihr zu. Da
er gewillt war, sich Dietrichs anzunehmen, war ein Grund mehr fr die
Wahl von Hochlinden. Er war um zwei Jahre lter als Dietrich, machte
aber den Eindruck eines gereiften Charakters. Er war schlank, gro,
hatte etwas Sanftes im Wesen und sehr schne Augen mit langen Wimpern.

       *       *       *       *       *

Es war leicht, sich in Hochlinden einzuleben. Unbefangenes
Entgegenkommen streifte dem Schchternsten die Fessel ab. Die Freiheit
der Gebrde verwunderte Dietrich mehr als die des Wortes. Er mute
jedesmal eine Hemmung berwinden, bevor er gelockert und gleichgestimmt
war.

Dies spiegelte sich in seinem Gesicht. Es war ein Gesicht ohne die
schlauen und ngstlichen Verstecktheiten, wie es viele Siebzehnjhrige
haben. Es war zu allen Tageszeiten von derselben Frische. Man konnte ihn
aus dem Schlaf rtteln, und die Frische leuchtete. Der Kopf war klein,
der Krper von zartem Bau. Geradezu auffallend war die Kleinheit und
Feinheit seiner Hnde. Man hielt ihn anfangs fr verweichlicht, aber er
war ein vorzglicher Turner und Schwimmer, und im Ringkampf war ihm nur
Kurt Fink berlegen, der Berliner. Damit setzte er sich in Respekt.

Georg Mathys gab ihm freundschaftliche Unterweisung, wie er sich in
bestimmten Fllen zu verhalten habe. Er war mit Dietrich in der
Kameradschaft Doktor von der Leyens. Es fiel Dietrich uerst schwer,
sich an das Du zu gewhnen, mit dem er wie alle diesen Mann anreden
sollte. Von der Leyen war es darum zu tun, die Fremdheitsschranke
niederzureien, die aus dem Lehrer einen Popanz, aus dem Schler ein
unbeseeltes Instrument machte. Das Mittel der vertraulichen Anrede war
zweischneidig, er verhehlte es sich nicht, aber er wog keine Gefahr,
wenn es ihm darum zu tun war, sich zu bewhren. Er wog nicht einmal die
Enttuschung. Nicht auf Disziplin kam es ihm an, die er in den Hnden
der Pedanten und Moralisten zu einem Erwrgungsapparat hatte werden
sehen, sondern auf den freien Entschlu des Einzelnen, sich der
Erkenntnis eines Fhrers zu beugen, der zugleich Liebender war. Er
glaubte an die Mglichkeit der Verwandlung in jungen Menschen, und von
diesem Glauben erfllt, nahm er nur an, was ihn befestigte.

Zwang und Vorschrift wirkten nicht als solche. Jeder sollte zu der
anspornenden Meinung gebracht werden, als bestimme er selbst das Ausma
seiner Pflichten. Ein berlegener Geist handelte nach wohldurchdachtem
Plan, dem sich die untergeordneten Organe willig fgten.

Das Erstaunen Dietrichs bei den uerungen von der Leyens wuchs von Tag
zu Tag. Der Gegensatz zu dem, was er bisher fr erlaubt und
erstrebenswert gehalten, war so grell, da er sich in eine Region
versetzt whnte, von der gewohnten so verschieden wie Feuer von Wasser.
Er schaute um sich, er besann sich; es war noch die Welt, und es war
nicht mehr die Welt. Die weit hinaus geebnete Bahn verschwamm im
Ungewissen.

Wenige knnen sich verwandeln. Verwandlung erschttert das Herz.

       *       *       *       *       *

An einem jener Diskussionsabende, die zu den Einrichtungen in Hochlinden
gehrten, hielt Doktor von der Leyen eine Rede, worin er mit der
Unwiderstehlichkeit und polemischen Kraft seiner Beweisfhrung
entwickelte, da der Kultus, den die Gesellschaft den geistigen Heroen
weihe, auf fortwuchernder Lge beruhe. Er wnsche, da sich die Jugend,
seine Jugend, von dieser Lge lossage; sie she wie Trgheit und faules
Mittun aus; sie sei wie der katholische Abla und absolviere von dem
Trieb zur hchsten Leistung. Wem von Kindesbeinen an ins Gehirn
gehmmert werde, da das Groe bereits getan sei, dem bleibe im besten
Fall nur demtige Nachfolge brig, im schlimmsten der gedankenlose Trost
der sozialen Wanzen. Der Gespensterwahn msse von der Erde vertilgt
werden; jede Zeit habe ihre eigenen Aufgaben, unabhngig von aller
andern Zeit, jeder in ihr Geborene habe seine eigene Sendung; keinem,
der da lebe, sei die oberste Staffel verwehrt, kein Lorbeer sei ein fr
alle Mal vergeben, die Vergottung der Gewesenen mache die blhende
Gegenwart zur Katakombe. Nicht Nachfolger sollt ihr sein, sondern
Vorlufer, rief er aus; verlacht die, die von euch die Andacht vor dem
Fetisch fordern. Kniet nicht nieder um zu beten, wo es besser ist,
Germpel in die Rumpelkammer zu werfen.

Wie sich denken lie, wurde die Philippika mit Jubel aufgenommen, und
ein junger Westpreue, Peter Ulschitzky, ging noch einen Schritt weiter
im ungestmen Verlangen und wollte den Bildersturm gleich in Tat
umsetzen, Klassiker verbannen, die Anerkannten mit dem Interdikt
belegen. Dann meldete sich Georg Mathys zum Wort; er war khn genug,
einen Ausspruch seines Vaters zu zitieren, der gesagt hatte: Hte dich
vor denen, die Huser bauen wollen und damit anfangen, die Wlder zu
verbrennen und die Steinbrche zu verschtten. Er fragte, ob auch jeder
Vorlufer befhigt sei, einen Weg zu finden, und ob nicht eine greuliche
Verwirrung zu befrchten sei, wenn alle vorausrennten und keiner mehr
warten wolle, wohin man kme? Und ob mit dem Germpel nicht viel
Ntzliches und Tchtiges in die Rumpelkammer geriete? Und ob es fr die
Mehrzahl der Menschen nicht dienlicher sei, Geschaffenes zu verehren,
als frech und pfuscherhaft sich anzumaen, Neues zu schaffen?

Er stand im Ruf eines Reaktionrs, und Doktor von der Leyen nannte ihn
bisweilen den Basler Hemmschuh. Aber er war ihm deshalb nicht gram; es
behagte ihm, wenn die Meinungen scharf gegeneinander stieen und bot
selbst das schne Beispiel der Duldsamkeit. Leben wollte er um sich
wissen, und Leben hie Aufruhr, Frage, Widerpart.

Aus Georg Mathys redete, ohne da er dessen vielleicht inne wurde, die
zusammenfassende Kraft eines konservativen Gemeinwesens, die alte Polis
mit bewahrender Sitte und beruhigter Form. Da war er verwurzelt, und
mochten die Zweige noch so weit und wild langen, das Erdreich hielt ihn
in unabnderlicher Festigkeit. Was ihn von auen her veranlat hatte,
sich gegen die whlerische Flut zu stemmen, war nur ein Blick gewesen,
der sich zu Dietrich Oberlin verirrt hatte. Das Bild blieb lange.
Oberlin, mitten unter den Knaben sitzend, war verzaubert; seine Augen
hingen in schwrmerischer Hingabe an den Lippen des Lehrers, um jeden
Hauch, jede Silbe einzufangen. Die jngerhaft leuchtende Hingabe zu
spren, bengstigte Mathys; es war etwas darin von der leidenschaftlichen
Fruchtbarkeit des nie bepflgten Humus, der Unkrautsamen mit gleicher
Gier empfngt wie edlen.

       *       *       *       *       *

Lucian von der Leyen war ein hagerer Mann ber Mittelgre im Alter von
ungefhr fnfzig Jahren. Er gehrte zu den streitbaren Erziehern und
wirkte in Wort und Schrift fr seine reformatorischen Ideen unablssig.
Er hatte viel Anfeindung erfahren; Verleumdung lag stets auf der Lauer.
Es beirrte ihn nicht; je heftiger die Gegnerschaften waren, je hher
trug er den Kopf.

Seine Zge hatten eine strenge Prgung; in dem blassen, knochigen
Gesicht steckten kleine fahle zumeist erloschene Augen, die das Gesicht
noch finsterer machten. Im Verkehr mit Erwachsenen und Fertigen, Leuten
von Beruf und Amt war er wortkarg, unliebenswrdig, ja abstoend; wenn
er mit seinen Zglingen sprach, strahlten diese selben Augen eine
berckende Gte aus, und die von der bitteren Geschlossenheit des Mundes
herrhrenden scharfen und bsen Linien wurden weich.

Es war ihm Werk. Jeder Schritt Entdeckung, jeder Schritt Wagnis. Sich
der schlimmen Erfahrungen zu erwehren, verlangte einen Charakter von
Stahl. Kein Vertrauen ohne uerste Wachsamkeit; kein Gelingen ohne
bestndigen Kampf. Kampf mit den Mchten drauen, mit den Mchten
drinnen; Kampf wider die Gewhnung, wider die Verstocktheit. Die
Gesellschaft in wartendem Argwohn, bereit, den Stein zu schleudern, den
ihr Verrat und Migunst in die Hand schob; der Staat in abgefeilschter
Duldung; Zweifel von allen Seiten; die Brde der Verantwortung
erdrckend; Furcht vor Untreue dauernde Qual; und immer wieder Verlust
des Menschen, dem man Gestalt verliehen und Richtung gewiesen, der einem
vielleicht als Geschaffenes teuer war, als Besttigung unentbehrlich; er
lste sich los, verlor sich, verging. Es war wie bei einer Leydener
Flasche: ein berspringen von wunderbar gleienden Funken, dem Element
entlockt, eine bewegliche Kette von Licht; aber zwischen Funken und
Funken Ur-Finsternis.

Von seiner Vergangenheit war wenig bekannt. Bis zu seinem vierzigsten
Jahr hatte er ein unstetes Wanderleben gefhrt, feste Anstellung
verschmhend, oder wenn er sich dazu verstanden, durch Rnke der
Fachgenossen und das herausfordernd Neue seiner Methode wieder
vertrieben. Seine Schriften waren totgeschwiegen worden, eine, Die
Erotik in der Schule betitelt, hatte der Staatsanwalt beschlagnahmt.
Eine Zeitlang hatte er sich in wrgendem Elend befunden; gerettet hatte
ihn nur der eiserne Wille und trappistische Bedrfnislosigkeit. Endlich
wurde man auf ihn aufmerksam. Ein Berliner Bankkonsortium hatte das Gut
Hochlinden angekauft und das zur Durchfhrung seines Projekts notwendige
Kapital zur Verfgung gestellt. Der Erfolg rechtfertigte den damals noch
khnen Versuch.

Es war ein anmutiges Stck Erde, vom Talgrund in Hgelterrassen
aufsteigend, stundenweit von Stdten, mit Wiesen, Wald, Fruchtgrten,
Wssern, Brunnen, Stllen, Meiereien, Tennispltzen und zierlich
verstreuten Husern. Kaum ein Jahr verging, ohne da die Wohn- und
Schulgebude nicht vermehrt und vergrert werden muten.

       *       *       *       *       *

An einem regnerischen Sonntagnachmittag hatte sich eine Anzahl Knaben im
Spielsaal versammelt, der das Erdgescho eines groen Pavillons einnahm.
Zuerst wurden die Schachtische besetzt; um die Spieler gruppierten sich
Zuschauer, die alsbald lebhafte Kritik an den Zgen bten. Der
allgemeine Lrm verschlang ihre Stimmen. Belustigendes Einzelnes lste
sich aus dem Getse, ein horazischer Vers; eine chemische Formel; Streit
ber den Tonnengehalt eines neuen Ozeandampfers; Gelchter ber einen
Witz; Nachfrage um ein verlorenes Messer. Ein Rotkopf wettete, da er
auf den Hnden gehen knne; als er das Kunststck zum Besten gab,
erntete er Applaus. Der Ruhm stachelte einen andern; er behauptete,
Bauchredner zu sein, aber da er es nur zu quiekenden Mitnen brachte,
wurde er verhhnt. Zu hren waren Stimmen in der Fistel und im
prahlerischen Ba wie Durcheinander von Vogelgezwitscher und
Brengebrumm. Ein Prfekt rief vom offenen Fenster einen Namen herein;
dann verirrte sich eine Schwalbe in den Raum und erzwang durch ihren
ngstlichen Kreuzflug Sekunden neugieriger Stille.

Als es dmmerte, kam Doktor von der Leyen mit mehreren seiner
Kameradschaft; sie hatten trotz des schlechten Wetters einen Gang durch
den Wald gemacht, Mathys, Ulschitzky und Kurt Fink. Oberlin hatte nicht
daran teilgenommen; er hatte einen Brief an seine Mutter, die
Ratsherrin, geschrieben und war erst vor kurzem in den Saal gekommen.
Er sa am Klavier und spielte, unbekmmert um den Tumult, mit suchenden
Fingern eine Melodie aus Carmen. Da trat Kurt Fink neben ihn, bermtig,
hndelschtig, und schnarrte in seinem Berliner Dialekt: Pfui Deibel,
das is ja, als ob deine Gromutter aus dem Grabe winselt. Oberlin
stutzte, spielte aber weiter, als htte er nichts gehrt. Kurt Fink
erboste sich, fuhr mit der Linken ber die ganze Tastatur, was ein
kreischendes, dann drhnendes Saitengeklirr hervorbrachte, schob dabei
Dietrichs Hnde weg und rief: Schlu mit dem Schmachtfetzen.

Oberlin erhob sich, und sie standen Aug in Auge. Da war etwas von der
Feindschaft der Stmme drin; Norden gegen Sden. Die Knaben stellten
sich im Kreis um Beide. Solche Auftritte waren selten. Fink sprte, da
er Mibilligung erweckte und zu weit gegangen war; er brach in Lachen
aus, das aber nichts gutmachte, sondern beleidigend klang. Oberlin
verfrbte sich. Ein verwirrter und zorniger Blick musterte die
Gesichter; er htte sich am liebsten auf Fink gestrzt, aber die
Anwesenheit Lucians lhmte ihn. Er senkte den Kopf, und als er die Augen
wieder emporrichtete, begegneten sie denen von der Leyens, die ihn
fragend oder forschend anschauten. Er miverstand den Ausdruck und
glaubte, da er Rechenschaft geben solle; seine Verwirrung wuchs, und
sich an Lucian wendend, stie er trotzig hervor: Er soll aufhren zu
lachen. Das war kindlich, und auf einigen Gesichtern zeigte sich
Grinsen.

Genug des Unsinns, Kurt, mischte sich von der Leyen ein und legte die
schwere Hand auf Oberlins Haupt. Die Knaben traten auseinander. Kurt
Fink hatte seine Absicht erreicht, er nahm am Flgel Platz und begann
einen Gassenhauer zu trommeln, den er mit parodistischem Krhen
begleitete.

Und wir beide? wollen wir nicht ein bichen miteinander plaudern?
fragte von der Leyen den noch immer befangenen Dietrich.

Gern, wenn du Lust hast, antwortete er berrascht.

Eine Weile gingen sie im Saal auf und ab, der sich langsam leerte. Von
der Leyen, den Knaben um die Hhe der Stirn berragend, hatte den Arm um
seine Schulter geschlungen. Nachher setzten sie sich in eine Ecke, und
das Gesprch wurde intensiver. Wenn Oberlin redete, hing sein offener,
voller, beglckter Blick an dem Gesicht des Mannes; wenn dieser das Wort
ergriff, bog er mit ber den Knien verfalteten Hnden den schmalen
Krper nach vorn, und je wichtiger ihm das zu Sagende erschien, je
gedmpfter klang seine Stimme. Erst als die Glocke zum Abendessen
lutete, erhoben sie sich.

       *       *       *       *       *

Von da ab verging kein Tag ohne ein solches Zusammensein von Lehrer und
Schler. Da der Unterricht, sofern es das Wetter irgend zulie, im
Freien abgehalten wurde, beim Lagern auf Wiesen oder im Wald und auf
Wanderungen, boten sich die Gelegenheiten ungesucht. In dieser Zeit war
Oberlin gegen die Kameraden schweigsam, auch gegen Mathys und Justus
Richter, einen Heidelberger Professorssohn, an den er sich angeschlossen
und dessen aufrichtige Art ihm Sympathie eingeflt. Nur in seinen
Mienen verriet sich eine nicht aussetzende Erregung.

Schwer war die Scheu vor dem Mann in ergrauenden Haaren zu berwinden
gewesen, vor seiner Wrde, seinem Wissen. Doch wenn er sprach, in seiner
leisen, horchenden, sinnenden Art, verschwand Wrde und Wissen, das
ergraute Haar, das faltige Gesicht.

Was den Knaben am mchtigsten anrhrte, da er bis in die Knie gebannt
war, gebannt emporsah, war der unergrndlich tiefe, geistige Ernst. Das
schnitt durch und durch, wie Eisluft von einem Gletscher. Das Lcheln,
das heitere Wort, die herzliche Gebrde beleuchteten den Ernst nur, sie
verdeckten ihn nicht.

Sich ihm zu nhern, war, als ob man sich erfrechte. Und doch war er
selbst herangetreten und hatte einem den Arm um die Schultern
geschlungen. Es ehrte unermelich. Jeder einzelne Blutstropfen unterwarf
sich. Die freiwillige, enthusiastische Unterwerfung war seliger Rausch.

Er stand ganz oben in Dietrichs Augen; befehlender Mensch, bestimmender
Geist. Sein Wort glich einer Mauer, an die man sich lehnt und die
Sicherheit gewhrt. Die heimlichen und feurigen Gedanken von
fnfundachtzig Knaben folgten ihm in seine wolkenhafte Hhe, und wer
wei wie vieler noch von drauen. Und er war herangetreten, um den Arm
um seine Schultern zu schlingen. Schauderndes Gefhl.

Dietrich hatte nie einen gegenwrtigen Zustand an einem vergangenen oder
einem mglichen gemessen. Es hatte ihm immer geschienen, da alles so
war, wie es sein mute; es anders zu wnschen, war ihm nicht in den Sinn
gekommen. Jetzt sah er sich um wie einer, der aus Trumen erwacht, in
denen er gedemtigt worden ist, ohne es zu merken; er erwacht verwundert
und beschmt. Von der Leyens bloe Nhe bewirkte, da er ungern
zurckdachte; Heimat und Vaterhaus waren de, weil dort keiner war, zu
dem man bewundernd emporsehen konnte.

Das Du, das ihm erlaubt war, vermehrte die Ehrfurcht und Dankbarkeit
nur. Es war wie ein berkostbares Geschenk, das man selten zu
gebrauchen wagt. Er war pltzlich voller Zweifel in bezug auf sich
selbst. Frher wre es ihm fern gewesen, sich zu fragen, ob das, was er
gesagt, getan, wie er sich hielt, sich gab, richtig und gut war. Jetzt
prfte er sich innen und auen; ein bereiltes Wort qulte ihn; ein
begangener Fehler machte ihn in der Erinnerung erbleichen; er sprte
bedrckend das Langsame seiner Auffassung, das trge Beharren in seiner
Natur; er war voll Unruhe, voll brennenden geheimen Eifers, voll Angst,
nicht erfllen zu knnen, was von ihm erwartet wurde; was Er erwartete.
Gab er ihm denn so viel Vorsprung, da er so freundlich war? Sammelte er
Forderungen in der Stille, um ihm dann seine Unzulnglichkeit desto
bndiger zu beweisen? Warum war er freundlich? Warum redete er wie zu
einem Gefhrten? Vielleicht berschtzte er ihn; Oberlin zitterte vor
dem Tag, der ihn, Dietrich, in seiner wahren Gestalt zeigen mute,
seiner groben, trben, migebildeten Beschaffenheit.

Er war sich unwert. Er gefiel sich nicht. Dennoch wollte er Ihm
gefallen, um jeden Preis. Kein Opfer war zu hart; nur Ihn nicht
enttuschen, nur nicht zurckgestoen werden, da man doch, aus
unerklrlichen Grnden freilich, einmal vorgezogen war; nur nicht wieder
ein Unbeachteter sein, verdeckt, versteckt unter den Andern, nur nicht
wieder hinab in die gefhllose Leere, wo kein Glanz war, kein
Gerufenwerden, kein Arm-in-Arm-Wandeln, kein Gehrtwerden. Er htte
beten mgen darum.

Bisweilen warf er einen musternden Blick in den Spiegel und hate sein
Gesicht, weil es nicht edler und bedeutender war, nahm ein schwer
verstndliches Buch zur Hand und hate sein Gehirn, weil es nicht
leichter begriff. Er schrieb seinen Namen auf die Lschbltter und fand
ihn hlich, nichtssagend, plump. Alles war Ungengen, Verzagen,
Kriechen im Schatten; alles Hunger und Begier nach Seinem Wort, Seinem
Einverstndnis, Seiner Billigung.

War er in Lucians Gesellschaft, so blhte das Leben. Er hatte Plne, er
wollte etwas werden und etwas knnen. Nach und nach fate er Mut zu
Fragen, die ohne Wortkleid in ihm geschlummert hatten, ber Menschen und
alltgliche Vorflle. In der Freude am Sichberliefern las er ihm Briefe
seiner Mutter vor. Erzhlte vom Vater, von abendlichen Gngen ins
Gebirge, von der Ermatinger Villa am Bodensee, wo die Familie den Sommer
zu verbringen pflegte, von Regatten, Wettschwimmen, Fischpartien. Es gab
harmlose Erlebnisse, die er mit lebhafter Eindringlichkeit vortrug. Sie
sollten bezeugen und bezeugten auch einen Schatz von bereits gesammelten
Erfahrungen. Lucian von der Leyen nahm es in diesem serisen Sinn auf.
Unter anderem berichtete er von einer Katze und einem Hund, die er seit
ihrer Geburt besessen; wie die Tiere sich zur Verwunderung aller
miteinander angefreundet und schlielich unzertrennlich gewesen seien;
stets um ihn und mit ihm, sogar die Katze folgte treulich bis zur
Bootshtte; eines Nachts weckt ihn ein Schrei, wie er nie einen
vernommen; er lauscht, wirft sich in Kleider, eilt ins Freie; wieder ein
Schrei, als ob ein Mensch erstochen wrde; sogleich denkt er an die
Katze, er luft durch den Garten ans Seeufer, da kommt ihm der Hund
entgegen, verbrecherhaft geduckt, er stellt ihn zur Rede; man knne das;
Hunde antworteten; und der Hund habe gestanden, aus bsem Gewissen
heraus; er fhrt ihn zum Zaun, dort liegt, in schwachem Mondlicht
sichtbar, die schne Katze mit dem getigerten Fell ausgestreckt in ihrem
Blut.

Von der Leyen sagte: Zwischen denen mag etwas Schlimmes passiert sein,
bevor ihre Freundschaft ein so jhes Ende genommen. Wer das wte, der
wte viel von verborgenen Dingen. War dir nicht nachher in der
Phantasie der Moment der schrecklichste, wo du die Katze wehrlos unter
den Zhnen des Hundes gedacht hast? So weit reicht bei den meisten die
Vorstellungskraft nicht, und deshalb steht es mit ihnen so bel.

Im Ton niemals eine Mahnung an die Kluft der Jahre. Brder redeten.
Einer, der den Kreis der Welt durchlaufen und atemholend zurckschaut;
einer am Beginn. Flle des Schicksals hier, Unbekanntschaft mit ihm
dort; das machte die Brcke fester, das Hinbergehen lockender, die
Tiefe unten, den flieenden Strom. Auch von der Leyen erzhlte; selten
Begebenheiten in einer Folge, noch seltener Erlittenes; im
Vorberstreifen, seinem verschlossenen Wesen abgestohlen, ri er eine
Stunde aus der Erinnerung, in der Entscheidung gefallen war; ein Antlitz
tauchte auf; ein Freund, ein Gehilfe; ein Feind, ein Verderber; der Tod,
Trennung; Irrfahrten; Bittwege; Canossawege; wieder das Juwel eines
gefundenen Herzens: ein Freund.

Oberlin lauschte entzckt. Lucian hielt ihn also nicht fr zu gering, um
sich mitzuteilen; darauf war Verla. Eid war nicht bindender als
einbezogen sein in das Vertrauen. Allmhlich schmolz ihm Zug um Zug in
dem Bild des Mannes zusammen, das er verklrte ber jeden Begriff. Er
erriet die Einsamkeit dieses Lebens; er wollte ihr ein Ende bereiten; er
sprte die Entbehrungen; er wollte sie vergessen machen. Es dnkte ihm
ein Ziel, er sah eine Aufgabe.

Lucian von der Leyen kannte nur Ein Verknpfendes zwischen Menschen, das
war Freundschaft. Der Freund war ihm die reife Frucht des Schaffens und
Seins. Er hatte kein Gefhl fr Familienbeziehungen, Neigung zwischen
Eltern und Kindern, zrtliche Rcksicht auf Blutsverwandte und Pflichten
der Piett; nicht einmal Verstndnis, nur Spott und abschtziges
Bedauern. Es waren ihm animalische Instinkte oder klug benutzte, unter
dem Mantel der Heuchelei gepflegte Mittel zur Aufrechterhaltung der
Leibeigenschaft. Vor vielen Jahren hatte er in einer Schrift, die sogar
die Entrstung der Umsturzlsternen erregt hatte, die Grndung
staatlicher Institute vorgeschlagen, Findelhuser groen Stils, in denen
alle Neugeborenen mnnlichen Geschlechts als Namenlose und des Namens
Entkleidete bis zum zwanzigsten Jahr erzogen werden sollten. Er hatte
verheien, eine derart umgeformte Menschheit wrde nach einem halben
Jahrhundert Siechtum und Verfall berwunden haben.

So erblickte er auch in der Liebe zwischen Mann und Weib nichts anderes
als eine Form der Leibeigenschaft. Seine uerungen darber geschahen
unter merklichem Widerwillen. Eine Frau war ihm ein Geschpf aus einer
fremden, untergeordneten Region. Da alle Dichtung auf Erotik gestellt
war, begrndete er mit dem Hang des Menschen zu Traum und Symbol, die in
den hohen Beispielen der Deutung bedrftig waren, in den niederen ihrer
umnebelnden und lgenhaften Wirkungen halber zur Abwehr und Verachtung
zwangen.

Er war ohne Anhnglichkeit an Dinge, ohne Streben nach Besitz, ohne
sinnliche Verkettung. Gensse reizten ihn nicht. Begierden beunruhigten
ihn nicht, Ansprche an Wohlbehagen stellte er nicht. Zu empfinden
vermochte er nur fr den Freund. War es eine ihm innewohnende
verfeinerte oder vergeistete Sehnsucht? Aber an den Gleiches Wollenden,
Gleichgearteten schlo er sich nicht an. Es war auch keiner da, man
erfuhr von keinem. Er stand so sichtbar allein, da man ihn verbndet
und mit Gefhrten kaum denken konnte. Doch wenn von den Zglingen einer
nur ihm an der Seite ging, es brauchte nicht ein Erwhlter zu sein, war
er pltzlich nicht mehr der Abgekehrte, der Unverbundene; dann war in
seinem Aug zu lesen: du und ich. Dies du und ich war keuscheste
Hoffnung, furchtsamster Wunsch; Wollust von einem, der Seelen an sich
pret und ihr epheuhaftes Ranken mit der eigenen nhrt.

Er sagte zu seinen Schlern, seit die Freundschaft aufgehrt habe, ein
Element des sozialen Lebens zu sein, sei die abendlndische Welt mit
unaufhaltsamer Gesetzmigkeit gesunken, und der brderliche Geist des
Humanismus wandle sich in verfolgungsschtige Barbarei. Er erzhlte
ihnen von berhmten Freundschaften, und die karge Reinheit seiner
Darstellung gab den Nchternsten Bild und Begriff; wie nur Freundschaft
das Einzelschicksal aus dem tragischen Grauen zu heben vermge, das der
Kreatur als solcher angeboren. Die Griechen htten es gewut und den
Altar der Freundschaft zum heiligsten gemacht; daher die Gre des Volks
und die fast unbegreifliche Zahl schpferischer Menschen. Heute aber,
sagte er, ist die Entzckung nicht mehr da von Mann zu Mann, der Glaube
nicht, die Macht von Gemt zu Gemt nicht. Der Freund ist zum Gespielen
geworden, zum Mitwisser, zum Zeitverderber, und spter ist er Herr oder
Sklave oder Feind. Lat doch lieber die Erde absterben und die Nationen
vergehen, als da ihr so weiter lebt, so arm, so halb.

Bei solchen Worten liebten ihn die jungen Herzen noch mehr als sonst.

       *       *       *       *       *

Es konnte ihm aber nicht entgehen, da er in Oberlin einen gewonnen
hatte, der ihm wesentlicher anhing und beharrlicher folgte als je einer
zuvor. Den hatte er aus dem Innersten entfaltet und in die Flamme
hineingetrieben, wo er nun mit Adorantenhnden stand. Es bewegte ihn
sehr. Er htte nicht khner begehren knnen, als es nun die Wirklichkeit
schenkte.

Manchmal schaute er in das erschlossene Jnglingsgesicht und dachte
froh: ein Schler! Was lag da nicht drin an Gewhr, an Unvergnglichem!
So konnte es also sein! Manchmal auch erschrak er: bin ich dem
gewachsen? Da war kein Einschrnken und Struben; der volle Akkord aus
der Tiefe, glockenklar.

Zarteste Obliegenheiten erwuchsen daraus. Selbstprfung,
Selbstbewachung; ein Fhren wie an seidenen Fden. Er wurde gespannter,
elastischer, beredter. Im Mae wie es ihn ergriff, erfuhr er die
hundertmal erfahrene Angst von neuem: Angst vor Verlust, vor der
Brchigkeit, vor der Zeit und dem ruberischen Geschick. Auch dieser
Ikarus wird mir in den Abgrund strzen, sagte er sich.

Indessen wurden die andern Knaben, namentlich die in der Kameradschaft,
ungeduldig. Die Bevorzugung des hbschen, aber nach dem allgemeinen
Urteil etwas simplen Oberlin verrgerte viele. Es hatte stets
Begnstigte gegeben, doch so weit war es nie gediehen. Whrend aber die
Unzufriedenheit in den meisten nur still grte, auch durch ein Wort oder
Lcheln von der Leyens leicht zu beschwichtigen war, bte Kurt Fink
hmische Kritik. Dabei blieb es nicht; er verbndete sich mit dem
Prfekten Rottmann, und das Einverstndnis gewann herausfordernden
Charakter; denn zwischen Rottmann und von der Leyen bestand eine
ernstliche Verstimmung. In einer Frage von prinzipieller Wichtigkeit
hatte der Prfekt dem Schulleiter Widerpart geleistet und im Verlauf
einer scharfen Auseinandersetzung sogar mit der ffentlichkeit gedroht.

Von der Leyen hatte die Verfgung erlassen, die gemeinsamen
Leibesbungen sollten vllig nackt, auch ohne die bliche Lendenhose
vorgenommen werden. Er nannte dies Kleidungsstck unzchtig und sagte,
es versetze in den Zustand des Ausgezogenseins, nicht des Nacktseins.
Die Knaben waren auf Doktor von der Leyens Seite und erklrten sich bei
der Schulversammlung einhellig fr ihn; danach aber hatte Rottmann eine
Gegenpartei zu bilden vermocht, die er heimlich aufwiegelte. Er pochte
auf seine Verwandtschaft mit einem der Geldgeber der Anstalt, war aber
dabei ein armer Teufel, aus welchem Grund sich auch von der Leyen nicht
entschlieen konnte, ihn brotlos zu machen.

Hrt mal, Kinder, so geht das nicht weiter, polterte eines Abends
Justus Richter. Rottmann schleicht im Schlafsaal herum, wenn man mde
ist, spioniert und stnkert. Ich erlaube nicht, da hier gestnkert
wird. Hier hat gute Luft zu sein, basta. Was hat er denn von dir
gewollt, Oberlin, als er dich beiseite nahm?

Dietrich antwortete: Ich habe ihn nicht verstanden. Er tat so
geheimnisvoll. Er sagte, Lucian beginge Unrecht an sich und an uns.
Seine ideale Absicht wre nicht zu bezweifeln, aber er wre sich nicht
klar darber, da er widernatrliche Triebe in uns wecke.

Richter, der schon im Bett lag, schnellte auf. O das Schwein! rief er.
Hier gelob ichs, wenn er wieder das Lokal betritt, werf ich ihn die
Treppe hinunter. Was fr ein schmutziges Schwein. Und was hast du ihm
erwidert?

Ja, ich wute nicht, sagte Dietrich zgernd, ich wute garnicht, was
er meinte. Was sind denn das: widernatrliche Triebe?

Herzliches Gelchter folgte der Frage. Eine Weile noch wurde Dietrich
geneckt, dann drehte der Zimmerlteste das Licht ab. Mehrere schimpften,
aber zehn Minuten darauf war rhythmisch durchatmete Ruhe. Dietrich
allein konnte lange keinen Schlaf finden. Mitten in der Nacht erhob er
sich. Mattes Licht klebte an den Scheiben; er sah die schlummernden
Gesichter der Kameraden, einige glatt und heiter, einige wie im Schmerz
verzogen; ein Seufzen von irgendwo, ein geflsterter Laut wieder;
drauen rauschten Bume, es war so schwl, so eigen; auf den Zehen
schlich er zum Fenster, ffnete es und beugte sich hinaus, weit,
durstig, beklommen, trumend halb, die Welt war wie ein Wurm, der im
Kriechen md geworden ist und regungslos liegt, der Himmel oben wie eine
zugemachte Tr. Was tust du, Oberlin? fragte eine leise Stimme.

Dietrich kehrte sich betroffen um. Es war Georg Mathys, der mit aufs
Kissen gesttztem Arm ihn still forschend betrachtete.

Des Morgens um sieben Uhr war Wettlauf in der groen Lngshalle
angesagt. Als im goldigen Frhlicht die sechzehn-, siebzehn-,
neunzehnjhrigen nackten Leiber sich geschmeidig durcheinander bewegten,
hatten sie mit den Kleidern das eitel Unterschiedene abgestreift und
waren sorglos spielende Fische geworden. Oberlin, von jhem
Mutwillensrausch erfat, fhrte einen Tanz aus, glitt von einem Knaben
zum andern und verbte Schabernack, entschlpfte gewandt, wenn sie ihn
packen wollten, kletterte schlielich waghalsig auf einen der
Tragbalken, ri einen Glycinienzweig ab und flocht sich ihn um die
Stirn. Seht, Oberlin ist nicht bei Verstand, hie es; aber seine
Ausgelassenheit war ansteckend.

Die Gruppen traten zum Lauf an. Zuerst die Kameradschaft des Prfekten
Kre. Es gab harten Kampf, von Zurufen und Hndeklatschen begleitet. Ein
langbeiniger Junge war dem Ziel bereits nah, da berholte ihn der
dickliche Wiener Meerheim, drehte sich, als er gesiegt hatte, um und
machte in der Atemlosigkeit eine so komische Triumphgrimasse, da das
Gelchter darber die Luft erschtterte.

Die Leyensche Kameradschaft hatte die besten Lufer. Lucian beteiligte
sich selbst, was den Ehrgeiz hochtrieb. Er hatte einen mageren
Pantherkrper, gestreckt, muskuls, uerst gehorsam. Nachdem angetreten
war, gab einer der Prfekten das Zeichen zum Start. Zehn Paar Fe
raschelten flink ber den Asphalt; es war, wie wenn Tauben auffliegen.
Anfangs war Kurt Fink voraus; dicht neben ihm hielt sich Georg Mathys,
der prachtvoll lief, federnd, schleifend, wie mhelos. In der Mitte der
Bahn gewann Oberlin die Spitze, um Armeslnge, um Meterlnge dann,
behauptete sich so, den Blick trunken gegen die Zielstange gebohrt,
innerlich jauchzend schon, denn er hatte sichs geschworen zu siegen.
Aber da sauste ein brauner Schatten vorber; es mute Lucian sein; er
hatte eine raffinierte Technik und versparte alle Kraft auf die letzten
Sekunden.

Oberlin bi die Zhne aufeinander; der Atem sott; straffer den Nacken,
lockrer die Gelenke, noch wars mglich, ihn zu schlagen; zu spt nun!
Lucian war am Ziel. Dietrich stie einen heiseren Zornschrei aus,
stolperte im selben Moment und wre gestrzt, wenn ihn Lucian nicht in
seinen Armen aufgefangen htte.

Sie schauten sich an, in strmischer Blutwallung beide; Oberlin
keuchend, die Wangen glhend; der alternde Mann bla von der
Anstrengung, doch seiner berlegenheit und Strke sich bewut. Als er
Dietrich umfangen hatte, lchelte er; es war jenes finster-zrtliche
Lcheln, das wie eine Bresche seiner Einsamkeit war und sein Gesicht
leidend und leidenschaftlich machte. Aber der Blick hatte etwas
Mtterliches, Froh-Ergriffenes; in einer rtselvollen Regung kte er
den Jngling auf den Mund.

Mitten in der jagenden Hitze berrieselte es Oberlin khl. Maloses
Glck und schreckenvolles Erstaunen war in einem; das Herz stand einen
Augenblick still. Als ihn Lucians Arme freigaben, taumelte er, lehnte
sich an die Mauer; die Kameraden sammelten sich um ihn mit ratlosen, mit
neugierigen Mienen, Kurt Fink mit einem schlimmen Zug im Gesicht.

       *       *       *       *       *

Den Tag ber bemerkte Oberlin nicht die vernderte Stimmung in der
Schulgemeinde. Er war versponnen und ging allen aus dem Weg. In seinen
Augen war Verklrung, aber von dunkler Tiefe her. Am Abend hrte er, es
sei zwischen Doktor von der Leyen und Rottmann nach einem hlichen
Auftritt zum Bruch gekommen; der Prfekt verlasse die Anstalt. Beim
Aufstehen vom Essen trat Justus Richter zu Oberlin und raunte ihm zu:
Nimm dich in acht, es geht was vor. Lucian blieb unsichtbar; nachdem
ihn Dietrich gesucht und vergeblich auf ihn gewartet hatte, trieb es ihn
ins Freie; er legte sich unter einen Baum und schaute mit glnzenden
Blicken himmelan.

Als es finster geworden war, kehrte er zurck und mischte sich unter die
Gruppen vor dem Haus. Es war in allen eine gehemmtere Bewegung als
sonst; der schwl-farblose Abend drckte vielleicht, eine von den
Sommernchten, in denen Jugend zur Brde wird und Gedanken wie Wunden
sind. Unversehens war Kurt Fink an Oberlins Seite, schob vertraulich
den Arm unter seinen und zog ihn von den andern fort. Er plauderte von
den bevorstehenden Ferien, von Berlin, fr das er schwrmte, von
Theatern, Zirkus, Kabaretts, schnen Weibern; von Lucian unvermutet, an
den er in einem Atem Lob und Zweifel hing; von einem jungen Mdchen
dann, das er seine Verlobte nannte; Oberlin war berrascht und horchte
auf, aber es ging so eilig, schon wieder sprach er von Lucian, beugte
sich vor und starrte Dietrich lachend ins Gesicht; er konnte
liebenswrdig sein, in einer durchtriebenen Art; er fragte, ob es wahr
sei, da ihn Lucian gekt; er, Fink, sei zu fern gestanden, die Jungens
htten es erzhlt. Doch traf es ja nicht zu, Dietrich erinnerte sich aus
der fiebrig-schamhaften Verwirrung, da er gerade Finks Gesicht
unangenehm nah gesehen. Er machte sich los. Warum er so rot werde? rief
Fink schadenfroh, warum er wie eine Jungfrau errte? Darauf trat er
dicht herzu, fate seine Hand und sagte, sie wollten Freunde sein,
Oberlin gefalle ihm, die Rpelei neulich am Klavier sei nur aus Wut
geschehen, weil ihn Dietrich vor der Kameradschaft immer geschnitten
habe.

Wie zufllig begegnete ihnen Rottmann, grte, gesellte sich zu ihnen,
sagte, er freue sich, von Oberlin noch Abschied nehmen zu knnen, da er
morgen frh nach Freiburg fahre. Er habe groe Stcke auf Oberlin
gehalten, und dies und anderes sagte er eigentmlich beziehungsreich und
lauernd. Mit Bitterkeit gedachte er der Behandlung, die er von Doktor
von der Leyen erfahren, lenkte jedoch ein, als er den befremdeten Blick
Dietrichs gewahrte. Kurt Fink schmiegte sich wieder an ihn an, und
bemerkte kichernd zu Rottmann, er htte dabei sein sollen, wie Oberlin
rot geworden sei, als er von der Kugeschichte gesprochen. Rottmann tat
unwissend, Fink mute ihm den Vorfall in Erinnerung rufen; es klang
sogar fr Dietrichs Unerfahrenheit wie ein abgekarteter Dialog. Das
halte er fr unmglich, sagte Rottmann abweisend, so etwas tue von der
Leyen nicht, noch dazu in einer so verfnglichen Situation; Unsinn;
solches Geschwtz drfe man nicht aufkommen lassen; von der Leyen sei
viel zu herzenskalt brigens, um sich in der geschilderten Weise
hinreien zu lassen; er, Rottmann, frchte, Oberlin habe sich blo
wichtig machen wollen, aber dergleichen Prahlerei stehe ihm bel an.
Dietrich schaute ihm entrstet ins Gesicht. Das war unerwartet. Worauf
zielte er hin? Was er im Denken kaum noch zu berhren sich unterfangen,
das Gehtete, dieser Irgendwer ri es aus ihm heraus und wies mit
Fingern hin. Im Innern war eine vorher nicht gesprte Last, ohne die es
schner und bunter zu leben war. Die ehrenkrnkende Bezichtigung gab ihm
das Wort ein, da es geschehen sei, habe niemand zu kmmern, es wre ihm
nie in den Sinn gekommen, darber zu reden, und er begreife nicht, mit
welchem Recht man ihn verdchtige. Nun, nun, besnftigte Rottmann, es
habe ja nichts weiter auf sich, er glaube ihm natrlich, mehr habe er
nicht gewollt, als da Oberlin den Vorgang einrume, das Gestndnis vor
einem Zeugen genge ihm vollstndig. Er nickte den beiden zu und
entfernte sich.

Was hat das zu bedeuten? fragte Oberlin erstaunt. Kurt Fink zuckte die
Achseln und sah verlegen aus.

Georg Mathys hielt es fr geraten, Oberlin zu warnen. Du solltest dich
nicht mit Kurt Fink einlassen, sagte er noch am selben Abend zu ihm.
Dem sei nicht zu trauen, dem Unsichern, sich selbst Gefhrlichen.
Drauen habe er schlechte Streiche gemacht, sei von der Prima relegiert
worden; ihn aufzunehmen habe sich von der Leyen lange gestrubt und nur
auf instndiges Bitten der Eltern nachgegeben. Als er ihn einmal in
Obhut gehabt, sei ihm auch Pflicht daraus erwachsen, er mache sichs ja
mit keinem leicht. Eine Zeitlang habe er sich besonders angelegentlich
mit ihm beschftigt, es htte geschienen, als sei Fink ein anderer
geworden. Da habe eines Tages der Brgermeister im Dorf drben sich
beschwert, da er in unverschmter Manier den Mgden und Bauerntchtern
nachstelle, und daraufhin habe sich Lucian von ihm abgewendet. Seitdem
habe er sich aufsssig gezeigt, rnkevoll, und auf eine Lge mehr oder
weniger kme es ihm nicht an. brigens sei es das letzte Semester fr
ihn, er wolle sich in einer Presse fr die Matura vorbereiten.

Die jungen Menschen wagen es nicht, sich gegeneinander klar zu
entscheiden. Oberlin fhlte sich keineswegs wohl mit Kurt Fink, aber er
mied ihn nicht. Es war da etwas Anziehendes wie ein Wasser, dessen Tiefe
man kennen mute; das fremdere Wort, der verwegenere Sinn, der
verratende Blick. Er suchte ihn nicht, aber er lie sich finden. Er
ffnete sich nicht, aber er lieh ihm Gehr. Hliches wurde
verfhrerisch, und er hatte Furcht. Die Stunde barst von Geheimnissen.
Hinter dem Wirklichen stand ein schattenhaft Verhlltes. Es war ein
Whlen in der Erde und ein Brausen in den Wolken. Schlaf qulte. Der
Duft der Akazien war wie bestndiger Orgelton. Wenn der Kuckuck schrie,
zitterte man. Drei, vier Tage kamen, so voll Ahnung, Hindrngen,
Ertasten, Erwnschen, da Buch und Lehre verstummten. Auch mit den
andern schien es so zu stehen; ihre feuchteren Blicke, ihre unruhigeren
Hnde lieen es wissen; in der Nacht richtete sich einer auf und rief
ein Wort in die Dunkelheit; am Morgen waren manche Augen hohl und Lippen
bla.

Oberlin suchte Lucians Nhe; wenn er Fink verlassen hatte, sprte er es
wie Durst nach Lucian. Doch Lucian schien bedrngt. Es war bisweilen,
als horche er, warte er; nicht auf Gutes, die Stirn hatte die finstere
Falte. Er schtzte gehufte Arbeit vor, um einem Zusammensein
auszuweichen, aber im Druck seiner Hand war die herzlichste
Versicherung. Es war seine Art nicht, sich zurckzunehmen, doch wenn ihm
Oberlin wortlos das Herz entgegentrug, richtete sein Auge eine Schranke
auf.

Denn er verzieh sich jene Sekunde der Selbstvergessenheit nicht. Er
mate sich das Recht nicht an, die Schale um die Menschenbrust zu
sprengen; was konnte er tun, um Schutz zu bieten, die unbegrenzte
Verheiung zu erfllen? Er hatte sein Gesetz bertreten, preisgegeben,
was zu bewahren war, sich an ein Gefhl verraten, das Mysterium
entsiegelt; das forderte Umkehr und Entsagung. Oberlin wurde ihm wie ein
geliebtes Bild, das man besitzt, um es zu verschlieen.

Aber in der Gemeinschaft, wo er Lehrer und Fhrer war, gab es doch immer
ein Zeichen, das nur fr Oberlin bestimmt war, Worte, die nur ihm allein
galten. Dietrich mute freilich fein und wachsam sein, damit sie ihm
nicht entgingen; das brachte Spannung in sein ganzes Wesen; Spannung
wuchs ins Unertrgliche, so da er dann das leichte Opfer des Verfhrers
wurde, der das Netz um ihn wob. So geschah es auch am dritten Tag,
nachdem der Prfekt Rottmann Hochlinden verlassen hatte; es war
wolkenloser Himmel, und Lucian hatte beschlossen, die Geschichtsstunde
mit einer Wanderung gegen den Belchen zu verbinden. Die vierzehn
Zglinge umgaben ihn wie junge Paladine; Georg Mathys mit dem gelassenen
Schritt ging an seiner Rechten, Peter Ulschitzky zur Linken. Seine
Heiterkeit hatte einen ihr sonst nicht eigenen Glanz, als spre er das
ber ihm schwebende Verhngnis schon und wolle nicht mit sich sparen,
alles von sich schenken. Er war voll geistiger Laune, jedes Thema hatte
hundert Nebenwege und Aspekten, jeder Name erhhte sich zur Figur. ber
Friedrich von Preuen zu sprechen, wie es zum heutigen Plan gehrte, war
ihm Leidenschaft; er zeichnete den Menschen als htte er mit ihm gelebt;
er war ihm der groe Freund; als er die Beziehung zwischen Friedrich
und Katte schilderte, den Zwist mit dem Vater, Kattes Gang zur
Hinrichtung vor dem Fenster von Friedrichs Gefngnis, war etwas
Schwrmerisches ber ihn gebreitet, in ergreifendem Gegensatz zur Hrte,
ja hufigen Drre seiner Natur. Nichts unterliege so dem Miverstndnis
und der Verzerrung, als was an geschichtlichen Persnlichkeiten, Knigen
und Feldherrn die Gre genannt wird, bemerkte er beilufig. Nicht die
Gre der Tat, immer die Gre der Seele sei es, die Unsterblichkeit
verleihe. Was Schwert und Politik auerdem noch vollbringe, sei eher
Abzug als Vermehrung, und man stecke in dieser Hinsicht noch im trben
Aberglauben historischer Mordromantik. Da sei der Punkt, wo sich das
ewig Lebendige vom Verwesten scheide.

Hierber entspann sich lebhafter Meinungsaustausch, den Lucian in
sokratischer Methode zu fragen leitete. Der Konflikt zwischen Kronprinz
und Knig wurde Anla, von dem Verhltnis zwischen Vater und Sohn
berhaupt zu sprechen. Da war Lucians bitterster Hader; er kam immer
darauf zurck; da war er Rebell, denn es war der Damm, gegen den er
fruchtlos anstrmte. Unterbundene Wurzel, heit das nicht verdorrte
Krone? Er erzhlte, wie ihn sein Vater grausam gezchtigt, als er sich,
mit fnfzehn Jahren, geweigert hatte, Theolog zu werden. Die Knaben
lauschten atemlos, sie hrten es zum erstenmal; er gab, mit bebenden
Lippen, Einzelheiten wie aus einem mittelalterlichen Inquisitionsproze:
Einsperrung, Fasten und die Peitsche. Zur Theologie gepeitscht.

Es schleppt sich durch die Geschlechter eine unausgeglichene Rechnung.
Vter und Urvter haben das Herz der Menschheit vergiftet und die
Vernunft vergewaltigt; kommt dann die Zeit, so tritt jeder Vater an den
Sohn mit der Forderung heran: verpfnde mir dein Herz und unterwirf mir
deinen Geist. Frchte dich, spricht er, so wie Jehovah zu seinem Volk
sprach: frchte dich. Der Sohn beugt sich und dient dem bel weiter, bis
abermals die Zeit kommt und nun er zum Sohn spricht: frchte dich.

Wir frchten uns nicht, wurde geantwortet, wir gehorchen aus
berzeugung.

Wir gehorchen aus Liebe, sagte eine Stimme.

Es sei mehr versklavende Liebe als befreiende auf der Erde, sagte
Lucian. Im Menschen sei noch zu viel Tier, Krippe und Stall seien
mchtiger als Prophetenwort. Und doch gebe die Tiermutter ihr Junges
auf, sobald es sich selbst Nahrung verschaffen knne. Eine Vokabel wisse
er, die solle ausgestrichen werden aus dem Wrterbuch der Sprache, die
heie Glck. Glck und Leben verneinten einander. Wer Glck wolle, der
wolle Tod. Dabei sei es nur das Krippenglck, das Stallglck, nach dem
sie gierten, das verbrecherische Genug und Gengen, das Du sollst und
Ich darf, ich der Jger, du das Wild.

Er war weit von sich selbst, und im Schreiten schien er auch zu fliehen
vor sich selbst. Frchtet euch nicht! Es war nicht die Mahnung eines
Lehrers, sondern der Schlachtruf eines Soldaten. Georg Mathys wandte
ein, es gebe eine schne Furcht, und die verschweige er, die Ehrfurcht.
Sie bedeute ihm nicht mehr als alle andere Furcht, erwiderte Lucian; er
anerkenne sie erst, wo die innere Ehre nicht befleckt werde durch die
Furcht und man ihn nicht zwingen wolle, auf Schutt und Moder zu bauen.
Aber der Basler Hemmschuh lie nicht locker. Ohne Furcht sei keine
Macht, behauptete er, und seien zur Ehrfurcht nur die Seltenen fhig, so
mte den Geringen die Furcht ins Blut geimpft werden, sonst gehe alles
auer Rand und Band.

Lucian lachte. Ist das nicht ergtzlich, diese Neunzehnjhrigkeit auf
dem rechten Flgel des Hauses? rief er. Aber siehst du; dich nenn ich
eben furchtlos, und so behagst du mir. #Quo res cunque cadunt semper
stat linea recta.# Das war die Devise der Ligne und Egmont, die wollen
wir uns whlen. Er zog Oberlin, der in einem Krampf des Lauschens dicht
vor ihm schritt, zwischen sich und Ulschitzky, nahm ihm die Mtze vom
Kopf und trug sie im lssig schlenkernden Arm.

Auf dem Heimweg fgte es sich wie von ungefhr, da Kurt Fink mit
Oberlin ging, und Fink erzwang durch seinen langsameren Schritt, da sie
allmhlich weit hinter den andern zurckblieben. Anfangs wehrte sich
Dietrich still gegen den Weggenossen; er wute ja, was kam. Das Helle
verging, das Silberne wurde grau. Oft fhlte er in Farben, trumte auch
in Farben. Es gab einen periodisch wiederkehrenden Angsttraum, der nur
darin bestand, da ses Blau sich in tckisches Gelb verwandelte.

Es dnkte ihn schmhlich, da er sich verlocken lie, und es dnkte ihn
schwchlich, sich zu entziehen. Listige Worte umschwatzten ihn; noch
hielt ihn Lucians Geisterkreis und Geisterblick, dann war es banges
Sichfallenlassen. Es ist ein Unterschied, ob einer nach oben oder nach
unten lauscht, die Wimper verrt es. Dort hatte die Welt ein hohes Tor,
hier ein verbotenes Pfrtchen, durch das man in dmmrige Gewlbe stieg.
Whrend Fink Bltter von den Bschen ri, an einem Grashalm sog, sich
bckte, um einen Kfer oder bunten Stein zu betrachten, geriet er bald
in das Revier, wo Eros herrschte, ein armseliger Eros, Ohrenblser,
Schlssellochdieb, lsterner feiger Ruber. Oberlin war zu sauber von
Fantasie, um immer gleich deuten zu knnen, was der Verdorbene ihm
zeigte; bisweilen zuckte er zusammen, die Vogelstimmen schwiegen, der
Saft in den Bumen hrte auf zu rinnen, die Luft schmeckte wie Galle.

Fink erzhlte, da er sich mit seiner Verlobten, Hedwig Schnwieser, zu
einer Reise ins Allgu verabredet habe; dann wollten sie einige Zeit im
Inselhotel in Konstanz wohnen. Aus gelegentlichen Gesprchen, die
Oberlin mit Georg Mathys und Justus Richter gefhrt, wute er, da
Dietrich die beiden zu einem Aufenthalt in der Ermatinger Villa
eingeladen hatte. Er hatte bereits mit der Mutter darber
korrespondiert, und die Ratsherrin, die eine Kur im Leuckerbad
gebrauchen wollte, war einverstanden. Nun fragte Fink, ob er ihn
ebenfalls besuchen und Hedwig mitbringen drfe. Das war Oberlin
sonderbar zu hren; die Reise mit einem Mdchen, das die Braut sein
sollte; demselben Mdchen, von dem jener vor fnf Minuten geschildert,
wie es sich vor dem Spiegel vllig entkleidet und ihm erlaubt habe, da
er aus dem Nebenzimmer in den Spiegel schaue; nicht sich selbst habe sie
seinen Augen freigegeben; an sie nicht einmal zu denken, habe er
feierlich versprechen mssen; nur das Bild im Spiegel. Es war eine
umgestlpte Wirklichkeit, eigentmlich ruchlos; die Lippe wurde trocken,
der Fu mde. Dietrich vermochte lange nicht Antwort zu geben, dann
stotterte er: Ja, komm nur, bei uns ist es sehr hbsch. Kurt Fink
lachte, Oberlin wandte sich ab und sagte, jetzt wolle er allein gehen,
er habe Kopfweh. Nach ein paar Schritten drehte er sich wieder um, sah
Fink starr ins Gesicht und trat auf ihn zu. Pltzlich hatten sie
einander untergefat und rangen, keuchend, schweigend, mitten in der
Stille des Waldes, ohne Anla, ohne Streit, Wange an Wange, Brust wider
Brust; keiner wich um einen Zoll, keiner konnte den Gegner bewltigen,
da lieen sie wieder voneinander. Oberlin hob die Mtze auf, reinigte
sie von Erde und drren Nadeln und setzte hei atmend seinen Weg fort.
Nach kurzer Weile hrte er Fink hinter sich ein leichtfertiges Lied
singen.

Schweres Wetter hing im Westen, als er aus dem Wald trat, eine
schwefelgelbe Wolke, ausgespien aus dem Rachen einer ungeheuren
schwarzen. Im Dorf luteten die Glocken, Schafe trippelten lautlos ber
den Hgelhang, ein paar Krhen fielen wie Tintenklexe in die Furchen.
Oberlin schlug im Gehen die Hnde vors Gesicht; es war ihm bitter ums
Herz, bitter und s; in einen Strudel von Sehnen wurde es
hinuntergezogen, dieses willige, brennende Herz; die Welt war verloren,
in die pochenden Adern verkroch sie sich, das Bitterse schnrte die
Kehle zusammen; man htte niederkauern mssen, die Arme in die Erde
whlen, die Augen ans Finstere pressen, sie sahen so viel, sie wuten so
viel. Das Donnergegroll rhrte ihn mchtig an; er trug Verlangen; Strae
auf und Strae ab war leer; er war sich feind, er war sich alt.

Bei den Akazien vor dem Eingang warteten Mathys und Richter auf ihn. Sie
erkundigten sich, wo Fink geblieben sei. Sie zogen ihn in den Garten und
dort wanderten sie zu dreien eine Weile auf und ab. Unbewut erfllten
sie die Aufgabe der Freunde, zu besnftigen und zu vergessender Ruhe
zurckzufhren. Doch hatte ihr Tun einen vorgesetzten Zweck; Justus
Richter, dem sein sprudelndes Temperament Vorsicht nicht leicht machte,
begann mit einer miflligen Bemerkung ber die zwischen Oberlin und
Fink herrschende Intimitt; Georg Mathys milderte die Schrfe; er sagte,
fr ihn sprchen Geschmacksgrnde gegen einen solchen Verkehr, auch
Grnde der Selbstliebe; neben dem wurmigen Holz krnkle das gesunde
bald. Seine Herzlichkeit und Zartheit, Richters warme Art drangen zu
Oberlin; mit aufleuchtenden Blicken reichte er ihnen die Hand; sie
begriffen; sie waren mit der Erklrung zufrieden.

Eine Stunde spter war die Siedlung Schauplatz fiebernder Aufregung.
Kurz nach der Heimkehr schon hatte man Lucian mit einem Zeitungsblatt in
der Hand auffallend bleich in die Kanzlei eilen sehen. Er hatte sofort
eine Konferenz der Lehrer und Prfekten einberufen. Die Zeitung, so
erwies sich bald, war die neueste Nummer des Landboten fr den
Neckarkreis und enthielt einen wutschnaubenden Artikel ber die
sittenlosen, oder wie es wrtlich hie, sardanapalischen Zustnde in der
Hochlindener Schulgemeinde, dieses Geschwr am Leibe eines christlichen
Staates. Zugleich hatte von der Leyen ein trockenes, Rechtfertigung
heischendes Schreiben des Berliner Geldkonsortiums erhalten. Nicht genug
damit, brachte dann die Achtuhrpost, gerade als zu Tisch gelutet wurde,
mehr denn anderthalb Dutzend Briefe von Eltern, teils an die Shne
selbst, teils an den Leiter der Anstalt, mit dem emprten Hinweis auf
skandalse Enthllungen, die ihnen von vertrauenswrdiger Seite
zugegangen seien und die, falls sie besttigt wrden, lngeres
Verbleiben der Zglinge unmglich machten. Man forderte deshalb
schleunigen wahrheitsgetreuen Bericht. Vier Schler aber erhielten
Telegramme mit der Ankndigung von der Ankunft des Vaters oder der
Mutter, und einer, das war Oberlin, mit dem kategorischen Befehl, ohne
Verzug nach Hause zu reisen, wenn tunlich am selben Tag. Aus dem
Wortlaut der Depesche war zu entnehmen, da er der Ratsherrin als ein an
den Vorgngen unmittelbar Beteiligter denunziert worden war.

Bestrztes Rennen ber die Gnge. In den Slen traten Gruppen zusammen;
jeder brachte jeden Augenblick neue Kunde. Drauen tobte das Gewitter
und pltscherte der Juniregen. Gegen neun Uhr hie es, im Spielsaal
solle Beratung stattfinden. Dort herrschte alsbald ngstliches Gewhl.
Georg Mathys wurde umringt und man wollte seine Meinung hren; er hatte
sich nicht nur im Verhltnis zu seinen Angehrigen eine gewisse
Selbstndigkeit errungen, sondern geno auch in der Schulgemeinde eine
bevorzugte Stellung zwischen Zgling und Erzieher; Lucian hatte ihn als
Helfer schtzen gelernt. Da er die Prfungen bereits im Frhjahr
abgelegt und bestanden hatte, war es nur die Neigung zum Lehrberuf,
Interesse an organischer Entwicklung des Geistes, die ihn an Hochlinden
fesselten.

Da man ohne Wanken fr Lucian einzustehen habe, brauchte er ihnen nicht
zu sagen; es lag ihm im Gegenteil daran, einen zutage tretenden
bereifer zu bekmpfen, und dieses Bemhen erregte Unwillen, von Minute
zu Minute mehr. Sie wollten zum Angriff bergehen, fr die Bedrohung und
Verunglimpfung des Fhrers Rache ben und sich fr unabhngig erklren.
Die Errterung wurde ungestm. Drei zugleich, vier zugleich ergriffen
das Wort. Der anschwellende Aufruhr entzndete die Gemigten und
Furchtsamen; die Besonnenen wurden niedergeschrien. Sturz der Autoritt,
hie der Brandruf; man habe ein Recht zu leben, folglich ein Recht zu
handeln; sich in einem so beispielhaften Fall bevormunden zu lassen sei
Schmach; jetzt oder nie msse es zum Austrag kommen zwischen ihnen und
der verrotteten, vernrgelten Philisterhaftigkeit. Peter Ulschitzky
stieg auf einen Stuhl und forderte mit gellender Stimme zur Grndung des
Bundes neuer Jugend auf; der Einfall begeisterte; sofort entstand der
Plan, Statuten zu verfassen; ein Knirps im Hintergrund schrie, alle
sollten schwren, sich von nun an Vtern und Mttern nicht mehr zu
fgen. Beifallsgejohl; Hnde erhoben sich; ein knatternder Donnerschlag
brachte kurze Dmpfung des Tumults hervor, um so wilder stieg die Woge
bis zum nchsten. Einige umarmten sich; einige brllten zornig
aufeinander los; einige erklrten, die Schule in ihrer bisherigen
Verfassung sei abzuschaffen; Unterricht knne nur eine von den Schlern
gewhlte Persnlichkeit erteilen. Es fuchtelten Arme durch die Luft, die
sich bemhten, etwas zu ergreifen, etwas in den Staub zu schleudern, sei
es ein seit Menschengedenken beweihrucherter Gtze, sei es ein
unschuldiges ausgestopftes Wiesel an der Wand. Homer, Dante, Rafael und
Mozart waren nicht sicherer davor, endgltig von ihren Thronen gestoen
zu werden als die Herren Erzeuger, die neben eisernen Kassen den
schmhlich erhandelten Mammon abzhlten. Fluchwrdige Unterdrckung
alles, eine Welt, deren morsche Sttzen dem Sturmatem herrlicher neuer
Zeit nicht standhalten konnte. Ja, neu soll es werden; neu die Gesetze;
nein, fort mit Gesetzen, wozu braucht man sie, jeder hat sein
unverbrchliches Gesetz in sich; neu die Gefhle, schrankenlos, neu die
Formen, jeder erflle seine eigene: hher die Woge, hher der Gischt;
erst das Bestehende zu Trmmern schlagen und die Ketten zerreien, dann
wollen wir darber nachdenken, wie wirs uns ertrglich einrichten.

Manche nahmen das Gewhl und Toben humorig auf, als Anla, das unterste
zu oberst zu kehren und sich mit; doch waren die Schabernackleute in
Minderzahl, und wenige waren so gutmtig oder wohlerzogen, da nicht in
ihrem Auge etwas von Ha, Vernichtungslust, gebndigtem und nun
hervorbrechendem bsen Trieb erglomm. Jeder war Werkzeug fr die
wilderen Forderungen des andern, und jeder suchte wieder einen
Schwcheren, den seine Unentschlossenheit verdchtigte, um an ihm den
Rausch zu steigern. Dies hatte ungefhr eine halbe Stunde gedauert, da
wurde die Mitteltr zum Korridor aufgerissen und Lucian zeigte sich auf
der Schwelle, begleitet von mehreren Prfekten und dem bejahrten
Mathematiklehrer. Er blickte ber die Kpfe hin, verwundert, mit dem
umbuschten, flchtigen Lcheln; er kreuzte die Arme ber der Brust; es
war still. Einen suchte er mit den Augen; es war Mathys; er schaute ihn
fragend an; Mathys zuckte die Achseln; seine Miene sagte viel.

Lucian trat in den Kreis, der sich ffnete, blickte abermals schweigend
umher, und ihm antwortete immer tiefer werdendes Schweigen. Da vernahm
man Schritte; sie waren unerwartet, diese Schritte, sie hatten etwas
Ordnung und Zucht durchbrechendes in der blo vom verrollenden Donner
gestrten Stille. Sie rhrten von Oberlin her, der sich von seinem Platz
erhoben hatte, als Lucian unter der Tre erschienen war. Whrend des
ganzen furchterweckenden Lrms und Getmmels war er steif und stumm auf
dem Fenstersims am Ende des Raumes gesessen, das Telegramm in seinen
Hnden. Er hatte kaum recht gehrt, was die Kameraden geredet,
geschrien, gebrllt; oder wenn gehrt, doch das Einzelne nicht erfat;
der rasende Wirrwarr hatte ihn in sich selbst zurckgetrieben, so da er
in seiner Beklommenheit, Ratlosigkeit und Bestrzung ber den Inhalt der
Depesche wie hinter einer Mauer gefangenblieb. Nun raffte er sich auf;
die jhe Ruhe verlieh ihm eine vertrumte Art von Mut; das Gerusch
seiner Schritte war ihm aber ebenfalls erstaunlich, doch da eine Gasse
fr ihn gebildet wurde, besiegte er die letzte Scheu, ging auf Lucian
zu, reichte ihm das zerknitterte Telegramm und sagte allen vernehmlich:
Soll ich nun gehorchen? Entscheide du.

Die einfache Stimme und die einfache Frage brachten sonderbarerweise
eine beschmende und ergreifende Wirkung hervor. Augen senkten sich, die
bis dahin noch voll Kampfgier und Selbstgefhl gewesen waren. Lucian
nahm das Telegramm, las es, dachte eine Weile nach, dann fing er an zu
sprechen, ohne Oberlin vorerst zu beachten.

Ihr denkt doch nicht, da ich euch loben soll? Was ihr da getrieben
habt, knnt ihr euch eine ersprieliche Folge davon erhoffen? Es hat
verdammte hnlichkeit mit manchen Geschichten von den sieben Schwaben.
Die sieben Schwaben nahmen das Maul immer gewaltig voll, wenn sie weit
genug vom Schu waren. Ihr seid sehr weit vom Schu. Ich will euch auch
keine Vorwrfe machen, sonst ginge es mir vielleicht wie dem alten
Storch in meiner Heimat. Es war da eine der feierlichen
Storchenversammlungen, wie sie gewhnlich im Herbst stattfinden. Nachdem
die Burschen anfangs ganz sittsam beraten hatten, erhob sich pltzlich
ein ohrenbetubendes Geschnatter und Geklapper, und nur ein einziger
alter wrdevoller Storch bewahrte Haltung und gab sich Mhe, die
aufgeregte Gesellschaft zur Vernunft zu bringen; da fielen sie insgesamt
ber ihn her und hackten ihn mit den Schnbeln tot. Ob sie dann trotzdem
glcklich nach gypten oder wo sie sonst ihren Winteraufenthalt hatten,
gekommen sind, wei ich nicht. Es ist wahrscheinlich; demnach wre also
der alte lstige Friedenstifter wirklich entbehrlich gewesen, und sie
htten von ihrem Standpunkt aus so unrecht nicht gehabt, ihm den Garaus
zu machen. #Exempla docent.# Hier stehe ich. Rhrt die Schnbel,
Jungens. Ihr wollt nicht? Umso besser. Also gebt acht.

Und er fuhr fort:

Ich habe da drauen eine ganze Weile den Lauscher an der Wand gespielt.
Und es war mir auch fast zumut, als hrt ich meine eigene Schand.
Zunchst htte ich natrlich keinen Anla, mich von euerm Anathema
getroffen und inbegriffen zu fhlen, denn schlielich zwitschert ihr ja,
wie ich gesungen habe, und das mte mir eigentlich, werdet ihr sagen,
eine gewisse Befriedigung gewhren. Aber man hat immerhin ein halbes
Hundert Jahre auf dem Buckel, und man mag sich selber noch so zugehrig
dnken zu allem, was jung und rebellisch ist, der Saft in alten Knochen
lt sich durch keine Selbstberredung achtzehnjhrig machen, und so
unabnderlich der Baum seine Ringe ansetzt und die erkaltende Lava ihre
Kruste, so hat auch das vorgerckte Lebensalter seine Zeichen. Etwas in
uns wird starrer, etwas in uns versteint, wir mgen tun und reden, so
viel wir wollen, und das einzige was uns bleibt, ist, diesen Proze zu
einem fruchtbaren und sinnvollen zu machen. Das habe ich in meiner Weise
versucht. Wenn ich trotzdem zur Erkenntnis gekommen bin, da die Stunde
der Abdankung vielleicht auch fr mich geschlagen hat, so darf euch das
nach eurer turbulent geuerten Gesinnung nicht gro verwundern. Ich
erklre mich also zum freiwilligen Autorittsverzicht bereit; keine
Zwischenrede, straft nicht Lgen, was euch der Geist eingegeben hat, ich
erklre mich bereit zum Verzicht, sage ich, allerdings unter einer
Bedingung. Wenn von euch achtzig oder fnfundachtzig, die ihr vor mir
steht, einer vortreten und den Beweis liefern kann, da er eine
persnliche Leistung vollbracht hat, irgend eine Tat, die fr
vorbildlich oder exemplarisch oder nachahmenswert oder rhmlich gelten
mu, ein Opfer, das auf Gemeinsinn, auf selbstndiges Menschentum
deutet, eine Handlung groer Unerschrockenheit, edler Verleugnung und
Entbehrung, irgend ein Werk, irgend ein schaffend Neues, irgend ein uns
alle Frderndes, dann will ich meine mter und Befugnisse, die ich mir
ja nur im Vertrauen auf meine bessere Einsicht und das bessere Wissen
angemat, niederlegen und mich fr einen eurer unwrdigen Usurpator
halten. Nun? niemand meldet sich? Was fr verlegene Gesichter? Noch vor
zehn Minuten habt ihr die Mauern erschttert und den Donner berdonnert
mit euerm Weltbewutsein und jetzt so kleinlaut? Meint ihr denn, ihr
knnt mir imponieren, so lang ihr blo das Kapital verwirtschaftet, das
andere fr euch aufgehuft haben? Bildet ihr euch ein, Spinnweben
wegzukehren und rostige Wetterfahnen vom Dach zu schmeien sei schon
was? Knnt ihr einen Schuh verfertigen? Knnt ihr einen Tisch zimmern?
Knnt ihr ein Hufeisen schmieden? Knnt ihr Honigwaben aus dem Stock
schneiden? Ich behaupte nicht, das sei ntig, um Gesetze diktieren und
Richter sein zu knnen, aber auf das Elementare mu man sich verstehen,
das mu man hinter sich haben. Und hier ist der Punkt, wo ich mich,
sicherlich zur Genugtuung des Kameraden Mathys, eines Fehlers anzuklagen
habe. Als ich da drauen vor der Tre stand, fiel mirs schuldschwer auf
die Seele, da ich euch und mich um dieses Elementare herumgeschwindelt
habe, das einem echten Kerl freilich in den Gelenken sitzt, das aber
gewut und bedacht werden mu, sonst zersplittern die Schwerter am
Urgestein und das Schdliche blht sich hernach doppelt. Nichts anderes
werf ich mir vor, als da ich mirs zu bequem habe werden lassen, wie
wenn einer ein Fell gerben und sich die Lohe ersparen mchte und glaubt,
es sei dasselbe, wenn er Lohe, Lohe, Lohe schreit. Da lacht ihr, aber da
ist nichts zu lachen, ich stamme von Gerbern ab, ich kann das
beurteilen. Es ist bitterer Ernst. Um so mehr fhle ich mich zu dem
Schuldbekenntnis gezwungen, als ich einen vorlufigen Abschied von euch
zu nehmen habe. Ich werde die Schulgemeinde verlassen, um irgendwo den
Verlauf dieser Verrats- und Verleumdungskampagne abzuwarten und mich
jedem Schein, als wollte ich meine Freunde beeinflussen, zu entziehen.
Ein stellvertretendes Lehrerkollegium bernimmt die Leitung, und da ihr
diesen Entschlu billigt, darber bin ich nicht im Zweifel. Nein, nein,
rief er und streckte die Hnde aus gegen Zudrngende, Bewegte, Bittende,
da ist nicht zu rtteln dran; es empfiehlt sich, und es schickt sich.
Ich verabschiede mich auch von keinem allein, sondern von allen, als wr
es ein Einziger.

