Project Gutenberg's Der Wendekreis - Erste Folge, by Jakob Wassermann

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Title: Der Wendekreis - Erste Folge
       Novellen

Author: Jakob Wassermann

Release Date: June 11, 2006 [EBook #18551]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ERSTE FOLGE ***




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                            Der Wendekreis
                                  von
                           Jakob Wassermann

                              Erster Band


                          Der unbekannte Gast
                              Adam Urbas
                                Golowin
                               Lukardis
                                Ungnad
                                 Jost


                                 1920
                     S. Fischer / Verlag / Berlin



                       Erste bis zehnte Auflage
      Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten
                   Copyright 1920 S. Fischer, Verlag




Inhalt

Der unbekannte Gast .....   7
Adam Urbas ..............  45
Golowin .................  79
Lukardis ................ 167
Ungnad .................. 201
Jost .................... 293




Der unbekannte Gast


An die Pforte dieses Werkes, das der Verfasser nicht ohne
verantwortungsvolles Zagen unternimmt, sei eine Geschichte von
hinbergreifender Beziehung gestellt, weniger in sich selber ruhend als
sonst Geschichten schlechthin, doch mit nichten Brevier oder
Verkndigung, nur Brcke, nur Weiser, und so auch Bild und Gespinnst
eher als Vorgang und Ereignis.

       *       *       *       *       *

Ein Schriftsteller in mittlerem, ja vorgercktem Alter, er werde Mrner
genannt, erfuhr zu einer bestimmten Zeit des letztvergangenen Jahres
eine unerklrliche Vernderung seines seelischen Gleichgewichts. Er
hatte nach lngerer Ruhepause eine neue Arbeit begonnen, die seine
Gedanken despotisch beherrschte, und deren Schwierigkeiten ihn nicht nur
nicht abschreckten, sondern alle freien Krfte in ihm sammelten und
gegen ein lockendes Ziel trieben.

Auf einmal brachen diese Krfte. Eines schnen Tages erlahmte der Nerv
des Schaffens. Da es keine vorbergehende Unlust, keine jener Trbungen
war, die wie Nebel ber einer Landschaft und doch im Grunde atmende
Zeugnisse des Lebens sind, sprte Mrner. Es war wie wenn die Feder in
einer Uhr zerbricht, oder noch beunruhigender, wie wenn man eine
Vorratskammer betritt, die man mit Flei und Umsicht gefllt hat, und
sie gnzlich leer findet.

Schlielich war es ein Verlust wie der Tod eines Wesens. Er sprach in
einem Freundeskreis darber, mit Zurckhaltung anfangs, da es ihm
widerstrebte, innere Wirrungen zum Gegenstand des Meinungsaustausches zu
machen. Die Verstimmung, unter der er litt, war bereits aufgefallen;
was er nun als ihre Ursache bezeichnete, wollte keinem recht einleuchten
und man hielt es fr Hypochondrie eines Zwischenzustandes. Man kannte
seine zweifelschtige und hufig schwankende Art; er hatte oft genug das
Schauspiel des Selbstqulers gegeben, der nach jeder abgeschlossenen
Leistung sie zerpflckte und hilflos wie vor dem ersten Beginn in die
Zukunft schaute, alles von Schicksal und Fgung erhoffend, nichts oder
wenig von seinem Talent. Aber seine Hingabe war unbegrenzt, seine Arbeit
ein opfervoller Dienst; dem unermdlichen und redlichen Bemhen war der
reinste Wille gesellt, die Unbestechlichkeit des Gewissens, die jede
Erleichterung und Versung ablehnt. Dazu kam, da ihm der Erfolg nicht
gefehlt hatte; mitraute er ihm auch, so war er doch von ihm auf eine
gewisse Lebenshhe getragen worden; war auch sein Name, sein Werk
umstritten, so geno er doch die Achtung, ja die verehrende Neigung
Vieler und erhielt nicht selten unzweideutige Beweise davon.

Die Freunde nahmen also seine sichtliche Verstrung nicht ernst. Dies
reizte seine Ungeduld, und als einer von ihnen mit etwas zu billigem
Trost geendet hatte, sagte Mrner: Wenn ein Mensch wie ich nicht mehr
an die Wichtigkeit und Notwendigkeit seiner Mission glaubt, ist er
einfach das allerberflssigste Geschpf auf Erden. Wie erst, wenn ihm
die Aufgabe selber entschwindet, wenn er nicht mehr wei, was er
berhaupt noch soll und das Fertige wie ein umgeblasenes Kartenhaus
hinter ihm liegt? Da wird alle Wirklichkeit ein Gespenstergraus; sein
Geist hat gar nicht Fassungsraum genug fr die Tiefe des Abgrunds, der
vor ihm ghnt.

Die Freunde stutzten und schwiegen. Einige begriffen nicht recht, was
er meinte, und er fuhr achselzuckend fort: Mission ist freilich ein
viel zu anspruchsvolles Wort. Man drfte seinen Ehrgeiz nicht ber die
Haltung eines honetten Handwerksmeisters spannen. So war es in frheren
Zeiten. Das Auerordentliche entstand gleichsam durch bescheidenen
Zufall, nicht in priesterhafter Gier und Askese. Was erstrebt man denn,
was ersehnt man denn? Man will das Formlose formen; was die Natur
zerstckelt liegen lt, zusammenfgen und es der groen Vergeuderin und
Zerstrerin entgegenhalten. Unzulnglich bleibt man dabei immer, aber es
ist wunderbar, so lang das Material gehorcht, und das Auge, und die
Hand. Zerrinnt einem aber der Stein, den man aus dem Bruch schlgt, zu
flssigem Sand, flattern von der Fackel, die man am groen Weltenfeuer
entzndet hat, statt der Flammen rotgefrbte Papierfetzen empor, so ist
es schlimm, mehr als schlimm, es ist das Ende.

Mit jher Bewegung erhob er sich und ging ohne Gru. Die Freunde sahen
einander verwundert an.

       *       *       *       *       *

Eine Zeit lang verschanzte er sich in seinem Hause, und niemand konnte
zu ihm gelangen. Dann hie es, er sei verreist, um in der Stille eines
Landaufenthalts Sammlung zu gewinnen. Aber schon nach ein paar Tagen
kehrte er zurck. Sein Aussehen erregte Besorgnis. Tiefe Gruben hatten
sich in den Wangen gebildet; der Blick war der eines Kranken. Er kam
wieder zu den Freunden und gestand, die Einsamkeit sei ihm Pein. Doch
auch Geselligkeit schien ihn nicht aufmuntern zu knnen. Man machte ihm
in liebevoll-scherzhafter Weise den Hof, man schmeichelte ihm, man
erwies ihm zarte kleine Ehrungen; umsonst, es war ihm kaum ein Lcheln
abzulocken. Er stellte sich fast jeden Abend ein, wie einer, der vor
sich flieht; er bat, man mge ihn blo dulden, wenn es zum rgsten
komme, werde er trachten, nicht zur Last zu fallen. Was er unter dem
rgsten verstand, darber uerte er sich nicht; die Hausfrau, die seine
ergebenste Anhngerin war, zog ihn beiseite und beschwor ihn, sich zu
fassen, zu erheben; er mache durchaus den Eindruck eines Menschen, den
ein Phantom zum Narren hlt; man sei so viel Befeuerung von ihm gewhnt,
so viel gesunde, heilsam wirkende Kraft, dies knne doch nicht mit einem
Mal zu nichte werden; ob sie ihm helfen knne, ob er sie des Vertrauens
nicht mehr wrdige? Sie sei zu jedem Opfer bereit, sie wie auch alle
andern, die bestrzte Zeugen seiner Verwandlung seien.

Er schttelte den Kopf. Zu helfen ist da nicht, antwortete er; es
wre besser, Sie zerrten mich nicht aus der Dumpfheit heraus. Das letzte
Versteck darf man mir nicht nehmen; gegen Beleuchtung wehrt sich alles
in mir, die Dinge bekommen dadurch ein zu prahlerisches Gesicht. Mein
Fall ist an sich gering; legt ihr ihm Bedeutung bei, so werdet ihr nur
zu Urhebern von neuen Leiden. Was ich an mir erfahre, ist doch blo die
Folge einer vielfach verschlungenen Kette von Selbsttuschungen und
Selbstberschtzungen. Man hat sich zu lange gefallen, man hat sich zu
lange beruhigt, man hat immerfort behaglich im lauen Wasser
gepltschert. Die Erkenntnis ist schmerzlich. Wie wre einem Menschen zu
helfen, der niemals in einen Spiegel gesehen hat, der bis zu dem Moment,
in dem es geschieht, im Wahn befangen war, er sei schn, er sei
wohlgebildet, er habe angenehme Zge, und pltzlich grinst ihm aus dem
Glas eine abscheuliche Fratze entgegen? Wie wollen Sie dem helfen? Da
mich ein Phantom zum Narren hlt, ist auerdem noch wahr. Er zgerte
in ungewisser Scham und fuhr fort: Stellen Sie sich vor, da ich nicht
allein sein kann, ohne da mir zumute ist, ein dringlich fordernder
Glubiger sei hinter mir her und verlange die Bezahlung einer Schuld.
Und zwar ein Glubiger, dem ich zu Dank verpflichtet bin, der mir groe
Dienste geleistet hat, den ich wiederholt, mit guten und schlechten
Grnden, habe vertrsten mssen und der nun, selbst in Bedrngnis, das
langgefristete Darlehen nicht mehr stunden will. Das ist keine Figur,
liebe Freundin, kein Gleichnis fr einen beengten Zustand, es ist eine
Realitt. Auch okkulter Einflu kann eine Realitt sein. Sie wissen, da
ich Skeptiker genug bin, um solchen Anfechtungen zu widerstehen. Wer hat
sich nicht schon ber meine Trockenheit beklagt, in dieser wie in
anderer Beziehung! Hier scheitern vernnftige Erwgungen an einer
Vision, an der der ganze Organismus teil hat, das furchtbar genaue
Wissen darum, wie es um mich bestellt ist. Leute meines Schlags kennen
ihr eigenes Innere so gut wie die Bureauschreiber ihren
Registrier-Apparat, und wo da die Tugend aufhrt und die Snde beginnt,
ist schwer zu sagen. Die Quelle, die uns nhrt, ist zugleich vergiftet,
und wir sterben daran, ohne das Gift zu spren.

Aber was _wir_ davon spren, wir Zuschauer und Zuhrer, ist Freude und
erhhtes Leben, versetzte die Freundin herzlich und reichte ihm beide
Hnde.

Mrner blickte grbelnd vor sich hin. Bei alledem, sollte man es
glauben, sagte er mit einem Rest von Selbstverspottung im Ton, bei
alledem ist es wie eine letzte Genugtuung, da er kommt, dieser
Glubiger, da er mahnt. Er hlt mich also noch fr zahlungsfhig, ich
habe also noch Kredit in der Geisterwelt. Sonderbar, da wir nicht
rmer werden, wenn wir dort unsere Schulden begleichen, im Gegenteil.
Nur mu man eben zahlen knnen, und ich kanns nicht. Die Kassen sind
leer bis auf die Neige. So arm darf man nicht werden, oder man hat
miserabel gewirtschaftet.

Mrner begab sich wieder zu den brigen, die harmlos plauderten, die
Hausfrau folgte ihm mit zwiespltigem Gefhl. Die unerbittliche Logik in
der Verwirrung berraschte sie und stimmte sie nachdenklich. Da ging
eine Abrechnung vor sich, hartnckiger und ernsthafter als dem blo fr
Alltags-Ungemach geschulten Blick erkennbar war.

Das Gesprch geriet auf die Zeitumstnde, und ein junger Lehrer der
Philosophie machte die Bemerkung, in einer Epoche, wo die Wirklichkeit
soviel Stoff produziere wie in der gegenwrtigen, das strmisch
flieende Schicksal soviel rohes Material ans Ufer schwemme, in einer
solchen Epoche msse die schaffende Phantasie durch ein automatisch
funktionierendes Ausgleichsgesetz erlahmen; erst sptere Geschlechter
seien wahrscheinlich imstande, das chaotisch Hingeworfene, Strandgut der
Geschichte, zu neuen Bauten zu benutzen. Daher der Verfall der Kunst,
daher das Versagen der Knstler.

Mrner, der bislang schweigend zugehrt hatte, unentschlossenen Anteil
in den Mienen, zuckte pltzlich auf. Es war eine nicht sehr taktvolle
uerung im Hinblick auf ihn, das empfanden alle, auch der Sprechende
selbst, der errtend abbrach. Aber sie war nun einmal getan. Mrner
erhob die Hand mit gespreizten Fingern, als wolle er verhten, da ihm
ein anderer im Wort zuvorkomme und sagte: Ach nein, nein, nein.
Unleugbar steht uns die Zeit entgegen, aber nicht wegen der berflle
des Geschehens, sondern wegen der Zerstrung der Geister und der
Seelen. Von welchen Flammenausbrchen genialer Naturen sind vergangene
Umwlzungen begleitet gewesen! Wollt ihr Namen? Sie wimmeln. Jede
Revolution hat Propheten und Gestalter aus ihrem Scho geboren; einen,
der die Eroica in die brllende Woge schleuderte, einen, der seinem
grandiosen Schmerz die Hermannsschlacht entri, einen, der mitten in
gewaltigen Grungen die Tribne der #Comedie humaine# errichtete.
Gerufen von der Sehnsucht ihrer Welt, gaben sie ihr Stimme und Bild,
wiesen ihr die Wurzel und den Gipfel ihres Geschicks. Heute aber? War
jemals eine Menschheit so zu Boden getreten? Sagt mir nicht, er sei
vielleicht da, irgendwo unter uns, der glhende Zeuge und wunderbare
Architekt, und ich vermchte ihn blo nicht zu sehen und zu hren. Du
und du und Sie und Sie und ich, warum sollten ihn wir nicht ahnen, nicht
kennen? Wrden nicht unsere Nerven bei seinem geringsten Hauch
vibrieren? Wre er nicht Fleisch von unserm Fleisch, Blut von unserm
Blut? wer sollte ihn wissen, wenn nicht wir? Es gibt ihn nicht. Seine
Entstehung schon wird im Keime erstickt. Der Scho ist unfruchtbar
geworden, es kommt nicht mehr bis zur Kristallbildung; es bleibt beim
Ansatz; in den Elementen ist kein Wille, sich zu ballen; die ruhende
Sehnsucht ist nicht produktiv. War jemals eine Menschheit so zu Boden
getreten? frag ich noch einmal; so mde, so stumpf, so entblttert, so
kurz von Atem und so khl im Hirn? Sprt ihr es nicht, wie keine
Resonnanz wird? Kein Sinn will mehr aufnehmen; es sei denn die grbste
Nahrung; nichts ist Besitz, alles Erwerb; nichts Erlebnis, alles Kitzel;
keinem Gemt prgt sich das Wesen ein, nur die Verzerrung davon; die
Ehrfurcht ist geschwunden, die berlieferung abgeschnitten, der Glaube
tot, das Wissen ein mrderisches Narkotikum. Kein Zusammenhang und
Zusammenklang, in der Hhe nicht, in der Tiefe nicht, bei den Guten
nicht, bei den Bsen nicht. Hinten versinkt alles in Abgrnden, vorne
ffnen sie sich. Panische Flucht nach allen Seiten; Angst, sich zu
verpflichten, Angst vor der Hand, die sich bietet, Angst vor dem
Schmerz, Angst vor der Wahl, Angst vor jeglicher Entscheidung, Angst
sogar vor der Erinnerung an den verlorenen Gott. Und wird euch denn
nicht ebenfalls Angst, wenn ihr die Heraufkommenden betrachtet, diese
Zuchtlosen, ihre Lust an der Raserei, an der Tobsucht des frierenden
Verstandes; ihren Gtzendienst vor der Chimre, den Kultus vor dem
Golem, die grauenvoll ummauerte Isolierung eines jeden, in der er, um
sich und die andern Isolierten zu betuben, wie ein verrckt gewordener
Anachoret nach Verbrderung schreit, rachschtig und voll Ha in seiner
Wehleidigkeit? Was soll werden? Man kann eine Ruine aufbauen, wenn das
Material noch halbwegs brauchbar ist, aber aus morschem Plankenwerk und
wurmstichigen Brettern ein seetchtiges Fahrzeug zimmern, das ist
unmglich. Da habt ihr die Krankheit. Da ist es aufgerollt, das Gemlde
der Katastrophe, meiner und aller derer, die noch gutglubig oder weil
sie sich der schrecklichen Klarheit eine Weile noch verschlieen wollen,
am Werke sind. Morituri te salutant. Es ist kein Csar da; grt man
also die Blinden und Tauben, die unsere Geschicke lenken? Sie bilden
sich nur ein, zu lenken, sie werden mitgeschleift und mitzerschmettert.

Whrend er so sprach, hatte es Mrner geschienen, da die Tr
aufgegangen und jemand eingetreten war. Er schaute sich um, bemerkte
aber keinen Hinzugekommenen, auch verriet nichts in den Mienen der
Freunde, da sie eine gleiche Wahrnehmung gemacht. Die Augen ruhten
gro auf ihm, mit scheuem und betroffenem Ausdruck. Indessen wich das
Unbehagen nicht von ihm, das die verborgene Anwesenheit eines Fremden
verursacht. Sein suchender Blick prfte die Gesichter. Es war kein neues
darunter; er kannte jedes. Doch dnkte es ihn, im Hintergrund des Raums,
zwischen Flgel und Bcherkasten, wo das Licht sich verlor, sitze eine
Person, die vorher nicht dagewesen war. Er wagte es nicht, sich zu
vergewissern, hielt aber das Gefhl fr untrglich.

Die wohllautende Stimme eines jungen Mdchens sagte: Ist denn nicht,
wer schafft, im tiefsten Sinne ohne Zeit? Ist es denn diese eine, nahe,
bestimmte Welt, die ihm notwendig ist, und nicht vielmehr eine
bertragene obere, die sein Traum wahrer macht als die untere? Sie
selbst haben es uns so gelehrt. Nicht in Worten; im Beispiel. Und was
wir so oft miverstanden und falsch verstanden haben, da der Dichter
ein entselbsteter Mensch ist, so nannten Sie es ja, der Mensch ohne
Partei, ohne Meinung fast, dem alles Leben zur Speise wird, ist das denn
nicht mehr das Gesetz, dem Sie sich demtig beugen, wie Sie immer getan
haben?

Mrner senkte den Kopf, und als er antwortete, war es ihm, als stehe er
nicht der sanften Fragerin Rede, sondern der verborgenen Person, die er
im Zimmer wute. Widerstnde knnen wachsen, sagte er; es ist
jedesmal ein harter Weg dorthin, in die obere Welt; eines Tages sind die
Schranken unbersteiglich. Die Kraft reicht nicht mehr zu; der Mut ist
nicht mehr da. Werkttigkeit beruht auf Wechselwirkung. Das Leben ist
meine Speise, freilich; wenn aber die Speise faulig wird, wie dann? Wenn
die Augen nicht mehr sehen knnen, das innere Membran nicht mehr
erzittert, das Bild nicht mehr zu fassen ist, das Gefhl seine
Sicherheit einbt? Wie dann? Beide Welten, die obere und die untere
sind mir zu Schemen verblat. Ich kann nichts mehr greifen, es bleibt
mir nichts in der Hand, ich bin zur Ohnmacht verurteilt, ich bin ein
Selbst geworden.

Er lchelte traurig, zuckte die Achseln und schwieg. Sein Ohr lauschte
in die Richtung, wo der Unsichtbare sa. Der aber verriet seine
Gegenwart durch keinen Laut und keine Bewegung. Als das junge Mdchen
sich zum Flgel setzte und ein Bachsches Prludium zu spielen begann,
schien er seinen Platz zu verndern.

Mrner wollte die Freunde durch seine Gegenwart nicht lnger bedrcken
und entfernte sich still. Durch die mitternchtlich verdeten Straen
trat er den Heimweg an, doch war ihm nicht wohl zumute bei der Aussicht
auf Alleinsein in seinem Hause.

       *       *       *       *       *

Er hrte Schritte hinter sich, eine Weile schon. Es folgte ihm jemand.

Die Luft war mild, das Gewlbe bis in die Unendlichkeit umschleiert. In
der Dunkelheit wuchtete Ahnung, die die Seele zusammenprete und sie
aufsteigen machte gleich einer artesischen Sule. Er erinnerte sich
solcher Nchte aus seiner Jnglingszeit. Es waren dieselben
flaumschtigen Wolken gewesen, damals, in der Stadt seines Elends,
mitten im Herzen Deutschlands, dieselbe bitterse Feuchtigkeit in der
Atmosphre, dasselbe heimliche Suseln und Brodeln in der Erde. Warum
war ihm das Lngstvergangene heute nah? Kndigte sich Prfung an und
neue qulende berschau? Parade ber die Truppen vor der Abdankung? Ein
Laut war wie Vogelruf, genau wie damals aus dem Gebsch am trben Flu,
der die Fabrikwsser fhrte. Aber damals war es Verheiung gewesen,
heute war es Verzicht; damals Ankunft, heute Abschied; damals hatte
Romantik um die verschlossenen Tore und schwarzen Fenster geschauert,
heute das frostige Wissen. Drei Jahrzehnte vergeblichen Wegs in eine
Sackgasse!

Er ging langsamer; der ihm folgte, verzgerte ebenfalls den Schritt. Er
ist es, durchfuhr es Mrner, und seine erste Regung war, zu fliehen.
Doch trotzte er ihr; an einer Ecke unter einer Gaslaterne blieb er
stehen. Der andere kam heran, lpfte den steifen niedern Hut und sagte
leise: Guten Abend.

Es war ein Mann von nicht genau bestimmbarem Alter; Mitte der Dreiig
ungefhr; jugendlich schlank, aber in der Haltung etwas schlaff und im
Gang schleppend. Soviel sich im ungewissen Licht ausnehmen lie, waren
die Haare blond. Die Kleidung war adrett, obwohl ein wenig abgetragen.
Das bartlose Gesicht war auffallend hager, mit tiefliegenden blauen
Augen und erstaunlich scharfen Kerben um den Mund. Alles in allem war es
ein schnes, zumindest ein schn gewesenes Gesicht, das nichts Vulgres
an sich hatte.

Ich hoffe, Sie nicht zu stren, sagte der Unbekannte mit
achtungsvoller Artigkeit, die den Mann von Erziehung verriet; wir haben
den nmlichen Weg, scheint es; darf ich Sie begleiten?

Mrner verbeugte sich khl. Er zrnte sich wegen der Beklommenheit, die
er empfand. Seite an Seite setzten sie den Weg fort.

Der Unbekannte sagte: Ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich nicht
vorstelle; aber ich habe keinen Namen. Ich mache wenigstens schon lange
keinen Gebrauch mehr von ihm. Nur im Notfall nenne ich mich, so oder
so; es gibt ja zwingende Situationen; ich schtze dann einen erfundenen
Namen vor. Ich denke, Sie legen auf diese Formalitt kein Gewicht.

Immerhin ein merkwrdiger Geselle, dachte Mrner und sah geradeaus auf
das Pflaster. So auch, vor sich hin, erkundigte er sich: Sie sind fremd
in der Stadt? Seit kurzem erst hier, wenn ich fragen darf? Er ist es,
dachte er wieder, und mit einer Anwandlung von Ha: wozu die gezierten
Vorbereitungen? weshalb spielt er Verstecken mit mir? was ist seine
Absicht?

Ja, ich bin fremd, gestand der Herr mit seiner leisen, freundlich und
rcksichtsvoll klingenden Stimme; aber daran bin ich gewhnt. Ich bin
eigentlich berall fremd. Das heit, obenhin betrachtet, bin ich fremd,
genau genommen nicht. Ich reise fortwhrend, wissen Sie, bin immer wo
anders, ohne festes Domizil. Ich liebe es nicht, Aufenthalt zu nehmen.
Wenn man sich aufhlt, entstehen Versumnisse. Viele Jahre bin ich schon
unterwegs, und es ist manchmal schwer, der Mdigkeit nicht nachzugeben.
Aber wir wollen nicht von mir sprechen. An mir ist nichts interessant.
Sie werden es mir nicht verbeln, wenn ich offen gestehe, da ich Ihnen
aus reiner Neugier nachgegangen bin. Wren Sie mir entschlpft, ich
htte wirklich nicht gewut, was tun. Ich htte Sie bestimmt noch heute
Nacht in Ihrer Wohnung aufgesucht, und diese Zudringlichkeit wre Ihnen
wahrscheinlich sehr unangenehm gewesen.

Sie waren also dort, dort oben bei meinen Freunden? stammelte Mrner;
ich habe mich also nicht geirrt ...?

Der Unbekannte nickte. Gewi, ich war dort, erwiderte er etwas
beschmt; es hat mich unwiderstehlich hingezogen. Ich wute von Ihnen.
Ich hatte irgendwelche Botschaft. Aus tausend Stimmen dringt eine
hervor, vernehmlicher als die andern. Ein Blatt Papier, ein
aufgefangenes Wort, was kann das nicht alles bedeuten. Und zufllig sa
ich Ihnen neulich im Eisenbahncoup gegenber, entsinnen Sie sich nicht?
Da erfate mich sofort die Neugier, trotzdem ich ber das Wichtigste
gleich im Klaren war, und ich blieb unablssig auf Ihren Spuren.

In der Tat glaubte sich Mrner zu entsinnen, den Unbekannten whrend
einer vielstndigen Fahrt im halbdunkeln Abteil gesehen zu haben. Er
wunderte sich, da ihm das erst jetzt einfiel, denn Gestalt und Gehaben
des Menschen waren ihm ungewhnlich erschienen, das vollkommen
unbewegliche Sitzen, der intensive Blick, eine gewisse Naivitt und
Bescheidenheit in den Mienen, verbunden mit einer schwer definierbaren
lchelnden Undurchdringlichkeit, alle diese Einzelheiten sah er lebhaft
vor sich. Seine Spannung und Unruhe wurde dadurch nicht vermindert.
Wieso waren Sie sich ber das Wichtigste im Klaren? fragte er und
suchte seine Erregung hinter einem gereizten und mrrischen Ton zu
verbergen. Bin ich denn so auf den ersten Blick zu ergrnden? Nichts
fr ungut, aber gegen das Hellsehn hab ich meinen Argwohn; es ist durch
einige Leute von meinem Metier diskreditiert und luft gewhnlich auf
Charlatanerie und Mystifikation hinaus.

Ich habe ja auch Ihre _Worte_ gehrt, antwortete der Fremde einfach.
Da Sie mitrauisch sind, begreife ich. Sie kennen mich ja nicht. Ich
habe mir noch kein Recht auf Ihr Zutrauen erworben. Ich bin ein
Namenloser, wie gesagt, ein Niemand; es steht bei Ihnen, mich fr einen
Charlatan zu halten. Nur bitte ich Sie, Ihr endgltiges Urteil noch zu
verschieben.

Er wich einem Hund aus, der ber die Strae lief und fuhr mit derselben
unerheblichen Stimme fort: Nein, Hellseher bin ich nicht, und da ich
Sie auf den ersten Blick ergrndet habe, behaupte ich auch nicht. Was
mich zu Ihnen getrieben hat, ist neben der Neugier, die mir angeboren
ist, die sonderbare Leidenschaftlichkeit in Ihnen, die sich auf alles in
Ihrem Umkreis unmittelbar bertrgt. Sie ist sehr selten, diese Art von
Leidenschaft, diese entselbstete; der Ausdruck stammt ja von Ihnen. Es
hat mich magnetisch angezogen; ich meine das nicht bildlich. Ob ich
wollte oder nicht, ich mute dorthin, wo Sie waren. Auf dem Meer, mitten
in einer Windstille, bei blauem Himmel, hat man manchmal die deutliche
Empfindung, da ein furchtbarer Sturm irgendwo hinter dem Horizont
wtet, der das Schiff frmlich in seinen Trichter saugt. So war Ihre
Wirkung auf mich. Die meisten Menschen wissen nichts von ihrer eigenen
Wirkung. Das Leben stumpft sie ab dagegen. Viel notwendiger ist es, die
eigene Kraft kennen zu lernen, als die der andern. Mchtige Seelen
liegen oft faul da und ahnen nichts von dem Magnetismus, der in ihnen
aufgesammelt ist. Ich unterscheide die Menschen danach. Es ist eine
Stufenleiter; von denen, die oben stehen, strahlt die grte Kraft aus,
die Schicksalskraft, die Verantwortlichkeitskraft. Das ist der Kitt, der
bindet. So war wenigstens meine Erfahrung. Das ist auch der Grund, warum
mich Ihre Leidenschaftlichkeit so beschftigt hat. Worauf sie eigentlich
gerichtet ist, kann ich nicht genau ermessen; ich habe nur zum Teil
verstanden, was Sie dort in dem Haus sagten; ich bin kein sehr
gebildeter Mensch und habe wenig gelesen. Ich hatte die Zeit nicht. Ich
habe mir nur einige Fhigkeiten angeeignet, durch die es mir mglich
geworden ist, - aber lassen wir das, davon erzhl ich Ihnen spter,
falls es sich ergibt. Folgende berlegung war es, die mich berhrt hat
wie seit langem nichts. Ich sagte mir: wenn man mit einer solchen Flamme
in der Brust vor der Menschenwelt steht, wie kann es sein, was mu da
geschehen sein, da die Flamme nicht leuchtet, da nicht alles in
blendender Helligkeit vor ihr liegt, da der, der sie besitzt, sich ber
Finsternis beklagt und eben dadurch in Gefahr kommt, tatschlich in
Finsternis zu versinken? Wie geht das zu? Ich sagte mir weiter:
Vielleicht kannst du da Nutzen stiften, es ist dir ja schon manchmal
gelungen; da liegt so eine Seele, sagte ich mir, eine mchtige Seele und
windet sich in Zuckungen; vielleicht kannst du das trbe Medium von der
Netzhaut dieses Menschen lsen, mehr ist vielleicht nicht zu tun; das
Ganze ist eine Erkrankung des Auges; freilich nicht des physischen
Auges; was darf nicht alles Auge heien bei den Edleren: das Herz ist
selber Auge.

Die hufig stockende, wie aus Bescheidenheit unsichere und zgernde Rede
des Fremden drang mit jeder Silbe unhemmbarer in Mrners Inneres. Harte
Schlacken schmolzen, der Krampf lockerte sich.

Was fr ein Mensch ist dies? dachte er zwischen zwei Atemzgen, von
denen der eine noch Qual war, der nchste schon Hoffnung.

       *       *       *       *       *

Sie saen im Arbeitszimmer des Schriftstellers. Der Unbekannte begann zu
erzhlen. Er hatte es gewi noch nie getan, denn es hatte unverkennbare
Erstmaligkeit.

Es war viele Jahre her, da er als Sohn eines reichen Hauses, verwhnt,
umworben, wie ein Thronfolger umschmeichelt, eines pltzlichen Tages
alles von sich geworfen, alles berflssige, wie er sich ausdrckte:
Geld, uere Wrde, gesellschaftliche Stellung, die Freunde, die Frauen,
die Dinge, die Gewhnungen, den Ehrgeiz, den Namen; alles von sich
abgestreift, blo um zu leben, um wirklich zu leben.

Mrner glaubte sich zu erinnern, davon gehrt zu haben. Aber die Zeit
hatte den Eindruck des damals Vernommenen und wahrscheinlich Entstellten
verwischt.

Der Schritt des jungen Mannes hatte Verwunderung und Kopfzerbrechen
erregt. Er verursachte auch vielen Menschen Leiden, die ihm bluts- und
wesensnah waren, aber danach durfte er nicht fragen. Er verzichtete auf
alles, was ihm lieb und unentbehrlich gewesen war und ging den Weg, den
er sich selber bahnen mute, und der umso schwieriger und mhevoller
war, als es ein bestimmtes Ziel auf ihm nicht gab. Man mute sehen,
wohin man kam.

Was er unter wirklich leben verstand, das vermochte er weder damals
noch spter befriedigend zu erklren. Man hielt ihn deshalb fr einen
unklaren Kopf, und selbst diejenigen Leute, die seine herausfordernde
Luxusexistenz verurteilt hatten und seinen Bruch mit der Vergangenheit
im Prinzip billigten, zuckten ber die Ausfhrung die Achseln. Sie
hatten etwas Besonderes, Niedagewesenes erwartet und machten aus ihrer
Enttuschung keinen Hehl. Sich seinen Verpflichtungen entziehen, die
Schiffe hinter sich verbrennen, das kann schlielich jeder, so sprachen
sie ungefhr; Geld und Gut fortwerfen, schn; in freiwilliger Armut
leben, schn; aber angenommen sogar, da man nicht zu den gyptischen
Fleischtpfen zurckkehrt, wenn einem die Geschichte eines Tages zu bunt
wird, wo ist die Idee? Was fr ein Dienst wird der Menschheit damit
geleistet? Was wird bewiesen, wodurch etwas gendert? Verkndet er eine
neue Lehre? Lockt das Beispiel zur Nachahmung? Ist es berhaupt
nachahmenswert? Hat er die Welt um einen fruchtbaren Gedanken
bereichert? Nein, stellten sie fest, es ist unreife Schwrmerei,
bestenfalls eine moderne Donquichoterie; Herrenlaune im Grund, nur
verblffender als die frheren, und genau besehen ist er derselbe Snob
geblieben, der er war, wenn auch nicht geleugnet werden soll, da ihm
bersttigung und Verzweiflung den Antrieb gegeben haben.

So uerten sich die meisten. Er aber kmmerte sich nicht darum. Ihre
Reden drangen bald nicht mehr zu ihm. Er schied aus ihrer Mitte. Er
schwand aus ihrem Gesichtskreis. Binnen kurzem war er verschollen. Er
ging in die Tiefen hinunter. Umkehr gab es fr ihn keine.

       *       *       *       *       *

Er erzhlte, da er ziemlich lange in der Borinage gelebt, bei den
Bergleuten; damals noch als Miggnger und neugieriger Gast. Der
Anblick des Elends hatte ihm diese Rolle unertrglich gemacht. Es hatte
sich eine Gelegenheit zur berfahrt nach Amerika geboten. Drben war er
gezwungen, sein Brot zu verdienen. Er griff zum Schwersten, ging unter
die Verlader am Hudson und war gegen Tagelohn angestellt. Er wurde
krank. Genesen, unterrichtete er die Kinder eines polnischen Flchtlings
im Lesen und Schreiben.

Er hielt sich in seiner Erzhlung bei den selbstverstndlichen
Schwierigkeiten des alltglichen Lebens nicht auf. Um seine Person war
es ihm ja nicht zu tun. Seine eigenen Leiden kamen nicht blo nicht in
Frage dabei, sondern er nahm gar keine Notiz von ihnen, sie waren kaum
vorhanden fr ihn.

Er erzhlte, immer in dem nmlichen gleichmigen Tonfall und ohne die
geringste Eindringlichkeit, da er sich bei einem groen Grubenunglck
in Pensylvanien an den Rettungsaktionen beteiligt habe und wochenlang in
den Schchten gewesen sei; wochenlang in der Gesellschaft verwaister
Kinder, verwitweter Frauen, dann da es ihn immer weiter getrieben wie
einen, der unstillbaren Durst hat und bei jedem Trunk nur noch durstiger
wird. Da er das Leben der Metallarbeiter kennengelernt habe, berichtete
er, und das der Maschinenbauer, und das der Eisenbahnarbeiter, und das
in den Schlachthusern, den Konservenfabriken, Spinnereien, Sgewerken
und Druckereien. Da er mit Fischern gelebt, mit Holzfllern, mit
Kleinbrgern, mit Beamten, mit Kellnern, mit Defraudanten, mit
Bar-Tnzern, mit Negern, mit Farmern, mit Journalisten. Da er Diener
eines Sekten-Oberhaupts gewesen, Schreiber bei einem Brsenmakler, Agent
fr ein Annoncenbureau. Da er in einer Besserungsanstalt und in einem
Zuchthaus war, nicht als unbeteiligter Besucher, sondern als Strfling,
indem er sich mittels geflschter Papiere fr einen andern ausgegeben.
Da er wochenlang in den unterirdischen Kanlen von Neuyork genchtigt;
in den Opiumhhlen von Chicago gelebt und unter den Auswanderern auf
Ellis-Island als Lazarettgehilfe gedient. Da er ein Jahr darauf mit
einer Goldsucher-Expedition nach Alaska gegangen sei; von dort nach
Japan; von dort nach China. Da er von Peking aus ins Innere, den Flu
entlang, gewandert sei, und mit einem tibetanischen Lama nach Madjura,
der heiligen Siedlung mit dem Lilienteich und den Trmen aus
Gtterbildern; immer unter den Menschen, dicht bei den Menschen, immer
einsam, dicht bei sich, von Tag zu Tag einsamer, von Tag zu Tag
reicher, beladen mit Reichtmern, und immer noch durstig. Er erzhlte
weiter. Das alles war erst Untermalung; Figur und Umri zeigten sich
spter.

Er sprach von Schiffen und Dschunken; vom Himmel, vom Meer; von Wldern
und Grten; von Tempeln und Festen; von Stdten und Wsteneien; von
Heiligen und von Verbrechern; von religiser Versunkenheit und
weltlicher Mhsal; von Aufruhr und Unterdrckung, von innigem Werkflei
und liebender Tat. Vom Schicksal und abermals vom Schicksal, seinem
Wechsel, seinem Grauen, seiner Herrlichkeit, seiner in alle Seelen
gewirkten Vielfltigkeit.

Er hatte erkannt; vom Erkennen war er voll. Er hatte Krfte in sich
geschlrft mit Begierde. Er hatte die Bindungen und Verflechtungen des
Menschheitskrpers sehen gelernt wie man die Lagerungen der Muskeln und
Adern an einem hautlosen Leib wahrnimmt. Er war vertraut mit dem Fhlen
und Denken aller Verlorenen, Irrenden, Geplagten und Duldenden an allen
Enden und Ecken der Erde. Er kannte die Lasterhaften, die Mrder, die
Diebe, die Hehler, die Geknechteten, die Einfltigen, die Erglhten, die
stummen Unverdrossenen. Fr ihn zogen sich Fden von der Kste des
indischen Ozeans bis zu den Palsten europischer Metropolen. Alles war
ein einziger, bebender, heier Leib; alles wie die verschlungenen Zweige
eines ungeheuren Baums. Er drckte dergleichen nicht aus, dazu war er
nicht imstande, aber es lag in seinem Aug und Wesen.

Er war, vom Osten her, durch den Krieg gegangen, unangefochten,
bewillkommt, von schonender Luft und schonenden Hnden umgeben, und wo
er war, schien er fr die andern von jeher gewesen zu sein. Er hatte die
Schlachtfelder durchzogen, die Brandsttten, das blutbesudelte Land,
hben und drben, das zermalmte, seufzende Land. Er war Zeuge geworden
von Plnderung und Metzelei, Hunger und Ha, Wahnsinn und Lge,
Bestialitt und Verzweiflung. Aber auch von verborgenem Heldentum und
dem kleinen Glck der Gengsamen, von Opferdienst und Wundern der
Vollbringung. Er wurde nicht mde; er durfte es nicht werden, denn er
sah noch kein Ziel.

Was mag das Ziel sein? ging es Mrner durch den Sinn, indes er lauschte
und mitlebte; in dem unendlichen Zirkel der Bilder und Vorstellungen
dachte er pltzlich an Buddhas Wiese, an die seligen Gefilde der letzten
Entuerung, des letzten Wissens, des letzten Friedens, der letzten
Inkarnation, Hhenscheide zwischen irdischer und himmlischer Welt.

Wute er nicht, wohin er ging, der beraus Seltsame? Darber war kein
Zweifel, da er sich bernatrliche Fhigkeiten angeeignet hatte, das
heit, von denen aus betrachtet, die noch nicht an die Natur reichen: Er
hatte sie erworben, weil sein Einsatz bermenschlich war, das heit, von
denen aus betrachtet, die noch nicht ans Menschliche reichen.

       *       *       *       *       *

Ich durfte mir keinen Zweck setzen, so wie ich mich nicht binden
durfte, sagte der Unbekannte; im Zweck liegt schon das bel; der Zweck
hat die Welt so ins Fieber gebracht. Nein, ich durfte mich niemals
binden, sonst htte ich den Zusammenhang verloren. Ich mute immer
wieder Abschied nehmen, immer wieder brechen, sonst htte ich mich
versumt und die wichtige Stunde. Die wichtige Stunde ist die nach der
berwindung und dem Entschlu. Da ist die Kraft ohne Ma und Grenzen.

Die Stimme blieb gleich nchtern, gleich karg, gleich unbetont; gleich
hflich die Haltung, sparsam die Gebrde. Oft spielte ein Lcheln um die
Lippen, die ungealtert waren, indes sich andere Teile des Gesichts
eigentmlich verwittert zeigten, besonders die Stirn und die
Schlfengruben; auch das Haar war an manchen Stellen silbrig angegraut.
Das scheue Lcheln schien die Versicherung zu enthalten, da die Distanz
nicht berschritten werden wrde, die der Andere vorschrieb. Der
unerhobene Ton aber, die zarte, rcksichtsvolle Bemhung um das
uerlich Konventionelle und Gestattete verlieh den Worten eine
vollkommene Durchsichtigkeit, und Gestalt um Gestalt, Vorgang um Vorgang
entfalteten sich so rein, als lgen Schall und Stimme nicht mehr
vermittelnd dazwischen.

Ich liebe die Dinge, sagte die hfliche Stimme; ich liebe sie
manchmal bis zur Unvergebarkeit; sie sind oft wie Laternen ber dem
Schicksal des einzelnen Menschen aufgehngt. Ich wei nicht, ob das eine
Schwche von mir ist, aber ich kann mich dem nicht entziehen. Ich bin
mit einem Mann gegangen, in einer kleinen Stadt, und es war Abend. Er
hatte Furcht, allein zu gehen, weil die Frau whrend seiner langen
Abwesenheit wieder geheiratet hatte und ihn fr tot hielt. Er hatte
Furcht, wollte aber zu seinen Kindern, und ich bin mit ihm gegangen. Das
Haus lag in einer Gasse gegen den Flu und hatte ein schiefes Dach.
Rechter Hand im Flur war ein Backofen, davor kniete eine Magd, von
schwacher Glut beschienen, und schob mit einer Stange die fertigen Brote
von den heien Ziegeln. An der Treppe oben stand das Weib des Mannes;
sie ahnte noch nichts und trllerte ein Lied. Zu ihren Fen spielten
zwei Ktzchen. Drauen war es feucht, das Pflaster glnzte, man hrte
den Flu rauschen, und bisweilen ging ein Mensch an dem offenen Tor
vorber, gebckt und eilig. Der Mann neben mir zog in seiner
Gemtserregung ein blaues, zerrissenes, wie ein Schachbrett mit
Quadraten bedecktes Tuch aus der Manteltasche und trocknete sich die
Stirn damit. Das Tuch war mir in dem Augenblick etwas unbeschreiblich
Teures; es lt sich wirklich nicht erklren, warum, aber alles war in
ihm drin, der ganze Mensch.

Er senkte ein paar Sekunden lang den Kopf und fuhr fort: So ist es mit
Schachteln, die bei armen Dienstboten in der Kommode liegen und mit
Erinnerungszeichen gefllt sind; und mit geborstenen Steintreppen an den
Toren; und mit Photographien an den Wnden; mit einer Kerze, die nachts
irgendwo an einem Fenster brennt, und mit dem Brett, das der Tischler in
der Werkstatt hobelt. Mit den Fuspuren im Weg ist es so und mit den
Brcken ber die Flsse, aber besonders mit allem, was durch
Menschenhnde geht und auf Menschen Einflu hat. Ich habe den Ring am
Finger einer gestorbenen Frau gesehen; von wie vielem der wute! Auf
einer Strae, durch die ich ging, lag ein zerrissener Vorhang, den man
aus einem ausgeraubten Haus geworfen hatte; wieviel Leben daran klebte!
An die Dinge geben sich ja die Menschen hin, sie sperren ihre Seelen in
sie hinein; sie sind ihr Besitz; und wenn nicht Besitz, dann das Ziel
ihrer Sehnsucht. In einer andern Stadt fand ich in einer kalten
Winternacht einen acht- oder neunjhrigen Knaben halberfroren auf einer
Bank. Ich trug ihn zu einem nahegelegenen Spital, dort wurde er der
Lumpen entkleidet, die ihm am Leibe klebten, und es wurde ihm heie
Milch eingeflt, da er nicht blo erfroren, sondern auch bis auf die
Knochen verhungert war. Nachdem man den Krper notdrftig von Schmutz
und Unrat gesubert hatte, steckte man ihn ins Bett. Er lag bewutlos,
und ich blieb die Nacht ber bei ihm, man hatte es mir erlaubt. Als er
nun die Augen aufschlug und man ihn fragte, wer er sei und woher er
komme, vermochte er nicht zu antworten. Er sah bestndig die weien
Kissen an, tastete bestndig mit der Hand ber das weie Linnen, das ihn
bedeckte, und in seinen Mienen war ein so maloses Staunen, eine so
malose freudige Bestrzung, da man sofort begriff, er war Zeit seines
Lebens nie in einem Bett gelegen, und erst recht nicht in einem solchen
Bett. Er glaubte allen Ernstes, da er sich im Jenseits befand, und das
einzige, was er sprechen konnte, war: so wei; so sauber; so wei; und
wieder, andchtig, unglubig, vllig verzckt: so wei; Herr Jesus, so
wei.

Der Unbekannte hielt inne und sann mit abgelster Heiterkeit im Gesicht
vor sich hin. Dann sprach er: In der nmlichen Stadt fgte es sich, da
ich mich eines brustkranken Mdchens annehmen sollte, das im Laden einer
Friseurin bedienstet war. Ein Kind von sechzehn Jahren, ich erinnere
mich noch des Namens; Angelika hie sie. Ihre Herrin hatte sie aus dem
Waisenhaus genommen, sie war ein Findling; ein munteres und zrtliches
Geschpf, von allen wohlgelitten und ungemein geschickt in den
Verrichtungen, die man sie gelehrt hatte. Die Herrin sah aber bald, da
das bel rapid wuchs; der Arzt, den sie zu Rate zog, gab ihr wenig
Hoffnung und empfahl ihr, das Mdchen schleunig in eine Heilanstalt zu
bringen. Sie versuchte es, doch es war umsonst; die Behrden wiesen sie
ab, die humanitren Vereine wiesen sie ab, die reichen Leute, bei denen
sie Hilfe suchte, wiesen sie gleichfalls ab. Sie war eine robuste Frau,
nichts weniger als gefhlsselig, aber sie liebte das Mdchen wie ein
eigenes Kind, und die Aussichtslosigkeit, eine Pflegesttte fr sie zu
finden, erbitterte sie. Angelika indessen ahnte nichts davon, da ihr
Geschick ein so nahes Todesurteil ber sie verhngt hatte. Sie lachte
und scherzte den ganzen Tag, und besonders war sie darauf versessen,
sich zu schmcken. In diesem Punkt war sie geradezu erfinderisch; ihre
billigen Gewnder sahen aus wie frisch aus dem Magazin; die kleinen
Geschenke, die sie von den Damen erhielt, Bnder, ein Stckchen Stoff,
eine silberne Nadel, eine Halskrause, waren Kostbarkeiten fr sie, und
sie wute sie anmutig und geschmackvoll zu verwenden. Aber ich will
Ihnen erzhlen, wie ich dazu kam, mit eigenen Augen zu sehen, wie
glhend diese jungen Hnde die Dinge umklammerten, die ihr Ausdruck und
Abbild des Lebens waren. Es ist eine unbedeutende Begebenheit, im groen
Ring betrachtet, aber sie hat mir viel zu denken gegeben. Die Friseurin
hatte noch ein zweites Lehrmdchen, und diese war nach und nach
eiferschtig auf die jngere und hbschere Kollegin geworden. Als nun
eines Tages Angelika zu einem gewhnlichen Kundenbesuch ihr schnstes
Kleid angezogen hatte, und mit glcklichem Lcheln vor ihr stand, sagte
sie zu ihr; wozu richtest du dich so her und gibst die paar Groschen,
die du verdienst, fr Plunder aus? Trachte lieber, da du gesund wirst,
damit unsere Frau nicht so viel Scherereien deinetwegen hat; es steht
nicht zum besten mit dir, das wissen alle, blo du nicht; also merk dirs
und werde nicht gar so bermtig. Die Worte erschreckten Angelika, und
sie fing an zu begreifen, was ihr drohte. Sie bte ihren Frohsinn nach
und nach ein, obwohl ihre krftige und unbefangene Natur sich immer
wieder geltend machte, selbst dann noch, als sie bettlgerig wurde und
mit jedem Tag mehr verfiel. Es war mir endlich gelungen, in einem Asyl
weit drauen vor der Stadt einen Unterschlupf fr sie zu finden,
richtiger ausgedrckt, ich hatte einige schwerbewegliche Personen
aufgesucht, und diese ihrerseits hatten wieder einigen widerwilligen
Funktionren eine Zusage abgerungen, die aus freien Stcken zu geben
ihre Pflicht und ihr aufgetragenes Amt gewesen wre. Kurz, Angelika
sollte in Pflege kommen, und ich beeilte mich, es der Frau zu melden. Es
war an dem Tage gerade ein blutiger Aufruhr in der Stadt, Soldaten und
Arbeiter zogen durch die Straen; aus vielen Husern wurde geschossen.
Am schlimmsten ging es in dem Viertel zu, wo die Friseurin wohnte; ich
konnte mir durch die Massen Volks kaum einen Weg bahnen. Der Laden war
geschlossen, ich stieg ins erste Stockwerk hinauf, wo sich die Wohnung
befand, doch es war niemand zu sehen. Ich wute, wo Angelikas Kammer
war, ich hatte sie schon einmal besucht und mit ihr gesprochen. Ich
klopfte; es blieb still. Ich dachte, das Kind schlafe vielleicht,
obgleich dies bei dem wilden Lrm, der von der Strae heraufschallte,
sonderbar anzunehmen war. Als ich leise die Tr ffnete, sah ich, da
sie nicht im Bett lag. Sie hatte sich erhoben; im langen weien Hemd und
barfu stand sie vor dem Spiegel, der in den Schrank eingelassen war;
die schwarzen Haare flossen bis zu den Hften; auf dem Kopf trug sie
einen breitrandigen Hut mit zwei grauen Federn; um die Taille, ber das
Hemd, hatte sie ein blauseidenes Band zur Masche geknpft, und um den
stengelfeinen Hals eine Korallenkette gelegt. Ich trat in das rmliche
Gemach; es bedurfte nur meines Vorsatzes dazu, da sie mich weder sah
noch hrte; auerdem war sie viel zu hingenommen von ihrer Beschftigung
und das Geknall und Geschrei von drauen zu heftig, als da sie auf
mich htte aufmerksam werden knnen. Ich setzte mich also in eine dunkle
Ecke. Ich konnte ihr Gesicht nur im Spiegel sehen, das totblasse, aber
von Begierde, von unbezwinglicher Lebensbegierde ber und ber bebende
Gesicht. Auf dem Tisch neben ihr lagen ihre Schtze, ein Haufen bunter
Bnder, ein paar wertlose Broschen und Spangen, ein Nhzeug und eine
Schale mit Winterblumen. Auf einem wackligen Stuhl davor standen ein
Paar gelbe neue Stiefletten und ber der Lehne hingen Blusen, ein
Ledergrtel und ein grner Schal. Das alles betrachtete sie mit
flieenden Blicken, bald sich selbst im Spiegel, bald die geliebten
Gegenstnde. Die Sachen, nennt man es; ja, jeder hat seine Sachen, und
mit ihnen schtzt er sich und schmckt er sich; sie tuschen ihm Flle
vor, oder Freude; die Habseligkeiten; auch ein merkwrdiges Wort. Sie
griff nach Blumen in der Schale und probierte, ob sie zum Blau der
Schleife paten; sie nickte ihrem Spiegelbild zu, vertraut, vertrumt,
aufmunternd; sie spielte mit ihm und forderte es heraus, sie bog den
Kopf zur Seite und gab sich eine grazise Haltung, und besonderes
Vergngen bereitete ihr das Wippen der grauen Federn. Whrenddem wurde
der Tumult auf der Strae immer rger; sie vernahm es nicht. Drauen
schlugen sie eine jahrhundertalte Ordnung in Trmmer, sie geno, was sie
als Reichtum empfand. Sie beugte sich zu den Stiefelchen herab und sagte
schalkhaft-liebkosend: ihr armen Schuhe, wer wird euch spazieren tragen,
wenn ich gestorben bin? Sie richtete sich wieder empor, schaute lange
und uerst gespannt in den Spiegel, seufzte herzlich und sagte leise
vor sich hin: ach Gott, nie wird ein Mann bei mir schlafen. Es war
Klage, aber voller Unschuld, so da es beinahe heiter klang und ich mich
zu lcheln nicht enthalten konnte. Doch schlich ich mich nach einer
Weile hinweg. Mehr durfte ich von dem Geheimnis nicht rauben; ich hatte
mir schon zuviel angemat. Den Menschen bei sich selbst erlauschen, geht
nicht an; man verrt ihn und verrt sich. Alles war Spiegelung gewesen;
der wirkliche Spiegel hatte mir Angelikas Gesicht gezeigt der andere
ihre Welt, weit zurck bis zu den Ahnen und Urahnen, die sie
hinausgestoen hatten, als Letzte, in ein ungengendes Stck Leben.

       *       *       *       *       *

Die Zeit war ohne Marke; wie lange das Schweigen gedauert hatte, konnte
Mrner nicht ermessen, als die hfliche Stimme wieder begann: Ich
mchte Ihnen die verschlossenen Tore aufschlieen; bedenk ichs recht, so
hab ich zu vielen die Schlssel. Damit man erfahre, damit man erlebe,
mu man vieles gesehen haben, und doch ist Sehen und Erleben zweierlei,
und Leiden und Erleben ist zweierlei. Die Tat macht es nicht, und der
Wille nicht und die Ergriffenheit nicht. Jedes einzeln kann zu etwas
dienen, und doch ist der glockenhafte Widerhall nicht da, der die Sinne
lst und zum Schwingen bringt. In der Wissenschaft, glaube ich gehrt zu
haben, werden jetzt mehr und mehr alle Phnomene der Natur auf die
Wellenbewegung zurckgefhrt. Meiner Ansicht nach kann man auch die
sinnliche Welt in das Gesetz der Wellenbewegung einbeziehen. Es ist
vielleicht dieselbe Kraft, nicht einmal wesentlich modifiziert, die das
Licht erzeugt und zwischen zwei Menschen Ha oder Liebe hervorbringt;
dieselbe, die ein Gestirn aus seiner Bahn reit und die Katastrophe
einer Familie oder eines Volkes bedingt. Wir haben keinen Einblick, wir
knnen es wahrscheinlich nie ergrnden, aber wenn der Geist rein ist,
glaubt man oft, man kann es ahnen und fassen. Der nmliche Stoff flutet
durch smtliche Seelen, und wenn das Gemt rein ist, kann man sie ahnen
und fassen. Oft ist mir, als wr ich der andere, der mich anschaut; oft,
als wr ich in vielen drin und die Unruhe kme von der Zerstckelung.
Oft ist mir, als rollte alles Geschehen in seinen Anfang zurck, und was
Tod und Untergang scheint, wenn ich die Augen schliee, ist wie neu,
wenn ich sie dann aufschlage. Oft ist auch alles wie Wiederkehr, und das
macht eigentlich am meisten verzagt; dann wre ja keine Rettung und kein
Hinauf. Ich hrte einmal die Geschichte von einem reichen Patrizier im
alten Rom, Valerius Asiaticus; der besa einen so herrlichen
Hgelgarten, da er den Neid des Kaisers Claudius erweckte, der ihn auf
unbewiesene Verleumdungen hin zum Tod verurteilte. Da man ihn die
Todesart whlen lie, entschied er sich fr die Verbrennung. An dem dazu
bestimmten Tag nahm er seine gewohnten Leibesbungen vor, badete, ging
zu Tisch und ffnete sich die Adern. Aber die Liebe zu seinen Pflanzen
war so gro, da er in der letzten Stunde den aufgeschichteten
Scheiterhaufen nach einer anderen Stelle schaffen lie, damit Flammen
und Rauch das Laubdach der Bume nicht beschdigen sollten. Genau das
Gleiche, Zug fr Zug, hat sich unter der Regierung der letzten Kaiserin
in China begeben, und ich habe den Mann gesehen, der das Gleiche erlitt;
ich war dabei, als er auf den Holzsto stieg. Aber das ist vielleicht
aus zu grober Materie; Ereignis gegen Ereignis, eins der Schatten vom
andern; was besagen sie beide? Die lsterne Phantasie nascht davon, und
es entsteht Irrtum und Dunkel. Man mu immer zum Geringen niedersteigen,
dann ist die Falte auf einer Stirn und die Windung in einem Ohr beredt
genug, und wo man geht und steht, umdrhnt einen der Lrm des Bluts,
der Wnsche, Begierden, Trume und Gedanken in allen wie das
Hmmergestampf in einer Maschinenhalle. Ohne Aufhren ist es, ohne
Stille; Rad wetzt sich an Rad, Hebel stt Hebel. Ich bin einmal mit
einer Kolonne von Arbeitslosen marschiert, Mnnern und Frauen; wie es
hinter den Schdeln raste! Mir war als sausten Knttel auf mich herab,
und doch waren die Leute ganz stumm. Ich bin einmal auf einem Schiff
gewesen, das auf eine Mine stie; die Passagiere strzten auf Deck, und
die Todesangst in den Gesichtern kann ich nicht vergessen. Sie waren
aufgerissen bis in die verborgensten Fasern. Schamlos werden die
Menschen da; Zucht fllt ab wie Tnche, das Gehtetste geben sie preis,
und nur Mtter und Tiere verlieren sich nicht ganz. Ich bin einmal in
Litauen oben mit drei Wucherern in einem Postwagen gefahren. Sie
sprachen wenig, und das Wenige mit Vorsicht; aber ihre Augen und ihr
Lachen und ihre Gebrden erzhlten von zugrundegerichteten Existenzen,
von Bitten und Flehen, das an ihrer Unempfindlichkeit abgeprallt war;
jeder schleppte ein Netz, worin die Ausgesogenen wehrlos zappelten; und
es war, als zeigten sie einander ihre Beute. Ich folgte ihnen heimlich;
es lie mir keine Ruhe, von ihnen viel zu wissen; ich sah Drohbriefe und
Pfandscheine und verfallenes Gut und ausgerumte Stuben, und den
Leichtsinn der Opfer, die Verzweiflung von einem, der Wechsel geflscht
und von einem der Geld unterschlagen und von einem, der sein Erbe
verschleudert hatte. Die drei Wucherer waren wie Pirschgnger; sie
brachten Menschen in Rudeln zu Fall; sie huften Reichtmer an, ohne sie
zu genieen, ohne sich daran zu freuen, ihr einziges Ergtzen war die
Qual und Wut des in die Enge getriebenen Menschenwildes; als ich in
einer Nachtstunde einen allein in seinem Zimmer sitzen sah, durch das
Fenster von der Strae aus konnte ich ihn sehen, da erschrak ich, denn
das Gesicht sah aus wie das eines versteinerten, grauenhaft traurigen
Affen.

Der Unbekannte bedeckte hastig die Augen mit der Hand und lchelte
enigmatisch. Um ihn war ein Geruch von Schicksalen wie von Miasmen,
fuhr er fort; doch ein jedes Schicksal hat seinen bestimmten Geruch,
seine bestimmte Schwere, seine Flugkraft, seine Intensitt, seine
angeborene Gewalt. Es wchst oder welkt wie die Pflanze; es zieht
anderes Schicksal an oder stt es ab, je nachdem. Es ist ber den
Menschen, eine Weile oder ein Jahrtausend, je nachdem, dann in den
Menschen. Sie verhalten sich zu ihm wie mehr oder minder elektrische
Krper zum Blitz. Das Unausdenkbare, sobald es ausgedacht werden kann,
geschieht es schon oder ist geschehen; aber der es erleiden mu, dem ist
es Rtsel und Grauen. Ich war in Bhmen auf einem Gut, dessen Besitzer
seit kurzem geistesgestrt war, und zwar aus folgender Ursache. Es war
ein reicher Edelmann, ohne Familie und ohne Freunde, ein menschenscheuer
Sonderling. Die einzige Person, der er vertraute, war sein Diener, mit
dem er fnfundzwanzig Jahre auf dem Schlo gehaust hatte, der fr seine
Bedrfnisse sorgte, seine Launen kannte und ihm in allem demtig ergeben
war. Eines Tages wurde der alte Baron von Todesahnungen geplagt;
vielleicht ngstigte ihn die vllige Einsamkeit zum erstenmal; er rief
den Diener zu sich in die Stube und sagte ihm, da er wahrscheinlich
bald sterben msse, und da er, um ihn fr seine Treue und
Anhnglichkeit zu belohnen, sich entschlossen habe, ihm den groen
Meierhof zu schenken, der an den Schlopark grenzte. Er mge fr den
nchsten Morgen den Notar bestellen, damit die Schenkung rechtsgltig
festgelegt werde. Der Diener starrte eine Weile stumpf vor sich hin.
Whrend des ganzen Vierteljahrhunderts nmlich, das er mit seinem Herrn
verbracht, hatte er nie eine Gemtsbewegung an ihm bemerkt, nie eine
Gabe von ihm empfangen, nie ein mildes Wort von ihm gehrt. Er fngt an
zu stottern; er verfrbt sich, pltzlich strzt er vor dem Baron auf die
Knie, schluchzt vor Zerknirschung und sagt, er sei der Gnade des Herrn
unwrdig; er msse sich eines grlichen Vorhabens anklagen, das er
dreimal in Tat umsetzen gewollt; dreimal habe er den Plan gefat, den
Herrn umzubringen; dreimal sei er des Nachts unter dem Bett des Herrn
gelegen, um ihn im Schlaf zu erwrgen; dreimal habe ihn ein Zufall daran
gehindert: einmal der Hahnenschrei; einmal das Schlagen der Pendeluhr;
das letztemal, in voriger Nacht erst, das Trompetensignal einer durch
die Dorfstrae ziehenden Militrabteilung. Der Baron wute nichts zu
antworten. Er hie den Diener gehen. Er verabschiedete ihn noch an
demselben Tag. Das nachtrgliche Entsetzen ber die dreimalige nicht
gewute Gefahr, unter Mrderhand zu enden, umnachtete seinen Geist.

Der Unbekannte hatte einen Ausdruck in den Augen, als schaue er in ein
Gewhl, das fern und tief unten war. Aber ist das nicht auch zu grob,
zu tatschlich, zu zufllig? fragte er gedankenvoll; ich greife es
heraus, weil es sich herausdrngt. Ich bin zu erfllt davon. Es haftet
auch an der Haut. Und immer ist es aneinandergereiht wie die Kfer auf
einem Pappendeckel. Man will beweisen, was man spricht. Ich sehe immer
das Exempel. Ich sehe so viele, die ihren Mrder neben sich haben; sie
fttern ihn frmlich auf und drcken ihm die Waffe in die Hand. Oft ist
es ihr eigener Schatten, der sie mordet, oft ihr Bild in einem Bruder,
einer Geliebten, einem Freund. Keiner wei etwas vom Bruder, von der
Geliebten, vom Freund, und es ist wunderlich amsant, zu erfahren, was
er zu wissen vorgibt. Miverstndnisse geben ihnen den strksten Halt.
Es ist berhaupt wunderlich amsant alles, finden Sie nicht? Immer
sehen, immer hren, jede Stunde ausschpfen, jedes Herz aushorchen! Was
htte ich drum gegeben, wenn ich jenen Diener noch auf dem Gut getroffen
htte! Die fnfundzwanzig Jahre Gehorsam in Schweigen und Ha, was mu
da in seinem Gesicht zu lesen gewesen sein! Ich habe ihn lange Zeit
gesucht; leider umsonst.

Er beugte sich vor; die schngeformten Hnde machten eine zaghafte
Geste. Diener! da es solche gibt! fuhr er fort; da es Knechte gibt,
und Trsteher; solche, die Kohlenscke auf dem Rcken tragen;
Schiffszieher; solche, die in Schwefelgruben steigen; solche, die
Kloaken subern; solche, die Bleidmpfe einatmen. Jeder mit seinem ganz
besondern Sinn. Einer hat nicht dieselben Finger wie der andere; in
zweien sind nicht zwei gleiche Gedanken, und jeder lt sich die Last
aufbrden und schleppt und schleppt. Warum nur? Man kann nicht fertig
werden, darber nachzudenken. Millionen Sklaven keuchen unter der Kette;
tausend rebellieren und reien sich los, und schon zwngen sich tausend
neue an ihre Stelle. So mutlos und wundgerieben ist aber keiner, da er
nicht ein Weib bei sich htte und Kinder mit ihr zeugte, die auch wieder
an die Kette geschmiedet werden. Da schwillt das Leiden immer hher. In
manchen Lndern steht es bereits so, da die Kinder mit einem alten
finstern Herzen auf die Welt kommen. Ich habe mich davon berzeugt. Ich
habe folgendes erlebt. Man geht nichts ahnend hin, und aus dem Erdboden
heraus strecken sich einem Kinderarme entgegen, lauter magere Kinderarme
wie ein Feld von Strohhalmen; die Fustchen sind krampfhaft geschlossen,
die zarten Gelenke sind rhachitisch. Es ist uerst merkwrdig: man kann
meilenweit wandern, zwischen Fabrikschloten und flammenden Essen, und
sie strecken sich einem unabsehbar entgegen, lauter magere Kinderarme,
wie Strohhalme, oder wie kleine geschlte Zweige. Manche brechen, manche
wachsen, jedenfalls sind es zahllose, und sie versperren einem den Weg.
Was sagen Sie dazu? Meinen Sie nicht, da Ihre Ansicht, die Zeit sei
Ihnen entgegen, doch falsch ist? Ist sie nicht geradezu fr Sie?
Geradezu wie fr Sie gemacht? Ist sie nicht wie ein verdorrter Acker,
der Bewsserung verlangt, Licht und Wrme? Denken Sie nur an die
zahllosen Kinderarme. Sie knnen sich niederbeugen, die
zusammengekrampften Fustchen ffnen, die frierenden Hnde ergreifen.
Ich frchte, das klingt sentimental, aber ich halte es Ihnen als
Notwendigkeit vor. Es ist, als schaute man in ein vergiftetes Bassin, wo
viele kleine Fische vor dem Krepieren noch ein bichen zucken. Das
einzige Mittel, sie zu retten, ist, neue Quellen und Zuflsse
hineinleiten. Sie sagen, das Werk lasse sich nicht schaffen, weil die
Geister und Seelen zerstrt sind. Zum Teil ist das ja richtig. Aber war
die Auslese der Brauchbaren nicht immer sehr gering? Steht und fllt
nicht jedes Werk mit dem einen Hirn, in dem es geboren wird? Und
brauchen Sie denn die Menschen? Gengt nicht das Schauspiel von Aufstieg
und Sturz, das sie Ihnen bieten? Ist denn der groe Lebensteppich
zerfetzt oder verbrannt? Sind seine Farben verblat? Ist er minder bunt
gewirkt als vor zehn, vor hundert, vor tausend Jahren?

Der Unbekannte schien in einiger Erregung. Der Ton seiner Fragen war
dringlich; er hatte die Hnde ausgestreckt und sich noch weiter
vorgebeugt. Es scheint mir nicht. Sehen Sie doch hin. Die Paare treten
zum Tanz an, der Wein wird ausgeschenkt, die Musik spielt. Es ist ein
Haus mit vielen Stockwerken; in dem einen ist Frhlichkeit, im andern
Traurigkeit. Es ist eine Zauberhhle mit schimmerndem Gestein. Man
braucht nicht einmal Aladdins Wunderlampe; die dienenden Geister
gehorchen dem, der den Weg gefunden hat. Wozu Gericht? Wozu Verdammung?
Nicht einmal urteilen darf man. Zerstrte Geister und Seelen, was heit
das? Ist das eigene Auge und die eigene Seele unzerstrt, so ist die
Welt unzerstrt. Gbe es eine Hlle wirklich und wren alle ihre
Verdammten losgelassen, um aus purer Raserei die Welt zu vernichten, und
es fnde sich nur ein einziger unter ihnen, der beim Ruf der Erlsung
sehnschtig stutzt, so wrde es sich verlohnen, sie von neuem
aufzubauen. Das ist meine Ansicht. Schlagen Sie die Augen empor! Fassen
Sie doch, wie ein Kind es tut, das Ungeheure, das Se, das
Schmerzliche, das Blhende, den ungeheuren, berflutenden Reichtum.
Freilich ist eines not, wie es auch geschrieben steht. Es steht
geschrieben: Von der Neigung zu geliebten Personen mut du so frei sein,
da du, soviel dich anbelangt, ohne alle menschliche Verbindung zu sein
wnschest; umso nher kommt der Mensch Gott, je weiter er sich von allem
irdischen Trost entfernt. Aber das ist eine harte Aufgabe. Geffnet sein
und im ehernen Panzer; leicht sein und schwer beladen; den Baum hegen,
der die seltenen Frchte trgt, und sie nicht fr sich pflcken drfen.
Trotzdem ist es kstlich, zu wandeln und die Luft der Erde zu atmen,
wenn man die Botschaft versteht, die einem geworden ist.

       *       *       *       *       *

Mrner wollte die Hand des Unbekannten ergreifen, doch der Stuhl, auf
dem er gesessen, war leer. Seine Brust hob sich mit einer Sturmwelle, er
wute nicht, ob in freudigem, ob in wehem Gefhl. Fragen quollen ihm auf
die Lippen, die er an sich selbst richtete, aus einer Morgendmmerung
des Herzens heraus: wo grbst du? wo wchst du? wo wirkst du? wo ist
dein Feld? wo ist dein Weg? Aber ehe er sie bedenken konnte, waren sie
von einer geisterhaft-entfernten Stimme beantwortet, und er glaubte
einen Arm zu gewahren, der ihm eine goldhutige, strahlende Frucht
zeigte. Der Tag rauschte ber das Firmament, und er begrte ihn. Er war
an der Wende angelangt, wo der Ausgleich ist zwischen Finsterem und
Hellem, ber welchen der Bogen sich wlbt, an den die Sternbilder
geheftet sind, Inbegriff allen Schicksals.




Adam Urbas


Unter den Aufzeichnungen des krzlich verstorbenen
Reichsgerichtsprsidenten Diesterweg, eines scharfsinnigen und
geistreichen Kriminalisten vom Schlage des groen Anselm Feuerbach,
befand sich auch die folgende.

An einem Oktoberabend, zu spter Stunde, kam der Bauer Adam Urbas aus
Aha, einem Dorf des sdlichen Frankens zwischen Altmhl und Hahnenkamm,
auf die Gendarmeriestation in Gunzenhausen und erstattete die Anzeige,
da er an eben diesem Tag seinem achtzehnjhrigen Sohn Simon den Hals
abgeschnitten habe. Er liege tot in der Kammer zu Hause. Das Messer, mit
dem er die Tat verbt, trug er bei sich und berreichte es. Es war noch
blutig.

Die Selbstbezichtigung, in ruhigem Ton und mit uerst knappen Worten
vorgebracht, wurde protokolliert. Auf alle weiteren Fragen des
Kommissrs verweigerte er die Antwort. Der Lokalaugenschein, der noch in
derselben Nacht vorgenommen wurde, besttigte seine Angaben. Man traf
ein vor Entsetzen und Jammer halbwahnsinniges Weib und bestrzte Knechte
und Mgde.

Adam Urbas wurde ins Gefngnis nach Ansbach gebracht.

Als ziemlich junger Richter war ich einige Wochen zuvor in diese
Kreishauptstadt versetzt worden, und meinem lebhaften Ehrgeiz war es
willkommen, da man mich mit der Voruntersuchung betraute.

Der Fall schien von Anfang sonnenklar. Ein anscheinend beschrnkter und
in allen Vorurteilen seiner Kaste befangener Bauer hatte seinen
entarteten Sprling, von dem er nur Schande und Unheil erfahren hatte,
kurzerhand aus dem Weg gerumt, sowohl um ein Strafgericht zu
vollziehen, als auch um noch grerem bel, das im Entstehen war,
vorzubeugen.

Nach den bereinstimmenden Aussagen der Zeugen war der junge Urbas ein
vllig verlottertes Individuum gewesen, arbeitsscheuer Herumtreiber,
stndiger Gast in allen Wirtshusern und auf allen Jahrmrkten der
Gegend. Fr seinen miggngerischen und anstigen Wandel hatte er viel
Geld gebraucht, und was ihm die gefgige Mutter, die er einzuschchtern
verstand, nicht gab oder geben konnte, hatte er sich auf andere Weise zu
verschaffen gewut. So hatte er im August beim Getreidehndler Kohn in
Weienburg auf eigene Faust achthundert Mark fr gelieferte Gerste
abgeholt und das Geld unterschlagen und verprat. In Nrdlingen hatte er
sich mit einem verrufenen Frauenzimmer eingelassen, das von ihm
schwanger zu sein behauptete; eines Tages hatte er die Person an einen
entlegenen Ort gelockt und zu erwrgen versucht. Durch ihr Geschrei
waren zufllig vorbeikommende Leute alarmiert worden, und so war sie ihm
entronnen. ber diese Angelegenheit war die Untersuchung noch im Gange,
als Adam Urbas den gerichtlichen Manahmen zuvorkam.

Auch aus der Knabenzeit Simons wurden Zge und Begebenheiten berichtet,
die seinen Charakter in das belste Licht rckten. Nichts entstammte
dem bermut, was er verbte, es war immer voller Tcke und
Abgefeimtheit. So hatte sich z. B. die Gromagd sechs neue Leinenhemden
in der Stadt gekauft; freudig zeigte sie die Erwerbung dem brigen
Gesinde und der Buerin; es wurde zur Vesper gerufen, und sie legte die
bltenweie Wsche auf den Tisch in der Tenne. Als sie zurckkam, waren
die Hemden mit Wagenschmiere derart besudelt, da keines mehr brauchbar
war. Da Simon die Bberei begangen, bezweifelte niemand, aber bewiesen
werden konnte es nicht, so wenig wie die Sache mit dem Fuhrmann Scharf.
Der hatte seinen mit Mehlscken beladenen Wagen vor dem Krug halten
lassen; als er weiterfahren wollte, rann das Mehl in weichen Bchen auf
die Strae; zehn oder zwlf Scke waren heimlich aufgeschnitten worden.
Das ist der Simon Urbas gewesen und kein anderer, hie es; bewiesen
werden konnte es nicht.

Zur Heuchelei und Hinterlist gesellten sich spter Frechheit und
Gewaltttigkeit, und alle Gutmeinenden waren darber einig, da da ein
Menschenunkraut emporwuchs, so hoch, da keine Schere mehr hinanreichte,
es zu stutzen und kein Spaten stark genug war, es auszujten. Ich htte
auf die Flle des gebotenen Materials verzichten knnen. Da war kein
Problem, keine Verworrenheit, keine Tiefe; alles war eindeutig, platt
und roh, zumindest, was den Ermordeten betraf.

Der letzte Akt des drflichen Schauerdramas hatte sich am Gunzenhauser
Kirchweihsonntag abgespielt. Zwei Bauern aus Windsbach hatten sich im
Wirtshaus zu Aha darber unterhalten, da gegen Simon Urbas ein
Verhaftsbefehl erlassen worden sei. Adam Urbas sa unbemerkt von ihnen
am Nebentisch. Die anderen Gste und der Wirt schielten ngstlich nach
ihm hin, denn aus der Art, wie er das Glas absetzte und vom Stuhl
aufstand, war zu schlieen, da er von der Nrdlinger Geschichte noch
nichts wute. Die Schandtaten Simons wurden ihm nmlich so lang wie
mglich verhehlt. Es war seine auerordentliche Schweigsamkeit, seine
achtunggebietende Haltung und nicht zuletzt seine groe Beliebtheit in
der Gemeinde und in der ganzen Gegend, die einen schonenden Wall um ihn
errichteten. Durch all die Jahre hatte auch die Buerin die schlimmsten
Nachrichten aufzufangen und in ihrer Wirkung auf Urbas zu mildern
gewut. Aber wenn man annahm, da er deshalb in Unwissenheit oder nur in
halber, in freiwilliger Unwissenheit lebte, so tuschte man sich. Er
verstand es eben, seine Umgebung ber das, was er sah und in ihm
vorging, im Zweifel zu lassen.

Die Buerin hatte das drohende Unglck beim Buttern von einer
schwatzhaften Magd erfahren. Als Urbas nach Hause kam, stellte sie sich
ans Fenster, um ihm nicht ins Gesicht sehen zu mssen. Da ging, es war
schon gegen Abend, der Ziegelarbeiter Franz Schieferer am Haus vorbei
und rief ihr zu, der Simon sei drben in Gunzenhausen im Hirschen; er
traktierte die Manns- und Weibsleute und werfe mit Geld herum, da es
nur so klappre; aber, fgte er lachend hinzu, denn er war stark
angeheitert, man werde den Vogel bald auf Numero Sicher haben, die
Gendarmen seien schon unterwegs. Dem war freilich nicht so, wie sich
spter erwies; auch das mit dem Verhaftsbefehl war vorlufig leeres
Gercht.

