The Project Gutenberg EBook of Grevinde, by Hermann Heiberg

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Title: Grevinde

Author: Hermann Heiberg

Release Date: May 6, 2004 [EBook #12273]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Grevinde

Roman

von Hermann Heiberg


Berlin




Endlich, nach langer, heistaubiger Fahrt hielt die Postkutsche, und
mit den rauh betonten Worten:

"Hier geht's nach Schlo Rankholm--" ffnete der Schwager den
Wagenschlag und bedeutete einem darin sitzenden Herrn, da er ansteigen
msse. Und whrend dieser, ein junger, vornehm ansehender Mann seiner
Aufforderung folgte, wandte sich derselbe Postillon zu dem Gepckkasten,
ri des Reisenden Koffer heraus, stie ihn unsanft auf den Erdboden und
lie ihn dort liegen.

Und als der Fahrgast, Graf Axel Dehn, ein Wort ber Wegrichtung und
Weiterbefrderung seines Gepcks hinwarf, setzte er statt zu antworten,
die Finger an den Mund und lie in der Richtung eines von Knicken
eingefaten Seitenweges dreimal hintereinander einen scharfschrillen
Pfiff ertnen.

Alsbald erschien ein alter, gebckt gehender Mann oben an der Biegung
des Pfades, erhob mit phlegmatischer Bewegung die Hand zum Zeichen, da
er gehrt habe, und nherte sich mit derselben Gemchlichkeit dem
seiner Wartenden.

"Denne Mand besorger alt--" warf der sich nunmehr erst wieder zu Worten
anfragende mundfaule Rosselenker hin, nickte obenhin und schritt mit
einem mrrischen Ausdruck das ihm gebotene Trinkgeld wegsteckend, dem
Wagen mit den beiden Braunen zu. Alsdann schwang er sich abermals auf
den Bock und hieb, nunmehr taktmig mit der Peitsche ausholend, auf die
dann auch rasch im Staub der Landstrae verschwindenden Gule ein.

"Wie weit ist's noch nach dem Schlo?" warf Graf Dehn, whrend sich der
Alte, nach ehrerbietiger Verneigung, den schweren Koffer auf die
Schultern packte, hin.

"Saa omtrent ti Minuter!" (So ungefhr zehn Minuten) gab der Alte, in
auffallend plattem Dnisch sprechend, zurck.

Und dann setzen sie sich in Bewegung, und je mehr sie sich dem zwischen
mchtigen Parkbumen hervorschimmernden Rankholmer Schlo nherten,
desto unfreier wurde dem jungen Fremden zu Mute.

Schon als Knabe hatte er von seinen Eltern von dieser groen, dnischen
Besitzung vernommen und jedesmal mit einem Gefhl der Beklemmung
zugehrt. So viel Absonderliches und Unheimliches hatte sich in den
dunklen Prachtslen, den verschwiegenen Kemenaten, den dickwandigen
Turmzimmern und Fremdengemchern, aber auch auf den versteckten Treppen
dieses seit Jahrhunderten bestehenden und allezeit in dem Besitz der
Grafen Lavard befindlich gewesenen Schlosses abgespielt! Ein wild
trotziges Geschlecht hatte dort gehaust, um Erbschaften, Geld und schne
Frauen Rnke geschmiedet und sich nicht selten ingrimmig angefeindet.

Die Frau des nunmehrigen alleinigen Besitzers, des Grafen Lavard, war
eine Franzsin aus vornehmem Geschlecht! Er hatte die sehr begterte
Vikomtesse von Verdeuil bei seiner Anwesenheit in Paris auf einem Balle
beim dnischen Gesandten vor zwanzig Jahren als fnfzehnjhriges Mdchen
kennen gelernt, und sie war ihm, mit einem schwermtigem Verzicht auf
die unvergleichbaren Reize ihrer Heimat, hierher in die einsame
nordische Welt gefolgt.

Lavards besaen zwei Tchter, Imgjor und Lucile, von denen sich die
erstere, etwas ltere, zur Zeit auf Rankholm aufhielt, whrend sich
Lucile gegenwrtig auf Reisen befand.

Graf Dehns Vater und Graf Lavard hatten einst zusammen bei den dnischen
Dragonern in Kopenhagen gestanden, aber ihren Abschied genommen, nachdem
sie beide gelegentlich einer Urlaubsreise die ihren Augen und Herzen
genehmen Frauen gefunden.

Graf Dehn war eine Ehe mit einer Baronesse von Berg eingegangen. Mit ihr
hatte er reiche Gter in der Lausitz geerbt und war infolgedessen nicht
nur aus dem dnischen Unterthanenverbande ausgeschieden, sondern auch
dorthin bergesiedelt. Immer waren jedoch die beiden Freunde in
Verbindung geblieben, und nun eben ging der junge Graf Axel von Dehn,
der einzige Nachkomme dieser Familie, nach Rankholm zur Brautschau.--

Mitten in der Einsamkeit lag das mchtige Schlo. Nur ein zu der
Herrschaft gehrendes, in einer Thalmulde malerisch hingestrecktes Dorf,
mit Namen Kneedeholm, teilte diese stille Abgeschlossenheit von der Welt
und der groen Heerstrae.

Noch bevor die beiden Wanderer in die zu dem Schlo fhrende Allee
eintraten, nahm Graf Dehn das Wort und richtete einige Fragen an seinen
Fhrer. Und da er's geschickt begann, empfing er, wenn auch knappe, doch
allerlei fr ihn wertvolle Mitteilungen aus dem Munde des Alten.

Und unter solchen lebhaften Reden gelangten sie dann an das Kastell, das
seine Front einem mchtigen, freien Platz zuwandte.

Da aber dieser und das Gebude ringsum von hohen, laubreichen Bumen und
dichtem Gebsch umschlossen waren, erschien's dem Auge, als ob
Rankholm--wie ein Dornrschenschlo--mitten in einem Walde liege.

Freilich war's anders! Aus den Hinterfenstern schaute man durch den zu
solchem Zwecke gelichteten Park ins Thal hinab, und da lag in
malerischer Schnheit und in solcher Nhe, da man bei hellem Wetter die
Huser, Wege und Menschen aus den Schlofenstern genau zu erkennen
vermochte, das Dorf Kneedeholm mit seiner schlanken Kirche, seinen
reichen Bauerhusern und einem alten romantisch gebauten Jagdschlo vor
einem.

Einen berwltigenden Eindruck empfing Graf Dehn, als er nach
Ueberschreiten der Schlobrcke, die auf einen peinlich sauber
gepflasterten Vorhof fhrte, durch das mchtige, von zwei Steinernen
Lwen flankierte Portal in das Innere eintrat.

Er befand sich auf einem groen, in der Mitte durch einen sprudelnden
Neptunbrunnen geschmckten und von den Mauern des stolzen Gebudes
eingeschlossenen Innenhof.

Zu Seiten einer im Mittelbau befindlichen, mit dem Wappen der Grafen
Lavard gezierten Rampe--eine Faust, die einen Dolch hielt, zckte ihn
gegen einen sich wild anlehnenden Geier--strebten mchtige Sulen empor.

Auf ihnen erhoben sich Marmorgestalten aus der Antike, und zu ihren
Fen streckten zwei Tiger aus Bronze ihre Leiber und Tatzen aufs
Pflaster aus.

Und zwischen diesen mit Vorsprungtrmen, zahlreichen hohen
Eingangspforten, bogenfrmigen, von Epheu und Schlinggewchsen
umzingelten Fenstern und Altanen geschmckten Mauerwnden herrschte eine
lautlose, gleichsam furchterregende Stille. Sie wurde nur jetzt
unterbrochen durch das Gerusch einer sich ffnenden Thr im
Portierhause, der sich der Alte soeben genhert hatte, um den Gast beim
Pfrtner anzumelden.

Nachdem das geschehen, verabschiedete er sich, nach Empfang eines
reichlich bemessenen Trinkgeldes, mit still verbindlicher Miene, und der
Pfrtner, ein ebenfalls gebckt einhergehender Alter, stellte sich
entblten Hauptes vor dem Fremden auf und zog, nachdem er gehrt, wer
er sei, wiederholt krftig an einer Schelle.

Laut und zudringlich, ja, schreckhaft tnte sie ber den einsamen Hof,
und im Nu erschien der Haushofmeister in einem schwarzen Frack oben auf
der Schlotreppe, eilte die Stufen hinab und geleitete den Grafen mit
einer Ehrerbietung, wie sie nur Knigen dargebracht zu werden pflegt, in
das Schlo.

"Nein, es ist kein Brief eingetroffen, sonst wrde jedenfalls Fuhrwerk
am Bahnhof oder am Wege gewesen und ohne Zweifel der Herr Graf selbst
zum Empfang des gndigen Herrn, der schon seit mehreren Tagen erwartet
wurde, erschienen sein," erklrte der Haushofmeister Frederik, als
welcher er sich, unter bescheidener Verneigung, dem Grafen vorstellte.

Und der Graf sei nicht zu Hause, auch die Komtesse Imgjor sei nicht
anwesend. Aber die gndige Frau befnden sich in ihren Gemchern. Er
bitte, da der gndige Herr geruhen mge, in seine Zimmer einzutreten,
er werde inzwischen dessen Ankunft der Herrschaft zu melden sich
beeilen.

Unter solchen Erklrungen schritt der Haushofmeister, ein hagerer Mann
mit grauschwarz meliertem Haar und ernsten, beraus vertrauenerweckenden
Mienen, neben dem Grafen Dehn die groe Freitreppe im Innern empor und
fhrte ihn hinten links durch einen durch zahlreiche Familiengemlde
etwas verdunkelten, hohen und langen Korridor. Am Ende desselben
befanden sich die fr den Gast bestimmten Rume.

Und gleichzeitig erschienen auch schon zwei rotlivrierte Lakaien und
luden des Grafen Gepck ab, und nachdem dies geschehen, entfernte sich
Frederik unter ehrerbietiger Verneigung.

Die Gemcher waren ebenso reich, wie geschmackvoll und bequem
eingerichtet.

Blaue, venetianische Seidentapeten bedeckten die Wnde, helle,
sanftgeblmte Futeppiche den Fuboden und dunkle Mbel fesselten das
Auge.

Auch boten die Rume einen Ausblick auf die Grten, den Park und das
Dorf, das gleich einem Zauberbilde in dieses entzckende Tableau hinein
geschoben schien.

Nach einer Viertelstunde, nach Auspacken und Ordnen der Toilette,
erschien auch schon Frederik wieder, verbeugte sich mit der ihm eigenen
natrlichen Wrde und meldete, da die gndige Frau sehr glcklich sei,
den Herrn Grafen empfangen zu drfen. Sie wrde schon gleich diese
Botschaft gesandt haben, wenn sie nicht geglaubt htte, da ihm eine
Pause der Erholung angenehm sein werde.

Sie durchschritten denselben Korridor, machten einen kurzen Halt auf dem
mit mchtigen Jagdbildern geschmckten, in weiem Marmor getfelten Flur
und nahmen den Weg durch einen groen, mit grnseidenen Tapeten,
schmalen, hohen Spiegeln und seidenen Polstermbeln ausgestatteten Saal.

Und nachdem sie diesen verlassen und noch zwei daranstoende
Prunkgemcher durchmessen, traten sie in einen kleineren Gartensalon,
der mit verschwenderischer Pracht eingerichtet war. An diesen stie
wieder ein zweifenstriges Kabinett, und in ihm lag, umgeben von
franzsischen Mbeln, blhenden Blumen, Statuetten und Bequemlichkeiten,
auf einem hellen, seidenbezogenen Divan die Grfin Lucile Lavard.

Sie hatte braunes Haar, braune Augen und ebensolche Wimpern. Ueber einer
geschmeidigen Figur hob sich eine volle Bste, und die Formen und die
Linien ihres Krpers zeigten berhaupt jene ppigeren Reize, durch die
sich die gesttigte Flle einer verheirateten Frau von der sprossenden
Schnheit junger Mdchen unterscheidet.

Als sie des Grafen ansichtig wurde, erhob sie sich mit dem ruhig
ausgeglichenen Wesen einer Huldigungen gewohnten Frau, und reichte ihm
gleichzeitig mit einem so bezaubernden Ausdruck und einem so
bestrickenden Lcheln die Hand, da sich der sympathische Eindruck ihres
jede Wirkung verschmhenden, liebenswrdig einfachen Wesens nur noch
erhhte.

"Ich bin wirklich sehr unglcklich, da niemand zu Ihrem Empfange da
war, lieber Herr Graf--" stie sie heraus. "Aber Sie haben schon von
Frederik gehrt, da wir wirklich nicht schuld sind. Lassen Sie mich in
jedem Falle hoffen, da sich die Ihnen dadurch gewordenen ungnstigen
Eindrcke inzwischen bereits wieder verwischt haben!"

Freilich trat nach diesen Einleitungsworten ein anderer Ausdruck in ihre
Zge, ein abwartender, etwas forschender.

Auch sprach sie, nachdem er ihr geantwortet, auch kavaliermig den Arm
geboten und sie gebeten hatte, die frhere bequeme Lage wieder
einzunehmen, fast ein wenig schroff:

"Nein, nein, ich danke! Ich habe genug geruht. Auch mchte ich mich nach
Ihren Wnschen erkundigen. Sie werden flau sein, lieber Herr Graf. Wir
speisen erst in einigen Stunden. Darf ich Ihnen nicht irgend etwas
anbieten? Vielleicht nehmen Sie ein wenig alten Portwein und scharfen
Kse?"

Und als Graf Dehn erklrte, keinen Hunger zu haben, hrte sie nicht
einmal hin, zog vielmehr an einer breiten, seidenen Glockenschnur und
hie einem sogleich durch die Korridorthr eintretenden Diener das von
ihr Erwhnte bringen.

"Es ist besser, Sie genieen etwas, lieber Herr Graf. Die Zunge wird
freier, das Gemt belebter, wenn man eine gewisse Nchternheit verbannt.
Ich mchte, da Sie sich gleich heimisch, behaglich fhlen. Ich kenne
die Indisposition nach einer Reise. Niemals ist eine Erfrischung
angebrachter--"

"Schon Ihre wenigen gtigen Worte haben alles Unbehagliche verscheucht,
gndigste Grfin. In der That, man kann liebenswrdiger, herzlicher
nicht empfangen werden. Mir ist, als ob ich schon jahrelang das Glck
gehabt htte, Sie zu kennen--"

"Ich freue mich, da Sie so sprechen, Graf Dehn. Aber mit derselben
Offenheit: Sie gehren zu jenen Menschen, bei deren Anblick man den
Eindruck empfngt, man knne nie enttuscht werden, bei welcher
Gelegenheit man immer die Hand nach Ihnen ausstreckt. Werden Sie nicht
sehr geliebt von Ihrer Umgebung, von Ihren Freunden--von den Frauen?
Gewi, gewi, Sie sind ein Sonnenkind! Und hoffen wir, da wir noch weit
engere Freundschaft schlieen--" fgte sie mit einer Anspielung auf die
Zwecke seines Kommens hinzu und lud ihn zugleich durch eine
liebenswrdige Geste ein, sich des inzwischen gebrachten Frhstcks zu
bedienen.

"Bringen Sie auch Champagner und die Florentiner Krystallglser! Vite!"
befahl sie dem Diener, lie sich neben dem Grafen nieder, schenkte ihm
ein und go sich, als nach wenigen Minuten Champagner erschien, selbst
das khl sprudelnde Getrnk in das ungewhnlich geformte, unten und oben
schmale, in der Mitte sanft ausgebogene und hier hellgold, sonst aber
krystallhell schimmernde Glas und setzte es an die Lippen.

Aber auch Axels Glas hatte sie gefllt, und als sie das ihrige abermals
voll gegossen, stie sie mit ihm an und sagte:

"Nehmen wir uns vor, da wir die kommenden Tage besonders vergngt
zusammen verleben wollen. An mir soll's nicht fehlen, lieber Graf.
Rankholm ist sehr schn, aber die Einsamkeit ttet doch bisweilen die
Lebensgeister. Es ist eine wahre Wohlthat, wenn uns jemand besucht. Die
lndliche Bevlkerung gleicht einer Familie von Schnecken. Auch die
meisten Gebildeten haben Bleikugeln in ihren Seelen, Kpfen und Beinen.
Natrlich, ich habe Dienstboten, die Feuerwerkskrper in sich
bergen.--Sie werden nichts von der Langsamkeit der Jten bei ihnen
finden. Anfangs versuchte ich es mit hiesigen, aber gab's bald auf.
Brave Menschen, ehrlich, gutherzig, aber strafbar phlegmatisch und von
einem Trotz, wenn sie einmal ihren Kopf aussetzen, der an Starrheit
grenzt. Ach, lieber Graf, wie ist das Dasein zu ertragen, wenn man es so
ernsthaft nimmt, wenn man immer daran denkt, was kommt darnach, statt
die Lebenslust zu pflegen, sich fr sie geistig und krperlichen
schmcken!"

"Es fehlt den meisten leider dazu die Veranlagung, Frau Grfin. Bese
die Welt Ihr Temperament, Ihre Gesundheit, Ihre Schnheit und Ihren
Reichtum, wrde sie schon Ihren Lehren folgen.--Zum Leben im feineren
Sinne gehrt wenigstens Geist und Temperament: die besitzen nur
Auserwhlte."

"Ich freue mich, da Sie nicht, wie alle, lediglich die gnstigen
materiellen Verhltnisse als Bedingung hervorheben. Es beweist eine
geringe Erfahrung und wenig Erhabenheit des Geistes, wenn man vermeint,
es knne uns der durch den Reichtum herbeigefhrte Genu mit dem Dasein
vershnen. Ich mchte das Gegenteil behaupten. Man mu etwas entbehren,
man mu noch etwas Verlangen und Sehnsucht empfinden, nicht nach dem
Unbestimmten, das nie Erfllung findet, sondern nach den kleinen
Freuden, die uns durch die Natur, durch Eindrcke, durch den Verkehr mit
Menschen, durch Thtigkeit, durch unsere behaglichen Reflexionen, unsere
Wnsche und Erwartungen, endlich auch durch die Fhigkeit werden, immer
eine stille Hoffnung in unseren Herzen zu pflegen--"

Und als Graf Dehn, der diesen Ausfhrungen mit starker Beipflichtung
zugenickt hatte, bei den letzten Worten fragend das Auge erhob, schlo
die Grfin:

"Ja, es ist die Wahrheit: Wir knnen ohne irgend eine stete, starke
Hoffnung nicht glcklich sein."

Sie wurden in ihrem Gesprch unterbrochen, weil pltzlich in der nach
dem Korridor fhrenden Thr die Gestalt eines jungen Mdchens erschien.

Der Ausdruck in ihren Zgen war gemessen, aber eine solche Flle zarter
Schnheit war ber ihrem ganzen Wesen ausgegossen, da der Gedanke
emporstieg, hier habe die Natur alles zusammengemischt, was sie nur
immer einem lebendigen Geschpf an Bevorzugungen zu verleihen vermge.

Trotz der frhlichen Jahreszeit war sie schwarz gekleidet; auch ein
dunkler Spitzenschleier umhllte ihren von rotbraunen Haaren umflossenen
Kopf, und rasch zog sie die Umhllung von diesem herab.

Nach der durch die Grfin herbeigefhrten Vorstellung, verschnte
vorbergehend ein freundlicher Ausdruck ihren reizend geschnittenen
Mund, dem zwar ebenso rasch wieder ein solcher stolzer Klte wich. Auch
wandte sie sich nach einigen, flchtig an ihre Mutter gerichteten Worten
und nach einer steif gemessenen Verneigung gegen den Gast, derselben
Thr, durch die sie eingetreten, wieder zu und war seinen Augen
entschwunden, bevor er sich noch von der bezwingenden Gewalt des
Eindrucks ihrer Erscheinung zu lsen vermochte.

Und seltsam! Die Grfin gab zu diesem ausfallenden Verhalten keine
Erklrung.

Sie sah nur Graf Dehn mit einem eigentmlich forschenden Blick an und
zog, als er zu einer Frage anheben wollte, mit einer Miene die
Schultern, als ob sie ihm durch diese stumme Geberde eine Antwort
erteilen, ihn aber zugleich ersuchen wollte, sich mit dieser Erwiderung
zu begngen.

Sie erhob sich jedoch nunmehr und sagte:

"Trinken wir das letzte Glas, lieber Graf, auf die Erfllung unserer
Hoffnungen, gleichviel, welche sie sein mgen. Und nun, ich bitte,
kommen Sie, Sie mssen unseren Garten und unseren Park bewundern--"

Und nachdem auf ihr Zeichen ein Kammermdchen erschienen war und beider
Garderobe gebracht hatte, schritt sie ihm, einen weiseidenen
Sonnenschirm ber sich, seidengraue, bis ber die Arme fallende
Handschuhe an den Hnden und ein grauseidenes, zartes Tuch mit langen,
schneeweien Seidenfranzen um die Schultern geschlungen, von dem
hochgelegenen freien Balkon herab in den Garten voran.--

Noch vor Tisch erschien Graf Lavard in Axels Gemchern. Er klopfte kurz
und stark an die Thr, trat mit einem gleichsam von ihm ausstrahlenden
Freimut auf den Sohn seines besten Jugendfreundes zu, sah ihm
liebenswrdig in die Augen und schttelte ihm mit jener lebhaft
hflichen Herzlichkeit die Hand, welche den Dnen und den Franzosen
gemeinsam eigen ist.

Er bot eine beraus vornehme, aber auffallende Erscheinung. Auf einem
geschmeidigen, noch jugendlichen Krper sa ein mit weiem Haar
bedeckter, kurzglatt geschorener Kopf, auch der Schnurrbart war wei,
whrend die Farbe des Angesichts nicht spurenweise, wie bei anderen
Menschen, gertete Farben, sondern ein ber und ber gesund gertetes,
feuriges Kolorit zeigte. Und alles, was er trug und wie er's trug, pate
zu seiner Persnlichkeit. Ueber Lackstiefeln saen kreideweie
Gamaschen, auch die Weste war aus weiem Stoff, whrend den brigen
Krper ein loser, grauer, sogenannter englischer Anzug umschlo. In der
That, ein schnes, vornehmes Geschlecht, diese Lavards! Graf Dehn fhlte
sich fast ein wenig herabgedrckt neben diesen berall von den
Erscheinungen ungewhnlichen Reichtums umgebenen Menschen.

"Ich habe," hub er an, "meinen Freund den alten Grafen Knut, und den
Doktor unten aus unserm Dorf Kneedeholm zu Tisch geladen.--Ist Ihnen
hoffentlich nicht unangenehm, lieber Graf Dehn?

O nein, o nein, ich wei! Gleich am ersten Tage mag man nicht gleich von
zu vielen Eindrcken bestrmt werden. Haben Sie Imgjor schon
gesehen?--So--so--Hm vortrefflich!--Ich sprach meine Frau nur flchtig.
Also, auf Wiedersehen in einer Viertelstunde!"

Und dann ging er, Axel warmherzig zunickend, und dieser, die Brust voll
von unruhigen Erwartungen blieb allein.--

Das Speisegemach in Rankholm lag zu Seiten des groen Empfangssalons,
welcher wegen seiner Spiegelwnde der Spiegelsaal genannt wurde. Als
Axel von dem in einem tadellosen Frack und weier Binde steckenden
Frederik zunchst in den ersteren geleitet wurde, fand er die
Herrschaften schon versammelt.

Die Grfin, die ihm gleich liebenswrdig zunickte, befand sich in einem
Gesprch mit dem Grafen Knut, einem kleinen, starken, beweglichen Herrn
mit hinkendem Bein und tiefer Schmarre in dem sehr ausdrucksvollen,
dnisch geschnittenen Gesicht.

Graf Lavard unterhielt sich dagegen mit dem jungen Doktor Prest, einem
Mann, der wie ein Korpsbursch aussah und durch die dunklen Farben seines
Angesichts und durch das tiefe Schwarz seines Haares eher einem
Italiener, als einem Bewohner des Nordens glich.

Imgjor endlich stand vor einem groen, reich vergoldeten Kfig und
beschftigte sich mit einem prachtvollen, buntgefiederten Papagei, den
sie zrtlich verhtschelte und der auch ihr sehr zugethan zu sein
schien.

Sogleich fand die allgemeine Vorstellung und ein lebhafter Wortaustausch
zwischen Axel und dem Grafen Knut statt, und nur Imgjor blieb nach steif
formeller Verneigung neben dem Bauer stehen und trat erst von diesem
zurck, als Frederik die Flgelthren zu dem Speisegemach und der dort
aufgehellten, in Krystall und Silber strahlenden Tafel aufstie.

Graf Knut fhrte die Grfin, der Graf gab einer noch eben
hinzugetretenen, als Imgjors Lehrerin vorgestellten, lteren Hausdame
den Arm, und Axel erhielt seinen Platz zwischen Imgjor und dem Doktor
Prest, in der Art, da er und die brigen, mit Ausnahme von Imgjor, fr
die an dem unteren Ende der Tafel ein Kouvert gedeckt war, einander
gegenbersaen.

Das Gesprch wurde zunchst so ausschlielich von der Grfin in Anspruch
genommen, da die anderen zu einer Einzelkonversation keine Gelegenheit
fanden. Erst spter gelang es Axel, sich mit Imgjor zu beschftigen und
mit dem Doktor eine Unterhaltung anzuknpfen. Allerdings zeigte dieser
eine hnliche unhfliche Zrckhaltung wie Imgjor.

Es giebt junge Leute, die ohne ein zu Tage tretendes Bestreben, sich
vordrngen zu wollen, mit einer Geschlossenheit und Sicherheit des
Wesens auftreten, als ob alle Geheim- und Weisheitsbcher der Welt schon
vor ihnen aufschlagen gewesen seien. Ein solcher Mensch war der Doktor.
Er gab sich Axel gegenber sehr unbiegsam und nichts weniger als
zuvorkommend. Von seinem mit brgerlichem Hochmut gepaarten Selbstgefhl
wurde Axel in solcher Weise abgestoen, da er es sehr bald ablehnte,
seinen Nachbar berhaupt noch zu beachten. Er redete ihn nicht mehr an
und hrte auch nicht mehr zu, wenn jener sprach. Allerdings kehrte
Prest auch eine ziemlich unpersnliche Art gegen Imgjor hervor. Er
sprach zwar sehr viel mit ihr, aber ber Gegenstnde, die sonst nur
zwischen Mnnern errtert werden. Er machte ihr in keiner Weise den Hof,
legte vielmehr an den Tag, da ein Prest gerade so viel Beachtung in
der Welt verdiene und dasselbe Recht auf Selbstgefhl besitze, wie die
Familie Lavard auf Schlo Rankholm. Und Imgjor hrte ihm zu, als ob ein
Evangelium von seinen Lippen flsse; sie richtete ihre Augen und
Gedanken so ausschlielich auf ihn und wich Axel so geflissentlich aus,
da dieser zuletzt wie ein Freitischschler neben ihnen sa.

Allerdings hielt das nicht lange an. Graf Dehn verband mit Geist und
sehr groer Gewandtheit eine starke Initiative, und sie und seine
Menschenkenntnis gaben ihm stets die Mittel an die Hand, sich, wenn er
es wollte, zum Herrn der Situation zu machen. Und so geschah's auch
heute.

Im Nu wute er an der anderen Seite des Tisches das Gesprch an sich zu
ziehen und entwickelte einen so anziehenden, von den Beifallsbezeugungen
jener begleiteten Redeflu, da auch Prest und Imgjor zum Zuhren
gezwungen wurden.

Er erzhlte mit packendem Humor von einer Jagd in der Lausitz und
charakterisierte die Personen, die dabei zugegen gewesen, mit solcher
Meisterschaft, da ihm Graf Lavard und Graf Knut unter lebhaftem
Gelchter und mit sehr beiflligen Mienen zutranken.

Aber Axel benutzte auch diese Gelegenheit, um dem Doktor Prest einen
Denkzettel zu geben.

Indem er Prest lediglich einen anderen Namen beilegte, entwarf er ein
so sprechendes Bild von dessen ueren Erscheinung, seinem Auftreten und
Wesen und fhrte solche Kolbenschlge gegen dessen Ueberhebung und
Erziehungsmangel, da die Hausdame, Frulein Merville, die offenbar
Axels Abneigung gegen Prest teilte, zunchst mit einem Ausdruck
hchsten Erschreckens, dann aber mit einem solchen hchster Befriedigung
die Lippen verzog.

Nicht weniger schien die Grfin durch diese Abfertigung angemutet.
Nachdem sie anfangs mit einer Miene des Zweifels, ob die Betreibung nur
zufllig auf Prest passe oder ob Axel jenen bewut charakterisiere,
zugehrt, erschien in der Folge etwas in ihren Zgen, das Axel nicht nur
ber ihre Meinungen bezglich Prests belehrte, sondern die auch sagten,
da sie ihm deshalb durchaus nicht gram sei.

Anders aber Imgjor, in der es sichtlich vor Aufregung kochte.

Ganz abweichend von ihrer bisherigen stummen Gleichgltigkeit gegen die
Vorgnge ihrer Umgebung, brach sie das Schweigen und mischte sich
in das Gesprch, indem sie nicht nur spttisch Zweifel an der
Wahrscheinlichkeit der von Axel erzhlten Vorgnge uerte, sondern auch
zum offenen Angriff vorging. "Die Personen, die Sie uns schilderten,
Herr Graf, sind, wie ich es garnicht bezweifle, wirklich lebende
Menschen, und Sie erreichen Ihren Zweck, zu beweisen, da Sie scharf zu
beobachten verstehen. Aber Sie beweisen auch, da Sie besser in fremde
Spiegel zu schauen vermgen, als in den eigenen. Letzterer schafft
nachsichtige Urteile. Diejenigen, die sich anmaen, ber andere den Stab
zu brechen, vergessen allzu oft bei ihren Vortrgen, da sich den
Zuhrern eine nicht zu ihrem Vorteil ausfallende Betrachtung ber ihre
Einseitigkeit aufdrngt--"

"Sie haben vollkommen recht, gndigste Komtesse--" entgegnete Axel auf
diese herausfordernde Rede mit vollendeter Hflichkeit. "Nur glaube ich,
da ich diese Unvollkommenheit, oder, wie Sie liebenswrdig uern,
diese Einseitigkeit, mit fast allen meinen Mitbrdern und Mitschwestern
teile.--Nur eine Ausnahme giebt's--ich spreche nicht, um Komplimente zu
sagen, gndigste Komtesse--und diese fand ich hier auf Schlo Rankholm.
Sie sind's! Sie geben jedem, was ihm zukommt und gelangen sicher stets
zu gerechten, wenn auch nicht immer vllig milde klingenden
Richtersprchen!"

Der Eindruck dieser Rede war ein sehr verschiedener.

Imgjors Wangen bedeckten sich mit der Blsse des Zorns. Die schwarzen
Augen in ihrem bleichen Angesicht mit dem braunrtlichen Haar funkelten
unheimlich. Der Doktor aber, zugleich erregt an einem Brotkgelchen
knetend, ri den Mund jhzornig zur Seite. Die anderen standen vorlufig
noch unter dem Eindruck, da es sich vielmehr um eine scharf zugespitzte
Neckerei handelte, als da jene sich bekmpfen wollten.

Der Graf uerte sich auch in diesem Sinne, indem er hinwarf:

"So, Imgjor! Nun weit du, aus welchen Himmelshhen du zu uns
hinabgestiegen bist. Werde noch etwas milder und du kannst einst als
Heilige verehrt werden!"

Und die Grfin warf Axel einen ihrer forschenden Blicke zu, einen jener,
durch den sie zugleich verriet, da ihr Interesse fr Axel sich immer
mehr steigerte.

Wie sehr brigens diese Zurckweisung Imgjor getroffen hatte, bewies ihr
ferneres Verhalten bei Tisch. Sie hrte zwar auch ferner dem zu, was ihr
der Doktor vortrug, aber ihre Gedanken waren offenbar nur halb oder gar
nicht bei der Sache. Sie sann sichtlich ber einen Racheakt nach und
mute doch ihren heien Drang bezhmen, weil sie Axel auf diese hfliche
Abfertigung nicht beizukommen vermochte.

Aber nicht ein einziges Mal richtete sie das Antlitz ihm zu, und ebenso
verharrte der Doktor in einer feindselig stummen Abwehr. Axel wute sich
auch in der Folge lediglich den brigen zuzuwenden, blieb bis zum
Tafelschlu in einer lebhaften Konversation mit jenen und entging
dadurch der Pflicht, Hflichkeitsakte gegen Imgjor zu ben, und irgend
welche Notiz von seinem Gegenber zu nehmen.

Nach Tisch empfahl sich der Doktor, indem er Krankenbesuche vorschtzte,
und auch Imgjor verschwand. Erst beim Thee, den sie zu bereiten hatte,
erschien sie wieder.

Sie hatte aus irgend einer Laune nunmehr wieder ein schwarzes Kleid
angelegt und sah in diesem mit ihrem bleichen, kaltstummen Gesicht wie
eine trotzige Berin aus.

"Wo warst du, Imgjor?" forschte die Grfin, die mit den drei Herren nach
Tisch einen Spaziergang im Park unternommen, spter eine Partie Boston
gespielt und diese jetzt eben beendigt hatte.

"Ich bin nach Mnkegjor durch den Wald geritten--" gab Imgjor kurz
zurck.

Als sich Axel noch vor dem Schlafengehen und allgemeinen Aufbruch Imgjor
nherte--sie sa mit einem Buch fr sich in einer durch eine Hngelampe
erleuchteten Ecke des Kabinetts--und sie fragte, welche Lektre sie so
sehr beschftige, entgegnete sie tonlos und ohne seinen auf das Buch
gerichteten Bewegungen zu entsprechen und es ihm zur Prfung anzubieten:

"Ich lese Geist in der Natur von Oersted--"

"Und eine so schwere Lektre fesselt Sie?"

"Mich fesselt alles, was mich ber die einseitige Enge des Daseins zu
erheben vermag!"

"Sie betonen Ihre Worte so stark! Haben Sie bereits so unerfreuliche
Erfahrungen gemacht, Komtesse?"

Aber sie gab auf diese Frage keine Antwort. Sie zuckte nur die
Achseln.--Aber deshalb trieb's ihn, die Schranke gewaltsam zu
durchbrechen, die sie trennte.

Sanft sprechend, sagte er:

"Ich wrde gern Ihre Freundschaft erringen, Komtesse! Aber Sie weichen
mir schroff aus, Sie gebrauchen sogar Waffen gegen mich. Ich sinne ber
die Grnde nach, die Sie so handeln lassen. Giebt's keinen Weg, der uns
zusammenfhren knnte?"

Aber was er erhoffte, ward ihm nicht.

Indem sie ihn kalt und unbeugsam anblickte, sagte sie kurz und hart im
Ton:

"Nein, keinen, Graf Dehn!"

Nach diesen Worten benutzte sie einen Anruf von Frulein Merville,
machte eine khl entschuldigende Geste, stand auf und entfernte sich
rasch.

Er aber schaute ihr nach, umfing mit seinen Blicken ihre Psychegestalt,
seufzte auf und trat zu den brigen zurck.

Die Herren waren eben im Nebenzimmer beschftigt, die Grfin aber, die
zu einer Handarbeit gegriffen, erhob bei seiner Annherung den Kopf und
sagte mit liebenswrdiger Milde:

"Ja, leicht ist, lieber Graf, diese Festung nicht zu nehmen. Wren wir
beide in gleichem Alter, wre es Ihnen bequemer geworden!"

"Ich besitze also Ihr Wohlwollen, verehrteste Frau Grfin? Darf ich Ihre
Worte so deuten?" stie Axel heraus.

"Ja, Graf Dehn!" Sie sprachs und streckte ihm gtig die Hand entgegen.

Und Axel ergriff sie und drckte einen festen Ku auf die weie, weiche
Flche, die unter der Berhrung seiner Lippen leicht zu beben schien.

       *       *       *       *       *

Als Axel am nchsten Vormittage der Grfin nach dem zweiten Frhstck im
Park Gesellschaft leistete, erklrte er ihr nach einer vorsichtigen
Einleitung, da Imgjor einen unauslschlichen Eindruck auf ihn
hervorgerufen habe, da er aber eine Werbung als gnzlich aussichtslos
ansehen msse.

Mit grter Offenherzigkeit erzhlte er ihr von dem, was ihm begegnet
war, und was er dabei empfunden hatte, auch verschwieg er ihr nicht, da
er bereits am gestrigen Abend einen Anlauf genommen und dabei eine
Antwort empfangen, der an schroffer Deutlichkeit nichts gefehlt habe.

Die Grfin hatte seinem Bericht wohl mit steigendem Interesse, aber
doch ohne Befremden, zugehrt.

Nachdem er den letzten Satz gesprochen, sagte sie:

"Ah, das war schade! Das ist bel. Htten wir uns frher gesprochen! Ich
durfte, ich konnte ja nicht reden, durfte Ihnen keinen Wink geben, ohne
mich eines Mangels an Zartgefhl schuldig zu machen. Nachdem Sie aber
die Initiative ergriffen, mir erklrt haben, da Sie sich fr Imgjor
interessieren, mchte ich Ihnen folgendes sagen:

Sie wre von selbst gekommen, wenn Sie die Taktik, die Sie gestern bei
Tische beobachteten, fortgesetzt htten. Man mu sie gar nicht beachten.
Sie kommt schlielich immer, wenn es sich um wertvolle Menschen handelt.
Aber ihr Mitrauen, da man sie um ihres Geldes willen umwirbt, ist so
gro, da sie von vornherein gegen alle jungen Leute die schroffste
Seite hervorkehrt. Erst nach Wochen, vielleicht nach Monaten, htten Sie
ihr ein warmes Wort sagen mssen, dann wre es nicht nur wahrscheinlich,
sondern sicher auf einen fruchtbaren Boden gefallen."