Jetzt blickte er Oberlin voll ins Gesicht. Und du, sagte er langsam,
indem er beide Hnde auf Dietrichs Schultern legte, du gehorche nur. Du
sollst gehorchen. Aber merk dies: vielleicht kommt der Tag, bald oder
nicht bald, an dem kein anderer Mensch fr dich da sein kann als ich.
Dann mut du mich zu finden wissen.

Oberlin senkte den Kopf. Als Lucian den Saal verlie und die meisten ihm
das Geleite gaben, stand er zu Boden schauend und von Blitzen umzuckt,
die das Nachgewitter durch die hohen Fenster streute.




Die zweite Stufe


Rottmanns Brief

Hochverehrte Frau Ratsherrin, es geschehen in der Schulgemeinde
Hochlinden schlimme Dinge, vor denen Eltern ihre Shne zu schtzen
verpflichtet sind. Wenn in einer Zeit der hemmungslosen gedanklichen
Ausschweifungen in willensschwachen Jnglingsseelen der Keim der
Verfhrung aufschiet, trifft es nur diejenigen berraschend, die zuvor
die Augen in gutmtiger Blindheit geschlossen hatten. Beifolgender
Zeitungsausschnitt wird Ihnen einen Begriff davon geben, bis zu welch
bedenklichem Grad das Unwesen gediehen ist. Die ffentlichkeit nimmt
Ansto, der Stein kommt ins Rollen, man wird sich mit den erzieherischen
Grundstzen des Doktor von der Leyen an magebender Stelle
auseinandersetzen und den Stachel zu entgiften suchen, den er in leider
allzu empfngliche Gemter zu senken wei. Wobei ich mir und andern
nicht verhehle, da man es mit einem Mann von hohen Gaben zu tun hat,
von einer ungemeinen Kraft der Beeinflussung, der aber in der Hoffart
und Rcksichtslosigkeit des entschlossenen Theoretikers keine Grenze
achtet, auch die heiligste nicht, und lieber das ihm anvertraute
Menschengut zugrunde richtet, als von dem einmal beschrittenen Wege
abweicht. Um die gebotene Ehrerbietung nicht zu verletzen, darf ich in
meinen Andeutungen nicht ausfhrlicher werden; nur so viel will ich
erwhnen, da ich mit offenem Visier auf den Plan trete, mich der
Verantwortung in keinem Punkt entziehen werde und mich, was den
unzchtigen Vorfall betrifft, der die letzte Ursache meiner Trennung von
Doktor von der Leyen war, auf das freie Eingestndnis Ihres Sohnes
Dietrich mir gegenber und vor einem Zeugen berufen kann. Legen Sie es
einem fernstehenden, aber ergebenen Freund nicht zur Last, hochverehrte
Frau, da er es wagt, Sie mit solchen Widrigkeiten zu belstigen. Seine
Erwgung ist, eher das Odium des Angebers auf sich zu nehmen, als unter
dem Gewissensvorwurf zu leiden, er habe das uerste nicht getan, um
eine wrdige Familie vor Schande zu bewahren und einen jungen Menschen,
der ihm trotz verzeihlicher Charaktermngel wert ist, einer mit jedem
versumten Tag drohender sich gestaltenden Gefahr zu entreien. In
besonderer Hochschtzung Alfred Rottmann, Lehrer, zur Zeit Freiburg,
Domgasse 8.


Dorine

Dorine Oberlin war vierzig Jahre alt. Sie hatte eine Jugend im Sinn von
Freiheit und berschwang nicht gelebt, daher fhlte sie dieses Alter
nicht als Abstieg und nicht als Verarmung, sondern als Ergebnis eines
natrlichen Prozesses, der sie weder zur Rckschau zwang, noch zum
Bedauern. Unbestrittene Gebieterin in ihrem Kreis, hielt sie sich im
Verhltnis zu Menschen und Dingen an die bewhrte Regel. Nichts was von
auen zu ihr drang, von der Welt der Gleichgeordneten nicht und von der
der Untergebenen nicht, hatte bisher vermocht, sie zu beunruhigen. Das
Dasein war vollkommen durchsichtig fr sie gewesen.

Mit einundzwanzig Jahren hatte sie den um zwanzig Jahre lteren Mann
geheiratet, der ihr gesicherte Umstnde, glnzende gesellschaftliche
Stellung und ein Miteinanderleben ohne Konflikte versprach. In der Tat
war die Ehe niemals durch einen Zwist, einen Wortwechsel, eine
Verstimmung getrbt worden. Beide Partner waren gleichgerichtet in ihren
Neigungen, Anschauungen, Gewohnheiten und ueren Beziehungen. Die
gnzliche Leidenschaftslosigkeit der Fhrung bewirkte in den gemeinsamen
Fragen einen Ausgleich ohne Rest. Es konnte kaum von Sich-fgen die Rede
sein, von Nachgeben auf der einen oder der andern Seite, da Wunsch und
Wille stets aus der nmlichen Wurzel kamen und bereinkunft sich ergab
wie bei zwei Reisegefhrten, die weder ber den Weg noch ber das Ziel
ein Wort zu verlieren brauchen.

Hieran nderte sich nichts mit der Geburt und dem Aufwachsen des Sohnes.
Wie das Verhalten zueinander so stand auch das zu dem Knaben unter einem
Gesetz, das freilich bei den konservativsten Familien der Stadt seine
ursprngliche Geltung nicht mehr besa und von modernem Geist, moderner
Schwche etwa seit der Wende des Jahrhunderts angekrnkelt war. Man
mochte es patriarchalisch nennen oder brgerlich-patrizisch, es war
Frucht von altberbrachten Lehren und Erfahrungen, die im Blut wirkten
und der profanierenden und entkrftenden Aussprache nicht bedurften.

Der Ratsherr Oberlin, bis in die Faser den Interessen der Gemeinschaft
ergeben, zu deren vornehmsten Htern er gehrte und sich zhlte, brach
vielleicht daran, da er die Heraufkunft neuer Welt und Zeit voraussah
und im ahnungsvoll erschtterten Innern sprte, da seine und seiner
Geschlechter Uhr abgelaufen war. Bei einem politischen Anla hielt er in
der Ratsversammlung eine Rede, die einigen Teilnehmern durch das
schmerzlich-aufrttelnde Gestndnis davon unvergelich geblieben war.

In der wachsenden Schwermut dann qulten ihn hypochondrische
Befrchtungen in bezug auf den Knaben, und er suchte grblerisch nach
Mitteln, wie er vor dem Unheil zu retten wre, als ob der Brand, der den
Besitz der Menschheit bedrohte, vor diesem allein htte Halt machen
sollen. Einige Tage vor seinem Tod hatte er eine Unterredung mit Dorine,
in der es sich ausschlielich um die Richtlinien handelte, nach denen
Dietrichs Erziehung zu vollenden sei.

Es lag an der Atmosphre von Dorines Leben, dem sprden Sichtragen,
nchternen Erscheinen, erzogenen und khl-heiteren Selbstsein, da
sichtbare Zrtlichkeit gegen Dietrich nie hervorgetreten war. Das
einzige Kind; der erfllte Sinn ihrer Frauenexistenz; ein wohlgeratener
Mensch, fgsam, bildsam, erfreulich anzusehen, angenehm im Umgang; alles
das war selbstverstndlich. Schicksal war selbstverstndlich. Daran, da
einer war wie er war, hatte er kein Verdienst; fuhr er doch in einem
tchtigen Fahrzeug auf breitem Strom, und das Wesentliche war ihm, als
Erben vieler Trefflichkeit und edler Art, bereitet und gebaut. Man lie
sich auch selbst nichts durchgehen, hatte acht auf den Tag und diente
Gott zu seiner Stunde. Da htte Weichlichkeit dem frevlen Aufdrseln
eines dauerhaften Gewebes geglichen.

Eines freilich ruhte in ihrem Gemt als Grundstein von Denken und
Fhlen, und nach dem Tod des Gatten noch tiefer darin versenkt denn
zuvor: dieser Sohn war ihr Eigentum; nicht zu schmlerndes, von ihm
nicht, von andern nicht; unbedingt ihr gehrig wie kein Ding auf Erden
sonst, Teil von ihr, Fleisch von ihr. Da er auch eines Sinnes und
Wesens mit ihr war, dnkte ihr ber jeden Zweifel und Argwohn erhaben.

Es hatte den Anschein, als habe die Witwenschaft verjngend auf Dorine
gewirkt. Manche versicherten es ihr taktlos schmeichelnd. Ihr Gesicht
hatte Festigkeit und frische glatte Haut. Die Form des Kopfes war
anmutig schmal, die Stirn von einer gutrassigen Flachheit. Die Nase war
ein wenig gestlpt, mit nervs-beweglichen Flgeln; die Lippen traten
leicht hervor, und die obere, entschlossene, zwang die untere, etwas
bedchtige, ihr im Schwung zu folgen. Das stark entwickelte Kinn deutete
auf Herrschsucht. Die langwimprigen Augen waren von intensivem Blaugrau;
sie hatten einen kalten Blick im Vordergrund, einen unbestimmteren, fast
fragenden dahinter. Die Lider, umschattet und gelblich verfaltet wie bei
Menschen, die wenig und schlecht schlafen, verrieten am merklichsten die
vierzig Jahre; im brigen htte sie fr dreiig gelten knnen.

Sie besa einen gesunden Organismus, ruhige Nerven, und ihre
Lebensgewohnheiten waren so anspruchslos wie gleichmig. Doch fhrte
sie auch nach dem Ableben des Ratsherrn das Haus im selben Stande
weiter, niemand vom Gesinde wurde entlassen, und zu jeder Frist konnten
Gste eintreffen, ohne irgend Ungelegenheiten zu verursachen. Sie war
Sammlerin und Kennerin von altem Porzellan. In der Ermatinger Villa
waren kostbare Schtze davon aufgespeichert; sie hatte ihre
Korrespondenten, und bisweilen besuchten sie Hndler, um ihr ein
kostbares Stck anzubieten. Daneben trieb sie ziemlich ernsthafte
botanische Arbeiten, legte Herbarien an, las die einschlgigen Werke und
gelehrten Fachschriften, und ihr Spezialstudium war die hochalpine
Flora.

Wenn der Fhn einbrach und die Schlaflosigkeit, die zu Zeiten wie
Krankheit ber sie kam, folternd wurde, packte sie den Rucksack, fuhr
ins Oberland und stieg auf die Berge. Sie konnte zehn Stunden wandern,
ohne zu ermden, hatte Fhrer, die sie bevorzugte und schreckte vor den
schwierigsten Gletscherpartien und Felsklettereien nicht zurck. Davon
machte sie aber kein Aufhebens, es war ihr sogar unangenehm, wenn es
beredet wurde, und hauptschlich um diese Liebhaberei zu bemnteln,
hatte sie sich von ihrem Arzt heuer das Leuckerbad verordnen lassen.


Banger Traum

Der Brief Rottmanns und der mitgesandte Zeitungsartikel flten ihr wohl
Schrecken ein, doch fate sie nicht die Anklage. Unerllich erschien es
ihr, Dietrich zurckzurufen, und ebenso unerllich, genaueren Aufschlu
zu erhalten, als der Brief ihn gab. Daher schickte sie zugleich mit dem
Telegramm an Dietrich eines an Rottmann und ersuchte ihn, zu einer
persnlichen Unterredung nach Basel zu kommen. Einen entsprechenden
Geldbetrag wies sie telegraphisch an. Es war eine Reise von zwei
Stunden, und er traf noch am selben Nachmittag ein.

Der Mann mifiel ihr. Sie fand ihn verschlagen, rgerliche Mischung von
Untertnigkeit und Insolenz. Aber das wollte nichts bedeuten gegenber
seinen Erffnungen, die den Stempel der Wahrheit trugen.

Es war auerordentlich peinvoll. Sie hatte an die bloe Mglichkeit von
Dingen nie hingedacht, die dieser schilderte, als seien sie in seinem
Beruf alltglich. Er whlte die Worte mit Vorsicht und errtete sogar
vor der strengblickenden Frau, als er von dem Nacktlauf und der mit
einem Ku besiegelten Umarmung notgedrungen sprechen mute; er schien
durchaus nicht zu fhlen, wie niedrig ihn seine Betretenheit machte. Nur
zgernd nannte er die Grnde, die ihn bewogen hatten, sich wider die
Verfgung aufzulehnen, da die Knaben sich in vlliger Ble im Freien
tummeln sollten. Worber er sich vornehmlich auslie, war der
verhngnisvolle Geist der Entfesselung, mit dem Lucian von der Leyen
seine Schler erfllte, die bestndige verderbliche Lehre, mit dem
Herkommen zu brechen, nichts gelten zu lassen, was bisher unantastbar
gewesen, die Schranken des Egoismus und der Genusucht niederzureien
und sich zu befreien, das heit kein anderes Gesetz anzuerkennen als das
von den eigenen Leidenschaften diktierte.

Da aber Dorine Fakten zu erfahren begehrte, beweisbares Einzelnes,
Worte, Handlungen, Geschehen, zitierte er Gesprche und Reden, deren
Zeuge er gewesen, erbot sich, Tagebuchnotizen vorzuweisen, schilderte
die Art des Umgangs von Lucian mit den Zglingen, die fangende,
verfngliche, Neugier und Wibegier aufreizende, den jugendlichen
Enthusiasmus mit schlauester Herzenskenntnis weckende; wie ein Ausspruch
ber Eltern, Huslichkeit, Religion, Staat als tzender Tropfen in die
jungen Seelen trufelte, unlslich vermengt mit Freundschaft, Zutrauen,
Interesse, und wie durch ein Lcheln, ein Achselzucken zunichte gemacht
werde, was Liebe und redliche Bemhung der Angehrigen aufgebaut. Darum
sei es ihm gegangen, sagte er zum Schlu, da diese wenigstens zu wissen
bekmen, wo der Verwster zu suchen sei, wenn sie eines Tages
entdeckten, da ihre Hoffnung in Scherben vor ihnen lge; in einer Welt,
in der der Idealismus ohnehin zum Tod verurteilt sei, habe er sichs zur
Pflicht gemacht, sich gegen die Henker zu stemmen, auch gegen so
geschickt vermummte wie von der Leyen einer sei.

Dorine ging im Zimmer auf und ab wie eine Tigerin. Weshalb man ihr denn
die Anstalt empfohlen habe? Gebe es also solche, die das leichterdings
auf ihr Gewissen nhmen? Ob er glaube, da die Folgen unabnderlich und
unheilbar seien? Ob er es einer besonderen Anlage Dietrichs zuschreibe,
da er nach so kurzer Frist in den Mittelpunkt des abscheulichen
Treibens getreten sei? Was sie tun, wie sie sich ihm gegenber verhalten
solle?

Sie redete eigentlich laut mit sich selbst, erschrak auch ber sich
selbst, fate sich, schnitt die gewundenen, mit Philosophie und
Schmeichelei verbrmten Trost- und Beileidsfloskeln des Mannes schroff
ab, dankte ihm fr seine Willigkeit und guten Dienste, fragte, ob sie
sich bei Gelegenheit seiner erinnern drfe und entlie ihn.

Den Jungen wieder auf die rechte Bahn zu bringen, wird keine
Schwierigkeit haben, der ist aus prchtigem Stoff, war sein letztes
Wort, auf das sie nur ein hfliches Kopfnicken hatte. Als er drauen
war, zeigte ihre Miene Widerwillen. Nein, dachte sie verchtlich, jetzt
keinen mehr von euch Seelenquacksalbern, jetzt heit es, Aug in Aug mit
ihm sein und sehen, was verdorben ist und was zu retten ist.

Hierber grbelte sie den Rest des Abends: was verdorben sei und was zu
retten sei. Sie versuchte, sich den Knaben in den Situationen
vorzustellen, die der von ihr im Innersten beargwhnte Mensch teils
geschildert, teils hatte ahnen lassen. Es war nicht mglich. Im
ziellosen Sphen schauderte sie schon. Die Welt wurde Kloake.

Den Knaben: ihren Knaben; Dietrich. Dietrich ohne Scham. Oder nur Opfer
von Schamlosen. Oder, wenn dies Tun auch vor minder strengem Blick htte
bestehen knnen, in einer Auffassung bestehen, die sie nicht zu
begreifen fhig war, dann doch Schritt um Schritt weitergetrieben, der
Verfhrbare verfhrt, der Ehrfrchtige sich erfrechend, der Gehorsame
widersetzlich, der Offene verstockt. Und wie ihn gewinnen, wie ihn zur
Mitteilung stimmen, damit sein Wort am Wort jenes andern zu messen war,
der nicht gelogen haben mute, um doch Lgner zu sein? - Und wie ihm
Unbefangenheit zeigen, die natrliche Scheu berwinden, wenn sie
gentigt war, ihn zur Rede zu stellen, den Trotz niederhalten, in dem
er, auch er vielleicht, zum Lgner wurde, zum Verheimlicher,
Beschniger?

Es ging um alles. Die Stunde will bedacht, zehnmal bedacht sein, in der
ein Wesen abspenstig werden kann fr immer. Da entscheidet ein Hauch,
eine unberlegte Gebrde. Schlimm, wenn er ahnte, um was es ging;
schlimmer noch, wenn er ohne Ahnung war. Schlimm, wenn es zum Austausch
von Meinungen kam; schlimmer noch, wenn sie zum Gestndnis berreden
sollte. In jedem Fall war ein Geisterband zerrissen und etwas
herabgezogen ins Fr und Wider, ins Nein und Ja, was hoch darber
geschwebt hatte, schlummernd.

Gegen Morgen hatte sie einen Traum. Sie hrte eine Stimme, die ihr
zurief: Mutter! Dann hrte sie eine andere Stimme, die ihr zurief: Frau!
Jene war eine erstickte und verhallende Stimme, diese eine lebendige und
nahe. Aber stets, wenn sie der einen lauschte und sich dorthin kehrte,
von wo sie kam, rief die andere sie um desto dringlicher an, bis sie
schlielich voll Angst, die Hnde an die Ohren pressend, entfloh.


In einem Tropfen Blut

Der Tag der Rckkehr erschien Oberlin dunkelschchtig wie ein Brunnen.

Die Mutter sei ausgegangen und kme vor Abend nicht nach Hause, wurde
ihm gesagt. Dies zu hren, war ihm nicht unlieb; es verzgerte das
Miliche und Ungewisse der Begegnung, und er durfte ihr etwas verbeln,
was von Klte, wenn nicht Feindseligkeit zeugte, denn er hatte sie von
seiner Ankunft benachrichtigt.

Er packte seinen Koffer aus und legte Bcher, Wsche, Kleider
ordnungslos herum. Dann erwachte die Ungeduld und trieb ihn durch die
eigentmlich starren Prunkrume des Geschosses. Da sie kleiner waren
als noch gestern die Vorstellung von ihnen gewesen, verlieh ihm
Sicherheit.

Die Frage: was wird mit mir geschehen? beschmte, weil sie ihm zu spren
gab, da ber ihm ein fremder und strkerer Wille war. Beim
kniglich-sonoren Schlag der Florentiner Uhr, die die sechste Stunde
meldete, war sein Gedanke: so ist dieser Wille, unberhrbar,
unwiderleglich. Eingedrungen wie der Ruf der Uhr war er in das Haus,
teilte die Zeit, thronte richterlich. Aber ich habe einen neben mir,
hinter mir, der auch ein Wort mitreden wird, sagte er sich.

Im Vorbergehen ffnete er ein Album, und das erste Bild, das ihm in die
Augen fiel, war das der Mutter. Er betrachtete es verwundert. So hbsch
kann sie doch nicht sein, dachte er, das war vor langer Zeit. Da vernahm
er ihren Schritt, wandte sich um, die Tr ging auf, freundlich-rasch
eilte sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Mit einer Art von
Bestrzung nahm er wahr, da sie wirklich eine noch jugendliche Frau von
besonders geprgter Schnheit war, schlank, elegant, geschmeidig. Er
hatte es nicht gewut. Er hatte es nie gesehen. Die Mutter, obwohl
jahrlos, war das Alte gewesen, stets im nmlichen Kreis, in der
nmlichen Wrde und Ferne.

Die Schwierigkeit des ersten Beisammenseins zu besiegen, ohne ihn zu
berfallen und sich berfallen zu lassen, hatte Dorine Mittel genug. In
allem, was sie tat und sagte, war sie klug bemht, Spannung zu
beseitigen. Kein Blick von ihr lie merken, wie sie ihn im Auge hielt,
jede Bewegung verfolgte, jeden Tonfall behorchte. Sie wollte ihn
verndert finden und fand ihn verndert: geschlossener, verborgener.
Dann wieder nicht; dann wieder freier, lebhafter. Beides war nicht das
Gewnschte. Ihr Forschen bezog sich auf den Verlust von Kindlichkeit; da
berhrte sie schon die rauher gewordene Stimme, der dichtere Flaum auf
der Oberlippe ngstlich. Auf den Verlust von Leitbarkeit; da war ein
Lachen, ein fertiges Urteil, eine allzu runde Bemerkung, die ihr nicht
gefallen wollten. Er hatte frher mehr Distanz gehabt, mehr wartende
Unterordnung. Oder tuschte der brodelnde Argwohn?

Ihn harmlos zu machen, erwies sich als berflssig. Er war harmlos. Sie
hatte geglaubt, ein wenig gehofft sogar, da er von schlechtem Gewissen
bedrckt vor sie treten werde. Davon war keine Spur; im Gegenteil, eine
neugierige Erwartung wich nicht aus seinen Mienen, als sie jeden Versuch
zur Aussprache vorstzlich, wie er genau sprte, vereitelte. Schlielich
war sie selbst die Bedrckte, und um nicht noch mehr Boden zu verlieren,
sah sie sich gentigt, ihm entgegenzukommen. Es war schon spt am Abend,
und ihre leicht hingeworfene Frage nach seinem Leben in der
Schulgemeinde klang mehr wie der Abschlu als wie der Beginn eines
Gesprchs.

Dietrich atmete befreit auf. Ohne zu antworten, stellte er hastig die
Gegenfrage, weshalb sie ihn zurckgerufen, so jh und drohend, zwei
Wochen vor Semesterschlu. Sie war erstaunt. Da er sich vllig
unwissend geben wrde, darauf war sie nicht gefat; dennoch wollte sie
ihn nicht der Heuchelei bezichtigen; so konnte ein Heuchler nicht fragen
und blicken. Seine Offenheit, der dringliche Vorwurf in seinen Augen
lie sie an der Wahrheit der Anklage zweifeln. Sie wurde irre und fhlte
sich erleichtert. In Krze und mit khlen Worten berichtete sie von der
Denunziation, verhehlte auch nicht, da sie sich, um sicherer zu gehen,
bereits mit Rottmann ins Vernehmen gesetzt und obwohl sie, in
unberwindlicher Scheu halb, halb in politischer Absicht, die Vorgnge
kaum andeutend streifte, deren Kenntnis sie Rottmann verdankte,
durchtrnkte doch das Unbehagen und der Widerwille dagegen jede Silbe.

Nicht minder klar malte sich auf Dietrichs Gesicht die Emprung ber das
Spiel hinter der Wand, den Verrat Rottmanns, in den er die Mutter
verstrickt sah. Er hatte den Zusammenhang freilich erraten, dazu war
kein Scharfsinn vonnten, und niemand in Hochlinden war in Ungewiheit
gewesen, wer den tckischen Streich gefhrt. Aber die Besttigung gab
ein anderes Bild als die Vermutung.

Eine Weile schaute er denkend vor sich nieder. Dorine beobachtete ihn
aufmerksam. Zu ihrer berraschung gewahrte sie ein Lcheln auf seinen
Lippen, helles, herzliches Lcheln. Pltzlich packte er ihre beiden
Hnde und sagte: Du, Mutter, wenn du eine Ahnung httest, wie es war!

Dorine entzog ihm ihre Hnde, unwillkrlich fast; sie kreuzte die Arme
ber der Brust und erwiderte freundlich: Nun also, wie war es?
Erzhle.

Der Aufforderung hatte es nur bedurft, damit der verhaltene Strom
hervorbrach. Dorine traute ihren Ohren nicht. Was fr Worte; woher die
Worte? woher die Khnheit, sie ihr gegenber zu gebrauchen? Redete man
ber Menschen so, wie er ber diesen Lehrer? Es htte einer ein Halbgott
sein mssen, um nur den geringsten Teil dessen zu verdienen, was der
unerschpflich begeisterte Knabenmund an ihm zu preisen hatte: Wissen
und Geistesmacht, Verstehen und Gre der Seele, Fhrertum und Genie der
Freundschaft, Flle des Erlebens und kristallene innere Welt, ruhige
Wrde und vertraulichsten Umgang.

Die Gesprche; wie Unterricht gemeinsames Wirken war; wie an jeder
Ttigkeit die Natur Anteil hatte und Buchstabe und Regel nichts mehr
galten; wie das Wirre sich von selber ordnete, jedes Ding sein richtiges
Ma und Gewicht erhielt und ursprnglichen Sinn; wie man blo das hatte
achten mssen, was Achtung erheischte; wie reinlich sich das Gute vom
Bsen schied, das Unntze vom Ntzlichen; Lucian brauchte nur eins gegen
das andere zu halten, und es fiel einem wie Schuppen von den Augen, so
da man von Vorurteil und Aberglauben entlastet wurde. Er htte es bald
gemerkt, wie viel Vorurteil und Aberglauben er gedankenlos mit sich
geschleppt, und sein Gehirn sei ihm wie ein Kehrichthaufen erschienen.

Wie man den Tag verbracht; planvoll, in froher Zuversicht von einer
Stunde zur nchsten. Nichts hlich Befohlenes, keine Fuangeln,
Predigten, Strafmandate, alles Lockung, Versprechung, Lohn, Wetteifer,
williger Beschlu. Da er das kennen gelernt, frchte er, jedes andere
Dasein werde ihn unbefriedigt lassen, ihm traurig und zwecklos vorkommen
wie Krebsgang. Er knne sich des Gefhls nicht erwehren, als habe man
ihn aus der einzig frderlichen Bahn gerissen, und er wisse nun nicht
wohin, zumal ihm ganz und gar nicht einleuchte, weshalb man so mit ihm
verfahren.

Dorine bezwang sich, ihm ohne Gereiztheit zu antworten. Sie sagte, die
Beurteilung dessen, was sie zu seinem Besten verfgt, stehe ihm nicht
zu, auch was seine Zukunft anlange, knne er getrost ihrer Einsicht
vertrauen. Er habe ja mit viel Eifer und Beredsamkeit die in Hochlinden
verbrachte Zeit geschildert; sie freue sich, da er alles in so schnem
Licht sehe, obgleich sie mit seiner Schwrmerei, die schon ans
Ausschweifende grenze, nichts Rechtes anzufangen wisse; wundern msse
sie sich aber doch, da er ber die Bezichtigung, den dunklen Fleck in
dem rosigen Bild, in geschicktem Bogen hinwegvoltigiert sei. Ob er sich
da nicht einer Unehrlichkeit schuldig gemacht habe? Er mge mit sich
selber darber ins Gericht gehen, denn hren wolle sie jetzt nichts
mehr, heute nichts mehr. Nur so viel, und sie beugte sich mit
groaufgeschlagenen Augen nher zu ihm, ehrlich will ich dich wieder
haben, ehrlich vor allem.

Sie endete mit einem Lcheln und nickte ihm lchelnd zu. Er erhob sich,
um gute Nacht zu sagen, zgerte aber. Sein Blick war ratlos. Er verstehe
nicht genau, was sie meine, stammelte er. Oder doch, freilich; auch dort
sei ja schlielich von nichts anderem gesprochen worden; er verstehe
trotzdem nicht, was daran schimpflich sein solle, weshalb man so viel
Wesens davon mache. Er habe sich den Kopf zerbrochen und verstehe es
nicht. Er wurde flammend rot und schwieg, dann auf einmal, unter dem
musternden, bohrenden Blick der Mutter, glaubte er es zu verstehen, es
zu ahnen wenigstens, und seine Augen senkten sich in Scham.

Auch Dorine verfrbte sich. Das Zwiegesprch dnkte ihr unertrglich.
Der Raum drehte sich im Kreis. Der Knabe hatte das Gesicht eines
Verworfenen; sie selbst erschien sich als das Opfer boshafter und
schmutziger Umtriebe. Geh, sagte sie mit mhsamer Gelassenheit, es
ist spt, ich bin mde.

Schuldgefhl und Grollgefhl waren in ihr. Lange sa sie allein. Sie
schob den Ring mit dem Smaragd an ihrem Goldfinger hundertmal ber die
Gelenke, endlich schmerzte die Haut und ein Blutstropfen quoll neben dem
Knchel hervor. Whrend sie darauf niederschaute, wurde er gro und
grer, wie eine Seifenblase, wie eine Schusterkugel, und im hohlen und
durchsichtigen Innern sah sie eine widrige Vision: den Unbekannten, den
Verfhrer, nackt; neben ihm Dietrich, nackt, und in Umschlingung beide.
Versteinerndes Grauen rann ihren Leib entlang, eilig wischte sie das
Blut mit dem Taschentuch ab. Aber das Bild war ihrem Geiste eingebrannt;
es fruchtete nicht, da sie es mit Zorn, mit Ha und Hlichkeit belud,
und wie es aus dem Blut entstiegen war, so blieb es im Blute drinnen.

Ehe sie sich schlafen legte, ging sie durch die Zimmerreihe bis zu
Dietrichs Stube, machte an der Tr Halt, ging wieder weg, kehrte zurck,
drckte die Klinke leise nieder, ffnete und lauschte.

Sie hrte ihn tief und ruhig atmen.

Am nchsten Morgen fuhr sie nach Glarus, denn sich in der Hhe oben zu
sammeln und zu besinnen, war Bedrfnis. Auch hatte sie seit drei Nchten
nicht mehr geschlafen. Als Dietrich zum Frhstckstisch kam, war sie
schon fort, und das Mdchen hndigte ihm einen Zettel ein, auf dem sie
ihm in ein paar herzlichen Zeilen mitteilte, da sie zum Sonntag wieder
zuhause sein wrde und ihn anwies, sich fr die baldige bersiedlung
nach Ermatingen vorzubereiten. Einerseits freute sich Dietrich der
Aussicht, andererseits wehrte er sich gegen diesen Willen, der ohne
vorherige bereinkunft befahl und immer nur befahl.


Nymphe und Faun

Die Einsamkeit war schlimm. Unversehens wurde das Buch, das er las, zum
Feind. Die gedruckten Worte verschworen sich mit gedachten. Das
aufgenommene Bild zerflo gestaltlos in den Schatten. Zwiesprache
fehlte, Deutung fehlte, naher Herzschlag fehlte. Da die Tage schwl
waren, ging er vormittags und nachmittags ins Rheinbad. Unter dem
Gelchter und den Scherzen der Gleichaltrigen war er ein Fremder.
Kameraden von ehedem mied er. Wohlwollende Blicke junger Mdchen, die er
kannte, erzrnten ihn. Spaziergnge langweilten; durch die Straen
schlendern verstimmte; so setzte er sich aufs Rad, fuhr meilenweit ber
die Landstrae, am liebsten der untergehenden Sonne entgegen, deren Glut
er trinken zu knnen glaubte. Oft irrte er durch das Haus, griff nach
Folianten in der Bibliothek, bltterte zerstreut, durchsuchte Schubladen
und Truhen, stieg auf den Dachboden, steckte den Kopf durch die Luke,
heftete den Blick gierig auf Wolken, Mauern, Fenster, die wimmelnden
Menschen in der Gassenschlucht, warf sich buchlings in einen Winkel, wo
Staub aufwirbelte und Spinnennetze rissen, fing an zu singen, endete den
Gesang mit einem Gelchter, einmal auch mit einem harten Aufschluchzen,
das sich zu seinem eigenen Schrecken aus der Kehle wrgte wie der Laut
eines in ihm versteckten andern. Und wieder einmal hrte er mit
demselben Schrecken, da seine Stimme fragte: Wenn mir nur einer sagen
knnte, wer ich bin. Sich aufreckend, antwortete er flsternd: Oberlin
bin ich, Oberlin bin ich. Und er fate seine Arme und seine Stirn an.

Da war die Mutter schon zurckgekehrt. Er nahm sich vor ihr zusammen. Er
wachte ber sein ueres Gehaben, das schmiegsame, gefllige, art- und
standesbewute, das ein um ihn gezimmerter Rahmen war. Es geschah
weniger in der Absicht, sich dem Scheine nach zu unterwerfen, als aus
Furcht, sich zu verraten. Ihn dnkte zuweilen, er habe einen Aussatz am
Leibe, der dem sphenden Blick ber ihm um jeden Preis verhehlt werden
mute.

Sie kamen berein, da er bis zum Oktober Ferien haben und sich dann das
Pensum der Prima mit Hilfe privaten Unterrichts aneignen solle. Vom
Besuch der Schule wollte Dorine unter Berufung auf das rztliche Verbot
nichts wissen. Dietrich, dem hieran nichts gelegen war, stimmte zu.
Herbst, Winter, nchstes Jahr, das waren ungeheuer entfernte Zeitrume;
schien es doch jeden Abend, als stiee man auf einem Nachen vom Ufer ab,
ins Grenzenlose.

Mit Anfang Juli zogen sie in die Villa. Dietrich erinnerte Georg Mathys
und Justus Richter an ihr Versprechen, zu kommen; Mathys antwortete aus
Hochlinden, er sei von Lucian, der in Stuttgart weile, gebeten worden,
noch sechs Wochen mit den Ferienzglingen in der Schulgemeinde zu
bleiben, dann msse er einige Zeit mit seinen Eltern verbringen, und
erst in der zweiten Septemberhlfte sei er frei. Fr diesen Termin habe
er sich auch mit Richter verabredet. Justus Richter schrieb in demselben
Sinn.

So waren Mutter und Sohn nah aneinander gewiesen, nher als je, zumal
der Aufenthalt mit tagelangem Regenwetter begann. Dorine sah sich vor
der Aufgabe, Freunde zu ersetzen, Ablenkung zu schaffen, die
gleichmigen Tage mit Bewegung und Wechsel zu fllen, wenn sie
erreichen wollte, was sie sich in der Stille der Berge auf
gedankenvollen Wanderungen vorgesetzt. Sie selbst brauchte die Menschen
nicht, ihr Geist beschftigte sich kaum mit ihnen, der Abschlu gegen
die Welt war ihr willkommen und gewohnt, aber so viel war ihr klar, da
sie dem Jngling Tr und Tor straflos nur verriegeln konnte, wenn sie
zurckzuschenken vermochte, was sie ihm entzog. Und ihr Tun und Sein
richtete sich darauf, ihn keine Entbehrung fhlen zu lassen, ihn an sich
zu binden, sich ihm notwendig zu machen, zurckzuerobern, was sie
verloren, neu zu erobern, was ihr bisher nicht zu eigen gewesen war. Es
hielt sie in Atem, es gab ihr zu denken, es nahm ihre Gemtskrfte
vllig in Anspruch, es spannte sie bis zu krankhafter Hell- und
berhrigkeit. So ists nicht gut, mahnte oft eine Stimme in ihr, zu
viel, zu viel, zu heftig, zu wollerisch, zu herrisch; es ist gut und mu
gut sein, antwortete sie sich unbeugsam.

Sie ordnete die Pflanzenhefte mit ihm und war bemht, ihm ihr lebendiges
Interesse einzuflen. Er schien empfnglich, durch ihre Kenntnisse und
die Liebe fr das kleine Einzelne berrascht. Unter dem mitgenommenen
Gepck befanden sich in zwei Kisten die Briefe und hinterlassenen
Schriften des Ratsherrn; Exzerpte, Entwrfe, Aufstze, in denen er sich
ber politische und soziale wie ber Lebensprobleme in seiner profunden
und groen Manier ausgesprochen. Da galt es zu sichten, zu prfen und
was bewahrt zu werden verdiente, vom Flchtigen und Gelegentlichen zu
sondern. Abwechselnd lasen sie an den Abenden einander vor, es wurde
nicht selten Mitternacht, ehe sie sich zur Ruhe begaben, und Dietrich,
in Eifer, Teilnahme und aufgeschrter Wissenslust, brach nur
widerstrebend ab.

Dorine wollte ein Verzeichnis ihrer Porzellansammlung anfertigen. Zu dem
Zweck wurden die Stcke aus den Schrnken genommen, katalogisiert und
mit kurzen Schlagworten beschrieben. Sie machte Dietrich auf schne
Besonderheiten aufmerksam, auf die Merkmale der verschiedenen Fabriken
und Stile, die Zartheit der Malerei, den Reiz der Formen, erwrmte und
erhellte sich dabei so, da ihr Dietrich mehr als einmal mit seinem
hbschen Lcheln in die freundlich-strahlenden Augen blickte. Er war
sehr befriedigt von ihrer Fhigkeit, sich zu entzcken und hatte sie ihr
offenbar nicht zugetraut.

Desungeachtet wurde sie der Zweifel und Ungewiheit nie ledig. Er fgt
sich nur, er gibt sich Mhe, rief es in ihr; es ist die wahre Natur
nicht; wenn er die Tr hinter sich schliet, hat er ein anderes Gesicht.
Ihr dnkte, als fhre jede ihrer Anstrengungen blo dazu, da er Schale
um Schale ber sich zog, durch die sein eigentliches Wesen mit jedem Tag
unzugnglicher wurde.

Sie wachte, forschte, das Blut in ihr horchte, die Haut war frmlich
wund vor angespannter Wachsamkeit und Wachheit. Der verlorene Ausdruck
jetzt, mit dem er die Blumen und Kruter aus den Pressen nahm und sie
zum Einkleben vor sich hinbreitete. Schatten ber der Stirn, die
Mundwinkel erschlafften, die Augen wurden grer, nun zuckte er
zusammen, die Wangen bedeckten sich mit der kindlichen, unbegreiflichen
Rte, ihr Blick umschlang ihn stumm, er warf den Blick unwillig ab,
alles war Zurckweichen und Flucht.

Eines Morgens kam sie ins obere Zimmer, wo er vor den Glasschrnken auf
sie wartete. Er hielt eine Meiener Gruppe zwischen den Hnden, eines
der kostbarsten und edelsten Stcke der Sammlung. Eine hingelagerte
Nymphe; der ppige Krper wollstig gedehnt; in jeder Linie Ruf,
Lockung, kicherndes Spiel, preisgegebene Heimlichkeit; hinter einem
Strunk der lauernde Faun; die Gebrde: frech beschlossener berfall; das
Grinsen: Vorschmack des Besitzes; die Haltung: Lsternheit und Strke.
Eine Sekunde, und Dorine begriff. Alles bumte sich in ihr vor Ha und
Widerwillen. Da war es wieder, das Bild aus der purpurnen Kugel, nur ins
Verstndlichere umgewandelt, aber deshalb nicht minder abschreckend fr
sie, Auflsung, frher Selbstverlust, Unfrieden und Qual der Sinne,
besudeltes Herz; nicht Sohn mehr, nicht Kind mehr, nicht Werdender,
nicht Schauender; Dieb und Jger, Heimlichgeher und Abgewendeter, vom
Trieb Entseelter und von Glut Entschmter. Sie sah es in seinen Mienen;
er hatte sie nicht eintreten gehrt und betrachtete die Figuren mit
sorgenvollem, fast schwermtigen Grauen, einem wunderlichen Schmerz, den
die gefesselte Vorstellung erregte, einer grabenden, scheuen Neugier.
Beim Knarren der Dielen fuhr er zusammen; sein Gesicht vernderte sich
mit einer Raschheit ins Gleichgltige, die ein Meisterzug an einem
Schauspieler gewesen wre. Auch das erfate Dorine, und es verletzte sie
und stie sie ab. Doch solche Gewalt hatte sie ber sich, da ihr
Lcheln keine Zeugenschaft verriet. Unbefangen fragte sie, ob die Gruppe
schon einregistriert sei und nahm sie ihm behutsam aus den Hnden.
Dietrich ging zum Tisch, um in der Liste nachzusehen, whrenddem geschah
ein Fall und glsernes Klirren; die Gruppe lag zerschmettert auf dem
Boden.

Dietrich eilte bestrzt herzu. Dorine bckte sich nach den Scherben,
lie sich auf die Knie nieder und verbarg das Gesicht, auf dem
Dietrich, sehr im Gegensatz zu dem magdhaften Hinknien, eine stolze,
bittere Genugtuung htte sehen knnen.

Wie ungeschickt man sein kann, murmelte sie; schade um das herrliche
Ding.


Sommertag und -abend

Von dem Tag ab schritt sie wissender auf dem Weg weiter, den sie durch
Dickicht schlug.

Sie schmckte sich fr ihn. Sie verwendete berlegteste Sorgfalt auf
ihre Toilette, die Wahl jedes Kleidungsstcks, den Einklang der Farben,
Art und Haltbarkeit der Frisur. Was sie frher nur selten vermocht, sie
sa vor dem Spiegel, prfte ihr Gesicht und beobachtete ngstlich die
Zeichen des Alterns.

Sie wollte jung sein fr ihn, stark, mutig, ausdauernd, Gefhrtin. Sie
wollte ihm gefallen, und sie entdeckte die Gabe in sich, zu gefallen. Es
sollte ihm Vergngen bereiten, mit ihr unter die Menschen zu gehen,
seinen Ehrgeiz wecken, mit ihr zu wandern, zu schwimmen, zu segeln. Sie
machte sich so viel wie mglich frei von tglichen Obliegenheiten,
Pflichten der Korrespondenz, des Verkehrs, unterdrckte ihr Verlangen
nach Alleinsein und botanischen Gngen, war voll von Plnen,
Vorschlgen, Unternehmungslust. Hufig entzog sich Dietrich unter
irgendeiner Ausrede; das Wetter sei zu unsicher; er sei mde; er wolle
arbeiten. Hufig verschwand er am Morgen, war nicht mehr auffindbar und
kam erst am Abend zurck, in sich gekehrt, schweigsam, unfroh. Bisweilen
aber stimmte er in gehobener Laune zu, ri sie dann selbst mit, statt
sich mitreien zu lassen, und einmal geschah es, da er whrend eines
Ausflugs innerlich ganz trunken war, wie sie ihn nie gesehen, von
feuriger Gesprchigkeit, lachender Freude, Bereitschaft des Mitteilens,
vertrauender Offenheit, glcklicher und beglckender Hingabe in Blick
und Rede, so da Dorine glaubte, das Schwere sei vollbracht und sie habe
ihn sich errungen.

In frher Nachmittagsstunde waren sie den See entlang nach Steckborn
gefahren und hatten den Weg ber Muren, Engerswylen, Gonterswylen,
Helsighausen angetreten. Wolkenloser Himmel; die Luft frappiert,
schmeichelnd-khl und erregend-durchsichtig; die Erde liebte den Fu,
der ber sie schritt, Bild um Bild der Landschaft wurde dem Auge
leuchtende Flle, die es weiter trug, ungesttigt und ruhig staunend.
Mitten im Wald fing Dietrich an, von seinem knftigen Beruf zu sprechen,
der Bestimmung, die er fr sich ahnte, einem Ziel, das er dunkel
empfand, und zwar wie in neuem Bewutsein von Zuversicht und
Erwhltheit. Man mge ihn nur gewhren lassen, ihn nicht vor der Zeit
binden, weder an ein Programm, noch an praktische Rcksicht; er erblicke
Mglichkeiten nach vielen Seiten, als stehe er im Mittelpunkt eines
lodernden Kreises; bald drnge es ihn dahin, bald dorthin, doch stre
ihn die Anziehung des Gegenstzlichen nicht, eher spanne sie und gebe
das Gefhl von Reichtum. Freiheit der Entscheidung msse er haben, und
nicht schon beim ersten Mal mit der vollen Brde der Verantwortung,
sondern Freiheit, wieder und wieder entscheiden zu drfen, abwerfen, was
sich hinderlich und falsch erwiesen und wieder und wieder versuchen, bis
sich ein Glied zum andern gefgt und ein Organismus entstanden sei. Nur
so, wenigstens sei er berzeugt davon, knne man die in der Seele
zerstreuten und vergrabenen Gaben einheitlich bilden, ein gesammelter
Mensch werden, einer der echt ist und echt handelt. Ob es nun die
Geschichte sei, oder die wirtschaftliche Existenz der Vlker, oder die
Rechtszustnde, oder die Reprsentation des eigenen Volks nach auen,
oder der Wunsch und Trieb, zu lehren, all dieses knne sich erst in dem
Ma gestalten, wie man sich selber finde, sich selber zu gestalten Mue
und Spielraum habe. Mit ihm, leider msse er es bekennen, sei es
vorlufig noch so, da es ihn den einen Tag dnke, er knne fliegen, den
anderen aber sei er lahm; das gebe ihm zu schaffen, das mache ihn zu
often Malen irre.

Dorine hrte mit groer Aufmerksamkeit zu. Ihr war, als lerne sie ein
unbekanntes Land kennen. Hie und da warf sie ein Wort ein, Frage,
Zweifel, Bedenken, aber sie wollte ihn nicht einschchtern, und er ging
auch, je stiller der Pfad wurde, je mehr aus sich heraus. Auf einmal
wurde er kindlich-zutraulich, mitten in seinen Freiheitsphantasien, und
erklrte, heiraten wolle er niemals; er knne sich gar nicht vorstellen,
da eine Frau das Leben des Mannes zu teilen vermge, im schnen, tiefen
Sinn zu teilen (dabei schob er seinen Arm abbittend unter den der
Mutter, und sie wanderten weiter wie Freunde im Glck der ersten
Gestndnisse); er frchte berhaupt, da es ihm versagt sei, zu lieben,
ja, wenn er ganz aufrichtig sein solle, so glaube er gar nicht an die
Liebe zwischen Mann und Weib. Es sei ein tragischer Wahn, dem die
Geschlechter durch grausamen Machtwillen der Natur verfielen, eine Idee
blo, an die keine Erfahrung hinreiche und deren verhngnisvollen
Einflu sich zu entziehen sein Vorsatz sei. Es werde ihm gewi nicht
schwer werden, denn im Grunde sei er hart, skeptisch, ablehnend, nicht
besonders gutmtig, und wenn auch einerseits ziemlich leidenschaftlich,
so doch dafr sehr egoistisch.

Dorine lachte. Aber ein kstlicher Frieden war in ihrem Gemt, und ein
Gefhl der Jugend blhte auf, wirklich nun, und nicht erbangt und
erfeilscht, das den Tag in goldenes Licht tauchte, Bltter, Wurzeln,
Steine und den verdmmernden Weg mit. Sie erwiderte einiges, doch es war
ohne Gewicht und Anspruch, es versummte im aufgeglhten Abend. Sie
gingen rasch talabwrts, die Seeflche schimmerte blulich-silbern mit
scharlachnen Flecken, der Westen war eine flammende Schmiede-Esse, ber
den schon nahen Husern lags wie flieender Brokat, farbige Segel
glitten schwanhaft, Schwalben flogen in einem Gewebe aus Rubinstaub; da
sang Dorine ein Lied, und Dietrich begleitete sie im Knabenba.

Als sie in den Ort herunterkamen, war die Gasse, durch die sie muten,
durch dichtes Menschengedrnge versperrt. Erregte Gesichter waren einem
Haus zugewandt, vor welchem Schutzleute und Mnner mit Sanittsbinden am
Arm standen; ein grner Spitalswagen hielt vor dem Tor, und nach kurzer
Weile wurden drei verdeckte Bahren herausgetragen, denen weinende Kinder
folgten und ein Weib, das sich rasend gebrdete. Ein weibrtiger
Schlossermeister, den Dorine kannte, trat grend zu ihr und Dietrich
und erzhlte ihnen, was sich begeben. In dem Hause hatte ein
leichtfertiges Mdchen gewohnt, eine gewisse Karoline Kranich, die beim
Theater gewesen und dann immer tiefer gesunken war. Sie hatte zwei junge
Leute in ihre Netze verstrickt, mit beiden gleichzeitig ein
hinterlistiges Spiel getrieben; der eine war Arbeiter bei den
Friedrichshafener Werften, der andere Advokatenschreiber in Konstanz.
Sie bevorzugte scheinbar keinen, wollte aber aus beiden ihren Profit
schlagen und stachelte sie zur Eifersucht auf, namentlich den jungen
Arbeiter, der aus einem ordentlichen Menschen zum Lderjahn geworden
war. Heute nun hatte sie den Schreiber mit sich in ihre Wohnung
genommen; der andere hatte Argwohn geschpft, den Aufpasser gemacht, war
ins Haus geschlichen, hatte unter wstem Lrm den Eintritt in ihr Zimmer
erzwungen, den Revolver hervorgezogen, erst die Kranich und ihren
Liebhaber niedergeknallt und dann sich selber durch einen Schu in den
Kopf gettet.

Whrend der Alte dies mit ruhiger Stimme und ernstem Wesen berichtete,
dachte Dorine bedauernd an die vergangenen Stunden und ihre nun getrbte
Schnheit, und ohne ihn anzusehen, sprte sie, welche niederschlagende
Wirkung das Geschehnis auf Dietrich hatte. Das Kostbarste ihres Besitzes
htte sie opfern knnen, um es wegzuwischen von der Tafel dieses Tages.
Indessen gewahrte sie, da Dietrich, mit einem Gesicht voll Blsse, das
ihre Ahnung besttigte, den Blick nach einem bestimmten Punkt gerichtet
hatte; seine Augen glnzten bestrzt und erstaunt; stammelnd deutete er
auf einen Mann, der inmitten der Menge die ihn Umgebenden stirnhoch
berragte; einen schlanken, brtigen, dster-schauenden Mann; der
breitrandige Hut, den er trug, verschattete sein Gesicht; der abendrote
Himmel am Ende der Gasse verstrkte die Konturen der Gestalt; er ist
es, er mu es sein, drngte es sich halb jubelnd, halb zagend aus
Dietrichs Lippen, und schon war er in die Richtung hingeeilt, schob sich
durch die Menschen, verschwand zwischen ihnen.

Dorine stockte das Herz, und der verworrene Sturz ihrer Gedanken ri die
Zeit, die es dauerte, bis Dietrich wieder neben sie trat, in tnende
Stcke. Er war beklommen, schttelte den Kopf und sagte: Da man sich
so tuschen kann; es war wie eine Erscheinung, freilich, zu wunderbar
wrs gewesen: Er! Noch hingenommen von dem Wunsch- und Augentrug,
zweifelnd noch, obwohl er sich Gewiheit ber den Irrtum verschafft, in
einen Widerstreit hlicher Empfindungen durch die Erzhlung des alten
Mannes und die Erregung der Menschengesichter versetzt, in denen sich
der blutige Vorgang spiegelte, so schritt er endlich an der Seite der
Mutter weiter, und es gelang ihnen, sich durch das Gewhl Bahn zu
machen.

Das fanatisch geflsterte Er hatte langen Widerhall in Dorine. Wie mu
ihn das Bild erfllen, wie gegenwrtig mu es ihm bestndig sein, dachte
sie mutlos, da eine ungefhre hnlichkeit solche Wirkung hervorbringen
kann. Das berhitzte seines Gebarens hatte ihr auerdem mifallen, und
als sie nach einer Erklrung tastete, fhlte sie den tckisch
verknpfenden Anteil, den die Mordtat des jungen Arbeiters, und was sich
zwischen den drei Menschen abgespielt, daran hatte. Zuhause warf sie
sich mde in einen Sessel, kreuzte die Arme, lie den Kopf sinken und
wehrte sich kaum gegen die anflutende Furcht.

Das Abendessen verlief schweigsam, Dietrich ging danach in sein Zimmer,
Dorine prfte mit der Kchin die Rechnungen und hatte dann mit dem
Grtner zu verhandeln. Anderthalb Stunden mochten verflossen sein, sie
war lngst wieder allein, als sie Dietrichs Schritt zu hren glaubte,
ber den Flur, die Treppe hinunter, ber den Kies im Garten. Es verdro
sie, da er sich noch so spt entfernte, sie wollte sich berzeugen und
ging in seine Stube. Es war finster dort. Sie drehte die elektrische
Flamme auf, trat an den Schreibtisch, und keineswegs neugierig oder
sphschtig, eher in trauriger und abgekehrter Gleichgltigkeit, ffnete
sie eine groe Ledermappe und sah einen Brief liegen.

Sie las: Lieber einziger Freund.

Sie las weiter, hastig zuerst wie in Angst, ertappt zu werden, dann
langsamer, betroffen von der Reife des Ausdrucks, der Nchternheit der
ueren Fassung bei solchem Inhalt. Sie setzte sich auf den Stuhl,
sttzte die Stirn auf die Linke, nahm Blatt um Blatt mit der Rechten,
wurde bleich und bleicher, las und las:


An Lucian

Nach allem, was zwischen uns vorgegangen ist, wirst du es begreiflich
und verzeihlich finden, da ich mich in meinem jetzigen Zustande einer
recht ernsthaften Bedrngnis an dich wende wie an einen lteren und
erfahreneren Bruder, wobei ich aber freilich noch nicht wei, ob ich
diesen Brief, so wie er geschrieben ist, auch abschicken werde.
Jedenfalls ist er fr dich gedacht, ob er dir nun vor Augen kommt oder
nicht, und da ich mir vorgenommen habe, in ihm, soweit meine Fhigkeit
dazu reicht, die Wahrheit darzustellen, kann ich mir keinen andern
Menschen als Empfnger und Leser denken.

Wir haben einmal darber gesprochen, da jedes Individuum drei
verschiedene Arten von Existenz habe, nmlich eine geistige, eine
soziale und eine animalische. Du sagtest, keine fr sich knne eine
Lebensgestaltung herbeifhren, sondern msse korrigierend und
bereichernd auf die andere wirken, und je edler einer veranlagt sei, je
hher er auf der Stufenleiter der Geschpfe stehe, je sicherer werde er
es zu einer Verschmelzung dieser Krfte bringen.

Mir klang das sehr einleuchtend und scheint mir auch heute noch richtig.
Nur frage ich dich: was kann man zu dieser Verschmelzung tun? Ich
erinnere mich, ich habe schon damals eine hnliche Frage an dich
gerichtet, darauf hast du gelacht und hast geantwortet, Apothekenrezepte
gebe es dafr nicht und es sei am ratsamsten, sich dem zu berlassen,
was man den guten Instinkt nenne und sonst Augen und Herz offen zu
halten.

Gewi, das leidet keinen Zweifel. Grbelei und Aufpassen auf sich selber
macht einen schwach und feig. Aber siehst du, Lucian, es gibt ein
bermchtiges, und eben das letzte von den dreien, das Animalische, ist
das bermchtige. Du verstehst mich, nicht wahr? ich brauche dir darber
nicht viel Worte zu sagen, und dennoch mu ich dir meine Verfassung
etwas eingehender schildern, wenn ich erwarten soll, da du mir hilfst
oder wenigstens einen Ausweg aus der Klemme zeigst. Etwas Extraordinres
wird es ja nicht sein bei meiner sonstigen Dutzendbeschaffenheit, aber
schmerzlich und niederdrckend ist es, oft so, da ich nicht mehr ein
noch aus wei.

Wie du dich entsinnen wirst, haben wir auch einmal ber das Verhltnis
zwischen den Geschlechtern gesprochen, und was du von dir sagtest, da
du ein Anhnger und Verfechter der unbedingten Keuschheit seist, hat
mich sehr ergriffen, ich wei nicht warum. Die Enthaltsamkeit in diesem
Punkt, so sagtest du ungefhr, beruhe auf Zucht der Phantasie, Strenge
der Gedankenhaltung, Unterdrckung der leisesten Regung von
Naschhaftigkeit; die sei immer der erste Keim. Du sagtest, die
Fortpflanzung der Menschheit sei nicht vornehmlich das Wnschenswerte
fr die Gesellschaft, wie man allgemein zu Nutz und Frommen des Staates
doziere; das Wnschenswerte sei die Erziehung des Einzelnen zu einem
Edeldasein und zur berwindung der Furcht, der Knechtschaft und des
Leidens. Auch darin habe ich dir beigestimmt, umsomehr, als ja deine
Anschauung durch die Lehren groer Denker besttigt wird.

Alles das hindert nicht, da meine Natur unterliegt. Ich habe mit mir
gerungen, hart gerungen, schon in Hochlinden, obwohl deine Nhe den
beginnenden Aufruhr immer wieder im Zaum gehalten hat. Mit einem
bestimmten Augenblick hat es angefangen, ich will ihn nicht bezeichnen,
denn das hiee zugleich ein unvergeliches Erlebnis besudeln, das eine
Gnade war. Dann flogen Worte zu und flogen Bilder zu und etwas, das
dicht gewesen war, wurde ausgehhlt. Es war nichts deutlich
Beschreibbares, nichts, was im Willen wurzelt, im Wunsch sich meldet. So
weit durfte es nicht kommen, so weit ist es auch heute noch nicht.

Sieh, Lieber, die Vorstellung, mich in den Armen eines Weibes zu wissen,
flt mir den unberwindlichsten Abscheu ein. Vielleicht trifft das Wort
nicht ganz, ich kann die Empfindung nicht definieren; Kapitulation, nie
mehr gutzumachender Verlust liegt darin, aber auch das trifft nicht. Das
Bild wagt sich nicht an mich, es verzischt frher als ichs sehe wie
glhende Kohle im Wasser, aber dann whlt es unterirdisch, dann kommt
das Brausen im Blut, und die von unheimlichem Spuk ins Ohr gebrllten
Worte, und die ungewisse Erinnerung, das Alleinsein und
Nichtalleinseinwollen, das Zerflattern der Arbeit, die Nchte, die
Trume.

Du weit, ich bin kein Mucker. Ich bin jetzt alt genug, um die
natrlichen Vorgnge unbefangen zu beurteilen. Auch fhle ich mich wie
gesagt nicht als Ausnahmewesen und mchte nicht bei dir in den Verdacht
geraten, da ich, was andern so gut beschieden ist wie mir, bermig
wichtig nehme. Das alles mu wahrscheinlich erlebt und durchgekmpft
werden, und wenn es mir schwerer fllt als andern, so sind meine
besonderen Umstnde daran schuld, die Art, wie man mich behtet hat, die
Kargheit aller Mitteilung, die Entfernung vom Leben, die Strenge in der
Auffassung alles dessen, was auerhalb des Befohlenen und Akkreditierten
liegt. Sollte meine unbedeutende Person dazu bestimmt sein, Rache zu
nehmen fr die Zurckhaltung und den Puritanismus ganzer Generationen?
frag ich mich bisweilen. Bin ich die Entartung, der Rckschlag, durch
den die Natur sich entschdigt fr das, was man ihr ein paar
Jahrhunderte lang an Tribut der Leidenschaften versagt hat? Solche
Selbstberschtzung ruft vielleicht deinen Spott hervor, aber ich kann
dir versichern, da mich der Gedanke manchmal ernstlich beschftigt.
Mglicherweise erblickst du darin das, was du geistige Unzucht nennst,
Verwahrlosung der Eigenliebe, aber sage mir, wie du dir die Zucht und
Eindmmung der Phantasie in der Praxis denkst, denn eben die Phantasie
erscheint mir als furchtbare, tyrannische Elementargewalt, je
unbndiger, je mehr man sie zu knebeln versucht. Sie erlauert die
Wehrlosigkeit des Menschen, um ihn zu peinigen.

Ich schlafe bei offenen Fenstern, zugedeckt mit einem dnnen Tuch, in
der letzten Zeit meide ich sogar das Bett und richte mir mein Lager auf
dem Fuboden. Es schtzt mich nicht vor widerlichen Trumen. Diese
Trume, obwohl sie nichts unmittelbar Hliches und Beschmendes an sich
haben, sind doch derart, da sie mich durch den Tag verfolgen wie Gift,
das man mir eingegeben; das Schmhliche liegt oft mehr in der Farbe und
in der Wirkung als im Vorgang, der an sich sinnlos ist. Ein Traum ist,
da klebt alles was ich anfasse; Fleisch und Knochen an mir sind eine
heie, weiche, zhe Masse; dabei fhl ich, ich bins garnicht, ein
fremdes Wesen durchsickert mich, ein fremder Leib; es wird mir
eigentmlich wohlig matt, die feurige Luft wird dunkelblau, alles rinnt
und rieselt um mich herum, schmeichelt und rhrt mich an, will mich
packen und hhnt, und wenn ich aufwache, sind meine Augen wie zwei
Stcke Eisen. Dann ist da ein Traum voller Schlangen, gelb-weie, mit
schlpfrig zarter Haut und grnen Augen; sie ringeln sich an einem
glatten Turm hinauf, von oben hngen Haare herab wie aufgelste Haare
einer Frau, ich mu hingreifen, der Schauder verwandelt mich, ich bin
selber Schlange, das Haar flutet ber mich, der Turm fngt an zu
brennen, ich strze malos tief hinunter, ber mir ein feuriges Rad, das
dann mitten durch meinen Krper hindurchfhrt.

Ich laufe stundenlang, tagelang durch die Wlder. Bin ich gleich md,
Frieden erring ich nicht. Wenn alle im Haus schon schlafen, stehl ich
mich oft an den See, ls das Boot von der Kette, rudere hinaus. Weit vom
Ufer, la ich die Ruder fallen, leg mich flach auf den Rcken, Hnde
hinterm Kopf, und schau in den Himmel hinein. Die Herrlichkeit, Lucian,
die erhabene Herrlichkeit! Das Boot schaukelt mit der schwachen Dnung,
leis surrt der Wind, die Nacht ist dunkler Purpur. Aber wenn ich mich so
in den Anblick der Sterne verliere, ergreift mich Wahnsinn. Knnt ich
dirs nur schildern! Ich habe es schon als Kind gehabt, das
Sternengrauen, hast dus nie empfunden? Ich frage mich dann: gibt es
einen Zusammenhang zwischen dem Niedrig-Sinnlichen in mir und der
berwelt da droben? Ists denn erlaubt, den verbrecherischen Blick
dorthin zu richten, den blutgebundenen, der den Jammer meines Fleisches
in die Unendlichkeit trgt und sie ansteckt mit Begierden? Da ich das
ewig versperrte grere Leben nur ahnen darf, verfinstert mir die Seele
und verwirrt den Verstand; ich mchte nicht mehr sein, es ist, als
lieen mich Arme fallen, und unten sind Arme, die wollen mich auffangen,
der Raum dazwischen ist das reine Entsetzen. Kann der Tod so schrecklich
sein, wie ihn die Menschen sehen? Wre man nicht ein viel wirklicherer
Mensch, wenn ihn der Geist konzipieren knnte?

Ich bin bis jetzt mit meiner Mutter allein. Du mtest diese Frau
kennen. Sie erscheint mir von Tag zu Tag besonderer. Sie hat seltene
Eigenschaften, und ich habe auerdem entdeckt, da sie schn ist. Das
macht mich kindischerweise oft ganz glcklich. Aber trotzdem wir uns gut
vertragen, ist von innerer Beziehung, wie ich sie momentan ntig htte,
keine Rede. Was mag wohl die Ursache sein? Geh ich sehr fehl in der
Vermutung, da zwischen Mutter und Sohn eine Schranke des
Unaussprechlichen besteht und bestehen mu? So nah sie einander durch
das Blut sind, so fern sind sie einander durch das Wort. Es kommt in
meinem Fall noch hinzu, da ich das Gefhl habe, als drfe sie gar nicht
verstehen, als knne sies nicht, als sei sie in diesem Punkt
erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war und Kinder
geboren hat, ja da ichs grade heraus sage, als sei sie noch unschuldig,
als sei sies zu meinem Refugium und zu meinem Stolz, und folglich von
mir zu behten, nicht ich von ihr. Dadurch aber wird vieles doppelt
schwer, wie du begreifen wirst ...

An dieser Stelle brach das Schreiben ab.

Die ganze Nacht ber lag Dorine angekleidet auf ihrem Bett, die Hand
wider das Herz gedrckt, dessen unaufhrlich tobende Schlge nicht zu
beschwichtigen waren.


Der Ha

Am zweitfolgenden Tag kam Dietrich aus Konstanz zurck, wohin er mit dem
Motorboot gefahren war und sagte lebhaft: Fink ist hier. Ich bin ihm
zufllig begegnet. Er wohnt im Inselhotel. Er wollte mich nachmittag
besuchen, aber ich treffe mich lieber mit ihm in der Stadt.

Aus Dietrichs Erzhlungen erinnerte sich Dorine, da Fink einer von
seinen Hochlindener Kameraden war; sie erinnerte sich auch, da er mit
einiger Abschtzigkeit von ihm gesprochen. So? dieser? entgegnete sie
leichthin und etwas verwundert ber seine unverhohlene Freude; ist er
mit seinen Eltern da?

Ich wei es nicht genau; ich glaube nicht. Es war immer schon seine
Absicht, ein paar Wochen in unserer Gegend zu verbringen.

Wenn er allein ist, knntest du ihn ja einladen, bei uns zu wohnen.

Sehr liebenswrdig von dir, Mutter; aber es wird wohl nicht gehen. Er
erwartet nmlich seine Braut.

Seine Braut? Er ist verlobt? Ist er denn nicht gleichen Alters mit
dir?

Nein; zwanzig denk ich.

Und schon verlobt? Das erstaunt mich. Mit wem reist denn die junge
Dame, und wer ist sie?

Das wei ich alles nicht, Mutter. Das heit, den Namen hat er mir mal
gesagt; Schnwieser, glaub ich, Hedwig Schnwieser.

Nun, wir werden ja sehen, was es damit fr eine Bewandtnis hat, schlo
Dorine das Gesprch.

Am nchsten Tag, nach Tisch, kam Fink, um Dietrich zu einer Segelpartie
abzuholen. Dorine hatte sich bereits zurckgezogen und lie den jungen
Leuten sagen, sie erwarte sie zum Tee. Sie blieben drei Stunden auf dem
Wasser; der Teetisch war im Garten gedeckt; als sie munter plaudernd
erschienen, sa Dorine in einem Strandsessel, ganz in Wei, das blasse
Gesicht von einem Panamahut mit Kornblumenkranz beschattet.

Fink vernderte ihr gegenber wie auf Kommando seine saloppe Haltung. Er
verbeugte sich wie ein deutscher Korpsstudent, schlug die Hacken
zusammen, kte ihr die Hand, alles vollkommen artig, aber mit dem etwas
lcherlichen Ernst eines neugebackenen Weltmanns von zweifelhafter
Erziehung. Dorine war sich darber gleich im Klaren, und auch sonst
mifiel er ihr grndlich. Die berlinische Suada, das unruhige Auge, das
blecherne Lachen, der lasterhafte Mund, die Sucht, mit Wortwitzen zu
glnzen, das Besserwissen und spttische Abtun von Gesprchsthemen, die
sich ber das Bequeme erhoben, sie kannte es, es war ein gefrchtet
Typisches. brigens sah er gut aus, die Zge waren angenehm, die Gestalt
schlank, das Wesen von sorgloser Lebhaftigkeit.

Deine Mutter ist famos, sagte er zu Dietrich, als sie allein waren,
famose Frau. Knnte ohne weiteres eine Frstin abgeben. Famos, wie sie
sich trgt und wie schlicht sie dabei wirkt.

Wozu Frstin? es gengt ihr, eine Oberlin zu sein, erwiderte Dietrich
trocken.

Fink lachte. Freilich; ihr Patrizier mit eurem autochthonen Hochmut. Da
kommt unsereins nicht gegen auf, und wenn wir die fnfzackige im
Schnupftuch htten. Er schaute sich um und redete weiter, die Zigarette
im Mundwinkel, was Dietrich unsympathisch war. Prachtvoller Besitz.
Herrschaftlich gradezu. Werde mal Hedwig herausfhren, wenn du
gestattest. So was kennt sie nicht, denn in Berlin, weit du, da bauen
wir auf Sand, trotz vorhandenen Gottvertrauens.

Wann kommt das Frulein? erkundigte sich Dietrich etwas betreten.

Sptestens Ende der Woche. Ich erwarte Telegramm. Lustig wird das
werden, so zu dreien, meinst du nicht, Oberlin? Sie ist nmlich ein
reizender Kfer, kann ich dir sagen, von Spielverderben nicht die Spur.

Dietrich fragte schchtern: Reist sie wirklich allein und ist allein
bei dir?

Na hr mal, warum denn nicht? Wen kmmert das denn? Ist doch ganz
unsere private Angelegenheit.

Gewi; aber blich ist es im allgemeinen nicht. Wenigstens nennt man es
dann anders. Meine Mutter zum Beispiel knnte sie unter solchen
Umstnden nicht empfangen, das wirst du begreifen.

Mutet ihr auch kein Mensch zu, antwortete Fink. Die Hedwig, die will
ihren Urlaub genieen, alles andere lt sie kalt. Mu denn empfangen
werden? Das klingt so groartig. Und wenn sich eine Begegnung nicht
vermeiden lt, mut du denn deiner Mutter gleich den juristischen
Tatbestand auseinandersetzen?

Ihr kann man nichts vormachen. Und was sie nicht selber merkt, wird ihr
zugetragen. Wir sind Provinzleute.

