The Project Gutenberg EBook of Die Abtissin von Castro, by Stendhal

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Title: Die Abtissin von Castro

Author: Stendhal

Release Date: December 11, 2004 [EBook #14330]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ABTISSIN VON CASTRO ***




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_STENDHAL_






DIE BTISSIN VON CASTRO






_DER NOVELLEN ZWEITER BAND_


GEORG MLLER VERLAG * MNCHEN
1922


_Alle Rechte vorbehalten_ * _Erstes bis drittes Tausend_




DIE FRSTIN VON CAMPOBASSO

BERTRAGEN VON M. VON MUSIL


Ich bersetze aus einem italienischen Chronisten den genauen Bericht ber
die Liebschaft einer rmischen Frstin mit einem Franzosen. Es war im
Jahre 1726, und alle Mibruche des Nepotismus blhten damals in Rom;
niemals war der Hof glnzender gewesen. Benedikt XIII. Orsini regierte,
oder vielmehr: es leitete sein Neffe, der Frst Campobasso unter seinem
Namen alle Geschfte. Von allen Seiten strmten Fremde nach Rom;
italienische Frsten, spanische Granden, noch reich an Gold der Neuen
Welt, kamen in Menge, und wer reich und mchtig war, stand dort ber den
Gesetzen. Galanterie und Verschwendung schienen die einzige Beschftigung
aller dieser Fremden aller Nationen zu sein.

Des Papstes beide Nichten, die Grfin Orsini und die Frstin Campobasso
genossen vor allen die Macht ihres Oheims und die Huldigungen des Hofs.
Ihre Schnheit htte sie aber auch aus den untersten Schichten der
Gesellschaft hervorgehoben. Die Orsini, wie man sie familir in Rom
nannte, war heiter und, wie man hier sagt, disinvolta, die Campobasso
zrtlich und fromm, aber diese zrtliche Seele war der gewaltttigsten
Leidenschaften fhig. Obgleich sie nicht erklrte Feindinnen waren und
nicht nur jeden Tag sich am ppstlichen Hof trafen, sondern sich auch oft
besuchten, waren diese Damen Rivalinnen in allem: Schnheit, Ansehen und
Glcksgtern.

Grfin Orsini, weniger hbsch, aber glnzend, ungezwungen, beweglich und
fr Intrigen begeistert, hatte Liebhaber, die sie wenig kmmerten und
nicht lnger als einen Tag beherrschten. Ihr Glck war, zweihundert
Menschen in ihren Salons zu sehn und unter ihnen als Knigin zu glnzen.
Sie lachte ber ihre Kusine Campobasso, welche die Ausdauer gehabt hatte,
sich drei Jahre hindurch mit einem spanischen Herzog zu kompromittieren,
um ihm schlielich sagen zu lassen, da er Rom binnen vierundzwanzig
Stunden zu verlassen habe, wenn ihm sein Leben lieb sei. "Seit diesem
groen Hinauswurf", sagte die Orsini, "hat meine erhabene Kusine nicht
mehr gelchelt. Seit einigen Monaten ist es klar, da die arme Frau vor
Langweile oder vor Liebe stirbt, aber ihr gewitzter Gatte rhmt dem Papst,
unserm Oheim, diese Langweile als hohe Frmmigkeit. Bald aber wird sie
diese Frmmigkeit dazu bringen, eine Pilgerfahrt nach Spanien zu
unternehmen."

Indes war die Campobasso weit davon, ihren spanischen Herzog zu vermissen,
der sie whrend seiner Herrschaft tdlich gelangweilt hatte. Htte sie ihn
vermit, wrde sie ihn zurckgerufen haben, denn sie besa jenen in Rom
nicht seltenen Charakter, ebenso natrlich und unmittelbar in der
Gleichgltigkeit wie in der Leidenschaft zu sein. In ihrer exaltierten
Frmmigkeit bei ihren kaum dreiundzwanzig Jahren und in der Blte aller
Schnheit widerfuhr es ihr, da sie sich eines Tags vor ihrem Oheim auf
die Knie warf und ihn um den ppstlichen Segen bat, der -- was nicht genug
bekannt ist -- ohne jede vorhergehende Beichte von allen Snden
freispricht, mit Ausnahme zweier oder dreier Todsnden. Der gute Benedikt
XIII. aber weinte vor Zrtlichkeit: "Erhebe dich, meine Nichte, du hast
meinen Segen nicht notwendig, denn du giltst mehr als ich in den Augen des
Herrn."

Aber trotz seiner Unfehlbarkeit tuschte sich Seine Heiligkeit hierin, wie
brigens ganz Rom. Die Campobasso war kopflos verliebt und ihr Geliebter
teilte ihre Leidenschaft; und dennoch war sie sehr unglcklich. Schon seit
mehreren Monaten traf sie fast jeden Tag den Chevalier von Snec, den
Neffen des Herzogs von Saint-Aignan, welcher damals Botschafter Ludwigs
XV. in Rom war.

Sohn einer der Mtressen Philipps von Orlans, war der junge Snec stets
Gegenstand der ausgewhltesten Gunstbezeugungen gewesen. Schon lange
Oberst, obgleich er kaum zweiundzwanzig Jahre zhlte, hatte er einige
anmaende Gewohnheiten, doch ohne Unverschmtheit. Natrliche
Frhlichkeit, das Verlangen, sich immer zu unterhalten und alles
unterhaltsam zu finden, Unbesonnenheit, Mut und Gte zeichneten seinen
Charakter eigentmlich aus, von dem man freilich damals lobend nur htte
sagen knnen, da er in allem ein Musterbeispiel des Charakters seiner
Nation war. Diese nationale Eigenart hatte vom ersten Augenblick an die
Campobasso berckt. "Ich mitraue Ihnen, Sie sind Franzose", hatte sie ihm
gesagt, "aber ich sage Ihnen etwas im voraus: Den Tag, wo man in Rom
wissen wird, da ich Sie manchmal im Geheimen empfange, werde ich
berzeugt sein, da Sie selber das verbreitet haben, und ich werde Sie
nicht mehr lieben."

So mit der Liebe spielend verstrickte sich die Campobasso in eine wtende
Leidenschaft. Auch Snec liebte sie; aber es waren schon acht Monate her,
da dieses Verhltnis dauerte, und die Zeit, welche die Leidenschaft einer
Italienerin verdoppelt, ttet die eines Franzosen. Die Eitelkeit des
Chevalier trstete ihn ein wenig ber seine Langeweile: er hatte schon
zwei oder drei Bildnisse der Campobasso nach Paris geschickt. Er bertrug
die Gleichgltigkeit seines Charakters gegen Gter und Vorteile aller Art,
mit denen er seit seiner Kindheit berschttet worden war, auch auf die
Interessen der Eitelkeit, die sonst die Herren seiner Nation gewhnlich
sehr besorgt hten.

Snec verstand nicht im geringsten den Charakter seiner Geliebten;
deshalb belstigten ihn fters ihre Seltsamkeiten. So hatte er jedesmal an
allen kirchlichen Feiertagen, wie am Festtag der Heiligen Balbina, deren
Namen sie trug, die Verzckungen und die Selbstanklagen einer glhenden
und wahren Frmmigkeit auszuhalten. Snec hatte seine Geliebte nicht die
Religion vergessen lassen, wie dies bei den gewhnlichen Frauen Italiens
vorkommt; er hatte sie nur mit starker Kraft besiegt, und der Kampf
erneuerte sich immer wieder.

Dieses Hindernis, das erste, das dem mit allen Gaben des Glckes
berschtteten jungen Mann in seinem Leben begegnet war, hielt die
Gewohnheit lebendig, zrtlich und zuvorkommend gegen die Frstin zu sein;
von Zeit zu Zeit erachtete er es fr seine Pflicht, sie zu lieben. Snec
hatte nur einen Vertrauten in seinem Botschafter, dem Herzog von
Saint-Aignan, dem er durch die Campobasso manchen Dienst leisten konnte.
Auerdem war ihm die Bedeutung, die er durch seine Liebesaffre in den
Augen des Botschafters gewann, auerordentlich schmeichelhaft. Die
Campobasso, ganz anders als er, war dagegen von der gesellschaftlichen
Stellung ihres Liebhabers gar nicht berhrt. Geliebt oder nicht geliebt zu
sein war alles fr sie. "Ich opfere ihm meine ewige Seligkeit," sagte sie,
"und er, der ein Hretiker, ein Franzose ist, kann mir nichts, was dem
gleicht, opfern." Aber sobald der Chevalier erschien, fllte seine
gefllige und dabei so ungezwungene Heiterkeit die Seele der Campobasso
mit Entzcken und bezauberte sie. Bei seinem Anblick verschwand alles, was
sie sich ihm zu sagen vorgenommen hatte, und alle trben Gedanken. Dieser
fr diese hochmtige Seele so neue Zustand hielt noch lange an, nachdem
Snec gegangen war. Und schlielich fand sie, da sie fern von Snec
weder denken noch leben knne.

Whrend in Rom durch zwei Jahrhunderte die Spanier in Mode gewesen waren,
begann man sich damals ein wenig den Franzosen zuzuneigen. Man begann,
einen Charakter zu verstehn, der Vergngen und Heiterkeit berall
hinbrachte, wo er sich zeigte, und diesen Charakter gab es damals nur in
Frankreich; seit der Revolution von 1789 gibt es ihn nirgends mehr. Denn
eine so bestndige Frohmtigkeit braucht Unbekmmertsein, Sorglosigkeit,
und es gibt fr niemand mehr heute eine sichere Zukunft in Frankreich,
nicht einmal fr geniale Menschen, falls es solche gbe. Es herrscht
erklrter Krieg zwischen Menschen vom Schlage Snecs und der Masse der
Nation. Auch Rom war damals vom heutigen Rom sehr verschieden. Um 1726
hatte man keine Ahnung von dem, was sich siebenundsechzig Jahre spter
ereignen sollte, als das von einigen Geistlichen aufgehetzte Volk den
Jakobiner Basseville umbrachte, der, wie er sagte, die Hauptstadt der
christlichen Welt zivilisieren wollte.

Durch Snec hatte die Campobasso zum erstenmal die Vernunft verloren,
hatte sich, aus Grnden, die vom gesunden Menschenverstand nicht gebilligt
werden, bald im Himmel befunden, bald im frchterlichen Unglck. Nun hatte
Snec auch die Religion besiegt; nun mute sich diese Liebe, welche fr
diese strenge und wahre Frau weit grere und ganz andere Bedeutung als
die Vernunft hatte, schnell in die wildeste Leidenschaft steigern.

Die Frstin hatte einen Monsignore Ferraterra begnstigt und seine
Laufbahn erleichtert. Wie wurde ihr zumute, als dieser Ferraterra ihr
mitteilte, da Snec nicht nur fter als blich zur Orsini gehe, sondern
da die Grfin seinetwegen den berhmten Kastraten fortgeschickt habe, der
seit mehreren Wochen ihr offizieller Liebhaber gewesen war!

Hier beginnt, was wir zu erzhlen haben: An dem Abend des Tages, wo die
Campobasso diese verhngnisvolle Nachricht erhalten hatte.

Sie sa reglos in einem hohen Lehnstuhl aus goldfarbenem Leder. Neben ihr,
auf einem kleinen schwarzen Marmortisch standen auf hohen Fen zwei
silberne Lampen, Meisterwerke des Cellini, und erleuchteten kaum das
Dunkel eines weitlufigen Saales im Erdgescho ihres Palastes. Kaum, da
Licht auf die Gemlde an den Wnden fiel, die nachgedunkelt waren; denn
die Zeit der groen Maler lag damals schon weit zurck.

Der Frstin gegenber und fast zu ihren Fen zeigte der junge Snec auf
einem kleinen Stuhl aus Ebenholz, mit Ornamenten aus massivem Gold
verziert, seine elegante Person. Die Frstin hatte den Blick auf ihn
gerichtet; sie war ihm nicht entgegengeeilt, als er eintrat, hatte sich
nicht in seine Arme gestrzt und nicht ein Wort an ihn gerichtet.

Im Jahre 1726 war Paris schon Knigin des reichen und eleganten Lebens.
Snec lie durch Kuriere regelmig alles kommen, was die Reize eines der
hbschesten Mnner Frankreichs hervorheben konnte. Trotz der fr einen
Mann seines Ranges natrlichen Sicherheit, noch dadurch verstrkt, da er
seine ersten Waffengnge mit den Schnheiten am Hof des Regenten unter der
Leitung des berhmten Canillac, seines Oheims, eines der Rous dieses
Frsten gehabt hatte, konnte man eine leichte Verlegenheit in Snecs
Zgen bemerken. Das schne blonde Haar der Frstin war etwas in Unordnung;
die groen schwarzblauen Augen sahen den Mann starr an; ihr Ausdruck war
schwer zu deuten. Dachte sie an tdliche Rache? War es nur der tiefe Ernst
leidenschaftlicher Liebe?

"Also Sie lieben mich nicht mehr?" sagte sie endlich leise. Ein langes
Schweigen folgte dieser Kriegserklrung.

Es wurde der Frstin schwer, sich der reizenden Anmut Snecs zu
entziehen, der ihr, machte sie ihm keine Szene, tausend Torheiten sagen
wrde; aber sie besa zu groen Stolz, um die Auseinandersetzung
hinauszuschieben. Eine Kokette ist aus Eigenliebe eiferschtig, eine
galante Frau aus Gewohnheit; aber eine Frau, die wahr und leidenschaftlich
liebt, hat das ganze Bewutsein ihres Rechtes. Diese Art, der rmischen
Leidenschaft eigen, amsierte Snec sehr; er sah darin Tiefe und
Unbestimmtheit; man glaubte, die unverhllte Seele zu schauen. Der Orsini
fehlte dieser Reiz der Campobasso.

Aber da diesmal das Schweigen so lange anhielt, sah der junge Franzose,
der nicht die Kunst verstand, in die verborgenen Gefhle eines
italienischen Herzens einzudringen, darin einen Schein von Ruhe und
Vernunft, und das machte ihn arglos. Zudem drckte ihn gerade in diesem
Augenblick ein Kummer. Als er das unterirdische Gewlbe durchschritt, das
von einem benachbarten Haus in diesen Saal des Palastes Campobasso fhrte,
hatten sich einiges Spinngewebe auf die ganz frische Stickerei seines
entzckenden, gestern aus Paris gekommenen Anzugs gelegt. Das verursachte
ihm Unbehagen und auerdem waren ihm Spinnen schrecklich.

Da er im Auge der Frstin Ruhe zu lesen glaubte, dachte er, ob es nicht
besser sei, eine Aussprache zu vermeiden und den Vorwurf sanft abzubiegen,
statt ihm zu entgegnen; aber durch die Mistimmung, die er fhlte, mehr
zum Ernst geneigt, sagte er sich: 'Wre dies nicht gnstigste Gelegenheit,
die Wahrheit durchblicken zu lassen? Sie selber hat die Frage gestellt,
also ist die halbe Peinlichkeit schon erledigt. Ich bin ja sicher nicht
fr die Liebe geschaffen. Ich habe zwar nie etwas so Schnes wie diese
Frau mit ihren sonderbaren Augen gesehen, aber sie hat schlechte
Gewohnheiten. Sie lt mich durch widerliche, unterirdische Gewlbe
kommen. Immerhin ist sie die Nichte des Herrschers, zu dem mich mein Knig
geschickt hat. Und mehr noch, sie ist blond in einem Land, wo alle Frauen
dunkel sind; das ist eine groe Seltenheit. Tglich hre ich ihre
Schnheit von Leuten in den Himmel heben, deren Zeugnis unverdchtig ist
und die nicht im Entferntesten ahnen, mit dem glcklichen Besitzer dieser
Reize zu sprechen. Was die Macht betrifft, die ein Mann ber seine
Geliebte haben soll, brauche ich nicht beunruhigt zu sein. Wollte ich mir
die Mhe nehmen, ein Wort zu sagen, so verliee sie ihr Haus, ihre
Goldmbel, ihren kniglichen Oheim, und all das wrde sie tun, um sich in
Frankreich in die tiefste Provinz zu vergraben und auf einem meiner Gter
kmmerlich und klglich zu leben ... Morbleu, die Aussicht auf solches
Opfer begeistert mich nur zu dem festen Beschlu, es niemals von ihr zu
verlangen. Die Orsini ist ja viel weniger hbsch; sie liebt mich, wenn sie
mich berhaupt liebt, grade ein wenig mehr als den Kastraten Butafoco, den
ich sie gestern wegschicken hie; aber sie hat Lebensart, sie versteht zu
leben, man kann im Wagen bei ihr vorfahren. Und ich bin sicher, da sie
mir nie eine Szene machen wird; sie liebt mich dazu nicht genug.'

Whrend des langen Schweigens hatte der starre Blick der Frstin die
hbsche Stirn des jungen Franzosen nicht verlassen.

'Ich werde ihn nicht mehr sehen', sagte sie sich. Und pltzlich warf sie
sich in seine Arme und bedeckte mit Kssen die Stirn und die Augen, die
sich nicht mehr mit Glck fllten, wenn sie von ihnen erblickt wurde. Der
Chevalier wrde es sich nie vergeben haben, htte er nicht in diesem
Augenblick jeden Plan eines Bruchs fallen gelassen. Aber seine Geliebte
war zu tief aufgewhlt, um ihre Eifersucht zu vergessen. Wenige
Augenblicke nachher betrachtete Snec sie mit Verwunderung. Trnen des
Zornes liefen ihr ber die Wangen. 'Wie!' sagte sie sich, 'ich erniedrige
mich so tief, da ich von seiner Vernderung spreche; ich werfe sie ihm
vor, ich, die ich mir geschworen hatte, es niemals zu bemerken! Und das
ist noch nicht genug Niedrigkeit, ich mu auch noch der Leidenschaft
nachgeben, die mir dieses entzckende Gesicht einflt! Ah, verchtlich,
verchtlich! Es mu ein Ende nehmen.'

Sie trocknete die Trnen und schien wieder beruhigter. "Chevalier, wir
mssen ein Ende machen", begann sie ruhig; "Sie besuchen hufig die
Grfin ..." Da erbleichte sie. Und nach einer Weile: ... -- "Wenn du sie
liebst, geh alle Tage hin, meinetwegen! Aber komm nicht mehr hierher." Sie
hielt wie gegen ihren Willen an. Sie erwartete ein Wort des Chevaliers;
das Wort wurde nicht gesprochen. Mit einem kleinen krampfhaften Zucken
prete sie durch die Zhne: "Das soll mein Todesurteil sein, und das
Ihre."

Diese Drohung wirkte entscheidend auf die zage Seele des Chevaliers, der
bis dahin ber die unvorhergesehene Krisis nach solcher Hingabe nur
erstaunt war. Er begann zu lachen.

Ein pltzliches Rot bedeckte die Wangen der Frstin, die wie Scharlach
wurden. 'Der Zorn wird sie ersticken,' dachte der Chevalier, 'sie wird
einen Schlaganfall bekommen.' Er nherte sich, um ihr Kleid aufzuschnren,
sie stie ihn mit einer Festigkeit und Kraft zurck, die er nicht gewohnt
war. Snec erinnerte sich spter, da er bei diesem Versuch, sie in seine
Arme zu schlieen, sie mit sich selbst hatte sprechen hren. Er zog sich
ein wenig zurck, unntig, denn sie schien ihn nicht mehr zu sehen. Mit
tiefer Stimme sprach sie, als wre sie hundert Meilen von ihm entfernt:
"Er beleidigt mich, er fordert mich heraus. Bei seiner Jugend und mit der
seinem Volke eigentmlichen Indiskretion wird er sicher der Orsini alle
Unwrdigkeiten, zu denen ich mich erniedrige, erzhlen. Ich bin meiner
nicht sicher, ich kann nicht dafr einstehen, da ich diesem Gesicht
gegenber unempfindlich bleibe." Hier folgte ein neues Schweigen, das dem
Chevalier sehr langweilig vorkam. Die Frstin erhob sich endlich und sagte
in einem klagenden Ton: "Man mu ein Ende machen."

Snec, der durch die Wiedervershnung den Glauben an den Ernst der
Aussprache verloren hatte, sagte einige scherzhafte Worte ber ein
Abenteuer, von dem in Rom viel gesprochen wurde.

"Verlassen Sie mich, Chevalier," unterbrach ihn die Frstin, "ich fhle
mich nicht wohl ..."

'Diese Frau langweilt sich,' dachte Snec, indem er sich beeilte, ihr zu
gehorchen, 'und nichts ist so ansteckend wie die Langweile.' Die Frstin
war ihm bis zum Ende des Saals mit den Blicken gefolgt. 'Und ich war im
Begriff, unbesonnen das Geschick meines Lebens zu entscheiden!' sagte sie
mit einem Lcheln. 'Zum Glck haben mich seine Scherze ernchtert! Wie
dumm ist doch dieser Mensch! Wie kann ich ein Wesen lieben, das mich so
wenig versteht? Er will sich und mich mit einem scherzhaften Wort
amsieren, wenn es sich um mein Leben und um das seine handelt!' Sie erhob
sich. 'Wie seine Augen schn waren, als er das Wort sagte! Man mu
zugeben, die Absicht des armen Chevaliers war liebenswrdig; er hat meinen
unglcklichen Charakter erkannt; wollte mich den trben Schmerz, der mich
bewegt, lieber vergessen lassen, statt mich nach seiner Ursache zu fragen.
Ach, der liebenswrdige Franzose! Habe ich denn das Glck gekannt, bevor
ich ihn liebte?'

Und sie gab sich mit Entzcken den Gedanken an die Vorzge ihres Geliebten
hin. Aber allmhlich gingen diese ihre Gedanken auf die Reize der Grfin
Orsini ber, und ihre Seele strzte ins Dunkel. Qualen der furchtbaren
Eifersucht ergriffen sie. Schon seit zwei Monaten beunruhigte sie eine
unheilvolle Vorahnung. Ihre einzigen ertrglichen Augenblicke waren jene,
welche sie mit dem Chevalier verbrachte und doch sprach sie, wenn sie
nicht in seinen Armen lag, fast immer gereizt mit ihm.

Der Abend wurde schrecklich. Ganz erschpft und fast ein wenig durch den
Schmerz beruhigt, kam ihr der Einfall, mit dem Chevalier zu sprechen. 'Er
hat mich wohl gereizt gesehen, aber er wei nicht den Grund. Vielleicht
liebt er die Grfin nicht. Vielleicht geht er nur zu ihr, weil ein Fremder
die Gesellschaft des Landes, in dem er sich befindet, sehen mu und
besonders die Familie des Herrschers. Wenn ich mir Snec offiziell
vorstellen lasse, und er frei und offen zu mir kommen kann, vielleicht
wird er ebensogern ganze Stunden bei mir, wie bei der Orsini verbringen.'

Aber wieder kam der wildeste Zorn ber sie. 'Nein, ich wrde mich
erniedrigen, wenn ich ihn spreche; er wird mich nur verachten, und das
wird mein ganzer Gewinn sein. Das leichtfertige Wesen der Orsini, das ich
Nrrin so verachtet habe, ist ja wirklich angenehmer als mein Charakter,
gar in den Augen eines Franzosen! Ich bin bestimmt nur dazu geschaffen,
mich mit einem Spanier zu langweilen. Was gibt es auch Sinnloseres als
immer nur schwer und ernst zu sein! Als ob, was das Leben mit sich bringt,
dies nicht selber schon gengend wre! Gott, was wird aus mir, wenn ich
nicht mehr den Chevalier habe, der mir das Leben gibt, und das Feuer mir
ins Herz senkt, das mir fehlt!'

Sie hatte Befehl gegeben, niemanden vorzulassen, aber dieser Befehl galt
nicht fr den Monsignore Ferraterra, der ihr zu berichten kam, was man bis
ein Uhr morgens bei der Orsini getrieben habe. Dieser Prlat hatte bisher
aus besten Krften den Abenteuern der Frstin gedient; aber seit diesem
Abend zweifelte er nicht daran, da Snec der Geliebte der Grfin Orsini
werden wrde, wenn er es nicht schon war.

'Die fromme Frstin wird mir mehr ntzen', dachte er bei dieser
Beobachtung, 'als die galante. Immer wird es sonst einen geben, den sie
mir vorzieht, nmlich ihren Liebhaber; und ist eines Tages dieser
Liebhaber ein Rmer, so kann er einen Onkel haben, den man zum Kardinal
machen mu. Wenn ich sie bekehre, mu sie vor allem und mit dem ganzen
Feuer ihres Wesens an den denken, der ihre Seele lenkt, was kann ich nicht
alles durch sie von ihrem Oheim erhoffen!' Und der ehrgeizige Prlat
verlor sich in kstliche Zukunftstrume; er sah die Frstin, wie sie sich
ihrem Oheim zu Fen warf, um fr ihn den Kardinalshut zu erbitten. Der
Papst wrde ihm fr das, was er eben zu unternehmen im Begriff war, sehr
dankbar sein mssen. Sobald die Frstin bekehrt wre, wrde er Benedikt
XIII. die unwiderleglichen Beweise ihrer Liebschaft mit dem jungen Snec
vorlegen. Religis, aufrichtig und die Franzosen verabscheuend, wird der
Papst ewige Dankbarkeit fr den tatkrftigen Prlaten haben, der einer
Intrige, die Seiner Heiligkeit so miliebig, ein Ende bereitet hat. Dieser
Ferraterra gehrte dem Hochadel Ferraras an, war reich und ber fnfzig
Jahre alt. Durch die so deutliche Vision des Kardinalshutes angeregt,
wagte er seine Rolle bei der Frstin jh zu ndern. Vorher, whrend der
zwei Monate, da Snec sie vernachlssigte, war es dem Prlaten zu
gefhrlich erschienen, den Franzosen anzugreifen; denn er hielt Snec,
den er schlecht verstand, fr ehrgeizig.

Der Leser wrde die genaue Wiedergabe der Zwiesprache, welche die junge
Frstin, toll vor Liebe und Eifersucht, mit dem ehrgeizigen Prlaten
hatte, sehr lang finden. Ferraterra hatte mit einer vollen Erffnung der
traurigen Wahrheit begonnen; und nach solchem heftigen Anfang wurde es ihm
nicht schwer, alle Gefhle der Religion und der leidenschaftlichen
Frmmigkeit wiederzuerwecken, die im Herzen der jungen Rmerin nur
eingeschlummert waren; sie besa den wahren Glauben. "Jede gottlose
Leidenschaft mu mit Unglck und Schande enden", sagte nun der Prlat.

Es war heller Tag, als er den Palast Campobasso verlie. Er hatte der neu
Bekehrten das Versprechen abgefordert, an diesem Tag Snec nicht zu
empfangen. Dieses Versprechen war der Frstin nicht schwer gefallen: sie
glaubte, da sie fromm sei und frchtete zugleich, in den Augen des
Chevaliers durch eine Schwche verchtlich zu erscheinen. Ihr Entschlu
hielt bis vier Uhr stand: das war die Zeit der Besuche des Chevaliers. Er
ging durch die Gasse hinter dem Garten des Palastes Campobasso und sah das
Signal, das die Unmglichkeit einer Zusammenkunft bekanntgab; er eilte,
sehr zufrieden damit, zur Grfin Orsini.

Die Campobasso fhlte den Wahnsinn fast ber sich Herr werden. Die
sonderbarsten Gedanken und Entschlsse hetzten sie. Pltzlich lief sie die
breite Treppe wie im Irrsinn hinunter, stieg in den Wagen und rief dem
Kutscher zu: "Palazzo Orsini".

Das berma ihres Unglcks trieb sie wie gegen ihren Willen zu ihrer
Kusine. Sie fand sie inmitten einer Gesellschaft von etwa fnfzig
Personen. Was Rom an Geist und Ehrgeiz besa und im Hause Campobasso nicht
Zutritt hatte, kam im Hause Orsini zusammen. Das Erscheinen der Frstin
Campobasso wurde ein Ereignis; respektvoll zog man sich zurck; aber sie
geruhte, es nicht zu bemerken; sie blickte nur auf ihre Rivalin,
bewunderte sie. Jeder Reiz ihrer Kusine war ein Dolchsto in ihr Herz.
Nach den ersten Redensarten der Hflichkeiten nahm die Orsini, welche ihre
Kusine schweigsam und zerstreut sah, ihre glnzende und heitere
Unterhaltung wieder auf.

'Wie viel besser ihre Heiterkeit zu dem Chevalier pat, als meine tolle
und langweilige Leidenschaft!' sagte sich die Campobasso. Und in einer
unerklrlichen, aus Ha und Bewunderung gemischten Verzckung fiel sie der
Grfin um den Hals. Sie sah nur die Reize ihrer Kusine; in der Nhe wie
aus der Entfernung erschienen sie ihr gleich anbetungswrdig. Sie verglich
ihr Haar mit dem eignen, ihre Augen, ihren Teint. Nach dieser seltsamen
Prfung fate sie Ekel und Abscheu vor sich selbst. Alles an ihrer Rivalin
schien ihr anbetungswrdig und ihr berlegen zu sein.

Unbeweglich und dster sa die Campobasso gleich einer Basaltstatue
inmitten dieser gestikulierenden und lrmenden Menge. Man kam, man ging;
all dieser Lrm strte und verletzte sie. Aber wie geschah ihr, als sie
pltzlich Herrn von Snec melden hrte! Sie waren zu Anfang ihres
Verhltnisses bereingekommen, da er in Gesellschaft sehr wenig mit ihr
sprechen solle, so wie es einem auslndischen Diplomaten zukommt, der
nicht fter als zwei- oder dreimal im Monat die Nichte des Souverns
trifft, bei dem er beglaubigt ist.

Snec begrte sie mit gewohntem Respekt und mit Ernst; dann nahm er,
wieder zu der Orsini zurckgekehrt, den heiteren, fast intimen Ton auf,
den man im Gesprch mit einer geistvollen Frau anschlgt, von der man gern
und fast tglich empfangen wird. Die Campobasso war niedergeschmettert:
'Die Grfin zeigt mir, wie ich htte sein sollen', sagte sie sich. 'Ich
sehe, wie man sein mu, und trotzdem werde ich es niemals knnen!' Sie
sank auf die letzte Stufe des Unglcks, in die ein menschliches Geschpf
geworfen werden kann; sie war fast entschlossen, Gift zu nehmen. Alle
Wonnen aus Snecs Liebe kamen dem berma des Schmerzes nicht gleich, der
sie whrend einer langen Nacht verzehrte. Man knnte sagen, die rmischen
Frauen haben eine Fhigkeit und Energie zum Leiden, die andern Frauen
unbekannt bleiben.

Andern Tages kam Snec wieder vorbei und sah fortweisende Zeichen. Er
ging vergngt weiter, trotzdem war er leicht verletzt. 'Also hat sie mir
neulich meinen Abschied gegeben? Ich mu sie weinen sehen', sagte sich
seine Eitelkeit. Er empfand eine leichte Spur von Liebe, da er eine so
schne Frau und Nichte des Papstes fr immer verlieren sollte. Er kroch
durch den unsauberen Kellergang, der ihm solchen Widerwillen verursachte,
und drang gewaltsam in den groen Saal des Erdgeschosses, wo die Frstin
ihn zu empfangen pflegte.

"Sie wagen es hierher zu kommen?" rief die Frstin erstaunt.

'Das Erstaunen ist nicht aufrichtig', dachte der junge Franzose. 'Sie hlt
sich in diesem Raum nur auf, wenn sie mich erwartet.'

Der Chevalier ergriff ihre Hand; sie zitterte. In ihre Augen kamen Trnen;
sie erschien dem Chevalier so schn, da er einen Augenblick lang an Liebe
dachte. Und sie verga alle Eide, die sie whrend zweier Tage dem Glauben
geschworen hatte, warf sich in seine Arme. 'Und dieses Glck soll knftig
die Orsini genieen!' ... Snec, der wie gewhnlich die rmische Seele
falsch verstand, glaubte, sie wolle sich in guter Freundschaft von ihm
trennen und wnsche den Besuch in guter Form. 'Es ziemt sich nicht fr
mich als Attach der kniglichen Gesandtschaft, die Nichte des Souverns,
bei dem ich akkreditiert bin, zur Todfeindin, die sie sein wrde, zu
haben.' Sehr stolz ber diese glckliche Lsung begann Snec, ihr
vernnftig zuzureden. "Sie wrden in angenehmster Harmonie leben; warum
sollten sie nicht sehr glcklich sein? Was knnte man ihm denn auch
vorwerfen? Die Liebe wrde einer guten und zrtlichen Freundschaft Platz
machen. Er bitte instndig um das Vorrecht, von Zeit zu Zeit an diesen Ort
hier zurckkommen zu drfen; ihre Beziehungen wrden immer zarte
bleiben ..." Zuerst verstand ihn die Frstin nicht. Als sie ihn endlich
mit Entsetzen begriff, blieb sie unbeweglich stehen, mit starrem Blick. Da
unterbrach sie ihn bei der letzten Wendung von den zarten Beziehungen mit
einer Stimme, die aus der Tiefe der Brust zu kommen schien, sagte langsam
Wort fr Wort:

"Das heit, Sie finden mich hbsch genug, um mich als Dirne in Ihrem
Dienst zu behalten?"

"Aber teure und liebe Freundin, ist Ihre Eigenliebe denn verletzt?"
antwortete Snec, jetzt wirklich erstaunt. "Wie kann es Ihnen in den Sinn
kommen, sich zu beklagen? Glcklicherweise ist unsere Beziehung niemals
von irgend jemand geargwhnt worden. Ich bin ein Ehrenmann; ich gebe Ihnen
von neuem mein Wort, nie soll ein lebendes Wesen das Glck, das ich
genossen habe, erfahren."

"Nicht einmal die Orsini?" fragte sie in einem so khlen Ton, da er den
Chevalier wieder irrefhrte.

"Habe ich Ihnen jemals von den Frauen erzhlt," meinte der Chevalier naiv,
"die ich, bevor ich Ihr Sklave wurde, geliebt habe?"

"Trotz meiner Achtung vor Ihrem Ehrenwort will ich doch diese Gefahr nicht
auf mich nehmen", sagte die Frstin in einer entschiedenen Art, welche nun
den jungen Franzosen doch etwas in Erstaunen setzte. "Adieu,
Chevalier ..." Und als er ein wenig unsicher ging: "Komm, ksse mich!"

Sie war sichtlich gerhrt. Dann wiederholte sie in einem bestimmten Ton:
"Adieu Chevalier ..."

Die Frstin lie Ferraterra holen. "Ich will mich rchen", sagte sie ihm.
Der Prlat war entzckt. 'Sie wird sich kompromittieren; sie gehrt mir
fr immer.'

Zwei Tage spter ging Snec, weil die Hitze drckend war, gegen
Mitternacht auf den Corso, um Luft zu schpfen. Ganz Rom war auf der
Strae. Als er seinen Wagen wieder besteigen wollte, konnte ihm sein
Bedienter kaum antworten: er war betrunken. Der Kutscher war verschwunden;
der Bediente meldete stammelnd, der Kutscher sei mit einem Feind in Streit
geraten.

"Ah, mein Kutscher hat Feinde!" sagte Snec lachend.

Beim Heimweg merkte er, kaum zwei oder drei Straen ber den Corso hinaus,
da er verfolgt werde. Vier oder fnf Mnner hielten an, wenn er stehen
blieb, schritten weiter, wenn er weiterging. 'Ich knnte einen Bogen
machen und durch eine andre Strae wieder auf den Corso kommen', dachte
Snec. 'Aber dieses Gesindel lohnt nicht die Mhe, und ich bin gut
bewaffnet.' Er nahm seinen blanken Dolch in die Hand.

In solchen Gedanken durcheilte Snec zwei drei abgelegene und immer
einsamere Gassen. Er hrte die Mnner ihre Schritte beschleunigen. In
diesem Augenblick sah er auf und erblickte grade vor sich eine kleine
Kirche, die den Ordensbrdern des Heiligen Franziskus gehrte; ihre
Fenster warfen einen befremdlichen Schein ins Dunkel. Er strzte zur Tre
und pochte heftig mit seinem Dolchgriff dagegen. Die Mnner, die ihn
verfolgten, waren fnfzig Schritt entfernt von ihm. Nun kamen sie auf ihn
zugelaufen. Ein Mnch ffnete; Snec strzte in die Kirche; der Mnch
schlo schnell die Tre zu. Im gleichen Augenblick schlugen die
Meuchelmrder mit den Fen gegen die Tre. "Die Gottlosen!" sagte der
Mnch. Snec gab ihm eine Zechine. "Sicher wollten sie mir ans Leben",
sagte er.

In dieser Kirche brannten mindestens tausend Kerzen.

"Wie? Ein Gottesdienst zu dieser Stunde?" fragte er den Mnch.

"Eccellenza, es ist ein Dispens von Seiner Eminenz dem Kardinal-Vikar."

Die ganze enge Vorhalle dieser kleinen Kirche San Francesco a Ripa war in
ein prchtiges Mausoleum umgewandelt; man sang die Totenmesse.

"Wer ist gestorben? Ein Frst?" fragte Snec.

"Ohne Zweifel," antwortete der Priester, "denn es ist mit nichts gespart
worden; aber dies alles, Wachs und Silber, ist vergeudet, denn der Herr
Dekan hat uns gesagt, da der Verblichene in Unbufertigkeit gestorben
ist."

Snec trat nher. Er sah ein Wappenschild in franzsischer Form und seine
Neugier verdoppelte sich; er trat ganz dicht heran und erkannte sein
eigenes Wappen mit dieser lateinischen Inschrift:

     Nobilis homo Johannes Norbertus Senece eques decessit Romae.

     "Der hohe und mchtige Herr Jean Norbert von Snec, Chevalier,
     gestorben zu Rom."

'Ich bin wohl der erste Mensch', dachte Snec, 'der die Ehre hat, seinem
eigenen Begrbnis beizuwohnen. Ich wei nur vom Kaiser Karl V., der sich
dies Vergngen geleistet hat. Aber in dieser Kirche ist fr mich nicht gut
bleiben.'

Er gab dem Sakristan noch eine Zechine. "Mein Vater," sagte er ihm,
"lassen Sie mich durch eine Hintertr Ihres Klosters hinaus."

"Sehr gern", sagte der Mnch.

Kaum auf der Strae, begann Snec, in jeder Hand eine Pistole, mit
uerster Schnelligkeit zu laufen. Bald hrte er hinter sich Leute, die
ihn verfolgten. An seinem Haus angelangt, sah er die Tr verschlossen und
einen Mann davor. 'Jetzt heit es strmen"[sic! statt: '], dachte der
junge Franzose und wollte den Mann mit einem Pistolenschu tten, als er
seinen Kammerdiener erkannte.

"Mach die Tr auf!" schrie er ihn an.

Sie war offen. Rasch traten sie ein und schlossen sie wieder.

"Ach, gndiger Herr, ich habe Sie berall gesucht; es gibt sehr traurige
Neuigkeiten. Der arme Jean, Ihr Kutscher, ist von Messerstichen durchbohrt
worden. Die Leute, die ihn gettet haben, stieen Verwnschungen gegen Sie
aus. Gndiger Herr, man will Ihnen ans Leben!"

Whrend noch der Diener sprach, schlugen acht Feuergewehrschsse durch ein
Gartenfenster. Snec brach tot neben seinem Diener zusammen; sie waren
von mehr als zwanzig Kugeln durchbohrt.

Zwei Jahre spter wurde die Frstin Campobasso als das Muster hchster
Frmmigkeit in Rom verehrt, und seit geraumer Zeit war Monsignor
Ferraterra Kardinal.




DIE HERZOGIN VON PALLIANO

BERTRAGEN VON M. VON MUSIL


Ich bin kein Naturforscher und Griechisch verstehe ich nur sehr
mittelmig; Hauptzweck meiner Reise nach Sizilien war weder die Phnomene
des tna zu beobachten, noch wollte ich fr mich oder andre irgendwelche
Klarheit darber gewinnen, was die alten griechischen Autoren ber
Sizilien gesagt haben; ich suchte nichts als die Freude meiner Augen, die
in diesem eigenartigen Land wahrhaftig nicht gering ist. Man sagt von
Sizilien, da es Afrika gleiche; fr mich steht jedenfalls fest, da es
mit Italien nur durch die verzehrenden Leidenschaften hnlichkeit hat. Von
den Sizilianern kann man wohl sagen, da es das Wort 'unmglich' nicht fr
sie gibt, wenn sie von Liebe oder von Ha entbrannt sind; und in diesem
schnen Land kommt der Ha niemals aus einem Geldinteresse.

Ich bemerke, da man in England und besonders in Frankreich oft von
italienischer Leidenschaft spricht, von der hemmungslosen Leidenschaft,
die man im Italien des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts kannte. In
unsern Tagen ist diese schne groe Leidenschaft gestorben und ganz tot,
wenigstens in jenen Klassen, die sich der Nachahmung franzsischer Sitten
und Pariser oder Londoner Moden gefallen.

Ich wei wohl, man kann sagen, da man seit Karl V. in Neapel, in Florenz
und sogar ein wenig in Rom die spanischen Sitten nachahmte. Aber waren
diese adeligen Sitten und Bruche nicht auf dem unendlichen Respekt
begrndet, den jeder dieses Namens wrdige Mensch fr die natrlichen
Regungen seiner Seele haben mu? Weit entfernt, die Energie auszuschalten,
bertrieben sie diese vielmehr, whrend es erste Regel der Gecken um 1760,
die den Herzog von Richelieu nachahmten, war, durch nichts bewegt zu
scheinen. Ist es nicht Grundsatz des englischen Dandys, dem man jetzt in
Neapel den Vorzug vor dem franzsischen Gecken gibt, von allem gelangweilt
und allem berlegen zu scheinen?

Die italienische Leidenschaft findet man schon seit einem Jahrhundert
nicht mehr in der guten Gesellschaft Italiens.

Um mir einen Begriff von dieser italienischen Leidenschaft zu bilden, von
der unsre Romanciers mit solcher Sicherheit schreiben, war ich gentigt,
die Geschichte zu befragen; aber gewhnlich sagt die groe Geschichte, von
talentvollen Mnnern geschrieben und meist sehr majesttisch, fast nichts
von den Einzelheiten des Geschehens und der Personen. Sie nimmt von
Torheiten erst Notiz, wenn diese Dummheiten von Knigen oder Frsten
begangen worden sind. Ich habe zu der Lokalgeschichte jeder Stadt Zuflucht
nehmen mssen; aber da wurde ich wieder durch den berreichtum an Material
erschreckt. Jede kleine italienische Stadt zeigt dir stolz ihre Geschichte
in drei oder vier gedruckten Quartbnden und in sieben oder acht
handschriftlichen Codices, die kaum mehr zu entziffern, mit Abkrzungen
gespickt und mit sonderbar geformten Buchstaben geschrieben sind; zudem
eignen ihnen an den fesselndsten Stellen Redewendungen, die im Ort selbst
gebruchlich, aber zwanzig Meilen weiter schon unverstndlich sind. Denn
im ganzen schnen Italien, wo die Liebe so viele tragische Ereignisse
gest hat, spricht man nur in drei Stdten, in Florenz, in Siena und in
Rom, ungefhr so wie man schreibt; in allen andren Orten ist die
Schriftsprache von der mndlichen Rede unendlich weit entfernt.

Das, was man die italienische Leidenschaft nennt, das heit die
Leidenschaft, die sich zu befriedigen und nicht nur dem Nachbar eine
prachtvolle Vorstellung von sich selber zu geben sucht, beginnt mit der
Entstehung der Gesellschaft also im zwlften Jahrhundert und erlischt
wenigstens in der guten Gesellschaft, um 1734. Zu dieser Zeit kommen die
Bourbonen in Neapel zur Regierung, und zwar in der Person des Don Carlos,
Sohnes einer Farnese, die in zweiter Ehe mit dem Enkelsohn Ludwigs XIV.,
jenem melancholischen Philipp V. verheiratet war, der mitten im Kugelregen
seinen Gleichmut nicht verlor, sich stets langweilte und die Musik so
leidenschaftlich liebte. Man wei, da ihm vierundzwanzig Jahre hindurch
der gttliche Kastrat Farinelli tglich drei Lieblingsweisen vorsang,
jeden Tag die gleichen.

Ein analytischer Geist knnte aus den Einzelheiten einer Leidenschaft
feststellen, ob der Fall in Rom oder in Neapel geschehen ist, und nichts
ist, wie ich sagen mu, abgeschmackter als jene Romane, die ihren Personen
nichts als italienische Namen geben. Sind wir denn nicht darin einer
Meinung, da die Leidenschaften sich ndern, so oft man hundert Meilen
weiter nach Norden kommt? Hchstens kann man sagen, da jene Lnder, die
seit langem der gleichen Regierungsform unterstehn, in den sozialen
Gewohnheiten eine Art uerer hnlichkeit aufweisen.

Wie die Leidenschaften, wie die Musik, wechseln auch die Landschaften,
sobald man drei oder vier Breitengrade weiter nach Norden kommt. Eine
neapolitanische Landschaft wrde in Venedig absurd erscheinen, wre es
nicht, sogar in Italien ausgemacht, die Naturschnheiten Neapels zu
bewundern. Wir in Paris halten es darin so, da wir glauben, der Anblick
der Wlder und der bebauten Ebenen sei ganz der gleiche in Neapel wie in
Venedig, und wir mchten am liebsten, da zum Beispiel Canaletto die
gleichen Farben htte wie Salvatore Rosa.

Ist es nicht der Gipfel der Lcherlichkeit, wenn eine englische Dame, die
mit allen Vorzgen ihrer Insel ausgestattet, aber selbst auf dieser Insel
dafr bekannt ist, da sie auerstande sei, die Liebe und den Ha zu
schildern, wenn, sage ich Mrs. Anne Radcliffe den Personen eines ihrer
berhmten Romane italienische Namen und groe Leidenschaften gibt?

Ich werde nicht versuchen, der Einfachheit und der manchesmal abstoenden
Roheit der nur zu wahren Erzhlung, die ich der Nachsicht des Lesers
empfehle, Anmut zu verleihen. Ich werde zum Beispiel die Antwort der
Herzogin von Palliano auf die Liebeserklrung ihres Vetters Marcello
Capecce ganz wrtlich bersetzen. Diese Monographie einer Familie befindet
sich, ich wei nicht warum, am Ende des zweiten Bandes einer
handschriftlichen Geschichte von Palermo, ber die ich keine nheren
Angaben machen kann.

Diese Erzhlung, die ich zu meinem Bedauern sehr krze -- ich unterdrcke
eine Flle von bezeichnenden Umstnden -- enthlt mehr die letzten
Schicksale der unglcklichen Familie Carafa, als die interessante
Geschichte einer bestimmten Leidenschaft. Die literarische Eitelkeit sagt
mir, da es mir nicht unmglich gewesen wre, das Interesse an manchen
Situationen zu steigern, wenn ich ausfhrlicher gewesen wre, wenn ich
erraten und dem Leser mit allen Einzelheiten erzhlt htte, was die
Personen empfanden. Aber bin ich, ein junger Franzose, im Norden, in Paris
geboren, denn wirklich sicher, zu erraten, was diese italienischen
Menschen des Jahres 1559 fhlten? Ich kann ja hchstens das zu erraten
hoffen, was den franzsischen Lesern von 1838 elegant und spannend
vorkommt.

Die leidenschaftliche Art der Italiener um 1559 wollte Taten und nicht
Worte. Man wird darum in der folgenden Erzhlung sehr wenig Konversation
finden. Das ist fr diese Geschichte insofern ein Nachteil, als wir uns so
sehr an die langen Gesprche unsrer Romanhelden gewhnt haben, fr die
eine Konversation genau so viel ist wie eine Schlacht. Meine Erzhlung
oder vielmehr bersetzung zeigt eine sonderbare, durch die Spanier in die
italienischen Sitten eingefhrte Eigenart. Ich bin nirgends aus der
bestimmten Haltung des bersetzers hinausgetreten. Die getreue Wiedergabe
der Art des Fhlens im sechzehnten Jahrhundert und auch der
Erzhlungsweise des Chronisten, der allem Anschein nach ein Edelmann aus
dem Gefolge der unglcklichen Herzogin von Palliano war, macht meines
Erachtens nach den Hauptvorzug dieser tragischen Geschichte aus -- wenn
berhaupt irgendein Vorzug daran ist.

Die strengste spanische Etikette herrschte am Hofe des Herzogs von
Palliano. Man mu sich erinnern, da jeder Kardinal und jeder rmische
Frst einen Hof hielt, und man kann sich einen Begriff davon machen,
welches Bild Rom im Jahre 1559 bot. Nicht ist auch zu vergessen, da es
die Zeit war, wo der Knig Philipp II., der fr seine Intrigen die Stimmen
zweier Kardinle brauchte, jedem von ihnen eine Rente von 200 000 Livres
in geistlichen Pfrnden gab. Obgleich Rom ohne nennenswerte Arme war,
bildete es den Mittelpunkt der Welt. Paris war im Jahre 1559 eine Stadt
freundlicher Barbaren.

       *       *       *       *       *

Wenn auch Gianpietro Carafa aus einer der vornehmsten Familien des
Knigreichs Neapel stammte, hatte er rauhe, ungeschliffene und heftige
Umgangsformen, die zu einem Hirten der Campagna gepat htten. Er nahm
schon frh das Priestergewand und kam ganz jung nach Rom, wo ihm durch die
Gunst seines Vetters Oliviero Carafa, des Kardinals und Erzbischofs von
Neapel, geholfen war. Alexander VI., dieser groe Mann, der alles wute
und alles konnte, machte ihn zu seinem Kmmerer, ungefhr das gleiche, was
man bei uns unter einem Ordonanzoffizier versteht. Julius II. ernannte ihn
zum Erzbischof von Chieli; Papst Paul machte ihn zum Kardinal und endlich
am 23. Mai 1555 wurde er, nach schlimmen Kabalen und vielen Disputen
zwischen den zum Konklave eingeschlossenen Kardinlen unter dem Namen Paul
IV. zum Papst gewhlt; er war damals achtundsiebzig Jahre alt. Selbst ber
die, welche ihn auf den Thron von Sankt Peter berufen hatten, kam bald die
Angst, wenn sie die Hrte und die wilde unerbittliche Frmmigkeit des
Herrn bedachten, den sie sich selbst gesetzt hatten.

Die Neuigkeit dieser unerwarteten Wahl hatte umwlzende Wirkung in Neapel
und Palermo. Binnen wenigen Tagen traf eine groe Anzahl von Mitgliedern
der illustren Familie Carafa in Rom ein, und alle erhielten Stellen; doch
zeichnete der Papst, wie ja natrlich, besonders seine drei Neffen aus,
Shne seines Bruders, des Grafen von Montorio.

Don Juan, der lteste, war schon verheiratet und wurde zum Herzog von
Palliano gemacht. Dieses Herzogtum, dem Marc Antonio Colonna, dem es
gehrt hatte, abgenommen, umfate eine groe Zahl Drfer und kleiner
Stdte. Don Carlos, der zweite Neffe Seiner Heiligkeit, war Malteserritter
und hatte den Krieg mitgemacht; er wurde zum Kardinallegaten von Bologna
und Premierminister ernannt. Als ein entschlossener Mann und treu den
Traditionen seiner Familie, wagte er es, dem mchtigsten Knig der Welt,
Philipp II., Knig von Spanien und beider Indien, feind zu sein, und gab
ihm auch Beweise davon. Was den dritten Neffen betraf, den Don Antonio
Carafa, so machte der Papst den bereits Verheirateten zum Marchese von
Montobello. Schlielich gelang es ihm, Franz, dem Dauphin von Frankreich
und Sohn Heinrichs II. eine Tochter aus der zweiten Ehe seines Bruders zur
Frau zu geben; Paul IV. dachte, ihr als Mitgift das Knigreich Neapel zu
schenken, das man Philipp II., dem Knig von Spanien htte wegnehmen
mssen. Die Familie Carafa verfolgte mit ihrem Hasse diesen mchtigen
Knig, dem es aber, auch durch die Fehler dieser Familie untersttzt,
endlich doch gelang, sie gnzlich auszutilgen.

Seit Paul IV. den Thron von San Pietro bestiegen hatte, der zu dieser Zeit
selbst den erhabenen Herrscher von Spanien zu einem Vasallen machte, wurde
er, wie man es bei den meisten seiner Nachfolger gesehen hat, Beispiel
aller Tugenden. Er wurde ein groer Papst und ein groer Heiliger; er
bemhte sich, die Mibruche in der Kirche abzustellen und dadurch auch
das allgemeine Konzil abzuwenden, das man vom rmischen Hofe von allen
Seiten verlangte, in das aber eine kluge Politik nicht einzuwilligen riet.

Nach der von der Gegenwart fast vllig vergessenen Sitte jener Zeit, wo
ein Souvern niemals Vertrauen in Menschen setzte, die noch ein andres
Interesse als das seine haben konnten, wurden die Staaten Seiner
Heiligkeit in despotischer Weise von seinen drei Neffen regiert. Der
Kardinal war erster Minister und verfgtet nach dem Willen seines Oheims.
Der Herzog von Palliano war zum General der Truppen der heiligen Kirche
gemacht worden und der Marchese von Montebello lie als Hauptmann der
Palastwache nur Personen eintreten, die ihm genehm waren. Bald begingen
diese drei jungen Leute die grten Ausschreitungen; sie begannen damit,
sich die Gter von Familien anzueignen, die ihrer Herrschaft abgeneigt
waren. Das Volk wute nicht, an wen es sich um Gerechtigkeit wenden
sollte. Nicht nur um seinen Besitz mute es in Sorge sein, sondern -- im
Vaterland der keuschen Lukrezia! -- auch die Ehre der Frauen und Tchter
war nicht sicher. Der Herzog von Palliano und seine Brder entfhrten die
schnsten Frauen; es gengte, das Unglck zu haben, ihnen zu gefallen.
Betroffen sah man, da sie auf den Adel des Bluts gar keine Rcksicht
nahmen, und mehr noch: sie lieen sich nicht einmal durch die heilige
Abgeschlossenheit der Klster zurckhalten. Das zur Verzweiflung
getriebene Volk wute nicht, an wen es seine Klagen richten sollte, so
gro war das Entsetzen, das die drei Brder allen einflten, die sich dem
Papst nhern wollten; selbst gegen die fremden Botschafter traten sie
unverschmt auf.

Der Herzog hatte schon vor der Machtstellung seines Oheims Violante von
Cardona geheiratet, aus einer ursprnglich spanischen Familie, die in
Neapel zum ersten Adel gehrte. Violante war durch ihre ungewhnliche
Schnheit und durch eine Anmut berhmt, welche sie gut zu zeigen verstand,
wenn sie gefallen wollte, mehr aber noch durch ihren malosen Stolz. Doch
um gerecht zu sein, mu man auch sagen, da man nicht leicht eine grere,
strkere Seele htte finden knnen als die ihre, und dies wurde auch der
Welt deutlich, als sie vor ihrem Tode dem Kapuziner, der ihr die Beichte
abnahm, nichts gestand. Sie konnte den bewunderungswrdigen Orlando des
Messer Ariosto auswendig und trug ihn mit unendlicher Lieblichkeit vor,
wie auch die meisten Sonette des gttlichen Petrarca und die Erzhlungen
des Pecorone. Aber noch verfhrerischer war sie, wenn sie sich herablie,
ihre Gesellschaft mit den sonderbaren Einfllen zu unterhalten, die ihr
der eigne Geist eingab.

Sie hatte einen Sohn, den Herzog von Cavi. Ihren Bruder Don Ferrante,
Grafen d'Aliffe, zog das groe Glck seines Schwagers nach Rom.

Der Herzog von Palliano hielt glnzenden Hof. Die jungen Leute der ersten
Familien Neapels buhlten um die Ehre, daran teilzuhaben. Rom verwhnte zu
der Zeit mit seiner Bewunderung einen seiner Lieblinge, den Marcello
Capecce, einen jungen Kavalier, in Neapel durch seinen Geist und nicht
minder durch die gttliche Schnheit berhmt, die ihm der Himmel geschenkt
hatte.

Die Favoritin der Herzogin war Diana Brancaccio, eine nahe Verwandte ihrer
Schwgerin, der Marchesa von Montebello, die damals dreiig Jahre zhlte.
Man erzhlte sich in Rom, da sie dieser Favoritin nicht ihren sonstigen
Stolz zeige, ja ihr alle ihre Geheimnisse anvertraue. Aber diese
Geheimnisse bezogen sich nur auf die Politik; denn die Herzogin erweckte
wohl Leidenschaften, doch sie teilte keine.

Auf den Rat des Kardinals Carafa fhrte der Papst gegen den Knig von
Spanien Krieg und der Knig von Frankreich schickte dem Papst eine Armee
unter dem Befehl des Herzogs von Guise zur Untersttzung.

Aber wir mssen uns an die Ereignisse am Hof des Herzogs von Palliano
halten.

Capecce war seit einer Zeit wie toll; man sah ihn die seltsamsten Dinge
tun. Tatsache ist, da sich der arme junge Mensch leidenschaftlich in
seine Herrin, die Herzogin, verliebt hatte; doch wagte er kein Gestndnis
seiner Liebe. Aber er zweifelte nicht, an sein Ziel zu gelangen, denn er
bemerkte, da die Herzogin gegen ihren Gemahl, der sie vernachlssigte,
aufs uerste gereizt war. Der Herzog von Palliano war allmchtig in Rom,
und die Herzogin wute fr sicher, da ihn fast jeden Tag die wegen ihrer
Schnheit berhmten rmischen Damen in ihrem eignen Palast
aufsuchten -- ein Schimpf, an den sie sich nicht gewhnen mochte.

Unter den Kaplnen des Papstes Paul befand sich ein ehrwrdiger Mnch, mit
dem er das Brevier zu beten pflegte. Dieser wagte es eines Tags, trotz der
Gefahr seines eignen Verderbens, vielleicht auf Veranlassung des
spanischen Gesandten, dem Papst alle Schurkereien seiner Neffen zu
enthllen. Der fromme Papst wurde vor Kummer krank; er wollte die Wahrheit
des Berichtes bezweifeln; aber von allen Seiten kamen die erdrckendsten
Besttigungen. Es war am ersten Tag des Jahres 1559, als das Ereignis
eintrat, das dem Papst die Gewiheit gab und vielleicht die Entscheidung
Seiner Heilichkeit bestimmte. Es war gerade am Tag der Beschneidung des
Herrn, ein Umstand, der das Vergehen in den Augen eines so frommen Papstes
noch erschwerte, da Andrea Lanfranchi, der Sekretr des Herzogs von
Palliano, dem Kardinal Carafa ein prchtiges Abendessen gab. Und damit den
Reizungen der Vllerei die der Unzucht nicht fehlten, zu diesem Fest die
Martuccia kommen lie, eine der schnsten, berhmtesten und reichsten
Kurtisanen Roms. Das Verhngnis wollte, da Capecce, der Gnstling des
Herzogs -- eben jener, der im geheimen die Herzogin liebte und fr den
schnsten Mann der Hauptstadt der Welt galt --, seit einiger Zeit mit
dieser Martuccia eine galante Beziehung pflog. An eben diesem Abend suchte
er sie berall, wo er hoffen konnte, sie zu treffen. Als er sie nirgends
fand und gehrt hatte, da im Hause Lanfranchi ein Fest stattfand, fate
er Argwohn und erschien bei Lanfranchi um Mitternacht, begleitet von
vielen Bewaffneten. Man lie ihn ein, forderte ihn auf, sich zu setzen und
am Fest teilzunehmen; aber nach einigen recht gezwungenen Worten gab er
Martuccia ein Zeichen, sich zu erheben und ihm zu folgen. Whrend sie ganz
verwirrt und in Vorahnung dessen, was geschehen wrde, zgerte, erhob sich
Capecce, ging auf das junge Mdchen zu, fate es bei der Hand und
versuchte, es mit sich zu ziehn. Der Kardinal, zu dessen Ehren Martuccia
gekommen war, widersetzte sich lebhaft ihrem Fortgehn. Capecce aber
bestand darauf und versuchte, sie mit Gewalt aus dem Saal zu ziehen.

Der Kardinal, der an diesem Abend gar nicht in Amtstracht gekleidet war,
zog den Degen und verhinderte mit all der Kraft und Khnheit, die ganz Rom
an ihm kannte, das Fortgehen des jungen Mdchens. Marcello rief, trunken
vor Zorn, seine Leute herein; aber es waren in der Mehrzahl Neapolitaner,
und als sie zuerst den Sekretr des Herzogs und dann auch noch den
Kardinal erkannten, den seine ungewohnte Kleidung zuerst unkenntlich
gemacht hatte, steckten sie ihre Schwerter ein; sie wollten sich nicht
mehr schlagen und legten sich ins Mittel, den Streit zu schlichten.

Whrend dieses Streites war Martuccia, obgleich umringt und von Marcello
an der linken Hand gehalten, geschickt genug gewesen, zu entschlpfen.
Sobald Marcello ihre Abwesenheit merkte, lief er ihr nach und seine ganze
Bande folgte ihm.

Aber aus dem Dunkel der Nacht erwuchsen die seltsamsten Gerchte, und am
Morgen des zweiten Januar war die Hauptstadt von Berichten ber den
gefhrlichen Kampf berschwemmt, der, wie man sagte, zwischen dem Kardinal
und Marcello Capecce stattgefunden habe. Der Herzog von Palliano,
kommandierender General der ppstlichen Armee, hielt die Sache fr weit
schlimmer als sie wirklich war, und da er mit seinem Bruder, dem
Kardinal-Kanzler, nicht sehr gut stand, lie er noch in der Nacht
Lanfranchi verhaften; frh am nchsten Morgen wurde auch Marcello gefangen
gesetzt. Dann erst kam man darauf, da niemand das Leben verloren habe und
da diese Festnahmen nur den Skandal vergrerten, der ganz auf den
Kardinal zurckfiel. Man beeilte sich, die Gefangenen wieder in Freiheit
zu setzen und die drei Brder vereinigten ihre unbegrenzte Macht, um die
Angelegenheit niederzuschlagen. Erst hofften sie, es wrde ihnen glcken;
aber am dritten Tag kam die ganze Geschichte dem Papst zu Ohren. Er lie
seine beiden Neffen zu sich rufen und sprach zu ihnen wie nur ein so
frommer und in seiner Frmmigkeit so tief verletzter Frst der Kirche
sprechen konnte.

Als am fnften Tage des Januar eine groe Anzahl von Kardinlen zur
_Congregatio Sancti Officii_ vereinigt war, sprach der Papst als erster
von dieser abscheulichen Sache; er fragte die anwesenden Kardinle, wie
sie wagen konnten, ihn nicht davon in Kenntnis zu setzen.

"Ihr schweigt! Und doch rhrt der Skandal an der erhabenen Wrde, die Ihr
bekleidet. Kardinal Carafa hat es gewagt, sich in der ffentlichkeit in
einem weltlichen Gewand und den nackten Degen in der Hand zu zeigen. Und
zu welchem Zweck? Um sich an einer ehrlosen Kurtisane zu erfreuen!"

Man kann sich die Totenstille denken, die diesen Worten gegen den
Kardinal-Minister unter allen Anwesenden folgte. Vor ihnen stand ein Greis
von achtzig Jahren, voll Zorn gegen den so geliebten Neffen, dem er bisher
alle Freiheit gelassen hatte. In seiner Entrstung sprach der Papst weiter
davon, seinem Neffen den Kardinalshut zu nehmen.

Der Zorn des Papstes wurde noch durch den Gesandten des Groherzogs von
Toskana genhrt, der sich ber eine neue Anmaung des Kardinalkanzlers
beklagte. Der unlngst noch so mchtige Kardinal meldete sich bei Seiner
Heiligkeit fr die gewohnte Arbeit. Der Papst lie ihn volle vier Stunden
vor aller Augen im Vorzimmer warten; dann schickte er ihn weg, ohne ihn
zur Audienz zuzulassen. Man kann ahnen, wie der unbndige Stolz des
Kardinals darunter litt. Er war gereizt, aber keineswegs niedergedrckt;
er berlegte, da der vom Alter geschwchte und wenig an die Geschfte
gewhnte Greis, der sein ganzes Leben hindurch sich von der Liebe zu
seiner Familie hatte leiten lassen, bald wieder gentigt sein wrde, auf
seine Tatkraft zurckzugreifen. Aber die fromme Tugend des heiligen
Papstes trug den Sieg davon; er berief die Kardinle, und nachdem er sie
lange ohne zu sprechen angesehn hatte, brach er in Trnen aus und zgerte
nicht, etwas zu tun, das wie eine Bue war.

"Die Schwche des Alters", sagte er, "und die Sorgfalt, die wir fr die
Angelegenheiten unserer heiligen Kirche aufwenden, in der wir, wie Ihr
wit, alle Mibruche ausmerzen wollen, haben uns bewogen, unsere
weltliche Autoritt unsern drei Neffen anzuvertrauen; sie haben ihr Amt
schwer mibraucht und wir entlassen sie fr immer."

Man verlas darauf ein Breve, durch welches die Neffen aller ihrer Wrde
entkleidet und in armselige Drfer verwiesen wurden. Der Kardinalkanzler
wurde nach Civita Lavinia verbannt; der Herzog von Palliano nach Soriano
und der Marchese nach Montebello. Durch dieses Breve ging der Herzog auch
seiner regelmigen Gehlter verlustig, die sich auf 62 000 Piaster
beliefen, was im Jahre 1838 mehr als eine Million bedeutet.

Es konnte nicht die Rede davon sein, diesen strengen Befehlen nicht zu
gehorchen, zumal die Carafa das ganze Volk Roms, das sie verabscheute, zu
Feinden und Aufpassern hatte.

Der Herzog von Palliano schlug nun, in Begleitung seines Schwagers, des
Grafen d'Aliffe und Leonardos del Cardine seinen Wohnsitz in dem kleinen
Dorf Soriano auf, whrend die Herzogin und ihre Schwiegermutter nach
Gallese zogen, einem rmlichen Neste, zwei knappe Meilen von Soriano
entfernt.

Diese Gegend ist entzckend, aber es war doch eine Verbannung, und man war
aus Rom vertrieben, wo man noch gestern mit aller Anmaung geherrscht
hatte.

Marcello Capecce war mit den andern Hflingen seiner Herrin in das
rmliche Dorf in die Verbannung gefolgt. An Stelle der Huldigungen ganz
Roms sah sich diese noch vor wenigen Tagen so mchtige Frau, die ihren
Rang mit dem ganzen Ungestm ihres Stolzes geno, nur noch von einfachen
Bauern umgeben, deren Staunen sie nur an ihren Fall erinnerte. Sie war
ohne jeden Trost; ihr Oheim war so alt, da ihn voraussichtlich der Tod
berrascht, bevor er seine Neffen zurckgerufen hat; und was am
schlimmsten war: die drei Brder verabscheuten einander. Man behauptete
sogar, da der Herzog und der Marchese, welche die ungestmen
Leidenschaften des Kardinals nicht teilten und ber seine Ausschweifungen
aufgebracht waren, so weit gegangen wren, sie ihrem Oheim, dem Papst, zu
denunzieren.

Mitten im Schrecken dieser tiefen Ungnade geschah etwas, das zum Unglck
sowohl fr die Herzogin wie fr Capecce selber sehr wohl zeigte, da
diesen keine wirkliche Leidenschaft an Martuccia gefesselt hatte.

Eines Tages hatte ihn die Herzogin rufen lassen, um ihm einen Auftrag zu
geben; er war allein mit ihr, was vielleicht kaum zweimal whrend des
ganzen Jahres vorkam. Als Capecce sah, da in dem Saal, wo ihn die
Herzogin empfing, niemand anwesend war, blieb er erst unbeweglich und ohne
ein Wort. Dann ging er zur Tre, nachzusehen, ob jemand da wre, der sie
vom Nebenzimmer hren knnte. Hierauf wagte er es:

"Signora, beunruhigt Euch nicht und nehmt die seltsamen Worte, die ich
Euch zu sagen die Khnheit haben werde, nicht mit Zorn auf. Seit langem
liebe ich Euch mehr als das Leben. Wenn ich in zu groer Unvorsichtigkeit
gewagt habe, Eure gttliche Schnheit wie ein Verliebter zu betrachten,
drft Ihr nicht mir die Schuld geben, sondern der bernatrlichen Kraft,
die mich treibt und bewegt. Ich leide Qualen, ich brenne, ich bitte nicht
um Linderung der Flamme, die mich verzehrt, sondern nur, da Euer Edelmut
Mitleid mit einem Diener habe, der voll Demut und ohne Vertrauen zu sich
selbst ist."

Die Herzogin schien berrascht, aber mehr noch beunruhigt.

"Marcello, was hast du eigentlich in mir gesehn," sagte sie ihm, "das dir
die Verwegenheit gibt, Liebe von mir zu fordern? Hat sich mein Leben, hat
sich meine Unterhaltung so weit vom Geziemenden entfernt, da du dadurch
eine solche Unverschmtheit rechtfertigen kannst? Wie konntest du die
Vermessenheit haben, von mir zu glauben, da ich mich dir oder irgendeinem
andern Mann hingeben knnte, auer meinem Herrn und Gemahl? Ich verzeihe
dir, was du gesagt hast, weil ich denke, da du von Sinnen bist; aber hte
dich, wieder in den gleichen Fehler zu verfallen, anders schwre ich dir,
da ich dich fr die erste sowie fr die zweite Frechheit zugleich strafen
lassen werde."

Die Herzogin entfernte sich auer sich vor Zorn. Capecce hatte auch
wirklich gegen alle Gebote der Klugheit gefehlt; er htte erraten lassen
mssen, aber nichts aussprechen. Er blieb betroffen und frchtete sehr,
da die Herzogin die Sache ihrem Gemahl erzhlen wrde.

Aber es kam ganz anders, als er besorgte. In der Einsamkeit und Langweile
dieses Dorfs konnte die stolze Herzogin nicht umhin, ihrer Freundin Diana
Brancaccio anzuvertraun, was man ihr zu sagen gewagt hatte. Diese Frau von
etlichen dreiig Jahren verzehrten die heftigsten Leidenschaften. Sie
hatte rotes Haar -- der Chronist kommt mehrmals auf diesen Umstand zurck,
der ihm alle Torheiten der Diana Brancaccio zu erklren scheint -- und sie
liebte mit wilder Leidenschaft Domitiano[sic! weiter unten: Domiziano]
Fornari, einen Edelmann vom Hofstaat des Marchese von Montebello. Sie
wollte ihn heiraten, aber wrden der Marchese und seine Frau, deren
Blutsverwandte zu sein sie die Ehre hatte, jemals zustimmen, da sie einen
Mann heirate, der gegenwrtig ihr Bediensteter war? Dieses Hindernis war
wenigstens dem Anschein nach unberwindlich.

Es gab nur eine Mglichkeit des Erfolgs: man mute alles aufbieten, um die
Frsprache des Herzogs von Palliano, des lteren Bruders des Marchese zu
erlangen, und Diana war in bezug darauf nicht ohne Hoffnung. Der Herzog
behandelte sie mehr als Verwandte denn als Dienerin, die sie als Hofdame
war. Er war ein guter Mensch von schlichter Gesinnung und gab lange nicht
so viel wie seine Brder auf die Fragen der Etikette. Obgleich der Herzog
als ein richtiger junger Mann alle Vorteile seiner hohen Stellung geno
und seiner Frau nichts weniger als treu war, liebte er sie zrtlich und
wrde ihr aller Wahrscheinlichkeit nach keine Bitte abschlagen, wrde sie
nur mit einer gewissen Eindringlichkeit vorgebracht.

Das Gestndnis, das Capecce der Herzogin zu machen gewagt hatte, schien
der brtenden Diana ein unerwarteter Glcksfall. Ihre Herrin war bisher
zum Verzweifeln tugendhaft gewesen; wenn sie nun eine Leidenschaft
empfnde, einen Fehltritt beginge, wrde sie Dianas alle Augenblicke
bedrfen, und dann konnte sie alles von einer Frau erhoffen, deren
Geheimnisse sie kannte.

Weit davon, die Herzogin darauf aufmerksam zu machen, was sie sich
schulde, und auf die schreckliche Gefahr, der sie sich inmitten eines so
indiskreten Hofs aussetzen wrde, sprach Diana, von der Unbndigkeit ihrer
Leidenschaft fortgerissen, zu ihrer Herrin von Marcello Capecce, als ob
sie von Domiziano Fornari sprche. In langen Unterhaltungen einsamer
Stunden fand sie tglich Gelegenheit, die Reize und die Schnheit des
armen Marcello, der so traurig aussah, in Erinnerung zu bringen; er gehre
doch, wie die Herzogin, den vornehmsten Familien Neapels an, sein
Auftreten sei ebenso edel wie sein Blut, und nichts als jene Gter, die
eine Laune des Glcks jeden Tag verleihen knnten, fehlten ihm, um in
jeder Beziehung der Frau, die er zu lieben wagte, gleichzustellen.

Diana bemerkte erfreut als erste Wirkung dieser Reden, da sich das
Vertrauen verdoppelte, das die Herzogin ihr schenkte.

Sie beeilte sich, Marcello Capecce von dem, was vorging, zu verstndigen.
In der Glut dieses Sommers promenierte die Herzogin oft in den Wldern der
Umgebung von Gallese. Neigte sich der Tag, so erwartete sie die khlende
Brise vom Meere her auf den Hgeln dieser Wlder, von deren Gipfel man das
Meer in der kurzen Entfernung von kaum zwei Meilen erblickt.

Ohne die strengen Regeln der hfischen Sitte auer acht zu lassen, konnte
sich Marcello in diesen Wldern aufhalten; er verbarg sich dort, wie man
sagt, und trug Sorge, sich den Blicken der Herzogin erst zu zeigen, wenn
sie durch die Worte der Diana Brancaccio gengend vorbereitet war. Diese
gab dann Marcello ein Zeichen.

Als Diana ihre Herrin nahe daran sah, der verhngnisvollen Leidenschaft
nachzugeben, die sie in ihrem Herzen erweckt hatte, gab sie selbst sich
der heftigen Liebe zu Domiziano Fornari hin. Nun schien es ihr ja sicher,
ihn heiraten zu knnen. Aber Domiziano war ein kluger junger Mann, von
kaltem, zurckhaltendem Charakter, und die ungestme Leidenschaft seiner
feurigen Geliebten wurde ihm bald lstig, statt ihn zu fesseln. Diana
Brancaccio war, wie gesagt, eine nahe Verwandte der Carafa; er hielt es
fr sicher, erdolcht zu werden, wenn der gefrchtete Kardinal Carafa, der,
mochte er auch jnger als der Herzog von Palliano sein, doch das
eigentliche Oberhaupt der Familie war, auch nur das Geringste ber seine
Liebesbeziehung erfhre.

Die Herzogin hatte schon seit einiger Zeit der Leidenschaft Capecces
nachgegeben, als man eines schnen Tages Domiziano Fornari nicht mehr in
dem Dorf fand, wohin man den Hof des Marchese von Montebello verbannt
hatte. Er blieb verschwunden. Spter erfuhr man, da er sich in dem
kleinen Hafen von Nettuno eingeschifft habe; ohne Zweifel hatte er seinen
Namen gewechselt; nie wieder hrte man von ihm.

Wer knnte die Verzweiflung Dianas schildern? Nachdem die Herzogin ihre
Anklagen gegen das Schicksal lange mit Gte angehrt hatte, gab sie ihr
eines Tages zu verstehn, da dieser Gesprchsgegenstand doch erschpft zu
sein scheine. Diana sah sich von ihrem Liebhaber verschmht; ihr Herz war
den grausamsten Leidenschaften preisgegeben; sie zog die sonderbarste
Schlufolgerung aus dem Augenblick der Langeweile, den die Herzogin bei
der Wiederholung ihrer Klagen empfunden hatte. Diana redete sich ein, da
die Herzogin Domiziano Fornari veranlat habe, sie auf immer zu verlassen,
ja da sie es gewesen sei, die ihm die Mittel zur Reise gab. Dieser tolle
Einfall sttzte sich auf nichts als einige Vorhaltungen, welche die
Herzogin ihr frher einmal gemacht hatte. Dem Argwohn folgte bald der
Wunsch, sich zu rchen. Sie suchte um eine Audienz beim Herzog nach und
teilte ihm mit, was zwischen seiner Frau und Marcello vorging. Der Herzog
weigerte sich, dem zu glauben. "Bedenkt," sagte er ihr, "da ich der
Herzogin seit fnfzehn Jahren nicht den leisesten Vorwurf zu machen habe.
Sie hat den Versuchungen des Hofes und den Verfhrungen unserer glnzenden
Stellung in Rom widerstanden. Die liebenswertsten Persnlichkeiten, der
General der franzsischen Armee, Herzog von Guise selbst, haben nichts
erreicht, und Ihr wollt behaupten, da sie einen gewhnlichen Edelmann
erhrt hat?"

Das Unglck wollte, da der Herzog sich in Loriano, dem kleinen Dorf
seiner Verbannung, das nur zwei knappe Meilen vom Wohnsitz seiner Frau
entfernt lag, sehr langweilte und da Diana dadurch eine ganze Reihe von
Audienzen erreichen konnte, ohne da dies der Herzogin zur Kenntnis kam.
Diana hatte erstaunliche Krfte; die Leidenschaft machte sie beredt. Sie
gab dem Herzog eine Flle von Einzelheiten; die Rache war jetzt ihre
einzige Zerstreuung geworden. Sie wiederholte, da sich Capecce fast jede
Nacht gegen elf Uhr in das Schlafgemach der Herzogin begab und nicht vor
zwei oder drei Uhr des Morgens fortgehe. Diese Reden machten im Anfang so
wenig Eindruck auf den Herzog, da er sich nicht die Mhe auferlegen
wollte, um Mitternacht die zwei Meilen nach Gallese zurckzulegen und
unerwartet in das Schlafgemach seiner Frau zu treten.

Aber eines Abends befand er sich in Gallese; die Sonne war schon
untergegangen, aber doch war es noch hell, als Diana ganz zerzaust in den
Saal strzte, wo sich der Herzog aufhielt. Alle entfernten sich, und sie
sagte ihm, da Marcello Capecce eben in das Schlafzimmer der Herzogin
eingetreten sei. Der Herzog, der ohne Zweifel in diesem Augenblick
schlecht gelaunt war, nahm seinen Dolch und lief zum Schlafzimmer seiner
Frau, in das er durch eine geheime Tr eintrat. Er fand dort Marcello
Capecce. Die beiden Verliebten wechselten wohl die Farbe, als sie ihn
eintreten sahen; aber im brigen war nichts Strfliches am Anblick, den
sie boten. Die Herzogin lag im Bett und war damit beschftigt, eine kleine
Auslage, die sie eben gemacht hatte, zu notieren; eine Kammerfrau war im
Zimmer und Marcello stand drei Schritt vom Bett entfernt.

Der Herzog packte in seinem Zorn Marcello bei der Kehle, schleppte ihn in
ein Nebenzimmer, wo er ihm befahl, Degen und Dolch, mit denen er bewaffnet
war, auf die Erde zu werfen. Hierauf rief der Herzog Leute seiner Wache
herbei, von denen Marcello sofort ins Gefngnis von Soriano abgefhrt
wurde.

Die Herzogin lie man in ihrem Schlo, doch unter strenger Bewachung.

Der Herzog war durchaus nicht grausam; es scheint, da er die Absicht
hatte, die Schande zu verheimlichen, um nicht gezwungen zu sein, zu den
uersten Mitteln zu greifen, welche die Ehre von ihm forderte. Er wollte
glauben machen, da Marcello wegen einer ganz andern Angelegenheit im
Gefngnis gehalten wrde; er nahm zum Vorwand, da Marcello vor zwei oder
drei Monaten einige ungewhnlich groe Krten zu sehr hohem Preis gekauft
hatte, und lie das Gercht verbreiten, dieser junge Mann habe ihn
vergiften wollen. Aber das wirkliche Vergehen war schon zu bekannt, und
sein Bruder, der Kardinal, lie fragen, wann er gedenke, den Schimpf, den
man gewagt hatte, ihrer Familie anzutun, im Blute der Schuldigen
abzuwaschen.

Der Herzog rief den Grafen d'Aliffe, den Bruder seiner Frau, und einen
Freund des Hauses, Antonio Torando, zu sich. Sie bildeten zu dritt eine
Art Gerichtshof und leiteten die Untersuchung gegen Marcello Capecce ein,
der des Ehebruchs mit der Herzogin angeklagt wurde.

Die Unbestndigkeit der menschlichen Dinge wollte, da der Papst Pius IV.,
der auf Paul IV. folgte, der spanischen Partei angehrte. Er konnte
Philipp II. nichts abschlagen, und dieser verlangte von ihm den Tod des
Kardinals und des Herzogs von Palliano. Die beiden Brder wurden vor
Gericht angeklagt, und die Urkunden des Prozesses, den sie zu erdulden
hatten, erzhlen uns auch alle Umstnde des Todes von Marcello Capecce.

Einer der zahlreichen einvernommenen Zeugen sagt in folgender Weise aus:

"[sic! Das schlieende Anfhrungszeichen fehlt.]Wir waren in Soriano. Mein
Herr, der Herzog hatte eine lange Unterredung mit dem Grafen d'Aliffe.
Sehr spt am Abend stieg man in ein Vorratsgewlbe zu ebener Erde
hinunter, wo der Herzog schon die zur peinlichen Befragung des Schuldigen
notwendigen Seile hatte vorbereiten lassen. Zugegen waren der Herzog, der
Graf d'Aliffe, der Herr Antonio Torando und ich.

Als erster Zeuge wurde der Hauptmann Camillo Grifone, der Freund und
Vertraute Capecces gerufen. Der Herzog sagte folgendes zu ihm:

'Sage die Wahrheit, mein Freund. Was weit du von dem, was Marcello im
Schlafgemach der Herzogin tat?'

'Ich wei nichts; ich bin seit mehr als zwanzig Tagen mit Marcello
entzweit.'

Weil er hartnckig darauf bestand, nichts andres zu sagen, rief der Herr
Herzog einige Mann seiner Wache herein. Grifone wurde durch den Podesta
von Soriano an das Seil gebunden. Die Wachen zogen die Seile an und hoben
auf diese Weise den Schuldigen vier Finger vom Boden empor. Nachdem der
Hauptmann eine gute Viertelstunde so gehangen hatte, sagte er:

'Lat mich herunter, ich werde sagen, was ich wei.'

Als man ihn auf den Boden herabgelassen hatte, entfernten sich die Wachen,
und wir blieben mit ihm allein. Er sagte:

'Es ist wahr, da ich mehrere Male Marcello bis zum Gemach der Herzogin
begleitet habe, aber weiter wei ich nichts, weil ich in einem
benachbarten Hof bis gegen ein Uhr morgens auf ihn gewartet habe.'

Sofort rief man wieder nach den Wachen, welche ihn auf Befehl des Herzogs
von neuem so emporzogen, da seine Fe den Boden nicht mehr berhrten.
Bald rief der Hauptmann:

'Lat mich ab, ich will die Wahrheit sagen. Es ist wahr,' fuhr er fort,
'ich habe seit mehreren Monaten bemerkt, da Marcello ein Liebesverhltnis
mit der Herzogin hatte, und ich wollte Eurer Exzellenz oder Herrn Leonardo
davon Mitteilung machen. Die Herzogin schickte jeden Morgen zu Marcello,
um sich nach seinem Befinden zu erkundigen; sie lie ihm kleine Geschenke
zukommen, so unter andern Dingen auch sehr teure mit groer Sorgfalt
zubereitete Konfitren; ich habe auch bei Marcello kleine, wunderbar
gearbeitete Goldketten gesehen, die er offenbar von der Herzogin erhalten
hatte.'

Nach dieser Aussage wurde der Hauptmann ins Gefngnis zurckgeschickt. Man
fhrte nun den Pfrtner der Herzogin vor, der sagte, da er nichts wisse;
man band ihn an das Seil, und er wurde hochgezogen. Nach einer halben
Stunde sagte er:

'Lat mich herab, ich werde sagen, was ich wei.'

Als er am Boden war, behauptete er aber, nichts zu wissen; man zog ihn von
neuem hoch. Nach einer halben Stunde lie man ihn herunter; er setzte
auseinander, da er erst seit kurzer Zeit mit dem Dienst bei der Herzogin
betraut sei. Da es mglich war, da dieser Mann nichts wute, schickte man
ihn ins Gefngnis zurck. Alle diese Dinge hatten viel Zeit in Anspruch
genommen, weil man jedesmal die Wachen wieder hinausschickte. Die Wachen
sollten glauben, da es sich um einen Vergiftungsversuch mit dem Gift der
Krten handle.

Die Nacht war schon weit vorgeschritten, als der Herzog Marcello Capecce
holen lie. Als die Wachen drauen waren und man die Tr fest verschlossen
hatte, sagte er ihm:

'Was hattet Ihr im Schlafgemach der Herzogin zu suchen, da Ihr dort bis
ein Uhr, bis zwei Uhr und manchmal bis vier Uhr morgens bliebt?'

Marcello leugnete alles; man rief die Wache, und er wurde aufgehngt; das
Seil verrenkte ihm die Arme; er konnte den Schmerz nicht aushalten und
verlangte, herabgelassen zu werden; man setzte ihn auf einen Schemel, aber
einmal so weit, verwirrte er sich in seiner Rede und wute eigentlich
nicht mehr, was er sagte. Man rief die Wachen herbei, die ihn von neuem
hochzogen; nach einer langen Zeit verlangte er, heruntergelassen zu
werden. Er sagte:

'Es ist wahr, da ich zu dieser ungewhnlichen Stunde in die Gemcher der
Herzogin eingetreten bin, doch hatte ich ein Liebesverhltnis mit der
Signora Diana Brancaccio, einer der Damen Ihrer Exzellenz, welcher ich die
Ehe versprochen habe, und die mir alles gewhrt hat, was nicht gegen die
Ehre war.'

Marcello wurde in sein Gefngnis zurckgefhrt, wo man ihn dem Hauptmann
und Diana gegenberstellte, welche alles leugnete.

Darauf fhrte man Marcello wieder in den unteren Saal; als wir nahe der
Tr waren, sagte er:

'Herr Herzog, Eure Exzellenz wird sich erinnern, da sie mir das Leben
zusicherten, wenn ich die volle Wahrheit sagen wrde. Es ist nicht ntig,
mich von neuem anzubinden; ich werde alles gestehen.'

Dann nherte er sich dem Herzog und sagte ihm mit zitternder und kaum
verstndlicher Stimme, da es wahr sei, da er die Gunst der Herzogin
genossen habe. Auf diese Worte hin warf sich der Herzog auf Marcello und
bi ihn in die Wange, dann zog er seinen Dolch, und ich sah, da er den
Schuldigen erstechen wollte. Ich sagte da, da es gut wre, wenn Marcello
eigenhndig aufschriebe, was er soeben gestanden htte und da dies
Schriftstck Seiner Exzellenz zur Rechtfertigung dienen wrde. Man trat in
den unteren Saal ein, wo sich alles befand, was zum Schreiben ntig war;
aber das Seil hatte Marcello so am Arm und an der Hand verletzt, da er
nichts weiter schreiben konnte, als diese wenigen Worte: 'Ja, ich habe
meinen Herrn verraten; ja, ich habe ihm die Ehre genommen.'

Der Herzog las mit, whrend Marcello schrieb. In diesem Augenblick strzte
er sich auf Marcello und versetzte ihm drei Dolchste, die ihm das Leben
nahmen. Diana Brancaccio war da, drei Schritte entfernt, mehr tot als
lebendig; sie bereute ohne Zweifel tausend- und abertausendmal, was sie
getan hatte.

'Weib, unwrdig einer edlen Familie anzugehren!' schrie der Herzog, 'du
einzige Ursache meiner Schmach, die du herbeigefhrt hast, um deinen
unehrlichen Lsten zu frhnen; ich mu dir jetzt den Lohn fr all deine
Verrtereien zahlen.'

Indem er diese Worte sprach, packte er sie bei den Haaren und schnitt ihr
den Hals mit einem Messer ab. Diese Unglckliche vergo Strme Blutes und
fiel endlich tot nieder.

Der Herzog lie die beiden Leichen in eine Kloake nah vom Gefngnis
werfen.

Der junge Kardinal Alfonso Carafa, der Sohn des Marchese von Montebello,
der einzige der ganzen Familie, den Paul IV. bei sich behalten hatte,
glaubte ihm dieses Ereignis berichten zu mssen. Der Papst antwortete
nichts als die Worte:

'Und die Herzogin? Was hat man mit ihr gemacht?'

Man glaubte in Rom allgemein, da diese Worte den Tod dieser unglcklichen
Frau herbeifhren wrden. Aber der Herzog konnte sich nicht zu diesem
groen Opfer entschlieen, sei es, weil sie schwanger war, sei es wegen
der auerordentlichen Zrtlichkeit, die er frher fr sie gefhlt hatte.

Drei Monate nach der sehr edlen Tat, die der heilige Papst Paul IV.
vollbracht hatte, indem er sich von seiner ganzen Familie lossagte, wurde
er krank und nach drei weiteren Monaten der Krankheit verschied er am 18.
August 1559.

Der Kardinal schrieb Briefe ber Briefe an den Herzog von Palliano und
wiederholte ihm unaufhrlich, da ihre Ehre den Tod der Herzogin
erheische. Jetzt, wo ihr Oheim tot war und man nicht die Absichten des
kommenden Papstes wissen konnte, wollte er, da alles in krzester Frist
erledigt werde.

Der Herzog, der ein einfacher und guter Mensch war und in Ehrensachen viel
weniger ngstlich als der Kardinal, konnte sich nicht zu dem schrecklichen
uersten Mittel entschlieen, das man von ihm verlangte. Er sagte sich,
da er selbst unzhlige Treulosigkeiten gegen die Herzogin begangen habe
und ohne sich die geringste Mhe zu geben, sie ihr zu verbergen und da
solche Untreue eine so stolze Frau leicht auf Vergeltungsgedanken htte
bringen knnen. Selbst im Augenblick, als das Konklave zusammentrat,
schrieb der Kardinal, nachdem er die Messe gehrt und die heilige
Kommunion empfangen hatte, ihm nochmals, er fhle sich durch dieses ewige
Verschieben gepeinigt und wenn der Herzog sich nicht endlich zu dem
entschliee, was die Ehre ihres Hauses fordere, beteuere er, da er sich
niemals mehr seiner Angelegenheiten annehmen wrde, und nie wieder suchen
wrde, ihm ntzlich zu sein, sei es im Konklave, sei es bei dem knftigen
Papst. Ein Grund, der dem Ehrenpunkt fern lag, vermochte es, den Herzog
zum Entschlu zu bringen. Obwohl die Herzogin streng bewacht wurde, fand
sie, wie man sagt, die Mglichkeit, Marc Antonio Colonna sagen zu
lassen -- welcher der Hauptfeind des Herzogs war, weil er ihm sein
Herzogtum Palliano hatte abtreten mssen -- sie wolle ihn in Besitz der
Festung Palliano setzen, die einem ihr ergebenen Mann unterstellt war,
wenn Marc Antonio Mittel fnde, ihr das Leben zu retten und sie zu
befreien.

Am 28. August 1559 schickte der Herzog zwei Kompagnien Soldaten nach
Gallese. Am 30. kamen Don Leonardo del Cardine, ein Verwandter des Herzogs
und Don Ferrante, Graf d'Aliffe, der Bruder der Herzogin in Gallese an und
gingen in die Gemcher der Herzogin, um ihr den Tod zu geben. Sie
verkndeten ihr, da sie sterben msse und sie nahm diese Nachricht ohne
die leiseste Erregung hin. Sie wollte vorher beichten und die heilige
Messe hren. Als dann die beiden Herren sich ihr wieder nherten, bemerkte
sie, da sie untereinander nicht einig waren. Sie fragte, ob sie einen
Befehl ihres Gatten, des Herzogs, htten, sie zu ermorden.

'Ja, Signora', erwiderte Leonardo. Die Herzogin wollte ihn sehen; Don
Ferrante zeigte ihn ihr.

       *       *       *       *       *

Ich finde in dem Proze des Herzogs von Palliano die Aussage der Mnche,
welche diesen schrecklichen Vorgngen beiwohnten. Diese Aussagen sind weit
ber die der andern Zeugen zu stellen und das kommt, scheint mir, daher,
da die Mnche ohne jede Furcht vor Gericht aussagten, whrend alle andern
Zeugen mehr oder weniger Mitschuldige ihres Herrn gewesen waren.

Der Kapuzinerbruder Antonio von Pavia sagte folgendes aus:

"Nach der Messe hatte sie fromm die heilige Kommunion genommen und whrend
wir ihr Trost zusprachen, trat der Graf d'Aliffe, der Bruder der Herzogin
ins Zimmer, in der Hand eine Schnur und einen daumdicken Haselnustab, der
etwa eine halbe Elle lang sein mochte. Er verband der Herzogin mit einem
Taschentuch die Augen und sie zog es mit groer Kaltbltigkeit tiefer ber
ihre Augen hinunter, um ihn nicht zu sehen. Der Graf legte ihr die Schnur
um den Hals, aber da sie nicht taugte, nahm sie der Graf wieder ab und
entfernte sich einige Schritte; als die Herzogin ihn gehen hrte, hob sie
das Taschentuch von den Augen und sagte:

'Nun? Was geschieht?'

Der Graf antwortete:

'Die Schnur war nicht gut, ich werde eine andre holen, damit Ihr nicht
leiden mt.'

Als er diese Worte sprach, ging er hinaus und kam nach einigen Minuten mit
einer andern Schnur ins Zimmer zurck; er legte ihr von neuem das
Taschentuch ber die Augen, schlang ihr die Schnur um den Hals, steckte
den Stab durch den Knoten, drehte ihn herum und erdrosselte sie. Die Sache
ging, was die Herzogin betraf, ganz im Ton einer gewhnlichen Unterhaltung
vor sich."

Ein andrer Kapuziner, Bruder Antonio von Salazar, schliet seine Aussage
mit folgenden Worten:

"[sic! Die Setzung der Anfhrungszeichen der nchsten vier Abstze
entspricht durchaus der Vorlage.]Ich wollte mich zurckziehen, weil ich
Bedenken hatte wegen meines Gewissens und um sie nicht sterben zu sehn,
aber die Herzogin sagte zu mir:

'Entferne dich nicht von hier, um Gottes Barmherzigkeit willen.'

Nun erzhlt der Mnch die Umstnde ihres Todes genau so wie wir sie eben
geschildert haben. Er fgt hinzu:

'Sie starb als gute Christin, immer wiederholend: Ich glaube, ich
glaube.'"

Die beiden Mnche, welche offenbar von ihrem Vorgesetzten die ntige
Genehmigung erhalten hatten, blieben bei ihren Aussagen, da die Herzogin
immer ihre vllige Unschuld beteuerte, sowohl in allen Unterredungen mit
ihnen, wie in jeder Beichte und besonders auch in der Beichte, die der
Messe voranging, wo sie das heilige Abendmahl empfing. Wre sie schuldig
gewesen, htte sie sich durch diesen Stolz blo in die Hlle gestrzt.

In der Gegenberstellung des Kapuzinerbruders Antonio von Pavia mit Don
Leonardo del Cardine, sagte der Bruder:

"Mein Gefhrte sagte dem Grafen, da es gut wre, solange zu warten, bis
die Herzogin niederkme; sie ist seit sechs Monaten schwanger," fgte er
hinzu, "und man sollte die Seele des armen unglcklichen Kleinen retten,
den sie in ihrem Scho trgt; man mu ihn taufen."

Worauf der Graf d'Aliffe antwortete:

"Ihr wit, da ich nach Rom gehen mu, und ich will dort nicht mit dieser
Maske vor dem Gesicht erscheinen." Mit dieser ungeshnten Schmach wollte
er damit sagen.

Kaum war die Herzogin tot, als die beiden Kapuziner darauf bestanden, da
man die Leiche ohne Verzug ffne, um das Kind zu taufen; aber der Graf und
Don Leonardo hrten nicht auf ihre Bitten.

Am nchsten Tag wurde die Herzogin in der Kirche des Orts mit einigem
Geprnge bestattet. Ich habe den amtlichen Bericht darber gelesen. Dieses
Ereignis, dessen Kunde sich sofort verbreitete, machte wenig Eindruck; man
hatte es schon seit langem erwartet; man hatte schon mehrere Male die
Nachricht von diesem Tod in Gallese und in Rom verkndet und auerdem war
ein Mord auerhalb der Stadt und zu einer Zeit, wo der h. Stuhl frei war,
gar nichts Besonderes. Das Konklave, welches auf den Tod Paul IV. folgte,
war sehr strmisch; es dauerte nicht weniger als vier Monate.

Am 26. Dezember 1559 war der Kardinal Carlo Carafa gentigt, bei der Wahl
eines Papstes mitzuwirken, welcher von Spanien vorgeschlagen worden war
und folglich allen strengen Manahmen willig zustimmen mute, die Philipp
II. gegen ihn, Kardinal Carafa, verlangen wrde. Der Neuerwhlte nahm den
Namen Pius IV. an.

Wenn der Kardinal zur Zeit, als sein Oheim starb, nicht verbannt gewesen
wre, htte er auf die Wahl Einflu gehabt oder zum mindesten htte er die
Ernennung eines Feindes verhindern knnen.

Kurz darauf verhaftete man den Kardinal wie den Herzog; der Befehl Philipp
II. ging offenbar dahin, sie zugrunde zu richten. Sie hatten sich gegen
vierzehn Hauptanklagepunkte zu verantworten. Man verhrte auch alle, die
ber diese vierzehn Punkte hatten Aufklrung geben knnen. Dieser
ausgezeichnet gefhrte Proze macht zwei Foliobnde aus, die ich mit
groem Interesse gelesen habe, weil man dort auf jeder Seite Schilderungen
von Sitten trifft, welche die Historiker der Erhabenheit der Geschichte
nicht wrdig fanden. Ich habe dort sehr merkwrdige Einzelheiten ber
einen Mordanschlag verfolgen knnen, der von der spanischen Partei gegen
den Kardinal Carafa versucht wurde, als er noch allmchtiger Minister war.

brigens wurde er und sein Bruder wegen Verbrechen verurteilt, die fr
andere keine gewesen wren, zum Beispiel: den Liebhaber einer untreuen
Frau gettet zu haben und diese Frau auch. Einige Jahre spter heiratete
der Frst Orsini die Schwester des Groherzogs von Toscana; er glaubte,
da sie ihm untreu sei und lie sie in Toscana selbst unter Zustimmung
ihres Bruders des Groherzogs vergiften und niemals wurde ihm das
Verbrechen angerechnet. Auch mehrere Frstinnen aus dem Hause Medici sind
so gestorben.

Als der Proze der beiden Carafa beendet war, machte man einen langen
Auszug davon, der zu wiederholten Malen von den Kongregationen der
Kardinle geprft wurde. Nachdem man einmal bereingekommen war, den Mord,
der den Ehebruch rchte, mit dem Tode zu bestrafen -- eine Art Verbrechen,
mit dem das Gericht vordem sich nie befat hatte -- ist es nur zu klar,
da der Kardinal schuldig war, seinen Bruder zum Verbrechen angestiftet zu
haben, wie der Herzog schuldig, weil er es ausfhren lie.

Am 3. Mrz 1561 hielt Papst Pius IV. ein Konsistorium, das acht Stunden
dauerte und bei dessen Schlu er das Urteil ber die Carafa in folgender
Weise sprach: Prout in schedula -- Es mge nach dem Gesetze geschehn.

In der Nacht des folgenden Tages schickte der Fiskal den Borgellofhrer
der Sbirren nach der Engelsburg, um das Todesurteil an den beiden Brdern,
Carlo, Kardinal Carafa und Giovanni, Herzog von Palliano, vollstrecken zu
lassen. So geschah es. Man nahm zuerst den Herzog vor. Er wurde von der
Engelsburg in das Gefngnis von Tordinone berfhrt, wo alles vorbereitet
war, denn dort wurden dem Herzog, dem Grafen d'Aliffe und Don Leonardo del
Cardine der Kopf abgeschlagen.

Der Herzog ertrug diese schrecklichen Augenblicke nicht nur wie ein Mann
von hohem Adel, sondern er war auch als Christ bereit, alles aus Liebe zu
Gott zu erdulden. Er richtete schne Worte an seine beiden Gefhrten, um
sie auf den Tod vorzubereiten; dann schrieb er an seinen Sohn.

Der Bargello kehrte zur Engelsburg zurck; er kndigte dem Kardinal Carafa
den Tod an und gab ihm nicht mehr als eine Stunde Zeit, um sich
vorzubereiten. Der Kardinal zeigte eine Seelengre, welche die seines
Bruders noch bertraf, um so mehr als er weniger Worte sagte; Worte sind
immer eine Kraft, die man auer sich selbst sucht. Man hrte ihn, bei der
Ankndigung der schrecklichen Neuigkeit, nur mit leiser Stimme sagen:

"Ich sterben? Oh, Papst Pius! Oh, Knig Philipp!" Er beichtete; er
rezitierte die sieben Bupsalmen, dann dann setzte er sich auf einen
Sessel und sagte zu dem Henker: "Tu's!"

