Project Gutenberg's Der Kalendermann vom Veitsberg, by O. Glaubrecht

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Title: Der Kalendermann vom Veitsberg
       Eine Erzhlung fr das Volk

Author: O. Glaubrecht

Release Date: May 3, 2005 [EBook #15756]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Der Kalendermann vom Veitsberg.


Eine Erzhlung fr das Volk


von O. Glaubrecht.




Dritte Auflage.


Mit einem Bilde.


Frankfurt a. M. und Erlangen.

Verlag von Heyder & Zimmer.

1853.




Sehet an, lieben Brder, euren Beruf. Nicht viel Weise nach dem
Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen, sondern was
thricht ist vor der Welt, das hat Gott erwhlet, da er die Weisen zu
Schanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwhlet,
da er zu Schanden mache, was stark ist; und das Unedle vor der Welt und
das Verachtete hat Gott erwhlet, und das da nichts ist, da er zu
nichte mache, was etwas ist; auf da sich vor ihm kein Fleisch rhme.
(1. Korinter 1, 26-29.)




1. Der Gru an den Leser aus der Heimath des Kalendermannes.


Wenn in unsern Tagen ein junger Mann sein Studium oder sein Handwerk
gelernt hat, wenn er auch seine Wartezeit hinter sich hat, wenn er
drauen gewesen ist in der Welt mit dem Reisebndel auf dem Rcken, und
er kehrt zur lieben Heimath wieder, wer will's ihm verargen, da er dann
nach dem Pltzchen sich umsieht, wo er sein Haus bauen und sein Geschft
treiben, und manchen stillen Herzenswunsch befriedigen kann? Und unsere
Zeit ist eine gtige Mutter, fr alle Wnsche ihrer Kinder hat sie auch
die Erfllung; sie wei Mittel und Rath, und wer es anders nur klug
angreift, der findet auch Haus und Brod. Ueberall wchst die
Bevlkerung, aber mit ihr auch die Klugheit, der Erde ihr Gewchs
abzugewinnen, da es den Tausenden nicht an Brod fehle, und berall auch
der Kunstflei, der Neues schaffet und das Alte verbessert. Htten wir
vor hundert Jahren gelebt und knnten einmal wieder unsere alte Heimath
besuchen; shen wir da die Lnder mit Straen durchzogen, die wsten
Stellen in fruchtbare Aecker umgewandelt, die Smpfe ausgetrocknet und
die Eisenbahnen im Flug die Menschen zu einander fhren; shen wir in
Stdten und Drfern das Volk sich wie in einem Ameisenhaufen
durcheinander winden; wir wrden uns wie Trumende vorkommen, und die
Heimath nicht wieder erkennen.

Denn an's Wunderbare grnzt der Fortschritt, den unsere Zeit vor den
frheren gemacht hat, unsere Zeit, die so Vielen nicht gefallen will.
Manchen gefllt sie nicht, weil sie nicht schnell genug geht, weil der
junge Mensch, der mit hoffendem Herzen in sie hineintritt, nicht seine
Zeit, oder vielmehr Gottes Zeit mit ihm, abwarten kann, und murret und
klagt, da ihm nicht schnell genug geholfen werde.

Hre doch einmal, du Unzufriedener, von der Vter Zeit; die lehrte
warten. Da war auch das Herz der Jugend ungestm, aber die lange
Wartezeit machte es khl; da ward auch die Jugend gelehrt und
unterwiesen, lnger und fast grndlicher, denn jetzt; aber die Mhe fand
nicht so schnell ihren Lohn; das Brod kam oft lange in kleinen Laiben
nur in's Haus, und unter Geduld und Warten mute es im Schweie des
Angesichtes gegessen werden. Wie viele Meister gab es damals, die
niemals eine eigne Werksttte erlangten, sondern froh sein muten, Zeit
Lebens das Gesellenbrod zu essen! Wie viel Knstler gingen damals umher,
den Kopf voll groer Entwrfe und schner Gedanken, und war Niemand da,
der sie verstand! Wie viel studirte Leute, die was Tchtiges gelernt
hatten, sah man noch ber die Mitte ihres Lebens hinaus umhergehen und
nach einem Aemtchen suchen, das ihnen das tgliche Brod geben knnte,
und suchten oft lang und immer vergebens! Wie ist in dem langsamen,
tiefgrndigen Strom jener Zeit so manches Haupt untergegangen, das man
jetzt hochheben wrde, damit es seiner Zeit leuchte! Wie ist damals
manches Herz in Ungeduld und Trbsinn gebrochen, dem nichts gefehlt
htte, als ein verwandtes Herz, daran sich's anschmiegen und festhalten
konnte!

Aber wie viel schne, stille Bilder der Gengsamkeit, wie viel Bilder
der Gottseligkeit und einer Tugend, die wir fast nicht kennen, bot auch
wieder jene Zeit dar! Manches Herz, dem die Welt nicht hielt, was sie
ihm versprach, baute sich ungekannt von ihr ein stilles Haus des
Gottesfriedens. Unzerstreut und unverworren durch das Gerusch der Welt
ward Mancher ein Weiser in Gesinnung und in That und half das Reich
Gottes im kleinen, engen Raum ausbauen.

Von einem solchen wei ich dir zu erzhlen, mein lieber Leser, und bitte
dich, du mgest mir in jene Zeit folgen, wo in unserm lieben Deutschland
das uere Leben noch gar eng und klein war, wo aber das Leben, das aus
Gott ist, in manchem Drfchen, in manchem unscheinbaren Haus eine
trauliche Sttte gefunden hatte, und dort zu Thaten trieb, die _auch_ in
Gott gethan waren. Erwartest du, da ich dir von Menschen erzhle, die
Tausende beglckt oder ber die Tausende geweint, da ich dich mit
Staunen erregenden Begebenheiten unterhalte, oder wohl gar
Mordgeschichten dir vor's Auge fhre, wie das hin und wieder geschieht;
dann, mein lieber Leser, lege das Bchlein schon jetzt bei Seite. Nein,
in ein stilles Drfchen, auf einer grnen Hhe im lieben Vaterland, will
ich dich fhren; in ein Huschen will ich dich geleiten, arm und klein;
von einem Manne will ich dir erzhlen, der im kleinen Kreise des Guten
viel that, und hei geliebt und innig betrauert zum Herrn ging, an den
er im Leben treu geglaubt hatte. Noch spricht man in jenen Thlern, wo
unsere Geschichte sich zugetragen, vom Kalendermann vom Veitsberg, noch
steht sein Huschen in seinem alten Zustande da, noch grnen die Bume,
die er gepflanzt, noch weht sein guter Geist des Glaubens und der Liebe
in den Enkeln seiner Schler. Ist auch Manches untergegangen, was er
gewirkt, sein Gedchtni lebt noch im Segen, und manches Blatt Papier
gibt hier und da Zeugni von seinem Flei und seiner Frmmigkeit.

Und so begleite mich denn, mein lieber Leser, in die Heimath des
Kalendermanns. Ich wei gut Bescheid daselbst, denn sie ist auch meine
Heimath, mein liebes Hessenland, mit seinen grnen Hgeln und waldigen
Hhen und fruchtbaren Ebenen, auf die Gottes Auge allezeit segnend
herabblicken mge! Whrend ich die gelben Bltter betrachte, die der
Kalendermann geschrieben, denk' ich der Zeit, wo ich am Haag, der sein
Grab umgrnzt, Veilchen gesucht, oder von seinen Bumen die Kirschen
gebrochen. Lieb ist mir sein Gedchtni, mchte es auch dir lieb werden!
--




2. Der Gallusmarkt.


Es war Gallustag des Jahres 17.., und in Grnberg, dem freundlichen
Stdtchen im Lande Hessen, war Jahrmarkt. Weithin ber die Felder am
westlichen Theile der Stadt breitete sich eine vielfache Reihe von
Zelten aus, manche einfach von Leinwand, manche gro und mit mehr Kunst
von Baumsten aufgefhrt, zum Nutzen und Vergngen der Marktgste. Da
sah man hoch aufgeschichtet die Holzwaaren vom Vogelsberg, Lffel und
Kchengerthe, zierlich mit Figuren geschmckt, und vor Allem
Spinnrder, bunt von Farben und knstlich ausgedreht, mit Ringlein und
hlzernen Springmnnlein, die bei jedem Umschwung des Rades tanzten.
Zwischen den Spinnrdern durch gingen sittig und prfend die Mgdlein,
mit den Krmern feilschend, und der Winterabende gedenkend, wo die
bunten Rder zum lustigen Gesprch der Spinnstube schnurren sollten.

Und neben die Spinnrder hatten die Bnderkrmer aus Sachsen ihre Buden
aufgeschlagen. Hoch von den Stangen herab flatterten lustig und lockend,
von Seide und Wolle, theuer und wohlfeil, aber brauchbar und sehr
beliebt, die bunten Bnder, und die Krmer priesen den Mgdlein die
breiten, mit Flittergold durchwirkten Streifen zu Rockenbndern an.

Von vielen Kunden besucht, bekannten und unbekannten, und manchen Gru
rufend und manchen Hndedruck gebend, sah man dort die Schuhmacher von
Alsfeld und Homberg guten Markt halten, whrend die Messerschmiede von
Lauterbach mit den Kindern um die Batzenmesserlein feilschten, klein und
mit hlzernen Stielen, inde der Kaufmann von fern her, auf dem Nagel
den Stand der Messer und Gabeln prfte und dutzendweise sie mit sich
nahm.

Hell glnzten dort in der Octobersonne die Zelte und Buden der Blech- und
Kupferschmiede von Grnberg, und ihnen zur Seite hatten auf dem grnen
Rasen einer Wiese zwischen den Herbstzeitlosen, die Niemand beachtete,
die Tpfer von Marburg und Hausen ihre bruchliche Waare ausgestellt.

Es war gute Zeit im Lande, die Erndte war reichlich ausgefallen, in den
Scken des Bauern war Geld und die Kaufleute waren billig und lieen
Alles um den halben Preis, wie sie sagten, aus lauter guter
Freundschaft. Wohin man nur sah, da bemerkte man frohe Gesichter. Selbst
um die Bude eines reisenden Doctors her gab's mehr Lachen, als Weinen;
denn so schrecklich der Mann selber aussah in seiner ungeheuren Percke
und seinem dreieckten Bordenhut darauf und seinem rothen Rock mit
thalergroen Stahlknpfen und seinem Halsband von Menschenzhnen; so
hatte er doch neben sich ein Mnnlein stehen, bunt gekleidet und immer
lachend, das mit seinen Spen auch die bittersten Pillen und Pulver
verste, und so drollige Gesichter schnitt, whrend er die Kpfe zum
Zahnausziehen hielt, da aller Schmerz nicht der Rede werth war.

Und was doch in der Bude gegenber das Bier so trefflich schmeckte und
die Wrste so lieblich dufteten; denn wer that's je den Metzgern von
Grnberg in ihrer Blutwurst gleich! Nur Einer wagte zu versichern, die
seine sei besser, fetter und delicater, das war ein Metzger aus
Schotten, der seine Bude nicht fern von dem Grnberger aufgeschlagen
hatte, und allen Kunden mit Stirnrunzeln nachsah, die hinber zu dem
Grnberger gingen; denn Schotten, sagt er, liefert die beste Wurst
auf weit und breit; und alls herein, meine Herrn, rief er, alls
herein, hier ist Alles zu haben fr Mund und Herz, Musik und Schauspiel,
wenn's beliebt!

Das Schauspiel war aber eine Gesellschaft von Hunden, theils in
Bordenrcke gekleidet, mit Hten und Percken auf den Kpfen, theils in
Reifrcke gehllt und die Damen vorstellend. Die fhrten nach dem Ton
einer Sackpfeife, die ihr Herr blies, allerlei kurzweilige Tnze aus,
machten einander Diener und Knickse, und benahmen sich ganz anstndig,
bis ein Spavogel ihnen ein Stck Wurst zuwarf, worauf sie schnell in
ihre Hundenatur zurckfielen.

Da gab's unmiges Gelchter, in das eine Schaar von Knaben aus vollem
Halse einstimmte, die mit Holz und Strohbndeln unter den Armen den
benachbarten Hhen zueilten. Denn wer mag ein Knabe sein in der guten
Stadt Grnberg und kein Gallusfeuer sehen! Zwei Freuden auf einmal; von
den Hhen herab den Markt sehen mit seinem bunten Gewimmel und vor sich
das Gallusfeuer! Da klingt erst das Lied recht gut.

    Gallmarkt ist da!
    Drum heraus
    Aus dem Haus!
    Wer Bier hat, der trink's,
    Wer Holz hat, der bring's
    Zum Gallusfeuer,
    Zum Gallusfeuer!

Whrend so Geschftigkeit und Frohsinn den Jahrmarkt belebte, schallte
durch das Getmmel hindurch der dumpfe Ton einer Trommel, in den sich
schrillernd die Melodie einer Querpfeife mischte. Alles was abkommen
konnte, drngte sich der Stelle zu, und man sah, was man lange nicht
gesehen hatte, zween Polacken in Pelzkleidern und mit groen Prgeln in
den Hnden, die fhrten an einer langen Kette einen Bren, und auf dem
Rcken des frchterlichen Thieres sa, o Wunder und Entzcken! ein
Aefflein in einem rothen Jckchen, sonst nichts um und nichts an. Das
Aefflein tanzte auf dem Bren und schlug Purzelbume, und a Aepfel und
warf die Krutzen nach den Zuschauern. Und der Br tanzte auch, aber viel
ungelenkiger und schien gar keine Freude an seinem Tanzen zu haben, und
bekam viele Prgel, da er zum Entsetzen von Jung und Alt erschrecklich
brummte.

In der Menschenmenge, die den Bren von allen Seiten umgab, hielt seit
geraumer Zeit eine Chaise; denn es war nicht mglich, auch nur einen
Schritt weit vorwrts zu kommen. Der Kutscher war abgestiegen und stand
vor den Pferden, und hielt ihnen die Augen zu, und strich ihnen den
Hals, und gab ihnen Schmeichelnamen aller Art; denn den Pferden war's
bange vor dem Raubthier, und wollten nicht Stand halten. Ein Bedienter
in Jgeruniform hatte derweil seinen Rath mit Einem aus der
Brgerschaft, der zur Marktwache gehrte, und auf seinen Spie gesttzt,
das einzige Zeichen seiner Wrde, in das Treiben hineinsah und behaglich
sein kurzes Pfeifchen rauchte. Der Rath zwischen dem Jger und dem
Spiemann schien nicht sehr freundlich zu sein; denn der Jger hatte ein
zornrothes Gesicht und rief in einem fort: Macht Platz, oder ich ziehe
vom Leder! Der Spiemann blickte lchelnd auf die halbgezogene Waffe
und sagte gelassen: Stecket euer Schwert an seinen Ort, mein Freund;
nach gutem alten Marktrecht spielt der zuerst, der zuerst kommt, und da
der Polack mit seinem Pelz zuerst auf dem Fleck war, so spielt der
zuerst, dann kommt die Reihe auch an euch. Was ihr nun in eurem Kasten
dort habt -- es will mich bednken, als wren auch fremde Thiere drinnen
-- das lat spter sehen. Eile mit Weile. -- Aber seht ihr denn nicht,
Mann, rief der Jger noch ungeduldiger, indem er den Hirschfnger
vllig aus der Scheide zog, da der Kutscher die Pferde nicht halten
kann, die Bestie dort bringt meine Herrschaft in's Unglck! -- Das ist
ein Anderes, Freund, sagte der Spiemann, das httet ihr gleich sagen
knnen, da ihr Reisende fhrt. Ich will gleich Platz machen; nur sag'
ich noch einmal: Steckt euer Schwert an seinen Ort; nach gutem
Grnberger Marktrecht kommt Jeder dort in den Thurm, der sich
erdreistet, wider hochlbliche Brgerschaft, zumal im Marktdienst, das
Gewehr zu ziehen! So sagend schwang er seine Waffe und gebot in
gebrochenem Deutsch, das sie selber redeten, den Brfhrern zur Seite zu
gehen.

Die Pferde zogen rasch an mit manchem gefhrlichen Seitensprung, mit
manchem scheuen Blick nach dem Bren hin, und nach wenigen Minuten
rollte der Wagen durch die Marktgasse hinauf auf den Marktplatz und vor
das Gasthaus zum Riesen. Da war ebenfalls ein reges Leben und Treiben.
Unter Mhe nur konnte der Kutscher eine Anfahrt gewinnen; denn Fuhrwerke
von allen Arten hatten bereits die Strae besetzt. Der Riesenwirth, ein
kleines fettes Mnnlein, mit einem langen steifen Zopf, stand, ein
weies Schrzlein vorgebunden, und die weie Mtze unter dem linken
Arme, unter seinem Hofthore und machte einen Bckling hinter dem andern,
whrend der Jger zur Seite des Schlages stehen blieb, um abzuwarten,
bis drinnen die Thre des Wagens geffnet werde. Das kam dem Riesenwirth
sonderbar vor und noch sonderbarer seinen Gsten, die zu allen Fenstern
heraussahen und sich ber die Kutsche von so fremder Gestalt und ber
die Passagiere unterhielten, die gar nicht aus dem Wagen heraus wollten.

Da es endlich dem Riesenwirth scheinen wollte, als thue der Jger seine
Schuldigkeit nicht, so trat er an den Kutschenschlag, um ihn zu ffnen,
wurde aber von dem Jger ziemlich unsanft zur Seite geschoben. Da
ffnete sich von innen die Thre und statt eines alten, gebrechlichen
Reisenden, den man vermuthet hatte, sprang schnell und leicht ein junger
Mann, in einen weiten Reisemantel gehllt, heraus, und half mit der
rechten Hand, whrend er die linke unter dem Mantel verborgen hielt, als
trge er etwas, einem, wie es schien, eben so jungen Frauenzimmer aus
dem Wagen. Ueber das Alter seiner Reisegefhrtin lie sich nichts sagen,
denn ein dichter Schleier verbarg ihr Angesicht; aber mit rstigen
Schritten folgte sie dem Begleiter in ein Zimmer im obern Stocke, inde
der Jger sich mit den Koffern und Reisepcken zu schaffen machte.

Der Riesenwirth, der die Fremden auf ihr Zimmer geleitete, sprach vom
Wetter und vom Vergngen, das er habe, solche vornehme Marktgste
beherbergen zu drfen, und wie er es bedaure, den Herrschaften heute
kein besseres Zimmer anbieten zu knnen, sintemal die Marktbesucher
schon Alles besetzt htten, und machte Bcklinge ber Bcklinge; aber es
kam aus dem Munde der Fremden keine Antwort. Ein Wink des Herrn nach der
Thre gab zu vergehen, da die Reisenden allein zu sein wnschten, und
kopfschttelnd entfernte sich der Riesenwirth. Nach einiger Zeit
erschien der Jger, der ab- und zugegangen war, und verlangte fr seine
Herrschaft ein Mittagessen, nahm aber alle Schsseln dem Riesenwirth vor
der Thre ab und trug sie selber hinein. Das kam dem Wirthe immer
sonderbarer vor, und er sumte nicht, seinen Gsten mitzutheilen, wie in
seiner langen Wirthschaft ihm so eigne Leute noch nicht vorgekommen
seien, und wie dahinter gewi etwas stecke. Und die Gste theilten seine
Meinung und blickten von Zeit zu Zeit hinab auf die Strae und staunten
den Wagen an, vor dem bereits eine Anzahl Schaulustiger sich gesammelt
hatten.

Htte ich nicht mit meinen Augen gesehen, wie der Jger das Fuhrwerk
ausgepackt bis auf den Grund, es mchte mich schier bednken, es wr'
noch allerei fremdes Gethier in dem Kasten, sagte Einer aus den
Umstehenden. Und sehet nur, hub ein Zweiter an, wie tief die Axen
hinabreichen, fast scheint es, der Wagenkasten schleife auf dem Boden.
Es sieht das Ding fast einer Feuerspritze hnlicher, denn einem
Herrnwagen. Aber das bleibt gewi߫, sprach ein Dritter, schn ist das
Fuhrwerk; seht nur, wie bunt die Rder gemalt sind; und so wahr ich
lebe, Goldleisten berall. Gebt Acht, das sind keine geringen Leute, die
also fahren; aber weit her sind sie, darauf mcht' ich wetten!

So ging eine Stunde des Gallustages nach der andern hin. Der Markt vor
der Stadt nahm seinen frhlichen Fortgang, die Gste im Riesen gingen
aus und ein, und der Jger bediente die fremde Herrschaft allein. Als es
Abend ward, trat er unter das Thor und schaute sich die Marktbesucher
an, wie sie gingen und kamen. Eben ward das Marktglcklein gezogen, zum
Zeichen, da fr heute das Kaufen und Verkaufen aufhren solle, da trat
der Riesenwirth zu dem Jger heran und sagte, auf das Fuhrwerk der
Fremden zeigend: Schn Fuhrwerk das! Wem's gefllt, war des Jgers
Antwort. Scheint im Ausland gebaut zu sein? Denk's auch, sagte der
Jger. Ist die Herrschaft schon lang auf der Reise? fragte der
Riesenwirth. Ziemlich! -- Weit her? -- Soll's meinen! Aus
Frankreich? -- Nein! -- Holland? -- Ja! -- Also aus Holland ist
die Herrschaft? fragte erfreut der Riesenwirth. O das ist schn, groe
Ehre fr Grnberg. Doch wohl ein Kaufmann, der auf unserm Gallusmarkt
denkt Geschfte zu machen? Glck zu! Gibt auch nur einen Gallusmarkt auf
weit und breit. Damit folgte der Riesenwirth zweien Gsten, die eben in
sein Haus eingingen.

Hrt Landsmann, rief der Jger einem Bauer zu, der nher getreten war,
sich das fremde Fuhrwerk zu besehen, wo seid ihr her, wenn's erlaubt
ist, zu fragen? Der Bauer lftete seinen dreieckigen Hut und sprach
Wie's euren Edlen gefllt, ich bin von Gbelnrod. Nun dann seid ihr
ja nicht weit vom Veitsberg, sprach der Jger, und knnt mir wohl
sagen, ob der Schulmeister Justus noch lebt? -- Wird wohl noch leben,
war des Bauers Antwort, denn wr' er gestorben, so htt' ich's sicher
erfahren. Doch wart', alleweile fllt mir ein, da der Kalendermann noch
lebt. Denn mein Nachbar, der Bornpeter, sagte vorgestern zu mir, er
wolle bald auf den Veitsberg, und sich den Kalender holen fr's knftige
Jahr. Wenn ihr den Schulmeister kennt, so wit ihr auch, da Keiner auf
weit und breit den Kalender besser versteht, denn der Justus. Ehe die
Sterngucker, Gott wei wo sie sind, ihn gemacht haben, da haben wir ihn
hier herum lngst und Einer schreibt ihn vom Andern ab, und wenn die
Drucker ihn endlich liefern, so um Weihnachten hin, da wei Unsereiner
schon lngst im neuen Jahr Bescheid. Und wenn er's wissen will, so sagt
ihm der Kalendermann vom Veitsberg auch jede Sonn- und Mondsfinsterni
voraus, und das auf die Minute. Kurz der Mann versteht seine Sache, das
mu man ihm lassen. Dank fr die Nachricht, guter Freund, sprach der
Jger freundlich, da trinkt, ehe ihr heimgeht, noch ein Frisches auf
die Gesundheit des Kalendermanns, und gedenkt auch mein dabei, wenn's
euch nichts verschlgt! -- Ehe noch der erstaunte Bauer seinen Dank
sagen konnte, war der Jger in's Haus zurckgegangen.




3. Lust neben Schmerz.


Eine milde Octobernacht breitete sich ber die Stadt Grnberg aus. Die
Sterne schienen friedlich vom dunkelblauen Herbsthimmel hernieder, aber
Friede brachte ihr Glanz nicht allen Menschenseelen an diesem Abend. Die
Buden auf dem Marktplatz waren geschlossen, um erst am Morgen zu neuer
Geschftigkeit geffnet zu werden, und mit festen Schritten und einander
zurufend, schritten die Wchter auf und ab. In den Bckereien war man
emsig beschftigt, neuen Vorrath zu backen, und aus den Husern der
Metzger hrte man das taktvolle Fallen der Hackmesser. Aus allen
Gasthusern und Herbergen schallte Tanzmusik und Jubel, und die Mhe des
Tages ward vergessen in der neuen Mhe, die man Freude nannte.

Auch im Riesen war Tanz, und von dem Saale auf dem Hinterbau drang der
Ton der Instrumente und das Jauchzen der Frhlichen durch alle Zimmer
des Hauses. Eben drngte sich der Wirth, dicke Schweitropfen auf seiner
Stirne, zum hundertsten Male durch das Getmmel, um den Durstigen einen
neuen Trunk zu bringen; da winkte ihm die Hausmagd zur Seite und sagte
in ngstlichem Tone, indem sie sich schchtern umsah: Herr, mit den
Fremden, die heute hier eingekehrt sind, ist es nicht geheuer. Denkt
nur, ich ging eben an ihrer Stube vorbei, da hrte ich Kindergeschrei
drinnen, so wahr ich lebe, Kindergeschrei; ist das nicht frchterlich?
Darum lassen sie Niemanden hinein, und liegen wie die Dachse im Baue,
whrend der unleidliche Jger wie ein Jagdhund davor liegt, und
Unsereinem nicht einmal ein freundlich Gesicht gnnt, zumal am
Gallustag. Nun was wird's sein, Susann', rief der Riesenwirth, was
wird's sein! Geh' deiner Wege, Mdchen, und la' mich in Ruh', zumal
heut' Abend. Kehr' vor deiner Thr', sag' ich, und lern' dein' Lektion,
statt durch die Schlssellcher zu gucken. Wer in meinem Haus einkehrt,
der mag in seiner Stube treiben, was er will. Der Herr ist ein Hollnder
und ist ein Kaufmann und ist reich, das ist mir schon genug, mehr
brauch' ich nicht zu wissen. Damit lie er die Hausmagd stehen und ging
weiter. --

Und doch hatte die Susanne recht gehrt. Es hatte wirklich in der Stube
der Fremden ein Kind geweint, und ein Kind war es gewesen, was der
Reisende unter seinem Mantel verbarg, als er aus dem Wagen stieg. An dem
Bette ihres Kindes saen die Aeltern an diesem Abend, whrend die
Tanzmusik schallte, und weinten und klagten, und je lauter das Jauchzen
der Frhlichen wurde, desto betrbter wurden sie. Ist's denn gar nicht
zu ndern, Lewin, sprach weinend die fremde Dame, indem sie einen Ku
auf die Stirne eines lieblichen Mdchens drckte, das schlafend im Bette
lag; ist's denn gar nicht zu ndern, und mu ich mich von meinem
kleinen Engel scheiden? Ach ich halt' es nicht aus! Thue Alles, was du
willst; sage lieber vor aller Welt, ich wre nicht dein Weib, nur nimm
mir mein Kind nicht, meine Selma. Sage deinem Vater, was du willst; sage
ihm, wir seien nicht getraut. Geh' allein zurck, vergi mich, wenn du
kannst, aber la' mir mein Kind. Ach, in fremdem Land es zurcklassen,
Wochen und Monate nichts von ihm hren, wie kann ein Mutterherz das
ertragen? -- Mora, hub der Fremde an, indem die Thrnen fast seine
Stimme erstickten, hltst du mich denn fr einen Wilden, ohne Gefhl
und Glauben? Weit du nicht, wie ich selber gekmpft, bis dieser
frchterliche Entschlu gefat war? Meinst du, ich wre so stark, da
ich mit lachendem Munde unser Kind in fremde Hnde geben knnte? O,
schon da ich dich nthigen mute, das Kind abzugewhnen, damit es in
fremde Hnde knne gegeben werden, das hat mir tief in's Herz
geschnitten. Aber es mu sein; morgen am Tage mu das Kind von uns, und
wir mssen mit aller Schnelligkeit nach Hause. Und ich, o schrecklicher
Fluch! mu mein Weib und mein Kind vor meinem Vater verlugnen, und mich
von dir scheiden, gebe Gott, auf recht kurze Zeit. Aber, Lewin,
fragte schluchzend die Frau, ist es denn gar nicht mglich, das Herz
deines Vaters zu erweichen? Wenn du ihm dein Kind bringst, wenn du ihm
sagst, da ich schon seit zwei Jahren mit dir vermhlt sei; wenn du ihn
beschwrest, dich und dein Kind nicht unglcklich zu machen, sollte dann
nicht endlich sein Widerwille gegen mich aufhren, und er mir um
deinetwillen erlauben, dein Weib sein zu drfen? -- O Mora, rief
hastig der Fremde, indem eine brennende Rthe sein blasses Gesicht
berzog, zwinge mich nicht, da ich dir meinen Vater schildere, wie er
mir erscheint nach seiner Hrte gegen mich. Du kennst ihn nicht. Ich
habe nie gehrt, da er jemals etwas zurckgenommen htte, das er
gesagt. Als er durch feile Zwischentrger von unserer Liebe hrte, da
beschied er mich einst in seine Arbeitsstube. Lange schien er nach
Fassung zu ringen, und ging mit gesenktem Kopfe auf und ab. Dann blieb
er pltzlich vor mir stehen und sprach in leisem Tone: Lewin, du hast
die Wahl, entweder du gibst dein Vorhaben mit jenem Mdchen auf, oder du
bist enterbt, und bekommst meinen Fluch oben drein. Jetzt geh' und
whle! Aber um Christi willen, Lewin, rief das Weib in hchster
Aufregung, warum hast du mir davon nichts gesagt? Nur obenhin
berhrtest du, dein Vater mibillige unsere Verbindung vor der Hand;
sie msse darum heimlich vollzogen werden. O httest du mich doch bei
meiner alten Base gelassen, und mich junges, unerfahrenes Mdchen nicht
in einen Stand hineingezwungen, der mir jetzt, wie ich sehe, zum
Verderben werden wird. Sag' mir, Lewin, ich frage dich bei Gott, dem
Allwissenden, nicht wahr, dein Vater nthigte dich selbst zu der Reise
nach Deutschland, damit du mich vergessen solltest? Ja, Mora, so ist
es, sprach der Fremde mit niedergeschlagenem Auge; ich that Unrecht,
groes Unrecht, beides an dir und an meinem Vater. Ich sehe unendliches
Herzeleid ber uns hereinbrechen, und es ist mir manchmal, als wenn mein
Herz mit tausend Messern durchbohrt wrde. Ja, Gottes Gerichte sind
ernst und strenge! La mir nur den Trost, da du mich nicht hassest, da
du mit mir tragen willst, was Gott mir auferlegt hat! -- Hast du je
daran gezweifelt, Lewin, sprach mit sanfter Stimme die Frau, indem sie
ihren Arm um des Mannes Nacken schlang. Komme, was da wolle, ich bin
auf Alles gefat; ich bin dein Weib, rechtmig durch den Segen der
Kirche dir angetraut, und das will ich bleiben, ob man mich von dir
reit oder nicht. La uns aber zum Herrn beten, da er uns unsere Snden
vergebe und die Last uns leicht mache, nach seinem gndigen Willen; ach,
da er vor Allem unser Herz stark mache fr die bittere Trennung von
unserm Kinde, und es uns bald wieder schenke, an Leib und Seele gesund.
-- Ein Ku besiegelte den frommen Vorsatz und still betend und weinend
saen sie am Lager ihres Kindes, bis der Morgen graute.

Wie der Tag anbrach, verlor sich ein Tnzer nach dem andern vom
Tanzplatze; die Musik verstummte, und auf den Straen begann es laut zu
werden, denn der zweite Markttag brach an. Mit dem Verstummen der Musik
sanken die Fremden in einen kurzen Schlaf; bse Trume unterbrachen ihn
oft.

Ein leises Pochen an die Thre weckte zuerst den Herrn; und wie er sich
erhob, da fuhr mit einem Schrei auch die Frau auf, und griff hastig nach
dem Kinde an ihrer Seite. Es war der Jger, der anfragte, ob's der
gndigen Herrschaft gefllig wre, das Frhstck zu nehmen? Ein
Kopfnicken war die einzige Antwort. Im Hinausgehen fragte der Herr
hastig: Bist du fertig, Heinrich? Zu dienen, Ihre Gnaden, war die
Antwort.

Unberhrt stand noch das Frhstck, als der Jger bald darauf in einen
weiten Mantel gehllt zur Stube hineintrat und an der Thre stehen
blieb. Da schritt die junge Frau hastig auf das Bett zu, wo das Kind
ruhte, schlang mit Hast mehrere Tcher um dasselbe, knpfte eine
Perlenschnur von ihrem Halse ab und band sie dem Kinde um, und unter
sanftem Weinen sprach sie: Nimm den letzten Ku, Engel meines Lebens;
der Herr sei mit dir, mein Herzenskind. Und nun fort, Heinrich, fort,
oder ich sterbe auf der Stelle! Hier, Heinrich, rief mit abgewandtem
Angesicht der Fremde, und legte einen schweren Beutel in des Dieners
Hand. Alles bleibt nach der Verabredung.

O Menschenherz, wie viel Jammer bereitest du dir selbst! Wie wahr bleibt
deines Heilands Wort: Wenn du es wtest, so wrdest du auch bedenken
zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dienet. Aber nun ist es vor
deinen Augen verborgen.




4. Das Trauerhaus.


Der Morgen des 17. Octobers war so schn, wie nur ein Herbsttag sein
kann im lieben Deutschland. Die Sonne schien warm vom wolkenlosen Himmel
herab, der Herbstthau schimmerte noch im Grase, und zwischendurch
zirpten die Heimchen. In langen weien Fden flog der Sommer ber die
Felder hin, hier von einzelnen Struchern in seinem Flug aufgehalten,
und dort vom Morgenwind einem Wandrer entgegengefhrt. Eine
eigenthmliche Stille herrschte in der Natur, nur hin und wieder
unterbrochen vom lauten Schlag der Drossel oder vom sanften Gesang des
Rothkehlchens. O unser Vaterland ist schn zu jeder Jahreszeit; und wer
mit dem Frieden Gottes in der Brust hinaustritt auf die gesegneten
Felder oder auf die grnen Hhen, der fhlt tief das Wort der Schrift:
Gro sind deine Werke, Herr, wer ihrer achtet, der hat eitel Lust
daran. --

Die Stille des Herbstmorgens waltete auch um das Huschen her, in dem
der Schulmeister Jakob Konrad Justus wohnte. Das stand auf dem
Veitsberg, eine Stunde von Grnberg, neben der Kirche, und drum her eine
kleine Zahl von Husern. Von der Hhe herab bersieht man eine Reihe von
Drfern, deren Bewohner sonntglich entweder die Kirche vom Veitsberg,
oder die vom Wirberg besuchen. An den Kirchhof lehnt sich das Schulhaus,
damals wie jetzt noch klein und unscheinbar, aber heimisch und traulich
gelegen. Trauben rankten an der Sonnenseite empor und bedeckten fast die
kleinen Fenster, und zwischen den breiten Blttern schimmerten blau und
hellgrn die saftigen Trauben hervor. --

In dem Huschen herrschte eine dstere Stille, nur manchmal durch einen
einzelnen Laut der Klage unterbrochen. Magdalenchen, das jngste Kind
des Schulmeisters, war gestorben, und um das offne Srglein in der
Wohnstube standen Vater und Mutter und drei Geschwister, auch die
Gespielinnen des Kindes und einige Nachbarn standen da, Alle sonntglich
geschmckt und den Rosmarinkeim in der Hand. Nun Kinder, sprach der
Schulmeister in wehmthigem Tone, drauen luten die Glocken, seht euch
euer Schwesterlein noch einmal an, es ist Zeit, da wir aufbrechen; und
ihr Kameraden meines Magdalenchens, gebt ihm die Blumen, die ihr tragt,
in sein Todtenstbchen. So, nun sieht mein Lenchen wie ein Engel aus,
der unter Blumen schlft. Nun, Nachbarn, deckt den Sarg zu und lat uns
gehen. Komm Dorothe und sei fest; ein Kind weniger auf Erden und einen
Engel mehr im Himmel, wozu da das Trauern? Das Mgdlein ist nicht todt,
es schlft nur, und ist droben schon erwacht. Der Herr ist sein Hirte
und weidet sein Schflein, gebe er auch uns seinen Frieden in die Seele
und die Hoffnung des seligen Wiedersehens in's Herz. Und damit Amen in
seinem Namen! -- Wie dann der Zug der Leidtragenden um das Grab stand,
wie das Srglein hinabgesenkt und mit Erde bedeckt war, wie sie die
Blumenkrone auf dem Hgel befestigt hatten; da sprach der Schulmeister,
indem ihm die Thrnen ber die Wangen rollten: Ich will schweigen und
meinen Mund nicht aufthun. Du, Herr, wirst es wohl machen. -- Du warst
ein Kind guter Art und das Loos ist dir gefallen auf's Liebliche; dir
ist ein schn Erbtheil geworden! -- Und nun, Nachbarn, betet ein still
Vaterunser mit uns, und dann habt Dank fr eure Liebe. Der Herr
vergelt's. -- So, und nochmals Amen! und einen freundlichen guten
Morgen euch Allen, auch euch, ihr Kinder!

Guten Morgen, Bruder! rief's da pltzlich, und der Jger, den wir zu
Grnberg im Riesen kennen gelernt, eilte ber die Grber weg, und
schlang seinen Arm um den Schulmeister und kte ihn. Aber erschrocken
fuhr er zurck, als er die Thrnen in seinen Augen gewahrte. Was ist
mit euch, Bruder, rief er, habt ihr Eines der Euren verloren? Doch
nicht meinen Pathen Heinrich, das wolle Gott verhten! Sei
willkommen, sprach freundlich der Schulmeister, auf dem Grab meiner
Jngsten mu ich dir heute die Hand reichen. Aber es ist auch so gut;
der Herr hat's gethan! Siehe, diese sind mir ja noch brig, meine
Dorothe, mein Heinrich, meine Marie und meine Anna. Bin ich da nicht
reich genug? -- Und woher kommst du denn, Bruder Heinrich, und was
trgst du denn unter deinem Mantel? Ein Kind? Wem gehrt denn das? Dein
vielleicht? Seid ihr verheirathet, Schwager? fragte Dorothe. Davon
lat uns drinnen im Hause reden, sprach in leiserem Tone der Jger,
was ich euch zu sagen habe, gehrt nicht vor Jedermanns Ohren.

Wie sie nun in's Haus gegangen waren und der Jger die Tcher, mit denen
es umhllt war, abgebunden hatte, da erwachte das Kind, und da es die
gewohnten Gesichter nicht sah, so fing es an zu weinen. Dorothe nahm es
auf ihren Arm und liebkoste es, und hie die Marie hinausgehen und Milch
fr das Kleine holen, whrend Anna auf einen Schemel stieg, um sich den
kleinen Fremdling besser zu betrachten.

Wo das Kind eben ist, Schwgerin, sprach da der Jger, in euren
Armen, da mcht' ich es gern auf einige Zeit lassen. Seid so gtig und
nehmt euch seiner an; das Kind mu von Vater und Mutter weg, seid ihr
ihm Vater und Mutter, bis ich es wiederhole. An einem schnen Stck Geld
fr eure Mhe soll's nicht fehlen; hier ist einstweilen der Anfang. Und
der Jger legte den Beutel mit Geld auf den Tisch.

Ich wnschte, Heinrich, hub da der Schulmeister an, du sagtest mir
erst, ehe du mich mit dem Gelde versuchst, wem das Kind gehrt und ob es
ehrlicher Leute Kind ist; denn selbst deine Bitte knnte mich nicht
vermgen, ein fremd Kind in mein Haus zu nehmen, wenn nicht Alles
ehrlich dabei zugeht.

Da erzhlte der Jger, was er von den Aeltern des Kindes wute; wie sein
Herr ein vornehmer, reicher Kaufmann aus Delft in Holland sei; wie er
van der Bruck heie; wie der Vater desselben ein harter Mann sei, der
sich der Heirath seines Sohnes widersetzt habe; wie aber dennoch diese
Verbindung zu Stande gekommen sei; wie aber die Aeltern ihr im Ausland
gebornes Kind nicht mit nach Holland zurcknehmen drften, weil dadurch
ihre Verbindung dem alten Vater verrathen wrde; wie sie aber bald
wiederkommen und das Kind mit tausend Dank aus den guten Hnden, denen
sie es vertraut, nehmen wrden.

Wie der Jger so sprach, ging der Schulmeister Justus kopfschttelnd auf
und ab. Endlich blieb er vor dem Bruder stehen und sagte: Dein Wort in
Ehren, Heinrich, aber es will mich sonderbar bednken, wie so reiche,
vornehme Leute, denen die Welt offen steht, ihr Kind in das Haus eines
armen Schulmeisters thun wollen, den sie gar nicht kennen. Und dann mu
wohl zwischen den Leuten nicht Alles in Richtigkeit sein, sonst nhmen
sie ihr Kind mit zurck nach Holland und lieen es nicht hier in so
weiter Ferne von Haus. --

Was den ersten Einwand betrifft, so steht hier der Mann, dem du das
Zutrauen meiner Herrschaft verdankst. Hab' ich nicht bereits 14 Jahre,
erst dem alten und dann dem jungen Herrn treu und redlich gedient, und
wird mein Herr mir nicht glauben, wenn ich ihm sage: Mein Bruder, der
Schulmeister vom Veitsberg, ist ein armer, aber ehrlicher Mann und wird
dem Kinde Eurer Gnaden ein treuer Wchter Leibes und der Seelen sein!

Da hast du wohlgesprochen, Heinrich, sprach der Justus, wie ein
Bruder vom Bruder reden soll; aber wie steht's mit dem zweiten Punkt?
Der Teufel ist in mancher Gestalt schon in mein Huschen gekommen, und
hat mich zu allerlei Werk gebrauchen wollen, ich mchte auch diemal
erst wissen, ob's vom Herrn ist, oder von ihm, da die Kind in mein
Haus soll. An diesem Wort kenne ich dich, Bruder, sprach der Jger
ernst, und weil ich dich kenne, so habe ich meinen Herrn vermocht, von
seinem Trauschein und dem Taufschein des Kindes eine Abschrift nehmen zu
lassen; die habe ich beide hier, und sieh nur, sie sind von deinem
Freund, dem Stadtschulthei Weinrich zu Braubach, geschrieben und
gesiegelt; was willst du mehr? Der Schulmeister warf einen flchtigen
Blick auf die Papiere, und sein Angesicht ward heiter, als er sprach:
Ja das ist meines guten Weinrichs Hand; so sei es denn!

Die letzten Worte schien Dorothe nicht gehrt zu haben; sie war ganz in
den Anblick des fremden Kindes vertieft, und drckte es wiederholt an
ihre Brust. Jetzt stand sie auf und das Kind in ihren Armen trat sie zu
ihrem Manne und sprach freundlich: Justus, la mir das Kind; es ist
freundlich und schn wie ein Engel, und fast scheint es mir, als she es
meinem Magdalenchen hnlich. Gewi will der liebe Gott mein Herz mit dem
Kindlein trsten, darum schickt er es mir. Hre nur: Ich war gestern
Abend unter Thrnen eingeschlafen um mein Tchterchen, das mir der liebe
Gott genommen; da trumte mir, es kam aus dem Himmel ein Engel herab,
und um den Engel her war Licht und Luft, whrend zu meinen Fen Winter
und Klte war. Der Engel hatte eine Bibel in seiner Hand und fragte
mich: Dorothe, hast du Glauben? Ja Herr, sagt' ich, aber hilf
meinem Glauben. Und er deutete auf den Spruch: Die mit Thrnen sen,
die sollen mit Freuden erndten, und fragte mich: Glaubest du das? Und
wie ich ja sagte mit lauter Stimme, da rief der Engel: Dein Glaube
hat dir geholfen, gehe hin in Frieden! Siehe, mein Glaube hat mir
schon geholfen; das Kind schickt mir Gott! --

Aber Dorothe, sprach der Schulmeister, wenn nun die fremde Herrschaft
bald wiederkommt und verlangt ihr Kind, und du hast dein Herz daran
gehngt, mut du dann nicht noch einmal fhlen, was es heit: Rachel
beweinte ihre Kinder, und wollte sich nicht trsten lassen, denn es war
aus mit ihnen? Du hast Recht, Justus, sprach Dorothe, indem sie das
Kind kte, da du mir heute schon sagst, wie es bald ein Ende nehmen
soll auch mit dieser Freude; aber ich hab' ja das Verlieren schon
vielfach gelernt, so werd' ich auch das berstehen. Sagt der fremden
Herrschaft, Schwager, ihr Kind sei bei mir gut aufgehoben. Und nun
macht's euch bequem, und sprecht ein freundlich Wrtlein mit eurem
Pathen Heinrich. Seht nur, wie er an eurem Munde hngt, als wolle er
euch zwingen, sein zu gedenken. Nun, das Nthigste mute erst
abgemacht werden, Dorothe, sprach gtig der Jger, indem er den Jungen
zu sich aufhob. Wie doch der Bube so gro geworden ist, und was mag er
Alles schon gelernt haben! Schwgerin, der mu auch ein Jger werden!
Willst du, Heinrich? Wenn es der Vater erlaubt, war des Kindes
verlegene Antwort. Das war gut gesprochen, Junge, sagte der Jger,
und siehe, zum Lohn gebe ich dir diesen Schauthaler, da du mein dabei
gedenkest. So, und nun fort, und gib du mir das Geleite, Bruder! Meine
Herrschaft wartet meiner, bis zum Abend sind wir ber alle Berge.

Da half kein Widerreden, und nach einigen Minuten schon wanderten die
Brder dem Berg hinab auf Grnberg zu. Wie sie allein waren, da ward
erst von der fremden Herrschaft gesprochen und von dem Kinde, und von
den Briefen, die bald ankommen sollten. Dann hielt der Jger pltzlich
im Gehen ein, und des Schulmeisters Hand ergreifend sprach er: Warum,
Konrad, bist du noch immer auf dem Veitsberg, und warum immer noch
nichts anders als Schulmeister? Das frage den, sprach der
Schulmeister ernst, der Etliche zu Aposteln gesetzt hat, Etliche zu
Propheten, Etliche zu Evangelisten, Etliche zu Hirten und Lehrern. Er
wird mich wohl zu nichts Besserem brauchen knnen, denn da ich ber
eine kleine Heerde ein Hirte sei. Nun, das mu ich sagen, rief der
Jger heftig, denkst du selber so von dir und deiner Fhigkeit, dann
geschieht dir Recht, wenn Andere auch so denken, und den Justus sein
Thrnenbrod auf dem Veitsberg essen lassen bis an sein selig Ende. O wer
nichts aus sich macht, aus dem macht auch die Welt nichts. Wer unter den
Wlfen ist, der mu mit ihnen heulen, und lernst du dich nicht schicken
und drcken und bcken, so bleibst du, was du bist, sonst nichts! Mann,
wozu hast du denn dein Latein gelernt und das Alles, was du
zusammengescharrt, wie ein Hamster, und zu was hat denn der
Superintendent damals gesagt, als er dich prfte: Justus, ihr seid ein
grundgelehrter Mann! wozu frag' ich?

Hebe dich weg von mir, Satan, sprach traurig lchelnd der
Schulmeister, du vergissest, da ich Justus heie. Wenn ich zum
Schmeichler und zum Broddieb htte werden wollen, dann wr' ich's
whrend meiner Wartezeit geworden, die an 16 Jahre gedauert hat. Jetzt,
wo ich durch des Herrn Gnade Amt und Brod habe, und wo mein Haupt wei
wird, sollen da meine grauen Haare mir nicht eine Krone der Ehren sein,
die auf dem Wege der Gerechtigkeit erfunden werden? Und dann vergissest
du, Bruder, da die Ruthe noch nicht zerknickt ist, die meinen Rcken
bis dahin geschlagen hat. Der Gerst lebt noch, und so lange er lebt,
hat er mich und schlgt mich und Gott hat ihm viel Gewalt gegeben,
damit ich immer recht demthig bleibe und mich nie berhebe. Er ist mein
Satansengel, der mich mit Fusten schlgt. Wie Paulus habe ich den Herrn
angefleht, oft und viel, und er hat auch zu mir gesprochen: La dir an
meiner Gnade gengen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mchtig.
Und ich fhle ja tglich seine Kraft. Seit ich hier bin auf meinem
Veitsberg und Weib und Kinder habe und mein tglich Brod, und mein Amt
mir gelingt ber Bitten und Verstehen, da bin ich recht glcklich und
bitte Gott um kein anderes Loos. O wenn ich manchmal auf dem Kirchhof
stehe, und die Sterne betrachte, wie sie auf- und untergehen, dann ist
es mir, als htte jeder Stern, der kommt, seinen Gru vom lieben Gott an
mich, und jeder, der untergeht, einen Trost vom Heiland: Noch ein
Kleines und ich will dich wiedersehen und dein Herz soll sich freuen,
und die Freude soll Niemand von dir nehmen.

Bruder, sagte der Jger, indem er eine Thrne im Auge zerdrckte, du
bist ein glcklicher Mensch, viel glcklicher, denn ich. Mein Herz ist
wie ein Schifflein auf offener See, und das darum, weil ich weder fest
glauben, noch recht lieben kann. Nein, an meinen Todfeind kann ich nicht
denken, wie du an ihn denkst. Der Gerst hat dir Alles geraubt, was den
Menschen das Leben lieb macht, deine ganze Jugend und deine ganze Ehre
vor der Welt, und mut noch froh sein, da er dich das Brod eines armen
Schulmeisters in Ruhe essen lt. Das knnt' ich nicht ertragen! Und
wehe dem Menschen, wenn ich je in dieser Gegend lngere Zeit bleiben
sollte; ich wrde ihm Alles eintrnken, was er je Bses an dir gethan
hat! Und was httest du damit fr mich gethan, Heinrich? fragte ernst
der Schulmeister. Nichts, sage ich, gar nichts! Die Jugend ist vorber,
wer denkt an mich, und wer will mich? La mir mein Loos; es ist Freude
mit Zittern, und meinen Glauben la mir auch, der mich lehret: Die Rache
ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr. --

So schieden die Brder; und in derselben Stunde, wo der Schulmeister vom
Veitsberg sein Haus betrat, da fuhr die fremde Herrschaft aus der Stadt
Grnberg hinaus.




5. Des Kalendermanns Jugend.


Es ist dir gewi, mein lieber Leser, im bisherigen Gang unserer
Geschichte Manches dunkel geblieben, worber du gerne Aufschlu haben
mchtest. La mich dir denn zuerst sagen, wer der Justus war, den du mit
mir lieb gewinnen sollst.

Folge mir einmal an den schnen Rhein, wo die Reben wachsen, deren Wein
Tausende erfreut, und an dessen Ufer schne Stdte und Drfer liegen,
und in dessen hellen Wellen sich viele alte Schlsser beschauen, von
denen viel schne und schaurige Sagen im Munde des Volkes gehen.

Dort am Rhein, im Herzogthum Nassau, liegt dicht am Ufer ein sauber
Stdtlein, Braubach geheien, und drber auf hohem, hohem Berge steht
ein Schlo, noch wohl erhalten und bewohnt, das heit die Marksburg.

Links von dieser Marksburg zieht durch eine tiefe Schlucht zwischen
steilen Bergen und durch Gestrpp und Dorn ein Fupfad ber's Gebirge
nach dem Bade Ems. Etwa in der Mitte des Weges liegt zwischen Wldern
und Bergwiesen ein stattliches Haus, das Jgerhaus genannt. Dem sieht
man auf den ersten Blick an, da es noch neu ist, auch da es
eingerichtet ist zum Nutzen und Vergngen der Badereisenden, die jetzt
zu Tausenden die Bder dort im Gebirge besuchen, und nicht Alle dort
gesund werden. So war es nicht in der Zeit, von der wir hier reden. An
der Stelle des Jgerhauses, das jetzt nicht viel mehr, denn ein Gasthaus
ist, lag die Wohnung des Landgrflich Hessischen Frsters; denn die
ganze Gegend umher gehrte zu Hessen, auch ein Theil des Bades Ems
gehrte dazu, und war noch kein sonderlich Wesen mit dem Bade damals.

In dem Jgerhaus im Walde, mit den Hirschgeweihen ber der Thre und mit
den groen Schweihunden an den Seiten, lebte damals der Frster
Zacharias Justus. Der hatte, wie man sich ausdrckt, von der Pieke auf
gedient; war erst Jgerbursche gewesen in verschiedenen Frstereien, und
hatte dann, nachdem er aufgedingt worden war, mit dem Hirschfnger an
der Seite, vieler Herrn Lnder durchreist, vieler Menschen Stdte
gesehen, und wute von den Wlfen in Frankreich und von den Bren in
Polen eben so gut zu erzhlen, wie von den Hirschen in Flandern. Doch
was er mitgenommen hatte in die Fremde, ein treues deutsches Herz, das
brachte er wieder mit heim, und man machte ihn, weil er die Frsterei
aus dem Grunde verstand und ein meisterhafter Schtze war, zum Frster
auf dem Jgerhaus bei Braubach. Und der Justus fand noch mehr, denn sein
Frsteramt, er fand auch ein Eheweib, und mit ihm was Gutes und
Wohlgefallen vom Herrn. Denn Kunigunde, des Frsters Ehefrau, war armer
Leute Kind, aber ein sauber und zchtig Mgdlein und reich durch ein
demthig, fromm Herz. Und Justus lebte sehr glcklich mit ihr, und
versicherte mehr als einmal, er habe manchen Meisterschu gethan und
manchen guten Preis davon getragen, aber seine Kunigunde sei der hchste
Preis, den er gewonnen. In dem Frsterhaus war viel Friede und viel
Frmmigkeit, ohne Sang und Klang, aber treu und wahr. Und in diesem
Sinne erzog Kunigunde ihre Shne, Jakob Konrad und Johann Heinrich. War
der Jngste dem Vater hnlicher, so hatte der Aelteste ganz seiner
Mutter Herz, und Kunigunde freute sich innig, als ihr Konrad sich fr
den geistlichen Stand bestimmte, whrend der Vater in dem Jngsten
glcklich war, den er zu seinem Nachfolger zu erziehen gedachte.

