The Project Gutenberg EBook of Imaginre Brcken, by Jakob Wassermann

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Title: Imaginre Brcken

Author: Jakob Wassermann

Release Date: November 5, 2005 [EBook #17007]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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JAKOB WASSERMANN

IMAGINRE BRCKEN


    STUDIEN
  UND AUFSTZE



KURT WOLFF VERLAG / MNCHEN


Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G., Mnchen
Druck von Dietsch & Brckner, Weimar
Herbst 1921


Inhaltsverzeichnis

                                      Seite
Was ist Besitz? .......................   5
Faustina ..............................  29
Der Literat ...........................  85
  Der Literat als Dilettant ...........  87
  Der Literat als Psycholog ...........  95
  Der Literat als Tribun .............. 111
  Der Literat als Schngeist .......... 124
  Der Literat als Apostel ............. 131
  Die Frau als Literat ................ 140
  Ergebnisse .......................... 145
Die Kunst der Erzhlung ............... 151




Was ist Besitz?

Geschrieben 1919


Die Zeit erschttert die Begriffe und whlt den Boden auf, dem sie
entwachsen sind.

Es hebt eine Geschichtsepoche an, in der es sich vor allem darum zu
handeln scheint, den Wert, das Ausma und die Rechtsgrundlagen von dem,
was bisher Eigentum hie, zu revidieren und umzuformen.

Der Anspruch des einzelnen auf sein Gut, den er bisher mit
unwiderlegbaren Argumenten verteidigen konnte, ja der geradezu ein
Gesellschaftsgesetz war, wird ihm pltzlich streitig gemacht mit
Grnden, denen, wollte man sie auch nicht gelten lassen, Nachdruck
verliehen wird durch Drohung von Gewalt. Gewalt ist nicht zu widerlegen.

So tief hat kein Vorgang der Geschichte in die private Existenz
gegriffen, da der Brger, das Mitglied einer Gemeinschaft, die nur zum
Schutz ihrer selbst besteht, von einem andern Teil dieser Gemeinschaft
in seinen durch Gewohnheit, Brauch und Gesetz geheiligten
Lebensbedingungen entrechtet werden soll, und da ihm zugemutet wird,
die anscheinende Willkr und Unbill nicht blo geduldig zu ertragen,
sondern auch eine Notwendigkeit, eine neue, bessere Ordnung darin zu
erblicken.

Hier ist nicht die Absicht, diese neue Ordnung gegen die alte
wissenschaftlich zum Vergleich zu stellen; dazu fehlt mir die Befugnis
und die Kompetenz. Es soll auch nicht von Schlagworten des Tages die
Rede sein: Imperialismus, Sozialismus, Kapitalismus, Kommunismus; sie
haben die Kpfe genug verwirrt, die Leidenschaften genug erregt. Ich
mchte das Wesen des Besitzes untersuchen, seine Wirkungen nach
verschiedenen Seiten, auf das innere und auf das uere Leben, das
soziale und das individuelle, seine Legitimitt und seine Schdlichkeit,
seine Fruchtbarkeit und seine Unnatur.


I

Wer darbt, dessen Seele wird von Bitterkeit erfllt gegen den, der
berflu hat. Es gibt Verstoene, die durch keine Anstrengung dahin
gelangen knnen, wo die Lieblinge des Glckes sich am ersten Tage
befinden. So entsteht in Hunderttausenden, Millionen Gemtern
Bitterkeit, Ha, Neid und Auflehnung.

Fr den, der darbt, ist das geringste Mehr, das der andere hat, schon
berflu. Wer nur ein einziges Hemd besitzt, fr den ist der Besitzer
von zwei Hemden ein mit Glcksgtern Gesegneter. Wer sich nicht
sattessen kann, fr den ist der sorgenvollste Satte ein Krsus. Wer kein
Bett sein eigen nennt, in dem er schlafen kann, fr den ist der auf dem
Strohsack Ruhende beneidenswert.

Die gegenwrtige Gesellschaftsordnung hat so unendlich viele
Abstufungen der Armut, wie sie Abstufungen des Besitzes hat. Zwischen
dem in einer Tonne oder Kiste verborgenen blinden Passagier im
Frachtraum eines Luxusdampfers und dem amerikanischen Nabob in der
ersten Kajte mit Bade- und Speisesalon dehnt sich eine Skala aus, auf
der alle Leidenschaften, Begierden, Niedrigkeiten, Verbrechen, alle
Sehnsucht und Verzweiflung und fast alle ausdenkbaren Schicksale der
modernen Welt spielen.

Irgendwo in der Mitte dieser Skala ist eine scharf trennende Linie. Sie
scheidet diejenigen, die ihre Lebensnotdurft nicht stillen knnen, von
denen, die in der Befriedigung ihrer natrlichen Bedrfnisse eine
selbstverstndliche Voraussetzung erblicken. An dieser Linie teilt sich
die moderne Welt in zwei Lager. An ihr wtet der soziale Kampf in seiner
ganzen Furchtbarkeit.

Da aber die Gesellschaftsordnung, wie sie heute besteht, ein
Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende altes Gefge ist, so mu man sich
fragen, weshalb das eine Lager der Menschheit in seinem Jammer, seiner
Bedrckung, seinem Leiden die bevorzugte Situation des andern so lange
erduldet hat, ohne einen nachhaltigen, allgemeinen, gewaltsamen Eingriff
vorzunehmen. Ein Zustand, der so offensichtlich den Charakter der
Ungerechtigkeit an sich trgt, mute doch umsomehr zum Umsturz
herausfordern, als die zahlenmige bermacht zu allen Zeiten auf Seite
der Entrechteten lag. Waren sie nicht genug durchdrungen von ihrem
Recht, dem Recht auf Brot und Wrme, auf Luft und Licht? Hat man ihnen
Schaustellungen des Prunkes erspart? Wuten sie nicht, was erreichbar
war? Kannten sie nicht die Bevorzugten in ihrem bermut und ihrer Hrte?
Warum also die Geduld?

Einige werden antworten: darum, weil die Gewalt auf Seite der Reichen
war; sie konnten die Gewalt bezahlen, und unter denen, die bezahlt
wurden, befanden sich die aus dem feindlichen Lager, die ihre Brder
verrieten, eben weil sie bezahlt wurden.

Andere werden sagen: darum, weil ein tiefbedachtes, raffiniertes und
uraltes System von Einschchterung, Betubung und Verdummung die Masse
der Unterdrckten in Bann gehalten hat, und weil zudem die Sorge fr den
Tag, die dringende Notwendigkeit, Obdach, Nahrung und Kleidung zu
beschaffen, den grten Teil der verfgbaren Krfte absorbierte.

Es ist ein Stck der Wahrheit, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Es
ist die uerliche Wahrheit, aber nicht die innere.

Nehmen wir an, es fnde heute eine vollkommen gerechte und gleichmige
Verteilung aller vorhandenen Gter statt, beweglichen und unbeweglichen;
jedem wre so die Unabhngigkeit gesichert, die Arbeitsfreiwilligkeit,
die Mglichkeit, seinen Anteil nach seinen Gaben und Krften nutzbar zu
machen. Dieser paradiesische Zustand wrde genau so lange dauern wie
ein Tchtiger braucht, um einen Trgen aus dem Feld zu schlagen, ein
Listiger, um einen Dummkopf zu betrgen, ein Glckspilz, um ber einen
Pechvogel zu triumphieren, eine talentvolle und feurige Persnlichkeit,
um Anhnger fr eine Sache oder Idee zu gewinnen, der sie sich
versprochen hat.

Da in der von Menschen (so wie Menschen einmal sind) bevlkerten Welt
eine Besitznivellierung stattfinden kann, halte ich fr denkbar,
obgleich ich frchte, da sie ohne Raub, Bedrckung, Gewalt und
Ungerechtigkeit nicht durchzufhren ist. Da sie aber auch nur auf kurze
Dauer rechnen kann, halte ich bei einer Gemeinschaft, die nicht
ausschlielich aus Ackerbauern, Fischern, Jgern und Viehzchtern
besteht, fr undenkbar. Und auch hier wrden sich die Schlauen, die
Ttigen, die Erfinderischen bald absondern, und Herren wrden Sklaven
finden. Eine Binsenweisheit im brigen.

Freilich, die Forderung, die eine verzweifelte Kaste von allzulange
hrig Gewesenen erhebt, ist auf den katastrophalen Moment dieser Epoche
gestellt; sie lautet: Anrecht auf das Lebensmindeste. Die Ungleichheit
hat den Charakter krankhafter, ja verbrecherischer Hypertrophie
erreicht. Das ber und ber gehufte Mehr auf jener Seite soll
abgetragen werden zu gunsten derer, die das Mindeste entbehren. Ich wei
nicht, wie das geschehen soll, ich wei nicht, ob es geschehen kann,
auf eine vernnftige, ersprieliche, rettungversprechende Art nmlich.
Da es wichtig, da es wrdig und menschlich wre, wenn es geschhe,
wei ich, auch wenn mir die Sachverstndigen mit klugen und
wahrscheinlichen Berechnungen vor Augen fhren, da es den Zusammenbruch
der gegenwrtigen Gesellschaft bedeute, und sich dieser in Ruland ja
bereits vollzogen habe. Kein Bestand irgendeiner Ordnung vermag dafr zu
entschdigen, da lebendige Seelen dadurch zugrunde gehen, da sie
besteht.

Es fragt sich nur, ob sie gerade dadurch zugrunde gehen. Eine Wut der
Materie hat sich des Zeitalters bemchtigt, die gegen alle Einflsse des
Geistes, der Seele, des Schicksals blind macht. Kurzfristige
Nutzanwendung wirft berall die Logik der Dinge und der Geschehnisse aus
der Bahn. Forderung berschreit Entwicklung und Gesetz. Ein Hexentanz
der Zahl ist im Schwange, der Praktiken und der Theorien, beide gleich
seicht und unfruchtbar. Jeder steht beziehungslos zu sich selbst, in
einer durch die Materie getrbten Beziehung zum andern und zur Welt,
abgetrennt vom sittlichen Verlauf, weil vllig geblendet oder erschreckt
vom sinnlichen. Niemand will zu einer Sache geboren sein, alle wollen
sich ihrer bemchtigen.

Jede Ttigkeit, wie jede Errungenschaft, hat ihre unverbrchliche
Legitimitt. Diese Legitimitt ruht nicht in der Materie, sondern im
Geiste.

Die Drohnen seien preisgegeben. Fluch dem Leben und Andenken der
gierigen und unempfindlichen Raffer und Wchter toten Eigentums, die das
Blut schaffender Geschlechter vergiftet haben. Die denkfaul und
achselzuckend sich auf die gottgewollte Institution beriefen, wenn die
Lohnsklaven im Dunst der Schwefelgruben erstickten, wenn schlagende
Wetter ihre Leichname zerfetzten, wenn der Hunger sie zur
Selbsterniedrigung zwang; die sich in ihren gesicherten Asylen
verschanzten, beschtzt von Polizei und Militr, wenn die Not zu ihnen
schrie, das tausendfltige Elend der Stdte sich verzweifelnd erhob, der
tausendfltige Schmerz seine fahlen Zge zeigte. Wehe den
Aktienparasiten, den gelangweilten Miggngern, den Spielern mit
Menschenseelen und Wucherern mit Menschenkrften, den Petrefakten und
dem schillernden Geschmei einer untergehenden Welt!

Aber diese Schdlichen und Hinderlichen haben und hatten von jeher im
Lager der Armen und Geknechteten ein unabsehbares Heer von Lakaien,
Agenten, Anwlten, Profitmachern, Kulis, bestochenen und ergebenen
Kreaturen, die, gefllig jedem Wink, auf das Ertrgnis ihrer Dienste
angewiesen, in Schranken gehalten durch die Stimme des Eigennutzes,
zitternd vor der Macht- und Rachebefugnis ihrer Auftraggeber, durch die
Zwangsmittel des Staates zum Gehorsam, die nach wirkende Zucht der
Kirche und der Schule zur Indolenz und Scheinberzeugung gebracht,
sttzendes Element auf der einen, hemmendes auf der andern Seite der
Linie waren.

Daraus jedoch schlieen zu wollen, als htte die Stabilitt der
bisherigen Gesellschaftsverfassung nur in unreinen Gesinnungen und
niedrigen Interessen, in der Trgheit und Knechtseligkeit der Massen
ihre Ursache, hiee der billigen Demagogie das Wort reden, die heute die
Strae und die politische Schaubhne beherrscht und die die menschliche
Natur und das Wissen von ihr entweder berechnend ausschaltet oder sie
berhaupt nicht in den Bereich der Argumente zu ziehen vermag. Was
ebenfalls ein Merkmal geistigen Abstiegs ist.


II

Dem Menschen, sei er, wer er sei und wie er sei, gut oder bse, ist
Achtung vor dem Besitz des andern Menschen angeboren.

Am Recht des fremden Besitzes zu zweifeln, ist bereits eine anarchische
Seelenstimmung, die unmittelbar in die Verzweiflung mndet. Ehe solcher
Zweifel Wurzel fat, mu der Glaube an die eigene Kraft verschwunden
sein; es kann keine Idee mehr vorhanden sein, die der Brutalitt der
Wirklichkeit entgegentritt und sie unter sich lt; das persnliche
Wertgefhl ist erttet.

Fremder Besitz: das ist in diesem Zusammenhang Idee. Nicht das, was mir
vorenthalten wird, ist der fremde Besitz, sondern das, was mir
unerreichbar ist; nicht das, worum ich durch Fgung oder Tcke betrogen
worden bin, sondern das, was auerhalb meiner Sphre liegt.

Recht und Unrecht kommt gar nicht in Frage. Die Norm der sittlichen
Verfassung vorausgesetzt, kommt es nicht in Frage, ob der Nachbar, der
Freund, der beliebige Andere Vorrat und Anhufung von Dingen hat, an
denen ich Mangel leide. Auch seine Wrdigkeit kommt nicht in Frage, sein
Wagnis nicht, seine Leistung nicht. Nichts, was ihn betrifft, den
Andern, sondern nur, was mich betrifft.

Dein und Mein ist so verschieden wie Welt und Ich. Was ich von der Welt
erringe, um meinen leiblichen oder geistigen Bezirk zu erweitern, ist
Besitz. Besitz ist Ware, Gegenstand, Anschaubares, Fabares,
Brauchbares; Besitz ist Ding, das durch das Medium meiner Person und
innerhalb ihres Wirkungskreises irgend Leben erhlt.

Geld ist nicht Besitz. Geld ist Symbol, Fiktion von Besitz, ein
Unschaubares, Unfabares, Unbrauchbares, das Unding schlechthin. Deshalb
entsteht Tuschung und Lge, wo es fr Besitz genommen wird, Ha und
Gier, Leere und Stagnation. Verwandelt es sich nicht in das Ding, gibt
es seinen Charakter als Vorwand nicht auf, bleibt es als hliche
Illusion, als Irrbild bestehen, lediglich Begriff, ganz und gar Gespenst
von Besitz, so ist es verzeihlich und logisch, da unter denen, die von
seinem widrig-geheimnisvollen Zauberring ausgeschlossen sind, die in Not
verkommen, weil sie sich eines Wesenlosen, eines Schattens, einer Formel
nicht bemchtigen knnen, eine Gereiztheit und Unruhe entsteht, eine
finstere Erbitterung, schlielich ein Wahnsinn, Massenwahnsinn, der
genau das Bild unserer Tage malt.

Es ist der am Unding entfesselte Wahnsinn. Und das Unding ist eines mit
dem Ungeist.

Das Ding hat stets eine Art von Heiligkeit, mindestens die Wrde seines
Seins. Am Ding kann ich mich messen, ich kann mich ihm stellen, ich kann
es mir inkarnieren, es kann mich nhren, kleiden, schtzen, tragen,
frdern; es ist, je nachdem, Schmuck oder Lehre, Lohn oder Geschenk,
Waffe oder Trophe, Beute oder Erwerb.

Die ursprngliche, unverbildete Haltung jedes Menschen dem Ding
gegenber ist die Ehrfurcht vor seiner Bestimmung. Und davon ging ich
aus. Es knpft sich hieran von selbst der Glaube an die persnliche
Leistung des Besitzers und die Bejahung dieser Leistung. Das qulende
Miverhltnis in der sozialen Wirtschaft, die unberbrckbare Kluft
zwischen den aufs uerste gesteigerten Extremen fllt allein dem Dmon
zur Last, dem Unding, das Scheinwerte aufstapelt, denen trotzdem
Tauschgeltung eignet, das den Sinn des Besitzes verdunkelt, die Leistung
entwertet und infolgedessen Verwirrung, Verzweiflung und Zersetzung der
sozialen Krfte herbeifhrt.

Besitz in seiner reinen Form ist etwas zugleich Einmaliges und
Individuelles. Wie es ein Grad- und Artmesser ist fr den, der besitzt,
kennzeichnet es auch die Beschaffenheit dessen, der darnach strebt. Es
sind dies, tiefer betrachtet, zwei vllig verschiedene Gattungen von
Menschen und demgem zwei vllig verschiedene Eigenschaftsgruppen, die
zu betrachten sind.

Es ist ein seltsames und oft wahrzunehmendes Phnomen, da zwischen dem
Verlangenden und dem verlangten Gegenstand eine ganz bestimmte Beziehung
herrscht, eine mehr oder minder heftige Affinitt, die auf die
Schnelligkeit der Erfllung Einflu hat, ein seelisches Fluidum, das mit
grerer oder geringerer Gewalt das Zueinandergehrige zueinander
bringt. Wie vom Schicksal zwischen Mensch und Mensch, kann man auch vom
Schicksal zwischen Mensch und Ding sprechen.

Ob im Ding ein hinstrebender Wille vorhanden ist, das zu entscheiden,
ist nicht einfach. Das Erwgen solcher Mglichkeit freilich fordert
bereits die Entrstung der Rationalisten heraus, und ich mchte in
diesem Punkt nicht weiter gehen. Die Existenz und Wirkung eines
Magnetismus drfte auch von Grobnervigen nicht geleugnet werden; er
kommt ja in alltglichen und trivialen Vorgngen oft genug zur
Erscheinung. Bemerkbar ist natrlich das Verhalten des Menschen, der
zum Ding steht.

Um zum Besitz zu gelangen, hat er Kraft einzusetzen, Fhigkeit,
berlegung, Ausdauer, Arbeit. Der vorgestellte Wert, der Wert im
Bewutsein der andern und die Weite des trennenden Wegs bringen die
Summe des Mheaufwandes hervor und ergeben die moralische Schtzung fr
ihn. Ehrgeiz entfaltet sich; Plne werden erdacht; Anstrengungen
wiederholen sich bestndig; der Geist wird gebunden und auf ein Ziel
gerichtet; Wetteifernde tauchen auf, die besiegt werden mssen;
Hindernisse erheben sich auen, Zweifel innen: die Geduld erlahmt, der
Wunsch trbt sich, erglht wieder; alles dies in niedriger wie in hoher
Form, bei der Jagd nach einem Wild wie bei dem Ringen um ein kostbares
Gut. Das Bild dessen, was errungen werden soll, ist das fortwhrend
verjngende und erneuernde Movens, der Krftespeicher, der Feuerspender;
es diktiert den Rhythmus, die Flughhe, schafft die Zge und die Gestalt
des Lebens, es ist das Leben geradezu.

Alle mit uns Lebenden, sofern sie unter dem gleichen Lebensgesetz
stehen, sind hiervon in gleicher Weise umschlossen. Wo das Unding nicht
die Herzen und Hirne gemordet, das sich selbst bestimmende Geschpf
einerseits zur Maschine oder gar zum Teil einer Maschine erniedrigt hat,
andererseits die, die sich ihm ergaben, indem es sich ihnen ergab, in
feige, stumme, stumm-bebende, gespenstisch-vegetierende, nur
menschenhnliche Hter und Zuchtmeister verwandelte, berall dort ist
Spiel freier Krfte, Spannung und Ausgleich, Begehren und Befriedigung,
Verlust, Wechsel und neues Ergreifen, von unteren Stufen auf obere, von
oberen auf untere, Aufstieg und Fall, edle Sucht und gemeine,
eigenntziger Trieb und weltfreundlicher, Sturz im Wettlauf, Hoffnung in
der Niederlage, und immer ist Besitz und Art des Besitzes die Deutung
und der Inbegriff der vitalen Bewegung.

Sogar jene Unglcklichen, die Hingewrgten und ihre Wrger, kennen sie
auch nicht den Besitz als schpferisch treibendes Element, so kennen sie
ihn doch als Fetisch und Stimulans; dies eben ist das Verhngnis des
Zeitalters: bei den entseelt Besitzenden der Fetischismus, bei den
entseelt Besitzlosen die Rauschillusion und Aufpeitschung durch das
Stimulans.

Die opfervolle Bemhung, das engverstrickte Maschenwerk von Interessen
und Leidenschaften, das erschtternde Theater des Empor und Hinab der
Existenzen nennt man sozialen Kampf. Es ist, nher besehen, der Kampf
des einzelnen um sich, um das, was er liebt, um den Boden, um die Luft,
um das, was er braucht, damit er sein kann, was er ist.

Geprft wird die Leistung; Leistung wird anerkannt durch die Prmie. Je
spezifischer, persnlicher, einmaliger, einzigartiger die Leistung,
desto hher die Prmie, sei sie nun von materieller, moralischer oder
geistiger Beschaffenheit. Manchmal bleibt sie lange vorenthalten, auf
lange Sicht gebucht, und wird, in ihrer letzten Entmaterialisation als
Ruhm, als Kult bezahlt; vllig unterschlagen kann sie nur in seltenen,
tragischen Fllen werden.

Darum lst die Prmie, wenn sie im harmonischen oder wenigstens
annhernd harmonischen Verhltnis zur Leistung steht, das Gefhl
vollzogener Gerechtigkeit aus. Da jeder in seinem Sinn und nach seiner
Bettigung Anspruch auf sie erhebt, da der Blutkreislauf des ganzen
Gesellschaftsorganismus in ihr seinen Herzpunkt hat, ist auch jeder
irgendwie fr sie in Haftung. Im besonderen mag anarchischer Eifer das
System befehden, mgen List, Betrug, Verbrechen die Prmie verdrngen,
verkleinern, abwendig machen, den natrlichen Gang beeinflut es nicht.

Der Fhige fordert und wird bezahlt. Im Unfhigen schlummert neben der
Traurigkeit des Unbelohnten auch ein heimliches Bewutsein von Schuld.


III

Das Buch, das ich erworben habe, ist mein Eigentum. Derjenige Teil
meiner Arbeit, der den Kaufpreis reprsentiert, ist die Leistung.

Somit wre der Proze ein- fr allemal erledigt: ich kaufe ein Buch,
stelle es ins Regal und bin Besitzer. Ob ich es gelesen oder nicht
gelesen, bentzt oder nicht bentzt, verwertet oder nicht verwertet
habe, das ndert an meinem Besitzrecht nichts.

In der Tat ist dies der Vorgang bei allem brgerlichen Besitz: die
Leistung ist erledigt und bewiesen durch den Kauf, wobei ich nach dem
bisher Gesagten unerrtert lassen kann, ob sie legitim oder illegitim
ist. Es kommt das weiter nicht in Betracht.

Nun leuchtet es ein, da es keineswegs dasselbe ist, ob ich einen Sack
Mehl kaufe, um ihn zum Kochen und Backen zu verwenden, oder ob ich
Bcher kaufe, um sie ins Regal zu stellen. In dem einen Fall ist meine
Leistung zweckhaft, im andern anscheinend zwecklos.

Man nehme jedoch an, ich sei Sammler von Bchern, es sei meine Passion
und mein Entzcken, seltene Ausgaben, kostbare Exemplare oder eine
mglichst vollstndige Reihe der ber eine Wissenschaft erschienenen
Werke zu besitzen, so tritt bereits eine Zweckhaftigkeit hervor, auch
dann, wenn ich mich niemals mit einem von ihnen beschftige, ihren
Inhalt nicht kenne, nicht verstehe, nicht schtze.

Oder man nehme an, ich htte eine umfangreiche Bibliothek ererbt und
obwohl ich lieber faulenze oder Forellen fische oder Blumen zchte, sei
ich durch Pflicht der Piett, stille Abmachung von Geschlechtern her
verbunden, sie unangetastet, unverwertet in meinem Hause zu verwahren,
selbst auf die Gefahr hin, da sie mir zur Last falle.

Und schlielich nehme man an, die Bcher seien mir unentbehrlich, weil
ich mir eine bestimmte Einsicht, eine Erkenntnis verschaffen will, weil
sie Hilfsmittel zu meiner Arbeit sind, weil ich zu jedem einzelnen in
einer besonderen Beziehung stehe, die bestndig wechselt, bestndig
fluktuiert und infolgedessen sich bestndig erneut, meine
Persnlichkeitsgrenze erweitert und die Fhigkeit zur Leistung erhht,
so liegt der Zweck offensichtlich am Tage.

Demgem sind vier Kategorien des Besitzes zu unterscheiden:
Verbrauchsbesitz, Schmuckbesitz, Erb- und Anhufungsbesitz und
Produktionsbesitz.

Das Merkmal des Verbrauchsbesitzes ist der Abbruch der Leistung mit dem
Nutzgenu; des Schmuckbesitzes: die Leistung zum Phantasiegenu; des
Erb- und Anhufungsbesitzes: die brachliegende Leistung; des
Produktionsbesitzes: die Verwandlung der Leistung in hherer Sphre zu
hherer Gestalt.


IV

In Bernard Shaws Candida sagt der Pastor Morell: Wir haben so wenig
das Recht, Glck zu verbrauchen, ohne es zu erzeugen, wie Reichtum zu
verbrauchen, ohne ihn zu erwerben.

Dies trifft das Wesentliche. Ich lege den strksten Nachdruck auf die
Begriffe: Glck erzeugen und Glck verbrauchen. Einen um so strkeren
Nachdruck, als diese scheuslig entwrdigte und besudelte Welt um uns
so glcklos geworden ist, so zerfetzt und entstellt und in den Morast
geschleift, da sie in unserm beleidigten Bewutsein nicht mehr froh
gemacht werden kann, und wenn Gott die Heerscharen seiner Engel als
Grtner und Baumeister schickte.

Wer sind die, die mehr Glck erzeugen, als sie verbrauchen? Seltene
Menschen, die seltenen Weisen, seltenen Dichter, seltenen Lehrer und
Vershner, Former der Herzen, die Ausjter, Wahrheitsknder,
Gestaltenbildner, die oft im verborgenen stehen, ins verlorene gehen, in
der Tiefe hinschwinden, der sie entstammen. Und je mehr Glck sie
erzeugen, je weniger sind gerade sie begabt oder gesonnen, es zu
verbrauchen. Sie produzieren den berschu, der der Menge der zur
Produktion minder Befhigten zugute kommt.

Es ist nicht einfach, zu beurteilen, ob und wieviel Glck der Sammler
von Bchern, Mnzen, Teppichen, Glsern, Waffen oder sonstigen Dingen
erzeugt. Zumeist ist er ja mehr ein Besessener als ein Besitzer. Tiefes
Wort der Sprache: Der Besessene; der, dem die Freiheit fehlt, den Besitz
hrig macht. Alles Segensreiche liegt aber in der Freiheit, in der
Mitteilung, in der schenkenden Kraft.

Wie sich die Triebfedern der menschlichen Handlungen der Rechenschaft
entziehen, so auch die letzten Ziele. Selbst bei den primitivsten fliet
das Endliche an irgendeinem Punkt ins Unendliche; wer sich seiner
Motive und Absichten klar zu sein dnkt, wre sonderbar getuscht, wenn
er alle Folge im Schicksalsverlauf berblicken knnte. Wie das endlich
Gedachte unendlich, so wird das eigenschtig Getane allgemein; in
irgendeiner Weise, auf irgendeinem Weg, zu irgendeiner Zeit.

Die egoistisch beschrnkte Leidenschaft eines Sammlers, die
gesellschaftsfeindliche Gier eines Gteranhufers ruft Bewegung weit
ber den Kreis dieser Individuen hervor. Die Energien wirken produktiv
auf andere Individuen und verdichten sich auerdem im Objekt. Von da aus
schaffen sie neues: sie schaffen Werke, Anschauungen, Spannungen,
Wetteifer, Erkenntnis, Freude und Schnheit. Das Individuum und seine
Motive sind berwunden. Die Dinge und die in ihnen verdichtete, von
ihnen wieder ausstrmende Bewegung berwinden die Niedrigkeit und die
Endlichkeit des Individuums.

Die begeistert und ergriffen vor den Kunstwerken stehen, welche einst
Eigentum der Borgias waren, haben keine Erinnerung daran und brauchen
sich nicht an der Tatsache zu stoen, da diese Leute infame Giftmrder
und Banditen waren, die nebstbei die modische Herrenlaune hatten, Bilder
und Statuen zu sammeln.

Ich kann aber auf pathetische Beispiele verzichten, auch auf den
Sammler, der als Figur erklrt hat, was zu erklren war. Wichtig ist die
Erzeugung von Glck, von Freude, von Schnheit. Sie ist keineswegs nur
von Kunst und gesteigerter Geisteswelt abhngig; sie umfat das ganze
Gebiet des realen Lebens, das Angenehme, das nutzlos, das Spielhafte,
das brotlos, das Glnzende, das zwecklos ist, den berschwang und
berflu, die heitere Flle, Fest und Illumination, den Perlenschmuck am
Hals einer Frau, den Pomp des Frsten, den Luxus des Millionrs, die
Puppe in der Hand des Kindes, die Fahne, die vom Turm weht, die
Marmorsule des Tempels, die bunte Tracht des Wilden, den goldenen
Rahmen eines Spiegels, die Blumen auf einem Grab.

Dies alles ist Frucht des Besitzes, und wrde nach der unmittelbaren
Ntzlichkeit gefragt, so mte geantwortet werden: es ist verschwendeter
Besitz. Die Frage nach Ntzlichkeit und Notdurft steht der nach Glck
und Schnheit schroff gegenber. Wre es den Menschen versagt, fr ein
anderes Ziel zu arbeiten als fr die Befriedigung ihrer leiblichen
Bedrfnisse, mehr anzustreben als hchstenfalls das persnliche Behagen
auf Grund der Erfllung der gemeinen Sinnengelste; wren diese
gewhrleistet und der Pakt wrde geschlossen um den Preis der Abkehr von
Schmuck und Zierrat, von Unnotwendigem und berflssigem, so verwandelte
sich die Erde in ein dsteres Gefngnis, wo zweckbeladene, vom Zweck
kastrierte Sklaven langsam zu Idioten wrden, in einen Stall satter,
verdauender Tiere, von denen eine Anzahl von Zeit zu Zeit die brigen
in geheimnisvoller Tollwut berfallen und zerfleischen wrde. Diese
Tollwut wre die Rache der verstrten, vergifteten, medusisch gewordenen
Phantasie; denn Phantasie kann nicht ausgerottet, aber sie kann ins
mrderische verkehrt werden.

Leben wir denn nicht in einer Welt, hnlich der? Nur da der Pakt
unzulnglich ist, da die gemarterten Tiere, weit entfernt, satt zu sein
und zu verdauen, hungern und frieren. Das hat der Zweck zustande
gebracht, diese Furie, unter dessen Stachelpeitsche die Kreatur winselt.
Nutzzweck heit der Tiger, der uns in den Klauen hlt, da das edelste
Blut der Menschheit ausrinnt und sie sich nur noch mht um das, was ihre
Ble bedeckt und ihren Magen fllt. O angstvoll starre Blicke, auf den
Trog geheftete Blicke, ihr kennt kein gelutertes Verlangen mehr; o
Freunde, zusammengeduckt wie vom Sturm unter ein Dach gejagte Vgel, ihr
wit nichts mehr von Aufschwung und Jubel, der Enthusiasmus ist
gestorben in euern Seelen, alt und kalt und verdorrt seid ihr, vor dem
Bttel Zitternde, von der Zahl, vom Apparat, von der Maschine, von der
Materie, vom Zweck Besiegte und Entherzte!


V

Ich war zu dem Satz gelangt: Mein und Dein ist so verschieden wie Ich
und Welt. Wer ein Ding besitzt, unternimmt es, ein Stck Welt seinem Ich
einzuverleiben. Das eigentliche Problem des Besitzes gipfelt im Problem
der Identitt.

Formaler Besitz, Gewohnheitsbesitz, Rechtsbesitz sind uerliche
Regelungen und Festsetzungen, soziale Dringlichkeiten. In Wahrheit
erringe ich den Besitz einer Sache, wenn ich sie mir einverleibt habe.
Es gibt kein anderes Mittel zur Einverleibung als die Liebe.

So wre also auch die Liebe ein Problem der Identitt? In der Tat
scheint es mir so zu sein. Setze ich an die Stelle des Begriffes Welt
den Begriff Du, so habe ich das Problem der Liebe, das Problem alles
Eros: aus einem Du ein Ich, aus einem Ich ein Du machen. Es ist die
hchste erreichbare Stufe des Besitzes, und deshalb hat auch die
Dichtung kein anderes Wort dafr als: einander besitzen.

Um aber das Alltgliche des Gegenstandes nicht zu frh aus dem Auge zu
verlieren, so wird man einwenden, es heie doch viel gefordert von der
Spannweite und dem Liebesvermgen der menschlichen Psyche, wenn man ihr
zumutet, da sie sich mit allen den Dingen erotisch verschmelzen soll,
die unentbehrlich sind zum Aufbau und zur Entwicklung der Existenz, all
den Krcken und Behelfen, den Bindungen und Fllseln, deren Bestimmung
es ist, aufgenommen und wieder weggeworfen, erprobt und wieder beseitigt
zu werden, auch dem Seltenen und Kostbaren schlielich, das bei besserer
Einsicht und vermehrter Freiheit dem noch Selteneren und Kostbareren
weichen oder bei herabgedrckten Umstnden abermals dem Geringeren Raum
geben mu.

Darauf ist zu erwidern, da das durchaus eine Angelegenheit des
subjektiven Krfteverhltnisses und der individuellen Phantasiefhigkeit
ist. Ich kenne Leute, denen es, bei offenbarer Wohlhbigkeit, eine
gewisse berwindung kostet, sich von einem Paar abgetragener Stiefel zu
trennen, wie es andere Leute gibt, die ohne den mindesten Skrupel einen
teuern Menschen von sich stoen, wenn es ihr Vorteil erheischt. Es kann
sogar ein und dieselbe Person sein, die beides zu tun imstande ist. An
Dingen Haftende sind gewhnlich nicht solche, die fr Menschen glhen
oder fr Menschliches sich einsetzen, und andererseits hat die
Hingegebenheit an den Geist oft eine wunderbare Liebe fr das Ding zur
Folge. Die universalen Seelen, wie Goethe eine war, vermgen mit ihrer
Liebe ein ganzes Universum zu umschlieen, den Stein, die Blume, die
Sterne, die Werke der Knstler, die Menschheit, den Teufel und Gott; die
engen Herzen mssen mit ihrem beschrnkten Platz wirtschaften, und wenn
es dann noch an Harmonie und Gabe der Sublimierung fehlt, geht alles
drunter und drber, und das Wesenlose rangiert neben dem Wesenhaften,
zum Beispiel Rententitres neben Philosophie und Musik. Man ist geneigt,
darin Lge und Verlogenheit zu sehen, es ist aber meist nur Enge und
wegen der Enge Verwechslung und Verwirrung.

In meiner Jugend war ich sehr arm, aber ich liebte alle Dinge, die mir
in sinnvoller Beziehung zu denen zu stehen schienen, welche sie besaen.
Ich liebte sie fast ebenso, als htte ich selbst sie besessen. In dem
Ma, als mir Besitz zuwuchs, so krglich dieses Ma auch war, erlahmte
die Fhigkeit zu solcher Phantasieliebe, denn die von mir besessenen
Dinge standen fordernd auf den Wegen zu den freien Dingen, sie
entkrfteten die Flgel, die im Fluge alles bedecken, sie ernchterten
die Augen, die im Traum alles an sich reien konnten, im Traum der
Identitt.