Der Henker erwrgte ihn mit einer Seidenschnur, die zerri; er mute es
zweimal machen. Der Kardinal blickte den Henker an, ohne ihn eines Wortes
zu wrdigen.

       *       *       *       *       *

Wenige Jahre darauf lie der heilige Papst Pius V. den Proze wieder
aufnehmen; er wurde ungltig erklrt; dem Kardinal und seinem Bruder
wurden alle ihre Ehren wieder verliehen und der Generalprokurator, der am
meisten zu ihrem Tode beigetragen hatte, wurde gehenkt. Pius V. verfgte
die Unterdrckung des Prozesses; alle Kopien, die in den Bibliotheken
davon existierten, wurden verbrannt; es wurde bei Strafe der
Exkommunikation verboten, etwas davon aufzubewahren; aber der Papst dachte
nicht daran, da er in seiner eigenen Bibliothek eine Abschrift des
Prozesses aufhob und nach dieser Abschrift sind alle die gemacht, die man
heute sieht.




DIE CENCI

BERTRAGEN VON M. VON MUSIL


Molires Don Juan ist ohne Zweifel galant, doch vor allem ist er ein Mann
der guten Gesellschaft. Bevor er sich der unwiderstehlichen Leidenschaft
berlt, die ihn zu hbschen Frauen zieht, hlt er darauf, einem
bestimmten Ideal zu gleichen; er will der Mann sein, der am Hof eines
galanten und geistvollen jungen Knigs unumschrnkt bewundert wrde.

Mozarts Don Juan ist schon weit natrlicher und viel weniger franzsisch;
er denkt weniger an die Meinung der andern ber ihn, denkt nicht vor allem
daran, zu scheinen, wie der Baron Foeneste d'Aubign sagte.

Wir besitzen aus Italien nur zwei Portrte des Don Juan, so wie er diesem
schnen Lande im sechzehnten Jahrhundert zu Beginn der wiedergeborenen
Zivilisation erschienen ist.

Von diesen beiden Portrten kann ich das eine durchaus nicht bekanntgeben,
denn das Jahrhundert ist zu prde; man mu sich an das groe Wort
erinnern, das Lord Byron unzhlige Male wiederholt hat: This age of cant.
Diese so langweilige Heuchelei, die niemand tuscht, hat den ungeheuren
Vorteil, da die Dummen etwas zu reden haben; es entrstet sie, da man
gewagt hat, ber etwas zu sprechen; es entrstet sie, da man gewagt hat,
ber etwas zu lachen, usw. Der Nachteil ist, da das Bereich der
Geschichte dadurch unendlich verengt wird.

Hat der Leser den guten Geschmack, es mir zu gestatten, so werde ich ihm
in aller Bescheidenheit eine historische Aufzeichnung ber den zweiten Don
Juan vorlegen, von dem es im Jahre 1887 mglich ist, zu sprechen; er hie
Francesco Cenci.

Don Juan zu ermglichen, mu es die Heuchelei in der Welt geben. Im
Altertum wre Don Juan eine Wirkung ohne Ursache gewesen; die eher heitere
Religion ermahnte die Menschen zum Genu: wie htte sie also jemand
auszeichnen, ja verdammen knnen, der in einer Lust seine einzige Aufgabe
sieht? Nur die herrschende Regierung sprach von Enthaltsamkeit; aber wohl
verstanden, sie verbot blo Dinge, die dem Vaterland schaden konnten, und
nichts, was nur den einzelnen schdigte.

Jeder, der Geschmack an Frauen fand und reich war, konnte in Athen ein Don
Juan sein, ohne da jemand daran etwas auszusetzen gefunden htte. Niemand
nannte dies Leben ein Jammertal und da es verdienstvoll sei, zu leiden.

Ich glaube nicht, da der athenische Don Juan so leicht htte zum
Verbrecher werden knnen wie der Don Juan der modernen Welt; ein groer
Teil des Vergngens des modernen Don Juan besteht darin, die ffentliche
Meinung herauszufordern, womit er schon in seiner Jugend damit beginnt,
da er sich einbildet, nur gegen die Heuchelei anzukmpfen.

Gesetze zu bertreten in einer Monarchie Louis XV., auf einen Dachdecker
einen Flintenschu abzufeuern und ihn von seinem Dach herunterrollen zu
lassen -- ist das nicht ein Beweis, da man in der Gesellschaft um den
Frsten lebt, da man zum besten Ton gehrt und da man sich sonst was aus
dem Richter macht, der ja ein Brgerlicher ist? Seinem Richter zu
spotten -- ist das nicht der erste Schritt des kleinen werdenden Don Juan?

Bei uns sind die Frauen nicht mehr Mode, und das ist der Grund fr die
Seltenheit der Don Juane. Aber wenn es deren gbe, wrden sie immer mit
sehr natrlichen Vergngungen beginnen und ihren Ruhm darin suchen, den
Ideen zu trotzen, die ihnen in der Vernunft nicht begrndet zu sein
scheinen, trotzdem sie den festen Glauben ihrer Zeitgenossen bilden. Erst
viel spter, wenn er pervers zu werden beginnt, findet der Don Juan eine
erlesene Wollust darin, Meinungen zu bekmpfen, die ihm selber richtig und
vernnftig scheinen.

Dieser bergang mu bei den Alten sehr schwierig gewesen sein; erst unter
den rmischen Kaisern und nach Tiberius findet man Freigeister, welche die
Verderbnis um ihrer selbst willen lieben, das heit: wegen des Vergngens,
den vernnftigen Ansichten ihrer Zeitgenossen Trotz zu bieten.

Daher sehe ich in der christlichen Religion die Voraussetzungen fr die
satanische Rolle des Don Juan. Ist es doch diese Religion, welche die Welt
lehrte, da die Seele eines armen Sklaven, eines Gladiators an Fhigkeit
und an Wrde der des Csar selber vllig ebenbrtig sei; daher mu man der
christlichen Lehre fr das Auftauchen zarter Gefhle dankbar verpflichtet
sein. Ich zweifle brigens nicht daran, da frher oder spter diese
Gefhle auch ohne die christliche Lehre im Busen der Vlker aufgetaucht
wren -- ist doch die neide schon um vieles zarter, gefhlsreicher als
die Ilias.

Die Lehre Jesu war die der zeitgenssischen arabischen Philosophen, und
das einzig Neue, das in der Welt infolge der vom heiligen Paul gepredigten
Lehren eingefhrt wurde, ist eine Armee von Priestern, die gnzlich von
den brigen Brgern getrennt sind und sogar diesen entgegengesetzte
Interessen haben.

Die einzige Aufgabe dieser Priestergilde war, das religise Empfinden zu
pflegen und zu strken; sie erfanden bezaubernde Gaukeleien und Kulte, um
die Gemter aller Klassen, vom ungebildeten Hirten bis zum blasierten
Hfling im Gefhle zu bewegen; sie verstanden ihre Interessen mit den
entzckenden Eindrcken der ersten Kindheit zu verknpfen; sie lieen
nicht die kleinste Pest oder das kleinste groe Unglck vorbergehn, ohne
daraus Nutzen zu ziehn, die Furcht und das religise Empfinden zu
verdoppeln oder wenigstens eine schne Kirche zu bauen, wie die Maria
della Salute in Venedig.

Diese Kirche bringt das bewundernswerte Ereignis hervor: der heilige Papst
Leo widersteht ohne jede materielle Macht dem wilden Attila und seinen
barbarischen Scharen, die China, Persien und die Gallier in Schrecken
versetzt hatten.

So hat die Kirche, wie die absolute, nur durch Chansons gemigte Macht,
welche man die franzsische Monarchie nennt, sonderbare Dinge
hervorgebracht, welche die Welt vielleicht niemals gesehn htte, wenn sie
diese beiden Einrichtungen htte entbehren mssen.

Unter diese guten oder schlechten, immer aber sonderbaren und seltsamen
Dinge, die Aristoteles, Polybius, Augustus und alle andern Kpfe des
Altertums sehr in Erstaunen gesetzt htten, stelle ich ohne Zgern den
modernen Charakter des Don Juan. Er ist, wie ich meine, ein Produkt der
asketischen Institutionen, welche die Ppste nach Luther geschaffen haben;
denn Leo X. und sein Hof folgten noch ungefhr den Prinzipien der Religion
Athens.

Molires Don Juan wurde zu Beginn der Regierung Ludwig XIV., am 15.
Februar 1665 aufgefhrt; dieser Frst war damals noch nicht im geringsten
fromm und trotzdem lie die kirchliche Zensur die Szene des Armen im Walde
streichen. Diese Zensur wollte, um sich Nachdruck zu verschaffen, dem so
wunderbar unwissenden Knig einreden, da das Wort Jansenist
gleichbedeutend mit Republikaner sei.

Das Original ist von dem Spanier Tirso de Molina; eine italienische Truppe
spielte gegen 1664 eine Nachdichtung davon in Paris und erregte Aufsehn.
Das Stck ist vielleicht die am meisten gespielte Komdie der Welt, denn
sie handelt vom Teufel und von der Liebe, von der Furcht vor der Hlle und
von einer berschwenglichen Leidenschaft fr eine Frau, von allem also,
was es Schreckliches und Liebliches in den Augen der Menschen gibt, sofern
sie nur aus dem Zustand der Wilden heraus sind.

Es ist nicht erstaunlich, da das Bild des Don Juan durch einen spanischen
Dichter in die Literatur eingegefhrt worden ist. Die Liebe nimmt eine
groe Stelle im Leben dieses Volks ein; sie ist da eine ernste
Leidenschaft, imstande, mit Gewalt alle andern sich zu unterjochen, sogar
die Eitelkeit. Ebenso ist es in Deutschland und in Italien. Wohl berlegt
ist einzig und allein Frankreich vollkommen frei von dieser Leidenschaft,
um derentwillen andere Nationen so viele Torheiten begehn, wie zum
Beispiel ein armes Mdchen zu heiraten, unter dem Vorwand, da sie hbsch
und da man in sie verliebt sei. Den Mdchen, welchen nichts als die
Schnheit fehlt, fehlt es nicht an Bewunderern in Frankreich; wir sind
unvorsichtige Leute. Anderswo sind sie darauf angewiesen, Nonne zu werden,
weshalb die Klster in Spanien unentbehrlich sind. Die Mdchen bekommen in
diesem Lande keine Mitgift und dies Gesetz hat den Triumph der Liebe
gesichert. Hat sich die Liebe in Frankreich nicht ins fnfte Stockwerk
zurckgezogen, das heit, zu den Mdchen, die sich ohne Vermittlung des
Notars und der Familie verheiraten?

Man soll hier nicht an den Don Juan des Lord Byron denken, der nichts als
ein Faublas ist: ein schner, unbedeutender junger Mann, auf den sich die
unwahrscheinlichsten Arten und Gattungen des Glcks strzen.

Es war, wie gesagt, in Italien, und zwar erst im sechzehnten Jahrhundert,
da dieser sonderbare Charakter zum erstenmal auftauchte. Es war in
Italien, und zwar im siebzehnten Jahrhundert, da eine Frstin sagte, als
sie am Abend eines sehr heien Tages mit Entzcken ein Eis nahm: 'Wie
schade, da Gefrorenes zu essen nicht eine Snde ist!'

Diese Gefhlseinstellung bildet nach meiner Ansicht die Charaktergrundlage
des Don Juan und dazu gehrt, wie man sieht, die christliche Religion.

Ein neapolitanischer Autor meint dazu: "Ist es nichts, dem Himmel Trotz zu
bieten und dabei zu glauben, da im gleichen Augenblick Euch der Himmel zu
Staub zermalmen kann?" Davon, sagt man, rhre die unvergleichliche Wollust
her, eine Nonne als Geliebte zu haben, eine von Frmmigkeit erfllte
Nonne, die wei, da sie Bses tut und Gott so leidenschaftlich um
Verzeihung anfleht, wie sie leidenschaftlich sndigt.

Denken wir uns einen sehr perversen Christen, zu der Zeit in Rom geboren,
als der strenge Pius V. sich anschickte, eine Menge kleiner religiser
bungen wieder zu Ehren zu bringen oder neu zu erfinden, welche der
einfachen Alltagsmoral vllig fremd sind, die ja nur das Tugend nennt, was
den Menschen ntzlich ist. Eine Inquisition, so unerbittlich, da sie sich
nur kurze Zeit in Italien halten konnte und bald nach Spanien flchten
mute, war noch verstrkt worden und jagte aller Welt Schrecken ein. Jahre
hindurch setzte man sehr harte Strafen auf die Unterlassung oder auf die
ffentliche Miachtung dieser kleinen und kleinlichen religisen bungen,
die zum Rang heiligster religiser Pflichten erhoben wurden. Jener
perverse Rmer, von dem wir sprachen, wird die Achseln gezuckt haben, als
er die ganze Masse der Brger vor den schrecklichen Gesetzen der
Inquisition zittern sah.

'Gut,' wird er sich gesagt haben, 'ich bin der reichste Mann von Rom,
dieser Hauptstadt der Welt, ich werde auch der khnste sein; ich werde
mich ffentlich ber all das lustig machen, was diese Leute respektieren
und was so wenig dem gleicht, was zu respektieren ist.'

Denn ein wirklicher Don Juan mu ein Mann von Herz sein und jenen
lebhaften und klaren Verstand besitzen, der die Motive der Handlungen der
Menschen durchschaut.

Francesco Cenci also wird sich gesagt haben: 'Durch welche auffallenden
Taten knnte ich, ein Rmer, in Rom im Jahre 1527 geboren, genau whrend
der sechs Monate, in denen die lutheranischen Soldaten des Connetable von
Bourbon die grlichsten Entweihungen an den heiligen Dingen
begingen -- durch welche Taten knnte ich meinen Mut bemerkbar machen und
mir so eindringlich wie mglich das Vergngen bereiten, der ffentlichen
Meinung Trotz zu bieten? Womit soll ich meine einfltigen Zeitgenossen in
Erstaunen setzen? Wie kann ich mir das so lebhafte Vergngen verschaffen,
mich anders als die groe Masse zu fhlen?'

Es konnte einem Rmer, und dazu einem Rmer jener Zeit nicht in den Sinn
kommen, sich auf bloe Worte zu beschrnken. Es gibt kein Land, wo
prahlerische Worte mehr verachtet werden als in Italien.

       *       *       *       *       *

Der Mann, der so zu sich sprechen konnte, Francesco Cenci, ist am 15.
September 1598, unter den Augen seiner Tochter und seiner Frau gettet
worden. Nichts Liebenswrdiges bleibt uns von diesem Don Juan zu erinnern.
Sein Charakter wurde durch nichts, vor allem nicht durch die Manie, ein
guter Gesellschafter zu sein, gemildert und verkleinert, wie bei dem Don
Juan Molires. Er kmmerte sich um die andern Menschen nur, wenn er ihnen
seine berlegenheit beweisen, sich ihrer bedienen oder ihnen seinen Ha
zeigen wollte. Denn der Don Juan findet nie Gefallen an Sympathiegefhlen,
an sen Trumereien oder an den Einbildungen eines zrtlichen Herzens. Er
braucht vor allem Freuden, welche Triumphe sind, von andern bemerkt und
nicht abstreitbar; er braucht die Liste, die der freche Leporello vor den
Augen der unglcklichen Elvira aufrollt.

Der rmische Don Juan hat sich gut vor der kindlichen Ungeschicklichkeit
gehtet, den Schlssel zu seinem Charakter zu geben und sich einem Lakaien
anzuvertrauen, wie jener Don Juan bei Molire. Er hat ohne einen
Vertrauten gelebt und hat nichts andres gesprochen, als was ihm fr die
Frderung seiner Plne ntzlich war. Niemand berraschte ihn in
Augenblicken wirklicher Zrtlichkeit und entzckender Heiterkeit, wegen
deren man dem Don Juan von Mozart viel verzeiht. Kurz: das Portrt, das
ich hier hinsetzen werde, ist abstoend.

Aus freier Wahl htte ich nicht diesen Charakter nachgezeichnet. Ich htte
mich damit begngt, ihn zu studieren; denn er ist dem Grlichen nher als
dem Seltsamen. Aber Reisegefhrten, denen ich nichts abschlagen konnte,
baten mich darum. Ich hatte im Jahre 1823 das Glck, Italien zusammen mit
liebenswrdigen unvergelichen Menschen zu sehn. Ich war gleich ihnen vom
Bildnis der Beatrice Cenci hingerissen, das im Palazzo Barberini in Rom
hngt.

Die Galerie dieses Palastes ist heute auf sieben oder acht Bilder
zusammengeschmolzen, doch sind vier Meisterwerke darunter: zunchst das
Portrt der berhmten Fornarina, der Geliebten Raffaels, von Raffaels
eigener Hand.

Das zweite wertvolle Bildnis der Galerie ist vom Guido Reni: das Portrt
der Beatrice Cenci, von dem es soviel schlechte Stiche gibt. Der groe
Maler hat um den Hals Beatrices ein Stck nichtssagenden Stoffs gelegt,
und er hat sie mit einem Turban ausgestattet: er getraute sich wohl nicht,
die Wahrheit bis zum Frchterlichen zu treiben, indem er das Kleid, das
sie sich fr die Hinrichtung hatte machen lassen, getreu wiedergegeben
htte, und das Haar in der ganzen Unordnung eines sechzehnjhrigen
Mdchens, das sich der Verzweiflung berlt. Der Kopf ist zart und schn,
der Blick sehr sanft und die Augen sehr gro: sie haben den erstaunten
Ausdruck einer Person, die im Augenblick heftigen Weinens berrascht wird.
Die Haare sind blond und sehr schn. Dieser Kopf hat nichts von dem
rmischen Stolz und von dem Bewutsein der eignen Kraft, wie man beides so
oft in dem zuversichtlichen Blick einer Rmerin antrifft, einer figlia del
tevere, wie sie mit Stolz von sich selber sagen. Unglcklicherweise sind
die Halbtne dieses Bildnisses whrend des langen Zeitraums, der uns von
der Katastrophe trennt, brandig geworden.

Das dritte Bildnis der Galerie Barberini ist das der Lucrezia Petroni, der
Stiefmutter von Beatrice, die mit ihr hingerichtet worden ist. Sie ist der
Typus der rmischen Matrone in ihrer natrlichen Schnheit und ihrem
Stolz, der nicht, wie auf van Dycks Bildnissen, Stolz auf die
gesellschaftliche Stellung ist. Die Zge sind gro und die Hautfarbe ist
blendend wei, die schwarzen Brauen sind scharf gezeichnet, der Blick ist
gebieterisch und gleichzeitig von Wollust beschwert. Ihr Kopf bildet einen
schnen Kontrast mit dem so sanften, einfachen, fast deutschen Aussehen
ihrer Stieftochter.

Das vierte Bildnis, glnzend durch die Wahrheit und die Pracht seiner
Farben, ist eines der Meisterwerke Tizians: eine griechische Sklavin, die
Geliebte des berhmten Dogen Barberigo.

Fast alle Fremden, die nach Rom kommen, lassen sich alsbald nach der
Galleria Barberini fhren; besonders die Frauen sind von den Portrts der
Beatrice Cenci und ihrer Stiefmutter angezogen. Ich habe die allgemeine
Neugier geteilt; dann habe ich, wie jedermann, versucht, Einsicht in den
berhmten Proze zu erhalten. Wer diese Mglichkeit hat, wird, wie ich
glaube, erstaunt sein, in diesen Berichten, in denen alles, bis auf die
Antworten der Angeklagten, lateinisch ist, fast gar keine Darstellung der
Tatsachen zu finden. Vermutlich, weil im Rom des Jahres 1599 jeder die
Tatsachen kannte. Ich habe die Erlaubnis erkauft, eine zeitgenssische
Darstellung zu kopieren, und habe geglaubt, eine bersetzung davon wagen
zu knnen, ohne den Anstand zu verletzen; zum mindesten konnte diese
bersetzung im Jahre 1823 den Damen laut vorgelesen werden. Aber es hrt,
wie ich bemerken mu, der bersetzer auf, treu zu sein, wenn es nicht mehr
mglich ist: denn anders wrde das Grauen leicht strker sein als die
Neugier.

Die traurige Rolle des wahren Don Juan, der sich keinem Ideal nachbilden
will und der an die Meinung der Welt nur denkt, um sie herauszufordern,
ist hier in ihrem ganzen Schrecken dargestellt. Das berma seiner
Verbrechen zwingt zwei Unglckliche, ihn vor ihren Augen tten zu lassen;
diese beiden Frauen waren: die eine seine Gattin und die andre seine
Tochter. Der Leser wird nicht zu entscheiden wagen, ob sie schuldig sind.
Ihre Zeitgenossen fanden, da man sie nicht mit dem Tode htte strafen
drfen.

Ich bin berzeugt, da die Tragdie von Galeoto Manfredi, der von seiner
Frau gettet wurde, ein Stoff, den der groe Dichter Monti behandelt hat,
und viele andre husliche Tragdien des fnfzehnten Jahrhunderts, die
weniger bekannt und kaum in den Sonderurkunden der italienischen Stdte
eingetragen sind, mit einer hnlichen Szene wie der im Schlo von Petrella
endete.

Was folgt, ist die bersetzung der zeitgenssischen Darstellung, sie ist
in _rmischem Italienisch_ verfat und wurde am 14. September 1599
niedergeschrieben.

       *       *       *       *       *

Das fluchwrdige Leben, das Francesco Cenci, in Rom geboren und einer
unsrer wohlhabendsten Mitbrger, von jeher gefhrt hat, brachte ihn
schlielich ins Verderben. Er hat seine Shne, starke und mutige junge
Leute, vorzeitig in den Tod gebracht, ebenso seine Tochter Beatrice, die,
obwohl sie kaum sechzehn Jahre alt war, als sie zur Todesstrafe gefhrt
wurde -- es ist heute vier Tage her --, doch schon fr eines der schnsten
Wesen in den Staaten des Papstes und in ganz Italien galt. Man hrt die
Neuigkeit, da Signor Guido Reni, einer der Schler der bewundernswerten
Bologneser berlieferung, letzten Freitag das Portrt der armen Beatrice
gemacht hat, also gerade am Tage vor ihrer Hinrichtung. Wenn dieser groe
Maler sich dieser Aufgabe in der gleichen Weise entledigt hat wie bei den
andern Gemlden, die er in dieser Hauptstadt gemalt hat, wird sich die
Nachwelt einen Begriff davon machen knnen, wie gro die Schnheit dieses
auerordentlichen Mdchens gewesen ist. Damit aber auch die Erinnerung an
ihr Unglck ohnegleichen und an die erstaunliche Kraft bewahrt bleibe, mit
welcher diese wahrhaft rmische Seele es zu bekmpfen wute, habe ich
beschlossen, das niederzuschreiben, was ich ber die Begebenheiten, die
sie in den Tod fhrten, erfahren konnte, und auch was ich selbst am Tage
ihres stolzen Untergangs gesehen habe.

Die Personen, die mir meine Informationen gegeben haben, waren so
gestellt, da sie die geheimsten Umstnde wuten, die selbst heute noch in
Rom unbekannt sind, obwohl man seit sechs Wochen von nichts anderm als vom
Proze der Cenci spricht. Ich werde mit Offenheit sprechen, sicher wie ich
bin, da aus meinem Bericht, den ich in angesehene Archive zu hinterlegen
vermag, alle schpfen werden. Mein einziger Kummer ist, da ich -- aber so
will es die Wahrheit -- gegen die Unschuld dieser armen Beatrice Cenci
sprechen mu, die von allen, die sie kannten, ebenso angebetet und
geachtet wurde, wie ihr schrecklicher Vater verhat und verabscheut war.

Dieser Mann, dem vom Himmel unleugbar erstaunlicher Scharfsinn aber auch
Absonderlichkeit verliehen wurde, war der Sohn des Monsignore Cenci,
welcher es unter Pius V. Ghislieri bis zur Stellung eines Schatzmeisters,
Finanzministers, gebracht hatte. Dieser heilige Papst, der, wie man wei,
ganz mit seinem gerechten Ha gegen die Ketzer und mit der
Wiedereinfhrung seiner bewunderungswrdigen Inquisition beschftigt war,
hatte fr die weltliche Verwaltung seines Staates nur Verachtung, so da
sein Schatzmeister in den Jahren vor 1572, Monsignore Cenci, es mglich
machen konnte, jenen schrecklichen Menschen, der sein Sohn und Beatrices
Vater war, ein Einkommen von 160 000 Piastern zu hinterlassen. Auer
diesem groen Vermgen hatte Francesco Cenci einen Ruf von Khnheit und
Klugheit, worin ihm in seinen jungen Jahren niemand in Rom gleichkam, und
dieser Ruf verschaffte ihm um so mehr Geltung am Hofe des Papstes und beim
ganzen Volke, als die verbrecherischen Handlungen, die man ihm
zuzuschreiben begann, nur solcher Art waren, wie die Welt sie leicht
verzeiht. Viele Rmer erinnern sich noch mit bitterem Bedauern der
Freiheit des Denkens und Handelns, die man zur Zeit Leos X. geno, der uns
1513 genommen wurde, und auch unter dem 1549 verstorbenen Paul III. Schon
unter diesem letzten Papst begann man von dem jungen Francesco Cenci zu
sprechen wegen gewisser sonderbarer Liebschaften, die durch noch
sonderbarere Mittel zum guten Gelingen gefhrt wurden.

Unter Paul III., also zu einer Zeit, wo man noch eine gewisse Redefreiheit
geno, sagten viele, da Francesco Cenci ganz besonders lstern auf
absonderliche Ereignisse sei, die ihm _peripezie di nuove idee_, neue und
beunruhigende Empfindungen verschaffen knnten. Man sttzte sich dabei
darauf, da man in seinen Rechnungsbchern Aufzeichnungen dieser Art
gefunden hat:

"Fr Abenteuer und peripezie von Toscanella 3500 Piaster (im Jahre 1837
etwa 60 000 frcs.) _e non fu caro_, und es war nicht teuer."

Man wei vielleicht in den andern Stdten Italiens nicht, da hier in Rom
unser Schicksal und unsre Art des Lebens je nach dem Charakter des
herrschenden Papstes wechseln. So war whrend dreizehn Jahren, unter dem
guten Papst Gregor XIII. Buoncompagni, alles in Rom erlaubt; wer wollte,
lie seinen Freund erdolchen und wurde nicht verfolgt, wenn er sich in
bescheidener Art zu benehmen wute. Auf dieses berma von Nachsicht
folgte whrend der fnf Jahre, die der groe Sixtus V. regierte, ein
berma von Strenge, und von diesem wurde, wie vom Kaiser Augustus gesagt:
er htte niemals kommen drfen oder immer bleiben mssen. Damals wurden
Unglckliche fr zehn Jahre lang vergessene Mordtaten oder Vergiftungen
hingerichtet, die sie zu ihrem Unglck frher einmal dem Kardinal
Montalto, dem spteren Sixtus V. gebeichtet hatten.

Besonders viel wurde unter Gregor XIII. von Francesco Cenci gesprochen. Er
hatte eine sehr reiche und in jeder Hinsicht zu einem so angesehenen Herrn
passende Frau geheiratet, welche starb, nachdem sie ihm sieben Kinder
geschenkt hatte. Kurz nach ihrem Tode heiratete er in zweiter Ehe Lucrezia
Petroni, eine Frau von seltner Schnheit und vor allem berhmt durch die
blendende Weie ihrer Hautfarbe, aber sie war ein wenig zu beleibt,
welcher Fehler unter Rmerinnen so hufig ist. Von Lucrezia hatte er keine
Kinder.

Das kleinste Laster, das man Francesco Cenci vorwerfen konnte, war sein
Hang zu infamer Liebe, das grte war, da er nicht an Gott glaubte. Sein
ganzes Leben lang sah man ihn nicht in eine Kirche eintreten.

Dreimal wegen seiner schndlichen Liebschaften ins Gefngnis gebracht,
machte er sich durch Geldspenden an die Gnstlinge der zwlf Ppste, unter
denen er der Reihe nach gelebt hat, immer wieder frei. Auf diese Weise
verschenkte er 200 000 Piaster, das sind jetzt etwa 5 000 000 fr.

Ich habe Francesco Cenci erst gesehen, als er schon ergrautes Haar hatte,
unter der Regierung des Papstes Buoncompagni, wo alles erlaubt war, was
man zu tun wagte. Er war ein Mann von etwa fnf Fu vier Zoll, sehr gut
gebaut, obgleich zu mager; man hielt ihn fr auerordentlich stark,
vielleicht hatte er selbst dies Gercht verbreitet; er hatte groe
ausdrucksvolle Augen, doch fiel das obere Augenlid ein wenig zu sehr
herab, eine zu groe und zu weit vorspringende Nase, schmale Lippen und
ein Lcheln voll Anmut. Dies Lcheln wurde schrecklich, wenn er den Blick
auf einen seiner Feinde heftete; wenn er nur etwas bewegt oder gereizt
war, zitterte er heftig und in einer Weise, die ihm lstig wurde. Ich habe
ihn in meiner Jugend, unter dem Papst Buoncompagni von Rom nach Neapel
reiten sehen, ohne Zweifel wegen irgendeiner Liebesgeschichte; er ritt
durch die Wlder von San Germano und La Faggiola, ohne sich um die
Briganten zu kmmern und legte, wie man sagt, den Weg in weniger als
zwanzig Stunden zurck. Er reiste stets allein und ohne jemanden vorher zu
benachrichtigen; wenn sein erstes Pferd erschpft war, kaufte oder raubte
er ein andres. Wenn man ihm Schwierigkeiten machte, fand er jedoch keine
Schwierigkeit darin, einen Dolchsto auszuteilen. Aber es ist die volle
Wahrheit, da in meiner Jugend, als er also etwa achtundvierzig oder
fnfzig Jahre alt war, niemand khn genug war, ihm Widerstand zu leisten.
Sein grtes Vergngen war, seine Feinde herauszufordern.

Er war auf allen Straen der Staaten seiner Heiligkeit wohlbekannt; er
zahlte freigebig, aber war auch fhig, wenn ihn jemand beleidigt hatte,
zwei oder drei Jahre danach einen seiner Meuchelmrder zu schicken, um den
Beleidiger zu tten.

Die einzige tugendhafte Handlung, die er whrend seines langen Lebens
vollbracht hat, bestand darin, im Hofe seines ausgedehnten Palastes am
Tiber, eine dem heiligen Thomas geweihte Kirche zu erbauen, und auch zu
dieser schnen Handlung wurde er nur durch den seltsamen Wunsch getrieben,
die Grber aller seiner Kinder vor Augen zu haben, welche er ausnehmend
und in ganz unnatrlicher Weise hate, schon seit ihrer zartesten Kindheit
nmlich, wo sie ihn noch in keiner Weise beleidigt haben konnten.

"Dorthin will ich sie alle bringen", sagte er mit einem bittern Lcheln zu
den Arbeitern, die er beim Bau seiner Kirche beschftigte. Er schickte die
drei lteren, Giacomo, Cristofo und Rocco zum Studium auf die Universitt
Salamanca in Spanien. Als sie erst dort in diesem fernen Land waren,
machte es ihm ein boshaftes Vergngen, ihnen gar kein Geld zukommen zu
lassen, so da diese unglcklichen jungen Leute, nach zahlreichen Briefen
an ihren Vater, die alle unbeantwortet blieben, zu der elenden
Notwendigkeit gezwungen waren, kleine Geldbetrge auszuborgen, um in ihre
Heimat zurckzukehren, oder sich lngs des Weges durchzubetteln.

In Rom fanden sie ihren Vater strenger, hrter und rauher als je: trotz
seines unendlichen Reichtums wollte er sie weder kleiden, noch ihnen das
zum einfachsten Leben ntige Geld geben. Diese Unglcklichen waren
gezwungen, den Papst um Hilfe zu bitten, welcher Francesco Cenci dazu
zwang, ihnen eine kleine Rente auszusetzen. Mit dieser sehr geringen
Untersttzung trennten sie sich von ihm.

Bald nachher wurde Francesco zum dritten und letztenmal wegen seiner
infamen Liebessachen ins Gefngnis gebracht, worauf die drei Brder eine
Audienz bei unserm zur Zeit herrschenden heiligen Vater dem Papst
erwirkten, und ihn gemeinsam baten, ihren Vater Francesco Cenci sterben zu
lassen, der, wie sie sagten, ihr Haus entehre. Clemens VIII. hatte groe
Lust dazu, aber er wollte seiner ersten Eingebung nicht nachgeben, um
diese entarteten Kinder nicht zufriedenzustellen, und jagte sie schmhlich
aus seiner Gegenwart.

Der Vater befreite sich aus dem Gefngnis, wie wir schon frher erzhlten,
indem er denen, die ihm helfen konnten, groe Summen Geldes gab. Man
begreift, da der sonderbare Schritt seiner drei ltesten Shne den Ha,
den er gegen seine Kinder hatte, noch verstrkte. Er verfluchte sie jeden
Augenblick, die groen wie die kleinen, und alle Tage berhufte er seine
beiden jungen Tchter, die mit ihm im Palast wohnten, mit Stockschlgen.

Die ltere gab sich so lange Mhe, bis es ihr trotz strenger berwachung
gelang, dem Papst eine Bittschrift zukommen zu lassen; sie beschwor darin
Seine Heiligkeit, sie zu verheiraten oder sie in einem Kloster
unterzubringen. Clemens VIII. hatte Mitleid mit ihrem Unglck, er
verheiratete sie mit Carlo Gabrielli, aus der vornehmsten Familie von
Gubbio; Seine Heiligkeit verpflichtete auch den Vater, ihr eine groe
Mitgift zu geben.

Nach diesem unvorhergesehenen Schlag geriet Francesco Cenci in furchtbare
Wut, und um zu verhindern, da Beatrice, wenn sie grer wurde, auf den
Einfall kme, dem Beispiel ihrer Schwester zu folgen, sperrte er sie im
Innern des Palastes ein; dort war es niemand erlaubt, Beatrice zu sehen,
die damals kaum vierzehn Jahr alt war und schon im vollen Glanz einer
entzckenden Schnheit stand. Sie war so frhlich, so unschuldig und hatte
ein so heiteres Gemt, wie ich das noch bei niemand andrem gesehen habe.
Francesco Cenci brachte ihr selbst das Essen. Es ist wahrscheinlich, da
der Unmensch sich damals in sie verliebte oder wenigstens Verliebtheit
heuchelte, um seine unglckliche Tochter noch mehr zu qulen. Er sprach
oft zu ihr von dem schndlichen Streich, den ihm ihre ltere Schwester
gespielt habe, und brachte sich durch den Klang seiner eigenen Worte so in
Zorn, da er Beatrice mit Schlgen berschttete.

Mittlerweile wurde sein Sohn Rocco Cenci von einem Fleischhauer umgebracht
und Cristofo Cenci wurde im Jahre darauf von Paolo Corso de Massa gettet.
Bei dieser Gelegenheit zeigte sich seine schwarze Gottlosigkeit, denn beim
Leichenbegngnis seiner beiden Shne wollte er nicht einmal einen bajocco
fr Wachskerzen ausgeben. Als er das Schicksal seines Sohnes Cristofo
erfuhr, rief er aus: er knne erst ein wenig Freude genieen, wenn alle
seine Kinder begraben seien und er wolle beim Tode des Letzten zum
Wahrzeichen des Glcks seinen Palast anznden. Rom war ber diesen
Ausspruch verwundert, doch hielt man bei einem Mann, der seinen Ehrgeiz
darin suchte, die ganze Welt und selbst den Papst herauszufordern, alles
fr mglich.

Hier nun wird es vllig unmglich, dem rmischen Erzhler in dem sehr
dunklen Bericht der sonderbaren Dinge zu folgen, durch welche Francesco
Cenci seine Zeitgenossen zu erstaunen vermochte. Seine Frau und seine arme
Tochter wurden allem Anschein nach die Opfer seiner abscheulichen
Einflle.

Als alles dies ihm nicht genug schien, versuchte er mit Drohungen und mit
Anwendung von Gewalt seine eigne Tochter Beatrice, die schon gro und
schn war, zu schnden. Er schmte sich nicht, sich nackt in ihr Bett zu
legen. Er ging ganz unbekleidet mit ihr in den Slen seines Palastes
umher, dann nahm er sie ins Bett seiner Frau; damit die arme Lucrezia beim
Schein der Lampe sehen knne, was er mit Beatrice treibe.

Er redete dem armen Mdchen eine grliche Ketzerei ein, die ich kaum
wiederzugeben wage, nmlich: wenn ein Vater seine eigne Tochter umarme,
wrden die Kinder, die daraus geboren werden, Heilige; ja, da alle von
der Kirche verehrten groen Heiligen solcherart zur Welt gebracht worden
seien, soda ihr Grovater mtterlicherseits zugleich ihr Vater war.

Wenn Beatrice seinen abscheulichen Wnschen widerstand, berfiel er sie
mit den grausamsten Schlgen, so da dieses arme Mdchen solch
unglckliches Leben nicht lnger aushalten konnte und den Einfall hatte,
dem Beispiel, das ihre Schwester ihr gegeben hatte, zu folgen. Sie
richtete eine sehr eingehende Bittschrift an unsern Heiligen Vater, den
Papst, aber es ist anzunehmen, da Francesco Cenci Manahmen getroffen
hatte, denn es scheint, da diese Schrift nie in die Hnde Seiner
Heiligkeit gelangt ist; wenigstens war es unmglich, sie im Sekretariat
der Memoriali aufzufinden, als Beatrice im Gefngnis war und ihr
Verteidiger das Schriftstck dringend suchte; es htte wohl in irgendeiner
Weise die unerhrten Ausschweifungen im Schlo von Petrella bezeugen
knnen. Wre es nicht fr jedermann augenscheinlich gewesen, da Beatrice
Cenci sich im Fall der berechtigten Notwehr befunden hatte? Dies Memoriale
sprach auch im Namen Lucrezias, der Stiefmutter Beatrices.

Francesco Cenci kam dieser Versuch zur Kenntnis und man kann sich denken,
mit welcher Wut er die schlechte Behandlung der beiden unglcklichen
Frauen verdoppelte.

Das Leben wurde ihnen gradezu unertrglich, und damals war es -- da sie
wohl sahen, da sie von der Gerechtigkeit des Papstes nichts erhoffen
konnten, denn die Hflinge waren durch die reichen Geschenke Francescos
gewonnen -- da ihnen der Gedanke kam, zum uersten Mittel zu greifen,
das sie ins Verderben gebracht hat, aber das wenigstens den Vorteil hatte,
ihre Leiden in dieser Welt zu beenden.

Man mu wissen, da der berhmte Monsignore Guerra oft in den Palast der
Cenci ging; er war hoch gewachsen und ein sehr schner Mann und hatte die
eigene Gabe vom Schicksal erhalten, da er alles, was er tun wollte, mit
einer ganz besondern Anmut vollbrachte. Man hat vermutet, da er Beatrice
liebte und die Absicht hatte, die Mantellata zu lassen, um Beatrice zu
heiraten; aber obgleich er mit uerster Sorgfalt seine Gefhle zu
verbergen suchte, wurde er von Francesco Cenci verabscheut, der ihm
vorwarf, mit seinen Kindern gemeinsames Spiel zu machen. Sobald Monsignore
Guerra erfuhr, da Signore Cenci von seinem Palast abwesend sei, stieg er
in die Gemcher der Damen, verbrachte mehrere Stunden der Unterhaltung mit
ihnen und hrte ihre Klagen ber die unglaubliche Behandlung an, der alle
beide ausgesetzt waren. Es scheint, da Beatrice als erste wagte, dem
Monsignore Guerra von dem Plan, den sie gefat hatten, zu sprechen. Mit
der Zeit gewannen sie ihn dafr und auf Beatrices lebhaftes und
wiederholtes Drngen willigte er ein, diesen Plan Giacomo Cenci
mitzuteilen, ohne dessen Zustimmung man nichts unternehmen konnte, da er
der lteste Bruder und nach Francesco das Haupt der Familie war.

Es gelang auerordentlich leicht, ihn in die Verschwrung zu ziehen: er
wurde von seinem Vater uerst schlecht behandelt und bekam nicht die
geringste Untersttzung, was ihm um so empfindlicher erschien, als er
verheiratet und Vater von sechs Kindern war. Man whlte fr die
Zusammenknfte, wo man beriet, wie man Francesco Cenci ermorden knnte,
die Wohnung des Monsignore Guerra. Die Sache ging in angemessenen Formen
vor sich, und man holte bei jeder Einzelheit die Meinung der Stiefmutter
und des jungen Mdchens ein. Als endlich eine Entscheidung getroffen war,
whlte man Untergebene Francesco Cencis, die ihn tdlich haten. Der eine
hie Marzio, war ein Mann von Herz und den unglcklichen Kindern
Francescos sehr anhnglich; er willigte ein, an dem Vatermord
teilzunehmen, um sich ihnen angenehm zu machen. Olimpio, der zweite, war
vom Frsten Colonna zum Kastellan der Festung La Petrella im Knigreich
Neapel ernannt worden, aber durch seinen allmchtigen Einflu auf den
Frsten hatte ihn Francesco Cenci davonjagen lassen.

Man verabredete alles mit den beiden Mnnern. Da Francesco Cenci
angekndigt hatte, da er, um der schlechten Luft in Rom zu entgehen, den
folgenden Sommer auf dem Kastell La Petrella verbringen wrde, war man auf
den Gedanken gekommen, ein Dutzend neapolitanischer Banditen anzuwerben;
Olimpio erbot sich, sie herbeizuschaffen. Man entschied sich dafr, sie in
den Wldern um La Petrella zu verbergen, damit man sie unverzglich
benachrichtigen knne; wenn Francesco Cenci sich auf den Weg mache,
sollten sie ihn dann von der Strae weg entfhren und seiner Familie
Botschaft schicken, da sie ihn gegen ein hohes Lsegeld frei lassen
wrden. Dann wrden die Kinder gentigt sein, nach Rom zurckzukehren, um
die von den Briganten geforderte Summe zustande zu bringen; sie sollten
aber vorgeben, sie nicht in solcher Schnelligkeit aufbringen zu knnen und
die Briganten wrden, wenn sie kein Geld anlangen shen, ihrer Drohung
gem Francesco Cenci ermorden.

Auf diese Weise sollte niemand die wirklichen Urheber dieses Todes
verdchtigen knnen.

Aber als Francesco Cenci Anfang des Sommers von Rom nach Petrella reiste,
benachrichtigte der Spion, der die Abreise melden sollte, zu spt die in
den Wldern verstreuten Banditen, und sie hatten nicht mehr Zeit, zur
Landstrae hinunterzugelangen. Cenci kam ohne Hindernis nach Petrella, und
die Briganten, die keine Lust hatten, noch lnger auf eine zweifelhafte
Beute zu warten, gingen nun anderswo auf eigne Rechnung zu rauben aus.

Was den vorsichtigen und argwhnischen alten Francesco Cenci betraf, so
wagte er sich niemals aus seinem Kastell heraus. Und weil sich seine
schlechte Laune mit den zunehmenden Altersgebrechen, die ihm unertrglich
waren, steigerte, verdoppelte er die grausame Behandlung, die er die armen
Frauen erdulden lie. Er behauptete, da sie sich ber seine
Gebrechlichkeit freuten.

Beatrice, welche durch die schrecklichen Dinge, die sie erleiden mute,
zum uersten getrieben wurde, lie Marzio und Olimpio an die Mauer des
Kastells rufen. Nachts, whrend ihr Vater schlief, sprach sie aus einem
niedrigen Fenster mit ihnen und warf ihnen Briefe zu, die an Monsignore
Guerra gerichtet waren. Mittels dieser Briefe wurde verabredet, da
Monsignore Guerra tausend Piaster an Marzio und Olimpio versprechen
sollte, wenn sie Francesco Cenci ermorden wrden. Ein Drittel der Summe
sollte ihnen in Rom durch Monsignore Guerra im voraus gezahlt werden, und
die beiden andern Drittel von Lucrezia und Beatrice, sobald sie nach
vollbrachter Tat ber Cencis Geldschrank verfgen knnten.

Auerdem wurde noch vereinbart, da die Sache am Tage Mari Geburt
geschehen solle, und die beiden Mnner wurden durch List in die Festung
eingelassen. Aber Lucrezia lie sich durch den Respekt, den man einem Fest
der Madonna schuldet, zurckhalten und bestimmte Beatrice, den Mord einen
Tag hinauszuschieben, um nicht eine doppelte Snde zu begehen.

Es war also am 9. September 1598 abends; Mutter und Tochter hatten mit
groem Geschick Francesco Cenci Mohnsaft gegeben und dieser Mann, der so
schwer zu tuschen war, fiel in tiefen Schlaf.

Gegen Mitternacht lie Beatrice selbst Marzio und Olimpio in die Festung
ein; darauf fhrten sie Lucrezia und Beatrice in das Zimmer des alten
Mannes, welcher fest schlief. Dort verlie man sie, damit sie das
vollbringen sollten, was ausgemacht war, und die beiden Frauen warteten im
Nebenzimmer. Pltzlich sahen sie die zwei Mnner bleich und ganz auer
sich zurckkommen.

"Was gibt es?" riefen die Frauen. "Da es eine Schande und Schmach ist,
einen armen schlafenden Greis zu tten!" antworteten die Mnner. "Das
Mitleid hat uns gehindert zu handeln."

Als sie diese Entschuldigung hrte, wurde Beatrice von Emprung ergriffen
und begann sie zu beschimpfen, indem sie sagte: "Also Ihr Mnner, die Ihr
fr solche Tat wohl vorbereitet seid, habt nicht den Mut, einen
schlafenden Mann zu tten! Wie viel weniger wrdet Ihr wagen, ihm ins
Gesicht zu sehen, wenn er wach ist! Und, um es so zu Ende zu fhren, habt
Ihr gewagt, Geld zu nehmen! Nun wohl, da Eure Feigheit es will, werde ich
selbst meinen Vater tten; und was Euch betrifft, sollt Ihr dann nicht
mehr lange leben!"

Durch diese wenigen zndenden Worte wieder angefeuert und auch, weil sie
eine Verminderung des festgesetzten Preises frchteten, traten die Mnner
von neuem ins Zimmer ein und die Frauen folgten ihnen. Der eine nahm einen
groen Nagel, setzte ihn senkrecht aufs Auge des schlafenden Alten, der
andere trieb diesen Nagel mit einem Hammer in den Kopf. In der gleichen
Weise lie man einen groen Nagel in den Hals eindringen, so da diese
arme, von so vielen frischen Snden belastete Seele vom Teufel geholt
wurde; der Krper strubte sich, allein vergeblich.

Als die Sache abgetan war, gab das junge Mdchen Olimpio eine dicke
goldgefllte Brse, Marzio gab sie einen Tuchmantel ihres Vaters, der mit
goldener Tresse besetzt war und schickte die beiden fort.

Als die Frauen allein geblieben waren, begannen sie den groen in den Kopf
gedrungenen Nagel, sowie den im Halse zu entfernen; dann schleiften sie
den Krper, nachdem sie ihn in ein Leintuch eingewickelt hatten, durch
eine lange Reihe von Zimmern bis zu einer Galerie, die auf einen verdeten
Garten fhrte. Von dort warfen sie den Krper auf einen groen
Holunderbaum, der an diesem einsamen Ort wuchs, hinab. Da am Ende dieser
kleinen Galerie die Abtritte lagen, hofften sie, wenn man am nchsten
Morgen den Krper des Alten in den sten des Holunders finden wrde, auf
die Vermutung, er sei am Wege zum Abtritt ausgeglitten und
hinuntergestrzt.

Es geschah genau so, wie sie es vorausgesehen hatten. Am Morgen, als man
den Leichnam fand, erhob sich groer Lrm in dem Kastell; die Frauen
selber verabsumten nicht, laut zu schluchzen und ber den unglcklichen
Tod des Vaters und Gatten zu klagen. Allein, wenn die junge Beatrice auch
den Mut der beleidigten Tugend besa, die ntige Klugheit fr das Leben
hatte sie noch nicht: schon am frhen Morgen hatte sie der Frau, die in
der Festung die Wsche besorgte, ein blutbeflecktes Leintuch gegeben,
wobei sie ihr sagte, sie mge sich nicht ber eine solche Menge Blut
wundern, denn sie habe whrend der ganzen Nacht an groem Blutverlust
gelitten, und so ging fr den Augenblick alles gut.

Man gab Francesco Cenci ein ehrenvolles Begrbnis, und die Frauen kehrten
nach Rom zurck, um die langersehnte Ruhe zu genieen. Sie glaubten an die
Dauer ihres Glckes, weil sie nicht wuten, was in Neapel vor sich ging.

Die Gerechtigkeit Gottes, der nicht wollte, da ein so frchterlicher
Vatermord unbestraft bleibe, veranlate, da der oberste Richter, als man
in dieser Hauptstadt erfuhr, was im Kastell Petrella vor sich gegangen
war, sofort Mitrauen empfand und einen kniglichen Kommissr sandte, um
den Leichnam zu untersuchen und alle verdchtigen Personen festzunehmen.

Der knigliche Kommissr lie alle, die in der Festung wohnten, verhaften.
Alle diese wurden in Ketten nach Neapel gefhrt, aber nichts erschien in
ihren Aussagen verdchtig, auer, da die Wscherin aussagte, sie htte
von Beatrice ein blutiges Tuch oder deren mehrere erhalten. Man fragte
sie, ob Beatrice eine Erklrung fr die groen Blutflecken gegeben habe;
sie antwortete, da Beatrice von einem natrlichen Unwohlsein gesprochen
habe. Man fragte sie dann, ob so groe Flecken von einem solchen
Unwohlsein herrhren konnten; sie meinte, nein, weil die Flecken auf dem
Tuch von einem zu lebhaften Rot waren.

Man schickte diese Aussage sofort an die Justizbehrde in Rom, aber
trotzdem vergingen mehrere Monate, bevor man bei uns daran dachte, die
Kinder des Francesco Cenci verhaften zu lassen. Lucrezia, Beatrice und
Giacomo htten sich tausendmal in Sicherheit bringen knnen, sei es, da
sie unter dem Vorwand einer Pilgerfahrt nach Florenz gingen, sei es, da
sie sich nach Civita Vecchia einschifften; aber Gott versagte ihnen diese
rettende Eingebung.

Monsignor Guerra hatte von den Vorgngen in Neapel Mitteilung erhalten und
rstete sofort Leute aus, die er beauftragte, Marzio und Olimpio zu tten;
aber nur Olimpio konnte in Terni ermordet werden. Die neapolitanische
Justiz hatte Marzio verhaften lassen, der nach Neapel gefhrt wurde, wo er
sofort alles gestand.

Diese schreckliche Aussage wurde gleich der Justiz in Rom geschickt,
welche nun beschlo, Giacomo und Bernardo, die beiden einzigen
berlebenden Shne Francescos, wie auch seine Witwe Lucrezia verhaften und
in das Gefngnis von Corte Savella bringen zu lassen. Beatrice wurde im
Palast ihres Vaters von einem groen Trupp Sbirren bewacht. Marzio wurde
aus Neapel herbeigeschafft und auch in das Gefngnis Savella gebracht;
dort stellte man ihn den beiden Frauen gegenber, die mit Standhaftigkeit
leugneten; besonders Beatrice wollte durchaus nicht den Mantel mit den
Tressen wiedererkennen, den sie Marzio gegeben hatte. Dieser Brigant war
pltzlich voller Enthusiasmus fr die bewundernswrdige Schnheit und die
erstaunliche Beredsamkeit, mit der das junge Mdchen dem Richter
antwortete, und leugnete alles, was er in Neapel gestanden hatte. Man
folterte ihn, aber er gestand nichts und zog vor, in Qualen zu sterben:
eine gerechte Huldigung der Schnheit Beatrices.

Nach dem Tode dieses Mannes und da die Rolle des Mantels nicht erwiesen
war, fanden die Richter keine hinreichenden Grnde, um die beiden Shne
Cenci oder die beiden Frauen auf die Folter zu legen. Man fhrte sie alle
vier auf das Kastell St. Angelo, wo sie mehrere Monate ganz ruhig
verlebten.

Alles schien beendet und niemand in Rom zweifelte daran, da dieses
schne, mutige Mdchen, das so lebhafte Teilnahme erregt hatte, bald in
Freiheit gesetzt wrde, als unglcklicherweise die Justiz den Briganten
festnehmen konnte, der Olimpio in Terni gettet hatte; nach Rom berfhrt,
gestand dieser Mann alles.

Monsignor Guerra, der durch das Gestndnis des Briganten so seltsam
kompromittiert war, wurde geladen, ohne Verzug vor Gericht zu erscheinen;
das Gefngnis und vielleicht der Tod waren ihm sicher. Aber dieser
bewundernswerte Mann, dem vom Geschick verliehen war, alles gut zu machen,
gelang es, sich in einer Weise zu retten, die ans Wunder grenzt. Er galt
fr den schnsten Mann am ppstlichen Hof und war in Rom zu bekannt, als
da er hoffen konnte, sich zu retten; brigens hielt man gute Wacht an den
Toren und wahrscheinlich stand auch vom Augenblick der Vorladung an sein
Haus unter Aufsicht. Man mu wissen, da er sehr gro war, von weiester
Hautfarbe, einen schnen blonden Bart hatte und wundervolles Haar von der
gleichen Farbe.

Mit unerklrlicher Geschwindigkeit wute er einen Kohlenhndler zu
gewinnen, nahm seine Kleider, lie sich Haar und Bart rasieren, frbte
sich das Gesicht, kaufte zwei Esel und zog hinkend durch die Straen Roms,
um seine Kohlen zu verkaufen. Er nahm in bewunderungswrdiger Weise ein
ungeschliffenes und stumpfsinniges Benehmen an und lief berall, den Mund
voll Brot und Zwiebeln, herum, seine Kohlen ausschreiend, whrend hunderte
von Sbirren ihn nicht nur in Rom, sondern auch auf den Landstraen
suchten. Endlich, als seine Erscheinung der Mehrzahl der Sbirren wohl
bekannt war, wagte er sich aus Rom hinaus, seine zwei mit Kohlen beladenen
Esel immer vor sich hertreibend. Er begegnete mehreren Abteilungen
Sbirren, welche nicht daran dachten, ihn anzuhalten. Seither hat man nur
noch einen Brief von ihm erhalten; seine Mutter hat ihm Geld nach
Marseille geschickt, und man vermutet, da er als Soldat in Frankreich den
Krieg mitmacht.

Das Gestndnis des Mrders von Terni und diese Flucht des Monsignor
Guerra, die in Rom erstaunliches Aufsehen machte, mehrten den Verdacht und
die Indizien gegen die Cenci in solcher Weise, da sie aus dem Kastell St.
Angelo fortgeschafft und wieder ins Gefngnis Savella gebracht wurden.

Als die beiden Brder auf die Folter gespannt wurden, waren sie weit davon
entfernt, der Seelengre des Briganten nachzueifern; sie waren so
kleinmtig, da sie alles gestanden. Signora Lucrezia Petroni war so an
die Weichheit und an die Annehmlichkeiten des groen Luxus gewhnt und
auerdem war sie so dick, da sie die Tortur des Seils nicht ausgehalten
htte; sie sagte alles aus, was sie wute. Aber nicht war es so mit der
jungen, lebhaften und mutigen Beatrice Cenci. Weder gute Worte noch
Drohungen des Richters Moscati erreichten etwas bei ihr. Sie ertrug die
Torturen des Seils ohne ein Zeichen der Aufregung und mit vollendetem Mut.
Niemals konnte sie der Richter zu einer Antwort bringen, die sie auch nur
im mindesten kompromittierte, und weit mehr noch: es gelang ihr durch ihre
geistvolle Lebendigkeit, den berhmten Richter Ulysse Moscati gnzlich in
Verwirrung zu bringen. Er war dermaen erstaunt ber die Art dieses jungen
Mdchens, da er es fr Pflicht hielt, Seiner Heiligkeit dem glcklich
regierenden Papst Clemens VIII. davon Bericht zu erstatten.

Seine Heiligkeit wollte die Akten des Prozesses selbst einsehen. Er
befrchtete, da der durch seine profunde Wissenschaft wie durch den
berragenden Scharfsinn seines Geistes so berhmte junge Ulysse Moscati
von der Schnheit Beatrices getroffen worden sei und sie bei den
Vernehmungen schone. Daraus folgte, da Seine Heiligkeit ihn von der
Leitung dieses Prozesses enthob und diesen einem anderen strengeren
Richter gab. Wirklich hatte dieser Barbar den Mut, ohne Mitleid einen so
schnen Krper ad torturam capillorum zu martern, d.h. man folterte
Beatrice Cenci, indem man sie an den Haaren aufhing.

Whrend sie am Seil hochgezogen war, lie dieser neue Richter ihre
Stiefmutter und ihre Brder vor Beatrice erscheinen. Sobald Giacomo und
Signora Lucrezia sie so sahen, riefen sie ihr zu:

"Die Snde ist begangen, man mu nun die Bue auf sich nehmen und sich
nicht den Krper mit zweckloser Hartnckigkeit zerreien lassen."

"Also Ihr wollt unser Haus mit Schande bedecken", antwortete das junge
Mdchen, "und in Schmach sterben? Ihr befindet Euch in einem groen
Irrtum; aber da Ihr es wnscht, sei es."

Und sich zu den Sbirren wendend, fuhr sie fort: "Bindet mich los, und man
lese mir die Aussage meiner Mutter vor; ich werde dem zustimmen, dem
zugestimmt werden mu und das leugnen, was geleugnet werden mu."

So geschah es; sie gestand die ganze Wahrheit. Sofort nahm man allen die
Ketten ab und weil es fnf Monate war, seit sie die Brder nicht gesehen
hatte, wollte sie mit ihnen speisen; sie verbrachten alle vier einen sehr
heiteren Tag.

Aber am folgenden Tag wurden sie von neuem getrennt; die beiden Brder
wurden in das Gefngnis von Tordinona gefhrt und die beiden Frauen
blieben im Gefngnis Savella. Unser Heiliger Vater, der Papst, der den
authentischen Akt mit den Gestndnissen aller gesehen hatte, befahl, da
sie ohne Aufschub an den Schweif ungezhmter Pferde gebunden und so zu
Tode geschleift werden sollten.

Ganz Rom erschauerte, als es diese strenge Entscheidung erfuhr. Viele
Kardinle und Frsten warfen sich dem Papst zu Fen, indem sie ihn
anflehten, den Unglcklichen zu erlauben, ihre Verteidigungsschrift
einzureichen.

"Und sie, haben sie ihrem alten Vater Zeit gegeben, die seine zu
berreichen?" antwortete unwillig der Papst.

Schlielich genehmigte er aus besonderer Gnade einen Aufschub von
fnfundzwanzig Tagen. Sogleich begannen die ersten Advokaten Roms in
dieser Sache, welche die ganze Stadt mit Aufregung und Mitleid erfllt
hatte, zu schreiben. Am fnfundzwanzigsten Tag erschienen sie alle
zusammen vor Seiner Heiligkeit. Nicolo d'Angelis sprach als erster; aber
er hatte kaum zwei Zeilen seiner Verteidigungsschrift gelesen, als Clemens
VIII. ihn unterbrach:

"Also, es finden sich in Rom Menschen, die ihren Vater ermorden und danach
Advokaten, welche diese Menschen verteidigen!" Alle schwiegen, als
Farinacci wagte, das Wort zu ergreifen.

"Heiligster Vater," sagte er, "wir sind nicht hier, um das Verbrechen zu
verteidigen, sondern um zu beweisen, wenn wir es knnen, da einer oder
mehrere dieser Menschen am Verbrechen unschuldig sind."

Der Papst gab ihm das Zeichen, zu sprechen, und er sprach drei lange
Stunden; danach nahm der Papst alle ihre Schriftstcke an sich und
schickte sie fort. Als sie gingen, war Altiere der Letzte; er hatte
Furcht, sich kompromittiert zu haben und warf sich vor dem Papst auf die
Knie, indem er sagte:

"Es blieb mir nichts brig, als in dieser Sache zu erscheinen, denn ich
bin Anwalt der Armen."

Worauf der Papst antwortete:

"Wir wundern uns nicht ber Euch, sondern ber die anderen."

Der Papst wollte sich nicht niederlegen, sondern verbrachte die ganze
Nacht damit, die Verteidigungsschriften der Advokaten zu lesen; er lie
sich bei dieser Arbeit von dem Kardinal von San Marcello helfen. Seine
Heiligkeit schien dermaen gerhrt, da man etwas Hoffnung fr das Leben
dieser Unglcklichen schpfen konnte. Um die Shne zu retten, suchten die
Advokaten die ganze Schuld auf Beatrice zu wlzen. Da im Proze bewiesen
worden war, da ihr Vater mehrmals in einer verbrecherischen Absicht
Gewalt angewendet hatte, hofften die Advokaten, da ihr der Mord vergeben
wrde, da sie sich im Zustand der berechtigten Notwehr befand; und wenn es
so geschah, da dem Haupturheber des Verbrechens das Leben geschenkt
wurde, wie wre es mglich, ihre Brder, die durch sie verleitet waren,
mit dem Tode zu bestrafen?

Nach dieser in seinen Pflichten als Richter verbrachten Nacht, befahl
Clemens VIII., da die Angeklagten ins Gefngnis zurckgefhrt und in
geheimer Haft gehalten wrden. Es war erwiesen, da Beatrice den Monsignor
Guerra liebte, aber niemals die Regeln der strengsten Tugend berschritten
hatte: man konnte ihr also bei wahrer Gerechtigkeit nicht die Verbrechen
eines Ungeheuers anrechnen und sie strafen, weil sie von ihrem
Verteidigungsrecht Gebrauch gemacht hatte. Was htte man getan, wenn sie
eingewilligt htte? Mute es sein, da die menschliche Rechtsprechung das
Migeschick eines so liebenswrdigen, so bemitleidenswerten und schon so
unglcklichen Wesens noch vergrerte? Hatte sie nicht nach einem so
traurigen Leben, da[sic! statt: das] sie schon, bevor sie 16 Jahr alt
war, mit allen Arten des Unglcks berhuft hatte, das Recht auf weniger
schreckliche Tage? Jedermann in Rom schien ihre Verteidigung bernommen zu
haben. Wre ihr nicht verziehen worden, wenn sie Francesco Cenci erdolcht
htte, als er zum ersten Mal das Verbrechen versuchte?

Papst Clemens VIII. war milde und voll Erbarmen. Wir begannen zu hoffen,
er wrde, -- ein wenig beschmt ber die Grille, die ihn das
Beweisverfahren der Advokaten hatte unterbrechen lassen, -- jener
verzeihen, die Gewalt mit Gewalt vergolten hatte, und wahrhaftig nicht als
vorschnelle Erwiderung des Verbrechens, sondern erst, als man es von neuem
an ihr versuchen wollte. Ganz Rom war in ngstlicher Spannung; da erhielt
der Papst die Nachricht des gewaltsamen Todes der Marchesa Constanza Santa
Croce. Ihr Sohn Paolo Santa Croce hatte diese sechzig Jahre alte Dame mit
Dolchstichen gettet, weil sie sich nicht verpflichten wollte, ihn zum
Erben aller ihrer Gter einzusetzen. Der Bericht fgte hinzu, da Santa
Croce die Flucht ergriffen habe und da man keine Hoffnung htte, ihn
festzunehmen. Der Papst erinnerte sich an den Brudermord der Massini, der
vor kurzer Zeit begangen worden war. Aufs Tiefste betrbt ber diese
Hufung von Morden an Nahverwandten, glaubte Seine Heiligkeit, es sei
nicht gestattet, zu verzeihen. Als der Papst den verhngnisvollen Bericht
ber Santa Croce erhielt, befand er sich, es war am 6. September, im
Palast von Monte Cavallo, um am folgenden Tage ganz in der Nhe der Kirche
Santa Maria degli Angeli zu sein, wo er einen deutschen Kardinal zum
Bischof weihen sollte.

Am Freitag, zur zweiundzwanzigsten Stunde, das ist vier Uhr nachmittags,
lie er Ferrante Taverna, den Gouverneur von Rom, rufen und sagte diesem
wrtlich: "Wir geben die Sache der Cenci an Euch, damit das Recht durch
Eure Frsorge und ohne jeden Aufschub geschehe."

Der Gouverneur kam, sehr bewegt von dem Auftrag, den er erhalten hatte, in
seinen Palast zurck; er fertigte sogleich das Todesurteil aus und berief
die Kongregation, um ber die Art der Vollstreckung zu beraten.

Samstag frh, am 11. September 1599, begaben sich die ersten Signori Roms,
Mitglieder der Brderschaft der Confortatori, in die beiden Gefngnisse,
nach Corte Savella, wo Beatrice und ihre Stiefmutter waren und nach
Tordinona, wo sich Giacomo und Bernardo Cenci befanden. Whrend der ganzen
Nacht vom Freitag zum Sonnabend taten die rmischen Herren, die erfahren
hatten, was vorging, nichts anderes, als vom Palazzo Monte Cavalli zu
denen der ersten Kardinle zu eilen, um wenigstens zu erreichen, da die
Frauen im Innern des Gefngnisses hingerichtet wrden und nicht auf
schmhlichem Schafott, und da man den jungen Bernardo Cenci begnadigte,
da er kaum fnfzehn Jahr alt und gewi nicht ins Verbrechen eingeweiht
gewesen sei. Der edle Kardinal Sforza hat sich vor allen in dieser
verhngnisvollen Nacht durch seinen Eifer ausgezeichnet; aber ein so
mchtiger Frst er auch war, konnte er doch nichts ausrichten. -- Das
Verbrechen von Santa Croce war ein niedriges Verbrechen, es war wegen des
Geldes begangen; doch das Verbrechen Beatrices war begangen, um die Ehre
zu retten.

Whrend die mchtigsten Kardinle so viele unntze Schritte taten, hatte
unser groer Rechtsgelehrter Farinacci die Khnheit, zum Papst
vorzudringen und, bei seiner Heiligkeit angelangt, besa dieser
erstaunliche Mann die Geschicklichkeit, ihn bei seiner Gewissenhaftigkeit
zu packen und schlielich gelang es ihm, Bernardo Cenci das Leben zu
retten.

Als der Papst dies groe Wort aussprach, konnte es vier Uhr morgens sein
(vom Sonnabend, dem 11. September). Die ganze Nacht war auf dem Platz bei
der Engelsbrcke an den Vorbereitungen dieser grausamen Tragdie
gearbeitet worden. Indessen waren alle notwendigen Abschriften des
Todesurteils erst um fnf Uhr morgens beendet, so da man den armen
Unglcklichen, die ruhig schliefen, erst um sechs Uhr frh die
verhngnisvolle Nachricht ankndigen konnte.

Das junge Mdchen vermochte zuerst nicht einmal die Kraft zu finden, sich
anzukleiden. Sie stie in einem fort durchdringende Schreie aus und
berlie sich ganz haltlos der schrecklichsten Verzweiflung. "Wie ist es
mglich, oh! Gott!" schrie sie, "da ich so unvorbereitet sterben mu?"

Lucrezia dagegen benahm sich ganz gefat; erst kniete sie nieder und
betete, dann forderte sie gelassen ihre Tochter auf, sich mit ihr in die
Kapelle zu begeben, um sich mit ihr auf den groen bergang vom Leben zum
Tode vorzubereiten.

Dies Wort gab Beatrice ihre ganze Ruhe wieder; soviel Malosigkeit und
Aufwallung sie zuerst gezeigt hatte, so gefat und verstndig war sie nun,
seit ihre Stiefmutter ihre groe Seele zu sich selbst zurckgerufen hatte.
Von diesem Augenblick an war sie ein Spiegel der Standhaftigkeit, den ganz
Rom bewundert hat.

Sie verlangte einen Notar, um ihr Testament zu machen, was ihr bewilligt
wurde. Sie bestimmte, da ihr Leichnam nach San Pietro in Montorio
gebracht werde und hinterlie den Nonnen der Wundmale des Heiligen
Franziskus 300 000 Francs, welche Summe dazu dienen sollte, fnfzig arme
Mdchen auszustatten. Dieses Beispiel bewegte auch die Signora Lucrezia
dazu, da sie ihr Testament machte und die Anordnung traf, ihren Leichnam
nach San Giorgio zu berfhren; sie hinterlie 500 000 Francs Almosen fr
diese Kirche und machte noch andere fromme Legate.

Um acht Uhr beichteten sie, hrten darauf die Messe und nahmen das Heilige
Abendmahl. Aber bevor sie zur Messe gingen, erwog Beatrice, da es nicht
passend sei, auf dem Schafott, vor den Augen des ganzen Volks mit den
reichen Gewndern zu erscheinen, die sie trugen. Sie bestellte zwei
Kleider, das eine fr sich, das andere fr ihre Mutter. Die Gewnder
wurden wie Nonnenkutten gearbeitet, ohne Aufputz an Brust und Schultern,
nur gefltelt mit weiten rmeln. Das Kleid der Stiefmutter war aus
schwarzer Baumwolle, das des jungen Mdchens aus blauem Taft mit einer
dicken Schnur, welche den Grtel bildete.

Als man die Kleider brachte, erhob sich Signora Beatrice, die auf den
Knien lag und sagte der Signora Lucrezia: "Frau Mutter, die Stunde unsres
Leidens nhert sich, es wird gut sein, da wir uns bereiten; legen wir
diese neuen Gewnder an und leisten wir uns zum letztenmal gegenseitig den
Dienst, uns anzukleiden.[sic! Fehlt: "]

Man hatte auf dem Platz vor der Engelsbrcke ein Schafott errichtet. Um
die dreizehnte Stunde (acht Uhr morgens) brachte die Brderschaft der
Barmherzigkeit ihr groes Kruzifix zur Tr des Gefngnisses. Giacomo Cenci
schritt als erster aus dem Kerker; er kniete fromm auf der Schwelle
nieder, betete und kte die heiligen Wunden des Gekreuzigten. Ihm folgte
sein junger Bruder Bernardo Cenci, der gleich ihm gebundene Hnde und ein
kleines Brett vor den Augen hatte. Die Menge war ungeheuer und es entstand
ein Tumult, weil eine Vase aus einem Fenster fast auf den Kopf eines der
Bubrder fiel, der eine brennende Fackel zur Seite des Banners trug.

Alles sah auf die beiden Brder, als unversehens der Fiskal von Rom
hervortrat und sagte: "Signor Bernardo, unser Heiliger Vater schenkt Euch
das Leben, fgt Euch darein, Eure Verwandten zu begleiten und bittet Gott
um Gnade fr sie."

Sogleich nahmen ihm seine beiden Begleiter das kleine Brett fort, das er
vor den Augen trug. Der Henker machte Giacomo Cenci fr den Karren bereit
und hatte ihm schon sein Gewand ausgezogen, um ihn mit der Zange zwicken
zu knnen. Als der Henker zu Bernardo kam, beglaubigte er die
Unterzeichnung der Begnadigung, band ihn los, nahm ihm die Handschellen ab
und weil er wegen der Marter mit der Zange ohne Rock war, setzte ihn der
Henker auf den Karren und hllte ihn in einen prchtigen Tuchmantel mit
goldenen Tressen. Man sagte, da es der Mantel sei, den Beatrice nach der
Tat in der Festung La Petrella Marcio gegeben hatte. Die ungeheure Menge
in den Straen an den Fenstern und auf den Dchern kam pltzlich in
Bewegung; man hrte ein dumpfes, tiefes Murmeln, man begann weiterzusagen,
da dieses Kind begnadigt sei.

Die Psalmgesnge begannen und die Prozession bewegte sich langsam ber die
Piazza Navona nach dem Gefngnis Savella. An der Tre des Gefngnisses
angelangt, hlt man an. Die beiden Frauen traten heraus, verrichteten ihr
Gebet zu Fen des Heiligen Kruzifixes, und folgten dann zu Fu, eine
hinter der andern, Sie waren so gekleidet, wie schon erzhlt worden ist,
und hatten das Haupt mit einem groen Schleier bedeckt, der fast bis zum
Grtel hing.

Signora Lucrezia trug, wie es fr eine Witwe blich war, einen schwarzen
Schleier und Pantoffeln aus schwarzem Samt, ohne Abstze.

Der Schleier des jungen Mdchens war aus blauem Taft wie ihr Kleid, sie
trug ein silbriges Gewebe um die Schultern, ein Unterkleid aus violettem
Tuch und Pantoffeln aus weiem Samt, die mit karmesinroten Schnren
zierlich verschnrt waren. Sie hatte eine eigenartige Anmut, als sie in
diesem Kostm dahinschritt, und in aller Augen traten Trnen, als man sie
bemerkte, die langsam in den letzten Reihen der Prozession dahinschritt.

Beide Frauen hatten die Hnde frei, aber die Arme am Krper festgebunden,
und zwar so, da jede von ihnen ein Kruzifix tragen konnte; sie hielten es
dicht an die Augen. Die rmel ihrer Kleider waren sehr weit, so da man
ihre Arme sehen konnte, nach der Sitte des Landes mit einem an den
Handgelenken geschlossenen Hemd bedeckt.

Signora Lucrezia, die weniger starken Herzens war, weinte fast ohne
aufzuhren; dagegen zeigte die junge Beatrice groen Mut; sie richtete den
Blick auf jede der Kirchen, an denen die Prozession vorberkam, kniete
einen Augenblick nieder und sagte mit fester Stimme: Adoramus te, Christe!

Whrend dieser Zeit wurde der arme Giacomo Cenci auf seinem Karren mit
Zangen gezwickt und zeigte groen Mut.

Die Prozession konnte kaum den unteren Teil des Platzes an der
Engelsbrcke berschreiten, so zahlreich waren die Wagen und die
Volksmassen. Man fhrte sogleich die Frauen in die Kapelle, welche man
errichtet hatte, und brachte auch Giacomo dahin.

Der junge Bernardo wurde in seinem reichverzierten Mantel geradenwegs aufs
Schafott gefhrt; da glaubten alle, da er sterben solle und da er nicht
begnadigt worden sei.

Das arme Kind hatte solche Angst, da es beim zweiten Schritt auf dem
Schafott ohnmchtig hinfiel. Man brachte ihn mit frischem Wasser wieder zu
sich, und setzte ihn gegenber dem Fallbeil nieder.

Der Henker ging, um Signora Lucrezia zu holen; ihre Hnde waren auf dem
Rcken gebunden und sie hatte nicht mehr den Schleier um die Schultern.
Sie erschien mit dem Banner geleitet auf dem Richtplatz, den Kopf in den
Taftschleier gehllt; dort befahl sie ihre Seele Gott und kte die
heiligen Wundmale. Man sagte ihr, da sie ihre Pantoffeln auf dem Pflaster
zurcklassen msse; da sie sehr stark war, machte es ihr Mhe, aufs
Schaffot zu steigen. Als sie oben war und man ihr den schwarzen
Taftschleier fortnahm, war es ihr sehr schmerzlich, da man sie mit
entblter Brust und Schultern sehen sollte; sie blickte an sich herunter,
sah dann das Beil an und hob langsam zum Zeichen der Ergebung die
Schultern; Trnen traten in ihre Augen, sie sagte: "O mein Gott! ... Und
Ihr, meine Brder, betet fr meine Seele."

Da sie nicht wute, wie sie sich zu verhalten habe, fragte sie Alexander,
den ersten Henker danach. Er sagte, sie solle sich rittlings auf den
Balken des Schafotts setzen. Aber diese Stellung beleidigte ihr
Schamgefhl und sie brauchte viel Zeit dazu. Die Einzelheiten, die jetzt
folgen, sind fr ein italienisches Publikum, das alles mit peinlichster
Genauigkeit wissen will, ertrglich; aber dem nicht-italienischen Leser
mge gengen, da die arme Frau durch ihr Schamgefhl eine Verletzung an
der Brust davontrug; der Henker zeigte das Haupt dem Volke und umhllte es
dann mit dem schwarzen Taftschleier.

Whrend man das Schafott fr das junge Mdchen herrichtete, strzte ein
Gerst, das von Neugierigen berfllt war, ein, und viele Menschen wurden
dabei gettet. So erschienen sie noch frher als Beatrice vor Gott.

Als Beatrice das Banner zur Kapelle zurckkehren sah, um sie zu holen,
fragte sie lebhaft:

"Ist meine Frau Mutter schon tot?"

Man bejahte und sie warf sich vor dem Kruzifix auf die Knie und betete mit
Inbrunst fr ihre Seele. Dann sprach sie lange mit lauter Stimme zum
Kruzifix:

"Herr, du bist fr mich zurckgekehrt, und ich will Dir aus freiem Willen
folgen, denn ich verzweifle nicht an Deinem Erbarmen fr meine
unermeliche Snde."

Sie wiederholte dann noch mehrere Psalmen und Gebete zum Lobe Gottes. Als
endlich der Henker mit einem Strick vor ihr erschien, sagte sie:

"Binde diesen Krper, der gestraft werden mu und erlse diese Seele,
damit sie zur Unsterblichkeit und zur ewigen Herrlichkeit gelange."

Dann erhob sie sich, sprach das Gebet und lie ihre Pantoffeln am Fu der
Treppe stehen; auf dem Schafott schwang sie schnell das Bein ber den
Balken, legte den Hals unter das Fallbeil und ordnete alles ganz allein,
um sich nicht von dem Henker berhren zu lassen. Durch die Schnelligkeit
ihrer Bewegungen vermied sie, dem Publikum Hals und Schultern zu zeigen,
als ihr der Taftschleier abgenommen wurde. Es brauchte lange, bis der
Streich gefllt wurde, weil ein Hindernis eingetreten war. Whrend dieser
Zeit rief sie mit lauter Stimme Jesus Christus und die Heilige Jungfrau
an. Ein zeitgenssischer Autor erzhlt, da Clemens VIII. sehr besorgt um
das Seelenheil Beatrices war; da er wute, da sie sich unschuldig
verurteilt fhlte, frchtete er eine Regung des Aufruhrs. Im Augenblick,
als sie ihren Kopf unter das Beil gelegt hatte, gab man von der
Engelsburg, von wo man das Schafott gut sehen konnte, einen Kanonenschu
ab. Der Papst, der im Gebet auf Monte Cavallo war, gab, sobald er dies
Signal hrte, dem jungen Mdchen die ppstliche Absolution major in
articulo mortis. Daher der Aufenthalt in diesem schrecklichen Augenblick,
von dem der Chronist spricht. Der Krper machte im verhngnisvollen
Augenblick eine heftige Bewegung. Der arme Bernardo Cenci, der immer noch
auf dem Schafott sa, fiel von neuem in Ohnmacht und seine Trster
brauchten eine gute halbe Stunde, um ihn wiederzubeleben. Dann erschien
Giacomo Cenci auf dem Schafott; aber auch hier mu man ber zu
schreckliche Einzelheiten hinweggehen. Giacomo Cenci wurde mit der Keule
zu Tode geschlagen.

Sofort fhrte man Bernardo in das Gefngnis zurck, er hatte starkes
Fieber und man lie ihn zur Ader.

Was die armen Frauen betrifft, wurde jede in ihren Sarg gebettet und
einige Schritte vom Schafott entfernt bei der Statue des Heiligen Paulus
aufgestellt, welche die erste auf der rechten Seite der Engelsbrcke ist.
Sie blieben dort bis viereinviertel Uhr nach Mittag. Um jeden Sarg standen
vier brennende Kerzen aus weiem Wachs.

Dann wurden sie mit dem, was von Giacomo Cenci noch geblieben war, zum
Palast des Konsuls von Florenz gebracht. Um neuneinviertel Uhr abends
wurde der Leichnam des jungen Mdchens, wieder mit Kleidern angetan und
verschwenderisch mit Blumen bekrnzt, nach San Pietro in Montorio
gebracht. Sie war von hinreiender Schnheit, man konnte glauben, sie
schliefe. Sie wurde vor dem groen Altar mit der Verklrung Christi des
Raffael von Urbino beigesetzt. Sie wurde von fnfzig groen brennenden
Wachskerzen geleitet und von allen Franziskanermnchen Roms.

Lucrezia Petroni wurde um zehn Uhr abends nach der Kirche von San Giorgio
berfhrt. Whrend dieser Tragdie war die Volksmenge unzhlig; so weit
der Blick schweifen konnte, sah man die Straen von Wagen und Menschen,
ebenso die Gerste, die Fenster und die Dcher von Neugierigen bedeckt.
Die Sonne hatte an diesem Tag eine solche Kraft, da viele Leute die
Besinnung verloren. Unzhlige bekamen Fieber; und als alles um die
neunzehnte Stunde (3/4 2 Uhr) beendet war und die Massen sich zerstreuten,
wurden viele Leute erdrckt, andere durch Pferde zermalmt. Die Zahl der
Toten war sehr betrchlich.

Signora Lucrezia Petroni war eher klein als gro und, obschon fnfzig
Jahre alt, sah sie noch sehr gut aus. Sie hatte sehr schne Zge, eine
kleine Nase, schwarze Augen, eine sehr weie Gesichtshaut mit schnen
Farben; sie hatte wenig und kastanienbraunes Haar.

Beatrice Cenci, die in Ewigkeit Mitleid erwecken wird, war gerade sechzehn
Jahre alt; sie war klein, hatte eine leibliche Flle und Grbchen auf den
Wangen, so da man, als sie tot, von Blumen bekrnzt, dalag, htte glauben
knnen, da sie schlafe, ja sogar, da sie im Schlafe lache, wie es ihr
oft im Leben geschah. Sie hatte einen kleinen Mund und blondes von selbst
gelocktes Haar. Auf dem Weg zum Tode fiel ihr dies blonde lockige Haar
ber die Augen, was ihr einen besonderen Reiz verlieh und Mitleid
erweckte.

Giacomo Cenci war klein, dick, mit weier Haut und schwarzem Bart, er war
fast sechsundzwanzig Jahre alt, als er starb.

Bernardo Cenci hnelte vllig seiner Schwester, und da er die Haare lang
wie sie trug, hielten ihn viele Leute, als er das Schafott bestieg, fr
Beatrice.

Die Sonne war so glhend gewesen, da mehrere Zuschauer dieser Tragdie
noch in der Nacht starben, unter ihnen Ubaldo Ubaldini, ein selten schner
Jngling, der sich bisher immer vollkommener Gesundheit erfreut hatte. Er
war der Bruder des in Rom sehr bekannten Signor Renzi. So stiegen die
Schatten der Cenci wohlgeleitet hinunter.

Gestern, am Dienstag, dem 14. September 1599, machten die Ber von San
Marcello gelegentlich des Festes des heiligen Kreuzes von ihrem Vorrecht
Gebrauch, um Bernardo Cenci aus seinem Gefngnis zu befreien, der sich
dafr verpflichtete, binnen eines Jahres 400 000 Francs fr die
allerheiligste Dreifaltigkeit von Pontus Sixtus zu stiften.

Von anderer Hand ist hier hinzugefgt:

Von ihm stammen Francesco und Bernardo Cenci ab, die heute noch leben.

Der berhmte Farinacci, der durch seine Hartnckigkeit das Leben des
jungen Cenci rettete, hat sein Plaidoyer verffentlicht. Er gibt nur einen
Auszug aus dem Plaidoyer Nr. 66, das er Clemens VIII. zu Gunsten der Cenci
vortrug. Dies Plaidoyer, in lateinischer Sprache verfat, wrde sechs
groe Seiten ausfllen, und leider kann ich es hier nicht unterbringen; es
zeichnet die Art des Denkens von 1599; und es scheint mir sehr vernnftig.
Viele Jahre nach 1599 fgte Farinacci, als er sein Plaidoyer herausgab,
folgende Bemerkung dem hinzu, was er zu Gunsten der Cenci gesagt hatte:
Omnes fuerunt ultimo supplicio effecti, excepto Bernardo qui ad triremes
cum bonorum confiscatione condemnatus fuit, ac etiam ad interessendum
aliorum morti prout interfuit.

Das weitere dieser lateinischen Anmerkung ist rhrend, aber ich vermute,
da der Leser einer so langen Erzhlung schon mde ist.




ZU VIEL GUNST SCHADET

BERTRAGEN VON M. VON MUSIL


In einer Stadt Toskanas, die ich nicht nennen werde, gab es im Jahre 1589
und gibt es noch heute ein dsteres und weitlufiges Kloster. Seine
schwarzen wohl fnfzig Fu hohen Mauern verfinstern ein ganzes
Straenviertel. Drei Straen werden von diesen Mauern begrenzt; an der
vierten Seite breitet sich der Garten des Klosters aus, der bis zum
Stadtwall reicht. Diesen Garten umgibt eine weniger hohe Mauer. Die Abtei,
der wir den Namen Santa Riparata geben wollen, nimmt nur die Tchter des
hchsten Adels auf. Am 20. Oktober 1587 waren alle Glocken des Klosters in
Bewegung; die Kirche war fr die Glubigen offen und mit prachtvollen
Wandteppichen aus rotem mit reichen Goldfransen verziertem Damast
ausgeschlagen. Die fromme Schwester Virgilia, die Geliebte des neuen
Groherzogs von Toskana, Ferdinand I., war am Abend vorher zur btissin
von Santa Riparata erhoben worden, und der Bischof der Stadt, von seinem
ganzen Klerus gefolgt, war zur feierlichen Einsetzung gekommen. Die ganze
Stadt war in Aufregung und das Gedrnge in den Gassen um Santa Riparata so
gro, da es unmglich war, dort durchzukommen.

Der Kardinal Fernando Medici, der auf seinen Bruder Francesco gefolgt war,
jedoch ohne deshalb auf den Kardinalshut Verzicht zu leisten, war
sechsunddreiig Jahre alt und seit fnfundzwanzig Jahren Kardinal; er war
im Alter von elf Jahren zu dieser hohen Wrde erwhlt worden. Die
Regierung Francescos, der heute noch durch seine Liebe zu Bianca Capello
berhmt ist, war durch alle Torheiten, zu welchen die Vergngungssucht
einen wenig charakterstarken Frsten hinreien kann, gekennzeichnet. Auch
Ferdinand hatte sich einige Schwchen dieser Art vorzuwerfen. Seine Liebe
zu der Laien-Schwester Virgilia war in ganz Toskana berhmt; doch
besonders durch die Unschuld dieser ihrer Beziehungen wie man beifgen
mu; ebenso wie man sagen mu, da der dstere, heftige und
leidenschaftliche Groherzog Francesco das Aufsehen, das seine
Liebschaften erregten, wenig genug beachtete. Im ganzen Land sprach man
nur von der groen Tugend der Schwester Virgilia. Die Ordensregeln, die
sie als Laienschwester zu erfllen hatte, erlaubten es ihr, etwa drei
Viertel des Jahres bei der Familie zu verbringen; sie sah dann tglich den
Kardinal Medici, wenn er in Florenz war. Zwei Dinge setzten diese der
Wollust hingegebene Stadt an dieser Liebschaft eines reichen jungen
Frsten in Erstaunen, dem durch das Beispiel seines Bruders alles
gestattet war: die junge schchterne, nichts weniger als geistvolle
Schwester Virgilia war durchaus nicht hbsch und der junge Kardinal hatte
sie nie anders als in Gegenwart von zwei oder drei alten Damen aus der
edlen Familie Respuccio gesehen, der diese sonderbare Geliebte eines
jungen Prinzen von Geblt angehrte.

Groherzog Francesco starb am 19. Oktober 1587 gegen Abend. Am 20. Oktober
noch vor dem Mittag begaben sich die Adeligen des Hofs und die reichsten
Kaufleute -- denn man mu sich erinnern, da die Medici ursprnglich
Kaufleute gewesen waren; ihre Verwandten und die einflureichsten
Persnlichkeiten des Hofs trieben noch immer Handel, wodurch diese
Hflinge verhindert wurden, ganz so albern zu sein, wie ihresgleichen an
den anderen zeitgenssischen Hfen -- die ersten Hofherren und die
reichsten Kaufleute begaben sich also am Morgen des 20. Oktober in das
bescheidene Haus der Laienschwester Virgilia, die ber diesen Andrang sehr
erstaunt war.

Der neue Groherzog wollte weise und verstndig dem Glck seiner
Untertanen ntzlich sein; er wollte vor allem jede Intrige von seinem Hof
verbannen. Zur Macht gelangt fand er, da die Leitung des reichsten
Frauen-Klosters seines Staates, das allen vornehmen Tchtern, die von
ihren Eltern dem Glanz der Familie geopfert wurden, als Zuflucht diente,
unbesetzt war; er zgerte nicht, der Frau, die er liebte, die
btissinwrde zu verleihen.

Das Kloster von Santa Riparata gehrte zum Orden des heiligen Benedikt,
dessen Regeln den Nonnen nicht gestatten, die Klausur zu verlassen. Zum
groen Erstaunen des guten Volks von Florenz sah der Frst-Kardinal die
neue btissin nicht mehr, aber in seiner Herzenszartheit, die von allen
Frauen seines Hofs bemerkt und, wie man wohl sagen kann, allgemein
getadelt wurde, gestattete er sich berhaupt niemals, eine Frau unter vier
Augen zu sehn. Als diese Lebensfhrung offenbar war, verfolgte die
Dienstbeflissenheit der Hflinge die Schwester Virgilia bis in ihr
Kloster, und sie glaubten zu bemerken, da sie trotz ihrer ungewhnlichen
Bescheidenheit gar nicht unempfindlich gegen diese Aufmerksamkeit war, der
einzigen, die seine auerordentliche Tugend dem neuen Herrscher
gestattete.

Das Konvent von Santa Riparata mute oft Angelegenheiten behandeln, die
sehr zarter Natur waren: diese jungen Mdchen aus den reichsten Familien
von Florenz lieen sich nicht aus der so glnzenden Welt verbannen, aus
dieser so reichen Stadt, die damals der Hauptsitz des europischen Handels
war, ohne einen Teil ihres Herzens bei dem zurckzulassen, was man sie zu
verlassen zwang; oft erhoben sie laut Einspruch gegen die Ungerechtigkeit
ihrer Eltern; manchmal suchten sie Trstungen in der Liebe, und der Ha
wie die Rivalitt, die im Kloster herrschten, setzten die vornehme
Gesellschaft von Florenz in Aufregung. Dieser Stand der Dinge war der
Grund, da die btissin von Santa Riparata hufig genug Audienzen beim
regierenden Groherzog erhielt. Um die Vorschriften des Heiligen Benedikt
so wenig wie mglich zu bertreten, schickte der Groherzog der btissin
einen seiner Gala-Wagen, in dem zwei ihrer Hofdamen Platz nahmen, welche
die btissin bis in den Audienzsaal des weitlufigen groherzoglichen
Schlosses in der Via larga, begleiteten. Diese beiden Damen, die Beweise
der Klausur, wie man sie nannte, nahmen auf Lehnsesseln dicht an der Tre
Platz, whrend die btissin allein vorschritt, um mit dem Frsten zu
sprechen, der sie am uersten Ende des Saales erwartete, so da die
'Beweise der Klausur' nichts von dem, was whrend dieser Audienz gesagt
wurde, hren konnten.

Wieder andre Male begab sich der Frst in die Kirche von Santa Riparata,
wo man ihm das Chorgitter ffnete, damit die btissin Seine Hoheit
sprechen knne.

Diese beiden Arten der Audienz paten dem Groherzog keineswegs; sie
htten vielleicht einem Gefhl neue Kraft verleihen knnen, welches er
vermindern wollte. Indessen lie eine der Klosterangelegenheiten
delikatester Natur nicht lange auf sich warten: Die Liebesverhltnisse der
Schwester Felizia degli Almieri strten den Frieden. Die Familie degli
Almieri war eine der reichsten und mchtigsten in Florenz. Da zwei von den
drei Brdern, fr deren Eitelkeit man die junge Felizia geopfert hatte,
schon gestorben waren und der dritte keine Kinder hatte, bildete sich
diese Familie ein, einer Strafe des Himmels ausgesetzt zu sein. Die Mutter
und der berlebende Bruder gaben Felizia, trotz ihres Gelbdes der Armut,
die Gter, deren man sie beraubt hatte, um der Eitelkeit der Brder zu
frnen, in Form von Geschenken zurck.

Das Kloster von Santa Riparata zhlte damals dreiundvierzig Nonnen und
jede von ihnen hatte ihre Kammerfrau. Das waren junge, dem armen Adel
entnommene Mdchen, die an einer zweiten Tafel speisten und jeden Monat
vom Schatzmeister des Klosters einen Scudo fr ihre Auslagen erhielten.
Aber nach einem sonderbaren und fr den Frieden des Klosters nicht sehr
gnstigen Brauch, konnte man nur bis zum Alter von dreiig Jahren
Kammerfrau bleiben; an diesem Lebensabschnitt angelangt, verheirateten
sich diese Mdchen oder wurden in Klster niederen Ranges untergebracht.

Die sehr vornehmen Damen von Santa Riparata durften bis zu fnf
Kammerfrauen haben und die Schwester Felizia degli Almieri verlangte deren
acht. Alle jene Damen des Klosters, welche man fr galant hielt, und das
waren fnfzehn oder sechzehn, untersttzten die Forderungen Felizias,
whrend die sechsundzwanzig andren sich hchst entrstet darber zeigten
und davon sprachen, einen Appell an den Frsten zu richten.

Die neue btissin, die gute Schwester Virgilia, hatte lange nicht genug
Geist, um diese ernste Angelegenheit zu entscheiden; es schien, da beide
Parteien von ihr verlangten, die Sache zur Entscheidung dem Frsten zu
unterbreiten.

Schon begannen bei Hof alle Freunde der Familie degli Almieri zu sagen,
wie befremdlich es sei, da man ein Mdchen von so hoher Geburt, noch dazu
es ehemals so barbarisch von seiner Familie geopfert, nun wieder
verhindern wolle, von seinem Reichtum Gebrauch zu machen wie es wnsche,
besonders wo dieser Gebrauch so unschuldig wre. Von der anderen Seite
verfehlten die Familien der lteren oder weniger begterten Nonnen nicht,
zu antworten, es sei zum mindesten sonderbar, da eine Nonne, die das
Gelbde der Armut abgelegt habe, sich nicht mit fnf Kammerfrauen
zufrieden geben knne.

Der Groherzog wollte einen Klatsch, der die ganze Stadt in Aufregung
versetzen konnte, kurz beendigen. Seine Minister drngten ihn, der
btissin von Santa Riparata eine Audienz zu gewhren, und da dieses
Mdchen in seiner himmlischen Tugend und seinem bewundernswrdigem
Charakter seinen ganz in die Dinge des Himmels vertieften Geist
wahrscheinlich nicht zu der Kleinlichkeit eines so elenden Klatsches
herablassen wrde, mte der Groherzog ihr eine Entschlieung erffnen,
die sie nur auszufhren htte. 'Aber wie knnte ich diese Entschlieung
fassen,' sagte sich der verstndige Frst, 'wenn ich doch durchaus nichts
von den Grnden wei, welche die beiden Parteien geltend machen knnen?'
brigens wollte er sich auch nicht die mchtige Familie degli Almieri ohne
hinreichende Grnde zum Feinde machen.

Der intime Freund des Frsten war Graf Buondelmonte, der ein Jahr jnger
als er war. Sie kannten sich schon von der Wiege her, da sie die gleiche
Amme gehabt hatten, eine reiche schne Buerin von Casentino. Graf
Buondelmonte, reich, vornehm und einer der schnsten Mnner der Stadt, war
durch die auerordentliche Gleichgltigkeit und Klte seines Charakters
bekannt. Er hatte unverzglich abgelehnt, Premierminister zu werden, was
ihm Groherzog Ferdinand schon am Tage seiner Ankunft in Florenz
angetragen hatte.

'Ich an Eurer Stelle, Frst,' hatte ihm der Graf gesagt, 'wrde sogleich
abdanken; urteilt also selbst, ob ich der Minister des Frsten sein und
den Ha der halben Bevlkerung einer Stadt gegen mich entfesseln mchte,
in der ich mein Leben verbringen will!'

Mitten in den Unannehmlichkeiten am Hofe, welche dem Herzog durch die
Mihelligkeiten im Kloster von Santa Riparata erwachsen waren, fiel ihm
ein, da er die Freundschaft des Grafen anrufen knnte. Dieser brachte
sein Leben auf seinen Gtern zu, deren Pflege er mit viel Aufmerksamkeit
leitete. Tglich widmete er der Jagd oder dem Fischen zwei Stunden, je
nach der Jahreszeit. Niemals hatte man eine Geliebte bei ihm gesehn. Er
wurde durch den Brief des Frsten, der ihn nach Florenz rief, sehr
verstimmt; er wurde es noch viel mehr, nachdem der Frst ihm gesagt hatte,
da er ihn zum Vorsteher des Damenstifts von Santa Riparata ernennen
wolle.

"Wit," sagte ihm der Graf, "da ich beinahe vorzge, Premierminister
Eurer Hoheit zu sein. Der Frieden des Gemts ist meine Leidenschaft, und
was glaubt Ihr wohl soll aus mir inmitten all dieser wtenden Schflein
werden?"

"Was meinen Blick auf Euch gelenkt hat, mein Freund, ist, da man wei,
eine Frau hat niemals auch nur die Gnze eines Tags hindurch Eure Seele zu
beherrschen vermocht; ich bin weit entfernt davon, ebenso glcklich zu
sein; es fehlte nicht viel, da ich die gleichen Torheiten fortgesetzt
htte, die mein Bruder fr Bianca Capello begangen hat."

Jetzt begann der Frst ihm vertrauliche Mitteilungen zu machen, mit deren
Hilfe er seinen Freund zu verfhren gedachte. "Glaubt mir," sagte er ihm,
"wenn ich dieses so sanfte Mdchen wiedersehe, das ich zur btissin von
Santa Riparata gemacht habe, kann ich nicht mehr fr mich einstehn."

"Und was wre dabei?" sagte der Graf, "Wenn es Euch als ein Glck
erscheint, eine Geliebte zu haben, warum solltet Ihr dann keine nehmen?
Wenn ich keine habe, ist es, weil mich jede Frau durch ihre Klatscherei
und durch die Kleinlichkeit ihres Charakters langweilt, schon nach
dreitgiger Bekanntschaft."

"Ich," sagte der Groherzog, "ich bin Kardinal. Es ist wahr, da der Papst
mir die Erlaubnis erteilt hat, auf den Hut zu verzichten und mich in
Anbetracht der Krone, welche mir unvermutet zukam, zu verheiraten; aber
ich verlange gar nicht danach, in der Hlle zu brennen, und wenn ich mich
verheirate, werde ich eine Frau nehmen, welche ich nicht liebe und von der
ich Nachfolger fr meine Krone verlangen werde, und nicht die blichen
Sigkeiten der Ehe."

"Darauf habe ich nichts zu sagen," entgegnete der Graf, "ich kann nicht
glauben, da der Allmchtige Gott seinen Blick auf solche Kleinigkeiten
herabsenkt. Macht aus Euren Untertanen glckliche und ehrliche Leute, wenn
Ihr es knnt und habt im brigen sechsunddreiig Geliebte."

"Ich will nicht einmal eine haben," entgegnete der Frst lachend; "doch
ich wre dem sehr ausgesetzt, wenn ich die btissin von Santa Riparata
wiedershe. Das ist das vortrefflichste Mdchen der Welt und das
unfhigste, nicht nur ein Kloster voll junger widerwillig der Welt
entrissener Mdchen zu leiten, sondern selbst die verstndigste
Vereinigung alter und frommer Frauen."

Der Frst hatte eine so tiefe Furcht, Schwester Virgilia wiederzusehn, da
der Graf davon gerhrt wurde. 'Wenn er diesen vertrackten Eid bricht, den
er geleistet hat, als der Papst ihm gestattete zu heiraten,"[sic! statt:']
sagte er sich, "[sic! statt: ']ist er auch fhig, fr den Rest seines
Lebens ein verstrtes Herz davonzutragen.' Am nchsten Morgen begab er
sich ins Kloster von Santa Riparata, wo er mit der ganzen Neugier und
allen Ehren, die dem Abgesandten des Frsten gebhren, empfangen wurde.
Ferdinand hatte einen seiner Minister ins Kloster gesandt, um der btissin
und den Nonnen die Erklrung zu berbringen, da Staatsgeschfte ihn
verhinderten, sich mit ihrem Kloster zu beschftigen und da er seine
Machtvollkommenheit fr immer dem Grafen Buondelmonte bertragen habe,
dessen Entschlieungen unwiderruflich seien.

Nachdem er mit der guten btissin gesprochen hatte, war der Graf von dem
schlechten Geschmack des Frsten skandalisiert: sie hatte nicht einmal
gesunden Menschenverstand und war nichts weniger als hbsch. Der Graf fand
die Nonnen, welche Felizia degli Almieri verhindern wollten, zwei neue
Kammerfrauen zu nehmen, sehr garstig. Er hatte Felizia ins Sprechzimmer
rufen lassen. Sie lie mit Dreistigkeit antworten, da sie keine Zeit
htte, zu kommen, was den Grafen amsierte, den bis dahin seine Mission
recht gelangweilt hatte und der seine Geflligkeit gegen den Frsten
bereute.