Schn, halte das, wie du willst; wir haltens nach unserer Fasson.
#Vogue la galre# steht in meinem Stammbuch, auf der allerersten Seite.
Leben, leben, leben, Mensch. Was nachher kommt, ist mir totalement
gleichgltig. Meinetwegen Reue, meinetwegen Armut, meinetwegen
Zuchthaus, heut ist heut, und heut will ich leben. Ah, wie wunderbar die
Luft schmeckt, wie gesund man ist und wie viel Kraft man hat! Du,
Oberlin, schleppst wie die Gefangenen in den mittelalterlichen Kerkern
Zentnerkugeln an den Fen. Du tust mir leid, aber ich hab dich gern,
und irgend was in dir, wei der Teufel was, zwingt mich zum Respekt. Wir
mssen wieder mal ringen, Oberlin. Das wird dir aus den Skrupeln und mir
aus der Faulheit helfen.

Dieser Prahlruf: leben! mitsamt seinen frechen und heroischen
Verbrmungen machte geringen Eindruck auf Dietrich. Mit natrlichem
Instinkt sprte er, da nichts dahinter war, und da sogar die
Verzweiflung und Herzensleere, die solche glitzernde Blasen aus dem
Sumpf der Zeit emportrieb, hier ins Modische und Eitle verdnnt war. Zu
seiner eigenen Verwunderung stand er berhaupt Fink voller Kritik und
abwartender Ruhe gegenber, als ob nicht fnf Wochen, sondern ebensoviel
Jahre seit ihrem Zusammensein in Hochlinden verflossen wren und er den
andern whrenddessen weit hinter sich gelassen htte.

Trotzdem hielt er sich zu ihm. Trotzdem lie er sich bereden, jede freie
Stunde mit ihm zu verbringen. Sie fischten, ruderten, segelten, badeten
miteinander. Fink lud ihn zum Essen ins Hotel, wo er als splendider
Kavalier in hoher Schtzung stand, mietete ein Auto, erhandelte
Antiquitten, besichtigte Schlsser und Landsitze, weil er daran dachte,
sich in der Gegend ansig zu machen. Alles war ein wenig
aufschneiderisch, ein wenig hochstaplerisch, hatte aber keine
verletzende Form. Nur ber der Quelle des luxurisen Wandels lag
verdchtiges Zwielicht.

Der so rasch intim gewordene Umgang war fr Dietrich ein Mittel, sich
selber auszuweichen, und er wute es sogar. Er betrog sich selbst mit
dem neu gefundenen Gefhrten, er berlistete seine anders erfllte
Seele. Deshalb ging er innen nicht ganz so weit mit, als er auen
mitging und war strker durch Vorbehalte als jener durch seine
entschlossene Genugier. Fink war ein Maloser; er wurde erbittert, wenn
er den Gemessenen an seiner Seite nicht ber die Grenze zu ziehen
vermochte, die er sich selbst zog. Am Abend vor der gemeldeten Ankunft
Hedwig Schnwiesers wollte er, berauscht von Wein, berauscht von
unbeschrnkter Freiheit, Dietrich dazu bringen, da er mit ihm ein
Mdchenhaus besuche, das man ihm bezeichnet hatte. Dietrich weigerte
sich. Weder Bitten, noch Drngen konnten ihn bewegen. Fink machte sich
ber seine Tugendhaftigkeit lustig, er antwortete, die Tugend habe damit
nichts zu schaffen, es sei ihm einfach unappetitlich. Philisterausflucht,
um die Feigheit zu bemnteln, erklrte Fink, wenn Dietrich nicht mittun
wolle, gehe er allein. Ich brauche mir nichts zu beweisen, antwortete
Dietrich, aber ich werde dich bis an das Haus begleiten und auf dich
warten. Ich bin neugierig, ob dus wirklich ber dich gewinnst. Fink
kicherte. Deine Neugier kann belohnt werden. Ziehen wir los.

Sie gingen hin, Fink trennte sich rgerlich von Dietrich, und dieser
wanderte an der gegenberliegenden Stadtmauer im dunklen Schatten auf
und ab. Seine Betrachtungen waren nicht angenehm. Eine halbe Stunde
mochte vergangen sein, da kam Fink zurck und wollte sich ausschtten
vor Lachen ber die Kleinstadthetren, ihre Betteleleganz und ihre
bescheidenen Verfhrungsknste. Dietrichs Blick war aber so ernst,
beinahe finster, da er innehielt und fragte, was mit ihm geschehen sei.
Gute Nacht, sagte Dietrich und reichte ihm widerstrebend die Hand,
ich hab noch einen weiten Weg. Verblfft sah ihm Fink nach, als er
sich entfernte. Ich knnte ja ein Stck mit dir gehen, Oberlin, rief
er hinter ihm her. Dietrich beschleunigte seinen Schritt. Esel,
murmelte Fink und drehte sich auf dem Absatz um.

Am anderen Nachmittag lie Fink Dietrich ans Telephon rufen und sagte
ihm, er und Hedwig erwarteten ihn zum Fnfuhrtee im Hotel. Er zgerte
mit der Antwort und hielt sie dann im Unbestimmten. Aber um halb fnf
setzte er sich aufs Rad und fuhr hinber, nachdem er mehr Sorgfalt als
sonst auf seinen Anzug verwendet hatte.

Er lernte in Hedwig Schnwieser ein mageres, langaufgeschossenes Mdchen
kennen, im Alter zwischen zweiundzwanzig und fnfundzwanzig, mit
fuchsfeuerrotem Haar und Sommersprossen. Alles war ein wenig spitz an
ihr, die Nase, die Finger, der Blick und die Rede. Sie trug englisches
Kostm nach der letzten Mode, sichtlich vom teuersten Schneider, aber
wie die Stiefel, die Strmpfe, die Handschuhe, der Hut, sogar der Ring
mit der Perle an der Hand von einer in die Augen fallenden Neuheit. Auch
sich selber war sie ohne Zweifel neu, was in ihrem Betragen merkbar
wurde, das von Unsicherheit jh in anmutlose Ungebundenheit umschlug.
Wie die meisten Grostadtkinder war sie spottschtig, aber dieser Spott
beruhte auf einem Mangel an Bildung und Bescheidung. Da sie sich in
keiner Weise zurckhaltend gab, war Dietrich bereits nach einer halben
Stunde in ihre Familienverhltnisse eingeweiht, und ob sie sich schon
nicht in allen Stcken zur Wahrheit bekannte, wie er vermutete, lag doch
das Nchterne und Armselige der Existenz sprbar hinter dem Erzhlten.
Ihr Vater sei Beamter im Ministerium, erwhnte sie nebenbei; es klang so
sehr nach Erfindung, da Dietrich die Augen niederschlug und garnicht
ntig hatte, auf die Verrterei zu achten, die Fink durch ein
schalkhaft-verwundertes In-die-Luft-Starren beging. Sie hatte die
Gewohnheit, beim Zuhren die Lippen mit der Zungenspitze zu lecken und
dabei die Lider zuzukneifen, was ihrem Gesicht einen listigen und
zugleich sinnlichen Ausdruck verlieh, der in Dietrich ein Gefhl des
Unbehagens erweckte.

Er wurde inne, da er sich, ehe er sie gesehen, mehr mit ihr beschftigt
hatte, als ihm bewut war. Ein Name verheit oft viel, scheint Schicksal
zu enthalten; dieser war einst, als er ihn zum erstenmal vernommen, wie
ein Gestirn an einem fernen Himmel der Sehnsucht aufgeflammt; voll Scham
war er sich darber klar, jetzt wo die lstige Gegenwart ein so
entschmcktes Bild bot, ein Antlitz ohne Feinheit, eine Stirn ohne
Traum, Gebrden ohne mitgeborne Kraft und Lieblichkeit, eine Stimme ohne
Musik. Da er Erwartungen gehegt, fhlte er als Schuld und wurde
schweigsamer und schweigsamer.

Fink schlug einen Spaziergang vor; er hatte nicht den Mut, sich zu
weigern. Die beiden gingen eine Weile Arm in Arm, gaben sich keine Mhe,
ihre Verliebtheit zu verbergen, lachten bestndig, trieben harmlosen
Scherz, auch minder harmlosen, ersannen Vergngungen fr die ersten
Tage, und je weiter sie sich von der Stadt entfernten, je ausgelassener
wurden sie. Dietrich htte ein Hund sein knnen, der neben ihnen
trottete; sie beachteten ihn kaum. Nach einer Weile erinnerte sich
Hedwig Schnwieser seiner und lockte ihn ins Gesprch. Ich freue mich,
da du einen so hbschen Freund hast, sagte sie zu Fink. Dieser
antwortete: Nimm dich blo in acht vor Oberlin; stilles Wasser, tief
wie der Rhein. Mit den kobaltblauen Augen, einem Blau, wie es nur die
Rothaarigen haben, schaute sie Dietrich prfend ins Gesicht; er lchelte
errtend, aber von der Sekunde an empfand er einen ihm selbst nicht
verstndlichen Widerwillen, einen unhemmbar wachsenden Ha gegen das
junge Mdchen.

Er hate ihr Gehen, ihr Sprechen und ihr Lachen, die eckigen
Bewegungen, die anmutlose Ungebundenheit. Er hate die Spur, die ihr
Schritt im Wegsand hinterlie; den Gedanken an ihren Fu im Schuh; den
Atem, mit dem sie ihn streifte, wenn sie sich zu ihm wandte. Es machte
ihn bestrzt, aber er konnte sich nicht wehren. Er fragte sich nach dem
Grund, er konnte ihn nicht finden. Zuviel Gewicht enthielt es fr eine
Beliebige, die ihm zufllig entgegentrat aus einer Millionenzahl von
Frauen und Mdchen. Es gibt eine Antipathie der Krper, Antipathie der
Atmosphren; kaum die wre bei der Nachgiebigkeit und Billigkeit, die
ihm sonst eigen waren, in ihrer Wirkung verblieben, denn die junge
Person tat ihm kein Leids, im Gegenteil, sie schmeichelte ihm, sie warb
um seine gnstigen Blicke, sie anerkannte ihn als Sendling einer Welt,
die ber der ihren stand und war bereit, sich zu verkleinern und
unterzuordnen, alles, weil sie seine Abneigung sprte und sofort ihren
ganzen Ehrgeiz daran setzte, sie zu besiegen. Hie und da loderte, jetzt
schon, in ihren Augen ungeduldige Entschlossenheit auf wie ein
heimlicher Strahl; etwas Bses kam zutage, eine Kraft, die geschlummert
hatte; dann verdoppelten sich die Ausbrche ihrer Lust und der
Zrtlichkeit gegen ihren Geliebten.

Durch nichts aber war der qulend-rtselhafte Ha in Dietrichs Brust zu
beschwichtigen. Man kann der Sache auf sehr einfache Weise Herr werden,
berlegte er; ich brauche ja nur ihre Nhe zu meiden; ein Wort an Fink
oder ein paar Briefzeilen, eine Bitte an die Mutter; man verreist fr
ein paar Tage und alles ist vorber. Aber gerade dazu fhlte er sich
nicht fhig, und er wute, da er es nicht tun wrde. Warum nur? Auf dem
Heimweg, den ganzen Abend, die halbe Nacht dachte er darber nach. Er
war an dieses ihm vllig gleichgltige, vllig fremde, vllig
uninteressante Wesen gebunden durch Ha. Wie war das zu erklren?
Vielleicht so: weil sie nicht eine andere war, der Verehrung, der
Anbetung, der Verherrlichung Wrdige; weil das Schicksal aus der
Millionenzahl gerade die und keine andere ausgewhlt hatte, um sie
seinen nach einer Erscheinung durstigen Augen zu zeigen. In jedem
menschlichen Herzen ist ein Vorrat von Verehrung, von Anbetung und
Verherrlichung; von hinausgreifendem Verlangen danach; in seinem war
nicht nur Vorrat, sondern berflu; er konnte viel hergeben, er konnte
verschwenderisch sein; er war dagestanden und hatte gewartet; einer
Erscheinung htte es bedurft, und seine Seele wre zerschmolzen; ja, so
war es, so empfand ers, eine Erscheinung htte sein mssen, damit man
sich beugen konnte, alles wre hell geworden, verheiend, in den Bereich
des Mglichen gerckt, sogar Fink wre ein Verwandelter gewesen, ein
Gereinigter, unbeneidet begnadeter Freund.

Nun aber band ihn der Ha mit Stricken an die beiden; er mute ihm
tglich, stndlich frische Nahrung reichen und sich aus Redlichkeit
bestndig vergewissern, ob er nicht Opfer einer Tuschung sei. Er war
unzertrennlich von ihnen. Schon am Vormittag fand er sich im Hotel ein
und blieb meist zum Essen; er fuhr mit ihnen in seinem Motorboot auf die
Reichenau, nach Meersburg und Radolfszell, wanderte mit ihnen auf die
Berge und in die Wlder, und in den Tagen, die seine Mutter in Basel
verbrachte, lud er sie ins Haus, bewirtete sie, und sie saen bis spt
in den Abend bei einer Bowle im Garten. Hedwig Schnwieser sang Lieder;
sie hatte eine nicht ble Altstimme; oder sie haschte nach den
Leuchtkfern, mit denen die Bsche berst waren; der Tisch stand voller
Rosen, die Grillen zirpten, die Frsche quakten, es war der
beglckendste Sommer, und Dietrich trug in ihm ein emprtes Herz.
Zwietracht herrschte zwischen ihm und der Mutter; Zwietracht in ihm
selbst.

Fink wnschte, da er und Hedwig sich duzen sollten. Durch alle
erdenklichen Ausreden wute Dietrich die Zeremonie hinauszuschieben. Als
es sich nicht mehr vermeiden lie, an einem der Abende in der Villa,
verweigerte er doch den brderlichen Ku. Es msse sein, erklrte Fink,
wenn Hedwig und auch er sich nicht schwer beleidigt finden sollten.
Dietrich wich mit verlegenen Scherzen aus; dann sagte er, er sei statt
dessen bereit, jede Bue zu entrichten, die man verlange; er schtzte
ein Gelbde vor, das er geleistet; er behauptete, seit Knabenzeit, seit
einem gewissen Vorfall mit einer jungen Magd, habe sich in ihm ein
unberwindlicher Abscheu dagegen festgesetzt; man mge es krankhaft oder
albern nennen, aber er knne sich nicht helfen.

Sein Eifer, seine Beredsamkeit, seine Angst waren kindlich und
mitleiderweckend. Hedwig ma ihn mit Erstaunen; Fink lachte, da ihm die
Trnen in die Augen traten. Na, Oberlin, und wie war das mit Lucian
damals beim Wettlauf? fragte er boshaft und mit neugieriger Miene, als
ginge ihm ein Licht auf ber Dietrichs wahre Natur. Dietrich erblate
und sah ihn zornblitzend an. Indessen flsterte Fink dem Mdchen etwas
ins Ohr, und sie hielten sich dabei herausfordernd umschlungen.

Schon lange bemerkte Fink den stummen Kampf, der sich zwischen Dietrich
und dem Mdchen entsponnen hatte. Das Schauspiel ergtzte ihn, und er
miverstand es; was er an ihm begriff, schmeichelte seinem
Besitzerstolz. Innerlich des Mdchens bereits mde, htte er nichts
dawider gehabt, wenn es Hedwig gelungen wre, den unfalich Sprden zu
umgarnen und zu verfhren, wenigstens ihn bis zu dem Punkt zu bringen,
wo er fallen mute, so wie alle fielen. Er kannte Hedwigs
Verschlagenheit und hatte sie gelehrt, sich ihrer Machtmittel zu
bedienen. Jedenfalls ertrug er nicht mehr Miene und Blick dieses
Unberhrten, nicht mehr die eher geahnte als geglaubte Reinheit eines
unbefleckten Krpers, nicht mehr die diamantne Sehnsucht, vor der ein
Etwas in ihm sich neidisch krmmte, und die er hhnen und herabziehen
mute, um sich vor schlimmeren Gelsten zu retten.

So war es mit Fink bestellt.

Pltzlich sprang Hedwig vom Stuhl empor, warf die Arme um Dietrichs Hals
und schickte sich an zu rauben, was ihr nicht freiwillig gewhrt wurde.
Dietrich aber, durch das verschwrerische Wispern der beiden wachsam
gemacht, kam ihr zuvor, als schon ihre blutroten Lippen dicht an seinen
waren. Mit einer Hand packte er sie bei der Schulter, die andere stemmte
er gegen ihre Brust; und so erbittert roh stie er sie zurck, da sie
taumelte und gefallen wre, wenn sie Fink nicht aufgefangen htte. Sie
war bleich geworden, grnliches Feuer sprhte in den entsetzt geffneten
Augen. Dietrich hatte sich erhoben, hielt mit beiden Hnden die
Stuhllehne umklammert und atmete zitternd. Gehen wir, Kurt, sagte das
Mdchen, raffte Schal, Handschuhe und Tschchen zusammen und schritt zum
Gartentor.

Was bist du fr ein querer Bauer, Oberlin, sagte Fink mit bedauerndem
Achselzucken und folgte ihr.

In dem Augenblick, in dem er durch den Stoff des Seidenkleides hindurch
die Brust des jungen Weibes gesprt hatte, war ihm traumartig die Szene
mit dem Spiegel aufgestiegen, die ihm Fink vor langer Zeit geschildert:
wie sie sich entkleidet hatte, vor dem Spiegel, dem Geliebten sich
gezeigt hatte, nicht wirklich und ehrlich, nur im Spiegel. Diese
seltsam jhe Erinnerung hatte seinen whlenden Ha aufs uerste
getrieben und ihm war zumut gewesen, als msse er sie zu Boden
schmettern und zerfleischen, als knne die Bahn erst frei werden und
Ruhe in ihn einkehren, wenn sie unschdlich zu seinen Fen lag.

Aber er sprte noch immer die warme, feste, erschreckend vibrierende
Brust; gleich einem mysterisen Tier hatte sie sich angerhrt, und ihm
graute vor seiner Hand, die er wieder und wieder betrachtete. Das
Geschehene peinigte ihn mit jeder Minute nachhaltiger, die es in Abstand
rckte. Hei irrte er durch die Gartenwege, ans Ufer hinunter, in die
Hhe, dem abendschwarzen Wald zu, der wie ein Zyklop aufstand, und vor
der Kapelle, unter riesigen Ulmen, warf er sich hin und drckte das
fieberflammende Gesicht in die Halme, die vom Tau trieften.

Wie sinnlos alles, wie dunkel; wie feindselig die Nacht um ihn herum
schauert; wie bilderlos und kalt es in seinem Innern ist.


Die Lge

Durch die Lektre des Briefes an Lucian in einen fortdauernd beklommenen
Zustand versetzt, schmerzlich aus der Ungewiheit gerissen, hatte sich
Dorine vorgenommen, im Hinblick auf Dietrichs Tun und Treiben sich jedes
Einspruchs zu enthalten, jeder Maregel und Warnung, die drckend oder
hemmend auf ihn wirken konnten, der stillen Mibilligung auch. Der
Entschlu hatte schwere Stunden gekostet, in denen die Frage der
Verantwortung sie ernstlich bedrngte, die Furcht vor Versumnis und
Verlust nie schwieg.

Erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war und Kinder
geboren hat. Unschuldig, zu meinem Refugium und meinem Stolz, und
folglich von mir zu behten, nicht ich von ihr.

Diese Stze vor allem vergingen nicht aus ihrem Sinn. Sie ahnte eine
Wahrheit in ihnen, aber eine Wahrheit von der anderen Seite der Welt.
Ihr Staunen war tief und unverratbar, fr ewig eingeschlossen in der
Seele und von verwirrender Beunruhigung begleitet. Es benahm ihr den
Mut, weiterhin zu entscheiden, was sie bis an diesen Tag fr recht und
gut gehalten hatte, selbstsicher wie nur diejenigen sind, die ihre
Pflichten und ihr Vollbringen so klug wie bescheiden in das allgemeine
Lebensgetriebe verwoben haben. Nun war flammenhafter Zweifel
aufgewachsen; als wre Wesentliches unerfllt geblieben, ja, in der
Dumpfheit des Gemts nicht einmal bis zum Wunsch gediehen; als wre man
achtlos vorbergegangen an verzauberter Pforte, hinter der die Schtze
des Daseins lagen; als htte man vergessen, das Antlitz dorthin zu
wenden, den Schritt dorthin zu lenken, wo ein Glck, wenn auch
unbekannt, so doch vorbereitet, wartete.

Glck. Sie fing an, dem Begriff nachzudenken, immer in ihrer
Fraueneinsamkeit, in der sie pltzlich das Licht und die Wrme
entbehrte. Es schien ihr, da es frevelhaft sei, die Fundamente zu
untersuchen, auf denen sich ihr Schicksal in ehrenvoller Ordnung
zugetragen hatte. Sie wollte es auch nicht; sie widersetzte sich. Glck:
die Ausrede der Unzulnglichen, Ding ohne Ma und ohne Form, ohne Kern
und ohne Gesetz. Nur nicht eigenliebend und falsch bereuend sich ins
Ungemessene verlieren, das hie die Altre besudeln, vor denen man
glubig gekniet. Und doch dieser Wahn mit seinem Geschmack nach
Verwesung; das Zurckirren ber die Wege und bange Lauschen an ein fr
allemal verriegelten Tren; trichtes, wrdeloses Beginnen. Sogar mit
einem Hingegangenen geriet sie in Hader dabei, rief den Schatten empor
und verlangte Fhrung und Trost.

Er konnte sie nur auf den Menschen hinweisen, den er ihr als Vermchtnis
hinterlassen. Und an ihm krampfte sich ihr Wille von neuem fest. Er darf
mir nicht entweichen, war der letzte Schlu des Kmpfens und Grbelns,
und wenn ich die Seile locker lasse, ist es nur, damit er sich an ihnen,
in seiner Finsternis, wieder zu mir tasten kann; ich bleibe an meinem
Platze, und gibt es einen sichtbaren Beweis dafr, da ich mir und
meinem Geschick treu war, so ist es sein Leben und sein Gewordensein.

Erschttert und noch ungewi, lste sie sich aus dem gefhrlichen Netz.
Das Erscheinen Finks dnkte ihr wie der Anfang der Prfung und
Erprobung. Sie zeigte Dietrich eine gleichmige Freundlichkeit auch
dann, als er tage-, abendlang vom Hause wegblieb. Ohne pedantische
Ermahnungen bewilligte sie seine erhhten Geldforderungen. Sie vermied
es, ihn auszuholen oder ihm die Zerstreutheit und Lssigkeit in den
kleinen Alltagsgeschften vorzuwerfen. Sie hrte ihm heiter zu, wenn er
Heiteres berichtete; sie war nicht ungehalten oder verletzt, wenn er
schlechter Laune war. Nur ein einziges Mal erzhlte er von Hedwig
Schnwieser; es war am Tag ihrer Ankunft. Sie sprte sogleich, da etwas
Besonderes mit ihm vorging, dann wurde es auffallender von Tag zu Tag.

Aus der Zerstreutheit wurde Geistesabwesenheit; aus der Lssigkeit
Vernachlssigung. In den wenigen Stunden, die er daheim zubrachte, trieb
es ihn von Zimmer zu Zimmer, vom Klavier zum Arbeitstisch, vom Kamin zum
Fenster, von einem Buch zu einem Schachproblem. Geqult von dem
unsteten Wesen wie von dem beobachtenden Auge der Mutter wollte er sich
rechtfertigen, klagte ber Kopfschmerz, ber die Hitze, ber den starken
Blumengeruch im Hause. Ohne beschuldigt zu sein, verteidigte er sich. Er
sah angestrengt aus, bisweilen verstrt. Sein Auge hatte den
aufrichtigen Kinderblick eingebt, es senkte sich hufig wie bei einem,
den man auf schlechtem Vorhaben ertappt, und verstohlen sphte es dann.

Bekannte sagten zu Dorine: Was treibt der junge Mensch? Man sieht ihn
nur noch in Gesellschaft dieses zugereisten Paars. Zweifelhafte Leute,
sehr zweifelhafte Leute; leben in Saus und Braus, genieen belsten Ruf.
Kein Umgang, der sich fr einen Oberlin schickt.

Die Folge war, da Dorine Haus und Garten nicht mehr verlie, Besuche
nicht mehr annahm. Aber sie zog durch einen alten Freund des Ratsherrn,
Notar in Konstanz, Erkundigungen ein, und die Nachrichten stimmten sie
ernst. Es war sogar das Gercht aufgetaucht, der junge Fink habe einem
Geschftsfreund seines Vaters unter betrgerischen Vorspiegelungen eine
betrchtliche Geldsumme entlockt und nur mit vieler Mhe und nach rascher
Wiedergutmachung des Schadens sei die Anzeige verhindert worden. Das
Mdchen aber sei die Tochter eines Pfrtners im Reichsmarineministerium
und in einem Kaufhaus als Probiermamsell angestellt gewesen.

Eines Abends kam Dorine aus dem Garten in den gepflasterten Flur, den
groen Neufundlnder hinter sich, in dessen Begleitung sie ihre einsamen
Spaziergnge zu machen pflegte. Dietrich kam von oben herab; unter dem
Sommermantel trug er den Abendanzug. Wohin? fragte sie. Er gehe in die
Stadt. Jetzt noch, vor dem Essen? Er esse drinnen; man habe ihn
eingeladen. Wer? Kurt Fink. Kurt Fink und die Braut? Ja, Kurt Fink und
die Braut. Pause. Ob er nicht telephonisch absagen mchte und den Abend
mit ihr verbringen? Sie wnsche es heute. Er blickte verlegen, ja
bestrzt. Es sei unmglich. Unmglich? Was fr eine Wichtigkeit habe es
denn? Keine besondere Wichtigkeit, aber es sei unmglich. Wenn sie es
aber ausdrcklich verlange, wenn sie darauf bestehe? Der
verlegen-weichende Blick begann im Raum zu schweifen. Unmglich, er
knne sich nicht entziehen, man habe eine kleine Feier veranstaltet,
Kameraden kmen aus Hochlinden herber, Georg Mathys unter anderm,
vielleicht sogar Lucian, sicher Lucian auch, er habe telegraphiert, wie
solle er sich da ausschlieen ohne triftigen Grund? Nun ja, wenn dem so
ist, sagte Dorine langsam. Die Mutter mge verzeihen, fgte er hastig
hinzu, aber er msse sich beeilen, der Dampfer fahre in fnf Minuten.
Beeile dich nur, antwortete sie gelassen, es wird bald regnen, ein
Gewitter hngt am Himmel.

Sie sah ihn an, bevor sie weiterging. Seine Finger nestelten nervs an
der Schirmquaste. In seinem Gesicht war die Blsse der bernchtigkeit.
Der Mund war unschn verzogen. Ein fremder junger Mensch, dachte sie.

Sie schritt die breite Treppe empor. Mechanisch griff sie nach dem
Halsband des Hundes, der den Kopf an ihrem Schenkel rieb. Oben ffnete
sie das hohe Dielenfenster und beugte sich hinaus. Der schwle Sturmwind
zerzauste ihr Haar. Vom Landungsplatz schrillte die Glocke herber, die
Bootsschraube durchwhlte zornig das Wasser. Knarrend bogen sich die
Bume und zeigten die bleiche Unterseite ihrer Bltter, als entblten
sie sich. Dorine schlo die Augen. Der Hund stellte sich empor, legte
die Tatzen auf das Fensterbrett und berhrte mit der Schnauze ihre
Schulter.

Was ist mir? Was geschieht mit mir? fragte sie sich. Niemals im Leben
hatte sie hnliches empfunden. Dieses tzende, giftige, entehrende
Gefhl, was war es? Es drrte den Hals aus, es schnrte den Atem ab, es
war wie eine Kralle und dann wie ein beschimpfend aufgerissenes Maul.
Keine Hilfe dagegen als vielleicht der Schlaf. Wer doch schlafen knnte,
ein Jahr lang schlafen. Htte man doch einen Freund, einen weisen Kenner
der Dinge, einen liebenden Rater.

Gibt es Eifersucht einer Mutter? Eifersucht, weil ein Glaube wankt; weil
ein reines Bild beschmutzt wird; weil ein zugehriges Herz, aus dem Nest
gestoen, sich ans Nichtige und Bse verliert? Weil ber ein geliebtes
Antlitz der Schleim und Aussatz der Lge kriecht? Jugendlicher
Leichtsinn? Da ist keine Jugend und kein Sinn mehr, wo die Lge, so
dumm, gedankenlos und schbig sie sich auch fhrt, ihre widerwrtige
Fratze erhebt. Vor allem galt es, sich zu berzeugen. Lge stinkt, aber
Augenschein war ntig, damit man sie packen konnte.

In den Zgen war ein Ausdruck von Klte und Drohung, als sie das Fenster
schlo, in ihr Zimmer ging und dem Mdchen lutete. Der Eintretenden
befahl sie, bei dem benachbarten Fuhrwerksbesitzer einen Wagen zu
bestellen; sie msse sogleich in die Stadt fahren. Sie zog sich um, und
im Seidenumhang ber dem dunklen Straenkleid trat sie vors Gartentor,
wo der Wagen bereits wartete. Staubwolken, mit Regen vermischt, trieben
ihr ins Gesicht. Eine halbe Stunde spter stieg sie am Hotel aus. Sie
ging durch die Halle und hierauf durch die uralten Kreuzbogengewlbe, in
denen berall an gedeckten Tischen modern gekleidete Menschen saen.
Neugierige und achtungsvolle Blicke richteten sich auf die stattliche,
schnschreitende Frau. Sie suchte. Der Hoteldirektor, der sie kannte,
eilte ihr nach, um sich ehrerbietig nach ihrem Begehren zu erkundigen.
Sie stellte eine Frage, er wollte sie fhren, sie deutete mit einer
Kopfbewegung an, da ihr dies unerwnscht sei, er wies nach einem
zellenartigen Gela am Ende eines greren Saales. Dort saen sie, Kurt
Fink, das junge Mdchen und Dietrich, dieser mit dem Rcken gegen den
Eingang, das Mdchen mit dem Gesicht Dorine zugewandt. Der Tisch war nur
fr drei Personen berechnet. Neben Fink stand der Sektkbel; man war in
munterm Gesprch; die Stimme des Mdchens war die herrschende; whrend
sie das Kelchglas in der Hand hielt und in kleinen Pausen nippte,
erzhlte sie irgend etwas, wozu Fink hlich lachte.

Die Situation war derart, da sich Dorine unauffllig fast bis an den
Mauerbogen nhern konnte, der den Raum abschlo, und die kurze
Zeitspanne gengte ihr, um das Mdchen ins Auge zu fassen, Gestalt und
Gesicht. Sie tat es ohne ein ueres Zeichen von Interesse. Der erste
Eindruck war der der Unechtheit und einer gewissen Verwahrlosung, die
allerdings nicht in der absichtsvoll modischen und reichen Toilette
hervortrat. Die eigentmlich wchserne Haut, das hektische Lippenrot,
der umflorte, ja kahle Blick, die Stimme, die keine Begleittne der
Seele hatte, die harten, dringlichen Gebrden, die niedrig-sinnliche
Erfahrenheit, die sich in der Bewegung jeder Krperlinie verriet und die
fast nur Frauen, auch die keuschesten, an Frauen zu wittern vermgen,
das alles wirkte in hohem Grad abstoend auf Dorine.

Sie blieb jetzt stehen. Fink erblickte sie, stutzte; wollte gren, war
seiner Sache doch nicht sicher, sah Dietrich an, der drehte sich um,
sprang vom Stuhl auf, wurde kreidebleich.

Dorine nickte blo. Als er einen Schritt auf sie zu machen wollte,
fgte sie eine abweisende Geste hinzu und entfernte sich. In tiefen
Gedanken und tiefer Unruhe nahm sie wieder im Wagen Platz.

In ihrem Haus dann erschien sie sich wie in einem riesigen Sarg. Kein
Buch lockte, kein Tun. Schlaf, wute sie, war ihr versagt. Unertrglich
langsam krochen die Stunden.

Als es ein Uhr schlug, ging sie in Dietrichs Zimmer hinber, machte
Licht und fing an, auf und ab zu wandern, die Arme ber der Brust
verschrnkt, die Stirn verfaltet, aufrecht und kampfbereit.

Man knnte auch darber hinweggehen, dachte sie; aber dann wre man von
anderer Zucht und aus anderm Holz. Wem die Wahrheit nichts mehr wiegt,
der kann auch die Lge auf die leichte Achsel nehmen. Es ist kein Grund
vorhanden, da ich die Ware, die ich teuer erworben habe, billig
hergeben soll. Will mir einer den Abla predigen, so hte er sich, mir
Herzenstaubheit fr lliche Snde aufzureden. Was fr eine Welt wre
das denn. Eher mit aller Liebe zuschanden werden, als sie in der
Bequemlichkeit nachsichtig verlottern lassen. Was fang ich an mit einem
Stoff, der im Gewebe reit, sobald ich ihn benutzen will? Was tu ich mit
einem Sohn, der lgt? Freilich straft sichs nicht von innen aus, ist
Hopfen und Malz sowieso verloren. O Gott im Himmel, sag mir, was tu ich
mit einem Sohn, der lgt!

Sie prete die Hnde an die Wangen und schaute verzweifelt empor. Nach
einer Weile blieb sie am Schreibtisch stehen, ffnete die Mappe und sah
den Brief an Lucian noch liegen, wie er vor drei Wochen gelegen, kein
Wort war mehr hinzugefgt. Dies erfllte sie, kaum wute sie warum, mit
schneidender Sorge. Nachdem sie die Schriftzge lange betrachtet hatte,
schlo sie die Mappe wieder und setzte ihre Wanderung fort.

Es wurde zwei Uhr, es wurde drei Uhr. Endlich das Gerusch von Schritten
auf dem Kies, des Schlssels im Tor, von Schritten auf der Treppe. Er
trat ein. Er verharrte neben der Tr.

Du bist noch auf, Mutter ... klang es halb trotzig, halb beklommen.

Dorine antwortete nichts. Sie hatte sich auf das Sofa gesetzt und
blickte vor sich hin.

Ich habe dich belogen, begann er wieder, in demselben Ton; ich wei
keine Entschuldigung dafr, aber ich bitte dich, es zu vergessen.

Dorine sagte kalt: Einem berfhrten bleibt nicht viel anderes brig,
als zu gestehen. Ich lege keinen Wert auf dein Gestndnis.

Soll es also in deinen Augen ein Verbrechen bleiben?

Sie erwiderte: Ich wnsche keine Errterung darber. Weshalb ich dann
hier bin, denkst du. Das will ich dir sagen. Ich habe dich gesucht. Denn
der, der dort beim Sekt gesessen ist, das warst du nicht. Und der, der
jetzt vor mir steht, das bist du nicht.

Dietrich flsterte: Mutter, du tust mir Unrecht.

Sie zuckte geringschtzig die Achseln.

Pltzlich brach er aus: Du glaubst doch nicht am Ende, da ich mir aus
der Person etwas mache?

Aus welcher Person? fragte sie fremd und mit Hoheit.

Die Hnde bittend hingestreckt, wie auer sich, mit einem Mund, der wie
zerrissen aussah, trat er auf sie zu und wiederholte: Da ich mir aus
der Person nur im allermindesten etwas mache, wirst du, Mutter, doch
nicht glauben?

Dorine erhob sich und entgegnete ebenso fremd und mit ebensolcher
Hoheit: Ich wei nicht, von welcher Person du sprichst. Redest du von
der jungen Dame, von der du mir gesagt hast, da sie die Verlobte deines
Freundes ist? Wie wre das denn auch mglich? Dann wrdest du dich ja
noch niedriger stellen, als deine Meinung von ihr zu sein scheint. Sie
ma ihn von oben bis unten. Nein, Dietrich, das bist du nicht. Aber
bilde dir nicht ein, da ich schon verzichte, fgte sie mit rtselhaft
finsterem Lcheln hinzu; ich will und mu dich wieder haben.

Damit verlie sie das Zimmer.

Um neun Uhr morgens fuhr sie nach Basel. Dort vergrub sie sich frmlich
in ihrem einsamen Hause, fnf Tage lang.


Pygmalion

Da ihm ein schlimmes Gefhl von der Szene mit Hedwig Schnwieser
geblieben war, machte sich Dietrich am andern Tag ziemlich frh schon
auf, sie zu besuchen und wenn auch nicht abzubitten, so doch um Finks
willen, den er beleidigt glaubte, eine Vershnung herbeizufhren. Aber
alles, was er tat und sich vornahm, verwirrte ihn in gleicher Weise. Die
peinigende Unzufriedenheit mit sich selbst, das leidenschaftlich
friedlose Sinnen und Hinstrmen verdsterte nachgerade sein Gemt.

Fink und Hedwig waren noch in ihren Zimmern. Er lie sagen, er sei da
und warte. Fink schickte Botschaft, er mge hinaufkommen. Es war nicht
die Rede von dem gestrigen Vorfall. Fink war ziemlich aufgeregt
beschftigt, seinen Koffer zu packen. Er habe ein Telegramm erhalten,
das ihn nach Mnchen rief, erzhlte er. Hedwig bleibe hier, wie lang es
dauern werde, bis er sie abholen knne, wisse er noch nicht. Sie wolle
nicht im Hotel bleiben, es sei ihr zu ungemtlich; das verstehe er; sie
wolle nach Mannenbach hinaus, in den Pfauenhof, ganz in der Nhe der
Villa Oberlin; das Haus und seine Lage berm See htten ihr gefallen.
Weiber lieben es, sich zu verndern, sagte Fink, der hemdrmlig hin
und her rannte und was ihm gerade zwischen die Finger kam, in den Koffer
warf; du wirst dich hoffentlich ein bichen um sie kmmern, Oberlin.
Ich verlasse mich in dem Punkt ganz auf dich. Dummheiten wirst du ja
nicht machen, dazu bist du zu fischbltig und natrlich auch zu
anstndig. Und sie, wenn sie blo ihre Ration Amsement hat, lt sie
sich um den Finger wickeln. Versprichst du mir, da du dich ihrer
annehmen wirst, Oberlin? Er blieb vor Dietrich stehen, legte ihm beide
Hnde auf die Schultern und sah ihn treuherzig und zugleich mit kaum
verhehlter Pfiffigkeit an.

Ich bin nicht der Richtige fr ein solches Amt, erwiderte Dietrich
ausweichend. Es war ihm ein rgerlicher Gedanke, da das Mdchen in
seiner unmittelbaren Nachbarschaft wohnen sollte, und es schien ihm
etwas wie Bosheit in dem Plan zu liegen, von der Zudringlichkeit
abgesehen.

Fink lie sein schepperndes Lachen hren. Du, Hedwig, schrie er auf
einmal durch die Tr, Oberlin kann sich gar nicht fassen vor Wonne ber
deine Idee mit dem Pfauenhof.

Dietrich sagte durch die Zhne: Fhlst du denn nicht, wie taktlos und
wie geistlos du bist?

Fink zog die Brauen in die Hhe, und in seinem Gesicht ging eine
hliche Vernderung vor. Er antwortete giftig: Sag mir, warum du dich
eigentlich so aufplusterst? Wofr hltst du dich eigentlich? Hltst du
dich etwa fr einen Edelmann? Wie viel Stockwerke ber uns ist Euer
Erlaucht geboren? Aber ohne Spa, Oberlin, und auch ohne Groll, sag mir:
was bist du fr ein Mensch? Wir haben jetzt wochenlang wie zwei
Kameraden verkehrt, du warst mein Gast, ich der deine, aber ich wei
wahrhaftig nicht, was du fr ein Mensch bist. Ein Dummkopf oder ein
Narr? Ein Schwchling oder ein Verrter? Mcht es gerne wissen. Nur
damit man sich danach richten kann.

Ich glaube, entgegnete Dietrich langsam, ich glaube, da wir zwei
beide nichts miteinander zu schaffen haben sollten. Ich glaube, da
jeder von uns beiden durch den anderen schlechter wird. Ob ich ein
Schwchling oder ein Verrter bin? fragst du. Beides. Ein Verrter, weil
ich dich trotz unserer Intimitt mit allen meinen Gedanken verabscheue
und immer verabscheut habe, und ein Schwchling, weil ich zu feige und
zu ehrlos war, daraus die Konsequenz zu ziehen. Somit weit du es und
darfst mich ruhig verachten. Denn siehst du, Fink, ich habe vor mir
selber die Achtung verloren. Wie es zugeht, kann ich mir nicht erklren,
aber ich versichere dir, da ich es ganz gerechtfertigt finde und da
ich mich nicht einmal wehren wrde, wenn mir irgend ein Mensch auf der
Strae ins Gesicht spucken wrde. Knnte mir nur einer sagen, was ich
tun soll.

Fink hatte sich verfrbt. In seinen Augen flimmerte Wut. Aber es lag in
Dietrichs Worten solche Seelenqual, da er sein Aufbrausen zurckhielt
und in wegwerfendem Ton sagte: Du bist einfach nicht zurechnungsfhig.
Sonst httest du mir einzustehen fr dein windiges Gerede. Ich halte
dich fr krank. Was du tun sollst? Na schn, wenn du einen
freundschaftlichen Rat hren willst, so leg den Keuschheitsgrtel ab.
Such dir eine barmherzige Fee, die den Schlssel dazu verwahrt. Wir sind
allesamt eines Fleisches, Mensch, und wer das Fleisch kasteien will, dem
wird das Blut zu Galle. Derlei Popanze, ich kenne sie, mit ihrer
berheblichkeit und ihrer Heuchlerstrenge. Insgeheim haben sie sich dem
lsternsten von allen Teufeln verschrieben und verkohlen innerlich wie
die Spne in einem Meiler. Folge mir und geh zu einem Weib.

Das ists nicht, murmelte Dietrich; nein. So simpel ist es nicht. Da
bist du auf dem Holzweg.

Was ists denn? Gehrst du zu denen vielleicht, die das Ideal fr sich
verlangen? hhnte Fink, der aus einem unklaren Grund wieder in Wut
geriet; schlechtweg und ohne Rabatt das Ideal? die Madonna? die
Jungfrau mit dem Glorienschein? Mchtest du Pygmalion spielen, he? den
Pygmalion des Traums, wie ich mal irgendwo gelesen habe? So siehste aus,
Jungchen. Das gibt nen hllischen Kladderadatsch, sag ich dir; da hng
dich nur lieber gleich am nchsten Baume auf.

Die Tr zum Nebenzimmer ffnete sich, und auf die Schwelle trat Hedwig
Schnwieser, mit nichts bekleidet als einem lilaseidenen berwurf, durch
den die Formen ihres stengelschlanken Krpers wie durch gefrbtes Glas
sichtbar waren. Die feuerroten Haare hingen aufgelst ber die Schultern
bis zu den Hften herab. Mit beiden gekreuzten Hnden hielt sie das
Gewand vor der Brust zusammen, schttelte den Kopf und fragte
unzufrieden: Was zankt ihr euch denn, ihr zwei?

Wir haben unsere Weltanschauung kritisch gemustert, brummte Fink
verdrossen.

Hedwig trippelte nacktfig bis dicht vor Dietrich hin, beugte Kopf und
Hals vor und sagte: Wirst du nett sein mit der kleinen neuen Freundin,
keuscher Oberlin? Wirst du ihr manchmal ein paar Rosen aus deinem Garten
schenken und ihr beim Konditor eine Schokoladetorte kaufen? Oder wirst
du sie schlecht behandeln und nicht mehr kennen wollen?

Das war nicht ohne Grazie und echte Schelmerei und hauptschlich nicht
ohne Gutmtigkeit, die Dietrich beinahe entwaffnete und ihn seinen
Widerwillen vergessen lie. Aber die Nhe ihres kaum verhllten Leibes
bewirkte, da er darber weghrte und es sich wie Gewlk um seine Lider
legte. Etwas Schamloses in Haltung und Miene verletzte ihn; er wich
zurck, einen Schritt und noch einen, Hedwig folgte ihm und brach in
Gelchter aus, und whrend sie lachte, ob es unabsichtlich oder in
dirnenhafter Berechnung geschah, war nicht zu entscheiden, schlug sie
den berwurf auseinander, und er sah einen Augenblick lang ihren Krper
nackt, porzellanwei fast; wie eine weie Flamme kam es ihm vor.

Lachend und sich schttelnd kehrte sie sich ab und ging in ihr Zimmer
zurck; auch Fink lachte aus vollem Halse.

Adieu, Fink, sagte Dietrich gepret und strzte zur Tr.

Adieu, Pygmalion, rief ihm Fink lachend nach.

Er ging zu Fu nach Hause. So wenig achtete er auf den Weg und die
Menschen, da er sich einmal vor einem Auto stehend fand, das der
greulich schimpfende Chauffeur in der letzten Sekunde noch anzuhalten
vermocht hatte, das andere Mal in einer spielenden Schar zwei Kinder
umstie. Als er beim Pfauenhof vorberkam, blieb er unwillkrlich
stehen. Das Gebude lag in halber Hhe des Hangs; der hlzerne Giebel
eines langgestreckten Pavillons war von einer Girlande aus Tannenzweigen
umwunden, und darunter prangte in roten Lettern auf weier Tafel die
Ankndigung: Morgen Abend findet groe Tanzunterhaltung statt.

Zu Hause fand er einen Brief von Georg Mathys. Er las ihn ohne Anteil.
Ich habe erst jetzt eine annhernde Vorstellung davon gewonnen, wie
viel Arbeit auf uns junge Leute wartet, schrieb der Hemmschuh unter
anderm. Vor allem ist mir klar geworden, da wir uns entschlossen ins
Verhltnis zu den Tatsachen zu setzen haben. Das bedingt eine gewisse
Hrte und eine gewisse Klte, und allerdings um die geht es. Vergangene
Epochen haben mit Vorliebe das Abseitige und Irreale bewundert und
gehegt, wenigstens platonisch; sie haben zum Beispiel den Trumer, oder
besser gesagt, den Traumbefhigten auf ein Piedestal gehoben. Mich
dnkt, da das fr lange vorbei ist. Ich meine damit nicht, da der
Traum aus der Welt geschafft sei oder der Trumer ausgerottet werden
soll; ich bin sogar der Ansicht, da es etwas gibt, was ich die
Erziehung durch den Traum nennen mchte, das so tief und hintergrndig
ist wie die geheimnisvolle Untermalung auf manchen Meisterwerken, aber
die Frage ist dann eben, ob es zur Figur reicht, ob Figur entstehen
kann. Wir werden unsere Hnde rhren mssen, Oberlin. Sieh zu, da du in
deiner Weise vom Fleck kommst. Neulich ging ich durch den Wald, und da
hatten sie einen mehr als tausendjhrigen Baum umgesgt. Herrgott, dacht
ich mir, mein Leben und das von fnfzig meiner Kameraden da hinein, und
es ist noch immer nicht dieses wunderbar und ungeheuer Verdichtete an
Kraft, an Wuchtigkeit und an Bedeutung fr das Ganze ...

Dietrich legte den Brief mit der Empfindung beiseite: ich werde es
spter zu verstehen suchen.

Warum klassifizieren sie und stellen Rangordnungen auf? dachte er
feindselig. Warum fordern sie, da man gerade so und so sein soll? wenn
man nun anders ist und mit dem Anderssein zu existieren hat? Ist man
dann ausgestoen aus dem wirklichen Leben? Kommt man dann nicht mehr in
Betracht, wie eine Wanze, wie eine Laus? Und was ist das: das wirkliche
Leben? was ist das: der Traum? Wer entscheidet: dies ist wirklich, dies
ist unwirklich? Wer verwirft? wer verdammt? wer hlt Gericht? Die Zeit?
Was ist die Zeit? wo ist sie? Sie spricht nicht, sie kennt mich nicht,
sie liebt mich nicht, ich spr sie nicht, was soll sie mir?

So sank er mit dem vergehenden Tag in Schwermut. Der Abend trstete
nicht, gab nichts. In der Nacht lag er auf dem Marmorrondell beim
Springbrunnen und lauschte auf das Rieseln des Wassers. Der groe Hund
kauerte zu seinen Fen, ber ihm flammte, zwischen den Kronen zweier
Kastanien, das Sternbild des Wagens. Es kam ihm vor, als seien seine
Adern in Gold verwandelt und die Glieder verwunschen. Die Welt war
ausgetilgt und ihr Ses und Bitteres ganz in ihn hineingeschlpft wie
in einen Fruchtkern. Er schlummerte ein, aber es war kein Schlaf, es war
banges Glosen in einem brausenden Element. Als der erste Tagschein
rosig-khl aufschimmerte, erhob er sich, ging ins Haus, warf sich ins
Bett wie in einen Abgrund und schlief steinern bis zum Mittag.

Gegen sechs Uhr am Nachmittag sa er in dem kleinen Bibliotheksraum am
Schreibtisch und versuchte seine Gedanken zu einem Brief an Mathys zu
sammeln, als sich leise die Tr ffnete und Hedwig Schnwieser eintrat,
lchelnd, den Finger auf dem Mund. Erst hatte sie den Kopf
hereingesteckt und nachdem sie Dietrich gewahrt, hatte sie es sehr eilig
gehabt, die Tr wieder zu schlieen. Es hat mich niemand gesehen,
flsterte sie; ich bin die Stiege herauf und habe mindestens schon in
drei Zimmern nachgeschaut. Na, und da bist du ja endlich, kleiner
Oberlin. Ich dachte schon, du wrst ber alle Berge.

Sie trug ein weies Leinenkleid mit schmalen blauen Litzen; der Strohhut
hing am Band an ihrem Arm. Sie schien sehr aufgerumt, hatte die
diebische Lustigkeit an sich, wie es ihr Freund Fink nannte, und
bewegte sich mit einer ihr sonst nicht eigenen Freiheit, als wren
unbequeme Fesseln von ihr genommen.

Dietrich vermochte kein Wort hervorzubringen. Er war aufgestanden, hatte
sie angesehen, bestrzt, dster, beinahe hilflos, hatte sich wieder
gesetzt, und sein Herz hmmerte tobend.

Es ist dir wohl nicht recht, da ich da bin? fragte sie gekrnkt.

Er stammelte etwas und gab sich Mhe, zu lcheln.

Ach, es ist mir gleich, ob dirs recht ist oder nicht, ich wollte nur zu
einem Menschen gehn, sagte sie seltsam und setzte sich auf ein
niedriges Bnkchen am Fenster.

Wie schwl es heute ist, seufzte sie; das Blut gerinnt einem vor
Schwle.

Und wieder: Am Abend ist Tanzfest im Pfauenhof. Da mcht ich tanzen.

Er sprach nicht. Sie verstummte gleichfalls. Sie schaute ihn eine ganze
Weile ruhig und forschend an. Er hatte die Augen gesenkt und sein
Gesicht wurde allmhlich bleicher und immer bleicher. Sein Schweigen
schien sie nicht zu stren, es war, als finde sie es selbstverstndlich,
und wie sie ihn so anschaute, wurde aus dem ruhigen und forschenden
Blick ein neugieriger, ein mitleidig-messender, ein verlangender. Sie
umschrnkte die Knie mit den Hnden, entstraffte die Muskeln des
Krpers, und auf ihren Lippen war der Ausdruck von Durst. Hast du einen
Brief geschrieben? fragte sie. Zeig mir, was hast du geschrieben?
Sie erhob sich, trat an seine Seite, beugte sich ber den Tisch und
lachte. Aber da steht ja nichts! rief sie.

Da legte sie den linken Arm um seine Schulter und drckte die Wange auf
sein Haar. In einer Mischung von Grauen, Schrecken, angstvoll lhmender
Erregung und Bewutlosigkeit verschwammen Dietrich alle Dinge
ringsherum. Der Zustand eines trben Halbgefhls von Geschehen und Sein
war von dieser Minute an der herrschende in ihm. Ich mu sie erwrgen,
fuhr es ihm wie kalter Stahl durch den Kopf, ich mu sie unbedingt
erwrgen; zugleich erzitterte er in einer schwindelnden, erstickenden,
gehaten, hlichen Begehrlichkeit.

Hedwig, sich dichter an ihn schmiegend, nun ohne Furcht, zurckgestoen
zu werden, ergriff mit der Rechten einen Bleistift und schrieb auf das
leere Blatt: Ich erwarte dich punkt neun Uhr bei der Kapelle.

Sie sah ihn fragend an, stie einen Vogellaut aus, drckte seinen Kopf
an ihre Brust, schrieb wieder: Wirst du bestimmt kommen?

Sie sah ihn abermals an; da sagte er mit einer ihm vllig unbekannten
Stimme: Ich werde kommen.

Sicher? jubelte sie leise.

Sicher.

Ein gehauchter Ruf von den Lippen des Mdchens; sie richtete sich empor,
Dietrich hob den Kopf: die Ratsherrin stand im Zimmer. Im Reiseanzug
stand sie da, den Blick wie zerstreut in die Richtung gekehrt, wo die
beiden waren, mit den Zhnen an der Unterlippe nagend, was der Miene
etwas Grblerisches gab, und scheinbar gleichmtig die Handschuhe von
den Fingern streifend. Dietrich langte nach dem Blatt, auf das Hedwig
ihre groen Buchstaben geschrieben, zerknllte es krampfhaft in der
Faust und wnschte, da es drin zerschmelze oder zu Asche werde, denn
ihm war, als drngen die Blicke der Mutter durch seine Hand und knnten
die Worte lesen. Hedwig, in peinlicher Verlegenheit, sich scheu duckend
unter den Augen dieser Frau, die sie als Luft behandelten, wute nicht
recht, was sie tun sollte, endlich fate sie einen Entschlu, ging mit
einem hastigen Knix an Dorine vorber und huschte hinaus, was Dietrich
ungeachtet seiner Verwirrung als albern und ungeschickt empfand.

Auch das Verschwinden des Mdchens schien Dorine nicht zu bemerken. Sie
legte den Hut mit dem langen Schleier ab und ging lssig hin und her.
Sie erzhlte von der Eisenbahnfahrt, vom Baseler Haus, von einem jungen
Professor, den Dietrich kannte und den sie vor der Abreise am Bahnhof
gesprochen. Wie sie von allem Vorherigen keine Notiz genommen, schien
ihr auch Dietrichs Stummheit nicht aufzufallen, seine Blsse und beengte
Haltung nicht. Ehe sie sich in ihr Zimmer begab, um sich umzuziehen, bat
sie ihn, ihr sogleich die Abschrift eines Dokuments anzufertigen, das
sie aus ihrem Tschchen nahm und ihm reichte. Es war ein
Gerichtsbeschlu ber die Vormundschaft und ber den Nachla des
Ratsherrn, gespickt mit Ziffern und Paragraphen. Dietrichs Miene zeigte
Beflissenheit; er setzte sich hin und fing an zu schreiben, ohne die
Worte zu verstehen, geschweige ihren Sinn. Nur das eine begriff er, und
es beunruhigte ihn fieberhaft, da ihn die Mutter hier festhalten
wollte, da sie sein Vorhaben ahnte und nach einem bestimmten Plan
handelte.

Nach einer halben Stunde kam sie wieder, rckte den Ledersessel ans
Fenster, nahm ein Buch, eines ihrer pflanzenwissenschaftlichen Werke und
begann zu lesen. Bis zum Dunkelwerden fiel kein Wort zwischen ihnen;
nur einmal sagte sie: Ich habe angeordnet, da wir heute in diesem
Zimmer zu Abend essen; es ist mir heimlicher als drunten im Saal.

Dann erschien das Mdchen, rumte die Bcher und Zeitschriften vom
Mitteltisch, deckte auf, machte Licht; inzwischen hatte Dietrich die
Kopie beendigt; man setzte sich zum Essen, Dietrich sah auf die Wanduhr;
es war zehn Minuten nach acht. Er berhrte die Speisen kaum; fortwhrend
hmmerte tobend das Herz. Als es auf der Uhr fnf Minuten nach halb neun
war, erhob er sich und sagte, er gehe jetzt.

Dorine richtete zum erstenmal den Blick voll in sein Gesicht. Mit einem
sonderbar heitern Ausdruck, indem sie sich vorbeugte und die Hnde flach
auf das Tischtuch legte, sagte sie: Du bleibst.

Er erbebte. Sehr leise antwortete er: Es wre besser, du wrdest das
nicht von mir verlangen. Ich sage dir gleich, da ich in diesem Fall
nicht gehorchen kann.

Ohne da der heitere Ausdruck ganz aus Dorines Gesicht verschwand, schob
sich der Unterkiefer langsam hervor, wodurch die Zge etwas
Unerbittliches, ja Wildes bekamen, das Dietrich neu war. Du bleibst,
wiederholte sie. Auch sie flsterte blo. Du bleibst in diesem Zimmer,
bis ich es fr gut finde, dich zu entlassen.

Es tut mir leid, Mutter, antwortete er mit der Impertinenz, die ein
Gegenkrampf des besinnungslosen Blutsturms war, ich bin dein Sklave
nicht, ich habe mich verpflichtet. Damit ging er zur Tr.

Dorine sprang auf und kam ihm zuvor. Sie stellte sich mit dem Rcken zur
Tr, streckte gebieterisch den Arm aus und rief, totenfahl. Keinen
Schritt mehr und kein Wort mehr oder es ist aus zwischen uns. Sklave
oder nicht, verpflichtet oder nicht, durch die Tr gehst du mir nicht.
Aus dem Haus gehst du mir nicht. Keinen Schritt und kein Wort!

Dietrich starrte wie in beizenden Rauch hinein. Gib den Weg frei,
rchelte er; Mutter, gib den Weg frei, oder beim allmchtigen Gott, es
geschieht etwas ...

Du bleibst, rang sichs als Wehschrei von ihren weien Lippen, denn das
Grliche war ihr schon geschehen, eh es geschah.

Im Qualm seiner Raserei strzte er zum Tisch, ergriff das silberne
Vorschneidemesser und wandte sich wider sie. Seine Lippen sprudelten
sinnlose Laute. Er schleuderte das Messer zu Boden, hob die Arme,
umklammerte mit den Hnden ihren Hals. Da geisterte sie ihn mit
entleerten Augen an; der Krper glitt am Trrahmen herab und brach
zusammen, wie wenn die Knochen geborsten wren. Er hrte noch, vom Flur
drauen, ein langgedehntes Aufseufzen. Dann rannte er die Stiege
hinunter, aus dem Haus, aus dem Garten, die Strae entlang, den Hang
hinauf, wie von Fusten gejagt, die ihn in den Nacken hieben.

Als er die Kapelle erreicht hatte, schlug es neun Uhr von der Ermatinger
Kirche.

Er stand da in der Nacht, steif und still, und lie sein Keuchen
verebben.

Schwarze Wolken, wie Kltze, hingen tief. Vom Pfauenhof herauf klang
widrig die Tanzmusik. Aus einer Unterwelt. Er sphte nach den
schimmernden Schatten. Keine Begierde war je so bergewaltig in seiner
Seele gewesen, so flehend und alle Hllen zersprengend wie die, da sie
jetzt kommen mge, ohne Verzug, jetzt in dieser Minute des reifen
Geschicks: damit er sie vernichten konnte, an sich reien und das Herz
in ihr zermalmen. Nur das nicht, Gott, bettelte es in ihm, nur das
nicht, da sie jetzt nicht kommt!

Aber die Minute verflo, und dann die andern Minuten; und die
Viertelstunde und dann die andern Viertelstunden: kein Gerusch, kein
Schritt, kein Mensch. Sie kam nicht. Er irrte am Waldesrand; sein Auge
durchbohrte die Finsternis links und rechts, oben und unten; sie kam
nicht. Da dnkte ihn, er werde aus einem kochend heien Raum pltzlich
in einen eisigen gestoen. Da verdarben Blut und Hirn; da starben
Stimmen in ihm und Geister; da berflutete ihn ein unsgliches Gefhl
von Wesenlosigkeit. Noch irrte er herum, noch wartete er; aber das war
schon Schwche, traurige, geschlagene Geduld.

Es schlug zehn und halb elf. Es begann zu regnen; er nahm es nicht wahr.
Taumelnd verfolgte er den Weg hangabwrts. Unweit irisierten die Lichter
vom Pavillon des Pfauenhofs. Er steckte die nassen Hnde in die Taschen
und lachte wie ein Idiot. Was ihn zur Lachlust reizte, war die Musik,
der er sich nherte. Schon unterschied er die tanzenden Paare einzeln.
Er wute, da auch sie drinnen tanzte. Dann sah er es.

Er gewahrte sie am Arm eines stmmigen Menschen, der eine Brille trug
und in angestrengter Weise den Kopf zurckgeworfen hatte, wobei seine
Miene befehlend und hochmtig war. Das Gesicht des Mdchens hatte einen
schwrmerischen Ausdruck, bisweilen schlo sie sogar selbstvergessen die
Augen. Er sah es genau, whrend sie an der offenen Brstung
vorbertanzte, um hierauf wieder im Gewhl dahinter unterzutauchen.

Es hatte aber keinen Bezug mehr. Er empfand weder Zorn noch Scham noch
Verwunderung noch sonst eine Erregung. Es war ein fertiggelebtes Stck
Leben, das seinen eigenen Tod gehabt hatte; die Frage war nur, was man
mit dem machen sollte, das weiterging, und ob es berhaupt mglich war,
sich mit ihm abzufinden.

Er berquerte die Landstrae und kam an den See. Sich auf das Gelnder
lehnend, hrte er zu, wie der Regen aufs Wasser pltscherte, wie kleine
Wellen lallend ans Ufer stieen, und schauerte in der Nsse seiner
Kleider, von denen Bche herabtroffen. Im Gehen zusammengekauert schlich
er am Ufer hin, gelangte zur Gartenpforte der Villa, stand unschlssig,
ging hinein, ging ins Haus, schttelte sich im Flur, da es spritzte,
ging im Finstern die Treppe hinauf, tastete sich nach demselben Zimmer,
das er vor Stunden, am Ende jenes andern Lebens, verlassen hatte, schlo
leise die Tr, als er drinnen war, drckte die Stirn an die Wand und
begann unaufhaltsam still zu weinen.

Es war eine bescheidene Art von Weinen, wenn auch eine schmerzliche, und
dauerte lange. Es hatte eine gewisse Verwandtschaft mit dem nchtlichen
Sommerregen drauen, der der Landschaft nach der wetterbeladenen Schwle
die Ruhe ihrer Wurzeln und ihrer fruchtbaren Tiefen geschenkt hatte. Als
er sich umkehrte, sah er mit den an die Dunkelheit gewhnten Augen eine
Gestalt, die regungslos am Fenster sa, den Kopf auf den Arm gesttzt.
Sonst war nichts zu unterscheiden.

Er machte zwei, drei Schritte, gehemmt durch Ahnung und Erinnerung. Die
Gestalt erhob sich. Er strzte auf die Knie und umschlang ihre Knie mit
seinen Armen. Er prete sein Gesicht in den Scho, aus dem er stammte;
er prete es so fest hinein, als wolle er wieder dorthin zurckkehren.
Er sprach nicht, rhrte sich nicht, auch das Weinen war ihm vergangen.
Er prete nur, angstvoll ber die Maen, Kind, Sohn, Mann in einem, den
Kopf in ihren Scho.

Da legten sich zwei Hnde auf seine Haare, deren Nsse von stundenlangem
Ausgesetztsein zeugte. Die Hnde blieben liegen. Sie hatten eine
beglckende Schwere fr Dietrich. Er lste das Gesicht aus der
dunkelwarmen Kleidhlle und schaute schchtern empor. Es zeichnete sich,
ber dem Haupt der Mutter, in der Luft ein Wesen ab, deutlich
wahrnehmbar, so zart, so schimmernd, ein Antlitz so verheiend, so rein,
so liebreich, da wie von aufgebrochener Quelle her freudige Zuversicht
ber ihn strmte.

Aber wie es hervorzaubern aus dem Unwirklichen, dieses Wesen? wie es
herausmeieln aus dem Traum?




Die dritte Stufe


Begegnung am Ufer

Die Freunde, ihrem Versprechen treu, kamen um den zwanzigsten September,
Georg Mathys von Basel herber, Justus Richter aus Tirol, wo er mit
seinen Eltern gewesen war, beide an demselben Tag.

Eine Woche zuvor war Dorine nach Leuckerbad gereist. Dietrich allein zu
lassen, war ihr von einer Stunde zur nchsten wichtig geworden;
pltzlich erkannte sie, da Sammlung und Reifung fr ihn auf dem Spiel
stand und leidenschaftlich Aufgenommenes eine Zeitspanne zu ruhiger
Luterung brauchte. Das Beisammensein nach den gewaltsamen Geschehnissen
hatte diese Wirkung nicht gehabt; fast zu spt begriff sie die Gefahr,
die darin liegt, von der Umwandlung eines Herzens Augenschein zu fordern
im nchtern-alltglichen Ablauf.

Als sie einmal so weit war, ging sie nach ihrer Art folgerichtig ans
Ende. Der Plan war, berhaupt nicht zurckzukehren, Herbst und Winter
bei den Geschwistern in Sddeutschland zu verbringen und fr Dietrich
alles so zu ordnen und im schriftlichen Verkehr fernerhin zu bestimmen,
da ihre persnliche Anwesenheit entbehrlich wurde. Brauchte er sie,
rief er sie ausdrcklich, dann wollte sie kommen, sonst mochte er,
uneingestandener Neigung gehorchend, das Leben zunchst auf eigene
Verantwortung fhren.

Einen solchen Entschlu zu fassen und demgem zu handeln, verlangte
ihre ganze Willenskraft und Selbststrenge, Bereitschaft zu einem
Verzicht berdies, den zu leisten einen Monat vorher sie nicht fhig
gewesen wre. Dietrich wute es nicht, sollte es auch erst erfahren,
wenn er in freier Verfgung die Anstalten getroffen, die er fr
frderlich hielt. Beim Abschied hatte sie ihm die heitere Gelassenheit
gezeigt, die ihn so oft entzckte, ohne da er ahnte, wie sehr sie
erzogen und errungen war.

Die Tage dann, in denen er sich vllig gehrte, kein Zwang zu
vorgesetztem Wort und gefesselter Miene verpflichtete, hatten eine Flle
und berflle, die er freudig verausgabte bis zum Abend und die am
Morgen wunderbar erneuert war, als seien Schlaf und Traum
unerschpfliche Behltnisse dafr. Man durfte verschwenden und wurde
nicht vermahnt; eben das malose Sichentuern war ja der Besitz. Regel
war ausgelscht, Gebieten verstummt; er liebte sich mit jedem Atemzug
ins Innerste der Dinge hinein und ins Kleinste, in den Grashalm und ins
Sandkorn, in die verspritzende Welle, in den Schlag der Uhr. Das Bild
von ihm selber war auch nur ein Ding, beinahe wie gemalt oder gewebt,
erstaunlich, weil es war, in einem Augenblick ein Inwendig-Inniges, ein
Ich; wie seltsam, zu sagen: ich; im nchsten ein Zeichen von gestern
oder fr morgen. Bisweilen, wenn er in anscheinender Zerstreutheit
Gleichgltiges tat oder sprach, hatte er die versponnene Empfindung:
Gru von dir; als stehe einer drben in der Ecke, drauen am Zaun und
nicke ihm zu. Oberlin lt dich gren! Doch Oberlin war ja hier, tuend,
sagend, fragend, in einer bebenden unzerstckten Erwartung.

Als die Freunde eingetroffen waren und er fr ihre behagliche
Unterbringung gesorgt hatte, entstanden hufig Momente der Verlegenheit.
War er durch Erschtterungen mehr als durch mitteilbares Erlebnis von
ihnen abgerckt, so waren sie es nicht minder von ihm durch sein
scheues Entschlpfen, das schweigende Bedeuten, da frheres nicht mehr
galt, seine vernderte sichrere Haltung, und nicht zuletzt dadurch, da
sie Gste waren, die sich trotz gewhrter Freiheit in die neue Ordnung
und Umgebung erst einzuleben hatten. Der Gastgeber hat anfangs immer
etwas vom Tyrannen, und die Beziehung zwischen Jnglingen ist die
empfindsamste und wachsamste, die es gibt.

So war es ein vorsichtiges Einandersuchen und -behorchen, das die ersten
Tage ungemtlich machte. Justus Richter, der sich nicht verstellen
konnte, fand es langweilig; Georg Mathys bedauerte Dietrichs
Zugeknpftheit und Khle; es lag ihm daran, diese von allen Beteiligten
herbeigewnschte Zeit angenehm zu gestalten, und von seinem Instinkt
richtig geleitet, vermied er ein ausschlielich auf Rede und
Meinungstausch gerichtetes Zusammensein; er bevorzugte Spiele im Freien,
Wasserpartien und gemeinsame Wanderungen. Wie sein Meister Lucian
verstand er sich auf Ablenkung und die geistigen Umwege, und wenn er ein
Ziel vor Augen hatte, erreichte er es auch mit List und Geduld. Da Kurt
Fink in der Gegend gewesen war, wute er, von den Ereignissen im
einzelnen war ihm nichts bekannt, obwohl er entscheidende Vorgnge
witterte. Und bald gelang es ihm, Dietrich in zgerndes Erzhlen und
Bekennen zu verlocken; er mute nur achthaben, da Richters zufahrende
Derbheit nicht verdarb, was an neuem Vertrauen keimte.

Die Aufrichtigkeit in allem gefiel ihm. Verstrickung und Lsung,
wennschon nur angedeutet, gewann etwas Ursprngliches. Das
Unrein-Umschleierte war abgetan; Georg Mathys glaubte es. Er war hierin
nicht gefhrdet; mit klarem Blick sein eigener Wchter, wurde er der
Trbnisse handelnd Herr, und keinem Verdmmern der Sinne und sem
Bildertrug sich hinzugeben war entschlossener Vorsatz bei ihm. Er wollte
dienen, erforschter Not wirkend begegnen, nicht unterliegen, auch im
Menschlichsten, Natrlichsten nicht; er hatte seine leuchtenden Muster,
denen er nachzufolgen gesonnen war; nicht lyrisch, sondern episch soll
unsere Existenz sein, war sein etwas weitgreifendes Wort. Justus
Richter bekmpfte dies, wo er konnte, aber nicht immer mit schlagenden
Argumenten. Whrend der in Heidelberg verbrachten Wochen hatte er in
einem Kreis von Okkultisten und Theosophen verkehrt, und die dadurch in
ihm aufgewhlten Fragen und Gedanken beschftigten ihn dauernd. Er hat
den guten Geist verraten, sagte Georg Mathys manchmal nachsichtig,
beim ersten Hahnenschrei schon.

Aber beide, der Gehaltene und der Ungestme, verfielen im Umgang mit
Oberlin einem Zauber; was ihnen das schwchere Element zu sein dnkte,
erwies sich als das strkere. Es war eine Gespanntheit in ihm, die
mitspannte; er glich dem Bogen einer Armbrust vor dem Abschnellen des
Bolzens; Nerv und Blick vibrierten sprbar, das ganze Wesen war
eigentmlich lckenlos. Dazu die Weichheit; ein fast mdchenhaftes
Schmachten zuweilen, das nicht zum Spott reizte, nichts Verschwommenes
hatte, weil es so quellend war, berschu von reicherem. Da empfanden
auch die Freunde ihre Jugend: das noch Unerfllte; die Verheiung; die
Flamme; die Sehnsucht; die glckliche Last.