Keiner der besitzt, ist begierdelos und wunschlos. Nur der ist es, der
wissend auf Besitz verzichtet. Aber es ist dies kein gesellschaftliches
Ideal, sondern ein religises, kein europisches, sondern ein
orientalisches, kein sentimental-humanitres, sondern ein
unerbittlich-orthodoxes. Zu seiner Verwirklichung, sofern man berhaupt
von der Verwirklichung eines Ideals reden kann, fhrt nicht das
modern-kommunistische Diktat der Enteignung, sondern das
mythisch-buddhistische der Entuerung.

Entdeckt habe ich diesen Weg zur Erwachung, und zwar: durch Auflsung
von Bild und Begriff wird Bewutsein aufgelst, durch Auflsung des
Bewutseins wird Bild und Begriff aufgelst, durch Auflsung von Bild
und Begriff wird sechsfaches Reich aufgelst, durch Auflsung des
sechsfachen Reiches wird Berhrung aufgelst, durch Auflsung der
Berhrung wird Gefhl aufgelst, durch Auflsung des Gefhls wird Durst
aufgelst, durch Auflsung des Durstes wird Anhangen aufgelst, durch
Auflsung des Anhangens wird Werden aufgelst, durch Auflsen des
Werdens wird Geburt aufgelst, durch Auflsung der Geburt wird Alter und
Tod aufgelst, Schmerz und Jammer, Leiden, Trbsal und Verzweiflung gehn
zugrunde, also kommt dieses gesamten Leidensstckes Auflsung zustande.
Auflsung, Auflsung![1]

[Funote 1: Reden Gotamo Buddhos, bersetzt von Neumann.]




Faustina

Ein Gesprch. Geschrieben 1907


Vor Jahren hatte in einem geselligen Kreis, in dem ich damals verkehrte,
die junge C. viel Aufsehen gemacht. Abkmmling einer alten Adelsfamilie,
hatte sie sich, kaum zwanzig Jahre alt, von dem Zwang und Drill ihrer
Welt befreit, um, wie sie sich ausdrckte, selbst zu leben. Die
Ungebundenheit ihrer Lebensfhrung war in der Tat erstaunlich. Eine
Zeitlang kmpfte sie im grten Elend; pltzlich ging sie zum Theater,
dort heiratete sie einen Schauspieler, von dem sie sich nach
dreimonatlicher Ehe wieder trennte. Um Geld zu verdienen, bersetzte sie
mittelmige Romane aus dem Franzsischen. Eines Tages hie es, sie sei
mit einem reichen Brasilianer verlobt und mit ihm in seine Heimat
gereist. Aber schon nach Jahresfrist kam sie zurck, -- ohne Brasilianer,
leider genau so arm wie zuvor.

In dieser Zeit nherte ich mich ihr. Wir hatten uns ziemlich viel zu
sagen. Faustina, so wurde sie meist kurzweg genannt, war geistreich,
und, was mehr ist, ihr Geist hatte Fundamente. Sie war schn und sie war
exzentrisch; nimmt man aber dies Wort in genauem Sinn, so hatte sie mehr
Mittelpunkt als diejenigen, in deren Bezirk sie sich fremd erschien. Ob
sie auch immer anziehend war, lasse ich dahingestellt; eine Fremde war
sie durchaus, stets fremd, nie brgerlich vertraut, hchstens seelisch
verwandt. Zur Abenteuerin fehlte ihr die Skrupellosigkeit, und um eine
groe Dame zu sein, war sie zu ruhelos und zu voll von Opposition.

Wieder eines Tages war Faustina verschwunden. Sie verabschiedete sich
nicht einmal von mir. Niemand wute, wohin sie gegangen war, und sie
blieb verschollen. Man verga sie, auch ich verlor sie beinahe aus dem
Gedchtnis. Da, wiederum nach Jahren, begegne ich ihr pltzlich auf der
Strae. Sie gewahrt mich, sie zgert, ich mache Miene, sie anzureden,
sie grt und geht weiter. Kurz darauf erhielt ich ein Billett von ihr
mit der Aufforderung, sie zu einer bestimmten Abendstunde zu besuchen.

Sie wohnte in einer Vorstadtpension. Ich trat in ein Zimmer, das die
bliche Halbeleganz fliegender Quartiere aufwies. Faustina war noch
immer schn, aber wie von einem sich entlaubenden Baum kann man auch von
dem Herbst eines menschlichen Gesichts sprechen. Ohne Zweifel las sie in
meinem Gebaren, da ihre lakonische Einladung eher geeignet war, Neugier
zu erregen als an freundliche Beziehungen zu erinnern. Die Sache ist
die, da ich ganz ausgehungert darnach bin, mit einem vernnftigen
Menschen zu reden, sagte sie. Ich habe berechnet, da ich seit
siebzehn Monaten blo mit Kellnern, Kutschern, Zimmervermieterinnen,
Hausmeistern und Ladenmamsellen gesprochen habe. Das heit doch leben,
wie? Da ich so viel Talent zur wandelnden Mumie besitze, wer htte das
gedacht.

Sie haben immer zu berraschen verstanden, Faustina, versetzte ich
ablenkend.

Als ich Sie auf der Strae sah, fuhr sie fort, hatte ich ein Gefhl
just wie Robinson, als er das erste Schiff vor seiner Insel gewahrte.

Und doch sind Sie davongelaufen, gar nicht wie Robinson, sondern wie
Freitag, der scheue Wilde.

Ja; scheu bin ich geworden. Wenn ich wenigstens schreiben oder
musizieren knnte! Den Kunstdilettanten bietet die Welt immer noch
Lockungen, und von allem, was im Menschen abzutten ist, stirbt die
Eitelkeit zuletzt. Aber leider, ich bin stumm geboren, und der bloe
Kunst_genu_ qult den Stummen manchmal mehr, als er ihn beruhigt.

Ich wundre mich, Faustina. Sie waren doch stets obenauf. Eine richtige,
tchtige Schwimmerin waren Sie. Haben Sie denn keine Arbeit, keine
Bettigung mehr?

Ich finde es langweilig, zu arbeiten. Was kommt dabei heraus? Eine Art
von Trunkenheit und Selbstbetrug bestenfalls. Arbeiten, wie das klingt!
Dem Leben mit Gewalt ein Versprechen abntigen! Ich brauche keine
Versprechungen mehr, ich glaube an keine mehr. Vorlufig hab ich noch
ein bichen Kapital, meine Eltern sind nmlich gestorben, und man hat
mir den Pflichtteil ausbezahlt. Aber von den Zinsen knnt ich nicht
leben, das wrde hchstens fr eine Bchse Kaviar im Monat reichen.

Also ist am Ende Ihre Einsamkeit ein konomisches Prinzip?

Um Gottes willen, wer wird so philisterhaft denken!

Und da treiben Sie sich nun mutterseelenallein herum, ohne Genossin,
ohne Freundin --?

Ach was, Freundin! Ich habe keine Freundin, habe nie eine gehabt. Eine
Frau hat niemals eine Freundin.

Aber die Freunde, Faustina! Sie lieen mich einmal glauben, da ich Ihr
Freund sei.

So? Wirklich? Mag sein, doch ich rgerte mich, da Ihnen keinen
Augenblick lang der Einfall kam, etwas anderes sein zu wollen.

Sie lachte ber mein verdutztes Gesicht und fuhr fort: Spricht man
hingegen nicht vom Freund, sondern von den Freunden, so mu ich
gestehen, da ich fr solche Beziehungen nicht viel brig habe. Die
Freunde, das sind Wesen von einer geradezu lcherlichen Gefrigkeit.
Sie verdauen schneller als die Hhner, und sie bleiben immer mager, ihr
Herz bleibt immer mager.

Dennoch, Faustina, mit Menschen verbunden zu sein, bleibt der schnste
Vorzug des Menschen. Einen isolierten Zustand schadlos zu ertragen, dazu
gehrt schon eine ungewhnliche Seelenstrke.

Mag sein, mag sein, erwiderte Faustina, und sie lchelte unbestimmt
vor sich hin.

Offen gestanden, htte ich nicht erwartet, Sie so zu finden, fuhr ich
fort. Ich dachte Sie mir in groen Erlebnissen. Eine Gestrandete, oder
wie Sie sagen, einen Robinson, nein, das hatte ich nicht erwartet.
Faustina unentflammt, Faustina ohne Liebe, ohne Verliebtheit, Faustina
einsam, was hat das zu bedeuten?

Sie sah mich lange schweigend an, bevor sie antwortete. Was kann es
andres zu bedeuten haben, bester Freund, als da fr Faustina keine
Liebe mehr da ist? Fertig, Freund, fertig! Abgewirtschaftet! Die Rahel
Varnhagen, die ja eine grundgescheite Person war, hat es einmal als
besondere Genialitt Goethes gepriesen, da er im Wilhelm Meister die
drei Frauen, die lieben knnen, Marianne, Aurelie und Mignon, sterben
lt; denn, sagte sie, es ist noch keine Anstalt fr solche da. Sehr
tiefsinnig: es ist noch keine Anstalt fr solche da! Sie schweigen? Sie
meinen, ich lebe ja. Gewi, ich lebe, aber wie, das sehen Sie doch.
Ehemals, da sprte ich nur mein eigenes Feuer, jetzt empfinde ich die
ganze Klte des Zeitalters. Vielleicht ist es mein Migeschick, fr eine
Epoche geboren zu sein, in der die Liebe nur ein artistischer Begriff
ist.

Verallgemeinerungen sind tricht. Man mu sich, Faustina, vor der
Manier der Malkontenten hten. Der Malkontente nmlich, das ist ein
Mensch, der aus seiner persnlichen Unfhigkeit eine Weltanschauung
macht.

Sie sind sehr deutlich, mein Lieber. Ich bin aber keine Malkontente.
Malkontente opfern sich nicht.

Haben Sie sich denn geopfert?

Wenn es opfern heit, zu lieben, wahrhaft zu lieben, sich wegzuwerfen --

Sich wegzuwerfen, das heit nicht lieben und das heit nicht sich
opfern. Doch wir verstimmen uns im Wesenlosen. Erzhlen Sie mir.
Erzhlen Sie mir von Ihrem bisherigen Leben. Es gibt nichts
berzeugenderes als das Erlebnis, Faustina, nichts Unbedingteres als die
Art, wie ein Mensch von Erlebnissen sie vorzutragen wei.

Um keinen Preis. Ich kann nicht von mir sprechen, solang Sie argwhnen,
da ich meine persnlichen Enttuschungen gewissermaen an der Zeit
rchen mchte.

Es ist schwer, liebe Freundin, und nicht einmal dem Glcklichen gelingt
es, Zeit und Schicksal auseinanderzuhalten.

Was wre auch zu erzhlen, versetzte Faustina. Eine Geschichte wie
hundert andere. Wenn ich Ihre Erwartungen in bezug auf meine Person
betrge, so ist das Ihre Schuld.

Sie sagen, Sie htten geliebt und sich weggeworfen. Darin liegt mehr
Schuld, als Sie glauben.

Ich habe keine Schuld. Oder sind bertriebene Hoffnungen eine Schuld?
Bin ich dafr verantwortlich, da eure Gesellschaft, wie sie nun einmal
ist, Liebe nicht mehr gewhrt, da fr die Liebe kein Platz mehr in ihr
ist? Sie schtteln den Kopf, und doch ist es so. Gibt es heutzutage noch
eine Gestalt, in der Dichtung oder im Leben, deren Existenz in der Liebe
wurzelt? Der Politiker, der Staatsmann, der Forscher, der Erfinder, der
Soldat, der Fabrikant, der Brseaner, im Notfall sogar der Knstler, sie
alle knnen ein modernes Lebensideal bilden, der Liebende nicht. Man
bewundert eine Figur wie die des Casanova, man findet eine Frau wie
Julie de Lespinasse uerst rhrend, man erstaunt ber Ninon de
l'Enclos, aber sie sind im Grunde nichts weiter als Legenden und
Raritten, man hat fr sie das Interesse des Orientalisten, der
babylonische Ruinen ausgrbt. Wenn Casanova heute erschiene, wrde er
wahrscheinlich als Hochstapler ins Gefngnis gesteckt werden, und auch
bei Don Juan wrde schlielich anstatt des steinernen Gastes ein
Polizeiagent vorsprechen. Der Staatsmann, der Soldat, der Forscher, der
Knstler, sie sind heute nichts weiter; Staatsmann, Soldat, Forscher und
Knstler, basta; darauf sind sie gestellt, darin sind sie spezialisiert.
Liest man jedoch die Briefe Diderots an Sophie Voland oder die Briefe
Mirabeaus an Mademoiselle de Monnier, so zeigt sich, da da ber den
Geist hinaus, ber ein allgemeines, ja welthistorisches Wirken hinaus
noch Leidenschaften blhten, zwecklos wie die Blumen in einem Garten.
Heutzutage ist die Liebe das Geschft der Poeten, ob sie nun schreiben
oder blo trumen, und nicht einmal der berufensten, denn die stellen
sich wrdigere Aufgaben, sie mssen Probleme lsen. So sagt man doch:
Probleme lsen. Nuknacker der Zeit, die sie sind.

Zu viel Bitterkeit, Faustina. Sie vergessen, da die menschliche Natur
immer dieselbe bleibt. Die Wandlungen der Zeit bringen nur eine
oberflchliche Hutung mit sich. Es sind Wandlungen des Geschmacks, der
Mode, der Manier, der Gebrde. Herz und Blut verwandeln sich nicht. Die
Leute des achtzehnten Jahrhunderts gefielen sich in schwungvollen
Episteln; das war eben der Geist der Epoche. Sie mgen uns berlegen
gewesen sein in der Fhigkeit, ber ihre Empfindungen zu reden und sich
darin zu spiegeln, darum aber waren die Empfindungen selbst nicht
tiefer. Sie hatten auch die Gabe, alltgliche wie besondere Ereignisse
ihres Daseins in der Konversation auf das anmutigste zu behandeln. Ich
gebe zu, da damit eine Kunst der Geselligkeit verbunden war, deren
Verlust wir beklagen mssen --

Ja, sehr, sehr! Das ist es eben, was ich behaupte. Unsere Form der
Geselligkeit macht das Entstehen der Liebe fast unmglich. Bringen Sie
einmal ein Dutzend Menschen aus derselben Bildungssphre zusammen, die
einander halbwegs fremd sind. Abgesehen davon, da Sie Gesprche hren
werden, bei denen Ihnen die Haut schaudert, wird auch der einzelne mit
dem Wunsch nach Annherung die grten Schwierigkeiten finden.

Wir sind eben schweigsam geworden.

Nur schweigsam? nicht auch zerstreut, nicht auch mde? nicht auch
faul?

Nur schweigsam. Unsere Altvordern, die hatten viele Heimlichkeiten,
aber Geheimnisse hatten sie eigentlich keine. Fr uns spielen
Heimlichkeiten keine Rolle mehr, dagegen sind wir voll von Geheimnis.
Ehemals kannte man in der Chemie nur vier Elemente, heute hat sich alles
Elementare in Atome gelst. hnlich ist es der Gesellschaft ergangen.
Wir haben keine Gesellschaft mehr, weil jedes Individuum als eine Welt
fr sich und mit dem ganzen Geheimnis seiner Welt auftritt.

Auch mit der ganzen Anmaung seiner Welt.

Gut. Natrlich war es bei geschlossenen Gesellschaftskomplexen, wo
jeder gleichsam das Abzeichen seiner Kaste trug, viel leichter, gewisse
Kulturideale, oder besser gesagt, modische Ideale durchzufhren und als
gang und gbe festzuhalten. Modische Ideale haben wir nicht mehr, weil
wir von vornherein entschlossen sind, in nichts, was mit dem Ideal
zusammenhngt, Konzessionen zu machen. Deswegen kann die Liebe keine
gesellschaftliche bereinkunft mehr sein, deswegen auch hat sie keine
gesellschaftliche Abgrenzung mehr. Es haben sich die Grenzen verschoben,
nach auen und nach innen. Nach auen und nach innen ist alles
komplizierter geworden; oder sagen wir: verfeinerter, oder:
verschwiegener. Ehemals begehrte man in einem Liebesverhltnis die
Person des Liebenden oder Geliebten, jetzt begehrt man mehr, nmlich die
Persnlichkeit.

Modische Ideale oder andere Ideale, darnach frag ich nicht, entgegnete
Faustina lebhaft. Ideale aufzustellen, in dieser Beschftigung habt ihr
es freilich zu einer gewissen Handfertigkeit gebracht. Aber die Sache
scheint mir die, da zwischen Ideal und Wirklichkeit eine so ungeheure
Entfernung ist, da die beiden schon gar nichts mehr miteinander gemein
haben. Da ist kein Weg, keine Brcke. Es ist, als riefe man mir zu: geh
nach dem Mond. Es war der Vorzug vergangener Zeiten, da sie
realisierbare Ideale hatten.

Heit denn das schon ein Ideal realisieren, wenn man imstande ist, sich
gesellschaftlich mitzuteilen oder selbst hinzugeben? erwiderte ich.
Konversation fordert Leichtigkeit; die allerdings fehlt uns. Sie setzt
ein Interesse fr vieles voraus, wofr Teilnahme zu heucheln uns gar
nicht mehr einfllt. Wir wrden es abgeschmackt finden, ber die Liebe
und ihre verschiedenen Arten zu philosophieren. Unsere Zeit ist nach
jeder Richtung hin monologisch gestimmt. Gesteigerte Anschauung und ein
erhhter Respekt verhindern uns durchaus, ber das Bedeutungsvolle
gewisser Lebensfragen zu sprechen. Wo wir uns sympathisch erfat sehen,
glauben wir eine Errterung darber entbehren zu knnen; ganz mit Recht.
Ich mchte sagen, wir verkehren unter tieferen Voraussetzungen
miteinander. Ist Ihnen denn nicht auch im Grunde jede Ankndigung eines
Gefhls ein Greuel? Finden Sie denn nicht auch die ganze Phraseologie
der Liebe von Anno dazumal lcherlich und aufdringlich? Kribbelt es
Ihnen nicht in den Fingern, wenn der Liebhaber auf dem Theater seine
Liebeserklrung vom Stapel lt?

Ach ja, das sind Geschmackssachen, versetzte Faustina. Geschmack, das
lasse ich gelten, Verfeinerung ist mir zuwider. Die Scham seiner Gefhle
haben, schn. Aber noch schner ist es, dnkt mich, den Mut seiner
Gefhle haben. Wenn Sie mir den Punkt angeben knnen, wo eines aufhrt
und das andere anfngt, ich meine, wo die Feigheit aufhrt und die
Verantwortlichkeit anfngt, dann will ich mich zufrieden geben. Aber
dazu werden alle Waffen Ihrer Rabulistik nicht ausreichen.

Mglich. Man kann ja berhaupt nicht streiten, wenn man nicht derselben
Meinung ist.

Wie? kann man nur streiten, wenn man derselben Meinung ist?

Gewi; im Grunde gewi.

Groartig! Ein wildes Paradox! Faustina lachte, was ihrem Gesicht
einen entzckenden Reiz verlieh. Aber wir verstehen uns am Ende doch,
fuhr sie fort. Sie kennen sicherlich die arabische Erzhlung vom
Sklaven der Liebe; ist es nicht ergreifend, wie der schne Jngling
unter der Gewalt seiner Sehnsucht hinsinkt, als ob ihn eine tdliche
Krankheit erfat htte? Oder da las ich neulich die Geschichte von
Raimundus Lullus, der am Hof des Knigs von Arragon ein ausschweifendes
Leben fhrte, bis ihn pltzlich eine glhende Leidenschaft zu der
schnen Ambrosia de Castello packte. Eines Tages lt ihn die Dame in
ihr Gemach kommen, enthllt sich ihm, und es zeigt sich, da sie durch
einen furchtbaren Brustkrebs dem Tod verfallen ist. Raimundus, bis ins
Innerste erschttert, weiht sich einem Leben vlliger Keuschheit. Doch
wozu Beispiele; vielleicht beweisen Beispiele nichts. Ich sehe freilich
darin Kundgebungen edler Leidenschaft. Dieser Raimundus Lullus etwa, ich
nenne gerade ihn, obwohl es auf Namen hier nicht ankommt, er lebte in
seiner Liebe wie die atmende Kreatur in der Luft. Es gab fr ihn nicht
anderes auer seiner Liebe. Er war in der Liebe, er war von Liebe
besessen, ein Besessener war er. Ich habe niemals einen von Liebe
Besessenen gefunden. Viele besaen die Liebe, das wohl, aber von ihr
besessen waren sie nicht. Solche fand ich, die vom Spiel besessen waren,
vom Geld, vom Ehrgeiz, von Wollust, aber von Liebe Besessene fand ich
nicht.

Wenn Sie Umschau halten, Faustina, fiel ich ihr ins Wort, knnen Sie
zu jeder Zeit und wo immer es auch wre, Handlungen von der gleichen
Bedeutung und Intensitt gewahren. Wir fhren eine zu abgeschlossene
Existenz, als da Sinn und Motiv ihrer einzelnen Vorgnge zu jeder
Stunde offenbar oder handgreiflich zu nehmen wren. Es ist nichts
einfltig genug, es ist alles zu vielfltig, zu weitschichtig, als da
man durch anekdotische Belege imponieren knnte. Selten hat ein Ereignis
Anfang und Ende fr uns, selten lt es sich als Anekdote fassen, noch
seltener ein ganzes Leben. Ja, es ist alles unfabar, unendlich, alles
auch scheinbar ohne Stichhltigkeit oder ohne Konsequenz, und doch, wenn
man hinfhlt, wenn man im Nerv der Dinge lebt, von tiefstem Belang.

Aha, Sie spielen schon wieder auf das Geheimnis an. Es lt mich kalt,
Ihr Geheimnis, es ist mir zu pomphaft. Ich lobe mir dafr die
Heimlichkeit; sie ist heiter und beweglich.

Lassen wir das Geheimnis. Ich sage nur: die Leidenschaften waren und
sind zu jeder Zeit und in jedem Jahrhundert dieselben. Ich will gar
nicht an die Tragdien erinnern, die sich in stillen Stuben ereignen, es
wird davon wenig Aufhebens gemacht und drei Zeilen in einer Zeitung sind
alles, was bisweilen ans Licht kommt. In meiner Heimat gab es ein junges
Paar, und sie liebten einander. Die Eltern des Mdchens setzten der
Verbindung hartnckigen Widerstand entgegen. Als man sah, da die Liebe
der beiden nur um desto grer wurde, je mehr Hindernisse man ihnen
bereitete, wurde dem jungen Mann gesagt, er solle das Mdchen haben,
doch msse er sich zuvor drei Jahre lang nach Amerika begeben und
whrend dieser Zeit drfe weder er der Geliebten schreiben, noch sie
ihm. Wenn er nach abgelaufener Frist seine Neigung unbesiegbar finde,
werde man gegen die Heirat nichts mehr einwenden. Und so geschah es, der
Jngling reiste bers Meer. Etwa ein Jahr lang ging alles gut, das
Mdchen lebte in schner Gewiheit. Auf einmal fing sie an zu krnkeln,
verlor ihre Munterkeit, und ohne da ein Arzt den Sitz des bels zu
entdecken vermochte, siechte sie hin. Die Eltern wurden besorgt, man
begann nach dem jungen Mann zu forschen, aber da er keine Angehrigen in
der Stadt hatte, verursachte dies viele Umstnde, und das junge Mdchen
starb, ihr Leben erlosch wie ein Feuer, das keine Nahrung hat. Gleich
darauf stellte es sich heraus, da der junge Mann dort drben im fremden
Land ebenfalls den Tod erlitten hatte, und zwar beinahe an demselben
Tag, an welchem die Krankheit des Mdchens begonnen hatte.

Eine hbsche Geschichte zwischen Menschen ohne Elan, sagte Faustina.
Warum waren sie gar so still und subaltern, die armen Liebesleutchen?
Ach, tuschen wir uns nicht darber hinweg; man hat aufgehrt, die Liebe
als eine herrschende Gewalt zu betrachten. Es ist deswegen auch ihr
Ritus und Zeremoniell, wenn ich mich so ausdrcken darf, verloren
gegangen. Und was ist schuld daran? Wer wei es! Vielleicht der Beruf,
vielleicht die Bildung, vielleicht beides. Der eine Moloch verschlingt
die Zeit, die schne Muse zweckloser Trume, der andere vernichtet die
Ursprnglichkeit der Gefhle. Es gibt zu wenig Leute, die sich
langweilen, oder besser gesagt, die das Talent haben, sich zu
langweilen. Man ist rationalistisch bis auf die alltglichen Launen. Man
will immer einen Grund und immer einen Zweck. Man geht nicht mehr
spazieren, sondern man macht Touren. Wenn man das Leben aufs Spiel
setzt, geschieht es fr Dinge, die dessen nicht wert sind. Was mich
betrifft, ich sah Mnner, ernsthafte Mnner erschrecken bei dem bloen
Gedanken an tieferes Attachement. Ich kannte andere, die auf Abenteuer
ausgingen und die schleunigst, wie vom Donner gejagt, die Flucht
ergriffen, wenn sie in Gefahr waren, einer Leidenschaft zu unterliegen,
deren Meister sie nicht sein konnten. Da ist ein Mann, fhig zur
Hingebung, ja, zur Aufopferung, der jeden Keim groer Empfindung durch
unablssiges Frage- und Antwortspiel mit sich selbst zerstrt, wie wenn
ein verrckt gewordener Grtner jeden Morgen die schnsten Knospen
abrisse und zwischen den Fingern zerriebe, und da sind andere die aus
purer Herrschsucht, aus purem Mutwillen, aus purer Eitelkeit, aus purem
Unverstand das Kostbarste, was sich ihnen anbietet, zu niedrig
einschtzen, nur weil es sich ihnen anbietet, und verwesen lassen, was
sie hegen sollten. Ich spreche jetzt nicht von dem, was mir widerfahren
ist, denn mit uns Frauen ist es ja nicht viel besser. Da sind solche,
die ihr halbes Leben darnach versehnen, sich in einem groen Gefhl
verlieren zu drfen; wenn dann das wunderbare Ereignis kommt, sind sie
pltzlich voller Ausflchte, voller Ausreden, voller Angst, den Geist
ihrer Kaste zu beleidigen. Sie haben jede Entschlossenheit in der Idee
und in der Sehnsucht verausgabt. Das, sehen Sie, ist Empfindsamkeit, und
diese Art Empfindsamkeit, sich in der Idee und in der Sehnsucht zu
verschwenden, ist uns so verderblich. Da strzt man sich dann in den
Pfuhl einer charakterlosen Ehe, die Frauen, um ein Asyl zu gewinnen,
oder um den Zustand einer allgemeinen sinnlichen Unruhe zu beenden, oder
um Konflikten zu entgehen, denen sie nicht gewachsen sind, oder um
gewisser sozialer Vorrechte teilhaftig zu werden oder aus frivoler
Gedankenlosigkeit schlechthin; die Mnner, um ein Heim zu grnden, wie
sie mit heuchlerischer Poesie behaupten, in Wirklichkeit, um sich zur
Ruhe zu setzen, um sich von ihren Jugendsnden, Snden des Geistes und
des Herzens, des Krpers und der Seele zu erholen. Wre dabei die Ehe
blo eine soziale Konvenienz, die wie im Zeitalter der Galanterie
gewisse Freiheiten eher frdert als verbietet, oder wie im Altertum ein
ungleiches Verhltnis von Tyrannei und Sklaverei zum Gesetz erhebt, so
wre es noch gut; aber nein, sie ist sakrosankt, und damit schtzt sich
die Gesellschaft vor dem schlechten Gewissen, das ihr die
Phrasenhaftigkeit der ganzen Institution sonst erwecken mte. Groer
Gott, was fr ein Rattenknig von Verlogenheiten! Alles mu herhalten,
um den Mangel wahrhafter Liebe, uneigenntziger und edler Gefhle zu
vertuschen: Wissenschaft und Kunst, Staatsinteresse und Humanitt,
Christentum und Freigeisterei, lauter schne Kulissen fr ein
nichtswrdiges Schauspiel!

Faustina war auerordentlich bewegt. Ich hatte Mitleid, ihr zerstrtes
Wesen rhrte mich. Ich erkannte, wie das Schicksal in ihr gehaust, und
ein halb entschuldigendes, halb selbstverspottendes Lcheln, das alsbald
auf ihre Lippen trat, konnte mich nicht tuschen. Ich schwieg; mein
langes Schweigen gab ihr wieder einige Haltung. Sie erhob sich und ging
mit verschrnkten Armen auf und ab, wobei sie fortfuhr: Es gibt eine
Novelle von Tschechow, sie handelt von einem alternden Mann, der ein
Liebesverhltnis mit einer verheirateten Frau hat. Sie treffen sich
heimlich, und einmal, gerade whrend er sie begrend umarmt, wird er
traurig und fragt sich, warum ihn diese so liebt. Er denkt an die
andern, er denkt daran, wie viele ihn geliebt haben, und da keine von
ihnen, keine einzige mit ihm glcklich gewesen sei. Die Zeit verging, so
heit es ungefhr, er machte Bekanntschaften, schlo Verhltnisse,
trennte sich wieder, aber niemals liebte er; es war alles, was man nur
wollte, gewesen, aber keine Liebe. Das Wort ist in mir haften geblieben.
Alles, was man nur wollte, war es gewesen, aber keine Liebe. Der Mann
war, wie viele sind, und die Frau liebt ihn, ja, sie liebt ihn, aber
nicht ihn selbst, sondern den Menschen, den ihre Phantasie geschaffen
hat, und wenn sie ihren Irrtum bemerkt, liebt sie ihn dennoch weiter.
Was sollte sie sonst tun? Darf ich Ihnen etwas verraten? Etwas recht
Lcherliches? Ich habe eine kleine Einteilung gemacht. Ich habe die
Frauen eingeteilt in Katzennaturen und in Hundenaturen, und die Mnner
in Streber und Faulpelze. Katzen sind an den Ort gebunden, Hunde an den
Herrn, Katzen sind treulos, Hunde sind treu, Katzen haben Charakter,
Hunde nicht; wenn Sie den Finger ausstrecken, wird die Katze auf Ihre
Hand, der Hund aber gegen das Ziel blicken; und so weiter. Sie wissen
schon, was ich meine. Oder ist die Analogie nicht plausibel? Streber und
Faulpelze, darber lassen sich amsante Beobachtungen machen. Was dem
einen die Karriere, ist dem andern die Behaglichkeit. Der Streber ist
skrupellos, der Faulpelz satt; der Streber ist ein Glcksjger, der
Faulpelz ein heimlicher Dieb, der seine Beute in Sicherheit gebracht
hat, denn der Faulpelz ist immer ein heimlicher Dieb. Der Streber ist
konservativ aus Grundsatz, der Faulpelz aus Stumpfsinn, der Streber ist
revolutionr aus Opportunismus, der Faulpelz aus Eigennutz; der eine ist
ein Wucherer, der andere ein Kuppler, und Philister sind alle beide. Ja,
es ist eine herrliche Welt, eine herrliche Zeit! Wenn man dieses ganze
Geschlecht in einen groen Sarg legen und auf einmal beerdigen knnte,
so wt' ich eine wunderbare Grabschrift.

Und die wre?

Verstorben an der weitverbreiteten schleichenden Seuche: Trgheit des
Herzens.

Na, daran stirbt man nicht.

Gewi nicht, weil man ganz bequem davon leben kann.

Verrannt, verrannt, Faustina, rettungslos verrannt.

Freilich, murmelte Faustina, verrannt wie Theseus. Aber aus diesem
Labyrinth gibt's kein Entkommen.

Packen wir doch den Stier bei den Hrnern, Faustina. Was ist Liebe? Wer
hat Liebe? Wer ist der Liebe fhig? Wer darf sich vermessen zu reden:
Liebe ist so und so und nicht anders. Wer darf es wagen, ber die
Relationen des Begriffs hinauszufliegen und seine Einheit, seine
pragmatische Gltigkeit, seine reinste Inkarnation zu verkndigen? Liebe
ist etwas ungeheuer Seltenes, Faustina. Machen wir uns das klar! Die
Liebe, die wirkliche Liebe, nicht die aus aller Leute Mund, ist ein
Phnomen, genau so selten, genau so groartig, genau so
bewunderungswrdig wie das Genie. Ihre niedrigen oder minder niedrigen
Erscheinungsformen durch die Rangstufen der Kreaturen sind allerdings
so reich und wechselnd wie die Kreaturen selbst. Nehmen Sie aber ein
Individuum heraus, um es nach Ihrer Weise kurzerhand vor den Imperativ
der Liebe zu stellen, so ist das ungefhr so, wie wenn Sie ihm die
fnfundzwanzig Buchstaben des Alphabets vorsagen und ihm dann befehlen:
da hast du alles Notwendige, nun schaffe mir ein schnes Dichtwerk. Man
ist gewohnt, mit dem Wort Liebe umzuspringen wie mit einem Hausgert. Es
hat gar keine Unberhrtheit mehr, dies unglckselige Wort, es ist wie
eine Dirne zu jedermanns Diensten, und mir scheint, man mte ein neues
erfinden, um das auszudrcken, was es ausdrcken sollte. Da ist eine
gewisse mittlere Literatur, die vorzugsweise von Liebe handelt, und zwar
von einer Liebe, die Distinktion haben soll, Bedeutung haben soll,
edelherzig und selbstlos sein soll, und ach, nichts von alledem besitzt
sie, eine Wachspuppe ist sie. Wollte man sich, was ja nahe liegt, durch
diese Produkte verfhren lassen, an die Hufigkeit der Liebe zu glauben,
so ginge man sehr fehl. Unsere besten Dichter, denen eine untrgliche
Vision die Realitt ihrer spezifischen Welt gibt, beziehen auch nur mit
einer hchst belehrenden Vorsicht die Liebe in das Bereich ihrer
Erfindungen.

Weil sie nichts davon wissen und weil sie sich davor frchten, genau
wie im Leben.

O nein, Faustina, das wre ein gar zu billiger Schlu. Weil sie ihre
Seltenheit erkannt haben. Halten wir uns an das Gleichnis mit dem Genie.
Das Genie tritt erst in Funktion, wenn es in eine Zeit geboren ist, die
fr sein Wirken schon vorbereitet ist. Es ist zwischen dem Genie und der
Zeit sozusagen eine elektrische Spannung aufgespeichert. Mit der Liebe
ist es nicht anders. Der zur Liebe geborene Mann mu den fr ihn
bestimmten hchsten Typus gewinnen und umgekehrt. Es gengt nicht, da
in einem Einzelwesen die Fhigkeit und Mglichkeit der Liebe vorhanden
ist, sondern sie mu durch ein besonderes Walten gnstiger Umstnde
einen wrdigen Gegenstand finden. Wer zur Liebe bestimmt ist, der mu
zugleich etwas vom Helden und etwas vom Mrtyrer haben. Nehmen wir also
an, es entsteht in zwei bevorzugten Individuen die Liebe. Gehen wir ein
wenig anatomisch zu Werke. Zerlegen wir eine solche Liebe in ihre
Bestandteile. Da haben wir in erster Linie die Leidenschaft, die als
eine Art Entflammung des Blutes und des Geistes gelten mu; ferner:
vergttlichende Kraft; durch sie wird das geliebte Wesen herausgehoben
aus der Schar der Mitlebenden und in ein Idol verwandelt. Ferner:
sinnliches und bersinnliches Verlangen; das sinnliche entspringt der
Leidenschaft, das bersinnliche der Vergttlichung; sodann: unbegrenzte
Hingebung; ihr Merkmal ist jedoch, da sie auch bei hchster Gromut des
Gewhrens nie zu befriedigen vermag; ferner: eine Zartheit der
Empfindung, die abhngig ist von jedem Traum, von der leisesten Ahnung,
und endlich eine Ruhelosigkeit, die gleichwohl ein ganz bestimmtes Ziel
hat, so wie die zitternde Magnetnadel. Sie mokieren sich ber meinen
professoralen Ton, wie ich sehe. Ich whle ihn mit Absicht, da ich
zwischen Schwrmerei und Sachlichkeit keine Wahl habe, und wenn ich
nicht schwrmerisch erscheinen will, mu ich trocken sein.

