Project Gutenberg's Mein Weg als Deutscher und Jude, by Jakob Wassermann

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Title: Mein Weg als Deutscher und Jude

Author: Jakob Wassermann

Release Date: December 29, 2005 [EBook #17413]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                              Mein Weg
                       als Deutscher und Jude

                                von

                          Jakob Wassermann



                          #..... vis animae conturbatur et divisa
                          seorsum disiectatur, eodem illo distracta
                          veneno.
                                                 Lucrez, III. 498.#



                                1921

                      S. Fischer Verlag Berlin



                    Erste bis fnfzehnte Auflage
                      Alle Rechte vorbehalten

            Copyright 1921 by S. Fischer, Verlag, Berlin



                         =Ferruccio Busoni=

                                 dem Freund dem Knstler
                                         gewidmet



Ohne Rcksicht auf die Gewhnung meines Geistes, sich in Bildern und
Figuren zu bewegen, will ich mir -- gedrngt von innerer Not und Not der
Zeit -- Rechenschaft ablegen ber den problematischesten Teil meines
Lebens, den, der mein Judentum und meine Existenz als Jude betrifft,
nicht als Jude schlechthin, sondern als deutscher Jude, zwei Begriffe,
die auch dem Unbefangenen Ausblick auf Flle von Miverstndnissen,
Tragik, Widersprchen, Hader und Leiden erffnen.

Heikel war das Thema stets, ob es nun mit Scham, mit Freiheit oder
Herausforderung behandelt wurde, schnfrbend von der einen, gehssig
von der anderen Seite. Heute ist es ein Brandherd.

Es verlangt mich, Anschauung zu geben. Da darf denn nichts mehr gelten,
was mir schon einmal als bewiesen gegolten hat. Auf Beweis und
Verteidigung verzichte ich somit berhaupt, auf Anklage und jede Art
konstruktiver Beredsamkeit. Ich sttze mich auf das Erlebnis.

Unabweisbar trieb es mich, Klarheit zu gewinnen ber das Wesen jener
Disharmonie, die durch mein ganzes Tun und Sein zieht und mir mit den
Jahren immer schmerzlicher fhlbar und bewut worden ist. Der unreife
Mensch ist gewissen Verwirrungen viel weniger ausgesetzt als der reife.
Dieser, sofern er an eine Sache hingegeben ist oder an eine Idee, was im
Grunde dasselbe besagt, entringt sich nach und nach der Besessenheit, in
der das Ich den Zauber des Unbedingten hat, und Welt und Menschheit
kraft einer angenehmen und halbfreiwilligen Tuschung dem gebundenen
Willen in den Transformationen der Leidenschaften zu dienen scheinen. In
dem Mae, in dem die eigene Person aufhrt, Wunder und Zweck zu sein,
bis sie zuletzt ein kaum gesprtes Zwischenelement wird, gleichsam
Schatten eines Krpers, den man nicht kennt, noch erkennen kann, in dem
Mae wchst die Schwierigkeit und Gefhrlichkeit des Lebens mit und
unter den Menschen, sowie der geheimnisvolle Charakter alles dessen, was
man Realitt und Erfahrung nennt.

Weg- und Merkzeichen bleiben letzten Endes wenige, auch bei der
genialsten Rezeption. Es hngt von der Breite des Schicksals ab, wieviel
unverge- und unverwischbare Spuren es in der Seele hinterlt.




1


Ich bin in Frth geboren und aufgewachsen, einer vorwiegend
protestantischen Fabrikstadt des mittleren Franken, in der es eine
zahlreiche Gemeinde gewerbs- und handelstreibender Juden gab. Das
Verhltnis der Zahl der Juden zur brigen Bevlkerung war etwa 1:12.

Der berlieferung nach ist es eine der ltesten Judengemeinden
Deutschlands. Schon im neunten Jahrhundert sollen dort jdische
Siedlungen bestanden haben. Vermehrung und Blte trat wahrscheinlich
erst zu Ende des fnfzehnten Jahrhunderts ein, als die Juden aus dem
benachbarten Nrnberg vertrieben wurden. Spter wendete sich auch vom
Rhein her ein Flchtlingsstrom der aus Spanien verjagten Juden nach
Franken, und unter ihnen vermute ich meine Vorfahren mtterlicherseits,
die im Maintal in der Nhe von Wrzburg seit Jahrhunderten dorfansssig
waren, so wie die von vterlicher Seite in Frth, Roth am Sand,
Schwabach, Bamberg und Zirndorf.

Beziehung zu Boden, Klima und Volk mu also den Generationen, die durch
dreiig oder vierzig Jahrzehnte hier hausten, in Fleisch und Bein
bergegangen sein, obgleich sie diesen Einflssen entgegenstrebten und
als Fremdkrper vom Volksorganismus ausgeschieden waren. Drckende
Beschrnkungen, wie das Matrikelgesetz, das Verbot der Freizgigkeit und
der freien Berufswahl waren noch bis in die Mitte des neunzehnten
Jahrhunderts in Kraft. Der Vater meiner Mutter, ein Mann von Bildung und
edler Anlage, verblutete an ihnen. Da finsterer Sektengeist,
Ghettotrotz und Ghettoangst dadurch immer frische Nahrung erhielten,
versteht sich am Rande.

Als ich geboren wurde, zwei Jahre nach dem Deutsch-Franzsischen Krieg,
war fr die deutschen Juden der brgerliche Tag lngst angebrochen. Im
Parlament kmpfte die liberale Partei bereits fr die Zulassung der
Juden zu den Staatsmtern, eine Anmaung, die auch bei den
aufgeklrtesten Deutschen Entrstung hervorrief. Ich liebe die Juden,
aber regieren will ich mich von ihnen nicht lassen, schrieb zum
Beispiel ein Mann wie Theodor Fontane damals an einen Freund.

Von Pferch und Helotentum sprte ich also in meiner Jugend nichts mehr.
Auf der einen Seite hatte man sich eingelebt, auf der andern sich
gewhnt. Wirtschaftlicher Aufschwung begnstigte die Duldsamkeit. Ich
erinnere mich, da mein Vater bei irgendeiner Gelegenheit mit freudiger
Genugtuung sagte: Wir leben im Zeitalter der Toleranz! Das Wort
Toleranz machte mir in Gedanken viel zu schaffen; es flte mir Respekt
ein, und ich beargwhnte es, ohne da ich seine Bedeutung begriff.

In Kleidung, Sprache und Lebensform war die Anpassung durchaus
vollzogen. Die Schule, die ich besuchte, war staatlich und ffentlich.
Man wohnte unter Christen, verkehrte mit Christen, und fr die
fortgeschrittenen Juden, zu denen mein Vater sich zhlte, gab es eine
jdische Gemeinde nur im Sinn des Kultus und der Tradition; jener wich
vor dem verfhrerischen und mchtigen modernen Wesen mehr und mehr ins
Konventikelhafte zurck, in heimliche, abgekehrte, frenetische Gruppen;
diese wurde Sage, schlielich nur Wort und leere Hlse.

Mein Vater war kleiner Kaufmann, dem es auf keine Weise wie den meisten
seiner Glaubens- und Altersgenossen gelingen wollte, Reichtmer zu
erwerben. Er hatte in Geschften eine unglckliche Hand. Er war ein
wenig Phantast und hatte immer seine fixe Idee, die ihn der Biegsamkeit
der Geldmacher beraubte. Er trumte von groen Spekulationen und groen
Unternehmungen, aber was er angriff, schlug fehl. Seine Geistesrichtung
war die sentimental-freiheitliche, laues Nachzglertum der
Mrzrevolution, das seine verwsserten Tendenzen ins neue Reich getragen
hatte. Ich entsinne mich aus meiner Kindheit eines leidenschaftlichen
Disputs zwischen ihm und einem seiner Vettern ber Ferdinand Lassalle,
von dem er wie vom Gottseibeiuns sprach; aber ich entsinne mich auch,
da er manchmal am Abend rhrende Lieder zur Gitarre sang. Das war noch
in der guten Zeit, als ihn die Sorgen noch nicht gebrochen hatten. Er
liebte Schiller und sprach mit Hochachtung von Gutzkow. Auf einer seiner
Reisen hatte er in einem thringischen Badeort zusammen mit Gutzkow an
der Gstetafel gespeist; er erzhlte oft mit Stolz davon, und in
spteren Jahren, als meine Kmpfe um den Schriftstellerberuf ihn
erbitterten, sagte er mir einmal, um vermessene Ambitionen
zurckzuweisen, als deren Beute er mich sah: Was bildest du dir ein?
Einen Gutzkow kannst du doch nie erreichen!

Mitte der achtziger Jahre grndete er eine Fabrik in kleinem Stil, mit
geringem Kapital, das er mhselig zusammengeborgt hatte, aber mit groen
Hoffnungen. Nach wenigen Jahren machte er Bankrott und wurde dann
Versicherungsagent, eine Ttigkeit, die trotz unermdlicher Anstrengung
ihn mit den Seinen kaum ber Wasser hielt und ihn auerdem mit dem
Gefhl einer gescheiterten Existenz belud. Er hat sein ganzes Leben lang
schwer gearbeitet; als ich, dreiigjhrig, den Sechsundfnfzigjhrigen
fr einige Wochen zu Gast bitten konnte, zeigte er eine bestndige
stumme Verwunderung, und beim Abschied sagte er zu mir: Es waren die
ersten Ferien meines Lebens! Nach Hause zurckgekehrt, starb er, acht
Tage nachher.

Meine Mutter starb, als ich neun Jahre alt war. Sie war eine Schnheit,
von blondem Typus, sehr sanft, sehr schweigsam. Es wurde mir oft
erzhlt, da Fremde, die sich in der Stadt aufhielten, durch den Ruf
ihrer Schnheit neugierig gemacht, sie zu sehen begehrten. Es wurde mir
auch erzhlt, da ihre Jugendliebe ein Christ gewesen sei, ein
Maschinenmeister aus Ulm. Es sind noch Briefe von ihr vorhanden, in
denen eine kindlich-volkshafte Schwermut atmet, Poesie der Traurigkeit.
Ich entsinne mich noch gut, welche Bestrzung ihr unerwarteter Tod
hervorrief, und wie die halbe Stadt ihrem Sarg zum Friedhof folgte.

Beide Menschen, mein Vater und meine Mutter, obwohl gegeneinander sehr
verschieden geartet, hatten ein Gemeinsames darin, da sie ihrer Zeit
nicht gem waren. Sie kamen von der Romantik her, der Vater als
geistiger Sptling, die Mutter im Gemt davon verdunkelt und beschwert.
Bei der Mutter uerte es sich naturhaft und fhrte eine tragische
Lebensstimmung herbei, beim Vater drang es in das Motorische und war von
einem grundlosen, alle Sachverhalte verhngnisvoll verschleiernden
Optimismus begleitet, der ihm Enttuschung ber Enttuschung brachte und
seinen Mut und seine Kraft zerstrte.




2


Die meinem Judentum geltenden Anfeindungen, die ich in der Kindheit und
ersten Jugend erfuhr, gingen mir, wie mich dnkt, nicht besonders nahe,
da ich herausfhlte, da sie weniger die Person als die Gemeinschaft
trafen. Ein hhnischer Zuruf von Gassenjungen, ein giftiger Blick,
abschtzige Miene, gewisse wiederkehrende Verchtlichkeit, das war
alltglich. Aber ich merkte, da meine Person, sobald sie auerhalb der
Gemeinschaft auftrat, das heit sobald die Beziehung nicht mehr gewut
wurde, von Sticheleien und Feindseligkeit fast vllig verschont blieb.
Mit den Jahren immer mehr. Mein Gesichtstypus bezichtigte mich nicht als
Jude, mein Gehaben nicht, mein Idiom nicht. Ich hatte eine gerade Nase
und war still und bescheiden. Das klingt als Argument primitiv, aber
der diesen Erfahrungen Fernstehende kann schwerlich ermessen, wie
primitiv Nichtjuden in der Beurteilung dessen sind, was jdisch ist, und
was sie fr jdisch halten. Wo ihnen nicht das Zerrbild entgegentritt,
schweigt ihr Instinkt, und ich habe immer gefunden, da der Rassenha,
den sie sich einreden oder einreden lassen, von den grbsten
uerlichkeiten genhrt wird, und da sie infolgedessen ber die
wirkliche Gefahr in einer ganz falschen Richtung orientiert sind. Die
Gehssigsten waren darin die Stumpfesten.

Das zunchst nur als Andeutung. Was die Gemeinschaft anlangt, so fhlte
ich mit ihr keinerlei tieferen Zusammenhang. Religion war eine Disziplin
und keine erfreuliche. Sie wurde von einem seelenlosen Manne seelenlos
gelehrt. Sein bses, eitles, altes Gesicht erscheint mir noch jetzt
bisweilen im Traum. Sonderbarerweise habe ich selten von einem humanen
oder liebenswrdigen jdischen Religionslehrer gehrt, die meisten sind
kalte Eiferer und halb lcherliche Figuren. Dieser, wie alle, blute
Formeln ein, antiquierte hebrische Gebete, die ohne eigentliche
Kenntnis der Sprache mechanisch bersetzt wurden, Abseitiges,
Unlebendiges, Mumien von Begriffen. Positiven Ertrag gab nur die Lektre
des Alten Testaments, aber auch da fehlte die Erleuchtung, vom
Gegenstand wie vom Interpreten her. Vorgang und Gestalt wirkten im
Einzelnen, Episodischen, das Ganze zeigte sich starr, oft absurd, ja
unmenschlich und war durch keine hhere Anschauung gelutert. Vom Neuen
Testament brach bisweilen ein Strahl herber wie Lichtschein durch eine
verschlossene Tr, und Neugier mischte sich mit unbestimmtem Grauen.
Jene ewigen Bilder und Mythen befruchteten meine Phantasie erst, als ich
in ein privates, sozusagen psychologisches Verhltnis zu ihnen treten
konnte, ein Proze, der sie individualisierte, im Sinne der Aufklrung
geistig machte, oder im Sinne der Romantik stofflich, je nachdem, in
jedem Falle von der Religion ablste.

Um den Gottesdienst war es noch bler bestellt. Er war lediglich
Betrieb, Versammlung ohne Weihe, geruschvolle bung eingefleischter
Gebruche ohne Symbolik, Drill. Der fortgeschrittene Teil der Gemeinde
hatte eine moderne Synagoge gebaut, eines jener Huser im
quasi-byzantinischen Stil, wie man in den meisten deutschen Stdten
eines findet, und deren parvenhafte Prchtigkeit ber die fehlende
Gemtsmacht des religisen Kultus nicht hinwegtuschen kann. Mir war da
alles hohler Lrm, Erttung der Andacht, Mibrauch groer Worte,
unbegrndete Lamentation, unbegrndet, weil im Widerspruch mit
sichtbarem Wohlleben und herzhafter Weltlichkeit stehend; berhebung,
Pfafferei und Zelotismus. Die einzige Erquickung waren die deutschen
Predigten eines sehr stattlichen blonden Rabbiners, den ich verehrte.

Die Konservativen und Altglubigen hielten ihren Dienst in den
sogenannten Schulen ab, kleinen Gotteshusern, oft nur Stuben in einer
entlegenen Winkelgasse. Da sah man noch Kpfe und Gestalten, wie sie
Rembrandt gezeichnet hat, fanatische Gesichter, Augen voll Askese und
glhend im Gedchtnis unvergessener Verfolgungen. Auf ihren Lippen
wurden die strengen Gebete, Anruf und Verfluchung, wirklich, die
lastbeladenen Schultern sprachen von generationenalter Demut und
Entbehrung, die ehrwrdigen Gebruche wurden in entschlossener Hingabe
buchstabentreu erfllt, die Erwartung des Messias war ungebrochener,
wenn auch dumpfer Glaube. Aufschwung war auch unter ihnen nicht, Trost
oder Innigkeit, oder Glanz oder Menschlichkeit, oder Freude, aber
berzeugung und Leidenschaft war unerbittliche Regel und Gemeinschaft.

In eine solche Schule mute ich nach dem Tode meiner Mutter, als
neunjhriger Knabe, jeden Morgen mit Sonnenaufgang, jeden Abend mit
Sonnenuntergang, am Sabbat und an Feiertagen auch nachmittags ein Jahr
hindurch gehen, um als Erstgeborener vor der Gebetsgemeinde das Kaddisch
zu sagen. Zehn mnnliche Personen ber dreizehn Jahren muten zu dem
Zweck versammelt sein, doch waren es meist alte, uralte Leute, die
briggebliebenen einer frheren Welt. Es war hart, an Wintermorgen bei
Schnee und Klte, im Sommer um fnf Uhr und frher noch, eine Pflicht zu
ben, die aufgentigt und befohlen war, deren Bedeutung ich nicht
begriff oder begreifen mochte. Es gab sich niemand die Mhe, sie dem
Geist zu verklren und so die Gefahr zu bannen, da durch die Befolgung
eines als grausam empfundenen Brauches das Bild der Mutter, obschon nur
vorbergehend, getrbt wurde. Dazu kam, da im vterlichen Hause,
besonders nach der zweiten Verheiratung des Vaters, von einer religisen
Bindung und Erziehung nicht die Rede war. Gewisse uerliche
Vorschriften wurden eingehalten, mehr aus Rcksicht auf Ruf und
Verwandte, aus Furcht und Gewhnung, als aus Trieb und Zugehrigkeit.
Fest- und Fasttage galten als heilig. Der Sabbat hatte noch einen Rest
seines urtmlichen Gehalts, die Gesetze fr die Kche wurden noch
geachtet. Aber mit der wachsenden Schwere des Brotkampfes und dem
Eindringen der neuen Zeit verloren sich auch diese Gebote einer von der
Andersglubigen unterschiedenen Fhrung. Man wagte die Fessel nicht ganz
abzustreifen; man bekannte sich zu den Religionsgenossen, obwohl von
Genossenschaft wie von Religion kaum noch Spuren geblieben waren. Genau
betrachtet war man Jude nur dem Namen nach und durch die Feindseligkeit,
Fremdheit oder Ablehnung der christlichen Umwelt, die sich ihrerseits
hierzu auch nur auf ein Wort, auf Phrase, auf falschen Tatbestand
sttzte. Wozu war man also noch Jude, und was war der Sinn davon? Diese
Frage wurde immer unabweisbarer fr mich, und niemand konnte sie
beantworten.

Es war ein trbes Medium zwischen mir und allen geistigen und
brgerlichen Dingen. Bei jedem Schritt nach vorwrts stie ich auf
Hemmnisse und Verschleierungen, nach keiner Richtung hin war offener
Weg. Wenn ich sagte, da ich von Pferch und Helotentum nichts sprte,
so bezieht sich das natrlich nur auf die rechtliche Konstruktion des
Lebens, auf das individuelle Sicherheitsgefhl, innerhalb dessen sich
das Tun und Lassen des einzelnen Menschen reguliert. Sind diese beiden
Faktoren einmal gegeben und zugestanden, so wird von ungleich hherer
Wichtigkeit fr ihn die Frage, wie er sich zur Allgemeinheit verhlt und
wie die Allgemeinheit zu ihm. Daraus erwchst ihm die Erkenntnis seiner
Lebensaufgabe und, je nach der Entscheidung, die Kraft zu ihrer
Erfllung. An diesem Punkt begann denn auch mein Leiden.




3


Der jdische Gott war Schemen fr mich, sowohl in seiner
alttestamentarischen Gestalt, unvershnlicher Zrner und Zchtiger, als
auch in der opportunistisch abgeklrten der modernen Synagoge.
Erschreckend sein Bild in den Kpfen der Strengglubigen, nichtssagend
in den Andeutungen der Halbrenegaten und Verlegenheitsbekenner.

Wenn meine kindlich-philosophischen Spekulationen den Gottesbegriff zu
fassen versuchten, einsames Denken und spter Gesprche mit einem
Freund, entstand ein pantheistisches Wesen ohne Gesicht, ohne Charakter,
ohne Tiefe, Resultat von Zeitphrasen, beschworen allein durch das
Verlangen nach einer tragenden Idee. In dem Ma, wie diese Idee sich als
unbefriedigend erwies, sei es durch ihre Mittelmigkeit, sei es durch
ihre geahnte Verbrauchtheit, geriet ich in einen nicht minder billigen
und flssigen Atheismus, der der Epoche noch gemer war, dieser Zeit
heilloser Verflachung und Verdnnung, die mit verstandener wie mit
miverstandener Wissenschaft Idolatrie trieb und ihre ganze
Gedankensphre durch Bildung verflschte.

Es war keine leitende Hand fr mich da, kein Fhrer, kein Lehrer. Ich
verlor mich in mannigfacher Hinsicht, auch indem ich nach Halt und
Gewicht dort suchte, wo der wahrhafte Mensch ihrer entraten kann. Ich
hatte mich in einer sowohl entseelten wie auch entsinnlichten Ordnung
zurechtzufinden. Ein derartiger Zustand der Welt bedingt entweder die
Zweckhaftigkeit bis in den kalten Rausch der Hirne hinein, oder die
Phantasie gert in berschwellende Bewegung, und das Gemt verliert den
Mittelpunkt. Wre ich nicht als fragender Mensch in sehr frhen Jahren
nachhaltig eingeschchtert worden, so htte ich Brcken und bergnge
finden knnen. Konventionen wren wichtig gewesen, leichte und
respektierte Formen. Die Mutter war zu bald aus dem Kreis geschwunden,
den Vater beraubten Tagesplage und Existenzangst immer mehr des
Aufblicks. Er ertrug kaum die auf ihn gerichteten Augen seiner Kinder,
denn der Umstand, da die unablssige Plage ihm, ihm allein, wie er
whnte, keinen Erfolg brachte, erfllte ihn mit Scham, und er sah immer
aus wie vom bsen Gewissen geqult. Es war uns geradezu verboten zu
fragen, und bertretung wurde zuweilen streng geahndet. Daher auch wuchs
inneres Unkraut ohne Schranke bei mir. Ich erinnere mich, da ich in
krankhafter Weise an Gespensterfurcht litt, an Menschenfurcht, an
Dingfurcht, an Traumfurcht, da in allem, was mich umgab, eine dunkle
Bezauberungsmacht wirkte, stets unheilvoll, stets dem Verhngnis
zugekehrt, stets darin bestrkt. Ich war oft in einem alten Hause Gast
bei einem alten Ehepaare; der Mann war ein Gelehrter; im Zimmer stand
ein Bcherschrank, hinter dessen Glastre die Werke Spinozas in
zahlreichen Ausgaben eigentmliche Verlockung auf mich ausbten. Als ich
eines Tages die Frau bat, mir einen Band zu geben, sagte sie mit
sibyllenhafter Dsterkeit, wer diese Bcher lese, werde wahnsinnig.
Lange noch behielt der Name Spinoza in meinem Gedchtnis den Klang und
Sinn dieser Worte. So hnlich war es auch mit allem Frohen,
Spielmigen, Festlichen, das zu mir wollte, zu dem ich wollte. Es
wurde abgedrngt, verdchtigt, verfinstert. Lust durfte nicht sein.

Wir hatten in der Zeit nach dem Tode der Mutter eine treue Magd, die
mich gern hatte. Des Abends kauerte sie gewhnlich vor der Herdstelle
und erzhlte uns Geschichten. Ich entsinne mich, da sie einmal, als ich
ihr besonders ergriffen gelauscht hatte, mich in den Arm nahm und sagte:
Aus dir knnt' ein guter Christ werden, du hast ein christliches Herz!
Ich entsinne mich auch, da mir dieses Wort Schrecken erregte. Erstens,
weil es eine stumme Verurteilung des Judeseins enthielt und damit
Nahrung fr bereits vorhandene Grbeleien wurde, zweitens, weil der
Begriff Christ damals noch ein unheimlicher fr mich war, halb
atavistisch, halb lebensbang Brennpunkt feindlicher Elemente.

In demselben Gefhl befangen ging ich an Kirchen vorbei, an Bildern des
Gekreuzigten, an Kirchhfen und christlichen Priestern. Uneingestandenen
Anziehungen strebten ungewute Bluterfahrungen entgegen. Dazu kam das
erhorchte Wort eines Erwachsenen, Wort der Klage, der Kritik, der
Verfemung, Ausdruck wiederkehrender typischer Erlebnisse, warnend und
signalgebend in Redensarten wie im tglichen Geschehen. Von der andern
Seite wieder gengte ein prfender Blick, ein Achselzucken, ein
geringschtziges Lcheln, abwartende Geste und Haltung sogar, um
Vorsicht zu gebieten und an Unberbrckbares zu mahnen.

Worin aber das Unberbrckbare bestand, konnte ich nicht ergrnden. Auch
als ich spter das Wesentliche daran erfate, wies ich es fr meine
Person frs erste zurck. In der Kindheit waren ich und meine
Geschwister so verwirkt in das Alltagsleben der christlichen Handwerker-
und Kleinbrgerwelt, da wir dort unsere Gespielen hatten, unsere
Gnner, Zuflucht in Stunden der Verlassenheit; in Wohnungen der
Goldschlger, der Schreiner, der Schuster, der Bcker gingen wir aus und
ein, am Christfestabend durften wir zur Bescherung kommen und wurden
mitbeschenkt. Aber Wachsamkeit und Fremdheit blieben. Ich war Gast, und
sie feierten Feste, an denen ich keinen Teil hatte.

Nun war aber das Bestreben meiner Natur gerade darauf gerichtet, nicht
Gast zu sein, nicht als Gast betrachtet zu werden. Als gerufener nicht,
als aus Mitleid und Gutmtigkeit geduldeter noch weniger, als einer, der
aufgenommen wird, weil man seine Art und Herkunft zu ignorieren sich
entschliet, erst recht nicht. Angeboren war mir das Verlangen, in einer
gewissen Flle des mich umgebenden Menschlichen aufzugehen.

Da aber dies Verlangen nicht nur nicht gestillt, sondern mit zunehmenden
Jahren der Ri immer klaffender wurde zwischen meiner ungestmen
Forderung und ihrer Gewhrung, so htte ich mich verlieren, schlielich
mich selbst aufgeben mssen, wenn nicht zwei Phnomene rettend in mein
Leben getreten wren: die Landschaft und das Wort.




4


Erstickend in ihrer Engigkeit und de die gartenlose Stadt, Stadt des
Rues, der tausend Schlte, des Maschinen- und Hmmergestampfes, der
Bierwirtschaften, der verbissenen Betriebs- und Erwerbsgier, des
Dichtbeieinander kleiner und kleinlicher Leute, der Luft der Armut und
Lieblosigkeit im vterlichen Haus.

Im Umkreis drre Sandebene, schmutzige Fabrikwsser, der trbe, trge
Flu, der geradlinige Kanal, schttere Wlder, triste Drfer, hliche
Steinbrche, Staub, Lehm, Ginster.

Eine Wegstunde nach Osten: Nrnberg, Denkmal groer Geschichte. Mit
uralten Husern, Hfen, Gassen, Domen, Brcken, Brunnen und Mauern, fr
mich dennoch nie Kulisse oder Geprnge, oder leerer, romantischer
Schauplatz, sondern durch vielfache Beziehung in das persnliche
Schicksal verflochten, in der Kindheit schon und spter gewichtiger
noch.

Wenige Bahnfahrtstunden nach Sden: das hgelige Franken, Tal der
Altmhl, wo ich in Gunzenhausen bei Ansbach alle Ferien bei der
Schwester meiner Mutter verbringen durfte, alle Sommerwochen des Jahres,
oft auch herbst- und winterliche. Die Landschaft von zarter
Linienfhrung, mit Wldern, die gehegtes inneres Bild nicht so
beschmten wie jene anderen; Blumengrten, Obstgrten, Weiher,
verlassene Schlsser, umsponnene Ruinen, drfliche Kirmessen, einfache
Menschen. Es ergab sich freie Wechselbeziehung zu Tier und Pflanze;
Wasser, Gras und Baum wurden mir wesenhaft vertraut; und so der Bauer,
der Hndler, der Wirt, der Landstreicher, der Jger, der Frster, der
Amtmann, der Trmer, der Soldat. Hier sah ich sie in reinen
Verhltnissen zu ihrer Welt, die auch die meine war, wenigstens nie mich
ausstie. Ich konnte ein Entgegenkommen wagen, weil das organisch
Gestimmte und Gestufte arglos macht. Ich lebte gewissermaen in zwei
abgetrennten Kontinenten, mit der Gabe, im lichteren zu vergessen, was
mich der finstere hatte erfahren lassen. Dort sozial angeschmiedet,
sozial erinnert, an die Kaste gepret, Parteiung erkennend, Unbill
wissend, im Hlichen verwoben oder in Altes, Uraltes, Ahnenhaftes,
krampfig, scheu, isoliert, meidend und oft gemieden; hier der Natur
gegeben, in freundlicher Nhe zu ihr, durch ihren Einflu, wenn auch
immer nur vorbergehend, losgesprochen von nicht abzuwlzender Schuld
und Anklagebrde, die sonst lhmend, ja zermalmend htte wirken mssen.

ber diese beiden Erlebnisgebiete hinaus, als Drittes dann die innere
Landschaft, die die Seele aus ihrem Zustand vor der Geburt mit in die
Welt bringt, die das Wesen und die Farbe des Traumes bestimmt, des
Traumes in der weitesten Bedeutung, wie berhaupt die heimlichen und
unbewuten Richtwege des Geistes, die sein Klima sind, seine eigentliche
Heimat. Nicht etwa nur Phantasiegestaltung von Meer und Gebirge, Hhle,
Park, Urwald, das paradiesisch Ideale der unreifen Sehnsucht, der Aus-
und Zuflucht alles Ungengens an der Gegenwart ist unter der inneren
Landschaft zu verstehen, vielmehr ist sie der Kristall des wahren Lebens
selbst, der Ort, wo seine Gesetze diktiert werden, und wo sein
wirkliches Schicksal erzeugt wird, von dem das in der sogenannten
Wirklichkeit sich abspielende vielleicht blo Spiegelung ist.

In diesem Punkt sich auf Erfahrungen zu berufen, ohne zu flunkern oder
zu dichten, ist fast unmglich. Es handelt sich um Gefhlsintensitten
und um Bilder von unfabarer Flchtigkeit. Beinahe alles zu uernde mu
sich auf ein ich glaube beschrnken. Man tastet hin, man ahnt zurck;
jede Erinnerung ist ja ein Stck Konstruktion. Es scheint mir
zweifellos, da alle innere Landschaft atavistische Bestandteile
enthlt, und ebenso zweifellos dnkt mich, da sie bei den meisten
Menschen zu einem gewissen Zeitpunkt zwischen der Pubertt und dem
Eintritt in das sogenannte praktische Leben verwelkt, verdorrt,
schlielich abstirbt und untergeht.

Ich war sehr naiv in meiner Abhngigkeit von Traum und Vision. Vision
darf ich es wohl nennen, da sich mir unerlebte Zustnde, unwahrnehmbare
Dinge und Figuren in Greifbarkeit zeigten. Im Alter zwischen zehn und
zwanzig Jahren lebte ich in bestndigem Rausch, in einer Fernheit oft,
die den Mitmirgehenden und -seienden bisweilen nur eine empfindungslose
Hlle lie. Es ist mir spter berichtet worden, da man mich anschreien
mute, um mich als Wachenden zu wecken. Ich hatte Anflle von
Verzckung, von wilder, stiller Verlorenheit, und in der Regel war die
Abtrennung so gewaltsam und jh, da die Verbindungen rissen, und da
ich wie gespalten blieb, auch ohne Wissen, was dort mit mir geschehen
war. In beiden Sphren lebte ich mit geschrfter Aufmerksamkeit, wie
berhaupt Aufmerksamkeit ein Grundzug meines Wesens ist, aber es waren
keine Brcken da; ich konnte hier vllig nchtern, dort vllig auer
mir sein, auch umgekehrt, und es fehlte dabei alle Mitteilung, alle
Botschaft. Das erhielt mich in einer auerordentlichen, mich qulenden
und erregenden, fr die Menschen um mich meist unverstndlichen
Spannung. Staunen und Verzweiflung waren die Gemtsbewegungen, die mich
vornehmlich beherrschten; Staunen ber Gesehenes, Geschautes,
Empfundenes; Verzweiflung darber, da es nicht mitteilbar war.
Vermutlich war meine Verfassung die: ich wute, da Unerhrtes oder
Merkwrdiges mit mir, an mir, in mir geschah, war aber durchaus nicht
imstande, mir oder anderen davon Rechenschaft zu geben. Ich war
gewissermaen ein Moses, der vom Berge Sinai kommt, aber vergessen hat,
was er dort erblickt, und was Gott mit ihm geredet hat. Noch heute wte
ich nicht im geringsten zu sagen, worin eigentlich dies Verborgene,
verborgen Flammende, geheimnisvoll Jenseitige bestanden hat; ich mu es
fr ewig unerforschbar halten, trotzdem es mir lockend erscheint,
einiges davon zu ergrnden; es mte dann auch zu ergrnden sein, was zu
den Ahnen gehrt und was zur Erde, was vom Blute kam und was vom Auge,
und aus welcher Tiefe das Individuum in den ihm gewiesenen Kreis
emporwchst.

Mit der Darstellung dieser Kmpfe und Exaltationen ist ein Verhltnis
zum Wort bereits angedeutet und seine Entstehung aus der Not und
Notwendigkeit heraus zu erklren. Und wie sehr das Wort Surrogat und
Behelf ist, erweist sich in meinem Fall nicht minder offensichtlich, da
doch das Ding und Sein, worauf es sich bezog, unbekannt geworden und
hinter nicht zu entriegelnder Pforte lag. Ich glaube, da alle Schpfung
von Bild und Form auf einen solchen Proze zurckzufhren ist. Ich
glaube, da alle Produktion im Grunde der Versuch einer Reproduktion
ist, Annherung an Geschautes, Gehrtes, Gefhltes, das durch einen
jenseitigen Trakt des Bewutseins gegangen ist und in Stcken, Trmmern
und Fragmenten ausgegraben werden mu. Ich wenigstens habe mein
Geschaffenes zeitlebens nie als etwas anderes betrachtet, das
sogenannte Schaffen selbst nie anders als das ununterbrochene
schmerzliche Bemhen eines manischen Schatzgrbers.

