The Project Gutenberg EBook of Land und Volk in Afrika, Berichte aus den
Jahren 1865-1870, by Gerhard Rohlfs

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Title: Land und Volk in Afrika, Berichte aus den Jahren 1865-1870

Author: Gerhard Rohlfs

Release Date: November 24, 2004 [EBook #14142]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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LAND UND VOLK IN AFRIKA

BERICHTE AUS DEN JAHREN 1865-1870.

VON

GERHARD ROHLFS



BREMEN, 1870.
VERLAG VON J. KHTMANN'S BUCHHANDLUNG.
U.L. FR. KIRCHHOF 4.




INHALT.


Bemerkungen ber die Zukunft Algeriens

Beobachtung ber die Wirkungen des Haschisch

Von Lagos nach Liverpool

Die Stadt Kuka in Bornu

Am Bnue

Titulaturen und Wrden in einigen Centralnegerlndern

Die Art der Begrssungen bei verschiedenen Neger-Stmmen

Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Antalo, April/Mai 1868

Der Aschangi-See in Abessinien

Nach Axum ber Hausen und Adua

Damiette

Malta

Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika




Bemerkungen ber die Zukunft Algeriens.


Mursuk in Fessan im Januar 1866.

Der Kaiser der Franzosen hat sich bitter getuscht, wenn er geglaubt
hat, durch eigene Anschauung vermittelst einer blossen Triumphreise den
Zustand einer Colonie kennen lernen zu knnen. Schon um civilisirte
Vlker zu studiren und dann ihren moralischen und materiellen Zustand
wrdigen und beurtheilen zu knnen, darf man nicht als grosser Herr,
viel weniger als Kaiser reisen. Ich erinnere nur an die bekannte Reise
der Kaiserin Katharine in Sd-Russland, der man alle Tage dieselben
Leute, dasselbe Vieh entgegen trieb, um sie glauben zu machen, dass die
Provinzen gut bevlkert seien. Und sehen wir nicht in Algerien bei der
Reise des Kaisers sich etwas Aehnliches wiederholen? Die Duar in der
Provinz Oran waren bei der Durchreise des Herrschers nach Sidi Bel-Abbs
an die Landstrasse gerckt; so erzhlen uns die Lokalbltter.

Die Araber grndlich kennen zu lernen ist gar noch schwieriger; das
gelingt nur bei langjhrigem Aufenthalt unter ihnen, oder wenn man in
ihrer Mitte gereist ist und zwar unter der Maske eines Mohammedaners,
nicht eines Vornehmen, sondern eines Bedrftigen; denn selbst einem
vornehmen Religionsgenossen gegenber sind die Araber Lgner, Heuchler
und Prahler. Unter allen anderen Umstnden ist man nur zu geneigt, ber
den Grundcharakter dieses Volkes in grosse Irrthmer zu verfallen, wie
eben erst der Kaiser und frher der bekannte General Daumas, der so
anziehende Bcher ber die Araber geschrieben hat, die man jedoch als
nichts weiter als Romane betrachten darf. Denn obgleich General Daumas
jahrelang die Bureaux arabes dirigirte, so hatte er doch wohl nie
Gelegenheit, mit _den Leuten vom kleinen Zelte_ zu verkehren, sondern
frequentirte nur die _Leute der cheima kebira_; will man aber ein Volk
kennen lernen, so muss man sich nicht blos in den hchsten Kreisen
desselben bewegen, sondern alle Klassen durchmustern.

Ich nun wrde nicht gewagt haben, ber einen so delicaten Gegenstand
meine Meinung abzugeben, wenn nicht ein langjhriger Aufenthalt in
Algerien selbst, dann eine dreijhrige Reise durch Marokko und seine
Wste, bei welcher unter anderen ganz Tuat durchforscht wurde (in welche
Oase die Franzosen bis jetzt vergebens weder mit Gte noch mit Gewalt
haben dringen knnen), mich derart mit allen Klassen dieses Volkes in
Berhrung brachte, dass ich glaube, im Interesse Frankreichs, im
Interesse Algeriens, meine Meinung nicht verschweigen zu drfen.

Meine Ansicht ber die eingebornen Bewohner der Algerie habe ich vor
zwei Jahren in mein Tagebuch niedergelegt und dies im Jahre 1865 in den
Dr. Petermann'schen Mittheilungen, Th. XI, publicirt; dasselbe enthlt
folgenden Passus, der sich nun schon wieder durch den frischen Aufstand
Si Lalla's bewhrt hat:

"Ich glaube die Franzosen knnen sich nicht genug in Acht nehmen, wollen
sie nicht einen Tag erleben, wie ihn die Englnder in Indien gehabt
haben. Bei einer Nation wie die Araber, deren ganzes Wesen, Leben und
Treiben sich auf die intoleranteste Religion grndet, die existirt, sind
_Civilisationsversuche vergeblich_. Wie sind die Araber heutzutage nach
mehr als 30-jhrigem Besitze der Franzosen von Algerien? Die in den
Stdten haben alle schlechten Sitten der Franzosen angenommen und helfen
dem franzsischen Pbel im Absinthtrinken, dass sie aber dafr auch nur
im Geringsten christlich religise Grundstze angenommen htten, daran
ist nicht zu denken. Forscht man tiefer nach, so findet man, so
geschmeidig und umgnglich sie usserlich geworden sind, dass sie
innerlich allen Hass und alle Verachtung gegen die Bekenner eines andern
Glaubens bewahrt haben. Entfernt man sich nun gar einige Stunden weit
von der Stadt, so findet man, dass die Civilisation dahin noch ganz und
gar nicht gedrungen ist. Der Araber unter seinem Zelte lebt nach wie
vor und hasst die Christen ebenso wie frher, und wenn er sich enthlt
einen Unglubigen zu tdten, um dafr das Paradies zu erlangen, so
geschieht es nur aus Furcht vor dem strengen Gesetze. Die Franzosen
htten lngst wie die Englnder in Nordamerika mit den Eingebornen
verfahren sollen, nmlich dieselben zurckdrngen, dann wre Algerien
heutzutage ein ruhiges, nur von Europern bewohntes und cultivirtes
Land. Man wird dies vielleicht hart finden und barbarisch und mit den
civilisirten Grundstzen unserer Epoche nicht bereinstimmend. Vom
Zimmer aus und von Weitem sind die Dinge jedoch ganz anders anzuschauen,
als in der Nhe, und notwendiger Weise wird es bis zum letzten Tage
immer Vlker geben, die zum Besten der allgemeinen Menschheit den andern
Platz machen mssen etc."

Diese vor zwei Jahren ausgesprochenen Grundstze sind auch noch heute
meine feste innige Ueberzeugung. Wenn dem nothwendigen Gange der Natur
nach frher oder spter jede Colonie sich vom Mutterlande trennt, sobald
sie sich stark genug fhlt, um auf eigenen Fssen stehen zu knnen, und
notwendiger Weise der Tag heran kommt, wo z. B. Grossbritannien auf
seine beiden einzigen Inseln wird beschrnkt sein--hat Frankreich das
Glck gehabt, eine Colonie zu finden, die vor den Thoren des
Mutterlandes liegt, ja jetzt durch Dampf und Telegraph Eins mit ihm ist.
Diese aussergewhnliche Lage wrde es gestatten, die Colonie so mit der
Metropole zu verschmelzen, dass fr Frankreich an eine sptere
gewaltsame Lostrennnung wie das von Alters her immer bei allen Colonien
der Fall gewesen ist und sein wird, nicht zu denken wre.

Dazu gehrt aber vor allen Dingen, dass die Bevlkerung Eine sei. Ich
will damit nicht gesagt haben, dass die Franzosen desshalb anderen
Europern die Colonie verschliessen sollen; im Gegentheil, selbst jetzt
nach blos 30 Jahren sehen wir, dass die aus anderen Lndern
Eingewanderten[1] und namentlich ihre Abkmmlinge fast gnzlich
franzsische Sitten und Gebruche angenommen haben und meistens,
namentlich die jngere Generation, auch die franzsische Sprache. Aber
zwei in jeder Beziehung so gnzlich von einander verschiedene Vlker,
wie Franzosen und Araber es sind, neben einander bestehen lassen oder
gar versuchen wollen, sie zu vermischen, ist der hchste Unsinn. Seit
undenklichen Zeiten hat das Arabervolk sich nie mit anderen vermischt,
weil es mehr noch als die Juden von seiner eigenen Vortrefflichkeit, als
ein von Gott auserwhltes Volk berzeugt ist. Seit tausend Jahren in
Besitz der Nordkste Afrika's, sehen wir Berber und Araber _neben_
einander bestehen, jedes Volk genau seine Sprache und Sitte
beibehaltend. Im ussersten Osten, in der Jupiter-Ammons Oase, am
Atlantischen Ocean im Sus-Lande haben die Araber die Berber zu
unterwerfen, jedoch _nicht sich mit ihnen zu amalganieren gewusst_. Die
sogenannten _Kulughli_, Progenitur der Trker mit Araberweibern,
bezeugen keineswegs ein Aufgehen der Araber in Trken oder umgekehrt;
berall, wo die Trken die Araber beherrschen, bestehen beide Vlker
unvermischt _neben einander_. Und doch verbindet Berber, Araber und
Trken Eine Religion.

Wird man je dem Araber seine Wanderlust, seinen Hang zu plndern und
sich raubend umherzutreiben nehmen knnen? Versuche man doch eine Hyne
zu zhmen! Der Araber ist moralisch berzeugt, dass er den franzsischen
Bajonetten nicht widerstehen kann, dennoch wird er bei der geringsten
Gelegenheit sich wider Ordnung und Gesetz erheben, und so lange wird
Revolution in der Algerie sein, wie noch ein Zelt oder Duar vorhanden
ist. Mgen die Gefhlsmenschen sagen, was sie wollen, vom Verdrngen der
Indianer durch die Englnder, jeder vernnftige Mensch findet es
bewundernswerth, Nordamerika der Civilisation gewonnen zu sehen. So
verabscheuungswerth die modernen franzsischen Araberlobhudler die
Vertreibung der Mauren aus Spanien hinstellen mgen, so ist nicht zu
verneinen, dass Spanien dadurch der Civilisation erschlossen wurde; denn
wren die Mohammedaner heute noch im Besitze der Halbinsel, so wren sie
sicher in keiner Weise weiter in der Civilisation, als es die in den
anderen Lndern Wohnenden sind; und wenn die Spanier selbst sich nicht
schneller civilisirten und Schritt hielten mit den anderen Vlkern, so
ist die Verarmung des Landes, die Entvlkerung Spaniens nicht im
Vertreibungsedikt Ferdinand des Katholischen zu suchen, sondern eher in
der enormen Auswanderung nach Amerika, die zu der Periode statt fand,
und in der Priesterschaft.

In der That sehen wir, dass in den Lndern, die sich abgeschlossen von
aller christlichen Civilisation halten, die Mohammedaner seit der
Periode, wo Mohammed sie zum Islam bekehrte, gar keinen Fortschritt
gemacht haben. Und die sogenannten arabischen Glanzperioden unter den
Abassiden im Orient, unter den Ommiaden im Occident, sind nur dem
christlichen Einflusse zuzuschreiben, weil dort unter beiden Regierungen
Christen die Hauptbevlkerung bildeten; aber in den Lndern, wie z.B.
Marokko und Arabien, wo die Araber nie mit Christen in Berhrung kamen,
haben die Araber es nie weiter zu bringen gewusst, als wie ihr
Standpunkt war zur Zeit Abrahams.

Mge daher der Kaiser der Franzosen nicht zaudern, und ein Volk, das fr
die Wste geboren ist, dahin zurckdrngen, woher es gekommen ist;
diejenigen, welche den ernsten Willen haben, sich mit den Europern zu
vereinigen, werden von selbst zurckkommen und mssen die christliche
Religion annehmen, die einzige, unter welcher Civilisation mglich ist.
Durch das Verdrngen der Araber in Masse in die Wste hinein wird der
Kaiser sich nicht nur den Dank aller Franzosen, sondern auch die
Bewunderung der ganzen christlichen Welt erwerben, und mge die
Geschichte unsere Nachkommen einst lehren: Die Bourbonen wussten die
Algerie zu erobern, die Napoleoniden indess verstanden es, sie in
christlich civilisirtes Land umzuwandeln.--




Beobachtungen ber die Wirkungen des Haschisch.


#Mursuk in Fessan, Ende Januar 1866.#

Unter _Haschisch_ verstehen die Araber im weitern Sinne jedes _Kraut_,
nher jedoch bezeichnen sie damit den indischen Hanf, cannabis indica
(nach Linn in die Klasse Dioccia pentandria gehrend), weil an
Vorzglichkeit jedes andere Kraut gegen dieses in den Hintergrund tritt.
Von Tripolitanien an nennen die Eingebornen diese Pflanze _Tekruri_, und
diesen Namen fhrt sie auch in der Trkei, Aegypten, Syrien, Arabien und
Persien vorzugsweise.

Graf d'Escayrac de Lauture sagt ber die Pflanze Folgendes:

"Die Haschischa ist die Cannabis indica; man findet sie in Afrika, und
wahrscheinlich ist dieser Hanf aus dem Sudan nach Tunis und Tripoli
eingefhrt worden. In letzteren nennt man ihn Tekruri, also mit
demselben Namen, den man in Mekka den von Sudan kommenden Pilgern
giebt, um damit ihre Herkunft anzudeuten. Vielleicht bedeutet Tekruri
auch, wie einige Geographen meinen, irgend eine Provinz in Sudan,
vielleicht auch ist es nichts weiter, als die Ableitung von irgend einer
arabischen Sprachwurzel, welche die Wirkung "verbessern, vollkommener
machen" bezeichnet. Die Haschisch verdankt ihre Wirkung einem
eigenthmlichen Stoffe, den Herr Gastinel, Pharmaceut in Aegypten,
ausgezogen und bestimmt, und dem er den Namen _Haschischin_ gegeben hat.
Dieser Stoff, Harz, ist von einer schnen grnen Farbe, die jedoch
_nicht_ vom Chlorophyll herrhrt, kleberig-zh und von einem
eigenthmlich unangenehmen Geschmack."

Ich fge hier hinzu, dass die Cannabis indica wohl weiter nichts ist als
die verwilderte oder wilde Cannabis sativa, und eher eine Pflanze der
gemssigten Zone als der heissen ist, denn je weiter man nach Sden
vordringt, je seltener und krppelhafter gedeiht dieselbe. Whrend man
z.B. usserst schne Exemplare in den gemssigten Bergregionen des
Kleinen Atlas der Algerie und Marokko's findet, und die eine Hhe von
manchmal 1-1/2 Meter erreichen, gedeiht in den heissen Oasen Tafilet,
Tuat und Fessan die Pflanze nur kmmerlich, obgleich die Bewohner alle
Sorgfalt auf ihren Anbau anwenden, und von Norden wird dieselbe nach
Sden exportirt.

Die Eingebornen bedienen sich derselben auf verschiedene Weise: Entweder
sie zerschneiden die getrockneten Bltter und Blthen sehr klein und
rauchen sie rein oder mit Taback vermischt aus kleinen Pfeifen oder
Cigaretten, oder sie vermischen dieselben mit Tumbak (Tabak) und rauchen
so dies Kraut aus der Nargile. In Syrien bereiten sie wie Thee eine Art
Infusion und trinken den Aufguss mit Zucker verssst, oder endlich man
pulverisirt Bltter und Blthen, und schluckt dies Pulver rein oder mit
Zuckerstaub vermischt herunter. Auch mit Honig und Gewrzen zu einer Art
Backwerk verarbeitet, bereiten sie aus denselben kleine Kuchen, die
unter dem Namen _Majoun_ verkauft werden.

Mag man nun Haschisch nehmen unter welcher Form man wolle, immer bt
dasselbe einen _starken Rausch_ aus. Europer jedoch, welche
Beobachtungen darber anstellen wollen, knnen dies nur, entweder indem
sie eine Infusion trinken, oder das Haschisch-Pulver essen, denn um eine
Wirkung vom Rausche zu haben, muss man den Rauch so tief einziehen, was
Araber, Perser und Trken zwar auch beim Taback- und Opiumrauchen thun,
dass der Dampf in die Lungen eingesogen, unmittelbar mit dem Blute in
Berhrung kommt. Zwei Theelffel voll Haschisch gengen, um einen
krftigen Rausch bei einem Neuling hervorzubringen.




Eindruck, den aus mich die Cannabis machte.

#In Mursuk, 25. Januar 1866, Abends 6 Uhr.#


Ich trinke Thee in Gesellschaft Mohammed Besserkis, Enkel des Sultans
Mohammed el Hakem von Fessan. Mein Bewusstsein ist vollkommen klar. Ich
nehme zwei Theelffel voll Haschischkraut, welches in einer Kaffeerste
etwas gedrrt, dann pulverisirt und mit Zuckerstaub gemischt worden war.
Mein Puls war im Moment des Nehmens 90 (wie immer).

Nach einer viertel Stunde gar kein Erfolg. Wir essen zu Abend:
Kameelfleisch mit rothen Rben, Kameelfrikadellen, weisse gebackene
Rben, Bohnensalat; Salat aus Zwiebeln, Tomaten, Knoblauch und
Radieschen bestehend; Brod, Butter und Kse.

Besserki sagt mir, dass die Wirkung nach dem Essen kommen werde, ich
indess,--es ist jetzt 7 Uhr,--merke gar nichts. Wir trinken eine Tasse
schwarzen Kaffee ohne Zucker.

7 Uhr 10 Minuten. Mein Puls hat nur 70; ich friere, obgleich eine Pfanne
mit Kohlen vor mir steht. Besserki sagt, er spre stark die Wirkung und
befiehlt meinem Diener, einige Datteln zu bringen, um, wie er sagt, die
Wirkung zu beschleunigen; auch ich esse zwei Datteln.

7 Uhr 20 Minuten. Mein Puls 120 oder mehr. Bin ich in einem Schiffe? Die
Stube schaukelt, mein Bewusstsein ist indess vollkommen frei, blos
scheint mir Besserki sehr langsam zu sprechen und ich vergesse oft den
Anfang vom Satze, den er spricht. Auch wenn ich jetzt denke, vergesse
ich, womit ich angefangen.

7 Uhr 45 Minuten. Mein Herz schlgt so, dass ich jeden Schlag hre, Puls
zhlen unmglich.

Besserki sagt, er will fortgehen, mein Diener geht mit; ein anderer
zndet mir eine Nargile an. Ich rauche _und fliege_, obgleich ich mit
den Hnden fhle, dass ich liege.

Ich denke ungeheuer schnell und glaube, dass ich beim Schreiben dieser
Zeilen Stunden zubringe.

8 Uhr. Mein Blut schlgt Wellen, _und einzelne Theile fallen von meinem
Krper_, obgleich ich mich dumm[2] niederschreibe, denn ich habe
vollkommen freies Bewusstsein, dass ich alle Glieder besitze. Ich denke,
ich will ausgehen.

8 Uhr 20 Minuten. Ich trumte, ich ginge aus, die _Strassen der Stadt
verlngerten sich_ und waren mir ganz unbekannt, die Huser sehr hoch;
ich glaube, ich war in der Polizeiveranda, wo ein Mann war, um zu
petitioniren und zu mir mit einem Gesuch kam; ich ging dann zurck und
setzte mich vor mein Haus.

_Ich bin ohne allen Willen_; die Wand gegenber meinem Hause war schn
tapezirt, auch hrte ich von fern _schne Musik_ und jetzt schreibe ich
und sehe, dass Alles erlogen ist.

Ich will mich legen, _aber bin ich wirklich verrckt_?

Ich liege jetzt (8 Uhr 30 Minuten), _mein Wille ist ganz weg und in mir
grosser Sturm_. Das Licht brennt seit Stunden und ich kann es nicht
ausblasen, aber ich schreibe, und da ich denke, so bin ich doch wohl
nicht gelhmt.

Bin ich wirklich hier? Mein Hinterkopf ist sehr angefllt. Ich bin
ungemein leicht, und wenn ich nicht schriebe, wrde ich in der Luft
schweben.


#26. Januar Morgens.#

Bis so weit hatte ich gestern Vermgen gehabt, whrend des Rausches zu
schreiben; ich verfiel dann in einen festen Schlaf, aus dem ich heute
Morgen um 9 Uhr erwachte. Nachdem ich die im Rausche niedergeschriebenen
Empfindungen gelesen, war meine erste Frage, ob ich wirklich nach der
Polizeiveranda gegangen sei, oder dies blos getrumt habe? Es fand sich
denn, dass ich wirklich dagewesen sei, ganz vernnftig gesprochen habe,
berhaupt Niemand auch nur die leiseste Ahnung hatte, dass ich im
Tekrurizustande mich befnde.

Nachtrglich kann ich nun noch constatiren, dass

1) man sich ungemein leicht glaubt und oft zu schweben meint.

2) Dass der Puls, im Anfange vermindert, im vollen Stadium des Rausches
eine solche Geschwindigkeit erreicht, dass es fr den im Rausche
Befindlichen unmglich ist, ihn zu zhlen.

3) Starker Blutandrang nach dem Hinterkopfe.

4) Auffallende Lhmung der Willenkraft.

5) Das Gedchtniss verliert seine Regeln, naheliegende Dinge werden
vergessen, andere aus lngst vergangenen Zeiten werden aufgefrischt.

6) Alles erscheint in den schnsten Farben und in vollkommener Harmonie.

7) Manchmal lichte Augenblicke, verbunden mit schrecklicher Angst, dass
dieser Zustand immer dauern mge.

8) Endlich der ganze Rausch sui generis, und eher ein Verrcktsein, als
das, was wir Europer unter Rausch verstehen, zu nennen.

Heute Morgen indess befinde ich mich vollkommen wohl und verspre auch
nicht im Mindesten einen sogenannten Katzenjammer.




Von Lagos nach Liverpool


Es war als ob Afrika erbittert sei, dass ein Weisser es gewagt hatte,
den ganzen Continent, den die Araber unter dem Namen "Das Land der
Schwarzen" schlechtweg bezeichnen, durchschnitten hatte, denn als ich
Icordu verliess, um vom eigentlichen Festlande nach Lagos berzusetzen,
welches eine Insel in den Ossa-Lagunen ist, wren wir zuletzt beinahe
noch mit Mann und Maus, wie wir Deutsche zu sagen pflegen,
untergegangen.

Die Sache verhielt sich so. Am letzten Tage hatte ich meinen Diener
Hammed den Dolmetsch, einen kleinen Negerburschen, den ich von Lokja
aus als Geschenk fr den Gouverneur in Lagos mitgenommen hatte, so wie
unsere Packesel zurckgelassen, indem ich mich allein frh Morgens von
Makm, (siehe Dr. Grundemann's Missions-Atlas, Blatt Nr. 6) zu Pferde
auf den Weg machte, blos von meinem kleinen Privatneger Nol, der
whrend der langen Reise sich zu einem unermdlichen Fussgnger
herangebildet hatte, sowie von einem Lagos-Bewohner (ebenfalls zu
Pferde) begleitet, der schon von Ibdan an mit mir reiste, und dessen
Frau, welche auf dem Kopfe grosse Krbisschalen trug, in denen sie ihre
Vorrthe hatte, ihrem Manne zu Fuss treu nachtrabte. Denn unsere Pferde,
als ob sie wssten, dass auch sie nun bald wrden erlst sein, schritten
wacker aus, obgleich das meinige schon seit Tagen nur noch von Gras
lebte, indem Korn, so viel Muscheln wir auch immerhin boten, um keinen
Preis aufzutreiben war. So ununterbrochen dahin reitend, immer im
dichten Urwalde, dessen Pfad so eng war und so berwachsen, dass man
fter absteigen musste, da der Reiter zu hoch war, erreichten wir denn
auch ohne weitere Ereignisse und Unflle die wichtige Handelsstadt
Ikordu ungefhr gegen 1 Uhr Nachmittags.

Ikordu, ausschliesslich von Schwarzen vom Stamme Ijebu bewohnt, die
jedoch mit ihren Stammesgenossen in keinem allzu freundlichen
Verhltnisse stehen, da sich die Stadt des Handels wegen in eine Art
Abhngigkeitsverhltniss zum Gouvernement von Lagos gestellt hat,
wetteifert jetzt mit Abeokta, einer Stadt von 100,000 Einwohnern, um
die Landesproducte, hauptschlich Palml, Palmnsse und Baumwolle gegen
die europischen Fabrikate, besonders Schnaps, Pulver, Gewehre,
Zeugstoffe und andere kleine Artikel umzutauschen. Und Ikordu wrde
vielleicht bald Abeokta bedeutend im Handel bertreffen, weil es nur
vier Stunden von Lagos entfernt liegt, wenn nicht eben diese Stadt am
schiffbaren Ogun-Flusse lge, sodass also die Producte schon mehrere
Tage weit auf die bequemste und leichteste Weise ins Innere
transportirt werden knnen.

Wir hielten uns brigens gar nicht in Ikordu auf, sondern durchritten
schnell die Stadt und den lrmenden Markt, wo neben einheimischen
Producten, europische Artikel en dtail verkauft wurden, und
hauptschlich unser Altonaer Kmmel und schlechter amerikanischer Rum
eine reichliche Abnahme fanden--und zum anderen Thore wieder
herauskommend, begaben wir uns dann direct zum Landungsplatze, der
ungefhr eine Viertelstunde sdwestlich von der Stadt entfernt liegt.
Ich glaubte das Meer zu sehen, und doch war es nur erst die
baumumkrnzte Lagune, aber so entfernt und so weit sind die
gegenberliegenden Ufer jener oft durchbrochenen schmalen Landzunge, die
dickbelaubt sich weithin vor's eigentliche Festland herzieht, dass man
mit blossem Auge eben nichts als eine tiefblaue Wasserflche vor sich
hat. Am Landungsplatze fanden wir eine Menge kleiner Htten, theils leer
und fr etwaige Reisende zum Uebernachten aufgebaut, theils von
Verkufern und Garkchen besetzt, welche damit beschftigt waren, neben
Kleinwaaren, Obst und anderen Sachen, welche sie ausboten, Yams-Scheiben
und kleine Mehlkgelchen in Palml zu rsten, oder eine starkgepfefferte
Krautsauce zubereiteten, welche als Zuspeise zu dem weitverbreiteten
Madidi (es ist dies der Haussa Name; der an der Kste in der
Yruba-Sprache bliche ist mir nicht bekannt), eine Art in grosse
Bltter eingekochter Kleister aus indianischem Korne, gegessen wird.
Auch 20-30 grssere Kanoes lagen am Strande, und alle Augenblick kamen
mit der gnstigen Seebrise neue und meist sehr schwer beladene
angesegelt, welches einen reizenden Anblick gewhrte, und viel Leben und
Treiben am Ufer hervorrief.

Nachdem wir mein Pferd abgesattelt hatten und es dann frei umhergehen
liessen, nahmen auch wir eine von den Htten in Beschlag, denn schon am
Morgen hatten wir auf unsere Kosten erfahren, dass hier an der Kste die
Regenzeit noch weniger ein Weilen im Freien gestattet, als weiter im
Innern, wo doch nach einem heftigen Tornado meist wieder ein eintgiger
Sonnenschein folgt. Dann dachten wir auch daran, uns etwas Lebensmittel
zu kaufen, denn am ganzen Tage immer zu Pferde, hatten wir uns nur Zeit
gelassen, um einige Madidi, die man das Stck, eine Hand gross, fr 10
Muscheln (an der Kste gehen 6000 Muscheln, im Innern 4000 auf einen
Thaler) berall am Wege zu kaufen findet, im Weiterreisen zu verspeisen.
Es fand sich nun aber, dass, obgleich der Markt sehr verlockend mit
allerhand Negergerichten ausgestattet war, und namentlich
westafrikanische Frchte, als Bananen, Plantanen, Pisang, Ananas u.a.m.
in Hlle und Flle auslagen, wir keine Muscheln mehr hatten. Als wir
Morgens in der Eile frh sattelten, hatte Nol vergessen, aus dem
grossen Muschelsack hinreichend fr uns welche herauszunehmen, unser
ganzer Reichthum bestand noch in 20 Muscheln, was gerade genug war, um
unseren regen Hunger erst recht anzureizen. Wir mussten also suchen
etwas zu verkaufen, aber Alles, was wir allenfalls von brigen
Kleidungsstcken htten entbehren knnen, war auch bei den Packeseln
zurckgeblieben, bis endlich Nol mich an ein paar neuseidene rothe
Taschentcher erinnerte, welche ursprnglich als Geschenke fr kleinere
Huptlinge htten dienen sollen, indess beim Ende der Reise keine
Verwendung mehr gefunden hatten. Ich hatte dann spter die Depeschen und
Briefe der beiden Weissen in Lokja hineingewickelt, um sie auf diese
Art besser gegen Regen und Schmutz zu schtzen. Die Briefe wurden also
schnell bloss gelegt, auf die Gefahr hin, schmutzig zu werden, und der
Lagos-Mann, der vielleicht Muscheln besass, aber that, als ob er keine
htte, auf den Markt geschickt, um die Tcher zu verauctioniren. Da die
Marktleute wahrscheinlich gleich durchschauten, dass wir keine Muscheln
bei uns hatten, sich berdies wohl denken konnten, wir seien nach einem
langen Ritte sehr ausgehungert, so boten sie uns natrlich fr die
Tcher so niedrige Preise, dass ich anfangs nicht darauf eingehen
wollte. In der That verlangten sie die Tcher ungefhr fr ein Viertel
des Preises, zu dem man sie in Europa in den Fabriken verkaufen wrde.
Aber was thun? Hunger ist einer der despotischsten Herren, und wenn ich
selbst es zur Noth noch bis nach Lagos htte aushalten knnen, so
dauerte mich mein treuer kleiner Nol, der sich zwar auch zum Hungern
bereit erklrte, aber seine Blicke gar nicht von den verlockenden
Oelkgelchen wegwenden konnte. Auch die Frau Negerin, welche dem
Lagos-Manne immer zu Fusse nachgetrabt war, gab mir durch Zeichen zu
verstehen, dass die Yams-Scheiben ausgezeichnet wren, und so wurde
unser Mann wieder beordert, die Tcher auf den Markt zu tragen. Aber o
Schicksal! Hatten die Neger schon frher so geringe Preise geboten, so
wollten sie dieselben jetzt um eine noch geringere Summe haben, aber um
nur nicht gar mit meinen seidenen Sacktchern sitzen bleiben und hungern
zu mssen, gab ich sie nun  tout prix fort. Nol wurde dann ausgesandt,
um Ekoroa, so heisst man die kleinen Mehlkgelchen, welche in Palml
gesotten sind, Yams und Frchte zu kaufen und dann nochmals wieder
abgeschickt, denn unsere beiden Lagos-Gefhrten, Mann und Frau, assen
fr viere; endlich indess waren Alle satt.

Mittlerweile kamen immer mehr Kanoes von Lagos herangesegelt, welches,
bei dem bunten Vordergrunde, einen entzckenden Anblick gewhrte; theils
benutzte man anstatt ordentlicher Segel irgend ein grosses
Kleidungsstck, theils auch waren es viereckige grosse Stcke Zeug, aus
einheimischen schmalen Cattunstreifen zusammengenht. Nach beiden Seiten
ragten sie natrlich weit ber das schmale Kanoe hinaus. Man hatte mir
gesagt, dass alle Abend ein grsseres, dem Gouverneur von Lagos
gehrendes Schiff herberkme und dass es am besten sein wrde, mit
diesem berzufahren. Es kam dies denn auch bald in Sicht, indem es
erkenntlich war au einer weissen Flagge, auf welche ein V.R. (Victoria
regina) gestickt war.

Ein uniformirter Neger sprang aus dem Boote und noch zwei andere
folgten, die seine Untergebenen zu sein schienen. Wir wurden schnell mit
einander bekannt, obgleich der uniformirte Bootsfhrer das Englisch auf
jene eigene Art der Neger spricht, wodurch es fast zu einer neuen
Sprache wird.

Er sagte mir, er wrde noch am selben Abend zurckfahren, erbat sich
auch, da sein Schiff hinlnglich gross sei, mein Pferd mitzunehmen,
welches ich jedoch, als bei einer Nachtfahrt zu gefhrlich, ausschlug.
Als ich dann aber um 9 Uhr Abends das Fahrzeug bestieg, liess ich das
Pferd unter der Obhut des kleinen Nol zurck, indem ich ihm sagte, so
lange im Landungsorte von Ikordu zu bleiben, bis die anderen Diener und
Esel ankmen, und dies konnte wohl kaum vor Mitternacht oder dem
folgenden Morgen der Fall sein.

Wir waren also im Ganzen zu vier Mann, und sobald wir es uns bequem
gemacht hatten, spannten die Neger die Segel auf, um den zwar nicht
starken, aber jetzt bei Nacht gnstig wehenden Landwind zu benutzen.
Ueberdies schaufelten sie noch mit ihren kleinen runden Rudern, so dass
wir schnell das Ufer verliessen. Aber nur ungefhr eine Stunde hielten
sie so bei, denn, sei es Mdigkeit oder hatte der Barssa, so heisst in
der Lingua franca der Branntwein, das Seinige gethan, sie legten die
Schaufeln nieder und berliessen sich einem ruhigen Schlafe. Das Schiff
folgte indess mit aufgespanntem Segel noch leise dem Hauche des Windes,
obgleich derselbe fast ganz nachgelassen hatte, und der heiterste
tiefblaue Sternenhimmel sich ber uns wlbte. Auch ich, denkend, es sei
eben so passend, Morgens in Lagos anzukommen, als mitten in der Nacht,
dachte keineswegs daran, sie wieder aufzuwecken, sondern streckte mich
ebenfalls auf meiner Matte aus, und die fremden Sternbilder betrachtend,
schlief ich auch schnell ein, ermdet, wie ich von einem langen Ritte
war.

Aber lange sollte unser Schlaf nicht dauern und die lieblichen Bilder
von Venedigs Lagunen, die sich mir im Traume vorstellten, wurden unsanft
durch eine starke Schaukelbewegung des Kanoe zerstrt. Ich richtete mich
schnell auf, und der pechschwarze Himmel, das Zucken der Blitze
berzeugte mich schnell, dass einer jener Tornado im Anzuge sei, von
deren frchterlicher Gewalt und Heftigkeit eben nur die heisse Zone
Zeuge ist.

Trotz des heftigen Stosses waren meine schwarzen Begleiter nicht
erwacht, erst auf mein Rufen und auf eine handgreifliche Demonstration
sprangen sie auf, und ein frchterlicher zweiter Windstoss, der von
allen Seiten zugleich herzukommen schien, brachte ihnen rasch das
Gefhrliche unserer Lage vor Augen. Schnell half ich ihnen die immer
noch ausgespannten Segel mit reffen, was wegen der entsetzlich starken
und unregelmssig bald hier, bald dort her kommenden Windstsse keine
Kleinigkeit war, dann aber nahm in kurzer Zeit der Sturm dermassen zu,
und sein Toben war zuweilen nur noch durch das Krachen des Donners
bertnt, dass wir innerhalb fnf Minuten an's Ufer geschleudert waren.

Aber keineswegs war unsere Lage hierdurch verbessert, denn wenn ich Ufer
sage, so muss man dabei nicht an einen Strand oder auch nur sonst etwas
Aehnliches denken: wir wurden gegen die Tausende von Mangrovensttzen
oder Wurzeln geworfen, die weit vom wirklichen Ufer aus, oft eine
Viertelstunde entfernt oder lnger sich ins Wasser hineinerstrecken, und
unter gnstigen Umstnden von ihren vorstreckenden Zweigen alljhrlich
neue Luftwurzeln, die das Wasser suchen, abwerfen, welche mit der Zeit
zu dicken Sttzen oder Stmmen werden. Wer nicht selbst an
salzseeartigen Lagunen diese eigenthmliche Vegetation der Mangroven
gesehen hat, kann sich kaum durch eine blosse Beschreibung einen Begriff
davon machen. Am besten glaube ich, wird man mich verstehen, wenn ich
sage, dass eine dicke grne Laubdecke von Tausenden von dicken oft 3-4,
oft aber auch von 10 Fuss hohen Sttzen getragen, ber dem Wasser zu
ruhen scheint. Unter dieser Laubdecke ist aber das Wasser noch sehr
tief, und je weiter vom wahren Ufer ab, je tiefer. Gegen diese Stmme
aus Luftwurzeln ursprnglich gebildet, wurde nun unser Schiffchen durch
die widerstandlose Kraft des Windes geschleudert, und jeder hohe
Wellenschlag, abgesehen davon, dass er es fortwhrend mit Wasser
fllte, schien, als ob er es zertrmmern msse.

Unter den frchterlichsten Regengssen, einem unaufhrlichen
Donnergeroll, bei einer pechschwarzen Finsterniss, oft indess durch nahe
electrische Feuerschlge, die zischend ins tobende Wasser fielen,
taghell erleuchtet, blieben wir so mehrere Stunden lang in dieser
gefhrlichen Lage. Vergebens bemhten wir uns durch Festklammern an die
Baumstmme dem Schiffe mehr Halt zu geben, eine jede neue Welle riss uns
wieder weg und schleuderte uns dann wieder zurck gegen die Baumwand.
Ich versuchte es mehrere Male mich den Negern verstndlich zu machen,
aber der unerhrte Lrm des Himmels und des Meeres machte jedes Sprechen
unmglich; in dieser lebensgefhrlichen Stellung blieben wir fast bis
Tagesanbruch, indem der Tornado merkwrdiger Weise fast sieben Stunden
seine Wuth an uns ausliess, whrend er sonst in der Regel nur von kurzer
Dauer ist. Trotzdem gingen wir siegreich, wenn auch erbrmlich
zugerichtet, aus dem Kampfe hervor: unsere beiden Masten waren
abgebrochen, die gegen die Baumstmme gerichtet gewesene Seite des
Schiffes war so zugerichtet, dass dasselbe eben nur noch dienen konnte,
um uns nach Lagos zu bringen, wir selbst aber waren, das war nun
freilich kein grosses Unglck, der Art, als ob wir im Wasser gelegen
htten, und namentlich meine Neger, die es weniger angemessen fanden, in
einem nasskalten Hemde zu sitzen, als sich von der aufgehenden Sonne
die schwarz lackirte Haut bescheinen zu lassen, wussten bald, was thun,
sie reducirten sich bis auf Vater Adams Kleid und legten ihr Hemd in die
Sonne.

Und diese schien denn auch heiter genug, denn sobald einmal ein solches
Unwetter seine Wuth ausgelassen hat, wird man mit dem reinsten Himmel
belohnt; nach zwei Stunden schon hatten mich die Neger nach Lagos
gebracht, und wir landeten am nrdlichen Ende der Insel zwischen einer
grossen Menge von Canoes.

Ohne weitere Empfehlungen fr Jemand in der Stadt, mit Ausnahme, dass
ich Pass und Depeschen der beiden Weissen in Lokja von dorther fr den
Gouverneur von Lagos berbrachte, indem die dort angesiedelten Englnder
seit sechs Monaten vergeblich versucht hatten, einen Courier nach der
Kste durchzuschicken, war es ganz natrlich, dass ich beim Gouverneur
mein Absteigequartier nahm, und ohne weitere Umstnde und Anmeldung
begab ich mich nach dem stattlichen ganz aus Eisen gebauten
Gouvernementsgebude, das am anderen Ende der Inselstadt, auf dem
europischen Quai liegt. Freilich sah ich nicht sehr prsentabel aus,
als ich vor Herrn Glover (so heisst der derzeitige Gouverneur von Lagos,
der der geographischen Welt sehr wohl bekannt ist, durch seine schnen
Nigerkarten, indem er vor Jahren auf Kosten der englischen Regierung mit
einem Dampfer den Niger hinauf explorirte bis Rabba und die genauesten
Karten vom Niger geliefert hat, die wir berhaupt besitzen) erschien.
Meine hohen Stiefeln quatschten bei jedem Schritte vom Wasser, das in
sie gelaufen, aus meiner langen weissen Tobe bezeichnete hinter mir ein
unaufhrlicher Tropfenfall den Weg, den ich gegangen war.

Aber in Afrika kennt man keine Ceremonien, und selbst der Hollnder
verliert dort seine Steifheit und grollt dem Fremden nicht, der es wagen
wrde mit unabgekratzten Schuhen sein Haus zu betreten. Herr Glover
hiess mich daher herzlich willkommen, und als er sah und verstanden
hatte, wer ich sei, wollte er keine weitere Erklrung: zuerst ein warmes
Bad und dann musste ich von seinen eigenen Kleidern anziehen. Ich fand
mich natrlich gleich ganz wie zu Hause, und seine Gesellschaft, drei
Marineofficiere, von denen der eine sein Privatschreiber, die anderen
seine zuflligen Gste waren wie ich, trugen nicht wenig dazu bei, den
Aufenthalt angenehm zu machen.

Indess sollte ich doch nicht lange unter dem gastlichen Dache von Herrn
Glover bleiben; schon beim Frhstck, woran oben genannte Herren, sodann
der deutsche Pfarrer Herr Mann, ein frherer Missionr in Abeokta und
jetzt in Lagos angestellt, theilnahmen, stellte sich der Chef der
O'Swald'schen Factorei in Lagos ein, Herr Philippi. Wie ein Lauffeuer
war nmlich das Gercht durch die Stadt gegangen, es sei ein Weisser
ber Land angekommen, und man vermuthe, der Weisse sei ein Deutscher.
Wie war da denn nur Haltens bei diesem trefflichen Manne. "Wo ist der
Deutsche? Wer ist es?" waren seine ungestmen Fragen, als er den Salon
betrat, und als der Gouverneur mich ihm vorgestellt und er mir die Hand
gedrckt hatte, erklrte er Herrn Glover ganz kurz, dass ich sein sei,
dass er ein grsseres Recht auf mich habe, um Gastfreundschaft zu
erweisen, als der englische Gouverneur.--Sowohl Herr Glover als auch ich
waren in grosser Verlegenheit, der Gouverneur, weil er nicht wusste, wie
er sich einer so kurz und bndig gestellten Forderung des Herrn
Philippi, der berdies sein Freund war, gegenber benehmen sollte, ich
andererseits noch mehr, indem ich einerseits durch ein so schnelles
Weggehen Herrn Glover beleidigen konnte, andererseits aber auch eine so
schmeichelhafte Einladung des Chefs vom ersten deutschen Handlungshause
an der Westkste Afrikas nicht abschlagen wollte.

Genug, Herr Philippi wusste es so einzurichten, dass ich mit ihm gehen
und noch am selben Tage in der O'Swald'schen Factorei meine Wohnung
aufschlagen konnte. Ich hatte keineswegs bei dem Tausche verloren.

Am andern Tage kam, zum Ergtzen der Lagos-Bewohner, auch meine
Karawane, die beim Uebersetzen ber die Lagune mehr als ich begnstigt
gewesen war; voran kam Nol mit meinem abgemagerten Schimmel, dann
Hamed, seinen Esel, der nicht mehr stark genug war, um ihn zu tragen,
vor sich hertreibend, endlich die beiden Lastesel, je Tom und Bu-Chari,
den Dolmetsch mit Stcken hinter sich. Aber in Lagos wie in Yruba- und
Izebu-Lande hatte man nie vorher graue Langohren gesehen, und so kam
es, dass die halbe schwarze Bevlkerung der Karawane nachzog, und es vor
der Factorei dicht und schwarz gedrngt voll Menschen stand, als sie
durch's hohe Hofthor einzogen.

Da der Dampfer zwar schon angekommen, aber noch weiter nach Bonny und
Cmerun gefahren war, nun aber erst in einigen Tagen zurckerwartet
wurde, so hatten wir vollkommen Zeit, die Annehmlichkeiten des
gastfreisten deutschen Hauses unter den Tropen Afrikas kennen zu lernen,
sowie auch Musse, die Stadt in Augenschein zu nehmen.

_Lagos_, dieses neue Handelsemporium der Englnder, liegt, wie schon
erwhnt, auf einer Insel, und ist seit den wenigen Jahren unter dem
englischen Gouvernement zu einer Stadt von 50,000 Seelen herangewachsen.
Die schnen breiten Strassen, welche, unter einer aufgeklrten
Administration, die kleinen engen Pfade der Neger verdrngt haben, die
zweckmssige Bauart der Huser, welche jetzt smmtlich aus Backsteinen
aufgefhrt werden, haben ausserordentlich zur Verbesserung des
Gesundheitszustandes beigetragen. Und wenn auch noch heuer schwere
Wechsel- und Sumpffieber immer an der Tagesordnung sind, kommt doch
Malaria jetzt usserst selten vor, und das gelbe Fieber und die Cholera
haben sich noch nie in Lagos gezeigt. Eben so ist die andere Plage der
grossen Bucht an der Westkste von Afrika, der Guinea-Wurm, in dieser
Stadt fast ganz unbekannt.

Die englische Regierung hat hier zwei Compagnien schwarzer
westindischer Soldaten, ausserdem ebenso viele, die aus eingebornen
Negern recrutirt werden, und hauptschlich aus dem Haussa-Stamme
genommen werden. Es ist letzteres merkwrdig genug, da im Innern Afrikas
die Haussa als feige verschrien sind, und liegt darin allerdings ja auch
ein thatschlicher Beweis, dass die Haussa als eine selbstndige Nation
durch ihre Unterjochung von den Fellata zu existiren aufgehrt haben.
Indess sollen sie unter englischem Commando, wie Herr Glover mir
mittheilte, sich zu tchtigen Soldaten ausbilden. Allgemein sind sie
brigens wegen ihrer grossartigen Diebereien und abgefeimten Rubereien
verschrien, und wenn Europer oder andere Neger durch das sogenannte
Haussa-Viertel, denn es wohnen auch viele Haussa-Leute mit ihren
Familien, auch ohne Soldaten zu sein, in der Stadt, gehen, pflegen sie
sich die Tasche zuzuhalten. Ausserdem sind noch einige
Marineartilleristen zur Bedienung der auf dem Quai vor dem
Gouvernementshause aufgepflanzten Geschtze vorhanden. Die Soldaten sind
sehr zweckmssig uniformirt, und fr ihre andere Bequemlichkeit sorgt
eine luftige Caserne und ein gut eingerichtetes Hospital.

Ein Gemeinderathhaus ist gerade im Bau begriffen, eben so wie eine
hbsche steinerne Kirche. Bethuser und Schulen sind ausserdem schon
mehrere vorhanden, denn die church missionary society, sowie die Wesleyn
methodists haben mehrere Prediger hier. In der That scheinen, trotzdem
dass auch die Mohammedaner mehrere Moscheen in Lagos haben und leider
auf eine dumme, unvernnftige Art von Herrn Glover, dem jetzigen
Gouverneur der Insel, begnstigt werden, die Missionre hier mit Erfolg
zu wirken. Als ich Sonntags die Kirche oder vielmehr das grosse Bethaus
besuchte, fand ich eine volle und hauptschlich aus Negern, jedoch auf
europische Art gekleidet, bestehende Versammlung, und ungemein freute
es mich, als die kleinen schwarzen Knaben und, Mdchen, nur von einigen
wenigen weissen Kindern untersttzt, mit Prcision und Gefhl die
schnsten Chorle, von einem Harmonium, das ihr schwarzer Lehrer
spielte, begleitet, sangen.

Als hervorragende Persnlichkeit steht an der Spitze der Geistlichkeit
in Lagos und als Director der sogenannten evangelischen schwarzen
Niger-Mission der Bischof Crowther. Dieser Neger, aus einem kleinen
Dorfe in Yruba gebrtig, wurde als Kind geraubt und den Portugiesen
verkauft. Er hatte jedoch das Glck, von den Englndern gekapert zu
werden, und von der Vorsehung dazu bestimmt, als ein auserlesenes
Werkzeug dem Christenthume und der Civilisation zu dienen, wurde er nach
Freetown in Sierra-Leone gebracht, wo er seine erste Erziehung erhielt
und getauft wurde. Er zeigte bald so hervorragende Eigenschaften und
Geistesanlagen, dass man ihn zur weiteren Ausbildung nach England
schickte, genug wenn ich sage, dass er heute Bischof ist. Aber nicht nur
als Geistlicher wusste er sich in jeder Beziehung auszuzeichnen, er
leistete gleich Grosses im Gebiete der afrikanischen Sprachen, seine
Uebersetzung der heiligen Schrift in die Yruba-Sprache, mehrere
Grammatiken, darunter eine der Nyfe-Sprache, legen Zeugniss seiner
grndlichen Bildung ab; endlich die Reisebeschreibung der Niger- und
Bnue-Expedition, welche Herr Crowther mit dem verstorbenen Dr.
Baikie machte, lassen ihn als einen ausserordentlich vielseitig
gebildeten Mann erkennen. Leider konnte ich nicht die persnliche
Bekanntschaft dieses ausserordentlichen Mannes machen, denn whrend
meiner Anwesenheit in Lagos war er auf einer Inspectionsreise nach
Bonny, immer besorgt um das Wohl seiner Missionen.