Er sagte, da er es ebenso liebe, mit den Kammerfrauen zu sprechen wie mit
Felizia selber und lie die fnf Kammerfrauen ins Sprechzimmer rufen. Nur
drei stellten sich ein und erklrten im Namen ihrer Herrin, da sie sich
der Gesellschaft der zwei andren nicht berauben knnte, worauf der Graf
von seinen Rechten als Vertreter des Frsten Gebrauch machte und zwei
seiner Leute ins Kloster eindringen hie, die ihm die beiden
widerstrebenden Kammerfrauen herbeibrachten; und er amsierte sich eine
Stunde hindurch ber das Geschwtz dieser fnf hbschen jungen Mdchen.
Die den grten Teil der Zeit ber alle auf einmal sprachen. Erst hierbei,
durch das was sie, ihnen selbst unbewut, ihm verrieten, wurde dem
Stellvertreter des Frsten ein wenig klar, was im Kloster vorging. Nur
fnf oder sechs Nonnen waren bejahrt, zwanzig etwa waren fromm, obgleich
sie jung waren, aber die andern, jung und hbsch, hatten Liebhaber in der
Stadt. In Wahrheit, sie konnten sie nur sehr selten sehen; aber wie
machten sie es berhaupt mglich? Das wollte der Graf nicht die
Kammerfrauen Felizias fragen, aber er versprach sich, es bald zu wissen,
indem er Beobachter rings um das Kloster aufstellte.

Er erfuhr zu seinem groen Erstaunen, da es intime Freundschaften unter
den Nonnen gab und vor allem dies die Ursache des Hasses und der inneren
Zwistigkeiten war. So hatte zum Beispiel Felizia als intime Freundin
Rodelinde di P**; Celia, nach Felizia die Schnste des Klosters, hatte die
junge Fabiana zur Freundin. Jede dieser Damen hatte ihre adlige
Kammerfrau, welche mehr oder weniger in Gunst stand. Zum Beispiel hatte
Martona, die adlige Kammerfrau der btissin, deren Gunst dadurch erworben,
da sie sich noch frmmer als sie zeigte. Sie betete auf den Knien tglich
fnf bis sechs Stunden zu Seiten der btissin, aber diese Zeit wurde ihr
sehr lang, wie die Kammerfrauen sagten.

Der Graf erfuhr auerdem, da Roderigo und Lancelotto die Namen zweier
Liebhaber dieser Damen waren, anscheinend von Felizia und Rodelinde; aber
er wollte keine direkte Frage stellen.

Die Stunde, die er mit den Frauen verbrachte, erschien ihm nicht im
geringsten lang, aber Felizia erschien sie endlos; sie fhlte sich durch
diesen Stellvertreter des Frsten in ihrer Wrde beleidigt, der sie zu
gleicher Zeit des Dienstes ihrer fnf Kammerfrauen beraubte. Sie konnte
nicht an sich halten, und da sie von weitem den Lrm aus dem Sprechzimmer
hrte, drang sie dort ein, obwohl ihre Wrde ihr sagte, da diese Art, aus
einer ungeduldigen Laune heraus nun doch zu erscheinen, lcherlich
aussehen konnte, nachdem sie die offizielle Einladung des Abgesandten des
Frsten ausgeschlagen habe. 'Aber ich werde das Gackern dieses kleinen
Herrn wohl parieren', sagte sich die herrische Felizia.

Sie brach also in das Sprechzimmer ein, grte den Abgesandten des Frsten
sehr nachlssig und befahl einer ihrer Frauen ihr zu folgen.

"Signora, wenn dies Mdchen Euch gehorcht, werde ich meine Leute ins
Kloster eintreten lassen und sie werden es sofort wieder zurckfhren."

"Ich werde sie bei der Hand nehmen; werden Eure Leute wagen, Gewalt
anzuwenden?"

"Meine Leute werden in dieses Sprechzimmer sie und Euch fhren, Signora."

"Und mich?"

"Und Euch selbst; und wenn es mir beliebt, werde ich Euch aus diesem
Kloster fortfhren lassen und Ihr werdet in irgendeinem armen kleinen, auf
dem Gipfel irgendeines Berges des Apennin gelegenen Klosters fortfahren an
Eurem Heil zu arbeiten. Ich vermag dies und noch ganz andere Dinge zu
tun."

Der Graf bemerkte, da die fnf Kammerfrauen erbleichten; auch die Wangen
Felizias frbten sich in einer leichten Blsse, die sie noch schner
machte.

'Dies ist sicherlich,' sagte sich der Graf, 'die schnste Person, der ich
in meinem Leben begegnet bin, man mu die Szene lnger dauern lassen.' Sie
dauerte in der Tat gegen dreiviertel Stunden. Felizia zeigte dabei einen
Geist und vor allem ein so stolzes Wesen, da der Stellvertreter des
Frsten sich sehr damit unterhielt. Gegen Ende der Unterredung hatte sich
der Ton sehr gemildert und Felizia erschien dem Grafen minder schn. 'Man
mu ihr ihren Zorn wiedergeben', dachte er. Er erinnerte sie daran, da
sie das Gelbde des Gehorsams abgelegt habe und da, wenn sie in Zukunft
auch nur einen Schatten von Widerstand gegen die frstlichen Befehle
zeige, die er dem Kloster bermittle, er es fr ihr Seelenheil ntzlich
halten werde, sie auf sechs Monate in das langweiligste Kloster des
Apennin zu schicken.

Daraufhin wurde Felizia prchtig vor Zorn. Sie sagte ihm, da die heiligen
Mrtyrer mehr als dies durch die Barbarei der rmischen Imperatoren
gelitten htten.

"Ich bin nicht Imperator, Signora, und ebensowenig brachten die Mrtyrer
die ganze Gesellschaft in Aufruhr, um zwei Kammerfrauen mehr zu bekommen,
wenn sie ohnedies fnf so liebenswrdige wie diese Fruleins hatten." Er
grte[sic! statt: grte] sie sehr kalt und ging fort, ohne ihr Zeit zu
einer Antwort zu lassen, und sie blieb wtend zurck.

Der Graf blieb in Florenz und kehrte gar nicht mehr auf seine Gter
zurck; er war neugierig, zu erfahren, was eigentlich im Kloster von Santa
Riparata vor sich ging. Einige Kundschafter, die ihm die Polizei des
Frsten beistellte, in der Nhe des Klosters und rings um die unermelich
groen Grten postiert, die es beim Tor, das nach Fiesole fhrt, besitzt,
hatten ihm bald alles, was er zu wissen wnschte, mitteilen knnen:
Roderigo L**, einer der reichsten und lderlichsten Jungen der Stadt, war
Felizias Liebhaber, und ihre vertraute Freundin, die sanfte Rodelinde, war
die Geliebte Lancelotto P***s, eines jungen Mannes, der sich in den
Kriegen, die Florenz gegen Pisa fhrte, sehr ausgezeichnet hatte. Diese
jungen Leute hatten groe Schwierigkeiten zu berwinden, um in das Kloster
einzudringen. Die Strenge war verdoppelt worden, oder vielmehr, die alte
Freiheit war seit der Thronbesteigung des Groherzogs Ferdinand vollkommen
unterdrckt worden. Die btissin Virgilia wollte die Ordensregel in ihrer
ganzen Strenge durchfhren lassen, aber ihre Einsicht und ihr Charakter
entsprachen diesen guten Absichten nicht, und die Kundschafter des Grafen
berichteten ihm, da kaum ein Monat verginge, ohne da es Roderigo,
Lancelotto und noch zwei oder drei junge Leute, welche Beziehungen im
Kloster hatten, dahin brachten, ihre Geliebten zu sehen. Die
Unermelichkeit der Grten des Klosters hatte den Bischof gentigt, nur
die Existenz von zwei Tren zu dulden, die auf den weiten Raum hinter der
Schutzmauer im Norden der Stadt fhrten. Die pflichtlosen Nonnen -- und
diese bildeten weitaus die Mehrheit im Kloster -- kannten diese
Einzelheiten nicht mit solcher Gewiheit wie der Graf; aber sie vermuteten
sie und nutzten die Existenz solchen Mibrauchs, um den Manahmen der
btissin nicht zu gehorchen, wenn es ihnen nicht pate.

Es war dem Grafen klar, da es nicht leicht sein wrde, die Ordnung in
diesem Kloster wiederherzustellen, so lang eine solch schwache Frau wie
die btissin Virgilia es leitete. Er sprach in diesem Sinne zum
Groherzog, der ihn zur uersten Strenge aufforderte, aber gleichzeitig
nicht im geringsten gewillt zu sein schien, seiner ehemaligen Freundin den
Kummer anzutun, sie wegen Unfhigkeit in ein andres Kloster zu versetzen.

Der Graf kehrte nach Santa Riparata zurck, ganz entschlossen, uerste
Strenge anzuwenden, um sich so bald wie mglich der Last zu entledigen,
die er unvorsichtiger Weise auf sich genommen hatte. Felizia ihrerseits
war noch gereizt ber die Art, wie der Graf zu ihr gesprochen hatte, und
fest entschlossen, die nchste Zusammenkunft auszuntzen, den Ton wieder
zu finden, der fr den hohen Adel ihrer Familie und fr die Stellung
passend war, die sie in der Gesellschaft einnahm. Bei seiner Ankunft im
Kloster lie der Graf unverzglich Felizia rufen, um sich des heikelsten
Teils seiner Arbeit gleich zu entledigen. Felizia kam, schon vom
lebhaftesten Zorn bewegt, in das Sprechzimmer, aber der Graf fand sie sehr
schn; er war feiner Kenner in diesen Dingen. 'Bevor wir dieses
prachtvolle Antlitz verstren,' sagte er sich, 'lassen wir uns Zeit, es
gut anzuschauen.' Felizia bewunderte unwillkrlich den verstndigen kalten
Ton dieses schnen Mannes, der in seinem vollstndig schwarzen Kostm, das
er fr die Funktion im Kloster schicklich fand, wirklich bemerkenswert
aussah. 'Ich glaubte, weil er ber fnfunddreiig Jahre ist,' sagte sich
Felizia, 'da er ein lcherlicher Alter sein wrde, wie unsere
Beichtvter, aber ich finde statt dessen einen Mann, der wirklich dieses
Namens wrdig ist. Er trgt freilich nicht die auffallenden Kleider, die
einen groen Teil der Verdienste Roderigos und vieler junger Leute, die
ich gekannt habe, ausmachten; in der Menge der Goldstickerei und des
Samtes ist er ihnen sehr untergeordnet; aber wenn er wollte, knnte er in
einem Augenblick ber diese Art des Verdienstes verfgen, whrend die
andern, denke ich, recht viel Mhe htten, die kluge, verstndige und
wirklich interessante Unterhaltung des Grafen Buondelmonte nachzuahmen.'
Felizia legte sich nicht genau Rechenschaft ab, was es war, das diesem
groen, in schwarzem Sammet gekleideten Mann, mit dem sie sich schon seit
einer Stunde von den verschiedensten Dingen unterhielt, einen eigenartigen
Ausdruck gab.

Obgleich er mit Sorgfalt alles vermied, was sie htte reizen knnen, war
der Graf weit davon entfernt, ihr in allem nachzugeben, so wie es
nacheinander die Mnner getan hatten, welche diesem schnen stolzen
Mdchen nher getreten waren, von dem bekannt war, da es Liebhaber habe.
Weil der Graf gar keine Absichten hatte, war er einfach und natrlich mit
ihr, nur hatte er bis dahin vermieden, die Dinge, die ihren Zorn erregen
konnten, nher zu besprechen. Trotzdem war es notwendig, zu den
Forderungen der stolzen Nonne zu kommen; man hatte bereits von der
Unordnung im Kloster gesprochen.

"In der Tat, Signora, was hier alles in Aufruhr versetzt, ist die in
gewisser Hinsicht ja vielleicht gerechtfertigte Forderung, zwei
Kammerfrauen mehr als die andern zu haben, welche eine der
bemerkenswertesten Persnlichkeiten des Klosters stellt."

"Was hier alles in Aufruhr versetzt, ist die Charakterschwche der
btissin, welche uns mit einer gnzlich neuen Strenge behandeln will, von
der man niemals einen Begriff gehabt hat. Es kann ja sein, da es Klster
gibt, wo die Mdchen wirklich fromm sind, die Zurckgezogenheit lieben und
davon getrumt haben, wirklich die Gelbde der Armut, des Gehorsams und
dergleichen zu erfllen, die man ihnen mit siebzehn Jahren abverlangt hat;
was uns betrifft, haben uns unsre Familien hier untergebracht, um den
ganzen Reichtum des Hauses unsren Brdern zu lassen. Wir haben keine andre
Berufung, als die Unmglichkeit, zu entfliehn und anderswo als im Kloster
zu leben, da unsre Vter uns nicht mehr in ihren Palsten aufnehmen
wollen. brigens, als wir diese in den Augen der Vernunft so nichtigen
Gelbde abgelegt haben, waren wir alle ein oder mehrere Jahre
Pensionrinnen im Kloster gewesen und jede von uns nahm an, den gleichen
Grad von Freiheit genieen zu drfen, den wir damals an den Nonnen sahen.
Und ich versichere Ihnen, Herr Vikar des Frsten, die Tre der Mauer war
bis Tagesanbruch offen und alle diese Damen sahen ihre Freunde unbehindert
im Garten. Niemand dachte daran, diese Art des Lebens zu tadeln und wir
alle glaubten, wenn wir erst Nonnen wren, ebensoviel Freiheit und ein
ebenso glckliches Leben zu genieen, wie diejenigen unsrer Schwestern,
denen der Geiz unsrer Eltern erlaubt hatte, zu heiraten. (In der ersten
Unterhaltung hatte sie ihm ihr Verhltnis zu Roderigo und ihre andern
Liebschaften -- es waren drei -- gestanden.) Es ist wahr, alles ist
verndert, seit wir einen Frsten haben, der fnfundzwanzig Jahre seines
Lebens Kardinal war. Herr Vikar, Ihr knnt in dieses Kloster Soldaten oder
sogar Dienerschaft, wie Ihr es neulich getan habt, eintreten lassen. Sie
werden uns Gewalt antun, wie Eure Diener meinen Frauen Gewalt angetan
haben, und das aus dem wrdigen und einzigen Grund, weil sie die Strkeren
waren. Aber Euer Stolz darf nicht glauben das geringste Recht ber uns zu
haben. Wir sind mit Gewalt in dieses Kloster gebracht worden, man hat uns
Eide und Gelbde im Alter von sechzehn Jahren mit Gewalt abgezwungen und
endlich ist auch die langweilige Art des Lebens, der Ihr uns unterwerfen
wollt, nicht im geringsten die, welche wir an den Nonnen dieses Klosters
sahen, zur Zeit als wir die Gelbde ablegten. Selbst wenn man diese
Gelbde als gesetzmig anerkennen wollte, haben wir doch hchstens
versprochen, so zu leben wie sie, und Ihr wollt uns leben lassen, wie sie
niemals gelebt haben. Ich mu Euch gestehen, Herr Vikar, da ich Wert auf
die Achtung meiner Mitbrger lege. In den Zeiten der Republik htte man
diese unwrdige Unterdrckung nie geduldet, die an jungen Mdchen begangen
wird, die nie andres Unrecht getan haben, als da sie in wohlhabenden
Familien geboren sind und Brder haben. Ich habe die Gelegenheit
gewnscht, diese Dinge in der ffentlichkeit oder wenigstens zu einem
verstndigen Menschen zu sagen. Was die Zahl meiner Frauen betrifft, liegt
mir sehr wenig dran. Zwei und nicht fnf oder sieben wrden mir reichlich
gengen; ich knnte darauf bestehn, sieben zu verlangen, bis man sich die
Mhe gegeben hat, den unwrdigen Betrug, dessen Opfer wir sind,
abzustellen, wovon ich Ihnen jetzt einiges mitgeteilt habe; doch weil Euer
Anzug aus schwarzem Sammet Euch sehr gut steht, Herr Vikar des Frsten,
erklre ich Euch, da ich fr dies Jahr auf das Recht verzichte, so viele
Dienerinnen zu haben, wie ich bezahlen knnte."

Graf Buondelmonte ward sehr ergtzt durch diese Aufstndigkeit; er lie
sie andauern, indem er die lcherlichsten Einwnde machte, die ihm nur
einfallen mochten. Felizia antwortete mit entzckendem Feuer und Geist.
Der Graf sah in ihren Augen das ganze Staunen, das dieses junge Mdchen
von zwanzig Jahren empfand, als sie solche Albernheiten aus dem Mund eines
scheinbar verstndigen Mannes hrte.

Der Graf verabschiedete sich von Felizia und lie die btissin rufen, der
er weise Ratschlge gab; er berichtete dem Frsten, da die Unruhen im
Kloster von Santa Riparata beigelegt wren, erhielt viel Lobsprche fr
seine tiefe Weisheit und kehrte endlich auf seine Lndereien zurck. Aber
fters sagte er sich: 'Es gibt also ein junges Mdchen, das wohl fr das
schnste Frauenzimmer der Stadt gelten wrde, wenn es in der Welt lebte,
und das nicht ganz wie eine Puppe urteilt.'

Doch im Kloster fanden groe Ereignisse statt. Nicht alle Nonnen urteilten
klar und scharf wie Felizia; aber fast alle jungen langweilten sich
tdlich. Ihr einziger Trost war es, Karikaturen zu zeichnen und satirische
Sonette auf einen Frsten zu machen, der fnfundzwanzig Jahre lang
Kardinal war und als er auf den Thron gelangte, nichts besseres zu tun
wute, als seine Geliebte nicht mehr zu sehen und sie in ihrer Eigenschaft
als btissin zu beauftragen, arme junge Mdchen zu rgern, die der Geiz
ihrer Eltern ins Kloster verstoen hatte.

Wie wir schon gesagt haben, war die sanfte Rodelinde die vertraute
Freundin Felizias. Ihre Freundschaft schien sich zu verdoppeln, seit
Felizia ihr gestanden hatte, da seit ihren Unterhaltungen mit dem Grafen
Buondelmonte, diesem ltern Mann, der schon ber sechsunddreiig Jahre
zhlte, ihr Geliebter Roderigo, um es kurz zu sagen, ihr sehr langweilig
erschien. Felizia hatte sich in diesen ernsten Grafen verliebt; die
endlosen Gesprche, die sie mit ihrer Freundin Rodelinde ber diesen
Gegenstand fhrte, zogen sich manchmal bis zwei Uhr, drei Uhr des Morgens
hin. Nun sollte nach der Ordensregel des heiligen Benedikt, welche die
btissin in ihrer ganzen Strenge wieder einfhren wollte, sich eine Stunde
nach Sonnenuntergang jede Nonne in ihre Gemcher zurckziehn beim Ton
einer bestimmten Glocke, welche die Retraite genannt wurde. Die gute
btissin, im Wunsche, ein gutes Beispiel zu geben, verfehlte nicht, sich
beim Ton der Glocke in ihrem Zimmer einzuschlieen und war des frommen
Glaubens, da alle Nonnen ihrem Beispiel folgten. Zu den hbschesten und
reichsten dieser Damen gehrten die neunzehnjhrige Fabiana, die
vielleicht das leichtsinnigste Mdchen des ganzen Klosters war und ihre
vertraute Freundin Celia; die eine wie die andre waren sehr in Zorn auf
Felizia, welche sie, wie sie sagten, verachtete. Tatsache ist, da
Felizia, seit sie einen so interessanten Unterhaltungsstoff mit Rodelinde
hatte, die Anwesenheit der andren Nonnen mit schlecht verhehlter oder
vielmehr mit unverhllter Ungeduld vertrug. Sie war die schnste, sie war
die reichste, sie hatte unbestreitbar mehr Geist als die andern. Es htte
nicht einmal so viel gebraucht, um in einem Kloster, wo alles sich
langweilte, einen groen Ha zu entznden. In ihrem groen Leichtsinn
erzhlte Fabiana der btissin, da Felizia und Rodelinde manchmal bis zwei
Uhr morgens im Garten blieben. Die btissin hatte beim Grafen erwirkt, da
ein Soldat des Frsten vor der Tre des Gartens, die auf die weite Flche
hinter der Nordmauer fhrte, Schildwache stand. Sie hatte ungeheure
Schlsser an dieser Tre anbringen lassen und jeden Abend brachte als
Abschlu des Tagewerks der jngste Grtner, der ein sechzigjhriger Greis
war, den Schlssel dieser Tre der btissin. Sogleich schickte die
btissin eine alte, den Nonnen verhate Pfrtnerin, um das zweite Schlo
der Tre zu schlieen. Trotz all dieser Vorsichtsmaregeln war es ein
groes Verbrechen in ihren Augen, bis zwei Uhr morgens im Garten zu
bleiben. Sie lie Felizia rufen und behandelte dieses stolze Mdchen, das
jetzt die Erbin der ganzen Familie geworden war, in einer so hochfahrenden
Weise, wie sie es sich vielleicht nicht erlaubt htte, wre sie nicht der
Gunst des Frsten sicher gewesen. Felizia war umso mehr verletzt durch die
Bitterkeit dieser Vorwrfe, als sie ihren Geliebten Roderigo nur ein
einziges Mal hatte kommen lassen, seit sie den Grafen kannte; und auch da
nur, um sich ber ihn lustig zu machen. In ihrer Entrstung wurde sie
beredsam, und wenn die gute btissin sich auch weigerte, ihr die Angeberin
zu nennen, gab sie doch Einzelheiten preis, mit deren Hilfe Felizia leicht
erraten konnte, da sie Fabiana diese Unannehmlichkeit verdanke.

Sogleich beschlo Felizia sich zu rchen. Dieser Entschlu gab ihrer von
Unglck gestrkten Seele die ganze Kraft zurck.

"Wissen Sie, Mutter", sagte sie zur btissin, "da ich einigen Mitleids
wrdig bin? Ich habe den Frieden der Seele vllig verloren. Nicht ohne
tiefe Weisheit hat unser Grnder, der heilige Benedikt, vorgeschrieben,
da niemals ein Mann unter sechzig Jahren in unseren Klstern eingelassen
werden sollte. Der Herr Graf Buondelmonte, der groherzogliche Vertreter
fr die Verwaltung dieses Klosters, mute lange Unterredungen mit mir
haben, um mich von meinem trichten Einfall abzubringen, die Zahl meiner
Kammerfrauen zu vermehren. Er besitzt Weisheit, er vereint einen
bewundernswrdigen Geist mit einer unendlichen Klugheit. Ich bin mehr als
es einer Dienerin Gottes und des heiligen Benedikt geziemt von diesen
groen Eigenschaften des Grafen, unsres Statthalters getroffen worden. Der
Himmel hat meine groe Eitelkeit bestrafen wollen: ich bin sterblich
verliebt in den Grafen; auf die Gefahr, meine Freundin Rodelinde zu
entrsten, habe ich ihr diese Leidenschaft gestanden, die ebenso
verbrecherisch wie unfreiwillig ist; und weil sie mir Ratschlge gibt und
mich trstet, weil es ihr sogar manchesmal gelingt, mir Krfte gegen die
Versuchung des Bsen zu verleihen, ist sie zuweilen sehr lange bei mir
geblieben. Aber immer geschah es auf meinen Wunsch: ich fhlte zu gut, da
ich, sobald Rodelinde mich verlassen haben wrde, an den Grafen denken
mte."

Die btissin verfehlte nicht, eine lange Ermahnung an das verirrte Schaf
zu richten und Felizia trug Sorge, Betrachtungen anzustellen, welche diese
Sittenpredigt noch verlngerten.

Von nun an wurde die Langweile Felizias und Rodelindes durch den Plan
einer Rache verjagt, der ihre ganze Zeit ausfllte.

"Da Fabiana und Celia sich in hinterlistiger Absicht von der groen Hitze,
die herrscht, im Garten erfrischt haben, ist es notwendig, da die erste
Zusammenkunft, die sie ihren Liebhabern gewhren, einen entsetzlichen
Skandal verursache, der in dem Geist der ernsten Klosterdamen den
auslscht, welchen meine spten Spaziergnge im Garten verursacht haben.
Am Abend des ersten Stelldicheins, das Fabiana und Celia Lorenzo und
Pierantonio gewhren, mssen sich Roderigo und Lancelotto zuvor hinter den
behauenen Steinen, die sich auf dem Platz vor der Tre unsres Gartens
befinden, verbergen. Roderigo und Lancelotto sollen nicht die Liebhaber
dieser Damen tten, aber sie sollen ihnen fnf oder sechs kleine Stiche
mit ihren Degen verabreichen, so da sie ganz mit Blut bedeckt sind. In
diesem Zustand wird ihr Anblick ihre Geliebten beunruhigen, und diese
Damen werden an ganz andere Dinge denken, als mit ihnen
Liebenswrdigkeiten auszutauschen."

Das Beste, was den beiden Freundinnen einfiel, um diesen heimtckischen
berfall zu veranstalten, war, da Livia, die Kammerfrau Rodelindes, bei
der btissin um einen Monat Urlaub ansuchen sollte. Dieses sehr geschickte
Mdchen wurde mit Briefen fr Roderigo und Lancelotto ausgestattet. Sie
berbrachte ihnen auch eine Summe Geldes, mit deren Hilfe sie Lorenzo und
Pierantonio mit Spionen umgeben sollten.

'Nun', dachte sie, 'werden die Ereignisse, welche unsre -- Rodelindes und
meine -- Rache herbeifhrt, den liebenswrdigen Grafen wieder ins Kloster
bringen. So werde ich den Fehler wieder gut machen, der mir unterlief, als
ich zu rasch auf die Mdchen verzichtete, die ich in meinen Dienst nehmen
wollte. Ich wurde, ohne es zu wissen, durch die Versuchung verfhrt, einem
Manne, der selbst so verstndig ist, verstndig zu erscheinen. Ich
bedachte nicht, da ich ihm dadurch jede Gelegenheit, wiederzukehren,
nahm, um sein Amt als Vikar in unsrem Kloster auszuben. Daher kommt es,
da ich mich jetzt so sehr langweile. Diese kleine Puppe von einem
Roderigo, die mich manchmal belustigte, erscheint mir jetzt vollkommen
lcherlich, und durch meine Schuld habe ich diesen liebenswrdigen Grafen
nicht wiedergesehen. Es ist nun an uns, an Rodelinde und mir, dahin zu
wirken, da unsre Rache eine solche Unordnung herbeifhrt, da seine
Anwesenheit im Kloster oft notwendig wird. Unsre arme btissin ist so
wenig fhig, etwas geheimzuhalten, da sie ihn wahrscheinlich auffordert,
die Zusammenknfte mit mir, die ich bei ihm erlangen werde, nach
Mglichkeit einzuschrnken und in welchem Fall diese ehemalige Geliebte
des Groherzogs sich, wie ich nicht zweifle, die Mhe aufldt, diesem so
sonderbaren und kalten Mann meine Erklrung zu bermitteln. Das wird eine
komische Szene sein, die ihn vielleicht belustigt; denn, wenn ich mich
nicht sehr tusche, lt er sich nicht von allen Dummheiten zum Narren
halten, die man uns predigt, um uns zu demtigen; nur hat er noch keine
Frau gefunden, die seiner wrdig wre; und ich werde diese Frau sein oder
das Leben dabei lassen.'

Livia kam tglich, um Felizia und Rodelinde ber die Vorbereitungen zum
Angriff gegen die Geliebten Celias und Fabianas Bericht zu erstatten. Die
Vorbereitungen dauerten nicht weniger als sechs Wochen. Es handelte sich
darum, die Nacht zu erraten, welche Lorenzo und Pierantonio whlen wrden,
um ins Kloster zu kommen, und seit dem neuen Regiment, das sich mit viel
Strenge ankndigte, verdoppelte sich die Vorsicht bei Unternehmungen
dieser Art. berdies stie Livia bei Roderigo auf groe Schwierigkeiten.
Er hatte die Lauheit Felizias wohl bemerkt, und verweigerte schlielich
rund heraus, sie an Fabiana und Celia zu rchen, wenn sie nicht
einwilligte, ihn mit eigener Stimme zu einer schneren Zusammenkunft zu
bestellen. Aber Felizia, die ganz mit dem Grafen Buondelmonte beschftigt
war, wollte niemals darauf eingehen. "Ich begreife wohl," schrieb sie ihm
in ihrer unvorsichtigen Offenheit, "da man sich in die Verdammnis strzt,
um ein Glck zu genieen, aber sich zu verdammen, um einen ehemaligen
Liebhaber, dessen Herrschaft beendet ist, wiederzusehen, ist etwas, das
ich nie begreifen werde. Immerhin knnte ich wohl einwilligen, Euch noch
einmal nachts zu empfangen, um Euch Vernunft hren zu lassen, aber es ist
ja kein Verbrechen, was ich von Euch verlange. So knnt Ihr nicht
bertriebene Forderungen stellen und Bezahlung begehren, als ob man von
Euch verlangen wrde, einen Unverschmten zu tten. Begeht nicht den
Irrtum, den Liebhabern unsrer Feindinnen so ernste Wunden zuzufgen, da
sie verhindert wren, in den Garten zu kommen und all den Damen, die wir
Sorge tragen werden, dort zu versammeln, als Schauspiel zu dienen. Ihr
wrdet dadurch unsrer Rache jeden Reiz nehmen und ich wrde in Euch nur
einen Leichtsinnigen sehen, der unwrdig ist, mir das geringste Vertrauen
einzuflen. Wit nur, da es besonders wegen dieses wesentlichen Fehlers
ist, da Ihr aufgehrt habt, meine Freundschaft zu verdienen."

Diese Nacht der Rache, die mit soviel Sorgfalt vorbereitet war, kam
endlich heran. Roderigo und Lancelotto, von mehreren ihrer Leute
untersttzt, belauerten whrend des ganzen Tages die Handlungen Lorenzos
und Pierantonios. Durch deren Indiskretion erlangten sie die Gewiheit,
da die beiden in der folgenden Nacht das Ersteigen der Mauer von Santa
Riparata versuchen wrden. Ein reicher Kaufmann, dessen Haus neben der
Wachstube lag, welche die Schildwache vor der Gartentre der Nonnen
beistellte, verheiratete an diesem Abend seine Tochter. Lorenzo und
Pierantonio, als Domestiken eines reichen Hauses verkleidet, benutzten
diesen Umstand, um gegen zehn Uhr abends der Wache ein Fchen Wein im
Namen ihres Herrn darzubringen. Die Soldaten taten dem Geschmack Ehre an.
Die Nacht war sehr dunkel, das bersteigen der Klostermauer sollte gegen
Mitternacht stattfinden; um elf Uhr abends sahen Roderigo und Lancelotto,
die nahe der Tr versteckt waren, mit Vergngen, wie die Schildwache der
vorigen Stunde von einem halbbetrunkenen Soldaten abgelst wurde, der
nicht verfehlte, nach einigen Minuten einzuschlafen.

Im Inneren des Klosters hatten Felizia und Rodelinde gesehen, da ihre
Feindinnen Fabiana und Celia sich im Garten unter den nahe der
Umfassungsmauer stehenden Bumen versteckten. Ein wenig vor Mitternacht
wagte Felizia, die btissin zu wecken. Sie hatte nicht wenig Mhe, bis zu
ihr zu gelangen; sie hatte deren noch mehr, um ihr die Mglichkeit des
Vergehens, das sie ihr anzeigte, verstndlich zu machen.

Und schlielich, nach einem Zeitverluste von mehr als einer halben Stunde,
whrend deren letzten Minuten Felizia schon frchtete, fr eine
Verleumderin gelten zu mssen, erklrte die btissin: wenn selbst die
Tatsache wahr sei, drfte man einem Verbrechen nicht auch noch eine
Verletzung der Regel des heiligen Benedikt hinzufgen. Und die Regel
verbot ja durchaus, nach Sonnenuntergang den Garten zu betreten. Zum Glck
erinnerte sich Felizia, da man durch das Klosterinnere, ohne einen Fu in
den Garten zu setzen, auf das flache Dach eines kleinen niedrigen
Gewchshauses gelangen konnte, das ganz in der Nhe der von der
Schildwache bewachten Tre lag. Whrend Felizia damit beschftigt war, die
btissin zu berzeugen, versuchte Rodelinde ihre alte Tante zu wecken, die
sehr fromm und Unterpriorin des Klosters war.

Obwohl die btissin sich bis auf die Terrasse der Orangerie mitziehen
lie, war sie weit entfernt davon, alles zu glauben, was Felizia ihr
erzhlte. Man kann sich nicht vorstellen, wie gro ihr Staunen, ihre
Entrstung, ihre Bestrzung war, als sie, neun oder zehn Fu tiefer, zwei
Nonnen bemerkte, welche sich zu dieser unerlaubten Stunde auerhalb ihrer
Gemcher befanden; denn die vollkommen dunkle Nacht erlaubte ihr nicht
gleich, Fabiana und Celia zu erkennen.

"Gottlose Mdchen," schrie sie mit einer Stimme, die gebieterisch sein
sollte, "unvorsichtige Unglckliche! Dient Ihr so der gttlichen Majestt?
Bedenkt, da der groe heilige Benedikt, Euer Beschtzer, Euch von der
Hhe des Himmels betrachtet und schaudert, da er Euch gegen sein Gesetz
freveln sieht. Kehrt in Euch ein und, da die Nachtglocke seit langem
gelutet hat, eilt in Eure Gemcher zurck und betet, in Erwartung der
Bue, die ich Euch morgen frh auferlegen werde."

Wer knnte die Bestrzung und den Kummer Celias und Fabianas schildern,
als sie ber ihren Kpfen, und so aus der Nhe die gebietende Stimme der
gereizten btissin hrten? Sie hrten auf zu sprechen und verhielten sich
unbeweglich, als eine ganz andre berraschung sowohl sie wie die btissin
traf. Diese Damen hrten kaum acht oder zehn Schritt entfernt auf der
andern Seite der Tr den heftigen Lrm eines Degengefechts. Bald schlugen
Schreie verwundeter Kmpfer herber; einzelne von Schmerzen entpret.
Welches Leid empfanden Celia und Fabiana, als sie die Stimmen Lorenzos und
Pierantonios erkannten! Sie hatten Nachschlssel zur Gartentr, sie
strzten sich auf die Schlsser, und obgleich die Tre ungeheuer war,
hatten sie doch die Kraft, sie in ihren Angeln zu drehen. Celia, welche
die strkere und ltere war, wagte als erste aus dem Garten zu treten. Sie
kehrte einige Augenblicke spter zurck, ihren Geliebten, Lorenzo, mit
ihren Armen sttzend, der gefhrlich verwundet zu sein schien und sich nur
mit Mhe aufrecht halten konnte. Er chzte bei jedem Schritt wie ein
Sterbender, und wirklich, als er kaum zehn Schritt im Garten getan hatte,
fiel er trotz der Anstrengungen Celias zu Boden und verschied alsbald.
Celia, alle Vorsicht vergessend, rief ihn mit lauter Stimme an und warf
sich schluchzend ber seinen Krper, als er nicht mehr antwortete.

All das geschah ungefhr zwanzig Schritt von dem Dach der kleinen
Orangerie entfernt. Felizia begriff sehr wohl, da Lorenzo tot oder
sterbend war und es wrde schwer sein, ihre Verzweiflung zu schildern.
'Ich bin die Ursache von all dem,' sagte sie sich, 'Roderigo hat sich
hinreien lassen und wird Lorenzo zu Tode getroffen haben. Er ist von
Natur grausam, und seine Eitelkeit verzeiht niemals die Wunden, die man
ihr schlgt: in mehreren Maskenzgen wurden die Pferde Lorenzos und die
Livreen seiner Leute schner gefunden als seine eigenen.' Felizia sttzte
die vor Entsetzen fast ohnmchtige btissin.

Einige Augenblicke spter kehrte die unglckliche Fabiana, ihren Liebhaber
Pierantonio sttzend, in den Garten zurck; auch er war von tdlichen
Stichen getroffen. Auch er war am Verscheiden, aber inmitten des
allgemeinen Schweigens, das diese Szene des Entsetzens um sich gebreitet
hatte, hrte man, wie er zu Fabiana sagte: "Es ist Don Cesare, der
Malteser. Ich habe ihn wohl erkannt; aber wenngleich er mich verwundet
hat, trgt auch er meine Zeichen."

Don Cesare war der Vorgnger Pierantonios bei Fabiana gewesen. Diese junge
Nonne schien jede Angst um ihren Ruf verloren zu haben: sie rief mit
lauter Stimme die Madonna und ihre Schutzheilige zu Hilfe, sie rief auch
ihre Kammerfrau, es kmmerte sie nicht, das ganze Kloster zu wecken; das
kam daher, da sie Pierantonio wirklich liebte. Sie wollte ihn pflegen,
sein Blut stillen, seine Wunden verbinden. Diese wahrhafte Leidenschaft
erregte das Mitleid vieler Nonnen. Man nherte sich dem Verwundeten, man
eilte fort, um Binden zu holen. Er sa unter einem Lorbeerbaum und lehnte
sich an ihn. Fabiana lag vor ihm auf den Knien und mhte sich um ihn. Er
sprach noch gut und erzhlte von neuem, da es der Malteserritter Don
Cesare war, der ihn verwundet hatte, -- als er mit einem Male die Arme
streckte und verschied.

Celia unterbrach die Verzweiflungsausbrche Fabianas. Einmal des Todes
Pierantonios gewi, schien sie ihn vergessen zu haben und erinnerte sich
nur noch der Gefahr, die sie und ihre teure Fabiana umgab. Diese war
ohnmchtig auf dem Leichnam ihres Geliebten zusammengebrochen. Celia
richtete sie halb auf und schttelte sie heftig, um sie wieder zu sich zu
bringen.

"Dein Tod und der meine sind gewi, wenn du dich dieser Schwche
hingibst," sagte sie ihr mit leiser Stimme, indem sie den Mund an ihr Ohr
prete, um nicht von der btissin gehrt zu werden, die sie wohl
unterschied, wie sie, an das Gelnder des Daches gelehnt, kaum zehn oder
zwlf Fu ber dem Garten stand: "Wach auf," sagte sie ihr, "denk an dein
Heil und an deine Sicherheit! Du wirst viele Jahre in einein dunklen,
ekelhaften Loch gefangen sein, wenn du dich jetzt noch lnger deinem
Schmerz berlt."

In diesem Augenblick nherte sich die btissin, welche in den Garten
hinabsteigen wollte, auf den Arm Felizias gesttzt, den beiden
unglcklichen Nonnen.

"Was Euch betrifft, Signora," sagte ihr Celia so stolz und fest, da es
selbst der btissin Eindruck machte, "wenn Ihr den Frieden liebt und die
Ehre des Klosters Euch teuer ist, so werdet Ihr zu schweigen wissen und
nicht aus all dem einen Klatsch beim Groherzog machen. Auch Ihr habt
geliebt, man glaubt allgemein, da Ihr ehrbar gewesen seid und das
verleiht Euch eine berlegenheit ber uns; aber wenn Ihr ein Wort von
dieser Angelegenheit dem Groherzog sagt, wird sie bald das einzige
Gesprch der Stadt bilden und man wird sagen: die btissin von Santa
Riparata, die in den frheren Jahren ihres Lebens die Liebe kannte, hat
nicht genug Festigkeit, um die Nonnen ihres Klosters zu leiten. Ihr werdet
uns verderben, Signora, aber Ihr werdet Euch selbst noch sicherer als uns
verderben. Gesteht, Signora," sagte sie der btissin, welche Seufzer und
verwirrte Ausrufe und leise Schreie des Staunens ausstie, "da Ihr selbst
in diesem Augenblick nicht wit, was fr Euer Heil und fr das des
Klosters zu tun ist!"

Und weil die btissin verwirrt und stumm blieb, fgte Celia hinzu: "Vor
allem mt Ihr schweigen und sodann ist das Wichtigste, diese beiden
Leichen sogleich von hier weit weg zu bringen, welche unser Verderben
bedeuten, unsres und Eures, wenn man sie entdeckt."

Die arme btissin seufzte tief und war so verstrt, da sie nicht einmal
zu antworten vermochte. Sie hatte nicht mehr Felizia neben sich, denn
diese hatte sich klglich entfernt, nachdem sie die Vorsteherin zu den
beiden unglcklichen Nonnen hingefhrt hatte, von denen sie unter keinen
Umstnden erkannt werden wollte.

"Meine Tchter, tut alles, was Euch notwendig, alles, was Euch passend
erscheint," sagte endlich die unglckliche btissin mit einer Stimme, die
vor Schauder ber die Lage, in der sie sich befand, ganz gebrochen war.
"Ich werde unsre Schande verhehlen, aber wisset, da die Augen der
gttlichen Gerechtigkeit immer offen sind fr unsre Snden."

Celia schenkte den Worten der btissin gar keine Aufmerksamkeit.

"Wisset Schweigen zu bewahren, Signora, das ist alles, was man von Euch
verlangt," wiederholte sie mehrere Male, indem sie sie unterbrach. Dann
wandte sie sich an Martona, die Vertraute der btissin, welche eben
hinzutrat: "Helft mir, liebe Freundin! Es gilt die Ehre des ganzen
Klosters, es gilt die Ehre und das Leben der btissin, denn wenn sie
spricht, verdirbt sie nicht nur uns; unsre edlen Familien werden uns nicht
ungercht verkommen lassen." Fabiana schluchzte auf den Knien, an einen
Olivenbaum gelehnt, und war auerstande, Celia und Martona zu helfen.

"Zieh dich in deine Gemcher zurck", sagte ihr Celia. "Denk vor allem
daran, die Blutspuren, die sich vielleicht an deinen Kleidern finden
knnen, verschwinden zu lassen. In einer Stunde werde ich mit dir weinen."

Felizia war in Verzweiflung. Obgleich dieses Jahrhundert zu nahe den
wahren Gefahren lebte, als da es sich durch eine bermige Zartheit
htte auszeichnen knnen, vermochte sie sich doch nicht zu verhehlen, da
sie es war, die diese ganze Geschichte angezettelt hatte. Auf dem Dache
der Orangerie konnte sie nur schlecht verstehen, was Pierantonio sagte,
berdies sah sie, da die Tre ganz offen stand: sie litt Todesangst, da
Roderigos Unvorsichtigkeit und die unbestimmte Hoffnung auf ein
Stelldichein ihn dazu verfhren knnten, sich zu zeigen; denn seit er
nicht mehr geliebt wurde, war er, trotz all seiner natrlichen
Leichtfertigkeit, ein leidenschaftlicher Liebhaber geworden.

Die vor Grauen erstarrte btissin war unbeweglich geblieben und
widersetzte sich auch den Bitten Felizias, welche sie beschwor, in den
Garten hinabzusteigen; aber endlich umschlang Felizia, die durch ihre
Gewissensvorwrfe der Tollheit nahe war, mit beiden Armen die btissin,
und zwang sie fast mit Gewalt, die sieben oder acht Stufen hinabzusteigen,
die von der Dachterrasse der Orangerie in den Garten fhrten. Felizia
beeilte sich, die btissin der Sorge der erstbesten Nonnen, die sie
trafen, zu bergeben. Sie eilte zum Tor, zitternd vor Furcht, dort
Roderigo zu treffen[1]; sie fand nichts, als das blde Gesicht der endlich
durch so viel Lrm aus tiefer Betrunkenheit erwachten Schildwache, welche,
die Flinte in der Hand, diese schwarzen Figuren betrachtete, die sich im
Garten bewegten. Felizias Absicht war, die Tre zu schlieen, aber sie
bemerkte, da der Soldat sie starr anblickte.

'Wenn ich das Tor schliee,' sagte sie sich, beschwert von ihren Gedanken
und fast verletzt davon, da sie sonst niemand sah, 'wird er sich an mein
Gesicht erinnern und wird mich kompromittieren knnen.'

Dieser Gedanke gab ihr Klarheit. Sie glitt in einen dunklen Teil des
Gartens zurck, und suchte von dort aus zu sehen, wo Rodelinde war;
endlich entdeckte sie sie bleich und halbtot an einen Olivenbaum gelehnt,
packte sie an der Hand und alle beide liefen in aller Hast in ihre
Gemcher zurck.

Celia trug mit Hilfe Martonas zuerst den Leichnam ihres Geliebten und dann
den Pierantonios in die Strae der Goldarbeiter, die zehn Minuten Wegs von
dem Tor des Gartens entfernt lag. Celia und ihre Gefhrtin waren so
glcklich, von niemand erkannt zu werden. Durch eine ganz besondere
Fgung, ohne die all ihre weise Umsicht vergebens gewesen wre, hatte sich
der Soldat, der Wachposten vor dem Gartentor war, auf einen etwas
entfernten Stein gesetzt und schien von neuem zu schlafen. Davon hatte
sich Celia zuerst vergewissert, ehe sie es unternahm, die Leichen
hinauszuschaffen. Bei der Rckkehr von dem zweiten Gang erschraken aber
Celia und ihre Begleiterin heftig. Die Nacht war schon etwas weniger
finster geworden, es mochte zwei Uhr des Morgens sein; sie sahen ganz
deutlich drei Soldaten vor der Tre des Gartens stehen, und, was noch weit
schlimmer war: diese Tr schien geschlossen zu sein.

"Das ist die erste Dummheit unsrer btissin", sagte Celia zu Martona. "Sie
wird sich erinnert haben, da die Regel des heiligen Benedikt will, da
die Tre des Gartens verschlossen sei. Wir werden zu unsren Eltern
flchten mssen, und bei der Strenge dieses dstren Frsten, den wir
haben, ist es wohl mglich, da ich bei dieser Sache das Leben lasse. Du,
Martona, bist in nichts schuldig; du hast auf meinen Befehl geholfen, die
Leichen fortzubringen, deren Anwesenheit im Garten das Kloster entehren
konnte. Knien wir hinter diesen Steinen nieder."

Zwei Soldaten kamen an ihnen vorbei und gingen von dem Gartentor in ihre
Wachstube zurck. Celia bemerkte zu ihrer Freude, da sie fast vollstndig
betrunken waren. Sie unterhielten sich, aber der, welcher auf Wache
gewesen war, man konnte ihn an seiner hohen Gestalt leicht erkennen,
erzhlte seinem Kameraden gar nichts von den Ereignissen dieser Nacht; und
tatschlich sagte er im Proze, welcher spter gefhrt wurde, nur aus, da
prchtig gekleidete Bewaffnete sich wenige Schritte von ihm entfernt
geschlagen hatten. In der tiefen Dunkelheit htte er sieben oder acht Mann
unterscheiden knnen; aber er htte sich wohl gehtet, sich in ihren
Streit zu mischen; darauf wren sie alle in den Garten des Klosters
eingetreten.

Als die beiden Soldaten vorber waren, nherten sich Celia und ihre
Gefhrtin der Tre des Gartens und fanden sie zu ihrer groen Freude nur
angelehnt. Diese weise Vorsicht war das Werk Felizias. Als sie die
btissin verlassen hatte, um nicht von Celia und Fabiana erkannt zu
werden, war sie zu der Gartentr gelaufen, die ganz offen stand[2]. Sie
hatte tdliche Angst, da Roderigo, der ihr in diesem Augenblick Abscheu
einflte, die Gelegenheit ausntzen und in den Garten eintreten knnte,
um sie zu sehen. Da sie seine Unvorsichtigkeit und Verwegenheit kannte und
befrchtete, da er sie blostellen mchte, um sich wegen des Nachlassens
ihrer Gefhle, das ihm nicht unbekannt war, zu rchen, hatte sich Felizia
bei der Tr am Boden hinter den Bumen verborgen. Sie hatte alles gehrt,
was Celia zu der btissin und nachher zu Martona gesagt hatte, und sie war
es, welche die Tre des Gartens zugelehnt hatte, als sie wenige
Augenblicke, nachdem Celia und Martona den zweiten Leichnam fortgebracht
hatten, die Soldaten kommen hrte, die den Wachposten ablsten.

Felizia sah, wie Celia die Tre mit ihrem Nachschlssel wieder schlo und
sich darauf entfernte. Dann erst verlie sie den Garten. "Also das ist
diese Rache," sagte sie sich, "von der ich mir soviel Vergngen
versprochen hatte." Sie verbrachte den Rest der Nacht mit Rodelinde und
versuchten die Ereignisse zu entrtseln, die eine so tragische Wendung
herbeigefhrt haben mochten.

Zum Glck kehrte ihre Kammerfrau schon ganz frh am nchsten Morgen zurck
und brachte ihr einen langen Brief Roderigos. Er und Lancelotto hatten
sich aus Bravour nicht von bezahlten Mrdern helfen lassen wollen, wie es
damals in Florenz allgemein blich war.

Nur sie beide hatten Lorenzo und Pierantonio angegriffen. Der Zweikampf
hatte sehr lange gedauert, weil Roderigo und Lancelotto, dem erhaltenen
Befehl getreu, sich standhaft zurckgehalten hatten, um ihren Gegnern nur
leichte Wunden zuzufgen, und sie hatten ihnen wirklich nur Degenste
gegen die Arme beigebracht und waren vollkommen sicher, da sie an diesen
Wunden nicht sterben konnten. Aber als sie sich gerade zurckziehen
wollten, hatten sie zu ihrem groen Erstaunen einen wtenden Raufbold sich
auf Pierantonio strzen gesehen. An den Schreien, die er beim Angriff
ausstie, hatten sie deutlich den Malteserritter Don Cesare erkannt. Als
sie sich nun zu dritt gegen zwei noch dazu verwundete Mnner sahen,
beeilten sie sich, zu fliehen und am nchsten Morgen gab es groes Staunen
in Florenz, als man die Leichen dieser beiden jungen Mnner entdeckte,
welche unter der reichen und eleganten Jugend der Stadt den ersten Rang
einnahmen. Dieser Rang bewirkte, da man von ihrem Ende Notiz nahm, denn
unter der lockeren Herrschaft Francesco, auf welchen der strenge Ferdinand
gefolgt war, hatte Toskana einer Provinz Spaniens geglichen und man zhlte
jedes Jahr mehr als hundert Morde in der Stadt. Die Errterungen, welche
die vornehme Gesellschaft bewegten, der Lorenzo und Pierantonio angehrt
hatten, drehten sich um die Frage, ob sie einander im Zweikampf erschlagen
htten oder als Opfer irgendeiner Rache gefallen seien.

Am Morgen nach diesem groen Ereignis war alles im Kloster ruhig. Die
groe Mehrzahl der Nonnen hatte keine Ahnung von dem, was vorgefallen war.
Seit Tagesanbruch und noch bevor die Grtner kamen, hatte Martona die Erde
an den Stellen, wo sie mit Blut befleckt war, umgegraben, um die Spuren
von dem, was geschehen war, zu zerstren. Dieses Mdchen, das selbst einen
Liebhaber hatte, fhrte mit viel Intelligenz und besonders ohne irgend
etwas der btissin zu sagen die Befehle Celias aus. Die machte ihr ein
hbsches Diamantkreuz zum Geschenk. Martona, welche ein sehr einfaches
Mdchen war, bedankte sich dafr und sagte:

"Es gibt eine Sache, die ich allen Diamanten der Welt vorziehen wrde.
Seit diese neue btissin ins Kloster gekommen ist, habe ich, obgleich ich
mich, um ihre Gunst zu erlangen, zu jedem Dienst erniedrigt habe, niemals
von ihr erreichen knnen, da sie mir auch nur die kleinste Erleichterung
gewhrt htte, um Giuliano R**, der mein Freund ist, zu sehen. Diese
btissin wird unser aller Unglck sein. Schlielich sind es schon mehr als
vier Monate, seit ich Giuliano gesehen habe, und es wird damit enden, da
er mich vergit. Die vertraute Freundin der gndigen Signora Fabiana
gehrt doch zu den acht Schwestern-Pfrtnerinnen; ein Dienst verlangt den
andern. Knnte Signora Fabiana nicht eines Tages, wenn sie Wache an der
Tre haben wird, mir erlauben, fortzugehen, um Giuliano zu sehen oder ihm
erlauben, zu kommen?"

"Ich werde mein mglichstes tun," sagte Celia, "aber die groe
Schwierigkeit, die Fabiana mir einwerfen wird, ist, da die btissin Eure
Abwesenheit bemerken wird. Ihr habt sie zu sehr daran gewhnt, Euch
unaufhrlich in der Nhe zu haben. Versucht, Euch hie und da zu entfernen.
Ich bin sicher, wenn Ihr Euch an jede andere angeschlossen httet als an
die Frau btissin, wrde es Fabiana gar keine Schwierigkeit machen, Euren
Wunsch zu erfllen."

Nicht ohne Plan sprach Celia so.

"Du verbringst dein Leben damit, deinen Geliebten zu beweinen", sagte sie
zu Fabiana, "und denkst nicht an die entsetzliche Gefahr, die uns droht.
Unsere btissin ist so unfhig zu schweigen, da frher oder spter das,
was geschehen ist, unsrem strengen Groherzog zur Kenntnis kommen wird. Er
hat die Ideen eines Mannes, der fnfundzwanzig Jahre Kardinal war, auf den
Thron mitgebracht. Unser Verbrechen ist eins der grten, das man in den
Augen der Religion begehen kann; mit einem Wort: das Leben der btissin
ist unser Tod."

"Was willst du sagen?" fragte Fabiana, sich die Trnen trocknend.

"Ich will sagen, da du von deiner Freundin, Vittoria Ammanati ein wenig
von dem berhmten Gift von Perugia erlangen mut, da ihre Mutter, die ja
selbst von ihrem Gatten vergiftet worden ist, ihr sterbend gab. Ihre
Krankheit hatte mehrere Monate gedauert und wenige hatten an Gift
geglaubt; genau so wird es bei unsrer btissin sein."

"Dein Gedanke entsetzt mich," rief die sanfte Fabiana.

"Ich zweifle nicht an deinem Entsetzen, und ich wrde es teilen, wenn ich
mir nicht sagte: das Leben der btissin ist der Tod Fabianas und Celias.
Bedenke doch: sie ist vollkommen unfhig, zu schweigen; ein Wort von ihr
gengt, um den Kardinal-Groherzog zu berzeugen, der nichts so
verabscheut wie jene Verbrechen, die durch die alte Freiheit, die in
unsern armen Klstern herrschte, verursacht wurden. Deine Cousine steht in
nahen Beziehungen zu Martona, die einem Zweig ihrer Familie angehrt, der
durch den Zusammenbruch von 1584 ruiniert wurde. Martona ist sterblich
verliebt in einen schnen Seidenweber, namens Giuliano: es ist notwendig,
da deine Cousine ihr als ein Schlafmittel, geeignet, die unbequeme
Aufmerksamkeit der btissin zu beseitigen, dieses Gift aus Perugia gibt,
das den Tod in sechs Monaten herbeifhrt."

Als Graf Buondelmonte wieder Gelegenheit fand, bei Hof zu erscheinen,
beglckwnschte ihn Groherzog Ferdinand zu der mustergltigen Ruhe, die
in dem Kloster von Sante Riparata herrschte. Dieser Ausspruch des Frsten
veranlate den Grafen, sich sein Werk anzusehen. Man kann sich sein
Erstaunen vorstellen, als die btissin ihm von dem Doppelmord erzhlte,
dessen Ende sie mit angesehen hatte. Der Graf merkte wohl, da die
btissin Virgilia ganz unfhig war, ihm die geringste Auskunft ber den
Grund dieses Doppelverbrechens zu geben. 'Auer Felizia', sagte er sich,
'mit ihrem klaren Kopf, dessen Logik mich vor sechs Monaten bei meinem
ersten Besuch so in Verlegenheit brachte, gibt es hier niemand, der mir
Aufschlu ber die fragliche Angelegenheit geben knnte. Aber wird sie
sprechen wollen, eingenommen wie sie ist gegen die Ungerechtigkeit der
Gesellschaft und der Familien in der Frage der Nonnen?'

Die Ankunft des groherzoglichen Vertreters im Kloster hatte Felizia mit
maloser Freude erfllt. Endlich sah sie diesen unvergleichlichen Mann
wieder, der die einzige Ursache all ihrer Handlungen seit sechs Monaten
war! Durch eine entgegengesetzte Wirkung hatte die Ankunft des Grafen
Celia und ihre Freundin, die junge Fabiana, in den tiefsten Schrecken
versetzt.

"Deine Bedenken werden uns zugrunde gerichtet haben," sagte Celia zu
Fabiana. "Die btissin ist zu schwach, als da sie nicht gesprochen haben
sollte. Und jetzt ist unser Leben in den Hnden des Grafen. Zwei Auswege
bleiben uns: die Flucht ergreifen! Aber wovon werden wir leben? Der Geiz
unsrer Vter wird den Verdacht des Verbrechens, der ber uns schwebt, als
Ausflucht benutzen, um uns das Brot zu verweigern. Ehemals, als Toskana
nur eine Provinz Spaniens war, konnten sich die unglcklichen verfolgten
Toskaner nach Frankreich flchten. Aber der Groherzog-Kardinal will das
spanische Joch abwerfen. Unmglich fr uns, eine Zuflucht zu finden; dahin
haben uns deine kindischen Bedenken gefhrt, meine arme Freundin. Wir
werden deshalb nicht weniger gentigt sein, das Verbrechen zu begehen,
denn Martona und die btissin sind die einzigen gefhrlichen Zeugen
dessen, was in jener verhngnisvollen Nacht geschehen ist. Die Tante
Rodelindes wird nichts sagen; sie wird nicht die Ehre ihrer Verwandten,
die ihr so teuer ist, blostellen wollen. Martona, die das angebliche
Schlafmittel der btissin verabreicht hat, wird sich wohl hten, zu
sprechen, sobald wir ihr gesagt haben, da dieses Schlafmittel ein Gift
war. Auerdem ist sie ein gutes Mdchen und leidenschaftlich in ihren
Giuliano verliebt."

Es whrte zu lang, wollte man die geistvolle Unterhaltung wiedergeben, die
Felizia mit dem Grafen fhrte. Ihr war immer der Fehler gegenwrtig, den
sie begangen hatte, als sie zu schnell in der Angelegenheit der beiden
Kammerfrauen nachgab. Die Folge dieses bermaes von Gutherzigkeit war,
da der Graf sechs Monate hatte verstreichen lassen, ohne im Kloster zu
erscheinen. Felizia gab sich das Versprechen, nicht wieder in den gleichen
Irrtum zu verfallen. Der Graf hatte sie mit allergrter Artigkeit bitten
lassen, ihm eine Unterredung im Sprechzimmer zu gewhren. Diese Einladung
brachte Felizia auer sich. Es war ntig, da sie sich erinnerte, was sie
ihrer Wrde als Frau schuldig sei, um die Unterredung auf den nchsten Tag
zu verschieben. Aber als sie in dieses Sprechzimmer eintrat, wo der Graf
allein war, fhlte sich Felizia von einer ihr ganz fremden Schchternheit
ergriffen, obwohl sie durch ein Gitter ungeheurer Eisenstbe von ihm
getrennt war. Ihr Erstaunen war auerordentlich; sie bereute den Einfall
tief, der ihr einstmals so geschickt und gefllig erschienen war. Wir
sprechen von dem Gestndnis ihrer Leidenschaft fr den Grafen, das sie
damals der btissin gemacht hatte, damit diese es dem Grafen
wiedererzhle. Damals war sie weit davon entfernt, ihn so zu lieben wie
jetzt. Es war ihr vergnglich erschienen, das Herz des ernsten Vertreters
anzugreifen, den der Herzog dem Kloster gegeben hatte. Jetzt waren ihre
Gefhle ganz anders. Ihm zu gefallen, war notwendig fr ihr Glck; wenn
ihr dies nicht gelnge, wrde sie unglcklich sein, und wie wrde ein so
ernster Mann die seltsame Erffnung aufnehmen, die ihm die btissin machen
wrde? Es knnte leicht geschehen, da er sie indezent fnde, und dieser
Gedanke war eine Marter fr Felizia. Es war ntig zu sprechen. Der Graf
sa ernst vor ihr und sagte ihr Hflichkeiten ber ihren starken Geist.
"Hat es ihm die btissin schon erzhlt?" Die ganze Aufmerksamkeit der
jungen Nonne vereinigte sich auf diese groe Frage. Zu ihrem Glck glaubte
sie zu erkennen, was in der Tat die Wahrheit war: da die btissin, vom
Anblick der beiden Leichen jener verhngnisvollen Nacht noch ganz
entsetzt, eine so nichtige Einzelheit wie die trichte Liebe der jungen
Nonne ganz vergessen hatte.

Der Graf bemerkte die auerordentliche Verwirrung dieses schnen Mdchens
sehr wohl und wute nicht, wem er sie zuschreiben sollte. 'Wre sie
schuldig?' sagte er sich. Diese Idee beunruhigte ihn, den so Vernnftigen.
Dieser Verdacht bewog ihn, den Antworten der jungen Nonne auerordentliche
und ernste Aufmerksamkeit zu schenken. Das war eine Ehre, die er schon
seit langem nicht den Worten einer Frau erwiesen hatte. Er bewunderte
Felizias Geschick. Sie traf die Kunst, in einer fr den Grafen
schmeichelhaften Weise auf alles zu antworten, was er ber den
verhngnisvollen Kampf an der Tre des Klosters sagte, aber sie htete
sich wohl, ihm entscheidende Antworten zu geben. Nach einer Unterhaltung,
die anderthalb Stunden gewhrt hatte, whrend deren der Graf sich nicht
einen Augenblick langweilte, beurlaubte er sich von der jungen Nonne und
bat sie mit Wrme, ihm in einigen Tagen noch eine Unterredung zu gewhren.
Dies Wort erfllte Felizias Herz mit himmlischer Seligkeit.

Der Graf ging sehr nachdenklich aus der Abtei von Santa Riparata. 'Es wre
ohne Zweifel meine Pflicht,' sagte er sich, 'dem Frsten von den seltsamen
Dingen, die ich erfahren habe, in Kenntnis zu setzen. Der ganze Staat hat
sich mit dem Tod dieser beiden bedauernswerten, so reichen und glnzenden
jungen Leute beschftigt. Andrerseits hat uns der Frst-Kardinal jetzt
einen so schrecklichen Bischof gegeben, da man die ganzen Greuel der
spanischen Inquisition auf das unglckliche Kloster hetzen wrde, wenn man
auch nur ein Wort verlauten liee von dem, was geschehen ist. Es wre
nicht nur eines dieser armen jungen Mdchen, das dieser frchterliche
Bischof umbringen lassen wrde, sondern vielleicht fnf oder sechs; und
wer wre an ihrem Tode schuldig, wenn nicht ich, der nur einen ganz
kleinen Vertrauensmibrauch zu begehen hat, damit nichts geschieht? Wenn
der Frst erfhrt, was vorgefallen ist und mir Vorwrfe macht, werde ich
ihm sagen: Euer entsetzlicher Bischof hat mir Angst eingeflt.'

Der Graf wagte nicht, sich alle die Grnde, die ihn zum Schweigen
brachten, genau einzugestehen. Er war unsicher, ob nicht die schne
Felizia schuldig war, und sein ganzes Wesen wurde von Schreck gepackt bei
der Vorstellung, das Leben eines armen, von ihren Eltern und von der
Gesellschaft so grausam behandelten jungen Mdchens in Gefahr bringen.
'Sie wrde die Zierde von Florenz sein,' sagte er sich, 'wenn man sie
verheiratet htte.'

Der Graf hatte die vornehmsten Herrn und die reichsten Kaufleute von
Florenz zu einer prchtigen Jagdpartie in den zur Hlfte ihm gehrenden
Maremmen von Siena eingeladen. Er entschuldigte sich bei ihnen; die Jagd
fand ohne ihn statt, und Felizia war sehr erstaunt, als sie schon am
bernchsten Morgen nach ihrer ersten Unterhaltung die Pferde des Grafen
im ueren Klosterhof stampfen hrte. Als der Vertreter des Groherzogs
den Entschlu gefat hatte, dem Frsten nichts von dem mitzuteilen, was
geschehen war, hatte er gleichwohl gefhlt, da er die Verpflichtung auf
sich nehmen msse, in Zukunft ber die Ruhe des Klosters zu wachen. Nun
war es, um das zu erreichen, vor allem zu wissen ntig, welchen Anteil die
beiden Nonnen, deren Liebhaber ermordet worden waren, an ihrem Tod gehabt
hatten. Nach einer langen Unterredung mit der btissin lie der Graf acht
oder zehn Nonnen rufen, unter denen sich auch Fabiana und Celia befanden.
Er fand zu seinem groen Erstaunen, was auch die btissin ihm gesagt
hatte, da acht von diesen Nonnen gar nichts von den Vorgngen jener
verhngnisvollen Nacht wuten. Der Graf stellte an keine direkte Fragen,
auer an Celia und an Fabiana: sie leugneten, Celia mit der ganzen
Festigkeit einer Seele, die ber alles Unglck erhaben ist, die junge
Fabiana wie ein armes Mdchen in Verzweiflung darber, da man es in
barbarischer Weise an die Quelle aller seiner Schmerzen erinnert. Sie war
entsetzlich abgemagert und hatte das Aussehen einer Schwindschtigen; sie
konnte sich ber den Tod des jungen Lorenzo B** nicht trsten. 'Ich bin
es, die ihn gettet hat,' sagte sie Celia in den langen Gesprchen, die
sie mit ihr fhrte; 'ich htte die Eigenliebe des wilden Don Cesare,
seines Vorgngers, besser schonen mssen, als ich mit ihm brach.'

Kaum in das Sprechzimmer eingetreten, bemerkte Felizia, da die btissin
die Schwche gehabt hatte, dem Stellvertreter des Groherzogs von ihrer
Liebe zu ihm zu sprechen; die Haltung des gelassenen Buondelmonte war
dadurch ganz verndert. Das war zuerst ein Anla des Errtens und der
Verlegenheit fr Felizia. Ohne es zu wollen, war sie entzckend, whrend
der langen Unterredung, die sie mit dem Grafen hatte; aber sie gestand
nichts. Die btissin wute nichts genaues ber das, was sie gesehen und
allem Anschein nach falsch gesehen hatte. Celia und Fabiana gestanden
nichts. Der Graf war sehr verlegen. 'Wenn ich die Kammerfrauen und die
Dienerinnen verhre, heit das, dem Bischof in dieser Sache Zutritt
verschaffen. Sie werden zu ihrem Beichtvater davon sprechen und dann haben
wir die Inquisition im Kloster.'

Der Graf war sehr beunruhigt und kam alle Tage nach Santa Riparata. Er
hatte sich entschlossen, alle Nonnen zu verhren, dann alle
Hofkammerfrauen und endlich das ganze Gesinde. Er deckte die Wahrheit ber
einen vor drei Jahren verbten Kindesmord auf, dessen Anzeige ihm der
Offizial des geistlichen Gerichtshofs, dessen Prsident der Bischof war,
bermittelt hatte. Doch zu seinem groen Erstaunen sah er, da die
Geschichte der beiden jungen Leute, die sterbend den Garten der Abtei
betreten hatten, nur der btissin, Celia, Fabiana, Felizia und ihrer
Freundin Rodelinde bekannt war. Die Tante dieser Letzteren wute sich so
gut zu verstellen, da sie dem Argwohn entschlpfte. Der Schrecken, den
der neue Bischof Monsignore einflte, war derart gro, da, mit Ausnahme
der btissin und Felizias, die offensichtlich lgenhaften Aussagen aller
andren Nonnen immer in den gleichen Worten gegeben wurden. Der Graf hatte
zum Schlu jeder seiner Sitzungen im Kloster eine lange Unterhaltung mit
Felizia, welche sie glcklich machte; aber um sie zu verlngern,
befleiigte sie sich, den Grafen jeden Tag nur einen ganz kleinen Teil von
dem mitzuteilen, was sie ber den Tod der beiden jungen Edelleute wute.
Im Gegensatz dazu war sie von uerstem Freimut in den Dingen, die sie
persnlich betrafen. Sie hatte drei Liebhaber gehabt; sie erzhlte dem
Grafen, der fast ihr Freund geworden war, die ganze Geschichte dieser
Liebschaften. Die vllige Offenheit dieses schnen und geistvollen
Mdchens fesselte den Grafen, dem es nicht schwer fiel, sie mit uerster
Aufrichtigkeit zu beantworten.

"Ich kann Euch nicht mit so interessanten Geschichten, wie Eure es sind,
erwidern," sagte er Felizia, "und ich wei nicht, ob ich es wagen soll,
Euch zu sagen, da mir alle Eures Geschlechts, die ich in der Welt
getroffen habe, stets mehr Verachtung fr ihren Geist, als Bewunderung fr
ihre Schnheit eingeflt haben."

Die hufigen Besuche des Grafen hatten Celia die Ruhe genommen. Fabiana,
mehr und mehr von ihrem Schmerz benommen, hatte aufgehrt, den Ratschlgen
ihrer Freundin ihre Abwehr entgegenzusetzen. Als die Reihe an sie kam, die
Tr des Klosters zu bewachen, ffnete sie, wandte den Kopf, und der junge
Seidenweber Giuliano, Martonas Freund, konnte ins Kloster eintreten. Er
verbrachte dort volle acht Tage, bis Fabiana von neuem Dienst hatte und
die Tre offen lassen konnte. Es scheint, da Martona gegen Ende des
langen Aufenthalts ihres Geliebten, gerhrt von Giulianos Klagen, der sich
allein in ihrem Zimmer eingeschlossen tdlich langweilte, der btissin,
welche sie Tag und Nacht um sich haben wollte, die einschlfernde Essenz
verabreichte.

Als Giulia, eine sehr fromme junge Nonne, eines Abends durch die groen
Schlafrume ging, hrte sie in Martonas Zimmer sprechen. Sie nherte sich
leise, blickte durch das Schlsselloch und sah einen schnen jungen Mann
unter Scherzen mit Martona zur Nacht speisen. Giulia tat einige Schlge
gegen die Tre; als ihr aber einfiel, da Martona sehr wohl ffnen, sie
mit diesem jungen Mann einschlieen und sie, Giulia, der btissin anzeigen
knnte, wurde sie von groer Bestrzung erfat, denn Martona verbrachte
ihr ganzes Leben mit der btissin und man wrde ihr gewi glauben. In
ihrer Einbildung sah sie sich schon in diesem einsamen und dunklen
Korridor, wo noch keine Lampen angezndet waren, von Martona verfolgt, die
sehr viel strker war als sie selbst. Giulia ergriff ganz bestrzt die
Flucht, aber sie hrte noch Martona die Tre ffnen und bildete sich ein,
von ihr erkannt worden zu sein; so lief sie zur btissin, um ihr alles zu
sagen und diese eilte in furchtbarer Entrstung auf Martonas Zimmer, wo
sie jedoch Giuliano nicht mehr vorfand, der sich in den Garten geflchtet
hatte. Aber in der gleichen Nacht, da die btissin aus Vorsicht und im
Interesse von Martonas Ruf, diese zu sich nahm und ihr ankndigte, da
sie, damit die Bosheit nicht wieder einen Mann dahinter vermuten knne, am
nchsten Morgen in Begleitung des Beichtvaters, an die Tre ihrer Zelle
Siegel anlegen werde, mischte Martona, die in diesem Augenblick damit
beschftig war, der btissin das aus einer Schokolade bestehende
Nachtmahl, zu bereiten, eine ungeheure Menge des vorgeblichen
Schlafpulvers hinein.

Am nchsten Morgen befand sich die btissin Virgilia in einem so seltsamen
Zustand nervser Erregung und fand, als sie in den Spiegel sah, ihr
Gesicht so verndert, da sie dachte, sie wrde sterben. Die erste Wirkung
des Giftes von Perugia ist, da es die Personen, die davon genossen, fast
verrckt macht. Virgilia erinnerte sich, da eines der Vorrechte der
btissinnen des adligen Klosters von Santa Riparata war, in ihren letzten
Augenblicken den Beistand Seiner bischflichen Gnaden zu genieen. Sie
schrieb dem Prlaten, der bald im Kloster erschien. Sie erzhlte ihm nicht
nur von ihrer Krankheit, sondern auch von der Geschichte der beiden
Leichen. Der Bischof tadelte streng, da sie ihm von einem so
eigentmlichen und so verbrecherischen Vorfall nicht Kenntnis gegeben
habe. Die btissin antwortete, da der Stellvertreter des Herzogs, der
Graf Buondelmonte, ihr nachdrcklich geraten htte, den Skandal zu
vermeiden.

"Und wie kann dieser Weltliche die Khnheit haben, die genaue Erfllung
Eurer Pflichten Skandal zu nennen?"

Als sie den Bischof im Kloster erscheinen sah, sagte Celia zu Fabiana:
"Wir sind verloren. Dieser fanatische Prlat, der um jeden Preis die
Reform des Konzils von Trient in den Klostern seiner Dizese einfhren
will, wird sich ganz anders zu uns verhalten, als der Graf Buondelmonte."

Fabiana warf sich weinend in Celias Arme: "Der Tod macht mir nichts, aber
ich werde doppelt verzweifelt sterben, weil ich dich ins Verderben
gestrzt habe, ohne damit das Leben dieser unglcklichen btissin zu
retten."

Sogleich begab sich Fabiana in die Zelle der Nonne, welche an diesem Abend
die Torwache hatte. Ohne sich auf die Einzelheiten einzulassen, sagte sie
ihr, da es Ehre und Leben Martonas zu retten gelte, welche die
Unvorsichtigkeit begangen habe, einen Mann in ihrer Zelle zu empfangen.
Nach vielen Schwierigkeiten willigte die Nonne ein, etwas nach elf Uhr
abends die Tr offen zu lassen und sich einen Augenblick zu entfernen.

Whrend dieser Zeit hatte Celia Martona sagen lassen, sie mge sich in den
Chor begeben. Das war ein Saal wie eine zweite Kirche, die nur durch ein
Gitter von der dem Volke zugnglichen getrennt war; sie hatte mehr als
vierzig Fu Hhe. Martona hatte sich in der Mitte des Chors niedergekniet,
so da niemand hren konnte, wenn sie leise sprach. Celia begab sich an
ihre Seite.

"Hier" -- sagte sie ihr -- "ist eine Brse, die alles Geld enthlt, das
Fabiana und ich finden konnten. Heute abend oder morgen abend werde ich es
ermglichen, da die Tre des Klosters einen Augenblick offen bleibt. La
Giuliano entschlpfen und du rette dich bald danach. Sei gewi, da die
btissin dem schrecklichen Bischof alles gesagt hat und da sein
Gerichtshof dich ohne Zweifel zu fnfzehn Jahren Kerker oder zum Tode
verurteilen wird."

Martona machte eine Bewegung, um sich Celia zu Fen zu werfen.

"Was tust du, Unvorsichtige?" rief diese, und es gelang ihr, die Bewegung
aufzuhalten. "Bedenke, da man Giuliano und dich in jedem Augenblick
verhaften kann. Halte dich von jetzt an, bis zum Augenblick deiner Flucht,
so versteckt wie mglich, und gib vor allem acht auf die Personen, die in
das Sprechzimmer der Frau btissin eintreten."

Als der Graf am nchsten Morgen im Kloster eintraf, fand er vieles
verndert vor. Martona, die Vertraute der btissin war whrend der Nacht
verschwunden; die btissin war so geschwcht, da sie gentigt war, sich
in einem Lehnstuhl ins Sprechzimmer tragen zu lassen, um den Vikar des
Frsten zu empfangen. Sie gestand ihm, da sie dem Bischof alles gesagt
habe.

"In diesem Fall werden wir Blut oder Gift haben", rief dieser aus.

Die erste Sorge des Vertreters des Frsten war, das Wohl der jungen
Felizia zu sichern. Graf Buondelmonte, der menschlich fhlte, konnte den
Gedanken nicht ertragen, da dieses schne junge, ihm so zrtlich gesinnte
Mdchen verdammt sein sollte, keinen andern Gemahl als einen verpesteten
Kerker zu haben oder sogar Gift zu trinken. 'Wie schade wre es,' dachte
er sich, 'wenn Felizia wegen der gefhrlichen Einfalt unsrer btissin und
wegen des Fanatismus dieses schrecklichen Bischofs ein Leben verlieren
mte, welches das Glck eines rechtschaffenen Mannes ausmachen knnte!
Man mu um jeden Preis ein so grliches Los zu verhindern trachten.' Und
er sann nach, wie er sie unter irgendeiner Verkleidung entfliehen lassen
knnte.

Da erinnerte er sich an eine Einzelheit: die Nonnen des Klosters trugen
unter ihrem Schleier ein Kleid aus grner Seide, welches eng anliegend am
Krper und gerade nur unter die Knie reichend, wenig von dem glnzenden
Kostm der Waffenherolde abwich, die bei den groen Zeremonien vor dem
Frsten einherschritten. 'Es wird gengen,' sagte sich der Graf, 'da
Felizia ihren Schleier ber dem Kopf zusammenrafft und ihn wie ein Barett
faltet; wenn sie dann ihr langes flieendes Gewand wie einen Mantel um die
Schultern wirft, wird sie ganz das Ansehen eines groherzoglichen Herolds
haben. Man hat mir erzhlt, da eine Nonne in solcher Verkleidung ausging,
um ihren Geliebten zu besuchen. Felizia wird ebenfalls keine Schwierigkeit
haben, besonders weil sie von mir begleitet ist und die Wache wird ihr die
Ehrenbezeugung erweisen.'

Er lie sofort Felizia rufen und teilte ihr seinen Plan mit. Sie
antwortete ihm, da sie ihr Leben in seine Hnde gbe: "Wisset," sagte
sie, "da es weniger Glck fr mich ist, es zu behalten, als es Euch zu
verdanken und zu wissen, da Ihr Euch die Mhe genommen habt, fr mich zu
sorgen." Ein feuriger Blick, der diese Worte begleitete, verriet die
Gefhle dieses leidenschaftlichen Mdchens. Es war nicht Zeit fr langes
Reden. Felizia beeilte sich, den Anweisungen des Grafen zu folgen, und als
sie passend verkleidet war, begab sie sich auf dem gleichen Weg zur
Terrasse der Orangerie, wie in der Nacht, als Lorenzo und Pierantonio
gettet wurden. Sie stieg in den Garten, wohin der Graf ihr vorausgegangen
war und fand ihn nahe der Tr, die auf die weite Ebene hinter den
Stadtmauern fhrte. Man hatte grade die Wache abgelst und dieser Umstand
begnstigte noch die Flucht, denn die vorige Wache htte sich wundern
knnen, einen Waffenherold, den sie nicht eingelassen hatte, aus dem
Kloster fortgehen zu sehn. Der Graf und Felizia befanden sich in der
Strae der Goldarbeiter, dort fhrte er sie zu einem Mann, der ihm sehr
ergeben war, weil er ihn einstens vor den Galeeren gerettet hatte. Sie
wechselte ihre Kleider, nahm die der Tochter ihres Wirts und ritt gegen
Mitternacht, von zwei Dienern des Grafen begleitet, zu einem seiner
Pchter, der sie bis an die Grenzen Bolognas begleiten sollte, wo die
Buondelmonte Freunde hatten. Dort befand sie sich endlich in Sicherheit.

Dann bemhte sich Graf Buondelonte[sic! statt: Buondelmonte], auch die
sanfte Rodelinde zu retten, und es fiel ihm nicht zu schwer, weil er sich
Celias Nachschlssel bedienen konnte, die man ihr weggenommen hatte.

Schon am nchsten Morgen kehrte der Bischof ins Kloster zurck und fhrte,
wie der Graf vorher geahnt hatte, die ganzen Schrecken der Inquisition mit
sich. Er leitete den Proze gegen die Nonnen in den strengsten Formen ein.
Dieses Verfahren dauerte nicht lange und der Prlat lud die schuldigen
Schwestern in dem Saal vor sich, wo gewhnlich die Wahl der btissin
stattfand. Der Spruch wurde verkndet: Celia und Fabiana wurden
verurteilt, durch Gift zu sterben; andre, der Nonnenkleider verlustig zu
gehen und bis ans Ende ihrer Tage in ein Gefngnis geworfen zu werden, und
die endlich, die am wenigsten schuldig gefunden wurden, sollten eine
Gefangenschaft von zehn Jahren erdulden.

Kaum war diese Vorlesung beendet, als eine der zu lebenslnglichem Kerker
verurteilten Nonnen zum Fenster lief, es ffnete und sich in den Garten
strzte; eine andre durchstie sich die Brust mit einem Dolch.
Schreckliche Schreie ertnten und verbreiteten Entsetzen im ganzen
Kloster.

Der Bischof hatte sich zurckgezogen, als die Ruhe wiederhergestellt war,
und der Geistliche, dem er seine Macht bertragen hatte, schritt an den
schmerzlichsten Teil seiner Aufgabe, jenen, der Celia und Fabiana betraf.
Er machte ihnen in rauhester Weise Vorstellungen ber den Ernst der
Unruhen, die sie veranlat hatten und schlo, indem er ihnen sagte, sie
mten dieses Leben verlassen, um den Zorn des Himmels zu besnftigen.

"Aber", fgte er hinzu, "Eure Vorgesetzten und Eure Richter, welche den
Adel Eurer Familien und die Wrde dieses Orts in Betracht gezogen haben,
wollten Euch von der vollen Strenge der geistlichen Diszipin[sic! statt:
Disziplin] befreien und Euch die Schande eines ffentlichen
Urteilsvollzugs ersparen; sie haben also, nach den Grundstzen der
Barmherzigkeit Jesu Christi, beschlossen, Euch Eure Tage in der Umfassung
dieses geweihten Orts beenden zu lassen -- und durch den
Schierlingstrank."

Whrend dieser Rede sah ihn Celia starr mit verchtlicher Ruhe an. Als er
aufgehrt hatte, zu sprechen, fragte sie ihn kurz, wo der Giftbecher sei.
"Priester eines Gottes der Barmherzigkeit," antwortete er, "habe ich nur
das Urteil ber die Schuldigen zu sprechen: die Ausfhrung ist den
Laienbrdern anvertraut, wendet Euch an diese."

Ein Leibwchter des Geistlichen brachte zwei mit diesem Gift gefllte
Becher, er reichte sie Celia, die einen davon nahm und zu Fabiana sagte:
"Bringen wir diese Todesblume diesem Hanswurst der Seelen" -- und sie
schlang es hinunter bis auf den letzten Tropfen. Die schwchere Fabiana
gab sich Trnen und Klagen hin; Celia machte ihr Vorwrfe ber ihre
Anhnglichkeit an ein so unglckliches Leben und ber ihre Feigheit, die,
wie sie sagte, der dieser Mnner gleichkam, die sich nicht schmten, von
aller Welt verlassene Frauen zu ermorden."[sic! berzhliges
Anfhrungszeichen] Endlich trocknete Fabiana ihre Trnen, fate sich wie
im Augenblick einer groen Krise und wrgte das Gebru hinunter; es
Tropfen fr Tropfen schlrfend.

Indessen trugen Livia und eine andre Dienerin den leblosen Krper der
Nonne vom Garten herein, die sich aus dem Fenster gestrzt hatte. Als
Celia sie bemerkte, entschlpften ihr die Worte: "Wie ist sie glcklich,
nicht mehr zu leben!" Dann sprach sie den beiden Dienerinnen ihren Dank
fr die Ergebenheit aus, die sie ihr gezeigt hatten; sie gab Livia einen
Diamantring, den sie am Finger trug, zum Geschenk, und forderte sie auf,
den Erls mit ihrer Gefhrtin zu teilen.

Das Gift begann auf seine Opfer zu wirken: Fabiana wlzte sich auf der
Erde in den ngsten des Todes; Celia bemerkte, da der Delegat des
Bischofs und seine Leute fhllose Zeugen dieses Schauspiels blieben: "Geht
fort!" rief sie aus, "lat uns fern von Euren Augen sterben! Gerechter
Gott, verlngert nicht unsre Marter!" Endlich wurde ihre Natur durch den
Schmerz besiegt, und auch sie konnte sich nicht mehr aufrecht halten und
fiel zu Boden. In den Krmpfen ihrer Agonie lste sich ihr reiches
schwarzes Haar und fiel ihr ber Schultern und Brust, welche durch ihre
wilden Bewegungen entblt waren. Alle, sogar der Delegat, waren von
Mitleid ergriffen, vielleicht auch von Bedauern, an der Vernichtung eines
so vollkommenen Wesens Teil gehabt zu haben; sie konnten den Anblick nicht
lnger ertragen und gingen in einen Nebenraum. "Nie vielleicht", sagte der
Bevollmchtigte des Bischofs, "gab es eine unbeugsamere Seele in einer
schneren Hlle. Wie schade!"

Mittlerweile war Felizia in Bologna in aller Sicherheit untergebracht
worden. Graf Buondelmonte sumte nicht, ihre seine Trstungen zu bringen
und man sagt, da dieser Herr in der Folge die Reise von Florenz nach
Bologna hufig unternahm.




VITTORIA ACCORAMBONI

BERTRAGEN VON M. VON MUSIL


Fr mich wie fr den Leser bedaure ich, da dies kein Roman, sondern die
treue bersetzung eines sehr traurigen Berichtes ist, der im Dezember 1585
in Padua aufgeschrieben worden ist.

Ich befand mich vor einigen Jahren in Mantua, um Skizzen und kleine Bilder
zu suchen, die im Einklang mit meinem beschrnkten Vermgen stnden; ich
suchte Maler, die vor dem Jahre 1600 gearbeitet hatten, denn etwa um diese
Zeit ist die italienische Originalitt vollends ausgestorben, die schon
durch die Besetzung von Florenz im Jahre 1530 sehr gelitten hatte.

An Stelle von Gemlden bot mir ein alter, sehr reicher und geiziger
Patrizier alte, von der Zeit vergilbte Manuskripte sehr teuer zum Kauf an;
ich bat um die Erlaubnis, sie durchfliegen zu drfen; er stimmte bei und
fgte hinzu, er rechne darin auf meine Anstndigkeit, da ich mich an die
pikanten Anekdoten, die ich lesen sollte, nicht erinnern wrde, wenn ich
die Manuskripte nicht kaufte.

Unter dieser Bedingung, die mir pate, habe ich sehr zum Schaden meiner
Augen an dreihundert oder vierhundert Bnde durchflogen, worin vor zwei
oder drei Jahrhunderten Erzhlungen von tragischen Abenteuern angehuft
worden sind, von Herausforderungsschreiben zu Zweikmpfen,
Friedensvertrgen zwischen vornehmen Nachbarn, Aufzeichnungen ber Dinge
aller Art usf. Der alte Eigentmer forderte fr diese Manuskripte einen
ungeheuren Preis.

Nach langem Unterreden erwarb ich gegen eine sehr groe Summe das Recht,
gewisse kleine Geschichten, die mir gefielen und die Lebensgewohnheiten
Italiens um 1500 zeigten, zu kopieren. Ich besitze zweiundzwanzig
Foliobnde davon, und was der Leser hier lesen wird, wenn er berhaupt
Geduld dazu hat, ist eine dieser getreu bersetzten Geschichten. Ich kenne
die Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts in Italien, und ich glaube,
da das Folgende vollkommen wahr ist. Ich habe mir Mhe gegeben, damit die
bersetzung dieses ernsten, geraden, dsteren, altitalienischen Stils, der
voll Anspielungen auf Dinge und Vorstellungen ist, welche die Welt unter
dem Pontifikat Sixtus V. beschftigt haben, nicht etwa die moderne schne
Literatur widerspiegelt und die Ideen unseres vorurteilslosen
Jahrhunderts.

Der unbekannte Autor des Manuskripts ist eine vorsichtige Persnlichkeit;
er beurteilt niemals eine Tatsache, er bereitet nie auf sie vor, sein
einziges Bestreben ist, wahrheitsgem zu berichten. Wenn er dabei
bisweilen, ihm unbewut, malerisch wird, kommt das daher, da im Jahre
1585 noch nicht alle Handlungen der Menschen von einer Eitelkeitsaureole
verschleiert waren; man glaubte damals, nur dann auf den Nachbar wirken zu
knnen, wenn man sich mit grter Klarheit ausdrckte. Um 1585 dachte
auer den Hofnarren oder den Poeten niemand daran, liebenswrdige
Redewendungen zu gebrauchen. Man sagte noch nicht im Augenblick, wo man
Postpferde holen lie, um die Flucht zu ergreifen: ich werde zu Fen
Eurer Majestt sterben; dies war vielleicht die einzige Art von Verrat,
die nicht blich war. Man sprach wenig und jeder hrte mit uerster
Aufmerksamkeit auf das, was ihm gesagt wurde.

Also, gtiger Leser, suche hier nicht eine beziehungsreiche, leichte
Schreibweise, die von frischen Anspielungen auf die Art des modernen
Empfindens glnzt, erwarte nicht etwa die spannenden Erregungen eines
Romans der George Sand; diese groe Schriftstellerin htte ein Meisterwerk
aus dem Leben und dem Unglck der Vittoria Accoramboni gemacht. Die
wahrheitsgetreue Erzhlung, die ich darbiete, kann nur die bescheidenen
Vorzge der Historie haben. Wenn man aber zufllig bei einbrechender Nacht
allein im Postwagen sitzt und sich anschickt, ber die groe Kunst der
Ergrndung des menschlichen Herzens nachzudenken, wird man die
Begebenheiten dieser Erzhlung als Grundlage seiner Beurteilung annehmen
knnen. Der Verfasser sagt alles, erklrt alles, berlt nichts der
Einbildungskraft des Lesers; er schrieb die Geschichte zwlf Tage nach dem
Tod der Heldin.

       *       *       *       *       *

Vittoria Accoramboni stammte aus altadeligem Geschlecht einer kleinen
Stadt des Herzogtums Urbino, die Agubio heit. Schon von Kindheit an fiel
sie allen durch ihre seltene, ungewhnliche Schnheit auf. Aber diese
Schnheit war ihr geringster Reiz. Nichts fehlte ihr, was ein Mdchen von
vornehmer Geburt bewundernswert macht, aber nichts war so bemerkenswert,
ja, man kann sagen: keine unter so vielen auerordentlichen Eigenschaften
grenzte so ans Wunderbare, wie eine ganz eigne reizende Anmut, welche ihr
beim ersten Anblick Herz und Willen eines jeden gewann. Und diese
Natrlichkeit, die dem geringsten ihrer Worte Macht verlieh, war nicht
durch den leisesten Anflug von Knstelei getrbt; von Anfang an fate man
Zutrauen zu dem vornehmen Mdchen, dem eine so ungewhnliche Schnheit
verliehen war. Mit uerster Kraftanstrengung htte man diesem Zauber
vielleicht widerstehen knnen, solange man sie nur gesehen htte; aber
wenn man sie sprechen hrte und besonders, wenn man in eine Unterhaltung
mit ihr geriet, war es ganz unmglich, sich einen[sic! statt: einem] so
ungewhnlichen Reiz zu entziehen.

Viele junge Kavaliere aus Rom, wo ihr Vater wohnte und man seinen Palast
noch heute auf der Piazza Rusticucci nahe Sankt Peter sehen kann, warben
um ihre Hand. Es gab viel Eifersucht und Nebenbuhlerschaft; aber
schlielich gaben Vittorias Eltern Felice Peretti den Vorzug, dem Neffen
des Kardinals Montalto, der spter der glcklich herrschende Papst Sixtus
V. geworden ist.

Felice war der Sohn Camilla Perettis, einer Schwester des Kardinals und
hie frher Francesco Mignucci. Er nahm den Namen Felice Peretti erst an,
als er von seinem Oheim in aller Form adoptiert wurde.

Als Vittoria in das Haus Peretti einzog, brachte sie, ohne daran zu
denken, jenes berstrahlende mit, das man schicksalhaft nennen kann; so
da man sagen mchte: um sie nicht anbeten zu mssen, drfte man sie nie
gesehen haben. Die Liebe, die ihr Mann fr sie fhlte, ging bis zum
Wahnsinn; ihre Schwiegermutter und der Kardinal Montalto selbst schienen
auf Erden keine andre Beschftigung zu haben, als die Wnsche Vittorias zu
erraten, um sie sogleich zu erfllen. Ganz Rom staunte, wie dieser
Kardinal, der ebenso durch die Geringfgigkeit seines Vermgens, wie durch
seinen Abscheu vor jedem Luxus bekannt war, jetzt stndig Freude daran
fand, allen Wnschen Vittorias zuvorzukommen. Jung, im Glanz ihrer
Schnheit und von allen angebetet, unterlie sie es nicht, bisweilen recht
kostspielige Einflle zu haben. Vittoria empfing von ihren neuen
Verwandten die kostbarsten Schmucksachen, Perlen und berhaupt alles, was
bei den Goldarbeitern Roms, die damals sehr gut versorgt waren, als
Seltenheit galt.

Aus Liebe zu dieser liebenswrdigen Nichte behandelte der wegen seiner
Strenge so bekannte Kardinal Montalto die Brder Vittorias, als ob sie
seine eignen Neffen wren. Ottavio Accoramboni wurde, kaum dreiig Jahr
alt, durch die Vermittlung des Kardinals Montalto vom Herzog von Urbino
zum Bischof von Fossombrone vorgeschlagen und vom Papst Gregor XIII. dazu
ernannt; Marcello Accoramboni, ein Jngling von ungestmem Mut, mehrerer
Verbrechen angeklagt und eifrig von der Corte verfolgt, war mit grter
Mhe den Verfolgungen entgangen, die leicht zu seinem Tode htte fhren
knnen. Durch die Protektion des Kardinals gesttzt, konnte er eine
gewisse Ruhe wieder erlangen.

Ein dritter Bruder Vittorias, Giulio Accoramboni, wurde vom Kardinal
Alessandro Sforza zu den ersten Ehrenposten seines Hofs zugelassen, kaum,
da der Kardinal darum ersucht hatte.

Mit einem Wort, wenn die Menschen ihr Glck nicht an der unendlichen
Unersttlichkeit ihrer Wnsche messen wrden, sondern am wirklichen
Genusse aller Vorteile, die sie schon besitzen, so htte den Accoramboni
die Heirat Vittorias mit dem Neffen des Kardinals Montalto als Gipfel
menschlicher Glckseligkeit erscheinen mssen. Aber dies unsinnige
Verlangen nach unermelichen und unvorstellbaren Vorteilen treibt selbst
Menschen, die auf der Hhe des Glcks stehen, in seltsame und gefhrliche
Bahnen.

Es ist wohl wahr: wenn irgendeiner der Verwandten Vittorias, in dem
Wunsch, zu grerem Reichtum zu gelangen, dazu beigetragen htte, sie von
ihrem Gatten zu befreien, -- wie ja in Rom vielfach Verdacht gehegt
wurde --, so htte er bald nachher erkennen mssen, wieviel weiser es
gewesen wre, sich mit den migen Vorteilen eines angenehmen Glcks zu
begngen, welches ja so bald danach zu all dem aufgestiegen wre, was
menschlicher Ehrgeiz nur wnschen kann.

Whrend nun Vittoria gleich einer Knigin in ihrem Hause lebte, wurde
Felice Peretti eines Abends, gerade als er mit seiner Frau zu Bett
gegangen war, ein Brief durch eine gewisse Caterina zugestellt, die aus
Bologna stammte und Vittorias Kammerfrau war. Dieser Brief war von einem
Bruder Caterinas, Domenico d'Aquaviva, mit dem Spitznamen il Mancino, der
Linkshndige, berbracht worden. Dieser Mann war wegen verschiedener
Verbrechen aus Rom verbannt, aber auf Bitten Caterinas hatte ihm Felice
die mchtige Protektion seines Oheims des Kardinals verschafft, und der
Mancino kam oft in Felices Haus, der groes Vertrauen in ihn setzte.

Der Brief, von dem wir sprechen, war im Namen Marcello Accorambonis
geschrieben, welcher von allen Brdern Vittorias Felice am liebsten war.
Er lebte gewhnlich versteckt auerhalb Roms, aber trotzdem wagte er sich
manchmal in die Stadt und fand dann eine Zuflucht in Felices Haus.

In dem zu so ungewhnlicher Stunde zugestellten Brief rief Marcello seinen
Schwager Felice Peretti um Beistand an, er beschwor ihn, ihm zu Hilfe zu
kommen und fgte hinzu, da er ihn in einer Angelegenheit von groer
Dringlichkeit beim Palazzo Montecavallo erwarte.

Felice teilte seiner Frau von dem seltsamen Brief mit, den er erhalten
hatte; dann kleidete er sich an und nahm keine andre Waffe als sein
Schwert. Von einem einzigen Diener begleitet, der eine brennende Fackel
trug, war er schon im Fortgehen, als er seine Mutter Camilla und alle
Frauen des Hauses, auch Vittoria unter ihnen, auf seinem Weg fand; alle
baten ihn instndigst, nicht zu dieser vorgerckten Stunde fortzugehen. Da
er ihren Bitten nicht nachgab, fielen sie auf die Knie und beschworen ihn
weinend, auf sie zu hren.

Die Frauen, und besonders Camilla, waren durch die Erzhlung seltsamer
Dinge in Schrecken gesetzt, die sich alle Tage ereigneten und in dieser
Zeit des Pontifikats Gregors XIII., die voller Unruhen und unerhrter
Attentate war, ungestraft blieben. Noch ein Gedanke beunruhigte sie: Wenn
Marcello Accoramboni es wagte, nach Rom zu kommen, war es nicht seine
Gewohnheit, Felice rufen zu lassen, und gar zu solcher nchtlicher Stunde
schien ihnen ein derartiger Schritt gegen jeden Anstand zu sein.

In dem vollen Feuer seiner Jugend wollte Felice nicht auf diese
ngstlichen Vernunftgrnde hren; als er noch dazu erfuhr, da der Brief
vom Mancino gebracht worden war, den er sehr gern hatte und dem er Gutes
erwiesen hatte, konnte ihn nichts halten, und er verlie das Haus.

Ihm voraus ging, wie schon gesagt wurde, ein einziger Diener mit einer
brennenden Fackel. Aber der arme junge Felice hatte kaum einige Schritte
des Aufstiegs zum Monte Cavallo gemacht, als er von drei Flintenschssen
getroffen zusammenbrach. Als die Mrder ihn auf der Erde sahen, warfen sie
sich auf ihn und durchbohrten ihn nach Gefallen mit Dolchstichen, bis er
ihnen vllig tot zu sein schien. Augenblicklich wurde diese
verhngnisvolle Nachricht zu Felices Mutter und Frau gebracht, und durch
diese gelangte sie zu seinem Oheim, dem Kardinal.

Der Kardinal lie sich, ohne eine Miene zu verndern, ohne die kleinste
Bewegung zu verraten, sofort wieder ankleiden, dann empfahl er sich selbst
und diese arme, so unvorbereitet dahingeraffte Seele seinem Gott. Er begab
sich zu seiner Nichte und durch eine das tiefste Gleichgewicht zeigende
Miene und bewundernswerte Wrde wute er dem Klagen und Weinen der Frauen,
das im ganzen Haus zu widerhallen begann, etwas Einhalt zu tun. Seine
Macht ber diese Frauen war von solcher Wirksamkeit, da man von diesem
Augenblick an, und selbst, als der Leichnam aus dem Hause getragen wurde,
nichts hrte noch sah, was im geringsten von dem abgewichen wre, was in
den korrektesten Familien bei einem lngst vorhergesehenen Todesfall
stattfindet. Was den Kardinal Montalto selbst betrifft, konnte niemand an
ihm die geringsten Zeichen auch nur des einfachsten Schmerzes wahrnehmen;
nichts wurde in der Ordnung und ueren Erscheinung seines Lebens
verndert. Rom hatte sich bald davon berzeugt; jenes Rom, welches mit
seiner gewohnten Neugier die geringsten Bewegungen eines so tief
verletzten Mannes beobachtete.

Zufllig wurde gerade am Tage nach der Ermordung Felices das Konsistorium
der Kardinle im Vatikan zusammengerufen. Es gab keinen in der ganzen
Stadt, der nicht glaubte, wenigstens an diesem ersten Tage wrde sich
Kardinal Montalto diesem ffentlichen Auftreten entziehen. Wo er gerade
vor den Augen so vieler und so neugieriger Zeugen erscheinen sollte! Man
wrde die leisesten Regungen der natrlichen Schwachheit beobachten
knnen, whrend es doch fr eine Persnlichkeit, die von einem
hervorragenden Posten aus nach einem noch hheren strebt, angemessener
wre, sie zu verheimlichen. Denn jedermann wird zugeben, da es nicht
passend ist, wenn der, dessen Ehrgeiz es ist, sich ber alle anderen zu
erheben, ebenso menschlich zeigt wie alle andren.

Aber die solche Gedanken hatten, tuschten sich doppelt; denn erstens
erschien der Kardinal seiner Gewohnheit gem als einer der ersten im Saal
des Konsistoriums und sodann war es auch den Scharfsichtigsten unmglich,
irgendein Zeichen menschlicher Empfindlichkeit an ihm zu entdecken. Im
Gegenteil setzte er jedermann durch seine Antworten in Erstaunen, als
einige seiner Kollegen aus Anla eines so grausamen Ereignisses
versuchten, ihm einige trstende Worte zu sagen. Die Standhaftigkeit und
die augenscheinliche Ruhe seiner Seele inmitten eines so frchterlichen
Unglcks wurden bald zum Gesprch der Stadt.