Doch: Kunde zu geben, davon hing fr mich alles ab, schon im frhesten
Alter. Obgleich die entschwundenen Gesichte mich stumm, geblendet und
mit Vergessen geschlagen in die niedrige Wirklichkeit verstieen, wollte
ich doch Kunde geben, denn trotz ihrer Ungreifbarkeit war ich bis zum
Rande von ihnen gefllt. Bereits als Knabe von sieben oder acht Jahren
geriet ich zuzeiten, meine gewohnte Scheu und Schweigsamkeit
berwindend, in zusammenhangloses Erzhlen, das von Angehrigen, von
Hausgenossen und Mitschlern als halb gefhrliches, halb lcherliches
Lgenwesen aufgenommen und dem mit Zurechtweisung, Spott und Zchtigung
begegnet wurde. An Winterabenden halfen wir Kinder oft der Mutter beim
Linsenlesen, und es kam vor, da ich dabei pltzlich zu phantasieren
anfing, in den Linsenhaufen hinein Schrecken, Unbill und Abenteuer
dichtete, Gespenstergraus und Wunder, harmlose Nachbarn als Zeugen
sonderbarer Begegnungen anfhrte, mir selbst die hchsten Ehren,
hchsten Ruhm prophezeite. Die Mutter, ihre Arbeit ruhen lassend,
schaute mich ngstlich verwundert an, ein Blick, der mich noch trotziger
in das unsinnig Verworrene trieb. Nicht selten nahm sie mich beiseite
und beschwor mich mit Trnen, da ich nicht der Schlechtigkeit verfallen
mge.

Wie ich aber aus eigenem Antrieb und wiederum durch eine Not zum
Erzhler von Geschichten mit handelnden Figuren und geschlossener Fabel
wurde, mu ich festhalten, weil es weit ber den kindlichen Bezirk
hinaus auf meinen Weg, auf meine Wurzeln wies.

Die zweite Frau meines Vaters war uns Kindern aus erster Ehe nicht
wohlgesinnt und lie uns ihre Abneigung auf jede Weise spren. Abgesehen
von ungerechten und berharten Zchtigungen, steten Klagen, die sie vor
dem Vater fhrte, schrnkte sie die Nahrung aufs uerste ein, versah
die Brotlaibe mit Zeichen, so da sie erkennen konnte, wenn einer von
uns sich zu Unrecht ein Stck abgeschnitten hatte, und trug Sorge, da
das Vergehen schwer bestraft wurde. Freilich hatte sie Mhe, mit dem ihr
zugeteilten Gelde zu wirtschaften, so wie mein Vater Mhe hatte, es
aufzubringen; desungeachtet glaube ich, da die Kinder von Bettlern es
in dieser Hinsicht besser hatten. Als nun mein Onkel, der Bruder meiner
Mutter, ein wohlhabender Mann, der in Wien als Fabrikant lebte, erfuhr,
wie bel es uns erging, deponierte er bei einem Bekannten in der Stadt
eine gewisse Summe fr die Bestreitung dringender Auslagen, und ich als
ltester erhielt wchentlich eine Mark mit der Erlaubnis, dafr Ewaren
fr mich und meine Geschwister zu kaufen. Es war eine bedeutende Summe
in meinen Augen, und da es zu gefhrlich war, das Geld bei mir zu
tragen, war ich bemht, ein Versteck ausfindig zu machen. Mein Bruder
nun, der um fnf Jahre jnger war als ich, also ungefhr sechs, hatte
keinen andern Gedanken, als dieses Versteck zu ersphen, denn er war
unzufrieden mit der Verteilung, mitraute mir, verlangte bei jedem Anla
mehr, als ich ihm bewilligte, und bestand darauf, da ich ihm zeige,
wieviel ich besa. War der Zank einmal im Gang, so artete er gewhnlich
bis zu Drohungen aus, und ich mute tglich gewrtig sein, da der
gierige Rebell mich bei der Stiefmutter denunzierte, eine Verrterei,
deren Folgen ich mehr als alles frchtete. Insofern war mein Bruder im
Recht, als ich nicht den ganzen, mir zugewiesenen Betrag fr Brot, Obst,
Wurst und Kse ausgab, sondern mir auerdem noch billige Bcher
anschaffte, die ich heimlich und hastig verschlang. Mein Bruder und ich
schliefen in einer Art Verschlag in demselben Bett, und in meiner
Bedrngnis verfiel ich nun auf den Ausweg, ihm vor dem Einschlafen
Geschichten zu erzhlen. Wider Erwarten fand ich an ihm den
aufmerksamsten Zuhrer, und ich ntzte den Vorteil aus, indem ich jeden
Abend meine Geschichte an der spannendsten Stelle abbrach. Zeigte er
sich dann whrend des folgenden Tages ungebrdig, so hatte ich
meinerseits eine wirksame Waffe und Drohung: ich erklrte einfach, da
ich die Geschichte nicht weitererzhlen wrde. Je verwickelter,
spannender, aufregender die von mir ersonnene Begebenheit war, je
erpichter war er natrlich, die jedesmalige Fortsetzung zu hren, und
ebenso natrlich mute ich, um ihn im Zaum zu halten und nach meinem
Willen lenken zu knnen, alle Geistes- und Kombinationskraft zu Hilfe
rufen. Es war keineswegs leicht; ich hatte einen unerbittlichen
Forderer, und ich durfte nicht langweilig und nicht flchtig werden. So
erzhlte ich wochen- ja monatelang an einer einzigen Geschichte, im
Finstern, mit leiser Stimme, bis wir beide mde waren, und bis ich im
Durcheinanderwirbeln der Figuren zu der Situation gelangt war, von der
ich selbst noch nicht wute, wie sie zu lsen sei, die aber den
atemlosen Lauscher wieder fr vierundzwanzig Stunden in meine Gewalt
gab.

Ich sagte, da mich dies auf den Weg und auf die Wurzeln wies. Auf den
Weg, weil ich die wichtige Erfahrung machte, da ein Mensch zu binden
ist, zu fesseln, wie der verbrauchte Tropus lautet, indem man sich
seiner Einbildungskraft bemchtigt, da man ihn sogar vom Schlechten
abbringen kann, wenn man seine Sinne auf unwirkliche, aber eine
Wirklichkeit vortuschende Begebenheiten und Schicksalsverkettungen
richtet; da man Freude, Furcht, berraschung, Rhrung, Lcheln und
Lachen in ihm zu erregen vermag, und zwar um so strker, je freier das
Spiel, je absichtsloser und je mehr vom Zweck befreit die Tuschung ist.
Der bestndige Augenschein aller Wirkung hielt mich selbst in Atem,
weckte meinen Ehrgeiz, zwang mich zu immer neuen Erfindungen und zur
Vervollkommnung meiner Mittel.

Auf die Wurzeln: es lag mir sicherlich als ein orientalischer Trieb im
Blute. Es war das Verfahren der Schehrasade ins Kleinbrgerliche
bertragen; schlummernder Keim, befruchtet durch Zufall und Gefahr.
Schehrasade erzhlt, um ihr Leben zu retten, und whrend sie erzhlt,
wird sie zum Genius der Erzhlung schlechthin; ich -- nun, um mein Leben
ging es nicht, aber das Fieber des Fabulierens ergriff auch mich ganz
und gar und bestimmte Denken und Sein.

Es dauerte nicht lange, bis es mir Bedrfnis wurde, die eine oder andere
der nchtlich erzhlten Geschichten aufzuschreiben. Dies mute in
grter Heimlichkeit geschehen, und es begann damit schon der Kampf. Da
mein Treiben allmhlich ruchbar wurde, war nicht zu verhindern; die
Stiefmutter sah die pure Tagedieberei darin und warf alle beschriebenen
Bltter, deren sie habhaft werden konnte, ins Feuer; Verwandte, Lehrer,
Kameraden stellten sich feindselig dagegen, beinahe derart, als ob ich
sie durch mein Unterfangen geradezu beleidigt htte, und der zum
erstenmal bekundete Vorsatz, mich dem Schriftstellerberuf zu widmen,
rief bei den Bekannten Gelchter, beim Vater den heftigsten Unwillen
hervor.

Die Sache war die, da ich dem Onkel, jenem Bruder meiner Mutter, der in
kinderloser Ehe lebte, gleichsam versprochen war. Darauf hatte mein
Vater seine ganze Hoffnung gesetzt; was ihm fehlgeschlagen war, sollte
mir gelingen: reich zu werden; mich in einer groen Laufbahn als
Nachfolger des bewunderten Schwagers zu sehen, war seine
Lieblingsvorstellung. Meine abgeirrte Neigung zu unterdrcken, lie er
deshalb nichts unversucht.

Damals war literarische Bildung und literarischer Zuschnitt in der
brgerlichen Gesellschaft weder so hufig noch so erstrebt wie heute,
und das hatte sein Gutes. Seit die Kunst aufgehrt hat, das seltene und
kostbare Vergngen weniger Erlesener zu sein, ist sie fr die Vielen
Luxus, Ausrede und Gemeinplatz geworden, schlielich Betrieb, wie jeder
andere. Keiner will mehr hren und empfangen, alle wollen selber reden
und selber den Geber spielen.

In meinem fnfzehnten Jahr hatte ich einen Roman geschrieben, ein
unsglich drftiges und abgeschmacktes Ding, und das Manuskript trug ich
eines Tages in die Redaktion des Tageblattes. Ein dicker Redakteur sa
verschlafen am Schreibtisch und musterte mich erstaunt, als ich mein
Anliegen vorbrachte. Kurz darauf erschien der Anfang des Elaborats unter
meinem Namen, gespickt mit Druckfehlern, in der Unterhaltungsbeilage der
Zeitung. Ich wei es noch, es war ein Winterabend, wie mein Vater nach
dem Essen das Blatt zur Hand nahm, das ich so aufgefaltet neben seinen
Teller gelegt hatte, da sein Blick auf mein Produkt fallen mute, wie
ich klopfenden Herzens wartete. Ich sehe noch, wie der versorgte, mde
Ausdruck seines Gesichtes sich jh vernderte, wie in seinen Augen
zuerst ein Aufblitzen von Stolz war, das aber bald dem Zorn, der Angst,
der Ratlosigkeit wich.

Es gab schlimme Szenen, Vorwrfe, Drohungen, Beschimpfungen, Hohn. Auch
in der Schule wurde ich zur Rechenschaft verhalten, vor den Rektor
zitiert und wegen verbotener Publikation zu zwlfstndigem Karzer
verurteilt. Der Vater aber wurde mein unerbittlicher Verfolger, und die
Frau war seine getreue Spionin, so da ich keine ruhige Arbeitsstunde
mehr fand und des Nachts bisweilen bei Mondschein das Bett verlie und
am Fenster, in einem leidenschaftlichen inneren Zustand, Blatt um Blatt
vollschrieb. In einer solchen Nacht brach in der hofseitig gelegenen
Fabrik meines Vaters Feuer aus. Ich bemerkte die Flamme zuerst, schlug
Lrm, und als ich den Vater mit entsetzten Mienen, halb angekleidet, die
Stiegen hinuntereilen sah, bildete ich mir ein, er werde durch dieses
Unglck fr seine Hrte gegen mich bestraft.




5


Schwer und dunkel waren die Jahre des Werdens. Um von der Unbill und dem
Gefhl erlittenen Unrechts nicht erdrckt zu werden, flchtete ich mich
gern in die Vorstellung, da der Weltgeist fr mich im stillen wirkte.
Es war ziemlich wunderbar, da ich an der kerkerhaften Wirklichkeit
nicht zerschellte.

Ich hatte den Forderungen, mit denen man meine Natur vergewaltigen
wollte, nur Trotz entgegenzusetzen, schweigenden Trotz, schweigendes
Anderssein. Zwei Freunde halfen mir, jeder in seiner Weise. Beide waren
Juden, beide spielten eine typische Rolle in meiner Entwicklung.

Der eine war ein schlanker, groer, blondlockiger Mensch, mit einem
Antinouskopf. Es war der Sohn einer reichen Witwe und besa eine
ansehnliche Bibliothek. Die Stunden unseres Beisammenseins und die
Beschftigung mit den Werken der Dichter waren erstohlen, ihr Geprge
war Schwrmerei. Mit unersttlichem Hunger nahm ich Vers und Prosa in
mich auf, Gestalt und Szene. Alles war mir schaurig heilig, was in
diesem Bereich webte; zwischen dem Alltglichen und der Region der
Hingabe und Ergriffenheit war nur eine schmale Brcke, die heimlich
passiert werden mute; hier war Klte, Angst, Beengung, Kahlheit,
Dumpfheit; dort Glut, Innigkeit, Passion; und Wort, Bild, Traum waren
die Altre eines verschwiegenen Dienstes. Mglich, da der Freund mit
mir von mir hingerissen wurde; er war weich, sentimental, eitel auf
seine Schnheit; mir war er eine Zeitlang Idol. Wie ich zum Kaufmann
bestimmt, wollte er Schauspieler werden, und da ich den knftigen
Garrick der deutschen Bhne in ihm erblickte, war die Tragdie unser
eigentliches Feld. Der Ehrgeiz erwachte in mir, meinem bewunderten
Garrick ein Shakespeare zu werden, und ich ging selbst an die
Verfertigung von Trauerspielen. Ich kannte keine Richtung oder Schule;
es war Sturm und Drang in mir, aus mir, Pathos und berschwang aus
eigenen Quellen, erfundene Welt voll Mord, Blutdurst, Raserei; und der
Freund glaubte. In seinen Augen hatte ich schon die Unsterblichkeit
erlangt. Als uns das Geschick voneinander getrennt hatte und ich in die
Fabrik des Onkels nach Wien gekommen war, hielt ein enthusiastischer
Briefwechsel das Feuer lebendig, und in zahlreichen, umfangreichen
Episteln gab ich ihm Rechenschaft von allem, was ich schrieb und dachte.
Er aber verlosch bald. Ich merkte, da ihm meine intransigente Haltung
unbequem wurde, denn er hatte paktiert. Statt meinen geistigen Qualen
wenigstens Echo zu sein, erschpfte er sich in rhrseligen und
verlogenen Schilderungen seiner Liebesabenteuer, und eines Tages, als er
wieder lang und breit von der Leidenschaft zu einer Artistin geschrieben
hatte, beschlo ich, nicht mehr zu antworten und habe dann auch nie
wieder von ihm gehrt.

Der andere Freund war der Sohn eines Handelsmannes in Gunzenhausen, der
in Mnchen die Rechte studierte, drei Jahre lter als ich war, und den
ich stets in den Ferien zum Genossen hatte, schroffer Gegensatz zu jenem
ersten. Im Wachstum zurckgeblieben, zwerghaft klein, war ihm der
durchdringendste jdische Verstand gegeben, eine Fhigkeit, die
Schwchen und Blen der Menschen wahrzunehmen und zu geieln, die mich
ihn frchten lie. Meine dichterische Neigung verfolgte er mit beiendem
Spott, namentlich, wenn junge Mdchen dabei waren, vor denen er zu
glnzen liebte, und denen seine Witzworte in Heinescher Manier, seine
Belesenheit und Schlagfertigkeit imponierten.

In dieser kleinen Welt war er das groe Licht, die letzte Instanz der
Kritik, whrend ich als Poetaster und haltloser Schwrmer, der nicht
einmal den Weg humanistischer Bildung einschlug, eine mitleidswrdige
Figur machte. Durch nichts konnte ich mich vor ihm behaupten, durch
keine Anstrengung, keine Verheiung, keinen Hinweis; er zerpflckte mir
Wort und Leistung, verdchtigte das Bestreben sogar, und doch war ihm zu
gefallen, von ihm gebilligt zu werden mein schmerzliches Bemhen. Nicht
blo, da er Mitrauen in meiner Umgebung ste, rief er auch Schwanken
in mir selbst hervor, und eingeschchtert von seiner Beredsamkeit und
Argumentierungskunst, der scheinbar unbeugsamen Strenge seines Urteils,
der berlegenheit seines Wissens und der Bosheit seiner Zunge,
betrachtete ich ihn als Richter und Fhrer. Als er sich endlich zur
Anerkennung meines Werbens und Kmpfens herbeilie, legte ich in einer
wichtigen Stunde die Entscheidung ber mein Schicksal in seine Hand. Das
kam so:

Meine Situation im Hause meines Onkels war unhaltbar geworden. Ich
entsprach den Erwartungen nicht. Ich zeigte mich bei der mir
zugewiesenen Arbeit lustlos und unverllich, entschlpfte bei jeder
Gelegenheit dem starren Kreis, um im Verborgenen einer Neigung zu
frnen, die fr befremdlich, schdlich, ja verbrecherisch geachtet
wurde; die Tage verbrachte ich in einer verworrenen, ja somnambulen
Gemtsverfassung, die Nchte, oft bis zum Morgengrauen, fiebernd,
berauscht, entselbstet vor meinen Manuskripten. Da ich da lauter leeres
Stroh drosch, ist nicht zu bezweifeln, aber es handelt sich in solchen
Epochen der Entwicklung weniger um Qualitt als um Intensitt. Die
Folgen waren husliche Auseinandersetzungen, Vorwrfe der Undankbarkeit,
Besserungsversuche, Strafmandate, Predigten, Hohn. Da in meinem
abirrenden Treiben irgend Vernunft und Zukunft liegen knne, von der
Mglichkeit des Broterwerbs zu schweigen, wurde gar nicht erwogen; mein
Onkel, ein gtiger, einfacher, obwohl schwacher Mensch, Einflssen
ausgesetzt, die ihm mein Bild verzerrten, Arbeits- und Erwerbssklave,
drohte, mich mit Schimpf davonzujagen, und allerdings mute es mir als
das Schlimmste erscheinen, meinem Vater wieder zur Last zu fallen, oder,
wie es spter auch kam, in einer Provinzabgeschiedenheit als
Bureauschreiber meinen Unterhalt zu verdienen.

Es war da ein langjhriger Hausarzt, zugleich Hausfreund, der eine
eigentmliche geistige hnlichkeit mit meinem Freund hatte. Scharfer
Kopf, scharfes Auge, skeptischer Verstand, literarisch unterrichtet,
gleichfalls Jude, war er wie das Ebenbild von jenem aus lterer
Generation, nur da er mehr Welt und mehr Bonhomie besa. Derselbe Typus
heute hat berhaupt nichts mehr von der Welt und Bonhomie. Es kann bei
oberflchlichem Urteil bednken, als htte der Typus an Positivitt des
Geistes gewonnen, was er an Gutmtigkeit und Schliff verloren hat. Aber
das ist nur Schein. Zieht man die Hlle weg, so steht ein Leugner da,
jetzt wie vordem, ein Entgtterter, ein Opportunist aus still nagender
Verzweiflung, deren Wesen ihm freilich selber unbekannt ist. Seltsam,
mit der nmlichen Rckhaltlosigkeit wie an den jungen Mann schlo ich
mich an den lteren an, um in genau der nmlichen Art enttuscht zu
werden. Die spezifisch jdische Form von Weltklugheit ist mir im Laufe
meines Lebens vielfach verhngnisvoll geworden, weil ich mit vllig
anders eingestellten Sinnen unvermgend war, die praktischen Nutz- und
Nahzwecke auch nur wahrzunehmen, dabei aber mit der ueren
Verantwortung hufig, mit der inneren immer beladen wurde.

Die Beweise meines Talents, die ich dem Arzt lieferte, wurden von ihm
verworfen und verlacht, waren dann auch in Gesellschaft das Ziel seiner
geistreichen Sticheleien. Doch lie er sich zu Besprechungen mit mir
herbei und gab mir den Rat, zu studieren. Die Frage war nur, ob der
Onkel die Mittel dazu bewilligen wrde, und er versprach, ihn dazu zu
berreden. Indessen wandte ich mich, bezaubert von der neuen Aussicht,
an meinen Freund in Mnchen, schilderte ihm, wie die Dinge lagen,
schrieb vorgreifend, da ich mglicherweise auf die Untersttzung meines
Verwandten zhlen knne und fragte, ob er mich aufnehmen, ob er mir
beistehen, mich zum Examen vorbereiten wrde. Die Antwort war ber
Erwarten herzlich und ermunternd; das Bild eines gemeinsamen Wirkens und
Strebens, das er, der sonst so khl abwgende, mir machte, war so
verfhrerisch, da ich pltzlich die Geduld verlor, mit dem Onkel und
seinen Beratern weiter zu verhandeln und eines Nachmittags im Mai 1890
heimlich meinen Koffer packte, auf den Bahnhof ging und mit fnfzig oder
sechzig ersparten Gulden nach Mnchen flchtete.

Ich entsinne mich noch sehr gut der nchtlichen Fahrt im Personenzug,
weil ich mich whrend ihrer ganzen Dauer in einer Stimmung befand und
ihr gem handelte, die nicht oft wiedergekehrt ist in meinem Leben. Ich
sa in einem trb erleuchteten Wagen dritter Klasse, zusammen mit etwa
dreiig Menschen, Bauern, Kleinbrgern, Arbeitern, auch Frauen und
Mdchen, und vom Beginn der Fahrt an, die ganze Nacht hindurch, hielt
ich die Leute mit ausgelassenen Spen, lustigen Geschichten und
unbedenklichen Hanswurstiaden in fortwhrendem schallenden Gelchter, in
das auch die Schaffner einfielen. Alle die lachenden, feuchten Augen
waren gespannt, dankbar-entzckt auf mich gerichtet, und ich erinnere
mich noch eines mageren alten Bauern, der vor Lachen frmlich weinte,
und einer Frau mit einem Korb, die mir von Zeit zu Zeit pfel zusteckte
und meine Hand ttschelte. Ich hatte Vergngen daran, zu beobachten, wie
die Traurigkeit, Bitterkeit, Wundheit in mir im selben Mae wuchsen, in
dem ich mein harmloses Publikum zu vermehrtem Beifall hinri. So frech
in die lebendige Antithese stellt man sich nur unter dem Antrieb
jugendlich-selbstgeflliger, selbstbetrunkener Menschensucht und
Menschenflucht, aber es ist wohl auch eine Empfindung auerordentlicher
Einsamkeit dabei im Spiel gewesen.

Mein Freund, der Student, hatte gehofft, da der reiche Onkel, den er
respektierte, mich mit Geldmitteln ausgerstet und mit seinem Segen
hatte ziehen lassen und war natrlich nicht erbaut, als es sich
herausstellte, da ich von der Krippe weggelaufen sei und um Gnade erst
betteln msse. Halbgezwungen machte er noch einmal den Frsprecher
meines unbesonnenen Unternehmens, und es wurde mir ein sehr geringes
Monatsgeld bewilligt, so gering, da es mich kaum vor dem Hunger
bewahrte und von geregelter Arbeit und sorglosem Studium nicht die Rede
sein konnte. Die Laune meines Mentors wurde daher immer finsterer; ich
wurde ihm zur Last, er wute nicht, was er mit mir beginnen sollte und
suchte sich der Verantwortung zu entledigen; er hielt mir meine
Vermessenheit vor, meine Dumpfheit, den Mangel an Willenskraft und
prophezeite mir Untergang. Im Kreis seiner Kommilitonen, in den er mich
bisweilen brachte, galt ich als traurig-komische Person, Wildling, armer
Teufel, nach studentischen Begriffen unebenbrtig, Gegenstand der
Geringschtzung auch insofern, als ich nicht zu trinken imstande war,
und binnen kurzem sah ich mich in einer viel bleren Lage als vor der
Flucht aus dem Hause des Onkels. Unter dem Schein der Obsorge und
Voraussicht beging mein Freund die Verrterei, vor seiner Reise in die
Ferien an meinen Onkel zu schreiben, da ich es mit den neuen Aufgaben
nicht ernst nehme, und da er infolgedessen meinem Tun und Treiben nicht
lnger Vorschub leisten wollte; die akademische Laufbahn sei mir nach
seiner berzeugung verschlossen. Darauf wurde die Gelduntersttzung, die
ich bis dahin bezogen, eingestellt, und ich befand mich im Zustand der
Hilflosigkeit und Verlassenheit, die noch um das Gefhl des Zweifels an
der Zukunft vermehrt wurden, als ich an einem der Tage steigender
Bedrngnis, beladen mit einem voluminsen Epos in Blankversen zu einem
der berhmtesten Dichter Mnchens wallfahrtete, um ein Urteil, einen
Fingerzeig, ein trstliches Wort von ihm zu empfangen. Das Gegenteil
trat ein. Der groe Mann, der sich mir khl und majesttisch gab, riet
mir ernst, mich wieder dem Kaufmannsberuf zuzuwenden, wozu ihm
wahrscheinlich die Beschaffenheit meines Opus guten Grund bot. Ich
zrnte ihm nicht, denn ich war schon damals instinkthaft davon
durchdrungen, da in den Jahren der Entwicklung Werk und Gewirktes viel
weniger zu zeugen vermgen als der Mensch, das Schicksal, das er auf
sich nimmt und der Weg, den er geht. Hierzu bedarf es aber eines anderen
Blickes als den in ein dickleibiges Manuskript und eines anderen
Verhltnisses, als dem zwischen gefeierter Autoritt und schchternem
Scholaren.




6


Es war mir auch damals gar nicht so sehr um Werk und Wirken zu tun, als
ich mir in ephemerer Ungeduld vielleicht selber einbildete. Wonach ich
begehrte, war die Menschenwelt, eine Lebensmitte, ein Fundament, um Werk
und Gewirktes darauf zu bauen. Fundament hatte ich nicht. Von Anbeginn
an nicht, und unheimlicherweise war es nicht ein Wissen von Entbehrung,
von dem ich mir bestimmte Rechenschaft htte ablegen knnen, nicht die
Erkenntnis umschriebener und begrenzter Widerstnde, sondern nur ein
ahnendes, blindes Ertasten davon, das sich im Bewutsein und in der
Seele kaum formulieren lie, zur Greifbarkeit sich erst viel spter
verdichtete. Denk ich zurck, so war es wie ein Herumtappen im leeren
finstern Raum, aus dem man erst einen Ausgang finden mu, bevor eine
sinnvolle Ttigkeit berhaupt in Frage kommt, ein System der Dinge
entstehen kann.

Ich wurde als Mensch nicht als zugehrig gefordert, weder von einem
einzelnen, noch von einer Gemeinschaft, weder von den Menschen meines
Ursprungs, noch von denen meiner Sehnsucht, weder von denen meiner Art,
noch von denen meiner Wahl. Denn zu whlen hatte ich mich ja nachgerade
entschlossen, und die Wahl hatte stattgehabt. Von jenen habe ich mich
mehr durch inneres Geschick, als durch freien Entschlu geschieden,
diese aber nahmen mich nicht auf und an, und mich selber darzubieten,
ging gegen Stolz und Ehre. Das Problem entfaltete sich also in seiner
ganzen beunruhigenden Wucht.

Das Wort von der Sehnsucht und Wahl darf nicht miverstanden werden.
Keine Regentenregung war in mir. Auch Vergelichkeit nicht und noch
weniger Ntzlichkeitserwgung. Ich lebte in schmeichelnden, die mir so
nahe, so augenscheinliche Wahrheit eigenwillig verschleiernden Ideen von
allgemeinem Menschentum; in voller Unbefangenheit, durch Erfahrungen
nicht belehrt, noch nicht gedemtigt, Erfahrungen auch sonst schwer
zugnglich, schuf ich mir von aller Umwelt idealisch verklrte Bilder,
und ein naives Selbstzutrauen, Selbstbetrug hielt mich ab, statuierte
Unterschiede der Klasse, Kaste und Rasse, der Herkunft und des
brgerlichen Charakters auch auf mich anzuwenden.

Ich war der Bedingtheit entledigt und nahm es in unheilvoller Tuschung
fr ein typisches Los, so da mir die Menschenwelt in lauter einzelne
ebenso unbedingte Wesen zerfiel. Hiervon wurde meine Phantasie ins
Uferlose, Bodenlose, Firmamentlose gerissen, und ich stand schwach und
armselig vor diesem Unbedingten, das mir einerseits Verfhrung wurde,
anderseits Fatum und Gewissensbrde.




7


Um nicht zu verhungern, mute ich Zuflucht bei meinem Vater suchen, der
zu dieser Zeit in Wrzburg lebte, selbst in kmmerlichsten Umstnden.
Als wahrer verlorener Sohn kehrte ich zurck; wenn es auch ohne Dramatik
abging, ohne Schmerz und Demtigung ging es nicht ab. Er lie mich
fhlen, da ich seine wesentlichste Hoffnung zunichte gemacht hatte und
zeigte sich mir noch finsterer und klter als vordem. Am erbittertsten
war die Stiefmutter ber den unwillkommenen Kostgnger, an den sie
Wohlwollen ohnehin nie verschwendet hatte. Es war schlimm, gleichsam
betteln zu sollen um die Mahlzeit und das Bett zum Schlafen, aber so war
alles von da ab.

Ich trieb mich planlos herum, viele Wochen lang in den alten Gassen und
Weinbergwegen am Ufer des Stroms, auf dem Hofgartenwall, im
Veitshchheimer Schlopark und verschanzte mich, da ich keinen Gefhrten
hatte, kein Paar Augen, die mich freundlich grten, in
Einsamkeitswollust und Einsamkeitshochmut. Drauen waren Geister in
Bewegung, ich sprte es wohl, Ruf und Anruf der Jugend jener Jahre drang
auch zu mir, die Parole von neuer Zeit, neuer Wahrheit und neuen
Menschen, aber ich wagte es nicht, mich inbegriffen zu denken und sah
keinen Weg zu ihnen hin. Ich wagte es nicht, aber es war auch ein
sonderbarer Stolz im Spiel, der Traum vom heimlichen Kaiser, den gerade
die Verstoenen manchmal selbstverliebt in sich nhren.

Indes wuchs die Sorge meines Vaters ber das arbeitsscheue Treiben, und
er forderte, da ich dem Onkel einen Abbittebrief schreiben und ihn
durch das Gelbnis der Besserung bestimmen solle, mich wieder
aufzunehmen. Mich zu struben war umsonst, die Qulereien wurden zu arg.
So fgte ich mich ins Unvermeidliche und verfate mit schriftstellerischer
Gewandtheit einen jener Briefe, von denen mein Onkel verchtlich sagte,
die seien schne Wortfeuerwerke. Doch willigte er in eine Probezeit.
Sein Haus und seine Fabrik sollten mir verschlossen bleiben, bis meine
Fhrung bewiesen, da ich von den Wahnideen geheilt sei. In der
Familie eines seiner Beamten verschaffte er mir Kost und Wohnung. Es
waren einfache, aber lrmende und triviale Menschen, denen ich als Neffe
ihres Brotgebers Respektsperson, als angehender und zugleich miglckter
Literat lcherliches Geschpf war. Ich trat als Lehrling in ein
Exportgeschft, was von Beginn an eine kaum ertrgliche Fron war. Der
Chef war ein cholerischer Halbnarr, Spekulant, Leuteschinder,
stadtbekannter Wstling. Im ganzen Betrieb herrschte eigentmliche Tcke
und Aufsssigkeit. Man verlangte die niedrigsten Dienstleistungen von
mir, und ohne zu wissen wie, war ich alsbald das Ziel eines niedrigen
Intrigenwesens, der Verleumdung und der Bosheit. Zehn Monate nahm ich
mich zusammen, um meinem Versprechen treu zu bleiben. Ein frecher
Bubenstreich machte der Sache ein Ende. Der Prokurist fand eines Tages
whrend meiner Abwesenheit in meinem Pult einige pornographische
Photographien, ich wurde vor ein Tribunal zitiert, ich wute von
nichts, ich hatte dergleichen Bilder nie gesehen, ich verschmhte es,
mich zu verteidigen, verlie den Posten und erklrte meinem Onkel
rundweg, da ich mit solchen Menschen nichts mehr zu schaffen haben
wolle. Eine junge Praktikantin, die mir ihre Zuneigung geschenkt hatte,
ruhte nicht, bis sie die Verschwrung aufgedeckt und den Schuldigen zum
Gestndnis gezwungen hatte, aber das war nunmehr zu spt. Der
Familienrat war in Verlegenheit: ich war zur Kalamitt geworden, und man
wollte mich los sein, wenn nicht auf gute Manier, so auf schlechte. Es
wurde beschlossen, da ich mein Militrjahr absolvieren und, falls ich
nach Verlauf dieses Jahres nicht zur Vernunft gekommen sei, meinem
Schicksal berlassen werden sollte. Ich wurde also wieder nach Wrzburg
geschickt, stellte mich dort in der Kaserne und wurde aufgenommen. Zur
Bestreitung der Kosten wurde die Hlfte eines kleinen mtterlichen
Erbteils flssig gemacht, etwa tausend Mark; und davon sollte ich nicht
nur ein ganzes Jahr leben, sondern auch die unerllichen Ausgaben fr
den Dienst, die Uniformierung, die Reprsentation aufbringen. Ich trat
sonach in die Armee als mittelloser Privilegierter ein, unglckselige
Mischung, wie ich bald spren sollte. Jude und arm, das erregte doppelte
Geringschtzung, bei der Mannschaft wie bei den Offizieren. Im brigen
beging ich gleich zu Beginn eine Torheit und Einfltigkeit, von der das
Odium whrend des ganzen Jahres an mir haften blieb. Lcherlicherweise
nmlich schlo ich das schriftliche #Curriculum vitae,# dessen
Anfertigung in den ersten Tagen verlangt wurde, mit einem schwermtigen
Gedicht, das, soweit ich mich erinnere, die Vergeblichkeit irdischen
Strebens und des meinen insbesonders zum Motiv hatte. Der Feldwebel las
die gereimten Verse beim Rapport unter allgemeinem Hallo vor und hielt
mir eine niederschmetternde Standrede, als htte ich das gesamte
deutsche Heer verhhnt.