Das ganze Gesinde war zur Kirchweih gegangen. Die Buerin lie sich auf
die Wandbank nieder; Urbas wanderte mit schweren Schritten in der Stube
auf und ab. Da hrte man von der Strae herein schlrfendes Gehen, dann
wurde an der Haustrklinke gerttelt. Fuste polterten wider das
massive Holz, dazu erschallten Flche. Die Buerin sprang auf und wollte
hinaus; Urbas hob den Zeigefinger, nichts weiter; sie verharrte auf der
Stelle. Nun zeigte sich Simons Gesicht am Fenster, von Trunkenheit
gertet, mit Augen voller Bosheit. Die Buerin schrie auf und winkte ihm
zu, er solle weggehen. Er verschwand wieder, eine Weile blieb es ruhig,
dann war auf der Tenne Lrm. Er war durch die Tr auf der Hofseite ins
Haus gelangt. Im Dunkeln stie er gegen das Gert; man vernahm einen
Sturz; die Buerin ri die Stubentr auf und im hinauslohenden
Lampenschein gewahrte sie, wie sich der betrunkene Mensch mhsam vom
Boden aufrichtete. Die Arme gegen die beiden in der Stube reckend, drang
eine grulich lsternde Rede aus seinem Mund; vielleicht war dieser
Augenblick entscheidend fr Urbas. Die Buerin sagte aus, da sie ihn
vom Kopf bis zu den Fen habe zittern sehen. Simon hatte sich indessen
zu seiner Kammer getastet; er schlug drhnend die Tr hinter sich zu,
dann war es wieder still. Urbas schaute in die finstere Tenne hinaus,
die Buerin stand hinter ihm, das Gesicht in die Schrze gepret. Das
dauerte so an fnf Minuten. Hierauf verlie Urbas die Stube und ging
hinber in die Kammer. Die Buerin versicherte, da sie geahnt und
gesprt habe, was kommen wrde, da ihr aber die Glieder wie gefroren
gewesen seien und sie whrend der ganzen Zeit ihrer Sinne nicht mchtig
war. Ob Simon so berauscht gewesen, da er gleich, nachdem er sich auf
die Bettstatt geworfen, in Schlaf verfiel, oder ob sie noch miteinander
geredet, Vater und Sohn, lie sich deshalb nicht ermitteln. Einmal sagte
sie, es sei alles still geblieben, dann wieder, sie htten miteinander
geredet, und zwar ziemlich lange; die beiden Tren waren aber
geschlossen gewesen, und da sie nach ihrer Behauptung im Ofenwinkel
gesessen war, konnte, wie durch mehrmaligen Versuch erwiesen wurde, der
Schall von bloem Sprechen unmglich zu ihr gedrungen sein. Auch ihre
Angaben, wie lange Urbas in der Kammer geweilt, waren auffallend
unsicher; bald sagte sie, es knne nur eine Viertelstunde, bald, es
mte mehr als eine Stunde gewesen sein. Das Mordmesser hatte nicht
Urbas gehrt, sondern dem Sohn; ob es dieser bei sich getragen oder ob
es in der Kammer gelegen, war ebenfalls nicht zu ermitteln. Hierber
verweigerte Urbas jede Auskunft, und so wichtig der Umstand war, er
konnte vorerst nicht ins Klare gebracht werden.

Ich gestehe, da mir alle diese Vorgnge trotz ihrer Unheimlichkeit
zunchst wenig Interesse einflten. Sie waren als Begleiterscheinung
eines solchen Verbrechens typisch. Der Vater ein unbeugsamer Starrkopf,
beleidigt in seinem buerlichen Ehrgefhl, in echt buerlichem Dnkel
keine Instanz ber sich anerkennend, der Sohn ein Lump, dessen
vorzeitiges und gewaltsames Ende man kaum recht bedauern konnte; die
Mutter haltlos zwischen beiden schwankend; es war die bliche
Konstellation, und die Gerechtigkeit konnte ihren Lauf nehmen, ohne da
sie auf hemmende Dunkelheiten stie.

Nach und nach aber, bei genauem Einblick in die Vergangenheit und die
Art des Adam Urbas, wurde meine Aufmerksamkeit nachhaltiger gefesselt.
Es war als gingest du an einer Mauer entlang, die aussieht wie alle
andern Mauern in der Welt; pltzlich gewahrst du, erst kaum bemerkbar,
dann immer deutlicher, gewisse Zeichen und Runen, die zu prfen ein
Etwas dich zwingt; du kommst nicht mehr los, du beginnst Gruppe um
Gruppe zu entziffern, und schlielich wird dir eine unerwartete
Mitteilung ber das verschlossene Gebiet, das hinter dieser Mauer liegt.

Die Urbassche Ehe war dreizehn Jahre kinderlos gewesen. Die Frau hatte
es als unabwendbares Schicksal getragen, der Mann aber hatte sich
aufgelehnt gegen den Spruch der Natur. Er war der Letzte eines uralten
Bauerngeschlechts; in frnkischen Chroniken des vierzehnten Jahrhunderts
schon werden die Urbas genannt. Ihn dnkte es wie Schmach, da er keinen
Leibeserben haben sollte. Wozu war das Schaffen und Sparen, Sen und
Ernten? Wozu das Haus mit den gefllten Truhen, das Vieh im Stall, das
Getreide in der Scheune, wozu Acker und Wiese, Mhle, Flu und Wald?

Er uerte sich nicht; gegen sein Weib nicht, gegen andere Menschen
nicht. Er verzog keine Miene, wenn die andeutende Rede darauf fiel. Kein
hartes Wort das Jahr ber, keine Erkundigung.

Aber einmal im Monat geschah es, da er den Blick auf der Frau ruhen
lie. Es ging hhere Gewalt aus von dem Blick. Er wurde dabei nicht von
einer bestimmten Absicht gelenkt; es gewann Macht ber ihn und brach
hervor. Auf dem Feld konnte es sein: er hrte auf, die Garbe zu binden
und schaute sie an; beim Abendessen: er lie den Lffel in die Schssel
fallen und schaute sie an; in der Nacht: die Buerin erwachte, er lag
da, auf den Arm gesttzt und schaute sie an. Auf dem Platz vor der
Kirche: sie stand im Gesprch mit andern Weibern, pltzlich verstummte
sie, denn er stand drei Schritte vor ihr und schaute sie an. Ohne Zorn,
ohne Drohung, ohne Vorwurf, nur prfend, aus umbuschten Augen still und
lang.

Einmal im Monat geschah es und war mit Sicherheit zu erwarten. Anfangs
ging es der Buerin nicht nah. Sie hielt es fr eine Schrulle. Sie gab
sich keine Rechenschaft, worauf es abzielte. Sie lachte; sie zwang sich
zu einem muntern Wort. Spter duckte sie sich, flchtete mit Sinn und
Auge; aber es kamen Stunden und schlielich Tage, wo sie in Grbeleien
verfiel und die Frage, die sie an den Bauern nicht zu richten wagte, an
seinen geisternden Schatten richtete.

Knnen Menschen nicht miteinander reden? grbelte sie; wozu hat einer
die Zunge im Maul, da er nicht sagt, was er begehrt? Sie beschlo, den
Mann anzuhalten. Doch wenn es so weit war und sie vor ihn hintrat,
entfiel ihr der Mut. Verschuldung wuchs, um Aufschlu drngte eine
Stimme, Aufschlu kam nicht, sie fhlte sich nicht schuldig, etwas war
schuldig, aber das Etwas war in ihr.

Das wechselnde Tun whrend der lebendigen Jahreszeiten zwang die Tage
immer wieder ins gleiche, aber fr eine immer krzer werdende Spanne.
Die Angst vor des Bauern Blick, der auf sie eindrang, so oft das
Blutzeugnis die Schuld vergrerte, lhmte die Gedanken. Vom November
bis zum Februar rckten die Steine und Balken des Hauses gefhrlich
aneinander, in den Stuben war schwerere Luft, der Himmel klebte an den
Fensterscheiben, der Abend war ein nasser Sack um den Leib, das Linnen
schleifte bleich ber die Diele, die Khe lagen in rosigem Dampf, und
durch die Schneeschlucht heran zum Stall schwankte durch Irisringe
breitgngig, die Laterne in der Hand, die hochschwangere Magd.

Alles war Leib, alles war Angst. Achtundzwanzig Tage und Nchte waren
ohne Einschnitt; Urbas sa am Ofen, die Pfeife zwischen den Zhnen; ging
ins Wirtshaus und kehrte am Abend zurck; sa wieder am Ofen und
studierte die Zeitung; erhob sich, wenn der Topf mit Kraut und Klen
hereingetragen wurde; sprach das Gebet; hrte still zu, wenn die andern
redeten, und nichts Heimliches war in seinen Mienen, kein Groll, der
sich sammelte, nur Schweigen.

Dann aber kam die Stunde. Die Buerin sprte es schon in jeder Ader; die
Haare fingen an zu knistern. Eine Tr ging auf, und er stand da; am
Morgen, am spten Abend; war es nicht in der Stube, so war es in der
Tenne; stand da mit dem unerforschlichen Blick. Kein Ruspern, kein
Aufzucken, kein Wort, nur der Blick: warum nicht? warum alle und du
nicht? warum liegt dein Acker brach?

Zwlf Jahre waren so verflossen, da hatte die Kraft der Frau ein Ende.
Ihr Gemt umdsterte sich. In den Nchten wlzte sie sich schlaflos.
Durch die Finsternis brannten die Augen des Bauern, auch wenn er
schlief. Hrte sie bei Tag seinen Schritt, so verkroch sie sich in einen
Winkel der Scheune und kauerte zitternd, bis von allen Seiten das Rufen
nach ihr erschallte. Die Zgel der Wirtschaft waren gelockert, das
Gesinde wurde lssiger.

Sie versagte sich ihm. Ihr graute vor seiner Umarmung. Ergab sie sich
nicht, so hatte er nichts zu fordern, schien es ihr in der Verdunkelung
ihrer Sinne. Sie wurde kalt an Haut und Blut; das Weib in ihr erstarrte.
Da aber fing Urbas an, um sie zu werben. Es war wie nie zuvor. Sie hatte
es nie kennen gelernt. Nicht mit Worten warb er, vielmehr in einem
scheuen Dienst. Es lag oft etwas Beklommenes darin, als habe sie sich
versteckt, und er msse sie finden; als suche er und knne sie nicht
finden. Er glich einem Tier, das leidet. Ein Jahr lang oder noch lnger
whrte dies, und in der Zeit verlor sich die Angst der Buerin, denn
sie merkte, da sie nicht blo eine an ihn hingeworfene Kreatur in
seinen Augen war, der man zu fressen gibt und die man karessiert, wenn
sie geschuftet hat, und einen Futritt verabreicht, wenn sie nicht
leistet, was man von ihr verlangt, sondern da sie noch was anderes fr
ihn bedeutete, der Ehrung und der Befragung Wrdiges. Sie wandte sich
ihm mit bereitwilligerem Herzen wieder zu; einen Monat darauf wurde sie
schwanger.

Als dies keinem Zweifel mehr unterlag, verwandelte sich ihr Wesen
vollends. Mit jungen Schritten eilte sie durchs Haus, trieb die Sumigen
heiter zur Arbeit, legte selbst berall Hand an, gesprchig, hell,
aufgeblttert. Staunen war um sie. Auch Urbas wunderte sich. Sie mochte
ihm, was bevorstand, nicht geradezu ankndigen; sie wnschte eine Form,
in der es festlich und wie ein Geschenk wirken sollte. Am Grndonnerstag
legte sie das Staatskleid an, dazu die langen schwarzen Kopfschleifen
mit den silbernen Spangen, dann rief sie Urbas in die obere Stube, wo
die Glasschrnke standen mit dem alten Silber und Porzellan,
Jahrhunderterbe. Gewichtig setzte sie sich in den Lehnstuhl, faltete die
Hnde ber dem Leib und sagte, was zu sagen war, kurz und simpel.

Durch Urbas mchtigen Krper ging ein Ruck. Als sie von dieser Stunde
sprach, neunzehn Jahre spter sich dieses Gestndnisses entsann und wie
Urbas sich dabei verhalten, war ihr noch immer die Erschtterung
anzumerken, die sie damals gesprt. Sein erdbraunes Gesicht wurde rot
wie Mohn. Er stie eine drhnende Lache aus. Darnach rann ihm die Nsse
aus den Augen. Er trat auf sie zu und schlug sie so derb auf die
Schulter, da sie schrie. Bestrzt, sie knne nicht als Liebkosung
nehmen, was so gemeint war, ttschelte er ihr den Rcken, zrtlich,
andchtig und lie dazu ein melodisches Gebrumm in der Kehle orgeln.

Auf sein strenges Gehei mute sie sich pflegen. Er ging heimlich zum
Doktor und bat um Weisungen. Damit die zwei Arme nicht fehlten, heuerte
er noch eine Magd. Er berwachte sie; er rumte ihr aus dem Weg, was sie
beim Schreiten hinderte. Als die Kinderwsche genht wurde, sa er
bisweilen mit runden Augen daneben und wiegte den schweren Schdel.

Alles verlief der Natur gem, auch die Stunde am Ausgang der neun
Monate. Lange hielt Urbas das Neugeborene in der Hand, lange betrachtete
er das trbselig-ungestalte Ding. Auf seiner Stirn wetterte es freudig
und sorgenvoll.

Simon wuchs auf wie alle andern Bauernkinder; es wurde ihm nichts
leichter gemacht. Keine Kenntnis durfte ihm davon werden, wie lang man
auf ihn gewartet hatte und mit welcher Ungeduld. Was er seinen Leuten
wert war, mute sich aus seiner Brauchbarkeit ergeben. Frhe Launen
zerschellten an der festgefgten Ordnung; frhe Krankheiten waren die
Probe, die zu bestehen war: taugst du oder taugst du nicht? Allerdings,
wer scharf zusah, konnte dann an Urbas eine unruhige Gespanntheit
wahrnehmen, als behorche er den innersten Blutgang im Leib des Knaben.

Das Behorchen blieb in seinen Zgen. Es grub sich faltenmig ein.
Schien es, wie wenn er nicht beachte, was Simon tat und sprach, so war
es falscher Schein. Niemand in seiner Umgebung konnte ermessen, mit
welcher Genauigkeit er in diesem Punkte sah. Ich erfuhr es. Ich erfuhr
es in einer Weise, die weder zu vergessen, noch eigentlich mitteilbar
ist. Es wren dazu andere Behelfe ntig, als sie mir zur Verfgung
stehen.

Eine fast erhabene Vorstellung von dem Verhltnis zwischen Vater und
Sohn war mit seinem Wesen verschmolzen. Er fhlte sich als Bauer, d. h.
er fhlte sich als Knig. Die Erde war seine Erde. Der Knecht war sein
Knecht. Wetter wurde fr ihn gemacht, und fr den Acker, und fr die
Ernte. Er war Herr ber das Land; sein Auge grenzte es ab bis zu dem
Stein, der von altersher unverrckt stand; kein Halm, der nicht in
seinem Namen aufscho. Eigentum war das Heiligste von allem, und
Eigentum war des Herrn bedrftig, da er es wachsam und unerbittlich
verwalte, bis auf den Pfennig, bis auf das Saatkorn. Der Sohn bernahm
es vom Vater, der Vater gab es dem Sohn, durch alle Zeiten hindurch; so
war die Ordnung der Dinge, anders war die Welt nicht zu verstehn.

Aber das heit vorgreifen, und ich will den Faden behalten.

Die frmlichen Verhre, die ich mit Urbas vorzunehmen verpflichtet war,
fhrten zu keinem nennenswerten Ergebnis. Die Antworten waren immer
dieselben, und sie jedesmal wiederholen zu sollen, schien ihm
verwunderlich und lstig zu sein. Er beschrnkte sich auf die Tatsache;
erklren wollte er nichts. Sich zu verteidigen verschmhte er, auch von
einem Rechtsbeistand wollte er nichts wissen, und meinen Belehrungen und
Ratschlgen setzte er eine obstinate Gleichgiltigkeit entgegen. Als ich
ihm nahelegte, da er durch eine freimtige Darstellung der Beweggrnde
seines Verbrechens eine bedeutende Strafmilderung erzielen knne,
antwortete er lakonisch: Es ist nicht an dem. Ich entschlo mich, auf
die fruchtlosen Inquisitionen zu verzichten, zumal die Zeugenaussagen
und alles, was mir ber die Person des Ermordeten wie ber die des
Angeklagten selbst bekannt geworden war, eine lckenlose Motivenkette
geschaffen hatten.

Dennoch gab es zwei Momente der Ungewiheit, die aufzuhellen noch nicht
gelungen war. Das eine war das Gutachten des Gerichtsarztes ber den
Leichenbefund am Tatort. Die Lage des Krpers zeigte nmlich nicht das
geringste Merkmal von verbter Gewalt, weder an der Art wie die
Gliederstarre eingetreten war, noch an den Kleidern, noch am
Gesichtsausdruck. Wre nicht die Selbstbeschuldigung des Bauern gewesen,
so htte sich der Beweis des Mordes schwer erbringen lassen. Das zweite
knpfte sich an das unbestrittene Faktum, da das Messer dem Simon Urbas
gehrt hatte. Der Bauer behauptete, es sei im Hosengrtel Simons
gesteckt, und er habe es einfach herausgezogen; auch zu dieser Angabe
verstand er sich erst nach hufigem, ernstlichem Drngen. Sie trug das
Geprge der Unwahrscheinlichkeit an sich, und am nchsten Tag widerrief
er sie auch und sagte, das Messer sei aufgeklappt auf dem Tisch gelegen;
Simon habe in der Frhe noch Brot damit geschnitten. Als ich ihm mein
Erstaunen ber diese Vernderung einer wichtigen Aussage nicht
verhehlte, blickte er scheu zu Boden. Es war das einzige Mal, da ich
etwas wie Verwirrung an ihm zu beobachten glaubte.

Den beharrlich schweigenden Mund zum Reden zu bringen, wurde zwangvoller
Trieb fr mich. Fast ununterbrochen waren meine Gedanken mit dem
Menschen beschftigt; die Deutlichkeit der Erscheinung, die
Hartnckigkeit, mit der sie mich verfolgte, beunruhigte und qulte mich.
Immer wieder rief mir eine Stimme zu: der Mann ist kein Mrder; das ist
der Mann nicht, der hingeht und einem andern den Hals abschneidet wie
man ein Huhn schlachtet; dem eigenen Sohn mit Abscheu erregender
Brutalitt zum Henker wird. Doch hatte er es ja gestanden. Was war
vorgegangen? Auf die Frage nach der Dauer seines Aufenthalts in der
Kammer hatte er stets geschwiegen oder hchstens die Achseln gezuckt;
erst beim letzten Verhr waren ihm, beinahe wider Willen, die Worte
entschlpft, er schtze, es knne eine halbe Stunde gewesen sein. Was
war in dieser halben Stunde vorgegangen? Er gewahrte mein Nachdenken,
und sein Gesicht verfinsterte sich.

Ich sah, den eigentmlichen Zustand meiner Unruhe und Ungeduld zu
beenden, keinen andern Weg, als den Bezirk der Beruflichkeit zu
verlassen und ihm gegenberzutreten, Mensch gegen Mensch. Ein gewisses
Vertrauen glaubte ich mir bei ihm erworben zu haben; so oft ich mich
bemht gezeigt hatte, Heikles zart zu behandeln, glaubte ich eine
dankbare Regung in ihm versprt zu haben. Zgern machte mich nur noch
die Erwgung, ob sich nicht der angeborene Argwohn gegen den Zudringling
aus der fremden Sphre wenden wrde, ob es nicht an den Mitteln zu
natrlicher Verstndigung von vornherein mangle. Aber darber halfen mir
Bild und Gestalt hinweg; Adam Urbas war ja kein Bauer gewhnlicher
Sorte; er gehrte zu unserer Bauern-Aristokratie, seine bloe Haltung
zeugte von Scharfsinn und Noblesse, und so hoffte ich, da ich den Weg
zu ihm nicht vergeblich bahnte. Ich berlegte nicht lnger; eines Abends
im Dezember war es, als ich in das Gefngnisgebude ging und mir die
Zelle aufsperren lie, in der sich Urbas befand.

Ich hatte ihm Vergnstigungen fr die Haft erwirkt. Es war ein
wohnlicher Raum, anstndig mbliert mit Waschtisch, Bett und Spiegel,
behaglich warm. Er sa bei der Lampe und hatte die Bibel vor sich
aufgeschlagen. Ich grte, zog den Mantel aus, hing ihn an den Trhaken
und setzte mich Urbas gegenber an den Tisch.

Sein Anblick frappierte mich jedesmal aufs neue; auch jetzt. Er war
massig wie ein Stier. Sein Kopf hatte die Rundheit der eingeborenen
frnkischen Brachycephalen, doch wies der Schdel, besonders die Bildung
an den Schlfen, Merkmale alter Zucht auf; die Knochen waren dort
auffallend dnn, die Haut blulichgelb und fast durchscheinend. Der Mund
war weitgeschnitten, mit festverpreten schmalen Lippen, die Nase
gebogen, mit starkem Sattel; das Gesicht, an das eines alten
Schauspielers erinnernd, war sorgfltig rasiert, die Hnde waren die
eines Riesen. Die trglidrigen Augen ffneten sich selten; dann aber
hatte der Blick eine berraschende Durchdringungskraft, so da es auch
mir nicht leicht war, ihn auszuhalten.

Um das Gesprch einzuleiten, sagte ich, ich htte schon lange das
Bedrfnis empfunden, ihn aufzusuchen. Ich kme aber nicht in meiner
Amtseigenschaft, sondern, wenn er wolle, als Freund, dem ein Besuch
zufllig erlaubt sei. Im Grunde sei er mein Schutzbefohlener, und ich
trge die Verantwortung fr sein Wohlergehen.

Er blickte mich schweigend an. Nach geraumer Weile sagte er: Sehr gtig
von Ihnen.

Ich wehrte ab. So mchte ich es nicht aufgefat haben, sagte ich
ungefhr; ich wnschte, Sie sollen mir jetzt nicht mitrauen. Dem
Richter mitraut man, unwillkrlich. Sie denken sich: Kommt er nicht als
Beamter, um seine Akten vollzuschreiben, so kommt er doch als
Neugieriger, um zu schnffeln. Weder das eine, noch das andere ist meine
Absicht. Die Akten sind so gut wie geschlossen; wir stehen vor der
Verhandlung. Zur Neugier ist fr mich wenig Anla; es ist mir ja alles
bekannt, will mir scheinen. Warum ich gekommen bin, wei ich selbst
nicht genau. Ich mute. Es war wie Pflicht.

Wieder antwortete Urbas lange nicht. Endlich sagte er: Ich glaube
Ihnen.

Ich griff das Wort auf. Wenn Sie mir glauben, erwiderte ich, dann
knnen wir uns ja ber das Geschehene wie zwei gute Bekannte in Ruhe
unterhalten.

Urbas dachte nach. Hierauf sagte er: Wozu soll ich denn reden? Schlimm
genug, da es hat geschehen mssen.

Das ist eben die Frage, warf ich ein; hat es geschehen mssen?
mssen?

Er hob den Kopf, aber die Lider blieben gesenkt. Daran zu zweifeln,
wre die pure Vermessenheit, sagte er.

Es gibt nicht nur einen Zweifel, beharrte ich, sondern die
menschliche Gesellschaft verwirft Ihre Tat und verabscheut sie. Wollte
jeder in einem solchen Fall nach eigenem Gutdnken entscheiden, so wre
des Schreckens kein Ende, so lebten wir wie unter reienden Bestien. Wie
Sie sich vor sich selbst und Ihrem hchsten Richter verantworten werden,
wei ich nicht. Uns Menschen sind Sie die Verantwortung noch schuldig.

Urbas schttelte den Kopf. Was kann das Reden hinzutun oder wegtun?
murmelte er gleichgiltig.

Zwischen Ihnen und uns mu reiner Tisch werden, sagte ich; so lange
Sie sich trotzig verschlieen, bleibt alles ein wster Graus.

Wenn einer aber nicht die Worte hat?

Hat er sie nicht oder verweigert er sie nur aus Hoffart und aus Trotz?
entgegnete ich; prfen Sie sich.

Er sagte: Die Zunge ist schwer; ich bins nicht gewohnt.

Seine Stirn furchte sich. Ich sah, da ich nicht weiter in ihn dringen
durfte. Ich wartete. Endlich murrte es aus seiner Brust: Ich hab ihn
gemacht. Sein Blick bohrte nach unten. Wenn ich ihn gemacht habe, darf
ich ihn dann nicht auch vertilgen? fragte er mit einem seltsamen,
listigbsen Ausdruck. Das mgt Ihr Leute bestreiten, soviel Ihr wollt:
den einer gemacht hat, den darf er auch wieder vertilgen, wenns nur zum
Unheil war, da er kam. Ich hab ihn mir geholt; herausgegraben aus
seiner Mutter Scho. Andere Weiber tragen die Frucht neun Monate. Von
der kann man sagen, sie hat sie dreizehn Jahre getragen. Ich hab ihn von
ihr verlangt; ich hab ihn vom Herrgott verlangt. Ich hab ihn mir
zurechtgerichtet, bevor er noch da war. So und so, dacht ich, wirst du
mir werden. Wie ein Stck Lehm, das einer aus dem Erdreich schneidet und
bastelt daran und knetet es nach seinem Sinn. Auf einmal hat er nichts
als eitel Dreck in der Hand. Da schmeit ers wieder hin, von wo ers
hergenommen hat.

Der listigbse Zug verstrkte sich. Er musterte mich durch einen Spalt
zwischen den Lidern. Da es zum Unheil war, hat sich erst nach und nach
erwiesen, sagte ich.

Er unterbrach mich mit einer herrischen Gebrde. Von Anbeginn miraten.
Miratenes Blut; ich hab es mit meiner Nase gerochen. Andere, von
schlechterer Herkunft, wachsen auf, ohne da man ihrer viel achtet und
miraten doch nicht. Biegen sie sich am Anfang krumm, so biegt sie die
Zeit wieder grade. Bei ihm wurde das Krumme immer krummer. Da sah ich,
es wird groes Leid entstehn. Und so wars. Jeder Tag ein Sandkorn davon,
zuletzt ein Berg. Da bin ich gestanden und habe mich gefragt: was will
das werden? Hat mans an einer Stelle fortgeschaufelt, wars an der
andern doppelt so hoch; hat mans angegriffen, ists zwischen den Fingern
zerronnen. Es war keine Hilfe.

Aber knnen nicht auch schadhafte Keime durch eine sorgfltige Pflege
zum Gedeihen gefhrt werden? hielt ich ihm entgegen. Haben Sie sein
Gewissen zu wecken versucht? Haben Sie ihn in ernstliche Zucht
genommen?

Urbas hob zum erstenmal die schweren Lider, und in seinen Augen war
etwas Verstrtes. Herr, erwiderte er jh, das Element kann einer
nicht bewltigen. Schaffts das Auge nicht, so schaffts auch das Maul
nicht, hab ich mir gesagt. Schaffts das Beispiel nicht, so schaffts auch
der Prgel nicht. In dem Punkt, den Sie meinen, hat die Buerin ihre
Schuldigkeit getan. Eine Weibsperson versteht das besser. Wenn er nicht
hat spren knnen, da meine Stimme auch dabei war, was war dann an ihm
nutze? Wenn er nicht hat hren knnen, was ich ihn ohne mein Reden habe
vernehmen lassen, wr auch des Propheten Wort nur leerer Schall fr ihn
gewesen. So hab ich mir gesagt. Ich bin vorangegangen, er htte
nachgehen knnen; ich bin ihm nachgegangen, er htte sich umdrehn
knnen. Er hat mich nicht gesehen, er hat mich nicht gehrt. Mich
widerts, da ich einen Menschen soll packen und ihm ins Ohr schreien:
Mensch, sei ordentlich. Was soll das frommen, wenns ihm nicht in der Art
liegt? Verzieht einer seine Fratze zum Hohn, whrend andere beten, so
ist er eine verlorene Kreatur. Zucht schlgt an, wo nicht an der Wurzel
der Wurm schon nagt.

Wuten Sie denn das ganz genau? fragte ich, und wie ich vermute, nicht
ohne Schchternheit, denn seine Worte, seine Stimme hatten finstere
Wucht, waren Sie denn von Ihrer eigenen Unfehlbarkeit so fest
berzeugt?

Er streckte den Arm ber den Tisch und antwortete schweratmend: Wenn
mein Fleisch und Blut wider mich aufsteht, so kann ich nicht mit ihm
rechten wie mit einem Hndler, der mich betrgt. Wenn der Same, den ich
ausgestreut, mir als Schlangenbrut entgegenzngelt, so kann ich nicht
wie ein Schulmeister mit dem Bakel dreinfahren. Das hat kein Verhltnis,
das hat keine Menschenwrde. Wenn einer Bses wirkt und Aberbses, auf
den man die Zukunft gebaut, unabnderlich Bses, bis Haus und Hof im
Schlamm ersticken, was soll man da tun? Soll man ihm die Knochen anders
renken, ein anderes Hirn und Herz einblasen?

Sein Gesicht, in seiner ganzen Mchtigkeit, bebte und flammte. Derselbe
Mann, der sich so lange, ein Lebensalter vielleicht, der mitteilenden
Rede enthalten, ri vor meinen Augen sein Inneres auf und hatte Worte,
Bilder, Tne, die mich verstummen machten und fast mit Angst erfllten.
Doch ich hatte pltzlich den unabweisbaren Eindruck, da er nur
scheinbar mit mir redete, nur scheinbar sich an mich wendete; da er in
Wirklichkeit sich eines abwesenden Bedrngers zu erwehren suchte, der
nicht erst seit heute ihm mit Fragen und Vorwrfen zusetzte. Mir wollte
es scheinen, als wre alles, was er gegen mich uerte, schon als
feuriggrender Stoff in ihm angesammelt gewesen und nun qulle es aus
ihm heraus, schleudre sich hervor; er konnte es nicht hemmen, und
whrend dies Gewaltige, gewaltig Unterdrckte redete, schien er selbst
in Grimm und Qual und noch immer stumm zu lauschen.

brigens klang seine Stimme ruhiger, als er mit eckigen
Kinnladenbewegungen, den Kopf gesenkt, fortfuhr: Es knnte wer fragen:
wann hast du angefangen, alles zu wissen und wann hast du aufgehrt, zu
hoffen? So frage er den Ausstzigen: wann hat deine Haut zu schwren
angefangen? Er hat es am ersten Tag gewut, natrlicherweise, aber den
Aussatz hat er erst geglaubt, wie es ihn ins Siechenbett gezwungen. Bin
gelegen, Nacht fr Nacht; hab gesonnen und gesonnen. Hab mich
durchforscht, hab ihn durchforscht. Hab dies erwogen, hab jens erwogen.
Hab zugesehen und zugesehen, wie der Aussatz um sich gefressen hat. Hab
mir den Geist zermartert, wie das bel zu fassen wre. Zucht! Zucht
kommt immer um den Schritt zu spt, den die Unzucht voraus hat. Das
Rohr, mit dem ich seinen Rcken zerblut, wr mir in der Faust
zerbrochen, und die Narben auf dem Fleisch htten ihn blo verhrtet.
Htt' ich ihm Regeln vorsagen sollen? Was fr Regeln? welche sind
erprobt? Htt' ich ihn an Ketten legen sollen wie einen Hund? Alles, was
ich an ihm angepackt, war doch mein. Ich der Baum, er der Zweig; ich der
Docht, er das Licht; ich das Erdreich, er der Quell. Wie soll denn der
Baum zum Zweig reden? es rinnt ja der nmliche Saft durch. Und der Docht
zum Licht? er nhrt es ja. Und der Boden zum Wasser? es kommt ja aus
ihm. Schn; aber woher kommt die Schlechtigkeit? Sie ist da und breitet
sich aus wie das Feuer in drrem Holz; aber woher kommt sie? Und was das
fr ein unbarmherziges Gestaffel hat: erst die kleine Lge, dann die
groe; erst den Pfennig stiebitzt, dann den Taler; erst das Tier
maltrtiert, dann den Menschen; erst Tagdieberei, dann Ehrabschneiderei;
erst ein Hansguckindieluft, dann ein Hurentreiber. Kein Respekt, kein
Glauben, keine Redlichkeit, keine Liebe. Woher ist das alles gekommen?
Aus mir? Es ist wohl schlielich an dem. Und da hab ich mich gefragt:
wo, Urbas, und wann ist dein sterblich Teil oder dein unsterbliches so
von der Hlle versengt worden, da du solchen Stank und Unrat in die
Welt gesetzt hast? Ist denn der Mensch nichts als ein geiler Schleim,
da er nur wieder geilen Schleim hervorbringt?

Er sah mich mit seinem groen Blick an wie ein Lastenschlepper, der
unter der schweren Brde keucht. Es entstand eine Stille. Er wischte
sich mit dem Rockrmel die Feuchtigkeit von der Stirn. Ich begriff seine
Erschtterung und sie teilte sich mir mit, aber mein in Zwiespalt
geratenes Gefhl zieh ihn der berheblichkeit, und ich konnte mich nicht
enthalten, es zu uern. Ein solches Ma von Verantwortung sich
zuzuschreiben, geht meines Erachtens weit ber das hinaus, was einem
Menschen verstattet ist, bemerkte ich; bernimmt man sich in dem, wozu
man sich verpflichtet whnt, so vergreift man sich auch in seinen
Rechten. Sie berufen sich in allen Stcken auf sich allein; als Mann und
Vater nur auf sich selbst. Wie steht dann aber die Mutter da, die doch
den gleichen Anspruch auf den Sohn hat, den strkeren sogar? Die wird
Ihre Grnde nicht billigen und gewi nicht die Tat, fr die Sie alle
Bande der Familie zerreien muten.

Darber lt sich nicht disputieren, antwortete Urbas hart; das geht
dorthin, wo das Denken aufhrt. Ob sie meine Grnde billigt, wei ich
nicht. Sie hat verspielt, und ich hab verspielt. Ist bei ihr der Kummer
gro, so ist bei mir die Verdammnis noch grer. Bleibt ihr nichts vom
Leben brig, so ist mirs schon vergllt seit Jahr und Tag. Freilich ist
sie mehr zu bedauern. Wars doch als gb ihr Leib ungern die Frucht her
und strube sich ahndungsvoll gegen meine eitle Torheit und Ungeduld.
Man mu nur die Natur recht verstehn, aber man versteht sie mit nichten
und wills besser machen und rennt wie ein Bock wider die verriegelte
Tr. Es sollte kein Weib ein einziges Kind haben, da steht zuviel
drauf. Meine Mutter hatte neun; davon sind allerdings sieben gestorben;
meine Ahn sechzehn, und auch von denen sind acht frh mit Tod
abgegangen. Solches Sterben hat nichts Bitteres. Von den Krnern bei der
Aussaat gehen auch nicht alle auf. Ein einziges Kind soll man nicht
haben; damit nimmt man sich zuviel vor, wie beim Lotteriespiel. Da ist
kein Ausgleich, da schlgt die Flamme auf einen zurck und wird Qualm.
Einer Mutter bangt vielleicht, und ihr Gemt fllt in Finsternis, wenn
ihr Eins und Alles verworfen ist vor Gott und Menschen; aber sie ist
drin gefangen fr Zeit und Ewigkeit, und trte er mit der aufgehobenen
Hacke vor sie hin, sein Leben glte ihr mehr als ihres. Kein Gut, kein
Bse mehr; das Blut schreit lauter. Ich derweil! Vater, hats mich
angerufen. Was ist das, Vater? hab ich mich gefragt und hab nach dem
Ursinn geforscht. Wr ich zur Magd ins Bett gegangen und htte mit ihr
einen Sohn gezeugt, der htte mich auch Vater genannt. Wrs dasselbe
gewesen? Es wre nicht dasselbe gewesen. Vielleicht wr der der
Geratene, der Ehrfrchtige, der Gewnschte gewesen. Warum nicht ihn
gezeugt, warum den Miratenen? Aber da steht das Gesetz dagegen auf, und
das Gesetz ist heilig. Und wr dann das Weib noch mein Weib gewesen? Ich
will einmal sagen: der Mann reicht weiter hinauf und hinunter denn das
Weib. Ich will auch dieses sagen: der Vater ist tiefer in der Schuld
denn die Mutter. Die Mutter sitzt am Rocksaum unseres Herrn, und er mag
ihr nichts zuleide tun. Nach dem Vater wird gefragt, er mu Rechenschaft
ablegen. Mitteninne steht er in der Geschlechterkette; die obern deuten
auf ihn, und die untern deuten auf ihn. Er darf sich nicht gefallen in
der Zrtlichkeit und Liebkosung, denn aus den Augen des Sohnes schaut
ihn die Gemeinde an, schaut ihn der Kaiser an, schauen ihn die
Altvordern an und alle, die nachher sind bis ins vierte und fnfte
Glied. Der Sohn ist ihm verliehen als ein Pfand, will ich einmal sagen,
da er es der Welt zurckgeben soll, wenn die Zeit reif ist. Weh dem,
der mit leeren Hnden kommt und sprechen mu: ich habs verwirkt.

Er schaute starr in die Luft, erhob sich vom Stuhl und wiederholte laut:
Ich habs verwirkt. Dann setzte er sich wieder.

Ich wagte nicht die Versunkenheit zu stren, in die er fiel. Auch suchte
ich in meinen Gedanken einen Weg, der weiter fhrte. Von Minute zu
Minute war ich meiner Sache sicherer geworden, aber ich hatte Furcht.
Eine solche Sicherheit war in mir, da Vorgnge, die sich bis jetzt auf
bloe Vermutungen und Kombinationen gesttzt hatten, die Leuchtkraft des
Erlebten gewannen, und in einer seherischen Glut fgte sich Bild an
Bild. Zweifellos trug hiezu das Fluidum des Menschen bei, der mir
gegenbersa, und daher auch die Furcht. Ich habe trotz einer langen
Laufbahn als ausbender Jurist und Richter, oder vielleicht durch sie,
die bertragbarkeit auerordentlicher Seelenzustnde zu oft erfahren, um
sie hier zu leugnen, wo ich pltzlich eine Fhigkeit zu entfalten
vermochte, die ihr entwuchs. Es war etwas Grandioses um den Mann; seines
Geheimnisses mich zu bemchtigen, dnkte mich fast unerlaubt; ich
zauderte; ich fand das Wort nicht; schlielich aber unterbrach ich das
tiefe Schweigen, beugte mich weit ber den Tisch und fragte: Sie sind
in die Kammer hinbergegangen, um ein Ende zu machen?

Er antwortete nicht. Die aufeinander gepreten Lippen schienen sich der
Rede wieder verweigern zu wollen. Doch fr mich barst diese hartnckige
Stirn; sie ffnete sich wie ein Buch, und ich konnte in dem Raum
dahinter lesen. Sie waren zweimal in der Kammer, sagte ich pltzlich
aufs Geradewohl, oder vielleicht ist das falsch: aufs Geradewohl,
vielleicht geschah es unter der brennenden Eingebung und Vision des
Augenblicks; zweimal; als Sie sie das erste Mal verlieen, lebte Simon
noch. Als Sie das zweite Mal hineingingen, lag er schon als Leiche auf
dem Bett.

Ich hatte nie gedacht, da das Gesicht dieses Bauern, das von Natur
braun war wie gebeiztes Holz, so wei werden knne. Das Weie quoll
frmlich aus den Poren heraus und berzog die Haut mit einem Schimmer
wie von nassem Kalk. Er stierte mich mit weiten Augen an, seine Backen
schlotterten, und mit beiden Hnden griff er an den Hals. Nun gab es
keine Unschlssigkeit mehr fr mich; ich zwang mich zu angemessener Ruhe
und fuhr fort: Sie sind zu ihm gegangen, um ihm Geld zu bringen. Sie
hatten an dem Sonntag kein Geld im Hause und liehen sich unmittelbar
nach Tisch zweitausend Mark von Ihrem Nachbarn Stephan Buchner aus. Ist
es nicht so? Das Geld sollte dazu dienen, da sich Simon auf der Stelle
davonmachte. Er sollte nach einer Hafenstadt, am selben Abend noch, und
von dort nach Amerika. Ist es nicht so? Sie boten ihm das Geld, Sie
entwickelten ihm Ihren Plan, und Sie erwarteten, da er ohne Zgern
gehorchen wrde. Aber er gehorchte nicht nur nicht, sondern er schlug
auch das Geld aus. Sie fragten ihn, da begann er zu sprechen. Zuerst
war, was er vorbrachte, wirr und faselnd, denn er war noch benebelt von
dem Trinkgelage, dann aber wurde seine Rede klar, Ihnen jedenfalls
furchtbar klar. Sie standen vor ihm und schwiegen. Sie nahmen nicht
einmal Ansto daran, da er auf der Bettstatt liegen blieb und in die
Luft hinein sprach; denn Sie fhlten, da er nicht den Mut gehabt htte,
zu sprechen, wenn er Ihnen ins Gesicht htte schauen mssen. Sie haben
zugehrt, nur zugehrt, und aus dem Zuhren entstand alles brige.
Verhlt es sich so oder nicht?

Urbas lie den angstvollen Blick nicht eine Sekunde lang von mir. Da
mssen Sie wohl als ein verzauberter Geist im Hause gewesen sein,
stammelte er verstrt.

Nein, erwiderte ich; es sind einfache Schlufolgerungen aus
Tatsachen. Die unscheinbarsten Tatsachen hinterlassen oft die
eindringlichsten Spuren. Denken Sie nicht an Zauberei und Blendwerk.
Eines Menschen Tun und Treiben wirkt nach allen Richtungen hin mit
sonderbarer Gesetzmigkeit. Es ist, als schleudre man einen Stein ins
Wasser; die Ringe breiten sich aus und vergehen, aber die Bewegung kann
noch gemessen werden, auch wo das Auge lngst nichts mehr gewahrt. In
dem Betracht kann wirklich keiner entrinnen; jeder Schritt nach jeder
Seite, was er mit dem Finger fat und mit dem Atem behaucht, knpft ihn
fester in das Netz. Ich besitze eine Zeugenschaft, der ich anfangs wenig
Wert beilegte; im Lauf der Zeit erst begriff ich ihre Wichtigkeit. Es
gibt da einen Eichstdter Maler namens Kieling, Freund und Zechkumpan
von Simon; ein verbummelter Kerl, eine verkommene Existenz; aber nicht
ohne derbe Aufrichtigkeit. Der wute mancherlei zu erzhlen. Wie Sie
sich erinnern werden, verschwand im vorigen Winter in Ihrem Haus eine
von den alten schnbemalten Porzellankannen. Sie, wie auch die Buerin,
dachten nicht anders, als da Simon sie sich angeeignet und beim Hndler
in der Stadt verklopft habe, denn es war ein wertvolles Stck; die
Buerin uerte sogar den Verdacht, Kieling habe bei dem Diebstahl
seine Hand als Hehler im Spiel. Da Simon die Kanne genommen, ist
richtig; ebenso, da Kieling daran interessiert war; er htte wohl den
Beuteanteil nicht verschmht, wenn er es auch jetzt in Abrede stellt.
Aber so weit kam es gar nicht. Simon zertrmmerte die Kanne vor den
Augen seines Freundes. Sie waren in dessen Bude beisammen, drben an der
Pleinfelder Chaussee; Simon hatte die Kanne gebracht, Kieling nahm sie,
beschaute sie, prfte sie und wollte eben seine Anerkennung kundgeben,
als Simon sie ihm wieder entri und mit aller Kraft gegen den Fuboden
schmetterte, wo sie natrlich in hundert Scherben zerbrach. Der andere
machte ihm zornige Vorwrfe, aber Simon, nachdem er eine Weile finster
vor sich hingebrtet, rief pltzlich aus: ich mcht ihm einmal einen
rechten Tort antun, so da ers sprt bis in die Eingeweide hinein.
Kieling wute nicht gleich, auf wen der Ausbruch gemnzt war; seine
Bekanntschaft mit Simon war damals noch neu; spter wurde ihm dann die
Sache klar. Er sagte, er habe nie einen jungen Menschen gesehen, der
einen solchen Ha gegen seinen Vater gehegt htte. Von Zeit zu Zeit
wiederholten sich die Anflle, hnlich jenem ersten; eine ohnmchtige
Erbitterung kam ber ihn, ein Trieb, zu zerstren; zu anderer Zeit
wieder war es eine krankhafte Freudlosigkeit, ein melancholisches
Hindmmern und stilles Glosen. Oft schien es nicht Ha zu sein, sondern
Furcht; oft nicht Furcht, sondern etwas viel Unergrndlicheres. Eine
uerung, die auch von dritten Personen bezeugt ist, war die: mcht ihm
einmal alles ins Gesicht sagen knnen, dann wrde mir wohl. Was konnte
er damit gemeint haben? Abgesehen von Kieling, schildern ihn auch sonst
Leute, die ihn kannten, nicht als schlecht; es sind meist Leute, denen
man ein unbefangenes Urteil zutrauen darf. Sie bezeichnen ihn als
schwachen, leicht verfhrbaren Charakter, als einen Menschen ohne
Verwurzelung gleichsam; ausschweifend wie einer, der sich betuben will,
arbeitsscheu wie einer, der fortwhrend auf der Flucht ist und verfolgt
wird, lasterhaft aus innerer de, aber keineswegs schlecht. So beurteile
auch ich ihn jetzt. Aber von wem fhlte er sich eigentlich verfolgt? wem
hat er getrotzt? was war zu betuben? Ich glaube, wir beide, Urbas, wir
wissen es. Wenn auch die ganze Welt darber sich den Kopf zerbricht, wir
wissen es. Bis zu jenem Abend in der Kammer haben Sie es nicht gewut.
Dort haben Sie es erfahren.

Er atmete auf; sein Gesicht zuckte wie von inneren Sten; er schien
etwas sagen zu wollen, aber er vermochte es nicht. Doch die Lichter und
Schatten in diesem kantigen, kraftvoll bewegten und wahrhaftigen Antlitz
hatten ihre eigene Beredsamkeit; das dstere Staunen, der fast
aberglubische Schrecken ber die pltzliche Enthllung dessen, was er
fr sein unantastbares, ewig verwahrtes Geheimnis gehalten, war von ihm
gewichen, aber da er das Geheimnis nicht mehr zu schtzen hatte, war
auch das Gemt der schweren Last entledigt; daher dies tiefe Aufatmen,
das mich bewegte. Ich fand mich verpflichtet, ihm noch ber die letzten
Hemmnisse zu helfen, und ich sagte: Erwgt man es genau, so sind die
Menschen weit bler daran als die Tiere. Die Tiere knnen einander nicht
miverstehen. Die Menschen miverstehen einander im Blut wie im Geist;
der Bruder den Bruder, der Freund den Freund, der Vater den Sohn. Jeder
steckt in seinem Miverstehen wie in einem schwarzen Kellerloch, aber
eine wunderliche Verblendung macht, da er es fr eine hellerleuchtete
Wohnstube hlt. Und wenn er meint, da der Herrgott selber sich um ihn
bemht und ihn zu seinem Sprachrohr auserwhlt, so zeigt sichs am Ende,
da es blo der Teufel war. Dreizehn Jahre lang war Ihr ganzes Trachten
auf einen Sohn gerichtet, und wie er dann da war, haben sie achtzehn
Jahre lang gebraucht, um dahinter zu kommen, was es mit ihm fr eine
Bewandtnis hatte; und da wars zu spt. Ists also nicht klglich bestellt
um die menschliche Vernunft und Weisheit? Wozu noch fernerhin sich
verstecken, Urbas? Welchen Zweck soll es haben, sich eines Verbrechens
anzuschuldigen, das Sie nicht begangen haben? sich Mrder zu nennen an
dem, der sich selbst den letzten Weg gewiesen hat? Wozu das frevle Spiel
mit der irdischen Gerechtigkeit? wozu, Mann, wozu?

Das will ich Ihnen einbekennen, wozu, sagte Urbas, weil nun meine
Partie doch ganz und gar verloren ist. Ich will es Ihnen einbekennen,
aber haben Sie Geduld mit mir; es fllt mir schwer. Seine Blicke
suchten innen; seine Finger bewegten sich, als suchten auch sie: das
einschrnkendste und unbedingteste Wort, die verllichste bermittlung.
Er begann stockend: Es ist wahr, ich bin hinber zu ihm, um ihm das
Geld zu geben. An Amerika hab ich nicht gedacht; nur mglichst schnell
fort mit ihm, dacht ich, und mglichst weit, damit einem wenigstens der
Gendarm im Haus erspart wird. Ich bin hinbergegangen, und weils finster
in der Kammer war, hab ich erst die Kerze anznden mssen, und da ist er
auf seinem Bett gelegen und hat mich angeschaut. Es ist wahr, er hat das
Geld nicht genommen; er hat das Gesicht zur Wand gedreht und die Zhne
geknirscht und gesagt, ihm knne das nicht mehr ntzen. Ich bin vor der
Bettstatt gestanden und spreche zu ihm: steh auf, wenn dein Vater vor
dir steht. Da dreht er das Gesicht wieder zu mir, und weil eitel Spott
und Hohn drin geschrieben ist, schwillt mir der Zorn, und ich sage: steh
auf, wenn dein Vater vor dir steht. Er aber spricht: warum soll ich denn
aufstehen, da Ihr mich niedergeworfen habt? Die Fuste ballen sich mir
wie von selber, und ich frage: wie denn? wie soll ich dich denn
niedergeworfen haben, du Luder? Da kommt es aus seinem Mund hervor: Ihr.
Weiter nichts. Ihr, sagt er. Ich blick ihn an, und er blickt mich an,
und eine Zeit vergeht so, dann wieder: Ihr. Darin war soviel Gift und
Wut und Geifer und solch ein verkrampftes, rabenbses Grollen, da mir
der Speichel im Munde bitter wird. Was denn, Ihr? ruf ich ihn an; was
denn, Ihr? O Ihr, spricht er hinter den Zhnen hervor, Ihr seid mir auf
der Brust gehockt, mein Lebenlang. Da schwieg ich. Ihr habt gut vor mir
stehn und blitzen mit Euren Augen, fhrt er fort; soll denn das nicht
endlich aufhren, da Ihr mich anschaut mit Euren Augen? So ists immer
mit Euch gewesen; anschaun, anschaun, und kein Wort. Hinterm Tische
sitzen und alles von einem wissen, und kein Wort. Weit habt Ihr mich
gebracht mit Eurem Anschaun und Anschaun. Warum habt Ihr mich nicht
genommen und zu mir geredet? Niemals ein einziges Wort geredet? Da _mu_
einen ja die Verzweiflung packen. Wie soll er denn da nicht zu den
Menschern und zu den Saufbrdern laufen? Die reden doch, die lachen
doch, die haben doch ein gutes Wort fr einen, die sagen H und Hott,
und man wei, wie man mit ihnen dran ist. Ihr aber, hab ich gewut, wie
ich mit Euch dran bin? Er liegt wieder auf der Lauer, dacht ich; er hat
was gegen dich vor, dacht ich. Ein Bblein war ich noch, ist mir schon
der Bissen im Hals steckengeblieben, wenn Ihr zur Tr hereingetreten
seid. Hundertmal und hundertmal hab ich zu Euch hingewollt, aber die
Angst vor Euch hat mirs verwehrt. Was hab ich denn verbrochen? dacht
ich, und wie ich dann was angestellt, war mir wohl und hab wenigstens
gewut, warum, und so hat mirs nie Ruh gelassen, bis ich nicht was
Heilloses getan und den Leuten die Galle aufgeregt. Ja, ich bin
schlecht, aber ich wei nicht, ob ichs von Geburt bin; ja, ich bin zum
Lumpenkerl geworden, aber Ihr braucht Euch deshalb nicht wie der heilige
Geist vor mir aufpflanzen, sondern solltet nachprfen, was Ihr an mir
gefehlt habt. Denn es htte sein knnen, da ich Euch hochgeehrt htte,
wies in den zehn Geboten steht und kirre gewesen wre wie ein Star. Das
htte sein knnen, weils in mir war und blo herausgetrieben worden ist.
Bin ein Hundsfott geworden, und das Leben ist mir leid, und die Menscher
und die Saufbrder sind mir leid, und es freut mich nicht mehr. Dieses
spricht er, und noch einiges, ich habs vergessen, und wlzt sich auf der
Bettstatt; und knirscht mit den Zhnen; und flennt; und lacht ingrimmig;
und kehrt sich wieder zur Wand; und schweigt. Ich denke mir: Urbas, die
Seele da ist hin, aber deine vielleicht auch. Worte hatt ich keine. Es
war eben so; was htts gefruchtet, meinen Schpfer anzuwinseln? Worte
hatt ich keine. Ich geh hinaus. Im Hofe schreit ich bis zum Zaun. Es ist
alles so friedlich wie in Frhjahrsnchten, wenn die Wurzeln in der Erde
ihren Saft spinnen. Ich schaue zu den Sternen hinauf, aber das kann mir
nicht dienen. Ich mache die Stalltr auf und schnuppre die saure, warme
Luft, und einer von den Ochsen hebt den Kopf, indes er mit den Zhnen
mahlt. Da berlufts mich schauerlich, und ich denke: du mut zurck in
die Kammer, und wenn du gleich keine Worte findest, irgendwas mu sein.
Nun bin ich zurckgegangen, und wie ich eingetreten war, ist er bereits
in seinem Blut gelegen. Da bin ich dann eine lange Weile gestanden,
dann hab ich mir gesagt: wenn dem so ist, so bist du der Mrder; hat er
die Schuld bei dir gut, so mut du sie bezahlen. Das ist es, was ich
einzubekennen habe.

Er kreuzte beide Hnde ber der offenen Bibel, und mit leiserer Stimme
und sonderbar umschattetem Blick fuhr er fort: Ich habe einen Traum
gehabt, den will ich Ihnen noch erzhlen. Es war in der Nacht, bevor
sich das ereignet hat. Der Knecht tritt in die Stube und spricht: Bauer,
die Gule sind eingeschirrt, wir wollen fahren. Ich geh hinaus, es liegt
tiefer Schnee, die Pferde stehn am Wagen, und ich fahre. Mit eins
verlieren wir die Strae, und die Gule waten im Schnee bis an den
Bauch. Da seh ich auf einmal den Hof hinter mir brennen und das
Schneefeld ist rot beschienen. Die Gule fangen an zu laufen und ziehn
mich an der Leine mit, da mir der Atem ausgeht. Ich kann die Leine
nicht loslassen, sie ist um die Hand herumgeschlungen, und wie wir gegen
die Altmhl herunterkommen, dort bei der Eisenbahnbrcke, wo das Wasser
sechzig Ellen breit ist und mehr als zehn tief, da rennen die Gule noch
toller, und die Brandlohe bedeckt den ganzen Himmel. Der Flu ist
zugefroren, die Gule drauf zu, und ich denke mir in meiner Angst: wirds
die Pferde samt dem Fuhrwerk tragen? Die Gule, schwere Ackergule,
sausen das Ufer hinunter, aber das Eis hlt. Da steht der Simon am
andern Ufer, und weil die Tiere auf der gefrornen Bahn weiterrennen,
schrei ich zu ihm hinber: Hilf, Simon. Und er: ich mu heimgehen, der
Stall brennt, das Haus brennt. Und ich, ich kann mich nicht auf den
Wagen schwingen, die Gule schleifen mich bereits, schrei in der
hchsten Not: Hilf, Simon, ls' mich vom Riemen los. Und er: mt Euch
selber vom Riemen lsen, uns zweie trgt das Eis nicht. Da ruf ich ihm
zu: alles ist dein, die Gule und das Fuhrwerk, hilf um Gotteswillen.
Nun kehrt er um, und wie er umkehrt, stehen die Gule still; aber wie er
den ersten Schritt tut, kracht das Eis, und wie er das hantige Pferd am
Zgel fat, bricht das Eis, und Fuhrwerk und Gule und ich samt dem
Simon versinken im Wasser. Und im Versinken bin ich aufgewacht.

Er verstummte. Er erwartete keine Einrede mehr, ich hatte auch keine
mehr. Mit Erstaunen beobachtete ich, wie sein Aussehen im Verlauf
weniger Minuten um Jahre lter wurde, das Kinn spitz, die Augen stumpf,
der Hals dnn, die Hnde welk, die Haltung kraftlos. Der fordernde,
hadernde, gewaltige Mann, der mir gegenber gesessen, war auf einmal ein
hinflliger Greis. Als ich mich verabschiedete, sah er nicht empor,
schien es kaum zu merken. Das Schweigen, in das sein ganzes frheres
Leben eingehllt gewesen, breitete sich wieder ber ihn,
undurchdringlich und in den Tod flieend. Denn am andern Morgen, wo er
enthaftet werden sollte, fand ihn der Wrter am Fensterkreuz erhngt.




Golowin


Der halbe Mai war mit der Reise von Tula in den Kaukasus vergangen. Am
siebzehnten kam Maria von Krdener in Kislawodsk an, wo sie Nachrichten
von ihrem Gatten zu finden hoffte. Er war bei Ausbruch der Revolution an
die englisch-russische Front nach Persien geflchtet. Seit fnf Monaten
hatte sie kein Lebenszeichen von ihm.

Unfern von Kislawodsk war die Besitzung seines Bruders, des Marschalls.
Ihm hatte Alexander Botschaft senden gewollt, wenn die andern Wege der
Mitteilung versperrt waren.

Mit ihren vier Kindern und drei Dienerinnen bezog sie Wohnung im
Palasthotel. Das jngste Kind lag noch an der Brust; sie nhrte es
selbst. Es war drei Monate nach der Trennung von Alexander geboren;
htte sie vorher nicht begriffen, was ein Pfand bedeutet, jetzt wute
sie es.

Beklemmend stand das ungeheure Gebirge da. Sie konnte nicht schwelgen in
seinem Anblick, es war zu sehr Mauer, und Mauer hinter Mauer bis zum
ewigen Schnee hinauf. Wie sollte man da entrinnen? Schlimm, was gewesen
war; das Blut hatte sich noch nicht beruhigt. In der ersten Nacht
trumte sie, Fuste, ein Gewirr von Fusten strecke sich ihr entgegen,
und jede Faust hatte Mrderaugen. Die Schnittwunde am Arm lie die Szene
im Eisenbahnwagen nicht vergessen, als tierisch betrunkene Soldaten das
Coupefenster zerschmetterten; acht Menschen waren in dem Abteil
eingepfercht und Berge von Gepckstcken, alles Hab und Gut, das man aus
Tula hatte fortschaffen knnen. Die Kinder schrien auf, als zwei Kerle
schnaubend an der Tre rissen und andere johlend nachdrngten; Dymow war
in einen Waggon nebenan gegangen, um ein Fleckchen zu finden, wo er
endlich eine Stunde schlafen konnte. Maria hatte den ersten Hieb
aufgefangen und war blutend unter die Leute getreten. Sie wichen zurck,
zu ihrer eigenen berraschung, und senkten scheu die Augen, als strme
eine Magie von ihr aus. Es war ihr selbst so zumute; sie glaubte an eine
in ihr verborgene Magie.

Dennoch wre sie ohne Dymow verloren gewesen. Iwan Dymow hatte als
Schreiber bei Gericht gedient; einfacher Mensch aus dem Volk, hatte ihn
die Revolution hinaufgehoben, er hatte Macht erlangt, die er aber nicht
mibrauchte. Als Gutsherrin hatte ihm Maria, schon Jahre vorher,
menschliches Wohlwollen bezeigt und whrend einer Krankheit seinem Weibe
Hilfe geleistet. Sie dachte nicht mehr an ihn, aber in der Stunde der
Gefahr kam er von selbst. Er besorgte Psse, bestach den Soldatenrat,
wute den Argwohn der Bauern abzulenken, denen die Herrin eine wichtige
Geisel war, rumte alle Schwierigkeiten fr die Reise hinweg, machte den
Spion, den Aufpasser, den Lastenschlepper, den Brgen, mit immer
gleicher schweigender Ehrerbietung gegen Maria. Als er sich in
Kislawodsk von ihr verabschiedete, fragte sie bewegt, arm an Worten
sogar sie, womit sie ihm danken knne, sie fhle sich tief in seiner
Schuld. Er antwortete: Ich werde mich glcklich schtzen, Maria
Jakowlewna, wenn Sie mir manchmal schreiben, wie es Ihnen und den
Kinderchen weiter ergangen ist.

War dies nicht auch Teil und Frucht jener Magie?

Als Dame der ersten Gesellschaft, Frau eines Offiziers, Trgerin eines
groen Namens wurde sie von den Gsten des Hotels mit Freuden begrt
und mit Auszeichnung behandelt, obwohl man wute, da sie von deutscher
Herkunft war und Russin erst seit ihrer Heirat.

Nun war sie wieder, nach langer Enthaltung, unter den Menschen ihrer
Sphre, in der Region von Heiterkeit und umgrenzter bereinkunft, die
ihr frher so gem und erwnscht gewesen war. Aber sie merkte bald, da
nur noch eine uerliche Zugehrigkeit bestand, und da die Jahre, die
sie auf dem Gut verbracht, erst mit Alexander und dann allein, und wenn
auch allein, so doch noch unter seinem Gesetz und seiner Fhrung, sie an
ein anderes Ma und eine andere Bentzung der Zeit gewhnt hatten. Auch
konnte hier niemand in seinem Bereich verbleiben; die Elemente waren
bedenklich gemischt, und dies zu verhindern war unmglich, weil
gemeinsames Schicksal alle zueinander trieb. Das Haus, der ganze Ort,
ehemals ein Treffpunkt der Aristokratie und Schauplatz des erlesensten
Luxus, glich einer Insel der Schiffbrchigen und beherbergte lauter
Flchtlinge mit ihrer letzten Habe und letzten Hoffnung, Grofrsten und
Kammerherren neben Spekulanten und Journalisten, Frauen der exklusivsten
Moskauer und Petersburger Kreise neben Koketten und Kleinbrgerinnen,
die im Krieg zu Reichtum gelangt waren. Sie waren der Hlle entronnen,
aber sie wuten, da ihnen blo eine Galgenfrist geschenkt war. Sie
zitterten vor der Zukunft, aber sie praten und feierten Feste. Sie
hrten von Hinrichtungen ihrer Vter, ihrer Brder, ihrer Freunde, aber
sie betubten sich im Hasard und tanzten Tango und Onestep.

Einen verllichen Mann zu finden, den sie mit einem Brief auf das Gut
des Marschalls schicken konnte, war Marias Bemhung sogleich. Zu ihrer
Freude erfuhr sie, da Josef Menasse in Kislawodsk sei; er hatte von ihr
ebenfalls gehrt und kam, sich zu ihrer Verfgung zu stellen. Er war
Prokurist eines groen Odessaer Bankhauses, mit welchem Alexander von
Krdener geschftliche Verbindung gehabt hatte. Da sie sich erinnerte,
aus Alexanders Mund hie und da das Lob von Menasses Redlichkeit
vernommen zu haben, war ihr Vertrauen sogleich unbedingt und auch in der
Folge nicht zu erschttern. In lebhaften Ausbrchen klagte er ihr sein
Unglck; einer wichtigen Transaktion halber war er vor mehreren Wochen
hergekommen; am Tage, wo er htte abreisen sollen, fuhren keine Zge
mehr und jeder Versuch, den Ort zu verlassen, hie das Leben gefhrden.
Maria hrte ihm teilnehmend zu, und erst als er sich erschpft hatte,
sprach sie von ihrer Angelegenheit. Er berlegte, sagte, er werde
Umschau halten, und drei Stunden spter erschien er mit einer
Tscherkessin, die er trocken und kategorisch als die zu dem Zweck
taugliche Person empfahl.

Der Marschall hatte seinerzeit die Heirat des jngeren Bruders
mibilligt. Es war zum Bruch zwischen den Brdern gekommen, der
Marschall zeigte sich unvershnlich und hatte sich starr geweigert,
Maria zu sehen. Man meldete ihm die Geburt der Kinder, er nahm keine
Notiz davon. Alexander hatte es ertragen ohne zu murren und lie auch in
Maria keinen Unmut Wurzel fassen, denn er beugte sich vor dem Bruder
als einem berlegenen Charakter, dessen Handlungen und Entschlsse er
von seiner Kritik ausschaltete. Er beugte sich, damit war alles gesagt
und auch in Maria jeder Widerspruch erstickt. Bei Ausbruch des Krieges
hatte der Marschall in einem Privatschreiben an den Zaren seine mter
und Wrden niedergelegt, da nach seiner berzeugung der Krieg gegen
Deutschland zum Verhngnis fr Ruland werden mute. Er hatte im
japanischen Krieg glnzende Leistungen vollbracht, und schon deshalb war
dieser Schritt keiner blen Deutung ausgesetzt. Nun lebte er in
uerster Zurckgezogenheit und beschftigte sich, leidenschaftlicher
Hegelianer, mit profunden philosophischen Studien.

Wie sich Menschen gegen sie verhielten, war Maria gleichgltig, wenn sie
ihrerseits an ihnen Freude haben oder sie ehren konnte. Wrde stand ihr
ber den tuschenden Einflsterungen der Sympathie. Dazu hatte Alexander
sie erzogen. In vielen Gesprchen vieler Nchte hatte er ihr bewiesen,
da das Prinzip der Vergeltung die Quelle alles Bsen sei. In der
Befolgung seiner Lehre war sie zu der ihr eigentmlichen geistigen
Konstanz gelangt. Der Brief an den Marschall war ein Meisterstck
unbefangener Werbung.

So wartete sie, wartete auf Alexanders Wort und Weisung von dorther und
ahnte doch die Vergeblichkeit schon. Um sich zu zerstreuen, begann sie
den ltesten Sohn, den siebenjhrigen Mitja, zu unterrichten, fand sich
aber unzureichend, das Bedrfnis des Knaben heftiger als sie vermutet
und suchte einen Lehrer fr ihn. Ein Moskauer Bekannter nannte ihr einen
Studenten, Jefim Leontowitsch Tatjanow, der in einem geringen Wirtshaus
vor der Stadt wohnte. Sie lie ihn kommen und engagierte ihn. Er war im
Gefolge eines Industriellen als Sekretr oder dergleichen gereist;
unterwegs war der Mann und die meisten seiner Leute von einer
herumziehenden Bande von Soldaten ermordet worden; nun sa Jefim
Leontowitsch vllig mittellos in diesem Ort des berflusses. Maria
behandelte ihn mit Rcksicht und mit Achtung; dies schien ihm neu zu
sein, und seine Dankbarkeit hatte etwas Kindliches. Er kam nicht nur zu
den ausbedungenen Stunden, sondern widmete seinem Schler alle freie
Zeit; auch die beiden Kleinen, Fedja und Aljoscha zog er durch seine
einfache Gte an sich.

Eines Morgens war Aljoscha, der Mutter im Korridor vorauseilend, in der
Hast in ein falsches Zimmer gerannt. Maria folgte ihm lachend; er stand
bei einer majesttisch gewachsenen Dame, die ihr entgegentrat und ihr
die Hand reichte. Es war die Frstin Nelidow. Maria geriet in
Verlegenheit, ihres Lachens halber, denn die Frstin war in tiefer
Trauer, und die Ursache war Maria bereits bekannt. Ihr Sohn, der
dreiundzwanzigjhrige Frst Grigorji, Offizier in der kaiserlichen
Marine, hatte sich vor wenigen Tagen bei einem Ausflug im Gebirge
erschossen.

Die Frstin, eine Frau Mitte der Vierzig, war noch sehr schn. Sie gab
sich Maria gegenber herzlich. Sie kannte Alexander von Krdener von der
Zeit her, wo er im Ministerium gewesen war und sprach mit Wrme von ihm.
Ihre Gegenwart tut mir wohl, sagte die Frstin, ich hoffe, wir werden
uns hufig sehen. Sie schlang ihren Arm um Aljoscha und streichelte ihm
das Haar. Heute abend feiern wir das Totenmahl fr Grigorji, fuhr sie
fort; kommen Sie doch; kommen Sie zu mir.

Maria empfand Mitleid; nicht nur mit der Frstin und ihrem besonderen
Schicksal; das Mitleid mit allen diesen Menschen berflutete ihr Herz.
Namentlich den Frauen galt ihr bedauerndes Gefhl; die sorglosen und
glnzenden Wesen, bestimmt, sich zu schmcken, sich zu freuen, schienen
ihr verloren.

Sie wollte gehen, aber die Frstin hielt sie noch zurck. So schickte
sie Aljoscha hinaus. Die Frstin erzhlte: Hren Sie, was sich begeben
hat. Es ist eine Person hier, sie wohnt im Hause, eine gewisse Lisaweta
Petrowna. Sie behauptet mit Grigorji verheiratet gewesen zu sein. Kurz
vor seiner Abreise aus Sebastopol, behauptet sie, sei sie ihm angetraut
worden. Sie hat keinerlei Dokumente, keine Besttigungen, keinen Brief;
die Papiere habe man ihr gestohlen, redet sie sich aus. Sie hat sich mir
zu Fen geworfen, hat mir die Hnde gekt und mich Mutter genannt. Den
ganzen Tag sitzt sie oben in ihrem Zimmer und weint und schluchzt. Dann
schickt sie wieder den Kellner mit Zettelchen: Erbarmen Sie sich,
Frstin, erbarmen Sie sich Ihrer Lisaweta Petrowna, erbarmen Sie sich.
Ich kenne sie nicht. Ich wei nichts von ihr. Grigorji hat nie mit einer
Silbe ihrer erwhnt. Wir haben sie vorher nie gesehen. Ihre Angaben zu
prfen ist unmglich. Was soll man da tun? Erbarmen, wie denn erbarmen?
Wahrscheinlich hat sie kein Geld; nun, man wird ihre Rechnung bezahlen.
Gestern spielte sich eine abscheuliche Szene ab. Sie kommt herein, setzt
sich zu den andern und fngt an zu weinen. Meine Nichte Jelena steht auf
und nennt sie eine Lgnerin. Lisaweta Petrowna ballt die Fuste, wirft
sich auf den Boden und verfllt in einen Schreikrampf. Man mute sie mit
Gewalt aus dem Zimmer schaffen. Heute frh hat man sie ohnmchtig auf
Grigorjis Grab gefunden. Sie hat einen Selbstmordversuch gemacht, so
heit es. Jelena meint, es sei simuliert. Jelena ist auer sich, das
arme Kind. Was soll man da sagen, was soll man tun?

Maria beschlo sogleich, diese Lisaweta Petrowna zu besuchen, aber sie
uerte nichts von ihrem Vorsatz, sondern lenkte das Gesprch auf den
jungen Frsten und fragte nach Einzelheiten seines Lebens, ohne Neugier,
mit einem zarten Durchblickenlassen des gemeinsamen Gefhls der Mtter.
Die Frstin willfahrte dankbar; es bedeutete Linderung fr sie, indes
Maria aus wenigen mitgeteilten Zgen ein Bild gewann. Sie sa still und
aufmerksam vor der Frstin, rauchte eine Zigarette und sah, und sah. Die
Gabe des inneren Gesichts wurde manchmal Last, und doch schien es ihr
wunderbar, viel zu wissen von den Menschen. Als sie sich verabschiedete,
sagte die Frstin: Mir ist als seien wir seit Jahren befreundet. Maria
lchelte.

Im Verlauf des Tages erlangten die beunruhigenden Gerchte Gestalt, und
zwar drohendste. Kislawodsk war von den Revolutionstruppen umzingelt.
Mitja sagte mit dem stolzen Trotz, der an seinen Vater erinnerte: Nicht
wahr, Mama, wir werden unser Leben so teuer wie mglich verkaufen? Sie
erwiderte: Ja, mein tapferer Liebling. - Schade, da Iwan Dymow nicht
mehr bei uns ist, seufzte er. Aber sie trstete ihn. Erstens bist du
ja selbst ein Held, und dann vergit du, da wir Jefim Leontowitsch
haben. Mitja schaute den Studenten prfend an, dieser errtete und
sagte mit einem Blick scheuer Ergebenheit auf Maria: Sie haben nur zu
befehlen. Befehlen Sie, und ich gehorche. Es lag ein Ernst und eine
Festigkeit in den Worten, die Maria veranlaten, ihm die Hand
hinzustrecken, die er demtig mit den Lippen berhrte.

Was sollte mir zustoen knnen, dachte sie, da gute Menschen um mich
sind?

Als sie sich am Abend den Nelidowschen Gemchern nherte, drang ihr
Gelchter, Johlen, Pfropfenknallen, Glserklirren entgegen. Eine
Streichmusik spielte eine brutal-wilde russische Melodie. Sie ffnete
die Tr zum Salon; zehn oder zwlf junge Mnner, Anverwandte der
Familie, saen um eine Tafel, zechten, sangen, rauchten; bisweilen erhob
sich der eine oder andere und warf den Musikanten Rubelscheine zu. Maria
ging in das nchste Zimmer; hier befanden sich einige ltere Herren und
Damen, aber auch ein junges, etwa achtzehnjhriges Mdchen von
blendender Schnheit. Sie hatte kurzes gelocktes Haar, eine Haut von
opalisierender Blsse und gelbliche, groe, unsehende, strenge Augen.
Fasziniert blieb Maria stehen. Da wurde sie von der Frstin Nelidow
gerufen, die in ihrem Schlafzimmer allein sa. Ich habe auf Sie
gewartet, sagte sie, als Maria eintrat; setzen Sie sich zu mir,
sprechen Sie; ich hre Ihre Stimme gern.

Vom Salon herber, wo so expressiv das Totenmahl gehalten wurde, tnte
ein klagender Chorgesang.

In ihrem Bestreben, den abgeirrten, in Trauer verirrten Sinn der Frstin
zu erwecken, kam sich Maria wie jemand vor, der sich in einem fremden
finstern Raum zurechtzufinden sucht. Die Frstin schaute sie bestndig
an, aber nur nach und nach belebte Verstehen den Blick. Maria erzhlte
von der Einsamkeit der letzten Monate auf dem Gut, von Wanjas Geburt und
wie sich whrend der Schmerzensnacht die Sehnsucht nach Alexander zur
Gestalt verdichtet habe, so tuschend, da sie jeden Schrei erstickt
habe, um ihm nicht zu mifallen. Bei allem was sie getan und gedacht,
sei er unsichtbar richtend gegenwrtig gewesen. Sie erzhlte von ihrem
Verkehr mit den Bauern; von dem Geist der Widersetzlichkeit und der
Feindschaft, der pltzlich in alle gefahren sei; auch die Sanftesten und
Verstndigsten htten versagt. Eines Tages hatten sie ihr Besitzrecht an
dem Wald verkndet; der Wald sollte abgeforstet und verkauft werden. Sie
habe unterhandelt; vergebens; ihnen ins Gewissen geredet; vergebens; da
sei sie allein mit den ltesten in den Wald gegangen, wo die schlimmsten
Aufrhrer schon begonnen hatten, die Stmme zu fllen. Einem von diesen
habe sie das Beil entrissen und ihm zugerufen: keinen Schlag mehr! Sie
habe ihnen vorgestellt, was fr eine Snde sie begingen; wie sie sich an
Heiligem vergriffen, an Lebendigem und wie sie das Gedchtnis ihres
Herrn schndeten, der gerecht und gtig gegen sie gewesen sei. Viele
htten gemurrt, viele htten aber geschwiegen und zur Erde geblickt. Sie
habe ihnen gesagt, ein Baum sei eine Kreatur Gottes wie jeder von ihnen,
und dieses seien junge Bume, in Liebe gepflanzt und gehegt, zur
Nutznieung bestimmt fr ihre Kinder und Kindeskinder und noch nicht
reif fr die Axt. Ob sie Gottes Kreaturen verschachern wollten um
elendes Geld? Dann sollten sie doch auch sie selber verschachern, dann
wollte sie ihre Herrin nicht mehr sein, und sie werde nicht vom Platze
weichen, ehe sie ihr nicht in die Hand gelobt, da sie den Wald wrden
unversehrt lassen oder sie mten sie selber niederschlagen. Darnach
htten sie sich beraten, und die ltesten seien zu ihr gekommen und
htten ihr in die Hand gelobt, dem Wald solle kein Fserchen gekrmmt
werden und sie bten sie um Vergebung ihrer Snde. So habe sie damals
den Wald gerettet; ob er jedoch heute noch stehe, das getraue sie sich
nicht zu sagen.

Die Frstin nahm Marias Hand und drckte sie. In diesem Land leben,
heit jede Stunde dem tckischsten Ungefhr ausgeliefert sein, sagte
sie; oder ist das berhaupt die Eigenschaft des Lebens und wir wuten
es nur bisher nicht, wir Begnstigten? Mir ist jetzt manchmal so bang.
Ich persnlich habe ja nicht mehr viel zu verlieren, aber mir ist so
bang um alle, die ich sehe, bang um das Volk, um die ganze Menschheit,
wenn auch die Mehrzahl nichts als Bses schafft.

Es kommt wahrscheinlich auf die Mehrzahl nicht an, erwiderte Maria;
es kommt immer blo auf den Einzelnen an, glaube ich. Der Einzelne ist
oft wie der wunderttige Tropfen Medizin, der einen vergifteten
Organismus heilt. Immer geht von Einem das Licht aus. In Tula mute ich
mit meinen Kindern Quartier im Hotel nehmen; der Zug nach dem Sden fuhr
nur zweimal in der Woche. Gleich in der ersten Nacht war Alarm. Das
Hotel war von Soldaten besetzt worden, und alsbald wurde der Befehl
ausgegeben, alles Bargeld sei unverzglich abzuliefern, niemand drfe
das Zimmer verlassen, um acht Uhr morgens werde eine scharfe Nachsuchung
sein und jeder, bei dem dann noch irgend eine Summe sich finde, werde
standrechtlich erschossen. Bedenken Sie meine Lage; ich hatte
achtzigtausend Rubel am Leibe verborgen, alles was ich hatte flssig
machen knnen; wenn man es mir nahm, war ich samt den Kindern so gut wie
verloren. Meine Dienerinnen und den treuen Begleiter hatte man von mir
entfernt, vor dem Zimmer stand eine Wache, das Geld im Zimmer zu
verstecken, war aussichtslos, ich wute ja wie grndlich diese Leute zu
verfahren pflegten, es blieb also nichts brig, als abzuwarten, was mit
mir geschehen wrde, denn das Geld freiwillig herzugeben, daran dachte
ich keinen Augenblick. Von drei Uhr nachts bis halb zehn Uhr morgens
ging ich unaufhrlich im Zimmer auf und ab; Furcht empfand ich keine; in
meiner Absicht wankend wurde ich nicht; eine klare Vorstellung von dem,
was meiner harrte, war ebenfalls nicht in mir; fest stand einzig und
allein, da ich mich und meine vier Knaben aus dieser Gefahr zu retten
habe, da das meine Pflicht sei und da es auch gelingen werde. Um neun
Uhr betraten drei Soldaten, ein Unteroffizier und ein Weib das Zimmer
der Kinder nebenan. Die Knaben wurden aus dem Schlaf gezerrt, die Mbel,
die Betten, die Dielen, die Wnde, die Vorhnge, die Koffer aufs
genaueste durchsucht. Ich ging hinein. Ich sah mir die Leute an.
Finstere Gesichter, unmenschliche Stirnen, da schien keine Hoffnung.
Einer wies mich barsch hinaus; einer folgte mir ein paar Schritte, um
die Tr zu schlieen. Wie ich den Kopf zurckwende, ist es mir, als sei
in den Augen dieses Menschen ein Etwas, ein gewisser Schimmer, etwas
unnennbar Fernes von Weicherem als bei den andern. Er hatte rote, kurze,
borstige Haare, die Haut best mit Sommersprossen, und hinter seinen
wulstigen Lippen waren Zahnlcken und schwarze Zhne. Aber mich
durchbebt es; in der Eingebung eines Moments winke ich ihm. Stumm tritt
er nher. Ich reie die Knpfe des Kleides auf, nehme das Paket mit den
achtzig Scheinen heraus und gebe es ihm in die Hand. Fnf Menschenleben
sind in deiner Hand, sage ich zu ihm, jetzt mache was du willst. Ohne
mit der Wimper zu zucken, steckt er das Paket in die Rocktasche und
verschwindet. Die andern kommen gleich darauf in mein Zimmer. Wie
drben wird alles um und um gewhlt, Wsche, Kleider, Schuhe, jede
Ritze, jede Schublade untersucht. Dann bleibt das Weib allein bei mir,
ich mu mich entkleiden. Auch das ging vorber, und sie entfernt sich.
Eine Viertelstunde danach, das Herz hatte mir die ganze Zeit bis in die
Fingerspitzen geschlagen, erscheint der rothaarige Soldat im Zimmer,
horcht eine Sekunde, zieht das unversehrte Rubelpaket aus der Tasche und
berreicht es mir schweigend. Ich stammle ein paar Worte, fassungslose,
dankverwirrte; ich frage, was ich fr ihn tun knne; ihm Geld anzubieten
hatte etwas Unsinniges, da er mir ja achtzigtausend Rubel schenkte. Er
schttelt den Kopf und sagt: Machen Sie sich keine Gedanken darber,
Mtterchen. Es ist leider so, da wir in Blut und Snde stecken bis an
den Hals. Vielleicht lt mir Gott jetzt ein wenigs nach. Vielleicht
legt er das auf die andere Schale. Damit geht er. Und ich, es ist ein
Zustand von Scham, in dem ich mich befinde, als htte ich mich an dem
Menschen vergangen durch die Angst und die Zweifel vorher.