Auf dem grossen Quai breiten sich dann rechts und links vom
Gouvernementsgebude die schnen Factoreien oder Handelsetablissements
der Europer aus, und von allen diesen ist die O'Swald'sche, wie schon
erwhnt, die erste. Es giebt indess noch mehrere andere Huser in Lagos,
die gute Geschfte machen. Der zweiten grssten Factorei steht ein
Marseiller Haus vor, und die Englnder, obgleich sie sich natrlich auch
bedeutend am Handel betheiligen, da ja die ganze Insel jetzt ihr
Eigenthum ist, kommen doch erst in zweiter Linie; so hat auch die
westafrikanische Compagnie deren Directorium in Liverpool ist, in den
letzten Jahren sehr an ihrer Bedeutung verloren.

Der Handel, was Export anbetrifft, beruht hauptschlich auf Palml, das
theils fertig von den Eingeborenen den Europern zum Austausch oder zum
Verkauf gebracht wird, theils auf die Nsse der Oelpalme, welche roh
nach Europa verschifft werden und dann dort durch Auspressen und andere
Zubereitung ein doppeltes Product ergeben, nmlich Stearin und Oel. Was
Baumwolle und Kornausfuhr anbetrifft, so ist die Production derzeit noch
zu gering, um bedeutend ins Gewicht zu fallen, fr beide Artikel ist
indess eine grosse Zukunft vorhanden, denn kein Boden ist gnstiger fr
Korn, Indigo, Taback und Baumwolle als der afrikanische, man trifft
diese Pflanzen auf jedem Schritt und Tritt, so dass man versucht sein
mchte, sie fr einheimische zu halten. Die Oel-Ausfuhr aber selbst
liegt noch ganz in der Kindheit, denn von einer eigentlichen Ausbeutung
ist bei der Undurchdringlichkeit der Wlder, heutzutage noch keine Rede,
aber bei der gnzlichen Stockung des Sklavenhandels von Lagos aus, und
eben weil wiederum die Neger die europischen Producte nicht entbehren
knnen, werden sie schon Mittel und Wege finden, um nach und nach auch
die Millionen von Palmen, die sich in den schwarzen Wldern finden,
ihren Tribut zahlen zu lassen.

Was die Einfuhr anbetrifft, so stehen in erster Linie Schnaps, und zwar
schlechter hollndischer und deutscher Genever, amerikanischer Rum, dann
Pulver, Steinschlossgewehre, leichte amerikanische Cattune, Perlen und
andere kleinere Artikel, dann zweitens die Importation der kleinen
Muscheln, welche als Scheidemnze in Afrika gelten. Diese werden vom
indischen Archipel zu Schiffe an die Ost- und Westkste von Afrika
gebracht. Obwohl nun sowohl im Innern als auch an der Kste der Werth
derselben grossen Schwankungen unterliegt, kann man doch im grossen
Allgemeinen sagen, dass ein Maria-Theresien-Thaler im Innern 4000
Muscheln, an der Kste indess 6000 werth ist. In Lagos werden sie bei
der Importation en gros von den Europern gewogen und spter in Krbe[3]
von je zu 20,000 verpackt, und vom Niger an kommen sie nur noch in
kleinen Paketen vor, obgleich doch noch in Seg-Seg (westliches
Knigreich vom Kaiserreich Skoto) Kufe und Verkufe von
Hunderttausenden von Muscheln gemacht werden.

Der Verkehr in der Stadt ist meist zu Fuss, obwohl die Vornehmen und
Reichen, seien sie nun schwarz oder weiss, meist zu Pferde ausreiten.
Der Lagunendienst wird durch eine grosse Zahl von kleinen Booten und
Kanoes besorgt, die alle numerirt sind, und die grsseren Huser, wie
O'Swalds, die franzsische Factorei und die westafrikanische Compagnie
haben ihre eigenen Dampfer, die bestimmt sind, theils die Waaren zu den
grossen Segelschiffen, welche der Barre halber in die Lagune nicht
einlaufen knnen, hinauszutransportiren, theils auch, um kleinere
Segelschiffe, als Brigg und was darunter ist, in die Lagune
hereinzuschleppen. Der Gouverneur hat ausserdem auch fr den Dienst
einen Dampfer zur Disposition, welcher Eigenthum der Colonie ist.

Die Bevlkerung von Lagos ist so berwiegend schwarzer Rae, dass die
wenigen Weissen, vielleicht hundert an der Zahl, ganz darunter
verschwinden. Diese Schwarzen sind wieder von den verschiedensten
Stmmen, obwohl Yruba- und Sabu-Leute vorwiegend vorhanden sind. Man
glaube indess nicht, dass die schwarze Bevlkerung eine niedere Stufe
einnimmt, wie denn berhaupt der schlechtweg ausgesprochene Grundsatz,
die schwarze Bevlkerung sei gar nicht der Civilisation fhig, ein sehr
schlecht basirter ist. Freilich haben die, welche sich zu dieser Ansicht
bekennen, sich wohl hauptschlich auf die schwarze Bevlkerung Amerikas
bezogen, aber von einer seit Jahrhunderten durch Sklaverei unterdrckten
Bevlkerung Schlsse auf eine ganze Rae ziehen zu wollen, wre ebenso
unsinnig und lcherlich, als wolle man der ganzen europischen Familie,
weil gerade die Griechen ihre eben errungene Freiheit weder ertragen
noch benutzen knnen, politische Unmndigkeit vorwerfen. Doch es wrde
zu weit fhren, dies Thema hier zu behandeln, genug, dass ich als
Beispiel anfhre, dass Herr Philippi mir unter anderem Zutritt zum Hause
James verschaffte, welches ebenfalls einem Schwarzen gehrt, der ein
bedeutendes Colonialwaarengeschft betreibt. Seine Frau, Md. James,
ebenfalls eine Schwarze, war einst dazu bestimmt, einem Englnder, der
den Knig Dhome besuchte, zu Ehren geopfert zu werden, wurde aber auf
Wunsch des Weissen befreit, und ist jetzt in Lagos eine der
liebenswrdigsten Salondamen.--Sie hatte mehrere Male die Gte die
schnsten und schwierigsten Sonaten und Symphonien von Mozart und
Beethoven uns vorzuspielen. Ich habe hier nur ein Beispiel von der
Fhigkeit, sich zu bilden, bei den Negern angefhrt, ich knnte deren
hundert bringen.

Die Tage in Lagos gingen in angenehmer Unterhaltung schnell hin, und
allein den ganzen Tag auf der prachtvollen Factorei zuzubringen, die
grossartigen Unternehmungen und Arbeiten bewundern, dem geschftigen
Treiben der Neger zuzuschauen, htte Reiz genug gewhrt. In der That,
wenn man des Morgens auf der oberen Veranda sass, vor sich die herrliche
Allee von Brodfruchtbumen, die ewig saftgrnen Teppiche von
Bahama-Gras, auf welchen sich zahme Gazellen herumtummelten, im
Hintergrunde die tief blauen Lagunen, von einem palmenbewachsenen
Sandgrtel begrenzt, ganz in weiter Ferne die mchtig tobende Barre, und
jenseits im unendlichen Ocean die stolzen Dreimaster, welche ihrer
Ladungen warteten, dann begriff ich, dass man in Lagos sein konnte, ohne
Heimweh zu bekommen. Abends waren wir die ganze Zeit natrlich durch
gemeinschaftliche Diners in Anspruch genommen: beim Gouverneur, bei den
Missionren, auf den anderen Factoreien etc.

Aber der Kstendampfer war unterdessen angekommen, und somit musste
Abschied genommen werden. Herr Philippi liess den O'Swald'schen Dampfer
heizen, um uns ber die Barre hinaus an das Postdampfschiff zu bringen.
Er selbst hatte noch die Gte, mich bis dahin zu begleiten, und nachdem
hinten die Hamburger, in der Mitte die Bundesflagge und vorn meine alte
Bremer-Flagge, die von allen europischen Flaggen allein den Tsad-See
begrsst, und einzig ausser der englischen Flagge den Niger befahren
hatte, waren aufgehisst worden, verliessen wir um 10 Uhr Morgens die
Stadt und befanden uns bald darauf an Bord des englischen Postschiffes.

Als wir Abschied genommen, und ich noch lange dem kleinen schnell
dahinschiessenden Tender nachgesehen und nachgewinkt hatte, fing ich an,
nachdem ich meine Sachen in die mir zugewiesene Cabine untergebracht
hatte, mich umzusehen. Freilich waren einem die Bewegungen sehr gehemmt,
denn abgesehen von den grossen Oelfssern, die auf dem Vorder- und
Mitteldeck den Weg sperrten, war selbst unser Hinterdeck mit doppelten
Schichten von Baumwollscken zugepackt. Alte diese Waaren hatte man in
Lagos eingenommen und noch nicht Zeit gefunden, sie in den Raum hinunter
zu schaffen. Das Schiff selbst war sonst gut eingerichtet, hielt 900
Tons, jedoch war der Raum mehr fr Waaren als fr Passagiere berechnet:
es war der Schraubendampfer "Calabar", Capt. Kroft, der West Africa
Steam Navigation Company zugehrend. Inzwischen kamen immer noch neue
Passagiere von Lagos und unter den Bekannten fand sich auch der
Gouverneur Herr Glover, der Befehl bekommen hatte, sich zum Gouverneur
en chef, nach Sierra Leone zu begeben. Endlich um 5 Uhr Abends war alles
eingeladen und eingeschifft, und nach einem dreifachen Salutschusse
seitens des "Calabar" trat derselbe seinen Lauf nach Westen an.

Obgleich wir nicht weit von der Kste entfernt waren, verloren wir
dieselbe dennoch bald ausser Sicht, da berdies nach 6 Uhr Abends die
Nacht schon hereinbrach. Im Uebrigen waren wir vom schnsten Wetter
begnstigt. Man stieg dann hinunter, um sich den Tafelfreuden
hinzugeben, aber im Ganzen, obgleich aus Innerafrika kommend, hatte mich
der kurze Aufenthalt in Lagos schon so verwhnt, dass ich mich etwas
getuscht fand. Die Abwesenheit von Servietten an der Tafel konnte man
noch eher entschuldigen, denn am Ende ist es besser, gar nichts
dergleichen vorzufinden, als schmutzige, und namentlich durfte ich mich
selbst nicht ber die Aufwartung beklagen, da ich noch meinen Diener
Hamed bei mir hatte. Ausser Herrn Glover, der auch seinen Leib-Neger bei
sich hatte, waren in dieser Beziehung die anderen Passagiere freilich
nicht so gnstig gestellt. Ein Gutes war vorhanden, dass, da smmtliche
Reisende von der Kste waren, aller steife Zwang fehlte, der sonst unter
Englndern das Zusammensein so unertrglich macht. Ueberdies war nur
eine Dame vorhanden, und obwohl eine Tochter Albions hatte sie doch
durch ihren Aufenthalt in Afrika, sie war Missionrin am Camerun,
lngst das Unbiegsame einer britischen Lady verloren.

Wir legten uns am ersten Tage alle frhzeitig zur Ruhe und da wir bis
jetzt etwa nur 30 Passagiere an Bord hatten, whrend die erste Cajte
deren 50 fassen konnte, waren wir gut logirt, sowohl Herr Glover als
auch ich hatten je eine ganze Cabine fr uns, berhaupt liessen die
Betten nichts zu wnschen brig.

Als ich am anderen Morgen, nachdem der Kaffee genommen (dieser, sowie
Thee, Cakes und Butterbrod wurden immer mit Sonnenaufgang aufgetischt)
aufs Deck ging oder vielmehr auf die Baumwollenscke kletterte, fand
ich, dass mehrere Passagiere es vorgezogen hatten, einfach in ihren
Kleidern auf den weichen Ballen zu schlafen, und da ein grosses
Sonnenzelt das Hinterdeck beschattete, ging das auch recht gut, denn auf
die Art konnte der Thau sie nicht erreichen, und von Klte ist ja unter
den Tropen im Juni berhaupt nicht die Rede. In den Cabinen war es denn
auch so heiss, dass man Nachts immer die Fenster offen lassen musste.

Um aber vor Allem dem Leser einen Begriff zu geben, wie man auf einem
englischen Dampfer lebt; fhre ich an, dass um 8 Uhr das eigentliche
Frhstck war, warme Fleische, Gemse, Pasteten und Thee oder Kaffee, um
12 Uhr Mittags war sogenannter Lunch, d.h. ein kaltes Frhstck aus
kalten Fleischen, Wrsten, Salaten und Frchten bestehend, um 4 Uhr
Nachmittags das Diner, endlich um 7 Uhr Abends Thee und Butterbrod. Es
versteht sich von selbst, dass die Englnder ausserdem zum Schlusse noch
der Brandyflasche zusprachen. Man sieht hieraus, dass der Magen gar
keine Zeit hatte, ein eingenommenes Mahl zu verdauen, und dass, wer eben
keine besondere Beschftigung hatte, die ganze Zeit mit Tafeln zubringen
konnte.

Das Schiff bot am Morgen einen eigenthmlichen Anblick, von den Fssern
waren erst wenige unter das Deck geschafft, aber auf jedem hockten oder
lagen ein paar Schwarze. Es waren dies Neger von der Kru-Kste, die nun,
nachdem ihr Miethstermin abgelaufen war, in ihre Heimath zurckkehren
wollten. Sie scheinen zu den Amphibien zu gehren, denn sie sind
offenbar mehr als blos ausgezeichnete Schwimmer und die einzigen Neger
an der Kste, die sich gern und freiwillig den Europern als Arbeiter
vermiethen; sie scheuen dabei keine weiten Reisen, und gehen Contracte
auf mehrere Jahre ein. Nach Ablauf der Zeit mit ihrem Ersparten in die
Heimath zurckkehrend, verheirathen sie sich entweder, oder verprassen
ihre Gelder mit Barssa (Schnaps); dann gehen sie aber sicher, sobald
sie ihren letzten Heller ausgegeben haben, ein neues Engagement ein. Die
Kru-Leute sind sehr krftig gebaut, von braunschwarzer Farbe, ihre
Physiognomie ist sehr hsslich, ihre Gewandtheit und Geschicklichkeit
ist gleich gross auf dem Wasser und zu Lande.

Seit dem Abend vorher hatten wir das Land ausser Sicht, aber gegen 10
Uhr Morgens nherten wir uns wieder der Kste, welche ganz flach war und
nur von hohen Palmen, Oel- und Kokos-, bestanden zu sein schien. Um 12
Uhr hielten wir vor Yellee-Coffee (dieser Name ist auf der trefflichen
Grundmann'schen Karte nicht angegeben, es ist der von den Englndern
gebrauchte fr den Ort Keta, wo eine Bremer Mission sich befindet), wo
indess nur ein einziges auf europische Art gebautes Haus zu sehen war,
von vielen kleinen Negerhtten umgeben.

Kaum war das Anlegen vorber, als zahlreiche Canoes das Dampfschiff
umschwrmten, und nun begann ein Drngen und Klettern um zuerst mit den
Waaren an Bord zu kommen. Da indess diesen schwarzen und ganz nackten
Waldteufeln nicht gestattet war aufs Hinterdeck zu kommen, so konnte man
von dort aus mit Musse diesem Bewegen und Treiben zuschauen. Man brachte
Lebensmittel, hauptschlich Yams, ssse Erdpfel, Cocosnsse, Mangos,
Bananen, Plantanen, Ananas, Melonen und andere Frchte, dann Papageien,
Enten, Puter, Schafe, Zwiebeln, rothen Pfeffer, Matten, Strohmtzen,
Pantherfelle, einheimische Cattunzeuge und andere niedlich und kunstvoll
gearbeitete Handarbeiten. Nachdem der nicht enden wollende Streit, wer
zuerst aufs Deck kommen sollte, wobei mancher denn noch rcklings in
Wasser fiel oder gestossen wurde, sich gelegt hatte, fing in grsster
Eile ein Tauschhandel an, indem die Matrosen vom Dampfer gegen leere
Flaschen, europische Taschentcher, Messer, manchmal auch baares Geld
das, was sie wnschten, eintauschten. Whrend indess einige Sachen, z.
B. Papageien, welche man 3 fr 2 englische Shillinge einhandeln konnte,
ausserordentlich billig waren, wurden fr andere die bertriebensten
Preise gefordert. So verlangte man fr ein Stck einheimischen Cattun,
der allerdings recht hbsch war, indess nur die Grsse von 3 Ellen Lnge
auf 2 Breite hatte, 4 Dollars. Ebenso wurden merkwrdigerweise fr die
kleinen Meerkatzen unverschmt hohe Preise gefordert; man htte hier
indess eine ganze Menagerie zusammenkaufen knnen, denn sogar ein
Chimpanze fehlte nicht und langborstige Stachelschweine, sowie Igneumon
waren mehrere vorhanden. Die Neger von Yellee-Coffee sind sehr gemischt,
den Hauptgrund in der Bevlkerung bilden indess die Popo- und
Fanti-Neger, und die Sprachen dieser beiden Stmme werden hier
vorzugsweise gesprochen. Sie sind pechschwarz, haben chte Negerzge,
fast alle gehen ganz nackt, nur einige Wenige halten es der Mhe werth,
ein europisches Taschentuch um die Hften zu winden.--Es befindet sich
vor Yellee-Coffee die Navalstation der Englnder, die indess jetzt, seit
der Sklavenhandel nun ganz unterdrckt ist, von ihrer frheren Bedeutung
verloren hat. Wie schon gesagt, hat auch unser norddeutscher
Missionsverein eine Station hier und scheint dieselbe insofern zu
gedeihen, als sie sich bei Erziehung der Neger nicht bloss auf das
geistige Wohl des Schwarzen beschrnkt, sondern demselben auf der
Missionsanstalt auch allerlei ntzliche Handwerke gelehrt werden, was
leider die Englnder bei ihrer sonst so trefflichen Mission ganz
vernachlssigen.

Es kamen hier auch zwei von den deutschen Missionren an Bord, um nach
Christiansborg zu fahren; einer von ihnen, ein junger stutzerhafter
Mann, mit langen Haaren, kam, nachdem er sich an Bord durch ein gehrigs
Glas Ale gestrkt hatte, auf mich zu und redete mich auf englisch an,
sagend, dass er sein Deutsch unter den Negern gnzlich verlernt habe, da
er schon lngere Zeit an der Kste sei. Dies Englisch aus dem Munde
eines Schwaben (er war freilich noch nicht 40 Jahre alt) klang indess so
komisch, indem natrlich zwischen d und t, zwischen b und p, die
lcherlichsten Verwechselungen gemacht wurden, dass ich ihm auf
franzsisch antwortete, und nun unterhielten wir beiden Deutschen uns
zur grossen Belustigung des Publikums lngere Zeit, er immer englisch
und ich franzsisch sprechend. Unser guter Schwabe, er war freilich noch
nicht 40 Jahre alt, merkte indess, dass er der Gegenstand der
allgemeinen Heiterkeit war. Spter ertappte ich ihn, wie er sich ganz
fertig mit seinem Amtsbruder, der ein sehr vernnftiger Mann war,
unterhielt, und fast htte ich der Versuchung nicht widerstanden, ihn
auf Platt anzureden, um eine zweite fremdartige Unterhaltung zu
erwecken, denn Deutsch konnte er allerdings nicht, nur schwbisch.

Wir blieben hier bis 6-1/2 Uhr Abends und verliessen dann wie am Tage
vorher, westlich etwas zu Sd haltend, Yellee-Coffee. Unsere Abfahrt
fand bei einem starken Tornado statt, so dass wir alle unter Deck
flchten mussten. Die Nacht war indess wieder ausserordentlich schn.

Sobald es tagte, sprang ich am folgenden Tage aus meiner Cabine und sah,
dass wir uns nahe an der Kste befanden, und Akkra und Christiansborg
dicht vor uns liegen hatten. Die Stdtchen nehmen sich reizend aus; die
vielen europischen Huser, alle glnzend weiss und italienischen Villen
gleichend, treten auf dem dunklen Grn der Oel- und Kokospalmen scharf
hervor. Im Hintergrund sah man niedrige Hgel, eine Abwechslung, die um
so angenehmer auffiel, als wir bis jetzt nur flache Ksten gesehen
hatten. Die meisten grsseren Factoreien hatten ihre Flaggen aufgezogen,
und da bemerkte ich auch unsere Bremer auf dem Vietor'schen
Etablissement wehen. Auch mehrere grssere Handelsschiffe waren vor
Anker, unter anderen zwei amerikanische Barken.

Wie gewhnlich grsste der Calabar mit drei Schssen und warf dann Anker
aus, worauf wir sogleich wieder von einer Unzahl hohler Baumstmme
umschwrmt waren, welche die Akkra-Neger mit grsster Geschicklichkeit
ber die hchsten Wellen trieben. Hier indess kamen sie nicht um zu
handeln, sondern blos um etwaige Passagiere zu holen und zu bringen,
auch unsere beiden Deutschen verliessen uns, wofr indess mehrere andere
Missionre mit ihren Frauen und Kindern wieder kamen alle von der
Basler Gesellschaft, welche hier im Innern sich ein tchtiges Feld
erffnet hat.

Akkra und Christiansborg gehren schon der Goldkste an, indem diese von
der stlich sich hinziehenden Sklavenkste durch den Volta-Fluss
getrennt ist. Wir hatten die Mndung dieses bedeutenden Flusses, der
rechts und links grosse Lagunen hat, Nachts passirt. Der Haupttheil der
Bevlkerung der beiden Oerter ist vom Stamme der Akkra-Neger, sie sollen
den Yruba verwandt sein. Ganz eigenthmlich ist die Bauart ihrer Kanoe,
weil sie ein erhhtes Hintertheil haben, berhaupt dabei sehr gross
sind; mit dem grossen dreieckigen Segel, dessen sie sich bedienen, giebt
das dem Schiffchen von Weitem ein ganz classisches Aussehen. Am meisten
entzckte mich der melodische Sang der Ruderer, und erinnerte mich sehr
an die singlustigen Kaknda-Neger am mittleren Niger, denen es auch ganz
unmglich war, ihr Kanoe weiter zu stossen, ohne jeden Stoss mit Gesang
zu begleiten. Indess haben die Akkra-Neger, und dies ist hchst
bemerkenswerth, wirklich eine Art Choralgesang, denn die zweite und
dritte Stimme accordirt immer melodisch mit der ersten. Mglich auch,
dass sie dies durch den Unterricht von Missionren gelernt haben, obwohl
die Lieder, welche sie sangen, keine religise zu sein schienen, sondern
gewhnliche Volkslieder.

Akkra war bis vor zwei Monaten halb englisch, halb hollndisch, ist
jetzt aber durch Verkauf ganz an die Englnder gekommen. Christiansborg
wurde schon 1850 von den Dnen dem Englischen Gouvernement berlassen.
Man sieht also, wie England so ganz allmhlich und ohne Aufsehen zu
erregen, sich der ganzen Kste von Afrika bemchtigt, denn lngst sind
der Reichthum an Rohproducten und die Fhigkeit, spter dort fr alle
Colonialerzeugnisse das fruchtbarste Feld und den ergiebigsten Boden zu
finden, von diesem speculativen Volke erkannt worden.

Wir blieben einen ganzen Tag vor Akkra, was, da hohe See war, und das
Schiff stark rollte, nicht sehr angenehm war. Wie am vorhergehenden Tage
fuhren wir dann um 7 Uhr Abends weiter, und fanden uns am andern Morgen
vor dem bedeutenden Ort Cape Coast Castle liegen.

Diese Stadt mit ihrem Fort, wie der Name es schon andeutet, liegt auf
steilen Felsen, welche senkrecht in die See abfallen; von den
Portugiesen erbaut, gehrt sie jetzt den Englndern, und sieht sie auch
nicht so lieblich wie Akkra und Christiansborg aus, so hat sie doch
einen europischen Anstrich. Wie immer kommen zahlreiche Boote, und hier
bieten sie uns besonders Goldstaub und Papageien zum Verkauf an. Ganz
besonders erregten aber unser Aller Bewunderung die ausserordentlich
schnen und feinen Filigranarbeiten der Neger in Gold: Broschen, die
knstlichsten Ketten, Ringe, Ohrbommel und andere Sachen wurden so
ausgezeichnet und mit einer solchen Vollendung uns zum Verkauf
vorgezeigt, dass ein gewhnlicher europischer Goldarbeiter Mhe gehabt
haben wrde, dergleichen nachzumachen. Um Gold und Goldstaub dreht sich
hier denn auch das ganze Leben, Die Hauptzufuhr kommt vom
Atschanti-Lande, und unser Schiff nahm im Ganzen gegen 3000 Unzen ein,
theils in Staub, theils in Ringen. Die Fanti, welche den
Hauptbestandtheil der Cape Coast Castle Bevlkerung bilden, sowie die
Assin und Wassau, Stmme, die weiter im Inneren des Landes wohnen,
bedienen sich ausschliesslich des Goldstaubes als Geldmittel. Jeder hat
zu dem Ende eine kleine empfindliche Goldwage und ein ledernes Sckchen
mit Goldstaub immer bei sich. Das Gewicht besteht in kleinen leichten
Kernen einer Schottenpflanze und bei grsseren Quantitten in Steinchen.

Ich staunte gerade die furchtbare Brandung an, welche die Wellen des
Oceans gegen die Felsblcke, auf welche das Fort erbaut ist, bis zu
einer Hhe von 50 Fuss hinaufspritzten, als meine Aufmerksamkeit durch
zwei Officiersfamilien in Anspruch genommen wurde, die auf Sthlen
sitzend (es ist allgemein Gebrauch an der Westkste von Afrika, in die
grossen Kanoe Sthle zu setzen, da keine Bnke vorhanden sind) in einem
grossen Kanoe an Bord gerudert wurden. Und um so mehr wunderte ich mich,
als ich den einen Officier mit seiner Dame sich im schnsten
Plattdeutsch (Hollndisch) unterhalten hrte. Diese heimischen Tne
brachten mich zuerst auf die Vermuthung, es mit preussischen
Marineofficieren zu thun zu haben, da dieselben ja mglicherweise neu
uniformirt sein konnten. Aber ich wurde bald enttuscht, indem man mir
in der Ferne nach Westen zu das hollndische Fort Elmina zeigte, das ich
bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte, beschftigt wie ich war mit
meiner allernchsten Umgebung. Elmina ist auf circa eine Stunde von Cape
Coast Castle entfernt und insofern fr die Hollnder von Wichtigkeit,
weil sie hier einen Theil ihrer Soldaten fr ihre ostindischen Colonien
recrutiren. Sie bezahlen dafr einen jhrlichen Tribut an den Aschanti
Knig, der ihnen hingegen die nthige Mannschaft, also Sklaven, liefert.
Diese werden nun meist auf fnf Jahre engagirt, nach Ablauf welcher Zeit
sie frei werden und in ihr Land zurckkehren knnen. Dies thun sie dann
auch in der Regel, bleiben aber nach ihrer Rckkehr meist beim Fort
Elmina unter dem hollndischen Schutze wohnen, weil sie, falls sie nach
Aschanti gingen, aufs Neue in Sklaverei fallen wrden. Man theilte mir
hier mit, dass so gut der Knig von Aschanti mit den Hollndern stehe,
er gerade jetzt den Englndern den Krieg erklrt habe, und sie nach
Beendigung der Regenzeit angreifen wrde. Hoffen wir das dem nicht so
ist oder, wenn, dass derselbe glcklicher fr unsere weissen Vettern
ausfallen mge als bei frheren Gelegenheiten.

Hier ankerten wir nur bis Mittags und immer dicht neben der Kste
haltend kamen wir Appolonia und Cape tree points vorbei. Das Wetter war
gut, obgleich die See hoch ging, was starkes Schwanken und Rollen des
Dampfers zur Folge hatte, der berdies bermssig lang und schmal war.
Es war fr mich um so unangenehmer, als ich von Zeit zu Zeit noch
Fieberanflle bekam, obgleich sonst meine Krfte durch die Seeluft
anfingen zuzunehmen. Im Uebrigen hatte sich die Sache an Bord recht
gemthlich gestaltet, und obgleich wir so viele Geistliche aller Secten
an Bord hatten, dass wir im Nothfall ein Concil htten abhalten knnen,
lebte man doch ohne allen Zwang, und gerade hierin gaben uns die
Missionre das beste Beispiel. Sonntags wurde jeden Morgen Gottesdienst
abgehalten, und Kapitn Kroft wusste sich dieses Dienstes mit eben so
grosser Geschicklichkeit und Gewandtheit zu unterziehen, wie mit der
Fhrung des Dampfers.

Mit Cap tree points verliessen wir Abends die Kste, und fuhren den
ganzen folgenden Tag, ohne dass uns irgend etwas Merkwrdiges aufstiess;
zudem hielt ein anhaltend fallender Regen uns fortwhrend unter Deck,
denn die wolkenzusammentreibende Sonne war jetzt gerade ber unseren
Kpfen, was in der Regenzeit bekanntlich am Schlimmsten ist. Um l Uhr
endlich erblickten wir den Ort Cavalle, wo Herr Paine, ein
amerikanischer Bischof, seit 27 Jahren fr die Ausbreitung der
christlichen Religion wirkt. Von hier nach Cap Palmas sind nur noch
anderthalb Stunden, und dort angekommen warf der Calabar wieder Anker.

Cap Palmas ist der Hauptort der Kru-Kste, und zhlt politisch zur
Republik Liberia, welche bekanntlich unter amerikanischem Schutze steht.
Trotz des Regens und des Nebels nahm sich dieser Ort ganz reizend aus.
Er liegt unmittelbar an einem tiefgezackten Ufer, und die Kirchen und
hochgiebligen Huser konnten einen glauben machen eine nordische Kste
vor sich zu haben. Gleich vorn am Cap bemerkt man einen Kirchthurm, der
indess diese Illusionen wieder zerstrt, denn er sieht wie ein
mohammedanisches Minaret aus; vor dem Cap liegt eine kleine grne Insel,
die, wenn sie auch des Baumschmuckes entbehrt, nicht wenig dazu beitrgt
die Abwechslung des palmbewachsenen Ufers zu erhhen. Cap Palmas ist wie
ganz Liberia aus einer Niederlassung freigelassener Sklaven gebildet,
und hat eine eigene Regierung, von der jedoch alle Weissen
ausgeschlossen sind. Die Regierung ist abhngig von dem Prsidenten in
Monrovia. Die presbyterianische Religion ist bei ihnen die
vorherrschende. Es giebt in Palmas auch einige Weisse, welche Handel
treiben, und dieselben, obgleich unter dem Gouvernement der Schwarzen,
leben mit den Negern im besten Einverstndniss. Hauptartikel des Handels
ist, wie an der ganzen Westkste, Oel und Palmnsse. Der Ort ist im
Emporblhen begriffen, und ich htte gern die Gelegenheit benutzt, diese
interessanten Punkte einer selbstndigen Negercultur nher in
Augenschein zu nehmen, wenn nicht Regen und hoher Wellenschlag jedes
Landen sehr unangenehm gemacht htten. Freilich liessen sich unsere
Kru-Neger, die wir von Lagos und Kamerun mitgebracht hatten, hierdurch
nicht abhalten, und ihre Verwandten und Freunde umschwrmten in
unendlich kleinen und unzhligen Kanoes fortwhrend den Dampfer, um sie
aufzunehmen.

Die meisten indess, namentlich die, welche ohne Gepck waren, sprangen
ganz einfach ber Bord und schwammen so auf das sie erwartende Kanoe zu.
Dass dabei die lcherlichsten Scenen sich immer wiederholten, kann man
sich leicht vorstellen, denn beim Einsteigen ins Kanoe schlug dasselbe
meist zuerst um und wurde dann, als wenn nichts Besonderes passirt wre
im Meere selbst wieder aufgerichtet und ausgeschttet. Es lagen auch
mehrere europische Schiffe hier vor Anker.

Abends 5 Uhr lichteten wir die Anker, und bald entschwand die grne
Kste wieder unseren Augen. Anhaltend fallender Regen wrde die Fahrt zu
einer entsetzlich langweiligen gemacht haben, wenn ich nicht in Mynheer
Schmeet, einem hollndischen Officier van der Gezondheid, einen sehr
unterhaltenden und gebildeten Mann gefunden htte. Die hollndischen
Colonien, ber den ganzen Erdball zerstreut, hatten ihm Gelegenheit
gegeben, alle Welttheile kennen zu lernen. Zudem hatte ich vollauf zu
lesen, denn seit zwei Jahren ausser allem Verkehr mit dem gebildeten
Europa, hatte ich mich durch Stsse neuer Schriften, die lauter fr mich
unbekannte Thaten und Ereignisse enthielten, durchzuarbeiten.

Ein guter Wind begnstigte die Schnelligkeit des Calabar's so, dass wir
schon am andern Abend um 5 Uhr vor Monrovia waren, whrend wir
eigentlich erst am folgenden Morgen um 6 Uhr htten eintreffen sollen.

Monrovia, die Hauptstadt von Liberia, ist der sprechendste Beweis, bis
auf welche Stufe der Neger sich in Cultur und Civilisation
emporzuschwingen vermag, sobald er, von tchtigen Missionen umgeben, in
administrativer Beziehung sich selbst berlassen ist. Die Regierung
selbst ist ganz nach dem Muster der amerikanischen eingerichtet, und hat
hier denn auch der Prsident und der Congress seinen Sitz. Eine Art von
Schutz, obgleich das am Ende ja nur gegen europische Mchte gerichtet
sein knnte, wird immer noch vom government of the United States
ausgebt; nach Innen zu gegen die unabhngigen Neger ist Liberia
vollkommen im Stande, sich selbst zu schtzen und Achtung zu
verschaffen. Mehr als 600,000 Neger erkennen brigens die Herrschaft der
Republik Liberia an, und ber 25,000 Seelen davon haben die christliche
Religion angenommen.

Auch hier war es leider nicht mglich ans Land zu kommen; die Stadt
selbst soll sonst, was Wohnungen und Strassen anbetrifft, an der
Westkste von Afrika die schnste sein, und selbst die englische Stadt
Freetown in Sierra-Leone in dieser Beziehung bertreffen. Eine grosse
Bucht vor dem Orte gewhrt den grssten Schiffen vollkommene Sicherheit,
und wir fanden mehrere hier ankern, unter andern auch Hamburger. Die
Regierung besitzt auch eine Kriegskorvette, welche ein Geschenk der
Knigin von England ist. Der Handel, was Export anbetrifft, besteht
hauptschlich in Zucker, welcher mit dem grssten Erfolg von den Negern
gebaut wird. Allein im vergangenen Jahre wurden von Liberia fr 150,000
Pfund Sterling Rohzucker ausgefhrt.

Wir blieben hier bis am folgenden Morgen um 10 Uhr, um den von
Liverpool ankommenden Postdampfer zu erwarten; nach dessen Eintreffen
ging es denn auch gleich weiter. Uebrigens hatten wir an Bord viel
Zuwachs bekommen, eine Menge junger schwarzer Damen, die in England ihre
Erziehung vollenden sollten, beengten die Damencajte, whrend wir
selbst indess nur einen Herrn bekamen, der Vater von zweien dieser
jungen Grazien war. Es versteht sich von selbst (die Englnder sind viel
zu vernnftig, um nur im allerentferntesten den Schwindel deutscher
Stubengelehrten, welche ber Raenunterschied ellenlange gehaltlose
Abhandlungen schreiben, auch nur begreifen zu knnen), dass an Bord
vollkommene Gleichheit zwischen Schwarzen und Weissen herrschte, und
Herr Bull, so hiess unser schwarzer Reisegefhrte, war immer einer
unserer interessantesten und genialsten Gesellschafter.

Abends und Nachts hatten wir wieder das frchterlichste Unwetter, von
tropischen Regengssen begleitet; erst gegen 10 Uhr Morgens zogen sich
die dicken Regenwolken etwas weiter auseinander, und gegen Mittag
konnten wir schon die hohen Berge von Sierra Leone sehen. Die Spitzen
des Gebirges, so schwer war jetzt die wasserschwangere Luft, waren
indess von einer schwarzen Wolkenschicht umhllt, man sah nur die
unteren Partien der Halbinsel, die wie eine grosse Muschel an der Kste
von Afrika hingeworfen erscheint. Frher war es jedenfalls eine Insel
wie Fernando Po oder St. Thomas, erst spter entstand durch
Anschwemmung aus den beiden Flssen Bokelli und Kates, die ihre
Mndungen gegen einander richten, eine Verbindung mit dem Festlande.
Sierra Leone oder das Lwengebirge ist nicht blos, weil es der
bestcivilisirteste Negerstaat (an Grossartigkeit des Handels bertrifft
Freetown bei weitem Monrovia) von Tanger bis zum Cap an der Westkste
von Afrika ist, bemerkenswerth, sondern auch seine eigenthmliche
geographische Form zeichnet es vor allen aus. Freilich hat es nicht das
schne, stdtereiche und an Naturproducten ausgezeichnete Hinterland wie
Lagos, aber trotzdem wird durch seine ganz ausserordentlich
vortheilhafte Lage Sierra Leone immer Hauptsitz der Regierung bleiben.

Das Erste was sich unseren Blicken genauer prsentirte, ist ein kleiner
Leuchtthurm, auf einer Halbinsel liegend, welche selbst mit ihrem ewigen
Grn fr sich ein kleines Eden bildet; gleich darauf hat man das
prachtvolle Missionsgebude der Englnder vor sich, von ppig prangendem
Grn umgeben, und einige Schritte weiter entrollt sich die ganze Stadt
vor unseren Blicken, amphitheatralisch ans Lwengebirge hinaufgebaut.

Die vielfarbigen Huser, meist von hochgiebeligen Dchern, was fr ihr
Alter spricht, berragt, die Verschiedenartigkeit des Baustyls,
Brckenanlagen, welche ber tief einschneidende Ravins fhren,
grossartige Kirchen und andere ffentliche Gebude, als: der Sitz des
Gouverneurs, verschiedene Casernen und Hospitler, einige
Verschanzungen nach der Seeseite zu--dies Alles untermischt vom tiefen
dunklen Grn der Tropennatur, aus der hie und da die schlanken,
schaukelnden Zweige der Cocospalme in hellem Saftgrn emporschauen--dies
imposante Schauspiel sagt einem selbstredend, dass man die Hauptstadt
der englischen Besitzungen an der Westkste von Afrika vor sich hat. Im
Hintergrunde der Stadt erheben sich die schwarzen dichtbelaubten Berge,
hin und wieder leuchtet aus ihnen eine blendend weisse Villa der reichen
Europer oder Neger hervor; auf den Gipfeln der Berge lagerten, wie wir
schon anfhrten, schwere dunkle Wolken. Im Vordergrunde war vor uns der
wunderherrliche Hafen, durch die Mndung des Sierra-Leone-Flusses
gebildet. Was Grsse und Sicherheit anbetrifft, sucht er seines Gleichen
an der ganzen Kste. Die grossen Schiffe aller Nationen, zwischen denen
die kleinen Canoes einen geschftigen Verkehr, sowie mit der Stadt
etablirt hatten, brachten dem ganzen Bilde Leben bei.

Indem wir dies grossartige und doch so reizende Panorama betrachteten
und bewunderten, liess der "Calabar" mit lang dauerndem Gerassel seine
Anker fallen. Er htte zwar noch nher ans Land gehen knnen, aber uns
war es so gerade lieber, weil wir, je weiter wir vom Quai lagen, um so
weniger vom Gesammtbilde verloren.

Am folgenden Tage liess ich mich aus Land rudern, um die Stadt selbst
nher in Augenschein zu nehmen. Ich hatte auch einen Empfehlungsbrief
fr Herrn Rosenbusch, der, Hamburger von Geburt, als hollndischer
Consul fungirt. Leider fand in der Angabe des Briefes eine Verwechselung
statt, so dass ich nicht von der allbekannten Gastlichkeit seines Hauses
profitiren konnte; indess hatte ich spter den Vortheil den Herrn kennen
zu lernen, indem er am folgenden Tage mich an Bord besuchte, und
berdies die Gte hatte, mich mit neuen Bchern, unter anderen dem
ganzen letzten Jahrgang der Petermann'schen Mitteilungen zu versorgen.

Freetown oder, wie man gewhnlich schlechtweg sagt, Sierra Leone,
obgleich letzteres eigentlich der Name der ganzen Halbinsel ist, hat
durchaus schwarze Bevlkerung, denn die wenigen Weissen, aus dem
Gouvernement, einigen Consuln und Kaufleuten bestehend, bemerkt man fast
gar nicht. Die Schwarzen, ursprnglich von freigelassenen Sklaven
herstammend, welche die Englnder den Spaniern, Portugiesen und
Nordamerikanern abkaperten, bilden die gemischteste Bevlkerung, die man
sich denken kann, und hier war es, da es Leute fast aus allen Theilen
Afrikas giebt, wo Koello seine bekannte Polyglotta zusammenstellte.
Dennoch hat die englische Sprache eine gewisse Einheit in die
Bevlkerung gebracht, indem sie, obgleich corrumpirt gesprochen, jetzt
als Medium zwischen den unter sich fremden Negerstmmen dient. Es giebt
hier zahlreiche Missionen der verschiedenen protestantischen
Bekenntnisse, auch die Katholiken haben eine Anstalt hier gegrndet, und
wie man mir sagte, machte eben die letztere verhltnissmssig am
meisten Proselyten. Es ist dies auch wohl mglich, denn sobald die
Priester der rmischen Religion Fanatismus and Unduldsamkeit bei Seite
legen, ist es sehr denkbar, dass dieser Gottesdienst dem augenblicklich
noch auf niedriger Culturstufe stehenden Neger eher einleuchtend ist,
als der abstracte Dinge glaubende und so zu sagen nicht handgreifliche
evangelische Gottesdienst; gerade der katholische Bilderdienst ist ja im
Grunde genommen so verwandt mit dem Fetischismus der Neger, dass er eben
desshalb eine grssere Anziehung ausben muss. Kirchen und Schulen
fehlen natrlich in Sierra Leone nicht, und die jungen Kaufleute und
Buchfhrer dieser Colonie sind an der ganzen Kste gesucht und bekannt.
Es kommt auch deshalb oft genug vor, dass junge Leute, die ursprnglich
auf Kosten und Mhen der Missionen gute Bildung und Erziehung bekommen
haben, um als Pfarrer oder Lehrer zu wirken, sich von ihrem erhabenen
Beruf durch die Verlockung, einen grsseren Gehalt zu bekommen, abwendig
machen lassen, und so die Frchte einer langjhrigen Arbeit fr die
Missionen verloren gehen. Zum Theil mag das aber auch wohl darin liegen,
weil eben schwarze Prediger und Lehrer, pecunir bedeutend geringer
gestellt sind als die weissen, obgleich manchmal das Wissen zu Gunsten
der ersteren sein drfte.

Die Strassen der Stadt sind sehr gerade und ausserordentlich breit
angelegt, dennoch knnte man mehr fr den Gesundheitszustand derselben
thun, wenn man die breiten, mit hohem Gras, Gebsch und Palmen
bestandenen Ravins, welche die Stadt durchziehen und die eine Wiege
bser Ausdnstung sein mssen, verschwinden lassen wrde. Zudem, da
Polizei genug vorhanden ist, brauchte man auch nicht Schweine, Schafe
und Ziegen frei auf den Strassen herumlaufen lassen. Die Huser sind
meist, namentlich die neuen, grossartig und luftig gebaut, und benutzt
man zur Construction jetzt meist gebrannte Ziegelsteine, statt wie
frher Holz, welches letztere dem Temperaturwechsel, in der trockenen
Jahreszeit einer excessiven Hitze, in der nassen einer alles
durchdringenden Feuchtigkeit schlecht widersteht. In den Strassen wie am
Hafen herrscht ein reges Treiben, man begegnet jungen schwarzen Dandies
mit weissen Glachandschuhen, zu Pferde ihre Promenade machend, fast
alle haben nach neuester Mode eine Brille ber dem Nasenrcken, oder
doch an einem Bndchen herunterhngen, viele haben einen Fcher; die
Damen zeigen, wie der demi monde auf den Boulevards, ihre extravaganten
Toiletten, entweder lange Schleppkleider, bei denen sie den Vortheil vor
dem europischen beau monde haben, sich ohne grosse Kosten einen kleinen
schwarzen Pagen zum Nachtragen der Schleppe halten zu knnen, wesshalb
die Haken und Oesen zum Aufhngen des zu Langen in Sierra Leone auch nie
werden eingefhrt werden--oder kurze Rckchen, wobei natrlich das
schwarze Beinchen durch blendend weisse Strmpfe und Schnrstiefelchen
mit chinesischem Absatz zu einem vollkommenen Pariser umgewandelt wird.
In den Cafs sieht man ltere und gesetztere Neger, oft schon
weisshaarig, bei einem Glase Porter oder Brandy mit ebenso grossem
Interesse die Sierra-Leone-Zeitung oder eine veraltete Times lesen, wie
es bei uns die Kannegiesser zu thun pflegen und Morgens, wenn es frisch
ist nach den Begriffen der Bewohner der heissen Zone, d.h. wenn das
Thermometer zwischen 20 und 25 schwankt, kann man sicher sein, wie
Abends in Italien auf dem Corso, Alles promeniren zu finden. Ein feiner
junger Englnder, in Sierra Leone geboren oder nicht, unterhlt sich
vielleicht mit einer schwarzen Schnen vom Balle am vergangenen Abend,
ein eleganter krauslockiger Neger lustwandelt mit einem weissfarbigen
Blondkpfchen, ihr ein Gedicht von Byron vorsagend, oder vielleicht
selbst Verse improvisirend.

Fr Europer ist indess der lngere Aufenthalt in der Stadt einer der
verderblichsten an der ganzen Kste: Consul Rosenbusch erzhlte mir,
dass man die Erfahrung gemacht habe, die ganze weisse Bevlkerung, circa
200 Seelen stark, sei innerhalb neun Jahren einmal ganz ausgestorben.
Die dort gebornen Weissen scheinen indess das Klima besser zu ertragen,
jedenfalls eben so gut, wie die Schwarzen. Ueberdies scheint, dass, wie
an der ganzen Westkste so auch in Sierra Leone, eine Verbesserung in
climatischer Hinsicht stattfindet.--Der Handel von Sierra Leone, wie
schon die vielen grsseren im Hafen liegenden Schiffe andeuten, ist sehr
bedeutend, und namentlich wird von hier ein bedeutender Zwischenhandel
mit der ganzen Westkste von Afrika vermittelt. Hauptartikel dieses
Zwischenhandels ist die Goro- oder Kola-Nuss, deren sich die Neger wie
wir des Kaffees bedienen, indem sie dieselbe kauen. Die Kola-Nuss kommt
von Gondja und wird hauptschlich durch Mandingo-Neger aus dem Inneren
zur Kste geschafft und geht dann von Sierra Leone einerseits nach dem
Gambia- und Senegal-Flusse, andererseits bis nach Lagos, um von diesen
Punkten aus wieder ins Innere versandt zu werden.

Auch hier bekamen wir wieder mehrere Passagiere, Schwarze und Weisse,
und unter letzteren waren einige Franzosen. Am folgenden Tage blieben
wir noch bis Abends 5 Uhr, dann lichteten wir wieder die Anker. Das
Wetter war, obgleich von heftigen Regenschauern begleitet, dennoch sehr
heiss, so dass, als ich Nachts mein Thermometer auf Deck exponirt liess,
dasselbe Morgens vor Sonnenaufgang noch 27 Grad Cels. zeigte. Wir
machten hier die interessante Beobachtung, dass wir alle manchmal
ausgezeichnete Schlaftage hatten, d.h. dass, wenn man Morgens wie blich
fragte, wie haben Sie geschlafen? Alles antwortete, ausgezeichnet! Denn
hin wiederum waren andere Nchte, wo kein Mensch schlafen konnte, ohne
dass man dann dafr eine bestimmte Ursache angeben konnte. Ich denke
indess, dass dies jedenfalls wohl mit der mehr oder weniger stark
geschwngerten electrischen Luft der Regenzeit in Verbindung zu bringen
sein drfte.--Je mehr Passagiere wir bekamen, um so schlechter wurde
natrlich fr uns die Einrichtung, obgleich man immer noch besser daran
war, wie auf dem Seebade der Bremer, Norderney, wo z.B. in der Saison
von 1867 auf 2500 Badegste nur 20 Kellner waren, whrend wir auf 60
Passagiere doch 10 Aufwrter hatten, und so wird man finden, dass die
Englnder und Neger, letztere waren es hauptschlich, die ber
mangelhafte Bedienung klagten, im Grunde genommen gar keine Ursache dazu
hatten. Eher Recht htten sie gehabt sich ber die Kche zu beklagen,
die als echt englisch gar nicht zu verdauen war: das Fleisch war immer
nach Art der Negerkche zubereitet, d.h. halb gar, das Gemse war durch
eine Decoction von heissem Wasser gewhnlich in geschmackloses Kraut
umgewandelt, ein bestimmter Service wurde berhaupt beim Essen gar nicht
beobachtet, sondern man lebte in dieser Beziehung wie bei den Beduinen,
die auch von der gehrigen Reihenfolge der Gnge und einzelnen Gerichte
keine Idee haben. Gewhnlich setzte man alles zugleich auf den Tisch,
und da konnte man von vorn oder hinten anfangen, alles war recht.
Unglcklich war der, vor dem ein Braten stand, der die Begierde der
Tischgenossen erregte, denn dann war er sicher, dass er gar nicht zum
Essen kommen konnte, indem er den Dienst eines Kellners zu versehen
hatte, d.h. seine ganze Zeit ging mit Tranchiren verloren.