Diese Wnsche der Aeltern schienen in Erfllung gehen zu wollen. Konrad
kam von der Universitt zurck und hatte was Tchtiges gelernt, und
Heinrich ging, wie einst sein Vater, mit Bchse und Hirschfnger auf die
Wanderschaft. Da geschah es, da der Rhein einst gewaltig anschwoll.
Groe Schneemassen waren in der Schweiz, von wannen er kommt,
geschmolzen, und das Wasser stieg und stieg, und das Stdlein Braubach
war in groer Gefahr. Von der Marksburg herab donnerten die Kanonen, um
die Umgegend zur Hlfe aufzubieten; aber es hatte Jeder mit der eignen
Sorge genug zu thun, und die Noth ward von Minute zu Minute grer.
Vornen, dicht am Rhein, stand ein Huschen, von dem man nur noch das
Dach sah, und vom Dache aus rangen zwei Frauensleute jammernd die Hnde
und flehten um Rettung. Doch Jeder hatte mit sich und seiner Noth
vollauf zu thun, und der Strom war so gewaltig an der Stelle, da
Niemand sein Leben wagen wollte. Da sah man pltzlich einen Mann sich
mit einer Fahrstange nach einem Baume hinarbeiten, an dem ein Nachen
angebunden war, sah ihn eilig hineinspringen, und sah, wie die Strmung
ihn rasch auf das Huschen zutrieb. Mit aller Kraft stemmte er sich
gegen den Strom; mit bermenschlicher Anstrengung hielt er sich am
Geblke des Huschens fest, und im Nu trieb der Strom den Nachen mit den
beiden Geretteten und dem khnen Schiffer den Strom hinab.

Wenn dem der liebe Gott nicht tausend Engel zur Hlfe schickt, rief
ein schnurrbrtiger Grenadier von der Marksburg, der helfend am Ufer
stand, so ist er doch verloren, seht nur, der Nachen dreht sich wie
eine Nuschale auf dem Wasser. Schade um den guten Jungen, der hat ein
Herz im Leib, trotz dem besten Soldaten. Ha, jetzt geht's hinunter! So,
frisch auf! Victoria, sie sind am Ufer! Das war brav gemacht, Kamerad,
dich mu ich kennen lernen! Und wie der Soldat nach der Stelle
hineilte, wo der Nachen an's Ufer trieb, da kam er gerade zur rechten
Zeit, um den Retter in seinen Armen aufzufangen, der von der ungeheuren
Anstrengung erschpft niedersinken wollte. So jung noch, Kamerad, rief
er, indem ihm die Thrnen der Rhrung in seinen grauen Schnurrbart
flossen, so jung noch und doch so viel Herz im Leib! Nun da, thut einen
rechtschaffenen Schluck aus meiner Feldflasche, und ruht euch hier aus,
ihr habt die Ruhe verdient! So ist's Recht, sprach er dann zu den
geretteten Frauen, betet immerhin zum lieben Gott, ihr habt's
Ursache. Nach der Schlacht an den Herrn gedacht, so will's das
Soldatensprchlein, und das ist wahr wie ein Bibelspruch.

Indessen kamen immer Mehrere herzu, auch der Frster vom Jgerhaus, und
kaum erblickte er den durchnten Jngling, so schlo er ihn weinend in
seine Arme und rief laut: Also du, mein Konrad, hast das Meisterstck
gemacht! Nun Junge, das war brav! Hat mir doch das Herz geklopft, als
ich dich im Wasser sah; htt' ich gar gewut, du seist es, ich glaube,
ich wre schier vor Angst gestorben. Aber nun schnell hinauf in meines
Gevatters Heinzmanns Wingertshuschen, da will ich dich letzen und
umkleiden, ehe das Gercht dich todt sagt, und die Mutter nicht
deinetwegen sich prest. Und ihr, Frau, so wandte er sich freundlich
zu der Geretteten, knnt mit eurer Tochter, -- das wird ja wohl das
zitternde Mgdlein dort sein, -- zu uns in's Jgerhaus hinauf ziehen;
denn ihr scheint fremd hier im Orte zu sein. Ich bin wohl manches Jahr
in Braubach aus- und eingegangen, aber euch habe ich mit Wissen nie
darin gesehen.

Die Frau gab auf die freundliche Rede keine Antwort; sie schien in
Gedanken versunken zu sein; ihr Blick ruhte bald auf ihrer Tochter,
einem zarten Mgdlein von sechszehn Jahren, bald auf dem Huschen, das
sie kaum verlassen und an das noch immer die Wellen gleich drohend
schlugen. Der Frster wiederholte noch einmal seine Einladung, fast noch
dringender denn zuvor. Da fuhr das Weib wie aus einem Traume auf und
sprach wehmthig: Ihr scheint es gut mit einer Unglcklichen zu meinen,
und nach eurer Kleidung seid ihr ein Jger; habt ihr ein treues Herz in
der Brust, so nehmt mein Kind hier mit euch und gebt ihm eine trockne
Kleidung, mich aber lat hier, bis ich wei, was es mit meinem Huschen
da drben giebt. Dort im Wasser liegt Alles, was ich habe, mein ganzer
Reichthum und meine Hoffnung und meines Kindes Glck. Wenn das Wasser
mein Huschen umgeworfen hat, dann gnnt freundlich mir armen Weib ein
Stckchen Brod, und gebt mir Gottes Segen mit auf den Weg; denn dann bin
ich sehr arm. Und die Fremde weinte laut.

Da sprach der Frster heimlich mit dem Grenadier von der Marksburg, und
hie ihn, auf das Weib achten; nahm seinen Konrad an einer und das
fremde Mgdlein an der andern Hand, und nach einer Stunde schon hatten
sie das Jgerhaus erreicht, in trockne Kleider sich gehllt und mit
Speise sich erquickt. Das Mgdlein brachte die Frsterin zu Bette,
sprach ihm Muth und Trost ein, denn es war gar schchtern, und sa lange
an seinem Lager, den Blick voll Theilnahme auf das schne Angesicht
gerichtet, und manchmal ber die hohe glatte Stirn ihm streichend, wenn
es im Schlafe auffuhr und nach seiner Mutter rief, und im Traum den
gehabten Schrecken dieses Tages wiederholte. Sei ruhig, mein lieber
Engel, flsterte sie leise, ber das Gesicht der Schlafenden gebeugt,
der Herr gebe dir gute Trume und Friede in dein junges Herz. Du hast
wohl noch nicht viel Strme im Leben gehabt, darum zagt dein Herz so. Ja
Herr, gieb dem Kinde deinen Frieden! Amen. Damit schritt sie auf den
Zehen, den Kopf oft umwendend, nach der Thre zu.

Am Abend kam der Grenadier in's Jgerhaus, und erzhlte, wie das Wasser
im Abnehmen begriffen sei, wie alle Leute von der schnen That des
Konrad Justus viel Rhmens machten, wie aber die fremde Frau keine
Nahrung und kein Obdach annehmen wolle, sondern immerfort am Ufer hin
und her laufe und nach ihrem Huschen she, sie msse zweifelsohne groe
Schtze in demselben haben. Er fr sein Theil meine, wer sein Leben im
Trocknen habe, der soll von seinem Geld und Gut denken: La fahren
dahin, sintemal der Mensch nichts mit in die Welt gebracht, und also
auch nichts mit hinausbringen werde.

Am nchsten Tage, nach einer Nacht voll trber Besorgnisse, lief die
Nachricht ein, das Wasser sei bedeutend gefallen; und nicht lange, so
kam auch die fremde Frau, bla wie der Tod und zitternd wie das Laub im
Winde. Sie trug ein Bndlein nasser Kleider unter dem Arm und sprach,
wie aus dem Grabe schien ihre Stimme zu kommen: Wenn du ausgeruht hast,
Dorothe, dann la uns gehen, arm sind wir hierher gekommen, noch rmer
gehen wir weiter. Das Kstchen, das meine Hoffnung enthielt, ist im
Wasser versunken, und mit ihm unser Lebensglck! Habt Dank, ihr guten
Leute, fr euren Liebesdienst, und ihr besonders, junger Mann, da ihr
uns die nackte Leben gerettet. Wer tief im Elend steckt, kann nicht mit
vielen Worten danken; der Herr vergelt's und mach' euch reich an
zeitlichem und ewigem Heil. Und nun Dorothe, komm', komm', Kind, die
Zeit drngt! So eilte die Fremde nach der Thre, und zog ihre Tochter
hinter sich her. Doch pltzlich sank sie mit einem lauten Schrei zu
Boden; eine Ohnmacht hatte sie niedergeworfen. Klte und Hunger und
Angst hatten ihr eine schwere Krankheit zugezogen, und die Ohnmacht war
der Anfang derselben.

Da war an kein Weggehen mehr zu denken; die Kranke ward zur Ruhe
gebracht, und Wochen gingen hin, in welchen sie kaum ein Stndlein ihrer
bewut war; das Fieber raubte ihr alles Bewutsein, alle Erinnerung an
ihr gehabtes Leid. Ihre Dorothe war wie umgewandelt; aus dem ngstlichen
Kinde war eine krftige Krankenpflegerin geworden, und Anstrengungen und
Nachtwachen, denen ihr zarter Krper sonst unterlegen wre, ertrug sie
mit Kraft und Heiterkeit. So versetzt der gute Grtner manches zarte
Pflnzchen in rauhen Boden, damit es stark werde in seinem Dienst. Darum
wollen wir uns rhmen der Trbsal, weil wir wissen, da sie Geduld
bringet.

An dem Krankenbette der Mutter, die bewutlos da lag, erzhlte dann
Dorothe unter vielen Thrnen ihr Lebensschicksal. Ihr Vater war ein
wohlstehender Kaufmann gewesen in Arnsberg in Westphalen, und hatte
pltzlich all' sein Hab' und Gut durch den Bankerott eines
Handlungshauses verloren, auf dessen Wohlstand er zu viel getraut hatte.
Der Kummer darber hatte den ehrlichen Mann auf ein Krankenlager
geworfen, von dem er nicht wieder aufgestanden war. Seit zwei Jahren
stand seine Wittwe mit ihrer Dorothe allein in der Welt. Niemand nahm
sich ihrer an, denn die Geschftsfreunde, die vor dem reichen Herrn Kunz
die Diener nicht tief genug hatten machen knnen, die wollten jetzt
seine Wittwe und Tochter gar nicht kennen. Alle Thren waren
verschlossen und alle Herzen ohne Mitleid und Trost. Da ging ein
Hoffnungsstern fr die Verlassenen auf. Es war in der Grafschaft
Katzenelnbogen, in der Nhe von Braubach, ein reicher Anverwandter der
Familie, ohne Weib und Kinder zu hinterlassen, gestorben. Die Verwandten
in der Nhe, obgleich nur entfernt mit dem Verstorbenen verwandt, hatten
zugegriffen, und die Erbschaft an sich gerissen. Zu spt hatte die
Wittwe des Kaufmanns Kunz, die nchste und rechtmige Erbin, davon
gehrt, und war mit den Papieren, die ihr die Erbschaft sichern sollten,
nach Braubach gereist, um am dortigen Amte ihre Sache verfechten zu
lassen. Unbekannt an dem Orte, hatte sich ein junger Advokat, mit Namen
Gerst, erboten, ihren Proce zu fhren. Die Mutter hatte anfangs dem
Advokaten groes Vertrauen geschenkt, weil sie den Eifer und die
Ausdauer sah, mit der er ihre Sache verfocht; dann aber hatte sie
Mitrauen gegen ihn gefat, weil ihr mancherlei Nachtheiliges von ihm zu
Ohren gekommen war, und endlich hatte sie sich nach einer langen
Unterredung, der aber Dorothe nicht beigewohnt, mit ihm vllig entzweit.
Was der Grund des Streites gewesen, das hatte Dorothe nicht erfahren;
die Mutter hatte es auch nicht sagen wollen, hatte viel geweint und an
jenem ganzen Abend nicht aufgehrt zu beten und die Hnde zu ringen.
Bete mit mir, Dorothe, hatte sie gesagt, der Satan hat unserer
begehret, da er uns sichten mchte wie den Waizen. Seitdem habe die
Mutter sich verschiedentlich nach anderer Hlfe umgesehen, aber Einer
habe gesagt: der Proce sei nicht zu gewinnen, ein Andrer: er werde zu
viel kosten, ein Dritter endlich: er wolle es dem Gerst nicht zu Leide
thun. -- Ja. Herrendienst geht bei den Kindern dieser Welt allezeit ber
Gottesdienst, und sie drcken die Verlassenen, weil sie nicht glauben an
den Vater der Waisen und an den Richter der Wittwen.

Bei solchen Unterredungen ward manch' schnes Trostwort von den guten
Frstersleuten gesprochen. Man soll Gott nicht vorgreifen wollen,
sagten sie, seine Gedanken seien nicht unsere Gedanken, und seine Wege
nicht unsere Wege; und wen er warten lasse auf ein Glck, dem wolle er
es doppelt s machen; sein Rath sei wunderbar, aber er fhre Alles
herrlich hinaus!

Wenn die Alten so sprachen, und die trben Augen der Dorothe ob der
freundlichen Rede vom Glanz der Hoffnung prahlten, dann sa Konrad
schweigend da, und schttelte nur mit dem Kopfe; denn er konnte die
Hoffnung der Aeltern nicht theilen. Er hatte mit dem Gerst Jahre lang
auf der Universitt zugebracht, und kannte ihn genau. Er wute, da er
zu den bsen Buben gehrte, die viel Gutes verderben, und da er sich in
Fressen und Saufen, in Kammern und Unzucht, in Hader und Neid
umhergetrieben habe. Auch manche verfhrte Seele hatte der
Unglcksmensch auf dem Gewissen, und hatte sie nicht eher aus den Klauen
gelassen, bis er ein Kind des Satans aus ihr gemacht. Wenn er dann in's
reine Angesicht des Mgdleins schaute, in's Auge so blau und klar und
schuldlos, wenn er seine Stimme hrte, so mild und fromm, dann ergriff
ein inniges Mitleid ihn. Und das Mitleid ward zum Wunsche, dieser
verlassenen Unschuld ein Trster und Schtzer zu werden, und aus dem
Wunsche ward die Liebe geboren, die Liebe zu dem geliebten Weib, die
unser Herr so schn schildert in den Worten: Darum wird ein Mensch
Vater und Mutter verlassen und an seinem Weibe hngen, und werden die
zwei Ein Fleisch sein. Aber kein Wort von dieser stillen Neigung kam
ber seine Lippen; denn Konrad war ein sittiger Jngling, und ehrte des
Mgdleins Jugend und Sorge, und hielt der Aeltern Rath und Stimme gar
hoch.

Nach einigen Wochen konnte Dorothe's Mutter das Bett verlassen, und auf
ihrer Tochter Arm gesttzt, freute sie sich wieder des warmen
Sonnenscheins und der frischen Luft, die ber die Berge hinzog. So waren
sie einst auf dem grnen Waldweg hingegangen, der hinab nach Braubach
fhrt, und der Mutter Herz hob sich in Dank und Preis gegen Gott, und
ihr Ohr lauschte dem frommen, heiteren Gesprch der guten Tochter. Wie
die Jugend denkt, heiter und sorglos, so dachte auch Dorothe, und malte
der Mutter eine gar frohe Zukunft. Wie sie so fleiig sein, und fr die
Mutter arbeiten wolle, wenn sie wieder daheim seien; wie der liebe Gott
Mittel und Wege genug finden werde, ihnen ihr tglich Brod zu geben, wie
vielleicht auch die Erbschaft ihnen noch zufallen knne, denn es seien
ja schon grere Dinge mglich geworden; davon sprach Dorothe, und ward
immer heiterer, und auch ber der Mutter Angesicht breitete sich eine
leichte Heiterkeit.

Da kam von Braubach herauf ein Mann auf die Frauen zu, und wie er nher
kam, erkannten beide in ihm den Advokaten Gerst. Die Mutter erschrack
bei seinem Anblick, und wollte einen Seitenweg einschlagen, aber der
Gerst trat ihr in den Weg und sprach, indem er sein Gesicht zu einem
wohlwollenden Lcheln zusammenzog: Weichet mir nicht aus, gute Frau
Kunz, und hret einmal auf, so bse von mir zu denken, wie ihr bisher
gethan. Ich meine es gut mit euch, und hab' mich tglich nach eurem
Befinden erkundigt, da ihr im Jgerhaus krank laget. Jetzt, wo ihr auf
dem Wege der Besserung seid, lat mich euch noch einmal meine geringen
Dienste anbieten. Willigt ihr in den Lohn, den ich mir bedungen habe, so
ist die Erbschaft binnen Jahresfrist in euren Hnden. Besinnt euch nicht
lange, und nehmt das Gewisse fr das Ungewisse. Denn verschmht ihr
mich, so ist eure Sache verloren.

Die ist ohnehin verloren, sprach mit mhesamer Fassung die Frau;
sparet darum die Mhe. Wren die Papiere, auf die es ankommt, noch in
meinen Hnden, so knnte mir auch ein Andrer helfen, der es ehrlicher
meinte, denn ihr. Versucht mich nicht mehr mir euren Reden und
Versprechungen. Meinen Entschlu wit ihr, und in meinem Herzen habe ich
die Hoffnung auf das Geld niedergekmpft, und Gott wird mich auch diesen
Verlust tragen lassen. Geht also und qult mich nicht. Da trat der
Gerst schnell auf die Frau zu und flsterte ihr einige Worte in's Ohr
und die Frau taumelte zurck, und hielt sich, einer Ohnmacht nahe, an
einem Baume fest. Wie nun, rief der Advokat mit lauerndem Blick, wie
nun, Frau Kunz, ist sie jetzt bereit, meinen Willen zu thun? Da sah ihn
die Frau Kunz mit einem Blicke tiefer Verachtung an und rief mit starker
Stimme: Nein, auch jetzt nicht. Geh', du Ungeheuer, jetzt erst kenne
ich dich ganz! Thue, was du nicht lassen kannst; bestiehl Wittwen und
Waisen, aber verlange nicht, da sie ihre Seligkeit dir verkaufen.
Glaubst du nicht an Gott und an's knftige Gericht, so la' mich doch
daran glauben, und verlange nicht, da ich vom Herrn weiche, um Ehr' und
Geld zu gewinnen! Damit zog sie schnell ihre Dorothe hinter sich her
und sank bewutlos auf ihr Krankenlager.

Und das Krankenlager sollte nach Gottes Willen ihr Sterbebette werden.
Die Unterredung mit dem bsen Gerst hatte ihre Krankheit wieder
zurckgerufen; sie brach in neuer Heftigkeit aus. Wieder folgten Nchte
der Angst auf Tage der Sorge, wieder wachte Dorothe am Lager der Mutter,
still und hoffend. Aber der Herr hatte es anders beschlossen.

Wie die Mutter fhlte, da ihr Ende herannahe, da sprach sie zum Frster
Justus, der mit den Seinen neben ihrem Bette stand: Frster, ihr habt
Groes an mir gethan, mehr als ein Bruder an der Schwester thun kann,
und habt's gethan mit stillem, gutem Sinn. Der Herr vergelt's euch und
eurem lieben Eheweib. Wenn ich zu Gott komme, will ich fr euch beten,
da euer Leben leicht, und euer Ende selig werden mge. Es wird mir das
Sterben schwer, weil ich mein Kind unversorgt mu hinter mir lassen.
Nehmt euch seiner an, und macht ihm eine gute Herrschaft aus, da es
sein Brod ehrlich verdienen kann. Wacht ber dem Mdchen, soweit ihr
knnt. Vor Allem aber, Frster, gebt mir eure Hand darauf, und auch ihr,
gute Frau, bewahrt es vor dem Gerst. Mein Geld hat er gestohlen, meines
Kindes Herz soll er nicht rauben drfen; das soll dem Herrn bleiben.
-- Und du, Dorothe, habe du dein Leben lang Gott vor Augen und im
Herzen, und hte dich, da du in keine Snde willigest, noch thust wider
Gottes Gebot. Sndigest du aber, so wisse, da du einen Frsprecher hast
beim Vater; an den halt' dich fest, auf den bau' und trau', da er dein
bleibe und du sein fr Leben und Sterben. Das ist mein Erbe, das du von
mir empfngst, sonst habe ich nichts zurckzulassen. Wohl hab' ich noch
einen Bruder, aber der ist weit, weit in Holland, und wird schwerlich
sich deiner annehmen wollen, denn er hat nie nach mir gefragt, und lebt
dort als reicher Mann unter fremdem Namen. Verla' du dich nicht auf
Menschen, verla' dich auf den Herrn; Vater und Mutter haben dich
verlassen, aber der Herr wird dich aufnehmen. Amen, sein Wille geschehe
mit dir und mit mir!

Wie dann die Kranke erschpft zurcksank, und Dorothe mit lautem Weinen
ihre Hand kte, da trat Konrad weinend vor seine Aeltern hin, und
sprach also: Vater und Mutter, ich mu mir ein Herz fassen, mit euch zu
reden. Ich hab' Dorothe von Herzen lieb, gebt mir das Mgdlein; sie ist
fromm und gut, und steht jetzt so einsam in der Welt. Sagt ja, da ihre
Mutter uns noch segnet, ehe sie stirbt, und den Trost mit hinbernimmt,
da sie Vater und Mutter und den Schtzer gefunden hat.

Konrad, sprach da der Frster, kommt's vom Herrn, was du beginnst, so
sag' ich ja, und gebe dir meinen Segen. Dorothe, willst du mit diesem
Manne ziehen? fragte mit schwacher Stimme die Sterbende. Und Dorothe
legte schweigend ihre Hand in die Rechte des Jnglings. Amen! lispelte
die Mutter und starb. Und wie Konrad und Dorothe an dem Bette
niederknieten, Hand in Hand und die Augen voll Thrnen, da brach die
Abendsonne roth und golden durch die Regenwolken und ihr Schein rthete
das blasse Angesicht der Todten. Der Friede der Seligen ruhte drber.

    Es ist noch eine Ruh' vorhanden;
    Auf, mdes Herz und werde Licht!
    Du seufzest hier in deinen Banden,
    Und deine Sonne scheinet nicht.
    Sieh' auf das Lamm, das dort mit Freuden
    Dich wird vor seinem Stuhle weiden;
    Wirf hin die Last und eil' ihm zu!
    Bald ist der schwere Kampf vollendet,
    Bald, bald der saure Lauf geendet,
    Dann gehst du ein zu deiner Ruh'! --




6. Die Wartezeit.


Tritt einmal im Geist mit mir an's Ufer des Meeres, mein lieber Leser.
Von leichten Wellen gekruselt, liegt tiefblau und prchtig das Meer;
blau und wolkenlos wlbt sich der Himmel drber hin, und unten in der
Tiefe Spielen die Fische, und drber in der Luft schweben die Vgel des
Himmels, Alles voll Leben und Lebensfreude. Und am Ufer liegt ein
Schifflein; bunt bemalt ist sein Rumpf, ein glnzendes Schild trgt
seine Vorderseite; ein Weib ist es, das auf einen Anker sich lehnt, das
ist des Schiffes Sinnbild und Name: die Hoffnung. Lustig spielt der
Wind mit den leichten bunten Fahnen, die von den Masten herabwehen, und
durch Segel und Tauwerk rauscht es in sanfter, heimlicher Weise. Auf dem
Schiffe treibt sich ein lustig Vlkchen umher; Auswandrer sind es, die
von Osten kommen und nach Westen reisen, weil sie dort ihr Glck finden
wollen. Sie haben die Heimath verlassen, den trauten Ort der Kindheit;
froh und zuversichtlich sind sie vom Aelternhaus geschieden; sie haben
ihm nicht viel Thrnen nachgeweint. Warum auch? Fluren, auf denen ein
ewiger Frhling herrscht, Bume, die Blthen und Frchte zugleich
tragen, Frchte der Erde, so s und labend, Vgel unter dem Himmel,
bunt von Farben, und Gottes liebe Sonne Jahr aus, Jahr ein, und immer
glnzend und immer warm. Und dabei das Herz so frisch und froh, der
Wille so fest, die Hoffnung so stark. Fahr' hin, Schifflein, fahr' hin!
Wind und Wellen werden dich schonen, aber du trgst das Verderben in dir
selbst. Unten am Bild der Hoffnung, das du trgst, ist eine kleine
Oeffnung geblieben. In die ist ein Wurm gedrungen, und ist gewachsen,
und hat sich vermehrt, und der Wurm hat das Schifflein angefressen, und
es ist mrbe geworden und drohet zu versinken. Verstummt ist die Lust
seiner Bewohner; ihr Reigen ist verwandelt in eine Klage. Nach der
Heimath blicken sie zurck, klagend und weinend.

Fragst du, mein Leser, wo das Meer ist? Es ist das menschliche Leben.
Was das Schifflein ist, das bunt und geschmckt ausfhrt? Es ist das
Menschenherz. Wo das ferne Land liegt, nach dem des Schiffleins Lauf
gerichtet ist? Es ist der Traum, den die Jugend trumt von einem
Paradiese, das doch hier unten nicht mehr wohnt. Wer der Wurm ist, der
sich in's Schifflein eingebohrt hat? Das ist der Feind, der da kommt,
wenn die Leute schlafen und set Unkraut unter den Waizen, und geht
davon. Den Feind nehmen wir Alle mit aus der Kindheit in's Jugendalter.
Bald ist's die Snde, die sich eingebohrt hat in's Herz, dem Wurme
gleich; bald ist's der Frhfrost der Sorge, der schon die junge Saat
unserer Kindheit gedrckt hat; bald ist's auch die Bosheit der Menschen,
die mit allen Waffen der List und des Trugs gegen ein Menschenherz
kmpfet, das hoffend ausgehet, das Pltzchen zu suchen, wo es unter dem
Frieden Gottes ruhen knnte.

So voll Freude und Hoffnung ging der junge Justus und seine Dorothe in's
Leben hinein. Sie hatten sich ja lieb, mehr glaubten sie nicht, da zum
Leben gehre; sie waren beide fromm und gottergeben, warum sollten sie
vom lieben Gott nicht das Beste hoffen!

So war ein Jahr vorbergegangen. Auf dem Grabe der Mutter blhten schon
Blumen, und die Wangen der Dorothe glhten von den ersten Rosen der
Jugend, und Mutter Kunigunde gewann sie tglich lieber. Denn wie sie
schn war von Angesicht, so war sie gut von Herzen, und was sie that,
das that sie mit Lust, also da die Aeltern den Konrad glcklich
priesen, und seine Freunde ihn um diesen Schatz beneideten. Aber es war
ein Wurm in's Lebensschifflein der jungen Brautleute gerathen, an den
sie nicht gedacht hatten, und das war der Neid und die Rachsucht des
Advokaten Gerst. Der Mensch wute nicht, was es heit: mit den
Frhlichen sich freuen, was es heit: vergeben und vergessen. Er hatte
nicht vergeben, da ihn die Mutter der Dorothe von sich gewiesen; hatte
nicht vergessen, da das Mgdlein vielleicht doch sein geworden wre,
wenn Konrad ihm nicht zuvorgekommen. Und er schwur, da er sich an
Beiden rchen wollte und hat den Schwur treulich gehalten, und ist zum
Wurm geworden, der die Jugendblthe zweier guten Menschen zerstrte.

Auf dem Grabe der Mutter nahm Konrad Abschied von seiner Dorothe; er
wollte als Gehlfe zu einem alten Pfarrer gehen, um so baldige Ansprche
auf eine Stelle haben zu knnen. Und wie er schied, so sagte er: Geh'
der Mutter rstig zur Hand, Dorothe, will's Gott, so halten wir bald
Hochzeit, und dann ist alles Leid, das du bis dahin gehabt hast,
vergessen, und wir wollen tglich dem Herrn danken, da er uns so
wunderbarlich zusammengefhrt, und mit unserm Haus ihm dienen, wie es
sein Wille ist. Und Dorothe lchelte unter Thrnen und bat um einen
baldigen Brief.

Der Brief kam bald, und es kam noch mancher, und ging wieder ein Jahr
hin; aber die Aussicht zu Amt und Brod war nicht nher gerckt. Der alte
Pfarrer, bei dem Konrad gestanden, war gestorben, und man meinte, der
Gehlfe msse den Dienst kriegen. Doch wie die Zeit der Entscheidung
kam, da kam ein Andrer in's Amt, ein Vetter des Gerst, und rhmte sich
laut, wie der Vetter sich's viel habe kosten lassen an Zeit und Mhe und
Geld, den verhaten Justus um seine Hoffnung zu betrgen. --

Dem Herrn die Rache anheimgebend, der da recht richtet, zog Konrad
weiter und ward Informator bei Einem vom Adel, der ihm versprach, ihm
eine seiner Pfarrstellen zu geben, wenn er zwei Jahre bei ihm aushielte.
Die zwei Jahre waren ein saures Stck Brod; jeder Tag hatte seine eigne
Plage. In dem Haus des Edelmanns galt es als Grundsatz: Nur wer vom Adel
ist, der ist was werth und zu achten, alles Andere ist brgerlich Pack,
mit dem darf man schalten und walten, wie man will. So waren denn die
Junker trotzig und vorlaut, und der Herr Papa lachte dazu; und die
Junker hatten mehr Freude am Fischfang und Vogelstellen, am Reiten und
Jagen, denn an ihren Bchern, und der Herr Papa hie das gut und meinte,
das viele Wissen mache den Kopf schwer, und er habe auch nicht viel
gelernt und sei doch ein Mann von Kopf geworden. Doch die zwei Jahre
gingen unter Geduld und Hoffnung hin und auch das versprochene Amt that
sich auf; aber damit auch das Anerbieten, die Kammerzofe der gndigen
Frau zu ehelichen, die auch lngst ein hnliches Versprechen erhalten
hatte.

Da nahm Konrad seinen Wanderstab, schttelte den Staub von seinen Fen
und ging weiter. Gebrochen war sein Muth nicht, denn die Welt war ja
weit und das Herz war warm von Glaube und Liebe, und die liebe Heimath
nicht fern, und in der Heimath treue, gutmeinende Herzen. Wie er heimkam
und dem Vater seine vereitelten Hoffnungen berichtete, da sagte der:
La den Muth nicht sinken, Konrad, zu meiner Zeit war es mit dem Laufen
um Amt und Brod noch schlimmer, denn jetzt. Wen der liebe Gott warten
lt, dem hat er etwas Besseres noch aufbehalten. Mir ist's auch also
ergangen, und ich hab' doch mein gut Theil empfangen, und meine
Kunigunde dazu. Nur hinaus und versucht. Der Mann mu sein Amt sich
erlauern, wie der Jger das Wild.

    Alles ohne Tck' und Lug,
    Wie es will der Weidmannsspruch.

Also that Konrad, und erwarb sich, wohin er kam, viel Liebe. So hatte er
wieder ein Jahr einer lateinischen Schule in einem Stdtchen
vorgestanden, und der Magistrat glaubte die Stelle in keine besseren
Hnde legen zu knnen, denn in die seinen. Er ward dem Landesherrn
vorgeschlagen, und er erwartete tglich seine Bestallung. Statt deren
aber kam vom Consistorium ein Schreiben des Inhalts: Man habe in
Erfahrung gebracht, da der Justus, den man als ein tchtiges Subject
vorgeschlagen, keines guten Rufes geniee; wie er denn da und dort, wo
er bisher gedient, kein gutes Gercht hinter sich gelassen. Da war es
aus mit der Gunst, die man ihm bisher erwiesen hatte; Niemand grte
ihn auf der Strae, Niemand wollte seine Kinder ihm zum Unterricht
anvertrauen, und Konrad mochte hoch und theuer seine Unschuld
versichern, und auf seine Zeugnisse sich berufen; man zuckte die Achseln
und meinte, das Consistorium msse das besser wissen. Wie nun Justus das
Consistorium selbst um Aufschlu anging, da hie es: Es sei schon
schlimm, wenn ein solch' Gerede ber einen Candidaten im Schwange gehe,
er solle nunmehr durch seine Auffhrung beweisen, da die Leute auf ihn
gelogen htten. Das hatte Konrad nicht erwartet. Mit einem Male
durchschaute er die ganze Bosheit seines alten Feindes, des Gerst, und
beschlo, diesen selbst zur Rede zu stellen. Aber wo fand er ihn? In
einem Amte, das er durch seine Schleichwege sich erbeutet, und das so
einflureich und hoch war, da der bescheidene Candidat es nicht wagen
durfte, ihm mit Fragen und Vorwrfen zu nahen. Als ich solche
Schelmerei und Tcke wahrnahm, schreibt er in seinem Tagebuch, und ich
schier gestrauchelt mit meinen Fen, weil es mich verdro auf die
Ruhmredigen, da ich sahe, da es den Gottlosen so wohl ging, da hab' ich
Assaph's Psalm, der da ist der 73te, vielmal gelesen, da ich ihn fast
auswendig gekannt, und mich sonderlich getrstet an dem Wort: Ich
dachte ihm nach, da ich es begreifen mchte; aber es war mir zu schwer,
bis da ich ging in das Heiligthum Gottes und merkte auf ihr Ende.
La' mich denn, Herr, mein Gott, bleiben an dir, und halt' mich bei
meiner rechten Hand. Leit' mich nach deinem Rath und nimm mich endlich
mit Ehren an! Amen.

Den 13. Februari. Hab' ich doch nimmer geglaubt, da so viel Bosheit
auf der Welt sei, und da es so weh' thue, gehat zu werden ohne
Ursache. Ich bin weggegangen aus meinem Lande und von meiner
Freundschaft; denn ich bin wie der Prophet ein Spott meinem Volk und
tglich ihr Liedlein. Soll ich warten, bis man mich gehen heiet, und
mich bedeutet, da ich daheim kein Amt finden werde, so will ich lieber
selber in die Fremde gehen. Was mein Gott will, gescheh' allzeit! Ist
ein sauer Brod, das ich in der Fremde essen mu. Daheim wr's ser, und
wrde mir gern von Vater und Mutter gereicht, noch manches Jahr; aber
wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen. Thu' denn, was deines
Amtes ist; Zwanzig Thaler und ein Weniges an Kleidung ist ein geringer
Lohn fr Einen, der von Morgen bis Abend mu informiren. Geb' der liebe
Gott nur seine Kraft, da Alles mg' zu seinem Dienst geschehen.

Den 3. Martii. Ist doch ein sauer Amt, das ein Schulmeister hat; man
sollt' ihn doppelter Ehre werth halten um seines Amtes willen. Gestern
war ein harter Tag. Hatte den Jngsten knien lassen, weil er
Narretheidinge getrieben; ist der Herr Principal hereingekommen whrend
der Pnitenz, und hat mich mit Worten hart angefahren. Ist auch die Frau
hinten drein gekommen ob des Lrms, den der Herr gemacht, und hat mir
gedroht, sie wolle mir die Suppen versalzen, da ich daran denken solle.
Habe mich exkusiret aus aller Macht; hat aber nichts gefruchtet, sondern
haben den Jngsten mitgenommen und ihm einen Pfefferkuchen gegeben, mit
dem er wieder herein gekommen und es getrieben, wie vorher. Wer seiner
Ruthen schonet, der hasset seinen Sohn. Sprchwrter Salomonis 13, 24.

Den 11. Septembris. Wie doch das Menschenherz ein trotzig und verzagt
Ding ist. Mein Herr glaubt nicht an Jesum, da er der Christ sei, auch
nicht, da wir Alle mssen offenbar werden vor dem Richterstuhle
Christi, und hat zu verschiedenen Malen die Gelegenheit vom Zaun
gebrochen, mit mir zu disputiren. Ich hab' krftiglich Zeugni gegeben
von der Hoffnung, die in mir ist, und aus gttlichem Wort manchen Spie
und Nagel nach seinem Herzen gerichtet, aber das Wort shet nicht in
ihm. Will mich manchmal schier bednken, als wenn etliche Menschenherzen
des Glaubens nicht ein Fnklein in sich htten. Doch der Herr wei seine
Zeit. Nun liegt der starke Geist, wie er sich selbsten gerne tituliret,
auf seinem Schmerzenslager und sthnt, da es zum Herzbrechen ist, und
flucht auch mitunter gar frchterlich, aber an Gott, der das Kreuz
schickt, will er nicht denken. Wir rhmen uns der Trbsal, dieweil wir
wissen, da Trbsal Geduld bringet. Rm. 5, 3.

Den 24. Septembris. Richtet nicht vor der Zeit, das Sprchlein mu
dich meistern, Justus! Hast wieder des Herrn Macht bezweiflen und seines
Worts vergessen wollen: Meine Zeit ist noch nicht hie, eure Zeit aber
ist allezeit. Mein Herr hat mich zu sprechen begehrt auer der Zeit, wo
ich ihm die Aufwartung gethan; und als ich zu ihm eingetreten, da hat er
mich an sein Bett sitzen lassen, und mich fleiig aus Gottes Wort
examiniret. Wie ich denn freudig Zeugni gegeben von der Hoffnung, die
in mir ist, auch die Gnade Gottes laut gerhmt, die sich unser wider
Verdienst und Wrdigkeit erbarmet, und die Vergebung der Snden noch
heut' anbeut Allen, die Gottes Zorn frchten; da hat mein Herr das Wort
ein rechtes Trostwort und Labsal geheien, und mich ersucht, ihm etliche
Kapitel aus heiliger Schrift zu lesen. Darauf hab' ich am ersten den
sechsten Psalm gebetet: Ach Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn und
zchtige mich nicht in deinem Grimm &c. Zum andern, so hab' ich den 51.
Psalm vorgenommen, und wie ich kommen bin an den 12. Vers: Schaffe in
mir, Gott, ein reines Herz, und gieb mir einen neuen, gewissen Geist;
verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen heil. Geist
nicht von mir, -- da ist mein Herr gewesen, so bufertig wie David war,
da der Prophet Nathan zu ihm kam, und hat unter viel Weinen und Seufzen
einmal ber das andere Mal gerufen: Herr, nimm deinen heil. Geist nicht
von mir! Mich selber aber hab' ich gedemthiget vor dem Herrn ob solch'
groer Gnade, die er mir erwiesen, sein Wort zur Bue predigen drfen,
und ist mir gewesen denselbigen ganzen Tag, wie ich meine, da es Paulo
mu gewesen sein, da er sprach: Ich ward entzckt bis in den dritten
Himmel. Hilf nur, Herr, mein Gott, da ich nicht Andern predige und
selbst verwerflich werde! (1. Korinther 9, 27.)

Den 30. Novembris. Mein Herr ist durch Gottes Gnade wieder gesund und
ein neuer Mensch geworden. O wie ist doch wahr Pauli Wort: Ist Jemand
in Christo, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe,
es ist Alles neu worden. (2. Kor. 5, 17.)

Mein Herr hat eine groe Liebe zu mir gefat, also da ich nicht mehr
als ein Fremdling im Haus bin, sondern schier als ein lieber Freund. Er
will auch, da ich im Land Sachsen bleiben soll und hat mich Einem von
Adel recommandiret, der eine Pfarre zu besetzen hat. Was mein Gott
will, gescheh' allzeit! Die Erd' ist berall des Herrn, und man kann im
fremden Land' auch ein frommer und getreuer Knecht sein. Aber auf
Menschenwort und Trost bau' ich nicht viel, seit ich wei, da solch'
Trauen eitel ist.

       *       *       *       *       *

Den 1. Januari. Wie gedacht, so geschehn! War schon mit einem Bein' im
neuen Amt, hat auch meine Dorothe schon getrstet mit einem sen
Hoffnungswrtlein; da ist ein Andrer gekommen und hat erlangt, wonach
mein Sinn stand. Ob wohl noch zuviel Eitelkeit und Hoffahrt in meinem
Herzen sein mag, wehalb der liebe Gott mich warten lsset? Nun, Herr,
so zeige mir deinen Weg, da ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein
Herz bei dem Einigen, da ich deinen Namen frchte!

       *       *       *       *       *

Ein Jahr spter. Ich bin beides, dein Pilgrim und dein Brger, wie
meine Vter alle. (Psalm 39, 13.) Es mu wieder geschieden sein; will
einmal wieder mein Glck daheim versuchen. Vater und Mutter mahnen gar
dringend an die Rckkehr. Sie meinen, es sollt' mir jetzt daheim auch
gelingen und meine Wartezeit nach Gottes Willen zu Ende gehen. Aber das
Scheiden thut auch weh', sonderlich wenn man eins geworden ist,
einmthig und einhellig.

    Barmherz'ger Gott und Vater,
    Du treuer Menschenrather!
      Auf dein Wort zieh' ich aus,
    Auf unbekannten Straen
    Wollst du mich nicht verlassen,
      So bin ich berall zu Haus.

    Behte mich vor Feinden
    Und heuchlerischen Freunden,
    Gieb mir die Engel zu;
    Geleit' all' meine Werke,
    Sei Morgens meine Strke,
      Und dann am Abend meine Ruh'.

Auf der Reise. Also hab' ich gebetet, ehe ich mein Bndel schnrte und
den Wanderstab in die Hand nahm. Der treue Gott hat mein Gebet erhrt.
Wie ich an die hessische Grnze kommen bin, hab' ich Herberg' genommen
in einem Flecken, allda zu rasten. Wre gerne weiter gegangen, als ich
kaum den Reisesack abgelegt. Denn in der Herberg' ging's toll her.
Kaiserliche Werber lagen da; die hatten gute Geschfte gemacht, und
tranken den Rekruten vollends den Verband weg. Und die Rekruten waren
schier wie toll; Einer sang den Prinz Eugenius und schrie dabei wie
besessen; ein Anderer soff und heulte dabei, da einem weh' zu Herzen
ward, und ein Dritter raufte sich mit den Dirnen. Die nicht mehr brllen
und saufen konnten, die hatte man wie die Schlachtschweine unter einen
Schoppen gelegt, und dabei standen schnurrbrtige Grenadiere und hteten
ihrer. Wie ich mir den Heidengruel etwas angesehen und des Sprchleins
eingedenk worden: Besser allein, denn in bser Gemein, da wollt' ich
wieder meines Weges gehen, obgleich der Abend nahe war. Wie ich mich
umwenden will, so kommt ein freundlicher Herr auf mich zugegangen, fat
mich bei der Hand und sagt: Monsieur scheint auch keinen Gefallen zu
haben an solch' unflthigem Saufen. Theile in dem Stck ganz Monsieurs
Meinung. Beliebt's demselben, ein wenig hereinzutreten und einen
freundlichen Rath zu halten, so wird Monsieur mich sehr verbinden! Das
Wort gefiel mir sehr, sintemal meine Fe vom langen Gehen wund geworden
waren, und ich trat mit dem Herrn in ein sauber Zimmerlein. Dort
hielten wir selbander angenehmen Rath, bis es dunkel ward und erzhlten
uns unser Lebensschicksal. Und des Fremden Leben war gar wunderbar.
Jetzt, so sagt' er, war er auf einer langen Reise, und knnte just einen
Secretr und Gesellschafter brauchen, wie ich sei; ich solle mit ihm
ziehen. Der Vorschlag leuchtete mir schnell ein; aber ich bedung mir
Ueberlegung aus bis zum andern Tag. Da lie der Herr Wein kommen, denn
wir hatten bisher einen Krug Bier mit einander geleert, und ward immer
redsprchiger, also da auch mir das Herz auf die Zungen kam. Da rckte
der Fremde mir nher und rief: Besinnt euch nicht lange mehr, jetzt
kennt ihr mich, sagt ja und wir sind Handels einig; da nehmt zum Voraus
etwas Reisegeld und schlagt ein. Wute nicht, wie mir geschah und hielt
die Brabanter, die er in meine Hand gelegt, in den Fingern und sah ihm
ihn's Auge. Indem klopft's drauen und es erschien Einer in der Thre,
der ein Diener des Herrn zu sein schien und rief ihn hinaus. Wie ich
noch auf die Thaler blicke, so kommt aus einem Kmmerlein zur Seiten ein
Mgdlein heraus, noch sehr jung an Jahren und sagt in leisem Tone:
Herr, ist euch euer Leben lieb, so werft das Blutgeld auf die Erde und
macht euch auf und davon, sonst geht es euch wie den Rekruten drben im
Hof. Der Hauptmann ist ein Erzschelm und betrgt euch wie die Andern.
-- Wie ich das Wort gehrt, da hab' ich das Fenster aufgerissen, das
nach dem Garten hinsah, hab' schnell mein Bndel hinabgeworfen, und bin
hinabgesprungen, wohl an 10 Fu hoch. Und gleich als wr' der bse Feind
hinter mir, bin ich dem Walde zugeeilt, den ich heute erst durchwandert
hatte, und hab' nicht eher mit Laufen eingehalten, bis der Wald dichter
ward.

So hat mich abermal mein treuer Gott wunderbarlich erhalten und hat mir
seinen Engel gesandt, der den Lwen den Rachen zugehalten. (Daniel 6,
22.) Aber der treue Gott hat noch mehr an mir gethan damals, als ich den
Werbern entging, wofr ich ihm Dank sagen will all' mein Leben lang;
denn er hat mich dazumalen ein Sprchlein aus seinem heil. Wort erkennen
lassen, das ich bis dahin nicht ganz verstanden, und das Sprchlein
steht Psalm 19. Vers 2. und heit: Die Himmel erzhlen die Ehre
Gottes. Wie der Wald dichter um mich ward, bin ich langsam und
frsichtig gegangen, und habe mit meinem Reisestock den Grund vor mir
geprfet; denn es war so finster, als in einem Sack um mich her, und nur
manchmal schien ein Sternlein durch die Bsche, gleich als wollt' es
sagen: Geh' nur getrost, Justus; ob du schon wandelet im finsteren
Thal, so frchte doch kein Unglck, denn ich, dein Hirte, bin bei dir.
(Psalm 23, 4.)

Wie ich wohl eine Stunde im Dickicht herumgetastet, so ist der Wald
lichter geworden, und ein Pfdlein hat sich durch die Bume
geschlngelt, und dem Pfdlein bin ich nachgegangen. Da ist mir bald ein
Licht in's Auge gedrungen; und wie ich dem Schein nachging, so hab' ich
bald vor einem Kohlenmeiler gestanden, neben dem ein lustig Feuer
brannte und ein Mann stand, der mit einer Schaufel Erde auf den Meiler
warf, wo die Lohe durchbrechen wollte. Da hab' ich den Mann freundlich
gegrt, und ihm gesagt, da ich ein Fremdling sei, der des Weges
verfehlet, und wie ich ihn bte, mir aus christlicher Lieb' die rechte
Strae zu weisen. Da hat der Khler meinen Gru mit einem schnen Dank
erwiedert und gesagt: Ihr seid nicht der Erste, der verirrt zu mir
kommt, und werdet auch nicht der Letzte sein, denn der Wald ist tief
und die Wege gerade nicht leicht einzuhalten. Aber vergebt, wenn ich
euch in dieser Nacht nicht geleiten kann; ihr seht wohl, mein Meiler
bricht aus und ich darf ihn keine halbe Stunde allein lassen.
Verdriet's euch nicht, so bleibt bei mir bis zum Morgen; dann soll
weiter Rath werden. Geht einstweilen dort in die Htte und ruht euch
aus; aber bckt den Kopf, wenn ihr hineintretet; eines Khlers Huslein
ist eben nicht fr hohe Herrn, sondern fr Solche, die sich gern vor
Gott und Menschen bcken.

Da kroch ich hinein in die Htte und setzte mich auf das Mooslager des
Khlers, und mein Bndel legt' ich neben mich, nicht ohne da ich fr
mich hin betete: Das walt Gott der Vater, der Sohn und der heil.
Geist. Wie ich ein Weniges geruht, so kommt der Khler auch herein,
steckt einen groen Kienspahn in eine eiserne Gabel und stt die Gabel
vor dem Eingang in die Erde. So, sagt' er, nun haben wir Licht und
knnen uns in's Angesicht sehen wie zwei Christenmenschen. In meinem
seht ihr, trotz Kohlenstaub und Ru, da ich ein alter Mann bin, und in
eurem lese ich, da ihr jung seid und mde, und wie steht es mit dem
Appetit? Ekelt euch nicht vor eines Khlers rauher Kost, so seid mein
Gast, bis euch morgen ein besserer Tisch gedeckt ist. Und von einem
Bnklein herab holte der Khler ein groes schwarzes Brod, schnitt zwei
gewaltige Stcke ab und legte jedes auf einen hlzernen Teller, und oben
drauf ein Stck gekochten Speckes. Und wie er von dem Bnklein auch zwei
Messer herabgeholt, und eins mit dem andern gesubert hatte; da nahm er
die Ledermtze zwischen seine gefaltenen Hnde und betete mit tiefer
Stimme: Aller Augen warten auf dich, Herr, und du giebst ihnen ihre
Speise zu seiner Zeit; du thust deine Hand auf und erfllest Alles, was
lebet, mit Wohlgefallen! Amen. Und wie ich auch Amen! gesagt, da a
der Khler sein Abendbrod und ich mit ihm, und hat mir lange kein
Abendbrod so gut geschmeckt. Wie er damit zu Ende war, griff er hinter
sich, und langte einen Wasserkrug von Stein hervor, deckte ihn auf und
that einen herzhaften Zug. Dann schttete er ein Weniges ab, reichte mir
den Krug und sprach: Trinkt, guter Freund, ein Schelm gibt's besser,
als er's hat; im Wald wchst kein ander Getrnk; aber das Wasser aus dem
Heiligenbrnlein ist dafr auch ein sonderlich und vornehm Wasser, und
schmeckt frisch und s, und hat viel Kranken schon geholfen. Da trank
ich auch nach Herzenslust; und wie ich den Krug geschlossen, da nahm der
Khler wieder die Ledermtze ab und sprach: Nun, unser Gott, wir danken
dir, und rhmen den Namen deiner Herrlichkeit!

Wie es mir da so wohl ward um's Herz, das kann ich gar nicht sagen; es
war mir, als wenn ich den Khler schon lange gekannt und pltzlich
wiedergefunden htte. So macht das Wort Gottes die Menschen zu Freunden,
da sie sich erkennen und lieb haben; und war doch nichts geschehen,
denn da wir mitsammen gebetet und das Brod gebrochen hatten. Da ward es
mir, als mt' ich dem Khler sagen, was mich zu ihm gefhrt habe, und
ich that es und sagte ihm auch Die und Das aus meinem Leben: was ich
gelitten und worber ich mich gefreut, und was ich von der Zukunft hoffe
und frchte. Da lchelte der Alte und sprach: Das ist nur das alte
Lied, das schon Sirach sang: Es ist ein elend jmmerlich Ding um aller
Menschen Leben, von Mutterleibe an, bis sie in die Erde begraben werden,
die unser aller Mutter ist. Da ist immer Sorge, Furcht, Hoffnung und
zulegt der Tod. So ist es mir ergangen, so wird es auch euch ergehen und
euren Kindern und Enkeln nach euch. Man meint, eine Zeit msse der
andern ablernen, wie man's besser machen und dem Schicksal in der Welt
das Feld abgewinnen, und seine Schneide stumpf machen knne. Aber es mu
wohl so sein sollen, weil unser lieber Gott die Jungen immer wieder von
vorne anfangen und in den Schranken laufen lsset. Was euch bis dahin
betroffen hat, das vergleich' ich dem Wind, der in der Frhlingszeit,
wenn die Saat schon grnt und die Lerche schon singt, mit den Bumlein
umspringet, als wollte er sie schier zerzausen. Da gilt aber auch: Du
machest deine Engel zu Winden, und deine Diener zu Feuerflammen; denn
lauter Engel und Diener Gottes sind die Schicksalsstrme in der Jugend.
Die machen, da das Bumlein hbsch seine Wurzeln hinabtreibt und stehen
lernt auf seinen eignen Fen, wenn der Winter des Lebens kommt, und mit
ihm noch mehr Tage, von denen wir sagen: Sie gefallen uns nicht. Auch
glaubt mir das, mein junger Herr, ich sag's aus eigner Erfahrung, der
Mensch macht sich darum in seiner Jugend so viel Herzeleid, weil er
immer Eins ganz fest im Sinne hat, und meint, es geschhe ihm ein
gewaltig Unrecht, da der liebe Gott ein Anderes mit ihm will. So luft
denn Einer wie ein Schaf, das die Drehkrankheit hat, immer auf einem
Fleck umher, oder rennt wie ein Gaul, der den Koller hat, gerade hinaus,
bis er sich den Kopf zerstt. Ihr wollt mit Gewalt ein Pfarrer werden,
und ich dachte, als ich euer Alter hatte, ich mte ein Schulmeister
werden. Ja, Herr, seht mich an, wie ihr wollt, ich, der Khler Martin
Ebert von Blankenau, wollt' ein Schulmeister werden, und ging Jahre lang
umher und haderte mit Gott und mit der Welt, da es nicht nach meinem
Kopf gehen wollte. Damals sagte unser Nachbar, der alte Hufschmied
Nagel, Gott hab' ihn selig! Martin, sagt' er zu mir, wart' doch
unsers lieben Gottes Zeit erst ab, ob er dich brauchen kann als
Schulmeister und geh' erst mit deinem Vater hinaus und lerne Kohlen
brennen. Wie du es jetzt treibst, so lernst du beides nicht, weder die
Schulmeisterei, noch das Kohlenbrennen. Und ich hing damals ber
solche Rede das Maul und stand am Meiler meines Vaters wie ein
Bldsinniger. Da nahm mich mein groer Meister im Himmel in seine Lehre
hinein, und gab mir die Lection, daran ich noch lerne, und so lange
lernen will, bis er mich in seine himmlische Werkstatt abholt. Mein
Vater starb und meine Mutter stand als ein schwaches Weib mitten unter
sieben unversorgten Kindern. Herr, damals lernt' ich Kohlenbrennen und
das vierte Gebot thun: Du sollst Vater und Mutter ehren, lernt aber
damit auch die Verheiung kennen: Auf da dir's wohl gehe. Und von da
an ist mir's wohl gegangen; im Schweie meines Angesichtes hab' ich mein
Brod gegessen, aber ich habe auch geschmeckt und gesehen, wie freundlich
der Herr ist und wie wahr sein Wort: Denen, die mich lieben und meine
Gebote halten, thue ich wohl bis in's tausende Glied. Geht hin in unser
Ort, dort stehen sieben Huser, alle blank von auen und rein von innen;
in den sieben Husern wohnen des seligen Haneberts sieben Kinder, und
haben sich gemehrt zum Erstaunen, und ist eine schne, feine Sippschaft.
Wenn dem Vetter Martin das Essen soll hinausgetragen werden zum Meiler,
dann solltet ihr hren, was ein Reien um das Krbchen ist, und wie die
Jungen mit den Alten hadern um den Liebesdienst! Und ich selber hier an
meinem Meiler, den ich nur Samstags verlasse, um zur Kirche zu gehen,
hab' nichts verlernt von Allem, was ich als Junge gewut, sondern hab'
noch mehr dazu gelernt, und mein Wissen blhet mich nicht, sondern
demthigt mich nur. Hier steht meine Weisheit, hier im Bibelbuch, das
ich aufschlage, wenn ich allein bin und mein Meiler Ruhe hlt. Und
wenn's Abend wird, dann hat der liebe Gott ein ander Buch vor mir
ausgeschlagen, den Himmel mit seinen Sternen, und hat mich auch gelehrt,
ein Stcklein dieser heil. Schrift zu lesen. Hret, wie das zuging!