"Und Sie frchten, da ich nun keine Aussichten mehr habe, Frau Grfin?"

"Ich traue Ihnen sehr viel zu. Sie besitzen goldene Schlssel, lieber
Graf. Sie ffnen, ich glaube es, die verschlossensten Herzen. Hoffen wir
also--"

"Ich danke Ihnen, Frau Grfin, und ich bitte, entwerfen Sie mir ein Bild
von ihrer Tochter. Ich mchte es mit demjenigen vergleichen, das sich in
mir gebildet hat, ich mchte mich berichtigen, sofern es ntig. Ich
werde leichter den Kampf aufnehmen, wenn ich wei, mit welchem Gegner
ich zu thun habe."

Die Grfin nickte, beugte sich ein wenig vor und sagte stark betonend:

"Sie ist ein besonderer Mensch. Sie ist absolut wahr, besitzt sehr viel
Charakter, ein trotziges Unabhngigkeitsgefhl und eine seltene
Objektivitt. Jedem Adligen begegnet sie mit Mitrauen, obschon sie
stolzer ist als irgend ein Lavard und ein Verdeuil, die je lebten. Wo
sie einmal liebt, besitzt sie die Treue eines Kindes und die
Opferfreudigkeit eines Engels."

"Also ist sie wirklich das, was ich vermutete--" stie Graf Axel erfreut
heraus.

"Ich danke Ihnen, Frau Grfin. Wahrlich, also ein Kleinod, nicht nur
schner als fast irgend ein Weib, sondern innerlich von edelster Art,
ein nur der Gltte bedrfender Diamant--"

"Sie finden Imgjor so schn?" fiel die Grfin ein.

"Ja, gndige Grfin! Ich sah nie etwas gleiches, weder auf Bildern, noch
im Leben, und ich glaube auch, einem schneren weiblichen Wesen kaum je
wieder begegnen zu knnen--"

"Dann mssen Sie Lucile kennen lernen! Nun, sie kommt ja nchstens. Da
knnen Sie sich entscheiden!"

Axel machte eine Verneigung, dann sagte er:

"Knnen, wollen Sie mir also--ich bitte, noch einmal auf Komtesse Imgjor
zurckkommen zu drfen--bei meiner Werbung behilflich sein, Frau
Grfin?"

"Natrlich! Doch auf meine Weise und erst, wenn Sie sich wirklich
entschieden haben. Es mu die Bekanntschaft mit Lucile vorangehen. Und
eins ist gleich zu sagen, da ich Sie bereits als einen vertrauenswerten
Freund betrachte: direkt kann ich Ihnen bei Imgjor nicht helfen!"

"Darf ich den Grund wissen?"

Der Grfin Zge vernderten sich durch einen Ausdruck von dsterem
Ernst. Dann sprach sie in einem sanft gekrnkten Ton:

"Mich--mich--meidet sie eher, denn da sie mich sucht--"

"Wie, Frau Grfin? Imgjor--Sie--Ich bitte--erklren Sie--?"

Aber was er noch sagen und was sie ihm vielleicht erwidern wollte, wurde
nicht gesprochen, weil sich gerade der Graf nherte und ihnen schon aus
der Ferne in dnischer Sprache einige Worte hinberrief.

"Hesterne staae beredt!" (Die Pferde stehen bereit!)

Und da es sich um einen Reitausflug nach dem Gehlz von Mnkegjor
handelte, verabschiedeten sie sich sehr bald von der Grfin und nahmen
den Weg vorn vors Schlo, woselbst der Reitknecht mit den beiden weien
Hengsten ihrer wartete.--

       *       *       *       *       *

Der Rest der Woche und die Hlfte der folgenden verliefen Graf Axel
sehr rasch, ja, die Tage flogen frmlich dahin. Bald nahm ihn die Grfin
gefangen, indem sie mit ihm in langen Gesprchen auf weitausgedehnten
Spaziergngen philosophierte oder ihn zu einer Partie Schach heranzog.
Zu anderer Zeit mute er dem Grafen in seine mit vielen interessanten
Dingen angefllten Gemcher folgen oder Wagen und Reitausflge mit ihm
und dem Grafen Knut unternehmen. Dazwischen lagen die Mahlzeiten mit
ihren Leckerbissen, Weinen und anregenden Gesprchen.

Graf Knut--ein frherer dnischer Reiteroberst--besa im Dorf, abseits,
ein hchst malerisch belegenes Herrenhaus mit Garten und Park, das er
nebst einem nicht unbedeutenden Kapital von einer verstorbenen Tante
geerbt hatte.

Er fhrte ein sorgenfreies, uerst behagliches Leben und gehrte zu
jenen Menschen, die schon durch ihre bloe Anwesenheit eine angenehme
Atmosphre um sich verbreiten. Er war ein sehr konzilianter, mavoll
veranlagter Mann, der in allen die Menschheit beschftigenden Fragen
jederzeit einen vermittelnden Standpunkt einnahm und zudem stets
aufgelegt war, sich an den Abwechslungen, die ihm dargeboten wurden, zu
beteiligen.

Nicht nur das zu der ungeheuren Herrschaft gehrende Gebiet: die
Vorwerke, die Fischteiche, die Waldungen und die Frstereien wurden
whrend dieser Woche durchmessen und in Augenschein genommen, sondern
auch das eigentliche Gut mit all' seinen Einzelheiten und das zu dessen
Fen hingelagerte Kneedeholm.

Dem Prediger, dem Ortsvorsteher und Apotheker, aber auch, aus Grnden
kluger Ueberlegung, dem Doktor Prest, stattete Axel Besuche ab, und
wenn der Abend kam, wurde geplaudert, musiziert, etwas vorgelesen oder
eine Partie gemacht.

An all' diesem nahm Imgjor garnicht teil oder sie gab nur die Zuhrerin
ab. Entweder hielt sie sich fr sich auf ihrem Zimmer auf oder sie
durchschweifte, allein oder von einem Reitknecht gefolgt, zu Pferde die
Umgegend. Auch machte sie viele Spaziergnge ins Dorf, besuchte hier die
Bauern und fhlte sich unter ihnen offenbar am glcklichsten.

Und da sie sich so absonderte, ward von ihrer Umgebung als so
selbstverstndlich angesehen, da sie auch jetzt bei des Grafen
Anwesenheit zu einer Aenderung ihres Verhaltens garnicht angefordert
wurde.

Der Graf schien auf demselben Standpunkt wie seine Gemahlin zu stehen.

Eine Annherung zwischen ihr und Axel mute sich nach und nach ergeben.
Jeder Zwang war von Uebel.

Am Freitag der folgenden Woche traf endlich Lucile ein.

Alle fuhren ihr in einem mit zwei schwarzen und zwei weien Rennern
bespannten, offenen Gefhrt bis zur Landstrae entgegen. Sie kam mit der
Post, ebenso wie Graf Dehn; sie hatte es so gewollt.

Komtesse Lucile Lavard war eine ungemein schlanke Dame mit einer
auerordentlich vornehmen Haltung. Ihr Gesicht besa eine vollendete
Regelmigkeit; sie glich einer edlen Rmerin, die den Schnheitspreis
davongetragen. Die Nase war leicht gebogen, die schwarzen Augen glhten
in einem dunklen Feuer, die Lippen waren sein geschnitten. Gleich der
Abendrte Anhauch lagen sauste Farben auf den weichen Wangen, und ihre
Zhne blitzten in dem Wei der Fischgrte.

Die Grfin hatte recht, sie war blendend schn und zugleich von einer
Liebenswrdigkeit, die etwas wahrhaft Bestrickendes besa.--

Als man das Schlo erreicht hatte, zog sich Axel absichtlich zurck und
wanderte ins Dorf.

Mitten in diesem lag, zurckgelehnt, der Besitz des Grafen Kunt, ein
zweistckiges, schneewei angestrichenes Haus mitten unter Grn und
Tannen.

Er fand den Besitzer in seinem Garten bei den Blumen, und nachdem ein im
Hause eingenommenes Glas Wein und eine Zigarre bereits die Gemtlichkeit
erhht hatten, unternahmen sie zusammen einen Spaziergang durch den sehr
ausgedehnten, mit stattlichen Gehften und Bauerhusern, aber auch mit
vielen rmlichen Katen besetzten Ort. Bei dieser Gelegenheit lie sich
Axel mglichst viel von Lavards und auch von Lucile erzhlen.

Graf Knut berichtete, da Lucile vor anderthalb Jahren mit einem
franzsischen Gesandtschaftsattach in Kopenhagen, dem jungen Marquis
von Rebullion, verlobt gewesen sei und diese Verbindung wieder gelst
habe.

Dem wre es zuzuschreiben, da sie seither keine Ehe eingegangen sei.

Er bezeichnete sie als ein vollendetes Mdchen, sie besitze aber einen
unbeugsamen Standesstolz.

Whrend sie noch sprachen, kam Doktor Prest vorber, machte eine
Bewegung, als ob er stehen bleiben wolle, besann sich aber und grte
den Grafen mit groer Artigkeit, Axel aber mit steifer Gemessenheit. Es
geschah, obschon Prest Axels Besuch noch nicht erwidert hatte.

"Ein recht unangenehmer Mensch!" warf Axel hin.

Graf Knut bewegte stumm die Schultern.

"Sie scheinen meine Auffassung nicht zu teilen?"

"Man mu den Zusammenhang der Dinge kennen, um ein gerechtes Urteil zu
fllen--" entgegnete Graf Knut. "Prests Eltern fanden unter dem Druck
eines malos hochmtigen und gegen seine Untergebenen rcksichtslos
harten Gutsherrn, des Grafen Vedelsborg auf Bornholm. Prests Vater war
dort Guts-Inspektor. So sog der Sohn den Ha gegen den tyrannischen
Gutsherrn seit seiner Kindheit in sich ein. Prest ist vllig mittellos;
die unvermgenden Eltern sind lange gestorben; nur durch eisernen Flei,
Stipendien und Stundengeben hat er sein Studium ermglicht. Durch solche
Thaten, durch solches Ringen um die Existenz bilden sich Charaktere,
allerdings selten liebenswrdige, eher einseitige und selbstschtige.
Als unser alter Doktor vor sechs Monaten starb, gab ich die
Veranlassung, da sich Prest hier niederlie. Ich interessierte mich
von jeher fr die Eltern. Gewi, seine Manieren lassen recht sehr zu
wnschen brig, ich gestehe das zu. Auch gren in ihm die Ideen der
neuen Zeit. Ich bedaure diese Richtung. Aber--was will man machen?
Wechsel regiert die Welt, und mit ihm treten neue Anschauungen und
Erscheinungen zu Tage. Wir--die Gutsherren--haben die gute Zeit gehabt,
nun wollen auch die Bauern einmal leben!"

"Ah, nun verstehe ich! Deshalb Imgjors Eintreten fr ihn! Sie begegnen
sich in ihren Anschauungen. Jetzt ist mir alles klar. Nun wei ich, wer
meinem Werben um sie entgegengeht."

"Sie interessieren sich fr die Komtesse Imgjor, Herr Graf?"

"Ich gestehe es--auerordentlich! Ich habe auch des Grafen und der
Grfin Beifall fr meine Plne. Bisher glaubte ich nur gegen Vorurteile
zu kmpfen. Nun bin ich berzeugt, da ich in Prest meinen eigentlichen
Widersacher zu suchen habe. Gewi, sie lieben sich!"

"Vielleicht doch _nicht_--" betonte der Graf, auf das Gesprch ohne
Umschweife eingehend. "Da Imgjor Interesse fr ihn besitzt, will mich
wohl auch bednken. Aber er fr sie? Er war schon als Student verlobt
und ist es, soviel ich wei, noch--"

"Ah welch' eine gute Nachricht! Erzhlen Sie, ich bitte!" fiel Axel
lebhaft ein und zog den alten Herrn ber das Dorfgebiet hinaus.--

Am folgenden Tage, nach dem zweiten Frhstck, wute es Axel so
einzurichten, da er mit Lucile im Garten auf- und abwandelte. Der Graf
hatte wegen seiner Geschfte auf eins der Vorwerke fahren mssen, die
Grfin--eine selten vorkommende Erscheinung--mute wegen einer Migrne
das Zimmer hten.

Lucile war, in Vertretung ihrer Mama, beim Frhstck sehr liebenswrdig
um Axel bemht gewesen. Sie besa hnliche Eigenschaften wie ihre
Mutter. Mit Verstand und Geist verband sie groe Lebhaftigkeit. Wie sie
sonst zu beurteilen sei, mute er erst ergrnden.

Es giebt Frauen, die bei aller sonstigen Beweglichkeit eine stolze
Prderei hervorkehren, sobald ein Mann eine ber das Konventionelle
hinausgehende Annherung wagt.

Zu einer engeren Berhrung im ersteren Sinne gehrt nach ihrer
Auffassung die Prfung eines halben Menschenalters, und Artigkeiten, die
ein Interesse verraten, weisen sie mit einer verletzenden Schroffheit
zurck.

Der Graf hatte recht: zu diesen schien Lucile zu gehren.

Lucile sprach mit Vorliebe ber ihren Aufenthalt in den groen Stdten
und ihren Verkehr mit den Personen der bevorzugten Stnde. Es geschah
das aber in einer Weise, die keinerlei Absichtlichkeit durchschimmern
lie; sie behandelte die Dinge als etwas naturgem zu ihr gehriges.
Aber es ging aus allem hervor, da sie Umgang und Beziehungen zu solchen
Personen ber alles stellte, da das Leben in diesen Kreisen mit dem
Interesse fr Toilette, Korsos, Jagden, Pferde und geruschvolle
Geselligkeiten ihr Eldorado war. Und dieses Hervorkehren und dieses
Wertlegen auf Dinge, die Axel als minderwertige ansah, reizte ihn und
verfhrte ihn zu starkem Widerspruch.

"Was Sie besonders anzuziehen scheint, Komtesse, stt mich geradezu
ab--" warf er, herabsetzend im Tone, hin.

Und mit einem "So, so! Ja, der Geschmack ist eben ein verschiedener--"
antwortete sie darauf.

Statt da Lucile, wie Axel erwartet hatte, ein Erstaunen darber an den
Tag legte, da er, der doch zu diesem Kreise gehrte, einen solchen
abweichenden Geschmack bekundete, schien sie das hinzunehmen, wie das
Zwitschern eines Vgelchens, das ber ihnen in den Zweigen huschte.

Sie rechnete mit dem, was einmal vorhanden war; sie entwickelte keinen
Eifer darber, da es mit ihren Neigungen nicht bereinstimmte.

Whrend sie sich eben wieder dem Schlo nherten, in dem sie ein
Waffenzimmer besichtigen wollten, von dem beim Frhstck die Rede
gewesen war, sagte er:

"Sie ziehen also wohl jedenfalls die Stadt dem Lande vor. Sie finden
wahrscheinlich gar keinen Geschmack an dem einfrmig-stillen Leben auf
Rankholm, Komtesse?"

Statt einzutreten--eben hatten sie eine Pforte im Souterrain erreicht,
durch die man von hinten ins Schlo gelangen konnte--blieb sie stehen,
richtete den Blick geradeaus und sagte, zunchst durch eine Kopfbewegung
seinen Worten begegnend:

"Nein, ich bin hier sehr gern. Im Sommer ist mir die Stadt nichts.
Aber--ich spreche offen--ich finde die Personen hier wenig anziehend.
Wre nicht mein Vater--" Sie hielt inne und whrend sie die Lippen
schlo, reckte sie den schlanken Hals rckwrts, wie jemand, der einer
starken Empfindung Herr zu werden versucht.

Nun wurde Axel aufmerksam.

Scheinbar arglos sprechend, fiel er ein:

"Ja, Ihre Eltern, Ihr Herr Papa, Ihre Frau Mama, die mssen jedermann
fesseln!"

"Meine Mutter--?" Lucile zog die Schultern, und in ihren Zgen erschien
ein eigentmlicher Ausdruck. Doch sprach sie nicht aus, was sie dachte,
und offenbar empfand sie Reue, da sie sich so weit vergessen hatte.

Auch suchte sie den von ihr hervorgerufenen Eindruck rasch wieder zu
verwischen, indem sie sagte:

"Ich wollte betonen, da ich mit meinem Vater besser hamoniere als mit
Mama und Imgjor"--Und pltzlich abschweifend:

"Wie finden Sie Imgjor?"

"Bezaubernd!"

"So--!? Ja, das ist ein Mdchen, um das alle Mnner werben. Es
geschieht, weil sie ihnen nicht einen Finger giebt. Solche strecken
ganze Scharen zu ihren Fen."

Dann schwieg sie. Als sie aber oben in das Waffenzimmer getreten waren
und sich hier, nach Besichtigung der Gegenstnde, noch einmal
niedergelassen hatten, sagte Lucile Lavard:

"Ich gehe gern hier hinauf, weil meine Vorstellungen rege werden. Ich
wollte, ich htte damals leben knnen, als noch Rankholm der Mittelpunkt
der vornehmen Welt war, als noch unsere Vorfahren Gesandte,
Staatsminister und Feldmarschlle waren, als sie die Herrscher Dnemarks
wochenlang zum Besuch bei sich sahen!"

"Sie sind offenbar sehr ehrgeizig, Komtesse!--Sie sind aus dem alten
Lavardschen Blut."

"Ja, ich bin ehrgeizig, Sie haben recht, Graf Dehn! Ich leugne es nicht.
Ich lege Wert auf meinen Stamm, auf unser Ansehen und unsern Reichtum.
Ich bin aber--" hier lchelte Lucile Lavard mit einem liebenswrdig
anschmiegenden Lcheln--"durchaus nicht so uerlich, wie Sie glauben
mgen. Ja, ja, ich hab's schon bemerkt, Herr Graf, da Sie mich recht
abfllig beurteilen.--Lassen Sie mich Ihnen sagen, wie ich denke! Ich
wnsche mich auszusprechen, da ich Sie bereits zu uns zhle: Ich
berhebe mich ber niemanden, das wre eine Beschrnktheit. Gott gab mir
objektiven Verstand. Aber ich leugne nicht, da ich, je hher die
Verfeinerung der Sitten und je vornehmer, sorgloser die
Lebensverhltnisse sind, um so greren Geschmack an den Menschen und
Verhltnissen finde. Das Leben mit den gesellschaftlich Auserwhlten ist
mir Bedrfnis, ich teile durchweg ihre Interessen und Neigungen.
Freilich unterscheide ich stark. Der Oberflchlichkeit gehe ich
mglichst aus dem Wege; die Mnner, die unthtig nur in den Tag hinein
leben, verabscheue ich. Finde ich Verstand, Streben, Geist und wahrhaft
kavaliermige Eigenschaften, so suche ich eine Annherung. Mein Ziel
ist das Bndnis mit einem Mitglied der hchsten Stnde. Eine Lavard hat
das Recht, ihre Hand nach einer Frstenkrone auszustrecken. Und wenn ich
das erreicht habe, so will ich mir Beachtung erwerben durch die Pflege
der Knste und Wissenschaften, durch Wohlthun, durch die Frderung alles
dessen, was im wahren Sinne wertvoll und sittlich ist. So denke ich mir
mein knftiges Leben, dahin geht mein Ehrgeiz."

Axel hatte ihr aufmerksam zugehrt, und so sehr wuchs durch die
Verminderung seiner Vorurteile ihre Persnlichkeit in seinen Augen, da
er sich zu einer eiferschtigen Regung fortreien lie.

"Wahrlich, ich bewundere Sie, Komtesse!" stie er heraus. "Aber ich
empfinde einen starken Schmerz um die, welche mit keiner Krone im Wappen
zur Welt kamen und deshalb nicht einmal Ihre Fingerspitzen berhren
drfen."

Sie sah ihn an, und ein reizvoll gtiges Lcheln umspielte ihren Mund.
Dann sagte sie:

"Sie drfen es, Graf Dehn! Auch dahin wollte ich noch Ihre
Voraussetzungen berichtigen. Ich bin nicht stolz oder gar hochmtig in
Ihrem Sinne. Ich hab' etwas Selbstgefhl, weil ich mir bewut bin, da
ich stets vernnftig zu handeln suchte, weil ich Grundstze habe und dem
Besseren--wenn auch nur in meiner Weise--ehrlich nachstrebe. Aber
glauben Sie es mir, ich bin fr meine Leute ein guter Kamerad. Ihnen
will und werde ich es jederzeit sein, wenn Sie mich brauchen knnen."

"Ah, welche Musik fr mein Ohr, gndigste Komtesse! So sprach auch Ihre
Frau Mama.

"Ich danke Ihnen, danke Ihnen von Herzen! Ich bitte Ihre Hand zum
Zeichen meiner Verehrung berhren zu drfen!"

Ein stiller, freundlicher Blick traf ihn, whrend sie gewahrte, worum er
bat, ein Blick, hnlich wie der, welcher in den Augen ihrer Mutter
bisweilen erschien. Voll Nachdenken ber diese Frauen, die sich so offen
gaben und in denen allen sich doch etwas Rtselhaftes verbarg, stieg
Graf Axel an der Seite Luciles wieder in die unteren Rume hinab.--

Nach dem Frhstck am folgenden Tage wurde ber eine, einem geplanten
greren Fest noch vorherzugehende, kleine Abendfte beraten.

Man wollte Lucile nach ihrer langen Abwesenheit Gelegenheit geben, mit
den gesellschaftsfhigen Personen in Kneedeholm und einigen der hheren
Gutsangestellten ein Wiedersehen zu feiern. Ueber das Erscheinen der
letzteren, des Pastors Nielsen und des Apothekers war man sich einig.
Die Hinzuziehung des Doktor Prest stie auf Schwierigkeiten.

"Wenn's nicht Graf Knut gewesen, wrde ich mich in diesen Ersatz fr
unsern alten, vortrefflichen Doktor Krde nicht so willig gefgt
haben--" warf die Grfin hin.

"Der Prest ist mir eigentlich sehr unsympathisch, er besitzt gar keine
Lebensart, und sollte ich krank werden, wrde mich sein Kommen eher
beschweren, als erleichtern!"

"Ja, Manieren hat er wenig, oder eigentlich keine--" besttigte der
Graf. "Er ist ein selbstbewuter Herr, und, wie der Gutsfrster schon
neulich behauptete, sicherlich ein fanatischer Bauernfreund. Gestern
erhielt ich auch wieder eine Probe von seiner alles bekrittelnden Art.
Als ich beim alten Peder Ohlsen vorsprach, fand ich ihn dort mit der
kleinen Sine beschftigt, und als ich ihn fragte, was ihr fehle, zuckte
er, ohne mich berhaupt zu begren, die Achseln und sagte: "Sie hat
sich den Magen mit Obst vollgepfropft, und statt ihr einen Finger in den
Hals zu stecken, schickt man nach dem Arzt, als ob's ans Sterben ginge!"
Und auf eine vermittelnde Aeuerung von meiner Seite, die nmlich, da
der Laie doch den Zustand des Patienten nicht beurteilen knne,
entgegnete er in seiner belehrenden Art: "Ja, man sollte die Bauern zu
selbstndigem Denken erziehen. Statt dessen wird womglich ihre Dummheit
noch gefrdert. Der Schulmeister hier im Dorfe macht tiefe Katzenbuckel
vor der Gutsherrschaft, er ist nichts anderes als ein Streber, der
lngst htte wieder zurckgeschickt werden mssen."

Graf Axel hatte whrend dieser Errterung absichtlich seine Blicke auf
Imgjor gerichtet. Schon bei ihrer Mutter Einwnde war ein Ausdruck der
Auflehnung in ihre Zge getreten. Axel sah's an ihren Mienen. Nun hielt
sie's nicht mehr. Indem sie das Buch, auf das sie trotz des Gesprches
ihre Augen geheftet, in den Scho gleiten lie, fiel sie mit deutlicher
Gereiztheit im Tone ein:

"Der Doktor Prest hat doch ganz recht, Papa. Markholm ist ein
widerwrtiger Augendiener und ein Schulmeister zum Erbarmen. Nichts,
nichts wei die Jugend. Und da man einen Arzt um jeden Quark bemht,
ist doch in der That ein Mangel an praktischer Schulung. Prest ist eine
tchtige, energische Natur mit vielen neuen, wahrhaft reformierenden
Ideen."

"Ja, ja--reformierende Ideen! Das ist das glckselige Schlagwort, das
einst nicht nur die Gutshuser, sondern auch die Htten der Bauern
zertrmmern wird!" fiel Lucile erregt ein. "Solche Menschen, wie dieser
Doktor einer zu sein scheint, sind ein wahres Unglck. Sie wollen alles
verbessern. Sie mssen des Schpfers Weisheit, die auf eine besonnene,
nicht berstrzende Entwickelung aller Dinge im Natur- und Menschenleben
hinausgeht, bertrumpfen. Im Grunde aber lauert hinter diesen
Weltverbesserern nichts anderes als die ewig sich wiederholende
Unzufriedenheit des Subjekts mit seinem Schicksal oder eine grenzenlose
Eitelkeit. Nicht die Sache--einige unpraktische Schwrmer
abgerechnet--leitet sie, sondern ihre Person. Innerster Ingrimm darber,
da sie in den Thlern marschieren mssen, statt auf den Gipfeln zu
stehen, wo ihnen das Schicksal nun einmal keinen Platz eingerumt, ist
das Motiv ihrer Handlungen. Ging's Jahre und Jahre so und in Frieden,
wird's auch mit allmhlichen, aus den Erfordernissen herauswachsenden
Umgestaltungen so gehen, ohne da der Herr Doktor den Bauern, dem
Lehrer und Papa schulmeisterliche Unterweisungen erteilt."

Imgjors Augen sprhten, whrend Lucile sprach.

Ihre weien Hnde fieberten, sie ballten sich in ihrem Scho, und sie
konnte es nicht erwarten, ihrer Schwester zu antworten.

Aber statt ihrer wute die Grfin, die Lucile durch ihre Mienen bereits
zugestimmt hatte, rasch das Wort zu nehmen.

"Ja, ich teile vollkommen deine Ansicht, Lucile. Und ich glaube, wir
alle! Was meinen Sie, Graf Dehn? Wie finden Sie unsern neuen Aeskulap?"

"Ich beurteile ihn milder, nachdem ich nheres ber ihn durch den Grafen
Knut vernahm. Aber ich mu--ich gestehe es--meiner Objektivitt stark
aufhelfen. Wenn ich meinen Geschmack sprechen lasse, sage ich: Dieser
junge Mann besitzt weder uere noch innere Erziehung. Er sollte erst
einmal bei sich beginnen, bevor er ber andere schulmeisternd urteilt
oder gar gegen ltere Leute den Prceptor spielt.

Vielleicht wird seine knftige Frau--ich hre vom Grafen Knut, da er
mit einer Kopenhagenerin verlobt ist--vorteilhaft auf ihn einwirken, sie
und der Einflu so verstandesreicher und humaner Personen, wie dies
Schlo sie birgt."

Graf Dehn richtete nach diesen Worten einen gespannten Blick auf Imgjor.
Er wnschte den Eindruck seiner letzten Rede auf sie zu beobachten. In
der That schien sie etwas beunruhigt, aber es war offenbar nicht
Enttuschung, die ihre Wangen verfrbte, sondern etwas anderes, das sie
trieb, sich zu entfernen.

Sie fingierte einen sie pltzlich berfallenden Hustenanfall, stand auf,
drckte die Hand auf die arbeitende Brust und verlie, als ob sie die
Anwesenden von der lstigen Strung befreien wolle, das Zimmer.

Aber eben die Zweifel ber das, was in Imgjor vorging, veranlate Axel
fr des Doktors Erscheinen an dem geplanten Besuchsabend einzutreten. Es
lag ihm daran, Prest und Imgjor noch einmal beisammen zu beobachten, um
daraus seine Schlsse zu ziehen und darnach seine knftige
Handlungsweise einzurichten.

Er betonte der Grfin gegenber, da eine Umgehung des Doktors bei einer
Gelegenheit, wo alle brigen eingeladen wrden, eine allzu stark
hervortretende Zurcksetzung an sich trage. Wenn Prest auch zur Kritik
stark herausfordere, so habe er sich doch gegen die Familie bisher
eigentlich nichts zu Schulden kommen lassen. Er wage deshalb zu bitten,
da man ihn hinzuziehe.

"Ihr Wunsch entscheidet, lieber Graf!" erklrte Graf Lavard verbindlich,
und die beiden Damen neigten nicht weniger bereitwillig den Kopf, nun,
da es sich um die Bitte des Gastes handelte.

Als Axel eine Stunde vor dem Diner sein Zimmer betrat, um Toilette zu
machen, fand er auf seinem Schreibtisch eine Karte von Prest, erfuhr
aber durch seine an Frederik gerichtete Frage, da niemand den Doktor im
Schlo gesehen habe.

"Er wird hinten durchs Haus eingetreten sein, Frederik--"

Der Angeredete schttelte den Kopf.

"Es kann keiner unbemerkt eintreten. Ich war fortwhrend unten
beschftigt, und oben hat Christian heute den Dienst."

"Es liegt mir daran, zu wissen, wann der Doktor hier war. Vielleicht
wei der Portier auf dem Schlohof von des Doktors Hiersein. Bitte,
fragen Sie ihn und Christian! Es liegt mir daran--"

Aber Frederik kehrte mit dem Bescheide zurck, da Doktor Prest whrend
des Tages Rankholm nicht besucht habe. Es mute also jemand im Schlo
die Karte in des Grafen Zimmer gelegt haben, und es mute whrend des
Reitausfluges geschehen sein, den Axel mit dem Grafen zwischen dem
zweiten Frhstck und dieser Stunde unternommen hatte. Vor Verlassen des
Schlosses war Axel noch in seinen Rumen gewesen und hatte keine Karte
gefunden.

Nachdem Axel den Kammerdiener entlassen und zur Vermeidung falscher
Auffassungen noch vorher hingeworfen hatte, da es sich nur um eine
kleine, lustige Wette handle, und da er nur deshalb nachgefragt habe,
kam ihm bei fernerem Grbeln ber diesen Fall pltzlich die Idee,
da--Imgjor in seinem Zimmer gewesen, da sie die Ueberbringerin der
Karte war.

Man hatte Prest Mangel an Lebensart vorgeworfen, man hatte ihn
berhaupt aufs schrfste verurteilt, und er, Axel, war der einzige
gewesen, der ihm das Wort geredet. So war die nachtrgliche
Aufmerksamkeit vielleicht der Dank, und Imgjor, die sich schon einmal
als Prests Verteidigerin aufgeworfen, hatte dem Doktor mglicherweise
einen Wink gegeben.

Und wenn Axel in solcher Annahme das rechte traf, so waren diese beiden
Menschen also im stillen mit einander einig. Freundschaft macht
erfinderisch, wie Not.

Als Axel den Weg in den Speisesaal nahm, war er berzeugt, da sich die
Dinge so verhielten, und er beschlo, nicht zu ruhen, bis er ber Imgjor
und Prest vllige Klarheit gewonnen.--

Indessen fand er bei Tisch keine Gelegenheit, Imgjor zu beobachten.
Lucile erklrte kurz vor dem Niedersitzen, da ihre Schwester nicht
erscheinen werde. Sie sei bei ihr im Zimmer gewesen, und Imgjor habe
erklrt, da sie sich unwohl fhle und bis zum Abend das Bett hten
msse. Es sei nichts Erhebliches, sie wnsche nur zu ruhen und habe
keinen Appetit.

Da man Axel bereits so sehr zu der Familie rechnete, da in seiner
Gegenwart alles Vorkommende besprochen wurde, so nahmen der Graf, die
Grfin und Lucile auch heute keinen Anstand, sich ber Imgjor zu uern.

"Sie wird immer unzugnglicher und geht immer mehr ihren Kapricen
nach--" warf die Grfin hin. "Du mtest einmal energisch mit ihr reden,
Lavard! Sie sollte sich doch wenigstens anders verhalten, wenn wir Gste
haben."

Der Graf nickte.

"Wenn sie nicht zugleich ein solcher Engel fr die Kranken und Armen auf
der Herrschaft wre, htte ich ihr schon ihre fortwhrenden
Entfernungen verboten. Das ist's ja! Man kann ihr eigentlich keinen
anderen Vorwurf machen, als da sie sich fr sich hlt und ihren
besonderen Neigungen nachgeht."

"Es schickt sich doch wirklich nicht, da sie fortwhrend
umherflankiert, mit den Bauern und oft mit den Knechten verkehrt.
Gestern wurde sie, wie ich wei, im Dorfwirtshaus gesehen, wo sie ihre
bauernfreundlichen Ansichten zum Besten gegeben hat," fiel Lucile ein.

"Wer hat dir das mitgeteilt?" rief der Graf nunmehr in erheblicher
Erregung.

"Vom Gutsfrster von Kilde hrte ich es, Papa."

"Da siehst du's, Lavard! Es geht wirklich nicht mehr. Sie rhrt uns das
ohnehin aufsssige Bauernvolk noch mehr auf. Und der Doktor agitiert
auch schon seit seiner Niederlassung im Dorf. Du weit doch, da Pastor
Nielsen ganz auer sich darber ist, welche Ideen er vor den Bauern
entwickelt. Greife ein! Sprich morgen mit dem Doktor und stelle ihm die
Wahl, sich solcher Dinge streng zu enthalten oder seinen Stab wieder in
die Hand zu nehmen!"

Graf Lavard nickte.

"Ja, es soll geschehen. Nur morgen geht's nicht. Er ist unser Gast; da
wre es unzart, ihm grade Vorhaltungen zu machen."

"Und Imgjor?" fiel Lucile ein.

"Willst du ihr nicht auch gebieten, da sie ihre Besuche in den
Wirtshusern einstellt? Nchstens erscheint das Bauernvolk auf dem
Schlohof und stellt dir Forderungen, und wenn du sie nicht erfllst,
stecken sie uns das Dach ber dem Kopfe an!"

"Na, na--Ihr seht allzu schwarz! Ich bewege mich doch auch unter
ihnen--ich kenne sie--"

"Es mag sein, Lavard! Aber da hier vom Schlo aus durch unsere eigene
Tochter die neuen Ideen gefrdert werden, da sie indirekt gegen ihre
eigene Familie zum Widerstand aufreizt, geht doch wahrlich nicht mehr--"

"Ich bin derselben Ansicht, Papa, und willst du grndlich vorgehen, so
schicke Imgjor einmal fort. Und bevor sie zurckkehrt, gieb dem Monsieur
Prest auch den Laufpa!"

"Warum so lange warten, Lucile?" fiel die Grfin ein. "Will er sich
nicht fgen, mag er auch gehen, gleich--"

Lucile zog die Lippen.--Sie zgerte noch eine Weile, dann sagte sie und
warf zugleich einen stillen Blick auf Axel:

"Ich riet nicht ohne Absicht so, wie ich riet, liebe Mama. Denn wisset,
beide, alle: Seit der Scene gestern habe ich die feste Ueberzeugung, da
Imgjor vllig unter dem Einflu Prests steht. Als ich vorher mit ihr
sprach und auf sie einredete, Graf Dehns halber sie ermahnte, sich mehr
zu Hause zu halten, liebenswrdiger, entgegenkommender sich zu geben und
den ganzen, sich nicht fr sie schickenden Verkehr drunten aufzugeben,
entwickelte sie geradezu erstaunliche Ansichten. Wir gerieten aufs
heftigste aneinander. Sie warf mir Beschrnktheit, Hochmut und
lcherlichen Adelsstolz vor.--Die Zeiten seien vorber, wo man sich so
geben drfe wie ich. Sie, Imgjor, wrde, wenn es an ihr lge, den Adel
abthun, das Schlo verlassen und sich ganz den armen, geknechteten
Bauern widmen. Es mte in ganz Dnemark von Mnnern und Frauen der
besseren Stnde das Veredelungs- und Samariterwerk fr die niedere
Klasse, fr die Armen und Elenden, ins Werk gesetzt werden. Zu diesem
Zwecke sei das Land in Distrikte einzuteilen, und in diesen habe dann
die Wirksamkeit der Brder und Schwestern des neuen Vereins zu beginnen.
Volksprediger sollten Vortrge halten, um Menschenliebe,
Pflichterfllung und ein von allem ceremoniellen Beiwerk befreites
Christentum zu predigen. Der Arbeitslosigkeit, Not und Krankheit solle
Einhalt gethan werden, es sei durch Errichtung von ffentlichen
Versorgungs- und Krankenanstalten in jedem Ort, sowie durch ffentliche
Speisehuser berall den Armen zu helfen und damit den Forderungen der
Neuzeit gerecht zu werden."

"Wie? Mit solchen Dingen beschftigt sie sich? Das alles hat sie dir
erklrt?" fielen beide Lavards ein, und auch Axel erhob mit nicht
geringerem Erstaunen das Haupt.

"Ja, das und noch anderes! Man knnte einen gelehrten Vortrag daraus
machen."

Nachdem Lucile geendigt hatte, verharrten die Anwesenden zunchst in
Schweigen. Was sie gehrt hatten, beschftigte sie ausschlielich.