Es ist wohl wahr, da einige Mnner in diesem Konsistorium, die mehr
Erfahrung in hfischer Art hatten, diese scheinbare Unempfindlichkeit
nicht einem Mangel an Gefhl, sondern einer groen Verstellungsgabe
zuschrieben, und diese Auffassung wurde bald nachher von den meisten
Angehrigen des Hofes geteilt; denn es war nutzbringend, sich von einer
Beleidigung nicht zu tief verletzt zu zeigen, deren Urheber zweifellos
hochgestellt war, und spter vielleicht den Weg zur allerhchsten Wrde
verhindern knnte.

Was immer auch die Ursache dieser augenscheinlich vollstndigen
Unempfindlichkeit sein mochte, war es doch sicher, da sie ganz Rom und
den Hof Gregors XIII. mit einer gewissen Bestrzung erfllte. Aber, um auf
das Konsistorium zurckzukommen: als alle Kardinle versammelt waren und
der Papst selbst in den Saal trat, wandte er sogleich die Augen zum
Kardinal Montalto, und man sah Seine Heiligkeit Trnen vergieen; was den
Kardinal betrifft, so verloren seine Zge nicht ihre gewohnte
Unbeweglichkeit.

Das Staunen verdoppelte sich, als im gleichen Konsistorium die Reihe an
den Kardinal Montalto kam, sich vor dem Thron Seiner Heiligkeit
niederzuknien, um ber die Angelegenheiten, mit denen er betraut war,
Bericht abzulegen, und der Papst, bevor er ihm zu beginnen gestattete,
nicht sein Schluchzen zurckhalten konnte. Als Seine Heiligkeit wieder
fhig war, zu sprechen, suchte sie den Kardinal zu trsten und versprach
ihm dabei, da dieses ungeheuerliche Attentat streng und schnell geshnt
werden solle. Aber nachdem der Kardinal Seiner Heiligkeit demtigst
gedankt hatte, bat er ihn instndigst, keine Nachforschungen ber das, was
geschehen war, anzubefehlen, da er, was ihn betrfe, aus vollem Herzen dem
Urheber verzeihe, wer es auch sein mge. Und unmittelbar nach dieser in
sehr wenigen Worten vorgetragenen Bitte, ging der Kardinal zu den
einzelnen Angelegenheiten ber, mit denen er betraut war; als ob nichts
Auergewhnliches geschehen wre.

Die Blicke aller beim Konsistorium anwesenden Kardinle waren auf den
Papst und auf Montalto geheftet, und obgleich es sicher sehr schwer sein
mag, das gebte Auge eines Hofmanns irrezufhren, wagte doch niemand zu
behaupten, da die Miene des Kardinals Montalto die leiseste Bewegung
verraten habe, als er die Trnen Seiner Heiligkeit so aus der Nhe sah,
die -- um die Wahrheit zu sagen -- wirklich ganz auer sich geraten war.
Diese erstaunliche Fhllosigkeit des Kardinals Montalto verleugnete sich
auch nicht whrend der ganzen Zeit, die er mit Seiner Heiligkeit zu
arbeiten hatte. Es ging so weit, da der Papst selbst dadurch betroffen
wurde und nach Schlu des Konsistoriums nicht umhin konnte, dem Kardinal
von San Sisto, seinem Lieblingsneffen, zu sagen: Veramente costui  un
gran frate! Wahrlich, der ist ein groer Mnch!

Das Benehmen des Kardinals Montalto war auch whrend aller folgenden Tage
vllig gleichmig. Wie es Sitte war, empfing er die Beileidsbesuche der
Kardinle, der Prlaten und der rmischen Frsten, und keinem gegenber,
in welchen Beziehungen er auch zu ihm stehen mochte, lie er sich zu
irgendeiner uerung des Schmerzes oder der Klage hinreien. Nach einer
kurzen Darlegung ber die Unbestndigkeit der menschlichen Dinge, die er
mit Sentenzen und Zitaten aus der Heiligen Schrift oder den Kirchenvtern
belegte, wechselte er kurz das Gesprch und kam auf die Neuigkeiten der
Stadt oder auf persnliche Angelegenheiten dessen zu sprechen, mit dem er
sich unterhielt, genau, als ob er seinen Trostspender htte trsten
wollen.

Rom war besonders neugierig, was whrend des Besuchs geschehen wrde, den
ihm Frst Paolo Giordano Orsini, Herzog von Bracciano, abstatten mute,
welchem das Gercht den Tod von Felice Peretti zuschrieb. Das Volk dachte,
da Kardinal Montalto nicht so in der Nhe des Frsten sein knne und
unter vier Augen mit ihm sprechen, ohne irgendwie seine Gefhle zu
verraten.

Als der Frst den Kardinal besuchte, war eine ungeheure Menschenmenge auf
der Strae und am Eingang; zahlreiche Hflinge erfllten alle Rume des
Hauses, so gro war die Neugier, das Aussehen der beiden zu beobachten.
Aber weder an dem einen noch an dem andern vermochte jemand etwas
besonderes wahrzunehmen. Der Kardinal Montalto hielt sich genau an das,
was der hfische Anstand vorschrieb; er gab seinem Gesicht einen sehr
bemerkenswerten Ausdruck von Aufgerumtheit und die Art, wie er das Wort
an den Frsten richtete, war von Geflligkeit erfllt.

Einen Augenblick spter, als der Frst seinen Wagen bestieg und sich mit
den Intimen seines Hofs allein befand, konnte er sich nicht mehr
zurckhalten, lachend zu sagen: "In fatto  vero che costui  un gran
frate! Es ist wirklich wahr, jener ist ein groer Mnch![sic! Fehlt: "]
Als ob er die Wahrheit des Wortes besttigen wollte, das dem Papst vor
einigen Tagen entschlpft war.

Die Klugen dachten, da die bei dieser Gelegenheit vom Kardinal Montalto
gezeigte Haltung ihm den Weg zum Thron ebnen msse; denn viele Leute
faten ber ihn die Meinung, da er, sei es von Natur oder durch Tugend,
niemandem schaden knne oder wolle, wenn er auch allen Grund habe, gereizt
zu sein.

Felice Peretti hatte nichts Schriftliches, was sich auf seine Frau bezog,
hinterlassen; sie mute demzufolge in das Haus ihrer Eltern zurckkehren.
Der Kardinal Montalto lie ihr vor ihrem Scheiden die Gewnder, die
Schmucksachen und berhaupt alle Geschenke aushndigen, die sie erhalten
hatte, whrend sie die Frau seines Neffen war.

Am dritten Tage nach dem Tode Felice Perettis lie sich Vittoria, von
ihrer Mutter begleitet, im Palast des Frsten Orsini nieder. Manche
sagten, die Frauen wurden zu diesem Schritt durch die Sorge um ihre
persnliche Sicherheit getrieben, denn die Corte[3] schien sie mit der
Anklage zu bedrohen, dem Mord, der begangen worden war, zugestimmt oder
zumindest vor der Ausfhrung von ihm Kenntnis gehabt zu haben; andre
glaubten -- und das, was spter geschah, schien diese Ansicht zu
besttigen -- da sie den Schritt getan hatten, um die Heirat zu
betreiben, da der Frst Vittoria zugesichert haben sollte, sie zu
heiraten, wenn sie keinen Gatten mehr habe.

Immerhin hat man weder damals, noch spter den Urheber des Mordes an
Felice feststellen knnen, obwohl jeder auf jeden Verdacht hatte. Die
meisten schrieben indessen diesen Todesfall dem Frsten Orsini zu. Man
sagte allgemein, da er von einer leidenschaftlichen Neigung fr Vittoria
ergriffen war; er hatte davon unzweideutige Anzeichen gegeben und die
Heirat, welche folgte, war ein starker Beweis, denn die Frau stand so weit
unter ihm, da nur die Tyrannei leidenschaftlicher Liebe sie zur
Gleichheit der Ehe erheben konnte. Das Volk wurde von der Auffassung auch
nicht durch einen, an den Gouverneur von Rom gerichteten Brief abgebracht,
den man wenige Tage nach der Tat verbreitete. Dieser Brief war im Namen
Cesare Palantieris geschrieben, eines ungestmen jungen Mannes, der aus
der Stadt verbannt war.

In diesem Brief sagte Palantieri, es sei nicht ntig, da seine
hochgeborene Gnaden sich die Mhe mache, anderswo den Urheber des Mordes
an Felice Peretti zu suchen, da er selbst es gewesen sei, der ihn habe
tten lassen und zwar infolge gewisser Differenzen, die vor einiger Zeit
zwischen ihnen stattgefunden htten.

Viele waren der Meinung, da dieser Mord nicht ohne die Zustimmung des
Hauses Accoramboni geschehen sein konnte; man beschuldigte die Brder
Vittorias, da sie der Ehrgeiz, mit einem so reichen und mchtigen Frsten
in Beziehungen zu treten, verfhrt habe. Man beschuldigte besonders
Marcello wegen der Verdachtsgrnde, die durch den Brief gegeben waren, der
den unglcklichen Felice nachts aus dem Haus rief. Man sprach auch von
Vittoria selbst schlecht, als man sie ihre Zustimmung geben sah, so bald
nach dem Tode ihres Gemahls den Palast der Orsini als zuknftige Gattin zu
bewohnen. Man behauptete, da es wenig wahrscheinlich sei, sich pltzlich
so nahe, wie bei einem Messerstich, nebeneinander zu finden, wenn man sich
vorher nicht, wenigstens durch einige Zeit, Waffen von grerer Reichweite
bedient habe. Die Nachforschung ber diesen Mord wurde von Monsignore
Portici, Statthalter von Rom, nach den Befehlen Gregors XIII. geleitet.
Man ersieht daraus blo, da Domenico, Mancino genannt, durch die Corte
verhaftet, Gestndnisse macht und ohne erst auf die Folter gespannt werden
zu mssen, im zweiten Verhr, am vierundzwanzigsten Februar 1582, aussagt:

"Da Vittorias Mutter an allem schuld sei, und da sie durch die
Kammerfrau aus Bologna untersttzt worden sei, welche gleich nach dem Mord
Zuflucht in der Feste von Bracciano fand, in die als dem Frsten Orsini
gehrend die Corte nicht einzudringen wagte, und da die Vollbringer des
Verbrechens Macchione de Gubbio und Paolo Barca di Bracciano waren, lancie
spezzate eines Herrn, dessen Namen man aus triftigen Grnden nicht
nannte."

Mit diesen triftigen Grnden vereinten sich, wie ich glaube, die Bitten
des Kardinals Montalto, der nachdrcklich ersuchte, da die
Nachforschungen nicht weiter getrieben werden mgen, und wirklich war
nicht mehr die Rede von einem Proze. Der Mancino wurde aus dem Gefngnis
mit dem Befehl entlassen, bei Todesstrafe unverzglich in seinen
Heimatsort zurckzukehren und ihn nie ohne eine besondere Erlaubnis zu
verlassen. Die Freilassung dieses Mannes fand 1583, am Tage des San Luigi
statt, und da dieser Tag auch der Geburtstag des Kardinal Montalto war,
bestrkte mich dieser Umstand mehr und mehr in der Annahme, da auf seine
Bitte hin diese Angelegenheit so beendet wurde. Unter einer so schwachen
Regierung, wie es die Gregors XIII. war, konnte ein derartiger Proze sehr
unangenehme Folgen haben.

Die Bemhungen der Corte wurden hiermit eingestellt; trotzdem wollte Papst
Gregor XIII. nicht einwilligen, da Frst Paolo Orsini, Herzog von
Bracciano, die Witwe Accoramboni heirate. Nachdem Seine Heiligkeit der
letzteren eine Art Gefangenschaft auferlegt hatte, erlie er fr den
Frsten und die Witwe die Vorschrift, da sie ohne seine oder seiner
Nachfolger ausdrckliche Erlaubnis einander nicht heiraten drften.

Gregor XIII. starb zu Beginn des Jahres 1585 und da die von Frst Orsini
konsultierten Rechtsgelehrten geantwortet hatten, da sie die Vorschrift
durch den Tod des Herrschers, der sie verfgt htte, fr annulliert
erachteten, entschlo er sich, Vittoria vor der Ernennung des neuen
Papstes zu heiraten. Aber die Ehe lie sich nicht so schnell schlieen,
wie der Frst es wnschte; teils weil er die Zustimmung von Vittorias
Brdern haben wollte und es sich ereignete, da Ottavio Accoramboni, der
Bischof von Fossombrone, niemals die seine zu geben gedachte; teils auch,
weil man nicht glaubte, da die Wahl des Nachfolgers Gregors XIII. so
rasch stattfinden wrde. Tatsache ist, da die Ehe erst am gleichen Tag
geschlossen worden ist, als der Kardinal Montalto, den diese Angelegenheit
so interessierte, zum Papst gewhlt wurde, nmlich am vierundzwanzigsten
April 1585, sei es, da dies nur Zufall war, sei es, da der Frst zeigen
wollte, er frchte die Corte nicht rger unter dem neuen Papst, als er sie
unter Gregor XIII. gefrchtet hatte.

Diese Heirat beleidigte die Seele Sixtus V. tief (dies war der Name, den
Kardinal Montalto gewhlt hatte); er hatte schon die Denkweise aufgegeben,
die fr einen Mnch passend ist, und seine Seele zu der Hhe des Ranges
erhoben, in den ihn Gott jetzt gestellt hatte.

Der Papst zeigte aber trotzdem kein Zeichen von Zorn. Allein als sich der
Frst Orsini am gleichen Tage mit der Menge der rmischen Edelleute zum
Fukusse eingefunden hatte, mit der geheimen Absicht, in den Zgen des
heiligen Vaters zu lesen, was er von diesem bisher so wenig deutlichen
Mann zu erwarten oder zu frchten habe, bemerkte er, da zum Scherzen
nicht mehr die Zeit sei. Der neue Papst hatte den Frsten in einer
eigentmlichen Weise angesehn, und hatte kein einziges Wort auf die
Huldigung, die dieser an ihn richtete, geantwortet; daher fate der Frst
den Entschlu, sofort zu ergrnden, welche Absicht Seine Heiligkeit in
bezug auf seine Person habe.

Durch Vermittlung des Kardinals Ferdinand von Medici, eines Bruders seiner
ersten Frau und des spanischen katholischen Botschafters suchte er um eine
Privataudienz beim Papste an und erhielt sie. Hier richtete er an Seine
Heiligkeit eine wohleinstudierte Rede; ohne der vergangenen Dinge
Erwhnung zu tun, sprach er seine Freude anllich der neuen Wrde aus und
bot Seiner Heiligkeit als treuster Vasall und Diener sein ganzes Vermgen
und seine ganze Macht an.

Der Papst[4] hrte ihn mit auerordentlichem Ernst an und antwortete
schlielich, niemand wnsche mehr als er, da in Zukunft das Leben und die
Taten des Paolo Giordano Orsini des Geschlechts der Orsini und eines
wahrhaft christlichen Ritters wrdig seien, da sein eigenes Gewissen ihm
am besten sagen werde, wie er frher zum Heiligen Stuhl und zu dessen
Personifizierung dem Papst gestanden sei; da er indessen sicher sein
knne -- so gern ihm auch alles vergeben sei, was er gegen Felice Peretti
und gegen Felice Kardinal Montalto habe unternehmen knnen -- niemals
wrde ihm verziehen werden, was er etwa in Zukunft gegen den Papst Sixtus
V. unternehmen mchte; daher fordere er ihn hiermit auf, sofort alle
Verbannten und Missetter zu vertreiben, denen er bis heute Unterschlupf
geboten habe.

Sixtus V. besa eine besondere Fhigkeit, sich beim Sprechen jedweden
Tones, den er wollte, bedienen zu knnen; aber wenn er gereizt und drohend
war, htte man sagen knnen, da seine Augen Blitze schleuderten. Sicher
ist, da Frst Paolo Orsini, der immer gewhnt war, da die Ppste ihn
frchteten, durch die Sprechweise des Papstes, wie er eine hnliche nicht
in einem Zeitraum von dreizehn Jahren gehrt hatte, so ernstlich zum
Nachdenken angeregt wurde, da er vom Palast Seiner Heiligkeit schleunigst
zum Kardinal Medici eilte, um ihm zu erzhlen, was vorgefallen war. Dann
beschlo er, auf den Rat des Kardinals, ohne den geringsten Aufschub alle
vom Gericht verfolgten Personen auszuweisen, denen er in seinem Palast und
in seinen Staaten Unterkunft gewhrt hatte, und er berlegte auch, wie er
selbst schnell irgendeinen ehrenvollen Vorwand finden knnte, sogleich die
Lnder zu verlassen, die unter der Macht eines so entschlossenen Papstes
standen.

Man mu wissen, da Frst Paolo Orsini auerordentlich umfangreich
geworden war; seine Beine waren dicker als der Krper eines
durchschnittlichen Menschen und das eine dieser ungeheuren Beine war von
der Krankheit befallen, die man la lupa nennt, weil man ihr eine groe
Menge frischen Fleisches zufhren mu, welches man auf die leidende Stelle
legt, sonst wrden die bsen Sfte -- wenn sie nicht totes Fleisch zu
verzehren bekmen -- sich auf das umliegende gesunde Fleisch werfen.

Der Frst nahm dieses bel als Vorwand, um sich in die berhmten Bder von
Albano, nahe Padua, im Bereich der Republik Venedig, zu begeben; er reiste
mit seiner jungen Gattin Mitte Juni dorthin. Albano war fr ihn ein ganz
sicherer Hafen, denn seit vielen Jahren war das Haus Orsini mit der
Republik Venedig durch gegenseitige Dienste verbunden.

In diesem sicheren Lande angekommen, dachte der Frst Orsini nur daran,
die Annehmlichkeiten eines wechselnden Aufenthalts zu genieen, und er
mietete zu diesem Zweck drei prachtvolle Palste: den einen in Venedig,
den Palazzo Dandolo in der via della Zecca; den zweiten in Padua, das war
der Palazzo Foscarini auf der prchtigen Arena genannten Piazza; den
dritten whlte er in Sal, an dem reizenden Ufer des Gardasees: dieser
hatte einst der Familie Sforza-Pallavicini gehrt.

Die Herren der Republik Venedig vernahmen mit Freude, da ein solcher
Frst in ihren Staat kommen wollte und boten ihm sofort eine sehr noble
Condotta an: das bedeutet eine betrchtliche jhrliche Rente, die von dem
Frsten dazu gebraucht werden mte, ein Korps von zweitausend bis
dreitausend Mann aufzustellen, dessen Kommando er zu bernehmen hatte. Der
Frst wies das Anerbieten sehr schnell ab; er lie den Senatoren
antworten: obwohl er sich durch natrliche und von seiner Familie ererbte
Neigung in seinem Herzen zum Dienst der erhabenen Regierung geneigt fhle,
erschiene es ihm doch, da er gegenwrtig an den katholischen Knig
gebunden sei, nicht passend, eine andere Verpflichtung zu bernehmen. Eine
so entschlossene Antwort brachte etwas Lauheit in die Stimmung der
Senatoren. Zuerst hatten sie beabsichtigt, ihm bei seiner Ankunft in
Venedig im Namen des ganzen Volks einen sehr ehrenvollen Empfang zu
bereiten; auf seine Antwort hin beschlossen sie, ihn einfach wie einen
Privatmann ankommen zu lassen.

Frst Orsini, der von allem unterrichtet war, fate den Entschlu,
berhaupt nicht nach Venedig zu gehen. Er war schon in der Nhe Paduas,
machte aber nun einen Bogen und begab sich mit seinem ganzen Gefolge nach
Sal, in das fr ihn vorbereitete Haus am Ufer des Gardasees. Er
verbrachte dort den ganzen Sommer unter prchtigen und abwechslungsreichen
Zerstreuungen.

Der Zeitpunkt eines Aufenthaltswechsels war gekommen und der Frst
unternahm einige kleine Reisen, nach denen es ihm schien, da er
Anstrengungen nicht mehr so wie frher vertragen knne; er hatte
Befrchtungen fr seine Gesundheit und dachte schlielich daran, einige
Tage in Venedig zu verbringen. Doch wurde er durch seine Gattin Vittoria
davon abgebracht, die ihn veranlate, den Aufenthalt in Sal zu
verlngern.

Viele haben gedacht, da Vittoria Accoramboni die Gefahr bemerkt habe, der
das Leben des Frsten, ihres Gemahls, ausgesetzt war und da sie ihn nur
veranlate in Sal zu bleiben, in der Absicht, ihn spter aus Italien
fortzubringen, etwa in irgendeine freie Stadt der Schweiz. Durch dieses
Mittel htte sie, im Falle der Frst starb, sowohl ihre Person, als auch
ihr privates Vermgen in Sicherheit gebracht.

Ob solche Voraussetzung begrndet war oder nicht, Tatsache ist, da nichts
von dem geschah; denn der Frst wurde am zehnten November in Sal von
einem neuen Unwohlsein befallen und hatte gleich die Vorahnung von dem,
was geschehen sollte.

Er hatte Mitleid mit seiner unglcklichen Frau: er sah sie in der
schnsten Blte ihrer Jugend, arm an Gtern wie an Ansehen, zurckbleiben,
von den regierenden Frsten Italiens gehat, von den Orsini wenig geliebt
und ohne Hoffnung auf eine neue Ehe nach seinem Tode. Wie ein groer Herr
von Treu und Ehre machte er aus eigenem Antrieb ein Testament, in dem er
das Vermgen der Unglcklichen sicherstellen wollte. Er vermachte ihr an
Geld und Juwelen die bedeutende Summe von 100 000 Piastern, auerdem alle
Pferde, Karossen und Mbel, deren er sich auf dieser Reise bediente. Den
Rest seines Vermgens hinterlie er zur Gnze seinem einzigen Sohn,
Virginio Orsini, den ihm seine erste Frau, die Schwester Franz I.
Groherzogs von Toskana, geboren hatte und die er, mit Einwilligung ihrer
Brder, wegen Untreue hatte ermorden lassen.

Aber wie unsicher die menschliche Voraussicht ist! Die Verfgungen, welche
Paolo Orsini traf, um diese unglckliche junge Frau vollkommen sicher zu
stellen, brachten sie in Verderben und Untergang.

Nachdem er sein Testament unterzeichnet hatte, fhlte sich der Frst am
zwlften November ein wenig besser. Am Morgen des dreizehnten lie man ihm
zu[sic! statt wie sonst: ihn zur] Ader, und die rzte, die ihre Hoffnung
in eine strenge Dit setzten, trafen die genauesten Anordnungen, damit er
keine Nahrung zu sich nhme.

Aber sie hatten kaum das Zimmer verlassen, als der Frst verlangte, da
man ihm das Essen serviere und er a und trank wie gewhnlich. Kaum war
die Mahlzeit beendet, verlor er das Bewutsein und zwei Stunden vor
Sonnenuntergang war er tot.

Nach diesem pltzlichen Tod begab sich Vittoria, von ihrem Bruder Marcello
und dem ganzen Hofstaat des verblichenen Frsten begleitet, nach Padua, in
den bei der Arena gelegenen Palazzo Foscarini, den der Frst damals
gemietet hatte.

Kurz nach ihrer Ankunft wurde sie von ihrem Bruder Flaminio aufgesucht,
der beim Kardinal Farnese in vollster Gunst stand. Sie tat gerade damals
Schritte, um die Auszahlung des Legats, das ihr Gatte ihr vermacht hatte,
zu erwirken. Dieses Legat bestand aus 10 000 Piastern in bar, die ihr im
Laufe von zwei Jahren ausgezahlt werden sollten, und zwar unabhngig von
ihrer Mitgift und der Gegengabe und allen Juwelen und Mbeln, die in ihrem
Besitz waren. Frst Orsini hatte in seinem Testament verfgt, da man ihr
in Rom oder in einer anderen Stadt, die sie whlte, einen Palast im Werte
von 10 000 Piastern und ein Landhaus im Werte von 6000 kaufen solle;
auerdem hatte er noch vorgeschrieben, da fr ihren Tisch und fr ihren
ganzen Hausstand gesorgt werden msse, wie es einer Frau ihres Ranges
gebhre. Der Dienst sollte aus vierzig Leuten bestehen und einer Anzahl
Pferden.

Signora Vittoria setzte groe Hoffnung in die Gunst der Frsten von
Ferrara, von Florenz und von Urbino und der Kardinle Farnese und Medici,
welche von dem verstorbenen Frsten zu seinen Testamentsvollstreckern
ernannt worden waren. Es ist zu bemerken, da das Testament nach Padua
gesandt und den Kapazitten Parrizoli und Menochio vorgelegt worden war,
den ersten Professoren dieser Universitt und noch heute berhmten
Rechtsgelehrten.

Frst Luigi Orsini kam nach Padua, um sich dessen zu entledigen, was er in
bezug auf den verstorbenen Frsten und seine Witwe zu tun hatte und dann
als Statthalter der Insel sich nach Korfu zu begeben, wozu er von der
erhabenen Republik ausersehen worden war.

Zuerst entstand eine Schwierigkeit zwischen Signora Vittoria und dem
Frsten Luigi wegen der Pferde des verstorbenen Herzogs, von denen der
Frst meinte, da sie, dem gewhnlichen Sprachgebrauch folgend, nicht
eigentlich Gebrauchsgegenstnde seien; aber die Herzogin bewies, da sie
wie eigentliche Gebrauchsgegenstnde anzusehen wren und es wurde
beschlossen, da sie bis zu spterer Entscheidung in ihrer Bentzung
bleiben sollten; sie stellte als Brgen den Signor Soardi di Bergamo,
Condottiere der Signoria von Venedig, einen sehr reichen und zu den
angesehendsten seines Vaterlands zhlenden Edelmann.

Es kam noch eine Schwierigkeit hinzu, die eine gewisse Menge
Silbergeschirr betraf, das der verstorbene Herzog dem Frsten Luigi als
Zahlung fr einen Geldbetrag ausgesetzt hatte, der ihm von diesem geliehen
worden war. Alles wurde durch Rechtsspruch entschieden, denn der
durchlauchtigste Herzog von Ferrara verwandte sich dafr, da die letzten
Anordnungen des verstorbenen Frsten Orsini genau durchgefhrt wrden.

Diese zweite Angelegenheit wurde am dreiundzwanzigsten Dezember, der auf
einen Sonntag fiel, entschieden.

In der folgenden Nacht drangen vierzig Mnner in das Haus der Accoramboni.
Sie waren in Leinengewnder von ungewhnlichem Schnitt gekleidet, die so
angelegt waren, da man sie nicht erkennen konnte, wenn nicht an der
Stimme; und sobald sie sich untereinander riefen, gebrauchten sie gewisse
verabredete Ausdrcke.

Sie suchten zuerst nach der Herzogin, und als sie diese gefunden hatten,
sagte ihr einer von ihnen: "Jetzt heit es sterben."

Und ohne ihr einen Augenblick zu gewhren, whrend sie noch bat, sich
ihrem Gott empfehlen zu drfen, durchbohrte er sie mit einem dnnen Dolch
gerade unter der linken Brust. Der Grausame bewegte den Dolch in allen
Richtungen und fragte die Unglckliche mehrmals dabei, ob er ihr Herz
schon berhre; endlich gab sie den letzten Seufzer von sich. Whrenddessen
suchten die anderen nach den Brdern der Herzogin, von denen einer,
Marcello, sein Leben rettete, weil man ihn nicht im Hause fand, der andre
aber von hundert Stichen durchbohrt wurde. Die Mrder lieen die Toten auf
der Erde, das ganze Haus in Trnen und Klagen zurck, und als sie sich der
Kassette bemchtigt hatten, welche die Juwelen und das Geld enthielt,
verschwanden sie.

Diese Neuigkeit gelangte schnell zu den Behrden von Padua, sie lieen die
Leichen agnoszieren und erbaten von Venedig Verhaltungsmaregeln.

Whrend des ganzen Montags war ein ungeheurer Zustrom zum Palast und zur
Kirche der Eremiten, um die Leichen zu sehen. Die Neugierigen waren von
Mitleid bewegt, besonders als sie die Herzogin so schn sahen: sie weinten
ber ihr Unglck et dentibus fremebant, und knirschten mit den Zhnen
gegen die Mrder, wie der Chronist sagt; aber man kannte noch nicht ihre
Namen.

Da die Corte auf schwere Indizien hin Verdacht gefat hatte, da die Tat
auf Anstiftung oder wenigstens mit Zustimmung des Frsten Luigi verbt
worden sei, lie sie ihn vorladen und als er ins Gericht zu dem sehr
illustren Hauptmann mit einem Gefolge von vierzig Bewaffneten eintreten
wollte, versperrte man ihm die Tr und sagte ihm, da er nur mit drei oder
vier Leuten hineingehen drfe. Aber im Augenblick, als diese eintraten,
drngten die andern nach, schoben die Wachen beiseite und traten alle ein.

Als Frst Luigi vor dem sehr illustren Kapitn stand, beklagte er sich
ber eine solche Beleidigung und betonte, da noch kein souverner Frst
eine solche Behandlung erfahren habe. Der sehr illustre Hauptmann fragte,
ob er irgend etwas vom Tod der Signora Vittoria und von dem, was in der
vorangegangenen Nacht geschehen war, wisse; er erklrte, da er es wisse
und da er befohlen habe, den Behrden Anzeige zu machen. Man wollte seine
Antwort schriftlich niederlegen; er erwiderte, da Mnner seines Ranges
nicht an diese Frmlichkeit gebunden seien und da sie auch nicht verhrt
werden drfen.

Frst Luigi bat um die Erlaubnis, einen Kurier nach Florenz mit einem
Brief an den Frsten Virginio senden zu drfen, dem er von dem Verfahren
Mitteilung machen wolle und von dem Verbrechen, das stattgefunden habe. Er
zeigte einen fingierten Brief, der nicht der richtige war und erreichte,
was er verlangte.

Aber der abgesandte Bote wurde vor der Stadt angehalten und sorgfltig
untersucht; man fand den Brief, den Frst Luigi gezeigt hatte und einen
zweiten, in den Schuhen des Kuriers versteckten; er hatte folgenden
Wortlaut:

          "Dem Herrn Virginio Orsini

    Sehr illustrer Herr,

Wir haben zur Ausfhrung gebracht, was zwischen uns vereinbart wurde, und
auf solche Art, da wir den sehr illustren Tondini (scheinbar der Name des
Vorsitzenden der Corte, der den Frsten einvernommen hatte) gefoppt haben,
und zwar so gut, da man mich hier fr den untadeligsten Menschen von der
Welt hlt. Ich habe die Sache persnlich gemacht, versumt daher nicht,
sofort die Leute zu schicken, von denen Ihr wit."

Der Brief machte Eindruck auf die Behrden; sie beeilten sich, ihn nach
Venedig zu schicken; auf ihren Befehl wurden die Tore der Stadt
geschlossen und die Mauern Tag und Nacht mit Soldaten besetzt. Man
verffentlichte einen Erla, der jedem die strengsten Strafen androhte,
welcher die Mrder kenne und das was er wisse, nicht der Behrde anzeige.

Diejenigen der Mrder, welche gegen einen der ihren Zeugnis ablegten,
sollten nicht bestraft werden, man wrde ihnen sogar eine Summe Geldes
auszahlen. Aber um die siebente Stunde nach dem Ave Maria des
Weihnachtsabends (am vierundzwanzigsten Dezember gegen Mitternacht) langte
Aloisio Bragadino von Venedig mit weitgehender Vollmacht von Seiten des
Senats an und mit dem Befehl, den Frsten Luigi und sein Gefolge lebend
oder tot, was es auch kosten mge, zu verhaften.

Der Signor Avogador Bragadino, die Hauptleute und der Brgermeister
vereinigten sich in der Festung.

Unter Androhung des Galgens wurde befohlen, da die ganze Mannschaft,
Futruppen und Berittene, gut bewaffnet das Haus des Frsten Luigi
einschlieen solle, das anstoend an die Kirche Sant Agostino nahe der
Festung auf der Arena lag.

Als es Tag geworden war, es war der Weihnachtstag, wurde ein Edikt in der
Stadt verffentlicht, welches die Shne San Marcos aufforderte, bewaffnet
zum Hause des Signor Luigi zu eilen; die keine Waffen besaen, sollten zur
Festung kommen, wo man ihnen so viele geben wrde, als sie wollten; dieses
Edikt versprach eine Belohnung von zweitausend Dukaten demjenigen, der den
Signor Luigi lebend oder tot der Corte einlieferte und fnfhundert Dukaten
fr jeden seiner Leute. Auerdem wurde ein Befehl erlassen, niemand drfe
sich waffenlos dem Hause des Frsten nhern, damit er denen, die sich
schlagen wollten, nicht im Wege sei, falls der Frst es fr gnstig
hielte, einen Ausfall zu versuchen.

Zu gleicher Zeit brachte man Wallbchsen, Mrser und schwere Artillerie
auf die alten Mauern, dem Hause des Frsten gegenber; ebenfalls auf die
neuen Mauern, von denen man die Rckseite dieses Hauses erblickte. Auf
dieser Seite hatte man auch die Reiterei so aufgestellt, da sie
Bewegungsfreiheit hatte, falls man ihrer bedurfte. Lngs der Ufer der
Brenta war man damit beschftigt, Bnke, Schrnke, Wagen und andre
Gegenstnde, die sich zur Deckung eigneten, aufzuhufen. Man wollte auf
diese Weise Unternehmungen der Belagerten erschweren, wenn sie etwa in
geschlossener Ordnung gegen das Volk vorgehen wrden. Diese Brustwehr
sollte auch dazu dienen, die Artilleristen und die Soldaten gegen die
Flintenschsse der Belagerten zu schtzen.

Endlich setzte man noch Barken auf den Flu, dem Hause des Frsten
gegenber und zu dessen beiden Seiten; welche von Bewaffneten mit Musketen
besetzt waren, die den Feind bei einem Ausbruchsversuch beunruhigen
sollten; gleichzeitig wurden in allen Straen Barrikaden errichtet.

Whrend dieser Vorbereitungen traf ein Schreiben ein, das in sehr
gemigtem Ton gehalten war. In diesem beklagte sich der Frst, weil man
ihn fr schuldig halte und als Feind, ja sogar als Rebell behandle, bevor
man die Angelegenheit geprft habe. Dieser Brief war von Liveroto verfat
worden.

Am 27. Dezember wurden drei Edelleute, die hervorragendsten der Stadt, von
den Behrden zu Frst Luigi gesandt, welcher bei sich im Hause vierzig
Mnner, lauter alte kampfgewohnte Soldaten hatte. Man fand sie damit
beschftigt, sich hinter einer Brustwehr aus Balken und mit Wasser
getrnkten Matten zur Verteidigung einzurichten, und ihre Flinten
vorzubereiten.

Die drei Edelleute erklrten dem Frsten, da die Behrden entschlossen
seien, sich seiner Person zu bemchtigen; sie forderten ihn auf, sich zu
ergeben und fgten hinzu, da er durch diesen Schritt, bevor es noch zum
Angriff gekommen sei, einige Barmherzigkeit erhoffen knne. Worauf Frst
Luigi antwortete: da vor allem die Wachen rings um sein Haus entfernt
werden sollten, dann wrde er sich von zwei oder drei der Seinen
begleitet, zu den Behrden begeben, um ber die Sache zu verhandeln; aber
nur unter der ausdrcklichen Bedingung, da es ihm immer freistnde, sich
in sein Haus zurckzubegeben.

Die Abgesandten bernahmen diese, von seiner Hand geschriebenen Vorschlge
und kehrten zu den Behrden zurck, welche diese Bedingungen zurckwiesen;
hauptschlich nach dem Rat des sehr illustren Pio Enea und anderer
anwesender vornehmer Herren. Die Abgesandten kehrten zum Frsten zurck
und kndigten ihm an: wenn er sich nicht einfach und ohne jeden Vorbehalt
ergebe, werde man sein Haus durch Artillerie wegfegen lassen; worauf er
antwortete, da er den Tod diesem Akte der Unterwerfung vorzge.

Die Behrden gaben das Signal zum Angriff und obwohl man das Haus fast mit
einer einzigen Salve htte zerstren knnen, zog man es vor, zuerst mit
einer gewissen Vorsicht vorzugehen, um zu sehen, ob die Belagerten sich
nicht doch ergeben wollten.

Dieser Ausweg glckte und man hat dadurch San Marco viel Geld erspart, das
der Wiederaufbau der zerstrten Teile des angegriffenen Palastes gekostet
haben wrde; indessen wurde er nicht allgemein gebilligt. Htten die Leute
des Signor Luigi ohne Zgern ihren Entschlu gefat und einen Sturm aus
dem Hause gewagt, so wre die Entscheidung hchst unsicher gewesen. Es
waren alte Soldaten, es fehlte ihnen weder an Munition, noch an Waffen,
noch an Mut, sie hatten das grte Interesse zu siegen, denn war es nicht,
selbst den schlimmsten Fall angenommen, besser fr sie, durch einen
Flintenschu zu sterben, als durch die Hand des Henkers? brigens, mit wem
hatten sie es denn zu tun? Mit armseligen Belagerern, wenig erfahren in
den Waffen; und in diesem Fall htten die edlen Herren ihre Klugheit und
natrliche Milde bereut.

Man begann also die Kolonnaden an der Vorderseite des Palastes zu
beschieen, dann -- immer ein wenig hher zielend -- zerstrte man die
Mauerfront dahinter. Whrend dieser Zeit unterhielten die Leute aus dem
Innern ein starkes Gewehrfeuer, doch ohne andre Wirkung, als da ein Mann
aus dem Volk an der Schulter verwundet wurde.

Signor Luigi schrie mit groem Ungestm: Kampf! Kampf! Krieg! Krieg! Er
war eifrig beschftigt, Kugeln aus dem Zinn der Schsseln und aus dem Blei
der Fensterrahmen gieen zu lassen. Er drohte einen Ausfall zu machen,
doch die Belagerer griffen zu neuen Manahmen und man lie Artillerie
schwersten Kalibers vorrcken.

Beim ersten Schu strzte ein groes Stck des Hauses zusammen und ein
gewisser Pandolfo Leopratti aus Camerino geriet unter die Trmmer. Das war
ein Mann von groem Mut und ein Bandit von Ruf. Er war aus den Staaten der
Heiligen Kirche verbannt und der illustre Signor Vitelli hatte auf seinen
Kopf einen Preis von vierhundert Piastern gesetzt, aus Anla der Ermordung
von Vincenzo Vitelli, der in seinem Wagen angegriffen und durch
Flintenschsse und Dolchstiche ermordet worden war, die ihm Frst Luigi
Orsini durch den Arm des genannten Pandolfo und seiner Genossen
verabreichen lie. Ganz betubt von seinem Sturz konnte Pandolfo keine
Bewegung machen; ein Bediensteter der Herren Caidi Lista nherte sich ihm,
eine Pistole in der Hand und schnitt ihm tapfer den Kopf ab, den er
eiligst nach der Festung brachte und den Behrden ablieferte.

Kurz darauf brachte ein anderer Artillerietreffer ein Stck Mauerwerk des
Hauses zu Fall und zugleich damit strzte Graf Montemelino aus Perugia und
starb unter den Trmmern, ganz von dem Gescho zerschmettert.

Darauf sah man eine Persnlichkeit, genannt Oberst Lorenzo, von edlem
Geschlecht aus Camerino, aus dem Haus treten, einen sehr reichen Herrn,
der bei verschiedenen Gelegenheiten Proben seines Werts gegeben hatte und
vom Frsten sehr geschtzt wurde. Er beschlo, nicht gnzlich ungercht zu
sterben, er wollte sein Gewehr abfeuern, aber whrend er das Rad drehte,
geschah es, vielleicht mit dem Willen Gottes, da sein Gewehr nicht Feuer
gab und in diesem Augenblick ging ihm eine Kugel durch den Leib. Der Schu
war von einem armen Teufel getan, einem Repetitor der Schler von San
Michele. Und als dieser sich nun nherte, um dem Oberst, wegen der
ausgesetzten Belohnung, den Kopf abzuschneiden, kamen ihm andre zuvor, die
schneller und vor allem strker waren als er, nahmen die Brse, den
Grtel, die Flinte, das Geld und die Ringe des Obersten und schnitten das
Haupt ab.

Diejenigen, in welche Frst Luigi das grte Vertrauen gesetzt hatte,
waren tot; er blieb sehr bestrzt, und man konnte beobachten, da er keine
Bewegung mehr machte.

Signor Filenfi, sein Haushofmeister und Sekretr, machte vom Balkon aus
Zeichen mit einem weien Taschentuch, da er sich ergeben wolle. Er kam
heraus und wurde nach der Festung gefhrt: "unter dem Arm", wie es
Kriegsgebrauch sein soll; durch Anselmo Suardo, Leutnant der Polizei. Er
wurde sogleich verhrt und sagte, da er keine Schuld an den Geschehnissen
habe, weil er erst am Weihnachtsabend von Venedig gekommen sei, wo er sich
mehrere Tage in Angelegeheiten[sic! statt: Angelegenheiten] des Frsten
aufgehalten habe.

Man fragte ihn, wieviel Leute der Frst bei sich habe; er antwortete:
"zwanzig oder dreiig Mann."

Man fragte nach ihren Namen, er sagte, da acht oder zehn von ihnen, als
Standespersonen gleich ihm an der Tafel des Frsten speisten und da er
deren Namen wisse, doch bese er von den anderen, die ein unstetes Leben
fhrten und erst seit kurzem beim Frsten eingetreten wren, keine nhere
Kenntnis.

Er nannte dreizehn Personen, darunter den Bruder von Liveroto.

Kurz darauf begann die Artillerie auf den Stadtmauern zu spielen. Die
Soldaten besetzten die Huser, die an den Palast des Frsten grenzten, um
die Flucht seiner Leute zu verhindern. Der Frst, der in gleicher Gefahr
gewesen war, wie jene, deren Tod wir erzhlt haben, sagte denen, die ihn
umgaben, sie mchten ausharren, bis sie ein Schreiben von seiner Hand und
ein bestimmtes Zeichen gesehen htten; danach ergab er sich dem schon
erwhnten Anselmo Suardo. Und weil man ihn wegen der Menschenmassen und
der in den Straen errichteten Barrikaden nicht wie es vorgeschrieben war,
im Wagen abfhren konnte, wurde beschlossen, da er zu Fu ginge.

Er ging, umgeben von den Leuten des Marcello Accoramboni; ihm zu Seiten
waren die Herren Condottieri, der Leutnant Suardo, andre Spitzen und
Edelleute der Stadt, alle wohl mit Waffen versehen. Daran schlo gut eine
Kompagnie Bewaffneter und Stadtsoldaten. Frst Luigi ging braun gekleidet,
sein Stilett an der Seite und seinen Mantel unter dem Arm, ihn in
elegantester Weise tragend; er sagte mit einem Lcheln voller Verachtung:
"Wenn ich gekmpft htte!" Er wollte beinahe zu verstehen geben, da er
den Sieg davongetragen htte. Vor die Signoria gefhrt, grte er und
sagte, auf Signor Anselmo weisend:

"Meine Herren, ich bin der Gefangene dieses Edelmannes und bin sehr
ungehalten ber das, was ohne mein Darzutun geschehen ist."

Als ihm auf Befehl des Kapitns das Stilett, das er an der Seite trug,
abgenommen wurde, lehnte er sich an die Fensterbrstung und begann sich
mit einer kleinen Schere, welche dort lag, die Ngel zu schneiden.

Man fragte ihn, welche Personen er in seinem Hause htte; er nannte unter
den andren den Obersten Liveroto und den Grafen Montemelino, von denen
schon die Rede war, und sagte, da er fr den einen von ihnen zehntausend
Piaster und fr den andern sogar sein Blut hingbe, knnte er sie
freikaufen. Er forderte, an einem Ort in Gewahrsam gehalten zu werden, wie
es einem Manne seiner Stellung zukomme. Als man sich darber geeinigt
hatte, schrieb er seinen Leuten eigenhndig und befahl ihnen, sich zu
ergeben; seinen Ring legte er als Zeichen bei. Er sagte dann Signor
Anselmo, da er ihm seinen Degen und seine Flinte schenke und bat ihn,
wenn diese Waffen in seinem Hause gefunden wrden, sich ihrer ihm zu Ehren
zu bedienen, da es Waffen eines Edelmanns seien und nicht die eines
gewhnlichen Soldaten.

Die Soldaten drangen in sein Haus, durchsuchten es mit Sorgfalt, und auf
der Stelle lie man die Leute des Frsten antreten, von denen noch
vierunddreiig am Leben waren, dann wurden sie, zwei und zwei, in das
Gefngnis des Palastes gefhrt. Die Toten wurden den Hunden zur Beute
gelassen und man beeilte sich, von all dem in Venedig Rechenschaft
abzulegen.

Man bemerkte, da viele Soldaten des Frsten Luigi, Komplizen der Tat,
nicht zu finden waren; man verbot, ihnen Schutz zu gewhren, und
Zuwiderhandelnden sollten die Huser zerstrt und ihre Gter konfisziert
werden; wer sie denunzieren wrde, sollte fnfzig Piaster erhalten. Auf
diese Weise fand man ihrer mehrere.

Man schickte eine Fregatte von Venedig nach Kandia aus, mit dem Befehl fr
Signor Latino Orsini, da er unverzglich wegen einer Angelegenheit von
hchster Wichtigkeit zurckkehren mge; und man glaubt, da er seine
Stellung verlieren wird.

Gestern frh, am Tage des heiligen Stephan, erwartete alle Welt den
Frsten Luigi sterben zu sehen oder zu hren, da er im Gefngnis erwrgt
worden sei; und man war allgemein berrascht, da es anders geschah, weil
er doch kein Vogel wre, den man lang im Kfig halten drfte. Aber in der
folgenden Nacht fand der Proze statt und am Tage von San Giovanni, ein
wenig vor Sonnenaufgang, erfuhr man, da der Herr erdrosselt worden und in
sehr guter Haltung gestorben sei. Sein Leichnam wurde ohne Verzug in die
Kathedrale gebracht, vom Klerus dieser Kirche und von den Jesuitenvtern
geleitet. Er blieb den ganzen Tag ber auf einem Tisch in der Mitte der
Kirche aufgebahrt, um dem Volk als Schauspiel zu dienen und den
Unerfahrenen zur Lehre.

Am nchsten Morgen wurde die Leiche nach Venedig berfhrt, wie der Frst
es in seinem Testament angeordnet hatte; und dort wurde er begraben.

Am Samstag hngte man zwei seiner Leute; der erste und vornehmere war
Furio Savorgnano, der andre war ein gemeiner Mann.

Am Montag, dem vorletzten Tag des Jahrs, hngte man noch dreizehn, von
denen mehrere sehr vornehm waren; zwei weitere, der eine war der Kapitn
Splendiano und der andre der Graf Paganello, wurden auf den Richtplatz
gefhrt und dabei leicht mit Zangen gezwickt; auf der Richtsttte
angelangt, wurden sie niedergeschlagen, man brach ihnen den Schdel und
schnitt sie noch fast lebendig in Stcke. Es waren Edelleute, und bevor
sie auf den schlechten Weg gerieten, sehr reich. Man sagt, da es Graf
Paganello war, der Vittoria Accoramboni so grausam gettet habe, wie wir
es berichtet haben. Andre hielten dem entgegen, da Frst Luigi in seinem
aufgefangenen Brief bezeugt, da er die Tat mit eigner Hand ausgefhrt
habe. Vielleicht war es nur Ruhmsucht wie damals in Rom, als er Vitelli
ermorden lie, oder geschah wohl auch, um sich die Gunst des Frsten
Virginio noch mehr zu sichern.

Bevor Graf Paganello den tdlichen Sto erhielt, wurde er mit einem Messer
wiederholt unter der linken Brust durchbohrt, um sein Herz zu treffen, so
wie er es der armen Frau gemacht hatte. Dabei geschah es, da das Blut wie
ein Strom aus der Brust flo. Er lebte so noch lnger als eine halbe
Stunde, zum groen Staunen aller. Er war ein Mann von fnfundvierzig
Jahren, von sehr krftiger Natur.

Die Galgen sind noch gerichtet, um die neunzehn briggebiebenen[sic!
statt: briggebliebenen] am ersten Tag, der kein Festtag sein wird, ins
Jenseits zu befrdern. Aber weil der Henker auerordentlich ermdet ist
und das Volk wie in Betubung, weil es so viele Tote gesehen hat,
verschiebt man die Hinrichtung whrend dieser zwei Tage. Man denkt nicht
daran, irgend jemand leben zu lassen. Von den Leuten, die zum Frsten
gehrten, wird wohl niemand davonkommen, hchstens Signor Filenfi, sein
Haushofmeister, der sich die grte Mhe von der Welt gibt, denn die Sache
ist ja wirklich fr ihn wichtig, um zu beweisen, da er nichts mit der Tat
zu tun hatte.

Selbst von den ltesten dieser Stadt Padua erinnert sich niemand, da man
je durch ein gerechteres Urteil so vielen Menschen auf einmal ans Leben
gegangen ist. Und diese Herren von Venedig haben sich damit einen guten
Namen und Ruf bei den zivilisierten Vlkern erworben.

       *       *       *       *       *

Von anderer Hand hinzugefgt:

Der Sekretr und Haushofmeister Francesco Filenfi wurde zu fnfzehn Jahren
Gefngnis verurteilt. Der Mundschenk Onorio Adami von Fermo, ebenso wie
zwei andere zu einem Jahr Gefngnis, sieben andre wurden zur Galeere mit
Ketten an den Fen verurteilt und schlielich freigelassen.




DIE BTISSIN VON CASTRO

BERTRAGEN VON M. VON MUSIL

I.


Die italienischen Briganten des sechzehnten Jahrhunderts hat uns das
Melodrama so oft gezeigt, und soviele Leute haben von ihnen gesprochen,
ohne sie zu kennen, da wir uns heute eine ganz falsche Vorstellung von
ihnen machen. Man kann im allgemeinen sagen, da diese Briganten den
Widerstand gegen die unmenschlichen Regierungen ausdrckten, welche in
Italien auf die Republiken des Mittelalters gefolgt waren. Der neue
Tyrann, gewhnlich schon der reichste Brger der Republik, bevor er sie
strzte, schmckte, um das Volk zu gewinnen, die Stadt mit prchtigen
Kirchen und mit schnen Gemlden. Von solcher Art waren die Polentini von
Ravenna, die Manfredi von Faenza, die Riario von Imola, die Visconti von
Mailand die Bentivoglio von Bologna und endlich die Medici von Florenz,
die am wenigsten kriegerischen und heuchlerischsten von allen. Unter den
Historikern dieser kleinen Staaten ist keiner, der es gewagt htte, von
den unzhligen Vergiftungen und Morden zu erzhlen, welche von der
qulenden Angst dieser kleinen Tyrannen veranlat worden sind; jene
wrdigen Historiker waren in ihrem Sold. Man erwge, da jeder dieser
Tyrannen jeden dieser Republikaner, von denen er sich persnlich gehat
wute, persnlich kannte, -- Cosimo, Groherzog von Toskana z.B. kannte
Sforza --, und da mehrere dieser Tyrannen ermordet worden sind: dann wird
man den tiefen Ha, das dauernde Mitrauen verstehen, woraus den
Italienern des sechzehnten Jahrhunderts soviel Geist und Mut erwuchs und
ihren Knstlern soviel Genie. Man wird sehen, da diese heftigen
Leidenschaften das Entstehen jenes lcherlichen Vorurteils verhinderten,
das zur Zeit Madame de Svigns Ehre genannt wurde und vor allem darin
besteht, sein Leben fr den Herrn zu opfern, als dessen Untertan man
geboren ist, oder um den Damen zu gefallen. Im sechzehnten Jahrhundert
konnten sich in Frankreich die Tatkraft eines Mannes und sein wahres
Verdienst nur durch Tapferkeit auf dem Schlachtfeld oder im Zweikampf
zeigen; aber da auch Frauen die Tapferkeit und vor allem die Tollkhnheit
lieben, sind sie darin die hchsten Richter geworden. Von da an entstand
der Geist der Galanterie, der die allmhliche Vernichtung aller
Leidenschaften, ja selbst der Liebe vorbereitete; zugunsten der Eitelkeit,
dieses grausamen Tyrannen, dem wir alle gehorchen. Die Knige frderten
die Eitelkeit, und mit Recht: deshalb die Herrschaft der Ordenssterne.

In Italien zeichnete sich ein Mann durch alle Arten von Leistung aus,
ebenso durch starke Degenste, wie durch Entdeckungen aus alten
Handschriften: man sehe Petrarca, den Abgott seiner Zeit; und eine Frau
des sechzehnten Jahrhunderts vermochte einen Mann, der im Griechischen
erfahren war, ebenso und heftiger zu lieben, als einen durch kriegerische
Tapferkeit Berhmten. Damals erlebte man die Leidenschaften und nicht
Gewohnheit der Galanterie. Das ist der groe Unterschied zwischen Italien
und Frankreich, und das ist es, weshalb Italien die Raffael, Giorgione,
Tizian, Correggio gebar, whrend Frankreich alle jene tapfren
Truppenfhrer des sechzehnten Jahrhunderts hervorbrachte, die heute so
unbekannt sind, obgleich doch jeder von ihnen eine so groe Anzahl Feinde
gettet hat. Ich bitte fr diese groben Wahrheiten um Verzeihung.

Wie dem aber auch sei, die grausamen und notwendigen Racheakte der kleinen
italienischen Tyrannen des Mittelalters vershnten das Herz des Volks mit
den Briganten. Man hate die Briganten, wenn sie Pferde, Getreide, Geld,
mit einem Wort alles, was ihnen zum Leben notwendig war, stahlen, aber im
Grund war das Gefhl des Volks fr sie, und die Dorfmdchen zogen allen
andren jungen Leuten den vor, der sich einmal in seinem Leben gentigt
gesehen hatte: "d'andar alla macchia", das heit: in die Wlder zu fliehen
und wegen einer zu unvorsichtigen Tat bei den Rubern Zuflucht zu suchen.

Noch heute frchtet man sich sicherlich allgemein, den Briganten zu
begegnen, aber wenn sie in Ketten gelegt werden, bedauert sie jedermann.
Das kommt daher, da dieses so bewegliche, spttische Volk, das ber alles
lacht, was unter der Zensur seiner Herrn verffentlicht wird, jene kleine
romantischen Geschichten, die mit Wrme das Leben der Briganten schildern,
zu seiner stndigen Lektre gewhlt hat. Was es Heroisches in diesen
Schilderungen gibt, entzckt den knstlerischen Nerv, der immer in den
unteren Klassen lebt, und auerdem ist es so ermdet von dem offiziellen
Lob, das gewissen Leuten gespendet wird, da alles, was nicht in dieser
Art ist, ihm unmittelbar zu Herzen geht. Man mu wissen, da das niedere
Volk in Italien unter gewissen Dingen leidet, die dem Fremden niemals
auffallen, wenn er auch zehn Jahre im Lande lebte. Vor fnfzehn Jahren zum
Beispiel, bevor noch die Weisheit der Regierungen die Briganten
unterdrckt hatte[5], konnte man nicht selten sehen, wie ihre Heldentaten
die Schndlichkeiten der Statthalter in den kleinen Stdten bestraften.
Diese Statthalter hatten unumschrnkte Regierungsgewalt, aber ihr Gehalt
berstieg nicht die Summe von zwanzig Talern im Monat, und so waren sie
natrlich zu Diensten der angesehensten Familie des Landes, welche durch
dieses einfache Mittel ihre Feinde unterdrckte. Wenn es den Briganten
auch nicht immer glckte, diese kleinen despotischen Statthalter zu
bestrafen, hielten sie sie wenigstens zum Besten und boten ihnen Trotz,
was in den Augen dieses spirituellen Volks nicht gering gilt. Ein
satyrisches Sonett trstet es in allen Leiden und niemals vergit es eine
Beleidigung. Dies ist wieder einer der Hauptunterschiede zwischen dem
Italiener und dem Franzosen.

Hatte im sechzehnten Jahrhundert der Gouverneur eines Orts einen armen
Einwohner, der sich den Ha einer einflureichen Familie zugezogen hatte,
zum Tode verurteilt, so geschah es oft, da Briganten das Gefngnis
angriffen, um den Bedrngten zu befreien. Anderseits hatte die mchtige
Familie nicht viel Zutrauen zu den acht oder zehn Soldaten der Regierung,
die beauftragt waren, das Gefngnis zu bewachen, und sie warb auf eigene
Kosten einen Trupp Gelegenheitssoldaten an. Diese Soldaten wurden bravi
genannt; sie biwakierten in der Umgebung des Gefngnisses und bernahmen
es, den armen Teufel, dessen Tod man erkauft hatte, bis zum Richtplatz zu
begleiten. Wenn diese mchtige Familie einen jungen Mann zu den ihren
zhlte, so stellte er sich an die Spitze dieser militrischen
Improvisation.

Ich mu zugestehen, da dieser Zustand durchaus gegen die Moral ist; heute
hat man das Duell und die Langeweile, und die Richter verkaufen sich
nicht; aber diese Sitten des sechzehnten Jahrhunderts waren hchst
geeignet, Mnner hervorzubringen, die dieses Namens wrdig waren.

Viele Geschichtsschreiber, heute noch gedankenlos von der Literatur der
Akademien gelobt, hatten versucht, diesen Stand der Dinge, der um 1550 so
groe Charaktere hervorbrachte, zu verheimlichen. Zu ihrer Zeit wurden
ihre vorsichtigen Lgen mit allen den Ehrungen entlohnt, welche die Medici
von Florenz, die Este von Ferrara, die Vizeknige von Neapel und andre zu
vergeben hatten. Ein armer Historiker, namens Gianone, hat einen Zipfel
des Schleiers lpfen wollen; aber weil er nur einen sehr kleinen Teil der
Wahrheit sich zu sagen getraute und noch dazu in zweifelhafter und dunkler
Form, ist er sehr langweilig geblieben, was ihn nicht davor bewahrt hat,
am 7. Mrz 1758 mit zweiundachtzig Jahren im Gefngnis zu sterben.

Wenn man die Geschichte Italiens kennenlernen will, darf man nicht die
allgemein beliebten Autoren lesen, denn nirgends war der Preis der Lge
besser bekannt, nirgends wurde sie besser bezahlt.

Die ersten Berichte, die man in Italien nach der barbarischen Zeit des
neunten Jahrhunderts verfat hat, erwhnen schon die Briganten und
sprechen von ihnen, als ob sie seit undenklichen Zeiten existiert htten.
Man lese die Sammlung Muratori. Als zum Unglck fr das ffentliche Wohl,
die Gerechtigkeit und eine gute Verwaltung, aber zum Glck fr die Knste
die Republiken des Mittelalters unterdrckt wurden, flchteten die
tatkrftigsten Republikaner, die die Freiheit mehr als die Mehrzahl ihrer
Mitbrger liebten, in die Wlder. Natrlich begann das Volk, das durch die
Baglioni, Malatesta, Bentivoglio, Medici usf. bedrckt wurde, deren Feinde
zu lieben und zu ehren. Die Grausamkeiten der kleinen Tyrannen, welche auf
die ersten Usurpatoren folgten, z.B. die Grausamkeiten des Cosimo, ersten
Groherzogs von Florenz, der sogar die nach Venedig und Paris geflchteten
Republikaner ermorden lie, vermehrten die Reihen dieser Briganten immer
neu. Etwa zur Zeit, als unsre Heldin lebte, also um das Jahr 1550,
leiteten Alfonso Piccolomini, Herzog von Monte Mariano, und Marco Sciarra
mit Erfolg bewaffnete Banden, welche in der Umgebung von Albano die damals
sehr tapfren Soldaten des Papstes hart bedrngten. Die Unternehmungen
dieser berhmten Anfhrer, welche noch heute das Volk bewundert, dehnen
sich vom Po und von den Smpfen bei Ravenna bis zu den Wldern aus, die
damals den Vesuv bedeckten. Der Wald von Faggiola, fnf Meilen von Rom,
auf der Strae nach Neapel gelegen, war berhmt als das Hauptquartier des
Sciarra, der unter Gregors XIII. Pontifikat oft einige tausend Soldaten
beisammen hatte. Die Geschichte dieses berhmten Briganten wrde in den
Augen der gegenwrtigen Generation unglaubwrdig erscheinen, weil man
niemals die Motive seiner Handlungen verstehen wrde. Er wurde erst im
Jahre 1592 besiegt. Als seine Sache verzweifelt stand, unterhandelte er
mit der Republik Venedig und trat mit seinen treuesten oder, wenn man
will, schuldigsten Soldaten in ihren Dienst. Auf die Beschwerden Roms hin
lie Venedig, obgleich es einen Vertrag mit Sciarra unterzeichnet hatte,
ihn ermorden und schickte seine tapferen Soldaten zur Verteidigung der
Insel Kandia gegen die Trken. Denn die venezianische[sic! sonst
einheitlich: venetianische] Weisheit wute sehr wohl, da eine mrderische
Pest in Kandia wtete, und binnen einigen Tagen waren die fnfhundert
Soldaten, die Sciarra in den Dienst der Republik gestellt hatte, auf
siebenundsechzig Mann zusammengeschmolzen.

Dieser Wald von Faggiola, dessen gigantische Bume einen alten Vulkan
bedeckten, war der letzte Schauplatz der Heldentaten Marco Sciarras. Alle
Reisenden werden besttigen, da dies der herrlichste Ort der wunderbaren
rmischen Campagna ist, deren dsteres Aussehen wie fr eine Tragdie
geschaffen scheint. Er krnt mit seinem dunklen Laub die Gipfel des Monte
Albano.

Einem vulkanischen Ausbruch, Jahrtausende vor der Grndung Roms, verdanken
wir dieses prachtvolle Gebirge. Zu einer Zeit, die weit vor jeder
Geschichte liegt, erhob es sich aus der weiten Ebene, die ehemals zwischen
Apennin und Meer gebreitet war. Der Monte Cave, vom dsteren Laub der
Faggiola umkrnzt, ist sein hchster Gipfel; man sieht ihn von berall,
von Terracina und von Ostia wie von Rom und Tivoli, und es ist dieses
Albanergebirge, das jetzt von Palsten berst den berhmten Horizont Roms
gegen Sden abschliet. Auf dem Gipfel des Monte Cave hat ein Kloster der
schwarzen Brder den Tempel des Jupiter Feretrinus ersetzt, zu dem die
latinischen Vlker kamen, um gemeinsam zu opfern und das Band einer Art
religisen Vertrages fester zu schlieen. Unter dem Schutz prchtiger
Kastanien gelangt der Wanderer in einigen Stunden zu den ungeheuren
Blcken, welche die Ruinen des Jupitertempels bilden; aber aus diesem
tiefen Schatten, der so kstlich in solchem Klima ist, sieht der Reisende
selbst heute noch mit Unruhe in das Innere das Waldes; er hat Furcht vor
den Briganten. Auf dem Gipfel des Monte Cave angelangt, zndet man in den
Ruinen des Tempels Feuer an, um die Speisen zu bereiten. Von diesem Punkt,
der die ganze rmische Campagna beherrscht, sieht man im Westen das Meer,
das nur zwei Schritt weit zu sein scheint, obgleich es drei oder vier
Meilen entfernt ist; man unterscheidet die kleinsten Boote, und mit einem
ganz schwachen Glas kann man die Menschen zhlen, die bei Neapel auf das
Dampfschiff steigen. Nach allen Seiten breitet sich der Blick ber eine
herrliche Ebene aus, die gegen Osten vom Apenin, im Sden von Palestrina
und nordwrts von San Pietro und den andren groen Bauwerken Roms begrenzt
ist. Da der Monte Cave nicht sehr hoch ist, unterscheidet das Auge die
geringsten Kleinigkeiten dieses erhabenen Landes, das keine geschichtliche
Verherrlichung brauchte, whrend dennoch jedes Gehlz, jeder
Mauerberrest, den man in der Ebene oder auf den Abhngen der Berge
erblickt, eine jener durch Vaterlandsliebe und Tapferkeit bewundernswerten
Schlachten ins Gedchtnis ruft, von denen Titus Livius spricht.

Um zu den riesigen Felsblcken, den berresten des Jupiter
Feretrinus-Tempels zu gelangen, welche die Mauer des Klosters der
schwarzen Mnche bilden, kann man noch heute die Via triumphalis
verfolgen, auf der einst die ersten Knige Roms eingezogen sind. Sie ist
mit ganz regelmig behauenen Steinen gepflastert, und man findet mitten
im Wald von Faggiola lange Fragmente davon.

Am Rande des erloschenen Kraters, der jetzt mit durchsichtig klarem Wasser
gefllt zu dem hbschen, fnf bis sechs Meilen im Umfang zhlenden See von
Albano geworden ist, lag tief eingebettet in den Lavafels 'Alba, die
Mutter Roms', schon zur Zeit der ersten Knige von der rmischen Politik
zerstrt. Jedoch seine Ruinen sind noch vorhanden. Einige Jahrhunderte
spter erhob sich Albano, die heutige Stadt, eine Viertelmeile von Alba am
Hang des Berges, der dem Meere zu liegt; aber Albano ist vom See durch
eine Felswand geschieden, welche den See der Stadt und die Stadt dem See
verbirgt. Von der Ebene aus heben sich ihre weien Gebude vom tiefen Grn
des Waldes ab, der so berhmt und den Briganten so teuer ist und der von
allen Seiten das vulkanische Gebirge umkrnzt.

Albano, das heute fnftausend bis sechstausend Einwohner zhlt, hatte im
Jahre 1540 hchstens dreitausend, als zu den ersten Geschlechtern die
mchtige Familie Campireali gehrte, deren unglckliches Schicksal wir
erzhlen werden.

Ich berichte diese Geschichte nach zwei umfangreichen Manuskripten, das
eine rmisch und das andre aus Florenz. Zu meiner groen Gefahr habe ich
gewagt, ihren Duktus wiederzugeben, der fast der gleiche ist wie der
unsrer alten Legenden. Aber der feine und gemessene Stil der heutigen Zeit
wrde, wie mir scheint, zu wenig im Einklang mit den Geschehnissen stehen
und gar mit den Betrachtungen der Chronisten. Sie schrieben um das Jahr
1598. Ich erbitte die Nachsicht des Lesers fr sie wie auch fr mich.



II.


"Nach so vielen tragischen Geschichten", sagt der Schreiber der
florentinischen Handschrift, "werde ich mit der schlieen, welche mir am
schmerzlichsten zu erzhlen ist. Ich werde von Helena von Campireali
sprechen, der allzubekannten btissin des Klosters der Heimsuchung in
Castro, deren Proze und Tod solches Aufsehen in der ersten Gesellschaft
Roms, ja ganz Italiens erregt hat. Schon um 1555 beherrschten die
Briganten die Umgebung Roms, und die Regierungsbeamten hatten sich den
mchtigen Familien verkauft." Im Jahre 1572, welches das des Prozesses
war, bestieg Gregor XIII. Buoncompagni den Stuhl von San Pietro. Dieser
heilige Papst vereinte alle apostolischen Tugenden, aber man konnte seiner
weltlichen Leitung ein wenig Schwche vorwerfen: er verstand weder
ehrenfeste Richter zu whlen, noch die Briganten zu unterdrcken; er
jammerte ber die Verbrechen und wute sie nicht zu bestrafen. Es schien
ihm, da er sich mit einer entsetzlichen Verantwortung beladen wrde, wenn
er die Todesstrafe verhngte. Die Folge dieser Art, die Dinge zu sehen,
war, da die Straen, die nach der ewigen Stadt fhrten, von zahllosen
Briganten bevlkert wurden. Um mit einiger Sicherheit zu reisen, mute man
Freund der Ruber sein. Der Wald von Faggiola, zu beiden Seiten der von
Neapel ber Albano fhrenden Landstrae, war seit langem das Hauptquartier
einer Seiner Heiligkeit feindlichen Ruberschaft, und Rom war fters
gezwungen, wie von Macht zu Macht, mit Marco Sciarra, einem der Knige des
Waldes, zu unterhandeln. Die Strke dieser Briganten lag darin, da sie
von ihren Nachbarn, den Bauern geliebt und geschtzt wurden.

"In dem hbschen Stdtchen Albano, so nahe dem Hauptquartier der
Briganten, wurde Helena di Campireali im Jahre 1542 geboren. Ihr Vater
galt fr den reichsten Patrizier des Landes und in dieser Eigenschaft
hatte er Vittoria Carafa geheiratet, welche groe Liegenschaften im
Knigreich Neapel besa. Ich knnte einige Greise anfhren, die noch leben
und Vittoria Carafa und ihre Tochter gut gekannt haben. Vittoria war ein
Muster von Klugheit und Geist, aber trotz all ihrer Begabung vermochte sie
nicht dem Untergang ihrer Familie vorzubeugen. Es ist sonderbar: die
entsetzlichen Schicksalsschlge, welche den traurigen Stoff meiner
Erzhlung bilden, knnen, wie mir scheint, keiner der handelnden Personen,
die ich dem Leser vorstellen werde, im einzelnen zur Last gelegt werden:
ich sehe Unglckliche, jedoch kann ich keine Schuldigen finden. Die
ungewhnliche Schnheit und die zrtliche Seele der jungen Helena bildeten
eine groe Gefahr fr sie und eine Entschuldigung fr ihren Geliebten
Giulio Branciforte; wie ebenso der vollkommene Mangel an Geist des
Monsignore Cittadini, Bischof von Castro, ihn bis zu einem gewissen Grad
entschuldigen kann. Er verdankte seinen raschen Emporstieg auf der Leiter
der geistlichen Ehren sowohl der Rechtlichkeit seiner Fhrung, wie
besonders aber seinem edlen uern und einem Antlitz, das so regelmig
schn war, wie man es selten findet. Ich finde geschrieben, da man ihn
nicht sehen konnte, ohne ihn zu lieben.

Da ich niemandem schmeicheln will, werde ich nicht verschweigen, da ein
heiliger Mnch des Klosters Monte Cave, der oft in seiner Zelle, gleich
dem heiligen Paulus, einige Fu ber dem Erdboden schwebend berrascht
worden ist, ohne da ihn etwas andres als die gttliche Gnade in dieser
ungewhnlichen Stellung htte halten knnen, dem Herrn von Campireali
prophezeit hatte, da seine Familie mit ihm aussterben und er nur zwei
Kinder haben wrde, denen beiden ein gewaltsamer Tod bevorstand. Auf Grund
dieser Weissagung konnte er im Lande selbst keine Frau finden und ging
nach Neapel, um sein Heil zu versuchen, wo er das Glck hatte, groen
Reichtum und eine Frau zu finden, deren Genie fhig gewesen wre, seine
bse Bestimmung zu ndern, wenn so etwas berhaupt mglich gewesen wre.
Dieser Signor Campireali galt fr einen sehr ehrenhaften Mann und war sehr
wohlttig, aber er besa gar keinen Geist; deshalb zog er sich nach und
nach ganz aus Rom zurck und brachte schlielich fast das ganze Jahr in
seinem Palast in Albano zu. Er widmete sich der Pflege seiner Lndereien,
die in der reichen Ebene lagen, welche sich zwischen der Stadt und dem
Meer ausbreitet. Durch den Rat seiner Frau bewogen, lie er seinem Sohn
Fabio, einem auf seine Geburt sehr stolzen Jngling, und seiner Tochter
Helena, deren wunderbare Schnheit man noch auf einem Bildnis der Galerie
Farnese sehen kann, die vortrefflichste Erziehung geben. Bevor ich
begonnen hatte ihre Geschichte zu schreiben, bin ich in den Palazzo
Farnese gegangen, um die sterbliche Hlle zu betrachten, die der Himmel
dieser Frau verlieh, deren verhngnisvolles Schicksal einst so viel
Aufsehen machte und noch heute im Gedchtnis des Volkes fortlebt.

Die Form ihres Kopfes ist ein lngliches Oval, die Stirne ist sehr hoch,
die Haare sind dunkelblond. Der Ausdruck ihres Gesichts ist eher heiter;
sie hatte groe, sehr ausdrucksvolle Augen, und ihre kastanienfarbenen
Augenbrauen bildeten einen vollendet geschwungenen Bogen. Die Lippen sind
ganz schmal und es sieht aus, als wren die Konturen ihres Mundes von dem
berhmten Correggio gezogen. Inmitten der Bildnisse, die sie in der
Galerie Farnese umgeben, sieht sie wie eine Knigin aus; es ist selten,
da Majestt mit Heiterkeit vereint ist.

Nachdem sie acht volle Jahre im Kloster der Heimsuchung in der Stadt
Castro zugebracht hatte, wohin man damals die Tchter der meisten
rmischen Frsten schickte, kehrte Helena zu ihren Eltern zurck; aber sie
verlie das Kloster nicht, ohne fr den Hochaltar der Kirche einen
prchtigen Kelch gestiftet zu haben. Kaum war sie nach Albano
zurckgekehrt, lie ihr Vater um erheblichen Gehalt den berhmten, damals
schon sehr alten Dichter Cecchino kommen, der Helenas Gedchtnis mit den
schnsten Versen des gttlichen Virgil erfllte und seiner groen Schler
Petrarca, Ariost und Dante."

Hier fhlt sich der Erzhler gezwungen, eine lange Auseinandersetzung ber
die verschiedenen Ehrenbezeugungen zu bergehen, welche das sechzehnte
Jahrhundert diesen groen Dichtern darbrachte. Es scheint, da Helena
Latein verstand. Die Verse, welche man sie lehrte, sprachen von Liebe, und
zwar von einer Liebe, welche uns recht lcherlich vorkme, wenn wir ihr
heute begegneten; ich meine die leidenschaftliche Liebe, welche der
grten Opfer bedarf, welche nur von Geheimnis umgeben bestehen kann und
der stets das schrecklichste Unheil nah ist.

Dies war die Liebe, welche Giulio Branciforte der kaum siebzehnjhrigen
Helena einzuflen verstand. Er war einer ihrer Nachbarn und sehr arm; er
bewohnte ein armseliges kleines Haus am Berg, eine Viertelmeile von der
Stadt, inmitten der Ruinen von Alba, am Rande des grnbewachsenen,
hundertfnfzig Fu tiefen Trichters, der den See einschliet. Dieses Haus,
welches im tiefen, prachtvollen Schatten des Waldes von Faggiola lag, ist
zerstrt worden, als man das Kloster von Palazzuola baute. Dieser arme
junge Mann hatte nichts fr sich als seine lebhaft leichte Art und die
wirkliche Unbekmmertheit, mit der er sein trauriges Los trug. Was man
noch zu seinen Gunsten sagen konnte, ist, da sein Gesicht ausdrucksvoll
war, ohne schn zu sein. Aber es hie von ihm, da er sich unter dem
Befehl des Frsten Colonna und als einer von dessen bravi in zwei oder
drei hchst gefhrlichen Unternehmen tapfer geschlagen htte.

Trotz seiner Armut und trotzdem ihm die Schnheit fehlte, besa er doch
nicht wenig in den Augen aller jungen Mdchen von Albano: ein tapfres
Herz, das zu gewinnen ihrer aller grter Ehrgeiz war. berall gut
aufgenommen, hatte Giulio Branciforte bis zum Augenblick, als Helena aus
dem Kloster von Castro zurckkam, nur flchtige Liebschaften gehabt.

Als bald darauf der groe Dichter Cecchino aus Rom in den Palazzo
Campireali einzog, um dieses junge Mdchen in den schnen Wissenschaften
zu unterrichten, richtete Giulio, der ihn kannte, ein Gedicht in
lateinischen Versen an ihn, ber das Glck, da er in so ehrwrdigem Alter
so schne Augen an die seinen gefesselt sehen durfte und eine so reine
Seele vollkommen glcklich machte, wenn er ihre Gedanken zu billigen
geruhte. Die Eifersucht und der rger der jungen Mdchen, denen Giulio vor
Helenas Rckkehr Aufmerksamkeiten erwiesen hatte, machten bald alle
Vorsicht, mit der er seine wachsende Leidenschaft zu verbergen suchte,
nutzlos; und ich mu gestehen, da diese Liebschaft eines jungen Mannes
von zweiundzwanzig und eines jungen Mdchens von siebzehn Jahren in einer
Weise gefhrt wurde, welche die Klugheit nicht billigen kann. Bevor noch
drei Monate verstrichen waren, bemerkte Herr von Campireali, da Giulio
Branciforte zu oft an den Fenstern seines Schlosses vorbeiging, das man
brigens noch auf halber Hhe der Strae, die gegen den See fhrt, sehen
kann.

Die Freimtigkeit und Gradheit, die natrlichen Folgen der Freiheit, wie
sie die Republiken gewhren, und die Gewohnheit, ungebunden und
leidenschaftlich zu handeln, die einer Zeit entsprach, die noch nicht von
den Sitten der Monarchie eingeengt war, zeigten sich unverhohlen im ersten
Schritt des Herrn Campireali. Am gleichen Tag, da er sich durch das
hufige Erscheinen des jungen Branciforte verletzt fhlte, fuhr er ihn
hart mit diesen Worten an: "Wie wagst du es, unaufhrlich an meinem Hause
vorbeizugehen und unverschmt nach den Fenstern meiner Tochter
hinaufzuschauen, du, der nicht einmal Gewnder hat um sich zu bekleiden?
Wenn ich nicht frchten mte, da mein Schritt von den Nachbarn mideutet
wrde, schickte ich dir drei Goldzechinen, damit du dir in Rom einen
besseren Mantel kaufen knntest. Wenigstens wrden meine und meiner
Tochter Augen nicht mehr so oft durch den Anblick deiner Lumpen beleidigt
sein."

Ohne Zweifel bertrieb Helenas Vater, denn die Gewnder des jungen
Branciforte bestanden nicht aus Lumpen; sie waren nur aus sehr einfachem
Stoff; allein, wenn sie auch sehr sauber und gut gebrstet waren, mu man
doch gestehen, da ihr Aussehen auf langen Gebrauch schlieen lie.
Giulios Seele wurde durch die Vorwrfe des Herrn von Campireali so tief
erschttert, da er sich nicht mehr bei Tage vor seinem Hause zeigte.

Wie wir schon sagten, waren die beiden Bgen, berreste eines alten
Aqudukts, welche dem vom Vater Brancifortes erbauten und seinem Sohn
hinterlassenen Hauses als Hauptmauer dienten, nur fnfhundert oder
sechshundert Schritt von Albano entfernt. Um von diesem hohen Punkt nach
der neuen Stadt hinabzusteigen, mute Giulio am Palast der Campireali
vorbeigehen. Helena bemerkte bald das Ausbleiben dieses eigentmlichen
jungen Mannes, der, wie ihre Freundinnen sagten, jede andre Beziehung
aufgegeben hatte, um sich ganz dem Glck ihres Anblicks zu widmen.

An einem Sommerabend gegen Mitternacht stand das Fenster Helenas offen;
das junge Mdchen geno die Brise des Meeres, die man auf dem Hgel von
Albano gut spren kann, obwohl diese Stadt durch eine Ebene von drei
Meilen Breite vom Meer getrennt ist. Die Nacht war finster und die Stille
tief, man htte ein Blatt fallen hren. Helena lehnte an ihrem Fenster und
dachte vielleicht an Giulio, als sie ein Etwas, das dem lautlosen Flgel
eines Nachtvogels glich, sanft an ihrem Fenster vorbeistreichen sah. Sie
zog sich erschreckt zurck. Der Gedanke, da dieses Ding ihr von
irgendeinem Vorbergehenden dargebracht sein knnte, kam ihr nicht. Das
zweite Stockwerk des Palastes, wo sich ihr Zimmer befand, lag mehr als
fnfzig Fu ber der Erde. Aber pltzlich glaubte sie in diesem
sonderbaren Ding einen Blumenstrau zu erkennen, der inmitten des tiefen
Schweigens vor dem Fenster, an dem sie lehnte, hin und her strich; ihr
Herz schlug heftig. Der Strau schien ihr auf der Spitze von zwei oder
drei Rohrstcken befestigt zu sein, einer Art groer Binsen, die dem Rohr
der rmischen Campagna sehr hnlich sind und Stiele von zwanzig bis
dreiig Fu Hhe treiben. Die Schwche des Rohrs und die ziemlich starke
Brise machten es Giulio einigermaen schwer, seinen Strau genau vor das
Fenster, an dem er Helena vermutete, zu halten. Auerdem war die Nacht so
finster, da man auf solche Hhe von der Strae aus nichts erkennen
konnte. Unbeweglich an ihrem Fenster war Helena tief erregt. War es nicht
ein Gestndnis, den Strau zu nehmen? Sie hatte brigens keins von den
Gefhlen, die ein Abenteuer dieser Art heute in einem jungen Mdchen der
besten Gesellschaft erwecken wrde, das durch schngeistige Erziehung auf
das Leben vorbereitet ist. Da ihr Vater und ihr Bruder Fabio zu Hause
waren, war ihr erster Gedanke, da der geringste Lrm einen Bchsenschu
auf Giulio zur Folge haben wrde, und die Gefahr, der dieser arme junge
Mensch ausgesetzt war, erregte ihr Mitleid. Ihr zweiter Gedanke war, da
er, obgleich sie ihn noch wenig genug kannte, das Wesen sei, das sie
dennoch nach ihrer Familie am meisten auf der Welt liebte. Schlielich
nahm sie nach einigen Minuten des Zauderns den Strau, und als sie die
Blumen in dem tiefen Dunkel berhrte, sprte sie, da ein Brief am Stengel
einer Blume befestigt war; sie lief auf die groe Stiege, um diesen Brief
beim Licht der Lampe zu lesen, welche vor dem Bild der Madonna brannte.
'Trichte!' schalt sie sich nach den ersten Zeilen, die sie vor Glck
errten lieen, 'wenn man mich sieht, bin ich verloren und meine Familie
wird ohne Erbarmen diesen armen jungen Menschen verfolgen,' Sie kehrte in
ihr Zimmer zurck und zndete die Lampe an. Dieser Augenblick war kstlich
fr Giulio, welcher -- beschmt ber seinen Schritt, und als wollte er
sich selbst in der dunklen Nacht noch verbergen -- sich dicht an den
ungeheuren Stamm einer jener Eichen gedrngt hatte, die grn und bizarr
geformt, noch heute dem Palast Campireali gegenber stehen. In seinem
Brief erzhlte Giulio mit vollkommner Einfachheit die beschmende
Zurechtweisung, die er von Helenas Vater erhalten hatte. "Ich bin
allerdings arm," fuhr er fort, "und Ihr knnt Euch schwerlich das ganze
Ausma meiner Armut vorstellen. Ich habe nichts als mein Haus, das Ihr
vielleicht unter den Ruinen des Aqudukts von Alba bemerkt haben werdet;
rings um das Haus liegt ein Garten, den ich selbst bebaue und dessen
Frchte mich ernhren. Ich besitze auch noch einen Weinberg, der um
dreiig Scudi im Jahr verpachtet ist. Ich wei wirklich nicht, warum ich
Euch liebe; sicherlich kann ich Euch nicht bitten, mein Elend zu teilen.
Und doch hat das Leben, wenn Ihr mich nicht liebt, keinen Wert mehr fr
mich; es ist berflssig, zu sagen, da ich es tausendmal fr Euch
hingeben wrde. Und doch war dieses Leben vor Eurer Rckkehr aus dem
Kloster gar nicht unglcklich: im Gegenteil, es war von den glnzendsten
Trumen erfllt. So kann ich sagen, da der Anblick des Glcks mich
unglcklich gemacht hat. Sicher htte ehemals kein Mensch auf der Welt
wagen drfen, mir solche Worte zu sagen, wie die, mit denen Euer Vater
mich entehrte; mein Dolch htte mir auf der Stelle Genugtuung verschafft.
Damals, mit meinem Mut und meinen Waffen, hielt ich mich aller Welt fr
ebenbrtig, nichts ging mir ab. Jetzt hat sich alles gendert: ich kenne
die Furcht. Es ist schon zu viel des Schreibens; vielleicht verachtet Ihr
mich. Wenn Ihr dagegen, trotz der armseligen Gewnder, die mich bedecken,
etwas Mitleid mit mir fhlt, werdet Ihr bemerken, da ich jeden Abend,
wenn es am Kapuzinerkloster auf dem Gipfel des Hgels Mitternacht lutet,
unter der groen Eiche versteckt bin, dem Fenster gegenber, welches ich
unausgesetzt betrachte, weil ich vermute, da dort Euer Zimmer ist. Wenn
Ihr mich nicht so wie Euer Vater verachtet, werft mir eine der Blumen des
Straues herab; aber gebt acht, da sie nicht auf ein Gesimse oder auf
einen Balkon Eures Hauses falle."

Dieser Brief wurde mehrmals gelesen; nach und nach fllten sich Helenas
Augen mit Trnen; sie betrachtete gerhrt den prchtigen Strau, dessen
Blumen mit einem sehr feinen Seidenfaden gebunden waren. Sie versuchte
eine der Blumen abzureien, aber es gelang ihr nicht; dann ergriff sie
Reue. Unter den jungen Mdchen Roms glaubte man, da durch das Abreien
einer Blume oder durch irgendwelche Verstmmelung eines aus Liebe
gegebenen Straues diese Liebe selbst gettet wrde. Sie frchtete, da
Giulio ungeduldig werden mchte und lief zum Fenster; aber als sie dort
war, fiel ihr pltzlich ein, da sie zu sichtbar sei, da die Lampe das
Zimmer mit Licht erfllte. Helena wute nicht mehr, welches Zeichen sie
sich erlauben sollte; es schien ihr, da es keins gab, das nicht viel zu
viel sagte.

Beschmt lief sie wieder in ihr Zimmer zurck. Aber die Zeit verstrich und
pltzlich kam ihr ein Gedanke, der sie in unaussprechliche Verwirrung
strzte: Giulio wrde glauben, da sie, wie ihr Vater, seine Armut
verachtete! Sie erblickte ein kleines kostbares Marmorstck, das auf ihrem
Tisch lag, band es in ihr Taschentuch und warf dies Taschentuch an den Fu
der Eiche hinunter, die gegenber ihrem Fenster stand. Dann machte sie ihm
Zeichen, da er sich entfernen mge und hrte, da Giulio gehorchte, denn
im Weggehen suchte er nicht mehr den Schall seiner Schritte zu dmpfen.
Als er die Hhe des Felsengrtels erreicht hatte, welcher den See von den
letzten Husern von Albano trennt, hrte sie ihn Worte der Liebe singen;
sie winkte ihm Abschied, diesmal weniger schchtern, dann begab sie sich
an seinen Brief, um ihn wiederzulesen.

Am nchsten Tag und auch an den folgenden, gab es Briefe und hnliche
Zusammenknfte; aber wie in einem italienischen Dorf alles bemerkt wird,
noch dazu Helena weitaus die reichste Partie des Landes war, wurde Herr
von Campireali aufmerksam gemacht, da man jeden Abend nach Mitternacht im
Zimmer seiner Tochter Licht sehe, und was noch viel merkwrdiger sei, da
das Fenster offen wre und Helena dahinter stnde, als kenne sie gar keine
Furcht vor den Zanzare, jenen unangenehmen Stechmcken, welche die schnen
Abende in der rmischen Campagna ganz verderben. Jetzt mu ich wieder um
die Nachsicht des Lesers ersuchen. Wenn man Lust hat, die Gebruche
fremder Lnder zu kennen, mu man sich auf ganz abgeschmackte, von den
unsrigen ganz verschiedene Anschauungen gefat machen.

Herr von Campireali brachte seine Flinte und die seines Sohnes in Ordnung.
Abends, als es 3/4 12 Uhr schlug, verstndigte er Fabio, und alle beide
schlichen, so leise wie mglich, auf einen groen steinernen Balkon, der
sich im ersten Stock des Palastes gerade unter Helenas Fenster befand. Die
starken Pfeiler der Steinbalustrade deckten sie bis zum Grtel gegen
Flintenschsse, die man von auen gegen sie abfeuern knnte. Es schlug
Mitternacht; Vater und Sohn hrten unter den Bumen, die ihrem Palast
gegenber am Rand der Strae standen, ein leichtes Gerusch; aber zu ihrem
Erstaunen erschien kein Licht an Helenas Fenster. Dieses Mdchen das
bisher so arglos war und in der Lebhaftigkeit seiner Bewegungen ein Kind
zu sein schien, hatte einen anderen Charakter bekommen, seit es liebte.
Sie wute, da die geringste Unvorsichtigkeit das Leben ihres Geliebten
gefhrdete; wenn ein Herr vom Ansehen ihres Vaters einen so armen Menschen
wie Giulio Branciforte ttete, wrde er jeder Strafe ledig gehen, so er
nur fr drei Monate nach Neapel verschwindet. Whrend dieser Zeit wrden
seine Freunde in Rom die Angelegenheit ordnen und alles wre mit der
Stiftung einer Silberlampe und einiger hundert Taler fr den Altar der
Madonna, die gerade in Mode war, erledigt. Morgens beim Frhstck hatte
Helena in den Zgen ihres Vaters erkannt, da er sehr aufgebracht war, und
aus der Art, wie er sie ansah, wenn er sich unbemerkt glaubte, schlo sie,
da dieser Zorn zum groen Teil ihr galt. Alsbald machte sie sich daran,
ein wenig Staub auf die Schfte der fnf prchtigen Flinten, die ber dem
Bett ihres Vaters hingen, zu streuen. Sie bedeckte auch seine Degen und
Dolche mit einer leichten Staubschicht. Den ganzen Tag trug sie eine tolle
Ausgelassenheit zur Schau: sie durcheilte unaufhrlich das Haus von oben
bis unten und alle Augenblicke nherte sie sich den Fenstern, fest
entschlossen, Giulio ein abmahnendes Zeichen zu geben, wenn sie das Glck
htte, ihn zu bemerken. Aber der arme Junge war durch den Verweis des
reichen Campireali so tief gedemtigt worden, da er sich niemals bei Tage
in Albano zeigte; nur Sonntags fhrte ihn die Pflicht zur Messe. Helenas
Mutter, die sie anbetete und ihr nichts abzuschlagen wute, ging dreimal
an diesem Tage mit ihr fort, aber es war vergeblich; Helena sah nichts von
Giulio. Sie war in Verzweiflung. Wie wurde ihr erst, als sie am Abend die
Waffen ihres Vaters wieder musterte und sah, da zwei Flinten geladen und
fast alle Dolche und Degen in der Hand erprobt worden waren! Sie wurde von
ihrer tdlichen Unruhe nur durch die auerordentliche Anspannung
abgelenkt, die sie beobachten mute, um nicht verdchtig zu erscheinen.
Als sie sich um zehn Uhr abends endlich zurckziehen konnte, verschlo sie
ihr Zimmer, welches auf das Vorzimmer ihrer Mutter hinausging; dann
kauerte sie sich dicht beim Fenster auf den Boden nieder, um nicht von
drauen bemerkt zu werden. Man stelle sich die Angst vor, mit welcher sie
die Stunden schlagen hrte: es war nicht mehr die Rede von den Vorwrfen,
welche sie sich oft machte, sich Giulio zu schnell gegeben zu haben, was
sie in Giulios Augen vielleicht weniger liebenswrdig erscheinen lassen
knnte. Dieser Tag brachte die Sache des jungen Mannes weiter, als sechs
Monate Treue und Beteuerungen. 'Wozu lgen?' sagte sich Helena, 'liebe ich
ihn nicht mit ganzer Seele?'

Um halb zwlf Uhr sah sie ganz deutlich ihren Vater und ihren Bruder auf
dem groen Steinbalkon unter ihrem Fenster Stellung fassen. Zwei Minuten,
nachdem es am Kapuzinerkloster Mitternacht geschlagen hatte, hrte sie
gleichfalls sehr gut die Schritte ihres Geliebten, der bei der groen
Eiche anhielt; sie bemerkte mit Freude, da ihr Vater und ihr Bruder
nichts gehrt zu haben schienen: es erforderte die Angst der Liebe, um ein
so leichtes Gerusch zu unterscheiden. 'Jetzt', sagte sie sich, 'werden
sie mich tten, aber um keinen Preis drfen sie den Brief von heute Abend
bekommen; sie wrden diesen armen Giulio auf ewig verfolgen,' Sie machte
das Zeichen des Kreuzes und indem sie sich mit einer Hand am Eisenbalkon
ihres Fensters festhielt, beugte sie sich so weit wie mglich zur Strae
hinaus. Nicht eine Viertelminute war verstrichen, als der Strau, der wie
gewhnlich an dem langen Rohr befestigt war, ihren Arm berhrte. Sie
ergriff den Strau, allein als sie ihn schnell von der uersten Spitze
des Rohrs, auf der er befestigt war, abreien wollte, geschah es, da
dieses Rohr gegen den Steinbalkon anschlug. Im gleichen Augenblick lsten
sich zwei Flintenschsse, auf die vllige Stille folgte. Ihr Bruder Fabio,
ungewi in der Dunkelheit vermutend, es sei, was heftig gegen den Balkon
schlug, ein Seil, mit dessen Hilfe Giulio von seiner Schwester
herabsteige, hatte gegen ihren Balkon Feuer gegeben; am nchsten Morgen
fand sie den Eindruck der Kugel, welche sich auf dem Eisen breitgeschlagen
hatte. Herr von Campireali hatte auf die Strae gezielt; gerade unter den
Steinbalkon, weil Giulio beim Zurckziehen des Rohrs, das beinahe gefallen
wre, etwas Gerusch gemacht hatte. Als Giulio das Gerusch ber seinem
Kopfe hrte, erriet er, was folgen wrde und hatte sich unter dem
Vorsprung des Balkons gedeckt.

Fabio lud schnell seine Flinte von neuem und lief, ungeachtet der
Vorstellungen seines Vaters, in den Garten des Hauses; ffnete geruschlos
eine kleine Tr, die auf eine Seitenstrae fhrte, und schlich sich heran,
um die Leute, welche unter dem Balkon des Hauses vorbeigingen, ein wenig
zu mustern. In diesem Augenblick befand sich Giulio, der an diesem Abend
nicht allein war, zwanzig Schritt entfernt an einen Baum gelehnt. Helena,
die ber ihren Balkon gebeugt um ihren Geliebten zitterte, begann alsbald
sehr laut mit ihrem Bruder, den sie auf der Strae hrte, zu sprechen; sie
fragte ihn, ob er die Diebe gettet habe.

"Glaub nicht, da ich mich durch deine schndliche List tuschen lasse,"
schrie dieser ihr von der Strae aus zu, welche er in allen Richtungen
durchma, "aber halte deine Trnen bereit, denn ich werde den
Unverschmten, tten, der es wagt, sich deinem Fenster zu nhern."

Kaum waren diese Worte gesprochen, als Helena hrte, wie ihre Mutter an
die Tr ihres Zimmers klopfte.

Helena beeilte sich, ihr zu ffnen, indem sie sagte, da es ihr
unbegreiflich wre, da die Tre verschlossen sei.

"Keine Komdie, teures Kind," sagte ihre Mutter, "dein Vater ist wtend
und kann dich vielleicht tten: komm zu mir in mein Bett, und wenn du
einen Brief hast, gib ihn mir, ich werde ihn verstecken.[sic! Fehlt: "]

Helena sagte ihr:

"Hier ist der Strau, der Brief ist zwischen den Blumen versteckt."

Kaum waren Mutter und Tochter im Bett, als Herr Campireali ins Zimmer
seiner Frau eintrat; er kam aus ihrem Betgemach, das er soeben
durchgestbert und wo er alles durcheinandergeworfen hatte. Was Helena
auffiel, war, da ihr Vater, bla wie ein Gespenst, mit Bedacht zu Wege
ging, wie jemand, der seinen Entschlu wohl erwogen hat. 'Ich bin tot!'
sagte sich Helena.

"Wir sind glcklich, Kinder zu haben," sagte ihr Vater, als er zitternd
vor Wut, aber den Schein vollkommener Kaltbltigkeit wahrend, am Bett
seiner Frau vorbei in das Zimmer seiner Tochter ging; "wir sind glcklich,
Kinder zu haben, statt dessen sollten wir lieber blutige Trnen vergieen,
wenn diese Kinder Mdchen sind. Groer Gott! Ist es wohl mglich! Ihre
Leichtfertigkeit kann einem Mann, der seit sechzig Jahren nicht den
mindesten Vorwurf auf sich geladen hat, die Ehre rauben."

Bei diesen Worten ging er ins Zimmer seiner Tochter.

"Ich bin verloren," sagte Helena zu ihrer Mutter, "die Briefe sind unter
dem Sockel des Kruzifixes neben dem Fenster."

Sogleich sprang ihre Mutter aus dem Bett und rannte zu ihrem Manne. Sie
begann ihm so schlecht wie nur mglich Vernunft zuzusprechen, um seinen
Zorn zum Ausbruch zu bringen, und es gelang ihr vollkommen. Der alte Mann
wurde wtend, er zerschlug alles im Zimmer seiner Tochter; aber die Mutter
konnte unbemerkt die Briefe an sich nehmen. Eine Stunde spter, als Herr
Campireali wieder in sein Zimmer zurckgekehrt war, das neben dem seiner
Frau lag und im ganzen Haus Ruhe herrschte, sagte die Mutter zu ihrer
Tochter:

"Hier sind deine Briefe, ich will sie nicht lesen; du siehst, was sie uns
beinah gekostet htten! An deiner Stelle wrde ich sie verbrennen. Leb
wohl und ksse mich."

Helena ging, aufgelst in Trnen, in ihr Zimmer zurck. Es schien ihr, da
sie seit den Worten ihrer Mutter Giulio nicht mehr liebte. Dann machte sie
sich daran, seine Briefe zu verbrennen; aber sie mute sie noch einmal
lesen, bevor sie sie vernichtete. Sie las sie so oft und so grndlich, da
die Sonne schon hoch am Himmel stand, als sie sich endlich entschlo, den
heilsamen Rat zu befolgen.

Am nchsten Morgen, der ein Sonntag war, ging Helena mit ihrer Mutter zur
Messe; zum Glck folgte ihr Vater ihnen nicht. Der erste Mensch, den sie
in der Kirche bemerkte, war Giulio Branciforte. Mit einem Blick berzeugte
sie sich, da er nicht verletzt war. Ihr Glck war am Gipfel. Die
Ereignisse der letzten Wochen lagen tausend Meilen zurck. Sie hatte sich
fnf oder sechs mit Bleistift beschriebene Billets vorbereitet, aus alten,
mit feuchter Erde beschmutzten Papierfetzen, wie man sie auf den Fliesen
einer Kirche finden kann; diese Billets enthielten alle die gleiche
Warnung:

'Sie htten alles entdeckt, bis auf seinen Namen. Er mge nicht mehr in
der Strae erscheinen; man werde oft hierherkommen.'

Helena lie eins dieser Zettelchen fallen: ein Blick belehrte Giulio, der
es aufhob und verschwand. Als sie eine Stunde spter nach Haus
zurckkehrte, fand sie auf der groen Treppe des Palastes einen
Papierfetzen, der dadurch ihren Blick auf sich zog, da er vollkommen
denen glich, deren sie sich selbst am Morgen bedient hatte.

Sie griff danach, ohne da selbst ihre Mutter es bemerkte und las:

"In drei Tagen wird er von Rom zurckkehren, wohin zu gehen er gezwungen
ist. Man wird am hellen Tage singen, an den Markttagen, mitten im Lrm der
Bauern."

Diese Abreise nach Rom erschien Helena sonderbar. 'Frchtet er die
Flintenschsse meines Bruders?' sagte sie sich traurig. Die Liebe verzeiht
alles, nur nicht die freiwillige Abwesenheit. Dies ist die schlimmste
aller Qualen. Anstatt sich sen Trumen zu ergeben und ganz damit
beschftigt zu sein, alle Grnde zu erwgen, die man hat, um seinen
Geliebten zu lieben, ist das Leben von grausamen Zweifeln beunruhigt.
'Aber kann ich denn nach allem, was geschehen ist, glauben, da er mich
nicht mehr liebt?' sagte sich Helena whrend der drei langen Tage, die
Brancifortes Abwesenheit dauerte. Pltzlich wich ihr Kummer einer
unsinnigen Freude: am dritten Tage sah sie ihn am hellen Mittag auf der
Strae vor dem Palast ihres Vaters erscheinen. Er trug neue und fast
prchtige Gewnder. Niemals waren die Vornehmheit seiner Haltung und die
heitere und mutige Unbekmmertheit seines Antlitzes vorteilhafter
hervorgetreten; nie allerdings hatte man auch vor diesem Tage so oft in
Albano von der Armut Giulios gesprochen. Es waren die Mnner und besonders
die jungen Leute, welche dieses grausame Wort wiederholten; die Frauen und
vor allem die jungen Mdchen konnten sich in Lobeserhebungen ber seine
gute Erscheinung nicht genug tun.