Wie ich ein Kohlenbrenner ward, da wute ich von der Sternwissenschaft
nur, was ich darber aus der heil. Schrift gelernt hatte, namentlich aus
dem Buche Hiob, wo es heit: Er versiegelt die Sterne, und die Sterne
sind nicht rein vor seinen Augen, und kannst du die Bande der sieben
Sterne zusammenbinden? Wie ich dann so manche Nacht hier sa, und die
Welt um mich her schwarz und todt wie ein Grab lag, so sah ich um so
lieber zum Himmel hinauf, von dem man hier oben ein ziemlich Stck
bersehen kann. Anfangs trieb ich mit meinen Gedanken allerlei Frwitz
und die Sterne muten dabei mithelfen, nachher aber sah ich mir sie an,
wie sie zu einander stunden, auch wie einer den andern in der Klarheit
bertraf; auch wie sie nicht stille Bnden, sondern zu bestimmten
Stunden hier, zu andern wieder dort sichtbar wurden. Dann sah ich auch,
wie Etliche in einer Art von Kameradschaft standen, so da sie ihre
Figur behielten und selbander ihre Reise am Himmel machten. Dann nahm
ich mir ein Papier und stach mir mit einer Nadel die Sternfiguren so
hinein, wie ich dachte, da sie zusammengehren mchten; und wenn ich
nach Haus kam, dann malte ich mir die Sternlein aus und verband sie
durch Striche mit einander, und gab ihnen auch Namen, denn ich dachte,
ich sei der erste Sterngucker, der sich die Mhe nhme, des Herrn Werke
zu bewundern. Diese Sternkrtlein zeigt ich einmal dem Nachbar Nagel,
der in allerlei Knsten erfahren war, und fragte ihn unter viel
Stottern, denn ich schmte mich, was er davon halte? Martin, sagte
der, du bringst deine Nachtwachen recht im Dienst des Herrn zu, denn
wer die Werke Gottes achtet, der hat eitel Lust an ihnen, und kannst
noch einmal ein Kalendermann werden. Das wre! sagt' ich, mu denn
der Kalendermann auch ein Sterngucker sein? Allemal, sagt' er, woher
wt' er denn sonst Frhlingsanfang und die andern Zeiten, wozu den
Neumond und die Finsternisse, die noch kommen sollen, voraus? Und heit
es nicht im ersten Buch Mosis, im ersten Kapitel: Und Gott sprach: Es
werden Lichter an der Veste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht,
und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre! Da du so fleiig nach den
Sternen siehst, so mut du sie besser kennen lernen, und er gab mir aus
seinen Bchern, deren er viele hatte, ein Bchlein aus dem vorigen
Jahrhundert, das hie: Der edelen Sternwissenschaft frnehmste Stcke.
O Herr, wie ich das Buch verschlang, das kann ich euch gar nicht sagen;
ich glaub' sogar, ich hab's zu Zeiten gekt. Nach und nach lernte ich
das ganze Buch verstehen, einige lateinische Brocken abgerechnet, die
hin und wieder vorkamen, und die hat mir auf meine Bitte spter der Herr
Pfarrer verdolmetscht. Stand aber nicht sonderlich viel in dem Latein,
und htt' nach meiner Meinung auch deutsch knnen geschrieben werden.
Aus dem Buch lernte ich auch den Kalender berechnen und Sonnenuhren
machen, wie ihr deren, wenn es jetzt Tag wre, an vielen Bumen rings
umher sehen knntet. Seitdem hab' ich, durch guter Leute Hlfe, noch
manches Buch ber die edle Sternwissenschaft gelesen, und habe nie
darber mein Kohlbrennen versumt, sondern bin immer mit um so
herzlicherem Eifer an meine Tagsarbeit gegangen, weil ich dabei gute
Gedanken in meinem Kopf gehabt. Habt ihr euch je mit der
Sternwissenschaft und mit dem Kalender abgegeben, Herr, dann fahrt fort,
also zu thun; und habt ihr's nicht gethan, so thut es auf eines alten
Mannes Rath. In der Welt ist viel Traurigkeit, und wir haben hier keine
bleibende Statt, sondern die zuknftige suchen wir; da hilft die
Sternwissenschaft gar sonderlich, da unser Wandel sei im Himmel, von
dannen wir auch warten des Heilands Jesu Christi. Doch jetzt lat uns in
Gottes Namen schlafen, und haltet einem alten Mann die Redsprchigkeit
zu Gute. Mitternacht ist vorbei, das seh' ich an den Sternen hier ber
uns, sonderlich am Wagen. Also schlaft wohl und der Herr, der treue
Wchter Israel's, geb' euch gute Ruh' und fromme Trume.

O Herr, mein Gott, hab' Dank fr diese Nacht! In ihr hab' ich viel Ruhe
funden und bin erwacht wie ein Kindlein, das in seiner Mutter Aug'
sieht, wenn's die Aeuglein aufthut.

Wie ich mich erhob, so brannte schon das Wachtfeuer wieder, und der
Khler stand wieder mit der Schaufel in der Hand am Meiler, und die
Vgel sangen ihr Morgenlied, und die Sonne zeigte dem Meiler gegenber
auf einer schngemalten Uhr die fnfte Stunde des Morgens.

Gott zum Morgengru, mein Schlafkamerad, rief frhlich der Khler;
beliebt's euch, so lat uns singen mit den Vgeln um die Wett':

    Wach auf mein Herz,
    Die Nacht ist hin,
    Die Sonn' ist aufgegangen!

Und wir sangen mit einander das Lied. Dann rief der Khler mit einem
Pfiff auf dem Finger seine Ziege herbei; die gab willig ihre Milch zum
Morgentrank, und wir gingen selbander durch den Wald. Nach einer halben
Stunde ward der Wald licht; noch einige Schritte, und man sah in ein
Thal hinab, durch das ein Flchen ging und in dem mehrere Drfer lagen.
Dort, Herr, sagte der Khler, liegt Blankenau; geht nur immer hier
dem Pfad nach auf den weien Thurm zu. Und nun geb' der Herr euch das
Geleit' heim in's Vaterhaus und auf eure ganze Lebensreise! Vor Gottes
Thron sehen wir uns zunchst wohl wieder. Lat uns halten, was wir
haben, da uns Niemand die Krone raube. Amen! sagt' ich, und wir
drckten uns die Hnde und schieden. Und wie ich frba ging, so sprach
ich: Das war ein Stiller im Land, und sein Wort hat mich stille gemacht
und hat mich gelehret David's Wort verstehen: Meine Seele ist stille zu
Gott, der mir hilft. Pf. 62, 2.




7. Scheiden von der Heimath.


Wer je in der Fremde war, und ist zurckgekehrt zur lieben Heimath, der
denket gewi noch in spteren Jahren, wie sonderbar es ihm damals um's
Herz war. Wie alte Bekannte grten ihn aus der Ferne die Berge der
Heimath, wie liebe Freunde nickten die Bume ihm zu. Das Bchlein unter
den Erlenbschen schien ihn mit seinem Murmeln zu gren, und der
Kirchthurm drben, mit dem goldenen Hahn auf seiner Spitze, der allen
Kinderspielen zugesehen, wie gut schien der den Jngling noch zu kennen!
Aber wer ist auch je zurckgekehrt in's Aelternhaus nach langer
Trennung, ohne da ihm in der Nhe desselben das Herz nicht schwerer
geworden wre! Berg und Baum und Thurm stehen noch, wird aber Alles in
dem Aelternhaus selber noch auf dem alten Flecke stehen? Vater und
Mutter waren alte Leute schon, als das Reisebndel geschnrt ward, und
Brder und Schwestern sind ja auch wie die Blumen des Grases, ein Hauch
und man kennet ihre Sttte nicht mehr.

Solche Gedanken bewegten auch das Herz des Konrad Justus, als er aus der
Ferne das Jgerhaus erblickte, und unwillkhrlich blieb er stehen und
legte die Hand auf sein klopfendes Herz und befahl Gott seinen Eingang.
Ja Gott hat in's Christenherz eine Ahnung vom knftigen Leid gelegt,
nicht um es zu qulen, sondern um uns, die wir eine kleine Zeit leiden,
vollzubereiten, zu strken, zu krftigen, zu grnden.

Freundlich wedelnd und an ihm hinaufspringend begrten ihn im Hofe die
treuen Hunde, und rstig schritt er zur Hausthre hinein. Es war stille
auf der Hausflur und stille in der Kche; ringsher Alles in der
gewohnten Ordnung, aber Niemand lie sich sehen. Er ffnete die
Stubenthre, aber auch hier sah er Niemand. Die Schlafkammer der Aeltern
stand offen; er trat hinein und sah Vater und Mutter bleich und krank im
Bette liegen, und vor ihnen stand Dorothe, nicht mehr das blhende
Mgdlein von ehemals, sondern leidend und krank, und reichte den Kranken
einen khlenden Trank. Willkommen, Konrad, riefen die Aeltern, du
kommst eben zu rechter Zeit in's Klagehaus, um den Segen deiner Aeltern
dir zu holen. Des Herrn Hand liegt schwer auf uns; wir sind allesammt
krank; ein bses Fieber hat uns bis an den Tod gebracht. Dorothe hlt
sich unter Mhe noch aufrecht und droben liegt dein Bruder, der von der
Wanderschaft heimgekehrt ist, an gleicher Krankheit. Ach Gott, rief
Konrad unter lautem Weinen, sehe ich euch also wieder! Mu ich dazu
heimkehren, um euch dem Tode nahe zu finden.

Weine nicht, Konrad, sprach die Frsterin, wir Alten haben unser
Tagwerk hier unten vollbracht und ein neues beginnt droben beim lieben
Gott. Sorge du jetzt nur, da dein Herz auf unser Scheiden gefat sei,
und weise die Mgde und die Burschen an, da das Haus nicht Noth leide,
whrend wir es nicht berwachen knnen. Dann schicke deine Dorothe
hinauf in ihre Kammer, sie bedarf der Ruhe; das Fieber rttelt sie wie
uns, und sie will es nicht an sich kommen lassen.

So stand denn Konrad in seinem Aelternhaus als einziger Gesunder unter
Kranken; aber sein Herz verzagte nicht, und er pries tglich Gott, da
er ihm seine Kraft erhalten, und ihn berufen habe, Vater und Mutter in
ihrer Schwachheit zu pflegen, und den Geschwistern Trost und Strkung an
ihr Krankenlager zu bringen.

Doch ein harter Augenblick stand ihm noch bevor. Eins wie sie im Leben
gewesen, waren auch die alten Frstersleute eins im Tode; der Herr rief
sie in _einer_ Stunde ab, und lie sie ruhen in _einem_ Grabe. Unter
Gebet fr ihr Seelenheil und fr ihre Kinder schieden sie. Ohne Sang und
Klang, aber von viel weinenden Freunden begleitet, wurden sie auf dem
Kirchhof zu Braubach bestattet, und der Pfarrer, der ihr Grab
einsegnete, rief ihnen die Worte der Schrift nach: Selig sind die
Todten, die in dem Herrn sterben, von nun an. Ja der Geist spricht, da
sie ruhen von ihrer Arbeit; denn ihre Werke folgen ihnen nach! Und
alles Volk, das dastand und zuhrte, sprach: Amen! Der Gerechten
Gedchtni bleibet im Segen.

Unter den Leidtragenden war auch der Grenadier von der Marksburg
gewesen, den wir damals kennen gelernt, als Konrad die Dorothe und ihre
Mutter rettete, und der Soldat weinte wie ein Kind, und wollte sich
nicht trsten lassen, denn im Frster war ihm ein guter Freund
gestorben. Seit jenem Tage, wo Dorothe das Jgerhaus betreten hatte, kam
auch der Grenadier fter dorthin, und ob ihn gleich Niemand einlud, so
sah man ihn doch gerne, und hatte sich an sein Kommen und Gehen so
gewhnt, da er fast zu den Hausfreunden gerechnet wurde. Der Grenadier
Scheuermann, denn so hie er, war eine alte deutsche Soldatennatur, wie
man sie jetzt gar nicht mehr findet. Von frommen Aeltern aus einem
Drfchen des Vogelsberges ausgegangen, war er gezwungen Soldat geworden,
hatte aber sein Handwerk, wie er es nannte, lieb gewonnen, und begehrte
nichts anders zu werden, denn Soldat. In fnfundzwanzigjhrigem Dienst
hatte er es noch nicht weiter gebracht, denn zum Corporal, ob er gleich
ein Muster von Ordnung im Dienst, und, wie seine Officiere sagten, ein
sehr tapferer Soldat im Kriege war. Selbst ohne Weib und Kind, hielt er
das Familienleben sehr hoch, war gern bei friedfertigen Eheleuten, und
liebte die Kinder so sehr, da sie ihn, wo er war, schnell kannten und
freundlich grten. Dabei war der Corporal glubig, wie der Hauptmann
von Kapernaum, und nach dem Heil begierig, wie Cornelius, und wer mit
ihm redete von Gottes Wort, dem war er Freund und ging fr ihn durch ein
Feuer, wie das Sprchwort sagt. Das war es, was ihn nach dem Jgerhaus
zog und was ihn festhalten lie an den treuen guten Menschen, die dort
wohnten. Wute er dem alten Frster oder seiner Hausfrau einen Dienst zu
thun, oder gar der Jungfer Dorothe, die sein Augapfel war, so war Keiner
froher, als der Scheuermann. Wie dann die bsen Tage in's Haus des
Frsters kamen, da lie er sich Urlaub geben, und wich nicht aus dem
Jgerhaus, und kam Wochen lang in kein Bette, und war die
Dienstfertigkeit und Freundlichkeit selbst. War es ein Wunder, da die
treue Seele am Grabe der Frstersleute weinte und sich nicht wollte
trsten lassen! Wenige kannten dich, du guter Soldat, und dein treues
Herz; aber wie dort der Geist Gottes zu Cornelius sprach: Dein Gebet
ist erhret und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott, so ist auch
deiner Treue droben im Himmel gedacht worden. Gehe ein zu deines Herrn
Freude! --

Zurckgekehrt von der Aeltern Grab, lastete eine neue Sorge auf Konrad's
Herz. Er wollte seinem Bruder, der noch krank lag und fr sich selber
nicht sorgen konnte, den Dienst des Vaters verschaffen, damit der liebe
Ort der Heimath der Familie erhalten bliebe. Er schrieb Briefe auf
Briefe an alle Gnner und Freunde seines Vaters; er warb bei der
Landesbehrde um die Stelle, und der Corporal Scheuermann that manchen
Gang um Gunst und Frsprache, wie es damals noch mehr geschehen mute,
denn heut' zu Tage. Von einem solchen kam der Soldat einst in trber
Stimmung zurck. Er war dem Gerst begegnet, den man jetzt den Herrn Rath
nannte, und der hatte ihm zugerufen: Scheuermann, ich wei, was euer
Gehen und Laufen bedeuten will, geht nur heim und schonet eure Beine, so
lange der Gerst lebt, kommt kein Justus wieder als Frster in's
Jgerhaus und auch kein Justus in's Pfarramt. Das sagt den Shnen des
alten Frsters und der Jungfer Dorothe richtet auch meinen schnen Gru
aus, wenn es euch gefllt. Da hatte der Corporal nicht Ansehen der
Person geachtet, sondern war dem Gerst mit Worten und Werken so zu Leibe
gegangen, da der Corporal einige Tage bei halber Kost auf dem
Gefngnithurm hatte sitzen mssen. Als er wieder frei war, erzhlte er
es dem Konrad, und tiefe Trauer ergriff darob das Herz des Jnglings.
Also meine Prfungszeit soll noch nicht vorbergehen, rief er, nun
Herr, dein Wille geschehe! Euch aber, Scheuermann, bitte ich, behaltet
das bse Wort des Gerst fr euch und theilt es dem Heinrich und der
Dorothe nicht mit; es ist genug, da ich allein davon leide. So meint's
wohl der Apostel, wenn er sagt: Die Liebe sucht nicht das Ihre, sie
trget der Schwachen Gebrechlichkeit. --

Auch kam der Tag der Entscheidung bald. Kaum hatten Heinrich und Dorothe
sich einigermaen von ihrer Krankheit erholt, so erschien ein fremder
Frster und wnschte Besitz von Amt und Haus zu nehmen. Die Brder
suchten nicht das Unrecht eines Andern an dem Fremdling, als an einem
Broddieb, zu rchen, wie denn berhaupt ihr Herz keine Rache kannte.
Sie hieen den Fremden willkommen, ja Heinrich sprach sogar: Es ist mir
lieb, Konrad, da dein Bemhen zu meinen Gunsten nicht geglckt ist; es
gefllt mir nicht in der Heimath; ich gehe lieber wieder nach Holland,
wo ich einen guten Dienst gefunden habe, und auch einst, wenn es Gott
gefllt, meine Heimath finden will. Und meinst du es wohl mit dir, so
gehe auch von hier weg; es ist selten, da man die Shne um der Vter
willen lieb hat und hochhlt. Undank ist der Welt Lohn. Aber eine Bitte
habe ich an dich, ehe wir scheiden, die mut du mir erfllen, um der
Liebe willen, die du zu mir hast. La' Dorothe mit uns theilen, als wre
sie unsere Schwester. Sie hat Jahre lang den Aeltern gedient, und ist
von ihnen als eine Tochter gehalten worden, soll sie jetzt leer
ausgehen! Sie ist ein schwaches Mgdlein und steht einsam in der Welt,
und wer wei, wie lange es noch dauert, bis sie in dein Haus eingehen
kann als dein Weib. --

Da griff Konrad in seine Tasche und reichte dem Bruder ein Papier, und
dann bedeckte er mit den Hnden sein Angesicht und weinte laut. Das
Papier war von des Frsters Hand geschrieben, kurz vor seinem Ende, und
in demselben bat er die Shne, um der Liebe willen, die sie zu ihm
gehabt, Dorothe als ihre Schwester zu betrachten und ihr Erbgut mit ihr
zu theilen. Und sie riefen die Schwester und zeigten ihr des Vaters
Testament und theilten mit ihr das Gut. -- Siehe, wie fein und lieblich
ist es, da Brder eintrchtig bei einander wohnen. Wie der kstliche
Balsam ist, der vom Haupt Aaron's herabfliet -- wie der Thau, der vom
Hermon herabfllt auf die Berge Zion.

Denn daselbst verheit der Herr Segen und Leben immer und ewiglich. --

Das Gut war bald getheilt, denn der Frster Justus gehrte nicht zu
denen seines Standes in damaliger Zeit, die ihr Gut mehrten mit fremdem
Gut und sich durch Geschenke und Gaben verblenden lieen, ein Aug' im
Dienst zuzudrcken. Nur ein guter Wohlstand war im Hause, nicht ein
trglicher Reichthum, von dem man nicht gewut htte, wie er
hineingekommen wre.

Das Gut war bald getheilt, denn der Frster Justus war ein guter
Haushalter und hielt streng auf Ordnung im Groen wie im Kleinen; so
waren denn seine Bcher und Rechnungen so klar und verstndlich, da
keine Advokaten und Procekrmer sie zu entwirren brauchten, um im
Trben selbst nach Herzenslust zu fischen.

Wenn ich also theilen sehe unter Geschwistern, und der Hader und die
Migunst sitzt dabei zu Rathe, so mein' ich immer, das Gut, das sie
theilen, mu kein ehrlich Gut sein, weil es schon jetzt nicht mehr bei
den Erben bleiben will, sondern hinaus mchte unter die bsen Rathgeber.

Das Gut des Frsters Justus war bald getheilt, denn die Liebe sa dabei
zu Gericht, nicht mit verbundenem Aug', wie die Gttin Gerechtigkeit,
sondern mit dem klaren, offnen Aug' der Treue.

Aber Scheiden und Meiden thut weh, am wehesten, wenn Vater und Mutter
todt sind, und die Kinder den trauten Ort der Kindheit, das Aelternhaus,
verlassen mssen, um Jedes fr sich eine neue Heimath zu suchen. Und die
Heimath ist oft so leicht nicht gefunden. So ward auch denen dort im
Jgerhaus der Abschied gar schwer; denn nach drei verschiedenen
Richtungen wandten sich ihre Wege. Heinrich ging nach Holland, Dorothe
zu einer braven Familie im Nassauischen, wo man sie lieb hatte, und wo
sie nur dem Namen nach diente, der That nach aber wie das Kind vom Hause
war; und Konrad Justus, wohin ging der? Die Seinen wuten es whrend
mehrere Jahre nicht; er suchte eine Heimath und ein Stck Brod.

       *       *       *       *       *

So waren sieben Jahre hingegangen. Da sa an einem Novemberabend ein
Mann in mittleren Jahren an einem kleinen Tischchen, das just, weil es
kalt war, in die Nhe des Ofens gerckt war, und las und schrieb. Die
Stube war klein und niedrig; zwei Fenster mit alten runden Scheiben
erhellten sie nothdrftig am Tage, und an jenem Abend warf eine kleine
Oellampe ihren matten Schimmer auf das kleine Tischchen und auf das
blasse, aber geistreiche Angesicht des Mannes, der fleiig in seinen
Bchern las. Nicht fern vom Ofen stand ein Bette, und an der Seite, der
Thre gegenber, war ein langer Tisch mit Kreuzbeinen aufgestellt, vor
welchem und hinter welchem Bnke zum Sitzen standen, wie man sie in den
Schulen hat. Die obere Seite des Tisches stand etwas von der Wand ab,
und dorthin schien der Grovaterstuhl zu gehren, der jetzt dem Ofen
nher geschoben war, und in dem der Mann sa. In der Ecke, der Thre
zunchst, stand, an die Wand gelehnt, eine Harfe mit etlichen
Notenblttern zwischen den Saiten, und an der langen Wand hin ging ein
sogenannter Kambank, auf welchem eine schne Reihe Bcher stand. Das
Huschen, in dem der Gelehrte wohnte, stand in der Stadt Gieen im
Lande Hessen und stie mit seiner Vorderseite in ein enges Gchen, der
Tiefeweg genannt, whrend die hintere Seite, von der wir hier reden, die
Aussicht in ein dumpfes Grtchen hatte, hinter welchem sich der Wall
erhob; denn Gieen war damals noch eine Festung. Es war eine
Todtenstille in dem Stbchen des Mannes, nur unterbrochen durch das
leise Umschlagen eines Blattes, oder durch das dumpfe Knarren der Feder
in der Hand des Schreibenden. Da klopfte, es mochte wohl acht Uhr am
Abend sein, eine Hand leise an die Thre des Stbchens, und auf ein
lautes Herein! des Mannes, ffnete sich die Thre, und ein altes
Mtterchen, angekleidet wie die unbemittelten Brgerinnen der damaligen
Zeit, mit einem weiten Mutzen von Bieber, dessen Sche wie Klappen ber
den Rock von gleichem Tuch herabfielen, und ein gesteiftes Hubchen auf
dem Kopf trat zur Thre herein, machte einen anstndigen Knicks, und
sagte mit einer klaren Stimme, indem es die hellen und lebhaften Augen
auf den Dasitzenden richtete: Ist es erlangt, Herr Justus, so kehr' ich
heute Abend ein wenig bei euch ein. Es ist mir drunten in meinem
Stbchen etwas unheimlich geworden, weil die Nachbarin, die Annelore,
mir heute nicht Gesellschaft leisten konnte. Mein Wollrad soll euch
nicht incommodiren, ich hab's just frisch geschmiert, und euch dazu hier
etwas mitgebracht, wofr ich wohl auch ein freundlich Gesicht bekomme,
Aepfel, wie sie nur auf dem Nahrungsberg wachsen knnen, einen Ranau,
einen wahren Prinzenapfel, und hier noch Borstorfer dabei, die einem mit
ihren rothen Bcklein anlachen. Und die Alte stellte den irdenen Teller
mit den Aepfeln auf das Arbeitstischchen.

Eure Aepfel sind willkommen und ihr dabei, Mutter Lindin, sagte der
Candidat Justus, denn dieser war der Mann in dem Stbchen. Frchtet
auch nicht, da euer Wollrad mich stre; ich mache gerne Feierabend, und
plaudere mit euch ein Stndchen und drber. Und so macht's euch denn
bequem und setzt euch, oder nehmt hier meinen Lehnstuhl, den ihr euch
ohnedie schon in euren alten Tagen entzogen habt; von Rechtswegen
solltet ihr ihn behalten. Behte, Herr Justus, sprach abwehrend die
Alte, Ehre, dem die Ehre gebhrt; ihr sitzt leider Gottes mehr wie ich
und braucht ein Polster, euch am Abend fr euer sauer Tagewerk
auszuruhen. Mein Alter hatte oft ein Sprchwort im Munde, das hie:
Lehrerbrod, sauer Brod, und geb' ihm Recht, seit ich euch um euer
tglich Brod also schanzen sehe. Wenn mir's nachginge, ich htte lngst
was Anders aus euch gemacht.

Der Justus rtschte verlegen auf seinem Stuhle hin und her, und um dem
Gesprch eine andere Wendung zu geben, fragte er: Sagt, Frau Lindin,
wie geht es denn der Kranken, zu der ihr heute Morgen gerufen wurdet,
ist sie besser, oder hat sie der liebe Gott zu sich genommen?

Die Schuckin meint ihr, Herr Justus, des Daniel Schucks am Burggraben
Ehefrau? Die ist sanft und selig im Herrn entschlafen. Sie war ziemlich
von meinem Alter, und hat wie ich Manches in der Kreuzschule gelernt,
und wir haben uns oft einander getrstet und uns versprochen im letzten
Stndlein uns beizustehen. Das hab' ich denn nach des Herrn Rath thun
mssen, und hab's gethan ohne Heulen und Greinen. Was hilft's, Frau
Schuckin, sagt' ich zu ihr, wenn ich euer Herz durch Klagen schwer
mache, lat uns vielmehr mitsammen uns freuen, da ihr bald ausgespannt
werdet und zum Herrn kommt! Und wie ich ihr dann das Kopfkissen
zurecht gelegt, und zu beten anhub: Christi Blut und Gerechtigkeit, das
ist mein Schmuck und Ehrenkleid, da sprach sie mit einer Stimme, die
aus dem tiefsten Herzen kam: Darin will ich vor Gott bestehen, wenn ich
zum Himmel werd' eingehen. Und dann ist sie entschlafen, und hat mir
droben Quartier gemacht, und wie sie gestorben ist, so will ich auch
sterben;

    Ich glaub' an Jesum, welcher spricht:
    Wer glubt, der kommt nicht in's Gericht.
    Gott Lob, da ich es glauben kann!
    Auch meine Schuld ist abgethan.

Doch, da ich von etwas Anderm rede, noch eine Neuigkeit fr euch, Herr
Justus, die euch gewi erfreuen wird. Wie ich heute zum Thore am
Neuenweg hinaus will, um in meinen Garten zu gehen, so wandelt just ein
Soldat in der Sonne auf und ab, den ich bis dahin nicht gesehen hatte,
wie denn berhaupt die Compagnie, die dort lag, eine fremde zu sein
schien. Ich biete dem Soldaten die Zeit und der Soldat dankt freundlich,
und fragt: Wohin so eilfertig, Mtterchen? Mit der Eilfertigkeit
pressirt es just nicht, sagt' ich, Unsereins lehrt das Alter gemach
thun; will noch etwas in meinem Garten am Nahrungsberg holen, sagt'
ich. Ist doch jetzt keine Zeit mehr zum Gartenbesuch, sagt' er. Ja
wohl, sagt ich, sind aber noch etliche Kohlstengel drauen geblieben,
die htt' ich gerne heim. Eure Compagnie scheint noch nicht lange in der
Stadt zu sein, und habt ihr etwa noch Niemand, der euch wascht und
flickt, so wisset, da ich dergleichen um ein Geringes gern thue. Ich
wohne auf dem Tiefenweg neben dem Wall, fragt nur nach der Barbara
Lindin, jed' Kind kann euch zu mir weisen; und sollt' ich ja nicht zu
Haus sein, so gebt nur meinem Hausmann das schwarze Zeug, der Herr
Justus wird es sorgsam aufbewahren. Der Herr Justus, sagt' er, was
ist's mit dem, heit euer Miethsmann Konrad Justus, und ist er seines
Berufs ein Theologe? Ja, sagt' ich, der wohnt bei mir; und woher
kennt ihr ihn? Ich bin der Corporal Scheuermann, sagt' er, und habe
den Herrn Justus eher gekannt, als ihr. Ja, sagt' ich, wenn ihr der
seid, so kenne ich euch auch, denn der Herr Justus hat von euch auch
schon erzhlt, und euch ein gut Zeugni gegeben. Hat er das gethan?
sagt' er, und dem Mann flossen ja, so wahr ich lebe, die Thrnen ber
die Backen herunter. Und was ist Herr Justus hier, fragt er, und geht
es ihm wohl? Es geht ihm wohl, gab ich zur Antwort, knnt' ihm aber
auch besser gehen; und so redeten wir ein Langes und Breites von euch
und wurden gute Freunde mit einander. Und wie ich ging, so trug mir der
Corporal einen freundlichen Gru an euch auf und er wolle euch bald
besuchen.

Der gute Scheuermann von der Marksburg, sprach gedankenvoll der
Justus; also denkt er mein noch. Habt Dank Frau Lindin fr die
Nachricht, sie hat mir wohl gethan. Man hrt selten von seinen alten
Freunden; hat Jeder seine Last mit sich und seine Lust fr sich, das ist
so der Welt Lauf.

Ihr knntet wohl auch eure Lust fr euch haben, Herr Justus, hub die
Alte mit leisem Tone an, indem ihre scharfen Augen den Eindruck zu
beobachten schienen, den ihre Rede auf den Zuhrer mache, ihr knntet
auch eure Lust fr euch haben, sag' ich, wenn ihr euch nur darnach
stelltet. Nehmt es nicht fr ungut, wenn ich alte Frau mir einmal ein
Herz fasse und von der Leber weg zu euch rede; seit ich mit dem Corporal
Scheuermann ber euch gesprochen, mein' ich ordentlich mehr Muth
gesammelt zu haben. Also lat mich frisch heraus reden. Ihr seid eures
Standes ein Gottesgelehrter, und das ein rechtschaffener und kapitaler,
und wenn's mir nachginge, ich machte euch heute noch zum
Superintendenten, oder mindestens zum Inspector. Statt dessen wohnt ihr
nun schon sieben Jahre in meinem Hause, arbeitet wie Einer, der erst
anfngt, helft den lockern Studenten, die ihrer Aeltern Geld und Gut
verprat haben, durch's Examen, stutzt den Faulenzern den Doctorhut
zurecht, tretet den Herrn Professoren all' ihren lateinischen Quark aus;
und so lange sie euch brauchen, heit's Herr Justus hier, Herr Justus
dort; und wenn sie haben, was sie wollen, was geben sie euch? Einen
Lohn, dessen sich diese sauberen Herrn schmen sollten. Heit's doch:
Dem Ochsen, der da drischt, sollst du das Maul nicht verbinden, und
ein Arbeiter ist seines Lohnes werth; aber euer Lohn ist fr's Sterben
zu viel und fr's Leben zu wenig, und Keiner ist so ehrlich, eurer zu
gedenken und euch zu einem Stck Brod zu verhelfen. Sind Alle sammt und
sonders wie der Mundschenk, der des Joseph verga. O Schande ber die
Pack!

Und wenn ich gar an die Rangen denke, denen ihr Tag fr Tag hier am
Tische das Latein einblut, Herr, dann vergeht mir ganz mein bischen
Geduld. Von eurem Latein versteh ich nichts; aber von der Unterweisung
zur Seligkeit, die ihr ihnen gebt, glaub' ich ein gutes Theil wohl
begreifen zu knnen, und doch sitzen die Rangen da, so dumpf und stumpf,
so verhagelt und vernagelt, da ich an eurer Stelle lngst den Bakel
gebraucht und ihnen Moses und die Propheten durch den Rcken
eingetrieben hatte. Und wenn sie dann zur Treppe herunterkommen, dann
solltet ihr einmal die Gesichter und Gestus sehen, die sie machen, man
sollte meinen, es htte Jeder droben sein Prmium verdient. Einer stellt
dem Andern ein Bein, schlgt ihm die Bcher unter'm Arm weg, oder klemmt
ihm gar den Zopf in die Hausthre. Aber, mein' ich dann, ich hab's ihnen
vertrieben; thut euch der Herr Justus nichts in seiner Engelsgeduld,
dacht' ich, so will ich euch Mores lehren. Ich nahm den Ziemer, der noch
von alter Zeit her hinter dem Ofen hngt, in meine Fuste, und sagte
kein Wort, und stellte mich nur unten an der Treppe auf, und sah Einem
nach dem Andern in die Augen; mein' ich dann, das Toben verging ihnen!
Das ging so zwei Tage; am dritten, als sie herunterkamen, boten sie mir
schon freundlich die Zeit: Schn Dank, ihr jungen Herren, sagt' ich,
und hing meinen Ziemer wieder hinter den Ofen. Doch damit ich meine Rede
nicht vergesse, das erzhl' ich Alles nur darum, damit ich euch
begreiflich mache, da Undank der Welt Lohn sei. Die Buben sind lauter
Shne von unsern schnsten Leuten hier aus der Stadt: Rathsshne,
Professorsshne, Officiersshne; wo fllt es nur Einem dieser vornehmen
Herrn einmal ein, fr den Herrn Justus ein gutes Wort einzulegen!
Bewahre! Als frischmelkende Kuh betrachten sie ihn, da sie diesen
Bffeln von Buben die Milch gebe. Ich fr mein Theil liee es bleiben.
Haben sie euch ausgemolken, und seid ihr alt und steif, so giebt euch
Keiner das Gnadenbrod. Das war's, was ich sagen wollte; nichts fr
ungut, Herr Justus!

Der Kandidat Justus hatte die Rede seiner Hauswirthin mit der grten
Ruhe angehrt, und als sie fertig war, und sich mit der Schrze den
Schwei von der Stirne gewischt, auch den verlorenen Faden auf ihrem
Wollrad wieder gesucht hatte; da sah er sie an mit einem Blick, von dem
es schwer zu sagen war, ob er ein billigender, oder ein vorwurfsvoller
sein sollte. Er putzte das Licht und dann sagte er gelassen: Ich habe
euch euer Herz einmal ausschtten lassen, Frau Lindin, wozu ihr, seitdem
wir zusammen leben, schon manchen Ansatz gemacht habt; und damit ihr
seht, da ich euer Wohlmeinen verstehe, ob es gleich etwas derb an Mann
gebracht worden ist, so lat mich euch sagen, was ich von mir und meinen
Ansichten halte. Fr's Erste, so wei ich, da unser Keiner ihm selber
stirbt und unser Keiner ihm selber lebt: da unser Herrgott uns an
seinen getreuen Hnden leitet und fhret, und da Alles von ihm kommt:
Glck und Unglck, Leben und Tod, Armuth und Reichthum. Da ich solches
wei, was soll ich meinem Gott den Gehorsam aufkndigen und ihm sagen:
Deine Wege gefallen mir nicht, fhr' mich besser! Nein, da will ich
lieber in seiner Schule bleiben und mit David sagen: Du leitest mich
nach deinem Rath und nimmst mich endlich mit Ehren an. Zum Andern, so
hat es mir bis dato nicht sonderlich gemangelt, und ich mu auch, wenn
der Herr mich fragte: Hast du je Mangel gehabt? wie seine Jnger
sagen: Herr, nie keinen. Wenn ich einem meiner Mitmenschen kann einen
Dienst thun, zu dem ich Geschick und Zeit habe, und ist keine unehrliche
Handthierung, warum soll ich so ngstlich um den Lohn feilschen? Und
sind sie einig mit mir geworden um ein Geringes, was soll ich hinten
drein scheel sehen und sagen: Htte auch mehr geben knnen. So meint's
meine Dorothe auch, und wenn ich heute zu ihr kme, und sagte: So hab'
ich's bis dahin gemacht; macht' ich's anders, so konnt' ich dich
vielleicht frher freien, sie wrde mir sicher zur Antwort geben:
Bleibe fromm und halte dich recht, denn solchen wird es zuletzt
wohlgehen. Auch hab' ich in den sieben Jahren, die mich mein Gott hat
abermals warten lassen, so viel Neues gelernt, da ich nun um so besser
bereitet bin, wenn er kommt und spricht wie zu Petro, auch zu mir:
Justus, hast du mich lieb? So weide meine Lmmer. Zum Dritten, und
das ist's wohl, was sie am Liebsten hren mchte, weil sie mich
nachgerade fr ein Schaf hlt, das nicht aus seinem Stall mchte, so
hab' ich manchen Schritt gethan bis dahin, zu Amt und Brod zu kommen.
Denn ich habe gesehen, wie alle meine Kameraden sind vor mir in's Amt
gekommen, und waren nicht lauter berufene Diener, und ist auch Mancher
wie ein Dieb in den Schafstall hineingestiegen. Ich hab' auch angeklopft
an dieser und jener Thre; ich hab' den Rcken gebeugt und den Hut in
der Hand gehabt; ich hab' gebeten und bin Bittens nicht mde geworden;
aber es gebt mir eben wie dem Kranken am Teich Bethesda, ich habe
Keinen, der mich hineintrgt, wenn das Wasser bewegt wird. Daraus merk'
ich, da meines Herrn Zeit noch nicht da ist. La' sie denn, Frau
Lindin, la' sie den fr mich sorgen, der die Vgel nhrt und die Lilien
kleidet.

Und wie die alte Lindin sich die Augen mit der Schrze abgetrocknet, und
solche Rede eine gute Rede geheien, und sich verabschiedet, und den
frommen Miethsmann in ihren Abendsegen eingeschlossen hatte; da hrte
sie aus dem Oberstbchen herab den sanften Ton der Harfe und hinein
klang voll und krftig das Lied: Was mein Gott will, gescheh' allzeit!

Wieder war es Abend, und der Candidat Justus sa wie gestern in seinem
Lehnstuhl und las und schrieb; da kam die Hauswirthin keuchend zur Thre
hereingerannt, und rief: Um Gottes Willen, Herr Justus, es sind
Soldaten drunten mit Einem von der Polizei, die fragen nach euch und
wollen euch arretiren! Und wie die Alte das kaum gesagt, und die Augen
mit der Schrze bedeckt hatte, da traten die Soldaten mit ihren Gewehren
in der Hand in die Stube hinein, und der Mann von der Polizei sprach:
Seid ihr der Candidat Justus? Ja! sagte ruhig der Angeredete.
Dann, war die Antwort, lautet mein Auftrag, euch zu verhaften und auf
die Hauptwache abzuliefern; auch eure Schreibereien soll ich mit mir
nehmen. -- Und wie er das gesagt, so raffte er alles Geschriebene, das
auf Tisch und Kambank lag, auf; durchsuchte auch die Kiste in der Ecke,
und nahm daraus mit, was geschrieben war.

Das geschah Alles so pltzlich, so schnell und unerwartet, da die alte
Lindin selbst, die sonst nicht leicht aus der Fassung zu bringen war,
wie versteinert in einer Ecke stand und Einen nach dem Andern anstarrte.
Nur einmal brach Justus das Schweigen und fragte: Was gibt man mir denn
Schuld? Wird der Herr selbsten am Besten wissen, lautet die Antwort.
Und auf wessen Befehl werde ich verhaftet? fragte er noch einmal. Auf
Befehl des Herrn Rath Laupus, antwortete der Polizeibeamte.

Wie er ging und stand wurde dann der Candidat Justus abgefhrt, und die
Thre ward hinter ihm versiegelt. Und wie sie hinaus traten, war schon
allerlei neugierig Volk um das Haus versammelt; das theilte sich so
laut, da es der arme Gefangene hren konnte, seine Bemerkungen ber
den Vorfall mit, und je weiter man ging, desto mehr schlossen sich dem
Zuge an. Es war Martinsabend, und wer daheim keine Gans zu verzehren
hatte, der wollte doch wenigstens bei einem vollen Glas einen guten Rath
halten ber den Preuenknig und die Kaiserlichen.

So langte der Zug auf der Hauptwache an, und Justus wurde in das
Arrestzimmer im oberen Stock gefhrt, und die Thre schnell hinter ihm
verschlossen.

Da stand er denn, der Vielgeprfte, stand in der Dunkelheit vllig
allein, nur Einer war bei ihm, sein treuer Gott, und vor dem prfte er
sein Gewissen, und zu dem betete er aus Herzensgrund um Trost und
Strke. Herr, mein Gott, so betete er, du treuer Wchter, der du
nicht schlfst, noch schlummerst, der du die Armen hrest und die
Gefangenen nicht verachtest, la vor dich kommen mein Seufzen und hilf
mir aus meiner Noth. Herr, ich wandre im finsteren Thal und doch frchte
ich kein Unglck; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trsten
mich! Und wie er das Gebet gesprochen und nach dem Fenster sich
hingetastet, von wo ein Lichtstrahl von der Laterne vor dem Wachthause
in die Stube fiel, so wurde es laut vor der Thre. Man zndete Feuer im
Ofen an, und das Knistern der Funken trstete ihn. Nicht lange, so ging
die Thre auf, ein Soldat trat mit einem Lichte herein, stellte es auf
die Pritsche und fiel unter Weinen dem Gefangenen um den Hals. Ich
bin's, Herr Justus, erschrecket nicht, ich bin's, der Corporal
Scheuermann ist es, rief er schluchzend; mu ich euch so wiedersehen,
meines alten Freundes vom Jgerhaus Sohn, als Gefangenen wiedersehen,
und bestimmt sein, euch zu arretiren und euch zu bewachen? Gelt, ihr
habt nicht gewut, wer euch gefangen nahm dort in eurer Wohnung. Ich
schlug das Auge vor euch nieder, als sei ich der Arrestant. Aber um
Christi willen, was habt ihr denn gethan, da ihr bei Nacht und Nebel
einem Diebe gleich mt ausgehoben werden? Ich wei nicht, wessen man
mich anklagt, sprach mit fester Stimme der Gefangene. Wir fehlen Alle
mannigfach, aber die Snden des Herzens richtet ja die Obrigkeit nicht,
und einer Snde, die meinen Nchsten gekrnkt htte, wei ich mich nicht
zu erinnern. Ich habe sieben Jahre lang hier in der Stadt mir mein Brod
verdient, und ich glaube ehrlich und sauer genug; meine Unschuld wird
bald an's Tageslicht kommen. Nun, wie es auch sei, sprach der
Corporal mit einem herzlichen Hndedruck, so bleib' ich euer Freund;
der alte Scheuermann vergit seiner Freunde nicht. So lang ihr hier
sitzet, tausche ich mit meinen Kameraden, da ich die Wache bei euch
behalte. Da nehmt einstweilen meinen Mantel und stellt euch an den Ofen;
es friert euch.

Damit ging er, und kam bald mit einem Pausch Stroh wieder, den er auf
die Pritsche warf. Ein besseres Bett darf ich euch heute nicht machen,
sagte er; der Dienst erlaubt's nicht; aber mein Gast drft ihr sein;
hier in dem Krbchen ist mein Abendbrod, das theilt mit mir. So that
Justus.

Nur auf kurze Zeit verlie ihn manchmal der Corporal, um seines Dienstes
zu warten; und als um neun Uhr das Licht in der Arreststube gelscht
werden mute, saen die Beiden, der Gefangene und sein Wchter, noch
manche Stunde bei einander und redeten von der Vergangenheit: von Vater
und Mutter, von Heinrich und Dorothe, vom Jgerhaus und der Marksburg,
vor Allem aber vom Rath Gottes in der Menschen Schicksal, und da man
ihm stille halten und nicht verzagen msse.

Einst, wenn des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, dann
wird er sagen zu denen zu seiner Rechten: Ich bin gefangen gewesen und
ihr seid zu mir gekommen. Wahrlich, ich sage euch, was ihr gethan habt
Einem unter diesen meinen geringsten Brdern, das habt ihr Mir gethan.

So gingen drei Tage hin; ein Verhr ward nicht gehalten, auch ward dem
Gefangenen nicht gesagt, warum man ihn festgenommen. Er sah Niemand bei
sich, als den Corporal; denn auch seine Hausfrau, die ihm regelmig das
Essen brachte, durfte nicht zu ihm; so lautete der Befehl.

Am Abend des vierten Tages lie sich bei dem Rath Laupus eine Frau aus
der Stadt melden, die in einen Schanzenloper gewickelt, und mit einer
Laterne in der Hand, auf der Hausflur stand. Der Herr Rath hatte
dringende Arbeit und nahm die Frau ungern an; doch willigte er endlich
in ihr Begehren, und die Frau Lindin vom Tiefenweg stellte ihre Laterne
an die Thre und trat ein. Der Herr Rath wollen gndigst
entschuldigen, sprach sie, da ich dieselben noch am Abend zu
incommodiren mir erlaube; aber mein Miethsmann, der Candidat Justus,
sitzt nun schon seit vier Tagen ohne Verhr und Urtheil auf der
Hauptwache, und ich mchte wissen, wen ich denn eigentlich bis dahin in
meinem Hause beherbergt habe ganzer sieben Jahre, einen kreuzbraven,
lammfrommen Menschen, oder einen Spitzbuben, den man bei Nacht und Nebel
mit Soldaten aus dem Hause holt?

Der Herr Rath sah die Sprecherin von oben bis unten an, und meinte mit
kurzen Worten, das gehe die Frau Lindin nichts an, sie solle der Sache
ihren Gang lassen. Die Sache gehe mich nichts an, Herr Rath, rief die
Frau; ei, wen soll sie denn sonst angehen? Htte der Herr Justus noch
Aeltern und Geschwister, die sich seiner annehmen knnten, dann gelte
mir auch: 'Was deines Amtes nicht ist, davon la' deinen Frwitz;' so er
aber Niemanden hat, denn mich, und allein steht in der Welt, und seinen
Feinden nicht zum Spott werden soll, so lange ich lebe, und ich ihn lieb
habe wie ein Kind, und nicht von ihm lassen werde, und wenn man ihn
gleich zu Boden werfen will; so mge der Herr Rath einer armen, alten
Frau die freie Rede zu gute halten, und mir reinen Wein einschenken,
warum der Herr Justus wie ein Verbrecher in Ketten und Banden gehalten
sei. Nun, nun, sagte begtigend der Herr Rath, bis zu Ketten und
Banden sind wir noch lange nicht; was aber dem Justus schuld gegeben
wird, und wobei ein dringender Verdacht auf ihm ruht, das ist, da er
bei der Flschung einer Urkunde soll mitgeholfen haben, ja vielleicht
die Flschung selbsten gethan hat.

Flschung einer Urkunde? sagte die Frau und ging einen Schritt zurck,
um eben so schnell wieder vor den Herrn Rath hinzutreten; Flschung
einer Urkunde? fragte sie noch einmal. Wie, Herr Rath, nicht wahr, die
Rokaut' an der Lahnbrcke ist tief, und hat noch Niemand Grund in ihr
gefunden, und stirbt jeder Christenmensch gerne eines seligen Todes auf
seinem Bette; aber seht, Herr Rath, ich Barbara Lindin, des seligen
Matthes Lind vom Tiefenweg eheliche Hausfrau, will mit gleichen Fen
von der Lahnbrcke herab in die Rokaut' springen, meintwegen an jedem
Bein noch einen Stein wie die Lwen auf dem Marktbrunnen, wenn der Herr
Justus ein Flscher ist. Der Herr Justus ein Flscher; ei, Herr Rath,
fliet auch aus einer Quelle ses und salziges Wasser zugleich, und
tragen die Weinstcke auch Distelkpfe? Und wer sieben Jahre lang kein
Kind gergert, und im Schweie seines Angesichtes sein Brod gegessen
hat, und mit dem Abendsegen in's Bett gegangen und mit gottseligen
Gedanken aufgestanden ist, der soll der Diebe und Lotterbuben Geselle
werden? Sucht die Spitzbuben unter den Miggngern und Tagdieben, unter
den Sufern und Spielern, aber sucht sie nicht in meinem Hause; solche
Unzucht dulde ich nicht, die thut auch der Herr Justus nun und
nimmermehr. Der und betrgen, der und flschen! Wo htte er denn den
Sndenlohn! Was er einnimmt, das gibt er mir fr Hausmiethe, Wasche und
Kost und hat nicht immer die Kasse voll, sondern viel fter leer. Traut
ihr ihm aber mit Gewalt etwas Arges zu, so seht in seine Schreibereien
hinein; da steht Alles, was er treibt und thut, ich glaube schier, sogar
was er denkt. Nicht da ich's schon gesehen htte, denn ich kann
Geschriebenes nicht sonderlich lesen; auch schickte sich das Spioniren
in fremder Leute Stuben nicht; sondern der Herr Justus hat mir selber
gesagt, da er aufschreibe, was ihm geschieht im Leben, damit er immer
sehen knne, wie gut ihn der liebe Gott gefhrt und ob er zu- oder
abgenommen.

Ein Anderer an des Herrn Raths Stelle htte der Frau ob ihrer freien
Rede kein freundlich Gesicht gemacht, htte sie wohl mit harten Worten
angelassen. Aber das that der Herr Rath nicht, denn einmal war er ein
gar feiner, liebreicher Mann, und migte als ein Vernnftiger seine
Rede, und dann kannte er die Weise der Frau Lindin gar genau, wie sie
die ganze Stadt kannte; er wute, da ihre Rede zwar nicht immer wie
Honig war, da ihr Herz aber ein warmes, treues Christenherz sei, voll
Liebe zu Gott und voll Treue gegen die Menschen.

Wohl kannten dich noch Mehrere so, du gute, alte Lindin. Noch leben
Etliche, denen ihre Aeltern von der treuherzigen, oft etwas derben Weise
der alten Lindin erzhlt haben, und wie sie als uraltes Mtterchen, auf
ihren Stock gesttzt, die Kranken und Sterbenden besucht, und mit dem
Verdienst Jesu Christi getrstet und aufgerichtet habe. Dabei immer noch
der Wille so fest, der Abscheu gegen die Alltagssnde so scharf und
scheltend, das Auge so klar und feurig, die Rede so tief und feierlich,
und das Herz in der Brust so warm. So mein' ich, mte Hanna gewesen
sein, die auf den Trost Israel's wartete, und mit Simeon den Herrn
preisete, da ihre Augen den Heiland gesehen hatten.

Als sie der Herr Rath Laupus nun mit freundlichen Worten ermahnet, sich
zu geduldigen, weil die Sache bald sich endigen wrde und sie entlassen
hatte, da ging er nachdenkend in der Stube auf und ab. Und whrend die
alte Lindin die Hauptwache aufsuchte, um sich nach dem Befinden ihres
Schtzlings zu erkundigen, und ihm durch den Corporal Scheuermann ein
freundlich Trosteswort sagen zu lassen, da nahm der Herr Rath die
Papiere vor sich, die aus der Wohnung des Justus waren mitgenommen
worden, und begann darin zu lesen. Was ihm zuerst in's Auge fiel, das
waren Arbeiten, in verschiedenen fremden Sprachen geschrieben, die er
fr Studenten und Doctoren gemacht, die gerne durch's Examen hatten
kommen wollen, ohne sich selbst eine sonderliche Mhe zu machen; und war
manche Arbeit dabei, die bereits dem, der sich nicht gescheut, mit
fremdem Kalbe zu pflgen, einen Doctorhut, dem armen Justus aber nur
wenige Gulden eingebracht hatte. Da lagen weiter Abarbeitungen, so gro
wie Bcher und so sauber gearbeitet, da man sie gleich htte dem
Drucker bergeben knnen; und was drinnen stand, das verrieth, wie treu
der Kandidat Justus den Rath des alten Khlers im Walde bei Blankenau
befolgt habe; denn die Schriften handelten von der Sternwissenschaft und
waren mit feinen Zeichnungen versehen, also da man jeglichen Stern, der
Nachts am Himmel steht, auf dem Papiere verzeichnet fand. Dabei lagen
fromme Betrachtungen ber einzelne Texte aus heiliger Schrift, Gebetlein
voll Saft und Kraft, und Lieder, wie sie der singt, de' Herz dem
Heiland anhngt, und dem Gott die Zunge des Geistes gelst hat, da er
in frommen Weisen seine Thaten preisen kann. Was aber besonders den
Herrn Rath viele Stunden auf seinem Stuhle festhielt, und nicht mde
werden lie, das war des Justus Tagebuch. Was ihm geschehen war von
frhester Jugend auf; wie er die Aeltern geliebt, wie er Gott und den
Heiland in seiner treuen Fhrung erkannt, wie er Dorothe, das Weib
seiner Jugend gefunden, und was er seitdem gelitten, aber ohne zu sagen
durch wen; das stand Alles in dem Buch, so treu und fromm erzhlt, ohne
Hoffarth und Eitelkeit, da dem Herrn Rath bei'm Lesen mehr wie einmal
die Augen bergingen und er ausrief: Ach Gott, warum hast du mir keinen
solchen Sohn gegeben! Denn sein Vaterherz war gedemthigt; er hatte
einen Sohn gehabt, und der war wie der verlorene Sohn im Evangelio
weggegangen und noch nicht zurckgekehrt. Besonders aber zog eine
Bemerkung im Tagebuch, fast am Ende desselben, seine Aufmerksamkeit auf
sich. Die lautete also:

Den 12. Octobris. Gestern zu Abend ist ein Mnnlein zu mir
hereingekommen, das sich fr einen Advokatenschreiber ausgegeben, und
hat ein Documentum bei sich gehabt, auf Pergament geschrieben und mit
Siegeln von Wachs versehen, die daran gehangen, begehrend, ich solle ihm
das Schreiben lesen, sintemal er des Lateins nicht sonderlich erfahren.
Wie ich sein Begehren erfllt, und ihm die Urkunden verdeutscht, da hat
er eine Abschrift begehrt, die ich ebenfalls in seiner Gegenwart
gefertigt, und von ihm ein Ansehnliches pro labore empfangen. Darauf ist
er weggegangen, aber am andern Abend um dieselbe Stunde wiedergekommen;
hat gar freundlich gethan bei'm Eintreten, und mich gefragt, ob ich ein
schn Stck Geld verdienen wolle? Wie ich gesagt, da ich ein ehrlich
verdientes Geld nicht von mir weise, so hat er sich an meine Seite
gesetzt, das Documentum vor mir ausgebreitet und gesagt: Schreibt mir
hier auf die Stelle, die ich bereits gesubert und geglttet habe, die
Wort hinein, das hier auf dem Zettel steht. Wie ich aber auf den Zettel
sehe, und das Wort in den Zusammenhang hineinpasse, da ist ein ganz
anderer Sinn herausgekommen, und wollte mich also dieser Verfhrer
verleiten, da ich sollt' zu einer grulichen Flschung meine Hand
hergeben. Da habe ich mit dem Herrn ausgerufen: Hebe dich weg, Satan,
weit du nicht, da geschrieben stehet: Du sollst Gott, deinen Herrn,
nicht versuchen (Luc. 4, 12). Und zu dem Versucher sagt' ich: Geht
hinaus von mir, Mann, ehe ich euren Namen wei, sonst mchte ich leicht
an euch thun, was ich schier nicht lassen kann. Da wich das Mnnlein
von mir, eiferte und drohete aber gewaltig, wie der Satan allezeit
thuet, wenn man ihm Gottes Wort unter Augen hlt (Jakobus 4, 7).