Whrend der letzten Worte noch war die schne junge Person eingetreten.
Sie ging auf die Frstin zu und sagte mit einer Stimme wie aus Glas und
zitternd vor Zorn: Stepan Fedorowitsch erzhlt eben, da er diese
Lisaweta Petrowna von Petersburg her kenne. Sie sei in einem Kabarett
als Coupletsngerin gewesen und im brigen, nun, das kann man sich ja
denken. Sie sehen also, Tante, da Sie einer Betrgerin zum Opfer
gefallen sind und da es nur lcherlich wre, sich weiter um sie zu
kmmern.

Meine Nichte Jelena, stellte die Frstin vor und nannte auch Marias
Namen. Diese lchelte in schweigendem Wohlgefallen an der Erscheinung
der jungen Frstin.

Sie ist ohne Kopeke, das elende Frauenzimmer, fuhr Jelena erbittert
fort; der Hoteldirektor hat bereits gestern gedroht, sie auszulogieren.
Und was die Komdie an Grigorjis Grab betrifft, die darauf berechnet
war, Sie, Tante, hinters Licht zu fhren, so hat die Kugel nur die Haut
gestreift, am linken Arm; sehr vorsichtig. Pfui, was fr eine
unappetitliche Geschichte!

Aber wenn nur ein Fnkchen Wahrheit darin ist, mssen Sie Nachsicht
haben, Jelena Nikolajewna, sagte Maria.

Jelena erbleichte. Wie kann sie es wagen! rief sie und schttelte sich
vor Widerwillen; abgesehen davon, da sie fr ihre verleumderische
Erfindung auch nicht den Schatten von Beweis aufbringen kann, bestehen
auch innere Grnde, ja innere Grnde, - sie prete die Lippen zusammen
und stand noch schlanker, in noch angespannterer Haltung da als bisher;
darf man es geschehen lassen, da sie Grigorjis Bild besudelt? Was
verlangen Sie? Warum ergreifen Sie Partei?

Ich ergreife nicht Partei, entgegnete Maria, die pltzlich den
unbestimmten Eindruck hatte, als sei Schuld und Verstellung in dem
jungen Mdchen, ich wollte nur verhten, da Sie vorschnell urteilen.
Seien Sie mir nicht bse. Sie erhob sich und ging.

Vor ihrem Zimmer schritt Menasse auf und ab. Das Hotel ist umstellt und
bewacht, redete er sie sogleich an, vor den Ausgngen stehen lauter
bis an die Zhne bewaffnete Kerle. Es ist bei Todesstrafe verboten, nach
Anbruch der Dunkelheit das Haus zu verlassen. Auf wessen Befehl, wei
vorlufig niemand. Ob man uns schtzen will oder die Musefalle nur
zuklappt, damit keiner entrinnt, wei niemand. Die Sache wird ernst, es
geht an den Kragen.

Er ffnete eigenmchtig die Tr ihres Zimmers und zgernd wurde er
durch eine Erinnerung an gute Manieren bewogen, ihr den Vortritt zu
geben. Passen Sie auf, begann er wieder mit seiner komischen
Vertraulichkeit, zu warten, bis man uns an die Mauer stellt und die
Hirnschale kaput schiet, ist Bldsinn. Wer sich nicht aus dem Staub
macht, hat sich selber zuzuschreiben die Folgen. Ich habe einen Plan.
Sie gefallen mir, die Kinderchen dauern mich, Ihren Mann verehre ich,
das ist ein Gentleman durch und durch, und wenn ich mich seiner Familie
nicht annhme in der Not, wre es eine Gemeinheit von mir. Ich habe
einen Plan, wie gesagt. Die Vorbereitungen sind bereits getroffen.
Allerdings wird die Geschichte viel Geld kosten, aber wo's ums Leben
geht, hrt sich die Billigkeit auf.

Er schaute sich unruhig um, hastete zur Tr, lugte durch einen Spalt
hinaus, kam wieder auf Maria zu und fuhr mit heiser gedmpfter Stimme
fort, es werde so gottlos viel Geld kosten, da nur eine ganze Kompagnie
dafr aufkommen knne. Er habe bereits einige Leute ins Auge gefat, an
denen ihm gleichfalls gelegen sei, Leute, um die es gleichfalls schade
wre; er habe ihnen von seiner Absicht gesprochen, und sie htten ihm
Blanko-Vollmacht erteilt. Ob Maria sich anschlieen wolle? Ob sie bereit
sei, sich seinen Anordnungen blindlings zu fgen? Nur bei strammer
Disziplin sei Gelingen mglich. Er habe alles genau berlegt; das Wagnis
sei gro, aber alles sei besser als sich hier abschlachten zu lassen und
in Gottes Hand stehe man schlielich berall.

Er war klein, beweglich wie ein Gliedermann, ein bichen schief
gewachsen, mit Augen, die fast ohne Wimpern und Brauen waren,
stutzerhaft gekleidet als kme er frisch aus dem Modemagazin und von
dem Gefhl seiner zentralen Wichtigkeit durchdrungen.

Gut, Herr Menasse, sagte Maria nach kurzem Besinnen, ich will mich
Ihnen anvertrauen. Wir sind acht Menschen, wie Sie wissen; auch meine
drei Dienerinnen mssen mit. Das ist die Bedingung, die ich meinerseits
zu stellen habe.

Menasse zuckte die Achseln. Das erhhe fr sie nur die Spesen, bemerkte
er geschftlich. Mehr als sechzig nehme er nicht an. Jetzt seien es
siebenundvierzig Personen. Erforderlich an Kapital sei ungefhr eine
halbe Million Rubel, es knnten aber Umstnde eintreten, durch welche
die Summe bedeutend vergrert wrde. Vor allem ist notwendig zu
schweigen, schlo er; es werden sich in den nchsten Stunden ereignen
schlimme Dinge, aber verhalten Sie sich still und rhren Sie sich nicht,
bis ich Ihnen wissen lasse, was Sie zu tun haben. Von heute ab bin ich
Ihr General; da heit es Subordination, und zwar auf den Wink. Gute
Nacht.

Maria sah ihm verwundert nach, wie er aus dem Zimmer scho, sbelbeinig,
kurzhalsig, stiernackig, geladen mit Energien. Sie trat aufatmend ans
offene Fenster. Der beinah volle Mond schwamm in einem Meer von Frieden.
Schwarze Krper, wlbten sich die Hgel und Berge hinan zu den
feierlichen Riesen, deren Konturen im blulichen ther zitterten. Tauige
Feuchtigkeit lag in der Atmosphre, alles Dunkel strebte nach dem
Silberlicht, die Brust der Erde, mit stummen Seufzern, hob sich gegen
die unerreichbaren Regionen. Maria htte beten mgen, freudige Inbrunst
war in ihr, aber das Haus mit all den angstvoll pochenden Herzen, mit
all der menschlichen Verworrenheit und Finsternis, streckte Arme nach
ihr, und ihr war als sinke sie zurck. Eine Uhr schlug zwlf, da
klopfte es leise an die Tr; ohne zu erschrecken rief Maria; die Frstin
Nelidow trat ein. Sie trug einen Schleier ber den Haaren; so leise wie
sie geklopft, ging sie auf Maria zu, mit bittender Gebrde, fast wie
eine Untergebene. Ob sie stre? Wolle sich Maria Jakowlewna zur Ruhe
begeben, so werde sie gleich wieder gehen. Fr sie selbst sei in diesen
Tagen an Schlaf kaum zu denken. Sie legte beide gefalteten Hnde zart
auf Marias Schultern.

Nein, sie stre durchaus nicht, antwortete Maria, auch ihr sei Schlaf
ein lstiges Vorhaben, ihr Inneres sei lauter Aufruhr und Widerklang von
vielen Stimmen. Sie setzten sich. Die elektrische Lampe auf einem
Ecktisch lie den Raum im Dmmer.

Es sei eine Art Neugier, von der sie herbergetrieben worden, sagte die
Frstin; sie habe ber alles nachgedacht, was Maria gesprochen, sie habe
sich gar nicht davon loszureien vermocht. Was ist das fr eine Kraft
in Ihnen? und woher kommt sie? Wie ist es mglich, da Sie, eine Fremde
in unserm Land, alle Verhltnisse berschauen, unseren Menschen
gegenbertreten als seien Sie eingeflochten in generationenalte
Beziehungen? Sie haben Blick und Schritt einer Wurzelnden, und es ist
nicht einmal Ihre Erde. Es ist Ihnen gegeben, die Sprache der Bauern zu
reden, Sie greifen in das dumpfe Gemt eines vertierten Soldaten, und
Sie haben mit keinem von ihnen wirklich gelebt. Ich erzhle Ihnen von
Grigorji wie einer leiblichen Schwester, und ich bin Ihnen vorher
vielleicht zweimal flchtig begegnet. Was sind Sie eigentlich fr eine
Frau? Was ist denn das Sonderbare an Ihnen? Knnen Sie es erklren? Oder
bin ich zudringlich, wenn ich darum bitte?

Nein, nein, wehrte Maria lchelnd ab, Sie berraschen mich nur -

berraschen? Weshalb? Finden Sie denn, da ich verpflichtet bin, in
meinen Schmerz eingehllt zu bleiben? Sie haben ihn mir noch tiefer ins
Bewutsein gedrckt, aber zugleich haben Sie das Selbstschtige daran
gelockert. Wir schulden uns selbst nicht so viele Trnen wie uns die
Umgebung dadurch abpret, da sie sich zur Teilnahme berechtigt glaubt.
Das Teuerste wird einem genommen, aber es zieht einen nach sich; Trauer
ist oft nur eine feinste Form von Heuchelei, und nie hungert die Seele
so nach Aufschwung wie mitten im Gram um einen unwiederbringlichen
Verlust. Ich sehe Ihnen an, da Sie mich verstehen.

Ich bewundere Ihren Mut, Frstin. Das ist es eben, was mich berrascht
hat.

Mut ist das letzte. Das letzte vor dem Ende, Maria Jakowlewna. Und wir
sind ja am Ende. Aber wollen Sie nicht meine Fragen beantworten? Knnen
Sie es? Sie lcheln; dieses Lcheln lt mich hoffen.

Maria, die verschrnkten Hnde im Scho, beugte sich vor. Sie haben
erwhnt, da Sie sich an Alexander von Krdener gut erinnerten, sagte
sie. Die Zeit, von der Sie sprachen, liegt ja ziemlich lange zurck.
Was fr einen Eindruck haben Sie von ihm behalten? Ich meine in tieferm
Sinn, nicht gesellschaftlich.

Die Frstin berlegte. Es ist schwer, gestand sie zgernd, ich wei
zu viel von ihm. Wir Angehrige der obersten Schicht wissen zu viel
voneinander, um das reine Bild einer Persnlichkeit bewahren zu knnen.
Er kam mir sehr geschlossen vor. Unbeugsam, unbiegsam. Er ist Balte,
nicht wahr? Alle Balten sind starr. Er hatte vollendete Formen, jene
Tadellosigkeit bis ins Mark, die wie Wohlgeruch wirkt. Viele junge
Mdchen waren damals verliebt in ihn, aber auf neutral Gestimmte wirkte
er ein wenig erkltend, wie jemand, der lange einsam gewesen ist,
uerlich oder innerlich, und ber die Wege zu den Menschen nicht mehr
orientiert ist. Stimmt das?

Maria nickte. Es stimmt wie eine Silhouette an der Wand. Es stimmt und
ist doch nichts. Unbeugsam, unbiegsam; darin liegt etwas vom Wesen. Er
hat mich gebogen; nicht gebeugt: gebogen. Ich htte brechen knnen, dann
war ich eben nicht die, die er brauchte. Ich kam aus einer Welt ohne
feste Umrisse; man gehrte nicht zum Adel, man gehrte nicht zum
Brgertum, man hing gesetzlos dazwischen. Ich war in Deutschland
geboren, aber in sterreich erzogen; die eigentmliche staatliche und
soziale Luft dort bedingt ein gewisses Schwanken von selbst. Ich
forderte durch mein Tun und Lassen zum Widerspruch heraus; ich war immer
anders als andere, immer auf dem Kriegsfu mit allen. Um mich zu finden
oder etwas auer mir, das ich packen konnte, ging ich auf allen Seiten
in die Irre, schlug allem Herkommen ins Gesicht, wurde ganz wild, ganz
entfesselt, berwarf mich mit meiner Familie und den meisten Freunden,
war von Freiheitsideen besessen und in Gefahr, mich in Schwarmgeisterei
und Libertinage zu verlieren. Da traf ich Alexander. Es war der
kritische Moment. Ich war hlich verstrickt mit meinen neunzehn Jahren,
das Sinnliche ist ja immer der Anzeiger vom Grad der Zerfallenheit;
entfesselt und verstrickt, wie sonderbar, da man es in einem sein kann.
Aber es war ja die Zeit, wo man alles halb war, mit keiner Sache Aug in
Aug stand, und beharrte man auf einem Weg, so war man fast verfemt. Wir
sprachen uns nie, Alexander und ich. Er war mit einer offiziellen
Mission beauftragt und erschien bisweilen, sehr unterschieden von
Mnnern, die ich kannte, in der Gesellschaft. Da ich seine
Aufmerksamkeit erregte, da er mich beobachtete, sprte ich natrlich;
war ich auch meines Magnetismus sicher, der seine war noch strker und
hatte doch nicht die Kraft, mich gleich aus meinen Ketten zu reien. Der
Entschlu, mich in sein Leben hinberzunehmen, traf ihn selber
unerwartet. Ich werde mich hten, Sie mit den Einzelheiten einer
Liebesgeschichte zu langweilen; wichtig ist nur, da wir uns heirateten
und da jeder von uns beiden wute, sein ganzes Schicksal kam dabei in
Frage. Was fr Monate, Frstin, was fr Jahre! Wir traten uns gegenber
wie zwei Duellanten, wie zwei Ringkmpfer. Er verriet es mir einmal:
htte ihm nicht eine unvergebare Erleuchtung den Kern in mir offenbart,
er htte mich am Anfang schon wieder nach Hause geschickt; denn ich war
zuchtlos, haltlos, voller falscher Begriffe, voller Vorurteile in bezug
auf Liebe und Ehe und Mann und Weib und Gott und Mensch. Du hast das
ganze Europa in dir, sagte er immer, und ich verstand lange nicht, was
er meinte. Ich leistete Widerstand auch hier, ich setzte ihm das
entgegen, was ich meine Persnlichkeit hie, dieses Treibhauspflnzchen,
das er Blatt fr Blatt und Faser fr Faser zerrupfte, da nichts mehr
davon brig blieb als Beschmung und Trotz, immer noch Trotz. Und er
suchte den Kern; unermdlich, unablssig, Tag und Nacht, mit einer
leidenschaftlichen Geduld, mit einem tiefen Wissen. Er grub mich aus mir
heraus; er ri mich auseinander, um mich neu zu machen. Es tat weh; ich
versichere Ihnen, Frstin, es gab Tage, Wochen, wo ich zwischen Liebe
und Ha erstickt und zertreten niederbrach. Und er, hinter mir her wie
mit einer Geisterpeitsche: du mut durch, mut es durchleiden und wenns
dich verbrennt; besser, wir gehn ehrlich mit- und aneinander zugrunde als
ein Sterben an dreiig Jahren Miverstndnis und heimlichen Wunden. Und
endlich wuchs ich ihm zu, aus meinen Trmmern; endlich fand er mich,
gewann er mich. Es war um die Zeit, wo ich zum erstenmal schwanger war,
nach fnf Jahren; da auch er nicht unverwandelt blieb, ist
selbstverstndlich; htte ich ihm nichts zu geben vermocht, so htte ich
ihm ja nichts sein knnen, und kluge Vertrge gehren zum Sieg. Doch war
ich sein Geschpf und fhlte mich so. Er zog sich damals vom
ffentlichen Leben zurck, wir gingen auf das Gut und begannen zu
arbeiten. Jedes Ziel war gemeinsam. In Meinungen und Handlungen trafen
wir uns immer an demselben Endpunkt. Wir lasen die gleichen Bcher,
dachten die gleichen Gedanken, fllten die gleichen Urteile. Er verzieh
sich keine Nachlssigkeit, seine Strenge gegen sich hatte etwas
Mnchisches. Unmglich ihn um eines Vorteils willen zu bewegen, das
kleinste Recht auf seine Seite zu bringen, wenn es auf der andern war;
eher htte man Granit schmelzen knnen. Was er fr seine Pflicht, fr
seine Lebensaufgabe hielt, war nichts Begrenztes, sondern ein
ununterbrochen anschwellender Strom, und seine Hingabe war die uerste,
er verlangte von sich das uerste und verlangte es von mir. Ich habe
von Natur aus einen Hang zur Trgheit und Beschaulichkeit; den trieb er
mir grndlich aus; manchmal weinte ich vor Zorn und Mitleid mit mir
selbst, wenn er mir zuviel zumutete; aber es war dann doch das Richtige,
und hatte ich mich bezwungen, so konnte er durch ein gtiges Wort allen
Groll vergessen machen. Nur nicht sich verwhnen, nur nicht sich
verzrteln, nur nicht Gefhle hinverschwenden, wo man sich entscheiden
mu, sagte er; und so verhielt er sich gegen die Welt, gegen seine
Kinder, gegen die Untergebenen. Er entkrftete jeden Einwand durch
Beispiel. In ihm lebte eine groe Idee seines Volkes, eine groe Idee
von Herrschaft, die durch Dienst entsteht, durch Gehorsam und Ehrung des
Brauches. Fr ihn war der Zar eine gttliche Person wie fr den
einfachsten Bauern. Dieses Ruland, dieses russische Volk war ihm der
heilige Nhrboden der Menschheit, der Scho der Zukunft, die
Vorratskammer der Welt. Ich spreche von ihm, ich spreche von mir. Es gab
da kein Anderssein mehr. Er und ich, wir verschmolzen gemeinsam in
dieses Mystische, von dem Kraft ausging. Wir haben es gelebt. Ich wute,
wenn er eine Handvoll Ackererde aufhob, da er damit das Ganze wog und
prfte, sein Land, mit dem Himmel darber und den Menschen darauf. Ich
wute, wenn er unter seine Bauern trat, um Recht zu sprechen, da er es
im Gefhl der hchsten Verantwortung tat, als meile er den Spruch in
die Ewigkeit. Riefen sie ihn zu Hilfe, so kam er, ob es sich auch ums
Geringste handelte; Schlittenfahrten durch die brennendkalte Winternacht
waren nichts Seltenes. Sie durften ihn fordern. Dabei war er der Herr;
er verstand es, Herr zu sein. Ich war die Herrin; er machte mich zur
Herrin. Ich begriff es nach und nach. Herrin und Mutter, das galt ihm
fast eins, Mutter von vielen, und so sagen sie auch Mtterchen zur
Herrin. Das ist schn und schreibt einem den Weg vor. Wenn Sie das
bedenken, Frstin, erscheint Ihnen dann nicht alles ganz einfach?

Ich verstehe, ich verstehe, murmelte die Frstin; einfach, ja. Das
Wunderbare ist schlielich immer einfach. Ich verstehe die Entwicklung,
verstehe Ihr Herz, aber, #aprs tout#, sind Sie denn nicht vollkommen
enttuscht? War es denn nicht vergeblich, jetzt, wo es so steht? wo wir
ohne den Herrn sind, schauerlich verlassen?

Ich bin nicht enttuscht, antwortete Maria; der Weg geht weiter. Ich
bin auch nicht ohne den Herrn, welche Bedeutung immer Sie dem Wort
geben.

Die Frstin fragte: Seit wann ist Ihr Gatte von Ihnen fort?

Ziemlich genau ein Jahr. Zu Weihnachten hatte ich den letzten Brief.

Und wie ertragen Sie seine Abwesenheit? Es ist ja ein beklommener
Zustand, in jedem Fall, nun erst in einem solchen Verhltnis.

Es gehrt zum Weg, sagte Maria. Ich wei, da er mit mir im Raum ist,
kommt es da auf die Ferne an? Schlie ich die Augen nur eine kurze Zeit,
so seh ich ihn, hr ich ihn, mu lcheln ber gewisse Eigenheiten beim
Sprechen, die ich an ihm kenne, frage ihn, antworte ihm, berate mich mit
ihm, und so ist es sicher auch bei ihm.

Die Frstin entgegnete: Sie haben Phantasie, Maria Jakowlewna. Ich will
Ihr Gefhl nicht verkleinern; alles, was Sie sagen, flt mir
Hochachtung ein und besttigt meine Ahnung von Ihnen. Sie sind so klar
wie das Wasser; Sie sind ohne Heimlichkeiten. Wie beruhigend, mit Ihnen
zu plaudern, ja blo dazusitzen und Sie anzuschauen. Aber sagen Sie mir
eines. Ich glaube an Ihre Zuversicht; ich glaube daran, da sie Ihnen
die Sehnsucht, die Ungeduld, die Bangigkeit um das Schicksal eines so
geliebten Menschen berwinden hilft; aber fhlen Sie sich nicht auch
befreit? Erwidern Sie noch nichts, einen Augenblick noch; es ist so
heikel; die Worte sind schwer zu finden; ich mchte nicht in den
Verdacht kommen, da ich Sie antasten, Verschwiegenes hervorzerren will
-

Sie knnen alles sagen, ich werde es bestimmt nicht miverstehen, warf
Maria freundlich ein.

Die Frstin fuhr fort: In Ihnen ist viel Leidenschaft. Sie sind sicher
die leidenschaftlichste Frau, der ich je begegnet bin. Dabei aber auch
die unnahbarste. Ich meine das in einem gewissen Sinn. Wie kann man dazu
gelangen, allen Vorrat von Leidenschaft in ein Gef zu schlieen und
sich den Schritt ins Unbekannte fr immer zu verbieten? Wie erreicht man
diese Unerschtterlichkeit? Frauen sind entsetzlich preisgegebene Wesen.
Man gibt sich entweder hin oder man hlt sich zurck; im einen wie im
andern Fall strauchelt man und wird um seinen Traum betrogen. Und da ist
nun eine, die sich ein so festes Haus gezimmert hat, da der Teufel
keinen Platz darin findet. Man rttelt an Tr und Mauern, um die Stelle
zu entdecken, wo es brchig ist. Weil man doch selber in einer Ruine
wohnt und der Neid einen qult. Sagen Sie mir also: war es nicht ein
unertrglicher Despotismus? Zuweilen nur, zuweilen -? Sind Sie nicht
jetzt in Ihrem verborgensten Innern irgendwie erlst oder blo
erleichtert? Ist nicht eine Last von Ihnen genommen, trotz aller Liebe?
War Ihnen denn nicht die freie Wahl geraubt durch alle die Jahre, und
haben Sie nicht heute die Empfindung, das Leben steht mglicherweise mit
einem kostbaren Geschenk an der Pforte und Sie drfen es ohne groe
Skrupel nehmen? Oder auch mit Skrupeln, nur nehmen, das Geschenk nehmen.
Ich meine: ist Ihr Gemt und Geist so bis zum Rand ausgefllt von diesem
einen Menschen und seinem Wollen und Ihrer Existenz an seiner Seite, da
es darber hinaus keine Regung mehr fr Sie gibt, keine Verlockung,
keine Versuchung? Sie sind ja Weib durch und durch; an Ihnen blht und
leuchtet ja alles. Wr ich ein Mann, was wrde ich nicht aufs Spiel
setzen, um Sie zu gewinnen. Sie errten; wie schn, wie rhrend! Wie ein
junges Mdchen. Aber antworten Sie, antworten Sie mir.

Maria sprte leisen Schrecken. Fast mechanisch erwiderte sie: Vier
Kinder, Frstin. Neben all dem, wie nannten Sie es? dem
Unerschtterlichen, vier Kinder. Haben Sie meine Kinder gesehen?

Die Frstin schwieg. Sie hatte beide nackten Arme, die dem schwarzen
Kleid wei entflossen, auf den Tisch gelegt und Maria, zu spt beschmt
von ihrer mtterlichen Prahlerei, las auf ihrer verdunkelten Stirn den
Gedanken: auch ich war Mutter. Sie sttzte den Kopf in die Hand, und
nach einer Weile begann sie: Das war ein egoistisches Wort, Frstin.
Ich bin von einem Glcksgeleise aufs andere ausgewichen. Vielleicht aus
Feigheit. Ihre Frage war wie ein pltzliches Feuer. Sie hat mich
geblendet. Die Wahrheit? Wt ich sie nur. Mich dnkt, sie liegt in der
Furcht. Dort, wo der Abgrund ist, liegt die Wahrheit. Die freie Wahl war
mir allerdings geraubt, aber ich hatte nicht das kleinste Bedrfnis und
den kleinsten Anla, noch einmal zu whlen. Meine Wahl war ja
unwiderruflich gewesen. Sie sagten, da der Teufel in meinem Haus keinen
Platz hat. Das ist ungeheuer richtig, und nun mu ich sehr khn sein,
strflich khn vielleicht: ich habe ja mein gttliches Teil gewhlt. Ich
leugne nicht, da Versuchung fr mich entstehen kann; wer ist gegen
Versuchung gefeit? Das Blut ist eine furchtbare Macht. Aber wenn ich
noch einmal whlen mte, dann mte ich den ganzen Kreis bis zum andern
Pol gegangen sein. Das Gttliche kann man nicht zweimal whlen, und in
seiner Nhe herumpfuschen und -experimentieren kann man auch nicht. Dazu
hat es zuviel Unerbittlichkeit. Mte ich noch einmal whlen, dann mte
es geradezu der Teufel sein. In Versuchung fhren knnte mich nur der
Teufel. Aber so weit kommt es hoffentlich nicht. Sie lachte.

Die Frstin erhob sich und umarmte sie schweigend. War es, da sie keine
Einwnde mehr hatte, oder da sie sich geschlagen fand durch die
unerwartete Wildheit von Marias Argument, sie lie sich keine Zweifel
anmerken. Ehe sie ging, sagte sie: Freilich, freilich; und wieder
bekmmerten Tones: Freilich. All das Beinahe und Ungefhr, das
Geschehenlassen anstatt des Sichentscheidens verwssert unser Schicksal;
es macht uns mde vor der Zeit. Wir ziehen immer Resultate, aber am
wichtigsten, am Augenblick lgen wir uns vorbei. Dann, mit
Herzlichkeit: Ich mchte Ihr Bild besitzen, Maria Jakowlewna. Schicken
Sie mir Ihr Bild sobald wie mglich, es wird mir als Amulett dienen. Wer
wei, ob uns nicht die nchste Stunde voneinander trennt. Hab ich Ihr
Bild, so hab ich etwas, das mich schtzt.

Maria versprach es.

Den Rest der Nacht verbrachte sie schlaflos. Das Haus, vom Dach bis in
den Keller, glich einem Akkumulator, in dem sich Angst aufsammelt. ber
die Korridore hasteten Schritte. Maria wute von Liebesbeziehungen, die
sich von Zimmer zu Zimmer spannen und oft nicht lnger dauerten als der
Rausch der ersten Stunden. Da eilen sie hin und naschen in Verzweiflung
Verbotenes, um nicht fhlen zu mssen, dachte Maria, halb
geringschtzig, halb mitleidig. Aber auch andere Schritte waren,
Botenschritte, Verrterschritte, Spionenschritte, Wchterschritte.
Durch die geffneten Fenster drangen Luftwellen bald khl, bald warm;
gegen Morgen wurde es kalt, und Maria schlief endlich ein und schlief
bis Mittag. Das Schreien des kleinen Wanja weckte sie erst. Jewgenia,
die Pflegerin, trug ihn auf ihren Armen herein, vorwurfsvoll, die
linnenwei Gekleidete, weil die Herrin sich so lange der Pflicht
entzogen hatte. Wanja lie nicht mit sich spaen; er krallte die dicken
Fustchen in seiner Mutter Fleisch und schnappte zu wie ein bser
kleiner Fisch.

Aus der Umgegend schallte Gewehrfeuer, das bis zum Abend an Heftigkeit
zunahm und sich bestndig nherte. Jefim Leontowitsch kam mit Zeichen
von Bestrzung und bat Maria, da sie ihm erlaube, die Nacht im Zimmer
der Knaben zu verbringen, er habe keine Ruhe sonst. Maria rechnete auf
Nachricht von Menasse. Um bereit zu sein, wies sie Litwina und Arina,
die beiden jungen Dienerinnen, an, die Koffer zu packen, worber die
Knaben jubelten. Es schien Maria, als habe sie etwas Wichtiges
vergessen, das sie sich vorgenommen. Das Grbeln darber machte sie
zerstreut. Sie zog ihr Abendkleid an und ging hinunter. Dann kehrte sie
zurck, durchwhlte eine Schachtel nach einer Photographie, schrieb
ihren Namen darauf, steckte sie in ein Kuvert und schickte Arina damit
zur Frstin Nelidow. Aber das war nicht das Wichtige, das sie vergessen
hatte.

In den Gesellschaftsrumen herrschte das gewhnliche lrmende Treiben.
Alle diese der Heimat und nun auch der Freiheit beraubten Mnner und
Frauen trugen eine herausfordernde Sorglosigkeit zur Schau. Nur wenige
Gesichter zeigten das Bewutsein der Gefahr. In einer Gruppe wurde
lachend erzhlt, da man bereits in den Straen der Stadt kmpfe, da in
einem der Hfe des Hotels Tote und Verwundete lgen. Sie hatten Blut
genug gesehen, waren an das Entsetzen gewhnt; es handelte sich nur noch
um ihren eigenen Untergang, den sie mit frivoler Neugier fast
erwarteten. In einen Wiener Walzer hinein knatterte beizend das Tacktack
eines Maschinengewehrs von drauen. Man sah Soldaten an den Fenstern
vorbeirennen. Maria fielen finster blickende Gestalten auf, erst drei
oder vier, dann fnfzehn oder zwanzig, die sich in der Halle und den
Speiseslen herumtrieben. Man gab sich Mhe, nicht auf sie zu achten;
man scherzte, schwatzte und tat, als seien sie nicht vorhanden. In
abgerissenen oder doch alltglichen Gewndern stachen sie drohend von
der Toilettenpracht, den Frcken und strahlenden Hemdbrsten ab; sie
stellten sich den Kellnern in den Weg, die mit Sektkbeln liefen,
postierten sich unverschmt neben Klubsessel, in denen vornehme
Kavaliere ruhten und schlenderten mitten durch Gruppen von Plaudernden
durch. Maria dachte: es ist Zeit, da Menasse sich meldet. Ein gellender
Pfiff wurde hrbar, gleich darauf, da die Kapelle im Speisesaal Pause
hatte, eine fremdartige Musik aus einem entfernten Raum. Zu Maria trat
ein junger Mann, ein Moskauer Schriftsteller, und sagte, im groen Saal
finde eine armenische Hochzeit statt, sie mge doch hingehen, es sei
uerst interessant. Er bot ihr seine Begleitung an; Maria war immer
fnfzehn Jahre alt, wenn es Neues zu sehen gab, und sie ging sogleich
mit. Die Stimmung bei einem Teil der Gesellschaft hatte sich auf einmal
verndert. Ein alter Herr redete mit gerungenen Hnden auf mehrere Damen
ein. Maria vernahm, wie eine flsterte: Und mein Schmuck? meine
Perlen? Der alte Herr sagte: Es handelt sich ums nackte Leben. Vor
dem Billardzimmer standen ein paar junge Mdchen, bla, verzagt, die
Augen aufgerissen. Der Schriftsteller sagte unterdessen zu Maria:
Unbeschreiblich, welchen Prunk die Armenier bei solchen Anlssen zu
entfalten wissen, Sie werden sich selbst berzeugen; ganz mrchenhaft.

Es hatten sich schon andere Zuschauer eingefunden. Namentlich machte
sich Stepan Nelidow bemerkbar, der in unangenehmer Weise, als wre er in
einem Zirkus, seine Begeisterung kundgab. Dort, wo Maria stand, vor der
Tr des groen Saals, war die Basis eines zylinderfrmigen Schachtes,
der bis zum Dach des siebenstckigen Gebudes reichte. In jedem
Stockwerk trat eine kreisrunde Galerie heraus, die gegen den Schacht hin
durch ein geschmiedetes Gitter begrenzt war. In den drei ersten Etagen
sah man auch die gerade ansteigende Treppe zur nchsthheren Etage.
Whrend Maria hinaufblickte, sprte sie, da sich irgendwo dort oben
etwas ereignete, was auch sie anging. Sie hrte, von ganz oben, lautes
Reden und dann gelchterhnliche Schreie, dann war es wieder eine Weile
still, aber kaum hatte sie ihre Aufmerksamkeit den Armeniern im Saal
zugewandt, so begann es von neuem.

Die fremdartige Musik, mehrere Blasinstrumente und zwei dumpfe Trommeln,
war aus einem getragenen Tempo in ein munteres bergegangen. Ein
Jngling und ein Mdchen traten zum Tanz an; ihre Bewegungen und
Drehungen, anfangs gemessen, schferhaft lieblich, steigerten sich, von
der Musik rhythmisch untersttzt, zur Ausgelassenheit. Der hohe weite
lichtgebadete Raum war durchlodert von den intensiven Farben gold- und
silbergestickter Gewnder, blau, gelb, grn, rot in strksten Tnungen;
aus heiem Dunst leuchteten unvergleichlich schne Frauengesichter und
solche von bleichen, schwarzbrtigen Mnnern, die majesttisch saen und
blickten. Nun sah man auch drben einen zarten Reigen von
spitzenbekleideten, ganz jugendlichen Wesen, die sich bogen und dehnten,
und als die betubende Musik aufhrte, stimmten sie einen feierlichen
Gesang an. Freudig erregt von den Bildern und Klngen einer abgerckten
Welt, stand Maria lchelnd auf der Schwelle, bedrckt nur von dem Gefhl
ihrer eigenen Fremdheit und ungewnschten Gegenwart, da vernahm sie
abermals die hlichen Schreie von oben, die sich nun jedoch rasch
nherten; sie trat zurck in die Mitte des Schachtes und sah empor. ber
die dritte Treppe lief mit erschreckender Geschwindigkeit, so da es
aussah, als msse sie jede Sekunde in die Tiefe strzen, ein
Frauenzimmer herab. Die Haare flatterten aufgelst um den Kopf, das
Gesicht zeigte trotz der Entfernung ein verzerrtes Entsetzen. Sie kam
zur Galerie, hielt sich einen Moment lang am Gelnder fest und rannte
weiter zur zweiten Stiege. Maria wute sofort, da dies Lisaweta
Petrowna war, zu der sie hatte gehen gewollt, und nun wute sie auch,
was fr ein Vergessen sie gepeinigt hatte. Rasch entschlossen ging sie
zur Treppe; die mit wilden Seufzern Herabeilende war nun auf der ersten
Galerie und hielt sich wiederum kurze Zeit fest. Sie schaute sich um,
strmisch atmend; hinter ihr kam ein junges Mdchen herab, in dem Maria
die Frstin Jelena erkannte. Aber deren Gangart und Aussehen
rechtfertigte keineswegs die wahnwitzige Hast und Furcht der andern; sie
ging eher bedchtig, Stufe um Stufe, und ihre Zge, obwohl verfinstert
und anscheinend zu einem bestimmten Vorhaben gesammelt, hatten zugleich
einen Ausdruck von Widerwillen und Mattigkeit. Maria war ein paar
Stufen hinaufgeschritten, die Flchtende flog ihr entgegen, hielt inne,
glaubte sich vor einer neuen Feindin, stie einen der Schreie aus, die
so gelchterhnlich geklungen hatten, taumelte und wre gefallen, wenn
Maria nicht auf sie zugesprungen und sie aufgefangen htte. Das Mdchen
griff nach ihr, umklammerte sie, glitt mit den Armen herab, kniete vor
ihr. Mittlerweile hatte auch die Frstin Jelena die Stelle erreicht, wo
dies vor sich ging. Sie blieb einige Stufen oberhalb stehen, der
Ausdruck von Widerwillen verstrkte sich in ihrem wunderbar feinen und
klaren Gesicht und sie stie hervor: Anrhren solchen Unflat?
Anrhren? Ein Schauder berrann ihre Glieder.

Das Mdchen drckte das Gesicht wimmernd in Marias Kleid. Sie will mich
umbringen, heulte sie dumpf in den Stoff, in Marias Krper. Die
Zuschauer vor der Tr hatten sich verwundert zur Treppe gedrngt. Stepan
Nelidow stand mit verschrnkten Armen und spttischem Lcheln an die
Mauer gelehnt.

Wozu, Jelena Nikolajewna, sagte Maria, zur jungen Frstin
emporgewandt, wozu dies? Der einfache gtige Ton brachte eine
sichtliche Wirkung auf die Frstin hervor. Sie senkte den Kopf, ihre
kurzen, gelockten Haare fielen weich ber die Wangen, und so verharrte
sie regungslos.

Kommen Sie mit mir, Lisaweta, redete Maria der noch immer Knienden zu;
niemand wird Ihnen etwas zuleide tun. Sie richtete die Willenlose auf,
lieh ihr den Arm zur Sttze und fhrte sie durch ein Spalier von Gaffern
in den Korridor und dann weiter zum Lift, in den sie sie sanft
hineinschob. Oben angelangt, mute sie die verfallen vor sich hin
Brtende mit Gewalt von ihrem Sitz ziehen. Mitja und Aljoscha flogen ihr
jauchzend mit der Kunde entgegen, die Koffer seien geholt worden. Jefim
sagte, es seien drei Mnner gekommen und htten ohne ein Wort zu uern,
die zwei groen und fnf kleineren Gepckstcke nach und nach
fortgetragen. Die Dienerinnen hatten nicht gewagt, sie daran zu hindern,
oder sie auszuforschen, wer sie geschickt habe. Handtaschen,
Necessaires, Krbe lagen noch in den Zimmern herum. Indes Maria mit
Jewgenia beriet, erschien ein Bursche mit einem Zettel und verschwand
wieder. Auf dem Zettel stand: Unverzglich zu befolgen: verlassen Sie
nach Empfang dieses mit Ihren Leuten das Haus durch die Tr neben den
Kchenlokalitten. Dort wird jemand stehen und Sie an einen bestimmten
Ort fhren, wo Sie eine, mglicherweise zwei Nchte zuzubringen haben
werden. Der Betreffende ist zuverlssig. Sumen Sie nicht lnger als
eine halbe Stunde, sonst stehe ich fr nichts. Die Koffer sind
untergebracht, Ihre Rechnung ist bezahlt. Menasse.

Trotz der kritischen Situation war Maria still amsiert. Mein General
ist streng, dachte sie und half die Knaben fertig ankleiden. Eine Menge
Gegenstnde waren einzupacken. Arina und Litwina rannten durch die
Zimmer. Wanja schrie; Jewgenia wiegte ihn auf den Armen. Maria htte
sich gerne noch von der Frstin Nelidow verabschiedet; es war keine Zeit
mehr. Lisaweta Petrowna hatte sich in die Sofaecke gekauert und
beobachtete mit den Augen eines scheuen Tieres, was um sie vorging.
Pltzlich sprang sie auf und faltete die Hnde gegen Maria. Nehmen Sie
mich mit, flehte sie verstrt. Maria antwortete: Wir haben nur noch
Minuten vor uns; wie geht das denn, so wie Sie sind? Sie trug einen
Kimono und an den Fen blauseidene Pantffelchen. Um keinen Preis mehr
will ich in mein Zimmer gehn, sagte sie hilflos. Die Knaben, voll
Ungeduld, drngten Maria stumm. Arina belud Jefim Leontowitsch mit den
Handtaschen. Mitja, der ungeachtet seiner Haltung eines jungen Prinzen
immer viel Gefhl fr fremde Leiden bezeigte, sagte zu seiner Mutter:
Die Frau kann ja einen von deinen Mnteln anziehen; wir haben ja
hundert Mntel. Auf einen Wink Marias brachte Litwina einen Mantel; und
Lisaweta hllte sich darein. Wollen Sie denn Ihre Habe im Stich
lassen? fragte Maria, und jene erwiderte: Nur fort, nur fort.

Jefim, die Knaben, Jewgenia mit dem entschlummerten Wanja, Arina,
Litwina und Lisaweta traten auf den Korridor. Maria folgte als Letzte.
Auf einmal stand Jelena Nelidow vor ihr. Sie gehen? murmelte sie
finster verwundert, gehen? Und diese dort, diesen Abschaum machen Sie
zu Ihrer Schutzbefohlenen? Ihr gewhren Sie Freundschaft, der
Schamlosen?

Ich sehe nur eine Unglckliche, Jelena Nikolajewna, sagte Maria. Ich
wei nichts von ihr als das. Kann ich eine Unglckliche, die zu mir
flieht, wegstoen, ich, die selber flieht?

Wieder wirkten Marias Wort und Stimme unmittelbar beschwichtigend auf
die junge Frstin. Ihr Gesicht zog sich zusammen wie im Krampf.
Pltzlich ri sie mit zitternden Fingern eine Diamantagraffe von ihrem
Kleid und drckte sie in Marias Hand. Ich will nicht schuldiger werden
als ich schon bin, sprach sie wie geblendet, wie gegen eine Wand;
geben Sie ihr das; machen Sie es zu Geld fr sie, sie ist arm; ich habe
keins, aber verraten Sie mich nicht.

Maria konnte nur in einen Blick legen, was hier zum Dank zwang. Der
Boden brannte. Fedja war umgekehrt, um zu sphen, wo sie blieb. Jelena
ging ein paar Schritte an ihrer Seite; nahe der Treppe packte sie Marias
Arm und hauchte mit wehem Kinderlaut: Ich habe Angst; ich habe solche
Angst, ihre seltsam gelben Augen ffneten sich berweit; ich habe
grenzenlose Angst, wiederholte sie, und vielleicht aus Angst bin ich
schlecht.

Liebe, Sie Liebe, sagte Maria leise und zrtlich. Die junge Frstin
bedeckte das Gesicht mit den Hnden und ging langsam zurck, whrend
Maria schweren Herzens die Treppe hinunterstieg.

An der von Menasse bezeichneten Tr stand ein Soldat mit Sturmhaube und
aufgepflanztem Bajonett. Er begab sich schweigend an die Spitze der
Karawane. Es ging durch einen schmalen Hof, dann die Strae entlang,
ber die ein Feuerschein bebte. Zur Linken, in der Hhe des Tals,
brannten Huser; die Funken, so fern, da sie goldner Stickerei glichen,
stoben gegen den Mond. Gestreckten Galopps jagten Reiter vorbei; Fedja
und Aljoscha blieben bewundernd stehen, Mitja trieb sie weiter wie ein
sorglicher Hirt. Jefim keuchte unter seiner Last, und Maria nahm ihm
trotz seines Strubens eine der Ledertaschen ab. Der Soldat bog in eine
Seitengasse bergan. Die Huser wurden armseliger. Er zgerte, sah sich
um, schien sich orientieren zu wollen. Die Gassen waren unbeleuchtet.
Ein andrer Soldat trat aus einem Torweg auf ihn zu und sie sprachen
leise miteinander. Das Krachen eines groen Geschtzes erschtterte die
Nacht. Aljoscha begann pltzlich zu weinen. Maria ergriff ihn bei der
Hand. Sie gelangten zu den letzten Husern der Stadt, in die Nhe des
Bahnhofs. Der Soldat kehrte wieder um und ging ein Stck zurck.
Lisaweta, die in ihren Pantffelchen Mhe zu gehen hatte, lehnte sich an
eine Hausmauer. Vom untern Ende der Gasse her schallte der Schritt
einer Patrouille. Der Soldat pfiff; Jefim eilte hin und rief Maria und
die brigen. Sie traten in ein bauflliges Haus, das nur aus einem
Erdgescho bestand und vllig unbewohnt schien. Mit dem Gewehrkolben
stie der Soldat eine Tr auf, dann setzte er ein Streichholz in Brand.
Man sah eine Kammer, etwa vier Meter im Geviert, so niedrig, da man mit
den Kpfen an die Decke stie, mit feuchten, verschimmelten, grnlichen
Wnden und ohne alles Mobiliar. Das Streichholz verlosch wieder. Hier
mten sie bleiben, sagte der Soldat, drften sich nicht rhren, die
geschlossenen Fensterlden nicht ffnen, wenn ihnen das Leben lieb sei.
Maria fragte, im Finstern, ob er wisse, wo Herr Menasse sei. Nein, er
wisse es nicht, er kenne nicht einmal den Namen; er wisse blo, da eine
Anzahl Menschen heute nacht in Husern rings um den Bahnhof versteckt
worden seien, damit sie fortgeschafft werden knnten, wenn sich die
Gelegenheit bot. Das sei alles, was er wisse. Ob man eine Kerze anznden
drfte, wenigstens solange, bis die Kinder gebettet seien? fragte Maria.
Er widerrate es. Wie lang man hier werde bleiben mssen, zehn Personen
in einem so dumpfen Loch? Das knne er nicht sagen. Noch einmal empfahl
er, da sie durch kein Zeichen ihre Anwesenheit verraten sollten, dann
entfernte er sich.

Eine Weile waren alle still und verfielen in trbe Betrachtungen.
Aljoscha hatte nach der Hand seiner Mutter getastet und schmiegte sein
Gesicht hinein. Sie sprte, da es vor Bengstigung zuckte. Wir mssen
Licht haben, sagte Maria. Jefim Leontowitsch erbot sich,
hinauszuschleichen und den Aufpasser zu machen. Bei verdchtiger
Wahrnehmung wollte er dreimal an den Holzladen pochen, dann mute das
Licht ausgeblasen werden. Es dauerte einige Zeit, bis Arina eine Kerze
gefunden hatte. Als sie brannte, wurden rasch Decken und Mntel auf den
von Schmutz starrenden Bretterboden gebreitet; in stummer Hast richtete
jeder eine Ruhestatt fr sich; die Knaben, kaum hingelegt, in ihren
Kleidern, schliefen schon.

Lisaweta lag neben Maria an der Mauer. Von ihrem zwischen die Arme
gewhlten Kopf sah man nur die in Eile aufgesteckten wirren braunen
Haare. ber ihre starken Hften lief bisweilen ein Beben. Whrend sie
Wanja stillte, lie Maria den Blick sinnend auf ihr ruhen. Dann, als
Jewgenia ihr den satten Wanja abgenommen und die Kerze verlscht hatte,
bat sie Litwina, da sie Jefim Leontowitsch hereinhole, damit auch er
ruhen knne. Aber Jefim lie sagen, er finde es notwendig, da einer
Wache halte, er werde sich vor der Tr auf seinen Mantel legen.

In Marias Augen kam kein Schlaf. Sie hrte die krftigen Atemzge der
drei Knaben; jeden erkannte sie an Laut und Tempo des Atems; sogar das
dnne, sprudelnde Atmen Wanjas war deutlich vernehmbar. Auch die
Dienerinnen schliefen. Sie wachte, sann, lauschte. Zu ihrer Rechten
ertnte ein schwerer Seufzer. Knnen Sie nicht schlafen, Lisaweta
Petrowna? fragte sie flsternd.

Die Angeredete bewegte sich und rckte nher. Wer sind Sie eigentlich?
fragte sie ebenfalls flsternd. Sie haben mich aufgelesen,
mitgenommen ... aus welchem Grund? Wer sind Sie?

Bedeutet Ihnen der Name etwas, so mgen Sie ihn wissen, antwortete
Maria und sagte, wie sie hie. Dann war wieder eine Weile Schweigen,
dann wieder ein Seufzer wie unter drckender Brde.

Was ist Ihnen? flsterte Maria; erleichtern Sie Ihr Herz, sprechen
Sie.

O groer Gott! murmelte die andere.

Wir sind in der Finsternis und knnen einander nicht sehen, fuhr Maria
zu flstern fort; alle schlafen, wir sind so gut wie allein. Sprechen
Sie.

Jelena Nikolajewna mchte mich am liebsten mit dem Stiefelabsatz
zertreten, sagte die Stimme bitter; dabei wei sie alles. Niemand
auer ihr wei es. Grigorji hat sich ihr anvertraut. Kalten Bluts knnte
sie mich morden und wei doch alles. O mein Gott!

Ist es denn wahr, da Frst Grigorji die Ehe mit Ihnen geschlossen
hat? fragte Maria.

Fragen Sie doch nicht, kam es geqult zurck. Ja, ja, der Pope hat
uns zusammengetan, damals in Sebastopol, als ich das Schiff verlie. Als
schon alles zu Ende war, hat uns der Pope getraut. Ich wei nicht, ob es
anfechtbar ist, geschehen ist es jedenfalls, obschon die Umstnde
schrecklich waren. Keine menschliche Phantasie kann sich nur annhernd
etwas hnliches ausdenken. Ja, als ich das Schiff verlie, wurden wir
getraut.

Welches Schiff, Lisaweta Petrowna?

Lisaweta antwortete nicht. Ich kann hier nicht bleiben, sagte sie nach
einer Weile klagend; ich mu wieder fort. Ich will zurck und meine
Sachen holen. Was soll ich denn tun ohne Kleider und Schuhe? Freilich,
wo soll ich dann hingehn? Zu wem denn?

Da ich nicht vergesse, man hat mir ein Schmuckstck aus Diamanten fr
Sie gegeben, sagte Maria, und indem sie es sagte, bereute sie es, als
fge sie der unsichtbaren andern eine Beleidigung zu; vielleicht
wnschte man, da Sie es als Andenken behalten. Vielleicht wollte man
dadurch etwas Begangenes gutmachen.

Lisaweta verstand. Vor die Fe werf ich ihrs, brach sie aus, ohne die
Stimme merklich zu erheben; und das ist noch Ehre zuviel. Will sie mich
durch ein Almosen dafr entschdigen, da sie mir glhende Nadeln ins
Fleisch gebohrt hat wie ein Folterknecht? Jammer und Schande. Wenn Sie
keine Gelegenheit mehr haben, es ihr zurckzugeben, so schenken Sie es
einem Bettelweib. An Demtigungen ists jetzt genug.

Mehr als eine halbe Stunde verging im Schweigen. Die Atemzge der
Schlfer wurden tiefer. Pltzlich flsterte Lisaweta: Hren Sie? Knnen
Sie mich hren?

Ich hre Sie gut, erwiderte Maria.

Ich will Ihnen vom Schiff erzhlen. Rcken Sie nher, damit uns niemand
belauscht.

Maria rckte nher.

Als ich Grigorji kennen lernte, war ich in einem Petersburger
Vorstadtkabarett. Es war die niedrigste Klasse von Lokal, ich verdiente
auch nur gerade soviel, um nicht zu verhungern. Die Sache war nmlich
die, da ich ein anstndiges Mdchen war. Es ist mglich, da Sie jetzt
skeptisch lcheln, aber trotz meiner fnfundzwanzig Jahre hatte ich noch
keinen Liebhaber gehabt. Abends auf dem Podium sang ich halbnackt dumme
und lsterne Couplets, verstand sie nicht einmal ganz, und tagsber
hauste ich in einer Dachkammer und hatte oft kein Mittagessen. Grigorji
war auf Urlaub; in Gesellschaft von Kameraden kam er hin; wir sahen uns
und liebten uns. Wir liebten uns so, - wie soll ich es nur beschreiben?
Es war ein unaufhrliches Gewitter im Blut. Den Tag, wo der Urlaub zu
Ende war, erwarteten wir wie ein Hinrichtungsurteil. Worte wurden nicht
gewechselt; wir empfanden wie ein einziger Leib. Er hing einem Plan
nach, den ihm die Verzweiflung eingegeben hatte, und eines Abends teilte
er ihn mir mit. Ich glaubte erst, er rede irr. Es war so furchtbar, da
meine Zunge wie gelhmt war. Aber sein Wille mute auch meiner werden.
Trennung war das rgste. Auf die Rckkehr warten und sich das Herz
absorgen, ob er noch lebte oder nicht, rger war auch das nicht, was er
tun wollte. Wenigstens schien es mir so, und ich sagte ja. Hren Sie
mich?

Ich hre Sie gut, flsterte Maria.

Er wollte mich heimlich an Bord des Kriegsschiffs schmuggeln. Mich in
seiner Kabine verbergen, den Dienst verrichten wie alle andern und die
brige Zeit bei mir sein. Was das hie, wute ich ungefhr. Da auf die
Entdeckung der sofortige Tod stand, fr ihn und fr mich, wute ich.
Eine Frau darf ja ein Kriegsschiff nicht einmal betreten. Wozu so viele
Worte, ich war bereit, trotz allem. Die Hauptschwierigkeit war, da der
Bursche ins Geheimnis gezogen werden mute. Ohne einen Dritten, der
Vorschub und Hilfe leistete, ging es nicht. Grigorji dachte, er knne es
mit Pjotr riskieren. Er bestach ihn mit Geld, mit vielem Geld, und immer
von neuem, und doch mute man immerfort zittern, da er sich nicht
verschnappte oder bsartig wurde. Auf solchen Schiffen werden ja die
Leute alle bsartig. Es geschah, wie wir es ausgedacht hatten. In
Grigorjis Reisesack, mit Wsche und Kleidern zum Ersticken umhllt, trug
mich Pjotr vom Boot in die Kabine. In dieser Kabine, in der nicht soviel
Raum war, da ich dreimal ausschreiten konnte, blieb ich vierzehn
Monate.

Maria schlug unwillkrlich die Hnde zusammen, Lisaweta Petrowna aber
fuhr fort: Vierzehn Monate eingesperrt, entweder angstvoll allein oder
Leib an Leib auf einem engen Lager mit Grigorji. Vierzehn Monate in
Todesgefahr und Todesangst auf dem Meer, in einer winzigen dumpfen
Zelle. Vierzehn Monate fast zur Lautlosigkeit und Bewegungslosigkeit
verurteilt, zur ununterbrochenen, frchterlichen Angst, er und ich.

Maria lauschte mit weiten Augen stumm.

Es durfte nicht auffallen, da die Kabine stets abgesperrt war; schon
dafr zu sorgen, war nervenzerrttend. Die vielen Schritte, Schritte der
Wachen, Offiziere; die Alarmpfeifen; das Sausen der Maschinen im Ohr,
das eiserne Klirren bestndig in dem schwimmenden Ungetm, das Gerassel
oben, das Anschlagen des Wassers drauen; die Nchte, o die Nchte
voller Angst! Ksse und Umarmungen und Angst! Lust und zrtliche Worte
und Angst! Hinaufgehoben und schwindelnd hinuntergeschleudert immer
wieder. Einmal bei einer Inspektion mute ich in den Wandschrank
schlpfen, der so schmal war, da ich wochenlang nachher an Bruststechen
litt. Am Osterfeiertag erkrankte Grigorji. Da waren wir nahe am
Wahnsinn. Er mute auf Deck; er mute Dienst tun, was sonst? Er mute
sich schleppen, das Fieber aus sich herauspressen mit Gewalt, oder wir
hatten keine Wahl als uns miteinander in die See zu strzen. In den
dienstfreien Stunden tags oder nachts lag er dann in meinen Armen und
horchte und horchte, auch ich horchte und horchte; wir muten einander
umarmen, sonst hatten wir kaum Platz, und oft wenn er mde war, trat er
mir ein Kissen und eine Decke ab und ich richtete mir das Lager auf dem
Boden oder ich sa an der Lucke und starrte aufs finstre Meer. Ihn
qulte der Gedanke, was geschehen sollte, wenn das Schiff ins Feuer kam
und er verwundet wurde oder fiel. Ich beruhigte ihn nach Krften, aber
in einem so verdunkelten Gemt ist keine groe Kraft. Er klagte mich an,
da ich ihn nicht mehr liebte. Was fruchtete anderes dagegen als
verzweifelte Ksse? Wir verfluchten die Sekunde, die uns das Bewutsein
wiedergab. Kalter Schwei bedeckte manchmal seine Stirn, wenn er sich zu
mir legte. Ob wir sprachen, ob wir schwiegen, es schauderte uns tglich
mehr. Er gestand mir, da er alles rot she, auf Deck und im Raum. Er
glaubte, bei seinen Vorgesetzten Argwohn zu spren. Von seiner frheren
Heiterkeit war nichts mehr brig. Ich fragte ihn, ob er bereue, was er
getan? Er klammerte sich an mich wie ein Kind, das man schlgt, aber
deutlich erkannte ich, da in seinen Augen neben der Liebe auch Ha war.
Bei jedem Knacken in der Wand erschrak er, jedes ungewohnte Gerusch
machte ihn zittern. Einmal fuhr er grlich schreiend aus dem Schlaf.
Ich umschlang ihn und sagte vor mich hin, es msse ein Ende werden. Was
fr ein Ende? fragte er, und in krankhafter Erregung drngte er mich
solange, bis ich ihm heilig schwor, nichts ohne sein Wissen zu tun. Du
bist mein Weib, sagte er, und ich will dich vor Gott und den Menschen zu
meinem Weib machen, auch wenn wir uns dann nicht wiedersehen sollten.
Und so kam es, genau so. Ich aber dachte: nur heraus aus dieser Hlle,
und wenn ich allein war, lag ich da und bi die Zhne in die Finger. Die
Zeit war wie hinweggewischt; ich hrte sie sausen wie ein Rad; manchmal
wieder schien sie mir schlaff, widerlich und schlaff wie eine zerrissene
schwarze Fahne. Das rgste war, da Pjotr frech wurde. Er fhlte sich in
der Macht. Es war ein aufreibender Kampf mit dem Menschen. Das Essen,
das er jeden Tag heimlich fr mich brachte, konnte ich nicht mehr
genieen. Er stand dabei und stierte mich an. Er bettelte, schlielich
drohte er. Ich glaubte, es Grigorji verschweigen zu mssen, indessen
erfuhr ich bald, da Pjotr auch gegen ihn unverschmt wurde. Eines
Abends strzte Grigorji schreckensbleich zu mir und stammelte, es sei
kein Zweifel, da alles verraten worden sei, der und der habe seinen
Gru nicht erwidert, in der Messe habe man getuschelt, er spre es, wir
seien verloren. Ich bewahrte meine Ruhe und fragte ihn aus und
berzeugte mich, da es Wahnvorstellungen waren; aber die hafteten nun
in seinem Geist, und er war von da ab im wilden Fieber. Drei Tage noch,
die schrecklichsten, vergingen, da lief das Schiff in den Hafen; was in
den letzten Stunden geschah, wie ich wieder an Land kam und aus tiefer
Betubung erwachte, daran habe ich keine Erinnerung. Auch daran eine
ferne nur, da mich Pjotr in eine elende Herberge schleppte und nicht
dorthin, wo ihm Grigorji angegeben hatte, da er mich fhren sollte; und
da er am Abend betrunken in mein Zimmer taumelte und ein wehrloses
Opfer zu finden hoffte; und da ich mich mit aller mir verbliebenen
Kraft gegen ihn verteidigte, mit Worten und Grnden erst, mit Bitten und
Trnen, mit Hilferufen, das keiner hrte als sei das Haus ausgestorben,
und da mir dann die Welt schwarz wurde im Ekel vor dem Menschen und in
seinem Fuseldunst und seiner Tollwut, und da dann Grigorji
hereinstrzte, der alle Gasthuser am Hafen nach mir durchsucht hatte,
bis er endlich meine Spur fand, und da er das betrunkene Schwein
niederschlug, und da er vor mir kniete, schluchzend, unaufhaltsam
schluchzend, Verzeihung erbettelte, ja, wofr Verzeihung? und da am
andern Morgen der Pope kam, ich habe es ja schon erzhlt, und die
Nottrauung vornahm, denn ich lag wie ein Brett, steif und still, und da
mir dann Grigorji Lebwohl sagte; alles dies ist mir nicht mehr falich
und ist ausgeronnen, als htte es eine andere gelebt. Ich bin ja auch
nicht mehr dieselbe geworden wie vorher. Es wundert mich nur, da ichs
berichten kann; Sie saugen die Dinge frmlich aus einem heraus, wie geht
das denn zu? Nun mu ich aber fort, es ist Zeit.

Auffallend war es Maria, da die Erzhlung Lisaweta Petrownas immer
langsamer geworden war, zuletzt entstand fast nach jedem dritten Wort
eine Pause; auch war die Stimme allmhlich so leise geworden, da Maria
nur mit Anstrengung verstehen konnte. Sie wollen fort? fragte sie,
wohin aber? Sie sagten ja selbst, Sie wten nicht wohin.

Nein, ich wei nicht wohin; gleichviel, ich mu fort.

Wie sind Sie denn berhaupt nach Kislawodsk gekommen? Sind Sie mit ihm
gekommen, mit Frst Grigorji?

O nein. Es war ja eine stillschweigende Verabredung da wir uns nicht
mehr sehen wrden. Hab ich das nicht erzhlt? Als er von mir wegging,
wute ich, da er nicht aufs Schiff zurckkehrte, wute, da er in den
Kaukasus fuhr. Er seinerseits wute, da ich nach Kiew reisen wollte, wo
meine Schwester an einen Beamten verheiratet ist. Er lie mir Geld, aber
das hab ich meinem Schwager gegeben. Ich lebte wie taub und blind. Ich
wute, welchen Weg Grigorji ging. Eines Tages erhielt ich ein Telegramm,
ich solle sofort kommen. Nicht von ihm, sondern von Jelena Nikolajewna.
Mglich, da sie glaubte, ich knne ihn retten. Wie mute es um ihn
stehen, da Jelena Nikolajewna mich rief, mich! Es war auch zu spt. Ich
htte ihn gewi nicht retten knnen, wir waren viel weiter voneinander
geschieden, als wenn wir uns nie gekannt htten; freilich, da er so ins
Nichts geschwunden war, ohne Gru und Zeichen, das war hart. Jetzt will
ich aber gehen, es ist Zeit.

Das erste Tageslicht drang durch die Ritzen der Fensterlden. Lisaweta
erhob sich. Maria sagte, sie mge doch den Mantel behalten, der Morgen
sei kalt und vielleicht finde sie im Hotel nicht Einla. Doch sie lehnte
es stumm ab; pltzlich schien sie von finsterm Trotz erfllt; ihre
Gebrden waren von krankhafter Ungeduld, und als Maria sich gleichfalls
erhob, erschttert und von schwesterlicher Hinneigung durchglht zu ihr
hintrat, um ihr in das dmmernd fahle Gesicht zu schauen, da wandte sie
sich hinweg und war aus der Tr, ehe Maria den Arm nach ihr ausstrecken
konnte. Sie stand regungslos, kalt und hei im Innern; ihr war als sei
ein Berg vor ihr in die Erde gesunken und als siede die Luft noch ber
Schlnden. Sie seufzte, beinahe wie jene geseufzt hatte, bang und
gedemtigt, dann fiel ihr Blick auf die schlafenden Kinder, und es
berstrmte sie ein Gefhl unermelichen Reichtums. Jedes war Abbild
eines Teuersten, jedes lebendiges, geprgtes Gut; sie seufzte wieder,
aber dieser Seufzer hatte andern Klang.

Sie legte sich zum Schlaf hin, kaum hatte sie jedoch die Augen
zugemacht, als es heftig an die Tr klopfte und auf der Schwelle Jefim
Leontowitsch und der Soldat erschienen. Dieser sagte, alle mten
sogleich zum Bahnhof, der Waggon stehe auf einem Geleise parat. Die
Kinder wurden aufgeweckt, rasch waren die Groen und Kleinen
marschfertig, zehn Minuten spter war man unter Fhrung des Soldaten auf
der menschenleeren Strae. Es ging an der Station vorber, ziemlich weit
hinaus. Die Luft war neblig und khl. Maria forderte Jefim durch einen
Blick auf, neben ihr zu gehen, und sie sagte zu ihm, sie danke ihm fr
seine selbstlosen Dienste und es tue ihr leid, sich von ihm trennen zu
mssen; aber sie hoffe, das Leben werde sie spter einmal wieder
zusammenbringen, und sie freue sich darauf, ihm dann ihren Dank besser
zeigen zu knnen.

Warum danken Sie mir, Maria Jakowlewna, antwortete er, und warum
wollen Sie, da ich mich von Ihnen trenne? Alles, was ich brauche, habe
ich in dem Bndel da, er wies auf einen Linnensack, den er mit dem
andern Gepck trug; warum sollt ich hier bleiben, da ich doch ebensogut
irgendwo sonst sein kann? Sie fliehen von hier, also lassen Sie mich
auch fliehen. Belstigt Sie meine Gegenwart, so geh ich Ihnen aus den
Augen; im schlimmsten Fall denken Sie sich, ich sei ein Fremder; es
werden ja viele Fremde in Ihrer Nhe sein. Darf ich mir auch nicht
anmaen, da ich ein nennenswerter Schutz fr Sie bin, so htte ich doch
keine Rast mehr im Leben, wenn ich Sie unter diesen Umstnden verlassen
mte. Dulden Sie mich also und seien Sie versichert, da ich Ihnen
nicht beschwerlich fallen werde.

Dagegen gab es keinen Widerspruch. Nicht einmal eine Hand hab ich frei,
um Ihre zu drcken, sagte sie mit ihrem gewinnenden Lachen. Sie sind
wirklich ein seltsamer Mensch, Jefim Leontowitsch; wodurch hab ich
soviel Anhnglichkeit verdient? Sie kennen mich ja kaum.

Ich kenne Sie besser als Sie glauben, entgegnete er und wurde rot.
Ich denke viel ber Sie nach.

Ein Herr mit einem Strohhut winkte aufgeregt vom Bahngleise herber.
Das ist Menasse, sagte Maria, schn, da er da ist.

Das Winken Menasses bedeutete, da man sich sputen mge. Guten Morgen,
Herr General, begrte ihn Maria. Er fragte unwirsch, warum sie so spt
kme, alle andern seien schon einwaggoniert, fange man mit
Unpnktlichkeit an, so werde man mit Katastrophen enden. Er hpfte
gestikulierend vor dem Trittbrett eines Salonwagens herum, der zwischen
die Wagen eines Gterzugs gekoppelt war. Die Fensterscheiben waren dicht
verhngt; drinnen war ein Gewimmel von Menschen; jeder war bemht, sich
einen Platz zu erobern. Menasse keifte mit einem alten Herrn, der seine
Koffer um sich herumgestellt hatte; blies eine Dame an, die eine
Auskunft von ihm begehrte; raste von Abteil zu Abteil und vermehrte die
Verwirrung; warf eine Schachtel in den Korridor, ri im Eifer seinen
flachen Strohhut vom Kopf und fuchtelte damit durch die Luft; betonte
zehnmal in hchster Fistel, da er unbedingten Gehorsam erwarte, und da
er einfach die Hnde in den Scho lege und alle ihrem Schicksal
berlassen werde, wenn man nicht Disziplin halte. Wer ist der hier?
fuhr er Maria grob an und deutete mit dem Ellbogen auf Jefim
Leontowitsch. Maria sagte gelassen und mit einem treuherzigen Ausdruck
ihrer kurzsichtigen Augen: Herr Menasse, ich wrde mich glcklich
schtzen, wenn Sie nicht so schreien wrden. Sie erreichen, bei mir
wenigstens, Ihre Absicht viel besser durch Artigkeit. Einigen wir uns
auf dieser Grundlage, nicht wahr? Der junge Mann gehrt zu meiner
Gesellschaft, ich brge fr sein Wohlverhalten und fr Ihre Auslagen; im
brigen: seien wir Freunde, Herr Menasse. Sie reichte ihm lchelnd die
Hand, in die er, einigermaen verdutzt, die seine flchtig legte; dann
scho er davon.

Um fnf Uhr morgens war man eingestiegen, um zehn Uhr setzte sich der
Zug in Bewegung; nach Westen, durch das Gebirge, gegen das Meer. Die
Fahrt war nicht schneller als mit einer Kutsche. Das Durcheinander
ordnete sich allmhlich. Menasse wurde nicht mde, Ruhe zu gebieten. Ein
Dorn im Auge waren ihm die auf- und abrennenden Kinder. Wenn der Zug
hielt, strzte er erregt ans Fenster, lugte durch einen Spalt hinaus,
alle schwiegen gespannt, dennoch streckte er den Arm steif zurck wie
ein Dirigent, der eine Fermate verlangt. Maria kannte nur wenige der
Reisegenossen, einen Moskauer Fabrikanten; eine Gutsbesitzersfamilie aus
Tula; einen ungarischen Baron; den Grafen und die Grfin Duchorski aus
Petersburg, einen Bankdirektor aus Kiew, zwei ltere Damen, die im
Palasthotel gewohnt hatten. Es wurde hei. Wenn die Kinder zu essen
verlangten, ging es erst an ein langwieriges Suchen unter den
Gepckstcken. Wenn Wanja die Brust bekam, bildeten Litwina und Arina
eine Mauer. Um vier Uhr nachmittags hielt der Zug auf offener Strecke.
Eine Zeitlang war Stille, dann hrte man Menasses Fistel erbittert.
Mitja kam und berichtete: Es sind Mnner drauen, die befehlen, da
alle aussteigen mssen. Die Worte verbreiteten Schrecken. Es verhielt
sich so. Der Zug war von einer streifenden Bande, dreiig bis vierzig
Leute, zum Stehen gebracht worden. Der Anfhrer forderte Menasses
Papiere. Menasse weigerte sich tollkhn. Drohung mit Gewalt machte ihn
nicht gefgiger. Erst als jene Hand an ihn legten, besann er sich. Er
hatte smtliche Psse bei sich. Indem er dies zugab, fing er an, mit dem
Fhrer zu unterhandeln. Einige Leute waren in den Wagen gestiegen und
trieben die Passagiere heraus. Wie sich alsbald zeigte, wollten sie die
bequeme Fahrgelegenheit fr sich haben. Die berfallenen fgten sich
widerspruchslos, nur einige Frauen jammerten. Die Grfin Duchorski
stand mit einem Gesicht voll eisiger Verachtung mitten in dem Haufen
von Gepck, der den blhenden Wiesenhang bedeckte. Menasse redete
leidenschaftlich auf den finster blickenden Anfhrer der Bande ein. Der
Mensch schttelte zu allem den Kopf. Den Salonwagen drfe niemand mehr
betreten; auch keinen der andern Wagen im Zug. Um Gotteswillen, so solle
man hier zurckbleiben, im Gebirge, ohne Unterkunft, ohne Weg und Steg?
Ja, das solle man; solle froh sein, wenn es damit sein Bewenden habe.
Die Summen, die Menasse bot, fanden Unempfindlichkeit. Menasse, in einer
Haltung wie Jago gegen Othello, schmeichelte; umsonst; pochte, in einer
Haltung wie Marquis Posa gegen Philipp, doch immer krhend, auf
menschliche Gefhle. Umsonst. Da trat Maria hinzu. Sie sprach ruhig und
mit kunstloser Wrde. Ihre Argumente waren um nichts zwingender als
diejenigen Menasses, aber schon nach den ersten Worten hrte ihr der
Mann, dem Anschein nach ein Bauer, der im Krieg gewesen war, anders zu,
obgleich er die Stirn nicht entrunzelte. Da wirkte eine gewisse
Freiheit, verbunden mit Kenntnis des Volkscharakters; eine gewisse
Pfiffigkeit in den Wendungen, als ob sie sagte: Du weit doch; erinnere
dich doch; so und so, es wird doch darber kein Miverstndnis zwischen
uns geben; ganz trocken alles, wie wenn sie ber Mais oder Kartoffeln
redete, dabei aber als Herrin, die gewohnt ist, da man tut, was sie
gebietet. Der Mann hatte Respekt. Sie erlangte, zusammen mit dem
Geldangebot Menasses, die Erlaubnis, da sich die Flchtlingsgesellschaft
in zwei leeren Viehwagen einquartieren durfte. Menasse sagte: Sie sind
eine tchtige Frau; # la bonne heure,# das haben Sie gut gemacht.
Immerhin, bei dieser Art von Transport werden wir nichts zu lachen
haben. Und er fing bereits wieder an, zu kommandieren. Nach einer
Stunde waren alle untergebracht, das Gepck verstaut, die Tren der
Viehwgen verschlossen und von auen abgesperrt sowie zur Sicherheit
plombiert; der Zug rollte weiter.

Diese Fahrt im Viehwagen dauerte drei Tage und vier Nchte. Mit Maria
eingepfercht waren siebenundzwanzig Menschen, darunter zwlf Kinder;
eingepfercht in einen finstern Raum, in welchem es bel roch;
hingekauert auf mangelhafte Lagersttten, Kranke und Alte; fast ohne
Schlaf die Nchte, ohne gengende Nahrung die Tage; belstigt von
widrigen Verrichtungen, die jeden sich selbst und den andern zur Pein
machten. Das Rattern der Rder wurde mrderischer Lrm; das stundenlange
Halten in Stationen mrderische Stille; die auf das Dach des Kerkers
niederbrennende Sonne vermehrte die Pestilenz; einige, die im Fieber
lagen, sthnten, und ein ungewohnter Laut rief entsetzte Schreie hervor.
Dicht an Maria gepret lagen die drei Knaben; sie strich dem einen oder
dem andern bisweilen ber das Gesicht, prfend, ob sie schlummerten, ob
die Haut nicht hei sei, dankbar fr ihre Geduld und Ruhe, zugleich in
Sorge darber. Oft sprach sie zu ihnen; oft auch wandte sie sich an
Jefim Leontowitsch; Wanja hielt sie meist an der Brust, wusch das
Gesichtchen und die Hnde mit klnischem Wasser, trstete Litwina, die
an Erbrechen litt, schalt mit Arina, die hysterische Anflle hatte, rief
hie und da ein Wort, eine Frage ber die Kpfe der Leidensgefhrten und
stritt mit dem rechthaberischen Menasse ber die Nhe des Ziels, der
kleinen Hafenstadt am Schwarzen Meer.

Endlich eines frhen Morgens, in einer Haltestation, ffnete die
mitleidige Hand eines Zugbediensteten die Tr. Der hereinquellende
Lufthauch war wie Neugeburt, das Schauspiel, das sich bot, unerhrt.
Tief unten dehnte sich die See, blau, als knne man tausend Jahre blauen
Himmel aus ihr erzeugen. Rings die letzten ppig bewachsenen Kuppen des
Gebirges, Grten, Weingelnde, Pinien, Bume voll Orangen. Niemand
redete; kein Laut. Manche sahen wie Leichen aus, ihre Augen wie
verdorrt; das blhende Land, das Gestade, das schne Meer lie sie
schaudern. Die Tr blieb offen, vielleicht in der Annahme, da die Zone
der Gefahr berschritten war; aber einige Stationen vor der Stadt wurde
Menasse berichtet, da diese seit zwei Tagen in den Hnden der Matrosen
sei, und ihr Oberhaupt Igor Golowin wurde von Flchtlingen als
gefrchteter Name genannt.

Menasse hatte in der Stadt seine Helfer, die er zu benachrichtigen
vermochte. Wieder auerhalb des Bahnhofs verlieen alle den Wagen und
wurden nach Anbruch der Dunkelheit mglichst heimlich in einen Gasthof
am Rande der Stadt gefhrt. Den Kranken konnte kein Beistand geleistet
werden; sie muten zu Fu gehen. In den Straen herrschte Tumult; vom
Meer her tnten Schsse.

Der rechteckige Raum, in den smtliche Zimmer des Gasthofs mndeten,
glich bald einem Koffermagazin. Trger polterten die Treppe herauf und
warfen immer neue Gepckstcke in den Wirrwarr. Arme griffen
durcheinander; jeder suchte sein Eigentum. Mehrere Knaben waren auf eine
Kiste geklettert und rauften um den Platz. Ein Hndchen trippelte
winselnd um Menschenfe, die es beschnupperte. Der Bankdirektor, an die
Mauer gelehnt, rauchte eine Zigarette; Graf Duchorski unterhandelte mit
einem schmutzig aussehenden Kellner. Menasse hatte seinen Kneifer
verloren und man sah seinen verzweifelt verrenkten Krper wie zwischen
Felsen auftauchen und verschwinden. Unten gellte ein Trompetensignal;
die Trger verlangten den Lohn, sie schienen in Eile, fortzukommen.
Jemand sagte, der Hafen sei gesperrt, ein anderer hatte erfahren, ein
deutsches Schiff kreuze auf dem Meer drauen. Der Streit um die Zimmer,
deren nur elf zur Verfgung standen, wurde lrmend. Jefim Leontowitschs
Stimme rief von einer Schwelle her: Maria Jakowlewna, kommen Sie
schnell; ich habe ein Zimmer fr Sie besetzt. Da Maria keinen Durchgang
fand, kletterte sie ber die Koffer. Menasse hatte sich vor Jefim
aufgepflanzt und fauchte: Was fllt Ihnen ein, zu schreien, Herr? Wenn
Sie nicht schweigen, werde ich Ihnen stopfen den Mund. Wir sind gerannt
dem Tiger direkt in die Zhne, verstehen Sie, was ich meine? Gott soll
helfen, und da schreit er! Maria sagte ruhig zu Jefim: Man mte
versuchen, unsere dreiig Kolli aus dem Haufen herauszufischen! Er
nickte und sah besorgt umher. Wo sind die Kinder? fragte er.