Wir brauchten 3 Tage um die weite Mndung des Gambiaflusses zu
erreichen, und nachdem wir die Spitze des linken Ufers, welche das Cap
der heiligen Maria genannt wird, umschifft hatten, warfen wir Abends um
6 Uhr Anker vor Bathurst. Der Platz und die Einfahrt ist beim Gambia
sehr bequem, und die Abwesenheit einer Barre vor der Mndung des
Flusses, trgt viel dazu bei, die Schifffahrt zu erleichtern, und so
fanden wir auch eine Menge grsserer Schiffe hier, meist englische und
franzsische. Die Stadt selbst sieht sonst nur kleinlich aus, und kann
namentlich mit Freetown gar keinen Vergleich aushalten. Das Klima am
Flusse ist ebenfalls fr Europer usserst ungesund, und ist
Haupthinderniss fr Katholiken und Protestanten erfolgreiche Missionen
anzulegen, da die meisten Missionre frhzeitig den bsen Einflssen der
Luft erliegen. Der Handel besteht hier hauptschlich in Koltsche oder
Grundnuss (arachis), von der ein ausgezeichnetes Oel gewonnen wird. Im
frischen Zustande schmeckt dieselbe wie eine Kartoffel, alt hingegen und
etwas im Feuer gerstet, nussartig. Die Frucht dieser arachis, die in
ganz Innerafrika vorkommt, wird hauptschlich nach Frankreich verschickt
und erst dort, meist in Marseille, wird das Oel daraus gepresst, welches
in jeder Beziehung so gut wie Olivenl ist.

Wie in Sierra Leone so kamen auch hier neue Reisende an Bord, unter
anderen der Gouverneur der englischen Gambia-Colonie, der, obschon er
Admiral war, alle Welt durch sein schlichtes, einfaches Wesen in
Erstaunen versetzte: so putzte er sich immer Morgens seine Schuhe
selbst, nachdem er zuvor einen grossen Kfig, in welchem er zwei
Trompeter (ein grosser afrikanischer Vogel, welcher hauptschlich in den
Urwldern zwischen dem sogenannten Kong-Gebirge und dem Ocean sich
aufhlt, die Englnder nennen ihn crownbird) hatte, eigenhndig
ausgekehrt hatte.

Wir blieben bis fnf Uhr Nachmittags in Bathurst, nachdem wir Nachts von
einem so starken Tornado waren berfallen worden, dass unser ganzes
Sonnenzelt ber Bord ging; fr's Schiff selbst war freilich nichts zu
besorgen, denn in Bathurst ist eine vollkommen sichere Rhede. Die Cap
Verd'schen Inseln dann westlich liegen lassend, erreichten wir nach fnf
Tagen die Canarien. Aber obgleich das Wetter nicht kalt war, hatten wir
doch fortwhrend Sturm und hohen Seegang, und es war wirklich ein
erhabenes Schauspiel, zu sehen, wie der Dampfer gegen dies unermessliche
bewegliche Gebirge ankmpfte, jetzt ber eine sehr lang gestreckte Welle
hinbergetragen wurde, dann aber wieder durch eine krzere zischend
hindurchschoss. Und wenn man sieht, wie der schwache Mensch in einer
zerbrechlichen Nussschale diesen endlosen Ocean bekmpft, und mit Erfolg
bekmpft und besiegt, dann wird es einem klar, dass nichts Geist und
Krper so sehr in Anspruch nimmt als das Seemannsleben: die ganze
Laufbahn des Schiffers ist ein unausgesetztes Ringen mit der
Natur.--Schon auf zwanzig Meilen vorher sahen wir den Pik von Teneriffa,
zuerst ganz klar und wolkenlos, dann aber von einer dichten
Wolkenschicht umlagert, so dass nur noch die Spitze herausragte. Am 23.
Juni Morgens frh hielten wir vor St. Croce, dem Hauptorte der Insel.
Die Spanier, als Herren derselben, hielten uns natrlich in Quarantaine
und trieben im Anfange die Vorsicht so weit, dass sie Papiere und Briefe
mittelst einer langen Scheere empfingen, und erst nachdem sie Alles, was
vom Calabar ihnen zugekommen war, ins Seewasser getaucht, ihrer Meinung
nach desinficirt hatten, wagten sie es, die Papiere in die Hnde zu
nehmen. Natrlich war es unter solchen Verhltnissen Niemand gestattet
ans Land zu gehen, ebenso wenig durften wir Jemand empfangen.
Vermittelst einer Summe Geldes, ich glaube 25 Francs, wurde indess
spter gestattet, dass wir Kohlen einnehmen konnten, ja, es etablirte
sich mit uns vermittelst des Quarantainebootes eine Art Obsthandel und
wir hatten Gelegenheit uns hier die kstlichsten Weintrauben zu
verschaffen. Teneriffa sieht im Ganzen sonst de aus, selbst die Stadt,
ohne irgendwie malerisch zu sein, trgt nichts dazu bei, die kahlen und
schroffen Feldpartien interessanter zu machen. Auf dem Gebirge selbst
bemerkt man vom Meere aus keine Bume, obwohl diese Insel wohl nicht
ganz ohne diesen Schmuck ist, denn man sieht, dass andere Culturen, als
Wein, Obst und Korn, sich hoch an die Berge hinaufziehen.

Das Kohleneinnehmen hielt uns bis 3 Uhr Nachmittags auf, um welche Zeit
denn der Calabar mit Dampf und vollen Segeln nordwrts steuerte. Wir
hielten dicht neben der Kste, und so lange wir unter dem Schutze der
hohen Felsen uns befanden, war es, als ob wir eine Flussfahrt machten,
so wie wir indess in die offene See kamen, fing von Neuem das Rollen und
Stampfen des Schiffes derart an, dass fast alle Passagiere seekrank
wurden. Namentlich stark war von dieser unheimlichen Krankheit eine
junge bildschne Englnderin befallen, welche, von Sierra Leone kommend,
um in ihrem Vaterlande den Sommer zuzubringen, unter den Schutz eines
ebenfalls in Freetown an Bord gekommenen Marinekapitns gestellt war.
Aber, o armer Gemahl, trotz Wetter und Krankheit wusste unser galanter
See-Cavalier seine Angriffe; Liebeserklrungen und Aufmerksamkeiten so
geschickt zu leiten, dass er schon in Madeira die reizende verheirathete
Blondine vollkommen besiegt hatte. Die ersten sich dort auszuschiffen,
kamen sie die letzten wieder an Bord, waren trunken von Bewunderung fr
die herrliche Insel.

Um 1 Uhr Nachts verkndeten am 25. uns die Kanonen, dass wir bei Madeira
angekommen seien, und als wir etwas vor Sonnenaufgang auf Deck
erschienen, lag dieser herrliche Smaragd im tiefen blauen Wasser vor
uns. Giebt es berhaupt einen entzckenderen Anblick, als diese ewig
grne Frhlingsinsel? Unter der aufgeklrten Regierung der Portugiesen
wurde uns hier natrlich kein Hinderniss in den Weg gelegt, um zu
landen, und ich glaube alle benutzten die Erlaubniss. Was soll ich sagen
von den schnen Grten, von den schattigen Spaziergngen, von dem
eigenthmlichen Leben der dort seit Jahrhunderten lebenden Portugiesen,
von den reizenden Aussichten, die sich einem von jedem beliebigen Punkte
der Insel darbieten; es ist dies Alles lngst bekannt, denn Madeira war
und ist noch immer eine Hauptwinterstation fr Brustleidende unserer
kalten Lnder. Das Holloway'sche Hotel bietet den ausgezeichnetsten
Comfort, es giebt dort deutschredende Aufwrter, und die Preise sind,
obschon es das erste Hotel auf Funchal und ganz Madeira ist, bedeutend
billiger als in allen anderen. Der Weinbau fngt auch an sich wieder zu
heben, obwohl bis dahin fast nur Cochenille und Zucker gebaut worden
war, desshalb ist chter Madeirawein auch auf der ganzen Insel
augenblicklich nicht zu bekommen, man trinkt von Portugal importirte
Weine, welche denn auch gewhnlich den Fremden, wenn sie durchaus darauf
bestehen, Madeira trinken zu wollen, als solche vorgesetzt werden.

Leider mussten wir diese paradiesische Insel schon am selben Abend um 6
Uhr verlassen, nachdem wir auch hier noch Passagiere bekommen hatten.
Unter anderen war eine junge Landsmnnin zugekommen, deren Mann nach
einer einmonatlichen Krankheit auf Madeira gestorben war. Obgleich sie
durch ihre Bekannte unter den Schutz des vom Gambia mit uns gekommenen
Admirals gestellt war, konnte ich es als Deutscher nicht ruhig mit
ansehen und unterlassen, sie dem Englnder schon gleich am ersten Tage
abwendig zu machen, bei welchem Unternehmen ich freilich mit
Zuvorkommenheit von der jungen trauernden Dame untersttzt wurde. Es
traf sich merkwrdig genug, dass diese liebenswrdige Frau, in
Petersburg geboren, eine Menge von meinen Freunden kannte; im hchsten
Grade gebildet, sprach sie mit gleicher Fertigkeit die drei neuen
Weltsprachen und war bald neben der blonden jungen Englnderin der
Gegenstand der allgemeinen Bewunderung.

Von der sechstgigen Reise von Madeira nach Liverpool fhre ich hier nur
noch an, dass wir alle, als aus dem heissen Klima der Tropen herkommend,
gar nicht auf eine solche Klte, wie wir sie zu der Zeit hatten,
vorbereitet waren. Unsere jungen Negerinnen in ihren leichten
Sommerkleidern, wie man sie stets in Afrika zu tragen pflegt, konnten
gar nicht mehr auf Deck erscheinen, ein Theil der Herren, ob weiss oder
schwarz, suchte immer Schutz und Wrme bei der Maschine, was mich
anbetrifft, so half mir meine Landsmnnin, welche einen Kleidervorrath
von Petersburg bei sich hatte, aus und so russificirt konnten wir Wind
und Wogen Trotz bieten, ohne den ganzen Tag in der dumpfen Cajte die
eingeschlossene Luft einathmen zu mssen. Endlich nach einer Fahrt von 4
Wochen sahen wir in Irland zuerst Europa wieder und legten einen Tag
spter in den Docks in Liverpool bei.




Die Stadt Kuka in Bornu


  _Die verschiedenen Stadtheile, ihre Bauart und die Wohnungen des
  Sultans.--Das Christenhaus.--Rathsversammlungen.--Aufzge und Prunk
  der Grossen.--Leben und Treiben auf dem grossen Markte.--Schwunghafter
  Sclavenhandel._


_Kuka_, von den Bewohnern Sudans _Kukaua_ genannt, ist die Haupt- und
gewhnliche Residenzstadt von Bornu. Sie liegt ungefhr dem 13 nrdl.
Br. und dem 32-1/2 stl. Lnge v. F., etwa zwei Stunden vom Westrande
des Tsadsees, und ist umgeben von einer ungeheuern steinlosen Ebene.
Diese ist zum grssten Theile mit dichter Waldung bedeckt, welche
hauptschlich aus Tamarinden, Mimosen, Hadjilidj (Balanites
aegyptiacus), Korna (Rhannus lotus) und Dumpalmen besteht. Blos in
unmittelbarer Nhe der Stadt haben die Bume fr die Culturen Platz
machen mssen, und zur Regenzeit sind die Stadtmauern von zwanzig Fuss
hohen _Argum-moro_- (Pennisetum distichum) und _Ngfoli_- (Sorghum)
Feldern umgeben. Allmlig aber, und namentlich gegen das Ende der
Regenzeit, wird das ganze umliegende Land Ein Sumpf, und bei
anhaltendem Regen steigt der Tsad-See oft so hoch, dass er mit der
ganzen umliegenden Gegend Einen Morast ausmacht. Aber auch in Kuka
selber ist dann Alles unter Wasser, und die grosse breite Strasse,
welche die Stadt der ganzen Lnge nach durchschneidet, von den Kukaern
"_Dendal_", d.h. Promenade genannt oder, wie Barth bersetzte,
"Knigsstrasse", ist dann Ein Wasserbecken von meist 1 bis 1-1/2 Fuss
Tiefe.

Die Stadt Kuka, so genannt, weil der Grnder Mohammed-el-Knemi im Jahre
1814, als er die Stadt anlegte, dort, wo er das erste Haus hinbaute,
eine "Kuka" oder Adansonia digitata fand, besteht aus drei Theilen: der
Weststadt _Billa fute be_, der Mittelstadt und der Oststadt _Billa gede
be_.[4] Die Ost- und Weststadt sind mit hohen und guten Mauern aus
gehrtetem Thon umgeben und derart aufgefhrt, dass man von Innen bequem
durch Treppen berall bis nach oben hinaufsteigen kann, whrend die
Aussenwand fast ganz steil abluft. Die Richtung der Stadt ist, da die
beiden ummauerten West- und Osttheile fast rechtwinkelige Vierecke
bilden, beinahe von Osten nach Westen.

An ffentlichen Gebuden besitzt natrlich eine Stadt wie Kuka, deren
Baumaterial blos Thon ist, nichts Bemerkenswerthes. Der jetzige Sultan,
Scheich Omar, der bei den Kanri den Titel _Mai_, d.h. Knig, fhrt,
residirt in der Oststadt, wo er drei sehr grosse, gerumige Wohnungen
hat, die ebenfalls aus Thon gebaut sind und die von ihm abwechselnd
bewohnt werden; in den inneren Hofrumen sind ausserdem eine Menge
kleiner, birnenfrmiger Htten aus Stroh, fr die Weiber und Sklaven.
Dicht dabei befindet sich auch eine grosse Moschee, die ebenfalls aus
Erdklumpen errichtet ist; in dieser wird Freitags das Chotbah-Gebet, dem
der Mai immer im grssten Pompe beiwohnt, abgehalten. In seiner
Hauptwohnung befinden sich auch die Grabmonumente seines Vaters
Mohammed-el-Knemi, welcher die jetzige Dynastie der Kanemin grndete,
nachdem die der _Sfua_, welche von etwa 900 Jahren nach Christi Geburt
bis zu Anfang unseres Jahrhunderts den Thron innehatten, durch ihn vom
Throne gestrzt war. Seinen Bruder Abd-er-Rahman liess er zur Zeit, als
Barth und Vogel in Bornu waren, als Emprer and Usurpator erdrosseln.
Das Grab des Letztern ist usserst prchtig und gleicht in dieser
Beziehung ganz denen der marokkanischen Kaiser in Mikenes und Fes. Eine
andere sehr grossartig angelegte Moschee hat man nicht vollenden knnen,
und so ist sie, ohne Dachschutz, schon wieder ganz zerregnet. In der
Weststadt hat der Mai auch eine sehr grosse Wohnung, welche frher
hauptschlich seinem Vater zum Aufenthalte diente; neben ihr befindet
sich ebenfalls eine grosse Moschee, welche gut erhalten ist und in der
auch des Freitags Chotbah gelesen wird. Der jetzige Sultan residirt
indess nur in einzelnen Fllen in der Weststadt und dann immer nur auf
einige Tage. In der Weststadt liegt ferner das Christenhaus _Fato
nssara be_, welches allen europischen Reisenden, von Barth und
Overweg an, als Absteigequartier gedient hat.

In beiden Stdten und auch in dem grossen nicht ummauerten Stadttheile
giebt es ausserdem eine Menge grosser viereckiger Thongebude, und zwar
in der Oststadt die der Prinzen, der Grossen und Beamten, whrend in der
Weststadt mehr die Kaufleute, die hier aus allen Theilen der bekannten
afrikanischen Lnder zusammenstrmen, ihre Wohnungen und Niederlassungen
haben. Das eigentliche Haus des Volkes ist indess die kleine
_bienenkorbfrmige Strohhte_, die gewhnlich oben mit einem Straussenei
oder mehreren geschmckt ist, _Ngim_ genannt, und die, wenn mehrere
zusammen von einer thnernen Befriedigung umgeben sind, den Namen
_Fato_, Wohnung, haben.

_Die Bevlkerung_ einer Stadt, die als _Hauptmittelpunkt des Handels von
Innerafrika_ gilt, muss natrlich eine sehr gemischte sein; am meisten
vertreten sind indess die _Kanri_ oder eigentlichen Bornubewohner, dann
die _Leute aus Kanem_, einem Lande, welches nrdlich vom Tsad liegt,
endlich die _Teda_ oder _Tebu_, die zum Theil in Bornu selbst ansssig
sind, zum Theil auch aus den ihnen zugehrenden Lndern kommen. Aber
ausserdem sind die _Bdduma_ oder _Jedina_, welche die Inseln des
_Tsad_ bewohnen, die _Uandala_ aus den nrdlichen Sumpfniederungen am
Rande des Mendif-Gebirges durch zahlreiche Colonien in der Hauptstadt
vertreten, sowie das _weisse_ Element durch die verschiedenen
_Tareg-Stmme_ der sdlichen Sahara und durch _Araber_ und _Berber_
reprsentirt wird. Natrlich da alle diese Stmme ihre eigenen Trachten
haben, bietet dieses Vlkergemisch den buntesten Anblick, den man sich
denken kann, obgleich die Hauptstadt, wie alle anderen auch, das
Eigenthmliche hat, sehr rasch alle zu absorbiren. Man sieht daher sehr
hufig alte Musguweiber mit grossen Narben in der Ober- und Unterlippe.
Denn wenn sie es auch in ihrem Vaterlande fr schn hielten, in die
Lippen sich ein oft mehrere Zoll grosses Stck Holz oder eine
Krbisschale einzuschieben, so schmen sie sich doch dieses Schmuckes,
sobald sie lngere Zeit in der Capitale gelebt haben, der Art, dass sie
die grossen Lcher nach Herausnahme des Tellers durch Wundmachen der
Rnder zu vernarben suchen. Ebenso gehen vielleicht die Gebirgsbewohner
sdlich von Uandala eine Zeit lang ganz nackt, wie in ihrer Heimath, wo
ihre ganze Kleidung in dem Blatte irgend einer Feigenart besteht,
welches sie vorn an ihrem Grtel befestigen; aber bald erwacht das
Schamgefhl, oder vielmehr die Eitelkeit, es den Anderen gleichzuthun,
und sie suchen sich mit irgend einer Art Kleidungsstck zu bedecken.

Kuka ist eine _Grossstadt_ und gleicht in manchen Beziehungen unseren
europischen Hauptstdten. Morgens frh, d.h. um 6 Uhr, sieht man die
eigentlichen Kukabewohner noch gar nicht, Alles schlft noch. Indess
kommen schon vom Lande, dessen Bewohner sich lange vor Sonnenaufgang auf
den Weg machen, um die Stadt bei Zeiten zu erreichen, die Bauern mit
Vieh, Butter, Fischen, Korn, Obst und Gemsen. Laut ihre Waaren
ausbietend, durchziehen sie die Strassen, und nun erheben sich die
Frauen Kukas, um fr den tglichen Bedarf einzukaufen. Zuerst wird aber
sorgfltig die Htte und der Hofraum ausgekehrt, und dann macht jede
ihre Toilette am Brunnen, der fast bei keinem Hause fehlt. Denn so eitel
die Kanrifrauen auch sind, so reinlich sind sie andererseits. Die
Mnner, welche ein Handwerk treiben gehen nun ebenfalls ans Geschft,
nachdem sie zuvor jedoch ein frugales Frhstck eingenommen haben,
welches in der Regel aus Negerhirsebrei mit einer stark gepfefferten
Adansonienblattsauce besteht. Selten wird des Morgens Fleisch genossen.
Die meisten Gewerke werden wie in allen heissen Lndern unter Schoppen
in den Strassen oder auf den ffentlichen Pltzen betrieben,
Baumwollspinnereien, Indigobereitung, grosse Frbereien, um den Kattunen
die so sehr beliebte dunkelblaue Farbe zu geben, Ledergerbereien,
Klopfanstalten, in denen eine Menge junger Neger und Negerinnen
beschftigt sind, um durch Klopfen mit einem hlzernen Hammer der Tobe
oder Kulgu Glanz zu verleihen, endlich Schuster, Schneider, Klempner,
Schmiede, Schreiner, Sattler, Schwertfeger etc., Alles arbeitet im
Freien. Die gegen Mittag eintretende Hitze gestattet aber Keinem,
lnger als bis 11 Uhr den Geschften nachzugehen.

Gegen 8 Uhr erheben sich auch die Grossen und die reichen Kaufleute.
Jene begeben sich in ein Vorgebude oder in einen ussern Hof ihrer
Wohnung, um ihre zahlreichen Clienten zu empfangen, um Stadtneuigkeiten
zu hren und um etwaige Angelegenheiten unter den Hausangehrigen zu
ordnen, Der Kaufmann hingegen begiebt sich auf den Dendal oder auf einen
ihm zunchst liegenden Platz und tauscht hier mit Seinesgleichen
Neuigkeiten aus, oder mustert die Vorbergehenden.

Das eigentliche Leben beginnt aber um 9 Uhr; jeder Prinz, jeder Beamte,
und darunter namentlich die _Cognaua_ (Plural von _Cogna_) oder Rthe,
welche die _Rathsversammlung_ oder _Nkna_, die alle Morgen in der
Wohnung des Mai stattfindet, bilden, begeben sich mit grossem Geprnge,
von vielen Sklaven und Clienten begleitet, zur Wohnung des Sultans. Da
kommt auf einem prchtigen Berberhengste, der vielleicht mit zwanzig
Sklaven bezahlt worden ist, ein nchster Verwandter des Sultans; sein
Pferd hat einen silbernen Kopfhelm und einen reichen seidenen Ueberwurf,
der Sattel, bei den Vornehmen meist mit hohen Lehnen, wie bei den
Arabern, ist in der Regel von echtem blauen oder rothen Sammt, worauf
Arabesken von Gold gestickt sind, berzogen; eine eben so kostbare
Schabracke und Zgel aus feinen Lederstreifen zusammengeflochten,
vervollstndigen das Ganze. Der Reiter trgt meist nach Art der Tuniser
Kaufleute einen Anzug aus Tuch und Seide, jedoch sind nur sehr wenige
mit einem Turban versehen, meist begngen sie sich mit einem rothen Fes.
Und sobald er vor dem Sultan sich befindet, hat nur der Prinz von Blut
und die _Cognaua_ die Erlaubniss, den Fes aufzubehalten, alle anderen,
selbst die Generle und Minister, mssen barhaupt und barfuss
erscheinen. Vor ihm her laufen seine Waffentrger und rufen Jedem zu,
Platz zu machen, whrend hinterher noch Spiesstrger und ein ganzes
Gefolge von Sklaven trabt. Mit weniger grossem Aufzuge reiten die
Beamten, hheren Offiziere und Rthe, alle lieben es aber, ein so
grosses Gefolge wie mglich zu haben, jedoch darf ihr Pferd weder
Silberplatten noch Seidentroddeln tragen. Dies ist ausschliessliches
Vorrecht der kniglichen Familie und vielleicht eines fremden Gesandten.

Alle diese Aufzge gehen im schnellsten Trabe durch die Stadt. Was liegt
dem Grossen daran, ob seine hinterhertrabenden Sklaven keuchen und
husten, er kmmert sich nur um sich und achtet nur den, welcher im Range
ber ihm steht. Sobald alle in den gerumigen Slen des Frsten
versammelt sind und sich gesetzt haben, ertnen die grosse Trommel und
mehrere Pfeifen und andere Instrumente, fr die wir keinen Namen haben,
von denen eins jedoch unserm Dudelsacke gleicht und einen
clarinetartigen Ton abgiebt. Jetzt betritt, von Eunuchen umgeben, der
_Mai_ die Versammlung, und whrend sich die Verschnittenen zurckziehen,
nimmt er Platz auf einer Erhhung, die mit schnen Smyrnaer Teppichen
berdeckt ist. Die ganze Versammlung, welche sich beim Eintritt des Mai
erhoben hat, lsst sich nun auch nieder, und jeder Einzelne kann dann
den Mai begrssen, kann Beschwerden vorbringen und Gesuche einreichen;
die speciell Bevorzugten drfen auch die Hand kssen. Dies thun indess
eigentlich nur _Schrfa_ (Abkmmling des Propheten, deren es immer eine
Menge aus Mekka und Medina kommende in Kuka giebt). Die alten _Cognaua_
haben so grosse Ehrfurcht vor ihrem Frsten, dass sie ihm gar nicht ins
Gesicht sehen, wenn sie mit ihm reden. Und frher zur Zeit der
Sefua-Dynastie war es Gebrauch, wie das heute noch im Knigreiche
Mndara Sitte ist, dass alle beim Knige Versammelten demselben den
Rcken zukehrten, um nicht vom Glanze des kniglichen Antlitzes
geblendet zu werden. Der Mai allein ist bewaffnet; zur Seite hat er zwei
mit Silber beschlagene Pistolen liegen, manchmal auch noch einen
Karabiner; vor ihm liegt ein kostbares silbernes Schwert, Geschenk der
Knigin Victoria[5]; alle anderen aber mssen, ehe sie die Wohnung des
Mai betreten, draussen ihre Waffen zurcklassen. Die Versammlung dauert
meist bis 11 Uhr, wo der Sultan durch seinen Rckzug das Zeichen zum
Auseinandergehen der Versammlung giebt. Ehe sie jedoch die Wohnung
verlsst, gruppiren sich drei oder vier um eine Fleischschssel,
Geschenk des Sultans, der ihnen manchmal auch whrend der Versammlung
Goronsse prsentiren lsst. Die Reste in den Schsseln sind immer fr
die Sklaven.

Sobald sich die Grossen mit ihren Gefolgen wieder in ihre Wohnungen
zurckbegeben haben, nimmt die Stadt einen todten Anstrich an. Die
grosse Hitze erlaubt um diese Zeit keine Geschfte und Arbeit, Alles
zieht sich in die khlsten und innersten Gemcher der Wohnung zurck,
oder sucht einen dichtschattigen Baum auf, um sich dem Schlaf, und dem
Nichtsthun hinzugeben.

Erst um 3 Uhr Nachmittags wird die Stadt wieder belebt, der _Markt_
fngt an. Ich spreche hier nicht von dem grossem Markte, der jeden
_Montag_ vor den Thoren der Weststadt abgehalten wird, sondern von dem,
der _alle Tage_ in der Stadt selbst stattfindet. Aber wenn ich sage, es
wird nur Ein Markt abgehalten, so muss man darunter nicht verstehen,
dass derselbe an nur Einem bestimmten Orte wre, im Gegentheil, um 3 Uhr
Nachmittags ist _die ganze Stadt ein Markt_; Hauptpunkte bilden freilich
der westliche _Dendal_ der Weststadt, dann der _Ngimgsegeni-Dendal_ und
der Platz am Westthore der Oststadt.

Nur wer selbst dem Leben und Treiben in den Negerstdten mit beigewohnt
hat, kann sich einen Begriff davon machen, wie es auf diesen Mrkten
hergeht. Man findet Alles, was zum Leben nthig ist. Hier stehen grosse
lederne _Botta_, weiche Butter enthalten, die natrlich immer flssig
ist, dort hacken die Metzger Fleisch, hier stehen Scke mit Getreide,
dort liegen _Koltsche_ und _Ngngala Erdnsse_, die einen
kastanienartigen Geschmack haben. Melonen, Pasteten, _Kornafrchte_
(Lotus) und die bitteren usserlich einer Dattel hnlichen Frchte des
_Hadjilidj-Baums_, selbst viele andere wilde Waldfrchte werden
ausgeboten, nicht zu vergessen die herrliche _Gunda_ oder
_Melonenbaumfrucht_, welche in den letzten Jahren aus dem Sudan ihren
Weg bis an den Tsad-See gefunden hat. Aber auch gekochte Speisen findet
man, um lodernde Feuer sieht man an kleinen hlzernen Spiessen grosse
Stcke Fleisch braten, oder auch nach Art der Araber auf Kohlen backen.
Wenn es gehackt und stark gewrzt ist und dann um Stbchen geklebt und
ber Kohlen gar gemacht wird, bezeichnen sie es als _Gmgeni_. Dies ist
das, was die Araber _Kiftah_ nennen. Auch kleine Brtchen, fr einige
Muscheln das Stck, sind zu haben, und damit ja nichts fr den Gaumen
fehle, findet man eine ganze Budenreihe, wo blos _Goro-_ oder
_Kola-Nsse_ verkauft werden. Aber wie manche arme Schlucker muss sich
mit dem blossen Anblick gengen! Die _Goro-Nuss_, die nach Kuka von der
Westgegend Afrikas _ber Kano_ kommt, wird durch diesen Transport so
theuer, dass man manchmal das Stck mit 1000 Muscheln und mehr bezahlen
muss, d.h. nach unserm Gelde mit etwa 9 Silbergroschen. Die brigen
Lebensmittel sind jedoch in Kuka so billig, dass ein Mann bequem seine
Familie einen Monat lang mit 1000 Muscheln ernhren kann.

Interessant sind die Buden, welche _europische Artikel_ ausbieten:
Perlen, Seidenzeuge, Kattune, Spiegel, Porzellanwaaren, Nadeln, Messer,
grobes Schreibpapier und andere kleine Artikel. Namentlich in _Perlen_
findet man eine erstaunlich grosse Auswahl, und man hat berechnet, dass
die venetianischen Glasperlenfabriken fr die schwarzen Damen eben so
viele Perlen fabriciren, als es die bhmischen jetzt fr die weissen
Modedamen thun. Auch alle Handwerke findet man auf dem Markte vertreten,
namentlich fehlt es nicht an Pferdegeschirr und Stteln, denn jeder auch
nur einigermassen bemittelte Mann in Kuka hat sein Reitpferd und einen
Sklaven. Trdelbuden und Kleidermagazine sind natrlich auch vorhanden,
denn wie bei uns kauft sich ein Kuka-Stutzer manchmal ein neues hbsches
Gewand, zieht es ein oder ein paarmal an und verkauft es dann dem
Trdler, nachdem er es einem neuangekommenen Araberkaufmann vorher auf
Borg abgenommen hatte.

_Sklaven_ sind ebenfalls alle Tage zu haben, jedoch von geringerer
Sorte. Man findet deren 100 oder 150 ausgestellt, whrend _Montags am
grossen Markttage manchmal Tausende unter den Hangars kauern._ Der
Sklavenhandel wird berhaupt en gros in den Husern getrieben, indem es
z.B. vorkommt, dass ein reicher Kaufmann aus Tripoli oder Kairo seine
Waaren oder einen grossen Theil derselben an Einen Mann fr eine gewisse
Zahl von Sklaven losschlgt, ohne dass diese auf den Markt kommen. Durch
den _grossen Aufschwung des Sklavenhandels in den letzten Jahren_ sind
die Sklaven bedeutend im Preise gestiegen; so gilt ein hbsches junges
Mdchen von 13 bis 16 Jahren bis gegen 50 oder 60 Maria-Theresia-Thaler,
ein junger Bursche durchschnittlich 20 Thaler.

Hinter den Sklaven kommt gleich der Ort, wo das Vieh verkauft wird, denn
auch Kameele, Pferde, Esel, Rindvieh, Schafe, Ziegen, Hhner etc. sind
alle Tage und zwar nach unseren Begriffen zu fabelhaft billigen Preisen
zu haben. So ersteht man eine fette Kuh fr 2 Maria-Theresia-Thaler, ein
gutes Pferd fr etwa 12 solcher Thaler, ein Huhn fr 50 Muscheln. Man
kann aber auch alles mit Waaren kaufen, und wer z.B. europische Artikel
hat, steht sich sehr gut dabei, da diese bedeutend hher abgeschtzt
werden, als ihr wirklicher Werth ist. Der Markt dauert bis 6 Uhr Abends,
weil dann nach Sonnenuntergang die schnell eintretende Finsterniss jedem
Austausch ein Ende macht.

Aber damit hat noch lngst nicht das Leben in Kuka ein Ende. Nachdem man
vom Markte zu Haus angekommen, wird das Mittagsessen eingenommen und
dann machen sich die Leute ihre Besuche. Man giebt sich Rendezvous;
namentlich die verheiratheten Leute leben in Kuka auf einem sehr
leichtem und ungenirten Fusse. Fast jede hbsche verheirathete Frau hat
ihren Cavaliere servente, und selbst die jungen Tchter des Sultans
wussten es mglich zu machen, ihren Eunuchen zu entschlpfen, um
Liebesabenteuer aufzusuchen. Dabei bilden sich die Kinder Abends zu
Gruppen, denn die khlere Nachtluft gestattet jetzt Tanz und Singen;
Musikbanden durchziehen die Strassen und namentlich bei Mondschein wird
es selten vor Mitternacht ruhig in der Stadt.

Fr einen Europer wrde indess bei allen materiellen Vortheilen ein
bleibender Aufenthalt in Kuka unertrglich sein. Mit Europa ist in der
Regel nur ein Mal im Jahre ber Tripoli eine Verbindung; der viel nhere
Weg nach der Kste vermittelst des Bnue und Niger ist augenblicklich
fr Reisende und Warensendungen ganz verschlossen. Der einzige Artikel,
der jetzt in Masse von der Kste seinen Weg bis an den Tsad-See gefunden
hat, ist die kleine Muschel (Kauri), welche als Geld dient. Das Klima
von Kuka ist sonst trotz der Nhe des Tsad und trotz der vielen
Wasserlachen whrend der Regenzeit ein gesundes, weil die trockene Luft,
durch die Nhe der Sahara bedingt, eine rasche Verdunstung des Wassers
hervorbringt und so schon nach wenigen Tagen den Boden austrocknet.




Am Bnue


Wir verliessen Nachts um 10 Uhr die Stadt Udni, wo der Fetischdienst
von den Negern am ausgeprgtesten betrieben wird. An demselben Tage
noch, als ich Nachmittags Abschiedsaudienz beim Sultan hatte, konnte ich
mich davon berzeugen, und war Zeuge der eigenthmlichen Opfer, welche
diese Stmme ihren Gtzen darbringen. War es ein wirkliches Fest, oder
war es um den Zorn der aus Thon geformten Gtter zu vershnen, weil ein
Weisser mehrere Tage in den Mauern der Stadt geweilt hatte, das konnte
ich nicht erfahren.

Die Gtter sind meist aus Erde, oft auch aus Holz geformt, und bewohnen
eigene kleine Htten. In den Gegenden am Bnue sind es hauptschlich
_Dodo_ und Mussa, denen man allgemeine Verehrung und Anbetung zollt. Es
giebt nmlich _Gtter, die allgemein sind_, und _Privatfetische_; jeder
hat z. B. seinen eigenen Hausgtzen, ausserdem hat man _Stadtgtter_,
_Thorgtter_, Feld- and Gartengtter, Flussgtter etc.

Als ich Abends mit meinen Leuten die schmale Brcke berschritt, die
uns aus dieser Hexenstadt mit ihren Blutopfern wieder ins Freie brachte,
dauerte es lange Zeit, trotz der herrlichen Nacht, trotz der lieblichen
Gegenden, bis mir die Opfer, die ich Nachmittags im Hause des Sultans
mit angesehen hatte, wieder aus dem Sinne kamen. Immer schwebten mir im
Geiste die Bilder vor, wie unter Pauken- und Trommelschlag nackte
Sklaven Schafe, Hhner und Tauben abstachen, die irdenen Bilder mit Blut
beschmierten und dann Federn daran klebten. Aber endlich riefen die
Stille der Natur und die ppige Pflanzenwelt andere Gedanken hervor. Man
sah, dass die Nhe des Bnue hier schon einen mchtigen Einfluss auf
die Entwickelung der Vegetation ausbte. Schweigend durchzogen wir die
Ebene, denn Nachts vermeidet man gern jedes Gerusch. Waren wir doch
berdies in einer Gegend, wo fortwhrend Krieg und Ueberflle an der
Tagesordnung sind, _auf der ussersten Grenze der Macht der Fellata oder
Pullo_ (Fulbe) _nach Sden zu_. Voran gingen zwei riesige Neger aus
Keffi-abd-es-Senga; jeder trug auf seinem Kopfe einen 3 Ellen langen, an
80 Pfund schweren Elephantenzahn. Ich hatte das Elfenbein gegen meine
Pferde ausgetauscht. Dann kam einer mit mehreren kleinen Zhnen, dann
drei Sklaven, die unser Gepck trugen, und den Schluss machten wir
selbst.

Die Stille der Natur wurde fast durch nichts unterbrochen, nur zuweilen
hrte man von fern das Krachen der Zweige im Gebsche, durch welches
ein unfrmliches Flusspferd weidend sich den Weg brach, oder
aufgescheuchte Vgel, welche eine andere Schlafstelle suchten, flogen
kreischend davon. Mehrere Male wurde Rast gemacht, denn die
Elfenbeintrger, obwohl es schien, als ob sie nichts zu tragen htten,
weil sie so rstigen Schrittes vorwrts eilten, hatten doch von Zeit zu
Zeit eine Erholung nthig. Nach einem vierstndigen raschen Dahineilen
gelangten wir pltzlich in einen dichten, hohen Wald; nur tastend
konnten wir vorwrts kommen, denn die Kronen der Bume bildeten ein so
dichtes Dach, dass kein Stern durchfunkelte. Indess war der Pfad
ziemlich breit, aber viele im Wege liegende Baumstmme und grosse
Wurzeln machten das Weitermarschiren sehr beschwerlich. Dann wehte uns
pltzlich eine khlere Luft an, der Weg wurde frei und vor uns lag eine
weite Ebene. Unsere Trger hielten an und legten, sich gegenseitig
helfend, das Elfenbein auf den Boden; ein Gleiches thaten die
Gepcktrger. Schon glaubten wir, es handle sich um eine blosse Rast;
als ich weiter vorwrts ging, sah ich, dass ein weiter, blanker See zu
unseren Fssen sich ausdehnte.

Aber nein, es war kein See, _es war der Bnue_. Nach rechts und links
dehnte sich das Wasser so weit man sehen konnte aus, doch gegenber sah
man an einzelnen Lichtern und Wachtfeuern die Grenze des majesttischen
Stromes. "Ist dies das andere Ufer?" fragte ich die Neger.--"Nein, das
ist blos eine Insel, _Loko_, von _Bassa-Negern_ bewohnt, und hier
werden wir bei Tagesanbruch bersetzen", war die Antwort. Sodann luden
sie uns ein, uns auf den Sand niederzustrecken, da bei Tagesanbruch,
sobald die Bassa uns sehen, sie mit ihren Khnen herberkommen wrden,
um uns abzuholen. Wir labten uns mit einem Trunke Wassers; seit wir
Abends die Stadt verliessen, hatten wir trotz des schnellen Marsches
nicht getrunken, weil Niemand Wasser mit sich fhrte. Dann legten wir
uns ruhig nieder und erwarteten halb wachend, halb schlafend den Morgen.
Beim ersten Grauen des Tages hrten wir sofort Geschrei und Lrmen und
sahen, wie von der mit Oelpalmen bewachsenen Insel, auf deren nrdlichem
Ufer zahlreiche kleine Htten standen, eine Menge Khne ins Wasser
stiessen und von nackten Negern auf die Stelle zu hingeschaufelt wurden,
an der wir uns befanden. Wir stiegen nun auch den Strand hinab, der
jetzt beim niedrigsten Wasserstande des Bnue sehr breit war, und
bald waren wir den _Bassa_ gegenber. Diese schienen sehr erstaunt, ein
paar Weisse vor sich zu sehen, denn hatten sie jemals welche gesehen, so
waren diese den Bnue _herauf_ in eigenen Schiffen gekommen. Anfangs
schienen sie uns sogar fr Fulbe, die ihre erbittertsten Feinde sind, zu
halten. Nachdem aber die uns begleitenden Neger ihnen die Versicherung
gegeben hatten, dass wir diesem Stamme nicht angehrten, berdies keine
Mohammedaner wren, sondern _Nassara_ (Christen, mein mohammedanischer
_Diener Hammed_ liess es sich ganz gern gefallen, hier als Christ mit
zu passiren), wollten sie sich sogleich ohne Weiteres unseres Elfenbeins
bemchtigen, sowie des Gepckes, um dieses und uns in die ausgehhlten
Baumstmme (ihre Khne) zu werfen. So, dachte ich indess, geht das
nicht. Die Menschen sind berall dieselben, und wenn man in Italien oder
im Oriente nicht wohl daran thut, sich, ohne zu parlarmentiren, in die
Hnde des dienenden Publikums zu geben, so glaubte ich auch hier vorerst
dingen zu mssen. Wir rissen ihnen also unsere Habe wieder aus den
Hnden, und ich machte ihnen begreiflich, dass sie mir zunchst den
Preis fr das Uebersetzen sagen mssten. Zu dem Ende legte ich 100
Muscheln (Kauris) auf den Boden und fragte durch Zeichen, wie viel sie
solcher hundert haben wollten? Nach langem Streiten und Handeln wurden
wir dann handelseins ber 4000 Muscheln, was allerdings theuer genug
war, wenn man bedenkt, dass es sich blos ums Uebersetzen handelte, 4000
Muscheln aber den Werth von einem Maria-Theresia-Thaler reprsentiren.
Die anderen Neger, welche, wie ich gehofft hatte, uns bis nach _Loko_
begleiten wrden, erklrten dann, dass sie zurck mssten, um noch vor
der grossen Hitze Udni zu erreichen. Nachdem sie uns dann in die
Baumstmme geholfen, die so klein waren, dass kaum zwei Mann darin Platz
hatten, und wir desshalb mehrerer bedurften, nahmen sie Abschied, wir
stiessen vom Lande und wurden von den Bassa rasch nach ihrer Insel
hinber geschaufelt.

Die Ankunft von Fremden ist auf solchen Pltzen immer ein Ereigniss,
wenigstens des Morgens frh, wo Alles eben vom Schlafe erwacht und noch
nicht der Arbeit nachgegangen ist. Als wir landeten, hatte sich ein
zahlreiches Publikum versammelt, das vielleicht noch aussergewhnlich
vergrssert war, weil man lngst gesehen hatte, dass zwei Weisse die
Fremden seien. Wie besorgt ich nun auch anfangs war, mich so ganz ohne
irgend eine Sttze unter den Bassa zu befinden, von denen die anderen
dem Fulbe des Reiches Skoto unterworfenen Negerstmme mir nicht
schlecht genug zu sprechen wussten, so legte sich doch meine Besorgniss,
da ich bald sah, dass alles Bse, was man von ihnen gesagt hatte,
Uebertreibung sei. Obgleich von Hunderten dieser Leute umringt, die sich
so dicht wie mglich an uns herandrngten, uns befhlten und befragten,
und sich dann wunderten, dass wir nicht in ihrer Sprache zu antworten
vermochten, that man uns nichts zu Leide, sondern wir wurden einfach in
einen von mehreren Htten gebildeten Hofraum gedrngt. Man gab uns zu
verstehen, dass wir uns setzen mchten. Nachdem uns dann eine recht nett
aussehende alte Negerin ein Gefss voll warmer Suppe gebracht hatte,
fragte man uns durch Zeichen und Laute, ob wir denn gar keine der dort
blichen Sprachen verstnden, und nach einander nannten sie eine Menge
Sprachen als: _Fulfulde, Berbertji, Arabtji, Haussa, Nupe_ etc. Ich
glaubte nun zu verstehen, dass unter ihnen Individuen wren, die eine
dieser Sprachen verstnden, und erwiderte sogleich _Arabtji,
Berbertji_. Unter letzterem Worte bezeichnen nmlich alle diese
Negerstmme die _Bewohner_ und _Sprache_ von _Bornu_ (--das Kanri--).
Die Bassa schienen eben so froh zu sein wie ich, als ich Berbertji
antwortete; es wurde gleich darauf einer fortgeschickt, der dann mit
einem Andern zurckkam, welcher uns schon von Weitem sein La-Le-La-Le,
ke l'fia-le nda tge etc.: "Sei gegrsst; Friede; _wie
befindet sich deine Haut_" etc. entgegenrief.

Fand er sich im Anfange etwas getuscht, dass ich nicht so fliessend zu
antworten vermochte, als er sich wohl gedacht hatte, so sah er doch
schnell ein, dass es sein Vortheil sei, uns zu Freunden zu behalten, und
ich meine gar, er sagte den Bassa, dass wir wirkliche _Kanri_ vom
Tsad-See seien, was sie indess nicht glauben wollten, sondern ihm
entgegneten, wir wren _Inglese_ und Vettern von den beiden weissen
Christen in Lokja (--der bekannten von Dr. Baikie gegrndeten Station
an der Mndung des Bnue in den Niger--). Er selbst war gerade nicht
von Bornu, sondern von einer im Reiche Skoto gegrndeten Colonie Namens
_Lafia-Bere-Bere_. Er sagte mir dann, dass man eine Htte fr uns in
Stand setze, und dass der Knig der Insel mir einen Besuch machen wrde,
den ich spter zu erwidern htte.

Unterdessen nahm ich die Gelegenheit wahr, mich etwas umzusehen. Unser
Kanri erzhlte mir, dass die Bassa auf Loko hauptschlich von der
_Fhre_ lebten, da hier ein _Hauptbergang_ sei; bei Hochwasser sei die
ganze Insel, welche jetzt etwa 16 Fuss ber dem Wasserspiegel lag,
berschwemmt, und die meisten Leute zgen sieh dann aufs linke Ufer
zurck, whrend nur die zur Besorgung der Fhre unumgnglich notwendigen
jungen Leute in hohen _auf Pfhlen_ ruhenden Htten zurckblieben. Die
Bassa-Neger wohnten frher alle auf dem rechten Bnue-Ufer, wurden
aber von den Fellata, ihren fanatischen Feinden, zurckgedrngt, so dass
nur noch einige wenige Pltze von ihnen am rechten Ufer behauptet
werden. Die Bassa sind mit den _Afo-_ und _Koto-Negern_ eng verwandt und
scheinen sanfter Natur zu sein; sie nhren sich hauptschlich von
Fischen, die der Bnue ausgezeichnet und in unglaublicher Menge
liefert. Dem Aeussern nach sind sie _echte Neger_, ohne doch dabei
hsslich zu sein. In der Jugend gehen beide Geschlechter nackt, und
unter den Erwachsenen haben die rmeren Leute hchstens ein Schurzfell
um die Hften geschlagen. Eigenthmlich ist die _Art ihrer Begrssung_,
indem sie den Vorderarm der Lnge nach an einander legen, derart, dass
einer dem andern den Ellenbogen umfasst. Sie sind wie die Afo-Neger
_Fetischdiener_, ohne jedoch einen so ausgeprgten Penatendienst wie
jene zu haben.

Endlich war die kleine runde Hte, welche man provisorisch aus Matten
aufgefhrt hatte, fertig, so dass wir einziehen konnten. Kaum hatten wir
uns niedergelassen, als der _Galadima_ oder _Knig_ der Insel kam. Er
besah Alles, that viele Fragen mittels des Kanri und sagte, er wrde
nach einem _Araber_ als Dolmetscher senden. Im Ganzen benahm er sich
recht anstndig. Als er sich entfernt hatte, war meine erste Sorge, ein
Schiff zu miethen nach _Imaha_ (wird auch von den Arabern und
Soko-Negern _Um-Aischa_ genannt), einem Orte, der drei Tagereisen
unterhalb am Bnue liegt und wohin wir zunchst mussten. Das war
keineswegs leicht, nicht etwa desshalb, weil die Leute zu hohe Preise
forderten,--sie verlangten, ich glaube, 10,000 Muscheln, was mit den
4000 frs blosse Uebersetzen also in gar keinem Verhltnisse
stand,--sondern weil wir gar kein _baares Geld, d.h. Muscheln_, mehr
hatten. Ich versprach ihnen, in Imaha zu zahlen, wo ich einen Burnus,
das letzte Stck, was mir von meinen Waaren geblieben war, zu verkaufen
gedachte. Aber kein Mensch wollte Credit geben; es blieb uns also nichts
Anderes brig, als alle Kleidungsstcke, die wir entbehren konnten, zu
verkaufen, um so die Summe zu Stande zu bringen. Indem wir uns auf das
Notwendigste beschrnkten, gelang es uns 8000 Muscheln zusammen zu
bekommen, und indem wir gleich im Voraus baar bezahlten, konnten wir von
den 10,000 Muscheln 2000 abdingen.