Das ist also das Ende vom Lied, rief in hoher Entrstung der Herr Rath
aus; ein Schuldiger giebt einen Unschuldigen an, um sich zu reinigen.
Doch warte Fuchs, du hast dich selbst gefangen; einem Andern hast du
eine Grube gegraben und bist selbst hineingefallen. Und dieser Andere,
welch' ein treues Herz, und das Herz hat leiden mssen, um eines
Lotterbuben willen! Auf denn, und wieder gut gemacht, was geschehen ist,
so lange es heute heit!

Das sagend eilte der Herr Rath sogleich auf die Hauptwache. Es war Abend
und war schon zehn Uhr vorber. Die Wache rief ihn mit vorgehaltenem
Gewehre an, und erst als er sich hatte zu erkennen gegeben, ward er
eingelassen. Herzklopfend ffnete ihm der Corporal Scheuermann die Stube
des Gefangenen; aber wie staunte er, als der Herr Rath auf den Justus
zuging, ihm, der sich verwirrt und geblendet von dem pltzlichen
Lichtstrahl von seinem harten Lager aufrichtete, freundlich die Hand
reichte, und in gar lieblichem Tone sprach: Vergebt, Herr Justus, da
ich euch um des Amtes willen, das ich habe, wehe thun mute; es ist euch
Unrecht geschehen. Ein bser Bube hat euch verderben wollen, um sich
selbst zu retten. Gott hat eure Unschuld an den Tag gebracht, und ich
bin selber hierhergekommen, um euch eure Entlassung zu verknden. Geht
denn heim, mein lieber Justus, und ruht euch wieder einmal auf eurem
Bette aus, und wie ihr bisher gethan, so haltet fest an Gott, und
wisset: Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Und
wie dann der Justus mit thrnenden Augen dem Herrn Rath die Hand
gedrckt und seinen Freund in der Noth brderlich umarmt hatte, da ging
er heim, ohne zu ahnen, wem er nchst Gott seine Erlsung zu verdanken
habe. Denn wie eine Mutter ihr wiedergefundenes Kind, empfing ihn die
alte Lindin, aber ber ihre Zunge kam kein Wort von dem, was sie fr ihn
gethan. Das meint wohl der Apostel, wenn er sagt: Die Liebe blhet sich
nicht.

Am andern Morgen mute Justus noch einmal im Verhr erscheinen, und hier
kam seine Unschuld vllig an den Tag. Der Verlumder gab nach manchen
Wendungen und Winkelzgen der Wahrheit die Ehre, und ward mit der
verdienten Strafe belegt. Nach dem Verhre behielt der Herr Rath den
Justus bei sich, und redete mit ihm von seinem Leben und seinen
Aussichten. Ich habe euch lieb gewonnen, Herr Justus, sagte er zu ihm,
denn ihr habt das Joch eurer Jugend wie ein guter Streiter Christi
getragen, und ich mchte gerne etwas fr euch thun, damit euer spteres
Leben ein froheres wrde. Sagt mir darum, womit kann ich euch dienen?

Es gab eine Zeit in meinem Leben, antwortete Justus, wo ich nicht
anders meinte, als Gott habe mich berufen, von der Kanzel herab seinen
Namen zu verkndigen. Da ich aber 40 Jahre alt geworden bin, ohne da er
mich in seinen Weinberg gerufen hat, so will er wohl haben, ich soll
mich mit einem kleineren Aemtlein und knapperen Stck Brod begngen. Und
darum hab' ich denn bisher den Herrn angefleht, und wollt ihr an mir
thun, wie der Herr Christus an dem Kranken am Teich Bethesda that und
mir hineinhelfen, so thut es, Herr Rath, und seid versichert, ich will
mit Gottes Hlfe meines Amtes warten und eurer Empfehlung Ehre machen.
Da wischte sich der Herr Rath die Augen und sagte: Ich bin heute schon
fr euch ausgewesen bei meinen guten Freunden; aber man kennt euch in
diesem Landestheile nicht, und trgt darum Bedenken, euch ein Pfarramt
zu bergeben, auch soll just keins in der Nhe erledigt sein. Aber da
ist eine Schulmeisterstelle auf dem Veitsberg, in schner Gegend, aber
mit schmalen Mitteln, wollt ihr die zum Anfang annehmen, so lt sich
vielleicht spter ein Weiteres fr euch thun.

Als ein Geschenk von Gott mit dankbarem, stillem Herzen nahm Justus das
Aemtchen an, und bald zog der Candidat Justus als Prceptor, Organist
und Glckner in das kleine Schulhaus auf dem Veitsberg ein. Und es
whrte nicht lange, so stand er mit seiner Dorothe am Altare der
Pfarrkirche zu Veitsberg, und ward ber Beide unter Gebet und Segen der
Spruch der Schrift ausgesprochen: Ich will ihnen einerlei Herz geben,
da sie mich frchten sollen ihr Leben lang, auf da es ihnen und ihren
Kindern nach ihnen wohl gehe. Und wie der Herr Pfarrer Amen gesagt, da
hie es noch einmal: Amen! Amen! Denn als Zeugen standen am Altar
die alte Lindin vom Tiefenweg zu Gieen und der Corporal Scheuermann.




8. Der Schulmeister.


Es ist ein groer Gewinn, wer gottselig ist und lsset ihm begngen,
sagt der Apostel, und der Herr, dem er es nachspricht, sagt, indem er
uns zur Gottseligkeit und Begngsamkeit ermuntern will: Sehet die Vgel
unter dem Himmel an, schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen.
Von den Vgeln und den Blumen und der ganzen Schpfung um uns her sollen
wir lernen. So hab' ich einst in heier Sommerzeit nicht fern von einem
Brunnen gestanden; und ein Vogel kam geflogen und suchte Wasser, seinen
Durst zu lschen. Wohl stand vor dem Brunnen ein steinerner Trog, aber
der war leer, und der Vogel dauerte mich, da er ungetrnkt sollte
weiter fliegen. Indem, so lt er sich auf dem Rand des Troges nieder,
bckt sein Kpfchen und hebt es wieder empor, und flattert singend
weiter; sein Durst war gestillt. Ich trat zum Troge, und sah im Stein
ein Lchlein, wie ein Fingerhut tief. Das wenige Wasser darin war fr
den Vogel eine Quelle der Erquickung geworden; er hatte fr jetzt genug
und begehrte weiter nichts. Das ist Gengsamkeit.

Wieder stand ich an einer Blume, voll Pracht und Wohlgeruch, und ein
Bienlein kam geflogen, summend und suchend, und erkor sich die Blume zur
Weide. Aber die Blume hatte keinen Honig, das wute ich; wie, dacht'
ich, wird sie sich da benehmen? Summend kam sie zurck aus dem Kelch, um
weiter zu fliegen. Da sah sie die Staubfden der Blume, wie sie so voll
Blumenmehl hingen, daraus das Wachs bereitet wird, und sie nahm die
beiden Beinlein voll, bis sie zu gelben Hslein wurden, wie der
Bienenvater sagt, und flog schwer beladen heim. Du hast Honig gesucht,
dacht' ich, und ihn nicht gefunden, und dich mit dem Wachs begngt, und
es heimgebracht, da deine Reise nicht zwecklos sei. Sei mir ein Bild
der Gengsamkeit!

Wer die Stimme Gottes aus der Natur vernimmt, der labt sich auch an
solchen Bildern, die dem Aufmerksamen berall begegnen. Aber wie freut
sich erst das Herz dessen, dem solche Bilder der Gengsamkeit im
Menschenleben begegnen, oder wenn vielmehr ein einzelnes Menschenleben
ein solches Bild christlicher Gengsamkeit ist. Und so war das Leben
unseres Justus. Im Hause des Wohlstandes aufgewachsen, fand er sich ohne
Murren in eine lange Wartezeit, in die ihn sein Gott, als in eine gute
Schule der Uebung, hineinfhrte, und jetzt, wo die Zeit kam, die man
gewhnlich die Zeit der Ernte nennt, wo das langersehnte Amt sich
aufthat, und nur ein Aemtlein war voll Sorge und mit geringem tglichem
Brod, da konnte Keiner dankbarer und froher sein, als Justus. Die noch
vorhandenen Bltter seines Tagebuchs zeigen uns das Bild dieses
Ehrenmannes von allen Seiten und in allen Lagen. Sorge, Furcht, Hoffnung
wechseln auch in seinem Herzen ab; aber vergeblich sucht man auch nur
nach einer einzigen Klage ber sein Loos, nach einem einzigen Wunsche,
da sein Loos ein anderes sein mge. Rhrend ist es, mit welcher
Innigkeit er von seinem Stande redet, wie hoch er sein Amt hlt, und wie
laut er Gott preist, da er ihn habe berufen, sein Werk als christlicher
Schulmeister zu treiben. O knnte ich euch, ihr Lehrer unserer Zeit, die
ihr, wie Sirach sagt, an eurem Amte verzagt und es selber verunehret,
weil ihr meinet, ihr wret zu etwas Besserem bestimmt, knnte ich euch
doch alle die Trost-, Saft- und Kraftsprchlein zu Herzen fhren, mit
denen der Schulmeister vom Veitsberg sich sein Amt leicht und sein
Leben schn machte! Doch warum sollte uns diese heitere Gengsamkeit an
Justus berraschen? Ein Mensch, dem sein Glaube Alles ist, der aus ihm
allen Trost schpft, und nie mde wird in seinem Glauben, dem mu Alles
zum Besten dienen, der thut Alles, was er thut, dem Herrn und nicht sich
selbst. Was ihm sein Amt war und was er seinem Amte sein wollte, das
drckt am Besten ein Lied aus, das in seinem Tagebuche steht, mit der
Aufschrift: des Schulmeisters Morgensegen.

    O Hirte deiner Heerde,
      O mein Herr Jesus Christ,
    Der du durch viel Beschwerde
      Zum Himmel gangen bist;

    Der du zum Trost der Deinen
      Den Geist verheien hast,
    Und Denen, die hier weinen,
      Nimmst ab des Tages last;

    O gib den Geist der Strke,
      Den Geist der Zuversicht
    Auch mir zu deinem Werke,
      So oft er mir gebricht.

    Ist auch mein Amt so kleine,
      Mein Loos so niedrig hier,
    So ist es doch das Deine,
      Was du einst suchst bei mir.

    Ich soll die Heerde weiden,
      Wie du von mir gethan,
    An treuer Hand sie leiten,
      So gut ich Schwacher kann;

    Ich soll zu frischen Bronnen
      Geleiten deine Schaar,
    Da sie als lauter Sonnen
      Sich einst dir stellen dar.

    O Herr, du starker Streiter,
      Steh' denn zur Seite mir,
    Fhr' mich im Kampfe weiter,
      Der Sieg, er steht bei dir!

       *       *       *       *       *

Die Bestallung des Justus lautete dahin, da dem ehrsamen und
wohlgelahrten Candidaten Jakob Konrad Justus das Amt eines
Schulmeisters, Organisten und Glckners zum Veitsberg bergeben werde,
da man sich aber zu demselben versehe, er werde seines Amtes getreulich
warten. Dieses Rathes htte es bei Justus nicht bedurft; denn bei ihm
galt: Alles was ihr thut, das thut dem Herrn und nicht den Menschen.
In jedem Theil seines Amtes war er drum ein treuer Knecht, und wie er
der Schule fleiig wartete, so that er den Kirchendienst, der hufig an
ihn kam, zur groen Erbauung der Gemeine, und in allen Drfern der
Gegend ward die Uhr gerichtet nach der vom Veitsberg, denn es hie
berall: Der Kalendermann kennt die Zeit am Besten.

Ist es heut zu Tage immer noch kein Kleines um einen guten und treuen
Schulmeister, weil kein Amt mehr Sorgen und Grmen hat, denn seines, so
war das zu des Justus Zeit, vor hundert Jahren, noch viel mehr der Fall.
In Sommerszeit war wegen des Weidgangs fast kein Kind zur Schule zu
bringen, und wenn im Winter der Schnee die Wege ungangbar gemacht hatte,
so blieben die Schler von den Ortschaften rings umher auch aus, und
Druen und Strafen half auch nicht viel, weil man den Schlendrian
gewohnt war, und Niemand da war, der dem Schulmeister half. Doch wute
sich Justus selber zu helfen, er half sich nach dem Sprchlein, das er
sich selber gemacht:

    Wer Kinder will zur Schule bringen,
    Darf mit dem Stock nicht viel umspringen;
      Die Furcht macht Schul' und Kpfe leer,
      Die Liebe lockt und bauet sehr.

Und diese Liebe lockte und bauete auch in der Schule zum Veitsberg. Was
auch der Schulmeister mit den Kindern tractirte, er brachte allezeit ein
freundlich Gesicht dazu mit, und wute neben dem Worte Gottes, das er
fleiig trieb, auch manche andere Wissenschaft den Schlern angenehm zu
machen. Lieder, die er selbst gedichtet, oder aus guten Gesangbchern
gewhlt, und wozu er selbst die Weisen gemacht, sang er mit den Kindern
und spielte die Harfe dazu, also da Jung und Alt sich daran erbaute;
denn, pflegte er zu sagen:

    Wer singen kann ein frommes Lied,
    Der hat den Herrn noch im Gemth.
    Und frommes Lied aus frommer Brust
    Treibt aus die Snd', gibt Himmelslust.

Zur Frhlingszeit, wo die Felder noch leer waren, nahm er die Knaben mit
hinaus in's Feld, und zeigte ihnen, wie sie die gelernte Rechenkunst zum
Feldmessen brauchen knnten, wie er denn selber zum Gebrauch seiner
Schler eine Anweisung zum Feldmessen, und fr schon Gebtere im Jahr
1741 ein Bchlein verfate, das den Titel fhrt: Geodaesia, oder
Feldmekunst, nmlich wie aller Felder Gre zu messen und zu rechnen,
sammt einem Anhang, wie alle Hhen, Weiten und Tiefen zu finden seien,
auch mit einer Zugabe, wie das Verhltni der Planeten gegen unsere
Erdkugel gefunden werden knne; Alles durch die reinsten Zeichnungen
erlutert, und durch Exempel aller Art erklrt.

Eigenthmlich bleibt freilich die Lehrweise, die in seiner Schule
herrschte; sie trgt ganz das Geprge seiner Zeit, einer Zeit, wo man
meinte, dem Gedchtni der Kinder dadurch zu Hlfe kommen zu knnen,
wenn man die Lehrgegenstnde in Verse kleide. So haben wir von Justus
noch ein Rechenbuch, darinnen die ganze allgemeine Rechnungsart mit
allen ihren Regeln deutlich vorgetragen, und mit Exempeln erklrt ist,
vom Jahr 1739. In diesem Rechenbuche, das wie alle Schriften des
Kalendermanns uerst sorgfltig und sauber gearbeitet und mit schnen
Handzeichnungen verziert ist, wird auer einer Menge gewhnlicher
Exempel immer eins in Versen gegeben und ein Bildchen dazu. Davon ein
Beispiel aus der Regel de Tri mit Brchen:

    Es thut ein Schiffmann fahren fort
    Mit seinem Schiff an andre Ort'
    Bei gutem Winde sag' ich rund
    Gar recht in einer Viertelstund'
    Fnfsechstheil Meil', wie mir bericht,
    Der Schiffer, der da lget nicht.
    Nun mcht' ich wissen, wie viel dann
    Der Schiffmann Meilen fahren kann,
    Wenn er dreiviertel Stunden fhr',
    Und guter Wind das Schiff berhr'.

Noch ein Anderes machte den Justus zu einem besonders guten Schulmeister
und gewann ihm die Herzen der Jugend, das war seine groe Liebe fr die
Natur. Nie ist er inniger und beredter, als wenn es gilt, von der Macht
Gottes in seinen Werken zu reden, oder die Liebe Gottes in den
tausendfachen Wundern der Schpfung zu preisen. Wie man den lieben Gott
und die Weisheit seiner Wege in allen seinen Geschpfen finden knne,
das zeigte er bestndig seinen Schlern. Und wie man ihn zur Sommerszeit
niemals ohne eine Blume in der Hand sah, so trieb sein frommes Herz
manche schne Blthe der Dichtkunst und der Begeisterung fr die Werke
Gottes. La' es dich nicht verdrieen, lieber Leser, wenn ich dir jetzt
und auch noch spter des Justus eigne Gedanken mittheile. So mgen denn
hier zwei Lieder von ihm stehen.

    Das Vglein auf dem grnen Ast.


    Sing-Vglein auf dem grnen Ast,
      Wie herzig ist dein Sang!
    Gnnst dir nicht Ruh', gnnst dir nicht Rast,
      O sag', wem gilt dein Klang?

    Kommt aus der Nacht hervor der Tag,
      Ist schon dein Tisch bestellt,
    Und deiner Kehle lauter Schlag
      Singt Dank dem Herrn der Welt.

    Das Brnnlein, das aus Bergen quillt,
      Das gibt dir deinen Trank,
    Und hast du deinen Durst gestillt,
      Vergit du nie den Dank.

    Du singst und trillerst wohlgemuth,
      Fr morgen nicht verzagt,
    Als wtest du, ein Vater gut
      Hlt ber Alles Wacht.

    Wie friedlich ist die Ruhe dein,
      Du weit nichts von Gefahr,
    Den Kopf wohl unter'm Flgelein
      Bist du der Sorge bar.

    O wt' ich doch, wie du es weit,
      Da ber aller Welt,
    Mein Gott, der ewig Vater heit,
      Gar treulich Wache hlt;

    Da er mir gibt mein tglich Brod,
      Mir reichet, was mir ntzt,
    Da er mir hilft aus aller Noth,
      In Trbsal mich beschtzt.

    O Vglein auf dem grnen Ast,
      Gib mir die weise Lehr',
    Lehr' singen mich ohn' Ruh' und Rast,
      Das Lied zu Gottes Ehr'!

       *       *       *       *       *

    Das Bienlein auf der Weide.

    O Bienlein, nimm mich mit in's Feld!
    Wie schn ist meines Gottes Welt.
      Nun um mich her geworden!
    Es grnt der Wald, der Anger lacht,
    Der Baum steht wei in seiner Pracht,
      Und Blumen aller Orten.

    O Bienlein, la' mich mit dir zieh'n,
    In's Thal hinab, hinab in's Grn,
      Und zeig' mir deine Weise!
    Von Blum' zu Blume eilest du,
    Und gnnst dir nimmer Rast noch Ruh'
      Und singst dein Lied so leise.

    Du fliegest lustig ein und aus;
    Viel ser Kost trgst du nach Haus,
      Und willst nicht mde werden;
    Der Frhling geht, der Sommer auch,
    Du lt nicht von dem alten Brauch,
      Bis Winter wird auf Erden.

    O Bienlein ohne Rast und Ruh',
    Dir seh' ich mit Vergngen zu,
      Du lehrst mich wohl ermessen:
    Ich soll als Christ hier meine Zeit
    Treu ntzen fr die Ewigkeit,
      Des Heimgangs nie vergessen.




9. Der Kalendermann.


Du hast es bisher fast rathen mssen, mein lieber Leser, da der Konrad
Justus, dessen Leben ich dir erzhlen will, eine Person sei mit dem
Kalendermann, den unser Bchlein als Titel fhrt. Aber ich konnte dem
Justus keinen andern Namen geben, einmal weil er unter diesem zu seiner
Zeit sehr bekannt war, und dann, weil er auch heute noch in seiner
Heimath von Vielen also genannt wird, die ihren Kindern von dem
Kalendermann erzhlen. Es ist ein Eignes um die Namen, die das Volk
gibt; man kann Beides daraus erkennen, sein Lob und seinen Tadel. Dem
Justus aber sollte sein Name ein Lob sein, denn er ward zu seiner Zeit
von Vielen fr einen Wundermann gehalten, weil er, was Wenige wuten,
den Kalender aus dem Fundament verstand. Und die Kalenderwissenschaft
war des Justus Steckenpferd, nur mit dem Unterschied, da er es nicht
ritt wie die Kinder am Geist, die mit ihren Steckenpferden ihr eigen
Seelenheil und ihrer Brder Glck niederreiten, sondern den Kalendermann
machte sein Zeitvertreib zu einem Gottesmann und Menschenfreund wie
Wenige.

Von dem Tage an, wo der Khler im Wald bei Blankenau ihn gelehrt hatte,
die Schrift verstehen, die der liebe Gott mit seinen Sternen an's
Himmelsgewlbe geschrieben hat, da lernte Justus diese Schrift immer
deutlicher lesen; und was er fand in diesem heiligen Buche des
Sternenhimmels, das hat er selbst zu seiner Seelen Seligkeit benutzt und
zur Krftigung des Glaubens Anderer. In vielen Husern nah' und fern
sind noch ganze Schriften oder einzelne Stcke derselben zerstreut und
werden um des frommen Sinnes willen, der in ihnen herrscht, gar hoch
gehalten. Man wei nicht, wenn man diese Bchlein liest, was man mehr
bewundern soll, ob den Flei, mit dem er sie gearbeitet, oder die
ungewhnlichen Kenntnisse, die er in der Sternwissenschaft sich
erworben, oder mehr als dies Alles, das treue Christenherz, das auf
jeder Zeile bekennet: Gebt unserm Gott allein die Ehre! Werde denn
nicht mde, lieber Leser, wenn ich dir mit den eignen Worten des
Kalendermanns sage, was er vom Sternenhimmel dachte und warum er die
Wissenschaft davon so hoch hielt. Auch wir sollen ja verstehen lernen,
da die Himmel erzhlen die Ehre Gottes.


Auszug aus dem Tagebuch und den Schriften des Kalendermanns.

Es hat mich mein Gott je und je geliebet, hat mich wunderbarlich
geleitet von meiner Jugend an bis auf diesen Tag. Wo er mir nach seiner
Weisheit mit der einen Hand nahm, da hat er mir nach seiner Gte mit der
andern reichlich gegeben. Ein klein Amt und Brod hat er mir gegeben,
aber so reich hat er mich gemacht an Freud' und Seligkeit des inwendigen
Menschen, da ich nicht tauschen mag mit denen, die satt haben, und doch
das Himmelsbrod entbehren. Denn wie der liebe Gott dem Bienlein ein sein
Znglein gegeben hat, den Honig zu kosten, und die Blumen ihm
aufgestellt rings umher, voll Pracht und Wohlgeruch; so hat auch mir
mein Gott erst eine rechte reiche. Liebe gegeben zu seinem Weltgebude,
sonderlich zu seinem Firmament, und mich denn auf meinen Veitsberg
gestellt, und das Firmament ber mir ausgebreitet wie einen lustigen
Garten, da ich dann auch wie das Bienlein von Blume zu Blume fliegen
und Nahrung suchen kann fr meine Seele.

[1] Anaxagoras, ein berhmter Philosophus, ward gefragt, warum er in
die Welt geboren wre? Und er gab zur Antwort: Darum, da ich den
Himmel, die Sonne, den Mond und andere Wundermale betrachten mchte.
Darber ward er von dem Lactantius mit Lachen sehr verhhnet; gereicht
aber diese Verspottung nicht dem Anaxagoras, sondern dem Lactantius zur
Schande. Denn da Sonne, Mond und Sterne, ja das ganze Weltgebude ein
groes Wundergebude ist, so mu der Baumeister, der solches gemacht,
gewi noch viel herrlicher, wunderbarer und grer sein. Sirach wute
sich die besser als Lactantius zu Nutz zu machen; er sagt: Wer kann
sich seiner Herrlichkeit satt sehen? (Sirach 43,1.) Anaxagoras, ob er
schon ein Heide war, beschmt hierdurch viele Christen, die Gott aus
seiner Welt kennen wollen, und mgen doch sein Wundergebu des schnen
Himmels nicht anschauen.

       *       *       *       *       *

Wer das Werk eines Knstlers nicht achtet, der achtet auch nicht den
Knstler, der es gemacht hat. Heutiges Tages fragt man nicht viel nach
dem Sternenhimmel und der obern Welt, sondern man fragt vielmehr nach
Geld und guten Bilein in der unteren Welt. Daher werden auch die,
welche die Himmelskrper betrachten, immerfort von den Weltgesinnten
verspottet, wie Anaxagoras. Solche Sptter leben in der Zeit und wissen
nicht, was die Zeit ist; weil sie an der Erde kleben, und nach dem
Himmel kein Verlangen haben, so neiden sie die, welche den Himmel
betrachten. Sie sitzen in der Tiefe und haben sich in das Untere
verliebt; da werden sie auch endlich immer bleiben, und nicht zum Glanz
der Sterne gelangen. Es ist eine besondere Sache, sich in das so sehr
verlieben, und an dem so hart hangen, dabei man doch nicht bleiben kann.
Edle Geister lieben den Himmel und nicht die Erde. Zwar dieweil man in
der Welt ist, mu man sich derselben annehmen und sorgen, aber doch
nicht ganz an derselben kleben bleiben, sondern es mu sein wie Paulus
sagt: Die sich freuen als freuten sie sich nicht, und die dieser Welt
brauchen, da sie derselben nicht mibrauchen. Warum denn? Darum, das
Wesen dieser Welt vergeht. (1 Corinther 7, 30 u. 31.)

Solche Weltmenschen sagen wohl zum Schein: Die Berufsarbeit wird durch
die Sternguckerei versumt. Aber hier frage ich: ob dem Menschen bei
seiner Berufsarbeit nicht eine Stunde erlaubt sei? Wenn nun ein
Liebhaber der edlen Astronomie in solcher Ruhestunde die Himmelskrper
als Geschpfe des groen und wunderbaren Baumeisters in stiller
Ehrfurcht desselben betrachtet, und ihre Bewegung berechnet; ein
Weltmensch aber gehet zum Schmausen, sitzet im Rath der Gottlosen, wo
die Sptter sitzen (Psalm 1), beneficiret seinen Leib und haschet
einstweilen dem Nchsten seine Unterhaltungsgter; so frage ich,
welcher unter diesen Beiden hat seine Nebenstunden am besten angewendet?
Mein lieber Leser, ich berlasse dir hierber das Urtheil.

       *       *       *       *       *

Der Stern- und Himmelsbetrachter ist vergngt bei und mit dem, was ihm
Gott gegeben, und sagt mit Paulo: Wir wissen aber, so unser irdisch
Haus dieser Htten zerbrochen wird, da wir einen Bau haben von Gott
erbaut, ein Haus nicht mit Hnden gemacht, das ewig ist im Himmel. (2
Corinther 5, 1.) Und mit David: Ich werde sehen die Himmel, deiner
Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast. (Psalm 8,
4.)

       *       *       *       *       *

Das ist die Freude und das Vergngen eines christlichen Stern- und
Himmelsbetrachters, da er, wenn er die irdische Htte ablegt, in
solchem Glanz wie die Sterne und Sonne vor seinem Schpfer prangt, davon
auch Daniel also sagt: Die Lehrer werden leuchten wie des Himmels
Glanz. (Daniel 12, 3.)

       *       *       *       *       *

Unter allen Wissenschaften ist keine unschuldiger, als die
Sternwissenschaft; denn mit deren Umgang und Ausbung wird weder Gott
noch der Nchste beleidigt, welche mich auch so ergtzet, da ich alle
meine Nebenstunden dieser anmuthvollen, unschuldigen Wissenschaft in der
stillen Einsamkeit gewidmet habe.

       *       *       *       *       *

[2] Wenn ich den wunderbaren und hohen Himmel mit seinem
hellleuchtenden Sternenheere anschaue und betrachte, so ist dieses meine
hchste Freude, da ich endlich auch einmal, wenn ich aus dem irdischen
Haus meiner Htte ausgehe, und in das neue Jerusalem, allwo mein
himmlisches Brgerrecht ist, welches mir mein Heiland durch sein Kreuz
und Tod erworben, eingehe, noch viel heller als alle Sterne glnzen
werde, und da ich daselbst mit meinen geistlichen Augen in der frohen
Ewigkeit auch also meinen Heiland in voller Freude und Wonne anschaue,
so wie ich jetzt und hier mit meinen leiblichen Augen das helle
Sternenheer des Himmels sehe und anschaue; und da ich vor seinem
gttlichen Thron ihm in der allerhchsten Freude dienen, auch ihm zu Lob
mit allen Heiligen und Auserwhlten ein: Heilig! Heilig! Heilig ist Gott
der Herr Zebaoth! ber das andere anstimmen werde. Ja! Ja! Eja! Ach wre
ich nur schon da!

    Ach wr, o Jesu, ich doch schon zu dir gercket,
    Da meine Seele sich an deiner Huld erquicket!
    Da wollt ich herzen dich, da wollt mit vielen Kssen
    Dich, o mein Jesu, ich in meine Arme schlieen!

Hier stehe auch ein Lied des Kalendermanns, in welchem sich dieselbe
Innigkeit des Glaubens an seinem Gott, den Herrn des Weltalls,
ausdrckt.

    Wie ist das Werk so wohl bedacht,
    Das, Vater, du hervorgebracht,
      Da ich mit Flei es schaue,
      Mein Herz daran erbaue.

    Es sagt's ein Tag dem andern nach,
    Es ruft's die Nacht dem Tage nach,
      Es rhmen alle Werke,
      Herr, deine Huld und Strke!

    Wie glnzt die Sonn', wie lacht die Au!
    Wie prangt die Blume schn im Thau!
      Wie glnzt des Vogels bunt Gefieder!
      Zu deinem Preise singt er Lieder!

    Es sinkt die Sonn', aus ihrem Thor
    Gehn tausend Sternlein jetzt hervor;
      Sie wandeln ihre Bahnen stille,
      Ihr Gang und Glanz es ist dein Wille.

    O auf, mein Aug', zum Himmel auf!
    Sieh der Gestirne hellen Lauf,
      Ein Gott hlt sie in Hnden,
      Da sie den Lauf vollenden.

    Kannst du sie zhlen? lschen aus,
    Wie's Abendlicht im eignen Haus? --
      Nur Einer zhlt sie, lt erbleichen
      Vor'm Sonnenglanz die Feuerzeichen.

    D'rum Menschenherz, von Sorgen schwer,
    Schau doch hinauf zum Sternenheer!
      Wo Gottes Augen auf dich blicken,
      Soll nimmer dich der Kummer drcken.

    O Sternlein mit dem trauten Licht,
    Von euch die frohe Botschaft spricht:
      Im Vaterland, bei euch dort oben
      Ist ewig Heil uns aufgehoben!

    O Heiland, Morgenstern der Nacht!
    Dein harr' ich, bis mein Tag erwacht,
      Bis du mich fhrst zu Gottes Throne,
      bis du mir reichst die Ehrenkrone!

       *       *       *       *       *

Wenn man eine Beschftigung als recht nutzlos bezeichnen will, so nennt
man sie eine brodlose Kunst, sagt auch wohl im Sprchwort, man knne mit
ihr keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken. Das mu auch dem
Kalendermann oft gesagt worden sein, von Solchen, die von der
Sternwissenschaft keinen Begriff hatten, und darum auch keinen Sinn fr
sie haben konnten. Denn er kommt in seinen Schriften allezeit darauf
zurck, wie eine solche Meinung eine gar thrichte sei. Denn was mich
selig macht, sagt' er, und mir einen Vorschmack gibt knftiger
Herrlichkeit, sollte das nicht auch Viele reizen zu gleicher Lust? So
hab' ich denn allezeit, die Sptter nicht achtend, zu meines Gottes
Himmel hinaufgeschaut und auch Andere gelehrt, hinaufzuschauen,
sonderlich die Meinigen, auch dazu meine Nachbarn, Freunde und Schler,
und mit Gottes Gnade Manchen zu einem fleiigen Himmelsbeschauer und
Gottesfreund gemacht. Denn die die Schrift, von Gott an sein Himmelszelt
geschrieben, hatten lesen gelernt, die sind darnach um so eifriger
geworden, die Gottesschrift im heiligen Bibelbuch zu erforschen, und
darauf zu achten als auf ein Licht, das da scheinet im dunklen Ort, bis
der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in ihren Herzen.

       *       *       *       *       *

Auch sind die Himmelsbetrachter und Kalendermacher, welche stets mit der
Zeit umgehen, nicht zu verachten, denn das ganze brgerliche Wesen hngt
davon ab. Was Elend wrde im gemeinen Leben entstehen, wenn man nichts
wte von Sonne und Mond und ihrem Lauf, wenn Jahr und Tag wechselte,
und wte Niemand wie und warum; lebte man denn nicht dahin, wie das
unvernnftige Vieh? Die Kalender sind daher ntzlich und nthig im
gemeinen Leben, denn sie sind solche Bcher, darinnen Alles, was nur am
Himmel unter den Sternen vorgeht, ausgerechnet und zu finden ist,
welches Alles keine geringe Arbeit ist, zumal was die Sonn- und
Mondsfinsternisse betrifft.

       *       *       *       *       *

Darum so soll der Kalender in jeglichem Haus der Hausfreund sein, also
da man gerne mit ihm redet, und zu ihm kommt, seinen Rath zu holen.
Meine darum, es drfe nichts darinnen vergessen werden, das dem Menschen
Anleitung gebe, seinen Beruf und Erwhlung feste zu machen. Zum Ersten,
so sagt dir der Kalender: Mensch, du bist nichtig, und die Zeit ist
flchtig, davon Salomo spricht: Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt
und es ist Alles ganz eitel. (Prediger 1. 2. 4.) Zum Zweiten, so sagt
er dir: Brauche deine Zeit weislich, denn sie ist Gottes Zeit, nicht
deine. Ob du sest oder erndtest, ob du wachest oder schlafest, ob du
arbeitest oder feierst, gedenk, was dein Herr sagt: Eure Zeit ist
allezeit, und schaffet, da ihr selig werdet mit Furcht und Zittern.

    Siehst du den Zeichen an, denk', da zum Ende gehet;
    Fa Jesum in der Zeit, dein' Sach' alsdann wohl stehet!



So oft die Glocke schlgt, betrachte, ob du die vergangene Zeit wohl
oder bel angelegt. Alsdann bessere dich von Stund' an in der
gegenwrtigen Zeit, dieweil es noch heute heit; denn du weit nicht,
wie lang die zuknftige Zeit noch bei dir whret, da alsdann, wenn der
Brutigam kommt, du wachend erfunden wirst, und also mit ihm zur
Hochzeit eingehest in den himmlischen Freudensaal, denn allda ist Freude
und Wonne und liebliches Wesen und Leben immer und ewiglich.

Zum Dritten, so soll der Kalender dir deines Gottes Wundergebu
begreiflich machen, so weit es ein Mensch begreifen kann. Er soll dir
nennen die Sterne mit ihrem Namen, und wie sie mit einander wandeln,
auch welche Bahnen der Herr sie fhrt. Auch wie daraus Tag und Nacht,
Sommer und Winter, Saat und Erndte entsteht; was es auf sich hat mit der
Zahl der Tage und Monate, mit den ordentlichen und Schaltjahren und wie
die Finsternisse kommen und zu verstehen sein; denn das Alles mu ein
Christenmensch wissen und verstehen.

Zum Vierten, so will der Kalender wie das Frhlingsvglein
Spitzdieschaar ein Mahner sein, da Die und Das zu Haus, im Garten und
im Feld nicht vergessen werde; denn auch der sorglichste Landmann
bisweilen einen Deuter haben mu, und ein guter Rath oft Geldes werth
ist.

Es werden auch viel Narrentheidinge mit der Kalenderwissenschaft
getrieben, und etliche Kalenderschreiber thun, als knnten sie in die
Tiefe des Reichthums Gottes hineinsehen, da er doch in einem Lichte
wohnt, dahin Niemand kommen kann, und unser Wissen Stckwerk bleibet.
Die aber thun, als knnten sie in Gottes Werk hineinsehen und weissagen
und orakeln frisch weg, und wollen bs und gut Wetter voraussagen, ja
sogar Krieg und Frieden, Gesundheit und Krankheit; ist aber Alles ganz
eitel, und wird damit nur die arge Welt noch verstockter und
gottvergener gemacht.

Wer nach den Bauernregeln, die auch mancher Kalendermann fr ein
Evangelium ausgibt, seine Wirthschaft einrichtet, der hat schon oft zu
seinem Schaden mssen inne werden, da der Herr im Regimente sitzt und
den Rath der Menschen vereitelt.

Gott der Herr kann allein das Erdreich frucht- und unfruchtbar machen.
Jedoch ist ein frucht- oder unfruchtbar Jahr zu schlieen aus dem Leben
und Wandel der Menschen. Denn der groe Gott sagt im 5 Buch Mose, im 28.
Kapitel, da, wer in allen seinen Geboten einhergehet, und solche hlt
und thut, den wolle Gott segnen in allem seinem Thun, wer aber ihm, dem
groen Gott, nicht gehorchet, den wolle er nicht segnen, sondern das
Verderben ber ihn kommen lassen. Wenn man nun den Lauf und das Leben
der Menschen untersuchet und betrachtet, so kann man diesem nach bald
schlieen, was fr ein Jahr zu gewarten.

Was nun den Krieg betrifft, den Etliche voraussagen wollen, wie nmlich
Krieg zu erwarten, wenn am neuen Jahrestage der Morgen roth erscheine
oder wenn an Pauli Bekehrungstag der Wind stark weht, so ist nur das
wahr, der Krieg ist eine Strafe Gottes, damit er die Bosheit der
Menschen heimsuchet. Und es bleibt allein dabei: wie die Arbeit, so der
Lohn; denn Gott ist nicht ein Gott, dem gottlos Wesen gefllt, wer bse
ist, bleibet nicht vor ihm. Er dreuet tglich, will man sich nicht
bekehren, so hat er sein Schwert gewetzet und seinen Bogen gespannt und
zielet. Darum, wenn wir also leben, da er ein Wohlgefallen an uns hat,
so wendet er allen Krieg und Unruhe von uns ab.

Ob ein gesundes, oder ein ungesundes Jahr zu erwarten sei, solches
vorher zu sagen, lt sich nicht wohl thun. Doch aber, wenn man den
Ursprung der Schwachheiten und Krankheiten eigentlich untersuchet, so
kann man endlich leicht schlieen, da in einem jeden Jahre
Schwachheiten und Krankheiten sich einfinden. Denn der eigentliche
Ursprung der Krankheit ist Snde. Da nun kein Jahr, kein Tag, keine
Stund', keine Minute vorbergeht, da die Menschen nicht sndigen, so
knnen auch allezeit Krankheiten und Gebrechen sich ereignen. Denn
Paulus sagt Rmer 6: Der Tod ist der Snden Sold.

Nach diesen Grundstzen verfuhr der Kalendermann vom Veitsberg in seinen
Kalendern; mu nicht der Nutzen, den er seiner Umgebung brachte, gar
gro gewesen sein? Er hat ihrer in seinem Leben viele verfat, auf jedes
Jahr einen fr den Hausgebrauch, und wenigstens ein Dutzend grere
Kalenderwerke, fr gebtere Liebhaber der Sternkunde und der
Kalenderwissenschaft, die mit groer Grndlichkeit, vielem Fleie und
tiefer Gelehrsamkeit geschrieben sind. Ob eines dieser Werke zu seiner
Zeit gedruckt worden sei, habe ich nicht erfragen knnen; ich zweifle
auch daran, denn der Kalendermann war zu bescheiden, um nach Ruhm von
drauen her zu trachten. Die Werklein sind aber so schn und mit
Handzeichnungen so sauber gezieret, da man sie noch jetzt mit
Wohlgefallen betrachtet, und den Mann bewundert, der sie allein zu
Gottes Ehre, und sich selber zu Nutzen und Ergtzen schrieb. Daher sein
inniger Dank gegen Gott am Schlusse eines jeden Werkleins. Sein
immerwhrender Kalender schliet mit den Worten:

    Nun sag' ich zum Beschlu:
      Mein Jesu habe Dank
    Fr seiner Weisheit Gaben,
      Die mir zu diesem Werk
    Sehr wohl gedienet haben;
      Ich will dich loben hier
    Ja noch in dieser Zeit,
      Und endlich auch bei Dir
      In froher Ewigkeit.
    Da will ich schauen Dich
      In solchem Glanz und Wonne,
    Sowie ich habe hier
      Geschaut' die Stern' und Sonne.

Am Schlusse des ersten Theils der Kalenderlust stehen die Worte:

    Nun hab' den ersten Theil von der Kalenderlust
    Historice vollbracht, soviel davon gewut.
    Jehova, Dir sei Dank, der Du mich stark gemacht,
    Da ich hab' diesen Theil soweit zu Stand' gebracht!
    Wenn mir der treue Gott wird geben Glck und Heil,
    So soll auch folgen noch hierzu der zweite Theil.
    Der wird von solcher Lust die Praxis legen dar,
    Wie man Kalender macht auf ein begehrtes Jahr.

Und der Schlu des ganzen Werkes heit:

    Da nun der zweite Theil von dieser Lust geendet,
    So ist das ganze Werk durch Gottes Gnad' vollendet.
    Ich leg' die Feder hin, erhebe mein Gemthe
    Mit innigster Begier, und preise Gottes Gte.
    Dem, der das groe Rund so prchtig dargestellt,
    Und der der Zeiten Lauf eintheilt, wie's ihm gefllt;
    Dem, der da ist der Herr des Himmels und der Erden,
    Ja, der da ist und war und nie kann anders werden;
    Demselben sag' ich Dank fr seines Geistes Strke,
    Die mich hat ausgerst zu machen dieses Werke;
    O groe Majestt; o Vater, Sohn und Geist,
    O tiefer Weisheit Brunn', hr', wie mein Lied dich preist!

Funoten:

[1] Aus der ungedruckten Schrift: Historische und praktische
Kalenderlust. Erster Theil, darinnen eine kurze Beschreibung von dem
Anfang und Ursprung des rmischen, nunmehr Christen-, wie auch Juden-
und Trkenkalenders enthalten, zusammengetragen von eJnem
Calender-LJebhaber. -- Anno 1764. Unter einem schnen Titelkupfer von
des Kalendermanns eigner Hand, auf welchem man den Veitsberg und seine
Umgebung sieht, steht das Sprchlein:

    Es gibt viel Lust, vergngt auch sehr,
    Wenn man betracht' das Sternenheer.


[2] Aus dem ungedruckten Schriften des Kalendermanns: Tgliches
Handbchlein, darinnen ein Gebetbchlein, ein immerwhrender Kalender,
die Feldmekunst, und dann wie man des Nachts bei hellem Himmel am
Nordpol oder kleinen Bren die wahre Stunde der Nacht finden kann,
welches sowohl zu Haus als auch auf der Reis' dienlich und ntzlich zu
gebrauchen ist. Gemacht und verfertigt von Jakob Konrad Justus,
Schulmeister zum Veitsberg. Anno 1741.




10. Die Hausfreunde.


Da ein solcher Mann wie unser Justus, in der Gegend, wo er lebte,
Aufsehen erregen mute, das mchten wir wohl nach dem bisher Gehrten,
voraussetzen, und doch war dem nicht so. Justus war nicht der Mann, viel
Wesens aus sich selber zu machen; er trieb sein Tagewerk so fr sich
hin, und man beachtete ihn nicht sonderlich. Also geschah es von Denen,
die sich vornehm in der Welt dnken; aber ein Anderes war es mit den
Stillen im Lande. Wer unser deutsches Volk kennt, der wei auch, da in
ihm Herzen schlagen, empfnglich fr alles Schne, Gute und Gttliche,
da in seinen Drfern und kleinen Stdten ein Vlklein wohnt, die man
nicht anders benennen darf, denn mit dem biblischen Namen Stille im
Lande. Stille sind sie, denn sie treiben ihren Lebensberuf in der
Stille hin; stille sind sie, denn im Getmmel der Mrkte und der
Schenken seht ihr sie nie; stille sind sie, denn ihre Seele ruht in
irgend einem ernsten Gedanken aus. Sie sind die Grbler im Volke, die
gleich weit entfernt von Miggang wie von Weltgeschftigkeit, irgend
einem Ziel ihr ganzes Herz geweiht haben, und dieses Ziel im Auge, gar
Wunderbares schaffen. Ich habe solche gekannt, die nach dem Stein der
Weisen suchten und die Goldmacherei trieben, zu deren Lob will ich nicht
reden; denn sie jagten einem Schatten nach, und gaben den Herrn auf, um
in Satans Dienst Schtze zu erbeuten und fielen ber kurz oder lang in
die Grube, die sie sich selber gegraben. Aber ich habe auch solche unter
ihnen gekannt, die aus sich selber heraus eine wunderbare Geisteskraft
entwickelten, und diese zur Erfindung kunstreicher Handarbeiten, oder
zur Auflsung schwieriger Rechnungsaufgaben, oder zur Hervorbringung von
allerlei schnen Gedanken und Liedern benutzten, die dem Hrer gar nicht
selten wie Edelsteine vorkommen, die nur noch des Schleifers Hand
bedrfen, um in allen Lichtern und Farben zu glnzen. Am meisten aber
haben mich immer die Stillen im Lande angezogen, deren Herz dem
geschliffenen Edelsteine gleicht, in dem jeder Strahl von Gottes Gte
und Gnade wiederspiegelt. Die haben frhe den geheimnivollen Zug nach
oben bekommen; und whrend nun Tausende um sie her leiden und im Leiden
klagen und verzagen, leiden sie auch und sind doch allezeit froh. Sie
kennen ihren Gott, wie sie sich von ihm gekannt wissen, und wie sie ihn
in allen ihren Lebensfhrungen erkannt haben; sie lieben ihren Heiland
mit einer tiefen Johannesliebe; sie sind eifrige und starke Beter, und
wer ihre Erfahrungen in diesem Stcke hrt, der staunt ber die Gre
ihres Glaubens. Habt ihr solche in eueren Gemeinden, ihr Lehrer des
Volks, machet um Alles die Stillen nicht irre, lasset sie ihr Wesen
treiben, auch wenn es euch manchmal sonderbar bednket. Sie sind zarte
Pflanzen, fasset sie nicht mit rauher Hand an. Habt ihr sie zu euren
Freunden gemacht, und das hlt nicht schwer, dann lieben sie euch fest
und treu wie Brder, und ihr habt ein gut Fundament euch erbauet, darauf
ihr fortbauen knnet.

Die Zeit, von der wir reden, war noch viel reicher an diesen Stillen,
wie die unsrige. Das uere Leben war noch enger und kleiner; so mute
denn manch' krftig Gemth in die Tiefe wurzeln, weil man ihm nach auen
den Weg versperrte.

Solche Stille fanden an unserm Justus den rechten Mann. Auch ihn zog
Gemth und Beruf und ein tiefgrndiger Glaube von der Welt ab; so waren
denn auch solche ihm willkommen, die sich in der Stille mit ihm freuen
konnten. Denket aber nicht, da die Besuche, die dem Schulmeister vom
Veitsberg galten, eine Art Kirchlein in der Kirche zum Zwecke hatten;
des Justus Hausfreunde waren vielmehr derbe, deutsche Kernnaturen von
altem Schrot und Korn, die in dem Einen, das Noth thut, festgewurzelt
waren, und dessen niemals einen Hehl machten, von denen aber Jeder noch
nach dem Sprichwort sein eigen Steckenpferd ritt, fr das sie Futter bei
dem Kalendermann suchten und fanden. Und wie Justus ber seine
Hausfreunde dachte, das drckt er selber in dem Sprchlein aus:

    Ist fromm dein Haus, so ziehen ein
    Viel' guter Freund', sich dein zu freu'n;
    Auf gutem Haus der Storch nur wohnt,
    Die Freundschaft nur den Treuen lohnt.
    Drum an dem Freund' halt' treu und feste,
    Er ist der Gottesgaben beste.

So fllte sich denn auch an einem schneehellen Februarabend des Jahres
1744 das Stbchen des Schulmeisters mit seinen Freunden an. Es war ein
traulich liebes Stbchen das des Schulmeisters vom Veitsberg, und Alle,
die einmal dort gewesen waren, versicherten, es sei ihnen am warmen Ofen
noch niemals so wohl gewesen. Denn die Herzensgte, die aus dem Auge des
Justus leuchtete, that Allen wohl, und wenn er sprach, dann war seine
Rede so eindringlich und berzeugend, da Jeder von ihm nur belehrt
sein wollte. Und Dorothe, wie freundlich empfing die die Gste, wie
sorgsam erkundigte sie sich nach dem Befinden der Ihren, und wie
berlegsam wute sie Jeden so zu setzen, wie es seinen Krperumstnden
am zutrglichsten war!

So kam der alte Zacharias Storch von Bolnbach allezeit in den Sorgstuhl
neben den Ofen, und nicht selten ward ihm auch ein gewrmter Backstein
unter's linke Bein gelegt, das er steif aus dem Trkenkrieg mit
heimgebracht hatte. Denn der alte Storch hatte unter Prinz Eugen gegen
den Erbfeind gefochten, und wute viel zu erzhlen von den Schlachten
bei Peterwardein und Belgrad, und von der Trken Blutgier und von dem
Pascha, den er selber vom Pferd heruntergehauen und seinen Fingerring
erbeutet, von Gold und grnem Stein, auf dem ein Spruch in arabischer
Schrift gestanden, und der ihm leider von einem Kroaten war gestohlen
worden; denn die Gesindel, so sagte er immer, stiehlt wie die
Elstern, und hat nicht soviel Gewissen, wie diese losen Vgel.

Das Bnkchen an der andern Seite aber gehrte dem Frster Simon
Kleinfelder von Winnerod, auch der Kirschenfrster genannt, weil der
Kirschbaum sein Lieblingsgewchs war, das er anpflanzte, wo er konnte,
und von dem er sprach, er mochte reden, mit wem er wollte. Der war
unseres Justus Lehrer in der Baumzucht, und da er an ihm einen
gelehrigen Schler hatte, davon zeugen noch heute die Kirschbume um die
Kirche her, die der Justus gepflanzt, und so manche gute Obstsorte, die
um den Veitsberg her sich findet. Denn Justus sagte und lehrte auch
seine Schler das Verslein:

    Ein jeder Baum in seiner Pracht,
    Der lobet den, der mit Bedacht
    Ihn einst gepflanzt und bezweigt,
    Und Sorg' und Wartung ihm gereicht.
    Die Blthe, die auf's Grab einst fllt
    Vom Baume, den man selbst bestellt,
    Kein Marmor gibt ihm solche Zier; --
    Drum sei der Baum ein Denkmal mir.

Auch an diesem Abend unterhielt sich der Frster mit dem Justus ber die
Baumzucht, und sie theilten sich ihre Hoffnungen und Befrchtungen ber
das neue Jahr mit; unter den Befrchtungen war eine recht groe, wie wir
bald hren werden.

Sie wurden aber unterbrochen durch einen andern Hausfreund, den
Schreinerkaspar, der einen Schemel unter die Wanduhr gestellt hatte, und
sich am Werk zu schaffen machte. Schulmeister, sprach er von diesem
hohen Standpunkt herab, eure Uhr hat keinen gleichen Schlag mehr, auch
ist der Guckuck, der die Stunde abruft, etwas rauhhlsig geworden,
woraus man merket, sag' ich, da das Werk in Unordnung ist. Gebt sie mir
auf einige Tage mit heim, dann soll sie wieder gehen, da es ein Staat
ist. Kaspar, sagte der Schulmeister, die Uhr geht wirklich besser,
als ihr glaubt, und was die Rauhhlsigkeit des Guckucks betrifft, so ist
eben des Vogels Zeit nicht, wie ihr wit, sich hren zu lassen; wartet
nur bis zum April, dann ruft er heller. -- Da haben wir's, rief vom
Schemel herab der Schreinerkaspar, der den Scherz des Schulmeisters ganz
berhrt hatte; da ist ein Rdchen verbogen, gleich als htte einer mit
Unverstand am Werke gerissen. Das geht so nicht, die Uhr mu neu
gerichtet werden; also herunter damit! Der Schreinerkaspar lt sich
nicht nachsagen, da eine Uhr schlecht gehe, die er selbst gemacht hat.
Nun meinetwegen, nehmt sie mit heim, Kaspar, sagte der Schulmeister
lchelnd, nur Eins bitte ich mir aus, lat mir den Vogel in der Uhr und
setzt mir kein ander Gethier hinein; denn so kunstreich auch die Uhr
sein mag, die ihr dem Mller von Queckborn gemacht habt, so will mich's
doch bednken, es nhme sich in der Stube eines Christenmenschen gar
sonderbar aus, wenn nach jeder Stunde des Tages und der Nacht ein
Geisbock aus dem Thrlein springt, und ein Mnnlein hinter ihm drein,
das so lange auf das Thier schlgt, bis das die Stunde abgeblckt hat.