An einem Nachmittag, der mit blauem Himmel begann und sich dann umzog,
gingen sie zu dritt auf den Hhen, lagerten am Waldrand, stiegen
schlielich zum See herab. Ein lebhaftes Gesprch ber Lucian von der
Leyen hatte sich entsponnen, nach welchem Dietrich sich heute zum
erstenmal offen erkundigt, als htte ihn bis jetzt eiferschtiges
Widerstreben verhindert, auch nur den Namen auszusprechen. Georg Mathys
erzhlte, da er noch immer nicht nach Hochlinden zurckgekehrt, da der
Proze gegen ihn anhngig gemacht sei, da er in menschenmeidender
Einsamkeit von Ort zu Ort reise und Briefe voll bitterer Anklagen
schreibe. Er, Mathys, besitze eine Anzahl solcher Episteln und habe jede
ausfhrlich beantwortet. Oft sei er sich vorgekommen wie ein Przeptor,
der seinem auer Rand und Band geratenen Zgling Vernunft und Migung
predigen msse; der Rollentausch habe ihm keineswegs behagt; er frchte,
da Lucian, einer Ttigkeit entrissen, die ihn gezwungen habe, das
Praktische und das Ideenhafte bestndig und tglich gegeneinander
abzuwgen und mit seiner trotzigsten Forderung sich vor dem souvernen
Leben zu beugen, dem kleinen einfachen Leben nmlich, nun innerlich
zerfalle und erstarre.

Justus Richter bemerkte, was ihn betreffe, habe er seine Zweifel und
Bedenken lngst. Man knne eben mit dem Gedanken allein die Welt nicht
regieren; es gehe nicht an, hundert oder tausend Menschenkinder von
hundert- oder tausendfltiger Beschaffenheit auf ein und dieselbe Weide
zu treiben wie eine Herde Ziegen. Das Neue entstehe nicht, weil man es
ins Programm gesetzt, da stecke ein verhngnisvoller Kommandogeist drin,
der Blten und Wunder zerschlage zur alleinigen Ehre des Prinzips. In
all dem hre er immer die unsichtbare Peitsche sausen, und wenn es
einerseits hiee: du brauchst nicht zu sollen, so bedeute es
andererseits ein desto herrischeres: sei, was ich dir befehle.

Georg Mathys schttelte mibilligend den Kopf und sagte: Wer die Welt
vorwrtsbringen will, mu sich gegen sie stemmen. Und das hat er getan.

Ja, das hat er getan, pflichtete Dietrich bei; du, Justus, vergit,
was er war und was er ist. Erinnere dich, wie er vor einem stand, wie er
mit einem ging, wie er einen bei der Hand packte, wie er einem die Natur
und die Menschheit aufschlo. War das nicht Blte und Wunder genug? fr
mich wars genug. Ich habe sehen und fhlen gelernt.

Mir hats nicht so gedient wie dir, antwortete Justus, ich hab immer
ein wenig an der Bergkrankheit gelitten in seiner Nhe, das gesteh ich
frei, und da ers jetzt selber mit der Atemnot zu tun kriegt, knnt ihr
nicht leugnen. Wir lieben ihn alle, das ist wahr; sind ihm Dank
schuldig, ist wahr. Und doch, prft euch ehrlich, in uns allen ist was
wie unaufgezehrter heimlicher Ha gegen ihn, und einmal wirds noch an
den Tag kommen. Denkt an mich.

Und wie soll er an dich denken? rief Dietrich emprt, er, der vor
nichts solche Angst hat wie vor Untreue? Nimmst du das auf dich?

Ich nehms auf mich, versetzte Justus Richter, und ich wei, was ich
damit sage.

Am Ufer entlanggehend hatten sie lebhaft und laut gesprochen. Nun
schwiegen sie pltzlich und richteten die Blicke auf eine ihnen
entgegenkommende Gruppe. Zwei junge Mdchen und ein junger Mann waren
es. Dieser, von geschmeidiger Figur und sympathischer Gesichtsbildung,
ging mit dem einen Mdchen voraus, das andere folgte im Abstand von zehn
oder zwlf Schritten. Beide Mdchen waren in Haltung, Gebrde und Typus
einander hnlich, auch waren sie gleich gekleidet, in Wei, mit weiem
Ledergrtel, weien Strmpfen und Schuhen, breitrandigem Strohhut, von
dem ein violettes Band auf die Schulter hing.

Die eine aber, die still an der Seite des jungen Mannes ging, war von
so strahlender, so auergewhnlicher Schnheit, da Mathys, Richter und
Oberlin, whrend sie auf dem schmalen Weg auswichen, wie angewurzelt
stehen blieben und ihr lcherlich bestrzt, mit unverwandten Augen ins
Gesicht starrten.

Es war ihr lstig, und das Lstige war ein Gewohntes; in den fruchthaft
ebenmigen Zgen zuckte es schmerzlich, dann ein wenig spttisch, denn
das Bild des regungslos gaffenden Trios war von hinlnglicher Komik. Ein
einziger, unmebar flchtiger Blick streifte Oberlin, der in der Mitte
stand; vergegenwrtigte er sich spterhin diesen Blick, so wollte es ihn
dnken, eine Frage sei darin enthalten gewesen, blitzschnelle Frage im
nicht zu hemmenden Vorbergehen, Mitteilung zugleich wie von einem die
Atmosphre durcheilenden, aufflammenden, fallenden, schwindenden Stern.

In den fnf Sekunden war er entblutet. Bume, Wasser, Himmel drehten
sich in wtenden Kreisen. Oben war unten; der sandige Pfad gelber
Streifen am Firmament, die Wolken zerfetzter Teppich zu seinen Fen. In
den fnf Sekunden lebte er ein brausend ungeheures Leben durch, Empor
und Hinab, Flug und Verkrampfung, Mglichkeit und letzte Schranke,
Wunsch und Finsternis des Herzens.

Dann aber sah er die groen ruhenden Augen; das zartgertete Wei einer
Haut, der eine organische Fluoreszenz eigen schien; die Stirn, gebogen
wie eine antike Schale, gleichsam aus edlerem Stoff noch als das brige
Gesicht; in Linie und Wlbung verborgen sinnvoll; damit bereinstimmend
der Mund: gefhaft, Zusammenfassendes der Seele, in die die seine
hinberstrmte, als wren ihre Wnde geborsten; das kastanienbraune
Haar, kurz geschnitten, doch in ppiger Dichte zum Halsansatz flieend
und wie auf Gemlden Luinis oder Parmeggianinos dunkler Hintergrund fr
das farbig Wechselnde von Wangen, Brauen, Lippen, Augen. Wie sich ihm
alles eingrub, einpflgte, einglhte; wie er es umfing und in sich
trank, als htte es ihm zeitlebens gefehlt und nun wisse er es: die
Gestalt, den Rhythmus, das Wei und Dunkle, die Luft drum herum, das ein
fr allemal Geprgte des Menschenwesens.

Rauhe Berhrung weckte ihn: Georg Mathys hatte ihn an der Schulter
gepackt und raunte ihm zu: Was tust du, Oberlin! fhrst dich auf wie
ein Narr. Vorwrts. Mit irrem Ausdruck war er bemht, den Boden unter
sich wieder zu finden. Er stotterte unartikuliert; ihm war, als msse er
ihr nacheilen; er wagte es nicht; jeder Schritt, mit dem er sich
entfernte, schien Verbrechen; er prete die Fingerspitzen an die
Schlfen; was er am Leibe trug, war ihm steinern schwer. Schwarz und
Rosenrot flo in seinem Innern durcheinander.

Inzwischen war auch das andere junge Mdchen vorbeigegangen, stolz,
grblerisch, den Blick erst abgekehrt, dann ihn verwundert, ja bis zum
Erblassen verwundert auf Dietrich heftend, als errate sie seinen Zustand
und die Ursache davon. Justus Richter, knapp hinter ihr, ri den Hut vom
Kopf; sie wandte lssig das Gesicht und dankte im Schreiten ein wenig
berrascht. Kennst du sie denn? fragte Mathys neugierig, als sie auer
Hrweite waren. Freilich kenn ich sie, war die aufgeregte Antwort;
allerdings nur vom Sehen, aber da wird ein Gru in der Fremde schon
erlaubt sein. Die Landgrafschen Schwestern sinds, Zwillingsschwestern,
Tchter von Professor Landgraf in Heidelberg, dem Psychiater. Die
alleine ging, heit Hanna; die andere, Ccilie, war schon als Kind so
schn, da die Leute auf der Gasse stehen blieben, #bouche bante,#
genau so einfltig wie wir vorhin, und da die Groherzogin in Karlsruhe
sie ins Schlo bitten lie, nur um sie anschauen und bewundern zu
knnen. Und jetzt ists so mit ihr, ich hr es oft, da sie Mnner und
Frauen um den Verstand bringt, wenn sie sich nur zeigt. Es soll ihr aber
keine Freude machen, im Gegenteil; es heit, da sie ganz einsiedlerisch
geworden ist.

Sie verstummten dann. Das Oberlinsche Haus leuchtete hell durch die
Bsche, und sie gingen schweigend durch den Garten.


Tragischer Abend

Eine Stunde spter saen sie auf der gerumigen Terrasse im Obergescho,
von welcher See und Landschaft weit zu berschauen waren. Der Himmel
hatte sich mit eintnig grauer Nebelschicht bedeckt, die die unbewegte
Wasserflche farblos machte und Wiesen, Wald und die zerstreuten
Baumstnde herbstlich gealtert zeigte. Schwermtige Stille war in der
Natur; sie dmpfte die Gerusche des vergehenden Tags. Zu Dietrichs
Fen kauerte Rust, der Neufundlnder, hob bisweilen den riesigen Kopf
mit der gelblich gefleckten Schnauze und den triefenden Lefzen, rckte
sich mit den Pfoten anderswie zurecht und versank wieder in seine
wuchtige und wachsame Schlfrigkeit, seufzend.

Auf dem Tische stand, zwischen zwei Vasen mit Astern und Purpur-Laub,
eine lngliche Schale, in der groe reife Birnen in einem Kranz schwerer
Trauben lagen. Justus Richter zupfte von Zeit zu Zeit eine Beere ab,
schob sie in den Mund und gab durch Emporziehen der Brauen zu
verstehen, da sie ihm schmeckten.

Wenn ich euch jetzt sagen wrde, woran ihr denkt, begann er listig
zwinkernd, wrt ihr sicherlich nicht erstaunt darber, da ichs wei.
Aber es ist berflssig, davon zu reden.

Georg Mathys erwiderte: Als ich im vorigen Jahr in Frankfurt die Athene
des Myron sah, war mir, wie wenn ich gegen alles Schlechte und Hliche
fr lange gefeit sei, und Unglck und Niedrigkeit nicht mehr an mich
heran knnten. Die Wirkung war mir neu. Schnheit einer Statue war mir
sthetischer Wert, geistiger. Da sie so ins Zentrale dringen, so
erschtternd sein konnte, so, da man htte weinen mgen wie von einem
Fluch erlst, das hatte ich nicht gewut. Und bis heute wieder hab ich
nicht gewut, da es einem vor einem lebendigen Geschpf hnlich ergehen
knne.

Dietrich, dessen Blick in der Ferne weilte, wurde bla. Die Worte
betasteten Unbetastbares. Sie erzrnten und schmerzten ihn, nur weil sie
ausdrckten, was er empfand.

Man darf es nicht egoistisch umgrenzen, murmelte Justus Richter.

Nein, das darf man nicht, stimmte Mathys zu.

Und doch, fuhr Justus in seiner eindringlichen Art fort, wenn man
sich mit allen Sinnen eine abwesende Person vorstellt, von der man ahnt
oder wnscht oder frchtet, da sie in unser Schicksal greifen wird,
dann ist sie auch da, dann ist die egoistische Grenze schon gezogen. Ist
euch nicht zumut, als se das fremde Wesen unter uns, fremd, weil es
die Welt so will, als schlge sie die Augen auf, um etwas zu erzhlen,
etwas zu klagen? Ich wei auf einmal so viel von ihr, das heit, ein
anderes Ich in mir wei es; ich habe Unruhe um sie. Warum?

Da keiner antwortete und er die erregte Miene Dietrichs nicht sah oder
sie mideutete, sprach er weiter: Es gibt Menschen, die gewinnen einen
Einflu auf Seelen wie magnetische Strme in der Luft; pltzlich. In uns
selber haben wir wohl den Appell dafr, aber es fehlen die
Mitteilungsformen. Die Zusammenhnge zwischen den Kreaturen
untereinander und zwischen ihnen und dem, was wir als toten Stoff
betrachten, sind viel geheimnisvoller als wir annehmen und gehen tiefer
als alle Wissenschaft und Spekulation. Wir sind sehr unvollkommen und
durch rohe Widerstnde gehemmt. Was Erkenntnis sein knnte, ist blo
Trumerei. In seltenen Augenblicken triffts einen wie ein Strahl aus
einer Ritze in den schwarzen Felswnden, die uns auf allen Seiten
umragen. Das ist dann ein Gefhl, wie soll ichs nennen, ein Gefhl wie
nach dem Tod oder vor der Geburt. Wenn ich mich ungemessen, unwollend,
undenkend hingebe, kann ich mich auslschen und neue Gestalt erlangen.
Da rauscht mir der ganze Schicksalsozean in den Adern, und ich bin doch
nur ein Tropfen davon, hineingemischt, hindurchgewirbelt. Dann bin ich
Medium, nmlich Geist unter Geistern.

Das sind gefhrliche Wege, sagte Georg Mathys stirnrunzelnd; wir
mssen uns hten, da das Unbegreifliche zu billig wird fr die Zunge
und zu straflos fr die Gedanken. Alles das steht unter einem strengen
Gesetz; es hngt vom ehrlichen Wissen und Schauen ab. Verzichtest du zu
frh auf Wissen und Schauen, so wirst du der Hanswurst eines Wahns oder
das Opfer scheinpriesterlicher Gaukelei. Es ist da ein Punkt, wo sich
der wirkende Mensch vom vegetierenden scheidet. Man wird leicht zum
Parasiten, wenn man sich in die Dmmerregionen begibt, und dnkelhaft
und zelotisch wie alle Parasiten. Erst Adept, dann Pfaffe, wir sehens
jeden Tag. Du sollst jetzt nicht heftig antworten, beschwichtigte er
den zu ungeduldiger Erwiderung Gersteten, ich mchte ungern streiten,
das luft ja schlielich blo auf metaphysisches Kannegieern hinaus.
Heute hast du recht mit deinem aufgestrten Gefhl, es ist uns allen
gleich wunderlich ums Herz, und eben deshalb wnscht ich nicht daran
erinnert zu werden, da es fr dergleichen bereits gestempelte Formeln
und flssige Meinungen gibt. Wir wollens fr uns haben.

Immer der nmliche Despot, murrte Justus Richter gutmtig-unzufrieden.
Aber er machte keine Einwendung mehr und berlie sich der lastenden
Stille wie die andern. Weit vorgebeugt, hatte er sein dickes rundes Kinn
auf den Tischrand gesttzt, so da es in der beginnenden Dunkelheit
aussah, als lge der Kopf abgeschnitten neben der Obstschale, mit
glnzenden Augen freilich in dem jugendlich belebten Gesicht. Da
erschraken alle drei; ganz nahe, von der Richtung des Waldes her, war
ein Schu gefallen. Rust schlug an, erhob sich, trabte unruhig herum.

Sie lauschten. Nun ertnte ein durchdringender Schrei. Zu zaudern war
nicht mehr. Von der Terrasse fhrte die Steintreppe unmittelbar in den
Park, die eilten sie hinunter, dann zu der kleinen Gartenpforte oben.
Der Wiesenstreifen war ungefhr zweihundert Meter breit, und trotzdem es
ziemlich steil bergan ging und der lehmige Boden vom Regen aufgeweicht
war, hatten sie das Gelnde in wenigen Minuten berquert. Am Waldrand,
unter den vordersten Stmmen, erblickten sie eine weie Gestalt. Rust
stand schon vor ihr und verbellte sie.

Mit dem Rcken an einen Baum gelehnt, das Gesicht mit den Hnden
bedeckt, verharrte sie unbeweglich. Der Anruf Richters, die hastige
Frage Georg Mathys' ri sie nicht aus der Starrheit. Da deutete
Dietrich mit gurgelndem Laut auf eine zweite weie Gestalt, die
ausgestreckt im Moos lag, fnf Schritte entfernt und leblos, soviel man
im unsicheren Zwielicht zu erkennen vermochte. Da es die Schwestern
waren, die sie vor anderthalb Stunden am Seeufer gesehen, war den jungen
Leuten sofort klar. Georg Mathys strzte zu der auf der Erde Liegenden
hin; als er sich niederlie, berhrte sein Knie einen harten Gegenstand;
mechanisch schob er ihn weg, griff dann darnach; es war ein Revolver,
der Lauf noch warm. Jetzt sah er deutlich das Gesicht; ein Blutfaden, in
der Halbdunkelheit schwrzlich, rann von der Schlfe zum Ohr und ins
Moos.

Die Schne war es, die da verblutete; die Schne, die entseelt vor ihm
lag. Es als unabnderlich erfahren zu mssen war ein herabstrzender
Block; Schultern und Schenkel zitterten ihm; er sttzte sich mit den
Armen auf den Boden, seine Hand streifte die schauerlich kalte Hand, die
rechte; die linke ruhte auf der Brust. Rasch einen Arzt, holt Laternen,
hrte er sich heiser rufen. Justus Richter gestikulierte, schaute sich
hilfesuchend um, dann war er verschwunden, und man hrte seine den
Abhang hinunterstrmenden Schritte.

Rust, mit auffallend erbittertem Laut, verbellte immer noch die
regungslos Stehende. Lange erinnerte sich Dietrich des bsen,
eigensinnigen Tons im Gebell des Hundes, das ihn endlich aufschreckte
aus der Vergeisterung. Von der Strae schallten Stimmen empor; der
Schu, der Schrei hatten Passanten und Leute in der Nachbarschaft
alarmiert. Einige nherten sich, riefen durch die hohle Hand, kehrten
unschlssig wieder um. Dietrichs jagende Gedanken hielten nichts fest
auer einem: wie er an jenem andern Abend, in jenem vergangenen
befleckten Leben unweit von hier um die Kapelle geirrt war. Er suchte
die Beziehung zwischen hier und dort, den Sinn der Doppelheit und der
Folge. Was dort geendet hatte; was hier begann. Und es war ein Beginn,
wie immer es wurde, er sprte es schicksalsgetroffen. Als sgte ein
Riesengespenst die Nacht in klappernde Scherben, so ein Gefhl hatte er.
Sich hinbetten neben die Weie war seine inbrnstige Begierde diese
ewige brennende Spanne hindurch, die nur nach Minuten zhlte. Der Leib
war gegenwrtig, also war sie selber gegenwrtig, und Leblosigkeit war
Grimasse. Er fand sich nicht damit ab; er wrde sich niemals damit
abfinden, dessen war er gewi; der Weg, der ihm heute aufgetan worden,
konnte nicht von einem Grab versperrt werden, dessen war er gewi.

Inzwischen hatte sich Georg Mathys erhoben und schritt zu der
Regungslosen am Baum. Hastiges Fragen, die Antworten mit dunkler rauher
Stimme, besinnend und abwesend erst wie von einer, die schwer aufwacht,
dann erregt, anklgerisch, verworren. Dietrich vernahm ungefhr dies:
sie seien in Streit geraten; sie habe der Schwester im Zorn harte Worte
gesagt, habe die Herrschaft ber sich verloren; sei von ihr weggegangen,
sei vorausgeeilt; auf einmal der Schu. Da sie den Revolver bei sich
gehabt, wer htte daran denken sollen; da sie es so aufgenommen, den
ersten Zank in ihrer beider Leben, unfabar; sie sei zurckgerannt;
Ccilie, um Gottes willen, Ccilie! Da sei es schon zu spt gewesen.

Sie hatte die Hnde verflochten und hob sie zur Stirn. Was nun werden
solle; die Eltern, man mge ihr helfen; sie knne so den Eltern nicht
gegenbertreten; um acht Uhr kmen Vater und Mutter mit dem Dampfschiff
von Meersburg, sie htten sie und die Schwester am Vormittag hergebracht
und mit der Vorsteherin gesprochen, Frau Doktor Gnad von der
Gartenbauschule, dann seien sie nach Meersburg gefahren, um Freunde zu
besuchen; Ccilie sollte bei Frau Doktor Gnad eintreten, sie habe sich
darauf gefreut, alles sei vereinbart worden, ihr Gepck sei schon dort,
die heutige Nacht habe sie noch mit ihr und den Eltern im Hotel
verbringen wollen. Wer es den Eltern sagen wrde; der Mutter; die
berlebe es nicht.

Georg Mathys beteuerte, er und seine Freunde stnden ihr zur Verfgung,
sie mge bestimmen, was zu geschehen habe. Es sei halb acht jetzt, bis
zur Ankunft des Schiffes bleibe noch eine halbe Stunde. Er mache sich
erbtig, die Eltern vorzubereiten, er sei selbst der Meinung, da sie
sich zunchst fernhalte. Eine Frage noch mge sie verzeihen: sie und die
Schwester seien in Begleitung eines Herrn gewesen; ob es ein Verwandter
oder sonst nahestehender Mensch gewesen sei? ob man ihn benachrichtigen
solle?

Das junge Mdchen stutzte. Widerwillig und fremd wies sie es ab. Die
verflochtenen Hnde ans Kinn gedrckt, die Blicke am Boden, sagte sie,
es sei kein Nahestehender gewesen; sie und Ccilie htten sich um halb
sieben Uhr von ihm verabschiedet; um sieben sei er nach Zrich gefahren.

Das Hin und Her der Rede war schnell gegangen. Lichterschein kroch den
Hang aufwrts. Justus kam mit dem Grtner und dessen Gehilfen aus der
Oberlinschen Villa. Andere Leute folgten. Ein Gendarm tauchte auf,
gleich nach ihm Doktor Seifert aus Ermatingen, den Justus Richter
telephonisch gerufen hatte. ber die Hingestreckte gebeugt, indes der
Gendarm die Laterne hielt, sagte er laut, er sei hier leider
berflssig. Hanna Landgraf warf sich schluchzend ber die Leiche. Zwei
Polizeibeamte, ebenfalls mit Laternen versehen, drngten sich durch die
Zuschauer. Die jh ausgestreute Helligkeit schuf den Wald zur Hhle um.

Georg Mathys rhrte Hanna an der Schulter an. Sie mge sich fassen,
sagte er, die Herren wnschten einige Fragen an sie zu richten. Ihr
dsterer Blick ging im Kreis, sie erhob sich; mit wenigen Stzen und in
ruhigem Ton erzhlte sie noch einmal den Hergang. Auf die Frage, wie
gro schtzungsweise die Entfernung zwischen ihr und der Schwester
gewesen sei, als der Schu gefallen, besann sie sich und erwiderte, es
seien fnfzig, vielleicht auch hundert Schritte gewesen. Pltzlich
wandte sie sich zu Georg Mathys und sagte, wenn sie seine Freundlichkeit
wirklich in Anspruch nehmen drfe, mchte sie ihn bitten, da er jetzt
zum Landungsplatz gehe. Vielleicht knne er es veranstalten, da er
ihrem Vater die Mitteilung allein mache. Die Mutter msse geschont,
msse vorbereitet werden; er mge dies ihrem Vater noch besonders ans
Herz legen. Professor Landgraf sei ein mittelgroer Mann mit goldener
Brille, glattrasiert, trge grauen Mantel und grauen Hut.

Alles das klang, als seien ihre Gedanken weit weg und in irgendwelcher
Weise feindselig beschftigt. Sie dankte ihm, er schob seinen Arm in den
des erschrocken auffahrenden Dietrich und sagte: Komm, Oberlin.
Dietrich lie sich fortziehen; den Hund, der ihm folgte, wies er heim.

Auf dem Weg zum See murmelte er: Ich wrde auch lieber nach Hause
gehen, Georg. Was sich jetzt abspielen wird, ist so grlich und ... so
gewhnlich.

Nicht auskneifen, Oberlin, erwiderte Georg Mathys; wie meinst du das:
gewhnlich? Ja, ich verstehe, aber das Gewhnliche ist ja ein Trost.
Schon ist Zeit verflossen, Menschen haben geredet, Tatsachen sind
festgestellt, und das Ungeheure wird ans Alltgliche angehngt. Das ist
gut; wie sollte man sonst damit fertig werden?

Mir scheint, damit kann man nicht fertig werden, gab Dietrich zurck.

Whrend sie an der Landungsbrcke warteten und die roten Lichter des
Dampfers sich lautlos nherten, sagte Mathys: Diese Hanna Landgraf gibt
mir zu denken. Hast du bemerkt, mit welcher Gezwungenheit und Klte sie
dem Beamten antwortete? Der Mann hat sie ein paar Mal ganz verwundert
fixiert. Als sei sie bei einem unangenehmen Ereignis nur die zufllige
Zeugin gewesen. Schon vorher, als ich mit ihr redete, wars oft wie
bloer Schall in der Stimme. Und dann doch wieder das Sichhinwerfen, die
Verzweiflung ...

Ich wei nichts, ich habe nichts gehrt, sagte Dietrich; was soll man
auch da noch nachdenken oder schauen; es hat ja keinen Zweck mehr. Die
oder andere; mein Gott, Menschen ... Er schwieg. Pltzlich entrang sich
ihm ein Schluchzen, ein einziges nur, hart, trotzig, gewaltsam. Dann
warf er den Kopf zurck und sah aufs Wasser. Georg Mathys ergriff seine
Hand, drckte sie fest und sagte zrtlich: Mut, Brderchen, Mut.
Nichts weiter, aber es war viel.

Das Schiff legte an, sie traten zum Laufsteg. Da nur wenige Passagiere
ausstiegen, hatten sie die bald entdeckt, die sie suchten. Georg Mathys
sprach den Professor hflich-bescheiden an, fragte um den Namen, stellte
sich selbst vor und bat ihm eine Erffnung unter vier Augen machen zu
drfen. Jener erblate, ging ein paar Schritte mit ihm, und als er die
ersten Worte vernommen, noch ein paar Schritte; die hagere, krnklich
aussehende Frau schaute ihnen betroffen nach. Es dauerte lange, das
Schiff rauschte schon wieder in den See hinaus, Dietrich, an die
Holzbrstung gelehnt, wartete bedrckt; nun schallten die rckkehrenden
Schritte des Professors, er sagte etwas mit verpreter Stimme zu der
Frau; sie schien aus seinen Mienen zu erraten, was er ihr noch
verhehlte, schrill kreischend tnte der Name Ccilie in die Nacht.


Das Unbedingte

Die Stunden, die nun folgten, hinterlieen in Dietrich den Eindruck
zusammenhangloser Bilder. Begegnungen, Gesprche, Gesichter, Gebrden,
es war wie Spiegelung im Wasser. Er blieb stehen, und die Geschehnisse
rollten vorbei; er ging, und Dinge und Menschen verschwanden im Nebel.
Er war nicht traurig und nicht heiter, nicht ttig und nicht schlaff; es
war etwas mit ihm vorgegangen, das ihn unter neue Gesetze stellte. Er
bereitete sich auf einen Kampf vor; Duell mit einem mchtigen,
unsichtbaren Gegner. Er sammelte sich. Er schpfte Atem.

Die Leiche der Toten war in die Oberlinsche Villa gebracht worden, in
das Musikzimmer neben dem Vestibl. Leute gingen fortwhrend ein und
aus. Als der Professor mit festem Schritt durch den Flur ging, wichen
sie ehrerbietig zur Seite und einige grten stumm.

Frau Landgraf hatte man ohnmchtig in einen Wagen gesetzt. Sie ins Hotel
zu schaffen, verbot sich. Dietrich ffnete den fremden Gsten sein Haus,
und Justus Richter erhielt den Auftrag, es dem Professor mitzuteilen.
Der nahm es dankbar an, hauptschlich im Hinblick auf den Zustand seiner
Gattin, an deren Lager der Arzt gebeten wurde. Mathys und der Grtner
hatten sie in eines der Fremdenzimmer im zweiten Stock getragen; sie war
aus der Bewutlosigkeit noch nicht erwacht. Spter weinte sie
ununterbrochen vor sich hin. Hanna war um sie bemht.

Der Professor zeigte sich im weiteren Verlauf beherrscht. Es schien ihm
angenehm, in Justus Richter den Sohn eines Amtskollegen zu finden; es
befreite von dem Gefhl, sich vllig Unbekannten zu verpflichten. Da
die Leiche nicht berfhrt, sondern in Ermatingen beerdigt werden
sollte, beschlo er noch am Abend. Notwendige Formalitten zu erledigen,
durfte man nicht sumen. Die sommerliche Temperatur lie das Verbleiben
der Leiche im Haus lnger als ber die Nacht untunlich erscheinen. Es
mute der Sarglieferant noch aufgesucht werden, Verhandlungen mit dem
Pfarrer, mit der Ortsbehrde und mit dem Distriktsarzt wegen des
Totenscheins waren anzuknpfen. Mathys und Justus Richter erklrten sich
mit Eifer zu Hilfe bereit; sie wurden von einem Nachbar der Oberlins,
Regierungsrat Westerland, ttig untersttzt; er war an der
Unglckssttte gewesen und bewies nun dem Professor beflissenen Anteil.
Dietrich, auf den man ebenfalls rechnete, war so geistesabwesend und gab
so verkehrte Antworten, da man schlielich auf seine Mitwirkung
verzichtete. Der Regierungsrat bestellte telephonisch ein Auto und fuhr
mit den jungen Leuten weg.

Das alles war fr Dietrich fern; Gerusche, Huschen von Schatten.
Zweimal begegnete er Hanna auf der Treppe. Das eine Mal fragte sie ihn
um den Weg nach der Kche; er geleitete sie; das andere Mal suchte sie
eine fehlende Ledertasche; das Gepck war vom Adlergasthof geholt
worden. Er erkundigte sich, wie es ihrer Mutter gehe; sie dankte mit
flchtigem Blick und antwortete unbestimmt.

Er verlie das Haus. Da fast alle Fenster des Gebudes erleuchtet waren,
dehnten sich die Gartenwege hell. Er vernahm die knchern-harte Stimme
des Professors durch ein offenes Fenster oben. Es klang, wie wenn jemand
Rechenschaft verlangt oder Umstnde aufzhlt, mit denen er einen
Widersprechenden zum Schweigen bringen will. Aber es war kein
Widerspruch. Niemand antwortete. Die Stimme ereiferte sich, erbitterte
sich, und niemand antwortete. Dietrich mochte nicht lauschen. Er
verstand nur diese Worte: Ich bin dazu verdammt, unter Unzulnglichen
zu leben und zuzusehen, wie meine Kraft im Wesenlosen zerschellt. Wer
Unheil ahnt, dem geschieht Unheil. Der Fluch ist, alles zu wissen und
nichts verhten zu knnen.

Unerwarteter erster Blitz in das entlegen gewesene Dasein von Menschen,
die er gestern noch nicht gewut, die heute unter seinem Dache wohnten,
ihm verbunden durch eine Tote.

Er verbarg sich, als er die Freunde zurckkommen hrte. Eine Weile
unterhielten sie sich auf dem oberen Balkon; offenbar hatten sie ihn
gesucht, denn er vernahm mehrmals seinen Namen. Vom Herumirren mde,
warf er sich auf den Rasen. Die Finsternis sang wie eine Orgel, aber es
verlangte ihn nach dem Anblick der Sterne. Mit seinen Hnden umgriff er
das schaurig hinrinnende Schicksal, die Augen hingen an der verborgenen
Welt; Leiden durchdrang ihn.

Um Mitternacht erhob sich Wind und trieb ihn empor. Das Haustor war
versperrt, er hatte die Schlssel nicht, aber an der Seitenfront war ein
Fenster offen, er kletterte am Birnenspalier hinauf und stieg ein. Er
befand sich in dem Boudoir der Mutter neben dem Musiksalon. Mit
pochendem Puls zauderte er, die Hand auf der Klinke, dann betrat er den
Raum, in dem die Leiche lag.

In der Ecke hinter dem Klavier brannte eine elektrische Flamme. Die Frau
des Grtners war zur Wache bestellt worden, aber sie schlief fest in
einem Sessel neben der Toten; auf dem Teppich vor ihr kauerte
seltsamerweise der Neufundlnder.

Dietrich trat zur Bahre und blickte auf die marmorn-ruhende Gestalt
herab, ber die bis an den Hals ein graues Tuch gebreitet war.
Unheimlich blumenhaft, wie das Gesicht aus dem Dunkel sprote. Die
Schuwunde war vom Haar verdeckt. Die Schnheit der Zge war ins
Unirdische gesteigert, vielleicht gerade in dieser einen Stunde, wo das
Leben mit einem letzten, schon kristallnen Abglanz in den Tod mndete.
Hier endete der Schmerz; dies zu schauen hie an der Grenze sein und
Auferstehung ahnen oder das Nichts. Was Dietrich auf die Knie niederzog,
war jenseits von Gefhl und Willen, auch was ihn zwang, die Hnde zu
falten und zu beten.

Er betete das Vaterunser. Es war einfach, es lag nahe, es drckte neben
Altgelufigem und Verstndlichem ein Mysterium aus, an das noch kein
Gedanke von ihm gerhrt hatte.

Der Hund war aufgestanden und an seine Seite getreten. Jetzt knurrte er,
und als Dietrich sich erhob, fiel ein Schatten vor ihn. Sich ohne
Neugier umwendend, gewahrte er Hanna Landgraf. Sie musterte ihn
schweigend, in ihrem Blick war Angst. Ihre Lippen ffneten sich zu einem
Hauch und schlossen sich wieder, sie senkte den Kopf und legte die
gekreuzten Hnde an die Brust.

Dietrich grte stumm und wollte den Raum verlassen. Er lenkte den
Schritt mechanisch, weil er von dort gekommen war, gegen das Boudoir.
Rust folgte ihm. Noch hatte er die Schwelle nicht erreicht, als er aus
dem abermaligen Knurren des Hundes schlo, da das junge Mdchen hinter
ihm ging. Er hielt die Tr offen, sie trat ein, er machte die Tr wieder
zu. Sich mit ausgestreckter Hand gegen den Neufundlnder wehrend, der
mit Groll sich wider sie stellte, sagte sie bebend: Was hat das Tier?
Ich begreife nicht, was es von mir will.

Ich versteh es auch nicht, antwortete Dietrich befangen; still, Rust,
Platz! gebot er. Der Hund gehorchte unwillig. Dietrich machte Licht.

Hanna ging auf und ab, lange Zeit; dann blieb sie am Fenster stehen und
schaute in die Dunkelheit hinaus. Sie trug das weie Kleid vom Tag,
darber jedoch einen venezianischen schwarzen Schal, der die schlanke,
mehr als mittelgroe Gestalt bis ber die Hften einhllte und ihr etwas
zugleich Bescheidenes und Wrdevolles verlieh. In ihrem ganzen Auftreten
machte sich diese Mischung geltend, in der Sparsamkeit der Bewegungen
namentlich.

Pltzlich drehte sie sich um und sagte gereizt: Warum sehen Sie mich so
an? Warum verfolgen Sie mich immerfort mit demselben Blick? Glauben Sie,
das sprt man nicht? Schon am Wald droben; und so oft ich Ihnen im Haus
begegnet bin: derselbe Blick. Hat es etwas zu bedeuten?

In der Tat hatte Dietrich, whrend sie am Fenster stand, mit dem Rcken
gegen ihn, die Augen nicht von ihr gelassen. Nichts, erwiderte er
scheu und fast erschrocken, es bedeutet nichts Besonderes.

Nichts Besonderes, aber doch etwas. Sprechen Sie!

Nichts, als da Sie die Letzte waren, der letzte Mensch, der mit ihr
geredet hat. Der letzte Mensch, der sie aufrecht stehend und lebendig
gesehen hat. Wenn man es so sagt, ist es nichts Besonderes; fr mich ist
es viel. Um halb sechs Uhr war es, da sie an mir vorbergegangen ist.
Sie hat mich wohl kaum bemerkt, ich glaube wenigstens nicht. Aber
seitdem wei ich, seit sieben Stunden wei ich, was Leben ist. Und seit
fnf Stunden wei ich, was Tod ist.

Er hatte ruhig und in sich gekehrt gesprochen. Seine Mienen hatten einen
Zug von Erschpfung. In den Mundwinkeln war ein zuckendes Kinderlcheln.

Hanna Landgraf ging ein paar Schritte auf ihn zu, blieb stehen, dachte
lange nach, dann hob sie den Kopf und schaute ihn mit tiefster
Aufmerksamkeit an. Hierauf flsterte sie mit einem Ausdruck dsterer
Betroffenheit: So also. Das also.

Sie setzte sich auf ein Taburett, verschrnkte die Hnde ber den Knien
und sah mit dem gleichen Ausdruck zu Boden. Wieder betrachtete er dieses
Gesicht; wieder konnte er den Blick nicht von ihm lsen.

Er suchte darin das Gesicht der Andern, das Gesicht der Toten. Er
glaubte es zu finden. Es leuchtete wie Feuer durch Rauch, das andere,
und er war dem lebendigen Gesicht dankbar. Er htte nicht zu sagen
vermocht, ob es ein anziehendes oder sympathisches Gesicht war. Es
schien ihm ein Gleichnis zu sein, dessen Sinn erst entrtselt werden
mute, die gebliebene Nachahmung eines unwiederbringlich verlorenen,
unendlich kostbaren Originals. Etwas Zerflatterndes war ihm eigen; es
wechselte in der innern Form; verging und tauchte wieder auf, war
beseelt und wieder leer; voll Ma und Stille, dann wieder qulend
bewegt.

Das Haar, weit dunkler als Ccilies Haar, fast schwarz, war nicht kurz
gehalten, sondern ber dem Nacken in einen reichen Knoten gefat, ber
Schlfen und Ohren in natrlichen Wellen flieend. Das Seltenste,
graublaue Augen im Gegensatz zu dunklem Haar, sah man an ihr; der Blick
war bald fest und stark, bald schwankend und abgleitend; die Brauen lang
geschwungen und ungewhnlich dicht. Der Mund war zur Mitte hin in einer
harten Linie emporgehoben; die schmale Nase gab den Zgen einen stolzen
Charakter, so wie die bronzene Brune der Haut, unter der die Blsse
schimmerte, einen fremdartigen. Stolzes und Wildes, Energisches und
Weiches, Verschlossenes und Unstetes hatte keinen Punkt, wo es sich
sammelte; auch enthllte es sich nur nach und nach, den verschiedenen
Empfindungen und Trieben gem, denen das innere Wesen hingeworfen war
oder sich versucherisch, emprerisch zur Beute lieh. Dietrich sprte es;
es wurde ihm wie Botschaft kund: Region der Leidenschaft und der Gefahr.

Auf einmal kam es, unerwartet ihm selbst, von seinen Lippen und
durchschnitt ein Schweigen, wie es zwischen einander fernen Menschen
nicht zu herrschen pflegt: Warum hat sie es getan?

Als Hanna nicht antwortete, nur eine Geste feindseliger Abwehr machte,
wiederholte er im nmlichen fallenden Rhythmus: Warum hat sie es
getan?

Ich wei es nicht, sagte Hanna finster, fragen Sie mich nicht.

Nie werde ich aufhren, es zu fragen, entgegnete Dietrich leise.
Sagen Sie es mir. Sie wissen es. Sie mssen es wissen. Sie mssen es
sagen.

Sie sprang auf. Ich wnsche, da man mich in Frieden lt, stie sie
verchtlich-bse hervor, doch gleichfalls flsternd, als drften die
Worte nicht zu der Toten im Nebenzimmer dringen, niemand hat das Recht,
mich zu foltern, niemand hat das Recht, mich zu fragen. Wollen Sie es
dem Tier dort gleichtun und mich stellen, weil Sie ein Geheimnis
wittern? Bilden Sie sich ein, ich sei Ihnen eine Beichte schuldig, blo
weil mich der Zufall in Ihr Haus verschlagen hat?

Davon ist keine Rede, sagte Dietrich kopfschttelnd. Wozu Hohn und
Schimpf? Bin ich vorlufig in Ihren Augen des Vertrauens nicht wrdig,
so mu ichs zu begreifen suchen und mich fgen. Aber ich hoffe, da Sie
mich deshalb nicht gnzlich zurckstoen, da Sie mir wenigstens die
Erlaubnis geben, um das Vertrauen zu werben. Es ist kein bloer Zufall,
da ich vor Ihnen stehe und da Sie da sind, heut in der Nacht. Wollen
Sie mir verbieten, zu fragen, so machen Sie etwas Hliches aus mir,
einen Spion, der Ihnen folgen wird wie Ihr Schatten. Rumen Sie mir also
das kleine Recht ein, aus Gnade, aus Mitleid, damit ich weiterleben
kann.

Bei diesen Worten malten sich Verwunderung und Bestrzung in ihrem
Gesicht. Wie merkwrdig, murmelte sie, wie furchtbar ... Und wie
zuvor schaute sie ihn mit tiefer, unruhiger Aufmerksamkeit an.

Was? was ist merkwrdig, was ist furchtbar? fragte er kaum
vernehmlich.

Sie stammelte in einer Art von Ratlosigkeit: Dieses ... dieses
Unbedingte ... dieses ... ich wei kein Wort dafr ... auch sie hatte
es ... auch sie konnte so reden. Wer sind Sie eigentlich? Den Namen kenn
ich natrlich; wir haben Ihnen ja fr viele Freundlichkeit zu danken ...
Sie mssen mir von sich erzhlen ... Ja, gewi, wir wollen miteinander
sprechen ... aber nicht jetzt, nicht hier ... lassen Sie mich gehen
jetzt ...

Alles das flsterte sie hastig, verwirrt, widerwillig beinahe, in Eile
loszukommen. Sie ging auf die Tr zu, dort hielt sie inne und horchte.
Auch Dietrich hrte ein Gerusch: wie wenn nackte Fe langsam ber
Steinfliesen gingen; dann war ein Seufzen, dann war es wieder still.

Sie sahen einander an. Der Blick des Grauens und Horchens war eine
Brcke, die ihnen den Weg zueinander wies und sie strker verband als
die gewechselten Worte.


Warnende Stimme

Das Begrbnis fand am andern Mittag in Heimlichkeit und Stille statt.
Georg Mathys und Justus Richter gingen mit zum Kirchhof. Sie wunderten
sich ber die unerschtterte Haltung, die der Professor am Grab zeigte.
Er sprach vorher und nachher in geschftlich trockener Weise mit dem
Pfarrer und nahm die Beileidskundgebungen hflich entgegen. Hanna war
bei ihrer Mutter geblieben. Dietrich war whrend der ganzen Zeit
verschwunden.

Nach kurzem Schlaf hatte er sich erhoben und war in den Wald
hinaufgegangen, zu der Stelle, wo Ccilie gelegen war. Dort hatte er
sich auf einen Baumstumpf gesetzt und sich der Einsamkeit und Ruhe
hingegeben. Indem er unverwandt in das zerdrckte und von vielen Fen
zertretene Moos schaute, zog es ihn sehnschtig nher, er stand auf,
blickte sich scheu um wie einer, der Verbotenes zu tun sich anschickt,
und warf sich auf das Stck Erde nieder, das die Schne zuletzt
getragen. Anfangs war es wirklich wie ein Frevel, den er verbte, dann
aber lste sich in ihm die Unrast, die er in dem kurzen Schlaf der Nacht
empfunden. Hier war noch Zeugnis ihres Seins, gestern noch war ihr Blut
ber die Grser und Farne geflossen und in die Feuchte des Bodens
gesickert: heilig-unwiederbringliches Leben. Noch stand die nmliche
Luft; noch ragten die nmlichen Bume; ihr letzter Blick und Seufzer
hatte vielleicht den Rottannenzweig umfat, der so niedrig hing, da
ihn die Hand erreichen konnte, vielleicht die Wurzel, die braun und
knochig aus der Tiefe kam. Nicht lnger der Weg vom Moos zu ihrem Herzen
gestern als heute zu seinem; ihm war, als knne er noch einen
verbliebenen Rest ihres Lebens erraffen und mit fortnehmen, Gedanken
oder Wunsch oder Bild; verhauchtes namenloses Etwas, von einer
Geistermacht fr ihn bewahrt, durch Geisterbeschlu ihm zugesprochen.

Als er zurckkehrte, war der Professor schon zum Aufbruch bereit. Er
dankte Dietrich fr die gewhrte Gastfreundschaft, drckte ihm mehrmals
die Hand und sagte, wenn ihn der Weg nach Heidelberg fhre, mge er das
Landgrafsche Haus als seines betrachten; solcher Dienst bei so traurigem
Anla vergesse sich nicht. Ihn rufe die Pflicht; schmerzlich-unttigem
Gefhl drfe er sich nicht berlassen; er sei nur ein geringer Soldat in
der groen Armee der Geisteskmpfer und gehre auf seinen Posten. Es
habe ihm wohlgetan, fgte er, nicht mit der Miene eines geringen
Soldaten, sondern eines Generals, zum Schlu hinzu, in den drei jungen
Leuten so vortreffliche Menschen kennengelernt zu haben.

Mathys und Richter standen dabei, und die kleine Rede wirkte auf sie so
wenig wie auf Dietrich angenehm. Es war alles Form, gedrechselt bis auf
den Buchstaben, imponierend und berlegen, doch ohne Wrme. Man brachte
ihm die Reisetasche; Hanna kam die Treppe herunter und begleitete ihn
ans Gartentor; ein kurzes und, soviel zu hren war, scharfes
Zwiegesprch entspann sich zwischen Vater und Tochter; jener sah
hochmtig und beherrscht aus, das junge Mdchen redete leise und
bestimmt. Sie trennten sich, ohne einander die Hand zu reichen.

Frau Landgraf hatte sich entschieden geweigert, nach Hause zu reisen.
Sie wollte im Lauf des Tages ins Hotel Adler ziehen und fr die
nchsten Wochen dann in einer Pension Unterkunft suchen. Sie wnschte in
der Nhe von Ccilies Grab zu bleiben. Der Professor nicht minder als
Hanna schienen durch ihre energische Willensuerung ziemlich erstaunt.
Dietrich bekam sie brigens erst zu Gesicht, als sie an Hannas Seite das
Haus verlie, um in den Wagen zu steigen. Sie mochte fnfzig Jahre
zhlen, sah aber jetzt wie eine Greisin aus. Mit erloschenen Augen
wankte sie durch den Flur, die Haut war entsftet, die Arme hingen
kraftlos. Dietrich nherte sich schchtern, beugte sich herab und kte
ihr die Hand. Sie schaute ihn gro und fremd an, schien von einer Ahnung
erfat zu werden und halb entsetzt, halb ergriffen sttzte sie sich eine
Sekunde lang auf seine Schulter.

Als sie im Wagen saen, fing Hanna an, von Oberlin zu sprechen, von
seinem freien Entgegenkommen, seiner bescheidenen Freundlichkeit. Sie
habe ihm Nachricht verheien; sie habe sich entschlossen, ihn hie und da
zu sehen, da sie nichts Besseres wisse, um sich ihm erkenntlich zu
zeigen. Nach einer Pause dann: er sei ja fast noch ein Knabe, aber wenn
man mit ihm rede, denke man daran nicht. Das Sonderbare sei passiert,
da er Ccilie noch von Angesicht zu Angesicht gesehen, vorher, und da
er nun um sie trauere, als sei sie seine Braut gewesen.

Was sagst du da, Kind, was sagst du da! rief Frau Landgraf
beschwrend.

Hanna senkte die Augen. Am liebsten htte er uns bei sich im Haus
behalten, fgte sie trocken hinzu; als ich ihm sagte, da wir gingen,
wollte er nichts davon wissen und dich zum Bleiben bewegen.

Bring ihn zu mir; er soll zu mir kommen, murmelte Frau Landgraf.

Wie er dagestanden ist, so bleich, dachte Hanna; wie er uns
nachgeschaut hat mit den zrtlichen Augen. Ja, er hat zrtliche Augen,
fuhr sie fort zu grbeln; er ist einer, der sich zu opfern fhig ist. So
sprechen sie, so blicken sie, die Unbedingten. Sie weinen nicht, sie
verzweifeln nicht, sie handeln. Er ist anders als alle, und alle spren
es, auch der Hbsche, Schlanke, Kluge mit den Sammetaugen, der sein
Freund ist.

Ich mchte, da er tanzt, war pltzlich ihr bizarrer Gedanke; ich
mchte, da er berschumt und wie ein Leichtsinniger schwatzt; ich
mchte ihn umkehren, da er an sich irre wird; ich mchte, da er lgt
und stiehlt und es keinem bekennt auer mir; er mte vor mir schuldig
sein und sich demtigen.

So konnte sie vorbergehend empfinden. Sie war so vielfach in den
Stunden wie die Stunden selbst waren. Keine Regung, mit der Blut und
Gedanke nicht strmisch schwangen und die sich nicht verflchtigt htte,
angerhrt von ihrem Widerspiel. Sie ging den Weg zur Flamme, bog khn
die Hnde hin; und kehrte zurck in ihr Versteck, wo sie sich weltscheu
verschanzte. Niemand konnte sie erraten; uerlich nchtern, gehorchte
sie den berlieferungen ihrer Kaste.

Am dritten Tag schrieb sie an Oberlin ein Billett, und sie trafen sich
vor dem Friedhof. Damit begann die Verkettung.

Zwischen den Freunden kam es, kaum da sie wieder unter sich waren, zu
Verstimmungen. Die Ursachen waren zuerst nichtig; eine vergessene
Verabredung gengte, ein bereiltes Wort, eingebildete Vernachlssigung.
Aus Meinungsverschiedenheit wurde Streit, aus Streit fortwuchernde
Milaune. Sie glichen drei Eingesperrten, die einander berdrssig
geworden sind; jeder wurde durch Blick und Miene des anderen gereizt,
und sogar Georg Mathys lie es dann an Wohlwollen fehlen.

Erbitterte Wechselrede und in deren Folge beinahe offenen Bruch fhrte
ein Brief herbei, den Justus Richter von seiner Schwester aus Heidelberg
erhielt und den er den Freunden vorlas. Er hatte ber den Selbstmord
Ccilie Landgrafs nach Hause geschrieben, und in ihrer Antwort
berichtete die Schwester, was man sich ber die Landgrafsche Familie
dort erzhlte und was lngst stadtlufig war, Skandal ber Skandal, so
da die Katastrophe eigentlich wenig berraschung erregte. Brgerliche
Form als dnner Firnis; darunter Zerstrung und Zerfall.

Die Frau von ihrem Gatten unwrdig behandelt; das fr den Haushalt
ntige Geld msse sie sich von Bekannten ausleihen. Seit Jahr und Tag
habe der Professor eine Beziehung zu einer Schauspielerin in Darmstadt,
deren verschwenderische Fhrung, Prunksucht und Spielleidenschaft, den
Groteil seiner sehr bedeutenden Einnahmen verschlinge. Von berechnendem
Geiz gegen die Seinen, lebe er auerhalb des Hauses als Grandseigneur.
Die Tchter wider ihn im Bund und aufgebracht gegen die Mutter, die ihre
Erniedrigung duldend hinnahm. Die Schuldenlast bersteige jeden Begriff;
Lieferanten in der Stadt wie auswrts drohten mit Proze. In letzter
Zeit habe die Dame in Darmstadt eine Nebenbuhlerin erhalten, noch dazu
ein junges Mdchen aus adligem Haus, eine Grfin Bettine Gottlieben zu
Gottlieben, die wegen eines Gemtsleidens von ihrem Vater zu Professor
Landgraf gebracht worden war. Zwischen ihr und Ccilie habe sich
Freundschaft entwickelt, die einerseits Hannas Eifersucht erweckte,
andererseits dem Professor im Wege war. Eines Tages sei es zu einer
hlichen Auseinandersetzung zwischen Ccilie und ihrem Vater gekommen,
und der Professor habe geuert, er werde sie in eine Anstalt sperren
lassen. Allgemein heie es, er knne sich an der Universitt wie auch in
seiner Praxis nur durch den auerordentlichen Ruf halten, den er als
Gelehrter und Arzt geniee; aus allen Weltteilen strmten die Kranken zu
ihm, und die Erfolge seiner analytischen Methode seien derart, da sie
die Gegner zum Schweigen zwngen, obgleich selbst die Anhnger zugeben
mten, da er einer von denen sei, die kaltbltig ber Leichen
schritten und deren Geldgier brigens keine Grenzen htte.

Dietrich hatte sich erhoben und ging auf und ab. Das sei alles nicht
wahr, stie er hervor, sei alles bswilliger Klatsch und unbesonnenes
Gerede, zusammengebraut von alten Weibern und aufsssigen Fachgenossen;
jedem Wort hafte die Lge und bertreibung des giftigen Hrensagens an;
wie Justus sich nicht schmen knne, dergleichen zum Besten zu geben.

Justus Richter erwiderte zornig, da urteile er doch zu vorschnell; er
wundere sich ber die Khnheit, mit der Oberlin seine Schwester
verdchtige und weise den schnden Inzicht zurck. Auch ihm seien,
whrend er zu Hause gewesen, ble Gerchte ber den Professor zugetragen
worden, er habe sich nur nicht gleich erinnert; dies und jenes htten
die Spatzen von allen Dchern gepfiffen, und es sei ebenso bequem wie
einfltig, wenn einer hinter dem Schild seiner Unkenntnis in Abrede
stelle, was, leider Gottes msse man sagen, sonnenklar am Tage liege.

Er glaube es nicht, beharrte Dietrich mit schmerzlicher Wut, er glaube
es nicht, und wenn man ihm drei Dutzend Zeugen dafr bringe. Nichts sei
glaubwrdig, was unter den Menschen von Mund zu Mund gehe, und da das
Reinste nicht rein bleibe, weshalb solle er das Schmutzige und
Niedertrchtige unberprft fr bare Mnze nehmen? Er glaube es nicht,
keine einzige Silbe glaube er, und es ihm einreden zu wollen, sei eine
Schlechtigkeit.

Hr mal, Oberlin, das ist nrrisch, mischte sich Georg Mathys in den
Zank; du ereiferst dich sinnlos. Es handelt sich doch hier mehr oder
weniger um Tatsachen, und die Wahrheit kann ergrndet werden, falls uns
darum zu tun ist. Dnkt es dich denn etwas so Unerhrtes, da in der
brgerlichen Gesellschaft die Schranken der Zucht brechen? Da weit du
eben nicht, wie durchhhlt der Boden ist, auf dem sich unsere Existenz
abspielt und wie nah wir bestndig am Abgrund schreiten. Wie in einem
Raum, aus dem nach und nach die Luft ausgepumpt wird, sind die Menschen
unserer Welt zusammengepfercht, und in ihrer Erstickungsraserei
zerfleischen sie einander die Brust. Geh nur hinaus zu ihnen, du wirst
es schon erfahren.

Keine Gemeinpltze, ich bitte dich darum, rief Dietrich, es macht
mich wild. Wozu verhilft dir das Wissen? Sie leben, und keinen hast du
in dir drin. Du mut nicht allen Verstand alleine haben wollen. Ich
glaub dir nicht, ich glaub euch nicht, ihr redet so und handelt anders.
Sei ehrlich, antworte ohne Hinterhalt: kannst du sie dir in solchem
Pfuhl denken? Ruf dir doch das Bild zurck! Und du, Richter, denk doch,
denk doch! Hat euch nicht das Herz geschlagen und seid ihr nicht vor ihr
dagestanden, als htt euch der Erzengel mit silberner Fittich gestreift?
Nun lat ihrs zu, da man Unrat ber sie schttet. Das ertrag ich
nicht.

Richter und Mathys tauschten einen vielsagenden Blick. Der von Mathys
bat um Einhalt, er begriff das Auersichsein Dietrichs, die flehentliche
Berufung pltzlich besser und tiefer als der eigensinnige Justus
Richter, der sich verbissen hatte und sich fr die Schwester beleidigt
fand. Es kam auch eine Art Mnnerrger hinzu, den er darber versprte,
da Oberlin sich so malos einsetzte fr ein weibliches Wesen, auf das
er so wenig Anrecht besa wie Justus selbst. Er wollte es nicht gelten
lassen, sprudelte etwas hervor von Borniertheit und berheblichkeit und
sagte spttisch, wenn Dietrich seine Informationen von Hanna Landgraf
beziehe, mit der er ihn gestern in der Strandallee gesehen habe, brauche
er nicht weiter stolz auf seine Wissenschaft zu sein; die werde ihm
sicherlich keinen reinen Wein einschenken. Georg Mathys, der das
Erblassen Dietrichs bemerkte, wies die Rpelei Richters scharf zurck,
und nun gerieten die zwei einander in die Haare, whrend Dietrich mit
verschrnkten Armen am Fenster stand und in ihre Gesichter schaute, die
ihm hlich vorkamen wie Fratzen.

Auch als am Abend wieder vershnlichere Stimmung eintrat, blieb in allen
der bittere Bodensatz. Es war keine freie Verstndigung mehr, die
Harmlosigkeit war gewichen, der schne Dreiklang hatte sich in Mitne
zersplittert, und jeder einzelne hatte das Gefhl, da die Zeit
abgelaufen und es ratsam sei, sich zu trennen. Richter war der erste,
der den Mut hatte, es zu sagen; am andern Nachmittag schon reiste er
nach Hause. Zu seiner berraschung teilte ihm Oberlin auf dem Bahnhof
seinen Entschlu mit, den Winter in Heidelberg zu verbringen und dort
die Prfungen abzulegen. Dann werden wir uns ja hoffentlich viel
sehen, antwortete Justus Richter herzlich, und bevor er ins Coup
stieg, umarmte er den Kameraden, nicht ohne Scheu, als wage er es nicht
ganz, ihn seiner Zuneigung zu versichern. Trotz allem, Oberlin, sagte
er lachend.

Am folgenden Tag nahm auch Georg Mathys Abschied. Er fuhr zu Verwandten
nach Luzern und wollte Ende Oktober in Basel sein. Sie hatten darber
ein kurzes Gesprch, und an dessen Schlu sagte Mathys: Zu verabreden
haben wir nichts. Ich denke, es kann dir jetzt wenig passen, dich zu
binden. Mir ist, als gingst du weit von mir weg, wenn ich dich jetzt
verlasse, auf eine weite Reise. Ich wei nicht, was in dir vorgeht, ich
spr nur deine Ungeduld und dein erregtes Herz. Ich hab Angst um dich;
ich sag es geradeheraus, dumme, gemeine Angst, und ich genier mich, da
ich vor dir stehen und dich ermahnen soll wie eine fromme Tante. Halt
deine Sinne beisammen, kleiner Bruder; heut nacht trumte mir, eine
tolle Bestie htte dich im Wald berfallen und in Stcke zerrissen.
Menschen wie du sind auf der Welt, um ihre Erlebnisse mit Blut zu
bezahlen. Gib wenigstens nicht alles Blut aus deinem Leibe her. Was ich
da rede, hat gar keinen Kern, ich tappe nur so in der trben Ahnung; es
ist mir ein Gesicht erschienen, vor dem ich erschrocken bin, und
auerdem haben deine Augen jetzt was merkwrdig Geisterhaftes. Sei auf
deiner Hut, Oberlin, und wenn du mich brauchst, du weit, dann bin ich
da.

Dietrich nickte, bewegt und verwundert.


Was vermag denn ein Mensch?

Es klang nach vertraulicher Erffnung, als Hanna Landgraf Oberlin von
einem Tagebuch Ccilies erzhlte, das sie bis zuletzt gefhrt. Er
vernahm es hochaufhorchend.

Zgernd fragte er, ob sie es kenne. Ja, Ccilie habe ihr die eine oder
andere Stelle vorgelesen; es seit dem Tod der Schwester anzurhren, habe
sie sich gescheut. Er sagte, das begreife er. Vielleicht werde sie es
beim nchsten Mal mitbringen, fuhr sie fort; vielleicht entschliee sie
sich, ihm etwas daraus zu zeigen.

Er erwiderte hastig, ob das erlaubt sei, ob sie preisgeben drfe, was
Ccilie vor fremden Augen hatte verbergen wollen.

Hanna sagte zurechtweisend, Geheimnisse werde sie zu wahren wissen; es
handle sich doch vor allem darum, zu erfahren, was den Vorsatz zu
sterben in ihr bewirkt und befestigt habe, mglicherweise finde sich in
den Aufzeichnungen ein Hinweis. Pflicht der Diskretion falle nicht mehr
ins Gewicht gegen die andere, grere. Ungewiheit sei Qual; Wahrheit,
selbst die grausamste, beruhige.

Sie sprach mit ihrer flligen rauhen Stimme und mit einem
unergrndlichen Unterton von Klte und Ironie. Wollte sie seiner
spotten? Nahm sie die Worte nicht ernst, mit denen sie ihn so
berraschend einbezog in das Gewebe von Leben und Tod der Schwester? Er
frchtete es. War sie wirklich, wie sie sich gab, ohne Kenntnis, ohne
Fhrte? Er glaubte es nicht. Doch lag alles daran, sich mit ihr zu
verbnden. Zaghaft entgegnete er, wenn sie die Wahrheit wolle, msse sie
auch die Geheimnisse aufdecken, und an denen teilzunehmen, meine er kein
Recht zu haben.

Wir werden ja sehen, sagte sie kurz, und achselzuckend setzte sie
hinzu, der Mensch klarer Entscheidungen scheine er nicht zu sein. Ihr
sei jetzt einer ntig, der im kritischen Moment den Mut zum Ja oder Nein
aufbringe. Nach einer mutigen Hand sehne sie sich, nach einem Herzen,
dem Mut gewissermaen Passion und Eingebung sei.

Verfngliche uerung; da er schwieg und nur einen schnellen Seitenblick
auf sie warf, lchelte sie geringschtzig und sagte, sie bezweifle, da
das Tagebuch die gewnschten Aufschlsse geben werde. Die ihr bekannten
Partien enthielten zumeist nicht besonders originelle Betrachtungen und
Merkdaten flchtiger Erlebnisse. Ihr fehle fr derlei sowohl Geduld wie
Neigung, die Tagebuchleute legten ihrem Tun und Denken eine
ungebhrliche Wichtigkeit bei und meinten sich das Leben zu erleichtern,
wenn sie solch kleinen Extrakalender in der Kommodeschublade
aufbewahrten. Sie habe auch mit Ccilie darber gestritten, aber die
Folge sei gewesen, da sie ihr dann mitraut habe.

So htten sie sich also nicht schwesterlich vertragen? erkundigte sich
Dietrich naiv.

Wie einfltig sich das anhrt, rief sie aus, wie aus dem
alemannischen Schatzkstlein. Ob er glaube, zwei Menschen wie sie und
Ccilie htten aufwachsen sollen wie Turteltubchen? Wir waren oft eine
von der andern wund, sagte sie mit lodernden Augen, es ging ans Blut,
die Welt wurde eng. Freilich sie ... sie wut es nicht wie ich; oder
wollt es nicht wissen; zog sich in ihr Schn-Sein zurck, in ihr
Vergttert-Sein; dann ist man dagestanden, blamiert, armselig,
hilflos ...

Sie verstummte. In Dietrich war alles zitternd angespannter Nerv des
Lauschens. Aber an der Ecke zu der Pension, wo Mutter und Tochter nun
wohnten, warf sie ein gleichgltiges auf morgen hin, ohne ihm die Hand
zu bieten.

Als er bei der nchsten Begegnung, zur selben Stunde und wieder am
Kirchhofstor, die Rede schchtern auf das Tagebuch brachte, erwiderte
sie, sie habe es nicht gefunden; vielleicht habe es Ccilie zu Hause
gelassen. Auf seine unglubige Miene dann: sie wolle offen sein und
gestehen, da sie vergessen habe, es zu suchen. Und als er immer noch
nichts sagte: sie habe bereut, da sie davon gesprochen; sie habe sichs
berlegt und frchte, es nicht verantworten zu knnen, wenn sie ihm
Einblick gewhre, dem vllig Fremden, von dem nicht einmal der Name zu
Ccilie gedrungen sei.

Der Ausdruck von Traurigkeit in seinem Gesicht flte ihr Mitleid ein.
Wir werden sehen, sagte sie wieder wie gestern, als er es gewesen, der
Bedenken geuert; es sei brigens mglich, da es die Mutter in
Verwahrung genommen htte. Sogleich entstand in ihm der Plan, sich an
Frau Landgraf zu wenden, da er Hannas Absicht, ihn hinzuhalten,
vermutete. Aber unter welchem Vorwand sollte er dies tun, mit welcher
Befugnis?

Ist es ein Buch? ein Heft? fragte er.

Ein schmales Heft in Saffian mit silbernen Initialen.

Und wann hat sie zuletzt in das Heft geschrieben, wissen Sie das?

Wie sollt ich es wissen, Sie sonderbarer Mensch, und was wrde es
besagen?

Ist nicht anzunehmen, da ein Wort, eine Anspielung, ein Gestndnis ...
haben Sie nicht daran gedacht? Antworten Sie doch!

Bedrngt von dem beklommenen Ungestm sagte sie, es sei nicht
anzunehmen, es widerspreche Ccilies Charakter durchaus. Und wenn es
auch geschehen wre, rief sie, was soll es, was ntzt es? knnen Sie
sie ins Leben zurckrufen damit? Was hat es fr einen Sinn? Was ndert
es fr Sie?

Er sagte leise: Es hat den Sinn, zu wissen. Es hat den Sinn, zu sehen.
Jetzt seh ich sie wie durch Schleier. Dann werd ich sie wirklich sehen.
Ich mu sie wirklich sehen. Vorher hab ich keine Ruhe.

Sie heftete einen erwartungsvollen Blick in sein grblerisch gesammeltes
Gesicht. Da fragte er unvermittelt, ihrem Auge begegnend, wer der junge
Mann gewesen sei, mit dem sie am Nachmittag vor dem Unglck gegangen.
Hanna, als htte sie eben diese Frage erwartet, antwortete auffallend
bereitwillig, das wolle sie ihm gern sagen, es sei Hubert Gottlieben
gewesen, von den Grafen Gottlieben am Untersee.

Dietrich erschrak wie bei einem Steinwurf im Finstern. Der Bruder von
Bettine Gottlieben? flsterte er bestrzt. Und nun war es an Hanna, zu
erschrecken. Woher er von Bettine Gottlieben wisse? Warum er so entsetzt
sei? Heftiger, gereizter dann: warum er schweige? was sie sich von
seinem Betragen denken solle?

Mysteris erscheinen mochte er nicht. Er erzhlte ihr von dem Brief, den
Justus Richter bekommen, berichtete den Inhalt, wohl mit schonenderen
Worten, doch Punkt fr Punkt, ohne erhebliche Auslassungen. Er erzhlte
auch von dem Zank, der sich darber zwischen ihm und den Freunden
entsponnen und wie er die Meinung vertreten und sich nicht davon habe
abbringen lassen, da das alles abscheuliche Verleumdungen seien. Dem
htte namentlich Justus Richter widersprochen, und es wre Zerwrfnis
entstanden.

Hanna Landgraf hrte gesenkten Hauptes zu. Bisweilen sah er die
eigentmlich gewlbte Oberlippe beben, und unter der bronzenen Brune
der Wangen schimmerte wieder die Blsse, die er kannte und die ihn
ergriff.

Sie hob den Blick und nahm Dietrichs Bild auf wie ein neues. Viel von
dem, was er gesagt, hatte sie an einer Stelle ihres Innern angerhrt,
die bisher verhrtet gewesen war gegen die Stimme der Welt. Die
Lauterkeit des schlanken Knaben machte tiefen Eindruck auf sie, und es
zu fassen, des letzten Argwohns ledig zu werden, dazu brauchte sie Zeit.

Es war gegen Abend, der Westen war zart bewlkt und gefrbt, vom See
zogen Oktobernebel herauf. Sie saen auf der Rundbank unter einer
mchtigen Linde, die unfern von der Mauer des Friedhofes ihren noch
wenig entlaubten Wipfel in die feuchte Dmmerung breitete.

So weit ists also schon, sagte Hanna, man schreibt sichs einander,
als wren es ffentliche Angelegenheiten. Ich wundere mich nicht, es
luft den Weg schon lang. Sie haben unrecht gehabt, es fr Lge und
Verleumdung zu erklren; die Illusion mu ich Ihnen leider rauben. Die
schauderhaften Jahre haben ja fleiig daran gearbeitet, da die Mauern
bei uns durchsichtig geworden sind. Was wir in unseren vier Wnden getan
und geredet haben, war Gift und Schmach, und jeder hats eingeatmet und
jeder hats erhorcht, der nur ber die Schwelle schritt. Manches ist
falsch in dem Brief; natrlich, es mu doch auch fr die Kombination der
Leute was brigbleiben; aber das meiste ist wahr, leider. Da Ccilie
gewut haben soll von dem, was sich zwischen Bettine Gottlieben und
meinem Vater abgespielt hat, davon ist nicht die Rede. Das war ich, die
gewut hat, ich, die es durchgekmpft hat; nur meine Augen haben
gesehen, nur ich hab davor gezittert. An Ccilie kam das Schreckliche
nicht heran, sie war die einzige, an die nichts herangekommen ist. Die
Menschen redeten vor ihr mit andern Zungen, die Dinge hatten vor ihr ein
anderes Gesicht. An sie ist nichts herangekommen, auer die Liebe, auer
die blinde Vergtterung. Alles hat sich vor ihr gebeugt, die Welt war
umgelogen; im Nu war das Schwarze wei, das Hliche schn, das
Schlechte gut. Und sie, sie nahm auch nichts an, nicht einmal die Liebe
und Vergtterung; nicht als wre sie kalt gewesen und ohne Seele, o
nein. Es war eben alles zu wenig fr sie. Wenn einer sein ganzes
Inneres vor ihr ausgeschttet htte, Hab und Gut geopfert htte, wie es
ja geschehen ist, die ganze Erde fr sie erobert htte, in den Himmel
hinaufgeflogen wre, um die Sterne fr sie herunterzureien: zu wenig.
Sie sprte vielleicht gar nicht unsern Jammer, sie wute ihn nicht.
Niemand htte sich getraut, ihr Unangenehmes zu sagen, ihr nur eine
Andeutung von dem zu machen, was um sie herum vorging, ich nicht, die
Mutter nicht, kein Mensch. Man hatte Angst davor wie vor etwas
Unausdenklichem. Unausdenklich war es fr jeden, ihr Kummer zu bereiten
oder nur Unruhe. Dabei war sie selber voller Unruhe; wie eine, die im
Traum was Verlorenes sucht. Ein junger Schriftsteller bei uns hat von
ihr behauptet, sie lebe in einem Traumring, verzaubert, und wer den
zerbrechen wolle, der gehe daran zugrund.

Dietrich, der mit gierigen Augen Wort um Wort aufgenommen hatte, fragte
hauchend: Und Ihr Vater?