Ich mokiere mich nicht. Fahren Sie nur fort.

Man braucht nur geringen Scharfblick, um daraus zu erkennen, da die
Liebe zwei Hauptquellen hat; eine elementare und eine ethische, eine
sinnliche und eine sittliche. Betrachtet man nun die trivialeren Formen
der Liebe, so zeigt es sich, da sie fast immer nur auf eine einzige
jener Eigenschaften gegrndet ist. Wir haben dann die Liebe aus
Leidenschaft; oder die Liebe aus Sinnlichkeit; oder die
selbstentuernde Liebe; oder die empfindsame Liebe; oder die ruhelos
unbefriedigte Liebe. Die Variationsmglichkeiten sind natrlich zahllos;
zum Beispiel, wenn der Mann eine sinnliche und das Weib eine
vergttlichende Liebe hegt oder umgekehrt; oder wenn der Mann ruhelos
unbefriedigt und das Weib selbstentuernd liebt, und so weiter. Meist
wird es so sein, da gerade die schroffsten Gegenstze zusammentreffen.
Mit der Variation beginnt auch schon der Konflikt, und wo Konflikte
sind, ist keine Bestndigkeit. Die groe Liebe kennt keine Konflikte;
bei ihr findet ein vollkommener Ausgleich statt. Alles Differenzierte
vereinigt sich zur Harmonie und zur Schnheit. Ein auszeichnender Vorzug
wird nie isoliert sein und nie ohne Widerspiel wirken; erst das
Widerspiel, in einem bejahenden Sinn, bringt eine Tugend zur
Entwicklung: Anmut wird zum Beispiel den Geist bedingen, Gte die Kraft,
Vornehmheit die Tapferkeit. In der groen Liebe und nur in ihr,
verwandelt sich der Mensch; er wird sozusagen nach seinen idealen
Grenzen erweitert. Er ist in einem Zustand von Dmonie, oder um Ihren
Ausdruck zu gebrauchen, von Besessenheit. Alles Sichtbare und alles
Fhlbare hat nur einen einzigen Bezug, er findet berall und in allen
Dingen das Gleichnis mit dem Objekt seiner Liebe, in der Musik und im
Gedicht, im Ziehen der Wolken, im Rauschen der Bume, im Anschauen eines
Bildes, einer Flamme, eines Steines; Vogelflug und Menschenwege haben
fr ihn dieselbe nebelhafte Ferne, und doch hat er alles in sich und
nichts auer sich, er ist nach allen Seiten gegen die Welt geffnet und
doch von ihr nicht mehr berhrbar, er ist der freundlichste Freund, der
teilnehmendste Gefhrte und trotzdem mit der Geliebten im ganzen
Universum allein. Was ihn zuerst an ihr hingerissen hat, sagen wir eine
besondere Wlbung der Stirne, eine besondere Art, die Lider zu heben
oder die Hand zu reichen, ein Ton der Stimme, ein Rhythmus des
Schrittes, ein Lcheln, eine Gebrde, das alles wird Weltgesetz, das
heit: so gehen ein fr allemal die Menschen, so sprechen sie, so
blicken sie, so reichen sie die Hand, das ganze Bild des Daseins wird zu
einem fixierten Bild der Schnheit. In der groen Liebe nmlich ist
alles Positivitt, und es ist alles in ihr unendlich und ewig. Sie kann
deshalb niemals aufhren, weder auf der einen, noch auf der andern
Seite. Nur der Tod kann ihr ein Ende bereiten, ein Ende, das freilich
dem tiefsten Sinne nach ein scheinbares ist und sein mu. Glck oder
Unglck kommen fr sie nicht in Frage, ihre Tragik liegt anderswo, ja
sie ist die einzige Lebensform, die eine mitgeborene Tragik besitzt, und
diese Tragik ist fr sie nicht nur in der Mglichkeit, sondern auch in
der Notwendigkeit des Untergangs, des Todes beschlossen. Die Liebe wei
keine andere Gefahr und Bedrohung als den Tod. Vom ersten Augenblick der
Liebe steht der Tod als stummer Wchter frmlich sichtbar daneben. Sehr
schn ist das in Shakespeares Liebestrauerspiel zur Anschauung gebracht:
alles strebt von Beginn an dem Tode zu, die Unabweisbarkeit, mit der er
auftritt, regiert heimlich jedes Geschehen. Und um den Unterschied der
Gattungen zu bezeichnen, ist Romeo, bevor das groe Entetement eintritt,
in eine Liebe von gewhnlicher Beschaffenheit verstrickt.

Wohin fhren Sie mich da, mein Teurer, seufzte Faustina. Das gelobte
Land dieser Liebe ist fr unsereinen nicht erreichbar. Dazu mte man
unter einem besonderen Stern zur Welt kommen.

Ja, wie zu allem Groen, versetzte ich.

Glauben Sie denn im Ernst, da es eine solche Liebe wirklich gibt?

Ich mute lcheln, denn ihre Frage hatte etwas von der Naivitt eines
Kindes.

Glauben Sie auch, fuhr sie fort, da die Bestimmung dazu nur auf der
einen Seite, auf der Seite des Mannes oder des Weibes liegen kann, da
der eine Teil vergeblich nach dem andern schmachtet und die ganze Erde
durchsucht, ohne ihn zu finden?

Faustina sah mich ngstlich an, sie wollte offenbar eine Beruhigung
gewinnen, sie merkte nicht, da ich die Antwort auf diese Frage schon
gegeben hatte. Ohne Zweifel, erwiderte ich. Jeder denkbare Zustand
der Seele und des Gefhls kann und wird irgendwie und irgendwo zur
Erscheinung gelangen, sonst wren wir nicht imstande ihn uns
vorzustellen. Der Fall, den Sie fiktieren, hat aber mit der groen Liebe
nichts mehr gemein, vielleicht berhaupt nicht mit der Liebe.

Sondern?

Sondern mit der Sehnsucht. Sehnsucht kann produktiv sein, sie kann aber
auch unfruchtbar sein. Das hngt von dem ab, der sie nhrt.

Mich dnkt, Sehnsucht ist das erhabenste Gefhl in der menschlichen
Brust.

Wenn sie produktiv ist, ja.

Was nennen Sie produktive Sehnsucht?

Produktive Sehnsucht nenn ich diejenige, die imstande ist, einer
Vorstellung Wirklichkeit, einem getrumten oder erwnschten Zustand
Gegenwart zu verleihen.

Da setzen Sie ja, und wie ist das mglich bei der Sehnsucht, einen
Willensakt voraus?

Ja, das tue ich allerdings; einen Willensakt, der vielleicht durch
geheimnisvolle telepathische Mchte begnstigt und untersttzt wird.

Hm, ich sehe schon, Sie decken sich. Wenn man zum Unerforschlichen
seine Zuflucht nimmt, hren die Argumente auf. Dem Unerforschlichen
gegenber gibt es ja keine Schuld und keinen Irrtum mehr.

Warum auch von Schuld reden, Faustina? Aber Sie mgen recht haben,
vielleicht ist es wirklich eine Art von Schuld, wenn das Gefhl nicht
bis zum geliebten Gegenstand trgt, sondern unterwegs durch fremde
Einflsse gebrochen wird. Nie beirrbaren Instinkt zu besitzen, das ist
schon eine groe Sache; und eine seltene Sache. So wie unser Leben sich
heute abspielt, nicht wahr, wie jeder einzelne verwoben ist in ein
maschinenhaft bewegtes Ganzes, wie er gezwungen ist, sich an vieles
hinzugeben, was seinem Wesen fremd ist, wie sein geringster Fehltritt
ihn unrettbar hinunterreit von dem Weg seines Willens, wie er
unverborgen dasteht, immer Kettenglied, wie all sein Tun und Handeln
eine weitaus nhere und schnellere Folge hat als er es wnscht, wie das
Elementare bestndig in ihm ankmpfen mu gegen die Forderungen des
Tages und der Welt, wie er Ruhe und Selbstbestimmung hingeben mu, nur
um nicht erdrckt zu werden von den Gewalten, die um ihn toben, so wird
es natrlich immer schwerer, einer inneren Stimme zu gehorchen, ja blo
berhaupt sie zu hren. Was vor wenigen Generationen noch einer Zahl von
fnfzig beschieden war, das wird heute infolge der strengeren Wahl und
hrteren Erprobung nur an zwlfen oder fnfen oder dreien erfllt. Wer
wird um des Ideals in der Liebe willen sein Leben aufs Spiel setzen?
Glcklicherweise ist das menschliche Herz immer zu Vertrgen bereit.
Wrde die Liebe pltzlich Gemeingut aller, so wre in vierzig Jahren die
Erde ausgestorben. Wer nicht zur Liebe erwhlt ist, dem hat das
Schicksal auch Strke und Geduld versagt. Er bescheidet sich, weil er
sich bescheiden mu. Er liebt, was ihm Liebe entgegenbringt; sein Regent
ist der Zufall. Er erobert oder er lt sich erobern, ein Anschein von
Schwierigkeit und Ferne erzeugt die ihm notwendige Poesie. Der eine
liebt einen Krper, der zweite ein Gesicht, der dritte einen Blick, ein
Hand. Ich meine das nicht gerade wrtlich, ich will damit nur sagen, da
er den Teil fr das Ganze nimmt. Den Teil fr das Ganze zu nehmen, das
ist so Menschenart, und nicht einmal die schlechteste, sie bildet sogar
Charaktere. Der Liebende ist Augenmensch; seine Leiden sind wirklich,
seine Freuden sind dionysisch; der andere, der die Liebe nur ahnt wie
ein Nachtgnger das Morgenrot, ist ein tastender Mensch, seine Glut ist
ein Fieber, seine Leiden und Freuden sind imaginr, er sttigt sich von
Brot, indes seine Phantasie Himmelsspeise verzehrt, er sieht nicht, er
versteht gar nicht zu sehen, er will nur eingelullt sein, er will nur
trumen, er ist stets philosophisch aufgelegt oder ist argwhnisch,
eiferschtig, traurig, unersttlich, rasch bersttigt; er kann sich
nicht in der Liebe verlieren, so gern er es mchte, denn der Strom, der
ihn erfat hat, ist nicht tief genug. Manche lieben nur die Liebe oder
die Sehnsucht nach der Liebe oder die Maske der Liebe oder die Unruhe
der Liebe oder den Triumph der Liebe, und so knnen wir immer tiefer
heruntersteigen, bis von der Liebe nichts mehr brig bleibt als der
Name. Unvermgen hat vielerlei Gestalten. Kannten Sie nicht damals auch
den jungen Baron B., der bei der deutschen Gesandtschaft war?

Den groen Frauenverfhrer --?

Jawohl. Nichts ist heute leichter als den Titel eines Verfhrers zu
erwerben, man braucht blo ein wenig Methode in die Art zu bringen, wie
man sich amsiert. Dieser Baron B. also war immer mit einem Dutzend
Frauen gleichzeitig intim. In jede einzelne war er eines bestimmten
Vorzugs wegen verliebt, und er setzte mir einmal allen Ernstes
auseinander, seine Vorstellung von Liebe sei eine so ungeheure, da er
niemals hoffen knne, das was er suche, in der Totalitt einer Person
anzutreffen.

Ein Freibeuter, erwiderte Faustina verchtlich. Vor fnf Jahren hat
er eine ltliche Millionrin geheiratet.

Ja, so enden unsere Verfhrer in der Regel.

Von hundert sogenannten Frauenhelden wissen neunundneunzig berhaupt
nicht, wie eine Frau beschaffen ist, sagte Faustina.

Nun ja, wo Sinnlichkeit den Blick verwirrt, kann von Liebe nicht mehr
die Rede sein. Es ist ein Unterschied wie zwischen dem Rauch und der
Flamme.

Ist es so? Ist es wirklich so? versetzte Faustina hastig. Sinnliche
Leidenschaft trgt nicht, das gebe ich zu. Aber wenn wir die Liebe nur
in ihrer Vollkommenheit anerkennen wollen, was bleibt dann noch
bestehen? was darf dann noch Liebe heien? Lassen Sie mir doch die Dinge
ein wenig einfacher. Der Mensch, so wie er eben ist, vermag sich nicht
auf der Hhe seines Gefhls zu halten. Der Gtigste, der Edelste hat
einen Teufel in der Brust, der ihn zwingt, sich am gttlichen Teil
seines Wesens zu vergreifen. Vielleicht ist in der Liebe die
Sinnlichkeit so ein Teufel, vielleicht ist sie ein boshaftes Tier, wie
die Heiligen sagen. Vielleicht ist sie aber die Erhalterin der Welt? Und
wenn sie die Erhalterin der Welt ist, warum ihr bles nachreden? Lt
sie sich denn von der Liebe trennen? Sie sagen: Liebe will den Tod. Ich
wage nicht daran zu rtteln, obwohl ein solcher Satz alle meine Gedanken
durcheinanderwirbelt. Aber angenommen, Sie haben recht, wie lt sich
das mit der Absicht der Natur vereinigen, die doch durch Liebe die
Gattung fortpflanzen will?

Das ist ein Irrtum, Faustina. Durch Liebe wird die Gattung eben nicht
fortgepflanzt, zum mindesten ist sie nicht darauf gestellt. Sie ist sich
selber Zweck.

Oho! Wenn Sie das vor versammeltem Volk sagen, wird man Sie steinigen.
Ich dachte, ein heutiger Mensch drfe gar nicht an Liebe denken, ohne
zugleich an das Kind zu denken. Mein Gott, sehen Sie nur unsere
gebildeten jungen Mdchen an! Welche Sachlichkeit! Welche
Wissenschaftlichkeit! Sie tun, als ob sie in der Liebe zugleich ein
Hebammenexamen bestehen mten. Na gut, werde jeder selig wie er will.
Aber das mu ich schon sagen, ein Symptom liegt darin. Man ist nicht
ehrlich in diesen Dingen. Und weil man nicht ehrlich genug ist, der
Liebe oder der Sinnlichkeit ihre selbstverstndlichen Rechte
zuzugestehen, nimmt man das Kind als Vorwand, sich zu decken. Man gibt
der Prderie und der Entschleierung ein Pseudonym, das sie mehr
entwrdigt als beschnigt.

Nicht so wild, Faustina! Sie haben eine Art mir beizupflichten, die
mich fast an meiner Meinung irre macht. Die Geschpfe, von denen Sie
sprechen, sind ja nur Mileitete. Und der Geist der Zeit selber ist es,
der sie betrgt. Aufklrung heit heute das groe Wort. Nur ist
allerdings diese Aufklrung etwas anderes als man sie vor hundert Jahren
verstand. Vor hundert Jahren wollte man einfach alles aufklren: Himmel
und Hlle, Mrchen und Wunder, Kunst und Religion. Eine verhngnisvolle
Strmung, der das noch lange nicht genug, nicht dankbar genug gewrdigte
Emporwachsen der deutschen Romantik sich hilfreich entgegendmmte.
_Unsere_ Aufklrung hat sich verinnerlicht. Man will allem, was in der
Seele des Menschen vor sich geht, nicht so sehr verstandesmig als auf
Wegen des Gefhls, der Deutung, der Ahnung beikommen. Die Schriftsteller
haben sich in Seelenforscher verwandelt, die Erzieher in mehr oder
weniger eigensinnige Deterministen. Man legt dem Unbestimmtesten eine
Bestimmung unter, uralte Traditionen verlieren ihr Gewicht,
bedeutungsvoll Gestaltetes seine Kontur, Rangunterschiede werden
verwischt, Autoritt erweckt Mitrauen, und ich leugne es nicht, ich
kann es leider nicht leugnen, die allgemeine Demokratisierung, dem
kleinen Geist eine Wohltat, dem groen ein Horror, erstreckt sich bis in
die verborgensten Winkel des Herzens. Aber mein Trost ist, da dies
alles ja nur ein bergang ist. Mir ist oft zumut, als ob ein
unsichtbarer Riese unsere Welt in Stcke zerfetzte, um aus den
Bestandteilen eine neue, bessere, schnere zu machen, und als ob diese
Zerstckelung notwendig sei, um unser Dasein auf eine hhere Flche zu
heben.

Hirngespinste, sagte Faustina kopfschttelnd. Was soll ich mit
Hirngespinsten? Um mich mit einem Gegebenen abzufinden, dazu bin ich.
Ist mir der gegebene Zustand unertrglich, nun, so empre ich mich.
Demokratisierung, ja, ja, das ist es! Was heit denn: Demokrat sein?
Demokrat sein heit, etwas bedeuten wollen auerhalb einer organischen
Soziett. Nicht wahr?

Jawohl, oder als Persnlichkeit auftreten auerhalb der Soziett und
sich ihr entziehen auf Grund singulrer Rechte oder selbstgeschaffener
Befugnisse.

Ausgezeichnet. Was kann nun dabei zustande kommen? Da ist der Adel. Was
hat ihn zu allen Zeiten so mchtig werden lassen? Doch wohl nur der
eherne Zusammenhang seiner Mitglieder auf Grund einer ehernen
berlieferung. Heute aber, heute ist jeder Ladendiener schon mit einer
Individualitt versehen, und jede aufgeputzte Kuh faselt von ihrem
Selbstbestimmungsrecht. Was ist die Folge? Ehe noch die rmlichsten
Menschenpflichten erfllt sind, werden der Menschheit schon
Glcksforderungen gestellt, wie man einen Wechsel auf Sicht prsentiert.
Alle, die so im glcklichen Besitz einer Persnlichkeit sind, was eben
Persnlichkeit nach ihrer Ansicht ist, gleichen den schlechten
Kaufleuten, die sich bei einem groen Unternehmen mit einem kleinen
Kapital beteiligen und ber Nacht Millionre werden wollen. Diese
Persnlichkeitsritter ben ein neues Faustrecht aus und die
Gesetzlosigkeit, die sie begnstigt, erscheint ihnen als der Gipfel der
Freiheit und Kultur. Meine berzeugung ist aber die, da ein
demokratisches Zeitalter nun und nimmermehr ein Zeitalter der Liebe
sein kann. Gerade in der Liebe wird ja die Aufopferung der
Persnlichkeit verlangt. Hingabe! Ein herrliches Wort! Der Demokrat, der
individuelle Demokrat, er gibt sich nicht hin, er gibt sich nur auf. Und
liebt er, so mu er zweckvoll lieben. Und auerhalb der Sinnlichkeit, wo
wre da fr ihn noch Zweck? Also mu er sinnlich lieben.

Man kann das formulieren, wie man will, Faustina, und ich streite nicht
dagegen, nur wundre ich mich, weil Sie vorhin doch selbst fr die
Sinnlichkeit pldiert haben.

Hab ich das? So wollt ich eben damit sagen, da die Sinnlichkeit ihren
eigenen Thron aufgerichtet und die andern Krfte der Liebe unterjocht
hat. Wenn das organische Ineinanderwirken der Krfte aufhrt, so
entstehen, medizinisch gesprochen, Neugebilde, die sich auf Kosten des
brigen Krpers nhren und ihn langsam vernichten.

Dieser medizinische Vergleich ist mir zu -- moralisch, liebe Freundin.
Wir drfen hier um keinen Preis moralisch sein, wir untergraben uns
sonst die Mglichkeit der Verstndigung. Es gibt eine Art von
Sinnlichkeit, die wirkt nicht viel anders als das Licht, wenn es in
klares Wasser fllt und das Wasser bis auf den Grund durchleuchtet, es
entmaterialisiert. Welche Sinnlichkeit wollen Sie der individuellen
Sinnlichkeit entgegenstellen? Etwa die naive? Das gbe ein Schema. Jedes
Schema bleibt hinter der Erfahrung zurck, von der Synthese ganz zu
schweigen. Statuieren wir also, beispielsweise, einen Unterschied
zwischen elementarer und differenzierter Sinnlichkeit. Wo ist die
Grenze? Ist der Wilde elementar, weil er nur das Weibchen schlechthin
begehrt? Ist Werther differenziert, weil er sich um Lotte erschiet? Sie
sehen, man hat bei solchen Unterscheidungen keinen Halt.

Ach, unterscheiden Sie nach Herzenslust, aber Sie werden mir doch nicht
ausreden, da es eine Sinnlichkeit gibt, die eine Ursache und eine
Sinnlichkeit, die eine Folge ist. Die eine ist eine Wallung, die andere
eine Kraft, die eine regiert den Willen, die andere kommt aus der Seele
...

Gut, gut, das mag seine Richtigkeit haben, aber damit kommen wir zu
keinem Ergebnis. Wir gewinnen nur dann Einsicht, wenn wir von der
Phantasie ausgehen, wenn wir sagen: es gibt eine Sinnlichkeit ohne
Phantasie, und es gibt eine Sinnlichkeit mit Phantasie. Ja, ich gehe so
weit zu behaupten: Phantasie und Sinnlichkeit sind gleichsam die beiden
Flgel desselben Wesens, des Liebewesens nmlich, die beiden Flgel,
ohne welche es sich nimmermehr vom Chaos lsen und von der Erde erheben
kann. Und das eine ist mir klar: da das moderne Ideal von Liebe oder
von Sinnlichkeit viel mehr unter dem Zeichen der Phantasie steht, als es
jemals der Fall war.

Ist das Ihr Ernst?

Mein vollkommener Ernst. Ich sage ausdrcklich: das Ideal. Ich will
die Erscheinungen selbst nicht betrachten; ich will gern zugeben, da
wir vom Ideal weiter als je entfernt sind. Der Grund liegt aber nicht in
der Inferioritt des Lebens, sondern in der Superioritt des Ideals.
Gerade durch die Persnlichwerdung unserer Existenz wird ja der Reichtum
der Formen und der Reichtum der Daseinsresultate unendlich gesteigert.
Was auf der einen Seite die Vereinzelung der Guten, die Vereinsamung der
Tchtigen bewirkt, macht auf der andern Seite den Zwang und das Gesetz
aus, unter dem sie berhaupt zur Geltung, zur Entfaltung ihrer Krfte
gelangen. Es findet dadurch ein Zusammenflu von vielen isolierten
Idealen, ein Ineinandergreifen erhhter Lebensstimmungen der
heterogensten Art statt, deren Gesamtheit und deren organische
Verschmelzung, wenn es einmal so weit gekommen sein wird, sich gar sehr
von den primitiven und deswegen von vornherein harmonischen Idealen
frherer Epochen unterscheiden wird. Und auerdem, was knnte ein
strkerer Ansporn fr die Phantasie sein als gerade die Distanz zwischen
Ideal und Wirklichkeit?

Ach so, sagte Faustina stirnrunzelnd, es soll also die Phantasie ein
Mittel des Verzichtes werden? Da sieht mans, mit Logik kommt man
herrlich weit!

Zu einem Mittel des Verzichtes, -- ja. Aber nicht im Geist der Askese,
sondern im Geist der Vollkommenheit und Vervollkommnung. Ein Liebender,
Faustina, was ist er denn anders als einer der gewhlt hat, einer
dessen drngendes Gefhl sich fr die intensivste ihm mgliche
Lustquelle entschieden hat. Denken wir uns die sinnlichste Natur; denken
wir sie zugleich liebefhig und zur Liebe bestimmt in der edelsten Art.
Indem sie whlt, vollzieht sie unwiderruflich ihr Schicksal; das wei
sie, und weil sie es wei, folgt sie einem hohen sittlichen Gebot, wenn
sie den Gegenstand der Liebe in die hchste Region der Vollkommenheit
erhebt. Je mehr Phantasie nun dabei im Spiel ist, je mehr kann die
Realitt vergessen werden, und nicht in einer selbstschtigen Tuschung,
sondern in einer schnen, selbstlosen, idealen Tuschung, ja, schlankweg
gesagt, in einer Tuschung zugunsten des Vollkommenen. Oder nehmen wir
ein negatives Beispiel: nehmen wir unglcklich Liebende; ich meine
natrlich nicht solche, die aus uerlichen Grnden, sondern solche, die
aus innerlichen Grnden verhindert sind, eins zu werden. Unglcklich
Liebende sind Wesen, die nicht die Geduld, das heit, nicht die Kraft,
im letzten Grund nicht die Bestimmung hatten zu whlen. Nun was heit
aber das: geduldig sein und dabei leidenschaftlichen Gemts? Es will
nichts anderes sagen als schpferische Phantasie besitzen. Und da der
wahrhaft Liebende schpferische Phantasie besitzt, das zeigt sich eben
in demselben Augenblick, wo er zu lieben beginnt.

Noch immer nicht, lieber Freund, noch immer nicht sehe ich ein,
inwiefern wir, wir Auserlesenen des zwanzigsten Jahrhunderts, darin
einen Vorzug haben. Ihre Argumente gengen mir nicht; ach, in Argumenten
bin ich so ungengsam wie in allem andern. Es gab eine Zeit, da war die
Liebe ein Ereignis, ein Abenteuer, ein Wunder, ja, ein Wunder war sie,
und heute? Ist fr Sie oder fr Ihre Altersgenossen, ist fr Mann oder
Weib die Liebe noch ein Wunder? Dies groe Unbegreifliche, dies ... nun
dies Wunderbare --? Nein, nein, nein! Oder kenne ich uns nicht? Kenn ich
nicht meine Zeit? Sind die Augen einer Frau befangen? Verwandeln sich
die Erlebnisse einer Frau nicht in ein Erkennen? In diesem Punkt ist
eure Gerechtigkeit, eure berhmte Mnnergerechtigkeit nichts wie
aufgeschmckte Philosophie und Ausrede. Wo das Wunder nicht ist, was
soll da die Phantasie? Was sollen Flgel, wo keine Luft ist, die sie
trgt? Vom Adler erzhlt man, da er sterben mu, wenn er nicht mehr
fliegen kann; zu gehn vermag er nicht, also mu er sterben. Ihr gleicht
nicht den Adlern, ihr Mnner, ihr knnt auch gehn und macht euch vor
jedem Jger aus dem Staub.

Das Wunder! Das Wunder der Liebe! Wie das klingt, Faustina! Wie aus
einem Roman der George Sand. Die Sache ist wirklich die, da uns die
Liebe gar kein Wunder mehr bedeutet.

So? Und warum, wenn man fragen darf? Lassen Sie mich den Grund hren;
ich bin neugierig und im voraus voller Widerspruch, denn daran hngt
mir ein Stck Herz.

Nein, die Liebe als Phnomen ist fr uns kein Wunder im Sinn von 1750
oder 1820, wo der Liebende sich in der Erlesenheit seines Gefhls
spiegelte, an seinem Gefhl fast zum Narzi wurde. Der Grund, weshalb
dem nicht mehr so ist, besteht darin, da wir einerseits zu
wissenschaftlich, andrerseits zu historisch dazu empfinden. So trocken
herausgesagt, schmeckt das nach Pedanterie, aber wir sind uns ja der
Ursachen nicht bewut. Zu wissenschaftlich: nicht nur, weil wir es in
Bchern lesen oder weil wir es in der Natur beobachten oder weil uns
jeder Vorgang des Lebens darber belehrt, sondern weil uns die
berzeugung oder besser ausgedrckt die Anschauung in Mark und Knochen
sitzt, da alles, was da atmet, wird und wchst, ein und demselben
Gesetz gehorcht, da ein Band der Liebe sich um alle Wesen schlingt, ein
Trieb der Zeugung, ein Wille, Schpfer zu sein, den Tod zu besiegen,
alle und alles bis ins Innerste durchdringt. Zu historisch darum, weil
unser Geist in keinem Fall berauscht und egoistisch am Augenblick hngt,
weil wir voll sind von Vergangenheit, von immanenter Erfahrung, weil das
Geschick einzelner sowohl wie ganzer Geschlechter, ja der ganzen Gattung
bestndig und ohne da wir dessen gewahr werden, zu uns redet und unsere
eigenen Wege deutet. So wenig uns ein Gewitter in aberglubische Furcht
versetzt, so wenig also wird uns das Ereignis groer Liebe wunderbar
dnken; beides kommt ja aus der Natur, beides ist im Entstehen und
Vergehen gegrndet. Nun jedoch tritt das Seltsame ein: Im Groen, in
allem Katastrophalen der Existenz haben wir aufgehrt, Wunder und
Begnstigung, Geheimnis und persnliche Verschuldung zu erblicken; im
Kleinen aber, im Alltglichen des Tuns und Betrachtens wird uns ein
jedes Ding verwunderlich. Hchst bezeichnend ist es, dies Wort: sich
wundern. Wir verwundern uns eigentlich unaufhrlich. Es erstaunt uns der
Wurm, es erstaunt uns der Sternenhimmel, es erstaunt uns der Apfel, es
erstaunen uns Berg, Strom und Wasser. Es erstaunt uns der Bettler und es
erstaunt uns der reiche Mann, es erstaunt uns der Mrder und es erstaunt
uns der Dichter, es erstaunt uns der Tapfere und erstaunt uns der
Feigling. Das macht, weil wir in allen diesen die Notwendigkeit entdeckt
haben, das Gefhl fr die Unbedingtheit ihres Seins und damit in letzter
Linie die Schnheit, die ihnen eigene Form der Schnheit. Wie ehedem von
einem Pantheismus knnten wir von einem Panhumanismus sprechen oder
besser von einer Allwesenheit. Es ist uns alles menschlich geworden,
kreatrlich geworden, -- zugehrig. Da sich dadurch die Quellen der
Freude um ein Unermeliches vermehrt haben, ist klar, und das Reich der
Schnheit ist, wie Christus vom Reich Gottes sagte, in uns. Das Reich
der Liebe auch. Und wenn wir nun die ganze Welt dermaen in uns haben,
wenn unsere Sinne sie unaufhrlich besitzen, so folgt daraus doch fr
die Sinne selbst, da sie auf ein Begrenztes, auf ein Gehaltvolles, auf
ein Zweck- und Zielvolles gewiesen sind, da sie mutiger, sicherer und
stolzer geworden sind und da ihr unentbehrlichster Verbndeter, weil
sie von Anschauung, von Ahnung, von Begreifen, von Andacht, von
Weltgefhl genhrt werden, die Phantasie ist. So ist es auch in der
Liebe. Die Sinnlichkeit ist darum nicht mehr auf den Krper beschrnkt,
sie will nicht erobern und nicht verfhren; von galanten Knsten braucht
sie berhaupt nichts zu verstehen, denn sie sucht nichts weiter als
bereinkunft. Sie berlistet nicht, weil sie wertet; sie enthllt nicht
den Leib, sondern die Seele, ja, sie ist ganz und gar auf solche innere
Enthllungen angewiesen, und eine Form gibt ihr nichts, wenn der Form
nicht ein Inhalt entspricht. Eifersucht ist ihr deshalb ein unfabarer
Begriff, denn gerade die Einmaligkeit, die unwandelbare Gesetzmigkeit,
darauf beruht sie. Es ist keine Regung in ihr, die nicht, mit einem Wort
gesagt, auf Verstndigung beruhte. Damit sind wir wiederum bei der
Phantasie angelangt, denn Verstndigung hat ja keine andere Wurzel als
die geistige Macht des Menschen, die Phantasie.

Sie springen etwas willkrlich mit der Phantasie um, mein Bester,
bemerkte Faustina khl.

_Tu_ ich das? In der Tat, ich schreibe der Phantasie eine weitaus
grere Rolle zu als es sonst geschieht. Erst mit ihrer Hilfe sind wir
fhig, die Seelen anderer Menschen zu erfassen. Viele Eigenschaften, die
man nur zu leicht als Laster anzusprechen geneigt ist, sind lediglich in
einem Mangel an Einbildungskraft begrndet. Der Geizhals, der
Hoffrtige, der Grausame, der Nrgler, der Denunziant, der
Selbstzufriedene, der Gottesleugner usw. was sind sie anders als
Phantasielose oder -- Phantasten, was beinahe das selbe ist. Gewisse
Worte mten uns tten, wenn nicht die Einbildungskraft wre, die sie zu
Luft und Schall zerstieben lt. Haben Sie das nie erfahren, Faustina?

Ich hab's erfahren, wahrlich.

Und gbe es Verzeihung fr erlittene Beleidigungen ohne die Phantasie?
Nein. Der Mensch ist rachschtig, die Phantasie veredelt diesen Impuls.
Ein solcher Mensch ist nun nicht mehr lasterhaft. Man kann getrost
sagen: wer echte Phantasie besitzt, der ist tugendhaft. Wenn Sie nun der
Sinnlichkeit die Phantasie nehmen, was bleibt dann brig? Wenn ich
liebe, und mein sinnliches Verlangen ist ohne Phantasie, so bin ich wie
einer, der in absoluter Finsternis gefangen ist, ja, es ist mglich, da
ich dadurch dem Wahnsinn verfalle. Erst durch die Phantasie erhlt meine
Begierde die Weihe, die Sigkeit, die Schnheit, den Mondglanz der
Bezauberung und jenen Tropfen von Melancholie, ohne den eine
Leidenschaft nicht beseelt erscheint. Sinnlichkeit ohne Phantasie ist
nichts als der traurige Zweikampf zweier Wesen, die einander unbewut
zu vernichten trachten. Freilich, es gibt im Leben nicht blo das eine
oder das andere; die Leiden und Irrungen, die ein unvollkommener Zustand
mit sich bringt, bleiben schlielich wenigen erspart. Wie oft sieht man
Eheleute oder Liebesleute im Streit! Wie manche Ehe, die durch die Liebe
getragen schien und nur noch durch Gewohnheit und brgerliche
Rcksichten befestigt ist, schleppt sich mhselig hin unter Hader, Zank
und Miverstndnissen! Mnner, sonst gerecht und vornehm, Frauen, sonst
zrtlich und nachsichtig, vergessen sich; sie werden zu Tieren, die auf
einander Jagd machen, sich einander Wunden zufgen, harte Worte whlen,
Worte wie geschliffene Messer, mit bertriebenen Beschuldigungen die
Achtung untergraben, die jeder vom andern billig verlangen mu, und ohne
die Haltung sind, die sie auch dem Gleichgltigen gegenber zu wahren
wissen. Es sind das hliche Szenen, und hlich sind sie, weil solche
Menschen aller Phantasie bar sind, weil sie nicht vermgen, die
Armseligen, ber den Augenblick hinauszudenken, weil der Augenblick in
ihnen strker ist als das Herz, als das Schicksal, als Tod und Ewigkeit.
Ja, so sind die Phantasielosen, sie leben nur von Augenblick zu
Augenblick, sie schwingen nur in den Intervallen, der Augenblick selbst
ist ihnen nichts.

Das alles ist mir zu allgemein, sagte Faustina. Teils zu allgemein,
teils zu kategorisch. Ich kenne Verhltnisse, deren Beschaffenheit mit
der Phantasie gar nichts zu tun hat, oder ich mte den Begriff der
Phantasie zu weit ausdehnen. Nehmen Sie an, eine geistig bedeutende Frau
liebt einen Gimpel; oder ein Mann von Genie liebt eine gewhnliche Gans.
Das kommt doch hufig genug vor, sollt ich denken. Und wie einfach sind
diese Beziehungen, mein Gott, wie einfach. Ihr A und O ist eine
natrliche Sinnlichkeit, und bieten sie nicht meist grere Gewhr fr
ein dauerndes Glck als jene feinnervigen Bndnisse, in denen doch alles
auf Eigenschaften gestellt ist, und nicht auf das Ganze der Kreatur? Man
mu einander nicht gar zu gut verstehen in der Liebe; ein wenig
Fremdheit tut not. Wir Leute, wie wir da sind, wir verstehen einander zu
gut und miverstehen uns deshalb so oft. Den Leibern, finde ich, ist die
allzugroe Vertrautheit der Seelen von bel. Sie verletzt die
Schamhaftigkeit.

Die Schamhaftigkeit? Inwiefern?