8


Erlebnis will mit Freiheit behandelt sein, sonst bleibt es dem
Zuflligen verhaftet oder ans Eitle verdingt. Da eine eigentliche
Lebensbeschreibung hier nicht beabsichtigt ist, sondern nur Darstellung
eines schicksalhaften Konflikts, genge als Zusammenhngendes der
bisherige Bericht, der lediglich aufzeigen soll, wie ich geworden, und
auf welchem Boden ich gewachsen bin. Der Weg wird nun schmaler und
bestimmter, die Richtung energischer sein mssen, Gebot der Verknpfung
hat zurckzutreten gegen die Folge und Stufung des Entscheidenden.

Obwohl ich meine Ehre und ganze Kraft darein setzte, als Soldat meine
Pflicht zu tun und das geforderte Ma der Leistung zu erfllen, wozu
bisweilen keine geringe Selbstberwindung ntig war, gelang es mir
nicht, die Anerkennung meiner Vorgesetzten zu erringen, und ich merkte
bald, da es mir auch bei exemplarischer Fhrung nicht gelungen wre,
da es nicht gelingen konnte, weil Absicht dawider war. Ich merkte es an
der verchtlichen Haltung der Offiziere, an der unverhehlten Tendenz,
die befriedigende Leistung selbstverstndlich zu finden, die
unbefriedigende an den Pranger zu stellen. Von gesellschaftlicher
Annherung konnte nicht die Rede sein, menschliche Qualitt wurde nicht
einmal erwogen, Geist oder auch nur jede originelle Form der uerung
erweckte sofort Argwohn, Befrderung ber eine zugestandene Grenze
hinaus kam nicht in Frage, alles, weil die brgerliche Legitimation
unter der Rubrik Glaubensbekenntnis die Bezeichnung Jude trug. Aber dies
ist ja hinlnglich bekannt, niemand hat sich schlielich mehr darber
gewundert, auch ich war von vornherein mit der Situation vertraut, was
ja an sich schlimm genug ist und eine bestndige Trbung der allgemeinen
Lebensstimmung herbeifhren mu.

Auffallender, weitaus qulender war mir in dieser Beziehung das
Verhalten der Mannschaften. Zum erstenmal begegnete ich jenem in den
Volkskrper gedrungenen dumpfen, starren, fast sprachlosen Ha, von dem
der Name Antisemitismus fast nichts aussagt, weil er weder die Art, noch
die Quelle, noch die Tiefe, noch das Ziel zu erkennen gibt. Dieser Ha
hat Zge des Aberglaubens ebenso wie der freiwilligen Verblendung, der
Dmonenfurcht wie der pfffischen Verstocktheit, der Rankne des
Benachteiligten, Betrogenen ebenso wie der Unwissenheit, der Lge und
Gewissenlosigkeit wie der berechtigten Abwehr, affenhafter Bosheit wie
des religisen Fanatismus. Gier und Neugier sind in ihm, Blutdurst,
Angst verfhrt, verlockt zu werden, Lust am Geheimnis und Niedrigkeit
der Selbsteinschtzung. Er ist in solcher Verquickung und
Hintergrndigkeit ein besonderes deutsches Phnomen. Es ist ein
deutscher Ha.

Jeder redliche und sich achtende Jude mu, wenn ihn zuerst dieser
Gifthauch anweht und er sich ber dessen Beschaffenheit klar zu werden
versucht, in nachhaltige Bestrzung geraten. Und so erging es auch mir.
Kam hinzu, da die katholische Bevlkerung Unterfrankens, reichlich
durchsetzt mit einem unerfreulichen Schlag noch halb ghettohafter,
handelsbeflissener, wuchernder Juden, Krmer, Trdler, Viehhndler,
Hausierer, einer dauernden Verhetzung preisgegeben war, an Urbanitt und
natrlicher Gutherzigkeit weit unter benachbarten Stmmen stand und das
Andenken an Brunnenvergiftungs- und Passahschlachtungsmrchen,
bischfliche Bluterlsse, mrderische und gewinnbringende
Judenverfolgungen noch lebendig im Sinne trug.

Es geschah, da ich zu einem jungen Menschen in frderliche Beziehungen
trat; wenn dann die gewisse Enthllung unvermeidlich war, zog er sich
entweder vorsichtig zurck, oder er gab sich eine Weile unbefangen, um
schlielich doch ein schwer bekmpfbares Mitrauen durchblicken zu
lassen, oder er lie mich verstehen, da er in meiner Person eine
Ausnahme statuiere und sich seines begrndeten Vorurteils zu meinen
Gunsten entuere. Das war dann das Beleidigendste von allem. Eher noch
knnen wir es ertragen, da das Individuum in uns fr minderwertig
proklamiert wird, als die Gattung; eher noch darf der Charakter
verdchtigt werden, als die Geburt; gegen jenes kann man sich retten,
man kann den Irrtum beweisen, oder wenigstens sich einbilden, ihn
widerlegen zu knnen; gegen dieses sind alle Argumente und Beispiele
machtlos, und der gehtetste innerste Spiegel des Bewutseins trbt und
befleckt sich.

Als ich nach der Entlassung vom Militrdienst nach Nrnberg kam, wo man
mir eine schlechtbezahlte und untergeordnete Stellung in einer Kanzlei
angeboten hatte, war ich in einem wesentlichen Teil des Verhltnisses
zur Welt schon gelhmt. Die Verbindung, die der Stolz in einem mit der
Furcht vor Erniedrigung eingeht, ist fr die Sittlichkeit und Freiheit
des Handelns die schdigendste. Ist das errungene Gefhl des eigenen
Wertes unverlierbar geworden, so rettet vor der Verbitterung nur die
Isolierung, der Entschlu, sich suchen und finden zu lassen, die
Sehnsucht nach dem, der suchen und finden wird. Es ist das Wunderbare
der Jugend, da sie am Menschen nie ganz zu verzweifeln vermag, eher
wirft sie sich selbst weg, als da sie aufhrt, an den Menschen, dies
getrumte Bild vom Menschen zu glauben. Und so warf auch ich mich weg
damals. Ich geriet in schlechte Gesellschaft; ich hatte unhemmbares
Verlangen nach geistigem Umgang und strzte in die Kloake des Geistes,
mich drstete nach Besttigung, und ich wurde aus mhselig eroberten
Festen geschleudert, ich wnschte mir das Wort, das nicht seinen ganzen
Gehalt aus Geld, Schwei und Plage bezieht und wurde von dem besudelnden
getroffen, dem, das Geistesart und Geisteshaltung fft. Mehr ist
schlechterdings nicht zu sagen ntig, um die Existenz zu kennzeichnen,
die ich durch Jahr und Tag fhrte; was sollte es frommen, das hliche
Einzelne wieder hervorzuziehen aus dem Grab der Zeit, die in schmutzigen
Kneipen verbrachten Nchte, Ekstasen eines ziemlich ideenlosen
Rebellentums, jmmerlichen Selbstverlust, Prahlerei mit Armut, versumte
Pflicht, wrgende Not, billige Herausforderung des Brgers. Es ist heute
nicht neu und war zu seiner Stunde nicht neu. Auch von dem Ring der
traurigen Figuren zu sprechen, lohnt nicht. So trb oder auch merkwrdig
die Schicksale, so mittelmig der Zuschnitt im ganzen. In allen
Winkelkaffeehusern der Erde wird von allen malkontenten und impotenten
Knstlern, Literaten und verkrachten Studenten, von allen Falstaffs und
Pistols, Collines und Hjalmar Ekdals dieselbe Phrase in derselben Manier
vom Rausch bis in den Katzenjammer totgeschleift.

Was als Ingredienz zu tieferer Lebensbestimmung vom Treiben jener Jahre
fr mich blieb, war einerseits die Stadt, Monument des Mittelalters, wie
durch Zauberfluch ruhend inmitten tobender Betriebsamkeit, fieberhafter,
von Tag zu Tag anschwellender Industrie, Ausgangspunkt fast und
werdendes Zentrum des Kampfes zwischen Brgertum und Proletariat; es ist
mir immer symbolisch bedeutend fr diese Konstellation erschienen, da
die erste Eisenbahn Europas zwischen Nrnberg und Frth lief.
Andrerseits, im natrlichen Zusammenhang damit, war Anblick und
Erfahrung einer schroff geteilten Menschenwelt, Welt von Beschauenden,
Stillen, Vergehenden und Welt von Wollenden, berlauten, Kommenden.

Alles das in begrenztem Kreis, hingestellt wie zum Exempel und
Experiment, im Herzen Deutschlands. Die Schalen schwankten vor mir auf
und ab. Ich war nicht gesonnen, mein Schicksal an eine von ihnen zu
hngen. Von dort wurde mir Zrtlichkeit alter Formen geschenkt,
Ehrfurcht vor berlieferung, Hauch der Geschichte, Innensein, Gabe, das
Umfriedete, Geschlossene, Gesicherte zu spren und zu denken; von hier
kam die Vision der neuen Dinge, Begriff und Gesicht verwandelter Zeit,
im brigen freilich Klte, Klte der Seelen, Trgheit der Seelen,
Verkrustung der Seelen.

Wenn ich mit jenen nun Versunkenen nicht versunken bin, so habe ich es
vielleicht einem Menschen zu danken, der im bedenklichsten Augenblick
wie ein Retter in mein Leben getreten ist. Ich hatte seine Sympathie
erweckt, er beobachtete mich, nherte sich mir, zeigte mir die Gefahr,
und seine sanfte, geduldige, liebevolle berredung bewirkte, da ich das
verrottet-unfruchtbare Treiben verabscheuen und meiden lernte. Was
ernsthafter Zuspruch nicht fertig brachte, erreichte er durch
kaustischen Humor, durch die beispielhafte Anekdote, denn er war ein
unermdlicher Erzhler und barst von Geschichten. Obwohl selbst in
vielfaches Ungemach verstrickt, hamletisch vergrbelt und, da seine
zugleich kantig-schroffe und weiblich-sensible Natur ihm jeden
vertrauten Umgang erschwerte, auch vereinsamt, schlo er sich werbend,
fhrend, eiferschtig wachsam an mich an. Er war einer der
problematischesten Menschen, denen ich je begegnet bin, und sein Einflu
erstreckte sich ber meine wichtigsten Jahre.

Er war sechs oder sieben Jahre lter als ich. Er entstammte einem alten
Nrnberger Patriziergeschlecht, das aber vllig verarmt war. Sein Vater
war tot, er lebte mit seiner Mutter, einer welthassenden, weltfremden,
eigentmlich strengen Frau in einem Verhltnis zwischen
Unvertrglichkeit und Liebe. Seines Zeichens war er Lithograph, doch mit
seiner Art, die sich wie ein Fisch verbi, hatte er sich literarischen
Interessen zugewandt, nicht als Produzierender, sondern als ein mit
seiner Gegenwart und den Zeitgenossen leidenschaftlich Hadernder. Er war
schlank, hager, sehnig, flink, nervs wie ein Rennpferd, launenhaft,
verstand zu imponieren und zu gewinnen, war voller Impuls und
Heftigkeit, auch voll List und Witz, und hatte Neigungen zum Aszeten,
zum Bcherwurm, zum Homopathen, zum Sonderling.

Als er, der seine Krfte in der Heimat verdorren fhlte, nach Zrich
gegangen war, wo ihm ein grerer Wirkungskreis in Aussicht stand, war
mir zumute, wie einem, den der gute Geist verlassen hat, und mein
Trachten war darauf gerichtet, wieder in seine Nhe zu gelangen. Ein
Briefwechsel von seltener Intensitt, seiner- wie meinerseits, gab nur
ungengenden Ersatz fr die lebendigen Stunden, aber es war vorlufig
keine Hoffnung auf Wiedervereinigung. Ich hatte indessen das
Mndigkeitsalter erreicht, bekam das kleine Restkapital des mtterlichen
Vermgens ausgehndigt, fnf- bis sechshundert Mark, in deren Besitz ich
mir reich erschien. Ich kndigte meine Stellung, zahlte meine Schulden,
fuhr nach Mnchen und lebte ein paar Wochen in Sorglosigkeit, was ein
vollkommen neuer Zustand fr mich war, der sich auch bald rchte, denn
eines Tages war der vermeintliche Schatz erschpft. Ich sah mich nach
einer neuen Stellung um, lie ein Inserat drucken, und es meldete sich
ein Generalagent im badischen Freiburg, der mich um Bild und Personalien
ersuchte und mich nach geschehener Sendung engagierte. Ich war der
einzige Beamte in seinem Bureau und hatte tglich zehnstndige
Schreibarbeit zu leisten. Der Mann, in dessen Dienst ich getreten, war
hart, karg, hinterhltig, schwer zu befriedigen, im Benehmen von
betonter Korrektheit, Allre des Reserveleutnants. An einem
Sonntagmorgen, als ich in die Kanzlei gegangen war, um eine dringliche
Arbeit zu erledigen, erschien er gleichfalls, lobte meinen Eifer, sagte
aber dann, ich mge die Arbeit lassen und lieber in die Kirche gehen.
Etwas erstaunt, ihn ber diesen Punkt nicht unterrichtet zu sehen,
antwortete ich, was zu antworten war. Sein Gesicht vernderte sich
erschreckend. Nach einem bsen Schweigen warf er mir vor, ich htte ihn
absichtlich in Unwissenheit gehalten, es wre meine Pflicht gewesen, ihm
von meiner Konfession im Offertbrief przise Mitteilung zu machen, er
habe an dergleichen nicht gedacht, da ihn meine Photographie und dann
auch mein Auftreten getuscht habe, und als getuscht msse er sich auch
betrachten. Weiter uerte er sich nicht, aber er bereitete mir nun, da
er nicht wagte, mich kurzerhand auf die Strae zu werfen, die
gehssigsten Schwierigkeiten, nrgelte an jedem Federstrich, an jedem
Gru und legte mir aus niedriger Erwartung heraus eine Falle, indem er
mir nmlich das gesamte Bargeld der Agentur bergab und darauf rechnete,
da ich, dem er den vereinbarten Ersatz der Reisekosten bisher
vorenthalten hatte, in meiner von ihm gewuten Notlage mich an dem Geld
vergreifen wrde. Es geschah auch wirklich, da ich, whrend er einige
Tage verreist war, zwei Taler aus der Kasse nahm; ich konnte mir nicht
anders helfen in der Bedrngnis. Ich gestand es ihm sogleich und bat,
die zwei Taler als Vorschu zu berechnen. Jedoch er lchelte hhnisch.
Er hatte nun den Anklagevorwand, der ihn von mir befreite und entlie
mich auf der Stelle.

Es waren schlimme Wochen, die darauf folgten. Unterstandslos irrte ich
im breisgauischen Schwarzwald herum, verbrachte Regennchte in den
Htten der Holzfller und wre verhungert, wenn ich nicht von einigen
Bauern Milch und Brot bekommen htte, und zwar durch Vermittlung ihrer
Kinder. Es waren Kinder aus einem Dorf am Titisee, die in Freiburg die
Schule besuchten. Ich begleitete sie hufig am Abend durch den Wald und
erzhlte ihnen dabei allerlei Geschichten. Dies gewann mir ihre
Zuneigung. Aber dann ertrug ich dieses Leben nicht mehr, verkaufte, was
ich von meinen Habseligkeiten noch entbehren konnte, einen Rock, ein
paar Bcher, meine Uhr und machte mich auf die Wanderschaft nach Zrich,
wo ich nach vielen Mhseligkeiten auch glcklich anlangte und vom Freund
mit einer Freude empfangen wurde, die mich erschtterte und fr alle
Leiden entschdigte.




9


Es erwies sich, da der Freund ebenfalls in bedrngter Lage war; mit
seinem Stellungsgeber in Streit geraten, hatte er seinen Posten
verlassen mssen und einen andern noch nicht gefunden. Wir lebten nun in
folgender Art: Tagsber schliefen wir in seinem Zimmer in Oberstra, des
Abends suchten wir ein Kaffee auf der Bahnhofstrae auf, wo der Freund
einen Oberkellner kannte, der ihm Kredit gewhrte. Dort tranken wir
Milchkaffee und aen eine Unmenge von Weibroten, unsere ganze Mahlzeit
fr die Dauer von vierundzwanzig Stunden. Wir blieben bis spt in die
Nacht sitzen, vertieft in Gesprche, dann gingen wir nach Haus, er legte
sich in sein Bett, ich auf eine entliehene Matratze, und so sprachen wir
weiter, bis der Morgen graute. Das Erlebnis in Freiburg hatte nicht
aufgehrt, mich innerlich zu qulen. Der Freund merkte, da ich ihm
etwas verbarg, denn bisher hatte ich es noch nicht ber mich gewinnen
knnen, ihm davon zu berichten, sondern als Ursache meiner Flucht einen
gleichgltigen Zank angegeben. Mit Feinheit und Geschicklichkeit wute
er mir endlich das Verschwiegene zu entlocken, und nun drehten sich
viele unserer nchtlichen Unterhaltungen um dieses eine Thema.

Der an sich unbedeutende Vorfall fhrte uns ins Allgemeine und
Schicksalhafte und wieder zurck ins begrenzt Persnliche meiner
Existenz; nachdem wir solcher Art viele Wege miteinander gegangen waren,
ffnete sich pltzlich ein Abgrund zwischen uns.

Ich gestand ihm, was ich nicht verwinden konnte, was zu erkennen und zu
benennen ich bisher auch von mir abgewendet hatte: ich fhlte mich als
Mitglied einer Nation, gleichgeordnet als Mensch, gleichberechtigt als
Brger; da mich aber ein Beliebiger ohne zureichenden Grund, und ohne
da es mglich war, ihn dafr zur Verantwortung zu ziehen, als
untergeordnetes Wesen behandeln drfte, so beruhe entweder mein Gefhl
auf einem Irrtum, oder die bereinkunft, von der es gesttzt gewesen,
sei Lge und Betrug.

Er erwiderte, die Feindseligkeit habe nicht mir gegolten, sondern meiner
Abstammung, der Zugehrigkeit zu einem Fremdkrper innerhalb der Nation;
ein Argument, auf das ich gefat war, und auf das ich nur mit Scham und
Emprung antworten konnte.

Angenommen, diese Fremdlinge sind eure Gste, sagte ich, warum tretet
ihr dann die Gebote der Gastfreundschaft, die zugleich Gebote der
Menschlichkeit sind, mit Fen? Angenommen aber, sie sind euch lstige
Eindringlinge, warum duldet ihr sie und macht euch der Heuchelei humaner
Vertrge schuldig? Besser offener Kampf als das Wohnen unter einem Dach
in scheinheiligem Frieden und heimlichem Ha.

Die Juden gehren nun einmal dazu, sagte er rtselhaft; wie es ist,
gehren sie dazu.

Wie, sie gehren dazu? wende ich ein, und ihr traktiert sie dennoch als
Ratten und Parasiten?

Wer lt sich so etwas beifallen? entgegnete er; das tun die politischen
und sozialen Unheilstifter. Die aufgeklrten Deutschen wissen, was sie
den Juden zu verdanken haben und ihnen in Zukunft auch noch werden
danken mssen.

Die Juden, die Deutschen, diese Trennung der Begriffe wollte mir nicht
in den Sinn, nicht aus dem Sinn, es war die peinvollste berlegung,
darber mit mir selbst ins klare zu kommen. Worin besteht das Trennende?
fragte ich. Im Glauben? Ich habe nicht den jdischen Glauben, du hast
nicht den christlichen. Im Blut? Wer will sich anmaen, Blutart von
Blutart zu scheiden? Gibt es blutreine Deutsche? Haben sich Deutsche
nicht mit franzsischen Emigranten vermischt? Mit Slawen, Nordlndern,
Spaniern, Italienern, wahrscheinlich auch mit Hunnen und Mongolen, als
ihre Horden deutsches Gebiet berfluteten? Kann man nicht vorzgliche,
ja vorbildliche Deutsche von nachweisbar undeutscher Abkunft nennen,
Knstler und Feldherrn, Dichter und Gelehrte, Frsten, Knige sogar? Und
die zwei Jahrtausend alte Existenz der Juden im Abendlande sollte nicht
ihr Blut berhrt haben, wenn es nun schon fremdes Blut sein soll, Luft,
Erde, Wasser, Geschichte, Schicksal, Tat und Anteil nicht, wenn man
selbst physische Vermischung ausschliet? War auch ihr eigenes Gesetz
dagegen und der Widerstand der Vlker, konnten sie sich dem natrlichen
Gesetz entziehen? Sind sie von anderer moralischer Beschaffenheit? Von
anderer menschlicher Prgung?

Er antwortete, es sei vielleicht so. Es scheine ihm, als seien sie von
anderer moralischer Beschaffenheit, von anderer menschlicher Prgung.
Das gerade sei vielleicht der kritische Punkt.

Ich darauf: Er werde doch nicht behaupten wollen, da der Freiburger
Versicherungsmann nicht unter der Gewalt eines kleinlichen, boshaften,
gedankenlosen Vorurteils gehandelt habe?

Das rume er ein, aber was auf einem niedrigen Niveau geschehe, sei
nicht magebend fr die Anschauung auf dem hheren. bergriffe der
Exekutive bewiesen auch nie etwas gegen die Legislatur.

So hege er also die Meinung, ich sei von anderer moralischer
Beschaffenheit und anderer menschlicher Prgung als er?

Statt der Antwort fragte er mich sehr ernst, sehr feierlich, ob ich
mich, Hand aufs Herz, wirklich als Jude fhle. Ich zgerte. Ich wollte
wissen, worauf die Frage abzielte.

Er lachte und sagte, da sehe er schon, wie schwer es mir werde, mich zu
bekennen. Der Begriff Jude sei gar nicht leicht zu umgrenzen.

Sicherlich, entgegnete ich, so wenig wie der Begriff Deutscher.

Er fragte, ob meine Mutter zweifellos Jdin gewesen sei? Ob in der
Vergangenheit der Familie kein Fall von Kreuzung bekannt oder nur der
Verdacht davon vorhanden sei? Als ich jenes unbedingt bejahte, dieses
lchelnd verneinte, schttelte er den Kopf und sagte, mein Fall sei
auerordentlich interessant; es sei ein ganz besonderer Fall.

Ich lie ihn nicht entschlpfen. Ich wollte Aufschlu haben ber das,
was er meinen Fall nannte. Ich bot ihm Behelfe. Ich sagte: Es ist
nicht entscheidend, da ich mich unter Deutschen als Deutscher fhle.
Dem Deutschen steht es frei, dies als eine Prtension zu betrachten,
eine begrndete oder unbegrndete, je nachdem. Er kann sie erfllen oder
nicht erfllen, je nachdem. Erfllen: gnadenhalber, ausnahmsweise,
befristet oder unbefristet, weil ich ihm durch eine Leistung Respekt
oder Sympathie abringe, aus Lssigkeit, Vergelichkeit, aus Zwecksucht.
In einen Gesellschaftsverband aufgenommen werden, nur weil die sonstige
Abwehr eingestellt ist, ist verletzend und entwrdigend, letzten Endes
fr beide Teile.

Er gab es zu. Ich fuhr fort: In aller Unschuld war ich bisher berzeugt
gewesen, ich sei deutschem Leben, deutscher Menschheit nicht blo
zugehrig, sondern zugeboren. Ich atme in der Sprache. Sie ist mir weit
mehr als das Mittel, mich zu verstndigen, und mehr als das Nutzprinzip
des ueren Lebens, mehr als zufllig Gelerntes, zufllig Angewandtes.
Ihr Wort und Rhythmus machen mein innerstes Dasein aus. Sie ist das
Material, woraus eine geistige Welt aufzubauen ich, wenn schon nicht die
Kraft, so doch den unmittelbaren Trieb in mir spre. Sie ist mir
vertraut, als sei ich von Ewigkeit her mit diesem Element verschwistert
gewesen. Sie hat meine Zge geformt, mein Auge erleuchtet, meine Hand
gefhrt, meinen Fu gelenkt, meine Nerven in Schwingung versetzt, mein
Herz fhlen, mein Hirn denken gelehrt; sie hat mir das Gesehene, in
Phantasie und Urteil Gesammelte durch Geschichte, Flu des tglichen
Seins, Spiel der Lebenslufe, Erlebnis der groen Werke zur Anschauung
Gewordene in einmalige, unwiderrufliche Gestalt verdichtet: Ist das
nicht gltiger als die Matrikel, als schematisiertes Bekenntnis, als
eingefleischtes Vorurteil, als eine Fremdlingsrolle, die durch Furcht
und Stolz auf der einen Seite, auf der anderen durch Aberglauben,
Bosheit und Trgheit besteht?

Ja und nein, entgegnete der Freund. Diese Argumente erhellten meine
besondere Situation; im allgemeinen lgen die Dinge ganz und gar nicht
so.

Ich will mich aber nicht auf meine besondere Situation berufen, warf ich
ein, und ich will mich nicht in ihr begngen.

Prfen wir jenes Allgemeine zuerst, sagte er. Die Juden als Gesamtheit
haben sich niemals mit den Interessen der Wirtsvlker selbstlos zu
identifizieren vermocht. Innerhalb des Staates haben sie sich in eine
soziale und religise Isolierung zurckgezogen, ein starrer, erstarrter
Block in der strmenden Bewegung. Solange die erzwungene Isolierung
dauerte, hatten sie den Schein des Martyriums fr sich; seit sie
aufgehoben ist, liegt der Mangel an Willen und Fhigkeit zutage. Es
steckt in ihnen ein ungesunder Hochmut der Tradition noch heute. Noch
heute pochen sie auf die ihnen und nur ihnen allein offenbarte Lehre,
bewut oder unbewut, und halten alle andere Lehre fr Irrtum und Lge.
Namentlich gegen das Christentum mute sich ihr unauslschlicher Ha
richten, denn ihm gegenber empfanden sie wie eine Mutter, die aus ihrem
Scho den Verrter geboren hat, Verrter des Volkes, Verrter der
Menschheit, Verrter Gottes. Was kann solchem Ha gleichen? Wodurch
knnte er gemildert werden? Nur er vielleicht erklrt die
Widerstandskraft, die Geduld, die Leidensberwindung, die beispiellose
Vitalitt des Stammes. Rache fr das Erlittene zu ben, keimt
wahrscheinlich als Beschlu seit Geschlechtergedenken in ihrer Seele,
wuchert in ihrem Zellgewebe sozusagen; was vermag dagegen der
andersgeartete Einzelne? Was beweist er dagegen? Dergleichen Instinkte
wirken unterirdisch fort und sind durch keine bereinkunft gutmeinender
Aufklrer, nicht durch den Schmerz der Abgelsten, nicht durch das
Vorbild der Verwandelten aus der Welt zu schaffen.

Dies zu hren war mir bitter. Ich hielt ihm vor, das sei ja der ganze
Jammer des versteinerten Miverstndnisses und der bswilligen Hetze,
doch er nahm es nicht an. Er erwiderte, ich sei wie so viele das Opfer
eines Kulturblendwerkes. Wie lange ist's denn her, sagte er, da die
Juden aus der Barbarei niedriger Lebensformen getreten sind? Das
achtzehnte Jahrhundert sah sie noch in verstockter Abkehr und dsterer
Verkrochenheit. Fr den greisen Goethe noch war der Jude ungefhr
dasselbe, was dem Amerikaner heute der Nigger ist, trotz Nathan dem
Weisen, trotz Spinoza und Moses Mendelssohn, trotzdem die junge
Romantik, die sich um ihn erhob, von jdischen Einflssen durchsetzt
war, trotzdem er gegen die historische und institutive Ehrwrdigkeit der
Religions- und Volksgemeinschaft sicher nicht unempfindlich war. Die
Kindheitseindrcke des Frankfurter Judenghettos zeigten sich strker.
Die Juden weisen immer auf die Bedrckungen und Verfolgungen hin, wenn
verwerfliche Zge aus ihrem Gesamtverhalten gebrandmarkt werden. Kein
Jude ertrgt ein objektives Urteil ber Juden, geschweige denn ein
abflliges, auch ber einzelne, auch ber Entartete nicht, sobald das
Judentum als solches im geringsten mitbelastet wird. Dieser Fehler rcht
sich insofern schwer, als sich zwischen schnfrbender Apologie und
hlicher Verleumdungstaktik kaum ein Kompromi finden lt. Alle
Lobredner weisen mit Emphase auf die unbedingte Sittenreinheit und
Gesetzestreue der Juden hin, als ob kein Jude zu irgendwelcher Zeit ein
Wsserchen getrbt habe. Dabei waren zum Exempel unter den Ruberbanden,
die zwischen 1750 und 1820 die Gegenden Mitteldeutschlands und des
Niederrheins unsicher machten, Juden in erklecklicher Menge, Diebe,
Hehler und Spher. Die Shylocks aller Grade will ich nicht erwhnen, die
mitleidlosen Wucherer und Aussauger, die Spekulanten ohne Gewissen.
Absurd wre ja die Meinung, als ob Millionen Menschen, die sich in
heikler sozialer Lage durch die Jahrhunderte winden, fast schutzlos, an
Leben und Eigentum stets gefhrdet, als ob die mehr und tiefer denn ihre
Wchter und Quler zu makelloser Fhrung verpflichtet, als ob die
Verbrecher unter ihnen verabscheuenswertere Verbrecher wren als die
anderen. Gerechterweise mu man ja das Gegenteil behaupten. Dies ist
auch nicht der Vorwurf, der zu erheben ist. Die Anklage geht von hherer
Warte aus. Sie betrifft das Unvermgen zu seelischer Wandelbarkeit.
Geistige Wandelbarkeit ist ihnen ja in auerordentlichem Mae eigen, in
gerade verhngnisvollem Mae. Seelisch sind sie in ihrer Gesamtheit, als
volkhafte Figur, bis an diesen Tag geblieben, was sie in grauer
biblischer Vorzeit waren.

Der Freund verfocht seine Ansichten mit einer beinahe imperativen
Autoritt. Ich entsinne mich, da ich mich der Logik und Kraft seiner
Argumente nicht entziehen konnte. Niemand wird erwarten, das Gesprch
sei hier im Wortlaut angefhrt. In Wirklichkeit war es eine lange Folge
von Gesprchen, und ich gebe davon den Extrakt, die Legende. Er war
unerbittlich; ich, der auf den Grund der Dinge kommen wollte, liebte ihn
um dieser Unerbittlichkeit willen, obwohl ich dunkel empfand, da er
sich in unserem gemeinsamen Ringen um die Wahrheit ber mich stellte,
da er die Herrschaft an sich ri, und da die wesentliche Erkenntnis,
zu der wir endlich gelangten, ihn nicht befreite und erlste wie mich,
dem sie ein Tor ffnete und ein Ziel zeigte, sondern, da er in
heimlichem Hader und dunkler Gespanntheit mehr und mehr mein Widersacher
wurde.

Die sogenannte Emanzipation bildet zweifellos Epoche im Dasein der
Juden, fhrte er aus, der Humanisierungswille des neunzehnten
Jahrhunderts beendete ihr Pariatum. Jedes neue Jahrzehnt knpfte festere
Bande zwischen ihnen und uns. uerlich nur, zugegeben; solche des
brgerlichen Zusammenschlusses, wirtschaftliche, vaterlndische sogar,
in jedem Fall gesetzlich sanktionierte, vielfach auch in freiem
Ermessen, schnem Vergessen, sittlicher Einsicht entstandene.
Bedingungslos wurde die Beziehung, bedingungslos menschlich, nur gegen
Ausnahmsindividuen. Woran liegt die Schuld? Ist es deshalb, weil sie
sich trotz alledem als Juden zu bewahren suchten? Warum aber? Solange
sie Gechtete waren, war es ihr Recht, ihre Pflicht, ihr Schutz, ihre
Waffe, das Mittel zur Selbstachtung und Selbstaufrichtung, sich zu
verschlieen, an der engen Gemeinschaft zu bauen, eine halb imaginre,
halb schwrmerische und um desto sere, verfhrerische,
tragisch-erhhende Volkheit zu pflegen. Doch nachdem ihnen die Wege zur
Gemeinschaft mit uns geebnet waren, vernderte sich wohl ihr geistiges
Antlitz, ihre Spiritualitt mit erstaunlicher Schnelligkeit; mit
erstaunlicher Schwung- und Spannkraft machten sie unsere Notwendigkeiten
zu den ihren, ihre zu den unseren, schmiegten sich den Forderungen des
Staatswohls an, der ffentlichen Meinung, der Mode, widmeten ihre
wunderbaren Talente der Kunst, der Wissenschaft, der sozialen
Entwicklung, aber in ihrem Grund blieben sie Juden. Ich sage nicht, da
sie htten Christen werden sollen. Das haben viele getan, aus
Utilittsgrnden, oder weil sie sich nicht mehr verkettet fhlten, oder
auch aus berzeugung. Die Frage ist nur, ob sie Christen werden knnen,
anders als im oberflchlichen Sinn, wie es ja die Mehrzahl der Christen
selbst ist. Die Frage ist, ob sie deshalb aufgehrt haben, Juden zu sein
und dies in einem tieferen Sinn; man wei es nicht, man kann es nicht
kontrollieren. Ich glaube an ein Weiterwirken der Einflsse. Judentum
ist wie ein intensives Frbemittel; die geringste Quantitt reicht hin,
um einer unvergleichlich greren Masse seinen Charakter zu geben oder
wenigstens Spuren davon. Nicht zu leugnen, da sie, wieder in einem
gewissen Sinn, Deutsche geworden sind. Aber es steht dem etwas entgegen.
Was mag es sein? Ist es das eigentmliche Beharren der Seele oder der
Sinne im Kontrast zur Flssigkeit, Mobilitt, Vielgesichtigkeit des
Geistes? Es beweist und erklrt zu wenig. Macht der Tradition ist es
nicht, oder nicht ausschlielich, oder nicht mehr. Tradition wird
berwunden und jeweilig gemildert durch das Diktat des Lebens; bildet
als Disziplin einen wohlttigen Damm gegen Malosigkeit und
Individualisierungsgier, htet als politische Maxime Scheunengut und
bewahrt die Nation vor berstrzten Neuordnungen. Aber gerade die
Malosigkeit, gerade die Individualisierungsgier, gerade die Sucht nach
Neuordnungen mu man den Juden zum Vorwurf machen. Was ist es also?