"Ach ja, nun verstehe ich auch vieles--" nahm sinnend die Grfin wieder
das Wort. "Wahrhaftig es ist hchste Zeit zum Einschreiten," fuhr sie,
gegen ihren Mann gewendet, fort,--"wenn wir nicht einen groen Affront
erleben sollen. Du mut deine Rechte ben und noch im Beginn durch
geeignete Mittel zu mildern oder auszumerzen suchen, was sich in ihr fr
sie selbst Verderbliches festgesetzt hat.--Was sagen Sie, Graf Dehn, was
sagen Sie? Htten Sie das gedacht, das in Imgjor gesucht?"

Axel bewegte die Schultern und sagte: "Was die Komtesse will, ehrt sie
und hebt sie in meinen Augen! Aber allerdings glaube ich auch, da sie
starke Enttuschungen erleben und sehr unglcklich werden wird, wenn's
keine Mittel giebt, ihr schnes Menschentum auf ein richtiges Ma
herabzumindern."

Er wollte noch mehr sprechen, aber nun ffnete eben Frederik, den die
Grfin beim Beginn der Unterredung fr eine Zeit lang abgewinkt hatte,
von neuem die Thr und brachte, von Christian und einem anderen Lakaien
gefolgt, die dampfenden Schsseln des nun folgenden Ganges.

Er hob die silbernen Deckel ab, und ein auf portugiesische Art
bereiteter, gebratener Fisch aus dem Teiche des Gutsgebiets mit einer
dazu gehrenden duftenden Sauce verbreitete einen so kstlichen Hauch,
da die Sinne fr diesen Leckerbissen das Interesse fr Imgjors
Umgestaltungsideen vorlufig verschlangen.

       *       *       *       *       *

Als Graf Dehn am folgenden Vormittag zwischen dem ersten und zweiten
Frhstck von einem Spaziergang aus dem Park heimkehrte, hrte er in der
Gegend des Schlosses ein lautes Wimmern und bemerkte, als er
nachforschte, Hektor, den Hund von Imgjor, mit mhsam hinkenden
Bewegungen dem hinteren Eingang zustreben.

Aber bevor der Hund noch die Thr erreicht hatte, verlieen ihn die
Krfte; er blieb, vor Schmerzen wimmernd, liegen und erfllte mit seinen
Wehlauten die Luft.

Rasch eilte Graf Dehn herbei, sphte nach, was dem armen Geschpf fehlte
und sah, da nicht nur die eine Pfote gebrochen, sondern da dem Tier
auch noch das eine Auge derart verletzt war, da nur noch eine blutige
Hhlung unter der Stirn klaffte.

Und whrend Graf Dehn noch sorgend um das Tier bemht war, erschien,
durch die Klagetne von oben herbeigelockt, Komtesse Imgjor, erkannte,
nach einem Graf Dehn gespendeten, flchtig hflichen Gru, was
vorgefallen war, und erging sich, ihren Liebling liebevoll streichelnd
und trstend, in aufgeregten Worten ber das Geschehene. Aber sie nickte
auch erkenntlich, als Dehn sich bereit erklrte, Wasser, Schwamm und
Leinewand herbeizuholen, und hob, nachdem dies herbeigeschafft und das
Tier verbunden war, solches zur Bettung im Schlo auf ihre eigenen Arme.

"Bitte, begleiten Sie mich und ffnen Sie mir die Thren!" bat sie. "Ich
will ihn in mein eigenes Zimmer bringen, ihn dort selbst pflegen," fgte
sie, sich zu dem ihr dankbar die Hand leckenden Hunde liebevoll
herabbeugend, hinzu.

Imgjors Gemcher befanden sich in der ersten Etage in einem Vorbau, der
in Form eines Turmes die linke, uerste Zwischenecke des Schlosses
flankierte. Man konnte sie vom Hofe aus, aber auch von demselben
Korridor erreichen, in dem sich Graf Dehns Zimmer befanden.

Unmittelbar neben dem Eingang zu seinen Gemchern fhrte eine Treppe
zunchst zu einem halbrunden Flur empor, und auf diesen mndete die vom
Hofe emporstrebende Wendeltreppe.

Graf Dehn hatte lange schon das lebhaftere Verlangen gesprt, einmal
einen Blick in die Rume zu werfen, in denen das seine Gedanken und
seine Sinne so ausschlielich beschftigende junge Mdchen wohnte. Nun
sollte ihm das werden, und mit einer gewissen Hast folgte er Imgjor und
ihrer Brde.

Sie ging aber nicht ins Schlo, sondern whlte den Weg, der ber den Hof
und von dort hinauf zu ihrer Wohnung fhrte.

"Bitte, hier!" unterwies sie Axel, als sie oben angekommen waren, und
zeigte auf einen verborgenen Winkel, in dem an einem verdeckt
angebrachten Haken ein Schlssel hing.

Und Graf Dehn beeilte sich, ihrem Befehl zu entsprechen. Er ffnete das
Gemach.

Es war aber erst ein einen Blick auf den inneren Schlohof gewhrendes
Vorzimmer mit Tapetenthren und altmodischen Mbeln.

Die eigentlichen beiden Wohnstuben befanden sich nach der Parkseite.
Graf Dehn war vllig benommen von der reizvollen Eigenart des ersten
Gemaches, das Imgjor als ihr Wohnzimmer bezeichnete.

Ein groer Tisch, bedeckt mit Bchern und allerlei kostbaren
Gebrauchsgegenstnden, stand in der Mitte. Ihn umgaben eine Anzahl
kleiner Sofas, die mit rosenroten, blumendurchwirkten Seidenstoffen
bezogen waren, und ebensolche Divans standen zwischen den das Zimmer
fllenden schneewei und goldfarbigen Rokokombeln.

Auch eine reiche Bibliothek in kostbaren Einbnden befand sich in der
einen Wandseite, und sie ward halb beschtzt von einem weiseidenen
Vorhang. Blumen und Vogelkfige standen in den tiefen Fenstern, und
prachtvolle, rosaseidene Gardinen fielen, um besser Licht zu lassen,
ungerafft von oben bis auf den Fuboden herab.

"Wie feenhaft wohnen Sie hier, Komtesse!" nahm Graf Dehn das Wort,
nachdem Imgjor das Tier nebenan in ihrem Schlafgemach gebettet hatte und
nun, rasch zurckkehrend, ihm wieder gegenberstand.

"Ja, viel zu schn!--Wer hat ein Recht, derartig sich einzurichten, wenn
in der Welt so viele arme Geschpfe darben--" entgegnen sie herb im Ton.
"Ich lerne den Luxus immer mehr hassen. Wre nicht der die Seele
belebende, schne Ausblick, knnte ich nicht in mein geliebtes Thal und
ins Dorf hinabschauen, wre ich schon ausgezogen und htte mir Rume
gesucht, die mich an Einfachheit und Entsagung gewhnen--" Und dann kurz
abbrechend, nachdem sie ihm nochmals ihren Dank wiederholt hatte, sagte
sie: "Sie knnen gleich rechts die Treppe hinuntergehen, um Ihre Zimmer
zu erreichen. Wir sind sozusagen Nachbarn, das heit Nachbarn von oben
und unten--"

Hierauf neigte sie mit gewohnter, kaum gemilderter Ausdruckslosigkeit
den Kopf und begab sich--Axel hrte es, whrend er die Thr hinter sich
schlo--eilends wieder zu dem kranken Tiere in ihr Schlafgemach.

Aber diese Sicherheit, nicht beobachtet zu werden, veranlate Graf Dehn,
nicht so gleich das Vorzimmer zu verlassen, sondern sich noch einen
Augenblick darin umzuschauen, ja, sogar die Klinke einer der beiden
Tapetenthren zu berhren.

Da nach seiner Berechnung die Wnde des Gemachs zugleich die Auenmauern
des Turms bilden muten, war er sehr neugierig, zu erfahren, wohin die
Eingnge fhrten.

Zu seiner Ueberraschung gab das von ihm geprfte Schlo nach, und vor
ihm lag eine dunkle Treppe.

Das beschftigte ihn dermaen, da er,--unten in seinen Gemchern
angelangt,--alle Wnde untersuchte. Aber er fand nichts. Wahrscheinlich
fhrte diese in die dicke Mauer eingelassene, geheime Treppe in den
Garten hinab, und auffallend war's nur, da die Thr unverschlossen war,
da sie also noch gebraucht wurde.--

Da brigens Imgjor ihre Stellung zu Axel nicht verndern wollte, zeigte
sich schon an demselben Tage sowohl bei Tisch, wie beim Abendessen. Sie
begegnete Graf Dehn, trotz dieses sie enger verknpfenden Vorfalles,
mit derselben khlen Gemessenheit wie bisher, und als von dem Hunde die
Rede war, erwhnte sie seiner Hilfeleistung mit keiner Silbe.

Die beiden folgenden Tage boten wiederum allerlei Abwechslungen, durch
die Graf Dehns Gedanken vorbergehend von Imgjor abgelenkt wurden.

Er machte mit dem Grafen, der Grfin und Lucile und mit diesen allein,
da Imgjor heftige Migrne vorschtzte, eine Wagenpartie nach einem der
umliegenden Gter, wohin die Herrschaften schon zum Frhstck geladen
waren, und am folgenden Tage fuhr er mit dem Grafen Knut und dem Herrn
des Hauses in das zwei Meilen entlegene Stdtchen Oerebye, woselbst sie
an einem Diner bei einem Herrn von Kjrholm teilnehmen sollten.

Am letzten Abend vor der angesetzten Gesellschaft hatten sich der Graf,
Lucile und Imgjor frher zurckgezogen. Graf Lavard fhlte sich durch
eine Erkltung beschwert, und Lucile und Imgjor hatten sich, ber starke
Mdigkeit klagend, schon bald nach Aufhebung der Tafel in ihre Gemcher
begeben.

Nur Graf Dehn blieb, durch eine Partie Schach gefesselt, neben der
Grfin sitzen.

Sie sei noch durchaus nicht schlfrig, sie bitte, ihr Gesellschaft zu
leisten, hatte sie erklrt.

Nachdem Graf Dehn als Sieger aus dem Kampfe hervorgegangen war, lehnte
sie sich zurck, sah ihn mit dem ihr eigenen forschenden Blick an und
warf pltzlich unvermittelt hin:

"Nun, wie sieht's, Graf Dehn? Wer gefllt Ihnen besser, Lucile oder
Imgjor? Nicht wahr, Lucile ist ungewhnlich schn?"

Graf Dehn bejahte stumm, dann sagte er:

"Um die Komtesse Lucile zu werben, wrde, selbst wenn man meinen mchte,
ohne sie nicht leben zu knnen, zwecklos sein. Sie wird niemals einen
Mann meiner Art heiraten."

Die Grfin schrfte erst das Auge in einer Art, als ob sie in des
Sprechers Inneres dringen wolle. Dann sagte sie stark betonend:

"Ist Ihrer Antwort zu entnehmen, da Ihnen auch Lucile gefhrlich werden
knnte?"

"Ich kann nur jngst Gesagtes wiederholen, Frau Grfin. Ich liebe
Komtesse Imgjor leidenschaftlich. Noch will ich einige Zeit prfen, ich
will nicht so leichten Kaufes meine Wnsche begraben. Ist's aber
entschieden, werde ich Rankholm verlassen. Ich wrde mich innerlich
verzehren, sollte ich ferner aussichtslos neben ihr hergehen."

"Seltsam!" stie die Grfin heraus. "Was die Mnner haben knnen, das
verschmhen sie. Nur das Unerreichbare hat Reize fr sie--"

"Sie meinen--?" setzte Graf Dehn an;--stockte aber, weil er der Grfin
Auge begegnete.

Sie sah ihn mit einem Blick an, der ihn befangen machte, und der
Widerschein seiner Verwirrung spiegelte sich in seinen Mienen. "Ah--Sie
Kind--Sie gutes Kind!" warf sie berlegen, aber nicht ungtig hin.

Doch gab sie sich unmittelbar darauf wieder mit der sonstigen Geradheit
ihres Wesens.

"Lucile will hoch hinaus, gewi! Aber sie wird doch nie einen Mann
heiraten, den sie nicht liebt"--fgte sie, an Axels vordem hingeworfene
Aeuerungen anknpfend, hinzu.--"Und deshalb glaube ich auch, da sie
ihre unfruchtbaren Plne aufgeben und sicher einen anderen ehrenwerten
Mann aus einem weniger bevorzugten Stande heiraten wrde.

Da Lucile sich fr Sie interessiert, wei ich. Aber Sie--Sie--empfinden
nichts fr sie--?"

Nun erschien ein beraus forschender Ausdruck in ihren Zgen.

"Ja, Frau Grfin--" entgegnete Graf Dehn halb ernst, halb leicht im Ton,
um dem Gesprch einen mglichst unbefangenen Charakter zu
verleihen--"ich mte ein Stein sein, wenn ich nicht ein so vollendetes,
junges Mdchen, wenn ich nicht jede Tochter einer Grfin Lavard
anbetete. Aber es steigt ein Wunsch nach ihrem Besitz nicht auf, weil
mich, ich wiederhole es, Komtesse Imgjor ganz gefangen nimmt. Komtesse
Lucile hat mir berdies rckhaltlos erklrt, sie werde nur einem Manne
die Hand reichen, der eine Frstenkrone im Wappen fhrt."

"Haben meine Tchter--" stie die Grfin, die nachdenklich zugehrt,
stark betonend heraus, "Ihnen gegenber ein Urteil ber mich gefllt?"

Graf Dehn sah befremdet empor.

"Ich bitte, sprechen Sie, Graf Dehn! Ich bin Ihnen fr ein offenes Wort
dankbar.--Ich werde dann auch reden, nicht heute, aber ein andermal--"

"Da Sie mich fragen--ja, Frau Grfin! Es scheint mir bei aller
Verehrung eine kleine Einschrnkung vorhanden zu sein. Ich habe schon
darber gegrbelt, wie es mglich ist, Sie nicht schwrmerisch zu
lieben--"

Die Grfin sah eine Weile still vor sich hin. Dann sagte sie mit einem
Seufzer:

"Glcklich der, welcher im Familienleben das findet, was er erwartet.
Wenige sind ganz glcklich! Wrden die Eheakten einmal hervorgeholt,
statt der Vergessenheit bergeben zu werden, wrde man erstaunen, wie
oft Frauen gelitten haben, wie gro ihre Seelen waren!"

Graf Dehn richtete einen gespannten Blick auf die Grfin, die durch
diese Worte die Aufdeckung eines Familiengeheimnisses vorbereitete.

Aber heute vernahm er nichts mehr. Mit einem sanften gtigen Ausdruck
bot sie ihm zum Abschied die Hand und begab sich, ihm noch einmal
freundlich zunickend, in ihre Gemcher.--

       *       *       *       *       *

Als sich Graf Dehn am folgenden Vormittag nach Imgjor erkundigte, wurde
ihm von Frederik gesagt, da sie schon frh und zwar, wie er zu hren
geglaubt habe, nach dem Mnkegjorer Gehlz fortgeritten sei.

Das veranlate Axel, sich ebenfalls ein Reitpferd zu bestellen und, des
Weges kundig, dieselbe Richtung einzuklagen. Dem schnen Mdchen
mglichst oft zu begegnen, sie durch einen hufigen Verkehr allmhlich
von ihren Vorurteilen zu heilen, endlich ihre Freundschaft zu gewinnen,
lag in seinem Plan.

Zwar hatte die Grfin geuert, da man sie gehen lassen msse, sie
komme dann zuletzt ganz von selbst; aber er wollte es doch auf seine
Weise versuchen. Wie konnte er warten, bis sie ihm auch nur einige
Beachtung schenkte!

An dem heutigen Morgen beherrschte ihn zudem die Vorstellung, da sie
nicht nur fortgeritten sei, um sich eine Abwechslung zu verschaffen,
sondern da sie irgend etwas vorhabe, das sie zu verbergen wnschte.
Vielleicht hing es mit dem Doktor Prest zusammen.--

Er hielt auch, als er zunchst durch das Dorf trabte, einen Augenblick
vor des Arztes Hause still, um sich unter irgend einem Vorwande nach
Prest zu erkundigen.

Eine unbestimmte Ahnung sagte ihm, da er abwesend sein werde.

Anfnglich war sein Rufen vergeblich. Es erschien niemand, und schon
wollte er sich zum Absteigen bequemen.

Dann aber ffnete Prests Wirtschafterin, eine einfache, alte Frau aus
einem der umliegenden Drfer, die Hausthr und gab auf Graf Dehns Frage
Antwort.

"Der Doktor sei vor reichlich einer halben Stunde nach Oerebye geritten.
Er kehre wahrscheinlich erst gegen den Sptnachmittag zurck," erklrte
sie.

"Nach Oerebye? Besitzt der Herr Doktor dort auch Praxis?"

"Nein--das nicht. Ich hab' etwas von einer Bauernversammlung gehrt, wo
er dabei sein will. Ich wei es aber nicht genau. Kann ich etwas
bestellen?"

"Nein, ich danke! Es liegt nichts Besonderes vor. Sie brauchen nicht
einmal zu sagen, da ich mich nach ihm erkundigt habe."

Hierauf nickte die Alte zustimmend, und Graf Dehn setzte seinem Tier
wieder die Sporen in die Weichen.

Oerebye und der groe Forst Mnkegjor lagen in derselben Wegrichtung.

Nachdem Graf Dehn diesen, scharf trabend, nach Verlauf einer halben
Stunde erreicht hatte, durcheilte er ihn von einem Ende zum anderen,
hielt auch auf einem mitten im Gehlz auf einer Anhhe befindlichen
Pavillon an und sah sich hier nach Imgjor um. Aber es war nichts von ihr
zu bemerken, und er nahm daher, rasch entschlossen, die Richtung nach
Oerebye.

Freilich konnte er, wenn er seinen Ritt soweit ausdehnte, nicht zum
Frhstck in Rankholm zurck sein. Aber das ungeduldige Verlangen,
festzustellen, ob wirklich Imgjor und der Doktor beisammen seien, lie
das in ihm aufsteigende Bedenken, ohne Entschuldigung fortzubleiben,
rasch zurckdrngen.

Unterwegs, whrend er dahin galoppierte, bestrmten ihn seine Gedanken.

War's nicht im Grunde eine Thorheit, sich auf ein Mdchen zu
kaprizieren, das ihm so entschieden auswich?

Und war's, wenn er wirklich ihre Zuneigung gewann, wnschens- und
lohnenswert, ein weibliches Wesen solcher Art an sich zu fesseln? Er
hatte sich eine ganz andere Vorstellung von der jungen Dame gemacht, von
welcher ihm sein Vater gesprochen.

Er hatte ein mit Schnheit: Sanftmut und Liebenswrdigkeit verbindendes
junges Mdchen zu finden erwartet und sah sich einer fanatischen
Vertreterin der neuen Ideen gegenber.

Und dann redeten doch wieder andere Stimmen, und sie flsterten ihm zu,
da Nummern berall zu finden seien, da er es hier mit einem
charakterstarken und trotz aller Schroffheit warm fhlenden,
edeldenkenden Wesen zu thun habe. Von einem solchen bevorzugt, gar
auserwhlt zu werden, erschien ihm des Ringens wert.

Und diese Vorstellung gab dann seinen Gedanken wieder eine andere
Richtung.

In Oerebye angelangt, hielt Graf Dehn vor demselben Gasthofe, in dem er
kurz vorher mit Imgjors Vater und dem Grafen Knut eingekehrt war, und
schon whrend des Eintritts in die gemtlichen Vorrume des Gebudes
warf er die Frage hin, ob jemand aus Schlo Rankholm anwesend sei.

Der sorgfltig rasierte, hfliche Oberkellner nickte bejahend.

"Ja wohl, Herr Graf. Komtesse von Luvard ist vor einer halben Stunde
angekommen."

"So--so!?" fiel Axel lebhaft ein. "Und--und--ist sie im Hotel?"

"Nein, Herr Graf! Sie ist auch nach dem Landhof gegangen--"

"Nach dem Landhof? Was ist das?"

"Der Landhof ist ein ffentliches Lokal. Um ein Uhr spricht da der
Volksredner Jens Uesholm. Smtliche Einwohner und Bauern der Umgegend
sind hingelaufen--"

"In der That? Ist man diesen Lehren hier so zugeneigt? Und die
Landarbeiter? Werden sie dabei sein? Die haben doch sicher um diese Zeit
keine Erlaubnis von ihren Gutsherren--?"

"Sie haben sie sich genommen, Herr Graf. Die Sache ist schon lange im
Gange. Das giebt berhaupt gewi noch ein bses Nachspiel--"

Diese Auskunft bestimmte Axel, nach rasch eingenommenen Imbi den Weg
nach dem Landhof zu nehmen.

Nun war's auch zweifellos:--Prest und Imgjor--beide wrden dort
anwesend sein!--

Der Landhof lag mitten in der Stadt, aber nicht unmittelbar an der
Hauptstraenlinie. Man mute eine groe Allee durchmessen, um das auf
einer sanft emporsteigenden Anhhe belegene, eine weite Umschau bietende
Vergngungslokal zu erreichen.

Es war auch ersichtlich, da die Einwohner etwas Besonderes dahinzog.

Dicht gedrngte Gruppen von Brgern, Bauern und Feldarbeitern bewegten
sich durch den Baumgang, alle waren in Eile, und aus der Umgegend kam
noch fortwhrend neuer Zuzug.

Axel beschlo, sich einen Platz drinnen zu suchen, auf dem er mglichst
unbeachtet zuschauen konnte. Da er aber der Gelegenheit unkundig war,
redete er einen lteren Brger in dnischer Sprache an und erkundigte
sich nach der inneren Einrichtung des Landhofes.

Da war ihm dann die Auskunft sehr erwnscht, da sich eine groe
Gallerie rings um den Saal ziehe, und da man sie durch einen
vorhandenen, gesonderten Eingang betreten knne.

Und so machte er es. Unter der Fhrung seines Begleiters, eines ehrsamen
Klempnermeisters, betrat er die Gallerie und fand bald einen Platz, von
dem aus er den Redner ins Auge fassen und die Zuhrerschaft gengend
bersehen konnte.

Vorlufig wogte unten noch alles durcheinander. Menschen drngten sich,
Sthle wurden eingeschoben. Das Gerusch lebhaften Schwatzens erfllte
den Raum; nur der Redner selbst war noch nicht sichtbar.

Aber endlich erschien er, von dem brausenden Zuruf der Versammelten
empfangen, und sprach mit einer lauten, wohlklingenden Stimme ber das
von ihm angekndigte Thema.

Und was er sagte, machte Eindruck, weil er seine Worte geschickt zu
whlen wute, weil er niemals den ruhigen Ton verlie, und weil er mit
solcher Ueberzeugung von der Berechtigung der Forderungen und von der
zweifellosen endlichen Erreichung des zu erstrebenden Zieles sprach, da
er die Zuhrerschaft vllig in seinen Bann schlug.

Zum Schlu entwickelte er, was zunchst zu geschehen habe, und eben das
deckte sich genau mit dem Inhalt des Gesprches, das zwischen Imgjor und
Lucile stattgefunden hatte.

Nachdem der Redner, ein Mann mit blondhellem Bart, tiefliegenden,
dunklen Augen und blassen Zgen, unter nicht endenwollendem Beifall der
Versammelten seine Ansprache beendet hatte, erklrte ein Bauer, der als
Prsident der Versammlung vorstand, da nunmehr die Redefreiheit
erffnet sei und da zunchst Herr Doktor Prest aus Kneedeholm das Wort
nehmen werde.

Und Prest bestieg--aus einer Seitenloge tretend, woselbst nunmehr Graf
Dehn auch Imgjor entdeckte--so gleich die Rednerbhne und hielt unter
dem lautlosen Aufhorchen der Menge ebenfalls einen Vortrag.

Und Imgjor, die Graf Dehn fortdauernd scharf beobachtete, folgte diesem
mit funkelnden Augen und mit gespanntester Miene. Sie hing gleichsam an
seinem Munde, sie verschlang seine Worte.

Prest sprach ber den Landadel, und sein Vortrag zndete deshalb noch
mehr, weil er aus dem Munde eines Mannes kam, der selbst unter ihm
lebte.

Nachdem er denselben Vorschlgen, die Jens Uesholm gemacht, das Wort
geredet und die Inscenierung solcher werkthtigen Reformen noch des
Nheren beleuchtet hatte, trat er zurck und begab sich unter dem
Jubelruf der Arbeiter und Landbevlkerung auf seinen Platz zurck.

Hatte es schon bisher in Graf Dehn gegrt, hatte er sich frmlich
zurckhalten mssen, das Wort zu verlangen und Uesholms Ausfhrungen
entgegenzutreten, durch seine Auslassungen das Erreichbare von dem
absolut Unverstndigen und deshalb Unerreichbaren zu scheiden, so glhte
es ihm jetzt in den Adern, Prest heimzufhren.

Es hielt ihn auch nicht. Vllig unbekmmert um das teils neugierige,
teils feindselige Mustern derjenigen, durch deren Reihen er sich
drngte, trat er vor den von ihm vorher ins Auge gefaten Prsidenten
und ersuchte diesen, ihm das Wort erteilen zu wollen.

Des Dnischen war er so gut Herr wie des Deutschen und Franzsischen.
Dennoch leitete er die ihm von dem Leiter der Versammlung gewhrte Rede
mit einer Entschuldigung ein, wenn er sich etwas unvollkommen ausdrcken
werde.

Er wolle, hub er an, sprechen ber die Gefahren, einen Himmel zu
erffnen, statt als Mensch beim Irdischen zu bleiben. Bei allem, was der
Vernunftbegabte thue, msse er sich nach seiner Mutter, der Erde,
richten. Sie msse ihm ein Vorbild sein und bleiben. Sie lehre ihn zwar
auch tglich und stndlich das Bestreben nach Ausgleich und einer immer
hheren Vervollkommnung, aber auch fortwhrend das ewige Gesetz des
Rechtes des Strkeren und Begabteren ber den von der Natur minder
Bevorzugten. Er stelle sich mit den Vorrednern auf denselben Standpunkt,
da werkthtiges Christentum zu ben, nicht nur jedermanns Pflicht,
sondern da es auch weise sei, da alle im Grunde nur einer groen, durch
gemeinsame Interessen verbundenen Familie angehrten. Insofern seien
die Vorschlge, die gemacht worden, wertvoll und deren teilweise
Ausfhrung durchaus wnschenswert. Aber eben dabei msse es sein
Bewenden haben, und auch dieses Bessere sei in einer ruhigen Weise zu
erstreben. Das Geschlecht, das heute lebe, ergehe sich in einem vlligen
Irrtum, wenn es glaube, da es zu etwas anderem berufen sei, als
zunchst Opfer zu bringen. Die Resultate wrden erst, weil sie nur
allmhlich reifen knnten, den spteren Generationen zu gute kommen
knnen. Und nochmals weise er auf die Natur hin, wenn er vor jeder
Ueberstrzung warne. Brauche sie, die groe Zauberin, nicht auch fr
alles Zeit und Vorsicht? Bedrfe nicht jedes Blatt am Baume Licht, Sonne
und Regen? Wrde es nicht durch Strme und Klte, also durch Gewalt,
vernichtet? Eine Perspektive zu erffnen, wie es der erste Redner
gethan, sei ein Unrecht. Er verheie etwas, das eben mit dem Hinblick
auf sie, deren Sein und Wesen den Menschen die Gesetze fr ihr Thun
vorschreibe, unerreichbar sei. Der Staat der vllig Gleichberechtigten
werde nach einem Tage zerflieen. Der Adler herrsche in der Natur ber
den Sperber. Bei den Menschen habe die hhere Intelligenz und das
krftigere Ringen der Vorwrtsstrebenden das Uebergewicht ber den
Trgen. Wie denn? Solle der Fleiige und Rhrige das Ergebnis seiner
Anstrengungen den Migen in den Scho werfen? Er werde sich bedanken!
Der Fleiige besitze Ehrgeiz und habe den Drang nach Erfolg, Fortkommen
und nach gesondertem Besitz.--"Meine Freunde! Wenn ihr heute eine
Erbschaft macht, oder wenn ihr durch Erfindung, die euch Jahre lang
beschftigte, ein groes Vermgen erwerben knnt, wollt ihr das ohne
weiteres hingeben, wollt ihr euch mit einem Tausendstel begngen? Nein,
das wollt ihr nicht, und niemand wird's euch verdenken, da ihr euch
dessen weigert. Die Zukunft, eine bessere, liegt nur in der Pflege der
Vervollkommnung des sittlichen Menschen, in der Hebung der Schulen, in
der Ausbung einer Religion, die zu Thaten der Pflicht und Thaten der
Liebe und Duldsamkeit gegen die Mitmenschen auffordert. Wo war heute
hier von Nchstenliebe die Rede? Nirgend! Selbst die Befrwortung der
Frderung des Humanismus und der Wohlfahrt in Gestalt von
Arbeitssttten, Krankenhusern, Nchtigungsanstalten, ffentlichen
Speisehusern, Unfallentschdigungen und Altersversorgungen ward nur aus
dem Gesichtspunkt einer Forderungsberechtigung an den Geldbeutel der
Gutsherrn errtert! Was aus dieser Klasse der Gesellschaft wird, ist
Herrn Doktor Prest gleichgiltig. Sie mag untergehen. Ja, Freunde, seid
ihr Heilige? Nehmt ihr nicht auch einmal ein Glschen mehr? Seid ihr
allezeit voll Christentum gegen eure Umgebung? Liegt ihr nicht auch
lieber auf einem weichen Bett als auf Steinen? Wird einer von euch das
Anerbieten abschlagen, mehr zu werden und mehr zu verdienen, und ist er
nicht auch ein Streber in seiner Art, in solcher Art, da er sich
mglichst gut betten will? Sprecht ihr allezeit die Wahrheit? Erfllt
euch niemals der Neid gegen eure Nachbarn? Seid ihr nicht ebenso
hochmtig wie die sogenannten Groen? Hand aufs Herz! Haltet ihr euch
nicht fr besser, als sie? Habt ihr nicht euren Bauernstolz? Ein Unglck
fr das Volk ist ein Redner wie der Herr Doktor Prest. Er mchte
euch--ich mu es seiner Rede entnehmen--am liebsten anfhren, damit
alles vernichtet werde, die Gter und die Bauerngehfte dazu! Ja, was
dann? Die Einde bietet doch nichts als Hunger und Jammer und Elend! Und
wie will der Bauer und Feldarbeiter leben, wenn er den Gutsherrn in den
Brunnen versenkt? Ihr knnt alles kaufen fr Geld. Aber wenn ihr keines
habt, und wenn ihr dem Staat die Mglichkeit nehmt, durch den
Wechselverkehr zwischen Angebot und Nachfrage die Lebensfrage und somit
die Existenzfrage zu regeln--was erblht euch dann Gutes? Elend--Elend
ist euer Loos! Was uns heute der Staat Schtzendes und Frderndes
bietet, ist ein Ergebnis des Ringens der Jahrhunderte. Allmhlich hat
sich die Erkenntnis des Zweckmigen entwickelt. Wir mssen sen, die
Saat behten, indem wir das Unkraut von der Frucht scheiden, und mssen
zur rechten Zeit ernten. Nur _eine_ verstndige Volkswirtschaftslehre
giebt es: Da jeder durch strenge Pflichterfllung seinen Teil zum
Allgemeinbesten beitrgt, da wir unsere engeren Aufgaben darin
erkennen, unsere Kinder zu tchtigen Menschen zu erziehen, sie sowohl
etwas Ausreichendes lernen lassen, als auch sie anzuweisen suchen,
solches frs Leben praktisch und mglichst gnstig zu verwerten, damit
sie dadurch und lediglich dadurch befhigt werden, mglichst sichere
materielle Vorteile zu erzielen; da wir uns fhlen als grere und
kleinere Glieder eines Ganzen; da wir endlich stets alle erst vor
unserer eigenen Thr fegen und dann erst den Besen in die Hand nehmen,
um unseres Nachbars Schwelle zu subern! Und so schliee ich: Lat euch
nicht bethren durch Hinweise auf Paradiese, die sich nie erffnen, die
sich nie erffnen _knnen_! Bleibt auf der Erde und helfet, da schon
durch gutes Beispiel euern Kindern und Kindeskindern das werde, was zu
erstreben mglich ist! Eines schickt sich nicht fr alle. Den Sieg, den
materiellen und moralischen, trgt allezeit der davon, der einfach,
tchtig und weise ist, der etwas im besten Sinne, im Umfang seiner
Krfte--leistet!"

Graf Dehn hatte nach Beendigung seiner, von eisigem Schweigen
begleiteten Rede groe Mhe, den Saal zu verlassen.

Niemand machte ihm bei seinem Versuch, durchzudringen, gutwillig Platz;
jeder zeigte vielmehr feindselige Mienen, oder drngte ihn wie zufllig
zur Seite, in der Art, da er zweimal fast gestolpert und hingestrzt
wre. Aber er wute seine Erregung darber zu bemeistern, er that, als
ob er's nicht bemerke.

Drauen angelangt, stieg er rasch die Anhhe hinab und begab sich auf
direktem Wege ins Wirtshaus. Und hier angekommen, lie er sogleich
satteln, berichtigte seine Rechnung und ritt, rasch trabend, nach
Rankholm zurck.

Zartsinn hielt ihn ab, vorher noch eine Begegnung mit Imgjor
herbeizufhren, auch wnschte er dem Doktor, der ihm noch widerwrtiger
geworden, unter allen Umstnden auszuweichen.

Er hatte ihn genau beobachtet. Diesen Menschen verzehrte ein wilder
Fanatismus. Die Begierde, sich zu rchen an der Gesellschaftsklasse, von
der einst ein Mitglied seine Eltern in die Fesseln der Abhngigkeit
geschlagen, durchglhte ihn allein. Und neben dem Rachegefhl verzehrte
ihn der Ehrgeiz.

Er wollte herrschen, und da er als Herrscher einen Stab aus Eisen
schwingen, da er ein weit grerer Tyrann sein wrde, als jener, gegen
den er schon whrend seiner Knabenzeit Ha und Verachtung eingesogen,
bewies seine schroffe Ueberhebung, seine kaltherzige Art.

Und diesem Menschen wollte sich Imgjor mit ihrer, wenn auch uerlich
rauhen, doch von lauterer Menschenliebe erfllten Brust zueignen!--

Als Axel ein halbes Stndchen vor Tisch nach Rankholm zurckkehrte,
berichtete ihm Frederik, da die Herrschaften sich wegen seines
Fortbleibens bereits beunruhigt htten. Er wrde sogleich melden, da
der Herr Graf eingetroffen sei. Von Imgjor war nicht die Rede. Offenbar
hatte man sich bei ihr an solche Unregelmigkeiten gewhnt.

Bei Tisch berichtete Graf Dehn ber die Geschehnisse in Oerebye.

Er gab den Inhalt der vermiedenen Reden wieder, verschwieg aber in
vornehmer Gesinnung sowohl Imgjors als auch des Doktors Anwesenheit. Es
widerstrebte ihm, trotz seiner heftigen Abneigung gegen Prest, den
Angeber zu spielen. Die Herrschaften mochten selbst den Zeitungen einen
Bericht ber die Vorkommnisse entnehmen; und gar Imgjor ohne Not in ein
ungnstiges Licht zu stellen, widersprach vollends seiner Stellung zu
ihr.

Whrend noch Graf Dehn sprach, ffnete sich die Thr, und Imgjor trat
mit dem ihr eigenen, sich gleichsam starrkpfig gegen die eigene
Schnheit auflehnenden Ausdruck ins Gemach.

Sie sprach eine kurze Entschuldigung aus, sich versptet zu haben, und
suchte den Blicken und den Fragen ihrer Umgebung zunchst dadurch
auszuweichen, da sie dem ihr unmittelbar darauf von der Dienerschaft
servierten Vorgericht mit hungrigem Eifer zusprach.

Und nur ganz allgemein hatte sie bei ihrem Eintritt das Haupt zum Gru
geneigt. Nichts deutete in ihrem Verhalten darauf hin, da sie kurz
vorher mit dem Gast des Hauses unter so ungewhnlichen Umstnden an
einem fremden Orte zusammengetroffen war.

Aber schner als je erschien sie dem Manne, dem sie fortgesetzt mit
solcher Nichtachtung begegnete.

Dieses Ueberma von finsterer Verschlossenheit, verbunden mit Reizen,
wie verschwenderischer die Natur sie nicht austeilen kann, machte sie
fr ihn unwiderstehlich; gerade diese Klte entflammte sein Inneres nur
noch mehr.

Er schaute mehrmals verhohlen zu ihr hinber, whrend nun das Gesprch
einen regelmigen Fortgang nahm, oder auch von den Anwesenden eifrig
den Speisen zugesprochen wurde.

Heute lag auf ihren Wangen ein zartes Rot, ein fast fieberhaftes, das
die Erregung zufolge der heutigen Erlebnisse darauf zurckgelassen
hatte. In ihren Augen aber glhte ein stilles, dunkles Feuer, jenes der
Begeisterung fr die Ideale, welche ihre Brust erfllten.

Dabei waren ihre Krperlinien so unschuldig, ihre Erscheinung und ihr
ganzes Wesen so jungfrulich, so unnahbar, ihr Wuchs so edel, die
kleinen Hnde trotz der zarten Farben so fest, so energisch gebildet.
Mit ihrem schlichten, auf die weie Stirn fallenden rotblonden Haar
glich sie einem mit hchster Schnheitsvollendung geschmckten Weibe.

Und dieser berwltigende Eindruck ihrer gesamten Erscheinung machte
Axel nachdenklich und schweigsam, so vllig anders, da Lucile, die
gleich beide argwhnisch beobachtet hatte, nunmehr wiederholt auf ihre
Schwerer einredete.