Da kamen drei Matrosen die Treppe herauf, einer mit hastigerem Schritt
vor den beiden andern, von denen er sich auch in Kleidung und Gehaben
unterschied. Er trug blendendweie Leinenhosen und eine Jacke von
elegantem Schnitt. Er hatte keine Charge, trotzdem war seine Haltung
gebieterisch, und zwar in einer brutalen und lssigen Art. Ihm zur Seite
watschelte beflissen der Wirt, ein feister Tartar mit einem Gesicht wie
aus Butter. Der Matrose stutzte beim Anblick des Gewhls und der Menge
von Koffern; es war in der sprlichen Beleuchtung zweier
Petroleumlampen, die an der Wand hingen, ein tristes Bild. Was sind das
fr Leute? wandte er sich fragend an den Wirt, was geht hier vor? Der
Wirt suchte mit furchtsamen Augen Menasse. Dieser zwngte sich heran und
gab sich eine Miene der Autoritt. Woher? Wohin? fragte der Matrose
barsch und verchtlich. Menasse stotterte. Der Matrose unterbrach ihn:
Es kann natrlich keine Rede davon sein, da ihr eure Reise fortsetzt.
Das Gepck ist beschlagnahmt. Das Weitere wird morgen verfgt. Ohne die
mehr mimischen als artikulierten Einwnde Menasses zu beachten, wandte
er sich wieder an den Wirt. Ein Zimmer fr mich; und als der Wirt
ratlos den fetten Krper verdrehte, sagte der zweite Matrose ungeduldig:
Ein Zimmer fr Golowin; hast du nicht gehrt, du Schwein? Vor Furcht
seiner Stimme kaum mchtig, erwiderte der Wirt, alle Zimmer seien
vergeben; Vterchen knne sich ja selbst berzeugen; die vielen Menschen
da; er habe nur noch eine Kammer unterm Dach frei; doch die Fenster
seien zerbrochen, die Bretterwand halb eingestrzt; das Loch wage er
Vterchen Igor Semjonowitsch nicht anzubieten; nebenan bei Alexei
Davidowitsch sei noch ein Staatszimmer zu haben, prchtig, mit
Teppichen, auf Ehre, mit schnen Teppichen und Bilderchen an der Wand.
Offenbar hatte er Angst, diesen Gast zu beherbergen und wre froh
gewesen, ihn los zu werden. Aber Golowin antwortete barsch: Kein langes
Geschwtz, du schmutziger Narr; ist kein Platz, so wird Platz gemacht.
Habe nicht Lust, nach einem Bett zu hausieren. Hier neben der Treppe das
Zimmer ist fr mich. Punktum. Und er deutete gegen die Tr, auf deren
Schwelle Maria stand. Verzeihung, redete Maria ihn an, es ist das
letzte fr mich und meine Kinder briggebliebene Zimmer. Wir sind sieben
Menschen, Sie einer. Wir sind am Ende unserer Kraft, eine furchtbare
Reise liegt hinter uns. Wre es nicht billig und gromtig, wenn Sie fr
diese Nacht mit der Dachkammer vorlieb nhmen, da Sie sich schon nicht
anderweitig umsehen wollen? Ich wei nicht genau, zu wem ich spreche;
aber jedenfalls doch zu einem Mann.

Golowin schien berrascht. Er hob unmutig die Brauen. Die Suada ist von
euresgleichen unzertrennlich, murmelte er. Honig, um meinesgleichen
die Kehle einzuschmieren, habt ihr immer noch auf Vorrat. Der verachtete
Kuli braucht nur einmal die Fuste zu zeigen, so wird an seine Gromut
appelliert. Es ist eine neue Weltordnung, Madame. Wer sind Sie? worauf
berufen Sie sich?

Diese fr einen Matrosen sehr ungewhnliche Ausdrucksweise berraschte
nun wieder Maria. Sie bedurfte, um sich einzustellen, ihrer ganzen
Geistesgegenwart. Ich bin Maria Jakowlewna von Krdener, entgegnete
sie mit klarer Stimme und legte die Hand auf Mitjas Haupt, der sich
schtzend neben sie gestellt hatte; mein Mann, Gutsbesitzer im
Tulaschen Kreis und kaiserlicher Offizier, ist ins Ausland geflohen, und
ich bin im Begriff, dasselbe zu tun. Ich kann also Ihnen gegenber keine
Erwartungen, sondern nur Befrchtungen hegen. Sie haben Recht, die Not
macht uns charakterlos. Die neue Weltordnung mu zunchst an Frauen und
Kindern ausprobiert werden. Litwina, Arina! wir ziehen in die
Dachkammer.

Golowin schnitt eine rgerliche Grimasse. Sie tuschen sich, Madame,
sagte er und steckte beide Hnde in die Hosentaschen, Sie tuschen
sich. Ich bin unempfindlich gegen die Knste des hheren Tons. Ob
Dachkammer, ob Beletage, das spielt hier keine Rolle. Man wird Sie und
Ihre ganze Gesellschaft morgen vor dem Standgericht aburteilen, und da
Sie so unvorsichtig waren, Ihre Fluchtabsicht offen zuzugeben, knnen
Sie sich ja ungefhr denken, was Ihr Schicksal sein wird. Wir pflegen
darin kurzen Proze zu machen; aus Zeitmangel, Madame, aus Zeitmangel.
Bleiben Sie also immerhin in der Beletage, wenn Sie Wert darauf legen;
auch die andern Herrschaften will ich nicht weiter stren. Niemand wird
natrlich das Haus verlassen; im brigen ist Ihnen jede Freiheit
unverwehrt bis morgen. Dies sprach er ironisch gegen den Kreis
erschrockener Neugieriger, der sich um ihn gesammelt hatte. Menasse
machte Schwimmbewegungen mit den Armen, um sich die Herzudrngenden vom
Leibe zu halten und sich in seiner Bedeutsamkeit gewissermaen zu
isolieren; er blinzelte an Golowin hinauf, als wolle er ihm zu verstehen
geben, da das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch zwischen ihnen
beiden gewechselt werden msse und er zuversichtlich auf eine Einigung
rechne. Aber Golowin beachtete ihn gar nicht. Indem er sich abkehrte,
fiel sein Blick auf Mitja, und er sagte: Hbscher Junge; schade um ihn;
er wird Mhe haben, sich mit alldem zu befreunden. Du sollst spter
einer der Unsern werden, mein Junge, was? Zum erstenmal berlief Maria
ein Zittern, und sie erbleichte, als Mitja mit der stolzen Entrstung
des Achtjhrigen, den Heldengefhle beseelen, erwiderte: Niemals, ich
werde immer auf Papas Seite sein. Golowin lachte. Gute Zucht, Madame,
sagte er und sah Maria an. Gute Zucht und gutes Blut, antwortete sie.
Er verbeugte sich spttisch, ohne den Blick von ihr zu lassen, einen
scharfen, grausamen, unaufhaltsamen Blick, der kalt prfte und mehr und
mehr einen bestimmten Vorsatz verriet. Maria hielt den Blick eine Weile
aus, und erst als sie der Verwunderung der Zuschauer inne wurde, glitt
ihr Auge zu Boden. Golowin wurde von seinen Begleitern angerufen und
wandte sich zu ihnen. Auf der Treppe waren noch zwei Matrosen
aufgetaucht, die einen sich strubenden Menschen zwischen sich
schleppten, den Koch des Hauses, welcher als Spion denunziert worden
war; man wollte bemerkt haben, da er von einem Fenster der Kche aus
Signale gegeben hatte. Er beteuerte seine Unschuld und schlug mit den
Armen um sich. Golowin rief seinen Leuten einen kurzen Befehl zu, und
sie fesselten ihn. Der tartarische Wirt, zu dem der Koch in seiner Angst
flchten gewollt und den er mit Gebrden anflehte, erhob jammernden
Einspruch, der ungehrt verhallte. Menasse hatte indessen mit dem Grafen
Duchorski und dem Ungarn leise gesprochen und nherte sich nun Golowin.
Er zupfte ihn am rmel und nahm eine vertraulich-zwinkernde Miene an,
ohne sich durch die finstere Geringschtzung des andern irremachen zu
lassen. Er wisperte. Das Schweigen Golowins, statt ihn bedenklich zu
stimmen, erhhte seinen Mut. Das ihm gelufige Schema auch hier als
praktisch betrachtend, nannte er die Summe, die als Ausgangspunkt fr
Verhandlungen dienen knne. Da legte ihm Golowin die Hand auf die
Schulter und sagte zu dem ihm zunchst stehenden Matrosen: Was meinst
du, Maxim Maximowitsch, was das komische Insekt da will? Er will mich
kaufen? Mchtest du ihm nicht mitteilen, was ich wert bin? Vielleicht
gefriert ihm die geschwtzige Zunge, wenn er meinen Preis erfhrt.
Menasse gab Zeichen uerster Bestrzung von sich. Das war neu; ein
Faktum, das ihn unvorbereitet traf. Die Matrosen gingen lachend die
Treppe hinab. Golowin schickte sich an, ihnen zu folgen, blieb aber vor
der Treppe unschlssig stehen.

All dies hatte sich ziemlich schnell abgespielt. Die letzten Vorgnge
hatte Maria nur wie etwas Fernes wahrgenommen. Sie trat ins Zimmer, wo
Jewgenia und Arina die Lagersttten fr die Kinder bereiteten. Litwina
trug das Handgepck herein. Maria setzte sich in eine Ecke und nahm den
ungebrdig schreienden Wanja an die Brust. Mitja stand vor ihr, der
Anerkennung bedrftig, denn es waren Zweifel in ihm, ob er sich gut
benommen habe. Du warst lieb und tapfer, mein Sohn, sagte sie, worauf
er sogleich das Gesprch ablenkte und sich erkundigte, wo Jefim die
Nacht verbringen solle. Jefim schnitt fr Fedja und Aljoscha Brot ab und
winkte Mitja, da er schweige. Maria antwortete nicht. Sie war
zerstreut. Ihre Gedanken waren von der Erscheinung Golowins in Anspruch
genommen. Seine Manier, seine Geste, seine stechenden, bald farblosen,
bald metallisch glitzernden Augen, die hagere rasche Gestalt, der dnne
rasche Mund mit kleinen, dichten weien Zhnen, die rasche Rede, die
Stimme, die mit befremdlicher Virtuositt durch alle Register lief, es
wollte ihr nicht aus dem Sinn, das Einzelne nicht und das Ganze nicht.
Pltzlich ging die Tr auf, und er trat ein.

Klte entstand in ihr wie ins Herz gehaucht. Wanja hrte auf zu trinken,
als sei die Milch versiegt und zappelte erbost. Sie schob das Tuch, sich
vor Blicken zu schtzen, bis an den Hals und sah Golowin fragend an.

Ich wnsche mit Ihnen, Maria Jakowlewna, sagte er frmlich, einige
Worte unter vier Augen zu sprechen.

Sie wunderte sich. Sie schaute sich achselzuckend um. Da er schwieg und
wartete, drehte sie den Kopf mit stummem Gehei zu Jewgenia, die Arina
und Litwina zunickte. Auch Jefim hatte begriffen; er rief die drei
Knaben zu sich. Alle verlieen das Zimmer. Marias Blick behielt den
fragenden Ausdruck.

Golowin sagte: Ihr jdischer Mittelsmann hat mich fr eine Art
Straenruber gehalten, dem man Lsegeld anbietet. Ich vermute, Sie
wissen davon. Wre er weniger lcherlich, so htte ich ihn heute noch
ans Wirtshausschild hngen lassen.

Er ist nicht mein Mittelsmann, und ich wei nicht, was er unternommen
hat, erwiderte Maria khl.

Ganz egal, Madame, Ihre Mitschuld ist unbestreitbar. Die
Gefahren-Aktien sind eben verteilt. Naiv ist es freilich, den
ahnungslosen Hebrer ins Treffen zu schicken. Sie htten es verhindern
mssen. Haben Sie mich so schlecht angesehen, mit diesen Augen im Kopf?
Warum haben Sie selber denn die Gelegenheit versumt, das Terrain zu
sondieren? Ich hatte es erwartet. Da ich statt dessen zu Ihnen kommen
mu, gibt kein Plus in Ihrer Rechnung.

Maria berlegte erregt: wohin zielt das alles?

Er ging ein paarmal auf und ab, Hnde in den Hosentaschen. Seine Stimme
wurde glatter und heller, als er fortfuhr: Bin vor der Treppe gestanden
und habe gegrbelt: was ist das fr ein Gesicht? was ist das fr eine
Sorte Frau? Kennst du das Gesicht? wie geht es zu, da du es nicht
kennst? Na, da beschlo ich, Avancen zu machen. Es freut Sie nicht, wie?
Ich bin mir natrlich bewut, da meine Person eben das reprsentiert,
was Sie mit gutem Grund verabscheuen. Trotzdem stehe ich da. Komme
trotzdem mit einem Vorschlag zu Ihnen, der nach Waffenstillstand
aussieht.

Was ist es fr ein Vorschlag? fragte Maria unbefangen.

Sein rotes, muskulses, von Wettern gegerbtes Gesicht zeigte
Verkniffenheit. Da jeder Nerv in ihm auf beschleunigtes Tempo gestimmt
war, entfachte die langsame Entwicklung offenbar seine Ungeduld. Er
stie die Worte hervor, die einen Klang von Brutalitt hatten: Ich
habe mich Ihnen zu Gefallen mit der Dachkammer begngt; ich denke, Sie
werden mich dafr entschdigen.

Entschdigen? in welcher Weise? was meinen Sie damit?

Ich meine, da Sie mich da oben besuchen sollen.

Wie, besuchen? Ich verstehe Sie nicht ganz.

Er verzog rgerlich das Gesicht. Ich meine, da Sie mir heute nacht die
Ehre Ihres Besuchs erweisen, wiederholte er in bsem Ton.

Maria lchelte belustigt.

Es liegt mir daran, fuhr er fort und streckte das Kinn vor; es liegt
mir viel daran, ich werde Ihnen schon erklren, warum. Ich habe mirs in
den Kopf gesetzt, und mich von einer Sache abbringen, die ich mir in den
Kopf gesetzt habe, ist nutzlos. Versuchen Sie das gar nicht erst.

Maria lchelte. In dieses Lcheln gehllt, war sie von oben bis unten
Dame. Sie berschtzen mein Interesse an fremden Zwangsideen, sagte
sie leicht; ich will es durchaus nicht versuchen.

Er machte zu ihr hin eine Bewegung wie eine Katze. Bleibt es bei der
Antwort? fragte er mit unerwartetem Ausdruck von Neugier.

Sie nickte. Wanja begann zu weinen. Geben Sie doch den Balg weg,
herrschte er sie an, er strt mich. Maria klopfte Wanja den Rcken,
und er wurde still. Golowin sah auf ihre Hand. Sie verbarg sie hastig
unter Wanjas Kissen.

Nach einer Pause fing er an: Gut, stellen wir uns auf den Boden der
gesellschaftlichen Form. Was haben Sie zu frchten?

Nur meine Meinung von mir selbst.

Sonst nichts?

Doch. Ich kann mich nicht in eine Situation begeben, deren ich mich
spter vielleicht zu schmen htte. Wie sie auch verluft, ich mte sie
vor einem rechtfertigen, der Rechenschaft von mir verlangen darf.

Unsinn, murrte Golowin; das klingt ja so als wollte ich die
Geschichte von #boule de suif# mit Ihnen auffhren. Knallerbsen werf ich
nicht. Bin nicht lustig genug dazu. Er bemerkte ihr aufblitzendes
Erstaunen ber das literarische Zitat, ging aber mit einer Grimasse
darber hinweg. Ihre Bedenken sind schwchlich, sagte er; auerdem
nicht sehr klug. Ich biete Ihnen einen Vorwand, der Ihnen Schlupflcher
nach allen Seiten lt. Ich verhandle mit Ihnen ber Ihr Schicksal und
das Ihrer Kinder und Ihrer Reisegenossen. Weisen Sie mich zurck, so ist
es von vornherein besiegelt. Demnach riskieren Sie nur, was ein
vernnftig erwgender Mensch riskieren mu.

Weshalb denn eine nchtliche Verhandlung in der Dachkammer? fragte
Maria kopfschttelnd. Nennen Sie Ihre Bedingungen, ich werde Ihnen
sagen, ob sie annehmbar sind.

Er lachte. Nein, ich bedaure, das liegt nicht in meinem Plan,
erwiderte er spttisch. Da htte ich mich ja ebensogut mit dem eifrigen
Israeliten aufs Feilschen einlassen knnen. Aber das liegt nicht im
Plan. Der Preis, von dem hier die Rede ist, kann nicht mit Mnze bezahlt
werden. Chance ist Chance, Madame. Es wre ja geschmacklos, wollte ich
vor Ihnen den Attila mimen; aber ich bin nun einmal der Diktator der
Stadt, und alle die Seelen sind in meiner Gewalt wie Fische in einem
Behlter. So stehen die Dinge. Andrerseits wei ich, da eine solche
Affre wie die zwischen uns beiden zart anzufassen ist, und wenn Sie die
Pression, die ich auf Sie ausbe, unanstndig finden, bin ich bereit,
ein Versprechen zu leisten. Ich verspreche feierlich, Ihnen nicht um
Breite eines Haares nherzutreten als Sie es zu Ihrer Sicherheit fr
wnschbar halten. An dieses Wort will ich mich binden, drfen Sie mich
binden. Weigern Sie sich noch immer, so haben Sie die Folgen selbst zu
tragen. Er drehte sich auf dem Absatz um und ging zur Tr. Ich warte,
Maria Jakowlewna, sagte er; von jetzt an in einer Stunde werde ich auf
Sie warten. Zgern Sie nicht zu lange; die Nacht ist kurz.

Maria sah sorgenvoll vor sich hin. Als er schon die Klinke in der Hand
hielt, wandte er noch einmal das Gesicht zurck und sagte, wieder mit
gestrecktem Kinn: Ich bin ein waghalsiger Spieler, aber auch ein
ehrlicher. Meine Herrschaft dahier steht, bei Licht besehen, auf
ziemlich schwachen Fen. Es ist mglich, da ich morgen in aller Frhe
mit meinen Leuten werde abziehen mssen. Deutsche Truppen sind gemeldet.
Vielleicht haben wir dann gar nicht mehr die Zeit, euch den Proze zu
machen, und Sie kommen mit dem Schrecken davon. Denken Sie einmal nach,
was fr ein Einsatz auf der Karte steht, die ich jetzt so unvorsichtig
aufgedeckt habe. Denken Sie mal nach, es lohnt sich.

Er verschwand.

Die Kinder und die Dienerinnen kamen wieder herein. Alle legten sich
gleich hin und verzehrten nur ein paar Bissen zum Nachtessen, halb
schlafend schon. Jefim hatte eine Liegesttte unter der Treppe gefunden.
Auch Maria warf sich aufs Bett; sie behielt die Kleider an. Es klopfte.
Menasse bat noch um eine Unterredung. Er lie sich nicht abweisen. Er
wollte erfahren, was sie mit Golowin gesprochen habe. Auch die andern
drauen seien aufs uerste gespannt; ein Stein sei ihnen vom Herzen
gefallen, als sie den schrecklichen Menschen zu ihr hatten gehen sehen.
Maria fhlte sich erschpft; sie vertrstete ihn auf den nchsten
Morgen. Er sagte, nur sie knne das Unheil abwenden; Graf Duchorski
lasse ihr seine unbegrenzte Verehrung wissen; die Herren samt und
sonders erwarteten geradezu das Wunder von ihr. Jewgenia drngte den
Schwatzhaften endlich ber die Schwelle.

Maria schlief ein. Als sie wieder die Augen aufschlug, geschah es wie
auf Befehl. Ihre Gedanken waren im Nu gesammelt und klar. Der Raum war
voll Mondlicht. Sie sah auf die Uhr; es war halb zwlf, sie hatte also
drei Stunden geschlafen. Sie erhob sich leise, richtete ihr Haar,
brachte das Kleid in Ordnung, zog aus der Handtasche ein Spitzentuch und
nahm es um die Schultern, dann verlie sie auf Zehen das Zimmer. Sie
stieg die enge Holztreppe empor; der Treppe gegenber war eine Tr.
Whrend sie berlegte, ffnete sich die Tr, und Golowin stand vor ihr.

Er forderte sie schweigend auf, einzutreten. Da kein Licht drinnen war,
verharrte sie betroffen. Doch lag die Kammer auf der Mondseite, und der
Mond erzeugte solche Helligkeit, da jede Bodenritze und jedes
Spinngewebe erkennbar war. Es war ein Bretterverschlag, nicht viel
breiter als die Fensterffnung, nicht viel lnger als die eiserne
Bettstelle. Auer dieser war nur noch ein Tisch und ein Stuhl vorhanden.
Die Wandbretter hatten zum Teil ihre Befestigung verloren und hingen
schief und morsch. In den Fenster-Rahmen fehlte das Glas. Man sah ber
niedrige, mondglnzende Dcher bis zum Hafen hinaus, dessen Flche
ebenfalls im Mond schimmerte.

Wenn Sie Wert darauf legen, will ich die Kerze anznden, obwohl nur
noch ein Stmpchen da ist, sagte Golowin; ich meinerseits ziehe die
natrliche Beleuchtung vor. Die ganze Zeit, whrend ich hier geduldig
auf Sie gewartet habe, hat es mich beschftigt, mir Ihr Gesicht im
Mondlicht zu denken. Eine romantische Veranlagung, nicht wahr? Ich bin
sicher ein heimlicher Romantiker; auen ein wenig ruppig, aber innen
Romantiker, ganz sicher. Er lachte.

Maria stand eine Weile, dann griff sie nach der Stuhllehne. Er sagte:
Der Stuhl hat nur drei Beine, er ist hchstens fr mich zum Balanzieren
praktikabel. Ich mu Ihnen das Bett zum Sitzen anbieten; #I know, that's
a funny misfortune,# aber alles ist nun einmal aufs Heikle zugespitzt,
wir wollen uns bei der mangelhaften Inszenierung nicht aufhalten. Bitte
nehmen Sie Platz.

Die Bettstelle war niedrig; Maria setzte sich, sprte da sie errtete,
frstelte unter einem khlen Luftzug vom Fenster her, zog das
Spitzentuch fester, schaute Golowin schweigend an. Ihre groen dunklen
Augen, denen die Kurzsichtigkeit einen lange verweilenden Blick verlieh,
glnzten feucht. Wer sind Sie eigentlich? fragte sie in ihrer mutigen
und offenen Art; ich werde das Gefhl nicht los, als ob Sie in einer
Verkleidung steckten. Sind Sie wirklich Matrose von Beruf? Wer sind
Sie?

Er hatte sich nachlssig auf die Tischkante gesetzt und die Arme
verschrnkt. Also #curriculum vitae#? antwortete er lachend.
Verkleidung? Nein. Ein bichen buntscheckig, ja. Oder zwiebelhnlich,
mit vielen Schalen. Er rusperte sich und heftete den Blick ins Freie.
Ich sehe ein, da es unartig wre, Ihre Wibegier nicht zu
befriedigen, begann er; ich will knapp sein wie ein Lexikon. Geboren
in Warschau. Vater: Pole, mit deutschem Einschlag im Blut; Mutter:
Englnderin, Pastorentochter. Alter: sechsunddreiig. Erzogen in der
Kadettenschule. Dumme Streiche gemacht, davongejagt worden. Mig
herumgetrieben, mit der Hefe gelebt, nach dem Tod der Eltern vllig
mittellos. Eines Tages die Krfte zusammengerafft; Elektrotechnik
studiert; gehungert; nach Schweden gegangen, nach Norwegen. Mich
anheuern lassen auf einem Walfischfnger; zwei Winter im grnlndischen
Eis verbracht. Nach Edinburgh gegangen. Monteur geworden. Nach Island
gegangen und in Rejkjavik ein Elektrizittswerk gebaut. Geheiratet;
Tochter eines Rheeders; mit ihr nach London gereist; hllisch betrogen
worden von ihr; kurzen Proze gemacht: eine Kugel durch ihren Kopf, bei
Nacht und Nebel davon. Nach Amerika. In einer Dampfwscherei gearbeitet;
auf einem Kohlendock in Monreal; in einer Wurstfabrik in Chikago; bei
der #Illinois railway company#; als Zeichner und Ingenieur in San
Franzisko. Groe Affre: die beiden Tchter eines Holzmagnaten verfhrt;
von gedungenen Strolchen beinah erschlagen worden; sechs Monate Spital.
Nach Paris gegangen; Reporter fr Newyork-Herald geworden; im Jahre 12
nach Petersburg geschickt; den geheimen Organisationen beigetreten; im
Jahre 14 Einberufung zur Marine; Vertrauensmann der Besatzung geworden;
den Umsturz mitherbeigefhrt, und nun, er verbeugte sich bizarr, der
Auszeichnung gewrdigt, meinem verehrten Gast diesen Steckbrief
berliefern zu drfen.

Viel in wenig Worten, sagte Maria lchelnd.

Braucht es mehr? Die Ereignisse geben ja doch nicht den Inhalt. Fast
jedes Leben, meines auch, ist eine unordentlich gepackte Kiste, und wenn
man sie ausrumt, haben die meisten Dinge lngst nicht mehr den Wert,
den sie beim Einpacken hatten. Ich bin kein Freund von Ausrumen. Lieber
noch ein paar Ngel in den Deckel.

Sie laufen sich selber voraus, Sie laufen mit sich selber um die
Wette, bemerkte Maria.

Ja, das sagen Sie so, ob Sie aber das richtige Bild davon haben, mchte
ich bezweifeln, antwortete er. Eigentlich war kein Tag der Rast. So
eine Stunde wie die jetzige, wo man spricht und sich zurckbesinnt, hat
es eigentlich nie gegeben, denken Sie. Man war wie auf einem Schiff, das
mit vollen Segeln vorm Sturm rennt. B auf B; da ein Leck, dort ein
Leck; alle Mann an die Pumpen; zuletzt immer ein verzweifelter Sprung
von der Takelage ins Rettungsboot. In so einem nchternen Taumel; in so
einer betrunkenen Entschlossenheit; mit dem Zittern bis in die Rippen;
und niedergetrampelt wurde jeder, der im Weg stand. Ja, so war es.

Immerhin haben Sie ein Stck der Welt mit Appetit verspeist, sagte
Maria und zeigte ihre herrlichen Zhne.

Das ist wahr, erwiderte er und nickte. Sie ist mir nichts schuldig
geblieben, die Welt, ich ihr auch nichts. Ich habe sie kennen gelernt
von unten bis oben, die brchigen Fundamente, die verfaulten
Schanzwerke, die verrostete Maschinerie, die rissige Verschalung, die
schadhaften Ankertaue, wie gesagt: vom Kiel bis in die Raaen. Und was
die Bemannung betrifft: kranke Gehirne, ein tollwtiges Fieberwesen,
eine bestialische Raserei der Untiefe zu. Es war ein Riesenspa, Maria
Jakowlewna, eine Labung frs Gemt. Es gab Zeiten, wo ich
quietschvergngt gewissermaen neben dem hochgespannten Dampfkessel
hockte und mir an den Fingern ausrechnen konnte, wie lang es noch dauern
wrde, bis der ganze pomphafte Plunder mit ungeheuerm Krach in die Luft
flog. Eigentlich waren das die schnsten Momente. Ich habe etwas von
einem Propheten in mir, oder wenigstens von einem Diagnostiker. Das kam
mir auch beim Dienst auf dem Kriegsschiff zustatten. Einen schneren
Explosionsherd konnte man sich im verwegensten Traum nicht ausmalen; ein
Fa Dynamit mit der Lunte am Spund ist ein Spielzeug dagegen. Lehrreich,
zu beobachten, wie unwiderstehlich es die Muse zum Speck in der Falle
zieht. Ich hielt mich kunstvoll am Rande, immer zwischen Befrderung und
Disziplinarverfahren; sie konnten mir nicht beikommen, auch nicht mit
dem Kder der Rangerhhung; warum htte ich den schnappen sollen? Ich
fhlte mich auf der Pulvertonne am richtigen Platz. Ich vermochte meinen
Leuten den Tag vorauszusagen, an dem die Mine springen wrde; und an
genau dem Tag haben wir den Kapitn, die Offiziere, die Maats und was
immer Epauletten und Sterne trug in die Feuerungslcher befrdert; eine
zu schnell funktionierende Hlle, leider, wenn man bedenkt, was fr eine
lange Hlle sie andern bereitet hatten.

Er sprach vllig ruhig, beinahe heiter, in einem flssigen Plauderton,
wie von einer Sportleistung, auch mit der dazu gehrigen halbironischen
Prahlerei. Er zndete eine Zigarette an, und beim Aufflammen des
Streichholzes erschien Maria sein Gesicht kindlich harmlos. Mit ruhenden
Hnden im Scho sa sie da und fand keine Worte.

Famos, wie ihre Hnde sich im Mondlicht ausnehmen, sagte Golowin; wie
weier Bernstein.

Sie fuhr zusammen. Sie haben meine Gegenwart gewnscht, um mit mir zu
verhandeln, sagte sie mit verzogener Stirn; das war die Abmachung. Ich
habe mich Ihrer Laune gefgt, weil ich schlielich von Ihrer Laune
abhnge, und nicht nur ich allein. Kommen wir also zur Sache.

Es wundert mich, da Sie damit solche Eile haben, antwortete er mit
einem kichernden Ton. Seien Sie doch froh, wenn ich meine Zunge
spazieren fhre. Am Zweck, den ich verfolge, sollte Ihnen wenig gelegen
sein. Oder sind Sie so naiv, da Sie glauben, es gehe um die Schale und
nicht um die Nu? Sind Sie wirklich da heraufgekommen in der Meinung,
wir wrden eine unverfngliche diplomatische Schachpartie spielen?

Maria, beunruhigt, stand auf. Ich dachte, um Knallerbsen zu werfen,
seien Sie nicht lustig genug.

Es mu ja nicht #boule de suif# sein, entgegnete er zynisch, es kann
ja, beispielsweise, auch Ma fr Ma sein. Das ist dann schon minder
lustig. Es hngt meistens von der Frau ab, ob es lustig ist oder nicht.

Maria sagte verletzt, und ihre dunkelsonore Stimme bebte: Es besteht
keine Gemeinschaft zwischen uns. Sie sind ein Liebhaber von Spen, ich
bin zu spaen nicht aufgelegt. Sie tanzen um einen Weltbrand einen
Freudentanz; so suchen Sie sich wenigstens nicht einen Partner aus,
dessen Lebensglck in den Trmmern liegt. Was ist Ihre Absicht?

Er nherte sich rasch, die flachen Hnde aufgehoben. Vor allem: nehmen
Sie wieder Platz. Nicht diese Miene! Zucken Sie nicht zurck, ich rhre
Sie nicht an. Bei Gott, ich rhre Sie nicht an. Ist Ihnen kalt? Wollen
Sie meinen Mantel haben? Nein, nein, bleiben Sie sitzen, ich lasse ihn
am Nagel; kann mir denken, da Ihnen vor solchem Mantel widert. Das
bichen Zimperlichkeit halt ich zugut. Und nun merken Sie auf.

Er zog den dreibeinigen Stuhl heran, flink und plump in den Bewegungen,
und setzte sich auf den uersten Rand, um des Gleichgewichts sicher zu
sein. Er legte die Hnde um seine Knie, beugte sich vor, streckte das
Kinn. Alles hatte eine gewisse Anmut, eine plumpe Geschmeidigkeit,
kraftvolle Zierlichkeit. Seit zweieinhalb Jahren habe ich nicht in das
Gesicht einer Frau gesehen, begann er und lchelte knabenhaft; habe
ich nicht die Luft geatmet, die um eine Frau ist, nicht die Bezauberung
versprt, die davon ausgeht, wie eine Frau die Hnde regt, die Lider
hebt und senkt, die Lippen ffnet und schliet. Ich habe Kohlenrauch
gerochen, Kohlenstaub in die Lungen gepumpt und mit Salzluft mhsam
wieder ausgesplt, die gruliche Atmosphre in Schlafslen, den heien
lgestank im Maschinenraum geschmeckt; ich habe Zhne fletschen gesehen,
Flche murmeln gehrt, allen Unrat der Menschennatur sich ber mich
ausgieen lassen, die eingequetschte, wimmernde, wtende, brllende Qual
eines riesigen Kerkers mitgelebt, und ich bin hungrig. Nicht in der
Weise hungrig, wie Sie zu frchten scheinen. Man hat seine Erziehung,
man hat seine Erfahrung, man ist kein Geier. Nicht hungrig wie einer,
der aus Mangel an Nahrung krepiert, an Nahrung berhaupt. Wenns weiter
nichts wre! Der Tisch fr die andern ist reichlich gedeckt. Ich bin
hungrig wie ein Mann, den eine Fiebererscheinung in Trance versetzt hat.
Wir hatten mal in Boston eine spiritistische Sitzung. Es kam, im blauen
Licht, ein weibliches Gespenst herein. Sah ungefhr aus wie Sie, Maria
Jakowlewna; wunderbar sehen Sie aus, wie Sie da sitzen und mir zuhren.
Na, ich ging entschlossen auf das Gespenst los, ohne mich um die
hysterischen Entsetzenskrmpfe der verzckten Gesellschaft zu kmmern,
griff mit Armen darnach, und siehe da, es war ein warmer, weicher
Menschenleib. Ich entsinne mich, es war ein unvergeliches Wohlsein in
mir, als ich den warmen, weichen Weiberleib hatte. Der Gespensterunfug
nahm gar nichts weg von dem Wohlsein, im Gegenteil, es war so diabolisch
verboten, da es mir gttlich behagte. Man mu nur mit Armen zugreifen,
wenn es um einen gespenstert. Und es gespenstert schon lange um mich.

Er lchelte abermals; strich mit der Hand ber die dnnen,
schlichtliegenden Haare; sah alt aus, verbraucht, zerwhlt, pltzlich
wieder straff, elastisch, jugendlich und fuhr nach einigem Besinnen
fort: Sprechen wir ein wenig von der Fieber-Erscheinung und davon, wie
sie entstanden ist. Denken Sie sich also hunderte von Mnnern,
primitiven Mnnern, denken Sie sie monatelang an einem und demselben
Ort; hunderte, doch in ihrer Gesamtheit absolut einsam auf dem Ozean;
durch die militrische Knute in Atem gehalten, durch harten Dienst
niedergezwungen; in ihren Trieben und Instinkten vollstndig geknebelt.
berlegen Sie sich einen Augenblick, was daraus erwchst. Ich bin ein
Mensch, der das Grauen nicht kennt und auch den Ekel nicht. Ich nehme
alles von der einfachsten Seite; es ist da, also hat es da zu sein. Aber
wenn man so buchstblich in den Miasmen watet, die aus den Seelen
dunsten, das reit an den Nerven. Es gibt bei Mnnern einen Zustand der
Entbehrung, der stillen, stumpfen, folternden Begierde, der macht alles
zu Gift und Brand in ihnen. Gefehlt, wollte man meinen, da die
aufreibende Arbeit, die krperliche Erschpfung dem entgegenwirkt; die
vergiften und verbrennen nur noch mehr, bis das ganze Individuum ein
von tobschtigen Bordellbildern geschtteltes Ding ist mit zwei
Existenzen, jede tierisch genug: die wirkliche, graue, trostlose und die
in der Bruthitze der Erinnerungen und der Wnsche. Ich habe nie an die
friedlichen Robinsons geglaubt; ist so ein Bursche gesund und ein
ehrliches Mannsbild mit seinem Geschlecht im Leibe, so mu er ja
komplett verrckt werden. Oder es stirbt ein Stck Leben in ihm ab. Ich
trete zum Beispiel in einen Schlafraum und sehe mir die Schlfer einzeln
an. Da ist einer, liegt in Schwei gebadet, mit dicht aneinander
gerckten Falten auf der Stirn. Jede von den Falten ist eine mit
Ausschweifungen gefllte Grube. Er hlt sich schadlos, der Kerl; er
dichtet; er lebt sich aus in seinem lasterhaften Schlaf; kein Hirn eines
abgefeimten Erotikers ist je auf solche Mglichkeiten verfallen. Ein
anderer windet sich wie in Krmpfen der Pubertt; er ist leichenbla und
trinkt seine eigenen Lippen. Ein anderer sieht aus, als klettre er an
einer Felswand hinauf, angespannt wie ein Seil, lstern wie ein Affe.
Sie keuchen, schlagen mit gekrallten Fingern um sich, grinsen gierig,
flstern einen Namen, umklammern etwas in der Luft, sind vollstndig
aufgerissen, in einem Chaos glhender Visionen. Noch ein Beispiel. Ich
sitze unter ihnen; dienstfreier Abend; man redet; sie werfen sich ihre
Schlagworte zu; Anspielung auf Anspielung; grobes Geschtz, da einem
die Ohren sausen; eh mans recht wei, ist der Siedepunkt erreicht: die
Augen kochen, die Zungen wirbeln, das kaum Ausdenkbare wird gesagt,
geschrieen, schamlos hingemalt, sie wlzen sich in einer heien Pftze,
bersteigern sich, neiden einander das frechste Bild, den unfltigsten
Ausdruck, und man sieht dabei, wie es sie ber alle Begriffe martert.
Und man beobachtet zwei, die sich einander mit verdeckten Blicken
messen, Mann gegen Mann als wrs Mann gegen Weib; stumm und irr faseln
sie vom Fleisch und von Lust; sie verstehen sich vortrefflich, die zwei
in ihrer Entzndung, und sie sind nicht die einzigen. Jag ich Ihnen
Schauder ein? Das ist nicht der Zweck. Ich tnche blo den schwarzen
Untergrund fr mein Lichtgewebe. Hat man sich vollgesogen mit dem
Irdischen der untersten Abgrnde, so werden die Himmelsgestalten so wei
und so zart wie nur Lilien in Pestsmpfen. Man mu aber zu den Seraphim
entschlossen sein. Es mu einem gelingen, die Poren gegen die Ansteckung
zu verstopfen. Zu frh nachgeben, das hei ich ein Kalb im Mutterleib
schlachten. Ein Mnch ist unter Umstnden ein geriebener Genling, wenn
er zum Feinschmecker von Illusionen wird. Vielleicht war der heilige
Antonius der grte Liebesknstler der Welt. Ein brennenderes
Aphrodisiakum kann ich mir nicht vorstellen als die Qualen von
freiwillig Enthaltsamen. Das geht ber ein Fest auf dem Blocksberg. Aber
ich bin kein Voyeur, durchaus nicht. Ich bin nur fr kluge Steigerung,
berhaupt fr Steigerung. Dort in dem Satanskessel, auf dem Schiff, hab
ich mein Verlangen gezchtet; habe es sorgsam gepflegt, wie man ein Tier
mstet, das eine delikate Mahlzeit zu werden verspricht. Und wonach hat
mich eigentlich verlangt? Schwer zu sagen. Nach einer bestimmten Gltte
der Haut; nach einer bestimmten Rundung der Fessel; einer bestimmten
Modellierung des Handgelenks; einer bestimmten Transparenz der derung
an den Schlfen; einem bestimmten Gang und Schritt und Blick. Ist das
etwas? Umschreibt das etwas? Es ist eine Angelegenheit des Geruchs, des
Sprsinns, der Epidermis, der Nerven-Elektrizitt. Deutlicher: ich will
eine Ebenbrtige haben, eine sinnlich Ebenbrtige. Kurz und gut, Maria
Jakowlewna, Sie sind es, die ich haben will.

Marias Auge fiel auf einen Skorpion, der, von Fingerslnge, an einem
Brett ihr gegenber unbeweglich hing, zierlich in der Gliederung, zart
umgrenzt, ohne Schatten, wie eine japanische Zeichnung. Indem sie das
Tier anschaute, ward ihr leichter zumut; in einem losgelsten Teil ihrer
Seele freute sie sich am Zarten und Zierlichen und verga das Giftige
und Gefhrliche; dieses wute sie ja nur, sie hatte es nie erfahren. Sie
heftete den Blick in Golowins Gesicht und sagte in zutraulichem Ton:
Ist es nicht sonderbar? seit Sie das Wort ausgesprochen haben, bin ich
vollkommen ruhig. Es ist nun nichts Unbekanntes mehr zwischen uns. Ich
habe sogar ein Gefhl von Sympathie fr Sie. Das eine Wort, dieses
vernunftlose, rohe, gewaltttige Wort hat es bewirkt. Pltzlich bin ich
die unvergleichlich Strkere von uns beiden.

Verstehe nicht, murmelte Golowin ziemlich auer Fassung.

Sie sagen, Sie wollen mich haben, fuhr Maria in demselben zutraulichen
Ton fort; ich antworte Ihnen: schn, hier bin ich; bitte.

Golowin starrte sie sprachlos an.

Sie sagte heiter: Kann man denn einen Menschen so ohne weiters haben?
so nach Gelst und Gelegenheit? wie man einen Apfel vom Baum holt, auch
aus einem fremden Garten? Nimmt man eine Frau so einfach, weil man
Appetit hat und weil der Raub sich lohnt? Ist sie sonst nichts als der
Bissen? als die Beute? als das Vergngen einer Stunde? Wenn Sie dieser
Ansicht sind, - bitte.

Golowin erhob sich, ging zum Fenster und blieb mit abgewendetem Gesicht
dort stehen. Der Mond beleuchtete nur noch ein kleines Stck der Wand.

Meinen Sie im Ernst, Sie htten mich dann gewonnen? fuhr Maria fort.
Vielleicht htten Sie mich zerstrt, sicher beschimpft, unerhrt
erniedrigt, aber gewonnen? Setzen wir den Fall, Sie erreichen Ihren
Zweck mit Gewalt; bin dann das ich, Maria Krdener, und nicht vielmehr
eine seelenlose Hlse von mir? Ob man lebendige Menschen in Feuerlcher
wirft oder sie zu Opfern einer Zufallsbegegnung macht, luft auf
dasselbe hinaus. Haben, was fr ein gemeines Wort! was heit denn haben,
wenn nicht gegeben wird? Etwas, das halb Verbrechen ist, halb
Einbildung, jedenfalls aber eine Armseligkeit.

Golowin schwieg noch immer.

Die Rechnung ist fr mich nicht sehr kompliziert, sagte Maria; ich
soll das Zahlungsmittel abgeben fr die Freiheit, wahrscheinlich auch
fr das Leben von etlichen fnfzig Menschen, darunter meine Kinder und
ich selbst. Wenn Sie also auf Ihrem Vorsatz beharren, bleibt mir
offenbar nichts anders brig, als in den elenden Kaufvertrag zu
willigen. Schn. Es ist nichts Besonderes, nichts Erschtterndes im
Vergleich mit den groen Ereignissen. Es ist ein Schicksal, mit dem man
sich abzufinden hat. Die Zeit wird es verschlingen, das ist ihr Amt.
Aber soll sich darin die neue Weltordnung manifestieren, von der Sie
gesprochen haben, wenn ich nicht irre? Sie tun mir leid. Es ist eine
uralte und furchtbar gewhnliche Weltordnung, das.

Ohne sich vom Fenster zu rhren, antwortete Golowin mit dumpfer Stimme:
Sie miverstehen mich mit Wissen. Das ist Advokatenkunst. Sie mssen
als Weib unrttelbar fixiert sein, da Sie Selbstverstndlichkeiten mit
einem solchen Aufwand von Beredsamkeit verfechten. Ich habe meine Augen
im Kopf und meine Witterung in der Nase. Kann sein, da die Bussole da
drin ein bichen an Richtung verloren hat; die Nadel schiet verzweifelt
nach links und rechts, als stnde sie berm magnetischen Pol. Da Sie um
und um und bis in die letzte Faser fixiert sind, habe ich trotzdem
gesprt, und das war ja der Reiz. Ich habe einem was abzuringen, der mir
entgegensteht. Ich habe einen unsichtbaren Widersacher vor mir. Dieses
Gespenst wird sich mir nicht so leicht blutwarm stellen. Aber ich rieche
ihn. Ich schmecke ihn. Ich sehe ihn.

Durch Marias Krper lief ein Schrecken wie nie zuvor.

Er kehrte ihr das Gesicht zu und sprach weiter: Sie reden von ihm mit
jedem Blick. Sie gehen, stehen, sitzen wie er es gutheit und befiehlt.
Aber Sie wrden jetzt nicht gezittert haben, wenn es mir nicht schon
gelungen wre, sein Bild in Ihnen zu verdunkeln. Sie haben Kraft, aber
mich knnen Sie nicht wegdrngen, und er kann Ihnen bald nicht mehr
helfen, seine Arme werden lahm.

Das sind Mittelchen, Igor Semjonowitsch, sagte Maria.

Haben Sie mich fr einen bbischen Schnder genommen, fr einen
Dutzendhallunken? Ich kenne die Wege, die zu den verborgenen Flammen
fhren. Wer sagt Ihnen, da ich auf dieses Blatt-um-Blatt-Entfalten
verzichten will? auf die Entzckungen der Allmhlichkeit? auf die
berraschungen und kleinen sen bittern Sigkeiten, die einen Leib mit
einem Leib befreunden? Aber vielleicht bin ich imstande, vielleicht ma
ich mir an, die listige Zauberstufenfolge in zwei oder drei Stunden zu
pressen, die von der Faulheit und dem Mangel an Schwung in so de Lnge
gezogen wird, da die Ermattung und die Erfllung nicht mehr hnlichkeit
miteinander haben wie ein Schiff, das vom Stapel luft mit einem Wrack
auf einer Sandbank.

Es ist mglich, da Sie dazu imstande sind, sagte Maria, aber Sie
knnen nicht einen Stoff in einen andern Stoff verwandeln, Sie knnen
nicht das Gesetz eines Lebens umstoen.

Golowin lachte spttisch. Kme auf den Versuch an. Es ist eine Frage
der Magie.

Maria stutzte und sah erblassend in die Richtung, wo er stand.

Sie sprechen von Zufallsbegegnung, fuhr er fort. Ich meinerseits
glaube nicht an solchen Zufall. Sind Sie so fest davon berzeugt, da
Sie blo eine Verkettung unbestimmbarer Umstnde in diese Stadt, in
dieses Haus gebracht hat und nicht mein Wille, mein Fluidum, mein
Beschlu? Aber gesetzt, es sei der Zufall gewesen. Wir htten auch
zufllig auf eine entlegene Insel verschlagen werden knnen, um wieder
von Robinsonaden zu reden. Wieviel Tage htten Sie sich Frist gegeben
bis zur Hochzeit? Oder wenn Ihnen das zu schroff klingt: wie lang htte,
einem normalgewachsenen, normalbeschaffenen Mann gegenber, Ihr Blut
geschwiegen, falls ich sogar aus Schlauheit oder Berechnung unterlassen
htte, es zu schren? Wrden Sie einen Triumph darin erblicken, eines
Schemens von Treue wegen an meiner Seite die Heilige zu bleiben? Treue;
was ist Treue? Eine bereinkunft, durch die man Entbehrungen
legitimiert, die Machtprobe eines Besitzenden, das Gitter gegen den
Einbruch der Ausgestoenen, ein zugeschlossenes Ohr, eine zugekrampfte
Hand.

Ich wei mit derartigen Rabulistereien nichts anzufangen, antwortete
Maria; es hngt doch alles davon ab, ob der Funke, den man schlgt,
Feuer gibt oder nicht.

Gewi, pflichtete Golowin bei und nherte sich wieder; er trat in den
dunkelgewordenen Teil des Raums und lehnte sich an die Bretterwand;
gewi. Wir in unserer versteinten Welt haben nur die Methoden verlernt.
Ich habe viel Umgang mit Chinesen gehabt, drben in bersee. Das sind
Leute, die sich auf die Methoden verstehen. Es ist eine ererbte Kunst,
von Jahrtausenden her. Sie lcheln ber unsere Finten und Schliche, sie
machen sich lustig ber unsere Vierschrtigkeit und Dickhutigkeit, sie
zucken die Achseln ber das, was wir unglckliche Liebe nennen. So wie
man dort im Osten ein ausgebildetes System hat, das den Schwchsten
befhigt, einen Athleten zu bndigen und auf die Knie zu bringen,
verleiht eine langwirkende berlieferung dem mit Erkenntnis Begabten die
Macht, auch in das widerspenstigste Material krperliche Liebe zu
pflanzen. Krperliche Liebe, also Liebe berhaupt, wenn man absieht von
der europischen Unzucht, die Dinge der Natur ins Blmerante und
Schngeistige zu verdrehn. Erinnern Sie sich an die berhmte
Skandalgeschichte von der Entfhrung der Mi Holywood in Neuyork? Sie
war eine Schnheit ersten Ranges, umworben von der mnnlichen Blte des
Landes, unnahbar, von makellosem Ruf. Eines Tages war sie verschwunden;
spurlos, rtselhaft. Man setzt fr ihre Auffindung Prmien von
schwindelnder Hhe aus, zweihundert Detektivs sind Tag und Nacht am
Werk, aber erst nach Monaten entdeckt man ihren Aufenthalt in einem der
schmutzigsten Winkel der Chinesenstadt. Man verhaftet eine Anzahl
Chinesen, der eigentlich Schuldige ist entwischt. Die junge Dame bringt
man in das Haus ihrer Eltern, aber sie ist nicht wiederzuerkennen. Sie
steht nicht Rede; sie kann sich dem frheren Leben nicht mehr bequemen,
sie leidet unter Ausbrchen von Wut und krankhafter Depression, die
rzte vermgen nichts ber sie, die frheren Freunde nichts, und whrend
man alle Hebel zu ihrer Heilung in Bewegung setzt, gelingt es ihr, eine
Verbindung mit dem Entfhrer herzustellen; pltzlich ist sie zum zweiten
Mal verschwunden, und wie sie in einem hinterlassenen Brief mitteilt,
ist es ihr freiwilliger Entschlu gewesen, zu dem Chinesen
zurckzukehren. Die amerikanische Gesellschaft war natrlich auer sich,
denn was gibt es in ihren Augen Verchtlicheres als einen Chinaman? Mich
beschftigte die Sache ungemein. Da ich keinerlei Kasten- und
Rassendnkel kenne, scheute ich mich nicht, meine chinesischen
Beziehungen dahin auszuntzen, da ich ber den mysterisen Fall, der
durchaus kein vereinzelter war, wie ich spter erfuhr, verschiedene
Aufschlsse erhielt. Was nicht leicht war. Die Chinesen sind sehr
zurckhaltend, auerdem behaupten sie, es gbe auf diesem Gebiet
zwischen ihren und unsern Anschauungen keine Verstndigung. Es fehlen
die Vokabeln schon, behaupten sie. Aber das Glck wollte, da ich auf
einen prachtvollen Lehrmeister stie, einen Burschen so fein wie
Triebsand und so weise wie ein alter Elefant. Hren Sie auch zu? Ich
sehe nicht mehr genau Ihr Gesicht. Sie werden nichts wissen wollen von
dieser Weisheit und Feinheit, die in ein Labyrinth fhrt. Und was
fruchtet sie mir, wenn Sie sich am Eingang in das Labyrinth struben? Es
weht asiatische Wollust heraus. Das ist ein ander Ding als unsre
Miniaturleidenschaften und gestatteten Gefhle. Bei dieser Mischung von
Gelehrsamkeit und narkotischer Hochglut ist das Wesentliche, da der
Mensch von der Angst vor seiner untersten Tiefe befreit werden mu. Wer
von uns erreicht seine unterste Tiefe? Der grte Verbrecher nicht.
Dostojewski; aber die Angst bleibt auch bei ihm. Mein Chinese
entwickelte unter anderm eine ganze Philosophie der sinnlichen
Beeinflussungen und bertragungen. Die Herrschaft ber das lebendige
Instrument ist dann nur eine Folge. Die Technik ist sehr individuell,
aber unsere Frauen verlieren schon im ersten Stadium die
Widerstandskraft. Je hher gezchtet eine ist, je wehrloser ergibt sie
sich. Ich habe das schriftliche Bekenntnis einer solchen Frau gelesen;
die erstaunlichste Epistel, die mir untergekommen ist, schamlos und
khn. Es war eine vornehme Dame, Gattin eines Professors in
Philadelphia, die mit einem chinesischen Diener durchgegangen war. Sie
sprach von dem Glck des Grauens, von der Wonne der Verlschung, und da
sie keine Gewissensbisse darber empfinde, die Seele, diesen lgenhaften
Frieden der Seele, hingegeben zu haben, fr die Flammen, die sie
umprasselten und dem Augenblick des Todes den der Auferstehung des
Fleisches folgen lieen. Das klingt wie Wahnwitz und ist in der Tat
vielleicht eine Form der Hysterie. berdies soll sie vor ein paar Jahren
in einer Vorstadt von Peking ohne Kopf und mit abgeschnittener rechter
Hand aufgefunden worden sein. Alles das aber reizte mich, es mit der
Praxis zu versuchen, und die Erfolge waren nicht bel; die Schule
bewhrte sich. Freilich fehlte das letzte Geheimnis; was htte ich
gegeben um das letzte Geheimnis! Aber wir sind zu weit dazu und zu
seicht; der europische Mensch ist nicht eng genug; etwas hnliches sagt
schon Dimitri Karamasoff, scheint mir. Ich stellte die Probe bei vielen
an. Die Wildesten wurden zahm; wie Wrmer so zahm wurden sie. So
eigentmlich entseelt waren sie nach kurzer Zeit, als htte man aus
ihrem Gehirn gewisse Bewutseinskomplexe mit dem Messer entfernt. Man
wendet niemals Gewalt an; man schleicht sich ein, man umschlingt sie
unbemerkt, die wunderbaren Krperchen, bemchtigt sich ihrer, indem man
den Sklaven macht, den unhrbaren Schatten, das unentbehrliche andre
Ich, das verachtete und verstoene Teil, die bse lockende Chimre. Und
so zieht man das Menschlein an sich, bis es nicht mehr entschlpfen
kann. Es gibt da Zrtlichkeiten wie Sammet; das Ohr, das Augenlid, die
Spitze jedes Fingers, jede Stelle der Haut, die Hhle unter der Achsel,
das alles wird belehrt, auf seine ihm zukommende Zrtlichkeit dressiert,
und dankt. Jedes Glied an dem geliebten Leib dankt. Jedes ist
hingeschmolzen in seine besondere Lust, jedes erwacht fr sich als wie
ein jauchzendes williges Tierchen, ein Flammentierchen und was man in
Armen hlt, ist ein Wesen ohne Scham und Lge, ohne Geist und ohne
Angst, unergrndlich wie der Himmel. Maria Jakowlewna, seine Stimme,
die zuletzt ein Flstern geworden war, erhob sich und klang durch den
Kontrast wie ein Schreien, wenn ich in Ihre Brust lange und Ihr Herz
packe, gehrt es mir, so oder so. Lassen wir die Erzhlungen, die
Erinnerungen. Es ist eine Welt, die vor hunderttausend Jahren war. Ja,
ich reie Ihre Brust auf, und innen ist kein Gesicht eines andern mehr,
keine Gestalt, kein Gelbnis, kein Bild, innen ist nur Liebe. Ich will
drin verbrennen und verdorren, wenn es sein mu, aber geben Sie mir
Liebe.

Der Mond war untergegangen. Es war vllig finster geworden. Maria erhob
sich, tastete sich zum Tisch und griff nach der Kerze. Sie fand
Zndhlzer daneben und machte Licht. Besorgt sah sie, da das Stmpchen
nicht lange brennen wrde. Liebe, murmelte sie, Liebe.

Warum tten Sie das Wort, indem Sie es so aussprechen? fragte Golowin
zu ihr hinber.

Ich verscharre nur den Leichnam, gettet haben Sie es, antwortete sie
ernst. Ein Leben lang.

Moral, flaue Moral, sagte er achselzuckend; der Hieb ist zu matt, ich
pariere ihn nicht.

Maria begann mit jener tiefen Stimme einer Mrchenerzhlerin, die alles,
was sie sagte, durch den bloen Klang versinnlichte: Auf dem Gut hrte
ich eine Geschichte von zwei Bauern, Petruschka und Nikituschka. Beide
waren arm und konnten zu nichts kommen. Da begab sich Petruschka auf die
Wanderschaft und blieb viele Jahre fort. Als er heimkehrte, brachte er
einen Sack voll Gold mit. Woher hast du das Gold? fragte Nikituschka
gierig. Aus dem Bergwerk hab ichs, erwiderte Petruschka und fing an, ein
stolzes Schlo zu bauen. Nikituschka lt sich den Weg erklren, macht
sich auf, kommt aber nach einer Zeit mde zurck. Ich habe mich verirrt,
sagt er. Da begleitet ihn Petruschka, bis sie zu einem Berg gelangen, in
den der Stollen fhrt und sagt: in den Stollen mut du hinunter und
viele Jahre graben. Es dauert nicht lange, da erscheint Nikituschka
abermals unverrichteter Dinge und sagt: ich habe keine Lust, viele Jahre
unter der Erde zu graben; gib mir lieber von deinem Gold, das ist
einfacher. Von meinem Gold kann ich dir nichts geben, sagt Petruschka,
du siehst ja, da ich mir da ein Schlo baue; wovon soll ich die
Bauleute entlohnen? Hilf auch du mir bauen, dann hast du Teil an meinem
Gold.

Sie schwieg.

Der Hieb ist nicht strker geworden, sagte Golowin lchelnd;
Petruschka htte teilen sollen, als er mit dem Gold zurckkam.

Was htte es Nikituschka gentzt? erwiderte Maria mit Eifer; er htte
seinen Anteil verschwendet und wre so arm gewesen wie zuvor.

Besser zu verschwenden als mhselig zu graben, beharrte Golowin, noch
immer lchelnd und sah sie aus den Augenwinkeln an.

Der Verschwender ist ein Dieb, sagte Maria; man mu im Stollen
gewesen sein; man mu gegraben haben.

Man mu, man mu, spottete Golowin, und der Blick aus den Augenwinkeln
wurde funkelnd; hab ich etwa nicht im Stollen gerobbotet, ich?

Nicht Gold gefrdert, nicht Petruschkas Gold, wehrte Maria mit
erhobener Rechte ab, doch mehr seinen Blick als seine Worte; wenn
Petruschka fragt: was hast du im Stollen gemacht, so werden Sie ihm
antworten mssen: was dich krnkt, was dein Gemt vergiftet, was dir
Leiden bereitet, dir und deinen Brdern. Petruschka hat gebaut.

Golowin entgegnete nichts. Er drckte den Hinterkopf an die Bretterwand,
fuhr fort zu lcheln, fuhr fort, sie aus den Augenwinkeln zu betrachten.
Eine eigene Unruhe bemchtigte sich ihrer, eine von unten aufsteigende
und sie allmhlich ganz einhllende seltsame Scham. Ihr wre am liebsten
gewesen, auf der Stelle zu versinken oder zu verschwinden. Es ging so
weit, da sie sich rgerte und sich innerlich Vorwrfe machte, die Kerze
angezndet zu haben. Das Herz fing an zu klopfen, es wurde ihr an den
Ohren und im Nacken hei; sie konnte sich diesen Zustand durchaus nicht
erklren. Pltzlich fragte er, ohne sich zu rhren, in die Luft hinein:
Glauben Sie an das Ende?

An welches Ende?

Nicht blo an das Ende von Maria Krdener und Igor Golowin, das ist ja
gewi. An das Ende von Ruland und Europa meine ich, an das Ende von
Eisenbahn und Telegraph, von Zeitungen und Bchern, von Kunst und
Wissenschaft und Politik, an das Ende der Welt, an das Ende der
Menschheit, an das Ende von allem. Glauben Sie daran?

Maria senkte den Kopf. Nach einer Weile antwortete sie leise: Ich
glaube nicht daran. Ich glaube an das ewige Leben.

Glauben Sie an die Wiederkehr? fragte Golowin, und sein Lcheln
verdmmerte in den Schatten, die der flackernde Kerzenschein in sein
Gesicht warf.

Was verstehen Sie unter Wiederkehr?

Nichts kehrt wieder, sprach er, ohne die Frage zu beachten, und doch
schreit jeder Atemzug im Menschen nach Wiederkehr. Nichts kann noch
einmal sein, was gewesen ist, und doch ist es das unstillbarste
Verlangen im Menschen, da es wiederkommt. Wieder, wieder, das ist das
Wort, bei dem man schwach wird. Solang man es nicht berwindet, ist man
der Narr des Schicksals. Auch fr Sie, Maria Jakowlewna, kehrt nie
wieder, was einmal Ihr Stolz, Ihr Besitz, Ihr unwiderstehlicher Hinweis
gewesen ist. Es kehrt nicht wieder. Er kehrt nicht wieder.

Mit geschlossenen Augen schttelte Maria den Kopf und sagte: Ich wei
es so fest wie da die Sonne aufgehn wird: er kehrt wieder.

Es gibt eine Zuversicht wider besseres Gefhl; die spricht aus Ihnen.
Sie haben das Unglck gehabt, eine glckliche Ehe zu finden, sonst wren
Sie ein Weib gewesen, mit dem man auf die Barrikaden gehen knnte.
Schade, wenn ein Wesen mit Adler-Instinkten zur Bruthenne erniedrigt
wird. Alles was edel und flugkrftig an Ihnen war, hat die Ehe in eine
Kapsel gepret, und Sie wagen sich nicht zu rhren aus Angst, das
Gehuse zu sprengen. Sie haben nach allen Seiten hin Versicherungen
angebracht, Verpflichtungen, Dankbarkeitsklammern, Entfaltungs-Illusionen;
wozu Sie aber htten steigen knnen, wenn man Ihnen die Menschenfreiheit
nicht geraubt htte, davor verschlieen Sie sich. Frauen wie Sie mten
in ihrer Jugend vom Staat beschlagnahmt werden. Die Ehe zerstrt sie. Es
ist als htte man Sand in ein kostbares Uhrwerk geschttet. Wenn dann
der groe Feind kommt, ist es zu spt. Der groe Feind, der groe
Abrechnungskommissr, der Unbestechliche.

Sie schwieg. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck unnennbarer Innigkeit, der
Golowin betroffen machte.

Glauben Sie auch nicht an den groen Feind? fragte er verdeckten
Tones.

Sie blickte ihm stumm und gerade in die Augen und antwortete nicht.

Haben Sie sich schon einmal ein Bild von ihm gemacht? fuhr er lauernd
und seltsam spttisch fort; sicherlich. Sie haben ja Phantasie. Ist er
nicht einnehmend? berauschend? verfhrerisch? Sieht er nicht aus wie ein
echter Liebhaber? Ist er nicht der Kenner der Geheimnisse? nicht
eingedrungen in alles Geschriebene und Paktierte und Erforschte und
Erlebte, eingedrungen aus Wollust? Die Welt ist voll von ihm. Er fegt
den angesammelten Kehricht weg.

Ja, die Welt ist voll von ihm, sagte Maria; er schreit Gerechtigkeit
- und mordet; er schwrmt von Bruderliebe - und mordet; er trieft von
Mitleid - und mordet; er faselt von Fortschritt und Erneuerung - und
mordet; er kt und umarmt - und mordet. Er kennt kein Erbarmen in
seiner - Liebe. Sie blickte ihm noch immer in die grn funkelnden
Augen. Die Kerze verlosch zischend.

Es entstand ein langes Schweigen. Maria fhlte Schwche in den Knien,
ging zu der Bettstelle und lie sich auf die Kante nieder. Da Golowin
sich nicht rhrte, war unheimliche Drohung. Grauer Schimmer webte vor
dem Fenster, die erste Ankndigung des Tages. Sie wagte nicht
hinzuschauen. Sie war in einen bleiernen Panzer geschnrt.

Auf einmal kam seine Stimme: Sie sind so reich, da Sie eine Nacht aus
Ihrem Leben ausstreichen knnen. Fr Sie nicht gelebt, fr mich
hundertfach gelebt. Ich spreche nicht von dieser; diese ist vorbei. Es
kann die nchste sein. Ist es die nchste nicht, so wird es eine andre
sein. Ich kann warten.

Maria antwortete zwanghaft, als wrde ihr die Rede von einem
unsichtbaren Dritten diktiert: Es kann keine sein.

Er sagte: Wir sind zwei vorgeschobene Posten. Wir knnen uns
vergleichen ohne Rcksicht auf die kriegfhrenden Parteien. Es lge eine
gewisse Gre darin. Kein Loskauf, kein Verrat; ein Opfer vielleicht,
das viele andere berflssig macht.

Ich gehre nicht mir. Kein Haar an mir ist mein Eigentum, entgegnete
Maria.

Er sagte: Sie fhlen sehr genau die Feigheit in diesem Argument.
Besteht ein physischer Widerstand, der unbesiegbar ist?

Auf die Frage mchte ich lieber nicht antworten.

Wo nur die Vergangenheit sich weigert und nicht die Gegenwart, ist
zwischen Ja und Nein kaum mehr zum Besinnen Platz.

Ich appelliere heute zum zweiten Mal an Ihre Ritterlichkeit. Sie
bedeckte die Augen mit der Hand.

Er sagte: Wenn Sie Ihre Lippen auf meine drckten, knnt ich mir
einbilden, ich sei wieder Knabe und finge von vorn an. Wiederkehr,
Wiederkehr. Frchten Sie nichts, ich bewege mich nicht von der Stelle.
Ich will ritterlich sein wie ein Troubadour. Doch knnen Sie mir nicht
verwehren zu trumen. Ich trume, da ich Ihre Hand halte. Da ich sie
nur mit meinen Fingerspitzen streife. Sie vergessen, da Sie Mutter,
Gattin, Dame, Herrin sind, alle diese verruchten Wrden einer berlebten
Welt. Sie sind Hand, nichts als Hand. Darin eingeschlossen, daran
geklammert meine, mit Blut, Hirn, Trieb, Seele. Was knnen Sie dagegen
tun? Still, wunderbare Weiberhand; ich hauche mich in dich hinein, und
du ffnest dich wie ein Kelch ...

Maria hrte zu, auen und innen Eis, doch von etwas Lauem durchflutet,
das betubte. Er hatte sie nicht angerhrt, trotzdem fhlte sie ihre
Hand wie in einem Schraubstock. Ihre Gedanken stoben durcheinander. Das
Blut wirbelte zum Kopf und wieder zum Herzen. Sie glaubte zu sprechen
und erschrak vor dem Wort, das sie nicht gesagt. Mitjas ernste Augen
blickten sie an. Ihr Krper war ihr fremd, und sie frchtete ihn. Das
Bild einer Uhr erschien ihr, ein Zifferblatt mit Zeigern, die nicht
weiterrcken wollten. Sie schaute gegen das Fenster. Es wird Tag,
murmelte sie. Von der Strae schallten eilige Schritte herauf. Gut, da
die Menschen erwachen, fuhr es ihr durch den Kopf.

Mit kaum erratbarem Vibrieren der Stimme fuhr Golowin fort: Ja, es
wird Tag. Schlu des ersten Aktes. Vorhang. Die Lnge der Zwischenpause
ist nicht bekannt. Tut auch nichts zur Sache. Wie wollen Sie sich meiner
in Zukunft erwehren? Wie wollen Sie die Macht brechen, die ich ber Sie
erlangt habe? Sie werden sich in Pflichten strzen, Sie werden Aufgaben
zu lsen trachten, Sie werden Menschen an sich ziehen, Sie werden das
Eingestrzte aufzubauen beginnen, aber im Hintergrund werde immer ich
sein, da ntzt kein Struben und kein Tun.

Sie konnte jetzt in der Dmmerung sein Gesicht wahrnehmen. Es glich
einem fleckig grauen Tuch. Sie fand keine Widerrede. Inmitten ihrer
bedrckten Versunkenheit wunderte sie sich ber seine Haltung, die etwas
Lockeres, beinahe Elegantes hatte. Unten schrillte pltzlich ein
langgezogenes Pfeifensignal. Golowin hob den Kopf wie ein Wachthund. Er
trat zum Fenster, zog eine Metallpfeife heraus und erwiderte das Signal.
Gleich darauf hrte man von der Richtung des Meeres her Geschtzdonner.

Gut, sagte Golowin, man schnallt das eiserne Stirnband wieder um. Er
nahm den Mantel vom Haken und warf ihn ber die Schulter. Ihre Strae
ist frei, Maria Jakowlewna, fgte er mit einer Verbeugung hinzu.

Maria stand auf. Es war keine Erleichterung in ihr.

Zwei Worte noch, sagte er, an der Tr stehen bleibend; das eine:
prgen Sie sich ins Herz und bitten Sie Ihren Stern darum, da unsere
Wege sich nie mehr kreuzen.

Nein; unsere Wege drfen sich nie mehr kreuzen, erwiderte sie.

Das zweite: es gibt kein Mittel in der Welt, durch das Sie den Frieden
Ihrer Seele wieder gewinnen knnen, auer es kommt noch einmal zur
Entscheidung zwischen uns. Und das steht dahin.

Maria lauschte seinen starken Schritten nach, als er gegangen war. Sie
drckte die flachen Hnde gegen die Brust und hob das Gesicht, das
bleich war, mit fromm-erschlossener Miene zur Hhe.

Als sie in das untere Stockwerk kam, waren alle bereits auf den Beinen
und rsteten sich zu neuer Reise. In der Freude ber den Abzug der
Matrosen achtete man ihrer gar nicht. Menasse unterhandelte bereits mit
einem Schiffer, der eine Barke zur berfahrt zu vermieten hatte. Sie
aber fhlte die Wahrheit der Worte Golowins: die Strae war frei, aber
das Ziel des Wegs war unkenntlich verdunkelt.




Lukardis


Im Verlauf der schleichenden Revolution, von der das russische Reich
whrend des vorletzten Jahrzehnts heimgesucht war, kam es eines Tages zu
einem Straenkampf in Moskau. Den unmittelbaren Anla hatte die
Verschickung von fnfunddreiig Studenten und Studentinnen gegeben, die
das Jubilum eines verehrten Lehrers, welcher der Polizei verdchtig
geworden war, in berschwenglicher Weise gefeiert und die Feier durch
heimliche Zusammenknfte vorbereitet hatten. Einige der angesehensten
Familien der Stadt wurden durch die grausame Maregel betroffen, und die
Trauer und Entrstung so vieler bis dahin ruhiger Brger erregte eine
gefhrlichere Stimmung als es die Aufwiegelung der politisch Ttigen
vermocht htte.

Unter den mit tckischer Eile Deportierten befand sich auch ein junges
Mdchen namens Anna Pawlowna Nadinsky. Es lebte in Moskau ein Bruder von
ihr, Eugen, oder wie es im Russischen heit, Jewgen Pawlowitsch,
Offizier bei einem Dragonerregiment, ein schner stolzer Mensch von
dreiundzwanzig Jahren, dem man eine rhmliche Laufbahn vorhersagte.
Eugen Pawlowitsch Nadinsky liebte seine Schwester, sie war die
vertraute Freundin in allen Angelegenheiten seines Lebens gewesen. Als
er sie nun verloren sah, fr sich wie fr die Welt verloren, der
Erniedrigung und den Entbehrungen preisgegeben, welche der jahrelange
Aufenthalt in Sibirien mit sich bringen mute, war sein Schmerz so gro,
das Gerechtigkeitsgefhl in ihm so tief beleidigt, da die Fundamente
seines Daseins wankten, und er eine Ordnung nicht mehr anerkennen
wollte, der er sich bis zu dieser Stunde bereitwillig gefgt hatte. Es
geschah fast von selbst und zu seinem eigenen Erstaunen, da er, als das
Regiment wenige Tage nach jenem Gewaltstreich der Polizei zur
Beschwichtigung der in der Stadt ausgebrochenen Revolte unter die Waffen
treten und in die Straen reiten mute, pltzlich die Spitze des von ihm
gefhrten Zuges verlie, von seinem Pferd sprang und gegen eine aus
Pflastersteinen, Balken, Karren, Krben und allerlei Hausrat
zusammengesetzte Barrikade eilte, wobei er den Verteidigern lebhafte
Zeichen gab, welche sie nicht miverstehen konnten, zumal ja berlufer
aus den Reihen der Soldateska, auch whrend des Kampfes, nicht selten
waren. Kaum aber war Nadinsky auf der Hhe der Barrikade angelangt, die
er bersteigen wollte, um sich gegen die wahren Feinde seines Vaterlands
zu wenden, als ihn aus den Dutzenden wider ihn gerichteten Gewehren der
Dragoner zwei Schsse trafen. Von der andern Seite der Barrikade
streckten sich ihm Hnde entgegen, Augen strahlten ihn begeistert an, es
war wie ein Dank und stillte die letzten Zweifel, die ihn noch
beunruhigen mochten; auch sein Name wurde gerufen; einige kannten ihn
also, und der Jubel in ihren Stimmen belohnte ihn noch in dem Gefhl der
Todesschwche. Er kehrte sich um, zog den Revolver aus dem Grtel und
feuerte gegen die Anstrmenden, denen sein emprtes Herz die
Kameradschaft gekndigt hatte, dann strzte er auf die Brust, und die
Finger seiner rechten Hand krampften sich in das Strohgeflecht eines
zwischen Bretter geklemmten Stuhls.

Sogleich ergriffen ihn zwei junge Leute und trugen den Bewutlosen auf
die steinerne Treppe eines Haustors. In groer Eile ffneten sie
Nadinskys Rock und Hemd, rissen Streifen aus dem Hemd, verbanden die
Wunden, die stark bluteten, und sahen sich dann hilfesuchend um. Da
erblickten sie den Wagen eines Grnzeughndlers; der Besitzer war
verschwunden; das magere kleine Pferd stand an der Deichsel wie
gefroren. Rasch entschlossen betteten sie den Offizier mitten in Gemse
und Salat und deckten ihn mit Blttern zu. Der eine von ihnen kehrte zum
Kampfplatz zurck, der andere nahm das Ro beim Zgel und fhrte es die
Strae hinunter, dann durch mehrere Nebenstraen, schlielich auf einen
freien Platz, wo die Universittsklinik war. Er fuhr in das gerumige
Tor und ging in das Zimmer eines Assistenten, der alsbald Auftrag gab,
den Verwundeten in einen der Krankensle zu schaffen. Die Verletzungen
waren schwer. Eine Kugel hatte zwar nur den Hals gestreift, die andere
jedoch hatte unterhalb des Schulterblattes die Lunge getroffen, steckte
noch im Krper und mute durch eine Operation herausgenommen werden.
Erst am dritten Tage erwachte Nadinsky aus fieberhafter Ohnmacht und
wute lange Zeit nicht, wo er sich befand und was mit ihm geschehen war.

Nun hatte aber die Polizei durch einen ihrer zahlreichen Spione in
Erfahrung gebracht, wo sich der junge Offizier befand, von dessen
Desertion ganz Moskau sprach. Es erschien ein Isprawnik in der Klinik,
um den todkranken Mann zu verhaften. Er wurde an Nadinskys Lager
gefhrt und trotzdem er sich von der Gefhrlichkeit seines Zustandes
berzeugen konnte, beharrte er auf seinem Verlangen und pochte auf den
schriftlichen Befehl. Indes der Assistenzarzt noch mit ihm zu
unterhandeln versuchte, trat der Professor hinzu, warf einen schnellen
Blick auf Nadinskys apathisches Gesicht, in welchem ein Zug von
Knabenhaftigkeit Sympathie und Rhrung erweckte und sagte: Wenn man ihn
jetzt von hier wegbringt, wird er in der ersten Viertelstunde sterben.
Es ist vorteilhafter fr die Polizei, zu warten. Der Isprawnik wurde
unschlssig. Er war noch Neuling und wenig verhrtet; berdies hatte er
in der Flle der ihm obliegenden Geschfte und Auftrge den Kopf
verloren. Er berlegte eine Weile und erklrte sich hierauf damit
einverstanden, den Offizier noch so lange in der Klinik zu lassen, bis
seine Krfte den Transport erlauben wrden.

Damit waren einige Tage fr Nadinsky gewonnen; in diesen Tagen wuchs die
Teilnahme des Professors fr ihn zusehends, und er trug Sorge, sein
Interesse auch andern Personen einzuflen. Es meldeten sich Freunde,
die ihm zur Flucht verhelfen wollten; eines Morgens wurde er in ein
Zimmer gebracht, worin auer ihm niemand lag. Am selben Abend besuchte
ihn ein junger Mensch, der die Absicht hatte, ihn, als Krankenwrterin
verkleidet, nach Sokolnikin, einen Park in der Nhe von Moskau, zu
schaffen, was bei seiner Schwche und seiner noch immer fieberhaften
Verfassung ein Wagnis auf Leben und Tod bedeutete. Nadinsky war jedoch
bereit, ihm zu folgen, denn blieb er, so war ihm der Tod oder das
Schlimmere, ewige Kerkerhaft im entlegensten Sibirien, gewi. So fuhr er
also in tiefer Nacht, bei Schnee und Klte, es war Mitte des Monats
Mrz, nach Sokolnikin und wohnte in der Villa eines Gelehrten, der bei
der Polizei fr unverdchtig galt. Es dauerte aber nur vierundzwanzig
Stunden, da kamen wieder Boten, die sich als Spaziergnger unauffllig
dem Haus genhert hatten, in dessen Mansarde der kranke Nadinsky lag,
und meldeten, da die Polizei neuerdings auf seine Spur geraten und da
fr die folgende Nacht seine Verhaftung befohlen sei. Es blieb also
nichts brig als einen anderen Zufluchtsort fr ihn ausfindig zu machen.
Der Haushalt des Gelehrten, eines Deutschen von Geburt, wurde von seiner
Schwester Anastasia Karlowna gefhrt, einer ebenso beherzten wie
gutmtigen Frau, die seit mehr als vierzig Jahren in Moskau lebte und
nicht nur in der Gesellschaft einflureiche und wohlwollende Bekannte
hatte, sondern auch bei vielen Leuten im Volk sehr beliebt war. Sie
hatte dem jungen Offizier Speise und Trank gebracht, ihn gepflegt und
seine Anwesenheit klug zu verbergen gewut. Nun sorgte sie zunchst fr
eine neue Verkleidung, und als es dmmerte, brachte sie ihn mit Hilfe
eines Menschen, der ihr ganz fremd war, sich aber zu diesem Dienst
angeboten hatte, im Gewand eines einfachen Arbeiters zu der Familie
eines Drechslers in die Vorstadt. Dort blieb er nur eine Nacht, am
Morgen weigerte sich der Mann, der Argwohn geschpft hatte und fr sich
und die Seinen begrndete Furcht empfand, den Flchtling lnger zu
beherbergen. Fnf Tage lang wurde Nadinsky auf diese Weise von Haus zu
Haus geschleppt, von dem des Drechslers in die Wohnung einer
Fuhrmannswitwe, dann in die eines Maurers, dann zu einem Grtner,
schlielich zu einem Laboranten. Immer merkten die Leute nach wenigen
Stunden, wem sie ein Asyl gewhrt hatten, die Angst vor der Polizei
berwog das Mitleid und verstockte sie gegen die Beredsamkeit
Anastasias, die in ihrem Eifer keineswegs erlahmte. Sie war die Nchte
ber bei Nadinsky, denn er konnte sich nicht selbst berlassen bleiben;
man mute ihn ankleiden, waschen und zweimal tglich die Wunden
verbinden, deren Heilung bei der unregelmigen und aufregenden
Lebensweise nur langsam vonstatten ging. Als nun auch der Laborant, den
sie mit Geld und vielen Worten bestochen hatten, den aufgezwungenen Gast
fortzubringen befahl, verzweifelte Anastasia Karlowna daran, Nadinsky
retten zu knnen. Die Freunde, die ihr bisher beigestanden, vermochten
nichts mehr zu tun, die Polizei war auf ihren Spuren, jeder fernere
Schritt mute sie ins Verderben ziehen, auch sie selbst fhlte sich
bedrohlich berwacht. Zum letztenmal versuchte sie den Laboranten durch
Bitten und Flehen zu erweichen; nur noch eine einzige Nacht mge er
christliche Nachsicht ben, das Leben ihres Bruders - denn sie gab
Nadinsky fr ihren Bruder aus - stehe auf dem Spiel; umsonst, sie
schrte blo das Mitrauen des Mannes und alles, was sie erreichte, war,
da er ihr drei Stunden Frist gab; wenn nach Verlauf dieser Zeit
Nadinsky nicht aus dem Haus geschafft sei, werde er die Anzeige machen.