Nachdem dies in Ordnung war, machte ich dem Knige meine Aufwartung. Er
mochte wohl ein hbsches Geschenk erwartet haben, ich konnte ihm aber
blos einige kleine einheimische Baumwollentcher geben, mit denen sich
in Haussa die Weiber bekleiden. Damit gab er sich zufrieden, weil er
selbst vorher gesehen hatte, dass wir gar nichts mehr besassen. Er
machte dann die freundschaftlichsten Versicherungen, und meinte, _er
wnsche nichts so sehr, als mit den Englndern direct in
Handelsverbindung zu treten_. Ja, als ich zu Hause kam, sandte er mir
sogar ein Gegengeschenk: ein Huhn, trockne Fische, _Madidi_, d.h. eine
Art Kleister in Bananenbltter gewickelt, und 1500 Muscheln baar.

Denselben Tag konnten wir natrlich nicht an die Abreise denken, und es
war auch gut, dass wir blieben. Denn am Abend kndigte sich die
Regenzeit mit einem solchen Tornado (Orkan) an, dass ich fest glaubte,
es sei ein Erdbeben damit verbunden. Da das Unwetter gegen
Sonnenuntergang hereinbrach, also um eine Stunde, da alle Leute ihren
Topf auf dem Feuer hatten, so kann man denken, wie sehr die Weiber sich
beeilten, die Feuerstellen zuzudecken. Die Windstsse waren so heftig,
dass in einem Nu mehrere Htten weggefhrt und Gott weiss wohin geweht
wurden. Glcklicherweise lag unsere Htte zwischen anderen so geschtzt,
dass wir nicht zu frchten brauchten, fortgeweht zu werden. Das hinderte
aber nicht, dass, als die Wolken an zu brechen fingen, Strme Wassers
von oben und unten hereinflutheten, so dass wir in einem Augenblicke
durchnsst waren. Es ist gut, dass dergleichen Unwetter in der heissen
Zone nie lange anhalten; nach einigen Stunden hatten wir einen
vollkommen sternhellen und unumwlkten Himmel, und am andern Morgen
tauchte die Sonne wie neu aus dem Bnue, dessen frher staubige,
dunkelbuschige Ufer jetzt durch den Regen rein gewaschen waren und wie
im Frhlingsgrn prangten. Bei uns in Europa hat man keine Idee davon,
wie rasch belebend der erste Regen auf die todte Natur einwirkt. Schon
nach einigen Tagen sprosst Alles neu und frisch aus dem Boden, welcher
sich wie durch Zauber in einen grnen Teppich voll bunter Blumen
umwandelt. Und sobald die Pflanzenwelt erwacht, thut es nicht minder die
kleine Thierwelt; Schmetterlinge und Kfer, die man sonst nur in
Thlern, wo immer fliessende Bche und Rinnsale rieseln, bemerkt,
treiben sich nun berall umher.

       *       *       *       *       *

Am andern Morgen endlich nahmen wir von unseren Bassa-Freunden in Loko
Abschied und bestiegen unsern hohlen Baum. Dieser Kahn war gerade gross
genug, um uns beherbergen zu knnen; nur Ein Neger stand auf dem
Hintertheile, um mit einer Schaufel das schnell stromabwrts treibende
Schiffchen zu lenken. In seinem Munde hatte er eine lange Pfeife, die
bis auf den Boden ging und nur von Zeit zu Zeit fortgelegt wurde, wenn
die Lenkung des Schiffes vielleicht mehr Aufmerksamkeit wie gewhnlich
erheischte. Wenn uns ein anderer Kahn begegnete, dann wurde sicher
beigelegt, um einige Zge gemeinschaftlich zu schmauchen. Die meisten
hatten sogar ein kleines Feuer in einem irdenen Topfe auf dem
Vordertheile des Kahnes brennen, theils um Fische im Rauche des Feuers
vor Fulniss zu bewahren, theils um die Pfeifen anznden zu knnen.

Es ist die Sitte des Rauchens hier bemerkenswerth genug; whrend z. B.
in ganz Nordcentralafrika, Uadai, Bornu, Haussa, Bambara etc. berall
Taback gezogen wird, verwenden die dortigen Einwohner dies Kraut _nur
zum Kauen_, indem sie es pulverisirt mit Natron mischen, zuweilen auch
zum _Schnupfen_; erst in der Nhe des Bnue wird das Rauchen
allgemein.

An Abwechselung fehlt es bei dieser Fahrt natrlich nicht; zahlreiche
Herden von Flusspferden, Haufen fauler Kaimans, die sich auf den
Sandbnken sonnten, fliegende Fische, die unser Fahrzeug umgaukelten, in
den dichtbelaubten Bumen am Ufer Herden von Affen aller Art, die
neugierig auf uns herunterschielten,--hier und da, und dies meist am
linken Ufer, ein Negerdorf. Auch sah ich die mannigfaltigsten
Vorkehrungen zum Fischfange; sie nahmen sich fast wie grosse Vogelbauer
aus und standen berall an seichten Stellen im Bnue. Die Zeit wurde
mir nicht lang. Nachts legten wir bei einer Sandbank inmitten im Strome
bei, unterhielten aber immer Feuer, damit die gefrssigen Kaimans nicht
zu nahe herankmen. Am dritten Tage endlich waren wir im Angesichte
_Imaha's_, wo wir bei Sultan _Schimmege_, einem Freunde des
verstorbenen Dr. Baikie, die freundlichste Aufnahme fanden.




Titulaturen und Wrden in einigen Centralnegerlndern.


Obgleich staatliche Einrichtungen unter den Negern des nrdlichen
Centralafrikas fast fehlen, so findet man doch bei den Tebu feste
gesellschaftliche Einrichtungen, so wenig sie dieselben ausgebildet
haben mgen. Von allen Wstenbewohnern sind sie die einzigen, welche
eine stabile monarchische Regierungsform haben, obschon mit sehr
beschrnkter Gewalt; die Tebu bilden gewissermassen den Uebergang zu der
despotischen Staatsform der grossen Negerreiche nrdlich vom Aequator
und jenen freien, unabhngigen Stmmen, welche als Tuareg-, Araber- und
Berber-Triben sdlich vom grossen Atlas theils nomadisiren, theils feste
Wohnsitze haben.

Die Tebu haben die eigentliche Mitte der Sahara inne: Tibesti, Borgu,
Uadznga, Kauar und einige andere kleine Oasen sind ihre Domnen, im
Sden aber dehnen sie sich durch Kanem hin bis an das Ostufer des
Tsad-Sees aus und reichen fast bis Bagirmi hinab. Sesshaft in kleinen
Ortschaften, von denen die grsste wohl kaum tausend Einwohner erreicht,
sind sie dennoch ein wanderlustiges Volk, und ein erwachsener Tebu-Mann
verbringt die Hlfte seines Lebens auf den oft unsichtbaren Pfaden der
endlosen Wste, oder in den Steppen und Wldern, welche die Sahara von
den eigentlichen fruchtbaren Lndern Innerafrikas trennen.

Die Tebu haben Knige, welche in gewissen Familien erblich sind, und
zwar folgt die Herrscherwrde nicht auf den jedesmaligen Sohn, sondern
auf das lteste mnnliche Glied der ganzen Familie. Der Knig heisst
"derde" (Barth: dird bus), jedoch hrt man ebenso oft den
Kanri-Ausdruck "mai". Fr Erbprinz, obgleich das nicht der Sohn ist, er
msste denn ausnahmsweise der zunchstkommende mnnliche Sprssling
sein, haben sie den besonderen Ausdruck "derde kotiheki"; die brigen
mnnlichen Mitglieder haben schlechtweg den Namen Prinzen "maina". Die
Knigin hat den Titel "derde-debi".

Da bei den Tebu weder Heere noch sonstige Staatseinrichtungen existiren,
so haben sie auch fr die verschiedenen Beamten und Chargen, welche
damit verknpft sind, keine Namen. Indess nennen sie den Oberanfhrer
einer Truppe "bui-hento", einen Unterbefehlshaber "es-gede-bento". Auch
fr Unterhndler oder Gesandten haben sie den besonderen Ausdruck
"iri-kekntere". Ihre religisen Beamten haben mit der Religion von den
mohammedanischen Arabern ihre Namen in die Teda-Sprache mit hinber
genommen. Als besonders muss noch erwhnt werden, dass die Tebu einen
eigenen Ausdruck fr den Schatzmeister haben, oder denjenigen, welcher
bei den Grossen die Ausgaben verrechnet, er heisst "rezi ukil-benoa".
Mit dem eigentlichen Schatze oder mit dem Gelde hat er indess nichts zu
thun, denn dies vergraben die Grossen und Reichen eigenhndig, und sind
viel zu besorgt und misstrauisch, um den Platz, der meist weit weg von
der Wohnung auf einer nicht frequentirten Hammada liegt, auch nur eine
zweite Person wissen zu lassen.

So einfach wir nun auch die Tebu-Einrichtungen finden, um so
complicirter zeigen sich die der ihnen nahe verwandten Stammesvlker,
der Kanri oder Bewohner von Bornu. Diese und mit ihnen die Hfe der
Pullo-Dynastien, an der Spitze Skoto, haben offenbar Einrichtungen,
welche von allen Negerstaaten am meisten denen der gesitteten Vlker
nahe kommen. Dass mit der Einfhrung des Islam eine bedeutende Aenderung
vor sich gegangen ist, lsst sich aber auch nicht wegleugnen. Whrend
z.B. frher in Bornu der Frst, der den Titel "mai" hat, sich nicht
einmal seinen Grossen zeigte und stets hinter einem Vorhange sprach, ist
derselbe jetzt ffentlich sichtbar fr Jedermann, spricht sogar in
gewissen Fllen selbst Recht. Trotzdem hat sich in naheliegenden
Lndern, wie in Bagirmi, Mndara und anderen die Sitte erhalten, dass
die Grossen, wenn sie mit dem Knige reden, ihm den Rcken zuwenden,
zum wenigsten mssen sie das Antlitz abwenden. Ja in Kuka selbst gehrt
es noch zum guten Ton, mit abgewandtem Gesicht den "mai" anzureden.

Sehr einflussreiche Stellungen in Bornu haben die jedesmalige Mutter des
niai, welche den Titel "magra" fhrt, und auf die politischen
Verhandlungen influenzirt, dann diejenige Frau, welche legitim
verheirathet das Glck hat, den ersten mnnlichen Erben zur Welt zu
bringen; diese heisst "gmsu". Sie ist zugleich Leiterin des ganzen
Harem, der in einem so grossen und mchtigen Staate wie Bornu jedenfalls
nicht kleiner ist als der des Beherrschers der Hohen Pforte, und somit
zu zahlreichen Intriguen und Rnken Gelegenheit giebt.

Seit dem Sturze der Sefua-Dynastie durch die Familie der Kanemin hat
man angefangen eine directe Nachfolge einzufhren, obwohl der
mohammedanische Glaube, der in Bornu am Hofe verbreitet ist, immer
befrchten lassen muss, dass Ausschreitungen vorkommen. Der Thronfolger
hat den Titel "y'eri-ma"[6] (nicht tata mai kura, wie Barth sagt, was
blos ltester Sohn des Knigs heisst, auch nicht tsiro-ma).

Die einflussreichste Persnlichkeit am Hofe von Bornu ist dann zunchst
der Dig-ma, was Barth durch Minister des Innern bersetzt hat. Dieses
ist aber noch viel zu wenig: der Dig-ma ist Minister des Inneren, des
Aeusseren, Ministerprsident, kurz er vereinigt nach unseren Begriffen
das ganze Ministerium in seiner Person. Natrlich sind in einem Lande,
wo alle Geschfte und Beziehungen fast mndlich gemacht werden, diese
der Art, dass Ein Mann ausreicht, um dieselben abzuwickeln. Uebrigens
hat der Dig-ma auch seine Gehlfen, von denen der Erste den Titel
"ardzino-ma" fhrt.

Mehr fr das eigentliche Hauswesen, besonders fr die intimen
Angelegenheiten des Sultans dient der Oberste der Eunuchen, "mistra-ma".
Gewhnlich gelangen diese zu grossen Reichthmern, da um irgend eine
Gunst vom Sultan zu bekommen, alle Beamten bestochen werden mssen und
hauptschlich der mistra-ma. Der Sultan verzeiht berhaupt den Eunuchen
und dem Eunuchenobersten ihre Reichthmer, da er nach ihrem Tode so wie
so ihr Erbe ist. Man glaube indess ja nicht, dass diese unglcklichen
Geschpfe darauf verzichten, als Mnner gelten zu wollen; nicht nur,
dass sie stolz und reichgeschmckt die wildesten Pferde besteigen und
Waffen tragen, halten sie sich auch ihr Weiberharem, und der Mistra-ma
hat sicher ein ebenso grosses Harem wie der Dig-ma. Mit dem Mistra-ma,
jedoch lange nicht eine so wichtige Persnlichkeit, rangirt der
Oberaufseher der kniglichen Sklaven, welche in der Regel in einer
Anzahl, die zwischen 3--4000 Kpfen schwankt, vorhanden sind; sein
Titel ist "mar-ma-kullo-be".

Als sonstige Aemter, die mehr oder weniger die Person des Sultans
betreffen, finden wir noch den Mainta oder Oberverpfleger. Wenn man
weiss, wie gross die tglichen Einnahmen des Mai an Korn, Fleisch,
Butter, Honig, Geflgel und anderen Victualien sind, und wenn man
andererseits einen Einblick gethan hat, welche Menge von Lebensmitteln
alle Tage in die Kche des Knigs geliefert werden muss, um die
homerischen Schsseln fr den eigenen Haushalt, fr den kniglichen Rath
und fr die zahlreichen Fremden, welche als Gste des Mai aus der
kniglichen Kche gespeist werden, zu fllen, so wird man sich gestehen,
dass das Amt desselben kein unwichtiges ist. Der Mainta hat zugleich die
Aufsicht ber Kche und Kche. Weniger bedeutend ist die Function des
Sintel-ma oder Mundschenks. In einem Staate, wo Wein- oder Biertrinken
fr ein Verbrechen gilt, lsst sich das leicht erklren. In Bornu
besteht die ganze Thtigkeit des Sintel-ma, seitdem der Islam als
Staatskirche proclamirt worden ist, darin, dem Mai die Trinkschale mit
Wasser oder eine Tasse Kaffee oder Thee zu prsentiren. Vor dem Essen
und nachher hat derselbe ebenfalls das Waschbecken zu bringen, worin der
Mai seine Hnde absplt.

Das Heer in Bornu ist in drei grosse Abtheilungen getheilt: Reiter,
Infanterie, welche zum Theil mit Flinten bewaffnet ist, zum Theil mit
Pfeil und Bogen, und die Schangermangerabtheilung; alle fhren
ausserdem Spiesse und Sbel, die Cavallerie aber nur letztere Waffen.
Was die Schangermangerabtheilung betrifft, so ist dies eine Art Garde du
corps; ihre Waffe ist ein Wurfeisen von der Lnge von zwei Fuss und mit
sichelartigen, geschrften Widerhaken versehen, Der Reiteroberst hat den
Titel "katslla-blel", der Infanterieoberst heisst
"kats lla-nbursa", der Schangermangeroberst "ylla-ma". Die
brigen Offiziere haben schlechtweg den Titel "katslla", die
Hlfsoffiziere oder Adjutanten heissen "kre-ma".

Als besonders wichtig mssen die Commandanten zweier Stdte
hervorgehoben weiden, der von Ngrnu und der von Yo. Hauptschlich haben
diese wohl deshalb einen besondern Titel, weil der Mai manchmal ausser
in Kuka auch in diesen Stdten seine Residenz hat. Der Statthalter von
Ngrnu heisst "fugu-ma", der von Yo hat den Namen "kasal-ma". Alle
Vorsteher der brigen Ortschaften haben den gemeinsamen Titel
"billa-ma", und nach Barth auch "ts i-ma", whrend Koello letzteres
Wort mit Abgabensammler bersetzt.

Alle Shne und mnnlichen Nchsten des Mai, die obersten Befehlshaber
des Heeres, der Dig-ma, der Eunuchenoberst, endlich die "kognua" (pl.
von kgna) versammeln sich alle Tage im Gebude des Mai und bilden den
grossen Rath, nkna genannt. Natrlich vom Mai in eigener Person
prsidirt, ist die Stimme des Einzelnen ihm gegenber ohne alles
Gewicht. Der Mai betritt unter Trommelschlag und Musik den Saal erst,
wenn Alle versammelt sind, ein "kingaiam" oder Herold kndet seine
Ankunft an, wobei die ganze Versammlung sich erhebt, und sich erst
wieder setzt, nachdem er selbst Platz genommen hat. Gewissermassen haben
die Kognua hheren Rang als die Befehlshaber der Armee und der Dig-ma,
denn erstere drfen bedeckt bleiben vor dem Mai, whrend letztere und
auch der Mistra-ma nur mit blossem Haupte erscheinen drfen. An Macht,
Reichthum und Einfluss sind jedoch der Dig-ma und Mistra-ma die ersten
nach dem Mai. Religise Wrden sind nur die bei den Arabern blichen,
und ihr Name ist mit geringer Abweichung auch arabisch.

Obgleich Barth behauptet, dass die Communalverfassungen in dem grossen
Fulbe-Reiche sehr unentwickelt seien, so kann ich doch fr die Reiche,
welche ich Gelegenheit zu durchreisen hatte, aussagen, dass ich im Jahre
1867 die Einrichtungen der Staaten Bauts i, Keffi-abd-es-Zenga und
Nupe ebenso entwickelt fand wie die von Bornu, mglich auch, dass seit
der Zeit schon eine Umwandlung vor sich gegangen war, oder in den
nrdlichen Staaten, welche Barth auf seiner ruhmvollen Reise nach
Timbuktu durchzog, die Einrichtungen nicht so scharf ausgeprgt waren.

Das grosse Pullo-Reich Zkoto zerfllt in viele Staaten, die alle mehr
oder weniger unabhngig von der Hauptregierung sind, aber dennoch alle
den Kaiser von Zkoto, der "bba-n-serki" heisst, anerkennen und ihm
jhrlichen Tribut zahlen. Der Bba-n-serki gilt ihnen nicht allein als
weltlicher Regent, sondern ist auch geistiges Oberhaupt und fhrt als
solcher den arabischen Titel "hkem-el-mumenin" oder Beherrscher der
Glubigen.

Im Lande Bauts i, von den Arabern Jacba (auch Vogel und v. Beurmann
nennen die Stadt so, der eigentliche Name ist indess Bauts i) genannt,
steht an der Spitze der Regierung ein Knig, "lmedo" genannt. Obgleich
unumschrnkter Herrscher, hat er doch mit vielen unterworfenen Stmmen
eine Art Vertrag machen mssen, durch welchen die Abgaben, welche zu
entrichten sind, fest bestimmt wurden, und, was sehr wichtig ist,
gleichzeitig festgesetzt wurde, dass von ihm im eigenen Lande keine
Sklavenraubzge ausgefhrt werden drfen. Der Lmedo hlt alle Tage
offene Gerichtssitzung, in der er selbst jede Partei verhrt und
aburtheilt.

Bei den Tebu, also den nrdlichsten Negern von Afrika, finden wir die
eigenthmliche Erscheinung, dass die Eisen- und Silberschmiede wie eine
ausgestossene Kaste betrachtet werden. Kein Tebu darf die Tochter eines
Schmieds heirathen, kein Schmied bekommt die Tochter eines freien Tebu.
Einen Schmied beleidigen gilt schon fr Feigheit, weil er eben von den
brigen Tebu als vollkommen unzurechnungsfhig gehalten wird. Es liegt
hier unwillkrlich der Gedanke nahe: sind die Schmiede bei den Tebu
vielleicht anderen Stammes, vielleicht unter die Teda eingewanderte
Juden? Aber weder in Sprache, Haar, Gestalt noch Hautfarbe unterscheiden
sie sich auch nur im allermindesten von den brigen Teda, und diese
selbst behaupten, sie seien von ihrem Fleische und Blute, nur das
Handwerk mache sie verchtlich.--Gerade das Gegentheil nun sehen wir in
Bauts i; hier hat der Erste der Znfte der Schmiede den hchsten Rang
nach dem Lmedo, sein Titel ist "serki-n-ma-kra", was man durch
Gross-Eisenmeister bersetzen kann. Und wie sehr berhaupt die Handwerke
in diesem Staate, der von Pullo's regiert wird, aber zum grssten Theile
Haussa-Unterthanen hat, in Ansehen stehen, geht daraus zur Genge
hervor, dass alle Handwerke in Znfte getheilt sind, an deren Spitze ein
Meister steht, der den Namen Frst hat, denn "serki" heisst Frst oder
Prinz. So finden wir unter anderen einen Frsten der Schneider,
"serki-n-dmki", einen Frsten der Schlchter, "serki-n-faua".

Die Stelle, welche in Bornu vom Dig-ma versehen wird und unserem
Ministerium entspricht, versieht in Bauts i der "galadima", aber fast
ebenso wichtig ist die des intimen Rathgebers des Lmedo, der den Titel
"be-rya" hat; nur dieser darf in die frstliche Wohnung dringen, falls
der Lmedo sich zurckgezogen hat. Das Harem darf selbstverstndlich nur
vom Obersten der Eunuchen Yinkna betreten werden. Obgleich alle
Pullofrsten fr gewhnlich usserst einfach gekleidet sind, und sich in
Nichts von den sie umgebenden Grossen unterscheiden, so haben sie doch
ein eigenes Amt fr den Mann geschaffen, der sie bei festlichen
Gelegenheiten mit den dann prchtigen Gewndern bekleidet, er heisst
Zorki. Wichtige mit der Person des Lmedo verknpfte Aemter sind ferner
das des Obersten der Vorreiter, ma-dki genannt, des Palastgouverneurs
"uomb" und des Schatzmeisters "adzia". Natrlich ist in diesen Staaten,
wie das ja frher auch bei uns war, der Privatschatz, des Knigs
zugleich der des Landes, indem das ganze Land als Eigenthum des Knigs
betrachtet wird. Anders verhlt es sich mit den Waffen, von denen Bogen,
Pfeile und Sbel in einem eigenen Hause aufbewahrt werden; diese werden
nur als ffentliches Eigenthum betrachtet und der Hter davon ist immer
ein ansehnlicher Beamter, er hat den Titel "bendma". Nicht unwichtig
ist der Posten des Obersten der Gefangenen, der zugleich Scharfrichter
ist und "serki-n-ara" heisst.

Wie geordnet auch sonst die Zustnde sind, geht ferner daraus hervor,
dass man einen eigenen Marktvogt hat; freilich sind in Bornu diese auch
auf den Mrkten, haben jedoch nicht eine so wichtige Stellung, ihr Titel
ist "serki-n-kurmi".

Als Truppengattung finden wir in Bauts i nur Reiter und Infanterie,
letztere mit Bogen und Sbel bewaffnet; Lanzen und Schangermanger
namentlich, sieht man hier gar nicht mehr. Einige wenige der Reiter
haben schlechte Gewehre, die meisten nur Sbel und Bogen. Die Pfeile der
Bogenschtzen sind natrlich alle vergiftet, meistens mit Gift aus
Euphorbien. Der Befehlshaber der Fusstruppen heisst "serki-n-yki", der
der Reiterei "serki-n-dauki".

Einen besonderen Titel hat der Commandant der Stadt Uoss, nmlich
"serki-n-dtsi"; dieser hat die Aufgabe, das Vordringen der sdlichen
heidnischen Stmme zu verhindern. Ferner der Hauptmann smmtlicher
_nicht_ Pullovlker, und da diesen in Bauts i eine grosse Zahl von
Stmmen angehren, ist sein Posten ein sehr wichtiger; er heisst
"snnoa".

Auch in dem Pullo-Staat Nyfe oder Nupe sehen wir das militrische
Element bedeutend mehr hervortreten, und, weil an beiden Seiten des
mchtigen Nigerstromes gelegen, finden wir, da Nupe eine bedeutende
Kriegsflotte hat von Schiffen, die bis mit hundert Matrosen bemannt
sind, die Charge eines Admirals. Gleich nach dem Knige, der "etsu"
heisst, kommt der Admiral der Nigerflotte, betitelt "bargo-n-gioa",
wrtlich "Spiegel der Elephanten"[7]. Die Knigin, obgleich dieselbe in
Nupe ganz ohne Einfluss ist, hat denselben Titel wie der Knig. Mit der
Stelle eines Admirals ist zugleich die des Obersten der Sklaven
verbunden, wohl aus dem Grunde, weil die Ruderer der Schiffe alle aus
Sklaven bestehen.

Es kommen dann der Reihe nach zuerst der "dam-rki", der erste Rathgeber
des Etsu und in seiner Person das Ministerium vereinigend. Nach ihm
natrlich der Eunuchenoberst, "indatorki", dann der
Oberpolizeidirector, der zugleich, wie berall dort, die Auszeichnung
hat, Scharfrichter zu sein. Der Titel des letzteren ist
"serki[8]-n-dogli". Da aber auch in den Nigerlndern wie in Yruba die
Sitte des Pfhlens, selbst als gewhnliche Strafe allgemein ist, und es
nicht leicht ist, einem Menschen einen Pfahl der Art von unten der Lnge
nach durch den Krper zu schieben, dass der Pfahl durch Hals und Mund
herauskommt, so hat er natrlich einen ganzen Schwarm von
Helfershelfern. Nach diesem kommt dann zunchst der Fremden Vorfhrer
"serki-n-fada", eine Charge, die an den brigen Pullohfen sich nicht zu
finden scheint. Gleich an Rang stehen der Obervorreiter "sigi", der
Oberkoch "sernia" und der Oberschreiber, der wie immer den arabischen
Namen "liman" hat.

Da der Knig von Nupe fast immer im Felde ist, so hat er einen
Stellvertreter in der Hauptstadt creiren mssen; oft ist dies sein
vorbestimmter Nachfolger, sein Titel lautet "zitzu". Der Rath um den
Knig besteht aus den Grossen, "serki" (pl. von serki) genannt, und das
Heer wird von einem Obergeneral angefhrt, der "maiaki" genannt wird.
Die beiden Waffengattungen, Reiter und Fussvolk, heissen "bendoki" und
"serki-n-krma". Ganz in der Nhe des englischen Einflusses knnte der
Nupe-Staat einer grossen Zukunft entgegen gehen, und gerade hier, von
der englischen Colonie Lokdza aus, sollten Missionre dem jetzt
eindringenden Islam Halt zurufen. Fr diese Gegenden wrden katholische
Geistliche den protestantischen vorzuziehen sein.




Die Art der Begrssungen bei verschiedenen Neger-Stmmen.


Vom Grssen eines Volkes auf seinen Charakter oder seine Handlungsweise
im Allgemeinen schliessen zu wollen, wrde wohl zu weit gehen, denn wenn
man auch behauptet hat, dass z. B. die Deutsche die vorwrts schreitende
Nation ("wie geht es?"), die Franzsische die Moden machende ("comment
vous portez-vous?"), die Englische die handelnde und schaffende ("how do
you do?"), die Italienische die still stehende ("come sta ella?") sei,
so hat das doch keinen wahren Grund. Indess bieten der mndliche Gruss
und die damit gebruchlich verbundenen Ceremonien und Krperbewegungen
so manches Interessante, dass es mir wichtig genug schien, auf meiner
dritten Reise durch den Afrikanischen Continent meine Aufmerksamkeit
auch hierauf zu lenken, und nachstehende Notizen geben Aufschluss ber
die verschiedenartigen Grsse und die Gebruche, welche damit verbunden
sind, so weit es die Stmme der schwarzen Rae anlangt, die ich selbst
zu besuchen Gelegenheit hatte.

Es ist nicht abzustreiten, dass auf die nrdlichen Neger-Stmme der
Islam, namentlich was die Begrssungsart anbetrifft, einen bedeutenden
Einfluss ausgebt hat, denn das essalmu alikum und alikum essalam ist
eine religise Vorschrift, und so finden wir diesen mohammedanischen
Gruss vom Atlantischen Ocean bis an den Indischen durch zwei Continente
hin verbreitet.

Aber auch nur diese Formel ist von den nrdlichen Neger-Stmmen
angenommen, im Uebrigen stehen sie im Allgemeinen selbststndig und
unabhngig vom Arabischen Einfluss da.

Der am meisten nach Norden vorgeschobene Neger-Stamm ist die
Tebu-Familie, welche sich selbst Teda nennen und eng mit den Kanri und
Bdduma verwandt sind. Die Wohnsitze der Teda sind in der Wste nrdlich
vom Tsad-See, dann im fruchtbaren Central-Afrika, westlich und stlich
vom genannten Wasserbecken.

Als kriegerisches Volk sind sie immer auf einen Angriff gerstet,
vielleicht kann auch Vorsicht dabei zu Grunde liegen, dass zwei sich
begegnende Tebu auf zehn Schritt und mehr Entfernung von einander Halt
machen, sich in die Hucke setzen, den langen Spiess aufrecht in der Hand
haltend: _Lahin knnaho_ ruft der Erste, worauf der Andere _getta inna
dunnia_ hinber antwortet. Nun ergiessen sich beide in unzhlige
_Lah, Lah, Lah_, welche, je hflicher man sein will, man um so mehr
repetirt. Nachdem sie sich so einer Untersuchung unterworfen und nichts
Verdchtiges gefunden haben, nhern sie sich; man giebt sich mit den
Fingern einen leichten Druck, ohne jedoch die Hand wie bei den Arabern
und Berbern hernach zum Munde zu fhren, und der zuerst Angeredete
wiederholt dann _getta inna dunnia_, worauf der Andere _Lahin
knnaho_ antwortet.

Sind die Leute mit einander bekannt, so fragt man sich nun gegenseitig
nach Familie, Frau, Kind, Vieh, Marktpreisen, seinen gemeinsamen
Freunden und Bekannten, welche einzelne Fragen immer durch viele
killah, _killahnni, killa Allaha_ unterbrochen sind; man fragt, ob
Feinde am Wege lauern, ob der Weg oder ein anderer vorzuziehen sei, ob
die Brunnen nicht verschttet seien etc., immer eben angefhrte Worte
untermischend.

Die Weiber grssen sich ganz auf hnliche Weise, was die Worte
anbelangt, nur unterlassen sie natrlich die Vorsichtsmassregel, sich
auf weite Entfernung von einander niederzusetzen. Eine Frau redet indess
nie den Mann zuerst an, sondern erwartet den Gruss, wobei sie dann
niederkniet, whrend die Mnner blos hocken; Frauen unter sich pflegen
indess auch nur zu hocken, in Gegenwart von Mnnern jedoch nehmen sie
immer eine knieende Stellung ein.

Tritt man in ein Haus, so ist der gewhnliche Gruss _labraka_ (aus dem
Arabischen) und die Antwort _lbara Lah_ (aus dem Arabischen). Kinder,
Verwandte und Freunde, letztere jedoch sehr ausnahmsweise, kssen sich
zrtlich, jedoch kssen Kinder einem heimkehrenden Vater, oder kommen
sie selbst von einer Reise zurck, nur die Hand.

Beim Abschiednehmen sagt man _temsches_ (aus dem Arabischen), whrend
der Bleibende _killahde_ nachruft. Jederzeit kann man dann noch
_killah, killahnni, killa Allaha_ sagen.

Der Gruss der Tebu gegen einen Knig oder Maina (Prinz) ist ganz auf
gleiche Weise.

Bedeutend ceremoniser in ihren Grssen sind die Kanri-, die Mndara-
und Bdduma-Vlker, obgleich sie unter sich, sowohl was Worte als
Handlung anbetrifft, wenig oder gar nicht von einander abweichen. Da die
Hfe und Grossen dieser Stmme mit Ausnahme der Bdduma Mohammedaner
sind, so wird auch eben nur von den Hflingen das _essalmu alikum_
gebraucht, whrend das Volk sich bei seinen nationalen Grssen hlt.

Als Eingangsgruss bedienen sich diese Stmme gewhnlich der Worte
_Lale, Lale, Lale_ und erkundigen sich dann nach dem Zustand
der Dinge im Allgemeinen mittelst der Worte _afi l'abar_ (l'abar kommt
aus dem Arabischen, von _el-achbar_, die Neuigkeit, whrend afi echt
Kanri ist). Dies wiederholen sie mehrere Mal, indem sie sich oft die
Hand dabei reichen, oft auch nicht. Gleich darauf--und dies ist sehr
bezeichnend fr die empfindlichen Neger--erkundigen sie sich nach dem
Zustande der Haut: _nda tge_, wie ist die Haut?, und schalten hin
und wieder, namentlich wenn sie Mohammedaner sind, ein _Hamd allhi_
ein. Sehr gebruchlich ist auch der bei allen Sudan-Negern eingebrgerte
Gruss _l'fia_, der jedoch auch aus dem Arabischen entnommen ist und so
viel wie Friede bedeutet.

Das eben Angefhrte gilt beim Grssen zwischen Gleichen, sobald indess
ein Niederer einen Hheren antrifft oder besucht, gestalten sich die
Verhltnisse ganz anders; der Niedere wirft sich vor dem Hheren auf die
Erde, berhrt mit der Stirn den Sand und untermischt die gewhnlichen
_Lale, Lale_ mit hufigen _Alla-k-bondjo_, Gott sei dir gndig,
oder _ngbbero deg_, (Gott) lasse Dich lange Zeit (leben). Dies
Letzte entspricht also wrtlich dem Arabischen Allah ithol amreck. Will
man sehr hflich und unterthnig sein--und namentlich geschieht das vor
dem Sultan--, so streut man sich etwas Staub auf sein Haupt oder macht
wenigstens die Miene, als ob man es thte. Es gehrt berdies zum guten
Brauch, einer hheren Person nicht ins Gesicht zu sehen, sondern beim
Reden den Kopf seitwrts zu drehen. In Mndara, wo am Hofe die alten
Sitten noch reiner bewahrt sind, bemerkte ich sogar, dass smmtliche
Hflinge und Anwesende dem Knig den Rcken zudrehten, selbst wenn sie
mit Seiner schwarzen Majestt sich unterhielten, als ob sie die Macht
und Herrlichkeit des Kniglichen Antlitzes nicht ertragen knnten; auch
selbst am schon civilisirteren Hofe von Bornu pflegen die alten kognua
(Plural von kgna, welches Wort Barth so treffend durch unser Deutsches
"Hofrath" bersetzte) noch eine gleiche Sitte zu beobachten.

Die Frauen, welche in Bornu, ob mislemata oder Heiden, alle
unverschleiert gehen, berhaupt eine den Mnnern vollkommen gleich
berechtigte Stellung sich zu bewahren gewusst haben, grssen sich unter
einander auf ganz gleiche Weise; falls sie mit Mnnern zusammenkommen,
erwarten sie indess, wie das ja auch bei uns der Fall ist, dass man sie
zuerst grsst.

Andere Redensarten der Kanri, welche sie jedoch mit anderen um sie
herum wohnenden Neger-Stmmen gemein haben, sind: _ndni, adak ke
l'fia--adak ke l'fia, ke l'fia le_. Letztere Redensart ist sehr
gebruchlich und bedeutet ungefhr unser "wie geht es?" Endlich haben
sie fr "Willkommen" die aus dem Haussa herber bekommene Redensart
_usse-usse_; dieser letzte Ausdruck kann auch fr "danke" benutzt
werden, obgleich die Kanri fr "ich danke" das echte, aber fast nie
angewandte Wort _gode-ngin_ haben.

Geht man von Bornu westwrts, so stsst man zunchst auf die grosse
Nation der Haussa, augenblicklich von den Fulan oder Fellata beherrscht.
Ehedem auch unter grossen nationalen und despotischen Dynastien stehend,
sind ihre Begrssungen auch natrlich sehr ceremonis. Eine Frau
begrsst z.B. einen Mann nur knieend und unterwegs kniet sie so lange
nieder, bis der Mann vorber ist; tragen sie dabei eine Brde auf dem
Kopfe, so setzen sie dieselbe ab. Der mnnliche Theil der Bevlkerung
macht weniger Umstnde, namentlich wenn es sich um Gleiche dreht; eine
einfache Berhrung der Finger, die man hernach zum Munde fhrt, mit dem
auch in Bornu eingefhrten Ausruf _Ssnno, ssnno_ oder _l'fia_ reicht
gewhnlich hin. Als Zeichen der Freude, namentlich bei einem frohen
Zusammentreffen, haben die Haussaer _etjau-etjau_.

Sind sich zwei Individuen nher bekannt, so erkundigen sie sich
specieller nach dem gegenseitigen Befinden: "_Akekke_", "wie bist Du?",
"_kol l'fia_", "mit dem Frieden", d.h. sehr gut, oder "_kenna l'fia_",
"wie geht's?", was der Andere mit "_ranka schidde tol amrek_" ("ich
danke, Gott verlngere deine Existenz", wovon die letzte Hlfte Arabisch
ist) erwiedert. "_Allah schibka ioreih_" ist der den Segen Gottes auf
das Haupt eines Freundes erflehende Schlussgruss.

Vor einer hheren Person oder einem Knige werfen sich die Haussaer wie
die Kanri in den Staub und streuen sich etwas Sand auf das Haupt oder
machen doch die Bewegung nach. Allgemein ist auch die Sitte, dass ein
Niederer, falls er vor einem hher Gestellten sich zeigt, die Tobe von
den Schultern zurckzieht, und fast alle Negerstmme einschliesslich die
Kanri haben in ihrer Sprache einen besonderen Ausdruck fr dies
Zurckschlagen.

Ganz anders in ihrem Auftreten sind die Fulan oder Fellata, die sich
selbst Pullo nennen und in Skoto und Gando zwei der mchtigsten und
grssten Reiche in Centralafrika gegrndet haben. Dies rthselhafte
Volk, nach dessen Ursitzen man bis jetzt vergeblich gesucht hat und von
dem man nicht weiss, ob man es zu den Negern, zu der Malayischen oder
der weissen Rae rechnen soll, und das hauptschlich zwei Hauptstmme
bildet, die sogenannten Bornu-Fulan und die Mele-Fulan, ist zum
Theil, und namentlich die Mele-Fulan, schon vor Zeiten zum Islam
bergetreten, whrend auch noch Viele und namentlich die, welche dem
Nomadenleben treu geblieben, Heiden sind. Sie haben durch ihre lange
Praxis der mohammedanischen Religion Vieles aus dem Arabischen entlehnt.

"_Allah rhina, Allah rhina_" rufen sie sich beim Begegnen zu und es
entspricht dies unserem "grss' Dich Gott", das l'fia haben sie
ebenfalls wohl aus dem Arabischen bekommen und ihr _mad' Allah, mad'
Allah_, welches bei ihnen einen besonderen Grad von Zufriedenheit
bedeutet und fr "danke" gebraucht wird, lsst sich auf das Arabische
zurckfhren. Immer freies, nie geknechtetes Volk haben die Fellata gar
keine besonderen Ceremonien beim Grusse und in Garo-n-Bautschi (Jakoba)
hatte ich Gelegenheit zu sehen, wie bei den ffentlichen Audienzen, die
der Sultan oder, wie die Pullo ihn tituliren, Lmedo gab, Jeder ohne
Umstnde sich nhern konnte.

Um "guten Morgen" auszudrcken, bedienen sich die Fulan des Wortes
_ualidjim_, um "guten Abend" zu sagen, des Wortes _infinidjim_;
ausserdem schalten sie berall _udi, dumbdi_ ein, Worte, die sich
nicht genau bersetzen lassen, aber einen besonderen Grad von
Zufriedenheit und Freude ausdrcken sollen.

Fast ganz fremd vom Einflusse des Arabischen sind die Grsse der am
Bnue ansssigen Stmme der Afo- und Bassa-Neger. Obschon sie von den
Haussaern das _Ssnno-ssnno_ und _l'fia-l'fia_ herbergenommen haben,
wenden sie es jedoch selten unter sich an, alle Fremde dagegen
bewillkommen sie mit dem Arabischen Grusse _mbah-mbah_
(zusammengezogen aus marabah), der ihnen jedoch auch nur durch
Vermittelung von Haussa zugekommen ist. Vollkommene und echte
Fetischanbeter haben sie aber sonst von den religisen Grssen der
Araber gar keine und beim Begegnen unter sich haben sie den
eigenthmlichen Gebrauch, dass sie sich den Vorderarm an einander legen,
der Art, dass einer dem anderen den Ellenbogen umfasst, dabei ussern
sie dann ihre nationalen Grsse _kundo-kundo kundore, kundokora_, die
sie je nach den Umstnden lngere oder krzere Zeit wiederholen. Da sie
nur kleine, von einander unabhngige Staaten bilden, so ist bei ihnen
von Hoch und Niedrig keine Rede.

Die, welche hauptschlich den Schiffsverkehr auf dem unteren Bnue
besorgen, rufen sich im Vorbeifahren die einfachsten Vokale zu, und wenn
sie ihr Kanoe nicht anhalten, um mit dem Fhrer des entgegenkommenden
Baumstammes einige Zge aus der langen Pfeife, die Alle immer bei sich
haben, zu rauchen, so lassen sie es von Weitem bei Ea, o, a, o, o, a,
ea, o, a, o etc. bewenden. Sie rufen sich dies so lange zu, wie sie
ihre Stimme hren knnen.

Die am Niger ansssigen Nyfe-Vlker, welche Theil eines mchtigen
Knigreiches sind, haben viel ausgebildetere Formen und Worte, um den
Gruss auszudrcken, als die eben genannten Bassa- und Afo-Neger.

Beim Begegnen machen sie eine knixende Verbeugung, ja untergeordnete
Leute bleiben so lange in knixender Stellung, bis der ganze Gruss
vorber ist. Dabei nehmen sie den Hut nach Art der Europer ab, sowohl
wenn sie sich als Gleiche grssen als wenn ein Untergebener sich vor
einem Hheren befindet. "Guten Tag" drcken sie durch _belni_ aus,
worauf der Angeredete mit _madjiob_, ich danke, oder _aku-beni_, wie
geht es? antwortet. Beim Weggang sagt man _meeda_, ich gehe, und erhlt
dann ein _ssassamidji_, grsse zu Hause, mit auf den Weg. Abends bietet
man _aku-be-gdi_, guten Abend, und bekommt _odjilo-suni_ zurck. Beim
Aufstehen fragt man _uanni_, hast du gut geschlafen?, oder
_aku-bolsun_, hast du die Nacht gut zugebracht?

Vor ihrem Frsten--in diesem Augenblick ist es Knig Massaban--sind die
Nyfenser sehr demthig. Ich bemerkte, dass, so oft der Knig einem der
Anwesenden etwas Schmeichelhaftes sagte oder ihm einige Kola-Nsse,
welche berall in Central-Afrika bei den Negern unseren Kaffee
vertreten, gab, der so beglckte Neger an die Thre eilte, sich
prosternirte, indem er dem Knig den Rcken zuwandte, und Sand auf sein
Haupt warf, ohne weiter Etwas dabei zu reden.

Leider gingen mir beim Uebersetzen von Ikordu nach Lagos, wo einer der
frchterlichsten Tornados noch am Schlusse der Reise uns fast alle durch
Schiffbruch dahin gerafft htte, meine Papiere, welche die interessanten
Aufzeichnungen ber die Grussformen der Yruba-Neger enthielten,
verloren. Durch die zahlreichen Missionen, dann durch die vielen Bcher,
welche ber die Yruba - Sprache durch den gelehrten Bischof Crowther
(ein ehemaliger Sklave und jetzt ein tchtiger Verbreiter des
Christenthums und der Civilisation unter den Negern) herausgekommen
sind, lassen sich indess Details leicht bekommen.

Die Yruba sind das hflichste und demthigste Volk der Welt. Niemand
begegnete uns in den dichten Urwldern, der nicht sein _aku-aku_ oder
_aku-abo_ gerufen htte; unter sich beknixten sich die Mnner und
blieben oft in knixender Stellung, bis sie sich ausgegrsst hatten. Vor
ihren Huptlingen und Knigen werfen sie sich platt auf den Bauch und
legen oft noch die rechte und dann die linke Wange in den Staub. Erst
auf einen Wink oder ein Wort vom Knig erheben sie sich, um in hockender
Stellung zu reden.

Bei den Idjebu (s. Grundemann's Missions-Atlas), die eigentlich nur ein
Zweig der Yruba sind, ist ebenfalls das sich auf den Bauch Werfen
gebruchlich, nur wird es noch, sobald das Individuum sich auf die Erde
geworfen hat, mit einem eigenen Schnalzen der Finger der rechten Hand
begleitet, indem sie den rechten Arm dabei rechts seitwrts vor sich her
schleudern. Es machte einen ganz komischen Eindruck, wenn Knig Tapper
in Lagos, der jetzt von den Englndern pensionirt ist, in die
O'Swald'sche Faktorei kam, um mit uns zu frhstcken, wie smmtliche
Sklaven, sobald sie denselben erblickten, aus alter Ehrfurcht wie auf
Kommando sich auf die Erde warfen und mit den Fingern der Rechten ein
Schnippchen schlugen bei fortwhrendem Rufen von _aku-aku_.

Nachstehende Negergrsse verdanke ich den freundlichen Mittheilungen der
Herren Wiedmann und Locher, die, an der Westkste von Afrika als
Missionre der Basler Gesellschaft stationirt, ihrer Gesundheit halber
nach Europa herbergekommen sind.

Die Akkra-Neger (an der Goldkste) begrssen sich des Morgens mit
_Awuo_, ausgeschlafen?, worauf der Angeredete erwidert _miwuo djogba_,
ich habe gut geschlafen. Beim Begegnen rufen sie _henni odje_, wo kommst
Du her?, und der Angeredete sagt _Ble-o_, Friede, oder auch _eiko_,
Glck auf, und _yae_, ich danke. Letzteres sagt man besonders, wenn man
Leuten begegnet, die eine Last tragen oder beim Arbeiten sind. Die
Akkra-Vlker nehmen den Hut ab und machen eine Verbeugung; sind sie mit
einer Tobe bekleidet, so muss dieselbe zurckgeschlagen werden,
namentlich vor Hheren streift man sie von den Schultern.

Betreten sie ein Haus, so fragen sie _Teoyoteng_, wie geht es?, und
erhalten _miye-djogba_, ich bin wohl, zur Antwort. Beim Abschiede des
Abends sagen sie _miya wo_, ich gehe schlafen, und der Andere erwidert
_ya wo djogba_, geh', schlafe wohl.

Ausserdem haben die Akkra eine Menge Redensarten, um sich nach
Abwesenden zu erkundigen: _Djebi_, wie geht's den Leuten dort?
_Ameye-djogba_, sind sie wohl? _Yeikebukeho_, wie geht's den Weibern,
den Kindern und den Schwangeren? (nach Herrn Locher liegt dies Alles in
dem Einen Wort). _Ame fe ame ye djogba_, sie alle sind wohl. Ueberdies
bemerkt Herr Locher, dass bei den Akkra-Negern jetzt berall das
Englische _good morning_ eingebrgert sei, wie das berhaupt wohl an der
Kste von Guinea der Fall ist.

Noch complicirter gestaltet sich nach Herrn Wiedmann bei den Tji-Negern
(Otji-tribes, Grundemann) das Grssen. Fr "guten Morgen" haben sie
_magye_, fr "guten Tag" _mahao_, fr "guten Abend" _madyo_. Im
Allgemeinen ist der Gegengruss _Ya-aherar_ oder _Ya-adyo_. Dann aber
richtet sich, was merkwrdig genug ist, Gruss und Gegengruss nach dem
Tage der Geburt; so ist Frage und Antwort z. B. ganz verschieden, ob ein
Individuum Montags, Dienstags oder an einem anderen Wochentage geboren
ist. Ein Montags Geborner z.B. bekommt _ya eisi_ zum Gruss.

Fr "gute Nacht" sagen die Tji-Neger _me-nopo_ und erhalten _ya da ya_
zur Antwort. Wie befindest Du Dich? drcken sie durch _Wo ho tedeng_ aus
und _me ho ye_, ich bin wohl. Sie erkundigen sich durch _ming mu ye_,
wie steht's in der Stadt?, und erwidern darauf _ming mu ye fu_, in der
Stadt steht's gut.

Begegnen sich zwei, so ist der gewhnliche Gruss _aichia_, Wo kommst Du
her? _Wufike_, oder von wo bist Du? _wokohe_. Endlich _nante ye_, reise
glcklich. Fr Willkommen haben die Tji-Neger mit allen Yruba-Vlkern
das _aku-abo_ gemein. Hufig mischen sie ein _me adamfo_, mein Freund,
mein Wohlthter, unter ihre Grsse. Besondere Ceremonien beobachten die
Tji-Neger bei ihren Grssen nicht.




Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Anatola, April/Mai 1868.[9]


Am 13. April 1868 wehte die englische Flagge auf den drei Amben von
Magdala, freilich nur fr einige Tage, aber ein Ereigniss wichtig genug
mit seinen damit verknpften Erfolgen, immer eine der merkwrdigsten
Thaten der Englischen Armee, welche sie bis jetzt vollbracht hat, zu
bleiben. In der That, die Befreiung der europischen Gefangenen, die
Vernichtung des abessinischen Heeres, der Tod des Negus Negassi, die
Einnahme von Magdala erfolgten so rasch nach jenem beschwerlichen
Marsche durch Abessinien, dass selbst wir Theilnehmer der Expedition uns
oft hinterher fragten, wie Alles so schnell und glcklich zu Ende kommen
konnte. Und Magdala, fr einige Monate der Aufenthalt der europischen
Gefangenen, von Theodor fr unberwindlich gehalten und daher als sein
letzter Zufluchtsort ausgesucht, dann fr einige Tage Standquartier
einer englischen Brigade, ist jetzt nur noch, was es ursprnglich war,
ein interessanter Punkt, denn wohl schwerlich werden die plndernden
Galla etwas noch Brauchbares dort oben lassen, sie werden die Kirche
zerstren und hchst wahrscheinlich die Gebeine ihres Erzfeindes, der
bei seinen Lebzeiten Tausende ihrer Brder mit kaltem Blute erwrgte, in
alle Winde zerstreuen.

Etwas sdlich von Beschilo sich erhebend sendet der Magdala-Berg seine
Bche diesem Flusse zu, welcher nach Aufnahme der Djidda dem blauen Nil
oder Abai zufliesst. Der Magdala-Berg selbst besteht aus drei
verschiedenen oben flachen Amben oder Plateaux, dem nrdlichen oder
Selasse, dem westlichen Fala und dem eigentlichen Magdala, welches am
weitesten nach Sden zu liegt. Die Vegetation in dieser Gegend ist
reichlich und besteht meist aus Mimosen, aber zur Zeit unserer
Anwesenheit war Alles vertrocknet und verbrannt und nur der in
Abessinien berall vorkommende Kandelaber-Baum (Kolkual-Euphorbia)
bringt etwas Abwechselung in die Gegend. Das Gestein ist durchaus
vulkanisch um Magdala und namentlich die nahen Bnke des Baschilo
zeigen die schnsten Basaltsulen. Von der Thierwelt der Umgegend ist
nichts besonders Merkwrdiges zu berichten, wenn man nicht in der Kfer-
und Insektenwelt nach Neuem suchen will, und dann muss man zur Regenzeit
dort sein. Grosse reissende Thiere scheinen selten zu sein und selbst
Hynen hrten wir fast gar nicht, freilich hatten sie vollauf zu thun,
da gerade vor unserer Ankunft Knig Theodor am Charfreitag zweihundert
abessinische Gefangene in einen Abgrund hatte strzen und auf die etwa
Ueberlebenden schiessen lassen. Einheimische Bevlkerung giebt es
augenblicklich nicht mehr in Magdala nach dem grossen Exodus, den die
Englnder nach dem Tode Theodor's veranstaltet haben. Die, welche wir
vorfanden, waren aus ganz Abessinien zusammengetrieben, aus Semien, aus
Tigre, aus Godjam, aus Begemmder etc., und jetzt zerstreuen sie sich
wieder, Jeder nach seiner alten Heimath, und so wird Magdala wieder, was
es frher war, Besitz der Galla.

Als am 16. April die meisten Angelegenheiten geordnet waren, d.h. die
wenigen Befestigungen geschleift, dann die Kanonen des abessinischen
Knigs gesprengt, bereitete sich die englische Armee zum Rckmarsch nach
Zula vor und ich, schon frher entschlossen, nicht auf demselben Wege
zurckzukehren, auf dem ich mit der Armee gekommen war, trennte mich
gleich hier von ihr. Freilich konnte ich meinen ursprnglichen Plan, den
Dembea-See und Gondar zu besuchen, nicht ausfhren; theils war die
Regenzeit vor der Thr, theils sollten, was sich aber als falsch erwies,
die Gegenden nach Westen hin unsicher sein; aber ich beabsichtigte,
wenigstens ber Lalibala nach Sokota zu gehen, um durch eine neue Route
der Geographie ntzlich zu sein.

Man wird zwar wenig Neues auf diesem meinem Wege finden; Abessinien ist
nach allen Richtungen so von Reisenden durchkreuzt, Land und Sitten sind
so ausfhrlich beschrieben worden, dass man von der kurzen Zeit, die mir
vor den Tropenregen blieb, nicht viel erwarten wird. Ich weiss auch
nicht so interessante Abenteuer zu berichten, wie sie Bruce erzhlt,
glaube aber auch, dass das nur Ausnahmsflle sind. Man darf das Leben
und die Sitten eines ganzen Volkes nicht nach einzelnen Vorfllen
beurtheilen, und wenn ein Fremder zufllig in Berlin oder Hamburg eine
jener Bacchanalien mitgemacht, wrde er sehr Unrecht haben, wenn er
danach auf die Sitten des ganzen deutschen Volkes schliessen wollte.
Eben so Unrecht wrde es sein, weil Theodor und natrlich alle seine
Soldaten, die blindlings jeden seiner Winke vollstreckten, Ungeheuer von
Grausamkeiten waren, diess dem ganzen abessinischen Volke aufbrden zu
wollen.

Fr uns ist Abessinien hauptschlich interessant, weil sein Volk durch
Jahrhunderte hindurch vom Islam umgeben den christlichen Glauben bewahrt
hat, obgleich das Christenthum der Abessinier Nichts mit der Lehre
gemein hat, wie sie heut zu Tage der gebildete Europer auffasst. Zur
Zeit der portugiesischen Expedition unter Rodrigo und Alvares fanden
diese zwar viele Anknpfungspunkte mit der abessinischen Religion, aber
weil damals in Europa die christliche Religion fast nur in
Aeusserlichkeiten bestand, konnte sich Alvares darber wundern, dass die
Messe nicht ganz wie bei den Portugiesen abgehalten wurde, dass man
ausser der ersten eine alljhrliche Taufe beobachte, dass man die
Beschneidung beibehalten habe und ausser dem Sonntag den Samstag heilig
halte. Zu unserer Zeit, wo man im Christenthum etwas ganz Anderes sieht
als die Beobachtung usserer Gebruche, wrden wir hchstens sagen, die
Abessinier seien dem Namen nach Christen, dem Wesen nach aber Islamiten
oder Juden, d.h. Solche, deren Religion sich nur auf die Vollziehung
usserer Gebruche basirt.

Aber nicht nur sein Volk ist es, was uns Abessinien so interessant
macht, das Land selbst, die Pflanzen- und Thierwelt, die es
hervorgebracht hat, mssen uns das grsste Interesse einflssen.
Abessinien ist in Afrika ein Land fr sich, was die Schweiz fr Europa
ist, ist es fr Afrika, und wenn wir die Schweiz und Tyrol ein sehr
durchschnittenes Gebirgsland nennen, so ist Abessinien ein Chaos.

Am 17. April verliess ich die Armee bei Arodje, um noch denselben Tag im
Baschilo zu lagern. Die steilen Ufer dieses Flusses, welcher ein mehrere
tausend Fuss tief eingeschnittenes Bett hat, liessen es mir meiner
Transportthiere halber wnschenswerth erscheinen, die Etappe
Arodje-Talanta in zwei zu trennen. Wir hatten vom Lager bis an den Fluss
nur einige Meilen, aber entsetzlich genug war dieser Weg: der Auszug der
entwaffneten Armee Theodor's dauerte nun schon seit drei Tagen, hier
sterbende Menschen, dort von ihren Eltern verlassene Kinder, hier eine
in Verwesung bergehende Leiche, dort ein Gerippe und auf jedem Tritt
und Schritt das Aas eines Pferdes, Esels oder Maulthieres. Der Weg nach
dem Baschilo war so begangen wie einer der frequentesten Zugnge zu
einer europischen Hauptstadt; da kamen Elephanten, welche die grossen
Armstrong-Kanonen und Mrser, unntz wie die Elephanten selbst in der
Expedition, transportirten, hier eine Abtheilung englischer Soldaten,
dort Auswanderer aus Magdala, hier die ehemaligen Gefangenen, der Syrier
Rassam und Herr Cameron, durch seine langen Entbehrungen entkrftet,
dort die brigen Europer, die bei Knig Theodor gelebt hatten; Herr Dr.
Schimper in seinem rothseidenen Ehrenkleide, auf einem Maulthiere
reitend (letzte Geschenke des verstorbenen Knigs), mit seinem spitzigen
Hute und langem weissen Barte  la Tilly eher einem Zauberer des
Riesengebirges hnlich als einem deutschen Gelehrten, htte nicht die
lange Pfeife, die selbst auf dem Maulthiere unseren Pflanzensammler
nicht verliess, gleich den Deutschen verrathen; dann Herr Zander, einem
Patriarchen gleich mit seinem langen grauen Barte, dort eine englische
Lady, freilich nicht mehr ganz nach der letzten Leipziger Mode
gekleidet, Missionre, die, sich in Abessinien wenig um Religion
kmmerten, denn kein Kind wurde zu einem Christen erzogen, noch irgend
eine Schule angelegt.--Alles strmte nach Norden, froh, Magdala fr
immer Adieu gesagt zu haben.

Wir fanden den Baschilo etwas niedriger, als vor Zeiten, der Regen hatte
seit einigen Tagen wieder nachgelassen, wie das in Abessinien
alljhrlich vorkommen soll. Abessinien hat nmlich an der Kste eine
Regenzeit, welche mit dem Regen des mittellndischen Meeres
correspondirt, dann eine sogenannte Vorregenzeit im April, endlich die
eigentliche Regenzeit, die Anfang Juni eintreten soll. Auf diese
Abnormitten hat ohne Zweifel die Gebirgsnatur grossen Einfluss, ich
glaube aber, fr Sd-Abessinien, d.h. vom 10 an sdlich, wrden
aufmerksame Beobachter kein Aufhren des Regens constatiren knnen,
sobald die Sonne den Zenith des Grades bertreten hat. Selbst nrdlich
vom 12 hrten die seit Mitte April eingetretenen Regen nicht ganz auf,
nur waren sie schwcher, natrlich verminderte die Klte der Luft bei
dem durchschnittlich ber 7000 Fuss hohen Boden des Landes bedeutend die
Wirkung der senkrechten Sonnenstrahlen und somit den Niederschlag.

Wir lagerten im Baschilo, freilich nicht unter den angenehmsten
Verhltnissen: Gefangene, abessinische Auswanderer, darunter auch die
beiden Frauen von Theodor, Durenesch (weisses Gold), eine Tochter von
Ubie, und Csero Tamea, Wittwe eines frheren Galla-Chefs und nachher
zweite Frau Theodor's, Alles war bunt unter einander. Dazu die grosse
Hitze, am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang noch 25, whrend auf
Talanta um die Zeit vor Sonnenaufgang die durchschnittliche Temperatur
blos + 5 zu sein pflegt. Man mchte beinahe sagen: Es ist gut, dass die
ganze Gegend durch Theodor entvlkert ist, denn sicher wrde das
Baschilo-Thal, wenn jetzt Menschen dort wohnten, eine Pest- oder
Cholera-Grube werden. Aber ein Racheengel scheint ber diese Gegenden
hingegangen zu sein, kein Haus, kein Dorf, kein lebendes Wesen, ausser
auf der von den Englndern eingeschlagenen Strasse, so weit das Auge
blicken kann, eine trostlose Todtenstille, und um das Bild noch
trauriger zu machen, ist Alles pechschwarz vom Brande, kein grnes Blatt
oder Halm mehr zu sehen, und selbst die Thierwelt scheint verschwunden
zu sein, man hrt kaum Singvgel, nur Affen, meist langbrtige, ziehen
in grossen Heerden bellend und klffend an den steilen Basaltwnden hin.

Der Marsch am folgenden Tage war nicht angenehmer. Obgleich ich lange
vor Sonnenaufgang aufgebrochen war, um nicht mit dem Strom von
abessinischen Leuten zusammenzukommen, so fand ich doch den steilen Weg
zur Talanta-Hochebene hinauf eben so voll wie am Tage zuvor den nach dem
Baschilo hinunter. Dieselben Scenen wiederholten sich. Dieser Weg, den
Theodor mit so vieler Mhe angelegt hatte, um die grossen Kanonen, die
Ursache seines Unterganges, nach Magdala zu bringen, ist nichts
weniger, als was wir in Europa unter einer knstlichen Bergstrasse
verstehen, der Abfall ist meist so steil, dass ihn europische Wagen nie
htten befahren knnen. In Talanta fanden wir ein ganzes englisches
Lager vor, denn die zahlreiche Kavalerie, die Sir Robert unntzer Weise
nach dem gebirgigsten Lande der Welt mitgenommen, hatte hier
zurckbleiben mssen. Abends kam Sir Robert auch nach und bis auf eine
kleine Reserve war jetzt Alles von der englischen Armee auf dem rechten
Ufer des Baschilo. Nachdem der General am folgenden Tage noch so
freundlich gewesen war, mir zur Bewaffnung meiner Diener die nthigen
Doppelflinten aus dem Nachlass des Knigs Theodor zu geben, liess ich
die englische Armee auf Talanta zurck, um meine eigene Reise
anzutreten. Es war freilich Mittag geworden, indess hoffte ich noch
Djidda zu erreichen, um dort die Nacht zuzubringen.

Kaum hatten wir begonnen, den steilen ber 3000 Fuss tiefen Abhang von
Talanta ins Djidda-Bett hinab zu steigen, als ber 500 waffenlose Leute
jeden Alters und jeden Geschlechtes, Auswanderer aus Magdala oder
Ueberreste der abessinischen Armee, sich uns anschlossen um unter
unserem Schutz durch die Djidda zu gelangen. Erst am Tage vorher nmlich
war eine Abtheilung solcher Leute von raubschtigen Galla-Horden rein
ausgeplndert, Einige sogar getdtet und Andere verwundet worden. Die
zahlreichen Schluchten in den basaltischen Ufern der Djidda boten diesem
Gesindel die gnstigsten Schlupfwinkel. Alles ging indess Anfangs gut,
ich liess den ganzen Zug von Mnnern, Weibern und Kindern mit ihren
Pferden, Eseln und anderem Vieh vorausmarschiren und dachte an Nichts
weniger als an einen Angriff, als auf dem Plateau von Aberkut, welches
gerade halbwegs zwischen der Talanta-Hhe und dem Djidda-Bette eine
breite Stufe bildet, die abessinischen Flchtlinge von Leuten aus
Aberkut selbst angegriffen wurden. Da sie weit voraus waren, so konnte
ich nicht gleich verhindern, dass einige Maulthiere und Esel
weggetrieben wurden; sobald mich indess die feigen Plnderer ansprengen
sahen, von meinen mit Doppelflinten bewaffneten Dienern gefolgt, flohen
sie davon und selbst drei Thiere konnten wir ihnen wieder abjagen. Etwas
weiter stiessen wir dann noch auf Galla, aber sie hielten sich ausser
Schussweite, denn einige Kugeln, die wir ihnen nach ihrer Schlucht
hinber sandten, trafen oder reichten nicht.

So kamen wir glcklich in die Djidda-Sohle, wo wir dies Mal fliessendes
Wasser fanden, was beim Hinmarsch nicht der Fall gewesen war. Wir
stiessen hier auf ein Detachement Elephanten, konnten also in grsster
Sicherheit die Nacht kampiren. Freilich wurde unsere Nachtruhe manchmal
durch das nahe Geheul von Hynen oder durch das rollende Grunzen der
Elephanten unterbrochen, wir kannten jedoch die einen als unschdliche
Feinde, die anderen als beschtzende Freunde. Diese gelehrigen Thiere
hatten Tags vorher die Mrser und grossen Kanonen herunter gebracht und
als sie an der Djidda ankamen, war ich gerade Zeuge, mit welchem
Wohlbehagen sie sich zur Abkhlung den ganzen Krper mit Wasser
bespritzten; auf die Stimme ihres Fhrers, eines indischen Soldaten,
nahmen sie sich indess wohl in Acht, auch nur das kleinste Trpfchen auf
die Metallwaffen zu blasen, die sie mit derselben Leichtigkeit daher
trugen, wie ein preussischer Soldat seine Zndnadel.

Auch die Djidda hinauf war ich immer noch in der traurigen Lage, von
halb verhungerten und sterbenden Abessiniern aus Theodor's Armee und
Magdala begleitet zu sein, abgesehen davon, dass die Luft verpestet war
von unbegrabenen Leichen und unzhligen Kadavern von Thieren, theils vom
frheren Durchgange der Armee Theodor's, theils von dem der englischen
Armee. Ohne mich aufzuhalten, passirte ich durch Bit-Hor, wo ich ein
grosses Magazin fr die englische Kavalerie eingerichtet fand, und durch
Sindi, wo unter dem Schutze des englischen Sind Horses-Regiments Alles,
was von der Armee Theodor's und den ehemaligen Einwohnern Magdala's
lebendig bis Uadela heraufgekommen war, lagerte. Der Anblick dieser
dahin sterbenden Menschenmasse berhrte mich so, dass ich trotz der
Erschpfung meiner Maulthiere weiter ritt; wie aus dem Bereiche der
Abessinier Theodor's kam ich damit zugleich aus dem Bereiche der
englischen Armee. Was, dachte ich, wird aus diesen elenden Menschen, die
heute noch unter dem Schutze des englischen Namens dahin ziehen, wenn
sie morgen allein ihren abessinischen Brdern gegenber stehen? Meist
aus Begemmder und den Gegenden von Tabor und Dembea haben sich die
Soldaten durch ihre Mord- und Gewaltthaten so verhasst gemacht, dass
Niemand Mitleid mit ihnen haben wird. Aber selbst wenn Keiner als Opfer
der Blutrache fllt, werden die Meisten umkommen, denn nur wenige haben
Lebensmittel und diese mit Gewalt zu nehmen, wie es frher Gewohnheit
dieses Gesindels war, dafr hatte Sir Robert Napier dadurch gesorgt,
dass er ihnen auch die geringsten Waffen hatte abnehmen lassen. Nach
einer ungefhren Schtzung der kleinen schwarzen Zelte, welche in Sindi
aufgeschlagen waren, und nach frheren Ueberschlgen, als ich diese
Menschenmasse whrend drei Tagen von Magdala herunter strmen sah,
musste ich die Zahl derselben auf 50 bis 60,000 schtzen.

Ich ging noch an demselben Abend bis Abdikum, wo ich dicht bei dem Dorfe
und an der Seite der steilen Basaltblcke, auf welche die Kirche erbaut
ist, mein Zelt aufschlug; freilich hatte ich nicht verhindern knnen,
dass einige bettelnde Abessinier aus Magdala sich mir anhingen, sie
behaupteten, denselben Weg gehen zu wollen, wie ich. Abdikum ist ein Ort
von ziemlicher Ausdehnung, wie alle Ortschaften in hiesiger Gegend
weitlufig gebaut sind, der Art, dass eine Menge kleiner Htten Gehfte
bilden, in denen drei oder noch mehr Familien zusammen hausen. Die
Kirche von Abdikum hat nichts Merkwrdiges, wie die meisten in
Abessinien ist es eine grosse runde Htte, von Stroh roh berdacht und
mit einem usseren Gange umgeben, der fr die Weiber bestimmt ist,
welche die Kirche selbst nicht betreten drfen. Im Inneren befindet sich
das Allerheiligste, viereckig inmitten aufgemauert und der Art, dass der
Hochaltar gegen Osten gerichtet ist. Das Allerheiligste, oft durch
hlzerne Thren verschlossen, meist aber nur durch Vorhnge aus Kattun
abgetrennt, darf nur von ordinirten Priestern betreten werden. Zwei
lngliche Steine, die hart sein mssen, damit sie einen hinlnglich
starken Klang geben, und die meist in den Zweigen der Bume hngen,
welche jede abessinische Kirche beschatten, dienen als Glocken,
wirkliche findet man nur in den reichsten Kirchen. Einige Rucherfsser,
Kreuze, grosse Folianten aus Pergament, die Kleider, welche die Priester
bei den Messen und Hochmtern umlegen, Trommeln und eiserne Handschellen
sind der ganze Apparat einer jeden abessinischen Kirche und je nach
Alter und Grsse sind sie mehr oder weniger reich dotirt, aber es giebt
einige, die selbst nach europischen Begriffen wirklich reich
ausgestattet sind.

Derartig war die Kirche in Abdikum nicht, sie gehrte zu den weniger
begnstigten; was mich aber verlockte, am anderen Morgen frh hinauf zu
klettern auf die wunderlichen Felsblcke, das war die unvergleichliche
Aussicht, die man dort auf die hohen Gebirge sdlich von Magdala hat,
die Kollo-Berge, und um einen letzten Blick auf Magdala selbst zu
werfen.--Im Bereiche der englischen Armee war natrlich Alles theuer,
die Leute hatten sich daran gewhnt, Alles mit Silber aufgewogen zu
bekommen, und so lebte ich in Abdikum an dem Tage fr sieben
Maria-Theresia-Thaler und hatte dafr Brod, Gerste, Butter, eine Ziege
und Honig und als Gastgeschenk am Morgen etwas Milch zum Kaffee.

Am anderen Morgen schlug ich einen neuen Weg ein, anstatt nach Sentara
zu gehen, um dem englischen Armeeweg zu folgen, schlug ich die Richtung
von 330 ein und langte ber eine gewellte Gegend, die reich mit
Gehften und Heerden bedeckt war, Abends am Rande des Uadela-Plateau's
an. Wir hatten die grossen Orte Tebabo und Boa passirt und obgleich die
Gegend keineswegs schn zu nennen war, denn es fehlte die Abwechselung,
so wurde doch das Auge erfreut durch grosse Heerden schwarzer Schafe,
durch Leute, die friedlich den Pflug handhabten (_von allen schwarzen
Vlkern sind die Abessinier die einzigen, die den Pflug bei sich
eingefhrt haben_); man sah, der Krieg war vorbei, es herrschte hier
Sicherheit und Friede. Der Rand des Uadela-Hochlandes ist steil und
basaltisch, er fllt bei Sindina, wo wir am Abend lagerten, in
NNO.-Richtung gegen den Takaze zu ab und man hat von hier aus die
entzckendste Aussicht auf den Takaze und die Schedeho-Landschaft. Die
Abessinier rechnen zwar Sindina nicht mehr zu Uadela, sie bezeichnen
vielmehr mit diesem Namen nur das Land zwischen Schedeho und Djidda,
aber im geographischen Sinne ist die Hochebene, welche zwischen dem
Takaze und der Djidda liegt, nicht davon zu trennen, es ist ein
zusammenhngendes Ganze. Ganz anders verhlt es sich mit Talanta und
Daunt, welche beiden Tafelberge durch einen tiefen Einschnitt von
einander getrennt sind; berdiess ist Daunt wenigstens 500 Fuss tiefer
als Talanta. Sindina ist ein grosser Ort oder Distrikt, wenn man so
will, wie Abdikum, Tebabo und Boa.

Ein schweres Stck Arbeit blieb nun zu thun brig, denn wenn die
Durchgnge durch Beschilo und Djidda auch mit grossen Schwierigkeiten
verknpft gewesen waren, so hatten wir doch einen Weg vorgefunden
gehabt; da, wo Theodor seine grossen Kanonen hinab und hinauf gebracht
hatte, konnten wir natrlich mit unserem leichten Gepck auch
fortkommen. Aber es handelte sich nun darum, das steile Ufer bis an den
Takaze hinab zu klimmen, wo nur ein kleiner Pfad fr Menschen vorhanden
war. Nachdem der alte Fhrer verabschiedet und ein neuer gemiethet war,
machten wir uns frh Morgens auf.

Der Weg war natrlich der Art, dass an Reiten nicht zu denken war. Jede
Wendung um einen der zackigen Felsblcke bot ein anderes Bild und
entschdigte reichlich fr die Mhe und Arbeit, die man durch das
Herabklettern hatte. Freilich waren meine Burschen nicht so zufrieden,
denn oft mussten die Maulthiere abgeladen und Kisten und Pakete auf dem
Kopfe weiter geschafft werden. Mir selbst passirte das Unglck, dass
bei einem Sprung von einem Felsblock mein Taschenkompass aus dem Rock
flog und unwiederbringlich in einen tiefen Abgrund geschleudert wurde.
Wir trafen hier auf die seltsamsten Basaltsulen, die ich je in Afrika
vorgefunden habe und wie sie vielleicht nur noch in der Fingal-Grotte
anzutreffen sind; mehrere Hunderte von steinernen Mastbumen, ca. 50
Fuss hoch und alle von einander getrennt, bildeten einen Basaltwald, wie
man ihn nirgends schner finden kann. Das Herabsteigen nahm uns,
obgleich der Weg wohl kaum mehr als 6 englische Meilen lang war, bis
Mittag in Anspruch, dann erst standen wir an den rieselnden Wassern des
Takaze, der hier vollkommen in Westrichtung fliesst. Als wir hier einen
Augenblick rasteten, kamen zwei Leute auf uns zu und fragten, wo der
Negus inglese (Sir Robert Napier) sich aufhalte. Auf meine Gegenfrage,
was sie von ihm wnschten, sagten sie, dass Meschascha schon seit Jahren
fnf von ihrer Familie gefangen halte und sie des englischen Negus
Frsprache zu deren Befreiung anflehen wollten. Als ich dann fragte,
warum Meschascha dieselben im Gefngniss halte, erwiderten sie: "Weil
wir reich sind, wir wollen aber lieber dem Negus inglese zahlen als
Meschascha, denn dann wissen wir, dass sie wirklich befreit werden." Ich
sagte ihnen, dass Sir Robert Napier, falls er die Sache so fnde, wie
sie aussagten, auch ohne Geld ihnen Gerechtigkeit angedeihen lassen
wrde, und unterrichtete sie dann, wo sie ihn treffen wrden.
Gelderpressungen sind in der That in Abessinien eben so zu Hause wie in
der Trkei und Aegypten.

Noch ein Trunk vom herrlichen Takaze-Wasser und dann ging es weiter nach
dem grossen Dorfe Salit, wo man uns gastlich aufnahm und eine Htte
anbot. Die Htten sind in der Gegend vom Takaze bis Sokota alle sehr
leicht aus Reisern und Zweigen gebaut und mit Stroh gedeckt, whrend in
den hheren Gegenden die Wnde aus Stein, durch Thon zusammengehalten,
aufgefhrt werden. Fr das hiesige Klima reicht diese leichte und
luftige Bauart vollkommen aus, denn bei einer Hhe von 5 bis 6000 Fuss
ber dem Meere hat das Thermometer in der Regenzeit sowohl als in der
trockenen selten unter 15 vor Sonnenaufgang. Eine Schwester
Meschascha's, des derzeitigen Frsten von Lasta, schickte mir Abends
einen grossen Krug Busa oder Gerstentrank, der indess einem europischen
Gaumen gar nicht munden will, obwohl die Abessinier grosse Liebhaber
davon zu sein scheinen. Um sich aufzuregen, msste man solche
Quantitten zu sich nehmen, dass ein europischer Magen gar nicht im
Stande wre, sie zu halten. Ueberdiess widersteht Einem schon die
chokoladenartige Farbe.

Die Gegend um Salit ist hgelig und von einem Halbkreise hoher Berge der
Art eingeschlossen, dass Amba Terrasferri den sdlichen und Amba
Ascheten, an dessen Westabhange Lalibala liegt, den nrdlichen
Sttzpunkt dieses Halbkreises bildet. Sehr arm an Gras, wenigstens in
dieser Jahreszeit, ist die Gegend dafr gut mit Buschwerk, meist
Akazien, bewachsen. Das Gestein ist berall vulkanischer Natur und von
derselben Beschaffenheit wie am gegenberliegenden linken Takaze-Ufer.

Von Lalibala trennte uns nur noch Ein Marsch. Auf halbem Wege
berschreitet man den bestndig Wasser fhrenden Fluss Katschenave, der
stlich beim Orte Aritatta entspringt und in den Takaze fllt. Ein Ort
gleichen Namens liegt an beiden Seiten des Flusses, wo wir ihn
berschritten. Der Weg war an dem Tage ziemlich gut, wenn von guten
Wegen berhaupt in Abessinien die Rede sein kann, und sanft stiegen wir
den Abhang des mchtigen Ascheten-Berges hinauf, wo der grosse Ort
Laktalab liegt.

Je mehr ich ins Land hinein kam, desto hflicher fand ich die Bewohner.
Das war sicher Folge der Einnahme von Magdala und von Theodor's Tod.
Niemand in Abessinien hatte ihn anzugreifen gewagt, selbst als er schon
in den letzten Zgen lag, als ganz Abessinien, alle Provinzen von ihm
abgefallen waren, und da kam nun ein so kleiner Haufen "Frengi", wie die
Abessinier die Europer schlechtweg nennen, und machte diesem
gefrchteten Frsten, der im Bunde mit dem Teufel zu stehen vorgab, in
Einem Tage das schrecklichste Ende. Hatte man vorher ber die Frengi
gespottet, ihnen nachgerufen: "Theodor wird Euch alle kpfen", und
anderes dummes Zeug mehr, so hatte sich jetzt die Verachtung in grsste
Hochachtung verwandelt und ich kann mir denken, wie die eitelen und
prahlerischen Abessinier, die sich wie die Araber und Juden fr ein von
Gott auserwhltes Volk halten, innerlich darunter leiden mussten, so vor
einem kleinen Haufen Europer gedemthigt zu stehen. Waren sie froh,
ihren Erzfeind Theodor los zu sein, so musste dies eitle Volk doch
innerlich einen heissen Neid fhlen, dass sie dies nicht selbst hatten
bewerkstelligen knnen. Indess usserten sie dies nicht laut, im
Gegentheil nie sah ich ein Volk demthiger und kriechender als jetzt.
Nicht genug, dass sich alle Alle, die uns begegneten, so verbeugten,
dass die Hnde vorn bis auf die Erde reichten, ein Gruss, den sie sonst
nie einem Europer, sondern nur ihren Frsten erzeigen, gingen sie immer
mit uns, bis ihnen meine Diener zuriefen, ihres Weges zu ziehen. Ich
wusste Anfangs nicht, was dies zu bedeuten habe, bis man mir sagte, dass
dies das Zeichen der grssten Hochachtung sei. Dicht vor der berhmten
Kirchenstadt begegnete uns ein alter ehrwrdiger Priester, in einer Hand
einen Sonnenschirm, in der anderen einen Kranz tragend, vor der Brust
hatte er ein dickes Pergamentbuch hngen; er gab mir seinen Segen und
sagte dann, ich solle getrost in den heiligen Wallfahrtsort einziehen,
ich sei der erste Frengi, der nach dem Tode Theodor's nach Lalibala
kme, und das brchte mir grosses Glck und Segen.

Ich stieg in Lalibala bei Bischur, dem Schum oder Vorsteher des Ortes
ab, der mir eine seiner Htten zur Disposition stellte, welche fr
gewhnlich den Khen zum Aufenthalte diente. Eine bessere Menschenhtte
schlug ich aus, weil ich die Erfahrung gemacht hatte, dass die
Abessinier nicht nur wie die Araber, Berber und andere Vlker
Nordafrika's reichlich mit Lusen und Flhen gesegnet sind, sondern auch
jede Htte, welche Menschen beherbergt hat, von Wanzen wimmelt. Ich habe
in der That oft den Schmutz der Araber und Berber bewundert, wie
namentlich die Bewohner der Grossen Wste Jahre lang nicht daran denken,
sich oder ihre Kleider zu waschen. Dann aber entschuldigte ich sie
manchmal mit dem constanten Wassermangel, aber hier in Abessinien
bertrifft der Schmutz der Bewohner Alles, was vorkommen kann. Die
Weiber und Mnner schmieren sich fingerdick die Butter in die Haare,
welche nur ein Mal im Leben bei den Frauen zu kleinen Tressen geflochten
werden; kommt die Sonne, so trieft die Butter auf Krper und Kleidung,
so dass diese bald eine so dunkle und schmutzige Farbe wie der Krper
annimmt. Erst wenn Alles in Fetzen fllt, werden die Kleider abgelegt.

Nachdem ich mich etwas gestrkt, ging ich, die verschiedenen Kirchen zu
besuchen, welche schon das Staunen der Portugiesen erweckten und die in
Wirklichkeit nicht ihres Gleichen in der Welt haben, denn alle Kirchen,
die man in Lalibala bewundert, sind Monolithen. Obgleich die Portugiesen
alle dem Knig Lalibala als Urheber zuschreiben, so ist das offenbar ein
Irrthum, denn im Baustyl der verschiedenen Kirchen ist ein lterer
roherer und jngerer feiner Styl unverkennbar. Lalibala hat jedoch
offenbar einen grossen Antheil an den merkwrdigen Bauwerken dieses
Ortes und jedenfalls wird wohl die Kirche die seinen Namen fhrt, von
ihm herrhren. Ich wurde von den Mnchen und Priestern mit der grssten
Bereitwilligkeit aufgenommen und vom Ausziehen der Schuhe oder sonstigen
Forderungen, wie sie frher wohl die Priester anderer Kirchen an mich
gestellt hatten, war hier keine Rede, ja in allen Kirchen fhrte man
mich ins Allerheiligste oder an den Hauptaltar. Ich bemerke hierbei,
dass das Allerheiligste, wie wir es jetzt in allen neuen abessinischen
Kirchen, d.h. auch in solchen, welche schon mehrere Jahrhunderte alt
sind, streng abgemauert und von der brigen Kirche abgeschieden finden,
wie es bei dem jdischen Tempel in Jerusalem der Fall war, in den ersten
Zeiten des Christenthums in Abessinien nicht gekannt war; alle Kirchen
in Lalibala, wie wir sie heute finden, haben einen einfachen Hauptaltar,
wie es in allen anderen christlichen Kirchen der Fall ist. Ueberhaupt
sieht man diesen Gebuden ihren echt christlichen Charakter an, whrend
man bei den neuen abessinischen Kirchen erst wissen muss, dass sie
christliche Gotteshuser sein sollen, von selbst wrde kein Europer sie
dafr erkennen.

Die am besten erhaltene und von allen brigen getrennt ist die St.
Georg-Kirche; ein vollkommenes Kreuz, aus Einem Steine gemeisselt, wrde
man sagen, sie sei so eben aus der Hand eines Zuckerbckers
hervorgegangen. Jeder Arm des Kreuzes mag 40 Fuss an der Basis haben
und eben so hoch sein. Vier Sulen im Inneren sttzen die Decke, welche
wie das Ganze Ein Stein und mit dem Ganzen Ein Stein ist. Die grsste
und ursprnglich die vollendetste ist die dem Medanheallem oder
Weltheiland gewidmete Kirche. Es ist dies eine vollkommene Basilika und
man kann in Harmonie der einzelnen Theile zum Ganzen nichts Schneres
finden. Auch die Emanuel-Kirche ist vollkommen in ihren Formen: 24
Schritt lang und 16 breit hat sie ca. 40 Fuss Hhe, wie alle brigen ist
sie aus Einem Steine gemeisselt. Die lteste scheint die Aba
Libanos-Kirche zu sein, dann die in kolossalen Aushauungen
ausgemeisselte Mercurius-Kirche. Ausserdem giebt es hier noch eine
Gabriel-Kirche und eine Marien-Kirche, welche mit der Debra Sina- oder,
wie sie auch genannt wird, Golgatha- und Lalibala-Kirche zusammenhngt.
Der Knig Lalibala liegt in der Golgatha-Kirche begraben, wo auch ein
anderer berhmter Heiliger Abessiniens, Selasse, seine Grabsttte hat.
Bei vielen dieser Kirchen hat der vulkanische Stein, aus dem das ganze
Terrain in und um Lalibala besteht und aus dem auch diese merkwrdigen
monolithischen Kirchen gehauen sind, der Witterung schlecht
widerstanden, und da die jetzige Generation wie viele vor ihr Nichts zur
Erhaltung dieser merkwrdigen Bauwerke thut, so gehen sie rasch ihrem
Untergange entgegen. Vollkommen gut erhalten ist nur noch die
Georg-Kirche. Die prchtige Medanheallem-Kirche dagegen, die frher von
aussen mit einem Sulengang umgeben war, dessen 40 Fuss hohe Sulen aus
demselben Blocke wie die Kirche gehauen waren und daher mit ihr
zusammenhingen, hat jetzt nur noch vier dieser Sulen aufrecht stehen,
alle brigen sind von der Kirche abgefallen. Es wre an der Zeit, dass
Etwas fr diese merkwrdigsten Denkmler alter christlicher Baukunst
geschhe.

Mit der grssten Freundlichkeit und Bereitwilligkeit wurde mir Alles
gezeigt; hier war es eine Glocke, dort ein Ruchergefss, hier eine
Kirchenkrone, dort ein Kreuz, was ich bewundern musste, und die Toleranz
dieser Priester ging sogar so weit, dass mein mohammedanischer Diener
Abd-er-Rahman, der meinen Dolmetsch machte, berall mit hingehen durfte.
Ja, in der Georg-Kirche musste ich sogar den Mantel des heiligen Georg
selbst umbinden, es waren freilich nur noch Fetzen und er sah
entsetzlich schmutzig und verdchtig aus, die guten Priester bestanden
aber so sehr darauf, mir dadurch den Segen ihres Patrons zu Theil werden
zu lassen, dass ich, um nicht als Unglubiger zu gelten, mich noch froh
stellen musste, diess widerliche Gewand whrend meines Besuches in der
Georg-Kirche umzuhaben. Viele dieser Kirchen sind sehr gut dotirt, die
Marienkirche hat sogar Glocken und in anderen findet man Gerthe, die
jeder europischen katholischen Kirche Ehre machen wrden.

Der ganze Tag ging natrlich damit hin, diese Wunderbauten zu besehen,
und als ich spt Abends nach Hause kam, fand ich meinen Wirth vor der
Thr mit einem grossen Topf voll Tetsch. Dies ist Hydromel oder saures
Honigwasser, ein angenehmes und im Stadium des Ghrens starkes Getrnk,
das man aber nur bei vornehmen Abessiniern bekommt, da seine Herstellung
fr die gewhnliche Klasse zu kostspielig ist.

Auch am folgenden Tage zog es mich wieder zu den Kirchen, ich konnte
mich nicht satt sehen an diesen Wunderbauten, und so konnte ich auch
Zeuge sein, wie eine grosse Anzahl armer Menschen, Bettler und Reisende,
vor der Marienkirche gespeist wurden; dies geschieht alle Tage um
dieselbe Zeit, die Kirchen haben dazu reiche Grnde, viele Einnahmen von
den Ein- und Umwohnern Lalibala's und wohlhabende Pilger tragen Geld und
andere Gaben zu. Der Klerus aller dieser Kirchen, die Mnche mit
eingerechnet, ist indess auch bedeutend und kann sich auf ein Paar
hundert Personen belaufen.

An sonstigen Merkwrdigkeiten hat Lalibala die sieben Oelbume
aufzuweisen, die ganz jung von Jerusalem hierher verpflanzt, jetzt
grosse, stattliche Bume geworden sind. Ihr Alter muss jedenfalls
bedeutend sein, denn von einem ist nur noch ein Stumpf brig und zwei
andere sind zu Einem verwachsen. Ein Hgel, von einem Baume
berschattet, Debra Siti genannt, wurde mir als bemerkenswert gezeigt,
weil hier der Knig Lalibala gelehrt and gepredigt haben soll. Ein
einfaches steinernes Kreuz auf dem Wege zur St. Georgkirche wurde mir
auch besonders gezeigt, doch konnte mir Niemand sagen, was es fr eine
Bewandtniss damit habe.

Lalibala ist auf sieben Hgel an einem der Westabhnge des mchtigen
Ascheten-Berges gebaut, dessen Hhe 10,000 Fuss betragen kann. Selbst
7000 Fuss hoch hat es ein kstliches Klima und die Bume, welche die
Htten berschatten, die reizende Lage machen es zu einem wahren
Paradies. Es mag jetzt circa 12 bis 1500 Seelen haben, war aber dereinst
gewiss bedeutend grsser. Zahlreiche Gnge in den Felsen, Ueberreste von
alten Kirchen, von denen alle Ueberlieferung verschwunden zu sein
scheint, viele Ruinen von Wohnungen, die besser construirt waren als die
jetzigen, deuten genugsam an, dass Lalibala vordem ein anderer Ort war
als gegenwrtig, wenn nicht schon die Kirchen Zeugniss dafr ablegten.

So interessant nun auch der Aufenthalt in dieser Kirchenstadt war, so
zuvorkommend die Leute im Allgemeinen sich zeigten, reiste ich doch
Nachmittags weiter, da ich keinen Augenblick Ruhe hatte. Hunderte von
Menschen belagerten um Arznei bittend meine Thr und obschon ich Alle zu
befriedigen suchte, diesem ein Brechmittel, jenem ein anderes Medikament
gebend, so war an ein Alleinsein keinen Augenblick fr mich zu denken.

Indess gingen wir an jenem Tage nur nach dem drei engl. Meilen westlich
von Lalibala gelegenen Orte Schegala, das wie Ascheten und Medadjen zum
Lalibala-Distrikt gehrt. Man steigt auf einen Auslufer des Ascheten
herab, gewissermassen die Fortsetzung desselben Sporns, auf welchem
Lalibala liegt, und hat nrdlich fortwhrend das liebliche
Medadjen-Thal, voller Gehfte und Felder, welche von Hecken und
Buschwerk bordirt sind, so dass es Einem ganz heimathlich ums Herz wird.
Das Medadjen-Thal wird von Bergen gebildet, die sich vom Ascheten aus
durch Norden ziehen und deren Hauptspitzen der Selembie, Adeno und
Dogussatsch sind. Bei Schegala erhlt das Thal einen bedeutenden Zweig
von Sden und zieht so verstrkt unter dem Namen Gebea-Ebene dem Takaze
zu. Kein Berg ist schner bewaldet in Abessinien als der Ascheten und
diess erhht natrlich die paradiesische Lage Lalibala's, aber wurde je
eine Stadt der Priester, ein religiser Mittelpunkt in reizloser Gegend
angelegt? Mekka bildet in dieser Beziehung fr uns eine Ausnahme, aber
ist fr den Araber die Wste nicht Alles, freut sich nicht alljhrlich
der Araber, wenn er im Frhjahr den fruchtbaren Teil mit der endlosen
Sandebene, wo nur hier und da ein Grashalm keimt, vertauschen kann?

       *       *       *       *       *

Mein Weggehen von Lalibala hatte mir indess wenig gentzt, die Leute
begleiteten mich, ich hatte einen Schwarm von fnfzig um mich, Lahme,
Blinde, Ausstzige, Alles wollte von dem Frengi profitiren. Es war wie
in Tafilet, wo man mir eines Tages in Ertib die Kleider zerriss, um
Arznei zu bekommen.

So angenehm die Lage von Schegala ist, was Klima und Schnheit der
Gegend anbetrifft, eine so unangenehme Nacht brachte ich zu. In der
Voraussetzung, in einer der luftigen Htten, in welcher noch dazu in
letzter Zeit Khe gewesen waren, sicher vor allem Ungeziefer zu sein,
hatte ich meine Teppiche auf das abessinische Rohrlager gebreitet, aber
nach Mitternacht wachte ich auf und fhlte, dass ich an hundert Stellen
gebissen und gestochen wurde; eine Legion Wanzen war aus dem alten
Ruhebett hervorgeeilt und hatte sich meines Krpers bemchtigt. Wenn ich
nicht meine noch mderen Diener aufwecken wollte, musste ich Geduld
haben, und die hatte ich, freilich mit grossem Blutverluste, bis der
Morgen graute.

Bis Bilbala-Gorgis zieht sich der 12 engl. Meilen lange Weg durch eine
beraus reizende Gegend. Sie ist mit hohem Buschwerk reichlich
bewachsen, unter dem ppiges Gras gedeiht, und im Osten hat man immer
einen hohen Gebirgszug, von dem die hchsten Spitzen Dogussatsch,
Selatit und Aderho heissen, whrend die zu bersteigenden Hgel relativ
nicht mehr als 1000 Fuss haben. Die zahlreichen, dem Takaze tributren
Rinnsale fhren in Folge des gut bewaldeten Bodens alle Wasser. Sobald
man den Wukara-Fluss passirt hat, kommt man auf dessen rechtem Ufer zu
der reizenden Ruine einer zerstrten Kirche. Aus Quadersteinen
aufgefhrt stehen einige Mauern noch ganz und zeigen jene kleinen
Fenster mit steinernen Kreuzen wie die Kirchen in Lalibala, berhaupt
scheint sie aus derselben Epoche und von denselben Baumeistern
herzurhren. Das Innere ist mit Schlingpflanzen bedeckt und wilde
Olivenbume berschatten das Ganze. Das Volk schreibt die Erbauung der
Kirche natrlich, wie alles Grossartige, dem Knig Lalibala zu.

Bilbala-Gorgis ist eine weitlufige Ortschaft und weil zufllig die
ersten Gehfte mohammedanischen Bewohnern zugehren, so wies man mir die
Moschee, eine kleine runde Htte, als Absteigequartier an. Diese
Mohammedaner waren von Theodor aus Tigre hierher versetzt worden und
seines Todes froh bereiteten sie sich jetzt zur Rckkehr in die Heimath
vor. Fleissig wie alle Mohammedaner in Abessinien im Gegensatz zu den
faulen Christianos, wie sich die Christen nennen, besass jede Familie
einen Webestuhl. Sie waren natrlich usserst tolerant und hatten nichts
dagegen, dass ich rauchte und Tetsch trank, zwei sonst in den Moscheen
streng verbotene Dinge. Als ich ihnen aber Abends zum Gebete fr einen
Augenblick die Htte rumte, genirte sich einer nicht, mir whrend
seiner Andacht mein Doppelglas zu stehlen, was ich leider erst am
anderen Morgen merkte, als wir schon weit vom Orte entfernt waren.
Ausser diesen hierher verpflanzten Mohammedanern giebt es keine in
Bilbala-Gorgis und es ist bezeichnend fr die mohammedanische Religion,
dass berall, wo auch nur einige Familien sich finden, sie sich gleich
eine Moschee errichten, und selbst ein einzelner Mohammedaner, wenn er
fest unter Andersglubigen wohnt, hat sicher seinen besonderen Betplatz.
Sie lebten hier brigens ganz auf gleichem Fusse mit den Christen und
hatten keinerlei Beschrnkung oder Unduldsamkeit zu erleiden.

Der folgende Tag war fr uns ein recht beschwerlicher. Anfangs behielt
die Gegend ihre liebliche Natur bei, vom Terrassa-Pass an wurde sie aber
so zerrissen und wild, oft zwar grossartig, dann aber auch wieder
traurig, dass man nicht wusste, welchen Gefhlen man Raum geben sollte.
Vom Terrassa-Pass war, so weit das Auge blicken konnte, Alles durch
Waldbrand zerstrt und die trostlose Traurigkeit der Gegend wurde noch
erhht durch das schwarze vulkanische Gestein. Ohne Wasser, wie die
Gegend war, musste ich bis an den Mari-Fluss reiten, der indess auch
kein fliessendes Wasser hatte, sondern nur Pfuhle. Mit dem Mari-Fluss
beginnt die Agau-Sprache, ein von den beiden anderen in Abessinien
herrschenden Sprachen, dem Tigre und Amhara, verschiedenes Idiom. Das
Volk unterscheidet sich sonst in Nichts von dem brigen und wenn sie
selbst auch unter sich Agauisch sprechen, so verstehen doch Alle die
beiden anderen Sprachen. Nordwrts erstreckt sich die Sprache bis an den
Distrikt Abergale, im Westen bis Semien, im Osten bis an den Aschangi.

Das Torf Taba, in dem wir bernachteten, ist brigens ein elender
kleiner Ort, die Leute leben hauptschlich von Viehzucht, da der Boden
zu arm ist, um reichliche Ausbeute fr Ackerbau zu geben.

       *       *       *       *       *

Die trostlose Gegend nderte sich erst beim Siba-Pass, bis dahin hatten
wir ein starkes Stck Arbeit. Die Zeit verstrich mit Auf- und Abladen,
weil alle Augenblicke solche Stellen vorkamen, wo meine Maulthiere mit
den Kisten nicht fortkommen konnten. Bei einer sehr schwierigen Stelle
wre beinahe einer meiner Diener umgekommen, indem das Maulthier auf ihn
sprang und die Flinte sich entlud. Mit Uebersteigung des Siba-Passes
wurde die Gegend wieder freundlicher, wenn auch der Weg nicht besser,
nur im Siba-Thal hatten wir ein Stck Weges von einigen Meilen, welches
gut zu nennen wre, wenn ihn nicht die Bsche so beschrnkt htten, dass
ich alle Augenblicke vom Pferde steigen musste, weil ein Reiter zu
Pferde nicht unter den niedrigen Zweigen durchkommen konnte. Oben im
Siba-Thale waren Wasserlcher mit hinlnglichem Wasser zu unserem
Frhstck, aber so viel hatte ich jetzt lngst gesehen, dass, wenn auch
ein einzelner Reisender mit wenigen Dienern recht gut diesen Weg von
Magdala ber Lalibala und Sokota nach Antalo gehen kann, es _unmglich_
gewesen wre, eine Armee wie die Englische auf _diesem Wege_
fortzubringen. Wenigstens in der trockenen Jahreszeit wre dies auf dem
von mir verfolgten Wege rein unausfhrbar gewesen und in der nassen
Jahreszeit wrden die Regenbetten Schwierigkeiten gemacht haben.