"Wo warst du, Imgjor? Bist du die ganze Zeit unterwegs gewesen?" warf
sie forschend hin.

Imgjor erwiderte mit einem kurzen, tonlosen Ja. Da eben von Frederik
eine Pastete herumgereicht wurde, nahm sie die Gelegenheit wahr, sich
den Anschein zu geben, als ob sie das Auffllen dieses Leckerbissens auf
ihren Teller zu ausschlielich beschftige.

"Willst du keinen Fisch vorher?" fiel nun die Grfin ein, da eben einer
der Diener mit diesem Gericht zur nachtrglichen Darreichung erschien.

"Nein, ich danke!--Ich habe sehr wenig Hunger--"

Und zu jenem, der sich ihr inzwischen ehrerbietig genhert, mit der ihr
eigenen, steten Freundlichkeit gegen Untergebene: "Vielen Dank,
Christian!--Ich nehme nicht--"

Nun trat eine Pause ein. Alle waren mit sich beschftigt, und die Herren
tranken auf des Grafen Aufforderung einen von Frederik soeben
eingeschenkten alten, besonders vorzglichen Rotwein.

Dann sagte die Grfin: "Nun, Imgjor? Wo warst du also den ganzen Morgen?
Lucile fragte dich, und du antwortetest nicht."

Wie aus einem Traume erwachend, erhob Imgjor, die kaum von der Pastete
gekostet, den Kopf, sammelte sich aber, verfinsterte die Stirn und sagte
in einem launenhaft ungeduldigen Ton: "Ich bin doch kein Schulkind mehr,
das man fortwhrend examinieren mu, Mama! Deshalb gab ich Lucile keine
Antwort--"

"Nun ja! Aber wo warst du? Jetzt frage ich dich!"

Imgjor zog mit einer Geberde der Auflehnung die Schultern und spreizte
die Lippen, entgegnen aber nichts. Eine Lge widerstrebte ihr, jedoch zu
bekennen, worum es sich handelte,--gewann sie nicht ber sich.

"Nun, antworte doch, wenn deine Mutter mit dir spricht!" herrschte jetzt
heftig, ungeduldig der Graf. Imgjors zu Tage tretender Trotz nahm alle
und auch ihn gegen sie ein, und nur Frulein Merville--Axel sah's--auf
Imgjors Seite.

In ihrem Angesicht erschien ein unruhiger, besorgter Ausdruck.

"Bitte! Rede doch--gieb keinen Anla zum Verdru!" stand in ihrem auf
Imgjor gerichteten Blick geschrieben, whrend sich in Luciles Mienen
Unwille und jene stolze Auflehnung bemerkbar machte, das ihre Schnheit
zwar beeintrchtigte, aber die Majestt ihrer Erscheinung jederzeit hob.

Was jedoch die Anwesenden erwarteten, geschah auch jetzt nicht.

Zuerst erschien ein hilfloser Ausdruck in Imgjors Kindergesicht. Dann
schob sie den Teller und die Serviette zurck, erhob sich und verlie,
whrend sie durch Zusammenbeien der Zhne ihre Bewegung und auch die
aus ihren Augen strmenden Thrnen vergeblich zu bannen suchte, das
Zimmer.

Offenbar erlag sie einer durch die Gewalt der starken Eindrcke des
Tages hervorgerufenen, krankhaften Abspannung der Nerven, und nicht
Trotz und bser Wille, sondern diese Unfreiheit und die Auflehnung
dagegen, da man ihr in Gegenwart des Gastes und der Dienerschaft so
begegnete, lieen sie so handeln.

Wenn Graf Dehn vordem durch Schweigen fr sie Partei genommen, so
geschah's jetzt mit Worten.

Er wollte als ihr guter Freund handeln, wie sie ihm auch begegnen
mochte.

Im Saal des Landhofes hatten sich einmal whrend seiner Rede ihre Blicke
getroffen, und beide hatten sich, wie ertappt, abgewendet. Aber eben
diese Beachtung von ihrer Seite hatte Axel belehrt, da sie ihm
gegenber nicht vllig gefhllos war.

"Komtesse Imgjor ist offenbar nicht wohl--" hub er in einem
vershnlichem Tone an. "Ich sah, whrend Komtesse Imgjor die Suppe a,
da sie mehreremals auffallend die Farbe wechselte--"

"So--so--In der That?" fiel der Graf, der offenbar seine Schroffheit
bereits bereute, mit gutherziger Unbequemung ein.

Und als Axel den Blick auf die brigen richtete, begegnete er in dem
Angesicht des Frulein Merville einem dankbaren Ausdruck, whrend in den
Zgen der Grfin ein unbiegsamer, in denen Luciles ein solcher von
hchstem Unwillen haftete.

Freilich wich er in Luciles Antlitz sogleich. Er verwandelte sich,
whrend sie erst einen tiefen, trumerischen Blick auf den Gast
richtete, in einen Axel zugewendeten still hingebenden.

Graf Dehn entging das nicht, und er wurde davon so stark berhrt, da
sich seine Gedanken eine Weile ganz auf Lucile richteten.

Aber ebenso rasch schttelte er den Kopf, und ein erneuter Blick auf sie
bettigte auch eine von ihm offenbar nur genhrte Illusion.

Umsomehr aber beschftigten sich seine Gedanken mit Imgjor.

Er wrde eine Welt darum gegeben haben, sie jetzt sprechen, mit seinen
Augen in ihre Seele einmal hinabtauchen zu knnen.

Die Stunden zwischen dem Essen und dem kleinen Feste nahm sich Graf Dehn
vor, allein in seinem Gemchern zuzubringen. Er erklrte, da er Briefe
schreiben msse, und man erhob auch keinen Widerspruch. Auch die
brigen schienen von demselben Verlangen beherrscht zu werden, sich zu
vereinsamen.

Als Axel sein Wohngemach betrat und, bevor er sich niederlie, arglos
Umschau hielt, fand er auf seinem Schreibtisch ein kleines, mit goldenen
Linien umrndertes Kouvert. Er griff hastig danach, und da ihm ein
unbestimmtes Gefhl sagte, da es mit Imgjor zusammenhnge, ffnete er
es in fiebernder Spannung. In der That fand er einige Worte von ihrer
Hand.

Aber freilich brachten sie nicht, was er ersehnt, was er fast gehofft
hatte.

Auf einer zierlichen Karte standen die Worte: "Ich wiederhole, es giebt
keinen Weg, der uns zusammenfhren kann. So lassen Sie mich! Ich bitte,
ich beschwre Sie! Fr Ihre Diskretion meinen Dank. I."

So war also doch nichts gewonnen! Axel lie sich entmutigt in seinen
Sessel sinken und sa lange, abwesend, seinen Gedanken hingegeben.

Stark benommen und nichts weniger als zu einem Zusammensein mit Menschen
aufgelegt, nahm er sodann in spterer Stunde die Meldung Frederiks
entgegen, da die Gste im Anzuge seien.

Soeben htten sie den Schlohof berschritten.

"Und Doktor Prest? Ist er auch dabei, Frederik?"

"Jawohl, Herr Graf, er ist schon im Flur, Cristian ist ihm behilflich--"

"Ich danke Ihnen. Ich werde sogleich erscheinen--" Axel sprach's
zerstreut und machte sich, mechanisch handelnd, an seine Toilette.

Da die Anwesenden im Schlo schon eine Anzahl von Personen ausmachten,
so war's nicht zu verwundern, da der Empfangssalon stark gefllt war.

Es hatten sich alle hheren Beamten mit ihren Damen eingefunden, der
Oberverwalter, der Verwalter, der Vorwerk-Inspektor, der Oberfrster mit
seinen zwei Unterbeamten, die Herren aus der Kanzlei und der Kasse, der
Intendant und die Schreiber, des Grafen Sekretr und zudem die
Honoratioren aus dem Dorfe.

Es wurde zunchst Thee herumgereicht. Dann musizierten Lucile und die
Pastorin, und eine Verwandte des Apothekers aus Kopenhagen sang mit
einer gutgeschulten, sympathischen Stimme.

Das nahm, einschlielich der Empfangsgesprche, denen die Grfin mit
vollendetem Geschick einen warmherzigen Charakter zu verleihen wute,
eine kleine Stunde in Anspruch. Dann wurde das Zeichen zum Tischgang
gegeben.

Der Pastor, als ltester und wrdigster Herr, fhrte die Grfin und der
Graf die Gemahlin des ersteren. Im brigen whlte, der hier herrschenden
Sitte entsprechend, jeder Herr seine Dame selbst, und allezeit fgten
sich, trotz dieser Uneingeschrnktheit, die Dinge den Verhltnissen
angemessen.

Jeder wute von selbst, auf welchen Platz er gehrte. Ihn leiteten
Gewohnheit und natrliches Taktgefhl. Ein gleiches galt von der Wahl
der Damen selbst.

Axel hatte, schnell entschlossen, Lucile den Arm geboten. Sie sah ihn
berrascht fragend, aber auch sichtlich angenehm berhrt an, und
lchelte mit einem feinen, berlegenen Lcheln.

"Wie, Herr Graf? Eine Lucile, wo es eine Imgjor giebt?" neckte sie. Und
er, whrend er an der in Silber und Krystall funkelnden Tafel Platz
nahm: "Darauf darf ich entgegnen, Komtesse: es berraschen und beschmen
den Grafen Dehn so gtige Worte umsomehr, als so zahlreiche Mitglieder
aus Frstengeschlechtern nach Rankholm hinberschauen!"

"Ah, das war nicht hbsch! Das war boshaft, Graf Dehn--" entgegnete
Lucile. "Sie lohnen mir meine Offenherzigkeit mit Spott! Glauben Sie,
da ich keinen Wert auf die Erstarkung unserer Freundschaft lege?"

"Ja, ich fhle es, und es macht mich beraus stolz und glcklich,
Komtesse!" fiel Axel, den leichten Ton verlassend, ein. "Heute
namentlich thut mir Gte und Wrme doppelt wohl, da sich--Sie sprachen
von Ihrem Frulein Schwester--bereits mein Schicksal entschieden hat."

"Wie?--Es ist etwas geschehen? Ah--ahnte mir's doch!" Lucile sprach's
stark betonend und lehnte mit der ihr eigenen, kurz abweisenden Art eine
Schssel ab, die eben einer der Diener beim Anbieten zwischen sie und
ihren Nachbar schieben wollte.

"O ich bitte, erzhlen Sie mir!" fuhr sie fort und warf zugleich einen
Blick zu ihrer Schwester hinber, die neben Prest sa und trotz
eifrigen Redens eben mit gespanntem Ausdruck zu ihnen beiden
hinberschaute.

Axel hob die Schultern und lchelte schwermtig.

"Erlassen Sie mir Einzelheiten, Komtesse! Die Sache hat ein Vorspiel,
ber das ich noch nicht sprechen, worber ich auch Ihnen gegenber mich
nicht eher auslassen mchte, bis die Geschehnisse von anderer Seite zu
Ihnen gedrungen sind. Nur soviel: Komtesse Imgjor hat mir heute die
wiederholte Erklrung gegeben, da uns keinerlei Wege zusammenfhren
knnten!"

Zuerst blitzte es nach diesen Worten in Luciles Angesicht auf. Dann aber
wurden ihre Mienen wieder ernst, und indem sie Graf Dehn mit einem sanft
gelassenen Ausdruck ansah, sagte sie:

"Natrlich vermag ich ohne den Zusammenhang der Dinge keine zutreffende
Meinung abzugeben. Aber da solche Erklrungen meiner Schwester oft
gerade das Gegenteil bedeuten, kann ich Sie versichern. Jeder hat seine
Art. Sie hat die ihrige. Brne, der deutsche Denker, sagt einmal:
Ernsthafte Frauen gleichen leeren Koffern mit sieben Schlssern. Ich
mchte von meiner Schwester sagen, sie gehrt zu jener Gattung von
weiblichen Wesen, von denen man behaupten knnte: Hinter den Eisbergen
ihrer Mienen lodern tausend heie Flammen--"

"Wie? Sie glauben--?"

Lucile nickte.

"Einen Fall nehme ich aus. Hat sie bereits die ebenso groe
Unbesonnenheit wie Geschmacklosigkeit begangen, sich mit dem Plebejer
drben zu verloben, so ist natrlich nichts zu machen."

"Ich mchte das als hchst wahrscheinlich annehmen, Komtesse--"

"Ein mehr als schrecklicher Gedanke, Graf Dehn! Worauf sttzen Sie Ihre
Eindrcke, wenn ich bitten darf?"

Graf Dehn zgerte erst, dann kam ihm ein Entschlu, und er sagte:

"Fr einen in seinem Geist und Gemt beschwerten Menschen giebt's kein
greres Labsal, als sich aussprechen zu knnen, einen Vertrauten zu
besitzen, dem er rckhaltlos ber alles zu berichten vermag, was ihn
beschftigt.

Dieser Umstand und die Sicherheit, da meine Erffnungen Komtesse Imgjor
ntzlich sein knnen--ich gestatte mir, spter zu sagen, in welcher
Weise ich mir das vorstelle--lassen mich unter der Bitte vorlufiger
Verschwiegenheit reden!"

Nach dieser Einleitung erzhlte Graf Dehn Lucile alles, was geschehen
war, und schlo mit den Worten:

"Sie uerten sich jngst ber die Mglichkeit, da Ihr Frulein
Schwester Rankholm verliee--dringen Sie gleich--ich bitte--darauf,
damit sie von Prest getrennt wird, und auch darauf, da man ihn, sobald
sie zurckkehrt, nicht mehr hier findet!"

"Ja, ja"--Lucile, die mit grter Spannung zugehrt und namentlich bei
der Schilderung dessen, was Graf Dehn selbst im Landhof gesprochen, mit
lebhaftem Ausdruck ausgehorcht hatte, nun sinnend zurck.

"Wenn es nur nicht zu spt ist! Ich frchte nach dem, was Sie mir gesagt
haben, allerdings, da sie schon die Thorheit begangen hat. Und ist's
der Fall, dann giebt's keine Schlsser und Ketten, keine Lnder und
Entfernungen, die sie von ihm und ihren Entschlssen trennen wrden.
Selbst ein nachtrgliches Erkennen seiner Unwrdigkeit wrde sie
abhalten, ihr einmal gegebenes Wort zu brechen; die allerschwersten, die
grten Selbstaufopferungen mit sich fhrenden Pflichten wrde sie auf
sich nehmen."

"Eine Hoffnung besteht vielleicht noch, Komtesse!" fiel Axel ein.

"Sie erinnern sich, da Graf Knut mir erzhlte, Prest sei verlobt. So
hat doch vielleicht nur die gemeinsame Sache sie zusammengefhrt."

"Ja, sie hat sich ihm ursprnglich wohl nur deshalb genhert,"--betonte
Lucile--"ihn aber--glauben Sie es--bestimmt ihr Geld und die
Befriedigung seiner malosen Eitelkeit. Um derentwillen wird er ein
bereits eingegangenes Verlbnis zu Imgjors Gunsten lsen. Ich halte den
Menschen zu allem fhig, sofern es sich um die Erlangung von Macht und
Besitz handelt--"

"Ich beurteile Prest ebenfalls ungnstig, er ist mir zugleich namenlos
unsympathisch. Aber das mchte ich doch nicht unterschreiben. Fr
unehrenhaft, fr einen Schurken halte ich ihn nicht. Er ist ein krasser
Egoist und Fanatiker, aber--"

"Ja, ja, das ist ja eben Ihre rhrende Art! Obschon Ihnen die Natur
einen so scharfen Verstand verlieh, obschon Sie einen starken Sprsinn
besitzen, bewahren Sie sich doch ein vertrauendes Herz und glauben an
die Menschen! Und eben solche wie Sie, in solcher Mischung, giebt's
wenige. Wo ist die rechte Harmonie zwischen Verstand und Gemt, zwischen
strengen Grundfarben und Koncilianz?"

"Sie beschmen mich, Komtesse--"

"Ich sage, wie ich es meine, Graf Dehn. Und wre Imgjor nicht
krank,--ihre berspannten Ideen sind krankhafter Natur--so wre sie die
Rechte fr einen Mann, wie Sie es sind.--Ach, meine Mutter hat viel
verschuldet! Sie--sie--hat Imgjor durch eine bergroe Strenge in den
Kindheitsjahren in diese Welt des Widerstandes getrieben--"

"Wie? Das sagen Sie, Komtesse? Schon einmal deuteten Sie auf dergleichen
hin! Wie schmerzlich ist es mir, da Sie an einer, in meinen Augen so
seltenen Frau, wie Ihre Mama es ist, nicht alles zu loben vermgen, da
Sie sie nicht blindlings lieben--"

Lucile bewegte die Schultern, deren vollendete Formen durch ein tadellos
sitzendes Gewand aus zarter grner Seide noch mehr gehoben wurden. Auch
zog sie die ausdrucksvollen Lippen und sagte stark betonend:

"Doch, ich liebe meine Mutter zrtlich. Aber gerade, weil ich sie so
sehr liebe, mchte ich sie als hchstes Ideal betrachten knnen. Es
liegt etwas vor, das ich nicht verstehe. Ich spreche nicht allein ber
Mamas Haltung Imgjor gegenber--"

In diesem Augenblick schlug Graf Lavard ans Glas, um einen Toast auf die
Gste auszubringen. Dadurch wurde Lucile in ihrer Rede unterbrochen.
Ueberdies bemerkten beide, da man sie beobachtete. Infolge dessen
richteten sie ihre Blicke mit unabgewendeter Aufmerksamkeit auf den
Sprechenden, und nur einmal warf Graf Dehn das Auge auf seine Umgebung.
Und als dies dann auf Imgjor fiel, sah er erst, da Prest ihr etwas
zuflsterte, und dann, da sie ihm rasch mit einem ihrer sen Blicke
antwortete, einem jener Blicke, in denen das ganze bestrickende Wesen
ihrer tiefen, anschmiegenden Seele zum Ausdruck gelangte.

Aber eine noch strkere Besttigung seiner schwermtigen Vermutungen
empfing Graf Dehn, als er kurz vor Schlu des Festes, ohne es zu wollen,
Zeuge eines Gesprches zwischen ihr und Prest wurde.

Als er den von allen und auch von ihm inzwischen betretenen Park auf
Augenblicke verlie, um sich eine Cigarre aus dem neben dem Speisegemach
befindlichen Rauchzimmer zu holen, sah er in ersterem Imgjor und Prest
einander zrtlich die Hnde schtteln und hrte das junge Mdchen
deutlich sagen:

"Also, bitte, bermorgen Abend!" zugleich aber traten beide, Axel
bemerkend, verwirrt zurck. Imgjor wandte sich der Gartenseite zu und
der Doktor, der ohnehin whrend dieser Stunden Axel fortdauernd
hochmtig ausgewichen war, verbeugte sich kurz mit eisiger Frmlichkeit
gegen ihn und verlie das Gemach.

"Ja, Herr Doktor Prest ist soeben zu einem Kranken gerufen. Er
begegnete mir hier gerade beim Fortgehen--" erklrte Imgjor, als sich
Axel ihr mit kavaliermiger Artigkeit anschlo und, um berhaupt etwas
zu reden, die Frage aufwarf, ob Prest die Gesellschaft bereits
verlassen wolle.

Aber einer Errterung ber das, was unausgesprochen zwischen ihnen lag
und einen so bedeutungsvollen Inhalt besa, wute sie dadurch
auszuweichen, da sie, als er eben zu weiteren Worten anheben wollte,
von ihrem Hunde zu sprechen begann.

Und das geschah mit einer so unbefangenen Miene, da Graf Dehn berhaupt
die Mglichkeit abgeschnitten wurde, ein anderes Thema zu berhren. Auch
neigte sie, nachdem sie die Treppen zum Garten hinabgestiegen waren,
kurz verbindlich das Haupt und gesellte sich zu der gerade ihnen
entgegenschreitenden Nichte des Pastors.--

       *       *       *       *       *

Am nchstfolgenden Tage wurden die Bewohner von Rankholm durch die sehr
unerfreuliche Botschaft berrascht, da im Dorfe das Scharlachfieber
ausgebrochen und da bereits zwei Dutzend Personen, Groe und Kleine,
davon ergriffen seien.

Der Graf erzhlte davon beim zweiten Frhstck und ermahnte die
Tischgenossen, den Verkehr mit den Dorfbewohnern vorsichtig zu meiden.
Es wurde sogar berlegt, ob nicht der sonst stets erfolgende
Kirchenbesuch fr den bevorstehenden Sonntag ausgesetzt werden solle.

Der Graf befrwortete ein Fortbleiben; die brigen schlossen sich ihm
stillschweigend an, und nur Imgjor gab keine Meinung ab.

"Nun, Kind--hast du gehrt? Halte dich also vom Dorf fern!" warf die
Grfin mit einem auf ihre Tochter gerichteten, auffordernden Blick hin.

Imgjor bewegte den Kopf.

"In die Kirche werde ich auch nicht gehen. Aber ins Dorf mchte ich
jetzt gleich und mchte mich umsehen, ob ich nicht helfen, vielleicht
als Krankenpflegerin mich ntzlich machen kann."

"Du wirfst das nicht thun, unter keinen Umstnden! Ich wnsche es
nicht--" entschied die Grfin.

"Willst du mich denn hindern, ein gutes Werk zu thun, Mama? Welchen Wert
hat alle Religion, wenn sie mit keinen Thaten verbunden ist?"

"Du hast--" entgegnete die Grfin--"nicht nur auf den Drang, zu helfen,
den ich gewi nicht tadle, Rcksicht zu nehmen, sondern auf die ganze
Familie und smtliche brigen Mitbewohner von Rankholm.

Scharlach ist so ansteckend, da es geradezu Leichtsinn wre, sich
unntig mitten in die Gefahr zu begeben.--"

"Unntig, Mama? Sollen wir uns nicht der Armen und Notleidenden
annehmen?"

"Ja, ja, Imgjor! In solchen Antworten liegen deine Phantastereien. Die
Beschftigung mit dem Idealsten in der Welt kann verderblich statt
segensreich wirken, wenn es eine verkehrte Hand zu ungeeigneter Zeit ins
Praktische zu bertragen sucht.

Wie nun, wenn wir dich gewhren lassen und alle hier von einer
Ansteckung befallen werden, wenn gar die Krankheit einen ttlichen
Ausgang nimmt? Meinst du, da die vom Dorfe heraufeilen werden, um uns
zu pflegen, selbst wenn wir verkndeten, wir erwarteten, da sie es thun
mchten? Keiner, der Pastor ausgenommen, der stillschweigend mit seinem
Amt solche Samariterpflichten gegen die Gemeinde bernommen hat, wird
auch nur auf den Gedanken geraten. Und darin steckt's! Fortwhrend wird
von den Bauern der Anspruch an Opferwilligkeit von unserer Seite
erhoben, und nach Krften wird diesem Anspruch von den besser Gesinnten
entsprochen. Aber wer hilft dem Gutsherrn, wenn er der Hilfe bedarf,
wenn er etwa gar verarmt? Er wird vergeblich die Hnde ausstrecken. Du
solltest endlich deine Vernunft gebrauchen, statt solchen Gefhlsideen
blindlings Gefolgschaft zu leisten. Stehen wir dir denn nher oder die
in Kneedeholm? Ja, wenn's wirklich erforderlich wre! Aber im Dorf haben
sie Menschen und Krfte genug, sich gegenseitig auszuhelfen!"

"Ich kann ja in Kneedeholm bleiben, bis alles sich gewendet hat, Mama.
So bringe ich euch in keine Gefahr--" fiel Imgjor, ohne dem von ihrer
Mutter allgemein Gesprochenen eine Antwort zu erteilen, mit trotziger
Beharrlichkeit ein.

"Nein!" erklrte nun auch der Graf, bevor die Grfin zu weiterer Rede
anzuheben vermochte. "Auch ich verbiete dir das Betreten des Dorfes fr
die nchste Zeit, schon deshalb weil ich nicht wnsche, da du ferner
mit Prest in Berhrung gelangst, und das wre bei solcher Thtigkeit
unvermeidlich. Eben lese ich in der 'Orebye Tidende', was der Monsieur
dort vorgestern in einer Versammlung meiner Bauern zusammengesprochen
hat. Es ist ja die vollkommene Aufreizung gegen den Landadel. Schon
heute wrde ich ihn zur Rede gestellt haben, wenn nicht unten die
Epidemie ausgebrochen wre. Ist sie aber beseitigt, so mag er gehen. Ich
will ihn hier nicht mehr haben!"

"Kannst du ihn gehen heien, Papa? Er steht doch nicht in deinem Dienst!
Er kann doch seine Thtigkeit aufnehmen, wo er will. Hchstens als Arzt
frs Schlo kannst du ihn abschaffen--"

"Die Entscheidung darber wirst du mir geflligst berlassen, meine
Liebe! Ich habe deine Belehrungen nicht erbeten und erklre sie fr
vllig unpassend. Aber da aus ihnen und aus deiner fortwhrenden
straffen Parteinahme fr diesen Herrn sich nur noch mehr erhrtet,
welches Gift es fr dich ist, mit ihm in Beziehungen zu bleiben--ihm,
gerade ihm, haben wir offenbar deine Bauernfreundlichkeit auf Kosten des
Wohlergehens deiner eigenen Familie zu verdanken--so erscheint mir der
Zeitpunkt gekommen, da du einmal Rankholm verlt und in Verhltnisse
gelangst, die dich solchen Beeinflussungen grndlich entziehen.--Nicht
wahr, du bist auch neulich in Oerebye gewesen?"

Imgjor sah ihren Vater fest und ohne eine Miene zu verziehen an; nur in
den Augen zitterte etwas, das auf die Regungen ihres Innern Schlsse
ziehen lie. Aber sie antwortete nicht.

"Ich las Ihre ausgezeichnete Rede, fr die ich Ihnen noch aus vollem
Herzen danken wollte, lieber Graf Dehn--" fuhr der Graf, ohne auf einer
besonderen Besttigung der an seine Tochter gerichteten Frage zu
beharren, zu Axel gewendet fort: "Sie vermgen Auskunft zu geben, ob
meine Tochter dort war--?"

"Nein, Herr Graf! Ich vermag darber nichts zu sagen. Aber ich danke
Ihnen fr Ihr gtiges Lob. Ich bin sehr glcklich, da Ihnen die
Ausfhrungen, zu denen ich infolge der Rede des Doktor Prest gedrngt
wurde, gefallen haben."

In Imgjors Angesicht zuckte es bei Axels Worten auf, aber sie lohnte ihm
seine Ritterlichkeit auch nicht einmal durch einen Blick.

Wohl aber reckte sie pltzlich den Oberkrper empor und sagte mit groer
Entschiedenheit im Ton: "Ich werde nachher auf dein Zimmer kommen, Papa.
Ich bitte, da du es erlaubst. Dort werde ich dir auf alles Antwort
geben. Jetzt, jetzt gestatte, da ich mich entferne."

Nach diesen Stzen richtete sie sich, die Serviette von sich streifend,
empor und war bereits an der Thr, bevor der Graf sie zu hindern
vermochte. Aber sie hatte nicht mit der Grfin gerechnet.

"Ich mchte dich jetzt gleich sprechen, Imgjor! Bleibe!" befahl sie.

"Ich wnsche an der Unterredung teilzunehmen. Ohnehin ist es Zeit,
aufzustehen. Sie gestatten, lieber Graf Dehn! Und es ist dir recht,
Lavard?" fgte die Grfin biegsam im Ton hinzu und wute den anfangs
etwas zgernden Grafen zur Beipflichtung zu veranlassen.

Infolge dessen erhoben sich alle; und alle richteten jetzt den Blick auf
Imgjor. Sie aber stand wie ein Marmorbild an der Thr und erst, als ihre
Mutter eine Bewegung machte, durch die sie ihren Befehl wiederholte,
scho etwas in ihre Augen, das den unheimlichen Glanz eines unbeugsamen
Willens besa.

Alsdann reichten jene, mit Ausnahme von Imgjor, dem Grafen Dehn
vertraulich die Hand und verlieen das Gemach, und nur Lucile, die
begierig nach dem Zeitungsblatt gegriffen hatte, das der Graf, ihr Papa,
bei seiner Rede aus der Tasche gezogen, blieb noch im Zimmer.

"Ich kann es kaum erwarten, zu lesen, wie Sie dem widerwrtigen Menschen
entgegengetreten sind, Graf Dehn!" begann sie. "Und wie finden Sie
Imgjors Benehmen?" fuhr sie fort. "Ist es nicht unerhrt, in welcher
Weise sie die Rcksichten gegen ihre eigene Familie bei Seite schieben
will? Ich mu sagen, ich stehe ganz auf Mamas Seite. Und es geschieht ja
auch nun ohne unsere Einwirkung das, was Sie als erforderlich
bezeichneten. Imgjor wird--ich hoffe, da Papa darauf besteht--Rankholm
verlassen. Was wird nun aber aus Ihnen, lieber Graf! Werden Sie es
allein mit uns aushalten knnen?"

"Sie wissen, wie ich ber Sie alle denke, wie sehr ich Sie alle schtze
und verehre, Komtesse. Das ist meine Antwort. Aber etwas anderes drngt
sich mir auf. Wohin wird man Ihr Frulein Schwester schicken? Soll sie
Nutzen haben von einer Entfernung, mu sie in keine Umgebung gelangen,
wo man ihr schroff entgegentritt. Man mu ihr mit Gte begegnen und
versuchen, sie allmhlich von dem Unwert ihrer bertriebenen Ideen zu
berzeugen."

"Ja, Sie haben Recht, Graf Dehn. Was raten Sie?"

Ich kenne Ihre Beziehungen nicht, Komtesse. Ich wte aber ein Haus,
wo--"

"Nun?"

"Bei meinen Eltern in Dresden. Sie wrden die Komtesse mit Freuden
aufnehmen!"

In Luciles Angesicht, die wohl aus besserer Ueberzeugung schroff gegen
ihre Schwester auftreten konnte, sie aber trotzdem zrtlich liebte,
blitzte es auf.

"Ja, ja! Das wre eine Idee, eine vortreffliche!" stie sie heraus.
"Gleich will ich mit den Eltern darber sprechen, wenn wirklich den
Ihrigen ein solcher Plan genehm sein wrde."

"Meine Eltern werden sehr glcklich sein--" entgegnete Axel, "wenn Sie
ihnen Gelegenheit geben, ihre freundschaftlichen Empfindungen zu
bethtigen. Darber besteht kein Zweifel.--Aber ob Komtesse Imgjor damit
einverstanden sein wird, ist mir sehr zweifelhaft, Komtesse. Ich
frchte, sie wird sich weigern, bei der Familie desjenigen
Gastfreundschaft entgegenzunehmen, gegen den sie so unzweideutige
Beweise ihrer Abneigung an den Tag legt. Ich frchte sogar, da sie mich
seit den letzten Vorgngen hat--"

Lucile schttelte diesmal nur sanft den Kopf und sah Axel mit einem
Ausdruck an, als ob sie sich ber die tiefere Bedeutung des von ihm
Gesagten unterrichten msse. Und dann noch einmal, aber sie entgegnete
nichts.

       *       *       *       *       *

Da Imgjor zu dem Doktor Prest hielt, hatte die Versammlung in Oerebye
und hatten die brigen frheren und neueren Vorgnge bewiesen. Aber ob
ein Liebesverhltnis zwischen ihnen bestand, war noch nicht aufgeklrt.
Dieser Umstand lie Graf Dehn alle seine Gedanken darauf richten, wie er
es anstellen knne, sich darber eine Gewiheit zu verschaffen.

Da er Zeuge der Verabredung zwischen Imgjor und Prest gewesen, hatte er
hin und her berlegt, wo diese Zusammenkunft wohl stattfinden werde, und
immer wieder war er zu dem Ergebnis gelangt, da der von ihm entdeckte
Gang im Turm, dessen Aus- und Einmndung er in der Folge nachgesprt,
dabei eine Rolle spiele.

In der nach dem Garten gerichteten Seite dieses Zwischenbaues befand
sich eine kleine, von Epheu umrankte, offenbar sonst seit
Menschengedenken nicht mehr geffnete Thr. Sie fhrte sicher zu dem
Vorzimmer von Imgjors Rumen; von hier ging die dort mndende, zwischen
der dicken, mit Lichtspalten versehene Mauer eingefgte Treppe aus.

Und dieser Teil der Turmseite selbst war hinter dichtem Gebsch
verborgen; niemand achtete auf diesen verdeckten Winkel.

Auch Axel wrde schwerlich jemals dorthin einen Blick geworfen haben,
wenn er nicht von solchen Voraussetzungen ausgegangen wre.

Vom Dorf zweigte sich auer dem Fahrwege ein Pfad ber die Wiese nach
dem Gutsgebiet ab. Ihn benutzten die Fugnger von Kneedeholm und die
von Rankholm vorzugsweise. Er fhrte direkt auf den neben dem Schlo zur
Rechten liegenden Arbeitsgutshof. Hier befanden sich die Wohnhuser der
Beamten, und ihn umkrnzten in weitem Umfange die Gebude der Meierei,
die Kuh-, Pferde- und Schafstlle, die Brauerei, das Dampfmaschinenhaus,
die Remisen fr die Herrschafts- und Arbeitswagen und die Huser fr die
zahlreichen Arbeiterschaften.

Auf diesem Hof, hinter einer gleich den Eingang flankierenden Scheune,
beschlo Graf Dehn abends zunchst Posto zu fassen, um Prests Ankunft
zu beobachten und dessen Schritte zu verfolgen.

Es gab nur diesen einen, direkt zum Park fhrenden Weg, und falls Prest
berhaupt kam, mute er ihn einschlagen.

Zwischen dem Frhstck und dem Tischgang machte Graf Dehn mit dem Grafen
einen lngeren Spazierritt. Letzterer sprach bei dieser Gelegenheit wohl
auch ber Imgjor, aber er uerte nichts ber Inhalt und Verlauf der
Unterredung mit ihr. Es machte Axel den Eindruck, als ob Imgjor ein
Schweigen ber ihre Angelegenheiten gefordert habe.

"Wir sprechen noch nher darber!" hatte der Graf geschlossen. "Ich
komme mit Ihrer Erlaubnis auch noch auf das von Ihnen meiner Tochter
Lucile gemachte gtige Anerbieten zurck. Ich mchte vor entscheidenden
Schritten erst einmal die Klarheit besitzen, die ich bisher nicht
gewonnen habe.

Auf dem Plan steht auch, da wir alle Rankholm verlassen und einige
Zeit, etwa vier bis sechs Wochen, nach Kopenhagen bersiedeln. Sie
wissen, da wir dort ein eigenes Palais besitzen.

Natrlich--Sie begleiten uns! Sie bleiben unser Gast! Nur unter der
Bedingung verlassen wir Rankholm."

Spter kam der Graf auf die Versammlung in Oerebye zu sprechen.

"Jeder Gutsherr--" erklrte er--"mu seinen Herd und sein Eigentum
schtzen. Thun das alle, halten sie eben so fest zusammen, wie
diejenigen, die bertriebene Forderungen erheben, so wird die
gegenwrtige Bauernbewegung auf ein verstndiges Ma herabgedrckt
werden. Den Schutz erkenne ich in der rcksichtslosen Entfernung aller
Ruhestrer, der Erhaltung geordneter Zustnde, in einem mglichsten
Entgegenkommen gegen diejenigen, die uns mit verstndigen Vorschlgen
zur Verbesserung der Lage der Bauern und Landarbeiter gegenbertreten--"

Diese Worte bewiesen, da Graf Knut in seinem gelegentlich gefllten
Urteil ber den Grafen recht hatte. Nur dessen ungemessene, in
besinnungslosen Jhzorn ausartende Heftigkeit hatte er getadelt.

"Die Lavards sind alle besonders. Sie besitzen eine Starke Eigenart!"
hatte er geuert. "Bei den meisten berwiegt Genialitt und Energie,
bei anderen neben hoher Intelligenz starke Erregbarkeit und Hang zum
luxurisen Wohlleben. Den hat der Graf lange abgestreift, aber das
leicht erregte Blut wird ihm bleiben bis zum Tode, und das hat ihm und
anderen schon viel Herzeleid gebracht."

Imgjor erschien nicht bei Tisch. Dagegen hatte sich Graf Knut
eingestellt und wegen der immer strker um sich greifenden Epidemie im
Dorfe eine lnger andauernde Gastfreundschaft erbeten.

Er regte, wie immer, durch seine gute Laune und seine frische
Lebendigkeit die Gesellschaft an, und da auch Graf Dehn gewohnheitsmig
einen lebhaften Geist entfaltete, verflossen die Stunden bis zur
Schlafzeit in der angenehmsten Weise. Nach Tisch, nach einer lngeren
Promenade im Park, setzte sich die Grfin mit dem Grafen Dehn an den
Schachtisch, und die beiden Herren spielten eine Partie Pikett. Bei
dieser Gelegenheit brach jene das von ihr bis dahin beobachtete
Schweigen und erzhlte Axel, da Imgjor die Forderung gestellt habe, da
ihr ihr Erbteil ausgezahlt und vllige Bewegungsfreiheit eingerumt
werde.

"Sie sollen morgen alles und noch anderes erfahren--" sagte sie. "Mein
Mann knnte hren, was ich spreche. Er wnscht, da die Dinge
einstweilen nicht berhrt werden--" schlo sie mit gedmpfter Stimme.