Es war jetzt drei Uhr nachmittags. Bis sechs Uhr mute also Anastasia
eine Sttte fr ihren Schtzling gefunden haben. Sie irrte eine Weile
durch die Straen, ging bald in dieses, bald in jenes Haus, kehrte aber
immer vor den Tren wieder um, weil sie berall eine abschlgige Antwort
oder gar Verrat frchtete. Da verfiel sie in ihrer Bedrngnis auf den
Gedanken, Nadinsky in eines jener Huser zu bringen, in denen an
Liebespaare Zimmer vermietet werden, nur dort war es nicht notwendig,
einen Pa vorzuweisen; wenn er noch zwei Tage Ruhe und Pflege haben
konnte, war er gerettet, so hatte ihr der Arzt versichert, den sie am
Morgen zu ihm gefhrt hatte, dann konnte er zur Grenze gelangen. Um den
khnen Plan durchzufhren, mute sie aber eine Helferin haben, ein
Geschpf, dem man die Liebe glaubte und das stark, verschwiegen und klug
war. Sie lie alle jungen Damen, die sie kannte, an ihrem inneren Auge
vorbergehen, aber keine schien ihr geeignet, eine solche Tat auf sich
zu nehmen. Unter den Revolutionrinnen hatte Anastasia keine Bekannte,
auch war es nicht geraten, einer Person zu vertrauen, die mglicherweise
den Nachsphungen der Polizei ausgesetzt war; an eine Angehrige der
untern Klasse oder gar an ein Frauenzimmer, das man bezahlen konnte, war
nicht zu denken, es mute eine Dame oder ein Frulein aus der
Gesellschaft sein.

Sie war ermdet von den Anstrengungen der letzten Tage, und mehr um zu
rasten als um eine Erfrischung zu nehmen, ging sie in eine kleine
Konditorei an der Strae, trat in ein Nebenzimmer, in welchem ein
dmmeriges Halblicht herrschte und wo zwei Frauen an einem Tischchen
saen und Schokolade tranken. Anastasia setzte sich in ihre Nhe, ohne
sie zu beachten, merkte aber dann, da die eine, die ltere Dame, sie
fixierte und mit freundlichem Nicken herbergrte. Da erkannte sie die
Frau; es war Anna Iwanowna Schmoll, die Gattin eines pensionierten
Generals, die taubstumm war, und ihre Tochter Lukardis, ein etwa
neunzehnjhriges Mdchen von nicht gewhnlicher Schnheit. Kaum hatte
Anastasia einen Blick auf sie geworfen, so sagte sie sich: Die mu es
vollbringen und keine andere. Sie hatte vor Jahren im Hause des Generals
Schmoll verkehrt, als Lukardis Nikolajewna fast noch ein Kind gewesen
war, aber sie erinnerte sich ihrer wohl, sie hatte sich oft mit ihr
beschftigt, oft mit ihr gesprochen; sie erinnerte sich, da das damals
dreizehnjhrige Geschpf ihr stets in einer Weise aufgefallen war, wie
es nur Menschen tun, die eine besondere Eigenschaft, eine besondere
Kraft in sich verschlieen; was fr eine Eigenschaft oder Kraft es war,
hatte sie nie ergrnden knnen, soviel sie auch darber gegrbelt hatte.
Die Mutter war eine ziemlich einfltige Frau, fromm, apathisch und
harmlos, sogar ihres Gebrechens nur dumpf bewut.

Anastasia nahm am Tisch der beiden Platz und begann, nachdem sie die
Generalin durch Mienen und Gesten nach ihrem Befinden gefragt, leise mit
Lukardis Nikolajewna zu sprechen. Die Generalin blickte forschend auf
ihren Mund, aber da sie der Unterhaltung nicht zu folgen vermochte,
senkte sie bescheiden die Augen und strte das Gesprch durch kein
Zeichen der Neugierde mehr. Anastasia sprte die Verwegenheit ihres
Vorhabens mit beklommenem Sinn. Sie durfte keine Zeit verlieren; sie
mute sich kurz fassen; sie mute in wenigen Stzen alles sagen, das
Auerordentliche verlangen, Lukardis innerstes Menschengefhl aufrhren
und doch vorsichtig und listig sein, weil Zufall alles vereiteln,
Ungeschick alles verraten konnte. Lukardis wute wenig von den
revolutionren Umtrieben; sie ahnte vieles, hatte jedoch weder Einblick
noch Urteil; sie lebte in einer Sphre sanfter Trume, mit der
Erinnerung an Puppen und der Gegenwart hbscher Schmuckkstchen, mit dem
Echo der neckischen Galanterien verheirateter Herren und der
vorsichtigen Beteuerungen lediger und witterte doch, wie ein junges
Waldtier, das fernes Jagdgetse vernimmt, eine ungeheure Bewegung, Blut,
Schmerz und Tod. Sie war zu handeln bereit, ohne es zu wissen; es gab
Augenblicke, in denen sie eine leidenschaftliche Unruhe empfand, eine
grundlose Ergriffenheit, einen Trieb, den Bezirk heuchlerischer Stille,
in dem sich ihr Dasein formte, zu verlassen. Aber sie frchtete die
Welt, sie frchtete die Menschen, sie erbebte vor jeder fremden Hand,
die ihr gereicht wurde, ihr war, als ob alles trbe, ja schmutzig sei,
was auerhalb ihres Hauses, ihrer Kammer war, sie hrte Leute auf der
Gasse nie ohne Schauder reden, sie vermochte keine Zeitung zu lesen,
ohne da sie neben dem Wilden und Rtselhaften, als welches sich ihr das
Leben, das Drauen darstellte, auch etwas unendlich Beflecktes und
Befleckendes fhlte, selbst die meisten Bcher, ein Vers, ein
Gassenhauer, ein Witzwort erweckten diesen schrecklichen, nicht zu
besiegenden Eindruck.

Regungslos hrte sie Anastasia zu. Ihr ovales Gesicht frbte und
entfrbte sich wieder. Da war keine Lockung, kein Prickeln des
Unbekannten, keine mdchenhafte Lsternheit und ungestandene
Aufregungslust; nichts anderes vernahm sie als den Ruf zur Pflicht.
Nichts anderes las sie in den harten Zgen Anastasia Karlownas. Sie
brauchte nicht einmal einen Entschlu zu fassen; was sie zu tun hatte,
stand sogleich und unabnderlich fest. Sie war Braut. Seit sechs Wochen
war sie mit einem Petersburger Adeligen, dem Staatsrat Michailowitsch
Kussin, verlobt. Ihre Eltern und die Freunde des Hauses glaubten, da
sie an der Seite des reichen Mannes einem beneidenswerten Schicksal
entgegengehe, auch sie selbst fhlte sich glcklich. Wenn es etwas gab,
das sie irre machen konnte, war es der Gedanke an ihn, dem sie mit
schwesterlichem Gefhl zugetan war. Aber als Anastasia, welche dies
spren mochte, eine Andeutung fallen lie, um sie darber zu beruhigen,
runzelte sie die Stirn und erwiderte, sie bedrfe des Zuspruchs nicht,
ihr Brutigam werde niemals die Meinung hegen, da sie etwas Schlechtes
oder Hliches begangen habe.

Sie sind also dazu entschlossen? fragte Anastasia leise, indem sie den
Blick ihrer grauen Augen auf die Hand des Mdchens heftete.

Ich bin dazu entschlossen, antwortete Lukardis ebenso leise, ohne die
Lider zu erheben. Es ist nur noch eine Schwierigkeit -

Gibt es noch eine Schwierigkeit, wenn man dazu entschlossen ist? fiel
ihr Anastasia rasch und mit einem fanatischen Ton der Stimme ins Wort.

Wie soll ich es anstellen, zwei Tage und zwei Nchte vom Hause
wegzubleiben? fragte Lukardis, die Finger ihrer weien Hnde
verschrnkend.

Anastasia starrte dster sinnend auf einen Kuchenteller.

Nur das eine ist mglich, fuhr Lukardis flsternd fort, ganz in der
Stille zu verschwinden, der Mutter einen Brief zu schreiben -

Ja ja, ein paar Zeilen, irgend was und um Verschwiegenheit bitten und
versprechen, bei der Rckkehr alles zu sagen. Aber auch Sie selbst
mssen schweigen, Lukardis Nikolajewna, setzte sie fast drohend hinzu.
Sie mssen schweigen, als ob Sie es nie gelebt htten.

Lukardis nickte blo. Ihre Augen waren jetzt weit geffnet und blickten
geradeaus. Anastasia schrfte ihr aufs genaueste ein, wie sie sich zu
kleiden und wie sie sich zu betragen habe und nachdem sie ihr noch
gesagt hatte, wo sie sich einzufinden habe und zu welcher Zeit, flocht
sie an das ernste Gesprch, das trotz seiner Gewichtigkeit kaum eine
Viertelstunde gedauert hatte, einige Scherzreden an, um Lukardis zum
Lcheln zu bringen und in der Generalin keinen Argwohn keimen zu
lassen, erhob sich dann erleichterten Herzens und verabschiedete sich.

Sie ging zu Nadinsky und teilte ihm mit, was sie ausgerichtet. Er lag in
dem armseligen Zimmer des Laboranten auf dem Sofa, und nachdem er sie
angehrt hatte, drckte er ihr die Hand und sagte: Mein Leben ist so
vieler Umstnde nicht mehr wert, Anastasia Karlowna. Es ist ein
verlorenes Leben. Anastasia verwies ihm diese Worte; sie entgegnete,
da sie sich bessern Dank erhofft habe, als so mutlose Redensarten zu
hren, und fing an, den Verband seiner Wunden zu erneuern. Nadinsky
seufzte. Was solls auch sagte er mit mder Stimme, mir ist nun alles
anders, Auge, Hand und Gefhl. Wie von Gespenstern bin ich umgeben, ich
empfinde gar nicht den Abschlu gegen die Welt. Ich sehe meine Mutter
auf dem Gut. Sie ahnt noch nichts. Sie hat ihr Medaillon vom Hals
genommen und betrachtet das Bild darin. Es ist ein Bild von mir. Sie
wei nicht, da sie mich nie wiedersehen wird, sie wei es durchaus
nicht, trotzdem weint sie ber dem Bild. Aber ich, ich fhle nichts. Mir
ist alles so wesenlos geworden, weil ich nichts mehr zu lieben vermag.

Anastasia hielt diese Reden fr einen Ausdruck des Fiebers und
schttelte unwillig den Kopf. Eine Weile, nachdem es dunkel geworden
war, fuhr ein Wagen am Toreingang vor. Anastasia hatte einen hbschen
Anzug fr Nadinsky besorgt, sie hatte ihm bei der Toilette geholfen,
besah ihn jetzt noch einmal prfend und geleitete ihn dann hinunter. Im
Wagen sa Lukardis Nikolajewna Schmoll, tief verschleiert. Anastasia
reichte ihr ein Paket mit Verbandzeug und sagte zu Nadinsky, da sie ihn
am zweiten Morgen zu einer gewissen Stunde und an einer gewissen Stelle
des Bahnhofs erwarten und da sie sich bis dahin einen Auslandspa fr
ihn verschafft haben werde. Dann gab sie dem Kutscher die Adresse,
winkte grend ins Fenster und der Wagen fuhr davon.

Schweigend saen Lukardis und Nadinsky nebeneinander. Die Situation war
zu ungewhnlich, zu drohend, zu schicksalsvoll, als da sie Verlegenheit
htten empfinden knnen. So oft der Schein einer Laterne hereinfiel, sah
Lukardis, da Nadinsky die Augen geschlossen hatte und da sein Gesicht
bleich war. Er hatte ihr die Hand gegeben, als er sich neben sie gesetzt
hatte, das war alles. Sie ihrerseits fand, da seine Nhe sie nicht
schreckte und da sie schweigen durfte.

Das Haus, zu dem sie fuhren, stand in einer entlegenen Gasse. Nadinsky
mute alle Kraft zusammennehmen, als sie ausstiegen. Er reichte seiner
Begleiterin den Arm, doch fhrte sie ihn mehr als er sie. Er forderte
zwei Zimmer. Man war beflissen, ihm gefllig zu sein. Er schleppte sich
mit Mhe die Treppe hinauf, bewahrte mit Mhe die Haltung des Lebemanns,
den ein flchtiges Abenteuer beschftigt. Dem Gebrauch des Hauses
entsprechend, wurde ihnen ein Angestellter zu ihrer besonderen Bedienung
berwiesen. Dieser Mensch stak in einer silberbetreten Livree, hatte
boshafte, aufmerksame Kugelaugen, ein unvernderliches, abgeschmackt
einladendes Lcheln auf den dicken Lippen und war demtig. Lukardis
sprte, wie sich ihr Herz bei seinem Anblick zusammenzog. Er deckte den
Tisch, blieb hndisch lauschend stehen, whrend Nadinsky mit erschpfter
Gleichgltigkeit die Speisen, die Weine, den Sekt bestellte, und sein
messender Blick schien zu verlangen, da die beiden auch wirklich waren,
was sie zu sein vorgaben. Lukardis war geschminkt; sie hatte ein
dekolletiertes Kleid angezogen; sie durfte sich nicht geben, wie sie
sonst war; die kindliche Unschuld, von der ihre Miene sonst strahlte,
mute sich in Leichtfertigkeit verwandeln; sie mute gesprchig sein,
Koketterie zeigen, mute lachen, mute den Arm um Nadinskys Schultern
legen und sich bisweilen auf seinen Scho setzen, sie mute
passionierte, bermtige, verfhrerische Gebrden haben; was sie nie
beobachtet, nie zu sehen gewnscht, nie anders als schaudernd bedacht,
nur durch flchtige Worte und flchtige Bilder mit abgewandtem Ohr und
Auge erfahren, das mute sie tun, um jenen Menschen zu tuschen, der mit
Tellern, Schsseln, Glsern und Flaschen hereinkam, den Sekt in den
Eiskbel stellte, die Speisen servierte und dann schweigend, lchelnd,
hinter niedertrchtig gesenkten Lidern sphend auf Befehle harrte. Sie
mute es um der ppigen Lichter, der bunten Polster, der spiegelnden
Wnde willen tun, um dieses Hauses willen, dessen lgenhafter Prunk ihre
Gedanken in Aufruhr versetzte. Damit nicht genug, durfte sie auch keinen
Zweifel an der Echtheit und Natrlichkeit ihres Benehmens erregen; alles
mute wie von ungefhr sein, raffiniert und durchsichtig, ohne Zaudern
und ohne Hast; sie mute von den Speisen essen, sie mute Wein und
Champagner trinken, sowohl aus ihrem eigenen Glas, als auch, wenn der
Diener drauen war, aus dem Glas Nadinskys, der nicht trinken, aber das
volle Glas nicht vor sich stehen lassen durfte. Des Genusses geistiger
Getrnke durchaus ungewohnt, ward ihr bang und schwer zumut, und es
kostete sie immer grere Anstrengung, die Rolle durchzufhren, die sie
mit solcher Instinktgewalt und Aufopferung spielte. So oft der Kellner
das Zimmer verlie, erhob sie sich; in ihrem Gesicht lste sich die
furchtbare Spannung, um einem Ausdruck der Verstrtheit und der
angstvollen Erinnerung Platz zu machen, denn ihr war, als seien viele
Jahre verflossen, seit sie aus dem Elternhaus gegangen war. Nadinsky
schaute sie dann mit einem schmerzlich verwunderten Blick an, suchte sie
wie hinter Masken, beklagte sie stumm, klagte sich selbst mit einer
Gebrde an und es wurde ihm nicht leicht, das studierte Lcheln wieder
auf seine Lippen zu zwingen und mitzuspielen, wenn der Aufpasser
zurckkehrte.

Als der Tisch abgetragen war, kam eine Magd, die ein weies Hubchen auf
dem Kopf trug; sie war jung und sah alt aus, ihr Gesicht war fahl vom
bestndigen Leben im Lampenlicht und in schlecht gelfteten Rumen. Sie
hatte Wasser zu bringen, das Feuer im Ofen zu nhren und nach den
Wnschen des Paares zu fragen; sie redete mit slicher Stimme, aber
ihre Zge waren versteinert vor Ha gegen die obere Welt, gegen die, die
da kamen, um verchtlichen, eiligen Genssen zu frhnen. Die Knie
wankten Lukardis, wenn sie den Blick auf die Person richten mute, und
sie schmte sich ihrer Fe, ihrer Hnde, ihres Halses und ihrer
Schultern. Endlich war auch diese Prfung vorber und sie konnte die Tr
zusperren; sie waren allein. Von einer Turmuhr schlug es zehn Uhr. Die
aushallenden Klnge vibrierten durch das Gemach. Nadinsky ging ins
andere Zimmer zu dem Doppelbett, ber welches ein blauseidener Baldachin
gespannt war; er fiel kraftlos darauf nieder. Erst nachdem er eine
Viertelstunde geruht, konnte ihm Lukardis beim Auskleiden helfen. Die
Decke bis an die Brust gezogen lag er mit nacktem Oberkrper da. Es ist
ein Mensch, sagte sich Lukardis, der pltzlich die Trnen in die Augen
stiegen, und mit einer Art von Schrecken erinnerte sie sich an das
rotwangige Antlitz Alexander Michailowitschs, ihres Verlobten. Sie
wusch Nadinskys Wunden und erneuerte den Verband. Nadinsky sprte die
zarte Hand wie man in einem Halbtraum Wohlgerche sprt; zu danken war
er nicht fhig; er frchtete ihr Auge, er frchtete sie zu beleidigen
durch einen Blick des Dankes, er wnschte, sie mchte ihn nur als Leib
ansehen, als Gegenstand ohne Gesicht und ohne Gefhl. Und so wie sie,
halb entsetzt und halb erbarmend dachte: ein Mensch, so dachte er, halb
beseligt und halb in Angst um sie: ein Wesen.

Er schlief ein. Lukardis setzte sich in einen Sessel und rhrte sich
nicht. Sie hatte in ihrem Tschchen ein Buch mitgenommen, aber sie
wute, da sie nicht wrde lesen knnen. Sie versuchte, an ihre Mutter,
an ihren Vater, an ihre Freundinnen, an den letzten Ball, an die Oper zu
denken, die sie zuletzt gehrt, aber sie konnte nicht denken, alles
verschwamm, alles enteilte. Sie hrte Nadinskys tiefe Atemzge, sie sah
sein blasses, hbsches, von Schmerzen ermdetes Gesicht, aber auch er,
den sie pflegen und bewachen sollte, war ihren Gedanken kaum erreichbar.
Ihr schien, da von ihrem Platz bis zu seinem Bett ein Weg von vielen
Meilen sei. Sie lauschte. Sie vernahm Kichern auf der Treppe und
schlrfende Schritte im Flur. Stimmen, Frauen- und Mnnerstimmen,
drangen gedmpft durch die Wnde, auch von oben herunter und von unten
herauf. Glser klirrten, dann wurde ein Klavier gespielt. Es war ein
Walzer. Eine Saite des Instruments mute gerissen sein, denn immer, wenn
eine gewisse Stelle kam, entstand ein Loch in der Melodie wie die
Zahnlcke im Mund eines Lachenden. Von irgendwoher schallte Geschrei,
dann schwieg das Klavier, und an der Mauer zur Linken raschelte es. Dann
war ein Seufzen, bei dem Lukardis das Blut in den Adern gerann. Sie roch
den aufgespeicherten Parfm aus verschlossenen Zimmern, sie hrte das
Rauschen von Gewndern und wie man Tren ffnete und wieder schlo. Die
Laute riefen Bilder hervor, sie konnte sich ihnen nicht entziehen, sie
zitterte, und zitternd mute sie schauen. So hatte sie die Welt nie
verstanden, so das Leben nicht geglaubt. Begegnungen im Finstern, Hnde,
die einander fremd waren und einander dennoch hielten, ein Taumeln gegen
jh erhellte Spiegel, bereinkommen in Worten ohne Scham, das Unbekannte
entschleiert, das Geheimnisvolle leer, die Weihe besudelt, die
heimlichen Schtze der Phantasie entwertet, ach, sie griff an ihr
Gesicht, wurde der Schminke auf den Wangen inne und ihr Herz fllte sich
mit Grauen.

Nadinsky schlug die Augen auf und sthnte. Sie schritt den meilenlangen
Weg bis zu ihm und reichte ihm ein Glas Wasser. Als sie seine Stirn
fhlte und sie hei fand, legte sie ein feuchtes Tuch darber. Da
erwachte er vllig und fing an zu sprechen. Er redete in kurzen Stzen,
sprach vom Hospital, vom Professor und von Anastasia Karlowna. Lukardis
lie zaghafte Worte in die Pausen fallen. Morgen werde ich mich krftig
genug fhlen, um das Haus zu verlassen, sagte er. Sie entgegnete: Das
ist unmglich, Sie haben noch Fieber und Anastasia Karlowna erwartet Sie
erst bermorgen frh um sieben Uhr. Die sanft gesprochenen Worte
durchleuchteten ihm ihr Gemt, ihre bisher ungetrbte Jugend, ihre
reinen und starken Sinne, aber er gewahrte nicht, da sie fast bestndig
zitterte. Jetzt wurde das Klavier wieder gespielt, von einer andern
Hand, roh, tumultuarisch und trunken, und whrend der ganzen Dauer des
Spiels sahen Nadinsky und Lukardis einander gepeinigt in die Augen. Es
war Mitternacht vorber, und auf einmal wurde drunten dumpf gegen das
Tor gepocht. Eine Glocke erschallte mit frechem Lrm. Nadinsky richtete
sich halb empor. Seine Finger krampften sich zusammen, sein Blick war
voll dsterer Erwartung. Lukardis stand auf und lauschte ohne Atem. Das
Klavier schwieg. Es whrte lange, bis das Tor geffnet wurde. Schon
hrten sie Schritte auf der Treppe, schauten entgeistert beide auf die
Trklinke, harrten auf das Klopfen an die Tr, das ihr frchterliches
Los entscheiden mute, und wirklich drangen Stimmen in hastiger
Wechselrede bis zu ihnen. Aber dann wurde es still, und ihre Pulse
begannen wieder regelmig zu schlagen. In diesen drei oder vier Minuten
fhlten sie sich sonderbar vereint, ihre Kraft und ihre Furcht war gegen
ein gemeinsames Ziel gerichtet, es war ihnen, als wrden sie von einem
Sturmwind in die Luft gehoben und Brust an Brust gegeneinander
geschleudert, so da sie sich mit den Armen umfassen muten, um einer
dem andern Hilfe zu gewhren beim drohenden Sturz. Lukardis verga sich
selbst und Nadinsky verga sich selbst, er sprte nur die Angstglut in
ihr, Verlust alles Glckes, Schande und Elend, sie aber ergab sich
seinem Geschick, mutig und jetzt erst ahnend, wofr er sein Leben in die
Schanze geworfen hatte.

Indessen bermannte den Fiebernden der Schlaf von neuem. Doch konnte er
festen Schlummer nicht finden, solange die grellen elektrischen Flammen
ihn blendeten. Aus Rcksicht fr Lukardis enthielt er sich, den Wunsch
nach Dunkelheit zu uern, aber an der unruhigen Bewegung seiner Lider
merkte sie, was ihn strte. So lschte sie die Lichter und zndete im
Nebenzimmer eine Kerze an. Auch sie war mde, die spte Stunde wirkte
wie ein lhmendes Gift auf sie, und sie sah sich nach einer Lagerstatt
um. In diesem Raum war kein Bett, nur eine Ottomane; ihr ekelte vor dem
Plsch, mit dem das Mbelstck bezogen war. Ihr ekelte auch vor den
Sthlen und vor dem Teppich. Bei der Schwelle zu Nadinskys Zimmer rollte
sie den Teppich auf, warf ihren Pelzmantel auf den Boden und legte sich
hin. Die Kerze lie sie brennen. Aber so war sie dem Haus nher als
vordem, hrte sie abgeteilt die bisher verschwommenen Gerusche, einen
Ruf, ein Gelchter, ein einzelnes Wort, aber sie hrte auch, wie der
Schnee an die Fensterscheiben schlug, und das milde Knistern beruhigte
sie; sie hrte die Atemzge Nadinskys, und dies mahnte sie an ihre
Verantwortung. Jeder Atemzug knpfte sie fester an sein Geschick. Die
Wichtigkeiten ihres frheren Lebens wurden bedeutungslos, was sie dort
getan, gewollt, gewesen, dnkte ihr kindisches Tndeln. Sehnschtig
blickte sie zurck wie vom Bord eines Schiffes auf die versinkende
Heimat. Sie schlief und schlief gleichwohl nicht. Nadinsky sprach ihr
Trost und Mut zu, das war getrumt; er rchelte in einem Fiebertraum,
das war Wachen. Im Traum war sie ber ihn gebeugt und behtete ihn; im
Wachen war sie an den Boden gekettet und vernahm den mnadischen Schrei
eines Weibes. Als der Morgen graute, sah sie eine Ratte ber den Teppich
laufen. Das Tier schien phantastisch gro, da es sich bewegte, war
gespensterhaft; sie richtete sich kniend auf und suchte den Himmel
zwischen den Spalten der Vorhnge. Sie gewahrte nur etwas Graues oben
und weiter unten ein Fenster, aus welchem ein knochiges Gesicht lugte.
Eine Sekunde zermalmender Hoffnungslosigkeit; sie schlich, nein,
flchtete zu Nadinskys Lager. Sein rechter Arm hing schlaff herab,
Schwei perlte auf seiner Stirn. Sein Anblick war ihr erschreckend
fremdartig; schmerzlicher Ha loderte in ihrer Brust. Doch gab es auf
der Welt keinen andern Menschen mehr, den sie so anblicken konnte; sie
hatte viel von ihm zu fordern, ja alles, ohne ihn blieb ihr nichts brig
in der Welt als dieses Haus.

Bei ihrer Ankunft hatten sie nicht gesagt, wie lange sie in den Zimmern
bleiben wollten; es war nicht gebruchlich, sie lnger als eine Nacht zu
benutzen. Anastasias Plan war gewesen, da sie sich ber Mittag
einschlieen und dann den Wirt wissen lassen sollten, sie wnschten auch
die folgende Nacht hier zu verbringen. Zu diesem Zweck sollten sie dem
Diener und dem Stubenmdchen ein Goldstck geben. Aber man brauchte
frisches Wasser fr die Wunden, und Nadinskys Zustand heischte Nahrung.
Es mute auffallen, wenn sie zu frh luteten, und wie sollten sie das
Verweilen ber den ganzen Tag rechtfertigen? Nadinsky war mit offenen
Augen wortlos dagelegen, jetzt fing er selbst davon zu sprechen an. Er
bat sie um seinen Rock und reichte ihr sein Portefeuille; zwei
Goldstcke seien zu wenig, meinte er, man msse fnfzig Rubel geben;
Lukardis erwiderte, das verschwenderische berma werde Verdacht
erregen, und man msse gewrtigen, da der Eigentmer kme, um zu
spionieren. Sie hielt die Geldnote mit bebenden Fingern, und nie war ihr
Geld etwas so Wirkliches und zugleich so Unbegreifliches gewesen. Sie
verhandelten beide mit uerster Klte, doch ihre Stimmen klangen
erstickt. Eine Bemerkung Lukardis ber das gemeine Gesicht des
Aufwrters veranlate Nadinsky, ihr, spttischer als er beabsichtigte,
zu entgegnen, sie habe gewi allzu behtet gelebt, wie in Wolle, und von
denen, die da unten hausten, in Schmutz und bsem Wetter, knne keiner
ihr Gefallen finden. Es war ein Emprungsversuch gegen das Joch der
Dankbarkeit, das sie ihm auferlegte, die Begierde, sie aus sich
herauszulocken und Licht und Dunkel in ihren Zgen wechseln zu lassen.
Sie blickte traurig zu Boden. Sie gab ihm recht, und er war entwaffnet.
Ihre Sanftmut rhrte ihn, stachelte ihn aber immer wieder zur
Grausamkeit an. Er wollte den Zufall nicht gelten lassen, der sie fr
achtundvierzig Stunden als Gefhrtin an seine Seite gezwungen hatte, er
fand sich schuldig an der Erniedrigung, unter der sie litt und zrnte
ihr deshalb. Ihm war, als htte sie, ehe sie ihn getroffen, nur weie
Gewnder getragen und von ihren schnen Lippen hallten nur leere Worte
nach, die sie geredet, Abschaum ihrer verwhnten Klasse. Jetzt erst
wurde er zum wahren Rebellen, jetzt, in ihrer Nhe; seine Verborgenheit
und seine Flucht kamen ihm schimpflich vor, und er hielt es fr
wahrscheinlich, da ihn dies in Lukardis Meinung verkleinerte. Darum
sagte er pltzlich, er wollte aufstehen und das Haus verlassen; er wolle
sich zeigen, es lge ihm nichts daran, ja es sei seine Pflicht, das Los
so vieler Gerichteter zu teilen, die mehr erreicht und mehr gewagt
htten als er. Wem knne er noch ntzen, nachdem er ber die Grenze
geflohen? Dem Volke nicht, den Freunden nicht, seiner unglcklichen
Schwester nicht.

Lukardis beschwor ihn, sich zu fassen. Nur allgemeine Grnde konnte sie
nennen, nur mdchenhafte Argumente finden. Aber als er verstockt blieb,
nahm sie einen gebieterischen Ton an und sah aus wie eine junge Knigin.
Pltzlich verstummte sie. Sie hatte Schritte gehrt. Sie hob den
Zeigefinger der rechten Hand und prete ihn auf ihren Mund. An der Tr
stand jemand und lauschte. Ihr stolzer Blick wurde schutzflehend, und
Nadinsky senkte den Kopf. Da entschlo sich Lukardis zu dem, was ntig
war. Sie schritt auf den Zehen zur Tr, schob den Riegel auf, eilte
dann gegen das Bett zurck, schlpfte schnell unter die Decke neben
Nadinsky, zog die Decke bis an ihren Hals, griff nach dem Knopf der
elektrischen Klingel, der an einer langen Schnur zu ihren Huptern
herabhing und lutete. Atemlos lagen sie beide da, bis es an der Tr
klopfte. Es war die Magd, und sie empfing, an der Tr stehenbleibend,
mit nornenhafter Dsterkeit Nadinskys Befehl, frisches Wasser zu bringen
und den Kellner zu rufen, damit man das Frhstck bestellen knne. Sie
holte zwei Krge voll frischen Wassers und dann kam der Aufwrter. Sein
lauernder Blick durchma den Raum und auch den andern, soweit er ihn
ersphen konnte, und es war Lukardis, als suche er ihre Kleider, mit
denen sie im Bett lag, ein Umstand, der seinen Argwohn zu erregen
geeignet war. Sie schlo die Augen, denn diesen Menschen zu sehen war
ihr entsetzlich. Nadinsky hatte die Fnfzigrubelnote wieder genommen und
gab sie jenem. Zwanzig sind fr das Mdchen, dreiig fr dich, sagte
er in einem bemeistert lssigen Ton, wir wollen noch bis morgen frh
bleiben, wenn es geht. Der Aufwrter verbeugte sich fast bis zur Erde;
ein so reiches Geschenk hatte er nicht erwartet. Auch die Magd, die
Kohlen in den Ofen warf, kam herzu und wollte Nadinsky die Hand kssen.
Er wehrte sie ab. Wenn es den Herrschaften gefllt, ist sicher nichts
einzuwenden, sagte der Kellner mit einer katzenhaften Gebrde und
blinzelte. Nadinsky verlangte ein Frhstck. Es dauerte eine
Viertelstunde, bis der Tee mit allem Zubehr gebracht wurde. Indessen
lag Lukardis wie auf glhendem Rost. Ihren ganzen Leib durchdrang etwas,
das sie nicht bezeichnen konnte, ein Gefhl, aus Kummer und Furcht
gemischt, und ihr Antlitz berzog sich mit tdlicher Blsse. Nadinsky
rhrte sich nicht, ihre Empfindung teilte sich ihm mit, er begriff ihre
Qual und vermied es, die Augen gegen sie zu wenden. Der Aufwrter hatte
den Tisch gerichtet, verbeugte sich abermals bis zur Erde und entfernte
sich. Auch die Magd war fertig, und nun schleuderte Lukardis die Decke
weg und erhob sich wie vor Feuer flchtend. Sie verriegelte die Tr und
ffnete ein Fenster. Ihr Haar hatte sich gelst, sie lie es ruhig
hngen, denn es bedeckte ihre entblten Schultern. Eine Stunde frher
htte sie sich so vor Nadinsky nicht zeigen mgen, doch seit sie neben
ihm gelegen, hllenlos trotz aller Hllen, preisgegeben ohne Ma,
emprten Blutes, seiner Gnade vllig berwiesen, war es nicht mehr von
Belang, da die Haare von ihrem Haupt herabhingen.

Als das Zimmer von frischer Luft erfllt war, schlo sie das Fenster und
sagte zu Nadinsky, es sei notwendig, den Verband zu wechseln. Schweigend
entledigte er sich des Hemdes. Da erwies es sich, selbst Lukardis
unkundiges Auge konnte es feststellen, da die Heilung der Wunde
betrchtlich fortgeschritten war, auch hatte Nadinsky kein Fieber mehr.
Lukardis war schon gewandter als gestern im Legen und Knpfen der Binde,
und nachdem sie die Verrichtung beendet hatte, reichte sie ihm Milch und
Brot. Er wnschte ein wenig Tee in die Milch, und sie gehorchte. Sie
selbst nahm nur etwas in Hast zu sich, als grolle sie dem Krper wegen
seines Hungers. Im Hause war es sonderbar still. Auf der Strae rollten
Wagen und schrien Kinder. Nadinsky verfiel wieder in Schlaf. Lukardis
begab sich ins Nebenzimmer. Sie zog ihre Halbstiefel aus, um kein
Gerusch zu machen und ging stundenlang auf und ab, wobei sie in beiden
Hnden Strhnen ihres Haares hielt. Manchmal blieb sie stehen und sann.
Manchmal betrachtete sie die Bilder an den Wnden, ohne sie wirklich zu
sehen. Eines stellte eine Leda dar, die den Schwan zwischen ihren Knien
hielt. Neben der Tr hing ein anderes: ein deutscher Student mit einem
Rnzel auf dem Rcken schwenkt die Kappe gegen ein Haus, aus dessen
Fenster ein Mdchen mit zwei langen Zpfen schaut. In den groen
Spiegeln spiegelten sich die zwei Zimmer und die gegenberliegenden
Spiegel, und es zeigte sich das Bild einer endlosen Folge von Rumen; in
allen Rumen war die Leda in ihrer hlich fetten Nacktheit und der
sentimentale Student und viele, viele Male das Bett mit dem
schlummernden Nadinsky und darber ein Bild des Kaisers Nikolaus, viele
Male bis in dmmernde Ferne. Oft stand sie auch am Fenster und sah die
Wagen und die Kinder, den Schnee auf den Simsen, Gesichter hinter trben
Fensterscheiben und es schien ihr, als ob sich auch dies viele Male
wiederholte bis in dmmernde Ferne. Wo war die Welt hingeschwunden? Wo
war alles, was sie geliebt, mit arglosen Sinnen umfangen? Wo war sie
selbst, Lukardis, die in einem zierlichen Mdchenboudoir gelebt? Wo
Alexander Michailowitsch, der immer rote Backen hatte und immer
lchelte? Und wo war das glnzende Moskau mit den verlockenden Auslagen
seiner Lden, den freundlichen Bekannten, die man berall traf, den
eleganten Offizieren und heiteren Frauen? Wo war die Welt
hingeschwunden? Sie sah nur den Mann, der in den vielen Rumen vieler
Spiegel lag; sie sah seine Wunde vor sich, in vielen Spiegeln die Wunde
auf der weien Haut, und sie glich einer Flamme, der sie verzaubert
folgen mute.

Die Glocken schlugen mittag, und dann dauerte es noch lange, wie lange,
konnte sie nicht ermessen, bis Nadinsky erwachte. Er setzte sich
aufrecht, und sie nherte sich ihm zgernd. Mit unerwarteter
Entschiedenheit sagte er, sie msse gehen, wenn die Dunkelheit
eingebrochen sei, er fhle sich jetzt krftig genug, um allein zu
bleiben und werde dem Kellner zu verstehen geben, da sie in der Nacht
zurckkehren wolle. In der Nacht werde sich dann niemand mehr darum
kmmern. Lukardis schttelte den Kopf. Sie antwortete, es geschehe
ebensowohl um ihret-, als um seinetwillen, wenn sie bleibe; die Wunde
sei erst im Beginn des Vernarbens und msse mindestens noch zweimal
gewaschen und verbunden werden; wenn sie ging und ihn darnach ein
Unglck traf, wrde sie nie wieder schuldlos atmen knnen. Nadinsky
schaute forschend in ihr Gesicht; dann streckte er den Arm aus, so da
sie ihm die Hand reichte. In demselben Moment erschraken beide. Es war
wie eine beglckende, aber unheilvolle Verwandlung, die jeder in des
andern Augen erlitt. Da trat Lukardis klopfenden Herzens vor einen der
Spiegel und steckte ihr Haar wieder auf, aber ihre Finger zitterten
dabei. Wenn er ihr jetzt befohlen htte, zu gehen, htte sie
wahrscheinlich keinen Widerstand mehr geleistet. Doch fing er an, zu
klagen, da er nicht den ehrlichen Tod im Kampf gestorben; was wolle er
in den fremden Lndern, ewig wandernd, ewig den nagenden Gram um die
gequlten Brder in der Seele und mit der Sorge um das bloe Leben? Denn
er sei nicht reich, habe viele Schulden und das mtterliche Gut sei in
Glubigerhnden. Durch so viel Mutlosigkeit entmutigt, blieb Lukardis
still vor dem Spiegel stehen und schaute ihr bernchtiges Gesicht an.
Er fuhr fort und schmhte seine Tat; er habe nicht gewut, was er auf
sich genommen, es sei ein Trieb gewesen, kein Entschlu; so seien Helden
nicht beschaffen, da sie sich dem Ungefhr auslieferten, um zermalmt zu
werden. Und sie, nun wandte er sich gegen Lukardis, die mit ihm in
diese Kloake der groen Stadt geflohen, habe sie in klarer Erkenntnis
gehandelt oder nicht vielmehr sich hinreien lassen durch ein Gefhl,
dem Mitleid nachgegeben, dem Reiz des Absonderlichen, der Verfhrung
einer schwrmerischen Freundin? Sei sie nicht erschttert und
durchwhlt, von medusischen Visionen aller Kraft beraubt? So sind wir
alle, rief er zum Schlu und warf sich in die Kissen zurck,
Ausgelieferte, Hingeworfene, Bettler der Phantasie, Opfer des
Augenblicks, Getuschte unserer Taten.

Da ging Lukardis und setzte sich auf den Rand seines Bettes. Ruhig und
fest blickte sie in sein Gesicht. Ihr Auge leugnete seine Worte, im
Ausdruck ihrer Zge war eine seelenvolle Harmonie. Es war als ob die
gttliche Natur in einfacher Stummheit der Verwirrung seines Herzens zu
Hilfe kme. Ein Strahl von Glck flog ber Nadinskys Stirne, und sein
zweifelschtiger Geist beugte sich beschmt. Unbeirrbare Zuversicht
strmte von ihr aus und trug ihn ber Stunde und Raum hinweg. Es
dunkelte und wurde Nacht; sie blieben im Finstern und ohne zu sprechen.
Als dann die Zeit gekommen war, wo sie die Komdie wieder spielen
muten, die das Haus forderte, machte Lukardis Licht, zog die Gardinen
zu und ging ins zweite Zimmer, damit sich Nadinsky ankleiden konnte.
Nach einigen Minuten rief er sie, weil er ohne Hilfe nicht in die rmel
seines Rocks zu schlpfen imstande war. Wie am Abend vorher wurde das
Diner serviert; wie am Abend vorher bediente der Aufwrter in
silberbetreter Livree, noch demtiger, noch abgeschmackter lchelnd,
noch wachsamer hinter seiner heimtckischen Grimasse. Unlustig aen sie
und vermieden es einander anzuschauen; nur ihre Hnde waren bewegt,
lautlos gehorsame Geister huschten sie hin und her, den Augen des
Spions Harmlosigkeit vorlgend. Lukardis spielte ihren Part heute
schlecht; ihr Lachen klang geknstelter, ihr Getndel weniger glaubhaft.
Nadinsky erleichterte ihr die Aufgabe, indem er ihr in einer Pause, wo
sie allein waren, zuflsterte, sie wollten streiten. Er erfand den Namen
einer Grfin und behauptete, das Perlenkollier, das die Grfin Schuilow
beim letzten Jour der Frstin Karamsin getragen, sei falsch gewesen.
Lukardis widersprach. Er nahm eine verdrossene Miene an und beharrte auf
seiner Meinung. Eine glhende Rte berzog Lukardis Wangen, denn diese
Heuchelei innerhalb der Heuchelei erweckte ihr Erstaunen und eine dunkle
Furcht vor Nadinsky. Der livrierte Mensch ging und kam, schenkte den
Sekt in die Glser, und seine Miene zeigte ein albernes Bedauern, als
sei er nur an tubchenhaftes Girren gewhnt. Zum Schlu erhob sich
Nadinsky unmutig und herrschte den Kellner an, er mge abrumen.
Lukardis bittender Blick setzte ihn in Verwunderung. Er tat, als bereue
er sein Ungestm und schritt mit ausgestreckten Hnden auf sie zu. Der
Kellner grinste erfreut. Lukardis stand ebenfalls auf und schmiegte nun
den Kopf an seine Schulter, aber nur, um ihm zuzuraunen, er drfe nicht
vergessen, fr den nchsten Morgen den Wagen zu bestellen. Nadinsky
nickte, wandte sich an den Diener und gab den Auftrag, der Wagen sollte
um die sechste Morgenstunde am Tor sein. Der Mensch verbeugte sich
schweigend und wollte gehen.

Auf einmal erschallte ein durchdringender Schrei. Ein zweiter, ein
dritter Schrei folgte. Lukardis faltete erschrocken die Hnde, und
Nadinsky blickte unruhig zur Tr. Der Kellner hatte die Tr geffnet; er
trug eine metallne Platte und hielt die Tr offen. Ein halbnacktes
Frauenzimmer strzte vorber. Die Tr schlieen, hauchte Lukardis wie
entseelt. Da krachte ein Schu. Das schauerliche Brllen eines Mannes
erfllte das ganze Haus. Nadinsky schob den Aufwrter ber die Schwelle
und schlug die Tr zu. Ein paar Minuten lang blieb es still, dann gings
treppauf, treppab in schnellen, bestrzten Schritten. Stimmen murmelten,
eine befehlende Stimme klang von unten, eine jammernde antwortete von
oben. Darnach kam ein so herzzerreiendes Schluchzen, da Lukardis
hnderingend zur Ottomane lief und sich, das Gesicht vergrabend, darauf
niederwarf. Auch auf der Strae schien es nun lebendig zu werden. Es
wurde ans Tor gepoltert. Man hrte deutlich die Stimme eines Polizisten.
Im Flur tnten Schritte, als ob jemand vorbeigetragen wrde. Der Diener
kam herein; mit zerknirschtem Gesicht wandte er sich an Nadinsky und
sagte: Ich bitte Eure Exzellenz ganz unbesorgt zu sein, ich bitte die
Dame, sich zu beruhigen. Es ist ein unbedeutendes Malheur passiert. Eure
Exzellenz werden nicht mehr gestrt werden. Darauf verschwand er.
Nadinsky trat zu Lukardis, setzte sich neben sie und streichelte mit
bebenden Hnden ihr Haar. Zusammenschauernd bei seiner Berhrung, erhob
sie den Kopf und verbot ihm, dies zu tun. Er entfernte sich von ihr und
war des Lebens berdrssig. Sturm rttelte an den Fenstern und
pltzlich, wie zum Hohn, erschallte wieder das Klavier, derselbe Walzer
wie gestern mit derselben zahnlckigen Melodie. Aber lag nur ein Tag
dazwischen? nur ein Tag und eine Nacht? waren nicht Jahre seitdem
verflossen? hatten diese Jahre nicht alle Bilder und Stimmungen des
Daseins vorbergetragen, Lust und Schmerz, Glanz und Armut, Erwartung
und Enttuschung, Gewinn und Verlust, Traum und Tod? Und war dies schon
das Ende? Stand nicht eine Nacht bevor, eine unendliche, geheimnisvolle
Nacht? Nadinsky war es zumute, als ob er seit jenem Augenblick, wo er
die Barrikade erstiegen und die Wunde erhalten hatte, in eine neue
Existenz mit bisher unbekannten Bedingungen und Forderungen getreten
sei, als ob die frhere Existenz mit allen ihren Beziehungen von ihm
losgelst sei und als ob er in dieses Haus gekommen wre, um sein
eigentliches Schicksal auf sich zu nehmen, von Vergangenheit und Zukunft
geschieden, ja ohne Brcken dahin und dorthin.

Beklommen und erregt fiel er auf sein Bett. Nach einer Weile kam
Lukardis. Es war kein Licht im Zimmer, nur im Speisezimmer brannten die
Lampen. In den Spiegeln dehnten sich die Rume grau und unbestimmt.
Lukardis sah nach, ob noch Wasser da war; der eine Krug war noch voll,
und nachdem Nadinsky sich entblt, wusch sie die Wunde. Whrend sie aus
ihrer Handtasche das frische Verbandzeug nahm, fiel ein Buch heraus, und
als Nadinsky verbunden war, bat er, sie mge ihm vorlesen. Sie setzte
sich auf einen Stuhl und las aus dem Buch vor. Es waren Lermontows
Gedichte. Nur wenige Minuten hatte sie gelesen, da fielen ihre Arme
schlaff nieder, der Kopf sank zur Seite und der Schlaf berwltigte sie.
So ohne Widerstand und bergang entschlummern Kinder; Nadinsky htete
sich vor jeder Bewegung; seine Blicke hingen an ihrem Antlitz, und es
war ihm, als msse sein eigenes Gesicht an jedem Wechsel des Ausdrucks
teilnehmen, welchem ihre Zge unterworfen waren. Wunderbarer Friede kam
in sein Gemt. Er streckte die Glieder und atmete wie in der Luft eines
Gartens. Nun regten sich ihre Lippen. Sie flsterte, sie lchelte
zrtlich, die Hnde ballten sich und das Buch fiel von ihrem Scho auf
den Teppich. Sie erschrak, ffnete die Augen, ein entsetzter Blick flog
durch das halbdunkle Zimmer, dann schlief sie weiter. Doch nun schien
die Gewalt des Schlafes immer grer zu werden, der Oberkrper verlor
das Gleichgewicht, sie wre zu Boden geglitten, wenn sie Nadinsky nicht
in seinen Armen aufgefangen htte; er umschlang ihre Schultern und legte
die Schlferin vorsichtig quer ber sein Bett. Ihre Beine blieben auf
dem Sessel liegen, ihr Kopf ruhte auf seinen Oberschenkeln, ihre Arme
waren ber dem Haupt gekreuzt, die Brust hob und senkte sich in starken
Rhythmen. Allmhlich fhlte sich Nadinsky beschwert, das Blut in den
Schenkeln stockte und er hatte Mhe, so regungslos zu bleiben wie am
Anfang. Er lie sich langsam auf die Kissen zurckfallen, schob die
Hnde unter die Decke und unter den Rcken des Mdchens und versuchte,
die Schlummernde auf diese Art zu sttzen. So gelang es ihm, sich
Erleichterung zu schaffen; einmal trugen die Arme, einmal die Schenkel
und Knie die Last. Dabei empfand er eine glhende Freudigkeit, nicht
nur, weil er ihr die Sorgfalt und Mhe vergelten konnte, sondern auch,
weil sie so dicht bei ihm war, so nahe als Kreatur, so unbedingt in
seiner Hut. Oftmals betrachtete er sie, gedankenvoll entzckt, und ihr
Leben, ihr Schlaf, ihr unbewutes Dasein, die Gliederung des
Menschenkrpers, an dem jede Linie eine sinnvolle Schranke gegen das
Chaos der Welt bildete, gab ihm ein unendlich beglckendes Gefhl der
wiedergewonnenen Herzenskraft.

Stundenlang hatte sie geschlafen, als die Trommel einer auf der Strae
vorbermarschierenden Militrpatrouille sie erweckte. Nadinsky hatte
sich eben zum Sitzen aufgerichtet, da begegnete er ihrem Blick, in dem
sich eine dumpfe Verwunderung malte. Zuerst schienen die Augen heiter
strahlen zu wollen, dann hllten sie sich in Schleier der Scham; sie
stie einen hellen, kleinen Schrei aus, sprang empor, und ihr Gesicht
war wie mit Blut bergossen. Sie drckte die Hnde gegen die Brust und
sah stumm vor sich nieder. Ihre Befangenheit schwand nicht, auch als
Nadinsky mit ihr sprach. Er zwang sich gleichgltige Worte ab,
erkundigte sich nach dem Wetter und nach der Zeit. Sie antwortete
zerstreut, und ihre Miene war bald scheu und ngstlich, bald dankbar und
heimlich fragend. Zum letztenmal wusch und verband Lukardis die Wunde
Nadinskys, und whrend sie es tat, hatte sie Mhe, ihre Fassung zu
bewahren; die Welt drauen erschien ihr wie der aufgesperrte Rachen
eines Tieres. Die Uhr zeigte ein Viertel vor sechs, sie muten ihre
Vorbereitungen treffen. Nadinsky war immer stiller und stiller geworden;
als er angekleidet zu Lukardis ins Nebenzimmer trat, war er sehr bla.
Er setzte sich an den Tisch. Lukardis setzte sich gleichfalls, ihm
gegenber; sie hatte den Hut auf, den Pelzmantel an und die Handtasche
stand zu ihren Fen. So warteten sie stumm, mit abgekehrten Blicken,
bis es Zeit war, da sie gehen konnten.

Endlich vernahmen sie von der Strae her das Knattern von Wagenrdern,
und bald darauf klopfte es an die Tr. Der Kellner trat ein, diesmal
ohne Livree; er trug einen verschmierten Schlafrock, die Haare hingen
ihm in ligen Bndeln ber die Stirn und sein Gesicht war mrrisch und
bse. Er prsentierte die Rechnung, Nadinsky zahlte, gab auch gleich das
Fahrgeld fr den Kutscher, dann gingen sie hinab. Zwei Eimer voll
Kehricht standen am Fu der Treppe, und auf der Torschwelle lag ein
schwarzer Hund, der ihnen schnuppernd bis zum Wagen folgte. Kein Mensch
war in den Gassen zu sehen, schweigend fuhren sie den langen Weg.

In einem der inneren Rume des Bahnhofs stand Anastasia Karlowna an
einer Sule. Sie begrte die beiden und fragte nach Nadinskys Befinden.
Dann bergab sie ihm den Pa und einen Koffer, der die notwendigen
Gegenstnde fr die Reise enthielt. Sie eilten auf den Perron, und
Nadinsky stieg in das Kupee. Nach einigen Minuten kam er wieder heraus,
schritt auf Lukardis zu und reichte ihr die Hand. Eine unbesiegbare
Schwche im Nacken verhinderte sie, den Kopf zu heben und ihm das
Gesicht zuzuwenden. Dann ergriff er noch ihre andere Hand, die linke mit
seiner linken, und die vier Hnde lagen beieinander wie Glieder einer
geschmiedeten Kette. So verharrten sie einen Augenblick und erschienen
sich selbst als Figuren in einem Traum. Anastasia Karlowna machte
warnende Zeichen, da kehrte Nadinsky mit schleppendem Gang zum Waggon
zurck und klomm die Treppe hinauf. Er trat ans Fenster, in dessen
schwarzer Umrahmung und im Grau des Nebels war sein Gesicht ein
kreideweier Fleck. Nun ertnte die Pfeife, und langsam rollte der Zug
aus der Halle.

Als Lukardis nach Hause kam, fand sie ihre Mutter in Trnen aufgelst.
Die Frau hatte nicht gewagt, ihrem Gatten von dem Brief der Tochter
Mitteilung zu machen und ihm deren Verschwinden durch mhevolle Listen
verheimlicht. Es gab eine sonderbare Auseinandersetzung zwischen
Lukardis und der Mutter, eine Szene, bei der die taubstumme Frau in der
erregtesten und flehendsten Weise gestikulierte, whrend das Mdchen nur
den Kopf schttelte und mit keinem Laut, keiner Gebrde sonst
antwortete. Allmhlich wurde die Generalin von einer heftigen Sorge um
Lukardis ergriffen, die sich in Bestrzung verwandelte, als Lukardis
sich beharrlich weigerte, den Staatsrat Kussin zu sehen, der fr einige
Tage nach Moskau gekommen war. Auch der Zorn des Vaters fruchtete nicht,
sie sah nur still und ohne zu sprechen vor sich nieder. Die Verlobung
mute gelst werden, und beflissener noch als zuvor wich Lukardis den
Menschen aus, den Freunden, den Fremden, der Mutter, dem Vater, den
Schwestern. Sie war ganz in sich gesunken, ganz verwandelt, und da die
rzte den Rat erteilten, sie auf Reisen zu schicken, ging die Generalin
mit ihr nach Paris, spter ans bretonische Meer. Eines Nachts
berraschte die Mutter sie, wie sie auf den Fliesen der Terrasse ihres
Zimmers lag, die Hnde hinter dem Kopf verschrnkt und mit
weitgeffneten, unbeschreiblich strahlenden Augen in den gestirnten
Himmel schaute. Der Ausdruck ihres Gesichts zeugte von einer
grenzenlosen, den meisten Menschen unbekannten Einsamkeit.

Nadinsky blieb verschollen. Einige Leute behaupteten, er lebe auf einer
Farm im westlichen Kanada. Niemals hat Lukardis seinen Namen erfahren,
niemals er den ihren.




Ungnad


Lnger als zwlf Jahre dauerte nun die Liaison zwischen Erasmus Ungnad
und Grfin Marietta Giese, und Georg Ulrich Castellanis boshafte
Bemerkung, es sei bald an der Zeit, sie in die Galerie berhmter
Liebespaare einzureihen, zeigte zum mindesten den Grad der Verwunderung
unter manchen Freunden an, vom Mifallen anderer zu schweigen. Doch die
Freunde hatten so wenig Einflu darauf wie die Familie, die Rcksicht
auf die Karriere so wenig wie der Gedanke an persnliches Behagen. Im
Grunde stand man vor einem Rtsel. Erasmus war nichts weniger als ein
Toggenburg; Ausharren war sonst seine Strke nicht; Marietta nichts
weniger als ein Kthchen, im Gegenteil, eine Frau von Welt, ein
berlegener Charakter.

In gewissen Zeitabstnden erfolgte ein Bruch. Beiden schien es jedesmal
damit Ernst zu sein. In kameradschaftlichen Auseinandersetzungen,
brieflich oder mndlich, verstndigten sie sich, da es fr das Wohl des
andern wnschenswert und notwendig sei, wenn sie auseinandergingen und
da es der gegenseitigen Achtung zum Vorteil diene, wenn es in Frieden
und Herzlichkeit geschhe. Sie gaben einander in aller Form frei; zwei
Monate darauf war gewhnlich die Verbindung wieder hergestellt. Erasmus
Schwester Francine wute in solchen Fllen keine triftigere Erklrung,
als da sie Marietta eine dmonische Natur nannte. Drei Jahrhunderte
zurck, und sie htte sie in ihrer Erbitterung ffentlich der Hexerei
angeklagt.

Nach seiner Rckkunft aus Japan im Jahre 12 schien die Loslsung
nachhaltig zu sein. Er hatte in Tokio einen vielbeneideten
Vertrauensposten bekleidet; sein Chef, der Minister des uern, groer
Herr damals, Leuchte der Diplomatie, der er fr seinen Teil und fr
seinen Monarchen, zum letztenmal wahrscheinlich fr alle Zeiten, zu
einem Triumph unter den europischen Mchten verholfen hatte, hielt
groe Stcke auf ihn und war dem grflich Ungnad'schen Hause auerdem
wohlgesinnt. Diese mchtige Hand erffnete ihm die glnzendsten
Aussichten; er war zunchst zu einer hervorragenden Stellung bei der
Botschaft in London bestimmt; das Diplom des Gesandten winkte in nicht
allzuweiter Ferne. Francine schwamm in Hoffnung und entfaltete alle ihre
Krfte, um eine vorteilhafte Heirat zustande zu bringen. Der Moment war
so gnstig wie er nie gewesen. Zwei Projekte waren in den Vordergrund
gerckt. Das eine betraf eine junge Barone Spielberg, die von Seite
ihrer Mutter, einer Amerikanerin, enormen Reichtum zu erwarten hatte;
das andere die zweitlteste Tochter der Rienburg-Rhedas, Komte
Sebastiane, zweiundzwanzig Jahre alt, schn, anziehend und, wie Francine
erfahren hatte, noch von Rom her, wo Erasmus unter Graf Rienburg-Rheda
Legationssekretr gewesen war, in ihn verliebt. Zudem gehrten die
Rienburg-Rhedas zum begtertsten Adel des Landes; sie verfgten ber
soliden und alten Besitz an Grund und Boden, Husern, Schlssern,
Wldern, Wssern, ererbtem und erheiratetem Besitz, in hundertjhrigen
Traditionen gefestigt wie die Hausmacht der groen Dynasten.

Beide Projekte zerschlugen sich. Erasmus' Schuld am Milingen war nicht
zu durchschauen. Im einen Fall hatte er sich nicht entscheiden knnen,
im andern hatte er sich berhaupt nicht vorgewagt, so da man es
wenigstens mit der Familie nicht verdorben hatte und niemand
blogestellt war. Die kleine Hortense Spielberg hatte er hingehalten und
ihr den Kopf verwirrt, hatte immer wieder Erwartungen in ihr erregt, um
sie immer wieder zu enttuschen, bis sie in einem Zustand hysterischer
berreizung erklrt hatte, sie wolle ihn nicht mehr sehen. Bei
Rienburg-Rhedas war er eine Woche lang zu Gast auf dem sdmhrischen
Gut; am dritten Tag raffte ein Schlaganfall den Grafen hin, und er, den
Unglcks- und Todesflle in eine lcherliche Panik versetzten, reiste
unverrichteter Dinge wieder ab. Das Ende vom Lied war gleich darauf die
Vershnung mit Marietta.

Francine war verzweifelt. Sie malte ihm die Folgen aus. Es war zu
befrchten, da der Minister seine Hand von ihm abzog. Oft schon war
seine Laufbahn durch diese Frau gefhrdet gewesen. Francine erinnerte
ihn daran, wie sie eines Tages pltzlich in Petersburg erschienen sei
und ihm Verdrielichkeiten bereitet habe; oder den Winter darauf bei der
Monarchenzusammenkunft in Berlin; sie rief ihm die Worte ins Gedchtnis,
die ihm vor drei Jahren seine Tante, die kluge Terese Klingenberg
geschrieben: da ein Mann, der im politischen Leben wirke, um keinen
Preis seinen privaten Wandel meskiner Nachrede darbieten drfe; entweder
msse alles so verschleiert sein, da die Neugierde niemals dahinter
kommen knne, oder es msse eine klare Eindeutigkeit walten, so oder so;
nichts sei geeigneter, die ffentlichkeit gegen einen Diplomaten zu
verstimmen als ostensible Herzenspassionen.

Sie las ihm die Stelle vor; sie hatte den Brief aufbewahrt. Sie
erschpfte sich in stundenlanger Beredsamkeit. Sie zitierte Urteile,
Prophezeiungen, Meinungen seiner nchsten Freunde ber ihn und
hauptschlich ber Marietta. Sogar der unbetrchtliche Ferry Sponeck
mute herhalten. Ihre Leidenschaft stammte aus der Liebe zu Erasmus, aus
der Sorge um ihn. Er war der Letzte des Geschlechts; sie fhlte sich fr
ihn verantwortlich. Sein Vermgen war gering. Sie hatte in den letzten
Jahren versucht, es durch Brsenspekulationen zu vermehren; da sie gut
beraten war und mit Geschicklichkeit operierte, war ihr dies gelungen.
Aber wenn sie auch Millionen gewonnen htte, was htten ihr die
gefruchtet; das Glck, das sie fr ihn im Auge hatte, war ein hheres.
Der in ihr aufgehufte Groll gegen Marietta verlieh den Argumenten, mit
denen sie Erasmus zu Leibe rckte, eindringliche Schrfe. Mit
Menschenkenntnis sonst nicht eben begabt, entwarf sie, durch Ha
befeuert, ein Bild von Marietta, das in der Verzerrung noch Zge der
Wahrheit hatte und abschreckend genug war: Ehrgeizig nannte sie sie;
eitel; seelenlos; durch Lektre verbildet; im Bestreben, die groe Dame
zu spielen, durch ihre heikle Situation doppelt herausfordernd; mit zur
Schau getragener Freiheit nah daran, fr eine Abenteuerin zu gelten;
unergrndlich egoistisch und wie alle sehr egoistischen Frauen
gefhrlich sinnlich; lngst ber die erste Jugend hinaus, auch ber die
zweite bald; getrennt von einem Mann, der ihr alles geopfert, sie auf
Hnden getragen hatte und unglcklich und vereinsamt war, geistig und
krperlich ein Krppel.

Francine war khn. Sie mute auf verletzende Vergleichung gefat sein.
Sie selbst war ja in heikler Situation. Ihr Schicksal als Weib hatte sie
von unbehteten Jahren an andere Wege gefhrt als die blichen und
gebilligten. Nur durch ihre Zhigkeit und Klugheit hatte sie dann doch
Boden gewonnen und ihre Stellung in der ersten Gesellschaft behauptet.
Dunkles Schicksal, das in einem von ihr selbst nie ganz begriffenen
Gegensatz zu ihrem Wesen stand.

Erasmus widersprach nicht. In allem, was auf seine Person zielte,
pflichtete er ihr bei. ber Marietta schwieg er. Er empfand Francines
Zrtlichkeit; ihr Ungestm belstigte ihn. Sie verlangte Versprechungen,
er weigerte sich. Er erbat sich Bedenkzeit, die Bedenkzeit verstrich,
und das Ergebnis von Francines Bemhungen war, da er zu Marietta auf
ihren Landsitz Eichfurth reiste. Da ging sie zum Minister. Sie vertraute
sich ihm ohne Rckhalt an, und die Art, wie er ihr lauschte, lie die
herzliche Zuneigung fr Erasmus erkennen. Er wrdigte die Schwierigkeit;
ihn zu entfernen, hielt er fr notwendig wie sie; der Londoner Posten
kam augenblicklich noch nicht in Betracht, dagegen bot sich die
Mglichkeit, ihn nach Indien zu schicken; es fand dort eine
Jubilums-Feierlichkeit statt; die englische Regierung und der Vizeknig
hatten die Mchte zur Teilnahme eingeladen, und vierundzwanzig Stunden
spter war Erasmus fr die Mission ernannt. Ein Telegramm rief ihn von
Eichfurth zurck, zehn Tage darauf lief das Schiff aus dem Triester
Hafen. Francine glaubte ihn wieder einmal gerettet. Jeder verflossene
Monat war Gewinn. Erasmus war dreiunddreiig, Marietta Giese
fnfunddreiig; der Zauber mute binnen kurzem brechen; was die Vernunft
nicht erreichte, wrde die Zeit bewirken. Wenn es auch noch Kmpfe
kostete, Francine war gerstet. Indes gelang es ihren hartnckigen
Bemhungen, da man Erasmus von Kalkutta aus, als seine Aufgabe dort
beendet war, unmittelbar nach London befahl.

       *       *       *       *       *

Graf Erasmus Ungnad stand seit seinem einundzwanzigsten Jahr im
diplomatischen Dienst. Der Weg war der herkmmliche und vorgeschriebene
gewesen; die Stationen: Rom, Petersburg, Stockholm, Washington, Tokio;
und nun London. Er hatte viel gesehen, viel gehrt; nach seiner Meinung
viel erlebt. Er kannte das Inwendige der politischen Maschinerie. Er
hatte gelernt, wie die Hammelherde Volk geleitet wird. Sein Platz bei
den markanten Begebenheiten war in der Proszeniumsloge. Die
reprsentativen Pflichten erfllte er mit gengender Wrde.
Verantwortung war ihm aufgebrdet; er wute um die Last, seine Haltung
deutete sie an. Geschlechteralte Zucht machte ihn zum Vorbild fr
Unsichere. Die Gebrde verriet, da er in seine Rolle hineingeboren war.
Selbstverstndliches Tun und Sein, darauf kam es an; das gelegentliche
Nachdenken darber war Verzierung, die man sich in Muestunden
gestattete. In der Fhrung der Geschfte von unbedingter Verllichkeit,
gewissenhaft wie ein Automat und verschwiegen wie ein Panzerschrank, war
er berall der Mann des Vertrauens, der Vermittlung und der
Beschwichtigung. Keinem Menschen fiel es ein, von seinem Geist oder
seinem Genie zu sprechen, aber seine Ritterlichkeit und Freundestreue
hatten schwrmerische Lobredner.

Die Ereignisse trugen ihn; die Menschen trugen ihn; die Jahre trugen
ihn. Es gab keine Stockungen, im eigentlichen Element keine Trbung, nur
ber das uere und Betriebmige war zuweilen ein Schleier von Unmut
gebreitet. Aber der Strom flo breit und gefllig dahin. Dem vorwrts-
wie dem zurckschauenden Blick boten sich dieselben Bilder: geschmckter
Weg, umfriedetes Revier, Flle der Verlockungen, Menge der Dienenden,
erschlossene Welt. In Stunden der Trumerei flammte in seinem sonst
trgen Gedchtnis auf, was ihm erworbenes und in Sicherheit gebrachtes
Lebensgut war: ein marokkanischer Himmel, rot vor Blue; prunkvolle
Aufzge, veranstaltet von exotischen Frsten; feierliche Empfnge;
illuminierte Sle; militrische Paraden; Frauen, die um Liebe warben;
fremdartige Landschaft. Aus Japan hatte er ein Tagebuch mitgebracht, das
er in wenigen Exemplaren fr seine Freunde drucken lie. Es wurde damals
als die feinste Blte aristokratischer Lebensauffassung und
Betrachtungsweise bezeichnet und enthielt zarteste Dinge. Die Art, wie
Gegenwart und Wirklichkeit erhascht waren, war naiv und aus erster Hand,
oft ein bichen einfltig sogar, wie eine Fibel einfltig ist. In der
Mischung von Bescheidenheit, Wibegier und unschuldiger Philosophie
drckte sich Ungnads Wesen sehr liebenswrdig aus. Es waren Fahrten
darin geschildert, Fahrten auf dem Meer und auf Flssen, in der Nacht,
auf Booten mit Lampions behngt, Schauspiele und Wanderungen, Tempel und
Grten; von Menschen kaum ein Gesicht, von Schicksalen kaum ein Hauch;
hingegen Blumen, immer wieder Blumen, Namen von Blumen, Farben von
Blumen, Gerche von Blumen; ein umgewandeltes Sinnliches, lie es das
sinnlich Gebannte seiner Natur erraten, auch wieviel Trgheit in seiner
Hingebung war und wieviel Formbeharren in seinem Genieen.

Die vierzehn Londoner Monate vor Ausbruch des Krieges entfalteten alle
Berckungen seiner Welt. Ununterbrochene Folge von Festen. Der Reichtum
und die ppigkeit von Europa, ja des Erdballs hatten sich zur Strahlung
verdichtet, und er stand mitten im leuchtenden Kern, begnadet und Gnaden
spendend. Die Knste der Nationen vereinigten sich, der herrschenden
Kaste zu huldigen, die Tage waren mit Kostbarkeit gesttigt. Feuer des
bermuts lag in den Gemtern, das Ungewhnliche war Nahrung fr den
Gewhnlichsten, Nchterne wurden auf lichtverklrte Hhe gehoben und
sahen den Horizont wolkenlos. Als dann der Wetterschlag einbrach, stob
alles in atemloser Bestrzung auseinander, und ber das rubenshaft
glhende Gemlde fiel schwarzer Flor, um es auf immer zu verdecken.

Was darnach kam, war trockne Amtsausbung in vorgeschobenen Bezirken,
eroberten Provinzen, umrasselt von Waffenlrm. Man hatte Mhe, den Kopf
obenzuhalten. Das Geschrei aus den Lagern hben und drben lhmte; der
Ha verunreinigte wie Schmutz, der kleben bleibt und sich in die Poren
frit; die Guirlanden waren weggerissen; die Ble der Leiber stierte
einen an; Rausch des Anfangs wurde Scham; eherner Unterbau wankte; die
kaum merkbare Allmhlichkeit, mit der die Existenz ins Enge und
Sorgenhafte geriet, war entnervend; und so der bestndige wtende Sturm,
der die Bltter vom Lebensbaum wirbelte, die Zweige knickte, die Wurzeln
ins Zittern brachte. Arbeit gab keine Frucht; der General regierte. Man
war Figur im Schachspiel, ohne zu wissen, wie die Partie stand. Die Not
der Lnder schrie, des eigenen vor allen; man berredete sich zur Demut,
suchte Belehrung in der Vergangenheit und wurde erst recht irre, verwob
persnliches Geschick willig mit dem Ganzen, hoffte, frchtete, wartete,
Jahr fr Jahr, wartete auf Schlimmes und war doch nicht im entferntesten
vorbereitet, in der tiefsten Verzagtheit nicht, auf das, was die Zeit
dann wirklich machte.

Im August des Jahres 18 wurde er mit dem preuischen Oberst Grimm nach
Armenien entsendet, um Bericht ber die Zustnde zu erstatten, die der
feindlichen Propaganda Nahrung gaben. Trkische Offiziere und Beamte
begleiteten sie, um im Notfall zu vertuschen, was vertuscht werden
konnte. An vielen Orten wurde ihnen ein knstliches Schaugeprnge
vorgefhrt, Blendwerk; zuletzt offenbarte sich das Grauen. Auf der
Heimreise, man hatte schon die Vorbedeutungen im Blut, schrieb Erasmus
vom Schiff aus an Francine: Es war schn, als der Katholikos in
Echtmiadzin unsere Abordnung empfing. Ich habe nie so herrliche Gobelins
gesehen und so prunkvolle goldene Gefe. Der Katholikos war in Gold und
Purpur gehllt; der kirchliche Hofstaat, der um ihn versammelt war,
blendete die Augen durch die Pracht seiner Gewnder. Vor den
Bogenfenstern des riesigen Saals sah man die schneebedeckten Gipfel des
Taurus, und alle berragte der mchtige Arrarat. Da schauderte es einen;
Arrarat; beim bloen Namen berlief es einen. Aber auf dem Schlohof
unten stand eine tausendkpfige Menge, und von ihr stieg ein
eigentmliches winselndes Brausen empor. Erst glaubten wir, die Leute
seien zum Gottesdienst gekommen, der dann stattfinden sollte; aber der
Katholikos wies mit dem Arm hinab und sagte zu mir und Oberst Grimm
gewendet: sie hungern; sie flehen um Brot; sagen Sie Ihrem Kaiser, da
sie hungern. Die trkischen Herren hinter uns duckten sich, und ich
schaute, whrend das eigentmliche winselnde Brausen fortdauerte, in den
Schnee des Arrarat hinber. Am nchsten Tag sind wir durch die glhenden
Tler zum Meer geritten, an Ruinen vorbei und ber Schlachtfelder.
Wste und Weinland grenzen dicht aneinander, manchmal kauert ein mit
Fetzen bedeckter Mensch vor einem Felsenloch. Als wir an die Kste
kamen, lag der Ozean mrchenhaft blau, aber die Luft war verpestet durch
zahllose Leichen, die auf dem Wasser schwammen, nackt und in Kleidern,
viele bis zur Unkenntlichkeit verstmmelt, Mnner, Weiber und Kinder.
Die trkischen Truppen hatten wieder einmal ein Massaker unter den
Armeniern angerichtet und wehrlose Scharen einfach ins Meer getrieben.
Ich dachte mir: die grandiose Natur, und der Mensch eine Bestie, die sie
schndet. Der Himmel und das Meer in ihrer Schnheit waren Lge.

Er hatte sich mit Oberst Grimm whrend der langen Reise ziemlich
angefreundet; der Oberst war ein stiller, vernnftiger Mann; weit
trtabler als seine preuischen Landsleute, fand Erasmus. Als er sich in
Budapest von ihm verabschiedete, stand auf dem Bahnsteig, drei Schritte
von ihnen, ein Soldat, ein deutscher Soldat, abgerissen und verludert;
stand da und starrte dem Oberst, ohne ihm den militrischen Gru zu
geben, frech ins Gesicht. Der Oberst sah ihn an, seine Stirn rtete
sich, er machte Miene, auf ihn zuzugehen, besann sich pltzlich, senkte
vor Erasmus den Blick zu Boden und sprach mit Aufwand aller
Selbstbeherrschung von etwas Gleichgiltigem.

Diese Szene wollte Erasmus nicht aus dem Gedchtnis, whrend er allein
die Reise fortsetzte.

Man war bedroht. Unheimliches geschah, und man wute nicht, wie man sich
seiner erwehren sollte. Man befand sich auf einer gewissen Hhe,
unangreifbar, unerreichbar. Man geno verbrieften Schutz von altersher.
Die Sicherungen waren bewhrt und tragfhig gewesen bis jetzt. Man war
gewohnt, viel Raum um sich zu haben. Raum feite, Raum trennte. Die
andern, die Leute, bewegten sich weit drauen. War doch schon ihr
respektvolles Aufmerken bisweilen lstig. Man konnte unbeschrnkt
verfgen: ber bezahlte Menschen, ber die Stunden, ber die Dinge. Die
Dinge schmiegten sich schmeichelnd in die Hand, die unter ihnen whlte.
Und das Gesetz, das durch die stummen Jahrhunderte geheiligt war,
schrieb das Ma vor.

Dies wurde auf einmal bestritten, schien es. Vorrechte wurden
angetastet, die sich auf das Zarteste der Existenz erstreckten, auf
unentbehrliche Schattierungen, auf ehrwrdigste Institutionen, auf
auserlesene Formen, auf Auserlesenheit berhaupt, unleugbare, weil durch
das Blut bedingte. Einspruch zu erheben, ging schon gegen die Wrde.
Dabei war das widrig Bedrohliche nicht zu fassen. Es war so hmisch, so
erbitternd unlogisch und schlich in den Winkeln herum, ein feiges
Gespenst.

Man sa aufrecht und hielt sich bereit.

       *       *       *       *       *

Francine war von einem neuen Heiratsprojekt entflammt. Es handelte sich
wieder um eine Rienburg-Rheda, um die dritte Tochter, die inzwischen
herangewachsene zwanzigjhrige Pauline. Es waren im ganzen vier
Schwestern. Die lteste, Polyxene, Lix genannt, hatte sich sehr frh mit
dem Freiherrn von Lerchenfeld-Quadt verheiratet; sie lebte seit einigen
Jahren, getrennt von ihrem Gatten, bei der Mutter, unbekannt aus welcher
Ursache. Es hie, eines Tages sei sie ihm einfach davongelaufen, als er
in der Trunkenheit zwei Tnzerinnen in die Wohnung mitgebracht hatte.
Sebastiane hatte ein Jahr nach ihres Vaters Tod einen Grafen Dettingen
geehelicht, Husarenrittmeister, der bei Luck gefallen war. Sie war
Mutter von zwei Kindern geworden. Dann waren noch die Komtessen Pauline
und Aglaia da, letztere erst siebzehn Jahre alt.

Francine hatte den Plan mit Umsicht und in allen Teilen sorgfltig
vorbereitet. Befreundete Sendlinge waren hin- und hergereist, um die
Stimmung auszukundschaften, unverpflichtende Anfragen waren gestellt,
Briefe waren geschrieben worden, deren Taktik an Musterstcken
verflossener Kabinettsdiplomatie geschult war, und allmhlich
entwickelte sich das Unbestimmte zur Greifbarkeit. Ehe noch Erasmus aus
Konstantinopel zurckgekehrt war, hatte sie schon die Einladung der
Grfin Rienburg fr ihn in Hnden. Von Tag zu Tag unruhiger wartete sie
auf seine Antwort, denn es verkndigten sich verhngnisvolle Ereignisse,
und der politische Himmel war schwarz verhngt wie ein Sarkophag.

An demselben Morgen, wo sie seine Depesche erhielt, erfuhr sie, da
Marietta aus Eichfurth in die Stadt gekommen sei. Das konnte nichts
anderes bedeuten, als da sie Nachricht von ihm hatte und ihn ebenfalls
erwartete. Ohne langes Besinnen verfate sie eine ungestme Epistel, in
welcher sie Marietta auseinandersetzte, da Erasmus' Zukunft auf dem
Spiel stehe; da er zu lange schon seine besten Krfte und besten Jahre
damit vergeude, die Ketten abzuschtteln, die sie um ihn geschlungen;
da er allmhlich in das Alter trete, in dem man aufhre, fr die Frauen
mitzuzhlen; da er jetzt im Begriff sei, eine glnzende Verbindung
einzugehen, und da die Familie, um kein Mittel unversucht zu lassen,
sich an ihre Einsicht und oft bewiesene Geistesstrke wende, die ihr
zweifellos den Weg aus dem Dilemma zeigen wrden.