Der Vater? Auch er hatte Angst vor ihr, gab Hanna rauh zurck. Er
fhlte sich nie wohl, wenn sie im Hause war. Seit ihrer frhen Jugend
war er immer darauf bedacht, sie zu entfernen. Sie war monatelang bei
Verwandten oder lebte irgendwo auf dem Land, und ich mute einfach mit.
Wenn sie kam, versteckte er sich vor ihr, oder er verreiste; in ihrer
Gegenwart redete er mit vernderter Stimme und spielte geradezu Komdie.
Es mag jetzt vier Monate her sein, zu Anfang des Sommers wars, Ccilie
und ich waren den Tag vorher aus Erlenbad zurckgekommen, da saen wir
mit den Eltern bei Tisch und Ccilie sprach zum erstenmal von ihrem
Plan, hier in die Gnadsche Gartenbauschule einzutreten. Die Mutter
wollte nichts davon hren, auch der Vater schien nicht entzckt von dem
Vorhaben und erklrte ihr, da sie sich nach seiner Meinung dadurch
gesellschaftlich entwerte. Dann kam das Gesprch auf andere Dinge,
Ccilie verlie das Zimmer, und kaum war sie drauen, sprang der Vater
auf, streckte den Arm ber den Tisch und rief meiner Mutter mit einem
Ausdruck von Frohlocken zu, den ich nie vergessen werde: La sie nur
fort; sie soll nur gehen; ausgezeichnet diese Idee; Gartenbauschule,
ausgezeichnet; versuch es nur nicht, sie andern Sinnes zu machen;
vortreffliche Idee! Nie werde ich das vergessen, mir graute beinahe, ich
fragte mich: was ist das zwischen ihm und Ccilie, was geht da vor? wozu
diese Verstellung erst und dann die Freude?

Seltsam, flsterte Dietrich.

Von ihm wre viel zu sagen, fuhr Hanna fort; er ist stark und hat
keine Grenzen wie andere, bei denen man dann wei: so, jetzt berschau
ich ihn, jetzt kann mich nichts mehr berraschen. Ich habe Bcher ber
schwarze Magie gelesen, in denen von Exorzisten die Rede ist, die Gewalt
hatten ber den Teufel und die Dmonen. Ich glaube, solch ein Mensch ist
er. Ach, mir ist pltzlich, als mt ich mir alles von der Seele reden.
Sie haben etwas an sich, Dietrich Oberlin, das einen dazu verfhrt.
Dieser Mann, unser Vater, Sie knnen nicht ermessen, was er in unserm
Leben bedeutet hat, in meinem und Ccilies. Aber lassen Sie mir Zeit. Es
geht nicht so auf einmal. Und wenn Sie mich anschauen, mit dem Blick, in
dem nichts steht als: Ccilie, mit dem Sie mich beschwren und in die
Enge treiben, da wird mir die Lippe lahm, und ich kann nicht weiter.
Begreifen Sie nicht, da Sie mich frmlich austilgen und zu einem
traurigen Schatten machen, wenn Sie durch mich hindurch zu ihr wollen
und nichts anderes sonst? -

Durch Sie hindurch ... zu ihr, wiederholte Dietrich mit bestrztem
Erstaunen, ja, es mag sein, Sie haben recht, doch verzeihen Sie ...
verzeihen Sie ...

Verzeihen, sie lachte geknstelt, da ist nichts zu verzeihen.
Angenommen nun, ich mache mich freiwillig zu dem Schatten; angenommen,
ich lasse mich auslschen, austilgen und werde ganz zum Transparent fr
Ccilie, wie Sie mit jedem Wort und Blick verlangen, was bleibt mir
dann? was bin ich dann? Da er betroffen schwieg, setzte sie mit
schmerzlicher Koketterie hinzu: Was wollen Sie mir dafr geben, dafr,
da ich nicht mehr bin - ?

Alles, stammelte Dietrich, alles will ich Ihnen geben, alles will ich
Ihnen sein, was ein Mensch vermag.

Und was vermag denn ein Mensch? fragte sie lauernd; was ist das:
alles - ?

Er ergriff ihre Hand und prete sie zwischen seinen beiden. Alles, das
bin ich mit Haut und Haar, mit Leib und Seele. Sie sind ja die
Schwester, Sie sind ja ein Stck von ihr.

Die Schwester, sagte sie klagend, Zwillingsschwester sogar; Sie
wissen nicht, was das heit. Du weit nicht, was das war. La ab von
mir, armer Dietrich, es nimmt kein gutes Ende.

Er beugte sich nieder und legte seine Stirn auf ihre khle Hand. Sie
duldete es. Mit der andern Hand strich sie ihm langsam ber das Haar.
Sie lchelte rtselhaft dabei.


Bildnisse Ccilies

Hanna forderte ihn auf, ihre Mutter zu besuchen; sie habe sich des
ftern nach ihm erkundigt, setzte sie hinzu. An dem Nachmittag, an dem
er sich dazu entschlo, war eben eine Depesche des Professors
eingetroffen, kategorischer Befehl an Frau und Tochter, nach Hause zu
reisen. Sie hatten das Logis bereits gekndigt. Frau Landgraf begrte
Dietrich wie einen alten Freund, und als er Platz genommen hatte, fragte
sie ihn nach seinem Leben und nach seiner Mutter. Im Laufe der
Unterhaltung sagte sie: Wenn ich einen Sohn htte haben drfen, wre
alles anders geworden. Frauen, die keine Shne haben, stehen im zweiten
Rang; so scheints mir manchmal; sie wurzeln nicht krftig und sie
wachsen nicht hoch. Ich kannte eine Mutter von sechs Shnen, sie war
eine Furie, aber wenn die sechs um sie herumstanden, das hatte was
Grandioses.

Hanna warf achselzuckend ein, wenn man die Welt von dem Standpunkt aus
beurteilen wolle, drfe man sie nicht auf ihr Gut und Bse hin ansehen.
Darum ginge es auch nicht, erwiderte Frau Landgraf, nicht um gut und
bse, sondern um rmer oder reicher, um strker oder schwcher. Sich
nach gttlichem Gefallen auf der Erde einzurichten, sei ohnehin nicht
Menschensache; jeder lebe sein unvollendetes Stck, sein Hinauf oder
Hinab, und wisse um kein Ziel.

Dietrich erzhlte von seiner Mutter; er gebrauchte vorsichtig verhaltene
Worte, desungeachtet formte sich eine Gestalt aus reinstem Stoff, und
gerade die jnglinghafte Kargheit der Schilderung verlieh dem Bilde
Schmuck. Im Klang seiner Stimme lag bereitwillige Ehrerbietung; wie
eigen, da sah er sie hoch ber sich, in einer dnneren Luft, mit ernster
Frage und Sorge ihn betrachtend, und er senkte furchtsam den Blick.
Hanna lie ihn nicht aus dem Auge, in ihren Mienen war neidvoller
Unglaube, forschende Verwunderung. Es kam Dietrich brigens vor, als sei
sie in den letzten Tagen schner geworden; schien es deshalb, weil ein
gemeinsamer Traum ihn mit ihr verflocht? Gehorchte sie so seinem Wesen,
seinem in der Stummheit wirkenden Gefhl? Es war leicht um ihn und in
ihm; eine leichte se musikalische Spannung.

Als er von der beschlossenen Abreise vernahm, sagte er ruhig, er gehe
gleichfalls nach Heidelberg, es sei sein Vorsatz lngst, das
Arbeitspensum des Winters dort zu erledigen; der Einwilligung der Mutter
sei er sicher. Hanna zeigte sich keineswegs berrascht; sie verlor in
Gegenwart der Mutter nicht die stolze Gemessenheit, und in
beschtzerischem Ton fragte sie, ob er denn ohne langwierige
Vorbereitungen bersiedeln knne. Er bejahte. Dann knne er ja mit ihr
und der Mutter fahren, meinte Hanna; auch dies bejahte er, und Frau
Landgraf fgte hinzu, sich an ihre Tochter wendend, da knne man ihm ja
vielleicht die beiden Zimmer verschaffen, die Bettine Gottlieben bewohnt
habe, oben im Kestnerschen Haus.

Hanna schwieg. Wunderlich, sagte sie, als sie Dietrich in den Flur
begleitete, wie immer alle Fden in denselben Knoten laufen, auch wenn
man es nicht will und denkt. Ich werde an Kestners sofort schreiben; da
die Zimmer noch frei sind, wei ich. Bettine ist die letzten drei Tage
dort in einem krampfhnlichen Schlaf gelegen; Tag und Nacht war Ccilie
bei ihr. Darnach wollten die Leute eigentlich keine Mieter mehr haben.
Da du dort hausen sollst!

Am andern Nachmittag reisten sie, am Abend kamen sie in Heidelberg an.
Die erste Nacht wohnte Dietrich im Hotel, am Morgen fhrte ihn Hanna zu
Kestners, einem alten Ehepaar. Nach etwas umstndlichen Verhandlungen
wurden ihm die beiden Zimmer berlassen und eine Stunde spter zog er
ein. Es waren Rume von angenehmen Verhltnissen, die Decke niedrig, die
Wnde mit blaugemustertem Stoff bekleidet; ein farbiger alter Stich da
und dort; die hellen alten Mbel, bauchig geschwungen, bildeten ein
behaglich Organisches; in der Wohn- und Arbeitsstube stand ein mit
Figuren geschmckter weier Kachelofen; das breite franzsische Bett im
Schlafzimmer war in einen Alkoven gerckt und mit blauem Kattun
verhngt. Durch die niedrigen breiten Fenster sah man auf den Neckar,
drben auf rotes uraltes Dcherwerk, dann kamen Grten, schlielich der
Schloberg und herbstbrauner Wald, beladen mit Sonne.

Er ging gleich aus und kaufte Blumen, und zwar in solcher Menge, da
seine Wirtin nicht wute, wo sie Vasen und Glser dafr herschaffen
sollte. Als Hanna kam, um ihn zum Abendessen abzuholen, er war bei
Landgrafs zu Tisch gebeten, blieb sie erstaunt an der Tr stehen; all
das Gelb und Violett und Rot kmpfte jubelnd gegen die Dmmerung. Er war
beschftigt, seine Bcher aufzustellen; Hanna war ihm behilflich. Sie
plauderten dabei, jeder vor sich hin; als sie auf die Uhr sah, erschrak
sie; es war acht vorber, der Professor hielt auf Pnktlichkeit. Doch
hatte man nur wenige Minuten zu gehen.

Professor Landgraf begrte Dietrich und sagte, er sei erfreut, ihn so
unerwartet bald bei sich zu sehen. Es hatte etwas Beunruhigendes, da
man hinter den starken Brillenglsern seine Augen nur als schwarze
Scheiben gewahrte. Dadurch wurde das Gefhl erweckt, als habe man es
noch mit einem andern Menschen zu tun als dem, mit dem man redete, einem
im Hinterhalt verborgenen. Sie haben sich mit Hanna angefreundet,
sagte er mit hoher Kehlstimme; das ist schn; haltet nur gute
Kameradschaft; auch Margarete, er deutete auf seine Frau, uert sich
wohlgefllig ber Sie. Schn, sehr schn; ist ohnehin selten geworden,
da junge Leute sich die Herzen lterer Damen erobern. Sie haltens alle
mit der Zweckdienlichkeit. Der Teufel hole ihre Zweckdienlichkeit. Er
lachte, nahm die Brille ab und putzte sie mit dem Taschentuch. Nun
glichen die lichtlosen Augenscheiben vollends zwei ausgelschten Lampen.

Es war noch ein schweigsamer junger Mann zugegen, Doktor Kelling, einer
der Assistenzrzte des Professors. Er verbeugte sich, als Dietrich ihm
vorgestellt wurde und verzog keine Miene. Frau Landgraf rief zu Tisch.
Der Professor wies die Pltze an. Mein Tisch ist rund, sagte er, an
ihm gibt es kein oben und kein unten und folglich auch keinen Rang. Er
wandte sich seltsamerweise zumeist an Dietrich, lchelte ihn freundlich
an, reichte ihm die Platten, schenkte ihm Wein ins Glas, aber in seinen
Bewegungen und Worten war nervse Hast, auch war er es fast allein, der
redete.

Dietrich a wenig und hrte unaufmerksam zu. Als er einmal den Blick auf
Hanna richtete, machte ihn der gequlte Ausdruck in ihrem Gesicht
betroffen. Er war froh, als man aufstehen durfte; der Professor, seine
Frau und Doktor Kelling gingen ins Rauchzimmer nebenan, Hanna winkte
Dietrich zurck. Sie zog ihn ans Fenster; sie hielt seine Hand fest, sie
flsterte: Ich mu es dir sagen, es ist unertrglich; vielleicht ists
Einbildung, vielleicht Hirngespinst, aber er spricht mit dir genau so,
in genau demselben Ton, mit derselben falschen Freundlichkeit wie mit
ihr.

Mit ihr? mit ...?

Genau so wie er mit Ccilie gesprochen hat. Mit keinem andern Menschen
auf der Welt hat er so gesprochen. Das tuscht nicht. Mutter hat es auch
gemerkt; sie war ganz verstrt.

Und was will er damit?

Ich wei es nicht. Er ist scharfsinnig bis zum Hellsehen. Er errt die
Menschen aus dem Zucken ihrer Wimpern. Er ist wie ein Jagdhund, der
einer Spur so lange folgt, bis er das Wild aufgescheucht hat. Es ist
unmglich, ihn zu durchschauen. Man kann noch so sehr auf der Hut sein,
pltzlich packt er einen, und man ist verloren.

Verloren? wie denn verloren, Hanna? Warum denn verloren?

Nichts, nichts, wehrte sie schaudernd ab und schlug die Hnde vors
Gesicht. Wir sind allesamt in seiner Gewalt. Wir sind alle nur seine
Opfer.

Das rasch geraunte Zwiegesprch hinterlie in Dietrich Furcht. Er
empfahl sich bald. Hanna hatte versprochen, ihm am andern Tag Briefe zu
bringen, die Ccilie an sie und an die Mutter geschrieben. Diejenigen an
sie seien jahralt; damals seien sie drei Wochen getrennt gewesen, sie in
Genf, Ccilie in Dresden, wo sie Kunstgeschichte studieren gewollt. Sie
habe es aber aufgegeben, da sie sich vor den Menschen keine Ruhe habe
verschaffen knnen. Davon handelten die Briefe hauptschlich.

In Erwartung, sie zu lesen, konnte Dietrich die ganze Nacht keinen
Schlaf finden. Auerdem redeten aus allen Ecken des Raums Stimmen zu
ihm. Sein Ohr vernahm das Lngstgesprochene, sein Auge sah das
Lngstvergangene. Zwei junge Mdchen, die ihre Seele aufbltterten,
Geheimes vertrauend uerten: die eine war tot, die andere in
Geistesdunkelheit, verstummt also beide. Doch die Tote kam langsam auf
ihn zu, langsam nher; noch unbestimmt die Figur, ohne Umri noch der
Leib, wieviel Glut und Wille auch immer aufzubieten war, um ihr Gestalt
zu geben, er mute sichs abringen und ihr zurufen: sei! sei wieder!
erscheine wieder! Denn geschah es nicht, hatte er sie, hatte sie ihn
versumt, endgltig und unabnderlich, dann war die Welt ein schwarzer
Wust von Sinnlosigkeit.

Er bi in das Kopfkissen, um das Weinen zu ersticken. Nicht blo diese
eine Nacht, sondern in vielen Nchten.

Es ging mit den Briefen, wie es mit dem Tagebuch gegangen war. Hanna
vertrstete ihn. Jedesmal wute sie andere Ausrede, andere Verhinderung.
Was willst du, sagte sie gelangweilt, ich sage dir ja ohnehin, was
drin steht. Wozu das Bild verderben. Bisweilen peinigte ihn der jhe
Wechsel von Wildheit zu Apathie an ihr, von Gesprchigkeit zu
verchtlichem Schweigen, von junger herber Frische zu freudloser
Versunkenheit. Was ist denn fr ein schlimmer Geist in dir, Hanna?
fragte er einmal. Und sie antwortete, mit einem Aufschrei fast: Wirst
du mich noch lange zwingen, Botin und Zwischentrgerin zu sein? Es macht
mich mrb, es macht mich krank.

Da nahm er ihre beiden Hnde und kte sie eine nach der andern, sanft
und bittend.

Sie kam zu allen Stunden des Tages und Abends, und sobald sie eintrat,
legte er Bcher und Schreibhefte beiseite. Lie sie ihn wissen, da sie
zu der und der Zeit kommen wrde, so sagte er bei den Lehrern ab, die er
inzwischen aufgenommen und suchte durch Arbeit in der Nacht das mahnende
Gewissen zu beschwichtigen. Was ihn vorwrts trieb auf einer Bahn, die
ihm nur durch Gedankengewhnung und eingeborene Lebensform gewiesen war,
weit weg von dem zerrttenden und alle Hhen und Abgrnde durchwhlenden
Blut- und Herzenssturm, htte er nicht zu sagen vermocht; es war nicht
Beharren, nicht Betubung, nicht das dumpfe Pflichtgefhl der
subalternen Naturen. Es gibt Menschen, die erst, wenn sie sich vom
Schicksal umklammert fhlen, ihrem Schicksal und dessen Drohung und
Gefahr, erst in der steigenden Flut der Bedrngnis eine einfache
bescheidene Kraft in sich finden und sie in ruhiger Ttigkeit auf ein
erreichbares Ziel zu lenken bemht sind. Darin ist etwas von Gnade und
von Demut; dies allein kann sie vielleicht retten; in der Nebelwirrnis
glht ihnen ein Gnadenlicht auf.

Schritt fr Schritt gewann er Boden in Hannas Bezirk, in Ccilies
Bezirk. Oft mute er Hanna schlau und zart berreden, damit sie von
Ccilie sprach. Wenn er so warb, kam ein weicher Glanz in ihre Augen, es
war, als suche sie mit Anstrengung zu vergessen, wem das Werben galt.
Wie Ccilie den Tag verbracht? Sie schilderte es. Wofr sie Vorliebe,
fr wen sie Sympathie gehabt; ihre Gewohnheiten, was fr Bcher sie
gelesen, welche Farben sie geliebt; ob sie gern Musik gehrt habe; ob
sie sich zumeist heiter gegeben oder nachdenklich oder traurig, ob sie
oft gelchelt habe und in welcher Art; wie der Klang ihrer Stimme
gewesen sei, welche charakteristischen Gebrden sie gehabt; wie sie sich
gegen Menschen im allgemeinen verhalten habe; ob sie im Reden besondere
Worte und Wendungen gebraucht habe und welche.

Hanna bemhte sich, die Fragen zu beantworten. Sie bemhte sich auch,
ihnen das Gewicht zu rauben, die leidenschaftliche Bedeutung, indem sie
einen Ton von Munterkeit annahm oder aus der Erinnerung Gesprche,
kleine Begebenheiten, alltgliche Szenen berichtete, die auf das
gemeinsame Leben der Schwestern Bezug hatten. Von dem Wortwechsel ber
ein Kleidungsstck etwa, und wie Ccilie darauf gehalten habe, da sie
immer in den nmlichen Kostmen und in gleichen Farben ausgingen;
stundenlange nchtliche Errterung darber, ob ein Mensch, Doktor
Kelling zum Beispiel, der Achtung, der Freundschaft, des Vertrauens
wrdig sei. Was sie hierbei von Ccilie sagte, war geeignet, die
Schwester als die Gewissenhaftere und Urteilsfhigere hinzustellen. Sie
selber trat zurck, gab nach, ordnete sich unter. Ccilie war hflichen
Gemtes, machte aber niemals Konzessionen. Sie hielt unweigerlich am
einmal gegebenen Wort, auch an dem, das sie sich selbst gegeben. Ihre
innerste Angst war die vor der Lge. Physische Furcht kannte sie nicht.
Schrecknis war ihr, das arbeitslose Dasein einer verwhnten
Honoratiorentochter fhren zu sollen, verhat falscher Anspruch, Pochen
auf gesellschaftlichen Vorrang, Loskauf mit falscher Mnze, alle
Halbheit, aller Dnkel, alles Sich-bequem-machen. Sie hatte unbeirrbaren
Blick fr das Echte, und mit dem Surrogat sich dafr zu begngen,
weigerte sie sich standhaft. Es war schwer, sie zu erkennen; sie
tuschte durch freudige Lernbegier, durch Unvoreingenommenheit und
Teilnahme, vor allem aber durch ihre Schnheit, die in den sich ihr
Nhernden jeden andern Gedanken als eben den an ihre Schnheit
erstickte, und die sie wie eine mrchenhafte Flamme umstrahlte.

Einst htten sie zusammen den Turm des Straburger Mnsters bestiegen,
erzhlte Hanna; oben habe Ccilie Schwindel gefhlt und gebeten, da man
sie beim Hinabgehen an der Hand fhre; dann aber, am selben Tage noch,
sei sie allein auf den Turm gestiegen, am andern Tag abermals, denn sie
wollte die Schwche bekmpfen und ihrer Herr werden, und das sei ihr
auch gelungen.

Ferner erzhlte Hanna, sie htten beide im letzten Jahr Reitstunden
genommen; Ccilie sei der allzu zahmen Tiere berdrssig geworden, und
man habe ihr endlich ein junges, ziemlich wildes Pferd gegeben, noch
dazu im ersten Stallfeuer. Zum Entsetzen der Zuschauer sei das Tier
scheu geworden und in wenigen Augenblicken mit ihr verschwunden. Aber
sie habe es mit erstaunlicher Kraft und Ausdauer gebndigt und es sei
ihr, ihr allein, folgsam gewesen wie ein Hund.

Auch einen andern Vorfall, der wie die Geschichte aus einer alten
Chronik anmutete, erzhlte Hanna. Ein millionenreicher junger
Amerikaner, der an der Universitt studierte, hatte sich Hals ber Kopf
in Ccilie verliebt. Eines Tages ging er zu Professor Landgraf und hielt
um ihre Hand an. Der Professor erwiderte, der Antrag ehre ihn und
fragte, ob er sich der Einwilligung Ccilies versichert habe. Da er dies
verneinen mute, sagte ihm der Professor kalt, er mge sich zuvor an sie
wenden. Der junge Mensch schrieb einen berschwenglichen Brief an
Ccilie; die warf ihn aber lachend in den Ofen. Nun veranstaltete er ein
groes Gartenfest auf seinem Landsitz, wozu die erste Gesellschaft der
Stadt und natrlich auch die beiden Schwestern eingeladen waren. Nur
weil Hanna sichs herzlich wnschte, ging Ccilie mit. Besonderer Prunk
und Luxus wurde bei dem Fest entfaltet. Als es Abend geworden war, lie
der Amerikaner smtliche Gste durch eine Fanfare auf einer
illuminierten Parkwiese zusammenrufen, in deren Mitte ein
rosengeschmckter Sessel stand. Er selbst erschien in rmlichen, ja
bettlerhaften Kleidern, sah sich im Kreis um, bis er Ccilie entdeckt
hatte, ging auf sie zu und fhrte sie, die der Meinung war, es handle
sich um einen Scherz und daher nicht widerstrebte, zu dem bekrnzten
Sitz. Dann kniete er vor ihr nieder und sagte allen vernehmlich, sie
msse entweder sein Weib werden, oder er entuere sich von der Stunde
ab seiner Gter und Reichtmer, verzichte auf das Leben unter
seinesgleichen und gehe als Matrose auf ein Schiff, um nie mehr in die
Region zurckzukehren, in die ihn Geburt und Bestimmung versetzt.
Ccilie erhob sich errtend und erblassend und entgegnete, sie sehe
keinen Grund, fr seine Verirrung ffentlich blogestellt zu werden, und
zu spt bedauere sie, von einem Manne Gastfreundschaft angenommen zu
haben, der sich damit nur den Vorwand zu einer hlichen Erpressung
verschaffen gewollt. Mit einem Blick rief sie Hanna zu sich, nahm, vor
Unwillen zitternd, ihren Arm und sie gingen durch ein Spalier von
Verwunderten weg. Ein paar Tage darauf verlie der junge Mensch die
Stadt; es hie, er habe in der Tat all seinen Besitz an Freunde
verschenkt; dann hatte man nie wieder von ihm gehrt.

Dietrich lauschte, lauschte.

Es war aber in Hannas Erzhlungen ein geheimes Frohlocken; undeutbar.
Sie bewies Anmut und Geist dabei, eine franzsische Art von Esprit oft,
Schelmerei und anschauliche Beobachtung; doch zu gleicher Zeit und in
allem das Frohlocken, als wolle sie sagen: du greifst vergeblich hin; es
ist zerronnen; es ist nichts Wirkliches mehr, es sind Worte, und ich
halte dir das Bild nur vor, um dich zu fangen, um dich zu blenden, um
dich desto grausamer empfinden zu lassen, da du vor dem Wesenlosen
stehst, da deine Sehnsucht und Begier eitel Torheit ist. Was streckst
du die Arme ins Leere? schien sie ihm zuzurufen; sind nicht lebendige
Gestalten auf der Erde? Kannst du nicht sehen und fhlen? Willst du
nicht sehen und fhlen? Bin ich zur Kupplerin verdammt zwischen dir und
einem Schemen, dann sollst dus ben.

Ja, es war in dem Blick und Lcheln Drohung: du weit noch nicht, wer
ich bin; du kennst die Wege nicht, die ich gegangen bin; schau in meine
Augen hinein, tiefer, bis auf den Grund schau und sag mir, was du dort
siehst, du Trumer, denn ich spiele ja einstweilen nur mit dir.

Doch dankte ihr Dietrich fr jeden Zug aus Ccilies Leben, fr jede
Erinnerung und berlieferte Besonderheit. Er sa wie ein aufmerksamer
Schler vor ihr, hing an ihren Lippen, wie er einst nur an den Lippen
Lucians gehangen, und ihre geleitende Nhe wurde ihm unentbehrlich. Er
geriet in Erregung, wenn er nur ihren Schritt im Flur vernahm; er liebte
den Schritt. Er errtete freudig, wenn sie den Kopf zur Tr
hereinsteckte, wie sie zu tun pflegte, um zuerst einen prfenden Blick
ins Zimmer zu werfen. Er liebte die damenhafte Gebrde, die
herrinnenhafte Haltung, das unerwartete Nachgeben dann, und wie sie
gelassener wurde, fragiler. Er liebte es, wie sie Hut und Schleier
abnahm, wie sie aus dem Mantel schlpfte, wie sie sich an den Tisch
setzte, den Kopf in die Hand sttzte und in die Lampe schaute. Er htte
ohne das alles nicht mehr sein knnen, es war etwas ihm Verbundenes, das
Eigentliche und Wahrhaftige des Tages, mit Ungeduld herbeigewnscht,
kostbar und wichtig.

Eines Abends, der erste Schnee war gefallen, brachte sie Bilder Ccilies
mit, mehrere Photographien und eine von Doktor Kelling angefertigte
Bleistiftzeichnung. Unter den Photographien war eine aus ihrem
fnfzehnten Jahr, eine vom vergangenen Winter und eine, ebenfalls aus
den letzten Monaten, die beide Schwestern wiedergab, mit einander um die
Hften geschlungenen Armen. Das frhe Mdchenbild hatte einen
hinreienden Ausdruck von Unschuld und Adel. Die Augen, im
Dreiviertelprofil, blickten nach oben; um den Mund schwebte ein
kindlich-ses Lcheln; die Zge hatten etwas Schwrmerisches und
Krftiges. Dietrich betrachtete es, ohne sich zu rhren. Hanna hielt
derweil die Zeichnung in der Hand, und indem sie sie mit
musternd-verkniffenen Lidern anschaute, sprach sie von Doktor Kelling;
der gehre auch zu denen, die Ccilies Tod nicht verwinden knnten; er
sehe aus wie ein Gebrochener und von Wahnvorstellungen Geplagter, nehme
nach seinem eigenen Gestndnis in groen Dosen Veronal, um Schlaf zu
finden; frher einer der hoffnungsvollsten Schler des Professors, zeige
er jetzt weder Lust noch Anteil an seinem Beruf; der Vater uere sich
bisweilen zornig darber und habe ihn schon halb und halb fallen lassen.

Durch ihren beziehungsvollen Ton wurde Dietrich aufmerksam. Er blickte
empor, schaute sie ebenso selbstvergessen an, wie er das Bild
angeschaut, und begriff. Soll das mich treffen? fragte er;
vergleichst du mich, willst mich beschmen vielleicht? Hat es denn
zwischen ihr und einem von ihnen eine Verbindung gegeben, etwas
Gemeinsames, oder nur die Mglichkeit dazu? Sie hat sie ja gekannt; sie
htte whlen, sie htte entscheiden knnen. Sie hat es nicht getan. Sie
hat gewartet. Als wir uns begegnet sind, durfte sie mich nur stumm
gren, von Weg zu Weg. Glaube mir, Hanna, auch sie hat in dem
Augenblick gewut, da jeder von uns beiden das Schicksal des andern
ist.

Hanna erblate, aber sie lchelte. Phantastischer Bub, du, antwortete
sie und berhrte mit der Hand seine Schulter; und wenn ich es glaube,
was soll dann ich, was bin dann ich vor dir?

Du? du bist ...

Still, sprich nicht, unterbrach sie ihn und legte die rechte Hand auf
seinen Mund. Schau einmal dieses Bild an, auf dem wir so innig
nebeneinander stehen, sie und ich. Genau entsinne ich mich noch des
Tages, wo wir lachend und scherzend die Pose vor dem Spiegel probiert
haben. Sie lehnte den Kopf an meine Wange; steh auf, ich will dirs
zeigen: so, siehst du. Sie schmiegte sich an ihn, wie auf dem Bild an
Ccilie, drckte mit sonderbarer Zrtlichkeit die khle Schlfe an sein
Gesicht, und er atmete den honigartigen Duft des Haares ein.

Aber das fanden wir ein wenig albern, fuhr sie fort, fr
Schaufenster und Geburtstagstisch, und sie sagte, wir sollten beide
geradeaus sehen, als ob uns einer entgegenkme, den wir beide liebten.
Ich wei noch, wie ich verwundert war, denn ich hatte das Wort in dem
Sinne nie von ihr gehrt, und als wir am andern Tag vorm Apparat
standen, Arm in Arm, Krper an Krper, da dachte ich: wr es so, wie sie
gesagt, dann mte eine von uns zweien sterben. Ja, das war mein
Gedanke, und wie wir nach Hause gekommen sind, hab ich mich in meinem
Zimmer eingeschlossen und mir fast das Herz aus dem Leib geweint. Seit
dem Tag hab ich nicht mehr geweint, auch nicht als sie tot vor mir im
Wald gelegen ist. Es waren Trnen, aber von wo andersher. Nun, du
schweigst? Du siehst mich an?

Er sah sie an. Ihre Augen waren nicht handbreit von den seinen entfernt.
Sie lchelte noch immer mit der sonderbaren schauspielerinnenhaften
Zrtlichkeit, der sonderbaren bitteren Koketterie; aber er sprte, da
sie zitterte. Er schwieg, es berlief ihn khl, und pltzlich dachte er
erschauernd an das anklgerische Knurren seines Hundes, an den
sprachlosen und unerklrlichen Vorwurf in den Augen des Tieres.


Verdacht

Ein paar Tage spter ffnete er zufllig die Zeitung, die ihm das
Mdchen auf der Frhstcksplatte zu bringen pflegte, und sein Blick fiel
auf folgende kurze Anzeige: In Mailand hat sich der junge Graf Hubert
Gottlieben, Sohn des bekannten Gutsbesitzers und Reichstagsabgeordneten
Graf Konrad zu Gottlieben, mit Blausure vergiftet. Es ist dies
innerhalb weniger Monate das zweite schmerzliche Unglck, das die
angesehene Familie betroffen hat, da im vergangenen Sommer eine
Schwester des Selbstmrders in der Anstalt des Professors Landgraf
unheilbarem Wahnsinn verfallen ist.

Je fter er die Notiz las, je rtselhafter starrten ihn die Worte an. Er
ging den ganzen Tag herum wie unter dem Druck einer entstehenden
Krankheit. Verborgenes peinigte, und er erschpfte sich in der
Einbildung von Gesprchen und Situationen. Mit Hanna war er erst fr den
Abend verabredet; er telephonierte und bat, sie mge, wenn es irgend
angehe, schon frher kommen. Es war Unwetter, Sturm, Schnee und Regen,
als sie kam. Er reichte ihr die Zeitung und deutete auf die Stelle, die
den Tod Hubert Gottliebens meldete.

Ich wollte es dir eben sagen, murmelte Hanna, ich habs auch heut
morgen erst gelesen.

Und hast vorher nicht darum gewut?

Wie sollte ich? entgegnete sie kalt verwundert. Weshalb fragst du?

Hast auch nicht gewut, wo er lebt?

Hr zu, Dietrich, du weit, ich ertrage nicht, da man mich verhrt,
erwiderte sie stirnrunzelnd; was ich sagen will, sag ich, was ich
verschweigen will, verschweig ich.

Nun gut; willst du mir wenigstens sagen, ob du ihn noch einmal gesehen
hast seit jenem letzten Nachmittag am See?

Sie besann sich, blickte ihn fest an und antwortete: Ja. Ich hab ihn
seitdem gesehen. Auch hat er mir geschrieben. Er hat mir mitgeteilt, da
er seinem Leben ein Ende machen will.

Bei welchem Anla hast du ihn gesehen? Warum hast du ihn nicht an dem
schrecklichen Vorhaben verhindert? Warum durfte ich von alledem nichts
erfahren?

Sie setzte sich in die Sofaecke, verschrnkte die Arme, schlo die Augen
und fing nach einer Weile zu sprechen an: Er kam am zweiten Tag nach
dem Begrbnis bei Nacht aus Zrich. Er alarmierte das Haus, er lie mich
aus dem Schlaf wecken, ich mute mit ihm zum Grab gehen, um ein Uhr
nachts, er gebrdete sich wie toll, ich habe nie einen Menschen so
verzweifelt gesehen. Was ich getan oder gesagt habe, um ihn zu
beruhigen, daran erinnere ich mich nicht; es war jedenfalls vergeblich.
Er schlug die Stirn am Holzkreuz blutig und schrie: warum? warum? warum?
Er lag vor mir auf den Knien, packte mich an den Armen und sthnte:
warum? warum? Dieses grliche Warum, mt ichs nur nicht mehr hren.
Auf einmal sprang er auf und strzte fort, war spurlos in der Finsternis
verschwunden. Es war ziemlich schaurig, wie ich da so allein auf dem
Kirchhof stand. Dann also schrieb er mir, ungefhr drei Wochen spter.
Er schrieb, der Lebensmut und der Lebensglaube seien ihm abhanden
gekommen; Ccilie habe ihm das Wort gebrochen, erschrick nicht, ich
werde dir gleich erzhlen, was fr ein Wort das war; er knne den Tag
nicht mehr fhren, sei seiner selbst berdrssig, sehe kein Ziel mehr,
er wolle mich, ich solle ihn zu vergessen suchen. Aber nun mut du
wissen, was vorher gewesen war.

Sie atmete tief, drckte den Kopf an das Polster, ffnete gro die Augen
und fuhr fort: Er war zu Anfang August nach Heidelberg gereist, weil
die Gerchte ber seine Schwester Bettine und meinen Vater zu ihm
gedrungen waren. Man hatte ihm von drei Seiten darber geschrieben.
Bettines Wohnung wute er nicht, zwischen ihr und der Familie bestand
Feindseligkeit. Er wollte sich um jeden Preis Gewiheit ber den
Sachverhalt verschaffen, auch wenn ein ffentlicher Skandal die Folge
wre. Gleich nach seiner Ankunft hatte er eine Unterredung mit meinem
Vater. Der war vorbereitet. Zuerst fragte er: Haben Sie Ihre Schwester
schon gesehen? Nein, das hatte er natrlich nicht. Da donnerte ihn mein
Vater an, wies auf seinen Ruf, seine Stellung, seine Leistungen, sein
Werk hin und verstand es, Hubert derart in Respekt zu setzen, darin hat
er ja eine Virtuositt, die ihresgleichen sucht, da der geradsinnige
und edeldenkende Mensch ihn schlielich zerknirscht um Verzeihung bat.
Die Verleumder wrden zur Rechenschaft gezogen werden, sagte mein Vater,
er solle auch Bettine selbst zur Rede stellen, sie wohne da und da, doch
bitte er ihn, sie nicht vor dem Abend aufzusuchen, da die schweren
Depressionen, denen sie ausgesetzt sei, sich erst in den Abendstunden
linderten. Eine Stunde, nachdem Hubert bei meinem Vater gewesen war,
kamen zwei Wrter hierher ins Haus, forderten Bettine auf, in einen
Wagen zu steigen, der unten hielt, und brachten sie fort. Mein Vater
hatte pltzlich erklrt, ihre Internierung sei unerllich; er lie sie
aber nicht in die Klinik schaffen, sondern in eine Anstalt bei
Neckargemnd. Dies erfuhren wir erst spter. Als Hubert kam, war Bettine
weg. Er ging in die Klinik, niemand konnte ihm Auskunft geben. Er fragt
nach dem Professor: der Professor ist verreist. Er kommt zu uns in die
Wohnung, verlangt die Mutter zu sprechen. Ich sehe seine Karte, mir ahnt
bles, ich sage mir: die Mutter mu da auer Spiel bleiben, ich empfange
ihn. Ccilie war den Tag vorher nach Ermatingen gefahren, um sich die
Gartenschule anzusehen, in die sie eintreten wollte; das war noch ein
Glck. Damit du aber den ganzen verwickelten Vorgang klar bersiehst,
mu ich ber Bettine und ihr Verhltnis zu Ccilie und mir sprechen.
Ein trbes Kapitel.

Sie zog ihr Taschentuch heraus und strich damit ber das Gesicht.
Dietrich war nher zu ihr herangerckt und klammerte sich mit den Augen
frmlich an ihr fest. Sie begann wieder: Im Anfang der Behandlung hatte
sie der Vater bei uns eingefhrt; es erleichterte ihm die
Verbindungswege; er hat es spter bereut; die Freundschaft, die sich
zwischen Bettine und uns Schwestern bildete, konnte er nicht
voraussehen. Bettine schlo sich an jede von uns in besonderer Weise an.
Sie war ein zerstcktes Geschpf, ein halbiertes; ich glaube, es gibt
viele solche junge Wesen. Die eine Hlfte von ihr war durch und durch
verderbt, durch und durch verfault, mit einer lasterhaft glosenden
Phantasie, und frech bereit zu tun, was ihr die Phantasie vormalte; die
andere Hlfte war ein gutes, sanftes, argloses, trauriges Kind. Sie war
ohne Mutter aufgewachsen, allein auf dem Land, unter der Zuchtrute einer
prden, bigotten Erzieherin, gehat vom Vater, weil ihre Geburt das
Leben der Mutter gefordert hatte. Ich nun war ihre Vertraute; mir
erffnete sie das unselige Gemisch ihrer Natur; vor mir gab sie sich
preis, mir beichtete sie, mir gegenber klagte sie sich an, und es waren
oft bse Stunden, das kann ich wohl sagen, zumal als sie mir nicht
lnger verhehlen wollte oder konnte, was zwischen ihr und meinem Vater
vorging. Sie war vllig unter seinem Bann, ohne Hemmung, ohne
moralischen Widerstand; sein Blick schon machte sie willfhrig zu allem.
Ccilie gegenber war sie das makellose Kind; sie betete Ccilie an; ihr
Gesicht strahlte, wenn sie sie nur sah, ich war einmal dabei, wie sie
sich hinwarf, um Ccilies Schuh zu kssen. Der verriet sie sich nicht,
der gab sie nur ihr edleres Teil, und mich zum Schweigen zu verhalten,
bot sie immer alle Mittel der List und ihrer kleinen raffinierten
Knste auf. Oh, sie war durchtrieben, aber man hatte bestndig Angst um
sie, bestndig Mitleid mit ihr. Die Melancholie zehrte sie krperlich
auf; die letzten Tage, als sie in dem krankhaften Wachschlummer da
drinnen im Alkoven lag, magerte sie zum Skelett ab; nur wenn Ccilie an
ihrem Bett sa, war sie dazu zu bringen, ein wenig Nahrung zu sich zu
nehmen, kam irgendwer anderer ins Zimmer, auch wenn ich es war, richtete
sie sich mit verstrhnten Haaren empor und fing an zu weinen und sich zu
frchten; am dritten Abend setzte ich es durch, da Ccilie fortging,
ich berredete sie, nach Ermatingen zu fahren und nahm eine Pflegerin
auf. Und seltsam, da fhlte sich Bettine auf einmal wohler; sie stand
auf, holte Wsche aus der Kommode und fing ganz friedlich zu nhen an.
Es scheint, da Ccilies Gegenwart in ihr das Gelst nach
Selbstpeinigung erweckt und bestrkt hat.

Hanna schwieg eine Weile, in Gedanken verloren. Trauer und Mdigkeit war
in ihren Zgen.

Und als nun Hubert Gottlieben zu dir kam? fragte Dietrich flsternd.

Er kam und erzhlte mir, was ihm geschehen war, fuhr Hanna fort; das
Gesprch mit meinem Vater; die vergeblichen Wege. Er war ratlos. Er bat
mich, ihm zu helfen. Wie sich denken lt, war er an dem, was ihm mein
Vater gesagt, irre geworden. Und ich, ich durchschaute die Sache
natrlich. Ich hatte es ja schon ber und ber satt, das widerliche
Treiben. Mich packte der Zorn. Ich sagte zu Hubert Gottlieben, er mge
sich vierundzwanzig Stunden gedulden, ich versprach ihm, die
Angelegenheit bis dahin in Ordnung zu bringen, nur machte ich zur
Bedingung, da er nicht noch einmal ins Haus kme, ich wrde ihn in
seinem Hotel oder wo er sonst logiere, aufsuchen, er mge mich
erwarten. Am Vormittag war ich unfreiwillige Belauscherin eines
Telephongesprchs gewesen, ich wute, wo der Vater zu suchen sei. Ich
fahre auf die Bahn, der Zug ist schon weg. Ich miete ein Auto nach
Darmstadt. Um elf Uhr abends komm ich an, geh ins Haus zu seiner ... zu
der Dame. Ich verlange ihn zu sprechen, man weist mich ab; ich hre
Stimmen, Gelchter, ich stoe die Person zurck, die mich aufhalten
will, ich trete in ein Zimmer, wo er mit fnf, sechs Leuten sitzt,
darunter nur eine Frau, seine Geliebte, alle trinkend, redend, lachend.
Es mu ein merkwrdiges Bild gewesen sein, als ich da auf der Schwelle
stand, im bestaubten Schleier und bestaubten Mantel. Er, mich sehen,
aufspringen, mich durchbohrend messen, ganz verwandelt schon, war eins.
Ich habe mit dir zu reden, sagt ich. Stumm und bla geht er voran, fhrt
mich in einen Raum berm Flur. Was willst du? was ist geschehen? Ich
fordere Bettine Gottlieben von dir, liefere sie aus; ihr Bruder geht
morgen zu Gericht. Ich kann und mag dir nicht schildern, was sich nun
abspielte. Das Beschmende liegt darin, da ich mich unterkriegen lie,
da ich zu Kreuze kroch, da ich ihm glaubte, genau wie Hubert
Gottlieben. Zuerst fuhr er mich an, geriet in Wut; davor frchtete ich
mich aber nicht, das merkte er bald. Im Nu war er ein anderer, voll
Ironie und Ruhe. Ich begriff nicht viel von seinen Argumenten und
Zergliederungen, ich wurde nur sacht umgarnt und eingelullt, bis die
Willenskraft gebrochen, der strmische Anlauf erlahmt war. Es geht einem
so bei ihm, es war immer so, es geht allen so. Und als er mich so weit
hatte, nahm er mich unterm Arm, fhrte mich ins Hotel, begleitete mich
aufs Zimmer, wnschte mir gute Nacht, kte mich auf die Stirn und ging.
Am nchsten Morgen erschien er schon sehr frh, wir fuhren mit seinem
Wagen zurck, unterwegs fragte er, ob Ccilie schon wieder zu Hause sei,
und ich sagte, sie werde wohl zu Mittag kommen. Ich erwhne das, weil
sich darauf, wie sich bald ergab, der schlaueste, oder wenn man will,
tckischeste Teil seines Planes aufbaute, der auch erkennen lt, mit
welchem Scharfblick und welcher Skrupellosigkeit er die Umstnde und
Menschen zu seinen Gunsten zu benutzen versteht. Am selben Abend kam er
mit Hubert Gottlieben zu Tisch. Er hatte ihn abermals besnftigt,
abermals getuscht, er hatte ihm ein lgnerisches Ehrenwort gegeben.
Ccilie war da. Von der Stunde an dachte Hubert nicht mehr an seine
Schwester Bettine. Hast du je von einem Vater gehrt, einem Mann der
Wissenschaft dazu, einem der Koryphen der Nation, der seinem Anklger
und zu frchtenden Verfolger die eigene Tochter als Kder hinwirft? Ich
gebe ihn damit preis, ich, die Tochter, gebe ihn preis, gewi, aber das
hat seine tieferen Grnde noch, ber die werd ich schon noch mit dir
sprechen. Ich mu ja endlich auch mal mein Herz ausschtten, es
zerspringt mir sonst. Was nun folgte, kannst du dir ungefhr denken.
Hubert Gottlieben wurde der Page Ccilies, ihr Schlepptrger; ihr
Vergtterer. Mein Vater begnstigte sein Werben, wo und wie er konnte,
und in bezug auf Bettine hatte er freie Hand. Ich, ich war Huberts
Vertraute, wiederum die Vertraute, Ratgeberin, Duenna. Die Leidenschaft
beherrschte ihn dermaen, da einen in seiner Nhe das Erbarmen ankam,
und obgleich er ihre Hoffnungslosigkeit bald einsehen lernte, geriet er
immer tiefer in den verschlingenden Strudel. Ccilie litt zum erstenmal,
denn der Mensch war ihr wert; was er sich wnschte, konnte sie ihm nicht
sein, aber sie achtete ihn, und seine Gegenwart war ihr nicht lstig wie
die der andern. Fast mtterlich redete sie ihm oft zu; wenn sie von
Trennung redete, sprach er gleich von Tod. Dennoch gingen wir Mitte
September nach Badenweiler, dann nach Neusatzeck. Er machte unsern
Aufenthalt ausfindig und kam uns nach. Da fate Ccilie ihren Entschlu
und schrieb an Frau Doktor Gnad, da sie sogleich bei ihr Unterkunft
suche. Ich selber hatte darauf bestanden, ich mochte nicht mehr die
ohnmchtige Mittelsperson sein. Mir versagten die Nerven, ich flatterte
hin und her wie ein Span zwischen zwei Magneten, und auerdem qulte
mich der Gedanke an Bettines Schicksal. Der Gedanke qulte auch Hubert;
bisweilen schien er sich zu besinnen; das bse Gewissen sah ihm aus den
Augen. Er begleitete uns bis Ermatingen, in Freiburg trafen wir die
Eltern, es war ein schlimmes Zusammensein, der Vater hatte Hubert fr
den Abend, nach der Rckkehr von Meersburg, zu einer Unterredung
bestellt. Ich war aber mit Ccilie bereingekommen, da diese
Unterredung verhindert werden msse, und auf dem letzten Spaziergang
brachte sie Hubert auch dahin, da er abzureisen versprach, allerdings
mute sie ihm geloben, da sie ihn nach sechs Monaten wiedersehen wolle,
da sie ihn rufen wrde, und da er dann die entscheidende Frage an sie
richten drfe. Als wir danach allein waren, erzhlte sie es mir mit
allen Zeichen der Sorge und Bedrngnis und fgte hinzu, sie knne sich
nicht vorstellen, wie das enden solle, sie fhle sich dieser Liebe
gegenber wie eine Bettlerin, die man zur Zahlung einer Schuld verhalte,
ohne da sie jemals eine Schuld aufgenommen. Ich machte ihr Vorwrfe,
da sie ihm ein so verpflichtendes Wort gegeben, sie antwortete
unwillig; ein Wort gab das andere; nun, und dann ...

Ein Schweigen entstand. Ich sehe, ich fange an zu sehen, sagte
Dietrich. Alles das ist wie eine schwarze Kugel, die den Abhang
hinunterrollt.

Ich will dir auch bei dieser Gelegenheit gestehen, da die Geschichte
mit dem Tagebuch Spiegelfechterei von mir war, sprach Hanna leise. Es
hat nie existiert, das Saffianheft mit den silbernen Initialen. Ich
wollte dich locken. Da ich doch arm bin, wollt ich was fr dich haben.
Es war so hbsch, wenn du mich gespannt angesehen hast. Ich htte dafr
noch ganz andere Dinge erfinden knnen. Nimmst du mirs bel?

Es war nicht rechtschaffen, sagte Dietrich betrbt, aber ich nehms
dir nicht bel, jetzt wo ich wei, wie tapfer du warst.

Sie erhob sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hnde und kte ihn auf
die Augen, rasch auf die zwei Augen. Dann ging sie.

In Dietrich war dunkel-formloser Zweifel aufgestiegen und trieb ihn
unruhig umher. Er sah immerfort das ber sich gebeugte Antlitz mit
seinem Ausdruck von Kummer und Angst. Es war ihm zu Sinn, als ob er
dieses Antlitz liebte, oder als msse er es lieben kraft eines
geheimnisvollen Befehls, doch als ob er es zugleich frchtete wie ein
alle Schritte umlauerndes Unheil. Den Kopf in die Hnde vergraben sa er
die halbe Nacht. Als er zu Bett gegangen war und im Finstern schaute,
sah er einen blauen Schatten an der Wand, der sich bewegte wie ein
Schleier, den der Wind trgt. Als der Schatten in der Ecke angelangt
war, kam ein Raunen von dort, und er vernahm Laute, die sich mit dem an
die Fensterscheiben knisternden Schnee mischten: nimm mich, nimm eine;
nur eine nimm und vergi die andere nicht ...

Wohin geh ich? fragte er sich; wohin gehst du, Dietrich? fragte eine
Stimme. Aber seine Brust war voller unausgeschpfter und
unerschpflicher Liebe, voller Zweifel und Verwirrung. Er sprte die
Lippen auf seinen Augen, da ermattete die Farbe jedes Bilds und
sehnschtig streckte er die Arme aus, ein hingegebenes Geschpf.
Ccilie, flsterte er, Ccilie. Und dann: Hanna, und wieder:
Hanna.

Am andern Morgen irrte er eine Zeitlang durch die Straen, im
aufgeweichten Schnee, pltzlich entschlo er sich, zu Frau Landgraf zu
gehen. Hanna war, wie er wute, um diese Stunde in der Universitt, wo
sie historische Vorlesungen hrte, Frau Landgraf war zu Hause und
empfing ihn. Sie schien heftig erregt; nachdem sie ihn eingeladen hatte,
Platz zu nehmen, sagte sie: Es ist mir wirklich kaum mehr mglich,
diesen Widerwrtigkeiten standzuhalten. Da kommen Leute ins Haus,
schlagen einen Ton an, - man schmt sich krank.

Dietrich war verlegen. Sie fragte, weshalb er so selten komme, sie denke
oft an ihn. Er antwortete nicht. Warum bin ich eigentlich hier? grbelte
er, indes ihn Frau Landgraf forschend betrachtete. Wr ich Ihre Mutter,
so wrde ich Sie ermahnen, besser auf sich zu achten, sagte sie mit
anziehendem Lcheln; Sie sehen beranstrengt aus.

Da fiel ihm ein, sich nach Doktor Kelling zu erkundigen. Es schien ihm,
als sei eben dies der heimliche Grund seines Kommens gewesen. Er hatte
noch das Gesicht des Mannes in Erinnerung, das vergrabene Schweigen.
Hannas Worte ber ihn klangen ihm noch im Ohr: scheues Vorbereilen an
dem Namen, den sie gezwungen hatte nennen mssen.

Frau Landgrafs Blick flimmerte erschreckt. Doktor Kelling? erwiderte
sie zgernd; ich hre, da es ihm nicht gut geht; ich hre, da er seit
einiger Zeit sein Zimmer nicht mehr verlt. Er hat sich den Besuch auch
seiner nchsten Freunde verbeten. Sie erhob sich, zog an den
Vorhangschnren, trat zum Tisch, stand dort eine Weile, dann ging sie
langsam auf Dietrich zu und fragte mit verhaltener Stimme: Ist Ihnen
bekannt, hat Ihnen Hanna gesagt, da er es war, der den Revolver
hergegeben hat?

Er? Doktor Kelling? fragte Dietrich zurck und stand gleichfalls auf.

Ja. Von ihm hatte Hanna den Revolver.

Hanna? Sie wollen sagen Ccilie, gndige Frau ...

Nein, Hanna. Das ist es ja eben. Hanna.

Dietrich starrte sie an. Er war so wei geworden wie der Schnee, der den
Fensterrahmen umkrnzte. Aber wieso denn Hanna? murmelte er, lallte er
fast.

Doktor Kelling selbst hat es mir eines Tages mitgeteilt, sagte Frau
Landgraf mit sinnend fixiertem Blick; so nebenhin, ganz trocken, wie es
seine Art ist, ohne weitere Erluterung. Im September gab er ihr die
Waffe, bevor sie mit Ccilie abreiste. Sie hatten am Morgen drunten im
Garten nach der Scheibe geschossen, Hanna und Kelling; danach bat ihn
Hanna, er mge ihr den Revolver fr die Dauer der Reise leihen; sie
fhle sich sicherer damit und habe momentan nicht Geld genug, sich einen
neuen zu kaufen. Htte Kelling geahnt ... Wahrscheinlich ist dann der
Revolver Ccilie in die Hnde gekommen, und sie hat ihn zu sich
genommen, ohne da es Hanna wute. Ich habe mit Hanna darber
gesprochen; auch sie hat keine andere Erklrung. Kelling macht sich
natrlich die schwersten Vorwrfe. Ich bitte Sie nur um eines, nmlich
da Sie ber diese Sache schweigen. Ich dachte zuerst, Hanna habe Ihnen
davon erzhlt. Da sie es nicht getan hat, beweist mir, da das arme
Kind unter dem Gedanken leidet.

Sie glauben? sagte Dietrich leise; dann, in sich gekehrt: Ja, es ist
mglich, da sie leidet. Bei ihr ist nichts auf der Oberflche, und sie
hat viele Tiefen.

Frau Landgraf antwortete: Meine Tchter waren wie zwei ste, die vom
Stamm aus nach zwei schroff entgegengesetzten Richtungen wuchsen. Zum
Schlu konnte ich sie gar nicht mehr erreichen, ich hatte die Spannweite
nicht. Da waren Eigenschaften von solcher Verschiedenheit, da mir oft
zumute war, ich msse den Urgrund der Geschlechter aufwhlen, um das
Verbindende zu finden. Es war schwer, in der Mitte zu stehen, mit
Mutterkraft die beiden zu halten; als Mutter ist man ja der Erde nher,
und aus der Erde quillt die Strke. Aber die Mutter ist nicht allein, es
ist noch der Vater da; wenn der kein guter Grtner ist, wenn er mit dem
Beil daneben steht und nicht mit pflegender Hand ... Sie ging im Zimmer
auf und ab und wiederholte erschtternd: Mit dem Beil, mit dem
Beil ...

Dietrich vernahm und begriff die Worte nur halb. Um ihn fiel es nieder
wie Schwaden, die giftig einzuatmen waren. Die Luft verfinsterte sich,
die Wege verloren sich, der bluliche Schatten aus der vergangenen Nacht
gewann zerbrechliche Leiblichkeit und deutete zurck. Er war so
beklommen und beladen, da es ihn nicht berraschte, als die Tr aufging
und Hanna eintrat; es war eine Vervollstndigung der schwankenden
Gesichte.

Sie nickte ihrer Mutter und Dietrich zu. Sie trug kurzen Rock und Bluse,
wodurch die Gestalt noch straffer erschien. Ihre Bewegungen hatten etwas
studentisch Freies, das aber der gemessenen Anmut, die ihr eigen war,
wenig Eintrag tat. Ich wute, da du da bist, sagte sie zu Dietrich,
den ganzen Morgen hatte ich das Gefhl, du kmst zur Mutter.

Sie machte sich am Bcherkasten zu schaffen und summte dabei wie achtlos
vor sich hin. Auf einmal drehte sie sich um und lehnte sich, die Hnde
auf dem Rcken, an die Sule des hohen Regales. Ich wei natrlich
auch, da ihr von dem Revolver gesprochen habt, sagte sie in berechnet
leichtem Ton. Na, und was denkst du darber, Dietrich Oberlin? Sprich
dich nur offen aus. Was denkst du?

Aber Dietrich schwieg.

Als er sich verabschiedet hatte und aus dem Zimmer gegangen war, hatte
er zunchst nicht die Kraft, auch das Haus zu verlassen; er setzte sich
einige Minuten auf einen Stuhl im Korridor.

Am Nachmittag schickte ihm Hanna durch einen Boten ein paar eilig
hingeschriebene Zeilen des Inhaltes, da sie, sie knne noch nicht sagen
fr wie lange, nach Weimar zu Freunden reise. Die Adresse gab sie an.


Der Traum vom doppelten Ich und der Traum vom Weinen

Dietrich schrieb ihr, er sei wie gelhmt gewesen von der Nachricht ihrer
Abreise. Er habe es nicht zu begreifen vermocht. Er sei zu dem Schlu
gekommen, da es Flucht sei. Warum sie vor ihm fliehe? Jetzt fliehe, wo
alles zwischen ihnen vollgerttelt Ma von Fragen sei? Er knne sich
nicht darein finden; ihre Abwesenheit dnke ihn Verrat. Er horche auf
die Treppe hinaus, ob nicht der Schall von ihren Tritten erklinge. Von
seiner Mutter habe er einen Brief, doch sei er nicht imstande, ihr zu
antworten. Da er sich vorgenommen habe zu arbeiten, arbeite er auch,
aber es sei mit seinem Kopf, wie wenn man an die Dauben eines hohlen
Fasses schlage. Er habe nicht geahnt, da Trennung etwas so
Herzbeklemmendes sei. In ihm sei das Unterste zu oberst gekehrt; ihr
Wort fehle ihm, der Ton ihrer Stimme fehle ihm; er sitze da und rede in
die Luft manchmal und warte auf ihr Wort. Wenn sie ein Fnkchen Gefhl
fr ihn in der Brust trage, mge sie zurckkehren. Er verspreche, sich
des Fragens zu enthalten, falls sie es fordere; er wolle sich nach ihrem
Befehl und Gefallen richten; alles sei auf einmal schauderhaft leer, zu
viele Ungewiheit bedrnge ihn.

Hanna antwortete, sie habe nicht aus Laune und Bosheit so gehandelt. Sie
sei nicht fortgegangen aus Furcht vor seinen Fragen. Es sei nicht
Flucht, wenn es auch so scheine, wenn sie auch der Entwicklung der Dinge
zwischen ihr und ihm mit Bangen entgegensehe. ber die Raschheit ihres
Entschlusses sei sie ihm Erklrung schuldig. Aber da sie das Vertrauen
habe, da alles, was er tue, aus tiefem Antrieb seiner Natur geschehe,
msse er gleiches Vertrauen fassen. Wie sie ihn keiner niederen Regung
fr fhig halte, drfe auch er nichts Schlechtes von ihr glauben, und
nur, was sie selbst ihm erffne, drfe er annehmen. Seine Achtung wolle
sie besitzen. Ohne die sei ihr das Leben leid. Der Grnde zu ihrer
pltzlichen Abreise seien so viele, da sie Mhe habe, sie aufzuzhlen;
zunchst htten uere Geschehnisse von einer Stunde zur andern den
Ausschlag gegeben. Im Hause habe wieder einmal das Geld zum Ntigsten
gefehlt, die Mutter habe eine bedeutende Summe zahlen sollen, und der
betreffende Glubiger habe sie vor den Dienstleuten grblich beschimpft.
Nach Dietrichs Weggehen habe sie eine heftige Szene mit der Mutter
gehabt, weil sie sich geweigert habe, dem Vater Mitteilung zu machen.
Der Vater sei unerwartet dazugekommen; sie, Hanna, habe ihn zur Rede
gestellt, ihm das gedemtigte Leben der Mutter, die frivole
Miwirtschaft, seine Verschwendung vor Augen gefhrt. Ich mut es
herausschreien, schrieb sie, ich mut es ihm sagen, ich mute sein
Gesicht sehen, whrend ich es sagte. Er aber, er hat mir seine eiskalte
Verachtung entgegengesetzt; er zndete sich eine Zigarette an und
fragte, woher ich die Stirn nhme, in sein beanspruchtes Dasein zu
greifen, ob ich es nicht vorziehe, mit meinem Geliebten das Weite zu
suchen; ihn gelste nicht nach der Nhe einer Tochter, die nicht willens
und nicht geschaffen sei, eine Existenz wie die seine zu begreifen. Mit
meinem Geliebten? Ich erschrak bis in die Seele. Damit meinte er dich,
Dietrich Oberlin. Er nannte dich auch. Er hatte von der geringsten
Einzelheit unseres Umgangs Kenntnis, er hat mich behandelt, da selbst
die Mutter auer sich geriet. Und kalt, weit du, immer eiskalt. Was ist
mir da anderes brig geblieben als fortzugehen? mglichst schnell,
mglichst weit fort ...? Und die Verwirrung in meinem Gemt all die Tage
vorher schon, das grenzenlose Treiben in einem dunklen Strom. Jetzt bin
ich also fort, die Wege sind zerbrochen. Aber ich denk an dich,
Dietrich, Tag und Nacht denk ich an dich.

Dietrich antwortete in beschwingter Eile; heie Bestrzung atmete aus
seinen Worten. Zehnmal in verschiedenen Wendungen wiederholte er
dasselbe: da es die uerste Pein fr ihn sei, sie fern zu wissen, da
sie zurckkehren mge. Nun klang die Sehnsucht schon lauter und khner.
Ihrer Mahnung zum Vertrauen htte es nicht bedurft, doch sei in seinem
Blut ein Tropfen Gift, in seinen Trumen eine finstere Bosheit; ohne das
lebendig getauschte Wort knne er beides nicht bewltigen. Er msse ihre
Augen wieder vor sich sehen, ihre still und wahr versichernde Gegenwart
wieder haben. Wenn sie nicht da sei, schwinde auch Ccilie sogleich im
Nichts hin, dann sei er so arm, da ihn friere, dann ekle ihm vor dem
Licht des Morgens, dann werde das Buch, das er aufschlage, klebrig wie
Schlamm. Ob er nicht zu ihr kommen drfe? Wovor sie denn bange sei? Ob
etwas an ihm sie verdrossen oder enttuscht habe? Ob sie ihn anders
haben wolle, als er sei?

Darauf schrieb Hanna: Lieber, herzenslieber Dietrich, kommen darfst du
nicht, sonst ist alles aus. berla es mir, zu bestimmen, wann wir uns
wiedersehen drfen. Wovor mir bangt, fragst du? Mir bangt vor meinem
Abbild in dir. Mir bangt vor meiner Schwester Bild in dir. Die
Schwester, denk es, fa es: sie liebst du, sie ist dein ein und alles.
Soll sich das vermischen? Tod und Leben unheilvoll ineinanderflieen?
Ccilie und ich, drfen wir uns in dir begegnen? Mir bangt, auch dieses
sollst du wissen, mir bangt vor deiner Jugend, und da du dastehst mit
deinem reichen wilden Herzen. Ich kann dir nichts geben. Unsere Jahre,
sind sie auch annhernd gleich, ffnen doch eine Kluft zwischen uns; die
zwei oder drei, die ich voraus habe, machen mich verantwortlicher; ich
habe mehr erlebt, Schwereres erlebt, ich bin fr dich schon alt. Ich
werde zaghaft, wenn mich dein redlich klarer Blick trifft, und oft
wieder mcht ich dich einschlieen, wie man seltene Vgel in ein Bauer
sperrt, damit dir die Menschen nicht rauben knnen, was mir so teuer an
dir ist. Ich bin besser geworden durch dich, das ist fast ein Schmerz,
denn da geht man strenger mit sich ins Gericht und erschrickt vor der
Tiefe, in die man htte sinken knnen und vor der, in die man schon
gesunken ist. Freunde stehen unsichtbar um dich und schtzen dich, das
sind meine Feinde; denn all mein Inneres strebt zu dir. Aber ich darf
dir auch nichts anderes sein als die freundlichste Freundin, und so
sollst du mich in deinem Sinn bewahren.

War dies darauf berechnet, die Glut zu schren, so wurde der Zweck
erreicht. Es folgte gleich ein zweiter Brief Hannas mit der Mahnung zur
Arbeit, einem klugen Programm knftiger Lebensgestaltung. So weise sind
nur die, die heimlich wnschen, da man ihnen die Entsagung aus dem
Herzen schmeicheln soll. Sie wute um die richtunggebenden Ereignisse
aus Dietrichs Vergangenheit; sie wute von Lucian und wies ihn auf den
Bewunderten hin, als ob er dessen Spruch sich erst zu fgen htte und
als ob sie Dietrich erinnern mte an die hhere Menschenpflicht.
Dietrich aber erwiderte, von Lucian sei er jetzt geschieden, von den
Freunden sei er geschieden, von der Mutter sei er geschieden. Es gbe
kein Leben mit Menschen mehr, wenn sie sich ihm entziehe. Vor ein paar
Tagen sei er am Kornmarkt Justus Richter begegnet, der sei entsetzt
gewesen ber sein Aussehen; ob er krank sei, habe Justus gefragt, ob er
zu ihm kommen knne. Dann sei er auch gekommen, habe erzhlt, Lucian
befinde sich in einem Dorf bei Heilbronn beim Pfarrer Langheinrich, dem
Verfasser der Schwbischen Laienpredigten, und arbeite an seiner
Verteidigungsschrift fr die Verhandlung; Richter habe ihn besucht und
einen verbitterten Grmling gefunden; nach keinem Menschen habe er
gefragt, nur nach ihm, Oberlin. Das zu hren habe ihn stark betroffen,
aber er habe das Gefhl, der Weg zu Lucian sei jetzt so weit, da er das
ganze brige Leben brauche, um zu ihm zu gelangen. Einmal vielleicht
msse er hin, das spre er, aber dann sei kein Zurck mehr verstattet,
gnadenlos verstoen werde er dann sein. So hab ichs immer gefrchtet
und gehofft, schlo der Brief, da ein Wesen da ist, nach dem ich
begehren mu wie nach der unerfllbaren Seligkeit. Bist dus oder ists
Ccilie? Ich wei es nicht mehr. Schreib ich deinen Namen, so schallt
mir der andere entgegen; es ist wie verzaubertes Echo; denk ich Ccilie,
so schaut mich Hanna an. Willst du mich zugrund richten, so bleib, wo du
bist; wenns noch lange dauert, bis du kommst, leg ich mich hin und
sterbe. Alle Farben werden mir schwarz, alle Sterne lschen aus, alles
Geredete wird Lge.

So war es also die Sprache der Leidenschaft geworden, und das
aufgeflammte Feuer ergriff die Beiden, die es genhrt hatten. Hanna
beschwichtigte und mahnte, aber hinter den Worten war Jubel und
freudiger Schrecken. Dies erfate Dietrich nicht; er glaubte sich
geopfert; er miverstand das Zgern, begriff nicht die Angst. Er
schmiedete abenteuerliche Plne, versprach Gehorsam, forderte ungestm,
was ihm die Natur befahl, doch da er liebte, das wute er nicht, das
Wort Liebe schrieb er nicht nieder, so wenig, wie er es bedachte oder
Ma und Gleichnis dafr in einem schon gelebten Gefhl hatte. Es war
neu, niemals empfunden und von keinem empfunden. Es war Wirrnis,
Zwiespalt, Auflehnung, Gebet, Ruhelosigkeit und Qual. Wo seine ganze
Seele beglckt und erschlossen weilte, war dem Leib der Eintritt
verwehrt; und wo der Leib sein durfte, strubte sich in unnennbarer
Scheu die Seele; dort, auf der verbotenen Schwelle, stand mit rufend
gebreiteten Armen ein Schatten; hier war die lebendige Kreatur, doch in
rtselhafter Zweideutigkeit und Drohung.

Als ihm Hanna mitteilte, sie werde kommen, knne aber den Tag noch nicht
angeben, setzte vor Glck sein Pulsschlag aus. Sie schrieb, da sie sich
auf einem einsamen Spaziergang dazu entschlossen. Sie habe sich
hingedacht an den See, wo sie ihm zuerst begegnet. Es sei Abend gewesen,
das Wasser schwarz und still, blo am Gestade war verschlafenes
Klatschen und Blinzeln winziger Wellenlichter. Da habe sie sich ihn in
die Landschaft gedacht, in seine Landschaft, und ihn gesehen, wie er
sich zum Rohr eines flieenden Brunnens gebckt und in gierigen
Schlucken getrunken habe. Davon sei sie ergriffen worden, und nun msse
sie wieder zu ihm.

Darauf schrieb ihr Dietrich, er habe in der letzten Nacht zwei Trume
gehabt, und er erzhlte die Trume wie folgt.

Er ging durch ein vierbogiges Rundtor, das aussah wie eine Riesenhand,
die mit den Fingerspitzen gegen die Erde gesetzt ist. Keine Stimme
redete, aber er wute, da es entscheidend fr ihn sein wrde, durch
welchen der vier Bogen er ging. Das Tor war ganz aus grnem Stein. Ohne
sich lange zu besinnen, ging er geradeaus, und mit dem Augenblick, wo er
den Bogen durchschritten hatte, kam eine herzzerreiende Furcht ber
ihn, denn ihn dnkte, er sei auf einmal auerhalb der Welt. Die
Landschaft, die sich vor ihm dehnte, war so grn wie jenes Tor; es war
nicht das Grn, wie es die Bltter haben, nicht das Grn des Mooses,
nicht das Grn von alten Kupfergefen, es war ein Grn, das er noch nie
gesehen, ein finsteres bses totenhaftes Grn. Darber wlbte sich etwas
wie ein Himmel; aber es war kein Himmel, es war eine weiliche Blase,
aus deren unteren Rndern weiliches Licht strmte. Weit und breit keine
Seele, die vollkommenste Verlassenheit. Von Furcht bis in die Knochen
geschttelt, dachte er: jetzt werd ich endlich wissen, woran ich bin. Zu
rasten war ihm nicht erlaubt, er mute gehen, bestndig vorwrts gehen.
Er wollte sich beschweren, da er mde sei, aber das Wort mde fiel ihm
nicht ein, er dachte statt dessen blo: grn. Der Furcht gesellte sich
ein eigentmlich wehes Hinziehen, das seinen Ausdruck fand in dem
Verlangen nach einem Versteck. Alles schien ihm davon abzuhngen, da er
sich verstecken knne; aber, sagte er sich, es ist auerhalb der Welt,
wo ich bin, und auerhalb der Welt gibts kein Versteck. Doch ich bin ja
da, fuhr er zu berlegen fort, und wenn ich da bin, mu ich mich doch
auch finden. Finden? also bin ich nicht da! Diese Worte sprach er laut;
sie weckten ihn auf wie sechs Hammerschlge, er seufzte, hrte sich
seufzen und schlief im Seufzen sogleich wieder ein. Da sah er in groer
Ferne eine schwrzliche Figur; zuerst wars wie Ahnung, dann wuchs es aus
dem Grnen heraus, stellte sich schwarz gegen das niederrieselnde Wei,
dieses Geisterlicht, das Himmel zu sein log, und bewegte sich, nicht auf
ihn zu, sondern von ihm weg. Er dachte: wohin geht er? Ihn nicht mehr
aus dem Auge zu lassen, war ihm pltzlich so wichtig wie das Leben
selbst, und mit starr hingehefteten Blicken folgte er dem Unkenntlichen,
Unbekannten, Weitentfernten. Da geschah das Grausige, da er jeden
Schritt, den er vorwrts zu gehen glaubte, in Wirklichkeit zurck tat,
so als ob der Boden unter ihm enteile und ihn um sein Gehen bringe. Der
Andere hingegen nherte sich ihm gerade dadurch, nicht zu ergrnden auf
welche Weise, und je nher er kam, je mehr wuchs die Furcht vor ihm,
unertrgliche, fieberhafte Furcht. Und nun, wie er schon ganz nah war,
der Unkenntliche, Unbekannte, bckte sich Dietrich und hob in
verzweifelter Wut einen Stein auf und schleuderte den Stein wider ihn.
Aber Grauen und Wunder; ihn selbst traf der Stein, und mit einem
furchtbaren Schmerz an der Schulter fuhr er aus dem Schlaf empor.