Zu einer Gegenrede, namentlich zu einer Frage, ob Imgjor engere
Beziehungen zu Prest eingerumt habe, vermochte Graf Dehn nicht zu
gelangen.

Zum Thee erschien Imgjor, und auch an dem heutigen Abend trug sie--Axel
schob's diesmal auf die bevorstehende Zusammenkunft mit Prest, fr
welche helle Gewnder nicht geeignet waren,--ein dunkles Kleid. Sie sah
wieder anbetungswert schn aus und kehrte gegen den Grafen Knut ein
neckisch anschmiegendes Wesen heraus.

Zum erstenmal sang sie auf Graf Knuts wiederholte, dringende Bitte
einige Lieder. Graf Dehn befand sich, whrend er ihren Vortrgen
lauschte, in einer Art von Verzauberung. Sein Ich lag in ihren Banden.
Etwas Aehnliches, die Seele Bewegendes, Ergreifenderes konnte man nicht
hren.

Alle Register, das Gemt zu rhren und dem Ohr die hchsten,
einschmeichelndsten Wohllaute darzubieten, standen ihr zur Verfgung.
Man jauchzte und weinte mit ihr.

Und wie niemals in ihrem Thun und Wesen das Bestreben zum Ausdruck
gelangte, sich irgendwie besonders zur Geltung zu bringen, durch die ihr
von der Natur zuerteilten Gaben Beifall oder gar Bewunderung
einzuernten, so war's auch heute. Sie war frei von jeder Eitelkeit.
Jedem Spiegel ging sie vorber. Sich besonders zu schmcken, mute sie
jedesmal aufgefordert werden, und doch besa sie, wie Lucile geuert
hatte, Gewnder, die Kniginnen tragen konnten. Sie war mit ihrem
blendenden Hals, ihren schneeigen Armen, ihrer Psychebste, ihrem
vollendeten Wuchs und ihrer vornehmen Haltung ein Wunderwerk der Natur.

Und sie so zu sehen, stand Axel in den nchsten Tagen auf Rankholm
bevor.

Die Grfin hatte darauf bestanden, da der von ihr geplante Ball noch
vor der Abreise nach Kopenhagen Stattfinde. Schon am nchsten Morgen
sollten die Einladungen erfolgen und die Antworten durch abzusendende
Stafetten gleich eingeholt werden.

"Noch eins! Ich bitte recht sehr, Komtesse!" drngte Graf Knut, nachdem
Imgjor zwei Lieder gesungen hatte. "Singen Sie gtigst zum Schlu noch
mein Lieblingslied!"--

"Ihr Lieblingslied? Ich wei nicht--Welches ist's, Herr Graf?" gab
Imgjor erst zgernd, dann, durch seine Blicke willfhrig gemacht,
zurck. Und "Ach ja--gewi--ich wei jetzt!" fgte sie dann uerst
bereitwillig hinzu, bat Lucile, sie zu begleiten, und sang nun ein
kleines, in meinem ungestmen Tempo sich bewegendes andalusisches Lied:

  "Einmal mcht', da die Traumgedanken
  Sich verwandelten in Wirklichkeit!
  Einmal mcht' ich aus den Schranken
  Eingeh'n in die Seligkeit!

  Seligkeit sind deine Lippen!
  Seligkeit ist deine Brust!
  Schenk, o Gott, der durst'gen Seele,
  _Einmal_ diese trunk'ne Lust!"

Imgjor trug diese Verse mit einer solchen Verve des Ausdrucks vor, in
ihren Augen erschien ein solch' berirdisches Feuer und ihr geffneter
Mund atmete eine solche verzehrende Sehnsucht, da Graf Dehn, dem heie
Strme durch die Glieder jagten, dabei an Luciles Worte erinnert ward.
Sie hatte gesagt, da hinter Imgjors kalt gemessenem Wesen heie Flammen
verborgen seien. Aber als sie dann wieder mit ihrem stumm verschlossenen
Wesen vom Piano zurcktrat und gleich darauf gute Nacht sagte, Graf
Knuts lautem Lob mit einer sanft bescheidenen Miene und von Graf Dehns
stummer Bewunderung keine Notiz nahm, ergriffen ihn doch wieder Zweifel,
ob sie bei diesem Vortrage wirklich Gleiches auch empfunden habe. Sie
stellte sich offenbar nur in den Dienst ihrer Aufgabe. Ihre Gedanken und
Sinne richteten sich sicher auf etwas ganz anderes. Ihr Inneres
durchrieselte keine Leidenschaft fr Prest, sondern sie erfllte jene
Mrtyrerliebe zur Menschheit, die sich selbst ans Kreuz schlgt. Alles,
wenn's auch vielleicht einmal in ihr aufflammte, dmmte sie, diesem
Dienst geweiht, zurck. Aber um so mehr verzehrte Graf Dehn das
Verlangen, nun endlich Gewiheit zu erlangen. Sobald es irgend
schicklich erschien, schtzte er Kopfschmerzen und Mdigkeit vor und
empfahl sich.

Nachdem er sich in seinen Gemchern mglichst dunkel gekleidet, benutzte
er einen ihm alle Zeit zu Gebote stehenden Schlssel zur Hauptthr des
Schlosses, betrat den Hof und den diesen und die Grten verbindenden
offenen Durchgang, versicherte sich, da in Imgjors Zimmern noch Licht
brannte, und begab sich zunchst zu der hinter den Bosketts befindlichen
Turmpforte. Als er jedoch die Hand auf den Drcker legte, gab dieser
nicht nach. Er schlo daraus, da Prest noch nicht eingetroffen sei und
eilte nun vorsichtig zur Rechten auf den Arbeitshof. Er lag in einem
gleichsam geisterhaften Dunkel. Eben hatte sich der Mond, der bis dahin
ein schwaches Licht verbreitet hatte, hinter schwarze Wolkenmassen
geschoben. Aber Graf Dehn wurde dadurch nicht gehindert. Er kannte den
Weg und betrat alsbald die Eckgrenze des Hofes und des Fupfades, der
hier in das Thal hinabfhrte.

Bevor er hinter der groen Scheune Posto fate, sphte er noch einmal
vorsichtig in das Dorf hinab.

Aber vorlufig vernahm und sah er nichts. Auch drunten lag die Welt in
einem mystisch unheimlichen Dunkel und in jenem Schweigen, das hufig
einer gewaltigen Aufregung in der Natur voranzugehen pflegt.--

       *       *       *       *       *

Fast eine halbe Stunde stand Graf Dehn auf seinem Beobachtungsposten,
ohne da etwas geschah. Er hrte die Uhr vom Schlosse zehn schlagen, und
spter drhnte eintnig auch der einzelne Schlag, der den ferneren
Verlauf einer Viertelstunde verkndete, zu ihm herber.--

Aber dann rhrte sich etwas, jedoch nicht von der Dorfgegend her,
sondern auf dem Hofe.

Von der Gartenseite her drang das Gerusch von Schritten an sein Ohr.
Anfnglich nahm Graf Dehn an, da es der Wchter sei. Es beunruhigte ihn
dessen Kommen insofern, als der ihn begleitende Hund sehr wachsam war.
Aber es war nicht der Wchter, der sich dem versteckt Harrenden nherte,
sondern die Umrisse einer weiblichen Erscheinung tauchten vor den Augen
des mit seinen Blicken die Dunkelheit durchdringenden Mannes auf.

Und keinem Zweifel unterlag's--es war Imgjor, die, sicher beunruhigt
durch Prests langes Fortbleiben, ihre Gemcher verlassen und sich in
die Nacht hinausgewagt hatte.

Ein heies Feuer loderte in dem Manne auf. Er hatte Mhe, sein
klopfendes Herz zu bezwingen, als sie nun demselben Orte zuschritt, an
dem er sich befand, zuletzt sogar--nur eine Armlnge von ihm
entfernt--ihre Bewegungen hemmte und unbeweglich stehen blieb.

Eine Welt, Himmel und Erde, wren sie sein gewesen, htte er darum
gegeben, wenn sie, die da unruhig ins Thal hinab sphte, um seinetwillen
sich durch die Nacht geschlichen, um seinetwillen hier verharrt und
sehnschtig aufgeseufzt htte.

Einmal schien's, als ob sie sich anschicken wolle, ins Dorf
hinabzusteigen. Aber sie besann sich, wanderte hin und her und holte nur
mehreremal, von Unruhe bermannt, tief Atem. Aber auch ein Hsteln, das
sie vergeblich zu dmpfen suchte, befiel sie. Offenbar von der Nachtluft
unsanft berhrt, zog sie das Tuch, das sie um ihre Glieder geschlungen,
fester um sich, und rascher wurden ihre Schritte.

Aber nun befiel auch Axel ein Kehlkitzel.

Trotz heftigen Widerstands lste sich ein Laut aus seiner Brust, und
Imgjor wich--er sah's von seinem Versteck aus--angstvoll erschrocken
zurck. Aber nur fr Sekunden. Dann leuchteten ihre funkelnden Augen
durch die Nacht und richteten sich furchtlos sphend dahin, woher der
Ton zu ihr gedrungen.

Schon glaubte sich Graf Dehn entdeckt und blitzschnell berlegte er, ob
er sich ihrem Gesichtskreis durch ein rasches Entfernen entziehen oder
sich zu erkennen geben solle, als zu seiner glcklichen Befriedigung
fast gleichzeitig ein Gerusch--das Gerusch der Schritte einer eilig
den Berg hinaufklimmenden Person--beider Ohr traf, und gleich darauf
auch schon Prest mit hastig gedmpfter Stimme auf die ihm rasch
Entgegeneilende einsprach:

"Bist du's, Imgjor? Ah, Gottlob! Schon war ich in groer Sorge. Wie
steht's, meine Imgjor? Habe Dank, da du hergekommen bist! Aber ich
vermochte nicht frher zu kommen, bis jetzt war ich bei Kranken und
Sterbenden--"

Andere Worte, die er sprach, verschlangen die Nacht und die Entfernung.
Einem bereinstimmenden Antrieb folgend, nahmen beide den Weg gegenber
zu den Wirtschaftsgebuden, und unter dem Schutz ihrer dunklen Mauern
und Dcher schritten sie dem Schlogarten zu. Und Graf Dehn folgte ihnen
in angemessenem Abstand, und als sie sich in seiner Laube niederlieen,
wute er sich hinzuschleichen, um zu hren, was sie redeten.

Aus ihrer Unterhaltung ging hervor, da Imgjor einwilligen wollte,
Prest anzugehren, wenn zweierlei Bedingungen sich erfllten. Er sollte
sich ganz in den Dienst der neuen Sache stellen, und er sollte ihr
nachweisen, da seine jetzige Braut selbst die Beziehungen zwischen ihm
und ihr lsen wolle.

"Immer wieder mu ich es dir sagen, da ich trotz meiner Liebe ein
anderes Glck nicht zerstren will. Um solchen Preis will ich
verzichten, mu ich entsagen! Ich wrde nie froh werden knnen. Aus
Schlechtem kann nichts Gutes entstehen.--"

Und immer von neuem Beteuerungen von seiner Seite, da sie ihm glauben
mge. Besondere Beweise beizubringen, sei unmglich, weil seine frhere
Braut berhaupt nicht mehr schreibe und frhere Zuschriften von ihrer
Hand im Zorn von ihm vernichtet seien.

"Ich bin frei, Imgjor! Glaube mir doch! Was willst du mehr? Sie ist
meiner Liebe nicht wert. Ich hatte sie schon aufgegeben, bevor wir uns
fanden--"

"Lass' mich sie selbst sprechen! Hre ich aus ihrem Munde, da sie dich
frei giebt, gleichviel aus welchem Grunde, gehre ich dir!--Ich darf,
ich kann nicht anders, mein Freund! Es ist gegen meine Natur--"

Und dann wieder er. Er wisse nicht, ob jene sich berhaupt noch in
Kopenhagen aufhalte. Sie habe die Absicht gehabt, als Erzieherin nach
Lyon zu gehen. Sie sei sicher schon dort. Er wisse ihre Adresse nicht
und knne, da sie keinen Anhang habe, solche nicht ermitteln.

"So lass' mich an sie schreiben. Wir werden ihren Wohnort durch die
Polizei feststellen knnen--"

"Glaubst du mir denn nicht, Imgjor? Du krnkst mich durch dein
Mitrauen--"

"Ich glaube, da du mich liebst und da du mich mehr liebst als jene.
Aber im Beginn unserer Bekanntschaft sprachst du von dem Mdchen in
einem anderen Sinne und thatest einer zwischen euch eingetretenen
Entfremdung keiner Erwhnung. Diese Thatsache besteht, und daraus leite
ich ab, da du doch vielleicht auf falschem Wege bist, nicht aus
verwerflichen Grnden, vielmehr unter dem Einflu deiner Liebe zu mir,
welche dir die Dinge in einem fr dich gnstigen Lichte erscheinen lt.
Weshalb scheust du die Probe? Willst du mit Unrecht beginnen? Mu dir
nicht auch an Klarheit liegen, mein teurer Freund?"

"Dich kann die rechte Liebe zu mir nicht beseelen, wenn du mich einer
Schlechtigkeit fr fhig hltst, Imgjor! Ich sag' es noch einmal: Ich
kann und will jene nicht, und ich habe aus ihren Briefen die
Ueberzeugung gewonnen, da sie auch nur noch Zwang an mich fesselt."

"Siehst du also, mein Freund, du besitzest keine unbedingte Sicherheit!
Lasse uns diese erwerben, und wir werden unsern Bund schlieen. Will ich
denn etwas anderes, als unser volles Glck, erstrebe ich etwas anderes,
als da wir es in unserer Liebe und in der Hingabe an unsere Ziele
finden?"

So und hnlich gingen die Worte zwischen ihnen hin und her, und nach
Beendigung dieses Gesprchs, das mit derselben wiederholten Forderung
Imgjors ausklang, erzhlte Prest von der im Dorf um sich greifenden
Epidemie. Er betonte, da es richtiger sei, den Ort zu meiden. Grte
Vorsicht sei erforderlich. Er, der Arzt, habe die Krankheit frher
gehabt und sei deshalb immun, aber sie, Imgjor, mge--so edelmtig ihre
Absichten auch seien--sich keiner Gefahr aussetzen.

Auf ein weiteres Horchen verzichtete Graf Dehn. Was er wissen wollte,
hatte er soeben vernommen. Zeuge ihrer Zrtlichkeit zu sein, vermochte
er nicht. Er litt ohnehin namenlos, als Prest sie in trunkener
Leidenschaft an sich zog und sie sich mit einem sthnenden, halb
hingebenden, halb bangherzigen Laut an ihn schmiegte. Das Innere voll
Erregung kehrte er durch den Garten nach dem Schlosse zurck.

       *       *       *       *       *

Der nchste Tag brachte Axel abermals eine groe, mit peinlichen
Eindrcken verbundene Ueberraschung. Als er mittags nach einem
Spaziergang sein Zimmer betrat, fand er wiederum einen Brief von Imgjors
Hand auf seinem Schreibtisch. Er lautete:

"Noch einmal rufe ich den Kavalier in Ihnen an, Graf Dehn! Ich bitte,
verlassen Sie Rankholm oder befreien Sie mich von dem unertrglichen
Druck Ihrer zwecklosen und unerbetenen Observationen. Ich wiederhole
damit eine schon frher ausgesprochene Bitte!"

Lange wanderte Graf Dehn nach dem Lesen dieses Schriftstckes auf und ab
und erging sich sowohl in Vorstellungen ber die Umstnde, die seine
Entdeckung herbeigefhrt haben konnten, als auch in Gedanken ber dieses
ihn tglich mehr fesselnde und doch fr ihn verlorene, junge Geschpf.

Ein Roman spielte sich zwischen ihnen ab, in dem beide Teile ohne
mndlichen Austausch und persnlichen Verkehr handelten und einer Lsung
zustrebten.

Aber vorlufig stand eine solche noch in weiter Ferne.

Graf Dehn wollte nicht weichen und nicht verzichten. Er wollte dem
Mdchen, das mit scharfer Logik den Kern aus den Dingen zu ziehen, und
was sie zu sagen hatte, mit solcher lakonischen, von allem berflssigem
Beiwerk befreiten Krze von sich zu geben wute, den Beweis liefern, da
der von ihr begehrte Mann nichts anderes sei--jetzt stimmte er Luciles
Auffassung bei--als ein kaltherziger Selbstling, ein zugleich so
dnkelhafter Mensch, da er sogar die ihm zu Gebote stehende
Verstellungskunst, sofern sie nicht seinen Gtzen, Macht und Geld, zu
dienen hatte, verschmhte.

Nach lngerer, sorgfltiger Ueberlegung schrieb Graf Dehn die
nachfolgenden Zeilen an Imgjor:

"Gewhren Sie mir mit Ihrem groen, guten Herzen, das sich nur mir
gegenber so kaltherzig versteckt, dennoch die Erlaubnis, noch einige
Zeit in ihrer Nhe weilen zu drfen! Meine Liebe und meine Bewunderung
fr Sie erhalten in mir den Drang, Sie vor einem Fehlgriff zu behten,
den Sie zu begehen im Begriff stehen. Ich wage zu sagen: Mitrauen Sie
dem Charakter und den Beweggrnden des Mannes, an den Sie, ein so
vollendetes Wesen, alle Ihre reichen Schtze verschwenden wollen, aufs
uerste! Rechnen Sie mit der Erfahrung und der Menschenkenntnis dessen,
der Ihr wahrhafter Freund ist, der auf seine eigenen Hoffnungen
verzichtet, Sie aber wenigstens glcklich wissen mchte! Ziehen Sie,
wenn Sie ein Zusammengehen mit mir zu diesem Zwecke ablehnen,
wenigstens, ich bitte, Graf Knut zu Rate! A.D."

Dieses Schreiben trug Axel selbst zu Imgjors Gemchern hinauf. Er
hoffte, ihre Zimmer offen zu finden. Aber sie waren verschlossen, und
der Schlssel hing nicht mehr auf dem Haken von damals.

Noch im Zgern, wie er es beginnen sollte, ihr das Billet zu
bermitteln, hrte er Schritte auf der Treppe, und da es keinen Ausweg
gab, nahm er kurz entschlossen seine Zuflucht zu einer Portiere, hinter
der er sich verbarg.

Es widerstrebte ihm ein solches Verstecken, aber die Vorstellung, hier
angetroffen zu werden, machte ihm das Blut hei.

Gleich darauf erschien einer der Diener des Schlosses, der sonst nur im
Souterrain beschftigt war, und klopfte, whrend er einen Brief aus der
Tasche zog, an Imgjors Thr. Und noch einmal, da ihm keine Antwort
wurde, und nun schon unschlssig um sich sphend. Zuletzt schob er,
rasch berlegend, mit krftigem Nachdruck das Schreiben durch die
Thrspalte, und nachdem das geschehen, stieg er vorsichtig wieder die
Treppe hinab. Das war also der Mann, der auch ihm, Axel, die Briefe von
Imgjor aufs Zimmer legte! Und das eben von ihm besorgte Schreiben
war--Axel zweifelte nicht daran--von Prest!

Whrend Graf Dehn noch so berlegte, trat er hinter seinem Versteck
hervor, machte es mit seinem Brief wie der Diener und nahm auch, wie
der, lautlos den Weg in sein Zimmer zurck. Sehr begierig war er, wie
ihm Imgjor bei Tisch begegnen werde. Freilich, er konnte es sich mit
Sicherheit vorhersagen. Sie verband es, wenn sie mute, ihre Gefhle
meisterhaft zu verbergen.

Bei Tisch ereignete sich nichts Besonderes. Es wurde vom Grafen ber die
Scharlachepidemie in Kneedeholm gesprochen. Dann wurde ber das
bevorstehende Fest geredet und zulegt wurde auch der Reise nach
Kopenhagen und zugleich stets in dem Sinne Erwhnung gethan, da es
Lavards als selbstverstndlich betrachteten, da Graf Knut und Graf Dehn
sich ihnen anschlieen wrden.

Imgjor war ernst und fr sich wie immer, sie gab aber durch ihr
Verhalten keinen Anla zu irgend welcher Verstimmung. Graf Dehn
begegnete sie--wie er es vorausgesetzt hatte--mit der gewohnten
vlligen Unpersnlichkeit in Blick und Wesen.

Erst nach Tisch fand Axel Gelegenheit, die Grfin zu sprechen. Sie
ergnzte, selbst damit beginnend, ihren jngsten Bericht durch die
Mitteilung, da Imgjor auf die Frage ihres Vaters, ob sie Beziehungen zu
Prest unterhalte, erwidert habe, es sei mglich, da sich ernste
Beziehungen zwischen ihnen entwickeln wrden. Vorderhand tausche sie mit
ihm, dem sie Sympathie, Vertrauen und freundschaftliche Gefhle
entgegentrage, nur ihre gemeinsamen Ideen aus.

"Und was erwiderten Sie beide, gndigste Grfin?"

"Wir erklrten ihr, da wir nicht nur niemals einer Verbindung zwischen
ihr und dem fatalen Menschen zustimmen, sondern alles thun wrden, um
ihn--wie es schon gesagt sei--sobald wie mglich aus dem Gutsgebiet zu
entfernen."

"Und dann? Was sagte Ihr Frulein Tochter hierzu?"

"Dann eben forderte sie ihr Erbteil und ihre Freiheit. Sie schlug, da
ihre Ansichten mit den unsrigen nicht mehr zusammenstimmten, eine
friedliche Trennung vor. Als mein Mann sie fragte, ob sie denn gar kein
Zusammenhangsgefhl fr die Ihrigen leite, entgegnete sie: Gewi! Aber
ich mu mein groes Ziel verfolgen; ihm gegenber bin ich gezwungen,
diesen Regungen meines Herzens zu gebieten. Ich gehre der Menschheit im
groen an, nicht im einzelnen. Ich bin hier ein nutzloser Esser, der
weder befriedigt und erfreut, noch selbst glcklich ist."

"Sie wolle," schaltete ich ein, "aber doch nicht auf eine Verbindung
mit Prest verzichten, mit einem Manne, von dem jeder ihr sage, da er
nichts weniger als ideale, sondern nur selbstschtige Gedanken verfolge,
der sie sicher, wenn der erste Rausch verflogen, grenzenlos unglcklich
machen werde. Dieses Kleben an einer einzelnen unwrdigen
Persnlichkeit, zumal auf Kosten der natrlichen Rcksichten gegen die
Ihrigen, widerstreite doch den von ihr ausgesprochenen Grundstzen
durchaus."

"Und diese Logik entwaffnete sie nicht, Frau Grfin?"

"Nein. Sie erklrte, da kein Widerspruch vorhanden sei, weil sich fr
sie in Prest der Trger der neuen Ideen verkrpere. Zu ihm ziehe sie
die bereinstimmende Ueberzeugung, aber auch der Wunsch nach einem
krftigen Halt und einer mnnlichen Untersttzung fr ihre Plne. Ihre
Herzensempfindungen kmen erst in zweiter Linie in Betracht. Wrde sich
herausstellen, da sie sich nicht angehren knnten, wrde sie zu
verzichten wissen. Eine Entscheidung darber erstrebe sie. Wenn sie sich
entschlsse, ihn zu heiraten, bte sie um gutwillige Zustimmung von
unserer Seite. Wenn nicht, msse sie ohne diese handeln. Ihr Gewissen
spreche sie von jedem Pflichtmangel frei. Sie sei kein lebloser
Gegenstand, kein Ding, ber das man ein ganzes oder beschrnktes
Verfgungsrecht besitze."

       *       *       *       *       *

Die nchstfolgenden Tage der Woche verliefen ohne besondere
Zwischenflle. Das bevorstehende Fest nahm die Gedanken und die
Thtigkeit der Grfin fast ganz und die des Grafen kaum minder in
Anspruch. Auch Lucile war wenig zu haben, da sie sich mit
Ueberraschungen fr den Ball trug. Nur abends wurde, wie gewhnlich,
eine Partie Boston, Pikett oder Schach gespielt, auch fanden gemeinsame
Gesprchsaustausche ber die die Gesellschaft berhrenden Einzelheiten
statt.

Es trafen Zusagen und Absagen ein, und fr letztere mute noch im
letzten Augenblick Ersatz geschaffen werden.

Da ging's ans Ueberlegen, welche Form einer nachtrglichen Einladung die
schicklichste und zugleich erfolgreichste sein werde. Auch lieen
Lieferanten die Kche im Stich. Der Koch hatte seine Not geklagt, und
die Damen muten noch Depeschen und Zuschriften entwerfen, welche
reitende Boten zu besorgen hatten.

Als am Vorabend des Balltages eine gemeinsame Beratung wegen der
Tischordnung stattfand, stellten sich allerlei Schwierigkeiten heraus.
Diesmal saen alle Anwesenden, auch Imgjor, um den im Wohnzimmer
befindlichen runden Sofatisch und hrten dem Grafen zu, der einen mit
smtlichen Pltzen versehenen Entwurf vor sich hatte.

Es fehlten Herren, und es blieb nichts anderes brig, als noch einige
von den Gutsbeamten nachtrglich hinzuzuziehen.

Aber das war dem Grafen durchaus nicht recht, und da ihn gerade
Kleinigkeiten sehr aufbringen konnten, so ergriff ihn auch an diesem
Abend eine Starke Reizbarkeit. Er machte seinem Unmut ber die ganze
Sache in einem wenig rcksichtsvollen Ton Luft.

"Nichts klappt, und ich sehe schon kommen, da wir statt Vergngen
berreichlichen Verdru von der ganzen Fte haben werden!" stie er
heraus. "Gleich war ich gegen diese Ueberhastung. Was eilte denn die
Sache so sehr? Solche Affairen kann man nicht ber's Knie brechen. Nun
haben wir's!"

"Aber, lieber Lavard, die Dinge sind doch mit etwas gutem Willen leicht
zu arrangieren!" fiel die Grfin besnftigend ein. "Wir laden noch den
Oberverwalter, den Oberfrster, den Inspektor und den Gutsfrster ein.
Dann sind wir in Ordnung."

"Ja, ja. Aber das ist mir hchst fatal! Erst sind sie nicht gut genug.
Nun werden sie herbeikommandiert. Die Leute denken doch nach, sie haben
ihr Ehrgefhl. Aber du mut ja immer pltzliche Launen pltzlich
befriedigen, Lucile!"

Erst schwieg die Grfin; sie erblate und schob den Kopf wortlos zurck.
Dann sagte sie in sanftem Ton:

"Lucile kam doch frher zurck, weil wir diesen Ball geben wollten. Wir
waren uns darber einig, da wir ihn bei den vielen Verpflichtungen, die
wir haben, nicht lnger aufschieben knnten. Als du die Reise nach
Kopenhagen anregtest, beschlossen wir gemeinsam, rasch noch die
Einladungen ergehen zu lassen. Der Vorwurf trifft mich also in keiner
Weise, Lavard."

Von der Richtigkeit des Gesagten betroffen, schwieg der Graf. Aber sein
Mimut wurde nicht gehoben, sondern verstrkte sich gerade durch diese
Einwnde so sehr, da er nach einem Gegenstande suchte, auf den er
seinen Mimut ablenken konnte. Und da ihn Imgjors zu Tage tretende
Gleichgltigkeit whrend dieser Beratungen schon mit starkem Aerger
erfllt hatte, da er wute, da sie all' dergleichen Festlichkeiten
mibilligte und infolgedessen laut oder stumm ber ihnen zu Gericht zu
sitzen sich herausnahm, so wendete er sich, seiner Gemahlin zugleich
indirekt eine Antwort erteilend, an seine Tochter und sagte:

"Na ja, es bleibt ja dann nichts anderes brig, und du, Imgjor, kannst
dann morgen vormittag gleich die Herren ohne ihre Frauen unter passender
Erklrung einladen!"

Der zornige Mann verschaffte sich durch diese Worte einerseits die
Vorbefriedigung ber die Antwort, die Imgjor erteilen und durch die er
sie als Partnerin gegen seine Frau gewinnen wrde, andererseits fand er
Gelegenheit, das Feuer des in ihm glimmenden Vulkans ber sie selbst
auszuschtten.

Es verlief auch alles, wie er es erwartet hatte.

"Ich halte es fr unmglich, da wir die Herren ohne ihre Frauen
auffordern!" entgegnete sie. "Eine nachtrgliche, in guter Form
vorgebrachte Einladung an die Familien werden sie nicht bel deuten. Da
aber die Mnner blo als Figursulen an der Tafel sitzen sollen, werden
sie sehr bel vermerken. Bei der ohnehin herrschenden grenden Stimmung,
auch in diesen Kreisen, mchte ich dringend abra--"

"Du hast gar keine Lehren und Anweisungen zu erteilen, sondern zu thun,
was ich dir sage!" fuhr's aus des Grafen Munde. "Wenn's richtig gemacht,
wenn darauf hingewiesen wird, da wir keinen Platz haben, da durch eine
gleichzeitige Invitation der Frauen unser Zweck nicht erreicht, sondern
die Situation noch verschlimmert wird, werden meine Beamten, denen ich
stets mit Gte begegne, die mir Dank schulden und durchaus kein Recht
besitzen, sich in einer grenden Stimmung zu befinden, schon die
notwendige Rcksicht ben. Nebenbei wird das wieder eine der zahlreichen
thrichten Vorstellungen sein, mit denen du deinen Kopf anfllst, statt
dich der nheren Pflicht zu erinnern, die du gegen deine Eltern und
deine Umgebung hast, Pflichten, die in Liebenswrdigkeit, Fgsamkeit,
Erleichterung ihrer Brden, Teilnahme an ihrem Thun und Handeln bestehen
sollten! So, das merke dir!"

Imgjor bi die Zhne zusammen, und man sah's, sie htte am liebsten
einmal voll ausgeholt. Aber noch bezwang sie sich. Sie sagte nur:

"Du uertest doch gegen Mama gerade dieselben Bedenken wie ich, Papa.
Ich begreife deshalb nicht, da ich nun fr etwas getad--"

"Zum Weiter, schweige jetzt und fge dich oder verlasse das
Zimmer!"--sprhte der Graf. "Ich wnsche nicht von dir im Sprechen
kontrolliert zu werden, ich wnsche keine Lehren zu empfangen. Ich
wiederhole frher Gesagtes: Ich habe grade genug!

Und es sei dir bei dieser Gelegenheit gleich einmal notifiziert: Wenn
du nicht den Beziehungen zu dem Menschen da unten in Kneedeholm nunmehr
ein fr allemal ein Ende machst, wenn du nicht ablt von all' dem
Unsinn der Volksbeglckung, der zu keinem anderen Resultat fhren wird,
als da meine Bauern hier oben in Rankholm tafeln und Champagner
trinken, wir aber alle vor den Pflug gespannt werden, so--"

"Deine Bauern sind Menschen, die dieselben Rechte auf Wohlfahrt und
Glck besitzen wie wir, Papa," fiel Imgjor unerschrocken ein. "Und wenn
du es wnschest, so gehe ich nur zu gern. Es deckt sich ja genau mit dem
dir jngst vorgetragenen Ersuchen--"

"Imgjor--ich warne dich--" rief der Graf, sprang empor und fiel fast
ber seine Tochter her. Der Jhzorn hatte ihn wieder einmal bis zur
Besinnungslosigkeit gepackt, und nur durch ein rasches Dazwischentreten
der Grfin, die Imgjor schtzend in ihre Arme nahm, ward Uebles
verhtet.

Auch Lucile, wenn schon in heftigstem Gegensatz zu ihrer Schwester,
legte ihre Hand auf des Grafen Arm und bat durch Mienen und Worte, da
er sich besnftigen mge.

"Lat mich!" rief der Mann und lste sich unsanft von seiner Frau. "Wenn
ich bedenke, da dieses Mdchen meinen Namen trgt, da ich das
hinnehmen soll, ohne die Unverschmtheit zu zchtigen!" Und: "Weit du,
wer du bist?" fgte er hinzu, und seine Mienen entstellten sich noch
mehr.

Aber in diesem Moment flog die Grfin abermals auf ihren Mann zu, fate
ihn, der offenbar etwas sprechen wollte, was niemals enthllt werden
durfte, und verschlo ihm mit der Rechten den Mund.

Und nachdem das geschehen, wandte sie sich zu Imgjor, nahm sie in ihre
Arme und redete besnftigend mit gedmpfter Stimme, auf sie ein. Man
sah's, sie beschwor ihre Tochter, nachzugeben, aber man sah auch, da es
etwas war, wogegen sich ihrer Tochter heie Seele mit trotziger Gewalt
aufbumte.

"Thu's mir zu Liebe, Imgjor! Ksse ihm die Hand und bitte um Verzeihung,
da du dich vergaest--" mahnte sie bittend.

Schon wollte Imgjor nachgeben. Ihr gutes Herz, durch diese liebevolle
Begegnung bezwungen, schien die Oberhand zu gewinnen, als der Graf, der
widerstrebend sich gefgt und zhneknirschend auf und abgegangen war,
bei den letzten Worten der Grfin abermals von seinem Jhzorn erfat
wurde.

"Nein, nein, Lucile, ich will's nicht in dieser Form! Sie soll kommen
und feierliche Zusagen geben fr alles, was ich schon erwhnte. Sie soll
schwren, sich mit dem aufrhrischen Bauernvolk da unten nie wieder
abzugeben, die Beschftigung mit den albernen Phantastereien abzuthun,
sich ihrer Familie zu erinnern, sich ihr zu widmen, wieder die Kirche zu
besuchen, den einfltigen Glauben ihrer Kinderjahre zurckzugewinnen,
ein bescheidenes, fgsames Mdchen zu werden, statt eine Fhrerin des
Aufruhrs, des Unglaubens und der Sittenverachtung!"

"Auch das wird kommen mit der Zeit, Lavard. Nimm heut' frlieb mit ihrer
Bue fr die Geschehnisse des Abends. Ich bitte--ich bitte--und,
Imgjor, hrst du nicht?--Noch einmal--thu's _mir_ zu Liebe, beuge dich
vor deinem Vater, mein liebes Kind!"

Nun schwankte Imgjor abermals. Dann aber sagte sie, sich hoheitsvoll
aufrichtend:

"Nein, ich kann's nicht, Mama, und ich thu's nicht. Nur die Form kann
ich bedauern, wenn ich in ihr wirklich fehlte. Alles andere entspricht
meiner innersten Ueberzeugung und ich bin kein Schilfrohr, das jeder
Wind bewegt. Ich bin ich! Ich bin Imgjor Lavard!--"

Aber wenn bisher die Anwesenden bei den Errterungen nur von
unbehaglichen Empfindungen beherrscht worden waren, so stockte ihnen
nunmehr das Blut.

Wild, sprungbereit, in einer Wut, die etwas Unmenschliches an sich
hatte, strzte der Mann auf seine Tochter zu, fate ihre Handgelenke,
prete das todesbleiche Geschpf auf die Erde herab und hauchte:

"Ja, eine Lavard! Aber--und nun sollst du es wissen--geboren von einer
Mutter, die, eine Jungfrau, ihrer Sitte und Ehre vergebend, ihren Krper
einem Kunstreiter verkaufte, einem Manne von dunkler Herkunft und
niedrigsten Gesinnungen. Aus Mitleid habe ich dich zu dem erhoben, was
du bist. Du bist nicht mein Kind. Ich habe dich als solches nur
adoptiert. Nicht meines, nicht das edle Blut der Lavards, auf das du
trotzest, fliet in deinen Adern, sondern das Zigeunerblut eines
unehrlichen Landstreichers! Und so sollst du es haben! Ich stoe dich
von mir, da du trotz aller Liebe, Zrtlichkeit und Ermahnung kein Reis
sein willst an dem Stamm meines Geschlechts, gar gegen mich, gegen
deinen Wohlthter und Beschtzer die Flinte und die Brandfackel
ergreifen willst! Geh! Geh! Lauf' in die Welt! Thu', was du willst! Aber
rechne nicht mehr auf uns und auf keinerlei Erbe, und wre es ein
Bettel! Ich bin fr dich, du bist fr mich gestorben!"

Er stie sie von sich. Imgjor aber erhob sich rasch und eilte hinaus.--

       *       *       *       *       *

Der Eindruck dieser Vorgnge bte auf die Zurckbleibenden eine
beispiellose Wirkung aus. Die Grfin war erschttert, verwirrt und
bedrngt, da ihr Gemahl das seit ihrer Ehe bewahrte Geheimnis in
solcher Weise und bei solcher Gelegenheit gelftet hatte, und er selbst
erhielt bereits so viel Besinnung zurck, da ihn ein reuevoller Aerger
ergriff, sich und sein Pflegekind mit dieser Rcksichtslosigkeit vor
fremden Zeugen preisgegeben zu haben.

Graf Knut und Frulein Merville empfanden ein Mitleid fr Imgjor, und
Graf Dehn und Lucile waren vorlufig berhaupt nicht imstande, sich von
den Eindrcken der Ueberraschung zu erholen.

Zunchst entfernte sich, taktvoll handelnd, Frulein Merville.

Nach ihr brach Graf Knut auf, nachdem er den beiden Ehegatten lediglich
stumm die Hand gedrckt hatte.

Auch Graf Dehn wollte sich nach des Grafen Fortgang zurckziehen. Schon
erhob er sich und richtete einen bescheidenen Abschiedsblick auf die
beiden Damen. Aber beide hielten ihn durch den Ausdruck ihrer Mienen
zurck.

"Bitte, bleiben Sie, lieber Graf! Wir wollen gemeinsam beraten. Sie
gehren zu uns!" stie dann die Grfin, warmherzig im Ton heraus.

"Nicht wahr, Lavard?"