Zum Glck las sie den Brief, ehe sie ihn abschickte, ihrer Cousine Nora
Klingenberg vor, die ihr solchen Schritt entschieden widerriet. Soll
denn das alte Spiel wieder von vorne beginnen? rief Francine erregt
aus; Bruch, Vershnung; Trennung, Reue; Versprechen, einander ewig zu
meiden und gerhrtes in die Arme-Sinken. Es ist nicht lnger zu
ertragen. All die Jahre her ist es so gegangen, man wird zum Gelchter
der Welt. Nora Klingenberg hielt der Entrsteten vor, da sie mit ihren
Vergewaltigungsmethoden das bel verschlimmere; da kme Erasmus erst
recht aus dem Schwanken und Zaudern nicht heraus. Je verfhrerischer man
ihm den Kder bereite, je mehr Kopfzerbrechen verursache ihm das
Zugreifen; je mehr man ihn berrede, je sttziger werde er. Sie solle es
listiger anpacken, gelassener, auch mit Marietta. Sie erbot sich, zu
Marietta Giese zu gehen und mit ihr zu sprechen, als Frau zur Frau.
Dadurch erwachse vielleicht Verstndigung. Francine umarmte sie und
sagte, sie sei ein Engel. La dir nicht von ihr imponieren, warnte
sie; vergi nicht, wie sie dir vorigen Winter auf dem Rout bei
Castellanis ber den Mund gefahren ist, als darber debattiert wurde, ob
die Lehndorffs oder die Klingenbergs lter seien. Ich versichere dir,
ihr Grovater Johann Lehndorff hat Geld auf Zinsen geliehen, obgleich er
Statthalter gewesen ist; und die Zinsen mssen hoch gewesen sein, Georg
Ulrich behauptet, nie unter zwlf Perzent.

Aber Baronin Nora kehrte ziemlich niedergeschlagen von dem Besuch
zurck. Sie berichtete, Marietta sei khl gewesen, spttisch, glatt,
ausweichend, habe sie bestndig abzulenken gewut; habe sie einmal, als
sie sich einen Anlauf genommen, sonderbar lchelnd angeblickt, und
nachdem man eine halbe Stunde geredet, habe man im Grunde nichts
geredet. Sie mache mit einem, was sie wolle, es sei nicht gegen sie
aufzukommen; wenn man noch beim C halte, sei sie bereits beim Ypsilon,
und jeder Satz habe zehn Facetten. Im brigen sei sie hbsch wie nur je;
als seien fnfzehn Jahre spurlos an ihr vorbergegangen; bestrickend und
anmutig, das reine Wunder.

Da geriet Francine in helle Wut; auf- und abschreitend fing sie an zu
schimpfen wie ein Marktweib. Drohte, hhnte; stie Gegenstnde aus dem
Weg; schwor, da sie die gefhrliche Komdiantin vernichten wolle,
vergo Trnen sogar, und die erschrockene Baronin Nora gab sich
vergebliche Mhe, sie zu besnftigen.

       *       *       *       *       *

Graf Ferdinand Sponeck war einer von Erasmus ltesten Freunden. Er war
in jeder Beziehung steckengeblieben, sowohl was seine Laufbahn als auch
was seine Entwicklung betraf. Trotzdem vielfache Einflsse fr ihn
gewirkt hatten, war er in einem der fr unfhige Hochtories
vorbehaltenen Prsidialbureaus kaltgestellt worden. Es ging auf keine
Weise mit ihm. Er war nicht einmal imstande, orthographisch richtig zu
schreiben. Erasmus erlaubte sich kein Urteil darber, ob er wirklich so
dumm war, wie alle sagten. Er liebte den Umgang mit ihm wegen seiner
vollkommenen Diskretion.

Mit Mnnern konnte er sich im allgemeinen schwer verstehen. Sie vermaen
sich an ihm. Sie wollten in ihn eindringen und bedachten nicht, da das
verletzt. Mnner im allgemeinen wuten wenig von dem Grad der
Verletzlichkeit eines Menschen. Ferry Sponeck hingegen verpflichtete nie
und insistierte nie. Manchmal plapperte er und erzhlte Klatsch; indem
er seine Nichtigkeiten von sich gab, stimmte er vertrauensvoll; es kam
einen pltzlich die Lust zu Erffnungen an, ja zu Bekenntnissen oft; man
wurde mitteilsam, gerade gegen ihn, der so kindlich erstaunte Augen
machte, bei ganz verkehrten Anlssen bedauernd den Kopf wiegte und sich
dann und wann zu einer albernen Zwischenbemerkung aufraffte. Man war
eigentlich mit sich allein und wurde doch durch Menschenaugen aus sich
hervorgelockt. Man geriet ins Sprechen, Drckendes wich, wenigstens fr
die Stunde, Vergangenes ordnete sich. Man hatte keine Taktlosigkeiten zu
besorgen, keine neugierigen Fragen, nicht die klugen Aperus und
beunruhigenden Haarspaltereien, die an den Leuten von Geist so
verdrielich waren.

Schon am Tage nach seiner Rckkunft sagte er sich bei Ferry Sponeck an,
der in einem kleinen alten Palais in einer kleinen alten Gasse wohnte.
Langsam und versonnen ging Erasmus hin. Er sprte das Unheil in der
Luft. Vor vielen Jahren, in Sizilien, hatte er am Abend vor dem groen
Erdbeben dieselbe andauernde Qual in allen Nerven empfunden. Er
erinnerte sich, da er dann, ins Hotel zurckgekehrt, einen Weinkrampf
gehabt hatte.

Seine Erregung wuchs, als er Ferry Sponeck bei der Lampe gegenbersa.
Dieser braute Kaffee in einer kupfernen Maschine und blies bisweilen in
die Spiritusflamme, wobei er die Backen voll Luft pumpte und aussah wie
der Boreas auf alten Bildern.

Drben im Ministerium geht alles drunter und drber, sagte Erasmus.
Sie transportieren Aktenschrnke auf den Dachboden und lassen
Telegramme unbeantwortet liegen.

Ferry Sponeck seufzte.

Erasmus schaute grbelnd vor sich hin. Ich verschliee mich der
Tatsache nicht, wie die meisten unter uns, da wir leichtsinnig
gewirtschaftet haben, sagte er mit seiner trgen und verschleierten
Kopfstimme; wir hatten keine Fhrer; keiner war der Herr. Manche haben
das Unglck kommen sehen und haben gespottet. Die Schuld ist gro, und
der Unverstand, und die Blindheit. Aber offene Rebellion, das darf nicht
sein. Wenn das eintritt, geht die Welt unter. Rebellion ist Satans Werk.
Rebellion heit, da Christus verleugnet und ans Kreuz geschlagen wird.
Alle zweitausend Jahre, hab ich einmal gelesen, schlagen sie ihn ans
Kreuz, und jetzt ist bald die Zeit.

Ferry Sponeck nickte. Der Kaffee schumte braun unter der Glaskuppel,
und er drehte bedchtig den Hahn auf. Der kochende Strahl rann schwarz
in die goldene Tasse.

Erasmus sagte: Die murren, werden tglich mehr. Noch wagen sie einen
nicht anzuschauen, aber hinterrcks zcken sie das Messer. Sie tragen
das Messer aufgeklappt in der Tasche; morgen werden sie auf einen
losgehen. Hast du auch manchmal ein Klirren im Ohr wie von zerbrochenen
Fensterscheiben? Es dringt bis in den Schlaf. Und dann hrt man
Geschrei, fernes Geschrei.

Du denkst zuviel nach, Mumu, tadelte Ferry Sponeck liebevoll; bei
intimen Anlssen nannte er Erasmus Mumu, wie man ihn als Kind gerufen.
Bist du denn ein Gelehrter, da du fortwhrend denken mut? Wir knnens
nicht ndern, wir beide, wir mssens geschehen lassen.

Erasmus sprach stockend weiter: Ich bin einmal von Corfu nach Athen mit
einem alten Segelschiff gefahren, da sind nachts die Ratten ber meine
Bettdecke gerannt. Es war grausig, und der morsche Kasten ist auch bei
der nchsten Fahrt gesunken. Seine Stimme wurde leiser, und er rieb
nervs die Finger aneinander. Gefrchtet hab ich mich nicht, aber
Ratten, das wirst du zugeben, das ist das Ekligste auf der Welt. Im
Finstern verlassen sie sich auf ihre scharfen Zhne; im Finstern sind
sie frech. Sie selber sind geschtzt, natrlich; durch ihre Zahl sind
sie geschtzt, durch den Unrat und durch das Grausen. Er machte eine
Pause und lchelte krnklich und hochmtig. Einschchtern darf man sich
nicht lassen. Keine Schwche zeigen. Wir, wir haben die Religion; davon
wissen sie freilich nichts, die Ratten; und das, was man Ehre nennt,
haben wir. Ehre, das ist wie eine diamantene Kugel. Das Ungnadsche
Wappen hat eine schne Devise: #fort et modeste.# Ehestens wird das
nicht mehr viel bedeuten. Ehestens vielleicht werden sie das Wappen
zerschlagen. Zerschlagen mgen sie es immerhin; besudeln sollen sie es
nicht. In dem Glauben kann mich keiner wankend machen, da alle
Legitimitt von Gott stammt.

Ferry Sponeck nickte andchtig. Erasmus erhob sich lssig auf den langen
Beinen und wiederholte mit einer Art Verbohrtheit: Damit steh und fall
ich, da alle Legitimitt von Gott stammt.

       *       *       *       *       *

Als ihm Francine von der Einladung der Grfin Rienburg-Rheda berichtete,
erklrte sich Erasmus zu ihrer Freude bereit, sie anzunehmen. Er wute,
worum es sich handelte; er wute, da Francine nur auf das eine Ziel
hindrngte, und er enttuschte sie nicht einmal durch ein Kopfschtteln
oder das obstinate Lcheln, das er bei solchen Gelegenheiten hatte. Die
Stadt machte ihn elend, er sehnte sich nach Stille und Landschaft. Ist
es aus zwischen dir und Marietta? fragte Francine halb drohend, halb
ngstlich. Er antwortete: Es ist schon lange aus. Darauf Francine,
entzckt: Seht ihr euch gar nicht mehr? Er, khl und gezwungen: Ach
ja, wir sehen uns, aber selten, sehr selten. Zuletzt haben wir uns im
Juni getroffen. Francine verbreitete sich nun ausfhrlich ber den
Charakter der Komte Pauline, und da eine Ehe zwischen ihr und Erasmus
der Gipfel des Wnschbaren sei. Er hrte still zu und sagte dann: Es
ist mglich, da du recht hast, Francine. Du hast ja meistens recht.
Francine nahm den Vorteil des Augenblicks wahr und ntigte ihn, an die
Grfin zu telegraphieren, da er an dem und dem Tag kommen wrde.

Um gefllig zu sein, willfahrte er ihr. Dann aber fielen ihm die
Schwierigkeiten ein, und bei jeder einzelnen verweilte er gewissenhaft.
Man wrde unbekannte Leute treffen; er stellte sich solche der
abstoendsten Art vor; geschwtzige Personen, zudringliche Personen.
Verpflichtungen wrden entstehen; diesen oder jenen wrde man verletzen
und sich wieder um ihn bemhen mssen; Zwang wrde ausgebt werden; Lrm
wrde sein; irgendeiner wrde da sein, der Tren warf oder des morgens
um fnf Uhr nach der Scheibe scho, oder mit unendlichem Gerede einen
Hund abrichtete; Utensilien waren zu kaufen, Koffer zu packen,
Nachrichten zu dirigieren; das alles hufte sich zu einem Gebirge, und
er verschob den Termin. Francine ereiferte sich, er wich zurck. Er
sagte, man bedrfe seiner im Amt. Sie erwiderte, man bedrfe seiner mit
nichten; bei der Lage der Dinge empfehle es sich sogar, wenn er sich
fernhalte. Er gab es ermdet zu, bat aber fr die Reise um eine Woche
Frist. Sie feilschte um zwei Tage und verlangte, da er am Sonntag
reise. Er willigte ein. Am Samstag abend erhielt er eine Karte von
Marietta, die ihn ersuchte, Dienstag bei ihr den Tee zu nehmen. Er
erschrak. Es war unerwartet. Er hatte nur ganz heimlich, ganz
verschollen heimlich damit gerechnet. Da es eintraf, war Erschtterung.
Er erklrte Francine, da eine wichtige ministerielle Sitzung ihn
verhindere, frher als Mittwoch zu reisen. Francine starrte ihn
sprachlos an. Aber da er ihr mit seinem Wort versprach, den Zeitpunkt
nicht weiter hinauszuschieben, mute sie sich zufrieden geben.

       *       *       *       *       *

Eine Gruppe von Herren stand am Eckfenster des Klubs, Erasmus unter
denen, die hinten standen, denn vermge seiner Lnge konnte er ber die
Kpfe schauen.

In unsehbarer Menge zogen Arbeiter aus den Vorstdten herein, ein
schwarzer, breiter, klebrig flieender, stummer Menschenstrom. Sie kamen
zur Verkndigung der Republik. Die Strae war ausgefllt bis an die
Husermauern. Aus der nachmittgig-nebligen Ferne, die wie bodenlose
Tiefe wirkte, wand es sich herauf, zerteilte sich schattenhaft in Leiber
und Gesichter, schwoll durch Zuflu aus Nebengassen, wlzte sich drohend
ruhig vorber, die Stirnen geradeaus, die Augen geradeaus, Schritt fr
Schritt, unwiderstehlich, dem Torbogen zu, der vor dem groen Platz die
Strae verengerte, und der die gestauten Massen langsam verschlang. Eine
Stunde verging, und noch war kein Ende. Aus der Ferne, die bodenloser
Tiefe glich, wlzte sich das Ungeheure her, das nicht eine Summe
zhlbarer Einzelner war, sondern ein Element fr sich, zu einem Willen
verschmolzen, kroch und wogte vorber, sprbar-, sichtbar-wirklich,
fortbewegt durch einen gewaltigen und uerst zu frchtenden Trieb, bis
es der dunkle Torbogen, einem aufgesperrten Rachen hnlich, gierig
schluckte.

Die Herren rhrten sich nicht. Mattes Erstaunen wrgte ihre Kehlen.
Einer sagte vor sich hin: Das ist das Ende.

Als es Abend geworden war, ging Erasmus mit seinem Freunde Ferry Sponeck
in dessen Wohnung. Sie vermieden es, ber das Gesehene zu sprechen. Sie
erstickten es in sich. Es war ihnen nahe gekommen, dagegen war nichts
zu tun; sie stieen es wieder weg und gruben es zu.

Sie aen schweigend und lauschten auf Gerusche von der Strae. Aber
diese Strae der alten Palste war still; sie lag noch in einem
vergangenen Jahrhundert und trumte. Sie war wie von einem verstaubten
Seiden-Gespinnst berzogen.

Ferry Sponeck sagte, er wolle ebenfalls fr ein paar Wochen nach
Rienburg gehen; die Grfin habe ihn mehrmals aufgefordert, brigens sei
er ja als Vetter der Dettingens mit Sebastiane verwandt. Erasmus nickte
und schien seinen Entschlu zu billigen. Ihn freue es nicht besonders,
da er hin solle, sagte er dann, aber Francine lasse ihm keine Ruhe, und
so habe er nachgegeben. Gegen Francine aufzukommen, sei schwer, nicht
blo wegen ihrer Vehemenz, sie sei ja so schrecklich vehement in allem,
sondern auch, weil man sie schonen msse.

Er hielt inne, um zu ergrnden, ob Ferry Sponeck ihn richtig verstehe.
In Ferrys Gesicht war zu lesen: ich verstehe, wenn du willst, ich bin
vernagelt, wenn du willst. In solchen Sachen hatte er Delikatesse. Das
war genau, was Erasmus wnschte: Wissen ohne Vorwitz, ohne dieses
Schongeurteilthaben, auf das sich andere soviel zugute hielten. Er
wollte sich das Verworrene und Traurige in Francines Leben zurechtlegen;
er hatte es mit Worten noch nie getan. Hiezu brauchte er einen Zuhrer,
und zwar einen, der verstand und auch wieder nicht verstand, der sich
bescheiden wartend in der Mitte hielt, genau wie es Ferry zu erkennen
gab. Er war mit Ferry zufrieden und fuhr fort:

Francine sei ja um ihre Jugend betrogen worden; damals, als das
Niemehrgutzumachende mit dem italienischen Snger passierte, sei sie
achtzehn Jahre alt gewesen, der Verfhrer sechsundvierzig, noch dazu
verheiratet und Vater von sechs Kindern. Da habe sie alle Konsequenzen
gezogen; nicht blo in ihre schwierige Lage sich gefgt und dem die
Treue bewahrt, der ihre Zukunft vernichtet, sondern auch in den
Enttuschungen, Demtigungen und Kmpfen ihren groen Charakter
gesthlt. Sie habe heldenhaft gerungen, habe es fertiggebracht, sich
eine neue Position zu schaffen und auerdem noch soviel Kraft erbrigt,
ihm, dem jngeren Bruder, eine ttige und hilfreiche Freundin zu sein.
Das msse man bewundern; wer sich da nicht respektvoll verneige, der
habe keinen Begriff von Unerschrockenheit und Wrde.

Ferry Sponeck mute den Begriff haben, denn er blickte Erasmus
zutraulich an. Dieser sagte nach einer Weile: Ich habe oft darber
nachgedacht, warum es so kommen mute, bei ihrem Stolz, ihrem Bewutsein
davon, was sie dem Namen schuldig ist. Ich habe nachgedacht und bin zu
dem Resultat gelangt, da das, was ihr zum Verhngnis geworden ist, ein
Ungnadsches Verhngnis berhaupt ist. In jedem Ungnadschen Leben, habe
ich herausgefunden, ist ein Moment, ein ganz kurzer, ein blitzartiger
Moment, wo die Sinnlichkeit ein fr allemal ber ihn entscheidet. Es
fngt meistens mit einer Kleinigkeit an, kaum auszudrcken wovon; zum
Beispiel, man geht ber eine Brcke und sieht, wie ein Weib sich ber
das Gelnder beugt und sieht den Nacken oder eine Wade; oder es ist
irgendein anderer dummer Zufall. Aber was in diesem kurzen, blitzartigen
Moment geschieht, beeinflut und durchdringt das ganze Leben, wie wenn
ein bestimmtes Aroma aus einem Raum nicht mehr zu entfernen ist; wie
wenn ein winziger Tropfen von einem chemischen Ingredienz einem mit
Flssigkeit gefllten Becken fr immer den Geschmack gibt. Man kommt
nicht mehr los. Das Winzige entscheidet. Man kommt von dem Aroma und dem
Geschmack nicht mehr los. Die Ungnadschen haben das so an sich.

Ferry Sponeck schaute ihn vollkommen geistlos an. Das ging weit ber
seine Welt. Jaja, murmelte er; schon; natrlich; so was ist schlimm,
armer Kerl, sehr schlimm.

       *       *       *       *       *

Es gab ein tiefes und gehtetes Geheimnis im Leben der Grfin Marietta
Giese. Es war dieses Geheimnis ebensosehr eine Quelle von Glck und
Kraft als von Schmerzen; es verlieh ihr Ausdauer ebensosehr, als es sie
mit Zweifeln qulte; aber immer war sie seiner Herr. Die vor der Welt
verschwiegene Brde ist oft Reichtum; Besitz, der vor fremden Augen
bewahrt werden mu, oft Pein.

Sie hatte ein Kind von Erasmus, und Erasmus wute es nicht. Sie hatte
den Knaben whrend des Jahres zur Welt gebracht, in welchem Erasmus in
Japan war. Ihre Schwangerschaft war ihm unbekannt geblieben; nur ein
einziger Mensch war von ihr ins Vertrauen gezogen worden, das war ihre
Freundin Helene von Gravenreuth; in einem Dresdner Sanatorium hatte sie
das Kind geboren; auf Schlo Gravenreuth lebte der kleine Wolf in
sicherer Hut.

Es war keine Zufallsfrucht. Sie hatte das Kind mit ihrem Willen
empfangen. Whrend sie es getragen, war sie sich vllig klar darber
gewesen, was sie auf sich nahm. Sie mute es durchsetzen gegen die Welt;
es vorbereiten auf ein ungesichertes Schicksal. Hatte sie es doch der
Welt abgerungen und vom Schicksal ertrotzt. Solche sind von Anfang an
belastet. Erasmus war der Mann nicht, den ein Kind inniger an die
Geliebte bindet. Ihr gegenber war ein Kind seine Furcht und sein
Aberglauben stets gewesen. Der Grund davon htte ihr schmeicheln drfen,
wenn er nicht im dunkleren Teil der Seele Beleidigung geworden wre. Die
Frau in ihr war spt erwacht. Sie mute etwas haben wider ihn und fr
sich; und fr ihn und wider die Gesellschaft. Sie hatte ein Pfand
gebraucht und eine Besttigung. Es kam nicht darauf an, da er es
erfuhr; vielleicht wrde er es niemals erfahren; mit Empfindsamkeiten
rechnete sie nicht; zrtliche Rhrung war weder ihre noch seine Sache.
Ihr diente es. Sie wurde befestigt. Und ber Pfand und Besttigung
hinaus war es auch Bild, noch dazu ein schnes, lebendiges. Die Vter
waren ihr ohnehin Ziel des Spottes. An Vatergefhle glaubte sie wenig.
Und ihm ein Kind prsentieren, das auerhalb der Ehe gezeugt war, das
hie alle patriarchalischen Vorurteile in ihm wachrufen, sie wute es,
und seine ngstlichsten Bedenken gegen die Mutter kehren. Anla genug zu
schweigen.

Hatte sie doch auch Freiheit und Liebe ertrotzt. Nie durfte er ahnen,
da und wie sehr es Kampf war. Sie hatte sich losgerissen von Fesseln,
und die Haut blutete; fr ihn mute es sein, als htte sie sich einen
Kranz vom Haar genommen, der zu welken beginnt. Was sie verachtete, war
ihm ehrwrdig; worunter sie seufzte, war ihm von heiliger Bedeutung.
Immer sein Zagen, sein Zurckhalten; sein Warnen, sein Nichtbegreifen,
wenn sie vorwrts wollte; wieviel List war da ntig; wieviel Geistes-
und Herzensgut zerstubte; wieviel Erklgelung forderte es, ihn so zu
fhren, da er zu fhren im Wahn blieb. Voneinandergehen: Ungewiheit;
Wiederkommen: Hangen und Bangen; Getrenntsein: das Nichts; Zusammensein:
Druck seiner Hypochondrie. Leidenschaft lohte auf, schwelte und
verglomm. War das noch Leidenschaft, wenn einer so lange mitraute, bis
er wehrlos wurde? und sich dann schemenhaft entzog? Marietta schlug den
Funken, wrmte den Freund mit Blick und Atem, prgte sich ihm ein, die
Stunde ihm ein, die Liebkosung, das bindende Wort. Alles hing davon ab,
da er nicht verga, da er immer wieder zu ihr fand und sie sich finden
lie, nicht mit zu leichter Mhe, nicht mit zu schwerer. Er: stets im
Begriff, einem Joch zu entschlpfen, dem die Sanktion fehlte, das
Gewesene zu leugnen; sie: in Ruhe, in scheinbarer, die Wagschalen
sorgsam in der Gleichlage haltend, gespannt, geduldig, heiter,
geschmckt, in Hader mit ihrer Kaste, die soziale Tyrannei geistig
berwindend, im Gefhl ihr verfallen, und so, mit einer Existenz am
Rande der Gesellschaft, am Rand des Mglichen und Anerkannten, in
unaufhrlicher Schwebe.

Sie hatte lange gezgert, ob sie ihn rufen solle. Beim Abschied hatten
sie einander feierlicher als sonst entsagt. Sie nannte das die Erklrung
des Desinteressements. Es war notwendig zu seiner Gewissensentlastung
und damit die Plne, die andere mit ihm vorhatten, nicht seine
allenfallsigen Entschlieungen hemmen konnten. Ihr blieb nichts brig,
als zu warten. Die Jahre untergruben auch in ihr langsam das Vertrauen
zu der Macht, die bisher jedes Hindernis besiegt hatte. Der Spiegel
wurde zum Memento. Der Spiegel betrog nicht, noch war er zu betrgen.

       *       *       *       *       *

Sie lie frh die Lichter anznden. Da sie sich seit dem Morgen
unplich gefhlt hatte, legte sie sich auf die Chaiselongue und ergab
sich dem Vorberrinnen der Stunden. Den November hatte sie von jeher
gehat. Sie war berzeugt, da es der Monat sei, in dem sie sterben
wrde. Der alte Diener, der aussah wie ein Kalmck, huschte auf dem
Teppich hin und her, um den Teetisch zu richten. Das kostbare Geschirr
klirrte melodisch. Sie war in ein rosafarbenes Teegewand gekleidet, mit
breiten Valencienner Spitzen an den weitoffenen rmeln. Die Farbe
brachte das Leuchtende ihrer Haut zur Geltung wie auch das tiefe Goldrot
der berflle ihres Haares.

Die Glocke lutete; nun kam er. Den zaghaft und fast lautlos
Eintretenden begrte sie mit zartest-unbefangenem Lcheln,
entschuldigte sich, da sie lag, reichte ihm die Hand, die er ergeben an
die Lippen fhrte. Ein paar Sekunden herrschte Schweigen, dann stammelte
er allerlei, um zu rechtfertigen, da er sich nicht selbst gemeldet. Sie
wunderte sich und schnitt die klglichen Versuche sanft ab. Indes
brachte der Kalmck den Tee, und man hatte Beschftigung. Marietta
bernahm die Leitung des Gesprchs. Ihr Instinkt gebot ihr, viel zu
sprechen. Sie erzhlte ein paar lustige Episoden aus Eichfurth,
schilderte ein Diner, bei dem sie gewesen, einen nchtlichen Gang in der
erregten Stadt, eine Begegnung mit einem der gestrzten Minister, den
Eindruck der Lektre von Barbusse' #l'enfer,# die Verabschiedung einer
unverschmt gewordenen Zofe, alles leicht, pointiert, schmiegsam. Sie
lie die Stimme spielen. Sie erfuhr es wie eine Botschaft, da die
Stimme noch ihre sinnliche Magie besa.

Zuerst dnkte ihm, er htte die Stimme nie gehrt. Jetzt erkannte er sie
wieder. Der Klang; diese Pausen, diese Einschiebsel, diese Raschheit,
diese Belebtheit. Er war zu schwerfllig, im gleichen Tempo mitzugehen;
er blieb gewhnlich im Erwgen und Verstehen um einen Schritt zurck,
auch um zwei oder drei; manchmal wartete sie gutmtig, bis er
nachgekommen war, manchmal auch nicht, dann ergtzte sie seine
Verwirrung und sein galanter Eifer. Es bereitete ihr Genugtuung, ihn
vllig ahnungslos zu wissen ber die Absichten, die sie verfolgte, ihn
raten zu lassen, im Kreis herumzulocken und durch Kapriolen zu
beunruhigen. Zuweilen zuckten ihre Lippen in verhaltenem Mutwillen, aber
hinter dem Mutwillen war Traurigkeit, und das gab dem Ausdruck Reiz und
Wechsel.

Ohne bergang sagte sie pltzlich: Es ist keine ble Idee von Francine,
dich zu Rienburgs auf Werbung zu schicken. Ich bin ganz einverstanden
damit. Der Versuch vor sechs Jahren mit Sebastiane ist ja im Anlauf
steckengeblieben, und du hast dir nichts vergeben und nichts verdorben.
Wie alle frheren Heiratsprojekte verfehlt waren, so auch dies.
Sebastiane wre nicht die richtige gewesen. Pauline ist vielleicht die
richtige.

Sie sah mit lchelnd-gleitendem Blick an ihm herab, der betreten vor
sich hinschaute, und fuhr fort: Ich kenne ja die Familie gut, wie du
weit. Lix war eine Zeitlang in mich verliebt, war hinter mir her wie
mein Schatten, und ich half ihr bei ihrer etwas verstiegenen
Korrespondenz. In der unglcklichen Ehe mit Heinrich Lerchenfeld ist sie
dann Theosophin geworden, was ein jmmerlicher Trost fr eine elegante
junge Frau ist. Ich sage, Pauline ist vielleicht die rechte, weil wir ja
noch die kleine Aglaia haben, und es wre immerhin zu bedenken, ob sie
nicht vorzuziehen ist. Ich habe neulich mit Georg Ulrich Castellani
darber gesprochen; nur um ihn auszuholen, denn er ist ja gescheit wie
der Tag, und weil er viel mit Rienburgs zusammen ist; er wird auch mit
dir zugleich dort sein, wie ich dir im Vertrauen mitteilen kann. Leider
ist der Altersunterschied zwischen dir und Aglaia etwas zu gro;
zweiundzwanzig Jahre, das ist fast unmoralisch. Auerdem ist sie ein
Wildfang; du wrdest Mhe mit ihr haben. Geht denn das? Kannst du Mhe
aufwenden? eine Widerspenstige zhmen? Das ist nichts fr dich. Pauline
ist die stillere; ein wenig melusinenhaft; das hast du ja gern. Sie gibt
Rtsel auf, aber die Rtsel sind leicht zu raten. Sie hlt sie freilich
fr unlsbar; das ist nur eine Chance mehr fr dich; es beschftigt sie.
Du brauchst eine Frau, die dich restlos anbetet; ich meine nicht
adoriert; adorieren ist zu glatt und zu seicht; nein, geradezu anbetet,
in Staunen verloren. Und nicht etwa aus Stupiditt, sondern aus
Phantasie. Heiratest du eine Person ohne Phantasie, so lufst du Gefahr,
da sie sich und dich nach drei Wochen zu Tode langweilt. Oder sie
stellt Ansprche, und das wrde dich deine Nerven kosten. In deine
Hintergrnde ist schwer zu dringen; es braucht dazu ein bichen Geist
und viel Geduld. Stifte nur keine Verwirrung. Verliebe dich nicht in
beide zugleich, oder mach dir nicht selber Opposition, indem du eine
gegen die andere ausspielst und dann bei allen zweien verspielst. Sei
khl, aber strube dich auch nicht gegen eine ehrliche Neigung; halt
dein Herz nicht zu fest und la deine Augen nicht zu gierig sein.

Erasmus hatte sein spleeniges Lcheln, als er zgernd erwiderte: Deine
Frsorge ist wirklich bezaubernd, Mariette. Leider ist sie nicht
gengend motiviert. Ich leugne nicht, da die Verbindung mit Rienburgs
ihre Vorteile hat, aber du weit doch, du sagst es selbst, wie wenig ich
mich fr die Ehe eigne. Leuchtet mir auch das Ntzliche und Frderliche
ein, wenn es dann ums Ja oder Nein geht, scheint es mir vollkommen
tricht, da ich ja oder nein sagen soll. Warum rcken einem die Leute
so nah mit ihrem Verlangen nach dem Ja oder Nein? Es ist lstig, sich
entscheiden zu mssen. Ich will mich nicht entscheiden.

Du willst dich nicht entscheiden, wiederholte Marietta leise, mit
einem unhrbar bittern Unterton; das begreife ich. Du willst, da fr
dich entschieden wird, und mglichst zu deiner Bequemlichkeit. Du rhrst
nicht hin; alles soll sein wie Blumen unter Glas. Du kannst aber nicht
auerhalb von Ja und Nein leben. Hast du noch nie darber nachgedacht,
was fr ein mrderisches Ding das Vielleicht ist, und was fr ein
unredliches das Nochnicht? Du eignest dich fr die Ehe nicht mehr und
nicht minder als jeder verwhnte und egoistische Mann in deinen Jahren.
Man darf sich nicht kostbarer fhlen als die Welt einen wertet, sonst
wird man gleich ein bichen lcherlich. Was riskierst du? Hchstens,
eine Frau unglcklich zu machen. Fllt das so schwer ins Gewicht? Ist es
so verfhrerisch, als bisweilen eingeladener, bisweilen bergangener,
mig interessanter Sonderling in einer den Wohnung zu hausen, mit
Kchinnen, die rappelkpfig sind, und Dienern, die einem die Wsche
auftragen und die Zigaretten stehlen? Weshalb die Skrupel? Worauf
wartest du?

Mit einer Betroffenheit, die seinem Gesicht einen kargen und betrbten
Ausdruck verlieh, antwortete Erasmus: Keineswegs konnte ich darauf
gefat sein, gerade in dir einen so eifrigen Anwalt fr meine
Verheiratung zu finden. Es ist mir neu -

Marietta wandte sich ihm mit groem Blick zu. Ja, siehst du, Lieber,
sagte sie langsam und freundlich, ich mu nun auch daran denken, mein
Leben unter Dach und Fach zu bringen. Fr so naiv wirst du mich doch
nicht halten, da ich dir aus reiner Selbstlosigkeit zurede. Als ich
ein Kind war, hing zu Hause ein Bild; die Verlassene hie es. Diese Dame
blickt von einem Felsen an der Kste sehnschtig aufs Meer hinaus; es
standen auch die Worte kummervoll und trnenleer darauf. Ich konnte das
Bild nie anschauen, ohne mich ber die dumme Gans zu rgern. Da ich
solche tragische Figur abgebe, wirst du mir doch nicht zumuten.
Kummervoll und trnenleer; nein, ich danke. Ich bin fr Erledigungen.

Ich verstehe nicht, murmelte Erasmus, wir sind jedesmal
bereingekommen -

La das, bitte, unterbrach sie ihn scharf und hob den Kopf ein wenig.
Ihre Augen schimmerten wie dunkle Opale.

Aber wie meinst du das: dein Leben unter Dach und Fach bringen?

Sehr einfach: ich will heiraten; ich auch.

Erasmus staunte starr, mit eckig emporgezogenen Brauen. Heiraten? Du?
Wen denn, um Gotteswillen?

Die Anrufung Gottes und die zwei bestrzten Zirkumflexe auf seiner Stirn
brachten Marietta zum Lachen. Er zuckte zusammen. Er liebte dieses
Lachen an ihr, das den Mund einer aufgeschnittenen Frucht hnlich machte
und sie zwanzigjhrig erscheinen lie. Es enthielt Erinnerung an Reiz
und Liebkosung, Halbvergessenes, Halbentschwundenes, Unvergebares,
heimlichstes Wunder des Geschlechts. Innere Unruhe zwang ihn uerlich
zur Unbeweglichkeit; er schaute sie an wie eine Frau, der man zum
erstenmal begegnet, von der man aber berckende Wissenschaft hat.

Es war ein vollendeter, trivialer kleiner Roman. Das Triviale daran bot
die Gewhr; von den Finessen war sie satt. Als sie im Sommer mit Helene
Gravenreuth in Bern gewesen, habe sie einen jungen Hollnder
kennengelernt, reich, luxuris, durch und durch lebendig, mit
exzellenten Manieren, und dieser Hollnder nun, den Namen bitte sie
vorlufig verschweigen zu drfen, habe sich mit uerster
Entschlossenheit in sie verliebt. Sie sei ihm nicht gerade
entgegengekommen, habe ihn aber auch nicht entmutigt, und als sie mit
Helene nach Pontresina gefahren, sei er eines Tages dort erschienen, man
habe gemeinsame Ausflge gemacht, Bridgepartien arrangiert, und so
weiter, wie es eben zu gehen pflege. Dann sei man abgereist, er habe ihr
geschrieben, an Helene geschrieben, immer strmischer, immer offener,
und jetzt habe ihn Helene nach Gravenreuth zu Gast gebeten, nachdem sie
vorher bei ihr angefragt, ob sie gleichfalls kommen wolle. Er sei
wahrscheinlich schon dort; sie werde bermorgen von Eichfurth aus
hinfahren. Da Gravenreuth und Rienburg nicht viel mehr als zwei
Wegstunden auseinander lgen, sei es eine reizende Fgung, meinte sie
zum Schlu ihres Berichts, da sie sich ber den Fortgang der
beiderseitigen Verlobungs- und Versorgungsaktionen jeden Tag
kameradschaftlich aussprechen knnten, wenn sie Lust dazu verspren
sollten.

Ja, es sei merkwrdig, gab Erasmus zu. Dann schwieg er. Marietta schwieg
ebenfalls. Sie lie ihre Fuspitze kreisen, und Erasmus sah dem Spiel
des Fues zu. Sie blickte an die Decke, und ihre vollen,
leidenschaftlich gewlbten Lippen ffneten sich zu einem schimmernden
Spalt. Auf einmal sprang sie auf und ging im Zimmer umher. Ging ohne
Hast, wie nach einem vorgefaten Rhythmus, und ihre Gestalt hob sich
wiegend ab von berlegt gestimmtem Hintergrund. Mit lssiger Hand
berhrte sie bald eine Vase, bald ein Stck Stoff, ohne die Hand zu
heben, im Gleiten nur.

Er kannte genau die Art, wie sie beim Gehen den Fu aufsetzte, bewut,
ihn leicht und krftig aufzusetzen, so da die Gelenke entlastet wurden
und die Hfte nur unmerklich zitterte. Der straff gehaltene Oberkrper
folgte der Bewegung nur insoweit, als er dadurch nichts an Ma, aber
auch nichts an Freiheit verlor. Es war ein bedachtes und gefeiltes
Schreiten. Sie schritt, als schmecke ihr das Gehen, als trge sie sich
in eigentmlicher Weise selber. Jede Vernderung einer Linie an ihrem
Krper umschlo den Keim zu einer Gebrde, die er kannte und die ihm
vertraut war seit vielen Jahren. Viele seiner Stunden kamen wieder,
whrend sie so ging und schne Gegenstnde an rhrte, viele seiner
Gedanken, Wunsch und Erfllung.

Und du? Du liebst ihn? fragte er scheu.

Bah, Liebe, antwortete sie; es geht nicht um Liebe. Es geht um Halt,
es geht um Dauer. Ich bin manchmal mde, weit du. Es ist so gut, bei
einem zu ruhen. Davon zu trumen, ist schon gut. Wir sind alle ein wenig
an die letzten Barriren gehetzt, nicht blo ich und du. Aufatmen,
ausatmen, o! Sie blieb stehn und schaute zu einem Bild an der Wand
empor, ohne es zu sehen. Was ich tue, ist mir klar, fuhr sie mit
tiefsonorer Stimme fort, in der sich Blut und Natur verriet; wenn man
mit meinen Erfahrungen eine neue Ehe schliet, gibt es keine Illusionen
mehr. Mit achtzehn Jahren ist es ein Sprung in die Finsternis; ich habe
ihn getan. Kommt man mit halbwegs heilen Gliedern davon, so hat man
hchstens gelernt, da man einen langen Lffel haben mu, um mit dem
Teufel eine Mahlzeit zu halten, aber das Abenteuer lockt, und der se
Tag verspricht. Wir sind leichtglubige Geschpfe. Heute ... ich will
froh sein, wenn der, dem ich mich berlasse, mir mit der Achtung
begegnet, die eine anstndig erworbene Invaliditt verdient.

Erasmus sagte: Wir haben manches zusammen erlebt, in langer Zeit, und
da es zu Ende sein soll, kann ich mir nicht vorstellen.

Sonderbar, da du mir nie und durch nichts fremder wirst, aber auch nie
und durch nichts vertrauter, sagte Marietta, indem sie sich auf den
Rundstuhl vor dem Flgel setzte und den Deckel ffnete; du warst
eigentlich immer der, der kommt und der, der geht; nie der, der bleibt.
Du kannst nicht Aug in Auge sein. Du frchtest den Blick, der dich
fordert. Warum nur? Sie schlug ein paar Akkorde an, sehr leise, und
sprach weiter: Wir haben manches zusammen erlebt, gewi; doch nicht so
zusammen, wie du glaubst, sie neigte das Haupt tiefer; oft in unsern
schnsten Zeiten, und es waren schne Zeiten, ich will nicht undankbar
sein, hatte ich das Gefhl: du hast ihn sich selber gestohlen, und er
trgt dir den Diebstahl nach. Ja, er hadert, sagte ich mir, er sammelt
Ressentiments, und eines Tags wird er mit der groen Liste kommen und
abrechnen. Da ists doch vielleicht besser, vorher ein Ende zu machen;
meinst du nicht?

Erasmus erhob sich und wollte zu ihr hin. Sie streckte abwehrend die
Arme aus.

       *       *       *       *       *

Vierundzwanzig Stunden spter war Erasmus in entlegener Welt, ein
Hinbefohlener, um Glck zu suchen. Die Freude, mit der er aufgenommen
wurde, bedrckte ihn, da er das Programm zu spren glaubte, und er gab
sich sprder noch, als ihm zu Sinn war; doch nicht lange. Die arglosen
Gesprche schlossen ihn auf, die unbefangene Nhe der heitern Frauen. An
viel Gemeinsames konnte angeknpft werden. Der leichte Zwang zur
Geselligkeit berschritt liebenswrdige Formen nicht, der Tag teilte
sich natrlich ein, die kleinen Pflichten fielen nicht lstig. Am Abend
versammelten sich alle in dem entzckenden Speisesaal im
Mariatheresiastil; das Souper hatte festliches Geprge. Auf der Tafel
und auf sechs Konsolen brannten Kerzen in silbernen Kandelabern. Die
Grfin nahm ihre Vorliebe fr Kerzenlicht zum Anla einer Philippika
gegen die Zudringlichkeit moderner Beleuchtung, die delikate Farben
wirkungslos und zarthutige Frauen schlecht aussehend mache. Graf
Castellani, mit seiner Meinung stets zu ihren Diensten, stimmte ihr bei,
Hofmann, der er war.

Am andern Morgen sagte er zu Erasmus, als sie nach dem Frhstck durch
den Park gingen: Die gute Grfin denkt, wenn sie fnfundzwanzig Kerzen
brennen lt, hat sie schon achtzehntes Jahrhundert im Hause. Als ob
achtzehntes Jahrhundert blo ein niedlicher Illuminationsscherz wre.
Heute sind alle so. Leere Prtensionen. Eine herzlich angenehme Frau,
aber ohne Tournre. Viel guter Wille; der Zuschnitt pitoyabel.

Georg Ulrich Castellani war etwas vereinsamt hier. Er machte sich nichts
aus Frauen. Als Mitglieder der Gesellschaft und vernunftbegabte
Individuen konnte er sie im zureichenden Fall achten, im unzureichenden
verbarg er die Geringschtzung hinter seiner ziselierten Artigkeit; als
Geschlechtswesen waren sie nicht vorhanden fr ihn. Er hatte sich darauf
eingerichtet, den ganzen Winter auf dem Gut zu bleiben; er empfand sich,
in historischer Weise, durchaus als Emigrant. Er war der nchste Freund
des gefallenen Dettingen gewesen; Sebastiane begegnete ihm mit scheuer
Verehrung. Es hie, er benutze die lndliche Mue zur Niederschrift
seiner Memoiren, die Hauptbeschftigung der groen Aristokraten nach dem
Herbst des Jahres 18; in ihm war sicherlich berflle des Stoffes, da
er, obwohl erst sechsundvierzig, in alle bedeutenden Welthndel von
Algeciras bis Brest-Litowsk ttig eingegriffen hatte.

Polyxene sagte zur Erasmus: Man erfhrt durch ihn Dinge, die in keinem
Buch zu lesen sind. Wenn er spricht, ist er unwiderstehlich; wenn er
schweigt, ist etwas Schauerliches um ihn. Er hat die Aura des
Verhngnisses.

Erasmus, belehrungsdurstig, wollte wissen, was das sei, die Aura des
Verhngnisses. Sie belehrte ihn gern.

Aglaia wagte es, Georg Ulrich zu verspotten, als sie mit Erasmus ber
ihn sprach. Sie ahmte nach, wie er schamhaft die langwimprigen Lider
senkte, sobald er einen seiner vergifteten Redepfeile abscho. Sie
erzhlte, da er in Paris eines Tages seinen Diener auf die Strae
geschickt habe, damit er einen Kommissionr heraufhole; als dieser vor
ihm stand, habe er blo gefragt, wo der nchste Friseurladen sei und ihn
nach geschehener Auskunft gndig entlohnt.

Keine der Frauen lie Erasmus merken, da sein Besuch einem Zweck gelte;
keine schien davon zu wissen. Infolgedessen gewann er Freiheit und fate
den Zweck selber ins Auge. Nicht so sehr mit dem nchternen Gedanken,
sich zu binden, als vielmehr mit dem schmeichelnden, zu erobern. Aber
hier fing schon die Milichkeit an. Da vier anmutige und besondere
Geschpfe ihre Lockfden um ihn spannen, verga er, da mindestens zwei
von ihnen seiner Wahl nicht anheimgestellt waren. Aber sein Wunsch im
allgemeinen wurde rege. Wohl wute er, da das gefhrlich war und da es
ihn aus der Bahn des Ersprielichen lockte; aber er lie es geschehen,
da das Ntzliche zurcktrat gegen das Wohlige, und indem er sich der
ihm auferlegten Vorschrift leichtsinnig entschlug, wuchsen Mut und
Unternehmungsgeist in ihm. Es war so llich betubend, das alles, so
von der Zeit entfernt, in der Mischung von Spiel und Ernst seiner Art
gem, und es entfalteten sich deshalb auch die anziehendsten Seiten
seiner Natur.

Kaum aber wurden die fnf Damen, die ja im Grunde fnf Verschworene
waren, seiner Empfnglichkeit inne, so trugen sie Sorge, da die
gnstige Entwicklung tunlich gefrdert werde. Jedoch sehr heimlich; von
einer Unterredung zwischen zweien oder dreien oder im Plenum blieb auf
keinem Gesicht eine Spur haften. Sie wuten zu genau, da eine
Unvorsichtigkeit viel verderben konnte. Pauline verhielt sich bei den
Beratungen passiv, wurde auch nur hinzugezogen, wenn es sich darum
handelte, ihr notwendige Verhaltungsmaregeln einzuschrfen oder sie
wegen begangener Ungeschicklichkeiten zur Rede zu stellen. Aber um ihr
behilflich zu sein, muten sich alle einem gewissen Plan fgen, der
darin bestand, Pauline vorzuschieben und sie der Gelegenheiten mglichst
wenig zu berauben.

Das klang in der Theorie selbstverstndlich und schien ohne weiteres
befolgbar. In der Praxis war dabei mit der Gegenpartei zu rechnen. Zum
Beispiel fand es Polyxene beschwerlich, da sie auf die Gesellschaft von
Erasmus verzichten solle, sobald Pauline am Horizont sichtbar wurde. Sie
sagte, ein wenig beleidigend, sie sei froh, sich mit einem vernnftigen
Menschen unterhalten zu knnen; ihm auszuweichen, wenn er sie suche,
dazu erblicke sie keinen Anla. Sebastiane wieder erklrte es unter
ihrer Wrde, da sie Vorschub leisten solle, wo es doch nicht einmal
feststehe, ob eine sympathische Beziehung vorhanden und ob Erasmus
gewillt sei, sich mit Pauline soviel zu beschftigen, wie man annehme.
Aber ehe Erasmus gekommen war, hatte sie sich am eifrigsten fr den
Heiratsplan eingesetzt und der jngeren Schwester vortreffliche
Ratschlge gegeben. Pauline selbst hatte sich am meisten ber Aglaia zu
beklagen, die sich, wie sie uerte, in jedes Gesprch drnge, sich mit
ihrer agassanten Koketterie lstig mache und es anscheinend nicht
ertragen knne, wenn man sie fnf Minuten lang unbeachtet lie. Aglaia
lachte zu den Anschuldigungen und antwortete schnippisch, jeder knne
sich sein Vergngen verschaffen, wo er wolle, und wem sie im Wege sei,
der mge ihr den Rang ablaufen, das Aschenbrdel abzugeben, habe sie
keine Lust. Die Grfin beschwichtigte die erregten Gemter, appellierte
an Polyxenes Stolz, an Sebastianes Vernunft, an Aglaias gutes Herz, doch
dauerhaft war der Frieden nicht, den sie mit Aufwand vieler Worte
stiftete.

Erasmus ahnte nichts von den Streitigkeiten, deren Ursache er war und
denen er in fhlloser Unschuld tglich neue Nahrung gab. Er berlie
sich dem Antrieb und der Stunde, der augenblicklichen Neigung und
Verfhrung, nahm, was ihm entgegengebracht wurde und forschte nicht, was
hinter den Wnden vorging und sich hinter den klaren Stirnen verbarg.

Lix fesselte ihn durch die matte Schwermut, die ber ihr Wesen gebreitet
war. Sie hatte den berschmalen Kopf der untergehenden Familien, auch
Schultern und Hnde waren berschmal. Sie ging, wie die Englnderinnen
gehen, mit dem vollaufgesetzten Fu und etwas rckenden Schenkeln. In
den Augen war ein glimmeriger Schein, die Unruhe, welche sinnliche
Unruhe erzeugt; die Nasenflgel witterten bestndig wie bei einem
ugenden Wild. Sie sprach mit Bitterkeit von ihrem zerstrten Leben und
andeutend von den Trstungen astraler Wissenschaft. Erasmus hrte
gewinnend aufmerksam zu; seine sprlichen Einwrfe galten mehr ihrem
Blick, ihrem Mund, ihrem Hals, ihrer dunklen Stimme, dem stummen
Fieberhaften, verheiend Glhenden ihres Innern als ihrer Rede.

Dann trat in den Kreis die stillere, Sebastiane, die Blasse, mit dem
winzigen Haupt und der grazisen Haltung, die so ausgeglichen war; und
klug; und ein bichen trocken und mitrauisch. Er hatte sie fr
temperamentlos gehalten, bis er eines Morgens Zeuge wurde, wie sie einen
aus dem Dorf zugelaufenen groen Hund, der ihren Buley angefallen und
sich in ihn verbissen hatte, mit Verwegenheit an der Schnauze packte,
mit der andern Hand beim Hinterlauf, und als es ihr gelungen war, ihn
wegzureien und zu verjagen, flammend vor ihm stand. Er fhrte sie zum
Brunnen, damit sie die blutige Hand wasche und war schweigsam. Er
bedauerte pltzlich seine Flucht vor sechs Jahren, und sie sprte, da
etwas dergleichen in ihm vorging, denn sie lchelte verstohlen in ihrem
nachstrmenden Zorn; so blieb sie ihm Bild, als die, die vieles wei und
verhehlt, Gedanken und Gewalt des Bluts. Aber als Mutter war sie ihm
unnahbarer als ihre Schwestern. Sie hatte zwei Kinder, ein zwei- und ein
vierjhriges; die standen neben ihr wie Wchter; und unerklrlich, um
die Kinder beneidete sie Erasmus, als wre er selbst eine Frau, eine
unfruchtbare, im Widerpart zur beglckten, und sie schien ihm hher
dadurch und reiner, geborgener jedenfalls und den Begierden entrckter.

Mit Pauline machte er die Erfahrung, die er oft mit jungen Mdchen
gemacht; man kam mit ihnen ermdend oft auf einen toten Punkt und lie
sich aus Kmmernis der Langeweile, aus Gutmtigkeit oder auch aus
Bosheit zu einem trichten und bereilten Wort hinreien, in dem man
dann verhaftet blieb. Sie hatten keine Feinheit, keine Unbefangenheit,
kein Ma, nur die plumpeste Zielstrebigkeit und Fallschwere. Warum fiel
ihm so hufig der Vergleich mit einem Nebelhuhn ein? Er mute lachen;
was war denn das, ein Nebelhuhn?

Diese sollte er bestricken. Sie war ihm ausersehen. Man hatte ihn
vorbereitet auf sie. Sie war die Hauptperson. Ein hervorstechender Zug
seines Charakters war, da er einem fremden Willensdiktat gegenber in
die Stimmung gedankenloser Folgsamkeit geriet. Erteilte man ihm einen
Auftrag, so wurde sein Gehirn bis zum Stumpfsinn davon eingenommen, was
nicht hinderte, da er ihn schlielich unausgefhrt lie; nur mute er
zuerst beschlieen, ihn nicht auszufhren, dann war alles im Geleise.

Hier war er unschlssig; bald gefangen, bald abgestoen; bald neugierig,
bald argwhnisch. Komtesse Pauline hatte ppig entwickelte Formen, im
Gesicht etwas Porzellanhaftes, Augen von fast unpassender
Durchsichtigkeit. Sie war bedchtig, meist in sich verloren. Wenn er mit
ihr sprach, senkte sie den Kopf, und die nordisch gelben Haare dufteten
wie eine frische Weizengarbe. Sie war versptet; die beklommene
Lssigkeit des ersten Erwachens war noch in ihr, oder jetzt erst. Sie
ging jede Woche zur Beichte, und in ihrem Zimmer stand ein kleiner
Hausaltar, vor dem sie betete. Erasmus war Kenner genug, um bald darber
im Klaren zu sein, da sie mit ihrem vollen, unenttuschten jungen
Herzen zu ihm hinstrebte. Eine bedeutende Verlegenheit fr ihn. Es war
zu plan und zu ernsthaft; eh man sich recht besann, war man in der
Schlinge. Er legte sich auf die Lauer und sphte auf den belagerten Weg.
Vor berfllen hatte er heillose Angst. Doch lie er sich dann wieder
anlocken und einlullen von dem schwebenden, fragenden, zwingenden Gefhl
und flchtete in der Not etwa zu der schlpfrigen Eidechse Aglaia.

Deren Siebzehnjhrigkeit war wie eine sprudelnde Fontne, lrmend und
erfrischend, ein unhemmbares Quellen. Sie gehrte zu denen, die schon
als Kind alles sind, was ein Weib sein und werden kann, Freundin,
Mutter, Geliebte, Gattin, Dirne, alles Hohe, alles Bse. Sie sagte
Dinge, die einen abgebrhten Lebemann zum Errten brachten und hegte
noch die zrtlichsten Empfindungen fr ihre Puppen. Sie war ruhelos,
naschhaft, ungeduldig, launisch, heftig, log, wenn sie sich langweilte,
spielte aus Lebensberschu Komdie, hatte bisweilen Gesten und
Bewegungen wie die wilden Negerinnen der Tropen, die an Nacktheit
gewhnt sind, weinte und lachte ber ein Nichts und war der Despot im
Hause. Erasmus ritt mit ihr; auch miteinander zu fechten hatten sie
verabredet.

An einem der ersten Nachmittage begegnete ihr Erasmus im oberen
Korridor. Sie sagte zu ihm: Wenn Sie mit mir kommen, will ich Ihnen
etwas zeigen. Sie hatte von Anfang an den Ton der Vertraulichkeit
gehabt, der den Verschlagenen wie den Unschuldigen eigen ist, in dem
brigens fast alle Frauen schon nach kurzer Bekanntschaft mit Erasmus
verkehrten. Sie fhrte ihn durch ein paar unbewohnte Rume in den
Ahnensaal, dessen Wnde von Gemlden bedeckt waren, deutete auf das Bild
einer khnblickenden, reichgeschmckten Dame und sagte: Das ist meine
Ur-Urgromutter, der ich hnlich sehen soll, eine Polin. Es heit, da
sie mehr als ein Dutzend Liebhaber gehabt hat, und so viele Abenteuer
auerdem, da Ludwig der Fnfzehnte manchmal den russischen Gesandten
gefragt haben soll: was gibt es Neues von der Frstin Barbara
Szelinszka? Bei einer Revolution in Warschau ist sie den Aufstndischen
vorangeritten und von der ersten Kugel ins Herz getroffen worden. So mu
eine Edeldame leben, und so mu sie sterben, finden Sie nicht?

Dieses Edeldame, wie sie es sagte, hatte Gesang.

Erasmus hielt es fr gut, sich in seiner Antwort weise zu beschrnken.
Er sagte, ein solches Schicksal sei zu zeitbedingt, als da es als Ideal
aufgestellt werden knnte, zum mindesten, was die Zahl der Liebhaber
anlange; auch gefalle es der Historie zuweilen, derlei Fakten
ungebhrlich zu bertreiben. In heutiger Zeit sei das Format, soviel er
beurteilen knne, nicht so expansiv, auch werte man die Frauen nach
einem andern Mastab. Es gehe alles in die Enge, und man werde Mhe
haben, man werde froh sein, sich in der Enge zu behaupten.

Nachdem ihm Aglaia eine Weile zugehrt und ihn mit funkelnden Augen erst
unwillig, dann schalkhaft von oben bis unten gemustert hatte, rief sie
aus: Erasmus, die Toten erwachen! Sehen Sie mal hin, wie Urgromutter
Barbara der Angstschwei ausbricht.

Er schaute etwas blde hin und schttelte rgerlich den Kopf. Hierauf
sah er das Mdchen an, das auf Bachstelzenbeinen mit einer anmutigen
Unverschmtheit vor ihm stand und seiner spottete. In seinen Blick kam
das Heranziehende, das Falsche, das Begehrliche; er nherte sich ihr,
und Aglaia lachte. Sie verschrnkte die Hnde im Nacken und straffte
sich. Er warf einen hastigen Blick nach der Tr und kte sie rasch auf
den Mund. Sie schlo eine Sekunde lang die Augen, lachte wieder, jedoch
viel leiser, und lief davon.

       *       *       *       *       *

Die Dinge lagen alsbald so: Eine war ihm zu umgarnen erlaubt, durch
stille Vereinbarung zugestanden, und man erwartete es sogar. Vor der
wich er feig zurck, aber ohne sich zu entziehen und ohne zu verzichten.
Die andern waren ihm noch begehrenswerter, jede in ihrer Art, und unter
allen Vieren richtete er Verwirrung an.

Nicht in frivoler Absicht. Er war kein Verfhrer. Er war voller Gewissen
und Rechtschaffenheit. Er verfhrte durch seine Weise, zu sein, die
keine rnkevolle und unternehmende Weise war, noch weniger eine
lasterhafte, nur eine biegsame und empfngliche. Er verfhrte durch
Verfhrbarkeit; weil er so viele Gesichter hatte, die sich gehorsam
wandelten; weil er der ergebenste Zuhrer war und der bereitwilligste
Beistimmer; weil er mit der Miene des Kameraden und Freundes halb
schchterne, halb khne Versprechungen gab, die nichts mehr mit
Kameradschaft und Freundschaft gemein hatten; weil er das besa, was Lix
Lerchenfeld die Attraktion der verschwisterten Seelen nannte.

Stiftete er Unheil, so war ihm seinerseits auch nicht geheuer zumut. Er
hatte sich zu vieler Vorstellungen zu erwehren; zu vieles mischte sich
an Bild und Lockung. Es hielt in Atem, sich von einem Eindruck zu lsen
und dem nchsten sich hinzugeben. Es beschftigte, die Gebiete
abzugrenzen, die Worte zu wgen, die bernommenen Verbindlichkeiten
nicht zu verwechseln. Beziehungen knpften sich ins Unentwirrbare. Eine
geflsterte Frage verstrickte; Tausch von Blicken enthllte ein
Komplott; Lcheln hatte Bedeutung; Schweigen war voll Inhalt,
krperliche Nhe voll Heimlichkeit; die Gebrde wurde zur Verrterin;
jedes Augenpaar bewachte ein anderes, hate die Huldigung, den Glanz,
den Wetteifer des andern, und er mute darauf bedacht sein, zu gltten
und vor allem, da in seiner Treulosigkeit keine Unordnung entstand.

Sebastiane beugte sich ber ihn mit einer gefllten Fruchtschale; alle
konnten zusehen; man war bei Tisch. Unhrbarer Alarm dennoch: mute sie
so dicht an ihn heran? Ihm ward wohl dabei. Seine Lippen bebten unter
ihrer bloen Schulter. Er dachte an sie mit dem Durst, der nach
vollkommener Reinheit lechzt. Er wute nicht, wo er einmal das Wort
vernommen: junge Witwenschaft ist ein Bad.

Aglaias Ku hatte ihn lstern gemacht. Er trumte von ihren kostbar
dnnen Gelenken. Der Ausspruch der Frhentschlossenen wollte ihm nicht
aus dem Sinn: ich werde mich niemals verkaufen, ich werde mich
verschenken. Und ihre Augen, dnkte ihn, hatten hinzugefgt: heute
nacht, wenn du willst.

Mit Polyxene sa er am Kaminfeuer im Salon, und sie las ihm mit
sehnschtiger Stimme aus einem Buch ber Metempsychose vor. Sein Blick
hing an ihren Hnden, die schlank waren wie Fische. Wenn sie ein Blatt
umdrehte, glaubte er die elfenbeinkhlen Finger knisternd an seiner Haut
zu spren. Er erzhlte von einer Begegnung und einem Gesprch mit einem
Brahmanen in Benares, und sie lauschte mit geneigtem Kopf, whrend
Reflexe des Feuers auf ihrem Haar tanzten, lauschte und lchelte eigen
zweideutig. Es war nicht ein und dasselbe, was sie dachten und was sie
sprachen, bei ihm nicht und bei ihr nicht.

Mit Pauline ging er am Flu entlang; pltzlich gewahrten sie im Gebsch
neben dem Weg ein umschlungenes Paar, schamlos, blind und taub. Es war
auerordentlich peinlich. Pauline wurde totenbleich; einige Schritte
weiter verlie sie fast die Besinnung. Er bot ihr den Arm; ihr
gehauchter Dank ergriff ihn, das irre Wesen. Er verstand sie abzulenken,
und indem er redete, schien ihm, da sie sich vertrauensvoll an ihn
drngte, unbewut, wie ein junges Tier. Da erschrak er und wurde
ngstlich; nahm seine Worte in acht, fhlte sich als Snder und geriet
doch ins Netz.

In einer Stimmung zwischen Selbstvorwrfen und berschwang setzte er
sich in der Nacht hin, um an Marietta zu schreiben. Es wurde nichts
daraus. Er fing dreimal an und blieb immer in der Mitte stecken; einmal,
weil er inne wurde, da er in seinen Erffnungen zu weit ging; einmal,
weil er mit Erstaunen bemerkte, da er ihr eiferschtige Vorhaltungen
machte und einen Zustand seines Innern schilderte, von dem er erst
erfuhr, als er ihn beschrieb; und das dritte Mal, weil eine konfuse und
vollstndig unzusammenhngende Epistel entstand, die wohl seine
Verfassung am getreuesten, aber auch am unerquicklichsten malte. Da ging
er unzufrieden zu Bett, und um einschlafen zu knnen, zhlte er von eins
bis tausend und in die graue Unendlichkeit weiter.

Am andern Tag traf ein Telegramm von Ferry Sponeck ein, welches lautete:
Komme morgen mit meinem Freund Eugen Sparre. Nun wute jedoch niemand,
weder die Grfin, noch eine der Tchter, wer Eugen Sparre war; sie
wunderten sich und rieten hin und her. Erst Georg Ulrich Castellani
konnte sie aufklren, als beim Mittagessen davon gesprochen wurde. Er
lachte unter seinem gewlbten Schnurrbart, der den Mund wie ein
schwarzseidener Vorhang bedeckte, und sagte: Sparre, ach ja, ich
erinnere mich, Ferry hat mir von ihm erzhlt. Er ist ein junger
Mediziner oder angehender Arzt, der in einem herausfordernden Gegensatz
zur gesamten bisherigen Wissenschaft steht und seine eigenen, ich wei
nicht ob bewhrten oder fragwrdigen, wahrscheinlich aber fragwrdigen
Methoden verfolgt. Ferry hat ein unsinniges Penchant fr ihn, seit er im
Sommer an einer Neuralgie gelitten und ihn dieser, wie war der Name?
Sparre? und ihn dieser Sparre, wie er Stein und Bein schwrt,
vollstndig geheilt hat. Man mu Ferry seine kleinen Btisen nachsehen.
Manchmal greift er ber sein Ressort, aber es ist harmlos. Das Harmlose
krnkt einen nicht.

Die Damen zeigten Interesse fr den unbekannten Sparre; Aglaia sagte,
vielleicht habe er auch fr die Pferdekuren etwas Neues erfunden; der
Falb fresse seit gestern nicht, und sie wolle Herrn Sparre um eine
Ordination bitten. Worauf die Grfin verweisend bemerkte, man habe
schaffenden Menschen mit Respekt zu begegnen; da einer Sparre heie,
sei noch kein Grund, sich ber ihn lustig zu machen, im brigen sei ja
Ferry Sponeck alt genug, um zu wissen, wen er zu seinen Freunden bringen
drfe.

Whrend des Nachtischs kam der Verwalter und berichtete ber Unruhen,
die in einigen Drfern der Umgegend ausgebrochen seien. Eine bewaffnete
Bande habe in vergangener Nacht die Frsterei des Frsten Colalto
berfallen.

Castellanis Gesicht verdsterte sich, und er sagte: Bien, man wird
schieen.

Und Sie, Erasmus? fragte Sebastiane, den Arm um die Schulter ihres
ltesten Mdchens legend, werden Sie uns verteidigen?

Er antwortete: Ich wollte, ich wre so beredt, Sie darber beruhigen zu
knnen.

Die Grfin und Georg Ulrich Castellani begannen ihre gewohnte Partie
Piquet zu spielen.

       *       *       *       *       *

Das Wunderliche der Paarung von Ferry Sponeck und Eugen Sparre blieb
auch nach der Ankunft der beiden bestehen. Man lernte in diesem Sparre
einen ungefhr sechsundzwanzigjhrigen, brnetten, untersetzten, nicht
ohne Sorgfalt gekleideten, uerst wortkargen Menschen mit
zurckhaltenden Manieren und angenehmen, schauspielerhaft markanten
Zgen kennen, von dem nicht erfindlich war, was ihn an die Person des
Grafen Sponeck fesselte. Ferry Sponecks ihn rhmende Reden lie er
gleichmtig ber sich ergehen und bat die Zuhrer durch einen khlen
Blick um Entschuldigung, man wute nicht, ob fr sich oder seinen
Gnner. Manchmal hatten diese Lobpreisungen allerdings einen Ton, wie
wenn einer eine Jagdtrophe oder eine klug erhandelte Antiquitt
vorweist; doch hegte Ferry Sponeck wie fast alle ungebildeten und
gutherzigen Aristokraten eine grenzenlose, mit Aberglauben gemengte
Bewunderung fr Leute der Wissenschaft. Es hatte den Anschein, als
betrachte er Eugen Sparre als seinen Leibarzt; er richtete alberne
Fragen an ihn, betreffend die Hygiene, die Gefahren der Ansteckung, die
Grundstze der Prophylaxis und war bemht, ihn zur Gesprchigkeit zu
ermuntern; dabei blickte er so ergeben zu ihm auf und hing so
ehrfurchtsvoll an seinen Lippen, da sein Betragen zum Spott aller
wurde.

Als die Grfin mit jener um ein Gran zu nachdrcklichen Herzlichkeit,
mit der man Fremdheit und soziale Kluft zu ignorieren vorgibt, Sparre
ihrer Freude versicherte, ihn bei sich begren zu drfen, erwiderte er,
er msse die Verantwortung dafr dem Herrn Grafen aufbrden, der den
Aufenthalt und die Gastlichkeit auf Rienburg so verlockend geschildert
habe, da er nicht widerstehen gekonnt. Er hoffe, die Herrschaften nicht
zu stren, fgte er hinzu, ohne zu merken, da diese Bescheidenheitsfloskel
eine Grobheit und eine Selbstdemtigung enthielt, er habe eine
angefangene Arbeit mitgenommen, der er den grten Teil des Tages widmen
msse.

Seine tiefe Stimme hatte brigens dieselbe orgelnde Resonnanz wie die
Georg Ulrich Castellanis.

Erasmus war es nicht behaglich, bei Tisch dieses blasse Gesicht mit den
beobachtenden Augen sich gegenber zu haben. Auch die andern fhlten
sich gedrckt, und die Unterhaltung flo sprlich, obschon die Grfin
beflissen war, sie in heitern Gang zu bringen. Man hatte auch neue
Nachrichten ber Plnderungen und Revolten, und was Sponeck von den
Ereignissen in der Hauptstadt mitzuteilen wute, war ebenfalls nicht
dazu angetan, die Frhlichkeit zu erhhen. Auch unter den vier
Schwestern herrschte gereizte Stimmung; Pauline sa mit gesenkten Lidern
und nippte blo von den Speisen; Aglaia hatte trotzig die Lippen
aufeinandergepret; Polyxene lchelte bisweilen wehmtig-entsagend; nur
Sebastiane schien unberhrt, und infolge der ber ihre Zge gebreiteten
Klarheit und krftigen Ruhe war sie die schnste. Nach dem schwarzen
Kaffee ging Erasmus mit ihr in den Wintergarten und wagte eine Frage: ob
es ein Zerwrfnis gegeben htte?

Er war umwlkt; in einer heien Spannung. Diese vier wunderbaren
Gestalten, in einem verzauberten Ring um ihn, strzten ihn in se
Verzweiflung. Die ihn rief, der nahte er sich pagenhaft; mit der er
Blick in Blick stand, an die vergab er sich. Er htte alle vier in eine
schmelzen mgen und die an sich reien; und doch gelstete ihn nach den
Liebkosungen jeder einzelnen, verschieden in Glut und Dauer und Kunst
und Selbstvergessenheit; sublimiert bis ins Traumgleiche, gesteigert bis
zum Schmerz. Verhie Lix eine strmende Passion aus lang verschttet
gewesener Tiefe, so Sebastiane die sanfteste Zrtlichkeit, die
auszudenken war; Pauline die schrankenlose Darbietung einer
jungfrulichen Seele, erfllt von beinahe schauerlichen Ahnungen der
Wollust, und Aglaia die hinreiende Bizarrerie einer zugleich sprden
und leidenschaftlichen Natur. Vereinigung qulender Geister; und hinter
ihnen, ber ihnen, in einem Jenseits schier, eine, die die Herrin war,
ausgestattet mit heimlicherer und grerer Gewalt des Rufes und der
Mahnung, halb Verlorene, halb Verstoene.

Wir alle sind sehr unvernnftig, sagte Sebastiane, ohne auf seine
Erkundigung zu antworten. Sie schaute ihn freimtig an und setzte leise
hinzu: Soll uns nicht warnen, was drauen in der Welt vorgeht? Wir
benehmen uns wie Kinder, die beim Gewitter die Augen zudecken.

Erasmus verfrbte sich und murmelte: Sie haben vielleicht recht.
Gewitter, das ist noch zu wenig. Gewitter geht vorber. Man denkt, man
mu alles zusammenraffen, was noch da ist an Glck und Genu. Das #aprs
nous le deluge# ist frher ein lustiges Wort gewesen, jetzt hat es einen
lugubren Sinn bekommen. Vielleicht ist es ein Verbrechen, so zu denken,
Sie haben recht.

Wenn auch kein Verbrechen, so doch das, was uns unfhig macht,
einander zu helfen, erwiderte sie mit festem Ton.

Also mu man sein Blut und Herz zum Schweigen bringen? fragte er und
stand hingebungsvoll dienend vor ihr.

Sie ri eine Azaleenblte vom Strauch und zerrupfte sie. Ich glaube,
Sie mssen redlich handeln, flsterte sie mit geschlossenen Augen. Er
nahm ihre feine weie Hand und prete seine Lippen darauf, entzckter
als vorher, weniger als vorher gesonnen zu verzichten. Durch den
dmmerigen Gang nherte sich Aglaia; sie sang mit leiser Stimme und ihre
Augen blitzten vermessen.

Den Nachmittag ber schrieb er Briefe und lie sich zum Tee
entschuldigen. Als er sich aufmachen wollte, die Briefe ins Dorf zu
tragen, begann es heftig zu regnen; er schickte einen der Diener und
blieb in seinem Zimmer. Aus dem untern Stockwerk tnte Klavierspiel, und
zwar sehr gutes, wie er es im Hause noch nicht gehrt. Es mute Sparre
sein, der spielte. Er runzelte die Stirn. Es war etwas Finsteres um den
Namen und um den Mann. Es gab jetzt viele solche, man hatte frher nicht
auf sie geachtet, jetzt ntigten sie einen hinzuschauen. Er dachte nach,
warum ihm das Gesicht des Menschen widerstrebte und entsann sich, da er
einstmals in der Mandschurei ein chinesisches Schnitzwerk mit
hhnisch-bsen Zgen gesehen, eine Gottheit des Verderbens, alle Tcke
verhalten, der Ausdruck diabolische Brut. An das Bildnis erinnerte ihn
Sparre, nun wute er es, obwohl der Gtze abstoend hlich gewesen,
dieser dagegen hbsch und wohlgestaltet zu heien war. Aber etwas war
gemeinsam.

Er kleidete sich zum Souper um und ging hinunter, ohne auf das
Gongsignal zu warten. Auf der Treppe traf er mit Lix zusammen. Sie war
strahlend in ihrem Kleid aus dunkelgrner Libertyseide und der
Perlenschnur um den Hals. Schade, da Sie nicht da waren, redete sie
ihn an, er spielt wie ein Teufel, der Herr Sparre. Erasmus lachte im
Echo zu seiner Entdeckung von vorhin und erwiderte, er liebe
Klavierspiel nicht. Indem schritt Sparre an ihnen vorber, im Cutaway,
nicht im Smoking wie die brigen Herren, und verbeugte sich zeremonis.

Auf dem mit schwarz und weien Platten gepflasterten Flur ging Pauline
mit dem Katecheten auf und ab, der zum Abendessen geladen war. Die
Grfin schien unruhig; sie erzhlte Erasmus, der Postmeister sei vor
einer Stunde dagewesen, um mitzuteilen, da die Telegraphen- und
Telephonleitungen nicht mehr funktionierten. Whrend sie noch sprach,
trat der alte Diener Niklas heran, sorgenvoll, und sagte, der Nordhimmel
sei von starker Brandglut berzogen. Alle eilten an die Fenster des
Speisesaals; gesttigter Purpurschein quoll ber den Horizont empor.

Wo mag das Feuer wten? fragte man einander beklommen. Es wurden die
Drfer und Landsitze aufgezhlt, die in der Richtung lagen. Erasmus
drehte sich hastig um. Jemand hatte Gravenreuth genannt. Es war der
Katechet. Sebastiane schttelte den Kopf und sagte, Gravenreuth liege
mehr nach links, dem Wald zu, eher knne es der Elmhof sein, dort
befinde sich eine Branntweinbrennerei. Ferry Sponeck erkundigte sich mit
gepreter Stimme, ob das Dorf im Bedarfsfall eine Schutzmannschaft
stellen knne; die Grfin erwiderte, sie habe mit dem Lehrer und dem
Brgermeister darber gesprochen; beide seien der Meinung, da
verlliche Leute kaum aufzutreiben seien, doch sei vorlufig nichts zu
frchten.

Da der Regenwind die Kerzen zum Flackern brachte, muten die Fenster
geschlossen werden. Die Grfin zog Erasmus beiseite. Lchelnd, doch mit
schnell und scharf prfendem Blick fragte sie ihn, ob das Gercht,
welches man ihr zugetragen, auf Wahrheit beruhe, da Grfin Giese
gegenwrtig Gast auf Gravenreuth sei, und ob er davon wisse? Ja, er
wisse davon, gab Erasmus zur Antwort, es habe sich so gefgt; der
lchelnde Blick der Grfin verwirrte ihn, er lchelte gleichfalls,
jedoch ohne Freiheit und wollte eine hastige Versicherung geben, aber
die Grfin ersparte ihm dies feinfhlend, indem sie ihm freundlich
zunickte, wennschon mit einer Mahnung im Blick. Dann nahm sie seinen
Arm, und man ging zu Tisch.

       *       *       *       *       *

Die allgemeine Laune wurde munterer whrend des Essens. Die zerstreuten
Gesprche verstummten aber nach und nach, und alle hrten Georg Ulrich
Castellani zu, der heute seinen glnzenden Tag hatte, wie die Grfin
sagte.

Als die Tafel aufgehoben war und sich die Gesellschaft im Rauchzimmer um
den Kamin niedergelassen hatte, war Castellani zu einem seiner
Lieblingsthemen gelangt, der Gestalt und dem Schicksal Kaiser Karl des
Fnften.

Er sagte: Mir ist dieser Mensch immer vorgekommen wie eine dunkle
Riesenfigur, gestickt auf einen ungeheuren Vorhang aus Goldbrokat. Es
klingt ja ein wenig ridikl, da einem ein Autokrat aus dem sechzehnten
Jahrhundert, lngst schon Schatten unter den Schatten, so nah sein soll
und nher noch als etwa mein lieber Freund Ferry Sponeck; aber es ist
so. Ich sehe in ihm die reinste und seitdem in solchem Ausma von der
Geschichte nicht mehr wiederholte Verkrperung absoluten Herrschertums.
Das sagt sich so: absolutes Herrschertum; aber was es bedeutet! Es
bedeutet #pur et simple# einen Gipfel der Welt, eine Kulmination der
Kultur. Die Stunde, in der er das Szepter aus der Hand gegeben hat, war
genau genommen die, in der der Untergangs- und Auflsungsproze Europas
begonnen hat. Man ist sich darber nicht gengend klar. Es ist ja auch
kein Wunder, denn was fr horrible Karrikatur haben die bestallten und
die andern Historienschreiber aus ihm gemacht! Einen boshaften
Phlegmatiker; einen reizbaren Krnkling; einen feigen Despoten. In
Wirklichkeit war er vor allem einmal ein vollkommen einsamer Mann.
Natrlicherweise; der absolute Herrscher mu vollkommen einsam sein,
anders ist er nicht denkbar. Sodann: welche Tiefe der Dissimulation! Die
Dissimulation entstand bei ihm aus der Erkenntnis der Nichtigkeit der
menschlichen Dinge, der Zwecklosigkeit alles menschlichen Treibens. In
seiner Einsamkeit und seiner Hhe erschien ihm alles sehr klein und sehr
wandelbar und sehr relativ; Worte, Vertrge, Leidenschaften, Miseren,
Not und Tod, alles sehr illusorisch. Daher auch seine profunde
Menschenverachtung. Ich glaube, seit die Erde Bewohner hat, sind
Menschen nicht so verachtet worden wie von ihm. Daher auch sein Respekt
vor der Kunst; denn da trat ihm ein Absolutes entgegen gleich ihm
selbst. Wie mysterios er war! (Georg Ulrich Castellani sprach das Wort
mit langgedehntem O aus, wodurch es seinen Sinn besser erschlo.) Er
konnte nicht weinen, er konnte nicht lachen, schon als Kind nicht. Da
gibt es eine Anekdote, wie einer der gefangenen Kurfrsten, ich glaube,
der Landgraf von Hessen war es, vor ihm kniet und aus irgendeinem Grund
die Lippen verzieht, so da es aussah, als ob er lachte, in Wirklichkeit
war ihm ganz anders zumut, und wie dann der Kaiser in seinem
brabantischen Deutsch drohend vor sich hinmurmelt: wart, ick will dir
lacken lehr. Welche tenebrose Paradoxie des Charakters: in seinem Reich
ging die Sonne nicht unter, und er hate den Sonnenschein. Ihm war die
grte Machtgewalt verliehen, die je ein Sterblicher besa, und er
suchte Zuflucht in einem Kloster strengster Observanz. Auch Gott
gegenber dissimulierte er. Auch Gott war seinem unvergleichlich
mysteriosen Geist nur eine Form. Worber er am meisten grbelte, war die
Versuchung Christi. Das qulte ihn, das begriff er nicht. Raum und Zeit
waren ihm Gespenster; und das war begrndet in den malosen Erfllungen
dieses Lebens, die malosen Ekel in ihm erregten. So erklrt sich auch
sein bestndiges Reisen, diese Ruhelosigkeit in der Starre; und seine
kuriose Liebhaberei fr Uhren, die alle, soviel deren auch waren, auf
dem Zifferblatt bereinstimmen muten. Dissimulation. Freilich, sein
Vater trug ja als Leiche eine tickende Uhr in der Brust; die wahnsinnige
Johanna, seine Mutter, schleppte den Sarg durch die Lnder, und damit
sie sich einbilden konnte, er lebe, setzte sie ein Uhrwerk an die Stelle
des Herzens. Das mute Einflu auf ihn haben. Ich ahne da eine tragische
Umbiegung der Seele von der Majesttisierung in die Mechanisierung,
d. h. also in die Verzweiflung, erstes Sinnbild einer neuen Zeit. Ja,
die Uhr war vielleicht sein Idol und sein Menetekel. Und doch war er der
Bewahrer; Bewahrer des Staats, Bewahrer der Religion. Ein Pater vom
heiligen Orden Jesu sagte mir einmal, ohne ihn htte die Kirche lngst
aufgehrt zu existieren. Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt,
Jahrhunderte lang.