Giulio verbrachte den ganzen Tag damit, in der Stadt umherzuschlendern; es
machte den Eindruck, als ob er sich fr die Monate der Haft, zu der ihn
seine Armut verdammt hatte, entschdigen wollte. Wie es einem Verliebten
zukommt, war Giulio unter seinem neuen Rock gut bewaffnet. Auer seinem
Degen und seinem Dolch hatte er sein giacco angelegt, eine Art Weste aus
geflochtenem Draht, welche sehr unbequem zu tragen war, jedoch diese
italienischen Herzen von einer traurigen Krankheit heilte, deren peinliche
Anflle man in jenem Jahrhundert unaufhrlich erleben konnte; ich spreche
von der Furcht, an einer Straenbiegung durch einen seiner wohlbekannten
Feinde gettet zu werden. An diesem Tage hoffte Giulio Helena zu begegnen;
brigens hatte er auch einen gewissen Widerwillen, mit sich allein in
seinem einsamen Haus zu sein. Hier der Grund: Ranuccio, ein alter Soldat
seines Vaters, der unter diesem schon zehn Feldzge in den Truppen
verschiedener Bandenfhrer und zuletzt des Marco Sciarra mitgemacht hatte,
war seinem Hauptmann gefolgt, als dessen Wunden ihn zwangen, sich
zurckzuziehen. Hauptmann Branciforte hatte seine Grnde, nicht in Rom zu
leben; er htte dort die Shne von Mnnern treffen knnen, die er gettet
hatte; selbst in Albano sorgte er vor, da er nicht nur auf die Gnade der
regulren Autoritt angewiesen sei. Anstatt ein Haus in der Stadt zu
kaufen oder zu mieten, zog er es vor, eins zu bauen, das so gelegen war,
da man seine Besucher schon von weitem zu sehen vermochte. Er fand in den
Ruinen von Alba einen wundervollen Platz: man konnte von dort, ohne von
indiskreten Besuchern bemerkt zu werden, sich in den Wald zurckziehen, wo
sein alter Freund und Herr, der Frst Fabrizio Colonna herrschte.
Hauptmann Branciforte kmmerte die Zukunft seines Sohnes wenig. Als er
sich, erst fnfzig Jahre alt, aber best mit Wunden, vom Dienst zurckzog,
nahm er an, da er noch zehn Jahre leben werde, und verbrauchte, nachdem
sein Haus gebaut war, jeden Tag den zehnten Teil dessen, was er aus den
Plnderungen von Stdten und Drfern zusammengerafft, und denen
beizuwohnen er die Ehre gehabt hatte.

Er kaufte den Weinberg, der jetzt seinem Sohn dreiig Taler Rente trug,
als Antwort auf den schlechten Scherz eines Brgers von Albano, der ihm
eines Tages, da er erregt ber die Interessen und die Ehre der Stadt
disputierte, zurief, da es in der Tat einem so reichen Grundbesitzer, wie
er einer sei, wohl zustehe, den Eingesessenen Albanos Ratschlge zu
erteilen. Der Hauptmann kaufte den Weinberg und kndigte an, da er noch
viele andre kaufen werde; spter, als er den Sptter an einem einsamen Ort
traf, ttete er ihn mit einem Pistolenschu.

Nach acht Jahren dieser Art des Lebens starb der Hauptmann; sein Adjutant
Ranuccio betete Giulio an; trotzdem nahm er, des Nichtstuns mde, wieder
Dienst in der Truppe des Frsten Colonna. Oft besuchte er seinen Sohn
Giulio, wie er ihn nannte, und am Vorabend eines gefhrlichen Angriffs,
den der Frst in seiner Feste Petrella aushalten mute, hatte er Giulio
mit zum Kampf genommen. Da er ihn sehr tapfer fand, sagte er:

"Du mut wirklich toll und auerdem recht einfltig sein, da du bei
Albano wie der letzte und rmste seiner Einwohner lebst, whrend du mit
deinem Mut und dem Namen deines Vaters ein glnzender Soldat sein und dein
Glck machen knntest."

Giulio wurde durch diese Worte geqult; ein Priester hatte ihn Latein
gelehrt; aber da sein Vater ber alles, was der Priester sonst noch sagte,
nur zu spotten pflegte, hatte er auer dem nicht das geringste gelernt.
Dafr hatte sich bei ihm, der wegen seiner Armut verachtet und in seinem
einsamen Haus ganz auf sich selbst angewiesen war, ein gesunder
Menschenverstand entwickelt, welcher durch seine gewagte Khnheit selbst
Gelehrte in Erstaunen gesetzt htte. Zum Beispiel schwrmte er, bevor er
Helena liebte, ganz ohne zu wissen, warum, fr den Krieg; aber er hatte
einen Widerwillen gegen das Plndern, das doch in den Augen seines Vaters
und Ranuccios der kleinen lustigen Komdie glich, die auf die edle ernste
Tragdie folgt. Seit er Helena liebte, lie ihn dieser gesunde
Scharfblick, den er sich durch seine einsamen berlegungen angeeignet
hatte, Qualen erleiden. Diese frher so sorglose Seele wagte niemanden
wegen ihrer Zweifel um Rat zu fragen und war von Leidenschaft und Unglck
erfllt. Was wrde Herr von Campireali nicht alles sagen, wenn er Brigant
wrde? Dann erst wrde er ihm begrndete Vorwrfe machen knnen. Giulio
hatte sich immer den Soldatenberuf als eine Sicherung fr die Zeit
aufgehoben, wo er den Erls der goldenen Ketten und andren Kostbarkeiten
ausgegeben haben wrde, die er in der eisernen Kasse seines Vaters
gefunden hatte. Giulio hatte trotz seiner Armut gar keinen Skrupel, die
Tochter des reichen Herrn Campireali zu entfhren, weil zu jener Zeit die
Vter ganz nach ihrem Belieben ber ihr Gut verfgten, und sehr leicht war
es mglich, da Herr von Campireali seiner Tochter nur tausend Taler als
einziges Erbe hinterlie. Aber ein andres beschftigte die
Einbildungskraft Giulios aufs tiefste: erstens: in welcher Stadt wrde er
die junge Helena unterbringen, wenn er sie ihrem Vater entfhrt und
geheiratet hatte; zweitens: mit welchem Geld wrde er sie leben lassen?

Als ihm Herr Campireali den beienden Tadel versetzte, der ihn so
empfindlich traf, war Giulio zwei Tage hindurch die Beute der Wut und des
heftigsten Schmerzes: er konnte sich weder entschlieen, den alten Mann zu
tten, noch ihn leben zu lassen. Er verbrachte ganze Nchte weinend;
endlich entschlo er sich, Ranuccio zu befragen, den einzigen Freund, den
er auf der Welt hatte; aber wrde dieser Freund ihn verstehen? Vergeblich
suchte er im ganzen Wald von La Faggiola nach Ranuccio; er mute auf der
Strae von Neapel noch ber Velletri hinaus gehen, wo Ranuccio einen im
Hinterhalt liegenden Trupp befehligte. Er lauerte dort mit einer
zahlreichen Schar auf den spanischen General Ruiz d'Avalis, welcher zu
Land nach Rom reiste, ohne daran zu denken, da er krzlich vor vielen
Leuten mit Verachtung von den Briganten des Colonna gesprochen hatte. Sein
Feldprediger erinnerte ihn gerade noch zur rechten Zeit an diese kleine
Begebenheit, und Ruiz d'Avalis zog es vor, ein Schiff rsten zu lassen und
bers Meer nach Rom zu reisen.

Als der Hauptmann Ranuccio Giulios Erzhlung gehrt hatte, sagte er ihm:

"Beschreibe mir genau diesen Herrn Campireali, damit seine Unklugheit
nicht irgend einem guten Brger Albanos das Leben kostet. Sobald die
Sache, die uns hier zurckhlt, beendet ist, sei es gut oder schlecht,
wirst du dich nach Rom begeben und darauf bedacht sein, dich zu allen
Tageszeiten in Gastwirtschaften und an andren ffentlichen Orten zu
zeigen, denn man darf nicht, wegen deiner Liebe zur Tochter, gegen dich
Verdacht schpfen knnen."

Giulio hatte groe Mhe, den Zorn des alten Gefhrten seines Vaters zu
beruhigen. Es blieb ihm nichts brig, als rgerlich zu werden:

"Glaubst du, da ich deinen Degen brauche?" sagte er endlich. "Man sollte
meinen, da ich selbst einen besitze! Ich wnsche einen verstndigen Rat
von dir."

Ranuccio schlo die ganze Auseinandersetzung mit den Worten:

"Du bist jung, du hast keine Wunde, die Beleidigung war ffentlich; nun,
ein entehrter Mann ist selbst bei den Frauen verachtet."

Giulio sagte ihm, da er mit sich noch darber zu Rate gehen wolle, wonach
ihn gelegentlich verlange, und trotz des Drngens Ranuccios, der durchaus
darauf beharrte, da er an dem berfall auf den spanischen General
teilnehmen mge -- wobei man, wie er sagte, Ehren erlangen knne, ganz
abgesehen von den Dublonen -- kehrte er allein in sein Haus zurck. Dort
hatte er am Abend vor dem Tage, wo Herr von Campireali auf ihn scho,
Ranuccio und seinen Korporal empfangen, die auf dem Rckweg aus der Gegend
von Velletri waren. Ranuccio hatte Mhe, die kleine eiserne Truhe zu
sehen, wo sein Herr, der Hauptmann Branciforte, ehemals die goldenen
Ketten und andre Schmucksachen einschlo, wenn es ihm nicht pate, gleich
nach der Expedition ihren Erls auszuheben. Ranuccio fand zwei Scudi
darin.

"Ich rate dir, werde Mnch," sagte er zu Giulio, "du hast alle Tugenden
dazu: die Liebe zur Armut, den Beweis haben wir vor Augen; die Demut: du
lt dich auf offener Strae von einem Geldsack aus Albano beschimpfen.
Nun fehlen dir blo noch die Heuchelei und der Bauch."

Ranuccio legte mit Gewalt fnfzig Dublonen in die eiserne Truhe.

"Ich gebe dir mein Wort," sagte er zu Giulio, "wenn binnen eines Monats
dieser Herr Campireali nicht mit allen Ehren, die seiner Vornehmheit und
seinem Reichtum gebhren, eingescharrt ist, wird mein Korporal, so wahr er
hier steht, mit dreiig Mann deine Htte zerstren und deine armseligen
Mbel verbrennen. Es darf nicht sein, da der Sohn des Hauptmann
Branciforte unter dem Vorwand der Liebe eine schlechte Figur in der Welt
macht."

Als Herr von Campireali und sein Sohn die beiden Schsse abfeuerten,
hatten Ranuccio und der Korporal unter dem Steinbalkon Stellung genommen
und Giulio hatte die grte Mhe, sie zu verhindern, Fabio zu tten oder
mindestens zu entfhren, als dieser unvorsichtig aus dem Garten trat, wie
wir schon erzhlt haben. Die Erwgung, welche Ranuccio beruhigte, war
folgende: man soll nicht einen jungen Mann, der noch etwas werden und sich
ntzlich machen kann, tten, whrend ein alter Snder dabei ist, mit mehr
Schuld und zu nichts mehr gut als zum Begraben werden.

Am Morgen nach diesem Abenteuer schlug sich Ranuccio in die Wlder und
Giulio reiste nach Rom. Die Freude darber, da er sich mit den von
Ranuccio geschenkten Dublonen schne Gewnder kaufen knnte, war durch
einen in seinem Jahrhundert ganz ungewhnlichen Gedanken grausam getrbt,
der die hohe Bestimmung ahnen lie, zu der er spter gelangte. Er sagte
sich: 'Helena mu wissen, wer ich bin.' Jeder andre junge Mann seines
Alters und seiner Zeit htte nur davon getrumt, sich seiner Liebe zu
erfreuen und Helena zu entfhren, ohne im geringsten daran zu denken, was
in sechs Monaten aus ihr werden wrde, und ebensowenig, welche Meinung sie
von ihm hegen knnte.

Nach Albano zurckgekehrt, erfuhr Giulio durch seinen Freund, den alten
Scotti, am gleichen Nachmittag, da er vor aller Augen in seinen schnen,
aus Rom mitgebrachten Gewndern glnzte, da Fabio zu Pferde die Stadt
verlassen habe, um nach einem drei Meilen entfernten Gut zu reiten, das
sein Vater in der Ebene an der Kste besa.

Spter sah er, wie Herr Campireali in Begleitung von zwei Priestern den
Weg durch die prchtige grne Eichenallee einschlug, welche den Rand des
Kraters krnt, auf dessen Grund der See von Albano liegt. Zehn Minuten
danach drang eine alte Frau dreist in den Palazzo Campireali ein, unter
dem Vorwand, schne Frchte zu verkaufen; die erste Person, die sie traf,
war die kleine Kammerzofe Marietta, die intime Vertraute ihrer Herrin
Helena. Diese errtete bis ins Weie der Augen, als sie einen schnen
Blumenstrau empfing. Der in diesem Strau verborgene Brief war
unermelich lang: Giulio erzhlte alles, was er seit der Nacht der
Flintenschsse erlebt hatte; aber aus einer eigentmlichen Scham heraus
wagte er nicht, das, worauf jeder andre junge Mann seiner Zeit stolz
gewesen wre, zu gestehen: da er der Sohn eines durch seine Abenteuer
berhmten Kapitns war und selbst bereits in mehr als einem Kampf durch
seine Tapferkeit erprobt. Er glaubte stets die Betrachtungen zu hren,
welche diese Tatsachen dem alten Campireali eingeben wrden. Man mu
wissen, da im sechzehnten Jahrhundert die Mdchen -- einer gesunden
republikanischen Vernunft nher als heute -- einen Mann viel mehr seiner
Taten wegen schtzten, als wegen der zusammengescharrten Reichtmer oder
der berhmten Taten seiner Vter. Aber es waren hauptschlich die jungen
Mdchen aus dem Volk, welche diese Anschauung hatten; die den reichen
Klassen oder dem Adel angehrten, hatten Angst vor den Briganten und
hielten, wie es sich schlielich versteht, Adel und Reichtum in hoher
Achtung. Giulio schlo seinen Brief mit folgenden Worten: "Ich wei nicht,
ob die geflligen Gewnder, die ich aus Rom gebracht habe, Euch die
grausame Beleidigung vergessen lieen, die mir krzlich jemand wegen
meines armsligen[sic! sonst einheitlich: armseligen] uern zugefgt hat,
den Ihr verehrt; ich hatte die Mglichkeit, mich schtzen zu knnen, ich
htte es tun mssen, meine Ehre verlangte es: ich habe es wegen der Trnen
nicht getan, welche meine Rache Augen gekostet htte, die ich anbete. Dies
kann Euch beweisen, wenn Ihr zu meinem Unglck noch daran zweifeln
solltet, da man sehr arm sein und doch edle Gefhle haben kann. Auerdem
mu ich Euch ein schreckliches Geheimnis enthllen; es wrde mir sicher
nicht schwer werden, es jeder andren Frau zu sagen; aber ich wei nicht,
warum: ich zittre, wenn ich daran denke, es Euch zu bekennen. Es knnte in
einem Augenblick die Liebe, die Ihr zu mir fhlt, zerstren; keine
Versicherung von Eurer Seite wrde mir gengen. Ich will in Euren Augen
die Wirkung lesen, welche dieses Gestndnis hervorruft. An einem der
nchsten Tage werde ich Euch bei Anbruch der Nacht im Garten hinter dem
Palast sehen. Am gleichen Tag werden Fabio und Euer Vater abwesend sein:
sobald ich mir die Gewiheit verschafft haben werde, da sie, trotz ihrer
Geringschtzung fr einen armen schlecht gekleideten jungen Mann, uns
nicht dreiviertel Stunden oder eine Stunde des Beisammenseins zu rauben
vermgen, wird vor den Fenstern Eures Palastes ein Mann erscheinen, der
den Dorfkindern einen zahmen Fuchs vorfhren wird. Spter, beim Luten des
Ave Maria, werdet Ihr in der Ferne einen Flintenschu hren; in diesem
Augenblick nhert Euch der Mauer Eures Gartens und wenn Ihr nicht allein
seid, singt. Herrscht Schweigen, wird Euer Sklave zitternd vor Euren Fen
erscheinen und Euch Dinge erzhlen, die Euch vielleicht entsetzen werden.
In Erwartung dieses fr mich entscheidenden und schrecklichen Tages, werde
ich nicht mehr versuchen, Euch um Mitternacht einen Strau zu berreichen;
aber gegen zwei Uhr nachts werde ich singend vorbergehen und vielleicht
werdet Ihr vom groen Steinbalkon eine Blume fallen lassen, die von Euch
aus Eurem Garten gepflckt wurde. Dies sind vielleicht die letzten Zeichen
der Neigung, die Ihr dem unglcklichen Giulio geben werdet."

Drei Tage spter waren Helenas Vater und Bruder auf das Gut geritten, das
sie am Ufer des Meeres besaen; sie muten etwas vor Sonnenuntergang
fortreiten, um gegen zwei Uhr nachts wieder zu Hause zu sein. Aber, als
sie den Heimritt antreten wollten, waren nicht nur ihre beiden Pferde,
sondern alle, die noch in der Farm waren, verschwunden. Sehr erstaunt ber
diesen khnen Diebstahl suchten sie nach ihren Pferden, die aber erst am
nchsten Tag im Hochwald, der ans Meer grenzt, gefunden wurden. Die beiden
Campireali, Vater und Sohn, waren gentigt, in einem von Ochsen gezogenen
Landfuhrwerk nach Albano zurckzukehren.

Als an diesem Abend Giulio vor Helena kniete, war es beinahe vllig
dunkel, und das arme Mdchen war sehr glcklich ber diese Finsternis: sie
stand zum ersten Male vor dem Mann, den sie zrtlich liebte, der das sehr
wohl wute, aber den sie noch nie gesprochen hatte.

Eine Beobachtung, die sie machte, gab ihr ein wenig Mut: Giulio war noch
bleicher und zaghafter als sie. Sie sah ihn zu ihren Fen: "Ich bin
wahrhaftig auerstande, zu sprechen", sagte er ihr. Es folgten einige sehr
glckliche Augenblicke; sie sahen sich an, aber konnten kein Wort
hervorbringen und waren unbeweglich, wie eine sehr ausdrucksvolle
Marmorgruppe. Giulio lag auf den Knien und hielt eine Hand Helenas, sie
hatte das Haupt gesenkt und betrachtete ihn mit Aufmerksamkeit.

Giulio wute wohl, da er irgend etwas htte versuchen mssen, wenn er den
Ratschlgen seiner Freunde, der jungen Lebemnner Roms, htte folgen
wollen; aber dieser Gedanke entsetzte ihn. Er wurde aus diesem Zustand der
Verzckung, vielleicht dem hchsten Glck, das die Liebe geben kann, durch
das Bewutsein aufgeschreckt: die Zeit verfliegt schnell, die beiden
Campireali nhern sich ihrem Hause. Er begriff, da er mit seiner
gewissenhaften Seele kein dauerndes Glck finden knne, so lange er nicht
seiner Geliebten jenes schreckliche Gestndnis gemacht habe, das seinen
rmischen Freunden als groe Dummheit erschienen wre.

"Ich habe Euch von einem Gestndnis gesprochen, welches ich vielleicht
nicht machen sollte", sagte er endlich zu Helena.

Giulio wurde ganz bleich, er sprach mhsam und als ob ihm der Atem fehlte,
weiter:

"Vielleicht sehe ich jetzt die Gefhle schwinden, deren Hoffnung mein
Leben ist. Ihr haltet mich fr arm; das ist nicht alles: ich bin Brigant
und Sohn eines Briganten."

Bei diesen Worten fhlte Helena, die als Tochter eines reichen Mannes in
allen Vorurteilen ihrer Kaste aufgewachsen war, da ihr bel wurde, sie
frchtete umzusinken; 'welcher Kummer wrde dies fr den armen Giulio
sein!' dachte sie, 'er wird sich verachtet glauben,' Er lag vor ihr auf
den Knien. Um nicht zu fallen, sttzte sie sich auf ihn, und fast im
gleichen Augenblick sank sie wie bewutlos in seine Arme. Wie man sieht,
liebte man im sechzehnten Jahrhundert Genauigkeit in Liebesdingen. Dies
kam daher, da nicht der Verstand diese Geschehnisse beurteilte, sondern
die Einbildungskraft sie fhlte und die Leidenschaft des Lesers sich an
der der Helden entzndete. Die beiden Manuskripte, denen wir folgen, und
besonders jenes, das einige dem florentinischen Dialekt eigentmliche
Wendungen aufweist, beschreiben mit den kleinsten Einzelheiten alle
Zusammenknfte, welche auf diese folgten. Die Gefahr lie in dem jungen
Mdchen keine Gewissenszweifel aufkommen. Oft war die Gefahr
auerordentlich, doch dadurch wurden diese beiden Herzen, welche alle
Eindrcke, die mit ihrer Liebe zusammenhingen, als Glck empfanden, nur
noch mehr entflammt. fters waren Fabio und sein Vater nahe daran, sie zu
berraschen. Sie waren wtend, weil sie sich gefoppt fhlten. Der
ffentliche Klatsch trug ihnen zu, da Giulio Helenas Liebhaber sei und
sie konnten nichts bemerken. Fabio, heftig und ahnenstolz, schlug seinem
Vater vor, Giulio tten zu lassen.

"So lange er auf der Welt ist," sagte er, "luft das Leben meiner
Schwester Gefahr. Wer schtzt uns davor, da unsre Ehre uns nicht im
ersten Augenblick zwingen wird, unsre Hnde in das Blut dieser
Eigensinnigen zu tauchen? Sie ist zu solchem Unma von Verwegenheit
gelangt, da sie ihre Liebe nicht einmal mehr leugnet; habt Ihr sie auf
Eure Vorwrfe anders antworten gehrt, als mit einem verbissenen
Schweigen? Nun wohl, dieses Schweigen ist das Todesurteil fr Giulio
Branciforte."

"Denk daran, was sein Vater war", antwortete Herr von Campireali. '[sic!
statt: "]Sicherlich ist es fr uns nicht schwer, auf sechs Monate nach Rom
zu gehen und whrend dieser Zeit diesen Branciforte verschwinden zu
lassen. Aber wer sagt uns, da sein Vater, der trotz all seiner Verbrechen
tapfer und freigebig war, -- freigebig genug, um viele seiner Soldaten
reich zu machen, whrend er selbst arm blieb -- wer sagt uns, da sein
Vater nicht noch Freunde besitzt, sei es in der Schar des Herzogs von
Monte Mariano, sei es in der Truppe Colonna, welche oft die Wlder von La
Faggiola besetzt, die nur eine halbe Meile von uns entfernt sind? In
diesem Fall werden wir alle ohne Erbarmen umgebracht, du, ich und
vielleicht auch deine unglckliche Mutter."

Diese oft erneuten Unterhaltungen zwischen Vater und Sohn waren der Mutter
Helenas, Vittoria Carafa, nur zum Teil verborgen geblieben und brachten
sie zur Verzweiflung. Das Ergebnis der Unterhaltungen zwischen Vater und
Sohn war, da es sich nicht mit ihrer Ehre vertrge, den Klatsch, der in
Albano umging, ruhig dauern zu lassen. Da es nicht klug schien, diesen
jungen Branciforte verschwinden zu machen, der tglich unverschmter wurde
und jetzt sogar in seinen prchtigen Kleidern die Dreistigkeit so weit
trieb, an ffentlichen Orten das Wort an Fabio oder dessen Vater zu
richten, erbrigte nichts als einen der beiden folgenden Entschlsse oder
vielleicht alle beide ausfhren: die ganze Familie mute nach Rom gehen,
Helena aber im Kloster der Heimsuchung in Castro untergebracht und so
lange dort belassen werden, bis eine passende Heirat fr sie gefunden war.

Niemals hatte Helena ihrer Mutter ein Gestndnis ihrer Liebe gemacht:
Mutter und Tochter liebten sich zrtlich, sie verbrachten ihr Leben
gemeinsam, und doch war nie ein einziges Wort ber diesen Gegenstand
gesprochen worden, der sie beide fast in gleichem Mae beschftigte. Zum
erstenmal verriet sich in Worten, was fast ausschlielich Gegenstand ihrer
Gedanken war, als die Mutter ihrer Tochter zu verstehen gab, man wolle
nach Rom bersiedeln und vielleicht sogar Helena fr einige Jahre in das
Kloster von Castro schicken.

Diese Unterredung war von Vittoria Carafa unklug und lie sich nur durch
die unsinnige Zrtlichkeit entschuldigen, welche sie fr ihre Tochter
hegte. Im berma ihrer Liebe wollte Helena ihrem Geliebten beweisen, da
sie sich seiner Armut nicht schmte und da ihr Vertrauen in seine
Ehrenhaftigkeit ohne Grenzen war. "Wer wrde es glauben," ruft der
florentinische Chronist aus, "da trotz so vielen gewagten
Zusammenknften, im Garten und ein- oder zweimal sogar in ihrem eigenen
Zimmer, fr die sie sich einem schrecklichen Tod aussetzten, Helena
unberhrt war!" Durch ihre Tugend sicher, schlug sie ihrem Geliebten vor,
gegen Mitternacht den Palast durch den Garten zu verlassen, und den Rest
der Nacht in seinem kleinen, auf den Ruinen Albas erbauten Haus zu
verbringen, das mehr als eine halbe Stunde entfernt lag. Sie verkleideten
sich als Franziskanermnche. Helena war hoch gewachsen und glich, so
gekleidet, einem jungen Novizen von achtzehn oder zwanzig Jahren. Es ist
unbegreiflich und zeigt Gottes Finger, da Giulio und seine Geliebte, als
Mnche verkleidet, auf dem engen, in den Felsen gehauenen Weg, der an der
Mauer des Kapuzinerklosters entlang fhrt, Herr von Campireali und seinem
Sohn Fabio begegneten, welche, von vier wohlbewaffneten Dienern gefolgt
und einem Pagen mit brennender Fackel voran, aus Castel Gandolfo
zurckkehrten, einem unweit am Ufer des Sees gelegenen Ort. Um die
Liebenden vorbeizulassen, stellten sich die Campireali und ihre Diener zur
Rechten und Linken dieses in den Felsen gehauenen Wegs auf, welcher etwa
acht Fu breit sein mochte. Wieviel besser wre es fr Helena gewesen,
wenn man sie in diesem Augenblick erkannt htte! Sie wre durch einen
Pistolenschu ihres Vaters oder ihres Bruders gettet worden und ihre
Marter htte nur einen Augenblick gedauert: aber der Himmel hatte es
anders beschlossen. Superis aliter visum.

Man fgt dieser sonderbaren Begegnung noch einen Umstand hinzu, welchen
die Signora Campireali noch oftmals im hchsten Alter erzhlt hat, als
fast Hundertjhrige in Rom, vor Leuten, die selbst sehr alt waren; sie
haben es mir wiedererzhlt, als meine groe Neugierde sie ber diesen
Gegenstand und ber vieles andre ausforschte.

Fabio von Campireali, der ein junger auf seinen Mut stolzer Mann und
hochfahrend war, rief, als er merkte, da der ltere Mnch weder seinen
Vater noch ihn grte, trotzdem er so nah an ihnen vorbeiging:

"Das ist ja ein Spitzbube von einem stolzen Mnch! Gott wei, was er
auerhalb des Klosters sucht, er und sein Begleiter, zu so ungehriger
Stunde! Ich wei nicht, was mich abhlt, ihre Kapuzen zu lften, wir
wrden sehen, wie sie ausschauen!"

Bei diesen Worten fate Giulio nach seinem Dolch unter der Mnchskutte und
stellte sich zwischen Fabio und Helena. In diesem Augenblick war nicht
mehr als ein Fu breit Raum zwischen ihm und Fabio; aber der Himmel befahl
es anders und besnftigte durch ein Wunder den Zorn dieser beiden jungen
Leute, die sich bald danach in noch anderer Nhe sehen sollten.

In dem Proze, den man in der Folge Helena von Campireali machte, wollte
man diesen nchtlichen Ausflug als einen Beweis ihrer Verderbtheit
darstellen; doch es war das Delirium eines jungen Herzens, das in ganz
unsinniger Liebe entflammt war, denn dies Herz war rein.



III.


Die Orsini, die ewigen Nebenbuhler der Colonna und damals in den Drfern
zunchst Rom allmchtig, hatten erst vor kurzem einen reichen Landwirt
namens Balthasar Bandini aus La Petrella durch die Gerichte der Regierung
zum Tod verurteilen lassen. Es wrde zu weit fhren, hier die
verschiedenen Taten aufzuzhlen, welche man dem Bandini zur Last legte:
zum grten Teil wren sie heute Verbrechen, aber im Jahre 1559 durften
sie nicht in einer so strengen Weise betrachtet werden. Bandini sa in
einem den Orsini gehrenden Schlo gefangen, das bei Valmontone im Gebirge
lag, sechs Meilen von Albano entfernt. Der Bargello von Rom, von
hundertfnfzig seiner Sbirren gefolgt, verbrachte eine Nacht auf der
Landstrae; er war gekommen, um Bandini zu holen und ihn nach Rom ins
Gefngnis von Tor di Nona zu bringen. Bandini hatte in Rom gegen das
Todesurteil Berufung eingelegt. Aber, wie wir schon sagten, war er aus La
Petrella gebrtig, einer Feste, die den Colonna gehrte; seine Frau war zu
Colonna geeilt, der sich in La Petrella aufhielt, und sagte ihm vor allen
Leuten:

"Werdet Ihr einen Eurer treuen Diener sterben lassen?" Colonna erwiderte:

"Es wre Gott nicht wohlgefllig, wenn ich die Ehrfurcht verletzte, die
ich den Entscheidungen der Gerichte des Papstes, meines Herrn, schulde!"

Sofort erhielten seine Soldaten Befehle, und er lie allen seinen
Anhngern Weisung zukommen, sich bereit zu halten. Der Sammelpunkt wurde
bei Valmontone bestimmt, einer kleinen, auf dem Gipfel eines niederen
Felsens gelegenen Stadt, die aber einen stufenlosen und fast lotrechten
Absturz von sechzig bis achtzig Fu Tiefe zur Schutzwehr hat. In diese
kleine, dem Papst gehrende, Stadt war es den Anhngern der Orsini und den
Sbirren der Regierung geglckt, Bandini zu schaffen. Unter die eifrigsten
Anhnger dieser Partei rechnete man Herrn von Campireali und seinen Sohn
Fabio, die brigens mit den Orsini weitlufig verwandt waren. Seit jeher
waren dagegen Giulio Branciforte und sein Vater Anhnger der Colonna.

Unter Umstnden, wo es den Colonna nicht pate, ffentlich zu handeln,
nahmen sie zu einer einfachen Vorsicht ihre Zuflucht: die meisten der
reichen rmischen Bauern waren damals wie heute Mitglieder irgendwelcher
Bergemeinschaften. Die Ber erschienen in der ffentlichkeit nie anders
als den Kopf mit einem Stck Leinwand bedeckt, das ihr Gesicht verhllte
und nur zwei Lcher fr die Augen frei lie. Wenn die Colonna sich zu
einer Unternehmung nicht bekennen wollten, luden sie ihre Anhnger ein,
sich ihnen im Berkleid anzuschlieen.

Nach langen Vorbereitungen wurde die berfhrung Bandinis, welche schon
seit vierzehn Tagen das Gesprch der Gegend bildete, auf einen Sonntag
festgesetzt. An diesem Tag um zwei Uhr morgens lie der Brgermeister von
Valmontone in allen Drfern des Waldes von La Faggiola die Sturmglocken
luten. Man sah aus jedem Ort Bauern in ziemlich groer Anzahl ausrcken.
Die Sitten der mittelalterlichen Republiken, als man sich noch schlug, um
irgendeine Sache, die man wnschte, zu erlangen, hatten in den Herzen der
Landleute sehr viel Tapferkeit erhalten; zu unsrer Zeit wrde sich niemand
rhren.

An diesem Tag konnte man etwas Sonderbares bemerken: So oft ein kleiner
Trupp bewaffneter Bauern aus seinem Dorf heraus in den Wald bog,
verringerte er sich um die Hlfte; die Anhnger der Colonna schlugen die
Richtung nach dem von Fabrizio bezeichneten Treffpunkt ein. Ihre Anfhrer
schienen berzeugt, da man sich an diesem Tage nicht schlagen wrde: sie
hatten morgens Befehl erhalten, dieses Gercht zu verbreiten. Fabrizio
durcheilte den Wald mit der Auslese seiner Anhnger, die mit halbwchsigen
jungen Pferden seines Gestts beritten waren. Er hielt eine Art Heerschau
ber die verschiedenen Bauerntrupps ab; aber er sprach nichts zu ihnen;
weil jedes Wort blostellen konnte. Fabrizio war ein groer, magerer Mann
von unglaublicher Gewandheit[sic! statt: Gewandtheit] und Kraft; obwohl er
kaum fnfundvierzig Jahre zhlte, waren seine Haare und sein Schnurrbart
von blendender Weie, was ihm sehr unangenehm war. Denn an diesem Merkmal
konnte man ihn auch an Orten erkennen, wo er lieber unerkannt geblieben
wre. Sobald die Bauern ihn sahen, riefen sie: Evviva Colonna! und zogen
ihre Leinenkapuzen ber. Der Frst selbst hatte seine Kapuze auf der Brust
hngen, um sie berziehen zu knnen, sobald sich der Feind zeigte.

Dieser lie nicht auf sich warten. Die Sonne war kaum aufgegangen, als
etwa tausend Mann der Orsini-Partei von der Seite von Valmontone her in
den Wald eindrangen und in einer Entfernung von etwa dreihundert Schritten
an den Anhngern des Colonna vorbeizogen, die sich auf seinen Befehl zur
Erde geworfen hatten. Einige Minuten, nachdem die letzten dieser Vorhut
der Orsini vorbei waren, setzte der Frst seine Leute in Bewegung; er
hatte beschlossen, das Geleit des Bandini anzugreifen, wenn eine
Viertelstunde vorbei sein wrde, nachdem es den Wald betreten hatte. An
dieser Stelle ist der Wald mit kleinen Felsen von fnfzehn oder zwanzig
Fu Hhe berst; das sind mehr oder weniger alte Lavaflsse, auf denen
die Kastanien wunderbar wachsen und fast ganz den Tag verhllen. Weil
diese Lavablcke, die mehr oder weniger von der Zeit angegriffen sind, den
Boden sehr uneben machen und um der Landstrae eine Anzahl kleiner
unntzer Auf- und Abstiege zu ersparen, hat man den Weg in die Lava
eingesenkt, und er liegt jetzt oft drei oder vier Fu tiefer als der Wald.

An der Stelle, wo Fabrizio den Angriff vorgesehen hatte, befand sich eine
mit Gras bedeckte Lichtung, die an einem Ende von der Landstrae berquert
wurde. Dann trat die Strae wieder in den Wald ein, der an dieser Stelle
voll von Brombeerbschen und zwischen Baumstmpfen wuchernder Stauden ganz
undurchdringlich war. Fabrizio hatte hier seine Futruppen etwa hundert
Schritt tief im Walde und zu beiden Seiten der Strae aufgestellt. Auf ein
Zeichen Colonnas setzte jeder der Bauern seine Kapuze auf und nahm mit
seiner Bchse hinter einem Kastanienbaum Stellung; die Soldaten des
Frsten stellten sich hinter die Bume zunchst der Strae. Die Bauern
hatten strengen Befehl, erst nach den Soldaten zu schieen und diese
durften erst Feuer geben, wenn der Feind auf zwanzig Schritt nahe sein
wrde. Fabrizio lie in Eile einige zwanzig Bume fllen, welche mit ihren
Zweigen auf die Strae gestrzt sie vollstndig sperrten; die Strae war
an dieser Stelle sehr eng und lag um drei Fu tiefer. Hauptmann Ranuccio
mit fnfhundert Mann folgte der Vorhut; er hatte Befehl, erst anzugreifen,
wenn er die ersten Flintenschsse hren wrde, die vom Holzverhau
abgegeben werden sollten, der die Strae versperrte. Als Fabrizio Colonna
seine Soldaten und seine Anhnger jeder hinter seinem Baum wohl
aufgestellt und voll Entschlossenheit sah, ritt er im Galopp mit seinen
Berittenen weiter, unter denen sich auch Giulio Branciforte befand. Der
Frst schlug einen Pfad zur Rechten der Landstrae ein, welcher zum
entgegengesetzten Ende der Lichtung fhrte.

Colonna war kaum einige Minuten davon, als man auf der Strae von
Valmontone von weitem eine groe Schar Berittener nahen sah; das waren die
Sbirren und ihr Bargello, die Bandini geleiteten, und alle Herren, die zu
den Orsini hielten. In ihrer Mitte befand sich Balthasar Bandini, von vier
rotgekleideten Scharfrichtern umringt; sie hatten Befehl, das Urteil der
ersten Instanz zu vollstrecken und Bandini sofort zu tten, wenn die
Anhnger der Colonna daran wren, ihn zu befreien.

Die Reiter Colonnas waren kaum am andern Ende der Lichtung angelangt, als
man die ersten Flintenschsse aus dem Hinterhalt beim Holzverhau auf der
Strae hrte. Sogleich setzte er seine Reiter in Galopp und richtete
seinen Angriff auf die vier rotgekleideten, Henker, die Bandini umgaben.

Wer[sic! statt: Wir] werden nicht im genauen Verlauf diesem kleinen
Handstreich folgen, der nicht einmal dreiviertel Stunden dauerte;
berrascht flohen die Anhnger der Orsini nach allen Richtungen, aber bei
der Vorhut wurde der tapfere Hauptmann Ranuccio gettet, und dieses
Ereignis hatte einen verhngnisvollen Einflu auf das Schicksal
Brancifortes. Kaum hatte dieser einige Sbelhiebe ausgeteilt, um sich an
die rotgekleideten Mnner heranzuarbeiten, als er sich Fabio Campireali
gegenber befand.

Auf einem schnaubenden Pferd und mit goldenem Kettenhemd bekleidet, schrie
Fabio:

"Wer sind diese maskierten Schufte? Lat uns ihre Masken mit einem
Sbelhieb zerschneiden! Seht, wie ich das mache!"

Fast im gleichen Augenblick erhielt Giulio Branciforte von ihm einen
Sbelhieb ber die Stirn. Dieser Schlag war mit solcher Geschicklichkeit
gefhrt, da das Leinen, welches sein Gesicht verhllte, fiel, als seine
Augen durch das Blut geblendet wurden, welches aus dieser brigens
harmlosen Wunde flo. Giulio ritt abseits, um Zeit zum Aufatmen zu
gewinnen und sein Gesicht abzuwischen. Er wollte sich um keinen Preis mit
Helenas Bruder schlagen, und sein Pferd war schon einige Schritte von
Fabio entfernt; da erhielt er einen wtenden Sbelhieb ber die Brust, der
dank seinem Kettenhemd nicht durchdrang, aber ihm fr einen Augenblick den
Atem nahm. Fast gleichzeitig hrte er in seine Ohren schreien:

"Ti conosco, porco! Kanaille, ich kenne dich! So verdienst du also dein
Geld, um deine Lumpen abzulegen?"

Giulio, in solcher Weise gereizt, verga seinen Vorsatz und strzte sich
wieder auf Fabio:

"Ed in mal ponto tu venisti!" rief er aus.

Nach einigen heftigen Sbelhieben fiel das Gewand, das ihre Panzerhemden
bedeckte, nach allen Seiten. Das Panzerhemd Fabios war vergoldet und
prchtig, das Giulios so gewhnlich wie nur mglich.

"In welchem Dreck hast du dein Giacco aufgelesen?" schrie Fabio.

Im gleichen Augenblick fand Giulio die Gelegenheit, die er seit einer
halben Minute suchte. Das stolze Panzerhemd Fabios deckte den Hals nicht
genug, und Giulio fhrte nach dieser kleinen ungedeckten Stelle des Halses
einen Sto, der sa. Giulios Schwert drang einen halben Fu weit in die
Gurgel Fabios und lie einen mchtigen Blutstrahl hervorspringen.

"Unverschmter", schrie Giulio dabei und galoppierte auf die
Rotgekleideten zu, von denen zwei, hundert Schritte von ihm entfernt, noch
zu Pferd waren; als er sich nherte, fiel der dritte Henker, aber im
Augenblick, wo Giulio dem vierten schon ganz nahe war, drckte dieser, da
er sich von mehr als zehn Reitern umzingelt sah, gegen den unglcklichen
Bandini eine Pistole aus nchster Nhe los, so da er zu Boden fiel.

"Meine werten Herrn, wir haben hier nichts mehr zu tun!" rief Branciforte,
"machen wir diese Schurken von Sbirren nieder, die nach allen Seiten
davonlaufen."

Alles folgte ihm.

Als Giulio eine halbe Stunde spter in die Nhe Fabrizio Colonnas
zurckkehrte, richtete dieser groe Herr zum erstenmal das Wort an ihn.
Giulio fand ihn trunken vor Zorn, whrend er geglaubt hatte, ihn vor
Freude entzckt zu finden; denn der Sieg war vollstndig gewesen und
gnzlich seinen guten Anordnungen zu verdanken; denn die Orsini hatten
nahezu dreitausend Mann und Fabrizio hatte fr diese Sache nicht mehr als
fnfzehnhundert aufgeboten.

"Wir haben unsern tapfren Freund Ranuccio verloren," sagte der Frst zu
Giulio, "ich komme eben von seiner Leiche, er ist schon kalt. Und der arme
Balthasar Bandini ist tdlich verwundet. Also haben wir im Grunde nicht
gesiegt. Doch der Schatten des tapfren Kapitns Ranuccio wird wohl
begleitet vor Pluto erscheinen. Ich habe Befehl gegeben, alle diese
gefangenen Schurken an die Bume zu knpfen. Versumt das nicht, meine
Herren!" rief er mit erhobener Stimme.

Und er ritt im Galopp zu der Stelle, wo der Kampf der Vorhut stattgefunden
hatte. Giulio kommandierte als Vertreter Ranuccios dessen Abteilung; er
folgte dem Frsten, welcher bei dem Leichnam dieses tapfren Soldaten, der
von mehr als fnfzig gefallenen Feinden umgeben war, zum zweitenmal vom
Pferd stieg, um die Hand Ranuccios zu drcken. Giulio tat weinend das
gleiche.

"Du bist noch sehr jung," sagte der Frst zu Giulio, "aber ich sehe dich
vom Blut bedeckt und dein Vater war ein tapfrer Mann, der mehr als zwanzig
Wunden im Dienst der Colonna erhalten hatte. bernimm die Fhrung derer,
die von Ranuccios Abteilung brig sind und geleite seine Leiche in unsre
Kirche in La Petrella; vergi aber nicht, da du unterwegs angegriffen
werden kannst."

Giulio wurde nicht angegriffen, aber er ttete mit einem Degenhieb einen
seiner Soldaten, der ihm sagte, da er zu jung wre, um zu befehlen. Diese
Unklugheit hatte Erfolg, weil Giulio noch von Fabios Blut bedeckt war. Die
ganze Strae entlang fand er die Bume mit Mnnern beladen, welche man
aufgehngt hatte. Dieses grliche Schauspiel, verbunden mit Ranuccios und
besonders mit Fabios Tod, machten ihn fast wahnsinnig. Seine einzige
Hoffnung war, da man nicht den Namen von Fabios Besieger wute.

Wir bergehen die militrischen Einzelheiten. Drei Tage nach dem Kampf
konnte Giulio wieder einige Stunden in Albano verbringen; er erzhlte
seinen Bekannten, ein heftiges Fieber habe ihn in Rom zurckgehalten und
ihn gezwungen, die ganze Woche ber das Bett zu hten.

Aber man behandelte ihn berall mit einem sichtlich zur Schau getragenen
Respekt; die angesehensten Leute der Stadt grten ihn zuerst; einige
Unvorsichtige gingen sogar so weit, ihn mit Herr Hauptmann anzureden. Er
war mehrmals am Palazzo Campireali vorbeigegangen, hatte ihn aber fest
verschlossen gefunden, und da der neue Hauptmann sehr schchtern war, wenn
es galt, sich nach gewissen Personen zu erkundigen, vermochte er erst
gegen Mittag ber sich zu gewinnen, den alten Scotti, der ihn stets mit
Gte behandelt hatte, zu fragen:

"Aber wo sind denn die Campireali? Ich sehe ihren Palast geschlossen."

"Mein Freund," antwortete Scotti mit pltzlicher Traurigkeit, "das ist ein
Name, den du niemals aussprechen solltest. Deine Freunde sind wohl davon
berzeugt, da er es war, der herausgefordert hat und sagen es berall;
aber schlielich: war er nicht das Haupthindernis deiner Heirat? Und macht
sein Tod nicht seine Schwester unermelich reich? Und bist es nicht du,
den sie liebt? Man kann sogar hinzufgen -- und in diesem Fall wird die
Unverschmtheit zur Tugend --, da sie dich genug liebt, um dich nachts in
deinem kleinen Haus in Alba zu besuchen. Daher kann man in deinem
Interesse sagen, da Ihr schon vor dem verhngnisvollen Kampf bei Ciampi
Mann und Frau wart."

Der Greis unterbrach sich, weil er bemerkte, da Giulio die Trnen nicht
beherrschen konnte.

"Gehn wir zum Gasthaus hinauf", sagte Giulio.

Scotti folgte ihm; man gab ihnen ein Zimmer, worin sie sich einschlossen
und Giulio bat den Greis, ihm alles, was sich seit acht Tagen ereignet
hatte, erzhlen zu drfen. Nach Beendigung dieser langen Erzhlung sagte
der Alte:

"Ich sehe wohl an deinen Trnen, da nichts, was geschehen ist, in deiner
Absicht lag, aber Fabios Tod ist deshalb kein weniger bses Ereignis fr
dich. Es ist dringend ntig, da Helena ihrer Mutter erklrt, du seiest
schon seit langem ihr Gatte."

Giulio antwortete nicht und der Greis schrieb dies einer lobenswerten
Diskretion zu. In schweres Sinnen versunken, fragte sich Giulio, ob
Helena, verletzt durch den Tod eines Bruders, seinem Zartgefhl noch
gerecht werden wrde; jetzt bereute er, was er damals versumt hatte.
Darauf bat er den Alten, ihm alles, was sich am Tage des Kampfes in Albano
zugetragen hatte, frei zu erzhlen. Fabio war gegen halb sieben Uhr
morgens gettet worden, mehr als sechs Meilen von Albano entfernt
und -- so unglaublich es klingt! -- schon um neun Uhr wurde von diesem Tod
zu sprechen begonnen. Gegen Mittag hatte man gesehen, wie sich der alte
Campireali, trnenberstrmt und auf seine Diener gesttzt, in das
Kapuzinerkloster begab. Kurz darauf hatten drei dieser ehrwrdigen Vter,
auf den besten Rossen der Campireali und von vielen Dienstleuten gefolgt,
den Weg nach dem Dorf Ciampi eingeschlagen, in dessen Nhe der Kampf
ausgefochten worden war. Der alte Campireali wollte durchaus mit, aber man
hatte ihn davon abgebracht, indem man ihm vorstellte, da Fabrizio Colonna
wtend sei (warum, wute man allerdings nicht recht) und ihm bel
mitspielen knnte, wenn er gefangen genommen wrde.

Nachts gegen die zwlfte Stunde schien der Wald von La Faggiola in Flammen
zu stehen: das waren alle Mnche und alle Armen von Albano, die -- jeder
eine groe brennende Wachskerze in der Hand -- dem Leichnam des jungen
Fabio entgegengingen.

"Ich will dir nicht verhehlen," fgte der Greis hinzu, die Stimme senkend,
als frchte er, gehrt zu werden, "da die Strae, welche nach Valmontone
und nach Ciampi fhrt ..."

"Nun was?" sagte Giulio.

"Nun wohl, diese Strae fhrt an deinem Haus vorbei und man sagt, da das
Blut aus der schrecklichen, Halswunde wieder zu flieen begann, als Fabios
Leichnam dort vorbeikam."

"Wie entsetzlich!" rief Giulio und erhob sich.

"Beruhige dich, mein Freund", sagte der Greis. "Du siehst wohl ein, wie es
ntig ist, da du alles weit. Und jetzt mu ich dir sagen, da deine
Anwesenheit hier heute ein wenig verfrht erscheint. Wenn Ihr mir die Ehre
erweisen wollt, mich um Rat zu fragen, Kapitn, mchte ich hinzufgen, da
es nicht passend ist, da Ihr Euch frher als nach einem Monat in Albano
zeigt. Es ist wohl nicht notwendig, Euch aufmerksam zu machen, da es
unvorsichtig wre, nach Rom zu gehen. Man wei noch nicht, wie sich der
Heilige Vater zu den Colonna stellen wird, man denkt zwar, da er der
Erklrung Fabrizios Glauben schenken wird, der vorgibt, von dem Kampf bei
Ciampi nicht frher als durch das ffentliche Gerede gehrt zu haben; aber
der Gouverneur von Rom, der ein treuer Orsini ist, wtet und wrde
entzckt sein, einige der tapfren Soldaten Fabrizios hngen zu lassen, und
dieser knnte sich nicht einmal ffentlich beschweren, weil er schwrt,
beim Kampf nicht dabei gewesen zu sein. Ich werde noch weiter gehen, und,
obwohl Ihr mich nicht danach fragt, mir die Freiheit nehmen, Euch einen
militrischen Rat zu geben: Ihr seid in Albano beliebt, sonst wret Ihr
hier nicht in Sicherheit. Aber bedenkt, da Ihr seit mehreren Stunden in
der Stadt umhergeht, da einer der Anhnger der Orsini sich
herausgefordert fhlen knnte, oder mindestens an die Leichtigkeit, eine
schne Belohnung zu gewinnen, denken kann. Der alte Campireali hat
tausendmal wiederholt, da er seine schnste Besitzung dem schenkt, der
Euch ttet. Ihr httet einige der Soldaten aus Eurem Haus nach Albano
herunternehmen sollen.[sic! Fehlt: "]

"Ich habe nicht einen Soldaten in meinem Haus."

"In diesem Fall seid Ihr ein Narr, Kapitn. Diese Herberge hat einen
Garten; wir werden uns durch den Garten machen und ber die Weinberge
flchten. Ich werde Euch begleiten; ich bin alt und ohne Waffen; aber wenn
wir belgesinnten begegnen, werde ich mit Ihnen sprechen; Ihr werdet
wenigstens Zeit gewinnen."

Giulios Seele war zerrissen. Sollen wir zu erzhlen wagen, wie weit seine
Narrheit ging? Sowie er gehrt hatte, da der Palast Campireali
geschlossen war und alle seine Bewohner nach Rom abgereist seien, fate er
den Plan, den Garten wiederzusehen, wo er so oft mit Helena
zusammengekommen war. Er hoffte sogar, ihr Zimmer wiederzusehen, wo sie
ihn empfangen hatte, wenn ihre Mutter abwesend war. Er hatte das
Bedrfnis, sich durch den Anblick der Orte, wo sie so zrtlich zu ihm
gewesen war, gegen ihren Zorn zu wappnen.

Branciforte und der edelmtige Alte hatten keine unangenehme Begegnung,
whrend sie den kleinen Pfaden folgten, die durch die Weinberge zum See
ansteigen. Giulio lie sich von neuem die Einzelheiten des Begrbnisses
des jungen Fabio erzhlen. Die Leiche dieses tapfren jungen Mannes war von
vielen Priestern begleitet nach Rom berfhrt und in der Familiengruft im
Kloster San Onofrio am Gianicolo beigesetzt worden. Man hatte als einen
sehr auffallenden Umstand vermerkt, da Helena am Vorabend der Zeremonie
von ihrem Vater nach dem Kloster der Heimsuchung in Castro zurckgebracht
worden war; dies hatte das umlaufende Gercht verstrkt, da sie heimlich
mit dem Wegelagerer vermhlt sei, der das Unglck gehabt htte, ihren
Bruder zu tten.

Als er bei seinem Haus ankam, fand Giulio den Korporal seiner
Kampagnie[sic! statt: Kompagnie] mit vieren seiner Soldaten; sie sagten
ihm, da ihr frherer Hauptmann nie den Wald verlassen htte, ohne einige
seiner Leute bei sich zu haben. Der Frst hatte fters geuert, da
jeder, bevor er sich aus Unvorsichtigkeit tten lasse, vorher seinen
Abschied nehmen mge, damit er die Rache fr einen solchen Tod nicht ihm
aufbrde.

Giulio Branciforte verstand die Berechtigung solcher Gedanken, die ihm
bisher vllig fremd gewesen waren. Er hatte, hnlich, wie es die
Naturvlker tun, geglaubt, da der Krieg in nichts bestnde, als sich
tapfer zu schlagen. Er fgte sich auf der Stelle den Wnschen des Frsten
und nahm sich nur noch die Zeit, den weisen Alten zu umarmen, der so
edelmtig gewesen war, ihn nach Haus zu begleiten.

Aber einige Tage spter kehrte Giulio halb verrckt vor Schwermut zurck,
um den Palast Campireali wiederzusehen. Mit Einbruch der Nacht kamen er
und seine Soldaten, als neapolitanische Kaufleute verkleidet, nach Albano.
Er sprach allein bei Scotti vor und hrte, da Helena noch immer im
Kloster von Castro verbannt sei. Ihr Vater, der sie mit dem vermhlt
glaubte, den er den Mrder seines Sohnes nannte, hatte geschworen, sie nie
wiederzusehen. Selbst als er sie ins Kloster brachte, hatte er sie nicht
angesehen. Die Zrtlichkeit ihrer Mutter dagegen schien sich zu verdoppeln
und oft verlie sie Rom, um einen Tag oder zwei bei ihrer Tochter zu
verbringen.



IV.


'Wenn ich mich vor Helena nicht rechtfertige', sagte sich Giulio, als er
nachts den Standort seiner Kompagnie im Walde wiedergewann, 'wird sie mich
am Ende fr einen Mrder halten. Gott wei, was man ihr alles ber diesen
unheilvollen Kampf erzhlt hat.'

Er ging zum Frsten in das befestigte Schlo La Petrella, um seine Befehle
entgegenzunehmen und bat um die Erlaubnis, nach Castro zu gehen. Fabrizio
Colonna verzog die Stirn:

"Die Angelegenheit des kleinen Gefechts ist bei Seiner Heiligkeit noch
nicht erledigt. Ihr mt wissen, da ich die Wahrheit erklrt habe;
versteht: da ich ganz unbeteiligt an diesem Zusammensto war, von dem ich
sogar erst am folgenden Tage hier auf meinem Schlo La Petrella gehrt
habe. Ich habe allen Grund, anzunehmen, da Seine Heiligkeit schlielich
dieser aufrichtigen Vorstellung Glauben schenken wird. Aber die Orsini
sind mchtig und alle Welt sagt, da Ihr Euch in diesem Scharmtzel
hervorgetan habt. Die Orsini gehen so weit, zu behaupten, da zahlreiche
Gefangene an den Baumsten aufgehngt worden sind. Ihr wit, wie falsch
diese Darstellung ist; aber man kann Repressalien voraussehen."

Das tiefe Erstaunen, das in den kindlichen Blicken des jungen Hauptmanns
glnzte, belustigte den Frsten; jedoch empfand er, da es angesichts
solcher Unschuld geboten sei, deutlicher zu sprechen.

"Ich sehe in Euch", fuhr er fort, "jene vollendete Tapferkeit, die den
Namen Branciforte in ganz Italien bekannt gemacht hat. Ich hoffe, da Ihr
fr mein Haus die gleiche Treue haben werdet, die mir Euren Vater so teuer
gemacht hat; ich habe sie Euch vergelten wollen. Die Losung meiner
Mannschaft ist: Niemals die Wahrheit ber irgend etwas zu sagen, das sich
auf mich oder meine Soldaten bezieht. Wenn Ihr im Augenblick, wo Ihr zu
sprechen gentigt seid, irgendeine Unwahrheit als ntzlich erkennt, lgt,
wie's der Zufall zusammenfgt und htet Euch, wie vor einer Todsnde, auch
nur im kleinsten die Wahrheit zu sagen. Ihr versteht, da sie im Verein
mit andren Ausknften auf die Spur meiner Plne bringen knnte. Ich wei
brigens, da Ihr eine Liebelei im Kloster von Castro habt. Ihr knnt
vierzehn Tage in dem Nest totschlagen, wo es den Orsini weder an Freunden,
noch selbst an Agenten fehlt. Geht zu meinem Majordomus, der Euch
zweihundert Zechinen geben wird. Die Freundschaft, die ich fr Euren Vater
hegte," fgte der Frst lachend hinzu, "macht mir Lust, Euch Anleitung
ber die Art zu geben, wie Ihr dieses Kriegs- und Liebesabenteuer zu gutem
Ende fhrt. Ihr und drei Eurer Soldaten werdet Euch als Kaufleute
verkleiden. Ihr drft dabei nicht verfehlen, immer auf einen Eurer
Gefhrten erzrnt zu sein, dessen Beruf es ist, immer betrunken zu
scheinen und sich viele Freunde zu machen, indem er allen Nichtstuern von
Castro den Wein zahlt. "[sic! Anfhrungszeichen wohl berzhlig, da Rede
fortgesetzt wird.]brigens", fgte der Frst in verndertem Ton hinzu,
"solltet Ihr von den Orsini gefangen und zum Tode verurteilt werden, so
gesteht nie Euren wahren Namen ein und noch weniger, da Ihr zu mir
gehrt. Ich habe nicht ntig, Euch anzuempfehlen, da Ihr alle kleinen
Stdte erst umgeht und stets durch das Tor eintretet, das der Richtung,
aus der Ihr kommt, entgegengesetzt liegt."

Giulio war ber diese vterlichen Ratschlge gerhrt, die von einem sonst
so ernsten Mann kamen. Zuerst lchelte der Frst ber die Trnen, die er
in den Augen des jungen Mannes erblickte, dann wurde aber auch seine
Stimme bewegt. Er zog einen der zahlreichen Ringe ab, die er an den
Fingern trug, und Giulio kte, als er ihn empfing, die durch so edle
Taten berhmte Hand.

"Niemals htte mein Vater so vorsorglich mit mir gesprochen", rief der
junge Mann begeistert aus.

Am bernchsten Morgen, ein wenig vor Anbruch des Tages, zog er in die
Mauern des kleinen Stdtchens Castro ein, fnf Soldaten folgten ihm, wie
er verkleidet; zwei davon gingen fr sich und schienen weder ihn noch die
drei andren zu kennen. Noch bevor sie in die Stadt eintraten, hatte Giulio
das Kloster der Heimsuchung bemerkt, ein groes, von schwarzen Mauern
umgebenes Gebude, das einer Festung glich. Er lief zur Kirche; sie war
prchtig. Die Nonnen, die alle adlig und meist aus reichen Husern waren,
wetteiferten untereinander aus Eitelkeit, um diese Kirche reich zu
schmcken, die der einzige Teil des Klosters war, welchen die Blicke der
ffentlichkeit erreichten. Es war Gebrauch geworden, da jene der Damen,
die aus einer vom Kardinal-Protektor des Ordens der Heimsuchung dem Papste
vorgelegten Liste von drei Nonnen zur btissin erwhlt wurde, eine
ansehnliche Gabe darbrachte, die dazu diente, ihren Namen zu verewigen.
Diejenige, deren Gabe geringer war als das Geschenk der letzten btissin,
verfiel samt ihrer Familie der Verachtung.

Giulio trat zitternd in dieses prchtige Gebude, das von Marmor und
Vergoldung strahlte. In Wahrheit dachte er kaum an den Marmor und die
Goldverzierungen; es schien ihm, da er unter Helenas Augen sei. Der
Hochaltar hatte, wie man ihm sagte, mehr als achthunderttausend Francs
gekostet; aber seine Blicke bersahen die Schtze des Hochaltars und
hefteten sich auf ein vergoldetes Gitter, das fast vierzig Fu hoch und
durch zwei Marmorpfeiler in drei Abteilungen geteilt war. Dieses Gitter,
dem seine mchtige Gre etwas Schreckliches verlieh, erhob sich hinter
dem Hochaltar und trennte den Chor der Nonnen von der allen Glubigen
zugnglichen Kirche.

Giulio sagte sich, da Nonnen und Pensionrinnen sich whrend des
Gottesdienstes hinter diesem goldenen Gitter befanden. In diesen inneren
Teil der Kirche konnte sich eine Nonne oder eine Pensionrin zu jeder
Tageszeit begeben, wenn sie Bedrfnis hatte, zu beten: Auf diesen aller
Welt bekannten Umstand grndeten sich die Hoffnungen des armen Liebhabers.
Allerdings deckte ein mchtiger schwarzer Schleier das Gitter auf der
Innenseite. 'Aber dieser Schleier', berlegte Giulio, 'kann kaum den Blick
der Pensionrinnen hindern, wenn sie in die ffentliche Kirche schauen,
denn ich -- stellte er fest -- der ich mich nur auf einige Entfernung
nhern kann, bemerke doch durch den Schleier die Fenster, die dem Chor
Licht geben, sehr gut; ja, ich kann sogar die geringsten Einzelheiten
ihrer Architektur unterscheiden,' Jeder Stab dieses prchtig vergoldeten
Gitters trug eine scharfe, gegen die sich ihm Nhernden gerichtete Spitze.

Giulio whlte einen sehr sichtbaren Platz an der hellsten Stelle, dem
linken Teil des Gitters gegenber. Dort verbrachte er seine Tage damit,
die Messen zu hren. Da er sich hier nur von Bauern umgeben sah, konnte er
hoffen, selbst durch den schwarzen Schleier hindurch bemerkt zu werden.
Zum ersten Mal in seinem Leben trachtete der schlichte junge Mann
aufzufallen: sein Auftreten war gesucht; er gab zahlreiche Almosen beim
Eintritt und beim Verlassen der Kirche. Seine Leute und er behandelten die
kleinen Lieferanten und Arbeiter, die Verbindung mit dem Kloster hatten,
mit den grten Aufmerksamkeiten. Doch erst am dritten Tage hatte er
endlich Aussicht, einen Brief an Helena gelangen lassen zu knnen. Auf
seinen Befehl folgte man bestndig den beiden Laienschwestern, die Vorrte
fr das Kloster einzukaufen hatten; eine von ihnen hatte Beziehungen zu
einem Krmer. Einer der Soldaten Giulios, der Mnch gewesen war, gewann
die Freundschaft des Kaufmanns und versprach ihm eine Zechine fr jeden
Brief, welcher der Pensionrin Helena Campireali zugestellt wrde.

"Was!" sagte der Kaufmann bei der ersten Andeutung, die man ihm ber diese
Sache machte, "einen Brief an die Frau des Briganten?"

Dieser Name war schon in Castro eingebrgert und doch war Helena erst vor
vierzehn Tagen dort angekommen; so schnell luft alles, was der
Einbildungskraft Stoff gibt bei diesem Volk, das leidenschaftlich alle
genauen Einzelheiten liebt.

Der kleine Kaufmann fgte hinzu:

"Diese wenigstens ist verheiratet, aber wie viele unsrer Damen haben
solche Entschuldigung nicht und empfangen von drauen ganz andres als
Briefe."

In diesem ersten Brief erzhlte Giulio mit unzhligen Einzelheiten alles,
was an jenem unheilvollen Todestag Fabios vor sich gegangen war. "Hassest
Du mich?" fragte er am Ende.

Helena antwortete nur eine Zeile, worin sie sagte, da sie niemanden hasse
und den Rest ihres Lebens dazu verwenden wolle, den zu vergessen, der
ihren Bruder gettet hatte.

Giulio beeilte sich, zu antworten; nach Anklagen gegen das Schicksal, die
Platon nachahmten und damals in Mode waren, fuhr er fort:

"Du willst also das Wort Gottes, das er in der Heiligen Schrift fr uns
niedergelegt hat, vergessen? Gott sagt: die Frau soll ihre Familie und
ihre Eltern verlassen, um ihrem Gatten zu folgen. Wagst du zu behaupten,
da du nicht meine Frau bist? Erinnere dich an die Nacht von San Pietro.
Als die Morgenrte schon hinter dem Monte Cave aufstieg, warfst du dich
mir zu Fen; ich wollte dich schonen; du gehrtest mir, wenn ich es
gewollt htte; du konntest der Liebe, die du damals fr mich fhltest,
nicht widerstehen. Ich hatte dir schon oft gesagt, da ich dir mein Leben
und alles, was mir auf der Welt teuer ist, darbringe; aber pltzlich
schien mir, da du mir auch antworten knntest -- wenn du es selbst
niemals ttest -- da alle diese durch keine uere Tat erhrteten Opfer
vielleicht nur Einbildung sind. Ein gegen mich grausamer, aber im Grunde
richtiger Gedanke erleuchtete mich. Ich dachte, da nicht ohne Grund der
Zufall mir jetzt die Gelegenheit gebe, in deinem Interesse auf das hchste
Glck zu verzichten, das ich mir je hatte trumen lassen. Du warst in
meinen Armen und schon ohne Widerstand, erinnere dich, selbst dein Mund
wagte nicht zu verweigern. In diesem Augenblick ertnte das morgendliche
Ave Maria im Kloster von Monte Cave und durch einen wundersamen Zufall
drang dieser Ton bis zu uns. Du riefst mir zu: Bring dieses Opfer der
heiligen Madonna, der Mutter aller Reinheit. Ich hatte schon seit einem
Augenblick die Idee dieses Opfers, des einzigen, das ich dir je zu bringen
Gelegenheit haben wrde. Ich fand es unerhrt, da auch dir der gleiche
Gedanke gekommen war. Der ferne Klang dieses Ave Maria rhrte mich, ich
gestehe es; ich erfllte deine Bitte. Das Opfer war jedoch nicht ganz
allein fr dich gebracht; ich glaubte, unsre zuknftige Vereinigung unter
den Schutz der Mutter Gottes zu stellen. Damals dachte ich nicht daran,
da von dir, Treulose, wohl aber, da von deiner reichen und vornehmen
Familie Hindernisse kommen knnten. Wie htte dieses Angelus von so weit
her, durch den halben Wald ber die Gipfel der im Morgenwind bewegten
Bume ohne bernatrliche Einwirkung bis zu uns dringen knnen? Da fielst
du vor mir auf die Knie, erinnerst du dich? Ich stand auf, zog aus meiner
Brust das Kreuz, das ich dort trage, und du schwurst auf dieses Kreuz, das
hier vor mir liegt, und bei deiner ewigen Verdammnis, wo du je sein
wrdest und was immer auch geschehen mge, wrdest du, sobald ich dir den
Befehl zukommen lasse, wieder ganz mein Eigen sein, wie du es in dem
Augenblick warst, als das Ave Maria von Monte Cave von so weit her an dein
Ohr rhrte. Dann sagten wir fromm zwei Ave und zwei Paternoster. Nun wohl,
bei der Liebe, die du damals fr mich fhltest oder wenn du sie -- wie ich
frchte -- vergessen hast, bei deiner ewigen Verdammnis befehle ich dir,
mich heute Nacht in deinem Zimmer oder im Garten zu empfangen."

Der italienische Autor bringt seltsamerweise noch viele lange Briefe
Giulio Brancifortes, welche nach diesem geschrieben sind; aber er gibt nur
Auszge aus den Antworten Helena Campirealis. Jetzt, einige hundert Jahre
spter, stehen wir den Gefhlen der Liebe und der Religion, welche diese
Briefe erfllen, so fremd gegenber, da ich frchte, sie knnten zu lang
sein.

Aus diesen Briefen geht hervor, da Helena endlich dem Befehl gehorchte,
der in dem von uns gekrzt wiedergegebenen Schreiben enthalten war. Giulio
fand ein Mittel, ins Kloster einzudringen; man vermchte aus einem Wort
anzunehmen, da er sich als Frau verkleidete. Helena empfing ihn, aber nur
hinter dem Gitter eines Erdgeschofensters, das auf den Garten ging. Zu
seinem unbeschreiblichen Schmerz erkannte Giulio, da dieses einst so
zrtliche und sogar leidenschaftliche Mdchen zu einer Fremden geworden
war; sie behandelte ihn fast mit ausgesuchter Hflichkeit. Als sie ihn in
den Garten einlie, hatte sie fast ausschlielich der heiligen Pflicht des
Eides gehorcht. Die Begegnung war kurz: schon nach einigen Minuten gewann
der Stolz Giulios, der vielleicht durch die Ereignisse der letzten
vierzehn Tage ein wenig gereizt war, die Oberhand.

'Ich sehe nichts vor mir', sagte er zu sich, 'als den Schatten jener
Helena, die sich mir in Albano fr das ganze Leben hingab,' Nun war es die
Hauptsache fr Giulio, die Trnen zu verbergen, die bei den hflichen
Wendungen, mit denen Helena das Wort an ihn richtete, sein Gesicht
berstrmten. Als sie aufgehrt hatte, zu sprechen und die -- wie sie
sagte -- nach dem Tode eines Bruders so natrliche Vernderung zu
rechtfertigen, antwortete ihr Giulio, indem er sehr langsam sprach:

"Ihr erfllt nicht Euer Gelbnis; Ihr empfangt mich nicht im Garten; Ihr
liegt nicht vor mir auf den Knien, wie damals, eine halbe Minute, nachdem
wir jenes Ave Maria von Monte Cave hrten. Verget Euren Schwur, wenn Ihr
knnt, ich vergesse nichts, Gott stehe Euch bei!"

Mit diesen Worten verlie er das vergitterte Fenster, an dem er gut noch
eine Stunde htte bleiben knnen. Wer htte ihm einige Augenblicke zuvor
sagen drfen, da er diese so herbeigesehnte Zusammenkunft freiwillig
abkrzen werde! Dieses Opfer zerri seine Seele, aber er glaubte, da er
Helenas Verachtung verdienen wrde, wenn er auf ihre Frmlichkeit anders
als damit antwortete, da er sie ihrer Reue berlie.

Vor Sonnenaufgang verlie er das Kloster. Er stieg zu Pferde und gab
seinen Soldaten Befehl, ihn eine Woche lang in Castro zu erwarten und dann
in den Wald zurckzukehren; er war auer sich vor Verzweiflung. Zuerst
wandte er sich nach Rom.

'Was?! Ich entferne mich von ihr!' sagte er sich bei jedem Schritt. 'Wie!
Wir sind einander fremd geworden! O Fabio! Wie bist du gercht!'

Der Anblick der Menschen, die er auf der Strae antraf, steigerte noch
seinen Zorn; er lenkte sein Pferd quer ber die Felder und ritt auf den
den verlassenen Uferstreif zu, der das Meer begleitet. Als er nicht mehr
durch die Begegnungen mit diesen ruhigen Bauern gestrt wurde, deren Los
er beneidete, atmete er auf; der Anblick dieser wilden Gegend war in
Einklang mit seiner Verzweiflung und migte seinen Zorn; jetzt konnte er
sich der Betrachtung seines traurigen Schicksals hingeben.

'In meinem Alter', sagte er sich, 'habe ich eine Hilfe: eine andre Frau zu
lieben!'

Bei diesem traurigen Gedanken fhlte er seine Verzweiflung sich
verdoppeln; er sah nur zu gut, da es fr ihn nur eine Frau auf der Welt
gab. Er stellte sich die Qual vor, die er leiden wrde, wenn er das Wort
Liebe vor einer andern als Helena aussprche. Dieser Gedanke zerri ihn.

Er wurde von einem Anfall bittren Lachens geschttelt.

'Ich gleiche hier genau diesen Helden Ariosts,' dachte er, 'die einsam
durch de Lnder ziehen, um zu vergessen, da sie ihre treulose Geliebte
in den Armen eines andren Ritters gefunden haben ... Aber sie ist nicht so
schuldig,' sagte er sich, indem er nach diesem tollen Lachen wieder in
Trnen ausbrach; 'ihre Untreue geht nicht so weit, einen andren zu lieben.
Diese bewegsame und reine Seele hat sich durch die schrecklichen Dinge
irreleiten lassen, die man ihr von mir erzhlt hat; ohne Zweifel hat man
es ihr so dargestellt, als htte ich mich an diesem verhngnisvollen
berfall nur in der geheimen Absicht beteiligt, ihren Bruder zu tten. Man
wird noch weiter gegangen sein, man wird mir die schmutzige Berechnung
unterschoben haben, da sie die alleinige Erbin eines ungeheuren Vermgens
werde, wenn ihr Bruder tot sei ... Und ich, ich habe die Dummheit
begangen, sie ganze vierzehn Tage allein der berredung meiner Feinde als
Beute zu berlassen! Man mu zugeben, da mir, zu allem meinem Unglck,
der Himmel auch noch den Verstand versagt hat, mein Leben zu lenken! Ich
bin ein verchtliches, bei Gott ein verchtliches Wesen! Mein Leben war
niemand ntzlich und mir noch weniger als jedem andren.'

In diesem Augenblick hatte der junge Branciforte eine fr jene Zeit sehr
seltsame Eingebung: sein Pferd schritt am uersten Uferrand und zuweilen
benetzten die Wellen seine Hufe; er hatte den Einfall, es ins Meer zu
treiben und so das schreckliche Schicksal zu beenden, dessen Beute er war.
Was sollte er fernerhin machen, da das einzige Wesen auf der Welt, das ihn
jemals die Mglichkeit eines Glcks hatte fhlen lassen, ihn verlie? Dann
hielt ihn pltzlich ein andrer Gedanke zurck.

'Was sind die Qualen, die ich erdulde', sagte er sich, 'im Vergleich mit
jenen, die ich leiden wrde, nachdem dieses elende Leben beendet ist?
Helena wird sich nicht mehr blo gleichgltig gegen mich verhalten, wie
sie es jetzt tut, sondern ich wrde sie in den Armen eines Nebenbuhlers
sehen, und dieser Rivale wird ein junger rmischer Edelmann sein, reich
und angesehen; denn die Dmonen werden, wie es ihre Pflicht ist, die
grausamsten Bilder suchen, um meine Seele zu zerreien. So werde ich
selbst im Tode Helena nicht vergessen knnen; ja, weit mehr: meine
Leidenschaft fr sie wird sich verdoppeln; denn dies ist der sicherste
Weg, welchen die ewigen Mchte gehen knnen, um mich fr meine
schreckliche Snde zu bestrafen.'

Um die Versuchung gnzlich zu vertreiben, schickte sich Giulio an, das Ave
Maria zu beten. Einst, als er das morgendliche Ave Maria gehrt hatte, das
der Mutter Gottes geweihte Gebet, war jene Versuchung ber ihn gekommen,
edelmtig zu handeln, die ihm heute als die grte Torheit seines Lebens
erschien. Aber aus Ehrfurcht wagte er es nicht, weiterzugehen und den
Gedanken ganz auszudrcken, der sich seines Geistes bemchtigt hatte.

'Wenn ich durch Eingebung der Madonna in einen verhngnisvollen Irrtum
verfallen bin, mu sie da nicht in ihrer unendlichen Gerechtigkeit
irgendeinen Umstand schaffen, der mir das Glck wiedergibt?'

Dieser Gedanke an die Gerechtigkeit der Madonna verjagte nach und nach
seine Verzweiflung. Er hob den Kopf und sah hinter Albano und dem Wald den
von dsterem Grn bedeckten Monte Cave vor sich und das heilige Kloster,
dessen Morgenluten ihn zu dem gebracht hatte, was er jetzt eine
schndliche Tuschung nannte, die an ihm verbt worden war. Der
unerwartete Anblick dieses heiligen Orts trstete ihn.

'Nein,' rief er aus, 'es ist unmglich, da die Madonna mich im Stich
lt. Wre Helena meine Frau gewesen, wie ihre Liebe es zulie und meine
Wrde als Mann es forderte, so htte die Erzhlung von ihres Bruders Tod
in ihrer Seele die Erinnerung an das Band vorgefunden, das sie mit mir
verknpft. Sie htte sich gesagt, da sie mir lange angehrte, bevor der
unglckliche Zufall mich auf dem Kampfplatz Fabio gegenberstellte. Er war
zwei Jahre lter als ich, er war erfahrener in den Waffen, in jeder
Hinsicht gewandter und strker. Tausend Grnde wren meiner Frau
eingefallen, da nicht ich diesen Kampf gesucht haben knne. Sie wrde
sich erinnert haben, da ich nie den mindesten Ha gegen ihren Bruder
gehegt habe, selbst damals nicht, als er mit der Bchse nach uns scho.
Ich erinnere mich an unsre erste Zusammenkunft nach meiner Rckkehr aus
Rom; ich sagte ihr: 'Was willst du? die Ehre verlangt es; ich kann einen
Bruder nicht tadeln!''

Durch sein Gebet zur Madonna der Hoffnung wiedergegeben, spornte Giulio
sein Pferd an und gelangte in einigen Stunden zum Standquartier seiner
Kompagnie. Er fand sie im Begriff abzumarschieren: man wollte auf die von
Neapel ber Monte Cassino nach Rom fhrende Strae gelangen. Der junge
Hauptmann wechselte das Pferd und ging mit seinen Leuten. An diesem Tag
schlug man sich nicht. Giulio fragte nicht, warum man fortmarschiert sei;
es lag ihm wenig daran, es zu wissen. Im Augenblick, als er sich an der
Spitze seiner Soldaten sah, erschien ihm sein Schicksal in neuem Licht.

'Ich bin ganz einfach ein Tor,' sagte er sich, 'ich habe Unrecht getan,
Castro zu verlassen; Helena ist wahrscheinlich weniger schuldig, als mein
Zorn es mir einbildete. Nein, diese kindlich reine Seele, deren erste
Liebesregungen ich entstehen sah, kann nicht aufgehrt haben, mir zu
gehren! Sie war von Leidenschaft fr mich durchdrungen! Hat sie mir nicht
mehr als zehnmal angeboten, mit mir, der ich so arm bin, zu fliehen, und
uns durch einen Mnch von Monte Cave trauen zu lassen? In Castro htte ich
vor allem eine zweite Zusammenkunft erlangen und ihr Vernunft zusprechen
mssen; wahrhaftig, die Leidenschaft macht mich zerfahren wie ein Kind! O
Gott, da ich nicht einen Freund habe, einen Rat zu erflehen! Der gleiche
Schritt erscheint mir im Zeitraum von zwei Minuten verwerflich und
vortrefflich.'

Am Abend dieses Tags, als man die Landstrae verlie, um sich wieder in
den Wald zu schlagen, nherte sich Giulio dem Frsten und fragte ihn, ob
er noch einige Tage dort, wo er wte, bleiben knnte.

"Geh zu allen Teufeln!" rief Fabrizio, "glaubst du, da jetzt der
Augenblick sei, mich mit Kindereien zu unterhalten?"

Eine Stunde spter ritt Giulio wieder nach Castro zurck. Er fand dort
seine Leute vor; aber er wute nicht, wie er Helena schreiben solle,
nachdem er sie so hochfahrend verlassen hatte. Sein erster Brief enthielt
nichts als die Worte: "Wird man mich in der nchsten Nacht empfangen
wollen?"

"Man kann kommen", war auch die ganze Antwort.

Nach Giulios Abreise hatte sich Helena fr immer verlassen geglaubt. Nun
erst hatte sie die ganze Tragweite der berlegungen des armen
unglcklichen jungen Mannes verstanden: sie war seine Frau gewesen, bevor
er das Unglck gehabt hatte, ihren Bruder im Kampf zu treffen.

Diesmal wurde Giulio nicht mit den hflichen Wendungen empfangen, die ihm
bei der ersten Zusammenkunft so grausam erschienen waren. Helena erschien
allerdings wieder nur hinter ihrem vergitterten Fenster, aber sie
zitterte, und da der Ton Giulios sehr khl war und seine Redewendungen
fast als ob er mit einer Fremden sprche, war es jetzt an Helena, zu
fhlen, wie grausam solch frmlicher Ton, nach der frheren sen
Vertrautheit wirkte. Giulio, der frchtete, da seine Seele wieder durch
ein kaltherziges Wort Helenas zerrissen werden knnte, hatte den Ton eines
Advokaten angenommen, um ihr zu beweisen, da sie lange vor dem
verhngnisvollen Kampf von Ciampi seine Frau gewesen sei. Helena lie ihn
reden, weil sie frchtete, von Trnen berwltigt zu werden, wenn sie ihm
anders als mit kurzen Worten antworte. Am Ende, als sie kaum mehr an sich
halten konnte, bat sie ihren Freund, am nchsten Tag wiederzukommen. Es
war am Vorabend eines hohen Festes, die Morgenandacht wurde sehr frh
gesungen und ihre Zusammenkunft konnte leicht entdeckt werden. Giulio, der
wie ein Verliebter dachte, verlie den Garten in tiefstem Nachsinnen: er
vermochte nicht zu unterscheiden, ob er gut oder schlecht aufgenommen
worden sei, und weil durch den Umgang mit seinen Kameraden ihm soldatische
Sitten vertraut geworden waren, sagte er sich:

"Es wird vielleicht dazu kommen, da ich Helena entfhren mu."

Und er berlegte die verschiedenen Mglichkeiten, mit Gewalt in den Garten
einzudringen. Da das Kloster sehr reich und lohnend zu brandschatzen war,
hatte es eine groe Anzahl Bediensteter in seinem Sold, die ehemals meist
Soldaten gewesen waren; man hatte sie in einer Art Kaserne untergebracht,
deren vergitterte Fenster auf einen schmalen Durchla sahen, der von dem
ueren Tor, das in der Mitte einer schwarzen, mehr als achtzig Fu hohen
Mauer lag, zu dem inneren fhrte, welches von der Schwester Pfrtnerin
bewacht wurde. Zur Linken dieses schmalen Gangs erhob sich die Kaserne,
zur Rechten die mehr als dreiig Fu hohe Mauer des Gartens. Die Fassade
des Klosters ward von einer dicken, vom Alter geschwrzten Mauer gebildet,
die auer dem ueren Tor und einem einzigen kleinen Fenster, durch das
die Soldaten hinaussehen konnten, keine ffnungen aufwies. Man kann sich
den dstern Eindruck dieser hohen schwarzen Mauer vorstellen, die einzig
von einer mit breiten Eisenbndern und ungeheuren Ngeln verstrkten Tr
und einem kleinen Fenster von vier Fu Hhe und achtzehn Zoll Breite
unterbrochen war.

Wir begleiten den Chronisten nicht weiter in der langen Schilderung aller
folgenden Zusammenknfte, die Giulio von Helena gewhrt wurden. Der Ton
der beiden Liebenden war ganz so vertraut geworden wie damals im Garten zu
Albano, nur hatte Helena niemals einwilligen gewollt, in den Garten
hinabzusteigen. Eines Nachts fand sie Giulio sehr nachdenklich: ihre
Mutter war aus Rom gekommen, um sie zu sehen und wollte einige Tage im
Kloster bleiben. Diese Mutter war so zrtlich und hatte stets so
zartfhlende Rcksicht auf die Neigung, die sie bei ihrer Tochter
vermutete, genommen, da es dieser schwere Gewissenspein bereitete, sie
tuschen zu mssen. Knnte sie es aber wagen, ihr zu gestehen, da sie den
Mann empfing, der sie ihres Sohnes beraubt hatte? Helena bekannte
schlielich Giulio offen ein, da sie nicht die Kraft haben wrde, dieser
Mutter, die so gut war, mit Lgen zu antworten, wenn sie nach der Wahrheit
gefragt wrde. Giulio fhlte ganz die Gefahr seiner Lage, sein Schicksal
hing vom Zufall ab, welcher der Signora di Campireali nur ein Wort
einzugeben brauchte. In der folgenden Nacht sagte er deshalb mit
entschlossener Miene: "Morgen werde ich frher kommen, ich werde eine der
Stangen dieses Gitters ausbrechen, du wirst in den Garten heraussteigen,
und ich fhre dich in eine Kirche der Stadt, wo ein mir ergebener Priester
uns trauen wird. Noch bevor es Tag ist, bist du wieder im Garten. Wenn du
erst meine Frau bist, habe ich keine Furcht mehr und werde allem
zustimmen, was deine Mutter als Shne fr das schreckliche Unglck
verlangen kann, das wir alle beklagen, -- wre es selbst, einige Monate
vergehen zu lassen, ohne dich zu sehen."

Da Helena von diesem Vorschlage bestrzt zu sein schien, fgte Giulio
hinzu:

"Der Frst ruft mich zu sich zurck; die Ehre und alle mglichen Grnde
verpflichten mich, zu folgen. Mein Vorschlag ist das einzige, was unsre
Zukunft sichern kann. Wenn Du mir nicht zustimmst, trennen wir uns fr
immer, hier, in diesem Augenblick. Ich werde mit Reue wegen meiner Torheit
abreisen. Ich habe an Dein Ehrenwort geglaubt, Du bist dem heiligsten
Schwur untreu, und ich hoffe, da die gerechte Verachtung, die mir Deine
Leichtfertigkeit einflen wird, mit der Zeit mich von dieser Liebe heilt,
die schon zu lange das Unglck meines Lebens ist.[sic! Fehlt: "]

Helena brach in Trnen aus.

"Groer Gott!" rief sie weinend, "wie entsetzlich fr meine Mutter!"

Schlielich willigte sie in den Vorschlag.

"Aber", fgte sie noch hinzu, "man kann uns beim Fortgehen oder beim
Wiederkommen entdecken; bedenkt den Skandal, denkt an die schreckliche
Lage, in der sich meine Mutter befinden wrde; warten wir ihre Abreise ab,
die in einigen Tagen stattfinden wird."

"Es ist Euch gelungen, mich an dem zweifeln zu lassen, was fr mich das
Hchste und Heiligste war: mein Vertrauen in Euer Wort. Morgen Abend
werden wir verheiratet sein, oder wir sehen uns in diesem Augenblick, auf
dieser Seite des Grabes zum letztenmal."

Die arme Helena konnte nur mit Trnen antworten, besonders schmerzte sie
der grausam entschiedene Ton, den Giulio anschlug. Hatte sie denn wirklich
seine Verachtung verdient? Das war also der einst so fgsame und zrtliche
Geliebte! Endlich stimmte sie seinen Anordnungen zu. Giulio entfernte
sich. Von diesem Augenblick an erwartete Helena die kommende Nacht in
allen Zustnden der verzweifeltsten Angst. Wenn sie sich auf ihren Tod
htte vorbereiten mssen, wre ihr Schmerz weniger qualvoll gewesen, sie
htte Mut in dem Gedanken an die Liebe Giulios und an die zrtliche
Neigung ihrer Mutter gefunden. Der Rest der Nacht verging in grausamster
Unschlssigkeit. Es gab Augenblicke, wo sie ihrer Mutter alles gestehen
wollte. Am nchsten Morgen war sie derart bleich, als sie vor ihr
erschien, da diese, all ihre weisen Vorstze vergessend, sich in die Arme
ihrer Tochter warf und ausrief:

"Was geht vor? Groer Gott! Sage mir, was du getan hast oder auf dem
Sprung stehst, zu tun? Wenn du einen Dolch nhmest und mir ins Herz
stieest, wrdest du mich weniger leiden lassen, als durch das grausame
Schweigen, das du gegen mich beobachtest."

Die grenzenlose Zrtlichkeit ihrer Mutter ward Helena so deutlich, sie sah
so klar, da diese den Ausdruck ihrer Gefhle zu dmpfen suchte, statt ihn
zu bertreiben, da endlich die Rhrung sie berwltigte; sie fiel ihr zu
Fen. Als ihre Mutter, um das Geheimnis zu ergrnden, ausrief, da Helena
ihre Nhe fliehe, antwortete sie: da sie morgen und alle folgenden Tage
ihr Leben bei ihr verbringen wrde, aber sie flehentlich bitte, nicht
weiter zu fragen.

Dieser verrterischen uerung folgte bald ein volles Gestndnis. Signora
von Campireali hatte es mit Abscheu erfllt, den Mrder ihres Sohnes so
nah zu wissen. Aber diesem Schmerz folgte ein Strom reinster und
lebhaftester Freude. Wer knnte sich ihr Entzcken vorstellen, als sie
erfuhr, da ihre Tochter sich nie gegen ihre Pflicht vergangen hatte?

Sofort nderten sich die Plne dieser klugen Mutter ganz und gar; es
schien ihr erlaubt, gegen einen Menschen, der ihr nichts war, zur List zu
greifen. Helenas Herz war von den heftigsten Leidenschaften zerrissen: die
Aufrichtigkeit ihrer Gestndnisse war vollstndig; diese gemarterte Seele
hatte das Bedrfnis, sich auszuschtten. Signora Campireali, welche jetzt
alles fr erlaubt hielt, erfand eine Reihe von Vernunftgrnden, die zu
weit fhren wrden, wollten wir sie hier wiedergeben. Sie bewies ihrer
unglcklichen Tochter ohne Mhe, da sie statt einer heimlichen Ehe, die
immer ein Makel fr eine Frau sei, eine ffentliche Trauung in allen Ehren
erlangen knne, wenn sie den Akt des Gehorsams, den sie einem so
edelmtigen Geliebten schulde, nur um acht Tage hinausschbe. Sie, die
Signora Campireali, wrde nach Rom reisen, sie wrde ihrem Mann darlegen,
da Helena lange vor dem verhngnisvollen Gefecht von Ciampi mit Giulio
verheiratet gewesen sei. Die Trauung sollte in der gleichen Nacht
stattgefunden haben, wo sie, als Mnche verkleidet, ihrem Vater und Bruder
am Ufer des Sees, auf dem in den Felsen gehauenen Weg begegnet waren, der
lngs der Mauer des Kapuzinerklosters fhrt. Die Mutter htete sich, ihre
Tochter whrend des Tags allein zu lassen, und schlielich schrieb Helena
abends ihrem Geliebten einen kindlichen und wie uns scheint sehr rhrenden
Brief, in welchem sie ihm die Kmpfe, die ihr Herz zerrissen hatten,
schilderte. Zum Schlu bat sie ihn kniefllig um einen Aufschub von acht
Tagen: "Indem ich diesen Brief schreibe," fgte sie hinzu, "auf den ein
Bote meiner Mutter wartet, scheint mir, da ich das grte Unrecht
begangen habe, ihr alles zu sagen. Ich glaube, dich erzrnt zu sehen;
deine Augen blicken mich mit Ha an; mein Herz ist von den grausamsten
Selbstvorwrfen zerrissen. Du wirst sagen, da ich einen sehr schwachen,
sehr verzagten, sehr verchtlichen Charakter habe, ich gebe es zu, mein
teurer Engel. Aber stelle dir dies Schauspiel vor: Meine Mutter, in Trnen
aufgelst, lag fast zu meinen Knien. Da war es mir ganz unmglich, ihr
nicht zu gestehen, da ein bestimmter Grund mir verbiete, ihrer Bitte
nachzugeben; und wie ich erst einmal so schwach gewesen war, dieses
unvorsichtige Wort auszusprechen, wei ich nicht, was in mir vorging, aber
es ist mir unmglich vorgekommen, ihr nicht alles zu erzhlen, was
zwischen uns geschehen ist. Soweit ich mich erinnern kann, scheint mir,
da meine Seele, aller Kraft entblt, Rat brauchte. Ich hoffte, ihn in
den Worten meiner Mutter zu finden ... Ich hatte vllig vergessen, mein
Freund, da das Interesse dieser geliebten Mutter dem deinen
entgegengesetzt ist. Ich habe meine oberste Pflicht vergessen, welche ist,
dir zu gehorchen; und scheinbar bin ich der wahren Liebe nicht fhig,
welche ber jede Prfung erhaben sein soll. Verachte mich, mein Giulio,
aber im Namen Gottes, hre nicht auf, mich zu lieben. Entfhre mich, wenn
du willst, aber billige mir zu, da die schrecklichsten Gefahren, sogar
die Schande, da nichts auf der Welt mich htte verhindern knnen, deinem
Befehl zu gehorchen, wenn meine Mutter nicht im Kloster gewesen wre. Doch
diese Mutter ist so gut! Sie hat so viel berredungsgabe! Sie ist so
edelmtig! Erinnere dich, als damals mein Vater das Zimmer durchforschte,
rettete sie die Briefe, welche ich niemals htte verbergen knnen. Dann,
als die Gefahr vorber war, gab sie mir sie zurck, ohne sie gelesen zu
haben und ohne ein Wort des Vorwurfs! Sie ist mein ganzes Leben hindurch
so zu mir gewesen, wie sie es in diesem hchsten Augenblick war. Du
siehst, wie ich sie lieben mte. Und doch scheint es mir, whrend ich dir
schreibe (wie furchtbar zu sagen), da ich sie hasse. Sie hat erklrt, da
sie diese Nacht der Hitze wegen im Garten unter einem Zelt verbringen
wolle; ich hre die Hammerschlge, man errichtet jetzt das Zelt; es ist
unmglich, da wir uns heute Nacht sehen. Ich frchte sogar, da der
Schlafsaal der Pensionrinnen verschlossen wurde, ebenso die beiden Tren
der Wendeltreppe, was sonst nie geschah. Diese Vorsichtsmaregeln wrden
es mir unmglich machen, in den Garten hinunterzugehen, wenn ich selbst
einen solchen Schritt ntig fnde, um deinen Zorn zu beschwren. Ach, wie
ich mich dir jetzt ausliefern wrde, wenn sich mir ein Mittel bte! Wie
ich zu dieser Kirche eilen wrde, wo man uns trauen soll!"

Dieser Brief schlo mit zwei Seiten toller Stze, in welchen ich
leidenschaftliche Redewendungen fand, die auf die Ideen Platons
zurckzugehen scheinen. Ich habe in dem eben bersetzten Brief mehrere
Stze dieser Art unterdrckt.

Giulio Branciforte war sehr erstaunt, als er abends etwa eine Stunde vor
dem Ave Maria dieses Schreiben erhielt; er hatte grade die Abmachung mit
dem Priester beendet. Er war auer sich vor Zorn.

'Sie hat nicht notwendig, mir zu raten, da ich sie entfhre. Dieses
schwache, zaghafte Geschpf!'

Und er brach sogleich nach dem Walde von La Faggiola auf.

Fr Signora Campireali stand die Sache folgendermaen: Ihr Gatte lag auf
dem Sterbebett; die Unmglichkeit, sich an Branciforte zu rchen, brachte
ihn langsam zum Grabe. Vergebens hatte er mehrmals den rmischen Bravi
betrchtliche Summen anbieten lassen; keiner hatte sich an einem der
"Korporale", wie sie sagten, des Frsten Colonna vergreifen wollen; sie
waren zu gewi, samt ihren Familien ausgetilgt zu werden. Es war noch kein
Jahr her, da ein ganzes Dorf zur Strafe fr den Tod eines Soldaten des
Colonna niedergebrannt wurde, und alle Einwohner, Mnner und Frauen,
welche in die Campagna zu fliehen suchten, wurden an Hnden und Fen
gefesselt in die brennenden Huser geworfen.

Signora Campireali besa groe Gter im Knigreich Neapel; ihr Gatte hatte
ihr aufgetragen, von dort Mrder kommen zu lassen; aber sie hatte nur zum
Schein zugestimmt, denn sie glaubte ihre Tochter unlslich an Giulio
Branciforte gebunden. In dieser Voraussetzung meinte sie, da Giulio einen
oder zwei Feldzge in den spanischen Heeren mitmachen solle, welche damals
Krieg gegen die Aufstndischen in Flandern fhrten. Fiele er nicht, so
sollte dies ein Zeichen sein, da Gott eine Heirat nicht mibillige, die
sich nicht vermeiden lie; in diesem Fall wrde sie ihrer Tochter die
Gter geben, welche sie im Knigreich Neapel besa, Giulio Branciforte
wrde den Namen einer dieser Besitzungen annehmen und einige Jahre mit
seiner Frau in Spanien verbringen. Nach allen diesen Prfungen wrde sie
vielleicht den Mut finden, ihn zu sehen. Doch alles war seit dem
Gestndnis ihrer Tochter anders geworden; die Heirat war keine
Notwendigkeit mehr -- weit entfernt davon -- und whrend Helena ihrem
Geliebten den Brief schrieb, den wir wiedergegeben haben, schrieb Signora
Campireali nach Pescara und nach Chieti und gab ihren Pchtern den
Auftrag, ihr sichere Mnner nach Castro zu senden, die zu einem
Handstreich zu gebrauchen wren. Sie verhehlte ihnen nicht, da es sich
darum handelte, den Tod Fabios, ihres jungen Herrn, zu rchen. Der Kurier
machte sich mit diesen Briefen noch vor Ende des Tags auf den Weg.



V.


Schon am bernchsten Tage war Giulio wieder in Castro, er fhrte acht
seiner Soldaten mit sich, welche ihm freiwillig gefolgt waren, wenn sie
sich gleich dem Zorn des Frsten aussetzten, der einige Male
Unternehmungen dieser Art mit dem Tode bestraft hatte. Giulio hatte schon
fnf Mann in Castro und acht brachte er hinzu; indessen schienen ihm
vierzehn Soldaten, wie tapfer sie auch sein mochten, nicht ausreichend fr
sein Unternehmen; denn das Kloster glich einer Festung.

Es handelte sich darum, durch das erste Tor des Klosters mit Gewalt oder
List zu dringen und dann durch einen Gang von mehr als fnfzig Schritten
Lnge zu kommen. Linker Hand sollten die vergitterten Fenster einer Art
Kaserne liegen, wo die Nonnen dreiig bis vierzig Diener, ehemalige
Soldaten, untergebracht hatten. Aus diesen vergitterten Fenstern wrde,
sobald erst das Kloster alarmiert war, ein ausgiebiges Feuer abgegeben
werden.

Die regierende btissin, eine Frau von starkem Verstande, hatte Angst vor
den Unternehmungen der Orsini, Colonna, Marco Sciarra und so vieler
andrer, welche die umliegende Gegend beherrschten. Wie war es mglich,
achthundert entschlossenen Mnnern Widerstand zu leisten, wenn sie
unversehens eine kleine Stadt wie Castro einnahmen, weil sie das Kloster
mit Gold gefllt glaubten?

Gewhnlich waren im Kloster der Heimsuchung von Castro fnfzehn oder
zwanzig Bravi in der Kaserne zur Linken des Ganges, der zur zweiten
Klosterpforte fhrte; zur Rechten dieses Durchlasses lag eine hohe,
uneinnehmbare Mauer; an seinem Ende befand sich ein eisernes Tor, das auf
eine Sulenhalle fhrte; nach dieser kam der groe Klosterhof, rechts der
Garten. Diese eiserne Tre war von der Pfrtnerin bewacht.

Als Giulio mit seinen acht Mann sich drei Meilen vor Castro befand, machte
er in einem abgelegenen Wirtshaus Halt, um die Stunden der groen Hitze
verstreichen zu lassen. Dort erst legte er sein Vorhaben dar; dabei
zeichnete er den Plan des Klosters, das er angreifen wollte, in den Sand
des Hofs.

"Um neun Uhr", sagte er seinen Leuten, "werden wir auerhalb der Stadt zu
Abend essen; um Mitternacht werden wir eintreten. Eure fnf Kameraden
erwarten uns in der Nhe des Klosters. Einer von ihnen wird zu Pferde sein
und die Rolle eines Kuriers spielen, der aus Rom kommt, um Signora von
Campireali zu ihrem Gemahl zu rufen, der im Sterben liegt. Wir werden
versuchen, geruschlos durch die erste Tre des Klosters zu kommen," sagte
er, indem er auf den Plan im Sand deutete, "die hier in der Mitte der
Kaserne liegt. Wenn wir den Kampf gleich beim ersten Tor beginnen, haben
es die Bravi der Nonnen zu leicht, uns Flintenschsse nachzusenden,
whrend wir auf diesem kleinen Platz da vor dem Kloster sind oder durch
den engen Gang zwischen dem ersten und zweiten Tor laufen. Dieses zweite
Tor ist von Eisen, aber ich besitze den Schlssel dazu. Allerdings sind
groe, mit einem Ende an der Mauer befestigte Eisenbalken oder
Sperrstangen da, welche, wenn sie vorgelegt sind, das ffnen der Torflgel
verhindern. Aber da die beiden Eisenstangen zu schwer sind, als da die
Schwester Pfrtnerin sie handhaben knnte, habe ich sie nie an ihrem Platz
gesehen und bin doch mehr als zehnmal durch das Eisentor gegangen. Ich
rechne darauf, auch heute Abend ohne Hindernis hindurchzukommen. Ihr merkt
wohl, da ich Bekanntschaften im Kloster habe. Mein Ziel ist: eine
Pensionrin zu entfhren, und nicht eine Nonne; wir drfen erst im
uersten Notfall von den Waffen Gebrauch machen. Wenn wir den Kampf
erffnen, bevor wir an dieser zweiten Tr mit den Eisen angekommen sind,
wird die Pfrtnerin nicht verfehlen, zwei alte siebzigjhrige Grtner, die
im Kloster wohnen, herbeizurufen, und diese Alten wrden die Stangen
vorlegen. Wenn uns dieser Unglcksfall zustt, mssen wir erst die Mauer
demolieren, um durch die Tr zu kommen, was uns zehn Minuten kosten wrde;
auf jeden Fall werde ich als erster zur Tr eilen. Einer der Grtner ist
von mir gekauft, aber, wie Ihr Euch denken knnt, habe ich mich gehtet,
ihm etwas von meinem Entfhrungsplan zu erzhlen. Wenn man diese zweite
Tr hinter sich hat, wendet man sich nach rechts in den Garten, und sind
wir erst in diesem Garten, so sprechen die Waffen; man mu alles
niedermachen, was sich in den Weg stellt. Ihr werdet natrlicherweise nur
Eure Schwerter und Dolche brauchen; ein einziger Flintenschu wrde die
ganze Stadt in Aufruhr bringen und man wrde uns beim Abzug angreifen.
Glaubt nicht, da ich mich mit dreizehn Mann, wie Ihr seid, nicht stark
genug fhle, durch dieses Nest zu kommen: sicher wrde niemand wagen, auf
die Strae hinabzusteigen; aber mehrere Brger haben Flinten und sie
wrden aus den Fenstern schieen. Nebenbei gesagt mu man sich in diesem
Fall lngs der Huser halten. Einmal im Garten, sagt Ihr mit leiser Stimme
zu jedem, der sich zeigt: Zieh dich zurck! und wenn er nicht
augenblicklich gehorcht, ttet Ihr ihn mit dem Dolch. Ich dringe dann mit
denen von Euch, die gerade um mich sind, durch die kleine Gartentr ins
Kloster ein, und drei Minuten spter kehre ich mit einer oder zwei Frauen
zurck, die wir auf unsren Armen tragen und nicht selbst gehen lassen
werden. Sofort verlassen wir eilig das Kloster und die Stadt. Zwei von
Euch werde ich in der Nhe des Tors zurcklassen, sie werden von Minute zu
Minute etwa zwanzig Schsse abgeben, um die Brger zu schrecken und in
Entfernung zu halten."