Und als er zwar nichts erwiderte, aber, obschon finster vor sich
hinstarrend, auch nicht widersprach, fuhr sie fort:

"Nachdem du ruhiger geworden bist, Lavard, wirst du mir erlauben, Imgjor
aufzusuchen und ihr mitzuteilen, da du ihr nochmals Zeit zum Ueberlegen
giebst! Ich bitte dich, thu's! Indem du in solcher Art das Geheimnis
ihrer Geburt enthlltest, statt ihr in ruhiger Stunde und in vlligem
Einvernehmen so Wichtiges zu erffnen, hast du sie, frchte ich, um so
mehr in ihren Plnen bestrkt--"

Und einschmeichelnd, da sie sah, da der Zeitpunkt, ihm solche
Vorhaltungen zu machen, zu frh gewhlt:

"Nein, nein, Lavard! Ich wollte dir nichts Unangenehmes sagen. Aber
meine Bitte erflle! Ich darf Imgjor beruhigen?"

Dennoch fiel die Antwort auf diese verstndige Rede anders aus, als die
Grfin, die ihres Mannes raschen Zorn kannte, aber auch auf seine ebenso
rasche Vershnlichkeit bauen zu knnen gehofft, erwartet hatte.

Nachdem er sich wortlos erhoben und zunchst mit langen Schritten das
Zimmer durchmessen hatte, sagte er in einem festen Ton:

"Nein, Lucile, ich wnsche Imgjor nicht mehr entgegenzukommen. Ist sie
bereit, von dem Menschen da und ihren Thorheiten Valet zu sagen, will
ich trotz meiner beleidigten Gefhle vergeben. Sonst bleibt's bei meinen
Worten! Es wird mir wahrlich nicht leicht--und die Grnde brauche ich
nicht darzulegen--mich von diesem meinem Adoptivkind loszusagen. Ich
gedenke auch der Welt, der man nicht unntig Schauspiele bieten soll.
Aber ich kann, darf und will nicht anders handeln. War ich aus falscher
Liebe oder an anderen in meinem Naturell begrndeten Motiven oft schwach
in meinem Leben, in diesem Fall bleibe ich fest!

Sie geht und wird ihres Erbes verlustig, wenn sie sich nicht fgt! Von
Dingen, wie sie uns solche in der letzten Unterredung vortrug, ist nicht
mehr die Rede!"

"Gut, so werde ich mich also zu ihr begeben und in diesem Sinne mit ihr
sprechen."

Unter diesen Worten erhob sich die Grfin und verlie das Gemach.

"Verzeihen Sie!" hub Graf Lavard nach seiner Gemahlin Entfernung an und
streckte Graf Dehn die Hand mit einem freimtigen Ausdruck entgegen.
"Ich htte gewnscht, da Ihnen andere Eindrcke auf Rankholm geworden
wren, und ich beklage, da Sie mich in meiner Schwche gesehen. Aber
wir Menschen bleiben abhngig von unserm Blut. Jeder hat einen kleineren
oder greren Defekt in seinem Charakter."

Graf Dehn drckte Lavard stumm die Rechte, Lucile aber, durch die
Selbstentuerung ihres Vaters bezwungen, eilte gerhrt auf ihn zu,
umschlang ihn und kte ihn zrtlich auf die Wangen.--

Nach Verlauf von zehn Minuten trat die Grfin bereits wieder ins Zimmer.
Sie war bleich und erregt, und ihre Mienen verkndeten nichts Gutes.

"Nun, liebe Mama? Wie ist's geworden?" stie Lucile heraus und richtete
mit besorgter Miene den Blick auf ihre Mutter.

"Ich habe Imgjor garnicht sprechen, wenigstens keine Antwort erhalten
knnen," erklrte die Grfin und lie sich, sichtlich erschpft, in
einen Sessel gleiten. "Imgjor hat heftiges Fieber. Ihr Krper brannte
frmlich, als ich bei ihr eintrat, und nun eben berkam sie ein sehr
starker Schttelfrost. Sie hatte sich bereits ins Bett gelegt, als
Frulein Merville sie aufsuchte. So habe ich mich denn auf Trost und
zweckmige Anordnungen beschrnken mssen. Frulein Merville wird die
Nacht bei ihr bleiben. Jedenfalls aber mu ein Arzt kommen. Wie soll's
nun werden, Lavard?" "Ah--" stie der Graf, von neuem stark erregt,
heraus, und die Adern schwollen ihm in dem roten Gesicht an.--"Da haben
wir's! Natrlich ist sie doch im Dorf gewesen, und was wir voraussagten,
ist geschehen. Sie hat das Scharlach ins Schlo gebracht! Wahrlich,
unverantwortlich, strafwrdig hat sie gehandelt an sich--und an uns! Da
ist gleich ein Beweis von dem jngst Gesagten: Das Beste in einer
ungeschickten Hand kann zum Verderben werden. Und ich fge hinzu: Das
Ungnstige, weise verwertet, kann zum Segen gereichen. Ja--welcher
Doktor? Jedenfalls soll kein Prest jemals diese Schwelle wieder
betreten. Andreas soll sofort nach Oerebye kutschieren. Klingele,
Lucile, nach Frederik! Gleich soll er fort. Ich schreibe ein paar Zeilen
an den Physikus Mangor in Oerebye."

Und Frederik erschien, empfing ein Billet, das der Graf in dem Kabinett
seiner Frau entworfen hatte, und eilte damit fort.

Und nachdem das erledigt war, richteten die Anwesenden ihre Gedanken auf
das Kommende. Die Mglichkeit oder Unmglichkeit unter solchen Umstnden
den Ball abzuhalten, wurde errtert. Zuletzt wurde beschlossen, die
Entscheidung von der Erklrung des Doktor Mangor abhngig zu machen.

War er dagegen, so sollte in der Frhe alles Personal auf dem Guts- und
Arbeitshof entboten werden, um den Eingeladenen abzusagen.--Freilich,
ein umstndliches vielleicht nicht einmal vllig erfolgreiches Vorhaben.

Es waren nicht nur Gste vom Lande, sondern auch aus den umliegenden
Stdten geladen. Im linken Flgel, der an Imgjors Turmgemcher stie,
waren alle Fremdenzimmer bereits in Stand gesetzt, und auch die unteren
rechtzeitig--oben befanden sich die Festsle, in denen getafelt und
getanzt werden sollte--waren hergerichtet.

Einhundertfnfzig Personen hatten Einladungen empfangen, und schon
wehten von den Trmen die Lavardschen Fahnen in den blutroten Farben,
inmitten das Familienwappen: die Faust mit dem Dolch, gezckt gegen
einen wild sich auflehnenden Geier!

       *       *       *       *       *

Diesmal war's noch gut verlaufen. Imgjor war nicht vom Scharlach
ergriffen worden. Mangor, der noch in spter Stunde erschienen war,
hatte erklrt, da es sich nur um eine starke, aber ungefhrliche
Verstimmung des Magens handle. Die Komtesse werde bei gengender Ruhe
bereits im Laufe des kommenden Tages die Unplichkeit abgeschttelt
haben.

Und wie der Befreiung von einer schweren Sorge allezeit eine um so
Strkere seelische Aufrichtung zu folgen pflegt, so war's auch hier. Dem
Grafen verlieh die Sicherheit, da das Gespenst der Epidemie vom
Schlosse abgewendet war, da er nicht ntig hatte, seinen Gsten
abzusagen, und da somit auch Mhen und Kosten nicht umsonst gewesen,
eine gehobene Stimmung, und in dieser gab er den Bitten der Grfin zu
einer Auseinandersetzung mit Imgjor nach.

Nachdem Lucile und Frulein Merville um die Mittagszeit gemeldet hatten,
da Imgjor bereits wieder aufgestanden sei, begab sich die Grfin zu
ihr aufs Zimmer, und in Axels Gegenwart wiederholte sie dann spter
diesem und den brigen die von dem jungen Mdchen erteilte Antwort.

Sie wolle eine Unterredung mit Prest mglichst bald herbeizufhren
suchen und, nachdem diese stattgefunden, ihren Eltern eine Antwort
geben. Sie bte, ihr diese Frist noch zu gewhren, um jenem gegenber
nicht wortbrchig zu werden.

Werde sie, um nicht das Glck eines anderen Mdchens zu zerstren, auf
Prest verzichten mssen, so wrde sie nochmals die Bitte aussprechen,
Rankholm verlassen und sich ihren Wirkungskreis suchen zu drfen. Sie
wolle sich eine Samariterthtigkeit suchen, sofern ihr ein Werk im
Groen nicht zu gelingen vermge.

Sie schwre dem Vater zu, da sie ihm keine Schande machen werde. Sie
bte, ihr zu verzeihen, wenn sie in der Form gefehlt habe, und auch
deshalb da sie keine andere Antwort zu erteilen vermge.

Endlich hatte sie auf den dringenden Wunsch ihrer Pflegemutter zugesagt,
da sie heute bei dem Feste erscheinen werde.

Alle Anwesenden befanden sich nun in einer starken Spannung, wie sich
der Graf zu dieser Erklrung Imgjors verhalten werde.

Gerechterweise mute man zugestehen, da ihre Erklrung verstndig und
mavoll war, da sie, wenn sie sich nicht selbst verleugnen wollte, eine
andere garnicht geben konnte.

Nach einer geraumen Frist, in welcher der Graf nachgedacht, sagte er:
"Ich gebe jetzt nur die Erlaubnis, da sie bis zu einer Entscheidung
ber ihre Beziehungen zu Prest unter gleichen Verhltnissen wie bisher
in Rankholm bleibt, aber es ist selbstverstndlich, da sie sich whrend
dieser Zeit des Verkehrs mit meinen aufsssigen Bauern enthlt. Kommt
noch etwas vor, dann geht sie sofort!"

Als sich Axel spter mit der Grfin allein befand, teilte sie ihm mit,
da Imgjor ursprnglich keineswegs in einer solchen vershnlichen Art
gesprochen, da sie, die Grfin, aus Klugheit vieles verschwiegen und
ihrem Gatten nur das gesagt habe, was sie Imgjor teils nach schweren
Kmpfen abgerungen, teils noch zu erreichen hoffe.--Nur Auflehnung gegen
ihren Pflegevater habe Raum in ihr gehabt, ihr, ihrer Pflegemutter, aber
habe sie unter dem Dankgefhl fr deren Verhalten in den rhrendsten
Worten alle Schroffheiten, deren sie sich im Laufe der Jahre schuldig
gemacht, abgebeten.

"Der Zufall hat Ihnen, lieber Graf,"--schlo sie ihre Rede--"enthllt,
was ich Ihnen nach einer voranzugehenden, sorgfltigen Prfung Ihrer
Vertrauenswrdigkeit erffnen wollte, deshalb erffnen wollte, damit Sie
erkennen mchten, in wie weit meine Kinder zu Vorwrfen gegen mich
berechtigt waren.--Es ist aber noch nicht alles. Das brige sollen Sie
spter aus meinem Munde vernehmen."

Graf Dehn lohnte diese Worte mit lebhaftem Dank, dann sagte er,
gedrngt, noch mehr zu hren: "Ich bitte, wie fat Komtesse Imgjor die
Enthllung ihrer Geburt auf? Darber uerten Sie nichts, Frau Grfin!"

"Sie hat sich darber nur kurz ausgelassen: Ihre Erregung beziehe sich
auf das Unrecht ihres Vaters, solche Dinge in solcher Form vor fremden
Zeugen auszusprechen.

Ehe ich meinen Vater oder meine Mutter verdamme--uerte sie--mu ich
wissen, wie ihr Lebensgang war, wer sie zu dem machte, was sie wurden.
Meinem Pflegevater bin ich unauslschlichen Dank schuldig, weil er mich
nicht dem Elend und dem Zufall preisgegeben, sondern mich gehalten hat
als sein rechtes Kind. Und eben diese Dankbarkeit veranlat mich, mich
dir zu fgen, frder ihm gute Worte zu geben. Diese Dankbarkeit hat mich
abgehalten, sogleich und fr immer Rankholm zu verlassen. Ich wnsche in
allen meinen Handlungen mglichst gerecht zu sein, auch mich
unterzuordnen, sofern das, was gefordert wird, nicht mit meinen
Ueberzeugungen und Grundstzen in Widerstreit steht."--

Und dann kam der Nachmittag, und mit ihm erfolgte das Anfahren der Gste
im Schlohof von Rankholm.

War das Gut in Stille und Einsamkeit ein unvergleichlich idyllischer
Erdenfleck, so hatte es sich nun in ein buntes Zauberbild verwandelt.

Von allen Zinnen wehten die roten Lavardschen Fahnen. Im Hofe vollzog
sich ein endlos wechselndes Durcheinander von herbeieilenden
Staatskarossen, Fuhrwerken und Landkutschen. Der Treppenaufgang war
geschmckt mit Rosenguirlanden, und da der Abend bereits im Nahen war,
flimmerten hinter allen Fenstern des mchtigen Baues hunderte und
aberhunderte von Lichtern. Und strahlendes Flammenlicht ergo sich
spter von den Kandelabern neben der Freitreppe ber den ganzen Hof, und
in einem Glanzmeer schwammen die Eingnge, die Gesellschaftsgemcher und
groen Festsle im Hauptgebude und in den Flgeln.

Aber auch unten in den Souterrains, wo auf den groen Herden die Speisen
dampften und schmorten, war alles voll eifrigen Lebens. Ein Heer von
weigekleideten Kchen, buntlivrierten Dienern und Lakaien flog hin und
her, treppauf, treppab, und mischte sich unter die in ihren kostbaren
Toiletten und glnzenden Uniformen erschienenen, in den Empfangsrumen
auf und ab wogenden, laut und lebhaft schwatzenden und lachenden Gste,
bis dann der Haushofmeister Frederik das Zeichen zum Tischgang gab und
sich smtliche fnfundsiebzig Paare in Bewegung setzten.

So tafelte und trank man nur in Frstenhusern! Ein solcher Glanz und
Prunk war entfaltet, da selbst Axel, der sich bereits an den Ueberflu
von Rankholm gewhnt hatte, des Erstaunens und der Verwunderung voll
war. Tafelgeschirr stand auf den Tischen, das ganze Vermgen gekostet
hatte.--Silber, aber auch Gold berall! Selbst die Gabeln und die Griffe
der Messer blitzten in solchem edlem Metall.

Massive Vasen und andere kunstreiche, kostbare Schaustcke mit Blumen
aus den Treibhusern gefllt, waren zahlreich verteilt, und silberne
Champagnerkhler, jedesmal fr zwei Personen, fanden, das zischende,
unruhige Na in goldumrnderten Flaschen bergend, neben dem wundervoll
geschliffenen Krystall und Glas, das den Weinen zu dienen hatte, die bei
jedem Gang besonders gereicht wurden.

Die Damen Lavard trugen Geschmeide von Diamanten und Perlen, die einen
schier unschtzbaren Wert besaen, und zudem waren sie die Kniginnen
des Festes.

Die Schnste war Imgjor, die Tochter des Kunstreiters.

Zum erstenmal sah Graf Dehn ihren reizenden Hals. Es konnte keine
gleichen Schnheitslinien, keine vollendeteren Farben geben. Sie
wetteiferten mit dem Marmorglanz der runden, weien Arme.

Und dazu das braunrote, sich in ungeduldigem Wachstum aufbumende Haar,
dazu die dunkelbewimperten Augen, dazu der Krper mit seinen
schwellenden Formen, die entzckenden Hnde, die schneeigen Zhne, die
von einem strmisch pulsierenden Rot durchglhten, kleinen Ohren! Und
wenn sie lchelte--dieses hinreiende, eine unbekannte Welt von Klugheit
und Gte verheiende Lcheln!

Und neben ihr sa, trotz seiner gegen ihre Eltern erhobenen Einwnde,
Graf Dehn.

Gleich, als er ihr den Arm geboten, hatte er eine ihrer Enttuschung
begegnende Erklrung gegeben.

"Es war der Wunsch des Herrn Grafen, da ich Sie fhren sollte,
Komtesse! Ich bat um Ihretwillen, davon abzusehen. Es geschah, weil ich
mein Mglichstes thun wollte, um Ihrem gegen mich geuerten Wunsch zu
entsprechen. Vielleicht bezwingen Sie dieses eine Mal Ihre Abneigung, so
lange in meiner Nhe sein zu mssen. Ich verspreche Ihnen, da ich
versuchen werde, Ihr Ohr durch meine Worte in keiner Weise zu
verletzen."

Schon whrend Graf Dehn gesprochen, hatte Imgjor den Oberkrper
zusammengeschoben und die Lippen auf einandergepret, als ob sie nur so
ihrer Empfindungen Herr zu werden vermge. Aber als er dann mit einem
sanft vershnlichen Ausdruck in ihren Zgen forschte, so eine Antwort zu
erheischen suchte, hob sie stolz das Auge zu ihm empor, sah ihn kalt an
und senkte dann wieder die Wimpern mit einer Miene wie jemand, der, weil
des anderen Gefangener, machtlos sich zu fgen hat.

Zunchst verhielt sich Graf Dehn auf diese stumme Abwehr ebenfalls
wortlos. Aber als von der Dienerschaft bereits die Suppe gereicht worden
war, und nun Imgjor, ohne sie zu berhren, auch ferner in finsterem
Schweigen dasa, hielt's ihn nicht lnger. Zorn und Auflehnung ber ihre
Klte bermannten ihn.

"Sie haben mich nicht einmal einer Antwort gewrdigt, Komtesse Lavard,"
hub er an, nachdem er nach vorangegangener Frage, ob er einschenken
drfe, ihr Glas gefllt hatte.

"Wahrlich! Wenn ich nicht so vieles von Ihnen gesehen, jetzt wieder sich
meine Meinung ber Sie so vorteilhaft verstrkt htte, ich knnte
glauben, es sei doch eines wenigstens bei Ihnen Maske--nmlich, da Sie
ein Herz besitzen. Was that ich Ihnen? Wie begegnen Sie mir, der ich
doch der Gast Ihres Hauses bin? Wie vergelten Sie mir das, was Sie
selbst als vergeltungswert bezeichneten? Es mag Ihnen wenig vornehm
erscheinen, da ich erwhne, wie sehr ich fr Sie stets eintrat, wie
viel ich beigetragen habe, die vorhandenen Gegenstze zu mildern, auch
jetzt den Dingen einen mglichst friedlichen Charakter zu verleihen. Ich
thue es aber, weil ich Ihnen beweisen mchte, da ich Ihr zu Thaten
bereiter Freund bin. Gewi, Sie haben mir deutlich an den Tag gelegt,
da Sie mich verabscheuen, Sie haben mir sogar die Schwelle des
Schlosses gewiesen--aber es drngt sich mir die Frage auf, mit welchem
Recht nach solchem Verhalten von meiner Seite? Ehrerbietung, Rcksicht
und Freundschaft habe ich Ihnen ununterbrochen entgegengetragen!
Erlauben Sie mir ein freies Wort: Sie wollen eine ganze Menschheit
beglcken und besitzen nicht einmal die Fhigkeit, sich einem einzelnen
Menschen in soweit anzubequemen, da Sie die Gesellschaftssitten zu
beobachten vermgen, aus trotziger Voreingenommenheit, aus Zorn, da ich
den Doktor Prest als das hinstellte, was er ist--"

"Nun, was ist er denn?" fiel Imgjor, deren Bste unter dem
freigeschnittenen Ballkleide in eine strmisch tobende Bewegung geraten
war, also, da sie schier den Saum des Gewandes zu sprengen drohte, mit
funkelnden Augen heraus.

"Er ist ein kalter, berechnender Egoist, den nicht Liebe zur Menschheit,
sondern nur Rachsucht erfllt, der einer anderen, der er sein Wort
verpfndet, lediglich deshalb einen Absagebrief erteilt, um die reiche
und vornehme Erbin heimzufhren. Da letzteres sich so verhlt, klang
durch seine Worte, die ich vernahm in jener Nacht. Nur Sie, in Ihrer
blinden Liebe, entraten der Fhigkeit, ihn zu durchschauen, ihm, wie
sonst den Menschen, ins Herz zu blicken und es auf seinen wahrhaftigen
Wert zu prfen."

"Ich bestreite jede Ihrer Behauptungen, Herr Graf Dehn. Und wenig
vornehm ist es in der That--Sie mgen es hren!--zu horchen, und ebenso
unkavaliermig, auf bloe Eindrcke hin einen Ehrenmann derartig zu
verdchtigen. Und da Sie es wissen wollen: Meine Abneigung gegen Sie
leitet sich uns der Thatsache her, da, im Gegensatz zu Ihrem
Selbstlobe, mit Ihrem Eintritt in Rankholm sich alles, was mir Freude
und Hoffnung war und was mir Erfllung schien, in Leid verwandelt hat.
Sie haben von vorneherein gegen Herrn Doktor Prest Front gemacht,
deshalb gleich ohne Zwang und Not den Gast herabgesetzt, weil er anders
geartet als Sie, sich anders gab als Sie, weil er sich Ihrer
hochgeborenen Erhabenheit nicht unterordnete, weil er gleich an den Tag
legte, da es fr ihn nur Menschen, keine Bauern und keinen Landadel
giebt, weil Sie herausfhlten, da ich ihm gut war, da ich ihn Ihnen
vorzog. Und dann haben sich die Meinungen meiner Familie tglich mehr
gegen ihn gekehrt. Frher fand man ihn wohl etwas schroff, aber man
lobte sein krftiges Selbstgefhl! Man schtzte es hoch, weil es
Charakter und Mnnlichkeit verriet. Stets stand er voran, wenn es sich
um Einladungen in unser Haus handelte. Als Arzt wuten ihn alle nicht
genug zu loben, und man gewhrte mir auch ohne Einschrnkungen den
freien Verkehr mit diesem aufgeklrten und zielbewuten Manne. Heute
wrde mein Pflegevater ihn am liebsten tten; meine Pflegemutter und
Lucile hassen ihn. Ihnen habe ich es zu verdanken, da ich pltzlich
eine Ausgestoene, Enterbte bin, whrend ich meinen mir zukommenden
Besitz in den Dienst der groen Sache stellen wollte, in den Dienst der
Veredelung und Aushilfe der Armen und Elenden. So, nun wissen Sie,
weshalb ich den Augenblick verwnsche, in dem Sie ber die Schwelle
traten, weshalb ich Sie wegen Ihrer unerbetenen Eingriffe in unsere
Familienangelegenheiten zu hassen ein Recht habe!--Und da Sie, mein
Herr Graf, heute, nach alledem, noch den Mut und das Wohlgefallen
besitzen, an meiner Seite Platz zu nehmen, beweist mir, da Sie zwar
sehr viel Selbstgefhl, aber minder Zartsinn besitzen, wenig von dem,
dessen Sie sich selbst so beredt rhmen!"

Graf Dehn war wei geworden wie das Leinen der Serviette, die er in
seiner Hand zerknitterte.

Das war eine Freiheit der Rede, die neben ihrem ungerechten Inhalt, der
vllig falschen Auslegung, ja Umkehrung der Dinge, eine Malosigkeit
enthielt, vor der ein Kavalier einer Dame gegenber verstummen mute.
Indem Graf Dehn alles zusammenfate, was ihm an Kraft und
Selbstbeherrschung zu Gebote stand, auch zu einem ruhigen Ton und zu
uerster Sachlichkeit sich zwang, obschon die vor Erregung zitternde
Stimme fast versagen wollte, entgegnete er:

"Es wird eine Zeit kommen, Komtesse Lavard, in der sie erkennen werden,
wie richtig meine Urteile ber die in Betracht kommende Person waren.
Sie werden auch, ich wei es, die unverdiente, ungeheure Krnkung die
Sie mir eben zugefgt haben, abbitten. Ihr gerechtes Herz wird Sie dazu
drngen!--Doch lassen wir ruhen, was ich nur gezwungen berhrte, und nur
eine Frage gestatten Sie mir noch an Sie zu richten: Wollen Sie mir eine
Unterredung gewhren, wenn sich herausstellt, da der Mann, dem Sie im
Begriff sind, Ihr Lebensglck zu opfern, Sie tuschte?"

"Weshalb--? Welchen Zweck soll das haben?"

"Liegt Ihnen nicht daran, Komtesse, etwaiges Unrecht gegen mich gut zu
machen? Ist es nicht doch mglich, da Sie mich und mein Thun falsch
beurteilen? Ist's dann nicht eine natrliche Pflicht, mir eine
Genugthuung zu gewhren? Sie wollen eine Priesterin der Wahrheit, der
Gte, der Gerechtigkeit, der Menschenliebe sein und wollen schon beim
erstenmal stolpern, wo Sie die Probe auf Ihr Ich zu bestehen haben?"

Imgjor bi erst die Zhne zusammen, dann sagte sie: "Wohlan, ich bin
bereit, Sie zu hren, wenn sich das vollzieht, was Sie hoffen--was Sie
aus dieser Hoffnung sogar zur Gewiheit erheben. Sie wird Ihnen zwar nie
werden, und wenn doch, so werde ich, das sei gesagt, nie Ihre Freundin
werden, geschweige mehr--"

"Also, wenn Prest sie betrog, in diesen heilig ernsten Stunden Sie
betrog, so bleibt er immer doch ein Gott und ich ein Unwrdiger,
Komtesse?"

Imgjor reckte den Oberkrper, und in ihrem in der Erregung sich
unwillkrlich ffnenden Munde blitzten die Zhne. Dann sagte sie heftig,
und er hrte, wie sie mit ihrem mit dem weien Seidenschuh bekleideten
Fu ungeduldig den Fuboden berhrte:

"Ich wiederhole Ihnen, Herr Graf, da Prest mich nicht betrgen wird,
da er ein Ehrenmann, da er ein anderer Mann ist als die, welche sich
anmaen, ber ihn zu Gericht zu sitzen!"

"Wohlan, Komtesse! Wenn Sie so reden, so steht Meinung gegen Meinung!
Ich behaupte, da der Mann innerlich in demselben Augenblick von Ihnen
abfallen wird, wo er erfhrt, da Sie nicht die Tochter des Grafen, da
Sie aus Rankholm verbannt und enterbt sind. Und da Sie nun, trotz aller
meiner fgsamen Bitten, den Frieden mir abschlagen, so will ich frder
gegen diesen Mann rcksichtslos kmpfen! Ich will Sie kurieren, jetzt
kurieren gegen Ihren Willen!"

Diesmal entgegnete Imgjor nichts. Sie vermochte es nicht, weil pltzlich
eine Blutwelle ihrem Munde entstrmte. Die Serviette, die sie zum Munde
fhrte, wurde von einem unheimlichen Rot gefrbt. Schrecken ergriff die
Umsitzenden, und ehe noch Graf Dehn helfen, sich um sie bemhen oder gar
am Aufstehen hindern konnte, hatte sie den Saal verlassen.

       *       *       *       *       *

Lange waren die Klnge der Violinen, der Flten, und Bageigen
verklungen. Seit einer Stunde waren sogar die Lichter in dem mchtigen
Rankholmer Schlo mit all' seinen zahlreichen Rumen erloschen, und
alles lag in einem tiefen, festen Schlaf. Nur zwei Personen wachten
noch, sie fanden keinen Schlaf, und er floh sie, weil eine der anderen
unruhvoll gedachte. Freilich geschah's mit sehr verschiedenen
Empfindungen.

Imgjor hate nunmehr den Mann, der in ihr Leben und in ihre Plne einen
solchen Eingriff gethan. Sie hate ihn, obschon ihr vorurteilfreies Ich
ihr zuflsterte, da sie ein Unrecht begehe. Als er damals in Oerebye
die Rede gehalten, hatte sie bei sich gedacht, welch' ein wertvoller
Mann er sei. Aber sie wollte ihm schon deshalb keine Gefolgschaft
leisten, weil sie--wie sie sich vorredete--nichts Halbes, sondern etwas
Ganzes erstreben mute. Ueberdies lag sie in dem Banne Prests, der sie
mit den strksten Fden an sich zog, sie so fesselte, da sie nicht zu
entrinnen vermochte. Der Sohn des Unterdrckten, der, gleich ihr,
aufrumen wollte mit dem Unrecht, gehrte zu ihr, und nun, nachdem sie
vernommen, da sie selbst von jenen abstammte, welche die Armut treibt,
ihr Brot zu suchen, wo und wie sie es finden, fhlte sie sich zwiefach
mit Prest verknpft, hundertfltig mit ihm verbunden.

Voll ingrimmiger Auflehnung bi sie die Zhne zusammen, als sie sich in
diesen Stunden der Nacht der letzten Worte ihres Gegners erinnerte.

Er wrde im Fall Prest mitteilen, wer sie sei, ihn wissen lassen, da
ihr Erbe in Gefahr stehe, sicher ihr verloren ginge, wenn sie ihm,
Prest folge.

Sie zitterte vor der Wirkung seiner Ausladungen aus denselben Grnden,
die sie veranlat hatten, an Prest die Forderung zu stellen, ihr die
Beweise zu geben, da er--ohne Zwang und Unrecht--frei sei.

Ihr Verstand und die Klarheit ihres Geistes fanden auf gleicher Stufe
mit der Tiefe und der Gte ihres Herzens, die sie trieben, sich
selbstlos in den Dienst der Unterdrckten zu stellen.

Einmal, als sie sich vorstellte, Graf Dehn knnte wirklich Recht
behalten, geriet sie in eine solche Aufregung, da ihr Herz in
strmischer Aufwallung pochte.

Wenn auch Prest einer der Millionen Durchschnittskreaturen, wenn auch
er einer der erbrmlichen Ntzlichkeitsmenschen war, wenn wirklich nur
ihr Stand, ihre Schnheit und ihr groer Reichtum ihn hatte reden und
gar als Schurken gegen seine Braut handeln lassen, dann--dann--!

Sie atmete tief, tief auf, und ihre Rechte ballte sich, als ob sie eine
Waffe fasse.

Sie wute nicht, was geschehen werde--ihr grauste vor sich selbst.

Unter solchen starken seelischen Erregungen und Kmpfen, denen sich die
irrenden Gedanken ber ihre Geburt unruhvoll hinzugesellten, tastete der
Tag mit noch mdem Licht an die Scheiben der Fenster und mahnte sie an
Zeit, Umstnde und die noch zu erfllenden Aufgaben.

Sich rasch aufraffend, rckte sie sich an den Schreibtisch, sttzte,
noch einmal ihre Gedanken sammelnd, das Haupt und schrieb sodann mit
fester Hand einen langen Brief erregten Inhalts an Prest, in welchem
sie ihn am Schlu ersuchte, nur auf das zu hren, was sie ihm selbst
mitteilen werde, legte dieses Schreiben im Flur in eine versteckte Ecke,
aus welcher der von ihr insgeheim beauftragte Diener jeden Morgen in der
Frhe vorhandene Briefe an sich zu nehmen und sogleich zu besorgen
hatte, und schlpfte alsdann in ihr Bett.

Und als eben gerade das Gesinde sich wieder unten im Hause zu rhren
begann, fand sie endlich die Ruhe, nach welcher der erschpfte Krper
verlangte.--

Anders Axel.

Durch sein Gehirn wlzten sich die Vorstellungen ber Geschehenes und
Knftiges, und lediglich die Ueberlegung, auf welche Weise er das
ausfhren knne, was er sich nunmehr als fiel vorgesetzt hatte,
beschftigte seine Gedanken.

Er wollte sich vorlufig von der Familie Lavard nicht trennen, Prest
als den entlarven, der er nach den von ihm in jener Nacht gewonnenen,
nunmehr mit Luciles Behauptungen bereinstimmenden Ansichten war, und
Imgjor nicht nur zu heilen, sondern mit ihrer Familie vollstndig
auszushnen suchen.--Ob ein Preis ihm zufiel, mute sich finden. Seine
Liebe und sein berzeugungsstarker Sinn lieen ihn nicht verzweifeln.

       *       *       *       *       *

Die kommenden Tage verflossen den Rankholmer Schlobewohnern unter
allerlei Vorbereitungen zu der Kopenhagener Reise. Auch erledigte der
Graf dringliche Gutsgeschfte mit seinen Beamten und wies unter anderem
auch Untersttzungen fr die von der Epidemie noch immer gleich hart
betroffene, rmere Dorfbevlkerung an. Gegenwrtig gab es kaum ein Haus
mehr in Kneedeholm, in dem sich nicht Schwerkranke befanden oder Tote
tglich hinausgetragen wurden. Der Pastor kam Tag und Nacht kaum mehr
zur Ruhe, da er Sterbende zu trsten, geistliche Handlungen vorzunehmen
und nach den Bedrngten zu sehen hatte.

Und nicht minder war Doktor Prest beschftigt. Wenn er einen der
Betroffenen eben verlassen hatte, rief ihn die Pflicht schon wieder zu
gleichem Zwecke ins Nebenhaus, und so fort. Ueberall Sterbende,
Schwerkranke oder der Genesung Entgegengehende, die der Aufsicht
bedurften.

Aber jegliches, was er that, geschah in einer kurzen, schroffen,
gefhllosen Art. So kam es nicht selten vor, da er die Boten der
Erkrankten mit dem barschen Bescheide abfertigte, sie mten warten, er
sei auch nur ein Mensch, der einen Kopf und zwei Arme habe.

Ein engeres Zusammenwirken zwischen ihm und seinem ausgesprochenen
Gegner, dem Pastor Nielsen, fand nicht statt. Sie bewegten blo das
Haupt, wenn sie sich begegneten, und bedienten sich der
Zwischenpersonen, wenn sie sich etwas mitteilen muten.

Unter den geizigen und krperlichen Anspannungen war Prest zu einer
Frderung seiner Verlobungsplne mit Imgjor, die eine Reise nach
Kopenhagen erforderlich machten, gar nicht gelangt, und wenn schon
dieser Umstand seine Laune zu der allerschlechtesten gemacht hatte, so
war seine Stimmung durch die Vorflle der letzten Tage seine geradezu
feindselige geworden.

Er behandelte in seiner Verstimmung die Kranken sehr rcksichtslos, sie
muten ben, worunter er litt.

Pltzlich war alles ber den Haufen geworfen. Die Mitteilungen, die ihm
von Imgjor geworden, hatten einen geradezu niederschmetternden Eindruck
auf ihn gemacht. Imgjor war die Tochter irgend eines Abenteurers und
keine Lavard; sie war bedroht mit dem Verlust alles dessen, was gerade
eine bestrickende Wirkung auf ihn ausgebt hatte.

So lange Imgjor der Glanz ihres ungeheuren Reichtums umgab, war's dem
Manne nicht schwer geworden, sein Gewissen zu beschwichtigen. Um solchen
Lohn glaubte er sich berechtigt, jener, die sein Wort hatte, einen
endgiltigen Absagebrief zu schreiben.

Um der hohen Ziele willen, die Imgjor im Auge hatte, heiligte der Zweck
die Mittel!

Nun aber stoppte er pltzlich wie ein vor ein Hindernis gestellter
Reiter. Alle bisherigen Beschwichtigungen verfingen nicht mehr, er sann
vielmehr, wie er sich, wenn Graf Lavard seine Drohungen wirklich wahr
machte, wieder von Imgjor zurckziehen knne.

Selbst die Schnheit Imgjors, die ihn gereizt und zeitweilig seine Sinne
bereits zur hchsten Leidenschaftlichkeit angefacht hatten, sank nunmehr
zu einem Nichts herab.

Ihren Enthusiasmus fr die groe Sache, der er nur aus
Selbstsuchtsgrnden und rachschtigen Trieben Vorschub geleistet, die er
in ihrem Sinne als Thorheit bespttelt hatte, belegte er nunmehr mit der
Bezeichnung einer Verrcktheit. Der Gedanke, sie ohne materiellen
Einsatz von ihrer Seite zu heiraten, gar ihren Schwrmereien
Gefolgschaft zu leisten, statt zu raffen, durch Geld und dadurch
gewonnene Macht zu herrschen, schuf eine solche Auflehnung in ihm, da
er bereits berlegt hatte, ob er nicht ohne alle Versuche, den Grafen
Lavard umzustimmen, der Sache ein Ende machen und Imgjor erklren solle,
er knne nun doch die von ihr geforderten Beweise nicht beibringen.

Freilich bedurfte es jetzt, da sie vor der Enterbung stand, eines klugen
Verhaltens. Vorlufig mute er sich geben, wie bisher, mute er in
Imgjor den Eindruck erhalten, da seine Gesinnungen in keiner Weise
erschttert seien. Ungleich regten sich neben diesen Erwgungen auch
wieder Gefhle eines ingrimmigen Verdrusses, so pltzlich um alle
glnzenden Hoffnungen betrogen werden zu sollen. Eine durch den Eintritt
wiedergekehrter, grenzenloser Habsucht hervorgerufene Unruhe
bemchtigte sich des Mannes, die ihn nach Mitteln suchen lie, wie er
dennoch zum Ziele zu gelangen vermge.

Unter solchem Schwanken fiel ihm sein Gnner, Graf Knut ein. Vielleicht
konnte es mglich sein, wenigstens einen Teil des Vermgens, sofern
dessen Hhe der Mhe eines Kampfes wert sein wrde, dem Grafen
abzuringen.

Und da Prest diese Plne schlielich zum Entschlu erhob, so zgerte er
auch keinen Augenblick mit deren Ausfhrung.

Einerseits richtete er ein Schreiben an Imgjor, in dem er sie um eine
abermalige Unterredung ersuchte, und andererseits bat er den Grafen Knut
in einem eilig befrderten Briefe, ihm eine solche nachmittags gewhren
zu wollen.