Schulmeister, sagte lchelnd der Schreinerkaspar, lat mir meinen
Spa; jedem Narren gefllt seine Kappe; und das mt ihr doch sagen, es
hrt Keiner den Geisbock die Stunde abrufen, er mu auch lachen, er mag
wollen oder nicht; und ein Mensch, der lacht, sag' ich alls, ist immer
um ein Lebensstndlein reicher geworden. Aber jetzt habe ich ein Werk in
Arbeit, das, wenn's gelingt, euch erlustiren soll, sonderlich den
Frster da. Da singt ein Vglein die Stunden ab, nicht ein Guckuck,
sondern ein Vglein wie's auf dem Baume sitzt, nur fehlt mir noch etwas
am Orgelwerk drinnen, und das soll mir der Herr Fleischhauer zu Grnberg
helfen ausdenken.

Schreiner, sprach ernst der Schulmeister, wollt ihr Rath annehmen, so
sag' ich euch, geht nicht zu dem Fleischhauer. Treibt eure Kunst daheim,
so gut ihr sie treiben knnt, Gott und Menschen zum Dienst; aber von dem
Fleischhauer bleibt weg, in dessen Nhe ist's nicht geheuer. Der kommt
mir vor, wie der leibhaftige Satan, und sein Huschen an der Mauer, wie
die Hhle des Lwen, wo viele Spuren hinein, wenige wieder herausgehen.
Was der Mann treibt, das verstehe ich nicht, man sagt, er soll den Stein
der Weisen suchen; das aber wei ich, da ihrer Etliche, die mit ihm
angebunden hatten, sind rmer geworden, denn Hiob. Ein Spielzeug wird
der liebe Gott jedem Christenmenschen gnnen, wenn aber in der Kurzweil
das Heil der Seelen auf dem Spiel steht, dann gilt auch, was dort
geschrieben steht: Aergert dich dein rechtes Auge, so rei es aus und
wirf es von dir.

Ja, so mein' ich's auch, sprach der Elias Bttner von Saasen, der
seinen Sitz am Fenster genommen hatte und von Zeit zu Zeit in die Nacht
hinaus sah, so mein' ich's auch; was nicht Gott und Menschen zu Dienst
und Wohlgefallen gethan wird, das acht' ich fr eitel Narretheiding.
Treib' ein Jeder nur hbsch seinen Beruf, dahin ihn sein Gott gesetzt
hat, und sag' Keiner, sein Aemtlein sei ihm zu klein. Es sind mancherlei
Gaben und Aemter, aber es ist Ein Geist. Und wenn einst Abend wird im
Leben, und der Tag sich neiget, und der Herr kommt und macht ein Ende
mit aller unserer Noth, dann wird er gewi zuerst fragen, ehe er uns
dahin nimmt, wo Freude die Flle ist und liebliches Wesen zu seiner
Rechten ewiglich: Hast du mit deinen Centnern, die ich dir gab, noch
andere gewonnen, oder dein Pfund in die Erde vergraben? Ueber Weniges
treu sein, Alles, was Gott thut, fr gute und vollkommene Gabe erkennen,
an den Werken Gottes sein herzlich Wohlgefallen haben, bis wir ihn einst
von Angesicht zu Angesicht erkennen, das sollt' aller Menschen Dichten
und Trachten sein. Schulmeister, ihr habt den Kindern wieder ein neu
Sprchlein mit heimgegeben, das ist mir aus dem Herzen herausgesprochen.
Ja, wahr bleibt's:

    Die Welt liebt Geld,
    Und tracht' mit Macht,
    Wie sie allhie
    Viel rafft und schafft,
    Da doch hier noch
    Die Welt sammt Geld
    Zerrinnt geschwind.

Lat euch nicht irre machen, Schulmeister, durch der Sptter Gerede,
als wrde in eurer Schule zu viel in Liedern und Sprchlein gelehret.
Lat euch, sag' ich, nicht irre machen; wre zu meiner Zeit also in der
Schule gelehrt worden, ich htte wohl auch gelernt, meines Gottes Lob in
ein Liedlein kleiden, wie ihr das knnt. Alles, was ihr wit, das gnn'
ich euch, aber um Eins beneide ich euch, da ihr mit David sagen knnt:
Mein Herz dichtet ein feines Lied. Ist das Gebet schon so s, und s
ein Wort aus heiliger Schrift, so mu es noch viel ser sein, aus dem
Herzen heraus die frommen Seufzer in schne Reimlein fassen zu knnen.
Wer das kann, der rhme sich getrost: Mir ist ein schn Erbtheil
geworden.

Aber da ist er ja, den wir heute Abend hier erwartet haben, der Bote
Gottes, sehet nur, wie hell sein Licht! 'Ja Licht ist sein Kleid', 'und
durch den Nebel bricht sein Licht', 'und es ist se das Licht', 'und
ich bin das Licht der Welt', wem fallen solche Worte der Schrift nicht
mit einem Male ein, wenn er solch' Wunder beschaut.

Welch' ein Anblick, als die Hausfreunde an's Fenster eilten! Ueber einer
herrlichen Winterlandschaft war der Mond aufgegangen. Die Dcher des
Drfleins im Thale glnzten im Silberlicht, und es war eine Helle in der
Natur da man die entferntesten Gegenstnde wie am Tage erkannte; nur
schauerlicher war das Licht, nur dunkler die einzelnen Schatten von
Husern und Bergen und den Wldern, die auf den Hhen hinzogen. Solches
Licht vermochte der Mond, der im ersten Viertel stand, nicht allein zu
spenden, solches Licht kam von dem Kometen des Jahres 1744. Sein Kern
hatte die Gre von mehreren Sternen zusammen, und erschien dem Auge von
blauem Licht; und ber den Stern hinauf ging ein Schweif in einer Lnge
von fnf Fu, und von einer Strke und einem Feuerglanze, da das Auge
nicht lange darauf haften konnte. Im Januar war der Komet aufgegangen,
erst ganz klein und kaum erkennbar; dann hatten ihn Wolken bedeckt, und
als der Himmel wieder hell ward, und mit seinen Millionen Sternen sich
schmckte, und der Mond aufging; da war es ordentlich, als wolle der
Komet sie alle an Klarheit bertreffen; denn die Helle des Abends nahm
ihm nichts von seinem wundervollen Glanze.

Das htten wir ja nicht besser treffen knnen, ihr Nachbarn, sprach
der Bttner heiter lchelnd zu seinen Freunden. Hatten wir uns doch
heute hierher bestellt, von euch, Herr Justus, die Wunder Gottes uns
verdolmetschen zu lassen; und nun thut uns die Lieb' an, und sagt uns,
was ihr von den Kometen haltet und was die Sterngucker von ihnen sagen.
Wit ihr, wie mir der Stern da oben vorkommt? Wie ein Text aus
gttlicher Schrift, und nun werdet ihr sein Ausleger, wir wollen eure
Hrer sein.

Ja, der Stern ist ein Wunder Gottes, sagte der Kalendermann, aber ich
meine, man mu, um sich's selber deutlich zu machen, erst einen Trunk
thun aus dem Born, der in's ewige Leben quillet, erst gedenken an des
Propheten Wort: Hebet eure Augen in die Hhe und sehet, wer hat solche
Dinge geschaffen und fhret ihr Heer bei der Zahl heraus? der sie alle
mit Namen rufet; sein Vermgen und starke Kraft ist so gro, da es
nicht an Einem fehlen kann!

Manches Jahr habe ich nun schon meine Augen in die Hhe gehoben, und
wohl erkannt, da es der Herr ist, der Himmel und Erde fllet; wohl
manches Jahr habe ich schon in den Schriften der Sternseher lterer und
neuerer Zeit geblttert, aber wer kann die groen Thaten Gottes
erforschen, wer kann sie ausreden! Mit meinem geringen Wissen will ich
gern meinen Nachbarn zu Dienst sein; vergesset aber nicht, da mein
Wissen Stckwerk bleibet. Nun kommt hierher zum Fenster, von Gottes
Wundern kann man nur recht reden, wenn man sie im Auge hat. Dorothe,
meine Liebe, lsche einmal das Licht aus, und la deinem Rdlein auf ein
Stndchen Ruhe; hier unter'm Licht des hchsten Gottes ist alles
irdische Licht Finsterni.

Was sind die Kometen? darber wollen wir zuerst Rath halten. Wie die
brigen Sterne sind sie nicht, sonderlich nicht wie die Planeten. Die
haben die Sonne zu ihrem Mittelpunkt, und gehen in engerem oder weiterem
Kreise um sie herum; und wenn sie einmal ihren Umgang gehalten, dann ist
ein Jahr um. Die kommen regelmig um dieselbe Jahreszeit und um
dieselbe Stunde der Nacht an ihre Stelle, die sie schon vor
Jahrtausenden gehabt haben. Und noch weniger Verwandtschaft haben die
Kometen mit den Fixsternen, davon also genannt, weil sie so weit von uns
sind, da sie _fest_ zu stehen scheinen auf _einem_ Flecke; und die
Sternseher sagen, das seien auch Sonnen, wie die unsrige, und um sie her
drehten sich wieder Planeten, so wie unsere Erde mit ihrem Mond um
unsere Sonne. O wenn man das ausdenket, soweit menschliches Denken
reicht, da mchte man mit David sagen: Solches Erkenntni ist mir zu
wunderlich und zu hoch, ich kann es nicht begreifen!

Von Planeten und Fixsternen sind also die Kometen sonderlich
verschieden, einmal ihres Lichtschweifes wegen, den kein anderer Stern
hat, und davon sie den Namen tragen, und dann ihres Laufes wegen, der
unserm Verstand nach ohne Ordnung ist. Und weil sie so selten sind, auch
oftmals eines Mannes Alter nicht hinreicht, einen Kometen sehen zu
knnen, so haben dieselben nach ihrer Beschaffenheit und nach ihrer
Bewegung bis dahin noch nicht vllig knnen erkundigt werden, obgleich
Vieles von Alten und Neuen ist ber sie aufgezeichnet worden.

So sind Etliche unter den Heiden der Meinung gewesen, die Kometen seien
eine Zusammenfgung zweier oder mehrerer Sterne, die ihr Licht
miteinander vermischen. Andere meinten, es seien noch unzhlig viele
Sterne am Himmel, die andere Kreise und Umgnge htten, denn die wir
kennen, und welche, wenn sie an die uerste Spitze ihres Kreises
kommen, uns als Kometen erscheinen. Etliche haben sie auch fr feurige
Luftzeichen gehalten, die aus den warmen und trocknen Dnsten der Erde
zusammenwchsen und sich darnach entzndeten. In unseren Tagen haben
zwei Meinungen ber die Kometen den Vorrang erhalten. Die eine ist die,
da die Kometen dichte Krper seien, wie die andern Sterne, da die
Schweife aber von den Ausdmpfungen des Kopfes am Sterne rhrten. Da
sie sich nur in gewissen Zeiten zeigten, komme daher, weil sie in
lnglichen Kreisen um die Sonne hergingen, und nur dann von uns gesehen
werden knnten, wenn sie der Sonne sich nherten.

Dieser Meinung bin ich nicht, mchte vielmehr Denen beistimmen, welche
die Kometen fr auerordentliche Himmelskrper halten, aus allerlei
Dnsten locker zusammengedrckt, die, wenn sie entzndet sind und
anfangen zu brennen, dann wegen ihrer starken Bewegung durch die Luft
einen lohenden Schweif hinter sich drein ziehen. Denn wren die Kometen
bestndige Weltkrper, so mten sie, nachdem sie am grten scheinen,
nach und nach wieder kleiner werden. Dieses aber geschiehet nicht also,
sondern nachdem sie sich entzndet haben und vllig in Brand gerathen
sind, verlschen sie auf einmal. Auch ist nach meinem Dafrhalten die
Sonne nicht vermgend, ihre Strahlen durch einen bestndigen und dichten
Krper zu stoen, so da dieselben auf den Gegenseiten als ein Schweif
zu sehen sei. Bleibe dabei, es sind die Kometen Dunstkrper, von dem
allmchtigen Gott an den Himmel gestellt, da sie Jedermann sehen und
von andern Gestirnen unterscheiden kann, auf da die Menschen durch
solche stumme Luftbuprediger bewogen wrden, zurckzudenken, sich ihres
Frevels und Muthwillens zu erinnern und dem erzrnten Gott mit wahrer
Reu' und Bue entgegenkommen.[3]

Die Herrn Astronomi, die solche Kometen fr bestndige Weltkrper
ausgeben, thun nach meiner Meinung ein groes Unrecht, indem sie die
ohnehin sichere Welt nur noch sicherer machen. Denn der allmchtige
Schpfer zeigt an den Kometen nicht nur seine hohe Weisheit, sondern
auch seine groe Gerechtigkeit in deren Gestalt und Figur, denn die
Kometen gleichsam die Hand des erzrnten Gottes mit einer darin
haltenden Ruthe darstellen, dadurch uns Menschen anzudeuten, sein
heiliges und gerechtes Vorhaben, da er mit der gezckten Ruthe auf uns
schlagen will, darum, weil wir ihn, den lebendigen Gott, verlassen. Auch
berichten uns die Historiker, da allezeit auf einen Kometen etwas
Sonderliches in der Welt geschehen ist, Krieg, Miwachs, theure Zeit,
Erdbeben, wie ich auch das eines Weiteren auseinandersetzen knnte. Und
hat darum unser treufleiiger und fr die Ehre Gottes eifriger Herr
Pfarrer sehr weislich gethan, da er am letzten Sonntag dem Volk die
Bosheit und Gottlosigkeit scharf und nachdrcklich unter die Augen
gestellt, indem er gleichsam mit Fingern die am Himmel gezckte Ruthe
des erzrnten Gottes gezeigt hat. Und solche Predigt ist auch fr uns
gehalten worden, da wir uns reizen lassen zur Bue und guten Werken.

Bin bis dahin in Allem eurer Meinung, Herr Justus, sprach bescheiden
der Elias Bttner, und habe des Herrn Pfarrers Predigt mit sonderlicher
Erbauung gehrt, wnsche auch aus Herzensgrund, es mge an der Predigt
in Erfllung gehen, was dort Jesaias sagt: Gleichwie der Regen und
Schnee vom Himmel fllt, und nicht wieder dahin kommt, sondern feuchtet
die Erde und macht sie fruchtbar, -- also soll das Wort, das aus meinem
Munde gehet, auch sein. Es soll nicht wieder zu mir leer kommen, sondern
thun, was mir gefllt, und soll ihm gelingen, dazu ich es sende. So
schn die liebe Gotteswort nun ist, so wahr ist doch auch ein anderes,
das im Jeremias, im zehenten Kapitel, im anderen Vers zu lesen ist, und
heit: Und sollt euch nicht frchten vor den Zeichen des Himmels, wie
die Heiden sich frchten. Nach diesem Sprchlein will mir denn ein
Zweifel kommen, ob's auch recht gethan sei, einen solchen Stern mit der
Inbrunst zu beschauen, wie wir thun, und ihn gerade Weges einen Boten
Gottes zu nennen.

An den Spruch, lieber Nachbar Bttner, habe ich auch schon gedacht,
antwortete der Schulmeister, aber ich habe mir ihn von allen Seiten wohl
erwogen, und da heit er mir nur soviel, als: Ihr sollt euch nicht
frchten vor den Zeichen des Himmels, wie die Heiden sich frchten. Die
wuten aber nichts vom wahren, lebendigen Gott und stellten ihr
Vertrauen auf selbstgemachte Gtter, waren auch so ersoffen in
Aberglauben, da sie, wenn ein ungewhnlich Zeichen am Himmel erschien,
sie sich vor dem Zeichen selbsten frchteten, als wenn das die Macht
htte. Wir Christen aber glauben an den Allmchtigen, der die Zeichen am
Himmel erschaffet; so frchten wir denn nicht die Zeichen, sondern den
Schpfer, und betrachten sie als Vorauslufer, uns zu erinnern, da er
bereit sei, uns zu strafen, wenn wir nicht diesen groen Knig Himmels
und der Erde kindlich frchten, und mit Geschenken ihm entgegen gehen,
ich meine, mit wahrer Reu' und Bue.

So, ihr Nachbarn, will ich's mit dem Kometen da ber uns halten, und
will acht haben auf die Zeichen der Zeit und auf mein Herz, und auf das
Wort dessen, der sagt: Ich bin gekommen, die Snder zur Bue zu rufen.
Und zum Gedchtni an diesen Abend und an so manch' selig Stndlein, das
mir der Komet des Jahres 1744 gebracht hat, will ich mir ein Bild machen
vom Kometen, wie er heute steht, und wie er mit dem Mond zur Seite sein
Licht herabwirft auf meinen Veitsberg und auf mein Kirchlein hier unten,
und darunter will ich schreiben:

    Was zeigt der Vorbot' an, der sich dort prsentiret?
    Ja nichts, als Gott ist auf, zu strafen unsre Snd';
    Ach, wenn derselbe uns die Herzen doch so rhret,
    Da wenn der Richter kommt, er Reu' und Bue find't.

Funoten:

[3] Will dir Manches, was hier ber den Kometen des Jahres 1744 gesagt
worden ist, sonderbar vorkommen, mein lieber Leser, und du wohl gar
glauben, ich wolle dir die Meinung des guten Justus fr etwas Gewisses
ausgeben, so wrdest du irren. Ich lie den Kalendermann seine Ansicht
von den Kometen vor seinen Hausfreunden entwickeln, weil ich eine treue
Schilderung von ihm und seiner Zeit geben wollte. Und ist unser Justus
nicht selbst in dem, was du vielleicht Aberglauben nennen mchtest, ein
frommer Mann? Wer kann es ihm verargen, da er nicht weiter war, als
seine Zeit? -- Jetzt wei man recht wohl, da die Kometen keine
Dunstmassen, sondern Weltkrper sind, wie die brigen Sterne; aber ihre
innere Beschaffenheit und die Ursache ihres Schweifes wei man auch
heute noch nicht genau. Auch das wei man, da die Kometen sich um die
Sonne bewegen, aber nicht in kreisrunden, sondern in lnglich-runden
Bahnen, da sie darum der Sonne manchmal sehr nahe kommen, und sich dann
in unendlichen Weiten wieder von ihr entfernen. Ja sogar die Umlaufzeit
einzelner Kometen hat man berechnet, aber von den meisten wei man sie
nicht. -- Wer aber will es Aberglauben nennen, wenn bei der Erscheinung
eines Kometen der Christ glubig hinauf zum Vater des Lichts, und
prfend hinein in sein Herz blickt? Etwas anderes will auch die Schrift
nicht, wenn sie David sprechen lt: Wenn ich sehe den Himmel, deiner
Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast; was ist der
Mensch, da du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, da du dich
seiner annimmst? -- Mge nur recht bald Einer auftreten, der unserm
deutschen Volk den Sternenhimmel bekannt mache, und in weiteren Kreisen
fr Gottes Erkenntni in seinen Wundern des Himmels eben so treu wirke,
wie Justus einst in seinem engen Kreise wirkte. Aber zweierlei mu er
dazu mitbringen: das rechte Herz und das rechte Wort. Wer die Wunder in
der Hhe verstehen und dolmetschen will, der mu erst die Wunder in der
Tiefe des Menschenherzens verstanden haben.

Uebrigens hat Justus seine ganze Ansicht von den Kometen in einem eignen
Schriftchen niedergelegt, dem ich hier gefolgt bin, und das den Titel
fhrt:

Einfltige Gedanken von den Kometen, veranlat wegen des neulich
erschienenen Kometen. Mit angehngtem Bericht, wann und in welcher
Gegend des Himmels, und in was fr einem Gestirn derselbe auf dem
Veitsberg gesehen worden, nach welcher Himmelsgegend er sich bewegt,
wann und wo er sich am Himmel wieder verloren. Auch zur Anzeige seines
Laufs eine Figur verfertigt und beigefget von

EJnem, von welchem der Comet auch gesehen Jst worden.




11. Der verlorene Sohn.


Es war einige Wochen nach diesem Abendgesprch, und der Mrz war
gekommen, und hatte den Schnee geschmolzen und die Erde bereitet fr den
nahenden Frhling. Und seine Vorboten, die wir immer so freudig
begren, kamen auch auf den Veitsberg. Auf dem Storchnest zu Saasen war
unter dem Jubel der Kinder der Sommergast eingezogen; unter den Hecken
am Berge blhten die ersten Blumen, und der Buchfink schlug auf den
Kirschbumen so laut und anhaltend, als daure ihm der Aufbruch der
Knospen zu lange, als wolle er sie wachsingen.

Wie der Tag sonnenhell gewesen war, von einem frischen Lftchen, das mit
dem Mrzstaub spielte, gekhlt, so war auch der Abend, von dem wir
reden, ein sternheller, stiller Mrzabend. Das Abendbrod im Hause des
Schulmeisters vom Veitsberg war schon seit lnger als eine Stunde
verzehrt, und er selber sa an seinem Tische im Lehnstuhl, und schrieb
seine Beobachtungen ber den Kometen auf, und berechnete, den Blick
manchmal auf eine groe Sternkarte gerichtet, die er selber entworfen
hatte, den Lauf des Kometen. Dorothe machte sich derweil mit ihrer
Jngstgeborenen zu schaffen, wusch und stillte sie, und legte sie dann
unter stillem Gebet in die Wiege. Dann zog sie den Vorhang vom groen
Bette weg, in dessen Mitte ihr Heinrich schlief, und labte sich an dem
blhenden, vollen Gesicht des Knaben und an dem gesunden Schlaf, und den
Mund des Kindes kssend, sprach sie leise: Herr, erhalte sein Herz bei
dem Einigen, da er deinen Namen frchte!

Da fing es an in der Guckucksuhr an der Wand lebendig zu werden, die
jetzt wieder auf die Minute ging, seit sie der Schreinerkaspar in Hnden
gehabt hatte, und das Thrchen tht sich auf, daraus mit dem Schlage der
Stunde der Vogel zu kommen pflegte; und das war ein Zeichen, da es noch
fnf Minuten vor dem Schlag seien. Auf die Zeichen erhob sich der
Schulmeister von seinem Sitze, setzte die Hausmtze auf den Kopf, und
sagte: Dorothe, ich will das Spinnglcklein ziehen, es wird nicht weit
von acht Uhr sein. Die Leuchte nehme ich heute Abend nicht mit, denn es
ist sternhell, und sollt ich nicht hurtig wieder da sein, so mache dir
keine Gedanken darber, ich mchte den Kometen einmal wieder aufsuchen;
der scheint sich seit voriger Woche rar machen zu wollen.

Damit ging der Schulmeister zur Thre hinaus und trat auf den Kirchhof.
Der Himmel war sternhell, aber der Komet war nicht da. An der Stelle des
Himmels aber, wo ihn des Justus Auge suchte, war eine andere wundervolle
Himmelserscheinung. Vier schmale Lichtstreifen, nicht so breit als der
Schweif des Kometen, aber viel feiner und lnger, breiteten sich in
Kreuzesform ber einen groen Theil des Nachthimmels aus. Da sie vom
Kometen herrhrten, dessen Kern man nicht mehr sah, war kein Zweifel;
und der Schulmeister stand wie angewurzelt, und schaute mit thrnenden
Augen das wundervolle Schauspiel an. O Herr rief er aus, wer kann
deiner Herrlichkeit sich satt sehen! Du thust groe Dinge, die nicht zu
forschen, und Wunder, die nicht zu zhlen sind! Doch soll ich denn der
Einzige sein, sprach er vor sich hin, der die Werk Gottes bewundert!
Dorothe soll mir helfen. So sagend schritt er der Thre zu. Doch in
diesem Augenblick schlug es auf dem Thurme acht Uhr, und der
Schulmeister, gewohnt, seinen Dienst pnktlich zu thun, eilte zur
Kirche, ffnete sie rasch, wunderte sich auch weiter nicht darber, da
er die Thre nur angelehnt fand, und zog die Abendglocke. Wie ihr Klang
in das Thal hinab schallte, da deuchte es ihm, so feierlich htte es
noch nie gelautet, und er selbst kam sich vor wie ein Herold,
ausgesandt, die groen Thaten Gottes zu verkndigen, und vernehmlich
sprach er vor sich hin: Ich will deinen Namen predigen meinen Brdern.

Da kam es ihm vor, als rege sich in dem Kirchlein etwas und als seufze
ein Mensch aus tiefer Brust. Doch er achtete des Tones weiter nicht,
denn zu allen Zeiten der Nacht war er schon in der Kirche gewesen, und
hatte auf den Grbern umhergestanden, und so waren ihm diese Orte, die
sonst bei nchtlicher Weile fr den Furchtsamen Orte des Schreckens
sind, sehr befreundet und ngsteten ihn nicht.

Er hatte sein Geschft vollendet, die Thre rasch hinter sich
zugeschlagen, und wollte eben den Schlssel aus dem Schlosse ziehen; da
rief aus der Kirche eine laute Stimme: Lat auf, es ist Jemand in der
Kirche! Der Schulmeister blieb stehen und sein Herz klopfte ihm in der
Brust, doch rief er mit entschlossenem Tone: Wer ist denn in der
Kirche, sagt in Gottes Namen, wer ist denn in der Kirche? Ein
Fremder, scholl es aus der Kirche, der sich hier ein Nachtquartier
gesucht hat. Da ffnete Justus die Thre und heraus trat eine hohe
Gewalt, mit einem Knotenstock in der Hand und sprach in mildem Tone:
Vergebt mir, wenn ich euch erschreckt haben sollte, ich wollte nichts,
als freies Lager fr diese Nacht und freien Aus- und Eingang von hier.

Ein Nachtquartier in einer Kirche suchen, sprach der Schulmeister,
ist mir noch nicht vorgekommen; wer es da ohne Grausen kann aushalten,
der mu ein gut Gewissen haben. Da der Fremde auf diese Rede keine
Antwort gab, so fuhr er fort: Thtet ihr aber nicht besser, Fremder,
wenn ihr in guter Leute Haus einkehrtet fr diese Nacht, statt hier in
der Kirche, wo es kalt ist und wo ich euch kein Schlafpltzchen
vergnnen darf? Da sich's unter Dach und am warmen Ofen besser ruht,
denn hier, das wei ich wohl, sprach der Fremde, aber wer wird einen
Reisenden um Gottes willen aufnehmen mgen, der seinen letzten Pfennig
ausgegeben hat? Wie man anklopft, sagte der Schulmeister, so wird
einem aufgethan, und ein gut Wort findet auch eine gute Statt. Es sind
ihrer noch Etliche, die gastfrei sind ohne Murmeln; geht nur an die
nchste Thr' und versucht's. Wo ist denn die nchste Thre, fragte
der Fremde, und wie heit das Oertlein hier auf dem Berge? Das
Drfchen heit der Veitsberg, sagte Justus, und die nchste Hausthre
ist die meine. Und wer seid ihr? fragte langsam der Fremde. Ich bin
der Schulmeister vom Veitsberg, und biete euch ein warmes Nachtlager an,
sogar von Herzen gern, wenn ihr mir als ehrlicher Christenmensch in's
Aug' sehen knnt, und annehmen wollt, was mein klein' Haus vermag, ein
freundlich Gesicht und einen Bissen Abendbrod.

Der Freunde stand zgernd noch auf demselben Flecke und schaute bald den
Justus an, bald sah er in die Nacht hinaus. Dann brach er das Schweigen
mit der Frage: Seid ihr beweibt, Herr Schulmeister? Das Bedenken, das
in eurer Frage liegt, sagte Justus, kann ich errathen, und will's
schnell heben. Ja, der liebe Gott hat mir ein Eheweib beschieden; aber
meine Dorothe denkt wie ich: Brich den Hungrigen dein Brod, und die, so
im Elend sind, fhre in dein Haus. Sie wird weder scheel sehen, noch
maulen, wenn ihr herein kommt. Auch seid ihr nicht der erste Fremde, der
ein Obdach bei uns sucht; unser Drfchen hat kein Wirthshaus.

Der Fremde zgerte noch eine gute Weile; dann aber folgte er schweigend
in's Schulhaus. Wie sie zur Stube eingingen und Dorothe sich von ihrem
Sitze erhob, da sprach der Fremde einige Worte der Entschuldigung, aber
Justus nahm schnell das Wort und sagte: Dorothe, der Fremde hier wollte
in unserer Kirche bernachten, ich habe ihn eingeladen, fr diese Nacht
Herberge bei uns zu nehmen. Das wolle Gott verhten, sprach
freundlich Dorothe, da ihr eine Nacht in unserer Kirche zubringt, die
knnte euer Tod sein. Seid vielmehr bei uns willkomm, Herr, und macht's
euch bequem, ihr werdet mde sein und hungrig wohl auch, lat mich euch
einen Imbis bereiten! Nennt man denn einen Bettler, der in zerrissenen
Kleidern kommt, einen Herrn? sprach dster der Fremde. Gute Frau, ihr
thut mir zu viel Ehre an. Sprecht nicht von Ehre, antwortete Dorothe
freundlich, bei uns zu Lande sieht man nicht auf' s Kleid, sondern in's
Angesicht. Und ihr seid guter Leute Kind, das merke ich an eurer
Sprache, und an euren Augen sehe ich, da ihr viel gelitten habt, und
eben noch mehr leidet. Doch lat mich jetzt euer Abendbrod bestellen.
Damit ging Dorothe zur Kche.

Wre Dorothe nie in der Schule der Prfung gewesen, htte sie dann so
reden knnen? Wie aus dem Schmelztiegel das lautere Gold hervorgeht, so
frdert auch das Leid aus der Tiefe der Seele das lautere Gold zu Tage,
das Gold der Gottes- und der Menschenliebe. In diesem Sinne sagt der
Psalm: Ehe ich gedemthigt ward, irrete ich, nun aber halte ich dein
Wort.

Bald stand auf dem Tische des Fremden eine Milchsuppe mit Brodschnitten
darin, und auf flachem Teller von buntem Hausgeschirr ein Kuchen von
frischgelegten Eiern; und der Fremde a mit groer Begierde, und man sah
es ihm an, wie er sich Gewalt thun mute, seinen starken Hunger nicht
zur Schau zu tragen.

Whrend Dorothe ab- und zuging, und dem Fremden drben im Schulstbchen
das Nachtlager bereitete, hatte derweil der Schulmeister seinen Rath mit
ihm. Doch ging das Gesprch nicht sonderlich von Statten; denn der
Fremde antwortete nur auf die gethanen Fragen, und schien gar
niedergebeugt. Das indessen brachte der Justus schon am Abend an ihm
heraus, da er unter den Preuen gedient, als diese unter ihrem Knig,
dem groen Fritz, wie er nachmals genannt wurde, den Kaiserlichen das
Schlesinger Land abgenommen; aber der Fremde legte so wenig Werth auf
die Thaten, die er in diesem Kriege gethan, da man ihm wohl anmerkte,
er habe das Soldatenhandwerk nicht sonderlich lieb gehabt. Auch vermied
er sichtlich, seinen Namen zu nennen, und das Ziel seiner Reise zu
verrathen. Viel gesprchiger ward er aber, als von gelehrten Dingen die
Rede war, und Justus merkte wohl, da er es mit einem Manne zu thun
habe, der in fremden Sprachen einen guten Grund gelegt, auch sich da und
dort in den Bchern fleiig umgesehen habe.

So war die Zeit zur Nachtruhe gekommen, und Justus sagte zu dem Fremden:
Ich und mein Haus wollen jetzt dem Herrn dienen. Habt ihr Gottes Schutz
und Treue erfahren an diesem Tag, so erlaubt ihr wohl, da wir mit euch
und fr euch loben und danken in dieser Abendstunde. Als der Fremde
schweigend mit dem Kopfe genickt, da nahm der Schulmeister sein
Hausbchlein von dem Kammbank, darin er fr sich und die Seinen zu
tglichem Gebrauch den Morgen- und Abendsegen, wie viel andere herzliche
Gebetlein fr allerlei Lage und Zeit eingeschrieben hatte, und betete
mit lauter Stimme also:

Barmherziger, gndiger Gott und Vater, ich sage dir Lob und Dank, da
du Tag und Nacht geschaffen, Licht und Finsterni unterschieden; den Tag
zur Arbeit und die Nacht zur Ruhe, auf da sich Menschen und Thiere
erquicken. Ich lobe und preie dich in allen deinen Wohlthaten und
Werken, da du mich den vergangenen Tag hast vollenden lassen durch
deine gttliche Gnade, und desselben Last und Plage hast zurck legen
lassen. Es ist ja genug, lieber Vater, da ein jeder Tag seine eigne
Plage habe. Du hilfst ja immer eine Last nach der andern ablegen, bis
wir endlich zur Ruhe, und an den ewigen Tag kommen, da alle Plage und
Beschwerung aufhren wird. Ich danke dir von Herzen fr all' das Gute,
das ich diesen Tag von deiner Hand empfangen habe. Ach Herr, ich bin zu
gering aller Barmherzigkeit, die du an mir tglich thust. Ich danke dir
fr die Abwendung des Bsen, das mir diesen Tag begegnen knnen, und da
du mich unter deinem Schirm des Hchsten und Schatten des Allmchtigen
bedecket, und behtet hast vor allem Unglck, und vor schweren Snden,
und bitte herzlich und kindlich, vergib mir alle meine Snden, die ich
diesen Tag begangen habe, mit Gedanken, Worten und Werken. Viel Bses
habe ich gethan, viel Gutes habe ich versumt. Ach, sei mir gndig, mein
Gott, sei mir gndig! La heute alle meine Snde mit mir absterben, und
gib mir, da ich immer gottesfrchtiger, heiliger, frmmer und gerechter
wieder aufstehe; da mein Schlaf nicht sei ein Sndenschlaf, sondern ein
heiliger Schlaf; da meine Seele und mein Geist immer zu dir wache.
Segne meinen Schlaf, wie den Jakobs, da er die Himmelsleiter im Traum
sah, und den Segen empfing, und die heiligen Engel sah; da ich von dir
rede, wenn ich mich zu Bette lege, an dich gedenke, wenn ich aufwache;
da dein Name und Gedchtni immer in meinem Herzen bleibe, ich schlafe
oder wache. Gib mir, da ich nicht erschrecke vor dem Grauen der Nacht,
noch vor den Sturmwinden der Gottlosen, sondern se schlafe. Behte
mich vor schrecklichen Trumen, vor dem Einbruch der Feinde, vor Feuer
und Wasser. Siehe der uns behtet schlft nicht, siehe der Hter Israels
schlummert nicht. Sei du, o Gott, mein Schatten ber meiner rechten
Hand, da mich des Tages die Sonne nicht steche, noch der Mond des
Nachts. La deine heiligen Wchter mich behten, und deine Engel sich um
mich her lagern, und mir aushelfen. Dein heiliger Engel wecke mich zu
rechter Zeit, wie den Elias, und wie den Petrus, da er schlief im
Gefngni zwischen den Htern, auf da ich erkenne, da ich auch sei in
der Gesellschaft der heiligen Engel. Und wenn mein Stndlein vorhanden
ist, so verleihe mir einen seligen Schlaf, und eine selige Ruhe in Jesu
Christo, meinem Herrn.

Amen, sprach feierlich der Schulmeister; und nun Dorothe, meine
Liebe, lies du uns noch die Abendlection aus heiliger Schrift. Hier im
Evangelium Luc stehen wir, im fnfzehnten Kapitel, am eilften Verse.
Und Dorothe nahm die Bibel aus seiner Hand und las, wie ein glubiger
Christ die Schrift liest, voll Salbung und Andacht das Gleichni vom
verlorenen Sohne.

Bis dahin hatte der Fremde mit gefaltenen Hnden und mit gesenktem
Blicke dagesessen, nun aber, wie Dorothe las, ward er unruhig und seine
Unruhe wuchs mit jeder Minute, und wie Dorothe an die Worte kam: Ich
will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen, und zu ihm sagen: Vater
ich habe gesndigt in dem Himmel und vor Dir, -- da seufzte der Fremde
zum Herzbrechen, und groe, dicke Thrnen strzten aus seinen Augen und
er rief laut: Mein Vater, mein Vater! Dann ward er pltzlich wieder
stille, sprach auch kein Wort mehr, als: Gute Nacht! und lie sich von
seinem Gastwirth in sein Schlafgemach geleiten.

Die Nacht ging ohne Strung vorber. Mit Gebet fr das Heil des Fremden,
der unter ihr Dach getreten war, waren Justus und sein Weib
eingeschlafen; denn er bedarf unseres Gebetes gewi߫, hatte der
Schulmeister gesagt, trgt mich der Augenschein nicht gnzlich, so
beherbergen wir einen verlorenen Sohn; mge er nur bald heimkehren zu
seines Vaters Haus.

Wie der Schulmeister am andern Morgen in des Fremden Schlafstube kam, da
fand er diesen am Fenster stehen, den Kopf wider die Scheiben gelehnt
und hinausschauen in den Morgen, der, einen schnen Mrztag verkndend,
ber die Thler heraufstieg. Der Fremde war noch blsser, denn am Abend;
und jetzt bei hellem Tage sahe man erst recht, warum er Bedenken
getragen, in ein ehrlich Haus einzutreten, denn seine Kleidung waren
eitel Lumpen und die Schuhe waren mit Bindfaden an den Fen
festgebunden. Gesicht aber und Hnde waren rein, und seine Haltung war
aufrecht, und sein Blick hatte nichts Freches und Wildes, war vielmehr
sanft und leidend. Ein Blick auf das Lager berzeugte den Schulmeister
sogleich, da der Fremde nicht darin geschlafen, da er vielmehr
wahrscheinlich die Nacht durchwacht habe. Das Alles bersah Justus mit
einem Blick und mit einem Gedanken durchdachte er das ganze Seelenleiden
des Fremden und eine innige Theilnahme ergriff sein Herz. Und wie ihm zu
Sinne war, so sprach er es aus, gleich fern von Aufdringlichkeit wie von
Neugier. Das rechte treue Wort schien auch die rechte wunde Stelle im
Herzen des Fremden gefunden zu haben, denn er sagte gar bewegt: Habt
Dank, habt Dank, guter Mann fr die groe Liebe, womit ihr mich, einen
Landlufer, beehrt habt. Nicht lange mehr will ich euch lstig fallen.
Wollt ihr mir aber noch einen recht groen Dienst thun, so fhrt mich
auf einen Pfad, auf dem ich Gieen erreichen kann, ohne da Menschen mir
begegnen, und schenkt mir auf ein einzig Stndlein nur euer Geleit, ich
mchte von euch einen Freundesrath mir erbitten. Seit ich in der Irre
gehe, habe ich solch' eine Liebe nicht gefunden, wie bei euch! O htte
ich euch frher gefunden, es stnde jetzt anders um mich!

Hab' ich denn etwas Sonderliches an euch gethan, fragte der
Schulmeister, das solch' Aufhebens verdiente, wie ihr thut? Ich habe
euch aufgenommen, da ihr sonst kein Obdach finden konntet, das ist
Alles. Ist das eine Tugend oder ein Lob, so hab' ich sie von Vater und
Mutter gelernt, und wre das nicht, so kenne ich ja des Apostels Wort:
Nehmet euch der Heiligen Nothdurft an, herberget gerne. Was euren
Wunsch aber betrifft, so wei ich ein Pfdlein durch Wald und Feld, das
ist einsam und traulich; ich bin's wohl auch schon an warmen Sommertagen
gegangen. Auf dem Pfdlein will ich euch gern das Geleite geben, nur
lat mich erst meines Amtes warten. Haben wir mitsammen die Morgensuppe
gegessen, so ziehe ich das Schulglcklein, das man drunten weithin
hret, und dann kommen meine Schler. Seht nur dort hinunter, dort an
der Waldecke, da naht schon ein Trpplein; sie kommen gern, und bleiben
gern, ohne da ich sie treibe und halte. Seht, jetzt haschen sie
einander und Einer ruft, um das Echo zu wecken, das dort an der Waldecke
ist. So ist's recht, ihr Kinder! Ich sag' ihnen immer:

    Wer sich gewhnet hat, in Ehren sich zu freu'n,
    Wird auch bei ernster Sach' nicht trg und schlfrig sein.

       *       *       *       *       *

Nach der Morgensuppe war der Fremde verschwunden; er hatte sich im nahen
Walde verborgen gehalten, denn er schmte sich der Lumpen, die ihn
deckten. Um die Zeit, die ihm von Justus genannt worden war, erschien er
wieder, nahm schnell aber herzlich von Dorothe Abschied, und wanderte
mit dem Schulmeister durch die Wlder nach Gieen zu.

Im Wald war's schon lebendiger geworden; die Vorboten des Frhlings
zeigten sich auch da. Einsame Bienchen flogen um die Schneeglckchen,
oder hingen sich an die Ktzchen der Salweiden, whrend der Specht mit
lautem Hmmern den Wrmern in den alten Buchen nachstellte, und die
Amsel Reiser trug zum Nest, und ihren lauten Schlag durch die Wlder
schallen lie. Es war ein schner Mrztag, und die Sonnenstrahlen fielen
so warm durch die kahlen Zweige der Bume auf die Wandrer, da der
Schulmeister seinem Dankgefhl Worte gab und zu seinem Gefhrten sagte:
Ein solcher Tag lohnt doch fr viele trbe Winterstunden. Aber so ist's
auch im Reiche Gottes; unsere Trbsal, die zeitlich und leicht ist,
schaffet eine ewige Herrlichkeit.

So mu es wohl sein, sprach der Fremde, denn die Schrift sagt's, und
mag fr die ein groer Trost in dem Sprchlein liegen, die gleich Hiob
sagen knnen: Mein Gewissen beit mich nicht meines ganzen Lebens
halber. Aber wie steht es mit Denen, die ihr Leid selbst verschuldet
haben; die von Gott sich losgesagt und ihre eignen Wege gegangen sind;
wird denen auch die Last abgenommen, und haben die den Trost, da ihr
Leid sie zum Heil fhre?

O gewi߫, sagte der Schulmeister, wenn sie nur ihre bsen Wege lassen
und die Stimme Gottes nicht berhren, die in den Folgen ihrer Snden zu
ihnen spricht und sie zur Bue rufet. Denn so wahr ich lebe, spricht
der Herr, ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern da er
sich bekehre und lebe. Denn bei ihm ist viel Vergebung.

Ich glaube das, sagte der Fremde, ja seit der letzten Nacht, die ich
durchwacht, glaub' ich's sogar von Herzen, und verstehe jetzt, was ich
frher nie verstehen konnte: wie Gott nicht will, da Jemand verloren
gehe, sondern da sich Jedermann zur Bue bekehre. Aber wie ist es mit
den Menschen, nehmen die auch die Snder so freundlich wieder auf,
werden die auch bereit sein, alles Geschehene zu vergessen, wenn Einer
kommt und sagt: Es reut mich von Herzen, was ich gethan habe, vergib
mir meine Schuld? Und der Fremde hielt beide Hnde vor sein Angesicht
und weinte laut, und rief einmal ber das andere Mal aus: O mein Vater,
mein Vater!

Kmmert euch das, sprach theilnehmend der Schulmeister, so lat die
Sorge fahren. Habt ihr etwas zu bereuen, das ihr gegen Gott und Menschen
gethan habt, ist es euch leid von Herzensgrund, und habt ihr durch den
euren Rckweg zu Gott genommen, der von Gott uns gemacht ist zur
Weisheit, zur Gerechtigkeit zur Heiligung und zur Erlsung, und habt ihr
durch ihn den Zutritt gewonnen zum Vater und durch ihn die Botschaft
vernommen: Sei getrost, mein Sohn, dir sind deine Snden vergeben,
-- dann geht getrost den Menschen unter's Auge, wer sie auch sind, und
sagt ihnen: der Herr hat mir vergeben, vergib mir auch, sie werden
euch nicht von hinnen weisen. Und thten sie's, was verlret ihr dabei?
Ist Gott mit uns, wer mag wider uns sein? Wir vermgen Alles durch den,
der uns mchtig machet, Christus.

Ach, ihr wit nicht, sprach der Fremde, der sich etwas gesammelt
hatte, wie ich meinen Vater gekrnkt habe. Ich war sein einzig Kind,
und meine Mutter schon lange todt. Da hat er mich denn geliebt in Milde
und Ernst, wie ich es nie verdient und nie vergelten kann. Und doch ward
ich schlecht und schlug Alles in den Wind, und soff und spielte und
betrog und entwich endlich, und lie meinem Vater einen Haufen Schulden
zurck. Seit Jahren treibe ich mich dann in der Welt umher; habe mir
helfen wollen auf gute und bse Weise, und bin immer tiefer gesunken,
bis ich zum Bettler ward. Da bin ich meiner Heimath immer nher
gekommen, und auch immer mehr in mich gegangen, und seit gestern Abend,
da ich im Gleichni vom verlorenen Sohn mich selbst erkannte, habe ich
mich recht gedemthigt und zu mir gesprochen: Ich will mich aufmachen
und zu meinem Vater gehen! Aber da lt mir der Gedanke keine Ruhe: Er
wird, er kann dich nicht aufnehmen, du hast zu schwer an ihm gesndigt!
Sagt mir, o sagt mir, wird er mich aufnehmen?

Mein Freund, sagte der Schulmeister tief ergriffen, lernet doch
erkennen den Himmelstrost aus heiliger Schrift. Der dort sagt im
Gleichni: Und da er noch ferne war von dannen, sahe ihn sein Vater und
jammerte ihn, lief und fiel ihm um seinen Hals und kssete ihn, -- der
mu wohl gewut haben, wie es um ein Vaterherz steht. Alle Lieb' kann
aufhren: Gattenlieb' und Kindeslieb' und Freundeslieb', aber Vater- und
Mutterlieb' hret nimmer auf; die ist strker als der Tod, tiefer als
das Meer, hher als der Himmel. Und der mich gelehrt hat, an solcher
Liebe Kraft zu glauben, der lehrt mich auch jetzt euch sagen: Geht nur,
mein Sohn, euer Vater hat euch vergeben, so gewi auch Gott uns vergibt
in Christo Jesu.

Amen, so sei es, sprach der Jngling; mit diesem Trost will ich
meinem Vater unter die Augen treten. Wie es nun ausfalle, habt tausend
Dank fr Rath und Trost, und erlaubt mir, da ich noch einmal zu euch
komme, um euch zu danken, besser als ich es heute kann. Dann sollt ihr
auch meinen Namen erfahren, denn den ich in der Fremde gefhrt, der ist
nicht mein Name; meines Vaters Namen zu fhren, schme ich mich.

Bei diesen Worten waren die Wandrer aus dem Walde getreten. Sie standen
auf einer Hhe, und vor ihnen breitete sich nach Westen hin ein
herrliches Thal mit mehreren Drfern aus. Kennt ihr die Gegend? fragte
der Schulmeister den Fremden. Wohl kenne ich sie, war des Fremden
Antwort. Das da drben am Berge mit dem Schlosse, das so hell in der
Sonne glnzt, das ist Buseck, und dort im Thale sehe ich die Thrme von
Gieen. Ach drfte ich es wieder meine Vaterstadt nennen! Muth gefat,
junger Freund, sagte Justus, wenn die Sonne untergeht, seid ihr dort.
Lebt wohl! Unter herzlichem Hndedruck schieden sie.

O wie mag dir der Heimweg so s und friedlich gewesen sein, du guter
Justus! Du hast ein gut Tagewerk heute vollbracht; von dir gilt, was
dort der Prophet sagt: Wie lieblich sind auf den Bergen die Fe der
Boten, die da Frieden verkndigen, Gutes predigen, Heil verkndigen; die
da sagen zu Zion: Dein Gott ist Knig!

    Dort ruft, o mchte Gott es geben!
    Vielleicht auch mir ein Sel'ger zu:
    Heil sei dir, denn du hast das Leben,
    Die Seele mir gerettet du!
    O Gott, wie mu das Glck erfreu'n,
    Der Retter einer Seele sein! --

       *       *       *       *       *

Es war Abend und der Fremde stand am Thore der Stadt Gieen. Unerkannt,
wie er bis dahin geblieben war, wollte er sich an der Wache vorbei in
die wohlbekannte Stadt einschleichen; aber die Schildwache, die am Thore
stand, vertrat ihm den Weg, und rief ihm in barschem Tone zu: Hrt,
Landsmann, wer hier hinein will, und ist ein Fremder von eurem Ansehen,
der hat zuvor Stand und Beruf zu melden, auch durch Pa und Schreiben
sich gehrig zu legitimiren. Auf des Fremden Bemerkung, da er ein
Stadtkind sei, sagte der Soldat nichts, als: Das steht zu beweisen.
He, Renner, rief er einem Soldaten zu, der gerade aus dem Fenster der
Wachstube heraussah, nimm einmal den Mann hier als Arrestanten in
Empfang, und bringe ihn hinein zum Corporal; es scheint nicht richtig
mit ihm zu sein.

So geschah es. Der Corporal fragte den Fremden nach Stand und Namen, und
schttelte den Kopf, als er den letzteren gehrt, und sagte: Seid ihr
wirklich der, fr den ihr euch ausgebt, so mu ich um des Gewissens
willen eine Ausnahme von dem Befehl machen, alle Arrestanten dem Herrn
Platzkommandanten vorzufhren. Mit eurer Heimkehr hat's Eil', wie ich
heute Abend gehrt, als ich zum Verles ging. Geht also, nehmt aber
diesen Soldaten mit euch, der euch zurckbringen wird, falls ihr nicht
auf dem rechten Wege bleibt.

In Begleitung des Soldaten durcheilte der Fremde die wohlbekannten
Straen, lenkte in die Schlogasse ein und ergriff den Klopfer einer
Hausthre, um hinein zu gehen. Doch die Thre war verschlossen. Ungestm
hmmerte er mit dem Klopfer an der Thre. Die ward auch bald geffnet,
aber ein Bedienter vertrat dem Fremden den Weg und sagte: Wollt ihr zum
Herrn Rath Laupus, so kommt spter wieder, der Herr Rath sind krank und
lassen Niemand vor sich. Dieses hren und den Bedienten zur Seite
stoen und die Treppe hinanstrzen, war bei dem Fremden das Werk eines
Augenblicks. Ungestm ri er die Thre zum Schlafzimmer seines Vaters
auf, und mit lautem Schrei strzte der verlorene Sohn vor das Bette des
todtkranken Vaters. Von dem Schrei schreckte der Kranke aus seinem
Fieberschlafe auf, starrte um sich her, und als sein Blick auf den Sohn
fiel, der zur Seite des Bettes auf den Knieen lag, richtete er sich mit
groer Anstrengung auf, und fragte hastig: Trum' ich, oder bin ich
schon todt, oder ist es wahr, ist mein Benjamin zurckgekehrt? Ja,
Vater, rief der Jngling unter lautem Weinen, ich bin's, dein Sohn ist
es; vergib ihm, um Gottes Barmherzigkeit willen, vergib ihm. Es reuet
mich Alles, was ich gethan, aus Herzensgrund; ich will fortan ein andrer
Mensch werden! Hab' Dank, guter Gott, fr die letzte Labsal, sprach
der Kranke, indem er zurcksank, mit der linken Hand seine Augen
bedeckte, und die rechte segnend auf des Sohnes Haupt legte. Sei
willkommen, Benjamin, sei in Gottes Namen willkommen, sprach er leise;
du kommst zu rechter Zeit, und wenn der liebe Gott das Gebet eines
sterbenden Vaters erhrt, so bitte ich um Christi willen, er mge dir
deine Snde vergeben, wie ich dir vergeben habe. Komm, Benjamin, ksse
mich, und sei hinfort wieder mein guter Sohn. Ich sterbe bald,
vielleicht noch in dieser Stunde, so bleib' denn um mich, da ich mich
deines Besitzes wieder freuen kann.

Indem klopfte es an die Thre; eine alte Frau, die als Wrterin am Ofen
gesessen hatte, ffnete sie, und lie einen Mann herein, der auf das
Bette des Kranken zuging, und in leisem Tone sagte: Herr Rath, ihr habt
meiner begehrt, womit kann ich euch zu Diensten sein? Ich danke euch,
Herr College Gerst, sprach der Rath Laupus, da ihr meinem
freundlichen Bescheid schnell habt Folge gegeben. Mein Ansinnen sollte
sein, da ihr meinen letzten Willen mir aufsetztet; nun aber der Herr
mein Gebet erhrt, und meinen Benjamin mir zurckgefhrt hat, so geht
nur mein Begehren an euch, ihr wollet euch meines Sohnes nach besten
Krften annehmen und behlflich sein, da er auf rechtem Wege erhalten
werde. Wie der Rath Gerst darauf dem Kranken Handschlag und Wort
gegeben, trat er vom Bette weg, um Vater und Sohn ungestrter verkehren
zu lassen, und setzte sich in die Nhe des Ofens.