Das leidet gar keinen Zweifel. Je grer die seelische Verfeinerung
wird, je grer wird auch die Schamhaftigkeit. Es ist ein heikles Thema,
und irgendein Schriftsteller meint mit Recht, da es schon schamlos sei,
ber die Schamhaftigkeit zu sprechen oder was jemand darber sagt,
anzuhren. Je tiefer man in den andern hineinschaut, je mehr ist man
geneigt, das, was in ihm vorgeht, zu berschtzen, je mehr frchtet man
den andern oder frchtet sich selbst, je mehr versteckt man sich, ja
ich habe es erlebt, da solche Menschen aus lauter Zartfhligkeit und
Hellseherei sich die Mglichkeit harmlosen Daseinsgenusses untergruben.

Aber was hat das mit der Schamhaftigkeit zu tun?

Sehr viel! Wenn die dunklen Zustnde und Vorgnge in der Brust dermaen
ans Licht gezerrt werden, da der Mensch sozusagen in sich selber kein
Heim mehr hat, wo er sich mit seinem Verschwiegensten bergen kann, so
mu ihm doch allmhlich dabei zumute werden, als ob man ihn entble und
an den Pranger stelle. Ich, ich fr meinen Teil, fhle mich durch das
bestndige, wachsame Verstndnis eines andern, und sei er das
geliebteste Wesen, ganz und gar an den Pranger gestellt, und ich sage
Ihnen auch, da mir jene Frauen, die man unverstandene zu nennen
beliebt, mir, mir fr meinen Teil, immer nur schamlos erschienen sind.
Das wren die einen. Dann sind jene, bei welchen die Schamhaftigkeit
sich ins Krankhafte steigert und die in einer so dnnen Luft leben, da
ihnen das gesund Sinnliche zum Ekel wird. Ich hatte einst eine solche
Unglckliche zur Freundin; sie war die schamhafteste Natur, wurde aber
bisweilen von einem frmlichen Enthllungswahn verfolgt, und indem sie
sich preisgab, unterlag sie einem Zwang, der sie etwas ausben hie, was
ihrem wahren Wesen gerade entgegengesetzt war. Da war kein Halt, keine
Haltung, und als sie eines Tages liebte, versagte sie sich dem
betreffenden Mann, weil sie berzeugt war, da er nur ihren Krper
liebte und nicht die Seele. Ist das nicht schauerlich? Ein einziges,
grobes Miverstndnis des Lebens?

Freilich; es gibt Frauen genug, die in dieser Hinsicht einem
unheilvollen Irrtum und Unbegreifen verfallen sind, erwiderte ich. Der
unheilvollste Irrtum, den sie begehen knnen, ist aber, wenn sie aus
ihrer Art der Schamhaftigkeit und deren berwindung einen Begriff der
Treue folgern, der fr sie Gesetz und Notwendigkeit, fr den Mann aber
eine Freiwilligkeit ist. Diese Freiwilligkeit wieder einer hheren
Notwendigkeit unterzuordnen, das ist die _Tat_ des liebenden Mannes,
eine Handlung, die von seiner Kultur, von seiner Selbstbeherrschung, von
seinem Schnheitsempfinden abhngt. Die Frauen besitzen nur die Scham
des Geschlechts; die Keuschheit einer Nonne und die Verderbtheit einer
Dirne sind nur verschiedene Wirkungen ein und derselben Kraft, hnliche
Zustnde mit verschiedenen Hemmungen. Dem Mann ist eine andere
Schamhaftigkeit eigen, eine bersinnliche, ich mchte sie die Scham vor
Gott nennen, und er kann sie nur verlieren, wenn er sich selber vor Gott
verliert. Wir haben demnach das Schauspiel eines bestndigen Krieges
zweier dem Grund und der Beschaffenheit nach vllig unhnlicher Arten
der Schamhaftigkeit, und whrend eine Frau die ihre sozusagen wrtlich
nimmt, sie trgt oder abwirft wie man ein Kleid trgt oder abwirft,
verheimlicht der Mann die seine, denn ihm ist sie nur ein Symbol.
Niemals darf die Frau sich einfallen lassen, das Symbol in die
Wirklichkeit zu zerren, etwa eine Forderung daraus zu machen.

Das sagt -- ein Mann! rief Faustina. Ich mu Sie schon sehr hoch
einschtzen, lieber Freund, wenn ich das nicht anmaend finden soll.
Klipp und klar gesprochen heit das doch: die Liebe des Weibes ist eine
Realitt, die des Mannes ein Symbol. Oder nicht?

Ausgezeichnet formuliert, Faustina.

Na, schn. Ich will dagegen nicht streiten, weil es ins Grenzenlose
fhrt. Ich sehe nur so viel, die tgliche Erfahrung beweist es mir, da
diese Realitt keinen Bestand und dieses Symbol keine Bedeutung hat.
Flausen, Flausen, nichts als Flausen! Bester Freund, sperren Sie mich
doch nicht ein fr allemale in die Rumpelkammer der 'Realitt'! Denken
Sie daran, da auch ich geliebt habe! Ja, wirklich, wirklich geliebt!
Beweisen kann ich nicht, da es mehr war als ein Irdisches,
Erdgebundenes, an Zweck und Zeit und Augenschein Gebundenes, aber dafr
kann ich beweisen, da der andere, der Partner im Spiel, keinen Einsatz
wagte, der die Mhe verlohnte zu kmpfen, beweisen kann ich, da seine
Liebe -- und er _liebte_ -- nur unzulnglich war, also nicht bis zu dem
Punkt reichte, wo eine symbolische Kraft das Flchtige des Lebens
festhlt. Aber weshalb so hohe Worte? Napoleon tat auf Sankt Helena den
ungeheuerlichen Ausspruch: Ein solcher Schurke kann kein Mann sein als
ich von ihm glaube, da er einer ist. Fast jede Frau kann dasselbe von
ihren Erfahrungen in der Liebe sagen, vorausgesetzt, da sie nicht ein
blindes Tierchen ist. Ihrer Methode gem werden Sie mir wahrscheinlich
entgegenhalten: du hast eben nicht zu whlen verstanden. Ja, um Gottes
willen, wenn der sich nicht bewhrt, den ich als den besten erkenne,
wozu schlgt dann mein Herz, warum denke und fhle ich dann? Entweder
mu ich demnach mein Leben in der Wurzel verneinen oder Ihre ganze
Weisheit wird mir zum Sophisma. Da ist ein Mann, der mich anbetet; es
erscheint mir zweifellos, da ich ihm viel, da ich ihm alles bin, ich
ergebe mich, verbnde mich ihm, und da mu ich entdecken, da er nur zu
werben versteht, zu besitzen, den Besitz zu verteidigen, zu bilden, zu
erhhen, dazu ist er nicht fhig. Oder ein anderer Fall: da ist ein Mann
von Geist, Gemt, Talent, aber er lebt in tiefem Elend. Das Mitleid
nhert mich ihm, es gelingt mir einen wahren Sturm der Energie in ihm zu
entfesseln, die Liebe zu mir trgt ihn empor, das Schicksal begnstigt
ihn, aber er kann es nie verwinden, da diejenige, die er liebt, auch
seine Helferin war, er selbst gesteht mir seine Scham und alles
scheitert an einer Grille.

Und was taten Sie?

Was sollt ich tun? Ich lie ihn seiner Wege gehen. Ist es etwa diese
Scham, die Scham, nicht mehr der Mchtige zu sein, die Sie symbolisch
nennen?

Der Mann hatte vielleicht nicht viel zuzusetzen, deshalb raubte diese
Scham seiner Liebe die Kraft, antwortete ich. Es kommt nur darauf an,
was einer zuzusetzen hat, und fr den Mann ist in der Liebe tatschlich
alles nur eine Frage der Macht. Mitleid ist ein Feind der Liebe, Mitleid
zerstrt die Gleichberechtigung, geradeso wie ein ausschlieliches
sthetisches Wohlgefallen; jenes schafft eine zu groe Nhe, dieses eine
zu groe Ferne. Der Bemitleidete und der Bewunderte atmen nicht dieselbe
Atmosphre mit demjenigen, der Mitleid oder Bewunderung hegt, und sie
sprechen nicht in derselben Sprache zueinander. Aber es gibt Mittel, den
Zwiespalt zu berbrcken, und die Frau ist es, die in dem einen wie im
andern Fall ausgleichend zu wirken vermag, und zwar durch die gttliche
Eigenschaft der Sanftmut. Sie, Faustina, sind nicht sanft genug.

Nicht sanft genug! Das wurde mir schon einmal gesagt. Wenn ich sanft
wre, wurde gesagt, htte ich weniger Anla, mich ber das Leben zu
beklagen.

Oder ber die Liebe. Das ist meine Meinung.

Sanftmut! Die schtzbare Gabe, stumm zu bleiben, wenn man getreten
wird, und nur zu seufzen, wenn das Herz bricht, die nennt man Sanftmut,
die nennen die Mnner Sanftmut. Und weil sie ihnen die bequemste
Eigenschaft am Weibe ist, darum wird sie gepriesen. Wer aber Augen hat
und sieht, und vieles sieht, und Blut, das sich erhitzt, und eine Faust,
die sich ballen mu, der kann nicht sanft sein.

Gemach, Faustina. Sie erinnern mich ein wenig an den Knaben, den man
fragte, wer tapfer zu heien sei, und der darauf entgegnete, tapfer sei,
wer nicht davonlaufe. Sanftmut ist nicht Nachgiebigkeit, nicht
Unterwrfigkeit, nicht Schweigsamkeit. Sanftmut ist der Ruhe des
Feldherrn zu vergleichen, oder der Besonnenheit des Knstlers. Sie ist
nicht eine Schwche, sondern eine Kraft. Sie ist in der Liebe die
eigentliche Kraft des Weibes, ihre Waffe wie ihr Schutz. Sie ist nicht
an ein bestimmtes Temperament gebunden, dem cholerischen kann sie
gegeben, dem melancholischen kann sie versagt sein. In jedem Tun und
Lassen drckt sie sich aus: in der Freude, in der Angst, in der Trauer
und im Schmerz, im Blick und im Schritt. Sie ist geradezu ein Rhythmus
des Lebens. Das Lcheln der sanften Frau ist unwiderstehlich, die sanfte
Frau ist niemals hlich. Nun ist freilich die echte Sanftmut beinahe
ebenso selten wie die Liebe, und leider mu man konstatieren, da sie
immer seltener wird, je mehr die Erregbarkeit der Nerven wchst, je mehr
auch die Frauen von Liebe und ber die Liebe wissen, und je weniger sie
Liebe fhlen. Denn die Liebe der Frau ist hauptschlich auf ein
Elementares, auf ein Unbewutes gestellt. Da gibt es Frauenrechte und
Frauenberufe, man bildet Krperschaften und veranstaltet Versammlungen.
Dabei mag viel Ntzliches entstehen, aber fr die Sanftmut ist alles zu
frchten. Haben Sie nie den Unterschied bemerkt zwischen dem Geschmack
einer Birne, die frisch vom Baume kommt, und einer solchen, die schon
unter vielen andern Birnen auf dem Speicher gelegen war? Ein solcher
Unterschied herrscht zwischen der Frau als Einzelwesen und der Frau, die
sich sozial bettigt.

Sie mgen ja recht haben, antwortete Faustina. Aber am Birnenbaum
hngen viele Birnen. Sollen die Birnen also warten, bis die Leckermuler
anspazieren, um die schnsten zu verspeisen? Die brigen knnen warten;
sie mssen verfaulen und ins Gras fallen, wie? Um der Sanftmut willen.
Danke schn. Wir haben nicht Konsumenten genug, wir armen Birnen, wir
mssen unterzukommen trachten. Ihr wollt uns rein, ihr wollt uns
engelhaft, ihr wollt, da jede sich fr einen Messias aufspare, aber
ihr, ihr wollt nichts entbehren, keinem Gelst die Befriedigung
vorenthalten, keinem Appetit die Stillung. Und der Messias, der sich
schlielich bei uns einstellt, ist entweder ein alberner Fant, der nicht
wei, was er in Hnden hlt und seinen blinden Jnglingsrausch austobt,
oder ein kritischer Herr, der sich wieder trollt, wenn das Birnchen
einen Flecken hat.

Das ist wohl wahr, Faustina, praktisch genommen ist es wahr, und da
ihr Grund habt, euch selbst zu schtzen, kann nur einem Dummkopf
verborgen bleiben. Jedoch von einer hheren Zinne betrachtet, liegen
die Dinge anders. Die Natur will nicht, da man ihr zuvorkomme. Sie will
nicht, da ihr heiligstes Gesetz, das Gesetz der Auslese, umgestoen
wird, und wenn es trotzdem geschieht, rcht sie sich durch die
Hervorbringung lebensuntchtiger Geschpfe. Ist Ihnen bekannt, da zum
Beispiel unsere Jagdvorschriften der Rassigkeit und Widerstandsfhigkeit
des Wildes, besonders des Edelwildes, erheblichen Abbruch tun? Wir haben
Frauen, die gezwungen sind, einen Beruf zu ergreifen; ohne Pathos tun
sie es, verdienen ihr Brot; andere sind mit Intelligenz und Scharfsinn
am Werk, um soziales Elend zu mildern. Wer htte dagegen etwas
einzuwenden? Das Schicksal des Individuums wird mir immer Teilnahme
einflen, ob es eine Nhmamsell oder eine Frstin ist;
Massenbestrebungen aber, wenn sie der unmittelbaren Leidenschaft des
Erlebnisses entbehren, lassen mich natrlich kalt. Das Wesen der Frau
deutet mehr als das des Mannes auf Vereinzelung; ich habe immer
gefunden, da die edlere Art der Frau sich nur kraft dieser Vereinzelung
bewahrte, und da sie sich zur Vervollkommnung der Rasse gar nicht teuer
genug bezahlen lt.

Und wenn dem so wre, versetzte Faustina, was hlfe es? Ist denn die
Frau nicht immer willfhrig zum Besten, wo der Mann das Beispiel edler
Initiative gibt? Was frommt aber der Natur, was hilft selbst Gott das
Gesetz der Auslese, wenn ihm das Gesetz der Trgheit entgegensteht?

Der Trgheit ... Schon vorhin haben Sie das Wort gebraucht. Sie sagten
Trgheit des Herzens.

Ja. Trgheit des Herzens.

Trgheit des Herzens ist eine von den sieben Todsnden, soviel ich
wei.

Sie ist die einzige Todsnde, die es gibt.

Sie verbergen also einen groen Sinn dahinter, so etwas wie eine Idee.

Einen groen Sinn, da haben Sie recht, einen schmerzlichen Sinn. Das
Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Bse, das ich nicht
will, das tue ich, heit es in einem Brief des Paulus an die Rmer. Da
ist ein Erkennen: das Gefhl trotzt dem Erkennen, beharrt auf dem
falschen Weg; oder da ist ein Gefhl, ein groes, ein wahres; und doch,
es lt sich betrgen, es lt sich verwirren durch Rede und durch
Denken. So entsteht Trgheit des Herzens, und ist selber noch ein
Tieferes, Schwereres, Dunkleres, Schuldigeres. Es gab Zeitlufte, wo die
Menschen mehr ihren Trieben untertan waren, barbarische, kriegerische,
im groen und ganzen auf eine Sache, auf ein Ziel gestellte Zeiten. Da
konnte Trgheit des Herzens fr eine Snde gleich andern gelten, gleich
Geiz oder Neid oder Habsucht. Heute ist der Mensch zur Rechenschaft
gezogen, heute ist jeder sich selbst verantwortlich. Sie sagen es
selbst, nicht die Religion, nicht Himmel und Hlle darf er zur Ausrede
und Ausflucht machen, in seiner Brust mu er sein Schicksal suchen. Da
wird Trgheit des Herzens zur Kardinalsnde, und wie es nun ist, diese
Snde liegt auf uns allen wie Gewitterlast. Fordern Sie Beispiele? Wo
soll ich anfangen? wo enden? Vorbergehen, wenn die Stimme des Gemts
zum Bleiben mahnt, bleiben, wenn sie verlangt, da ich weitergehe; die
Augen schlieen, wenn es gilt zu sehen, und schweigen, wenn es gilt,
Partei zu nehmen; urteilen und verdammen, wenn vieles davon abhngt, zu
schweigen und Milde zu ben; den reinen Sinn betuben, den unreinen zu
falscher Tat stacheln; Zwecke wollen, wo keine sind; nach Gerechtigkeit
streben und der Liebe vergessen; Liebe beanspruchen, ohne sie zu geben;
genieen wollen und nicht bezahlen; von Gott reden und den Teufel im
Innern fttern; Ideale aufrichten und einen armen Schuldner vor Gericht
zitieren; in Musik und Dichtung schwelgen und vor den kleinen
Menschenpflichten die Flucht ergreifen; Freundschaft preisen und den
Freund verleugnen; Philosoph sein und den Dienenden mihandeln; den
Genius herbeiwnschen und, wenn er sich zeigt, ihn schmhen und in den
Kot zerren, alles dies, all dies Vergessen, all dies _Wissen_ und
_Nicht-Tun_ ist Trgheit des Herzens. Ach, wie schn ist das Herz! zu
wie vielem fhig! wie viel vermag es! Und Liebe, das Herz des Herzens,
wie wird sie miachtet, mibraucht, vergewaltigt und zertreten! Wie
ummauert sind alle Herzen, wie wenig mag ein jedes sich verraten, und
wie schnell und bereitwillig das des anderen! Wir reden da von Liebe,
von Liebe, und wo ist sie, die Liebe? Ein Symbol soll sie sein, ein
seltenes Phnomen, ich aber mchte sie haben, sehen mchte ich sie!
Zeigen Sie mir einen Liebesbegeisterten, zeigen Sie mir einen
Verschwender der Liebe! Die Liebe, von der ich wei, war immer nur ein
zartes Pflnzchen, es ertrug die Lebensstrme nicht, versteckte sich vor
der Sonne und kroch in labyrinthisch verschlungene Tiefen,
weltabgewandt, der Nacht zugewandt. Ich fragte einmal einen Mann, ob
seine Geliebte schn sei. Schn, das knne er nicht behaupten, sagte er,
aber alles an ihr sei charakteristisch. Ei, erwiderte ich ihm, Sie sind
ein ganz famoser Zeitgenosse. Charakteristisch! Ein niedliches Wort! Man
mte es in eiserne Lettern gieen und auf den Schandpfahl des
Jahrhunderts nageln. Alles ist so charakteristisch, so individuell, so
besonders, so knstlich, so ins Kleine zerspalten, ins Geistige
verdnnt, so scheu, so furchtsam, so wissend und so unsicher in
jeglichem Gefhl. Was ist da um Gottes willen noch zu hoffen, Freund!
Was kann ein volles Herz noch fr sich hoffen? Es gibt nur eines; nur
eines gibt es: sich bescheiden.

Es gibt noch ein zweites, Faustina, ein greres.

Und das wre?

Die Freude an der Erscheinung. Beklagenswert ist allerdings der Druck,
unter dem wir leben, das seltsam fatalistische Dahinrasen. Das Dasein
wird immer scheinhafter, seine kurze Dauer wird uns immer schmerzlicher
bewut, und wer Sinn und Liebe sucht, kann wohl in ungemessene
Verzweiflung strzen, wenn ihn dies eine nicht rettet: zu schauen. Dem
Schauenden entrtselt sich die Welt; ihm entwirrt sich jedes Dunkel; er
legt seine Hand auf Grber und sie werden zu Altren, er wandelt durch
Schneegestber und er sprt den Frhling, er ist verlassen von den
Freunden und er lebt mit der Menschheit. Da die Dinge da sind, da ich
sie besitze, da Schpfer und Geschaffenes mein sind, da das Leben,
soweit es denk- und fhlbar ist, in mir steckt, da es nichts gibt,
nicht das kleinste Denk- und Fhlbare auerhalb des Lebenskreises, und
da mir das Ungeheure wie das Unscheinbare, Hohes und Niedriges, der
Festzug des Kaisers und das Vorberflattern eines Schmetterlings, da
mir Schnheit und Hlichkeit, Liebe und Ha, Selbstentuerung und
Trgheit des Herzens, da mir alles dies zur Erscheinung wird, das kann
mich retten.

Mit einem solchen Quietismus will ich mich nicht beruhigen, antwortete
Faustina dster.

Wenn das Quietismus wre, dann wre der Erdball nicht mehr imstande,
seine Bahn um die Sonne zu laufen. Glauben Sie doch nicht, Faustina, da
ich mich damit freispreche von menschlichem Tun oder mich des
mitstrebenden Herzens entledigen wollte. Es ist kein knstlerisches,
kein sthetisches Prinzip, sondern durchaus ein religises, durchaus ein
gttliches. Wie in der Liebe durch ein hchst instinktives und
beseligtes Erkennen Vorzge und Fehler des andern zu einem
anbetungswrdigen Bild vereinigt werden, so und nicht anders ergeht es
dem Schauenden mit der Welt. Er hat alles innen; alles was auen ist,
hat er innen; ihm ist nichts verloren, ihm ist alles gegenwrtig. Er
gibt sich hin, er gibt sich aus, aber er wirft sich niemals weg, denn
wie er das Leben besitzt und wie er Gott besitzt, so besitzt er sich
selbst. Und das, Faustina, ist das Groe: sich selber besitzen. Dann
besitzt man auch die Welt, dann besitzt man auch die Menschheit; die
andern, die sich zu jeder Stunde wegwerfen, die besitzen nichts und
niemanden. Nur die Erwartung der Liebe tuscht sie mit der Hoffnung auf
Besitz.

Faustina hatte den Kopf abgewandt und schwieg. Eine lange Zeit verging
im Schweigen und die Freundin hielt bestndig den Kopf abgewandt. Die
gesprochenen Worte erzeugten eine doppelte Stille. Es war weit ber
Mitternacht, als ich mich zu gehen anschickte. Mit starrer Miene reichte
mir Faustina die Hand. Sie sah mich an, und wundersam, ihr Auge war voll
Frage wie das eines kleinen Mdchens.

Sehr gern htte ich Faustina wiedergesehen, aber als ich zwei Tage
spter in die Wohnung kam, wurde mir gesagt, da sie abgereist sei.




Der Literat

Geschrieben 1909


Der Literat, ein geheimnisvoll beschlossenes Wesen, hat der Kultur
unserer Zeit seinen unverwischbaren Stempel aufgeprgt. Ja, man knnte
sagen, da alles, was sich heute gemeinhin unter dem Titel Kultur
begreift, ein Werk des Literaten ist.

Was ist ein Literat? Die nachfolgenden Untersuchungen wollen diese Frage
beantworten; sie wollen die Art und die Wirkung des Literaten, die
Bedingungen seines Lebens, die Fundamente und Ziele seines Geistes mit
Hilfe einiger typisierter Charaktere erforschen.

Die damit aufgestellten reprsentativen Figuren werden sich natrlich in
der Wirklichkeit kaum so unterschieden und formelhaft finden lassen; das
Leben gibt Mischungen. Man wird im Psychologen viel vom Tribun, im
Dilettanten viel vom Psychologen, im Apostel viel vom Schngeist
nachweisen knnen. Auch ist es mglich, da in einer einzigen Person die
Elemente von mehreren jener Typen stecken, da Schngeist und Psycholog,
oder Dilettant, Tribun und Apostel vereinigt sind. Sogar im
schpferischen Menschen sind Zge des Literaten vorhanden, vielleicht
hat die moderne Zeit berhaupt keinen schpferischen Menschen
hervorgebracht, der davon ganz frei wre. Beim Literaten werden aber die
bezeichneten Eigenschaften von einem jener Reprsentanten immer in
bestimmter und auffallender Art zur Erscheinung gelangen, und die
Besonderheit und das wechselnde Ausma der Mischung sind dazu angetan,
ihm in seiner menschlichen und knstlerischen Wirkung das Interessante,
reizvoll Problematische und Unergrndliche zu verleihen.




Der Literat als Dilettant


Eine Kunst aus Liebe zur Sache ben, das macht den Dilettanten in der
edlen Bedeutung des Wortes. Der Dilettant und der Knstler unterscheiden
sich vielleicht nur durch die Konsequenz eines leidenden Zustandes,
welcher den Knstler im Bereich seiner Kunst gefesselt hlt, whrend der
Dilettant frei bleibt. Der Knstler ist gefesselt, nur seine Sehnsucht,
das Vermgen seines Geistes, sich mit allen Dingen dieser Welt zu
identifizieren, macht ihn scheinbar frei. Beim Dilettanten ist es
umgekehrt. Der Dilettant identifiziert sich wirklich mit den Dingen
dieser Welt, indes sein Geist gebunden ist. Seine Sehnsucht richtet sich
daher nicht gegen die Welt als gegen etwas, das erobert, begriffen,
gedeutet werden soll, sondern gegen die Kunst, deren er sich bemchtigen
will. Der Knstler hat die Kunst innen und mchte sich gleichsam ihrer
entledigen im Austausch gegen Gttliches und gegen ein Stck Welt; der
Dilettant hat sie drauen und wnscht sie zu gewinnen, indem er Welt und
Gott in seinem Innern dadurch zu beruhigen und in Harmonie zu bringen
sucht.

Der Literat als Dilettant hat aber weder Welt noch Gott noch Kunst in
sich selbst. Ihm ist nicht nur die Kunst ein ueres, zu Erraffendes,
sondern auch Welt und Gott. Er tritt leer auf den Plan. Wahrscheinlich
ist er ermdet von Erlebnissen. Er ist nicht von stark organisierter
Seele, sonst wrden geringe Kmpfe nicht imstande sein, ihn zu ermden.
Er hat einer Schlacht beigewohnt; in den hintersten Reihen hat er den
Kanonendonner gehrt und zugesehen, wie man Verwundete und Tote
vorbertrug. Das hat gengt, ihn mit Abscheu gegen den Krieg zu
erfllen, ja, er ist der grndlichste Hasser alles Kriegswesens
geworden, ein Quietist aus Philosophie, da ihn die Beschaffenheit seines
Geistes zwingt, seine Schwche wie eine Strke zu behandeln.

Schon daraus lt sich schlieen, da er nicht aus innerer Notwendigkeit
am Kampf teilgenommen hat, sozusagen aus Vaterlandsliebe oder aus Lust
am Soldatenleben oder aus Begierde nach Auszeichnung. Man hat ihn
einfach wie so viele andere Rekruten dazu ausgehoben, und er war von
vornherein ein skeptischer Soldat, also der schlechteste Soldat, der zu
denken ist. Da man etwas treiben mu in der Welt, ist er Soldat
geworden; nimmt er den Abschied, so ist er, mit Ausnahme des gewonnenen
Ekels und Abscheus, wieder so leer wie er vorher war, und er wei nicht
recht, was jetzt beginnen. Er tritt daher nicht nur leer, sondern auch
unentschieden auf den Plan, und weil ihn kein Mu befehligt, ist er
nicht hungrig. Nur Leute, die unter einem tyrannischen Mu knirschen,
sind hungrig, alle andern sind mehr oder weniger satt.

Er merkt es wohl, da Hunger dazu gehrt, um sich zu entscheiden:
Hunger, Spannung, Sehnsucht, eine ideelle Begierde. Die Welt, die
Menschen, die Erscheinungen des Lebens erregen seine Teilnahme kaum oder
nur insoweit, als seine Person dadurch berhrt wird. Auf einmal richtet
sich seine Begierde, seine ganze Spannung und Sehnsucht gegen die eigene
Person. Er entscheidet sich ganz und gar fr seine eigene Person, deren
er sich bisher, in den hintersten Reihen der Kmpfenden, nur dumpf
bewut geworden war. Seine eigene Person enthllt sich ihm pltzlich als
ein Gegenstand von ungeahnter Wichtigkeit, als ein unentdeckter Bezirk,
von dessen Schnheit und Vorzgen die brigen Menschen zu unterrichten
jetzt sein gebieterischster Trieb ist. Alles was er tut, denkt und
empfindet, erscheint ihm erstaunlich, besonders und in hohem Grade
mitteilenswert. Je unbeachteter und dunkler sein Dasein bis nun gewesen,
je mehr drngt es ihn, sich in einen Mittelpunkt zu stellen. Wie aber
fngt er dieses an?

Er geht mit instinktiver Pfiffigkeit ans Werk. Er schmckt sich; und
zwar schmckt er sich mit seinen Leiden, mit seinen Erfahrungen, mit
einer in auffallender Weise zugespitzten, verschrften und
nachdrcklichen Meinung ber Menschen und Schicksale. Damit reizt er die
Neugierde, und sein Instinkt hat ihn trefflich gefhrt, denn Neugierde,
in einem gemeinen wie in einem hheren Sinn, ist der hervorstechendste
Zug der Gesellschaft, aus der er kommt und deren Mittelpunkt er sein
mchte, deren Mittelpunkt der schpferische Mensch wirklich ist. Auch
der schpferische Mensch bertreibt das Bild der Welt, aber dadurch,
indem er es vergrert, dadurch allein schon, indem er die eigene Person
aus seinem Werk ausschaltet und an dessen Stelle etwas setzt, was ich
fiktive Persnlichkeit nenne. Dem schpferischen Menschen ist seine
Person nur ein Vorwand, ein Ausgangspunkt, der Literat als Dilettant
sieht in ihr die Essenz und das Ziel. Der schpferische Mensch ist
einsam, von Natur und durch Bestimmung; dennoch lebt er unter den
Menschen, weil die Menschheit ihm ein unentbehrliches Element ist, durch
welches er leidet, weil er geboren ist, um zu leiden, weil das Leiden
derjenige Seelenzustand ist, der ihn befhigt zu schaffen. Der Literat
als Dilettant ist niemals einsam; je weniger, je mehr er bei sich und in
sich selber steckt. Er stellt sich abseits, um in der knstlichen
Einsamkeit einen Ersatz fr die natrliche des schpferischen Menschen
zu gewinnen; er schmckt sich mit Einsamkeit, und auch dies ist ein
Mittel, um Neugierde zu erwecken. Die Menschen sind ihm entbehrlich,
obgleich er sie sucht; er ist der Menschen berdrssig und satt, nur
seiner eigenen Person wird er niemals satt, sie erscheint ihm stets
interessant, begehrenswert, wichtig und ausgezeichnet. Nicht durch die
Menschen leidet er, sondern durch sich selbst, und je nach Rang und Art
seines Geistes und Charakters in allen Graden und Mglichkeiten;
angefangen von unerfllten Ansprchen niedriger Sorte bis zum Durst nach
Stillung eines bedeutenden Ehrgeizes.

Dieser Ehrgeiz ist sorgfltig zu trennen von dem, was die Griechen
Ruhmsucht genannt haben, als welche ein bersinnliches Verlangen und in
ihren Wurzeln mit dem Unsterblichkeitsgedanken identisch ist. Der
Ehrgeiz hat nichts mit Anonymitt zu tun, der Ehrgeizige gibt sich nicht
grenzenlos und unbedingt hin wie der Ruhmschtige, er lst sich nicht
auf in der Idee; er leitet seine Sache, er steht vor seinem Werk, er ist
immer der Herr, immer sichtbar, und sein Name umflammt seine Tat wie ein
Programm. Die antik-heroische Eigenschaft der Ruhmsucht ist den modernen
Zeiten und Menschen fast abhanden gekommen. Vielleicht ist darum unsere
Kultur, oder was wir mit diesem Namen bezeichnen, so zerstckt, brchig
und disharmonisch, weil sie vllig auf einzelnen, auf namhaften
Trgern ruht. Jede wahre Kultur setzt Anonymitt voraus.

Der Literat als Dilettant verabscheut die Anonymitt, denn tritt er ohne
seinen Namen auf, so ist es, als wenn ein General ohne Uniform zu Hof
ginge. Durch seinen Willen getragen, von seinen Zwecken befehligt,
abhngig von der Gunst der Menschen und der Umstnde und somit von dem,
was die Gesellschaft den Erfolg nennt, kann er in keinem Fall auf uere
Besttigungen verzichten, und die edle Selbstvergessenheit des
lediglich von der Sache erfllten schpferischen Menschen ist ihm fremd
bis zum Unbegreiflichen.

Doch sehen wir von jener hchsten Selbstvergessenheit vorlufig ab, die
nur eine ideale Annahme sein mag. Der Ehrgeiz des Knstlers wrde auch
dann in Kraft treten, wenn dieser Knstler auf einer einsamen Insel
lebte, denn sein Ehrgeiz ist der Ruhmbegierde insofern verwandt, als er
von dem Bestreben, das Werk zu mglichster Vollkommenheit zu fhren,
nicht zu trennen ist. Der Literat als Dilettant hingegen ist besessen
von der Sucht nach der Prmie. Eines seiner untrglichsten Kennzeichen
ist, da er der Selbstkritik ermangelt. Selbstkritik ist das Vermgen zu
vergleichen. Der Literat als Dilettant kann sich nur mit sich
vergleichen, aus diesem Grunde erscheint er sich bald berklein, bald
bergro, da sein einziger Spiegel nur das eigene, bestndig
schwankende, bestndig wechselnde, niemals ruhende, losgelste und
isolierte Ich ist. Er kann seine Arbeit nicht allgemein an Arbeit und
Leistung messen; nur an sich selber kann er sie messen, an den
verbrachten Stunden, gefhlten Anstrengungen; seine Intensitt zu sein
und zu schaffen dnkt ihm die strkste berhaupt erreichbare, und ein
solches Bewutsein gengt ihm, um alle Erinnerungen an Qualitt
auszulschen oder zu trben. Im Grunde seiner Seele hlt er die hhere
Geltung, welche die Meisterwerke genieen, fr einen Zufall, wenn nicht
fr Schlimmeres; auch jedes Gelingen hlt er fr einen Zufall, da ihm
entweder das Talent zu inspirieren oder das Talent zu administrieren im
Gegensatz zum elementaren Knstler fehlt. Wer ohne Selbstkritik ist, hat
zu keinem Ding eine wahrhafte Distanz; so betrachtet er alle Knstler
als seine Kollegen, und das unterscheidende Merkmal zwischen ihm und
ihnen besteht nur in der Tatsache der greren oder geringeren Prmie.
Wohl vermag er zu bewundern, aber seine Bewunderung ist von persnlichen
Vorbehalten niemals frei; er gibt sich nicht hin, er will insgeheim
profitieren, er will denen, die die hhere Prmie erhalten haben, den
Handgriff absehen, und das scheint ihm ausfhrbar, weil er die Distanz
nicht kennt. Die Prmie, nach der er strebt, kann er nie erhalten -- ein
Kater zeugt nicht Lwen. Er aber, der da whnt, alles Vierbeinige sei
letztlich von gleichem Rang, dem die Art und die Natur der Lwen vllig
fremd sind, weil er in einem ganz anderen Klima lebt, mu
notwendigerweise zu der berzeugung gelangen, da er das Opfer einer
Ungerechtigkeit sei; die Vergeblichkeit seiner Forderungen erfllt ihn
nach und nach mit Eifersucht und Neid, so da er alle Menschen gegen
sich verschworen glaubt, vom niedrigsten Skribenten an, um dessen
Ermunterung er buhlt, bis hinauf zu Homer, der eine allzu reichliche
Menge des in der Welt vorhandenen Beifalls verzehrt hat.

Eifersucht und Neid vermgen am Ende seine Fhigkeiten ungeahnt zu
steigern; fast allein durch Eifersucht und Neid ist er zuweilen
imstande, die Gebrde, die Rhythmik, die Melodik des Knstlers zu
treffen und wenn er sich auch nicht hingeben kann, so verliert er sich
doch manchmal, verliert sich in einer seltsamen Form bertragener
Nachahmung, in welcher die groen Werke wie abgeblat und
wiederempfunden, schattenhaft, stimmungshaft ein zweites, unwirkliches
Leben fhren. Er bertreibt das schon Vergrerte, verwickelt das schon
Vereinfachte, und die Welt, die ihr Bild in einer immer aufflligeren
egoistischen Verzerrung erblickt, wendet sich beleidigt und geqult ab,
auch wenn sie dem Urheber vorbergehend gehuldigt hat.