Er wagte lange nicht wieder einzuschlafen, schlielich bermannte es
ihn, und er entschlummerte doch. Da kam ein Traum, in welchem er flog.
Sanft und bestndig flog er in azurne Hhe. Das Firmament ffnete sich,
ein Gewimmel von schnen Geistern war um ihn her; die geschmckten
Gestalten ordneten sich, eine Scharlachwolke wurde sichtbar, und auf der
Scharlachwolke sa Gott. In ergreifender Majestt ruhte er auf der
Wolke, und Dietrich schaute hin, aber Gott sah ihn nicht. Er hatte
Angst; schon whrend des Fluges war es sein angstvolles Bestreben
gewesen, wieder zur Erde herabgleiten zu drfen, und jetzt schien ihm
die Erfllung dieses Wunsches davon abzuhngen, da Gottes Blick ihn
traf. Gott aber schaute ber ihn hinweg in eine andere Richtung. Er
wechselte den Platz; er suchte eine Stelle, wo Gottes Blick ihn treffen
mute. Doch wenn er dann emporsah, erwies es sich, da Gottes Blick ihn
auch dort nicht traf; ja das Auge Gottes schien ihn zu meiden, und auch
als er sich genau in der Richtung des Blickes befand, ging der Blick
durch ihn hindurch, streng und fremd, ohne ihn zu gewahren. Da wurde er
von einem zermalmenden Kummer erfat, und er begann zu weinen. Als nun
Gott merkte, da er weinte, lenkte er endlich den Blick auf ihn, und von
diesem Moment an sank er zur Erde nieder. Die Angst verwandelte sich in
das Gefhl seliger Befreiung; um rascher zu sinken, weinte er
absichtlich heftiger, und schluchzend wachte er auf.

Das waren die beiden Trume, scheinbar ohne Zusammenhang, dennoch einer
aus dem anderen geboren, einer in den anderen mndend, die er Hanna im
letzten Brief mitteilte. Und nun erwartete er sie.


Die Schlferin

Die Erwartung war gepretes Leben, Faser bei Faser so dicht, da kein
Blutstropfen versickern konnte. Die Tageszeiten waren ununterschieden,
die Nacht gab keinen Einschnitt; Schlaf war bewutloses Eilen ans Ziel.
Er zhlte die Stunden nicht, sie rauschten vorber; Essen und Trinken
war, als befriedigte er die Bedrfnisse eines Fremden. Bald waren ihm
die Rume, in denen er hauste, wie ein Gefngnis verhat, bald hielten
sie ihn fest als Sttten der Entscheidung. In einer Schublade fand er
ein blauseidenes Band; ob es Bettine gehrt hatte, ob Ccilie? Er lie
die Finger darber gleiten und lauschte den Schlgen des Herzens ab, was
die ihm verrieten. Sehnsucht nach Zrtlichkeit durchschauerte ihn. Das
Hliche und das Schne der Welt strzte von zwei Seiten her in einen
Feuertrichter und versengte ihm beim Hinabschauen das Auge. Mdchen
lchelten ihm zu, Knaben blickten verwundert, Kinder schlangen ihn in
ihren Reigen, die Wohnungen der Menschen schienen bis zum Rand gefllt
mit Glck, von den Trmen jauchzten Glocken: er trug das seidene Band an
der Brust, das Ccilies Finger vielleicht einmal umschlossen hatten. Und
wo war die Andere, die Lebendig-Tote, die sie geliebt? Es trieb ihn,
nach Bettine zu forschen; ihr Geschick war Vorwurf; zweimal ging er bis
zur Treppe von Doktor Kellings Wohnung und kehrte jedesmal um; er nahm
sich vor, durch Frau Landgrafs Vermittlung einen Weg ausfindig zu
machen, aber einen Schritt vor der Ausfhrung wurde ihm das Anmaende
des Vorhabens bewut. Konnte er Bettine heilen? Konnte er sie erwecken?
Was hatte er fr Worte fr sie? Wo war Gemeinsames mit ihr? Unvertrautes
Bild, sagenhaft und schon umdunkelt von gewesener Zeit.

Er wanderte durch Wlder und in Drfer, sprach mit fremden Menschen,
wurde md und wieder elastisch in der nmlichen Stunde. Eines
Nachmittags sa er in einer ffentlichen Vorlesung, die Professor
Landgraf in der Universitt hielt. Der Saal war gedrngt voll. Als der
Professor erschien, durchlief das Schweigen in kurzer Zeit alle Grade
von der Neugierde zur Ehrerbietung und zur Andacht. An ihm selbst wurden
die Verwandlungen deutlich, die seine Stellung zur Welt und zu seiner
Sache bezeichneten. Redete anfangs der berhmte Gelehrte, dem Khnheit
der Forschung und vielfaches Gelingen seinen Rang gewiesen, so war es
bald der Mann und der Mensch, der in dauerndem Bemhen Licht ber die
unbekannten Reiche der Seele verbreitete und alle Frucht der Erkenntnis
und Entdeckung einer neuen Idee von Menschheitsheilung unterordnete. Das
Thema, ber das er sprach, war in den Titel gefat: Kontur und bergnge
im psychischen Leben.

Er fhrte aus, da es Seelen gbe, die ihren Umri, ihre
Begrenzungslinie von Geburt an besen, mehr oder weniger scharf, mehr
oder weniger weit, aber ein fr alle Mal gezogen; ferner andere Seelen,
die gegen Umwelt und Nebenbezirke unmerklich verschwmmen, die bestndig
in Gefahr seien, die Zusammenhnge zu verlieren, und zwar nach innen
sowohl wie nach auen, nach der zerstrerischen Seite wie nach der
schpferischen, wennschon nach dieser selten und dann stets in
verhngnisvoller Nhe des Untergangs und der Selbstvernichtung. Und wie
im individuellen Dasein, so lieen sich die Kategorien auch in der
Existenz ganzer Geschlechter und Familien, ganzer Nationen, ja im
sozialen Leben berhaupt nachweisen. Die Konturlosen seien die Auflser
und Vermischer, die Anpasser und Entformer, die Dmmerwesen und
Blutverdnner, am Rand aller Ordnung, am Rand des Gesetzes, der Gnade
nicht mehr teilhaftig und von der organisch wirkenden Natur ausgestoen.
Denn in der Natur stehen bedeute, immerdar um die Grenze wissen, und in
der Natur wirken, heie nichts anderes, als um die Grenze ringen; hier
scheide sich Finsternis vom Licht, Verwesung von Entfaltung, die Hlle
vom Himmel. Der Arzt, der es erkannt habe, sei ber seinen Weg nicht
mehr im Zweifel. Das Gebot der Grenzgebung beherrsche seinen Geist
ausschlielich, und von der festgesetzten Grenze erst erwchsen die
schwierigen und tiefen Probleme, die diese verhltnismig noch junge
Wissenschaft heute zu lsen habe.

Dem Zauber der Beredsamkeit wie der Persnlichkeit des Mannes konnte
sich Dietrich nicht entziehen. Manches Wort mahnte; manches erinnerte an
mahnende Stimmen von frher. Er vernahm Stze und Prgungen von
achtungeinflendem Ernst und hoher sittlicher Wrde. Aber unaufhrlich
sagte er sich: das ist ja dieser selbe Mann, von dessen Tun und Sein ich
wei, ganz anderes wei, als was er da droben kndet, dessen Gesicht mir
lemurisch entgegengegrinst hat, umschwelt von Unheil. Wie geht es zu,
da man ihn trotzdem ehrt? Wie geht es zu, da ich ihm trotzdem glaube?
Was ist das fr ein Geist, der da sndigt, wo er sich nicht zu bekennen
braucht? Was ist das fr ein Mensch, der sein edleres Wollen Lgen
straft, wenn er sich der Verantwortung enthoben whnt? Was ist Gehuse,
was ist Kern? Wo ist das Gesicht, wo ist die Maske? Ist denn die Welt
voller falscher Boten?

Zwei Tage spter holte ihn Justus Richter ab, und sie gingen zum
Abendessen in eine Studentenkneipe hinter der Peterskirche. Dietrich
hatte sich ungern von der Arbeit losgerissen, die ihm Betubung gewesen
in der krankhaften Ungeduld des Wartens, doch war er dem Freund gefolgt
aus Angst vor den vorgerckten Stunden dann, wenn die Gassen in Stille
versanken, das Haus mit seinen verlorenen Geruschen wie ein einsamer
Turm war, und die Vernunft nicht mehr der doppelgesichtigen Visionen
Herr werden konnte.

Justus Richter erzhlte, Rektor und Senat der Universitt htten sich
gezwungen gesehen, eine Disziplinaruntersuchung gegen Professor
Landgraf zu veranlassen; davon spreche seit gestern die Stadt. Das
Gercht wollte wissen, da Bettine Gottlieben schwere Beschuldigungen
gegen den Professor erhoben habe, Anklagen, die man die lngste Zeit als
Erfindungen einer Geistesverwirrten ignoriert, bis man durch ein nicht
abzuleugnendes krperliches Symptom gentigt worden sei, ihre
Stichhaltigkeit zu berprfen. Dabei habe sich eine Reihe von
Verdachtsmomenten ergeben, die den Professor bedenklich belasteten,
andere Umstnde aus anderer Sphre seien hinzugekommen, kurz, die Dinge
stnden nicht gnstig fr den groen Mann, und es heie, er werde
Stellung und mter freiwillig niederlegen, um eine Berufung nach
Sdamerika anzunehmen, wobei freilich vorausgesetzt war, da es mit dem
disziplinaren Verfahren sein Bewenden habe.

Dietrich zeigte sich erregt ber die Nachricht. Er lie durchblicken,
da sie in seinen Lebenskreis schnitt. Es drngte ihn sich mitzuteilen,
aber zu wibegierig hing Richters Auge an ihm, und diese Wibegier
enthielt zu wenig Unbefangenheit und Einfachheit. Zu reden aber, blo um
es mit sich selber leichter zu haben, das war Dietrichs Art nicht. Sie
sprachen dann von Lucian, und Justus fragte, ob ihn Dietrich nicht bald
aufsuchen wolle. Nein, erwiderte Dietrich kopfschttelnd, zu ihm wolle
er erst gehen, wenn er keinen Rat mehr wisse, den Schritt verspare er
sich auf zuletzt. Die Antwort bestrzte Justus Richter, das Enigmatische
darin und der Widerklang von Verzweiflung. Oberlin mge nicht zu hoch
auf den einen Menschen setzen, warnte er vorsichtig, damit gebe er fast
sich selber aus der Hand. Lucian ist auch nur ein gejagtes Wild, fgte
er hinzu, und dort, wo er sich in seinem eisernen Trotz verschanzt hat,
ist fr dich vielleicht nicht gut sein. Darauf entgegnete Dietrich:
La die vergeblichen Worte. Ich hab nun einmal auf ihn gebaut. Als ich
zu ihm kam, war ich ein Splitterding. Er hat mich in seinen Feuertopf
geworfen, da ich geschmolzen bin und eine neue Gestalt angenommen habe.
Das Leben htte mich sonst nicht brauchen knnen, und wies auch ist, ich
lebe. Soll ich ihm das nicht lohnen?

Richter sagte: Du bist ein feiner Kerl, Oberlin, ein mordsfeiner Kerl;
ich mchte, da du mal mit mir zu meinen Freunden gehst; in unseren
Zirkel, weit du; la dir nicht von den gngigen Fabeln und Vorurteilen
Sand in die Augen streuen; wir greifen die Dinge eben bei einem Zipfel
an, den die Allzuflinken und Allzuraschfertigen nicht erwischt haben; es
ist nicht auf Umstrzlerei und nicht auf Sektiererei abgesehen, sondern
auf Trost und bescheidenen Herzensgewinn. Der einzelne Mensch ist ein
Staubkorn, das der Sturm in eine Mauerfuge wirbelt oder in den
Straenschmutz; der einzelne Mensch ist verloren. Wir sind viele
unbekannte stille Leute, die einander bei den Hnden halten und eine
Kette bilden, und durch die Kette luft ein ehrfrchtiger Strom, und
einer verhilft dem andern zum Frieden.

Dietrich antwortete: Sehr schn, was du da sagst, aber ich kann nicht
mit dir gehen; ich mu allein sein, Richter, mag der Sturm mich wirbeln,
wohin er will. Ich biete mich ihm an; er soll mich nehmen, und wenn er
mich packt, ruf ich ihm zu: rei mich nur in deine Hhn und Tiefen, da
spr ich mich doch unzerstckt und ganz.

In Justus Richters Zgen malte sich Verwunderung, und er war um
Widerspruch verlegen.

Sie hatten eine Flasche Wein bestellt und saen bis weit ber
Mitternacht. Justus Richter begleitete Dietrich an sein Haus. Als er die
alten knarrenden Treppen emporstieg, berkam ihn beklommenes Vorgefhl;
in der Wohnstube blieb er eine Weile im Finstern stehen und lauschte,
ehe er Licht machte. Sein erster Blick galt dem Schreibtisch, ob nicht
Brief oder Depesche dort lag; nichts. Das Fenster war offen;
Mrznachtkhle wehte herein, er schlo es frstelnd. Er ging im Zimmer
auf und ab und wiederholte sich Justus Richters Worte, die ihm einfielen
wie eine Melodie: wir sind viele unbekannte stille Leute, die einander
bei den Hnden halten. Er ffnete die Tr zum Schlafraum, da wehte es
ihn sonderbar an. Die Dunkelheit pulste so eigen; er fhlte sie rinnen
wie Flssiges, er schmeckte sie wie Bitteres. Seine Hand tastete nach
dem elektrischen Schalter, doch lie er sie wieder sinken; vom andern
Zimmer fiel gengend Helligkeit herein, es war, als drfe er die
Zwielichtgeister nicht beunruhigen. Langsam entkleidete er sich und
schritt zum Alkoven. Als er den Vorhang zurckzog, sah er im Bette
jemand liegen. Es war Hanna.

Sie schlief.

Die Spuren groer Ermdung in ihrem Gesicht erklrten die Festigkeit des
Schlafes, den Dietrichs Kommen und Hin- und Hergehen nicht hatte stren
knnen. Sie war zugedeckt bis an die Brust; erst jetzt sah Dietrich ihre
Gewnder auf einem Stuhl zu Hupten des Bettes liegen. Der Kopf war zur
Seite geneigt, die braunen Haarflechten fielen ber den schlanken Hals,
in der ungewhnlichen Blsse des Antlitzes, verstrkt durch die matte
Beleuchtung, erschienen die Lippen wie blutgefrbt, und der schwarze
Strich der Wimpern, die bisweilen zuckten, wie mit Kohle gezeichnet. Die
eine Hand hing vom Bettrand herab, schlaff, ungreifend, es war was
Ergebenes, was Verzichtendes in der Gebrde, die andere lag wei, lang
und flach wie beteuernd auf der ruhig atmenden Brust. Beschlossenheit
war in dem Bild enthalten, unwidersprechliches Es-mu-so-sein, das alle
hlichen und argwhnischen Gedanken mit dem ersten Blick vertilgte. Die
schlafgebundene Bewegung verriet vieles: Fe, die geflchtet waren; zur
einzigen Zuflucht geeilt waren; langes Wachen und Warten und endlich,
sei es in vorgesetzter List, sei es in hinschmelzendem Vertrauen, das
Aufsuchen des fremden Bettes und Sichbergen darin.

Dietrich hielt noch den Vorhang, und wie er erzittert war, als er sie
erblickt, so zitterte er jetzt noch, in Mark und Hirn hinein. Er holte
gewaltsam Luft durch die Zhne, die aufeinanderschlugen; er krampfte den
Kopf zwischen die Schultern, weil ihm war, als msse der Wirbel brechen.
Das erste Gefhl war ses Mitleid gewesen, das nchste schmerzliche
Neugier, kindlich-furchtsames Staunen. Kaum wagte er zu atmen, aus
Furcht sie aufzuwecken, kaum zu denken, als ob Gedanken Lrm
verursachten. Unhrbar schob er den Vorhang weiter weg; unhrbar glitt
er auf die Knie nieder; mit gefalteten Hnden, am Augenschein noch
zweifelnd, sah er die Schlafende an.

Da erwachte Hanna und erwiderte seinen Blick: ohne berraschung, ohne
Errten, mit seltsamem, erschreckendem Ernst. Und als dies eine Weile
gedauert hatte, schlang sie den Arm um seinen Hals und zog ihn zu sich
nieder. Einmal, flsterte sie erstickt, einmal und zum letzten Mal.
Und er lag neben ihr, und sie umarmte ihn, hingerissen, entseelt fast,
von kalt und heier Welle berschwemmt, innerlich bebend, innerlich
weinend. Einmal, flsterte sie, zum letzten Mal. Es war noch wie
Schlummer fast, eine geisterhafte, traumgehobene Art davon. Dann war es
wie Sturz und Erstarrung im Frost, als sie sich losrang, ihn
zurckstie, auf den uersten Rand des Lagers rckte und halb entsetzt,
halb beschwrend, mit der tiefgurrenden Stimme, die gepret klang wie
bei einer Luferin, sagte: Sie ist da; sie ist zwischen uns; sprst dus
nicht? la Raum fr sie zwischen uns. Lieg still; rhr dich nicht; hr
mich an.


Beichte

Und Dietrich lie Raum, wie sie befahl. Es war ihm selbst, als lge der
Schatten zwischen ihnen. Er lag still und rhrte sich nicht. Er hrte
zu. Die Worte kamen ihm vor wie Tausende von Sprossen einer Leiter, auf
der er in einen unermelich tiefen Schacht hinuntergezogen wurde. Es war
ihm keine Einrede verstattet, keine Frage; er htte auch beides nicht
gewagt, etwas Mchtiges hielt ihn gefat und verschlo ihm die Lippen.

Hanna erzhlte, da sie um halb acht Uhr schon gekommen sei, direkt vom
Bahnhof, wo sie ihr Reisegepck gelassen. Sie hatte lange an seinem
Schreibtisch gesessen, um ihm zu schreiben. Es ging nicht. Man kann
nicht schreiben, wenn alles nur auf Aussprache Aug in Auge gestellt ist.
Sie wollte fort; aber wohin? Nach Hause wollte sie nicht, konnte sie
nicht, die Nacht bei Bekannten zu verbringen, davor graute ihr; brigens
war es ja seinetwegen, da sie gekommen war. Undenkbar, da sie ihn
heute nicht mehr sehen sollte; frs Heute war alles bestimmt und bereit,
da lie sich nichts verschieben, morgen war wie bers Jahr. Sie beschlo
also zu bleiben und zu warten. Sie schaute zum Fenster hinaus und sagte
sich: wenn ich bis hundert zhle, wird er da sein. Sie zhlte siebenmal
bis hundert, dann berwltigte sie die Mdigkeit. Eine Weile sa sie auf
dem Sofa, doch pltzlich fiel es ihr wie etwas Freudiges ein, da sie
sich in sein Bett legen knne. Als sie es tat, wute sie, was sie damit
tat. Es war ein Sichberliefern, unwiderrufliche Handlung. Zuerst nahm
sie sich vor, nicht einzuschlafen, dann aber dachte sie: es ist besser,
er findet mich schlafend, es erspart Worte, und er wei dann gleich, wie
es mit mir steht.

Sie hatte das Gesicht emporgewandt, die Hnde lagen auf der Brust. Wie
es mit ihr stehe, das sei das Entscheidende. Sie habe ihm ja
geschrieben, sie sei nicht mehr dieselbe. Es hatte sich in
mannigfaltiger Weise geuert, anfangs beunruhigend, untermengt mit
einem Wirrsal von Zweifeln, Ungewiheiten und Selbstanklagen; eines
Tages hatte nichts anderes Bestand in ihr gehabt als der Gedanke an ihn.
Es half nichts, da sich Spott dawider auflehnte, da sie seine Jugend
als Vorwurf empfand und ihr gegenber die eigene Person als schlaue
Umstrickerin; sein redlicher Blick war nicht von ihr gewichen, seinen
vertrauenden Hndedruck hatte sie gesprt, so oft sich eine fremde Hand
dargeboten, seine Stimme hatte sie verfolgt, der Nachhall seines Wortes
schon zufrieden gemacht. Indem sie dies berichtete, vermied sie jede
starke Bezeichnung; manchmal war es, als lese sie in eintnigem Tonfall
aus einem Buch vor, das geffnet oben an der Decke hing. Sie habe sich
fr unbrennbares Holz gehalten, sagte sie. Nicht als htte sie das Ding,
das alle Welt so mundfertig Liebe nennt, fr Einbildung und Schwche
genommen; aber es sei zu fern gewesen, zu weit von ihr. Zeit ihres
Lebens war sie davon abgedrngt gewesen; in der Schwester allein war es
Ereignis geworden, aber nur von auen her, nicht von innen; nur das
Gef hatte sie gewut, nicht den Inhalt. Sie konnte nicht von Liebe
reden hren; sie hatte es bei keinem fr das Eigentliche, schon gar
nicht fr das Wesentliche erkannt. Raserei; Gelegenheit;
Versponnenheit; kopflose Wut; Verfinsterung der Sinne. Dabei wurde sie
kalt; vor Abscheu kalt; alles war so tricht gewesen, die zarteste
Menschen- und Frauenwrde war beleidigt. Darf man denn das Wort
aussprechen? fragte sie; wirds nicht unheilig und frech und gering und
abgegriffen, wenn man es sagt? Die meisten einigen sich darauf wie auf
ein schlechtes Geldstck; sie schieben es einander zu, ohne es zu
prfen, und mit dem Minimum von Gefhl und Opfer glauben sie immer schon
das volle Ma beanspruchen zu drfen. Und wenn auch Natur zum Vorschein
kommt, wer hat denn Natur, mehr davon als in eine zufllig gesteigerte
Stunde geht, und aus wem spricht sie gro und wahr? Wir mssen alle erst
das Selbstverstndliche lernen; in den geheimsten Falten nistet noch
aufgepfropfter Kram und Flitter und darunter vegetiert das Herz wie ein
Krppel.

Sie hob die nackten Arme und verschrnkte die Hnde hinter dem Kopf. Da
sie jetzt so denke und sich klar darber geworden sei, das sei sein
Werk. Und da sie hieraus die Konsequenzen gezogen habe, ebenfalls.
Schau, ich liege doch in deinem Bett! rief sie aus. Aber sei das schon
ein Verdienst? Sicherlich nicht, oder nur insoweit, als man die
Widerstnde in Rechnung bringe; die wren freilich zuerst unberwindlich
gewesen. Er knne es auch als einen Akt der Verzweiflung betrachten,
wenn er wolle, aber ein solcher sei es nur im Hinblick auf ihr ganzes
Leben und auf die Fgung, zu der es sich nun gestaltet. Sie schwieg
einen Augenblick, dann sagte sie langsam: In jeder Menschenbrust ist
Eine gewaltig-gttliche Wahrheit; die mu herausgeschlt werden aus der
schleimigen Lebens- und Lgenhlle. Ich will es tun. Aber vorher gib mir
noch einmal deine Hand.

Sie nahm seine Hand und kte sie inbrnstig. Dann fuhr sie fort: Mein
ganzes Dasein ist innerlich und uerlich bestimmt worden durch zwei
Menschen: durch meinen Vater und durch meine Schwester. Zwischen ihnen,
wie zwischen zwei Mhlsteinen, hab ich mich bewegt, hab ich gedacht,
empfunden und gehandelt. Von frh an stand der Vater gebieterisch ber
allem. Er war der Meister, von ihm hatte der Tag seine Regel. Nach ihm
war der Dienst gerichtet, das Spiel, die Beziehung zur Welt. Er
verbreitete Respekt um sich und Schweigen. Wenn ich ihn als Kind kommen
hrte, schien mir immer, als wrde der Raum, in dem ich war, finsterer
und enger. Man schrumpfte unter seinem Blick zusammen; das Auge wagte
sich nicht hinauf; er zwang einen zu sprechen, was er wnschte, da man
sprechen sollte. Er wute um die Gedanken, alles Verhehlte war ihm
bekannt. Nahm er mich um den Leib, um mich zu sich herzuziehen und
anzuschauen, so hatte ich keinen Willen mehr und nicht nur das, mir fiel
auch alles Schlechte ein, das ich gedacht und getan, und htte er
gefragt, ich htte es gestanden. Aber er fragte selten, denn er schien
sich selbst zu frchten vor der Macht seiner Frage; es rhrte einen an
wie khler Stahl. Davor zitterte ich, davor zitterte die Mutter, davor
zitterten seine Untergebenen und seine Gehilfen. Doch begriff ich sehr
bald das Gewicht, mit dem er unter den Menschen stand, und wie er hher
und hher stieg in ihrer Meinung; es drckte sich in seiner Geste aus,
in seinem scharfen, schnellen Brillenglserblick, in seiner blockhaften
Unerschtterlichkeit. Er war beladen mit Menschengeschicken; ich kann es
nicht anders sagen, wenn ich zurckdenke; ber und ber beladen;
unheimlich klebte es an ihm, was sie ihm anvertrauten und verrieten, und
was er infolgedessen wute. Das wurde in meiner Vorstellung ein Berg,
schwarzes Gebirg; ich wei noch, ich war sechs Jahre alt, als ich mirs
zum erstenmal deutlich machen konnte, was das war: Arzt fr die
Geisteskranken, fr die Seelenkranken; so hatte man mir seinen Beruf
erklrt, und je nher ich dem Gedanken zu kommen suchte, je dsterer
wurde mein Eindruck. Ich will nicht bei allen Stationen dieses Wegs bis
zur vollen Erkenntnis verweilen. Es war wie ein Sichdurchwhlen durch
unterirdische Gnge. Ich wuchs heran; ich sah, was im Hause vorging; ich
sah, wie ers trieb; er hatte eine Rede fr die Menschen, eine andere
Rede fr uns. Drauen saugte er sich voll mit Schicksal, bei uns warf
ers ab und hatte selber keines mehr; ich entsinne mich an mein betubtes
Staunen als Zehnjhrige, als ich beobachten konnte, wie die Leute ihn
bewunderten, wie seine Patienten ehrfrchtig-gehorsam vor ihm standen,
gewrtig eines Winks von seinen Augen; das Gefhl von seiner
Herrschgewalt durchdrang mich wie was Religises. Als ich zwlf Jahre
alt war, entwendete ich ein Goldstck aus seiner Schreibtischlade, nur
weil ich zu erfahren begierig war, ob ers erraten, ob ers wissen wrde.
Es wurde nicht entdeckt, und ich wartete enttuscht; ich sagte es ihm;
er lachte; er sagte: Wenn ich einmal so arm bin, da ich einer kleinen
Diebin auf die Finger schauen soll, werde ich auch wissen, wann sie mich
bestiehlt, auch wenn sies aus Ambition fr mich tut. Damals war er noch
nicht so zerfetzt und von sich selber geblendet, wie ers spter geworden
ist. Er htte eine Frau haben mssen, die ihm gewachsen war. Mutter war
ihm nicht gewachsen. Sie fgte sich am falschen Ort, sie leistete
Widerpart am falschen Ort, sie konnte ihm die Stichworte nicht geben,
und darauf kommt es in Ehen sehr an. Aber was wollte das bedeuten
gegenber diesem Beruf. Aufgraben von Seelen; fortwhrendes Aufgraben
von fremden Seelen; eindringen in sie bis in die Fugen; schon als ich
die erste Kunde davon gewann und ihm heimlich auf seiner Bahn folgte,
sagte ich mir: das ist ein Erdrosselungsapparat fr das ganze Glck der
Erde. Was da zutage tritt! wovon da die Hllen fallen! die verwinkelten
Gnge, die schmutzigen Schlupflcher; die Labyrinthe von Schuld und
Irrtum und Jammer und Betrug und Selbstbetrug und Wahn und Verfolgung
und ersticktem Neid und feiger Leidenschaft und gehemmtem Instinkt; wie
sich das huft; was fr ein Gespenstertanz da entsteht. Und es erfragen;
Stck fr Stck aus der stummen Brust reien, das Bewutsein
unterminieren; Ader um Ader die Wunde betasten; Zurckkriechen in die
Hhlen der abgestorbenen Geschlechter und Spion sein der lebendigen; wem
fiele da die Welt nicht in Trmmer; wem sollte da das Herz nicht
versteinen; was fr ein Mensch mte einer sein, der dabei noch einen
Gott im Innern behielte, einen Abglanz von Gott nur! Und htt ich das
nicht ahnen sollen? schon vor dem Wissen? bertrgt sich das nicht? Ists
zum Verwundern, da man schlielich selber ohne Gott dastand, nein,
nicht ohne Gott, darber htte man hinwegkommen knnen, aber mit einem
zerfleischten Gott, mit einem gemordeten Gott, mit dem in Staub und Kot
geschleiften Leichnam eines Gottes? Es war wie in deinem Traum: wenn ich
emporflog bis zu der Scharlachwolke, erblickte ich ja am Ende Gott; war
er noch da fr mich, so sah er mich doch nicht an, er wrdigte mich
keines Blicks. Ich wute zu viel; ich atmete in einer Luft, die durch zu
viel Wissen verpestet war; der, der mich gezeugt, hatte das himmlische
Geheimnis verraten.

Sie drckte das Gesicht in den Ellbogen und schluchzte. Dann sprach sie
weiter: Und nun Ccilie. Du weit es ja; ich habe dir begreiflich zu
machen versucht, wie sie war. Der Vater und sie, das war wie Ahriman und
Ormuzd. Deshalb seine fast aberglubische Angst vor ihr, als ob ihm ein
ohrenblserischer Satan bestndig zuraunte, so viel Unschuld, so viel
Reinheit, so viel Gelassenheit und reizende Wrde drfe er nicht dulden.
Er, den nur Besessene umgeisterten, denen er souverner Richter war,
mute toll werden wie die Magnetnadel ber ihrem Pol beim Anblick eines
Menschen, der in solchem Grad sich selbst besa. Sie war sein
Widerspiel, die geborene Feindin, um so mehr, weil aus seinem Fleisch
und Blut; an ihr wurde seine Macht und Selbstgewiheit zuschanden. Ich
konnte ihm noch spiegeln, was er galt und was er wirkte, sie nicht mehr.
Mute da nicht der Wunsch in ihm entstehen, da sie aus seinem Kreis
verschwand? mute der Wunsch nicht bis ins Verbrecherische wachsen, bei
ihm, dessen Existenz auf Bndigung verbrecherischer Triebe gestellt war?
So ist vielleicht auch mein Wnschen krank geworden. Ich konnte kein
Lebensgut und Lebensglck erlangen, das Ccilie nicht schon hatte. Wo
ich mich weh und blutig schrfte im Ringen und Wollen, da empfing sie.
Wo ich htte rauben mssen, wurde ihr gegeben, und in Hlle und Flle.
Unbegreiflich war mir diese Ungerechtigkeit des Schicksals, seit ich zu
denken anfing. Alle Blicke waren auf sie gelenkt; alles Lcheln schenkte
sich ihr; alle Herzen flogen zu ihr; wenn meines sich zaghaft ffnen
wollte, in der nchsten Sekunde krampfte es sich schon wieder zu; wie
durfte es sich nur rhren neben Ccilies. Zwillingsschwester! Das ist
ein besonderes Ding. Gemeinsam sind wir im Mutterleib gelegen, geboren
in der nmlichen Stunde. Glied hat sich von Glied gelst, Muskel von
Muskel, aus einem Geschpf wurden zwei. Am Scho der Mutter stand ein
Engel mit herrlichen Geschenken: Schnheit, harmonische Bildung,
Sanftmut, Gabe die Herzen zu erobern, Adel des Leibes und der Seele. Der
Engel wute nicht, da zwei den Scho verlassen wrden, und der ersten,
die ans Licht kam, verlieh er alles, fr die andere blieb nichts. Er
wartete ihr Erscheinen gar nicht ab, er hatte alle Geschenke bereits
vergeben und war auf und davon, als sie hinter der Begnadeten
auftauchte. Das ist keine Fabel, kein Gedicht. Da ist meine Jugend drin,
mein Gestern, mein Vorgestern und mein Heute. Auch mein Heute. Wie fa
ichs nur, was mir geschehen ist, wie sag ichs nur. Einer ist doppelt auf
der Welt bis zu einem gewissen Tag, und von dem Tag ab ist er halb. Ein
Rechenexempel, um den Verstand zu verlieren. Doppelt, was hat das denn
geheien? Gleich wie der Krper und der Schatten ein Doppeltes sind. Und
halbiert dann, das bedeutet: der Schatten bleibt allein. Was soll ein
Schatten allein anfangen? Er kriecht am Boden und kann sich nicht
aufrichten. Er erbettelt Kraft von der Erde und ringt mit ihr, aber er
kann sich nicht von ihr erheben. Als ich Hubert Gottlieben kennenlernte
und seine Vertraute wurde, war mir, als knnte ich ihn lieben. Aber mein
Herz hatte nicht Mut genug. Qual, von der man keinen Begriff geben kann.
Er gehrte Ccilie; alles gehrte Ccilie; alle gehrten Ccilie.
Auerdem wut ich doch: sie wartet; sie wartet auf den, der ihr bestimmt
ist. Und wenn es nun derselbe war, der mir bestimmt war? Wie dann? Dann
mute eine von uns sterben; sie hatte es ja selbst zu mir gesagt. Ich
fhlte es voraus, da es derselbe war. Ich wollte dem Grauen vorbeugen,
das uns beiden drohte. Ich wollte nicht lnger Schatten sein. Ich wollte
Krper werden. Es war mir klar, da der, der dann kam, sich trotzdem nur
nach ihr sehnen wrde, nur nach ihr bangen und schmachten, und da ich
auch als Krper, wenn sie nicht mehr war, nur Vorwand und berbleibsel
sein wrde; aber ich war dann doch allein mit ihm, eine Spanne
wenigstens, ich wurde gehrt und gesehen, ich war da, ich war lebendig.
Und so hab ich sie gettet. So hab ich den Revolver an ihre Schlfe
gedrckt. So hab ich die Schwester gettet. Jetzt weit du alles.

Ein heiserer Aufschrei durchbrach die Stille. Darauf war Schweigen.
Abermals wollte Dietrich schreien, doch die Kehle war versperrt. Er
setzte sich im Bett empor. Er ffnete den Mund; fahl, mit geffneten
Lippen, sah das Gesicht aus, wie eine Gipsmaske. Es warf ihn aufs Lager
zurck. Der Krper wlzte sich in Konvulsionen auf dem Linnen. Er prete
die Fuste in die Augen, in grlicher Angst, da das Gehirn herausrann.

Hatte ers auch geahnt, als tdliches Geheimnis von purpurner Tiefe her
gefrchtet all die Zeit, in Herz und Eingeweiden gefrchtet seit ihrem
weien Dastehen im Wald schon, seit dem klgerischen Gebell des Hundes,
seit Worte zwischen ihnen gefallen waren, was war die Ahnung anderes als
ein kaum verrterischer Streifen am Saum wohlttiger Nacht, was war sie
gegen die nun aufgeschossene welt- und sinnverschlingende Flamme des
donnernden Wissens? Er hatte es ja im Innersten nicht angenommen; es
hatte sich dem Begriff entzogen, dem Menschenglauben, der Wrme des
Lebens, dem Gedanken und dem Bild. Ordnung zerstubte in Chaos.
Vergossenes Blut berstrmte die elfenbeinerne Tafel der Erde. Zum
zweitenmal war es, doch endgltiger jetzt, als schlge ein
Riesengespenst die Nacht in klappernde Scherben und den kommenden Tag
dazu, alle kommenden Tage dazu. Ccilie! riefs; Ccilie! Sie war da. Die
andere war zerstrt. Sie war zerstrt; die andere lag neben ihm.
Irrsinn, Wut des Irrsinns; Scheingebilde beide. Wohin mit der
aufrhrerisch kochenden Liebe? Was beginnen in der zu Scherben
zerschlagenen Welt? Ccilie! riefs aus der zermalmten Kehle. O Mund, der
du gekt hast, die Andere gekt hast, auf ewig verfluchter Mund!
Geliebter Leib, den du umarmt hast, du warst nicht Ccilies Leib. Noch
einmal schrie er auf und hatte die Besinnung verloren.

Hanna erhob sich. Eine Weile stand sie nackt auf dem Teppich. Es gibt
ein Bild von Odilon Redon, #les yeux clos# genannt; diesem Bild hnelte
sie. Es war eine schne Gestalt von annhernd vollkommener Prgung und
krftiger Rasse. Die Rundung der Hften bertraf die Breite der
Schultern, die ziemlich stark abfielen. Es waren zarte weibliche Formen;
mehr Frau vielleicht als Mdchen, doch unendlich jung.

Vor dem Stuhl, auf dem ihre Gewnder lagen, kleidete sie sich langsam
an. Als sie fertig war, trat sie auf die andere Seite des Bettes und
schaute seltsam besorgnislos in das Gesicht des unbeweglichen, mit
geschlossenen Lidern daliegenden Jnglings. Sie beugte sich herab,
berhrte mit den Lippen seine Stirn und die entblte Brust, dann
schritt sie leise zur Tr und ging. Sie hatte den Torschlssel. Drauen
war es schon Tag.


Ich komme

Erst am spten Vormittag betrat das Hausmdchen Dietrichs Schlafzimmer
und fand ihn in schwerem Fieber und phantasierend. Der Arzt wurde
geholt. Zufllig kam um die Mittagszeit auch Justus Richter, um dem
Freund ein versprochenes Buch zu bringen. Er benachrichtigte sogleich
telegraphisch die Ratsherrin. Am Abend traf Dorine ein.

Die Krankheit verschlimmerte sich mit jeder Stunde. Der behandelnde Arzt
berief einen Spezialisten. Es war eine bedenkliche Form von
Hirnhautentzndung. Das verheerende Fieber dauerte sechs Tage ohne
wesentliche Abschwchungen. Am siebenten Tag war die Krise. Sie verlief
gnstig. In der achten Nacht konnte er als gerettet betrachtet werden.
In dieser Nacht schlief Dorine einige Stunden durch. Man hatte ihr im
Wohnzimmer ein Feldbett aufgeschlagen.

Als Dietrich aus der wie seit Ewigkeit whrenden Bewutlosigkeit
erwachte, war die an seinem Lager sitzende Mutter beruhigende
Erscheinung. Er schaute sie lange schweigend an. Sie legte stumm ihre
Hand auf seine.

Die Delirien hatten ihr Wissenschaft genug gegeben. Was an greifbarer
Wirklichkeit fehlte, hatten Justus Richters Andeutungen vervollstndigt.
Dennoch war es zerbrochener Pfad fr sie, auf dem ihr Schritt unsicher
stockte. Von da war kein Bogen mehr in ihr eigenes Leben gewlbt; es war
entlegenes, verwildertes Revier. Verweisend fremd blickten die Ahnen
herber; in ihrem frstlich geregelten Dasein hatte das Zerfallene
keinen Platz; und sie, die Mutter, befragt: was hast du getan, um es zu
verhten? wute keine Antwort. Ihr blieb nur Vertrauen zu einem noch
Werdenden; Hoffnung, da die trbe Gor sich von innen aus klre, da der
Niedergestrzte sich schicksalsfrmmer wieder aufrichte und bescheidener
das Gesetz erkenne, nach dem ihm geboten war zu leben. Ihre Hand hatte
da keine Gewalt mehr: Fhrung und Herrschaft waren dahin fr immer.

So war ihr der Erwachte und langsam Genesende in einem neuen Sinne
Sohn: abgelst von ihr und ihr gegenberstehend als Pflger auf eigenem
Grund und Boden; ein Hinausgewanderter, der sein Erbteil erst in spter
Zeit antreten will; vielleicht da er es verknpft mit dem frisch
Errungenen; vielleicht da er es sondert; doch hat er sein Ur- und
Geistesrecht in sich selber.

Schon am zweiten Tag von Dietrichs Krankheit erfuhr Richter und teilte
es Dorine Oberlin mit, da sich Hanna auf dem Grab ihrer Schwester
erschossen habe. Den Morgen darauf stand es in allen Zeitungen. Die
Nachricht wurde Dietrich sorgsam verhehlt, auch als die Genesung schon
weit fortgeschritten war. Mglich, da er es ahnte. Er sprach nicht von
Hanna. Er fragte niemals. Aber er mute wissen, wohin sie gegangen war,
mute wissen, was sie getan, wenn anders Ma und Gewicht dieser Welt fr
ihn nicht aufgehrt haben sollten zu gelten.

Kein Wort von ihm deutete auf Vergangenes. Schwermtiger Ernst wich
nicht von ihm. Dorine suchte ihn zu zerstreuen und aufzuheitern, indem
sie ihm vorlas oder erzhlte; er schien erkenntlich, doch ohne lebhafte
Teilnahme. Justus Richter stellte sich hufig ein und spielte Schach mit
ihm, was ihm das liebste war, weil er dabei schweigen durfte. Anfang Mai
kam Georg Mathys; als er ins Zimmer trat, zeigte sich zum erstenmal ein
heller Schimmer in Dietrichs Gesicht. Ein paar Tage darnach durfte er
ausgehen. Dorine und Mathys begleiteten ihn zuerst beide, dann Mathys
allein. Da brachte Dietrich das Gesprch auf Lucian und sagte, er wolle
zu ihm, sobald sein Zustand es erlauben wrde. Dorine erschrak, als
Georg Mathys es ihr sagte, und wollte Einspruch erheben, aber Mathys
riet ihr, ihn gewhren zu lassen; wie die Begegnung auch ausfalle, die
Folgen knnten nur ersprieliche sein. Er erbot sich, mit Dietrich zu
fahren, und am gleichen Tag schrieb er einen ausfhrlichen Brief an
Lucian, worin er Dietrichs Gemtsverfassung schilderte, das Geschehene
delikat berhrte und von seiner und Dietrichs Absicht sprach, ihn zu
besuchen. Er wohnte noch immer bei Pfarrer Langheinrich.

Die Antwort lie nicht lange auf sich warten. Sie war kurz und forderte
die beiden Freunde an einem ihnen genehmen Tag zu kommen auf. Eine Woche
spter gab der Arzt die Einwilligung zur Reise, die brigens nur zwei
Stunden dauerte. An einem schnen Morgen im letzten Drittel des Mai fuhr
das gemietete Auto vor; den andern Abend wieder zurck zu sein,
versprach Georg Mathys Dorine.

Gegen Mittag kamen sie vor dem rebenumwachsenen Pfarrhaus an. Es wurde
ein Fest gefeiert: Pfarrer Langheinrich war heute siebzig Jahre alt. Die
Huser des Dorfs waren beflaggt, Deputationen standen im Hof,
weigekleidete Kinder, mit Krnzen von Wiesenblumen im Haar, sangen ein
Lied. Der lteste Sohn des Pfarrers begrte die fremden Gste; nach
einer Weile trat auch Pfarrer Langheinrich auf sie zu, eine wrdige, von
Freundlichkeit strahlende Gestalt, und schttelte ihnen herzhaft die
Hnde. Mathys drckte sein Bedauern ber die Zufallsfgung aus, die sie
zu Feststrern gemacht, aber der alte Herr erklrte lachend, zwei mehr
an seiner Tafel, das knne hchstens eine Verlegenheit fr die Pfarrerin
bilden, und bei der sollten sie mal Nachfrage halten, die wrde ihnen
mit dem entrstet geschwungenen Kochlffel antworten.

Nun erschien auch Lucian unter dem geschmckten Tor: hager, gro,
streng. Mit einem Aufflammen in den zerarbeiteten Zgen ging er auf
Dietrich zu. Da bist du ja endlich, redete er ihn an mit der Stimme
aus Metall, packte seine Hand und hielt sie wie im Schraubstock fest.
Dietrich schaute zu ihm auf; seine Augen waren feucht. Sprechen konnte
er nicht.

Sie wanderten durch den Garten, er, Mathys und Lucian. Die Unterhaltung
war stockend und eigentlich ohne Gegenstand. Lucian blieb ziemlich
schweigsam. Auch Mathys und Dietrich verstummten. Um so lrmender
verlief das Mittagessen, mit Scherzen, Ansprachen und Lebehochs bei
kstlichem Amannshuser. Die Tische waren im Freien aufgestellt, unter
drei uralten Eichen. Die Angesehenen des Orts und Freunde des Pfarrers
aus nah und fern waren geladen. Ein Amtsbruder rezitierte einen
gereimten Glckwunsch; ein Student in hohen Semestern, Langheinrichs
Jnger und Schler, trank auf das Wohl des Jubilars den silbernen Pokal
bis auf die Neige. Neben dem Pfarrer sa beglckt lchelnd die
Pfarrerin, zwei Shne rechts, zwei links, hbsche gesunde Leute.

Unergriffen blickte Dietrich vor sich hin. Er war beengt von dem
festlichen Treiben, und bisweilen suchte sein Auge Lucian, der,
ebenfalls wenig froh, zwischen Georg Mathys und dem Amtsrichter sa. Es
war Dietrich zur Bedingung gemacht worden, da er den Nachmittag ber
ruhe. Die Hausfrau fhrte ihn in ein Gemach unter dem Dache und sorgte
fr alle Bequemlichkeit, Georg Mathys hielt dann prfende Nachschau;
whrend er noch im Zimmer war, schlief Dietrich ein. Er schlief fest und
lang; erst als die Sonne im Untergehen war, erhob er sich. Er trat auf
den schmalen hlzernen Vorbau und schaute versonnen in das
bltenberste Land. Hatte eben sein Herz noch leichter geschlagen,
jetzt wurde es wieder schwer und dunkel. Seufzend kehrte er ins Zimmer
zurck. Da stand Lucian vor ihm.

Bist du munter geworden, Oberlin? fragte er; wollen wir uns
zusammensetzen und ein wenig plaudern wie vorzeiten? Hast du meiner oft
gedacht? Bist du noch, der du warst?

Er hatte sich auf das gebrechliche schwarze Ledersofa gesetzt und die
Arme verschrnkt. Rotes Sonnenlicht fiel auf seine gewaltige Stirn.
Dietrich nahm am Tische Platz und sttzte den Kopf in die Hand. Nein,
der ich war, bin ich nicht mehr, antwortete er.

Nach einem Schweigen dann: Wie wre das auch mglich? Du weit ja
nicht ...

Lucian rckte die Schultern. Ich wei߫, sagte er. So viel zu wissen
ntig ist, wei ich.

Scheu erhob Dietrich den Blick. So brauch ich dir ja nichts zu
erzhlen, sprach er leise; ich wollte dir erzhlen; aber ich sehe
schon, da ichs nicht gekonnt htte. Gut, da du es weit.

Mich dnkt, du Lieber, du warst ein bichen zu wehleidig, erwiderte
Lucian stirnrunzelnd.

Wehleidig? Ja; Weh hab ich gelitten, allerlei Weh, sagte Dietrich mit
einem krnklichen Lcheln. Es konnte mir keiner helfen; und nun, wo
alles vorber ist, trostlos vorber, wer kann mir nun helfen? Ich
dachte, du knntests vielleicht. Aber mir scheint, du kannsts auch
nicht. Was soll man tun? Wie soll man weiterleben, Lucian?

Keinesfalls so, wie dirs jetzt beliebt, versetzte Lucian hart. Du
hast meine Erwartungen bitter enttuscht. Du hast unserm Vertrag zuwider
gehandelt. Du hast dich ins giftige Netz begeben und die Fden kleben
noch an deinem Leibe. Du hast mich verleugnet, Oberlin; du hast deine
Seele verkauft.

Dietrich lie das Haupt sinken und schwieg.

Der Mensch, den ich brauche und den ich formen kann, fuhr Lucian
fort, der darf mir nicht erliegen und zu Boden fallen, wenn der
trunkene Eros seine Arme um ihn schlingt. Was ist dann meine Existenz,
was bin ich wert, mir und euch, wenn die klug gebraute verfhrerische
Mixtur alles, was ich will und wirke, zunichte macht? Ich hatte gehofft,
da du dich an den Fundamenten des Baues bewhrst und nicht an seinem
Schnrkelschmuck die Zeit vergeudest und Kraft und Geist vertust. Alle
fallen. Alle. Keiner widersteht der Versuchung. Wie ich dich hielt,
Oberlin, wie ich dich trug! Du warst mir das Edelgestein auf dem
Werkplatz, nicht einmal Mrtel und Klammern glaubt ich bei dir vonnten.
Der ist mir sicher, dacht ich, der wacht ber meine Ernte mit der
geschliffenen Sense, dacht ich. Und das Ende? Hineingeschleudert den
ganzen Einsatz in ein Liebesspiel. Das hei ich seinem Meister mit
abgehauenen Hnden gegenbertreten. Schm dich, Oberlin.

So verdammst du mich also? verwirfst mich? hauchte Dietrich und
schaute Lucian gro an.

Ich verdamme dich nicht, ich verwerfe dich nicht, war die Antwort,
dergleichen kommt mir nicht zu. Ich sehe blo, da der Ring eng und
enger wird, ich fange an, den Sinn des Wortes Einsamkeit in seinem
vollen Umfang zu begreifen.

Du irrst, sagte Dietrich in demselben hauchenden Ton, du irrst, wenn
du annimmst, da ich den Einsatz verspielt habe. Du irrst, wenn du
meinst, ich htte vergessen, was ich mir und dir schuldig war. Das steht
unverlschbar geschrieben, es ist nicht ausgelscht, es kann nicht
ausgelscht werden. Was ich hinter mir habe, Lucian, das war mein
heiliger Anteil am Schicksal, nicht minder wahr und wirklich, als htt
ich den gelebt, den du forderst. La es Hohlweg oder Brcke sein, aber
la es mir gelten und rechne es mir zu als ehrlich gelebtes Stck. Du
siehst mich nicht. Schau mich doch an, fhl es doch, wie ich vor dir
stehe.

Die Worte waren dringlich, flehend fast. Lucian, von dessen Stirn das
Rot der Sonne lngst vergangen war, gehorchte der Aufforderung und sah
Dietrich an. Zu schauen vermochte er aber nicht. Und deshalb entgegnete
er: Alles mte von neuem beginnen. Doch dies ist unmglich. Anfang hat
seinen eisernen Rahmen. Geh du, und finde dich zurecht. Auf mich kannst
du nicht zhlen. Ich bin ein geschlagener Mann, beleidigt, entwrdigt,
entwurzelt; und verurteilt, am Geist der Gemeinheit und der Schwche zu
verbluten. Vielleicht treffen wir uns einmal an einem andern Kreuzpunkt
unserer Wege. Vielleicht kannst du mir dann sagen, nicht: schau mich an,
fhl es, wie ich vor dir stehe, sondern: schau mein Getanes an und
erkenne, was es wiegt und was es ist. Bis dahin mu ich unerbittlich
sein, sonst knnt ich meinem Gott nicht mehr ins Auge blicken. Ein
Mensch ist nicht mehr da.

Sein Gott? dachte Dietrich, auf einmal khl bis in die Nieren, wer ist
sein Gott? Wo mag er weilen, dieser grausame und finstere Gott? Warum
nennt er ihn? Ich bin zu ihm gegangen, ihn um Brot zu bitten, und er
gibt mir Steine.

Die Dunkelheit war eingebrochen. Verworrene Musik ertnte vor dem Haus.
Dietrich stand auf, pltzlich qulte ihn die starre Nhe Lucians. Er
trat auf den Altan hinaus. Eine Schar junger Menschen, alle mit
brennenden Fackeln in den Hnden, zog am Hause vorbei, an der Spitze die
vier Shne des Pfarrers. Diese allein trugen keine Fackeln; drei
spielten im Gehen Violine, einer die Maultrommel, wodurch ein
wunderliches Tongemisch erzeugt wurde. Hinter ihnen schritt Georg
Mathys. Er richtete den Blick empor, gewahrte Dietrich, schwenkte seine
Fackel in der Luft und sagte laut: Komm, Oberlin! Da sahen auch andere
in die Hhe, und ein vielfacher, von frohem Lachen begleiteter Ruf
erschallte: Komm, Oberlin! Komm, Oberlin!

Dietrich sprte, wie die Last von Brust und Schultern fiel. Er
antwortete dem Ruf der Jugend mit einem dankbar leuchtenden Lcheln und
rief zurck: Ich komme.




Sturreganz


Meiner Tochter Eva Agathe


Die Bedrngnis

Es gab in der Zeit zwischen dem Siebenjhrigen und dem bayrischen
Erbfolge- oder Kartoffel-Krieg einen souvernen deutschen Herrn, der
nach einer etwa zwanzigjhrigen Regierung die nicht eben geringe, aber
immerhin noch ertrgliche Schuldenlast, die er von seinem Vorfahr
bernommen, derart in die Hhe gebracht hatte (whrend sonst alles
jmmerlich bergab ging), da ihm schlielich kein ruhiger Tag und keine
freundliche Stunde mehr beschieden war.

Dieser unglckselige Frst war der Markgraf Alexander von Ansbach und
Bayreuth, aus uraltem Geschlecht, wie man wei, in der Blte des
Mannesalters, stattlich, gesund, in kinderloser Ehe vermhlt mit einer
Koburgerin, einem beklagenswerten Weib nebenbei, und Geliebter der
ebenso groartigen als kostspieligen Damen Lady Craven und Mademoiselle
Hyppolite Clairon.

Sachverstndige sind der Meinung, da vier Millionen
siebenmalhunderttausend Taler fr jene Zeit eine gewaltige Summe
vorstellten, und bis zu dieser furchteinflenden Ziffer war das
Schuldenthermometer nach und nach gestiegen. Das lawinenhafte
Anschwellen zu stauen, sahen auch die geriebensten Kpfe keinen Weg, und
alle Arten von Finanzoperationen bewiesen blo, da der Hydra immer neue
Kpfe wuchsen. Zu dem einfachen Mittel, den Haus- und Hofhalt zu
beschrnken und in der Verwaltung zu sparen, htte nur ein Ignorant
raten knnen, der nicht in Betracht zog, da die Verschwender und
Bankrottierer sich dadurch ber Wasser halten, da sie ihre Schulden mit
ihren Schulden zahlen und da ein glnzendes Firmenschild die Dummen und
Gierigen noch anlockt, auch wenn der Kassenschrank so leer ist wie ein
Bethaus um Mitternacht.

Wer htte es auch wagen drfen und wem wre es in den Sinn gekommen,
einem von seiner gttlichen Erwhltheit und seinen geheiligten
Machtbefugnissen durchdrungenen Dynasten zu einer Verminderung des Etats
und bescheidenerer Fhrung zuzureden? Das wre vermessenstes Rebellentum
gewesen, beispiellos und strafwrdig. Wie dem wracken Schiff der
irdischen Regierung zu helfen sei, das ausfindig zu machen, mute man in
Demut der himmlischen Regierung berlassen und hatte nur dafr zu
sorgen, da der Untertan ohne aufzumucken seine Pflicht tue und seine
Steuern entrichte.

Die Kanzlei- und Geheimen Rte grbelten und meditierten daher
vergeblich ber den heiklen Punkt. Worauf war zu verzichten? Was htte
abgeschafft werden sollen? Der Markgraf war leidenschaftlicher Jger.
Namentlich stand die ansbachische Falknerei von altersher in hohem
Ansehen, und fr die standesgeme und sonach uerst zu respektierende
Passion des Frsten wurden besoldet: ein Obristfalkenmeister, zwei
Falkenjunker, ein Falkenpage, ein Falkensekretr, ein Falkenkanzellist,
ein Reihermeister, ein Krhenmeister, ein Milanenmeister, vier
Meisterknechte, vierzehn Falkonierknechte, zwei Reiherwrter und
siebzehn Falkenjungen. Diese waren notwendig, man sage nichts; jeder
hatte sein Amt, seine Obliegenheiten, seine Sporteln, seine zu Recht
bestehenden Zulagen, und auf Abzug oder Wandlung zu dringen hie sich
verdienter Ungnade aussetzen. Keine Mglichkeit.

Dann war da der Hof mit einhundertfnf Kammerherren, zwanzig
Hofjunkern, zwanzig Kammerjunkern, zwlf unbetitelten Kammerdienern und
fnf betitelten; mit hundertzwlf Husaren, denen ein Generalleutnant
vorstand, zweihundert Gardes du Corps, denen ebenfalls ein
Generalleutnant vorstand, einem Generalmajor, Generaladjutanten,
Obristen, Obristleutnant, von den Kapitnen und niedrigen Chargen zu
schweigen, und auerdem noch fnfhundert Mann Infanterie, junge,
hbsche, gut exerzierte, wohl angezogene Leute, fr die sogar am obern
Tor eine eigene Kaserne gebaut war. Sollte man sie fr entbehrlich
erklren? Soldaten entbehrlich, Alpha und Omega der Reprsentation, der
Legitimitt, der Hoch- und Ebenbrtigkeit, der diplomatischen und
politischen Aktionsfreiheit? Es wre Landesverrat gewesen, Frevel am
Ehrwrdigsten, Gefhrdung des Staates, Entfesselung dmonischer Krfte,
die im Dunkeln schliefen.

Dann war da das Theater mit Komdianten und Komdiantinnen, Sngern und
Sngerinnen, Tnzern und Tnzerinnen, mit Musikdirektor, Kapellmeister,
Konzertmeister, Aufwrtern, Logenschlieern, Inspektoren,
Zettelanklebern. Dann war da der Tiergarten, der allerdings an
exotischen Bestien blo zwei altersschwache Affen, ein melancholisches
Knguruh und ein lahmgeschossenes Zebra beherbergte, sonst aber an
Seltsamkeiten einen Hirsch mit zusammengewachsenen Geweih-Enden, eine
Sau mit fnf Beinen und eine Natter mit zwei Schwnzen aufwies; ferner
die Stuterei mit fnfhundert Pferden, die Stlle mit gehauenen Steinen
ausgelegt, Krippen und Gerte aus Metall, blitzblank alles, wie kaum
eine menschliche Behausung im Lande.

Nicht eine Uniform, nicht ein Ro, kein Trhter, kein Koch, kein
Grtner, kein Lufer, kein Kutscher war zu missen. Das Zeremoniell
forderte einen jeden zu seiner Zeit, die allerhchste Notdurft mute zu
jeder Frist des Geringsten versichert sein. Fr jeden war Wohnung,
Kleidung, Nahrung und die seinem Rang angemessenen Diten zu beschaffen.
Die Einknfte des Landes reichten nicht hin; die bei Nrnberger und
Frankfurter Juden aufgenommenen Darlehen reichten nicht hin.
Anleihegesuche bei benachbarten, befreundeten, verschwgerten Herren
hatten keinen Erfolg mehr. Den Rechnungsrten stand der Verstand still.
Sie wurden von Glubigern bedrngt. Es kamen Sendschreiben von
Advokaten, Wucherern, Lieferanten; Mahnungen der Gemeinden um zugesagte
Untersttzung, Invalidengelder, Beamtengehlter. Die Brgermeister
wurden vorstellig. Die Landgendarmen liefen auf Stiefeln ohne Sohlen.
Schden an ffentlichen Gebuden konnten nicht behoben werden. Das im
Umlauf befindliche Mnzgeld wurde in bengstigender Weise sprlich. Die
markgrfliche Auszahlungskanzlei blieb den grten Teil der Woche ber
geschlossen; nur am Montag- und Donnerstagvormittag sah man einige
besorgt aussehende Funktionre verstohlen hinter den eisernen
Fenstergittern huschen.

Von den verantwortlichen Wrdentrgern getraute sich nur selten einer,
dem Markgrafen ungeschminkten Bericht zu geben. Sie schickten ihre
Akten, sie schickten ihre Listen: verzweifelte Gegenberstellungen von
Soll und Haben. Der Markgraf sa davor und studierte sie. Er seufzte und
hatte ein gewichtiges Kopfnicken; oder die Stirnadern schwollen, und in
seiner Kehle entstand ein grimmiges Gurgeln, wie wenn ein Vulkan
unterirdisch grollt. Bisweilen lie er den Hofrat Schlemmerbach holen
und beehrte ihn mit dem Anblick eines hochfrstlichen Wutanfalls.
Schlemmerbach nagte bleich an seiner Lippe und wartete, bis ihm der
obligate Futritt verabreicht wurde, eine gndige Vertraulichkeit, die
aber weder ihm noch dem Lande aus der Klemme half.

Der Markgraf sagte, er sei von Einfaltspinseln und Lotterbuben umgeben.
Er war kein Menschenhasser, im Gegenteil; er huldigte in seinen Ideen
der damals blichen Philanthropie, die ihm nicht erlaubt htte, von der
Menschheit im allgemeinen anders als in Ausdrcken der Andacht und
Rhrung zu sprechen, doch was die Einzelnen betraf, die Alltglichen,
das klebrige Gewrm, den Soundso und Soundso, den Justizamtmann und den
Hofjuwelier, den Kommerzdirektor und den Leibmedikus, den
Superintendenten und den Kreiskommissarius, mit denen war es ein Elend
und ein Unsegen, und wenn sie ihm blo vor Augen kamen, verzog sich
schon ekelnd sein Mund.

Es mute Rat geschaffen werden. Unntz, von nicht entdeckten
Goldbergwerken zu trumen, von Wnschelruten und vom Stein der Weisen.
Unntz, mit verfinstertem Gemt durch die hohen Sle zu schreiten.
Unntz das Denken und Murren, die Drangsal mute ein Ende haben. Seht
zu, ihr Schranzen und Schleppenhalter!


Was zur Abhilfe geschah

Es wurde zunchst unter lrmenden Verkndigungen das genuesische Lotto
eingefhrt. Bewhrtes Schrpfmittel anderswo, hier versagte es. Erstens
war die allgemeine Verarmung zu weit fortgeschritten, zweitens war das
Mitrauen zu gro. Kam hinzu, da der Hauptprmieneinnehmer eines Tages
mit dem Monatserls, einer erheblichen Summe, auf Nimmerwiedersehen
verschwand.

Sonach ward im Staatsrat beschlossen, die Grafschaft Sayn-Altenkirchen
zu verpachten. Dem Pchter sollte verstattet werden, ein Stck des
dazugehrigen Westerwaldes zu schlagen. Nach umstndlichen Verhandlungen
wurde das Projekt durchgefhrt. Fnfzigtausend rheinische Gulden: eine
Maus im Magen eines Mastodonts.

Hierauf wurde veruert: das Gut Ringstetten im Tauberkreis; Schlo
Villingen bei Weienburg samt Grten, ckern, Wiesen; ein halbes Dutzend
Hfe im Mainkreis; das Fischereiprivileg in der Rezat; das Jagdrecht im
Altmhlgrund: Brocken, um einen ghnenden Schlund zu stopfen.

Herr Stein zu Altenstein, Hofmarschall, riet untertnigst zur
Verauktionierung einiger der wertvollen Gemlde im Schlo. Besa man
doch die Medea des Vanloo; bewundertes Meisterwerk. Den blutigen Dolch
in der Hand, den Blick voll Wut und Verzweiflung, mit dem feuerspeienden
Ungeheuer hinter dem von Drachen gezogenen Wagen, hing sie im
Schlafzimmer des Markgrafen, seltsames Ergtzen fr die hohe Siesta,
entschuldbar vielleicht durch eine gewisse hnlichkeit zwischen dieser
Medea und der zu allen Tageszeiten tragisch gestimmten Mademoiselle
Clairon, von Schmeichlern ausfindig und zum Gegenstand scharmanter
Huldigungen gemacht. Man besa schne Stcke von Salvatore Rosa und den
berhmten Zentauren aus Bronze, Geschenk des weiland Knigs von Polen.

Zu diesem Vorschlag schttelte der Markgraf finster den Kopf. Abgesehen
davon, da man Kunstwerke nicht ohne Schmlerung des frstlichen
Ansehens unter den Hammer bringen konnte, waren es Embleme, farbige
Tapeten des auserlesenen Daseins, Besttigung sublimer Fhrung,
Ahnengut. Herr Stein zu Altenstein wurde bei den Einladungen zum
nchsten Galadiner bergangen.

Minder glimpfliche Behandlung erfuhr der Rat des Herrn von Seckendorf,
Landoberjgermeisters; er deutete an, wenn Ihre Gnaden Lady Craven sich
gromtig bereit fnde, einen Teil ihres kostbaren, aus dem
markgrflichen Schatz ihr zugewandten Schmucks fr das Wohl des Staates
zu opfern, knne man davon erklecklichen Zuflu in den leeren Sckel
erhoffen. Trauriges Gefasel; der Markgraf brauste auf. Herr von Bibra,
Obristhofmeister, und Marchese Pescanelli, die Gnstlinge der Lady,
konnten ihre Entrstung nicht unterdrcken. Der Landoberjgermeister
wurde fr sechs Monate vom Hof verbannt.

Nun schritt man in der Verzweiflung dazu, neue Abgaben auszuschreiben.
Den Mut zu Einwnden hatte niemand, obwohl es klar am Tage lag, da das
Volk schon die alten nicht mehr tragen konnte; ohnehin stockte die
Arbeit; wollte der Landmann leben, nur krglich leben, so mute er jeden
Fleck des Bodens nutzen, in aufreibender Fron der ermatteten Erde ihr
Letztes abringen; Salz, Zucker, Gewrz, alles fremde Produkt, alle
einheimische Hervorbringung, mobiles und immobiles Eigentum waren ber
das Erdenkliche und Vernnftige hinaus besteuert und belastet. Die
blutpresserische Daumenschraube tat schlielich auch nur die Wirkung,
da die Amtsschreiber fr den Verbrauch von Tinte und Papier und die
Gerichtsvollzieher fr ihre Henkergnge mehr aufrechneten, als mancher
Gewerbetreibende von rechtswegen zu zahlen hatte.

In dieser Not wurde der Marchese Pescanelli zum Retter.

Fragt nicht nach Wiege und Heimat des Mannes. Sie waren unerforschlich.
Lstermuler und Neidlinge nannten ihn einen dunklen Quidam, in die Welt
gesetzt von einem noch dunkleren und geadelt vom heiligen Geist. Doch
hatte er die Strahlen der Gunstsonne auf sich zu lenken gewut, und das
Mittel hierzu war so simpel wie erprobt: er war niemals anderer Meinung
als irgendein im Rang ber ihm Stehender, und den ununterbrochenen
Feuereifer der Zustimmung und Bekrftigung gegen die Allvermgenden kann
man sich daher leicht vorstellen. Er war der Jasager des Markgrafen, er
war der Jasager der Lady; er hatte einen ganzen Schwanz von
unbedeutenderen Jasagern um sich gebildet und war sozusagen deren
ermchtigte Zunge. Als Anerkennung fr verschwiegene Dienste hatte ihm
der Markgraf die oberste Leitung des Balletts bertragen, ein seinen
Talenten angemessenes Amt, in welchem er durch die ingenisesten
Reformen den Beifall seines Herrn erwarb. So hatte er unter anderm eine
Drill- und Zuchtanstalt fr Tanzelevinnen begrndet, eine durchtriebene
Sache. Es wurden darin elternlose junge Mdchen und solche, deren sich
die Erzeuger gegen das Versprechen dauernder Versorgung entledigen
wollten, bis zum kindlichen Alter herab aufgenommen und fr das sptere
Vergngen des Frsten erzogen. Nicht blo fr das Vergngen seiner
Augen. Der weitblickende Marchese sagte sich, da auch die
bezauberndsten auslndischen Favoritinnen mit den Jahren Rost ansetzen,
und da eine billige Venus aus Wunsiedel oder Gunzenhausen einer
anspruchsvollen und runzlig werdenden aus Grobritannien am Ende
vorzuziehen sei.

Eines Morgens lie sich der Marchese beim Markgrafen zur Audienz melden,
und nachdem er vor den Herrn beschieden war, sprach er in heiterer
Bescheidenheit ungefhr wie folgt. Der Sorgenalp qule den Erlauchten
allzu sichtlich; die erhabene Stirn sei umschattet, das Herz des treuen
Dieners bewegt. Seine Gnaden verkaufe Schlsser, Wlder, Flsse, Land,
Jahrhunderterbe, um den vterlichen Pflichten gegen ihre Vlker zu
gengen; sie werde keinerlei Dank dafr ernten. Weshalb wolle Seine
Gnaden nicht Menschen verkaufen? Schlsser, Wlder, Flsse, Land seien
unersetzlich; unwiederbringlich Mhlen, Sgewerke, Fischteiche,
Steinbrche. Menschen hingegen gebe es im berflu; wre es nicht an
dem, so htte Seine Gnaden mindere Mhe und Last; sie vermehrten sich
ohne Zutun, was man von keinem andern Besitz behaupten knne, und je
geringer das Volk, je reichlicher der Zuwachs. Worauf er Seine Gnaden in
aller Submission bringen wolle, und zwar unter Hinweis auf das
gleichgerichtete Unternehmen Seiner herzoglichen Gnaden von Hessen sei
dies: England in seinem Kampf wider das aufstndische Amerika brauche
Soldaten, fahnde nach Soldaten und zahle fr jeglichen Mann vier- bis
sechshundert Gulden. Es koste Seine Gnaden nur ein Wort, und dero
unwrdige Kreatur mache sich erbtig, als leichten Gewinn aus dem
Geschft Monat um Monat hunderttausend Taler auf den Tisch des
Finanzeinnehmers zu legen. Er schlo mit dem Satz: So lange es demnach
Untertanen in Ihren Staaten gibt, sehe ich nicht ein, wie es
Geldverlegenheiten geben sollte.

Der Markgraf hrte die Rede des Trefflichen in gedankenvollem Schweigen
an. Seine berlegungen waren schon einmal denselben Weg gegangen; sie
hatten jedoch eine halb aberglubische, halb empfindsame Scheu nicht zu
besiegen vermocht. Er geriet in Verwirrung. Aberglauben, schimpfliches
berbleibsel barbarischer Lufte, hatte in dieser aufgeklrten Epoche
keinen Raum; man streifte ihn ab wie einen schmutzigen Handschuh.
Ernstere Skrupel bereitete hingegen das Dogma von der Menschenwrde, auf
das man eingeschworen war, Gegenstand profunder Gesprche und
philosophischer Lektre. Man schwrmte fr den Helden Lafayette, fr die
Befreiung der Kolonien vom tyrannischen Joch des englischen Krmers; war
es wrdig, war es human, war es frstlich, dem Bttel und Pfeffersack
die Waffe zu liefern, mit der er seine Macht befestigte?