Die Wrterin hatte ihn mittlerweile nicht aus den Augen gelassen; ihre
Blicke ruhten forschend und stechend auf seinem schnen, aber finstern
Angesicht. Jetzt trat sie leise zu ihm, tupfte mit dem Finger auf seine
Schultern und sagte: Seid ihr der Rath Gerst? Ja, war die Antwort.
Und seid aus Braubach am Rhein? Dieselbe Antwort. Und kennt auch
Einen, seines Standes ein Theologe, mit Namen Justus? Der Rath
verfrbte sich und fragte: Wie so, was ist mit dem? Nun, ich merke,
sagte die Alte, indem sie den Mann mit ihren Augen zu durchbohren
schien, ich bin auf der rechten Spur. Was mit dem Justus ist, fragt
ihr? Dem geht ein Teufel in Menschengestalt schon seit Jahren nach, und
suchet, wie er ihn verschlinge. La ab, du Teufel, von dem Gesegneten
des Herrn, oder es ergeht dir, wie Dathan und Abiram, die der Herr
verschlang mit seinem Feuer. Und wer seid ihr denn, unverschmtes
altes Weib, sprach der Gerst in leidenschaftlichem, aber gedmpftem
Tone, da ihr es wagt, mich in dem Hause meines Freundes zu beleidigen,
habt ihr keinen Respect vor meiner Person und meinem Amte? Wer ich
bin, rief das Weib mit zornrothem Angesicht, aber ebenfalls in
gedmpftem Tone: Ich bin des seligen Matthes Lind vom Tiefenweg
eheliche, nachgelassene Wittib; und ich Barbara Lindin sage euch, habe
allen Respect vor eurem Amte, das von Gott geordnet ist, vor euch selbst
aber habe ich weniger Respect, denn vor dem Schinderkaspar, der hinter
dem Teufelslustgrtchen wohnt; denn der schindet, was todt ist, ihr aber
schindet Christenmenschen bei lebendigem Leib und nennt euch dazu einen
Herrn Rath. Pfui, sag' ich, ber solch' Otterngezchte! Pfui, sag' ich
noch einmal in meinem Namen, wenn ihr's hren wollt, und noch einmal
pfui, in Gottes Namen! --

Die alte Lindin war im beten Zuge, kein gutes Haar an dem Gerst zu
lassen; denn das war ihre schwchste Seite, da sie nicht schweigen
konnte, wenn es galt, ein Unrecht zu strafen, oder einen Freund zu
vertheidigen. Denn, sagte sie, eifern ist gut, wenn's immerdar
geschieht um's Gute. Zum Glcke fr ihren Gegner, der sich nicht mehr
zu helfen wute, rief der Herr Rath Laupus ihn an sein Bette, und er
ergriff bald die erste Gelegenheit, sich aus der Krankenstube zu
entfernen, nicht ohne einen Blick der Rache auf die alte Lindin geworfen
zu haben, den diese standhaft aushielt und treulich erwiederte.

Heute war der Racheengel dem Gerst in Gestalt der alten Lindin genaht,
mchte sein Gewissen bald erwachen und er uns in anderem Lichte
erscheinen, wenn wir ihm in unserer Erzhlung wieder begegnen! Doch die
Snde lt ihren Knecht nicht sobald aus ihrem Solde. Wie der Lwe auf
den Raub lauert, also ergreifet zuletzt die Snde den Uebelthter.




12. Der Feind kommt, wenn die Leute schlafen.


    Blumenglcklein luten
      Durch die Thler hin,
    Weie Schflein weiden
      In der Wiesen Grn.

    Vglein singen Lieder,
      Singen lauten Schlag,
    Frhling kehrte wieder,
      Rief die Erde wach.

    Und auf linden Lften
      Kommen Engelein,
    Schmcken rings die Triften,
      Kehren bei uns ein;

    Sagen, da dort oben
      Ew'ger Frhling sei,
    Wer hinaufgehoben,
      Sei von Kummer frei;

    Wer hinaufgehoben,
      Schaue Jesum Christ,
    Der zum Vater droben
      Segnend gangen ist. --

    Wenn der Lenz gekommen,
      Dann gedenke sein;
    Wen er aufgenommen,
      Wird sein Engel sein.

So sang Dorothe ihren Kindern vor am offnen Fenster. Der April war
gekommen und mit ihm das Osterfest, fr die Alten das Fest der Lieb' und
Herrlichkeit, und fr die Jungen das Fest der bunten Eier und des
lauten, frohen Jugendspiels auf grner Flur. Aus dem Thal herauf hrte
man das Jauchzen der Kinder, und das Herz so voll Kindesglcks und
Frhlingslust drngte sich auch Heinrich an die Mutter heran, und
fragte, und fragte viel ber das Osterfest, und ber den Herrn Christum,
und ber die bunten Eier, und ber den Pathen im fernen Holland, und ob
denn jetzt immer Frhling bleibe und nie wieder Winter werde?

O wer kennt sie nicht diese Kinderfragen, wer hrte sie nicht gerne, und
gbe nicht gerne Antwort darauf! Sie sind ja der Durst des kleinen
Menschenherzens, den Grund zu wissen von Allem, und den Vorhang zu
heben, der ber der Zukunft liegt! Wir Alle werden ja Zeit Lebens nicht
mde zu fragen. Gingen wir nur bei unsern Fragen nicht so oft an die
unrechte Thre; lernten wir doch _Den_ frhe zu unserm Rathgeber whlen,
der lnger und geduldiger, denn Vater und Mutter, stille hlt und uns
nie von sich scheucht; bei ihm wrden wir Ruhe finden fr unsere Seelen.

Aber Heinrich wollte viel wissen, und die Fragen des Kindes trieben der
Mutter die Thrnen in's Auge. Ob Vater und Mutter immer bei ihm bleiben,
und immer froh sein und ihm immer gut, und ob es auch ihm gut ginge,
wenn er fromm und gut bliebe? Ja, sagte Dorothe, es wird dir immer
gut gehen, Heinrich, wenn du den lieben Gott lieb hast und nach seinen
Geboten thust. Aber wie es in der Natur ist, da bald Winter ist und
bald Sommer, und auch mitten im Sommer mancher Tag strmisch und rauh
ist, und die Sonne nicht scheint, so wechselt es auch im Menschenleben,
und der liebe Gott macht uns bald froh und bald traurig. Heute gibt er
uns und morgen nimmt er uns. Aber ob er gibt, oder nimmt, so thut er uns
allezeit wohl. Wer nur recht fest an ihn glaubt und ihm fein stille
hlt, dem kommt auch nach jedem Winter der Frhling wieder, und er
vergit der gehabten Sorge um seiner Freundlichkeit willen. Es ist nur
und dem Vater nicht alle Zeit wohlgegangen, und kann auch wieder eine
Zeit kommen, wo uns das Leben sauer wird; aber wir verlassen uns auf den
lieben Gott, das thu' du auch, Heinrich und vergi nicht dein
Sprchlein:

    Kindelein, bete fein,
    Wird dir Gott gndig sein!

Und Heinrich sah ernst in seiner Mutter Augen, die voll Thrnen standen,
gleich als verstnde er, was sie sagte. Und wohl verstand er, was sie
sagte; denn Mutterthrnen sind zart geschliffene Glschen, durch die das
Kindesang' die Schrift der Liebe im Mutterherzen lesen kann; und ein
Brcklein ist gebaut zwischen Mutter- und Kindesherz, darauf fhrt der
Herr die guten Engel herber und hinber.

Mittlerweile war der Vater drauen gewesen im Hausgrtchen, um sich an
seinen Bienen zu erfreuen, die auch der Frhlingstag zu neuem Leben
gerufen hatte, und die in dicken Trauben an den Fluglchern hingen.
Jetzt trat er herein, und in seiner Begleitung war der Fremde von
neulich, der ein Obdach im Hause des Schulmeisters gefunden, und
versprochen hatte, bald wieder zu kommen. Eine groe Vernderung war
seitdem mit ihm vorgegangen. Statt der schmutzigen, zerrissenen
Kleidung, die ihn damals bedeckte, war er jetzt sehr anstndig angethan,
aber die schwarze Farbe seiner Kleidung und ein schwermthiger Zug in
seinem Angesicht sagten deutlich, da die Nacht auf dem Veitsberg nicht
die letzte trauervolle gewesen sei. Jetzt nannte er seinen Namen,
erzhlte mit tiefer Wehmuth, wie sein guter Vater in seinen Armen
gestorben sei, nachdem er ihm zuvor herzlich vergeben; erzhlte auch,
wie sehr sich der Vater gefreut auf seinem Sterbebette, als er von
Justus Liebesdienst an seinem verlornen Sohne gehrt; wie er ihm
aufgetragen, des Sterbenden Dank seinem Wohlthter zu bringen, und wie
er den Sohn ermuntert habe, dieses Danks nie zu vergessen. Ja noch mehr
hat er gethan, sagte der Benjamin Laupus, er hat auch den Herrn Rath
Gerst an sein Bette kommen lassen und ihm das Versprechen abgenommen,
euer Freund und Frsprecher zu werden, und euch zu einer besseren
Stellung zu verhelfen, weil ihr es verdientet, mehr als Einer. Darauf
nach des Vaters Tode hat mich der Herr Rath Gerst noch einmal zur Seite
genommen, und mich gefragt, wo ihr wohntet, weil er lange nichts von
euch gehrt, ob es euch wohl gehe und ihr ein gutes Zeugni httet; auch
ob ihr verheirathet wret, und wie eure Frau heie, kurz, der Mann
schien euch zu kennen, und es mit euch wohl zu meinen. Und als ich ihn
selber fr euch bat, da sagte er: Wir wollen sehen, was sich fr den
Justus thun lt!

Wie der Name des Gerst von dem jungen Laupus genannt ward, da senkte der
Justus und sein Weib das Haupt, da war es ihnen, als lege sich eine
Centnerlast auf ihr Herz; jetzt, wo sie des Gerst, ihres Todfeindes,
eigne Worte gehrt, von einem Versprechen gehrt, das er fr sie einem
Sterbenden geleistet, da sahen sie sich mit einem Blicke an, aus dem
alles Leid ihres bisherigen Lebens sprach, und Justus sagte mit einem
tiefen Seufzer: Herr, dein Wille geschehe. Sonst aber ward in
Gegenwart des Laupus kein Wort ber den Gerst gesprochen, weder lobend
noch tadelnd. Der Jngling ward wie ein lieber Gast behandelt, als htte
er eine frohe Botschaft, nicht eine so traurige gebracht, und es ward
ihm wieder so wohl unter den lieben Menschen, da es ihm schwer hielt,
sich am andern Tage zu verabschieden. Nur als ihm der Schulmeister
wieder das Geleite gab auf eine kleine Strecke, und er dem Jngling die
Hand zum Abschied reichte, da sagte er: Herr Laupus, habt Dank fr
euren Besuch und fr eures Vaters letzten Gru; aber habt ihr uns lieb,
wie ihr sagt, so thut bei dem Rath Gerst, als kenntet ihr uns nicht.
Ruft meinen Namen und eures Vaters Wunsch niemals in sein Gedchtni
zurck. Es ist gut auf den Herrn vertrauen und sich nicht verlassen auf
Menschen. Ich bleibe gern, was ich bis dahin war, der Schulmeister vom
Veitsberg, und gehe nur dann von hier, wenn mich mein Gott sonstwo in
seinem Dienste brauchen kann. Euch aber rufe ich aus demselben Wort, mit
dem ich euch damals getrstet, das Sprchlein zum Abschied zu: Wachet,
stehet fest im Glauben, seid mnnlich und seid stark.

Es scheint fast, sprach der Schulmeister zu seiner Dorothe, als er in
sein Haus trat, als sollte unsere Prfungsschule etwas lnger dauern,
wie wir meinten. Nun es geschehe Gottes Wille an uns; ist seine Hand auf
unserm Rcken, so mu unsere Hand auf unserm Munde sein, da wir nicht
klagen, und seinen Rath verachten. Nach Frieden haben wir lange
getrachtet, sei es denn auch bei uns also: Je lnger begehrt, je ser
gewhrt.

Und so kam es denn; die Trauer zog wieder ein in's Haus des
Schulmeisters, aber diemal ward sie nicht von Menschenhnden gebracht,
die Hand des Herrn nahm, was sie gegeben hatte; Magdalenchen, das
Jngste von des Schulmeisters Kindern, ward krank und starb. Wie er aber
diesen Schlag aufnahm, und wie Dorothe ihr Kind beweinte, das haben wir
schon gesehen. Und mit dem Tag seiner Beerdigung kam ein fremder Gast
in's Schulhaus, die kleine Selma, und ber der Pflege des lieblichen
Kindes ging die Zeit des ersten Schmerzes vorber.

Monate lang warteten Justus und sein Weib auf den versprochenen Brief
aus Holland, aber er kam nicht und es ward ihnen ngstlich zu Sinn, um
des Kindes willen. Als nun endlich ein Jahr vorber war, und die
gewnschte Nachricht noch immer ausblieb, da schrieb Justus selbst nach
Holland, erzhlte viel von dem Kinde, wie es sichtlich zunehme und schn
an Leib und Seele werde, und bat dringend um Antwort, aber die Antwort
blieb aus. Abermals nach einem Jahre schickte er einen zweiten Brief ab;
aber auch der hatte keinen Erfolg. Wenn dann Justus den Kopf schttelte
und von den Mglichkeiten sprach, die Vater und Mutter des Kindes
betroffen haben knnten, auch Besorgnisse ber die Zukunft des Kindes
uerte, dann sprach Dorothe: Justus, la' nur den lieben Gott walten,
hat er dem Kinde Vater und Mutter genommen, so will er, da wir ihm
beides seien. Ich freue mich sein, als wre ich seine Mutter, und mag's
nicht von mir lassen, denn mein Herz hngt an ihm. Thun wir an ihm, als
einem eignen Kinde, so wird es nicht wissen, von wannen es stammt, und
nach nichts Anderem begehren, als uns gehorsam zu sein, wie ein Kind den
Aeltern. Nach zeitlichem Vortheil haben wir ja nicht getrachtet, als
wir's zu uns aufnahmen, so soll es denn auch nie erfahren, was es uns
gekostet, sondern nur, wie lieb wir es gehabt.

Und so geschah es; Selma wuchs als Tchterlein des Schulmeisters auf,
nannte die Pflegeltern Vater und Mutter, und wollte nie glauben, was da
und dort eine geschwtzige Nachbarin dem Kinde in's Ohr flsterte, als
es zu begreifen anfing, was es heie, Vater und Mutter verlieren und
eine Waise sein. Wer aber dem Kinde nur einmal in die groen, blauen
Augen sah, wer die Farbe seines blonden Haares und die Zierlichkeit
seiner Glieder aufmerksam betrachtete, der sah schnell, da ein fremdes
Pflnzlein auf dem Veitsberg gepflegt ward. Aber der neue Boden bekam
ihm gut; denn der Justus und sein Weib verstanden es so recht, ein Kind
aufzuziehen in der Zucht und Vermahnung zum Herrn.

Besonders war es die alte Lindin, die an dem Kinde ein besonderes
Wohlgefallen hatte. So lange es ihre Krfte erlaubten, kam sie von Zeit
zu Zeit auf den Veitsberg gegangen, und spter lie sie sich sogar
dorthin fahren, um einen frohen Tag bei ihren Freunden zu verleben. Dann
nahm sie oft Stunden lang die Selma auf ihre zitternden Kniee, erzhlte
ihr in leisem Tone allerlei Scherz und Ernst, prgte manch' Sprchlein
ihrem Gedchtnisse ein, lehrte sie beten und die Lieder ihrer eignen
Kindheit singen. Und wann sie dem Kinde bei seinen Spielen zusah, dann
fllte sich oft ihr starres Auge mit Thrnen und ihre Lippen bewegten
sich zum Gebete fr das Wohl ihres Lieblings.

O wohl dem Kinde, dem solcher Segen wird in's Leben mit hinein gegeben!
Das Gebet fr die Kinder ist wie der Thau von oben, den der Ackermann
nicht entbehren kann, und wenn er das Saatfeld noch so treu bestellt.
Der Thau kommt ber Nacht, und des Gebetes Segen auch; und was die Hitze
des Tages auch aufzehrt, der Abend bringt's wieder neu, und Blthe und
Frucht zeugen vom Vater des Lichts, von dem herabkommt alle gute und
vollkommene Gabe. --




13. Die Nachtmenschen.


    Es ist kein Drflein so klein,
    Ein Hexenmeister mu drin sein.

Dieses Sprchlein, das aus dem Volke hervorgegangen ist, wird durch die
Erfahrung besttigt. Man wird noch heute nicht leicht ein Dorf finden,
in welchem nicht Einer wohnte, von dem man sagt: Er kann etwas. Was er
aber nach der Meinung der Leute kann, oder zu knnen vorgibt, das ist,
da er dem Vieh in Krankheiten zu helfen wei mit allerlei
Hausmittelchen, auch wohl dem Herrn Doctor in's Handwerk pfuscht, und
allerlei Trnklein bereitet, und Pillen dreht, die der Kunst zu Schaden
und Schande manchmal helfen, da sie mit vollem Glauben genommen werden,
und so diesen Winkeldoctoren den Zulauf bestndig erhalten. Unter ihnen
sind aber auch nicht Wenige, die dem Glauben des Volkes noch mehr
zusagen, indem sie durch ihr bloes Wort, durch allerlei Sprchlein, in
denen der Name Gottes nicht selten gemibracht wird, Blutungen stillen,
behextes, d.h. krankes Vieh kuriren, Diebe ausfindig machen, ja bannen
und festmachen knnen gegen Hieb und Stich. Da mgen hundert Tuschungen
und Betrgereien an den Tag kommen, da mag man eifern, wie man will, und
durch alle mgliche Grnde der Vernunft und des Christenglaubens das
Uebel an der Wurzel angreifen, die Sache bleibt und wird bleiben noch
manches Jahr. Der ganzen Erscheinung, die man schlechthin Aberglauben
nennt, liegt das Bestreben zu Grunde, sich mit der Geisterwelt in
Verbindung zu setzen, denn nicht alle diese Hexenmeister sind Betrger,
sie sind viel hufiger Betrogene, denen der Muth bei jedem Gelingen
wchst und damit der Glaube, sie knnten wirklich etwas.

Aus ihrer Mitte gehen auch die Schatzgrber hervor, ein unruhiges und
keineswegs kleines Vlklein, die ihr Wesen wie die Nachteulen im Dunkeln
treiben, und unendliches Elend im Volke verbreiten. Sie gehen zu den
dummen, reichen Glckspilzen, die gerne ohne sonderliche Mhe noch
reicher wrden, spiegeln denen allerlei Luftschlsser voll Gold und
Silber vor, locken ihnen aber dabei ihr liebes Geld listig aus der
Tasche, und sind bei Nacht und Nebel verschwunden. Zu ihnen gesellen
sich herunter gekommene Handwerker aus kleinen Stdten, und Bauern, die
das Sprchlein vergessen haben: Sing', bet' und geh' auf Gottes Wegen,
verricht' das Deine nur getreu, und die dann wachend und schlafend von
Schtzen trumen, die da und dort in verfallenen Schlssern, oder an
Orten liegen sollen, wo es nicht geheuer ist. Bisweilen ist auch Einer
unter ihnen, den man da am wenigsten suchen sollte, ein Mann von
Lebenserfahrung und Wissenschaft, der nur in diesem Einen Stcke wie von
einem bsen Geiste irre gefhrt wird, und es fr mglich hlt, mit Hlfe
von Erdspiegel und Wnschelruthe verborgene Schtze aufzufinden.

Diesen Aberglauben nhren und erhalten eine Anzahl Bcher, die sich da
und dort noch unter dem Volke finden, und in so hohem Ansehen stehen,
da sie fast um Geld nicht feil sind, und wie die kstlichsten Schtze
vor den Dieben mssen gewahrt werden. Sie stammen grtentheils aus
alter, finsterer Zeit, sind auch wohl, wenigstens der Titel sagt's, aus
dem Arabischen bersetzt, und manche sind nicht einmal gedruckt, sondern
finden sich nur in einzelnen, hchst seltenen Handschriften. In diesen
Bchern wird geredet von der verborgenen Weisheit; nicht aber von
jener, wie man durch Christum selig werden soll, sondern von jenem
Vorwitz, wie man sich mit erdichteten Geistern in Verbindung setzen,
durch ihre Hlfe Schtze heben, sein Lebensschicksal in den Sternen
lesen, und den Stein der Weisen auffinden knne. Dazu sind nun diese
Bcher nicht in gutem Deutsch geschrieben, da sie Jedermann lesen und
vergehen knnte, sondern die meisten sind ein leeres Geschwtz voller
hochtrabender oder dunkler Bilder, Redensarten und Gleichnisse, und
durchspickt mit Worten aus fremden Sprachen. Ja etliche sind sogar in
Figuren geschrieben, und der Schlssel zu diesen verborgenen Schtzen
der Weisheit ist nicht dabei gegeben, so da ein nchterner
Christenmensch, dem ein solch' Buch in die Hand fllt, es mit dem
Gedanken zur Seite legt, wre, was da drinnen steht, ntz zur Lehre, zur
Strafe, zur Besserung, zur Zchtigung in der Gerechtigkeit, so wre es
gewi auch mit deutlichen Worten geschrieben. Aber gerade an diese
Bcher wagen sich die Grbler. Wenn ein Christ seinen Abendsegen betet
und sich in Gottes Namen zur Ruhe legt, dann sitzen diese Jnger der
geheimen Weisheit die Nchte hindurch vor ihrem Lmpchen, und ein bser
Geist nach dem andern nimmt Wohnung in ihnen. Erst der Geist der
thrichten Fragen, darnach der Geist des Hochmuths, darnach der Geist
des Abfalls von dem lebendigen Gott.

Eine besondere Classe dieser Dsterlinge ist jetzt seltner geworden,
aber aufgehrt hat sie heute noch nicht ganz, lange Zeit hindurch eben
so unentbehrlich an den Hfen der Frsten, wie die Hofnarren. Die
Erfahrung, da durch Mischung von mehreren Stoffen ein neuer entsteht,
von neuer Farbe, Beschaffenheit und Brauchbarkeit, und da verschiedene
Metalle, mit einander verbunden, ein neues geben, rief die Scheidekunst
in's Leben, eine Wissenschaft, der wir tausend wohlthtige Erfindungen
verdanken. Doch whrend sie jetzt auf allen Hochschulen ffentlich
gelehrt wird, betrachtete man sie noch vor hundert Jahren als ein
Geheimni, das Einer dem Andern abzulauschen suchte. Denn die Geheimni
ging auf nichts anders hinaus, als den Stein der Weisen zu heben, d.h.
Gold zu machen, und dieses mittelst des Lebenselixirs, das dem
glcklichen Finder eine willkhrliche Verlngerung seines Lebens und
jedes wnschenswerthe zeitliche Gut verschaffen knnte.

O man mu einen dieser Goldmacher selbst gekannt haben, um einen rechten
Begriff von ihrem Thun und Treiben zu bekommen. Denke dir, lieber Leser,
du hast ein altes Mnnlein kennen gelernt, mit einem Fu bereits im
Grabe, dessen ganze Gestalt von Vernachlssigung und selbstgewhlter
Peinigung drr und gebeugt ist, in dessen Augen aber ein lebhaftes Feuer
glht, und dessen Gesprch immer tiefsinnig und dunkel ist. Es ist dir
gelungen, sein Vertrauen dir zu erwerben, und du bittest, der seltsame
Mann mge dich in seine Weisheit einschauen lassen. Da geht ein feines
Lcheln ber sein Angesicht; da sieht er dich mit sonderbaren Augen an
und spricht: Wohlan, es sei; aber junger Mann bedenke, der Stein liegt
tief, und es gehrt viel Ausdauer dazu, ihn zu heben. Hier nimm zuerst
die Buch und lies es mit Bedacht und unter viel Beten und Ringen und
sei nchtern und wachsam, denn die Weisheit von oben ist am ersten
keusch. Du nimmst das Buch, es ist von Jakob Bhm und fhrt den
seltsamen Titel: Aurora, oder die Morgenrthe im Aufgange. Du liesest
in dem Buche und bringst es mit der Versicherung wieder, du knnest es
nicht verstehen. Wieder lchelt das Mnnlein fein und gibt dir ein
zweites, das heit: Theologia mystica, oder geheime und verborgene
Lehre von den ewigen Unsichtbarlichkeiten. Fngt es nun ein wenig an in
dir zu dmmern, wo es eigentlich mit dieser verborgenen Weisheit hinaus
will, und du wirfst da und dort ein Wrtlein in's Gesprch hinein, so
nimmt dich dein Lehrer auch wohl einmal in seine Werksttte mit. Die ist
von Rauch geschwrzt und mit Staub bedeckt. Auf zerbrochenen Bnken
stehen Glschen mit Flssigkeiten von verschiedenen Farben, und auf
einem kleinen Herde siehst du eiserne Tiegel zum Schmelzen der Metalle.
Du fragst nach dem Zweck von diesem und jenem, aber du hrst wenig, und
was du hrst, verstehst du nicht, und bekommst immer nur den Rath:
Gemach, junger Freund; lernt erst in euch selber graben nach dem Stein,
dann wird euch ein Wunder nach dem andern aufgeschlossen werden.

Doch warum schildere ich das Alles gerade an diesem Orte? Weil es Leute
dieses Schlages waren, die in das Leben unseres Justus strend
eingriffen und ihm der trben Tage viel bereiteten. Seine Beschftigung
mit dem Sternenhimmel, seine Kalender, die, so schlicht und einfach sie
auch waren, doch nicht von Allen verstanden wurden, lieen ihn Vielen
von diesen Grblern als einen von Ihresgleichen erscheinen, den man
herzuziehen und brauchen msse.

So dachte auch der Fleischhauer von Grnberg, dessen wir schon einmal
bei Gelegenheit gedachten, wo Justus mit seinen Hausfreunden ber den
Kometen von 1744 redete.

Der Fleischhauer aber war ein geheimnivolles Geschpf, ein alter
Junggeselle, aber ein unzugngliches, strriges und boshaftes Mnnlein.
Er wohnte in einem alten Huschen an der Stadtmauer, und ging wenig
aus, sah aber und beobachtete Alles, was seine Nachbarn trieben, machte
die Kinder, die in der Nhe seines Hauses spielten, scheu, und
vergiftete alle Katzen, die er erreichen konnte; denn gegen diese Thiere
hatte er eine sonderliche Abneigung. Da er dehalb gescheut und
gemieden wurde, und man allerlei sonderbare Dinge von ihm erzhlte,
versteht sich von selbst.

Einer wollte ihn gesehen haben, wie er Abends um die Kirchhofsmauer
geschlichen sei; ein Zweiter sagte, der Fleischhauer sei nie lustiger,
als wenn ein Nachbar sterbe, und manch' alt Mtterchen erzhlte es
zhneklappernd und mit scheuem Blicke am Born, wie der Bse gar nicht
selten in Gestalt eines feurigen Drachen in seinen Schornstein
hineinfahre. Wo es aber etwas gab, im Trben zu fischen; wo es sich um
eine Hexerei handelte, oder ein Schatz gehoben werden sollte, da kamen
die Geisterbanner und Schatzgrber bei Nacht und Nebel in's Haus des
Fleischhauers, und wuten sich viel von der sonderlichen Erfahrung des
Mannes zu erzhlen, und wie er gar kostbare Bcher, namentlich die
schwarze Rabe, habe, und diese Bcher zu lesen verstnde, und wie sein
Rath Goldes werth sei.

Dieser Fleischhauer hatte es auf unsern Justus abgesehen; und als dieser
einst in der Nhe seines Hauses ein Geschft zu besorgen hatte, sah er
sich pltzlich von einem Mnnlein begrt, und unter vielen Bcklingen
in ein Huschen zur Seite gezogen. Dort erst gab sich das Mnnlein als
den Herrn Fleischhauer zu erkennen, und versicherte mit vielen
Redensarten, wie es sich freue, den Herrn Schulmeister Justus bei sich
zu sehen, und wie er nach solcher Ehre schon lange getrachtet, und gerne
auf den Veitsberg gekommen, wenn seine Geschfte es erlaubt htten.
Und nun, Freundchen, sprach er, mein lieber Kunstgenosse, oder soll
ich euch lieber Meister nennen in der Wissenschaft aller Wissenschaften,
gnnt mir auf ein Stndlein eure erbauliche Rede. Bin selbst ein armer
Jnger nur und habe kaum den Ort entdeckt, da der Stein liegt. Ihr seid
sicherlich weiter; sagt, wie habt ihr ihn gehoben, habt ihr schon den
weien Schwan gesehen? Denket nur, ich Unwrdiger mu es gestehen, bei
mir ist das Leben des Lebens, die gesegnete Tinctur noch im Mercurio
verborgen; bin erst im schwarzen Raben, und ist auch die Schwrze eine
gesegnete und selige Schwrze, so sehne ich mich doch, sie mit der
allerweiesten Weie berkleidet zu sehen. Helft mir, Meister; auf euch
hab' ich lngst mein Hoffen gestellt, denn wer in Astronomia so weit
ist, wie ihr, der mu in Alchemia noch weiter sein. Zudem kennt ihr ja
das Sprchlein unsrer Weisen:

    Der Stein liegt tief, es hebt ihn Keiner
    Aus eigner Kraft; es zeig' es ihm denn Einer,
    Sein bester Freund, es geb' aus lauter Gnad'
    Der Herr vom Himmel dazu seinen Rath.

Das Sprchlein, das ihr da sagt, Herr Fleischhauer, sprach Justus,
ist schn, und euer Vertrauen wre werth, belohnt zu werden; aber ich
kann euch in eurer Kunst keinen Rath geben, denn ich verstehe von allem
dem, was ihr gesagt, kein Wort.

Kein Wort, mein lieber Herr Justus? sprach der Goldmacher und blickte
mit unglubigem Lcheln seinen Gast an. Kein Wort? Verstehe wohl, ihr
wollt mich erst recht lstern machen nach eurer Weisheit. Oder traut ihr
mir vielleicht nicht recht, meint, ich schwatze aus der Schule. Kommt
her, ich will euch zeigen, wie weit ich bin, damit ihr Vertrauen zu mir
gewinnt. Seht ihr den Tiegel da am Boden in zwei Stcke geborsten?
Gestern laborirte ich, und so war ich lebe, zum ersten Male seit ich der
Lebenstinctur nachtrachte, erschien der Lwe im Blut, Freund, ich sage,
der Lwe im Blut; und wie ich mit klopfendem Herzen in den hellen
Goldglanz hineinsehe und die Sonne aller Sonnen vor mir aufgeht, und wie
ich laut ausrufe: Nun, fahr' hin, Fall, Hlle, Fluch, Tod, Drache,
Thier, Schlange, -- da springt der Tiegel, und als ein blau Flmmlein
steigt der Stein in Rauch auf, und roch s wie Veilchenduft. Nun mu
ich wieder anfangen. Helft mir dabei, da meine Mhe sich eher lohne.

Ich euch helfen, Herr Fleischhauer, antwortete berrascht Justus, ich
kann's wahrlich nicht. Diesmal habt ihr euer Vertrauen einem Unwrdigen
geschenkt. Ich kenne euren Stein der Weisen nicht, und wei nicht, wie
er gehoben wird. Ich wei nur von einem Stein der Weisen, von dem dort
der Prophet sagt: Siehe ich lege in Zion einen Grundstein, einen
bewhrten Stein, einen kstlichen Eckstein, der wohl gegrndet ist. An
dem Stein nun hebe ich schon seit vielen Jahren, und er ist mir kstlich
erschienen bis dahin, und seine Last ist mir leicht, und er soll einst
mein Grabstein werden, mit dem Sprchlein darauf: Christus ist mein
Leben und Sterben mein Gewinn.

Aber, hub der Fleischhauer halb ngstlich und halb trotzig an, wie
knnt ihr euch denn den Kalendermann nennen und als Astrologus gelten
wollen, wenn ihr die gttliche Alchemia nicht kennen wollt? Sind nicht
beide Wissenschaften mit einander verschwistert, ja vermhlt, wie wir
sagen?

Die mich den Kalendermann nennen, sprach ernst der Schulmeister, die
mgen's mit ihrem Gewissen ausmachen, warum sie mir mein Spielzeug wie
eine Ruthe auf den Rcken binden; aber die Astrologia habe ich in meinem
Leben nicht getrieben, eben so wenig wie die Goldmacherei. Als ich
anfing, die Milch der Sternwissenschaft zu kosten, da ist mir wohl auch
eine und die andere Schrift in die Hnde gefallen, darinnen von
namhaften Mnnern gesagt war, die Sterne htten Einflu auf des Menschen
Leben und Sterben. Aber mir schien solch' Dichten eitel Frwitz und ein
Raub an Gottes Ehr' und Macht, und ich lie ab von solch' eitlen
Fragen.

Auf die Wort lie auch der Fleischhauer von dem Justus ab, aber in
seinem Herzen blieb dennoch die Meinung, der Schulmeister wisse mehr,
als er sagen wolle.

Der aber ging voll Angst und Grauen von dem Versucher weg, und ward
keineswegs froh darber, als ihm an der Thre der Rathhausdiener
begegnete, und lchelnd sprach: Nun Schulmeister, ihr hier beim
Fleischhauer? Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu, und Gleich und Gleich
gesellt sich gern. Seid aber doch auf eurer Hut; der Rath hat lngst ein
Aug' auf die Eule da drinnen, und auf alle die, so hier aus- und
eingehen. Und als Justus ihm erzhlte, wie er zu dem Besuch gekommen,
da sagte der Rathhausdiener: Will's glauben als euer guter Freund; aber
verget nicht das Wrtlein: Mitgefangen, mitgehangen! --

Aber der Rathhausdiener war des Justus guter Freund nicht, wie er
versicherte; er hatte nichts Eiligeres zu thun, als dem Rath Anzeige zu
machen: auch der Schulmeister vom Veitsberg sei in's Haus des
Fleischhauers gegangen und geraume Zeit drinnen geblieben. Nun mu man
wissen, da der Rath seinem Diener den Auftrag gegeben hatte, ein
wachsames Auge auf den Fleischhauer zu haben und auf Alle, welche bei
ihm aus- und eingingen, weil seit einiger Zeit eine Schatzgrberbande in
der Umgegend ihr Wesen trieb, mit welcher der Fleischhauer sonder
Zweifel in Verbindung stand. Als nun bald darauf der Superintendent von
Gieen nach Grnberg kam, so gab man ihm den Justus als Einen an, der
mit verdchtigen Leuten Umgang habe, und von dem berhaupt allerlei
sonderbares Gerede im Schwange gehe.

Auch dauerte es nicht lange, so wurde er nach Gieen vorbeschieden, und
ihm vor versammeltem Consistorium erffnet: Wie man ihm vor Jahren den
Schuldienst zum Veitsberg anvertraut aus besonderer Gnade und in
Rcksicht auf hhere Frsprache, obgleich ihm schon damals kein
sonderlicher Ruf vorangegangen sei. Wie man sich aber nunmehro in dem
auf ihn gesetzten Vertrauen sehr getuscht habe, weil ihm fr's Erste
Schuld gegeben werde, er habe Umgang mit einem der Zauberei verdchtigen
Manne in der Stadt Grnberg. Fr's Zweite, so treibe er Allotria, sehe
nach den Sternen und schreibe Kalender, was Alles fr einen Schulmeister
nutzlose, ja gefhrliche Beschftigungen seien. Zum Dritten, so tractire
er in seiner Schule Dinge, die gar nicht hinein gehrten, lehre die
Rechenkunst in Versen und pfropfe in die Kpfe der Schuljugend allerlei,
davon sie nie Gebrauch machen knne, dadurch nur die edle Zeit verdorben
und das Wort Gottes nicht gehrig getrieben werden knne. Zum Vierten,
so habe man von einem zuverlssigen Manne gehrt, wie er, Justus,
allerlei verlaufenes Gesindel in seinem Hause beherberge, ohne nach
Herkunft und Namen zu fragen, auch schon seit etlichen Jahren ein
fremdes Kind in seinem Hause erziehe, das ihm bei Nacht und Nebel
gebracht worden sei, obgleich er selbst wisse, wie wenig es sich fr
einen christlichen Schulmeister schicke, solche Findlinge aufzunehmen.
Ueber diese vier Punkte solle er sich nun protocollariter erklren und
der Wahrheit die Ehre gehen.

Das habe ich denn auch gethan, erzhlt er selbst, in aller Demuth,
wie es mir geziemte, weil ich wohl sah, da meine Herrn Vorgesetzten
waren irre geleitet worden. Ich hab' mit kurzen Worten Zeugni von
meinem Wandel abgelegt und Rechenschaft gegeben von meinem Amte, auch
nichts verschwiegen, was einen Flecken auf mein liebes Pflegekind htte
werfen knnen; hab' aber zum Schlu auch erklrt, da ich meinen
Anklger wohl kenne und bereit sei, von ihm ein Zeugni abzulegen, das
nicht zu seinen Gunsten ausfallen drfte. Doch das hat man nicht hren
wollen, und bin also mit dem Bedeuten entlassen worden, hinfro wohl
Acht zu haben, da ich vor Gott und Menschen ein gut Gercht behalte.
So ist denn durch Gottes Gnade abermal eine Prfung an mir
vorbergegangen, und sage zum Schlu mit Paulo: Ich bin mir wohl nichts
bewut; aber darinnen bin ich nicht gerechtfertiget; der Herr ist es
aber, der mich richtet.

       *       *       *       *       *

Also der Hllenbrand, der Gerst, schiert noch am Feuer eurer zeitlichen
Trbsal! rief voll Unwillen die alte Lindin aus, als Justus nach dieser
schweren Stunde sie besuchte. Krank und mde von Alter lag die Alte in
ihrem Bette, aber ihre Stimme war laut und ihr Auge noch voll Feuer.
Ich glaubte den Menschen niedergetreten zu haben wie einen Wurm, denn
er krmmte sich unter meinen Fen, rief sie, aber er lebt wieder, und
ist dieselbe alte Schlange, ja giftiger, denn zuvor. Denkt nur, der
Unglcksmensch wagte sich sogar an mich alt Weibsbild, und suchte mich
da und dort bei meinen Gnnern und Freunden zu verfuchsschwnzen. Aber
warte, dacht' ich, du kennst die alte Lindin vom Tiefenweg schlecht. Ich
lie mein Maul zum Schwert werden, und mein' ich denn, das Schwert hat
geschnitten. Sag' meinetwegen, du Lotterbube, ich sei ein alt, bs
Weibsbild; kannst Recht haben und mein Heiland mu Geduld mit mir haben,
wenn's zum Himmel mit mir eingeht; aber der mu noch kommen, der mir
nachsagt, die alte Lindin habe je einen Pfennig veruntreut oder einen
Bissen unverdienten Brods gegessen. -- Geht getrost heim, Herr Justus,
und frchtet euch nicht, der starke und eifrige Gott, dem ihr gedienet
von Kind auf, der lebt noch und wird bei euch sein, der Wagen Gottes
viel tausend mal tausend um euch her. Eilt heim, sag' ich, Justus, damit
die Euren sich nicht euretwegen bresten; grt Weib und Kind von mir,
und nehmt meinem Herzblatt, der Selma, die Kreuzlein von Bernstein mit,
da sie mein dabei gedenke und dessen, der sein Blut am Kreuz vergossen
hat fr uns arme Snder. Der hat noch viel bsere Widersacher gehabt,
denn ihr, und hat sie doch berwunden. -- So wahr Gott lebt und seine
Verheiung Ja und Amen ist, der Gerst kommt noch zu euch wie einst
Judas, der Verrther, mit dem Bekenntni: Ich habe bel gethan, da ich
unschuldig Blut verrathen habe.




14. Die Versuchung.


Jahre sind indessen hingegangen, und um die Pfingstzeit, die so lieblich
ist auf diesen Bergen, kehren wir wieder einmal ein im Hause des
Schulmeister Justus. Noch finden wir die lieben Menschen alle vereint,
aber doch ist's nicht ganz wie ehemals. Die Kinder sind herangewachsen:
Heinrich zu einem stattlichen Burschen, die Tchter zu blhenden
Mdchen, und still und in sich gekehrt sitzt Selma in einer Ecke der
Stube, und auf ihre Bibel, in der sie lies't, fallen von Zeit zu Zeit
Thrnen. Sie wei selber nicht, wie ihr geschieht. Es ist morgen der Tag
ihrer Confirmation. Die Gespielinnen suchen Blumen und schmcken die
Kirche, und freuen sich des Tages, der ihrer wartet, und haben die
Freundin eingeladen, Theil an ihrer Freude zu nehmen. Aber Selma hat
keinen Sinn mehr fr die Blumen, die sonst ihre Lieblinge gewesen, und
sie denkt des morgenden Tages nicht mit Sehnsucht, nur mit Angst, denn
ein schwerer Kummer lastet auf ihrem Herzen. Und der Kummer hat Alle
weich gemacht, Aeltern und Geschwister zugleich.

Denn wie sie heute aus der Beichte gekommen, da hat Mutter Dorothe sie
allein genommen, und hat ihr Alles erzhlt, was sie noch nicht gewut,
hat ihr Vater und Mutter genannt, und ihren eignen Namen, den sie noch
nicht gekannt, und hat ihr Taufschein und Angedenken ihrer Mutter
gegeben, und unter viel Thrnen zu ihr gesprochen: Liebe Selma, wir
haben lange mit uns gekmpft, ob wir dir sagen sollten, du seiest nicht
unser Kind, oder ob wir dich in deinem Glauben lassen sollten. Denn mein
Herz wollte mir springen bei dem Gedanken, du mchtest uns fremder
werden, und kein Gengen mehr bei uns finden, wenn du wtest, da du
fremder, reicher Leute Kind seiest. Aber Justus meinte, jetzt oder nie
sei die Zeit gekommen, wo du solche Nachrichten hren knntest. Du
sollst unser bleiben, unser liebes Kind, wie du bisher gewesen bist, so
lange es Gott gefllt, dich uns zu erhalten; aber es knnte ja sein
Wille sein, da deine Aeltern bald kmen, und dich von uns nehmen
wollten, und dann wre dein Herz vielleicht weniger zum Abschied gefat,
wie jetzt, wo du Alles weit.

Ob dieser Rede war es dem Mdchen schaurig zu Muthe geworden; es war der
Mutter unter lautem Weinen um den Hals gefallen, und hatte einmal ber
das andere Mal gefragt: Nicht wahr, Mutter, du scherzest nur mit mir,
du bist mein und ich bin dein? Wie aber Justus auch dazu gekommen, und
ihr voll Ernst und Rhrung dasselbe gesagt hatte, da war sie in sich
zusammengesunken, und sa nun still weinend mit der Bibel in der Hand
da, und Niemand wagte sie zu stren, denn Alle wuten, da ihr Herz
betete zu dem Vater der Waisen um Trost und Strke. Wie denn der
Pfingstmorgen kam, wie das Gelute der Glocken von allen Drfern im Thal
heraufschallte, wie die Nachtmahlskinder, mit Blumen geschmckt, und von
ihren Aeltern geleitet, dem Berg heraufschritten zur Kirche, da hing
Selma bla wie eine Leiche und mit zitternden Hnden das goldene Kreuz
ihrer Mutter um den Hals, und wer sie sah, der konnte sich der Thrnen
nicht enthalten, dem erschien sie wie eine Einsame, Unbekannte,
Verbannte, Heimathlose mitten unter Glcklichen und Liebenden. Wie aber
das Fest vorber war, da war auch Selma wie verwandelt. Sie nahm das
Kreuz wieder von ihrem Halse ab, legte es in die Hand Dorothea's und
sprach: Mutter, ich bin und bleibe euer, lat mich euren Namen fhren
auch forthin. Ich begehre nichts, als euer Kind zu sein, denn das bin
ich ja, da ihr mich aufgezogen habt in der Zucht und Vermahnung zum
Herrn, bis auf diesen Tag.

Und es war Freude im Hause des Schulmeisters, und das Pfingstfest ward
Allen, die drinnen waren, ein Fest des heiligen Geistes.

       *       *       *       *       *

Ich sagte vorhin: Es waren Jahre hingegangen, und es war nicht ganz wie
ehemals im Schulhause auf dem Veitsberg, die Kinder wuchsen heran, und
waren gut geartet, aber Nahrungssorge war eingezogen. Die Besoldung
reichte nicht hin zum Unterhalt und zur Kleidung, und Justus mute, so
schmerzlich es ihm war, mehrere Nebenmtchen bernehmen, deren eines,
das Amt eines Universittsfrsters, ihm vielen Verdru bereitete. Es
stt an den Veitsberg ein Wald, der der Universitt Gieen gehrt, und
ber diesen bernahm Justus die Aufsicht. That er nun, was seines
Dienstes war, hielt er Ordnung im Walde und brachte die Frevler zur
Anzeige, so wurden ihm diese gram, und spotteten seiner, wie er als
Schulmeister ein Frster sein knne und legten es ihm als Habsucht aus,
obgleich die Noth ihn nur dazu zwang. Dazu kam noch die Sorge um sein
Weib; denn Dorothe krnkelte bestndig, und konnte nicht wie ehemals Tag
und Nacht fr der Familie Unterhalt arbeiten. Und obgleich die Tchter
rstig Hand anlegten, und keiner Arbeit sich schmten, so wollt' es doch
nirgends ausreichen. Die Zeiten waren bse.

Die bestndigen Kriege im deutschen Land, die vielen Mierndten
verteuerten die Lebensmittel, und drckten den Landbewohner sehr. Und
gerade in dieser Zeit sollte Heinrich sich fr seinen knftigen Beruf
bilden. Sein Vater hatte treulich fr Herz und Geist gesorgt, und ihm
viel Gottesfurcht und Wissen mitgegeben; aber so sehr auch Alle sparten,
da der Jngling zur Schule oder zur Lehre htte abgehen knnen,
nirgends wollte sich auch nur das Nothdrftigste zurcklegen lassen.
Viele in und um Gieen, an die sich der bekmmerte Vater wandte,
vertrsteten ihn von einer Zeit zur andern; und nicht Wenige wiesen ihn
ganz ab mit dem Bemerken, er sollte den Jungen zu einem Handwerker in
die Lehre thun; man brauche auch kluge Leute in diesem Stande.

Dazu hatte der Gerst wieder Unkraut genug ausgestreut, und lie nicht
ab, den Justus und sein ganzes Haus zu verdchtigen. Auch waren die
alten Hausfreunde fast smmtlich gestorben, oder in die Ferne gezogen,
und ihre Stelle war nicht wieder ersetzt worden. Denn so Viele ihrer
aus- und eingingen auf dem Veitsberg, sie hatten wohl schne Worte auf
der Zunge, aber keine rechte Liebe im Herzen. Der alte Zacharias Storch
von Bolenbach, der Simon Kleinfelder, der gute treue Jger, die Freunde,
die immer Rath und Trost gehabt hatten, sie waren in die Ewigkeit
eingegangen. Und ihnen war auch die alte Lindin gefolgt. Ihr starkes,
groes Christenherz war im Tode gebrochen, nach dem sie sich schon lange
gesehnt hatte. Ich habe Lust abzuscheiden, und bei Christo zu sein,
das war ihr letztes Wort. Auch der Corporal Scheuermann war nicht mehr
in Gieen, sondern hatte anderwrts seinen Dienst. Der Benjamin Laupus
aber war in ein fremdes Land gereis't, weil ihm in der Heimath sein
frheres Leben nicht verziehen ward.

Warum der liebe Gott wohl so viele Freundesgrber um uns aufhuft, ehe
er das unsere uns bereiten lt? Ich glaube, da uns von diesen Hgeln
herab die Lust und Herrlichkeit dieser Welt immer kleiner, dagegen desto
nher der Sonnenaufgang aus der Heimath erscheine, von dannen der Lenz
kommt in's Land der Grber, und mir ihm das Trostsprchlein: Ich will
euch wieder sehen und euer Herz soll sich freuen und diese Freude soll
Niemand von euch nehmen.

Aus der Zeit stammt wohl das Lied, das wir noch vom Kalendermann haben,
wenigstens drckt es ganz die Stimmung aus, in der er sich damals
befand.

    Eins bitt' ich von dem lieben Gott,
      Das bleibt mein tglich Beten,
    Dass er mir geb' in Freund' und Noth
      Ein Herz, vor ihn zu treten.

    Ich nehm' es Alles dankbar hin,
      Was mein Gott mir will geben,
    Ich preis' ihn mit vergngtem Sinn
      Fr Hab' und Gut und Leben.

    Doch nehm' er's hin, wenn's ihm gefllt,
      Ich will es freudig missen,
    Ich wei ja, da in dieser Welt
      Wir Alles lassen mssen.

    Doch jenes Herz, das treu dich liebt,
      Das deines Sohns sich freuet,
    Das sich im Glauben dir ergibt,
      Sich tglich neu dir weihet;

    Die Herz, o Vater, wollest du
      Mir jetzt aus Gnaden schenken,
    Dann hab' ich Frieden, hab' ich Ruh'
      Will Andres nicht bedenken.

    Ein solches Herz wird nimmer ganz
      Aus deiner Gnade weichen,
    Selbst aus der Snd' mit hellem Glanz
      Wird neu heraus es steigen.

    Und solch' ein Herz gib mir, o Gott,
      Hilf, Jesu, mir's erwerben!
    Was willst du, Welt, mit Noth und Spott?
      Eins bleibt mir, _selig Sterben_.

       *       *       *       *       *

Es war im Herbste desselben Jahres, als eines Tages der Schreinerkaspar,
oder wie er eigentlich hie, der Kaspar Greb von Harbach, dessen
Bekanntschaft wir frher schon machten, auf den Veitsberg kam. Das that
er von Zeit zu Zeit, ward aber immer weniger gern im Schulhaus gesehen,
weil er ein unruhiger Geist und ein schlechter Haushalter geworden war,
und sich berhaupt keines guten Gerchtes erfreute. Der Schulmeister
hatte gethan, was er konnte, seinen Hausfreund auf dem rechten Wege zu
erhalten; aber der Schreinerkaspar gehrte eben zu jenem Menschenschlag,
die sich selbst gerne mit allerlei hochtrabenden Namen benennen, und auf
ihren Verstand viel einbilden, eigentlich aber nichts sind, als
Tagdiebe. Schon vor Jahren hatte er sein Schreinerhandwerk aufgegeben,
und war in der Gegend umhergezogen, die Uhren der Bauern zu repariren.
Durch Nachdenken und Uebung hatte er sich viele mechanische Kenntnisse
erworben, und benutzte dieselben zur Bildung von verschiedenen
Kunstwerken; aber weil er ber solcher Dftelei Handwerk und Ackerbau
versumte, so gerieth er mit Weib und Kind in die drckendste Armuth.
Das kmmerte ihn indessen nicht, und nderte nichts in seiner
Lebensweise, er machte nach wie vor Uhren, und lie Weib und Kind im
Elend und in der Bettelei. Auf seinen Streifereien in die Nhe und
Ferne war er mit andern Gleichgesinnten zusammengetroffen, und es hatte
keine groe Mhe gemacht, ihn in eine Schatzgrberbande hinein zu
ziehen. Man gab ihm Bcher zu lesen, wie wir sie frher geschildert
haben, und seine lebhafte Einbildungskraft entzndete sich dermaen, da
er in jedem alten Gemuer und in jeder Kirche einen vergrabenen Schatz
witterte. Da er in diesen Bchern auch geheimnivolle Andeutungen ber
den Einflu der Gestirne auf das Heben der Schtze fand, so richtete er
sein Augenmerk auch auf den Kalendermann, und hoffte zuversichtlich,
auch den fr seine Plne zu gewinnen.

So kramte er denn in's Lange und Breite seine ganze Weisheit vor dem
Schulmeister aus, und fragte namentlich, was er von den Astralgeistern
halte, und welche Zauberformeln und Sprchlein er kenne, um diese
Geister sich zu Dienst zu machen.

Kaspar, sagte der Schulmeister, eure Rede verstehe ich nicht, wei
berhaupt nicht, wie solch' faules Geschwtz aus dem Munde eines
Christenmenschen kommen kann. Mein geringes Wissen beschrnkt sich nur
auf das, was ich ber den Gang und Lauf der Gestirne von andern
Sternkundigen gelernt, und durch eigne Beobachtung und Berechnung mir
angemerkt habe. Darnach sind Sonne, Mond und Sterne Lichter an der Beste
des Himmels oder Werke des groen Baumeisters, die da scheiden Tag und
Nacht, und geben Zeichen, Zeiten, Jahre und Tage. Da sie das sind, so
regieren sie wohl die Welt, die wir bewohnen, sind auch wohl dienstbare
Geister, gemacht zum Dienst um Deren willen, die ererben sollen die
Seligkeit, da sie uns Gott kennen und seine groe Oekonomie bewundern
lehren, und uns verlangend machen nach dem Licht, das droben ist, in
das nicht eingehen kann irgend etwas Unreines und Beflecktes. Aber von
euren Stern- und Astralgeistern wei ich nichts, denn es steht davon
nichts in heiliger Schrift.

Ihr habt Recht, sagte der Kaspar darauf, aber wisset ihr denn nicht,
da es neben der Weisheit, die in heil. Schrift steht, noch eine andere
gibt, die den Patriarchen und Propheten und Aposteln und vielen Weisen
der Vorzeit ist insgeheim mitgetheilt worden, und die sich so von
Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt hat, gleichsam auch als ein
heilig Wort neben dem geschriebenen? Diese Weisheit aber ist nicht
Jedermanns Ding, sondern nur der Auserwhlten und insonders Begnadigten,
die da lehret einschauen in die Tiefen und Abgrnde aller Dinge, die im
Himmel und auf Erden sind, und mittelst des wahren Schlssels
aufschlieen alle Schtze in der Hhe und in der Tiefe.

Hrt, Kaspar, sprach der Schulmeister mit tiefem Ernst, jetzt
verstehe ich euch, aber jetzt warne ich euch auch, wohl vor euch zu
sehen, da euch der Stein der Weisen, den ihr suchet, nicht zum Stein
des Anstoes werde. Ihr treibet Frwitz mit dem heiligen Bibelbuch. Wohl
wei ich, da es dort im Hiob heit: Ach, da Gott mit dir redete, und
thte deine Lippen auf und zeigte dir die heimliche Weisheit; wohl
kenne ich das Sprchlein aus David's Bupsalm: Du lssest mich wissen
die heimliche Weisheit; aber solche heimliche Weisheit ist nichts
anders, als was der Geist Gottes einem Jeden gibt, der darum bittet,
nmlich immer tiefere Erkenntni von Gottes vterlichem Rath, da in
keinem Andern Heil sei, denn in Christo Jesu. Der ist und bleibt der
wahre Stein der Weisen, und daran hebt, so lange ihr lebt. Denn diese
Weisheit, die von oben kommt, die ist am ersten keusch, darnach gelinde,
lsset ihr sagen, voll Barmherzigkeit und guter Frchte.