Ja, mit Ruten und Skorpionen, mit Scheiterhaufen und Marterwerkzeugen,
lie sich eine Stimme vernehmen, in der Klangfarbe so wenig
unterschieden von der des Grafen, da die andern des schneidenden
Widerspruchs zuerst gar nicht inne wurden. Nur Erasmus war vorbereitet
gewesen, da er, whrend Georg Ulrich gesprochen, den Blick unauffllig
auf Sparre gerichtet hatte, der, etwas aus der Reihe gerckt, zwischen
Lix und Ferry Sponeck sa, mit einem spttisch-dstern Lcheln um den
Mund. Das etwas verletzende Aufhorchen der Gesellschaft beirrte ihn
nicht, auch nicht die ngstlich an ihm hngenden Augen Sponecks; khl
fuhr er fort: Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt um den Preis
von hunderttausenden verbrannten Ketzern und hunderttausenden
unschuldiger Mdchen und Frauen, die man als Hexen zu Tode folterte; und
um den Preis von hunderttausenden erschlagener und gemordeter Inkas und
Azteken, und von hunderttausenden durch Alkohol und Syphilis im Namen
des Kreuzes vergifteter Indianer; der Katechet rckte auf seinem Stuhl,
die Grfin machte eine erschrockene Bewegung gegen Pauline und Aglaia
hin, wobei letztere den Kopf aufwarf und Sparre neugierig musterte. Aber
der schien es nicht zu bemerken. Ich will auch gleich sagen, sprach er
weiter, da es eine von den Jesuiten erfundene und bswillig
verbreitete Fabel ist, die uns die Ansicht beigebracht hat, die Syphilis
sei aus Amerika gekommen. Es geschah wahrscheinlich zur hheren Ehre
Gottes. Sie ist aus dem Orient gekommen, lange bevor die frommen
Straenruber Cortez und Pizarro die blhenden Reiche dort drben in
bluttriefende Wsteneien verwandelten. Aber wozu das alles, unterbrach
er sich achselzuckend, Sie, Herr Graf, wissen es ebenso genau wie ich.
Ich freilich verstehe mich nicht auf die Dissimulation und kann auch
nichts Vorbildliches und Bewundernswertes in ihr sehen. Im Gegenteil,
sie ist mir die Mutter des bels, der fluchwrdigen Verschleierungen,
deren sich die groen Herren bedient haben, um ihre kleinen Zwecke
durchzusetzen, des systematischen Volksbetrugs und der politischen
Brunnenvergiftung.

Er schaute mit gerunzelten Brauen zur Decke empor, als wolle er sich der
frostigen Betroffenheit entziehen, die rings um ihn die Gesichter
zeigten.

Was Sie vorbringen, Herr Sparre, ist zweifellos stichhaltig,
antwortete nach einer Pause Georg Ulrich Castellani mit ausgesuchter
Artigkeit, indem er sich in seinem Stuhl zurcklehnte und eigentmlich
triumphierend aussah. Aber ich wollte ja nicht Zustnde und Fakten
kritisieren, das steht auer meiner Kompetenz, sondern eine Figur, die
meine Fantasie enflammiert, dem Verstndnis nher rcken. Da eine
gewisse liberale Phraseologie, oder auch eine radikale, wenn Sie wollen,
es luft im Wesen auf dasselbe hinaus, ihre drohendste Armatur gegen
diese Figur in Bewegung setzen mu, gebe ich Ihnen gerne zu. Heutzutage
liegt das auf der Hand und erfordert auch geringen Mut. Blutbder sind
etwas unendlich Schreckliches; selbstverstndlich. Aber sind sie durch
die Volksbeglcker verhindert worden? Haben die Robespierre und die
Cromwell und die Lincoln und die Lenin weniger Blutschuld auf dem
Gewissen als die Dschingischan, die Attila, die Napoleon und Friedrich?
Wir wollen hier doch nicht Leitartikelwahrheiten breittreten. Es
geschieht uns weh genug, da es unserer Welt an groen Herren fehlt, von
groen Mnnern nicht zu reden. Ein unabwendbarer Proze; das Urgestein
ist zerrieben; was brig bleibt, ist Schlamm und Kot. Wohin fhren die
Ausschweifungen des Gefhls? Blut ist Baumaterial. Jeder von uns hlt
die Schaufel in der Hand, um einen andern einzuscharren; spielt die Zahl
und die Modalitt des Sterbens letzten Endes eine Rolle? Dieser Planet
ist nun einmal ein Kirchhof, und wenn die einen ihr Vergngen darin
finden, die Massengrber zu durchwhlen, so macht es den andern Freude,
vor den ehrwrdigen Monumenten ihre Andacht zu verrichten.

Ich mchte niemanden in dieser Freude stren, sagte Sparre trocken.

In Zeiten, wo die Person eines Kaisers etwas Geheimnisvolles sein
konnte, gab es eben ein grandioses Geheimnis mehr fr die Menschen,
fuhr Castellani fort, Majestt, gesalbte Majestt, das war die oberste
Spitze der Welt, das was in Zucht und Demut hielt, auch wenn der
zufllige Reprsentant der hohen Idee nicht entsprach. Vielleicht darf
ich das durch eine kleine Episode aus dem Leben eines meiner Vorfahren
illustrieren; vielleicht kann ich damit unserer Diskussion die Schrfe
nehmen, was den Damen nur willkommen sein wird. Ich fand die Geschichte
fast zu gleicher Zeit in alten Familienpapieren und, ein wenig
vergrbert, in den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon.
Sonderbarerweise schlgt sie ebenfalls in das von Herrn Sparre so
verpnte Kapitel der Dissimulation. Dieser Vorfahr also, ein Kavalier am
Hofe Ludwigs des Vierzehnten, meine Familie stammt ja aus Frankreich,
wurde vom Knig mit einem Auftrag von hchster Importanz zum Kaiser
Leopold nach Wien geschickt. Er trifft eines spten Abends ein, kleidet
sich um, sendet seinen Jger in die Hofburg voraus, um seine Ankunft
melden zu lassen und folgt ihm in krzester Zeit nach. Man teilt ihm
mit, da die Majestt ihn erwartet. Man fhrt ihn durch halbfinstere
Korridore und eine Reihe ganz finsterer Gemcher, vor einer Tr bleibt
der Lakai stehen und heit ihn eintreten. Es ist ein schmaler Raum, in
den er tritt, mit einem schmalen, langen Tisch, einer einzigen Kerze
darauf und einem einzigen Sessel dahinter. Vor dem Tisch, mit dem Rcken
angelehnt, die Arme verschrnkt, in nachlssiger Haltung und ziemlich
verdrossen, steht ein schwarzgekleideter Mann. Der Gesandte, in der
Meinung, es sei ein Beamter oder ein zur Audienz befohlener Kmmerer, in
der Meinung berhaupt, es sei die Antichambre, wo er sich befindet,
fngt an auf und abzuschreiten, wobei seine Gebrden und sein
Mienenspiel schlecht bemeisterte Ungeduld ausdrcken. Der Mann am Tisch
mit den verschrnkten Armen sieht ihm zu, verfolgt sein
Aufundabschreiten nicht blo mit den Augen, sondern mit dem ganzen Kopf,
bleibt ernsthaft und vollkommen still. So vergeht eine Viertelstunde,
eine halbe Stunde, endlich wird es dem Wartenden zu viel, er wendet sich
etwas brsk an den vermeintlichen Leidensgenossen und fragt, ob der
Kaiser benachrichtigt sei und ihn empfangen wolle. Da antwortet der Mann
ruhig: Der Kaiser bin ich. Der Gesandte strzt wie vom Blitz getroffen
auf die Knie nieder, stammelt, zittert und vermag nicht ein Wort von
seinem Auftrag hervorzubringen. Der Kaiser mu seine Leute rufen, die
ihn laben und wieder zur Besinnung bringen mssen. Das war die Glorie,
die Wirkung des Unbeschreiblichen, das Geheimnis.

Sparre lchelte gezwungen. Er antwortete: Auf die Gefahr, es vllig mit
Ihnen zu verderben, gestehe ich, da ich da weder Glorie, noch Geheimnis
erblicken kann. Ich sehe auf der einen Seite nur infantilen Geist und
verchtlichen Byzantinismus, auf der andern die ganze Narrenbosheit und
den widersinnigen Hochmut dieses Geschlechts von herzlosen, unwissenden,
weltfremden und menschenfeindlichen Drahtpuppen auf dem Thron. Edle
Rassetiere im besten Fall, haben sie ihre Befugnisse mibraucht, um
zwischen den Nationen Zwietracht zu sen und dabei ihr Schfchen ins
Trockene zu bringen, Schmeichler und Dunkelmnner zu hohen mtern zu
befrdern und redlichen Dienern den Strick zu drehn. Zuviel ist um der
Popanze willen gelitten worden, zuviel Weihrauch und Lge -

Erasmus erhob sich. Ich glaube, wir brechen das berflssige Gesprch
ab, sagte er scharf.

Hab doch die Gnade, mein Teurer, mir die Aschenschale zu reichen,
wandte sich Castellani mit heiterem Gesicht an ihn.

Vielleicht spielt uns Herr Sparre etwas vor, sagte die Grfin
verbindlich.

Sparre war ebenfalls aufgestanden. Mich dnkt, dazu fehlt momentan die
ntige Empfnglichkeit, Frau Grfin, erwiderte er mit steifer
Verbeugung.

Die Grfin drehte sich zu Lix und spottete kaum hrbar: Gaffen hat er
sich bis jetzt genug geleistet.

Ferry Sponeck fuhr sich unglcklich durch die Haare, denn er merkte
endlich, da etwas nicht stimmte. Sag mir doch, Mumu, raunte er
Erasmus zu, was hat es denn eigentlich gegeben?

Man vernahm das Rollen eines Wagens. Sebastiane, die neben Erasmus
stand, horchte auf; dies Gerusch zu dieser Stunde war ungewhnlich.
Auch die andern lauschten. Erasmus antwortete auf Ferry Sponecks Frage:
Hast du vergessen, was ich dir neulich gesagt habe? Offene Rebellion
ist Satans Werk, hab ich dir gesagt. Hast gerade du uns den Satan ins
Haus fhren mssen?

Niklas war hastig eingetreten, hatte sich hinter den Stuhl der Grfin
gestellt und ihr im Herabbeugen ein paar Worte ins Ohr geflstert. Die
Grfin sprang mit verndertem, erblatem Gesicht empor. Als die Tchter
sie erschrocken umdrngten, sagte sie: Frau von Gravenreuth ist
angekommen, und ... und Grfin Giese. Sie sind geflchtet. Das Schlo
brennt.

Gott sei uns gndig, murmelte der Katechet.

Voll Schrecken liefen alle durcheinander. Pauline brach in Trnen aus.
Aglaia nahm einen Armleuchter und stellte ihn wieder hin. Die Grfin
strzte in den Flur. Erasmus, wei wie Papier im Gesicht, wollte ihr
nach, blieb aber vor der Schwelle stehn. Georg Ulrich Castellani ging
auf und ab und murmelte von Zeit zu Zeit: #nom de Dieu; nom de Dieu,#
Lix und Sebastiane folgten ihrer Mutter. Sponecks Krawattenschleife
hatte sich gelst, und er bemhte sich mit verstrten Mienen, sie wieder
zu binden.

       *       *       *       *       *

Es war Flucht in gehetztester Eile gewesen. Um sieben Uhr war eine Bande
von zwlf Mann in das Schlo gedrungen und hatte Geld und Lebensmittel
verlangt. Man hatte mit ihnen verhandelt, ihnen eine Summe Geldes und
zwei Scke Mehl abgeliefert, und sie waren bereits im Begriff,
weiterzuziehen, als einige von ihnen im Hof mit dem Kutscher in Streit
gerieten. Tumult entstand, fnf Minuten spter lohten Flammen aus dem
Dach des Stallgebudes. Was sich dann weiter begeben hatte, wie sie mit
rasch zusammengerafften Habseligkeiten auf den Bauernwagen gelangt
waren, woher der Wagen mit den zwei Pferden mitten im strmenden Regen
gekommen und wer ihn gebracht, vermochten die Flchtlinge nicht zu
sagen. Genug, sie waren in der Nacht, das brennende Schlo hinter sich,
davongefahren, so schnell die Pferde laufen wollten: der Kutscher, ein
sechzehnjhriger Bauer, zwei Zofen, Frau von Gravenreuth, Marietta
Giese, der kleine Wolf und seine Pflegerin; alle bis auf die Haut
durchnt, mit klebenden Gewndern, triefenden Haaren, wie
Schiffbrchige.

Marietta mute sogleich zu Bett gebracht werden. Sie fieberte und war
keines Wortes mchtig. Man schickte um den Arzt ins Dorf. Der Katechet
erbot sich, im Dorf junge Leute aufzubringen, die bereit wren, das Haus
zu bewachen. Frau von Gravenreuth, eine gemessene und einfache Dame von
fnfzig Jahren, hatte auch in dieser Lage ihre Haltung nicht eingebt.
Als sie umgekleidet war und fr Wolfs Nachtlager gesorgt hatte,
erstattete sie genaueren Bericht. Sie uerte Angst um Marietta. Lix und
Sebastiane waren zu ihr hinaufgegangen. Die Grfin war beschftigt,
Anweisungen wegen der Kleider und Betten zu geben. Erasmus suchte und
fand Gelegenheit, ein paar Worte mit Frau von Gravenreuth unter vier
Augen zu wechseln: Hatten Sie nicht noch einen Gast, Baronin? fragte
er vorsichtigen Tons; Marietta sprach davon - Frau von Gravenreuth
antwortete: Ja, Herr van der Muylen war bei uns. Er ist vorgestern
telegraphisch abgerufen worden. Manche haben einen guten Stern. Sie sah
Erasmus forschend an. Und wer ist der Knabe? fragte Erasmus weiter.
Sie erwiderte: Wolf ist mein Schutzbefohlener. Er lebt seit seiner
Geburt in meinem Hause. Seine Mutter ist, ... sie ist tot; sie war meine
beste Freundin. Es ist ein schnes Kind, nicht wahr? Wieder sah sie ihn
mit ihren forschenden, glanzlosen Augen an; ich hoffe nur, da diese
Eindrcke seine junge Seele nicht verdunkeln, fgte sie hinzu, meine
wird sich nie mehr von ihnen befreien knnen. Erasmus nahm ihre Hand,
fhrte sie an die Lippen und sagte: Ich empfinde tief mit Ihnen, bis
ins Innerste, und das ist kein leeres Wort. Ich kenne die Gre der
Katastrophe.

Der ins Dorf gesandte Bote kehrte mit der Nachricht zurck, der Doktor
knne nicht kommen, da er selbst an Grippe schwer erkrankt sei. Gleich
darauf erschien Sebastiane und sagte, Grfin Marietta befinde sich sehr
schlecht, das Fieber steige zusehends, auch klage sie ber heftige
Kopfschmerzen. Die Grfin sprach zu Helene Gravenreuth: Ich bin ratlos;
der nchste grere Ort ist ber eine Stunde zu Pferd entfernt, und wenn
ich auch bei solchem Wetter und der Unsicherheit in der ganzen Gegend
jemand schicken knnte, ist es doch zweifelhaft, ob der Arzt mitten in
der Nacht herberkommt.

Frau von Gravenreuth antwortete: Unmglich kann man sie noch
stundenlang ohne rztliche Hilfe lassen -

Da trat Eugen Sparre auf die Damen zu. Wenn ich mir erlauben darf,
meine Dienste anzubieten, Frau Grfin, sagte er mit seiner
verschlossenen Hflichkeit, so glaube ich, den hiesigen Kollegen
ersetzen zu knnen.

Die Grfin machte eine freudige Bewegung und sagte zu Frau von
Gravenreuth, die aufatmete und Sparre dankbar anschaute: Herr Sparre
ist ein geistreicher junger Mediziner von der neuesten Schule; dann zu
Sparre: Es fgt sich ausgezeichnet; wenn Sie wirklich die Gte haben
wollen -

Im selben Augenblick war Erasmus, seiner kaum mchtig, auf Ferry Sponeck
zugegangen. Er packte ihn am Arm, zog ihn mit einem ihm sonst fremden
Ungestm in die Fensternische, und dort sagte er leise, hastig, mit
drohender Bestimmtheit und vor Erregung zuckenden Lippen und
Augenlidern: Hr mich an, Ferry. Das mut du verhindern. Um jeden
Preis verhindern, sonst sind wir beide geschworene Feinde auf ewig. Da
du schon die Torheit begangen hast, den Menschen herzubringen, so
erwarte ich von dir diesen Dienst. Um jeden Preis verhindere, da er in
Mariettas Zimmer geht, verstehst du? Nicht zu ertragen der Gedanke, da
er sie anrhrt, da er ... nicht zu ertragen. Geh sofort zu ihm hin,
sprich mit ihm, mach ihm das klar; du kannst dich auf mich berufen. Als
Grund gib an, was du willst, und wenn er auf seinem Vorsatz beharrt, sag
ihm, da ich ihn einfach niederknallen werde. Ohne Umstnde, verstehst
du? Spute dich. Ich hoffe, du hast kapiert. Da er ber die Geschichte
gegen die Damen schweigt, kann ich nicht von ihm erwarten. Vielleicht
erreichst du es von ihm. Um keinen Preis darf er an ihr Bett. Eher mag
sie sterben.

Mit aufgerissenen Augen hatte Ferry Sponeck zugehrt. Doch er hatte
begriffen. Da er Erasmus in solchem Zustand sah, begriff er die Gefahr.
Beruhige dich, Mumu, es wird gemacht, sagte er, ging ins Zimmer
zurck, bemerkte, da Sparre sich eben von den Damen entfernte und mit
Sebastiane zur Tr schritt. Er folgte ihm. Drauen rief er: Sparre! auf
ein Wort, und er verschwand mit ihm im dunklen Teil des Flurs.
Sebastiane ging indes die Treppe hinauf, in der Meinung, Sparre wrde
nachkommen.

Erasmus war ebenfalls in den Flur gegangen, befahl einem der Diener, ihm
Mantel und Hut aus seinem Zimmer zu holen, rief den alten Niklas und
erklrte ihm, da er selbst zum Arzt nach Grnau fahren wolle, man mge
den Kutschierwagen anspannen lassen. Herr Graf knnen nicht allein
fahren, wendete Niklas bestrzt ein, es ist Mitternacht, die Strae
stockfinster und grundlos, auerdem - Erasmus schttelte ungeduldig
den Kopf. Ich frchte mich nicht, schnitt er die Rede des Alten ab,
wenn niemand da ist oder keiner die Courage hat, mich zu begleiten, mu
ich allein fahren. Ich finde mich schon zurecht. Machen Sie nur kein
Aufsehen, die Grfin braucht zunchst nichts zu wissen.

Der Diener brachte Hut und Mantel, Niklas und Erasmus traten auf den Hof
und ins Stallgebude. Man weckte den Kutscher, der nicht davon erbaut
war, die Pferde dem Unwetter preisgeben zu mssen. Ein junger
Stallbursche, von der in Aussicht gestellten Belohnung gereizt, war
willig, mitzufahren. Zehn Minuten darauf sausten die beiden flinken
Tiere vor dem leichten Wagen ber die Chaussee, in eine Finsternis
hinein, die ein schwarzer Schwamm war. Im Norden stand noch immer
Brandrte.

Zum Schutz gegen den Regen hatte Erasmus eine Lederkapuze umgeschlagen,
die ihm der Kutscher gegeben. Bume flogen vorber, Telegraphenstangen,
Huser, Brcken, Ententeiche, kaum erkennbar in den Umrissen; die Hufe
der Pferde klatschten in geschwindem Rhythmus ins Nasse. ber ihre
nickenden schwarzen Kpfe hinaus starrte Erasmus auf die von den
Wagenlaternen schwach beleuchtete Strae und in den matten Lichtkegel,
durch den der Regen in glitzernden Strhnen fuhr. Bei jeder Weggabelung
zog er die Zgel an und wechselte ein Wort mit seinem Begleiter, der
schlaftrunken dste.

Er konnte nicht denken, doch sah er. Sah Marietta, fiebergeqult in den
Kissen; der vertraute Krper litt; Lix und Sebastiane huschten bisweilen
lautlos durch das Zimmer; jede Bewegung der beiden war ihm wie das
Einatmen von Wohlgeruch. Er sah Sparres hmisch-aufmerksames Gesicht;
Inbegriff des Hassenswerten. Woher dieser Ha, der seinem Gemt sonst
unbekannt war? Er sah Pauline an einem Fenster stehen und ahnungsvoll in
die Nacht hinaustrumen; und Aglaia mit wissend und trotzig funkelnden
Augen ihn messen; und wieder Marietta, von Schmerzen bedrngt, sterbend
vielleicht; und dann ein Knabengesicht, wer war der Knabe? Alles gerann
zu Nebel. Wie mde man wurde. Schn und schlank war der Knabe ...

Die ersten Huser der kleinen Landstadt tauchten auf.

Um drei Uhr nachts war Erasmus mit Doktor Schmidthammer zurck. Marietta
phantasierte. Man hatte sie in feuchte Tcher gewickelt. Sparres
unerklrliche Weigerung, die Behandlung zu bernehmen, gleich nachdem er
sich dazu angeboten, hatte auf alle wie neues hliches Unheil gewirkt.
Er hatte sich auf sein Zimmer zurckgezogen und durch Ferry Sponeck die
Absage geschickt. Ferry Sponeck beschwichtigte die entrstete Grfin, so
gut er konnte; schlielich gab er sein Wort, da Sparre ohne Schuld sei;
es htten sich Umstnde ereignet, durch die er gezwungen worden sei, zu
verzichten. Die Grfin erwiderte unwillig, sie verstehe keine Silbe. Da
sagte Georg Ulrich Castellani malitis: Unser Freund Erasmus hat seine
#bte noire# entdeckt, das wird es wohl sein.

Alle schwiegen erstaunt, der Zusammenhang rckte nur langsam ins Licht
und vllig offenbar wurde er erst, als sich herausstellte, da Erasmus
heimlich und trotz Sturm und Unsicherheit der Wege nach Grnau gefahren
sei, um den Arzt zu holen.

Graf Castellani sagte: Mir fllt da die Geschichte von einem Marquis de
Sursne ein, der den grten Widerwillen gegen Jakobiner und
Sansculotten hegte, obwohl er nie im Leben einen dieser Leute gesehen
hatte. Eines Tages wurde er in der Nhe seines Schlosses in der
Normandie von Rubern angefallen; auf sein Geschrei kam ihm ein des
Weges reitender Mensch zu Hilfe und rettete ihn mit fabelhafter Bravour.
Der Marquis erschpfte sich in Danksagungen, als es sich aber spter
erwies, da sein Lebensretter einer der Fhrer der von ihm so sehr
verabscheuten Partei war, nahm er einen Strick und hngte sich auf;
denn, sagte er, er wolle sein Leben nicht einem erklrten Feind des
Menschengeschlechts verdanken. Es ist absurd, gewi, aber es hat
Charakter. Ich liebe solche Absurditten; ich sammle sie, wie andre
Leute Mnzen oder Stockgriffe sammeln.

Jedoch die Grfin war sichtlich verstimmt.

       *       *       *       *       *

Die Bedenklichkeit des Falles erkennend, blieb Doktor Schmidthammer fr
den Rest der Nacht am Krankenbett. Erasmus vermochte einige Stunden zu
schlafen. Als er sich gegen acht Uhr mit benommenem Kopf erhob und die
Fenster ffnete, wunderte er sich ber den wolkenlosen Himmel und die
wasserhelle Blue der Luft.

Mariettas Zofe erstattete Bericht; das Fieber sei unverndert hoch, aber
die Kranke liege jetzt still, mit starren Augen, wie bewutlos. Frau von
Gravenreuth sei bei ihr.

Der Morgen war so nchtern, so glasig; der ganze Tag blieb so; der
Sonnenschein so lgnerisch, die Dinge so deutlich, so kalt; der Fu
klebte im Schreiten. Erasmus frhstckte mit Sponeck allein; die Damen
schliefen noch. Ferry Sponeck sagte, Sparre habe beschlossen gehabt,
heute abzureisen und sei schon um sieben Uhr auf der Station gewesen, um
sich nach den Zgen zu erkundigen; er sei auer sich, da er erfahren
habe, der Eisenbahnverkehr sei fr die Dauer von drei Tagen
eingestellt. Furchtsam hielt Ferry Sponeck die Augen auf Erasmus
gerichtet.

Das ist hchst fatal, murmelte Erasmus.

Er wird das Zimmer nicht verlassen, trstete Ferry Sponeck; er wird
Unplichkeit vorschtzen und die Mahlzeiten oben nehmen.

Es ist trotzdem fatal, beharrte Erasmus.

Nach wenigen Stunden fhlte er sich derart im Hause, als seien Tren
offen, die htten geschlossen und andere geschlossen, die htten offen
sein sollen. Er grbelte darber nach wie er es anstellen knnte, zu
Marietta zu gelangen. Durch alle Wnde sickerten Wehelaute aus ihrem
Mund.

Die Grfin begrte ihn khl. Er fand es notwendig, ihr Aufklrungen zu
geben. Er wurde beredt. Sie mssen es verstehen, Grfin, sagte er.
Der Mann peitscht mir das Blut mit jedem seiner Blicke. Das Wort, das
er spricht, ist mir wie Schmutziges aus der Gosse. Spren Sie es nicht
auch? Sehn Sie nicht, da sich in diesem Gesicht alles Bse
zusammengeballt hat, der ganze Jammer, unter dem wir keuchen, die
Anmaung der gottlosen Kreatur, der Zynismus, der unsere Altre besudelt
und den Purpur mit Fen tritt -?

Der? gerade der? rief die Grfin, halb belustigt, halb entsetzt; Sie
bertreiben, Erasmus, Sie bertreiben ungeheuerlich.

Ich bertreibe so wenig, da alles, was ich nicht auszudrcken vermag,
mir noch zehnmal schrecklicher, noch zehnmal beweiskrftiger erscheint.
Wir sind die Opfer dieses Menschen, glauben Sie mir. Ich rieche es, es
steckt mir in den Nerven, und htten wir mehr Witterung fr dergleichen
Subjekte, so wre es nicht so weit mit uns gekommen, da wir wie
Schlachttiere unsern Hals hinhalten mssen. Er ist nicht blo ein
Exponent, er ist eine Inkarnation, glauben Sie mir, und da er hier in
unserer Mitte aufgetaucht ist, ist mir wie ein Steinwurf des Schicksals.
Sie mssen es begreifen, da mir der Gedanke unfabar gewesen ist, ihn
an das Lager einer Frau treten zu lassen, wenn auch als Arzt, was ndert
das? bleibt er nicht Sparre, derselbe Sparre? mit seiner ganzen
Wissenschaft Sparre? einer Frau, die mir einmal teuer war, die mir noch
immer nahe steht. Sie mssen das begreifen.

Ich begreife, Erasmus, einigermaen wenigstens, antwortete die Grfin,
milder gestimmt; aber, lieber Freund, begreifen auch Sie: die Situation
ist unmglich. Marietta in meinem Haus, schwer krank, und Sie, und die
jungen Mdchen, - unmglich. Auf irgendeine Manier mssen wir aus diesem
Wirbel heraus. Irgend etwas mu beschlossen, mu getan werden.

Erasmus geriet in lebhafte Verwirrung, denn der Wink war nicht
mizuverstehen. Ich bitte Sie, Grfin, gnnen Sie mir Zeit, flehte er;
vierundzwanzig Stunden Zeit, oder zwei Tage vielleicht. Ich bin vllig
bouleversiert. Ich bin zu keiner vernnftigen berlegung fhig.

Die Grfin lachte. Nun, nun, besnftigte sie den Erregten, machen Sie
keine blutgierige Tigerin aus mir. Zwei Tage, natrlich, weshalb nicht;
fassen Sie sich. Zur Desparation ist noch kein Anla. Mut, armer
Freund. Sie reichte ihm lchelnd die Hand, doch mit ungewichenem
Mitrauen noch in den Fltchen um die Augen.

An dieses Gesprch schlo sich eines mit Pauline und ein Gang durch den
Park mit Aglaia.

Pauline sa lesend am Fenster des Musikzimmers. Ohne es recht zu wollen,
trat er zu ihr hin. Seine Stirn vibrierte noch; er lchelte abwesend und
schal. Die Freundlichkeit, mit der er sie anredete, war puppenhaft. Sie
hob den Blick zu ihm, senkte ihn gleich wieder, legte das Buch auf das
Sims, griff nach ihrem Spitzentaschentuch und zerknllte es in der
Faust. Ich denke fortwhrend an Grfin Marietta, sagte sie; sie war
unbeschreiblich schn, als sie gestern na und elend im Flur stand. So
habe ich mir immer eingebildet, da Mrtyrerinnen aussehen mssen. Sie
stockte, sah ihn wieder an, wich seinem zweifelnden, unsteten schuldigen
Blick wieder aus. Darf man sich dem Neid hingeben? fragte sie; es ist
Todsnde, ich wei es, aber ich beneide Grfin Marietta, ich beneide sie
ber alles Ma, ber alle Worte, bis ins Geheimste meiner Seele beneide
ich sie.

Warum, Pauline? fragte Erasmus betroffen, warum beneiden Sie
Marietta?

Ich wei es nicht, flsterte das junge Mdchen; ich kann es nicht
sagen. Aber wenn ein Wunder geschhe, und ich knnte von jetzt an bis
zum Abend Marietta sein, und ich mte zum Entgelt dafr in der Nacht
sterben, nicht eine Sekunde lang wrd ich mich besinnen.

Wie sonderbar, sagte Erasmus kopfschttelnd. Ihm war zumut, als habe
sie ihm mit ihren Worten die Glieder an den Leib geschnrt. Sie bte,
whrend er auf sie niederschaute, auf das nordisch gelbe Haar, die
samtene Wange, die bebende Oberlippe, eine unbestimmte, qulende Macht
ber ihn aus, der er sich zu entledigen strebte. Mit einer banalen
Ausflucht verlie er sie.

Aglaia kam eben ber die Treppe herunter. Sie forderte ihn auf, sie ins
Freie zu begleiten. Ich habe Sie gesucht, sagte sie.

Im Hrkreis des Hauses gingen sie stumm. Erasmus schaute bisweilen
zurck und verzgerte den Schritt, als ob er Wichtiges verabsume, wenn
er sich zu weit entfernte.

Sicher wnschen Sie uns alle miteinander dorthin, wo der Pfeffer
wchst, begann Aglaia mit ihrer rauhen, aber hellen Stimme, wir sind
Ihnen unsagbar lstig, und Sie wissen selbst nicht genau, weshalb. Man
hat ein Attentat gegen Sie unternommen, und das Attentat ist miglckt.
Povero! Ich mchte Ihnen so gern aus der Patsche helfen, da ich uns
schon nicht helfen kann. Wie machen wir denn das?

Sie drfen nicht so sprechen, Aglaia, bat Erasmus.

Nichts da, ich will reden, wie mir ums Herz ist, entgegnete Aglaia;
das ganze Arrangement hat mir ohnehin nie recht gefallen; je besser ich
Sie kennengelernt habe, je weniger. Nun hat sich aber Pauline innerlich
engagiert, und bei ihrer Veranlagung ist das kein kleines Unglck. Da
das Unglck viel grer wre, wenn sie Ihre Frau wrde, kann man ihr
vielleicht sagen, aber sie wird es nicht einsehen. Unterbrechen Sie mich
nicht, Erasmus, ich hab mirs in den Kopf gesetzt, Ihnen die Leviten zu
lesen und will es auch tun. Es ist strflicher Leichtsinn, da Sie
berhaupt ans Heiraten denken. Ist es Ihnen denn ernst damit? Gott
bewahre. Sie machen es wie die Indianer auf dem Kriegspfad; Sie stecken
sich bunte Federn auf den Schopf, bemalen sich das Gesicht, dann
schleichen Sie sich durch die Wlder, um ein bichen zu wegelagern. Und
wehe der Squaw, die Sie in Ihren Wigwam fhren. Was da geschieht; #je
vois a d'ici.# Wenn sie meine Freundin wre, wrde ich sie auf den
Knien beschwren, sichs dreimal zu berlegen, und noch dreimal, und dann
erst recht davonzulaufen. Womit ich nicht gesagt haben will, Erasmus,
sie blieb stehen und sah ihn mit einer Mischung von Schelmerei und
flieendem Gefhl an, da ich Ihre Vorzge nicht kenne. Sie sind nur
nicht der Felsen, auf den ich bauen mchte.

Es erstaunt mich, Aglaia, antwortete Erasmus befangen, da Sie sich
so urteilen getrauen; so dezidiert, so ... khn. Wo haben Sie das her?
Soviel Kenntnis, kleine Aglaia, wo nehmen Sie die her?

Sie sagte spttisch: Keine Geringschtzung gegen die Jahre, Erasmus.
Solange es grauhaarige Dummkpfe gibt, darf es auch siebzehnjhrige
Komtessen mit gesundem Menschenverstand geben. Zwei Augen im Kopf sind
zu allerlei ntze, und meine zwei Augen verraten mir, da Sie jedes Herz
lieblos zerzupfen, da sich Ihnen schenkt. Es tut Ihnen leid, aber Sie
knnen nicht anders.

Erasmus nickte melancholisch. Wenn es nur nicht so schwer wre,
Aglaia, erwiderte er mit seiner verdeckten Stimme; man wei nie das
Richtige. Kommt es einem mal so vor, als htte man sich zum Richtigen
entschlossen, so machen einen die Leute durch ihre Reden wieder irre.
Man liebt jemand, schn; aber wei man denn, wie lang es dauert? Und die
Betreffende bildet sich ein, es dauert ewig. Wei man denn, was es mit
der Betreffenden auf sich hat? ob sie sich nicht selber tuscht? ob es
nicht ein Unrecht ist, wenn man sie glauben macht, sie sei einem so viel
wie sie sein mchte? Das sind furchtbare Verantwortungen. ber einem ist
ein Gesetz; das Gesetz mu man erfllen; wenn aber der Augenblick da
ist, wo es Ernst wird, traut man sich nicht, den Schritt zu tun, weil
man Angst hat; die Verantwortung ist zu gro. Es gibt bestimmte Zeichen,
aber vielleicht deutet man sie falsch. Geschehenes kann man nicht
rckgngig machen. Ich darf mich nicht betrgen lassen von meinen
Sinnen. Ich darf mir nicht genug sein. Ich bin blo einer aus der Mitte
heraus und bin Rechenschaft schuldig. Es darf mir kein Zweifel
brigbleiben. Wenn ich so einen Entschlu fasse, mu ich das Bewutsein
haben: Gott will es. Kann ichs noch unterlassen, so heit das so viel
wie Gott will es noch nicht. Man mu sich in acht nehmen und darf nicht
vorwitzig sein. Er wischte sich Schweiperlen von der Stirn und sah
krnklich aus.

Aglaia faltete die Hnde und blickte mit drolliger Verzweiflung gen
Himmel. O Erasmus, seufzte sie, Sie zerreien mir das Herz. Und da
gibt es Menschen, die einem harmlosen jungen Mdchen zumuten, Hoffnungen
auf Sie zu setzen. Es mu ja jammervoll in Ihnen aussehen. Das ist
schlimmer als die zehn gyptischen Plagen. Nein; um Himmelswillen,
niemals! Passen Sie auf, Erasmus, fuhr sie zutraulich fort, ich bin
kein trockener Zunder, der beim ersten Funken Feuer fngt. Ich glaube,
ich bin in Sie verliebt. Warum soll ichs leugnen? Ich glaube, ich knnte
sogar Tollheiten fr Sie begehen; nicht ganz groe Tollheiten, gemigte
nur. Ziehen Sie daraus keine Konsequenzen, bitte; lassen Sie es ein Wort
sein wie guten Morgen. Jetzt, wo es eingestanden ist, ist ja Spiel und
Zauberei davon weg. Und sehen Sie, wie hbsch, da ichs gefunden habe,
bei Spiel und Zauberei mt es auch bleiben. Das andere, das mu
schauerlich sein mit Ihnen. Nur eine Komdiantin oder eine Heilige
knnte es aushalten.

Erasmus schaute in die dunstig flimmernde Ebene hinber. Er hatte sein
spleeniges Lcheln um den Mund. Spiel und Zauberei, ja, das war einmal,
dachte er, das darf nicht mehr sein. Eine neue Stunde wies das
Zifferblatt der Lebensuhr. Was diese Unentfaltete, listig Verwegene da
gesagt hatte, es war zu klug, es ging zu nah; es schickte sich nicht
ganz, wollte ihm scheinen.

Unversehens waren sie zu einem Rondell zwischen Beeten gelangt.
Sebastiane sa in der Sonne auf einem Gartenstuhl, vor ihr spielten ihre
beiden Mdchen im Sand, und der siebenjhrige Wolf sah ihnen zu. Als er
Erasmus und Aglaia erblickte, trat er ihnen mit reizendem Anstand
entgegen und reichte die Hand. Ein verwunderter Blick Sebastianes
streifte das Gesicht Erasmus und das des Knaben. Merkwrdig, wie
hnlich er Ihnen sieht, sagte sie. Auch Aglaia fand es auffallend.

Whrend Aglaia ins Haus ging, lie sich Erasmus auf einem zweiten Stuhl
nieder, und im sprlich flieenden Gesprch mit Sebastiane, die von der
halbverwachten Nacht mde war, hefteten sich seine Blicke oftmals auf
den Knaben. Er beobachtete seine Bewegungen, seine Hnde, seine Fe,
sein Mienenspiel. Als Wolf auf einem ziemlich entfernten Zweig ein
Eichhrnchen ersphte und auf Zehenspitzen, am Bord des Rasens,
hinschlich, erhob sich Erasmus und folgte ihm. Er redete ihn hflich an
wie einen Erwachsenen. Er fragte ihn, ob er Tiere liebe; ob er die Namen
der Bume kenne; die Namen der spten Blumen, die noch blhten. Die
Stimme des Knaben gefiel ihm; die unvordringliche und beherzte Art zu
antworten; der gro vertrauensvolle Blick; das Oval des Gesichts. Er
nahm ihn an der Hand und ging mit ihm weiter. Er erstaunte ber sich
selbst; er hatte sich nie mit Kindern beschftigt, noch sich zu ihnen
hingezogen gefhlt; die Empfindung fr Sebastianes Kinder hatte ihnen
nur in der Vereinigung mit der schnen Mutter gegolten.

Indem er die trockene, warme, winzige Hand in der seinen sprte, dnkte
er sich alt. Er erschien sich wie ein Baum, belastet mit Jahren,
beladen mit der Erinnerung an viele Wetter, viele strmische Tage und
Nchte, Frost und Glut der Sonne; der Knabe neben ihm, mit dem Haupt
nicht weit ber seine Hfte reichend, erschien ihm wie ein Schling,
zart und krftig, anschmiegend und edel, an ihm empor-, einer
unbekannten und zu frchtenden Zukunft entgegenwachsend. Die gekiesten
Wege waren ihm pltzlich verhat; die weie Front des Herrenhauses war
eine Gefngnismauer; mchtest du mit mir zum Flu gehen, Wolf? fragte
er. Der Knabe bejahte erfreut.

Erzhlen Sie mir eine Geschichte, bat der Knabe.

Erasmus dachte lange nach. Als sie zum Flu gelangt waren, der
dunkelschlammig zwischen flachen Ufern trieb, setzte er sich auf einen
moosigen Stein, legte den Arm um des Knaben Schulter, lchelte verlegen
und fing an: Es ist kein Mrchen, was ich dir erzhlen will, es ist
eine wahre Geschichte, die ich erlebt habe, als ich in Indien war. Am
Hof des Vizeknigs, Vizeknig nennt man den Stellvertreter des Knigs
von England dort, mut du wissen, am Hof des Vizeknigs also lebte unter
vielen andern Frsten und Radschas ein bengalischer Frst namens Lal
Sarkar, der seit Jahren an einer unheilbaren Schwermut litt, trotzdem er
reich und mchtig war, auch schn und klug. Solche Schwermut, weit du,
ist fr die Seele und den Geist des Menschen dasselbe wie Fieber und
krankhafte Schwche fr den Krper; wer davon heimgesucht wird, der hat
an nichts in der Welt mehr Freude. So war das mit Lal Sarkar und wurde
mit der Zeit immer rger. Die rzte wuten so wenig Rat wie die Freunde;
eines Tages aber kam ein Brahmane, ein Priester, zu ihm und sagte, er
solle sich aufmachen und nach Lhasa zum Dalailama reisen, dort wrde er
Heilung finden. Der Dalailama ist der oberste Priester der indischen
und chinesischen Welt, so wie der heilige Vater in Rom Herr ber die
Christenheit ist. Lal Sarkar tat, was der Brahmane ihn geheien, rstete
eine Karawane aus und reiste ber das hohe Gebirge des Himalaya nach der
Stadt Lhasa. Zwei Monate darauf kehrte er zurck, und zwar als ein ganz
anderer Mann, heiter, kraftvoll, lebensfroh; und so wunderbar war die
Verwandlung, da auch am Hof des Vizeknigs, wo ich um diese Zeit
eintraf, das grte Erstaunen darber herrschte. Wenn man sich aber
erkundigte, erfuhr man nicht viel mehr, als da eben Lal Sarkar in Lhasa
gewesen sei. Mir lie es keine Ruhe, und ich wute es anzustellen, da
ich mit dem Radscha bekannt wurde, und eines Abends in sein Haus
eingeladen wurde. Das war nun wirklich wie ein Mrchen, weit du, dieser
Palast mit seinen Springbrunnen und vergoldeten Sulen und Bassins mit
Fischen und den kostbarsten Teppichen. Ich war ganz allein bei ihm, und
als wir ins Gesprch gekommen waren, fragte ich ihn nach dem, worber
sich alle Europer den Kopf zerbrachen, denn sie hatten ihn ja gekannt,
als er wie ein Halbtoter sich traurig und hoffnungslos hingeschleppt
hatte, und jetzt war er wie neugeboren, kraftvoll und feurig. Ich fragte
ihn also und fragte auch, ob ein Fremder wie ich wissen drfe, wie das
vor sich gegangen und was mit ihm geschehen sei. Er sagte, gewi drfe
ich es wissen, es sei nichts zu verheimlichen. Ich habe den Dalailama
gesehen, das ist alles, ich habe in sein Angesicht geschaut. - Das ist
alles? fragte ich, nur in sein Angesicht geschaut? - Ja, antwortet
er, nur das. Und als ich verwundert, vielleicht auch unglubig
schwieg, sagte er folgendes, und ich habe nicht ein Wort davon
vergessen: Der Dalailama ist ein Knabe. Zwlf Jahre ungefhr, lter
nicht. Er sitzt auf einem Thron und lchelt. Sein Gesicht ist das
schnste Menschengesicht auf Erden, so schn, wie man es sich nicht
einmal im Traum vorstellen kann. Seine Stirn ist wie ein geschliffener
Edelstein und gttliche Weisheit leuchtet auf ihr. Seine Augen strahlen
eine Gte aus, da es jeden, auch den verhrtetsten Unhold bis ins Herz
trifft und er nicht anders kann als auf die Knie sinken. Sein Lcheln
gengt, damit aller Gram verstummt, aller Schmerz vergeht, alle Sorge
aufhrt. Er ist ein Knabe, aber wenn man ihn anschaut, ist es, als sei
er fnftausend Jahre alt. Er ist ein Knabe, aber man kt seine Hand und
weint. Vor Glck weint man. Er ist ein Knabe, aber er ist mchtiger als
Armeen und Schlachtschiffe, unbesiegbarer als die Knige und Kaiser der
Erde, er ist die Liebe und das Licht, und indem ich ihn anschaute, wurde
ich von meiner Schwermut geheilt. So sprach Lal Sarkar zu mir. Und das
ist meine Geschichte.

Es ist eine herrliche Geschichte! rief Wolf mit hingerissenem
Ausdruck, die mut du mir noch fter erzhlen. In seinem begeisterten
Eifer dutzte er Erasmus pltzlich, und dieser lie es sich gern
gefallen.

       *       *       *       *       *

Gegen Abend suchte ihn Frau von Gravenreuth auf und sagte, Marietta
wolle ihn sprechen; sie fhle sich besser, obschon man frchten msse,
da es ein trgerisches Intervall sei. Auch Erasmus hatte den Wunsch
geuert, sie zu sehen. Einige Heimlichkeit empfahl sich dabei.

Seine erste Regung, als er neben dem Bett stand, war Bedauern ber den
Wunsch. Das Gesicht war zerfurcht. Ein Tag hatte das Werk von zehn
Jahren verrichtet. Dmmerschwche nietete den Leib in die Kissen und
Tcher. Heie Feuchtigkeit hatte Flecken auf der Haut hervorgetrieben.
In den Augen war gelbfahles Licht. Um das Haupt zu entlasten, waren die
Haare gelst, und ber das weie Linnen flo die kupfrige Flut,
unvergangene Schnheit.

Sie so hingeworfen und zerstrt zu erblicken, war schlimm. Schlimmer der
Verlust; seine stumme Absage. Ihre Gestalt entfernte sich aus seinem
Innern. Nichts, was zwischen ihr und ihm gewesen war, wollte gewesen
sein. Erinnerung an Zrtlichkeit war Scham; was ihm dieser Krper
geschenkt, was er ihm geraubt: Snde. Da lag eine gefhrdete Kreatur,
arm, entschmckt; nicht Weib, nicht Geliebte, nichts ihm Verbundenes,
nicht Teil seines Lebens mehr.

Er flsterte ihren Namen. Sie lchelte und erhob matt die Hand.

Frau von Gravenreuth hatte das Zimmer verlassen. Marietta winkte ihm, er
setzte sich auf den Rand des Bettes. Sie sagte: Hr mich an, Erasmus.
Man wei nicht, was einem zustoen kann. Ich werde jedenfalls von bsen
Ahnungen geplagt, und es ist besser, du erfhrst jetzt, was du erfahren
mut. Hast du Wolf gesehen? Er nickte; er erbleichte. Wolf ist mein
Kind. Wolf ist dein Sohn.

Regungslos starrte er Marietta an.

Sie fuhr mit matter Stimme fort und legte ihre Hand auf die seine, die
nichts von der Berhrung wute: Ich habe viel darber nachgedacht, wie
du es aufnehmen wirst. Mu ich erklren, warum ich es vor dir
geheimgehalten habe? Prfe dich selbst, und du wirst wissen, warum. Es
ist ein unbekannter finsterer Raum in deiner Brust, vor dem graute mir
immer. Es war gut, da etwas zwischen uns war, das uns trennte, wenn wir
vereint waren und uns vereinigte, wenn wir getrennt waren. Ich htte
sonst manches Schwere schwerer ertragen. Ich brauchte einen, der fr
dich Zeugnis gab. Ich brauchte etwas Lebendiges, wenn du mir starbst. Du
bist mir sehr oft gestorben und ich mute dasitzen und mein Herz in der
Hand halten und auf deine Auferstehung warten.

Noch immer regungslos, mit geschnrter Kehle, starrte er Marietta an.

Sie berichtete mit wenig Worten, erschpft schon, wann sie das Kind
empfangen, wann und wo sie es geboren, wie sie die Verhehlung
bewerkstelligt, erinnerte ihn an gewisse Einzelheiten, an die
beweisenden Daten, sprach von ihrem Glck, von inneren Kmpfen, von
Angst um die Zukunft des Kindes, schwieg, schlo die Augen, wartete auf
ein Wort von ihm, aber es kam keines. Er sa regungslos und starrte sie
an. Es war eine unbezweifelbare, sogar eine heilige Wahrheit in ihrer
Stimme, in ihrem Blick, in ihrem Wesen; er entzog sich dieser Wahrheit
nicht, er bezweifelte sie nicht, aber er wollte sie nicht einlassen; sie
stand wie mit einem glhenden Schlssel vor der Pforte des unbekannten
finstern Raums, von dem Marietta gesprochen, und fand keinen Einla.

Das Kind ist wohlgeraten, sagte Marietta leise; du wirst nicht nur in
seinem uern viel von dir erkennen. Ich verlange kein Gelbnis von dir.
Dazu war alles zu schwebend zwischen uns. Du mut ja auch erst mit dir
selbst ins Reine kommen. Ich sehe ja, wie es dich verwirrt. Denke nach,
Erasmus. Jetzt geh; ich bin mde.

Der Rest des Tages und Abends war Dunkelheit des Herzens. Angst,
Gewissensangst, Frieren des Blutes, bittere Unlust, Gefhl der
Einsamkeit, Selbstmitrauen. Es jagte ihn ruhlos umher. Begegnungen wich
er aus. Als Lix ihn anredete, senkte er die Augen wie ein Dieb. Im Haus
wuchs die Besorgnis um die Kranke mit jeder Stunde. Doktor Schmidthammer
hatte eine Lungenentzndung konstatiert. Whrend des Soupers herrschte
die gedrckteste Stimmung. Die Grfin sa da wie ohne Maske, alt und ein
wenig bse. Selbst Aglaias Miene war ernst. Aber Erasmus sah nicht. Er
frchtete sich vor den schnen Gesichtern. Er frchtete sich vor dem
Blick heimlichen Einverstndnisses, der ihn mglicherweise treffen
konnte, vor dem enttuschten, dem fragenden, dem vorwurfsvollen, dem
mitleidigen Blick. Er bereute das verspielte Tun, die verspielte Zeit,
die verspielten Worte. Es war in ihm ein Verlangen wie in einem, der
seekrank ist, nach festem Boden unter den Fen. Nach Sicherheit, nach
Entscheidung ging das Verlangen; nicht nach Entscheidung durch Umstnde
und abgentigten Beschlu, sondern nach der, die von oben kommt und
unwiderruflich, unwidersprechlich ist.

Nach aufgehobener Tafel verabschiedete er sich von der Gesellschaft. Er
wollte allein sein. Im untern Flur ging er noch eine Weile auf und ab.
Bisweilen blieb er stehen und betrachtete die farbigen Stiche an den
Wnden, Darstellungen englischer Jagdszenen; seine Aufmerksamkeit war
knstlich; in Wirklichkeit starrte er in sein beunruhigtes Herz. Da kam
Frau von Gravenreuth die Treppe herunter; sie fhrte Wolf an der Hand
und redete mit liebevoller Miene auf ihn ein. Sie sagte zu Erasmus,
whrend der Knabe weiterging: Er ist so erregt heute, wollte nichts
essen; ich wei nicht, was ich mit ihm beginnen soll. Ich habe ihm
versprochen, noch ein wenig ins Freie mit ihm zu gehen.

Wolf wandte sich um. In seinem edelschmalen Mdchengesicht war ein
Lcheln, welches ausdrckte: wir kennen uns, wir sind Freunde; dazu
Zweifel, Zurckhaltung und ein suchender Blick.

Das unerwartete Gegenberstehen war Hlle fr Erasmus. Er konnte sich
nicht entsinnen, je Qulenderes empfunden zu haben. Es ertnte das Wort,
das er selbst gesprochen, fllte seine Ohren, sein Hirn, den Luftraum:
alle Legitimitt stammt von Gott. Es schlug ihn in den Nacken; es war
ein flammender Pfahl, der ihn schlug. Enthielt es Wahrheit, so gab es
nichts daran zu mkeln; war es Irrtum, so sa man am Wendepunkt und
verkrampfte sich ins Arge.

Was war mit diesem Kind? Was wollte der Knabe in seinem Leben, fremd
hervorgetreten aus der Fremdheit, Geschpf der Leidenschaft,
ungewnschtes, ungewutes, unverkettetes? Und doch, Augen, Stirn, Hand,
das hegenswerte, wunderhafte Ganze; drohende Spiegelung; Spiegelung und
Nachfolge.

Indessen war Sebastianes Buley aus einem Winkel hervorgeschossen und auf
Wolf zu. Der Knabe beugte sich nieder, um ihn zu packen; das Tier, in
spielgieriger Laune, entwich fauchend, kam zurck, sprang an den Beinen
des Knaben empor und drngte den Lachenden gegen die Wand. Ein kleiner
Schrei; Sturz eines Gefes; ein Klirren; die etruskische Vase, die auf
einem Sulenpostament neben der Tr des Musikzimmers gestanden, war
heruntergefallen und lag in Trmmern. Aus dem Speisesaal kamen die
Damen, erschrocken; der Hund, scheuer Verbrecher, flchtete zur Herrin;
die Grfin kniete mit bedauerndem Gesicht nieder, um die kostbaren
Scherben zu sammeln; Wolf war bla geworden, sein Mund verzog sich zum
Weinen, und mit unwillkrlicher Bewegung griff er nach Erasmus Hand.
Erasmus, ebenso unwillkrlich, umfate die Hand des Knaben mit
trstendem Druck, und die Betrbnis, die sich in seinen Mienen malte,
war kindlich und hatte tieferen Bezug als auf die zerbrochene Vase. Doch
blieb Widerstand und Angst, trotzdem er sich zu dem Knaben niederbeugte
und eine formelhafte Beschwichtigung flsterte. Schwere aber lastete nun
auf allen, und es trat Verlegenheit hinzu, als vom Hoftor herein Eugen
Sparre kam, der am Sptnachmittag fortgegangen war und jetzt
zurckkehrte.

Erasmus entri sich. In seinem Zimmer nahm er eine der theologischen
Schriften zur Hand, die er stets mit sich fhrte. Aber er konnte seinen
Geist nicht zur Lektre sammeln. Es wurde spt, und er sa noch immer
mit aufgesttztem Kopf, grauem, umrilosem Denken nachhngend.
Schlielich berwltigte ihn der Schlummer, im Sitzen. Es klopfte an der
Tr; er hrte es nicht. Es klopfte abermals; er schrak empor; rief, halb
im Traum.

Es war wie Traum, als Sparre eintrat.

       *       *       *       *       *

Die anfngliche Emprung Eugen Sparres hatte nicht lange gedauert,
obwohl Ferry Sponeck tppisch wie ein Bauer gewesen war. Da er die
Abneigung des Grafen Ungnad deutlich gesprt hatte, war ihm dessen
Verhalten nicht einmal so rtselhaft wie seinem Botschafter, um so
weniger, als sich Sponeck bemigt glaubte, zur Entschuldigung des
Freundes auf eine zarte Beziehung zwischen ihm und der Kranken
hinzuweisen. Was fr Dickhuter diese Menschen doch sind, dachte Sparre;
als ob dadurch der Schimpf harmloser wrde.

Man knne vorlufig nichts Rechtes unternehmen, faselte Ferry Sponeck,
der nicht wute, wessen Partei er ergreifen sollte und zwischen der
alten Anhnglichkeit an Erasmus und der bewundernden Dmonenfurcht
schwankte, die ihn zu Sparre zog; Erasmus sei in einer kritischen
Verfassung, jammervoll sei ihm zumut; ob Sparre an ritterliche
Austragung denke? doch wohl kaum? Wenn ja, wolle er mit Georg Ulrich
Castellani beraten; jedenfalls sei er, Ferry Sponeck, in einer
verteufelten Zwickmhle. Sparre lachte. Nein, daran denke er nicht; er
gebe Satisfaktion auf die ihm angemessene Art und wnsche sie zu
erhalten, wie es sich fr gesittete Menschen zieme. Er fhle sich so
wenig beleidigt, wie wenn er im Wald ber eine Baumwurzel gestolpert
wre; man war achtlos, sagte er, das nchste Mal wird man aufpassen.
Mit Ehrenkrnkung hat das nichts zu tun. Worauf ihn Ferry Sponeck
kopfschttelnd fr einen unmig interessanten Mann erklrte.

Sparre durchschaute den schlechten Schauspieler und hatte Nachsicht.
Unbekannt mit einer Welt, in die ihn der Sturm verschlagen, die seine
eigene aufwhlte, in die er wie zu einer bergenden Insel geflohen, nicht
aus Schrecken ber den Sturm, sondern weil er zur Vollendung einer
wissenschaftlichen Schrift die Gelegenheit mit Freude ergriffen hatte,
die ihm eine vorbergehende Ruhestatt zu bieten versprach, fhlte er
strker noch als unter dem ersten Eindruck das Erstaunen ber alles, was
ihn umgab.

Diese Menschen waren ihm wie alte Gemlde. Tod war ber sie
hinweggegangen; Leben in seinem Sinn hatten sie nicht. Etwas wie goldner
Staub hing an ihnen, Gefesselte eines prunkenden Rahmens, verjhrte
Ehrwrdigkeit. Sie sprachen, und ihre Worte waren nicht die der
Lebendigen; sie scherzten, und ihr Lcheln war bedungen, ihr Lachen
klang aus der Erde. Alles an ihnen war bedungen, gekettet, befohlen und
vorgesetzt; ihr traurigster Ernst war noch Spiel, Schattenspiel hinter
der Eisdecke. Sie waren einer glitzernden Lge von Herrschaft
hingegeben, und sie wuten um die Lge, lange schon, aber jeder
schmeichelte dem andern die Lge weg. Sie glichen den Schwerkranken,
denen man Gesundheit einredet, mit leichter Mhe, weil ihre Seele
getrbt ist; die in jede Gebrde, in jeden Hauch ein berma von
Hoffnung und Sorglosigkeit legen und nur die Tuschung wollen, sonst
nichts. Diese Stuben, diese Gnge, die glnzenden und alten Dinge, es
war ein Mausoleum, ausgeschaltet aus der Zeit, ohne Blut, ohne Kraft,
ohne Farbe. Menschenruf verstummte; ein summender Schall war, worauf sie
ngstlich lauschten; Menschenforderung galt ihnen fr Unbill; sie
wohnten noch in der alten Form, sie hielten noch die abgeschnittenen
Zgel in ihren Hnden, lchelnd, indes der Wagen still stand und die
Pferde entfhrt waren.

Die anmutigen Frauen; wie gelassen sie dem Abgrund zuschritten, dessen
Phosphoreszenz sie ber seine verschlingende Gewalt betrog. In einer
Sehnsucht schmolzen sie, die keine Erfllung mehr finden konnte, aber
sie ahnten vom Unmglichen nichts. Noch trieben sie Neckerei hinter der
Maske; noch gefielen sie sich in ihrem tndelnden Idiom aus verwehten
Epochen; nur kein Aufwachen, flehten ihre Mienen, nur kein rauhes
Berhren. Die glatten Glieder wohlig hingeschmiegt an gespenstische
Bilder; schwelgend in den pikanten Verfeinerungen, die ihre Fantasie
noch schenkte, wo doch das Wirkliche bereits hinter der Wand aufbrllte;
sich als Letzte sprend, aber nicht als Vergangene, als Entrckte, aber
nicht als Verlorene.

Eugen Sparre sah mit den Augen eines Forschers und eines Kindes. Die
Regionen und die Jahre, aus denen er kam, hatten ihn in der Strenge der
Betrachtung gebt. Empfundenes und Geschautes nicht zu verflschen war
sein innerstes Amt. Schmucklos war alles in ihm, an ihm und die Bahn
hinter ihm. Unverwhnt und unerweicht, besa er die Kraft, Leiden zu
berwinden und zu erkennen. Das Durchlebte war ihm oft wie giftiger
Rauch. Er hatte gegen jede Art von Bedrckung getrotzt, jede Art von
Erniedrigung erfahren. Er hatte die Ellbogen gespreizt und sie zu
eisernen Balken gemacht, um nicht zu Brei zerquetscht zu werden.
Hinaufgeklommen an den schlpfrigen Quadern des Riesenbaus, von dem auf
halbem oder Viertelweg die Schwchlinge und bergierigen abgestrzt
waren, um sich unten die Schdel zu zertrmmern, hatte er mit khlem
Kopf seinen Platz erobert, der Pflicht, die er gewhlt, die ihn gewhlt,
unerschtterlich gehorsam und schicksalkennend wie nur diejenigen sind,
deren Herzschlag der Herzschlag des Jahrhunderts und des Volkes ist. Er
hatte ungeachtet seiner Jugend zu den Propheten der groen Wandlung
gehrt; er hatte sie errechnet, sie war ihm Ergebnis logischer Erwgung,
und mitten in der Taifunwelle war er leidenschaftslos geblieben,
Beobachter, Arzt. Er war heiter geblieben, ohne aufrhrerische Gelste,
dem Element vertrauend, es liebend beinahe, in jeder Verwstung eine
hhere Ordnung vorauswissend, denn alles war Notwendigkeit, Geballtes,
Gerafftes, Gefgtes, Wten von Lebenskeimen gegen Todeskeime,
Erneuerungsraserei des fiebernden Menschheitsleibes, Wiedergeburt aus
Agonie, Qual und Wahnsinn der sterblichen Einzelnen im unsterblichen
Ganzen.

Von allen, die auf Rienburg um ihn waren, hatte Graf Erasmus Ungnad
seine Aufmerksamkeit am meisten gefesselt. Der erste Anblick des
gespannten, leidenden, hochmtigen, geschliffenen Gesichts hatte ihn als
Erscheinung berhrt. In einem Nu hatte er so scharf wie den andern sich
selbst erfat, eben sein Anderssein und Andersmssen, das vllige
Widerbild, wie Pol gegen Pol. Und Sonderbares war geschehen: er hatte
Schmerz versprt. Da war Figur; ja, Figur, wie die Sage sie gibt;
umschlossene und einsame Gestalt; heimatlose Gestalt; in finster
gewordenem Raum mit einer Haltung schreitend, als sei noch Licht die
Flle; mde wie einer, der Schtze getragen hat; ungegenwrtig,
verfangen, versponnen, tragisch hinabgehend, von sterbenden Illusionen
begleitet, der irrende traurige Ritter; der Adlige. Das war er, der
adlige Mann, berbleibsel und Anachronismus, der, dem auch Gott nur eine
Form ist, wie Graf Castellani gesagt hatte, der es nicht nahm, nicht
wollte, da sein Reich aufgehrt hatte zu sein und der von der Zeit
nichts zurckbehalten hatte als die Jahre, geschftige Symbole, doch
leer und sinnlos.

Die Erschtterung wirkte fort in Eugen Sparre. Sie war derart, da sie
auch durch die beleidigende Feindseligkeit des Grafen nicht vermindert
wurde und gab ihm so viel zu denken, da er seine Arbeit darber verga.
Die persnlichen Verhltnisse Ungnads flten ihm, jenem Allgemeinen
gegenber, nur geringe Teilnahme ein; trotzdem horchte er bei den
Andeutungen Ferry Sponecks auf. Sponeck hielt sich in dem Fall nicht zur
Verschwiegenheit verbunden; was alle Welt wute, konnte auch Sparre
wissen; fr Sparre war es Besttigung, die den Charakter noch tiefer
erleuchtete. Er erblickte Verborgenes, und was seinem Auge entging,
vervollstndigte die Kombination. Diese Geschicke lieen sich
wunderlich leicht entziffern; ihre Hieroglyphen bedurften nicht einmal
der Geduld. So zuckte fr ihn greller Schein um die Szene im Flur, als
er ins Haus trat und alle um die zerbrochene Vase herumstanden.
Sekundenkurzes Schauen gengte; haften blieb in Blick und Gedchtnis der
mdchenhaft zarte Knabe neben dem berschlanken Erasmus Ungnad, das
Gebeugte und Zerqulte an ihm, das zitternd Aufgestrte im Wesen des
Kindes, die unverkennbare hnlichkeit in der Gesichtsbildung beider,
etwas Unsagbares von Verkettung.

Als Erasmus verschwunden war, las Baronin Polyxene die Scherben auf;
Ferry Sponeck kniete ebenfalls hin, um ihr zu helfen. Da sagte Sparre,
man mge ihm die Stcke berlassen; wenn er Klebestoff bekommen knne,
getraue er sich, die Vase wieder zusammenzusetzen; er habe dergleichen
schon oft versucht, und mit Glck. Die Beschdigungen waren in der Tat
nur geringfgig; die beiden Henkel und ein Teil des oberen Randes waren
abgebrochen, ferner war in der Ausbauchung ein rundes Loch. Man sah ihn
verwundert an; Ferry Sponeck nickte eifrig und versicherte: Ja, darauf
versteht er sich, er hat auch mir einmal eine Sevreschale geleimt, er
ist berhaupt ein Tausendknstler. Die beflissene Frsprache erweckte
Heiterkeit, auch bei Sparre selbst, Niklas wurde gerufen, der nach einer
Weile ein Tpfchen mit Leim brachte, Sparre packte die Vase samt den
Scherben in ein Tuch und begab sich damit in sein Zimmer.

Er hatte von dem Zweck seines Beginnens keine deutliche Vorstellung. Es
war ihm ein in das Kleid einer Parabel gehllter Scherz; eine Mitteilung
von ungewisser Tragweite und unbestimmtem Inhalt. Whrend er mit
Sorgfalt die Bruchstellen aneinanderfgte, kleine Splitter mit
geschickter Hand einpate, lchelte er hufig. Als er nach zweistndiger
Arbeit fertig war, ging er zum Fenster; Ungnads Zimmer lag dem seinen
schrg gegenber, wie er wute. Er sah noch Licht bei ihm. Da nahm er
die Vase vorsichtig in die Hand, prfte das Werk noch einmal, berzeugte
sich von der Haltbarkeit der zusammengesetzten Teile und verlie das
Zimmer.

       *       *       *       *       *

Erasmus fuhr auf. Was wollen Sie? stotterte er, was bedeutet das? Er
starrte auf das tnerne Gef.

Sparre stellte die Vase auf den Tisch. Wenn man morgen die Bruchlinien
abfeilt, wird der Schaden kaum mehr bemerkbar sein, sagte er.

Aber was soll es denn heien? murmelte Erasmus. Er hatte sich erhoben,
stand frostig da, stirnrunzelnd, abweisend.

Ich hatte den Eindruck, als sei Ihnen der kleine Unfall nah gegangen,
sagte Sparre; ich wei selbst kaum, warum ich mich verpflichtet fhlte,
ihn wieder gutzumachen. Vielleicht wollte ich damit auch eine mir
geschehene Widerwrtigkeit aus der Welt schaffen. So etwas ist strend,
wenn es auch mein Gleichgewicht nicht beeintrchtigen kann. Wo der Hieb
nicht trifft, ist keine Wunde. Da Sie mich als Arzt fr einen Menschen
verpnt haben, habe ich mich begngt, Arzt bei einem Ding zu sein. Das
Ding ist leidlich geheilt, wie Sie sehen.

Die Stimme klang fast hohl, in ihrer Batiefe schleifend.

Ich verstehe nicht, stie Erasmus hervor; Sie wollen sich ber mich
mokieren, scheint mir ...

Sparre blickte zu Boden. Merkwrdig, da Sie es nicht verstehen, sagte
er wie im Selbstgesprch. Gibt Ihnen denn das keinen Fingerzeig, da
ich, der Mensch, den Sie hassen oder glauben hassen zu mssen, der
Mensch Ihrer Abkehr und Ihres Grauens, dem Sie die unverdiente Ehre
einer entscheidenden Funktion zuweisen, da dieser selbe Mensch etwas
Zerbrochenes fr Sie wieder ganz gemacht hat?

Erasmus stutzte. Vor Unwillen rtete sich seine Stirn. Fr mich ganz
gemacht? Fr mich? Wirklich, Sie erlauben sich ungebhrlichen Spa, Herr
Doktor Sparre ...

Sparre schlug langsam den Blick auf. Ich mchte gern in anderm Ton mit
Ihnen sprechen, Graf Ungnad, sagte er verhalten. Sie gehen im
Wesentlichen fehl. Ihre Voraussetzungen sind falsch. Ich sah eine Not.
Als der Krug da herunterstrzte, sah ich eine Menge Zerschmettertes
liegen. War der Knabe eigentlich schuld und sein Spiel mit dem Tier? Er
fhlte sich aber schuldig, und als Sie seine Hand faten, hatte ich den
Eindruck, als ob Sie sich fr seine Schuld mitverantwortlich fhlten.
Aber Sie haben es doch nicht gewagt, fr ihn einzustehen. Was liegt an
diesem altertmlichen Kram, Graf Ungnad? Wenn ihn das Aufrumweib vor
mir auf den Kehricht wirft, schau ich nicht einmal darnach hin. Es
entspricht auch nicht meiner berzeugung, da man Zersplittertes wieder
kitten soll. In diesem Fall habe ich mich entschlossen, die berzeugung
zu verleugnen. Ich dachte, es sei gut, es sei ntzlich. Ich dachte, ich
knne Ihnen damit etwas beweisen. Verstehen Sie mich noch immer nicht?

In der Tat, Erasmus begriff nichts. Sein Gesicht zeigte
Ausdruckslosigkeit und erbittertes Unbehagen. Die Unterlippe stlpte
sich; die Handflche rieb sich an der Lehne des Stuhls.

Also will ich klarer sein, fuhr Sparre etwas gedrckt fort, denn er
hatte flssigere Verstndigung erwartet; ich habe etwas ber mich
vermocht, was meiner Natur und Lebensrichtung diametral entgegen ist.
Ich habe etwas versucht, wozu ich mich bisher habe nie gewinnen knnen,
das geistig Geschiedene zu berbrcken, dem, was streng und unbedingt
jenseitig fr mich ist, mich zu nhern. Ist es hoffnungslos? Diese
Tonvase, ich stelle sie her wie einen Markstein, an dem wir uns treffen
knnen, Sie von Ihrer Seite, ich von meiner. Es ist ein Augenblick, der
nie wiederkehrt, nie wiederkehren kann. Die Wahrheit, die mich jetzt
antreibt und erfllt, ist sicher nur eine einmalige Flamme. Vielleicht
ist dabei etwas in mir von dem geheimnisvollen Verwandlungsinstinkt der
Insekten. Vielleicht kann ich den analogen Proze in Ihnen
beschleunigen. Entziehen Sie sich nicht. Sich auflehnen gegen den Gang
der Sterne ist kein Heroismus, das Unabnderliche verfluchen keine
Frommheit. Wenn ich Ihnen entgegenkomme, bis zu dem mhsam geleimten
Krug auf dem Tisch da, so seien Sie nicht taub fr mein #qui vive;# Sie
wissen ja, die Posten haben scharfe Ordre. Ich verlange ja nicht
Kameradschaft; ich habe nur erfat, was mir, was uns dienen kann. Es
gibt verschiedenerlei Tugenden, Graf Ungnad, verschiedenerlei Mut und
verschiedenerlei Feigheit, verschiedenerlei Grausamkeit und
verschiedenerlei Gte. Ich und die meinen, wir knnen nutzen, was Sie
und die Ihren im Lauf der Jahrhunderte an Erntegut in die Scheunen
gebracht haben, an blutgehrtetem Stahl und geraffter Muskel und
geweihter Lehre und dem Glauben daran und an Erfahrung, die durch die
Geschlechter veredelt ist, an geschmolzenem und gemnztem Gold des
Lebens. Es ist der Tag vielleicht nicht fern, wo wir zugreifen und
dankbar quittieren, wenn wir uns vom ersten Rausch und Anprall erholt
haben. Denn sonst sind wir auf unserer Seite so verloren wie Sie auf
Ihrer; ein Rachen wird uns schlucken, der keinen Unterschied macht
zwischen mehr oder weniger fein gemahlenem Korn. Und Sie, lockern Sie
die zu straff gezogenen Schrauben. Geben Sie nach. Werfen Sie das
Zerbrochene, auch wenn es kostbar, auch wenn es noch so meisterhaft
gekittet ist, auf den Kehricht. Alte Form mu sterben. Und Gesetze
sterben wie Formen und wie Menschen. Dagegen ist keine Hilfe als das
Leben.

Er stand noch eine Weile und schaute ber Erasmus hinweg, der sich nicht
rhrte. Dann verlie er mit zeremoniser Verbeugung den Raum.

Erasmus rhrte sich noch immer nicht. Suada haben diese Leute, dachte
er, und senkte in peinlicher Benommenheit den Kopf. Aber die
Benommenheit wuchs und wuchs. Er fing an auf und ab zu gehen. Es schien
ihm, als zerspalte sich der Boden unter seinen Schritten. Einmal seufzte
er und lauschte, weil ihn dnkte, das Seufzen kme aus der Mauer. Wenn
man die Schwere der Niederlage mildern knnte, ging es ihm, scheinbar
zusammenhanglos, durch den Sinn. Und darauf wieder: ich wei, da sie
sterben wird; heute nacht wird sie sterben, ich wei es. Erlse uns von
dem bel, murmelte er vor sich hin, das Taschentuch an die Lippen
pressend, und fhre uns nicht in Versuchung.

Abermals lauschte er. Es war still im Hause, und doch lag in den Ohren
weitentferntes, grliches Geschrei. Jemand ging im Korridor vorber. Er
ffnete die Tr; es war finster. Der Schlaf der Bewohner wlzte sich
her, zu schwarzem Schlamm gestockt. Er zndete eine Kerze an und ging,
die Flamme mit der Rechten schtzend, den Flur entlang. Auf einmal
prallte er zurck. Auf der Schwelle einer Tr stand eine Frau. Sie
hatte die Hnde vors Gesicht gelegt; so stand sie, gegen das Zimmer
gewandt, in dem eine umhllte Lampe brannte.

Es war Helene Gravenreuth. Sie drehte sich um, lie matt die Arme
fallen. Schlimm steht es, hauchte sie.

Er schwieg.

Kommen Sie herein, sagte sie, hier schlft Wolf; die Pflegerin hat
mich eben jetzt bei Marietta abgelst. Aber leise, bitte, das Kind
schlft spinnwebdnn heute.

Er trat ein. Er ging zum Bett des Knaben, nachdem er die Kerze verlscht
und weggestellt hatte. Er flsterte: Es ist alles so sonderbar,
Baronin, so sehr sonderbar. Seine Wangen wurden fahl, pltzlich kniete
er nieder und betete.

Frau von Gravenreuth schlo die Tr. Ich war nicht vorbereitet, sagte
sie mit erstickter Stimme, als Erasmus sich erhob, bin es noch immer
nicht. Was wird werden, Graf?

Erasmus setzte sich an den Tisch und sttzte den Kopf in die Hand. Sie
wissen ja, weshalb ich hierhergekommen bin, sagte er.

Sie nickte. Ich wei, erwiderte sie. Sie wollten um eine der
Komtessen werben, Sie wollten heiraten.

Er fuhr fort: Nun wird es anders kommen. Nicht eine Frau werd ich
heimbringen, sondern einen Sohn.

Aber wie soll es werden, Graf Erasmus, mit diesem Sohn? fragte Frau
von Gravenreuth mit bleichen Lippen.

Erasmus begegnete ihrem zaghaften Blick und antwortete: Es mu in Liebe
werden und im Gesetz, denk ich.

Ein Gerusch lie beide zusammenfahren. Wolf war erwacht. Er hatte sich
aufgerichtet und schaute mit den tauhaft strahlenden Augen herber, mit
denen Kinder den Schlummer verlassen. Frau von Gravenreuth streckte die
Arme aus, als beschwre sie ihn; Erasmus trat neben ihr an das Bett.

Erzhl mir vom Dalailama, sagte die helle Glockenstimme des Knaben.




Jost


Der Gebieter des Himmels lie sein Donnerwort ergehen, und wie glnzend
gefiederte Schwne im Sturm eilten die gehorsamen Heerscharen vor seinen
unvergnglichen Thron. Da erlas der Herr den Erzengel Michael und sprach
zu ihm:

Ich bin irre am Geschlecht der Menschen. Nie hat solcher Kummer die Erde
gefllt; Klage und Anklage erhebt sich malos. Schwer ist es, zu wissen,
ob sie allesamt Verlorene sind, schwer zu erkennen, ob in allen der
Funke erloschen ist, der ihnen als Teil der Gttlichkeit in die Brust
gehaucht ward. Ich will eine Probe machen. Geh hinab zu ihnen, du
scharfugiger Sprer, und suche unter den Verstockten den
Verstocktesten, unter den Umschlossenen den Umschlossensten. Nicht um
den beltter geht es, merke wohl; um den Gleichgiltigen geht es. Den
Unscheinbaren, der in der Trgheit verhrtet ist, sollst du suchen in
seinem umfriedeten Bezirk; den, dessen Linke nicht wei, was die Rechte
tut. Und wenn du zurckkehrst und sprechen kannst: ich habe ihn
erweicht, ich habe ihm die Binde von den Augen gerissen, und er vermag
zu sehen, dann soll ihnen noch einmal Gnade gewhrt sein und Aufschub
des letzten Gerichts.

Der Engel senkte stumm das Haupt, und whrend ihn gewaltige
Posaunenschlle umdrhnten, verlie er in seiner groen Schnheit die
erhabene Region, um den Befehl des Herrn zu vollziehen.