Der schlaue Marchese erriet die Bedenken und kannte die Schwchlichkeit
ihrer Sttzen. Darin erwies er sich als Sdlnder von Geblt, da er den
verhehlten wie den geuerten Gegenargumenten mit unerschrockener
Rabulistik zu Leibe ging. Er ma das gesprochene Wort am heimlichen
Wunsch, und htte er es nicht zustande gebracht, diesen ber jenes
triumphieren zu lassen, so wre er eben nicht der gebte Jasager
gewesen, der er war. Jasager, auch Neinsager; es ist im Wesen das
nmliche; wie der Herr befiehlt; man stellt sich an den Kreuzweg und
zeigt nach links, wenn man genau erforscht hat, da das Verlangen des
Herrn nach links geht; mag er auch flau und zaghaft sich noch so oft
nach rechts wenden; er wird folgen, denn er will folgen.

Zudem: das Wasser stieg bis an den Hals; das gebotene Hilfsmittel
widerstritt weder dem Rang, noch enthielt es eine Gefahr, noch war es,
wie der einsichtige Ratgeber dargelegt hatte, ohne Vorbild in deutschen
Landen. Der Markgraf zgerte an diesem Tage noch; er zgerte auch am
zweiten und dritten; er lie sich in lange Disputationen mit dem
Marchese ein, nannte ihn unmutig einen hlichen Verfhrer und schien zu
grollen. Pescanelli war ber alle Maen betrbt, verschwor seinen
Vorwitz und seine berkhne Dienstbeflissenheit und wollte, um die
Verantwortung nicht allein tragen zu mssen, andere Stimmen gehrt
wissen, unparteiische Stimmen, vernnftige, besonnene und
unverdchtige. Es wurden also die kleinen Jasager gerufen, die
Neben-Jasager, der Schwanz: Herr von Bibra, Herr von Schlemmerbach, Herr
von Menzingen, Herr Trechsel von Teufstetten, Herr von Freudenberg, Herr
von Pirkensee. Von diesen Stimmen wurde der Markgraf eines Bessern
belehrt und submissest berstimmt. Er gab seine Einwilligung, fgte aber
hoheitsvoll hinzu, da er mit der Affaire nichts zu tun haben, keine
Klagen, keine Beschwerden, keine Berichte entgegennehmen wolle und es
den ausbenden Amtsorganen anheimgebe, nach ihrem eigenen Ermessen zu
schalten.

Die Jasager verbeugten sich tief.

Wenige Tage spter begann die Treibjagd auf alle Sorten von Mnnern, die
Waffen zu tragen fhig waren, und durch deren Abfangung und Verschickung
man nichts aufs Spiel setzte. An Brgershne, Bauernshne und znftige
Handwerker wagten sich die mit Menschenraub beauftragten Sendlinge
vorerst nicht. Sie machten Beute unter den Obdachlosen, den Vaganten und
mit dem Felleisen ber die Landstrae Wandernden; sie griffen auf:
beschftigungsuchende Gesellen, des Bettels berwiesene Fremdlinge oder
solche, in denen man Bettler argwhnte, allerlei fahrendes Volk,
Zigeuner, Scholaren, Jahrmarktsknstler; jeden, der bei Holz- und
Wildfrevel betroffen wurde, die notorischen Trunkenbolde, junge
Studenten ohne Anhang, Musikanten, die in den Drfern zum Tanz
aufspielten; sie durchstberten die Gefngnisse, die Fronfesten, die
Irrenhuser, die Spitler, die Garkchen. Als das Geschft in die
Hochblte kam und die Behrden erst ein, dann beide Augen zudrckten,
wurden sie frecher, drangen nchtlicherweile in die Wohnungen und
stahlen Personen, die als Freigut geeignet schienen und von bezahlten
Angebern denunziert worden waren. So wurden junge Leute aus ihren
Berufen gerissen, junge Ehemnner von der Seite ihrer Frauen,
halbwchsige Burschen aus dem Familienkreis; auch Mnner in gesicherter
Lebensstellung verschwanden da und dort, nachdem man sie durch
geflschte Briefe und Botschaften an heimliche Orte gelockt hatte.
Keiner von ihnen sah Haus und Heimat wieder, von keinem kam ein Zeichen,
sie waren wie vom Erdboden verschluckt.

Der Jammer im Lande, anfangs schchtern, wurde laut und lauter. Die
Kanzleien wurden von Petitionen und Klageschriften berschwemmt. Aus den
Gemeinden pilgerten Menschen in die Residenz, um vom Landesherrn
Gerechtigkeit zu verlangen oder nur fr die ihnen widerfahrene schwere
Unbill ein gndig geneigtes Ohr zu finden. Niemand wurde durchs Tor des
Schlosses gelassen. Die Gardes du Corps standen wie eine eiserne Mauer.
Da sammelten sie sich auf dem Platz, verweilten vom Morgen bis zum
Abend, oder hockten unter den Kastanienbumen der Promenade, und Weiber
mit geflickten Kopftchern und kotbespritzten Rcken flennten
erbrmlich. Das Murren unter den Brgern der Stadt wurde im Keim
erstickt. Patrouillen zogen Stunde fr Stunde durch die Gassen.
Miggnger, die sich nicht ausweisen konnten, wurden eingelocht, um auf
den sichern Weg verschickt zu werden. Angst lhmte die Gemter.

Der Markgraf, blind und taub, wie er sich vorgenommen, verbrachte die
meiste Zeit in schtzender Ferne auf seinem Jagdschlo Triesdorf.
Zuweilen befahl er die Akteurs und Aktricen sowie das Opernpersonal
hinaus, widmete sich dem geliebten Weidwerk, spielte mit Lady Craven und
dem inzwischen zum Oberstkmmerer erhobenen Marchese Tricktrack oder
Piquet.

Denn die Versprechungen des Marchese hatten sich erfllt. In den Kassen
stieg die Talerflut bis an den Rand. Das Gold lutete, kstliche
Ohrenspeise, wie die Domglocken von Bamberg. Es lutete den Mden in den
Schlaf, es lutete den Gestrkten aus dem Schlummer, es lutete zur
Schferstunde, es lutete zur reich besetzten Tafel. Unvergleichliches
Behagen, ohne Pein und Beklommenheit genieen zu drfen, was zum Genusse
sich bot. Woher der Segen kam, das brauchte nicht gewut zu werden. Das
langerstrebte Glck dnkte dem Herrschergeist, da es erreicht war,
Pflicht des Schicksals, auf seinem guten Recht erwachsen, und so
selbstverstndlich erschien ihm der Reichtum, so sehr verga er das
einstige Struben gegen seine Quelle, da er in groen Zorn geriet, als
ihm eines Tages Herr von Schlemmerbach, dem nur wohl war, wenn er Unheil
knden konnte, mitteilte, da unter den dingfest gemachten Rekruten
immer hufiger Fluchtversuche und Entweichungen stattfnden, wodurch der
Fiskus empfindlich geschdigt wurde. Der Markgraf erklrte, den nchsten
Transport wolle er in eigener Person an der Spitze seiner Leibkompagnie
bis Stefft am Main begleiten und Zeuge und Wchter bei der berfhrung
auf das Schiff sein. Das werde die Kerle hinlnglich in Respekt setzen.

Die Jasager lchelten entzckt.


Episode

Unter den markgrflichen Komdianten war ein gewisser Ludwig Taube,
ehedem jugendlicher Liebhaber, mit den Jahren fr das Fach unbrauchbar
geworden und nach Aussage der Kenner wie des Direktors wegen mangelnden
oder versiegten Talentes in keinem andern zu verwenden. So wurde er im
kernigsten Alter, er war Mitte der dreiig, auer Ttigkeit und Wirkung
gesetzt, und da man ihn nicht entlie, hatte er nur einem mit
Vergelichkeit gemischten Mitleid zu verdanken. Er wurde bersehen, weil
er sich so wenig wie mglich bemerklich machte, und man zahlte ihm die
bettelhafte Gage weiter, damit er, ohnehin in kmmerlichsten Umstnden
lebend, mit den Seinen nicht vllig im Elend verkomme. Ein paarmal hatte
er um Verwendung in komischen Rollen gebeten, fr die er seiner Meinung
nach ein besonderes Faible und expressives Penchant hege, wie es in
der betreffenden Bittschrift hie; aber mit dieser berheblichen
Forderung war er schroff abgewiesen worden, da das komische Fach zur
Zufriedenheit des hohen Adels und gnstigen Publici vertreten sei. Die
Kollegen lachten ihn aus, und der bestallte Komiker ging seitdem nie
ohne verachtungsvollen Blick an ihm vorber. Was so ein Hungerleider
unverschmt ist, sagte er, der auch nicht an Lukulls Tisch gemstet
war.

Taube lebte mit einem Frauenzimmer im gemeinsamen Haushalt, das lter
als er und in glcklichen Zeiten Koloratursngerin am herzoglichen Hof
zu Stuttgart gewesen sein sollte. Das war lange her; nun war sie
hlich, verrunzelt, vom Leben gebrochen und getraute sich nur des
Abends aus ihrem Loch von Behausung, da sie blo erbrmliche Fetzen zum
Anziehen besa. Sie hatten einander nicht geheiratet, um die Kosten der
Eheschlieung zu ersparen; da sie zum Komdiantenpack gehrten, wurde
dessen nicht gro geachtet, aber trotzdem der Pfarrer ihren Bund nicht
gesegnet hatte und trotz ihrer von Tag zu Tag wachsenden Armut herrschte
das beste Einvernehmen zwischen ihnen, und weder Nachbarn noch die
Bekannten wuten zu sagen, da sie je Zank und Streit gehabt htten.
Drei Kinder waren ihnen gestorben; das vierte, drei Jahre alt, war ein
Mdchen und hie Rebekka, gerufen Beckchen. Das Kind war der Stolz und
die Freude von beiden, wenn sie auch um seine Zukunft groe Sorge
hatten, und die demnchst wieder zu erwartende Vergrerung der Familie
die Gedanken darber nicht heiterer machte.

Da geschah es, da Ludwig Taube eines Morgens vor der Probe infolge
eines Fehltritts vom Schnrboden herabstrzte, sich die Schulter
verrenkte und das Nasenbein zerbrach. Man brachte ihn ins Krankenhaus,
und dort zeigte es sich, da auch sein Geist gelitten haben mute, denn
er redete allerlei ungereimtes Zeug, halb prahlerisch, halb aufsssig,
und verlangte einmal um Mitternacht, man solle ihm auf der Stelle
#potage  la Richelieu# bringen und gehackten Rinderbraten mit
Weinbrhe. Als er notdrftig geheilt war, holte ihn sein Weib ab, fhrte
den dster vor sich hin Starrenden nach Hause und kochte ihm eine
Kartoffelsuppe. Vier Tage lag er stumm und bleich auf dem Strohsack, der
Jammer sah ihm aus den Augen, denn da man ihn nun als halben Krppel
auf die Strae setzen werde, war mit Sicherheit zu erwarten. Bitter
sagte er zu seiner kleinen Tochter, die darber verwundert die
zartgebogenen Brauen rundete: Beckchen, es ist am gescheitesten, wir
schnren dir dein Rnzel und du marschierst ins Paradies; mit deinem
gegenwrtigen Sndenregister wird dies noch glcken, spter ists
unweigerlich die Hlle. Florine, seine traurige Gesponsin, verwies ihm
die Worte, aber auch sie horchte immerfort ngstlich nach der Tr und
glaubte den Amtsboten mit dem Entlassungsdekret bereits unterwegs. Auch
war die schwere Stunde ihres Leibes nah.

In der nchsten Nacht klopfte es am Tor; alsbald traten drei Mnner in
die Stube und forderten Ludwig Taube auf, ihnen zu folgen. Erklrungen
waren berflssig. Was solcher Besuch zu bedeuten hatte, wute jedes
Kind. Florine brach in Geschrei aus. Beckchen stand mit offenem Mund,
und die braunen Augen glnzten erschrocken. Taube sagte: Ich gehe
nicht; wollt ihr mich haben, so mt ihr mich mit Gewalt nehmen. Das
setzte die Leute nicht in Verlegenheit; des schwchlichen Mnnchens war
leicht Herr zu werden. Sie holten Stricke heraus und banden ihm die
Hnde. Ludwig Taube lachte schallend. Ich wollte eine Rinderbrust
haben, und ihr verhelft mir vielleicht zu einer fetten Bffelkeule; auch
gut; gesotten oder gebraten, Fleisch ist Fleisch. Florine lehnte an der
Mauer und breitete die Arme aus wie eine Gekreuzigte; Beckchen fing an
zu weinen. Ruhig, Beckchen, herrschte sie Taube an, spar dir die
Trnen auf den fnften Akt, jetzt ist noch nicht mal der zweite. Geh in
den Oberstock und sag der Madam Heberlein, da sie die Hebamme ruft,
deine Mutter will dir heut nacht noch Gesellschaft geben. Also, ihr
Leute, auf in die Ferne, wandte er sich gegen die Hscher, und die
fhrten ihn am Strick durchs Zimmer wie einen Hammel. Er lachte
abermals, warf Florine eine Kuhand zu und rief: #Addio, cara mia,# auf
ein seliges Sterben. Die Hscher grten und sagten: Das ist
wenigstens mal ein Lustiger.

Er wurde in das Schrannenhaus verbracht, wo sich noch viele befanden,
hundert oder mehr, und warten muten, bis die festgesetzte Zahl der
jeweilig zu Verschickenden erreicht war. Das dauerte immerhin noch drei
Wochen, und in dieser Zeit erfuhr er, da Florine am fnften Tag ihres
Kindbetts gestorben sei und das Neugeborene gleich danach. Man sollte
nicht glauben, was so ein hundsarmer Teufel fr ein guter Prophet sein
kann, wenns ihm an den Kragen geht, sagte er mit verbissenen Zhnen,
blieb bis zum Abend in eine Ecke gekauert und erkundigte sich dann bei
seinen Gefhrten, ob sie nicht ihre Groschen zu einem solennen
Leichenschmaus zusammenlegen wollen. Da er zu wissen begehrte, was mit
Beckchen geschehen sei, denn das Schicksal des ber alle Maen von ihm
geliebten Kindes beunruhigte ihn im Innersten seines Gemts, berredete
er einen Sergeanten mit guten Worten dazu, da er Nachricht einziehe,
und der teilte ihm dann auch mit, das Mdchen sei im Pescanellischen
Aufzuchtsinstitut untergebracht worden. Da wurde er wei wie eine
Kalkwand, und nach langem Schweigen, whrend dessen ihm der khle
Schwei auf die Stirn getreten war, sagte er, es sei doch wunderbar, da
man hierzulande schon den Suglingen das Menuett und den #Pas de deux#
beibringe; wo einem von frh auf die Grazie in die Knochen gehmmert
wrde, knne es nicht schief gehen. Ich habe ihr gut geraten mit dem
Paradies, fgte er salbungsvoll wie ein Pfaffe hinzu.

Es war nmlich offenes Geheimnis, da die Pescanellischen Zglinge einer
hchst grausamen Behandlung ausgesetzt waren. Von Zeit zu Zeit
verbreitete sich immer wieder das Gercht, da so ein Wesen elend
verdorben und gestorben und in aller Stille verscharrt worden sei.

Der Transport, mit dem Ludwig Taube gehen sollte, war eben der, dem der
Markgraf sein Geleit verheien hatte. Vierhundertsechzig Leute; in barem
Geld ausgedrckt an zweimalhundertfnfzigtausend Gulden; das war schon
der Mhe wert, das Ro zu besteigen und zwanzig Meilen weit zu reiten.
Bereits beim Abmarsch von der Schranne fielen Widersetzlichkeiten vor.
Da wurde eine groe Anzahl wie die Schlachttiere geknebelt und auf
Leiterwagen gepackt. Der Markgraf war mit seiner Pracht- und
Leibkompagnie nach Stefft vorausgeritten. Als der lange Zug der Rekruten
und Fuhrwerke angekommen war, postierte er sich mit der gespannten
Bchse und in seine Wildschur gehllt an der Schiffstreppe und sah mit
strengen Blicken zu, wie die kostbare aber schmutzige und hliche
Menschenfracht verladen wurde. Als die meisten schon sicher verstaut
waren, entri sich einer von den letzten, die aufs Deck geschleppt
wurden, blitzschnell den Armen der Wchter und Soldaten, rannte mit
geballten Fusten und furchteinflenden Mienen geradeswegs auf den
Markgrafen zu, brllte dumpf, mehr gegen den Himmel empor als gegen den
entsetzt zurckweichenden Frsten, kehrte sich mit grlichem
Kopfschtteln pltzlich ab, da er sich ohne Zweifel darber klar wurde,
da die geheiligte Person vor ihm stand, eilte ans Schiffsgelnder und
sprang, ehe es jemand hindern konnte, mit einem Aufschrei in den Strom.
Das Wasser war jedoch an jener Stelle weder tief noch reiend, und so
war es ein paar Schifferknechten, die ihm schleunigst nachsprangen, ein
Leichtes, ihn wieder aus den Fluten zu ziehen.

Der Markgraf war Zeuge, wie sie den triefenden Krper an Bord brachten.
Er sah das fahle, hohle, todhnliche Gesicht mit dem zerbrochenen
Nasenbein und erkundigte sich, wer der Mensch sei. Er hiee Taube, wurde
geantwortet, und sei Komdiant im Dienste Seiner Gnaden gewesen, ehe ihn
das Los getroffen, fr die Glorie Englands ins Feld zu ziehen.
Eigentlich htte der Mensch fr das #crimen majestatis# erschossen
werden mssen, doch im Hinblick auf den damit unvermeidlichen Entgang
des Heuergeldes wurde er zu Prgelstrafe und dreitgigem Liegen im Block
verdammt, nachdem er sich von seinem verzweifelten Bad erholt haben
wrde.

Der Markgraf sah auch die andern Gesichter, die scheuen, bsen,
kranken, mden, vorwurfsvollen, wuterfllten, stumpfen. Er hing die
Flinte mit dem Riemen ber die Schulter, stieg schweigend ber die
Treppe ans Ufer zurck, bestieg sein Ro und ritt mit dsterer Stirne
heimwrts. Er hatte das bittere Gefhl eines Mannes, dessen redliche
Absichten verkannt werden und der Undank erntet, wo er nur das Glck der
andern im Auge hat.

Als er am nchsten Abend durch das Tor in seine Hauptstadt einritt, warf
sich ein Haufe flehender Weiber vor die Beine seines Pferdes hin. Die
Gardehusaren muten sie erst mit Gewalt auseinandertreiben, so dicht
lagen sie auf dem Weg in ihrem Unrat und so frech waren sie
entschlossen, sich Gehr zu verschaffen. Da brach die Bitterkeit des
Markgrafen in helle Entrstung aus, und er rief, wenn man so mit ihm
umgehe und sein herzliches Wohlmeinen derart fr nichts achte, so wolle
er sich um dieses liederliche und miratene Volk in Zukunft berhaupt
nicht mehr kmmern. Sie werden bald an sich gewahren, fgte er
grollend hinzu, da ich meine Hand von ihnen abziehe.

Hierzu konnte er sich nicht entschlieen, aber was sich daraus weiter
ergab, war auch nicht erfreulich.


Chronica

bellaunigkeit war die Uranlage der Natur des Markgrafen. Er war der
Sohn eines bellaunigen Vaters, einer bellaunigen Mutter und eines
bellaunigen Landes. Mit dieser bellaunigkeit verband sich die tiefe
berzeugung von seiner Unentbehrlichkeit im Gefge der Welt, und da er
ausersehen sei, seine smtlichen Untertanen auf den Gipfel irdischen
Glcks zu fhren, ja, da sich in seiner Person allein schon der ihnen
geme Glckszustand inkarniert habe.

Er liebte seine Untertanen, aber er liebte sie bellaunig. Er erfllte
nach bestem Vermgen seine Regentenpflichten, aber in bellaune. Er
hatte seine Jugend genossen, aber in bellaune. Er las mit heiem
Bemhen die Enzyklopdisten und machte sich die Ideen Rousseaus, Grimms
und Diderots zu eigen, aber in bellaune. Er glaubte an eine hohe
Bestimmung des Menschengeschlechts, aber in bellaune. Er hielt auf
Leckerbissen, verzehrte sie aber in bellaune. Er hatte Sinn fr Kunst
und schne Dinge, aber wenn er sie betrachtete, war es in bellaune.

Wenn er sich manchmal des Morgens von seinem Lager erhob, dachte er: Ei,
heute ist mir wohl, die Sonne scheint, es wird ein guter Tag. Stand er
dann vertikal auf seinen zwei Beinen, so war die bellaune da. Verlor er
im Spiel, so verursachte es ihm bellaune wegen des Verlustes; gewann
er, so verursachte es ihm bellaune wegen der vergeudeten Zeit. Erlegte
er einen Rehbock, so war er belgelaunt, weil es kein Hirsch war; warf
eine Zuchtstute prchtige Fohlen, so war er belgelaunt, weil ein
Stallbursch die Krtze bekam.

Weniger ihm selbst war es in den letzten Jahren gelungen, den
angeborenen Hang zu bemeistern, als vielmehr der Lady Craven. Freilich
hatte sie erst die tragische Heroine, Frulein Clairon, aus dem Feld
schlagen mssen, was keine leichte Arbeit war, denn die
kothurnbekleidete Franzsin, von der sie behauptete, da sie auch mit
ihrer Kammerzofe in Alexandrinern rede und da ihre Nachthaube sogar die
Wrde einer goldpapiernen Krone haben mute, war hartnckig und
verliebt. Neben ihr war der Markgraf, der schne Mann, stark- und
schlankgliedrig, mit feurigen Augen und einer frnkischen Habichtsnase,
so steif und feierlich geworden wie ein Rabe, und er hielt das Lachen
fr eine verpnte und unanstndige Vernachlssigung der Gesichtsmuskeln.
Lady Craven hatte ihn mit Aufgebot ihres ganzen Witzes und ansteckenden
Kaskadengelchters bekehrt. Aber kann man einen ins Wasser fallenden
Stein davon bekehren, auf den Grund zu sinken? Man kann ihn eine Weile
halten, dann krampft sich der Arm; schlielich folgt er seinem Gesetz.
Die Lady klagte, in Deutschland vergehe einem das Lachen, und sie wolle
den Tag nicht abwarten, wo man sie zwingen werde, zu weinen.

Sie hatte ihr Ziel; es zu verbergen, hatte sie wenig Grund. Sie trumte
von der Markgrafenkrone und der Legitimitt, deren sie sich als Lord
Berkeleys Tochter wohl wrdig fand. Die Markgrfin war kinderlos; das
ihr anhaftende Krpergebrechen, das sie seit ihrem dreizehnten Jahre
pltzlichen Unfllen aussetzte, hatte sie zur Ehe untauglich gemacht.
Nun war sie krank, hielt sich im entlegensten Zimmer des Schlosses wie
in einer Hhle verkrochen und spielte mit ihren zwei Hofdamen unablssig
das einfltige Kartenspiel Grabge. Auf ihr Ableben durfte gerechnet
werden; dann erst konnte Lady Cravens Zeit beginnen. Dann wollte sie in
diesem Nebel- und Ginsterland Feste feiern, wie sie nie zuvor gesehen
worden; fort dann mit dem Barackengermpel um das Schlo, Augenhohn,
worin feiste dumme deutsche Brger maulwurfhaft hausten, ihr bittres
Bier soffen, ihre Kinder zeugten, ihre Fladen buken und ihre Wsche
wuschen; Palste sollten da entstehen und niemand in ihrer Nhe sollte
die verhate Sprache reden, die sich hchstens fr die Zungen von
Fuhrknechten und Spittelweibern eignete und klang, wie wenn man mit
Stcken an eine morsche Tr trommelt.

Indessen aber gingen die Jahre hin; der feuchte Flor auf den Wangen
bte den Schimmer ein; verwnschte zarte Rillen zerstrten das Email
der Stirn; Lippenlcheln starb oft hinter den Zhnen schon, die Knigin
von Frankreich kam mit einem zweiten Kind nieder; das Konklave whlte
einen neuen Papst; verkndigte Kometen erschienen am Firmament; Perlen
in den Gehngen wurden krank; Menschen, mit denen man im Hydepark
geritten, starben; Hunde, die man geliebkost, verendeten; Briefe, die
man einst feurig durchflogen, vergilbten: Zeit, Zeit, Zeit; Ungeduld,
Ungeduld, Ungeduld; die Sanduhr lief, kehr sie um; das Pendel schwang,
zieh das Uhrwerk auf; Schferstunden wurden fade, Spiegel blind.
Goldleisten brunten, in Schrnken pochte der Wurm, die Stadt wurde
immer leichnamhnlicher, das Land immer grauer, und der Herr ber all
dem immer bellauniger.

Pflichtschuldiger Besuch bei der Markgrfin; sie spielt Grabge; sie
lebt, sie lebt: wozu noch? wie lange noch? Man empfngt den preuischen
Ambassadeur; der arme Krppel hat das Podagra und erzhlt Anekdoten, in
denen eine kmmerliche Pointe schwimmt, wie ein einzelnes Fettauge auf
einer Wassersuppe. Freifrau von Hornberg lt sich zur Visite melden;
sie hat einen Schmerbauch, das Gehirn eines Kolibri und schnattert von
Heidenmissionen und Kaffeekrnzchen. Pastor Nebenius bittet kniefllig
um Annahme des Protektorats ber den Verein zur Hebung des Glaubens;
Staatsrat Regenauer medisiert geistlos ber adlige Affren. Es wimmeln
Heiducken, Fouriere, Kammerlakaien, Hofoffizianten, Schloverwalter,
Sekretre, Minister; Worte pltschern, Gesichter glotzen, Hnde sind
geschftig; Dinge, Dinge, Dinge; Zeit, Zeit, Zeit; und der Herr
versunken in das Studium, wie dem Jammer der Menschheit zu steuern sei.

Um der kinnladenerstarrenden Langeweile abendlicher Assembleen zu
entfliehen, schtzte sie bisweilen Migrne vor und zog sich in ihre
Gemcher zurck, um sich von ihrer Dame, Frau von la Roche, vorlesen zu
lassen. Doch die erhabensten wie die pikantesten Schriftsteller aller
Nationen halfen ihr ber die rasende Ungeduld nicht mehr hinweg. Da
hatte Herr von Knsperg, einer der Jasager vom jngsten Jahrgang, den
Einfall, aus Chroniken und berlieferten Niederschriften Skandalosa der
beiden markgrflichen Huser fr sie zusammenzustellen und ins
Franzsische zu bersetzen, und es tauchten kuriose Geschichten auf, die
das farblose Faltentuch der Vergangenheit frech auseinanderrissen und
ein Etwas darboten, das die Mitte hielt zwischen Fastnachtsschwank und
Totentanz.

Es erschien das Scheuersubjekt, das der Markgraf Carl Wilhelm, der Vater
Alexanders, aus dem Schmutzwinkel der Kche auf sein hochfrstliches
Lager gehoben hatte. Darber schlugen die verschwgerten Huser Lrm;
der Kaiser sandte an Seine Liebden eine zur Migung mahnende Epistel,
und das Scheuersubjekt mauste die im Tresor verwahrten Kostbarkeiten,
stie wohledle Damen vor den Kopf, fhrte den Herrn an der Nase herum,
brachte fr ihre Bastardbrut erstaunliche Summen beiseite und wute sich
schlielich auch noch die Freiherrnkrone zu erschleichen.

Lady Craven kicherte.

Da war die Geschichte mit dem Juden Ischerlein und dem roten Adlerorden
in Brillanten, den der kleine Markgraf dem groen Knig von England
berschickte, um ihn auszuzeichnen. Als nun lange Zeit verflo und der
Markgraf vom Knig keiner Antwort gewrdigt wurde, befahl dieser, die
Sache zu untersuchen, und es ergab sich, da Ischerlein, der Juwelier,
falsche Diamanten verwendet hatte. Der Markgraf lie den Juden holen und
sodann den Scharfrichter. Der Jude wurde an einen Stuhl gebunden, und
als er den Henker kommen sah, sprang er auf mitsamt dem Stuhl, rannte
unter dem brllenden Gelchter des Markgrafen um den langen Tisch herum,
der im Saale stand, immer mit dem angebundenen Stuhl, der Scharfrichter
hinter ihm drein, bis ihm der auf Befehl des Herrn ber den Tisch hinweg
den Kopf abhackte.

Die Lady schauderte.

Sie erfuhr von der Markgrfin Sophie, die, so schn sie war, eine noch
schnere Tochter hatte. Eben deren Schnheit erregte ihren Neid und ihre
Eifersucht dermaen, da sie einem Junker Wobeser viertausend Dukaten
versprach, wenn es ihm gelnge, die Prinzessin zu entehren. Das junge
Mdchen begegnete ihm aber mit solcher Geringschtzung, da schon die
Versuche, sich ihr zu nhern, fehlschlugen. Da versteckte er sich mit
Hilfe der Mutter im Schlafzimmer der Tochter; die Dienerschaft war
bestochen, die Markgrfin sperrte die Kammer von auen zu, und so setzte
er sich trotz Bitten, Trnen und wildem Struben in den Besitz des
schnen Mdchens. Nachher floh der Unhold; die Prinzessin, halb im
Wahnsinn, gebar Zwillinge, zwei Wesen, schwarz im Gesicht wie Tinte; die
Markgrfin machte die Schande der Tochter ffentlich bekannt, so da der
Prinz von Culmbach von der Bewerbung um sie sogleich ablie; die
unseligen Kinder endeten durch Mord, und die Prinzessin verweinte ihr
ferneres Leben auf der Plassenburg in Gefngnishaft.

Die Lady sagte leise vor sich hin: Kri-Kri, wie ein Vogel, der
hungrig und traurig ist. Sie hatte oft diesen Laut, der aus Verwunderung
und Ekel gemischt war. Trumerisch schaute sie in den Kamin, wo das
Buchenholz verbrannte, dann gebot sie der Dame la Roche, nachzusehen, ob
es noch regne. Ja, es regnete, und ber der Stadt lag Ruhe wie schwarzes
Blei. Dann wnschte die Dame la Roche mit Hofknix gute Nacht; dann
knackten die Dielen, und es raschelte in den Mauern, dann kam, wenn die
Stunde noch weiter vorgerckt war, der Markgraf. Man htte denken
sollen, er sei von der Liebe hergetrieben, und so war es auch im Grunde;
doch warb er nicht, lchelte nicht, redete nicht, sondern wartete
griesgrmig und verdrossen, da man den Tribut seiner Liebe
entgegennahm.

Die Lady lehnte den kleinen Kopf an seine mchtige Schulter und sagte
leise vor sich hin: Kri-Kri.


Maregeln eines Philanthropen

Der Markgraf dekretierte: Geht es den Leuten schlecht, so mgen sie sich
demgem halten. Leiden alle Mangel, so soll niemand berflssig Geld
ausgeben. Es ist verboten, Schulden zu machen. Den Weibern ist verboten,
Schmuck zu tragen, sowie bunte oder auffallende Gewnder. Die
Brgermadams und Jungfern haben sich der grten Sittsamkeit zu
befleiigen. Kein Frauenzimmer darf mit einem Mannsbild im Konkubinat
leben. Auereheliche Verhltnisse werden scharf geahndet. Smtliche
Bierhuser und ffentliche Lokale werden nach Anbruch der Dunkelheit
geschlossen. Es sollen keine Musikbanden aufspielen, keine
Schmausereien stattfinden, keine solennen Kindtaufen und Hochzeiten,
keine Illuminationen, keine gemeinen Belustigungen, und private nur mit
ausdrcklicher Bewilligung der Polizei. Es soll niemand auf der Strae
Schabernack treiben; es sollen die Kinder zu einem ernsthaften Benehmen
verhalten werden; es sollen keine Fahnen ausgehngt werden. Sichtbarer
Miggang ist verboten. Es soll jeder Mensch zu jeder Frist eingedenk
sein, da Armut im Lande herrscht, wie ja glaubwrdig und allerwegen
versichert wird, da die Geschfte stocken, da die Handwerker keinen
Verdienst haben und in den Gemtern die Unzufriedenheit nistet. Daher
hat niemand die Befugnis, durch herausfordernden oder unterschiedenen
Wandel neue Unzufriedenheit zu sen.

Die Folge dieser wohldurchdachten Beschlsse war, da der Markgraf sich
mit seiner Person und seinem Hofhalt zur Beispielgebung verbunden hielt.

Es unterblieben die Jagdfeste, die Tanzunterhaltungen, die Gartenfeste,
die Karnevalsaufzge, die prunkvollen Diners und Abendessen. Die
Empfangsle wurden gesperrt, die venetianischen Kristallster in graue
Tcher gehllt, Sessel und Sofas mit ebensolchen Bahrtchern versehen.
Dem Theater war verstattet, einmal in der Woche ein Trauerspiel, einmal
eine #Opera seria# aufzufhren. Die Toiletten der Damen unterlagen
strenger Vorschrift. Den Herren wurde dunkle Kleidung befohlen.

In den Korridoren und Antichambres hrte man nur noch Wispern und
Raunen. Die Beamten und Lakaien gingen auf Zehen. Kein Mensch lchelte
mehr, und zu lachen htte als eine ganz unfaliche Vermessenheit
gegolten. Je sauertpfischer sich einer gab, je bessere Aussicht auf
Gnaden hatte er. Das Schlo machte bei Tag den Eindruck eines Klosters,
bei Nacht den eines Mausoleums. Sogar die Pferde lieen die Kpfe
hngen, und die Hunde schlichen mit eingezogenem Schwanz.

Und wer da hoffte, da es bald wieder anders werden wrde, da es nur
eine vorbergehende Grille des Markgrafen sei und er eines Tages zu
seinen frheren Gewohnheiten zurckkehren wrde, der tuschte sich. Hier
brachen alle Einflsse, auch die von sonst geschtzten Personen, auch
die der Liebe, und man stie auf unempfindliche Hartnckigkeit.

Und wer da glaubte, da die freud- und festlosen Jahre, die nun kamen,
eine Verminderung des Budgets bewirkten, der tuschte sich gleichfalls.
Das Geld flo in ebensoviele Taschen, nur auf heimlicheren und dunkleren
Wegen; es waren ebensoviele Muler zu stopfen, ebensoviele mtersitzer
zu befriedigen, und ebensoviele Kche verdarben den Brei. Dies erregte
sowohl Erstaunen als auch Unwillen beim Markgrafen, wenn er Nachfrage
hielt. Aber Nachfrage hielt er selten, denn er sprte, da das der
einzige Punkt war, wo seine Macht ein Ende hatte und die Kreaturen
strker waren als er. Er begngte sich mit den Verordnungen; er begngte
sich mit der Wahrnehmung, da das Volk drauen stille wurde, so still
wie ein Kalb mit gebundenen Fen; er las Akten, gab Unterschriften,
ging auf die Jagd, hatte die Stirne voller Falten, uerte seine Wnsche
nur durch Brummen, sein Mifallen durch Brummen, sein Einverstndnis
durch Brummen, seinen Hunger durch Brummen, seine Sattheit durch
Brummen.

Die Markgrfin spielte Grabge, Sommer und Winter; die Leibhusaren
bezogen die Schlowache, Sommer und Winter; die Jasager hatten schweren
Stand, denn es war nicht mehr viel da, wozu sie Ja sagen konnten; die
Lady Craven bi Lcher in ihre Spitzentaschentcher, rieb mit ihren
winzigen Fchen die Teppiche wund, hatte Hitze, hatte Frost, hatte Wut,
hatte bse Trume, hatte Fluchtgedanken und machte von Zeit zu Zeit mit
ersticktem Lachen oder Weinen ihr Kri-Kri, wie ein kleiner Vogel, der
krank und hungrig ist.


Die Brger und ihre Stadt

Du kommst in diese Stadt; du fhrst durch das mittlere Tor ein und
siehst, da es eine freundlich gebaute Stadt ist; jedenfalls will sie
dich nicht unfreundlich begren. Die Straen sind unregelmig
gewunden, von ungleicher Breite; die Huser, viele mit geschnitzten
Balkenkpfen und gotischen Jahreszahlen, bilden eine Reihe von Zwergen
und Riesen; auf den Pltzen stehen Bauernwagen, ohne Pferde und
Fuhrmann; die Steige sind von Kindern belagert; aus allen Fenstern sehen
dich Menschen an; vor den Haustren stehen schwatzende, rauchende,
gaffende Leute, du blickst tief in halbfinstere Stuben; die Seifensieder
haben ihre Talglichte, die Weigerber ihre Felle auf langen Stangen
straenwrts zum Trocknen aufgehngt; der Bttcher und der Grobschmied
arbeiten vor der Tre; das Vieh wird ein- und ausgetrieben; Schweine
grunzen, Hhner gackern, Tauben gurren, Katzen blinzeln verschlafen,
Suglinge schreien.

Es wei der Pfragner, wann der Bcker seine Stiefeln sohlen lt; es
wei die Frau Apothekerin, was die Frau Stadtphysikus zu Mittag kocht;
es wei die Jungfer Rettich, um wieviel Uhr der Magister Brunnenwasser
vorberpromenieren wird, um einen Blick der Jungfer Hesekiel zu
erhaschen; es wei der Kannenwirt, da es bei Oberbaurats knapp zugeht;
es wei der Altgesell beim Strumpfwirker am Rathaus, da sich die
Schreinerseheleute, die hinterm Zollamt wohnen, bestndig in den Haaren
liegen. Jeder wei von jedem alles. Sie knnen nichts voreinander
verbergen. Kein Wort, kein Gedanke, kein Atemzug bleibt geheim. Jeder
ist eines jeden Spion. Es ist ein nahes, dichtes, verwickeltes Gewebe
von Leben, eins gegen das andere gerissen, eins vom andern bestimmt und
gefrbt; Mauer-an-Mauer-, Schwelle-an-Schwelle-sein. Es ist eine kahle,
dumpfe, niedrige, deutsche Welt, in der der Einsamste noch den Nachbar
ber sich, neben sich, unter sich hat. Der Nachbar belauert das eheliche
und das jungfruliche Bett, er wacht ber die Ehre des Hauses, er dringt
in die Trume, auf ihm beruht der Kredit, das Geschft, die ffentliche
Meinung, die Sicherheit der Person und des Besitzes. Der Nachbar
erscheint zur Taufe, zur Hochzeit und zum Begrbnis; er schreit Alarm
bei Diebsgefahr und hetzt, wenn der gute Name zerzaust wird. Er zhlt,
wieviel Flaschen Wein im Keller sind, wieviel Scke Mehl auf dem
Speicher, wieviel Ellen Leinwand im Spind, wieviel Silberlffel in der
Truhe. Ohne den Nachbar kann keiner leben, keiner hassen, keiner krank
sein, keiner genesen. Der Nachbar ist der Freund, der Feind, der
Wohltter, der Verleumder, der Kunde, der Konkurrent, der Warner, der
Rater, die Zuflucht, die Drohung, der Dmon, der Teufel und der einzige
Trost.

Sie hatten niemals Grund gehabt, ihrem Dasein Loblieder zu singen in
Ansbach; seit Jahrhunderten nicht. Eisern lag die Faust der Frsten auf
ihnen, seit Menschen denken konnten. Ihr Tag war Mhsal, ihre Nacht
Alpdruck gewesen. Durch die langen Geschlechterketten prete der Herr
von Gottes Gnaden dem rmsten noch den letzten Heller aus der Tasche und
den letzten Tropfen Schwei aus dem Leibe. Und all der Schwei des
Landes verwandelte sich in den Marstllen in Gule, in den Hof- und
Kammerkanzleien in Pfrnden, Sinekuren und Sporteln, in den Schlssern
in vergoldete Sessel und auf den Hlsen der Gunstdamen in
Edelsteinketten.

Aber so schwer die Halfter auch zu tragen war, sie hatten doch Augen-
und Ohrenweide dafr gehabt. Sie hatten vor dem Schlotor stehen und zu
strahlend erleuchteten Fenstern hinaufblicken drfen. Sie hatten
sechsspnnige Karossen mit betreten Lakaien und bunten Wappen offenen
Maules bestaunen drfen. Es war, von der Hofkche her, Duft von
niegeschmeckten Speisen durch die Gassen gezogen, an dem sich mancher
Hungerleider wonnevoll erlabte, und er dachte sich: es ist trotzdem eine
schne Welt, in der so was zu riechen ist. Es hatte Schaugeprnge
gegeben, Auffahrten, Paraden, Kavalkaden, Feuerwerke, Tombolas,
feierliche Kirchgnge, und sie hatten Spalier bilden drfen. Es war
etwas zu gaffen, zu bereden, zu erwarten gewesen. Sie hatten das Gefhl
gehabt, da die Herrschaften wenigstens in Glck und Reichtum schwammen
dafr, da sie schwitzten und sich plagten.

Aber seit ihnen der Markgraf Alexander nicht nur die Wege zum Wohlstand
verrammelte, nicht nur, schlimmer als seine Vorfahren, sie mit Hilfe von
Steuern und Zllen um die Frchte ihres Fleies betrog und bestahl,
nicht nur ihre Shne, Brder und Gatten als Kanonenfutter auer Landes
verschacherte, sondern auch noch dazu das farbige Licht hatte auslschen
lassen, das ber ihrem Elend leuchtete, versank das Gemeinwesen nach und
nach in eine graue Flut von bitterer, stummer, nchterner
Hoffnungslosigkeit. War jenes Licht auch der Scheiterhaufen gewesen,
auf dem ihr Hab und Gut verbrannte, das Feuer hatte doch ergtzlichen
Schein geworfen, es hatte einen irgendwie warm gemacht, und wenn die
Kinder neugierig wurden und etwas von der Welt zu schauen begehrten,
konnte man sie hinfhren, auf den Arm heben und sagen: seht, wie fein es
brennt.

Demgegenber spielte, was ihnen selbst an Vergnglichkeiten entzogen
wurde, die geringere Rolle. Fr ihre Vergngungen htten sie ja zahlen
gemut, diese aber waren umsonst. Der Herr samt der Obrigkeit hatten gut
verbieten: wer sollte vom Distelstrauch Himbeeren naschen? Sie hatten
Lust und Lustbarkeit schon vorher verlernt, der Erlsse htte es kaum
bedurft. Nun, um so besser, wenn die Versuchung fehlt, sagten sie in
ihrer frnkischen Geduld und Selbsthrte, hockten hinterm Ofen und
schoben die Finger zwischen die Knie.

Nach vier Jahren glich die Stadt einem abgestandenen Haufen Betrbnis.
Wie das Sumpfwasser inmitten einer Landschaft sumpfige Dnste aushaucht,
so entstrmte der frstlichen Person im Schlosse, dem Mittelpunkt des
gemeinen und ffentlichen Wesens, bellaunigkeit. bellaunigkeit drang
in die Stuben, bellaunigkeit regierte das Verhltnis zwischen
Eheleuten, Geschwistern, Verwandten, Fremden; der Herr war mrrisch
gegen den Knecht, der Knecht gegen den Herrn, die Frau gegen alles
Gesinde, das Gesinde gegen die Frau, die Eltern gegen die Kinder, die
Kinder gegen die Eltern, der Amtmann gegen die Beklagten, der
Gefngniswrter gegen die Hftlinge, der Wirt gegen die Gste, der
Kaufmann gegen die Kufer, der Meister gegen den Lehrling, der Postillon
gegen die Passagiere, die Polizei gegen die Brger, die Brger gegen die
Bauern, smtliche Menschen gegeneinander, gegen den Himmel und gegen
das Schicksal. Sie klagten nicht, sie seufzten nicht, sie fluchten
nicht, sie maulten nicht, sie murrten. Sie konnten sich auf nichts
freuen, sie konnten ber nichts lachen, sie standen mrrisch auf und
legten sich mrrisch zu Bett. Mrrisch verrichteten sie ihre Geschfte,
mrrisch zndeten sie ihre Lichter an, mrrisch saen sie bei Tisch,
mrrisch betrachteten sie das Wetter, mrrisch zeugten sie ihre
Nachkommenschaft. Mrrisch und in der Stille gingen die Verbrecher ihre
heimlichen Pfade, mrrisch predigte der Pastor von der Kanzel, und
mrrisch wurde schlielich sogar das berhmte Schalksgesicht des Mondes
ber dieser Stadt von Mrrischen.

So lagen die Dinge, als Sturreganz kam.


Jahrmarkt

Eines Tages erschien auf der Stadtpolizei ein Mann, fremdlndisch von
Wesen und seltsam gekleidet. Er trug lange Schnabelschuhe,
schwarzseidene Strmpfe, schwarzsamtene Pluderhosen, schwarzes Jabot mit
schwarzen Knpfen, schwarze Halsbinde und eine schwarze Kopfbedeckung in
Form eines Zuckerhutes mit steifem flachen Rand. Dieser Mann, obwohl er
sich nur als wandernder Schauspieler legitimierte, flte durch eine
Sicherheit und Wrde der Haltung, wie sie nur weitgereiste Leute zu
haben pflegen, einen gewissen Respekt ein, und da er dringliche
Empfehlungen der Erzbischfe von Kln und Trier sowie des Herzogs von
Nassau vorwies, konnte sein Ansinnen nicht gut abschlgig beschieden
werden, zumal er sich bereit erklrte, jede geforderte Gebhr zu
entrichten und eine Kaution von fnfzig Talern zu erlegen. Er schien
sich auch sonst in nichts weniger als rmlichen Umstnden zu befinden,
da er im ersten Gasthof der Stadt Quartier genommen hatte und mit zwei
Dienern reiste, die zugleich sein Hilfspersonal waren.

Das Ersuchen ging dahin, da man ihm erlaube, whrend des Jahrmarkts in
einem fliegenden Theater, das er zu dem Behuf erbauen wollte,
Vorstellungen zu geben. Auf die Frage, von welcher Art die Vorstellungen
seien, entgegnete er: von komischer Art, doch sagte er dies wie einer,
den tiefer Kummer bedrckt, in solchem Grabeston und mit solcher
Leichenbittermiene, da der Polizeigewaltige, der noch nicht zu den ganz
Abgestorbenen gehrte, sich eines suerlichen Grinsens nicht erwehren
konnte und zu der berlegung gelangte, das Wagnis knne allzugro nicht
sein; leichtfertige oder im Sinn der Verordnungen sonstwie unstatthafte
Wirkungen seien von dem Melancholikus nicht zu gewrtigen. Auch hatte,
seit die strengen Vorschriften ergangen waren und jedem Bewerber
Schwierigkeiten gemacht wurden, der Zuzug von Gauklern, Zauberknstlern,
Quacksalbern, Schlangenttern und hnlichem Volk zum herbstlichen
Jahrmarkt fast vllig aufgehrt; deshalb glaubte man diesmal milder
verfahren zu drfen und gewhrte die erbetene Bewilligung.

Drei Tage spter schon erhob sich in der Budengasse hinter dem
Hofgarten, etwas zurckgerckt gegen die Stnde der Kser, Lebkchner,
Heringsbrater und brigen Hndler eine gefllig aussehende Bretterbude,
die etwa zweihundert Menschen fassen mochte, an deren Giebel auf roter
Leinwand mit riesigen schwarzen Lettern das Wort Sturreganz prangte.

Die Leute gingen vorbei, sahen hinauf, kehrten um, blieben stehen,
murmelten das Wort vor sich hin, wiegten die Kpfe und fragten einander:
was ist das, Sturreganz? ists ein Ding oder ists ein Mensch? Ihre
verdrossene und apathische Neugier erhielt einige Aufklrung durch den
Zettel, der alsbald an einem Pfosten aufgehngt wurde und auf dem einige
mitrauisch Herzudrngende folgendes lasen: Einem hochlblichen
hiesigen Publico sowie einem hohen Adel diene zur geneigten Kenntnis,
da der weitberhmte bis ber die Grenzen des bekannten Erdkreises
hinaus geschtzte Sturreganz, Liebling mchtiger Potentaten, Leib- und
Kammerartist Seiner Hoheit des Herzogs von Nassau und des Grafen von
Bentheim, Freund der Gtter und Schrecken der finstern Geister, sich
heute abend um sechs Uhr zum erstenmal die Ehre geben wird, in seiner
unerreichten Darstellung als Teufel Asmodei aufzutreten und sich dero
Gunst und Augenmerk zu rekommandieren. Zahlreiches und pnktliches
Erscheinen ist erwnscht. Erster Platz drei Groschen, zweiter Platz zwei
Groschen, dritter Platz ein Groschen.

Man rmpfte unglubig und abschtzig die Nase, hielt es fr Prahlerei
und Unfug und ging weiter. Gegen sechs Uhr abends, als noch die Lichter
in den Verkaufsbuden brannten, eine lange Zeile von Kerzen in farbigen
Papierhllen oder bunten Glasgehusen, trieben sich ein paar Menschen
vor dem Brettertheater herum, unentschlossen, argwhnisch, die Mnzen in
den Lederbrsen zhlend und abermals zhlend und zwischen den Fingern
reibend, vorsichtig um sich schauend, schamhaft den Schatten suchend,
und schlielich waren es im ganzen vielleicht dreiig oder
fnfunddreiig Personen, die sich der Kassa nherten, ihre Groschen
hinlegten und hinter dem scharlachroten Vorhang verschwanden. Das war
alles; dann blieb der Platz vor dem Theater verdet.

Es geschah jedoch, da etwa um halb sieben Uhr der Dichter Uz
vorberging, der beim Justizkollegium angestellt war und um diese Zeit
sich auf dem Nachhauseweg befand. Er war ein wrdiger Greis und als Poet
eine Zierde der Stadt, die sich freilich keinen Pfifferling um ihn
scherte. In angestrengtes Sinnen verloren, denn er dachte gerade ber
ein verwickelt gereimtes Madrigal nach, wollte er eben die Gasse vor der
Theaterbude berqueren, als seine Aufmerksamkeit durch eine Reihe von
wunderlichen Geruschen abgelenkt wurde. Zuerst klang es wie das
Gemecker vieler Ziegen; von dem unterschieden sich dann brllende und
quietschende Tne; dann kam eine Salve, als ob Kieselsteine auf ein
Schindeldach regneten. Staunenswrdig; es war Gelchter! Es war hohes,
sonores, dumpfes, breites, keuchendes, schmetterndes, von Sekunde zu
Sekunde anwachsendes herzhaftes Gelchter! Mitten in der Stadt Ansbach,
abends um drei viertel sieben: Gelchter. Gelchter vieler Menschen.
Unerhrt. Der Gedanke blieb im Hirn stecken. Das lyrische Gleichnis
zerfiel. Das Madrigal zerstob seifenblasenhaft.

Gelchter!

Man sah es geradezu vor Augen, wie sie sich bogen da drinnen; wie die
Hlse sich blhten gleich Blaseblgen; wie die Muler zu Schlnden
wurden mit bleckenden Zhnen. Es war etwas Auerordentliches, etwas
vllig Neues, seit Jahren Unbekanntes, und es mute ergrndet werden.
Der Dichter, zgernd noch immer, trat an den Kassaverschlag, in dem ein
betrbter Jngling kauerte, entrichtete, nicht leichten Herzens, den
Einlagroschen, und der rote Vorhang entzog seine hagere Figur dem Nebel
des Oktoberabends.

Als dieser Elegiker und sorgenbeschwerte Mann eine Stunde danach mit
den andern drei Dutzend Menschen das Theater verlie, war er vor Lachen
in Schwei gebadet gleich den andern. Es gluckste noch nachschtternd in
seiner Kehle. Er rang nach Atem. Die Seiten schmerzten, der Magen
kollerte, der Gaumen war wund.

Niemals hatte er dergleichen erlebt, es nie fr mglich gehalten. Die
Frage entstand: Wer war Sturreganz? Ohne Zweifel ein Phnomen; ein
Unikum; ein Weltwunder. Man mute Uz sein und sich so viel gegrmt haben
im Leben, so viel Bitterkeit gefressen, so viel Ungerechtigkeit und
Schlge des Geschicks erlitten haben, um das zu begreifen.

Wer war Sturreganz? Wo kam er her? Wer hatte je von ihm vernommen?

Vllig aus dem Gleichgewicht geraten, suchte Uz am selben Abend noch
Bekannte auf, Imhofs und den Sanittsrat Merklein. Er redete,
berichtete, war aufgeregt, befeuert, auer sich, verstieg sich zu einem
Enthusiasmus der Ausdrucksweise, der in befremdendem Gegensatz zu seiner
gewhnlichen kargen Gemessenheit stand. Er zitierte Worte; er ahmte, so
gut er es vermochte, Bewegungen nach, schilderte die Mimik, die Haltung,
die Gangart, die Stimme des berwltigenden Komdianten, nannte ihn
volksmig und erhaben, mysteris und fr ein Kind verstndlich, und
erzeugte schlielich in allen, die ihn anhrten, eine unbezwingliche
Neugier und Ungeduld, den Mann ebenfalls zu sehen.

Jeder einzelne unter den Theaterbesuchern dieses Abends verbreitete die
Kunde auf seine Weise. Jeder einzelne, bis zum Handlungsreisenden und
Diurnisten herab, gebrdete sich auf seine Weise toll. Die Folge war,
da sich am nchsten Abend lange vor Beginn der Vorstellung eine
betrchtliche Menge vor der unscheinbaren Bude angesammelt hatte und der
betrbte Jngling alle Hnde voll zu tun bekam. Nachdem die Leute
eingelassen waren und der rote Vorhang sich herabgesenkt hatte, blieben
noch etwelche auen stehen, die zwei oder drei Groschen doch nicht
dransetzen wollten oder hofften, sie knnten auch so, wenn sie nur die
Ohren recht spitzten, etwas zu hren kriegen. Ihnen gesellten sich dann
die Budenbesitzer zu, neidisch ber die guten Einnahmen des Fremdlings,
ferner eine Anzahl Gassenjungen, Herumstreicher, Mgde aus den
benachbarten Husern; die buntmaskierten Kerzen beleuchteten ihre
lauschenden Mienen, und alle die bsen und rmlichen oder mignstigen
oder vermagerten Gesichter, bla und unfroh eins neben dem andern,
verwandelten sich schon bei dem ersten Lachsturm, der aus der Bude
schallte, recht sonderbar; es war, wie wenn man Weizen unter eine
Hhnerschar wirft, wobei sie smtlich die Kpfe zusammenstecken und
picken. So pickten auch die das Lachen auf, wie gefrige Hhner. Sie
vernahmen nichts als das immerfort anschwellende Gelchter; erst wie
Gewehrgeknatter, dann wie Trommelgewirbel; dann eine Kanonade; dann
Stille; abermals eine Kanonade; jauchzendes Weibergequietsch;
Hndeklatschen; wtenderes Hndeklatschen; Johlen; ein unnennbares
Gebrll pltzlich; es schien, als mten sie sich den Bauch halten, als
frchteten sie zu platzen. Und die Zaungste spitzten die Lippen,
feixten, stellten sich, obschon es ja zwecklos war, auf die Zehen; ein
paar lachten sogar laut mit. Es strmten bestndig neue herzu, sie
schlichen nher, beugten sich vor, knipsten mit den Fingern und schlugen
einander auf die Schulter, wenn wieder das Donnergepolter der beglckten
Kehlen drinnen losging; endlich lste sich bald der, bald der aus den
Reihen, schob seine Mnze auf das Kassabrett und beeilte sich, hinter
den Vorhang zu kommen.

Am dritten Abend wurde bereits um die Pltze gerauft. Drei
Polizeimnner, berufen die Ordnung zu wahren, sahen ihre Machtlosigkeit
ein. Man schickte um die Schlowache. Die Leute stieen und drngten
sich dermaen, da der Beginn der Vorstellung um eine halbe Stunde
verschoben werden mute. Auch Notabilitten hatten sich schon
aufgemacht, um Sturreganz zu sehen. Fr sie waren besondere Pltze
reserviert, sowie eine besondere Eingangspforte. Sie erschienen und sie
muten zugeben, da die Fama weder gelogen noch bertrieben hatte. Es
gab keinen Einwand vor diesem Allesniederwerfenden, keine zimperlichen
Bedenken, sie wurden gepackt und in den kochenden Krater des Gelchters
gerissen. Sie sprachen von nichts anderm als von ihm, sie kicherten in
ihren vier Wnden noch, sie verkndeten das Ungewhnliche unter ihren
Freunden, aus den Gtern der Umgegend fuhren Familien in die Stadt, um
Sturreganz zu sehen und muten oft tagelang warten, bis sie Zutritt
fanden.

Denn der Andrang steigerte sich mit jeder Vorstellung. Es gab Leute, die
keine einzige versumen wollten und sich schon frh morgens vor dem
Theaterchen postierten. Sie lieen die Arbeit liegen, sie kmmerten sich
nicht um ihre Angelegenheiten, und sie htten die Hlfte ihrer
Ersparnisse geopfert, wenn sie nicht anders als um diesen Preis zu
Sturreganz htten gelangen knnen. Schneider, Barbiere, Goldschlger,
Maurer, Amtsschreiber, Kche, Kchenjungen, Viehhter, Hkerinnen,
Krmerinnen, Ladenmamsells waren darin eines Sinnes mit Lehrern,
Richtern, Doktoren, Gymnasiasten, Fruleins und Edeldamen. Es ereigneten
sich Szenen, wo einer Hauptmannsgattin beim Streit um den Einla der
Chignon vom Kopf gezerrt wurde oder einer ehrbaren Jungfer der Rock vom
Leibe. Die Obrigkeit streckte die Waffen, da durch ihr Einschreiten
immer die eine oder andere hochgestellte oder beamtete Person
kompromittiert wurde. Sie lie Sturreganz weiter spielen, auch als nach
einer Woche der Jahrmarkt zu Ende und die Frist abgelaufen war, und zwar
ebenfalls auf die Frsprache hochgestellter und beamteter Personen.

Was soll daraus werden? fragten vorsorgliche Lenker des Gemeinwesens. Es
bestand Gefahr, da die ganze Stadt auf diese Weise zum Narrenhaus
wurde.


Unterm Mond

In der Tat war schon nach Verlauf jener Woche eine bemerkenswerte
Wandlung geschehen.

Gesittete Brger standen bei hellichtem Tag mit verblasenem Schmunzeln
vor ihrer Haustr. Sehr wrdige Mnner, von denen Gravitt durchaus
unzertrennlich war, bohrten unversehens das Kinn in ihre Vatermrder und
gluckerten wahnsinnsartig vor sich hin. Eingefleischte Hagestolze
gebrdeten sich auffallend munter. Brbeiige Familienvter begannen
mitten in der Mahlzeit loszuprusten, wenn ihnen die Erinnerung ein
Sturreganzsches Wort, eine seiner unwiderstehlichen Maulverrenkungen
auffrischte. Zankschtige Weiber zeigten sich zahm beim bloen
Zurckdenken etwa an das zwerchfellerschtternde Gesprch, das er mit
einer als bse Sieben verkleideten, bld glotzenden Marionette gefhrt.
Philosophisch gestimmte Geister wankten in ernsthaften berzeugungen,
und unverbesserliche Schwarzseher sahen sich ohne Groll um die Geltung
bewhrter Maximen betrogen. Die Nrgler hrten auf zu nrgeln,
Neidhmmel hatten ein umgngliches Wesen, belredner hielten die Zunge
im Zaum, schlechter Geschftsgang war fr eine Weile vergessen, Streit
vergessen, Widrigkeit vergessen, und wen der alte Jammer wieder zu
zwicken drohte, der holte sich bei Sturreganz die heilende Mixtur.

Der Sonntagabend, an dem Sturreganz das alte Possenspiel Der
unsterbliche Esel auffhrte, er hatte sich hierzu mehrere Komdianten
von auswrts verschrieben, da den markgrflichen die Mitwirkung nicht
verstattet wurde, trieb die Woge zuhchst empor. Whrend der Szene, wo
er als gefoppter Hahnrei den Liebhabern seines Weibes die Leviten liest
und jedem einzelnen ein endloses Sndenregister vorhlt, fielen Menschen
im Zuschauerraum vor Lachen buchstblich von den Bnken herunter,
wlzten sich auf dem Boden und schlugen mit Armen und Beinen um sich.
Wohlerzogene Frauen stieen wahre Tierschreie aus, Matronen glucksten
und schluchzten, vertrocknete alte Mnner wieherten und wischten sich
die Trnen von den Backen, Fe trampelten, Hnde erhoben sich gegen die
Bhne, um den Mitleidlosen zu beschwren, da man nicht weiter knne,
da man nur noch jappte; es war ein Gebell, Gekreisch, Gewimmer,
Gesthn, Gebrll, Geseufz und Gekeuch wie in einer Folterkammer, und als
der Vorhang fiel und die Leute das Theater verlieen, sahen sie zunchst
entkrftet und schlottrig aus, obgleich ihnen im Innern wohl und
glckselig zumute war.

Hunderte hatten gewartet, die in die vollgepfropfte Bude nicht hatten
kommen knnen, und hatten, wie es nun schon blich geworden war, ihr
Labsal beim Anhren des Lachorkans gefunden. Sie zogen mit den andern
heimwrts und lieen sich erzhlen, schwelgten in deren Nachgenu,
schmiedeten Plne, wie morgen ein Platz zu gewinnen war.

Den Tag ber hatte die Sonne warm geschienen, und der Abend war sdlich
mild. An Schlaf war nicht zu denken. Sie blieben vor den Haustren
stehen, Schlssel wurden ins Schlo gesteckt und wieder herausgezogen,
niemand wollte das tagbeschlieende Wort sagen, niemand hatte Lust, in
die muffigen Stuben zu kriechen, sie gingen weiter, whlten die
Hauptgasse zur nchtlichen Promenade, und diese war alsbald so bevlkert
wie an Marktvormittagen.

Fenster oben und Fenster unten wurden geffnet. Die Frau Hofsekretrin
beugte sich so weit ber das Sims, da ihr prchtig entwickelter Busen
keine Heimlichkeit mehr blieb. Die Frau Landrtin hatte eben, Hemd ber
dem Kopf, die verborgenen Partien ihres Krpers nach Flhen abgesucht;
als sie das Gemurmel und Gekicher vernahm, kleidete sie sich wieder an.
Rufe schallten straauf, straunter, Fragen, Begrungen, zerstckelte
Berichte; ja, da httet ihr dabei sein sollen; freilich, das war mal
eine sonderliche Sache, so was hat keiner noch erlebt. Junge Burschen
erhoben sich auf die Zehen und lugten abenteuerschtig durch einen
Rolladenspalt. Der Herr Rentamtmann winkte aus einem Erker dem Herrn
Regimentszahlmeister; der Oberjger Fritsch warf aus dem dritten Stock
eine Nrnberger Zeitung auf die Gasse, worin lang und breit ber
Sturreganz geschrieben war, und da er im vorigen Jahr am Rhein das
ganze Volk in Taumel versetzt habe. Man ri einander das Blatt aus den
Hnden; schlielich erwischte es ein Student, stieg unter einer
llaterne auf einen Prellstein und las es mit schallender Stimme
salbungsvoll vor. Sturreganz; das bloe Wort behexte. Eine junge Magd
wollte durch ein erdgeschssiges Fenster ins Freie kommen; sie verlor
beim Herausklettern den Halt, fiel mit dem Kopf voran aufs Pflaster und
machte aus ihren gehteten Schtzen ein ffentliches Schauspiel. Im
lsternen Schatten standen Magister Brunnenwasser und Jungfer Hesekiel;
geschwind und lustig entflohen andere durch verschwiegene Tren. Der
Mond kam ber die Dcher und wunderte sich.

Dann geschah es, da die Metzgerin Frhwald und der Sattlermeister
Simson Arlacher aus ihrem Haus einen langen Tisch mitten auf die Gasse
trugen. Kinder und Gesinde brachten Sthle, Leuchter, Krge und Pokale;
die Krge fllten sie mit Bier, die Pokale mit Wein. Vorbergehende
wurden aufgefordert, Platz zu nehmen, und hierzu bedurfte es vieler
Bitten nicht. Das Beispiel fand frhliche Nachahmung. Eine Viertelstunde
spter stand die ganze Gassenzeile entlang Tisch an Tisch, Leuchter an
Leuchter, und in den Leuchtern wurden zur hheren Festlichkeit die
Kerzen angezndet, trotzdem der Mond recht hell schien. Aber das gab
gute Wirkung; die Strae mit den barocken Huserfassaden war wie ein
groer Saal. Und es stand Krug an Krug, Pokal an Pokal; und Mnner und
Frauen, Jnglinge und Mdchen, Meister und Gesellen, Kaufherren,
Handwerker, Beamte, einer sa neben dem andern in langer Doppelzeile.

Aufgeschlossen waren die Gesichter, in den Mienen mit einem Willen zum
andern, einem Hinstreben zum andern, mit Lippen, die lchelten, lachten,
Ungesagtes zu sagen begehrten. Vom Tisch bei der Schranne sprang ein
Lied auf; ein zweites folgte; der Zunftvorsteher Sittig hatte sein
schnstes Silber aus dem Haus gebracht und wies es mit Kennerstolz;
einer lie Taler klingend ber den Tisch rollen, als htte er keine
Ursache mehr, seinen Reichtum zu verbergen; einer erzhlte von
Wanderfahrten; einer umarmte sein Weib und schmatzte die Kreischende
ab; einer rief: von heut ab soll es anders werden mit unserm Leben!
Groe Krbe mit pfeln wurden herumgeboten; ein zwlfjhriger Junge
leerte vom zweiten Stock einen Sack Nsse auf die Gasse, da das
Geknatter eine Weile alles bertnte; eine Laute spielte da, eine Flte
oder Mundharmonika dort; Verabredungen wurden getroffen, Erinnerungen
ausgetauscht, gebrochene Freundschaften erneuert, alte Feindseligkeit
vergessen; das waren dieselben Brger nicht mehr, die mrrisch und
polizeifromm die Tore schlossen, eh der Wchter den ersten Rundgang
antrat; das war dieselbe Stadt nicht mehr, die zu schlafen pflegte in
der Nacht, bei Sternen- und bei Regenhimmel.

Waren sie sich selber schon Wunder genug, so sollten sie doch noch
unerwartet Wunderbares erleben. Wer seine Gleise verlt, dem lohnen es
die Augen. Unter der Zipfelmtze waren ihnen nicht einmal Trume solcher
Art gekommen.

Es trat aus dem engen Adlergchen pltzlich ein Mann, der ein sieben-
oder achtjhriges Kind auf den Armen trug. Dieser Mann war vllig
schwarz gekleidet; Strmpfe, Pantalons, Rock, Halsbinde, der
ungewhnliche kegelfrmige Hut, alles schwarz. Er schien nur Augen zu
haben fr das Kind, das er trug; er sah nichts von dem nchtlichen Fest
der Gasse, nicht die tafelnden Brger, nicht ihre Lichter, nicht ihre
Neugier; das Kind lag mit dem Kpfchen an seiner Schulter und
streichelte bisweilen mit furchtsamem Lcheln seine Wange, fast nur, als
wolle es sich berzeugen, da das wirklich ein lebendiger Mensch sei,
der es auf den Armen hielt, und so zrtlich hielt, so sorgsam, so sanft,
so stark; bisweilen aber beugte es sich vor und zur Seite und blickte
auf das Pflaster hinunter; und siehe, was war das? Ein Bild, seltsam
und unglaubhaft, gruselig und erstaunlich: Muse liefen da; ein ganzer
Zug von Musen; unzhlbar; Hunderte und aber Hunderte, liefen hinter dem
Schwarzgekleideten her, umraschelten seine Fe, und das Mdchen lachte
still zu ihnen hinab. Als die Frauen dies gewahrten, stieen sie
Schreckensschreie aus; die Mnner erhoben sich von den Sthlen und
Bnken und starrten dumm-entsetzt; Kinder beugten sich ber die Tische,
deuteten aufgeregt, ein paar Hunde schlugen an, und whrend dessen ging
der Mann vorbei, die Strae hinauf, verloren in den Anblick des Kindes,
und die Hunderte und aber Hunderte von Musen, dichtaneinandergedrngt,
lautlos, zauberisch, wie mit Fden an seine Fe gebunden, folgten ihm
und verschwanden mit ihm, als er an der oberen Ecke zum Schloplatz
einbog.

Auf die Vermutung, da der Mann Sturreganz sein knne, geriet keiner. Er
zeigte sich nie; tagsber hielt er sich in seinem Gasthofzimmer auf und
lie niemand vor sich. Auch Zudringliche von Stand, die sich ein Recht
auf persnliche Bekanntschaft anmaten, wurden abgewiesen. Man erzhlte
sich, da er eines Morgens den Sanittsrat Merklein aufgesucht und ihn
um rztlichen Rat gefragt habe, was gegen das qulende Gemtsleiden zu
tun sei, an dem er seit Jahr und Tag laboriere. Der Sanittsrat, der
einen fremden Kaufherrn oder Gelehrten vor sich zu haben glaubte, sagte,
er knne ihm ein vortreffliches Mittel empfehlen, er mge doch eine
Vorstellung von Sturreganz besuchen, davor halte die hartnckigste
Verdsterung nicht stand. Da habe der Patient schwermtig geantwortet:
so ist mir nicht zu helfen, denn Sturreganz bin ich selber.

Sie wuten nicht, wie er aussah, und seine Leibhaftigkeit auerhalb der
Bude, in der er ihnen seine Kunst zum besten gab, hatte bereits etwas
Sagenhaftes. In dieser Nacht erfuhren es noch viele, die ihre Wibegier
und die Erregung ber den Musegang nicht unterdrcken konnten. Whrend
die lteren, abgekhlt und ein wenig durchschauert von dem Gesehenen,
die Gegenstnde der improvisierten Lustbarkeit hinwegrumten und sich in
die Huser zurckzogen, ber die auf der einen Seite ein samtiger
Schattenmantel, auf der andern ein gelbflieendes Gewebe von Mondlicht
fiel, machte sich eine jugendliche Schar auf, um dem Manne nachzueilen.
Sie sahen, da er am Tor des Gasthofs zum Stern lutete, da aber der
Knecht, der ihm ffnete, zurckprallte und das Tor wieder zuschlug, als
er die Museflut gewahrte, da er zum zweiten Mal und ungestmer
lutete, da dann der Wirt kam, ihm den Einla gleichfalls verweigerte,
da die Stadtwache sich einmengte, und als sie an Ort und Stelle waren,
liefen schon von allen Seiten Leute herzu.


Fingerling

Da Beckchen Taube mit drei Jahren in das Pescanellische Institut kam,
ist schon bekannt. Madam Heberlein hatte sie eines Tages
kurzentschlossen hingefhrt, weil sich niemand ihrer annehmen wollte.
Bankert und Komdiantenkind: beides war zu viel.

Der Verwalter schttelte den Kopf. In so frhem Alter hatte man noch
keine im Haus gehabt. So zart und gebrechlich berdies, die verdarb
einem ja, wenn man sie anfate. Mochte sie immerhin versprechen, eine
niedliche Person zu werden, darber verhandeln lie sich erst in ein
paar Jahren. Dann msse das arme Balg auf der Gasse krepieren oder auf
den Schindanger geschafft werden, erklrte Madam Heberlein, da es ja ein
Waisenasyl oder sonstige Versorgung in der Stadt nicht gebe; sie selber
sei mit sechsen gesegnet und habe Not, die Muler zu fttern. Mge sie
tun, was ihr beliebe, war die Antwort; das Institut sei seit neuestem
ohnehin auf schmale Bezge gesetzt und knne bei fortdauernder Kalamitt
leicht aufgelst werden.