Giulio wiederholte diese Erklrung zweimal.

"Habt Ihr gut verstanden?" sagte er seinen Leuten. "In der Vorhalle wird
es dunkel sein; rechts ist der Garten, links der Hof, man darf sich nicht
irren."

"Zhlt auf uns!" riefen die Soldaten. Dann gingen sie trinken; der
Korporal folgte ihnen nicht und bat um die Erlaubnis, mit dem Kapitn
sprechen zu drfen.

"Nichts ist einfacher", sagte er, "als der Plan Eurer Gnaden. Ich bin
schon zweimal in meinem Leben in Klster eingebrochen; dies wre das
dritte; aber wir sind zu wenig. Wenn der Gegner uns ntigt, die Mauer zu
zerstren, welche die Angel der zweiten Tr hlt, mu man bedenken, da
die Bravi whrend dieser langen Arbeit nicht mig bleiben; sie werden
Euch sieben oder acht Mann erschieen und dann kann man uns am Rckweg die
Frau wieder abnehmen. Das ist uns in einem Kloster in der Nhe Bolognas
passiert: uns wurden fnf Mann gettet, wir tteten acht, aber der
Hauptmann bekam nicht die Frau. Ich schlage Euer Gnaden zweierlei vor: ich
kenne vier Bauern aus der Umgebung dieser Herberge, die Sciarra tapfer
gedient haben und sich fr eine Zechine die ganze Nacht lang wie Lwen
schlagen wrden. Vielleicht werden sie etwas Silber aus dem Kloster
rauben; das kmmert Euch wenig, denn die Snde ist ihre Sache und Ihr
bezahlt sie, um eine Frau zu holen, das ist alles. Mein zweiter Vorschlag
ist folgender: Ugone ist ein gescheiter und sehr geschickter Bursche; er
war Arzt, als er seinen Schwager ttete und ging in die Macchia. Ihr knnt
ihn eine Stunde vor Sonnenuntergang zum Klostertor schicken, er wird um
Dienst bitten und wird es so geschickt einrichten, da man ihn in die
Wache einreiht; dann wird er die Knechte der Nonnen betrunken machen, und
er ist sogar fhig, die Lunten ihrer Flinten zu durchnssen." Zu seinem
Unglck nahm Giulio den Vorschlag des Korporals an. Als dieser sich
entfernte, fgte er noch hinzu:

"Wir wollen ein Kloster angreifen. Das ist excommunicatio major und noch
mehr: dieses Kloster steht unmittelbar unter dem Schutz der Madonna ..."

"Ich verstehe!" rief Giulio, aufgerttelt durch dieses Wort. "Bleibt bei
mir."

Der Korporal schlo die Tr und kam zurck, um den Rosenkranz mit Giulio
zu beten. Diese Andacht dauerte eine volle Stunde. Als es Nacht war, brach
man auf.

Wie es Mitternacht schlug, kehrte Giulio, der gegen elf Uhr allein nach
Castro gegangen war, zurck, um seine Leute zu holen, die auerhalb des
Tores gewartet hatten.

Er trat mit seinen acht Mann, denen sich drei gut bewaffnete Bauern
angeschlossen hatten, in die Stadt ein und vereinigte sich mit den fnf
Soldaten, welche er schon in der Stadt hatte; so befand er sich an der
Spitze von sechzehn entschlossenen Mnnern; zwei trugen als Diener
verkleidet weite Blusen aus schwarzem Leinen, um ihr giacco zu verdecken
und ihre Mtzen waren nicht mit Federn geschmckt.

Eine halbe Stunde nach Mitternacht kam Giulio, der die Rolle des Kuriers
fr sich bernommen hatte, im Galopp vor dem Klostertor an; er machte
mchtigen Lrm und schrie, da man unverzglich einem Kurier ffnen mge,
den der Kardinal schicke. Mit Wohlgefallen bemerkte er, da die Soldaten,
die ihm durch das kleine Fenster neben dem Tor antworteten, halb betrunken
waren. Der Vorschrift folgend, schrieb er seinen Namen auf ein Stck
Papier, ein Soldat berbrachte den Namen der Pfrtnerin, die den Schlssel
zur zweiten Tr besa und die btissin in besondren Fllen zu wecken
hatte. Die Antwort lie endlose dreiviertel Stunden auf sich warten.
Whrend dieser Zeit hatte Giulio viel Mhe, seinen Trupp ruhig zu halten;
einige Brger ffneten schon vorsichtig ihre Fenster; endlich traf eine
gnstige Antwort von der btissin ein; Giulio wurde, gefolgt von zwei als
Diener verkleideten Soldaten, mit Hilfe einer fnf oder sechs Fu langen
Leiter, die man ihm aus dem kleinen Fenster reichte, in die Wachstube
eingelassen; die Bravi des Klosters wollten sich nicht die Mhe machen,
das groe Tor zu ffnen. Als er vom Fenster ins Wachzimmer sprang,
begegneten seine Augen dem Blick Ugones; die ganze Wache war, dank seiner
Vorsorge, betrunken. Giulio sagte dem Kommandanten, da drei Diener der
Campireali, die er als Soldaten habe ausrsten lassen, um ihn am Marsch zu
schtzen, sehr guten Branntwein gekauft htten und um Einla bten, damit
sie sich nicht allein auf dem Platze langweilen mten. Dem wurde einmtig
zugestimmt. Er selbst stieg mit seinen zwei Leuten die Treppe hinunter,
welche von der Wachstube in den Gang fhrte.

"Trachte die groe Tr zu ffnen", sagte er zu Ugone.

Dann gelangte er unangefochten zur eisernen Tr. Dort fand er die gute
Pfrtnerin, welche ihm sagte, da jetzt, da Mitternacht vorbei sei, wenn
er ins Kloster eingelassen wrde, die btissin dem Bischof darber Bericht
erstatten mte. Darum lasse sie ihn bitten, seine Nachrichten der jungen
Schwester zu bergeben, welche die btissin zu diesem Zweck schicke.
Worauf Giulio antwortete, wegen der Bestrzung, welche durch die
unerwartete Agonie des Signor von Campireali hervorgerufen worden sei,
htte man ihm nur ein einfaches vom Arzt ausgefertigtes
Beglaubigungsschreiben mitgegeben; alle Einzelheiten sollte er mndlich
der Frau und Tochter des Kranken berichten, wenn diese Damen noch im
Kloster wren und in jedem Fall auch der Frau btissin. Die Pfrtnerin
ging, diese Botschaft zu berbringen. Niemand blieb an der Tr als die
junge Schwester, welche die btissin gesandt hatte. Giulio plauderte und
scherzte mit ihr, dabei steckte er die Hnde durch die dicken Eisenstangen
des Tors und versuchte es, immer noch lachend, zu ffnen. Die Schwester
war sehr schchtern, sie hatte Angst und nahm die Scherze bel auf. Da
hatte Giulio, der sah, da betrchtliche Zeit verstrich, die
Unvorsichtigkeit, der Schwester eine Handvoll Zechinen anzubieten, mit der
Bitte, ihn einzulassen, da er zu mde sei, zu warten. "Er wute wohl, da
er eine Dummheit beging," sagt der Erzhler, "er htte mit Eisen und nicht
mit Gold arbeiten mssen; aber er hatte nicht das Herz dazu; nichts
leichter, als sich der Schwester zu bemchtigen, sie war nicht weiter als
einen Fu breit von ihm, auf der andern Seite der Tr.[sic! Hier fehlt
wohl: "] Durch das Angebot der Zechinen wurde das junge Mdchen in
Schrecken versetzt. Sie sagte spter, da sie aus der Art wie Giulio zu
ihr gesprochen habe, wohl verstanden htte, da er kein gewhnlicher
Kurier sei: 'Das ist der Geliebte einer unsrer Nonnen,' dachte sie, 'der
zu einem Stelldichein kommt'; und sie war fromm. Von Entsetzen ergriffen,
begann sie mit aller Kraft die Schnur einer kleinen Glocke zu ziehen, die
im groen Hof hing und alsogleich einen Lrm machte, um Tote zu wecken.
"Der Krieg beginnt," sagte Giulio seinen Leuten, "gebt acht!"

Er nahm seinen Schlssel, und den Arm zwischen den Eisenstben
durchzwngend, ffnete er die Tr zur grten Verzweiflung der jungen
Nonne, die sich ber den Kirchenfrevel entsetzt schreiend auf die Knie
warf und Ave Maria zu beten begann. Noch in diesem Augenblick htte Giulio
das junge Mdchen zum Schweigen bringen mssen, aber er hatte nicht das
Herz dazu; einer seiner Leute ergriff sie und schlo ihr den Mund.

Im selben Augenblick hrte Giulio im Gang hinter sich einen Flintenschu.
Ugone hatte das groe Tor geffnet, die brigen Soldaten traten ohne Lrm
ein, als einer der weniger betrunkenen Bravi der Wache sich einem der
vergitterten Fenster nherte und in seinem Erstaunen so viele Leute im
Gang zu sehen ihnen fluchend verbot, weiterzugehen. Man htte nicht
antworten und ruhig weiter gegen die eiserne Tr vorgehen sollen, so
machten es auch die ersten, aber der letzte der Reihe, einer der am
Nachmittag erst angeworbenen Bauern, feuerte einen Pistolenschu nach dem
Klosterknecht, der durchs Fenster rief, und ttete ihn. Dieser
Pistolenschu mitten in der Nacht und das Schreien der Betrunkenen, als
sie ihren Kameraden fallen sahen, weckten jene Soldaten, welche diese
Nacht in ihren Betten lagen und nicht von Ugones Wein gekostet hatten.
Acht oder zehn Bravi des Klosters sprangen halb nackt in den Gang und
griffen die Soldaten Brancifortes heftig an.

Wie wir bereits gesagt haben, begann dieser Lrm im Augenblick, als Giulio
das eiserne Tor geffnet hatte. Von seinen zwei Soldaten gefolgt, strzte
er in den Garten und lief zu der kleinen Tre, die zur Treppe der
Pensionrinnen fhrte. Aber er wurde von fnf oder sechs Pistolenschssen
empfangen. Seine beiden Soldaten fielen; er selbst bekam eine Kugel in den
rechten Arm. Diese Pistolenschsse waren von den Leuten der Signora von
Campireali abgegeben, welche auf ihren Befehl die Nacht im Garten
zubrachten, wozu sie die Erlaubnis beim Bischof erwirkt hatte. Giulio lief
allein zu der kleinen, ihm so wohlbekannten Tr, welche vom Garten zur
Treppe der Pensionrinnen fhrte. Er tat, was er nur konnte, um sie
aufzusprengen, aber sie war fest verschlossen. Er suchte nach seinen
Leuten, doch die achteten nicht darauf, ihm zu antworten, denn sie
starben; er stie in der tiefen Dunkelheit auf drei Dienstleute der
Signora von Campireali, deren er sich mit Dolchstichen erwehrte.

Er lief in die Vorhalle, gegen die Gittertr, um seine Soldaten zu rufen;
er fand diese Tre verschlossen: die beiden schweren Eisenarme waren auf
ihrem Platz und mit Schlssern gesichert, welche die alten Grtner
vorgelegt hatten, als sie das Luten der jungen Schwester weckte.

'Ich bin abgeschnitten', sagte sich Giulio. Er rief es seinen Leuten zu;
vergeblich versuchte er eins dieser Vorlegschlsser mit seinem Degen zu
sprengen; wenn ihm das geglckt wre, htte er eine der Eisenstangen
entfernen und einen Trflgel ffnen knnen. Sein Degen zerbrach im Ring
des Vorlegschlosses; im gleichen Augenblick wurde er durch einen aus dem
Garten herbeigeeilten Diener an der Schulter verwundet; er wandte sich um,
und gegen die Eisenpforte gelehnt, sah er sich von mehreren Mnnern
angegriffen. Er verteidigte sich mit seinem Dolch; zum Glck, da es vllig
dunkel war, trafen fast alle Degenste auf sein Panzerhemd. Er wurde
schmerzhaft am Knie verwundet, strzte sich auf einen der Leute, der sich
zu weit vorgewagt hatte, um ihm diesen Degenstich zu versetzen, ttete ihn
mit einem Dolchsto ins Gesicht und hatte das Glck, sich seines Degens zu
bemchtigen. Nun glaubte er sich gerettet; er stellte sich zur Linken der
Tr, an die Seite der Mauer. Seine Leute waren jetzt herbeigeeilt, sie
schossen fnf oder sechs Pistolenschsse durch das Eisengitter hindurch
und trieben die Diener in die Flucht. Man sah hier in der Vorhalle nichts,
auer beim Aufleuchten der Pistolenschsse.

"Schiet nicht auf meine Seite", rief Giulio seinen Leuten zu.

"Ihr seid hier wie in einer Mausefalle gefangen", sagte ihm der Korporal
mit groer Kaltbltigkeit durch die Eisenstangen hindurch, "und wir haben
drei Tote. Wir werden die Trpfosten auf der Euch entgegengesetzten Seite
einreien. Rhrt Euch nicht, denn man wird auf uns schieen; es scheint,
da im Garten Feinde sind."

"Die Schufte von Dienern der Campireali", sagte Giulio.

Er sprach noch mit dem Korporal, als von der Seite des Vestibls, die in
den Garten fhrte, Pistolenschsse, auf das Gerusch gezielt, gegen sie
abgefeuert wurden. Giulio verbarg sich in der Loge der Schlieerin, zur
Linken des Eingangs; zu seiner Freude fand er dort ein kaum wahrnehmbares
Lmpchen, das vor dem Bildnis der Madonna brannte; er nahm es mit groer
Vorsicht, um es nicht auszulschen; er bemerkte zu seinem Kummer, da er
zitterte. Er betrachtete seine Wunde am Knie, die ihn sehr schmerzte; das
Blut flo in Strmen.

Umhersehend, erkannte er zu seinem Erstaunen in einer ohnmchtig auf einem
Holzstuhl lehnenden Frau die kleine Marietta, die vertraute Kmmerin
Helenas; er schttelte sie lebhaft.

"Aber! Signor Giulio," rief sie weinend, "wollt Ihr Eure Freundin Marietta
tten?"

"Weit davon entfernt! Sag Helena, da ich sie um Verzeihung bitte, ihre
Ruhe gestrt zu haben und da sie des Ave Maria vom Monte Cave gedenken
mge. Hier ist ein Blumenstrau, den ich in ihrem Garten in Albano
gepflckt habe; aber er ist ein wenig mit Blut befleckt; wasche es ab,
bevor du ihn ihr gibst."

In diesem Augenblick hrte er eine Flintensalve im Gang; die Bravi der
Nonnen griffen seine Leute an.

"Sag mir, wo der Schlssel der kleinen Tr ist?" fragte er Marietta.

"Ich sehe ihn nicht, aber hier sind die Schlssel zu den Vorlegschlssern
der Eisenstangen, welche das groe Tor sperren. Ihr knnt hinaus."

Giulio nahm die Schlssel und strzte aus der Loge.

"Lat die Mauer," rief er seinen Soldaten zu, "ich habe endlich den
Schlssel des Tores."

Einen Augenblick, whrend er versuchte, ein Schlo mit einem der kleinen
Schlssel zu ffnen, herrschte vlliges Schweigen; er hatte sich im
Schlssel geirrt und nahm den andern; endlich ffnete er das Schlo: aber
im Augenblick, wo er die Eisenstange hob, erhielt er aus allernchster
Nhe einen Schu in den rechten Arm. Sogleich sprte er, da der Arm den
Dienst versagte.

"Hebt den Eisenriegel", schrie er seinen Leuten zu. Er hatte nicht erst
ntig, es ihnen zu sagen. Im Licht des Pistolenschusses hatten sie
bemerkt, da das uerste umgebogene Ende der eisernen Stange schon zur
Hlfte aus dem am Tor befestigten Ring herausgehoben war. Sofort lpften
drei oder vier krftige Arme die eiserne Stange; als das uerste Ende
ganz aus dem Ring war, lie man sie fallen. Nun konnte man einen der
Torflgel ein wenig ffnen; der Korporal trat ein und sagte leise zu
Giulio:

"Es ist nichts mehr zu machen, wir sind nur mehr drei oder vier ohne
Wunden, fnf sind tot."

"Ich habe Blut verloren," entgegnete Giulio, "ich fhle, da ich
ohnmchtig werde; lat mich fortbringen."

Whrend Giulio mit dem tapfren Korporal sprach, gaben die Soldaten der
Wache noch drei oder vier Flintenschsse ab und der Korporal fiel tot zu
Boden. Zum Glck hatte Ugone den Befehl Giulios gehrt; er rief zwei
Soldaten herbei, die den Kapitn forttragen sollten. Da er aber nicht
ohnmchtig wurde, befahl er, ihn durch den Garten zu der kleinen Tr zu
tragen. Dieser Befehl brachte die Soldaten zum Fluchen, aber sie
gehorchten.

"Hundert Zechinen dem, der diese Tr ffnet", rief Giulio aus.

Aber sie widerstand dem Ansturm dreier wtender Mnner. Einer der alten
Grtner scho unaufhrlich von einem Fenster des zweiten Stockwerks mit
der Pistole nach ihnen und beleuchtete so ihre Versuche.

Nach den unntzen Anstrengungen, die Tr zu ffnen, wurde Giulio gnzlich
bewutlos; Ugone hie den Soldaten, den Kapitn eiligst fortzutragen. Er
selbst ging in die Loge der Schwester Pfrtnerin und warf die kleine
Marietta hinaus, indem es[sic! statt: er] ihr mit drohender Stimme befahl,
fortzugehen und niemals zu verraten, wer sie wiedererkannt habe. Er zog
das Stroh aus dem Bett, zerbrach einige Sthle und steckte das Zimmer in
Brand. Als das Feuer gut brannte, lief er so schnell er konnte, mitten
durch die Flintenschsse der Bravi des Klosters davon.

Etwa hundertfnfzig Schritt von der Heimsuchung entfernt, fand er den ganz
bewutlosen Kapitn, den man eiligst davontrug. Nach einigen Minuten war
man auerhalb der Stadt. Ugone lie halten: er hatte nur noch vier
Soldaten bei sich; er schickte zwei in die Stadt zurck mit dem Befehl,
von fnf zu fnf Minuten Flintenschsse abzufeuern.

"Versucht Eure verwundeten Kameraden wiederzufinden," sagte er ihnen,
"verlat die Stadt vor Tag, wir folgen dem Fuweg ber Croce rossa. Wenn
Ihr irgendwo Feuer anlegen knnt, verabsumt es nicht."

Als Giulio das Bewutsein wieder erlangte, befand man sich drei Meilen von
der Stadt entfernt und die Sonne stand schon hoch am Himmel. Ugone
erstattete Bericht.

"Euer Trupp besteht nur mehr aus fnf Mann, wovon drei verwundet sind. Den
beiden berlebenden Bauern habe ich je zwei Zechinen Entschdigung gegeben
und sie sind davongelaufen. Die beiden nicht verwundeten Mnner habe ich
in den nchsten Marktflecken geschickt, um einen Wundarzt zu holen."

Der Wundarzt, ein zittriger Alter, kam bald auf einem prchtigen Esel
angeritten; man hatte ihm drohen mssen, sein Haus in Brand zu stecken, um
ihn zum Mitgehen zu bewegen. Es war ntig, ihn erst etwas Branntwein
trinken zu lassen, um ihn zu seiner Arbeit instand zu setzen, so gro war
seine Furcht. Endlich machte er sich ans Werk; er sagte Giulio, da seine
Wunden ohne Bedeutung seien. "Die am Knie ist nicht gefhrlich," fgte er
hinzu, "aber Ihr werdet zeitlebens hinkend bleiben, wenn Ihr Euch nicht
zwei bis drei Wochen vollkommen ruhig verhaltet."

Der Wundarzt verband die verletzten Soldaten. Ugone gab Giulio einen Wink
mit den Augen, man entlohnte den Wundarzt, der sich vor Dank gar nicht
fassen konnte, mit zwei Zechinen; dann gab man ihm unter dem Vorwand der
Erkenntlichkeit eine solche Menge Branntwein zu trinken, da er fest
einschlief. Das war es, was man wollte. Man trug ihn ins nchste Feld, man
wickelte vier Zechinen in ein Stck Papier, das man ihm in die Tasche
steckte. Das war der Preis fr seinen Esel, auf welchen man Giulio und
einen der am Bein verletzten Soldaten setzte. Man verbrachte die Stunden
der grten Hitze in einer antiken Ruine am Ufer eines Weihers; man
marschierte die ganze Nacht hindurch und vermied die Drfer, die auf
diesem Weg nicht zahlreich waren; endlich am bernchsten Morgen bei
Sonnenaufgang erwachte Giulio, als er tief im Walde von La Faggiola von
seinen Leuten in die Khlerhtte getragen wurde, die sein Hauptquartier
war.



VI.


Am Morgen nach dem Kampf fanden die Nonnen zu ihrem Entsetzen neun Leichen
in ihrem Garten und in dem Gang, der vom ueren Tor zu dem mit den
Eisenriegeln fhrte; acht ihrer Bravi waren verwundet. Niemals hatte es
eine solche Angst im Kloster gegeben; man hatte wohl fters Flintenschsse
vom Platze her gehrt, aber nie solche Menge von Schssen, noch dazu im
Garten, inmitten der Gebude und unter den Fenstern der Nonnen. Das hatte
gut anderthalb Stunden gedauert und whrend dieser Zeit herrschte die
allergrte Kopflosigkeit im Innern des Klosters. Wre Giulio Branciforte
nur ein wenig im Einverstndnis mit einer der Nonnen oder der
Pensionrinnen gewesen, wre es ihm geglckt: es htte gengt, da man ihm
eine der zahlreichen, in den Garten fhrenden Tren geffnet htte; aber
ganz auer sich vor Entrstung und voll Wut ber das, was er den Meineid
der jungen Helena nannte, wollte er alles durch eigne Kraft erreichen. Es
ging gegen seinen Stolz, sein Vorhaben irgend jemandem anzuvertrauen.
Indessen htte ein einziges Wort an die kleine Marietta den Erfolg
verbrgt: sie htte eine der Tren, die zum Garten fhrten, geffnet
und -- untersttzt durch die schreckliche Begleitung der Flintenschsse
von drauen -- htte auch ein einziger Mann der in den Schlafslen
erschien, sich unbedingten Gehorsam verschafft. Vom ersten Schu an hatte
Helena fr das Leben ihres Geliebten gezittert und an nichts andres
gedacht, als mit ihm zu fliehen.

Wie soll man ihre Verzweiflung schildern, als die kleine Marietta ihr die
entsetzliche Verwundung beschrieb, die Giulio am Knie erhalten hatte und
aus der sie das Blut hatte in Strmen flieen sehen? Helena verabscheute
jetzt ihre Feigheit und Zaghaftigkeit: "Ich habe die Schwche gehabt,
meiner Mutter ein Wort zu sagen und Giulios Blut ist geflossen, er konnte
bei diesem bewundernswerten Angriff, wo sein Mut vor nichts
zurckschreckte, sein Leben lassen."

Die Bravi wurden ins Sprechzimmer zugelassen und berichteten den lstern
zuhrenden Nonnen, da sie nie in ihrem Leben Zeugen einer Tapferkeit
gewesen seien, die sich mit der des jungen, als Kurier verkleideten
Mannes, der die Angriffe der Briganten leitete, vergleichen liee. Wenn
diesen Erzhlungen schon von allen mit dem grten Interesse zugehrt
wurde, kann man sich vorstellen, mit welch uerster Leidenschaft Helena
die Bravi nach Einzelheiten ber den jungen Anfhrer der Briganten
ausfragte. Nach den ausfhrlichen Schilderungen, die sie sich von ihnen
und von den alten Grtnern geben lie, die ganz unparteiische Zeugen
waren, schien es ihr, da sie ihre Mutter nicht im geringsten mehr liebte.
Es gab sogar eine erregte Auseinandersetzung zwischen den beiden Frauen,
die sich am Vorabend des Kampfes so zrtlich geliebt hatten. Signora
Campireali war gereizt durch die Blutflecken auf einem gewissen
Blumenstrau, von dem Helena sich nicht einen Augenblick mehr trennen
wollte.

"Man soll diese blutbefleckten Blumen fortwerfen."

"Ich war es, die dieses edle Blut vergossen hat und es ist geschehen, weil
ich die Schwche hatte, Euch ein Wort zu sagen."

"Ihr liebt also noch den Mrder Eures Bruders?"

"Ich liebe meinen Gatten, der zu meinem ewigen Unheil von meinem Bruder
angegriffen worden ist."

Nach dieser Bemerkung wurde whrend der drei Tage, welche Signora von
Campireali noch im Kloster zubrachte, kein einziges Wort mehr zwischen
Mutter und Tochter gewechselt.

Am Morgen nach ihrer Abreise gelang es Helena, zu entkommen, indem sie die
Verwirrung bentzte, die an beiden Klostertoren durch die Anwesenheit
zahlreicher Maurer herrschte, welche im Garten neue Befestigungen
auffhren sollten. Die kleine Marietta und sie hatten sich als Arbeiter
verkleidet. Aber die Brger hielten an den Toren der Stadt strenge Wacht
und Helene war in groer Verlegenheit, wie sie durchkommen solle. Endlich
war der kleine Krmer, der ihr schon die Briefe Brancifortes bermittelt
hatte, einverstanden, sie als seine Tochter auszugeben und bis Albano zu
begleiten. Helena fand dort ein Versteck bei ihrer alten Amme, der es ihre
Wohltaten ermglicht hatten, einen kleinen Laden zu halten. Kaum
angelangt, schrieb sie an Branciforte, und die Amme fand, nicht ohne
Schwierigkeit, einen Mann, der es wagen wollte, in den Wald von La
Faggiola einzudringen, ohne das Losungswort der Leute des Colonna zu
wissen.

Nach drei Tagen kam der von Helena abgesandte Bote ganz verstrt zurck;
erst war es ihm unmglich gewesen, Branciforte zu finden und seine
unaufhrlichen Fragen nach dem jungen Hauptmann hatten ihn verdchtig
gemacht, so da er schlielich gezwungen war, zu flchten.

'Man kann nicht zweifeln, der arme Giulio ist tot,' sagte sich Helena,
'und ich bin es, die ihn gettet hat! Das mute die Folge meiner elenden
Schwche und meiner Zaghaftigkeit werden; er htte eine starke Frau lieben
sollen, die Tochter irgendeines Hauptmanns des Frsten Colonna ...'

Die Amme glaubte, da Helena sterben wrde. Sie stieg zum Kapuzinerkloster
hinauf, das bei dem in die Felsen gehauenen Weg, wo einstens mitten in der
Nacht Fabio und sein Vater den beiden Liebenden begegnet waren, lag. Die
Amme sprach lange mit ihrem Beichtvater und unter dem Siegel der Beichte
gestand sie ihm, da die junge Helena von Campireali sich mit Giulio
Branciforte, ihrem Gatten, vereinen wolle und da sie geneigt wre, dem
Kloster eine silberne Lampe im Wert von hundert spanischen Piastern zu
stiften.

"Hundert Piaster!" antwortete der Mnch gereizt. "Und was wird aus unsrem
Kloster, wenn wir den Ha des Signor von Campireali auf uns ziehen? Es
waren nicht hundert Piaster, sondern wohl tausend, ohne die Wachskerzen zu
rechnen, die er uns gegeben hat, um den Leichnam seines Sohnes vom
Schlachtfeld von Ciampi zurckzubringen."

Man mu zur Ehre des Klosters berichten, wie zwei betagte Mnche, welche
genau ber die Lage der jungen Helena unterrichtet waren, nach Albano
hinabstiegen, um sie durch Zureden oder mit Gewalt zu veranlassen, in den
Palast ihrer Familie zurckzukehren; sie wuten, da Signor von Campireali
sie dafr reich belohnen wrde. Ganz Albano war von Gerede ber die Flucht
Helenas und von der Erzhlung der glnzenden Versprechungen erfllt, die
ihre Mutter denen ausgesetzt hatte, die ihr Nachrichten ber den
Aufenthalt der Tochter geben wrden. Aber die beiden Mnche wurden von der
Verzweiflung Helenas, die Giulio Branciforte tot glaubte, so gerhrt, da
sie, weit davon entfernt, sie zu verraten und ihrer Mutter ihren
Zufluchtsort anzuzeigen, sich sogar bereit erklrten, sie bis zur Festung
La Petrella zu geleiten. Helena und Marietta begaben sich nachts, wieder
als Arbeiter verkleidet, zu Fu an eine bestimmte Quelle im Wald von La
Faggiola, eine Stunde von Albano entfernt. Die Mnche hatten dorthin
Maultiere bringen lassen, und als der Tag anbrach, machte man sich auf den
Weg. Die Mnche, welche unter dem Schutz des Frsten standen, wurden von
den Soldaten, denen sie im Wald begegneten, mit Respekt gegrt, aber
nicht so die beiden jungen Brschchen, welche sie begleiteten: die
Soldaten betrachteten sie zuerst mit strengen Blicken und kamen auf sie
zu, dann brachen sie in Gelchter aus und machten den Mnchen Komplimente
wegen der Reize ihrer Maultiertreiber.

"Schweigt, Gottlose! und wit, da alles auf Befehl des Frsten Colonna
geschieht", antworteten die Mnche im Weiterschreiten.

Aber die arme Helena hatte Unglck; der Frst war von La Petrella
abwesend, und als er ihr drei Tage spter, nach seiner Rckkehr, endlich
eine Audienz gewhrte, behandelte er sie sehr hart.

"Warum kommt Ihr hierher, Frulein? Was bedeutet dieser unvorsichtige
Schritt? Euer Weibergeschwtz hat sieben der tapfersten Mnner Italiens
ins Verderben gestrzt, und das wird Euch kein verstndiger Mensch je
vergeben. Auf dieser Welt mu man wollen oder nicht wollen. Ohne Zweifel
ist es neuen Klatschereien zu danken, da Giulio Branciforte der
Kirchenschndung angeklagt und verurteilt werden soll, zwei Stunden mit
glhenden Zangen gezwickt und dann wie ein Jude verbrannt zu werden, er,
einer der besten Christen, die ich kenne! Wie htte man ohne Euer
schndliches Geschwtz diese schreckliche Lge erfinden knnen, woher
wissen sollen, da Giulio Branciforte am Tage des Klosterberfalls in
Castro war? Alle meine Leute werden Euch sagen, da man ihn gerade an
diesem Tage hier in La Petrella gesehen hat und da ich ihn gegen Abend
nach Velletri schickte."

"Aber er lebt?" rief die junge Helena zum zehnten Mal, indem sie in Trnen
ausbrach. "Fr Euch ist er tot," versetzte der Frst, "Ihr werdet ihn
niemals wiedersehen. Ich rate Euch, in Euer Kloster in Castro
zurckzukehren und htet Euch, von neuem zu schwatzen; binnen einer Stunde
werdet Ihr La Petrella verlassen haben. Vor allem erzhlt niemandem, da
Ihr mich gesehen habt, oder ich werde Euch zu strafen wissen."

Die arme Helena war tief betrbt ber einen solchen Empfang von Seiten
jenes berhmten Frsten Colonna, den Giulio so verehrte und den sie
liebte, weil er ihn liebte.

Was auch der Frst Colonna daran auszusetzen fand, war dieser Schritt
Helenas doch nicht unklug gewesen. Wre sie drei Tage frher nach La
Petrella gekommen, so htte sie Giulio Branciforte hier gefunden; die
Wunde am Knie setzte ihn auerstand, selbst zu gehen, und der Frst lie
ihn nach dem groen Marktflecken Avezzano im Knigreich Neapel
transportieren. Bei der ersten Nachricht des schrecklichen durch Signor
von Campireali erkauften Haftbefehls gegen Giulio Branciforte, der ihn als
Kirchenschnder und Klosterruber erklrte, hatte der Frst eingesehen,
da er auf drei Viertel seiner Leute nicht wrde zhlen knnen, wenn es
sich darum handeln sollte, Branciforte zu schtzen. Das war eine Snde
gegen die Madonna, unter deren besonderem Schutz sich jeder der Briganten
fhlte. Wenn einer der barigelli aus Rom khn genug gewesen wre, Giulio
Branciforte mitten im Walde von La Faggiola zu verhaften, htte es ihm
gelingen knnen.

Bei seiner Ankunft in Avezzano nannte sich Giulio Fontana, und die Leute,
die ihn trugen, waren verschwiegen. Nach La Petrella zurckgekehrt,
verkndeten sie traurig, da Giulio auf der Reise gestorben sei, und von
diesem Augenblick an wute jeder der Soldaten des Frsten, da ein
Dolchstich ins Herz dem sicher sei, der den verhngnisvollen Namen
aussprach.

Es war also vergeblich, da Helena, nach Albano zurckgekehrt, Brief ber
Brief schrieb und, um Branciforte Nachricht zukommen zu lassen, ihre
ganzen Zechinen ausgab. Die beiden alten Mnche, die ihre Freunde geworden
waren -- denn, sagt der florentinische Chronist, die wahre Schnheit
ermangelt nicht, selbst auf durch niedrigsten Egoismus und Heuchelei
verhrtete Herzen eine gewisse Herrschaft auszuben --, die beiden Mnche,
sagten wir, teilten dem armen jungen Mdchen mit, da jeder Versuch,
Branciforte auch nur ein Wort zukommen zu lassen, vergeblich sei: Colonna
hatte erklrt, da er tot wre und sicher wrde Giulio nicht wieder in
dieser Welt erscheinen, ehe der Frst es wollte. Die Amme Helenas kndigte
ihr weinend an, da ihr[sic! statt: ihre] Mutter endlich ihren
Zufluchtsort entdeckt habe und da die strengsten Befehle ergangen seien,
sie, und sei es mit Gewalt, in den Palast Campireali nach Albano zu
bringen. Helena begriff, da ihre Gefangenschaft, wenn sie einmal in
diesem Palast war, grenzenlos streng durchgefhrt werden knne und da man
ihr jeden Verkehr mit der Auenwelt untersagen wrde; dagegen geno sie im
Kloster von Castro die gleiche Freiheit, Briefe zu empfangen und
abzusenden, wie alle Nonnen. berdies, und das entschied ihr Schwanken,
war es der Garten dieses Klosters, wo Giulio sein Blut fr sie vergossen
hatte; sie konnte den hlzernen Sessel der Pfrtnerin wiedersehen, auf den
er sich einen Augenblick gesetzt hatte, um die Wunde an seinem Knie zu
beschauen, es war dort, wo er Marietta die blutbefleckten Blumen gegeben
hatte, die sie nicht mehr verlieen. Also kehrte sie traurig in das
Kloster von Castro zurck, und man knnte ihre Geschichte hier beenden: es
wre gut fr sie und vielleicht auch fr den Leser. Denn tatschlich
werden wir dem langsamen Sinken einer edlen und reichen Seele zuschauen.
Kluge Manahmen und gesellschaftliche Lgen, die sie von nun an rings
umgaben, verdrngten die aufrichtigen Regungen lebhafter und natrlicher
Leidenschaft. Der rmische Chronist schaltet hier eine Betrachtung ein,
die voll Naivett ist: Weil sich eine Frau die Mhe gibt, eine schne
Tochter zur Welt zu bringen, glaubt sie das Talent zu besitzen, ihr Leben
zu lenken; und weil sie ihr im Alter von sechs Jahren mit Grund sagte:
"Mein Frulein, richtet Euren Kragen", glaubt sie, wenn diese Tochter
achtzehn und sie fnfzig Jahre alt ist, -- und diese Tochter ebensoviel
oder mehr Geist besitzt als die Mutter --, hingerissen von der Gewohnheit
des Herrschens noch immer das Recht zu haben, ihr Leben zu lenken, sei es
auch durch Betrug.

Wir werden sehen, da Vittoria Carafa, die Mutter Helenas durch eine Reihe
geschickter und beraus klug kombinierter Mittel den grausamen Tod ihrer
so zrtlich geliebten Tochter herbeifhrte, nachdem sie durch ihre
traurige Herrschsucht zwlf Jahre hindurch ihr Unglck gewesen war.

Bevor er starb, hatte Signor von Campireali noch die Freude, in Rom den
Richtspruch bekannt geben zu sehen, durch den Branciforte verurteilt ward,
zwei Stunden lang an den Kreuzungen der Hauptstraen Roms mit glhenden
Zangen gezwickt und dann an langsamem Feuer verbrannt zu werden; seine
Asche sollte man danach in den Tiber werfen. Die Fresken, des Klosters
Santa Maria Novella in Florenz zeigen noch heute, wie man diese grausamen
Urteile gegen die Kirchenschnder vollstreckte. Gewhnlich war dabei ein
groes Wachaufgebot ntig, um das emprte Volk zurckzuhalten, das sich an
Stelle der Henker setzen wollte. Jeder gebrdete sich, als wre er der
vertraute Freund der Madonna. Signor Campireali hatte sich dieses Urteil
noch wenige Minuten vor seinem Tode vorlesen lassen und schenkte dem
Advokaten, welchem er es verdankte, seinen schnen, zwischen Albano und
dem Meer gelegenen Landsitz dafr. Dieser Advokat war nicht ohne
Verdienst, denn Branciforte war zu diesem grlichen Tod verurteilt
worden, obwohl sich kein Zeuge fand, der ihn unter der Verkleidung des
jungen, mit soviel Autoritt die Bewegungen der Angreifer leitenden
Kuriers erkannt haben wollte. Die unerhrte Gre dieser Schenkung brachte
alle Intriganten Roms in Aufregung. Damals gab es bei Hof einen bekannten
Fratone, einen undurchsichtigen und zu allem fhigen Menschen, -- selbst
dazu, den Papst zu zwingen, ihm den Hut zu verleihen; er besorgte die
geschftlichen Angelegenheiten des Frsten Colonna und dieser gefhrliche
Klient verschaffte ihm groes Ansehen. Als Signora Campireali ihre Tochter
nach Castro zurckgekehrt wute, lie sie diesen Fratone rufen.

"Euer Ehrwrden sollen glnzend belohnt werden, wenn Ihr einer hchst
einfachen Sache, die ich Euch erklren werde, zum guten Ausgang verhelfet.
In wenigen Tagen wird das Urteil, welches Giulio Branciforte zu einem
schrecklichen Tod verdammt, auch im Knigreich Neapel bekannt gemacht und
vollstreckbar werden. Ich ersuche Euer Ehrwrden, diesen Brief des
Vize-Knigs zu lesen, der weitlufig mit mir verwandt ist und mir diese
Neuigkeit zu melden geruht. In welchem Land kann Branciforte Zuflucht
suchen? Ich werde dem Frsten fnfzigtausend Piaster mit der Bitte
bersenden, sie ganz oder zum Teil Giulio Branciforte unter der Bedingung
zu geben, da er beim Knig von Spanien, meinem Herrn, Dienst gegen die
Rebellen von Flandern nimmt. Der Vize-Knig wird Branciforte ein
Hauptmannsdiplom geben, und damit das Urteil wegen Gotteslsterung,
welches wohl bald auch in Spanien vollstreckbar sein wird, ihn in seiner
Laufbahn nicht hindert, wird er sich Baron Lizzara nennen, nach einem
kleinen Gut, das mir in den Abruzzen gehrt, dessen Besitz ich ihm durch
einen Scheinkauf verschaffen werde. Ich glaube, da Euer Ehrwrden noch
nie eine Mutter so den Mrder ihres Sohns behandeln gesehen haben. Mit
fnfhundert Piastern htten wir uns lngst dieses hassenswerten Menschen
entledigen knnen: aber wir wollten uns nicht mit Colonna berwerfen. Habt
also die Gte, den Frsten wissen zu lassen, da meine Achtung vor seinen
Rechten mich sechzig- bis achtzigtausend Piaster kostet. Ich will nie
wieder von diesem Branciforte sprechen hren -- und vor allem versichert
dem Frsten meine Ehrerbietung."

Der Fratone sagte, da er in drei Tagen eine Wanderung in die Gegend von
Ostia machen werde, und Signora Campireali bergab ihm einen Ring im Wert
von tausend Piastern.

Einige Tage spter erschien der Fratone wieder in Rom und sagte der
Signora Campireali, da er ihren Vorschlag dem Frsten nicht zur Kenntnis
gebracht htte, aber da der junge Branciforte sich binnen eines Monats
nach Barcelona einschiffen wrde, wo sie ihm bei einem der Bankiers dieser
Stadt fnfzigtausend Piaster anweisen solle.

Giulio bereitete dem Frsten groe Schwierigkeit, denn trotz der Gefahr,
die er von nun ab in Italien lief, mochte sich der junge Verliebte nicht
entschlieen, dieses Land zu verlassen. Vergebens lie der Frst
durchblicken, da Signora Campireali sterben knne, vergebens versprach er
ihm, da er in jedem Fall nach drei Jahren sein Vaterland wiedersehen
solle; Giulio vergo Trnen, aber er stimmte nicht zu. Der Frst war
gentigt, diese Abreise als persnlichen Dienst von ihm zu verlangen;
Giulio konnte dem Freund seines Vaters nichts abschlagen; aber vor allem
wollte er Helenas Wnsche wissen. Der Frst geruhte, die bermittlung
eines langen Briefes auf sich zu nehmen; ja er erlaubte Giulio, ihm einmal
im Monat aus Flandern zu schreiben. Endlich schiffte sich der verzweifelte
Liebhaber nach Barcelona ein. Alle seine Briefe wurden vom Frsten, der
nicht wollte, da Giulio jemals nach Italien zurckkehre, verbrannt. Wir
haben vergessen, zu sagen, da der Frst, obgleich seinem Wesen nichts
ferner lag als eitle Anmaung, sich doch, um die Geldgeschichte glcklich
zu ordnen, zu der uerung verpflichtet glaubte, da er es gewesen sei,
der es fr angemessen hielt, dem einzigen Sohn eines der treuesten Diener
des Hauses Colonna ein kleines Vermgen von fnfzigtausend Piastern
zuzuwenden.

Die arme Helena wurde im Kloster von Castro als Frstin behandelt. Der Tod
ihres Vaters hatte sie in den Besitz eines betrchtlichen Vermgens
gesetzt und ein unermeliches Erbteil kam noch hinzu. Als ihr Vater starb,
lie sie jedem Einwohner von Castro und Umgebung, der erklrte, um Herrn
von Campireali Trauer tragen zu wollen, fnf Ellen schwarzen Tuchs
schenken. Es war noch in den ersten Tagen, als ihr von gnzlich
unbekannter Hand ein Brief Giulios zugestellt wurde. Es wre schwierig,
die Entzckungen zu schildern, mit denen dieser Brief geffnet wurde; und
nicht minder die tiefe Traurigkeit, die ber sie kam, nachdem sie ihn
gelesen hatte. Und doch war es ohne Zweifel die Handschrift Giulios; sie
wurde mit der grten Aufmerksamkeit geprft, der Brief sprach von Liebe;
aber welcher Liebe, groer Gott! Und doch hatte ihn Signora Campireali,
die so viel Geist besa, verfat. Ihr Plan war: die Korrespondenz mit
sieben oder acht Briefen voll leidenschaftlicher Liebe einzuleiten; so
wollte sie auf die spteren vorbereiten, in denen diese Liebe nach und
nach erlschen sollte.

Wir gehen rasch ber zehn Jahre eines unglcklichen Lebens hinweg. Helena
glaubte sich vllig vergessen; trotzdem wies sie mit Hochmut die
Huldigungen der vornehmsten jungen Edelleute Roms zurck. Indessen, als
man ihr von dem jungen Ottavio Colonna sprach, dem ltesten Sohn des
berhmten Fabrizio, der sie einstens in La Petrella so schlecht empfangen
hatte, war sie einen Augenblick unentschieden. Es erschien ihr, wenn sie
nun einmal einen Gatten nehmen mute, um ihrem Besitz im Kirchenstaat und
im Knigreich Neapel einen Beschtzer zu geben, als Linderung, den Namen
eines Mannes zu tragen, den Giulio einstmals geliebt hatte. Htte sie
dieser Heirat zugestimmt, dann htte Helena sehr bald die Wahrheit ber
Giulio Branciforte erfahren. Der alte Frst Fabrizio sprach oft und mit
Entzcken von der bermenschlichen Tapferkeit des Obersten Lizzara,
welcher sich gleich den Helden des alten Roms schlage, und gleich ihnen
sich durch groe Taten von der unglcklichen Liebe abzulenken versuchte,
die ihn fr jedes Vergngen unempfindlich machte. Giulio glaubte, da
Helena lngst verheiratet sei: Signora von Campireali hatte nicht nur ihre
Tochter mit Lgen umgeben.

Helena hatte sich mit dieser so geschickten Mutter wieder halb vershnt,
deren grter Wunsch war, sie verheiratet zu wissen; die Mutter bat ihren
Freund, den alten Kardinal Santi-Quatro, den Protektor der 'Heimsuchung',
der nach Castro reiste, er mge den ltesten Nonnen des Klosters im
Vertrauen erzhlen, da seine Reise durch einen Gnadenakt verzgert worden
sei: der gute Papst Gregor XIII. habe aus Mitleid fr die Seele eines
Briganten, namens Giulio Branciforte, der es einst versuchte, ihr Kloster
zu schnden, bei der Nachricht von dessen Tode das Urteil der
Gotteslsterung aufheben wollen, berzeugt davon, da er unter der Last
einer solchen Verdammung niemals das Fegefeuer wieder verliee; falls
Branciforte, der in Mexiko von den Wilden berrascht und niedergemacht
worden sei, berhaupt das Glck gehabt habe, nur ins Fegefeuer zu kommen.
Diese Neuigkeit versetzte das ganze Kloster von Castro in Aufregung; sie
gelangte auch zu Helena, die sich damals allen Torheiten der Eitelkeit
hingab, welche der Besitz eines groen Vermgens in einem aufs tiefste
gelangweilten Menschen erwecken kann. Von diesem Augenblick an verlie sie
nicht mehr ihr Zimmer. Man mu wissen, da sie das halbe Kloster hatte
umbauen lassen, um das kleine Zimmer der Pfrtnerin, wo Giulio in jener
Nacht einen Augenblick whrend des Kampfes ausgeruht hatte, bewohnen zu
knnen. Nach unendlichen Mhen war es ihr geglckt, die drei noch lebenden
Bravi zu entdecken, von den fnf aus Giulios Gefolge, die damals dem
Gefecht in Castro entronnen waren, und sie hatte sie, trotz des schwer zu
besnftigenden Skandals, in ihre Dienste genommen. Unter ihnen befand sich
Ugone, jetzt alt und von Wunden bedeckt. Der Anblick dieser drei Mnner
hatte viel Murren erregt, aber schlielich war die Furcht, welche Helenas
hochfahrender Charakter dem ganzen Kloster einflte, grer, und man sah
sie tglich in der Livree des Hauses Campireali Helenas Befehle am ueren
Gitter entgegennehmen, und oft weitlufig auf ihre Fragen antworten, die
immer dem gleichen Gegenstand galten.

Nach den ersten sechs Monaten der Einschlieung in sich selbst und der
Abkehr von allen weltlichen Dingen, die der Nachricht von Giulios Tod
gefolgt waren, ist das erste Gefhl, welches diese durch einen unheilbaren
Schmerz und eine namenlose Langweile bereits gebrochene Seele wieder zum
Leben weckte, ein Gefhl der Eitelkeit gewesen.

Vor kurzem war die btissin gestorben. Dem Brauch gem, hatte der
Kardinal Santi-Quatro, der trotz des hohen Alters von zweiundneunzig
Jahren noch Protektor des Klosters zur 'Heimsuchung' war, die Liste der
drei vornehmen Nonnen aufgestellt, aus welchen der Papst die btissin
whlen sollte. Es muten sehr gewichtige Grnde im Spiel sein, wenn Seine
Heiligkeit die beiden letzten Namen der Liste berhaupt las; gewhnlich
begngte er sich damit, einen Strich mit der Feder durch diese Namen zu
ziehen, und die Ernennung war geschehen.

Eines Tages stand Helena am Fenster des ehemaligen Pfrtnergemachs, das
jetzt den uersten Flgel des neuen, auf ihren Befehl hergestellten
Anbaus bildete. Dieses Fenster lag hchstens zwei Fu ber dem Gang, der
ehemals mit Giulios Blut getrnkt war und jetzt einen Teil des Gartens
bildete. Helena hatte die Augen sinnend auf den Boden geheftet. Die drei
Damen, welche man seit einigen Stunden auf der Liste des Kardinals zur
Nachfolge der verstorbenen btissin wute, kamen am Fenster Helenas
vorber. Sie bemerkte sie nicht und konnte sie daher auch nicht gren.
Eine der Damen wurde dadurch gereizt und sagte laut genug zu den andren:

"Das ist eine nette Art fr eine Pensionrin, ihr Zimmer so den Augen
aller zur Schau zu stellen."

Durch diese Worte aufgestrt, sah Helena auf und begegnete drei boshaften
Augenpaaren.

'Nun wohl,' sagte sie sich, das Fenster ohne Gru schlieend, 'lange genug
bin ich jetzt das Lamm in diesem Kloster gewesen, man mu Wolf sein, wre
es auch nur, um den Neugierigen in der Stadt etwas Abwechslung zu bieten!'

Eine Stunde spter brachte einer ihrer Leute folgenden Kurierbrief ihrer
Mutter, welche seit zehn Jahren in Rom lebte und verstanden hatte, sich
dort groen Einflu zu verschaffen.

          "Hochverehrte Mutter!

Jedes Jahr schenkst Du mir an meinem Namenstage dreihunderttausend Francs,
und ich verwende dieses Geld, um hier Torheiten zu begehen; ehrenvolle
allerdings, aber doch Torheiten. Obwohl du es mir schon seit langem nicht
mehr zu verstehen gibst, wei ich doch, da zwei Dinge imstande sind, Dir
meine Dankbarkeit fr all Deine guten Absichten zu beweisen. Verheiraten
werde ich mich nicht mehr, aber ich wrde mit Vergngen btissin dieses
Klosters; ich bin auf diesen Einfall gekommen, weil die drei Damen, welche
unser Kardinal Santi-Quatro auf die Liste gesetzt hat, die er dem Heiligen
Vater vorlegt, meine Feindinnen sind; und welche immer gewhlt wird, mu
ich rger aller Art erwarten. Spende meine Festgabe den Personen, die in
Betracht kommen; schaffen wir erst eine Verzgerung von sechs Monaten fr
die Ernennung; das wird die Priorin des Klosters, die meine intime
Freundin ist und gegenwrtig die Zgel der Regierung in Hnden hat, vor
Freude auer sich bringen. Schon dies wird eine Quelle des Glckes fr
mich sein und es ist so selten, da ich dies Wort anwenden kann, wenn ich
von Deiner Tochter spreche. Ich finde meinen Einfall toll, aber wenn Du
irgendeine Mglichkeit des Erfolgs siehst, werde ich binnen drei Tagen den
weien Schleier nehmen; ich habe das Recht auf Erla von sechs Monaten, da
ich seit acht Jahren ununterbrochen im Kloster wohne. Der Dispens kostet
vierzig Taler und wird nicht verweigert.

Ich verbleibe respektvoll

                                   meine ehrwrdige Mutter usw."

Dieser Brief bereitete Signora von Campireali die grte Freude. Als sie
ihn empfing, hatte sie schon lebhaft bereut, ihrer Tochter den Tod
Brancifortes angekndigt zu haben; sie wute nicht, wie diese tiefe
Melancholie, die sie befallen hatte, enden wrde; sie sah irgendeinen
Gewaltstreich voraus; sie ging so weit, zu frchten, ihre Tochter knnte
nach Mexiko gehen, um den Ort zu suchen, wo, wie man behauptet hatte,
Branciforte gettet worden war; in diesem Fall war es leicht mglich, da
sie in Madrid den wahren Namen des Oberst Lizzara erfuhr. Andrerseits war
das, was ihre Tochter durch den Kurier verlangte, die schwierigste, und
man kann wohl sagen, die absurdeste Sache von der Welt. Ein junges
Mdchen, das nicht einmal Nonne war, und auerdem blo durch die tolle
Leidenschaft eines Briganten bekannt war, die sie vielleicht erwidert
hatte, sollte an die Spitze eines Klosters gesetzt werden, in dem alle
rmischen Frsten Verwandte hatten! 'Aber', dachte sich Signora von
Campireali, 'man sagt, da jeder Proze gefhrt und deshalb auch gewonnen
werden kann.' In ihrer Antwort machte Vittoria Carafa ihrer Tochter etwas
Hoffnung, die gewhnlich keine andren als absonderliche Wnsche hatte, zum
Ausgleich aber sehr leicht den Geschmack daran verlor. Noch im Lauf des
Abends unterrichtete sie sich ber alles, was in nherer oder weiterer
Beziehung zum Kloster von Castro stehen knnte und erfuhr, da ihr Freund,
der Kardinal Santi-Quatro seit mehreren Monaten sehr schlechter Laune sei;
er wollte seine Nichte mit Don Ottavio Colonna, dem ltesten Sohn des
Frsten Fabrizio, von dem in dieser Geschichte so oft die Rede war,
vermhlen. Der Frst bot ihm seinen zweiten Sohn Don Lorenzo an, denn um
seine Vermgensverhltnisse wieder in Ordnung zu bringen, die durch den
Krieg uerst zerrttete waren, den der Knig von Neapel und der
Papst -- endlich einig -- gegen die Briganten von La Faggiola gefhrt
hatten, konnte er nicht davon abstehen, da die Frau seines ltesten
Sohnes eine Mitgift von sechshunderttausend Piastern dem Hause Colonna
mitbringen msse. Aber der Kardinal Santi-Quatro, wenn er selbst alle
seine andren Verwandten in der anstigsten Weise enterbte, vermochte
hchstens ein Vermgen von dreihundertachtzigtausend oder
vierhunderttausend Talern anzubieten.

Vittoria Carafa verbrachte den Abend und einen Teil der Nacht damit, sich
diese Tatsachen von allen Freunden des alten Santi-Quatro besttigen zu
lassen. Am nchsten Morgen lie sie sich schon um sieben Uhr bei dem alten
Kardinal melden. "Eminenz," sagte sie ihm, "wir sind alle beide recht alt,
es ist unntig, da wir uns zu tuschen trachten, indem wir Dingen, die
nicht schn sind, schne Namen geben; ich werde Euch jetzt eine Tollheit
vorschlagen: alles, was ich zu ihren Gunsten sagen kann, ist, da sie
nicht niedrig ist; aber ich mu selbst gestehen, da ich sie ber alle
Maen lcherlich finde. Als man wegen der Heirat meiner Tochter Helena mit
Don Ottavio Colonna verhandelte, habe ich Freundschaft fr diesen jungen
Mann gewonnen und am Tage seiner Hochzeit werde ich Euch
zweihunderttausend Piaster in Landbesitz oder in Silber geben, mit der
Bitte, es ihm zuzuwenden. Aber damit eine arme Witwe wie ich ein so
ungeheures Opfer bringen kann, mu meine Tochter Helena, die jetzt
siebenundzwanzig Jahre zhlt und seit dem Alter von neunzehn Jahren nicht
einmal auerhalb des Klosters geschlafen hat, btissin von Castro werden;
man mu zu diesem Zweck die Wahl um sechs Monate verzgern; die Sache
entspricht dem geltenden Recht."

"Was sagt Ihr, Signora?" rief der alte Kardinal auer sich, "Seine
Heiligkeit selbst vermchte das nicht, was Ihr von einem alten
unvermgenden Greise verlangt."

"Ich habe Eurer Eminenz ja auch gesagt, da die Sache lcherlich sei: die
Toren werden sie toll finden, aber Leute, welche wohl ber das
unterrichtet sind, was bei Hof vor sich geht, werden denken, da unser
ausgezeichneter Frst, der gute Papst Gregor XIII. die loyalen und langen
Dienste Eurer Eminenz belohnen wollte, indem er eine Ehe erleichtert, von
der ganz Rom wei, da Eure Eminenz sie wnscht. Im brigen ist die Sache
leicht mglich und entspricht vollkommen dem Recht, ich stehe dafr; meine
Tochter wird schon morgen den weien Schleier nehmen."

"Aber die Simonie, Signora!" rief der alte Mann mit schrecklicher Stimme
aus.

Signora von Campireali schickte sich an zu gehen.

"Was bedeutet das Papier, das Ihr hier lat?"

"Das ist die Liste der Gter, die ich im Werte von zweihunderttausend
Piastern anbieten wrde, wenn man bares Geld nicht wnscht; der Wechsel
des Eigentmers knnte lange Zeit geheimgehalten werden; zum Beispiel: das
Haus Colonna wrde mir Prozesse machen, die ich verlieren wrde ..."

"Aber die Simonie, Signora, erschreckliche Simonie!"

"Vorerst mu man die Wahl um sechs Monate hinausschieben, ich werde morgen
kommen, um die Anordnungen Eurer Eminenz entgegenzunehmen."

Ich glaube, da es notwendig ist, Lesern, die nrdlich der Alpen geboren
sind, den fast offiziellen Ton mehrerer Stellen dieser Unterredung zu
erklren; ich erinnere daran, da in streng katholischen Lndern die
meisten Unterredungen ber heikle Dinge schlielich zum Beichtstuhl
gelangen, und dann ist es durchaus nicht gleichgltig, ob man ein
respektvolles Wort gebraucht hat oder eine ironische Wendung.

Im Laufe des nchsten Tages erfuhr Vittoria Carafa, da die Wahl, zufolge
eines groen, sachlichen Irrtums, der in der Liste der drei zur btissin
vorgeschlagenen Damen entdeckt worden war, um sechs Monate verschoben
wurde: die an zweiter Stelle der Liste angefhrte Dame hatte einen
Renegaten in der Familie, einer ihrer Groonkel war in Udine zum
Protestantismus bergetreten.

Signora von Campireali glaubte einen besonderen Schritt beim Frsten
Fabrizio Colonna unternehmen zu sollen, dessen Hause sie einen so
ansehnlichen Vermgenszuwachs angeboten hatte. Nach dreitgigen
Anstrengungen gelang es ihr, eine Unterredung in einem Dorf nahe bei Rom
zu erreichen; aber sie kehrte ganz erschreckt von dieser Audienz zurck;
sie hatte den gewhnlich so ruhigen Frsten dermaen benommen von dem
Kriegsruhm des Obersten Lizzara gefunden, da sie es fr ganz zwecklos
erachtete, ihn um Stillschweigen ber diesen Fall zu ersuchen. Der Oberst
war fr ihn wie ein Sohn, ja noch mehr: wie ein geliebter Schler. Der
Frst las gewisse Briefe, die aus Flandern kamen, wieder und immer wieder.
Was wrde aus dem Lieblingsplan, dem Signora von Campireali seit zehn
Jahren schon so viel geopfert hatte, wenn ihre Tochter vom Leben und vom
Ruhm des Oberst Lizarra erfhre?

Ich glaube, da es besser ist, viele Umstnde stillschweigend zu
bergehen, welche wohl die Sitten jener Zeit getreu spiegeln, aber
trbselig zu erzhlen sind. Der Autor des rmischen Manuskripts hat sich
unendliche Mhe gegeben, um den genauen Sachverhalt dieser Einzelheiten
aufzufinden, die ich unterdrcke.

Zwei Jahre nach der Zusammenkunft der Signora von Campireali mit dem
Frsten Colonna war Helena btissin von Castro, aber der alte Kardinal von
Santi-Quatro war vor Gram ber diesen argen Akt von Simonie gestorben. Zu
dieser Zeit hatte Castro den schnsten Mann des ppstlichen Hofs zum
Bischof, Monsignor Francesco Cittadini, aus Mailndischem Geschlecht.
Dieser junge Mann, der durch seinen bescheidenen Anstand und seinen Ton
voll Wrde auffiel, hatte viele Dinge mit der btissin der 'Heimsuchung'
zu erledigen, besonders als sie einen neuen Kreuzgang zur Verschnerung
des Klosters erbauen lie. Dieser junge Bischof Cittadini, der damals
neunundzwanzig Jahre alt war, verliebte sich grenzenlos in die schne
btissin. In dem Proze, der ein Jahr spter stattfand, berichteten viele
Nonnen, da der Bischof so oft wie mglich das Kloster aufsuchte und ihrer
btissin sagte: "An andren Orten befehle ich und wie ich zu meiner Schande
gestehen mu, es bereitet mir ein gewisses Vergngen. Euch gehorche ich
wie ein Sklave, aber mit einem Genu, der weit grer ist, als wenn ich
anderswo befehle. Ich befinde mich unter dem Einflu eines hheren Wesens;
wenn ich es auch versuchen wrde, knnte ich doch keinen andren Willen
haben als den seinen und wrde lieber in alle Ewigkeit der letzte seiner
Sklaven sein, als fern von seinen Augen ein Knig."

Die Zeugen berichten, da die btissin ihm oft inmitten solcher eleganter
Phrasen befahl, zu schweigen und auf harte Weise, in Ausdrcken, die ihre
Verachtung zeigten.

"Um die Wahrheit zu sagen," fhrt ein andrer Zeuge fort, "[sic!
Schlieendes Anfhrungszeichen fehlt (wohl einige Abstze weiter).]ihre
Gnaden behandelte ihn oft wie einen Dienstboten; in solchen Fllen schlug
der arme Bischof die Augen nieder und begann zu weinen, aber er ging nicht
fort. Er fand jeden Tag neue Vorwnde, um wieder im Kloster zu erscheinen,
was die Beichtvter der Nonnen und die Feinde der btissin sehr
entrstete. Aber die Frau btissin wurde von der Priorin lebhaft
verteidigt, ihrer intimen Freundin, welche unter ihrem unmittelbaren
Befehl der inneren Leitung vorstand. "Ihr wit, meine Schwestern," sagte
diese, "da seit jener vergeblichen Leidenschaft, die unsre btissin in
ihrer ersten Jugend fr einen Sldner des Glcks gehegt hat, ihr viel
bizarre Einflle zurckgeblieben sind; aber Ihr kennt alle diesen
bemerkenswerten Zug ihres Charakters, da niemals jemand fr sie in
Betracht kommt, den sie einmal verachtet hat. Nun hat sie vielleicht in
ihrem ganzen Leben nicht so viele beleidigende Worte geuert, wie in
unsrer eigenen Gegenwart zu dem armen Monsignor Cittadini: tagtglich
sehen wir ihn eine Behandlung erdulden, die uns fr seine hohe Wrde
errten lt."

"Ja," antworteten die aufgebrachten Nonnen, "aber er kommt alle Tage
wieder, also wird er wohl im Grunde nicht so schlecht behandelt werden,
und in jedem Falle schadet auch der Anschein dieses Abenteuers dem Ansehen
des Heiligen Ordens der Heimsuchung."

Der strengste Herr richtet an den ungeschicktesten Diener nicht ein
Viertel der Beschimpfungen, mit denen die hochmtige btissin den jungen
Bischof samt seiner salbungsvollen Art berhufte; aber er war verliebt
und er hatte aus seiner Heimat den unerschtterlichen Grundsatz
mitgebracht, da man sich bei einer Unternehmung dieser Art, -- wenn sie
einmal begonnen ist --, nur um das Ziel kmmern darf.

"Am Schlu des Handels", sagte der Bischof zu seinem Vertrauten, Cesare
del Bene, "trifft die Verachtung den Liebhaber, der sich vom Angriff
vorzeitig zurckzog, ohne durch Eingriffe hherer Gewalt dazu gezwungen
worden zu sein."

Jetzt mu sich meine traurige Aufgabe darauf beschrnken, einen
notgedrungen sehr trockenen Auszug des Prozesses zu geben, in dessen Folge
Helena den Tod fand. Die Beschreibung dieses Gerichtsverfahrens, die ich
in einer Bibliothek gelesen habe, deren Namen ich verschweigen mu, umfat
nicht weniger als acht Foliobnde. Das Verhr und die Beweisfassung sind
in lateinischer Sprache gehalten, die Antworten italienisch. Ich lese
darin, da sich im Monat November 1572, gegen elf Uhr abends, der junge
Bischof allein zum Tore der Kirche begab, wo whrend des Tags die
Glubigen Einla finden; die btissin selbst ffnete ihm dieses Tor und
erlaubte ihm, ihr zu folgen. Sie empfing ihn in einem Zimmer, wo sie sich
oft aufhielt, das durch eine geheime Tr mit den Emporen in Verbindung
stand, welche das Kirchenschiff beherrschen.

Eine Stunde mochte kaum verflossen sein, als der Bischof sehr erstaunt
wieder nach Hause geschickt wurde; die btissin selbst begleitete ihn zur
Kirchentre zurck und sagte ihm diese verbrgten Worte: "Kehrt in Euren
Palast zurck, verlat mich schleunigst. Adieu Monsignore, Ihr erregt mir
Abscheu; es ist mir, als htte ich mich einem Lakaien hingegeben."

Indessen kam drei Monate spter der Karneval. Die Bewohner von Castro
waren durch die Feste, die sie in dieser Zeit einander gaben, berhmt; die
ganze Stadt widerhallte vom Lrm der Maskenscherze. Alles ging an einem
kleinen Fenster vorber, welches einer wohlbekannten Stallung des Klosters
einen schwachen Lichtschein gab. Man wei, da schon drei Monate vor dem
Karneval diese Stallung in einen Salon verwandelt worden war und zur Zeit
der Maskeraden niemals leer wurde. Inmitten aller Narrheiten des Volks
fuhr der Bischof in seiner Karosse vorber; die btissin gab ihm ein
Zeichen und um ein Uhr der folgenden Nacht verfehlte er nicht, sich an der
Kirchentr einzufinden. Er trat ein; aber nach weniger als dreiviertel
Stunden wurde er im Zorn fortgeschickt. Seit dem ersten Stelldichein im
Monat November kam er so etwa alle acht Tage ins Kloster. Man sah in
seinem Gesicht einen leichten Ausdruck von Triumph und Dummheit, der
niemandem entging und das Unglck hatte, den stolzen Charakter der jungen
btissin auerordentlich zu reizen. Besonders am Ostermontag behandelte
sie ihn wie den letzten der Menschen und sagte ihm Worte, die sich der
rmste der Taglhner des Klosters nicht htte bieten lassen. Indessen gab
sie ihm einige Tage spter wieder das Zeichen, dem folgend der schne
Bischof nicht verfehlte, sich um Mitternacht an der Kirchentr
einzufinden. Sie hatte ihn kommen lassen, um ihm mitzuteilen, da sie
schwanger sei. Bei dieser Ankndigung, heit es in den Akten, erbleichte
der schne junge Mann vor Entsetzen und wurde ganz und gar blde vor
Angst. Die btissin hatte Fieber, sie lie den Arzt rufen und machte ihm
gegenber kein Geheimnis aus ihrem Zustand. Dieser Mann kannte den
gromtigen Charakter der Kranken und sicherte ihr zu, ihr aus der
Verlegenheit zu helfen. Er begann damit, da er sie mit einer hbschen
jungen Frau aus dem Volk in Verbindung brachte, die nicht den Titel einer
Hebamme besa, aber deren Kunst ausbte. Ihr Mann war Bcker. Helena war
unbefriedigt von der Unterredung mit dieser Frau, die ihr erklrte, da
sie zur Ausfhrung des Plans, mit dessen Hilfe sie auf Rettung hoffte,
zwei Vertraute im Kloster bentige.

"Eine Frau euresgleichen, meinethalben; aber eine aus meinem Stande? Nein.
Geht mir aus den Augen."

Die Hebamme zog sich zurck. Aber einige Stunden darauf lie sie Helena,
die es nicht klug fand, sich dem Geschwtz dieser Frau auszusetzen, durch
den Arzt ins Kloster zurckholen, wo sie freigebig beschenkt wurde. Diese
Frau schwur, da sie niemals, auch wenn sie nicht zurckgerufen worden
wre, das ihr anvertraute Geheimnis verraten htte, aber sie erklrte
nochmals, da sie sich auf nichts einlassen knne, wenn sie nicht im
Kloster zwei dem Interesse der btissin ergebene Mitwisserinnen htte.
Ohne Zweifel frchtete sie die Anklage wegen Kindesmord.

Nachdem sie viel darber nachgedacht hatte, beschlo die btissin, das
schreckliche Geheimnis Schwester Vittoria anzuvertrauen, der Priorin des
Klosters, aus der vornehmen Familie der Herzge von C**, und Schwester
Bernarda, der Tochter des Marchese P**. Sie lie sie auf ihr Brevier
schwren, niemals ein Wort von dem, was sie ihnen jetzt anvertrauen wrde,
verlauten zu lassen, nicht einmal vor dem hochnotpeinlichen Gericht. Diese
Damen waren vor Schreck verstrt. Sie gestanden spter beim Verhr, da
sie sich unter dem Eindruck des hochfahrenden Charakters ihrer btissin
auf das Gestndnis einer Mordtat gefat gemacht htten. Die btissin sagte
ihnen einfach und kalt:

"Ich habe mich gegen alle meine Pflichten vergangen, ich bin schwanger."

Schwester Vittoria, die Priorin, war tief bewegt und ganz verwirrt wegen
der langjhrigen Freundschaft, die sie mit Helena verband, und nicht blo
aus Neugierde rief sie mit Trnen in den Augen aus:

"Wer ist der Unvorsichtige, der dieses Verbrechen begangen hat!"

"Ich habe es selbst meinem Beichtvater nicht gesagt; urteilt also, ob ich
es euch sagen werde."

Diese beiden Damen beratschlagten sogleich ber die Manahmen, um das
verhngnisvolle Geheimnis dem brigen Kloster zu verbergen. Sie
entschieden vor allem, da das Schlafzimmer der btissin, das ganz im
Mittelpunkt des Klosters lag, nach der Apotheke verlegt werden msse, die
man im entlegensten Teil des Klosters, im dritten Stock des groen, durch
Helenas Freigebigkeit entstandenen Neubaus eingerichtet hatte. An diesem
Ort war es, da die btissin einem Knaben das Leben schenkte. Seit drei
Wochen war die Frau des Bckers in den Gemchern der Priorin versteckt.
Als diese Frau dann mit dem Kind schnell durch das Kloster eilte, begann
es zu schreien, und die Frau flchtete sich in ihrem Entsetzen in den
Keller. Eine Stunde spter gelang es Schwester Bernarda mit Hilfe des
Arztes, eine kleine Gartentr zu ffnen, und die Frau des Bckers verlie
hastig das Kloster und bald darauf die Stadt. In die Campagna gelangt und
von panischem Schrecken verfolgt, flchtete sie sich in eine Grotte, die
der Zufall sie in einem der Felsen entdecken lie. Die btissin schrieb an
Cesare del Bene, den Vertrauten und ersten Kammerherrn des Bischofs, der
zu der bezeichneten Grotte eilte; er war zu Pferde, er nahm das Kind in
seine Arme und ritt im Galopp nach Montefiascone. Das Kind wurde in der
Kirche Santa Margherita getauft und empfing den Namen Alessandro. Die
Gastwirtin des Orts hatte eine Amme verschafft, der Cesare acht Taler
zurcklie; viele Frauen, die sich whrend der Tauffeierlichkeit um die
Kirche angesammelt hatten, hrten nicht auf, Signor Cesare nach dem Vater
des Kindes zu fragen.

"Das ist ein groer Herr aus Rom", sagte er ihnen, "der sich erlaubt hat,
eine arme Buerin wie Ihr zu verfhren."

Und er verschwand.



VII.


Bis dahin ging alles gut, trotz dieses ungeheuren Klosters, das von mehr
als dreihundert neugierigen Frauen bewohnt wurde; niemand hatte etwas
gesehen, niemand etwas gehrt. Aber die btissin hatte dem Arzt einige
Hnde voll neuer in der Mnze Roms geprgter Zechinen bergeben. Der Arzt
gab mehrere dieser Goldstcke der Frau des Bckers. Diese Frau war hbsch
und ihr Mann eiferschtig; er durchstberte ihren Koffer und fand diese
glnzenden Goldstcke darin; und da er sie fr den Preis seiner Schande
hielt, setzte er seiner Frau ein Messer an die Kehle und zwang sie zu
sagen, woher die Goldstcke stammten. Nach einigen Ausflchten gestand die
Frau die Wahrheit und der Friede wurde geschlossen. Die Eheleute begannen
nun ber die Verwendung einer so groen Summe zu beratschlagen. Die
Bckerin wollte einige Schulden bezahlen; aber der Mann fand es schner,
ein Maultier zu kaufen, was auch geschah. Dieses Maultier erregte Aufsehen
in dem Viertel, wo man die Armut des Ehepaars kannte. Alle Weiber der
Stadt, Freundinnen und Feindinnen fragten eine nach der andern die Frau
des Bckers, wer der freigebige Liebhaber gewesen sei, der sie in Stand
gesetzt habe, ein Maultier zu kaufen. Diese Frau wurde dadurch so gereizt,
da sie einige Male die Wahrheit antwortete. Eines Tages, als Cesare del
Bene das Kind besucht hatte und zur btissin zurckkehrte, um Bericht zu
erstatten, schleppte sich diese, obgleich sie sehr unplich war, bis zum
Gitter und machte ihm wegen der Unzuverllichkeit der von ihm verwendeten
Mittelspersonen Vorwrfe. Der Bischof seinerseits wurde krank vor Angst;
er schrieb seinen Brdern in Mailand, um ihnen die ungerechte Anklage,
deren Ziel er war, zu erzhlen; auch forderte er sie auf, ihm zu Hilfe zu
kommen. Obwohl er sich schwer leidend fhlte, fate er den Entschlu,
Castro zu verlassen; aber bevor er es tat, schrieb er der btissin:

"Ihr wit bereits, da alles, was vorgefallen ist, bekannt wurde. Wenn
Euch deshalb daran liegt, nicht allein meinen Ruf, sondern vielleicht mein
Leben zu retten, und um den Skandal zu verkleinern, knnt Ihr Giovanni
Battista Doleri beschuldigen, der vor zwei Tagen gestorben ist. Wenn Ihr
auf diese Weise auch nicht Eure Ehre wiederherstellen knnt, so luft
wenigstens die meine keine Gefahr mehr."

Der Bischof lie Don Luigi, den Beichtvater des Klosters von Castro,
rufen:

"Gebt dies eigenhndig der Frau btissin", sagte er zu ihm.

Als diese das ehrlose Schreiben gelesen hatte, rief sie laut vor allen,
die sich im Zimmer befanden:

"So verdienen die trichten Jungfrauen behandelt zu werden, welche die
Schnheit des Leibes ber die der Seele stellen!"

Das Gercht von allem, was in Castro vor sich ging, kam rasch zu Ohren des
schrecklichen Kardinals Farnese. Er hatte sich diese Bezeichnung seit
einigen Jahren verdient, weil er hoffte, im nchsten Konklave die
Untersttzung der Eiferer zu finden. Sogleich gab er der Obrigkeit von
Castro den Auftrag, den Bischof Cittadini zu verhaften. Dessen ganze
Dienerschaft ergriff aus Furcht vor der Folter die Flucht. Nur Cesare del
Bene blieb seinem Herrn treu und schwur ihm, da er eher auf der Folter
sterben, als etwas gestehen wrde, was ihm schaden knnte.

Cittadini, der seinen Palast von Wachen umringt sah, schrieb aufs neue
seinen Brdern, die in groer Eile von Mailand ankamen. Sie fanden ihn
schon im Gefngnis von Ronciglione eingekerkert.

Ich entnehme aus dem ersten Verhr der btissin, da sie ihre Schuld offen
zugestand, aber leugnete, in Beziehung zu dem Hochwrdigsten Bischof
gestanden zu haben, ihr Mitschuldiger sei Gian-Battista Doleri, Advokat
des Klosters, gewesen.

Am 9. September 1573 befahl Gregor XIII., da der Proze in aller Strenge
und Eile erledigt werde. Ein Kriminalrichter, ein Fiskal und ein Kommissr
begaben sich nach Castro und nach Ronciglione. Cesare del Bene, der erste
Kammerherr des Bischofs, gestand, blo ein Kind zu einer Amme gebracht zu
haben. Man verhrt ihn in Gegenwart der ehrwrdigen Klosterschwestern
Vittoria und Bernarda. Man unterwarf ihn zwei Tage hintereinander der
Tortur; er litt grlich, aber seinem Wort getreu, gestand er nur das, was
zu leugnen unmglich war, und der Fiskal konnte nicht mehr aus ihm
herausbringen.

Als die Reihe an die ehrwrdigen Damen Vittoria und Bernarda kam, die
Zeugen der Folterung Cesares gewesen waren, gestanden sie alles, was sie
getan hatten. Alle Nonnen wurden nach dem Urheber des Verbrechens gefragt,
die meisten antworteten, da es der Hochwrdigste Herr Bischof gewesen
sei. Eine der Schlieerinnen berichtet die beleidigenden Worte, welche die
btissin gebraucht hatte, als sie den Bischof aus der Kirche wies. Sie
fgte hinzu: "Wenn man in diesem Ton zueinander spricht, zeigt es an, da
man schon lange ein Liebesverhltnis hat. Der Herr Bischof, der sonst
durch bermige Selbstgeflligkeit auffiel, hatte ein ganz linkisches
Aussehen, als er die Kirche verlie."

Eine Nonne, im Anblick der Folterwerkzeuge verhrt, antwortet, da die
Katze Urheber des Verbrechens sein msse, weil die btissin sie nie aus
den Armen lt und immerzu liebkost. Eine andre Nonne behauptet: der
Urheber des Verbrechens msse der Wind sein, weil die btissin an Tagen,
wo der Wind weht, glcklich und guter Laune sei; sie setze sich dem Wind
auf einem Belvedere, das sie eigens hatte erbauen lassen, aus, und wenn
man an diesem Ort eine Gnade erbitten kam, sei sie niemals verweigert
worden. Die Frau des Bckers, die Amme, die Weiber von Montefiascone
bekannten aus Furcht vor den Folterqualen, die sie Cesare hatten erleiden
sehen, die Wahrheit.

Der junge Bischof war krank oder spielte in Ronciglione den Kranken, was
seinen Brdern Anla gab, durch das Ansehen und den Einflu der Signora
von Campireali untersttzt, sich mehrmals dem Papst zu Fen zu werfen und
von ihm zu erbitten, da das Verfahren aufgeschoben werde, bis der Bischof
seine Gesundheit wiedererlangt habe. Auf dies hin vermehrte der
schreckliche Kardinal Farnese die Zahl der Soldaten, die ihn in seinem
Gefngnis bewachten. Da der Bischof nicht verhrt werden konnte, begannen
die Kommissre in jeder ihrer Sitzungen immer wieder, die btissin einem
Verhr zu unterziehen. Eines Tages, als ihre Mutter ihr hatte sagen
lassen, sie solle guten Mutes bleiben und fortfahren, alles zu leugnen,
gestand sie alles.

"Warum habt Ihr zuerst Gian-Battista Doleri bezichtigt?"

"Aus Mitleid mit der Feigheit des Bischofs, und dann, wenn es ihm gelingt,
sein teures Leben zu retten, damit er fr meinen Sohn sorgen kann."

Nach diesem Gestndnis schlo man die btissin in eine Zelle des Klosters
von Castro ein, deren Wnde und Deckenwlbung acht Fu dick waren; die
Nonnen sprachen nur mit Schaudern von diesem Verlies, das unter dem Namen
Mnchszelle bekannt war. Die btissin wurde hier stndig von drei Frauen
berwacht.

Als sich die Gesundheit des Bischofs ein wenig gebessert hatte, kamen
dreihundert Sbirren oder Soldaten, um ihn aus Ronciglione zu holen, und er
wurde in einer Snfte nach Rom geschafft. Dort brachte man ihn in einem
Gefngnis unter, das Corte Savella hie. Wenige Tage spter wurden auch
die Nonnen nach Rom eingeliefert; die btissin wurde im Kloster Santa
Marta, untergebracht. Vier Nonnen waren beschuldigt: die ehrwrdigen
Schwestern Vittoria und Bernarda, die Schwester, welche an jenem Tage die
Aufsicht fhrte, und die Pfrtnerin, welche die beleidigenden Worte gehrt
hatte, die von der btissin an den Bischof gerichtet wurden.

Der Bischof wurde vom Auditor der ppstlichen Kammer vernommen, einem der
hchsten Vertreter des Richterstandes. Man spannte den armen Cesare del
Bene von neuem auf die Folter; doch er gestand nichts, ja er sagte sogar
Dinge aus, die dem Staatsanwalt peinlich waren, was ihm eine neue
Folterung eintrug. Diese Einleitungsmarter muten auch die ehrwrdigen
Schwestern Vittoria und Bernarda erleiden. Der Bischof leugnete alles in
dmmster Weise, aber mit einer geflligen Hartnckigkeit; er zhlte mit
den grten Einzelheiten alles auf, was er an den drei offenkundig bei der
btissin verbrachten Abenden vorgenommen haben wollte.

Schlielich stellte man die btissin dem Bischof gegenber, und obgleich
sie bestndig die Wahrheit gesagt hatte, wurde sie dennoch der Folterung
unterworfen. Weil sie auf dem beharrte, was sie auf ihrem ersten
Gestndnis immer ausgesagt hatte, berhufte sie der Bischof, seiner Rolle
getreu, mit Beleidigungen.

Nach mehreren andren, im Grunde vernnftigen Manahmen, die aber von jenem
Geist der Grausamkeit befleckt sind, der seit der Regierung Karls V. und
Philipps II. zu sehr an den Tribunalen Italiens vorwiegt, wurde der
Bischof zu lebenslnglicher Gefangenschaft in der Engelsburg verurteilt.
Die btissin wurde verurteilt, ihr ganzes Leben im Kloster von Santa
Marta, wo sie sich aufhielt, eingekerkert zu werden. Aber schon hatte es
Signora von Campireali unternommen, um ihre Tochter zu retten, einen
unterirdischen Gang ausheben zu lassen. Dieser Gang begann bei einer der
aus der Herrlichkeit des alten Rom zurckgebliebenen Kloaken und sollte
bei dem tiefen Kellergewlbe enden, wo man die sterblichen Reste der
Nonnen von Santa Marta beisetzte. Dieser Gang von zwei Fu Breite hatte
Bretterwnde, um das Erdreich rechts und links zu sttzen und als
Deckenwlbung gab man ihm, im Mae man vorwrts kam, zwei wie die Schenkel
eines groen A gestellte Bretter.

Man grub diesen unterirdischen Weg in einer Tiefe von etwa dreiig Fu.
Das schwierigste war, ihn in der rechten Richtung weiterzufhren; jeden
Augenblick waren die Arbeiter durch antike Brunnen und Grundmauern
gezwungen, eine Wendung zu machen. Eine andre groe Schwierigkeit
bereitete die weggerumte Erde, mit der man nichts Rechtes anzufangen
wute; es sah aus, als ob man sie nachts in allen Straen Roms ausste.
Man wunderte sich ber diese Menge Erde, die sozusagen vom Himmel fiel.

Wie gro die Summen auch waren, welche Signora von Campireali ausgab, um
ihre Tochter zu retten, wre ihr unterirdischer Gang doch sicher entdeckt
worden; aber der Papst Gregor XIII. starb 1585, und die Herrschaft der
Unordnung zog mit der Vakanz des Heiligen Stuhls ein.

Helena ging es in Santa Marta sehr schlecht; man kann sich denken, wie
sehr die einfachen und armen Nonnen wetteiferten, eine so reiche, eines
solchen Verbrechens berfhrte btissin zu qulen. Helena erwartete mit
Ungeduld das Ergebnis der von ihrer Mutter unternommenen Arbeit. Aber
pltzlich erfuhr ihr Herz seltsame Bewegung. Schon vor sechs Monaten hatte
Fabrizio Colonna, der angesichts des schwankenden Gesundheitszustands
Gregors XIII. groe Plne fr die Zeit des Interregnums fate, einen
seiner Offiziere zu Giulio Branciforte geschickt, der jetzt in der
spanischen Armee unter dem Namen Oberst Lizzara sehr bekannt geworden war.
Er rief ihn nach Italien zurck. Giulio brannte darauf, seine Heimat
wiederzusehen. Er landete unter einem angenommenen Namen in Pescara, einem
kleinen Hafen des Adriatischen Meeres, der unterhalb Chieti in den
Abruzzen lag, und kam ber das Gebirge nach La Petrella. Die Freude des
Frsten setzte alle Welt in Erstaunen. Er teilte Giulio mit, da er ihn
zurckrufen lie, um ihn zu seinem Nachfolger zu machen und ihm den Befehl
ber seine Soldaten zu bergeben. Worauf Branciforte antwortete, da,
militrisch gesprochen, das Unternehmen nichts mehr wert sei, was er
leicht beweisen knne; wenn jemals Spanien ernstlich wollte, wrde es in
sechs Monaten mit geringen Auslagen smtliche Briganten Italiens
vernichten.

"Aber trotz allem," fgte der junge Branciforte hinzu, "wenn Ihr es wollt,
bin ich bereit zu marschieren, mein Frst. Ihr werdet stets in mir den
Nachfolger des tapferen, bei Ciampi gefallenen Ranuccio finden."

Vor Giulios Ankunft hatte der Frst befohlen, so wie er zu befehlen
verstand, da sich niemand in Petrella unterfangen solle, von Castro und
von dem Proze der btissin zu sprechen; Todesstrafe ohne Nachsicht war
auf das geringste Geschwtz gesetzt. Mitten in den Freundschaftsergssen,
mit denen er Branciforte empfing, bat er ihn, niemals ohne ihn nach Albano
zu gehen, und seine Art, diese Reise zu machen, bestand darin, da er die
Stadt durch tausend seiner Leute besetzen lie, und eine Vorhut von
zwlfhundert Mann auf der Strae nach Rom aufstellte. Man stelle sich vor,
was der arme Giulio empfand, als der Frst den alten Scotti, welcher noch
lebte, in das Haus, wo er sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, holen
lie und ihn in das Zimmer rief, wo er sich mit Giulio aufhielt. Als die
beiden Freunde einander umarmt hatten, rief er Giulio zu sich: "Jetzt,
mein armer Oberst, mut du dich auf das Schlimmste gefat machen."

Darauf blies er das Licht aus und verlie das Zimmer, in dem er die beiden
Freunde einschlo.

Am nchsten Morgen schickte Giulio, der sein Zimmer nicht verlassen
wollte, die Bitte zum Frsten, nach La Petrella gehen und sich dafr
einige Tage beurlauben zu drfen. Aber man brachte ihm die Meldung, da
der Frst verschwunden sei samt seinen Truppen.

In der Nacht hatte er den Tod Gregors XIII. erfahren; er hatte seinen
Freund Giulio vergessen und war ber Land. Bei Giulio waren nur etwa
dreiig Mann geblieben, die einst zur Kompanie Ranuccios gehrten. Es ist
bekannt genug, da in jenen Zeiten whrend der Vakanz des Heiligen Stuhls
die Gesetze schwiegen; jeder dachte nur daran, seine Leidenschaften zu
befriedigen und es galt nur die Kraft; darum hatte, noch vor dem Ende des
Tags, Frst Colonna schon mehr als fnfzig seiner Feinde aufhngen lassen.
Giulio aber, obgleich er nicht vierzig Mann bei sich hatte, wagte es, nach
Rom zu marschieren.

Die ganze Dienerschaft der btissin von Castro war ihr treu geblieben; sie
hatten sich in den rmlichen Husern um das Kloster Santa Marta herum
eingemietet. Der Todeskampf Gregors XIII. hatte lnger als eine Woche
gedauert; Signora von Campireali erwartete ungeduldig die Tage der
Verwirrung, die seinem Tod folgen wrden, um die letzten fnfzig Schritt
ihres unterirdischen Ganges in Angriff zu nehmen. Da man die Keller von
mehreren bewohnten Husern durchqueren mute, frchtete sie sehr, das Ziel
ihrer Unternehmung nicht lnger verbergen zu knnen.

Schon am bernchsten Tag nach der Ankunft Brancifortes in La Petrella,
schienen die drei ehemaligen Bravi Giulios, welche Helena in ihre Dienste
genommen hatte, nrrisch geworden zu sein. Obgleich jedermann nur zu gut
wute, da sie in strenger Geheimhaft gehalten und von Nonnen bewacht
wurde, die sie haten, kam doch Ugone, einer der Bravi, zum Klostertor und
bat instndigst unter den seltsamsten Vorwnden, da man ihm erlauben
mge, seine Herrin zu sehen, und zwar auf der Stelle. Er wurde abgewiesen
und zur Tr hinausgeworfen. In seiner Verzweiflung blieb der Mann aber
hier stehn und fing an, jedem der Bediensteten des Hauses, mochte er
ein- oder ausgehn, einen Bajocco zu geben, wobei er stets diese gleichen
Worte sagte: "Freut Euch mit mir, Signor Giulio Branciforte ist
angekommen, er lebt: sagt dies Euren Freunden."

Die beiden Kameraden Ugones verbrachten den Tag damit, ihm Bajocchi
zuzutragen, und sie fuhren Tag und Nacht darin fort, sie mit den immer
gleichen Worten zu verteilen, bis ihnen nichts mehr blieb. Aber die drei
Bravi fuhren, einander ablsend, trotzdem fort, die Wache an der Tr des
Klosters Santa Marta zu beziehen und richteten mit tiefen Verbeugungen an
alle Aus- und Eintretenden immer die gleichen Worte: "Signor Giulio ist
angekommen ..."

Der Einfall dieser braven Leute hatte Erfolg: keine sechsunddreiig
Stunden nach der Verteilung des ersten Bajocco wute die arme Helena trotz
ihrer Einzelhaft in der Tiefe ihres Kerkers, da Giulio lebte; dieses Wort
versetzte sie in Raserei:

"O meine Mutter," rief sie aus, "habt Ihr mir genug Leid zugefgt?"

Einige Stunden spter wurde ihr diese erstaunliche Neuigkeit durch die
kleine Marietta besttigt, die all ihren Goldschmuck fr die Erlaubnis
geopfert hatte, der Schwester Pfrtnerin, die der Gefangenen die
Mahlzeiten brachte, zu folgen. Helena warf sich in ihre Arme und weinte
vor Freude.

"Das ist sehr schn," sagte sie ihr, "aber ich werde kaum mehr bei dir
bleiben."

"Gewi!" sagte Marietta, "ich denke wohl, da die Zeit des Konklaves nicht
verstreichen wird, ohne da sich Euer Gefngnis in eine einfache
Verbannung verwandelt."

"Ach, meine Teure, Giulio wiedersehen! Und ihn wiedersehen, und ich
schuldig!"

In der Mitte der dritten Nacht, die dieser Unterredung folgte, strzte ein
Teil des Fubodens der Kirche mit groem Getse ein; die Nonnen von Santa
Marta glaubten, da das Kloster versinke. uerste Verwirrung herrschte,
alle Welt glaubte an ein Erdbeben. Ungefhr eine Stunde nach dem Einsturz
des Marmorfubodens der Kirche drang Signora von Campireali, ihr voran die
drei Bravi aus Helenas Diensten, durch den unterirdischen Gang in den
Kerker.

"Sieg, Sieg, Herrin!" riefen die Bravi. Helena befiel Todesangst, sie
glaubte, da Giulio Branciforte mit ihnen kme. Sie beruhigte sich und
ihre Zge nahmen den gewohnten strengen Ausdruck an, als sie ihr sagten,
da sie nur Signora von Campireali begleiteten und da Giulio noch in
Albano sei, welches er mit wenigen tausend Mann besetzt hielte.

Nach einigen Minuten Wartens erschien Signora von Campireali; sie ging mit
groer Mhe und hatte den Arm ihres Haushofmeisters genommen, der in
groem Staat war, mit dem Degen an der Seite; aber sein prchtiges Gewand
war ganz mit Erde beschmutzt.

"O meine teure Helena! Ich komme, um dich zu retten!" rief Signora von
Campireali.

"Und wer sagt Euch, da ich gerettet sein will?"

Signora von Campireali war verblfft; sie sah ihre Tochter mit groen
Augen an, sie schien sehr aufgeregt.

"Nun wohl, meine teure Helena," sagte sie endlich, "das Schicksal zwingt
mich, dir eine Handlung einzugestehen, die nach dem Unglck, das ehemals
unsrer Familie zustie, vielleicht ganz natrlich war, die ich aber bereue
und dich zu verzeihen bitte: Giulio Branciforte ... lebt."

"Und weil er lebt, will ich nicht leben!"

Signora von Campireali verstand erst gar nicht, was ihre Tochter meinte,
dann richtete sie die flehentlichsten, zrtlichsten Bitten an sie; aber
sie erhielt keine Antwort: Helena hatte sich zu ihrem Kruzifix gewendet
und betete, ohne sie zu hren. Es war vergeblich, da Signora von
Campireali eine Stunde lang die uersten Anstrengungen machte, um ein
Wort oder einen Blick zu erlangen. Endlich sagte ihre Tochter ungeduldig:

Unter[sic! Vorab fehlt: "] dem Marmor dieses Kruzifixes waren seine Briefe
in meinem kleinen Zimmer in Albano verborgen; es wre besser gewesen, mich
von meinem Vater tten zu lassen! Geht ... und lat mir Gold zurck."

Als Signora von Campireali trotz der besorgten Zeichen ihres
Haushofmeisters noch lnger mit ihrer Tochter reden wollte, wurde Helena
rgerlich:

"Lat mir wenigstens eine Stunde Freiheit. Ihr habt mein Leben vergiftet,
wollt Ihr nun auch meinen Tod vergiften?"

"Wir werden ber den unterirdischen Gang noch zwei oder drei Stunden
verfgen knnen; ich wage zu hoffen, da du dich noch eines Besseren
besinnen wirst," rief Signora von Campireali, in Trnen ausbrechend. Und
sie nahm den Weg unter die Erde zurck.

"Ugone, bleibe bei mir", sagte Helena zu einem ihrer Bravi, "und sei wohl
bewaffnet, mein Bursche, denn vielleicht gilt es, mich zu verteidigen. La
mich deinen Dolch, dein Schwert, dein Messer sehen!"

Der alte Soldat zeigte ihr seine beruhigend guten Waffen.

"Nun wohl, halte dich dort vor meinem Gefngnis auf, ich werde Giulio
einen langen Brief schreiben, den du selbst ihm zustellen wirst; ich will
nicht, da er durch andre Hnde als deine geht, da ich nichts habe, um ihn
zu schlieen. Du kannst alles lesen, was dieser Brief enthlt. Nimm das
ganze Gold, das meine Mutter hiergelassen hat, in deine Taschen; ich
brauche nur noch fnfzig Zechinen fr mich, lege sie auf mein Bett."

Nach diesen Worten begann Helena zu schreiben:

"Ich zweifle nicht an Dir, mein teurer Giulio; ich gehe von hinnen, weil
ich in Deinen Armen vor Schmerz sterben mte; ich wrde sehen, wie gro
mein Glck gewesen wre, wenn ich nicht einen Fehltritt begangen htte.
Glaub nicht, da ich jemals nach Dir ein andres Wesen auf der Welt geliebt
habe; weit entfernt davon, war mein Herz immer von der lebhaftesten
Verachtung fr den Mann erfllt, den ich bei mir einlie. Mein Fehltritt
geschah einzig aus Langweile und -- wenn man will -- aus Leichtfertigkeit.
Bedenke, da mein Geist, der durch den vergeblichen Versuch zu La Petrella
so geschwcht war, wo der Frst, den ich verehrte, weil Du ihn liebtest,
mich so grausam empfing -- bedenke, sage ich, da mein so geschwchter
Geist zwlf Jahre lang von Lgen umlagert war. Alles, was mich umgab, war
falsch und verlogen, und ich wute es. Ich erhielt anfangs etwa dreiig
Briefe von Dir, urteile selbst, mit welchem Entzcken ich die ersten
ffnete! Aber indem ich sie las, wurde mein Herz zu Eis. Ich prfte diese
Schrift, ich erkannte die Zge Deiner Hand wieder, aber nicht Dein Herz.
Glaub mir, da diese erste Lge mein innerstes Leben so zerstrt hat, da
ich soweit kam, einen Brief mit Deiner Handschrift ohne Freude zu ffnen!
Die verabscheuungswrdige Ankndigung Deines Todes vernichtete vollends
alles in mir, was noch aus den glcklichen Zeiten unsrer Jugend
briggeblieben war. Meine erste Absicht war, wie Du wohl verstehen wirst,
die Kste Mexikos aufzusuchen und die Stelle mit meinen Hnden zu
berhren, wo die Wilden Dich, wie man mir sagte, gettet hatten. Wenn ich
diesen Gedanken ausgefhrt htte ... wrden wir jetzt glcklich sein, denn
wie gro auch die Zahl und die Geschicklichkeit der von einer wachsamen
Hand um mich gesten Spione gewesen wre, htte ich doch in Madrid alle
Seelen, in denen noch Mitleid und Gte lebte, mir gnstig gestimmt, und
wahrscheinlich htte ich die Wahrheit erfahren; denn schon, mein Giulio,
hatten Deine Heldentaten die Aufmerksamkeit der Welt auf Dich gelenkt und
vielleicht wute irgendwer in Madrid, da Du Branciforte seist. Willst Du,
da ich Dir sage, was unser Glck verhinderte? Zuerst die Erinnerung an
den grausamen und krnkenden Empfang, den mir der Frst in La Petrella
bereitet hatte: welche mchtigen Hindernisse gab es von Castro bis Mexiko
zu berwinden! Du siehst, meine Seele hatte schon ihre Kraft verloren.
Dann kam mir eine Eingebung der Eitelkeit. Ich hatte groe Bauten im
Kloster durchfhren lassen, um die Loge der Pfrtnerin, worin Du in der
Kampfnacht Zuflucht fandest, als Zimmer zu nehmen. Eines Tages betrachtete
ich den Boden, den Du ehemals fr mich mit Deinem Blut getrnkt hattest;
da hrte ich ein verchtliches Wort; ich erhob die Augen und sah gehssige
Gesichter; um mich zu rchen, wollte ich btissin werden. Meine Mutter,
die sehr wohl wute, da Du am Leben warst, leistete das uerste, um
diese ungeheuerliche Ernennung zu erreichen. Diese Stellung war fr mich
nur eine Quelle von Langweile; durch sie wurde meine Seele vollends
erniedrigt. Ich fand Vergngen daran, meine Macht oft nur im Unglck der
andren zu genieen; ich beging Ungerechtigkeiten. Ich sah mich mit dreiig
Jahren in den Augen der Welt tugendhaft, reich, angesehen und trotzdem
vollkommen unglcklich. Da zeigte sich dieser arme Mensch, der ja die Gte
selbst war, aber die Unbedeutendheit in Person. Seine Unbedeutendheit
machte, da ich seine ersten Antrge ertrug. Meine Seele war so
unglcklich durch alles, was mich seit Deiner Abreise umgab, da sie nicht
mehr die Kraft hatte, der kleinsten Versuchung zu widerstehen. Soll ich
Dir etwas sehr Indezentes gestehen? Aber einer Toten ist alles erlaubt.
Wenn Du diese Zeilen lesen wirst, werden die Wrmer diese angeblichen
Schnheiten verzehren, die nur Dir gehren durften. Endlich mu ich Dir
das sagen, was mir schwer wird; ich sah nicht ein, warum ich nicht, wie
alle unsre rmischen Damen, die Liebe der Sinne versuchen sollte; ich
hatte eine Anwandlung von Leichtfertigkeit; aber ich konnte mich nie jenem
Menschen hingeben, ohne ein Gefhl des Abscheus und des Ekels zu
empfinden, das jedes Vergngen zerstrte. Ich sah immer Dich an meiner
Seite, in unserm Garten in Albano, als die Madonna Dir den edlen Gedanken
eingab, der aber dann durch meine Mutter zum Unglck unsres Lebens
geworden ist. Du warst nicht drohend, sondern zrtlich und gut, wie Du
immer warst; Du sahst mich an und dann empfand ich Wut gegen diesen andren
Mann und ich ging soweit, ihn aus aller Kraft zu schlagen. Das ist die
ganze Wahrheit, mein teurer Giulio, ich wollte nicht sterben, ohne sie Dir
zu sagen -- und ich dachte auch, da diese Zwiesprache mit Dir vielleicht
den Gedanken an den Tod von mir nehmen knnte. Ich ersehe aber nur klarer
daraus, wie meine Freude gewesen wre, wenn ich Deiner wert geblieben
wre. Ich befehle Dir zu leben und die militrische Karriere fortzusetzen,
die mir solche Freude bereitet hat, als ich von Deinen Erfolgen hrte. Was
wre gewesen, groer Gott! wenn ich Deine Briefe erhalten htte, besonders
nach der Schlacht von Achenne! Lebe und rufe Dir oft Ranuccio ins
Gedchtnis zurck, der bei Ciampi fiel, und Helena, die in Santa Marta
starb, weil sie in Deinen Augen keinen Vorwurf lesen wollte."