Der Literat als Psycholog


Die Psychologie des schpferischen Menschen ist, mit einem Gleichnis aus
der Chemie gesprochen, ein Nebenprodukt. Dem Literaten wird die
Psychologie zur Idee, was ungefhr so viel sagen will, als liee sich
jemand nur darum ein Schiff bauen, weil er einen Kompa besitzt.

Der Psycholog hlt alles fr erlaubt, denn er kann alles erklren. Er
hat fr jede Tat ein Fr und Wider, fr keine ein Entweder -- Oder.

Der schpferische Mensch ist Wahrheitszeuge, Blutzeuge, indes der
Psycholog die Menschheit und sich selbst verrt. Dieser Proze des
Verrats ist wichtig genug, um nher betrachtet zu werden.

Ebenso wie der Literat als Dilettant ist der Literat als Psycholog ein
isolierter Mensch. Aber er ist die ungleich reichere und tiefere Natur.
Er ist auch die kompliziertere Natur, ja, im Gegensatz zum
schpferischen, der kompliziert geborene Mensch, das will sagen, da
seine Eigenschaften, Triebe und Instinkte nicht aus einem einheitlichen
Gefhl, nicht aus einem elementaren Sein und Betrachten erwachsen,
sondern da sie vielfache Wurzeln haben, da kein reiner einfacher Strom
des Lebens ihn trgt, sondern da er ein Spiel vieler, verschiedener,
oft einander entgegengesetzter Strmungen ist, wider die er sich zu
behaupten hat, woraus sich ergibt, da er sich fortwhrend im Zustand
der Abwehr, der Verteidigung und des Kampfes befindet. Er ist ein
wirklich Kmpfender, nicht blo wie der Literat als Dilettant einer der
in den hintersten Reihen zuschaut.

Der Wilde und das Kind sind schlechthin unkomplizierte Menschen; sie
sind unkompliziert geboren. Der schpferische Mensch ist ebenfalls
unkompliziert, aber dort, wo sich der Ring wieder schliet, auf der
anderen Seite der Erscheinungen, ist er der einfach gewordene,
derjenige, der seine Einheit gefunden hat, nicht nur durch eigenes
Streben und eigene Bestimmung, sondern auch durch unbewute Mitwirkung
der Geschlechter, die ihn hervorgebracht haben und deren Aufgabe es war,
ihn hervorzubringen. Der Psycholog hat nun gleichsam diese Kette stummer
Vorbereitung selbstherrlich verlassen, er hat sich losgelst und tritt
mit dem ganzen Willen der Kette, mit Belastungen von rckwrts und
vorwrts, mit unerledigten Verantwortungen, eigentlich als ein
Deserteur, allein auf den Plan. Schon dies setzt schwere und nachhaltige
Erlebnisse voraus, innerhalb des eigenen Gemts wie gegen den Kreis der
Welt und des Lebens. Sein Los ist: sich zu verantworten, ununterbrochen
sich zu verantworten, gegen Gott, gegen die Menschen und gegen sich
selbst. Der schpferische Mensch hat nicht ntig, sich zu verantworten,
er ist eben da, er empfindet sich als notwendig und gesetzmig, seine
ganze Existenz heit: Ja; seine Anschauung des Lebens ist daher eine
innerlich fundierte Hell- und Lichtheit. Jenem andern aber ist immer
zumute, als ob er verneint wrde, er fhlt sich als zufllig, er sprt
keine Sicherheit, in ihm selbst steckt eine glhende Verneinung, und
deshalb ist sein Tun und Wesen, ob er will oder nicht, Schatten- und
Dunkelheit. Will er, so ist er ehrlich, und es gelingen ihm bisweilen
Werke dmonischer Art; will er nicht, so verstellt er sich nur, und was
er zutage frdert, trgt den Fluch einer geheimen Lge.

So wie er nur ein Teil ist, Glied aus der Kette, vermag er nur eine
Teilwelt zu geben; er sieht nicht mehr als den Teil, er lebt nicht mehr
als den Teil, das ist sein Schicksal. Nun ist es aber im Wesen des
Menschen und im Wesen der Kunst begrndet, da sein Werk ein Ganzes, ein
Gebilde von allgemeiner Gltigkeit und Glaubhaftigkeit vorzustellen
strebt. Da klafft nun der Abgrund. Je mehr er sich bescheidet, desto
enger und bedingter, desto mehr persnlich gebunden stellt sich sein
Geschaffenes dar; je weniger er sich bescheidet, desto aufflliger und
schmerzlicher tritt die Kluft zwischen dem Persnlichen und dem
objektiven Gebilde hervor. Es gibt keine Rettung, keinen Ausgleich. Je
strker Talent und Potenz sind, desto mehr verfhrt ihn die Sprache, das
Erlebnis, die Leidenschaft, die Intensitt der Vision, sich auf sich
selbst zu stellen und sich selbst gegen Welt und Gott auszuspielen,
desto mehr verfhrt er die Menschen, an ihn zu glauben statt an seine
Welt und an Gott. Er ist immer zugleich Verfhrer und Verfhrter,
whrend der schpferische Mensch Fhrer ist; er ist stets der Sklave
seiner Eingebungen, Ideen, Worte und Gestalten, indes der schpferische
Mensch immer Herr ist. Und je mehr er seinem Werk Notwendigkeit,
Freiheit und Gltigkeit verleihen will, desto mehr mu er seine
Fhigkeit berspannen, die Empfnglichkeit seiner Sinne dem
Krampfhaften, also dem der Natur Feindlichen nhern, und niemals das
Gttliche, hchstens das Titanische ist sein Gipfel.

Dieser unausgesetzte Kampf ist ohne die uerste Wachsamkeit kaum zu
denken; in der Tat ist der Psycholog das wachsamste Geschpf der Welt.
Wo der Dichter trumt, ist er wachsam. Eine solche Wachsamkeit hat zur
Folge, da er ber alle Vorgnge seines Innern und zuletzt ber die Art
und Wirkung des Zwiespalts, in dem er sich befindet, aufs genaueste
unterrichtet ist. Jener Kampf fhrt nie zu dauernder Entscheidung; in
jedem Augenblick fllt die Entscheidung anders, und er selbst darf die
Waffen nicht ablegen. Niemals sieht er ruhend die Welt. Und nun: im
Zustand der Unruhe und der Bewegung alles von sich selbst zu wissen;
sich von sich selbst loslsen wollen und doch einsehen mssen, da man
unlsbar mit und in sich selbst verstrickt ist; sich ununterbrochen
rechtfertigen zu mssen, gegen das Werk, gegen die Menschheit, gegen
Gott und gegen die eigene Seele; in einem derartigen Zustand ist das
dringendste Verlangen das nach einem Heilmittel oder einem
Betubungsmittel, nach einem Stimulans; dieses Stimulans ist eben die
Psychologie.

Die Psychologie entspringt der Wachsamkeit. Sie kann sich bis zu
halluzinatorischer Kraft steigern. Sie ist beim schpferischen Menschen
in den Phasen vor der Entscheidung, beim Literaten ist sie die
Entscheidung selbst, und zwar in jeder Bewegung. Jede Bewegung bringt
eine Wandlung hervor, jedoch diese Flle von Wandlungen fhrt keineswegs
zu einer Verwandlung; die Mittel sind auf dem Wege verausgabt worden, so
da es ein Ziel darber hinaus nicht mehr gibt. Der Literat hat den Weg,
der schpferische Mensch hat das Ziel. Der Literat wandelt sich, -- auf
dem Weg, und das bestndig; der schpferische Mensch verwandelt sich, --
am Ziel. Ein Mann, der nicht an das jenseitige Leben glaubt, wird aus
dem diesseitigen die ganze Summe von Genssen hervorpressen, die nach
seiner Ansicht darin enthalten sind. Dermaen ist das Verhltnis des
Literaten zur Psychologie beschaffen, und so kommt es auch, da die
Psychologie ein fortgesetzter Verrat am Ziel, an Gott ist.

Man verfolge dies im einzelnen, und man wird stets bemerken, da das
schlechthin, das Nur-Psychologische immer den Verrat in sich birgt. Es
mag so erstaunlich wie mglich beobachtet sein, nie wird man es ohne die
berwindung einer geheimen und tiefen Scham hinnehmen, als ob sich ein
Mensch vor uns entblte. Der Psycholog verrt die Welt, indem er sich
selbst in seinen geheimsten und tiefsten Regungen verrt. Dies ist ihm
die Brcke zur Welt, denn eine andere hat er nicht in seiner Isolierung.
Der Psycholog kennt keine Scham; das ist sein Rausch, ja, seine Ekstase.
Er trifft dich mit den Entdeckungen, die er in seiner Seele gemacht hat,
er reit dich in seine Abgrnde, begrbt dich in seinen Finsternissen,
schleift dich durch seine Zweifel und seine Qualen, und am Ausgang und
am Eingang steht er, nur er, Pfrtner und Totengrber. Der
schpferische, der handelnde Mensch bernimmt die Leiden der Welt und
reinigt die Menschheit davon, der Psycholog giet seine Leiden ber die
Welt, und die Psychologie ist ihm der Schlssel zur Welt, das Mittel, um
dir zu sagen: Du bist wie ich! Ein umgekehrtes tat-twam asi. Dieses du
bist wie ich, mit Hilfe der Psychologie, des fortwhrenden Belauerns
konstatiert, bringt etwas wie eine knstliche Sozialitt bei ihm hervor,
indes ihm die natrliche von Anfang an fehlt. Wo er hat, ist sein
Verrat ohne Hemmung, gewissermaen sachlich; wo er liebt, glaubt er sich
zu opfern durch den Verrat, und er mu verraten, weil die einzige Form
seiner Produktivitt darin besteht, das Ganze der Welt in Stcke zu
reien und in dem Schmerz ber die Zerstrung und Zertrmmerung die
Unvollkommenheit der Dinge zu gestalten. Whrend der schpferische
Mensch in einem gttlichen Sinne grausam ist, ist der Psycholog in einem
menschlichen Sinne grausam, da er durch ein tragisch widerspruchsvolles
Gesetz trotz seiner Einsamkeit immer an die Menschheit gefesselt bleibt
und sich so wenig wie von sich selbst richtend von ihr lsen kann. Er
richtet nicht, er klagt an; es geht bei ihm um Recht oder Unrecht, doch
nie um Gerechtigkeit.

Psychologie ist Naturalismus. Wie sie sich auch gebrden mag, ist sie
der Feind und der Gegensatz der Schonung, der Scham, der Abbreviatur,
der Andeutung, der Deutung, der Ahnung, der Sehnsucht, der Religion. Sie
ist immer ein irdisch Erflltes, rationalistisch Fertiges; sie ist das
Wrtliche, nicht das Bildliche, das Allegorische, nicht das Symbolische,
der Weg und nicht das Ziel.

Nun entsteht die Frage: Wie verhlt sich die Welt, die Gesellschaft
hiezu, wie nehmen die Verratenen den Verrat auf? Sie werden ja bestndig
in Anklagezustand versetzt, bestndig ihrer Geheimnisse beraubt,
bestndig in ihrer Scham beleidigt, wie knnen sie das ertragen?

Die Antwort ist: Der Psycholog bedient sich des Kniffs, da er alles
Einzelne, Vereinzelte und Sonderliche zum Typus verdichtet (whrend der
schpferische Mensch umgekehrt den Typus individualisiert). Dadurch wird
allem Widerspruch die Spitze gebrochen, und es entsteht ein Werk von
groer Leidenschaftlichkeit, gegrndeter Bewegtheit und seelischer
Durchfhrung, ein Werk von je strkerer persnlicher Einheit zumeist, je
geringer eben die Objektivierung der Welt darinnen ist. Obwohl jene
Eigenschaften nur mittelst der Kunst, und zwar einer bedeutenden Kunst
zur Erscheinung gelangen knnen, nenne ich doch das Verfahren des
Psychologen -- in hherem Betracht -- einen Kniff, denn er deckt sich
damit nach zwei Seiten: nach der einen gegen die Menschen, denen er
einen Zerrspiegel vorhlt und sie dabei durch seine Leidenschaft, sein
Gefhl, seine Kunst, seine Persnlichkeit verhindert, die Willkr in den
Zerrbildern zu erkennen; nach der andern Seite gegen Gott, oder, wenn
man will, gegen das schpferische Prinzip, indem er sich als einen
leidenden, leidenschaftlich ergriffenen Menschen preisgibt, aufgibt und
zugleich darauf pocht, da er in unabhngigen Gestaltungen zur
Gerechtigkeit und zur Wahrheit strebt.

Ich spreche selbstverstndlich nicht von der Psychologie als
Wissenschaft; diese ist eine gerade Sache und hat mit der Psychologie in
der Kunst wenig oder nichts gemein. In der Kunst ist sie nicht nur eine
analytische Methode, sondern eine Empirie hherer Ordnung, nicht mehr
eine Disziplin, die von Realitten ausgeht, sondern eine Realitt an
sich. Sie verpflichtet und verbindet das knstlerische Gebilde der Erde,
verleiht der Vision, dem Gleichnis, dem Schwebenden, dem schon
Zusammengefaten, Verdichteten sein unverrckbares Gesetz, seelische
Anwendung, wechselvolles Leben und die Glaubhaftigkeit, die sich auf die
Erfahrung beruft. Der Literat als Psycholog will aber durch die
Psychologie die Vision, das Gleichnis, das Verdichtete, das Gedicht erst
erzeugen. Ihm ist der Teil mehr als das Ganze, das Kleinspiel wichtiger
als die Zusammenfassung, und bevor er zur Idee gelangt ist, erlahmt er
in den Wirklichkeiten. Die Wirklichkeit vermag er zu erschpfen, er wei
sie immer neu, anziehend, seltsam und treffend zu gestalten, denn sie
ist ja sein Persnliches, sein Erbe, whrend die Idee das Gttliche
vorstellt, von dem er abgeschnitten ist.

Durch das auerordentliche, zauberhafte, verfhrerische Talent, die in
sich selbst beschlossene Realitt zu gestalten, wird nun die Menschheit,
die Gesellschaft oder das, was man Publikum nennt, ber den begangenen
Verrat hinweggetuscht. Und zwar nicht erst seit gestern.

Mit dem Eintritt des Christentums in die Welt hat die geistige und
sittliche Individualisierung der Menschheit begonnen. Der christliche
Kerngedanke ist eigentlich die vollstndige und freiwillige
Selbstisolierung des Individuums unter jedem Verzicht auf soziale
Mission. Im Geist des Evangeliums Christ sein heit: allein dastehen
gegen Gott; im Einzelnen, der sich erlst, wird die Menschheit erlst.
Es konnte bei der Sublimitt einer derart aufs uerste getriebenen Idee
nicht ausbleiben, da sie, um eine Wirkung zu ben, miverstanden werden
mute und das Christsein schlielich nur hie: erlst werden durch das
Leiden eines andern, dessen nmlich, der seiner Lehre das
welthistorische Beispiel gegeben. Dadurch wurde das Christentum nach der
sozialen Seite hin nutzbar gemacht.

Die christliche, den Leib leugnende, die Form zerstrende Idee ist die
der Kunst entgegengesetzte Idee schlechthin. Der christliche Mythos
konnte der Kunst nur dort Nahrung zufhren, wo entweder glubige Gemter
den glubig Schaffenden umgaben, oder wo sein menschlicher Gehalt die
Strenge der berlieferung sprengte und Motive und gewisse Freiheiten der
Darstellung bekam, die eher alttestamentarisch oder, im ganzen
Marienkult, antikisierend und dem Erlsergedanken fremd waren. Es konnte
also nur das leidende, inbrnstige, ekstatische, lebenverzichtende
Gefhl zum Ausdruck gelangen, wozu die volle naive Frmmigkeit
erforderlich war, oder es muten bernommene Vorstellungskomplexe eine
immer wiederholte Darstellung finden, deren persnliche Beseelung aber
unmglich wurde, als die Tradition ermattet und die Zahl ihrer Motive
verbraucht war. Die bildende Kunst und die Musik, deren Gehalt
ausschlielich in der Empfindung wurzelt, die ihre geistigen Werte in
Form und Rhythmus verlegen, konnten einen, wenn auch meist nur
scheinbaren Zusammenhang mit dem Christentum am lngsten bewahren; die
Literatur hingegen, Drama, Epos und Gedicht, sind schon durch das Wesen
der Sprache und des Wortes auf eine strkere geistige Existenz gestellt.
Dies bedingt einerseits eine grere Klte, grere Ferne und geringere
Unmittelbarkeit der Gefhlswerte, andererseits wird aber dadurch jede
Verschleierung und Verdunkelung der Idee erschwert, da die Auflsung der
unerllichen Harmonie zwischen Idee und Ausdruck zur Wirkungslosigkeit
fhren wrde.

Der Dichter mute sich also um so eher und nachhaltiger vom Religisen
befreien, je mehr dies Religise seines national-mythischen Gehalts
entkleidet und, was dem Geist des Christentums widerspricht, zu einer
staatlichen und sozialen Einrichtung wurde. Das christliche Gebot der
Absonderung, der leben-, form- und freudezerstrenden Individualisierung
zwang ihn, sozusagen wider seinen Willen, zu einer Individualisierung
auf geistigem Weg, vor allem zu einer losgelsten, vom Volk
abgesonderten Existenz. Das Christentum hatte ihn des lebendigen, aus
dem Volk ihm zustrmenden, im seelischen Leben des Volks gewachsenen
Mythos beraubt, und dies bedeutet: da er seinen Mythos selbst
erschaffen mute, aus seiner eigenen Brust heraus. Die antiken Dichter
befanden sich im Kreise des religisen Mythos ihres Volkes, der stets
identisch war mit dem nationalen Mythos. Das Christentum zerbrach diese
Einheit nicht nur, sondern sein lebensfeindlicher und alles
Schpferische verneinender Mythos entzog den Dichtern auch die
wesentlichste Nahrung, entzog ihrem Dasein die wunderbar tiefe
Notwendigkeit und Gesetzmigkeit, die jene Genien besaen, die von
einem ununterbrochenen Strom mythisch vorhandener Gestalten schon
getragen wurden, bevor sie ans Werk gingen. Wie wre denn sonst das
christliche Mittelalter, insonderheit das deutsche, so arm an groen
Dichterpersnlichkeiten? Die wenigen von Rang fhrten nur ein privates
Dasein, waren einsam, waren geduldet, oder auch wohlgelitten, Snger,
Kostgnger, Mitlufer, nicht Fhrer, nicht Propheten.

Der Dichter mute seinen Mythos selbst erschaffen. Dabei ist es
geblieben. Die Entwickelung der Gesellschaft, der Staaten, der Vlker,
der geistigen und sozialen Revolutionen, die ungeheuere, durch die
fortschreitende Dezentralisation und die bestndige Verschiebung der
Kasten und Klassen bestndig wachsende Flle von Schicksalsmglichkeiten,
alle diese Umstnde haben die Tendenz zur Vereinzelung verstrkt. Kaum
da noch Familien ein natrliches, auf dem Herkommen beruhendes Ganzes
bilden; die Gemeinde, die Polis, der Staat, die Nation sind schon
knstliche und zufllige Zusammensetzungen. Das seelische Erwachen von
Millionen Einzelnen bietet freilich ein groes Schauspiel; es ist nur
die Frage, ob es durch die gegebene Freiheit im Grenzenlosen nicht eben
ins Grenzenlose und Verhngnisvolle gesteigert wird.

Da dem Dichter also die geglaubte und gesicherte Grundlage des
nationalen Mythos fehlt, mu er ihn aus seinem Innern ersetzen. An die
Stelle der lebendigen berlieferung tritt diejenige des Schrifttums, und
statt der natrlichen Sprache, die der Mythos hat und in der er zu allen
spricht, ergibt sich der Stil. Sein Gedachtes, sein Geschautes, sein
Getrumtes, sein Werden, sein persnliches Erleben, seine Anschauung der
Welt, sein Kampf gegen die Gesellschaft, sein Verhltnis zur Natur, dies
alles verdichtet, vereinfacht, verbildlicht und zur Schnheit
verwandelt, wird nun fr den Dichter zum Mythos, wird es erst dann, wenn
er zugleich Knstler ist, wenn er alle Lebenselemente zu Kunstelementen
umgeschmolzen und das Persnliche in ein Gttliches verwandelt hat.

Dies setzt nicht nur eine gewaltige Arbeit, einen heiligen Ernst voraus,
eine Kraft zur Entsagung und einen Willen zur Einsamkeit und
Selbstvertiefung, die den Dichter vollkommen zum Sklaven seiner Aufgabe
machen mssen, damit er Herr des Werkes werde, sondern es fordert auch
bei den Empfangenden eine Eigenschaft, die fast Kongenialitt zu nennen
ist und die sich natrlich nur bei erwhlten Geistern findet, zunchst
wenigstens; spter greift dann die Tradition von Bildung, Stil und
Kultur ein, dieselbe Tradition, deren sich der Nachfahr bedienen und die
er zugleich bekmpfen mu, um sich selbst zu finden. So vollzieht sich
nie ein harmonisches Krftespiel; alles ist Kampf und Absonderung, und
das Miverstndnis zeugt, nicht das Einverstndnis.

In Krze: der schpferische Mensch ersetzt das Real-Mythische durch das
Fiktiv-Mythische, das um so bedeutender und groartiger ist, je grer
eben sein Geist, sein Blick, seine innere Welt, sein Genie sind. Es
gelingt ihm durch unermdlichen Flei, durch glhendes Welt-Erraffen,
selbstvergessenes Welt-Erschauen, sein Egoistisch-Persnliches gleichsam
auszutilgen und dafr das Fiktiv-Persnliche zu geben. Dies ist dem
Literaten versagt; also auch dem Psychologen. Wohl schpft er ebenfalls
alle Nahrung aus sich selbst, grbt eine Welt aus seiner Brust, erlebt
tief und wahrhaftig, aber da er nicht die Gabe der Verwandlung besitzt,
bleibt er immer, der er war, wandelt sich nur von einem Werk in das
andere, von einer Gestalt in die andere, nie in das Gttliche empor, und
er ist fern von den Menschen -- wie der schpferische Mensch, und fern
von Gott -- wie die Menschen. Er verwandelt sich nicht in das
Herrlich-Fiktive; auch seine Gestalten nicht; sie treten nicht in die
ewige Region, in die Sphre der hheren Wahrheit, des vereinfachten
Lebens, sie bleiben ihm zugeschmiedet, bleiben Suchende, Irrende,
Leidende, Unbefreite, und sie sollen Boten sein von ihm zur Welt, von
ihm zu Gott, Boten, die er dingt, um sich selbst, seine Schmerzen, seine
Scham, seinen Ehrgeiz, seine Einsamkeit (die ihm doch ein errungenes
Gut, nicht ein erzwungenes Joch sein mte) zu bezeugen, zu verraten.
Die Menschen aber, in ihrer Neugierde, ihrer Eitelkeit, ihrer Lust an
Spiegelbildern, an Enthllungen, entschleierten Geheimnissen, zerstrten
Vorbehalten und unter dem Druck ihrer Not gewahren in ihm nicht ein
Gleichnis fr Gttliches nicht eine Idee, sondern fr Menschliches, eine
Wirklichkeit. Das danken sie ihm, das bewundern sie an ihm, das zieht
sie zu ihm. Seine Wachsamkeit hlt sie wach, seine Bewegtheit zerstreut
sie, seine Treffsicherheit trifft sie, seine Gespanntheit ergtzt sie,
seine Einsamkeit verstehen und betrauern sie, in allem finden sie ein
Gleichnis fr sich selbst, und das ist etwas anderes, viel Lustigeres,
Glaubhafteres und Reizenderes als beim schpferischen Menschen, wo sie
ein Gleichnis fr das Gttliche finden, die Synthese.

Freilich, so wenig der schpferische Mensch heute das Volk fr sich hat,
die belebte, organische Gesamtheit einer Kulturperiode, so wenig der
Literat als Psycholog. Jener hat eine Gemeinde, eine geistige Polis, die
an Macht zunimmt; der Psycholog hat ein Publikum. Und was ist ein
Publikum? Es sind die Getroffenen, die Neugierigen, die Gelangweilten,
eine ungeordnete Horde von Freischrlern der Bildung, die Wahllosen,
Gesetzlosen, Zusammenhanglosen und vllig Gottlosen. Darin beruht der
tiefste Schmerz des Psychologen, und deshalb wird ihm Erfolg, Beifall
und Echo niemals zur reinen Freude. Was kann es ihm auch bedeuten, die
Gottlosen fr sich zu haben? Ihm, der doch daran leidet, da er gottlos
ist?

Mit der Genugtuung, die nicht frei von dem Glck des Darberstehens ist,
mag er auf den blicken, der geradeswegs fr das Publikum erschaffen
wurde und der nicht mehr daran leidet, da er gottlos ist.

Das ist:




Der Literat als Tribun


Er stammt zumeist aus kleinen Verhltnissen und kennt die Not, die
leibliche wie die geistige. Zwei Dinge haben ihn emporgehoben: sein
Ehrgeiz und das Wort. Sein Ehrgeiz war anfangs nur uerlich, er zielte
auf die Verbesserung der sozialen Stellung, wurde aber spter durch
geistige Zustrme sowohl veredelt wie von der Richtung abgelenkt, denn
der Dienst am Wort ist ein Frondienst, der jeden Lebensgenu zerstrt.
So spielt dieser Ehrgeiz mit dem, der ihn hegt, wie ein Irrlicht mit dem
Wanderer.

Die an die Zwecke gebundene Seele kann den Geist nicht beschwingen, aber
sie gibt ihm die vehemente Stokraft des von eingepretem Dampf
getriebenen Hebels.

Der Literat als Tribun ist der Psycholog des Tatschlichen; er ist
Erklrer und Propagandist; Bannertrger alles Neuen; Beobachter, der
unfehlbare Schlsse zieht; Alchimist der berraschungen und Moralist der
Nutzanwendung; bertreiber des Absurden, Verzerrer des Trivialen,
Widersacher des Selbstverstndlichen; Leugner des Seltenen, wo Seltenes
anerkannt, und Verkndiger des Genius bis zu der Stunde, wo der Genius
sich ganz entfaltet. Er ist der Meister der Anpassung, der Aufwiegler
der Stumpfen, die Polizei der Rebellen, Brandstifter und Arzt; er ist
vieles in vielem, alles in allem. Er steht, auf den Augenblick
angewiesen, zwischen zwei Tagen, ohne des vorhergehenden zu denken, ohne
den gegenwrtigen halten zu knnen, ohne vom folgenden zu wissen. Er ist
wie der Kapitn eines Passagierdampfers; bei jeder Fahrt sind andere
Menschen um ihn, niemals gleichgestimmte, nie vorbereitete, nie solche,
die sich seiner Leistung von der letzten Fahrt her erinnern; er mu alle
Voraussetzungen seines Tuns und seiner Krfte jedesmal von neuem
exponieren. Der Wechsel der Passagiere vollzieht sich unter bestndigem
Bruch geschaffener Bndnisse und bereinknfte, bestndiger Vernderung
der Formen und Normen.

Was er mitbringt, ist seine Person; dieser erinnert man sich wohl. Im
Grund ist es der Name, der Gewicht und Klang hat, der eine Luft des
Schreckens, des Befehls, der Autoritt, der Leidenschaft um sich trgt.
Die Leistung wird dem Namen zugewogen, die Person schreitet ber die
Leistung hinweg.

Wer ist unglcklicher als er? Vertrauen erzwingen, Anerkennung,
Billigung und Freundschaft mit Aufwand aller Mittel des Geistes erobern,
um alles wieder zu verlieren, wenn der Tag sich wendet. Immer wie am
Anfang mu er seine Person einsetzen und blostellen, immer mit dem
ganzen Elan oder, was nicht minder aufreibend ist, mit der Gebrde des
ganzen Elans. Htte er nicht die Gebrde, so wrde er ausgeplndert,
ausgeschlrft und ausgeleert, da die Vielfltigkeit der Aufgaben, die
ihm gestellt werden, und die Zerstreutheit der Interessen, die zu
sammeln, zu befriedigen, zu beschftigen seine wichtigste Mission ist,
ihn ntigen, alles was er empfngt, sogleich wieder zu veruern. Der
schpferische Mensch verarmt nicht, ihn nhren tiefe Wurzeln; seine
wirkliche Persnlichkeit wird genhrt von seiner mythisch-fiktiven. Auch
seine Einsamkeit ist nur fiktiv, denn er hat die Gestalt, die ihm
verbunden ist, auch wenn kein Ohr ihn hrte, kein Auge ihn she. Die
Realitt ist nur ein Gleichnis fr ihn; er schafft ja die Welt zum
zweitenmal.

Demgegenber ist der Literat als Tribun der einsamste von allen
Menschen, ganz an sich geschmiedet, ganz gelst von der Welt. Was ihn
schtzt und trstet, ihn unermdlich, gewissermaen verblendet macht,
was seinen Ehrgeiz in Glut erhlt, ist das Wort. Er hat eine angeborene
Liebe zum Wort, und es wre verwunderlich, wenn er sich bisweilen nicht
fr einen Dichter hielte. Das Wort ist sein Gefhrte, er geht mit ihm um
wie mit einem Freund, er tndelt mit ihm wie mit einem Kind, er betreut
es wie eine Geliebte und ist von der Macht des Wortes bis ins Innerste
durchdrungen. Ist er von Natur feige, so wird er durch das Wort tapfer,
ja tollkhn; hinter dem Wort verschanzt er sich, verbirgt er seine
Armut, seine Zweifel, seinen Neid, seine Unsicherheit. Das Wort gibt
ihm Charakter, steigert seinen Willen, korrigiert und verdeckt seine
Irrtmer und verleiht ihm genau die Gestalt, die er vorzustellen
wnscht. So wird er undurchdringlich mit Hilfe des Worts, als ob das
Wort ein Panzer wre; unsichtbar und unauffindbar hinter dem Wort, ein
wunderliches Widerspiel zum schpferischen Menschen, der unsichtbar ist
hinter der Gestalt. Aber Worte schaffen nicht die Gestalt, nur
Handlungen, Bewegungen (des Krpers oder der Seele). Dann sind Worte von
ganz anderem Valeur, ja, ganz andere Organismen, Gedeutetes, nicht
Gesagtes. Das Wort als solches verhllt die Gestalt und macht sie
unsichtbar.

In einer Zeit wie der gegenwrtigen, in der ungeheuren Flle der Dinge,
der Gesichte, der Vorgnge, der Meinungen, des Wissenswrdigen, des
Neuen, des schnellen Austausches der Werte, der enormen Vergrerung
geistigen Bestandes bei erschreckender Haltlosigkeit des Besitzes ist
der Literat als Tribun unentbehrlich. Er ist es, der wgt, der urteilt,
der vermittelt, der die Gromnze der geistigen Regierungen in die
Kleinmnze des Verkehrs umsetzt, der Bildung verbreitet, Kenntnisse
weckt, Einsichten frdert und in allen Angelegenheiten des ffentlichen
Lebens hchste und letzte Instanz ist.

Das wre nun eine sehr segensreiche Ttigkeit mit heilsamen Wirkungen,
mte man glauben. Man mte glauben, da eine so stetige und heftige
Teilnahme am allgemeinen Wohl, an Kunst und Kultur, an seelischem
Wachstum und geistigem Fortschritt ohne Selbstlosigkeit, ohne Opfersinn
und ohne wahre Sachlichkeit nicht denkbar sei. Sehen wir nher zu.

Kann von Opfersinn die Rede sein, wo ein Lohn, auch nur der
allergeringste Lohn in Aussicht steht? Kann von Selbstlosigkeit die Rede
sein, wo eine Handlung dazu dient, den Glanz eines Namens zu erhhen? Es
mag einer mit wahrer Leidenschaft eine Sache fhren, und er besitzt doch
nicht die wahre Sachlichkeit, sobald es unter dem Schutz seiner Person
und unter dem Schild seines Namens geschieht. Opfersinn und
Selbstlosigkeit, das wre Auflsung der Anonymitt, -- rein betrachtet,
meine ich, denn ich will ja keine Kompromisse mit den Begriffen und mit
den Erscheinungen schlieen. Da die Anonymitt des Tribuns ja zuweilen
sogar seiner Ehre schaden kann und mu, gehrt auf ein anderes Feld; es
ist dies ein bedeutsames Kulturzeichen, welches die Kultur, nicht _das_
anklagt, was ich unter Anonymitt verstehe.

Was aber verlangst du? hlt man mir dawider. Ist der Opfersinn, die
Selbstlosigkeit, die Sachlichkeit unzureichend, die der Literat als
Tribun in seinem edelsten Typus darstellt, was wre dann zureichend? Was
geschhe ohne ihn? Wer wrde seine Arbeit verrichten, die, wie gesagt,
unentbehrlich ist, schon weil sie der Gewohnheit und den eingefleischten
Neigungen entspricht? Vielleicht diejenigen, die der Auflsung und der
Anonymitt fhig sind? Die wirken durch die Tat, durch die Gestalt,
nicht durch das Wort. Ist jedoch der schpferische Mensch anonym? Er
erreicht einen gleichwertigen Zustand durch den Mythos, in dem er
entschwindet wie Zeus in der Wolke. Wo lge aber der Mythos fr den
Literaten als Tribun? Er kann ihn nicht haben, denn das Wort ist das dem
Mythos schlankweg Entgegengesetzte.

Dafr wre also abermals die Zeit zu beschuldigen, die eine Kultur
geschaffen hat aus einer Summe von Einzelkulturen, die auf den
Individualismus schwrt und in ihren subtilsten Regungen, in ihren
ahnungsvollsten Stunden noch, sie wei kaum wie sehr, der Materie
huldigt. Die Person, das ist eben die Materie in nuce. Man fragt, was
ohne die segensreiche Ttigkeit geschehen wrde, die der Literat als
Tribun entfaltet. Die Wege der Bildung wrden verden; gewi. Aber ist
es nicht schon genug der Bildung, die nur auf eine Vervollkommnung des
Persnlichen, persnlicher Macht, persnlicher Ausdrucksmglichkeit,
persnlicher Steigerung zielt? Sollten nicht alle Federn einmal ruhen,
um eine wohltuende Geistesdmmerung eintreten zu lassen, in der die
Seelen einander finden wrden, der Streit der Meinungen, die Schlacht
der Worte zum Austrag gelangen knnte? Ich behaupte nicht, da diese
Bildung nur ein ueres sei, sie kann auch ein Inneres sein, Krftigerin
des Gemts, Reinigerin des Herzens; aber ein Religises ist sie nicht,
niemals wird sie den Menschen zum Mythos fhren, ihm die groe Flle,
die groe Stille, die groe Bescheidung, den groen Zusammenhang
schenken und sein Herz der Trgheit entledigen, die eine Folge der
individuellen Isolierung ist; immer wird sie ihn verpersnlichen, zum
Knecht des Wortes machen, zum Wrtlichen, zum Einzelnen.

Dafr eben ist _das Wort_ ein Merkmal, das Merkmal geradezu. Es hat alle
Gebiete des Denkens und des Gefhls, die Geisteswelt und die Sinnenwelt
erobert. Es ist der ntzliche Kolonisator jeder Wildnis und der
voreilige Zerstrer des Geheimnisvollen. Es hat nur kurzen Atem, eine
flchtige Existenz, aber es hat die Kraft, sich immer wieder aus sich
selbst zu erneuen. Was es berhrt, bezeichnet hat, tritt unveruerlich
in den Bezirk des Gewuten und Bewuten, in den Bannkreis der Meinungen
und Urteile, wird studiert und klassifiziert, ist da und ist fertig wie
Raritten in einem Museum, wie Naturalien in einer Sammlung, wo sie
aufhren, ein freies, organisches und anonymes Dasein zu fhren. Was
gestern noch Ahnung war, heute ist es Gewiheit, morgen ist es ein
Schall. Der Weg vom lebendigen Wort zum Schlagwort entscheidet die Krze
des Wegs vom Glauben zur Entgtterung, von der Gebundenheit zur
Anarchie. In der Mitte des Wegs schwebt ein Scheinbild von Glauben und
Gesetz; es ist nicht Glauben, es ist Angst, Fatalismus; es ist nicht
Gesetz, es ist Trgheit, Rationalismus -- Schranken vor dem Chaos.