Ohne Antwort zu empfangen, nhme er an, da ihm der Graf diese
Vergnstigung gewhren wolle.

Und von dem Eingang dieses Schreibens erzhlte Graf Knut, des Grafen und
der Grfin Meinung einholend, in Gegenwart von Axel und Lucile nach dem
zweiten Frhstck, und alle Teile wurden darber einig, da der Graf
diesem Ersuchen Folge leiten msse. Man wolle hren, was Prest zu sagen
habe.

Alles, was einer Klrung der Angelegenheit dienlich sei, drfe nicht von
der Hand gewiesen werden. Aber whrend noch dies stetig wieder in den
Vordergrund tretende, die Gemter beschftigende Thema behandelt ward,
regte sich ein neuer Gedanke in Axel, und ihn zur Ausfhrung zu bringen,
dadurch seinen geheimen Plnen Vorschub zu leisten, erfllte ihn
solchergestalt, da er das Herannahen der nchsten Stunden kaum
erwarten konnte.

Sobald sich die Gelegenheit bot, begab er sich in seine Gemcher und
dann spter, nachdem die dritte Stunde geschlagen, vom Arbeitshofe aus
ins Dorf hinab.

Da Graf Dehn als Kind die drunten wtende Krankheit bereits berstanden
hatte, beschlichen ihn keine Bedenken. Zudem wollte er ein Haus
betreten, an das die Epidemie sich wenigstens bisher nicht herangewagt
hatte. Er wollte versuchen, von Prests Wirtschafterin den Namen der
Braut ihres Herrn in Erfahrung zu bringen.

Es war nicht undenkbar, da ihr, die seine Briefe besorgte, dieser und
der Aufenthaltsort der Dame bekannt waren.

Als Graf Dehn durchs Dorf schritt, fiel ihm auf, wie menschenleer es
war. Wie ausgestorben schien's. Nirgends ein rauchender Schornstein,
nirgends jemand auf der Dorfstrae oder auf den Hfen.

Nur einmal bemerkte er ein tiefgebeugtes, altes Mtterchen, das aus
einem Bauernhause heraustrat und ein Gef an der Pumpe aussplte. Und
nicht einmal emporschauend, schritt sie sogleich und in einer Art
zurck, die ihr beschftigtes Gemt verriet.

Und noch ein menschliches Wesen, der Postbote, kam ihm spter und gerade
dann entgegen, als er die Wohnung des Doktors erreicht hatte.

Den ehrerbietigen Gru des Mannes erwidernd, entfuhr Axel unwillkrlich
die Frage nach Briefen frs Schlo. Er empfing auch solche fr die
Herrschaften, sah berdies Posteingnge fr Prest in der Hand des
Angestellten und trat, nachdem er solche ebenfalls abzugeben sich
erboten, in Prests Haus ein.

Da war alles still. Er suchte sich bemerkbar zu machen, und als dies
erfolglos blieb, wandte er sich dem hinteren Ausgang in der Hoffnung zu,
die Alte entweder auf dem Hofe oder im Garten zu finden. Und da er
dadurch verhindert wurde, sich weiter ins Innere der Wohnung zu begeben,
steckte er, mechanisch handelnd, vorlufig die Postsachen in seine
Rocktasche.

Und dann ersphte er hinten im Garten die alte Frau, welche beim
Kartoffelaufnehmen beschftigt war, und nherte sich ihr.

Nachdem sie sich bei seinem Anblick aus ihrer gebckten Stellung
erhoben, die erdigen Hnde an der Arbeitsschrze abgewischt und ihn
freundlich begrt hatte, sagte Graf Dehn, gleich ohne Einleitung aufs
Ziel steuernd:

"Ich komme mit einer Frage, gute Frau Madsen: Knnen Sie mir vielleicht
sagen, wie des Herrn Doktor Prests Braut heit? Sie haben gewi
bisweilen Briefe nach dem Postkasten am Wirtshaus unten im Dorf getragen
und kennen ihren Namen--"

"Seine Braut? Ja, das wei ich nicht. Aber er schreibt allerdings ab und
zu an ein Frulein. Sie heit--sie heit--Ingeborg Jensen."

"Hm--Danke! Und die Adresse? Es handelt sich um eine kleine
Ueberraschung vom Schlo, deshalb frage ich blo--"

"Adresse? Adresse? Ja, da kann ich mich allerdings nicht darauf
besinnen. Aber sie wohnt bei einen Etatsrat Estrup in Kopenhagen. Das
steht mit drauf."

"So, so, schn! Das gengt, meine gute Frau Madsen. Und sagen Sie dem
Doktor gar nicht, da ich gefragt habe, da ich hier war! Es ist wegen
der Ueberraschung. Sie verstehen?"

Und die Alte nickte, und nachdem ihr Axel ein Geldstck in die Hand
gedrckt und sie noch einiges ber den Gesundheitszustand im Dorf
gefragt hatte, nahm er Abschied.

Als er die Strae hinabschritt, klopfte ihm ungestm das Herz, und als
er wieder in sein Zimmer gelangt war, schrieb er zur Sicherheit sogleich
auf, was er erkundet hatte. Bei dieser Beschftigung kam ihm auch die
Erinnerung an die Briefschaften, die er dem Postboten abgenommen, und
dabei zugleich, da er nun doch vergessen hatte, die fr Prest
bestimmten Eingnge an die Alte abzuliefern.

Er zog eilig alles aus der Tasche, legte die Briefschaften fr Lavards
fr sich und schob das mit einem Bindfaden verknpfte Bndel Zeitungen
fr Prest bei Seite. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich, da auch
Briefe vorhanden waren, und als Graf Dehn solche zur besseren Bergung
berhrte, sah er, da auf der Rckseite der Name Ingeborg Jensen als
Absenderin vermerkt war.

Und da zitterten des Mannes Hnde, und seine Brust hob sich in heftiger
Erregung.

Wie nun, wenn er sie um des Zweckes willen ffnete und ihren Inhalt las?

Aber ein Briefgeheimnis verletzen, dadurch abermals Imgjor einen Anla
geben, ihn einer unkavaliermigen Handlung zu zeihen?

Und doch war ihm durch diesen Zufall das Mittel in die Hand gegeben, mit
einem Schlage vllige Klarheit in die Verhltnisse zu bringen.

Axel hatte die Abrede getroffen, mit Lucile zwischen vier und sechs Uhr
eine Spazierfahrt nach einem der sdlich gelegenen Vorwerke zu
unternehmen.

Er sah nach der Uhr. Die Zeit war gekommen. Er mute sich hinaufbegeben.

Noch in solchem inneren Zwiespalt befangen, begab er sich, vorher die
Briefe in seiner Brusttasche bergend, zu Lucile, bestieg mit ihr das
beide bereits erwartende Gefhrt und kutschierte, es selbst lenkend, aus
dem Schlohof hinaus.

Und als sie dann jenen Weg erreicht hatten, den Axel damals bei seiner
Ankunft beschritten, trat pltzlich Imgjor aus dem Hause desselben Alten
heraus, der Axel an jenem Mittag das Gepck getragen hatte. Ein kalter
Blick traf beide, als sie sie freundlich vom Wagen herab grten.

Nach dem Ball hatte sich Imgjor nicht mehr unten sehen lassen. Sie nahm
die Mahlzeiten in ihrem Zimmer ein, sie war gegenwrtig mit einer im
Gewahrsam befindlichen, ihres Schicksals wartenden Persnlichkeit zu
vergleichen.

Auch an jenem Abend war sie, zum Verdru all' der jungen Herren, die sie
wie Planeten umkreisten und um ihre Gunst zu werben suchten, nicht
wieder zum Vorschein gekommen.

"Wenn ich mir diese ganze Angelegenheit berdenke," hub Lucile an,
"will's mir nicht wie Wirklichkeit, sondern wie ein Roman erscheinen.
Meine Schwester ist nicht meiner Mutter Kind! Mein Vater fhrt die
Entlarvung ihrer Geburt herbei! Ich sehe die Mglichkeit, Imgjor
wirklich zu verlieren, sie hinausgehen zu sehen in die Welt als
Predigerin des Umsturzes, zugleich als Frau eines Prest, eines
rachschtigen Fanatikers, eines Unwrdigen! Heute zweifeln Sie doch auch
nicht mehr daran, da der Mensch ein solcher ist, Graf Dehn?"

Zunchst wich Axel Luciles Fragen noch aus. Er wnschte einen anderen,
ruhigeren Ort zu erreichen, um Lucile Mitteilungen zu machen. Erst als
sie das Vorwerk erreicht hatten und sie hier in einen altmodisch
bestellten, hinter dem Wirtschaftshaus befindlichen Garten traten, sagte
er nach schicklicher Einleitung:

"Ich mchte Ihnen etwas sagen, Komtesse! Ich mchte Sie bitten, mir zu
raten--"

Und dann eine von Ulmen eingefate Hhe besteigend und Lucile zum
Niedersitzen auf einer hier befindlichen Bank auffordernd, berichtete er
ihr, nachtragend, nicht nur von dem Gesprch, das zwischen ihm und
Imgjor am Ballabend stattgefunden hatte, sondern auch von dem, was heute
im Dorf geschehen war.

Seinem Vortrage hrte Lucile mit grter Spannung zu, und whrenddessen
verrieten ihre Mienen nichts anderes, als ein sachliches Interesse.

Als Graf Dehn aber die Frage aufwarf, ob es zur mglichen
Wiedergewinnung und Umkehr Imgjors nicht Pflicht sei, den Inhalt der
Briefe zu untersuchen, schttelte sie den Kopf mit einer Miene, in der
ausgedrckt war, da sie den bloen Gedanken schon nicht begreifen
knne.

Aber noch etwas anderes kam in einem deutlich erregten, Luciles
sonstigem ausgeglichenem Wesen nicht entsprechendem Tone zum Vorschein.

"Sind Sie denn noch immer nicht kuriert, Graf Dehn? Ich sollte denken,
da Ihnen nach solchen Erklrungen doch der Geschmack vergehen
und--pardon--Ihr Selbstgefhl Sie zurckhalten sollte, um meine
Schwester zu werben! Sie wissen, wie ich ber Imgjor, die ich auch
ferner als mir zugehrig ansehe, denke. Mein Urteil ber sie hat sich
nicht verndert und kann sich nicht ndern, aber da Sie beide nach all'
diesen Vorgngen nicht fr einander passen, da Sie ebenso unglcklich
werden wrden, wie sie es mit Prest sicher wird, erscheint mir ganz
zweifellos."

Graf Dehn wurde durch diese Sprache sehr betroffen, so betroffen, da er
nicht einmal zu einem ausgleichenden, seine Empfindungen klarstellenden
Gegenwort gelangte.

Was er sich bei frherer Gelegenheit wieder aus dem Sinn geschlagen, war
in ihm diesmal zur Gewiheit geworden: Ein eiferschtiges Interesse fr
seine Person hatte Lucile sprechen lassen! Aber er sagte sich auch, da
er eine groe Thorheit begangen habe, sie abermals in seine Plne
einzuweihen, ja, da er, da es geschehen, fortan auf Rankholm--ohne
Luciles Freundschaft--einen unhaltbaren Stand haben werde.

Unter solchen Gedanken suchte Graf Dehn vergeblich nach einem Ausgleich.

Seiner Neigung und seinen Entschlssen untreu zu werden, weil ein
anderes weibliches Wesen ihn deshalb verurteilte, konnte nicht einmal
Gegenstand seiner Ueberlegung sein.

Freilich hatte sich auch inzwischen wieder in Lucile eine Wandlung
vollzogen.

Sie, die Stolze, die ihre Hand nur nach einer Frstenkrone hatte
ausstrecken wollen, bereute, sich so vergessen, sich so vor ihm
blogestellt zu haben. Sie mute deshalb darauf bedacht sein, ihm so
rasch wie mglich die Eindrcke zu nehmen, die sie aus ihrer von ihrem
Herzen gedrngten Unvorsicht in ihm hervorgerufen hatte. Niemals sollte
er ein Recht haben, zu glauben oder gar zu behaupten, da sie sich ihm
genhert, durch ihre Haltung um ihn geworben habe. Mit diesem
Augenblick, den er nicht benutzt hatte, ihr wenigstens einen Brosamen zu
gewhren, erstickte sie mit ganzer Kraft ein fr allemal ihre Gefhle
fr ihn, zwang sie sich, ihrer Natur aber auch insofern zu gebieten, als
sie ungerechte oder gar feindliche Gesinnungen gegen den Mann, der sie
verschmht hatte, nicht aufkommen lassen wollte.

Infolgedessen sagte sie, sich zu uerster Sachlichkeit auch im Ton
zwingend:

"Miverstehen Sie mich nicht, Graf Dehn! Wir wrden an sich alle sehr
glcklich sein, wenn Sie uns durch eine Verbindung mit Imgjor so nahe
wie mglich rckten, wenn unseren bereits vorhandenen, warmen
Beziehungen noch dieser Stempel aufgedrckt wrde. Ich habe Sie nur in
ihrem Interesse warnen wollen, nicht einem Phantom nachzujagen. Wenn
Imgjor Ihnen dennoch ein Jawort geben wrde, Sie vor schweren
Enttuschungen zu behten. Ich will trotz meiner Ansichten, wenn Sie es
wnschen, dennoch Ihre Verbndete sein. Nur stehen Sie davon ab, in
solcher Weise den Knoten lsen zu wollen! Das, eben das wrde eine
Imgjor mit ihrem sein ausgeprgten Gerechtigkeitssinn Ihnen nie
verzeihen. Es ziert Sie nicht. Nur einen Weg gbe es--und da wir ihn
beschritten haben, mte ein unverbrchliches Geheimnis zwischen uns
bleiben. Wir knnten Imgjor die Briefe zustellen. Sie mag dann thun, was
ihr gutdnkt."

Durch diese Worte wurde Graf Dehnaufs angenehmste berhrt. Whrend er
sich schon der kummervollen Befrchtung hingegeben hatte, da sie ihm
seine Zurckhaltung mit Feindseligkeit lohnen werde, baute sie Brcken
zu ihm, die von neuem von ihrer Klugheit, ihrem Takt, ihrer Erziehung
und ihrer vornehmen Gesinnung Zeugnis ablegten.

Aber deshalb ward er auch gedrngt, nichts Unklares mehr zwischen
ihnen bestehen zu lassen, auch seinerseits zu festen, guten
Freundschaftsbeziehungen durch offene Bekenntnisse beizutragen.

"Ich danke Ihnen, danke Ihnen von ganzem Herzen, Komtesse," hub er an.

"Und gestatten Sie, da ich auf alles, was Sie berhrt haben, eine
freimtige Antwort erteile. Unter normalen Verhltnissen wrde mir
wahrlich niemals auch nur der Gedanke kommen, ein Schriftgeheimnis zu
verletzen. Ich betrachte es, gleich Ihnen, als ein Vergehen. Aber wir
drfen, wo es sich um die Wohlfahrt eines uns nahegehenden Menschen
handelt, um ein Wesen, da wir in dem Sinne lieben, da wir unser
eigenes Leben ihm opfern wrden, Anschauungen und Bedenken, die sich uns
sonst durch unsere Grundstze aufdrngen, nicht aufkommen lassen. Wie im
Kriege niemand die uerste List verwerflich finden wird, um den Feind
zu bezwingen, so giebt's Lebensverhltnisse, wo Gewohnheitsanschauungen
zurcktreten mssen.

Ein Mann wird ein junges Mdchen nicht pltzlich umfangen und an sich
pressen. Aber wenn es ins Wasser strzt und die Fluten ber ihm
zusammenschlagen, hat der Retter das Recht zu einer solchen Berhrung.

Also die Umstnde entscheiden ber die Handlungen. Die Dinge sind eben
das, wozu jene sie machen und was wir durch unsere Auffassungen in sie
hineinlegen.

Ich sage das alles, weil ich gerade von Ihnen--die meinem Herzen nach
Imgjor am nchsten unter den Frauen auf der Welt steht--verzeihen Sie
mir diese offene Sprache!--nicht falsch beurteilt werden will.

Und dann noch eins: Mich treiben mein Mitgefhl und meine Pflicht. Sie
stehen mir ber der Sicherheit, dadurch gerade alles, was ich wnsche,
begraben zu mssen.

Mein Herz zittert schon, wenn ich denke, da dieses schne, edle, nur
falsch beratene Mdchen unglcklich werden, da sie einst weinen und
schluchzen, da ihre Seele in Nten liegen knnte, da ihr wirklich die
frchterliche Enttuschung wrde, die ich frchte. Ein Mensch, wie
Prest, wird sein Weib, wenn es sich ihm nicht willenlos unterordnet,
knechten, gar mihandeln! Ich stelle mir vor, da er solches thun
knnte, und mein Inneres schwillt unruhvoll auf in grenzenloser Sorge
und Mitleid um sie. Ich kann's nicht ndern. Ich liebe sie mit heier
Zrtlichkeit, und eben diese meine Liebe lt mich handeln. Ich danke
Ihnen im brigen fr Ihre Zustimmung. Vielleicht knnen wir die Briefe
in ein Kouvert stecken, es mit verstellter Hand berschreiben und Imgjor
zustellen."

Aber Lucile bewegte bei diesem Vorschlag die Schultern und zeigte eine
zweifelnde Miene. Er gefiel ihr nicht.

"Nein, ich mchte anders raten, lieber Graf," hub sie an. "Was Sie
vorschlagen, kann einen Verdacht auf Personen lenken, die
gnzlich unschuldig sind. Das Verfahren kann auch dem Postboten
Unannehmlichkeiten bereiten. Ich meine so: Ich gehe zu meiner Schwester,
sage ihr, da Briefe fr Prest mit in unsere Post geraten seien, und
berlasse es ihr, durch Oeffnen ihr Schicksal zu entscheiden oder sich
zu bescheiden. Freilich ist auch das nicht ganz der Wahrheit
entsprechend, aber wir handeln so am ehrlichsten."

"Ja, so ist es gut, so ist's noch besser, Komtesse! Auch dafr danke
ich Ihnen!" stie Graf Dehn belebt und einen Blick ehrerbietiger
Bewunderung auf das junge Mdchen richtend, heraus.

"Immer entscheiden Frauen richtig!"

Ungleich beugte sich Graf Dehn auf Luciles Hand herab und drckte einen
Ku darauf. Und Lucile scho, obschon sie dagegen kmpfte, ein Blutstrom
in die Wangen, und sie zitterte heftig.

Sie liebte den Mann, und sie litt, weil er sie verschmhte, schwere
Qualen.

       *       *       *       *       *

Wieder saen sie alle abends im Schlosse Rankholm beisammen, und
abermals war von nichts anderem die Rede als von Imgjor.

Und jetzt beschftigte sie ausschlielich der Inhalt der Unterredung,
die zwischen dem Grafen Knut und Prest stattgefunden hatte. Jetzt eben
erhob sich nach sehr lebhaften Errterungen Graf Lavard und sagte,
zugleich diese Gelegenheit zu einem Bekenntnis ergreifend:

"Gewi! Als ich neulich Imgjor in solcher Weise begegnete, ri mich der
Zorn hin, und im Zorn traf noch niemand das Rechte. Aber ich erklre
auch jetzt aufs Entschiedenste nochmals, da ich auf meinen Bedingungen
beharre. Also das, lieber Graf, ist meine, durch nichts zu
erschtternde Antwort. Und Herrn Prest nochmals oder jemals berhaupt
wieder zu empfangen, lehne ich definitiv ab! Und nun, liebe Merville,
bemhen Sie sich zu Komtesse Imgjor hinauf und bitten Sie sie, zu
erscheinen. Sie soll hren, was ich zu erwidern habe, und ich will nun
gleich ihr letztes Wort vernehmen--"

Aber jetzt erlaubte sich Graf Dehn auf den Grafen einzusprechen.

Indem er sich der vollen Kunst seiner Gewandtheit bediente, bat er ihn
instndig, heute noch keine Entscheidung zu treffen, Imgjor noch eine
grere Frist zu gewhren. Er wisse, da erst in diesen Tagen Imgjor
Aufklrungen ber das Verhltnis Prests zu seiner bisherigen Braut
empfangen werde. Imgjor sei deshalb noch gar nicht in der Lage, eine
bejahende oder verneinende Antwort zu erteilen. Und zum Grafen Knut
gewendet, den immer noch ein Interesse fr Prest beherrschte, und der
solches auch bei dieser Gelegenheit an den Tag gelegt, fragte er:

"Hat Ihnen Prest nicht auch dergleichen gesagt, Herr Graf? Oder hat er
behauptet, da seine Beziehungen zu seiner Braut vllig gelst seien?"

"Nein und ja," entgegnete der Graf. "Es war dies der einzige Punkt, der
mich etwas stutzig machte. Er entgegnete auf meine Frage, ob er Komtesse
Imgjor unter allen Umstnden heiraten wolle, da er darauf heute nicht
antworten knne. Ohne Zustimmung der Eltern sie aus dem Hause zu reien,
widerstrebe doch seinem Empfinden--"

"Ah--ah--oder vielmehr seiner habschtigen Seele!" fiel Graf Dehn
verchtlich ein.

"Also eine Hinterthr lt er sich doch offen! Wahrlich, Sie handeln
lediglich in Komtesse Imgjors Interesse, wenn Sie, ihr jeden
Vermgensanspruch verweigern zu wollen, vorgeben, Herr Graf--" hier
wandte sich Axel an den Hausherrn. "Ich mchte jetzt beinahe einen Eid
darauf ablegen, da Prest selbst zurcktritt."

       *       *       *       *       *

Im Rankholmer Schlo lagen, wie frher erwhnt, die dem tglichen
Gebrauch dienenden Gesellschaftsgemcher nach der Parkseite hinaus. Im
Flgel zur Linken, wo im Zwischenturm Imgjor wohnte, dehnten sich die
Festrume, und im Flgel rechts, ebenfalls mit dem Ausblick nach
Kneedeholm, befanden sich die Privatzimmer des Grafen.

Als Lucile in der Absicht, Imgjor die Briefe von Prests Braut
einzuhndigen, vor dem Abendessen aus ihrem Zimmer trat, gab ihr der ihr
begegnende Frederik auf ihre Frage, ob sich die Komtesse auf ihrem
Zimmer befinde, die Antwort, da sie nach Tisch das Schlo verlassen
habe und noch nicht zurckgekehrt sei. Aber whrend Lucile nach
Frederiks Entfernung noch unschlssig dastand, tauchte gerade Imgjor,
welche die Haupttreppe von der Schlohofseite her emporgestiegen war,
auf dem Flur auf. Sie begrte Lucile durch eine kurze Verneigung des
Kopfes, wandte sich dann aber sogleich, ohne Anrede, dem Korridor zu.

"Ich mchte dich gern sprechen, Imgjor!" hub Lucile, sich Imgjor
nhernd, an.

"Wenn's dir genehm ist, treten wir in mein Zimmer--Ich bitte--!"

"Was ist denn?" fiel ihr Imgjor in einem mden Ton in die Rede. "Willst
du mich auch belehren, Lucile? Es ist besser, du stehst davon ab! Ich
kann dir und euch allen jetzt keine Antwort erteilen. Jedes Sprechen ist
nutzlos. Heute werde ich Prest sehen, und von dem Ausfall seiner
Erklrungen ist die abhngig, welche ich euch geben werde."--Und dann in
einem vernderten Ton: "Ach--glaube mir, Lucile--ich leide! Ich nehme
die Dinge nicht leicht, ich bestehe einen schweren Kampf. Aber ich kann
doch nicht anders!"

Und dann brach sie in ein stilles Weinen aus--auch lehnte sie sich
pltzlich--des Ortes nicht achtend--an Luciles Brust.

"Komm, Imgjor, meine Imgjor! Nicht hier! Tritt zu mir herein! Wir wollen
dort weitem reden. Ah--ah--wie du fassungslos bist! Arme, liebe Seele!"

Unter solchem Zuspruch zog Lucile Imgjor ins Wohngemach, hie sie dort
sich ans Fenster setzen, rckte gleichfalls einen Stuhl herbei, ergriff
der noch immer heftig Schluchzenden Hnde, hielt sie fest und sah ihr
liebevoll in die Augen.

"Ich bitte dich--" redete sie auf sie ein--"sprich dich einmal
ordentlich aus! Sieh mich an als deinen besten Freund! Wahrlich,
Imgjor, ich denke nichts anderes als dein Glck. Aber sei gerecht! Thust
du nicht selbst alles, um es zu verscherzen?"

"Ich mu so handeln, wie meine Natur es verlangt, Lucile! Ja, wenn's
etwas Schlechtes wre! Ich will aber doch nur Gutes. Und da ich den
Doktor liebe, kann ich dafr? Man folgt seinem Trieb und Herzen, und
soviel man auch Vernunft zu Hilfe nimmt, man vermag ihrer Gewalt nicht
zu widerstehen. Was ich will, sagte ich dir: Ich will Prest nochmals
auffordern, mir die Beweise zu geben, da er frei ist. Ich will ihn
fragen, ob er auch dann zu mir halten will, wenn mich Papa verlt.--In
allen Fllen reise ich, wenn er es erlaubt, mit euch nach Kopenhagen.
Wer wei, ob sich mein Schicksal nicht bereits heute entscheidet. Ich
bin--pltzlich--selbst--irre--geworden.--Vielleicht liebt er mich gar
nicht--wollte er nur mein Geld--wie all' die anderen--"

Abermals brach die Stimme, abermals krzten Thrnen aus den Augen des
schnen Mdchens.

Die Rinde, die sich um ihr Herz gelegt hatte, war geborsten.

Nun, in diesem Augenblick glich sie einem bedrckten Kinde, das ganz
Gefhl ist, das nach Trost und Hilfe sehnschtig verlangend die Hnde
ausstreckt. Die Starrheit, der Trotz, der unbeugsame Wille waren
gebrochen.

Und da schien denn Lucile der Augenblick gekommen, um mit ihren Plnen
hervorzutreten.

Indem sie Imgjor zrtlich in die Arme nahm, sagte sie:

"Hre, Imgjor, was ich dir sagen wollte, und lasse mich dir
wiederholen, wie wir alle bereinstimmend denken: Papa wird dir
keinerlei Hindernis in den Weg legen, auch in Ankunft dein edles
Menschentum zu bethtigen. Er will nur nicht, da du dich in den Dienst
jener Beglckungsideen stellst, die er und die alle Ruhigdenkenden als
verderbliche betrachten. Von Prest haben wir smtlich, auf unsere
Eindrcke gesttzt--ich wiederhole dir's--die ungnstigste Meinung. Die
Unterredung zwischen ihm und Graf Knut ist resultatlos verlaufen. Papa
will sich auf nichts einlassen. Dich nun also zu berzeugen, da Prest
deiner nicht wert, halten wir fr unsere Pflicht und Aufgabe. Unsere
Liebe diktiert unsere Schritte. Ich bin zufllig in den Besitz von
Zuschriften gelangt, die Prests Braut an ihren Verlobten gerichtet hat.
Sie sind durch den Brieftrger zwischen unsere Postsachen geraten. Das
junge Mdchen heit doch Ingeborg Jensen, nicht wahr?"

"Ja--ja--gewi! Allerdings! Und du hast diese Briefe? Und du hast sie
gelesen?"

"Nein, Imgjor, ich habe sie nicht geffnet. Ich fand sie, wie gesagt,
und nahm sie an mich und behielt sie, da ich den Namen Ingeborg Jensen
aus Kopenhagen als Absenderin darauf vermerkt fand. Auch das trifft zu,
nicht wahr? Sie ist doch in Kopenhagen?"

Imgjor rckte den Oberkrper und nickte. Ihre Hnde aber griffen, indem
sie die Frage Luciles stumm besttigte, nach den Schriftstcken.--

"Sieh', Imgjor, wenn du sie ffnet, so wirst du erfahren, wie die Dinge
liegen; du wirst wissen, ob Prest dich tuschte--oder ob er wenigstens
in diesem Punkte ehrlich war. Ich rate: Lies sie und darnach entscheide!
Mir ahnt es--diese Probe wird dich heilen!"

Zunchst gab Imgjor keine Antwort. Nur Laute der Erregung drangen aus
ihrem Munde.

"Also doch--doch--in Kopenhagen, und mir sagte er--" stie sie gegen
ihren Willen heraus. Dann prfte sie, ihre Thrnen trocknend, das
Kouvert und den Absendervermerk und sagte nach kurzem Nachdenken fest:
"Nein, Lucile, niemals werde ich fremde Briefe ffnen! Wenn ich mich
solcher Mittel bediene, bin ich der Freundschaft eines Ehrenmannes nicht
wert. Ich halte Prest auch jetzt noch fr einen solchen, wenn er auch
vielleicht um seiner Liebe, um der hheren Zwecke willen, mir mehr
beschwichtigende, als wahre Erklrungen gegeben hat. Vielleicht wute
er's selbst nicht besser; vielleicht glaubte er, da seine Braut nicht
mehr in Kopenhagen sei.

Aber ich will etwas anderes thun: Ich will ihn auffordern, die Briefe in
meiner Gegenwart zu ffnen und mir vorzulesen.

Ist er der, fr den ich ihn halte, entspricht ihr Inhalt dem, was ich
voraussetze, so wird er keinen Augenblick zgern, meiner Aufforderung zu
entsprechen.--Strubt er sich aber--nun so--" Sie unterbrach sich,
richtete den Blick geradeaus und schluchzte:

"O, lieber Gott, erlse mich doch von diesen frchterlichen Zweifeln!
Zeige mir den rechten Weg!"

Und wieder innehaltend und Lucile mit einem traurigen Blick anschauend,
sagte sie:

"Nicht wahr, Lucile, du liebst den Grafen Dehn? Ich bitte dich, schenke
mir dein Vertrauen, sei auch du so aufrichtig, wie ich es in dieser
Stunde gegen dich gewesen bin!"

"Weshalb befragst du mich darum, Imgjor?"

"Weil ich diesen Mann niemals heiraten werde, ihn aber doch fr so
wertvoll halte, da ich ihn dir von ganzem Herzen gnne. Nhere dich
ihm, suche sein Herz! Ich will dir dadurch helfen, da ich entweder
Prests Gattin werde oder mich euch fr immer entziehe. Mir bleibt dann
ein anderer, herrlicherer Brutigam. Mein Brutigam soll--" hier flammte
des Mdchens Auge begeistert auf--"auch ferner die leidende Menschheit
sein! Kann ich nicht im Groen wirken, so will ich ein Freund, ein
Retter, ein Helfer der verschmten Armen, der vielen Elenden und Kranken
werden. Ich will zu denen mich begeben, von denen ich ausging. War mein
Vater ein Mann aus dem Volke, sank er,--einer von den Tausenden, welche
Elend und verkehrte Erziehung auf Abwege fhrten--, so will ich
versuchen, meine gleich bedrngten Mitmenschen vor Gleichem zu bewahren,
will als Kind meiner Eltern in solcher Weise ihre Fehler nach Krften
shnen. Ich wei, der gerechte und barmherzige Schpfer wird mir
zulcheln, wird meine That mit Erfolg krnen! Und ich bitte dich,
Lucile, gieb mir Antwort auf meine Frage: Liebst du Axel Dehn--?"

Einen Augenblick zgerte Lucile noch. Sie schob den Kopf zurck und
drngte die Lippen zusammen. Dann sagte sie:

"Nun wohlan, Imgjor: Ja, ich liebte ihn! Aber er hat mich nicht gewollt,
mich gar zurckgewiesen. Und das vergit eine Lavard nie! Verschmhst du
ihn--ich habe seit dem heutigen Tage fr immer auf ihn verzichtet--"

Imgjor sah Lucile an und forschte in deren verschlossenen Zgen.

Blsse war auf ihre eigenen Wangen getreten. Es blieb unentschieden, was
sie dachte, wie die Worte Luciles auf sie gewirkt hatten. Bevor sie sich
aber trennten, umarmte sie ihre Schwester in heftiger Bewegung, neigte
sich zu ihr und kte sie wie ein Mensch, den das Ueberma des Gefhls
verhindert, zu reden.

       *       *       *       *       *

Am nchsten Sptnachmittage empfing Imgjor, im Einverstndnis mit ihrer
Mutter, den Doktor Prest im Wegwrterhuschen.

Heute eilte sie ihm nicht entgegen. Sie sa, das Haupt auf die Hand
gesttzt, am offenen Fenster und starrte hinaus. Einer bemerkte sie,
Graf Dehn. Wissend, da heute die Zusammenkunft mit Prest stattfinden
werde, hatte er sich nach einem vorhergegangenen Spaziergang dahin
begeben, und sah Imgjor dort sitzen.--

Prests Eintritt entri sie ihren trben Gedanken. Unruhig ging's durch
ihre Glieder, ihr Herz klopfte strmisch. Sie wute es, da jetzt die
Entscheidung kommen wrde.

Aber in Prest war bereits alles gefestigt. Das unbedacht geschlossene
Bndnis wieder zu lsen, beschftigte ihn allein.

Graf Knut hatte ihm einen Brief gesandt. Durch dessen Inhalt war er
belehrt worden, da Imgjor nichts zu erwarten habe, da ihm die Zukunft,
hielt er an ihr fest, eine unertrgliche Last aufbrden werde.

In solcher inneren Verfassung hatten beider Mienen etwas uerst
Unfreies. Prest knpfte sogleich an die Zeilen des Grafen Knut an. Er
erzhlte ihr, was sie schon von Lucile wute, und gab sich sehr
bedrckt.

"Was ist uns Geld und Gut, wenn wir einigen Herzens sind, Erik!" fiel
Imgjor ein.

"Gewi, den groen Zielen, die wir verfolgen wollen, ist ein Hemmschuh
angelegt. Aber es bleibt uns das lebendige Wort fr die Sache, dadurch
fr das groe Werk zu wirken, es zu frdern!"

"Wirst du aber gegen den Willen der Deinigen dich aufraffen knnen,
Imgjor? Wird dir nicht die Reue kommen? Alle Brcken brichst du hinter
dir ab! Hier in Kneedeholm knnen wir nicht bleiben. Ich mu erst einen
neuen Wirkungskreis suchen, wieder einen Erwerb finden. Dann erst knnen
wir an eine Verbindung denken. Was willst du in der Zwischenzeit
beginnen? Wir sollen beide leben! Ich bin ohne Mittel! Deshalb betonte
ich die Notwendigkeit, deinen Adoptivvater wenigstens zur Herausgabe
eines Bruchteils seines Vermgens zu bewegen. Nach des Grafen Knut
Bericht wird er sich dazu nicht verstehen. Was aber soll dann werden?"

Imgjor hatte Prest mit starrem Ausdruck zugehrt. So kalt, so nchtern,
so voller Bedenken hatte er gesprochen, so gefhllos das alles
vorgebracht! So ganz anders hatte nun, da sie ein armes Geschpf war,
rmer als irgend eine Bauerstochter in Kneedeholm, seine Rede gelautet!
Statt der bisherigen strmischen Worte, statt des zrtlichen Flehens,
statt der Beteuerungen und Bitten, ihm zu folgen, ihm zu glauben und zu
vertrauen, alles leicht zu nehmen, nur ihr knftiges Glck und die
groen Ziele ins Auge zu fassen--sa nun ein feiger Schwchling ihr
gegenber. Ach, noch weit mehr! Und diese furchtbare Erkenntnis trieb
ihr das Blut gegen das ohnehin erregte Herz.

Jedes Wort hatte die Absicht verraten, sie so rasch wie mglich wieder
von sich abzuthun, rckgngig zu machen, was er hundertfltig beteuert
hatte.

Dennoch beschlo sie, zu ihrer vlligen Heilung den Becher auszukosten.

Sie sprach, sich zur Fassung und zu einem freundlichen Gleichmut
zwingend:

"Ich denke anders als du, Erik! Liebe kennt keine Berge und Abgrnde.
Sie berwindet alles. Ich wrde jegliches geduldig auf mich nehmen,
wte ich mir dadurch den Sieg zu erringen. Aber du bist nicht frei, es
sei denn, da der Inhalt dieser Briefe--" hierbei zog sie die
Zuschriften seiner Braut hervor--"Klarheit in deine Angelegenheit
bringt."

Nachdem sie dies vorausgesandt, auch gleich eine Erklrung hinzugefgt
hatte, auf welche Weise sie in den Besitz der Schriftstcke gelangt sei,
bat sie ihn, sie zu ffnen und den Inhalt vorzulesen.

Mit Augen, die nur zu deutlich seine ungeheure Verwirrung verrieten, sah
Prest auf die beiden Briefe. Aber ebenso rasch umspielte ein
verchtlich berlegener Zug seine Lippen.

"Das ist gar nicht Ingeborgs Handschrift. Sicher hat ein Schuft irgend
ein Bubenstck ersonnen, darauf berechnet, deine Meinung ber mich irre
zu fhren! Und ein sehr plumpes ist es zudem, da diese Briefe von
Kopenhagen adressiert sind, whrend meine Braut, wie ich dir sagte, gar
nicht mehr dort ist, sondern sich irgendwo in Frankreich befindet."

Im ersten Augenblick wurde Imgjor bei dieser sicheren Sprache stutzig.
In ihrem Herzen wollte es noch einmal aufkeimen; der niederschmetternde
Eindruck seiner khlen Sprache von vorhin wich, eine selige Hoffnung
bemchtigte sich ihrer. Aber dann sah sie ihm wieder ins Angesicht, und
was sie darin erblickte, das belehrte sie ebenso rasch eines anderen.