Von hier an immer steigend kamen wir dann ber den hohen Mokogo-Pass und
brachten die Nacht einige Meilen weiter nordwrts im Dorfe Belkoak zu.
Wir befanden uns hier sehr hoch, so dass wir Nachts beinahe von Klte zu
leiden hatten. Ich wre gern hier geblieben, da meine Thiere sehr
erschpft waren, allein es gelang uns nicht, Getreide fr sie
aufzutreiben, selbst gegen Medizin wollte Niemand Etwas hergeben. Seit 5
Jahren waren die Leute hier alljhrlich von Heuschrecken heimgesucht
worden, dazu hatten in den letzten Jahren Wassermangel, der constante
Brgerkrieg und die Gottesgeissel Theodor das ihrige gethan, Land und
Bevlkerung arm zu machen.

Wir hatten nun den hohen Pass von Biala zu bersteigen, einen kolossalen
Gebirgsstock, der von NO. nach SW. streicht. Unsere Thiere wollten
indess kaum weiter und dazu kam, dass die Drfer, wo wir htten
unterkommen knnen, weit vom Wege ablagen. Der sdstliche Abhang des
Biala-Stockes ist besser bewaldet und bewohnt als der entgegengesetzte.
Der Pass, ber den man kommt, wird vom nordstlichsten Abhnge gebildet,
der mit dem westlichen Auslufer des Gerbako-Berges zusammenhngt. Der
Biala-Berg selbst hat drei Hauptspitzen, eine nordstliche, eine
mittlere, welche die hchste ist, und eine sdwestliche. Sein
sdwestlichster Abhang steht mit dem lang gedehnten Su-Amba in
Verbindung. Das Gestein des Biala ist vornehmlich vulkanischer Natur.
Ich wre gern im Dorfe Biala, das an der Nordostseite liegt, geblieben,
um eine Ersteigung dieses Kolosses zu versuchen, aber theils waren meine
Schuhe und Stiefel so zerrissen, dass sie einen solchen Gang nicht mehr
ausgehalten htten, und hinauf reiten konnte man nicht, theils war das
Aneroid, welches mir bei der Trennung von der englischen Armee ein
Bekannter geliehen hatte, nur bis zu 8000 Fuss brauchbar und die
Passhhe, welche wir bei Biala berschritten, war schon hher. Mein
eigenes Aneroid und Hypsometer waren gleich beim Anfange der Expedition
zerbrochen. Somit fiel der Hauptzweck einer Ersteigung des Biala, die
Bestimmung seiner Hhe, weg.

Wir hatten den Pass von Biala glcklich berwunden und weil wir vor uns
in hgeliger Ebene das Dorf Ohlich liegen sahen, nahmen wir uns vor,
dort die Nacht zuzubringen. Freilich wre es besser fr uns gewesen,
andere, nher liegende Drfer aufzusuchen, aber dies erkannten wir erst,
als es zu spt war. Ein wolkenbruchartiges Gewitter brach pltzlich ber
uns herein und es war unmglich, aus ihm herauszukommen, es schien mit
uns nach Norden zu ziehen. Alle kleinen Schluchten und Rinnsale, die wir
zu passiren hatten, verwandelten sich in einem Augenblick in reissende
Giessbche, welche mit rasender Geschwindigkeit Fuss hoch schmutziges
dickes Wasser fortrollten. Wenn ich selbst auch nicht sehr litt, da ich
vom Kopfe bis zu Fuss wasserdichte Kleider schnell berziehen konnte,
so blieb doch an meinen Dienern kein trockener Faden und alles nicht in
den Kisten befindliche Gepck wurde gleichfalls durchnsst.

Ohlich ist ein grosser Ort und die Htten, obgleich sehr luftig wie alle
in dieser Gegend aus Reisern gebaut, sind dicht zusammengedrngt. Die
Gegend um Ohlich ist hgelig, gut bebaut und leidlich bewohnt. Wie
berall hier ist die Bevlkerung Agauisch, indess eben so eitel, frech,
schmutzig und scheinheilig wie die Amharische oder Tigre-Bevlkerung. In
der That zeigte sich hier, wohin das Prestige der englischen Waffen von
der Vernichtung der Armee Theodor's, der Einnahme von Magdala erst
gerchtweise gedrungen war, die freche Neugierde der Bewohner in ihrer
ganzen Unverschmtheit. Den ganzen Tag standen sie haufenweise vor der
Thre meiner Htte, machten ber jede ihnen fremde Sache alberne
Bemerkungen und geberdeten sich so, als ob sie die allwissenden,
herrschenden Leute wren, wir anderen Europer blos arme Schcher. Der
Schum war noch der Allervernnftigste von ihnen und am anderen Morgen
erbot er sich sogar, mich zum Statthalter von Sokota zu begleiten. Diese
Stadt war jetzt nahebei, nur ein Marsch von einigen Meilen trennte uns
noch. Natrlich zog unser Ortsvorsteher seine besten Kleider an, indess
bildeten eine neue weisse Hose, nach Art der Europischen gemacht (nicht
weit wie die orientalischen), und ein grosses weisses baumwollenes
Umschlagetuch mit breitem rothen Streife seinen ganzen Anzug; aber er
war doch reinlich. Er trug Nichts als einen kleinen Sonnenschirm von
Stroh, ohne den kein Abessinier daher kommt, denn alle gehen barhuptig,
aber hinter ihm lief ein kleiner Knabe, der seinen Spiess und Schild
trug. Unser Schum war alt und seine krausen Locken schneeweiss, er
unterliess deshalb auch nicht, mich zu bitten, langsam zu reiten, da er
sonst nicht folgen knne.

Der Weg von Ohlich nach Sokota bietet nichts Besonderes dar, ausser dass
man einen Hgelzug bersteigen muss, dessen hchster Punkt man beim
Telela-Pass erreicht. Die Gegend ist gut bevlkert und die grssere
Belebtheit der Strasse kndigt eine Stadt an. Auch eine Zollstation ist
noch zu passiren, wo der Statthalter von Sokota seine Abgaben in
Salzstcken erhebt. Jedes beladene Maulthier giebt 6, jeder Esel 3
Stck. Diese Salzstcke, hier in Abessinien die kleine Mnze, haben je
nach der Entfernung von den Kstenebenen, von woher sie kommen, einen
verschiedenen Werth; in Lalibala wechselte ich gegen einen
Maria-Theresia-Thaler 6 Stck ein, frher in Antalo 16, in Adigrath und
Senafe 30, und ehe die Europer in Abessinien waren, erhielt man dort
sogar 60 Stck. Jedes Stck Salz, die alle eine und dieselbe Form haben,
wiegt ungefhr ein Pfund. Natrlich liess man mich und meine kleine
Karawane unbelstigt den Zoll passiren.

Der Ortsvorsteher von Ohlich, der vorausgelaufen war, um mich beim
Statthalter von Wag und Gouverneur von Sokota, Namens Borah,
anzumelden, kam nun zurck in Begleitung eines Anderen, der etwas
Arabisch radebrechte und sich als ein von Munzinger an den Frsten von
Tigre abgeschickter Bote auswies, und meldete, der Gouverneur erwarte
mich, damit ich ihn begrsse. Ueber solche Frechheit entrstet, indem es
bei allen halbcivilisirten und wilden Vlkern Afrika's Sitte ist, zuerst
dem Fremden eine Wohnung anzuweisen und dann seinen Besuch zu erwarten,
antwortete ich einfach, ob man mir eine Wohnung geben wolle oder nicht,
wenn man dies nicht auf der Stelle knne, wrde ich sogleich weiter
ziehen. Zudem fgte ich hinzu: "Sage dem Statthalter, dass ich noch gar
nicht die Absicht ausgesprochen habe, ihn zu besuchen, wie er also dazu
kommen knne, meinen Besuch zu erwarten?" Es kam nun auch gleich der
Befehl, mir eine Wohnung zu besorgen, und zwar eine gerumige, gut
aussehende Htte, und kaum war ich darin einquartiert, als der
Statthalter, von einem grossen Haufen Soldaten begleitet, sich
einstellte, um mich zu besuchen. In Europa wird man es lcherlich
finden, bei uncivilisirten Vlkern auf solche Ceremonien zu halten, aber
gerade durch Beobachtung solcher usserer Kleinigkeiten erhlt der
Europer bei ungebildeten Vlkern sein Ansehen und ich hatte mir einmal
zur Regel gemacht, nie in einem Lande zuerst einen Besuch zu machen,
ausser dem Frsten selbst. Diese Vlker halten selbst so sehr darauf,
dass sie eine gewisse Rangordnung darin erkennen; wer dem Anderen zuerst
einen Besuch macht, spricht damit aus, dass er den Besuchenden als
hher im Range stehend erachtet. Der Herrscher von Bornu erkennt das
dadurch an, dass er, sobald er den Besuch eines gebildeten Europers
erhalten hat, diesem seinen ersten Minister, den Dig-ma, und andere
hhere Wrdentrger des Reiches zuschickt; in seinen Augen kommt an Rang
der ihn besuchende Europer gleich nach ihm, und ich glaubte, in
Abessinien, wo das Volk lange nicht auf einer so hohen Stufe der Bildung
steht, als in Bornu oder Skoto, dieselben Regeln beobachten zu mssen,
auch zeigte die Erfahrung, dass ich ganz Recht hatte.[10]

Borah benahm sich usserst freundlich und zuvorkommend, er versprach
nach den ersten Begrssungen, mich mit Allem zu versorgen, was ich
nthig haben wrde. Sein Anzug war so schmutzig und schlecht, dass ich,
als eine Menge Leute zugleich in die Htte traten, fragen musste, wer
der Statthalter sei; denn viele seiner Untergebenen waren besser und
reinlicher als er selbst angezogen. Zu meiner Freude lehnte er es ab,
sich auf meinen Teppich neben mich zu setzen, und begngte sich mit dem
Boden mir gegenber.

Nach Ordnung meines Gepckes machte ich dem Statthalter meinen
Gegenbesuch. Er bewohnt das Haus Gobesieh's, des Schum von Wag, ein
grosses Gebude, das nach europischer Art gebaut, aber fast ganz
verfallen ist, wie Alles, was von Vlkern herrhrt, die keine Zukunft
haben; daher hat er sich als Empfanghaus eine kolossale Htte bauen
lassen, in der er auf einer grossen Ochsenhaut an der Erde sass, whrend
seine Beamten, Soldaten und anderes Volk, dem er gerade Recht sprach,
ihn umstanden oder auf dem Boden hockten. Die Htte war ringsum in der
Mauer mit Nischen versehen, in denen Pferde und Maulthiere,
wahrscheinlich die Lieblingsthiere des Herrn Statthalters, standen. Er
selbst hatte, wohl meinen Besuch erwartend, eine Art Schlafrock von
europischem Mbelkattun bergezogen, der indess nicht reiner war als
seine brigen Kleider.

Sokota ist einer der bedeutendsten Orte in Abessinien, die Zahl seiner
zur Agau-Bevlkerung gehrenden Bewohner mag sich auf 4 bis 5000 Seelen
belaufen. Es liegt auf mehreren Hgeln und wird in der Mitte vom
Bilbis-Flusse durchstrmt, der vom Sden kommend dem Tselari zueilt.
Seinem ganzen Laufe nach hat er nur in der Regenzeit Wasser, aber bei
Sokota fhrt er solches immer. Die Huser der Stadt sind besser gebaut,
wie die der umliegenden Ortschaften, obgleich auch die besten noch weit
hinter den Gebuden der Neger Central-Afrika's zurckstehen;
vorherrschende Form ist die runde Htte, gewhnlich mit steinerner
Mauer, whrend die Bedachung nothdrftig aus Stroh hergestellt ist. Das
Gerth im Inneren besteht aus einem Rohrbette, alga oder arat[11]
genannt, einer Mhle zum Mehlmahlen, d.h. einem flachen, etwas
ausgewlbten Stein, auf dem das Getreide mit einem anderen flachen Stein
zerrieben wird, und der so in ein Thongestell eingemauert ist, dass das
Mehl unten in einen Topf fllt. Einige Tpfe, lederne Scke, eine
Feuerstelle, Vorrthe, in grossen Krgen aufbewahrt, vervollstndigen
das Ameublement.

Sokota hat nur Eine Kirche, die wie alle im Rundstyl gebaut und ohne
alle Merkwrdigkeiten ist, sie heisst Mariz-Mobila. Ein eigenes Quartier
von Mohammedanern bewohnt und aus circa 100 Husern bestehend sagt uns,
dass es in Sokota Industrie und Handel giebt, welche beide Zweige hier
in Abessinien fast ausschliesslich in den Hnden der Mohammedaner sind.
Sie bringen von der Kste Salz, Perlen und europische Stoffe und
exportiren dafr Felle, etwas Kaffee, Wachs und Vieh. Nach unseren
Begriffen ist der Handel indess sehr unbedeutend. Die Mohammedaner
stehen unter keinerlei Zwang, haben ihre Moschee und leben mit den
Christen in bester Eintracht.

Man kann hier alle Tage Eier, Hhner, Milch, Butter, Honig, Mehl und
selbst Honigwein zu kaufen bekommen und in der Regenzeit werden Kohl,
Bohnen und Erbsen gezogen. Alle diese Artikel sind fr gewhnlich sehr
billig, aber jetzt durch die grossen Einkufe der Englnder zu
unglaublichen Preisen gestiegen. Ich fhre nur an, dass man mir hier 5
Eier fr einen Maria-Theresia-Thaler anbot, doch war ich natrlich nicht
englisch genug, um auf diesen Handel einzugehen. Die Gerste war so
theuer, dass ich von Sokota an tglich fr 2 Maria-Theresia-Thaler
brauchte; fr l Maria-Theresia-Thaler bekam man 5 Pfund und manchmal war
auch fr solch hohen Preis keine zu haben.

       *       *       *       *       *

Ich blieb zwei Tage in Sokota und genoss whrend dieser Zeit tglich
zwei Mal den Besuch des Gouverneurs, den ich durch das Geschenk eines
seidenen Ehrenkleides und seidener Hosen im Werthe von circa 20 Thalern
entzckt hatte. Es war dies ein Ehrengeschenk Kaiser Theodor's an Dr.
Schimper gewesen und Letzterer hatte mir diese Kleider als
Merkwrdigkeit gegeben, da sie aber zu schwer zu transportiren,
berdiess von europischem Atlas fabricirt waren, so hatten sie keinen
Werth fr mich. Borah meinte, sobald die Englnder das Land wrden
verlassen haben, wrde Krieg zwischen Gobesieh und Kassai ausbrechen,
das einzige Mittel zur Beendigung des ewigen Brgerkrieges sei die
Einmischung der Englnder, nach seinem Dafrhalten wrde das ganze Land
gern bereit sein, sich ihnen zu unterwerfen, und selbst Gobesieh und
Kassai wrden keine Schwierigkeiten machen, den Besiegern Theodor's zu
gehorchen.

Von Sokota aus folgte der Weg Anfangs dem Bilbis und fiel rasch ab. Bei
dem reizenden Flsschen Mai-Lomin oder Citronenquell frhstckten wir
und gingen denselben Tag bis Elfenal, das etwas stlich vom Wege liegt.
Den ganzen Tag hatten wir die entzckendste Aussicht auf das
Tselari-Thal, welche ich frher schon so sehr von Attala aus bewundert
hatte; steile Knigssteine, wunderliche Felsen, im Hintergrunde der
Aladje-Stock, der Debar Ademhoni und andere kolossale Gebirgsmassen
setzten ein Bild zusammen, wie es kein anderes Land der Welt zu liefern
vermag. Der Tselari fliesst nur drei Meilen von Elfenal in
nordwestlicher Richtung mit senkrechten, tief eingeschnittenen Ufern
vorbei. Dieser Ort, noch zu Wag gehrig, also unter der Botmssigkeit
des Gouverneurs von Sokota, gewhrte uns natrlich die gastlichste
Aufnahme, aber er war rmlich und aus Furcht vor Wanzen hatte ich eine
durchlcherte Htte vorgezogen, wurde aber dafr nass bis auf die Haut,
denn jede Nacht gab es Gewitter.

Von hier an nderte sich das Gestein ganz und gar, statt der
vulkanischen Gebilde traf man jetzt vorwiegend Sandstein und Kalk, auch
einige andere Pflanzen kamen vor, eine Art Cactus, ein Kolkal en
miniature, im Ganzen aber entbehrte die Gegend jetzt ganz der Blumen und
des Grases, nur Buschwerk und Bume, die Bltter zu treiben anfingen,
waren reichlich vorhanden.

Am anderen Tage hatten wir einen recht beschwerlichen Marsch. Wenn
Bergtouren schon in allen Lndern mit grossen Hindernissen verknpft
sind, so ist dies besonders in Abessinien der Fall, wo es gar keine Wege
giebt, und an jenem Tage hatten wir durch die Schegalo-Schlucht an den
Tselari hinabzusteigen. Der eigentliche Weg in die Schlucht hinab,
wahrscheinlich ein knstlicher, war zwar recht gut, aber ganz mit
scharfen Basaltsteinen berschttet, die vor Zeiten irgend eine
Wasserfluth hierher gebracht haben muss, da Schegalo wie die Ufer des
Tselari selbst keine vulkanische Steinformation haben. Der eigentliche
Thalweg von Schegalo war entsetzlich, unten oft durch Blcke versperrt
oder so eng, dass wir abladen mussten, mit senkrechten, oft 100 Fuss
hohen Felswnden aus Sandstein oder Marmor, und vom oberen Anfang bis
zum Tselari mit einem Falle von circa 2500 Fuss. Dazu begegnete uns eine
Karawane von circa 3 bis 4000 Menschen aus Zamra, Samre, Abergale etc.,
die alle nach Sokota zu Markte wollten, nur mit Salz beladen, von dem
manches Maulthier 200 Stck, ein Mann aber nie mehr als 10 oder 12 Stck
trug.

In Schegalo stiess mir zum ersten Mal in Abessinien der Kuka-, Baobab-
oder Adansonien-Baum auf, und zwar stand er gerade in Blthe. Kolossale
Exemplare bemerkte ich brigens nicht, kein einziger hatte ber 5 Meter
oder 15 Fuss Umfang, whrend ich in Bornu deren von 15 Meter und mehr
Umfang gesehen habe.

Endlich kamen wir an den Tselari, der hier von Osten nach Westen
fliesst und trbe thonige Wellen fortrollte, aber trotz des trben
Aussehens war das Wasser ausgezeichnet. Leider konnten wir hier nicht
bleiben, kein Dorf war in der Nhe, und eine von Norden kommende
Schlucht hinaufsteigend, gingen wir an demselben Tage noch bis Zaka,
einem ebenfalls noch zu Wag gehrenden Dorfe. Auf dem ganzen Tagemarsch
von Elfenal an hatten wir, so weit wir sehen konnten, kein einziges Dorf
bemerkt. Obgleich mit einem Boten des Gouverneurs von Sokota versehen,
erfuhren wir hier eine sehr ungastliche Aufnahme, der Abessinier ist
gewohnt, nur in der Nhe zu gehorchen, ein Mal aus dem Bereiche der
Stimme seines Herrn kmmert er sich wenig um ihn. Dasselbe ist mit allen
halbcivilisirten Vlkern der Fall, die Trkei, Marokko, Aegypten, Bornu,
welche alle ungefhr auf derselben Stufe der Gesittung stehen, zeigen
dieselbe Erscheinung. Zaka ist ein kleines Dorf am Sdabhang eines hohen
Gebirgszuges nrdlich vom Tselari.

Nachdem wir dies Gebirge, dessen Nordabhang mit vielen Baobas bewachsen
ist, am anderen Tage umgangen hatten, kamen wir in die grosse
Zamra[12]-Ebene, welche den Eindruck eines so eben trocken gelegten
See's macht. Mitten hindurch fliesst der Zamra-Fluss, derselbe, der
weiter nach Osten Garab Dig Dig genannt wird und von Messino kommt. Die
Zamra-Ebene ist gross, gewellt und sprlich mit Gras, reichlich mit
Mimosenbuschwerk bewachsen, berall liegen Thonschiefer, Alabaster und
Glimmerschiefer offen zu Tage. Wie ganz Abessinien ist sie sehr schwach
bevlkert. Ich traf hier am Flusse, der gleichfalls vom Regen
angeschwollen war, zum ersten Mal den Hadjilidj-Baum, auch trat von hier
an die Kranka-Euphorbie wieder auf und die schlangenartige
Pfeilgift-Euphorbie war jetzt auf Schritt und Tritt zu sehen. Wir
blieben in Fenaroa ber Nacht, einem ziemlich grossen Ort an einem
Felsen, dessen Bewohner hauptschlich von Viehzucht leben.

Ein langweiliger Weg fhrte uns nach dem bedeutenden Ort Samre, indess
war die Gegend etwas bevlkerter, wir liessen vier oder fnf Orte dicht
am Wege liegen. In Samre war der Zulauf neugieriger Gaffer so gross, wie
ich ihn noch nicht in Abessinien erlebt hatte, und der Dedjetj
(frstliche Statthalter) Heilo war wieder so unverschmt, gleich meine
Aufwartung zu verlangen, doch hatte meine Antwort dieselbe Wirkung wie
in Sokota. Der Dedjetj besorgte mir eine Htte, schickte dann einen
fetten Hammel, Butter, Honig, Tetsch und Brod und liess sich
entschuldigen, nicht selbst kommen zu knnen, da er bettlgerig sei.
Unter diesen Umstnden sagte ich ihm meinen Besuch auf den folgenden
Morgen zu und bat zugleich um eine Wache, da ich die steigende
Zudringlichkeit der Leute gar nicht mehr bewltigen konnte und auch
nicht gern durch meine eigenen Diener Gewalt ausben lassen wollte.
Alsbald kam denn auch ein Prgelmeister, der Weiber, Kinder und mssige
Mnner aus dem Hofe meiner Htte herausprgelte.

Am folgenden Morgen ging ich zum Detjetj Heilo, der an Rheumatismus
darniederlag und als Hauptwrter einen indischen, von der englischen
Armee desertirten Soldaten hatte, dem es hier recht gut zu gehen schien.
Der arme Teufel, wahrscheinlich durch abessinische Frauen zur Desertion
verleitet, wollte sich bei mir entschuldigen und war sehr verdutzt, als
er wahrnahm, dass ich kein Hindustani sprach, denn alle englischen
Offiziere, welche die abessinische Expedition mitmachten, verstehen
diese Sprache, weil die Truppen aus Indien kamen; er beruhigte sich
indess, als er sah, dass ich weiter keine Notiz von ihm nahm. Ein
prchtiges Pantherfell, welches mir der Dedjetj zum Geschenk machte,
erwiederte ich mit meiner eigenen Decke, die ich fr 10 Thaler gekauft
hatte, da mir alle Geschenke fehlten, auch gab ich ihm noch etwas Pulver
und Zndhtchen.

Samre liegt auf einem Hgel und hat ein freundliches Aussehen, weil alle
Huser mit Hecken umgeben sind. Die Agau-Sprache wird zwar hier noch
verstanden, hat aber aufgehrt, die herrschende zu sein, und wie der
Zamra-Fluss die politische Grenze von Tigre bildet, so sind auch in
Wirklichkeit die Bewohner hier Tigreaner.

Da die Nachricht eintraf, Sir Ropert Napier sei bereits in Antalo, so
beschloss ich, den Marsch von Samre nach Boye in Einem Tage zu machen
und meine Diener mit den Maulthieren langsamer nachkommen zu lassen. Als
ich Nachmittags in Boye ankam, fand ich im Lager zwar Bekannte, aber von
meiner speciellen Gesellschaft, in deren Begleitung ich die Expedition
mitgemacht hatte, war noch Niemand angekommen, eben so wenig Sir Robert.
Am folgenden Tage langte jedoch Oberst Phayre an, der Chef der
recognoscirenden Abtheilung, und in seiner Gesellschaft der preussische
Officier Herr Stumm und so waren wir, die wir von Senafe an bis Magdala
immer an der Spitze der englischen Armee marschirt waren, wieder vereint
und setzten am folgenden Tage auf der Militrstrasse den Weg nach der
Heimath fort.


  Hhenmessungen mit dem Aneroid.

  Abdikum                9250 engl. Fuss.

  Takaze, Bett           5800  "     "

  Salit                  6200  "     "

  Lalibala               7000  "     "

  Schegalo               6200  "     "

  Bilbala-Gorgis         6170  "     "

  Eisemutsch-Thal        6359  "     "

  Mri-Thal              5200  "     "

  Taba, Ort              6000  "     "

  Siba-Pass              6500  "     "

  Mokogo-Pass            7800  "     "

  Biala-Pass             9000  "     "

  Ohlich, Ort            6200  "     "

  Telela-Pass            7100  "     "

  Sokota                 6500  "     "

  Emenenagerill-Pass     5600  "     "

  Uana-Pass              5550  "     "

  Tselari-Bett           3200  "     "

  Zaka                   4200  "     "

  Zamra, Bett            3150  "     "

  Fenaroa                4500  "     "

  Samre                  6000  "     "




Der Aschangi-See in Abessinien


Der Aschangi-See liegt nach den Messungen von General Merewether und
Herrn Clemens Markham auf dem 12 8' 26" nrdlicher Breite und 39 8'
28" stlicher Lnge v. Gr. und bildet, wie er sich uns prsentirt, ein
von Bergen umschlossenes Becken, welches gerade auf der Wasserscheide
zwischen dem Nil und dem rothen Meere sich befindet. In der That
fliessen alle Bche von den hohen Bergen, die westlich den See
begrenzen, dem Zerari (oder wie er in anderen Provinzen genannt wird
Zelari) zu, whrend die von den stlichen, den See eindmmenden Hgeln
kommenden, dem rothen Meere sich zuwenden. Im Norden und Westen von
hohen Bergen umgeben, die im Norden im Sarenga eine Hhe von circa
10,000 Fuss erreichen, da schon die Passhhe des Ashara-Pass 8547 Fuss
(nach Markham 8920 Fuss) betrgt, whrend im Westen der eben so hohe
Ofila-Berg sich befindet, ist der See nach Sden und Osten zu von
minder hohen Bergen umschlossen.

Das Gestein der nchsten Berge besteht nach Markham aus
marienglashaltigem Schiefer (micaceous schist) und Kreide; ich selbst
bemerkte indess grosse Lagerungen von Thonschiefer und Sandstein, und
der Grundkern des Gebirges drfte Granit sein, da in den tief
eingeschnittenen Schluchten derselbe offen zu Tage liegt und auch grosse
Blcke davon sich berall vorfinden. Munzinger will auch Trachyt bemerkt
haben, ohne indess den Ort anzugeben.

Ueber die Entstehung des See's herrschen verschiedene Meinungen: einige
wollen in ihm das Becken eines erloschenen Kraters sehen, whrend andere
die umgebenden Berge durch eine Naturrevolution sich erheben lassen, um
so ein Becken zu formen und den Abfluss zu hemmen. Die letzte Ansicht
ist die wahrscheinlichere, da die weiten Alluvialufer nach allen Seiten,
mit Ausnahme eines Vorgebirges des Ofila-Berges, das steil und felsig in
den See abfllt, den Gedanken an einen Krater nicht gut aufkommen
lassen. Jedenfalls war, wenn je ein Abfluss existirte, dieser nach Osten
oder Sden, vielleicht ehe die Erdrevolution Statt fand, direct vom
Ofila- und Sarenga-Berge ohne dass ein See vorhanden war. Dass sich das
Niveau des Wassers jetzt nicht erhht, kann man einestheils durch
allmhlige Durchsickerung, welche nach Sden und Osten zu Statt zu
finden scheint, erklren anderentheils durch die Verdunstung, die hier,
dem Hygrometer zufolge, whrend einer grossen Zeit des Tages, d.h. von
10 Uhr Vormittags bis 4 Uhr Nachmittags, sehr betrchtlich sein muss.

Das Niveau des Sees fand ich zu 7264 Fuss, und an Zeichen ist
abzunehmen, dass dasselbe in und gleich nach der Regenzeit hchstens um
einen oder anderthalb Fuss wchst. Markham fand den See bedeutend hher,
was zum Theil sich aus der Berechnung nach verschiedenen Tabellen
erklren lsst, oder dass irgend eine Ungenauigkeit in der Beobachtung
Statt fand. Ueber die Tiefe des Sees, der vollkommen ssses Wasser hat,
so wie ber die Dichtigkeit des Wassers desselben liegen bis jetzt keine
Beobachtungen vor, da die englische Armee auf dem Hinmarsche nach
Magdala zu rasch vorbei ging, um dergleichen Untersuchungen anstellen zu
knnen. Wir selbst beim Recognoscirungswege weilten nur eine Nacht an
den nrdlichen Ufern des Sees. Der Mangel an allen auch noch so kleinen
Schiffen, deren Gebrauch den Uferbewohnern vllig unbekannt ist, trug
natrlich auch dazu bei, dass solche Untersuchungen nicht angestellt
werden konnten. Indess steht zu hoffen, dass uns die Naval-Brigade oder
die Pontonierabtheilung auf dem Heimwege Aufklrung darber geben
werden. Die Temperatur des Wassers fand ich um 12 Uhr 24,8 C. bei 18,6
Luftwrme.

Der See hat einen Umfang von 11 englischen Meilen und die Gestalt eines
unregelmssigen nach Sden sich ausbiegenden Kreises. Auf allen Seiten,
besonders nach Norden und Nordwesten zu, ist er von flachem
Alluvialboden, welcher sich an die Berge hinaufzieht, umgeben, und
diese flachen Ufer nehmen im Bergbecken einen eben so grossen Raum ein
wie der See selbst. Dieser Boden, der nach dem See zu, fast mchten wir
sagen vegetabilisch wird, so sehr ist er vermischt mit vermodernden
Pflanzentheilen, erlaubt Niemand sich dem Wasser zu nhern, da man schon
auf eine Entfernung von mehreren Schritten, obgleich die Oberflche
vollkommen hart und wie gefroren aussieht, einsinkt.

Die Bewohner um den See sind Abessinier, aber alle Mohammedaner; dies
spricht noch dafr, dass die eigentliche Wasserscheide durch die
Westgebirge des Sees gebildet wurde, da die Trennung des Christentums
vom Islam hier der Wasserscheide folgt. Bei der Eroberung der stlichen
Provinzen Waag's durch Gobesieh gegen Theodor leisteten die Anwohner des
Aschangi ersterem so gute und wirksame Dienste, dass sie dafr als
Belohnung die Auszeichnung bekamen, einen eigenen Kreis zu bilden,
whrend sie frher zu Kasta gehrt hatten. Sie bezahlen ihre Abgaben,
die in Korn, Vieh und Kriegsdienstleistung bestehen, jetzt direct an
Gobesieh von Waag, whrend sie frher an Meschascha, den Neffen
Gobesieh's und Frst von Lasta zahlen mussten. Sie wohnen in kleinen
Weilern; die Huser derselben sind roh aus unbehauenen Feldsteinen
aufgefhrt und rund von Form mit konischen Strohdchern; mehrere solcher
runden Htten durch eine niedere steinerne Mauer umgeben bilden eine
Familien-Wohnung. Im Inneren sind sie sehr drftig ausgestattet; einige
Gerthe zum Kochen, grosse thnerne Tpfe oft 5 Fuss hoch zum
Aufbewahren des Korns, eine erhhte Ruhesttte oft aus Thon, oft aus
Holz und Rohr, mit einem Fell berdeckt, bleierne Gefsse und Schsseln,
bilden das ganze Ameublement. Das Vieh ist hufig- bei den rmeren
Leuten Nachts im Wohnhause, bei den Wohlhabenden jedoch immer in
besonderen Rumen. Der Hauptnahrungszweig der Aschangibewohner ist
Ackerbau, der das ganze Jahr hindurch, sei es durch Regen im Sommer, sei
es durch knstliche Irrigation im Winter betrieben wird. Man baut fast
nur Gerste, sehr wenig Weizen und sonst wird ausser Tabak nichts
gezogen. In der Kleidung unterscheiden sich die Bewohner in Nichts von
den brigen Abessiniern, indess haben viele Mnner metallene Ringe,
keilfrmig zugebogen um den Arm. Dies ist ein Zeichen, dass sie einen
Galla erlegt haben, denn trotzdem sie Mohammedaner sind, herrscht doch
eine erbitterte Feindschaft zwischen ihnen und den stlich von ihnen
wohnenden Asebo-Galla; mit den umwohnenden Christen leben sie in guten
Beziehungen. Ausser Ackerbau ernhren sie sich aber auch von Viehzucht;
Rinder und Schafheerden und besonders gute Pferde zeichnen das
Aschangi-Thal aus. Die meisten nach Tigre kommenden Pferde, welche als
Lasta- oder Schoa-Pferde, die besonders berhmt sind, aufgekauft werden,
kommen aus Aschangi. Der See, der vielleicht viele Fische birgt (wir
konnten von den Umwohnern merkwrdigerweise nicht in Erfahrung bringen,
ob Fische darin sind oder nicht, und auch Herr Munzinger, der ihn frher
besucht hatte, konnte keinen Aufschluss darber geben) und auf dem
grosse Schwrme Wasservgel aller Art sieh herumtummeln, scheint gar
nicht von den Anwohnern ausgebeutet zu werden.

An den Ufern finden sich in den grossen wilden Feigenbumen und Mimosen
grne Papageien der kleinen Art, ohne langen Schwanz, Nachtigallen und
viele andere Singvgel. Die wohlriechende weisse einfache Rose, Jasmin,
chte Aloes bilden dann den Hauptbaumwuchs, whrend die Berge hher
hinauf gut mit Juniperen, Schirmakazien und Kolkolbumen bewachsen sind.
Von reissenden Thieren scheint nur die Hyne am Aschangi-See vorzukommen
und auch diese selten, wenigstens wurden wir Nachts nur wenig gestrt.
Antilopen, Gazellen, Hasen, Rebhhner, Perlhhner und verschiedene Arten
von Tauben beleben die Wlder und wrden den Eingeborenen eine reiche
Nahrungsquelle abwerfen, wenn sie dieselben zu jagen verstnden; aber
fast ohne Feuerwaffen, nur mit Spiessen, langen, etwas krummen
Schwertern und runden ledernen Schilden versehen, bleibt die Jagd
erfolglos.

Dieser reizende See, den Herr Munzinger mit dem Zuger-See vergleicht,
mit einem ewigen Frhlingsklima wie es eine Hhe von 7000 Fuss in diesen
Breiten mit sich bringt, wird sicher, wenn Abessinien einmal erst ein
stabiles Gouvernement und geregelte Beziehungen zu Europa hat, einen
Hauptanziehungspunkt fr Touristen und Jger bilden. Der gutmthige
obwohl kriegerische Charakter der Anwohner, die bedeutend offener und
zuvorkommender als die nrdlichen Tigrenser sind, wird bald durch eine
lngere Berhrung mit Europern gewinnen, in der That konnten wir in der
ganzen Handlungsweise der Eingebornen von Aschangi einen grossen
Umschwung in der Gesinnung der Bevlkerung bemerken, in Tigre blos
Duldung und gezwungene Freundschaft, in Waag von Aschangi an offene
Freundschaft und herzliches Entgegenkommen.




Nach Axum ber Hausen und Adua.


In Abessinien gewesen sein ohne Axum gesehen zu haben hiesse, um sich
eines alten Sprichwortes zu bedienen, nach Rom gehen und den Papst nicht
sehen. Und so, obgleich ermdet von der ganzen englischen Expedition,
die der Anstrengungen und Entbehrungen nicht wenige hatte, noch wie
gerdert von der eben vollendeten Tour nach Lalibala, beschloss ich von
Antalo aus, auf welchen Punkt ich von Lalibala und Skoto herausgekommen
war, nach Axum zu gehen.

Merkwrdigerweise hatte die englische Expedition bis jetzt gar keine
Veranlassung gegeben zu weiteren geographischen Forschungsreisen,
obgleich das Land und Volk namentlich zu kleineren Reisen gerade jetzt
den gnstigsten Augenblick bot. Man htte von Magdala ber den
Dembea-See, ber Chartum und ber andere Punkte Partien schicken knnen,
aber von alle dem geschah nichts, und nur dem Zufall verdankte ich es,
von Talanta aus von Sir Robert die Erlaubniss zur Abreise von der Armee
zu bekommen; sptere Gesuche um derartige kleinere Ausflge zu machen
wurden vom englischen Oberkommando abschlgig beschieden. Mglich auch,
dass sich wenige Leute gemeldet haben wrden, von denen man derartiges
gerade htte erwarten drfen: Markham war, sobald der letzte Schuss von
Magdala gefallen war, wieder zurckgeeilt, Grant ebenfalls, Blanford der
Geologe hatte nach Gondar zu gehen die Absicht, doch ihm wurde eine
Escorte (die er aber gar nicht nthig gehabt htte) vom General en chef
verweigert, ebenso dem Oberst Phayre, der die schnen Wegeaufnahmen fr
die englische Arme gemacht hatte, kurz die Armee mit allem was
mitgezogen war, eilte so rasch, wie sie gekommen war, wieder ans Meer.

In Antalo angekommen traf ich einer der ersten ein, von denen, die bei
dem Sturm von Magdala gewesen waren; erst am folgenden Tage kam Oberst
Phayre, Herr Lieutenant Stumm und Abtheilungen von Soldaten, welche die
ehemaligen Gefangenen escotirten. Der General en chef war erst in
Attala, also noch drei bis vier Tagemrsche zurck. Herr Stumm
entschloss sich nun schnell sich mir anzuschliessen, indess wurde
ausgemacht, um von Antalo oder vielmehr Boye, denn hier war das
englische Lager, nach Axum zu gehen, dass wir erst in Gesellschaft von
Oberst Phayre noch einige Etappen weit die Militrstrasse benutzen
wollten. Indem wir die Etappen verdoppelten waren wir am 12. Mai in
Agla und traten von hier aus unseren Tour nach Axum an.

Frhzeitig wie Phayre, dieser unermdliche Fussgnger, welcher immer um
3 Uhr Morgens seine Mrsche antrat, machten auch wir uns um 4 Uhr
Morgens auf den Weg. Im Anfange folgten wir noch dem Militrwege, der
uns in die Dngolo-Ebene fhrte, gingen also in N. z. O. R., aber etwa
eine Meile, ehe wir den von Dngolo kommenden Gonfel-Fluss benutzten,
bogen wir ab und hielten dann N. N. W. R. Die grosse Dngolo Ebene ist
usserst fruchtbar und hat herrliche Wiesen, deren Kruter und Grser
der letzt gefallene Regen jetzt hervorspriessen machte. Wir liessen
gleich links auf einer kleinen Anhhe eine halbe Meile[13] vom Wege
entfernt das Dorf Adekau liegen, und von hier an kamen wir in buschiges
Terrain, belebt von einer grossen Anzahl bunter Vgel, Tauben,
Perlhhner, Hasen und von grsserem Wilde, welche hier einen ungestrten
Aufenthalt fanden; aber eine Unmasse kleiner Fliegen, die Begleiterinnen
des weidenden Rindviehs, begannen uns und unsere Pferde auf eine
schreckliche Weise zu qulen, und je heisser es wurde, desto schlimmer
wurden diese Qualen.

Nach einer Weile berschritten wir dann die Grenze von Tar um den
District Eiba zu betreten, hier deutlich gekennzeichnet durch eine tief
von S.O. nach N.W. laufende Schlucht, welche auf den von N. kommenden
Sulloh oder Surohfluss mndet. Dieses stark rieselnde, von buschigen
Ufern eingefasste Wasser verfolgten wir eine Meile nrdlich und lagerten
dann unter einem schattigen Oelbaum, um unseren Thieren etwas Ruhe zu
gnnen. Von hier aus biegt der Fluss dann von N. O. kommend ab, wir
selbst aber gingen in N.W. Richtung weiter. Ansteigend kamen wir dann
auf einen Hochkessel von sonderbar geformten Sandsteinfelsen
eingeschlossen; im Westen bilden die Wand hauptschlich die Berge
Adamesso und Adeitesfei mit Drfern gleichen Namens. Nach O. zu sind die
Berge weiter entfernt. In der Mitte liegen zahlreiche Drfer, doch auch
die bevlkerteste Gegend Abessiniens ist arm an Menschen in Vergleich zu
Lndern, die wir gut bevlkert nennen. Wir campirten Abends in Eiba, der
Hauptstadt des Districtes gleichen Namens. Es ist dies ein weitlufiger
Ort aus grossen Gehften, die oft mehrere Familien einschliessen,
bestehend, die Hlfte, oft zwei Drittel der Huser sind immer in Ruinen.
Und obgleich hier in Tigre die Huser jetzt ausschliesslich aus Stein
gebaut sind, so ist doch der Vorrath an Ungeziefer in demselben eben so
gross wie in den sdlichen Provinzen. Es unterliegt keinem Zweifel, die
Abessinier sind das schmutzigste Volk von ganz Afrika. Sobald man Tigre
betreten hat, bemerkt man indess eine auffallende Verschiedenheit in der
Construktion der Gebude, nicht nur dass die Wnde alle von Stein gebaut
sind (dies findet man auch auf den hohen sdlichen Hochebenen von
Uadela und Talanta), wird die runde Httenform mehr und mehr verlassen
und an ihre Stelle tritt das viereckige Haus mit plattem Dache. Meist
nur aus einem Zimmer bestehend, deren innere Mblirung sich in Nichts
von denen der Htten unterscheidet, sind die Dcher von Balken gebildet,
die ausserdem noch mit Reisern, auf welche man Thon gelegt hat,
berdeckt sind.

In Eiba fanden wir brigens noch einigermassen gute Aufnahmen, d.h. wir
konnten fr Geld etwas haben, und zwar keineswegs billiger als in
Europa.

Die herrlichste Aussicht hat man von hier auf die wunderbar geformten
Felsen Abergale's, welche im W. den Horizont wie ein Wald gothischer
Kirchthrme oder sonstiger eigenthmlicher Gebilde verschliessen. Diese
zackigen Felsen, von denen Gemer-Amba, Dar-Mariam, Korar, Debrar-Abraham
die hervorragendsten sind, tragen smmtlich, wie das schon der Name
andeutet, Kirchen auf ihren Gipfeln. Nach den Aussagen der Leute von
Eiba sollen dieselben an Pracht und Kunst selbst die in ganz Abessinien
berhmten Kirchen von Lalibala bertreffen. Da unsere Zeit sehr gemessen
war um rechtzeitig bei der Einschiffung der englischen Truppen in Zula
einzutreffen, bedauerten wir beide sehr, diese interessanten
Kirchenberge nicht besuchen zu knnen, obschon wohl nicht anzunehmen
ist, dass sie auch nur im Entferntesten den Gebuden Lalibala's gleich
kommen. Die Bewohner in diesem Theile von Abergale sollen ebenfalls
noch heute Troglodyten sein.

Am folgenden Tage hatten wir nur einen kleinen Marsch nach dem 4 Meilen
entfernten Hausen, welches auf einer von O. nach W. streichenden
Sandsteinrippe liegt. Wir mussten dahin zwei kleine Bche passiren, den
Mai-Gundi und den Abega, die hier von NO. nach SW. laufen. Die zu
passirende Gegend ist gewellt und noch einigermassen der Cultur
zugngig, whrend nach W. sich bis zu den Bergen Dama Galla ein
unabsehbares Gewirr von steinigen Hgeln erstreckt.

Bei Hausen selbst fliesst ein kleiner Bach, der gleich nrdlich am Orte
entspringt, und an seinen Ufern unter schattigen Akazien schlugen wir
unser Lager auf. Der Platz war wirklich reizend, der Rasen fing eben an
auszuschlagen, die Mimosen entwickelten ihre jungen fein ausgezackten
Bltter, im Rcken das Dorf, oder die Stadt wenn man will, auf hohen
Sandsteinblcken gelegen, welche halb durch einen Wald dichten Rohres
versteckt waren, vor uns das klar rieselnde Wasser und dann die
herrliche Aussicht auf Eiba und die wunderlichen Felsen Abergale's. In
Hausen giebt es freilich nichts Bemerkenswerthes; dazu kam, dass der
Dedjat oder Statthalter abwesend, da er zu Kassai gerufen war, und die
Leute zeigten sich so ungastlich und frech, wie man sie nur in Tigre
finden kann. In der That fanden wir hier die Preise des Korns fr uns so
unverschmt hoch, dass wir fr unser Vieh, wir hatten zusammen 11 Stck,
an Einem Tage 14 Marien-Theresien-Thaler verausgabten. Hausen war in
frheren Zeiten mehrfach Hauptstadt[14] von Tigre gewesen, jetzt ist es
ein elendes Nest. Auch die Kirche hat nichts Bemerkenswerthes, hchstens
dass der hinterste Theil derselben aus dem Fels ausgehauen ist.
Ursprnglich scheint die ganze Kirche auf diese Art erbaut gewesen zu
sein; spter zerstrt, hat man dann ein Gebude abessinischer Art daraus
gemacht, welches sich durch nichts als Geschmacklosigkeit auszeichnet.

Froh diesen ungastlichen Ort verlassen zu knnen, brachen wir am anderen
Tage frh morgens auf; aber kaum hatten wir einige Schritte gemacht, als
ein Unfall andeutete, dass wir keinen angenehmen Tag haben sollten: mein
bestes Maulthier, welches die beiden schwersten Kisten trug, berstrzte
sich beim Ueberspringen eines Grabens, und ich weiss noch nicht wie es
kam, dass weder Maulthier noch Kisten Schaden litten. Dann ging es
weiter; aber wie trostlos, echt abessinisch war die Gegend, Zum besseren
Verstndniss fhre ich hier an, dass von Adigrat auslaufend die hohen
Berge in Debra-Zion weit nach S. zu vorbiegen, dann sich
wiederzurckziehend, kommen sie mit der Angoba Amba wieder nach S. Von
diesem Zuge aus laufen nach S. zahlreiche kleine Rippen, aber bald ist
das Ganze ein Gewirr von niedrigen Bergen, von Oben und Weitem gesehen
wie eine Ebene, in der That aber durchschnitten genug, um bei den
schlechten Wegen die Geduld des Reisenden auf eine harte Probe zu
setzen.

Unsere Richtung war, die vielen kleineren Biegungen ausgenommen, fast
durchaus WNW. Und so fort kletternd ber die unwirtlichen Felsen, ohne
auch fr den ganzen Tag auf ein einziges Dorf zu stossen, oder auch nur
von Ferne eines zu sehen, war das einzige Schne die wunderbaren Formen
der Felsen im Norden. Wer in der That Berge sehen will, muss nach
Abessinien gehen, es giebt keine denkbare Form, die hier nicht zu finden
wre. Das Gestein, welches wir an diesem Tage erblickten, bestand fast
durchweg aus verschiedenen Schiefern, von denen Thonschiefer und
Glimmerschiefer die vorherrschenden waren, oft marschirten wir indess
ber Hgel, die mit kleinen weissen Quarzstcken wie bestreut waren. Die
Vegetation war usserst sprlich und bestand meist aus verkrppelten
Mimosen und dem unvermeidlichen Kolkol-Baum. Wir passirten den
Felagelasi, der in den Woreb geht, und hielten dann lngere Zeit am
Mai-Metjelorat, der ebenfalls dem Woreb tributr ist Sodann hatten wir
noch den Orei zu passiren, der von dem Tjametfluss durch den
Adergebeto-Berg getrennt ist. Wir hatten den Angeba-Berg endlich
erreicht, aber obschon unser Fhrer uns gesagt hatte, wir wrden ein
Dorf hier finden, sowie Wasser, so erwies sich das als irrig: das Dorf
war hoch am Berge hinauf gelegen, das Wasser eine Stunde weit zurck.
Heftig eintretender Regen nthigte uns indess unsere Zelte
aufzuschlagen, und in der Nhe fanden wir Hirten, welche aber nichts zu
verkaufen hatten. Das Vieh musste Abends l Stunde weit zum Wasser zurck
gefhrt werden, und ebendaher mussten wir auch unser Trinkwasser holen;
fr uns selbst hatten wir Vorrthe, und ein grossen Haufen Stroh musste
als Viehfutter dienen.