Will der Literat als Tribun ber das Wort hinaus, so gelangt er in die
Sphre des Dilettanten oder in die des Psychologen, wobei er Schatten
beschwrt, die er fr Gestalten nimmt. Aber innerhalb seines Bereichs
ist er unnachahmlich und wird seine Gaben zur Vollendung entwickeln. Da
er in der Luft der Worte lebt, atmet er alle Worte ein, die ber den
Dingen schweben, ber den Menschen, ber der Kunst und ber der Natur.
Er vermag sie so zu binden, so zu schleifen, da sie unter allen
Umstnden seinen Charakter und die Farbe seiner Persnlichkeit annehmen.
Dies ist noch nicht Stil; zum Stil gehrt Distanz und Ruhe, Bild und
Rhythmus; es ist das Wort in seiner Sinnlichkeit und Nhe, seiner
Einschichtigkeit und Einzelligkeit, das naive, parteinehmende, werbende
und symbollose. Damit es an seinem Platze sei, fehlt ihm die Rede. Dies
enthllt sein Zwittertum wie auch den Zwiespalt des Literaten als
Tribun. Die Rede fordert Hrende, nicht Neugierige, Wibegierige, nicht
Gelangweilte, die flchtig aufhorchen und wieder vergessen, wenn der Tag
sich wendet, deren Teilnahme fr Gelesenes nur eine Maske der Mdigkeit
und der berftterung, deren Enthusiasmus sogar, weil sie sich dadurch
von einer Verpflichtung loskaufen, nur eine knstliche Form von
Gleichgltigkeit oder sagen wir Objektivitt ist; sondern die Rede
fordert eine von gemeinsamem Band vitaler Interessen umschlungene
Gemeinde. Der Literat als Tribun sitzt also, trivial gesagt, zwischen
zwei Sthlen. Zur Rede mangelt ihm die soziale Grundlage, eine
einheitlich beteiligte Gesellschaft; das geschriebene Wort hat ganz
andere Resonnanzen und Ansprche; an die Stelle des Willens zur Tat
tritt der Ehrgeiz am Wort; er ist zum Schriftsteller geworden, ohne zu
spren oder zuzugeben, da dies nur ein Surrogat ist, und ber die
Unmglichkeit einer allgemeinen, politischen, besser: verwandelnden
Wirkung trstet er sich mit der Anerkennung der Einzelnen, mit dem
Enthusiasmus der Gleichgltigen, mit der Zustimmung der Fachgenossen und
einem Ruhm, der aus Papier besteht.

Eine unausbleibliche Folge des Mangels an Hrenden ist die zunehmende
Zahl derer, die selbst etwas sagen wollen. Es beruht dies auf dem
seltsamen Irrtum der menschlichen Natur, da sie das geben zu mssen
glaubt, was sie nicht empfngt. Die fortschreitende Individualisierung
wirkt auf den einzelnen verlockend, ein Phantom der Freiheit fft ihn,
und er tritt selbstttig aus der Kette, bevor zur Reife gelangt ist, was
durch die stumme Arbeit der Geschlechter vollendet werden mu. Jeder
solche einzelne ist ein Talent. Das Talent ist ein Losgelstes, vom
Mythos Getrenntes, auf eigene Faust Wirkendes. Die Talente sind
Zauberer, nicht Priester in der modernen Welt, Sektierer, nicht
Apostel, und was ihnen die Zeit verdankt, Unterhaltung, Zerstreuung,
Spannung, Anspannung (der die Abspannung wie eine Rache nachgeht), dafr
machen sie sich bezahlt durch eine geistige Tyrannei und eine
Vorherrschaft ihrer spezifischen Art, welche den innerlich Unsichern,
zufllig Erhobenen nicht verleugnen. Das Talent ist wie der Mond; es
zeigt immer nur eine Seite: die literarische; die menschliche ist
unsichtbar, -- eine Entzweiung von verhngnisvoller Beschaffenheit, die
irgendwo und -wann zum Bankerott fhren mu.

Wie oft sehen wir, da zugunsten des Literarischen das Menschliche
geopfert wird. Wir mssen auf ein Antlitz verzichten, um uns an
Verkleidungen zu ergtzen. Die Kunst trennt sich vom Leben. Nun gibt es
Flle, wo ein Mann so von einem Erlebnis erfllt ist, da er sich
gedrngt fhlt, es darzustellen. Es handelnd auszulsen, ist ihm aus
vielen Grnden versagt, unter welchen der Mangel eines echten
gesellschaftlichen Zusammenschlusses am schwersten wiegt; er greift zur
schriftlichen Mitteilung -- als Beichte; zur bertragenen Form des
gestalteten Bildes -- als Spiegelung. Mag es Klarheit fr ihn,
Aufklrung, Bereicherung fr die Freunde, fr Gleichfhlende bringen,
Werbung oder Verteidigung sein, es reinigt und entlastet ihn. Anstatt es
aber dabei zu lassen, das Ungewhnliche, Seltene, jedenfalls Einmalige
als solches zu bekrftigen, indem man die Einmaligkeit nicht zerstrt,
anstatt dessen wird der Geist zur Krippe getrieben, und was zuerst
Berufung war, wird Handwerk, dann Routine, dann ekler Absud und
Selbstplagiat. Man ist Schriftsteller, denn man schreibt. Es wird immer
weiter geschrieben, ein Name wird ausgenutzt, eine Tat wird verleugnet,
Freunde werden zu Kostgngern, ehedem Ergriffene zu hflichen Jasagern,
die Seele verarmt in der Gebrde, der Geist stellt sich im Wort blo,
Erlebnis wird sogleich als Stoff einkassiert, der Stoff hinwiederum
lhmt das Erlebnis, dem Schaffenden wird die Bahn verlegt, den
Genieenden die Unschuld und Freudigkeit getrbt, und es entsteht --
Literatur.

Das Notwendige sinngem vollbringen, kennzeichnet den Menschen von
Berufung. Infolge jener Entzweiung wird entweder das Notwendige nicht
sinngem, d. h. stilgem, angeborener Form entsprechend zum Ausdruck
gelangen, wenn das Menschliche prvaliert, oder das Sinngeme wird
nicht immer das Notwendige, ganz Legitime, ganz Triebhafte sein, wenn
das Literarische prvaliert. Entweder wird also das Literarische als dem
edleren Dilettantismus verwandt, oder das Menschliche, Sittliche wird
nur wie ein zuflliges Anhngsel erscheinen.

Letzterem Schicksal ist der Literat als Tribun zumeist unterworfen. Von
Anbeginn an ist er der geschworene Feind des Dilettanten, da er
sozusagen auf Vorposten steht, niemals Zeit hat, nach vielen Seiten sich
verkettet findet und, der ffentlichkeit preisgegeben, eine ffentliche
Person ist, von der man bestimmte Leistungen zu erwarten sich mehr
bemigt als gezwungen fhlt. Schon die stete Verantwortung ntigt ihn
zur Gebrde, wenn der Elan verraucht ist, um wieviel mehr erst die
Gewohnheit, das Metier. Das Wort umpanzert ihn, kommandiert ihn, und
wollte er sich auf sein Sittlich-Menschliches beziehen, wo das Wort
gesndigt hat, so fnde er die Brcken abgebrochen und den Weg zu weit.
Er mu antworten, bestndig antworten, als ob die Welt und das Leben
voll von Fragen wren; sie sind auch voll von Fragen, nur werden sie
nicht an ihn gerichtet, sondern an die Welt und das Leben, und die
Antwort geschieht um der Antwort, nicht um der Fragen willen, das Wort
mu ihm Maske bleiben. _Er darf sich nicht verraten_, niemals und unter
keinen Umstnden. Er ist nur treu, solange das Wort ihm treu ist. Er
geht um die Ecke und sieht dich nicht mehr. Dein Gesicht ist ihm nur ein
Wort, und Worte werden vergessen (oder auch behalten), gesehen werden
sie nicht. Er kann nicht trumen, das Wort hngt mit Bleigewicht an den
Flgeln des Traums; er kann nicht genieen, das Wort verpflichtet ihn,
dem Genu auszuweichen. Er fhlt nicht mit dir, auer mit seinem Ehrgeiz
fr deinen Beifall, mit seiner Leistung fr deine Schwche, mit seiner
Virtuositt fr deinen Dank. Dahinter steht ein Mensch, gleichsam
krnklich, sehr argwhnisch, oft sentimental, ohne Vertrauen, ohne
Traditionen, Emporkmmling, Autodidakt, beraus einsam und in
unruhvoller, ja atemloser Ttigkeit.




Der Literat als Schngeist


Er ist ein Kind des Reichtums, oder wenn nicht dies, so versteht er es
doch, sich die gemeinen Sorgen vom Leibe zu halten. Nicht als ob er ein
bequemer Herr wre; er ist im Gegenteil gar nicht bequem, er hat nur
einen leidenschaftlichen Hang zur Bequemlichkeit, der ihm oft das Leben
so unbequem wie mglich macht. Schon das bloe Nachdenken, geschweige
denn die Beflissenheit, Bedrfnisse und Ansprche zu befriedigen, die
einem gewhnlichen Menschen keinerlei Kopfzerbrechen verursachen, strzt
ihn in Qualen und aufreibende Arbeit. Bis er dazukommt, den eigentlichen
Zwecken zu dienen, ist die Hlfte seiner Seelenkraft schon aufgebraucht.

Seine Neigungen sind luxuris in jedem Sinn. Er liebt die Flle, die
Seltenheit, die Kostbarkeit; er liebt die Dinge dinglich, mit wahrer
Freude am Gegenstand, doch nur seltene und kostbare Dinge, oder solche,
die schon gleichsam eine Metapher bilden oder enthalten. Am Hufigen und
Niedrigen das Charakteristische zu schtzen, dazu fehlt ihm die Lust, ja
die Mglichkeit, weil er sich zu weit nach der andern Seite entfernt
hat. Da aber das Leben mehr aus Hufigem und Niedrigem besteht als aus
Seltenem und Kostbarem, so ist er kein Beobachter des Lebens, sondern
ein Beschauer. Trotzdem hat er keine Beschaulichkeit, denn er hat keine
Naivitt.

Man mu seine Bildung als profund bezeichnen und seinen Geschmack als
ber jeden Zweifel erhaben. Dies lt auf groe Ausdauer schlieen, auf
einen sicheren Blick und ein przis abwgendes Urteil. Eine derartige
Vereinigung von Bildung und Geschmack kann ferner nicht ohne ernsthafte
Selbstzucht erreicht werden; ist sie noch dazu einem Temperament
abgerungen, das zu Exzessen veranlagt ist, so entsteht eine geistige
Kultur edelster Kategorie, in welcher der Begriff Vornehmheit zu tiefer
Bedeutung gelangt.

Warum ist aber der schpferische Mensch nicht in derselben Bedeutung
vornehm? Weil er mit dem Niedrigen und Hufigen des Lebens ebenso
verbunden ist wie mit dem Seltenen und Kostbaren; weil sein Wesen nicht
darauf gerichtet ist, sich zu distanzieren, sondern sich zu
identifizieren; weil er nicht Beschauer ist, sondern Mitlebender, nein,
im Innern der Dinge und der Kreaturen Lebender.

Wenn der schpferische Mensch in sich selbst sein Werk objektiviert, so
distanziert es der Literat als Schngeist. Das Mittel zur Distanz
verleiht ihm die Form, der Stil. So ausnahmshaft seine Person ist, so
ausnahmshaft ist sein Stil, durchaus das Niedrige und Hufige meidend,
durchaus das Unterscheidende suchend und unterschieden bis zum
Gesuchten. Keine Figur, keine Bewegung, keine Schilderung, kein Gefhl
besteht durch sich selbst, schmucklos, sachlich, eigenkrftig, sondern
sie werden durch den Stil hervorgebracht, anscheinend gelutert, in
Wirklichkeit getrbt. Denn dieser Stil ist nicht von der Hand und vom
Willen gelst; er zwingt immer zur Aufnahme und Betrachtung eines
persnlichen Elements und verhindert, da man sich hingibt und da man
glaubt. Man glaubt nicht an den Schauspieler, der verstehen lt, da er
eine exquisite Rolle spielt, und der Literat als Schngeist ist ein
solcher Schauspieler, ein Schauspieler, der sich nicht opfern und
vergessen kann, weil er vor dem Spiegel spielt statt vor Gott, der
Schauspieler seiner selbst.

Er kann ohne den Stil nicht denken, nicht trumen, nicht gestalten.
Seine Phantasie ist nicht wortgebunden. Im Wort ist er frei, durch
Bildung und Wissen sowohl wie durch einen imperatorischen Zug seines
Geistes, vermge dessen er alles Detail der Erscheinung sammelt und
sublimiert. Aber rhythmisch gebunden ist seine Phantasie, in Schwingung,
Ton, Melodik, Absetzung und Steigerung so gebunden, da die
Beschftigung damit, die vorbereitende wie die ausfhrende, die ganze
Atmosphre des Lebens fllt und das Leben selbst gewissermaen zu einem
prdestinierten Verlauf zwingt. Das Formhafte wird ein Gesetzmiges,
und die Folge davon ist, da das Ethische ein Zuflliges wird, zumindest
in Abhngigkeit gert. uerlich wie innerlich findet bestndig eine
Verdrngung der Hauptwerte, eine Verschiebung des Substantivischen
hinter das Attributivische statt, woraus sich ein ungesundes und
unklares Verhltnis zwischen der Anschauung und dem Bild, der sinnlichen
Wahrheit und der Metapher ergibt. Bild und Gleichnis werden isolierte
Faktoren, die sich eigenwillig aufdrngen; der Weg von der Anschauung
zum Bild ist oft so weit, da der natrliche Wrmezuflu versickert und
an dessen Stelle eine knstliche Glut tritt, berhitzung des Ausdrucks,
berladung des Gehalts, Verzerrung der Form. Die beleidigte konomie
lt keine echte Schnheit mehr aufkommen; wir gewahren entweder ein
kaltes Gebilde, Ohr- oder Augenweide, aber im Grunde entseelt, oder
eines, das uns wie in willenlosem Trotz gegen die berwucherung der
Metapher durch einen vergewaltigenden Subjektivismus ernchtert und
zweckbewut macht.

Denn es ist nicht die Leidenschaft, die mich verwandelt, sondern die
Verwandlungen der Leidenschaft verwandeln mich mit, also letzten Endes
ein Moralisches. Auf dieses Moralische mu der Literat als Schngeist
verzichten. Er scheint es zu verschmhen, aber er mu darauf verzichten,
weil er sich nicht verwandeln kann, weil er, wie der Psycholog und wie
der Tribun, an seine Person geschmiedet ist, weil auch er nur den Weg
hat, obschon es ein anderer Weg ist, und weil er am Ziel stets bei sich
selbst anlangt. _Er kann sich nicht verraten_; er steht zu fern. Das
Moralische beschwert sein Gewissen nicht mehr, er leidet nicht
darunter, es kommt nicht mehr in Frage fr ihn. Er spielt. Seine Gebilde
knnen leicht und schwebend sein wie Seifenblasen, sie knnen schwer
oder flammend sein, aber sie werden niemals jene unbedingte
Eigenlebigkeit zeigen, die dem Werke des schpferischen Menschen
innewohnt, sie bleiben an seine Person gebunden und haben gleichwohl
nicht das Hchst-Persnliche, das erst aus dem Mythischen strmt und das
daher identisch mit hchster Sachlichkeit ist. Insofern ist sein
Schaffen Spiel: weil es nicht hchste Sachlichkeit ist. Da gibt es nur
ein Entweder -- Oder.

Er mag Gemt besitzen, doch ist es wie ein Fluch: whrend er seine Werke
hervorbringt, vielleicht schon in der Konzeption, verzehrt der Rhythmus
einen Teil der ursprnglichen Empfindung. Der Rhythmus herrscht; die
Einfachheit lt ihn erlahmen, erst im Komplizierten und
Beziehungsvollen kann er sich entfalten, es sei denn, da er das
Einfache so weit distanziert, da es schon wieder metaphorisch wird, als
Stilisierung verblat, als Arabeske sich verkrmmt. Niemand kennt besser
denn der Literat als Schngeist die ewig gltigen Werte schpferischer
Kunst. Da er sich an ihnen mit, da er immer wieder whnt, nicht nur
mit ihnen wetteifern, sondern, wenn gnstige Zuflle zusammentreffen,
sie auch erzeugen zu knnen, da er sich darber tuscht und doch
wieder, vermge seines przisen Urteils, die Tuschung nicht aufrecht
erhalten kann, das ist sein tiefstes Leiden. Schon dieses Leidens wegen
ist er kein Epigone zu heien; er ist weit mehr, er ist Prtendent, der
niemals gekrnt wird, der zweitgeborene Bruder, und er versteht oft mehr
vom Regieren und von der Verwaltung als der Regent, der Erstgeborene.

Mglich, da er aus diesem Grund etwas von einem unruhigen Diplomaten
hat. Er mu immer ein wenig Politik treiben, um Proselyten zu machen.
Denn man wehrt sich gegen ihn; die Wahrheit ist in den Menschen wie das
Herz, sie wird nur verschleiert durch die Geschfte des Lebens und durch
unreine Zwecke abgelenkt. Aber auch aus Liebe zur Schnheit wird er zum
Politiker, da er den Rhythmus, von dem er beseelt ist, in seiner
tglichen Existenz gleichfalls nicht missen will. Er meidet dich heute,
wie er dich gestern gesucht hat, denn heute strst du seinen Rhythmus,
wie du ihn gestern beschwingt hast. Der Rhythmus macht ihn treulos und
tyrannisch, liebenswrdig oder widerspenstig. Je unfruchtbarer er als
Knstler ist, je mehr Kunst verwendet er auf sein Leben, d. h. darauf,
den Rhythmus in seine tgliche Existenz zu bringen, wobei dann ein ganz
verwickelter Umweg zum Leiden entsteht, ber die Kunst und ber das
Leben hin, fern von Gott und fern von den Menschen, so da die Schnheit
als Surrogat des Gttlichen zum Wahn- und Schattenbild wird und das
Leben eine von falschen Zwecken erfllte kalte und unglckselige
Einsamkeit. In solcher Einsamkeit gestalten wollen heit im luftleeren
Raum Lieder singen wollen.

So wird der Literat als Schngeist zum Sklaven der Zeit, indem er ihren
Rhythmus packt und ihre Seele nicht findet und zerrieben wird im Gefhl
einer ihm unbegreiflichen Ohnmacht; oder er ist ein Verbannter der mit
unlebendigen und eigenwilligen Formen sich fr sozial und seelisch
frdernde scheinbar trstet.




Der Literat als Apostel


Es ist das Wesen des Apostels, vllig hingegeben einer Idee zu dienen.
Das Wesen des Literaten ist es, sich selbst unterworfen zu sein. Der
Literat als Apostel: das wre also der Widerspruch kat exochen, das
Paradox an sich, denn wie knnte man einer Idee dienen, wenn man nur der
eigenen Person dient? Wie knnte einer, dessen Schicksal es ist, vom
Mythos getrennt zu sein, sich berufen glauben, den Mythos zu erzeugen?

Dieser Widerspruch lst sich nur in einer einzigen Weise: indem er seine
eigene Person zur Idee erhebt, in der er darauf ausgeht, aus sich selbst
einen Mythos zu machen, aus seinem stabilierten Ich; nicht aus
Anschauung und Erlebnis der Welt, nicht hingegeben, sondern verlangend,
wollend und in der Bezauberung des Willens.

Der Literat als Apostel ist der fanatisch auf das Knstlertum gerichtete
Mensch. Genu des Lebens, verweilende Ruhe sind ihm unbekannt. Man
knnte glauben, es sei der Ehrgeiz, der ihn befeuert, der Erfolg, der
ihn lockt, die Macht, die ihn reizt, und es ist wahr, etwas von alledem
gibt seinem Streben den Flug und die Ausdauer, seinem Geist die
Elastizitt. Doch lat seiner Ruhmsucht so viel Genge geschehen, als
sie berhaupt begehrt, lat seinen Namen an der Spitze von allen
stehen, lat ihn den Einflu eines Herrschers und den Reichtum eines
Grobankiers haben, -- es ist ihm zu wenig; er kann es wnschen, glhend
darnach eifern, doch den Besitz solcher Gter sprt er kaum. Er ist ein
Besessener, ein von der Kunst Behexter. Es ist ihm nicht darum zu tun,
das Leben zu genieen. Sich selbst will er genieen, sich selbst
ausschpfen, sich selbst in allen Menschen und Dingen erkennen, und das
ganze All, Gott und die Kreaturen, ist ihm eigentlich nur sein vielfach
zerteiltes Ich, gesehen durch das Medium Kunst, zu sammeln und zu
gestalten ihm anbefohlen durch das Idol Kunst.

Der schpferische Mensch ist von einer wunderbaren Bescheidenheit
durchdrungen. Immer bleibt er gleichsam Brger der Welt; er findet sich
eingeordnet, nie bevorrechtet; gesteht man ihm hhere Rechte zu, so wird
er schon an sich zu zweifeln beginnen. Er hat das feinste Ohr fr die
Musik des Lobes und setzt dem geringsten Zuviel seine Verachtung
entgegen. Er ist gelassenen Gemts, weise und gehorsam, sich selbst
gehrig und der Welt und der Gottheit dienstbar, sein Knstlertum
wahrend, keineswegs aber es als Schild benutzend oder gar als Postament.
Vielleicht ist es der Mythos, der ihn so bescheiden macht, so
stolz-bescheiden, hnlich wie der Abkmmling eines alten Geschlechts
stolz-bescheiden ist, indem er seine Fhigkeiten und das Vermgen zu
reprsentieren nicht allein seiner losgelsten Person zuschreibt,
sondern es der Kette der Ahnen mitverdanken will. So auch der
schpferische Mensch. Es wirken in ihm Krfte von oben, von den Toten
her, von der Erde, vom Volke her.

Ganz anders der Literat als Apostel. Er ist der Rebell wider alle
Ordnung, es sei denn, die Ordnung habe keinen andern Bezug als auf ihn.
Ihm ist alles erlaubt, nicht weil er wie der Psycholog alles erklren
kann, sondern weil er es ist, durch den die Dinge und Einrichtungen
sind. Insoferne verhlt er sich zum Psychologen wie ein Gesetzgeber zu
einem Winkeladvokaten. Ihm ist Lobes nie genug, obwohl er Lob verachtet;
es gibt keinen Beifall, der ihn beschmte, keinen Tadel, der ihm anderes
wre als die Frechheit des Neides oder der Dnkel des Unverstands. Er
ist ausschweifenden Gemts; seine Nerven sind der hchsten Schwingungen,
der tiefsten Ermattungen fhig, und die Menschen sind ihm nichts als
Futter; Futter fr seinen Ruhm, seine Zwecke, seine Kunst. Er ist ein
Menschenjger, ein Menschenfresser, keines Freundes Freund, kein
Geliebter, kein Gatte, kein Vater, nur Knstler. Ist der Literat als
Schngeist der Schauspieler seiner selbst, so ist der Literat als
Apostel der Priester seiner selbst.

Beachten wir jedoch, da er ein groer Knstler ist und sein Werk von
hohem Belang, da er unter Umstnden ganzen Zeitabschnitten die
geistige Prgung verleiht, und es wre zu fragen, ob dies nicht
Entschdigung genug sei fr das berma und die Selbstintronisation.

Da ist denn zu erwidern, da unsere Zeit ohnehin geneigt ist, sich mehr
an den Wirkenden als an das Werk zu wenden. Dem genialen Individuum ist
eine unbegrenzte Machtbefugnis fast von vornherein zugestanden. Die
Leistung, das ist die Person; der Effekt, das ist die Person; Glorie,
Dankbarkeit und Enthusiasmus knpfen sich an die Person. Die Person ist
schon Partei, wo das Werk kaum noch die Geister erweckt hat; sie
gebietet den Unschlssigen, schchtert die Zweifler ein und bricht den
Widerstand der Stumpfen. Wohlgemerkt aber nicht die reale Person, nicht
der handelnde Mensch an sich; dieser hat wenig Spielraum, ist
eingezwngt in ein verwickeltes gesellschaftliches Gewebe, ein
engmaschiges Netz von Pflichten und Gesetzen und fhrt meist ein
privates, kleines Leben voller Hemmungen. Will er derjenige sein, als
der er gilt, so mu er den Kreis seines Wirkens durch die Fackel seines
Namens erleuchten, er mu das Zeugnis seiner Leistung vorweisen knnen.
Dann allerdings wird ihm die Ehrfurcht gezollt, deren die Kunst, als
Idee, sonst vllig verlustig geht.

Man kann also sagen: Die reale Person wirkt erst durch das Medium der
Werke, die fiktive durch das Medium des Knstlers, was natrlich das
Verkehrte ist. Es liegt darin nichts Religises und Verwandelndes mehr,
sondern Aberglauben und Gtzendienst. In einer religisen,
mythisch-bewegten, sachlich, nicht individuell fixierten Zeit trennen
sich Schpfer und Gestalt berhaupt nicht voneinander, fhren nicht ein
von der Gemeinschaft der Menschen losgelstes Dasein, der Schpfer als
Literat, als Schriftsteller, die Gestalt im Buch oder hchstens als
sthetische Metapher im Leben; nein, der Schpfer, in seiner
Bescheidenheit, bleibt Teil der Gemeinschaft, und seine Gestalten
umgeben ihn wie Glieder einer Familie den Patriarchen; sie allein sind
die Trger seines Namens, nicht aber die literarische Idee, die er von
ihnen abstrahiert.

Der groe Knstler wird in seinem Persnlichkeitsbewutsein leicht einem
berma verfallen, da er es immer dort gefhrdet findet, wo er von
seiner Gestaltenwelt gelst auftritt, also in seiner privaten Existenz,
oder in seiner ffentlichen, wenn er keine Harmonie sprt zwischen
knstlerischer und persnlicher Wirkung, und die kann er nur selten
spren bei der Zerstcktheit, Unverllichkeit und Zuflligkeit aller
Wirkungen. Es erscheint ihm notwendig, sich zu steigern, sich in Szene
zu setzen, sich geheimnisvoll zu machen, sich zu kommentieren und sich
selbst als Idee vor das Werk zu setzen.

Davon hat die Zeit sich mehr und mehr tuschen lassen und sich gewhnt,
Persnliches fr Sachliches zu nehmen. Gierig greift sie nach
Persnlichem, wo das Sachliche fremd oder sprde ist, und sie tut es
schon deshalb mit instinktiver Vorliebe, weil das Sachliche stets in
irgendeiner Weise menschlich verpflichtet. Von solcher Verpflichtung
will man sich jedoch, wo es angeht, freihalten; man will reden und
urteilen, nicht aber durch handelndes Gefhl anteilvoll verkettet sein.
Nicht umsonst sind wir berschwemmt von Mitteilungen aus dem Privatleben
der Knstler. Nicht umsonst werden Briefe, Tagebcher, Aufzeichnungen,
Skizzen, Fragmente der Neugier verfrht preisgegeben. Wird der Alkoven
geffnet und die Werkstatt ausgekehrt, so mag der Wissensdurstige sicher
bisweilen befriedigt, der Forscher belehrt werden, doch vorzglich wird
nur dem Hang der Gesellschaft nach Sachverschleierung gedient. Das
Gttliche wird beleidigt, indem man den Menschen vergttert. So ist
z. B. der Mythos Goethe eine Beute der Persnlichkeit Goethe geworden,
und Goethe selbst hat durch einen Subjektivismus, der ihm anstand und
einen Teil seiner Genialitt ausmachte, einen Kult des Redens ber die
Dinge, der Meinungsuerung, der persnlichen Ausholung und Zwecksetzung
und damit eine Armee von Literaten in die Welt gerufen, die sehr wohl
Bescheid wissen ber alle Probleme des Lebens, die aber sehr wenig
vermgen, wo es gilt sich einzusetzen, sich hinzugeben, sich, d. h. die
Meinung zu vergessen, um einer Sache zu dienen.

Der Literat als Apostel ist bis zu einem Grad Eroberer, Mensch des
Willens und der Sucht, da er sogar seinem Werk einen Willen verleiht,
eine Sucht ber die Kunst hinaus. Er will es gltiger haben, als es der
Kunst eigen ist zu gelten, und durch die Kraft seines Knstlertums
vermag er es in ungeheurer Weise so zu steigern, da es dieses Ziel
wirklich zu erreichen scheint. Hier ist eine Schwche, die mit
erstaunlicher Tuschungsmacht das Schauspiel einer Strke bietet, um
spter freilich, wenn die Gewalt der Persnlichkeit dem Walten des
Schicksals gewichen ist, sich wieder als Schwche, als Irrtum zu zeigen.
Nur das Gttliche, das Schpferische hat Bestand; das Menschliche ist
flchtig, auch Vergtterung ist nur Finsternis. Haben wir es nicht
erlebt, wie die Idee des Gesamtkunstwerks als bizarre Laune eines Genies
in sich zusammenstrzte? Es war etwas anderes und tieferes als bizarre
Laune. Es war das Miverstndnis am Mythos.

Denn es ist klar, da der Literat als Apostel, da er keine
Selbstlosigkeit besitzt, keinen Mythos aus sich schaffen kann. Auch wo
er uerlich zum Mythos greift, zu einem Mythos, der mehr Sage ist als
lebendig gebliebene Bildung, und ihn durch Kunst vergegenwrtigt, wird
er nur Allegorie geben, privates Leiden, persnliche Kmpfe, seine
egoistischen, wenn auch groartigen Entfaltungen und Wandlungen in
Umrissen, die vom Mythos nur erborgt sind. So wird auch die Menschheit
blo den spezifizierten Schmerz darin erkennen; jeder einzelne wird in
diesem Schmerz doppelt allein mit sich sein, aufgereizt zu sich,
verlangend nach sich, behext, berauscht, aber nicht verwandelt, nicht
erlst.

Dieselbe Herrschsucht, die den modernen groen Knstler dazu verfhrt,
sein Werk ber die Grenzen der Kunst hinauszutreiben, ihm gleichsam,
nach Hamlets Worten, die Bescheidenheit der Natur zu rauben, kann den
Philosophen, sofern er Literat ist, dazu berreden, sich zum Mrtyrer
seiner Lehre zu machen. Da diese Lehre eine lebenverneinende ist,
versteht sich nach allem Dargelegten von selbst; der Literat ist ja
wesensnotwendig ein Pessimist. Nun kann der Pessimismus allerdings in
einem freien System als Gestaltung auftreten, die sternhaft oder
kosmisch existent ist wie ein Kunstwerk; in diesem Fall stellt eben die
schpferische Kraft des Bildners oder Architekten als lebensbejahendes
Element den Ausgleich her. Wenn aber der Pessimist den Beweisantrag auf
das eigene Ich stellt und durchfhrt, ist aus dem Symbol ein Wrtliches
geworden; da ist nicht mehr der Dualismus, der den schpferischen
Menschen in die Mitte von Irdischem und Himmlischem fhrt, da ist die
Sackgasse, das Persnliche, persnlich Endliche, und das Prinzip und
Gesetz des Schaffens selbst wird verneint.

Der Literat kommt aber nicht von der Psychologie los, von der
theoretischen nicht und von der angewandten nicht. Man mchte sagen, er
nimmt es mit der Wahrheit zu genau, -- soweit er Knstler ist, und er
htet sich, als Mensch, zu wenig vor der Verzerrung. Seine
Unabhngigkeit schenkt ihm keine Freiheit, sein Ichbewutsein entfernt
ihn von der Liebe; er ist die tragische Figur der modernen Welt und, zum
Apostel berufen, bricht er auf dem hchsten Gipfel seiner
Persnlichkeit, seiner Einsamkeit und seines vergeblichen Gottverlangens
vor dem Unerreichbaren zusammen.




Die Frau als Literat


Dieses Kapitel ist eigentlich ein Einschiebsel, denn in bezug auf die
Frau als Literat ist nach allem bisher Ausgefhrten nur noch
Selbstverstndliches zu sagen. Immerhin gehrt das Thema zur
Geistesgeschichte der Zeit, denn nie zuvor haben Frauen in solcher Zahl
und mit solcher Energie schriftstellerisch, knstlerisch produzierend
sich bemerkbar gemacht.

Die Frau besitzt keine schpferische Phantasie. Das ist kein Streitsatz,
sondern ein Erfahrungssatz; eine Tatsache, die einem Naturgesetz
entspricht. Es ist die Aufgabe der Frau, Mutter zu werden, Leben zu
empfangen, Leben zu gebren. Als Weib, als Mutter ist sie gewissermaen
an sich selbst schon ein Stck Mythos, und Gott hat es deshalb fr
berflssig erachtet, sie mit einer mythosschaffenden Kraft zu begaben.
Ihr Knstlertum ruht in der Liebe, ihre Idee ist die Mutterschaft, ihr
Werk ist das Kind. Wenn also die Frau sich knstlerisch hingibt, so
entsagt sie dadurch ihrer wahren Bestimmung, verzichtet freiwillig auf
das Schpferische und wird zum Literaten, und zwar zum Literaten
schlechthin, zum Literaten ohne schpferische Phantasie, welche ja dem
Psychologen, dem Schngeist, dem Apostel durchaus nicht mangelt; ganz im
Gegenteil, knnen diesen doch Werke gelingen, die den Werken des
schpferischen Menschen nahezu ebenbrtig sind.

Ich verkenne nicht die Arbeit der Frau; nicht den ehrlichen Willen,
nicht die Tchtigkeit und Geschicklichkeit, nicht die Fhigkeit zur
Anpassung und Ausfhrung, nicht die oft zutage tretende Besonderheit des
Schauens, nicht den sicheren Instinkt, nicht das vollgltige Empfinden,
nicht die Gabe des Traums und des poetischen Ausdrucks. Ich wei, was
geleistet worden ist; ich erinnere mich zarter Gedichte, robuster
Erzhlungen, anmutiger und starker Bildnisse, berzeugender Schriften;
einer Flle von respektablen Hervorbringungen. Aber sie waren mir um so
respektabler, je weniger objektiv sie scheinen wollten, je weniger sie
zu Gestaltungen griffen, je mehr sie einem Gefhl, einem Erlebnis, einem
Unmittelbaren Stimme verliehen. Nicht Gestalt also; Stimme, das ist es,
Stimme oder Stimmung, etwas, das so fern vom Mythos liegt wie ein
Quellchen vom Meer.

Das Vermgen, ein Weltbild zu objektivieren, ist nur der schpferischen
Phantasie gegeben. Mit Hilfe des Fleies, bewuter oder unbewuter
Nachahmung und der Aneignung erprobter Disziplinen gelangt die Frau
bisweilen zu Gebilden von scheinbarer und uerlicher Objektivation, und
ihre Lust wie ihr Talent zur Beobachtung befhigt sie, eine niedere
Realitt von Zustnden und Geschehnissen darzustellen, welche
unterhaltend, geistig und gesellschaftlich anziehend sein und, soweit
sie auf Erlebtem und Gefhltem beruhen, der Wahrheit und Glaubhaftigkeit
nicht ermangeln werden. Das Metaphorische, das Elementare, das
Schpferische, die Synthese ist ihr jedoch versagt, und je mehr sie
darnach strebt, je unzulnglicher mssen sich ihre Produkte erweisen;
sie stehen dann in der Luft, wurzellos, ziellos und wollen durch Unruhe,
Leidenschaftlichkeit und Fieberhaftigkeit ersetzen, was ihnen an Natur
und Legitimitt, -- durch Linie und Schnrkel, Seltsamkeit und
berhufung, was ihnen an Antlitz und Naivitt fehlt.