Selbst Eingeweihte munkelten mehr als sie wuten, da der Name
Tanzschule lngst nur noch das unverfngliche Aushngeschild war; die
eigentlichen Ziele wurden mit Umsicht und Vorsicht vor den Augen der
Welt verschleiert. Es hatte sich ergeben, da der Marchese sich das
Beispiel seines Herrn insofern zunutze gemacht hatte, als er den von ihm
erkannten Wert von Menschenware nach seiner Weise in klingende Mnze
umsetzte. Er hatte den Ehrgeiz nicht mehr, die heranwachsenden und zum
Liebesdienst tauglichen Rekrutinnen fr unbestimmte Zeit und ungewissen
Zweck aufzusparen, sondern verlegte sich darauf, sie bei gnstiger
Gelegenheit zu verschachern. Allerdings konnte der Handel nicht so in
groem Mastab betrieben werden wie der des Markgrafen, war auch nicht
gleicherweise geschtzt durch die Machtvollkommenheit des unumschrnkten
und unverletzlichen Gebieters; somit waren die einzuschlagenden Wege
dunkle Wege. Aber war am gehegten Spalier eine Frucht reif geworden und
gelang es, sie am richtigen Ort in die richtigen Hnde zu spielen, so
war der Profit betrchtlich und die verschwiegenen Helfer wurden gut
bezahlt. Was wollt ihr, Fleisch ist Fleisch; ob es Gott wohlgeflliger
war, wenn man es dazu zwang und dressierte, unter Karttschenhagel eine
Festung zu strmen oder den Gromogul und den Khan in der Walachei zu
vergngen, konnte errtert werden, Gewissensbisse verursachte es nicht.

Was die Frchte und das Reifwerden betraf, war die grtnerische Obsorge
gering. In der Hauptsache verlie man sich auf die gtige Mutter Natur,
die damals bei den Menschen einen gewaltigen Stein im Brett hatte. Die
sich verheiend entwickelten, wurden betreut und nach Krften geschont.
Doch man lebte nicht in Toskana, sondern unter einem rauhen Himmel ohne
aphrodisische Gaben. Solche, bei denen nur auf krglichen Ertrag zu
rechnen war, muten nhen, sticken, flicken, scheuern, Krbe flechten,
Glasperlen fdeln und Flachs verspinnen. Zweimal zwei Stunden
wchentlich kam Matre Herbois, der Tanzlehrer, und wendete redliche
Mhe auf, damit das Firmenschild nicht ganz zur Lge werde. Auch hier
waren die Talente sprlich; das markgrfliche Ballettkorps hatte bis
jetzt keine nennenswerte Bereicherung erfahren. Der Marchese sagte, die
Frauen in diesem Land kmen mit Mammutfen auf die Welt.

Es fgte sich, da Madame Heberlein, als sie das Haus verlassen wollte,
ein Gesprch mit der Pfrtnerin anknpfte und dieser ihr Leid klagte,
oder des Kindes Leid, das sie an der Hand nach sich zog. Zuweilen fllt
ein Strahl des Erbarmens in die verfinstertsten Seelen; die Pfrtnerin
musterte Beckchen mit gnstigen Augen; die rosigen Wangen und der offene
Blick des Kindes gefielen ihr; sie sagte, wenn ihr der Verwalter die
Kostzulage bewillige und ihr Mann nichts dawider habe, wolle sie das
Wurm bei sich behalten. Der Verwalter erklrte sich nach langem Bitten
bereit, der Mann maulte und gab sich schlielich zufrieden, und Beckchen
hatte eine Zuflucht. Die Pfrtnerin war ein verlottertes Frauenzimmer
und lebte mit dem Trunkenbold von Mann in kinderloser Ehe. Die
gutmtige, vielleicht auch nach einem so jungen Wesen sehnschtige
Regung, die sie bestimmt hatte, Beckchen aufzunehmen, verflchtigte sich
bald, und das Kind ward nichts weiter als ein Stck Hausrat, das man von
einem Winkel in den andern schiebt und vergit.

Es schlief in einem dunklen Verschlag zwischen Treppe und Keller. Es war
immer schmutzig, immer hungrig und immer allein. Manchmal putzte es sich
am Brunnentrog das Gesicht, manchmal schlich es in die Kche und las
einen Brocken auf oder kratzte eine Schssel aus, aber Gesellschaft war
nicht zu finden; das Haus unterlag strenger Absperrung; der
Altersunterschied auch gegen die jngsten Pensionrinnen war zu
erheblich, auch stand Beckchen in der Rangordnung der Geschpfe tiefer
noch als selbst die letzte.

Beckchen lernte schwer sprechen, dafr lernte es, sich in verlassene
Ecken zu schmiegen und sich vor den groben Gliedmaen und plumpen
Schritten der Erwachsenen eidechsenflink in Sicherheit zu bringen.
Eidechse, das war das Gleichnis fr ihr Sein, ihre Gestalt und ihr Tun.
Wie die Eidechse hatte sie ihre Schlupflcher und Verstecke. Der
gelenkigste Knabe htte dorthin nicht dringen knnen, wo sie mit ihrem
winzigen Krper mhelos sich barg. Zwischen Balken und Brettern, so
dicht sie standen, war immer noch Raum fr sie; in einem zerfallenen
Regenfa, in einer Mauerbresche, hinter einem Schrank, in der schmalsten
Dachluke und unterm Herd, wo Holz geschichtet war. Sie vermochte sich in
einer Weise unscheinbar zu machen, da die Leute, ohne sie zu gewahren,
vorbeigingen, wenn sie auf dem Treppenabsatz oder neben der Torschwelle
kauerte, und richtete einer das Wort an sie oder wollte sie anrhren, so
war sie entschlpft, eh er es recht wute.

Der Trunkenbold starb, die Pfrtnerin verzog ins Schwbische, eine neue
kam, und nun kmmerte sich berhaupt keine Seele mehr um Beckchen. Die
Kchenmagd stellte ihr eine Schssel mit Brotsuppe aufs Anricht, und
Stcke Brot trug sie in der Tasche herum und knabberte daran, wenn sie
der Hunger berkam. Fiel ihr das Kleidchen in Fetzen vom Leibe, so war
es wieder die taubstumme Magd, die einen andern Fetzen beschaffte,
zusammengestckelten Abfall und Wegwurf, der dann ein paar Monate die
Ble verhllte und vor der schlimmsten Klte schtzte. Die stumme Magd
war der einzige Mensch, mit dem Beckchen redete, und aus der Bemhung
heraus fand sie die Worte und gewann neue Worte, sonst hrte sie nur,
was aus Tren und Fenstern drang, was an Schall und Schrei durch die
Gasse lief, was hinter den Wnden murmelte, klagte und schalt.

Aber sie liebte es, zu sprechen. Da niemand mit ihr plauderte, plauderte
sie mit sich selbst. Auf der obersten Stiege, wo Spinnweben das Gelnder
berzogen, war sie schon weit von Menschen fort und hielt ihre
Selbstgesprche, in denen es sich um Gelste handelte, Gelste nach
gutem Essen und schnen Kleidern und nach einem Bett, wie sie es bei der
Verwalterin gesehen. Erwgung, wie es wre, wenn das und das geschhe,
das Haus umstrzte, die Sonne verlschte, Spinnen fliegen und Steine
gehen knnten, dumpfe Vorstellungen von Wandlung der Dinge, Zauberei in
den Dingen. Vater und Mutter hatte sie vergessen; von dieser war nur
Erinnerung an ein weies Gesicht im Sarg verblieben; von jenem etwas
unendlich Fernes und Gestaltloses in einer Region, wo es keine Namen
mehr gab.

Das mit den Musen begann, als sie fnf Jahre alt war. Da lag sie einmal
krank in ihrem Verschlag, der ein wenig Licht von der Seite erhielt und
am Abend sogar durch ein llmpchen neben der Stiege. Aber auch in der
Dunkelheit konnten ihre Augen alles sehen; die Nadel in der Dielenritze
htten sie entdeckt. Es geschah, da eine Maus an ihr Lager kam, hin und
her trippelte, stehenblieb, sie mit den schwarzen Perlchen von Augen
beguckte, den Schwanz ringelte, sich auf das Hinterteil setzte und im
ganzen sich merkwrdig vernnftig betrug. Nach einer Weile erschien eine
zweite, und wieder nach einer Weile eine dritte. Beckchen freute sich
der lebendigen Kreaturen, doch htete sie sich, die Freude durch heftige
Bewegung zu zeigen; beim vorsichtigsten Laut aus ihrem Munde flchteten
sie schon. Aber dann kehrten sie zurck; Beckchen streute ihnen
Brotkrumen hin; das flte Vertrauen ein; es kam eine vierte, eine
fnfte, und die erste wurde nun so khn, da sie den Teller erklomm, der
noch von Mittag dastand, und den Suppenrest aufleckte.

Von da ab stellte sich Beziehung her und wurde dauernd und fortwirkend,
als sei eine magische Kraft in dem Kind, als bekrftige sich dadurch
ihre Entfernung von den Menschen. Wenn sie sich niederlegte, schlpften
die Muse aus den Spalten, zuerst sechs, acht, zehn, dann ein Dutzend
und mehr. Sie wute einen dnnen, gedehnten, pfeifenden Ton, auf den sie
hrten, der sie sicher und zutraulich machte. Sobald sie das Kribbeln,
Trippeln und Rascheln vernahm, lchelte sie, und wenn die glitzernden
Augen ringsum auftauchten und wie zwergenhafte Irrlichter hin und her
huschten, legte sie sich platt auf den Bauch und sah stille zu. Kam der
Schlaf, so schlo sie ruhig die Augen, und wenn sie erwachte, brauchte
sie nur zu pfeifen, und schon zwngten sie sich aus den Lchern.

Allmhlich wurde es so, da an allen einsamen Orten, wo sie sich
niederlie, Muse um sie waren. Es ist nicht nur die Mglichkeit,
sondern auch die Tatsache solcher Verhltnisse verbrgt, so selten sie
auch in Erscheinung treten. Die Sage weist darauf hin, und unter den
vielfachen Krften, die in Menschenseelen versenkt sind, ist diese die
geheimnisvollste bei weitem nicht. Es gab im Odenwald eine Pchterin,
die die Vgel in der Luft zu sich rufen konnte, und alles Getier, das
sich im Forst verborgen hlt, auch das scheueste, Rehe, Fchse, Marder
und Wiesel, und es wird von einem Jngling im Elsa erzhlt, da er eine
unerklrliche Anziehung auf Fische bte, die ihm in unabsehbaren Scharen
folgten, wenn er ber den Rhein schwamm. Da ist ein Ruf im Blut und
schlummernde Erinnerung an das Eins-sein aller Urnatur, die gebietet: du
sollst nicht wissen, du sollst nicht vergleichen und du sollst dich
nicht sondern. Beckchen gewahrte mit Lust, da ihre Anhngerzahl sich
von Monat zu Monat vermehrte. Abgesandte aus dem Innern der Erde, Wesen,
mit denen sie Zwiesprache halten konnte und ber die sie Macht gewann.
Die Menschen, unter denen sie fast unbemerkt und ungesehen lebte,
erlangten keine Kenntnis von all dem, sonst wre ihres Bleibens im Hause
wohl nicht lnger gewesen; jeder nahende Schritt, jede Stimme, jedes
verdchtige Gerusch verscheuchte die Tiere, und wenn sich dann jemand
von den Riesen zeigte, sah er das Kind, die kleine schmutzstarrende
Kreatur mit den bestndig rosigen Wangen, in einer Ecke kauern, im Hof,
im Flur, in einem ausgerumten Saal und eigen vor sich hinlcheln,
benommen, heimlich, listig lcheln. Htte sie ihren Pfiff ertnen
lassen, so wren die Muse trotzdem gekommen, das wute sie, sie hatte
es einmal erprobt, als sie eines Nachmittags in der Dmmerung von
einigen Pensionrinnen im Tanzsaal berrascht worden war. Die groen
Mdchen umstanden verwundert das winzige schmutzige Geschpf mit dem
feinen zarten Gesicht, den leuchtenden schwarzen Augen und entzckend
feingebogenen Brauen. Da hatte Beckchen nicht zu widerstehen vermocht
und hatte den kaum hrbaren Pfiff ausgestoen, und die Muse waren
hervorgekrochen, zwanzig, dreiig auf einmal; aber kaum waren jene der
ersten ansichtig geworden, als sie laut kreischend davonliefen.

Der Zwischenfall war in Vergessenheit geraten, und es kam niemand
darauf, in Beckchen die Urheberin zu suchen, als die Muse nach und nach
erschreckend berhand nahmen und zur richtigen Plage wurden. Man streute
Gift, stellte Fallen, brachte Katzen ins Haus, rucherte und schwefelte
die Lcher aus, vermrtelte die Ritzen; alles umsonst. Keine Kammer war
mehr sicher, die Vorrte wurden angenagt, das Holz der Schrnke
durchgebissen, Betten, Kleider, Schuhe zeigten Spuren der Verheerung,
und der Zglinge bemchtigte sich solche Angst, da manche schlaflos
wurden, ein verstrtes Wesen hatten und mit Fluchtgedanken umgingen.
Auch den Aufsichtsbeamten, dem Verwalter, dem Matre Herbois und
gelegentlichen Besuchern war es bnglich, wenn sie in der Dunkelheit und
spter sogar bei hellichtem Tag auf die wimmelnden Nager geradezu mit
Fen traten, und die Panik erreichte den Hhepunkt, als eines Nachts
einer der hoffnungsvollsten Pfleglinge, eine fnfzehnjhrige Brnette
namens Margarete Kern in Krmpfe verfiel, weil ihr die Muse im Schlaf
ber Gesicht und Brust gelaufen waren. Die Krmpfe wiederholten sich
Nacht fr Nacht, wuchsen an Heftigkeit und fhrten schlielich den Tod
des Mdchens herbei.

Dies geschah in der Zeit, als Sturreganz schon in der Stadt war. Der
Marchese kehrte eben von einer Reise zurck; er war auer sich, als ihm
Bericht erstattet wurde und befahl strengste Untersuchung und ttige
Abhilfe. Es wurde vorgeschlagen, ein anderes Asyl fr das Institut
ausfindig zu machen, denn die Mdchen weigerten sich, im Dunkeln zu
bleiben, wollten nicht mehr zu Bett, wurden bleich, schreckhaft und
aufgeregt. Der Leichnam der jungen Margarete lag noch im Haus; das
Gercht von dem Vorfall hatte sich verbreitet und gab zu schlimmem
Gerede Anla. Pescanelli mute auf der Hut sein, er hatte nicht mehr
viel aufs Spiel zu setzen, die markgrfliche Gunst hatte whrend der
letzten Jahre, wo die Trbsal am Hof zu hheren Ehren kam als Munterkeit
und Witz, bedenklich abgenommen; die unbedeutendste Ursache konnte der
lukrativen Herrlichkeit ein Ende bereiten, darum galt es, das
unangenehme Geschehnis um jeden Preis zu vertuschen, und der Verwalter
erhielt den Befehl, da die Tote in der Nacht und unter Vermeidung
jeglichen Aufsehens begraben werde. Trotzdem drangen unbestimmte
Nachrichten ins Schlo; es schien, da dem Markgrafen auch sonst
allerlei Abtrgliches ber das Institut zu Ohren gekommen war;
Pescanelli, wie die meisten Abenteurer dieser Art, Feigling durch und
durch, und um das, was er erschlichen und erstohlen hatte, bestndig
zitternd, grbelte darber nach, wie er das drohende Unwetter von sich
abwenden konnte, und als er von Sturreganz und dem beispiellosen Tumult
hrte, den der zugereiste Komdiant unter der Brgerschaft verursachte,
war sein Plan so gut wie fertig.

Indessen erhielt der Verwalter des Instituts am Nachmittag vor dem
Begrbnis der Margarete Kern eine seltsame Botschaft oder Aufforderung.
Von einem Diener, der aus dem Stern-Gasthof kam, wurde ihm ein Schreiben
bergeben, in dem er trocken und kategorisch ersucht wurde, ein Kind
namens Beckchen Taube, acht Jahre alt, seit seinem dritten Lebensjahr
im Institut ohne eingeholte Zustimmung des Vaters untergebracht, zur
selben Stunde auszuliefern. Der Brief war unterschrieben: Sturreganz im
Auftrag und in Vertretung des Vaters. Beigelegt war eine mit Ludwig
Taube unterzeichnete Vollmacht des Vaters.

Der Verwalter sagte, es tte ihm leid, eine Beckchen Taube befinde sich
nicht in der Anstalt; man mge dies melden. Der Bote erklrte darauf, er
drfe unverrichteter Dinge nicht zurckkehren, sein Herr habe ihm
bedeutet, wenn er von der Komdie nach Hause komme, msse er das Kind
vorfinden, sonst geschehe Unheil. Nun geriet der Verwalter in Zorn,
wiederholte seine Erklrung und fgte hinzu, selbst wenn die Genannte im
Hause wre, sei er keineswegs befugt, sie freizulassen, und ohne hhere
Bewilligung enthalte er sich auch jeder weiteren Auskunft. Der
Wortwechsel fand im Flur statt, als der Sarg mit der toten Margarete
Kern ber die Stiege heruntergeschafft wurde. Weinende Mdchen folgten,
das Gesicht mit den Hnden bedeckend, und eine beugte sich laut
schluchzend ber das Gelnder. Da erschrak der Abgesandte von Sturreganz
und dachte in seinem Sinn, es msse einen schwerwiegenden und
furchtbaren Grund haben, da die amtliche Person sogar die Anwesenheit
des Kindes Beckchen Taube leugne, und es knne nicht anders sein, als
da der Sarg die Erklrung dafr biete. Die Verlegenheit und das
Erbleichen des Verwalters, dem dieser Zeuge des Sargtransports hchst
unerwnscht war, schienen den Argwohn zu besttigen, aber viel Mue zu
schauen und zu fragen hatte er nicht mehr, da ihn der rgerliche
Majordom ohne Umstnde vor die Tre schob und hinter ihm den Schlssel
zudrehte.

Der Verwalter hatte nicht gelogen. Er wute nichts von Beckchen Taube,
und niemand im Haus kannte den Namen. Beckchen fhrte den Namen lngst
nicht mehr, unter dem sie einst jene Pfrtnerin aufgenommen hatte; der
Name war vergessen worden, und von Beckchen zu allererst. Seit der
Trennung von den Eltern hatte sie ihn nicht mehr gehrt, und die Leute
im Haus, wenn sie von ihr redeten oder sie riefen, nannten sie
Fingerling. Irgend jemand hatte eines Tages den Namen fr sie erfunden,
vielleicht ihrer winzigen Gestalt wegen, und wenn man von ihr verlangte,
da sie Wasser tragen oder Scheite schichten oder Feuer znden oder
Asche auf den Kehrichthaufen werfen sollte, was hufig vorkam, hie es:
Fingerling, tu das, Fingerling, tu jenes.

So blieb ihr der Name Fingerling und lschte jeden andern Namen aus.


Die Beiden

Sturreganz hatte es nicht wagen wollen, das Kind frher anzufordern, als
bis der Ruf gewichtig wurde durch Leistung und Ansehen. Er hatte es
vermieden, sich an die Behrde zu wenden, weil er ihre Schliche, ihre
Faulheit und ihre Abhngigkeit kannte. Er war von Anfang an auf Kampf
gefat gewesen, denn er hatte von der Mihandlung und Verhhnung alles
Rechtes eingefleischte Erfahrung. Fest stand fr ihn, da er das Ziel zu
erreichen habe, das allein ihn in diese Stadt gefhrt, das allein ihm
vorgeschwebt in all den Jahren der Wanderschaft.

Dahinter lag viel an Schicksal. Flucht und Not und Verfolgung; Leibesnot
und Geistesnot; Verfinsterung aller Dinge; Verlust alles Glaubens an
Menschen und Menschheit, an Zukunft und gttliche Gerechtigkeit. An dem
Tage, wo es ihm gelungen war, vor der Einschiffung im hollndischen
Hafen einer Sklaverei zu entrinnen, die im bloen Gedanken schon seine
Brust zu einem Sammelpunkt von Ha, Gram, Abscheu, Trotz und
Verzweiflung machte, denn niemand hatte einen hheren, stolzeren,
leidenschaftlicheren Begriff von Freiheit als er, an dem Tag hatte er
nicht nur seinen Namen verwandelt, sondern auch sein Inneres. Das
Weiche, Empfindliche, Empfngliche, Schwrmende, Sinnende, auch im
Selbstspott noch Glnzende, das Zarte, Glubige, Schwankende,
Seelenhafte war abgetan, und der Mensch innen hatte einen eisernen
Panzer gegen den Menschen auen, so wie der Mensch auen wieder gegen
die Welt. Taube wute nichts von Sturreganz, Sturreganz wute nichts von
Taube oder nahm ihn nicht an; der eine lebte da, der andere lebte dort,
der eine zimmerte das neue Leben, der andere tilgte das alte in sich
aus.

Bis auf eine ferne Gestalt. Bis auf ein Kind, das groerstaunte Augen
hatte, fein- und langgeschwungene Brauen und die Figur einer
porzellanenen Puppe. Im Hinblick auf dieses allen beiden zugehrige
Wesen schlossen Taube und Sturreganz einen Bund und bauten einen
Mittlerweg, wo sie sich trafen und verstndigten. Sie nannten es in
ihren Beschlssen und dstern Trumen das Menschlein, oder die Gefangene
von Ansbach, oder das markgrfliche Unterpfand. Es durfte nie vergessen
werden, nicht einen Augenblick; mahnte Taube nicht, so mahnte
Sturreganz; es war wie ein kostbares Juwel, das zur Einlsung bereit
lag, und fr das man Kapital zusammenscharren mute, es war der Anreiz,
die Lockung zu Taten, der ununterbrochene Trieb zur Entfaltung. Es war
das, worin sich alle sonst verschwendete, verworfene, verirrte,
entschmckte, beleidigte Liebe vereinigt hatte. Insiegel des Wirkens und
des Geschehens. Taube gab die Richtung an; Sturreganz ging den Weg;
Taube stand am Kompa, Sturreganz fhrte das Steuer; Taube war der
heimliche, feurige, ungeduldige Regent, Sturreganz der stumme, harte,
arbeitsame Verrichter. Vierzehn Monate lag Sturreganz nach seiner Flucht
in der Htte eines Nordseefischers krank; lnger als zwei Jahre rang er
in den Lndern der rheinischen Frsten um Brot, um Dienst, um Stellung
und Ruf; da bewhrte sich Taubes glhender Geist dem Verdunkelten und
Erbitterten gegenber, seine Gabe der Erfindung und berredung, sein
schlauer, tiefer Wille. Und in der Frage, die einzig von Wichtigkeit
war, fate Sturreganz unbedingtes Vertrauen zu ihm. In allem andern
erwies er sich unzugnglich und von drrem Eigensinn, fand sogar die
Doppelheit der Existenz nicht selten lstig.

Es gibt ein Etwas im Gefhl eines Vaters, das ins Ewige deutet und bei
dem es um Schpfung und den Schicksalsweg der Geschlechter geht. Es
beschliet die Verantwortung in sich und die Rechtfertigung; Besttigung
vor dem nie schweigenden Frager nach dem Warum allen Tuns;
Verschwisterungsangst, Wurzelangst, Gipfelangst, Hinlangen nach dem in
jedem armen Ich vergrabenen Stck Unsterblichkeit.

Und es gibt ein Gebot des Bluts im Vater, namentlich der Tochter
gegenber, das ist erdhafter. Da sucht er die Gestalt seiner Frhlings-
und Sptlingstrume wieder, die nie gefundene; da will er herrschen
durch die Liebe und lieben durch die Macht. Da ist Besitz,
unumschrnkter und durch die Natur verbriefter, da besitzt er einen
Menschen und in ihm sich selbst, den, der wird, an ihm, der vergeht, und
der in einem geheiligten Kreis seine Sinne aufhren macht, zu drsten.

Das weist die Richtung, in der jeder von den beiden ging, Sturreganz
und Taube.


Hflichkeit wird Grausen

Der Diener beschlo, das Ende der Vorstellung abzuwarten, um Sturreganz
den Bescheid des Institutsverwalters zu berbringen, da er mit gutem
Grund die Wirkung seiner Botschaft wie der zu berichtenden Wahrnehmung
frchtete. Er ging in die Theaterbude, und als das Stck beendigt war,
trat er vor seinen Herrn, entschuldigte sein langes Ausbleiben mit
geschickt ersonnenen Vorwnden und erzhlte dann, was er gehrt und
erfahren. Sturreganz sah ihn unverwandt an. Seine Augen waren sonderbar;
sie glichen zwei leeren Lchern im Kopf und hatten weder Glanz noch
Ausdruck. Er mge ihn begleiten, sagte er zu dem Mann, verlie mit ihm
das Theater durch das Bhnenpfrtchen und schlug den Weg nach dem
Institut ein, der ihm wohlbekannt war.

Angelangt, stiegen sie ein paar zertretene Steintreppen empor, und
Sturreganz rttelte an einem verrosteten Glockenzug. Es schallte aber
keine Glocke. Er pochte ans Tor. Es ffnete niemand, es rhrte sich
niemand. Da vernahmen sie Lrm und dumpfe Stimmen von einer andern Seite
des Hauses. Sie lauschten, schlichen an der Mauer entlang, zwngten sich
durch die morsch auseinanderfallenden Bretter eines Zauns, kamen um eine
Ecke und sahen vier Mnner vor sich, von denen zwei Windlichter trugen
und zwei andere mit Aufbietung aller Vorsicht den Sarg, der dem Diener
solche Besorgnis eingeflt, aus einer schmalen Tr schoben. Dies
gewahren und hinzuspringen, war fr Sturreganz eins. Die jhe
Verwandlung, die mit ihm vorging und aus dem altmodisch gekleideten,
gravittisch schreitenden Mann einen Tiger machte, erstaunte seinen
Begleiter dermaen, da er den Kopf verlor und sinnlos um Hilfe zu rufen
begann.

Den Sarg ffnen! befahl Sturreganz, aber da die Mnner regungslos
verharrten, beugte er sich selbst nieder, zerrte mit kraftvoller Faust
den Deckel herunter, der nicht vernietet und nicht angenagelt war, ri
einem der Lampentrger das Windlicht aus der Hand, hielt es gegen die
Leiche im Sarg und trat, wie aus der Raserei erwachend, schweratmend
zurck. Das tote Mdchen, mit einem Kranz von Grashalmen im Haar, sah
sehr schn aus. Einige Menschen hatten sich unterdes zur Tr gedrngt,
das Verwalterehepaar, die Pfrtnerin, die taubstumme Magd, der im Haus
anwesende Sekretr des Marchese, zwei oder drei Zglinge, und unter
ihnen auch der kleine, schmierige, verschlafen aussehende Fingerling,
Beckchen Taube.

Sturreganz hatte den Blick gesenkt, nun hob er ihn wieder, sah die Leute
der Reihe nach an, sah das Mdchen an, das sich an den Pfosten
geschmiegt hatte, leuchtete ihm mit der Lampe ins Gesicht, streckte die
Linke mit gespreizten Fingern gegen sie und sagte leise, unsicher,
geqult, zrtlich nur das Wort: Beckchen.

Mochte sein, da ein Strahl der Erinnerung Sinn und Herz des Kindes
traf; mochte sein, da der Ton, die Stimme, die Gebrde ihr eine
unberhrbare Mitteilung zutrug; sie regte sich, ihr Auge regte sich und
antwortete; ihre Lippen regten sich und lchelten; sie schmiegte sich
noch dichter an den Pfosten und wandte doch das Haupt; ihre winzigen,
weien Zhne, ihre winzigen, braunen Hnde, ihre winzigen kotumkrusteten
Fe wirkten jedes fr sich und wie losgelst im flackrigen Licht;
Sturreganz reichte irgendeinem die Lampe, hob das Kind auf den Arm,
flsterte ihm Verworrenes zu, und Beckchen schaute ernsthaft denkend vor
sich hin. Dem Begriff blieb nichts zu fassen, nur der Ahnung;
verschollener Laut, Wirrwarr von Lngstentschwundenem; zum erstenmal
fhlte sie sich an einen Menschenkrper gedrckt, zum erstenmal
aufgehoben und genommen. Vater klang es; rtselhaftes Wort. Sie blickte
zu der taubstummen Magd hinber und fing auf einmal herzlich zu lachen
an, und dann, in der berquellenden Freude, stie sie den dnnen,
rufenden Pfiff aus, und keine halbe Minute verflo, da kamen sie schon
aus ihren Ritzen und Lchern, aus den Gngen und Hhlen, die Muse, die
jahrelangen winzigen Freunde, die Gespielen, die Vertrauten. Mit
lockerem Schwenken des Arms winkte sie hinab wie zum Gru oder zum Dank;
die Tiere schienen zu spren, da es Trennung und Abschied galt, es
entstand Aufruhr unter ihnen, und als sich Sturreganz mit dem Kind auf
dem Arm zum Gehen wandte, liefen sie wie unter der Gewalt einer
Zauberbeschwrung in grauen Scharen hinter ihm her.

Der Menschen, die es sahen, der Sargtrger, des Gesindes, der
Anstaltsbeamten, der Zglinge bemchtigte sich aberglubisches
Entsetzen, um so mehr als sie nun erkannten, wer an der Museplage
schuld war. Nach und nach wich die Erstarrung von ihnen; es war
strafwrdiger Frevel geschehen; der Raub des Kindes war Frevel, das
ffnen des Sarges war noch schwererer Frevel; die Pfrtnerin schrie nach
der Polizei, der Verwalter schickte einen Mann auf die Wache, und da er
durch den Brief, den er am Nachmittag erhalten, den Namen des
Eindringlings erriet, setzte er dem Sekretr des Marchese den
Sachverhalt aufgeregt auseinander. Sturreganz' Diener, der halb von
Furcht bezwungen, halb in Sorge wegen der Folgen des Unternehmens
seines Herrn zurckgeblieben war, suchte die Gemter zu beschwichtigen,
doch versicherte man sich seiner Person, und als der Wachkommandant mit
drei Gendarmen erschien, wurde er sogleich in scharfes Verhr gezogen.
Da der beltter zu verhaften sei, war nicht zweifelhaft, und nachdem
sie sich ber die Natur des Verbrechens hinlnglich informiert hatte,
begab sich die Polizeimacht, den Helfershelfer des Rubers und
Sargfrevlers in ihre Mitte nehmend, zum Stern-Gasthof.

Dort hatte das Erscheinen Sturreganz' mit dem Musezug hinter sich
ebensolches Entsetzen hervorgerufen wie vor dem Institut und in der
Gasse der pokulierenden Brger, aber als dann von allen Seiten Menschen
herbeistrmten und lrmender Stimmentumult entstand, hatten sich die
Tiere ngstlich verlaufen. Es dauerte nicht lange, bis die Polizisten
auf den Plan traten, und unter neugierigem Andrngen, Rufen und Fragen
der Leute brachten sie Sturreganz in das Stadtgefngnis, das nicht weit
entfernt war. Er lie alles willig mit sich geschehen, nur als man ihm
das Kind wegnehmen wollte, verweigerte er die Herausgabe und zwar in
einer so entschlossenen, furchteinflenden, ja groartigen Manier, da
dem Kommandanten Bedenken gegen anzuwendende Brachialgewalt aufstiegen
und er sich darein fgte, ihm das Mdchen vorlufig zu lassen. Kaum
hatte Sturreganz den Gefngnisraum betreten, als Beckchen in seinen
Armen entschlief; er wollte sie nicht auf die Pritsche legen, sondern
behielt sie die ganze Nacht ber im Arm, sich kaum getrauend eine
Bewegung zu machen, und als das erste Frhlicht durch das vergitterte
Fenster schien, erquickte er sich an dem sorglos sen Lcheln auf ihrem
Mund.

Die Kunde, Sturreganz befinde sich in Polizeigewahrsam, durchlief wie
Brandgercht die Stadt, und einer der ersten, der davon erfuhr, auf
dienstlichem Wege und gengend verllich durch die unmittelbare
Zeugenschaft seines Sekretrs bei den nchtlichen Ereignissen, war
Marchese Pescanelli. Er war hchst unangenehm berhrt. Die ffentliche
Aufmerksamkeit auf sein Institut gerichtet zu wissen, verursachte ihm
die peinlichsten Empfindungen; sodann war es gerade dieser Komdiant,
den er zur Befestigung seiner gefhrdeten Stellung hatte benutzen
wollen. Wenn es gelang, einen solchen genialen Spamacher, als welcher
ihm Sturreganz von Kennern geschildert worden, in die Umgebung des
Markgrafen zu bringen, ihm vielleicht eine Art Hofnarrenposten zu
verschaffen, war man vielleicht gerettet, denn es stand zu vermuten, da
sich die morose Strenge der Lebensauffassung, die sich der Allvermgende
zu eigen gemacht, und die tierische Verstocktheit der Gemter um ihn
wirksam beeinflussen und verndern liee. Wo in aller Welt konnte ein
besserer Mittler gefunden werden? Um diesem Ziel nher zu kommen, war es
notwendig, da sich Sturreganz in einer Paraderolle bei Hof zeige, und
hierzu wieder mute man der Polizei ihre Beute aus dem Rachen reien und
die Torheit maskieren, deren sich der Inhaftierte schuldig gemacht; kein
schwieriges Unterfangen in einem Staat, deren Brger daran gewhnt
waren, da berechtigtes Interesse der Justiz ihren Spruch ablistete oder
schnd durchkreuzte.

Um aber den Hauptteil seines Plans ins Werk zu setzen, bedurfte der
Marchese Lady Cravens Hilfe. Er sumte nicht und lie sich bei ihr
melden. Sie empfing ihn gndig. Mit uerster Geschmeidigkeit brachte er
sein Anliegen vor. Ihn treibe die Sorge um das geistige und leibliche
Wohl des geliebten Herrn; beklagenswert dnke ihn die Abkehr von den
Elementen der Lebensfreude und theatralischen Zerstreuung, die einem
Frsten so heilsam sei wie die unerschtterliche Pflichttreue fr den
Untertan respektabel, ja zur Adoration zwingend. Demnach und in
Anbetracht der schicklichen Gelegenheit gebe er zu erwgen, und so
weiter; das Projekt wurde erffnet.

Seine Tiraden langweilten die Lady bis zum Ghnen. Was er von Sturreganz
sagte, erregte ihre Teilnahme. Sie hatte von ihm gehrt. Sie wnschte
ihn zu sehen. Freilich, was fr ein abscheulicher Name; was fr ein
hliches deutsches Gepolter von einem Namen. Der Marchese bemerkte
bescheiden, man habe ihn belehrt, der Name sei die Verballhornung eines
italienischen; in Wahrheit hiee der Mann Storregammato; auch sei er im
Umgang des Franzsischen vollkommen mchtig, habe er sich sagen lassen,
da er stets bei groen Herren gedient. Lady Craven berlegte und
versprach ihre Untersttzung, doch msse man vorsichtig verfahren,
meinte sie, der Markgraf liebe es nicht, berrumpelt und vor #faits
accomplis# gestellt zu werden; und nur wenn man des guten Ausgangs
sicher sein drfe, biete sie die Hand zu der verwegenen Intrige. Man
mge ihr diesen Storregammato bringen.

Erste Folge dieses Gesprchs: Sturreganz' Entlassung aus dem
Polizeigewahrsam.

Zweite Folge: Besuch Pescanellis bei Sturreganz im Gasthof zum Stern.
Der Marchese, Hofkavalier vom Scheitel bis zur Sohle, war gekommen, um
Gunst zu spenden. Er lie sich lssig auf einen Stuhl fallen, warf Bein
ber Bein, zog die Handschuhe von den beringten, schneeweien Fingern,
schlenkerte sie spielend in der einen Hand, dann in der andern, redete
in einem hohen, singenden, larmoyanten, etwas ermdeten, etwas
verchtlichen Ton, hstelte, zog die Lorgnette, setzte sie flchtig an
die Augen und wurde allgemach ber irgendein unbestimmtes Etwas an
seinem Zuhrer und Gegenber unruhig.

Was war das fr ein Mann mit zwei lichtlosen braunen Steinen im Kopf
statt der Augen, einer schiefen Nase und einem Gesicht, das ebensogut
das eines Siebzigjhrigen wie eines Vierzigjhrigen sein konnte? Und das
schwarze Habit, die feierliche Miene? Doch das alles war es nicht, was
den Marchese stutzig machte, sondern die Hflichkeit des Menschen war
es, undurchdringliche, glatte, gleichmige, penetrante und abgefeimte
Hflichkeit, wie ihm nie eine hnliche untergekommen, bei Untergebenen
nicht, bei Gleichgestellten nicht. Hflich lauschte er, hflich erklrte
er sich mit den Vorschlgen einverstanden, hflich entwickelte er sein
Programm, hflich nannte er sein Honorar; nichts zu tadeln, nichts zu
bemkeln. Dennoch war sie wie bestndiger heimlicher Hohn, diese
Hflichkeit; es war etwas verborgen hinter ihr, wie wenn ein tckischer
Kobold hinter einem schwarzen Vorhang kichert und grinst; sie
durchstrich sich selbst, karikierte sich selbst und war dabei an keiner
Stelle und in keinem Wort nur im geringsten angreifbar. Der Marchese
empfahl sich ziemlich hastig, nachdem die Prsentation bei Lady Craven
fr den andern Mittag vereinbart war.

Dritte Folge: Sturreganz, bei Lady Craven durch Pescanelli zur Audienz
eingefhrt. Es dauerte diese Audienz ber Erwarten lange, denn sie nahm
in ihrem Verlauf eine eigentmliche Form an. Form eines Verhrs, einer
Umzingelung durch hinterhltige Fragen, einer niedertrchtigen Hetzjagd,
wobei der Veranstalter, der Umzingler, der Fragensteller Sturreganz war,
der Marchese das mit kaltem Schwei bedeckte Opfer und Lady Craven die
mehr und mehr erstaunte, mehr und mehr erblassende Zeugin. Nachdem die
zur hfischen Veranstaltung unerllichen Vorbesprechungen erledigt
waren, - Lady Craven hatte vom Markgrafen gestern noch auf delikate Art
die Erlaubnis zu einer abendlichen Auffhrung im groen Tanzsaal erwirkt
und ihn auf eine sublime berraschung vorbereitet, - erschpfte sich
Sturreganz in einer hflichen Danksagung gegen die Lady und fgte hinzu,
einen nicht unerheblichen Teil der Erkenntlichkeit fr die erwiesene
Gnade sei er auch dem Herrn Marchese schuldig. Er wandte sich an ihn. Er
erkundigte sich, wie der Herr Marchese die Nacht verbracht habe und ob
es verstattet sei, ihm ein tiefempfundenes Beileid mit dem Trauerfall
auszudrcken, der sich unter seinen Schtzlingen ereignet habe.
Pescanelli bi sich auf die Lippen und wnschte das demtig vorgetragene
Mitgefhl zu allen Teufeln. Lady Craven sah ihn neugierig an, aber
Sturreganz hatte schon wieder das Wort ergriffen und beglckwnschte
noch im selben Atem fast den Marchese zu der unendlich segensreichen
Wirksamkeit im Dienste Terpsichores. In seiner Schwrze und mit der
ganzen gefrorenen, unanzweifelbaren, gespensterhaften Hflichkeit, die
dem Marchese von Sekunde zu Sekunde mehr zur Grimasse wurde, aus der er
den Kern, den Sinn, die Absicht nicht herausfand, trat er nher vor
Pescanelli hin und fragte mit dringlicher Wibegier, ob sich die
exemplarischen Einrichtungen der Anstalt bewhrt htten, deren Ruhm ber
Europa verbreitet sei; kehrte sich gegen Lady Craven und bat sie mit
einer tiefen Verbeugung um Nachsicht fr sein spezielles Interesse, aber
er handle im Auftrag eines Hheren, der das Unternehmen schon lange mit
verwundertem Auge betrachtete. Der Marchese gewann die Haltung wieder
und glaubte an die Einfalt und die hflichen Argumente des Menschen;
geschmeichelt leckte er seine Lippen, zur Antwort bereit, doch
Sturreganz, in verehrungsvollem Eifer, lie ihn nicht dazu gelangen, und
nun kam Schauerliches. Ihm leuchte vor allem als nicht genug zu
preisendes Edukationsmittel die klsterliche Zucht ein, sagte
Sturreganz, und seine Hflichkeit verstieg sich zu einem entzckten
Augenaufschlag; die Kunst fordere Enthaltung, und er billige es
durchaus, da die jungen Pfleglinge der Anstalt hungern mten, da sie
in schmierigen und geflickten Fetzen gekleidet gingen, da sie
ununterbrochene Arbeitsfron zu leisten htten, da die fen in ihren
Stuben zerfallen, die Kamine verstopft, die Fenster in Scherben
zersplittert seien; da sie im Winter frren, im Sommer in Gestank und
Unrat versnken, und da sie in jeder Weise wie zur hrtesten Bue
verdammte Strafgefangene gehalten seien; ja, es leuchte ihm ber alle
Maen ein, er habe auch gegen jedermann, der anderer Meinung gewesen,
aufs Nachdrcklichste eine solche Disziplin verfochten; gewi entspringe
sie der hohen Erkenntnis des Herrn Marchese; oder nicht? O gewi; dem
auerordentlichen Einblick gewi in das Wesen der Kunst, die das Ideal
in unerreichbare Fernen rcke, der bewundernswerten und von allen
Koryphen und Fachautoritten gutgeheienen Absicht, die gemeine,
boshafte, schmerzliche Wirklichkeit auf jede mgliche Weise noch
gemeiner, boshafter, schmerzlicher zu gestalten, sogar sie bis auf einen
schlechthin unertrglichen Grad herabzudrcken, um in den verzweifelten
und gequlten Herzen die Flamme der Sehnsucht um so reiner zu entznden,
den begnadeten Traum, die Ekstasen des Verlangens, die Gewalt der
Leidenschaft, mithin den klaffenden Widerspruch zwischen unterer und
oberer Region gleichsam auf dem Weg einer geistreichen Allopathie
fruchtbar zu machen. Das nenne er eine menschliche Aufgabe an der
tiefsten Wurzel fassen, und ein solches Beginnen in den Augen der
blden Welt als vorbildlich hinzustellen, sei ihm Pflicht und Bedrfnis.
Nein, der Herr Marchese mge ihm nicht widersprechen, Bescheidenheit sei
hier nicht am Platze; wenn er eine Bitte wagen drfe, sei es die, ihm
gndigst nhere Daten zu geben: erstlich, wie man mit dem pdagogischen
Ergebnis im allgemeinen zufrieden sei, und dann, er holte Atem und seine
Stimme fltete frmlich vor Ehrerbietung, indes dem Marchese zumut war,
als wrde er langsam gerstet, dann habe ihm sein hoher Gnner sich zu
unterrichten befohlen, wie der Verkauf der mannbar gewordenen und
leiblich wohlgediehenen Zglinge auf den Geist des Instituts wirke? Dies
erscheine ihm nmlich als der am grandiosesten erdachte Erziehungs- und
Lebenseingriff; seine Durchfhrung lasse auf antike Charakterkraft
schlieen und befinde sich in angenehmem Gegensatz zu der heutzutage
blichen Empfindsamkeit. Empfindsamkeit sei ein vulgres Element und ein
fortschrittfeindliches; hier aber sehe er zu seiner Freude die richtige
Anschauung bis zur letzten Konsequenz durchgefhrt, da Tanz und Eros
verschwisterte Genien seien; man knne den nchternen und plumpen
Deutschen gar kein gromtigeres Geschenk machen, als es der Herr
Marchese damit getan habe.

Eine devote Reverenz beendigte die Rede.

Pescanelli wute nicht, wohin den Blick wenden. Seine groen fleischigen
Ohren waren rot wie Mohnblten, seine Lippen kreidewei. Lady Craven sah
ihn an, sah ihn unablssig an, entgeistert, frstelnd, stumm. Sturreganz
aber sah die groen, fleischigen Ohren des Marchese an, hflich,
dienstwillig, stumm. Lady Craven mute das Kopfnicken wiederholen, durch
das er sich als entlassen zu betrachten hatte. Abermalige tiefe Reverenz
vor der Dame, Verbeugung vor dem Marchese, und mit steinern hflichem
Gesicht verlie er rckwrts schreitend den Raum.

Ein Schwtzer und Schalksnarr, knirschte der zermalmte Jasager; man
mte ihn in den Kerker werfen oder Landes verweisen. Er lachte
gezwungen.

Der Mann wird am Sonntag Abend vor uns agieren, Marchese, sagte Lady
Craven mit kalter Hoheit, wandte sich und ging. In ihrem Boudoir dann
strzte sie vor einem Sessel in die Knie, brach in einen kindlichen
Trnenstrom aus und schluchzte in ein seidenes Kissen hinein: So soll
ich also verkommen in einem Land, wo die Scapins und Harlekine noch
unheimlicher sind als die Schurken, die sie entlarven.


Zwist

Der Tag des Spektakels lie sich insofern unerfreulich an, als er unter
dem Zeichen markgrflicher Vapeurs stand. Die Vapeurs des Frsten waren
gefrchtet, da sie seine Milaune zu Wutausbrchen steigerten.
Sturreganz hatte also von vornherein ein schwer verrckbares Hindernis
zu besiegen. Gegen fnf Uhr noch schickte der Markgraf Botschaft, er
knne an der Veranstaltung nicht teilnehmen, wodurch alles in Frage
gestellt war und sich unter den Hofleuten Bestrzung und Ratlosigkeit
verbreitete.

Lady Craven, entschlossen ihn umzustimmen, hatte eine heftige
Auseinandersetzung mit ihm. Sie merkte gleich, da Pescanelli im Trben
gefischt und die Vorstellung zu hintertreiben versucht hatte, denn der
Markgraf sagte, es gehe gegen Wrde und Anstand, da er sich einen
Spamacher anhren solle, habe er sich doch derartige leichtfertige
Eskapaden hoch und teuer verschworen. Die Lady rgerte sich, da ihr
die berraschung durch den Schleicher Pescanelli verdorben war, und sie
rgerte sich ber die Sprache ihres Geliebten. Den Marchese zu
vernichten, sparte sie sich auf; seine Stunde sollte bald schlagen; sie
war die Frau nicht, die schmutzige Betrger in ihrer Nhe duldete.
Wichtiger war jetzt, da sie sich die Zgel nicht aus der Hand winden
lie und nicht der Anmaung eines aufgequollenen Despoten unterlag.

Erhobenen Hauptes stand sie vor ihm und fragte, was er frchte? Etwa da
der Frost in seinen Adern taue? da sich in seine weltfeindlichen
Gedanken ein Strahl des Lichts mische? da die vergebliche Grbelei ber
die menschlichen Mistnde aufhre, ihm eine schlechte Verdauung zu
machen? Wolle er die deutsche Grndlichkeit so weit treiben wie die
alberne Person im Mrchen, die im Keller greint, weil ein Balken von der
Decke fallen und sie erschlagen knnte? Dann ziehe sie es vor, ihre
Koffer zu packen und gastlichere Himmelsstriche aufzusuchen, wo mit dem
traurigen berrest von Jugend noch etwas anzufangen sei.

Der Markgraf blickte erschrocken und finster vor sich hin.

Lieber mit einem Tamburin durch die Straen ziehen, als noch lnger in
einem Palast die Leibeigene eines Henkers aller harmlosen Freuden sein!
rief sie aus. Lieber einem genersen Verschwender und Avanturier zum
Opfer fallen, als auf Lebenszeit verurteilt sein, vor den Falten auf der
Stirn eines Hypochonders zu zittern, der mit seinem Golde spart, mit
seiner Liebe spart, mit sich selber spart, und mit dem Genius der
Menschheit, von dem ich nur so viel wei, da er mich langweilt und mir
Kopfschmerz verursacht, wenn ich seinen Namen hre, am Zahlbrett sitzt
und ihm glaubt vorrechnen zu mssen, wieviel er von diesen teuren Sachen
verausgaben darf, ohne in Schulden zu geraten. Lassen Sie die Lorbeern
Ihres Vetters von Wrttemberg nicht schlafen, der mit dem
philosophischen Bauern Kleinjogg Arm in Arm im Schinznacher Bade
spazieren ging? Genug der Krmerwirtschaft. Genug der Seelenpharmazie.
Liegt Ihnen das Tugendkloster, in dem Sie in verhngnisvollem Wahn zu
leben sich einbilden, mehr am Herzen als das Glck Ihrer Mtresse, so
berufen Sie einen Herrnhuter Heiligen und geben Sie Lady Craven den
Abschied.

Der Markgraf blickte immer erschrockener und immer finsterer.

Lady Craven nherte sich ihm, schmiegte den Kopf an seinen Arm und sah
lchelnd zu ihm empor. Nachtgedanken, flsterte sie, Nadelstiche aus
bsen Trumen. Lassen Sie uns die Dinge in Ruhe erwgen. Sie haben
Untertanen verkauft, das war vielleicht der Rat eines Nichtswrdigen,
wir werden ber ihn noch sprechen. Weshalb gehen Sie nicht einen Schritt
weiter: verkaufen Sie doch das ganze Land, wie es steht und luft. Das
ist der Rat einer Freundin. Die Markgrfin, so versichert der Leibarzt,
hat nur noch ein halbes Jahr zu leben, dann ist es Zeit, diesen
Mhlstein vom Halse zu streifen. Bieten Sie es feil. berlassen Sie es
dem, der die meisten Dukaten bietet. Es wird ein hitziger Wettbewerb,
glauben Sie mir. Der Vorteil liegt auf der Hand. Sie tauschen ein
glckseliges Alter fr ein betrbtes ein, und ich, ich wrde mein
jubelndstes Lied in die Luft schmettern.

Lachend schritt sie zum Spinett, das in diesem Raum stand, schob einige
dort zur Schau liegende frivole Stiche beiseite, ffnete den Deckel und
begann mit wenig geschulter, aber wohllautender Stimme zu singen: #Le
Roi, dimanche, dit  Laverdy, le Roi, dimanche, dit  Laverdy: Va-t-en,
lundi!#

Der Markgraf verharrte unbeweglich, mit groen Augen. Welch ein
Einfall, welch eine Zumutung: das Land verkaufen; die von Gott
verliehene Krone zum Gegenstand eines Schachers machen! Wie khn, wie
verderbt, wie unsinnig. Und doch, wie plausibel im Grunde. Ledig werden
der Gewissensbrde, ledig der Verantwortung, ledig der Belstigung,
ledig der peinigenden Bilder von dem Treiben der unbekannten,
feindlichen, wachsamen, eiferschtigen, hlichen Menge da unten, Volk
geheien. Wie verwegen, wie frevelhaft, wie strafwrdig; und doch, wie
verfhrerisch im Grunde!

Das Wort war in gelockerten Boden gefallen, die Lady wute es. Es wrde
keimen, es wrde Frucht tragen, der Tag der Erlsung kam; und sie sang:
#Le Roi, dimanche, dit  Laverdy: Va-t-en lundi!#

Da er bei der theatralischen Vorfhrung nicht fehlen werde, versprach
der Markgraf ausdrcklich. Der Kammerherr vom Dienst teilte ihm den
Titel des Stckes mit. Es hie: Baron Gemperlein auf Reisen.


Die Ohren des Herrn Marchese

Eingeladen waren alle grflichen und freiherrlichen Familien der
Residenz; die Hofkavaliere und hohen Beamten mit ihren Damen; die
Gesandten und die Fremden von Distinktion, die in der Stadt anwesend
waren, und einige auserwhlte Einzelne, darunter der Dichter Uz.

Um sieben Uhr begann die Wagenauffahrt. Der Anfang der Vorstellung war
fr acht Uhr bestimmt. Der groe Saal war strahlend hell erleuchtet, und
das auf dem Platz angesammelte Volk hatte die endliche Befriedigung:
Kerzenglanz, galonierte Lufer, karmesinbrstige Lakaien, Fanfarenton;
man hatte es lange entbehrt, die Seele schmolz.

ber die Estrade fiel ein kostbarer Vorhang aus golddurchwirktem Damast.
Von solchen, die zum ersten Male da waren, wurde das schne
Deckengemlde von Carlino bewundert, allegorische Gestaltungen der
Musik, der Architektur, der Malerei und ein Bacchantenfest in den vier
Eckfeldern, in der Mitte die lebensgetreue Figur des Markgrafen, Venus
und Amor auf dem Scho.

Um acht mit dem Glockenschlag erschien der Markgraf, ernst, umwlkt,
majesttisch, die Begrung der Gste gemessen erwidernd. Er fhrte Lady
Craven; hinter dem Paar trotteten Herr von Seckendorf, Herr von
Schlemmerbach, Herr von Teufstetten und Marchese Pescanelli. Als die
hohen Herrschaften Platz genommen hatten, entstand feierliche Stille und
der Vorhang schlug auseinander.

Baron Gemperlein, von einem berlangen, berdrren Menschen gespielt,
war ein saurer Herr, gichtbrchig, asthmatisch, kurzsichtig,
argwhnisch, schwarzgallig, der auf Reisen zu gehen beschliet, erstens
um die ihm verhaten Gesichter seiner erbgierigen Verwandten nicht mehr
sehen zu mssen, zweitens um in den Abwechslungen der groen Welt
Heilung fr seine Stockbltigkeit zu finden. Den Hauptteil seiner
Reiseausstattung bilden Mixturen, Salben, Trnkchen, Latwerge, Pflaster,
Klistierspritzen, medizinische Folianten, Brillen, Wrmflaschen, und als
Diener nimmt er den Balthasar Schnack auf, welche Rolle Sturreganz
spielte; einen flinken, vifen, verschlagenen, lgnerischen, alle
Sprachen durcheinanderwelschenden, naschhaften, neugierigen, frechen
Burschen, der es allmhlich so weit bringt, da Baron Gemperlein in
heulende Verzweiflung gert, sich seiner nicht mehr erwehren kann und
ihn kniefllig und um Gottes willen anfleht, ihn seinem Schicksal zu
berlassen.

Dem Inhalt nach harmloser Schwank, wurde dieses Stck durch das Spiel
von Sturreganz zu etwas hchst Ungewhnlichem. Katarakt von Witz;
#presto furioso# der Narrheit; Hexensabbat von Irrtmern, komischen
Miverstndnissen, unerwarteten Wendungen, bizarren Verwicklungen; das
wuchs und schwoll an von Replik zu Replik, von Szene zu Szene und war
voller Extempores, impertinenter Anspielungen, voller Bewegung, Laune,
Schwung, Grazie und Geist. Seine Gestalt erst: der Leinenkittel mit
Riesenknpfen und unter dem Bauch geschnallten Grtel; die beredten
Hnde, die unablssigen Zuckungen des Gesichts, das Verrenken der
Glieder, die diabolische Geschwindigkeit der Zunge, das geschftige Hin-
und Herrennen, das diebische Augenblinzeln, die unverschmte
Verschmitztheit, die verstellte Unschuld, die kupplerische List, all
dies war vollkommen unwiderstehlich und von ursprnglichster Natur.

Die vornehme Zuhrerschaft lie sich anfangs an beiflligem Lcheln
gengen. Sodann begannen Damen zu kichern. Als er im ersten
Nachtquartier mit smtlichen Medikamenten beladen an das Bett des Herrn
keucht, ihm alles auf einmal applizieren will und dabei in schwindelndem
Tempo Sprche zur Weltweisheit von sich gibt, verga das Auditorium
seine Wrde und die Rcksicht auf den Frsten und platzte los. Von da an
war kein Halten mehr. Bei der Szene, wo er, um Gemperleins Sinne
aufzuheitern, ihm die drei erlesensten Schnheiten der Stadt vorfhrt,
triste Schlampen in Wirklichkeit, mit ungeheurer Suada ihre Vorzge
preist und im stillen seine eigenen Glossen dazu macht, gebrdeten sich
die Wohledlen und Unnahbaren um nichts anders als das geringe Publikum
in der Bretterbude. Es warf sie nieder. Es schwemmte die Erinnerung an
ihren Stand, ihre Orden, ihre Brden einfach weg. Genau wie beim
geringen Volk blhten sich die Hlse, schluckerte es in den Kehlen,
schtterten die Wnste, schlotterten die Kinnladen, trnten die Augen.
Genau so bumten sie sich, wieherten, brllten, kreischten, tobten sie,
aber was sie ermutigte und jede Scheu brach, war alsbald die wunderbare
Wahrnehmung, da auch der Markgraf nicht vom Sturm verschont blieb. Was
man seit Jahren nicht erlebt: er lachte. Sein Mund war offen, seine
Zhne blitzten, die erlauchte Gestalt bebte. Umsonst hatte er versucht,
zu widerstreben, die Stirn zu runzeln, sich auf Zeichen gndiger
Akklamation zu beschrnken; der Dmon da oben war strker, die Schranken
brachen nieder, ohnmchtig gab er sich preis, die Erhabenheit preis und
platzte los, immer heftiger, immer wehrloser, und griff mit den Hnden
um sich, da ihn das Lachen zu ersticken drohte.

Als das Stck mit einem grotesken Sprung Balthasar Schnacks zum Fenster
hinaus endigte, wand sich die ganze Gesellschaft wie ausgeblutet von
ihren Krmpfen, und das Chaos schriller, gellender, dumpfer, wrgender
Lach- und Sthnlaute beschwichtigte sich kaum. Der Markgraf erhob sich
schwankend von seinem Sitz: er war blaurot im Gesicht, klatschte matt in
die Hnde und stammelte: Er soll sich eine Gnade ausbitten; sogleich;
der Mann soll sich eine Gnade ausbitten. Lady Craven, das Taschentuch
vor den Mund gepret und die Augen trocknend, denn sie hatte geweint,
auch sie, und atmete wie eine Luferin, warf Herrn von Schlemmerbach
einen Blick zu, der strzte hinter die Bhne, man wartete einen
Augenblick, pltzlich teilte sich der Vorhang wieder, Balthasar Schnack
steckte den Kopf durch, verbeugte sich grinsend, ohne da man den
Krper sah, vor dem Markgrafen und der Lady, dienerte nach allen Seiten,
kletterte ein Stck am Vorhang empor, hllte sich in ihn und lie wieder
nur den Kopf sehen, zappelte mit den Beinen wie ein Affe, verzog das
Gesicht zu einem frenetisch-gaminhaften Ausdruck und rief mitten in den
Saal hinein, schlickernd, lachend, mit infernalischer Frechheit: Wenn
Ihrer Gnaden Gromut mir eine Gnade erweisen will, so schenken Sie mir
die Ohren des Herrn Marchese! Die abgeschnittenen Ohren des Herrn
Marchese, damit sich mein Hauskater daran erlabe. Nicht auf einer
goldenen Schale wie das Haupt des Johannes, eine zinnerne gengt, eine
irdene gengt. Aber die Ohren des Herrn Marchese fr meinen Kater!
Untertnigsten Dank im voraus! #Les oreilles du marchese Pescanelli!
Milles mercis!# Geruhsame Nacht!

Es war unerhrt, grausig-lustig, monstrs-komisch. Ein Tuscheln ging
durch die Reihen. Viele standen erstarrt. Viele blickten in die
Richtung, wo sich der Marchese befand. Er lehnte bleich an einer Mauer.

Noch ein Grinsen von Sturreganz, ein Dienern, ein Hanswurstgelchter,
und er verschwand.

In derselben Nacht noch wurde Pescanelli nach Wilsburg, der
ansbachischen Bastille, verbracht.


Ein Gesprch als Ausklang

Es fgte sich, da in der Kutsche der Extrapost, mit welcher drei Tage
spter Sturreganz und Beckchen gegen Crailsheim zu fuhren, auch der
Dichter und Justizrat Uz sa, den eine Dienstreise an die
wrttembergische Grenze fhrte. Sie waren die einzigen Fahrgste; Uz,
des Zusammentreffens froh, hatte sich kurz nach dem Verlassen der
Poststation Sturreganz vorgestellt, Sturreganz hatte dies mit der
gleichen Hflichkeit erwidert, aber die Unterhaltung kam nur langsam in
Flu; der Schauspieler, schwarz gekleidet wie immer, brtete zumeist
finster vor sich hin, und nur wenn er sich an das Kind wandte, das er in
einem Winkel des Wagens auf Kissen gebettet hatte und von Zeit zu Zeit
befragte oder mit einer seltsam schchternen Liebkosung anrhrte,
belebte sich seine steinerne Miene, und den bitter geschlossenen Mund
verschnte ein zrtlich-zartes Lcheln. Beckchen trug schne neue Schuhe
und Strmpfe und einen Mantel aus dunkelblauem Samt und Knpfen aus
Perlmutter, in dem ihre winzige Gestalt noch winziger wirkte. Unter dem
Hubchen sah das sauber gewaschene, rosige Gesicht blumenhaft vertrumt
hervor, und die herrlich schwarzen Augen unter den langhin geschwungenen
Brauen schienen sich nicht sattsehen zu knnen an der Welt und dem
beglckend Neuen, das Tag um Tag ihnen schenkte.

Es war um die fnfte Nachmittagsstunde; der Himmel, nur zum Teil
bewlkt, war in der westlichen Tiefe gertet, gegen den Zenit migten
sich die Farben vom schweren Scharlach bis zum grnlichen Blau, und Grn
und Blau und Gelb und Purpur spiegelten sich in langgestreckten Weihern,
die von keinem Fltchen gekruselt waren. Das frnkische Land lag in
ausruhendem Frieden; kaum ein Luftzug wehte ber die sanften Hgel; die
Wiesen gilbten herbstlich, die Kronen der Tannenwlder umzogen den
Horizont mit einem schwarzen Band.

Es msse doch ein beseligendes Gefhl sein, unterbrach der Justizrat ein
lastend langes Schweigen, wenn man durch die begnadete Kunst des Wortes
Menschen so aus allen Schanzen und Befestigungen reien knne; es sei
mit nichts sonst zu vergleichen als mit dem Triumph des Eroberers, ja,
des Sklavenbefreiers, gehoben noch durch die Genugtuung, da es der
Geist sei, der solches bewirkte und nicht das Schwert. Denn die tiefen
und wichtigen Verwandlungen, die moralischen Revolutionen fhre nur der
Geist herbei.

Sturreganz warf einen halb verwunderten, halb mitleidigen Blick in das
treuherzig-gtige Gesicht seines Gegenber. Dann sagte er widerstrebend,
nicht dem Mann widerstrebend, sondern der eigenen Rede: Es hat nichts
damit auf sich.

Wie, es hat nichts damit auf sich? Wie verstehen Sie das? fragte Uz
erstaunt.

Es ist zu nichts ntze, meine ich. Es ist Blendwerk. Es gibt auf der
Welt zwei bis drei Dutzend Personen, angenehme Schwrmer, die sich
einbilden, Kunst sei etwas wie ein Arkanum, ein geheimnisvolles Elixier,
und man knne den Beelzebub aus jedem Leibe jagen, wenn man es
verabreichte. Sonderbare Illusion. Sie nehmens an, sie nehmens hin, sie
klatschen Beifall und winden in gnstiger Laune dem Liebling einen
Kranz; der Beelzebub bleibt drinnen. Kinderei, was anderes zu glauben.

Das ist eine furchtbare Skepsis, sagte Uz traurig; gerade von Ihnen
mu ich solche Worte hren, der sich auf einen weithin sichtbaren Gipfel
gestellt hat, wo die tragische Muse und die heitere sich die Hnde
reichen. Ich bekenne offen, da mich bei Ihren Darbietungen, so oft ich
das Glck hatte, Zuschauer sein zu drfen, die Erschtterung ber das
uns Menschen beschiedene Los ebenso heftig berfiel, wie ich die
gttliche Gelstheit empfand, die erhabene Freiheit, die eine
unmittelbare Ausstrahlung Ihres humoristischen Genies ist. Hier ist der
Punkt, wo sich ganz Unsagbares in der Seele ereignet. Die Tiefe wird
lichter, die Hhe mysteriser. Die Furien vermhlen sich mit den
unbegreiflichen Wesen, die wir im ther ahnen. Alles wird Sphre, alles
wird Flle; Satz und Gegensatz finden sich wie Mond und Sonne,
unerreichbar fern eins vom andern, und doch jedes zum andern bestimmt,
jedes ans andere genietet. Ich habe manches von den Gesetzen des
Schicksals begriffen oder doch in mir als Erkenntnis keimen gefhlt, das
mir verborgen war, ehe ich Sie sah. Und ich bin wohl nicht der einzige.
Daher sage ich: ein Mann, dem diese Zaubermacht verliehen ist, mu
wissen, was es mit ihr fr eine Bewandtnis hat und was ihm die
Menschheit schuldet. Wte er es nicht, so wre auch in mir selbst
Gefhl und Ahnung Lge.

Ein krnkliches Lcheln bewegte Sturreganz' Lippen. Sie uern sich mit
sehr viel Freundlichkeit, sagte er, und was meine Person betrifft,
kann ich Ihnen nur erwidern: es kostet zu viel. Es kostet Blut, es
kostet Leben, es kostet Herz, es kostet alles, die irdische Seligkeit
und die himmlische dazu. Was aber die Menschheit betrifft, wie Sie das
Ding zu nennen belieben, so glaube ich nicht an sie, so ist sie mir
nichts, so gibt sie mir nichts, und jeder Tag berzeugt mich aufs neue
davon, da es eher mglich wre, den Kaukasus auf meinen Schultern an
den Rhein zu tragen als durch das, was ich bin und tue, nur einen
einzigen Schurken von der allergeringsten seiner Schurkereien
abzuhalten. Was ists also? Wozu die Lobpreisung? Kann ich einem Mrder
den Dolch aus der Faust schmeicheln? das Gift der Verleumder entgiften?
die Augen der Habgierigen sanft machen? den Sinn der Blutdrstigen
fromm? die Dummkpfe mit Vernunft begaben? den Verrtern Treue
einimpfen? den Hungernden Brot verschaffen? den vom Unrecht
Vergewaltigten ihr Recht? Und wenn die Welt ins Elend und Verderben
rollt, kann ich in ihre Achsen greifen? Was ists also? gro? Was hat es
denn auf sich mit eurer berhmten Kunst? Eine Fata morgana mehr in der
Wste unsrer Verzweiflung; ein Irrwisch mehr im Sumpf unsrer
Weglosigkeit.

Aber Sie knnen es nicht hindern, da wir Sie lieben und verehren, wir
zwei bis drei Dutzend wenigstens, sagte Uz halb erschreckt, halb
begtigend. Sturreganz schttelte unwillig den Kopf.

Der Abend dmmerte schon. Nach einer Weile suchte Uz das Gesprch durch
die schchterne Frage wieder in Gang zu bringen, ob Sturreganz an eine
Entwicklung der deutschen Komdie ber die etwa von Stranitzky-Bernardon
geschaffenen Typen und Figuren hinaus zu einem hheren Stil glaube, an
eine Form ebenbrtig der von Goldoni oder Molire. Es scheine ihm leider
so zu liegen, da man als Deutscher dieser Hoffnung zu entsagen habe. Es
sei kein gltiges Element da, auch kein tragendes, und wo immer eine
Gestalt keimen wolle, verliere sie sich zu frh an eine Idee. Ruhelos
werde der Deutsche zwischen Himmel und Erde auf- und niedergerissen,
ruhelos auch zwischen Osten und Westen. Es wolle sich kein Wesen bilden,
alles Geschaffene verkrieche sich, aller Kern faule in der Schale, und
der Bruder werde am Bruder zuschanden. Er seufzte.

Sturreganz hatte sinnend zugehrt, dann sagte er mit schwerer Stimme:
Deutsch ... das ist etwas sehr Fernes. Sehr weit ist es, sehr, sehr
weit. Deutsch sein, das ist, wie wenn man in einem wilden wirren Traum
lge. Es hat keine Grenzen, und es hat keinen Leib. Es ist wie Wasser
in der Finsternis, rinnt und rinnt, und keiner wei wohin, spricht und
spricht, und keiner wei was.

Er beugte sich zu dem Kind nieder, dem die Augen mde zugefallen waren,
und flsterte mit einem Ausdruck mtterlicher Liebe, der den greisen
Dichter ergriff: #Dormi, mia bella, dormi!#

Da war es schon Nacht.




Werke von Jakob Wassermann


Die Juden von Zirndorf
Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 20. Auflage

Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
Roman. 23. Auflage

Der Moloch
Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 15. Auflage

Der niegekte Mund
Drei Novellen. 71. Auflage

Alexander in Babylon
Roman. Neubearbeitete Ausgabe. 8. Auflage

Die Schwestern
Drei Novellen. 6. Auflage

Caspar Hauser oder die Trgheit des Herzens
Roman. Neue Ausgabe. 21. Auflage

Die Masken Erwin Reiners
Roman. 15. Auflage

Der goldene Spiegel
Erzhlungen in einem Rahmen. 17. Auflage

Die ungleichen Schalen
Fnf einaktige Dramen

Der Mann von 40 Jahren
Roman. 14. Auflage

Das Gnsemnnchen
Roman. 72. Auflage

Christian Wahnschaffe
Roman in zwei Bnden. 39. Auflage

Der Wendekreis, Bd. 1
Novellen. 19. Auflage

Mein Weg als Deutscher und Jude
15. Auflage

       *       *       *       *       *

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig




[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1922 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt.
Abweichend vom gedruckten Buch wurden die beiden Titelseiten
zusammengefhrt und ein Inhaltsverzeichnis hinzugefgt. Die nachfolgende
Tabelle enthlt eine Auflistung aller gegenber dem Originaltext
vorgenommenen Korrekturen.

p 083: Traum voller Schlangen, gelb-weie, mit
p 090: [vereinheitlicht] Telefon -> Telephon
p 102: sprang von Stuhl auf -> vom Stuhl auf
p 111: dies ist wirklich, dies ich unwirklich? -> ist unwirklich
p 233: [vereinheitlicht] Herr Stein zum Altenstein -> zu Altenstein
p 236: nach war es -> noch war es
p 285: Einige Menschen hatte sich -> hatten

Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei
folgenden Wrtern:

p 072: Vorschmack (veraltend: Bild des Kommenden)
p 184: Duenna (Hterin: Anstandsdame, Erzieherin)
p 248: medisieren (schmhen, lstern)
p 298: vif (lebendig, lebhaft)

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaen ersezt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]



[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print
edition published in 1922 by S. Fischer. The printed book's two title
pages have been merged into one, and a table of contents has been added.
The table below lists all corrections applied to the original text.

p 083: Traum voller Schlangen, gelb-weie, mit
p 090: [unified] Telefon -> Telephon
p 102: sprang von Stuhl auf -> vom Stuhl auf
p 111: dies ist wirklich, dies ich unwirklich? -> ist unwirklich
p 233: [unified] Herr Stein zum Altenstein -> zu Altenstein
p 236: nach war es -> noch war es
p 285: Einige Menschen hatte sich -> hatten

The original spelling has been maintained throughout the book,
particularly for the following words:

p 072: Vorschmack (veraltend: Bild des Kommenden)
p 184: Duenna (Hterin: Anstandsdame, Erzieherin)
p 248: medisieren (schmhen, lstern)
p 298: vif (lebendig, lebhaft)

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Antiqua:    #text in Antiqua font# ]





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1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
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Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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