Der folgende Tag war besser, was Gegend und Bevlkerung anbetraf. Aber
wegen des Regens am Tage vorher konnten wir erst um 7 Uhr aufbrechen;
wir umgingen dann den Angeba-Berg und hielten dann im Ganzen NW. z.
N.-Richtung. Grosse Feigenbume, die hier und da die Gegend beschatten,
Drfer an den Abhngen der Berge, Viehheerden, welche von singenden,
halbnackten Hirtenburschen durch die Bsche getrieben wurden, lassen die
Zeit rasch verstreichen. Wir passiren um 9-1/2 den von NO. kommenden
Gebre Rhala-Bach mit gutem Wasser, und um 11 Uhr sind wir am Flusse
Fersmai, wo wir in der Nhe eines ppigen Pfefferfeldes einen Halt bis
Nachmittag machen. In gerader W.-Richtung sehen wir von hier den Gipfel
des mchtigen Semaita-Berges ber die niedrigen Hgel, die uns umgeben,
hervorragen. Wir gingen denselben Abend noch bis zum Orte Assai, der am
nordstlichsten Ende des Semaita-Berges selbst liegt. Der Ort hat indess
wie alle eine grosse Ausdehnung woraus es sich erklrt, dass er auf
einigen Karten weit stlich von Semaita verzeichnet ist. Halbwegs
zwischen Semaita und Fersmai liegt stlich vom Wege der Berg und Ort
Gedera.

Wir hatten jetzt nur noch einen Marsch bis Adua, der jetzigen Residenz
von Tigre, wenn von Residenz die Rede sein kann in einem Lande, wo der
Frst fortwhrend im Lager lebt, und heute hier, morgen da campirt. Wir
umgingen nrdlich den Semaita-Berg, eine Schlucht bersteigend, die ihn
vom Raya-Berg trennt, und den Gu-Asses, den Gedem-Anharet, endlich den
Aba Gerima links lassend, langten wir nach 3 Stunden vor Adua an.

Obgleich wir von einem unserer Armeedolmetscher, der von Adua war, die
Erlaubniss bekommen hatten, sein Haus zu beziehen, so zogen wir doch
vor, unsere Zelte aufzuschlagen, und fanden auch einen hbschen Platz
unter einem Feigenbaume, welcher Schatten fr tausend Menschen bietet.
Gleich darauf brachen wir aber auf, um die Stadt zu besehen. Adua liegt
auf dem linken Ufer eines immer Wasser habenden Rinnsales, der vom
Semaita kommt und Assem heisst. Die Stadt Adua ist ganz verschieden von
allen anderen abessinischen Orten. Mit einer Mauer umgeben macht sie den
Eindruck einer wirklichen Stadt, und die hohen, oft mit einem Stockwerke
versehenen Huser, welche manchmal sogar kleine maurische Fenster haben,
tragen nicht wenig dazu bei, den stdtischen Eindruck zu erhhen. Aber
selbst die weitlufigen Vorrter mitgerechnet, welche Adua nach Sden
und Osten umgeben, glaube ich nicht, dass die Stadt, wie Ferret und
Gallinier angeben, 4000 Einwohner hat. Wenigstens jetzt glaube ich
nicht zu niedrig zu greifen, wenn ich sie auf circa 2000 Einwohner
schtze.

Unsere Ankunft hatte natrlich eine ungemein grosse Menge neugieriger
und mssiger Menschen versammelt, welche uns lachend und lrmend
nachgingen. Die Strassen sind berdies so eng und schmutzig, dass nur
Menschen passiren knnen, zwei Maulthiere oder Pferde wrden keinen
Platz zum Ausweichen haben. An ffentlichen Gebuden hat die ummauerte
Stadt (die Vorstdte haben auch Kirchen) nur eine grosse Kirche aus
neuerer Zeit, also im Rotundenstyl gebaut, und mit Stroh gedeckt. Sie
ist der Maria geweiht. Eine grosse Zahl mssiger Priester lagerte im
Hofe, welcher von schnen Oelbumen beschattet ist. Ueberhaupt zeichnet
sich Adua dadurch aus, dass in den kleinen Hfen, welche bei den Husern
sich befinden, berall Wein, Granaten, Apfelsinen und Pampelmuse sich
befinden. Offenbar muss der Wein von Deutschen eingefhrt sein, die
Aduenser nennen die Weinrebe "Wein". Auch macht die nahe Kste sich hier
bemerkbar, denn Adua ist immer Hauptmittelplatz zwischen dem rothen
Meere und Abessinien gewesen. Hier war der Hauptfabrikort fr die feinen
Filigranarbeiten, bis Theodor auf seinem Zuge nach Tigre alle Arbeiter
mit fortfhrte und dieselben seinem Hofstaate einverleibte. Ein Theil
dieser Leute war eben jetzt wieder zurckgekehrt. Aber auch eine Menge
anderer Handwerker findet man in Adua, welche man in den anderen Orten
Abessinien's vergebens suchen wrde. Der Handelsstand und die
Handwerker sind hauptschlich Mohammedaner, viele von ihnen kommen blos
zeitweise von Massaua nach Adua. Auch einen Griechen trafen wir hier als
Flintenhndler, und ein Araber, der eben erst von Massaua gekommen war,
hatte Cigarren und Wermuth zu verkaufen. Leider hatte ein Englnder, ein
gewisser Lord Adare, Correspondent des Dayly Telegraph whrend der
Expedition, der gerade einen Tag vor uns nach Adua gekommen war, Alles
aufgekauft, so dass wir uns nichts von diesen Genssen verschaffen
konnten. Im Uebrigen waren die Aduenser ebenso ungastlich, geizig, frech
und schmutzig wie die brigen Tigrenser. Es scheint als ob in frheren
Zeiten auch Juden in Adua gewesen seien, welche man in Abessinien unter
dem Namen "Felascha" kennt, heutzutage giebt es keine mehr hier, nur in
einigen Orten in Tembien und in Gondar sollen solche noch vorkommen. Wir
besuchten dann das uns vom Dolmetsch angebotene Haus, aber es war so mit
Wanzen, dieser allgemeinen Plage aller abessinischen Wohnungen,
berfllt, dass wir gleich jeden Gedanken, uns in Adua selbst
einzurichten, aufgaben. Auch das Haus des Dr. Schimper besuchten wir,
sahen uns aber sehr getuscht, etwas besseres vorzufinden. Das einzige,
was uns als merkwrdig auffiel, war das Studirzimmer in seiner Htte,
wie ein Observatorium, oben auf dem platten Dache des Hauses errichtet.
Hier fanden wir den leeren Schrank einer schwbischen Kukuksuhr, welche
uns der jetzige Inwohner mit vielem Respect als etwas ganz
Aussergewhnliches zeigte. Dieser Schrank aus Bambus und Leder
verfertigt sah hchst komisch aus, und anfangs wussten wir gar nicht was
wir daraus machen sollten, bis zuletzt der Kopf, worin die Uhr selbst
gewesen sein musste, uns zeigte, wozu er gedient haben msste.

Dr. Schimper wurde in Adua zurck erwartet, einige seiner alten
ehemaligen Diener lebten dort noch. Es scheint brigens, dass Dr.
Schimper durch seinen langen Aufenthalt in Abessinien selbst ganz
Abessinier geworden ist, und weil er seit Jahren nichts Anderes gesehen
hat, ausser Stande ist, Vergleiche anstellen zu knnen; so schien es mir
hchst bertrieben, wenn er behauptete, dass Abessinien ber 10,000,000
Einwohner habe; ich mochte dem Lande kaum ein und eine halbe Million
zuschtzen, und Adua ein irdisches Paradies zu nennen, einen Ort, dessen
Umgegend des Baumschmuckes entbehrt, zeigt deutlich genug, wie einseitig
seine Meinung von Abessinien ist.

Zu unseren Zelten zurckgekehrt fanden wir eine ungeheuere Menschenmenge
versammelt, theils neugierige Gaffer, theils Leute, welche allerlei
Gegenstnde natrlich zu den unverschmtesten Preisen zum Verkauf
anboten. Auch ein Musikus hatte sich eingestellt, der auf einem
Instrumente spielte und arg seinen Krper dabei verdrehte, unter
Gesngen; kurz es etablirte sich ein vollkommener Jahrmarkt. Ein
Priester, halb angetrunken, brachte uns einige Eier und eine kleine
Flasche mit Araki, in Adua selbst destillirt; wir wollten ihm ein
Gegengeschenk machen, aber er wollte nichts annehmen. Spter kam er noch
ein Mal und zwar nchtern, und wir bekleideten ihn dann mit einem
grossen Fliegennetz, in das wir ein Loch hineingeschnitten hatten, um
den Kopf hindurch zu stecken. Herr Stumm und ich konnten uns des Lachens
kaum enthalten, als wir den Pfaffen so mit einem Bettfliegennetz
bekleidet sahen, und wie er sich vergebens abmhte Aermel zu finden, um
seine Hnde frei zu bekommen. Als wir ihm dann sagten, dass unsere Abuna
hnliche Mntel trgen, beruhigte er sich und schritt stolz von allen
Aduensern bewundert und angestaunt der Stadt zu. Nachher sollte aber das
Lachen auf seiner Seite sein, er hatte uns nmlich dringend eingeladen,
sein Haus, seinen Garten, seinen Springbrunnen zu besehen, und neugierig
gemacht gingen wir, obschon es spt Abends war, mit nach der Stadt
zurck. Wir fanden ein Haus schmutzig wie alle anderen und von derselben
Einrichtung, einen kleinen Hof, wo in der That Granaten, Orangen und
Weinreben waren, statt des Springbrunnens indess einen einfachen
Ziehbrunnen, der jedoch als etwas Wunderbares gezeigt wurde. Dann
brachte der Priester, und dies war seine Hauptabsicht, ein Lwenfell
hervor, um es Herrn Stumm zu verkaufen, und wusste es so einzurichten,
dass dieser es wirklich fr 45 Thaler kaufte; ich denke der Priester
hatte in seinem Leben nie ein so gutes Geschft gemacht, er war so
entzckt, dass er uns am folgenden Morgen noch sechs Eier zum Geschenk
brachte.

Also am anderen Tage sollten wir das berhmte Axum sehen, die alte
Capitale des Landes, wo nach den Aussagen der Abessinier die Knigin
Saba ihren Thron hatte und von wo aus sie die Reise nach Jerusalem
unternahm, um Salomon als Beisteuer zum Tempelbau Gold und Ebenholz zu
bringen. Der Weg von Adua nach Axum ist verhltnissmssig gut, nur zwei
oder drei kurze Strecken sind schlecht. Nachdem man gleich bei Adua den
Assem berschritten, kreuzt man noch die kleinen Flsse Mai-Goga und
Mai-Schugurti. Die Gegend ist kahl aber stellenweise gut cultivirt.
Rechts hat man nach 3 Meilen auf einem Hgel den Ort Bit Johannes, dann
spter dicht vor Axum eine einsame Kirche auf einem hohen Berge,
Pantalem genannt.

Axum, von Alvares Chaxuma genannt, ist jetzt bedeutend heruntergekommen,
obschon es immer noch zu den grsseren Orten Abessiniens gehrt. Es
liegt einige hundert Fuss hher als Adua, welches selbst nach einer
durchschnittlichen Berechnung 5500 Fuss ber dem Meere liegt. Alvares
erzhlt uns, dass hier die Knigin Saba, deren wahrer Name Maquerda[15]
gewesen sei, regiert und nach ihr ihr Sohn, den sie mit Salomon gezeugt
hatte. Auch finden wir in seinem interessanten Buche, dass von hier aus
zuerst das Christenthum nach Abessinien verbreitet wurde, und zwar als
auch eine Knigin regierte, mit Namen Candace[16] oder Judith. Freilich
finden wir heutzutage nichts von den Wundern, von denen Alvares uns in
seiner Beschreibung von Axum unterhlt, und da unmglich die Gebude und
Steine in einem Zeitrume von 4000 Jahren knnen spurlos verschwunden
sein, so ist wohl anzunehmen, dass er seiner Phantasie grossen Spielraum
gelassen hat, ebenso wie er es mit Beschreibung der Kirchen von Lalibala
thut[17]. An Merkwrdigkeiten haben wir nur heutzutage in Axum die alten
Ruinen aus vorchristlicher Zeit und die Kirche. Letztere ist ein Gebude
ohne alle Kunst, obgleich ganz verschieden von allen anderen Kirchen in
Abessinien, weil sie ganz aus Stein aufgefhrt ist. Das Material dazu
haben die alten Ruinen liefern mssen, wie auch die Substructionen,
sowie die steinernen Treppen, welche zur Kirche fhren, andeuten, dass
hier frher wohl ein heidnischer Tempel gestanden haben mag. Vor der
Hauptfaade ist ein Sulengang, die anderen Seiten der Kirche, welche
selbst ein lngliches Viereck bildet mit glattem Dache, sind ohne
jeglichen Schmuck. Die fanatischen Bewohner wollten uns nicht erlauben
das Innere zu betreten; hier war der religise Fanatismus noch grsser
als die Geldgier. Von den vielen Palsten, dem Lwenhause oder
Ambacabete, den Springbrunnen, von denen Alvares schreibt, konnten wir
keine Spur finden, ebensowenig Inschriften, eine amharische[18] ohne
Bedeutung ausgenommen.

Ebenso scheinen Alvares Aussagen von den anderen Ruinen entweder sehr
bertrieben zu sein, oder der Vandalismus der Bewohner msste dieselben
zerstrt haben, denn selbst wenn dieselben auseinander gefallen wren,
so mssten die Bruchstcke heutzutage zu finden sein, da der Stein,
dessen man sich zu diesen Bauten bedient hat, sehr gut der Witterung
wiedersteht. Der Stein, welcher eine Art von Granit ist[19], muss aus
einer anderen Gegend hergeholt sein, denn in der Umgegend von Axum
findet man nur Sandstein, Kalk und Schiefer[20].--Dicht bei einem
ungeheuren Feigenbaum, der in seinem Umfange dem ausserhalb der Stadt
Adua stehenden gleichkommt, und in Axum den Namen "Baum des Pharao"
fhrt, findet man den berhmten Obelisk von reinster und schnster
Arbeit, als ob er gestern aus der Hand des Meisters hervorgegangen wre.
Aber die Zeit, welche den Obelisk selbst nicht angreifen konnte, so
scharf sind noch heute alle Ecken, Umrisse und Zeichnungen, hat eine
Senkung des Erdbodens bewirkt, welche ihn in eine merkwrdig geneigte
Stellung gebracht hat, vielleicht nur noch einige Regenzeiten und der
Mittelpunkt der Lothrechten wird sich ausserhalb der Basis befinden, und
dann wird auch der letzte Zeuge der Wunderbauten Axums gleich seinen
Brdern in Stcken auf dem Boden liegen. Ferret und Gallinier erwhnen
nichts von dieser geneigten Stellung dieses Obelisken, den sie 80 Fuss
hoch schtzen, whrend Alvares dessen Hhe auf 66 Ellen oder Bracia
angiebt. Auch letzterer, der genau das ganze Ruinenfeld beschreibt,
erwhnt nichts von einer schiefen Stellung, ebensowenig Th. von Heuglin.

Leider war unsere Zeit zu kurz gemessen, als dass uns genug brig blieb,
um die Knigsgrber und die von Salt und v. Heuglin genau beschriebene
griechische Inschrift zu besichtigen. Nach Salt sind diese Bauten nicht
vor der Zeit der Ptolemer errichtet und sollen von einem gewissen Knig
Acizane circa 300 Jahre nach Chr. durch nach Abessinien gekommene
christliche Arbeiter hergestellt sein. Dapper in seiner Liste der
Abessinischen Knige fhrt ihn nicht auf.

Selbigen Tages kamen wir Abends wohlbehalten in Adua an, und verbrachten
den folgenden Tag damit, unsere Einkufe fr die Rckreise zu machen, da
wir auf die Vorrthe im Lande gar nicht rechnen konnten. Die Kirche in
Adua, die uns an dem Tage geffnet wurde, bot nichts bemerkenswerthes,
es ist ein Gebude der Neuzeit.

Eine zahlreiche Menschenmenge hatte sich am 20. eingefunden, um Abschied
von uns zu nehmen, und vielleicht weggeworfene oder vergessene Sachen
sich anzueignen. Wie gross die Armuth ist, kann man berdies daraus
sehen, dass den ganzen Tag unter den Pferden und Maulthieren alte Weiber
und Kinder herumhockten, um etwa zu Boden fallende Krner aufzusammeln.

Unser Weg fhrte uns in ONO.-Richtung; den erhabenen Semaita-Berg wieder
rechts lassend; aber so zerrissen und wunderbar geformt die Gegend
nrdlich von Adua auch ist, so war die Strasse doch im Allgemeinen gut.
Zudem war sie sehr belebt, da gerade an diesem Tage der wchentliche
Markt in Adua abgehalten wurde, und nun aus der ganzen Umgegend Alt und
Jung herbeistrmte um Einkufe fr die Woche zu machen.--Sobald man den
Reberen-Pass berstiegen hat, laufen die Gewsser alle nach NW. um dem
Mareb tributr zu werden. Bei einer Quelle Mai-Schuha wurde ein kurzer
Halt gemacht. Wie wenig sicher indess die Gegend ist, ersahen wir
daraus, dass ein einzelner Mann trotz der wegen des Marktes belebten
Gegend fast vor unseren Augen ausgeplndert wurde, wahrscheinlich war es
ein Wiedervergeltungsact eines fremden Dorfes, weil Niemand sich
hineinmischte. Als wir alle anderen Leute theilnahmlos, den Mann von
vier anderen ausziehen sahen, hielten wir es auch nicht fr geboten uns
ins Mittel zu legen, und wie Adam im Naturkleide konnte er dann
abziehen.

Der hohe zweigipflige Gendepta-Berg wird nun umgangen, so dass wir ihn
westlich liegen lassen, und sodann passiren wir noch mehrere Rinnsale,
die alle mittelst des Ungea dem Mareb zu gehen. Eine niedere Kette,
welche wir dann mittelst des Damitjel-Passes bersteigen, und auf deren
linken oder nrdlichen Verlngerung die Michaels-Kirche liegt, fhrt uns
in den District von Antidjo. Hier war es, wo Dr. Schimper zur Zeit, als
Ubie Knig von Tigre war, als Gouverneur die Provinz regierte, und einer
meiner Burschen aus einem der Drfer dieser Provinz gebrtig, erzhlte
mir, dass damals Weinbau, Feigenzucht und viel Gemse dort gezogen wre.
Krieg, Zerstrung und Indolenz der Bewohner haben dies kleine Paradies
zu Nichts herabgebracht, aber die Lage ist wunderschn, und gewiss wrde
Alles dort gedeihen. Bei unserer Anwesenheit in Intidjo, wir lagerten am
Dagassoni-Bache, fanden wir blos eine gute Zwiebelzucht, sonst war von
Gemsebau nichts zu sehen.

Als Dr. Schimper bei Theodor's Zuge nach Tigre ihm folgen musste,
verlor er seine Provinz, welche vom derzeitigen Herrscher Kassa von
Tigre einem Verwandten gegeben wurde. Hoffen wir, dass Schimper, welcher
mit krftigen Empfehlungsbriefen des commandirenden englischen Generals
an Kassa, die englische Armee bei Adebaga verliess, um in Adua seinen
Wohnsitz aufzuschlagen, bald wieder als Statthalter in seine ehemalige
Provinz zurckkehren mge.

Wir hatten indess keine angenehme Nacht im Intidjo-Thale, schwarze
Wolken hatten sich im Sdosten um den colossalen Oger-Berg
zusammengezogen und zgerten auch nicht sich ber uns zu entladen.

Obgleich wir am folgenden Tage nicht so weit zu marschiren hatten, so
war der Weg doch ungleich schwieriger und an Reiten fast gar nicht zu
denken. Ueber den Urea-Pass fhrte uns ein mit grossen Steinen bedeckter
Weg in das steil abfallende Sseriro-Thal hinab, und dann die
Ntabaras-Schlucht westlich lassend fanden wir uns am Rande des weiten
Thales, in welchem Debra-Damo, eines der berhmtesten Klster
Abessiniens, liegt.

Die Stelle, wo wir hinabsteigen mussten, bestand aus glatt abgewaschenem
Sandstein, der so weiss war, dass man in der Sonne kaum die Augen offen
halten konnte, als ob man auf einem Gletscher gewesen wre. Der Weg
aufwrts machte uns aber noch weit mehr zu schaffen; endlich lagerten
wir am Fusse der eigentlichen Bergfeste, die so steil nach allen Seiten
abfllt, dass man in einem Korbe hinaufgezogen werden muss, wenn man sie
besuchen will. Es leben einige Mnche auf diesem Berge, welche ihre
Bedrfnisse meist von unten beziehen, indess auch etwas Ackerbau oben
treiben, und einiges Vieh halten. Die Mnche sind sehr schwierig,
Fremden die Erlaubnis zum Heraufziehen zu ertheilen, und da unsere Zeit
so schon fast abgelaufen war, um noch mit der englischen Armee
Abessinien verlassen zu knnen, standen wir von jedem Besuche ab uns
Aufgang zu verschaffen.

Da indess vor Nacht noch viel Zeit war, so benutzte Herr Stumm dieselbe
um einige Tauben, die sich in zahlloser Menge in den grossen Sycomoren
herumtummelten, zu erlegen, eine willkommene Zuthat zu unserer ohnedies
schmalen Kche, da im Lande Alles aufgezehrt zu sein schien.

Der letzte Tag war ohne Interesse, wir kamen in NNO.-Richtung bald auf
die englische Heerstrasse, so dass wir noch am selben Abend in
Gunna-Gunna inmitten des englischen Lagers campiren konnten. Wie immer
fanden wir die gastfreundlichste Aufnahme und da die Armee schon seit
einigen Tagen in europischen Genssen schwelgte, die wir fast fnf
Monate lang entbehrt hatten, kann man sich denken, dass wir bei Claret
und Ale, Cigarren und sogar mit glnzender Beleuchtung und auf Sthlen
sitzend einen vergngten Abend zubrachten.




Damiette.


Welcher von den vielen Reisenden und Besuchern, die jetzt jedes Jahr
sich ber Aegypten ergiessen, und das Land des Nils zu einem Modeland,
wie die Ufer des Rheins, gemacht haben, denkt daran nach Damiette zu
gehen? Fast niemand. Und warum? Weil die Stadt eben ausserhalb der
grossen Verkehrsstrassen liegt, welche in Aegypten sowohl wie auch
anderwrts seit Einfhrung der Eisenbahn ganz andere Wege eingeschlagen
haben. Whrend frher die Abendlnder in Damiette ans Land stiegen, ist
jetzt Alexandria Hauptausschiffungsort geworden, und auch diese Stadt
wird dem schnell emporblhenden Port Said weichen, wenn der Kanal fertig
sein und die Eisenbahn direct von dort bis Suez fhren wird.

Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen in Port Said, einer der jngsten
und doch schon bedeutendsten Stdte in Aegypten, ein Aufenthalt, der um
so angenehmer war, als ich im lukullischen Hause unseres norddeutschen
Consuls; des Herrn Bronn, die Strapazen der abessinischen Expedition und
die gluthglhende Sonne des rothen Meeres vergessen konnte, machte ich
mich auf, Damiette zu besuchen. Von Port Said aus kann man mittelst des
mittellndischen Meeres dahin kommen, oder direct durch den See Menzale
fahren, welcher vom mittellndischen Meere nur durch eine schmale
Landzunge, die manchmal nur einen Kilometer breit ist, fters auch
Durchgnge hat, zum Binnen-See abgetrennt ist.

Eine Art von Dahabie war schnell gemiethet, wenn ich nicht irre fr den
Preis von 40 Francs, und wenn der Wind gnstig blies, so konnte ich
hoffen in 12 Stunden von Port Said aus das Tamiatis zu erreichen. Da
aber manchmal widriger Wind eintritt, und so die Fahrt um das doppelte
und dreifache verzgert, so versorgte mich Herr Consul Bronn noch
reichlich aus seiner Kche und seinem Keller. Da gab es Bchsen mit
eingemachten Fleischen, Fischen, Ragouts, Gemsen, Frchten, die nie
fehlenden Sardinenschachteln, endlich Orangen, Malaga-Trauben, Mandeln
und Kse; von Weinen, welche bekanntlich das grosse Haus Bazaine aus
Marseille nach dem Canal liefert, hatte Herr Bronn Claret und Sparkling
Hock eingepackt, und damit nichts fehlte, lagen oben auf dem Korbe,
welcher ausserdem ein completes Reisenecessaire enthielt, zwei frische
Brode; ein grosser Krug Ssswasser completirte das Ganze. In der That,
es war Essen und Trinken genug fr 10 Mann auf zwei Tage.

Das Consulatsboot, eine schlanke Gig, fuhr im Consulat vor, ein kleiner
Dock direct vom Canal aus mndet zum Gterausladen in den grossen Hof
des Consulates selbst ein. Die norddeutsche Flagge wurde gehisst und mit
einer steifen Nordwestbriese ging es canalaufwrts, wo etwa eine halbe
Stunde entfernt die Schiffe lagen, welche nach Damiette clarirt waren.
Alles war rasch an Bord des gyptischen Schiffes gebracht, und nach
einem herzlichen Lebewohl wurde ich hineingetragen, das Wasser war
nmlich so seicht, dass das plumpe Araberschiff nicht dicht an den Damm
des Canals, der den Menzale-See durchschneidet, heran kommen konnte.
Dasselbe hatte blos zwei Mann Besatzung, war etwa 20 Fuss lang auf 8
Fuss Breite, ganz flach und ging vielleicht 1-1/2 Fuss tief, nach hinten
befand sich eine Art von Cajte, worin die Mannschaft des Schiffes ihre
Vorrthe hatte. Grosse Segel hingen nach allen Seiten von einem
schwindelhohen Mastbaum herab, so dass man staunte, dass das Schiff
davon nicht kopfschwer wurde, freilich war es sehr breit. Die Mannschaft
bestand, wie gesagt, aus dem Reis oder Capitn, welcher zugleich die
Person eines Ober- und Untersteuermanns in sich vereinigte, und aus
einem Behari oder Matrosen, der alle andern Persnlichkeiten bis zum
Schiffsjungen, den die Araber Mudju nennen, reprsentirte. Vom Consul
selbst hergefhrt, kann man sich denken, dass ich von der gesammten
Mannschaft mit gehrigem Respect aufgenommen wurde, denn im Orient gilt
ein Consul mehr als ein Bascha, theils weil er nicht nur Strafen
verhngen kann wie jener, sondern auch manchmal wirksamer Schutz gegen
die Willkr der mohammedanischen Behrden selbst den Arabern angedeihen
lsst.

Es war halb 8 Uhr als wir vom Ufer stiessen, im wahren Sinne des Wortes,
denn der Wind war gerade contrr, wenn auch nicht heftig, und da die
Mannschaft wahrscheinlich die Kunst des Lavirens nicht kannte, das ganze
Fahrzeug auch zu ungeschickt dazu war, so konnte sie dasselbe nur mit
langen Stangen langsam weiter stossen. Glcklicherweise hatte ich
Lectre bei mir, denn so viel merkte ich gleich, dass wir jedenfalls
nicht in einem Tag hinkommen wrden. Man richtete es sich indess so
bequem wie mglich ein, mit mir war blos noch der kleine Neger Nol,
also zu viert waren wir im ganzen. Gegen Mittag wurde der Wind
nrdlicher, und nun fingen sie doch an ihn selbst aufzufangen und zu
benutzen, aber langsam ging es trotzdem.

Und dann wurde manchmal angehalten, wir fanden uns in einer jener
Fischerflotillen, und da musste Es ssalamu alikum ausgetauscht werden,
wobei dann gewhnlich ein paar Fische zum Geschenk abfielen. Kein See
ist vielleicht so fischhaltig wie der Menzale, fast durchweg nur 2 Fuss
tief (wesshalb ich auch nicht fr nthig hielt, wie bei andern Seereisen
sonst immer, einen Schwimmgrtel umzubinden) hat er ausgezeichnete
Brtestellen fr die Fische. Auch mehren sich diese in dem ewig
lauwarmen Wasser derart, dass uns mehreremal einige ins Boot sprangen.
Der Hauptfisch im Menzale ist nmlich ein gewisser von den Aegyptern
Snamura genannter, welcher immer in grossen Stzen aus dem Wasser
herausspringt, und dessen Rogen getrocknet einen Haupthandelsartikel
nach Kleinasien und der europischen Trkei bildet. Der Snamura-Rogen
wird von einem trkischen Effendi ebenso hoch geschtzt wie von unseren
Feinschmeckern der Caviar. Ueberhaupt zieht der Pascha, Namens Henang
Bey, welcher das Privilegium des Fischfanges auf dem Menzale-See
geniesst, einen ungeheuren Vortheil daraus, denn Tausende von Centnern
trockener Fische werden von hier aus in den ganzen Orient geschickt.
Mehr als hunderte von Fischerbooten sind alle Tage mit dem Fischfang
beschftigt, und ein paar tausend Fischer haben hier ihre Arbeit. Um
nicht jeden beliebigen fischen zu lassen, hlt der Bascha eine eigene
kleine Flotille mit Polizisten, welche Tag und Nacht auf der See herum
patrouilliren mssen.

Von zahlreichen kleinen flachen Inseln bedeckt, welche kaum einige Fuss
aus dem Niveau des Wassers hervorragen, von denen mehrere sogar bewohnt
sind, hat der See eine Lnge von 10 Meilen auf 3 Meilen Breite.

Abends wurde an solch einer kleinen Insel angelegt, weil die Mannschaft
ihre Fische, die sie am Tage zum Geschenk bekommen hatten, backen
wollte. Dieses Eiland bestand fast ganz aus kleinen leeren Kalkmuscheln,
in der Mitte wuchs indess etwas Grn, und mittelst einiger trockener
Sprickeln hatten sie bald ein gutes Feuer, worin sie die Fische, nachdem
sie dieselben vorher ausgenommen hatten, hineinwarfen, und so in einigen
Minuten auf die primitivste Art brieten. Hernach ging es weiter, und da
wir kein Mondlicht hatten, auch keine Kerzen bei uns fhrten, so legten
wir uns zum Schlafe nieder, freilich nicht eben weich, denn das Schiff
hatte nichts als die harten Dielen, wenn nicht Schmutz und Staub von 20
Jahren etwas Weiche geschafft htten. Ob der gelehrsame Reis und der
wohlgehorchende Behari eigentlich die ganze Nacht durchgefahren waren,
kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen; der Reis Abd-Allah behauptete es
indess beim Kopfe des Propheten, und so musste man es wohl glauben. Es
kam mir indess vor, als die aufgehende Sonne uns weckte, als seien wir
gar nicht von der Stelle gekommen. Bis 3 Uhr Nachmittags dauerte es noch
ehe wir Damiette erreichten, um 9 Uhr Morgens hatten wir indess aus
einem dichten Palmenwalde die hohen feinen Minarets, welche die Araber
Smah[21] nennen, herausragen gesehen.

       *       *       *       *       *

Wenn auch vor Damiette waren wir doch nicht in der Stadt, ein schmaler
Kanal fhrte vom Menzale-See zum Damm, der die fruchtbaren Niederungen
des Nils abtrennt, und hinter ihnen liegt erst Damiette selbst am Nil.
Unglcklicherweise hatte der Nordwestwind alles Wasser weggetrieben, so
dass unser plumpes Schiff das Ufer nicht erreichen konnte, nichts blieb
brig als entweder den zwei Fuss tiefen Schlamm zu durchwaten oder bis
am Abend im Schiffe zu bleiben, wo nach Aussage der Leute das Wasser
hher werden wrde. Aber ich zog doch lieber vor einen Kilometer im
Schlamm zu stelzen, als angesichts der Stadt lnger im Schiffe zu
bleiben; nur rasch meine Kleider abwerfend, sprang ich hinaus und
arbeitete mich glcklich an den Damm. Freilich war dies, da man bei
jedem Schritt bis ber die Knie einsank und frmlich festklebte, keine
leichte Arbeit, aber nach einer Stunde hatten wir festen Fuss und
konnten uns in den Wellen des Nils den Menzale-Schlamm abwaschen. Die
Koffer wurden gegen ein hohes Bakschisch von der Mannschaft des Schiffes
an das Land getragen, dann gleich auf einen Esel gelegt, und fort ging
es zur Stadt.

Man hat die Wahl in Damiette zwischen zwei Hotels, wovon das eine
ziemlich mitten in der Stadt liegt und von einem Griechen gehalten ist.
Das andere, mehr eine Art Pension, liegt ausserhalb der Stadt nrdlich
und gehrt Herrn Gurin, der, wie der Name andeutet, Franzose ist. Man
kann sich wohl denken, dass ich letzteres als Absteigequartier vorzog,
zumal ich einen Empfehlungsbrief fr den Besitzer mitbrachte. Reizend in
einem Palmengarten gelegen, zwischen denen Oliven, Orangen und
europische Fruchtbume herrlich gedeihen, von den ppigsten
Gemseculturen fast aller Zonen umgeben, die Wege von Jasmin und Rosen
besumt, kann man sich keinen angenehmeren Aufenthalt denken als dieses
lndliche Hotel, Reinliche Zimmer, freundliche Wirthe und, was
erstaunenswerth ist in Aegypten, billige Preise, ist dies Hotel in
Damiette so zu sagen eine Ausnahme. Zwei Familien, je aus Mann und Frau
bestehend, wirtschafteten hier gemeinsam und lebten in vollkommenster
Harmonie, ja das Merkwrdige dabei war noch, dass der Hauptinhaber Herr
Gurin Jude ist, seine Frau eine Christin, whrend das andere Ehepaar
ein umgekehrtes Verhltniss zeigt. Da nach Damiette sehr wenig Fremde
kommen, so existirt natrlich keine Table d'Hte, und man isst, wenn man
nicht ausdrcklich es verlangt, mit der Familie  la franaise.

Obgleich sehr wenig Europer in Damiette wohnen, hat die Stadt ein
aussergewhnlich reinliches Aeussere, die Strassen sind
verhltnissmssig breit, viel reiner als die in Cairo und Alexandria,
und die Hauptstrasse, welche die Stadt der Lnge nach durchschneidet,
mit ihren Buden und Gewlben an beiden Seiten, ist orientalisch schn.
Die Stadt kann gegenwrtig 45 bis 50,000 Einwohner zhlen, war aber
frher bedeutend grsser.

In alten Zeiten galt Damiette als der Schlssel Aegyptens und lag dann
unmittelbar am mittellndischen Meere, whrend es heute durch die
Ausschwemmungen des Nils, der fortwhrend nach Norden Erdreich ansetzt,
12-15 Kilometer davon entfernt ist. Damiette liegt auf dem rechten Ufer
des stlichen Nilarmes, auf einer Landzunge, welche den Nil vom
Menzale-See trennt, es wird zur Provinz Mennfieh gerechnet. Eine ganze
Tragdie spielte sich hier zur Zeit der Kreuzzge ab, als der heilige
Ludwig in der Nhe der Stadt geschlagen und gefangen genommen wurde.
Aber schon vor ihm hatte man die Wichtigkeit Damiette's erkannt, und die
Franzosen debarkirten zuerst im Jahre 1218, dann eroberten am 5.
November 1219 Graf Wilhelm von Holland und Johann von Brienne, Knig von
Jerusalem, die Stadt, mussten aber bei der Regierung des Sultans
Mel-ed-Din sie wieder rumen, und Friedrich der II., der ein Hlfsheer
im Jahre 1221 sandte, konnte nur noch Zeuge vom Abzge des christlichen
Heeres sein.

Im Jahre 1249 landete dann Ludwig der Heilige, eroberte die Stadt nach
zwei Tagen, schleifte sie und liess durch Versenkungen den Hafen
schliessen. Aber obgleich Ludwig noch zwei Schlachten gegen die
Mohammedaner gewann, erlitt er eine empfindliche Niederlage vom Sultan
Moadem-Turanscha im folgenden Jahre am 8. Februar dicht bei der Stadt
Mansura. Ein Vertrag, den er mit diesem Emir abschloss, konnte nicht zur
Ausfhrung kommen, da derselbe gleich darauf von seinen eigenen
Mammeluken ermordet wurde. Der Bruder Ludwigs, der Graf von Artois, war
ebenfalls unglcklich in seinen Unternehmungen, und am 5. April 1250
gerieth Ludwig der Heilige bei Mansura mit seinen Brdern Alphons und
Karl in Gefangenschaft, und konnte nur dadurch seine Befreiung erlangen,
dass er Damiette, welches mittlerweile etwas weiter sdlich wieder
aufgebaut worden war, abtrat und noch 100,000 Mark Silber zahlte.

Im Jahre 1798 wurde Damiette dann unter Kleber von den Franzosen erobert
und den Trken eine empfindliche Niederlage beigebracht, Sidney Smith
entriss es aber den Franzosen wieder und gab es den Trken zurck,
welche es bis zum 26. Juli 1803 behielten. An diesem Tage schlug
Mehemmed-Ali im Verein mit Bardissi unter den Mauern Damiette's die
Trken, welche von Kursuf commandirt waren, und weihte damit die
Unabhngigkeit Aegyptens der Pforte gegenber ein.

Heutzutage ist Damiette[22] eine friedliche Stadt, und nirgends in ganz
Aegypten sind die Einwohner so vorurtheilsfrei und zuvorkommend. Die
Hauptbevlkerung besteht natrlich aus Mohammedanern, welche wie die
christlichen Kopten die Urbevlkerung ausmachen; Levantiner, meist
griechischen Glaubens, bilden dann zunchst das Hauptcontingent, und von
eingewanderten Europern bilden die Mehrzahl die Griechen, auch einige
wenige Italiener und Franzosen giebt es, Englnder und Deutsche sind
augenblicklich nicht da. Man glaube aber deshalb nicht, dass wir keinen
Consul htten, die schwarzweissrothe Flagge weht auf der ganzen Erde,
und wo der Deutsche heutzutage hinkommt, berall giebt sie ihm krftigen
Schutz.

"Ich muss Herrn Surur", so heisst unser Consul, der nebenbei gesagt der
reichste Mann der Stadt und ein eingewanderter Levantiner ist, "doch
einen Besuch machen", dachte ich, und that es. Er wohnt am ganz
entgegengesetzten Ende in einer prachtvollen Villa ausserhalb der Stadt.
Zu meinem Bedauern fand ich den Consul verreist um eines seiner vielen
Gter zu inspiciren, welche er rechts und links am untern Nil liegen
hat. Aber den letzten Tag Abends kam der Kanzler des Consulats und bat
mich doch noch den folgenden Tag zu bleiben, Herr Surur wnsche mich
auch gern mit dem spanischen und englischen Consul bekannt zu machen.
"Das ist er ja selbst", erwiederte ich, wissend, dass Herr Surur auch
zugleich England und Spanien vertritt. "Das ist ganz recht", erwiederte
der Kanzler, "aber da er Ihnen in preussischer Uniform einen Gegenbesuch
machen wird, wrde er Sie hernach sehr gern auch noch in englischer und
spanischer Uniform empfangen, er hat auch fr jedes Land besondere
Empfangzimmer." Mir kam die Sache so sonderbar komisch vor, dass ich
fast Lust hatte meine Reisedispositionen umzundern, um diesen
Sonderling, welcher schon seit 1812 jene drei Lnder in Damiette
reprsentirt, kennen zu lernen; aber ich dachte, dann kommen noch
spanische und englische Gegenbesuche, die norddeutsche, englische und
spanische Diners zur Folge haben werden, und so ist's besser gleich
abzubrechen. Folglich erklrte ich dem Herrn Kanzler: ich knne meine
Reiseplane nicht mehr umndern, und bat ihn, mich dem guten Andenken des
Herrn Consuls zu empfehlen.

Herr Gurin, mein Wirth, erzhlte mir nun noch folgendes, was mir
nachher von vielen Seiten besttigt wurde: trotzdem berlasse ich die
Verantwortung dieser Erzhlung den europischen Bewohnern Damiette's;
sie hat Aehnlichkeit mit der von Bismarck, wenn er in seiner Eigenschaft
als Bundeskanzler, Ministerprsident, Minister der auswrtigen
Angelegenheiten, Prsident von Lauenburg etc. etc. mit sich selbst
correspondirt. "Herr Surur ist der lteste Consul auf der ganzen Erde,
sehr geizig, aber wenn es darauf ankommt seine respectiven Souverne zu
reprsentiren, dann geht es bei ihm im Hause so hoch her wie nur
irgendwo. Nur von England bezahlt, hat er fr dieses die grsste
Vorliebe, obgleich er alle Abend fr die Knigin Isabella dreimal zu
Gott betet, whrend Wilhelm und Victoria nur einmal in seinem Gebete
genannt werden, denn Herr Surur ist eifriger Katholik und muss deshalb
doch der katholischen Frstin einen kleinen Vorzug geben. Officiell
empfangt er dreimal des Jahres, an welchen Tagen dann auch grosse
Gala-Diners bei ihm stattfinden. An einem solchen Tage macht er sich
aber zuerst selbst die frmlichsten Besuche; wenn z. B. der Knigin
Victoria Geburtstag ist, wirft er sich in preussische Consulatsuniform
und stattet dem englischen Empfangssalon, wo inmitten auf einem Divan
die grossbrittanische Consulatsuniform prangt, einen Besuch ab, sodann
eine steife Referenz machend, puppt er sich in einen spanischen Consul
um und wiederholt die Visite. Aber damit nicht zufrieden, macht er
Nachmittags als englischer Consul seinen beiden Collegen Gegenbesuch,
das heisst, er betritt feierlichst in grande tenue anglaise den
norddeutschen und spanischen Salon.

Sein strkstes Stck soll indess das Danksagungsschreiben gewesen sein,
welches er an Knig Wilhelm fr Ernennung zum norddeutschen Bundesconsul
geschickt hat, und was in so schwlstigen Formen abgefasst war, dass das
Generalconsulat in Alexandria, wie man sagt, es nicht hat passiren
lassen. "Schade", erwiederte ich, "unser Knig ist dadurch um einen
heitern Augenblick gekommen. Und wissen Sie denn auch, was er von
Bismarck denkt?" "O ja; er hat gleich erklrt, da Bismarck nur auf die
Vergrsserung Deutschlands snne, er auch tglich ein Extragebet halte
fr Vergrsserung Deutschlands, denn als norddeutscher Consul msse er
officiell mit den Wnschen des Ministeriums des Auswrtigen
bereinstimmen".

Doch es wrde zu weit fhren, hier alle Anekdoten und Sonderbarkeiten,
die man sich nicht nur in Damiette, sondern in ganz Aegypten ber Consul
Surur erzhlt, wiederzugeben. Nur so viel noch, dass man andererseits
auch sagt, dass er vollkommen energisch ist, und vorkommenden Falles
den Trken schon oft gezeigt hat, dass man keinen seiner Schtzlinge
ungestraft beleidigen darf. Sein Sohn ist amerikanischer Consul, und ein
Schwiegersohn vertritt andere Lnder, so dass fast die ganze Welt von
dieser Familie reprsentirt wird.

Es gibt in Damiette eine grosse Anzahl von Moscheen, mehr als 20 hohe
Minarets zhlte ich, die meisten Djemma,[23] so nennen die Araber ihre
Bethuser, sind aber ohne Minarets. Eine von ihnen ist sehr berhmt und
noch heutzutage ein besuchter Wallfahrtsort; es geschehen dort Wunder.
Gegen ein hohes Bakschisch (Trinkgeld) konnte ich Einlass bekommen,
nachdem meine Stiefeln vorher mit ein paar Strohschuhen waren umhllt
worden, damit mein unglubiger Fuss nicht die heiligen Rume beflecke.
Die Moschee ist gross und ehemals eine christliche Kirche gewesen,
vielleicht in noch lterer Zeit ein rmischer oder griechischer Tempel,
denn die Sulen sind zusammengesucht, von der verschiedensten Ordnung
und von verschiedenstem Gestein. Hier sieht man eine korinthische,
kannelirte aus Sandstein, dort dorische aus Marmor, auch Granitarbeiten
fehlen nicht. Das wunderbarste ist aber eine Sule, welche von Blut ganz
roth angelaufen ist; diese Sule, die von Mekka gekommen sein soll, wird
von sterilen Frauenzimmern so lange geleckt mit der Zunge bis aus
dieser Blut tritt, und dann soll dies Schwangerschaft hervorrufen
(wahrscheinlich haben die mohammedanischen Pfaffen oder Thalba (pl. von
Thaleb) aber noch andere Mittel zu Gebote, denn wenn die Frauen sich die
Zunge wundgeleckt haben, mssen sie zu einem Thaleb ins Zimmer treten,
und erhalten dort Mittel zur Heilung der Zunge.) Ich fand zwei junge
Frauenzimmer mit dem widerlichen Acte der Sulenleckung beschftigt,
die, wie gesagt, ganz roth war, und unverschleiert, erhoben sie ein
entsetzliches Geschrei, als die Blicke eines Unglubigen sie trafen. Der
mich herumfhrende Thaleb beruhigte sie indess, indem er ihnen etwas
zuflsterte, wahrscheinlich theilte er ihnen mit durch andere Mittel die
Macht des bsen Auges von ihnen abwenden zu wollen.

Aber noch zwei andere merkwrdigere Sulen zeigte man mir, reiche dicht
neben einander stehen und direct vom Himmel gekommen sein sollen. Diese
haben die wunderthtige Kraft, dass sie schwangere Frauen, die nicht
niederkommen knnen, entbinden machen; zu dem Ende mssen sich die
Frauen zwischen beiden hindurchquetschen, und nachdem ich den geringen
Abstand der beiden Sulen von einander sah, konnte ich mir recht gut
denken, dass, wenn die Damen von Damiette hochschwanger den Pass passirt
haben, sie sicher weiter keinen Geburtshelfer nthig haben wrden.

Fr die Christen in Damiette giebt es ausser den koptischen Kirchen eine
katholische Kirche, welche von Vtern des heiligen Grabes bedient wird,
dann eine griechische, der ein Erzbischof, ein Diaconus und vier
Priester vorstehen. Den schnsten Blick auf die Stadt hat man von Sden,
nahe vom Gebude der Compagnie des Canals von Suez aus. Dieses Gebude,
welches die Compagnie, man weiss nicht weshalb, hier hat bauen lassen,
steht jetzt ganz leer, einige Rume ausgenommen, die vermiethet sind.
Vom Nil aus kann man auch die ganze Stadt in einem Halbkreis vor sich
liegen sehen, und von Westen betrachtet, gleicht sie eher einer
italienischen als einer gyptischen Stadt. Hohe mehrstckige Huser, mit
Fenstern und Balcons, alle den reichen Damietter Kaufleuten zugehrend,
unmittelbar an's Wasser stossend, deuten nichts weniger an, als dass
hier die Harem der Reichen mnden. Und doch ist es so, die Jalousien
sind so eingerichtet, dass die Frauen und jungen Mdchen das rege
Treiben auf dem Nil sehen knnen, ohne gesehen zu werden. Besonders
schn ist das Gebude des persischen Consuls, den die Damietter Consul
el Agam ([Arabic: el-Agam] heissen sie Persien) nennen.

Auf der andern linken Seite des Nils sind ausser Kasernen keine Gebude,
mehrere grosse, halbverfallene Moscheen deuten aber an, dass frher hier
die Stadt sich auch ausdehnte. Von vollkommener Ebene umgeben und im
fruchtbaren Nil-Alluvium liegend, bringt die Gegend hauptschlich Reis
hervor, der an Vorzglichkeit jedem der Erde gleich steht; es wird
damit, sowie mit getrockneten Fischen, vom Menzale-See nach der Trkei
und Syrien ein grosser Export getrieben. Renommirt sind auch noch die
Datteln, welche fr die besten in ganz Untergypten gehalten werden. In
neuerer Zeit endlich hat sich Frucht- und Gemsebau sehr entwickelt, da
Port Said gnzlich mit diesen beiden Artikeln von Damiette versorgt
wird. Bei Hochwasser knnen Briggs bis 400 Tonnen vom Meer bis zur Stadt
gelangen, bei niedrigem Wasser nur kleinere Schiffe. Eine regelmssige
Dampfschifflinie verbindet Damiette mit Mansura, welche Stadt etwa 80
Meilen nilaufwrts liegt.

Nach einem viertgigen Aufenthalt miethete ich ein Schiff, da die
regelmssigen Dampfer gerade nicht liefen, und fuhr mit gutem Nordwind
nach Mansura, welches wir in 18 Stunden, immer rechts und links die
lachenden Ufer des Nils geniessend, erreichten. Leider erlaubte der
Fanatismus der dortigen Bewohner nicht die Moschee zu betreten, in
welcher das Gefngniss des heiligen Ludwig gezeigt wird, und so nahm
ich, ohne mich in der Stadt aufzuhalten, die Bahn, und fuhr mit dem
ersten Zuge nach der Kalifenstadt zurck.




Malta.