Ich antwortete ihm, seine Gefahr und sein Unrecht lge in der
Verallgemeinerung. Es gbe solche und solche Juden. Alle Gesamturteile
seien schief und fhrten zur Vergewaltigung, zur Verzerrung, zur
Ausntzung im Dienste von Parteiinteressen. Warum nicht menschlich den
Menschen sehen, nur den Menschen? Oft rufe man durch Mkeln erst die
Fehler hervor, und in der Wiederholung entstehe die bertreibung. Man
mge den Juden Zeit lassen, viele unter ihnen seien ihres Rechts zu
atmen kaum bewut, Verscheuchte, Verschchterte, Umklammerte; immer
neuer Zustrom aus trben Behltern trbe die gereinigten wieder, viele
seien geqult durch den latenten Ha, und ihre Entschlossenheit, sich zu
opfern, treibe sie bis zur Selbstaufgabe; viele seien berauscht durch
die ungewohnte Flle von Raum und Entfaltungsmglichkeit: und wenn man
ein jdisches Tribunal imaginiere, so wrde dort keiner freigesprochen,
den ein christliches oder deutsches fr schuldig erklrt. Aber ich
sprte bei alledem, da meine Parade den Hieb nicht fing, weil mein
Standpunkt gegen den des Freundes ein zu niedriger war. Erst weit
spter, im Verflu jahrzehntelanger Kmpfe, konnte ich mir seine Frage
beantworten, dieses Was ist es also?, von dem ich sogar die
Berechtigung geleugnet hatte, und das mich doch zur Aufrichtigkeit und
Selbstdurchforschung gebieterisch trieb.

Seit man ihre Geschichte kennt, haben sich die Juden als das
auserwhlte Volk bezeichnet. Auch in allen ihren Mythen findet sich der
Glaube an ihre Auserwhltheit und die Verkndigung davon. Ohne da man
die Zulnglichkeit oder Unzulnglichkeit der Grnde untersucht, auf
welche sich dieser Glaube, diese Verkndigung sttzt, ob auf die
offenbarte Lehre, ob auf das Verhltnis zu den geliebten Dingen, ob auf
das historische und mythische Schicksal, ist doch klar einzusehen, da
eine mit solcher Hartnckigkeit durch die Jahrtausende festgehaltene
berzeugung einerseits ganz auerordentliche Pflichten nach sich zieht,
die von der Gesamtheit niemals restlos erfllt werden knnen, ferner
ganz auerordentliche sittliche und moralische Spannung erzeugt, die
wieder durch ihre notwendigen Entladungen eine Existenz voller
Katastrophen schafft; und da andererseits ein solches Axiom, wenn es
als selbstverstndliche Voraussetzung vor eine Existenz und an ihren
Anfang gestellt ist, die sittliche Entwicklung lhmt, und an ihre Stelle
den sittlichen Quietismus setzt, der zu berheblichkeit und zum
Pharisertum fhrt.

Es ist die Tragik im Dasein des Juden, da er zwei Gefhle in seiner
Seele einigt: das Gefhl des Vorrangs und das Gefhl der Brandmarkung.
In dem bestndigen Anprall, in der Reibung dieser beiden
Empfindungsstrme mu er leben und sich zurecht finden. Es hat sich mir
bei fast allen Juden, denen ich begegnet bin, besttigt, und es ist der
tiefste, schwierigste und wichtigste Teil des jdischen Problems.

Man besitzt aber, einfach und menschlich betrachtet, ebensowenig einen
Vorrang dadurch, da man Jude ist, wie man gebrandmarkt ist dadurch, da
man Jude ist.

Mir wurde klar, da ein Volk nicht dauernd auserwhlt sein kann und sich
nicht dauernd als auserwhlt bezeichnen darf, ohne die gerechte Ordnung
in den Augen der brigen Vlker zu strzen. Der auserwhlte Einzelne ist
stets in der Lage, die Verantwortung fr sein Tun und Lassen zu
bernehmen; im auserwhlten Volk aber mat sich der Einzelne nach und
nach eine Rolle an, die ihm nicht zukommt, der er nicht gewachsen ist,
und bei der er berredet wird, die Vorteile der Gesamtposition fr sich
geltend zu machen, die Verantwortungen hingegen auf die Gesamtheit
abzuwlzen. Selbst den Fall gesetzt, ein Volk sei auf Grund einer
einmaligen grandiosen Leistung berechtigt, sich dauernd als auserwhltes
Volk zu bezeichnen, wie wre ein solcher Anspruch gegen die Kritik,
gegen die vernderten Forderungen neuer Menschheit zu verteidigen und zu
sichern? Wie wre es mglich, den Komplex Volk abzugrenzen? Gengte
das bloe Bekenntnis zu einem Glauben, um auserwhlt zu sein? Das wre
schlechthin unsinnig und unsittlich.

Die Idee der Auserwhltheit hat, fr ein Volk, Berechtigung nur
innerhalb einer zeitlichen Begrenzung. Sowie sie aber aus der
historischen Bedingtheit gerissen und gewissermaen ins Unendliche
gerckt wird, entsteht die Versndigung, whrend die persnliche
Auserwhltheit im Unendlichen steht, im Unendlichen besteht.




10


Die Gesprche mit dem Freund, ein unaufhrliches Duell der Meinungen in
den Formen des gegenseitigen liebevollen Interesses, hatten
weitreichende Bedeutung fr mich und stellten meine Gedanken- und
Empfindungswelt auf eine viel breitere Basis. Es kam mir bisweilen vor,
als ob ich mit der ganzen Menschheit Frieden schlsse, wenn ich mit ihm
Frieden schlo, doch es war schwer, die Bedingungen eines derartigen
Friedens festzusetzen, ja sie nur unmiverstndlich zu umschreiben.

Die Entscheidung, vor die mich der Freund, weniger in Worten als durch
seine Haltung stellte, war: bist du Jude oder bist du Deutscher? Willst
du Jude oder willst du Deutscher sein? Und mir war es damals gerade um
diese Entscheidung zu tun; ich fand es zwingend, mich nach der einen
oder andern Richtung zu entscheiden, obwohl ich den Weg nicht sah, den
ich dann nach der einen oder der andern Richtung gehen sollte. Was wurde
fr mich besser oder schlechter nach der Entscheidung? Und war das Wort
allein, der Beschlu allein, die Richtungsnderung allein magebend? Ich
suchte nach Vorbild und Beispiel, nach Ermunterung und Besttigung bei
denen, die mir vorangegangen waren, nach der einen oder andern Richtung,
aber das Suchen war ergebnislos.

In meiner Jugend war Heinrich Heine in den geistig interessierten
Kreisen Deutschlands noch ein mchtiger Name. War von jdischer
Leistung, jdischem Vollbringen, jdischem Ruhm die Rede, so wurde auf
Heine hingewiesen. Durchaus nicht blo Juden waren fr Heine Feuer und
Flamme; die Wirkungen und der Einflu dieses Poeten gingen in die
breitesten Schichten, ber das Knstlerische und Poetische hinaus ins
Politische und Soziale. Und wie man wei, gehrt er zu den wenigen
Deutschen, die in Frankreich Ansehen und Bewunderung genossen haben.
Aufgeklrte und gebildete Menschen lasen Heine, zitierten ihn, beriefen
sich auf ihn, und der Bogen der Verehrung spannte sich etwa von meinem
kleinen studentischen Freund in Mnchen, der Dutzende von Heineschen
Gedichten auswendig kannte und in witzigen Heineschen Wendungen
schwelgte, bis zur Kaiserin von sterreich, die diesem ihren Abgott einen
Tempel bauen lie. Es war mir unbegreiflich. Heute sehe ich darin den
charakteristischen Ausdruck einer ganz bestimmten Zivilisationsverfassung,
einer solchen nmlich, in der das Talent ber das Menschentum
prvaliert. In der zweiten Hlfte des neunzehnten Jahrhunderts wurde
sozusagen der Altar des Talents errichtet, so wie in der zweiten Hlfte
des achtzehnten der des Genies; der Begriff des Genies umfate aber
damals auch die Menschlichkeit, in allen ihren uerungen, selbst den
unerfreulichen, whrend der Talentkultus, unter dessen merkwrdigen und
nicht leicht zu analysierenden Wirkungen unsere Welt noch heute steht,
der isolierten geistigen Leistung gilt. Heinrich Heine ist geradezu das
Schulbeispiel dafr.

Ich befand mich von Anfang an im Verhltnis des Widerstrebens, ja der
heftigen Abneigung gegen Heine. Seine Lyrik erschien mir, gemessen an
der von Goethe, Hlderlin oder Mrike, slich, spielerisch und roh
sentimental; seine Prosa erregte meinen Ha durch ihr Bestreben nach
geistreicher Pointe, durch ihre Mischung von Frivolitt und rohester
Melancholie; seine kritischen, polemischen, politischen Schriften fand
ich zum Teil seicht und von oberflchlicher Brillanz, zum Teil
unwahrhaftig und eitel. Fr das Satirische, das ihre strkste Qualitt
ausmacht, hatte ich wenig Verstndnis, und die sogenannten letzten
Gedichte, in denen aufrichtige und ergreifende Tne sind, waren mir
verdchtig durch ein gewisses Sichgefallen im Schmerz.

Zweifellos waren sowohl mein Urteil als auch mein Gefhl ungerecht. Die
Ungerechtigkeit, der ich in mir freien Lauf lie, hatte wohl ihren Grund
darin, da etwas unantastbar, nachahmungswrdig und mustergltig sein
sollte, was ich fr schdlich und zerstrend hielt. Es sind in neuerer
Zeit so viele Anklger und Verchter Heines aufgetreten, mit guten und
schlechten Argumenten, meist aber mit schlechten, mit reinen und
unreinen Waffen, meist aber mit unreinen, da ich nur mit berwindung
und weil dieses Stck Wahrheit eben zur ganzen Wahrheit gehrt, mich
entschlossen habe, das Thema zu behandeln. Da die blinden Hasser und
die bswilligen Agitatoren unrecht haben, beweist nicht, da Unrecht
berhaupt geschieht. Verschweigen und Schnfrben macht eine schwache
Sache nicht stark. Was mir an Heine wider das Blut ging, war vielleicht
das Blut. Seine zeitbedingte Erscheinung war im zeitbedingten Sinn
jdisch, und das Auffallendste an ihr ist das schroffe Nebeneinander von
Ghettogeist und Weltgeist, von jdischem Kleinbrgertum und Europismus,
von dichterischer Imagination und jdisch-talmudischer Vorliebe fr das
Wortspiel, das Wortkleid, das Wortphantom, welch letztere Mischung man
flschlich als romantische Ironie bezeichnet hat, whrend sie ein
Ergebnis fabelhafter jdischer Anpassung und dabei tiefer innerer
Lebens- und Weltunsicherheit ist. Aus dieser Quelle fliet dann auch die
journalistische Befhigung, wie denn Heine der eigentliche Schpfer,
wenn auch nicht des Journalismus, so doch seiner Abart, des
Feuilletonismus, genannt werden kann, dieses unglcklichen Surrogats von
Kritik, Betrachtung, Urteil und stilistischer Form, Narkotikum fr eine
niedergehende Gesellschaft und Mittel, Verantwortungen zu verschleiern.

Heine war sicher in voller Naivitt Jude; er war auch in voller Naivitt
Deutscher. Er beklagte sein jdisches Schicksal und sein jdisches Leid
und verriet den Juden in sich. Er gab sich als deutscher Patriot,
deutscher Emigrant, als Deutscher von Geblt und Wahl und verriet den
Deutschen in sich. Auch dies, wie ich berzeugt bin, in voller Naivitt.
Er war der Talentmensch, katexochen, ohne gttliche Bindung, ohne wahre
Zusammenhnge, unheilvoll isoliert, durchaus auf sich selbst gestellt,
auf sein einsames Ich, ohne Mythos, ohne Mtter, ohne Himmel und deshalb
auch ohne Erde. Wenn man mir ihn pries, fhlte ich mich stets verraten;
wodurch, kann ich kaum erklren, aber mir schien, da ich am andern Pol
stand und da ich ihn, sein Tun, sein Bild, seinen Einflu erst besiegen
mute, ehe mein Tun, mein Bild, mein Einflu beginnen konnte. Allen
Juden schmeichelte der Name Heinrich Heine; mir schien es hingegen, da
sie ihn htten frchten sollen, da er sie vom geraden und fruchtbaren
Weg verfhrerisch ablenkte und auf Jahrzehnte eine entstellte Figur des
jdischen Menschen und des jdischen Deutschen gab. Es wurde mir
gesagt: Warum hltst du dich an Heine, warum blickst du nicht auf die,
die deinen Widerstand weniger oder gar nicht herausfordern? Da ist Felix
Mendelssohn, da ist Brne, da ist die wunderbare Rahel, da ist Disraeli,
da ist Lassalle und Marx, da ist schlielich Spinoza, Menschen von
groem Zuschnitt, der letzte vom allergrten, nicht Jude mehr,
herausgetreten aus dem engen Rahmen der Konfession und Sekte, Mensch an
sich, Leuchte der Zeiten! Ich lernte auch auf sie hinblicken. Lockung
und Gefahr war auch in ihnen, aber sie ordneten sich williger in die
Folge der Gesichte und Erlebnisse. Heine schlo zunchst zuviel des
Gegenwrtigen ein und aus; er war die Wunde, die ich vor kurzem erlitten
hatte.

Ich heilte sie durch Geister von entgegengesetzter Prgung. Es wrde zu
sehr ins Breite fhren, wenn ich sie hier aufzhlte und von Cervantes
bis Turgeniew und Dostojewski, von Dickens, Thackeray, Richardson und
Balzac bis Keller, Gotthelf, Arnim und Kleist ihre Wirkungen schildern
wollte; den leidenschaftlichen Anteil, die Begierde nach Leben und
Lebendigkeit, Kunst und ihrer Form, das Anklammern an die gewaltigen
Herzen, die Anbetung und glhende Hingabe. Ich suchte in ihnen und bei
ihnen die Welt, die Zeit, die Menschheit, die Gestalt, das feurige,
flssige Unaussprechliche, das wie ein geistiger Golfstrom die Gestade
der Seele umschlingt. Nebenbei beschftigte ich mich viel mit
geschichtlichen Studien, indem ich vom Allgemeinen immer mehr ins
Einzelne ging, teils aus Neigung fr das persnlich Schicksalhafte,
teils aus Hunger nach Stoff und Lebensmaterial, und auerdem mit
Astronomie, ganz dilettantisch, ja phantastisch, aus Sucht nach hohen
Erschtterungen sowohl wie aus berdru an der verzweifelten Enge und
Ausblicklosigkeit meiner Umstnde.




11


Allmhlich wurde ich dem Freund lstig. Ich wute nichts mit mir
anzufangen, Aussicht auf Broterwerb hatte ich nicht, denn ich hatte
nichts Rechtes gelernt und eignete mich zu keiner praktischen Ttigkeit.
Die drftigen Hilfsmittel des Freundes waren vllig versiegt, in der Not
knpfte er frhere Bekanntschaften wieder an, und eine Zeitlang hielten
wir uns mit deren Bestand noch ber Wasser, was das Schlimme mit sich
brachte, da wir die Freiheit verloren und wieder in ein fades und
vergiftendes Gelag- und Kneipenwesen gerissen wurden. Ich war den Leuten
aus irgendwelchen Grnden unsympathisch, und als ich gelegentlich einer
Fahrt auf dem Zricher See durch einen Windsto meinen alten Strohhut
einbte, wurde ich auerdem noch lcherlich. Der Freund, verngstigt
und feig geworden, gab mich preis, und mir war im Ring der Feinde bel
zumute. Es wurde beschlossen, da ich bei einer Zeitungsredaktion
Anstellung zu suchen htte. Man schrieb mir Adressen auf und schickte
mich mit einem geliehenen Filzhut tagelang herum. Die Unlust war auf
meine Stirn geschrieben, um keinen Preis wollte ich Journalist werden,
mein Aussehen mag ebenfalls keine Empfehlung gewesen sein, und so kehrte
ich von jedem Gang unverrichteter Dinge zurck. Da hielten sie Kriegsrat
und gelangten zu dem Ergebnis, erstens, da mir ein neuer Hut gekauft
werden sollte, zweitens, da durch eine Sammlung das Fahrgeld
aufzubringen sei, dessen ich zur Reise nach Mnchen bedurfte. In Mnchen
lebte damals mein Vater. Es geschah so; ich glaube, es waren etwa
zwanzig Franken, die auer dem Hut zusammenkamen; davon lsten sie am
Bahnhof das Billett bis Lindau, der Restbetrag wurde mir eingehndigt.
Der Abschied vom Freund war lau und bitter, soweit ich mich entsinne.
Ich entsinne mich auch, da ich auf der Fahrt zwischen Zrich und dem
Bodensee von Hunger ergriffen wurde; ich konnte der Verlockung, mich
nach langer Zeit wieder einmal satt zu essen, nicht widerstehen und nahm
von dem zur Weiterreise bestimmten Geld. Als ich auf dem Lindauer
Bahnhof stand, einige Minuten vor Abgang des Mnchener Zuges, mu ich
als mitleidswrdige Figur aufgefallen sein, denn ein alter Schaffner
trat zu mir, lie sich in ein Gesprch mit mir ein, und nachdem ich ihm
gestanden hatte, da ich das Geld zur Reise nicht hatte, lie er mich
einsteigen und drckte mir whrend der Fahrt das Billett in die Hand mit
den Worten, er vertraue meinem ehrlichen Gesicht, da ich ihm die
Auslage wiedererstatten werde. Auf das Billett hatte er seine Mnchener
Wohnung geschrieben, die merkte ich mir, und die Menschenfreundlichkeit
des Schaffners hatte eine schreckliche Szene zwischen mir und meiner
Stiefmutter zur Folge. Ich ging sogleich in die Wohnung des Vaters; der
Vater war verreist; ich sah an allem, da er sich in der rmlichsten
Lage befand, trotzdem bat ich die Frau, sie mge mir das Geld fr den
Schaffner geben, es waren vielleicht zehn oder zwlf Mark. Sie weigerte
sich mit Heftigkeit; ich beharrte und wurde dringlicher; sie geriet
auer sich, berschttete mich mit Vorwrfen und Beschimpfungen und
verwies mir das Haus. Da schwand mir die Besinnung, ich langte nach
einem Kchenmesser und schritt drohend auf sie zu; nun wurde sie auf
einmal nachgiebig, sei es, da mein Anblick sie in Furcht versetzte, sei
es, da sie meine Verzweiflung instinktiv erfate; nach einer Weile
brachte sie mir ein silbernes Armband, das meiner Mutter gehrt hatte
und sagte, ich mge es versetzen.

Danach war natrlich jede Verbindung mit meinem Vater zerbrochen, und er
schrieb mir nach seiner Rckkehr nur ein paar Zeilen, die mich durch
einen ihm sonst nicht eigenen kargen Ausdruck des Kummers bewegten. Ihm
war ich nun ein gnzlich miratener Auswrfling. Dies alles sei
berichtet, weil ich sonst die Periode meines Lebens, die sich
unmittelbar an dies Zerwrfnis schlo, nicht gut erklren knnte; denn
es waren Monate so vollkommener Einsamkeit und Verlassenheit und so
erdrosselnder Not, wie sie selbst in einer modernen Grostadt selten
sind, und die zu ertragen eine nicht gewhnliche Widerstandskraft
notwendig war. Ich lebte von pfeln, von Kse und von Salat. Den Salat
fand ich morgens in einer Schssel vor der Tr meines Mansardenlochs;
eine Frau, die mir gegenber wohnte und von meiner hilflosen Lage
Kenntnis erlangt hatte, bte auf diese zarte Manier Mildttigkeit. Als
ich ihr eines Tages dankte, schttelte sie stumm den Kopf. Ich htte
aber selbst so nicht weiterleben knnen, wenn mir nicht mein Vater hier
und da einen Brief geschickt htte, in den er ein paar Marken gelegt
hatte, die ich veruerte; er mute es heimlich und ohne Wissen seiner
Frau tun. Ferner machte ich die Bekanntschaft eines Archivars, Streber,
Ordensjger und Geschichtsforscher #ad usum delphini,# der mich eine
Zeitlang als Abschreiber verwendete. Es war dies ein gewissenloser
Menschenschinder, wie man sie nicht selten unter subalternen Beamten
trifft; es machte ihm zynisches Vergngen, aus meiner Bedrngnis Nutzen
zu ziehen und seine Macht zu mibrauchen; selbst in gedrckter Stellung,
war es Lust fr ihn, ber einen noch Gedrckteren unumschrnkter Herr zu
sein. Wenn ich eine Woche lang seine Exzerpte kopiert und ihm zehn bis
fnfzehn Bogen abgeliefert hatte, zahlte er mir nach Willkr und Laune
einen bis anderthalb Taler. An manchen Tagen verdiente ich mir zwanzig
oder dreiig Pfennig mit Schachspielen in einem Winkelkaffee, wobei ich
darauf bedacht sein mute, da ich mich nicht in einen Kampf mit
strkeren Spielern einlie. Da ich krperlich immer mehr herunterkam,
bedarf keiner Erwhnung; es stellten sich Magenblutungen ein, und ich
verordnete mir eine strenge Reiskur, die mich auch wirklich heilte. Im
ueren war ich vllig vernachlssigt, obwohl ich alle Sorge darauf
richtete, ohne Lcher, Flecken oder Flicken herumzugehen. Innerlich
begab sich etwas Sonderbares mit mir: Ich geriet in einen Zustand halb
qulender, halb beglckter Spannung, aus der sich langsam Gestalten,
Bilder und Vorgnge lsten. Mein tgliches Dasein war ein erregter
Traum; die Nchte ber sa ich bei der Arbeit und schlief nur wenige
Stunden. Die Einsamkeit, der gnzliche Mangel an Umgang und Aussprache
bewirkten eine wiederkehrende und schlielich latente, rauschhafte
Verzckung, die bisweilen mit einer ebenso rauschhaften, langdauernden
Angst abwechselte. Ich hatte Halluzinationen, redete laut vor mich hin
und erinnere mich, da ich einmal von zwlf bis drei Uhr nachts im
Herbstregen durch die Straen rannte, von Grauen erfllt, weil ich einen
Verfolger hinter mir glaubte, einen unvershnlichen Feind, dessen
Gesicht und Gestalt mir irgendwie genau bekannt waren.

Dergleichen geschah fter. Dennoch war ich keineswegs verzweifelt, im
eigentlichen Wesen jedenfalls nicht, auch nicht verbittert oder
anklgerisch oder menschenhassend. Ich denke nicht, da ich mich einer
nachtrglichen Verklrung schuldig mache, wenn ich sage, da die ueren
Leiden an mir niederrannen wie Wasser an einer gelten Wand. Ich fhlte
einen unerschpflichen Vorrat an Krften in mir. Was ich uerlich zu
erdulden hatte, schien mir in keiner Beziehung zu dem zu stehen, was ich
innerlich war. Ich setzte dem zu Erduldenden Geduld entgegen, sonst
nichts. Es war nicht eben Zuversicht, die mich stark machte; zur
Zuversicht gehrt bewutes Selbstvertrauen; das hatte ich nicht, auch
der Arbeit gegenber nicht, die mich zwar in Flammen sah, an der ich
aber die Unreife und Unzulnglichkeit sprte, kaum da die Flamme
ausgebrannt war, so da ich mit einer fast nchternen Beharrlichkeit
immer wieder zum Anfang schritt. Es ist natrlich schwer, nach
Jahrzehnten rckschauend alle Stationen einer Entwicklung wahrheitsgem
zu untersuchen, ohne einem gewnschten Bild zu schmeicheln, doch wie ich
auch mich und jene Zeit in mir prfe, zwei Tatsachen bleiben mir
unverrckbar: erstens, da ich mitten in einer deutschen Stadt in einem
Verhltnis zur Welt stand wie Robinson auf seiner Insel; zweitens, da
ich diese dauernde und dstere Isolierung nur ertrug, weil ich wie die
Seidenraupe in einer Schutzkapsel lebte, in einem animalischen
Hindmmern, Hinwarten, aufs heftigste empfindlich wohl fr alles, was
mit mir sich begab, fr Menschen, Dinge, Stimmen, Farbe, Ton, Wort und
Hauch, aber doch nur traumempfindlich, gleich einem, in dem sich etwas
erschafft, woran er blo den Anteil hat, der durch seine Existenz
gegeben ist, whrend er sonst Werkzeug bleibt.




12


In sozialer Hinsicht mute ich mich als Gechteter fhlen; ich war es
auch, denn ich lebte so. Wer aus der Tiefe emporkommt, neigt, wenn er
eine gewisse Hhe erlangt hat, gern dazu, seine finsteren Erfahrungen
mit einem Goldsaum zu umbrmen. Er vergit die Niedrigkeit um so
bereitwilliger, als sie ihn gezwungen hat, niedrig zu sein, niedrig zu
denken, niedrig zu handeln. Das ist unvermeidlich, und der es leugnet,
lgt. Es erfordert im gnstigsten Fall eine lange Zeit und lange
sittliche Arbeit, damit die Seele von dem Schmutz und Unrat gereinigt
wird, mit dem sie beworfen worden ist, mit dem sie sich bedeckt hat. Es
ist geradezu eine Erneuerung ntig, und erst, wenn Erneuerung
stattgefunden hat, wird Sinn und Frucht des Leidens offenbar. Der Mensch
in der Qual ist gar nicht fhig, Erfahrungen zu machen und Resultate zu
ziehen; ein angstvoller Geist kann weder lehren noch formen. Der
Zuschauerirrtum, der dem Elend zeugende Macht zuschreibt, entsteht
daher, weil die zahllosen im Elend Versunkenen keinen Einwand gegen
dieses freche Luxusdiktat erheben knnen. Entkommt einer der Gefahr, so
darf er die Gefahr preisen; der Gesicherte bescheide sich, selbst wenn
er die rhmt, die fr ihn ihre Haut zu Markte tragen.

Am Rand der Gesellschaft stehend, haarbreit neben dem Abgrund, galt ihr
meine Sehnsucht. Das Verlangen, von ihr aufgenommen und anerkannt zu
werden, als Gleicher unter Gleichen, berwog jedes andere. Die Frage, ob
Jude oder Deutscher, war zunchst unwichtig geworden gegen die, wie ich
zu den Menschen kommen konnte. Mir ahnte manchmal, als sei ich im
Begriff, das abzuzahlen, was am Judentum als Schuld und Odium hing, ich
fr meinen Teil, und als werde das irgendwie augenscheinlich und
beweisbar werden. Es trat eine Reihe von Zufllen ein, von Frist zu
Frist, die meiner materiellen Engnis kein Ende bereiteten, wohl aber der
nachtschwarzen Hoffnungslosigkeit, vor allem das verschlossene Tor
sprengten, vor dem ich geharrt und gewacht hatte und Wege des Geistes
freigaben.

Ich wurde Sekretr bei einem sehr geschtzten Schriftsteller, der,
obwohl nicht mehr jung, die Sache der Jungen zu seiner Sache gemacht
hatte und dadurch allerdings mit der angeborenen Begabung in Zwiespalt
geriet, die ihn mehr in brgerlich-behagliche Bahnen wies. Er diktierte
mir seine Romane und Erzhlungen, und als ich es nach einiger Zeit
wagte, ihm eigene Arbeiten zur Prfung vorzulegen, zeigte er eine
berraschung, an der ich merkte, da ich nicht taube Nsse klopfte. Es
war der erste Mensch, der mich ermunterte, der erste berhaupt, der mich
als Dichter uneingeschrnkt ernst nahm, und das bedeutete fr mich
soviel wie Rettung und Erlsung. Aber er tat mehr. Er warb und wirkte
fr mich und jene sehr unfertigen, sehr fragwrdigen Gebilde; er scheute
nicht Spott und Abwehr, ja Spott und Abwehr reizten ihn zu
bedingungslosem Enthusiasmus, und als Heisporn, der er war, begab er
sich in Fehden; ich wurde unversehens ein Objekt von Fr- und
Widermeinung, was mich eher verzagt als stolz machte.

Aber die Brcken betrat ich, die mir geschlagen waren, und schnell sah
ich mich in die Verwirrungen der Welt gerissen. Das heit ich nahm fr
Welt, was nur ein Zerr- und Scheinbild der Welt war; sie tuschte
Freiheit, Weite und Wrde vor, und sie war gebunden, eng und platt. Als
ich lngst keine Illusionen mehr ber sie hatte, war doch das, was ich
hier unter Welt verstehe, nicht auffindbar, und je grer mein Bemhen
um sie, mein Verlangen nach ihr wurde, je schattenhafter erschien mir
ihre Existenz. Und gleichwohl war sie mir notwendig, wenn nicht meine
eigene Existenz eine schattenhafte sein sollte.

Der Kreis des literarischen Lebens umfing, damals wie heute, bei uns wie
bei jeder Nation, Reprsentanten aller Stnde und Schichten. Es liegt
nahe, an eine Auslese der Besten und Fhigsten zu glauben; dem ist nicht
so. Es liegt nahe, an eine Gemeinschaft zu glauben, die sich auf hherer
Ebene zusammengefunden hat als der breiten Alltagsflche und die, eben
durch die vollzogene Auslese, durch Tun wie durch Sein vorbildlich ist.
Dem ist nicht so. Es hat sich keine Auslese vollzogen, es ist keine
Gemeinschaft entstanden, es ist ein zuflliges In-, Mit- und
Gegeneinander mehr oder weniger begabter, mehr oder weniger guter, mehr
oder weniger zielbewuter, ehrgeiziger oder verbitterter oder
entzndlicher Einzelner. Es sind in der Mehrzahl Entlaufene, Entgleiste,
sozial Verwundete und Kranke; Exponierte alle. Ihrem Zirkel, ihrer Erde
sind sie alle entflohen, nicht um frei zu sein, sondern freischweifend,
ob es nun Proletarier, Brger oder Aristokraten sind. Sie bauen daher
nicht auf einem gegebenen Fundament; sie mssen sich das Fundament erst
errichten, und zwar jeder fr sich und auf seine Weise. So vergeuden sie
von vornherein Blut, Kraft und Geist fr etwas, das Voraussetzung und
Mitgift sein sollte. Sie zersplittern sich, ummauern sich, keiner hat
die Bindung mit dem Volk, den Rckhalt an ihm, ja, das Volk beargwhnt
und verleugnet sie, es ist keine Mitte da, keine bereinkunft, kein
Vertrauen vom einen zum andern, nicht einmal Respekt vor der Arbeit oft,
und auch wo wahrhaft Berufene sich vereinen, bilden sie Partei und
hochmtige Sippe.

Genossen hat man bald, solche, die dasselbe meinen wie du, sogar
dasselbe sagen. Aber sich im Redeaustausch vertragen und die geistige
Kontinuitt bewahren, ist zweierlei. Eifersucht lauert stets unter der
Schwelle, Kleinlichkeit, Neid und Spott. Die Erfolglosen und die
Erfolganwrter machen geschlossene Phalanx gegen die, die den mindesten
Vorsprung haben, und es bedarf schon einer berwltigenden
Persnlichkeit, um den Zweifel der Unsachlichen, die sich sachlich
gebrden, niederzuschlagen. Dieser Zweifel kommt aus Verzweiflung oder
fhrt zu ihr, und die Verzweiflung wieder weist auf mangelnde Zucht und
Mangel der Idee, Mangel der bereinkunft und Mangel der Verantwortung.
Ich erlebte es, da frenetische Begeisterung um einen Namen lrmte, der
sich dann nur in einen lebendigen Menschen zu verwandeln brauchte, um
Abkhlung und Einschrnkung hervorzurufen. Fremdheit hielt stand;
Distanz allein gab Glorie und bewahrte sie, sonst wurde alles zur
Politik des Augenblicks mibraucht.

Ich selbst werde wohl nicht besser gewesen sein. Die Luft, die man
atmet, frbt die Haut. Aber es wurmte mich die verlorene Illusion. Es
wurmte mich das kleine Ma, das die Wirklichkeit mich anzulegen zwang.
Es wurmte mich das Nichtbesserseinknnen und Nichtbesserwerdenknnen,
und es wurmte mich schlielich die Maske, die ich tragen mute, wenn
hherer Wille und hhere Rcksicht Dissimulation forderten. Die lernt
sich schwer, und in ihrer feinsten Form ist sie dann doch wieder ein
Gebot der Menschlichkeit; nichts ist roher und zweckloser, als mit dem
Wahrheitsanspruch und der Wahrheitsfackel Gemter zu beunruhigen und zu
verwirren, die nur in Dmmerung und Tuschung noch ein unsicheres Glck
genieen. Das zu vermeiden und doch, in einem andern Sinn, wahr zu sein,
ist eine Aufgabe fr sich, die allerdings aus dem Bezirk des
Literarischen heraus in den der Selbsterziehung und der Liebe tritt.
Auch Liebe ist nicht angeboren, auch Liebe mu man lernen.