Alles ganz gut, was ihr da sagt, Schulmeister, hub der Schreinerkaspar
wieder an, aber widerspricht eurem Worte nicht die Erfahrung? Diese
heimliche Weisheit, die ihr verwerft, hat doch schon Wunderdinge gethan.
Sie hat Etliche zur glcklichen Auffindung des Lebenselixirs gebracht,
da sie ihr Leben in's Unglaubliche verlngert haben; sie hat Etliche
das Goldmachen gelehrt, da sie so reich geworden sind, wie Keiner vor
ihnen; sie hat den Weg gezeigt, wie Etliche manch' schnen vergrabenen
Schatz zu Tage gebracht haben, der sie Zeitlebens von aller Sorge
bewahrte.

Alles nichts als Wind und Aufschneiderei, sagte trocken der
Schulmeister, womit Einer den Andern betrgt, ihm sein Geld aus der
Tasche lockt, und hinten drein in's Fustchen lacht. Sagt selbst,
Kaspar, was ist bei allen Schatzgrbereien, die wir bis jetzt erlebt,
herausgekommen? Wie ist's denen dort im Gartenhuschen bei Gieen
ergangen? Man hat sie am Morgen mit umgedrehten Hlsen gefunden. Was hat
der Dreher Mller in seiner Schachtel gefunden, statt des Goldmnnleins,
das sie ihm hineinzuzaubern versprochen? So wahr ich lebe, nichts als
eine todte stinkende Ratte! Was haben die Schlke dem dummen Pachter
dort in der Wetterau, der schier eine Meste weier Sommerklber
einfangen lie, damit sie sich bei ihm in Ducaten verwandelten, was,
sage ich, haben sie ihm zurckgelassen? Einen leeren Beutel und ein bs
Gewissen, und Hunger und Kummer im Hause.

Je nachdem man's angreift, antwortete der Kaspar; wer den Gaul am
Schwanz aufzumt, der kann auch hierbei nicht fortkommen. Man mu nur
die Sache recht anzugreifen wissen. Und, mein' ich denn, unsere Herrn
Kameraden verstehen das Ding; sie sind nicht alle auf den Kopf gefallen.
Wir haben sogar Etliche darunter, vor denen ihr, Herr Schulmeister, den
Hut abthun mtet; verstehe das also, da sie, gleich wie ihr,
Wissenschaft haben von Allem droben am Himmel und hier unten auf Erden.

Das glaub' ich gern, sagte Justus heiter lchelnd, da sie mehr
wissen als ich, denn mein Wissen blhet mich nicht; aber kennen mchte
ich wohl den Hauptinhalt ihrer Wissenschaft, wre es auch nur, um zu
lernen, was mir noch fehlt. Nun mit einem Stcklein davon, war des
Kaspars Antwort, kann ich euch wohl dienen. Kennt ihr die Geister der
sieben Planeten? Nein, war Justus Antwort; die Planeten kenne ich,
aber ihre Geister nicht.

Dann kann ich ihre Namen euch auch nicht nennen, sagte der
Schreinerkaspar, wenigstens heute nicht, denn der Tag ist nicht
gnstig. Wisset nur vor der Hand, da diese Geister es sind, die alle
Witterung in der Luft wirken und zu der Geburt aller mineralischen,
vegetabilischen und animalischen Essentien ihre Krfte geben. Daher mu
man mit solchen himmlischen Intelligenten in geheime Kundschaft treten,
und beobachten, welcher Planet ber irgend eine Kraft sein Dominium
habe. Wenn ich nun wei, welcher Planet regieret, so mu ich mich mit
seinem Geist heimlich besprechen, welches geschieht, wenn ich mein
Sinnen und Verlangen auf ihn richte. Dann theilt sich mir des Planeten
Geist mit, welches sich kund thut durch ein Getn wie mit einer
Schellen. Hrst du das, dann mut du ein Glcklein bei dir haben, damit
du knnest die Losung geben, da du zu hren bereit bist. Hiernchst
wird dich bald eine Exstasis berfallen, in welcher dir Alles gegeben
wird, was du begehrest: Weisheit, Schtze, Gter. Das Glcklein mu aber
gar magisch bereitet werden. Auf seinem Schwengel mu stehen: Adonai,
auf seiner Rundung: Tetragrammaton und auf seiner Handhabe: Jesus.
Auerdem wei ich noch Manches, aber erstlich darf ich's euch, als einem
Uneingeweihten, nicht sagen, und dann versteht ihr's auch jetzt noch
nicht, thut wenigstens so. Knnt ich euch fr uns gewinnen,
Schulmeister, ich wei nicht, was ich euch zu Lieb' thte; ihr wret
ganz unser Mann.

Wollt ihr mir was zu Lieb' thun, Kaspar, sprach der Schulmeister, so
lat's fr heute genug sein mit dieser unntzen Rede. Mein Gewissen
beit mich schon, da ich diesem gotteslsterlichen Gerede mein Ohr
geliehen habe. Geht doch heim, Kaspar, und nehmt wieder Hammer und Sge,
und arbeitet fr Weib und Kind, die bereits auf der Bettelfahrt
begriffen sind. Es ist ein groer Gewinn, wer gottselig ist und lsset
ihm gengen, und im Schweie des Angesichtes sein Brod isset; wer aber
der Narren Geselle ist, und nach Schtzen sucht, der wird Unglck
haben.

Schulmeister, antwortete der Schreinerkaspar mit groer Heiterkeit,
stellt euch nicht so zimpferlich, wie ihr thut. Euren Unglauben nehme
ich euch nicht bel, denn gerade so war es bei mir ehemals; aber ihr
gerade solltet am wenigsten gegen das Schatzgraben etwas einwenden, da
euch, wie ich wei, die Gter dieser Welt eben so Noth thun, denn mir.
Fat einmal Muth und gesellt euch zu uns; gelingt, was wir eben
vorhaben, dann sind wir Alle versorgt auf Zeit Lebens, und ihr mit, wenn
ihr von der Compagnie seid.

Hab' ich euch je geklagt, Kaspar, war des Schulmeisters Antwort, da
es mir bel gehe, und je gewnscht, reich zu werden? So lange mir mein
Gott einen gengsamen Sinn lt, worum ich ihn tglich anflehe, bin ich
reich genug, und werde auch lernen, die Ungeduld des Fleisches zu
berwinden und mich der Trbsal zu rhmen. Wie ich es aber anfange, und
meine Dorothe mit mir, um in der Gengsamkeit mich zu ben, davon,
Kaspar, hrt ein Prbchen. Neulich komme ich just dazu, wie Dorothe die
Hhner fttert, und bemerke eins darunter, das gewaltig gluckst, ja
schier krht wie ein Hahn. Dorothe, sag' ich und deute auf das Thier:
Wenn das Huhn fngt an zu krhen, magst du ihm den Hals umdrehen. Dazu
kann Rath werden, sagt' sie, zudem hat das Huhn ausgelegt, und
bermorgen ist Sonntag. Wie ich nun Sonntags aus der Kirche komme, da
fllt mir auch das Huhn wieder ein, und die Suppe, die davon gekocht
werden sollte, (ich hatte auch wohl frher schon etliche Male daran
gedacht,) und sagte schmunzelnd zu mir selbst: Justus, heute issest du
Hhnersuppe und ein Stcklein Fleisch darein, und der Mund begann mir
zu wssern. Wie wir nun sitzen, und Dorothe die Teller fllt, da kommt
eitel Mehlsuppe zum Vorschein. Nun, denk' ich, das Huhn kommt noch nach,
etwa gebraten oder gekocht, und trstete mich. Aber statt des Huhns
kommt ein Eierkuchen. Da sah ich Dorothe an, und sie verstand meinen
Blick und lchelte und sagte: Ich habe das Huhn um zehn Albus verkauft
und dafr die und das in's Haus geschafft, das fehlte; versuch's
einmal, Lieber, ob's auch so thut! Und ich lachte und Dorothe mit und
die Kinder auch, und hat uns unser Mittagsbrod gar trefflich geschmeckt.
Da hab' ich abermals gelernt, was der Apostel sagt: Lasset euch
begngen mit dem, das da ist.




15. Die Tiefe.


Einige Wochen nach dieser Unterredung, die dem Justus manches Bedenken
verursachte, besuchte er am Nachmittag einen kranken Freund in
Reinhardshain. Das trauliche Gesprch that dem Kranken wohl, und er bat
den Schulmeister, als der mit der Nacht wieder heim wollte, noch um ein
Stndchen, und als das verflossen war, noch um ein zweites, und der
Wchter blies bereits die zehnte Stunde, als er Hut und Stock ergriff,
dem Kranken die Hand reichte, und in Gottes Namen hinaus schritt in die
Nacht. Die Nacht war dunkel, aber der Himmel frei von Wolken, und des
Weges wohl kundig, beschaute sich der Kalendermann die Sterne am Himmel
mit allerlei gottseligen Gedanken und ernsten Ueberlegungen. So schritt
er den Weg hinauf zum Wirberg.

Es hat aber auf dem Wirberg frher ein Kloster gestanden, von Nonnen
bewohnt, die zur Zeit, als Luther mit der Predigt des Evangeliums
auftrat, keines guten Gerchtes sich erfreuten. Denn es ging auf dem
Wirberg gar rgerlich zu, und die Klosterfrauen trieben allerlei
Kurzweil, die sich schlecht mit ihrem Stande vertrug. Da machte der
Landgraf von Hessen, mit Namen Philipp, kurzen Proce mit ihnen, trieb
die Nonnen aus dem Kloster, und lie des Klosters Gter und Geflle zu
guten Zwecken verwenden. Jetzt steht nur noch die Kirche und das
Pfarrhaus mit der Wohnung des Glckners dort oben, und sonntglich rufen
die Glocken vom Wirberg die Bewohner der Drfer im Thale zum
evangelischen Gottesdienst.

Nun sieht man noch heute in der Nhe der Kirche eine Hhle im Berge, von
auen einem Keller nicht unhnlich, denn man steigt auf vielen Stufen
hinab in die Tiefe. Ein Born klaren Wassers hemmt hier den Schritt, an
dem die Bewohner ihren Trunk holen. So ist's nicht immer gewesen; denn
in der Hhle war ehemals trockner Grund, und sie fhrte hinab in's Thal,
ja, wie die Sage erzhlt, sogar bis nach dem entfernten Grnberg. Da es
da unten nicht geheuer ist, versteht sich, da aber da unten auch die
Nonnen ihre Schtze, ihre goldenen und silbernen Abendmahlsgefe
vergraben htten, als sie das Kloster verlassen muten, das war von
jeher im Munde des Volks eine ausgemachte Sache. Kein Wunder, da die
Hhle oft von Schatzgrbern besucht wurde, und die drinnen gewesen
waren, die erzhlten Andern, da unten sei es nun und nimmermehr geheuer,
denn man hre allerlei sonderbare Tne, gleichsam das Sthnen der
Geister, die die Schtze bewachten, und wer die zu citiren verstnde,
dem wre geholfen.

Als Justus an dieser Hhle vorbeiging, und zufllig einen Blick
hineinwarf, drang der Schein eines Lichtes aus der Tiefe zu ihm herauf.
Betroffen ging er weiter; schmte sich aber bald seiner Angst, kehrte
zurck, und blickte wiederholt in die Tiefe. Jetzt drang der Ton einer
Menschenstimme an sein Ohr, und das bewog ihn, genauer hinab zu sehen.
Nach einigen Minuten wagte er sich sogar in die Oeffnung, und schritt
leise einige Tritte hinab. Das Gewlbe war von mehreren Laternen
erhellt. Um einen Kreis von Mnnern, die mit dem Gesichte nach dem
Mittelpunkt gekehrt waren und mit gesenktem Haupte da standen, ging
Einer mit einem irdenen Rauchfa umher, und erfllte mit einem
belriechenden Dampf das ganze Gewlbe. In der Mitte des Kreises stand
ein Mann, mit einem weien Hemde ber den Kleidern und einer Kappe von
Papier auf dem Haupte, vornen wei, hinten schwarz, mit sonderbaren
Figuren bemalt. Um ihn her war ein Kreis gelegt von weiem Papier,
wieder mit Figuren bemalt, und der Mann in der Mitte hatte eine
Wnschelruthe von Messing in seiner Hand, drehte sich bald da- bald
dorthin, und murmelte allerlei Zaubersprchlein vor sich hin, die von
den andern wiederholt wurden. Pltzlich schwieg Alles, das Rauchwerk
dampfte strker, und mit lauter Stimme rief der Beschwrer, indem er die
Ruthe auf der Spitze seines Mittelfingers in's Gleichgewicht brachte:
Ich Johannes beschwre dich Ruthe bei allen denen ber dich
gesprochenen Worten Adonai, Agla, Tetragrammaton, da du mir richtig
antwortest, durch deinen vorwrts ziehenden Ruthenschlag, wo der
verborgene Schatz liegt. Und dich allerheiligsten Engel und Frsten
Ariel des Elements der Erden, bitte und beschwre ich, da du diese
meine Ruthe fhrest und leitest, durch Adonai, Agla, Tetragrammaton,;
dieses sollt ihr helfen all' ihr heilige Chre der Engel durch den Engel
aller Engel Jesum -- Christum, in Nomine Patris [Symbol: Kreuz] et Fili
[Symbol: Kreuz] et Spiritus Sancti [Symbol: Kreuz] Amen.

Erstaunt ber diese Gotteslsterung, und heftig erschreckt, wollte
Justus sich eben schweigend zurckziehen, als er sich pltzlich von
hinten am Kragen gefat und niedergeworfen fhlte. Im Nu fllte sich das
ganze Gewlbe mit Strickreitern, Amtsdienern und Bauern. Die Leuchten
erloschen, und Freund und Feind wlzten sich in buntem Knul auf einem
Haufen umher. Da und dort entwischte Einer; und als man Lichter
herbeibrachte, so hatte Mancher statt eines Schatzgrbers einen von der
Wache erfat und aus dem Gewlbe geschleppt. Der den Justus gefat
hatte, leuchtete ihm in's Gesicht, -- es war der Rathhausdiener von
Grnberg, -- und rief: Dachte ich's doch, Schulmeister, da ihr auch
unter den sauberen Vgeln wret. Hab' euch lngst auf dem Strich gehabt,
und es den Herrn vom Rath versprochen, den Justus krieg ich gewi auch
einmal, wo er sich's am wenigsten versieht. Kalendermnner und
Schatzgrber sind allezeit Gebrder und des Teufels Diener.

Der erschrockene Mann mochte seine Unschuld betheuern, wie er wollte,
mochte der Seinen Angst, wenn er nicht heim komme, noch so lebhaft
schildern, es half Alles nichts. Man schleppte ihn mit nach Grnberg,
und steckte ihn mit den Schatzgrbern in den Thurm.

Schon mit dem frhsten Morgen erschien Dorothe vor dem Amtmann, und kurz
nach ihr der treue Hausfreund Elias Bttner. Beide gaben sich alle Mhe,
den Richter von der Unschuld des Gefangenen zu berzeugen, baten
wenigstens um seine Freilassung, damit ihm der Schimpf erspart werde,
aber es half nichts; die kurze Antwort lautete: Mitgefangen,
mitgehangen. Das war ein schlechter Trost. Und was die Sache noch
verschlimmerte, war, da die Schatzgrber aus purer Bosheit den Justus
als Einen von Ihresgleichen angaben, und sich an seinem Schmerze labten.
Dazu war der Kranke, den Justus an jenem Unglcksabend besucht hatte,
gestorben, und die Seinen waren ber den Trauerfall so bestrzt, da sie
sich in ihren Aussagen widersprachen; kurz, der redliche Justus, der
alles Schatzgrberwesen verachtete, und alle Gemeinschaft mit diesen
Leuten vermied, sa jetzt als Mitgenosse im Gefngni, und hatte kein
Mittel, seine Unschuld zu beweisen. Denn was er auch vorbrachte, sich zu
rechtfertigen, da hie es immer: Er habe schon lange in bsem Verdachte
gestanden, als treibe er Teufelswerk, denn er trage den Namen
Kalendermann nicht umsonst.

Daheim war Herzeleid ohne Grnzen; und so oft auch Dorothe den Ihren
Trost einsprach, und sie auf Hiob's Wort hinwies: Der Unschuldige wird
vom Herrn errettet werden, so bedurfte sie des Trostes doch selber,
denn sie sah kein Ende dieser langen, schmhlichen Gefangenschaft. Da
war eines Morgens Selma verschwunden. Mutter und Geschwister meinten,
sie sei nach Grnberg gegangen, den Vater zu besuchen, wie sie oft that,
und ihm Trost in sein unverdientes Gefngni zu bringen. Als aber der
Abend kam, und das Mdchen nicht heimkehrte, da gesellte sich eine neue
Angst zu der alten. Doch am folgenden Abend, als man zu Nacht lutete,
kam sie wieder und mit ihr der Vater. Aber wer beschreibt die Rhrung
Aller, als Justus sein Pflegkind an der Hand nahm und also sprach: sehet
hier meinen Engel und Retter! Die Kind hat, vertrauend auf den starken
Gott, der einen Daniel von der Lwen Rachen schtzen kann, mich befreit
durch nichts, als durch das Wort der Wahrheit aus Kindesmund. So hab'
denn Dank, du mein Kind, fr dein Wort zur rechten Stunde; du hast
reichlich vergolten, was ich an dir gethan. Uns alle aber lasset Gott
danken auch fr diese Anfechtung, und ihn bitten, da er sie uns helfe
vollfhren, denn noch ist der Bse geschftig, Unkraut zu streuen.

Und so war es wirklich. Denn gerade Selma's fromme That der Kindesliebe
hatte die Sache des Schulmeisters nur verschlimmert. Auf die Freiwerdung
des Vaters hatte das gute Kind es abgesehen, und die erlangte es auch,
aber es hatte dem bittersten Feinde der Aeltern, dem Gerst, die neue
Noth der Familie geklagt, und der baute darauf einen neuen teuflischen
Plan. Wie Selma an jenem Morgen, wo sie heimlich das Aelternhaus
verlassen hatte, um fr ihren Vater zu bitten, an der Mauer des
Kirchhofs, der vor Gieen liegt, hinging, da trat das Bild ihrer
mtterlichen Freundin, der alten Lindin, lebhaft vor ihre Seele, und
sie wnschte ihr Grab zu sehen, um auf ihm sich Strke fr ihren sauren
Gang zu erbeten. Der Todtengrber grub an der Mauer ein neues Grab, und
gab dem Mgdlein auf seine Frage nach dem Grab der Mutter Lindin
freundlichen Bescheid. Seht dort, sprach er, dort, wo die Aeste der
Linde ber die Mauer herberhngen, liegt die Alte. Gott hab' sie selig.
Das war ein Weib nach dem Herzen Gottes, beides bei Alt und Jung wohl
gelitten. Ich bin nun schier 36 Jahre Todtengrber hier in der Stadt;
und wenn sie Einen nach dem Andern hier herausbringen, dann berdenk'
ich so die und das aus ihrem Leben, denn es denkt mir schon lange, und
vor allem an das Sprchlein denk' ich: Herr, lehre uns bedenken, da
wir sterben mssen, auf da wir klug werden. Als sie die alte Lindin
heraustrugen, da konnt' ich nichts bedenken, als dieses: Meine Seele
msse sterben des Todes der Gerechten, und mein Ende werde wie dieser
Ende. -- Du weinst, mein Tchterlein? Nun weine immerhin, solch'
Thrnen sind kstliche Perlen auf ihrem Grab. Hast du sie gekannt wie
ich, und ihre Liebe erfahren, wie ich und die Meinen, dann weit du, da
der alte Kramer die Wahrheit sagt. -- Doch komm' mit; meine Arbeit ist
fr jetzt hier gethan, und ich mu den Kirchhof schlieen. Willst du zur
Stadt, so gehen wir ein Weilchen mit einander, und reden noch ein
Wrtlein von der alten Lindin.

Das thaten sie denn, und bis sie zum Thore der Stadt kamen, wute auch
der alte Kramer den Kummer im Hause des Schulmeisters, und versprach dem
Mdchen seine Hlfe. Er fhrte sie zu Diesem und Jenem, von dem er sich
eine Hlfe fr den Schulmeister versprach; und ehe Mittag ward, konnte
Selma schon mit einem Schreiben nach Grnberg aufbrechen, in welchem
dem Amtmann bedeutet ward, den Gefangenen bis auf weiteren Befehl frei
zu geben. -- Aber der alte Kramer hatte sie auch zu dem Rath Gerst
gefhrt, und dieser, der mit der Untersuchung nichts zu thun hatte, und
wahrscheinlich auch sobald nichts von ihr erfahren htte, gab die
schnsten Vertrstungen mit dem Munde, im Herzen aber erwog er bse
Tcke.

Was in aller Welt scheint einfacher, als die Untersuchungssache gegen
den Kalendermann! rufst du wohl aus, lieber Leser. Aber bedenke, unsere
Geschichte spielt vor etwa 100 Jahren und das Rechtsverfahren war damals
nicht so geregelt, wie heut zu Tage, und das sogenannte Menschliche
hatte oft einen solchen Einflu auf die Richter, da noch viel
einfachere Sachen verwickelt, und noch viel Unschuldigere, denn unser
Justus, fr Schuldige gehalten wurden. Denn was gegen ihn sprach, das
war die Meinung Vieler, die hinter dem Namen Kalendermann etwas
Absonderliches suchten; und dann war er mit den Schatzgrbern gegriffen
worden, und diese legten manch' falsch Zeugni gegen ihn ab. Man verfuhr
mit groer Strenge gegen die ganze Bande, unter welcher viele Auslnder
sich befanden; die aber aus der nchsten Nhe, auf welche es
hauptschlich abgesehen war, der Schreinerkaspar und der Herr
Fleischhauer, waren entflohen.

Unser Justus war nun zwar frei, aber fast jeden Tag ward er zum Verhr
vorgeladen, und der Amtmann that nichts, um ihm diese sauren Wege zu
erleichtern, und ging ihn oft so hart und grausam an, da er oft fast
die Geduld in diesen ungerechten Verhren verlor. Ueber sein ganzes
frheres Leben wurden ihm Fragen vorgelegt, manche so verfnglich, da
man offenbar sah, es sei auf seinen Fall abgesehen. Niemand kannte sein
frheres Leben nach allen seinen Einzelheiten, als der Gerst, nur von
ihm konnten die Aufhetzungen herrhren. Aus zuverlssiger Quelle erfuhr
sogar der gequlte Mann, da der Gerst mehrere Reisen nach Grnberg
unternommen habe, um den Amtmann vllig zum ungerechten Urtheil zu
stimmen.

Da war denn Trauer im Hause des Schulmeisters, aber doch eine andere,
als sie in solchem Falle in den Husern Vieler zu sein pflegt. Sein
Glaube glich nicht dem Haus auf Sand gebaut, das jeder Windsto des
Schicksals zertrmmern konnte, sondern er war auf Felsen gegrndet, und
mit ihm berwand er die Furcht vor der Zukunft. Was aus ihm und den
Seinen werden sollte, wenn man ihn von Amt und Brod triebe, das bedachte
er nicht mit menschlicher Sorge, das befahl er dem treuen Gott, dem er
von ganzem Herzen diente. Tglich betete er mit den Seinen seinen
Lieblingspsalm: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln, und
es gab Stunden, wo in der schwerbedrngten Familie eine Glaubensfreude
herrschte, die sie frher in besseren Tagen nicht gekannt hatten.

Doch die Noth ging damit nicht zu Ende, sie stieg vielmehr von Tag zu
Tage. Es kamen eine Menge Beschuldigungen zum Vorschein ber die Art
seines Schulunterrichts, ber die Behandlung der Kinder, ja sogar
ber seine Rechtglubigkeit. Das meiste Gewicht legte der
Untersuchungsrichter auf die Beschuldigung, da der Schulmeister
mehrmals unter der Predigt den Gottesdienst verlassen und im
Universittswldchen nach Holzfrevlern gespht habe. Mute diese
Beschuldigung nicht furchtbar fr einen Mann von des Justus frommem Sinn
sein! Und doch schienen gerade in diesem Punkte seine Neider recht zu
haben. Ja, der Schulmeister war wirklich mehrmals unter der Predigt aus
der Kirche weggegangen; aber nicht um seines Dienstes als
Universittsfrster zu warten, sondern um daheim nach seinem kranken
Weibe zu sehen. Dorothe lag an schwerer Krankheit darnieder, und die
Angst um sein geliebtes Weib hatte ihn zweimal seiner Pflicht vergessen
lassen und ihn heimgetrieben, ehe die Predigt vollendet war. Immer hatte
er sich vorgenommen, sein Unrecht, das ihn in ruhiger Zeit bitter
schmerzte, seinem Pfarrer zu gestehen, aber andere Sorgen hatten den
Vorsatz wieder verdrngt, und jetzt wurde ihm diese That der Liebe zum
Verbrechen gemacht. Keine Betheurung half, und der Gerst schrte das
Feuer seines Verderbens, da es in lichten Flammen ber der
unglcklichen Familie zusammen zu schlagen drohte.

Eines Tages als der Druck der Trbsal wieder einmal recht fhlbar wurde
im Hause des Schulmeisters, als Krankheit und Mangel drinnen herrschte,
und man in jedem Eintretenden einen Unglcksboten frchtete; da trat
Heinrich vor seinen Vater hin und sprach also: So manchmal hab' ich
bisher euch und die Mutter gebeten, ihr mchtet mich ziehen lassen, da
ich drauen mein Brod mir suche, das im Aelternhause gar zu knapp ist.
Ihr kennt mich wohl, Vater, und wisset, da ich nicht hinaus mchte, auf
da ich eurer Zucht los wrde, sondern lernen mchte ich, was mir noch
fehlt, in welchem Dienst und Beruf es auch sei, und mein Brod mir selbst
erwerben. Allen euren Grnden und Vertrstungen habe ich mich bis dahin
schweigend unterworfen, aber die Noth wchst in unserm Hause von Tag zu
Tage, und ich schme mich, irgend einem Menschen in's Angesicht zu
sehen; es ist mir, als dchte Jeder, der mich ansieht: Es ist des
Schulmeisters Heinrich doch alt genug, sein Brod sich zu verdienen, was
sitzt er daheim und gehet mig! Mig bin ich nun zwar nicht gegangen,
sondern habe euch im Haus und in der Schule nach meiner Kraft gedient;
auch so Vieles von euch gelernt, das ich endlich einmal zu Markt bringen
mchte. Hier bringe ich's zu nichts. Der Schreiberdienst in Gieen ist
mir wieder genommen worden, obgleich ich ohne Klagen trug, was zu tragen
war, und es scheint fast, als habe die ganze Welt sich gegen uns
verschworen, und helfe mit, unser Grab zu graben. Lat mich weg, Vater,
lat mich weg; vielleicht gibt der liebe Gott mir die Gnade, euch von
drauen her helfen zu knnen.

Heinrich, sprach der Schulmeister tief bewegt, seit wir dich haben,
war es allezeit mein Vorsatz, dir das Leben leichter zu machen, als
deines Vaters Leben gewesen ist. Aber ich sehe wohl, ohne die Wander- und
Wartezeit bringt's heut zu Tag kein Sohn zu etwas, nicht einmal zu einem
ehrlichen Stck Brod. Geh' denn hinein zu der Mutter, und gibt die ihren
Segen zu deinem Vorhaben, so nimm in Gottes Namen dein Reisebndel auf
den Rcken und ziehe aus. Aber Kind, mach' die Mutter nicht weich, sie
leidet ohnehin mehr als wir Alle.

Heinrich blieb lange am Krankenbett der Mutter. Was die Mutter mit dem
Sohne gesprochen, wie sie geweint mit einander, und mit einander
gebetet, das hat Niemand gehrt, denn der Herzenskndiger im Himmel.
Aber es mu einen Frieden geben, der ber aller Menschen Vernunft ist;
denn als Heinrich in seine Dachkammer ging, sein Bndel zu schnren, da
lag Dorothe still betend auf ihrem Lager, und Heinrich war gefater,
denn die Schwestern, gefater selbst als der Vater.

Hier, Heinrich, sprach der Schulmeister, ist dein Zehrgeld fr den
heutigen Tag, fr Morgen mu der schon sorgen, der die jungen Raben
nhret. Da nimm auch, da du den rechten Versorger nicht vergissest,
das Gebetbchlein mit, das ich schon lange fr dich abgeschrieben habe,
wenn du uns einst verlassen mtest. Wie es da drinnen steht, so hab'
ich und mein Haus bis dahin dem Herrn gedienet, diene du ihm auch also,
da wir in _einer_ Zunge und in _einem_ Geiste zum Vater treten. Sei und
bleib' in der Furcht Gottes, die der Weisheit Anfang ist. Fleuch die
Lste der Jugend, und schaffe mit deinen eignen Hnden. Laufe denn mit
Geduld in den Kampf, der dir verordnet ist, und wisse, es wird Keiner
gekrnt, er kmpfe dann recht. Der rechte Kampf gibt die rechte Krone,
und die sei dein und unser kstlich Gut, wenn wir uns wiedersehen. Der
Gott deiner Vter, der niemals einen Justus verlassen hat, der segne und
behte deinen Aus- und Eingang um Christi willen. Amen.

Wie nun die Schwestern, die Eine die, die Andere das noch in's
Reisebndel hineingeschoben hatten, wie sie Alle unter viel Weinen am
Halse des Bruders gehangen hatten; da kam auch der Schulmeister noch
einmal herein und sagte: Heinrich, nimm auch die Geige mit dir. Als
Spielmann sollst du nicht durch die Welt reisen, denn das ist ein leicht
verdient Stck Brod und gedeiht nicht. Aber wie David des Saul bsen
Geist mit Saitenspiel dmpfte, so kann deine Geige in der Zeit der Noth
manches Menschenherz weicher machen zur Liebe gegen dich.

       *       *       *       *       *

Eine Stunde vom Veitsberg, hart am Wege, der nach Gieen fhrt, liegt
ein hoher, schlanker Berg, die Nonne geheien. Von da aus bersieht man
die ganze Gegend auf weit und breit. Lieblich ist der Ort und schattig
durch hohe Kiefern. Diese Hhe bestieg Heinrich. Unter den
herabhngenden Aesten sitzend, nahm er aus der Tasche das
Haus-Betbchlein seines Vaters und schlug das Reisegebet auf. O wie ward
ihm so wohl dabei! Es waren seines guten Vaters Worte, die er las, es
war seines Gottes Wort, das ihm Trost in die Seele go. Wie fest prgten
sich die Worte seiner Seele ein: Ich bitte Dich, erhalte mich bei
Deinem Wort, da ich nicht abweiche vom rechten Wege des ewigen Lebens.
Fhre mich auf den Steig Deiner Gebote und behte mich vor unrechtem
Glauben. Wie herzlich ward sein Vertrauen durch die Worte des Gebetes:
Du wollest auch Deine heiligen Engel mir zugeben, ihnen Befehl thun,
da sie mich hten auf allen meinen Wegen; da sie mich fhren auf
rechte Strae, auch mich gesund und frisch wieder anheim zu den Meinigen
bringen.

Neu gestrkt erhob sich der Jngling. Nun noch ein Blick auf die liebe
Heimath, und dann hinaus auf die Wanderschaft!




16. Die Rache.


    Halt' still, mein Herz, dem lieben Gott,
      Halt' ihm getreulich still!
    Fahr' hin, du Welt, mit deinem Spott!
      Mich trstet Gottes Will'.

    Halt' still, mein Herz, dem lieben Gott,
      Mein Auge, weine nicht!
    Ich wei, da hell durch Nacht und Noth
      Vom Himmel kommt mein Licht.

    Halt' still, mein Herz, dem lieben Gott,
      Sei treu und halte aus!
    Es fhrt durch Spott und Noth und Tod
      Dein Gott dich gut hinaus!

So denk' ich jetzt und so sing' ich jetzt, Bruder Bttner, sprach in
seinem Lehnstuhl sitzend der Schulmeister an einem Samstag Abend zu
seinem Hausfreunde. Drauen liegt der Schnee, wie er seit
Menschengedenken nicht gelegen hat, und das Wild wird von den Wlfen bis
in die Drfer hinein gejagt, kurz es ist ein Winter sonder Gleichen. Und
ein Winter sonder Gleichen ist auch in meinem Leben. Ich merk', es geht
bald ganz mit mir bergab. Aus der Tiefe rufe ich darum zum Herrn und
bestelle tglich mein Haus, damit ich ziehen knne, wenn's scheiden
heit. Mein Heinrich ist auf die Wandrung hinaus, die Mdchen sind in
Dienst gegangen, so bin ich denn mit meiner Dorothe wieder allein, und
nur die Selma hab' ich nicht von mir wollen lassen, die soll nicht
dienen, sondern in meinem Kreuz mich trsten. Denkt aber nicht, Bttner,
da mir graue vor dem, das kommen soll. Ich bin in meinem Gott frhlich,
wie nie. Seit Monden wollt' mir kein Lied aus der Kehle, heute aber hab'
ich wieder gesungen, und je mehr ich sang, desto getroster ward ich.

Recht so, Schulmeister, sprach der Bttner, ganz so, wie's dort heit
im Psalm: Ich will dem Herrn singen mein Leben lang. Hat auch wahrlich
mit euch keine Noth. Ein gut Gewissen und ein fester Glaube, wer die
zwei Stcke noch hat, was kmmert sich der um der Neider List und Tcke.
Und sollt's ja zum Aeuersten kommen, und ihr von Amt und Brod getrieben
werden, so wird's auch Rath werden. Dazu kam ich just heute Abend
herauf, um euch einen Trost zu bringen, wenn ihr sein bedrfen solltet.
Gestern und heute habe ich meine Oberstube gefegt und gescheuert, und
gut eingeschlachtet hab' ich auch um Christtag hin, und was sonst noch
Noth thut im Haus, einen herzlichen Willkomm und ein heiter Angesicht,
-- das Alles, Schulmeister, findet ihr bei mir. So lang' ich lebe und
der liebe Gott das Feld segnet, sollt ihr nicht Noth bei mir leiden.
Und nicht wahr, ihr schlagt's nicht aus? Gebt die Hand, Schulmeister,
lat mich euer Freund in der Noth werden!

Bttner, sprach der Schulmeister, indem er eine Thrne im Auge
zerdrckte, Freund in der Noth seid ihr lngst gewesen. Es ist Mancher
von mir abgefallen, seit man mich verfolgt, und weicht mir scheu aus,
gleichsam als frchte er, durch mich in blen Geruch zu kommen. Ihr aber
habt gethan nach Sirach's Wort: Bleibe treu deinem Freunde in seiner
Armuth. Das vergelt' euch Gott! Ja, Bttner, ihr liebet treuer, denn
ein Bruder, und liebet mit der rechten Liebe, warum soll ich des Bruders
Hand verschmhen! Ja, ich komme zu euch, wenn ich von hier fort mu,
aber nur auf so lange, bis Gott weiter hilft.

    Denn Weg' hat er allerwegen,
      An Mitteln fehlt's ihm nicht.

       *       *       *       *       *

Es war Sonntag Morgen. Der Schnee wirbelte in dicken Flocken zur Erde
nieder, und verhllte die ganze Natur in graue Dmmerung. Der
Schulmeister vom Veitsberg hatte eben von den Seinen Abschied genommen,
um den Dienst seines kranken Amtsbruders in Queckborn fr diesen Sonntag
zu versehen. In seinen Reisekleidern, einen langen Stock in den Hnden,
ging er erst in seine Kirche, zog die Glocke zum ersten Kirchenzeichen
und schritt dann, des Weges wohl kundig, hinab in's Thal. Wer heute ber
Feld wollte, der mute auch des Weges kundig sein. Denn von einer Bahn
war in dem tiefen Schnee keine Rede; bei jedem Futritt brach man in die
Schneemasse ein. Doch das Ziel ward von unserem Justus bald erreicht,
der Dienst ward gethan, und am Krankenbette seines Amtsbruders sitzend,
ward manches trauliche Wort geredet, von Zeit und Weltbegebenheiten, von
des Freundes langer Krankheit und von Gottes wunderbaren Wegen.

Sprecht nicht, Herr Bruder, sagte Justus, von eurem Kreuz, als sei es
so unerhrt, und von Wenigen also erlebt. Wohl ist's hart, da ihr
nunmehr schon in den dritten Monat hinein msset das Bett hten; glaub's
auch wohl, da euch manchmal der Muth sinkt, und euer Gebet zum Seufzer
wird: Ach Herr, wie lange! Kann mir denken, wie es einem Hausvater sein
mu, wenn er die Kindlein ansieht, noch so zart und klein, und dabei
denken mu, wer wird sie nhren und kleiden und ihnen Obdach geben und
sie zur Gottesfurcht auferziehen, wenn des Versorgers Aug' im Tode
bricht? Ach, wir Schulmeister jetziger Zeit sind gar bel daran! Einen
Sold zum Leben und Sterben zu wenig, Sorg' und Mhe Jahr aus, Jahr ein,
und in steter Angst, da man uns den Abschied gebe, ohne Urtheil und
Pension! Ist's ein Wunder, da wir alle so gedrckt einher gehen, und
uns oft so winterlich und kalt zu Sinne ist. Aber, lieber Bruder, wie es
dort heit im Lied: Je grer Kreuz, je ser Glaube, so darf auch von
uns das beste Theil nicht genommen werden, sonst sind wir zwiefach arm
und verlassen. Christi Wort: In der Welt habt ihr Angst, aber seid
getrost, ich habe die Welt berwunden, soll uns sein die Inschrift auf
unserer Fahne, darauf wir wie der Soldat hoffend schauen, ob's auch
donnert und blitzt um uns her im Kampf, und die Wunden der zeitlichen
Trbsal wehe thun. Ihr steht dem Grabe nah' ob eures Leibes Schwachheit,
mir haben bse Zungen auch ein Grab gegraben, und vielleicht mu ich
hinab, und Niemand wei, wie unrecht mir geschiehet, als mein Gott im
Himmel. Sollte aber Gott nicht retten seine Auserwhlten, die zu ihm
Tag und Nacht rufen? Ja, sag' ich und sag' abermals ja, und rufe mit
Hiob: Bis da mein Ende kommt, will ich nicht weichen von meiner
Frmmigkeit! Denn es steht geschrieben: Frchte dich nicht, denn ich
bin bei dir, weiche nicht, denn ich bin dein Gott!

Da brach ein Sonnenstrahl durch die grauen Winterwolken und fiel auf's
Bett des Kranken und ber sein Angesicht ging der Friede Gottes.

       *       *       *       *       *

Der Rckweg nach dem Veitsberg war eben so mhsam, als der Weg am
Morgen. Obgleich das Schneegestber nachgelassen hatte, war doch die
Spur vom Morgen gnzlich verwischt, und wieder mute Justus den Weg
brechen; denn bei diesem Wetter mochte kein Fugnger hinaus. So war er
an jene Stelle im Walde gekommen, wo der Fupfad von Queckborn nach
Veitsberg die Grnberger Landstrae durchschneidet. Jetzt fhrt dort
eine bequeme Chaussee, aber der damalige Weg ging bald ber Hgel weg,
bald durch Hohlwege hindurch. Einen solchen Hohlweg durchschnitt auch
der Fupfad.

Eben war Justus in denselben eingetreten, und arbeitete sich rstig
durch den Schnee, als das Wiehern eines Pferdes an sein Ohr drang.
Dieser Ton, der einzige Laut in der erstorbenen Natur, machte ihn
stutzig; er stand stille und horchte, und hrte deutlich nicht weit von
der Stelle wo er stand, auch das Rasseln einer Kette. Er rief laut ein
Ho! Ho! in den Wald hinein, aber keine menschliche Stimme gab ihm
Antwort, sondern das Wiehern und Kettenrasseln wiederholte sich. Ein
Unglck vermuthend arbeitete sich der Schulmeister auf den Rand des
Hohlweges, und erblickte zu seinem Schrecken eine Chaise, die mit nach
oben gekehrten Rdern tief im Schnee steckte, whrend die Pferde mit der
abgebrochenen Deichsel sich so in's Dickicht des Waldes verschlungen
hatten, da alle ihre Anstrengungen, sich frei zu machen, umsonst waren.
Nicht fern von den Pferden lag der Kutscher, halb vergraben im Schnee,
ein Stck von dem Zgel noch in den Hnden, wie es schien ohne alle Spur
von Leben. Mhsam schaffte Justus mit den Hnden den Schnee von den
Seiten der Chaise weg, um einen Blick in das Innere thun zu knnen; und
nicht lange, so fate er die kalte Hand eines Mannes, der halb in, halb
auer der Chaise lag, so als habe er im Fallen des Wagens herausspringen
wollen. Sein Gesicht war jmmerlich verschunden und blutig, aber seiner
Kleidung nach schien er ein Mann von Stand und Vermgen zu sein. Auch er
gab, wie der Kutscher, kein Lebenszeichen von sich.

Was sollte der Schulmeister beginnen! Der Tag war schon weit vorgerckt;
alle Drfer rings umher lagen eine starke halbe Stunde entfernt, und
doch mute schnelle Hlfe geschafft werden; denn der Zustand der
Beschdigten war gar klglich, und die Gefahr von Wlfen seit einigen
Wochen sehr gro. Eilig verlie er daher die Sttte des Jammers, und mit
starken Schritten eilte er dem Veitsberg zu. Nicht lange, so sah man
unter seiner Anfhrung alle Mnner von Veitsberg und Saasen mit Laternen
und Hebstangen der Stelle zueilen, wo die Verunglckten lagen. Die
Verwundeten wurden auf Bahren gelegt, die man in der Eile aus jungen
Bumen gemacht hatte; die Pferde wurden ausgeschirrt, aber den Wagen
mute man liegen lassen, wo er lag, denn es war keine Mglichkeit
vorhanden, ihn ber die Feldwege in Sicherheit zu bringen, zumal jetzt
am Abend. So langte denn der Zug am Dorfe an, wo die Frauen und Kinder
fragend und bedauernd den Ankommenden entgegen gingen.

Wohin mit den Verunglckten? hie es da. Den hier auf der vordersten
Bahre nehm' ich in mein Haus auf, war des Justus schnelle Antwort, und
ich will fr den Fuhrmann Sorge tragen, sprach der Elias Bttner,
nehmt ihr, Nachbar Kurz, die Pferde in euren Stall, bei euch sind sie
am beten aufgehoben.

Das war eine unruhige Nacht fr die beiden Drflein Veitsberg und
Saasen. Da gingen Wenige zur Ruhe. Denn Etliche liefen hin und her nach
Doctor und Feldscherer und Arzneimitteln, und die Andern standen um die
Verwundeten her, und bedauerten sie und halfen waschen und verbinden und
Belebungsversuche machen. Die beiden Beschdigten waren zum Glcke nicht
todt, aber schwer beschdigt waren sie beide, namentlich der Herr, den
Justus aufgenommen und in sein eigenes Bette gelegt hatte. Der schien
besonders am Kopfe beschdigt zu sein, denn die Betubung wollte nicht
weichen, trotz aller Mittel, die man anwandte. Anders war es mit dem
Kutscher. Nachdem sein zerbrochenes Bein eingerichtet war, gab er
Auskunft ber die Reise und ber den Unfall, der sie betroffen, ber
seinen und seines Herrn Namen und empfahl seine Pferde und sein Fuhrwerk
seinen Rettern gar dringend, denn er war ein guter Knecht.

Am Morgen nach dieser unruhigen Nacht ging der Schulmeister hinab gen
Saasen, nach dem kranken Knecht zu sehen, und den Namen seines Gastes zu
erforschen. Die Nachricht, die er da erhielt, machte einen
furchtbar-schrecklichen Eindruck auf ihn, und man sah ihn bla werden
und schweigend sich entfernen. Wie er eintrat in seine Stube, so stand
Dorothe am Bette des Kranken, und flte mit einem Lffelchen dem halb
Bewutlosen eine strkende Suppe ein, und der Kranke lag da mit
geschlossenen Augen, und nahm die Strkung an wie ein Kind, das sich
sein noch nicht bewut ist. Justus trat schweigend an das Bette; lange
haftete sein Auge am entstellten Angesichte des Kranken. Dann sprach er
leise zu Dorothe: Weit du, Liebe, wen wir herbergen, wer unser Lager
einnimmt, und wem du eben die Erquickung reichst? Es ist unser Todfeind,
es ist der Gerst; Gott hat ihn in unsere Hand gegeben. Was wollen wir
thun, Dorothe, wollen wir uns freuen des Falls unseres Feindes, und
unser Herz froh sein lassen ber sein Unglck? oder wollen wir thun nach
dem Wort: Hungert deinen Feind, so speise ihn mit Brod, drstet ihn, so
trnke ihn mit Wasser?

Dorothe sprach nichts, nur ein leises Zittern ihrer Hand verrieth die
Bewegung ihres Herzens; Thrne auf Thrne fiel herab auf's Angesicht des
Kranken, und sie hrte nicht auf, dem Schwachen die Strkung zu reichen.
Als sie vollendet hatte, da faltete sie schweigend ihre Hnde; ihr Herz
betete, und dem Todfeind war verziehen. Und ihre Hnde pflegten sein,
und ihr Auge wachte ber ihm bei Tag und bei Nacht, und von ihr empfing
er Speise und Labung.

So gingen drei Tage hin. Am dritten des Morgens stand Dorothe wieder am
Bette des Kranken, und reichte ihm eine Strkung; da schlug er zum
ersten Male die Augen auf, seufzte tief, als erwache er aus schwerem
Traum, blickte forschend in's Angesicht seiner Wrterin, und fragte in
leisem Tone: Wo bin ich? Im Schulhaus zum Veitsberg, war Dorothe's
Antwort. Und wer seid ihr, gute Frau, die ihr mich so sorgsam pfleget?
In lichten Augenblicken meiner Krankheit habe ich euch allezeit helfend
und theilnehmend an meinem Bette gesehen. Auch Thrnen waren manchmal in
euren Augen; ihr mt es recht wohl mit mir meinen; sagt mir, wer seid
ihr? Ich bin Dorothe, des Schulmeisters Justus Eheweib, gab sie ruhig
zur Antwort.

Auf die Wort schlo sich schnell das Auge des Kranken; mit einer
raschen Bewegung fate er sein Haupt, lie eben so schnell die Hand
wieder sinken, warf einen ngstlich-scheuen Blick auf seine Pflegerin,
und sthnte dann aus dem tiefsten Herzen. Der Anblick dieses inneren
Kampfes war zu frchterlich und Dorothe entfernte sich schnell aus der
Stube.

Whrend dieses ganzen Tages hrte man den Kranken oft seufzen;
schweigend und mit niedergeschlagenen Augen nahm er alle Pflege an. Am
nchsten Morgen aber schien sein Herz gebrochen zu sein; er rief den
Justus und sein Weib an sein Lager; er that ein laut Bekenntni seines
Unrechts; er legte Gestndnisse ab, die ihn als Dieb und Ehrenruber
brandmarkten; er erzhlte, wie er die Familienpapiere von Dorothe's
Mutter mit List an sich gebracht, und um eine bedeutende Summe den
unrechten Erben verkauft habe; er schilderte die Schleichwege, auf denen
er dem Schulmeister Ehre und Brod geraubt; ja er gestand sogar, da die
Reise nach Grnberg, die so blen Ausgang gehabt, von ihm nur
unternommen worden sei, um den Richter durch allerlei falsche
Vorspiegelungen zu einem ungerechten Urtheil zu bestimmen, fgte aber
hinzu, da ihm das nicht gelungen sei, sondern da des Schulmeisters
Sache gut stehe, und seine Unschuld bald vllig erkannt werden wrde.
Da ihr nach Allem, was ihr von mir habt erdulden mssen, sprach er
dann, noch so gut gegen mich gehandelt, das mcht' ich in seiner
Mglichkeit begreifen, aber ich kann's nicht; ich mu wohl zu schlecht
dazu sein. Ich fhle eure Liebe und doch verstehe ich sie nicht; aber
Eins begreife ich, und das steht fest bei mir, ich will mein Unrecht
wieder gut machen, soweit ich kann, und euch euren Liebesdienst
reichlich vergelten.

Denkt nicht an uns, Herr Rath, sprach ernst der Schulmeister, auch
nicht daran, wie ihr uns lohnen wollt fr alles angethane Leid, denkt
vielmehr daran, wie ihr nach allem Geschehenen mit eurem Herrgott
stehet, und wie ihr ihm Dank schuldig seid fr seine gndige Hlfe in
der Stunde der Noth.

Darauf gab der Gerst keine Antwort. Denn sein Ohr hatte den Klang des
Namens Gottes lngst verlernt, und in seinem Herzen hatte das Wort
Gottes keine Sttte mehr. Es glich dem Wege, dem hartbetretenen, davon
die Vgel den guten Samen aufgefressen.

So gingen einige Tage hin. In dem krperlichen Befinden des Gerst ging
keine groe Vernderung vor sich, denn die Beschdigungen am Kopfe waren
nicht ungefhrlich, und lieen ein langes Krankenlager frchten. Aber
auch sein geistiges Befinden besserte sich nicht. Nachdem er einmal ein
oberflchliches Bekenntni seiner Snden gegen den Schulmeister und sein
Haus abgelegt hatte, fiel er wieder in seine alte Herzenshrtigkeit, war
uerst reizbar, ungengsam und launig, und man sah so recht deutlich,
wie das krperliche Leiden sein Gewissen noch mehr verstockte. Es war
darum nur Freude im Hause des Justus, als Etliche seiner Freunde ihn
sorgsam einpackten und nach Gieen brachten, wo er sich in seiner
gewohnten Umgebung eine baldige Wiederherstellung versprach.

Kaum war er weg, so erfolgte auch das Urtheil ber die Schatzgrber und
ber ihren Mitbeschuldigten, den Kalendermann. Justus ward vllig
freigesprochen; aber fr alle ausgestandenen Mhen, fr alle gehabte
Krnkungen gab man ihm keine Entschdigung. Dessen bedurfte es auch bei
Justus nicht. Mein Trost ist der, sprach er, da ich ein gut Gewissen
habe und befleiige mich, reinen Wandel zu fhren bei Allen.

Den Schatzgrbern aber erging es bel; sie wurden theilweise zu langem
Gefngni verurtheilt, auch der Schreinerkaspar, den man spter
eingefangen hatte. Nur der Fleischhauer war und blieb verschwunden, und
von Obrigkeitswegen ward Beschlag auf sein Huschen gelegt, und auf
Alles, was sich drinnen fand. Da kam denn manches merkwrdige Stck zu
Tage, Werkzeuge, deren Gebrauch Niemand verstand, und Inschriften, die
Niemand entrthseln konnte.

Noch vor zwanzig Jahren waren diese, damals den Schatzgrbern
abgenommenen Gertschaften: der Erdspiegel und die Wnschelruthe, der
papierene Zauberkreis und der Stab des Beschwrers, auch etliche der
Zaubersiegel, die die Gehlfen getragen, noch vorhanden, und ich hab'
sie selber wiederholt beschaut, und meine Betrachtungen darber gemacht.

Noch ist die Zeit der Schatzgrberei nicht vorber, trotz Aufklrung und
Eisenbahnen, und wem eine Heerde vertraut ist, der wache; denn whrend
die Leute schlafen, kommt noch derselbe alte Feind und set Unkraut
unter den Waizen.

Und abermals, nach einem Winter voll trber Erfahrungen, kehrte der
Frhling als willkommener Gast auf dem Veitsberg ein. Aber so friedlich
es auch in den Herzen der Bewohner des Schulhauses aussah, so stille
ward er doch begrt. Heinrich in unbekannter Ferne, die Tchter im
Dienst bei fremden Leuten, Dorothe gebeugt von Krankheit, und der
Schulmeister zurckgezogener und ernster, denn je. Wenn dann Selma
allein und mit ihrer Handarbeit beschftigt am kleinen Fenster sa; wenn
sie herabsah in's Thal, wo sich im warmen Frhlingswetter Menschen und
Thiere eines neuen Daseins freuten; wenn sie hinbersah in die blauen,
waldigen Berge, wer kann's dem Mgdlein verargen, da dann allerlei
Gedanken an Vater und Mutter, an die ferne Heimath und an ihr knftiges
Lebensloos in ihr aufstiegen! Es gibt ein Heimweh, das fhlen Blumen und
Vgel in der Fremde, zumal wenn der Frhling wieder kommt; sollte nicht
ein Menschenherz viel mehr davon leiden? Ja, wir leiden Alle daran und
die Jugend am meisten, denn sie sucht nach. O, da sie immer _recht_
suchte, und im Suchen den rechten Fhrer und die rechte Heimath nicht
aus dem Auge verlre! --

Mit den ersten Tagen des Frhlings gelangte auch die Nachricht auf den
Veitsberg von dem Tode des Gerst. Die Wunden hatten nicht heilen wollen
und bewirkten einen langsamen und schmerzhaften Tod. Man erzhlte viel
von seinem Ende, wie schmerzhaft und wie herzzerreiend das gewesen sei;
wie die Geister seiner Snden in schreckhaften Gestalten an seinem Lager
gestanden, und wie er sich mit all' seinem erwucherten Gelde keine treue
Pflege in seinen Leidensstunden und kein frhlich Ende habe erkaufen
knnen. Oft, so erzhlte man, habe er den Vorsatz gefat, den
Schulmeister vom Veitsberg noch einmal zu sich zu bescheiden, und
wiederholt habe er geuert, Justus sei der einzige Mensch auf Erden,
dem er wnsche, da es ihm wohl gehe.