Bisweilen fragt man sich: warum werden die Frauen zu Literaten? Ein
Buch, und noch ein Buch, und noch eine Meinung und noch ein Vers und
noch eine bemalte Leinwand, -- darum handelt sichs doch schlielich
nicht. Ein Blick, ein echtes Wort, eine Wirkung von Mensch zu Mensch,
menschliches Aufmerken, Bereitschaft des Herzens knnen mehr, weit mehr
bedeuten. Das bel ist auch hier in einer zerklfteten,
anarchisch-gelsten Gesellschaft zu suchen, die keine lebendige
Organisation hat und in der deshalb jede Flle zur berflle, jeder
berflu zur Last, jede Hemmung zu falscher Bettigung und jede
Abtrennung der einzelnen Mitglieder bei unzureichender individueller
Kraft und Bestimmung zur Katastrophe wird. Die Literatur gilt als ein
Gewerbe wie jedes andere; das sogenannte Talent gengt zum
Vorwrtskommen. Der Einfall wird berschtzt; zum Einfall gehrt auch
das Detail; die Detailkrmerei beginnt schon, uns geistige
Verdauungsbeschwerden zu erregen; die Mache, die Gebrde, der fast von
selbst arbeitende sprachliche Mechanismus; die Gewohnheit, sich
meinungsmig zu uern, sich einer seelischen Spannung zu entuern,
indem man sie preisgibt und in einer quasi dichterischen Form, die meist
zur Schamlosigkeit kalter Psychologie fhrt, versteinert zur Schau
stellt; die Leichtigkeit und Schnelligkeit der Mitteilung, dies alles
ermuntert den einzelnen immer wieder, sich literarisch zu isolieren und
sich politisch, sozial und menschlich damit abzutten. Wenn man zur
Einsicht kme, da das sogenannte Talent in den meisten Fllen nur ein
Wesen ist, das in freiwilliger Verbannung von einer Gemeinschaft lebt,
der es nicht ntzlich sein kann, ein Parasit und Freibeuter, wre schon
viel gewonnen, und die dreiigtausend Bcher, die jhrlich in
Deutschland auf den Markt strmen, wrden unter dem Druck eines weiseren
Urteils und einer sachlicheren Wahl auf eine notwendigere Anzahl
zusammenschrumpfen, die vielleicht mehr Gehalt in sich schlsse.

Die Frau als das zur Liebe und Empfngnis bestimmte Geschpf menschlich
und geistig isoliert, in sozialer Unfruchtbarkeit und egoistischer
Verpersnlichung ihres tieferen Schicksals, ihrer schnen anonymen
Wirkung (wie vieles verdankt doch ihrer Teilnahme der Ruhm unserer
groen Knstler), ja, ihres Lebensmythos beraubt zu sehen, gewhrt ein
trauriges Bild weitgreifenden Miverstndnisses. Ich spreche natrlich
nicht von der Schauspielerin, der Sngerin, von rezeptiven Knsten;
diese harmonieren, solange nicht ein literarischer Einschlag durch
bertreibenden Ehrgeiz und individuelle Zwecksetzung stattfindet, sehr
wohl mit der weiblichen Seele, mit ihrer geistigen Wandlungsfhigkeit,
Anschmiegung des Gefhls und Poetisierung der Realitt. Die Tnzerin,
die lediglich ihren Krper zur Kunstuerung verwendet, bietet
vielleicht das edelste Bild weiblicher Genialitt. Nur wo das
Schpferische vorgetuscht wird, zeigt sich die Frau (mit Ausnahme von
zwei oder drei Fllen innerhalb der ganzen Geistesgeschichte) sogleich
als Literat schlechthin. Die Natur lt sich nicht betrgen; auch die
Menschheit nicht; nur die Menschen lassen sich betrgen. Sie tun, als
glaubten sie, auch wo ihr Inneres unbeteiligt ist; sie nehmen das
Wunderliche fr das Wunder, den Notbehelf fr das Notwendige, das
Phantom fr das Phnomen. Die Frau als Literat braucht sich nicht mehr
zu verraten; es ist nichts zu verraten; es ist alles von einfachster
Aufrichtigkeit, Geradlinigkeit und Durchschaubarkeit. Wir erblicken
einen tchtigen, emsigen, klugen und nachdenklichen Arbeiter, dem weder
Wort, noch Rhythmus, noch Idee zur Maske werden knnen und der den
Schmerz der Einsamkeit nur gemtisch ahnt, nicht geistig steigert und
auflst; keine tragische, sondern nur eine charakterisierte und
zufllige Gestalt.




Ergebnisse


Der Literat ist der vom Mythos losgelste produktive Mensch.

Er ist auch der von der Gesellschaft losgelste Mensch, der einzelne,
innerhalb eines nur durch uere Gesetze verkitteten Gemeinwesens.

So wie er aber ohne das Vorbild des schpferischen Menschen nicht zu
denken ist, bleibt er auch in seinem Tun und Lassen, durch sein
Persnlichkeitsbestreben, durch die Notwendigkeit der Spiegelung, durch
das Element des Ehrgeizes und durch das Element des Verrats der
Gesellschaft verbunden.

Der Literat ist vergelich. Er ist lieblos, weil er allzusehr in sich
selbst verstrickt ist. Er anerkennt keine Konvention, weil nur seine
eigene Person ihm den Mastab fr die Welt und die Dinge gibt. Dieser
Mangel an Konvention verfhrt ihn zu einer knstlichen Originalitt mit
Hilfe der seltenen Beobachtung, des seltenen Wortes, des seltenen
Rhythmus.

Der Literat ist eitel und sehnschtig, eitel selbst, wo er sich
blostellt, und sehnschtig am meisten dort, wo er sich verliert. Er ist
friedlos, immer nach Vernderung begierig, versteht aber nicht zu
wandern. Sein Verhltnis zu Menschen ist selten dauernd; er stellt die
hchsten Ansprche von seiner Seite, ohne die billigsten von der andern
Seite zu befriedigen.

Er kontrolliert seine eigenen Handlungen, Gedanken und Gefhle sehr
scharf, ja grausam. Es mangelt ihm an jener Ehrfurcht vor sich selbst,
die den schpferischen Menschen auszeichnet. Weil er so unbarmherzig und
rcksichtslos gegen sich selbst ist, glaubt er es auch gegen andere sein
zu drfen, aber er vergit, da jenes Wten gegen die eigene Seele nur
ein Vorwand zum Verrat ist, nicht aber ein Mittel zur Reinigung,
Steigerung und Befreiung. Selbstbeobachtung, Selbstzerfaserung ist ein
Unglck, wie es grer kaum zu denken ist; alle ursprngliche Kraft des
Glaubens, alle Fhigkeit zur sittlichen Erhebung, zur Umwandlung, geht
daran zugrunde. Auch der religise oder der schpferische Mensch
beobachtet sich selbst, aber er wird sich dabei zum Gleichnis; durch
diese Gleichniswerdung kann er sich korrigieren und bescheiden.

Nicht ohne tiefen Grund findet sich eine so groe Zahl von Literaten
unter den Juden. In der Existenz des Juden gibt sich die schrfste
Gegenstzlichkeit geistiger und seelischer Eigenschaften kund. Er ist
entweder der gottloseste oder der gotterfllteste aller Menschen; er ist
entweder wahrhaft sozial, sei es in veralteten, leblosen Formen, sei es
in neuen, utopischen, das Alte zerstrenden, oder er will in
anarchischer Einsamkeit nur sich selber suchen. Entweder ist er ein
Fanatiker oder ein Gleichgltiger, entweder ein Sldner oder ein
Prophet. Das Schicksal der Nation, ihre Vereinzelung unter fremden
Nationen, ihre ungeheuren wirtschaftlichen und geistigen Anstrengungen
im Kampf gegen die widrigsten Umstnde, der fortwhrende Zustand der
Abwehr, der Selbstbehauptung, das pltzliche Erwachen am Morgen eines
Kulturtags, das leidenschaftliche Ergreifen der Hilfsmittel und Waffen
dieser Kultur und die darauf erfolgte gewaltsame Unterdrckung und
Zerschneidung der Tradition, all das hat die Juden als ganzes Volk zu
einer Art von Literatenrolle vorbestimmt. Wo sich hingegen der einzelne
wieder des groen Zusammenhangs bewut wird, wo er im Scho der
Geschichte, der berlieferung ruht, wo urewige Symbole ihn tragen,
urewige Blutstrme ihm Adelsbewutsein verleihen und zugleich alles
Errungene und Erworbene organisch damit verschmilzt, da mag er wohl den
Weg zu Gttlichem leichter als andere finden. Der Jude als Europer, als
Kosmopolit ist ein Literat; der Jude als Orientale, nicht im
ethnographischen, sondern im mythischen Sinne, als welcher die
_verwandelnde Kraft_ zur Gegenwart schon zur Bedingung macht, kann
Schpfer sein.

Alle Berufe und alle Stnde haben ihre Literaten. Man kann den Satz
aufstellen: Jeder Fachmann ist ein Literat, jeder Laie trgt noch etwas
von Mythos in sich. Denn alles Fachwesen und Spezialistentum ist nur ein
Merkmal des groen Individualisierungsprozesses der Zeit. Vertiefung
zwingt zur Absonderung, die Flle zur Arbeitsteilung. Das ist gut und
unerllich. Nun ereignet sich aber das Seltsame, da gerade bei dieser,
die Selbstbescheidung gebieterisch fordernden Ttigkeit der einzelne die
argwhnische Wachsamkeit des Psychologen, die Herrschsucht des Tribuns
bekundet, da er sich von allem, was nicht sein Fach betrifft, in
trotziger und gleichgltiger Entfernung hlt und ein Leben auerhalb des
Fachs oft kaum mehr kennt. Der Literat ist der geborene Znftler.

Laien geben einem Literaten bisweilen den Rat, er mge, um in seinem
Erwerb nicht ausschlielich auf die Kunst angewiesen zu sein, daneben
ein Amt oder einen Brotberuf whlen. Das ist geradeso, als wollte man
einen rztlichen Spezialisten dazu berreden, nebenbei die Tischlerei zu
betreiben, weil er zu wenig Patienten hat. Mit Recht wrde er antworten:
Mein Fach fordert den Menschen ganz und gar, meine ganze Zeit, meine
ganze Anstrengung und alle Gedanken. Der Literat ist eben nur Literat,
er kann nichts anderes sein. Der Vorschlag des Laien ist freilich in
jedem Sinne tricht. Amt und Brotberuf taugen blo dem Dilettanten; je
innerlicher sein Verhltnis zur Kunst ist, je mehr mu er unter
abziehender Beschftigung leiden. Dem schpferischen Menschen wird sie
vollends zur Qual; auch ihn fordert seine Sache ganz, wenn schon in
anderer Weise, nicht weil er Literat ist, der erobern will und mu,
sondern weil er Mensch ist, weil Mythos und Menschheit von ihm
verlangen, da er sich unbedingt und ohne Vorbehalt hingebe. Erwerb oder
Nichterwerb irdischer Gter kommt dabei in hherem Betracht nicht mehr
in Frage; schlimm genug, wenn es in niederem Betracht zu erwgen ist.

Indessen gehrt die nackte und aufrichtige Gegenberstellung der
konomischen und der geistigen Mchte zum Bild unserer Epoche. Kapital
will Leistung; Leistung will Nutznieung, Arbeitskraft und Lebensgefhl
steigern sich wechselseitig; Erfolg, Besttigung und Lohn sind dem
einzelnen rascher und reichlicher zugemessen als je, und wenn auch der
Lockung oft nur gefolgt wird, weil eine Erfllung so nahe scheint, der
Ruf nur deshalb so viele Hrer findet, weil in ihm die Befriedigung
ausschweifender Ansprche verheien wird, so kann doch kaum eine Prmie
ausbezahlt werden ohne den vollen, ja leidenschaftlichen Einsatz von
Tchtigkeit und Intensitt.

Diese Leidenschaft, dieser Schwung, der unermdliche Wetteifer, sie sind
vielleicht Zeichen fr die Heraufkunft einer greren Zeit; schchterne
Zeichen, weil sie noch ganz am Persnlichen und Egoistischen haften.
Aber wie Eisenteile im Feuer des Hochofens zusammengeschmolzen werden,
so kann die Zerstcktheit und die Zersplitterung einer individualistischen
Gesellschaft durch einen alle Glieder ergreifenden, stetigen Strom von
Leidenschaft, gleichviel wo er entspringt, zu organischer Einheit
verwandelt werden. Leidenschaft ist ja die erste und letzte
Lebensgewalt; in ihr vereinen sich Element und Wille; sie kann eine
unproduktive Ordnung zum Chaos fhren, aber aus dem Chaos wieder eine
neue Welt erzeugen, Sammlung aus der Diaspora. Dann mag sich ein Weg
auftun zum Mythos und zu Gott.




Die Kunst der Erzhlung

Geschrieben 1904


DER JUNGE:

Es ist wohl ber ein Jahr her, da wir uns nicht gesehen haben. Seit
meine Freundin gestorben ist, bin ich kaum mehr unter Menschen gekommen,
und ich verlasse mein Zimmer nur zu einsamen Spaziergngen. Mein
einziges Vergngen sind die Bcher und das Nachdenken ber den Eindruck,
den sie mir gemacht haben. Ich glaube, wenn ich jetzt wieder die Feder
in die Hand nhme, so knnte ich etwas Tchtiges leisten.

DER ALTE:

Und wozu treibt es dich denn? Ein Knstler darf nicht wie ein Jger
sein, der, unbekmmert was ihm vor den Schu kommen mag, durchs Gelnde
streift, sondern er mu wie ein Seemann sein, der den inneren Sinn, das
innere Auge unablssig auf ein vielleicht nicht sichtbares, doch tief
bewutes Ziel richtet. Also wozu treibt es dich? Wozu glaubst du dich
geboren? Welche Insel des Geistes willst du dir entdecken?

DER JUNGE:

Ich fhle zu nichts anderem Lust und Freude als Geschichten zu erzhlen.
In den Stunden der Einsamkeit und der Sammlung ist es mir, als ob mein
Inneres bis zum Rand angefllt wre mit Ereignissen und Schicksalen. Oft
ist mir zu Mut, als msse der ganze Lauf der Welt, von Adams Zeiten an,
sich mir in einer besonderen Weise enthllen, und ich spre das
unbezwingliche Verlangen, wie soll ich es nur sagen?... zu erzhlen, zu
erzhlen.

DER ALTE:

Das ist schn, prchtig sogar. Wenn du dieses Verlangen wirklich hast
und es nicht darin miverstehst, wie du es befolgst, dann wrest du
allerdings dazu geboren zu erzhlen.

DER JUNGE:

Wie sollte ich es miverstehen? Warum zweifelst du? Was gibt es denn
Einfacheres?

DER ALTE:

Da es keineswegs einfach ist, keineswegs selbstverstndlich, knnte
dich schon ein Blick auf die heutigen Erzeugnisse dieser Kunst lehren.
Die Meisten wissen ja gar nicht mehr, was es heit: eine Geschichte
erzhlen, und selbst die Begabtesten bringen lauter Zwitter- und
Miformen hervor.

DER JUNGE:

Du bist sehr streng wie immer. Ich glaube nicht, da du recht hast.
Niemals war so viel im Werk wie gerade jetzt. Auf allen Seiten wird es
Tag.

DER ALTE:

Der ewige Irrtum der Jugend.

DER JUNGE:

Dann mu ich frchten, da du auch, was ich selbst bisher geschaffen,
verwerfen wirst.

DER ALTE:

Darauf knnte ich erst antworten, wenn ich wte, wie es mit dir steht
und ob dich nichts anderes erfllt als die Liebe zur Sache, ob dein
Geist nichts anderes erstrebt als die Vollendung in ihr, ob dir vor der
Wahrheit bangt oder ob leichtsinniges Lob dich nicht schon fr immer
geblendet hat. Wenn du Angst vor einer bitteren Stunde hast, dann
verbirg es nicht, ich schweige gern. Du besinnst dich?

DER JUNGE:

Hltst du denn dein Urteil fr unumstlich, fr das einzig mgliche?
Kann es nicht auf Tuschung, auf Unmilde, auf Eigensinn beruhen?

DER ALTE:

Ich will es dir zu begrnden suchen, und wenn du meine Argumente
entkrften kannst, werde ich mich zufrieden geben.

DER JUNGE:

Also sprich.

DER ALTE:

Es gibt dreierlei Arten von Schriftstellern: solche, die einen eigenen
Stil haben und ihn zur hchsten Vollkommenheit auszubilden vermgen;
solche, die einen eigenen Stil suchen, und endlich solche, die einen
Allerweltsstil vorfinden und sich zu ihm verhalten wie die Gste eines
Wirtshauses zu den Tischen und Krgen und Sthlen; sie knnen niemals
zum Herrn ihres Wortes, ihrer Gedanken, ihrer Phrase werden, das
glhendste Erlebnis mu ihnen erstarren, erhabene Stimmungen werden
trivial, jede Inspiration wird Absicht, jede Beeinflussung von auen
Nachahmung, alles, was krftig ist, brutal, und was fein ist,
schwchlich. Aber von diesen Schriftstellern, die die Marktware fr den
groen Haufen besorgen, wollen wir nicht sprechen. Du gehrst zur
zweiten Art.

DER JUNGE:

Das wre ja weiter nicht schlimm. Suchende sind wir alle. Ja, man kann
sagen, da der allergrte Meister bis zu seinem Todestage nicht
aufgehrt hat zu suchen. Warum lchelst du?

DER ALTE:

Weil ich an dieser Bemerkung sehe, wie wenig du mich noch verstanden
hast. Wenn die groen Meister suchen, so wollen sie den Einklang
schaffen zwischen Stoff und Form. Sie wissen, da es ohne solche
Harmonie berhaupt kein Kunstwerk gibt. Und weil sie das wissen und auf
diesem Wege zur Vollkommenheit streben und sich wohl hten werden, die
Flle ihrer Mittel an den falschen Gegenstand oder am falschen Ort zu
verschwenden, so wird immer etwas entstehen, was der Kunst und ihrer
eigenen Schpferpersnlichkeit gem ist. Sie suchen mit sehenden Augen,
ihr aber sucht als Blinde; sie gehen den geraden Weg und kommen an ein
Ziel, wenn auch nicht immer an das gewnschte; ihr aber taumelt im
Kreise herum. Die Suchenden, die nicht um das Wesen wissen, sind zum
Untergang verurteilt.

DER JUNGE:

Du machst mich wahrhaft unruhig. Ich knnte dich hassen, wenn ich nicht
wte, wie ernst du es meinst. Ich ahne, wo du hinaus willst. So rede
doch endlich von mir.

DER ALTE:

Gut. Zwei Dinge, ein scheinbar ueres und ein scheinbar inneres, habe
ich zunchst an deinen Arbeiten auszusetzen: nmlich da sie den Leser
nicht mit Behaglichkeit erfllen und da es dem Stoff selbst an
Daseinsnotwendigkeit gebricht. Beides hngt aber inniger zusammen, als
du glaubst; das werde ich dir bald beweisen.

DER JUNGE:

Was meinst du mit Behaglichkeit? Das Gegenteil bezwecken wir doch, wenn
wir Dichtungen ersinnen: Erregung, Spannung, Teilnahme, Erschtterung.
Ich glaube, du treibst deinen Spa mit mir.

DER ALTE:

Geduld. Ich verstehe die Behaglichkeit hier in einem hheren,
knstlerischen Sinn. Ich verstehe darunter das unbegrenzte Vertrauen des
idealen Lesers zum Erzhler. Dieses Vertrauen entsteht durch
Glaubwrdigkeit, und die Glaubwrdigkeit nun entsteht aus der
Notwendigkeit des erzhlten Gegenstandes. Du siehst nun, wie fest der
Zusammenhang zwischen den beiden Dingen ist, und noch untrennbarer wird
er fr das Auge und fr das Gefhl durch das, was der Laie, der
Dilettant, der Durchschnittskritiker die Technik nennt: durch die Art
des Erzhlens; auch sie ist nur ein scheinbar uerliches, denn in
Wirklichkeit ist sie die Seele der epischen Kunst.

DER JUNGE:

Das wird zu weit und breit. Du wolltest doch von meinen Arbeiten reden.

DER ALTE:

Ich sage nun, da deinen Produkten die Behaglichkeit fehlt, weil du
nicht die Mittel und das Wissen hast, sie hervorzubringen. Was du
schreibst, trgt unverkennbar den Stempel des direkten und indirekten
Erlebnisses, aber diese Erlebnisse sind nicht knstlerisch verklrt und
erhht und bleiben daher ohne poetische Wirkungen. Du hast eine starke
und natrliche Empfindung, die aber nur selten in ihrer Reinheit wirkt,
weil sich der Stoff nicht ganz in ihr aufzulsen vermag. Merkst du nun,
wo es hinaus will, merkst du, wie alles Innerliche zugleich ein
uerliches ist und umgekehrt?

DER JUNGE:

Ich merke nichts als Pedanterie und hre nichts als Worte. Wenn eine
Kunstform nicht ausreicht fr das, was ich zu sagen habe, nun dann
erweitere man mir diese Form. Wo stehen diese gelehrten Gesetze
geschrieben, denen ich mich fgen soll? Wer hat sie gemacht, und wie
kme ich dazu, mich vor ihnen zu beugen?

DER ALTE:

Wo sie geschrieben stehen? Im menschlichen Gefhl. Wer sie gemacht hat?
Das menschliche Gefhl. Warum du dich ihnen beugen sollst? Weil du sonst
nicht wirken wirst, weil dein Wort und dein Werk sonst von flchtigerem
Bestand sind als ein Stck Eis in der Mittagssonne. Man hat nmlich im
Lauf der Jahrhunderte, der Jahrtausende herausgefunden, was die
Menschheit ergreift, trstet und erfreut, was aus ihren Tiefen stammt
und zu ihren Tiefen strebt. Die es befolgten und solche hohe Wirkungen
erreichten, nicht blind, sondern durch klarstes Wissen, das waren die
Meister. Wer der Belehrung trotzt, kann nicht einmal Schler werden.

DER JUNGE:

Also belehre mich.

DER ALTE:

Ich sagte vorhin, da die Elemente sich in dir nicht mischen wollen;
Stoff und Empfindung bleiben feindlich und unaufgelst einander
gegenber. Die Folge davon ist eine immerwhrende und berall
ersichtliche Dissonanz. Du erzhlst eigentlich nicht Ereignisse, sondern
du schilderst Situationen. Gerade das erscheint dir wichtig, was bei der
Erzhlung unwichtig ist und sein mu. Du hpfest von Situation zu
Situation, das Dazwischenliegende ist dir ein Notbehelf, wird zum
gezwungenen Bericht und enttuscht durch seine Nchternheit. Da du dies
Schwanken als Schaffender selbst sehr deutlich empfindest, drngt es
dich, Ausgleiche zu bringen, und du mut zu pathetisch-lyrischen
Schilderungen greifen, in denen die Handlung um keinen Schritt weiter
kommt. Denn daran liegt es, wohlgemerkt: Bewegung ist alles, alle Kunst
entsteht durch Bewegung. Damit hngt nun aufs Engste die Gestaltung
deiner Menschen zusammen. Deine Gestalten haben keine Ruhepunkte. Sie
sind geschickt und glaubhaft gezeichnet, soweit und solange sie mit der
Handlung verknpft sind, aber davon losgelst und als Eigenlebende
betrachtet, werden sie matt und hlzern. Sie wissen zu genau, was sie
sollen, nicht in ihrer Welt, sondern in deiner Welt. Es fehlt die hhere
Tuschungsabsicht und Tuschungsmacht. Eine Figur mu leben trotz der
Handlung, nicht durch die Handlung. Woher kme es sonst, da bei allen
mittelmigen Schriftstellern gerade die Figuren am glaubhaftesten sind,
die am wenigsten mit der Handlung und ihren Spannungen verquickt sind,
die sogenannten Episodenfiguren? Nur sie verbreiten Behaglichkeit, das
heit Glaubwrdigkeit, weil sie scheinbar keinen Zweck verfolgen. Wenn
man also sagen kann, Kunst entstehe durch Bewegung, so mu man
hinzufgen, sie wirke durch die scheinbare Zwecklosigkeit der Bewegung.

DER JUNGE:

Ich habe Zweifel ber Zweifel. Hundert Fragen drngen sich mir auf, denn
ich sehe schon, wie tief du greifst. Und mir dmmert manches, von dem
ich frher nichts ahnen konnte. Aber la mich fragen. Du sagtest, da
ich nicht Ereignisse erzhle, sondern Situationen schildere, und ich mu
gestehen, dabei verwirren sich mir die Begriffe. Ist es nicht blo ein
Wortspiel? Welcher Unterschied scheint dir denn zwischen Erzhlung und
Schilderung zu bestehen? Ich meine, inwiefern die Wirkung eines Werkes
dadurch beeintrchtigt wird. Sind das nicht schulmige Begrenzungen?

DER ALTE:

Nehmen wir einmal an, du habest eine schwierige und gefahrvolle Reise
hinter dir, habest lebensgefhrliche Abenteuer bestanden, habest
jahrelang als verschollen und verloren gegolten und seiest nun doch
zurckgekehrt. Alles ist gespannt zu hren, wie du das bewerkstelligt
hast und wie es dir ergangen ist. Du setzest dich in den Kreis der
Neugierigen und Teilnehmenden und erzhlst, beginnst mit der Fahrt bers
Meer, der Aufzhlung deiner Gefhrten und kurzer Andeutung ihrer Art und
ihrer bisherigen Schicksale, fhrst fort mit der Landung, dem Aufbruch
in die unbekannten Gebiete usw., usw. Wre es nun angebracht, das
Interesse der Zuhrer durch Beschreibungen von Landschaften, von Tieren,
von Pflanzen zu ermden? Wenn du dies ttest, wrde in ihnen ein leises
Mitrauen gegen den Ernst und die Schwere deiner berstandenen
Schicksale entstehen. Sie wollen wissen, wie es dir ergangen ist, nichts
weiter, und je einfacher und sachlicher du bist, je glaubhafter werden
deine Erlebnisse klingen. Nicht mit einem Wort brauchst du zu schildern.
Das Bild der Landschaft und des Landes wird ganz von selbst in der
Phantasie entstehen; je weniger du davon sprichst, je strker wird die
Phantasie der Hrer es erblicken und zwar durch dein Erlebnis selbst.
Unwillkrlich gehen sie deinen Weg mit und sehen sie mit deinen Augen.
Es kommt ganz und gar nicht darauf an, da das Bild der Wirklichkeit
entspricht, das sie sich davon machen, es handelt sich nur darum, da
durch ihre seelische Bewegung ein Bild entsteht. Diese seelische
Bewegung bildet sich nun wieder durch die Bewegung der knstlerischen
Materie, und so siehst du abermals, wie ueres und Inneres verschmolzen
sind und sich verschmelzen mssen.

DER JUNGE:

Das Beispiel leuchtet mir ein. Es leuchtet mir ein, da das Abschweifen
von einer Sache, die man sich vorgesetzt hat, in der Kunst ebenso
unwahrhaftig wirkt wie im Leben, und ich verstehe auch, da man das
Vertrauen des Lesers auf diese Weise verlieren kann. Aber du sagtest
etwas von Verklrung und Erhhung und poetischer Wirkung des Stoffes.
Das alles scheint mir nun berflssig, sobald einmal die Wahrheit, die
Wahrhaftigkeit auer Zweifel steht.

DER ALTE:

Gewi, wenn es ein und dasselbe wre, mndlich zu erzhlen oder
schriftlich. Dazwischen liegt ein so tiefer Abgrund, da ihn nicht
Geist, nicht Wissen, nicht Wahrhaftigkeit zu berbrcken vermgen,
sondern lediglich knstlerische Genialitt. Es ist der Abgrund zwischen
Wesen und Schein, zwischen dem Spiegel und der Person, die davorsteht,
zwischen Leben und Erinnerung, zwischen der Minute und der Ewigkeit.
Deine lebendigen Zuhrer sehen dich, sie sehen dich ergriffen,
begeistert, bedrckt, das lebendig gesprochene Wort hat eine ganz
unabweisbare Zeugniskraft durch sich selbst. Wenn du dieselbe wahre und
erschtternde Erzhlung deiner Reise mit denselben Worten deines
mndlichen Berichtes niederschreibst, kann sie abgeschmackt, verlogen
und sozusagen grundlos klingen. Es ist also wieder das scheinbar
uerlichste, das die Kunstwirkung hervorbringt: der Stil. Um dieselbe
Einfachheit, die der Hrer ohne dein besonderes Hinzutun sprt, sofern
du nur eine einfache und wahre Natur bist, dem Leser eines Buches
glaubhaft zu machen, dazu gehrt ein halbes Leben unablssiger Versuche,
aufreibender Mhe, qualvollsten Ringens. Im Leben ist das
Selbstverstndliche, oder wenden wir ein Fachwort an, das Naive eine
Voraussetzung, in der Kunst ist es eine letzte Konsequenz, ein Gipfel.

DER JUNGE:

Die Aufgabe besteht also darin, den Anschein des Selbstverstndlichen zu
erreichen, innerhalb der Kunst ein Gebilde zu schaffen, das die Zge der
Natur trgt. Darber bin ich mir klar. Doch hat jedes Individuum seine
besondere Naivett, jedes Selbst seine eigene Selbstverstndlichkeit.
Gbe es dennoch gewisse Gesetze, an die unbewut alle gebunden sind,
Schpfer wie Genieende?

DER ALTE:

Wollen wir einmal vom Engsten ausgehen, um ins Weite zu gelangen. Wer
sprachliches Gefhl und ein aufmerksames Ohr besitzt, wird wissen oder
unbewut schon frh empfunden haben, da die vorzglichste Schnheit
unserer Sprache in ihrem Vermgen liegt, eine organisch gegliederte,
gleichsam lebende Periode zu bilden. Der Gedanke, die Vorstellung
entsteht und kommt zur Erscheinung durch Hauptwort und Zeitwort; das
Beiwort tritt heran, um zu verdeutlichen oder zu schmcken, eine zweite
Vorstellung oder Handlung will die erste begrnden und weiterfhren, und
der Nebensatz ist geboren, an dem sich dieselben Erscheinungen
vollziehen wie im Hauptsatz, nur abgetnt, verkleinert, gemildert. Darin
liegt der Rhythmus der Prosa: das An- und Abschwellen des Tones und der
Betonung, die gegenseitige Beziehung von Stzen und Satzteilen
untereinander, die freie und eigenbewegliche Anpassung, die Flle des
Ausdrucks bei grter Sparsamkeit mit dem Wort. Die eigentmlichste
Kraft der deutschen Sprache ruht im Zeitwort; dieses auszubilden, zu
formen, gewissermaen zu isolieren, kennzeichnet den guten Prosaisten,
whrend der mittelmige sich mehr auf das schmckende Beiwort verlegt,
-- ganz natrlich. Prfe doch den Stil unserer guten Erzhler auf diesen
Umstand hin: wie das flutet und in majesttischer Ruhe hinfliet, immer
bewegt und immer gegen ein erreichenswertes Ziel bewegt. Das Beiwort
wirkt erstarrend und ist nur mit Vorsicht zu gebrauchen, und nur die
anschauende Phantasie kann es an den rechten Platz stellen; das Verbum
belebt und ist das eigentlich motorische Element im Satzbau. Es ist
stets interessant, den guten Erzhlerstil lediglich auf seinen
sprachmelodischen Gehalt hin zu prfen, sich zu berzeugen, wie die
Periode der Atmung entspricht, wie sinnvoll gegliedert Satz und
Nebensatz auftreten, und wie der Gesang abluft, wenn der Absatz zu Ende
ist. Eigentlich mte man ein gutes Prosabuch schon an der
typographischen Anordnung erkennen, die sozusagen seine Fassade
vorstellt. Dazu kommt nun beim epischen Knstler das geistige Erlebnis
des Bildes und die seltsame Empfindung fr die plastische Nhe des
Wortes, die ihn vor Verflachung seines Ausdrucks bewahrt. Denn wie
knnte sonst eine Schriftsprache jahrhundertelang gesund und triebfhig
bleiben? Die Auserlesenheit der Wendungen tut es nicht, Geschmack und
Formensinn allein sind ebenfalls nicht zeugungskrftig, -- nur das
Mitleben mit dem Wort als einem Organismus bewahrt die Sprache der Epik
vor dem Verwelken und Absterben. Das begreiflich zu machen, ist schwer,
wenn du es nicht fhlst.

DER JUNGE:

Ich fhle es. Ich fhlte es oft, wenn ich Gottfried Keller las. Ein ganz
gewhnliches Wort, das in unserer Umgangssprache so platt klang und so
tot aussah wie eine abgegriffene Mnze, stand pltzlich da wie in einen
Zaubermantel gehllt, fremd und neu.

DER ALTE:

Und doch sind die meisten unter unsern jungen Dichtern Wortsucher, aber
was schlimmer ist, sie verstehen auch nicht in groem Atem zu erzhlen.
Ich leugne nicht die Berechtigung des Schriftstellers, seine Stze
auseinander zu haken und sie im strmischen Tempo aufmarschieren zu
lassen, wenn ihn die Situation und seine Natur dazu auffordern. Aber so
wenig ein Mensch lange Zeit hindurch im Zustand der Atemlosigkeit
verweilen kann, so wenig vertrgt dies ein Buch, ohne da es Unbehagen
und Widerwillen erregt. Ich habe Bcher in der Hand gehabt, in denen
lauter enge und engbrstige Stzchen nebeneinander standen, stumpf und
traurig wie Soldaten bei der Parade. Einzelne Satzglieder schwammen wie
abgeschnittene Hnde und Fe in einer Brhe berflssiger
Interpunktionen, und jeder Rhythmus war zerfetzt, weil eine anstndige
Mittelmigkeit des Schreibens weniger geachtet wird als ein gequlter
Unsinn, oder weil das Gefhl erweckt werden sollte, der Verfasser sei
tief ergriffen gewesen von dem, was er geschrieben. Von dem Verfasser
wird gar keine Ergriffenheit verlangt; Gott hat nicht jedem Baum und
jedem Berg einen Zettel umgehngt, auf dem zu lesen steht: wie schn,
wie gewaltig, wie charakteristisch bin ich. Gott ist bescheiden, er ist
unsichtbar in seiner Welt versteckt, und mit den groen Knstlern ist es
ebenso. Vom Erzhler wird Unsichtbarkeit verlangt, von dem, was er
erzhlt, hchste Sichtbarkeit.

DER JUNGE:

Dagegen ist nichts einzuwenden. Es ist aber keineswegs zu leugnen, da
etwa in einem dickbndigen Roman die strenge Form der Erzhlung schwer,
wenn nicht unmglich festzuhalten ist. Ein solches Buch mte durch
seine Eintnigkeit langweilen, glaube ich, und man kann dem Autor nicht
Unrecht geben, wenn er dies Schicksal durch dramatische Gesprche und
aufregende Schilderungen von seinem Buche abzuwenden sucht.

DER ALTE:

Das ist ein Thema fr sich. Man kann von einem Kochbuch nicht verlangen,
da es wissenschaftliche Aufgaben lst. Wenn es einem Dichter zu schwer
fllt, ein Kunstwerk zu schaffen, so begnge er sich mit dem Machwerk,
aber er soll dann nicht beanspruchen, ein Knstler genannt zu werden.
Mssen denn die dickbndigen Ungeheuer geschrieben werden, von denen du
sprichst? Und wenn sie geschrieben werden mssen, bin ich etwa
verpflichtet, mich mit ihnen zu beschftigen? Wollten wir unsere
Errterungen in diesen niedern Kreis stellen, was wre da nicht alles zu
sagen, worber zu klagen: ber die Frauenschreiberei, das Zeitungswesen,
die elenden bersetzungen aus andern Sprachen usw. Doch wir wollen das
knstlerischste aller Gesetze auch auf unsere Unterhaltung anwenden und
bei der Sache bleiben.

DER JUNGE:

Du hast recht. Dennoch gibt es Mischprodukte, die man nicht verwerfen
darf und die eine tiefere Wirkung und ein gewaltigeres Entstehungsmotiv
haben als die reinen Kunstwerke. Das darf man nicht vergessen.

DER ALTE:

Ich halte das fr einen Irrtum. Diejenigen Werke der Kunst, die an
Wirkung und Dauer hinter den Erzeugnissen zurckstehen, die du erwhnst,
sind eben dann nicht wahrhaft lebendig, und ihr Untergang ist nur eine
Frage der Zeit.