Die Entmutigung, die mich oft inmitten des Hllenkessels von Geistigkeit
und Herzenstaubheit, Anmaung und wesenloser Opposition berfiel, die
Scham ber alle die polternden, stolpernden Selbste, zu denen nun auch
ich mich jetzt zhlte, in denen ich aber von fern die entrckten
Bewohner eines magischen Gartens gesehen hatte, veranlaten mich
bisweilen zu der Frage, ob die enge Aufsssigkeit, der Brothader im
Ringen um allgemeine Ziele, die provinzielle Dumpfheit und das brutale
Strebertum, das Mitrauen und vorgesetzte Miverstehen, wo es um Werk,
um Vollkommenheit, um Ineinanderwirken, um Ideenhaftes ging, um Gedanken
und Gestalt, ob das eine deutsche Eigentmlichkeit, deutsche Krankheit
sei, oder ob es ein Ergebnis des Metiers als solchem war, die dunkle
Kehrseite, und in anderen Lndern nicht anders als hier. Ich machte die
Bekanntschaft eines jungen franzsischen Schriftstellers, und mit ihm
erlebte ich folgendes: Ich hatte mich ihm genhert, wir hatten
fruchtbare Gesprche miteinander gefhrt, und bei einer schicklichen
Gelegenheit gab er mir ein von ihm verfates Buch mit einer
freundschaftlichen Widmung. Kurze Zeit darauf geriet ich in eine
drckende Notlage, in der mein letztes Hilfsmittel dieses Buch war, das
ich beim Antiquar fr ein paar Groschen veruerte. Mit ein paar
Groschen konnte ich zwei bis drei Tage leben. Da wir in demselben Hause
wohnten, war ein Zusammentreffen mit dem Franzosen trotz meines
schlechten Gewissens nicht zu vermeiden, und von einem bestimmten Tag an
bemerkte ich, da sich sein Benehmen gegen mich verndert hatte; er
hatte etwas Traurig-Scheues und Stumm-Vorwurfsvolles, wenn er mir
begegnete; ich wute seine Miene und Haltung nicht zu deuten, zog mich
selber zurck, bedauerte die Entfremdung, und erst, als er abgereist
war, lste sich mir das Rtsel auf ebenso peinliche wie berraschende
Weise. Er hatte nmlich zufllig bei dem Antiquar, bei dem ich es
verkauft hatte, sein Buch gefunden, noch mit der Widmung, denn nicht
einmal soviel Klugheit und Takt hatte ich in meiner verhrtenden,
verrohenden Bedrngnis aufgebracht, dies Zeichen einer persnlichen
Beziehung vorher zu verlschen. Er hatte gewartet bis zu seiner
Entfernung aus der Stadt; nun schickte er mir das Buch wieder und mit
ihm einen Brief. Dieser Brief war ein Dokument zartester Delikatesse und
zugleich vornehmster Gesinnung; es ist mir kaum je ein hnliches unter
die Hnde gekommen; es hat mich auch kaum je ein Mensch auf so profunde
Manier belehrt und auf so feine beschmt. Was mich zu dem hlichen
Schritt getrieben, hatte er erraten; da er sich verletzt gefhlt,
verschwieg er; zum Vorwurf machte er mir den Mangel an Vertrauen. Er
schrieb ungefhr: Kommen Sie nach Paris. Es gibt dort vielleicht
manches, worber Sie sich zu beklagen haben werden, manches, was in
Ihrem Vaterland anziehender, solider, gesnder ist, aber eines werden
Sie dort unter den Leuten von Geist und Menschen unseres Berufs finden,
was ich in Deutschland in einem schmerzlichen Grad vermit habe: wahre
Kameradschaft, Courtoisie, unbedingte gegenseitige Achtung!

Es ist mir dies spter besttigt worden. Die Kenntnis romanischen
Geistes- und sozialen Lebens lt es von innen her verstehen. Das
deutsche Wesen ist Zerstckung; Zerstckung bis ins Mark; deutsche
Entwicklung geht von Ruck zu Ruck; Epochen des Reichtums und der Blte
mnden jh in eine dnis; groe Erscheinungen sind unbegreiflich
abseitig; zwischen bewegten Teilen fehlen Vermittlungen und bergnge,
so da an ein lebendiges Glied ein totes angenietet und Kaste von Kaste
durch unbersteigliche Mauern geschieden ist. Ein Zentrum gibt es nicht
und hat es nie gegeben, die vier Jahrzehnte des geeinten Reiches haben
nicht einmal eines der Verwaltung geschaffen; der Knstler, der Dichter,
konnte er nicht als Beamter subordiniert werden, so war er ein
verlorenes Individuum, und seine Position hing vom Ungefhr des
konomischen Gelingens ab. Die eine Schicht der Gesellschaft verdammt,
was die andere preist; Traditionen brechen ber Nacht, Bildung
vernichtet das Bild, Gelehrsamkeit die Lehre, Gesinnung den Sinn, Erfolg
die Folge, Liebhaberei die Liebe, Betriebsamkeit den Trieb.

Alles dies erfuhr ich und mute es erfahren, da es ja meiner Natur
auferlegt war, da sie sich sozusagen des ganzen Krpers bemchtige. Ich
war nun dem umrilosen Dmmern entwachsen; ich hatte mir meine Formen,
meine Inhalte zu suchen; was von ihnen mitgeboren war, bedurfte der
Relation zum Realen und der Ergnzung in ihm. Es zeigten sich Aufgaben;
ich fhlte mich zum Epiker berufen; als solcher bestand ich mit meiner
Zeit und durch meine Zeit. Symbol und Idee wurden von der Inspiration,
der Phantasie gegeben; Farbe, Schwung und Leidenschaft kamen vom Blut
her, von der Anschauung, der inneren Temperatur; wie aber war es um das
Auen bestellt, um alles das, was mir Nahrung, Anla, Gerst, Baugrund,
Stoff sein sollte? Da gab es weder eine Einheit noch eine Form, weder
ein bereinkommen noch ein organisch Entstehendes. Stck um Stck,
Person um Person, Stadt um Stadt, Staat um Staat setzte sich deutsches
Leben mittelpunktlos zusammen. Der Franzose braucht nur hinzuschreiben:
Paris, und er hat, eingeschlossen in eine Wortnu, ein Ungeheures von
Begebenheit und Entfaltung, das Siegel gleichsam fr die Tatsache
Gesellschaft, fr die Tatsache Nation, fr die Tatsache Frankreich. Er
besitzt damit eine ganz bestimmte Menge von Voraussetzungen, und zwar
erlesenen Voraussetzungen, die schon in den Hnden und Geistern der vor
ihm Gewesenen ihre Distinktion, Gestalt, Glaubwrdigkeit und gltige
Prgung erhalten haben. Dem Englnder liegt eine seit Jahrhunderten
gebahnte Strae ffentlichen und privaten Lebens vor, unumstliche
Konventionen; der Italiener ist gedeckt durch Beziehungen zu groer
Vergangenheit, die ihn immer noch trgt, durch mitwirkende Landschaft,
mitwirkende Sprache und als Schaffender der Ehrfurcht auch des
Geringsten im Volke fast stets gewi; in Ruland wird berlieferung und
fertige Lebensgestalt ersetzt durch eine eigentmliche Freiheit und
Urbanitt der Fhrung: Mensch steht unmittelbar gegen Mensch, bizarr
selbstverstndlich und verwirrend oft, da ein kastenmiges
Sichabschlieen und Standesunterschiede in unserem Sinne nicht
existieren und nie existiert haben.

Der Deutsche allein mu dichten, wenn er gesellschaftliche
Gebundenheit und Gliederung, wenn er Gesellschaft berhaupt, wenn er
Schicksale in bezug auf Gesellschaft darstellen will. Weicht er dem aus,
so zerfliet ihm alles im Unbestimmten, Zuflligen, Phantastischen.
Entweder seine Wirklichkeit wird unglaubwrdig, weil bersteigert,
krampfhaft vereinfacht, willkrlich umgebogen, oder sie bleibt klein,
unmageblich und ohne typische Prgung. So ist auch, was sich im
Wilhelm Meister als Gesellschaft zeigt, durchaus gedichtet,
Synthese, bertragung, Schema. Keine Literatur schleppt solchen Ballast
von Entwicklungsgeschichten, Sonderlingsgeschichten, Zustndlichkeiten,
poetischen Kuriositten mit sich wie die deutsche. Gre, Charakter,
Bedeutung knnen dem deutschen Roman in seiner hchsten Stufung immer
erst durch den Schpfer verliehen werden, der in viel weiterem Ausma,
als man ahnt, Erfinder, Verdichter, Dichter sein mu. Der deutsche Roman
ist in erster Linie individuell (meist auch provinziell), whrend der
englische oder russische in erster Linie national ist und daher auch fr
die Nation reprsentativ.

Niemals kann auch ein deutscher Dichter, und nun gar ein Romandichter
(den Begriff gibt es erst seit zwanzig Jahren, vordem haben die
Professoren nicht gestattet, da man einen Romanschreiber Dichter
nenne), im selben Sinn die Nation reprsentieren wie etwa Balzac
Frankreich, Dickens England, Tolstoi Ruland reprsentiert hat. Der
deutsche Epiker hngt in der Luft, er spielt im Dasein des Volkes keine
Rolle, und zwingt er das Augenmerk und die Herzen dennoch zu sich, so
sprt er zugleich einen sonderbaren ffentlichen Widerstand, eine ebenso
sonderbare heimliche Abwehr, als ginge dies gegen den Ernst und die
Wrde.

Die Schwierigkeit, vor der ich mich sah, war gewaltig. Wie sollte ich
eindringen in die vielfach abgegrenzten Zirkel? Wie ber die flache
Wahrheit des bloen Sehens hinaus zur tieferen der Anschauung gelangen?
Ich stand an der Peripherie; Hunderte wie ich dorthin verwiesen, setzten
darein gerade ihre Ehre, ich aber hatte da nichts zu suchen, ich
brauchte die Mitte oder wenigstens das Segment, ein Mittleres, einen
Durchschnitt, den einfach seienden Menschen und seine noch nicht in
Spiegeln aufgefangene Bewegung; ich brauchte Anschlu, menschliche
Wirkung, soziale Erfahrung, eine Tragflche, ein umschlingendes Band.
Statt dessen fand ich mich zurckgeworfen und isoliert unter dreifach
erschwerenden Umstnden: als Literat; als Deutscher ohne
gesellschaftliche Legitimation; als Jude ohne Zugehrigkeit.




13


Als ich im Alter von dreiundzwanzig Jahren die Juden von Zirndorf
schrieb, griff ich einerseits zurck in Urbestnde, Ahnenbestnde, in
Mythos und Legende eines Volkes, als dessen Sprling ich mich zu
betrachten hatte, und wollte andrerseits auch das gegenwrtige, das
werdende Leben dieses Volkes in einem mythischen, sehr vereinfachten,
sehr zusammenfassenden Sinn gestalten. Realen Boden fr beides gab mir
die Landschaft, die mich hervorgebracht, die frnkische Heimat.

Ich schrieb das Buch ohne wissentliche berlegung, wie man einen Traum
erzhlt oder wie unter einem befehlenden Diktat. Wenn mir einer gesagt
htte: das ist der bare Unsinn, was du da machst, wre ich vielleicht
erschrocken, aber eigentlich berrascht htte es mich nicht. Es
entstand auf Wegen der Flucht, in Tirol, am Bodensee, in Eichsttt, dann
wieder in einem tristen, entlegenen Mnchener Atelier mit einer Katze
als einziger Genossin; das Manuskript trug ich in kleinen Zetteln voll
winziger Zeilen bestndig in der Brusttasche. Die uere Lage war die
milichste; zur gewohnten materiellen Not kam noch eine des Herzens; ich
war abenteuerlich verstrickt und Verfolgungen ausgesetzt, wie sie sonst
nur in Zehnpfennigromanen geschildert werden. Dicht vor den Schlu
gediehen, blieb das Buch monatelang liegen; erst in einer
Fieberkrankheit, in verzweifeltem Wunsch nach einem Ende in jeder
Beziehung warf ich die letzten Kapitel hin.

Es war Aussprache, Bekenntnis, Befreiung von einem Alp, der meine Jugend
zermalmt hatte. Fr viele in Verwandlung Begriffene war es Mitbefreiung,
und sie fhlten sich besttigt. Ich trat von Anfang an mit offenem
Visier auf, das gewann mir Unentschiedene und Mutlose; manche wandten
sich mir begehrlich fordernd zu, umsturzlstern und gaben sich als
Jnger, doch konnte ich ihre Erwartungen nicht erfllen, da ich nicht im
Geleise blieb, das sie mir vorgezeichnet hatten. Andere lsterten; ich
galt ihnen als Abtrnniger, sie liebten in diesem Bezug keinerlei
ffentlichkeit des Verfahrens und fanden jede Politik auer der des
Schweigens tricht und schdlich. Die deutsche Welt verhielt sich
gleichgltig oder ablehnend bis auf einige unbrgerliche Gruppen, die
fr die Dichtung als solche und ihre Gestalten empfnglich waren; im
allgemeinen begngte man sich damit, das Buch einzuordnen und es im
Museum der Literatur einstweilen bestehen zu lassen. Den
Aufsichtsbeamten der Kunst und des Geschmacks war ich ein Greuel.

Da der eingeschlagene Weg in Wildnis fhrte, erkannte ich selbst. Die
Frage: wie willst du zu den Unempfindlichen dringen, die Widerstrebenden
erobern, wie willst du ihre Welt zu deiner machen und deine zu ihrer?
wurde zunchst eine Frage der Zucht und eine Frage der Form. Ein
Knstler ist nichts, wenn sein Werk nicht in den Seelen der Menschen
lebendig aufersteht; damit dies geschehe, mu es eine Seele haben, aber
auch einen Krper. Gefhl und Wort, Leidenschaft und Gedanke allein
erzeugen keinen Krper. Es schien mir von alles berragender
Wichtigkeit, Hingabe mit Bemeisterung zu verschmelzen, und es begann ein
jahrelanges schweres Ringen, Versuch um Versuch, Entwurf um Entwurf,
Studie um Studie. Vom aufgelockert Traumhaften geriet ich ins Starre;
vom Gesetzlosen in vorgesetzte Konstruktion, vom Schwrmerischen in
Trockenheit, vom Bodenlosen ins Flache. Die nchsten Freunde
miverstanden mich; ich konnte mich ihnen auch nicht erklren, denn ber
dem eigentlichen Ziel war Dunkelheit; ich sah nur immer, da das
Einzelne, Fertige falsch war. Ich glaubte keinem Beifall, hielt mich an
keine Wegweisung, keine Schule, lie mich an kein Geleistetes binden und
verzweifelte zwischen den Stationen am Gelingen. Es ist auerordentlich
schwer, von der Natur dieses Kampfes einen klaren Begriff zu geben.
Einerseits handelte es sich um Selbstbefreiung, Selbstgewinnung, um
Luterung und Erhhung, also um sittliche Ziele, andrerseits um Ma,
Gestalt, Distanz, also um Ziele des Geistes und der Kunst. Ich rang um
meine eigene Seele und um die Seele der deutschen Welt. In mir selbst
konnte ich immer wieder Quellen und Reserven finden; die deutsche Welt
aber gab sich nicht; ich konnte sie nur umlauern, umwachen, beschwren;
ich mute darauf dringen, da sie sich mir stelle, ich mute sie von
Leistung zu Leistung von mir und meiner Sache berzeugen, ich mute die
glhendste berredung, die uerste Anstrengung aufwenden, wo andere
sich mit einem seht her begngen durften. Sie glaubte mir nicht; ich
hatte mich ihr zu frh dekuvriert; vom einzelnen lie sie sich,
gleichsam aus Gnade, aus Nachsicht, oder weil sie sich nicht mehr zu
wehren vermochte, gnstig stimmen; doch verlor sie alsbald den
Folgegang, und mit jedem neuen einzelnen sah ich mich von derselben
Notwendigkeit wie mit dem vorherigen, ein Sisyphusbeginnen, das jedesmal
meine Kraft bis zur Neige erschpfte. Andere hatten laufenden Kredit.
Sie konnten gelegentlich auf den Kredit hin lssig werden; ich mute
mich stets wieder legitimieren, stets mit meinem ganzen Vermgen
einstehen wie einer, dem es nicht erlaubt ist, sssig zu sein und auf
erworbenem Grund zu ackern und zu ernten.

Auenstehende wuten davon nichts; Nahestehende wunderten sich und
begriffen nicht die Qual; ich schien ihnen bisweilen ein von
unbefriedigtem Ehrgeiz Verzehrter, einer, der sich ber seine
Fhigkeiten spannt; sie meinten, ich drfte mit dem Erreichten zufrieden
sein, wiesen auf Untergeordnetes hin, Markterfolg, literarische Geltung;
da man genannt, gelesen, umstritten wurde, war ihnen etwas; sie sahen,
hrten, fhlten nicht; ich konnte ihnen nicht begreiflich machen, woran
ich litt; es war alles so fein, so zart, so schwebend, so fieberhaft
labil und doch von so unermelicher Tragweite; ich handelte und schuf
wohl als Individuum, aber in der Tiefe des Bewutseins und Gefhls eng
verkettet mit einer Gemeinschaft, die sich abgelst hatte und mit einer
andern, die ich erobern wollte, erwerben sollte. Ich stand auf der
Scheide; bisweilen erschien ich mir wie ein Prtendent ohne Anhnger,
ohne Beglaubigung; ein Johann ohne Land; mir war, wie wenn der Boden
unter jedem Schritt wiche, der Lunge die Luft entsaugt wrde; dazu das
brodelnde Gewhl einer noch unerlsten Gestalten- und Bilderwelt in mir
und nie weichende Sorge um die Existenz.




14


Elf Jahre nach den Juden von Zirndorf schrieb ich den Caspar Hauser.
Ich halte mich zunchst an diese beiden Beispiele meiner Produktion,
weil sie, ohne da ich damit ein Werturteil geben oder herausfordern
will, die polaren Punkte bezeichnen, zwischen denen ich mich suchend
und grenzenziehend bewegte, das eine nach der Seite des jdischen, das
andere nach der des deutschen Problems.

Die Figur des Caspar Hauser begleitete mich seit Kindheitstagen. Mein
Grovater vterlicherseits, der als Seiler und spter als Handelsmann in
Zirndorf lebte, hatte ihn in Nrnberg auf dem Vestnerturm noch gesehen
und erzhlte von ihm wie von einem sehr geheimnisvollen Menschen. So
berichteten auch andere von ihm, die einfachsten, nchternsten Leute,
stets wie von etwas sehr Geheimnisvollen, wovon laut zu reden eigentlich
von bel war. Ich kannte die Sttten, wo Hauser sein seltsames
Leidensdasein verbracht und geendet, in Nrnberg die Burg, das
Tucherhaus, in Ansbach das Gchen, wo der Lehrer Mayer gewohnt und den
Hofgarten mit dem Oktogon, der die schne Inschrift trgt; alles war
diesem Schicksal so zauberisch angepat, das Gebliebene an Dingen, das
noch Whrende der Landschaft.

Immer wieder trat der Stoff an mich heran, zufrhest, als ich lernte,
Menschen zu formen und sie in mitgeborenen Geschicken kreatrlich
wachsen zu lassen und dann an allen Stationen, wo ich glaubte,
Fertigkeit und Sicherheit genug errungen zu haben. Doch immer wieder
entzog ich mich der Versuchung, als wre was Heiliges an der Gestalt,
was Verletzliches, und ich drfe mich nicht unbedacht an ihr vergreifen.
Gewisse Bcher, die damals selbstndig auftraten, schrieb ich nur wie
zur bung und Vorbereitung, und dem ersten ernsthafteren Versuch ging
jahrelanges Studium voraus, bis in alle Ecken und Winkel der
einschlgigen Akten und Literaturen. Abermals und abermals wagte ich den
Anfang, zog weiten Kreis, zog engen Kreis um das Thema, fand nicht das
Fundament, fand nicht die Ruhe, nicht die Kraft, nicht die Erleuchtung,
wurde mutlos und lie wieder ab. Doch bei all dem Probieren und
Verzagen, Graben und Verzweifeln wuchs mir die Figur des Nrnberger
Findlings unerwartet hoch empor, und sein Schicksal ward mir zum
Schicksal des menschlichen Herzens berhaupt. Das Menschenherz gegen die
Welt; als ich diese Formel gefunden hatte, hoben sich die Schleier, und
wenngleich noch viele Mhsal zu bezwingen war, so blieb doch der Weg im
Licht.

Wunderliches begegnete mir whrend der Arbeit. Als ich bis dorthin
gelangt war, wo Clara von Kannawurf in Caspars Leben tritt, die ihm die
erste Dmmerahnung der Geschlechtsliebe gibt, verlor ich die Realitt
unter mir; keine Plage, kein Denken und Erdichten, kein hundertfaches
Neu- und Neubeginnen verhalf mir dazu, da mir die Figur Vision wurde,
da sie Wahrheit und Glaubwrdigkeit erhielt, und ich sah mich zu
langer, wartender Unttigkeit verurteilt. Da bekam ich eines Tages den
Brief einer unbekannten Frau; sie wandte sich in einer seelischen Not an
mich; es war etwas Unberhrbares im Ton des Schreibens, das
Zurckhaltung zur Grausamkeit gemacht htte; im Begriff, eine Reise zu
unternehmen, und da sie mich zu treffen wnschte, verabredete ich mit
ihr eine Begegnung auf halbem Wege. Vom ersten Augenblick an waren wir
Freunde; sie stand in tragischem Geschick als Frau, als Mutter; in ihrer
Erzhlung kam zutage, da sie die Enkelin eines Mannes war, der, in
hoher Stellung am badischen Hof, in die Caspar Hauser-Wirren und
-Intrigen verwickelt gewesen war, die ja bis zu Volkserhebungen gefhrt
hatten, und da er, verleumdet und kompromittiert, sich erschossen
hatte. Ich war berrascht und eigen berhrt, am sonderbarsten durch den
tiefen und schmerzlichen Anteil, den die junge Frau noch jetzt an dem
Lose des Findlings nahm, Anteil solcher Art, als sei er ein verlorener
Bruder von ihr, dessen geschndeten Namen und befleckte Ehre zu
reinigen, zu retten ihre vornehmste Aufgabe sei. Sie wute nichts von
meinem Werk; ich gab ihr die Handschrift, soweit sie fertig dalag, ihre
Ergriffenheit, als sie sie gelesen, ergriff mich selbst; das
leidenschaftliche Interesse in ihr war wie Krankheit und Fieber, Fieber
der beleidigten Gerechtigkeit, des Mitleids, der Liebe. Und da hatte ich
nun pltzlich Clara von Kannawurf (das allerseltsamste war, da sie auch
mit Vornamen Clara hie), da stand sie leibhaftig vor mir in der
frauenhaften Jungfrulichkeit, wie ich sie geschaut hatte, der
kindlichen Reife, der erfahrenen Schwermut, Widerpart einer trgen Welt.

Ich kann nicht leugnen, da ich an die Verffentlichung des Buches
ungewhnliche Erwartungen knpfte, Erwartungen, die einer hegt, dem es
endlich gelungen scheint, sich zu beglaubigen. Ich bildete mir ein, den
Deutschen ein wesentlich deutsches Buch gegeben zu haben, wie aus der
Seele des Volkes heraus; ich bildete mir ein, da ein Jude es geschaffen,
den Beweis geliefert zu haben, da ein Jude nicht durch Beschlu und
Gelegenheit, sondern auch durch inneres Sein die Zugehrigkeit erhrten,
das Vorurteil der Fremdheit besiegen knne. Aber in dieser Erwartung
wurde ich getuscht. Zunchst erhob sich ein bler Zeitungsstreit um die
historische Person Caspar Hausers, und ein Platzregen von hmischen
Beschimpfungen und dnkelhaften Zurechtweisungen ging ber mich nieder,
den man des Verbrechens bezichtigte, die alte Lgenfabel von frstlicher
Abkunft des Findlings wieder aufgewrmt und zum Vergngen eines
sensationshungrigen Publikums serviert zu haben. Ich wurde belehrt, da
Professor Mittelstdt in seiner berhmten Schrift und Lehrer Mayer in
seiner aktenmigen Darstellung, und wer wei wer noch und wo, lngst
die Welt davon berzeugt habe, da Caspar Hauser ein schwachsinniger
Betrger gewesen sei, der die ffentliche Meinung Deutschlands und
Europas zum Narren gehabt; da es eine naive Anmaung und Unwissenheit
sei, das seit einem halben Jahrhundert glcklich begrabene Mrchen
neuerdings zum Gegenstand der Diskussion und Fehde zu machen, und da
ich mir fr meine literarische Stoffgier ein harmloseres Gebiet whlen
mge, das weniger geeignet sei, Beunruhigung und rgernis zu erregen.

Nun bin ich ja heute wie vordem durchdrungen von der Meinung, da
Caspar Hauser wirklich der prinzliche Knabe gewesen, fr den ihn Daumer
und Feuerbach und nachher viele andere, die totgeschwiegen oder
totverleumdet wurden, gehalten; es sind mir dokumentarische Belege,
glaubwrdige Zeugnisse genug zu Aug und Ohr gekommen, andere werden
einst aus tckisch verschlossenen Archiven ans Licht treten; die
Intrigen reden eine deutliche Sprache; es gibt noch hochgestellte
Wissende; manche haben mir ihr Vertrauen geschenkt; ein Zweifel darber,
was die Schreibtischpsychologen so leichtfertig ableugneten, war bei
ihnen gar nicht zu finden. Heute wie vordem bin ich davon durchdrungen,
da der Name, das Leben und der Tod Caspar Hausers eine nicht geshnte
Schuld ausmachen, die fort und fort wuchert wie alle nicht geshnte
Schuld.

Alles dies hat mit der Dichtung nur mittelbar zu schaffen. Insofern
verfehlten auch die Angriffe ihr Ziel. Ich kannte die Motive, kannte die
Werksttten, wo sie ersonnen und gelenkt wurden. Aber von dem
Kleinlichen abgesehen, war mir doch, als ersticke Hall und Widerhall in
einer Luft, die nicht trug. Es war mir ja nicht um Geringes zu tun, und
ich dachte deshalb, das Geringe msse zerschellen. Es war mir nicht um
Persnliches zu tun, und ich dachte, die Person stehe auer Frage. Es
war mir auch nicht darum zu tun, da der oder jener Beifall zollte, die
Leistung anerkannte, das Streben billigte oder pries, ja nicht einmal
darum war mir letzten Endes zu tun, da ich einzelne zu gewinnen, zu
erschttern, Seltene sogar zu erhhen, zu wandeln vermochte. Man sagt
immer, halb zum Trost, halb in der Erkenntnis der menschlichen
Durchschnittsnatur, es sei des Erreichten genug, wenn eben einzelne zur
Besinnung kmen, wenn ein Werk dazu verhilft, da unter tausend zehn zum
Gefhl des Besseren erwachen, und da der in eine einzige empfngliche
Brust gesenkte Keim tausendfltige Frucht tragen msse. Das ist wohl
wahr, doch inzwischen vergeht viel Zeit, und das Miverstndnis ttet
den Schwung. Wer zu einer Sache mit Leib und Leben steht, dem kann und
mag es nicht gengen, wenn willige Gruppen mehr oder weniger lau sich
fr ihn erklren; wenn literarisch Mitinteressierte fr ihn ins Horn
stoen; auch nicht, wenn vorbereitete aufnahmsfrohe Freunde neue Freunde
werben; auch nicht, wenn die sehnschtigen Wesen, da und dort unter
aller Menschheit zerstreut, ihren Blick auf ihn richten, sei es als
zufllig Getroffene, sei es als whlend und sichtend Berhrte. Ihm geht
es um ein Ganzes, um das volle, breite, tiefe Erklingen einer Welt. Es
liegt ja auch in der Art der epischen Kunst. Ihre Flle zhlt auf Flle
der Hrenden; ein Orchester kann nicht in einer Stube spielen. Ihre
Wirkung ist eine Mosaik von Teilwirkungen, oft der heterogensten
Beschaffenheit, vom Melodischen bis zum grob Handlungsmigen, vom
Zarten bis zum Brutalen. In Deutschland ist solche Wirkung groen Stils
unmglich, weil zwischen den empfangenden Schichten die geistige
bereinkunft fehlt und ber ihnen ein Forum des Geschmacks; die sich zu
Richtern aufwerfen, schmeicheln der Halbbildung oder der Mode des Tages,
berheben sich in ihrer Befugnis, treiben Parteipolitik; der Berufenen
wird wenig geachtet, und sie mssen sich in esoterischer Ttigkeit
bescheiden. Je schwcher aber der Anteil eines Volkes an den
Hervorbringungen seiner Schpfer ist, je herzensmatter und
unentschiedener, je mehr Schlacke haftet auch den Werken selbst an, je
unsicherer wird ihre Haltung, je ungesicherter ihr Sein, je sporadischer
ihre Entstehung. Das sind organische Wechselbeziehungen von eherner
Gesetzmigkeit. Fr den Mangel von Einheit und Folge, von Liebe zum
Ding und zur Figur, von seelischer Bindung und geistiger
Vorurteilslosigkeit bietet keine Sensation Ersatz, kein aufflammender
Taumel und gelegentliche Erhitzung; wer sich ohne zureichenden Grund
enthusiasmiert, wird notwendigerweise zur Reue und zum Katzenjammer
getrieben; er mu morgen schmhen, was er gestern bejubelt, das
erscheint ihm als die einzige Hilfe in der Verwirrung, nichts bringt ihn
aus dem falschen Geleise, auch seine Gtterbilder bedecken sich mit
Staub.

Ich erfuhr also, da ich keinen Fubreit Boden erobert hatte und erobern
konnte, nicht in dem Bezirk nmlich, um den sich's mir heilig und
schmerzlich handelte. Immer wieder mute ich lesen oder sprte, da es
im Sinnen und Meinen lag: der Jude.




15


Ich rekapituliere, denn es ist nun einmal wichtig, durch die klare
Beweisfhrung zur klaren Schlufolgerung zu gelangen. Das Beispiel tritt
nicht als ein Beispiel zur Person, sondern zur Sache auf.

Die Idee des Caspar Hauser war, zu zeigen, wie Menschen aller Grade
der Entwicklung des Gemts und des Geistes, vom rohesten bis zum
verfeinertsten Typus, der zweckschtige Streber wie der philosophische
Kopf, der servile Augendiener wie der Apostel der Humanitt, der
bezahlte Scherge wie der besserungsschtige Pdagoge, das sinnlich
erglhte Weib wie der edle Reprsentant der irdischen Gerechtigkeit, wie
sie alle vollkommen stumpf und vollkommen hilflos dem Phnomen der
Unschuld gegenberstehen, wie sie nicht zu fassen vermgen, da etwas
dergleichen berhaupt auf Erden wandelt, wie sie ihm ihre unreinen oder
durch den Willen getrbten Absichten unterschieben, es zum Werkzeug
ihrer Rnke und Prinzipien machen, dieses oder jenes Gesetz mit ihm
erhrten, dies oder jenes Geschehnis an ihm darlegen wollen, aber nie es
selbst gewahren, das einzige, einmalige, herrliche Bild der Gottheit,
sondern das Holde, Zarte, Traumhafte seines Wesens besudeln, sich
vordringlich und schnderisch an ihm vergreifen und schlielich morden.
Der zuletzt den Stahl fhrt, ist nur ausbendes Organ; gemordet hat ihn
jeder in seiner Weise: die Liebenden so gut wie die Hassenden, die
Lehrenden wie die Verklrenden; die ganze Welt ist an ihm zum Mrder
geworden; so schreit es ja auch schlielich aus der gequlten Brust der
Clara von Kannawurf.

Der Vorgang nun steht in der Landschaft, die ihm bereits von der
Geschichte gegeben war; innerste deutsche Welt und, ich glaube es wohl
sagen zu drfen, gltige deutsche Menschen. Deutsch die Stadt, deutsch
der Weg, deutsch die Nacht, deutsch der Baum, deutsch die Luft und das
Wort. Mag sein, da ein sehr hoch thronender Richter mit weisem Lcheln
mir zurufen knnte: was du von den Ahnen hast und durch dein Blut bist
und in deinem Werk sich mitverkndigt, das kannst du selbst nicht
beurteilen. So wrde ich doch antworten, und er, der Weise, wrde es
billigen: die es trotzdem spren, sind schon vom niedern Wahn Gelste,
und sie freuen sich dessen, der sie besttigt und erweckt; ob er vom
Osten kommt oder vom Westen, gilt ihnen gleich, nur seine Menschenstimme
und seine Opfertat ist ihnen wichtig. So viel wei ich von den
Erweckten.

Die andern, denen ich Jude war und blieb, wollten mir damit zu erkennen
geben, da ich ihnen nicht genug tun konnte, als Jude nmlich; da ich,
als Jude, nicht fhig sei, ihr geheimes, ihr hheres Leben mitzuleben,
ihre Seele aufzurhren, ihrer Art mich anzuschmiegen. Sie rumten mir
die deutsche Farbe, die deutsche Prgung nicht ein, sie lieen das
verschwisterte Element nicht zu sich her. Was unbewut und pflanzenhaft
daran war, schien ihnen ein Produkt der Erklgelung, Ergebnis jdischer
Geschicklichkeit, schlauer jdischer Ein- und Umstellung, gefhrlicher
jdischer Tuschungs- und Bestrickungsmacht. Was half die stille oder
auch geuerte berzeugung, da ein Buch wie dieses, aus dem Herzen des
Volkes entstanden und durch alle ihm beschiedene Zeit hindurch als
volksmig ansprechbar, wre es von einem Namenlosen oder Unbekannten
ausgegangen, vielleicht sogar fr Deutschtmler ein Fanal geworden
wre, sie sich's wenigstens als solches htten aufreden lassen wie
manches minder bezeichnende und flachere, wie manches grere auch, das
sie gierig ins Joch ihrer Machenschaften preten? Da waren ja
berbrachte Symbole, das verfolgte Frstenkind, hinschmelzend in
romantischer Sehnsucht; alles von alter Weise eigentlich, nur da am
Ende Vershnung und Glorie fehlten und das Schicksal, folgerichtig nach
innen, vorgangstreu nach auen, seinen schauerlichen Weg vollzog. Was
die tiefen und starken Empfnger daneben noch empfangen konnten, steht
auf einem andern Blatt, steht dort, wo es steht. Gewi ist nur das eine:
es durfte vor der deutschen ffentlichkeit nicht wahr sein, da ein Jude
ein so eigentmlich deutsches Buch schrieb.