Im Hause des Justus ward nichts von dem Todten gesprochen, kein Wort des
Tadels oder der Freude ber sein Ende, sondern Justus sprach, als er die
Kunde von seinem Abscheiden erhielt: Gedenke seiner, Herr, nach deiner
Barmherzigkeit. So schien auch hier sein Andenken fr immer erloschen.
Aber es ward bald neu aufgefrischt. Von mehreren Seiten ward dem Justus
gemeldet, wie man in Erfahrung gebracht, so habe der Rath Gerst die
Dorothe Justus, geborne Kunz, mit einer bedeutenden Summe in seinem
Testamente bedacht; und so um die Heuerndte hin geschah eine frmliche
Aufforderung an Dorothe von Seiten des Sachwalters des Verstorbenen, der
Erffnung des Testaments beizuwohnen.

Als Stellvertreter seines Weibes erschien Justus am bestimmten Tage in
der Wohnung des Verstorbenen. Lachende Erben, grtenteils arme Leute,
waren aus der Ferne gekommen, und sahen gespannt dem entscheidenden
Augenblick entgegen. Auch Leute aus der Stadt, die mit dem Gerst in
Verkehr gestanden, oder in seinen Diensten gewesen waren, hatten sich
eingefunden. Zuletzt drngte sich noch ein Weib herein, bla und in
rmlicher Kleidung. Sie fhrte ein Kind an der Hand, und eins trug sie
auf dem Arm. Man wute nicht, wo sie herkam, noch welche Ansprche sie
an den Verstorbenen habe.

Das Testament wurde den Anwesenden als unverletzt gezeigt und dann
geffnet. Es war von neuem Datum, und von dem Verstorbenen an die Stelle
eines ltern gesetzt worden, das damit seine Gltigkeit verloren hatte.
Die Verwandten waren in demselben mit kleinen Summen bedacht, und an
ihren Gesichtern sah man deutlich die Tuschung. Auch seine Dienstboten,
namentlich der Knecht, der ihm zuletzt gedient und jenen Unfall mit ihm
erlitten hatte, erhielt einen anstndigen Jahrgehalt. Alles Uebrige,
eine sehr bedeutende Summe, war zwischen Justus Ehefrau und einem
gewissen Felix Fleck, Sohn von Johannes Fleck, den Keiner der Anwesenden
kannte, getheilt.

Wer der Felix Fleck gewesen sei, darber hat man nie etwas Zuverlssiges
erfahren. Viele hielten ihn fr einen natrlichen Sohn des Verstorbenen.
Der Felix Fleck kam und nahm, da seine Papiere in Ordnung waren, spter
die Erbschaft ohne Widerrede in Empfang.

Das Testament war verlesen, und Stille herrschte im Gemach; Jeder gab
sich seinen Betrachtungen hin; Keiner schien ganz befriedigt. Da trat
mit tiefer Blsse auf dem Angesicht das Weib mit den beiden Kindern vor
den Tisch des Richters, wollte reden, aber die Zunge versagte ihr den
Dienst. Unter groer Anstrengung fragte sie endlich den Richter, ob kein
Nachtrag zum Testamente vorhanden sei? Als das verneint wurde, bedeckte
sie mit beiden Hnden das Angesicht, und weinte laut und rief: Kann
auch ein Mensch so grausam sein, da er sein eigen Fleisch und Blut
vergesse und verlugne! Doch, was klag' ich, und wer erbarmt sich mein!
Kommt, meine Kinder, ihr sollt nicht wissen, wer euer Vater war!

Damit wollte sie zur Thre hinaus. Aber Justus fate sie freundlich bei
der Hand, trat zum Tische des Richters, und sprach mit lauter Stimme:
Das Geld, das nach dem Willen des Rath Gerst meiner Frau, Dorothea,
gebornen Kunz, vermacht ward, gehrt von Gott und Rechtswegen ihr.
Warum? das wute der Verstorbene und ich wei es auch, aber Niemand
soll's erfahren. Ehe ich herging, gab mir mein Weib Vollmacht, mit der
Erbschaft zu thun, was ich fr recht erkennen wrde; in meine Hnde,
sprach sie, soll kein Pfennig kommen von diesem Gelde, denn es ist
unrein durch Blut und Thrnen. Hier steht des Gerst Weib, und da sind
seine Kinder; nehmt denn, Herr Richter, Folgendes von mir zu Protokoll:
Ich Jakob Konrad Justus, Schulmeister zum Veitsberg, erklre kraft und
in Vollmacht meines Eheweibes, Dorothea, geborener Kunz, da ich auf die
Erbschaft des Rath Gerst zu Gunsten seiner natrlichen Kinder verzichte.
So wahr mir Gott helfe! Und hier meine Unterschrift. --

Da lief ein Murmeln des Beifalls durch die Versammlung, und das Weib
fiel auf ihre Knie und pries Gott mit lauter Stimme. Und wie sich Justus
leise aus der Stube entfernen wollte, da erhob sich ein Advokat, der dem
Richter zur Seite gesessen hatte, ging ihm nach, und drckte ihm die
Hand; und von dem Tage an wurden Beide die innigsten Freunde. Und der
Advokat war mein Grovater, und ist nun schon an sechsundsechzig Jahre
todt. In seinen Hnden war ein Theil der Papiere des Kalendermanns, und
von ihm stammen die Erzhlungen, die ich, in diesen bunten Strau
gebunden, dir, mein lieber Leser, reiche. Mein Grovater pflegte zu
sagen, so oft er von ihm sprach: Arm wird der Justus bleiben bis an
sein selig Ende; und doch ist er der glcklichste Mensch, den ich kenne;
er ist reich in Gott.

Noch eine freudige Ueberraschung war heute dem Justus vorbehalten, ehe
er heimging. Wie er in ein Glein einbog, kam ihm sein alter Freund,
der Corporal Scheuermann, entgegen; aber nicht mehr die krftige
Soldatengestalt von ehemals; das Gesicht war hager, das Haar gebleicht
und der Nacken gekrmmt. Es ist vorber mit meinem Dienst, sprach er,
als er dem Schulmeister krftig die Hand geschttelt hatte, ich fhl's,
es ist vorber hier unten, und der liebe Gott wird mich bald in ein
ander Regiment versetzen. Da wart' ich denn tglich auf meinen Abschied,
und gibt mir mein gndiger Herr noch ein Geringes an Gnadengehalt dazu,
so ist Alles erfllt, was ich wnsche. Doch ja, ich wnsche noch Eins,
Herr Justus, und hab' bisher oft daran gedacht; knnt ihr mir nicht ein
Pltzchen gnnen auf eurem Veitsberg? So lang ich einen Justus hatte,
mit dem ich reden konnte, war mein Herz allezeit guter Dinge; jetzt, wo
ich alt bin, mcht' ich das Labsal nicht entbehren. Hat Dorothe den
alten Scheuermann noch lieb, wie er sie lieb hat, so wird sie ihm ja ein
Pltzchen am Ofen gnnen, bis man ihn zur Ruhe legt. Sagt ja, Herr
Justus! Es will Abend werden und mein Tag hat sich geneigt, und ich habe
Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein. Aber ich mchte, da ich
unter Gottes Wort einschliefe, und fromme Hnde mir die Augen
zudrckten. Da hab' ich freilich meine Verwandten im Vogelsberg, aber
die herzen mich nicht. Die sehen lstern nach dem Wenigen, das ich noch
habe, und gnnen mir das Bischen Leben nicht.

So langer Rede htte es nicht bedurft, Scheuermann, sprach herzlich
der Schulmeister; kommt nur, sobald ihr den Abschied habt; Haus und
Brod wollen wir mit euch theilen, und ein traulich Wort und ein
freundlich Gesicht soll euch nicht fehlen.

Da wischte sich der alte Corporal die Augen, und mit herzlichem
Hndedruck schieden die alten Freunde.




17. Es wird Licht.


So war wieder ein Herbst gekommen. Die Erndte von Acker und Baum war
eingethan und der Gallmarkt, die liebe Fest fr Grnberg und seine
Umgebung rings umher, war abgehalten und die Vgel rsteten sich zum
Flug in wrmere Lnder.

Der Corporal Scheuermann war mit ehrenvollem Abschied und mit einem
kleinen Gnadengehalt zur Ruhe gesetzt worden. Jetzt zog er ein auf dem
Veitsberg, und mit ihm die Erinnerung an die alte Zeit, trotz ihrer
Sorgen und Mhen von ihm nur die gute alte Zeit genannt. Da saen sie
denn zusammen, die alten Freunde; da ward das traute Dmmerstndchen mit
mancher alten Erinnerung ausgefllt, da ward manch' alt Histrchen
wieder aufgewrmt, das aus des Corporals Munde allezeit mit es war in
den dreiiger Jahren begann, und von dem Justus und den Seinen mit
groer Geduld angehrt. Und einen willigen Hrer fand Justus fr seine
Sternwissenschaft und Kalenderkunst in dem Alten. Er schaute mit ihm
hinauf zu den Sternen, den ewigen Zeugen der Macht und Freundlichkeit
Gottes; er lie sich die Bahnen der einzelnen Himmelskrper beschreiben,
und staunte darob; er sprach mit voll Glauben und Hoffnung, wenn des
Heilands Spruch bedacht ward: In meines Vaters Hause sind viele
Wohnungen, und Schauer der Nhe Gottes und Zeugnisse seines Geistes
gab's genug im stillen Schulhaus zum Veitsberg.

Einst an einem Abend saen sie auch so traulich zusammen; da trat ein
Nachbar ein, bot freundlich einen guten Abend und sagte: Schulmeister,
heute krieg' ich gewi ein freundlich Gesicht von euch, denn ich bringe
einen Brief, der sonder Zweifel von eurem Heinrich kommt, und den ihr
gern auslsen werdet, so theuer er auch ist. Der Postreiter gab ihn mir
heute in Grnberg, und ich hab' ihn mit dreiig Albus mssen loskaufen.

Ja, ein Brief von Heinrich, rief der Schulmeister aus, als er die
Aufschrift las: Gott Lob, so lebt er noch. Und wie schwer und wie gro
ist der Brief, da mu viel drinnen stehen. Bleibt, Nachbar, ihr sollt
auch erfahren, was Heinrich schreibt, und mgt, so es euch gefllt, die
Abendsuppe mit uns essen.

Und der Brief ward geffnet, und die Zeit der Abendsuppe kam und ging
vorber, und der Wchter rief die Mitternachtsstunde ab, und noch saen
sie zusammen, der Schulmeister und sein Weib, der Corporal und der
Nachbar und Selma, denn die ging der Brief besonders an; sie saen da,
ergriffen und weinend, von Hoffnung und Furcht erfllt, und Eins nach
dem Andern fragte, und fragte wieder, und gab Rath; denn der Brief war
ein schner, ernster Brief.

Wohl dem, der Freude an seinen Kindern erlebt! rief der Schulmeister
tief gerhrt. Wie doch dem Vater- und Mutterherzen ein solch' Wort aus
Kindesmund so wohl thut! Glaub' dir's, du treue Kindesseele, da dein
Herz daheim ist bei Vater und Mutter, und da du tglich betest fr der
Schwestern Wohl! Glaub' dir's, da du einen Sparpfennig sammelst fr uns
daheim, zu vergelten die Wohlthat! Und Selma du, was sagst du zu dem,
das der Brief erzhlt? Dir gibt er Hoffnung, Vater und Mutter wieder zu
finden, freust du dich darber? Aber Selma antwortete nicht; ihr war
zum Sterben wehe. Alles, was seit Jahren in ihr gelegen von Furcht und
Hoffnung, was sie oft gewaltsam zurckgedrngt, wonach sie sich gesehnt
und wovor sie sich doch gefrchtet, das war nun mit einem Male ihr nahe
getreten, und es brachte nicht Freude, nein, neuen Schmerz.

Aber was stand denn in dem Briefe? -- Aus einer Stadt am Rhein, wo er
Arbeit und Brod gefunden, hatte Heinrich zum letzten Male geschrieben;
das war um Ostern hin gewesen. Da hatte er erzhlt, wie ihn der liebe
Gott bis dahin gut gefhrt; wie er berall gute Menschen gefunden, und
wenig Hunger bis dahin gelitten; wie er sich etwas Geld gespart, um
damit nach Holland zu reisen, und den Onkel aufzusuchen, und ber
Selma's Aeltern sich zu erkundigen.

Es war aber Holland damals, was jetzt Amerika ist, das Land der Hoffnung
fr Jeden, dem es daheim nicht gefiel, und der sein Glck in der Fremde
suchen wollte. Denn reich war damals Holland noch; es hatte viel Schiffe
auf dem Meere gehen, und brauchte viel fremde Hnde, und die ihm
dienten, die bezahlte es gut, und hatte namentlich die Deutschen gerne
als Soldaten und Handlungsdiener und Dienstboten. Nach diesem Holland
stand auch Heinrich's Sinn. In diesem Lande war ja der Pathe und hatte
es gut dort; von diesem Lande, seinem Reichthum, seiner Sauberkeit,
seinen Schiffen und Kanlen hatte der Vater ihm so viel erzhlt, und in
diesem Lande sollten auch die Aeltern Selma's wohnen, und zwar in der
Stadt Delft, die er sich genau gemerkt hatte, sowie nicht minder den
Namen von Selma's Vater. Einzelne Andeutungen hatte zwar immer nur
Justus davon gegeben, und liebte es um Selma's willen nicht, viel
darber zu reden; aber dem aufmerksamen Knaben war das Wenige nicht
entgangen, und er beschlo, es zu ntzen. Auch hatte er in seinem
letzten Briefe keinen Hehl daraus gemacht, und Selma war damals schon
nachdenklich darber geworden. Was sie aber jetzt hrte, wie mute sie
das ergreifen!

Heinrich war geraden Weges nach Delft gereist, hatte sich dort erkundigt
nach dem Kaufmann van der Bruck, und sein Haus sich bezeichnen lassen.
Er war hineingegangen und hatte gefragt, ob man keinen Menschen seines
Alters und seiner Geschicklichkeit brauchen knne, und war in die
Schreibstube gewiesen worden zum obersten Buchhalter. Der war ein altes,
drres Mnnchen, mit schneeweiem Haar, und einer groen Brille auf der
Nase, und sa gesondert von den brigen Schreibern, hinter einem
Gitterverschlag auf erhhtem Sitze, von wo er die ganze Stube bersehen
konnte. Heinrich trug in gebrochenem Hollndisch, denn er war der
Sprache noch nicht mchtig, sein Gesuch vor. Der Buchhalter warf einen
schnellen Blick auf ihn, und schrieb dann weiter. Etwa nach einer
Viertelstunde, die unserm Heinrich lang wie ein Tag vorkam, drehte er
sich langsam um, betrachtete den Jngling von oben bis unten, und sagte
dann in gutem Deutsch: Man wnscht bei van der Bruck in Dienste zu
treten?

Ja!

Hat man sich schon anderswo im Handel umgesehen?

Nein!

Hat man Testimonia aufzuweisen?

Nein!

Als was wnscht man denn bei van der Bruck placirt zu werden?

Wozu eure Edlen mich brauchen knnen.

Ist er nicht zu stolz, im Packhaus zu dienen, bis er seine
Qualifikation zu etwas Anderem gezeigt hat?

Von Herzen gern!

So zeig' er seine Hnde her! -- Nun thu' er seine Brust auf, da ich
sein Hemd beschauen kann! -- Heb' er einmal dort den Geldsack auf, und
trag' er ihn auf den Schultern bis dort zu jenem Pulte.

Heinrich that wie ihm befohlen wurde, und stand bald wieder vor dem
Buchhalter. Der sah ihn noch einmal von oben bis unten an, und sagte
dann: Er ist von jetzt an Aufseher im Packhaus von van der Bruck, und
erhlt wchentlich vier hollndische Gulden und freie Kost bis auf
Weiteres. Friedrich, so rief er einem der Schreiber zu, man fhre
diesen Burschen in's Packhaus, und weise ihn in seine Geschfte ein!

So war Heinrich Aufseher im Packhaus. Er hatte die Waaren, die ankamen
und abgeholt wurden, in Empfang zu nehmen und abzugeben und in die
Lagerbcher einzutragen, und ber die Waaren zu wachen.

Nach vier Wochen kam der Buchhalter, der sonst schweigend an ihm
vorbeigegangen war, auf ihn zu und sagte: Man ist zufrieden mit ihm; er
bekommt von heut an wchentlich sechs Gulden.

Nach Verlauf von abermals vier Wochen kam der Buchhalter in's Gewlbe,
und hatte eine Schiefertafel in seiner Hand. Da, sagte er, wenn man
sich auf's Rechnen versteht, so lse man die Exempel. Heinrich lste
es mit groer Schnelligkeit, denn auf die edle Rechenkunst hatte sein
Vater viel Flei gewendet. Man lse diese schwerere Aufgabe, sagte der
Buchhalter, und hielt abermals die Tafel hin. Das hat er gut gemacht,
sprach ernst der Buchhalter, als er die Aufgabe geprft hatte. Nun
schreib er in zehen Minuten einen Brief nach Amsterdam an das
Handlungshaus Heeren und Comp., und zeig' er an, da die verlangten
Waaren abgegangen seien. Mit der Uhr in der Hand stand der Buchhalter
neben dem Jngling; nahm dann den Brief in Empfang, durchsah ihn und
sagte: Man gehe hinein, und setze sich rechter Hand an den ersten Pult;
man ist von heute an Schreiber mit unbestimmtem Gehalt.

So war denn Heinrich Schreiber im Hause des Herrn van der Bruck zu
Delft; aber dem eigentlichen Zweck seines Hierseins war er in zwei
Monaten um keinen Schritt nher gekommen. Seinen Herrn hatte er noch mit
keinem Auge gesehen; der wohnte in einem Hause, das im Hintergrunde
eines groen Gartens lag, der das Kaufhaus nebst den dazu gehrigen
Gewlben und Speichern von der Herrnwohnung schied. Der Buchhalter holte
Morgens die Befehle bei dem alten Herrn, wie er genannt wurde, und von
einem jungen Herrn war durchaus keine Rede. Auch war jede Stunde im Tag
so eingeteilt und mute so benutzt werden, da zu Fragen und
Erkundigungen wenig Zeit brig blieb. Schweigend verrichteten alle
Hausgenossen ihre Arbeit; Ordnung wurde in Allem, im Schlafen, im Ruhen,
in der Arbeit, wie in der Erholung gehalten, strenge Ordnung, und wer
sich dieser nicht unterwerfen wollte, der ward seines Dienstes
entlassen. Dem Buchhalter zu Gefallen leben, war nicht leicht.

Doch Einer war im Hause, von dem Heinrich sich Aufschlu versprach ber
alle Fragen, die ihm je lnger je mehr das Herz beschwerten; das war der
alte Kammerdiener seines Herrn, ein Deutscher von Geburt, mit Namen
Siegmund. Der Mann hatte ein so Zutrauen erweckendes Ansehen, und grte
unsern Heinrich so freundlich, wenn er ihm begegnete, und hatte selbst
schon einmal ein kurzes, aber herzliches Gesprch mit ihm gefhrt.

Einst an einem Sonntag Morgen traf Heinrich den Alten, wie er mit einem
Gebetbuch in der Hand in einer Htte des groen Gartens sa. Der
Jngling wollte sich schweigend zurckziehen, aber der Alte winkte ihm,
und sie redeten mit einander wie Landsleute thun, von Vaterland und vom
Glauben der Vter, und der Alte gewann den Heinrich lieb, und lud ihn zu
sich auf den Abend in seine Stube im Herrnhaus.

Wie erstaunte Heinrich, als er am Abend in die Nhe desselben kam. Das
Haus lag mitten in einem Meere von Blumen, auf zierlichen Lndchen mit
Buxbaum eingefat, und mit wunderbarer Kunst gepflanzt. Das Auge konnte
sich nicht satt sehen an der Farbenpracht der Tulpen, und die Luft war
rings erfllt von dem Wohlgeruch der Hyacinthen. Das Wasser eines
Springbrunnens fiel in verschiedenen Strahlen in einen Teich, aus Marmor
gehauen, in welchem Goldfischchen schwammen; und ber den Rand des
Teiches bogen sich wieder Blumen herab, gleich als wollten sie sich in
dem klaren Wasser beschauen. Das Gebsch zu beiden Seiten der
Blumenbeete war mit einem Drahtgitter umzogen und berbaut, und Vgel
aller Art, zum Theil aus fremden Lndern, mit buntem, glnzendem
Gefieder, trieben da ihr Wesen, und erfllten die Luft mit ihren
Gesngen.

Hoch erstaunt ber all' diese Pracht, die er bis dahin noch nicht
gekannt hatte, trat Heinrich in's Stbchen des Alten. Das war nett und
freundlich, und von einer Reinlichkeit, als hauste nicht ein alter
Junggeselle, sondern ein Mgdlein drinnen. Wie mu unser Herr sich so
glcklich fhlen, sprach Heinrich, da er die Alles sein nennen
kann! Solche Pracht habe ich nicht fr mglich gehalten! Ja reich ist
unser Herr, gab Siegmund zur Antwort, reicher als man wei und glaubt,
aber glcklich ist er eben nicht. Es gilt auch hier, was dort
geschrieben steht: Es ist Mancher arm bei groem Gut, und Mancher reich
in seiner Armuth. Aber was fehlt ihm denn, und warum ist er nicht
glcklich? fragte neugierig Heinrich. Seid, wie ich, erst einmal ein
Viertel Jahrhundert in einem und demselben Hause, mein Sohn, sprach der
Alte, dann seht ihr, wo eure Herrschaft der Schuh drckt; aber dann
lernt ihr auch schweigen, und eurer Herrschaft schwache Seiten vor
Fremden verbergen.

Ich will euch kein Geheimni ablocken, Vater Siegmund, sagte
bescheiden Heinrich, sondern ich suchte eure Bekanntschaft, um euch
selbst eins zu vertrauen. Hrt denn!

Es mgen etwa sechszehen Jahre sein, da kam in der Herbstzeit, am
selben Tage, als wir unser Lenchen begruben, das jngste von uns
Kindern, mein Onkel Heinrich Justus, der in Delft bei einem Kaufmann mit
Namen van der Bruck als Jger in Diensten stand, mit einem Kinde auf den
Veitsberg, das er fr das eheliche Kind seines jungen Herrn, eines van
der Bruck, ausgab, und bat meine Aeltern, sich des Mgdleins anzunehmen,
bis die Aeltern es wieder holen wrden. Und das Kind hie Selma. Meine
Aeltern nahmen es auf, und mein Onkel versprach, bald zu schreiben. Aber
alle Nachricht blieb von ihm und den Aeltern des Kindes aus; und
obgleich mein Vater wiederholt hierher schrieb, so haben wir doch nichts
wieder gehrt. Sagt, knnt ihr mir Aufschlu geben ber diese Sache, und
ist Selma's Vater ein Sohn unseres Herrn?

Auf dem Angesicht des Alten hatten bei dieser Rede Blsse und Rthe
schnell gewechselt; er war aufgestanden, und hatte dem Jngling starr
und schweigend in's Angesicht gesehen. Dann ging er zur Thre, sah sich
ngstlich drauen um, verschlo sie dann vorsichtig, trat wieder vor
Heinrich hin und fragte in leisem Tone:

Also lebt das Kind noch, und ist ein Mgdlein, und ist daheim bei
euch?

Es ist mit uns auferzogen worden, gab Heinrich zur Antwort, und Vater
und Mutter haben keinen Unterschied unter uns gemacht; Selma ist wie das
Kind vom Hause gewesen, und hat erst am Tage ihrer Confirmation
erfahren, da sie aus der Fremde zu uns gebracht worden sei.

Dann ist es Zeit, sprach vor sich hin der Alte; nun darf nicht mehr
geschwiegen werden. Wisset, ich wollte das Schicksal des Hauses, dem ich
diene, vor euch, einem Neuling, verbergen, aber ich kann nicht mehr.
Euch sendet der liebe Gott zur Rettung mehrerer Menschen. Seht, es ist
ein bses, heimliches Schicksal, das auf diesem Hause ruht; fast mcht'
ich sagen, ein Fluch. Denn so reich man hier im Hause ist an Geld, so
arm ist man an Herzensfrieden. Ich glaube, mein Herr hat nie gewut, was
Friede sei, denn so lange ich ihn kenne, ist er in sich gekehrt,
mrrisch und unfreundlich. Fast scheint mir's, als habe er nie einen
Menschen geliebt, was Wunder, wenn er nie ist wieder geliebt worden.
Seinen einzigen Sohn, den Vater des Mdchens, hat er gut erziehen
lassen, aber lieb hat er ihn wohl nie gehabt, und eben so wenig des
Kindes Mutter, die frhe gestorben ist. Dem Sohn soll es immer ein
Frchterliches gewesen sein, vor dem Vater zu erscheinen. Und doch war
Lewin ein Kind guter Art, und htte gerne seinen Vater lieb gehabt,
denn sein Herz war gar weich und treu, wenn ihn sein Vater nicht immer
durch seine Hrte von sich gestoen htte. Lewin liebte ein Mdchen, arm
aber unbescholten, und wnschte es zu ehelichen; er vertraute sich dem
Buchhalter und bat den, ein gutes Wort bei dem Vater einzulegen. Aber da
war er an den Unrechten gekommen; der Mann hat schlecht an dem Sohne
seines Herrn gehandelt. Dem war eine solche Heirath wie ein Schandfleck
fr das reiche Haus van der Bruck. Er rieth, den Sohn auf Reisen zu
schicken. Da lie sich Lewin heimlich mit seiner Geliebten trauen, und
euer Oheim war dabei behlflich. Der Vater erfuhr Alles; ich vermuthe,
durch Spionen, die er ihm nachschickte. Lewin ward zurckgerufen, mit
den grbsten Drohungen empfangen, und fast mit Gewalt, unter Androhung
von Enterbung und Fluch, auf ein Schiff gebracht, das nach Batavia unter
Segel ging. Dem Patron des Schiffes ward mit aller Strenge verboten,
irgend Jemand mit dem jungen van der Bruck reisen zu lassen. Aber was
vermag die Liebe eines Weibes nicht! Mora mischte sich, als Schiffsjunge
verkleidet, unter die Matrosen; das Schiff fuhr ab, und der Capitain gab
sich nach langem Zgern und Schelten zufrieden, als ihm Lewin den Beweis
lieferte, Mora sei sein ehelich angetrautes Ehegemahl. Auch euer Onkel
wollte auf demselben Schiffe mit hinber, ward aber ergriffen und
zurckgebracht. Spter soll er auf einem andern Schiffe seiner
Herrschaft nachgereist sein; was aber aus ihm geworden, das wei
Niemand. Nach Batavia scheint er nicht gekommen zu sein, wenn man Alles,
was sich spter begab, zusammenhlt. Denn nun beginnt erst die Sache
recht schwarz und bse zu werden.

Die Briefe eures Onkels an euren Vater, reich mit Geld beschwert,
fielen durch List und Bestechung in die Hnde des Buchhalters, eben so
die, welche euer Vater hierher schrieb. Euren Onkel verfolgte er, und
lie ihm von Ort zu Ort keine Ruhe, da ich fast glauben mchte, wenn
solcher Glaube nicht gar zu sndlich wre, er hat ihn den
Seelenverkufern in die Hnde gespielt. Aber wer kann einem solchen
Gedanken verargen, wenn man wei, was ich wei, und worber ich nun
schon manches Jahr getrauert habe; denn solch' Bubenstck ist gar zu
gro. Denkt nur, der Unglcksmensch hat einen Brief geschmiedet, als
kme er von eurem Vater, worin der Tod Selma's gemeldet ward, und hat
den Lgenbrief nach Batavia gesendet, und der armen Aeltern Herz bis zum
Tode betrbt. Der Alte wei nun, da Mora bei ihrem Manne ist, aber er
thut nicht, als wenn er es wte. Er schreibt nicht an ihn, wie ein
Vater an seinen Sohn, sondern der Buchhalter schreibt nur an das
Handlungshaus von Lewin van der Bruck zu Batavia. Was hilft nun den
armen Leuten das Vermgen, das sie dort erworben haben; sie sind
kinderlos und gebeugt, und den alten Herrn hier, was hilft ihn seine
Strenge, der Spruch der Schrift, den er nicht beherzigt: Ihr Vter
reizet eure Kinder nicht zum Zorn, rcht sich schwer an ihm! Trgen
mich meine alten Augen nicht, denn ich bin Tag und Nacht um ihn, so kann
er sich vor den Qualen des Gewissens nicht mehr retten, und wrde gerne
die Hand zum Frieden bieten, wenn der Buchhalter nicht wre. Was der
aber will, da er sich wie ein Satansengel zwischen Vater und Sohn
stellt, das wei ich nicht. Denkt er, hier Erbe zu werden, so geht das
nach den Gesetzen nicht, und dazu ist er selbst zu alt. Ich meine, es
mu Herrschsucht und Herzenshrtigkeit sein. Aber nun, da ich wei, da
das Kind noch lebt, da will ich nicht ruhen und rasten, selbst auf die
Gefahr hin, in meinem Alter noch aus dem Hause fort zu mssen, bis ich
meinen alten Herrn mit sich und dem lieben Gott wieder ausgeshnt habe.
Dazu sollt ihr mir helfen; aber schwer, sehr schwer ist die Sache; ich
wei euch nicht in seine Nhe zu bringen, und von mir darf der Anfang
nicht ausgehen.

Und lange sa der Alte da und sttzte sein weies Haupt in die Hand.

Nach einer Weile sprach er: So wird's gehen. Tretet manchmal in den
Abendstunden in den Garten ein und nehmt eure Geige mit. Ihr spielt sie
gut, wie ich gehrt habe. Unser Herr liebt die Musik, namentlich die
Geige; hrt er euch im Garten spielen, so lt er euch vielleicht vor
sich kommen, fragt euch auch wohl um Herkunft und Namen, und der Herr
mge euch denn in's Herz geben, was ihr reden sollt. Aber redet im
Anfang nicht zu viel, der Herr liebt das nicht; redet bedchtig und seht
ihm recht treuherzig in's Gesicht, so sehr er euch auch von der Seite
beschauen mge.

Heinrich that nach dem Rath des Alten. Wenn die Dmmerung kam, dann ging
er mit seiner Geige in den Garten, setzte sich in eine Laube, die dem
Gartenhaus nicht fern war, und spielte alle Lieder, die er kannte, auch
die Lieder der Heimath spielte er, die mit ihren sen Lauten Jung und
Alt erquicken. Nicht lange, so kam der alte Siegmund und beschied den
Jngling zum Spiel vor seinen Herrn. Heinrich fand in ihm einen schnen
Greis mit etwas gebeugtem Nacken; aber den lauernden Zug in seinem
Angesicht, auf den ihn Siegmund schon aufmerksam gemacht hatte, fand er
auch; es war ihm nicht gut in's Angesicht sehen. Heinrich bezwang seine
Bangigkeit; er strich die Geige und spielte die schnsten Weisen, die er
gelernt hatte, und spielte sie mit Ausdruck und Gefhl.

In einer Pause fragte der alte Herr:

Wie heit man?

Heinrich Justus, ihr Edlen!

Bei Nennung dieses Namens zuckte der Alte sichtlich zusammen; Heinrich
aber stimmte die Geige, als kmmre ihn die Frage nicht.

Wo stammt man her? war die weitere Frage.

Aus Veitsberg im Lande Hessen!

Wie heit der Vater?

Jakob Konrad Justus!

We' Standes?

Schulmeister, ihr Edlen.

Hat man noch Geschwister?

Ja, ihr Edlen.

Wie heien sie?

Maria, Anna und Selma.

Man kann abtreten, sagte in sichtbarer Aufregung der Alte.

Heinrich entfernte sich schweigend, und als er in's Gebsch einbog,
hielt ihn der alte Kammerdiener auf und fragte ngstlich:

Wie steht es? Hat er nach Name und Herkunft gefragt? Doch wie Heinrich
antworten wollte, schellte es stark aus dem Gartenhaus herber, und bald
darauf kam Siegmund, dem der Ruf der Schelle galt, mit starken Schritten
vorber und rief im Vorbeigehen: Mein Herr ist in einer bsen Stimmung,
ich soll den Buchhalter rufen. Gebe Gott, da heute ein Wunder
geschieht; denn ein Wunder mu der Herr an diesen harten Herzen thun,
sonst werden sie nicht weich.

Betend fr einen glcklichen Ausgang, und berlegend, wohin er sich
wenden solle, wenn seines Bleibens hier nicht mehr sei, ging Heinrich
seit einer Stunde in seiner Stube auf und ab; da kam Siegmund und
beschied auch ihn in's Gartenhaus. Seid weise, klug und treu, sprach
er flsternd zu ihm, von dieser Stunde hngt das Glck dreier guten
Menschen ab. Geht in Gottes Namen hinein; ich will fr euch beten.

Ohne sonderliche Angst trat Heinrich in das Zimmer, wo die beiden Alten
ihn erwarteten. Der Buchhalter fhrte das Gesprch; er wollte unbefangen
scheinen, aber er konnte es nicht, er wollte Kreuz- und Querfragen thun,
aber man merkte, wie ihm seine Verschlagenheit diemal nicht helfen
wolle. Denn Heinrich erzhlte, als wisse er nichts von dem Zusammenhang
der Sache, von dem Leben und Leiden daheim; erzhlte von Selma's Ankunft
im Aelternhause, von ihrer Kindheit und Jugend, von ihrer Schnheit und
Herzensgte, von ihrem Wunsche, Vater und Mutter wiederzufinden, und das
Alles so treu und kindlich, da der alte Herr die Rhrung nicht
unterdrcken konnte. Er hielt die Hand vor's Angesicht, und unbekmmert
um die Blicke und das verlegene Husten des Buchhalters, seufzte er tief
auf und rief: O Lewin, mein Sohn!

Da fhlte sich Heinrich von dem Buchhalter am Arme gefat und vor die
Thre geschoben.

Was nun nach Heinrich's Entfernung zwischen dem Herrn van der Bruck und
seinem Buchhalter sich zugetragen, das hat Niemand erfahren, nur
vermuthen kann man, da der gute Geist in dem alten Herrn gesiegt, und
da der Versucher von ihm weichen mute. Der Kammerdiener hrte Stunden
lang ein lautes Reden in der Stube, das sogar mehrmals in lautes
Schreien berging, bis die Thre sich ffnete, und der Buchhalter
drohend herausstrzte, hinter ihm her der alte Herr mit zornrothem
Angesicht und geballter Faust.

Am andern Morgen erschien statt des Buchhalters der Herr selbst auf der
Schreibstube, was seit Jahren nicht geschehen war, gab dem ersten
Schreiber das Amt des Entlassenen, und hie dann Heinrich ihm in seine
Stube folgen. Dort mute er Alles, was er von Selma wute,
niederschreiben, und mit diesem Aufsatz und einem Briefe von des Herrn
eigner Hand, ging mit dem ersten Schiff ein Reisender nach Batavia ab.
In Heinrich's ueren Verhltnissen aber nderte sich nichts.

Das war der Inhalt von Heinrich's Brief; darf man sich wundern, wenn er
auf alle Hausgenossen einen tiefen Eindruck machte! Schweigend saen die
Mnner da, und Selma lehnte still-weinend den Kopf an Dorothe's
Schulter. Weine nicht, Selma, sprach selbst tief ergriffen Dorothe,
was ich lngst gehofft und doch gefrchtet, und wonach du dich still
gesehnt hast, trotz deiner Liebe zu uns, das wird nun bald geschehen. Du
wirst bald von uns genommen werden; du wirst aus der Htte der Armuth in
das Haus des Reichthums bergehen; aber la uns nicht vergessen, da es
Gottes Wille also ist, und in Demuth seine Weisheit bewundern. Denk' an
das Glck von Vater und Mutter, die sechszehn Jahre lang um dich
getrauert haben, und die dich nun wiederfinden sollen. Vertrauend gaben
sie dich einst in unsere Hnde, voll Stolz und Freude geben wir dich
ihnen zurck, und knnen getrost sagen, wir haben mit des Herrn Hlfe
dein Herz dem lieben Gott treu erhalten. Und nun, mein Tchterchen, du
Kind unserer Seele, geh' schlafen, deine Augen sind schwer vom Weinen;
danke Gott, ehe du schlfst und der treue Wchter deiner Jugend gebe dir
schne Trume von Vater und Mutter und der neuen fernen Heimath.

Und wie der Schulmeister den Hausfreund vor die Thre begleitet, da sah
er seufzend auf zu den Sternen, die schimmernd vom Herbsthimmel
herniederglnzten, und vor sich hin sprach er: Wie ist doch Alles ganz
eitel, was unter der Sonnen geschieht, stark ist nur deine Hand, Herr,
und hoch ist deine Rechte, und droben bei dir ist noch eine Ruhe
vorhanden!




18. Selma's Abschied vom Veitsberg.


Von Herbst bis zu Christtag verlautete aus Holland kein Wort, eine lange
Zeit des Wartens selbst fr so geduldige Seelen, wie der Schulmeister
und seine Familie.

Am dritten Christtag, zu ungewhnlicher Zeit, erschien der Amtsbote von
Grnberg, und lud den Schulmeister zum augenblicklichen Erscheinen vor
Amt. Nicht ohne Besorgni, es mge ein neues Leid ihm bevorstehen,
rstete sich Justus zu diesem Gange.

Wie er in die Amtsstube eintrat, so sa neben dem Herrn Amtmann ein
altes Mnnlein, von bedchtigem Ansehen, aber freundlichen Mienen, das
schien in Berathung mit dem Herrn Amtmann begriffen, und las eifrig in
einzelnen Papieren, die auf dem Tische lagen. Bei Justus Eintreten
erhoben sich die beiden Mnner, und der Amtmann ging auf Justus zu und
sprach: Hier, Herr Schulmeister, habe ich euch vorzustellen den
vielgelehrten Herrn Advokaten Zoom aus Delft in Holland, der von dem
Handlungshaus van der Bruck in Sachen eines Kindes hierher geschickt
worden ist, das ihr vor Jahren unter dem Namen Selma, als Kind eines van
der Bruck in eurer Haus aufgenommen habt. Da gedachtem Handlungshaus van
der Bruck sehr viel an Ermittlung des wahren Thatbestandes gelegen ist,
so fordere ich euch auf, Alles zu Protokoll zu geben, was ihr von dem
Kinde wit, und was sich bis dahin mit ihm begeben hat, Alles der
Wahrheit gem, so da ihr es mit einem krperlichen Eide erhrten
knnet.

Das Protokoll begann. Justus beschrieb genau den Tag der Ankunft des
Kindes; sagte, was sein Bruder ihm ber die Verhltnisse des Hauses van
der Bruck mitgetheilt habe, beschrieb Kleidung und Schmuck des Kindes,
nannte den Inhalt der Briefe, die er selber nach Holland geschrieben
habe, und gab das Datum der Briefe genau an.

Mit groer Ruhe und Langsamkeit verglich der Advokat die einzelnen
Aussagen mit den Papieren, die er bei sich hatte und legte zu Justus
Erstaunen ihm seine eignen Briefe zur Anerkennung vor. Dann mute Justus
gleichsam Rechenschaft geben ber die Erziehung des Kindes, mute seine
Gemthsbeschaffenheit angeben und die Krankheiten, an denen es bis dahin
gelitten habe.

Wie nun Justus alle diese Fragen mit deutlicher Stimme und mit groer
Gewiheit beantwortet hatte, wie er bei der Schilderung von Selma's
Jugend immer ergriffener und gerhrter wurde, wie ihm endlich die
Thrnen unaufhaltsam ber die Wangen herabflossen, als er von der Liebe
des Mdchens gegen seine Pflegeltern sprach; da ward das Gesicht des
Hollnders immer liebreicher, man sah es ihm an, wie er, ein Fremdling,
den Mann lieb gewann, dessen treues Herz aus jedem Worte sprach.

Ihr seid ein Ehrenmann, Herr Schulmeister, sprach er dann. Ich bin
auch Vater, und wei, was es heit, Liebe haben fr die, die mir Gott
gab. Wenn ich Eins verlieren mte und fnde es nach langer Trennung bei
euch wieder, ich wrde die Trennung fr nichts achten, denn ich wte,
da ich's doppelt wieder empfinge. Jetzt aber, da Alles zu meines Herrn
Zufriedenheit geordnet ist, da ich Selma als das Kind Lewin's van der
Bruck erkannt habe, so lat uns zusammen in euer Haus einkehren und mich
das Mgdlein als Tochter des Hauses van der Bruck begren.

In einer Chaise fuhren sie vor dem Schulhause an. Selma, bekmmert ber
des Vaters ungewhnliche Vorladung vor das Amt, war die Erste, die aus
dem Hause eilte, die mit offnen Armen dem Vater entgegeneilte, die,
unbekmmert um den Fremden, sich teilnehmend nach der Ursache der
Vorladung erkundigte. Wie aber der fremde Mann vor sie hintrat, wie er
sich ehrerbietig vor ihr bckte, wie er ihre Hand ergriff und sie kte,
wie er sie zum ersten Male mit ihrem Namen Selma van der Bruck benannte,
wie er ihr sagte, da er gesandt sei von ihrem Grovater, sie, die
sehnschtig gewnschte Enkelin, in das Haus der Vter einzufhren; -- da
stand Selma vor ihm, ein Bild der Verlegenheit und der Angst stand vor
ihm, das einfache Landmdchen in der drftigen Kleidung, so sittig und
kindlich, da dem alten Manne die Augen vor Wehmuth bergingen. Und wie
dann Dorothe kam, und, von dem Gefhl der nahen Trennung ergriffen, das
Mdchen an sich drckte, und Selma mit scheuem Blick auf den Fremden
sich inniger an Dorothe anschmiegte; da rief der Fremde: O Gott, gib,
da ich die Kind nicht in's Haus des Jammers fhre aus dem Haus des
Friedens!

Und die Zeit der Trennung kam, kam fr Alle zu frh, selbst fr den
Hollnder, dem es so wohl geworden war unter den guten Menschen, da er
wiederholt sagte: Kommt mit mir nach Holland, Herr Schulmeister; ihr
seid mir lieb geworden wie ein Bruder; ich mchte mit euch leben und
eures Umgangs mich freuen. Darauf aber sagte Justus nur: Lat uns
Freunde sein auch in der Ferne und fr einander beten. Ich bin ein
alter, knorriger Baum, dem thut das Versetzen nicht mehr wohl. Hier, wo
ich gelebt und gelitten habe, will ich auch sterben.

Am Tage vor der Abreise ging Selma von Haus zu Haus, Abschied zu nehmen;
gab Jeder ihrer Gespielinnen ein Andenken, denn reichlich hatte sie ihr
Grovater beschenken lassen; besuchte alle Pltze, die ihr lieb waren,
Lenchen's Grab und ihren Stand in der Kirche, das Pltzchen unter den
Kirschbumen, von dem man weit hinaus in die Ferne sieht, und den Wald,
in dem sie zur Sommerszeit geruht und Erdbeeren gesucht. Und wie denn
die Stunde des Scheidens kam, da lag sie schweigend in den Armen der
Aeltern und Geschwister, da konnte sie nichts rufen als Dank, Dank euch
Allen! und fort ging's, der neuen Heimath, dem neuen Vaterhause zu.




19. Das Wiederfinden.


Wieder waren zwei Jahre hingegangen. Selma war in's Haus des Grovaters
eingetreten, und das Herz des alten menschenfeindlichen Mannes war weich
geworden in der Liebe fr seine Enkelin. Nun sa er nicht mehr allein
unter seinen Blumen und Vgeln, ein Armer, Verlassener in Reichthum und
Ueberflu; an seine Brust schmiegte sich das holde Mdchen und ihre
Hnde gltteten die Furchen auf seinem Angesicht. Und mit inniger
Rhrung blickten Lewin und Mora auf die Tochter, das feste Band ihrer
Wiedervereinigung mit dem Vater. Alles war vergessen, das Leid der
Jugend, der Groll des Vaters; die Prfung war vorber, die Herzen waren
bewhrt gefunden worden im langen Kampf, der Friede Gottes hatte sein
Werk und seine Wohnung unter ihnen.

Wie sind wir so glcklich jetzt, Vater, sagte Lewin, knnten wir nur
_den_ lohnen fr seine Liebe und Treue an unserm Kinde, der fern von uns
ist, den guten Justus und sein Weib. Er verschmht Alles, Heimath und
Obdach, die wir ihm bei uns angeboten haben; er verschmht Geld und Gut,
mit dem ich ihn reichlich versehen mchte, und nimmt nur die kleinen
Gaben an, die ihm Selma schickt. Er schreibt: 'Von dem Kinde drfe der
Vater die Wohltat annehmen; aber Fremde drften und knnten nicht
lohnen, was die Liebe gethan.' Und so sehr mich das schmerzt, so hat
Vater Justus Recht.

Ich wei einen Weg zum Dank fr unsern alten Freund, antwortete sein
Vater, und gefllt er euch, so wollet ihn mit mir gehen. Er geht durch
das Herz seines Kindes. Als ich neulich mit Heinrich von Vater und
Mutter redete, da nannte er mir den Familiennamen seiner Mutter. Ich
forschte weiter, und erkannte in ihr meine Nichte, die Tochter meiner
Schwester, die in Arnsberg in Westphalen an einen Kaufmann mit Namen
Kunz verheirathet war. Ich habe, wie ihr wit, den Familiennamen
abgelegt, und den meines Schwiegervaters angenommen, als ich der Erbe
des seligen van der Bruck ward. So ist dann Heinrich unser Vetter. Das
Unrecht, das ich an der Schwerer that, da ich mich nicht um sie
kmmerte, das mcht' ich an ihrem Enkel wieder gut machen. Selma, du
liebst Heinrich mehr und anders, denn die Schwester den Bruder;
Heinrich, dein Auge ruht so lange schon liebend auf Selma, reicht euch
denn die Hand zum Bund der Ehe, und der Herr, der mir vergeben wolle
mein schweres Unrecht, um meiner Bue willen, und der euch so sichtlich
geleitet und zusammengefhrt, der wolle euren Bund segnen von Anfang bis
zu Ende!

Von dem Tage an flatterte die Fahne von Holland vom Hause der Herrn van
der Bruck zu Delft, wie es dort zu Lande blich ist, wenn eine Braut im
Hause wohnt. Ein schner Gebrauch, da das Brautpaar unter den Farben
des Vaterlandes die ersten Tage seiner Liebe feiert. Denn wie unter der
Fahne Christi, so sollen Brautleute unter der Fahne des Vaterlandes sich
froh fhlen; denn dem Vaterlande gehrt der Bund ihrer Herzen; seine
Frchte sind die Brger des Landes und seine Tugenden des Landes
schnster Schmuck.

Der Einwilligung der Aeltern daheim gewi, hielt Heinrich schon nach
einigen Wochen sein Hochzeitsfest. Haus und Garten des alten Herrn, in
denen bis dahin nur schweigender Mimuth geherrscht hatte, waren voll
von frhlichen Gsten. Heinrich und Selma und die Aeltern fanden sich
zusammen am Marmorteich. An diesem stillen Orte sahen sie lange dem
Spielen der Goldfische im hellen Wasser zu, und manch' Wort der Liebe
und des Preises Gottes redeten sie mit einander. Da nahte sich ein
Fremder in auslndischer Tracht und mit gebruntem Angesicht. Er blieb
vor ihnen stehen, beugte das Haupte und sprach: Vergnnt, edle Herrn
und Frauen, da auch ein ungebetener Gast heute bei euch einspricht,
seinen Glckwunsch darzubringen!

Van der Bruck sah dem Fremden forschend in's Auge, und rief dann
berrascht: Werden die Todten lebendig? Heinrich Justus, mein alter
treuer Diener, seid ihr es? Ja, der bin ich, rief der Fremde, und
zur guten Stunde bin ich zurckgekehrt. Ist das nicht meine edle Frau,
und hier mein Pathe Heinrich, und hier Selma, das Kind der Sorge! Und
ich sehe den Brautkranz in ihrem Haar; ich sehe Glck in allen Zgen und
das Haus van der Bruck einig und froh! Dem Herrn sei Dank, lauter Dank
fr seine Treue!

Da gab's viel Hndedrcken und Fragen, aber Justus sprach: Erlat mir
heute noch die Schilderung meines bewegten Lebens; ich bin zu ergriffen
von Allem, was ich heute sehe und hrte. Ich habe viel gelitten und bin
lange ein Gefangener gewesen unter Seerubern, bis ich frei ward, und
auf fremdem Boden es zu einigem Wohlstand brachte. Jetzt war ich auf der
Reise in's Vaterland zu meinem Bruder, um mich dort auszuruhen. Hier
wollt' ich nur sehen, ob das Haus van der Bruck noch stehe. Und es steht
noch und es blht, und einen Justus sehe ich mit ihm vereint, das ist
viel mehr, als ich zu hoffen wagte.

Wie es Abend ward, da rief Lewin seinen alten Diener zur Seite und
sprach: Justus, wollt ihr mir noch einmal dienen, treu und willig, wie
ihr sonst gethan? Von Herzen gern, war des alten Jgers Antwort. So
nehmt, sprach Lewin, dieses Pckchen Geld und bringt es einem alten
Manne, der krank und verlassen auf seinem Lager liegt. Dieser Diener
wird euch seine Wohnung zeigen. Nennt dem Kranken euren und meinen Namen
und sagt ihm, er solle von heute an nicht mehr Mangel leiden; und sagt
ihm auch das noch: Lewin van der Bruck rufe ihm Joseph's Wort an seine
Brder zu: Ihr gedachtet es bse mit mir zu machen, Gott aber hat es
gut mit mir gemacht. Der Jger ging und fand auf dem Krankenlager den
alten Buchhalter.




20. Der Tag ist da.


Ein Brief aus Holland! Komm, Dorothe, meine Liebe, wir wollen ihn
gemeinsam lesen, rief einige Wochen darauf der alte Schulmeister Justus
seinem Weibe zu. Nimm du ihn, mein Engel, und ffne ihn! Ist es Alter,
oder ist es Erwartung, meine Hnde zittern, ich kann ihn nicht ffnen!
Ich auch nicht, Vterchen, ich auch nicht, sprach Dorothe, wir wollen
uns Zeit lassen. So, nun ist er auf, und nun lies du ihn. Frohe
Nachricht steht oben drber; da ist sein Inhalt gewi herzerquickend.

Der Schulmeister las, und lie die Arme sinken, und wischte sich die
Augen. Dorothe, sagte er, ich kann nicht weiter; Heinrich und Selma
sind Mann und Weib, -- mein Bruder Heinrich, der Todtgeglaubte, ist
zurckgekommen aus fernen Landen, -- der alte van der Bruck ist deiner
Mutter Bruder! -- Dorothe, ich mu den Brief hinlegen, die Freude pret
mir das Herz ab, ich werde schwach, zum Sterben schwach! und der Alte
lehnte sich zurck in seinen Sessel, und bedeckte mit der Hand die
Augen. Dorothe ffnete das Fenster und khlend wehte die Morgenluft um
das weie Haupt des Alten. Schweigend saen die beiden Eheleute einander
gegenber; was in ihnen vorging, das ist Gott allein bewut.

Dorothe, sprach endlich der Schulmeister, wir Beide gehen bald zur
Ruhe; la uns nicht scheiden, bevor wir uns Rechenschaft abgelegt von
unserm Tagewerk und Gott die Ehre gegeben. La uns Zeugni ablegen von
den groen Thaten Gottes an uns, denn er hat berschwnglich an uns
gethan ber Bitten und Vergehen. -- Er hat uns gegeben fromme Aeltern,
die jetzt vor Gottes Thron stehen, und uns behtet in den Tagen unsrer
Schwachheit, und uns eine frohe Kindheit gegeben. Dann hat er uns in
seine Uebungsschule genommen, auf da er unser jugendlich Herz bewahre
vor Snd' und Schand', und es dem zuwende, vor dem ein reines Herz mehr
gilt, denn Gold und Edelstein. -- Als wir mde wurden vom Warten, da hat
er uns Obdach gegeben und Brod, da wir satt wurden, und Kinder lieb und
gut und treu. Und wir haben der Keines verloren, nur Eins, das wollte
der liebe Gott uns droben auferziehen. Sie sind Alle versorgt, und haben
ihr Brod, und Heinrich sogar reichlich. -- Lat uns nicht gedenken der
Mittagshitze, die unser Lebenstag hatte; das Weh, das uns falsche Brder
thaten, haben treue Freunde in der Noth reichlich verst, von denen
noch Viele leben, Etliche aber sind entschlafen. Es ist mir leid um
dich, mein Bruder Scheuermann, ich habe groe Freude und Wonne an dir
gehabt, und auch um dich, Schwester Lindin! Ruht sanft ihr Freunde all',
eurer Liebe will ich bald gedenken vor Gottes Thron! -- Ist doch die
Nacht der Trbsal, die uns manchmal einhllte, vergangen, ist doch der
Morgen gekommen! Und auch die Nacht hatte ihre Sterne und ich hab' zu
ihnen aufgeschaut, und bin Schauens nicht mde geworden. Ging einer
unter, so ging ein neuer auf, und jeder hielt mir das Licht,
einzuschauen in die Tiefe des Reichthums, beides der Weisheit und
Erkenntni Gottes. -- Nun ist's Abend fr unser ganzes Leben, und
unseres Lebens Sonne geht so schn unter! Wir sind mde am Leib, aber
wach am Geist, denn Du, Herr, hltst die Augen, da sie wachen; wir
wachen zu Dir! -- Lat euch grauen vor den Tod, ihr Weltmenschen, ich
frchte ihn nicht; ich wei da mein Erlser lebt; darum habe ich Lust,
abzuscheiden und bei Christo zu sein.

Und nun Dorothe, gib mir noch einmal die Hand, und versprich mir, wenn
ich frher sterben sollte denn du, da nichts an meinem Grabe geredet
werde, als das Eine Wort: Bis hierher hat der Herr geholfen!

    Kommst du Justus? Herr, ich komme!
    Dein mein Leben, dein mein Ende;
    Herr, in deine treuen Hnde
    Leg' ich freudig Leib und Geist,
    Herr, dein Name sei gepreist!





End of Project Gutenberg's Der Kalendermann vom Veitsberg, by O. Glaubrecht

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is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

*** END: FULL LICENSE ***