       *       *       *       *       *

In einer Wirtsstube saen beim trben Licht mehrere Beamte der Stadt,
Notabilitten in ihrer Art, um einen Tisch. Bis auf einen armselig
aussehenden Menschen, der in der Nhe des Ofens kauerte und zu schlafen
schien, waren sie die einzigen Gste. Da sie ihn kannten, auch seiner
nicht achteten, brauchten sie sich im Gesprch keinen Zwang
aufzuerlegen. Er hie Jost und war ein Kleinbrger, dem Anschein nach
ein Agent oder Vermittler, der an gewissen Abenden kam, um dem Wirt
Lieferungsgeschfte anzutragen.

Die Unterhaltung drehte sich um die Trostlosigkeiten des Alltags.
Verrgerung lag jedem im Gemt, Lebensangst den meisten. Still verhielt
sich nur einer, nicht weil er weiser oder zufriedener, sondern weil er
bequemer war. Auch dann nahm er nur stummen Anteil, als der trbseligen
Gegenwart die glnzende Vergangenheit entgegengehalten wurde, in deren
schwachem Widerschein sie sich ihrer Sorgen entledigten. Die Welt, war
sie auch zum Erbarmen zugerichtet, einstmals hatte sie ihnen eine
festliche Zeit gegeben, und unter diesem Einstmals verstanden sie den
Krieg, zumindest seinen Anfang. Da war auch dem Abseitigen unerwartet
Macht zugefallen, sofern er nur mit dem allgemeinen Strom geschwommen
war, und wie erst, wenn er sich mit seiner Person fr das Ziel erklrt
hatte. Macht, Bewegung, Wechsel der Geschehnisse; es klang schon jetzt
nicht anders als wie es schnfrbende Fibeln den Spteren melden. Auch
die sich ttigen Dabeiseins nicht rhmen konnten, ergingen sich breit
im Nachgenu martialischer Erinnerungen. Was Blut und Not und Tod;
erlogene Gespenster. Die triumphierende Wahrheit war dort, wo man Ehre
gewonnen, wo man sich eingesetzt und gesprt hatte.

Postoffizial Erbegast, als beredtester Schwrmer, sprach davon, wie man
Raum gehabt, im Westen, Osten, Sden, berall Raum, Weite, Luft,
Landschaft, Freiheit. Raum und Gelegenheit. Quartier in Schlssern,
Fahrten ins Unbekannte, neue Stdte, neue Menschen, neue Dinge, zwischen
Morgen und Abend keine Langeweile. Wenn man da erzhlen wollte! Wie es
wohltat, sich der Flle zu erinnern. Er wandte sich lebhaft und
herausfordernd an den Schweigsamen, Rechnungsrat Siebold, und ermunterte
ihn zur Zustimmung. Mit bloem Kopfnicken wollte er sich nicht abspeisen
lassen. Der Schweigsame ist nicht beliebt, wenn Geister erglhen.
Siebold sollte laut besttigen, da er es doch aus Erfahrung zu tun
imstande war, da man Unvergleichliches gesehen und erlebt habe. Oder
sei an ihm die Herrlichkeit spurlos vorbergegangen?

Ungern sah sich Siebold in die Mitte der Aufmerksamkeit versetzt. Er
liebte es nicht, sich mit Gewesenem zu beschftigen. Ihm lag der
gestrige Tag schon fern. Unter den fragenden Blicken der Tischgenossen
stiegen wohl Bilder aus entlegenen Gehirnschchten empor, aber es
gestaltete sich keines. In den Jahren, er zhlte die Jahre nicht, waren
sie ihm abhanden gekommen, kaum da er sie noch als eigenen Besitz
erkannte. Blasse Farben, schattenhafte Figuren, verhallte Worte. Was
berhrte einen daran? Man war ein anderer. Jahre! Was ist nicht ein
einziges an Gedehntheit! Zudem war er nur vier Monate drauen gewesen;
kleiner Fhnrich, freudlos wie tausende. Man hatte ihn darnach in ein
Proviantlager geschickt, und als er dort erkrankt, war er auf seinen
Platz im Amt zurckgekehrt, wie wenn die Zwischenzeit ein unergiebiger
Ferienausflug gewesen wre.

Es dnkte ihn aber, da ihn Offizial Erbegast sticheln wollte. Auch die
brigen betrachteten ihn mit ironischen Blicken, als trauten sie ihm
besondere Erlebnisse nicht zu und hegten nicht einmal die Erwartung, da
er sich zu solchen bekenne. Das verdro ihn. Sein bedrohtes
Selbstbewutsein richtete sich wehrhaft auf. Er begriff die
Notwendigkeit, den spttischen Zweiflern Achtung abzuringen und forschte
in seinem Gedchtnis. Nicht vergeblich; die verkniffene Miene erhellte
sich; ein Vorfall fiel ihm ein, bei dem er handelnd mitgewirkt. Da er
sich der Einzelheiten nur ungenau entsann, dauerte es geraume Weile, ehe
seine Erzhlung in verstndlichen Flu kam. Doch die Zuhrer zeigten
Geduld, und so hatte er Mue, der schwerflligen Erinnerung den Verlauf
abzuzwingen.

Die Geschichte war in keiner Weise ungewhnlich. In einem galizischen
Dorf waren sieben Menschen unter dem Verdacht der Spionage eingebracht
worden. Die Beschuldigung lautete, sie htten dem Feind durch das
Dachfenster des Gemeindehauses, in welchem sie zusammengepfercht
gefunden worden waren, Lichtsignale gegeben. Siebold hatte das Protokoll
aufgenommen. Nur einem unter ihnen, einem riesenhaft gewachsenen
Burschen, hatte das Verbrechen nachgewiesen werden knnen; bei den
andern sprachen gewichtige Umstnde dafr, da sie die Opfer bswilliger
Angeberei waren. Trotzdem hatte der Hauptmann alle Sieben nach einem
summarischen Verhr kurzerhand zum Tod verurteilt: drei Juden, ein
siebzehnjhriges polnisches Mdchen, einen zwlfjhrigen Knaben, einen
sechsundsiebzigjhrigen Greis, und den Rdelsfhrer der Bande, eben
jenen Riesen.

Ein Tropfen im Meer der Ereignisse; ein paar vernichtete Leben mehr
neben den Millionen. Die Welt hatte wohl kaum eine Kunde davon erhalten.
Auch jetzt, wo es die Merkmale der Verjhrung und der erfahrenen
Hufigkeit trug, konnte solches Standgericht kein tieferes Interesse
erregen als eines, das aus Hflichkeit dem Erzhler gebhrt. Mochte auch
der eine oder der andere die Willkr empfinden, die dabei gewaltet und
dem in halben Andeutungen Worte verleihen, so wurden die schchternen
Einschiebsel leicht mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit abgetan. Fr
zarte Gemter war die Zeit nicht geschaffen; die Moral brgerlichen
Lebens, das humane Gesetz, hatte da keine Giltigkeit mehr, wo man sich
tglich seiner Haut wehren mute. Wer auf seinem Posten stand und der
Vorschrift gengte, war entlastet. Die Gegner haben es genau so
gehalten, wurde gesagt; weil wir in der Patsche sitzen, spuckt man uns
ins Gesicht, und sogar im Lande selbst entbldet man sich nicht, Leuten,
die ihre Pflicht erfllt haben und als Helden gefeiert wrden, wenn das
Glck bei uns geblieben wre, soviel wie mglich am Zeug zu flicken.
Jawohl, bemerkte hierzu der Offizial bissig, die Menschen seien eben
Schweine und von ihrer schweinischen Natur knne man nichts Besseres
erwarten.

Nach diesem Intermezzo nahm Siebold den Faden wieder auf. Da er nun zu
sprechen begonnen hatte, wollte er seine Sache auch bis zum Ende fhren.
Das Wort hatte ihm Hilfe geleistet und Bild um Bild aufgefrischt; er
wunderte sich selbst ber die wiederbauende Fhigkeit der Erinnerung und
gefiel sich in seiner Rolle des Mitrichters ber Schicksale. Er
verweilte. Er ging in der Schilderung zum Kleinen und Intimen; mit
behaglicher Ausfhrlichkeit beschrieb er die traurige Gegend, das
verwahrloste Dorf, die Armut der Menschen, sogar das regnichte Wetter,
das geherrscht hatte. Dann erzhlte er von der jungen Polin; wie trotzig
sie alle angeschaut mit ihren schwarzen Augen; er hatte den Namen
gewut; er hatte ihn vergessen. Er besann sich und fand ihn. Katinka war
der Name gewesen. Als wohne dem Namen Leuchtkraft inne, wurde
gegenwrtig, wie sie stolz und wild die Antworten verweigert, auch als
man ihr den Revolver vor die Stirn gehalten; auch als man ihr
versprochen, den Knaben, ihren Bruder, zu schonen. Immer wieder betonte
er die teuflische Halsstarrigkeit des Mdchens, schlielich mit
Einschaltung eines lasziven Witzes, der, wie billig, belacht wurde.
Glauben Sie, meine Herren, sie htte die Zhne voneinandergetan? Um
keinen Preis. Eher noch die Beine, scheint mir.

Als der Spruch gefllt war, hatten sich alle, mit Ausnahme der Katinka
und des Riesen auf die Knie geworfen. Die Juden vor dem Hauptmann, das
Brschchen vor ihm. Das Brschchen hatte seine Beine umschlungen und
jmmerlich geschluchzt, bis es die Schwester angeschrieen und weggerissen.
Der alte Mann hatte ihm fortwhrend die Hnde gekt und unverstndliche
Worte gelallt. In die grte Verzweiflung waren aber die drei Juden
geraten. Mit gellenden Anrufungen Gottes hatten sie ihre Unschuld
beteuert, sich die Haare gerauft und an den Kaftanen gezerrt. Einer, mit
fuchsrotem Bart und kseweiem Gesicht, hatte sich uerst demtig
betragen; als aber der Hauptmann, dem das Unwesen zu lrmend wurde, den
Befehl erteilte, die Gesellschaft abzufhren, war es gerade dieser, der
die Arme gegen ihn streckte und eine alttestamentarisch-gruliche
Verfluchung ausstie.

Eine gespenstische Idylle, gerahmt in Selbstzufriedenheit, beschlo die
Darstellung: nchtlicher Regensturm; Siebold auf Runde; an den sten von
sieben Pappeln neben der Chaussee sieben Leichen, schwankend im Wind,
unheimliche Kleiderbndel, unheimliche Gerippe, schief, schlapp,
verbogen wie die Vogelscheuchen, und in der schwarzen Ebene ein
klagend-verklingender Ruf.

Da dem Offizial die Dsterkeit des Gemldes nichts anzuhaben vermochte,
weniger aus Herzenshrte, als weil seine Einbildungskraft, wie brigens
bei alle diesen, das Entscheidende nicht zu fassen vermochte, schreckte
er vor der zynischen Erkundigung nicht zurck, ob denn die wilde Katinka
ihre vermeldeten Beine nicht htte ntzlich gebrauchen wollen oder
knnen. Im selben Augenblick erhob sich der schlafende Kleinbrger oder
Agent Jost mit strendem Gerusch. Er trat an den Tisch der Herren,
schttelte sich raschelnd, feixte verlegen, und whrend er irgendwelche
Laute vor sich hinmummelte, betrachtete er einen um den andern; zuletzt
blieben seine Augen, zwei kleine, glitzerige Messingscheibchen wie bei
Katzen, auf Siebolds Gesicht haften, mit einem so neugierigen und
boshaften Ausdruck, da es dieser als Belstigung empfand und ihn
stirnrunzelnd musterte. Ein Unbehagen blieb.

Doch war seine Haltung aufrecht und seine Stimmung gelutert, als er
durch die abendlich finstern Gassen seinem Heim zuwanderte. Ein
zurckgedrngtes Stck seiner inneren Person war an dem Abend zu neuem
Wertbewutsein erwacht. Er folgerte daraus, da dem geistig und sozial
entwickelten Menschen Gedankenmitteilung und Gesprch mit
Gleichgearteten zu einer Vermehrung des Krftevorrats verhelfe. Man
msse sich zu erkennen geben, war die Lehre, die er daraus zog; man
drfe sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Zufllig hatte er
eine abgebrochene Brcke wieder geschlagen, vernachlssigtes Lebensgut
in Sicherheit gebracht; und siehe, er befand sich wohl dabei. Die
Frbung der Existenz war intensiver, der Schritt gewichtiger, der Blick
bedeutender. Er blieb stehen, sog Luft in die Lunge, nahm eine Zigarre
aus dem Behltnis und zndete sie an.

Das Ziel des Weges stand nicht im Einklang mit seiner Gehobenheit.
Sechzehn Quadratmeter Raum und vier Betten: das eheliche Schlafgemach.
Im Vorgefhl umfing ihn schon die trbe Enge. Die beiden Kinder, die
sich von Zeit zu Zeit auf dem Lager wlzten und im Traum redeten.
Kleider und Wsche auf den Sthlen; Schuhe auf dem Boden; die Vorhnge
ber den Fenstern morsch; oval gerahmte Familienphotographien an den
Wnden, deren Tnche zu brckeln begann; die Decke vom Schlafdunst
vieler Nchte geruchert. Als sicher war anzunehmen, da die Frau
erwachen wrde; mit den steifgeflochtenen Zpfen wrde sie sich
aufrichten, bla, vergrmt, verdrossen; wrde fragen, wo er gewesen,
warum er so spt kam; wrde ihn mit ihren huslichen Miseren qulen:
etwa da sie beim Hndler kein Gemse, beim Kaufmann keinen Zucker
bekommen; da weder Kohle, noch Holz, weder Brot noch Mehl im Hause sei;
da das ltere Tchterchen ber Halsschmerzen geklagt und wahrscheinlich
Fieber habe. Es wollte ihn bednken, als gehe dies alles wider die
Wrde. Man war Beamter mit Machtbefugnissen. Es war ein Zwiespalt
zwischen seiner Stellung im ffentlichen und im privaten Leben;
unvershnlicher Konflikt. Der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung
geno Ehren; er wollte es nicht verkennen, noch miachten. Menschen
zitterten vor ihm. Menschenwohl und -wehe war in seine Hand gegeben. Der
Gatte, der Vater war zur Geringfgigkeit verdammt, niedergezwungen auf
die Strae der Vielen.

Er schob es fort. Es gelstete ihn nach Aufmunterungen. Neulich hatte er
auf demselben Weg ein Mdchen getroffen und war mit ihr gegangen.
Ungeachtet ihres niedrigen Gewerbes, das zu verabscheuen er als Mann von
makellosem Ruf und geachteter Position verpflichtet war, hatte sie ihm
gefallen. Es gibt Heimlichkeiten in der Lebensfhrung, durch die man nur
etwas aufs Spiel setzt, wenn sie aufhren, Heimlichkeiten zu sein, also
wenn man unvorsichtig ist, wenn man Spuren hinterlt, wenn man die
Grenze nicht respektiert. Sabine Jger war ihr Name. Ihre Haare waren
gelb wie frisches Holz, eine anziehende Besonderheit; sie hatte
Temperament und war verhltnismig noch unverdorben. Als sie davon
gesprochen hatte, ihn wieder zu treffen, hatte er sich nicht ablehnend
verhalten. In selbstbetrgerischer Zerstreutheit lenkte er den Schritt
nach der Richtung, wo sie wohnte.

Da drang ein Gru an sein Ohr. Betroffen drehte er sich um und erkannte
den Agenten Jost, der ihm gefolgt war.

       *       *       *       *       *

Er trug ein gelbes Mntelchen, das kaum bis zu den Hften reichte. In
die schlottrigen rmel hatte er die Hnde wie in einen Muff gesteckt. So
trippelte er vorber. Aber pltzlich zgerte er, wartete, bis Siebold
herankam und sagte mit einer dnnen, hohen, quietschenden Stimme, es
freue ihn, den Herrn Rechnungsrat noch getroffen zu haben; er habe nicht
gewut, da der Herr Rechnungsrat in dieser Gegend zu Hause sei.

Zwischen Herablassung und Milaune brummte Siebold ein paar leere
Worte, und jener machte Anstalten, weiterzugehen. Wieder trippelte er,
wieder hielt er inne. Weit ists, seufzte er, zog die Hnde aus dem
rmelmuff und griff nach dem lcherlich flachen Melonenhut mit
ausgefransten Rndern, den ein Windsto zu entfhren drohte; man luft
sich die Fe wund, Tag fr Tag. Ist mir nicht an der Wiege gesungen
worden, da es mir so ergehen soll. Darf ich mich Ihnen anschlieen,
Herr Rechnungsrat? Nur bis zur Ecke da droben, da ist meine Gasse;
hinter der Atlantik-Bar. Schnes Lokal, die Atlantik-Bar, wie? Schne
Leute; immerfort Musik. Wer doch auch einmal lustig sein knnte; ei ja!

Siebold wute nicht recht, wie er sich zu benehmen habe. Von dem
hergelaufenen, verlotterten Menschen angesprochen zu werden, verletzte
sein Standesgefhl. Er kannte ihn kaum. Andererseits waren die Zeiten
derart, da man sich hochmtiger Regungen versehen mute. Er verbarg
seinen rger, als Jost mit unterwrfiger Zutraulichkeit an seiner Seite
weiterging und hatte eine steif zurckhaltende Miene.

Mit der pfeifenden Stimme und vom schnellen Gehen atemlos fuhr Jost
fort: Da kenn ich einen, der ist dort angestellt als Wagenrufer. Ein
alter Mann. Vor zwei Jahren hatte er noch ein Speditionsgeschft und
eine Villa. Vor zwei Jahren hat er noch in seinem Garten Rosen
gezchtet. Und jetzt ruft er die Wagen, vielleicht fr solche, die
frher Kratzfe vor ihm gemacht haben. Ein asthmatischer Husten
unterbrach ihn. Angst und bang wird einem, Herr Rechnungsrat,
quietschte er dann, angst und bang. Das Schicksal ist wie ein Wolf.
Tckisch schleicht es her und fllt einen an. Hab drei Kinder zu
versorgen; acht Jahre das lteste. Ein Mdchen; ein gutes Kind; eine
Seele wie Gold. Eveline heit sie. Poetischer Name, wie? Nun, das ist
der einzige Luxus, den sich die Armen leisten knnen. Ruft man sie, ruft
man Eveline, so wird einem gleich ganz wohl. Sie verkauft Schuhbnder
auf den Straen, Schuhbnder aus Papierstoff; billig und schlecht.
Vorige Woche komm ich gegen Abend heim, hngt mir das Fnfjhrige am
Stiegengelnder, auen am Gelnder, unter sich den Abgrund, hngt und
zappelt und schreit. Noch zehn Sekunden, Herr, und die Muskelchen haben
keine Kraft mehr. Was sagen Sie dazu? Freilich, die armen Wrmer sind
sich selber berlassen. Die Mutter ist tot. Hin und wieder beaufsichtigt
sie das Tchterchen vom Tapezierer nebenan. Aber darauf ist nicht mehr
lang zu rechnen. Mit seinen vierzehn Jahren ist das Menschlein bereits
schwanger. Der Vater ein Saufbold, der Bruder im Zuchthaus, nicht das
Stck Brot zum Fressen, kaum ein Hemd auf dem Leibe, und trotzdem juckt
sie das Fleisch. Und wenn man ber die Stiegen geht, stolpert man ber
knochenkranke Kinder, und an den Tren steht ausgemergeltes Volk, und
oben ist Elend, und unten ist Elend, und in der Mitte ist Elend. Hab ich
da nicht recht, kann einem nicht angst und bang werden?

Siebold rusperte sich. Es lebt sich schwer heutzutage, gab er
widerwillig zur Antwort. Die Geschwtzigkeit des einfltigen Menschen,
die unliebsame Begleitung vor allem, erregten seine Ungeduld, und er
suchte nach einem Vorwand, sich loszumachen.

Das ganze Leben ist ein finsterer Keller, fing das Mnnchen mit seiner
weinerlichen Stimme wieder an; wenn ich mir so die Leute betrachte, mit
denen ich zu tun habe, da wird mir, ich wei nicht wie. Reden, reden,
reden. Geschfte; und was fr Geschfte! Wenn zwei beisammen stehn und
wispern, so heit das gewhnlich, da einem dritten die Gurgel
zugedrckt wird. Ich komme zu ihnen in ihre Huser; ob fein, ob nicht
fein, ganz gleich, es liegt wie Unrat und Splicht berall. Auf Tischen
und Sthlen, in Schrnken und Betten, berall Unrat und Splicht. Ich
glaube, irgendein Stern da droben, ein von Gott verfluchter, hat in
irgendeiner Nacht all seinen Unrat und Splicht auf uns
heruntergeschttet. Dem ist nicht beizukommen, nicht mit Wasser, nicht
mit Feuer; Unrat und Splicht, das klebt in alle Ewigkeit. Nun, wirds
bald, sag ich, was redet ihr denn? was sinnt ihr? was macht ihr fr
Grimassen? was grinst und lacht ihr und lat euch von einem Alten, der
Rosen gezchtet hat, eure Karossen rufen, wo doch das ganze Leben ein
finsterer Keller ist? Heda, was werft ihr denn euern Jammer auf einen
Haufen, da man hineinstrzt und drin erstickt? Und ist der Zorn
verraucht, so mcht ich mich am liebsten hinschmeien und heulen, vom
Morgen bis zum Abend, nichts als heulen. Zu denken: so ein Kind, eine
vierzehnjhrige Schwangere. Zu denken! Herrgott! Das halt ich nicht aus.
Das raubt mir den Schlaf in der Nacht; ich liege und liege, und auf
einmal seh ich dann den Weg nach Golgatha. Den groen, frchterlichen,
schmerzensreichen Weg nach Golgatha.

Siebold blieb stehen. Er schleuderte den Zigarrenstummel fort und fragte
streng: Zu welchem Zweck erzhlen Sie mir eigentlich das alles? Das ist
doch der reine Bldsinn, mein Bester.

Die schroffe Zurechtweisung beschmte den Kleinen sichtlich. Es ist
wahr, Herr Rechnungsrat, es ist lauter Bldsinn, erwiderte er
schchtern. Ich bin eben ein bldsinniger Mensch. Das sagen viele. Ich
habe selbst am meisten drunter zu leiden. Es geht bei mir bis zu fixen
Ideen. Zum Beispiel, Sie werden es kaum fr mglich halten, zum Beispiel
hab ich heut abend die Wrter gezhlt, die in Ihrer Geschichte
vorgekommen sind. Sollte man sowas glauben? Achthundertneunundachtzig
Wrter, alles in allem, genau gezhlt. Hab mich schlafend gestellt und
dabei gezhlt. Ich hre, versteh auch den Sinn, zugleich arbeitet das
Hirn wie eine Additionsmaschine, klapp, klapp. Kann mir nicht helfen,
mu zhlen. Achthundertneunundachtzig Wrter, ein ganzer
Zeitungsartikel. War aber auch sehr spannend, Herr Rechnungsrat;
wirklich, mein Kompliment, eine spannende Geschichte. Aber in der Nacht,
wenn ich liege und in die Finsternis stiere, dann marschieren die
smtlichen Wrter an meine Bettstatt, stellen sich der Reihe nach auf
wie die Zinnsoldaten, und da begreif ich erst die Meinung, da wird mir
alles erst klar, und da seh ich dann den Weg nach Golgatha, wie gesagt.
Ein schlimmer Zustand. Es ist kein Spa, wenn man jede Nacht und jede
Nacht auf den Weg nach Golgatha geschleppt wird. Ich mu einmal zum
Doktor. Ich mu mich einmal untersuchen lassen.

Siebold berlief es kalt. Die Reden und das Gebaren des lumpenhaften
Menschen beunruhigten ihn allgemach. Da er es mit einem Verrckten zu
tun hatte, stand fest. Entschlossen, sich von der unangenehmen
Gesellschaft zu befreien, murmelte er bei der nchsten Straenabzweigung
einen mrrischen Gru und entfernte sich rasch.

       *       *       *       *       *

Glckliche Organisation befhigte ihn, leicht zu vergessen. Ist ein Mann
aus Neigung wie aus Eignung Beamter, so bilden die tglichen
Obliegenheiten seine Schutzwache. Berufsgewalt erhht ihn.

Menschen muten warten, bis er geruhte, sie zu empfangen und anzuhren.
Auch wenn es ihm beliebte, nichts weiter zu sein als launenhaft,
lustlos, ungewillt ihre Gesichter zu sehen, sie muten trotzdem warten.
Das machte die Bedeutung des in gewiesenem Bereich absolut regierenden
Beamten aus: da sie warten muten.

Sie froren im Korridor, und in seinem Bro barst der Ofen vor Hitze.
Akten huften sich mit Inhalt von unbestrittener Tragweite. Sie
verrieten dem kundigen Auge wirtschaftliche Schwche, trichte Bemhung,
gesetzesfeindliche Ausflucht, verbrecherische Verschleierung. Sie
erffneten den Blick in die Schlupfwinkel der Existenzen; sie boten die
Handhabe, Sumige zu zitieren, da sie kommen muten und dastehen wie
ertappte Diebe. Aufsssigkeit war vergeblich. Der Akt machte sie
zuschanden. Einspruch prallte ab. Der Akt redete. Der Akt beugte sie.

Es drang aber aus dem Vergessenen herauf bisweilen eine quietschende
Stimme. Es zeigte sich auch, selbstverstndlich nur in der Einbildung,
das gelbe Mntelchen mit den in muffartigen rmeln geborgenen Hnden. Er
schttelte zu solchen Erscheinungen, die zwei-dreimal whrend des Tages
auftauchten, den Kopf, denn er war es nicht gewhnt, Dinge zu sehen, die
nicht gegenwrtig waren, und eine Stimme zu vernehmen, ohne da ein
Sprechender zu erblicken war. Es war eine Unzutrglichkeit, doch nicht
gro zu achten. Immerhin mied er das Stammlokal. Einer neuen Begegnung
mit dem aufdringlichen Schwtzer auszuweichen, dnkte ihm ratsam. Es gab
andere Zufluchtssttten. Vor allem war er in diesen Tagen in intimere
Beziehung zu Sabine Jger getreten, und die Abende waren von dem
Zusammensein mit ihr beansprucht.

Da geschah es, da er einen Brief mit der Post erhielt; auf dem
eingeschlossenen Blatt stand nichts weiter als der Satz: Der Weg nach
Golgatha ist lang. Er starrte eine Weile darauf nieder, schien sich zu
besinnen, dann zerri er den Wisch und warf ihn ins Feuer. Verwegene
Anrempelung; so ein Bursche mte festgenommen und bestraft werden.

Zwei Tage spter reichte ihm seine Frau eine offene Karte, die der
Postbote soeben gebracht hatte, und fragte erstaunt, was es damit fr
eine Bewandtnis habe. Er las: Die Zinnsoldaten ziehen jede Nacht zur
Parade auf.

Er versuchte zu lachen. Die Frau beharrte auf ihrer Frage, da sie ein
Geheimnis vermutete, eine chiffrierte Mitteilung. Zornrte stieg in sein
Gesicht. Er antwortete, er kenne den Schreiber; es sei ein Wahnsinniger,
aber von der harmlosen Art, der sich einen albernen Scherz mit ihm
erlaube; er werde dem Narren das Handwerk legen.

Am selben Nachmittag gewahrte er auf dem Heimweg vom Amt Jost in seinem
gelben Mntelchen vor einer Branntweinbudike. Er zog sogleich den
Melonenhut und grte devot. Siebold schaute geradeaus, ohne den Gru zu
erwidern. Doch bemerkte er, da ihm Jost folgte. Unwillkrlich
beschleunigte er seinen Schritt. Das Zwergentrippeln nherte sich
trotzdem. Erregung packte ihn, deren er sich schmte. Jh blieb er
stehen.

Schlechtes Wetter, Herr Rechnungsrat, sagte Jost kleinlaut; wenn es
schon im November so ist, wie soll man da durch den Winter kommen? Hab
bereits alles, was beweglich ist, ins Pfandhaus getragen.

Ich empfehle Ihnen, sich zu trollen, sonst la' ich Sie auf der Stelle
verhaften, knirschte Siebold erbittert; verschonen Sie mich, in des
Teufels Namen, mit Ihren unverschmten Vertraulichkeiten.

Aber als er darauf den Kleinen anschaute, erblate er. Jost hatte die
Augen auf ihn gerichtet, die zwei Messingplttchen hinter zuckenden
Lidern, und in diesen Augen war etwas, was er noch an keinem Menschen
wahrgenommen: eine unfabare, geradezu unsinnige Qual verbunden mit
einer ebenso unfabaren, ebenso unsinnigen Bosheit. Vielleicht kam es
ihm nur wie Bosheit vor; jedenfalls fuhr ihm ein befremdlicher Schrecken
in die Glieder. Schwerfllig ging er weiter, verwundert, in hemmendem
Nebel, in heimlicher, hemmender Sorge, die wie eine nachschleifende
Kette klirrte.

       *       *       *       *       *

Es wurde so, da er von dem Tage an keinen Gang durch die Straen tun
konnte, ohne da er den Gelbmantel nicht mindestens einmal erblickte.
Zwar redete ihn Jost nicht mehr an; aber da er in der groen Stadt,
unter Tausenden von Menschen jederzeit darauf gefat sein mute, gerade
diesem zu begegnen, immer wieder diesem, brachte ihn nach und nach aus
dem Gleichgewicht.

In schbigem Aufzug, schlotterig trippelnd, die Hnde in den
Mantelrmeln, mumienhaft eingeschrumpft, in bekmmerter Eile oder auch
in gleich bekmmerter Gedankenversponnenheit tauchte er unerwartet an
einer Ecke auf; unter den Bumen einer Allee; in der Mitte einer Strae.
Bald stand er vor einer Ladenauslage und betrachtete mit blden Mienen
die Waren, den Melonenhut in die Augen gedrckt; bald kauerte er auf dem
Prellstein vor einem Torweg. Manchmal marschierte er auf dem
gegenberliegenden Gehsteig in der nmlichen Richtung, berschritt die
Strae und verschwand pltzlich; manchmal scho er unmittelbar auf
Siebold zu und wich erst in der letzten Sekunde zur Seite. Stets hatte
er den Kopf gesenkt und die Augen niedergeschlagen: bescheiden,
verngstigt, gehetzt; und eingehllt in jene unfabare und unsinnige
Qual und Bosheit.

Eines Morgens, als Siebold seine Wohnung verlie, die in einem
Hintertrakt gelegen war, und durch den mit einem Grtchen verzierten Hof
schritt, gewahrte er ihn am Flurfenster im zweiten Stock des vorderen
Hauses. Er hatte beide Ellbogen auf das Sims gesttzt, das Fenster war
offen, den Kopf hielt er zwischen den Hnden, der Melonenhut sa diesmal
ganz im Nacken, so da das sorgfltig gescheitelte und lig verklebte
Grauhaar sichtbar wurde, und in dieser Haltung starrte er regungslos in
die Luft. In Siebold kochte berserkerhafter Ingrimm auf; er rief den
Hauspfleger; unartikuliert redend, deutete er mit dem Schirm in die
Hhe, brachte endlich die Frage hervor, was das Individuum da oben zu
suchen habe, und whrend der Hausmeister hinaufging, wartete er
wutbebend an der Stiege. Alsbald schlich Jost an ihm vorbei, vom
schimpfenden Hauswart verfolgt, gedrckt, still und hastig. Siebold
eilte ihm nach, wurde eines Polizisten ansichtig, trat auf ihn zu,
nannte seinen Namen und Titel, wies, abermals mit dem Schirm, auf den
sich entfernenden Gelbmantel, sagte zu dem Schutzmann, er mge ein Auge
auf den Strolch haben, es sei vermutlich ein Einschleicher, er selbst
beobachte ihn schon lange und habe Grund, ihn fr ein gemeingefhrliches
Subjekt zu halten. Der Schutzmann, ber seine schumende Gereiztheit
erstaunt, versprach, den Verdchtigen zu stellen, falls er sich wieder
in der Gegend zeige.

Siebold glaubte, sich Ruhe verschafft zu haben. Zwar blieb eine
ahnungsvolle Verwirrung in seinem Innern bestehen, eine gewisse
Zerstreutheit und Erregbarkeit, deren er nicht Herr zu werden vermochte,
aber da sich der Mensch in den nchsten Tagen nicht blicken lie, atmete
er auf. Als er jedoch am dritten oder vierten Tag in sein Amtszimmer kam
und sich an das Schreibpult setzte, lag da ein groer Bogen Papier; an
jeder Ecke war mit Rotstift ein Kreuz gezeichnet; in der Mitte befanden
sich drei Kreuze, und unter diesen stand, ebenfalls mit Rotstift
geschrieben:

    Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,
    Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,
    Und der sie aufgericht und hingestellt,
    Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.

Er wute zuerst nicht, was das sein solle. Verse; was hie denn das? Er
dachte an einen Schabernack der Kollegen, runzelte die Stirn, schaute
hinter sich, bltterte in einem Faszikel, nahm den Bogen wieder zur
Hand, studierte die Schriftzge, verfrbte sich, sprte etwas wie
Lhmung in den Hnden, eine Glutwelle im Kopf; sprang auf, fuhr den
Schreiber an, wer das Zeug auf seinen Tisch praktiziert habe, geriet
auer sich, als der versicherte, von nichts zu wissen, rief mit heiserer
Stimme den Amtsdiener, deutete auf den beschriebenen und bemalten Bogen,
drohte, eine Disziplinaruntersuchung anhngig zu machen, und als einige
Beamte aus den benachbarten Rumen, ber den Auftritt bestrzt,
herbeigerannt waren, wollte er ihnen erklren, was ihm widerfahren, da
Unfug gegen ihn verbt werde, aber er kam ins Stottern, und auf einmal
schwieg er, wischte sich den Schwei von der Stirn, begab sich auf
seinen Platz zurck und versank in sonderbares Brten. Die Herren
zuckten die Achseln und warfen einander bedenkliche Blicke zu.

Den Parteien erwuchs bles von seiner verdsterten Gemtsverfassung. Die
geringen Leute harrten stundenlang vergebens auf den Aufruf. Auch an den
folgenden Tagen. Zeitbedrngte standen sich die Zehen in den Stiefeln
wund. Schuldbewute verzagten. Die zur Amtshandlung Vorgelassenen wurden
in messerscharfe Inquisition genommen. Mutmaliche Fehlangaben stieen
auf tzenden Hohn. Strafausfertigungen wimmelten. Den Korridor fllte
Murren. Der Gewaltige selbst aber sa und befahl. Sa und verschanzte
sich gegen die Stimme, die eine Stimme. Machte sich blind gegen das
Gesicht, das eine Gesicht. Bemhte sich, den Worten eines lppischen
Verses zu entrinnen. Wute, was die Stimme verlangte, whrend er das
schwindschtige Weib anschrie, das die Quote nicht zahlen konnte und zur
Pfndung verurteilt war. Erboste sich um so mehr. Unnachgiebigkeit war
zu erweisen, Unerbittlichkeit. Kam er nach Hause, so fhlte er sich
erschpft.

Am Sonntag um die Dmmerungsstunde hatte er sich im Wohnzimmer aufs Sofa
gelegt und war eingeschlafen. Die Frau sa am Fenster und nhte, die
zwei Kinder hatten sich in die Ecke gedrckt und bltterten in einem
halbzerfetzten Bilderbuch. Die Stille wurde von einem grlichen Schrei
unterbrochen. Siebold fuhr empor; in seinem Gesicht war weier
Schrecken; es war wie zerfetzt von Schrecken. Die Frau strzte hin,
packte ihn; Mann, Mann, rief sie; die hagere Gestalt, abgehrmt Teil
fr Teil, war der Wucht der Befrchtung kaum gewachsen; die Kinder
standen zitternd hinter ihr, den Vater mit verzehrend groen Blicken
betrachtend.

Der war entwirklicht. Er hatte nicht selber geschrien. Einer in ihm
hatte geschrien. berlegte er es genauer, so war es nicht einer gewesen,
sondern mehr als zehn. Sie waren schreiend an ihm vorbergestrmt, in
einem violett-feurigen Ring. Sie hatten sich zu dem Schrei in ihm
vereinigt, da er aufwachen solle. Er begriff sonst nichts, uerte auch
dieses nicht. Es erschien ihm erniedrigend, er hatte es noch nie erlebt,
es widerstritt dem Rang und der Regel. Unfreundlich wies er die Frau ab,
nachdem er sich gefat, wusch das Gesicht in kaltem Wasser, zog den
guten Rock an, ging fort.

Er war mit Sabine Jger verabredet, suchte aber erst das Stammwirtshaus
auf, um zu Abend zu essen. Gerade dorthin wollte er, wo er
mglicherweise den Gelbmantel treffen konnte. Dorthin, jawohl, um sich
nicht der Feigheit bezichtigen zu mssen. Vielleicht wurde eine
Entscheidung dadurch herbeigefhrt. Vielleicht machte er den Hallunken
dingfest. Vielleicht holte er sich Rat bei den Freunden und berichtete
ihnen, was fr Streiche ihm der Kerl spielte. Er nahm sich einen
bestimmten scheltenden und entrsteten Ton vor, in welchem er die
Anmaung und bergeschnapptheit des Menschen darlegen wollte, aber als
es so weit war, als er in der wohlwollenden Runde sa, brachte er keine
Silbe aus der Kehle, ja, wenn er blo daran dachte, fing sein Herz an zu
klopfen. Er fand den Eingang nicht, er fand das Wesen nicht, er fand den
Dolus nicht, alles war verwischt, dumm, kindisch, unfabar. Es wurde ihm
gesagt, da er schlecht aussehe, schlaffe Wangen und trbe Augen habe;
er gab zu, sich krank zu fhlen; es war ein Anla, sich bald zu
verabschieden. Der Offizial stlpte hinter ihm die Stirn in Falten und
meinte, mit dem gehe es bergab, der werde es nicht mehr lange treiben.

Mit groer Hast eilte er durch die Straen. Nebengassen glichen
Schlnden, geschlossene Tore und Fenster waren wie fr die Ewigkeit
verriegelt. Das verhohlene angenehme Grauen, mit dem der unbescholtene
Brger, Staatsbeamte, Ehegatte zu einer Prostituierten geht, tuschte
ihn ber anderes Grauen, das in innerste Zellen entwichen war. Die Jger
bewohnte in einem uralten Vorstadthaus mit vielen Hfen und Durchgngen,
vertretenen Stiegen, steinern kalten Fluren im letzten der Hfe zwei
Zimmer im Erdgescho. Deckchen, Kissen, bunte Stoffe und eine schummerig
umhllte Lampe berschminkten die Drftigkeit.

Das Mdchen empfing ihn im grnen Schlafrock und zeigte ber sein Kommen
Freude. Sie plauderten von Abstand zu Abstand, leer, hlzern, zweckhaft;
der Regen pltscherte drauen. Siebold dnkte sich leidlich in
Sicherheit; was noch an Unruhe in ihm trieb, versprach die Lust abzutun,
er wurde deshalb wortkarg und verlangend. Doch hatten sie sich nicht
sobald auf das vorbereitete Lager begeben, als er mit erstarrendem Auge
an die Mauer blickte und die erstarrende Hand hinstreckte. Es war ein
Karton mit Reingeln angeheftet, darauf gemalt zwei schwarze
Schmetterlinge links und rechts, in der Mitte eine rote Flamme, und
darunter war in lapidaren, fast wie in alten Mnchsschriften kunstvoll
ausgefhrten Lettern zu lesen:

    Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,
    Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,
    Und der sie aufgericht und hingestellt,
    Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt;
    Und immer neue baut er Tag und Nacht
    Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht Acht.

Wo hast dus her? fragte er mit bebender Kinnlade und kraftloser
Lippe, wo hast dus her? Und sie, erschrocken ber sein Aussehen,
unbefangen wegen der Frage: Einer hat mirs geschenkt. Er umklammerte
ihren Arm, da sie schmerzlich sthnte. Wer? wer hats geschenkt? wer?

Da erschallte vom Hof herein ein klagendes Rufen, nicht sonderlich laut,
aber mit durchdringend hoher Stimme. O, Golgatha! riefs, und wieder,
langgedehnt: o, Golgatha! Wie er die Stimme kannte! Er sprang auf,
tastete nach den Kleidern, fiel entkrftet auf einen Stuhl und murmelte
ohne Atem, die Hosen halb ber den Beinen: Er hat mich dahier ausfindig
gemacht; das gibt Unheil; ich mu ihn erwischen; ich mu ihn erwrgen.
In verstrter Eile kleidete er sich vollends an, Sabine war um ihn
bemht, lauschte zugleich, denn das wehe o Golgatha! tnte, obzwar
ferner und schwcher, noch immer herein. Whrend er den Kragen
befestigte und die Krawatte band, kam es wie geistesabwesend aus seinem
Mund: Wei nicht, was er will. Immer hinter mir her, frh und spt
hinter mir her; wei nicht, was er von mir will. In meinem Leben hab ich
nichts Schlechtes getan. Wie ein Detektiv auf der Lauer und hinter mir
her. Das darf nicht geduldet werden. So einen mu man einsperren. Ins
Irrenhaus gehrt so einer.

Die Jger betrachtete ihn scheu und mitrauisch, war froh, da er sie
verlie, riegelte die Tr auf, als er fertig war, und bekreuzte sich,
als er grulos hinausstrzte.

Der Hof war finster. Das Rufen hatte aufgehrt. Er suchte. Es war
niemand da. Er stand und ging mit vorgeneigtem Rumpf; die Augen irrten
durch die nasse Dunkelheit.

Er suchte den geheimnisvollen Verfolger. Violett-feurige Ringe drehten
sich wieder. Er wankte durch die Torwege, pochte an ein Fenster, und
eine Alte kam, das Tor zu ffnen. Haben Sie keinen gesehen? fragte er;
ist nicht einer fortgegangen, ein Kleiner mit gelbem Mantel? Nichts
gesehen, keinen gesehen, war die Antwort.

Auf der Strae machte er ein paar Schritte, dann mute er nach einer
Sttze tasten. Er lehnte sich an die Mauer. Brodeln war in der Luft, der
Erdboden bog sich und gab nach wie Gummi. Was war denn? was geschah
denn? Ich habe doch in meinem ganzen Leben nichts verbrochen, murmelte
er grbelnd und verdstert; meine Hnde sind rein, niemand kann mir
etwas vorwerfen, ich habe kein unrechtes Gut erworben, habe keinen
Menschen unterdrckt; war fleiig, pnktlich, solid, nchtern,
anstndig; was will der Schuft von mir? was will er mit seinem Golgatha
und seinen bldsinnigen Verschen?

Da hrte er sich selbst, zu seinem Entsetzen, wie wenn seine Zunge
andern Pfad liefe als sein Denken, hrte er sich selbst in einer monoton
und schlerhaft deklamierenden Weise sprechen:

    Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,
    Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,
    Und der sie aufgericht und hingestellt,
    Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.

Der Verstand, wo war der Verstand? Es mute doch ein Verstand drinnen
sein. Und dann das noch:

    Und immer neue baut er Tag und Nacht
    Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht acht.

Ja, was denn? wie denn? warum denn? Wegen dem schwindschtigen Weib am
Ende? Es war seltsam, da ihm dies einfiel; er wute nicht, was er
daraus machen sollte. Langsam ging er weiter, im Regen, ohne den Schirm
aufzuspannen, nicht in sich gekehrt, nicht nach auen gekehrt, doch
horchend, unablssig horchend. Auf das Rtsel horchend. Was sich mit ihm
ereignete, war Rtsel. Wie er den Verfolger im Hof gesucht hatte, so
suchte er jetzt die Lsung des Rtsels, oder blo die Natur davon. Er
schleppte etwas, und wute nicht, warum es so schwer war, noch warum es
ihm aufgebrdet war, noch was fr ein Ding es berhaupt war. Man hat
Frau und Kinder, man mu sich zusammennehmen, sagte er auf einmal laut
und fhlte sich ein wenig erleichtert, vielleicht unter dem Einflu
grellen Lichts, das ihn traf. Es war die Bogenlampe vor der
Atlantik-Bar. Musik und Gelchter schallten heraus, Automobile und Wagen
standen in langer Reihe. Er wagte kaum hinzuschauen, ging etwas rascher,
und nach einigen hundert Schritten bemerkte er eine ziemlich groe
Menschenansammlung. Laut redende und heftig gestikulierende Gruppen
hatten einen eleganten Fiaker umringt und offenbar den Lenker vom Bock
gerissen, denn die Pferde, denen anzusehen war, da sie im raschesten
Lauf aufgehalten worden, standen allein, und aus den Stimmen hob sich
die rohbrllende des Kutschers am vernehmlichsten hervor. Dem Gesprch
zweier Burschen entnahm Siebold, was sich zugetragen hatte.

Es befand sich in diesem Teil der Strae eine kommunale
Kartoffelverkaufsstelle, die natrlich whrend der Nacht geschlossen
war, vor der jedoch in Erwartung des Morgens zahlreiche Leute aus dem
Volk postiert waren, Weiber, alte Mnner, halbwchsige Kinder. Einige
kauerten auf der Erde, hatten eine Decke, eine Kapuze, einen Unterrock
zum Schutz gegen Regen und Nachtklte ber den Kopf gezogen und
schliefen. Pltzlich war jener Fiaker herangerast, ein offenes Gefhrt,
und darin lehnte blasiert ein Herrchen, vielleicht neunzehn, vielleicht
zwanzig Jahre alt, die Spuren der Ausschweifung in den Zgen, die Finger
voller Ringe, Brillantnadel im Schlips, mit Lackschuhen, gebgelter
Hose, Spazierstckchen, Glachandschuhen, die ganze Welt in der Tasche,
doch sie verachtend. Die bis auf den Fahrdamm hockende und stehende
Menge in der Dunkelheit zu spt gewahrend, hatte der Kutscher geschrien;
Angstlaute antworteten, Weiber flchteten berstrzt; aber der Wagen
fuhr zu nah am Rinnstein; ein Kind war vom Hinterrad erfat worden und
lag bewutlos da.

Fr Siebold war es Gelegenheit, dem zu entrinnen, fr eine Weile, was
ihn peinigte; da er ihm zulief, ahnte er nicht. Er drngte sich durch
die Menschen und gelangte in den freien Raum, der sich um den Kutscher,
den Fahrgast und das auf dem Pflaster liegende Opfer des Unglcks
gebildet hatte. An der Seite des Kindes, das mit blulich-fahlem Gesicht
hingestreckt lag, ein wenig blutigen Schaum vor den Lippen, die offenen,
blonden Haare von Kot besudelt, kniete Jost, und kein Scharfsinn war
ntig, um zu erkennen, da er der Vater des Kindes war. Er redete, doch
im wsten Geznk verhallten seine Worte. Mit dem Taschentuch wischte er
bisweilen das Blut vom Munde des Mdchens, strich mit der Hand ber
Stirn und Wange der Leblosen, erwiderte nichts auf die Fragen und
Ratschlge der Umstehenden, war eingewhlt und hingegeben in den
Schmerz.

Jemand sprach vom Transport ins Spital; ein anderer sagte, alle
Spitler seien berfllt. Ein Weib meldete, die Rettungsgesellschaft
habe wissen lassen, da augenblicklich kein Wagen zur Verfgung stehe,
in einer Stunde erst, worauf unwilliges Murren hrbar wurde. Ein Mann
trat in den Kreis, der sich als Arzt auswies, beugte sich nieder, legte
das Ohr an die Brust des Kindes, sprach mit Jost. In den lrmenden
Streit zwischen dem Kutscher und der erregten Menge hatte ein Polizist
vermittelnd eingegriffen, es gelang ihm, die Ruhe herzustellen. Das
Herrchen, von drohenden, feindseligen Blicken gemustert, stand bla und
lssig da, verbarg die Angst vor der Wut und dem Hohn der Leute unter
einer hochmtig-teilnahmslosen Miene, zupfte am Schnurrbrtchen, ahmte
in seiner Haltung aristokratische Art nach, was die Hohlheit, die freche
Neuheit seiner Umstnde erst recht zum Vorschein brachte.

Gott kann das nicht zulassen, hrte man nun den Gelbmantel sagen, oder
vielmehr Siebold hrte es, da er sich unter unbesiegbarem Zwang dicht
herangedrngt hatte; immerfort rinnt Blut aus der Seele, sprach er wie
ein Betubter; Gott kann mir das nicht antun. Man mu die Tropfen von
dem Blut zhlen, damit sie alle wieder zurckgegeben werden. Ich will
sie alle wieder haben. Die Seele braucht das Blut. Wo ist das Krbchen?
Meine Eveline hat ein Krbchen gehabt. Wo ist das Krbchen?

Neugierig und mitleidig starrten die Mnner und Weiber auf ihn nieder.
Ihre bernchtigten, von vielfacher Bedrngnis gemeielten Gesichter
gaben Andacht kund; finstere Gedrungenheit der Erfahrung des bels war
in ihnen, die gelernte Geduld, der Rost des Elends. Einer hatte das
Krbchen gebracht, ein zerfetztes Strohgeflecht mit beschmutztem blauen
Band. Indessen regte sich das Kind, und Jost sagte, er wolle es nach
Hause tragen, er wolle auch zu seinen andern Kindern heim, er wolle es
auf den Arm nehmen. Da schien es Siebold unter demselben unbesieglichen
Zwang, als msse er Hilfe anbieten; es trieb ihn hierzu unter trotzigen
und bsen Vorbehalten. Es war die Hoffnung, sich loskaufen zu knnen; er
wollte sagen knnen: mein Lieber, ich bin da, du siehst also, da du mir
unrecht getan hast und mich knftig in Frieden lassen sollst; ein
Miverstndnis, du siehst nun selbst, ein Irrtum.

So beugte er sich nieder, um die Hand des Kindes zu befhlen. Sie war
berraschend kalt und vermittelte eine Empfindung von der Grenzwelt.
Jost schaute in sein Gesicht, und hatte einen Ausdruck, als fnde er es
selbstverstndlich, ihn hier zu sehen. Seine Wangen hatten Furchen, die
Messerschnitten glichen; die Lider waren wie verklebt, die Hnde mit
Straenkot bedeckt, Mantel, Beinkleider, Schuhe, sogar der Melonenhut,
in den Nacken geschoben wie damals am Treppenfenster, mit Kot berzogen.
Er hob das Kind empor. Man htte ihm die Kraft nicht zugetraut. Es
schlang die Arme um seinen Hals. Siebold, wie mit Stricken angebunden,
blieb ihm zur Seite, er, dem die Nhe des Menschen Pest gewesen. Ein Bub
eilte nach und lie Geldscheine flattern. Der Herr, der Fahrgast, hatte
sich in letzter Minute zu einer Spende entschlossen. Jost schttelte den
Kopf. Er begleite ihn und werde ihm zu Hause das Geld geben, sagte
Siebold, nahm dem Knaben die Scheine ab und steckte sie in die Tasche.
Das Krbchen! rief Jost bnglich, und ein Weib holte es herbei.
Siebold nahm auch das Krbchen. Der Schutzmann hielt sie noch einmal auf
und verlangte Josts Adresse.

Nach und nach verloren sich diejenigen, die aus Zeitvertreib oder
Vorliebe fr traurige Zwischenflle mitgegangen waren, und Siebold war
mit Jost und der Leidenslast, die dieser trug, allein. Es herrschte in
seinem Geist welkes Erstaunen ber sein Tun. Es war als trete ein
Fremdes aus ihm heraus und er gehe zwiefach; der zweite blieb dahinten.
Jeder Schritt erniedrigte ihn um eine neue Stufe. In seiner krnklichen
Stummheit redete er zu dem stummen Begleiter: du siehst, wozu ich bereit
bin; du siehst, wie ich mich herablasse. Dann sprte er, da ihn strker
als alles andere die Begierde nach der Lsung des Rtsels unterjocht
hatte; schwarze, giftige, fressende, brennende Ungeduld, den Grund
unerhrter Vergewaltigung und Beleidigung zu erfahren, der Khnheit, mit
der in die Schranke der Persnlichkeit eingebrochen, gewhrleistete
Wrde verletzt, Sicherheit und Ruhe zerstrt worden war eines Trgers
von Verantwortungen, eines Funktionrs mit Befugnissen, die ber das
Gemeine erhoben und gegen das Ordnungslose feiten. Aber der
hartnckigere Aufruhr war bei dem, der hinten blieb und mit dem die
Bindung zerfiel.

Da es heftiger regnete, spannte er den Schirm auf und hielt ihn im Gehen
ber Jost und das Kind. Dem schwachen Menschen wurde die Brde zu
schwer; sein Schwanken verriet es, der keuchende Atem. Siebold sah sich
um, als erwarte er Beistand von wo; da er selbst ihn leisten konnte und
schlielich mute, dawider bumte er sich auf, bis eine Bewegung Josts
ihn dringend anrief. Er umfate das Kind; die feuchten, besudelten Haare
streiften sein Gesicht; der Kopf fiel wie gebrochen sogleich ber seine
Schulter; die rmchen hingen steif und mager herunter. Robust wie er
war, fand er die Last federleicht. Er reichte Jost Schirm und Krbchen,
dann setzten sie den Weg fort. Pltzlich gellte Jost in die Nacht
hinaus: Das darf Gott nicht zulassen, mit einem gemarterten,
rebellischen Ton.

Er fngt schon wieder mit seinem Geschwtz an, dachte Siebold. Das Kind
in seinen Armen regte sich; er fhlte die Glieder, die kleine Brust, die
engen Lenden, geschmiegt an seinen Leib, und es war ihm zum Schaudern
neu. Keines der eigenen war so dicht an ihm gewesen, in Krankheit nicht,
in Zrtlichkeit nicht, keines hatte so elfenhaft, so hingeschwunden an
ihm geruht. In seiner Kehle war es wund; er war so auer seinem Kreis,
da er wie in Behexung durch ein aufgesperrtes Tor ging, wie taub und
blind hinter Jost ber Treppen und abermals Treppen, hher, immer hher,
an Tren vorbei, hher und immer hher, als sei es ein Turm, und endlich
beklommen um sich blickte, als sie in ein dumpfiges Gemach gekommen
waren und Jost einen Kerzenstumpf anzndete.

Zwei Kinder lagen schlafend auf einer Matratze. Daneben stand ein Bett
ohne berzug, blo Decke und Strohsack im Gestell. Die Fenster waren
unverhngt. Man sah Schlte gleich kolossalen Fingern aufragen, mit
Blitzableitern wie schwarze Strahlen. An den kahlgrauen Wnden hingen
gedruckte Bilder aus Zeitschriften, Berge, Schlsser, Feldherren,
Frsten; auf dem Boden lag eine verbogene Kindertrompete, auf dem Tisch
ein Ranft altbackenes Brot, eine angebissene Rbe und eine Schachtel mit
Lottonummern.

Wie komm ich daher? dachte Siebold, und wie komm ich wieder fort? Jost
hatte ihm das Kind abgenommen. Er entkleidete es. Er war behutsam mit
Rcksicht auf die Schlafenden. Er flsterte: Der Doktor hat
versprochen, morgen frh seinen Kollegen von der Bezirkskrankenkasse zu
schicken. Wenns nur wahr ist. Ich soll einstweilen kalte Umschlge
machen. Gewi, gewi. Soll geschehen. Im Krug ist Wasser. Gewi, gewi,
soll geschehen, du davongelaufene kleine Seele. Und das Blut abwaschen,
den Dreck abwaschen. Soll geschehen, soll alles geschehen.

Die Worte wurden im Hauch hervorgestoen, entlockt vom Irrsinn der
Sorge. Dabei manipulierte er, warf Kleidchen, Schuhe, Strmpfe,
Unterrckchen, Hemd beiseite, holte den Krug, ri einen vom Gebrauch
schwarz gewordenen Fetzen vom Nagel, immer an Siebold vorbertrippelnd,
der sogleich die Geldscheine auf den Tisch gelegt hatte und dann nutzlos
stehen blieb. Die Kammer mute auf der einen Seite eine sehr dnne, blo
gegipste Wand haben, denn aus dem danebenbefindlichen Raum war
ununterbrochen ein schmerzliches chzen zu hren, welchem Siebold
furchtsam und erregt lauschte, whrend Jost den Krper des Kindes mit
allerbedchtigster Zartheit in die rauhe Wolldecke hllte, das angente
Tuch ber die Stirn breitete und darnach mit gefalteten Hnden vor der
Bettstatt niederkniete.

Bei dem Anblick des nackten Kinderkrpers war es Siebold durch den Sinn
gegangen: ein Fisch; und es war eine eigene, frierende, bettelnde
Wollust dabei gewesen. Die Vorstellung des weien, zuckenden
Fischleibes, dessen verglaste Augen im letzten Brechen nach dem
heimischen Element lechzen, hatte hnlichkeit mit dem Emporlodern eines
Lichtes in einer Grube.

Er horchte auf das chzen hinter der Wand, das sich aus raschen
Zuflssen der Qual verstrkte.

Jost sprach: Es ist nur ein weniges. Geringen Platz braucht die kleine
Seele in der groen Welt. Wen hast du denn inkommodiert? Wem Luft und
Wasser und Speise weggenommen? Wer hat dich bemerkt? Wem fehlt sein
Teil, wenn du unter ihnen herumgehst mit deinen zierlichen Fchen? Sie
knnen dich in die Ecken stoen, das ist ihnen erlaubt. Sie knnen
sagen: marsch, aus den Augen, Kreatur. Jawohl, das ist ihnen erlaubt.
Aber dein Leben ist ein ebensolches Leben wie das von jedem von ihnen;
dein Blut ein ebensolches Blut. Sie geben dir nichts, du nimmst ihnen
nichts. Du willst blo da sein, ganz bescheiden da sein.

Siebold hatte gehen gewollt, aber Art und Rede des Menschen machten ihn
unschlssig. Da war etwas, da man aufmerken mute. Auch das
schreckliche chzen hinter der Wand hielt ihn fest. So setzte er sich
auf einen Stuhl neben dem Tisch, ohne Willen. Alles gestaltete sich mehr
wie ein geballter Vorgang im Fieber, an dem er mit einem entlegenen und
bisher unbekannten Stck seines Wesens Teil hatte.

Da fat man hin und nennts bei Namen, fuhr Jost fort, und das, was
man nicht nennen und nicht fassen kann, rinnt aus. Das Kstliche rinnt
und rinnt. Hunderttausend Jahre vielleicht waren ntig, da es hat
entstehen knnen. Ur-Ur-Urvter haben Ur-Ur-Urenkeln Trpfchen um
Trpfchen, Fserchen um Fserchen bermacht, haben geschaffen und
gebaut, gepflgt und geerntet, gedarbt und gewirkt, einer am andern, von
Mutters und von Vaters Seite bis ins hundertste Glied zurck, da es hat
werden knnen, das Fnkchen in der Brust. Auf einmal kommt was daher
gerollt, ein Rad, kommt gerollt und gerollt, weil ein Laffe mit einem
Monokel im Gesicht zu seinen Dmchen und Spiegesellen will, und die
Brust soll zerdrckt sein, das Herzlein zerschmettert, das Fnkchen
ausgelscht? Ist denn das mglich? Darf das zugelassen werden? Kann man
das aushalten?

Ein Aufkreischen drang durch die Wand, und Jost nickte. So ist es,
sagte er. Zwei Fingerbreit Mauer dazwischen. Drben will eins zum
Leben, hben will eins zum Tod. Und sie fassens nicht. Keiner fats, das
eine nicht, das andere nicht. Die Vierzehnjhrige gebiert, die
Achtjhrige will schon wieder heim in den Scho der mchtigen Mutter.
Hren Sie? hren Sie?

Er wandte Siebold das Gesicht zu. Zum erstenmal redete er ihn an. Beide
lauschten. Das tierhafte Rcheln des in Wehen sich windenden Weibes war
nicht mehr zu mikennen, der inbrnstige, gewrgte, rasende Schrei auf
einem Folterbrett. Die zwei schlafenden Kinder regten sich; Jost trat zu
ihnen und beschwichtigte sie.

Er geriet nun in eine fahrige, kummervolle Geschftigkeit. Lief hin und
her, stie eine Lade zu, rhrte Gegenstnde an, aber bei einem
neuerlichen Schrei blieb er stehen und sagte: Hren Sie, Mann?
Begreifen Sie, was wir tun? Begreifen Sie, was gelitten wird auf der
Erde immerzu? Was die unerbittliche Natur uns leiden macht und dann der
Mensch? Was die Dmonen uns leiden machen und die Trume? Was das
Fleisch uns leiden macht und der Geist? Whrend wir im Wirtshaus sitzen,
wird gelitten. Whrend wir Akten vollschreiben, wird gelitten. Whrend
wir unsere Notdurft stillen und unsere Geilheit letzen, wird gelitten.
berall, oben und unten, bei den Herren und bei den Knechten, in der
Finsternis und im Licht, berall wird gelitten. Begreifen Sie, was wir
treiben allesamt? was wir wert sind allesamt? Begreifen Sie?

Er sprach mit geweiteten Augen, in denen es phosphoreszierte, mit
hackenden Zhnen und schlaffen, schaufelnden Lippen und bohrte die
Fuste in die Taschen des blut- und kotbesudelten Mntelchens. Und wenn
es schon geschieht, und das Rad zerquetscht das lebendige Herz, warum
kommt dann der Laffe mit dem Monokel nicht und leckt mit seiner Zunge
das Blut von den Pflastersteinen weg? Soll es hineindorren in die
Steine, hinberdorren ins Jenseits? Warum kommt er nicht und ruft: ich,
ich, ich -? Und wenn es schon geschieht, und das Kind drben mu in
seinem frhen Jammer Mutter werden, warum kommt der Lump nicht, der es
geschwngert hat, warum kommt die Bestie nicht und fllt auf die Erde
vor Schreck und Angst und Mitleid, weil er sehen kann, wie das
Dingelchen sich krmmt und wie es seufzt und wimmert, warum kommt er
nicht und ruft: ich, ich, ich -? Warum sprechen sie nicht: verzeiht, wir
haben nicht gewut, was wir tun -? Was ist das fr eine Ordnung in der
Welt, da sie sich verstecken drfen und sich anstellen, als wten sie
von nichts? O Menschen, Menschen, Menschen! Sie wissen nicht, was sie
tun, das ist es. So soll ihnen auch nicht verziehen werden. Nein und
abernein, verziehen nicht. Komm her, du Laffe, und drck deine
Lasterlippen auf die Steine; komm her, du Bestie, und vernimm und schau.
Wer da handelt, mu auch wissen. Ums Wissen gehts. Nichts da, die
Verantwortung abwlzen. Nichts da, sich auf Gesetze und Vorschriften
ausreden. Blind magst du sein, du Menschenhund, du Menschenfloh, du
Menschennichts, aber wissen sollst du, wissen, was du tust, und
niederstrzen und mitwimmern, und rufen, da es an die Enden der Welt
schallt: ich, ich, ich!

Das Licht auf dem Kerzenstumpf flackerte nur noch ganz trb, so da blo
der nchste Umkreis auf dem Tisch matte Helligkeit erhielt. Die Schlte
vor den Fenstern trmten sich um so strenger in den Wolkenhimmel. Es
entstand Stille von einer Eindringlichkeit, die jede Fiber spannte. Eine
hautlose, unendlich verschuldete Wachsamkeit war in Ohr und Hirn.

Es sa hier nicht mehr der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung mit
Namen so und so. Es sa hier einer, der keinen Namen mehr hatte und
dessen sthlerne Hllen abzuschmelzen begannen. Es war nicht mehr das
Mansardenloch eines Ausgestoenen; nicht mehr der Tisch mit der
qualmenden Kerze: es war ein Raum unter den Sternen. Es flo nicht mehr
Zeit; Zeit war dahin. Erde war dahin.

Und wie sich nun der Mensch ohne Namen aus dem Zusammenhang gehoben sah,
rhrten ihn von unten her Hnde an. Hnde von Vergangenen, Hnde von
Gerichteten. Sie strebten verlangend zu ihm empor; Hnde eines Knaben;
Hnde eines Greises; Hnde eines Mdchens; Hnde von Mnnern. Die einen
waren gefaltet, die andern wie in der Abwehr; die einen flehten, die
andern drohten; die einen beteuerten, die andern waren gerungen.

Zuerst fragte sich der so Bedrngte, was sie von ihm begehrten; doch wie
der Umri nahm auch ihre stumme Sprache an Verstndlichkeit zu, und wie
sie von schattenhafter Verwesung sich in Krperhaftigkeit wandelten,
wurde die Forderung so klar, Klage, Vorwurf, Anspruch und Gericht so
unzweifelhaft wie Schall und Fall von Worten. Bangten sie nach Dingen,
die sie hatten verlassen mssen? Wollten sie eine Schuld bezahlen, die
unberichtigt geblieben war? Gewhrten sie eine Liebkosung, die sie
verweigert hatten? Gaben sie ein Versprechen? Erbaten sie ein Geschenk?
Leisteten sie einen Schwur? Wiesen sie einen Weg? Winkten sie einem
Freund? Schrieben sie? gruben sie? ruhten sie? hasteten sie? Alles
dies, und vieles noch. Hnde sind Geschpfe und spiegeln jegliches Sein.

Die Paare vermehrten sich, und zu den vergangenen gesellten sich die
gegenwrtigen, die er gesehen und doch nicht gesehen im Ablauf der Tage,
die zu ihm gesprochen, ohne da er es vernommen, die geplagten, die
beladenen. Wirrsal und Gewhl, Flle der Gesichte. Hart, drr und
vergilbt die einen, unschuldig und feingliedrig die andern; diese mit
dicken Adern und geschwellten Muskeln, jene zag und zitternd; krank und
mde die, voll Nerv und Entschlu die andern. Schwielige, blasse,
rosige, geballte, geflachte, behaarte, glatte, kleine und groe, nher,
immer nher, beredter, immer beredter, und der, dessen Name aufgehrt
hatte, zu sein, sprte, da sie nicht ablassen wrden, ehe er selbst
nicht aufgehrt hatte, zu sein. So mute er um Gnade bitten, um eine
Frist, um ein Bedenken; erschttert an den Rand der Stunde und des
wachen Wissens gerckt, ward er inne, da nach solcher Vision der
Mensch, mit zerspaltener Brust, dem irdischen Tag verloren war.

Auf einmal war ein Leuchten in der Stube. Von wo es kam, war noch nicht
zu unterscheiden. Jost stammelte und reckte die Arme in die Richtung der
Bettstatt. Das Kind erhob sich langsam. Es schlte sich aus der Decke
und trat nackt und aufrecht vor die Mnner. Um seine Lippen hing ein
Lcheln. Die weie Haut erglhte von inwendig. Was sie erglhen machte,
war das Herz, und die Schauenden gewahrten bald nur noch das Herz: einen
funkelnden, pulsenden Rubin, in die Dunkelheit gelagert wie eine Figur
auf einem gemalten Kirchenfenster.

Jost brach in die Knie. Mit den Hnden tastete er rckwrts, als suche
er alle die vielen Hnde dort zum Schutz. O Kind! rief er
schluchzend, o Mensch! Wohin gehst du mit dem Flammenjuwel in deiner
Brust? Sag es nur, sag es uns, sag es aller Menschheit, da der rote
heie Kern nur einmal da ist, die leuchtende Frucht nur einmal reif
wird. Fr einen nur ein einziges Mal. Sag es, was es heit: ein einziges
Mal. Sie wissen nicht, was es bedeutet: ein einziges Mal! Sprich, du
Gotteswesen! sprich, ser Geist!

Aber das Kind lchelte blo. Lchelte und verging.

       *       *       *       *       *

Zum hohen Gebieter, vor den ewigen Thron, trat Michael, der Erzengel, in
den Morgen der rauschenden Sphren und sprach:

Ich habe die Seele des Gleichgiltigen gewonnen, Herr.


_Schlu_





Werke von Jakob Wassermann


Die Juden von Zirndorf
Roman
20. Auflage

Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
Roman
22. Auflage

Der Moloch Roman
Neubearbeitete Ausgabe 10. Auflage

Der niegekte Mund
Erzhlungen
63. Auflage

Alexander in Babylon
Roman
Neubearbeitete Ausgabe 8. Auflage

Die Schwestern
Drei Novellen
6. Auflage

Caspar Hauser oder Die Trgheit des Herzens
Roman
17. Auflage

Die Masken Erwin Reiners
Roman
11. Auflage

Der goldene Spiegel
Erzhlungen in einem Rahmen
14. Auflage

Faustina
Ein Gesprch ber die Liebe
3. Auflage

Die ungleichen Schalen
Fnf einaktige Dramen

Der Mann von vierzig Jahren
Roman
14. Auflage

Deutsche Charaktere und Begebenheiten
Mit elf Abbildungen
4. Auflage

Das Gnsemnnchen
Roman
66. Auflage

Christian Wahnschaffe
Roman in zwei Bnden
34. Auflage


Die Juden von Zirndorf

Kaum je hat ein jdischer Poet seinen Glaubensgenossen und ber das
Judentum der Gegenwart berhaupt schrfere und zutreffendere Dinge
gesagt als Wassermann in diesem Buche. Die besten Eigenschaften des
jdischen Volkes erscheinen in ihm selbst verkrpert, vor allem der
kritisch skeptische Sinn, der auch sich selbst nicht schont. Mit diesem
verbindet sich auch bei Wassermann eine starke, jedoch mehr mystisch als
sinnlich glhende Phantasie, der namentlich in dem phantastischen
Vorspiel des Romans, welches eine mit dem Erscheinen des merkwrdigen
Messias Sabbatai Zewi verknpfte Judenverfolgung im siebzehnten
Jahrhundert behandelt, eine glnzende poetische Leistung gelungen ist.
                                                  (Neue Zrcher Zeitung)


Die Geschichte der jungen Renate Fuchs

Jedes groe, befreiende Buch mu ein Buch der Erlsung und der
Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlsung der Frauen, die
alten sinnlichen Vorurteilen zu mitrauen beginnen, die ihr Schicksal,
ihr Frauenschicksal, erleben und nicht lnger leibeigen sein wollen. -
Seit dem Grnen Heinrich Kellers ist in deutscher Sprache kein so
interessanter und tiefsinniger Roman erschienen.
                                                           (Die Zukunft)


Alexander in Babylon

Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders
Rckkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzhlt,
dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit
ebenso khner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr
ein Prosaepos als ein Roman; es gehrt zu unsern schnsten deutschen
Prosabchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen zu
werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und beseelt.
                                               (Neue Freie Presse, Wien)


Der Moloch

Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die psychologische und gestaltende
Kunst, mit der Wassermann jene Idee zu einem gro und breit angelegten,
lebensvollen Gemlde gestaltet hat.
                                                           (Berner Bund)


Die Schwestern

Die Heldinnen dieser Novellen gehren zu jenen glcklichen unglcklichen
Geschpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht, ein Wahn den
Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem Dasein gerufen
hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus dieser Krankheit die
tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen. Eine holde Schwrmerei
ist das Buch, in den Tnen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder
Traum, von siegesstarken Sehnschten und Ahnungen durchzuckt.
                                                  (Hannoverscher Kurier)


Die Masken Erwin Reiners

Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen
Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles
Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zgellosen
Individualittsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal
unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine
Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman,
die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten.
                                               (Westermanns Monatshefte)


Caspar Hauser

Ein Denkmal ist aufgerichtet ber ein lngst eingesunkenes Grab; ein
altes, verharschtes Geheimnis funkelt wieder im Licht. Die Geschichte
Caspar Hausers wird neu erzhlt, das zauberische Knuel dieses eigenartigen
Schicksals entwirrt ... Jakob Wassermanns Caspar-Hauser-Roman hat
monumentalen Stil ... Ein Beispiel deutscher Erzhlungskunst, Vorbild
eines groen Romans ist hier geboten. Und vor allem ein bleibendes.
                                                       (Der Tag, Berlin)


Der goldene Spiegel

Von Franziskas goldenem Spiegel wird berichtet: Seine Scheibe, wie
tief, und seltsam! gibt kein Gegenbild des Auges, das hineinschaut. Sie
ist matt. Und doch ist eine Welt in ihr. Frauen und Mnner, Tiere,
Schiffe und Huser, Seefahrer und Landflchtige, Ritter und Knechte,
Brger und Bauern, Eroberer und Knstler, Liebende und Verbrecher,
Sonderlinge und Besessene, Verzweifelte und Narren, Prahler und Dulder,
der Zufall, der Traum und das Wunder, alles das ist in ihr. Wirklich,
so gro ist die Flle auch dieses Buches. Es entstand aus der Lust am
Erfinden, am Phantasieren, am Gestalten.
                                                        (Die Zeit, Wien)


Das Gnsemnnchen

Das Werk ist vermge weitausgreifender Lebensflle, breiter, umfassender
Gesellschaftsschilderung, des Hineinspielens politischer und kultureller
Zeitgeschehnisse ein wahrhafter Roman. Im Rahmen der Leidens- und
Werdegeschichte eines deutschen Musikgenius entrollt die Dichtung auch
Deutschlands Seele, Deutschlands Nervenzustand, Deutschlands
Kulturstrmungen. Tief und voll aus dem Menschlichen ist die Dichtung
geschpft.
                                                      (Wiener Abendpost)


Christian Wahnschaffe

Die echte groe Dichtung sucht nicht die Aktualitt, sie ist aktuell.
Wassermann zeigt uns in seinem Roman den Zusammenbruch der geistigen,
sittlichen und sthetischen Kultur des Kapitalismus. Er malt diese
Kultur in den verlockendsten Farben und lt uns den Wurm sehen, der in
ihr nagt. Sein Held wird erst das Opfer, dann der Richter der liebeleer
gewordenen Welt, und darnach der Verknder einer neuen Zukunft. Das Buch
ist hinreiend durch Geist, Abenteuer und Verlockung: es dringt in das
Letzte der Seelen und verwandelt sie und uns.


Druck der E. Gundlach Aktiengesellschaft in Bielefeld




[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1920 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt.
Abweichend vom gedruckten Buch wurde die zweite Titelseite entfernt.
Die nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller gegenber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

p 010: [Fehlende Letter] Erleichterung und Vers ng -> Versung
p 019: damals hatten Romantik -> hatte
p 040: [Komma ergnzt] solche die Kloaken subern; -> solche, die
p 053: [Vereinheitlicht] beim Abendessen; er lie -> Abendessen: er
p 054: die Khe lagen in rosigen Dampf -> rosigem
p 063: [Fehlende Letter] Wenn ch ihn gemacht habe -> ich
p 063: [Punkt ergnzt] Dreck in der Hand -> Dreck in der Hand.
p 064: [Komma entfernt]  Herr,, erwiderte er -> Herr, erwiderte
p 072: Abgesehen von Kiling -> Kieling
p 074: haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht -> Sie
p 094: entgegenete Maria -> entgegnete
p 113: und Liseweta hllte sich darein -> Lisaweta
p 118: Als ich Gregorji kennen lernte -> Grigorji
p 119: erwarteten wir wie eine Hinrichtungsurteil. -> ein
p 166: achtete man ihre gar nicht. -> ihrer
p 170: welche der ... mit sich bringen muten -> mute
p 188: was nitg war -> was ntig war
p 193: damit sich Nandinsky -> Nadinsky
p 217: [Leerzeichen ergnzt] Kopfstimme;wir -> Kopfstimme; wir
p 220: empfehle es sich fogar -> sogar
p 244: Mit Polixene sa er -> Polyxene
p 249: Wir benehnem uns wie Kinder -> benehmen
p 264: [Trennung] Leder-Kapuze -> Lederkapuze
p 265: Mir fllt da ... in -> ein
p 267: der ganze Jammer, unter den wir keuchen -> dem
p 270: [Anfhrungszeichen ergnzt] Wie machen wir denn das?
p 273: um im sprlich flieenden Gesprch -> und im
p 279/280: [Trennung] Mdchen-Gesicht -> Mdchengesicht
p 302: Zwiespalt zwischer -> zwischen
p 324: Unterckchen -> Unterrckchen
p 336: deuschen Musikgenius -> deutschen

Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei
folgenden Wrtern:

p 058: Gleichgiltigkeit
p 120: Lucke
p 143: Monreal
p 301: hinmummelte
p 148: darnach

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaen ersezt:

Sperrung: _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]



[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print
edition published in 1920 by S. Fischer. The printed book's second title
page has been removed. The table below lists all corrections applied to
the original text.

p 010: [missing letter] Erleichterung und Vers ng -> Versung
p 019: damals hatten Romantik -> hatte
p 040: [added comma] solche die Kloaken subern; -> solche, die
p 053: [unified] beim Abendessen; er lie -> Abendessen: er
p 054: die Khe lagen in rosigen Dampf -> rosigem
p 063: [missing letter] Wenn ch ihn gemacht habe -> ich
p 063: [added period] Dreck in der Hand -> Dreck in der Hand.
p 064: [removed comma]  Herr,, erwiderte er -> Herr, erwiderte
p 072: Abgesehen von Kiling -> Kieling
p 074: haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht -> Sie
p 094: entgegenete Maria -> entgegnete
p 113: und Liseweta hllte sich darein -> Lisaweta
p 118: Als ich Gregorji kennen lernte -> Grigorji
p 119: erwarteten wir wie eine Hinrichtungsurteil. -> ein
p 166: achtete man ihre gar nicht. -> ihrer
p 170: welche der ... mit sich bringen muten -> mute
p 188: was nitg war -> was ntig war
p 193: damit sich Nandinsky -> Nadinsky
p 217: [added blank] Kopfstimme;wir -> Kopfstimme; wir
p 220: empfehle es sich fogar -> sogar
p 244: Mit Polixene sa er -> Polyxene
p 249: Wir benehnem uns wie Kinder -> benehmen
p 264: [hyphenation] Leder-Kapuze -> Lederkapuze
p 265: Mir fllt da ... in -> ein
p 267: der ganze Jammer, unter den wir keuchen -> dem
p 270: [added quote] Wie machen wir denn das?
p 273: um im sprlich flieenden Gesprch -> und im
p 279/280: [hyphenation] Mdchen-Gesicht -> Mdchengesicht
p 302: Zwiespalt zwischer -> zwischen
p 324: Unterckchen -> Unterrckchen
p 336: deuschen Musikgenius -> deutschen

The original spelling has been maintained throughout the book,
particularly for the following words:

p 058: Gleichgiltigkeit
p 120: Lucke
p 143: Monreal
p 301: hinmummelte
p 148: darnach

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Antiqua: #text in Antiqua font# ]





End of Project Gutenberg's Der Wendekreis - Erste Folge, by Jakob Wassermann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ERSTE FOLGE ***

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providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


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works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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