Wohlwollende noch deuteten an: ja, ja, alles recht und schn, aber dies
vergrbelte Wesen ist von fremdem Ursprung; diese psychologische Bohr-
und Grubentechnik hat nichts mit unserer Stammesart gemein. Das ist noch
das Mildeste, was in den meisten der beliebten und verbreiteten
Literaturgeschichten zu lesen ist. (In Parenthese: Die Massenheerschau
und Massenabschlachtung eines Groteils dieser wissenschaftlich tuenden
Literaturgeschichten mit ihrer leichtsinnigen Schablonisierung und dem
auf Unwissende und Unmndige berechneten Oberlehrerton ist geradezu eine
deutsche Schande, in den Augen gebildeter Nationen eine Lcherlichkeit.)
Was dort also zu lesen ist, wurde zur gngigen Urteilsmnze, und welche
Anstrengungen immer ich aufwenden, welche Gestalten und Gesichte immer
ich darbieten mochte, wie hoch ich baute, wie tief ich schrfte, es
wurde stets in den nmlichen Retorten das nmliche Gift gekocht, das
bestimmt war, den freien Flug zu lhmen, die freudige Hingabe zu
brechen.

Man wird einwenden: alles Geschaffene stt auf Widerspruch und
Widerstand; was dich auf deiner Linie hemmt, ist nur ein Umgebogenes,
Umgelogenes von dem, was andere auf ihrer behindert; verwundbar, weil
verwundet bis zurck ins zehnte Glied schon, trifft dich der Nadelstich
wie Dolchsto, der Faustschlag wie Knppelhieb; dein Argwohn bereits
macht Unsichere zu Feinden und Nrgler zu Meuchlern; vergi nicht den
Dornenpfad Grerer, vergi auch nicht, was du in deinem Kreis gewirkt
und gewonnen.

Es handelt sich darum nicht. Es handelt sich nicht darum, was ich
gewirkt und gewonnen. Es handelt sich um die Lge, die wurmhaft vor mir
herkriecht und von Zeit zu Zeit ihr gesprenkeltes Haupt erhebt, um mich
anzuspeien. Um die unbesiegbare, grauenvolle Lge handelt sich's, in die
sich der Geist eines ganzen Volkes gehllt hat, und der kein
Augenschein, kein Opfer, keine Liebe, kein Beweis etwas anzuhaben
vermag.

Man denke sich einen Arbeiter, der, wenn er seinen Lohn begehrt, niemals
voll ausgezahlt wird, obgleich seine Leistung in nichts hinter der der
brigen Arbeiter zurcksteht, und den man auf die Frage nach dem Grund
solcher Unbill mit den Worten bescheidet: du kannst den vollen Lohn
nicht beanspruchen, weil du blatternarbig bist. Er schaut in den
Spiegel: sein Gesicht ist durchaus ohne Blatternarben; er geht hin: was
wollt ihr? Ich bin ja gar nicht blatternarbig. Man zuckt die Achseln,
man erwidert: du bist als blatternarbig gemeldet, also bist du
blatternarbig. In dem Gehirn des Menschen entsteht eine sonderbare
Verwirrung: das Recht wird ihm verkrzt unter dem Vorwand eines ueren
Makels, und in der Beunruhigung, die es ihm erregt, da er den Makel
nicht finden und erkennen kann, unterlt er es, mit dem Aufgebot aller
Kraft sein Recht durchzusetzen. Eine raffiniert ausgedachte Qual.

So auch spricht der Deutsche, der Nur-Deutsche, Dolmetsch von vielen,
wenn ich in seine heimlichsten Hintergrnde dringe, zu mir: fr das, was
du machst und schaffst, ist jeglicher Lohn genug; du kannst berhaupt
froh sein, da ich dir Spielraum gewhre, da es ja meine
unerschtterliche berzeugung ist, da alles, was du bildest und
formst, weder ntzlich, noch erfreulich fr mich sein kann.

Sind das Nadelstiche, so sind es doch mrderische; sind es Faustschlge,
so will ich nicht erfahren, wie Knppelhiebe schmecken. Das Evoe und
Hosianna der Sprlichen, die um einen sind, bertubt nicht das Pereat
von drauen. Man mu wachsam sein auf die Stimmen von drauen. Jedem
Schriftsteller gegenber konstituiert sich ein Gesamtverhalten der
Nation; nach diesem richtet sich die Freiheit seines Gemts, die
Sicherheit seiner Allre und ein schwer umschreibbares Etwas von
geistigem Takt, von eingebetteter Stromkraft. Unerllich, da er
voraussetzungslos genommen wird, erwachsen ihm doch aus Werk und
Handwerk so viel Hemmungen und ngste, da die Jahres-, die
Stundenschale randvoll davon berfliet, des hlich beschwerten Alltags
nicht zu gedenken. Bekommt er nicht zu spren, da die Wrme, die er
ausgibt, wieder Wrme erzeugt, so bricht die Natur in ihm zusammen. Wie
soll er sich einer Anklage erwehren, die ihm je sinnloser erscheinen
mu, je wahrer er in seinem Kreis, in seiner Ordnung steht? Mglich, er
betrachtet als Auszeichnung, mglich, als drckendes Schicksal, mglich
sogar, als zu shnende Schuld, was ihm durch das Judesein geschehen ist;
es gibt ja Erscheinungen der letzteren Art genug, und ich werde noch von
ihnen zu reden haben; in keinem Fall wird er begreifen, wird er es
ertragen lernen, da im gereinigtsten, geweihtesten Bezirk mit zweierlei
Ma soll gemessen werden und keine Reinigung und Weihe zureichen soll,
keine Tat, keine Entselbstung, nicht Schwei noch Blut, nicht Bild noch
Figur, nicht Melodie noch Vision, ihm das Vertrauen, die Wrde, die
Unantastbarkeit von vornherein zuzugestehen, die im gegnerischen Lager
der Geringste ohne Abzug geniet. Ist er aber einmal zu der Erkenntnis
der Vergeblichkeit des Kampfes gelangt, woher soll er dann noch Worte
und Grnde nehmen, woher den Mut zur Erweisung und Verkndigung?

Bild und Figur fhren im deutschen Leben eine Katalogexistenz. Der
Deutsche findet nicht zu ihnen, er identifiziert sich niemals mit ihnen,
hchstens, da er von ihnen abstrahiert; sie mssen ihm aufgeredet, sie
mssen ihm plausibel gemacht werden. Trotzdem kann man ihn weder
berreden, noch eigentlich berzeugen; er glaubt nur, was zu glauben
befohlen ist oder wozu eine Majoritt ihn zwingt.

Wohlverstanden: hier wird nicht um Gnade gewinselt. Hier ist nicht
einer, der sich als reuiger Snder gebrdet oder als weier Rabe. Auch
nicht einer, der sich brsten will mit einer Mrtyrerkrone oder mit
Erlittenem sich schmcken. Auch nicht einer, der sich losgetrennt hat,
hben und drben, um sich in prahlerische Einsamkeit zu retten. Auch
nicht einer, der mit dem getretenen Stolz, verbissenen Trotz des
Zurckgewiesen Komplotte schmiedet und Konventikel grndet, der
pltzlich uralt-ehrwrdige Zugehrigkeit als neu entdeckt und sich an
die klammert, weil ihm die Wahl- und Geisteszugehrigkeit bestritten
wird.

Nein. Es geht um Auseinandersetzung. Es geht um Rechenschaft, von hben
und von drben. Es geht um Recht und Gerechtigkeit. Es geht schlielich
um die Frage: warum schlagt ihr die Hand, die fr euch zeugt?




16


Solches Zeugnis geschah sechs Jahre nach dem Caspar Hauser zum
zweitenmal im Gnsemnnchen. Ich bergehe dabei wieder die mittleren,
die Versuchs- und Erprobungswerke; etwa den Goldenen Spiegel und den
Mann von vierzig Jahren. Ich dachte in jener Zeit an eine zyklische
Folge, Darstellung deutscher Welt am Anfang des Jahrhunderts. Das
Gnsemnnchen, 1911, 1912 und 1913 entstanden, wurde erst im zweiten
Jahr des Krieges verffentlicht, und es fgte sich, da das Buch, wie
keines meiner Bcher zuvor, sogleich ein herzliches und weittragendes
Echo fand. Ich hatte damals oft den Eindruck, da die bergewalt der
Ereignisse ihm eine Art von Anonymitt verlieh, durch die es reiner in
sich selbst ruhte, strker aus sich selbst wirkte; ein neues,
wohltuendes Gefhl fr mich.

Es enthlt und gibt ein charakteristisches Stck brgerlicher deutscher
Geschichte, deutscher Zustnde um 1900, doch nicht in der Schilderung,
sondern in der Zusammenfassung, wobei das Entscheidende in die Gestalt
und ihre seelische Wandlung verlegt wird. Das Musikerschicksal ist nur
Behelf und Vorwand; es war ntig, fr alle Klnge und Widerklnge ein
intensiv empfangendes Membran zu gewinnen, das zitterndste, zarteste,
genaueste Instrument, an dem abzulesen war, wie es um den deutschen
Alltag stand, wie die Wirklichkeit sich zur Idee, das Allgemeine zum
Besonderen verhielt. Das Buch ist in dem Sinn, wie ich es oben
entwickelt habe, provinziell. Es war vielleicht nicht so getrumt; aber
um die Mauer niederzureien, die mich gefangen hielt, htte ich mich
zuerst an ihr verbluten mssen, und whrend der Arbeit zeigte sich das
Sonderbare, da ich eine verhltnismige Breite nur erringen konnte,
wenn ich nicht tricht wider die Mauer anrannte, sondern, im Gegenteil,
mich mit dem mir verstatteten Raum beschied und wie ein guter Architekt
aus der Beschrnkung ein Mittel zur Entfaltung machte.

Freilich lief damit viel Schnrkelhaftes unter, viel Skurrilitt, Enges,
Grelles, Kunterbuntes, aber auch dies gehrte zum Weg, und der Weg wies
mich ins Urbane, in den Bezirk, wo das Geschaffene unmittelbar zum
Menschen spricht, ihn anrhrt, ihm dient, ihm befiehlt, sowohl durch
das, was an ihm offenbar wie durch das, was Geheimnis ist und Geheimnis
zu bleiben hat. Alles Gewachsene ist ja so, alles, was von der Natur
ausgeht, offenbar und geheimnisvoll zugleich. Ob Daniel Nothafft als
eine deutsche Gestalt gelten kann, ist viel errtert worden. Die Frage
hat Interesse nur im Hinblick auf mein persnliches Problem. Manche
haben sie bejaht, manche zweifelnd erwogen, manche verneint. Ich erlebte
Kundgebungen des Erstaunens und wie Leute stutzig wurden in beharrlich
verfochtener Meinung, weil sie zwischen dem Urheber und dem Produkt
keine Verbindung mehr gewahrten. Am Gesetzhaften meiner Stellung zur
Gesellschaft und zur deutschen ffentlichkeit nderte sich so gut wie
nichts. Fr dieses Gesetzhafte gibt es ja nur ein untrgliches
Regulativ, und das ist das eigene Innere, die wiederkehrende, vom Blut
erzeugte, den Sternen gehorchende Welle des inneren Lebens.

Ich hatte inzwischen, whrend eines Aufenthaltes in Nrnberg, den Freund
wiedergetroffen, den ich viele Jahre vorher unter so hlichen Umstnden
in Zrich verlassen hatte. Er war nun ein Mann Mitte der Vierzig, ich
Anfang der Vierzig; die Jugendstrme lagen weit hinter uns, und der
lange Zeitverlauf machte, da man kaum noch das Gefhl hatte, derselbe
Mensch trete einem entgegen; die Erinnerung war etwas fr sich
Bestehendes, und die Gegenwart mute mit ihr paktieren. Der Freund von
ehemals beobachtete eine Zurckhaltung, die mich bisweilen wunderte,
bisweilen still erheiterte, denn ich konnte die Ursache ungefhr ahnen.
Der Mentor und Fhrer aus den Jahren der Entwicklung kann sich nicht
zufrieden zeigen mit der Richtung, die man eingeschlagen, schon mit dem
Tag, wo man sich seinem Einflu entzogen hat. Was man auch tut, wie man
sich auch hlt, wohin man auch strebt und wo man anlangt, er hat es
immer anders gedacht und gewollt. Ihm scheint alles Irrtum und Verrat,
denn er war nicht dabei, er hat seinen Segen nicht dazu gegeben, und es
erbittert ihn, da er entbehrlich gewesen ist. Da er selbst in
entscheidender Stunde versagt hat, ist aus seinem Gedchtnis
hinweggewischt, mu auch hinweggewischt sein; wer kann sich anderthalb
Jahrzehnte lang einem andern als geistigen und seelischen Schuldner
verdingen? Das wrde ihn zugrunde richten. Er beharrt also lieber dabei,
da er einst fr das Wohl und Wehe des Kameraden verantwortlich war,
und da mit dem Tag, wo seine Macht und seine Verantwortlichkeit zu
wirken aufgehrt haben, das bel begonnen hat. Im Verborgenen bewahrt er
wohl auch eine unbeglichene Dankbarkeitsrechnung, deren er sich schmt,
die aber doch seinen Groll vermehrt. Kommt dann noch hinzu, da sein
eigenes Geschick den gehofften Aufstieg nicht genommen hat, da er noch
an alten Lasten schleppt, in alten Ketten seufzt, indes der
Leidensgenosse von ehedem ein Ziel erreicht hat, wenn schon nach seiner
Ansicht ein falsches und verwerfliches, so wird die Situation so
peinlich, so hintergrndig, wie sie eben zwischen uns war.

Ich hatte hnliche Begegnungen fter. Eine vom grbsten Zuschnitt, wo
die Dankbarkeitsrechnung brutal hingehalten wurde, will ich in
Einschaltung erzhlen: Eines Tages traf ich in Frth einen frheren
Schulkameraden, in dessen elterlichen Haus ich als Fnfzehn- und
Sechzehnjhriger verkehrt hatte. Man hatte mich freundlich aufgenommen,
obschon, da die Leute vermgend waren und ich demnach von geringerem
Stande, mit einer Herablassung, die ich damals gerechtfertigt fand. Der
junge Mensch, der ber reichliches Taschengeld verfgte, hatte mir dann
in den Nrnberger Notjahren hier und da mit einem Goldstck ausgeholfen;
er wute um meine literarischen Bemhungen, gab sich mir gegenber als
Gnner, und um ihn bei guter Laune zu erhalten, las ich ihm bisweilen
meine Versuche vor. Er war mit meinem Garrick befreundet, und dieser
hatte ihm, als er die Stadt verlie, um nach England zu gehen, ganze
Berge von meinen Manuskripten und Briefen zur Aufbewahrung bergeben.
Als ich ihn nun, mehr denn zwanzig Jahre danach, auf der Strae sah und
wiedererkannte, hielt ich ihn an, begrte ihn arglos und fragte, ob er
sich der Handschriften erinnere, und ob sie noch in seinem Besitz seien,
es lockte mich, sie einmal durchzusehen. Ich habe selten einen
derartigen Ausdruck von Ha, philisterhafter Bosheit und beleidigtem
Dnkel in einem Gesicht vereinigt gesehen. Er antwortete: Wie, du wagst
es, eine Sache zurckzufordern, auf die ich nach allem, was ich fr dich
getan habe, ein Eigentumsrecht geltend machen kann? Du wagst es, einen
Menschen wegen dieser Makulatur zu behelligen, der dich mit Wohltaten
berschttet hat, und um den du dich zweiundzwanzig Jahre lang nicht
gekmmert hast? Solche Undankbarkeit schreit zum Himmel. Damit drehte er
mir den Rcken. Es ist keine bertreibung, er gebrauchte genau diese
Worte und sprach von Wohltaten und Undankbarkeit.

Zwischen mir und dem Freund war noch etwas anderes in der Schwebe als
die erkaltete Beziehung aus vergangener Zeit, der keiner von uns mehr
Wrme und Odem einhauchen konnte, obwohl wir Mhe aufwanden, uns
einander glauben zu machen, es sei noch alles wie vordem. Ich arbeitete
damals im stdtischen Archiv; an den Nachmittagen verabredeten wir uns
zu Ausflgen in die Umgegend. Das Wunderliche war, da der Freund mit
keiner Silbe eines meiner Bcher erwhnte, als htte er nie eins
gelesen, als htte er nie davon gehrt. Ich htte ihn aber schlecht
gekannt, seine Wachsamkeit, sein rege sphendes, immer argwhnisches,
immer eiferndes Interesse fr alles, was in der geistigen Sphre
vorging, wenn ich nicht gewut, mit Sicherheit htte annehmen drfen,
da er jede Zeile von mir, deren er habhaft werden konnte, mit Begier
verschlungen hatte; nicht mit Liebe, da ich ihm ja als ein aus der
Zucht, seiner Zucht Entlaufener und deshalb Miratener erscheinen mute,
aber doch mit der ihm eigenen Hartnckigkeit, eben um die Tiefe meines
Sturzes sich immer von neuem zu beweisen. Es stand ihm an der Stirn
geschrieben.

Trotzdem befremdete mich dieses Schweigen sehr, und in meinem
bedrckten, bedauernden Nachdenken fand ich eine Ursache, die mich
freilich in seinen Augen wesentlicher hatte schuldig machen mssen als
durch die Trennung der Wege und die Loslsung von gemeinsamen Zielen.
Es war der Umstand, da es in zweien meiner Romane eine Figur gab, die
durch eine gewisse Konstellation von Charakterzgen und Gewohnheiten auf
ihn als Modell wies. Ich leugne nicht, da er mir bei der Zeichnung der
betreffenden Person zum Vorbild gedient hatte, und da die
Verhnlichung, die aber durchaus keine Vernmlichung bedeutete, nicht
gerade schmeichelhaft fr den Lebendigen ausgefallen war. Ich hatte
keinerlei Vertrauensbruch begangen; weder Verrat noch Bezichtigung
konnte ich mir vorwerfen; es war nichts zu verraten, es war nichts zu
bezichtigen; um so weniger konnte von schlimmer Absicht die Rede sein,
als in die Gestalt auch viel von eigenen Leiden, Verwirrungen und
Dunkelheiten bertragen war und in jenen Jahren wirklichkeitsschtigen,
wirklichkeitsbangen Schaffens dieser Mann, dieser Freund, dieser Feind,
wenn man will, wie ein Bruder-Ich vor mir gestanden war. Feind und
Bruder, wie nah ist das oft. Ich hatte in der Figur etwas Neuartiges
darzustellen versucht, das mich bis zur Angst beunruhigt hatte: den
Juden-Christen, den Deutschen von zweifelloser Reinheit der Abstammung,
der aber vermge einer merkwrdigen Chemie des Schicksals oder der
Elemente unverkennbare jdische Eigenschaften besitzt, jdische Glut,
jdische Verschlagenheit, jdische Labilitt, jdische Augenblickhaftigkeit.
Da ist etwas vorausempfunden und -geformt, eine Verwandtschaft des
ueren Loses und inneren Seins zwischen Deutschtum und Judentum, das
seitdem sogar an die Oberflche ffentlicher Diskussion gedrungen ist,
und worauf ich auch werde zurckkommen mssen.

Es ist ein heikles Ding, wie der Schriftsteller sich verhalten soll,
wenn er vor die Notwendigkeit gestellt ist, Personen seines Umgangs, ja
solche, die nur harmlos seine Nhe gesucht haben, in seine dichterische
Welt zu transponieren. In der Jugend ist man darin ziemlich
unbedenklich; ich zum mindesten war es; man nimmt es auf sich; brechen
alte Bande, knpfen sich neue; man ist stolz darauf, vor nichts
zurckzuschrecken, auch vor heillosen bergriffen nicht; alles soll die
Kunst wieder gut machen, auch wo man menschlich sich vergangen hat, als
ob das mglich wre. Ich hatte einmal, in den Zigeunerjahren, einen
Ehrenhandel mit einem Schauspieler, einem ganz famosen Mann, den ich in
einer leichtsinnig hingeschriebenen Geschichte als komischen Hahnrei
geschildert und dem Gelchter einer literarischen Kaffeehausgesellschaft
preisgegeben hatte. Es war unntzes Zeug, kaum zu entschuldigen als
Handwerksbung. Ich erinnere mich, da ich eines Tages einen uerst
verzweifelten Brief von Gustaf af Geijerstam aus Schweden erhielt, worin
er mir mitteilte, da er ruiniert und verloren sei, da ihn Strindberg in
den Schwarzen Fahnen, fr alle Leser kenntlich, als den Auswurf und
die Pest seines Landes gezeichnet habe. Er frchtete, da die Kenntnis
davon auch nach Deutschland gelangt sei und bat mich, fr ihn
einzutreten. Das war nun aus mancherlei Grnden untunlich; wie durfte
ich mich in die schwedischen Hndel mischen. brigens starb Geijerstam
kurze Zeit hernach; seine Freunde behaupteten, aus Scham und Kummer.

So weit geht es ja selten. Aber wo ist die Grenze? Wir wissen, auch
Kestner konnte nicht darber hinwegkommen, da Goethe im Werther die
befreundete Familie blogestellt hatte. Es wird erzhlt, da die
Moskauer und Petersburger hohen Kreise, als Anna Karenina erschienen
war, sich weniger mit den Vorzgen des Werkes als damit beschftigten,
die Urbilder der handelnden Figuren mit neugieriger Schadenfreude
ausfindig und namhaft zu machen. Was ist erlaubt, was steht frei? Was
ist verboten, was verbietet sich von selbst? Htte der grere Knstler
die grere Befugnis? Sonderrechte der Rcksichtslosigkeit und
Ausschlachtung? Doch wohl kaum, da es auch in dem Bezug keinen
Richtspruch von zulnglicher Kompetenz gbe. Ich kann auf die
Wirklichkeit und ihre Nahrungszufuhr nicht verzichten, wenn ich nicht
mit meinen Geschpfen ins Bodenlose geraten will. Die Farbe der Natur
nicht zu berschminken, ihre Wahrheit nicht willkrlich umzubiegen,
erfordert mehr Kraft und Mut als eine romantisierende, falschidealistische
Erhhung und Verallgemeinerung. Der Mangel an realer Bindung ist Schuld
an der verwsserten Tragik, grundlosen berhitzung und schematischen
Zuspitzung, die die mittlere deutsche Erzhlung so schwer geniebar
machen. Andrerseits geht es nicht an, Schicksale und Menschen nur um des
Interessanten oder Ausnahmshaften, das ihnen eigen ist, an den Pranger
zu stellen; was unbedingt des andern Eigentum ist, und was er zu
bewahren wnscht, darf ich ihm nicht rauben und entreien; verkleide
ichs, veredle ichs auch, fr ihn verzerrt es sich, und er mu sich
verarmt dnken. Dennoch gibt es Flle, wo die uere Verpflichtung einer
gebieterischen inneren zu weichen hat; dann aber kann es sich nicht mehr
um das blo Interessante und Ausnahmshafte handeln, sondern um das
Gltige und Tragende, um Vision, um Wandlung, um Erneuerung. Dann wird
auch der Vorwurf des Verrats und Raubes hinfllig; bleibt
miverstndlicherweise ein Odium davon, so verweht es die Zeit;
Menschengeschehen ist flchtig, und Menschen sind vergnglich; sein
Gesetz erhlt das Schicksal erst durch den Dichter. Aber was die
Abschreiber und Klitterer der Wirklichkeit aus ihr machen, ist noch viel
vergnglicher als Mensch und Geschehen. Diese zufllige grobe
Wirklichkeit; mit ihr ist in der Regel wenig anzufangen, wenig zu
leisten; sie ist ein ungeheurer Materialspeicher, und ist kein Auge da,
das das Verworrene entwirrt, im Vielfltigen das Einfache wahrnimmt, in
den Schlacken das Edelmetall, unter Fratzen das Gesicht, im Stckwerk
die Andeutung des Ganzen, im Abgeirrten das Gesetz, was ist sie dann
ntze? Der Augenschein gehrt mir, unter allen Umstnden; wer drfte ihn
mir bestreiten? Wozu ich ihn umschaffe, ist Sache der Gnade.




17


Aber ich will von einem Gesprch zwischen mir und dem Freund berichten.
Er erkundigte sich nach meiner Familie, und ob sie sich mit mir
ausgeshnt habe. An meinen persnlichen Verhltnissen zeigte er
lebhaften Anteil. Obwohl der Dialog durch die Ausschlielichkeit, mit
der er sich an das Thema hielt, etwas Gezwungenes bekam, stand ich ihm
ohne Rckhalt Rede. War ich auch nicht mehr der verhungerte Skribent,
der ihm ehemals Brde gewesen, und den er von sich gestoen, so bte er
doch noch immer Macht ber mich aus. Solche Macht, die ein Erfahrener,
berlegener ber einen irrend Suchenden erlangt, geht berhaupt nie ganz
verloren, es sei denn, der eine oder der andere verlre sich selbst.
Auerdem bewahrte ich dem merkwrdigen Mann eine Anhnglichkeit, die ihm
gewi fhlbar wurde.

Es kam mir vor, als wollte er mich nach einer bestimmten Richtung
ausholen, und endlich fragte er mich geradezu, ob ich noch wie zu jener
Zeit berzeugter Jude sei. Ich antwortete: berzeugter Jude? Mit dem
Beiwort wisse ich nichts Rechtes anzufangen. Ich sei Jude, damit sei
alles gesagt. Ich knne es nicht ndern; ich wolle es nicht ndern. Also
htte ich mich nach der einen Seite entschieden? fragte er und sah mich
mit seinem scharfen Blick durch die Augenglser an. Ich versuchte, ihm
zu erklren, da ich zu der Erkenntnis gekommen sei, diese Entscheidung
sei keine Notwendigkeit fr mich. Nur fr diejenigen sei sie eine
Notwendigkeit, die sich entschlossen htten, das Feld ihrer Wirkung
freiwillig zu beschrnken und sich damit zufrieden gben, entweder aus
dem Stolz des ungerecht Verkannten heraus, oder aus Mdigkeit und
Schwche; fr diejenigen dann, nach der andern Seite, die die Schiffe
hinter sich verbrannt htten und sich dem Proze der Anpassung,
Angleichung mit mehr oder minder gutem Gewissen, mehr oder minder guter
Haltung berlieen. Zu beidem fehle mir die Lust, zu beidem auch der
Grund. Ich stnde in der Welt mit einer Sendung; so viel htte ich schon
zu spren bekommen, da ich mich darin nicht irre, mich nicht gleichsam
als leibhaftige Lge zu betrachten habe, was dieses Bewutsein anging.
Und darin hatte ich mich zu erweisen, in nichts sonst, darin zu
entscheiden, und nicht etwa ein fr allemal und mir's dann bequem werden
zu lassen in meiner Haut, nein, Tag fr Tag, bei jedem Schritt, mit
jedem Atemzug. Ich wute, da ich bers Ziel scho mit dem
Bequemwerdenlassen in meiner Haut, aber es fiel mir pltzlich wie
Schuppen von den Augen, da ich inne wurde, was mit den Entscheidungen
gemeint war, die nicht in der eigenen Brust gefordert werden, sondern
vom anderswollenden, herrschschtigen, zwiespltigen Andern. Es sind
Abdrngungen, Gebietsschmlerungen, Verzichtserklrungen, die er haben
will. Schranke will er setzen; sich will er entgegensetzen, sein Urteil,
seinen Begriff, seine Form. Der Freund war etwas erstaunt ber mein
Ungestm; er erwiderte bedchtig, da nhme ich entweder zu viel auf
mich, das Unmgliche sogar, oder er msse glauben, ich begnge mich
damit, ein geistiges Luxusamt zu verwalten. Das verstand ich nicht; ich
bat ihn, sich deutlicher auszudrcken. Er sagte: es ist umsonst. -- Was?
Was ist umsonst? -- Er schaute mich an. Der Geist in uns und der Geist in
euch mischt sich nicht, sagte er, es ist nie gewesen, es wird nie sein.
Es gibt keine Blte, es gibt keinen Organismus, es gibt Konglomerat. Wo
die Mischung scheinbar gelungen ist wie etwa bei Felix Mendelssohn, ist
doch kein Tiefgang da, auch keine wirkliche Verschmelzung; es ist eine
geniale Zwitterbildung mit briggebliebenen Rudimenten, begnstigt durch
eine Epoche, in der die Invasion des fremden Wesens noch unbetrchtlich
war und die Witterung fr die Gefahr schwach. Damals und wohl noch ein
halbes Jahrhundert lang lag mehr an der Kunst als am Menschen, man
erklrte die Kunst fr neutral; heute wird der Mensch geprft und
gewogen, und wir wissen, da die verfhrendste, vollendetste Kunst Gift-
und Krankheitskeime aussen kann.

Mir war das alles nicht neu und doch wieder neu. In gewisser Beziehung
war es wahr, in gewisser ein Abschaum von Unvernunft und Verdrehung. Es
war sehr deutsch, wie mir vorkam, sehr borniert, sehr kategorisch,
Philosophie und Weltgericht aus eigener Machtvollkommenheit. Statt zu
widersprechen, fragte ich ihn, ob er Bcher von mir kenne, irgendeines,
ein einziges nur; er werde begreifen, da ich mich nicht aus Eitelkeit
danach erkundige. Seine Zge wurden sonderbar starr. Ich lie ihn nicht,
ich bedrngte ihn wie Jakob den Engel. Warum er es verhehle? Ob sie ihn
nicht wankend gemacht htten an seinem Lehrsatz? Ob er mit der
geringsten Kenntnis davon als ehrlicher Mann, als denkender, schauender,
fhlender Mann das Wort aufrechterhalte? Er wich aus. Er schien
betreten, ja beklommen. Schlielich sagte er: Wenn ich es auch in deinem
Fall bedingungsweise zugeben knnte, was wre damit bewiesen? Ich will
es zugeben, weshalb nicht? Ich war ja stets der Meinung, du seiest ein
Ausnahmeexemplar, ich will zugeben, da du Strme des Ostens zu uns
geleitet, Gesichte des Ostens uns entschleiert hast; zugeben, da
deutsche Art in dir ist, Art von unserer Art, rtselhaft wie, aber sie
ist da; zugeben, da da etwas wie Verschmelzung, neue Synthese vor sich
gegangen ist; aber was ist damit bewiesen? Es wre nur die Regel
besttigt.

Darauf antwortete ich ihm, inbrnstiger und eindringlicher, dnkt mich,
als ich je zu ihm gesprochen: Ist es vorstellbar, so ist es mglich.
Gibt es die Idee davon, so ist die Erscheinung nur die nchste Folge.
Hat es ein Einzelner erreicht, so ist es berhaupt erreichbar. Ich bin
nur scheinbar ein Einzelner, ich stehe fr alle, ich bin Ausdruck eines
bestimmten Zeitwillens, Geschlechterwillens, Schicksalswillens. In mir
sind alle, auch die Widerstrebenden, ich schaffe Bahn fr alle, ich
rume die Lge weg fr alle, und da ich da bin, ist Beweis. Die
Ausnahme besttigt nicht die Regel, sie bricht die Regel. Es ist immer
ein erster Tropfen, der den Felsen durchhhlt.

Ich wei nicht mehr, was er mir entgegnete. Wir trennten uns dann bald.




18


Ich war schon um die Mitte des Jahres 1898 von Mnchen weggezogen und
hatte mein Domizil in Wien aufgeschlagen. Dort konnte meines Bleibens
nicht lnger sein. Wie schon angedeutet, hatte mich eine Frau an den
Rand des Verderbens gebracht, und htte ich nicht das unheilvolle Band
mit einem leidenschaftlichen Entschlu durchschnitten, so wre es mit
mir zu Ende gewesen. Vier Jahre hatte ich dumpf und flammend in einer
erotischen Sklaverei verbracht, namenlos erfllt, unbedingt hingegeben,
dabei geschndet und mibraucht im Innern; meine ganze Natur war davon
versengt und angefault, meine moralische Existenz bedroht, meine
brgerliche schwankte schon, Freunde kehrten sich ab, Wohlwollende
verschlossen mir ihr Haus, Verleumdung und Klatsch besudelten meinen
Namen, und so gab es am Ende keine Rettung als Bruch und Flucht.

Vielleicht htte ich mich nicht aufzuraffen und die Fesseln zu zerreien
vermocht, wre nicht ein junges Mdchen gewesen, eine siebzehnjhrige
russische Jdin, die wie ein liebendes Madonnchen in meinen
verwunschenen Kreis trat und, wenn ich's recht bedenke, die erste
Glckbringerin war. Nur durch ihre Art zu sein, zu lcheln, zu
verstehen, eine stummschenkende, ergreifend wahre Art, half sie mir ber
das Schwere und machte, da ich verga und beharrte. Sie war
Tabakarbeiterin, in rmlichsten Verhltnissen, doch sie htte eine
junge Frstin sein knnen; sie war so stolz wie anmutig, so groen Sinns
wie gehalten in ihrem Wesen. Rasch, wie wir uns gefunden, verloren wir
uns wieder.