Nachdem sie den Brief beendet hatte, nherte sich Helena dem alten
Soldaten, den sie schlafend fand; sie nahm seinen Dolch, ohne da er es
merkte, dann weckte sie ihn.

"Ich bin zu Ende," sagte sie ihm, "ich frchte, da sich unsre Feinde des
unterirdischen Zugangs bemchtigen. Nimm schnell meinen Brief, der auf dem
Tisch liegt und bring ihn Giulio, du selbst bringst ihn, verstehst du? Und
gib ihm noch mein Taschentuch, dieses hier; sag ihm, da ich ihn auch in
diesem Augenblick nicht mehr liebe, als ich ihn immer geliebt habe, immer,
hrst du wohl!"

Ugone blieb stehen und ging nicht fort.

"Geh doch!"

"Signora, habt Ihr es wohl berlegt? Signor Giulio liebt Euch so sehr!"

"Ich auch, ich liebe ihn, nimm den Brief und bergib ihn selbst."

"Nun wohl, mge Gott Eure Gte segnen!"

Ugone ging und kehrte schnell zurck. Er fand Helena tot: sie hatte den
Dolch im Herzen.




SCHWESTER SCOLASTICA

BERTRAGEN VON FRANZ BLEI


In Neapel hrte ich im Jahr 1824 in der Gesellschaft von der Geschichte
der Schwester Scolastica und dem Kanonikus Cibo sprechen. Neugierig, wie
ich bin, kann man sich denken, wie ich herumfragte. Aber kein Mensch
wollte mir klar und deutlich Auskunft geben; man frchtete, sich zu
kompromittieren. In Neapel spricht man nmlich von politischen Dingen
niemals klar und deutlich; und dies ist der Grund davon: Eine
neapolitanische Familie, die zum Beispiel aus drei Shnen, einer Tochter,
Vater und Mutter besteht, zerfllt in drei verschiedene
Parteien -- Verschwrungen, wie man das in Neapel nennt. So gehrt die
Tochter zur Partei ihres Liebhabers; jeder der Shne gehrt einer
bestimmten Partei, und die Eltern sprechen mit einem Seufzer vom Hofe, der
regierte, als sie zwanzig Jahre alt waren. Aus dieser Isolierung der
Individuen ergibt sich, da man niemals ernstlich und offen von Politik
spricht. Bei der geringsten etwas prziseren Aufstellung, die um etwas den
Gemeinplatz verlt, erblassen ein paar Gesichter.

Da mein Ausfragen nach der Geschichte mit dem barocken Namen in der
Gesellschaft keinerlei Ergebnis hatte, glaubte ich, es handle sich in der
Geschichte dieser Schwester Scolastica um eines jener grauenvollen
Ereignisse krzester Vergangenheit, aus dem Jahre 1820 zum Beispiel.

Eine vierzigjhrige Witwe, eine gute, aber nichts weniger als schne Frau
vermietete mir die Hlfte ihres kleinen Hauses in einer Gasse hundert
Schritte weit vom reizenden Park von Chiaja, am Fu des Hgels, den hier
die Villa der Prinzessin Florida krnt, der Freundin des alten Knigs. Es
ist das vielleicht das einzige ruhige Viertel von Neapel. Meine Witwe
hatte einen alten Galan, dem ich eine Woche durch den Hof machte. Als wir
eines Tages miteinander durch die Stadt schlenderten, zeigte er mir die
Stellen, wo sich die Lazzaroni gegen die Truppen des Generals Championnet
geschlagen und den Hinterhof, wo sie den Herzog von *** lebendig verbrannt
hatten; da fragte ich ihn im berfall, doch ganz ruhig, weshalb man ein
solches Geheimnis mit der Geschichte der Suor Scolastica mache.

Er gab mir ganz ruhig die Antwort: "Die frstlichen Namenstitel, die jene
trugen, sind auf deren heute lebende Nachfahren gekommen, und die wrde es
vielleicht peinlich berhren, ihre Namen mit einer Geschichte vermengt zu
sehen, die so tragisch und fr alle Welt so traurig war."

"Ist die Sache denn nicht im Jahre 1820 passiert?"

"Wer hat Ihnen das gesagt?" sagte mein Neapolitaner und lachte laut auf
ber meine Jahreszahl. "Wer hat Ihnen denn was von 1820 gesagt?"
wiederholte er mit dieser wenig hflichen italienischen Lebhaftigkeit, die
dem Pariser so auf die Nerven fllt.

"Wenn Ihnen an Ihrem Menschenverstand liegt, so sagen Sie 1745, also das
Jahr nach der Schlacht von Velletri, die unserem groen Don Carlos den
Besitz von Neapel einbrachte. Hierzulande nannte man ihn Carl VII., und
spter dann, in Spanien, wo er so Auerordentliches vollbrachte, hie man
ihn Carl III. Er hat in unsere knigliche Familie die groe Nase der
Farnese gebracht.

Man nennt heute den Erzbischof nicht gern bei seinem richtigen Namen, vor
dem ganz Neapel zitterte, als ihm hchst unangenehm der Name Velletri in
die Ohren tnte. Die Deutschen lagerten auf den Hgeln um Velletri und
versuchten unsern groen Carlos im Palazzo Grineti, den er bewohnte,
auszuheben.

Es war ein Mnch, der die Anekdote aufgeschrieben haben soll, von der Sie
redeten. Die junge Nonne, die er mit dem Namen Suora Scolastica
bezeichnet, war aus der Familie des Herzogs von Bissignano. Der gleiche
Chronist gibt in seiner Geschichte Proben eines leidenschaftlichen Hasses
gegen den Erzbischof von damals, der, ein mchtiger Politiker in dieser
ganzen Affre, den Kanonikus Cibo als den Handelnden vorschob. Vielleicht
war der schreibende Mnch ein Gnstling des jungen Don Genarino, Marquis
de las Flores, von dem man annimmt, da er dem Carlos das Herz der schnen
Rosalinda streitig gemacht hat, dem sehr galanten Knig sowohl wie auch
dem alten Herzog Vargas del Prado, der fr den reichsten Mann seiner Zeit
galt. Es gibt sicher in der Geschichte dieser Katastrophe Sachen, welche
Personen, die 1760 noch mchtig waren, schwer htten beleidigen knnen,
denn der Mnch, der um das Jahr schrieb, htet sich, deutlich zu sein;
seine Wortkunst ist betrchtlich; er redet immer in allgemeinen Maximen,
sicher von perfekter Moral, aber Bestimmtes ist nicht daraus zu entnehmen.
Nur zu oft mu man das Manuskript zuschlagen, um ber das nachzudenken,
was der gute Pater etwa hat sagen wollen. So wird er zum Beispiel beim
Tode des Don Genarino fast unverstndlich. Ich kann Ihnen vielleicht in
einigen Tagen die Handschrift leihen, die so ennervierend ist, da ich
Ihnen nicht rate, sie zu kaufen. Vor zwei Jahren verkaufte man sie
brigens auf dem Bureau des Notars B. fr nicht weniger als vier Dukaten."

Acht Tage spter war ich im Besitz dieser Handschrift, deren Verfasser
jeden Augenblick seine Geschichte, statt sie zu Ende zu erzhlen, in
andern Worten immer wieder von vorne anfngt; erst glaubt der verzweifelte
Leser, da es sich um ein neues Faktum handelt, und schlielich wird die
Konfusion so gro, da man gar nicht mehr wei, wovon die Rede ist.

Man mu nmlich wissen, da im Jahre 1742 ein Neapolitaner, ein Mailnder,
die vielleicht in ihrem ganzen Leben nicht hundert Worte hintereinander in
toskanischer Sprache gesprochen haben, sich des Toskanischen fr den Druck
bedienen, weil sie das fr schn halten. Der vortreffliche General
Colleta, der grte italienische Historiker, hatte auch ein bichen diese
Manie, die seinen Leser oft unsicher ber das vom Verfasser Gemeinte
macht. Das kaum verstndliche Manuskript, das sich Suora Scolastica
betitelte, zhlte nicht weniger als 310 Seiten. Ich erinnere mich, gewisse
Seiten daraus ins reine geschrieben zu haben, um des Sinnes sicher zu
sein, den ich dem Gelesenen gab.

Sowie ich einmal die Geschichte genau kannte, htete ich mich, direkte
Fragen zu stellen. Sooft mir aus vielem Geschreibsel des Mnches irgendein
sicheres Faktum deutlich war, erbat ich mir mit der unschuldigsten Miene
einige Aufklrungen. Und nach einiger Zeit gab mir eine Person, die zwei
Monate frher mir jede Antwort auf meine Fragen glatt verweigert hatte,
ein kleines handgeschriebenes Heftchen von 60 Seiten, das auf die
Geschichte selber nicht weiter eingeht, aber ber gewisse Fakten
pittoreske Details gibt. Zum Beispiel ber die rasende Eifersucht.

Aus den Worten ihres Almoseniers, den der Erzbischof dazu gewonnen hatte,
erfuhr eines Tages die Prinzessin Donna Ferdinanda de Bissignano, da der
junge Don Genarino nicht in sie, sondern in ihre Stieftochter Rosalinde
verliebt sei. Sie rchte sich an ihrer Rivalin, die sie vom Knig Carlos
geliebt glaubte, indem sie Don Genarino de las Flores in eine heftige
Eifersucht hetzte. Dieses folgende nun ist die Geschichte, welche ganz
Neapel im Jahre 1740 so heftig bewegt hat.

Im Jahre 1740 regierte in Neapel Don Carlos. Er war der Sohn der Frstin
Elisabet von Parma, einer Farnese, die ihm, trotzdem er der Jngere war,
gern eine Krone verschafft htte, weshalb sie ihm zu gnstiger Stunde nach
Italien mit einer Armee dirigierte. Er gewann die Schlacht bei Velletri,
trotzdem der Kampftag fr ihn damit begonnen hatte, da ihn eine Kompagnie
sterreicher des Morgens in seinem Zimmer berraschte. Der Herzog Vargas
del Prado, einer der spanischen Granden, welche die Elisabet Farnese ihrem
Sohn als Stab gegeben hatte, rettete ihm das Leben oder doch die Freiheit,
indem er ihm einen Futritt versetzte, der ihn ans Fenster seines nicht
niedrig gelegenen Schlafzimmers befrderte, durch das er entkam.

Don Carlos mit der ungeheuern Nase war nicht ohne Geist. Als Karl III. von
Neapel hielt er einen glnzenden Hof. Er brachte sich seine Untertanen mit
festlichem Zirzenses nah und fhrte gleichzeitig strenges Regiment in
allen Zweigen der Verwaltung. Die spanischen Vizeknige, deren Klugheit
durch Masaniellos Revolte berhmt geblieben ist, hatte man davongejagt;
die harten und geldgierigen sterreichischen Generle hatte man
davongejagt; in der Folge so vieler Wechsel und Konfiskationen sah sich
der neue Knig Herr fast ber alles Hab und Gut. Die meisten Edelleute
hatten die Konfiskation einiger ihrer Gter erlebt oder wurden mit
konfisziertem Grundbesitz jener Unzufriedenen beschenkt, die von erkauften
Subjekten Verrter genannt wurden. Diese Unsicherheit aller Vermgen
verband sich mit der Notwendigkeit groer Ausgaben um der Gunst des Knigs
willen, und das verpflichtete die groen Herren, hinsichtlich ihrer
Geschfte die Augen recht offen zu halten.

Der Adel drngte sich an den Hof, und der Handelsstand gratulierte sich
dazu, die unglaublichen Plackereien der Vizeknige und die Habsucht der
sterreichischen Generle los zu sein; das gemeine Volk aber war
hchlichst erstaunt, eine Regierung zu haben, von der es nicht immerzu
geschunden wurde und gewhnte sich daran, Steuern zu zahlen, von denen ein
Teil als Premie an Adel und Geistlichkeit verteilt wurde.

Also regierte Don Carlos seit fnf Jahren; Ruhe und Wohlstand kehrten
wieder; glckliche Zuflle halfen dabei. Der Winter von 1740 auf 1741 sah
Festlichkeiten, wie schon lange keiner mehr. Acht oder zehn Damen von
seltener Schnheit teilten sich in alles Lob und Preis, aber der junge
Knig, der ein feiner Kenner war, erklrte fr die schnste Dame seines
Hofes Rosalinda, die Tochter des Principe d'Atella. Dieser Principe
d'Atella, frher sterreichischer General, war ein ebenso trbseliger wie
kluger Mann, der gegen seinen Willen Donna Ferdinanda, seinem zweiten
Weibe, darin nachgab, da sie sich zu Hofe von seiner Tochter, der schnen
Rosalinda, begleiten lie, die der Knig fr die allerschnste erklrte
und die noch nicht sechzehn Jahre zhlte.

Der Principe d'Atella hatte drei Shne aus erster Ehe, deren standesgeme
Versorgung ihm Schwierigkeiten machte. Die Titel dieser Shne, die alle
Herzge oder Prinzen waren, fand er in keinem Verhltnisse zu dem migen
Vermgen stehend, das er ihnen hinterlassen konnte.

D'Atella liebte seine sehr lustige und sehr unvorsichtige Frau, die, wenn
auch um dreiig Jahre jnger als er, doch nicht mehr jung war, und es
whrend der kstlichen Feste dieses Winters nur der Anwesenheit ihrer
Tochter Rosalinda verdankte, immer von einem hofmachenden Schwarm der
glnzendsten Jugend Neapels umgeben zu sein. Ihre besondere Aufmerksamkeit
schenkte sie dem jungen Genarino de las Flores, dessen etwas hochfahrenden
spanischen Manieren dem hbschen und lustigen Gesichte mit dem blonden
Brtchen und den blauen Augen, einer Seltenheit in Neapel, sehr gut
standen; besonders von diesen blauen Augen waren die Damen des Hofes ganz
entzckt. So sehr entzckt, da Genarino schon zwei Wunden aus Duellen mit
Brutigamen oder Brdern trug, in deren Familie er Unordnung gebracht
hatte.

Der junge Marquis war geschickt genug, die Principessa d'Atella zu
berzeugen, da ihr seine Huldigung gelte, aber tatschlich war er in die
junge Rosalinda verliebt und, was mehr ist, eiferschtig auf sie. Eben
jener Herzog, der in der Nacht vor der Bataille von Velletri dem Don
Carlos so von Nutzen gewesen war und sich nun der hchsten Gunst des
jungen Knigs erfreute, war aufs tiefste berhrt von der naiven Grazie der
jungen Rosalinda und ganz besonders von ihrem einfachen Wesen und ihrer
aus den Augen strahlenden Aufrichtigkeit; er machte ihr auf eine
majesttische Weise den Hof, wie sich dies fr einen dreifachen spanischen
Granden gehrt. Aber er schnupfte und trug eine Percke; und gerade
Schnupftabak und Percke sind fr eine junge Neapolitanerin die zwei
Dinge, die sie nicht ausstehen kann. Und trotz der nur bescheidenen
Mitgift von vielleicht zwanzigtausend Francs und keiner andern Aussicht
als das vornehme Kloster San Petito ganz oben in der Toledanerstrae, dem
Modegrab der jungen Mdchen aus dem Hochadel, konnte sich Rosalinda nicht
entschlieen, die leidenschaftlichen Augen des Herzogs von Prada zu
verstehen; wohl aber begriff sie sehr gut, was ihr Don Genarino mit seinen
Blicken sagte, wenn ihn die Principessa d'Atella gerade nicht beobachtete.
Der Herzog von Prada war sich nicht ganz sicher, ob die junge Rosalinda
nicht manchmal auch Antwort auf Genarinos fragende Augen gab.

Die Liebe der beiden hatte wirklich, vernnftig betrachtet, gar keinen
Sinn. Gewi gehrte die Familie der Las Flores zum Hochadel, aber der alte
Herzog dieses Namens, Genarinos Vater, besa drei Shne und hatte nach
Brauch des Landes deren Angelegenheiten so arrangiert, da der lteste
etwa fnfzehnhundert Dukaten Rente bekam, whrend die beiden jngeren sich
mit zwanzig Dukaten im Monat zufrieden geben muten samt Logis im
Stadtpalais und in der Villa, zufrieden geben muten, aber nicht damit
zufrieden waren.

Don Genarino und Rosalinda verwandten all ihre Geschicklichkeit darauf,
was sie fr einander empfanden, vor der Principessa d'Atella zu verbergen,
deren kokettischer Anspruch auf Begehrtwerden dem jungen Marquis niemals
die falschen Gedanken verziehen htte, die sie sich hinsichtlich seiner
Liebe zu ihr machte. Aber ihr Gatte, der alte General, hatte bessere Augen
als sie. Beim letzten Ball, den in diesem Winter Knig Carlos selber gab,
war es ihm ganz klar geworden, da der bereits durch mehr als ein
Abenteuer berhmte Don Genarino es unternommen hatte, entweder seiner Frau
oder seiner Tochter zu gefallen; und das eine pate ihm so wenig wie das
andere. Nchsten Morgen hie er nach dem Frhstck seine Tochter, mit ihm
auszufahren, und er brachte sie, ohne weiter auch nur ein Wort zu
sprechen, nach dem Kloster von San Petito; es ist das jenes damals sehr
modische Kloster, dessen kstliche Fassade man ganz oben zur linken in der
Calle di Toledo sieht neben dem magnifiken Palazzo dei Studi.

Die langhin sich streckenden Mauern, die man bei einem Spaziergang auf der
Wiese von Vomero immer im Rcken hat, sollen das profane Auge abhalten, in
die Grten von San Petito zu blicken.

Der alte Frst tat erst den Mund auf, als er seiner Schwester seine
Tochter vorstellte. Wie eine Mitteilung, die er ihr aus Hflichkeit mache
und fr die sie ihm dankbar sein msse, sagte er zu Rosalinda, da sie das
Kloster nur ein einziges Mal noch verlassen wrde, nmlich am Vorabend des
Tages ihrer Profe.

Rosalinda war ber alles das nicht weiter erstaunt; sie wute ganz gut,
da sie hchstens durch ein Wunder eine Verheiratung erwarten konnte, und
den Herzog Vargas del Prado zu heiraten, davor graute ihr in diesem
Augenblick. Auerdem hatte sie einige Jahre als Pensionrin in dem Kloster
geweilt, in das man sie jetzt zurckbrachte, und alle ihre Erinnerungen an
ihren frhern Klosteraufenthalt waren lustig und amsant; so war sie am
ersten Tage nicht arg betroffen von ihrem Lose; aber schon am nchsten
Tage war ihr deutlich, da sie den jungen Don Genarino niemals wiedersehen
wrde, und das traf sie, trotz ihres Alters Kindlichkeit, tief. Verspielt
und betubt die ersten Tage, wurde sie bald die am wenigsten resignierte
und traurigste unter den Mdchen des Klosters. Wohl zwanzig Male dachte
sie im Tage an Genarino, den sie nicht mehr sehen sollte, whrend doch
frher und zu Hause an diesen liebenswrdigen jungen Mann zu denken ihr
hchstens zweimal im Tage eingefallen war.

Drei Wochen nach ihrem Eintritt im Kloster geschah es ihr, da sie beim
Abendgebet die marianische Litanei ohne jeden Fehler hersagte und ihr
dafr die Novizenmutter fr den andern Tag erlaubte, zum erstenmal, auf
das Belvedere hinaufzusteigen; so nennt man die weitlufige Galerie, von
den Nonnen mannigfaltig mit Bildern und Arabesken geschmckt, die ganz
oben an der Auenmauer des Klosters gegen die Toledanerstrae zu offen
liegt.

Rosalinda war entzckt ber die doppelte Wagenreihe, die um diese Zeit des
Korso die Strae fllt; sie erkannte die meisten Wagen und die Damen
darin. Das amsierte sie und bedrckte sie zugleich.

Aber Verwirrung kam in ihr Herz, als sie unter einem Torweg einen jungen
Mann erkannte, der zrtlich zu ihr hinauf einen Strau wundervoller Blumen
bewegte; es war Don Genarino, der seit Rosalindas Entfhrung ins Kloster
jeden Tag hierher kam in der Hoffnung, sie auf dem Belvedere zu sehen; und
da er um ihre Blumenliebe wute, hatte er jedesmal, um ihre Aufmerksamkeit
auf sich zu lenken, einen Strau seltenster Blumen mitgebracht. Als
Genarino sich erkannt sah, gab er ein sichtbares Zeichen seiner Freude,
und bald folgtem[sic! statt: folgten] diesem andere Zeichen, die zu
beantworten sich Rosalinda htete. Sie berlegte, da nach der vom Kloster
befolgten Regel Benedicti gut ein paar Wochen bis zu neuerlicher Erlaubnis
das Belvedere zu besuchen vergehen knnten. Um sie herum war eine Menge
sehr lustiger Nonnen, von denen fast alle ihren Freunden Zeichen machten,
und diese jungen Damen schienen etwas geniert von der Anwesenheit dieses
jungen Mdchens im weien Schleier, die doch etwas erstaunt sein knnte
ber ihr wenig klsterliches Benehmen und ihr Sprechen mit den Herren da
unten. Man mu wissen, da in Neapel die Mdchen von Kindheit an die
Fingersprache sprechen, bei der die verschiedenen Stellungen der Finger
zueinander das Alphabet bilden. Man kann die Mdchen im Salon auf diese
Weise leise sprechen sehen, whrend sich die betreffenden Eltern laut
unterhalten.

Genarino zitterte bei dem Gedanken, Rosalindas Nonnentum knnte echt sein.
Er war noch etwas weiter zurck in den Torweg getreten und sagte ihr von
hier aus in den Kindersprache der Finger:

"Seitdem ich Sie nicht mehr sehe, bin ich unglcklich. Sind Sie im Kloster
glcklich? Haben Sie so viel Freiheit, fter auf das Belvedere zu kommen?
Lieben Sie immer noch die Blumen?"

Rosalinda sah ihm voll ins Gesicht, aber antwortete nicht. Auf einmal
verschwand sie, entweder von der Novizenmutter gerufen oder von den
wenigen Worten Don Genarinos beleidigt. Der stand eine Weile bestrzt.

Dann stieg er das kleine Gehlz von Aranella hinauf, das ber Neapel
liegt; bis da hinauf zieht sich die Umfassungsmauer des weiten
Klostergartens von San Petito. Weiter ging er seinen melancholischen
Spaziergang und kam auf die Wiesenflche von Vomero, von wo aus man ber
Neapel und das Meer blickt; nach ein paar hundert Schritten stand er vor
dem groartigen Schlosse des Herzogs Vargas del Prado ehemals eine
mittelalterliche Festung mit schwarzen kranelierten Mauern und berhmt in
Neapel wegen seiner Dsterkeit und der Manie des Herzogs, sich nur von
spanischen Domestiken bedienen zu lassen, die genau so alt waren wie er.
Der alte Herzog sagte, da er sich auf seinem Schlosse in Spanien glaube,
und um diesen Eindruck zu vermehren, hatte er auch alle Bume in der
Umgebung umhauen lassen. Sooft es ihm nur der Dienst beim Knig erlaubte,
begab sich der Herzog, um Luft zu schnappen, nach seinem Schlo San
Nicola.

Das dstere Schlo vermehrte noch Genarinos Melancholie. Da packte ihn,
als er unter der Mauer der Grten von San Petito hinschritt, ein Gedanke.
'Natrlich liebt sie noch die Blumen,' sagte er sich; 'die Nonnen drften
deren kultivieren in ihrem Garten; also mu es wohl Grtner geben; ich mu
diese Grtner kennenlernen.'

In dieser sehr verlassenen Gegend gab es eine Osteria, in die Genarino
eintrat; sein Anzug war fr diesen Ort viel zu prchtig, und er merkte mit
einigem Unbehagen, da seine Anwesenheit berraschung und Mitrauen
hervorrief; da tat er, als ob er sehr mde wre und machte sich Liebkind
mit den Wirtsleuten und dem Volk, das da seinen Schoppen Wein trank.
Seiner offenen Art hatte er es zu danken, da die Leute in der Kneipe ihm
seine fr den Ort etwas zu kostbaren Kleider verziehen. Genarino scheute
sich nicht, mit dem Wirt und dessen Freunden ein paar Glser von dem
Bessern zu leeren, den er kommen lie. Nach Verlauf einer Stunde Arbeit
machte seine Anwesenheit keinen mehr mitrauisch. Man ri Witze ber die
adeligen Nonnen von San Petito und ber die Besucher, die manche von ihnen
ber die Gartenmauer weg empfingen.

Genarino bekam die Gewiheit, da, worber man in Neapel so viel redete,
wirklich existiere. Die guten Leute von Vomero scherzten darber, aber
zeigten sich nicht im mindesten entrstet ber die weltlichen Gewohnheiten
der Nonnen von San Petito.




DER CHEVALIER VON SAINT-ISMIER

BERTRAGEN VON FRANZ BLEI


Man schrieb das Jahr 1640. Richelieu war, schlimmer als je, Herr
Frankreichs. Sein eiserner Wille und seine Launen eines groen Mannes
suchten jene turbulenten Geister zu beugen, die Krieg und Liebe mit der
gleichen Leidenschaft trieben. Die Galanterie war noch nicht auf die Welt
gekommen. Die Religionskriege und die um das Gold des dstern Philipp II.
erkauften Fraktionen hatten in den Herzen ein Feuer entzndet, das der
Anblick der auf Befehl Richelieus vom Rumpfe getrennten Kpfe noch nicht
zum Erlschen gebracht hatte. Reim Bauern, beim Edelmann, beim Brger traf
man auf eine Energie, die man in dem Frankreich nach den 72 Jahren
Herrschaft Ludwig XIV. nicht mehr kannte. Im Jahr 1640 war der
franzsische Charakter noch imstande, Energisches zu verlangen, aber die
Tapfersten frchteten den Kardinal; sie wuten ganz genau, da man ihm
nicht entginge, bese man die Unbesonnenheit, im Lande zu bleiben,
nachdem man ihn beleidigt hatte.

Solchem gab der Chevalier von Saint-Ismier seine Gedanken, ein junger
Offizier aus einer der reichsten Adelsfamilien des Languedoc. An einem der
schnsten Juniabende ritt er nachdenklich am rechten Dordogneufer hin,
Moulons gegenber. Er hatte nur einen Domestiken zur Begleitung. Er wute,
wagte er nach Bordeaux zu gehen, da er es hier mit dem Kapitn Rochegude
zu tun habe. Dieser Stadtgewaltige war eine Kreatur des Kardinals, und
Saint-Ismier kannte die schreckliche Eminenz. Trotz seiner fnfundzwanzig
Jahre hatte sich der junge Edelmann im deutschen Kriege rhmlichst
ausgezeichnet. Aber da hatte er zuletzt auf dem Schlo einer Tante, die er
beerben sollte, auf einem Balle Streit mit dem Grafen de Chaix bekommen,
dem Verwandten eines Parlamentsprsidenten der Normandie und treu
ergebenen Dieners des Kardinals, fr dessen Rechnung er in seiner
Krperschaft intrigierte. Alle Welt in Rouen wute das, und so war der
Prsident mchtiger als der Gouverneur selber. Darum beeilte sich
Saint-Ismier auch, nachdem er den Grafen elf Uhr des Nachts unter einer
Straenlaterne gettet hatte, aus der Stadt hinauszukommen; er nahm nicht
einmal Abschied von seiner Tante.

Auf der Hhe des Berges Sainte-Catherine versteckte er sich in dem Walde,
der die Spitze damals noch krnte. Seinem Diener lie er durch einen
Bauern, dem er auf der Landstrae begegnet war, Nachricht zugehen. Der
Diener nahm sich nur so viel Zeit, die Tante zu verstndigen, da der
Chevalier sich sofort zu seinem Schutz auf das Schlo einer befreundeten
Familie in die Nhe von Orleans begebe, und traf mit zwei Pferden im Walde
ein. Kaum war er zwei Tage auf jenem Schlosse, als ein Kapuziner, ein
Proteg des berhmten Pater Joseph und Freund des Schloherrn, diesem
einen Diener zuschickte, der in hchster Eile aus Paris gekommen war, auf
zu Tode gehetzten Postpferden. Der Diener berbrachte einen Brief, der
nichts als diese Worte enthielt:

"Ich kann nicht glauben, was man von Ihnen spricht. Ihre Feinde behaupten,
Sie gben einem Rebellen gegen Seine Eminenz Unterschlupf."

Der arme Saint-Ismier mute aus dem Schlosse bei Orlans flchten, wie er
aus Rouen geflohen war. Der Schloherr, sein Freund, suchte ihn auf der
Jagd auf am andern Ufer der Loire, um ihm den schlimmen Brief zu
bergeben. Der Chevalier nahm dankbaren Abschied und ging an den Flu
hinunter in der Hoffnung, da ein Boot zu finden; zu seinem Glck traf er
auch einen Fischer, der in einem winzigen Kahn gerade sein Netz einzog. Er
rief den Mann an.

"Meine Glubiger sind hinter mir her. Du bekommst einen halben Louis, wenn
du die ganze Nacht ruderst. Du mut mich nah meinem Haus ans Ufer setzen,
eine halbe Meile vor Blois."

Saint-Ismier fuhr die Loire hinunter bis ***; kamen sie an Stdte, stieg
er aus und ging zu Fu durch; die Flucht whrte Tag und Nacht. Seinen
Diener mit den Pferden erreichte er erst bei ***, einem kleinen Dorf in
der Nhe von **. Dann ritt er die Kste entlang sdwrts. Auf drngende
Fragen lie er verstehen, da er ein protestantischer Edelmann und mit den
Daubign verwandt sei und darum ein bichen verfolgt werde. So erreichte
er ohne Abenteuer die Mndung der Dordogne. Wichtige Interessen riefen ihn
nach Bordeaux, aber er frchtete, wie gesagt, der Kapitn Rochegude habe
bereits einen Verhaftsbefehl gegen ihn erhalten.

'Der Kardinal', sagte er sich, 'holt viel Geld aus der Normandie, die
unter unsern Wirren am wenigsten gelitten hat. Der Prsident Lepoitevin
ist das Hauptwerkzeug in seiner Hand, alle die Steuern einzutreiben, er
wird sich recht wenig aus dem Leben eines Edelmanns wie mir machen, um des
Preises der Staatsrson willen, die ihm zuruft: Vor allem Geld! Mein
Unglck ist gerade darum grer, da der Kardinal mich kennt; ich habe
nicht die Chance, vergessen zu werden.'

Aber die Grnde, die ihn nach Bordeaux zu gehen zwangen, waren zu mchtig.
Er setzte seinen Weg die Dordogne entlang fort und traf in dunkler Nacht
hinter der Vereinigung mit der Garonne bei *** ein. Ein Fhrmann setzte
ihn, seine Pferde und den Diener aufs linke Ufer ber. Hier hatte er das
Glck, auf Weinhndler zu stoen, die sich gerade vom Kapitn Rochegude
einen Permi zur nchtlichen Einfahrt nach Bordeaux gekauft hatten, da die
Tageshitze ihrem Weine nicht bekomme. Der Chevalier warf seinen Degen auf
einen ihrer Karren und fuhr um Mitternacht in Bordeaux ein, eine Peitsche
in der Hand und im Gesprch mit einem der Fuhrleute. Einen Augenblick
spter lie er einen Taler in die Tasche des Mannes gleiten, nahm ruhig
seinen Degen und verschwand, ohne ein Wort zu sagen um eine Straenecke.

Der Chevalier kam bis ans Kirchentor von Saint-Michel; hier lie er sich
auf den Stufen nieder.

'Da bin ich also in Bordeaux', sagte er sich. 'Was gebe ich fr eine
Antwort, wenn die Wachrunde mich fragt? Wenn diese Leute nicht gerade
betrunkener sind als gewhnlich, hat es wenig Aussicht auf Glauben, wenn
ich ihnen sage, ich sei ein Weinhndler; die Antwort wre neben den
Fuhrwerken und den Fssern mglich gewesen. Ich htte mir, bevor ich meine
Pferde wegschickte, Bedientenkleider anziehen sollen, aber so angezogen
wie ich bin, kann ich nichts andres sein als ein Edelmann; und als
Edelmann errege ich die Aufmerksamkeit dieses Rochegude, der mich in die
Feste Trompette steckt, und in zwei Monaten fllt mein Kopf auf dem
Marktplatz, hier oder in Rouen. Wird mich mein Kusin, der Marquis von
Miossens, der so vorsichtig ist, aufnehmen? Wenn er von meinem Zweikampf
in Rouen nichts wei, so wird er meine Ankunft mit Festen begehen wollen;
er wird allen diesen Gaskognern sagen, ich sei ein Gnstling des
Kardinals. Wei er aber, da ich der Eminenz mifallen knnte, so wird er
erst seinen Frieden finden, wenn er seinen Sekretr mit der Anzeige zu
Rochegude geschickt hat. Es wre ntig, zuerst zur guten Marquise zu
gelangen, ohne da ihr Mann von mir wei. Aber sie hat Liebhaber, und der
Marquis ist so eiferschtig, da er, wie man sagt, Duennen aus Spanien
nach Paris kommen lie zu ihrer stndigen berwachung. Wir machten uns
lustig ber ihn, da sein Bordeauleser Haus bewacht sei wie eine Festung.
Und dann, wie zu dem Haus gelangen, das sehr prchtig sein soll? Ich war
nie in Bordeaux gewesen. Wie soll ich einem Passanten sagen: Zeigen Sie
mir das Haus Miossens und wie ich ohne Wissen des Marquis hineinkomme? Das
wre verrckt. Sicher aber ist, bleibe ich hier bei den armseligen Husern
um die Kirche herum, besteht keine Aussicht, dem prchtigen Hause meines
Kusins zu begegnen.'

Die Turmuhr der Kirche schlug ein Uhr.

'Keine Zeit mehr zu verlieren', sagte sich der Chevalier. 'Warte ich hier
den Tag ab, um dann in irgendein Haus zu treten, so hat Rochegude davon
sofort Nachricht. In diesen Provinzstdten kennt einer den andern,
besonders unter den Leuten gleichen Standes.'

Der arme Chevalier machte sich also auf die Suche, sehr behindert von
seiner Person und nicht wissend, wohin sich eigentlich wenden. Eine tiefe
Stille lag in allen Gassen, die er durchschritt, und nicht minder tief war
die Dunkelheit.

'Ich zieh mich aus dieser Geschichte nicht heraus. Morgen abend sitze ich
im Fort Trompette; daraus entweicht keiner mehr.'

Da erblickte er in einiger Entfernung ein Haus, in dem Licht war.

'Und wenn's der Teufel selber wre,' sagte sich der Chevalier, 'ich mu
mit den Leuten da drin sprechen.'

Als er nher kam, vernahm er Lrm. Er lauschte und suchte zu erraten, um
was es sich handle. Da flog eine kleine Pforte auf, und ein breiter
Lichtstrom fiel ber die Gasse und noch das gegenberliegende Haus hinauf.
In dem Licht stand ein prchtig gekleideter, junger, sehr schner Mensch,
den Degen in der Faust; er sah verrgert aus, aber nicht wtend, oder es
war die hinter Verrgertheit maskierte Wut eines Gecken. Die Leute seiner
Umgebung hatten das Wesen von Untergebenen und schienen ihn beschwichtigen
zu wollen, wobei sie ihn Herr Graf nannten.

Saint-Ismier war noch etwa zwanzig Schritte von der hellen Pforte
entfernt, als der junge schne Mann, der etwa eine halbe Minute in der
Trschwelle wie zgernd gestanden hatte, pltzlich und immer wie einer,
der, um dafr bewundert zu werden, Wut zeigt, schreiend und fluchend und
immerzu mit dem Degen fuchtelnd in die Gasse hinausging, gefolgt von
einem, prchtig gekleidet wie er. Saint-Ismier sah auf die beiden, als er
von dem ersten bemerkt wurde, den man Herr Graf nannte. Alsbald strzte
der Graf auf Saint-Ismier los und wollte ihm mit einem Fluche den Degen
durch das Gesicht ziehen. Saint-Ismier, auf solchen Angriff nicht im
mindesten gefat, hatte gerade eine Hflichkeit berlegt, die er dem
jungen Manne sagen wollte mit der Frage, wo das Haus Miossens lge.
Heiteren Wesens hatte er seinem Krper schon jenes liebenswrdige
Balancieren eines Chevaliers gegeben, der den Weinen des Landes herzhaft
zugesprochen, denn er fand es so lustiger wie sicherer, den Edelmann
anzusprechen wie ein leicht Trunkener. Er gab seinen Lippen schon das
Lcheln der Liebenswrdigkeit, mit der er beeindrucken wollte, als er den
ihm bestimmten Hieb des Grafen vor seinen Augen sah. Und er fhlte dessen
ganze Schwere auf den rechten Arm niedersausen, mit dem er sein Gesicht
deckte.

Er tat einen Sprung nach rckwrts.

'Ich habe einen Schlag bekommen', sagte er sich und Wut stieg ihm rot ins
Gesicht. Er ging heftig den frechen Burschen an.

"Also du willst mehr davon," rief der Graf, "nur zu, das ist's ja, was ich
wollte. Du sollst deine Schlge haben." Und er warf sich mit toller
Khnheit auf Saint-Ismier.

'Gott verzeih mir, er will mir ans Leben,' sagte sich der Chevalier, 'ich
mu kaltes Blut bewahren.'

Saint-Ismier bekam mehrere Stiche ab, denn nun hatte auch der Edelmann aus
des Grafen Begleitung den Degen gezogen, sich an seines Freundes Seite
gestellt.

'Sie wollen mich umbringen', sagte sich Saint-Ismier, und machte einen
Ausfall. Dabei zog er aus einer Unvorsichtigkeit des Grafen Vorteil, der
sich ungedeckt auf ihn gestrzt hatte, um ihm den Degen durch den Leib zu
rennen. Der Graf parierte den Stich, indem er ihn nach oben abdrngte; da
aber sprang der Degen dem Grafen sechs Daumen tief ins rechte Auge; der
Chevalier sprte, wie das Eisen auf etwas Hartes stie; es war der innere
Schdelknochen. Der Graf strzte tot.

Als der Chevalier, stark erschrocken ber dieses Ergebnis, ein bichen
zgerte, seinen Degen zurckzuziehen, gab ihm der Mensch, der hinter dem
Grafen gestanden hatte, einen starken Hieb in den Arm, und im gleichen
Augenblick fhlte der Chevalier mchtig das Blut flieen. Dazu rief dieser
Gegner aus allen Lungenkrften um Hilfe. Acht oder zehn Leute strzten aus
der Herberge, denn eine solche und die erste von Bordeaux war das
erleuchtete Haus. Saint-Ismier sah gut, da die Hlfte der Leute bewaffnet
war. Er nahm seine Beine unter die Arme und lief, was er konnte.

'Ich habe einen Menschen gettet,' sagte er sich, 'ich bin mehr als
gercht fr einen Hieb in den Arm. brigens ist Gefngnis oder Tod fr
mich das gleiche. Nur wird mir, falle ich Rochegude in die Hnde, der Kopf
ganz gewi auf dem Marktplatz abgeschlagen, und an einer Straenecke
sterbe ich als ein tapferer Mensch im Kampfe um mein Leben.'

Doch aber lief unser Held, was er konnte, um sein Leben zu retten. Er kam
wieder an der Kirche vorbei, kam dann in eine sehr breite und wie ihm
schien, sehr lange Strae. Die Verfolger hielten an, als sie hier
zwei- oder dreihundert Schritte hinter ihm hergelaufen waren. Es war
hchste Zeit fr den ganz atemlosen Chevalier. Auch er hielt inne, etwa
hundert Schritte weiter als die Verfolger; er machte sich, indem er sich
stark bckte, so klein als mglich; dann versteckte er sich hinter dem
Pfosten einer Brustwehr, die sich in der Strae etwa sechs acht Fu vor
den Husern befand. Die Verfolger tauchten wieder auf, und der Chevalier
begann wieder so gut er konnte zu laufen, immer die breite lange Strae
hinauf. Da hrte er vor sich Schritte im Takt; er hielt sofort im Laufen
inne.

'Die Scharwache!' dachte er.

Und warf sich laufend in eine sehr enge Seitengasse, lief durch viele
Gchen, jede halbe Minute stillstehend, lauschend; zunchst stie er nur
auf Katzen, denen er Furcht einjagte; aber als er in eine Gasse einbog,
hrte er vier fnf Mnner kommen; deutlich vernahm er ihr schweres und
wohlgesetztes Reden.

'Wieder die Wache! Der Teufel hol mich!'

Er stand gerade an einem mchtigen, derb holzgeschnitzten Tor; aber zehn
Schritte davon bemerkte er eine ganz kleine Tr; er strzte hin. Die Tr
war offen. Er verschwand dahinter und verschnaufte. Er dachte, die Mnner,
die er reden gehrt hatte, mten ihn hier eintreten gesehen haben und
hinter ihm hereinkommen; dann wrde er sich hinter der Tr verstecken und
sobald die Mnner eingetreten und bis in den kleinen Hofgarten, den er
bemerkte, gekommen wren, zu dem diese Tr fhrte, wrde er wieder sehen,
da er hinaus und weiterkomme. Er stand schweratmend hinter der kleinen
Tr und wartete. Die Mnner blieben just davor stehen und schwatzten. Aber
sie traten nicht ein und gingen weiter.

Angst in den Gliedern schlich Saint-Ismier in was ihm ein Garten schien
der hohen Bume wegen; er kam in einen groen Hof, dann in einen
kleineren, der ihm mit kleinen marmornen Tafeln gepflastert schien. Er
sphte vorsichtig, ob er niemanden she, mit dem er sprechen knnte.

'Das ist ein reiches Haus. Besser konnte ich es nicht treffen. Finde ich
da einen Domestiken, so wird er fr meinen Taler empfnglich sein und mich
zum Palais Miossens bringen. Vielleicht versteckt er mich fr zwei Taler
heute Nacht und morgen in seinem Zimmer. Ja, wer wei, vielleicht wird er
einmal noch mein eigener Diener? Glcklicher knnte ich es mir nicht
wnschen.'

Solches hoffend fand Saint-Ismier eine Treppe, die er hinaufstieg. Sie
fhrte in das erste Stockwerk, wo sie aufhrte. Er trat auf einen Altan
und sah sich um. Da war es ihm, als vernehme er ein Gerusch auf der
Treppe. Er schwang sich sofort ber das Gelnder des Balkons und trat auf
ein Gesims der Hauswand; mit den Hnden hielt er sich an der Holzjalousie
des nchsten Fensters fest. Vorsichtig tastete er sich auf dem Gesims
weiter und kam auf einen zweiten Balkon, vom ersten ein paar Fu entfernt.
Durch ein offenes Fenster stieg er ein. Eine wie ihm schien marmorne und
sehr prchtige Treppe fhrte in das zweite Stockwerk. Hier stand er nun
vor einem mit goldenen Ngeln verzierten Trvorhang. Durch den Spalt
zwischen Trvorhang und Boden kam ein schwacher Lichtschein. Er zog die
Portiere ganz leise an sich und stand einer Tr gegenber, deren silberne
oder kupferne Ornamente im Dunkel glnzten. Aber wichtiger fr den armen
Chevalier war das bichen Licht, das durch das Schlsselloch drang. Er
brachte sein Auge daran; doch sah er nichts; er glaubte einen Vorhang
unterscheiden zu knnen, der im Raume nah vor der Tr hing.

'Das ist jedenfalls ein vornehmer Wohnraum', sagte er sich. Sein nchster
Gedanke war, keinerlei Gerusch zu machen. 'Aber', dachte er, 'schlielich
mu ich ja doch einmal mit jemandem reden, und so allein, verloren in
einem weitlufigen Hause und mitten in der Nacht, ist's besser, ich
spreche mit einem Herrn statt mit einem Lakaien. Der Herr wird leicht
begreifen, da ich kein Dieb bin.'

Er fate mit der linken Hand die Portiere, diese beiseite haltend, und
fate mit der rechten an den Trknopf; er ffnete ganz leise und sagte mit
seiner liebenswrdigen Stimme:

"Herr Graf, erlauben Sie, da ich eintrete?"

Keine Antwort. Er blieb eine Weile in seiner Stellung, auf dem Boden
zwischen seinen Fen den Degen, damit er ihn, wenn ntig, rasch zur Hand
htte. Er wiederholte das Kompliment, so reizend als mglich von ihm
ausgedacht:

"Herr Graf, wollen Sie mir erlauben, da ich eintrete?"

Keine Antwort. Der Chevalier sah sich in dem mit der Groartigkeit
neuesten Stiles gezierten Prunkgemach um. Die Wnde deckten gebuckelte
vergoldete Ledertapeten. Der Tr gegenber stand ein mchtiger Schrank aus
Ebenholz mit einer Menge kleiner Sulen, deren Kapitale aus Perlmutter
waren. Zur Rechten breitete sich ein Bett, dessen Vorhnge aus rotem
Damast zugezogen schienen. Er konnte nicht in das Bett sehen. Die eine
Fusule, die er bemerken konnte, war vergoldet. Zwei Genien, wohl aus
Goldbronce, sttzten mit ihren hochgehaltenen Armen einen kleinen Tisch
mit ockergoldner Platte; zwei vergoldete Leuchter standen darauf, in deren
einem eine Kerze brannte; und was den Chevalier nicht wenig beunruhigte,
war, da er neben dem brennenden Leuchter ganz deutlich fnf, sechs
edelsteinblitzende Ringe liegen sah.

Er machte einen kleinen Schritt ins Gemach, mit kleinen Verbeugungen und
schchtern-liebenswrdigen "Verzeihung, Herr Graf".

ber einem Kamin hing ein strahlender Venetianer Spiegel. Da stand ein
groer Toilettentisch, mit schwerer grner Seide berzogen. Auch auf
diesem Tisch lagen Ringe und eine steinverzierte Uhr; ihr leises Ticken
war das einzige wahrnehmbare Gerusch im Raum.

'Wie wird der Besitzer aller dieser Kostbarkeiten aufschreien, wenn er
jetzt aus dem Bett springt und mich erblickt! Aber ich mu doch zu einem
Ende kommen, so oder so. Eine Viertelstunde hab ich schon in
Zwecklosigkeiten und in der verrckten Hoffnung verloren, nicht fr einen
Dieb gehalten zu werden.' Er lie die Tr los, die sich mit einem kleinen
Gerusch schlo. Sie war von innen nicht zu ffnen, wie sich der Chevalier
gleich berzeugte. 'Ich bin gefangen', sagte er sich und untersuchte
genauer noch die Tr; es war unmglich, sie zu ffnen. 'Ich bin
eingesperrt.' Von diesem Umstand beunruhigt, ging der Chevalier
entschlossen auf das Bett zu. Dessen Vorhnge waren fest zugezogen. Er
schlug sie auseinander, immer allerlei lchelnde Entschuldigungen fr die
im Bett vermutete Person stammelnd.

Das Bett war leer. Aber in hinreichender Unordnung, die sagte, da es eben
noch besetzt war. Die Vorhnge trugen reiche Spitzen. Der Chevalier griff
nach dem Leuchter, um besser zu sehen; er steckte eine Hand unter die
Decke; es war noch warm da. Nun untersuchte eiligst der Gefangene mit dem
Leuchter das Zimmer nach einem Ausgang; zu seinem groen Verdru fand er
keinen andern als die Tr, die sich von innen nicht ffnen lie, und ein
Fenster. Er wute nichts andres als die Bettvorhnge zu zerreien und
daraus etwas wie ein Seil zu drehen, mit dessen Hilfe er den Abstieg
durchs Fenster in ein dunkles Ungewisses wagen knnte, in etwa vierzig Fu
Tiefe, wie er schtzte; ob das da unten ein Dach oder ein Hof sei, dies zu
unterscheiden machte er vergebliche Anstrengungen.

'Und was, wenn ich da unten heil und ganz ankomme? Ich bin da vielleicht
genau so gefangen wie hier.'

Da blitzte ihm ein Gedanke auf:

'Ich sehe keinen Degen hier im Zimmer. Die Kammerdiener der hier hausenden
vornehmen Persnlichkeit haben deren Kleider ohne Zweifel mit
fortgenommen. Aber seinen Degen htten sie ihm doch dagelassen. Aber
vielleicht drangen Diebe ins Haus und er hat fr ihre Verfolgung das Bett
verlassen, den Degen in der Faust? Seltsam ist es doch, da keine Waffe
hier im Zimmer ist.'

Und mit uerster Sorgfalt ging nun der Chevalier daran, das Zimmer zu
durchforschen. Da stie er ganz nah am Bett auf dem Teppich auf zwei
kleine Schuhe aus weier Seide und auf ein Paar auerordentlich dnne
Seidenstrmpfe.

'Ich bin doch ein groer Schafskopf! Ich bin hier bei einer Frau!'

Gleich darauf fand er ein paar Strumpfbnder aus Silberspitze; auf einem
Fauteuil einen kleinen Unterrock aus rosarotem Satin.

'Es ist eine junge Frau', rief er hingerissen, und seine Neugierde war so
mchtig erregt, da er ganz seine Angst vor dem Gefngnis oder vielmehr
vor dem Tode verga, die sein einziges Gefhl war seit der Minute, als er
den jungen Menschen mitten auf der Strae niedergestochen hatte. In seiner
Neugier verga der Chevalier auch gnzlich, fr einen Dieb gehalten zu
werden. Er ffnete, das Licht in der Hand, den Degen unterm Arm alle
Schubfcher des Toilettentischs. Er fand eine groe Menge kostbaren
Schmucks und von erlesenem Geschmack; einige kleine Kassetten trugen
gravierte Inschriften in italienischer Sprache. 'Die Herrin dieses Raumes
mu bei Hofe gewesen sein', sagte er sich. Er fand auerordentlich kleine
Handschuhe, die getragen waren. 'Entzckende Hnde hat sie', sagte er. Da
stie er zu seiner grten Freude auf einen Brief.

'Dieses Gemach ist also von einer offensichtlich jungen und schnen Frau
bewohnt. Ein Mann macht ihr die Cour und ohne Glck.'

Des Chevaliers Neugierde war zunchst befriedigt, und eine groe Mdigkeit
kam ber ihn. Um sich eine Zeit zu geben, die wohl gleich eintretende
Person sich anzusehen, setzte er sich in den Alkov zwischen Bett und Wand
nieder. Er rechnete bestimmt darauf, wachend das Ende eines Abenteuers
abzuwarten, das schlecht fr ihn ausgehen konnte, aber er schlief sehr
rasch ein.

Er wachte von dem kleinen Gerusch der Tr auf; die Kammerzofe hatte sie
geffnet.

"Geh zu Bett. Ich brauch dich nicht mehr. Aber weck mich sofort, wenn es
meiner Mutter wieder schlechter geht."

Saint-Ismier hatte, aus dem Schlaf geschreckt, kaum Zeit, diese gehrten
Worte zu verstehen. Der Bettvorhang ffnete sich; ein junges Mdchen stand
da, einen Armleuchter mit zwei brennenden Kerzen in der Hand, die volles
Licht ber das Zimmer warfen. Ein ungeheurer Schrecken drckte sich in
ihren Zgen aus, als sie hinter ihrem Bette einen blutbedeckten Menschen
liegen sah. Sie stie einen kleinen Schrei aus, sttzte sich auf das Bett.
Und starrer Schrecken verzerrte das Gesicht, als Saint-Ismier sich
aufrichtete, um sie zu sttzen. Nun schrie sie laut auf und sank, wie der
Chevalier aus der Folge erfuhr, in Ohnmacht, erst auf das Bett, dann auf
den Boden. Der Leuchter fiel und erlosch. Saint-Ismier wute erst nicht,
was tun; er war ratlos. Den letzten Rest von Schlaftrunkenheit
abzuschtteln, setzte er sich mit einem Ruck auf. Er griff nach seinem
Degen und horchte; alles war tiefste Stille. Er tastete nach dem, was ihm
ber die Beine gefallen war; fand eine Frau, die er fr tot glaubte; er
griff eine Hand, deren Kleinheit und zarte Haut ihn denken lie, es sei
eine Frau, die irgendein Eiferschtiger gettet habe.

'Man mu ihr helfen', sagte er sich und hatte von diesem Augenblick wieder
sein kaltes Blut. Der Kopf der Frau lag auf seinem Knie. Er zog es so
vorsichtig als er nur konnte, zurck, hob das Kpfchen und bettete es auf
einen Schemel. Er fand so viel Wrme unter den Achseln dieses Leibes, als
er ihn hob, da ihm der Gedanke kam, die Person drfte nur infolge einer
groen Verwundung ohnmchtig sein.

'Ich mu um alles in der Welt von hier heraus', sagte er sich. 'Da ist
keine Hoffnung, mit dem eiferschtigen Gatten oder dem wtenden Vater, dem
diese Dame gettet wurde, vernnftig zu reden. Unmglich, da er nicht
gleich zurckkomme, um zu sehen, ob seine Rache gelungen oder um den
Leichnam wegzuschaffen; und findet er mich hier blutbedeckt und ich kann
nicht sagen, wie hierhergekommen, so kann ihm leicht der Gedanke
einfallen, sich auf meine Kosten unschuldig zu machen und mich als den
Mrder dieser Dame zu bezeichnen; ich knnte nichts darauf antworten, das
Verstand htte.'

Mit grter Vorsicht erhob sich Saint-Ismier, ganz bedacht nur, der Dame
nicht weh zu tun, die in der engen Bettgasse auf ihm lag. Aber da stie
sein Fu an den Armleuchter, der mit groem Gerusch ins Zimmer rollte.
Der Chevalier blieb stehen, unbeweglich und die Hand am Degengriff. Aber
alles blieb still. Schritt um Schritt ging nun Saint-Ismier das Gemach ab,
mit dem Degen die Wnde abtastend. Es war vergeblich; er fand nicht
ffnung noch Tr; die von auen nur zu ffnende war ohne Gewalt nicht
aufzubrechen. Von neuem ffnete er das Fenster. Da war weder ein Balken
noch ein Gesims, die einen Ausbruch erlaubt htten.

'Ich hab mir wahrhaftig nichts vorzuwerfen, wenn mich dieser Zwischenfall
auf der Flucht vor dem Gefngnis aufs Schafott bringt: ich hab mich selber
gefangen gesetzt.'

Er horchte; es war ihm, als htte er vom Bett her etwas sich bewegen
gehrt. Er tastete sich im Dunkel eilends hin. Es war die junge verwundet
geglaubte Dame, die aus der Ohnmacht durch das Gerusch erwacht war, das
er mit dem Fenster machte. Er nahm sie beim Arm und die Furcht brachte sie
vollends zu sich. Da entri sie ihm den Arm und gab dem Chevalier einen
Sto, so stark sie konnte.

"Sie sind ein Scheusal! Was Sie tun, ist grauenvoll! Sie wollen meine Ehre
besudeln und mich dadurch zwingen, Ihre Frau zu werden. Aber ich wei alle
Ihre Absichten zu nichte zu machen. Gelingt es Ihnen, mich vor den Augen
der Welt zu entehren, so geh ich eher ins Kloster, als da ich eine
Marquise von Buch werde."

Der Chevalier trat einige Schritte zurck auf die andere Seite des Bettes.

"Verzeihen Sie, Madame, die Angst, die ich Ihnen verursache. Zunchst kann
ich Ihnen eine vortreffliche Neuigkeit berichten: ich bin nicht der
Marquis von Buch, ich bin der Chevalier von Saint-Ismier, Kapitn im
Regiment Royal-Cravatte, von dem Sie, wie ich glaube, nie reden gehrt
haben. Ich bin in Bordeaux heut abend um neu Uhr eingetroffen, und auf der
Suche nach dem Hause der Miossens wurde ich von einem gutgekleideten
Menschen mit dem Degen angefallen, auf der Strae. Wir haben uns
geschlagen, und ich habe ihn gettet. Man hat mich verfolgt. Ich fand eine
kleine Tr offen; sie fhrte in Ihren Garten. Ich stieg eine Treppe
hinauf, und da ich mich noch immer verfolgt glaubte, stieg ich ber einen
Balkon in eine Antichambre. Ich sah Licht hier und trat ein, mit vielen
Entschuldigungen fr den Edelmann, den ich strte, und erzhlte ihm, es
war etwas lcherlich, laut meine ganze Geschichte, wie ich es eben jetzt
tue. Ich starb vor Angst, fr einen Dieb gehalten zu werden. Alle meine
lcherlichen Hflichkeiten waren Grund, da ich erst nach einer
Viertelstunde merkte, da das Bett leer war. Dann bin ich, scheint es,
eingeschlafen. Ich wachte auf, als der Leib einer getteten Dame ber mich
fiel. Ich griff eine entzckende kleine Hand; ich bin hier im Brautgemach
eines sehr eiferschtigen Edelmanns, dessen Geschmack und Reichtum zu
bewundern ich alle Gelegenheit hatte. Ich sagte mir, der Eiferschtige
wrde behaupten, ich htte seine Frau umgebracht. Da legte ich Ihr
Kpfchen, Madame, so zart ich vermochte, auf einen Schemel, und versuchte
mein Letztes, aus diesem Gemach herauszukommen. Ich wiederhole, Madame,
ich halte mich fr einen sehr tapfern Menschen, und bin seit heute abend
um neun zum erstenmal in Bordeaux. Ich habe Sie also noch nie gesehen,
Madame, wei nicht einmal Ihren Namen und bin in Verzweiflung ber die
Ungelegenheiten, die ich Ihnen mache. Aber Sie haben von mir wenigstens
nichts zu frchten.[sic! Fehlt: "]

"Ich tue mein Mglichstes, um mir Sicherheit zu geben", sagte die Dame
nach einer Weile. "Ich glaube alles, was Sie mir sagen, aber doch kann der
grausame Zufall, dessen Umstnde Sie mir erzhlen, mich meine Ehre kosten.
Ich bin allein mit Ihnen in diesem Gemach, ohne Licht, und es ist drei Uhr
nachts; es gehrt sich, da ich gleich meine Kammerjungfer rufe."

"Verzeihen Sie, Madame, da ich nochmals von mir spreche. Der Kommandant
Rochegude ist mein Feind, und ich flchtete nach Bordeaux, eines andern
Duells wegen verfolgt, das ich vor einiger Zeit schlagen zu mssen das
Unglck hatte. Ein Wort von Ihnen, Madame, kann mich auf die Feste
Trompette bringen, und da jener, den ich ttete, sich gewi aller
Protektion erfreut, verlasse ich dies Fort nur auf dem Wege zum
Richtblock."

"Ich werde vorsichtig sein," sagte die Dame, "aber lassen Sie mich nun
gehen."

Sie schritt zur Tr, die sie durch ein Geheimschlo ffnete. Nun fiel sie
mit dem festen Gerusch wieder zu, und Saint-Ismier war aufs neue allein,
ohne Licht, gefangen.

'Ist die Frau hlich und aus diesem Grunde bse,' dachte der Chevalier,
'so bin ich verloren. Aber sie hatte eine zarte Stimme. Jedenfalls werden
Domestiken auf mich losgelassen. Da wird's nichts zu markten geben; ich
steche den ersten nieder, der sich zeigt. Das schafft dann einen
Augenblick Verwirrung, die ich ntze, die Stiege hinunter und auf die
Gasse zu kommen.'

Er vernahm drauen Stimmen.

'Gleich wird sich alles entscheiden', sagte er sich.

Er packte mit der Linken einen Schemel, den er seinem Angreifer zwischen
die Augen werfen wollte, und stellte sich hinter den Bettvorhang.

Die Tr ging auf. Er sah ein leidlich hbsches Mdchen eintreten, in der
Hand ein Licht, mit der andern die Portiere haltend. Sie sah den Raum mit
den Blicken ab und fand den Fremden nicht. Da lachte sie.

'Ich dachte mir's doch, da es nur ein Scherz wre. Sie wollten mich nur
durch eine seltsame Geschichte am Schlafen hindern, gndiges Frulein.'

Da trat eine Dame ein, achtzehn oder zwanzig Jahre alt und von blendender
Schnheit; doch blickte sie ernst und sogar ein wenig unruhig. Sie lie
die Tr zufallen und ohne ein Wort zu der zuerst eingetretenen Jungfer zu
sprechen, machte sie ihr ein Zeichen gegen den Alkoven hin.

Als der Chevalier blo die beiden Frauen sah, trat er, den Degen in der
Hand, hinter dem Vorhang hervor. Aber der nackte Stahl und das Blut, das
ihn bedeckte, machten Wirkung auf die Zofe, die sich ganz bla ans Fenster
zurckzog. Der Chevalier dachte weder an Gefngnis mehr noch an seine
Duelle; er bewunderte die auerordentliche Schnheit der jungen Person,
die aufrecht vor ihm stand und ein wenig bestrzt. Nun fiel heftige Rte
ber ihr Gesicht, und ihre Augen wurden gro vor Neugierde.

'Man mchte glauben, sie erkenne mich', dachte Saint-Ismier. Und dann:
'Ich bin nicht goldbestickt wie der junge Mann, den ich erstochen habe; er
war neueste Pariser Mode. Aber vielleicht gefllt ihrem guten Geschmack
meine einfache Eleganz.' Er fhlte sich von Respekt ganz durchdrungen.

"Das Dunkel war nicht gnstig, Madame. Es lie mir aber mein kaltes Blut.
Erlauben Sie mir, da ich meine Entschuldigungen wiederhole fr die
schrecklichen Ungelegenheiten, in die Sie mein Unglck gebracht haben."

"Sie erlauben, Herr Chevalier, da alles, was Sie betrifft, auch von
meiner Jungfer Alix gewut wird. Sie hat viel Menschenverstand, alles
Vertrauen meiner Mutter und ihr Rat wird uns ntzlich sein -- Sie
erlauben?"

Alix hatte mehrere Kerzen angezndet. Nun nahm sie auf ein Zeichen ihrer
Herrin auf einem Stuhl neben dem Fauteuil Platz, in dem sich diese selbst
niedergelassen hatte.

Die junge Dame schien Mitrauen und Unruhe verloren zu haben. Sie begann
die Unterhaltung damit, den Chevalier aufzufordern, seine Geschichte
nochmals zu erzhlen. Whrenddem dachte Saint-Ismier:

'Allem Anschein nach hat diese Demoiselle Alix groen Einflu auf die
Mutter der jungen Dame, die wnscht, da die Mama alle Einzelheiten dieser
Nacht aus dem Munde dieser Alix erfahre.'

Aber etwas beunruhigte fortwhrend den Chevalier: das schne Mdchen
machte ihrer Alix heimliche Zeichen.

'Wr's mglich, da diese Frauen mich verrieten? Da sie, mich hier durch
Erzhlen festhaltend, nur die Wache erwarten, nach der sie meinetwegen
geschickt haben? Komme, was mag -- ich glaube, in meinem Leben habe ich
keine schnere und eindrucksvollere Frau gesehen.'

Der Verdacht des Chevaliers wuchs, als die junge Dame zu ihm mit einem
unerklrlichen Lcheln sagte:

"Wollen Sie mit uns in eine ganz nahe Galerie treten, Chevalier?"

'Wei Gott,' dachte der Chevalier, 'was fr eine Gesellschaft uns in der
Galerie erwartet! Ich htte Lust, das Frulein zu erinnern, was mir
bevorsteht, wenn man mich ins Gefngnis abfhrt.'

So klug zu denken bringt nur ein Mann in groer Todesnot fertig; es
auszusprechen, konnte er sich nicht entschlieen; er frchtete die
Verachtung einer Dame dadurch zu riskieren, die ein so groartiges Wesen
zeigte.

Alix ffnete die Tr. Der Chevalier bot der schnen Dame den Arm, deren
Namen er noch immer nicht wute. Man schritt ber den Vorplatz der kleinen
Marmorstiege. Alix drckte auf einen im Zierwerk der Wand verborgenen
Knopf und man trat durch die sich ffnende Geheimtr in eine weitlufige
Bildergalerie; der Chevalier packte fest seinen Degen.

"Hier wollen Sie sich versteckt halten so lange, bis meine Mutter sich
ber die Vorflle dieser Nacht unterrichten konnte, die Sie zu uns gefhrt
haben. Es ist angebracht, da ich Ihnen sage, in welchem Hause Sie sich
befinden. Ich bin Marguerite, Prinzessin de Foix. Die Leute des Herrn
Rochegude werden es nicht wagen, hier einzudringen."

"Es scheint mir ganz unmglich, gndiges Frulein, da der Chevalier mit
Ihnen unter einem Dache wohne. Wird es bekannt, lt es sich nicht mehr
leugnen. Man mu eine Erklrung geben, und jede Erklrung ist tdlich fr
den Ruf eines jungen Mdchens, besonders wenn dieses Mdchen die reichste
Erbin der Provinz ist."

"Vor drei Jahren, Chevalier, verlor ich in der Bataille von ** meine
beiden Brder. Seitdem ist meine Mutter pltzlichen und sehr
beunruhigenden Anfllen unterworfen. Wie heute nacht wieder. Ich weilte
bei ihr, whrenddem Sie in mein Zimmer dringen konnten auf so sonderbare
Weise. Diese Galerie enthlt nur mig merkwrdige Bilder. Ich bitte Sie,
sehen Sie sich einige davon an."

Der Chevalier blickte die Prinzessin an.

'Sie ist verrckt,' dachte er, 'wie schade.' Und er ging mit ihr ganz
unter dem Eindruck dieser Meinung einige Schritte vor ein Bild.

"Hier sehen Sie einen jungen Krieger in einer heute nicht mehr blichen
Rstung. Immerhin schtzt man das Bild des Malers."

Der Chevalier stand versteinert vor Erstaunen: er erkannte in dem Bilde
sein eigenes Portrt. Er blickte auf die Prinzessin, deren vornehm ernstes
Wesen unverndert blieb, nichts verriet.

"Mir kommt vor," sagte er nach einer Weile, "als she ich in dem Bilde
eine zufllige hnlichkeit mit mir."

"Ich wei nicht," sagte die Prinzessin, "aber dies ist das Konterfei des
Raymond von Saint-Ismier, Fahnenjunker im Garderegiment. Vor vier Jahren
wollte mein armer lterer Bruder, der Herzog von Condal, hier die
Bildnisse aller jener Verwandten beisammen haben, deren Familien noch
existierten. Du siehst, Alix, wie es wohl nicht unmglich ist, da meine
Mutter einem unsrer Verwandten Asyl gewhrt, dem Chevalier von
Saint-Ismier, verfolgt wegen eines unverzeihlichen Verbrechens, eines
Duells."

Bei diesen Worten lchelte Marguerite zum erstenmal und mit entzckendem
Zauber.

"Es soll alles geschehen, wie das gndige Frulein wnschen. Es geht
natrlich nicht, die gndige Frau Prinzessin, Ihre Mutter, nach der
schrecklichen Nacht, die sie gehabt hat, aufzuwecken. Ich bitte das
gndige Frulein, mir Befehle zu erteilen, aber nicht Ratschlge von mir
zu verlangen."

"Und ich verdrbe mir das auerdentliche[sic! statt: auerordentliche]
Glck, das ich diesem Bildnis eines meiner Ahnen verdanke, wenn ich
duldete, da das, was das gndige Frulein einem leider sehr entfernten
Verwandten schuldig zu sein glaubte, zu irgendeinem Schritt fhrte, den
Mademoiselle Alix mibilligt."

"Ja, wenn Sie fortwollen," sagte Marguerite mit reizender Anmut, "dann bin
ich hinsichtlich des Mittels in groer Verlegenheit. Das Haus hat einen
Torwchter, einen alten Soldaten, der den pompsen Titel Gouverneur fhrt.
Jeden Abend mu unser Gouverneur die ueren Tore sperren und die
Schlssel verwahren. Die kleine Gartentr, durch die Sie gekommen sind,
ist jetzt zu. Heut nacht um zwlf sah ich, wie unser Pfrtner alle
Schlssel meiner Mutter brachte. Sie liegen auf einem kleinen Tisch neben
ihrem Kamin. Alix, willst du von dem Tisch den Schlssel holen, damit wir
den Chevalier hinauslassen knnen?"

"Bei Madame der Prinzessin wachen vier, fnf Frauen," sagte Alix, "und den
Schlssel zu holen, wre das Unklgste, was wir tun knnten."

"Dann gib doch ein andres Mittel an, wie wir den Chevalier von
Saint-Ismier, unsern Vetter, aus dem Hause bringen."

Man besprach manches, ohne Erfolg. Da machte Alix, von den Einwendungen
ihrer Herrin in die Enge getrieben, zum Schlusse eine Unklugheit.

"Sie wissen, gndiges Frulein, da das Appartement des Herzogs von Condal
unberhrt und unbetreten ist. Bei einem Bette liegt, wie ich wei, eine
seidene Strickleiter, die vierzig Fu lang sein mu. Sie ist leicht, und
ein Mann kann sie unter dem Arm tragen. Auf dieser Leiter steigt der Herr
in den Garten. Ist er einmal da und entdeckte man ihn auch im Garten, so
ist die Sache schon weit weniger kompromittierend fr Sie. Es gibt doch so
viele Frauen im Hause! Am Ende des Gartens, gegen die kleine Kirche vom
fleischgewordenen Worte zu, ist eine Stelle, wo die Mauer nicht hher ist
als acht Fu; im Garten gibt's allerlei Leitern. Der Herr kann leicht die
Mauer hinaufkommen und auf der andern Seite dient ihm ein Stck der
Strickleiter."

Als die weise Alix mit ihrem Fluchtplan soweit war, lachte die Prinzessin
hellauf.




AUS ITALIENISCHEN CHRONIKEN

BERTRAGEN VON FRANZ BLEI


Ich kann mir denken, da meine Zeitgenossen aus dem Jahre 1833 von den
naiven und lebhaften Geschichten, die man hier in der Sprechweise einer
Gevatterin wiedergegeben findet, wenig erbaut sein drften. Mir liefert
die Erzhlung all dieser Prozesse und Hinrichtungen wahrhafte Daten ber
das menschliche Herz, ber die man des Nachts im Postwagen gern nachdenkt.
Es wre mir viel lieber gewesen, ich htte Geschichten von Liebeshndeln,
Heiraten, klugen Erbschleichereien gefunden. Aber in solche Geschichten
htte, auch wenn ich deren gefunden htte, die Eisenhand der Gerechtigkeit
nicht hineingegriffen, und sie wrden mir auch, fnde ich welche, wenig
vertrauenswrdig vorkommen. Immerhin sind gefllige Leute in diesem
Augenblick bemht, fr mich derlei auszuforschen.

Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts hat die Eitelkeit, le desir de
parestre, wie der Baron de Foeneste, sagt, in Frankreich einen dichten
Schleier ber das Tun der Menschen geworfen und insonders ber die Motive
des Tuns. In Italien ist die Eitelkeit von ganz andrer Art, dessen ich den
Leser mit meinem Ehrenwort versichern kann; sie hat hier eine bedeutend
geringere Wirkung. Man denkt im allgemeinen an den Nachbar nur, wenn man
ihn hat oder ihm nicht traut; Ausnahmen davon gibt es hchstens bei den
drei oder vier groen Festen im Jahr; dann erzwingt sich jeder, der ein
Fest gibt, sozusagen mathematisch des Nachbarn billigende Zustimmung. Es
gibt da keine flchtigen Nuancen, die man in jeder Viertelstunde des
Lebens mit tdlicher Unruhe im Fluge sich erhascht und merkt. Man sieht
hier keines jener unruhigen und magern Gesichter, durch welche alle ngste
einer stets leidenden Eitelkeit blicken, keines dieser Gesichter  la
Vixault, Deputierter des Herault im Jahr 1833.

Diese italische Eitelkeit ist so sehr verschieden und so sehr viel
schwcher als unsere franzsische, und dies hat mich darauf gefhrt, die
nachfolgenden Klatschgeschichten abschreiben zu lassen. Meine Vorliebe fr
diese Geschichten drfte jeden meiner franzsischen Zeitgenossen spaig
und gesucht vorkommen, die gewohnt sind, ihr literarisches Vergngen und
das Abbild des menschlichen Herzens in Werken wie denen der Herrn Villmain
und Delavigne zu suchen. Dessen bin ich sicher, da das heutige England,
Deutschland und Frankreich viel zu zerfressen sind von Affektiertheit und
aller Art Eitelkeit, als da sie imstande wren, ein so scharfes Licht in
die Tiefen des menschlichen Herzens zu werfen, wie es diese alten
italienischen Berichte tun.

Ich mu gestehen, da ich sehr wenig neugierig bin auf die Denk- und
Lebensgewohnheiten der Bewohner von Ceylon oder von Neu-Holland. Diese
Vlker sind allzuverschieden von den Menschen, die meine Freunde und
Nebenbuhler waren. Sie bringen mich zum Ghnen wie die Achille, und
Agamemnone und die Helden Racines: ich kenne diese Herrschaften nicht.
Aber ich schmeichle mir, die Franzosen und die Italiener meiner Zeit zu
kennen; ich liebe das, was das Herz des Menschen darstellt, aber des
Menschen, den ich kenne.

Rom, Palazzo Cavalieri

    24. April 1833.

Man wird in dem Folgenden keine komponierten Landschaften finden, sondern
wahrhafte Naturansichten. Die Wahrheit mu hier fr alle sonstigen Vorzge
stehen; aber wir leben in einer Zeit, der die Wahrheit nicht gengt und
die sie nicht genug pikant findet. Die sich in dieser Verfassung Geistes
befinden, denen rate ich, jede Woche nur eine der folgenden Geschichten zu
lesen, deren Sprache ich liebe; es ist die des Volkes, voller Pleonasmen
und alle schrecklichen Dinge bei ihrem schrecklichen Namen nennend. Aber
gerade dadurch schildert der Erzhler unbewut sein Jahrhundert und dessen
gemeinbliche Denkweise.

Die mehreren dieser Geschichten sind wenige Tage nach dem Tode der armen
Teufel niedergeschrieben worden, von denen sie Bericht geben. Meine
Korrekturen versuchten, die Sprache etwas weniger dunkel zu machen, damit
ich nicht schon beim dritten Lesen die Geduld verliere. Es ist ja
berhaupt die Dunkelheit ein groer Fehler des Italienischen oder vielmehr
der acht oder zehn italienischen Sprachen, von denen keine ihre Rivalinnen
besiegt hat, so wie die Sprache von Paris die Montaignes gettet hat. So
sagt man in Rom: vi vedr domani al giorno, was in Florenz kein Mensch
verstnde. Ich persnlich lse lieber eine Geschichte in englischer als in
italienischer Sprache, sie wre mir deutlicher.

Nur ein Volk, in dem die Strke des unmittelbaren Eindruckes, wie in
Neapel, und die Strke der vom Geiste ohne Pause gefrderten Leidenschaft,
wie in Rom, so bedeutend war, vermochte es, in solch hohem Mae
Affektiertheit und Eitelkeit zu unterdrcken oder auszuschalten. Ich bin
nicht sicher, ob man auerhalb Italiens -- und Spaniens vor der Unnatur
des 19. Jahrhunderts -- eine Epoche fnde, kultivierter und interessanter
als die der Riccaras, von denen Franklin berichtet, und doch wieder so
sehr ohne Eitelkeit, da das menschliche Herz fast blo liegt. In diesem
Jahre 1833 kann ich feststellen, da man in Frankreich und besonders in
England Totschlag vorwiegend des Geldes wegen begeht. Aber von den beiden
armen Teufeln, die vorgestern hier hingerichtet wurden, hat der
dreiundzwanzigjhrige Vivaldi seine Frau umgebracht, weil er eine andere
liebte, und der zweite, siebenundzwanzigjhrig, hatte aus politischen
Grnden einen Arzt erschossen, der wahrscheinlich ein Vaterlandsverrter
war. Von Geldinteressen keine Spur.

Rom, 15. Mai 1833.



DER KARDINAL ALDOBRANDINI

I.


Paolo Santacroce, ein rmischer Edelmann aus Fano, war wiederholt mit
Bitten in seine Mutter gedrungen, sie solle ihn zum gesetzlichen Erben
ihres Vermgens einsetzen. Da sie sich dessen weigerte, beschlo er, sie
ums Leben zu bringen. In solcher Absicht schrieb er an seinen lteren
Bruder Onofrio Marchese von Oriolo, der damals von Rom abwesend war, ihre
Mutter beflecke durch ihre Ausschweifungen die Ehre ihres edlen Hauses und
da sie derzeit schwanger sei. In Wahrheit war die arme Frau
wasserschtig, wie sich nach ihrem Tode herausstellte. Onofrio schrieb
seinem Bruder zur Antwort, er solle tun, was ein Edelmann seiner Ehre
schuldig sei. Daraufhin erdolchte Paolo seine Mutter und floh nach Neapel,
wo er bald darauf den Tod fand.

Diesem Verbrechen Pardon zu geben schien der Papst gar nicht geneigt,
zumal kurz vorher der Brudermord des Marc Anton Massimi sich ereignet
hatte und der Proze der Cenci wegen Vatermordes im Gange war. Papst
Clemens VII. befahl strenge Untersuchung, zumal der Hauptschuldige fehlte;
man fand die beiden Briefe der Brder und alsbald wurde Onofrio verhaftet,
gerade als er auf dem Grundstck der Orsini dem Ballspiel oblag.

Als des Papstes Neffe, der Kardinal Aldobrandini, von dieser Verhaftung
hrte, gab er dem Monsignore Taverna, Gouverneur von Rom, den Auftrag,
sich persnlich des Prozesses anzunehmen und versprach ihm durch
Verwendung bei seinem Onkel den Kardinalshut, wenn es ihm gelnge, gegen
Onofrio ein Todesurteil zu erreichen. Es tut aber selber Hut mehr Wirkung
auf die rmischen Prlaten als die Farbe des Goldes auf die Augen der
Banditen. Der Monsignore Taverna tat getreu, wie ihm aufgetragen.

Solange das Verhr dauerte, wollte der Kardinal Aldobrandini ihm anwohnen,
und war ihm da kein Tag zu hei und keine Mittagsstunde; also sah man ihn
oft mitten im Juli sein Haus gegen die siebzehnte Stunde verlassen und
sich nach dem Kerker von Tordi Nona begeben, woselbst er sieben und acht
Stunden hintereinander blieb, um dem Verhr beizuwohnen. Selbes drehte
sich immer um jene Briefstelle, in der Onofrio schrieb, sein Bruder mge
tun, was die Ehre einem Edelmanne gebiete, und immer wieder wollte der
Gouverneur wissen, was er mit diesen Worten gemeint habe. Verwirrt im
Geiste durch das lange Verhr gab endlich Onofrio zu, da er damit den Tod
der Mutter gemeint und verlangt habe, auf da der Flecken abgewaschen
wrde, mit dem die vermeinte Schwangerschaft des unglcklichen Weibes die
Ehre seines berhmten Hauses befleckt habe.

Dieses Gestndnis kostete ihm das Leben; er wurde zum Tode verurteilt und
enthauptet.

Man sah eine groe Dummheit darin, da er dieses Gestndnis gemacht hatte;
denn htte er erklrt, jene Stelle in dem Briefe bedeutete, da der
Eintritt jener unwrdigen Frau ins Kloster die Schmach abwasche, so htte
er damit nicht nur sein Leben gerettet, sondern Lob geerntet, zumal es
nach den Gesetzen ritterlicher Ehre nicht zu den Pflichten des Sohnes
gehrt, Fehltritte der Mutter zu rchen, sondern nur solche der Gattin
oder der unverheirateten Schwester.

Unter den Kardinlen, welche der Papst im Jahre 1604 ernannte, befand sich
auch Monsignore Taverna. Er htte seine Barretta im Blute des Onofrio
Santacroce rot gefrbt, sagte man damals in Rom.

Es soll aber das Verlangen des Kardinals Aldobrandini nach der
Verurteilung des Santacroce seinen Grund in der Nebenbuhlerschaft bei
einer Dame gehabt haben, die er leidenschaftlich liebte und welche des
Onofrio Geliebte gewesen sein soll. Von Aldobrandini hatte sie einen
kostbaren Diamantring zum Geschenk erhalten, den die Dame wieder dem
Onofrio schenkte, der mit dieser Gunst seiner Geliebten prahlte. Als er
eines Tags den Kardinal begrte, legte er die Hand auf den Schlag der
Snfte, so da der Diamant jenem in die Augen funkelte.

Man erzhlt auch, da Onofrio eines Nachts den Kardinal mit Faustschlgen
angriff, als dieser gerade am Hause seiner Geliebten vorbeiging; und am
andern Morgen sei er im Vorzimmer des Kardinals erschienen, um ihm seine
Aufwartung zu machen, und tat so, als ob er ihn nicht erkannt htte. Daher
die Wut und Rache des Kardinals.


II.


Unter dem Papste Clemens VII. war dessen Neffe, eben der genannte Kardinal
Aldobrandini, mit der geistlichen und weltlichen Gerichtsbarkeit des
Kirchenstaates betraut. Der Papst hielt streng darauf, da unter seinem
Pontifikat die Gesetze gerecht und genau befolgt wrden, weshalb er auch
seinen eignen Neffen mit diesem Vertrauensposten bekleidet hatte. Und es
wurden auch in der Tat viele Schuldige bestraft, aber andere Verbrechen
wieder blieben ungeshnt; so die Ermordung des rmischen Ritters Girolamo
Longobardi.

Dieses Longobardi Haupt fand man am Morgen des Karsamstag auf dem
Petersplatz auf eine Lanze gespiet und daran einen Zettel mit dieser
Aufschrift: "Du hast allzu tyrannisch regiert und was du andern antun
wolltest, das hat man dir angetan."

Man kannte nicht die Motive, welche den Kardinal Aldobrandini zum Todfeind
dieses kaum zwanzigjhrigen Longobardi machten, der von allen, die ihn
kannten, so geliebt wurde wie gehat jener Kardinal, dem der Papst, da er
ihn mit dem Purpur bekleidete, sagte: "Trachte, deine neue Wrde nicht zu
entehren, denn es wird dir, tust du Bses, nichts ntzen, da du mein
Neffe bist."

Longobardi hatte zur Geliebten eine junge Sngerin von groem Talente und
von auerordentlicher Schnheit, namens Anna Felice Brocchi. Der
Kardinal-Nepot hatte durch das Gerede bei Hofe und in der Stadt Talent und
Schnheit der Sngerin rhmen hren. Eines Tages, als er an ihrem Hause
vorbeiging, erblickte er sie am Fenster liegen und entbrannte allsogleich
in heftiger Liebe zu ihr. Und suchte nach einem Mittel, ihr dies zu sagen.
Da er sich aber von seinem Onkel berwacht wute, mute er hiebei mit
uerster Vorsicht zu Werk gehen. Er erfuhr, da diese Brocchi dem
Longobardi gehre, den er hate.

Die Sngerin hatte die Leidenschaft des Kardinals wohl bemerkt und fhlte
seine Liebe, da er jeden Mittag an ihrem Hause vorbeiging, gerade zu der
Zeit, wo sie zur Messe in Santa Maria della Pace zu gehen pflegte und
wohin ihr der Kardinal folgte. Hier sah sie der Kardinal unausgesetzt
zrtlich an und versuchte es, ihr durch bestimmte Zeichen seine Liebe
bekannt zu geben.

Dieses Spiel whrte eineinhalb Jahr, ohne da Aldobrandini anders als
durch Zeichen mit Anna Brocchi sprechen konnte.

Solches erzhlte sie nun eines Tages alles dem Longobardi. Worauf dieser
sagte, da es wegen der Feindschaft zwischen ihm und dem Kardinal sehr
bel ausgehen knnte; er empfahl ihr grte Zurckhaltung und den
lgnerischen Versprechungen des Kardinals nicht zu glauben, vor allem
aber, ihn nie bei sich zu empfangen. Auch nicht zu gren oder sonst zu
beachten.

Longobardi, erregt von der Mitteilung und den Versprechungen Annas wenig
trauend, lie seine Geliebte durch Spione beobachten und ihr Haus
bewachen, wovon allem Anna nichts merkte, da es mit groer Heimlichkeit
geschah.

Und bald erfuhr der junge Edelmann durch seine Leute, da die Liebe
zwischen jenen beiden nicht nur nicht aufhrte, sondern tglich fester
wurde. Um sich selber davon zu berzeugen, begab er sich am Sankt
Matthustage zur gleichen Zeit wie Anna Brocchi in die Kirche della Pace,
wo er sich in einer Seitenkapelle verbarg, von der aus er alles genau
sehen konnte, was sich zwischen der Sngerin und dem Kardinal begab. Und
es blieben ihm keine Zweifel mehr, als die Brocchi, gefolgt vom Kardinal,
die Kirche verlie und dieser sie lachend grte, was ihm die Sngerin mit
einem Blick zurckgab, der deutlich genug war.

Der arme Longobardi lief wtend zu der Sngerin und machte ihr Vorwrfe
wegen ihres von ihm doch verbotenen Kirchenbesuches und da sie den
Kardinal gegrt habe. Die Brocchi gab den Kirchenbesuch zu, leugnete
aber, den Kardinal Aldobrandini da gesehen zu haben. Und fuhr trotz seiner
Bitten fort, dieses zu behaupten, da sie jenen weder gesehen noch gegrt
habe. Da ri der Ritter Longobardi seinen Dolch heraus und bedrohte sie
mit dem Tode, wenn sie nicht die Wahrheit sage. Da gestand die
erschrockene Sngerin, den Kardinal gesehen und gegrt zu haben, aber
dies nur in hflicher Antwort auf seinen Gru und auf ganz bliche Weise.
Sie habe anfangs dies nur geleugnet, weil sie so geringfgiger Ursache
wegen keinen Streit zwischen den beiden Mnnern entfachen wollte.

Diese Antwort beruhigte etwas den jungen Edelmann, und er bat sie aufs
neue, die Kirche della Pace nicht zu besuchen und den Kardinal nicht zu
gren oder gar zu sprechen, denn anders wrde es sie das Leben kosten,
dessen knne er sie versichern. Und die Sngerin versprach, wenn auch sehr
gegen ihren Willen, alles zu tun, wie er wnsche.

Aldobrandini vermite zu wiederholten Malen die Sngerin in der Kirche und
konnte sich den Grund ihrer unbegreiflichen Abwesenheit nicht erklren; er
beschlo aber, auf das Geheimnis zu kommen; doch lste es sich ihm auf
eine nicht erwartete Weise. Er erhielt von Anna Brocchi einen Brief, in
dem sie ihm mitteilte, da sie sich unter seinen Schutz stelle; er mge
sie von Longobardi befreien, der sie mit grausamer Hrte behandle. Der
Kardinal war entrstet ber das, was er die Frechheit des Ritters nannte
und lie Anna sagen, da er ihr ergeben sei und sich um nichts andres
kmmere, als ihr zu dienen. Sofort suchte er nach einem Mittel, sich
seines Rivalen zu entledigen. Alsbald fand man an jenem Ostersamstag das
Haupt des Longobardi auf eine Lanze gespiet auf dem Petersplatze.

Der Verdacht richtete sich alsobald auf Aldobrandini, von dessen Besuch
bei der Sngerin am selben Abende des Mordes man erfuhr. Und alle Welt
wunderte sich ber die geringe Ttigkeit, welche die Justiz in dieser
Mordsache entfaltete, und ber das Schweigen des Papstes in dieser Sache.

Den Kardinal sah man nun zu jederzeit in das Haus der Sngerin gehen,
derart, da es ein groes rgernis gab.

Umgeben von Kreaturen des Kardinals, konnte der Papst nichts wissen. Man
pries ihm die Sittenstrenge seines Neffen, an die zu glauben ihn wohl auch
seine verwandtschaftlichen Gefhle bewogen. Aldobrandini htte sich auch
fernerhin alles Vertrauen des Papstes, seines Onkels, erfreuen knnen,
htte diesen nicht ein Zufall mit dem Leben des allzuverliebten Kardinals
bekannt gemacht.

Im Verlaufe eines Gesprches mit dem spanischen Gesandten beleidigte der
Kardinal diesen auf das schwerste. Der Gesandte, ein Edelmann von feinstem
Geiste, wollte die guten Beziehungen zwischen seinem Hofe und dem
ppstlichen Stuhle von diesem Zwischenfall nicht trben lassen und tat,
als ob er die Beleidigung nicht merkte, bereitete aber im Geheimen seine
Rache. Nun erfuhr er durch seine Leute von der Beziehung Aldobrandinis zur
Sngerin Brocchi, der schamlosen Straflosigkeit des Kardinals und da der
Papst von den Schandtaten seines Neffen nichts wisse. Dieser pflegte die
Sngerin unter den grten Vorsichtsmaregeln gegen vier Uhr des Nachts zu
verlassen; Diener und Wagen erwarteten ihn ein paar Schritte vom Hause
entfernt um eine Straenecke, wohin er sich immer zu Fu begab. Der
Gesandte schickte nun einen seiner Lakaien zu Anna Brocchi und lie sie
bitten, ob er an einem bestimmten Abend zu ihr kommen knne, sie singen zu
hren. Er lie ihr auch sagen, da sie zu niemandem von dieser Einladung
sprechen mge, damit daraus kein Gerede entstehe.

Die Sngerin war sehr geschmeichelt, von einer so hohen Persnlichkeit
bemerkt worden zu sein, und gab ihre Zustimmung bereitwilligst.

An dem beschlossenen Abend schickte der Gesandte einige vertraute Diener
voraus, die sich im Treppenhaus versteckt halten sollten. Alle waren mit
groen Fackeln versehen, geschickt in besonders dazu gefertigten Gehusen
verborgen. Als nun Aldobrandini heimlich und leise seine Schne verlie,
hielten ihm die Kerle des Gesandten ihre leuchtenden Fackeln ins Gesicht,
als Ehrengeleite, wie sie sagten. Der Kardinal, dem diese starke
Beleuchtung gar nicht pate, wollte die Leute wegschicken, aber sie
blieben durchaus und geleiteten den Kardinal, der, so gut er konnte, mit
seinem Mantel sein Gesicht verhllte, bis an seinen Wagen.

Die Geschichte wurde bald bekannt und kam endlich auch zu den Ohren des
Papstes, der alles zu wissen begehrte. In groem Zorne entzog er seinem
Neffen sein Vertrauen, entkleidete ihn seiner mter und Titel und verbot
ihm, jemals mehr vor seinen Augen zu erscheinen, falls er nicht auch des
Purpurs verlustig gehen wolle; denn es blieb dem Papste kein Zweifel mehr,
da Aldobrandini auch an der Ermordung jenes Longobardi schuldig war.



VERBRECHEN UND TOD DES GIROLAMO BIANCINFIORE EINES FLORENTINISCHEN
EDELMANNES


Zur Zeit, als sich der fnfte Karl bemhte, das Haus Medici in Florenz auf
den Thron zu bringen, gab es unter den edlen Familien dieser Stadt auch
eine, die ganz besonders dem Unglcke geweiht zu sein schien, das
Geschlecht der Biancinfiore. So starben im Jahre 1520 Madonna Constanza
Biancinfiore und ihre Kinder pltzlich an Gift, ohne da man dem Urheber
dieses Verbrechens auf die Spur kam. Nur eines der Kinder kam mit dem
Leben davon; es war dies Signor Girolamo Biancinfiore, der fortan in
Neapel lebte. Man war allgemein des Glaubens, da er selber seine Familie
umgebracht habe, um deren einziger Vertreter zu sein; darum begab er sich,
um sein Leben bangend, alsofort nach Rom, als er erfuhr, da sein
Landsmann, der Papst Leo X. aus dem Hause Medici den ppstlichen Thron
bestiegen hatte. Er warf sich dem Papst zu Fen, der ihn gndig aufnahm.

Dieser Girolamo war von hoher Intelligenz und einer ber alle Probe
erhabenen Tapferkeit. Unglcklicherweise hatte ihm diese Tapferkeit zu
nichts anderem gedient als dazu, ein leidenschaftlicher Zweikmpfer zu
werden; denn mit dem Degen verstand er vortrefflich umzugehen. In Neapel
hatte er im Zweikampf mehr als sechsunddreiig Gegner gettet, und zumeist
aus ganz nichtigen Grnden, was ihn ebenso gefrchtet machte wie den
Verdacht bestrkte, den man hinsichtlich des Todes seiner Familie auf ihn
geworfen hatte.

Girolamo lie sich in Rom nieder, mietete hier ein Haus und lebte in einem
Aufwand, der bald alle seine Einknfte verschlungen hatte. Er verkehrte
mit einer Anzahl junger Adeliger, die ihn nicht wegen seiner persnlichen
Tugenden schtzten als wegen der Lnge und Lebhaftigkeit seines Schwertes,
weshalb sie sich auch hteten, mit ihm in Streit zu kommen. Aber Girolamo,
der sich von denen, die er seine Freunde nannte, so geschtzt sah oder
vielmehr glaubte, brannte darauf, eine Probe seines Wertes und seiner
Geschicklichkeit abzugeben, rhmte er sich doch immer, nie noch einen
Gegner verfehlt zu haben. Und da bot sich ihm auch schon so sehr verlangte
Gelegenheit. Am Ostersonntag beleidigte er ohne jeden Grund und Anla
mitten in der Kirche von Santa Maria in Trefontana einen neapolitanischen
Edelmann, den Grafen von Alincastro, den er von frher her kannte, und der
in der Kirche seine Andacht verrichten wollte. Der Graf, der ein frommer
Mann war, sagte leise zu Biancinfiore: "Signor Girolamo, es ist dies weder
der Ort noch die Stunde, Hndel auszutragen, aber zu anderer Zeit und an
anderm Orte mgt Ihr mich immer finden." Darauf verlie Girolamo wtend
die Kirche und wartete drauen auf den Grafen. Als er ihn aus dem
Kirchentor treten sah, ging er auf ihn zu und forderte ihn mit
Beschimpfungen zum Zweikampf. Und nannte ihn einen Feigling, wenn er die
Herausforderung nicht annehme. Da solches vor vielem Volke sich zutrug,
blieb dem Grafen, der Ehre und Ruf bedroht sah, nichts andres, als den
Zweikampf anzunehmen. Er holte bei einem Freunde, wo er ihn gelassen
hatte, seinen Degen und focht mit Biancinfiore; eine groe Menge sah zu.
Der Graf bekam einen Stich in die Brust, und verschied eine halbe Stunde
danach.

Die Familie des Grafen erhob beim Papste Klage gegen Biancinfiore, von
dessen ruchlosen Taten in Neapel der Papst bei dieser Gelegenheit erfuhr.
Er lie ihn in die Engelsburg werfen. Aber ein paar einflureiche Freunde
Girolamos verwandten sich fr ihn und es gelang ihnen, die Sippe des
Erschlagenen vershnlich zu stimmen. Darauf begnadigte ihn auch der Papst,
doch unter der Bedingung, da er in Rom nie mehr Waffen tragen drfe,
unter Strafe des Todes.

Dieses ppstliche Verbot machte des Girolamo Bekannte weniger ngstlich
vor ihm, denn jeder war der Meinung, er wrde jenes Gebot achten. Aber es
waren noch nicht zwei Monate nach seiner Haftentlassung vergangen, als er
sich durch ein zweideutiges Wort eines venetianischen Edelmanns beleidigt
glaubte und diesen, wie er es gewohnt war, mit Beschimpfungen zum
Zweikampf forderte. Darauf begab er sich nach Hause, seinen Degen zu
holen, und fand sich an dem Orte ein, wo ihn der Venetianer erwartete.
Dieser war ein gewandter Fechter, hatte aber das Migeschick, ber einen
Stein zu stolpern und hinzufallen. Alsogleich strzte Biancinfiore ber
ihn her und versetzte ihm so viele Stiche, da dem Unglcklichen kaum Zeit
zur Beichte mehr blieb, als er seinen Geist aufgab.

Biancinfiore flchtete vor dem Zorn des Papstes in eine Kirche, wo er sich
zwei Monate lang verborgen hielt. Whrend dieser Zeit legten sich
neuerlich einige seiner Freunde beim Papste ins Mittel, und dieser verzieh
ihm zum zweiten Male; Girolamo hatte eine hohe Geldbue zu zahlen und
nachher den Kirchenstaat zu verlassen. Nun war aber Biancinfiore schon aus
Neapel, Florenz und andern Orten verwiesen und wute nicht mehr, wohin er
sich begeben sollte; also lie er dem Papste die Beteuerung seiner Reue
und seines Gehorsams zukommen und da er ihn nur immer schwer strafen
mge, wenn er inknftig sein Gebot bertrete. Der Papst begnadigte,
gerhrt von diesen instndigen Bitten, Girolamo zum andern Male, und
hinfort lebte dieser sehr zurckgezogen, um jeden neuen Anla zu
Vergehungen zu vermeiden.

Nun geschah es aber, da er viel im Hause der Grfin Oddi zu verkehren
begann und sich heftig in die Grfin verliebte, die auch ihrerseits bald
eine solche starke Zuneigung zu ihm empfand, da sie ihm nicht nur ihren
Wagen berlie, sondern ihm alles gab, wessen er bedurfte, ja ihn in einem
Trakte ihres Hauses wohnen lie. Daraus entstand, da sich Girolamo bald
wie ein Eheherr fhlte, denn er verbot, eiferschtigen Wesens, der Grfin,
die ein groes Haus fhrte, jede Geselligkeit, insonders den Empfang von
Herren in ihrem Hause. Aber die Grfin kmmerte sich um solches nicht und
begann den Biancinfiore lstig zu finden; sie sagte ihm, da er sie mit
seiner Eifersucht langweile. Solche Worte krnkten den Eiferschtigen um
so mehr, als er die Gste, die er tglich mit bsen Blicken sah, nicht
mehr vor seine Klinge fordern konnte. Er konnte es nicht hindern, da die
Grfin Herren und Damen zu einem Gastmahl lud, worunter besonders ein paar
junge Edelleute seinen Ha hervorgerufen hatten; da nahm er seine Zuflucht
zu Gift, wohl in der Hoffnung, da auch dieser Giftmord wie der an seiner
Familie verborgen bleiben oder da ihm dabei das Glck so gnstig sein
wrde wie bei seinen beiden Zweikmpfen. Einen ihm sehr ergebenen Diener
der Grfin machte er zu seinem Vertrauten, indem er ihn mit Geld bestach.
Die Gste waren bereits versammelt, als er diesen Diener in sein Gemach
rief und ihm sagte: "Streu dieses Pulver hier unvermerkt auf das letzte
Gericht, das du auftrgst, und gib mir dann ein Zeichen. Du bekommst als
Lohn mehr als du dir trumst."

Hierauf setzte er sich zu den frhlich Tafelnden und a mehr wie sonst;
als der Diener aber das Zeichen machte, da hrte er zu essen auf. Alle
nun, die von der vergifteten Speise gegessen hatten, wanden sich bald in
groen Schmerzen, und auch Biancinfiore rannte als wie besessen von
Schmerzen durch das Zimmer. Die Mhe der herbeigerufenen rzte war
vergeblich. Die Grfin, ihre kleine Tochter und drei Edelleute verstarben.
Nur bei Biancinfiore, der sich zu Bett begeben hatte, wirkten die Mittel
der rzte, die dieses mit Staunen sahen, aber schlielich froh waren,
wenigstens einen von sechsen gerettet zu haben.

Kaum sah sich Biancinfiore allein, so rief er nach seinem Diener. Er
bedrohte ihn mit dem Tode, falls er vor Gericht das Geringste verriete,
und gab ihm Geld. Die ppstliche Justizbehrde ordnete Nachforschungen an
ber dieses auffallende pltzliche Sterben, und als die Gerichtsrzte an
den ausgegrabenen Leichen Gift feststellten, wurde die ganze Dienerschaft
der Grfin verhaftet und verhrt. Trotz der Folter, unter die man einen
Diener stellte, der widerspruchsvoll ausgesagt hatte, kam kein Licht in
die Sache, und man mute alle wieder entlassen, darunter auch jenen
Diener. Aber es fate diesen pltzlich die Furcht. Er flchtete in eine
Kirche und erklrte, er wolle ein Gestndnis ablegen, wenn man ihm
Straflosigkeit zusichere. Solches geschah, und vor den Gouverneur von Rom
gefhrt, enthllte er die Untat, zu der er, wie er sagte, durch die
Drohungen Biancinfiores gezwungen worden wre. Dieser wurde verhaftet und
in den Kerker von Corte Savella gebracht. Der Papst, der sich selber groe
Schuld zuma, ordnete eine strenge Untersuchung an.