Es kann oft vorkommen, dass ein Reisender, welcher von Europa sich nach
Tripolitanien oder Tunisien begiebt oder umgekehrt, dazu genthigt wird,
tagelang, welches oft zu Wochen anwchst, auf diesem Felsen mitten im
Mittelmeere zuzubringen: und selbst in diese Lage gebracht, berichten
wir nun wie am besten und ntzlichsten und zugleich auch am
interessantsten die Zeit hinzubringen sei. Durch die Kenntniss der
arabischen Sprache konnte ich mich mit den Maltesern selbst in
Verbindung setzen und so nach und nach herauslocken, was auf den Inseln
am sehenswerthesten ist. Freilich waren sie oft darber so erstaunt mich
fe'l maltese sprechen zu hren, dass sie sich gerade so anstellten, wie
die Beduinen einem Europer gegenber, welcher sie pltzlich in ihrer
Sprache anredet, d.h. sie trauten ihren Ohren nicht, wollten nicht
glauben, dass es ihre Sprache sei, bis wiederholte Fragen ihnen endlich
die Laute ohrgerecht machten.

Indem ich im Allgemeinen hier anfhre, dass die Inselgruppe, die wir
schlechtweg Malta zusammen nennen, aus der grssten Malta, der mittleren
kleinsten Comino und der zweiten Gozzo, dann einigen Felsen als
Cominetto und Filfela besteht, halte ich es fr berflssig, ber Lage,
Grsse und Einwohnerzahl mich auslassen zu mssen, was in jedem
Handbuche der Geographie nachgesehen werden kann.

Kein Land der Welt hat wohl so oft seinen Besitzer gendert, wie Malta,
welches von Homer unter dem Namen von Hyperien, endlich mit der
Herrschaft der Phnizier Ogygien, dann endlich von Griechen, die spter
sich der Insel bemchtigten, Melita genannt wurde, aus dem der jetzige
Name Malta entstanden ist. Die kolossalen Bauberreste, die an mehreren
Orten auf der Insel gefunden werden, deuten darauf hin, dass Malta von
Vlkern bewohnt wurde, welche die Griechen mit dem Namen Pelasger
bezeichneten, nach ihnen finden wir Spuren der phnizischen Herrschaft.
Im Jahre 736 v. Chr. bemchtigten sich die Griechen der Inseln, welche
dann 528 v. Chr. in die Hnde der Carthager fielen. Im Jahre 242 v. Chr.
mussten die Carthaginienser, wie alle anderen Inseln so auch Malta an
Rom abtreten, welches sich bis 454 hier behauptete, worauf dann die
Vandalen und Gothen und im Jahre 533 Belisar sich Malta's bemchtigte.
Nach dem lateinischen Kaiserreiche zankten sich Araber, dann wieder
Griechen, und wieder Araber um die Herrschaft, bis 1090 Graf Roger mit
den Normannen die Inseln nahm, welche dann 1186 durch die Heirath
Kaiser Heinrichs des VI. mit Constantia, der letzten Entsprossenen von
Roger dem deutschen Reiche einverleibt wurden um nach 72 Jahren in die
Hnde von Frankreich zu fallen. Zwei Jahre nach der sicilianischen
Vesper kamen dann die Inseln unter spanische Herrschaft und unter Carl
dem V. wurden sie fr ewig den von Rhodus vertriebenen Rittern von
Johannes dem Tufer im Jahre 1530 geschenkt. Erst unter Hompesch dem
letzten und 69sten Grossmeister dieses Ordens kam Malta wieder in die
Macht der Franzosen, um 1802 in die der Englnder zu fallen, unter deren
Oberhoheit die Inseln heute noch stehen.

Es ist wohl nicht nthig anzufhren, dass die Grossmeisterschaft Paul
des I. von Russland nur eine Comdie war, dass die eigentliche
Ordenseinrichtung mit der Capitulation von Hompesch erlosch. Aber noch
heute hrt man oft von Reclamationen ehemaliger Ritter, um Rckgabe der
Gter, welche das englische Gouvernement jetzt im Besitze hat, die
indess rechtmssig Eigenthum der Ritter sind.

Fast alle Reisende werden Zeit genug haben Lavalletta die Hauptstadt von
Malta zu besehen, selbst wenn sie nur einen Tag dort verweilen sollten.
Ich beschrnke mich daher darauf nur die Merkwrdigkeiten derselben
aufzuzhlen. Von dem bedeutendsten Grossmeister, der je regierte, im
Jahre 1566 gegrndet und nach ihm genannt, liegt die Stadt auf einer
Halbinsel so gnstig, dass auf beiden Seiten die prchtigsten und
sichersten Hfen, von den Englndern schlechtweg "Doks" genannt, sich
befinden.

Das Fort St. Elmo, welches Lavalette so tapfer 1515 gegen die trkische
Armee des Sultan Selim vertheidigte, das Palais des ehemaligen
Grossmeisters, jetzt Wohnung des Gouverneurs mit einer reichen Sammlung
von Rstungen und Waffen, die inwendig beraus reiche Kirche von St.
Giovanni, die Bibliothek mit einigen Antiken aus der Zeit der Phnizier
und Carthager, endlich das neue Opernhaus, sind die hauptschlichsten
Monumente, die Lavalletta zieren. Dazu kommen noch mehrere grossartige
Gebude, sogenannte Aubergen der frheren Ritter, welche nmlich in acht
Sprachen getheilt waren, deren jede Corporation ihre eigene Wohnung
hatte. Drei dieser Corporationen kamen auf Frankreich, die der Provence,
die der Auvergne und die des eigentlichen Frankreich, eine auf Italien,
eine auf England-Baiern, eine auf Deutschland und zwei auf Spanien, d.h.
auf Aragonien und Castilien. Die Auberge der Castilianer-Ritter zeichnet
sich vor allen durch Grossartigkeit und Pracht aus. Ein hbscher
Spaziergang nach der Vorstadt Floriana hinaus, das ist alles, was der
Fremde als sehenswerth in Lavalletta ausserdem mitnehmen kann.

So wechselvoll sich nun uns die Herren von Malta prsentiren, so stabil
scheint das Leben in Lavalletta seit Zeiten geblieben zu sein; der
Malteser, wenn auch nicht Abkmmling der Araber, hat doch unter der
Herrschaft dieses Volkes, und namentlich frher unter der Ritterschaft
durch die vielen "Caravanen" (so der officielle Ausdruck in den Akten
der Ritter fr Piraterie gegen mohammedanische Schiffe) in Sprache fast
alles, in Sitten und Gebruchen sehr viel von den Abkmmlingen Ismael's
angenommen. Das Haus eines Maltesers ist fast jedem Fremden
verschlossen, und wenn auch viel von der Leichtfertigkeit der hbschen
Malteserinnen, deren weisser Teint namentlich gelobt wird, die Rede ist,
so kann das nur auf das Malteser Geschlecht unter sich selbst Bezug
haben: der Fremde wird sehr schwer in eine Malteser Familie Eingang
finden. Als eigenthmlich fand ich jetzt die Einrichtung von sogenannten
smoking rooms oder Rauchzimmer; ausser den zahllosen Kneipen gab es
frher nur zwei anstndige Kaffeehuser, welche aber auch jetzt zu
wahren Brandy shops gesunken sind, dafr hat man nun Rauchzimmer
erfunden, wo mit Anstand stehend geraucht und Branntwein und Sodawasser
getrunken wird. Ausserdem giebt es gute Clubs oder andere
Vereinigungsorte, in welche jeder Fremde durch seinen Consul sich
einfhren lassen kann. Die Hotels, das Imperial-Hotel als erstes, lassen
alle viel zu wnschen brig.

Doch verlassen wir die Stadt Valletta und gehen ins Innere, so fhrt uns
der Weg zunchst nach der so ziemlich im Centrum von Malta liegenden
ehemaligen Hauptstadt Civita vecchia, auch citt notabile genannt. Bei
den Arabern hiess sie die "Stadt" medina schlechtweg und vom
Malteser-Volk wird sie auch heute noch so genannt. Die Stadt selbst ist
heute klein, von nur einigen hundert Einwohnern, aber dicht dabei liegt
der grosse Ort Rabatto.

An Merkwrdigkeiten hat man dicht bei der Stadt einen alten Kirchhof, in
dem Mumien gefunden worden sind, ganz nach Art der Aegypter, einige gute
Exemplare davon sind auf der Bibliothek. Viel merkwrdiger ist indess
die grosse Ausdehnung der Todtenstadt oder Catakomben; frhere
Todtenbehausungen. dienten sie den ersten Christen als Wohnungen. Fr
die Malteser ist das grsste Heiligthum die Grotte von St. Paul, auch in
der Nhe von citt vecchia. Im Grunde derselben wird ein Altar gezeigt,
wo Paulus die Messe gelesen haben soll; auch befindet sich daselbst eine
gute Statue dieses Apostels von Melchior Caffa. Die Felswand der Grotte
ist ein Febrifugum, nach Aussage der Eingebornen, wenn pulverisirt
genossen.

Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie ungegrndet der Glaube (wenn man bei
Glauben berhaupt von Grnden reden darf) der Malteser ist, St. Paul in
Malta scheitern zu lassen.

Es ist nicht daran zu zweifeln, dass als Paulus von Caesarea nach Rom
fuhr an eine Insel Namens Mileta geworfen wurde, aber eine Insel
gleichen Namens existirte auch im adriatischen Meere. Von der Nordkste
Creta's, wo man gelandet war, abfahrend, berfiel das Schiff ein
heftiger Sturm, aber es heisst ausdrcklich im _adriatischen Meere_.
Dann giebt es keine Sandbnke um Malta, wo die Paulus fhrenden Seeleute
htten Blei senken knnen, um Malta fllt das Meer berall steil ab zu
einer Tiefe, die weder fr damalige Senkbleie erreichbar war, noch
weniger ein Stranden erlaubt; ausserdem ist der Ort, wo St. Paul
gestrandet sein soll, d.h. in der Paul's Bucht, der
allerunwahrscheinlichste, denn von Creta kommend htte er an die
Ostseite der Insel geworfen werden mssen. Es liessen sich noch andere
Grnde anfhren, was jedoch nur ermdend sein wrde, und warum auch,
respectiren wir im Gegentheil die Piett der Malteser fr den grossen
Heidenapostel.

Auf dem Wege nach citt vecchia hat man noch das hbsche Landhaus des
Gouverneurs zu besuchen, welches mit seinen dunklen Cypressen und
duftenden Orangen einen wohlthuenden Eindruck auf das von dem ewigen
Einerlei ermattete Auge macht. Denn, wenn auch Malta nicht ohne Cultur,
vielmehr jedes Stckchen bebaut ist, so hat man alle Felder mit hohen
Steinmauern umgeben, so dass man nichts als Steine erblickt. Bume giebt
es aber fast gar nicht auf den Inseln, namentlich keine Gruppen, nur hie
und da einzelne Feigen-, Johannisbrodbume und Oliven. Und doch wie
fleissig ist die Insel bebaut, wie ist jedes Fleckchen benutzt, die
Erde, um den Felsen zu bedecken, hat man oft aus Sicilien holen mssen.
Aber gerade die Baumlosigkeit der Insel macht alle Mhe und Anstrengung
zu Nichte, von heftigen Regen wird der Humus wieder abgeschwemmt, und
so bleibt das Land ewig ein halbnackter Felsen. Und auch fr den
Pflanzenwuchs ist die Baumlosigkeit beeintrchtigend, denn Malta hat im
Sommer vollkommen afrikanisches Klima, und auch im Winter sieht man nie
Schnee oder Eis. Sagt nicht Duveyrier so trefflich in seinem Buche der
Tuareg "die Vorsehung versorgte die Oasen mit Dattelbumen, nicht nur um
aus den Dattelbumen allein Nutzen zu ziehen, sondern um im Schatten
derselben Korn bauen zu knnen", er "nennt die Palmwlder" die
"Treibhuser der heissen Gegenden", und das ist auch vollkommen wahr.
Aber der Malteser hngt so fest an seinen Gewohnheiten, dass er lieber
fortfhrt Erde aus Sicilien zu holen, als Bume zu pflanzen, ja er hat
sich noch nicht einmal von dem Pfluge losmachen knnen, den Abraham bei
den Arabern einfhrte, und die Araber vielleicht mit nach Malta
brachten. Giebt es noch sonst auf der Erde ein christliches Volk, das
mit Abrahams Pflug den Boden bestellt, wie die Semiten? Doch ich muss um
Verzeihung bitten, whrend ich dies schreibe, fllt mir ein, dass ich
gerade aus dem christlichen Abessinien gekommen bin, und die Abkmmlinge
der Knigin von Saba sind auch heute noch nicht weiter.

Wir waren bis civita vecchia zu Fusse gegangen, da wir aber noch am
selben Tage weiter bis Melleha wollten, ein Ort, welcher in einer Bucht
am Nordwestende der Insel liegt, und wo man glaubt, dass sich die
berhmte Calypsogrotte befindet, so nahmen wir in der Stadt einen
Wagen. Auch in diesem Locomobile sind die Malteser so stabil geblieben,
dass man glauben sollte, sie htten ihre Wagen nach den alten
Circuswagen direct abmodellirt; ohne Federn und nur von zwei Rdern
getragen, entbehren die echten hier einheimischen Wagen sogar der Sitze,
man legt sich hinein, wie zu Zeiten der Wettkmpfe die Kmpfer und
Wagenlenker darin gestanden haben mochten. Freilich sind die Fiaker von
Lavalette insofern bequemer, als sie Sitze haben, im Uebrigen aber auch
ganz die Form der Wagen unserer klassischen Vorfahren beibehalten haben.
Hier auf dem Lande war nur ein recht alter Wagen aufzutreiben, und uns
hineinlegend fuhren wir ab.

Auf dem Wege nach der Calypsogrotte passirt man die nicht minder
interessanten Grber von Ben-Djemma (Bengemma). Es steht wohl
unzweifelhaft fest, dass es keine Wohnungen von Lebendigen waren,
sondern Todtengrber, an mehreren anderen Stellen der Inseln findet man
hnliche, wenn auch nicht in so grosser Zahl. Als wir brigens in
Melleha ankamen, war es stockfinstere Nacht geworden, und wir waren
froh, sogleich ein Unterkommen zu finden. Es ist auffallend genug, dass
obgleich in der Hauptstadt Lavaletta die Gasthfe nur mittelmssig nach
unseren Begriffen sind, man in den kleinsten Orten usserst gute
Aubergen antrifft. So auch hier. Reinliche Zimmer und Betten, einige
Eier, ein Kaninchen, eine Flasche Marsalawein, was wollte man mehr. Dazu
die freundlichste Aufnahme. Man muss berhaupt ins Land selbst
hineingehen um den Malteser kennen zu lernen. Wie schlecht urtheilt man
ber ihn, wenn man ihn nur in Aegypten, Tripolitanien, Tunisien und
Algerien gesehen hat! Wie oft habe ich selbst davon zurckgestanden,
mich mit einem Malteser im Auslande einzulassen, und erzhlen einem
nicht alle englischen Consuln, dass gerade ihre maltesischen Unterthanen
ihnen am Meisten zu thun machen! Das ist auch in der That der Fall. Und
die Malteser haben wohl recht, wenn sie dies so erklren: die Guten
bleiben in ihrem Vaterlande, die Schlechten wandern aus.

Die Bewohner von Lavaletta machen indess eine Ausnahme, der Fremde muss
sich sehr in Acht nehmen, nicht von ihnen bervortheilt zu werden, fr
alles verlangen sie mindestens den dreifachen Werth. Auch sonst sind sie
bei den Englndern in Verruf: Sehr begnstigt, da sie frei von allen
Abgaben sind, berdies alle Privilegien eines Freihafens geniessen, kann
kein Gouverneur es ihnen Recht machen, und die Bltter von Lavaletta
lassen es sich angelegen sein, die Regierung in den Augen des Volkes so
schlecht wie mglich zu machen.

Am anderen Morgen war das Erste, dass wir zur Grotte der Calypso
wanderten, welche dem Orte in einer Kalksteinfelswand gegenber liegt.
Von den Malteser-Inseln behaupten auch die Bewohner Gozzo's die
Calypso-Grotte zu besitzen, ausserdem haben verschiedene Gelehrte diesen
berhmten Aufenthalt Odysseus' nach anderen Inseln hin verlegen wollen.
Die meisten und besten Geographen stimmen aber darin berein, dass
Malta der wahre Ort sei, ob man indess diese Grotte gerade die gewesen
ist, worin Calypso den vielduldenden Wanderer festhielt, wage ich nicht
zu behaupten. Jedenfalls ist es nicht die Grotte, welche auf Gozzo
gezeigt wird.

Die Grotten, welche wir vor uns hatten, waren in den Fels gehauene
Zimmer von verschiedener Grsse, und es scheint, als ob eine Hauptgrotte
vor diesen Zimmern existirt hat, welche indess weggestrzt zu sein
scheint. Das Merkwrdigste war, dass mehrere dieser Zimmer noch heute
bewohnt sind, wie ich denn spter noch an mehreren Orten constatiren
konnte, dass in Malta Troglodyten sind, was fr unser neunzehntes
Jahrhundert in Europa immerhin auffallend genug ist.

Ein heftig ausbrechender Regen nthigte uns zur Umkehr nach Lavalletta,
da derselbe aber nur einen Tag anhielt, konnten wir schon gleich darauf
unsere Wanderungen wieder antreten. Es galt eine andere merkwrdige
Hhle zu besuchen, die am Sdende der Insel liegt und den Namen Erhassan
hat. Man gelangt dahin am besten ber den kleinen Zorrik. Diese Hhle
ist vollkommen Naturwerk, indem die untere Partie wahrscheinlich vom
Meere ausgewaschen, weggesunken, der obere Felsboden aber stehen
geblieben ist. Der Zugang ist sehr schwer und fr Damen wohl kaum
erreichbar, auch muss man sich in der Hhle selbst sehr in Acht nehmen,
da viele Irrgnge vorkommen. Licht muss man auf alle Flle mitnehmen,
und wer sich weit in die Hhle hinein wagen will, thut wohl, Stricke
mitzunehmen, um sich daran zurckleiten zu knnen. Zimmer, welche an den
Seiten eingehauen sind, deuten darauf hin, dass auch diese Grotte
bewohnt war.

Dicht bei Zorik ist noch eine andere Einsenkung, welche den Namen
Makluba (umgestlpt) fhrt. Auch dieses sonderbare Loch ber 100' tief
und an der Basis einen eben so grossen Durchmesser habend, muss durch
einen Einsturz hervorgerufen sein, die Wnde sind berall senkrecht und
das Gestein ist wie immer Kalk.

Geht man von Zorik nach Westen, so kommt man nach einer halben Stunde an
den kleinen Ort Krendi und hier befinden sich zwischen Krendi und dem
Meere sehr merkwrdige Bauberreste der Phnizier, Hedjer-Kim oder
Hedjer-Aim[24] von den Maltesern genannt. Kolossale Quadern, welche zu
diesen Bauten benutzt sind, bilden diese meist doppelten Rundtempel, die
Mauern sind gut erhalten, und selbst noch einige Altre sieht man. Auf
vielen Steinen findet man die ussere Wand mit Sternen bedeckt, andere
zeigen Kreise, ammonsartig in sich selbst gedreht. Mehrere Gegenstnde,
auch eine Inschrift, die man durch Nachgrabungen gefunden hat, befinden
sich auf dem kleinen Museum der Bibliothek, jedoch scheinen die
Ausgrabungen nur oberflchlich vorgenommen zu sein.

An anderen Sehenswrdigkeiten hat die Insel Malta noch dicht beim Marsa
Scirocco (Bucht an der Ostkste) einen Tempel, der den Namen
Hercules-Tempel fhrt, dann das Bosquet, ein Lustgarten der alten
Johanniterritter, zwischen Citt notabile und dem Meere gelegen, beide
diese hatten wir nicht Gelegenheit zu sehen.

Da indess noch immer kein Dampfer nach Tripoli abgehen wollte, so wagten
wir es nach Gozzo zu gehen. Ich sage wagen, nicht als ob es gefhrlich
sei die enge Strasse zu berfahren, sondern weil mglicherweise whrend
unserer Anwesenheit auf Gozzo bei der so wechselvollen Winterzeit Sturm
htte ausbrechen knnen, und dann vielleicht die Communication
abgeschnitten gewesen wre, wir also den Dampfer htten vergessen
knnen.

Man fhrt von Lavalletta am besten bis Marfa dem ussersten
Nordwestpunkte von Malta. Auf dem Wege dahin passirt man Musta, ein
kleiner Ort von einigen Hundert Einwohnern, die sich aber eine so
prchtige und grossartige Kirche erst vor wenigen Jahren erbaut haben,
dass jede Hauptstadt in Europa stolz darauf sein knnte; die grosse
Kuppel, das Ganze ist ein Kuppelbau, ist sicher nicht viel kleiner, als
die der St. Paulskirche, und ganz aus Steinen aufgewlbt.

In Marfa angekommen, welches 14 engl. Meilen von Lavalletta entfernt
ist, fand es sich, dass kein einziges Boot zum Ueberfahren vorhanden
war; ein alter dort stationirter Soldat wusste aber bald Rath; er
machte ein recht qualmendes Feuer und auf dies Signal hin sahen wir von
dem gegenber liegenden Orte auf Gozzo, Mai-Djiar (Miggiar wie die
Englnder schreiben) bald ein Schiffchen absegeln, welches mit gnstigem
Winde schon nach einer halben Stunde in Marfa war. Zurck nach Mai-Djiar
ging es freilich nicht so schnell, da wir Anfangs den Wind nur halb
benutzen und bei Comino und Cominetto angekommen, nur noch durch Rudern
weiter kommen konnten; indess waren wir auch nach anderthalb Stunden in
Gozzo und eine kleine Stunde spter im Hauptorte Rabatte, nicht mit dem
Rabatto bei der Stadt citt vecchia zu verwechseln, im Hotel Calypso
einquartirt.

Dies Hotel entsprach ganz den Erinnerungen an den Namen Calypso, fr
einen so kleinen Ort wie Rabatto war es ein kleiner Zauberort und wir
konnten, es war schon Nacht geworden wie wir ankamen, es hier recht gut
bis zum andern Morgen aushalten.

Mit Tagesanbruch machten wir uns dann auf den Weg um die grsste
Sehenswrdigkeit der Malteser-Inseln, die Riesenthrme zu besuchen. Und
in der That, man fand sich keineswegs getuscht. Aus Riesenquadern
aufgefhrt, befindet man sieh vor zwei runden Tempeln, fast wie eine
Brille jeder gestaltet, doch so, dass je vor der grossen Brille noch je
zwei kleinere sich befinden. Die Aehnlichkeit dieser Bauten mit der von
Hedj-Kim und Mnaidra ist unverkennbar. Auch hier scheinen die Wandungen
inwendig mit Sternen berdeckt gewesen zu sein und mehrere
spiralfrmige Zeichen sieht man noch heute. Einige Figuren, durch
Ausgrabungen gewonnen, befinden sich in Lavalletta, in einer hat man
eine Isis erkennen wollen. Didot hat eine genaue Beschreibung des
Thurmes der Riesen gegeben.

Wir waren kaum mit der Besichtigung dieser merkwrdigen Denkmler der
Phnizier fertig, als ein Wagen vorfuhr und der Commandant von Gozzo,
ein junger englischer Offizier, dem ich Abends zuvor ein
Empfehlungsschreiben geschickt hatte, ausstieg um mich abzuholen. Erst
jedoch forderte er mich auf die Calypso-Grotte zu besehen, welche auf
dem nrdlichen Theile von Gozzo sich befindet. Wir gingen auch hin, aber
nichts ist unwahrscheinlicher, als dass hier Odysseus sich in den Armen
Calypsos befunden haben soll. Das Hereinklettern in diese Hhle durch
unzhlige davorliegende Felsblcke lebensgefhrlich gemacht, nahm fast
eine Viertelstunde in Anspruch, und als wir endlich darin waren, standen
wir, obgleich mit Licht versehen, von jedem weiteren Versuche ab in das
Labyrinth von halbverschtteten Gngen einzudringen.

Unser Weg fhrte uns nun zu Wagen rasch nach dem kleinen Fort Chambray,
welches die Rhede von Mai-Djaro beherrscht und nachdem wir mit unserm
liebenswrdigen Commandanten noch gefrhstckt hatten, setzte uns die
Barke diesmal mit gnstigem Winde in einer halben Stunde nach Malta
ber.

Im Hafen von St. Paul fanden wir einen Wagen, so dass wir noch selbigen
Tages, wenn auch etwas spt Lavalletta erreichen konnten und gerade an
dem Tage konnten wir das seltene Schauspiel gemessen den Aetna in seiner
feurigsten Thtigkeit zu sehen: seit 130 Jahren hatten die Malteser
ihrer Aussage nach kein solches Schauspiel erlebt.




Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika.


Schon vieler Orten hat man die Beobachtung gemacht, dass gewisse
Strecken Landes niedriger als die Meeresoberflche gelegen sind. Wer
weiss nicht, dass der See Genezareth und das noch tiefere durch den
Jordan mit ihm verbundene todte Meer, oder wie die heutigen Umwohner es
bezeichnend nennen "behar-el-Loth", tiefer gelegen ist als das nahe
Mittelmeer? Die Einsenkung des todten Meeres, welches den bedeutenden
Niveauunterschied von ber 1200 Fuss zum Mittellndischen Meere hat,
fllt fast in geschichtliche Zeit, wie die jdischen Traditionen
berichten. Wenn nun auch die Depression, welche hier beschrieben werden
soll, bei weitem nicht so tief unter das Meeresniveau sinkt, wie das
oben genannte Jordan-Thal, so ist dieselbe doch wegen ihrer grossen
Ausdehnung, einer jetzt bekannten Lngenausdehnung von ca. 10
geographischen Graden, von Osten nach Westen gerechnet, dann auch, weil
dadurch zum ersten Male die Bodengestaltung eines grossen Landstriches
von Nordafrika nher festgestellt wird, wichtig genug, um eine nhere
Besprechung zu verdienen.

Falls man den schmalen Kstenstrich durchstechen und das tiefer liegende
Land dem Meere zugnglich machen wollte, wrde dies eine tief
eingreifende Einwirkung auf Boden, Pflanzen und animalisches Leben
hervorrufen und es mag daher jetzt, wo bei der nahen Erffnung des
Suezcanals ganz Nordost-Afrika in viel innigere Beziehungen zu Europa
treten wird, nicht mssig sein, diese Aegypten so nahen Gegenden nher
ins Auge zu fassen.

Was nun zuerst die Lage und Oertlichkeit der Einsenkung anbetrifft, so
finden wir dieselbe im Westen beginnend, sdlich von der inselartigen
Cyrenaica, unfein vom Ufer des Mittellndischen Meeres, welches hier an
der Nordkste von Afrika eine weite Bucht bildet, die grosse Syrte
genannt. Die erste merkliche Depression wurde beim Bir-Ressam
beobachtet, der in gerader Linie vom Mittellndischen Meere nur ca. 15
deutsche Meilen entfernt ist. Hier wurde die bedeutende Tiefe von ca.
104 Meter constatirt, die bedeutendste, welche berhaupt bemerkt worden
ist. Diese zeigt sich gleichmssig noch einige Stunden nach SSO. weiter
fort. So wurde Nachts und am folgenden Morgen in Gor-n-Nus, welches
einen halben Tagemarsch sd-sd-stlich vom Bir-Ressam liegt, gleicher
Barometerstand beobachtet. Wenn angefhrt worden ist, dass bei
Bir-Ressam die Einsenkung im Westen beginne, so ist das natrlich dahin
zu verstehen, dass dieselbe dort zuerst beobachtet wurde; es ist sehr
gut mglich, sogar wahrscheinlich, dass dieselbe noch weiter nach Westen
sich ausdehnt und das ganze Terrain, welches auf den Karten unter dem
Namen "Syrien-Wste" verzeichnet steht, tiefer als das Meer liegt, von
dem es blos durch ein schmales Kstengebirge oder durch ausgeworfene
Dnen getrennt ist.--Erst das Harudj-Gebirge scheint die eigentliche
Grenze, das Ufer des afrikanischen Continents hier zu sein. Die
Syrten-Wste ist nie von einem Europer durchkreuzt worden, lngs der
Kste d.h. von Tripolis nach Bengasi zogen nur della Cella, Beechey und
Barth.

Mehrere Tagemrsche sd-sd-stlich von Bir-Ressam stsst man auf die
ersten Oasen Audjila und Djalo, und immerfort befindet man sich unter
dem Spiegel des Meeres; erstere Oase ist ca. 52 Meter, die letztere ca.
31 Meter tiefer als das Mittelmeer gelegen. Einen Tagemarsch weiter von
Djalo nach Nordost zu, kommt man nach Uadi (ausgetrocknetes Rinnsal).
Von einem schrecklichen, mehrere Tage anhaltenden Samum berfallen, der
zu einem achttgigen Aufenthalte zwang, konnte man hier, whrend der
glhende, widerstandslose Orkan am heftigsten tobte, einen niedrigsten
Barometerstand beobachten. Seinen tiefsten Stand erreichte das Aneroid
mit 756 M. M. Aus 32 whrend der acht Tage zu verschiedenen Tageszeiten
angestellten Beobachtungen ergab sich, dass Uadi gerade auf gleicher
Hhe mit dem Meere sich befinden msse, denn diese 32 Beobachtungen
ergaben im Mittel 762 M. M. Aber wenn man bedenkt, dass ber die Hlfte
der Beobachtungen whrend eines widerstandslosen Oceans stattfanden, so
wird man zugeben, dass man den durchschnittlichen Barometerstand auch
hier mindestens auf 765 M. M. annehmen kann, was eine Tiefe von circa 31
Meter ergeben wrde.

Von hier bis zur Oase des Jupiter Ammon sind noch zehn bis zwlf
Tagemrsche, wovon die erste Hlfte des Weges jeder Spur von Wasser
entbehrt und durch die trostloseste Wste verluft, welche berhaupt
existirt Die Rhartdnen, dann die Gerdobaebene zeigen dem Dahinziehenden
die grssten Feinde der Wste: gnzlichen Wassermangel und fast immer
absolute Trockenheit der Luft. Gleich beim Eintritt der Rhartdnen lsst
man etwas links gegen vierzig zu Mumien ausgetrocknete Leichen liegen,
welche erst krzlich in einem heftigem Samum vom Fhrer irregeleitet und
nachher schmachvoll verlassen wurden. Und merkwrdiger Weise htte
dieser selbe Fhrer, Hammeda aus Audjila, welcher unsere Karavane von
Bengasi nach Audjila zu fhren hatte, auch uns fast ins Verderben
geleitet, indem er uns durch eine Luftspiegelung getuscht, freilich
dicht vor Audjila, vom Wege abfhrte. Es braucht wohl kaum gesagt zu
werden, dass derselbe sofort entlassen wurde. Die Rhartdnen und die
Gerdoba drften eine durchschnittliche Tiefe von 10 Meter haben, doch
giebt es Dnen, die relativ bedeutend hher, aber auch eben so viele
eigenthmliche, kesselartige Einsenkungen, die 20 oder 30 Meter relativ
tiefer als die eben angegebene allgemeine Tiefe sind.

Bei dem Brunnen Tarfaya tritt man dicht aus libysche Wstenplateau
heran, welches im Allgemeinen die geringe Hhe von 100 bis 115 Meter
absolut hat. Gleich sdlich von diesem Plateau, das mit einem steilen
Ufer aus Kalkstein abfllt, zieht sich nun eine Reihe von Seen hin bis
zur eigentlichen Oase des Jupiter Ammon. Diese Seen, manchmal weithin
von Sebcha (Sand- und Schlickboden, stark mit Salzen untermischt und
manchmal so hart an der Oberflche getrocknet, dass beladene Kameele
darber marschiren knnen, manchmal aber auch so nachgiebig, dass
unvorsichtig sich Hineinwagende rettungslos versinken) eingeschlossen,
liegen 40-50 Meter tiefer als der Spiegel des Meeres. Seit Jahrtausenden
existirend und sdlich meist von Sanddnen begrenzt, welche unmittelbar
die Seen bschen, sind ein neuer Beleg, wie wenig man das Versanden des
Kanals von Suez zu befrchten haben wird. Wie gering sind berdies die
Sandanhufungen auf dem Isthmus, gegen die gewaltigen Dnen der
libyschen Wste, und seit undenklichen Zeiten wehen sie Sand gegen diese
kleinen Seen, ohne bis jetzt im Stande gewesen zu sein, sie gnzlich in
Sebcha zu verwandeln. Die hauptschlichsten Seen, von Westen nach Osten
gerechnet, sind: der Faredga oder Sarabub, der Lueschka, der
Nocta-Sauya, der Araschieh und Schiatasee.

Schon vor dem Schiatasee hat man mit dem von Palmen reichlich
bestandenen Gaigab-Sebcha die Ammonsoase erreicht, vielleicht auch
rechneten die Alten Tarfaya dazu. Die weiter stlich liegende Oase mit
See Maragi ist schon bewohnt und die Hypogeen in den Felsen zeugen, dass
die Alten ebenfalls hier Niederlassungen hatten.

Wenn man mit Tarfaya die Schrecken der eigentlichen Wste glcklich
berwunden hat, und nun von einem tiefblauen See zum andern dahinzieht,
welche von schlanken Palmen umgeben, manchmal auch weithin von
silberglnzenden Salzflchen eingeschlossen sind, so wird diese
bezaubernde Gegend an Wechsel und Schnheit nur noch von der
eigentlichen Oase des Jupiter Ammon bertroffen: Hohe phantastisch
gestaltete Felsen, unzugnglich weil von Geistern gehtet, eine lange
Silberflche erstarrten Salzes, dunkel bordirt von ehrwrdigen
Palmenbumen, dann ein langer See auf dem sich Tausende von wilden Enten
und Gnsen herumtummeln, endlich die schn cultivirten Grten der Oase,
reich an Oelbumen, Orangen, Granaten und anderen Obstsorten, und
berall gegen die brennende Sonne von den weitstigen Palmenkronen
geschtzt; rieselnde Bche von Ssswasser, grosse aus der Tiefe
aufsprudelnde Quellen, oft wie der berhmte Sonnenquell noch von
knstlichen Quadern umgeben, dazwischen die hochaufsteigenden Stdte
Siuah und Agermi, welche letztere die alte Acropolis der Ammonier war
und noch heute die Reste des grossen Tempels des Jupiter Ammon
birgt--das ist in Krze das Bild dieser berhmtesten aller Oasen.

In Siuah und Agermi ergaben drei und zwanzig zu verschiedenen
Tageszeiten angestellte Beobachtungen eine Tiefe von ca. 52 Meter. Noch
zehn Tagemrsche weiter, bis zum Brunnen Morharha, wurde die Depression
verfolgt, und berall blieb hier eine gleichmssige Tiefe von circa 50
Meter. Vom Brunnen Morharha nrdlich gehend, kommt man dann gleich auf
das aus Kalkstein bestehende libysche Wstenplateau, welches auch hier
kaum breiter als zwlf deutsche Meilen ist und die Einsenkung vom
Mittelmeere trennt. Wie weit sich diese nun nach Osten erstreckt, ist
heute noch nicht bekannt, jedenfalls nicht weit, da sie von Untergypten
durch die den Nil im Westen einschliessenden Gebirge getrennt wird. Noch
weniger ist festzustellen oder auch nur zu muthmaassen, wie weit die
Depression nach Sden hinzieht, noch nie ist es einem Eingebornen
gelungen, von der Jupiter-Ammon-Oase aus nach Sden vorzudringen,
geschweige denn einem Europer, und wenn man von Audjila und Djalo
sdwrts nach Kufra und Uadjanga geht, so wissen doch die Eingeborne
wenig ber die Bodenverhltnisse zu sagen. Kufra ist von Audjila durch
eine Sherir (mit kleinen Steinen bedeckte Ebene) getrennt, die aber nach
den Aussagen der Modjabra, so nennen sich die Bewohner von Djalo,
keineswegs hher gelegen ist als ihre Ortschaften, und Kufra geben sie
geradezu als tiefer liegend an. Wir wissen indess durch Aussagen, dass
in Uadjanga Felsen sind, aber alles Land stlich von Kufra und Uadjanga
bis an die Uah Oasen ist fr uns vollkommen terra incognita. Dass
brigens den Alten, obschon ihnen keine Messinstrumente zu Gebote
standen, der Umstand nicht unbekannt war, dass die Jupiter-Ammon-Oase
tiefer als das Meer gelegen war, wissen wir aus Aristoteles, welcher
aussagt, dass die Oase durch Austrocknung des Meeres entstanden und
niedriger als Unter-Aegypten gelegen sei. Ferner ersehen wir aus Strabo,
dass Eratosthenes von Cyrene auf die grosse Zahl von Schneckengehusen,
Muscheln und Salzablagerungen auf dem Wege nach dem Tempel der Ammonier
den Schluss zog, dieser ganze Landstrich sei vom Meere bedeckt gewesen,
und derselbe behauptet sogar, dass das Zurckweichen des Meeres und die
Hebung des Bodens in naturhistorischer Zeit stattgefunden habe, er nimmt
schliesslich an, dass die Oase einst am Mittellndischen Meere gelegen
haben msste.[25] Strabo scheint hierin derselben Ansicht gewesen zu
sein. Die heutigen Bewohner, Berber ihres Ursprungs und ihrer Sprache
nach, obschon stark untermischt mit Arabern und Negern, wissen von einer
solchen Einsenkung nichts, jedoch hat in der Neuzeit der Franzose
Caillaud auf die Tiefe der Jupiter-Ammon-Oase aufmerksam gemacht. Im
Jahre 1819 beobachtete er dort einen Barometerstand von 766 M.M.,
whrend unsere 23 Beobachtungen das Mittel von 767 M.M., also eine
Tiefe von circa 10 Meter mehr, ergeben haben.

Auf dieser ganzen Strecke beobachtet man auch heute noch zahlreiche
Spuren des Meeres, die genannten Seen enthalten heute noch die Cardium
und Crithium-Muscheln, ebenfalls im Mittelmeere heimisch, und der Boden
ist berall mit Muscheln, besonders Ostreaarten, wie bedeckt. Wir knnen
aber hier ganz deutlich zwei Perioden nachweisen. Wie man nun auch
feststellen mag, ob sich der Boden hier gesenkt hat und dann das Meer
verdunstet ist, oder ob sich der Kstensaum, der von Unter-Aegypten nach
Cyrenaica als Kalkrippe sich hinzieht, aus dem Meere herausgehoben und
erst dann das Hinterland, vom Meere abgeschnitten, sein Wasser
verdunstet hat--so viel beweisen die Millionen Meeresberreste, dass
hier einst das Meer gewesen ist. Aber zu einer noch frheren Periode
muss der Grund auch bewachsen gewesen sein, denn berall trifft man
versteinerte Baumstmme, oft ganze Wlder, und zwar gerade von den
Bumen, die in der Nordwste noch jetzt am hufigsten sind, Palmen und
Tamarisken.

Als vor Kurzem zuerst ber diese grosse Einsenkung berichtet wurde, las
man in verschiedenen franzsischen Blttern, Lesseps ginge damit um, den
Nil in diese Depression abzuleiten, um das Land zu befruchten, noch
andere wollten ihn gar einen Kanal machen lassen, von der grossen Syrte
aus direct nach dem Rothen Meere. Es ist wohl kaum nthig zu sagen, dass
Lesseps an solche unsinnige Projecte nicht denkt. Ein Kanal von der
grossen Syrte aus wrde, abgesehen davon, dass der Suezkanal jetzt
fertig ist, kaum den Weg abkrzen. Und wie wurden die Projectenmacher
denn den Nil vermeiden? Wrde man darber oder darunter schiffen oder
vielleicht den Nil in den Kanal mnden lassen? Man wrde damit den
fruchtbarsten Theil von Untergypten, das Delta, zur Wste machen.
Ebenso lcherlich ist die Idee, den Nil zur Befruchtung in diese
Niederung ableiten zu wollen, mehrere Nil wrden nicht ausreichen, um
dies von Salz durchtrnkte Terrain sss zu machen, und der Nil hat nun
eben nicht berflssig Wasser, als dass man nur daran denken knnte,
einen so grossen Theil der Wste damit zu entsalzen.

Ganz anders verhlt es sich, falls man die Dmme durchstechen wollte,
welche jetzt das Mittellndische Meer von dieser grossen Niederung
trennen, und am leichtesten knnte dies von der grossen Syrte aus
geschehen. Man denke sich Cyrenaica als Insel oder nur durch einen
schmalen Isthmus mit Aegypten zusammenhngend, im Sden ein Meer welches
die grssten Schiffe bis Fesan, vielleicht bis Uadjanga wrde bringen
knnen. Welche Umwlzung! Damit wrde Innerafrika erschlossen sein,
Innerafrika, welches an Naturproducten weder hinter Indien noch den
fruchtbarsten Provinzen von Amerika zurcksteht. Natrlich msste vor
der Hand erst festgestellt werden, wie weit die Depression nach Sden
geht, die Syrtenwste und die libysche Wste mssten einer genauen
Untersuchung und Messung unterzogen werden. Denn nur, wenn man einen
grossen See bis an das Harudjgebirge, bis Kufra oder Uadjanga bilden
knnte, wrde ein Durchstich lohnend sein. Vergeblich aber ist es, blos
um einen schmalen Arm zu fllen, einen Durchstich zu beginnen, kaum
wrden die Wasser Kraft genug haben, durch die Ausdnstung an beiden
Seiten der Wstenufer eine sprliche, unntze Vegetation hervorzurufen
und fr Handel und Schifffahrt gar kein Gewinn dabei herauskommen. Aber
auch ohne menschliches Zuthun wird mit der Zeit diese Gegend wieder
unter Wasser sein, die grossen Wellenbewegungen der harten Erdkruste
sind nirgends deutlicher zu beobachten, als an diesem Theile des
Mittellndischen Meeres, seit 30 Jahren hat sich von Tripolis bis nach
Bengasi das Ufer fast um einen Fuss gesenkt, die alten Quais von Oea
(Tripolis) Leptis magna und Berenice (Bengesi) sind lngst unter Wasser,
und whrend vor 25 Jahren ein fr Jedermann passirbarer Weg ausserhalb
der Mauern von Tripolis lngs des Meeres ging, ist heute selbst bei
niedrigstem Wasserstande dort keine Passage mehr.




FUSSNOTEN:


[1] Mit Ausnahme der Spanier, welche in der Provinz Oran angesiedelt
sind und die, weil im bestndigen Rapport mit ihrem Vaterlande, Sprache,
Sitten und Tracht Spaniens treu beibehalten haben.

[2] Ich dachte wahrscheinlich, dass ich dummes Zeug niederschrieb, denn
zu lesen war mir unmglich.

[3] Man hat dabei verschiedene Ausdrcke; ein Back ist ein geflochtener
Korb oder Sack, der 10,000 Muscheln enthlt, ein Head sind 2000
Muscheln. Die Muscheln werden von den Europern Cowries, von den
Haussa-Negern Kurdi, von den Kanri-Negern Kngena, von den Arabern
El-Oda genannt. Whrend die meisten Neger sie einfach zhlen, theilen
sie die Kanri-Neger in sogenannte Pfunde zu je 32 Muscheln, indem ein
Mar.-Ther.-Thlr. dann durchschnittlich zu 150 Pfund gerechnet wird.

[4] Dies ist eine blos wrtliche Uebersetzung, die Kanri oder Bewohner
Bornus haben indess auch eigene Namen fr die drei Stadttheile:
Weststadt = _Kuka-grfote_, Mittelstadt = _Kuka-ngimsegeni_, Oststadt
= _Kuka-grgedi_.

[5] Die meisten grsseren Geschenke, welche der Sultan Omar von Bornu
besitzt, sind von der Knigin Victoria: ein Wagen, sehr schne Waffen,
Uhren, Zelte, Teppiche, und dergleichen mehr. Als _Gegengeschenk_ sandte
Sultan Omar einst einen _Elephantenschwanz_ und einen _Giraffenschwanz_
als _hchstes Freundschaftszeichen_, welches der Bornuknig giebt. Unser
"Knig von Norddeutschland" ward nicht so glcklich bedacht; er musste
sich mit einem silbernen Pferdegeschirr und einigen Thierfellen,
darunter ein gesprenkeltes Lwenfell, begngen, weil gerade keine
Elephanten und Giraffen in der Nhe der Hauptstadt waren.

[6] Barth giebt in seinem Vocabularium dies Wort unter den zwlf grossen
Hofmtern von Bornu, er specificirt aber dieselben nicht und aus ihm
knnen wir nicht erfahren, was yri-ma ist; mir wurde es als der Titel
des Thronfolgers genannt von einem Manne, der selbst Hfling war und gut
arabisch sprach.

[7] Obschon weder im Crowther noch in meinem eigenen Vocabularium diese
Wrter zu finden sind, halte ich sie doch fr richtig, da sie mir von
einem ganz zuverlssigen Manne, dem ehemaligen Diener Barth's, der jetzt
in Lokdza ist, bersetzt wurden.

[8] Der Name ist serki und die Genitivform ist aus dem Haussa in diese
Sprache bergegangen.

[9] Als ich die englische Expedition nach Abessinien begleitete und mit
der vordersten Recognoscirungs-Abtheilung nach Magdala gekommen war,
trennte ich mich dort eine Zeit lang von der Armee, um auf dem Rckweg
ein noch unbekanntes Stck des Landes zu durchziehen, indem ich mich
nrdlich ber Lalibala nach Sokota wandte, und von letzterem Orte der
von Beke 1843 begangenen Route ber Samre nach Antalo zu folgen, wo ich
mich wieder dem englischen Expeditionscorps anschloss.

[10] Sir Robert Napier hatte also Unrecht, als er dem Frsten Kassai von
Tigre bis Hausen entgegen ging, und durch diesen Beweis vom Mangel an
Kenntniss der Sitten dieser Vlker khn gemacht, konnte Kassai dann die
Unverschmtheit haben, den Besuch Napier's in Hausen in seinem Zelte
zuerst zu erwarten, was jedoch nicht Statt fand; dem Rechte nach aber
htte Kassai auf die englische Militrstrasse selbst kommen und Sir
Robert Napier aufsuchen mssen, denn dieser war als Reprsentant der
Knigin von England vollkommen gleich mit ihr oder dem Negus Negassi,
also hher stehend als Kassai von Tigre.

[11] alga ist Amharisch, arat Tigrisch.

[12] Das Z. ist immer wie das deutsche S auszusprechen.

[13] Bei Meilen sind immer englische gemeint.

[14] In Dapper's "Beschreibung von Afrika" wird angefhrt, dass Alvares
selbst Tigre und Ausen, d.h. unser Hausen, als gleichbedeutend nehme.

[15] Dapper nennt sie Makeda oder Makaada und den Sohn Melilech.

[16] Ihr Vater Baazene regierte 27 Jahre, whrend welcher Zeit Christus
geboren sein soll, danach msste das Christenthum also sehr frh in
Abessinien eingefhrt sein.

[17] Wir finden freilich in Salt's Reisen Stellen aus Chroniken, welche
andeuten, dass die heidnischen Bauten absichtlich zerstrt sind, er
fhrt an:

  "Im Jahre 1070 Frau Gadit aus Amhara kam und zerstrte die Denkmler."

ferner:

  "Der Abuna David schaffte fort und brach hier Stcke, er glaubte bei
  sich, dass es dem Herrn gefalle, dass er so handeln solle."

[18] Die von Henglin gegebene ist noch so wie er sie abgebildet in
seiner "Reise nach Abessinien etc."

[19] Nach v. Heuglin Trachyt.

[20] v. Henglin hat indess in der Nhe von Axum die Bruchstellen
gesehen, wir hielten uns nur ein paar Stunden dort auf.

[21] Man hrt in Aegypten auch das Wort Menara [Arabic: menara] doch
selten.

[22] Jetzt werden vom Viceknig Ismael wieder Befestigungen angelegt.

[23] Die Aegypter sagen indes Gemma, da sie das [Arabic: G] wie ein G
aussprechen.

[24] Ein anderer Tempel ganz in der Nhe und von selber Construction
heisst Mnaidra.

[25] Siehe darber G. Parthey's Orakel und die Oase des Ammon.




Druck von J.B. Hirschfeld in Leipzig.

In unserem Verlage ist _erschienen_:


GERHARD ROHLFS.

Reise durch Marokko, Uebersteigung des grossen Atlas, Exploration der
Oasen von Tafilet, Tuat und Tidikelt und Reise durch die grosse Wste
ber Rhadames nach Tripoli.

Mit einer Karte von Nord-Afrika

von

#Dr. A. Petermann.#

Zweite Auflage.

Preis: 1 Thlr. 20 Ngr.

       *       *       *       *       *

Ferner erschien:

GERHARD ROHLFS.

Im Auftrage Sr. Majestt des Knigs von Preussen mit dem Englischen
Expeditionscorps in Abessinien. Mit dem Portrait des General #Napier#
und einer Karte von Abessinien von #Dr. A. Petermann#.

Preis: 1 Thlr. 15 Ngr.

       *       *       *       *       *

Bremen.

#J. Khtmann's Buchhandlung.#

       *       *       *       *       *

Druck v. Hirschfeld, Leipzig.









End of the Project Gutenberg EBook of Land und Volk in Afrika, Berichte aus
den Jahren 1865-1870, by Gerhard Rohlfs

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