DER JUNGE:

Alles, alles ist dem Untergang geweiht. Selbst Homer und Shakespeare.

DER ALTE:

Eine trichte Phrase. Sie werden untergehen, wenn der Erdball versinkt
und das Licht sich in Finsternis verwandelt. Sie gehren eben der
Menschheit an, und von einer Unsterblichkeit ber die Menschheit hinaus
zu reden, hat keinen Sinn.

DER JUNGE:

Folgendes ist mir nicht ganz klar. Es handelt sich doch bei der
Erzhlung um das Darstellen eines Vorganges und innerhalb des Vorganges
wieder um das Ausmalen einzelner Bilder oder Situationen, denn ohne
solche Bilder wrde ich doch mehr Geschichtsschreibung treiben als
Kunst. Wie bringe ich nun die Situation, ohne gegen das Gesetz des
epischen Weiterstrmens zu verstoen? Mit einem Wort, wie kann ich
erzhlerisch und plastisch zugleich sein?

DER ALTE:

Zur Beantwortung dieser Frage will ich dir eine Stelle aus Wilhelm
Meisters Lehrjahren vorlesen. Es heit da: Zwei bis drei Huser standen
in vollen Flammen. In den Garten hatte sich niemand retten knnen wegen
des Brandes im Gartengewlbe. Wilhelm war verlegen wegen seiner Freunde,
weniger wegen seiner Sachen. Er getraute sich nicht, die Kinder zu
verlassen, und sah das Unglck sich immer vergrern. Er brachte einige
Stunden in einer bnglichen Lage zu. Felix war auf seinem Schoe
eingeschlafen, Mignon lag neben ihm und hielt seine Hand fest. Endlich
hatten die getroffenen Anstalten dem Feuer Einhalt getan. Die
ausgebrannten Gebude strzten zusammen, der Morgen kam herbei, die
Kinder fingen an zu frieren, und ihm selbst ward in seiner leichten
Kleidung der fallende Tau fast unertrglich. Er fhrte sie zu den
Trmmern des zusammengestrzten Gebudes, und sie fanden neben einem
Kohlen- und Aschenhaufen eine sehr behagliche Wrme. Der anbrechende Tag
brachte nun alle Freunde und Bekannte nach und nach zusammen, usw. Du
siehst hier deutlich, wie keusch und zurckhaltend das auerordentliche
Ereignis in der allgemeinen erzhlerischen Stimmung sich auflst. Ruhig
schliet sich an die sparsame Ausmalung der beraus schnen Situation
von den am Aschenhaufen liegenden Personen der neue Vorgang, und im
Satzgefge herrscht nicht die mindeste Erregtheit. Vergleiche damit
einmal die Darstellung einer Feuersbrunst bei Zola; Einzelheit drngt
sich an Einzelheit. Die ungeheure Flut der Einzelheiten vernichtet das
Bild und berschwemmt die Phantasie. Aus fnfzig Seiten eines
Schilderers macht der Epiker zehn Zeilen. Der erzhlende Stil beruht
keineswegs auf der Ausmalung der Situationen, sondern er ruft die
Situation nur zu hherem Zweck hervor, um sie in vollkommener Ruhe
vorbergleiten zu lassen. Geradezu musterhaft ist darin Kleist, der
vielleicht das grte erzhlerische Genie ist, das wir besitzen. Wie im
Volksmrchen, mit einer erhabenen Knappheit erzeugt er Bewegung um
Bewegung. Nur dadurch entsteht zugleich die Lebendigkeit der Periode, es
wird ihr das Papierene genommen, das sie auch beim vollendetsten
Schilderer hat; sie besitzt pltzlich innere Kraft, das Blut des
atmenden Geschpfes, und wie das Werk im Ganzen, ist sie fr sich allein
ein Organismus mit Fleisch und Seele. Der Baum setzt sich aus winzigen
Zellen zusammen; die Gesundheit seiner Frchte hngt ab von der
Gesundheit jener unscheinbaren Gewebe. Die Breite und Flle der Periode
bedingt die Breite und Flle des Ganzen; nicht Abenteuerlichkeit der
Vorgnge, nicht Weitspurigkeit der Anlage, nicht die ausgesuchteste
psychologische Tftelei, keine Neuartigkeit des Themas, keine uere
Spannung, nicht Geist, nicht Witz, nicht philosophische Tiefe kann ein
Werk, dem jene Eigenschaften wahrer epischer Breite und Ruhe mangeln,
zum Rang eines Kunstwerkes erheben.

DER JUNGE:

Jetzt ist es auf einmal wieder die Ruhe. Wir haben doch festgestellt,
da es die Bewegung ist, die der Kunst das Leben gibt, wir haben es sehr
schn gefunden, da die Zwecklosigkeit der Bewegung den Kunsteindruck
hervorbringt, nun soll auf einmal die Ruhe das Allesbedingende sein. Das
ist sinnverwirrend. Ruhe? Das wre ja gleichbedeutend mit Klte, das
hiee ja, das ganze Wesen des Dichters verkennen, dem Artistentum das
Wort reden.

DER ALTE:

Beschwichtige deinen Eifer, du wirst gleich sehen, wie unbedacht er ist.
Die erzhlende Kunst stellt Vergangenes dar. Es handelt sich um ein
Gelebt-Haben, Gesehen-Haben, Geschehen-Sein. Whrend das Drama auf der
Gegenwrtigkeit der Geschehnisse, der Leidenschaften beruht, ist das
Epos oder die Novelle ein Zurckgewandtes, Zurckschauendes, -- ganz
natrlich, und so ist es durch seine Form zu einer greren Ruhe und
Gemessenheit verurteilt, denn seine Wiedergabe setzt doch einen
Betrachter voraus, einen Beobachter, einen Urteilenden, Zusammenfasser.
Whrend das Drama ein scheinbar freistehendes, isoliertes Eigen-Produkt
ist, weist die Erzhlung bestndig und auf jeder Zeile auf den Erzhler
zurck, und von dessen Haltung hngt alles ab. Es handelt sich also nur
um eine scheinbare Klte und Ruhe, um ein Zurckhalten des Feuers. Der
Schpfer eines solchen Werkes ist umsomehr darauf angewiesen, seine
eigene Persnlichkeit zu verbergen, da er es doch selbst ist, der die
ganze Welt, die er hervorbringt, reprsentiert. Wenn er aufhrt,
unsichtbar zu bleiben, leidet unsere Illusion Schaden, und die
scheinbare Ruhe enthlt also fr ihn alle Wirkungen seiner Kunst. Uns
dennoch aufs innigste mit dem Werk zu verknpfen, uns alles mit seinem
eigenen Auge, seiner eigenen launigen oder tragischen Seelenstimmung
erleben zu lassen, das hngt von seiner Person und seinem Dichterwert
ab. Seine Weltanschauung und geistige Kraft einerseits und die Ruhe
andrerseits, die ihn befhigt, Licht und Schatten zu verteilen, Bilder
zu erzeugen, Zeitperspektiven zu bilden, knnen die beiden Pole genannt
werden, zwischen denen sich seine Kunst bewegt. Deswegen verlangt die
epische Kunst eine vollkommene Reife des Geistes.

DER JUNGE:

Es handelt sich also nicht um unterdrcktes Gefhl, sondern um
gebndigtes Gefhl, um verteilte Wrme. Dann leidet auch das Werk
Schaden, wenn zu viel Licht auf eine einzelne Gestalt fllt? Offenbar.
Wie verhlt es sich also mit den Gestalten? Wie weit drfen sie sich aus
der Flche der Erzhlung plastisch heben?

DER ALTE:

Das hngt von Stoff und Ton des Ganzen ab. La uns einmal den Gang
verschiedener Werke epischer Prosa auf diesen Umstand hin vergleichen:
Herodots Geschichten, den Don Quixote, den Wilhelm Meister und Tolstois
Krieg und Frieden.

Herodot besitzt die natrliche, persnliche Naivitt, die dem Zeitalter
und einer jungen, aufsteigenden Kultur entsprechen. Er hat weder
Vorbilder, noch bedarf er ihrer. Er ist nicht bemht, eine Kunstform zu
prgen. Er vermeidet Schmuckworte. Er hlt sich von allen Abstraktionen
fern. Er erzhlt. Sein Ton ist der eines Mannes, der reich an
Erfahrungen und an Wissen unter den Seinen sitzt und ebenso einfach wie
wahrhaftig von allem Kunde gibt. Gleichwohl zeigt sein Werk eine feste
Stileinheit und das nicht nur uerlich, sondern auch innerlich: Die
Handlungen des Menschen stehen unter dem Walten der Nemesis. Von dieser
Weltanschauung durchdrungen, erhlt seine Schpfung nicht nur sittliche
Gre, sondern auch knstlerische Macht.

Cervantes fut natrlich bereits auf Traditionen. Aber er vernichtet
sie, indem er sich ihrer bedient. Die Sittenschilderung und die Aktion
ordnen sich uerlich einem Plan und geistig einer Idee unter. Indem er
gegen den pathetischen Heros des Katholizismus zu Felde zieht, findet er
jene hohe Form der Darstellung, welche wir Humor nennen und welche
seinen Gestalten weitaus bedeutungsvollere Konturen gibt, als sie in der
Realitt ihrer Existenz zu haben scheinen. Auch Cervantes ist ein (im
banalen Sinn) naiver Erzhler; aber an seiner Naivett hat der
Kunstverstand schon wesentlichen Anteil. Es ist klar: das ist nicht mehr
der Berichterstatter wahrhafter Begebenheiten. Mit der Schpfung einer
Phantasiewelt hat die unbefangene Freude am Ereignis und seiner
Wiedergabe ihr Ende erreicht. Dem Erzhler mu sich der Fabulist
beigesellen, und Fragen technischer Natur entstehen wie von selbst. Hier
ist alles schon _Kunst_: die Charaktere und ihre Gestaltung, die
planvoll geschrzten Fden der Handlung, der Dialog und seine
motorische Bedeutung. Aber durch einen wunderbaren Instinkt hat all dies
wieder die Farbe der Natur erhalten, das tuschende Gewand der Wahrheit.

Goethes Roman ist in erster Linie das Manifest einer groen
Persnlichkeit. Wenn der spanische Dichter Bilder entrollte, hinter
denen er wortlos verschwand, so bleibt der Deutsche vor dem Geschaffenen
stehen und bringt es durch sein Wesen, durch seine Gebrde, durch seine
begleitenden Worte erst ins rechte Licht und zur rechten Geltung. Seine
Darstellung ist khl und berlegen, philosophisch gemessen, und nie
vergit man ber den Figuren den Zauberer, der sie in Bewegung zu setzen
vermag. Cervantes ist gro durch Don Quixote; Wilhelm Meister ist gro
durch Goethe.

In der Dichtung des russischen Dichters endlich sind Stoff und
Darstellung in eine unauflsliche Verbindung getreten. Der Schpfer
selbst wird hier zu einem wesenlosen Etwas, hnlich der Naturkraft, die
einem Strom sein Bett anweist. Dieser Roman ist von homerischer Prgung.
Die Menschen darin sind so stark individuell und andererseits so sehr
von dem Schicksale ihres Temperaments getrieben, da man die Illusion
hat, sie mten, auch aus Milieu und Handlung losgelst, doch zu
denjenigen Erlebnissen und Erfahrungen gelangen, zu denen sie in der
Dichtung durch den Willen des Dichters kommen. Sittenschilderung,
nationale Besonderheit, menschliche Bedeutsamkeit, knstlerische Ruhe,
Einfachheit und Gre, alles verbindet sich zu klarster Wirkung. Der
Dialog hat keine motorischen Zwecke mehr, auch nicht philosophische oder
tendenzise, sondern lediglich charakterisierende.

DER JUNGE:

Stoff und Darstellung sind in eine unauflsliche Verbindung getreten,
sagst du. Ich mchte lieber sagen: Stoff und Knstler. Aber was ist der
Stoff? Wann wird der Stoff daseinsnotwendig? Wann erhlt er die
Unleugbarkeit eines von der Natur selbst Geschaffenen? Wahrscheinlich
mu der eine ihn erleben, der zweite erfinden, der dritte aus der
Geschichte nehmen. Dieser braucht eine regelrechte Fabel, jener webt
seine Gebilde wie aus einem Traum heraus, der die Bewegung und Stimmung
des Lebens und doch die Gesammeltheit der Dichtung hat. Das Wichtige ist
demnach nicht die Art des Stoffes selbst, sondern die Intensitt der
Vision, die er erzeugt und die nicht auf einem Bild zu beruhen braucht,
sondern oft, dem Nebelball der Urwelten gleich, Feuer und Vegetation
noch in sich verborgen tragen kann.

DER ALTE:

Ohne Zweifel. Die Kraft der Vision im Dichter bestimmt die Kraft des
Werkes, ihre Dauer und Unvergelichkeit aber seine Harmonie. Alles
andere hat mit inspiratorischen Dingen nichts mehr zu tun, sondern
unterliegt den Gesetzen der Entwicklung. Wo die Vision aufhrt, beginnt
die geistige Arbeit, das Reich des Geschmackes, des Urteiles, der Wahl.
Hier ist auch die Grenze zwischen dem Dichter und dem Schriftsteller.
Der Dichter und seine Stoffe verhalten sich zu einander wie der Baum zu
seinen Blttern, die Stoffe des Schriftstellers aber gleichen den
beliebig ausgewhlten, rmlichen oder luxurisen Mbeln eines Zimmers.
Dort wird jeder Mangel die Kehrseite eines Vorzuges sein, hier wird
selbst jeder Vorzug auf einen einzigen Mangel zurckdeuten. Dort ein
lebendiger Organismus, gleichviel ob krnklich oder stark, hier eine
Maschinerie, stmperhaft oder in ihrer Art vollkommen.

DER JUNGE:

Demnach mte also eigentlich der Dichter seine Stoffe erleben, der
Schriftsteller sie erfinden.

DER ALTE:

Das lt sich nicht auseinanderhalten. Da mten wir erst feststellen,
was es heit, erleben. Es wre doch recht rmlich gedacht, wenn man nur
eine uere Aktion darin sehen wollte, dann wre es schlimm um jene
bestellt, die der Zufall oder soziale Stellung oder persnliche Eigenart
vom groen Getriebe fernhlt. Das hiee dann: nur derjenige, der einen
Mord begangen, kann die Seele eines Mrders enthllen, und die Frau als
eine Welt fr sich wre dem Dichter ein fr immer verschlossenes Ding.
Ich stelle nicht in Abrede, da ein gewisses Ma allgemeiner
Lebenserfahrung notwendig sei, aber dem, der nicht innerlich das Leiden
der Welt und ihrer Geschpfe erlebt, dem wird es wenig frommen, wenn er
seine Tage mit Abenteuern fllt, wenn ihm auch hierdurch die seltsamsten
und tiefsten Seiten der menschlichen Natur offenbar werden. Das ist ja
eben die besondere Natur des Dichters, da in ihm gleichsam die
Erfahrungen aller andern sich sammeln und zu einem hohen Bewutsein
gelangen; es ist, als ob ihm Gott die Andeutungen und Stichworte gbe,
aus denen er das Gewebe einer zweiten zur knappsten Folgerichtigkeit
verdichteten Welt formt. Er ist es, der im Mittelpunkt der Dinge wohnt,
er stellt das lebendige Gewissen der Vlker dar, er lebt nicht nur in
der Gegenwart, nein, ihm ist alles Vergangene zugleich Gegenwart. Und
nun der Stoff.

DER JUNGE:

Ich glaube, da es gleichgltig ist, ob er die Geschichte eines
Schneiders oder eines Welteroberers whlt. Und das Milieu kann immer nur
ein Mittel sein, Charaktere zu entfalten und Schicksale zu motivieren.

DER ALTE:

Sehr wahr.

DER JUNGE:

Und doch haben wir von einer Daseinsnotwendigkeit des Stoffes
gesprochen.

DER ALTE:

Es ist oft genug gesagt worden, da der Dichter aus einem unbesiegbaren
inneren Drang heraus schaffe. Oft im Kampf mit den ueren
Lebensumstnden, oft, ja fast immer im Kampf mit sich selbst. Deswegen
ist es eine abgegriffene Phrase, von dem Glck des Schaffens zu
sprechen. Es gibt nur eine Verzweiflung des Schaffens und einen ganz
kurzen Glcksrausch des Geschaffenhabens. Und dann erst mu der Dichter
lernen, sein Werk zu hassen, damit er seine Gebrechen zu erkennen
vermag, und je strker er sein Werk hassen wird, je tiefer wird er die
Kunst lieben. Es ist klar, da das, was unter solchen Widerstnden
Dasein und Form gewinnt, innere Lebensmglichkeit und -notwendigkeit
haben mu, wenigstens fr den Schpfer. Die Frage ist nur, ob und in
welchem Mae das Werk zu den anderen Menschen spricht, wie viele
Lebenskreise es durch seine Existenz berhrt, wie viel andern Wesen es
ebenfalls notwendig wird. Das hngt nun von seinem Stoff ab. Ich mchte
behaupten, ein Stoff ist um so grer und allgemeiner gltig, je mehr
Mythos er in sich trgt, das heit, je tiefer er in dem Geheimnisvollen,
Unbewuten, Religisen, Phantasiegemen eines Volkes und damit der
Menschheit wurzelt. Der Dichter ist ja der Mund der Schweigenden. Je
grer ein Dichter ist, je mehr Schweigende sprechen aus ihm. Nicht er
whlt seinen Stoff, sondern der Stoff whlt ihn. Er trifft ihn, wie der
Blitz zuckt er auf ihn herab. Deshalb wird man ebensowenig von Erfinden
wie von Erleben eines Stoffes reden knnen, im hchsten Sinne nmlich.
Dichter, die ihre Erlebnisse, sagen wir verwerten, sind immer in Gefahr,
diese Erlebnisse sehr zu berschtzen, wenn nicht ein groes typisches
Schicksal dahinter steht. Die Vision ist alles. Sie vermag einen
tausendmal behandelten Gegenstand so zu verklren und zu erhhen, da er
zum unerhrten Ereignis wird. Je mehr du durch dein enges kleines und in
jedem Fall bescheidenes Schicksal dich ins Weite, Menschliche, Mythische
hinaussprst und -lebst, je weniger brauchst du tatschlich zu
erleben, je freieren Spielraum gewinnst du fr die Kunst.

DER JUNGE:

Frhere sthetiker haben das, was du den Mythos nennst, als Idee
bezeichnet.

DER ALTE:

Nenn es, wie du willst. Man spricht immer davon, da die Kunst keine
Tendenzen habe, keine Ntzlichkeitsziele verfolgen soll. Aber in einem
anderen hheren Sinn mu doch mit jedem Kunstwerk etwas bewiesen werden,
wenn es nicht dem Fluch des Spielerischen verfallen soll. Gewi mu es
um seiner selbst willen hervorgebracht werden. Aber es darf, wie das
lebendige Geschpf, nicht um seiner selbst willen existieren. Weiter
knnen wir in unserer Errterung kaum gelangen. Hier ist schon die
Grenze des Traumes und der Trumerei.


_Fnf Jahre spter_


DER ALTE:

Da uns der Zufall auf einer Reise zusammenfhrt!

DER JUNGE:

Man knnte glauben, du habest mich whrend all dieser Zeit
geflissentlich gemieden.

DER ALTE:

Wie knnte ich mich unterfangen! Du bist ein berhmter Mann geworden,
ich sinke mehr und mehr ins Dunkel zurck.

DER JUNGE:

Hoffentlich hat mir dieser sogenannte Ruhm nicht deine gute Meinung
geraubt.

DER ALTE:

Das wre nur der Fall, wenn er dich zur Selbstgengsamkeit verfhrte.
Solche Leute stehen als Leichname inmitten ihrer Werke, und ihre Werke
sind krankgeborene Kinder, zu frhem Tod bestimmt.

DER JUNGE:

Vor allem, es gibt doch zweierlei Arten von Ruhm. Der eine geht von dem
Zeitlichen, Zuflligen, Augenblicklichen, Problematischen unserer Taten
aus; er kann dem echten wie dem verlogenen Werk gleicherweise zu Teil
werden und hat wenig zu schaffen mit dem andern Ruhm, der durch unser
ganzes Wesen bedingt ist, sich an den Zusammenhang unsrer Werke knpft.
Jener ist wie der kurze Erfolg eines Witzboldes oder guten Plauderers in
einem geselligen Kreis, dieser wie das tiefe, stille, langsame Wirken
eines Priesters oder Menschenfreundes; jener wird von anderen
hervorgebracht und entsteht oft zu unserer eigenen berraschung, dieser
aber strahlt von unserm Innern, von unserer Persnlichkeit aus und kann
auf alle Flle erst nach dem Tod eintreten oder nach dem Abschlu
unseres Lebenswerkes; jener mu um den Beifall jedes Zeitungsschreibers
besorgt sein, dieser hat keinen andern Richter als das eigene Herz.

DER ALTE:

Es freut mich, da du so denkst. Aber hast du auch immer in solchem Sinn
gelebt, gedichtet? Du meinst, ich sei dir in all den Jahren mit Absicht
ferngeblieben; dein Gefhl trgt dich nicht ganz. Aufrichtig mu ich
gestehen, da mich dein Erfolg beunruhigt hat. Er war mir zu schnell, zu
laut, er ging mir zu wenig von der Sache aus und konnte sich zu wenig
auf die Kunst berufen. Ich wollte warten, und ich wartete dein nchstes
Buch ab. Ich war enttuscht. Nicht als ob du dir darin untreu geworden
wrst, aber du warst unruhig in dir selbst. Die Vision deiner Phantasie
war nicht rein, sondern du sahst darin gleichsam die neugierigen
Gesichter deiner Leser, deiner Freunde. Du trachtetest sie zu
befriedigen und nicht dich selbst.

DER JUNGE:

Wahr, wahr. Doch ich habe gebt. Ich habe gebt, indem ich verachten
lernte. Ich habe gebt, indem meine Seele immer schmerzlicher nach mir
selber schrie. Kennst du diesen geheimnisvollen Zustand, der jedes
Verweilen friedlos, jedes Nachdenken bitter macht? Es ist als ob man
nach der Heimat reisen wolle und scheugewordene Pferde strmten mit
einem nach fernen wsten Lndern. Was fr ein rtselhaftes Ding ist es
doch, das im Innern der Brust wohnt. Es hat eine Stimme, die den
schrillsten Marktlrm bertnt, und bist du dann in der Einsamkeit, so
schweigt es unvermutet, als wolle es sich rchen dafr, da du ihm nicht
frher gehorchtest. Immer aufmerksamer, immer stiller mut du werden, um
die Stimme nicht zu verlieren, nicht Weib und Kind und Geld und Gut
darfst du festhalten, wenn sie es nicht will.

DER ALTE:

So viel Einsicht bei so viel Irren!

DER JUNGE:

Wie knnte man Einsicht gewinnen ohne geirrt zu haben? Erinnerst du dich
unseres Gesprchs von damals ber Wesen und Gesetze der Erzhlungskunst?
Ich habe viel, habe oft darber nachgedacht. Ich habe daraus in den
entscheidenden Punkten eine nicht mehr zu trbende Klarheit gewonnen.
Und doch, so bald ich nur eins dieser Gesetze, und wenn es das
lapidarste war, auf meine Arbeit anwenden wollte, so zerflo es in
eitel Dunst. Es geht wie mit den aufgeschriebenen Paragraphen-Sammlungen
der Justiz gegenber der lebendigen Menschenwelt. An sich betrachtet:
wahr, gerecht und klar. Auf das Ereignis, auf die Tat, den Augenblick
angewandt: nichtssagend, absurd, tot. Daraus schlo ich allmhlich, da
es kein andres Gesetz gibt, als dasjenige, das wir selbst durch die
Kraft unseres Werkes exemplifizieren. Jeder darf, was er kann.

DER ALTE:

Willst du aber leugnen, da dir unser damaliges Gesprch frderlich und
notwendig war?

DER JUNGE:

Durchaus nicht.

DER ALTE:

Es ist das Problem der Erziehung. Gut und Bse liegt im Menschen.
Beispiel weckt Krfte. Belehrung zeigt die Wege, zeigt die Schranken.
Der Philister, der immer nur die Landstrae whlt und der Bohme, der im
Gestrpp stecken bleibt, keiner von ihnen kann Fhrer werden, jener ist
berflssig, dieser schdlich. So ist es auch mit der Kunst und ihren
Gesetzgebern. Ich habe freilich gesehen, mit Kummer habe ich beobachtet,
da du alles was du damals so eifervoll, so leidenschaftlich zu
ergreifen schienst, verchtlich beiseite geworfen hast. Nun, du bist oft
genug im Gestrpp stecken geblieben, und noch heute sehe ich weder Weg
noch Ziel fr dich; so hart es klingt, ich mu es sagen.

DER JUNGE:

Es klingt mir nicht hart. Ich mu dir so erscheinen. Du schaust vom Ende
eines Wegs auf mich zurck. Du weit natrlich wie du gegangen bist,
aber wie ich gehen mu, das glaubst du nur zu wissen. Jedem ist sein
Schmerz notwendig, jedem seine Sehnsucht, sein Suchen, und wo ich nach
deiner Meinung verderbe, da ist vielleicht mein Heil. Wollte man doch
alles Kritisieren lassen, das sich nicht aufs Engste beschrnkt, aufs
Greifbare, Haltbare! Ein menschliches Dasein ist kein Brettergerst,
kann nicht mit dem Richtscheit ausgemessen werden, kann nicht mit Ngeln
und Klammern vor dem Geschick in Schutz genommen werden. Wenn es doch
keine Schulmeister mehr gbe! In jedem Lehrer steckt so viel Hrte und
Verhrtetsein, und was soll man erst zu jenen sagen, die aus bloer
verwerflicher Lust an berlegenheit einem Organismus, den die Natur
geschaffen hat, die Berechtigung zur Existenz absprechen.

DER ALTE:

So redest du fr dich. Wehrst du dich aber nicht selbst gegen die
Stmper, gegen die frivolen Eindringlinge in den Tempelbezirk der Kunst?
Und bist du immer gerecht in der Unterscheidung? Tuscht dich niemals
ein Vorurteil, und das deiner Natur Fremde, suchst du es auch zu
verstehen, oder verwirfst du es nicht oft, nur weil es eben fremd ist?

DER JUNGE:

Du hast Recht. Aber der Verdru gegen die Schwtzer und Windbeutel
enthlt oft das wnschenswerte Entgegenkommen den noch unerschlossenen
und ringenden Krften vor. Bei uns in Deutschland ist es besonders
traurig. Unter hundert Betrachtern und Beurteilern eines Kunstwerks ist
kaum einer, der imstande ist nur gerade, sagen wir: das Postament zu
begreifen, auf dem es ruht. Eitelkeit und Nchternheit diktieren ihnen
ihr begeistertes oder verwerfendes Urteil. berall guckt der
Schulmeister heraus, und wenn sie wohlwollend sind, dann glauben sie
schon weit zu gehen. Verzeih, da ich jh und bitter werde, aber sogar
du ziehst es vor Diktator zu sein, anstatt Freund, Versteher, Billiger,
Mitdeuter. Warum willst du nicht die Notwendigkeit hinnehmen, die mich
erfllt? Vielleicht ist das, was ich unter unbesieglichem Zwang schaffe,
gar nicht so verschieden wie du meinst von dem, was die Formeln wollen.
Und wer nie eine der anscheinend ehernen Regeln verletzt und selbst das
erlauchteste Kritikerhaupt zum Schtteln zu bringen vermag, der ist kein
Schpfer, der bleibt stets ein Beckmesser.

DER ALTE:

An der hohen Meinung von dir selbst hat es dir nie so sehr gefehlt als
an der von den andern. Aber ich bin dir keineswegs bse. Im Gegenteil
mu ich gestehen, da mich dein Feuer seltsam erwrmt und da mir dabei
der Gedanke aufsteigt, wie gleichgltig, fern und matt all dies
eifervolle Mhen um Dinge ist, die doch, man knnte fast glauben mit
einem spttischen Lcheln, ihre eigenen Wege gehen. Der Mensch ist
alles, das Lebendige ist alles, und eine Natur, mit Sehnsucht, Mut und
Schpferwillen begabt, wird, sei sie noch so eng, stets den Nrgler
beschmen. Aber es wrde mich nun interessieren, wie du dir die Zukunft
deiner Kunst denkst, denn aus deinen Reden atmen mir Revolutionen
entgegen.

DER JUNGE:

Liebster Freund, wie schnell werden wir uns verstndigen, wenn du so
spricht.

DER ALTE:

Und wie erstaunt werden wir sein zu bemerken, da jeder nicht den andern
bekmpft hat, sondern sein eigenes Miverstehen, seine eigene Ungeduld,
seine eigene Unsicherheit. Lassen wir also alles Allgemeine fr diesmal
beiseite und erzhle mir von dir selbst, von dir allein. Ich denke, da
ich so am meisten auch ber deine Kunst erfahre.

DER JUNGE:

Meine Kunst! Ich gestehe dir, da dieses Possesivpronomen fr mich etwas
Erstaunliches und Fremdes besitzt. Wenn ich mich ehrlich prfe, so habe
ich eigentlich keine Kunst. Was mich zur Arbeit treibt, ist nicht der
Drang etwas zu vollenden, nicht der Wunsch von etwas auerhalb meiner
Sphre Liegendem Besitz zu ergreifen, nicht oder doch nicht in erster
Linie die Sehnsucht nach farbigem Bild oder plastischer Gestalt oder
Deutung eines Schicksals, sondern es ist etwas anderes, seltsames. Es
ist eine tiefe, immer wachsende Unruhe in meinem Innern; es ist als ob
in meiner Brust ein Wesen verborgen wre, das sich selbst kennen zu
lernen, ber sich selbst Klarheit und Wahrheit zu erlangen wnscht und
fr das die Arbeit meiner Hand, das Geschaffene, nichts ist als ein
Spiegel, in dem es sich betrachten kann und der es je mehr befriedigt
und beglckt, je ruhiger und ungetrbter er das Bild seiner vorigen
Verzweiflung um sich selbst wiedergibt.

DER ALTE:

Das haben viele Dichter von heute. Deshalb vermgen sie ihre innere Welt
nicht mehr gengend zu objektivieren.

DER JUNGE:

Schon wieder der Schulmeister. Dein Tadel trifft nur jene, die noch
nicht starke Menschen genug sind, oder starke Knstler (denn in meinem
Sinn bedeutet das dasselbe), um dem Dmon, dem Zwerg, dem unruhigen
Wesen genug zu tun. Ihr Spiegel ist nicht rein legiert. Dies ist eben
das Neue: immer wichtiger, bedeutungsvoller, ich mchte sagen,
gttlicher wird der Mensch und seine Seele. Alle Erlebnisse verdichten
sich nach innen, alle Verwicklungen betreffen nur das Herz, oder sie
sind wesenlos und fr den Dichter unbrauchbar. Warum das alles so ist
und wie es gekommen ist, das zu entwickeln fhle ich mich nicht khl und
begabt genug, aber da es so ist beweisen tausend Zeichen. Den groben
Augen und groben Sinnen scheint das in solcher Luft Gestaltete und
Geschaffene noch schattenhaft, aber mit der Zeit werden sie schon sehen
und fhlen lernen.

DER ALTE:

Das alles klingt mir gar nicht so neu und berrumpelt mich nicht so sehr
wie du anzunehmen scheinst. Ich glaube sogar, deine etwas wortreiche
Tirade ist vllig zu ersetzen, wenn wir sagen, du habest dich ganz den
Forderungen der Gegenwart ergeben.

DER JUNGE:

Und damit glaubst du etwas gesagt zu haben? Gut. Ja. Meinetwegen. Wenn
es dich befriedigt, ein Wort dafr zu wissen, -- meinetwegen. Glaubst du
denn, da es Laune ist oder Trotz oder die eitle Lust zu verblffen, was
unsre Besten in ihren besten Stunden bewegt? Sie sind nicht
Eigenwillige, sie sind Geschpfe der Zeit, in ihnen kristallisiert sich
die Sehnsucht und das geistige Bedrfnis der Menschheit.

DER ALTE:

Von dir wollte ich etwas wissen, von _deiner_ Art etwas erfahren.

DER JUNGE:

Vielleicht bin ich dazu nicht imstande. Was ntzte es, sofern du mein
Vermgen in Zweifel ziehst, wenn ich dir sagen wollte: ich will
Gestalten geben, deren Seele das reinste und empfindlichste Instrument
ist fr das unbegreifliche Spiel des Schicksals? Ich will meine eigene
Furcht, mein eigenes Entzcken, meine eigenen Vorstellungen von Leben,
Gott und Tod zum Bilde machend, Wesen darstellen, die unter dem Druck
und Anhauch solcher Gefhle unvermittelter, vielfacher tnend reagieren;
die das Erstaunen des Kindes noch in sich tragen vereint mit der
Erfahrenheit des weisen Zuschauers und die unter dem Kleid des Alltags
dennoch wandeln wie wir alle wandeln, unwissend woher, unwissend wohin.
Ich will den einen zum Schatten machen, denn sein Dasein, seine
Leidenschaften, seine Triebe, seine Taten sind ihm und andern unbewut
dunkel und nichtig wie Schatten, jenem aber, der zur Seite steht, nichts
will, nichts gibt, nichts vermag, nichts bedeutet, zur charakteristischen
Gestalt verhelfen. Ich will nicht die Verknpfung uerer Erlebnisse
geben, sondern die Wirrnis der inneren, ich setze keinen Ehrgeiz darein,
Fden zu knpfen und zu lsen. Ich mchte keine Gewitter geben, sondern
die Entwicklung des Gewitters, die schwlen Lfte des ahnungsvollen
Tages, alles was vorher geht, was Verantwortung trgt. Ich will keine
prahlerischen Ereignisse, sondern ich suche den kleinen Schmerz, der in
tausendfachen Bildungen die Seele dem Verderben entgegenschleppt, und
dies alles will ich wieder einer groen Harmonie zufhren, die
mannigfach geteilten Motive dem Unendlichen vermhlen.

DER ALTE:

Das geht weit, das hat Schwung, das klingt nicht bel.

DER JUNGE:

Wie es klingt, ist nicht so wichtig wie das wohin es zielt. Wir alle,
Kleine und Groe, sind Glieder eines einzigen Krpers. Jeder hat teil an
jedem. Verworfen wird nur der Leugner. Lernen wir es, andchtig und
ehrfrchtig zu sein.

DER ALTE:

Und wenn wir alt sind, lat uns nicht vergessen, zur rechten Zeit zu
sterben.




[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthlt
eine Auflistung aller gegenber dem Originaltext vorgenommenen
Korrekturen. Das Inhaltsverzeichnis befand sich ursprnglich am
Buchende.

p 009: auschlielich -> ausschlielich
p 058: fortgeflanzt -> fortgepflanzt
p 064: desssen drngendes Gefhl -> dessen
p 120: irgenwo und -wann -> irgendwo
p 141: Unmitttelbaren -> Unmittelbaren
p 146: Reinigung. Steigerung und Befreiung. -> Reinigung, Steigerung
p 172: Konturen gibt. als sie -> gibt, als
p 182: exemplifixieren -> exemplifizieren ]



[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans of a first
edition copy. The table below lists all corrections applied to the
original text. The Table of Contents was moved from the back of the book
to the front.

p 009: auschlielich -> ausschlielich
p 058: fortgeflanzt -> fortgepflanzt
p 064: desssen drngendes Gefhl -> dessen
p 120: irgenwo und -wann -> irgendwo
p 141: Unmitttelbaren -> Unmittelbaren
p 146: Reinigung. Steigerung und Befreiung. -> Reinigung, Steigerung
p 172: Konturen gibt. als sie -> gibt, als
p 182: exemplifixieren -> exemplifizieren ]





End of the Project Gutenberg EBook of Imaginre Brcken, by Jakob Wassermann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IMAGINRE BRCKEN ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

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