Das Leben in Wien und sterreich wirkte wohlttig auf mich durch seine
leichtere Form. Da waren Widerstnde aufgehoben, die ich bei uns auf
Schritt und Tritt gesprt hatte. Die Menschen kamen mir freier entgegen,
williger, offener, und wenn es sich auch meistens erwies, da sie sich
durch ihr Entgegenkommen nicht fr sonderlich verpflichtet hielten, ja,
da sie gewissermaen jedem ausgestellten Wechsel auf Verllichkeit mit
naivem Bedauern bei der Vorzeigung die Anerkennung und natrlich auch
die Zahlung verweigerten, berhaupt in listig-unschuldige Verwunderung
gerieten, wenn man sich einfallen lie, aus ihrem Wort die Folgerung des
Vertrauens zu ziehen, so war doch der Alltag ohne die verletzende
Reibung, der Ton des Verkehrs gutmtiger und unverfnglicher. Man mute
nur wissen; man mute sich mit einer bestimmten Erfahrung grten und
nicht immer mit dem schmucklosen Anspruch auf den Plan treten. Das lernt
sich. Es lernt sich auch bei einiger Schmiegsamkeit in Italien, wo
verwandte Fehler den moralischen Hochmut des Deutschen reizen.

Aber dies geht wohl tiefer, und es ist ntig, die Tiefe zu sondieren.
Ich lebte ja nicht nur dem Bild und Gedicht; ich war auch, im heimlichen
Bewutsein, darauf angewiesen, den Boden zu erforschen, auf dem es
Wurzel schlgt und die Atmosphre, in der es gedeiht. Ich wute um die
Menschen, die Vorwand waren zur Gestalt, und in die Absonderung, die ich
mir hart erkmpfte, drang ihre Welt noch laut genug. Heute steht diese
sterreichische Welt vor mir, wie ich sie zwei Jahrzehnte hindurch
erlebt habe, halb nehmend, halb wehrend.

Ich war als erzogener Deutscher gewhnt, eben das Deutsche, Land und
Volk, als ein Ganzes zu empfinden, unbezweifelbar, in seiner Rundheit
und Falichkeit erfreulich, in keinem Bezug mizuverstehen. Hier dagegen
war durchaus alles fragwrdig, Land, Volk, Staatsform, Lebensform,
Nationalitt und Gesellschaft, berlieferung und Abfall von ihr, Politik
und Kunst, Organisation und Individuen. Das Fragwrdige bt Lockung aus,
namentlich in seiner Oberflchenschicht, und die Genieer und
Ferienbeobachter haben ja nicht versumt, sich in ihrer Weise daran zu
letzen. Aber das immer heftigere Gegeneinander der verschiedenen Krfte
fhrte zum Verhngnis. Eine von Jahrhunderten legitimierte Bedrckung,
die unter der Flagge von Schlichtung und Ausgleich selbstschtige
Herren- und Hausmachtpolitik trieb, konnte nicht ohne Einflu auf das
ffentliche und private Leben bleiben. Die mit trger Geduld
vollgesogene Masse war solange Spielball und Opfer einer herzlosen
Regierungsmaschinerie gewesen, solange betrt und betrogen von einem
System, das sich aller verfgbaren Krfte schlau zu versichern wute, um
sich im gegebenen Zeitpunkt, der Versprechungen und Vertrge nicht
achtend, mit frivolem Achselzucken ihrer zu entledigen, solange das
Mittel zum Zweck fr eine Minderzahl von Mchtigen, an deren Vorrechte
es glaubte oder zu glauben gezwungen wurde, solange bevormundet in
seinen geistigen und religisen Bedrfnissen, so sehr daran gewhnt,
gierige Ansprche zu erfllen: der Kirche, des Hofes, der Aristokratie,
des Grogrundbesitzes, da keine Menschenweisheit dies zum heilsamen
Ende lenken konnte.

sterreichische Art wurde im Reich mit einer gewissen nachsichtigen
Geringschtzung betrachtet. Wenn irgendein Berliner Bruder Liederlich
nach Wien kam, irgendein Spiebrger, der in seiner heimischen
Langeweile anspruchsvoll geworden war, und vom sen Schaum des
sdlicheren, flinkeren Lebens genippt hatte, fand er sich zum dauernden
Zensor ber Land und Menschen befugt. Jedes Urteil war Vorurteil. Das
geschmackvolle und bestechende Kostm der Metropole, angeborene
Ritterlichkeit und Gastlichkeit der Bewohner tuschte ber die Wunden
und Abgrnde. Man war nicht scharfsichtig, man war nicht genau, man nahm
es nicht ernst. Ob es sich um Buch oder Bild handelte, um Lehre oder
Kunst, die von dort ausging: man nahm es nicht ganz ernst. Auer bei
Musik und Schauspielerei; da lag Unwidersprechliches vor,
unwiderlegliche Meisterschaften, die waren Verdienst und ureigenste
Blte, wenn schon nicht selten beide durch ppigkeit und gar zu
unbeschwerte Heiterkeit dem grndlicher veranlagten Stammesgenossen sich
verdchtig machten, wo es gerade noch erlaubt war, Verdacht zu hegen.
Kurz, man hatte seine Einwnde, seine Klauseln und Abstriche auf der
groen Merktafel. Ich habe selbst Erfahrung darin. Von der Zeit an, wo
ich meine Bcher in sterreich schrieb, war ich in den Augen von vielen
meiner deutschen Kritiker gesunken. Man konnte mich, logischerweise,
nicht mehr ganz ernst nehmen. Auch nahe Freunde unkten, warnten und
verbelten es mir, da ich bei den Phaken sehaft geworden war.

Da ich durch das allgemeine wie durch das Wesen einzelner empfindlich
zu leiden hatte, will ich nicht leugnen. Heute, wo die Zerstrung am
Tage liegt, der deutsche Teil der Nation ins Mark getroffen ist, seine
Krfte verwirtschaftet, seine Hilfsquellen erschpft sind, wei jedes
Kind Bescheid. Mich bedrckte die Ahnung lange zuvor. Denn ich sah, es
war kein Mittelpunkt und keine Gemeinsamkeit; das bis zum Zynismus
offene Bekenntnis der sich selbst sprenden Unzulnglichkeit widerte
mich; es widerte mich der Taumel, die Zermrbung, der geistlose
Despotismus, die Zuchtlosigkeit. Schden wurden nicht erkannt oder, wenn
erkannt, so verschwiegen; die Politiker waren durch Parteircksichten
gehemmt, wobei eine perverse Jovialitt selbst ihre Gehssigkeit
abstumpfte; die Schriftsteller in ihrer Mehrzahl waren nicht unabhngig
oder, wenn unabhngig, so einseitig an Sexualitt, Theater und
berschminkte Gesellschaftlichkeit verdingt, was bis zu niedrigem
Klatsch und grinsender Felonie ausarten konnte. Keine menschliche
Bettigung fand einen Widerhall, kein hheres Interesse selbstlose
Zustimmung; wer Wege abseits vom Trivialen und Beliebten suchte, war
verfemt, und jede Ttigkeit, die eine innere, fernere Folge haben
sollte, wurde besudelt oder schlechthin verlacht.

Aber der Deutsche htte sich durch das Wissen um die Schatten und
Laster, das ja oft von dorther rhrendes Eingestndnis war, nicht
beirren lassen drfen. Er hat durch seine berheblichkeit im Entstehen
vernichtet, was sicherlich einmal bestimmt war, ihn reicher, voller,
ausgeglichener zu machen. Er htte Erbe eines blhenden Besitzes sein
knnen; jetzt wchst ihm, bestenfalls, ein geplnderter zu. Liebe zu
erwecken hat er nirgends verstanden, so auch hier nicht. Er achtet die
Herzen nicht, er zertritt sie plump, indem er ihnen Vorschrift einblut.
Dieses sterreich, ich sehe von den Menschen ab, in seiner Flle von
beseelter Landschaft, heroischer und idyllischer, zarter und gewaltiger,
einschmeichelnder und grandioser, der Durchsichtigkeit und Weichheit
seiner Atmosphre, seiner Helligkeit, seiner Unverbrauchtheit, knnte
wohl in manchem Betracht heilend, erneuernd und umwandelnd auf deutsches
Wesen wirken; ich mchte sagen musikalisierend, wenn das Wort gelten
darf. Mich wenigstens hat es geheilt, erneuert und umgewandelt, als ich,
ein Gebrochener, dort Aufnahme fand. Es hat mich, vielleicht durch seine
Landschaft, vielleicht durch seine Luft, vielleicht durch seltene
Menschen auch, die mir begegnet sind, gelehrt, was Form ist, Zucht der
Sinne, Rhythmus der Linie. Drauen hatte ich die Pfeiler gesetzt, hier
konnte ich die Bogen wlben.

Was nun die Menschen im allgemeinen betrifft, so ist ihnen, im guten wie
im schlimmen, etwas Naturhaftes eigen, Wechsel und Laune der Natur,
Unbedingtheit und Bildsamkeit. Ein leiser Hauch von Orient weht um sie;
von uralten germanischen, rmischen, keltischen Elementen sind sie
getragen; die Nhe slawischer Welt und stellenweise Durchblutung von ihr
hat den Charakter vielfach erweitert und vertieft; Traditionen der
Vergangenheit sind noch tragfhig; das Individuelle ist noch nicht
berzchtet, das Typische noch nicht leer; es ist noch Gebrde da,
Maske, Spiel, Dunkelheit in der Entwicklung, Geheimnis in der Beziehung.




19


Ein Umstand machte mich bereits nach kurzem Aufenthalt in Wien stutzig.
Whrend ich drauen mit Juden fast gar keinen Verkehr gepflogen hatte
und blo hier und da einmal einer, von dem es weder ausdrcklich von
andern noch von ihm selbst betont wurde, da er Jude sei, in meinem
Bezirk aufgetaucht war, zeigte es sich, da hier fast alle Menschen, mit
denen ich in geistige oder herzliche Berhrung kam, Juden waren.
Auerdem wurde es von andern stets betont, und sie betonten es selbst.
Dies zwang mich zur Abwehr, da mir eine solche Exklusivitt das
Blickfeld beengte.

Ich erkannte aber bald, da die ganze ffentlichkeit von Juden
beherrscht wurde. Die Banken, die Presse, das Theater, die Literatur,
die gesellschaftlichen Veranstaltungen, alles war in den Hnden der
Juden. Nach einer Erklrung mute man nicht lange suchen. Der Adel war
vollkommen teilnahmlos; mit Ausnahme einiger Fehlgeratener und
Ausgestoener, einiger Abseitiger und Erleuchteter, hielt er sich nicht
nur ngstlich fern von geistigem und knstlerischem Leben, sondern er
frchtete und verachtete es auch. Die wenigen patrizischen
Brgerfamilien ahmten dem Adel nach; ein autochthones Brgertum gab es
nicht mehr, die Lcke war ausgefllt durch die Beamten, Offiziere,
Professoren; danach kam der geschlossene Block des Kleinbrgertums. Der
Hof, die Kleinbrger und die Juden verliehen der Stadt das Geprge. Da
die Juden als die beweglichste Gruppe alle brigen in unaufhrlicher
Bewegung hielten, ist nicht weiter erstaunlich. Dennoch war meine
Verwunderung gro ber die Menge von jdischen rzten, Advokaten,
Klubmitgliedern, Snobs, Dandys, Proletariern, Schauspielern,
Zeitungsleuten und Dichtern. Mein Verhltnis zu ihnen, innerlich wie
uerlich, war von Anfang an ein hchst zwiespltiges. Um aufrichtig zu
sein, mu ich gestehen, da ich mir bisweilen wie in Verbannung geraten
unter ihnen erschien. Ich war bei den deutschen Juden mehr an
brgerliche Abgeschliffenheit und soziale Unaufflligkeit gewhnt. Hier
wurde ich eine gewisse Scham nie ganz los. Ich schmte mich ihrer
Manieren, ich schmte mich ihrer Haltung. Die Scham fr den andern ist
ein ungemein qulendes Gefhl, am qulendsten natrlich, wo Blut- und
Rasseverwandtschaft im Spiel ist, und man durch ein unabwlzbares
inneres Gebot wie infolge moralischer Selbsterziehung verpflichtet ist,
fr jede uerung und jede Handlung von ihm in irgendwelcher Weise
einzustehen. Wahre Verantwortung ist wie ein mit Herzblut
unterschriebener Vertrag. Er bindet ber alle Einwnde der Vernunft
hinaus, und Freiwilligkeit und Urteil vermgen nichts gegen ihn.

Diese Scham steigerte sich manchmal bis zur Verzweiflung und bis zum
Ekel. Anla war das Geringe wie das Bedeutende; das Idiom; schnelle
Vertraulichkeit; Mitrauen, das das unlngst verlassene Ghetto verriet;
apodiktische Meinung; mige Grbelei um Einfaches; spitzfindiges
Wortefechten, wo nichts weiter ntig war als Schauen; Unterwrfigkeit,
wo Stolz am Platze war; prahlerisches Sichbehaupten, wo es galt, sich zu
bescheiden; Mangel an Wrde, Mangel an Gebundenheit; Mangel an
metaphysischer Befhigung. Gerade dies letztere bestrzte mich am
meisten und am meisten bei den Gebildeten. Es ging ein Zug von
Rationalismus durch alle diese Juden, der jede innigere Beziehung
trbte. Bei den Niedrigen uerte es sich und wirkte im Niedrigen,
Anbetung des Erfolgs und des Reichtums, Vorteils- und Gewinnsucht,
Machtgier und gesellschaftlichem Opportunismus; bei den Hheren war es
das Unvermgen zur Idee und Intuition. Die Wissenschaft war ein Gtze;
der Geist war unumschrnkter Herr; was sich der Errechnung versagte, war
untergeordnete Kategorie; errechnet werden konnte auch das Schicksal,
zerfasert die heimlichsten, dunkelsten Gebiete der Seele. Es war
berhaupt in ihnen ein Wille und Entschlu zur Entgeheimnissung der
Welt, und sie wagten sich darin so weit, da in vielen Fllen, fr mich
wenigstens, Schamlosigkeit von Forschertrieb nicht zu unterscheiden war.
Mich dnkt, die Menschheit gewinnt auf der einen Seite nicht so viel
durch Entschleierung an Wissen und an Kraft, als sie auf der andern
durch Entweihung an Scheu und fragender Demut verliert. Wahrheit ist
doch nur im Bilde und in der Ehrfurcht.

Ausgezeichnete Eigenschaften einzelner traten im Umgang gewinnend
hervor, Verstand und Gte, Bereitschaft zu dienen, zu frdern, Blick fr
das Seltene, das Kostbare; sie hatten Wrme, Gabe der Ahnung sogar, ein
nervses Mitschwingen war ihnen eigen, ungeduldiges Vorauseilen oft,
wobei das Tempo ber die Intensitt und Tiefe tuschte. Ich lernte sehr
kultivierte Juden kennen, verfeinert bis zur Gebrechlichkeit; man htte
glauben mgen, mit ihnen als letzten mden Sprossen sei die Rasse am
Endpunkt der Bahn angelangt. Dann wieder Typen des entgegengesetzten
Geprges: unverbrauchte Sendlinge einer breiten, der europischen
Zivilisation noch abgekehrten, aber drohend zu ihr drngenden,
feindselig oder begehrlich von ihr faszinierten Schicht. Sie waren
erfllt von brutaler Entschlossenheit, sich durchzusetzen; sie kamen als
Eroberer, erzwangen sich Raum, bemchtigten sich binnen kurzem und in
skrupellosem Wetteifer der Hilfsmittel, die ihnen Staat und Gesellschaft
gewhrten. Zwanzig Jahre spter grndeten ihre Shne bereits
literarische Wochenschriften oder publizierten Gedichtbnde
allermodernsten Stils, und ihre Tchter hatten sich dermaen
mimikrisiert, da sie sich in Allre und Ausdrucksweise von den
Komtessen mit sechzehn Ahnen kaum mehr unterschieden. Daneben aber gab
es Erscheinungen von strenger Art, Einsame; Lautlose; beharrliche
Whler; Menschen von hagerer Geistigkeit, bei welchen die harte und
finstere Religion der Vter ein hartes und finsteres Verhltnis zum
Leben selbst erzeugt hatte. Unsinnlich, negierten sie, was an der
Menschheit Blte ist, bertragene Form und wurden, genau wie die Vter,
denen gegenber sie doch Abtrnnige waren, Geknechtete einer Lehre und
unermdliche Werber dafr. Auch sie waren entschlossen, sich
durchzusetzen.

Um die Zeit, als ich nach Wien kam, war gerade der Zionismus im
Entstehen. Der dauernde Zuzug aus dem Osten und Norden des Reichs schuf
eine vllig andere Stimmung unter den Juden und vllig andere
Zusammensetzungen, als sie mir bis dahin bekannt waren. Die Kunde von
den Schndlichkeiten, die die zaristische Regierung beging, die
unbezweifelbaren Zeugnisse ber Bedrckungen, Mord, Folter und
Vergewaltigung, Beugung des Rechts, Verhhnung des Gerichts, zudem die
jammervolle soziale Lage der Juden sogar in den sterreichisch-slawischen
Provinzen hatten nach und nach eine auerordentliche Grung
hervorgerufen, und einige Mnner von Mut und Willen widmeten sich dem
Plan der Errichtung eines palstinischen Reiches. Die Wirkung war
gewaltig. Da der Siedlungsgedanke nicht als solcher propagiert wurde,
da er sich als staatliche Grndung ins Politische gesteigert und
weiterhin als religise Idee in messianischer Fassung darbot,
verschaffte ihm zahllose Anhnger. Ich hrte damals von Juden, die
irgendwo in Podolien oder in der Bukowina ihr geplagtes Dasein
schleppten und in Trnen ausbrachen, als die neue Heilsbotschaft zu
ihnen gelangte. Ich hrte von solchen, die sich auf die Wanderung
begaben, tage-, wochenlang, um nur den Mann mit Augen zu sehen und, wie
sie sich ausdrckten, den Saum seines Gewandes zu kssen, den Propheten,
den Ersehnten, der ihnen die Mglichkeit dieses Glcks geschenkt hatte.
Sie hatten ja unter einem gefrorenen Himmel gelebt, seit Jahrhunderten,
und ihre Welt war ein Kerker gewesen.

Mein persnliches Verhalten zu dieser Bewegung war unsicher, bisweilen
schmerzlich unsicher. Erstens mute ich von Anfang an den Sinn ganz
anders richten, da ich mich ja in ganz andere Zusammenhnge eingelebt
hatte. Manche der Adepten sagten, ich msse erwachen, und ich wrde auch
eines Tages erwachen, zur Wahrheit und zur Tat erwachen. Sie wuten von
mir nichts. Zweitens hatte es sich gefgt, da ich mit dem Schpfer der
Idee gesellschaftlich in Berhrung gekommen war, und da ich weder
Zuneigung fr ihn fassen konnte, fr ihn als Schriftsteller nicht und
als Menschen nicht, noch an seine Ungewhnlichkeit und Gre zu glauben
vermochte, wie er es voraussetzte und heischte. Ich kann nicht umhin,
dessen Erwhnung zu tun, weil es mich im stillen oft beschftigt hat und
mir zum Selbstvorwurf geworden ist. Das Bedeutende eines Menschen
wesentlich und nachhaltig verkennen, wre nicht allein Blindheit,
sondern auch Verblendung. Ich war verstockt; ohne Zweifel auch nicht
willig; der Anblick und die Nhe kleiner Schwchen und Eitelkeiten
verdro mich, und Gefolgschaft zu leisten, war mir nicht gegeben, nicht
bestimmt. Weil ich den Menschen zu bersehen glaubte, bersah ich sein
Werk, schuldvolles Wortspiel, an das sich viel Wahn und Irrtum knpft.

Da ich von Juden immer wieder fr diese lebenswichtige jdische Sache
gefordert wurde, ist begreiflich. Es setzte mich stets in Verlegenheit.
Ich war bereit, die Leistung anzuerkennen, die dafr aufgewendet wurde,
Opfer und Hingabe, auch die Hoffnungen zu teilen, aber ich selbst stand
nicht da, wo sie standen. Ich fhlte nicht die Solidaritt, auf die sie
mich verpflichten wollten, nur weil ich Jude war. Die religise Bindung
fehlte, aber auch die nationale Bindung fehlte, und so, in meinem noch
nicht zur Klarheit gediehenen Widerstreben, vermochte ich im Zionismus
vorlufig nichts anderes zu sehen als ein wirtschaftlich-philanthropisches
Unternehmen. Es widerstrebte mir das, was sie die jdische Nation
nannten, rundweg gesagt, denn mir war, als knne eine Nation nicht von
Menschen gewollt und gemacht werden; was in der jdischen Diaspora als
Idee davon lebte, schien mir besser, hher, fruchtbarer als jegliche
Realitt; was war gewonnen, so schien es mir, wenn im Jahrhundert des
Nationalittenwahnsinns die zwei Dutzend kleinen, in Hader verstrickten,
aufeinander eiferschtigen, einander zerfleischenden Nationen durch die
jdische zwei Dutzend und eine geworden wren? Historisch-psychologisch
betrachtet, war ich vielleicht im Recht; die aus der Not geborene
Erscheinung gab mir in jedem Augenblick Unrecht. Und die Not baut den
Weg.

Der Konflikt blieb bestehen. Es handelte sich um die Menschen, um ihr
Antlitz, um ihr Wesen, um ihre Gebrde, ihr Wort, ob sie in mir waren
schlielich, ob ich in ihnen war. Ich konnte den oder jenen wrdigen,
schtzen, lieben, weil er so war, wie er war, eben dadurch wrdigens-,
schtzens-, liebenswert. Ich konnte aber nicht eine Gruppe, eine
Gesamtheit wrdigen, schtzen und lieben, nur weil man mich in den
Verband einschlo. Vielleicht knnen es andere; mich hatte Gott nicht so
geschaffen. Wirft man mir entgegen: um der Idee willen mut du die
Gruppe, die Gesamtheit, das Volk lieben, so erwidere ich: zu einer Idee,
einer unbeirrbaren, mich vllig durchdringenden und all meinem Tun
gebietenden war ich bereits geboren; sie durch eine andere zu ersetzen
oder ihr eine andere koordinieren, war nicht mglich, ist menschlich,
geistig, organisch nicht mglich, oder es geht nicht mehr um Wahrheit
und Ernst, sondern um Versuch, Gelegenheit und Lckenfllen. Was man ist
und tut, hat man ganz zu sein und zu tun; sonst knnte jeder die
Geschfte eines jeden betreiben.

Sah ich einen polnischen oder galizischen Juden, sprach ich mit ihm,
bemhte ich mich, in sein Inneres zu dringen, seine Art zu denken und zu
leben zu ergrnden, so konnte er mich wohl rhren oder verwundern oder
zum Mitleid, zur Trauer stimmen, aber eine Regung von Brderlichkeit, ja
nur von Verwandtschaft versprte ich durchaus nicht. Er war mir
vollkommen fremd, in den uerungen, in jedem Hauch fremd, und wenn sich
keine menschlich-individuelle Sympathie ergab, sogar abstoend. Viele
Juden, die sich Juden fhlen, verhehlen sich dies; einem Pflichtbegriff
oder Parteidiktat zuliebe oder um feindlichen Angriffen keinen Zielpunkt
zu geben, ben sie Zwang auf sich aus. Das hat in meinem Fall keinen
Zweck mehr. Ich rufe auch nicht zur Nachahmung auf und sage nicht, da
es gut war, was ich tat, und wie ich mich verhielt; ich schildere
einfach mein Erlebnis und meinen Kampf. Vor wenig Jahren sprach ich
einmal mit einem mir befreundeten Jdisch-Nationalen, einem sehr edlen
Mann und vorbildlichen Menschen ber das mich Bedrckende und die andern
Beirrende. Ich sagte: ist die Ursache des Zwiespalts nicht darin zu
suchen, da Sie ein jdischer Jude sind und ich ein deutscher Jude? Sind
das nicht zwei Arten, zwei Rassen fast oder wenigstens zwei
Lebensdisziplinen? Bin ich nicht dadurch ausgesetzter als die meisten,
da ich ja nach keiner Seite mich beuge, nach keiner Seite ein Kompromi
schliee und nur, auf einem Vorposten, mich und meine Welt zum Ausdruck
bringen, zur Brcke machen will? Bin ich so nicht am Ende ntzlicher als
einer, der auf eine bestimmte Marschrichtung vereidigt ist?

Er lie sich auf Errterung nicht ein und entgegnete lchelnd: Sie
sollen sich mit all dem gar nicht qulen; Sie sind Dichter, und als
Dichter haben Sie einen Freibrief. Ich erinnere mich, da mich die
Antwort schmerzte und verletzte, denn trotz herzlichen Wohlmeinens lag
eine gewisse ausweichende Abschtzigkeit in ihr, als wolle er sagen: wir
sind auf dich nicht angewiesen und knnen auf dich verzichten.




20


Wenn mir die Frage gestellt wrde: bei welchen Mnnern und Frauen hast
du am meisten Verstndnis, Ermunterung, Echo und Anhngerschaft
gefunden, so mte ich antworten: bei jdischen Mnnern und Frauen.

Wenn man an irgendeinen Dichter oder Knstler nichtjdischen Ursprungs
dieselbe Frage richten wrde, so mte, in der Mehrzahl der Flle,
dieselbe Antwort erfolgen. Ich habe die Probe gemacht; ich habe mich bei
vielen Leuten von Rang erkundigt; meine Vermutung, die schon halbe
Gewiheit ohnehin war, ist jedesmal besttigt worden. Und wer die
Lebenslufe der Neuerer und Schpfer des neunzehnten Jahrhunderts
erforscht, sei es in Briefen, in gelegentlichen, freilich oft sehr
versteckten uerungen, sei es im Urteil, nmlich im erstgeborenen
Urteil der Zeitgenossen, oder in den Formern und Trgern der
ffentlichen Meinung, wird es auch dort besttigt finden. Juden waren
Entdecker, Empfnger, Verkndiger, Biographen, waren und sind die
Karyatiden fast jeden groen Ruhms.

In meinem persnlichen Fall gibt es allerdings eine Erschwernis und eine
recht eigentmliche. Der gebildete Jude kann sich kaum entschlieen, an
die schpferische Fhigkeit eines Juden zu glauben. Mit abnehmendem Grad
der Bildung wird daraus die unverhohlene zynische Skepsis. Hier liegt
wahrscheinlich ein Atavismus zugrunde, die vom Zeitengedchtnis
aufbewahrte Gewhnung des Dichtbeieinander von Haus und Mensch;
Verkettetsein und Zueinanderverurteiltsein; ein rohes Ichkennedich
uert sich so, du machst mir nichts vor, ich wei zu viel von dir, ich
verstehe mich auch auf die Handgriffe; es ist, als begegneten sich zwei
Gaukler. Doch spre ich auch einen profunden Demokratismus darin, der
Jahrtausende zurckweist auf die natrliche Gleichheit bei
Nomadenvlkern, wo keiner sich ber den andern erhebt. Die Juden tragen
gegen ihre groen Mnner stets ein unausgesprochenes Gebot: du sollst
dich nicht ber uns erheben, denn vor Gott sind wir alle gleich.

Nun hat sich das bildende, gestaltenbildende Element bei den Juden
niemals frei entfalten knnen; die wahrhaft schpferische Gabe ist
verhltnismig sehr selten. Manche leugnen sie berhaupt; sie wrden
kein Beispiel gelten lassen, auch wenn man sich zuvor ber den Begriff
des Schpferischen mit ihnen einigte. Die Sehnsucht nach dem
Schpferischen steckt aber in den Juden tiefer als in jeder andern
Menschengattung; Sehnsucht nach dem Schpfer: sie erklrt sich aus dem
jdischen Gottesgefhl, aus der Gottesfurcht sozusagen, und es wre zu
untersuchen, wie und inwiefern Furcht und Sehnsucht gepaart ist oder
Sehnsucht die Furcht bedingt.

In zahlreichen Ab- und Zwischenarten sah ich Sehnsucht sich verknden,
verlarvt und verkleidet oft; lcherlich oft und bizarr; lgenhaft und
selbsterniedrigend. Ich kenne, kannte viele, die vor Sehnsucht nach dem
blonden und blauugigen Menschen vergingen. Sie betteten sich ihm zu
Fen, sie schwangen Rucherfsser vor ihm, sie glaubten ihm aufs Wort,
jedes Zucken seiner Lider war heroisch, und wenn er von seiner Erde
sprach, wenn er sich als Arier auf die Brust schlug, stimmten sie ein
hysterisches Triumphgeschrei an.

Sie wollen nicht sie selbst sein; sie wollen der andere sein; haben sie
ihn auserlesen, so sind sie mit ihm auserlesen, scheint es ihnen, oder
wenigstens als Bemakelte vergessen, als Minderwertige verhllt. Bis vor
kurzem bemerkte ich sie in allen Theaterfoyers, so selten ich auch in
Theater ging, und in allen Konzertslen. Ich wei nicht, ob sie noch
dort sind.

Eine ergtzliche Figur war mir ein junger Wiener Jude, elegant, von
gedmpftem Ehrgeiz, ein wenig melancholisch, ein wenig Knstler, ein
wenig Schwindler; den hatte die Vorsehung selbst blond und blauugig
geschaffen, aber siehe da, er glaubte nicht an seine Blondheit und
Blauugigkeit; er hielt sie im Innersten fr geflscht, und da er in
bestndiger Angst lebte, auch andere knnten an der Echtheit zweifeln,
ging er ber das deutsche Ideal noch einen Schritt hinaus und wurde
Anglomane, und zwar von strengster Observanz.

Aber was haben die Larven mit den Wesen zu tun? Ohne die Hingabe und den
untrglichen Enthusiasmus des modernen Juden wre es um das
Kunstverstehen und -empfangen der letzten fnfzig Jahre kmmerlich
bestellt gewesen. Das hat schon Nietzsche immer wieder betont, dem die
Antisemiterei, wie er es nennt, Greuel und Schrecknis war, mehr noch,
Beleidigung. Juden waren bereit; Juden hatten das Ohr, das lauschte, das
Auge, das sichtete; sie waren befhigt, das Geheimnis zu entdecken, das
Wunderbare zu fassen, das Unerkannte zu erkennen. Ihr ttiger
Enthusiasmus zwang oft genug den ffentlichen Geist zum Aufmerken, und
ich kannte solche, bei denen dann alles Ergriffenheit war, als seien sie
bis zur Stunde, die sie zu der beglckenden Sendung erwhlt, leeres
Gef gewesen und knnten nun den neuen Inhalt kaum tragen und ertragen.

Frauen insbesondere fand ich so. Jdische Frauen und Mdchen sind der
edelste und verheiendste Teil des Judentums; in ihren reinen Bildungen
unvergleichlich. Manche sind frdernd, einige rettend in meinen Bezirk
getreten, die ersten Besttigerinnen, die ersten, die nagenden Zweifel
stillten, dem Ruf antworteten, die Gestalt grten, die innere Welt
sozusagen agnoszierten.

Mir ist die gegenwrtig, die nach der Verffentlichung der Juden von
Zirndorf zu mir kam, als Fremde, mit beflgelter Eile, als htte sie
dringende Botschaft auszurichten, Botschaft gleichsam von vielen
Ungenannten. Sie bewirkte, da die Ungenannten auf einmal freudig meine
Einsamkeit bevlkerten, und da das phantastische Unglaubwrdige, als
welches jedes Werk, dem der es macht, erscheint, Bestand und Gltigkeit
gewann. Es handelt sich dabei nicht um Zustimmung und Bejahung, gewi
nicht um Beifall und Bewunderung, sondern schlechthin um die
Lebensprobe. Die wird entschieden durch solche Botinnen. Ich konnte ihr
spter schwer genugtun; sie war eigensinnig anspruchsvoll fr mich,
wollte immer das ausnahmshaft Letzte, verglich, prfte, wog, stellte
Muster vor mich hin und sagte sich vom Milungenen zornig los. berdies
mu ich lcheln, wenn ich denke, da gerade sie erstaunlich blond und
blauugig war.

Dann sehe ich das Bild einer andern, sehr Beschwingten; von unendlicher
geistiger Anmut, genialem Witz. Die Figur einer Dichtung war ihr so
wirklich, da sie mit ihr hadern, an ihr kranken konnte; bengstigend
ihr forderndes, glhendes Mitsein in einer Sphre, die den meisten nur
ein bemalter Vorhang ist. Da fhlt man sich dann wrtlich genommen;
verstanden wre ein ausgelaugter Begriff, denn es ereignet sich eine
sichtbare Wandlung, das Seltenste.

Wieder andere konnten sich geradezu ihres Schicksals entuern. Dabei
ist Verzicht, ja Askese; sinnliche Verkettung allein treibt so weit
nicht, das Bild allein nicht. Ohne Zweifel ist eine Seelen- und
Blutverfassung im Spiel, die den westlichen Rassen nicht eigen ist, eine
mediumistische Fhigkeit, bereichert und erhht durch den Willen zur
Wahl und erst nach vollzogener Wahl sich hinzugeben.




21


Ich frchte aber bisweilen, da die Blte dieser Entwicklung vorber
ist. Meine Zeichen sind: ich sehe Trunkenheit und Schwelgerei, wo frher
Flamme war; Schwung und Impuls ist der modischen bung gewichen,
Gewhnung dem Bedrfnis. Bevor ihnen geschenkt wird, erheben sie bereits
die Prtension; sie diktieren Werturteile aus Geschmcklerstimmung,
baden sich in einer schwlen Flle, und das Ungewhnlichste ist gerade
noch gut genug zu Schmuck und Kitzel.

Die Leidenschaft des Empfangens ist durch zwei oder drei Generationen
hindurch befriedigt worden, nun sind die Sinne ermdet und gehorchen nur
dem schrfsten Reiz. Die Folge davon ist, da allenthalben ein
mileiteter und unkeuscher Hang zur Selbstproduktion hervortritt. Jede
arrivierte jdische Familie stellt heute in die Reihen der Jugend einen
ihrer Angehrigen als Schriftsteller, Maler, Komponisten oder
Dirigenten, was ein wahres rgernis ist.