Anfangs leugnete Biancinfiore alles, auch als man ihn mit dem Diener
zusammenbrachte. Aber beim Anblick der Folterwerkzeuge gestand er nicht
nur das letzte Verbrechen, sondern auch den Giftmord an seiner Familie.
Das Gericht verurteilte ihn zum Feuertode und vorherigem Zwicken mit
glhenden Zangen, aber der Papst verwandelte diese Strafe in Ansehung
seines adeligen Hauses in einfache Hinrichtung im Kerker. Noch am selben
Abende empfing Biancinfiore das Todesurteil. Er erhob ein groes
Wehklagen, aber seine Beichtiger beruhigten ihn und tiefe Reue kam ber
ihn, Gott so sehr beleidigt zu haben. Er bat um Verzeihung fr alle seine
Missetaten und dankte ihm fr seinen bufertigen Tod. Vor seiner
Hinrichtung erbat er sich noch die Gnade des ppstlichen Segens, der ihm
auch von einem Prlaten des ppstlichen Hauses berbracht wurde. Dann
legte er das Haupt auf den Richtblock.

Also endete der letzte aus dem Hause der Biancinfiore.



DER HERZOG VON SAVELLI


Des Herzogs von Savelli einziger Sohn war, wie der Kardinal Gaetani in
einem Briefe schreibt, ein junger Mann von lebhaftem Geiste, groem Mute
und untadeligen Sitten, was alles ihn sehr beliebt am rmischen Hofe
machte. Er wollte kaiserliche Dienste nehmen, aber der Vater war damit
nicht einverstanden, dessen Trost im Alter, Stolz und einzige Hoffnung
seines Hauses er war; zudem plante er seine Verheiratung mit der Tochter
eines der ersten neapolitanischen Geschlechter, des des Marchese de
Vastro, deren Mitgift 800 000 Skudi betrug. Die Braut zhlte aber erst
zehn Jahre, weshalb die Eheschlieung auf den Tag verschoben wurde, der
ihr dreizehnter Geburtstag war.

Inzwischen lebte der junge Herzog auf seinem Landgute Ariccia, wo er sich
in ein junges Mdchen von groer Schnheit und Tochter ehrbarer Eltern
verliebte, die aber bereits einem jungen Manne des Ortes, namens
Christofano, versprochen war. Um die Tochter den Nachstellungen des jungen
Herzogs zu entziehen, drngten die Eltern mit der Eheschlieung. Sie
hielten das Mdchen streng im Hause, auf da sie der Herzog nicht sehe,
der ihr aber insgeheim einige Liebesbriefe hatte zukommen lassen. Es fand
die Hochzeit statt und der Herzog sandte als Hochzeitsgabe ein reich mit
Blumen verziertes Mieder, was die Eifersucht des jungen Gatten in hohem
Mae erregte. Aber er war ein Vasall des Herzogs und konnte mit ihm nicht
rechten, ja mute um sein Leben frchten, falls er sich den Wnschen
seines Herrn widersetzte. Aber er wollte lieber sterben, als solches
dulden; so schwor er. Und seine Frau war mit ihm ganz einig. Sie bergab
auch die Briefe, mit denen sie der Herzog bestrmte, ihrem Gatten, und sie
bezogen ein anderes Haus, als der Herzog in ein nah benachbartes Haus zog,
von dessen Fenster aus er die junge Frau zu sprechen suchte. Dem Gatten
schien nur die Wahl zwischen Unehre und Tod zu bleiben, und er begann
seine Heirat zu bereuen. In seiner Verzweiflung beschlo er, den jungen
Herzog zu ermorden, um die Ehre seines Ehebettes zu retten.

Er veranlate seine Frau, auf einen der Briefe des Herzogs zu antworten,
und sie schrieb ihm, er mge um Mitternacht verkleidet zu ihr kommen,
damit man ihn nicht erkenne; ihr Mann sei in Geschften nach Rom gefahren.
Da er den Herzog ermorden wollte, davon sagte Christofano seiner Frau
kein Wort; er wollte ihm nur einen Streich spielen, sagte er ihr, ohne ihn
zu beleidigen, was die junge Frau in ihrer Unschuld auch glaubte. Der
Herzog eilte verkleidet zu dem Stelldichein, aber statt in die Arme seiner
Geliebten, fiel er in die ihres Gatten, der die Kleider seiner Frau
angelegt hatte und den Liebhaber durch eine Magd in ein entlegenes Gemach
fhren lie. Hier scho er, kaum da er eingetreten war, fnf Kugeln aus
seiner Pistole auf ihn ab und durchschnitt ihm mit einem Messer die Kehle,
damit er nicht schrie. Mit Hilfe eines Genossen, den er gedungen hatte,
schleppte er hierauf den Leichnam bis zum Tor des Schlosses, wo er ihn in
seinem Blute liegen lie.

Nach Haus zurckgekehrt, wollte er nun auch seine Frau ermorden, aber
diese war in das Haus ihrer Eltern geflchtet. Christofano floh mit seinem
Genossen nach Aleppo in der Trkei, von wo er Nachricht nach Rom sandte.

Auf die Kunde von dem Verbrechen sandte der Papst viele seiner
Gerichtsbeamten nach Ariccia, die alsbald in Christofanos Haus die groe
Blutlache fanden. Die Gattin wurde verhaftet und nach Borgo Castello
gebracht, wo sie zwei Monate lang verhrt wurde. Sie wurde verschiedenen
Graden der Folter unterworfen und gab das Folgende zu Protokoll:

"Es ist so, da mich der junge Herzog Savelli, whrend ich im Elternhause
lebte, mehrfach durch Briefe zu einem Stelldichein zu berreden suchte.
Meine Mutter aber sagte mir, ich drfe darauf nicht antworten, denn er sei
ein leichtfertiger junger Mann, der seine Leute um nichts ermorden lasse.
So sagten auch mein Vater und alle meine Verwandten. Es war das erste, was
mir mein Mann Christofano sagte, da ich den jungen Herzog nicht ansehen
solle. Als er eines Tages an das Fenster des Nachbarhauses trat, strzte
mein Mann mit dem offenen Messer auf mich zu, aber sein Bruder, der
Priester Don Angelo Maria, fiel ihm in den Arm. Wir zogen in ein andres
Haus, das mein Mann gemietet hatte, dasselbe, in dem der junge Herzog
ermordet wurde. Der sandte mir aufs neue Briefe, die ich meinem Manne
zeigte. Dann gab er ihm Antwort in einem Briefe und lud ihn zu Mitternacht
in unser Haus, um ihm, wie er mir sagte, einen Streich zu spielen. Was ich
um so mehr glaubte, da er meine eignen Kleider anlegte, auch Halsband und
Ringe, die ich trug. So trat er um Mitternacht dem Herzog gegenber, mit
Messer und Pistole. Ich starb vor Schrecken, als ich den ersten Schu
hrte. Ich habe nichts gesehen, denn ich floh aus dem Haus, aus Angst, es
knnten mich die Diener des Herzogs umbringen. Ich floh zu meinen Eltern.
Meine Mutter sagte mir, ich drfe von dem allen nichts verraten, und wir
gingen zum Podesta."

Die junge Frau blieb fest bei ihrer Aussage im Gefhle ihrer Unschuld; sie
wurde aber doch zum Tode durch Enthaupten verurteilt, welche Strafe die
Familie des alten Herzogs verlangte.

Als die Herzogin Margarete von Parma von der Schnheit der Verurteilten
hrte, wollte sie sie durchaus sehen, und da sie groen Gefallen an ihr
fand, beschlo sie ihre Rettung. Sie verhandelte mit dem Papste. Der aber
wollte sie nur begnadigen, wenn der alte Herzog Savelli damit
einverstanden wre. Die Herzogin erreichte es von ihm, da ihr die
Verurteilte als gerichtet berantwortet wrde. Darauf nahm sie sie als
Hoffrulein in ihre Dienste und erreichte ihre vllige Freisprechung.

Umsonst lie Papst Paul III. den Mrder in allen Teilen des Kirchenstaates
suchen, denn der war in Aleppo. Aber die Eltern der Frau muten lange im
Kerker schmachten und wurden dann aus Ariccia und dem Kirchenstaate
verwiesen. Das war die einzige Genugtuung fr den Herzog, der ber den Tod
seines Sohnes dem Wahnsinn verfiel.



DIE RACHE ARIBERTIS


Ariberti, ein Mailnder Edelmann und Besitzer mehrerer Ortschaften, hatte
gegen ein Mitglied der Familie Pecchio einen tdlichen Ha gefat; er war
in seinem Besitztum und spter auch in seiner Liebe schwer beleidigt
worden. Pecchio fhrte gegen ihn einen Proze, den er gewann. Im Verlaufe
dieses durch Jahre sich hinziehenden Prozesses fiel Pecchio des Ariberti
schne Frau auf, und es gelang ihm, sie von seiner Liebe wissen zu lassen
und die ihre zu gewinnen. Nach Verlust des Prozesses erging sich Ariberti
in Drohungen gegen seinen Gegner. Pecchio erfuhr, da Aribertis Gattin auf
einem der Schlsser ihres Gatten in strengem Gewahrsam gehalten wurde. Sie
trug nur nach einem in der Welt Verlangen: aus Aribertis Tyrannei erlst
zu werden. Insgeheim hatte sie gengend Geld fr ihren Unterhalt
zusammengebracht. Das Schlo, in dem sie eingeschlossen war, lag nah bei
Lecco, eine Stunde Wegs von der Adda, die das Venetianische vom
Mailndischen trennt; einmal auf venetianischem Gebiet, konnte sie einen
andern Namen annehmen und war vor allen Verfolgungen so gut wie sicher.
Und ging es nicht anders, so wollte sie in Venedig in ein Kloster gehen,
dessen Regeln zu jenen Zeiten nicht sehr streng waren.

Whrend der kurzen Beziehungen zu Pecchio hatte er ihr Gestndnis
empfangen. Seitdem waren drei Jahre vergangen, und Aribertis Tyrannei war
unertrglich geworden; er hatte drei spanische Duennen in Dienst genommen,
die seine Frau abwechselnd bewachten; nicht einmal des Nachts war die
Unglckliche allein: die wachthabende Duenna schlief bei ihr im Zimmer.

Eine Kammerfrau, vormals die Vertraute von Aribertis Gattin in ihrer
Liebschaft, war zwar nicht davongejagt, aber zur Gnsemagd degradiert
worden, als welche sie an dem Ufer der Adda ihre Herden htete. Der
seltsame und in der Kunst der Rache raffinierte Mann hatte zu der
Kammerfrau gesagt: "Ich strafe dich so mehr, als wenn ich dich
wegschicke." Und als die Unglckliche den Wunsch aussprach, bei einer
andren Herrschaft in Dienst treten zu drfen, antwortete ihr Ariberti:
"Versuch es nur, aber in weniger als vier Wochen bist du tot."

Pecchio wute um alle diese Dinge, die brigens in Mailand Stadtgesprch
waren zu der Zeit, als er sich fr die Drohungen rchen wollte, die
Ariberti berall gegen ihn ausstie seit dem Verluste seines Prozesses.
Eines Tages ging Pecchio, wie er sagte, auf die Jagd, wozu er sich als
Bauer verkleidete; so kam er an die Adda, wo er die Gnseherde seines
Feindes aufsuchte. Er vergewisserte sich, da an diesem Tage jener
Kammerfrau allein die Obhut der Gnse anvertraut war und traf sie wie
zufllig.

"Groer Gott, wie seid Ihr verndert!" rief er ihr zu, "kaum seid Ihr
wieder zu erkennen!"

Die Kammerfrau brach in Trnen aus und sprach kein Wort.

"Wie leid mir Euer Unglck tut," sagte Pecchio, "erzhlt mir doch, wie das
kam; zuvor aber wollen wir uns hinter jener Hecke verbergen, damit uns
nicht einer der Spione bemerkt, die immer um das Schlo streichen."

Die Kammerfrau erzhlte ihr und ihrer Herrin Unglck. Sprach die Herrin
ihre frhere Kammerfrau einmal an oder lchelte sie ihr nur zu, so wurde
die Kammerfrau auf acht Tage bei Wasser und Brot eingesperrt. Die
Behandlung ihrer Herrin schien weniger hart, war aber noch grausamer.
Ariberti sprach mit ihr immer nur in einem spottenden hhnenden Ton.

Pecchio schien von diesen endlosen Berichten sehr bewegt.

"Ach, Herr, wenn Ihr ein Christ seid, so solltet Ihr diese unglckliche
Frau, die Ihr einst so liebtet, retten. Bleibt sie noch ein Jahr in diesem
Zustande, so stirbt sie fr sicher. Und sie wre schon glcklich, knnte
sie nur eine Meile weit von hier fern sein! Sie hat ein Kstchen voll
Goldzechinen und zudem, wie Ihr wit, viele Diamanten."

"Wohlan, ich werde sie retten", sagte Pecchio.

Die alte Kammerfrau und jetzt Gnsemagd fiel auf die Knie.

"Ich frchte nur eines," sagte Pecchio, "Euer Geschwtz. Du oder deine
Herrin, ihr werdet reden, werdet euch jemandem anvertrauen und werdet mir
den Tod bringen."

Und als darauf die Kammerfrau sich zu schweigen verschwor, fuhr er fort:
"Genau heut in acht Tagen, am nchsten Dienstag, ist Neumond und zudem
Jahrmarkt in Lecco. Die Nacht ber wird die Strae voller singender
Betrunkener sein. In dieser Nacht, wenn's zehn Uhr auf der Kirchenuhr
schlgt, werde ich auf der Adda sein, unten am Schlogarten, dort, wo die
Maulbeerbume und die vielen Nesseln stehen und wo ich mich frher immer
einschlich. Ich werde selber vom Comersee mein Boot herrudern; es ist sehr
klein; hoffentlich wird man mich nicht bemerken."

"Aber wir brauchen mindestens zwei Mnner, um die Duennen festzuhalten und
ihnen einen Knebel in den Mund zu stecken; denkt daran, da sie schreien
werden und da man Euch auf der Adda verfolgen wird. Die Schiffleute
Aribertis sind lauter junge Leute, die den Preis auf der Regatta gewonnen
haben. Und wie soll ich es anstellen, meiner Herrin Nachricht zukommen zu
lassen? Ich kann ihr zwar durch ein zwischen uns verabredetes Zeichen zu
verstehen geben, da ich ihr Wichtiges zu sagen habe, aber wie soll ich
ihr es sagen? Es geht oft monatelang, ohne da ich sie sprechen kann."

Die Kammerfrau konnte nicht schreiben; alles schien sich zu vereinigen
gegen Pecchios Plne. Schlielich wurde vereinbart, da Pecchio ein
Flschchen mit Mohnsaft, ein berhmtes Betubungsmittel, das man damals in
Venedig bereitete, in zwei Tagen bringen solle. Berta hatte Angst, es
mchte Gift sein; aber Pecchio beruhigte sie, und sie kamen berein, da
Berta den Duennen etwas von dem Safte geben solle. Darauf sollte sie jenen
Dienstboten, welche die Duennen nicht leiden konnten, Geld in die Hand
geben, auf diese Weise zu ihrer Herrin kommen und endlich, wenn sie
Pecchio etwas zu melden htte, einen einzelwachsenden kleinen Weidenbaum
knicken, der mitten auf einer nahen Wiese stand. Pecchio kehrte nach
Mailand zurck und frher als gewhnlich trieb Berta ihre Gnse in den
Schlohof. Sie suchte hier eine Gelegenheit, mit ihrer Herrin zu sprechen,
noch vor der Ankunft jener Betubungsmittel. Der Herr Pecchio war jung und
stand im Rufe geringer Bestndigkeit. Berta, welche seine Racheplne nicht
kannte, frchtete, er knnte vergessen, zum Stelldichein an der Adda zu
kommen.

Alles ging nach Wunsch. Berta schlferte mit dem Mohnsaft die Duennen ein,
sprach mit ihrer Herrin, und am Jahrmarktstage in Lecco betranken sich
alle Dienstleute Aribertis, wozu die Zechinen dienten, welche Pecchio der
Kammerfrau zugesteckt hatte. Ariberti selber war in Mailand auf einem
Balle, den die Signora Arezi, eine der vornehmsten Damen des Landes, gab.

Zur ausgemachten Stunde fand Pecchio sich mit seinem Boote an jenem
einsamen Ufer des Schlogartens ein. Die Duennen konnten die Flucht ihrer
Herrin nicht verhindern. Berta hatte alle Angst, sie zu vergiften,
verloren und ihrem Wein eine sehr groe Menge von dem Mohnsaft
beigemischt. Sie folgte ihrer Herrin auf das kleine Boot.

Zu seinem groen Leidwesen sah Pecchio, da Donna Teresa Ariberti noch
groe Leidenschaft fr ihn hegte oder da diese neu entflammt war, whrend
sein einziger Gedanke war, sich von ihr zu befreien. Sobald das Boot auf
venetianischem Boden war, bergab er die Dame einem Franziskanermnch, den
er bestochen hatte und der ihn auf einer kleinen Insel nah dem
venetianischen Addaufer erwartete. Der Mnch versprach, Donna Teresa auf
Umwegen nach Venedig zu bringen. Aber sie beschwor Pecchio, sie nicht zu
verlassen, und da der Edelmann sich taub stellte, ging sie soweit, ihm
Vorwrfe zu machen, da er sie unter dem Versprechen, mit ihr
zusammenzuleben, aus ihrem Schlosse entfhrt habe. Pecchio beeilte sich,
auf das mailndische Ufer zu kommen, wo er bereits vorbereitete Relais
fand, die ihn um zwei Uhr morgens nach Mailand auf den Ball der Signora
Arezi brachten. Einer der ersten, die er hier traf, war Ariberti, der,
obwohl jung und schn, nicht tanzte und dster dreinsah, als ahnte er, was
sich auf seinem Schlosse zugetragen hatte.

Am andren Tage erhielt er die traurige Kundschaft. In groer Eile fuhr er
heim und stellte genaue Nachforschungen an, konnte aber nichts entdecken.
Die Duennen waren noch halbtot und vermochten keine Antwort zu geben, dank
der ungeheuren Menge Mohnsaft, die Berta in ihrem Zorne ihnen beigebracht
hatte. Nach einigen Tagen vergeblichen Forschens entdeckte Ariberti beim
Durchsuchen des Zimmers der einen Duenna ein merkwrdig geformtes
Flschchen. Die Duenna antwortete auf seine Frage, sie habe das Flschchen
erst vor zwei Tagen gefunden und es wre ihr, als habe sie es in den
Hnden von Berta gesehen. Ariberti schlug sie fast tot dafr, da sie ihm
das nicht frher schon gesagt hatte.

Voll Verzweiflung, kein Anzeichen gefunden zu haben, kehrte Ariberti nach
Mailand zurck, das Flschchen nicht vergessend. Er selber nahm sich die
Mhe, bei allen Apothekern der Stadt damit herumzugehen und sie
auszufragen. Bei einem erfuhr er, das Flschchen stamme aus einer
berhmten, von einem entlaufenen griechischen Mnch gehaltenen Apotheke.
Ariberti begriff, da der Apotheker mehr wute, als er sagte; er bedrohte
ihn erst, dann gab er ihm Geld. Da gestand der Apotheker, da das
Flschchen kein Gift enthalten habe, sondern ein starkes Betubungsmittel,
das man den Kranken in gewissen Fllen gebe, und da er selber dieses
Flschchen ein paar Tage zuvor an den Signor Pecchio verkauft habe ...



DIE BRDER MASSIMI


Der Marchese Massimi, ein Verwandter der Colonna und andrer altadeliger
rmischer Geschlechter, war Witwer geworden und nannte fnf Shne sein
eigen. Nun geschah es, da sich der alte Marchese ganz toll in die
Geliebte des Marcantonio Colonna verliebte, einer sehr schnen Dame, die
der Colonna aus Neapel mitgebracht hatte. So stark war die Liebe des
Marchese zu dieser Dame, da er sie zu ehelichen beschlo, was durchaus
nicht den Absichten seiner vier lteren Shne entsprach, die diese Heirat
mit allen Mitteln zu hintertreiben dachten. Am Abend nach der vollzogenen
Hochzeit verlangte die junge Frau, ihre Stiefshne zu sehen, die sie noch
nicht kannte. Diese lieen aber durch den nach ihnen geschickten Diener
sagen, da sie an diesem Abend das Glck der Jungvermhlten nicht stren
wollten, aber andren Tages nicht verfehlen wrden, ihre Aufwartung zu
machen.

Am nchsten Morgen begab sich der Marchese wie gewhnlich nach dem
Vatikan, denn er war Cameriere di Spada e Cappa beim Papste. Dieses hatten
die Shne gesehen, drangen alsbald in das Schlafgemach ihrer Stiefmutter,
tteten sie mit Pistolenschssen und ergriffen die Flucht.

Der alte Marchese war von dem Anblick, der sich ihm bei seiner Rckkehr
bot, zu Tode getroffen. Dann ergriff er ein Kruzifix, verfluchte seine
Shne und rief Gott dafr zum Zeugen, da er seine vier Shne enterbe
zugunsten seines Jngsten, der an dem Morde nicht teilgenommen hatte.

Bald danach starb der alte Marchese, und die Mrder kehrten dank ihrer
hohen Beziehungen und ihrer vornehmen Verwandtschaft nach Rom zurck, ohne
Strafe oder Verfolg. Aber der vterliche Fluch erfllte sich bald.

Marcantonio, den zweiten, gelstete es nach der Wrde des erstgebornen
Luca und er brachte den Unglcklichen mit Gift beiseite. Er hatte das Gift
zuerst an seinem Kutscher ausprobiert. Erst leugnete er seine Tat und
wurde freigelassen. Als sich aber neue Verdachtsgrnde zeigten, wurde er
in den Kerker von Tordinona gebracht, wo er angesichts der Folter sein
Verbrechen in allen Einzelheiten gestand. Der Papst verurteilte ihn am 16.
Juni 1599 zum Tode, den er, mit Gott vershnt und mutig, ertrug. Er legte
fr die Hinrichtung Festkleider an, als ob es zu einem Mahle ginge. Der
Scharfrichter wollte ihm seine Halskrause abnehmen, aber er sagte
befehlend zu ihm: "Rhr mich nicht an!" Und als er seiner Fesseln wegen
selber den Kragen nicht abnehmen konnte, bat er einen seiner Begleiter,
solches zu tun. Hierauf legte er selber sein Haupt auf den Richtblock und
fragte den Henker, ob es so richtig sei, worauf dieser Ja sagte und ihm
das Haupt abschlug. Seine letzten Worte waren: "In manus tuas, Domine,
commendo spiritum meum."

Auch die beiden andern Brder erreichte die strafende Hand Gottes. Der
eine, der Malteserritter war, wurde von den Trken gettet. Der andere
wurde in einem Liebeshandel aus einem Hinterhalt erschossen.



GEORGE PIKNON


In den ersten Jahren des Pontifikates des Papstes Clemens VIII. traf ein
Irlnder namens George Piknon whrend der Oktave der Auferstehung den
Erzpriester von San Celso und San Giuliano in Banchi auf seinem Wege in
die Kirche, um den Kranken die Kommunion zu spenden. Beim Anblick des
Prlaten packte den Irlnder sinnlose Wut; er ohrfeigte ihn so heftig, da
der Erzpriester das Ziborium fallen lie. Piknon htte den Leib Christi
mit Fen getreten ohne die Dazwischenkunft der wtenden Menge.

Soldaten entrissen ihn dem Volke und er wurde eingesperrt und verhrt.
Aber auf alle Fragen antwortete er nur, da er nichts als seine Pflicht
getan habe und bedaure, sie nicht voll erfllt zu haben. Vergeblich
versuchten einige Mnche seiner Nationalitt, ihn zu bekehren und zum
katholischen Glauben zu bringen: es war verlorene Mhe.

Indem der Papst hoffte, ihn solcherweise zu besseren Gefhlen zu bringen,
befahl er, da man Piknon im Gefngnis behalte, aber mit Nachsicht und
Gte behandle. Aber es war unntz. Piknon wollte sich auf nichts
einlassen.

Schlielich kndigte man ihm an, da er gehenkt wrde; er antwortete mit
Hohnlachen; man gab ihm darauf noch die weitere Strafe, das Zwicken mit
glhenden Zangen auf dem Wege zum Richtplatz.

Als am Abend vor der Hinrichtung der Kerkermeister ihm nach Brauch das
Urteil verlas, lachte Piknon auf und spie, von pltzlicher Wut gepackt,
dem Mann ins Gesicht und versuchte ihm Futritte zu geben. Keinem der
Geistlichen, die um ihn waren, gelang es, von ihm andres zu erreichen als
eine abweisende Geste.

Inmitten einer ungeheuren Menge wurde er zu Tode gefhrt und mit den
Zangen gezwickt, was ihn brllen machte wie ein Stier, und wovon ein
solcher schlechter Geruch entstand, da einer der ihn begleitenden
Geistlichen ohnmchtig wurde. Er bergab sich selbst dem Henker. Sein
Leichnam wurde verbrannt und seine Asche in alle Winde verstreut.



DIE FARNESE


Es geben einige Schriftsteller der Familie Farnese einen uralten Adel,
aber, ohne damit die groen Talente ihrer vorzglichsten Glieder zu
leugnen, mu gesagt werden, da wahrhafter Ursprung der Gre dieser
Familie kein andrer war als die Anmut und Schnheit ihrer Ahnin, der
Vanozza Farnese.

Ranuccio Farnese, ein rmischer Edelmann von migem Vermgen, hatte drei
Kinder: Pier Luigi, Giulia und Vanozza. Pier Luigi und Giulia heirateten;
der erstere hatten einen Sohn, Alexander, der eines Tages die Tiara tragen
sollte.

Was Vanozza betrifft, so verfhrte sie durch ihre ungewhnliche Schnheit
den Roderigo Lenzuoli, durch seine Mutter Neffe Calixtus III. aus der
Familie der Borgia, der ihm im Jahre 1456 den Purpur verschaffte und ihm
die Wrde des Vizekanzlers mit einigen tausend Talern Einknften und
sonstigen Benefizien erteilte, wodurch er einer der reichsten Kardinle
wurde.

Vanozza wurde die Geliebte dieses Roderigo und hatte einige Kinder von
ihm, die, wie der berhmte Cesare Borgia, mit groem Aufwande erzogen
wurden, als ob sie zu den mchtigsten Frstengeschlechtern gehrten.
Alexander, ein Sohn jenes Pier Luigi, den seine Tante Vanozza sehr
protegierte, trat trotz seiner sehr leichten Sitten in den Dienst des
Kardinals Roderigo und war noch nicht zwanzig Jahre alt. Dieser Alexander
war in Liebeshndeln hchst verwegen, hatte manche Dolchstiche ausgeteilt
und empfangen und frchtete nichts sonst als die Unerbittlichkeit des sehr
gerechten Papstes Innozenz VIII., der von 1484 bis 1491 regierte, und vor
dem sein Treiben durchaus geheim gehalten werden mute. Alexander zhlte
dreiig Jahre, als er ein Abenteuer bestand, ob dessentwillen ihn die
Frommen noch mehr haten, aber jene, die ihn verehrten, noch mehr liebten.

Er ritt eines Tages durch die Campagna und machte zwei Miglien vor Rom
halt, um Ausgrabungen zu besichtigen, die er hier von einigen Bauern aus
Aquila ausfhren lie. Da kam an der Stelle eine junge Frau aus edlem
rmischen Geschlecht vorbei, die in ihrem Wagen nach Tivoli fuhr und von
drei Bewaffneten begleitet war. Alexander war von der Schnheit der Dame
so betroffen, da er unverzglich die Bewaffneten anfiel und dem Kutscher
zuschrie: "Halt! Das sind meine Pferde! Ihr habt sie gestohlen!"

Alexander war gut bewaffnet, aber seine beiden Diener hatten nur ganz
kurze Schwerter und nahmen gleich Reiaus. Alexanders Leben war in Gefahr.
"Herbei, tapfere Aquilaner!" schrie er, und die Leute verlieen ihre
Arbeit in dem Augenblick, da er von den Bewaffneten umringt war. Was
Alexander so wtend machte, war nicht seine persnliche Gefahr, sondern
da der Kutscher nun seine Pferde antrieb und davonfuhr im Galopp. "Dem
Wagen nach!" schrie Alexander zweien von den Aquilanern zu, "und ttet
eins der Pferde!"

Zum Glcke fr Alexander wurde dieser Befehl von allen vernommen. Zwei
liefen dem Wagen nach und die andren schlugen mit Harken, ihren einzigen
Waffen, auf die Begleitmannschaft ein, die das Leben des jungen Farnese
bedrohte. Er stach einen der Leute nieder, zwei andre fielen vom Pferde
und liefen davon. Alexander hatte ein paar leichte Wunden erhalten; das
hinderte ihn aber nicht, hinter dem Wagen mit der Dame herzurennen. Sie
war in Ohnmacht gefallen und er lie den Wagen querfeldein nach einer
kleinen Villa zu fahren, die ihm gehrte, etwa zwei Miglien von Palestrina
entfernt. Hier verlebte er einen glckseligen Monat. Niemand in Rom auer
dem Kardinal Roderigo wute um seinen Aufenthalt.

Am Tage jenes Verbrechens war Alexander so klug gewesen, jedem der
Aquilaner sechs Zechinen zu geben und ihnen zu befehlen, sofort ber
Tivoli und Rio Freddo in das Knigreich Neapel zu verschwinden, was auch
getreulich ausgefhrt wurde, so da das Verbrechen ziemlich lange
unentdeckt blieb. Aber schlielich kam es doch dem Papste zu Ohren. Der
Kardinal wollte nicht als der Schuldige an der Entfhrung gelten, denn er
hatte sich erst kurz vorher einer hnlichen Untat schuldig gemacht. So
wurde Alexander trotz aller Mhe, die sich Vanozza fr ihren Neffen gab,
in die Engelsburg gesperrt. Der Gouverneur von Rom lie alle Diener
Alexanders einsperren, aber erst auf der Folter redeten sie, und so erfuhr
er auch von den Aquilanern. Er lie sie von Sbirren betrunken machen und
ber die nahe Grenze locken; hier wurden sie gefat und verhrt. Erst nach
Monaten war die Untersuchung abgeschlossen, und es drohte Alexander
schwere Gefahr. Da gelang es dem Kardinal Roderigo und Pietro Marzano,
einem Verwandten der Farnese, Alexander ein Seil zukommen zu lassen. Und
er war khn genug, sich von der Hhe der Engelsburg, wo er gefangen war,
bis in die Grben hinunterzulassen. Das Seil war an 300 Fu lang und von
groem Gewicht.

Nach dem Tode Innozenz VIII. wurde der Kardinal Roderigo unter dem Namen
Alexander VI. Papst. Damit gelangte Vanozza zu hchster Macht und sie
erreichte es, da Alexander begnadigt und zum Kardinal gemacht wurde. Er
lebte sein wildes Leben weiter wie zuvor und bis zu dem Tage, da er sich
in ein adeliges Mdchen namens Celia verliebte, die er als seine Frau
behandelte und von der er einige Kinder hatte.

Nach dem Tode Clemens VII. wurde Alexander unter dem Namen Paul III.
Papst.



DIE FRSTIN VON SALERNO


Romandina war die schnste von drei Schwestern, Tchtern des Gabriele del
Balzo Orsini, Herzogs von Venosa, und mit Roberto Sanseverino verheiratet,
erstem Frsten von Salerno und Groadmiral des Knigreichs Neapel. Ihm
folgte ihr Sohn Antonello in der Herrschaft. Carlo Caraffa, der jngste
Sohn des Galeazzo und der Corella Brancaccio war des Frsten nchster
Freund, jungaussehend wie ein Knabe noch, schn, hochherzig und voll
Begabung. Die beiden waren unzertrennlich; weilte der Frst in Neapel, so
zeigten sie sich berall zusammen.

Nun begab es sich, da Carlo im Duell einen Edelmann aus der Familie
Capece erstach und aus Neapel fliehen mute: er begab sich nach Salerno,
wo ihn die Frstin Romandina auf das liebevollste aufnahm, eingedenk der
Freundschaft ihres Gatten. Allmhlich entbrannten aber die beiden in Liebe
freinander, und eine Abwesenheit des Frsten benutzend, verrieten sie
ihn, sie den Gatten und er den Freund. Die Frstin vertraute ihre Liebe
einem ziemlich hbschen, aber boshaften Kammermdchen namens Giovanna an
und bat, sich ihr hilfreich und wachsam zu zeigen.

Als der Frst zurckkehrte, begrte er den ungetreuen Freund auf das
herzlichste; er hatte die Verhandlungen zwischen ihm und der Familie des
Getteten gefhrt und es durch seinen Einflu zu einem Vergleich gebracht;
so da Carlo zum groen Schmerze der Frstin nach Neapel zurckkehrte.

Es lie ihm aber nach einigen Monaten die Frstin durch ein Schreiben
wissen, wie sehr sie sich ber seine Fremdheit beklage, indem er so lange
Zeit nicht nach Salerno gekommen wre, sie zu sehen. Carlo antwortete, da
er mehr denn je von Liebe fr sie erfllt sei, doch htte er Salerno
gemieden, um sie nicht zu verraten und sie nicht beide um Leben und Ehre
zu bringen. Dieser Brief mifiel aber der Frstin und sie schrieb ihm, er
htte sie immer besuchen sollen. Dieser Brief brachte Carlo in groen
Zwiespalt. Ginge er nicht nach Salerno, so verlre er die Liebe der
Frstin nicht nur, sondern sie wrde ihn fr untreu und falsch nehmen.
Gehorchte er aber ihrem Wunsche, so wrde ihre Liebe leicht bekannt werden
durch einen Zufall oder den Ungestm der Frstin. Aber nach vielem
Schwanken entschied sich Carlo, seiner Geliebten zu folgen, und er ging
unverzglich nach Salerno.

Den Frsten, der sehr erfreut ber Carlos Ankunft war, sagte dieser, da
ihm seine Feinde trotz des geschlossenen Friedens nach dem Leben
trachteten, weshalb er in Salerno fr kurze Zeit ein Asyl suche, whrend
welcher Zeit er sich mit den Wissenschaften, den lange vernachlssigten,
beschftigen wolle. Solches sagte Carlo besonders der Vasallen des Herzogs
wegen, die ihn mit mitrauendem Auge ansahen. Der Frst bot seinem
geliebten Freunde einen einsam liegenden Ort seiner Herrschaft zum
Aufenthalte an, aber Carlo sagte, er wrde wohl auch am Hofe in Salerno
selber einen Platz finden, der ihm erlaubte, sich seinen Studien mit aller
Mue hinzugeben; nur da er zurckgezogen lebe, mge ihm der Frst
erlauben, was ihm dieser gerne zusagte.

Die Frstin aber wartete voll Sehnsucht der Nacht, da ihr Gemahl mit
seinem Hofstaat ein Schauspiel besuchen wollte. Giovanna war die
Wchterin, und es gaben sich die beiden Liebenden solchem Glcke hin, da
sie schier daran zu versterben meinten.

Ein Jahr lang genossen sie dieses Glck, wenn anders solche
verbrecherische Liebe ein Glck genannt werden kann, und nicht der
leiseste Verdacht fiel auf sie.

Da starb Carlos Vater, Galeazzo, und er mute der damit verursachten
Geschfte wegen nach Neapel zurckkehren. In dieser Zeit lie der Frst
seinen einzigen Sohn Antonello aus Neapel zurckkommen, wo er als Page dem
Knig Ferrante bis zu seinem vierzehnten Jahr gedient hatte. An diesem
Hofe herrschte die Liebe, und des Knaben Sinn war ganz von ihr erfllt,
denn er war heien Blutes. Er verliebte sich in die lebhafte Giovanna, die
wie zwanzig aussah, wenn sie damals auch schon fnfunddreiig zhlte. Die
Kammerfrau erriet sehr bald die Absichten des jungen Herrn Antonio und
tat, als wiese sie ihn ab, um ihn noch strker an sich zu fesseln. Die
Frstin, die dieses Spiel der beiden merkte, frchtete, es knnte zur
Entdeckung ihrer eigenen Liebschaft fhren und verbot der Giovanna, sich
mit ihrem Sohne einzulassen. Und sie drohte ihr mit Zchtigung, als sie
merkte, da Giovanna ihrem Verbote nicht folgte. Dieses war sehr unbedacht
von ihr, denn sie htte sich sagen mssen, da es ihre eigene Ehre
verlange, die Schwchen andrer zu schonen.

Giovanna fand sich durch solche Behandlung schlecht fr ihre treuen
Dienste belohnt; sie nahm Abschied von ihrer Herrin und stellte sich unter
Antonellos Schutz, der nun fnfzehn Jahre alt geworden war. Zu spt
bereute Ramondina, und in ihrer Angst, jene mchte sie verraten, beschlo
sie den Tod der Kammerfrau; einige ihrer Getreuen betraute sie mit dieser
Tat. Als diese Leute nun Giovanna mit Dolchen angingen, erhob sie ein
groes Geschrei, und es gelang ihr, zu entfliehen; sie rettete sich in die
Kammer einer Magd, wo sie laut um Hilfe rief. Eine Menge Menschen lief
zusammen, und als auch der Bargello erschien, flchteten die Mrder in die
Kirche San Mateo. Antonello, der auf das Geschrei herbeieilte, fand seine
Geliebte in ihrem Blute. Er lie die Kirche umstellen, um die Mrder zu
fassen. Seine Mutter befahl ihm aber, sie entkommen zu lassen; was er
versprach.

Er erzhlte sehr unklug Giovanna von dem Befehl seiner Mutter. Da erfate
die Kammerfrau groer Zorn gegen die Frstin und sie erzhlte Antonello
die Geschichte seiner Mutter mit Carlo Caraffa. Antonello berichtete es
sofort seinem Vater. Dieser wollte es von Giovanna selber hren, und sie
erzhlte ihm den Liebeshandel mit allen Einzelheiten, so da er weder mehr
an der Untreue seines Freundes noch an der seines Weibes zweifeln konnte.
Er gebot Giovanna und Antonello tiefstes Schweigen.

Die Frstin hatte von der Unterredung durch ihre Spione erfahren und
machte sich auf Gift gefat, weshalb sie tglich Gegengifte und Elixiere
einnahm. Auch Carlo sandte sie durch den Sohn einer alten Dienerin
Botschaft von dem Vorgefallenen und ihren Befrchtungen. Aber des Herzogs
Spione fingen den Boten ab, und er erfuhr so die Untreue seines Weibes aus
ihrem eigenen Schreiben. Nun zgerte er nicht lnger und gab ihr Gift,
durch das sie ein schleichendes Fieber bekam.

Sie starb nach vierzehn Tagen. Dienstleute des Herzogs ermordeten Carlo in
Neapel. Auch Giovanna traf seine Rache: er lie ihre Wunden vergiften.

Als der Herzog von Salerno erfuhr, da einer der vornehmsten Herren von
Neapel, der ein schnes aber lasterhaftes Weib hatte, von der Unehre
sprach, welche die Frstin Romandina ber das Haus Sanseverino gebracht
hatte, da lie der Herzog gegenber der Kirche Santa Chiara einen
prchtigen Palast bauen und ber dem Portal sein Wappen anbringen. Den
Wappenhelm krnten zwei Hrner, welche diese Schrift trugen:

    Porto le Corna che ognun le vede.
    Altro le porta che non se lacrede.

Zu deutsch:

    Ich trage Hrner, die ein jeder siecht.
    Ein andrer trgt sie und er wei es nicht.



DIE NONNEN VON BOLOGNA


Da die Klosterfrauen eine andre als die himmlische Liebe in ihrem Herzen
tragen drfen, dieses habe ich nie geglaubt, denn indem sie sich der
irdischen Liebe ergeben, schnden sie nicht allein ihren Leib, sondern
auch ihre Seele und jagen daraus die Gottheit, die in ihnen hausen soll.
Aber ich habe oft gehrt, da manche Nonnen gegen ihren Willen ins Kloster
getan wurden und da diese, weit entfernt, Gott ihren Leib zu weihen, sich
dafr entschuldigen wollen, da man sie von der Welt abschlo.

Was ich nun erzhle, ereignete sich unter dem Pontifikat des Maffeo
Barberini, der als Papst Urban VIII. hie, und zwar in Bologna, wo des
Papstes Neffe, der Kardinal Antonio Barberini, als Legat residierte.

Im Konvertitinnenkloster von Bologna waren damals zwei Nonnen von groer
Schnheit und lieblicher Anmut, deren eine die Teverona hie, die andre
wegen der Farbe ihres Haares die Rote. Mit dieser Roten begann der
Hauptmann Donato Antonio einen Liebeshandel, whrend ein Gnstling des
Kardinals, ein gewisser Carlo Possenti, sich mit Erfolg um die Teverona,
bewarb. Beide beschlossen, die Nonnen zu entfhren, worein diese gerne
willigten. Sie bekamen weltliche Tracht und wurden nahe bei der Porta
Carrese mit Hilfe des Grafen Ranucci, eines Freundes des Possenti,
untergebracht bei einem gewissen Pallade, wo sie aber nur ein paar Tage
verweilten, um in das Haus des Grafen Alessandro Maria Pepoli und von da
in das Haus eines Dieners dieses Grafen gebracht zu werden.

Inzwischen war man der Missetat auf die Spur gekommen und eine genaue
Untersuchung eingeleitet worden. Des Donato Bruder, der Oberst seines
Regimentes war, schickte den Donato schleunigst nach der Romagna ins
Quartier und versprach ihm, die Rote alsbald nachzuschicken. Possenti, der
inzwischen Vize-Herzog von Segni geworden und nicht mehr in Bologna war,
hoffte, man wrde die Sache bald vergessen, worauf er sich seine Teverona
nachkommen lassen wollte. Aber der Proze wurde sehr eindringlich gefhrt,
so da der Oberst fr das Leben seines Bruders frchtete; er verstndigte
sich mit dem Grafen Pepoli und die beiden beschlossen, die zwei Nonnen
umzubringen, was auch geschah. Sie wurden im Keller ihres letzten
Wohnortes bei dem Diener begraben. Solange Urban Papst war, wurde das
Verbrechen totgeschwiegen, denn man vermutete in dem Kardinal Antonio den
Anstifter, der die Nonnen geliebt und nachdem er ihrer berdrssig
geworden wre, htte er sie man wei nicht wohin geschickt.

Als nun nach Urbans Tode Innozenz X. den Thron bestieg, standen die
zahlreichen Feinde der Barberini auf und klagten den Kardinal vieler
whrend der Regierung seines Onkels begangener Verbrechen an, und obzwar
der Papst den Barberinis die Tiara verdankte, verfolgte er doch den
Kardinal. Jener Graf Pepoli war inzwischen gestorben und das Haus seines
Dieners wechselte den Besitzer. Der entdeckte die Leichen im Keller und
erstattete Bericht an die Justiz. Pallade, bei dem sie zuerst gewohnt
hatten, machte aus Angst und in Hoffnung auf die ppstliche Gnade ein
offenes Gestndnis. Darauf wurden am 30. Juli 1645 im Palaste des
Kardinals Antonio in Rom jener Carlo Possenti und des Kardinals
Haushofmeister verhaftet und nach Bologna gebracht. Auch der Oberst,
Donatos Bruder, wurde eingezogen und mit Pallade und Possenti
konfrontiert. Possenti starb ohne etwas zu verraten in der Folter. Auch
der Oberst ertrug ohne ein Wort die Folter und der Haushofmeister erwies
auf ihr seine Unschuld. Er wurde wie der Graf Ranucci nach Pataro
verbannt.

Der Kardinal floh am hellichten Tage, als ob er einen Spaziergang machen
wolle, nach Frankreich. Spter shnte er sich mit dem Papste aus. Von
jenem Verbrechen an den beiden Nonnen war nie mehr die Rede.



DIE BRDER MISSORI


Die beiden Brder Missori erfreuten sich der Gunst des Marchese del Monte,
Ministers der Knigin Christine von Schweden. Sie trieben was sie wollten
in jenem Stadtviertel Roms, das die Knigin whrend ihres Aufenthaltes in
der Stadt bewohnte. Christine setzte alles Vertrauen in die Brder und war
gegen ihre Taten um so nachsichtiger als sie sich mit der Absicht trug,
aus dem von ihr bewohnten Viertel eine Freisttte zu machen. Solcherart
hatten die Gerichtsbeamten keinen Zutritt in dieses Viertel und die immer
es versuchten, wurden umgebracht und in den Tiber geworfen. Hier in diesem
Viertel fanden zumal alle Frauen, die aus irgendwelchen Grnden ihre
Mnner verlassen hatten, Zuflucht.

Dies whrte Jahre, und die Knigin zog sich die allgemeine Verachtung zu,
da sie sich auf jene Mordbuben sttzte, und vergeblich lie der Papst sie
durch mehrere Kardinle ersuchen, die Verbrecher zu bestrafen; sie
verharrte nur um so strker auf ihren verbrieften Rechten eigener
Jurisdiktion, als schlimme Ratgeber ihr einredeten, die Kardinle wollten
sie um ihre Herrschaft bringen.

Der Papst sagte immer nur: "Der hchste Richter wird hier Abhilfe
schaffen", und er begnstigte mit dieser Schwche das schndliche Treiben
der beiden Brder, die selbst davor nicht zurckschreckten, Kindern Gewalt
anzutun. Tglich kamen neue Klagen, und so mute der Papst doch dem
Gouverneur den Befehl geben, sich der Brder Missori zu bemchtigen; aber
es war ihm dieses nicht gestattet, da sie den Titel "Garde der Knigin"
fhrten. Man mute daher danach trachten, sie auerhalb des Bannkreises
von Christinens Macht zu fangen.

Als dieses die Missori erfuhren, verlieen sie das Viertel nicht mehr.
Spione wurden von den Bravi der Knigin erkannt, zu Tode geprgelt,
erschossen oder in den Tiber geworfen. Der Marchese vermehrte die Wachen
des Viertels um fnfundzwanzig Mann. Die Verbrechen nahmen Tag fr Tag zu.

Nun gelang es einem der Knigin wie dem Gouverneur befreundeten Kardinal,
die Majestt mit guten Grnden zu veranlassen, da die Brder Missori den
Kirchenstaat verlieen, was sie auch taten. Nicolo wollte sich nach Neapel
wenden, whrend Bernardino dem Groherzogtum Toskana den Vorzug gab,
dessen Herr der Knigin befreundet war.

Der Papst erhielt sofort Nachricht von dem Aufenthalte der Brder und
schickte gleich einen Kurier an den Groherzog mit einem Schreiben, worin
er bat, zwei junge Leute auszuliefern, die von Rom nach Toskana gereist
wren. Cosimo III. wute nicht, da sich die Brder der Gunst der Knigin
erfreuten und lie die Brder in Livorno verhaften, von wo sie unter
Bedeckung nach Rom gebracht und in der Engelsburg eingekerkert wurden.
Erst dann erhielt Cosimo die Briefe der Knigin, worauf er ihr schrieb,
da es ihm leid tte und wie es der Papst angestellt htte, die Brder in
seine Hand zu bekommen.

Die Brder waren getrennt untergebracht und mit schweren Fueisen
gefesselt. Bei ihrem ersten Verhr leugneten sie, Missori zu heien und
Brder zu sein, aber zahlreiche Zeugen erkannten sie. Die Knigin bemhte
sich ohne Erfolg um ihre Freilassung; in eigner Person begab sie sich nach
dem Monte Cavallo zum Staatssekretr, wurde aber nicht vorgelassen. Der
Papst war fr den Tod der Brder, sowie sie als die Missori erkannt wren,
auch ohne ihr eigenes Gestndnis, causis nobis notis, wie er hinzusetzte.

Bernardino sah sich, zurckgefhrt in seine Zelle, schon dem Tode
verfallen; er schrie nach dem Kerkermeister. "Warum", schrie er, "hat man
mir den Bart geschoren, mich in Eisen gelegt? Soll ich sterben? Lat mich
nicht in Ungewiheit." Aber der Kerkermeister sagte, dies seien nur
rechtmige Prozeduren und keine Vorbereitungen zur Hinrichtung. Davon
gewann Bernardino einige Beruhigung, die aber wieder schwand, als man das
Fenster seiner Zelle vermauerte.

Viele hatten schon die Brder erkannt, als ein Edler von San Stefano, der
sie sehr gut zu kennen behauptete, erklrte, er knne die beiden jungen
Leute, die man ihm hier vorfhre, nicht als die Missori erkennen. Aber es
half dieses nichts, denn der Papst hatte das Todesurteil unterzeichnet,
und am 14. Januar 1685 begab sich der Marchese Strozzi nach der
Engelsburg, um sich mit dem Kommandanten Massimi ber die Vorbereitungen
zur Hinrichtung zu verstndigen. Als man Nicolo das Abendbrot brachte,
fragte er: "Wer ist heute nach der Engelsburg gekommen?" Man sagte ihm,
da es nichts Neues gebe. Aber er war voll Angst und a nichts.

Bernardino fragte, ob die Folterinstrumente in der Engelsburg seien. Der
Leutnant Marzio antwortete, er sei zwanzig Jahre in der Festung und wisse
nichts von solchen Werkzeugen. Bernardino bat um Tabak.

Am Tage, da man sie zur Richtsttte fhrte, den 15. Januar des Jahres, war
der Platz vor der Engelsbrcke dicht besetzt von Sbirren, da man einen
Rettungsversuch der Knigin befrchtete. Deshalb waren die Kanonen auch
nach dem Platz gerichtet und mit Karttschen geladen. Auch war der Befehl
gegeben, bei dem geringsten Zeichen von Unruhe zu feuern.

Die Missori kamen, der ltere voran. Er war mit seinen sechsundzwanzig
Jahren ein Mensch von hohem Wuchs und schnem Ansehn. Seine Haare und
Augen waren schwarz und die Farbe seiner Haut olivengrn. Sein Bruder, der
ihm festen Schrittes folgte, war um drei Jahre jnger, hatte
kastanienfarbnes Haar und einen rtlichen Bart, eine weie Haut und
lebhafte Augen. Beide trugen hirschfarbene Wamse, hellseidne Strumpfhosen
und weie Schuhe; ein grauer Mantel mit pfaufarbnem Futter fiel ihnen bis
auf die Fe. Als Bernardino unter der Menge einen Freund erkannte, rief
er: "Lieber Freund, wie siehst du mich wieder! Ich empfehle dir meine
Seele, die bald ihrem Krper entfliehen wird!" Der also Angerufene fiel
bei diesen Worten in Ohnmacht und kam erst wieder zu sich, als die beiden
schon tot waren.

Sie hatten seit dem Morgen des vorigen Tages nichts gegessen. Bei der
Kapelle an der Engelsbrcke bot man ihnen Nahrung. Bernardino wies sie ab,
aber Nicolo nahm aus Gehorsam einen in Wein getauchten Zwieback. Er ging
als erster in den Tod. Bernardino fiel in Ohnmacht, als er seinen
geliebten Bruder verscheiden sah. Man brachte ihn rasch wieder zu sich. Er
legte mit grter Ruhe sein Haupt selber auf den Block. Als der Kopf fiel,
donnerte ein Kanonenschu, wie zuvor bei der Hinrichtung Nicolos. Diese
Schsse waren eine besondere Gnade des Papstes, der whrend der
Hinrichtung in seinem Schlafgemach auf den Knien zu Gott um das Seelenheil
der Hingerichteten betete. Bei jedem Kanonenschu sandte er dem
Verschiedenen den Segen in articulo mortis nach.



POMPILIA COMPARINI


Der Abbate Paolo Franceschini aus Arezzo war wohl von edler Herkunft, aber
nur sehr wenig mit Glcksgtern gesegnet. Doch besa er gengend Geist,
sein Glck zu versuchen, und begab sich nach Rom, wo er vom Kardinal
Lauria als Sekretr bestellt wurde. Er gewann bald die Gunst des wegen
seiner Gelehrsamkeit im heiligen Kollegium sehr geschtzten Kardinals, und
ausgerstet mit dieser Gunst wollte Paolo sein Glck und Ansehn damit
frdern, da er seinem Bruder eine reiche Frau verschaffe.

Der Bruder Guido war schon ein lterer Mann, von wenig gewinnendem uern
und geringer Begabung. Er war Sekretr beim Kardinal Nerli gewesen, hatte
die Stelle aber verloren, was fr die Heiratsplne des Abbate nicht
gnstig war. Aber er hoffte, die Mngel seines Bruders durch die Vorzge
seiner eignen Person zu ersetzen. Nach mancher Umschau richtete er seine
Absicht auf Francesca Pompilia, die einzige Tochter des Pietro Comparini
und seiner Gattin Violante, die eine Erbschaft von zwlftausend Skudi zu
erwarten hatte. Um so leichter erschien ihm diese Heirat fertig zu
bekommen, als die Familie Comparini der seinen nicht ebenbrtig war.

Er bediente sich als Vermittlerin einer Haarkruslerin, die im Hause der
Comparini arbeitete und dort vertraulich war. Er versprach ihr fr ihre
Vermittlung eine Belohnung von fnfzig Goldgulden, und die Frau machte
sich gleich ans Werk. Sie redete mit Violante, die ihr versprach, mit
ihrem Manne zu reden. Denn der Niebrauch jener Erbschaft blieb der
Familie nur fr den Fall, da direkte Nachkommen vorhanden waren. Der alte
Comparini erklrte sich nicht abgeneigt, wenn es mit dem Besitze der
Franceschini so stimme, wie sie ihm gesagt htten.

Paolo drang auf Eile; er frchtete, die Sache knnte ihm entgehen. Er lie
vom Kardinal Lauria den Ehevertrag aufsetzen, was dieser Mann aus
Geflligkeit gegen den von ihm geschtzten Abbate tat. Inzwischen hatte
sich Comparini aber anderweitig ber die Vermgensumstnde der
Franceschini erkundigt und die Ausknfte lauteten sehr verschieden von
denen des Abbate und dessen Gewhrsmnner. Es kam dadurch zu heftigen
Auftritten zwischen Mann und Frau, die durchaus auf der Heirat bestand und
sagte, da dies nur Machenschaften von Neidern des Glckes ihrer Tochter
wren. Aber der Gatte blieb um so khler, je mehr die Frau in Hitze kam
und sagte, er wolle durch die Verheiratung ja nichts gewinnen, aber auch
nichts verlieren. Aber Pietro hatte innerlich lngst seinem Weibe, das er
zrtlich liebte, nachgegeben, denn er tat ihr immer jeden Willen. Violante
aber frchtete, er knne es schlielich doch noch durch gute Ratschlge
von Freunden bereuen, und so beschlo sie, die Hochzeit ohne Wissen ihres
Mannes statthaben zu lassen. Die Tochter, immer folgsam dem was die Mutter
verlangte, war einverstanden. Man verabredete sich mit Guido, und
frhmorgens wurden sie in der Kirche San Lorenzo getraut. Pietro war sehr
aufgebracht, als er davon hrte. Doch war an der Sache nichts mehr zu
ndern, und er richtete die Hochzeit in seinem Hause, gab seiner Tochter
eine Mitgift von fnfundzwanzig ppstlichen Anleihescheinen und machte sie
zu seiner Erbin.

Schon am Hochzeitstage war es zwischen dem Alten und den Brdern zum
Streit gekommen ber die Vorteile, die den beiden Familien aus dieser
Heirat erwchsen, und man war bereingekommen, da die Comparinis nach
Arezzo bersiedeln und im Hause der Franceschini den Rest ihres Lebens
verbringen sollten. Comparini berlie seinem Schwiegersohne auch die
Verwaltung seines ganzen Besitztumes.

In Arezzo wurden die alten Comparini von den alten Franceschini und deren
Sippschaft mit groer Liebenswrdigkeit empfangen, wie dies Brauch ist.
Aber bald kam es zu Streitigkeiten und schlielich zu offnem Bruch. Guidos
Mutter war eine anmaende und geizige Frau, herrisch schaltend in ihrem
Hause. Auf des alten Comparini Vorhaltungen antwortete Guido erst
wegwerfend, dann drohend, was Violante in Wut brachte, die an Hochmut der
alten Franceschini nichts nachgab. Sie begann Pietro zu qulen und fluchte
dem Tag, der sie nach Arezzo gebracht habe und gab ihm alle Schuld, die
sie selber hatte. Pietro, von Weibertrnen eingenommen, fiel es nicht ein,
seinem Weibe zu sagen, da diese Ehe gegen sein Wissen und Wollen
geschlossen worden wre; er bat sie vielmehr zrtlich, doch die kleinen
Unannehmlichkeiten hinzunehmen und abzuwarten, da die Franceschini ihr
Unrecht einsehen.

Da starb der Kardinal Lauria, und Paolo wurde rmischer Sekretr des
Malteserordens; dadurch stieg sein Hochmut ber alle Begriffe. Violante,
selber zu herrschen gewohnt, wollte es nicht lnger ertragen und bestrmte
ihren Mann, nach Rom zurckzukehren. Die Franceschinis gaben ihnen fr die
Reisekosten noch eine Summe Geldes.

Alsbald in Rom setzte Pietro zu allgemeinem Staunen eine gerichtliche
Denkschrift auf, worin er nachwies, da Francesca Pompilia gar nicht seine
leibliche Tochter sei, und er daher gar nicht verpflichtet war, die
Mitgift auszuzahlen. Violante habe sich schwanger gestellt und ein von
einer Hebamme fr hundertfnfzig Skudi gekauftes Kind untergeschoben zu
dem Zweck, ihrer Familie die Nutznieung der fnfundzwanzig Stck
ppstlicher Anleihe zu erhalten. Sie htte diese Tuschung sehr geschickt
ins Werk gesetzt.

Diese Denkschrift Pietros wurde bald stadtbekannt und erregte mehr
Unwillen als Erstaunen, denn man sagte sich, da die Franceschini von
diesem Schriftstck sehr beleidigt werden mten. Die Franceschini
berlegten, da man, wenn Pompilia kein eheliches Kind sei, die Ehe
nichtig erklren und so den guten Ruf der Familie wieder herstellen knne.
Die Rechtskundigen, die sie darber befragten, waren aber verschiedener
Meinung und so trauten sich die Franceschini nicht an einen so
zweifelhaften Proze. Was sie erreichten, war die Anerkennung von
Pompilias ehelicher Geburt und damit die rechtsgltige Erbschaft der
Anleihescheine. Dagegen appellierte Pietro beim ppstlichen Gericht und
erreichte, da die Franceschini wohl nur die Ausgaben jener bertragung,
nicht aber die Nutznieung des Fideikommisses zugesprochen bekamen.

Aller Ha der Franceschini wandte sich auf die unglckliche Pompilia, die
in Arezzo zurckgeblieben war. Von den eigenen Eltern als Kind verleugnet,
wurde sie von ihrem Gatten tglich mit dem Tode bedroht. Die
sechzehnjhrige Pompilia ertrug alle Grausamkeit, wie sie vermochte; als
sie aber keinen Ausweg mehr sah, wandte sie sich an den Statthalter von
Arezzo, aber ohne Erfolg. Nun warf sie sich dem Bischof zu Fen, und
dieser lie den Guido rufen und mahnte ihn zu Vershnlichkeit. Aber diese
ffentliche Beschwerde brachte ihn ganz auer sich, und er drohte seinem
Weibe, es zu tten, wenn sie es nochmals wagen sollte, sich zu beklagen.
Da es aber in nichts besser wurde, wandte sich Pompilia an einen Schwager
ihres Mannes, den Canonicus Conti, der ihren Jammer kannte, und bat ihn,
ihr das Leben zu retten. Der Canonicus sah das Heil nur in der Flucht aus
dem Hause; da er sich aber nicht die Feindschaft seiner Sippe aufladen
wollte, empfahl er Pompilia, sich an den Canonicus Caponzachi zu wenden,
einen Freund und entfernten Verwandten der Franceschini, einen
rechtschaffenen und erprobten Mann. Dieser hatte nun erst Bedenken, eine
Frau ihrem Manne zu entfhren, wenn auch nur zu ihren Eltern, aber
schlielich gewann ihn doch das Mitleid und er versprach seine Hilfe. Als
diese nicht rasch genug kam, schrieb Pompilia an ihn, leidenschaftlich und
schmeichelnd, doch nie derartiges, da man daraus eine Verletzung ihres
ehelichen Treugelbnisses htte lesen knnen, wie die erhaltenen Briefe
zeigen. In einem dieser Briefe lobt sie des Caponzachis Bescheidenheit, in
einem andern beschwert sie sich ber einige frivole Gedichte, die er ihr
geschickt habe und bittet ihn, ihr seinen Edelmut rein zu erhalten.

Am verabredeten Tage der Flucht bestiegen der Canonicus und Pompilia den
Reisewagen und erreichten in raschester Fahrt am frhen Morgen des andern
Tags Castelnuovo; da hier der Wirt ihnen nur ein Bett bieten konnte,
verbrachte Pompilia die Rast auf einem Lehnstuhl, whrend der Canonicus im
Stall zum Kutscher ging.

Kurz nach der Flucht entdeckte Guido das leere Bett und den offenen
Schrank, in dem eine darin verwahrte Geldsumme fehlte. Zu Pferde eilte er
den Flchtigen auf der Strae nach Rom nach. Er traf eine Stunde nach
ihrer Ankunft in jener Herberge ein, stie auf Caponzachi, der ihn einen
Schurken und Tyrannen nannte. Guido war sehr berrascht, den Canonicus bei
seiner Frau zu treffen, und er verlor allen Mut so sehr, da er wieder
nach Hause ritt. Hier angekommen verklagte er seine Frau wegen Flucht und
Ehebruch, womit er seine Mitgift gewonnen zu haben glaubte. Sein Bruder,
der Abbate Paolo, erhob Beschwerde beim Papste Innozenz XII. und beim
Gouverneur von Rom, dieser mge den Canonicus Caponzachi als Entfhrer und
Ehebrecher erklren und seinem Bruder die Mitgift zusprechen.

Der mit aller Strenge gefhrte Proze ergab aber nichts gegen das Paar,
auer dem Briefwechsel vor der Flucht, diese selber und die Aussage des
Kutschers, der erklrte, er htte beim Umsehen des ftern die beiden Wange
an Wange liegend im Wagen gesehen. Aber es mchte dessen Ursache die
schlechte Strae gewesen sein. Endlich verfgte das Gericht die Verbannung
des Canonicus fr Jahre nach Civitavechia wegen Begnstigung der Flucht,
wenn auch in guter Absicht. Pompilia wurde mit Zustimmung der
Franceschinis in loco carceris nach dem Kloster delle Scalette an der
Lungara gebracht, wo Guido ihren Unterhalt zu bestreiten hatte. Da sie
aber ihrer Schwangerschaft wegen nicht lnger an diesem Orte bleiben
konnte, verfgte der Gouverneur ihre bersiedlung in das elterliche Haus,
womit auch der Unterhalt durch den Gatten sein Ende fand.

Des Geredes ber diese Sache war in Rom so viel, da der Abbate Paolo
seine Stelle beim Malteserorden verlor. Worauf er sich entschlo, Rom zu
verlassen und in ein Land zu gehen, wohin kein Gercht von der Unehre, die
ihn betroffen, gedrungen sein konnte. Er hinterlie Guido die Pflicht, die
Ehre des Hauses wieder herzustellen.

Pompilia gebar einen Sohn, der den Namen Moschio erhielt und von den
Comparinis zur Pflege auer Haus gegeben wurde. Alle Welt hoffte, Guido
wrde nun zur Besinnung kommen und sich mit seinem Weibe vershnen; aber
Guido hatte ganz andere Gedanken: er wollte seine Ehre mit dem Blute aller
Contarinis reinwaschen.

Einem Feldarbeiter, einem Menschen niedern Wandels, vertraute er seine
Schmach und seinen Racheplan an, und der Mensch erbot sich, mit Hilfe von
vier, fnf sichern Leuten den Racheplan auszufhren. Zu fnft begaben sie
sich verkleidet nach Rom und klopften des Nachts um zwei bei den
Comparinis an. Einer rief, er habe einen Brief Caponzachis zu bestellen,
aber die Frauen hatten Angst und rieten Pietro, nicht zu ffnen. Der aber,
auf den Brief neugierig, ffnete die Tr und Guido strzte mit zweien
seiner Leute herein, whrend die andern zwei drauen Wache standen. Er
stie dem Alten das Messer in den Leib, so da er ohne einen Laut hinfiel
und starb. Hierauf ermorderte er Violante und die unglckliche Pompilia
mit vielen Messerstichen und Futritten. Einem seiner Leute befahl er,
nachzusehen, ob die Frauen tot seien; der zog sie an den Haaren hoch, lie
sie hinfallen und sagte, sie seien tot. Er zahlte ihnen dann den Lohn aus
und wollte sich von ihnen trennen; dies aber lieen die vier Gesellen
nicht zu, aus Angst, und so gingen sie alle miteinander zu Fu die Strae
nach Arezzo zu.

Guido und Violante waren tot, aber Pompilia lebte noch, trotzdem sie die
meisten Messerstiche bekommen hatte. Nun rief sie um Hilfe, so da die
Nachbarn herbeieilten. Mit groer Standhaftigkeit ertrug sie ihre schwere
Verwundung, beklagte auch nicht ihren Gatten, sondern bat den Himmel, da
er ihm seine Tat vergebe, und starb eines seligen Todes, bis zuletzt ihre
Unschuld beteuernd.

In einer Htte nahe Rom wurden die Mrder aufgegriffen. Guido gestand erst
beim Anblick der Folter, rechtfertigte seine Tat aber als seiner Ehre
wegen getan. Seine Mitschuldigen wurden an den Galgen geknpft; er selber
wurde gekpft.



KNIGIN CHRISTINE


Die Knigin Christine hatte Jahre in Rom gelebt und entschlo sich, einer
Einladung Ludwigs XIV. zu folgen und nach Frankreich zu reisen. Mit einem
groen Gefolge von Kavalieren und Pagen verlie sie Rom. Der Knig hatte
fr seinen erlauchten Gast einen prunkvollen Palast richten lassen und dem
Gefolge ein Kavalierhaus angewiesen. In diesem Gefolge befanden sich zwei
Herren, die sie mit ihrer besonderen Gunst auszeichnete; Tag und Nacht
waren der Marchese Monaldeschi und der Marchese Santinelli um sie, der
erste ein witziger Poet in der modischen Art der Marini, der den
kniglichen Hof zum groen Ergtzen seiner Herrin in scharfen Satiren
durchhechelte. Dies fhrte dazu, da ihn die Knigin zu ihrem geheimen
Vertrauten machte. Darber fhlte sich Santinelli zurckgesetzt, wenn auch
die Knigin alles tat, ihn huldvoll zu behandeln. Monaldeschi merkte die
Eifersucht seines Nebenbuhlers um die Gunst und wollte sich diese allein
erhalten; also lie er am Hofe Briefe mit verstellter Hand verbreiten, in
denen sehr vertrauliche Mitteilungen der Knigin an Santinelli und was sie
miteinander taten, auf das respektloseste erzhlt wurden. Diese Briefe
kamen auch in Santinellis Hnde, und er erkannte die verstellte
Handschrift. Er beschlo die Vernichtung seines Gegners. Er brachte, mit
der Knigin einmal im Garten lustwandelnd, das Gesprch auf jene Briefe,
ber die man sich bei Hofe sehr skandalisierte. Die Knigin verlangte die
Briefe zu lesen; doch schwieg sie dazu und bat Santinelli nun, nicht
weiter darber zu sprechen. Ein neuer Brief, in anderer Hand, aber
gleichem Stile, teilte weiteres von den Beziehungen der Knigin zu
Santinelli mit. Die Knigin wollte nun die verdiente Strafe fr den
Briefschreiber nicht lnger hinausschieben, aber sie lebte in Frankreich,
wo die Gesetze jede Gewalttat strenge ahnden. Die Gesetze waren erst vor
kurzem vom Kardinal Richelieu erlassen worden, um den zahlreichen
Bluttaten zu steuern. Der Knig hatte ihre geringste Verletzung mit dem
Tode bestraft, auch wenn es Mitglieder seines Hauses waren, die sich
solches zuschulden kommen lieen. Durch eine Ermordung des Monaldeschi
hatte die Knigin den Zorn des Knigs zu frchten; doch war ihre Ehre
allzu sehr beleidigt und solches allgemein bekannt geworden.

Eines Tages legte die Knigin dem Monaldeschi einen mit verstellter Hand
geschriebenen Brief vor, er mge ihn lesen.

"Wer ihn wohl geschrieben haben mag," sagte sie, "ich kenne die
Handschrift nicht."

Und als Monaldeschi schwieg, sagte sie: "Welche Strafe verdient wohl der
Schreiber solcher Bswilligkeiten?"

"Sicher den Tod," sagte der Marchese, "den Tod, den ihm Eure Majestt
whlen."

"Den Tod, meint Ihr? Ich werde mich Eures Urteils erinnern. Denkt daran."

Die Furcht, in die Monaldeschi nach dieser Unterredung geriet, lie ihn zu
Santinelli gehen, von dem er wute, da er einige hnliche Schreiben
verwahre; er wollte von ihm erfahren, ob die Knigin auf ihn einen
Verdacht geworfen habe. Doch Santinelli beruhigte ihn derart, da
Monaldeschi ahnungslos in den Tod ging.

Die Knigin lie eines Tages einen Edelmann ihrer Leibwache kommen und gab
ihm den Auftrag, am nchsten Morgen in einem entlegenen Zimmer den
Marchese Monaldeschi heimlich und ohne Lrm mit einem Degensto ins Herz
beiseite zu schaffen. Auch einen Mnch lie sie sich bereithalten, den
Marchese auf sein Ende vorzubereiten. Der Mnch bat die Knigin, ihm
solchen schweren Auftrag zu erlassen, da ihm sonst die Ungnade des Knigs
sicher sei. Doch sie gab ihm ihr Wort, da er nichts zu befrchten habe,
und versprach ihm eine Belohnung.

Andern Morgens lie sie Monaldeschi in den Garten rufen; sie zeigte ihm
wieder einen Brief und neben diesen hielt sie seine Handschrift: er konnte
nicht mehr leugnen. Er fiel der Knigin zu Fen und bat um Gnade. Die
Knigin sagte: "Was Euer Seelenheil anbetrifft, so habe ich Euch der Huld
Gottes empfohlen; was mich betrifft, so verzeih ich Euch. Ihr habt in
Eurer Sache selbst gerichtet. Euer Urteil soll vollstreckt werden." Damit
verlie sie ihn. Zwei Leute hielten den Marchese fest, der ihr
nachspringen wollte, und fhrten ihn in ein abgelegenes Gartenzimmer, wo
er, wie sie ihm sagten, gefangen bleiben sollte. Da traf er den Mnch, der
ihm auf Befehl der Knigin das Urteil verkndete.

Auf Ansuchen des Marchese begab sich der Mnch zur Knigin und bat um das
Leben; aber die rachschtige Frau bestand auf seinem sofortigen Tode. So
bat der Mnch den Marchese, sich zum Tode vorzubereiten und seine Snden
zu beichten, zumal die Henker schon warteten. Aber der Marchese
verweigerte die Beichte, in ungeheurer Wut durch das Gemach stampfend. Da
berfielen ihn jene beiden; und der eine stach nach ihm mit dem Degen;
doch glitt er am Wamse ab. Ein zweiter Stich, den er abwehren wollte,
durchbohrte ihm die Hand und verletzte ihn am Kopfe. Jetzt erst, aus zwei
Wunden blutend, verlangte er zu beichten, was die beiden Mrder nur auf
Bitten des Mnchs gewhrten, der nicht mehr wute, in welcher Welt er
lebte. Nach der Absolution wollte Monaldeschi sein Wams ablegen, um einem
Sto ins Herz freien Weg zu geben; aber als er sein Kleid auszog, drangen
ihm zwei Degen durch den Hals, da er aufsthnend verschied. 'Herr Jesus'
war sein letztes Wort. Den Leichnam schnrte man in eine Decke und vergrub
ihn gar klglich neben einer nahen Kirche, rasch, damit man von dem Tode
nichts erfhre. Aber es kam doch dem Knig zu Ohren, der genaues wissen
wollte. Er war nah daran, die Knigin aus dem Reiche zu verweisen. Er lie
den toten Marchese ausgraben und mit allem Pomp beisetzen, auf da jeder
von der grausamen Tat der blutdrstigen Frau erfahre. Hatte der Knig vor
jener Tat die Knigin mit seinem Besuche beehrt, so brach er nun jeden
Verkehr mit ihr ab; worin sie eine Beleidigung sah und abreisen wollte.
Sie wollte das, um ihre Miachtung gegen den Knig damit auszudrcken,
ohne jede Frmlichkeit tun; aber der Knig, der den Tag ihrer Abreise
erfahren hatte, besuchte sie und verabschiedete sich kurz von ihr.
Soldaten eskortierten sie ein paar Meilen weit; es sah wie eine Ehrung
aus, aber es geschah zu ihrer Bestrafung, denn die Soldaten begleiteten
sie wie eine Gefangene.




ZWEI ROMAN-ENTWRFE

BERTRAGEN VON FRANZ BLEI

I.

AN-IMAGINATION


Der leidenschaftliche Mensch, der junge Jean-Jacques haftet sich an die
Weisungen seiner Einbildungskraft, Robert tut nur, was er unmittelbar
wahrnimmt. Der Verfasser dachte fters daran, einen jungen Menschen zu
gestalten, der aus der Welt einer bestimmten Epoche, z.B. der Welt von
1811, zu Glck und Ruhm aufsteigt, 1811: Cambacrs, der Staatsrat, der
Kaiserliche Hof in den Tuilerien etc.

Der Verfasser wollte vor zehn Jahren einen zrtlichen und anstndigen
jungen Mann gestalten, und er machte ihn ehrgeizig, aber doch voller
Imaginationen und Illusion: Julien Sorel.

Er mchte nun diesen Robert vllig frei von jeder Imagination gestalten
auer dieser einen, die dazu dient, alle die ntigen Schliche zu erfinden,
um zu Reichtum zu gelangen; aber Robert gibt sich keineswegs dem migen
Vergngen hin, sich den Reichtum und dessen Gensse vorzustellen.
Erfahrung hat ihm schon beigebracht, da sich derlei mige Trumereien
niemals realisieren. Alors comme alors ist sein Wahlspruch.

Kt er die schnste Frau, so sieht er nur, was auch der ausgedrrteste
Jockey nicht zu leugnen wte, nmlich Schnheit und Wert ihrer
Ohrgehnge. Indem Robert seiner Einbildung nicht das geringste Vergngen
verdankt, schenkt er der Bequemlichkeit seines Fauteuil grte
Aufmerksamkeit, der Qualitt seines Diners, dem Komfortablen seiner
Wohnung etc. etc.

Robert ist, was das Herz anlangt, mit vierzehn Jahren ein vollendeter
kleiner Lump. Er stiehlt Bonbons aus den Auslagen der kleinen Hndler,
gemeinsam mit seinem sechzehnjhrigen Kameraden Carire. Dieser Carire
hat keinerlei freundschaftliche Gefhle fr Robert, erhofft sich aber von
dessen Geschicklichkeit Annehmlichkeiten. Der Verfasser erzhlt von
Carire, dem Bastard einer diebischen Kammerfrau. Carire ist anstndig
nur eigentlich aus Mangel an Geist; man glaubt, er verspreche was fr die
Zukunft. Dadurch ist er Robert von Nutzen; Carire zieht sich aus allen
Einzelheiten geschickt heraus, hat in der Hauptsache das gleiche Verdienst
wie Robert: sein Auge ist nie vom Hauch des Imaginren getrbt.

Er erkennt, was in seinem Interesse liegt, aber er steckt voll kleinem
Stolz. Diese Schwche liefert das Komische der Figur. Auch Robert ist
nicht ohne diese selbstgefllige Eitelkeit, aber er verneint sie. Carire
liefert das Komische.

Bertrand, hchst simplen Wesens, fhrt Roberts Befehle aus, ohne sie zu
verstehen.

Damit der Robert Effekt mache, mu man ihn handeln sehen.

Daher darf sein Reichtum noch keine Tatsache sein. Man mu ihn sehen, wie
er sich diesen Reichtum schafft.



II.

EINE SOZIALE POSITION


September 1832--Juli 1833.

Ich vermache dieses Manuskript dem Maler Herrn Ab. Constantin, meinem
Nachbarn, mit der Bitte, es nicht vor 1880 zu zeigen. Rome, 4. Oktober
1882. H. Beyle. -- Es mu hierin mehr Wohlklang als in Le Rouge sein,
damit es leichter ins Ohr gehe.

Plan. -- Die Herzogin will de Roizard nur als Trster.

Sie frchtet nur dieses eine: da er sie verliebt anblicke.

Spter sagt sich Roizard: sie will ganz einfach geliebt sein, und parbleu,
ich werde sie nicht lieben.

Sein Erstaunen, als er entdeckt, da sie Liebe gar nicht will.

Bin ich denn zu alt? fragt er sich. Und da verliebt er sich.

Zunchst Beschreibung der Charaktere; die Charaktere gehen aus den
Umstnden hervor.

Die Charaktere sehr sauber festhalten: die Ereignisse blo en masse, die
Details nur in dem Mae zulassen, als sie sich einstellen (12. Dezember
1882).

Grund: man denkt nur im Augenblicke des Schreibens selber wirklich und
ernsthaft an die Details. Ohne mir das vorher zu sagen, habe ich so in Le
Rouge gehandelt. Das Detail strmte mir im Schreiben erst zu.

Statt das Buch mit dem Stumpfsinn der Beschreibung nach der Methode Walter
Scotts zu beginnen, knnte man anfangen mit der Charakteranalyse der
Herzogin, wie ich diese mir aufschrieb im September 1882. Ich fand am 12.
Dezember diese zwei Seiten vortrefflich, und hatte sie whrend der
Bataillen von Vidau vllig vergessen.

Nach diesen beiden Seiten die Beschreibung der Rue de Palais, und die
Soiree oder den Empfang bei der Herzogin.

Die Herzogin. Madame la Duchesse de Vaussay, ber dreiig alt, eine
Leidenschaftliche. Fortgerissen von einem Feuertemperament ergab sie sich
allen Freuden und Genssen, hatte aber doch immer die hchste Idee von der
Pflicht, nicht eine vernnftige Idee, sondern eine ganz aberglubische,
deren Fond sie niemals untersuchte und deren sie sich aus ihrer
Leichtigkeit, gerhrt zu werden, bemchtigt hatte.

Sie hat, wie man sagt, einige Liebhaber gehabt, und ist das ohne weiteres
zu glauben; ihre Seele war Leben und Bewegung; immer war sie von den
geschickten Manvern eines Mannes fortgerissen, der Frauen zu haben
gewohnt war, oder sie erlag mit blinder Leidenschaft einem wirklich von
ihr eingenommenen Manne. Niemals liebte sie als die erste, niemals wollte
sie sich hingeben, sondern voller Gewissensqualen ber ihren Fall, dem sie
ruhigen Blutes nicht ins Gesicht schauen konnte, glaubte sie ihn
auslschen zu knnen, indem sie dieses Gewissen durch eine vllige
Unterwerfung unter den Mann beschwor, der gerade ihr Herr war. In ihrem
guten Glauben hielt sie sich noch durch eine befehlende Pflicht gebunden,
wenn ihr Verstand ihr schon deutlich sagte, da der Mann, dem sie ihr Herz
bewahrte, lngst eine andere anfhrte.

Roizard. For me. In einem Wort ist Roizard der idealisierte Dominique.
Ersichtlich hchst wechselvollen vernderlichen Charakters; ein Wort
bringt ihn das eine Mal zu Trnen, das andere Mal macht es ihn ironisch,
hart, aus Angst, davon weich zu werden und sich hinterher dieser Schwche
wegen zu verachten. Er war von mittlerer Gre und zhlte ber vierzig
Jahre. Seine Zge waren gro, nicht schn, aber hchst beweglich. Seine
Augen drckten die geringste Nuance seiner Gefhle aus. Und darber war
sein Stolz verzweifelt. Da er dieses Malheur frchtete, war er brillant,
witzig, voller amsanter Geschichten, elektrisierte seine Zuhrer und
machte das Ghnen im Salon unmglich. In solchen Augenblicken erregte er
Abneigungen wie heftigste Bewunderung seiner Person. Man kann nicht
geistvoller sein, sagten seine Bewunderer. Aber die Mittelmigen
erschreckte die Lebhaftigkeit seines Imprevu. Ohne Emotion war er ohne
Geist. Im brigen war sein Erinnerungsvermgen schwach, oder er
miachtete, es zu Hilfe zu rufen. Dann war sein Wort so diskret wie
indiskret der Ausdruck seiner Physiognomie. Da man erriete, was er
fhlte, htte seinen Stolz zur Verzweiflung gebracht. Das Pompse -- la
sostenutezza -- im Ausdruck eines Gefhles, Affektation im Ausdruck eines
Schmerzes waren ihm fremd und zuwider, so legitim solcher Ausdruck auch
sein mochte; in solchen Fllen war Roizard Ironie in Blick und Wort.
Serises, Pompses, Trauriges waren nie in seiner Konversation, und nie
sprach er von dem einzigen, das ein Recht auf sein Interesse hatte; ein
echtes Gefhl oder Heroismus, die sich fr das Vaterland opferten.

Wie weit darf der familire Ton des Verfassers dieses Romans gehen? Die
auerordentliche Familiaritt Walter Scotts und Fieldings bereitet sehr
gut die Momente des Enthusiasmus vor. Ist der Ton in Le Rouge nicht zu
rmisch? 4. Oktober 1832.




ANMERKUNG DES HERAUSGEBERS


In diesem Bande sind die novellistischen Arbeiten Stendhals gesammelt,
deren Abfassungszeit nach Le Rouge et le Noir fllt, also in die Zeit von
1830 bis zum Tode des Schriftstellers. Zwei Romanentwrfe, der eine aus
dem Jahre 1882, der andere etwa aus dem Jahre 1840, finden in diesem Bande
ihren Platz. In der folgenden Bibliographie sind blo die ersten Drucke
angegeben; von einer Aufzhlung der oft sehr zahlreichen nachfolgenden
Drucke ist abgesehen.

_Les Cenci_ (1599): erster Druck in der Revue des Deux Mondes, 1. juillet
1837, pag. 5-32. Auf eine 1825 in Paris erschienene Broschre von 87
Seiten: Histoire de la famille Cinci. Ouvrage traduit sur l'original
italien trouve dans la Bibliothque du Vatican, par M. l'Abb Angelo Maio,
son conservateur, hat G. Hanotaux aufmerksam gemacht und hinter dem
Verfasser "Angelo Maio" Stendhal vermutet. Auch eine Relation de la mort
de Giacomo et Beatrix Cenci, franzsisch und italienisch 1828 in den
Mlanges der Socit des Bibliophiles franais verffentlicht und in der
kurzen Vorrede mit 'Malartic' unterzeichnet, drfte Stendhal zum Verfasser
haben. Vgl. G. Vicaire in Manuel de l'Amateur de Livres du XIX. sicle, I,
1894, col. 464-465, und: Gli originali delle Chroniques italiennes, con
postille autografe inedite: Les Cenci, a cura del dott. Giov. Barburo.
Casale, 1912, pag. 27.

Die Frstin von Campobasso, unter dem Titel: _San Francesco a Ripa_,
zuerst gedruckt in der Revue des Deux Mondes. Juli 1853, pag. 166-179.

_La Duchesse de Palliano_. Zuerst gedruckt in der Revue des Deux Mondes.
August 1838, pag. 535-554.

_Vittoria Accoramboni_. Zuerst gedruckt in der Revue des Deux Mondes. Mrz
1837, pag. 560-584.

_L'Abbesse de Castro_. Geschrieben um 1838 und zuerst gedruckt in der
Revue des Deux Mondes, Februar 1839, pag. 273-328 und Mrz 1839, pag.
628-653. Die erste Buchausgabe: L'Abbesse de Castro par M. de Stendhal,
Auteur de Rouge et Noir, de La Chartreuse de Parme etc. Paris, Dumont,
diteur, Palais-Royal, 88, au Salon litteraire, 1839, in 8, SS. 329. Der
Band enthlt auerdem Vittoria Accoramboni, Les Cenci. Von der btissin
von Castro, meist vereinigt mit andern Novellen aus dem italienischen
Kreise, sind erschienen: fnfzehn franzsische, drei deutsche Ausgaben, je
eine spanische, italienische, schwedische, flmische, tschechische,
russische und polnische Ausgabe.

Ein Aufsatz Stendhals ber etruskische Grberfunde Les Tombeaux de
Corneto, den man in den franzsischen Ausgaben meist den Novellen beifgt,
findet in unserer Ausgabe seinen richtigen Platz in den Essais.

_Suora Scolastica_, deren Vorrede vom 21. Mrz 1842 datiert
ist -- Stendhal erlitt andern Tags einen Schlaganfall und starb am 23.
Mrz des Jahres -- ist 1837 begonnen, wie sich aus einem Briefe vom 16.
Mrz 1837 an die Comtesse de Tracy ergibt, und unvollendet geblieben. Das
Fragment wurde zuerst von C. Stryienski in La Chronique de Paris Nr. IV,
25. Februar 1893, pag. 195-200, verffentlicht, die Vorrede in der Revue
rtrospective, XVIII, 1. Mai 1898, pag. 289-293. Beides dann in den
Soires du Stendhal Club, Paris 1904, pag. 127-141.

_Trop de faveur nuit_ wurde um 1838 geschrieben und aus der Handschrift
zum erstenmal verffentlicht von F. von Oppeln-Bronikowski in La Revue de
Paris, 15. Dezember 1912, pag. 678-696, und 1. Januar 1918, pag. 5-26. Dem
Manuskript Stendhals gehen folgende Zeilen von seiner Hand voraus: "'Zu
viel Gunst schadet' (aufgegeben am 15. April 1889). Personen: der Frst,
Groherzog und Kardinal; der Graf Buondelmonte; die btissin Virgilia;
Felizia, Geliebte Roderigos; Rodelinde, Geliebte Lancelottos, Freundin
Felizias; Fabiana, 17 Jahre alt, munter, unbesonnen, Geliebte von X**;
Celiana, dstre Geliebte von X**, Freundin Fabianas; Martona, Vertraute
der btissin Virgilia; Roderigo L., Geliebter Rodelindens; Lorenzo R.,
Geliebter Fabianas; sie liebt ihn ber alles und hat seinetwegen Don
Cesare, Malteserritter, aufgegeben; Pierantonio D., Geliebter Celianas,
die nur eine sinnliche Liebe zu ihm fhlt; Livia, adelige Kammerzofe
Rodelindens. Trop de faveur nuit, Historie aus dem Jahre 1589. Dies der
Titel, den ein spanischer Dichter dieser Geschichte gab, aus der er eine
Tragdie machte. Ich werde mich wohl hten, irgendeine der Ausschmckungen
zu gebrauchen, mit deren Hilfe die Phantasie dieses Spaniers versucht hat,
diese traurige Schilderung klsterlichen Lebens zu verschnern. Gewi
steigern einige dieser Zutaten das Interesse, aber ich bleibe bei meiner
Absicht, die elementaren passionierten Menschen jener Zeit zu zeigen, von
denen unsere Zivilisation stammt; darum gebe ich diese Erzhlung ganz
schmucklos." Stendhal hat seine Erzhlung aus einer Chronik entnommen,
wonach sich der Vorfall im Kloster von Bajano bei Neapel zutrug. Der
Schlu der Erzhlung ist nach Stendhals Aufzeichnungen gegeben.

_Le Chevalier de Saint-Ismier._ Erstmals nach der Handschrift
verffentlicht von F. von Oppeln-Bronikowski in der Revue Bleue, 7.
Dezember 1912, pag. 709-714, und 14. Dezember 1912, pag. 737-740.

_Zwei Roman-Entwrfe._ Erstmals von C. Stryienski verffentlicht in den
Soires du Stendhal Club, Paris 1904, pag. 95-100. Der erste
Plan -- A-Imagination, das A ist alpha privativum -- ist gegen 1840
aufgeschrieben, wie sich aus der Julien Sorel erwhnenden Textstelle
ergibt. Den zweiten Entwurf hat Stendhal selber datiert. Der in dem Legat
angegebene Abraham Constantin war ein Miniaturenmaler auf Porzellan und
Kopist alter Meister, dessen Hauptwerke sich im Museum von Turin befinden.
Die Duchesse de Vaussey drfte in Menta ihr Urbild haben. Vgl. Vie de
Henri Brulard und einen Brief Mentas in Comment a vcu Stendhal, 1900.
Roizard ist Selbstportrt; R. Colomb bentzt es in seiner Notice.

_Aus italienischen Chroniken_. Im Jahre 1833 erstand Stendhal
zwlf -- nach Oppeln-Bronikowski, Einleitung zu Chroniken 1908,
dreizehn -- handgeschriebene Foliobnde mit zeitgenssischen Berichten aus
dem Italien des Seicento, vornehmlich des rmischen. Was er damit fr
Absichten hatte und wie er durch ihre Verwendung der Originator des
Renaissancismus wurde, geht aus Briefen an den Freund R. Colomb und den
Verleger Calman Levy und aus Tagebuchaufzeichnungen hervor: sie sollten
ihm das stoffliche Material zu einer Reihe von Erzhlungen liefern, denen
er den gemeinsamen Titel "_Les Bois de Premol_" geben wollte und die sechs
Bnde umfassen sollten. "Ich habe alles nichts als Historische beiseite
gelassen und nur das gesucht, was das menschliche Herz schildert" und
unterm 27. April 1882 an Colomb aus Palermo: "was geht uns heute ein
Interdikt gegen Venedig an oder die Geschichte der zahllosen Vertrge
zwischen Rom und Neapel? Aber es interessiert uns, wie man sich in jener
Zeit an einem Nebenbuhler rchte oder eine Frau eroberte. Ich las das
Manuskript dieser alten Berichte wie einen Roman."

Und: "Die Eitelkeit und die ffentliche Meinung waren kaum im Entstehen,
und vom Frsten verliehene Ehren nahm man mitnichten ernst ... Manche
glauben ja gar, jene Kultur wre der unsern, auf die wir so stolz sind,
gleichwertig. Aber wir haben da ein Plus von zwei hbschen Dingen: die
Wohlanstndigkeit und die Heuchelei. Unsere heutige Prderie hat nicht die
leiseste Vorstellung von jener Kultur ... Aber dafr wren auch alle
unsere mumienhaften Tugenden den Zeitgenossen Ariostos und Raffaels hchst
lcherlich vorgekommen. Denn man schtzte damals am Manne nur, was er als
Person, als er selber war, und es war keine Eigenschaft der Person, so zu
sein wie jedermann: die Dummkpfe und Einfaltspinsel hatten da kein
Terrain." Und: "Das Leben ohne die Dinge, die es glcklich machen, wurde
nicht hoch eingeschtzt. Ehe man den beklagte, der es verlor, rechnete man
die Summe von Glck aus, die er genossen, und in dieser Rechnung nahmen
die Frauen einen weit greren Raum ein als heutzutage." Und: "Diese
Sitten haben einen Raffael und Michel Angelo hervorgebracht, die man heute
hchst lcherlich durch Kunstakademien hervorbringen will. Man vergit,
da es einer khnen Seele bedarf, um den Pinsel recht zu fhren, und
erzielt nichts als arme Teufel, die einem Bureauchef den Hof machen
mssen, damit er bei ihnen ein Bild bestelle."

Einiges aus diesen Handschriften hat Stendhal in die Formen seiner
Novellen gebracht; fast wrtlich folgt er seinen Quellen in der Vittoria
Accoramboni und den Cenci. Anderes wird Episode, ja dient als Fabel, wie
in der Chartreuse de Parme. An der Ausfhrung seines Planes der weiteren
Bnde wurde Stendhal durch den Tod verhindert; der Vertrag ber neue
Chroniques italiennes mit der Revue des Deux Mondes war bereits
abgeschlossen und 1500 Franken an Stendhal als Vorzahlung geschickt
worden.

Stendhals Schwester Pauline Prier-Lagrange verkaufte durch Mrimes
Vermittlung die Manuskriptbnde der Quellen an die Bibliothque nationale:
es sind die Codices Italiani 169-179 und 296-297 der
Handschriftenabteilung. Zum ersten Male haben gleichzeitig
Oppeln-Bronikowski a.a.O. und C. Stryienski im zweiten Bande der Soires
du Stendhal Club, Paris 1908, pag. 214-267, daraus einiges publiziert, der
Deutsche sechzehn, der Franzose zwlf gekrzte Stcke. Oppeln-Bronikowski
hat auerdem eine genaue Beschreibung der Codices gegeben, die ungefhr
fnfzig Geschichten enthalten. Ein kleiner Teil dieser Geschichten ist von
Stendhal durchkorrigiert -- "ich mache Bleistiftkorrekturen, um nicht beim
dritten Lesen die Geduld zu verlieren", wie er in einer Vorrede schreibt.
Unserer bersetzung dienten als Vorlage: Abschriften nach den Originalen
in Paris, Stryienskis Text und fr _Ariberti_ und _Farnese_ Stendhals
Correspondance. Die ausgewhlten Beispiele wren leicht zu vermehren
gewesen, doch schien dies berflssig. Das begrifflich und dokumentarisch
Neue von 1830 ist durch Burckhardt und Nietzsche und ihnen nachfolgend
durch zahlreiche Verffentlichungen der Dokumente so vertraut geworden,
da ein ausfhrlicherer Abdruck Stendhalscher Exzerpte obsolet wre. Aus
einem der drei oder vier literar-kritischen Werke von Rang, die in den
letzten zwanzig Jahren in Deutschland verffentlicht wurden, aus F.F.
Braungartens 'Das Werk Conrad Ferdinand Meyers, Renaissance-Empfinden und
Stilkunst', G. Mller, Mnchen 1920, seien hier einige Stze zitiert:
"[sic! Anfhrungszeichen am Ende des Zitats (wohl am Absatzende nach dem
Losungswort) fehlt.]Bei Stendhal ist die Renaissancebegeisterung
wesentlich revolutionre Weltanschauung: Stendhals Renaissancehelden sind
die Abenteurer, die Briganti und Condottieri. Cesar Borgia, 'le
reprsentant de son sicle' heit es bei Stendhal ... Er stellt die
Renaissance als Ziel des natrlichen und freien Menschen in Gegensatz zu
der Knechtschaft und Verlogenheit des ancien rgime. Er verherrlicht die
Leidenschaft und Aufrichtigkeit der Renaissance als lichte Gegenbilder der
Eitelkeit und der Galanterie und des verlogenen Ehrbegriffs des ancien
rgime, die den Mann im Herrendienst und Frauendienst zum Sklaven macht.
Auf diesen von Stendhal festgelegten Grundzgen baut sich das
Renaissanceempfinden auf. Auch das erschpfendste Renaissancebild: die
Darstellung Burckhardts hat hier ihre Aufgabe. Stendhal, der immer nur an
das XVI. Jahrhundert denkt und von dessen civilisation renaissante
spricht, kennt brigens das Wort Renaissance noch nicht. Stendhal hat die
Renaissance als Folie des ancien rgime, d.h. des Barocks, geschaut ...
Das Renaissancebild des Romanciers Stendhal war rein psychologisch. Er
hatte bereits 1817 der Renaissancebewunderung das Losungswort gegeben: "le
seul sicle, qui ait eu  la fois de l'esprit et de l'nergie".

Stendhal hat einigen seiner Auszge Bemerkungen vorangestellt; sie sind
folgend wiedergegeben:

_Zu Kardinal Aldobrandini_: "Das wirkliche Herz der italienischen
Kurtisane; die Sitten waren zu wild, als da sie den Kurtisanen eine
leichtherzige Gte erlaubt htten. Mit dieser Geschichte die Sammlung
anfangen. Hierauf chronologische Folge. In der Biographie Michaud den
Artikel Aldobrandini zu lesen, um ber die Lgereien zu lachen. Alles das
ist vor der Kopie von mir in den Originalmanuskripten gelesen worden.
Augenschmerzen wegen des Staubes."

_Girolamo Biancinfiore_: "Art Don Juan oder giftmischender Casanova.
Wildes Geschwtz, sehr abzukrzen, macht den Eindruck, als ob es fr
Kinder erzhlt wre. 24. April 1833."

_Die Brder Massimi_: "Aus Hflichkeit, aus mondner Klugheit diese
Geschichte nach Neapel verlegen. Anfangen mit der Geschichte der
Stiefmutter, umgebracht von den vier Brdern."

_George Picknon_: "Unter Ganganelli kam ein Englnder, wie ich glaube,
nach Rom, um den Papst zu bekehren. Ganganelli lie ihm einiges Geld fr
die Heimreise geben. Ich htte den Mann zu meinem Amsement kommen lassen,
aber wahrscheinlich hatte der arme Ganganelli, mit den Jesuiten
beschftigt, keine Zeit, sich zu amsieren."

_Die Farnese_: "Bericht voll naiver Wahrheit im rmischen Patois. Rom
1834. To make of this sketch a Romanzotto, 16. August 38. Courier hat ganz
Recht. Durch eine oder mehrere Huren haben die meisten groen Familien ihr
Glck gemacht. Das ist nun ja in New York nicht mglich, da ghnt man sich
aber auch die Kinnbacken aus. Alessandros idealisierte Portrtbste von
della Porta in Sankt Peter auf seinem Grabmal. Das wahrhafte Portrt
Alessandros, der Paul III. wurde, zeigen im hchsten Alter zwei Bsten im
Palazzo Farnese, eine davon dem Michel Angelo zugeschrieben. Spaiger aber
seiner wrdiger Schmuck auf dem Ornat des Papstes."

Im ersten Bande von Stendhals Novellen 'Eine Geldheirat' sind folgende
Versehen zu korrigieren. S. 371, letzte Zeile, haben die Neuausgaben von
Contes bruns zu heien: Phil. Chasles und Ch. Rabou. Auf S. 372: Le Mari
d'argent ist zuerst gedruckt in den Nouvelles Indites 1855. Die genannte
Ausgabe ist der 1902 erschienene Neudruck von den alten Platten. S. 369,
Zeile fnf von oben mu es heien Nouvelles Indites. Arthur Schurig macht
mich auf eine erotische Geschichte aufmerksam, die unediert in Grenoble
liegt, die erste schriftstellerische Arbeit des jungen Beyle. Es ist zur
Zeit davon keine Abschrift zu erhalten gewesen. Die Heldin der Novelle
'Mina von W.' heit in Stendhals Handschrift richtig Wrangel. Da die
Arbeit unter dem Namen Wangel bekannt wurde, schien es besser, dabei zu
bleiben. Zumal auch ein umfangreicher, noch nicht verffentlichter Roman
den Titel 'Mme de Wrangel' trgt und dieser dann zur Unterscheidung von
der wesentlich verschiedenen Novelle den richtigen Namen in unserer
Ausgabe behalten wird.

                                   _Franz Blei_




INHALTSVERZEICHNIS


Die Frstin von Campobasso
Die Herzogin von Palliano
Die Cenci
Zu viel Gunst schadet
Vittoria Accoramboni
Die btissin von Castro
Schwester Scolastica
Der Chevalier von Saint-Ismier
Aus italienischen Chroniken
Zwei Roman-Entwrfe
Anmerkung des Herausgebers




     Gedruckt fr Georg Mller in Mnchen
     von Poeschel & Trepte in Leipzig. Gebunden von
     H. Pikentscher in Leipzig nach dem Entwurf
     von Paul Renner




Funoten


[1] Ein wenig weiter unten kommt Stendhal darauf zurck und lt Felizia
    in einer andern Weise handeln. Dieser ganze Absatz scheint ein erster
    Entwurf zu sein. D.H.

[2] Siehe weiter oben.

[3] Die Corte wagte nicht in den Palast eines Frsten einzudringen.

[4] Sixtus V. wurde 1585 mit 68 Jahren Papst und regierte fnf Jahre und
    vier Monate; er hat verblffende hnlichkeiten mit Napoleon.

[5] Gasparone, der letzte der Briganten, unterhandelte 1826 mit der
    Regierung; er sitzt in der Festung von Civita Vecchia mit
    sechsunddreiig seiner Leute gefangen. Der Wassermangel auf den Hhen
    des Apennin, wohin er sich geflchtet hatte, ntigte ihn zu
    kapitulieren. Er ist ein Mann von Geist, von einnehmendem uern.






End of the Project Gutenberg EBook of Die Abtissin von Castro, by Stendhal

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ABTISSIN VON CASTRO ***

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of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
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LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
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INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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your written explanation.  The person or entity that provided you with
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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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