Sie wollen nicht mehr Schale sein, sie wollen Quelle sein. Bedenkt aber,
wenn die Schale Quelle sein will, werden die Lippen verschmachten, die
durstig daran hngen.

rgernis ist es darum, weil es Flucht vor menschlicher Verpflichtung und
Beschnigung instinktmig gesprter Lebensuntchtigkeit bezeichnet.
Doch es ist Schlimmeres: Raubbau am Krftevorrat. Die mtterlichen, das
ist nhrenden Elemente weichen den infantilen, das ist zehrenden, ein
Symptom, das den Beobachter nicht blo im Leben der Juden erschreckt,
sondern das wieder im Zusammenhang steht mit der Krankheit der Epoche
berhaupt, der Schrumpfung des Herzens und Hypertrophie des Intellekts.
In welchem Ma das Judentum daran Teil hat, in welchem Grad es daran
mitschuldig ist, bildet seit langem den Gegenstand meines peinvollsten
Nachdenkens.




22


Es gibt Begegnungen, die zunchst unscheinbar und singulr sind, die
aber in der Erinnerung wachsen, und von denen eine Magie der Deutung
ausgeht.

Ich entsinne mich einer Nacht in einem Hamburger Kaffeehaus, vor acht
oder neun Jahren. Ein junger russischer Jude nimmt an meinem Tische
Platz, und nach kurzer Weile sind wir im Gesprch. Sein Vater ist im
Gefngnis gestorben, seine Brder sind in Sibirien, seine Schwester ist
bei einem Pogrom ermordet worden. Er selbst ist arm, heimatlos und
flchtig. Gefllt es der Polizei, so kann er morgen verhaftet und
ausgeliefert werden. In dieser Hinsicht waren damals die deutschen
Behrden sehr dienstfertig gegen Ruland.

Er hat eine ungemein khle Art zu berichten. Sein Gesicht ist wei, kaum
bewegt, seine Stirn schmal und hoch, die Augen von stumpfer Schwrze mit
sorgfltig verhaltenem Feuer. Ein mnchisches Gesicht. Er beherrscht die
Rede, jeder Satz hat Schliff, er uert auch das Beilufige wie jemand,
der zu seiner Sache, die zu verschweigen ihm obliegt, unerschtterlich
entschlossen ist. Deshalb nimmt er auch jeden Widerspruch mit einem halb
zerstreuten, halb verwunderten Lcheln auf. Es ist ein diplomatisches
Verfahren, voller Vorsicht und voller Hintergrund, doch mit stetem,
tiefem, beharrlichem Eingedenken. Alle Leidenschaft ist erstickt; an
ihre Stelle ist ein eisiger, in seiner Eisigkeit versengender Fanatismus
getreten. Und so, als Fanatiker, mit Bewutsein, Unerbittlichkeit, Klte
und Glut bedient er sich der Doktrin, die ihn sttzt und rechtfertigt.
Ich erstaune ber dreierlei: seinen Scharfsinn, sein Wissen, seine
Heiterkeit. Obwohl er mir wurzellos erscheint, dermaen aufgegeben, wie
nur einer, der selbst Welt und Menschheit aufgibt, fhle ich doch mit
jeder Sekunde gewisser: da ist der Explosivstoff, da ist der Mensch der
Katastrophe.

Sein Erlebnis: ungeheuer, das individuelle wie das symbolische; seine
Weise, es zu nehmen, zu sublimieren und es zum geistigen Motor zu
machen: ungeheuer. Der Zeiten Schande wird entschleiert, wie es bei
Shakespeare heit, die Gerechtigkeit senkt ihr Haupt. Desungeachtet,
warum verwandelt sich mir das strenge Mnnerantlitz zur medusischen
Fratze? Ist es die furchtbare Anmaung, da sich der einzelne zum
Richter ernennt ber die gesamte Menschheit? Sicherlich etwas von dem.
Es wre nah gelegen, da ich das uralte Aug um Aug, Zahn um Zahn aus
seinem Wesen gehrt htte. Ich htte es lieber gehrt; es htte auf
Raserei schlieen lassen, Strme des Bluts. Htte ich ihn resigniert
gewnscht, human empfindsam, philosophisch wgend? Mit nichten.

Die schneidende Logik und das wissenschaftliche Fundament des
Vernichtungswillens rissen die Kluft zwischen mir und ihm auf. Er war
nicht nur gesonnen, die Vergeltung dem Schicksal zu entwinden, sondern
er schleuderte der Gesellschaft die Absage auch im Namen derer zu, die
noch unerweckt ber ihrem Leid brteten, ja im Namen derer sogar, die
vom Leiden noch gar nicht getroffen waren. Damit warf er sich auch ber
diese zum Richter auf.

Es geht gegen die gttliche Idee, wenn der einzelne Mensch in dem
Verhltnis zwischen Schuld und Shne den Entscheidungsanspruch erhebt.
Mit diesem Glauben stehe und falle ich. Mag er toben, mag er alles um
sich her zerstren, mag er mit der Brandfackel in der Faust zum
verfluchten Dmon werden; mit seiner Leidenschaft und durch sie
unterwirft er sich doch der gttlichen Idee, so scheint es mir, denn er
bleibt im Ring der Menschheit. Wenn er aber mit dem selbstverliehenen
Rechtstitel auftritt und die mit den Gewichten von Jahrhunderten
beladenen Wagschalen in ihrem unendlichen Schwanken zwischen Himmel und
Hlle kraft seines als souvern verklrten Geistes aufhalten und
korrigieren will, so ist er nur der Feind des Menschengeschlechts und
der, den Gott verstoen hat.

Will er das sein? Nimmt er es auf sich? Ich denke, er schreckt nicht
davor zurck. Er hat alle Konsequenzen von vornherein gezogen. Dazu hat
er ja seine Logik und sein Wissen.

Warum ist gerade aus dem altehrwrdigen, in heiligen Traditionen
ruhenden Judentum der politische Radikalismus erwachsen? War der
zermalmende Druck die Ursache? Ist die Spannung zwischen Sehnsucht und
Erfllung unertrglich geworden, so da die Dmme brachen? War es die
These nur, die die Antithese erzeugte? War der Kulturaufstieg gewisser
Gruppen zu jh und hat ihnen den Boden unter den Fen entzogen? Ist es
Herrschgier? Ist es Sklavenaufstand? Ist es Aposteltum und Mrtyrertrieb
oder herostratisches Gelst?

Fragen ber Fragen, die zu beantworten ich auerstande bin.

Erscheinungen von solcher Hochzucht und dynamischen Gewalt, wie ich eine
dort in Hamburg kennenlernte, sind natrlich selten. Aber die Seltenheit
mindert nicht nur nicht die Gefahr, sie erhht sie im Gegenteil. Es sind
spneanziehende Magneten von unwiderstehlicher Wirkung. Ihnen wohnt eine
Kraft der bertragung inne, der Entflammung, der Zerrttung und
Zersetzung, der Manifestierung, der Willensbrechung Schwcherer, der
Gefolgsaufbietung, da ihnen Widerstand nur der zu leisten vermag, der
mit seinen Wurzeln fest in der Erde verklammert ist.

Es fallen ihnen mhelos zu: die Unzufriedenen; die Leugner; die
Entsfteten und Morschen; die bersttigten; die Enttuschten; die
geborenen Verrter und die aus dem Verrat Nutzen ziehen; die Gottlosen
und die Gottsucher; die am Wort hngen und ans Wort glauben; die
dilettantischen Weltverbesserer; die Abenteurer; die Gelegenheitsmacher;
die Piraten des ffentlichen Lebens, der Politik und der Literatur;
alle, die ihr Leben mit wesenloser Opposition hinbringen -- Legionen. Es
fallen ihnen die in der Armut Verkommenen ebenso zu wie die aus
miasmischem Luxus Flchtenden, die Jugend, die ohne Idee ist, ohne
Stern, aber mit irren, zuckenden Herzen -- Legionen. Sie alle waren
vielleicht einmal ein Ausdruck der Schpfung; jetzt wird aus jedem eine
lebendige Phrase.

Der Proze ist so: um zu herrschen, braucht der Geist die Gesinnung.
Gesinnung aber tilgt den Sinn, zerschlgt das Bild, entfleischt die
Gestalt, da sie zum Skelett wird, zum Phantom. Wer Gesinnung hat, sieht
nicht mehr die Gestalt und lst sich los von Sein und Werden.

Der Geist gebiert die Phrase. Wodurch ist die Menschheit dahin gelangt,
wo sie ist, als durch die Phrase? Die Phrase gleicht der entzndeten
Zelle, die sich weiter frit und endlich als Krebsgeschwr den Krper
zerstrt. Sie blht sich und blht sich und frit und frit und
verfinstert die Erde und den Luftraum.




23


Diese Umstnde, in Verflechtung mit den frher berhrten, haben die
Feuersbrunst des Hasses hervorgerufen und geschrt, deren Schauplatz zur
gegenwrtigen Stunde Deutschland ist.

Nicht berraschend fr den, der auf den Kompa zu blicken gewohnt war
und bisweilen die Leute am Steuer von Angesicht zu Angesicht sah. Nicht
berraschend fr mich.

Wer eine Geschichte des Antisemitismus schriebe, wrde zugleich ein
wichtiges Stck deutscher Kulturgeschichte geben.

Es wre interessant, den lockenden Kder zu untersuchen, der hier und da
aus ministeriellen Kabinetten und junkerlichen Meinungsbrauereien auf
die Strae flog, und auf den der hungrige Michel wahllos und gierig
anbi.

Es wre interessant, die vielfltigen und in ihren Folgen
verhngnisvollen antisemitischen Machenschaften aufzudecken, mit denen
in den siebziger und achtziger Jahren die eingeschworenen Wagnerianer in
einem seltsamen Zustand von Bezauberung und geheimnisvoller Unruhe die
deutsche Welt ber das Miverhltnis zwischen Wagner, dem expressiven
Deutschen, und Wagner, dem Musiker, hinwegzutuschen wuten; denn dort
war die Zentralhexenkche.

Es ist nicht meines Amtes.

Leider steht es so, da der Jude heute vogelfrei ist. Wenn auch nicht im
juristischen Sinn, so doch im Gefhl des Volkes.

Leider steht es so, da man den beauftragten wie den freiwilligen
Hetzern einen Grund nicht absprechen kann. Bei allem Bildersturm, allem
Paroxysmus oder sozialen Forderung waren Juden, sind Juden in der
vordersten Linie. Wo das Unbedingte verlangt, wo reiner Tisch gemacht
wurde, wo der staatliche Erneuerungsgedanke mit frenetischem Ernst in
Tat umgesetzt werden sollte, waren Juden, sind Juden die Fhrer.

Juden sind die Jakobiner der Epoche.

Wre irgend Billigkeit zu erwarten, so mte freilich zugestanden
werden, da diese Juden fast ohne Ausnahme von ehrlicher berzeugung
beseelt waren, Idealisten, Utopisten, Heilbringer, als welche sie sich
in der Welt empfanden; so mte zugestanden werden, da in ihrem Tun
eine vielleicht unsinnige und schuldvolle, vielleicht aber auch weit in
die Zukunft deutende Folgerichtigkeit liegt: die berpflanzung der vom
Judentum empfangenen Messiasidee aus dem Religisen ins Soziale. So
mte ferner zugestanden werden, da bei genauer Prfung, wer aus der
Verwirrung Vorteil gezogen, wer sein Schfchen dabei ins Trockne
gebracht, wer in die Flamme geblasen, solange es unbemerkt und
ungefhrdet geschehen konnte und sich zu bergen wute, als die gute alte
Polizei sich ins Mittel legte, keinesfalls sie die Belasteten wren.
Zugestanden mte werden, da sie die Kastanien aus dem Feuer geholt
haben, und, da die Kastanien verbrannt sind, wie es den Anschein hat,
man ihnen dafr die Hnde abzuhacken beschliet.

Zugestanden mte auch werden, da Juden ebenso die Bewahrer und Hter
der Tradition sind, Kundige und Diener des Gesetzes.

Aber Billigkeit ist nicht zu erwarten. Auf Billigkeit ist es auch nicht
abgesehen. Auf den Ha ist es abgesehen, und der Ha lodert weiter. Er
macht keinen Unterschied der Person und der Leistung, er fragt nicht
nach Sinn und Ziel. Er ist sich selber Sinn und Ziel.

Es ist der deutsche Ha.

Ein vornehmer Dne sagte zu mir: Was wollen eigentlich die Deutschen mit
ihrem Judenha? In meinem Vaterland liebt man die Juden fast allgemein.
Man wei von ihnen, da sie die verllichsten Patrioten sind; man
wei, da sie ein ehrenhaftes Privatleben fhren; man achtet sie als
eine Art Aristokratie. Was wollen die Deutschen?

Ich htte ihm antworten mssen: den Ha.

Ich htte ihm antworten mssen: sie wollen einen Sndenbock. Immer, wenn
es ihnen schlecht ergangen, nach jeder Niederlage, in jeder Klemme, in
jeder heiklen Situation machen sie die Juden fr ihre Verlegenheit
verantwortlich. So ist es seit Jahrhunderten. Drohende Erbitterung der
Massen wurde stets in diesen bequemen Kanal geleitet, und schon die
Kurfrsten und Erzbischfe am Rhein hatten, wenn ihre Waffengnge
milungen und ihre Schatzkammern geleert waren, eine sicher
funktionierende Regie in der Veranstaltung von Judenmetzeleien.

Ich antwortete aber: Ein Nichtdeutscher kann sich unmglich eine
Vorstellung davon machen, in welcher herzbeengenden Lage ein deutscher
Jude ist. Deutscher Jude; nehmen Sie die beiden Worte mit vollem
Nachdruck. Nehmen Sie sie als die letzte Entfaltung eines langwierigen
Entwicklungsganges. Mit seiner Doppelliebe und seinem Kampf nach zwei
Fronten ist er hart an den Schlund der Verzweiflung gedrngt. Der
Deutsche und der Jude: ich habe einmal ein Gleichnis getrumt, ich wei
aber nicht, ob es verstndlich ist. Ich legte die Tafeln zweier Spiegel
widereinander, und es war mir zumute, als mten die in beiden Spiegeln
enthaltenen und bewahrten Menschenbilder einander zerfleischen.

Der Dne erwiderte einfach: Ich glaube, die Deutschen haben zu wenig
Liberalitt, wenigstens seit der Grndung des Reiches.

Es ist wahrscheinlich so, aber es ist auch das Geringste, was man
darber sagen kann. Es fehlt auch an Phantasie, an Freiheit und an Gte.
Ein wesentlicher Defekt mu da sein, wenn ein Volk so leichterdings, so
gewohnheitsmig, so skrupellos, keine Berufung hrend, keiner redlichen
Auseinandersetzung zugnglich, keiner gromtigen Regung in diesem
Punkt fhig, ein Volk, das unablssig von sich selbst verkndet, in
Bildung, Kunst, Forschung und Idealismus an der Tete der Vlker zu
marschieren, dauernd solche Unbill bt, solchen Hader st, solch
berghohen Ha huft.

Ich versuche, mein Gleichnis von den Spiegeln zu deuten.

Da eine Schicksals- und Charakterhnlichkeit vorhanden ist, leuchtet ein.
Hier wie dort jahrhundertelange Zerstckelung und Mittelpunktslosigkeit.
Fremdgewalt und messianische Hoffnung auf Sieg ber alle Feinde und auf
Einigung. Es wurde zu dem Behuf sogar ein deutscher Spezialgott
erfunden, der, wie der jdische Gott in den Gebeten, in allen
patriotischen Hymnen figurierte. Hier wie dort Mikennung von auen,
belwollen, Eifersucht und Argwohn, heterogene Formungen innerhalb der
Nation hier wie dort, Zwietracht der Stmme. Unvereinbare Gegenstze
individueller Wesenszge: praktische Regsamkeit und Trumerei; Gabe der
Spekulation im niedern und im hohen Sinn; Spartrieb, Sammeltrieb,
Handelstrieb, Bildungstrieb und Trieb zu erkennen und dem Gedanken zu
dienen. berflle der Formeln und Mangel an Form. Ein seelisches Leben
ohne Bindungen, das unversehens zur Hybris fhrt, zu Hoffart und
unbelehrbarem Starrsinn. Hier wie dort schlielich das Dogma der
Auserwhltheit.

Die Berhrungen haben Schrfungen erzeugt, die Schrfungen blutende,
eiternde Wunden. Im schwcheren Krper unheilbare Wunden.

Was werfen die Deutschen den Juden vor? Sie sagen: ihr vergiftet unsere
reine Atmosphre. Ihr verfhrt unsere unschuldige Jugend zu euern
Taktiken und Praktiken. Ihr tragt in unsere germanisch-strahlende
Weltanschauung euer trbes Grbeln, eure Verneinung, eure Zweifel, eure
asiatische Sinnlichkeit. Ihr wollt unsern Geist in Fesseln schlagen und
das arische Prinzip von der Erde vertilgen.

Darauf habe ich mit allem Vorhergehenden geantwortet, und wer dann jene
Anschuldigungen noch aufrechterhlt, dem wre auch nicht gedient, wenn
ich mit Engelszungen redete.

Andere sagen: ihr verderbt uns das Geschft. Diese sind aufrichtig. Die
Deutschen mgen sich erinnern, wie sie beim Beginn des Krieges,
knirschend ber die Heuchelei, die Ausbrche sittlicher Entrstung, die
die Englnder vorbrachten, ber sich ergehen lassen muten. Wenn ihnen
aber irgendein Englnder zurief: ihr verderbt uns das Geschft, so
begriffen sie das, obgleich der Vorwurf, gegen ein ganzes Volk
gerichtet, um einen Krieg zu sanktionieren, sinnlos und unmenschlich
ist.

Ein junger Freund erzhlte mir folgende Geschichte: Er war in Polen im
Haus eines armen Juden einquartiert, der drei Shne hatte, einen elf-,
einen dreizehn-, einen fnfzehnjhrigen. Einmal lie er sich mit ihnen
in ein Gesprch ein, und er fragte einen jeden, was er werden wolle. Der
Elfjhrige sagte voll Eifer: Ich will was Groes werden; ein Millionr.
Der zweite antwortete ernst: Ich will ein Jude werden. Der dritte, der
finster abseits stand und die Frage mehrmals geflissentlich berhrte,
sagte endlich zu dem Bedrnger: Erde will ich werden wie du.

Hier sind drei Kategorien jdischer Menschheit in drei Repliken
zusammengefat. Das Sonderbare und Schmerzliche ist, da die Deutschen
stets und von jeher nur die eine, die erste sehen, nur von ihr reden,
nur gegen sie ihre Wut richten, was auch sonst die Vorwnde und
Verschleierungen sein mgen.

Sie lieben es, auf das Christentum hinzuweisen, als ob das Christentum
wre und mit Christentum zu entschuldigen, was sie wider alle humane
Gepflogenheit tun. Rassentheorien, philosophische Systeme sogar, den
Nachweis schlielich, den ein Ekstatiker des Hasses gefhrt hat, da
Christus von nichtsemitischer Abkunft sei, das alles lasse ich mir
gefallen, damit kann man Oberflchliche blenden und den Janhagel
betren. Aber das Christentum scheint mir in keiner Weise dazu geeignet.
Sind es doch gerade die edlen Juden heute, die Allerstillsten freilich
da und dort im Lande, in denen die christliche Idee und christliche Art
in kristallener Reinheit ausgeprgt ist, ein Verwandlungsphnomen
freilich, das in die Zukunft deutet.




24


Bei der Erkenntnis der Aussichtslosigkeit der Bemhung wird die
Bitterkeit in der Brust zum tdlichen Krampf.

Es ist vergeblich, das Volk der Dichter und Denker im Namen seiner
Dichter und Denker zu beschwren. Jedes Vorurteil, das man abgetan
glaubt, bringt, wie Aas die Wrmer, tausend neue zutage.

Es ist vergeblich, die rechte Wange hinzuhalten, wenn die linke
geschlagen worden ist. Es macht sie nicht im mindesten bedenklich, es
rhrt sie nicht, es entwaffnet sie nicht: sie schlagen auch die rechte.

Es ist vergeblich, in das tobschtige Geschrei Worte der Vernunft zu
werfen. Sie sagen: was, er wagt es aufzumucken? Stopft ihm das Maul.

Es ist vergeblich, beispielschaffend zu wirken. Sie sagen: wir wissen
nichts, wir haben nichts gesehen, wir haben nichts gehrt.

Es ist vergeblich, die Verborgenheit zu suchen. Sie sagen: der Feigling,
er verkriecht sich, sein schlechtes Gewissen treibt ihn dazu.

Es ist vergeblich, unter sie zu gehen und ihnen die Hand zu bieten. Sie
sagen: was nimmt er sich heraus mit seiner jdischen Aufdringlichkeit?

Es ist vergeblich, ihnen Treue zu halten, sei es als Mitkmpfer, sei es
als Mitbrger. Sie sagen: er ist der Proteus, er kann eben alles.

Es ist vergeblich, ihnen zu helfen, Sklavenketten von den Gliedern zu
streifen. Sie sagen: er wird seinen Profit schon dabei gemacht haben.

Es ist vergeblich, das Gift zu entgiften. Sie brauen frisches.

Es ist vergeblich, fr sie zu leben und fr sie zu sterben. Sie sagen:
er ist ein Jude.

In den verzweifelten Tagen meiner Mnchener Not hatte ich die
wunderliche Gewohnheit, jeden Morgen zum Kirchhof zu wandern und die in
der Leichenkammer zur Schau gestellten Toten zu betrachten. Ich wurde
ihres Anblicks nicht mde. Die wchsernen Stirnen, Augen und Lippen
sprachen zu mir; es kam mir vor, als seien es im Grunde lauter
Gemordete, irgendwie durch Miverstndnis und berflssige Leiden
Gemordete. Sie erwachten mir bisweilen mysteris und drngten sich in
meine Trume. Wenn ich nicht mehr aus noch ein wute, trieb mich die
Sinnesverwirrung und -verfinsterung zu ihnen, und ich klagte die
Lebendigen bei ihnen an.

So ist mir auch heute oft. Es ist mir, als wre nur bei den Toten
Gerechtigkeit zu finden gegen die Lebenden. Denn was diese tun, ist ganz
und gar unertrglich.




25


brigens enthlt dieses die Deutschen in seiner Wiederholung und
Fixierung eine Absurditt. Ich kenne deutsches Leben genug, um zu
wissen, was an der Oberflche liegt und was in der Tiefe; was auf der
Strae vorgeht und was im verschwiegenen Innern des eigentlichen Volks.
Ich kenne vor allem Deutsche genug, um nicht in Zweifel zu sein, wogegen
die Mibilligung und der heimliche Ekel der Besten unter ihnen sich
kehrt. Freunde und Weggenossen wei ich da und dort; stolze Einsame;
Tapfere, die gegen den Strom schwimmen; Knstler, Gelehrte,
Aristokraten, Kaufleute; solche, mit denen mich gleiches Ziel und
gleiches Wollen verbindet und solche, die mir einfach Liebe schenken;
Unbekannte dann, die mich bisweilen gren, und auf die ich dennoch
zhlen kann; und weit, an der Peripherie des Kreises, viele, von denen
ich nur, wie durch elektrische Wellen, den Ernst ihres Blicks und
Wesens, die Beharrlichkeit in fruchtbringender Arbeit, die
unzerstrbare Wirkung weiser und groer Gedanken, leuchtender und tiefer
Werke spre.

Diese sind mir die Deutschen. Es sind die Deutschen, zu denen ich mich
rechne, und zu denen ich mich stelle.

Sie wissen es ihrerseits, und sie halten es fr natrlich und
selbstverstndlich. Aber wenn ich mit meiner Qual, mit meiner
Bitterkeit, mit meinem unentwirrbaren Problem, mit Hinweis, Frage, Sorge
zu einem von ihnen komme, ich supponiere zum Edelsten, Bewhrtesten, so
fat er doch nicht die ganze Tragweite des Unglcks und verschlimmert
meine Ratlosigkeit nur durch Argumente, die kein Gewicht mehr fr mich
haben. Er meint mich trsten zu knnen, wenn er von der Ebbe- und
Flutbewegung geistiger Seuchen spricht; er bersieht, da ich mich
darin, gerade darin als Arzt betrachte und die Erfolglosigkeit meiner
Bemhung einer Unzulnglichkeit in mir zuschreiben mu. Er meint, da
die Wut der Lrmmacher und Schaumschlger nicht beweisgltig sei fr die
Gemtsverfassung und sittliche Richtung der Nation; er bersieht aber
die Zahl der Opfer; er bersieht die Beredsamkeit von furchtbaren
Tatsachen; und er bersieht, da es mig ist, wenn ich mich als
Gefangener in einem Raum voll Kohlenoxydgas befinde, mich damit zu
beruhigen, da morgen die Fenster geffnet werden. Endlich fehlt ihm,
sogar ihm, das Verstndnis dafr, da ich in allerletzter Linie mehr fr
die Deutschen als fr die Juden leide.

Leidet man nicht immer am meisten dort, wo man am tiefsten liebt, wenn
auch am vergeblichsten?

Und er fragt wohl, durchdrungen von der Notwendigkeit der Wandlung,
dennoch zaghaft: Was soll geschehen? Was soll Deutschland tun?

Ich vermag es nicht, ihm zu antworten, denn die Antwort liegt zu nahe,
und ich schme mich fr ihn.

Wenn ich einen Fuhrmann sehe, der sein abgetriebenes Ro mit der
Peitsche dermaen mihandelt, da die Adern des Tieres springen und die
Nerven zittern, und es fragt mich einer von den unttig, obschon
mitleidig Herumstehenden: was soll geschehen? so sage ich ihm: reit dem
Wterich vor allem die Peitsche aus der Hand.

Erwidert mir dann einer: der Gaul ist strrisch, der Gaul ist tckisch,
der Gaul will blo die Aufmerksamkeit auf sich lenken, es ist ein
gutgenhrter Gaul, und der Wagen ist mit Stroh beladen, so sage ich ihm:
das knnen wir nachher untersuchen; vor allem reit dem Wterich die
Peitsche aus der Hand.

Mehr kann Deutschland nach meiner Ansicht gewi nicht tun. Aber es wre
viel. Es wre genug.




26


Was sollen aber die Juden tun? Diese Frage ist schwieriger zu
beantworten. Das Thema in seiner Unerschpflichkeit spottet jeder
Bemhung.

Opfer sind nicht zureichend. Werbung wird mideutet. Vermittlung stt
auf Klte, wenn nicht auf Hohn. berlufertum verbietet sich dem, der
sich achtet, von selbst. Anpassung in Heimlichkeit fhrt zu einem
Ergebnis nur fr die, die zur Anpassung geeignet sind, also fr die
schwchsten Individuen. Beharrung in alter Form bedingt Erstarrung.

Was bleibt? Selbstvernichtung? Ein Leben in Dmmerung, Beklommenheit und
Unfreude, zu schleppen nur fr jene, die es auf pure Existenz und deren
uerliche Verbrmungen abgesehen haben, unfalich fr die Erleuchteten
oder Seelenhaften, die nur zu whlen haben zwischen grenzenloser
Einsamkeit und aussichtslosem Kampf --?

Es ist besser, nicht daran zu denken.

Vielleicht aber gibt es doch eine Zukunft. Vielleicht gibt es eine
Mglichkeit zu hoffen. Vielleicht gibt es einen Retter, Mensch oder
Geist, hben oder drben, oder auf der Brcke dazwischen. Vielleicht hat
er seine Wegbereiter schon vorausgesandt. Vielleicht darf ich mich als
einen von ihnen betrachten.

Ich stehe, am Abstieg des fnften Jahrzehnts meines Lebens, in einem
Ring von Gestalten, und sie wollen mich versichern, da das Getane nicht
umsonst getan sei. Ich bin Deutscher, und ich bin Jude, eines so sehr
und so vllig wie das andere, keines ist vom anderen zu lsen. Ich
spre, da dies in gewissem Sinn, wahrscheinlich durch das vollkommene
Bewutsein davon und die vollkommene Durchdringung mit den Elementen
beider Sphren, orientalischer und abendlndischer, ahnenhafter und
wahlhafter, blutmiger und durch die Erde bedingter, ein neuer Vorgang
ist. Dieses Neue hat mich in frherer Zeit oft beunruhigt, wohl deshalb,
weil ich es nicht zu erkennen vermochte. Es ging ja nicht vom Willen
aus; es ging vom Sein und Werden aus. Beunruhigend auch deshalb, weil
bestndig hben und drben Arme zu halten, zu wehren, Stimmen zu rufen,
zu warnen da waren. Ich bin kein Mensch der steten Rechenschaftsablegung.
Obgleich den einzelnen Menschen um mich her zu jeder Zeit verhaftet, ja
ihnen verfallen, kann ich doch nur treiben, wozu es mich treibt. Und da
ich allmhlich vertrauen gelernt habe, da es das Rechte war, wozu es
mich trieb, ist auch einige Ruhe in mich eingekehrt.

In dem Bereich, in dem ich wirke, hngt alles davon ab, ob man die
Menschen erffnen, ergreifen und erhhen kann. Nicht als ob ich selbst
auf einer Hhe stnde, um nach Gtterweise die Verlorenen
heraufzuziehen. So ist es nicht. Der Erffner und Ergreifer wird
miterhht um der Liebe willen. Daher glaube ich, da im Abstand von den
niedrigen Dingen das Geschwtz und der Geifer des Hasses und Unrechts
ohnmchtig werden und die Missetaten sogar, die sie begehen, ihre Shne
finden.




Werke von Jakob Wassermann


Die Juden von Zirndorf
Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Zwanzigste Auflage.

Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
Roman. Dreiundzwanzigste Auflage.

Der Moloch
Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Zehnte Auflage.

Alexander in Babylon
Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Achte Auflage.

Die Schwestern
Drei Novellen. Sechste Auflage.

Die Masken Erwin Reiners
Roman. Fnfzehnte Auflage.

Der goldene Spiegel
Erzhlungen in einem Rahmen. Siebzehnte Auflage.

Faustina
Ein Gesprch ber die Liebe. Dritte Auflage.

Die ungleichen Schalen
Fnf einaktige Dramen.

Der Mann von vierzig Jahren
Roman. Vierzehnte Auflage.

Das Gnsemnnchen
Roman. Sechsundsechzigste Auflage.

Deutsche Charaktere und Begebenheiten
Mit elf Abbildungen nach zeitgenssischen Originalen
Vierte Auflage.

Christian Wahnschaffe
Roman in zwei Bnden. Vierunddreiigste Auflage.

Der niegekte Mund
Erzhlungen. Dreiundsechzigste Auflage.

Der Wendekreis
Novellen. Neunzehnte Auflage.



Die Masken Erwin Reiners

Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen
Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles
Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zgellosen
Individualittsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal
unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine
Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman,
die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten.
                                               (Westermanns Monatshefte)


Das Gnsemnnchen

In diesem tiefen Buche hat Wassermann nach seinem Caspar Hauser sein
Grtes gegeben; ein Werk menschlicher und knstlerischer Reife, voll
unheimlicher Abgrnde und lichter Hhen; Hllenfahrt und Himmelfahrt,
Dmonen und Engel haben ihr Wesen darin; ekles Gewrm und strahlende
Schnheit. Zum Schlusse steigt das Ganze wunderbar auf wie ein gotischer
Dom; eins und gro, einheitlich in der scheinbaren Launenhaftigkeit und
Krausheit des Bildwerkes.
                                                       (Der Tag, Berlin)


Christian Wahnschaffe

Dies Werk ist gro in Vorwurf und Ziel, vollendet und bezwingend im
Rausch seiner Farben und Gefhle. In ihm vollzieht sich der bertritt
des groen Romanciers zum Lebensbekenntnis der neuen Generation. Unsere
Wirklichkeit ist im Christian Wahnschaffe eingefangen und zu deuten
versucht. Der letzte Taumeltanz einer untergehenden Welt schwillt
unerschpflich auf und verebbt. -- Es sind zeitlose Stze darin von
tiefer und langer Gltigkeit.
                                                (B.Z. am Mittag, Berlin)


Der Wendekreis

Wassermann tastet nach den letzten verborgenen Seelenkrften, nach der
unentdeckten Magie. Starre Menschen, schwer wie uralte Eichentore, und
eine unerhrte Lebensflle, das ist der Gehalt dieses neuen
Novellenbuches. Ein #Theatrum mundi# tut sich in den sechs Novellen auf,
so bunt, so tief, so bewegt, wie es nur hchst selten von einer Bhne
sich offenbart.
                                                   (Leipziger Tageblatt)


Buchdruckerei Julius Klinkhardt in Leipzig.



[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1921 bei S. Fischer, Berlin erschienenen Erstausgabe
erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller
gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

p 075: Komma hinzugefgt: Markterfolg, literarische Geltung
p 082: Trennung: ihr ge-geheimes -> geheimes

Folgende Eigenheiten des Textes wurden beibehalten:

p 076: wie von etwas sehr Geheimnisvollen (Geheimnisvollem?)
p 086: Trotz des Zurckgewiesen (Zurckgewiesenen?)

Das Originalbuch war in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaen ersezt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Fettdruck:      =fett gedruckter Text=
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]



[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print
edition, published in 1921 by S. Fischer, Berlin. The table below lists
all corrections applied to the original text.

p 075: added comma: Markterfolg, literarische Geltung
p 082: hyphenation: ihr ge-geheimes -> geheimes

The following peculiar spellings have been kept:

p 076: wie von etwas sehr Geheimnisvollen (Geheimnisvollem?)
p 086: Trotz des Zurckgewiesen (Zurckgewiesenen?)

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Boldface:   =bold face text=
Antiqua:    #text in Antiqua font# ]





End of the Project Gutenberg EBook of Mein Weg als Deutscher und Jude, by 
Jakob Wassermann

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1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
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LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
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1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
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1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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