Er ffnete, da er sich durch ein Erheben unbeobachteter glaubte, mit
derselben Unruhe, die sie vorher an ihm wahrgenommen, einen der Briefe,
und sie sah in seinen Zgen ein jhes Erschrecken schon beim Lesen der
ersten Zeilen.

Und da kam ihr ein Entschlu!

Durch eine zutraulich gelassene Miene von ihm die Erlaubnis zum Studium
des Schreibens erzwingend, lste sie das Kouvert, nahm das mehrere
Seiten umfassende Schriftstck heraus und durchflog den Inhalt.

Und als sie dann die Lektre beendet hatte und in demselben Augenblick
Prest, die Komdie fortsetzend, in Worten der Emprung ber den Grafen
Dehn ausbrach, sprang Imgjor, ihrer Empfindungen nicht mehr Herr, empor
und richtete einen von Verachtung erfllten Blick auf den Mann.

"Genug, genug! Nicht noch mehr des frchterlichen Spiels der Lge und
der Vernichtung meines Herzens!" brach's aus ihrem Munde hervor. "Fge
der Schndlichkeit der doppelten Untreue, der Berechnung und unlauteren
Gesinnung, fge der Entwrdigung deiner selbst nicht noch eine neue
hinzu!--Wisse denn: Diese Briefe sind keine Flschungen! Den Betrug, die
Verworfenheit begingst du, indem du ihre Echtheit leugnetest! Das, was
hier geschrieben steht, was durch die Thrnen eines frchterlichen
Schmerzes fast verwischt wurde, ist das unverflschte Produkt der
Zuckungen einer verratenen Seele. Dennoch htte ich dir das vergeben,
dennoch wre ich friedlich von dir geschieden, dennoch wrest du ohne
Vergeltung durchs Leben gegangen, wenn du nicht jetzt, in dieser heilig
ernsten Stunde, mit solcher Larve mich zu betrgen, auf andere einen
Verdacht zu werfen gesucht httest. Das war die Handlung einer
niedrigen, erbrmlichen Natur. Das und deine zgernde, bedenkliche
Sprache von vorhin, beweisen mir, da du nichts anderes warst und bist,
als ein berechnender Egoist, ein Komdiant, da du alles und jegliches,
Liebe fr mich und Enthusiasmus fr die groen Ideen nur heucheltest, um
mein Geld an dich zu bringen! So, und nun gehe! Was dir werden soll,
werde ich berlegen! Nach deinem Verhalten werde ich das Ma abmessen!"

Aber was Imgjor erwartete, geschah nicht.

Statt Erschtterung oder gar Zorn an den Tag zu legen, bewegte Prest
den Kopf und machte eine Miene, als ob eine arme, kranke Irre soeben
geredet habe.

"Wenn Sie glauben, da Sie sich in mir getuscht haben, Komtesse Lavard,
so bin ich noch weit mehr enttuscht. Auf bloe Eindrcke hin fllen Sie
Urteile und bedienen sich gegen einen Ehrenmann einer Sprache, die, wre
sie aus dem Munde eines Mannes gedrungen, nur htte durch den Degen die
verdiente Zurckweisung erfahren knnen. Ich hielt Sie fr ein edles
Wesen. Ihre gelegentlichen Schroffheiten betrachtete ich als das
Unvermgen, der Entrstung ber die die Welt erfllenden
Ungerechtigkeiten Herr zu werden, als ein Ergebnis Ihres zielbewuten,
von Grundstzen getragenen Charakters. Was soll mir im ehelichen
Zusammenleben werden, wenn Sie jetzt schon eine solche Sprache fhren,
wenn Sie so wenig Ihr Ich zu beherrschen vermgen? Ich wiederhole, da
diese Briefe nicht von meiner ehemaligen Braut geschrieben wurden. Ich
erhebe dafr die Hand zum Schwur. Das sage ich nicht zu meiner
Rechtfertigung--ich habe mich nicht zu rechtfertigen--sondern um meinen
Entschlu zu begrnden, dennoch auf Ihre Hand zu verzichten. Die
Stellungnahme des Herrn Grafen macht ohnehin--ich wiederhole frher
Gesagtes--vor der Hand eine Verbindung unmglich. Wenn ich alle
Stationen mit Ihnen auch durchmessen wollte, ich sehe, da wir scheitern
mssen, weil die Macht, der Einflu und das Geld, jene Gewalten, die ich
hasse und seit meiner Jugend schon bekmpft habe, zu mchtig sind. Diese
Scene aber hat mich belehrt, da Sie eine andere sind, als ich mir
gedacht habe. Ohne Vertrauen, ohne Migung ist ein Bndnis ein Unding.
Es war eine Prfung, es war ein Versuch, der gegen Sie ausschlug.--Leben
Sie wohl! Ich trage Ihnen nichts nach. Sollten Sie aber auf Ihren
leidenschaftlichen Vergeltungsplnen beharren, so darf ich Ihnen ins
Gedchtnis zurckrufen, da ich kein Knabe bin, da ich mit einem
irregefhrten weiblichen Wesen leicht fertig werde!"

Nach diesen Worten wollte sich Prest entfernen. Aber sie, die ihm
zugehrt und dagestanden, als ob sich ihr Krper in Stein verwandelt
habe, sagte nach tiefem Atemholen:

"Waren diese Briefe nicht von Ihrer Braut, so sind Sie von dem Vergehen
dieser Vorspiegelung entlastet! Ich glaube Ihnen aber nicht und werde
forschen. Eine andere Hand mag sie geschrieben haben, der Inhalt stammt
von ihr. Behalte ich aber recht, spielten Sie auch diese Komdie, die
mit Liebesschwren begann, auf Lge sich weiter baute, und die Sie nun,
weil meine Armut Sie enttuschte, noch eben wieder in plumpester Art
erneuerten, indem Sie sich den Mantel der Unschuld umhngten und die
pltzliche Erkenntnis meines Unwertes als Vorwand nahmen--so will ich
Gott anflehen, da Sie Ihre Strafe dafr finden mgen! So, und nun
ersuche ich Sie, sich zu entfernen! Dies ist mein Gebiet und mein Heim!
Noch heute schliee ich gegen Sie meine Thr und mein Herz. Sie haben
alle Rechte an Imgjor, genannt Imgjor Lavard, verloren, aus diesem Spiel
davongetragen nur ihre Verachtung und--waren Sie ganz ein Schurke--ihren
Ha!"

So endete Imgjor, die Hand ausstreckend; und er, der Mann, der noch vor
wenigen Tagen erklrt hatte, da nie einer ein weibliches Wesen so
selbstlos geliebt habe, da ihm das Leben nichtig und wertlos ohne ihren
Besitz sei, verlie, kalt verchtlich auf sie herabblickend, das
Gemach.--

       *       *       *       *       *

Da Imgjor in den letzten Tagen ihrer Familie fern geblieben war,
erschien's nicht auffallend, da sie sich auch an dem dieser aufregenden
Scene folgenden Tage zurckhielt.

Sie war erst gegen Morgen in einen durch seelische Erschpfung
gefrderten langen, bleiernen Schlaf gesunken, und als sie um die
Mittagsstunde erwachte, war ihr Gemach erfllt von leuchtendem
Herbstsonnenschein.

Aber mit dem Wiedereintritt in die Welt der Wirklichkeit strmten auch
die schweren Gedanken auf sie ein, und von der Erinnerung an das am
vergangenen Tage Geschehene berwltigt, starrte sie vor sich hin.

So war denn nun das Band zwischen ihr und jenem Manne dennoch und
endgiltig zerrissen; so hatte doch der recht behalten, der sich gegen
ihren Willen in ihr Leben gedrngt hatte! Noch mehr: Alle hatten recht
behalten, und so rasch hatte sich die Prfung der Unwrdigkeit Prests
vollzogen, da zunchst nur der schamvolle Gedanke sie beherrschte,
ihrer Umgebung die Thatsache zu verheimlichen.

Pltzlich war alles anders geworden.

Die Enthllung ihrer Geburt hatte sie belehrt, da sie geringere Rechte
besa als Lucile, in der sie eine Schwester zu sehen sich gewhnt hatte.
Pltzlich war sie eine nur Geduldete da, wo sie bisher das Lavardsche
Scepter geschwungen.

Ihrer Pflegemutter hatte sie sich demtig unterzuordnen, statt ihr wie
bisher mit stummer oder offener Auflehnung zu begegnen. Da sie sich
verdeutlicht hatte, mit welcher Selbstentuerung diese an ihr, dem
Adoptivkinde, gehandelt, verwandelte sich ihre Minderachtung in
Hingebung und Bewunderung. Aber gerade aus all diesen Ursachen und weil
sie ein heftiges Unmutsgefhl gegen ihren Pflegevater ergriffen, deshalb
sich ihrer bemchtigt hatte, weil sie sich sagte, da er einer Lucile
niemals so hart, so grausam begegnet sein wrde, da nur _ihr_ das
geworden, weil er sie als eine Halbwrdige betrachtete--verstrkte sich
in ihr der Entschlu einer Trennung von den Ihrigen.

Zudem vermochte sie sich durch eine andauernde Entfernung von der
Familie der Gefahr zu entziehen, dem Werben des Grafen Dehn dennoch zu
unterliegen. Ihr Stolz verbot ihr, ihm je zu zeigen, da sie etwas fr
ihn empfand. Sie wollte eine Liebe zu dem nicht aufkommen lassen, der
sie sein Uebergewicht in solcher Weise hatte fhlen lassen.

Auch war ihre Begeisterung fr die groe Sache trotz der gemachten
Erfahrungen nicht vermindert. Diese Erfahrungen muten sie, wie sie sich
sagte, nur von neuem belehren, wie sehr den Besitzenden zu mitrauen
sei.

Die Armen und Elenden wrden sie niemals enttuschen, und wenn doch, so
verdienten sie lediglich Mitleid, weil ihnen die Erziehung nicht wie
jenen geworden, weil ein zarteres Empfinden ihnen erst eingeflt werden
mte.

Sie wollte in ihren Pflegevater dringen, ihr eine Freiheit zu gewhren,
in der sie wenigstens im Kleinen ihre Menschenliebe zu bethtigen
vermochte, sie wollte ihn zwingen, sie abzulsen von Verhltnissen, die
ihrer Natur zuwiderliefen. Sie wollte nicht in Prunkgemchern wohnen,
sie wollte keine Gensse, keine kostbaren Gewnder und Vergngungen. Sie
wollte berhaupt keinen Ueberflu, sondern ein auf Arbeit und
hilfreiches Menschentum gerichtetes Leben. Sie erstrebte Beschftigung
mit edlen Dingen, mit der Natur und den feineren Regungen des
Menschengeistes.

Und Kopenhagen, die Grostadt, erschien ihr als der rechte Ort dafr.

Dort wollte sie wohnen, um es zunchst kennen zu lernen, und dazu war
jetzt, wo die Abreise vor der Thr stand, die beste Gelegenheit geboten.
Zuvor aber wollte sie noch vllige Klarheit ber das zu erlangen suchen,
was zwischen der Gegenwart und der fr sie dunklen Vergangenheit lag.

Unter solchen Erwgungen wurde geklopft, und Lucile trat zu ihr ins
Wohngemach.

"Nun, meine liebe Imgjor," hub Lucile an und umarmte ihre Schwester
sanft, "wie ist's verlaufen? Lasse uns unser Vertrauen fortsetzen! Mache
mich glcklich und sage mir, da du Prest nach Einsicht in die Briefe
den Bescheid erteilst hast, den wir alle herbeisehnen!"

In Imgjor erhob sich bei diesen Worten ein schwerer, innerer Kampf.

Sie sollte von ihrem Thron herabsteigen, sie sollte gestehen, da ihre
Menschenkenntnis nur allzu winzig, da ihr stolzes Selbstgefhl nur
allzu unberechtigt gewesen.

Sich seiner selbst zu entuern, sich seiner Hoheit um der bloen
Wahrheit, statt um eines Vorteils willen, zu entkleiden, erfordert einen
starken, sittlichen Fond, ein besonders stark entwickeltes Rechtsgefhl.

Imgjor fand das, was ihrer zwiefltigen Natur entsprach. Sie gab der
Wahrheit die Ehre und wahrte ihren Stolz.

Zunchst berwltigte sie allerdings ein machtvolles Gefhl.

Sie warf sich wie jngst, einem Kinde gleich, an die Brust ihrer
Halbschwester und brach in ein anhaltendes Schluchzen aus.

Dann schob sie den Krper zurck und sagte: "Aus irgend einem Grunde
habe ich mich fr eine Lsung meiner Beziehungen zu Prest entschieden.
Erweise mir darin deine Liebe, Lucile, da du mich nach den Grnden
nicht fragst. Sei eine Frbitterin bei deinen Eltern, die auch mir
Eltern waren, da auch sie die Angelegenheit nicht ferner mehr berhren.
Hilf mir, teure Lucile, da meine Bitten erhrt werden! Ich habe mehr
denn je die Sehnsucht, Rankholm zu verlassen und mich irgendwo, fern von
hier, ntzlich zu machen. Will dein Vater mir zu solchen Zwecken keine
Mittel zur Verfgung stellen, so mge er mir wenigstens das gewhren,
was er bisher fr meine Ausbildung aufwendete. Frulein Merville hat
ohnehin die Absicht, in ihre Heimat zurckzukehren. So mge er mir die
fr sie verausgabte Summe bewilligen und dieser etwa noch so viel
hinzufgen, da ich auf eigenen Fen zu stehen vermag!"

Lucile, die mit glcklichen Mienen zugehrt hatte, nickte rasch und
bereitwillig.

"Ich will alles thun, Imgjor! Ich will schon deshalb und in weit
grerem Umfange deine Wnsche befrworten, weil ich hoffe, da dieser
Austritt ins Leben dich gnzlich heilen wird, da du einsehen wirst, da
es kein undankbareres Geschft giebt, als seine Nebenmenschen ohne ihre
Anforderung glcklich machen zu wollen. Also, das mge dich nicht
bekmmern, Imgjor, und wenn du sonst noch--"

"Ja, noch etwas, Lucile: Bitte deinen Vater, da er mir die Aufklrungen
ber meine Geburt nicht vorenthlt. Ich mu jetzt alles wissen--"

Lucile versprach auch das. Dann warf sie zgernd hin:

"Und Graf Dehn, was wird's mit ihm?"

Imgjor prete die Lippen zusammen. In ihren Augen erschien ein Ausdruck
von Schmerz und Trotz, durch dessen Einwirkung sich die Lider
unwillkrlich schlossen. Und dann sprach sie in einem unbeugsam kalten
Ton:

"Sage ihm, da ich auch ferner darauf verzichten mu, in eine engere
Berhrung mit ihm zu treten und da eher ber Nacht das Rankholmer
Schlo im Walde von Mnkhorst emporsteigt, als da ich sein Weib werde!"

       *       *       *       *       *

Ueber zwei Jahre waren seit diesen Ereignissen verflossen, als an einem
kalten, nebligen Mrzmorgen eine wie eine barmherzige Schwester
gekleidete junge Dame den Weg in die Kopenhagener Vorstadt Oesterbro
nahm. In ihren Augen lag jener Verzicht auf irdisches Glck, jene milde
Ruhe und sanfte Ergebung, die nur in den Gesichtern derer beobachten,
welche sich dem Werke der Barmherzigkeit gewidmet und vielleicht die
Hoffnung auf das, was ein Frauenherz bis zu einem gewissen Alter noch
erfllt, zwar nicht vllig aufgegeben haben, deren Erfllung aber mit
den gleichen Augen betrachten, mit denen der Erfahrene irgend einem
Zufall vertraut.

Sie knnen so existieren; sie finden Befriedigung in der
Pflichterfllung, sie sehen die dankbaren Blicke der Kranken auf sich
gerichtet, sie finden den kstlichsten Lohn, der einem Menschen durch
seine Thtigkeitstreue werden kann, in der Wiedergenesung ihrer
Pflegebefohlenen.--

Vor einem alten, groen Dreieckhause mit vielen kmmerlichen Fenstern
und schiefen Mauern hemmte sie den Schritt, bog in einen neben diesem
befindlichen Gang ein und ffnete die Thr eines hinten auf dem
schmutzigen Hofe befindlichen Nebenhuschens.

Seine Rume bestanden aus einer winzigen Vorder- und Hinterstube, die
einem alten Ehepaar als Wohn-, Schlafzimmer und Kche dienten. Vorn in
dem Wohnzimmer, das nichts anderes enthielt, als ein paar karge Vorhnge
vor den Fenstern, einen Tisch, eine Kommode, einen Ofen und einen alten
Lehnstuhl, sa in letzterem eine erblindete, alte, hilflose Frau, und
jetzt eben verdunkelte ein solcher erstickender Petroleumdampf das
Gemach, da Imgjor Lavard, wie sie auch ferner noch vor der Welt hie,
unwillkrlich zurckprallte.

"Um's Himmelswillen, Frau Ohlsen, was haben Sie denn gemacht?" stie
Imgjor beunruhigt heraus. Gleichzeitig ffnete sie die Fenster und lie
frische Luft hereindringen.

"Was ist denn? Was ist denn?" tnte der Alten Stimme zurck.

"Merken Sie es nicht? Das Zimmer ist voll Rauch. Sie htten ja ersticken
knnen!"

"Ich hab' mir was Warmes gemacht. Ich fror so schrecklich. Ich hab' dann
die Maschine wohl zu hoch geschraubt--"

Imgjor nickte, obschon die Blinde sie nicht sehen konnte. Sie lie auch
diesen Gesprchsgegenstand fallen und fragte mit gewohnter Milde:

"Nun, wie geht's heute, Frau Ohlsen? Haben Sie besser geschlafen?"

"Ein bischen, Frulein. Heute morgen hab' ich aber wieder so
schreckliche Schmerzen in den Fen."

"So werde ich sie wieder einmal einreiben, arme Alte! Nachher, wenn ich
fertig bin, mache ich mich daran!"

Nach diesen Worten entledigte sie sich ihres Hutes und Umhanges und
begab sich gleich einer Dienstmagd an das Reinigen der Wohnung. Sie
fegte aus, sie machte im Schlafzimmer die Betten, sie splte Geschirr in
der Kche aus. Das alles mute tglich eine fremde Hand besorgen. Die
blinde Frau konnte nichts thun, da sie, abgesehen von ihrem
Sehunvermgen, ihre Glieder nicht zu bewegen vermochte, und der Mann,
der frh fortging und spt von der Arbeit zurckkehrte, sank, da ihm die
Krfte fr mehr schon fehlten, gleich erschpft auf sein Lager.

Seit zweiundzwanzig Jahren war die Frau blind. Whrend dieser Zeit
hatte er fr sich und sie nur so viel verdient, da sie sich notdrftig
hatten satt essen knnen. Und zu der Blindheit whrend dieser Jahre
kamen fortdauernd schwere Krankheiten, die Pflege und Aufwartung, die
Arzt und Apotheke erforderlich gemacht hatten. Seit zweiundzwanzig
Jahren war die Alte kaum je aus dem Huschen gekommen, hatte nichts
anderes gekannt, als Entbehrungen und Schmerzen.

Als Imgjor zum erstenmal in dieses Elend eingegriffen hatte, war die
Wohnung durch Schmutz und Unrat frmlich verpestet gewesen. Die Leute
hatten auf faulendem Stroh gelegen, fast kein Gegenstand war ganz
gewesen. Erst neuerdings hatte Imgjor die alte Frau aus einer
Lungenentzndung herausgepflegt, und was diese Krankheit erforderte, aus
ihren Mitteln hergegeben.--

Nachdem Imgjor ihr tgliches Werk vollbracht hatte, sagte sie:

"Frau Ohlsen, ich habe jetzt gerade mehr Zeit. Ich will Ihnen nun jeden
Sptnachmittag etwas vorlesen. Wollen Sie es hren?"

"O gewi, mein liebes, gutes Frulein," entgegnete die alte Frau mit
dankbarer Betonung. "Was ist es denn?"

"Etwas Ernsthaftes, Gutes, Frau Ohlsen. Sie werden gewi Vergngen daran
finden--"

"Ja, danke, danke, liebes Frulein. Wie gut sind Sie gegen mich! Gott,
wenn ich so denke, wie Sie uns geholfen und immer wieder geholfen, mich
arme, hilflose Person in meiner Krankheit gewartet und gepflegt haben,
dann mchte ich schon glauben--"

"Nun, meine gute Alte?"

"Da Sie gar kein Mensch, da Sie ein Engel sind, von Gott in die Welt
gesandt, um die Menschen glcklich zu machen."

"Ach nein! Ich bin kein Engel, meine gute Alte," entgegnete Imgjor mit
einem trben Lcheln. "Ich bin ein Mensch wie Sie. Das eben befhigt
mich ja, Sie zu verstehen, Ihnen ein wenig zu helfen. Nur wer eigenes
Leid erfahren hat, vermag mit seinen leidenden Mitmenschen zu fhlen.
Und so, wie Sie, giebt es viele Kranke und Bedrftige in dieser groen
Stadt, denen, weil sie noch nicht ganz mittellos, noch nicht ganz elend
und verlassen sind, keine ffentliche Untersttzung und keine
Krankenpflege zu teil wird. Ich bin immer der Meinung gewesen, da es
die Aufgabe sei, das Traurige durch rechtzeitiges Eingreifen abzuwenden.

Wahrhaftig, wenn unseren Vorstandsdamen so zu handeln gelehrt wrde,
dann wrden die Armen- und Krankenhuser nicht so berfllt sein, wie
sie es sind; es wrden weniger Menschen zu Verbrechern und Selbstmrdern
werden; das allgemeine Elend wrde weniger gro sein. Da giebt es ein
weites, brach liegendes Feld fr eine erfolgreiche Bettigung der
Nchstenliebe.

Und dieses Arbeitsfeld habe ich fr mich erwhlt. Ich suche zu helfen,
wo ich kann und so weit es in meinen Krften steht. Des Elends ist ja so
viel auf Erden!"

"Ja, ja, liebes Frulein. Wenn sie alle so dchten und so handelten,
wie Sie! Aber so--Na, es mu aber auch ein schnes Gefhl fr Sie sein,
so geliebt zu werden und so viel Dank zu ernten."

"Dank?" entgegnete Imgjor bitter im Ton. "Ich habe ihn nie erwartet und
kaum gefunden, wohl aber Undank, Neid, Migunst und ble Nachrede. So
habe ich mich allmhlich uerlich zu einer khlen Haltung gezwungen, zu
einer fast rauhen Art. Ich unterdrcke die Regungen meines Herzens, mein
Mitleid, die Rhrung und die Thrnen ber die hufig entsetzliche Not.
Ich thue es schon deshalb, weil die Menschen solche Weichheit garnicht
verstehen. Wenn ich nur nicht auch noch verunglimpft werde, wenn sich
der Undank nur nicht in noch Schlimmeres verwandelt, bin ich schon froh.
Eben jetzt ist wieder etwas geschehen, was die gemeine Gesinnung mancher
Personen zu Tage treten lt, etwas, das auch in mir den Entschlu zur
Reise gebracht hat, diesmal meiner Emprung Ausdruck zu verleihen."

Nach diesen fast ebensosehr an sich selbst gerichteten Worten und nach
Ausfhrung der von ihr versprochenen Hilfsleistung verabschiedete sich
Imgjor von der Alten und nahm den Weg in einen anderen Teil der
Vorstadt. Dort wohnte eine Witwe, eine Wscherin, mit ihrer Tochter,
welche letztere unter Imgjors Pflege viele Wochen im Krankenhause
gelegen und sich fr deren Aufopferung dadurch bedankt hatte, da sie
einen emprende Verleumdungen gegen Imgjor enthaltenden Brief an den
Hauptarzt gerichtet hatte.

Nachdem Imgjor zwanzig Minuten gegangen war, gelangte sie an eine
unsaubere, von vielen kleinen Kindern bevlkerte und zum teil noch
unbebaute Strae. In der Mitte der Gasse--einem zurckliegenden, von
einem groen Garten umschlossenen Hause gegenber--befand sich eine
Branntweintaberne, und an diese lehnte sich ein kleines, verfallenes,
auch noch aus frherer Zeit stammendes Gebude, in dem die Witwe Holm
mit ihrer Tochter und einer Stieftochter wohnte.

Der Unfriede zwischen Imgjor und Thora Holm, der frheren Kranken, war
dadurch entstanden, da jene auf das herz- und gemtlose Geschpf, das
seiner Stiefschwester sehr roh begegnet war, bessernd einzuwirken
gesucht hatte. Auch als Thora das Hospital verlassen, hatte Imgjor sie
nochmals eindringlichst vermahnt, ihrer alten Mutter fortan eine bessere
Tochter zu sein, zu arbeiten und ordentlich zu werden. Die Leute litten
Not, und Imgjor hatte ihren Ermahnungen die Erklrung hinzugefgt, da
sie nur dann materiell etwas fr sie thun wolle, wenn Thora fr die
Erfllung der gestellten Forderungen Beweise geliefert habe.

"Die Grevinde," wie Imgjor von der gesamten Bevlkerung in Kopenhagen
schlichtweg genannt wurde, war wegen ihrer Wohlthtigkeit bekannt, und
selten wendete sich jemand an sie, ohne Hilfe zu erhalten.

Der Ingrimm, da Imgjor ihr die Wahrheit gesagt, der Aerger, in ihrer
Erwartung auf eine Untersttzung getuscht worden zu sein, hatten Thora
Holm zu der Denunciation veranlat. Da sie und keine andere das
Schriftstck abgefat hatte, war erwiesen. Es strte Imgjor, da sie den
Hauptarzt, mit dem sie um diese Zeit hier ein Zusammentreffen verabredet
hatte, noch nicht erblickte. In seiner Gegenwart wollte sie die Person
zwingen, ihre Perfidien zurckzunehmen und um Verzeihung zu bitten.

Aber whrend sie noch unschlssig verharrte, drangen aus dem offenen
Hause der Witwe jammernde Wehrufe. So markerschtternd trafen die Laute
Imgjors Ohr, da sie frmlich zusammenfuhr. Indessen beendete dieses
Erschrecken auch ihr Zgern. Blitzschnell eilte sie vorwrts, betrat das
Haus und wurde hier Zeuge einer wahrhaft entsetzlichen Scene.

Die Frau, ein starkknochiges, rothaariges Weib, und Thora, in einem
schlumpigen Rock, mihandelten im Flur die Stieftochter der Frau.

Whrend Thora die Unglckliche mit der einen Hand an den Haaren gepackt
hielt und ihr mit der anderen in unbarmherziger Rohheit den Kopf
bearbeitete, bediente sich das alte Weib einer ledernen Riemenpeitsche
und brachte ihrem Stiefkinde auf diese Weise blutige Striemen auf dem
ohnehin verletzten Krper bei.

Im Nu war Imgjor unter ihnen, ri der Alten den Arm herab, stie Thora
zur Seite und stellte sich, nachdem das mit ebenso groer Kraft wie
Furchtlosigkeit geschehen war, mit drohend gebieterischer Miene vor den
beiden Megren auf.

"Ah, ihr Furien!" entrang es sich ihrer vor Emprung keuchenden Brust.

In demselben Augenblick eilten auch schon von dem Geschrei
herbeigezogen, Gste aus der Taberne herbei, und diese drngten, von
Imgjor laut und energisch ermuntert, die sich eben zum Kampfe gegen die
Verteidigerin rstenden, sich wie tobschtig geberdenden Weiber hinten
in den Flur zurck.

"Die Grevinde! Die Grevinde!" hatten die Hereindrngenden einander
zugerufen und sie nahmen auch in der Folge gegen die Holm und ihre
Tochter Partei.

Freilich geschah's nicht aus irgend welchem Mitleid fr die Mihandelte,
auch nicht aus einer Abneigung gegen die beiden Holms, sondern lediglich
unter dem Gesichtspunkt, da ihnen ihr Eintreten nicht unbelohnt bleiben
wrde.

Aber es wurde Imgjor auch noch andere Hilfe. Den Knul teilend, erschien
der Arzt, Doktor Stede, und hinter ihm tauchte der in diesem Viertel
stationierte Polizeiofficiant auf.

Im Nu erfolgte dann auch eine Verstndigung zwischen jenen und Imgjor,
und ebenso rasch machte sich letztere zur Herrin der Situation.

"Ich danke euch, Leute, da ihr mir beigestanden habt. Und hier, hier
ist Geld! Teilt es euch--" rief sie, einen dnischen Speciesthaler dem
mitanwesenden Wirt bergebend. "Aber nun entfernt euch! Ich habe etwas
mit der Familie zu verhandeln, was nicht fr eure Ohren ist."

Und das Kind, das sich zitternd neben ihr aufgerichtet, mitleidig an
sich ziehend und dann dem Polizeiofficianten zum Schutz bergebend,
befahl sie der Wscherin und ihrer Tochter, ins Wohngemach zu treten.

Trotz ihrer feindseligen Mienen muten sie sich fgen, und nachdem sie
sich aufgestellt, ergriff Imgjor das Wort und hielt der Verleumderin
ihre Infamien vor.

"Sie haben die Wahl--" schlo Imgjor--"alles als erfunden zu bezeichnen
und mich hier vor diesem Herrn um Verzeihung zu bitten, oder gleich dem
Polizisten zu folgen. Auch auf Verhaftung Ihrer Mutter wegen Mihandlung
der Tochter werde ich dringen. Also reden Sie! Da Sie den Brief
geschrieben, hat Ihr frherer Verlobter, der Wrter Vessel,
ausgesagt----"

Das Mdchen, eine ppige Blondine, prete die Lippen zusammen, verzerrte
den Mund und antwortete nicht. Auch die Mutter verharrte in trotziger
Auflehnung.

"Niemand hat ein Recht, in mein Haus zu dringen und sich in meine
Angelegenheiten zu mischen!" erklrte sie. Sie habe Verhre nur vor
Richtern zu bestehen, und deren Untersuchungen wrden ergeben, da ihre
Tochter den Brief nicht geschrieben, da sie zur Zchtigung ihrer
Stieftochter berechtigt gewesen, weil diese sie in frecher Art bestohlen
habe.

Der Schlusatz wurde allerdings durch Widerspruchsworte unterbrochen,
die sich aus dem Munde des weinenden Kindes lsten.

Sie habe nichts genommen. Sie sei unschuldig! Aber Thora, die sie
beschuldigt, sei's gewesen. Sie habe gesehen, wie diese die Kommode
geffnet und das Geld herausgenommen habe.

Freilich folgte dieser Rede wiederum ein maloser Wutausbruch von Seiten
der Schwester. Sie flog auf das Kind zu und erhob unter Schimpfworten
die Faust gegen deren Angesicht. Nur durch ein Dazwischentreten des
Polizisten ward eine abermalige Zchtigung verhindert.

Aber gerade dieser Zwischenfall verschlechterte die Sache der Familie
Holm.

Dem Polizeiofficianten, einem energischen Mann, ri die Geduld. Er
befahl Ruhe und sofortigen Frieden und die von der Komtesse geforderte
Erklrung.

"Widersprechen Sie nicht, thun Sie, was von Ihnen verlangt wird! Sonst
nehme ich Sie und Ihre Mutter sofort mit. Sie stehen schon lange auf dem
Kerbholz wegen anderer Sachen!"

Nun nderte die Alte pltzlich ihre Haltung.

Nach allerlei Redensarten gab sie zu, da sie wohl etwas zu heftig
gewesen sei, und was Thora anbelange, so knne die sich ja nun mal
garnicht im Zaum halten. So sei es wohl mglich, da sie sich habe
verleiten lassen, einen solchen Brief zu schreiben, und wenn sie es
gethan habe, so solle so etwas nicht wieder vorkommen. Die Komtesse mge
Gnade fr Recht ergehen lassen--

"So sagen Sie: Ich habe die Komtesse Lavard zu Unrecht beschuldigt. Ich
nehme alles zurck, bereue und bitte, mir zu vergeben!" stie Imgjor,
ihre Blicke auf das gemeine Geschpf richtend, heraus.

Noch kmpfte die Person, dann aber, von ihrer Mutter nunmehr durch
Blicke und Worte ermuntert sprach sie eine halblaute Entschuldigung.

In Imgjor aber regte sich das Gefhl der Emprung in vollstem Umfange.

Das war also die Menschheit, der sie sich opferte! Faulheit, roheste
Leidenschaft und Mangel an Dankgefhl und jeder besseren Regung traten
ihr nur zu oft entgegen, und hier eben hatte sie wieder ein solches
Beispiel vor Augen.

Waren da nicht erst ganz andere Aufgaben zu lsen? Mute nicht erst mit
einer inneren Erziehung begonnen werden?

Nachdem sie zum Einverstndnis, da sie befriedigt sei, stumm das Haupt
bewegt, sagte sie, zu der Alten gewendet:

"Ich werde Ihre Stieftochter mitnehmen! Ich will sie prfen, und ist sie
so viel wert, wie ich hoffe, so will ich knftig fr sie sorgen."

Nach diesen Worten erfate sie des selig aufhorchen den Kindes Hand und
richtete einen auffordernden Blick zum Gehen auf den sich ihr
ehrerbietig zur Verfgung stellenden Arzt.

Und im Nu knixte und dienerte das faule, alte Weib. Nun wute sie nicht
genug die Tugenden des Stiefkindes zu rhmen. Sie sagte zu allem ja,
machte sich auch noch im letzten Augenblick schmeichelnd an Imgjor heran
und bat, ihre frchterliche Not klagend, um Untersttzung. Sie kte den
Saum des Kleides der Komtesse, als diese unter der Erklrung, sie sage
nicht nein, msse aber Zuwendungen von ihrer und ihrer Tochter knftigen
Haltung abhngig machen, mit den brigen das Haus verlie.

Als der Nachmittag gekommen war, sa Imgjor schon wieder in dem kleinen
Zimmer der Blinden, las ihr nach ihrer Zusage zum erstenmal vor und war
glcklich, als sie sah, da jene ihr voll Interesse zuhrte.

       *       *       *       *       *

Es war am folgenden Vormittag um die elfte Stunde, als Imgjor die Rume
des groen Kopenhagener Krankenhauses und zunchst das Gemach des
dirigierenden Arztes betrat, um mit ihm Rcksprache wegen einer Kranken
zu nehmen.

Nachdem das geschehen, sagte Doktor Stede, ein Mann mit ernsten Zgen
und einem milden Ausdruck in den von einer goldenen Brille beschatteten
Augen:

"Sie wollen uns, wie ich hre, Ihre wertvolle Hilfe im Krankenhause
entziehen, Komtesse? Haben die letzten Vorflle Anla dazu gegeben?"

"Nein! Wie kommen Sie zu dieser Vermutung Herr Doktor?"

"Eine unserer Schwestern, Elise, hatte davon gehrt und sprach mir
davon--"

"Elise hat schon hufig Gerchte ber mich verbreitet, die erfunden
waren, Herr Doktor. Ich mu ihr sehr im Wege stehen. Und doch trete ich
ihr nirgends in den Weg--Wahrlich, dieses Treiben--"

Imgjor sprach's mit starker Auflehnung im Ton, fuhr aber, ihre Erregung
ebenso rasch wieder abstreifend, gelassen fort:

"In der nchsten Zeit werde ich nicht so hufig kommen knnen, Herr
Doktor. Meine Familie trifft heute ein und wird einige Zeit im
Rankholmer Palais Wohnung nehmen. Ich vermag mich ihr nicht ganz zu
entziehen. Ueberdies hat sich meine Schwerer verlobt, und es werden
einige kleine Feste stattfinden, an denen meine Angehrigen wnschen,
da ich teilnehme--"

"Ich bedaure natrlich auerordentlich, da wir Sie entbehren mssen,
aber ich freue mich, da Sie sich einmal Ruhe gnnen, Komtesse. Es wird
Ihnen eine solche Ablsung sehr gut thun."

Imgjors Lippen umspielte ein trauriges Lcheln.

"Nein, Herr Doktor, fr mich wre es weit besser, wenn ich dort keine
Ablenkung fnde. Vielleicht wre es sogar das Richtigste, da ich
Kopenhagen ganz verliee--"

"Wie? Also Sie tragen sich doch mit solchen Gedanken? Die ganze Stadt
wrde es als einen unersetzlichen Verlust betrachten, wenn der Engel
unter den Menschen, wenn die Komtesse Lavard Kopenhagen verliee.

Haben Sie den Artikel gelesen, der soeben ber Sie in einer deutschen
Zeitung erschienen ist? Die Berlinske Tidende hat ihn heut' morgen in
einer Uebersetzung gebracht."

"Ein Artikel ber mich?" fragte Imgjor betroffen. "Was enthlt er? Dem
Sinne Ihrer Worte nach zu urteilen, nichts Ungnstiges, aber jedenfalls
eine Unschicklichkeit. Wie wenig giebt meine Thtigkeit Anla, darber
etwas und noch dazu ffentlich zu sagen!"

"Sie sind allzu bescheiden, Komtesse--Die ungewhnliche Erscheinung, da
sich ein Mitglied der hheren Stnde in solcher Weise freiwillig seiner
Bequemlichkeit entuert, ist fr die Welt Grund genug, sich damit zu
beschftigen. Darf ich Ihnen den Artikel besorgen?"

"Ich danke, nein, Herr Doktor! Es ist besser, da ich dergleichen
garnicht lese. Es macht mir nur noch mehr Gedanken. Ich habe deren schon
so viele und solche, die mich nicht erheben--"

"Sie sind noch so jung, Komtesse, und Sie sind schon so ernst, so trbe
in Ihrem Sinn?"

"Ich bin es, aber nur insofern, als ich die ungeheure Schwierigkeit
erkenne, mein Vorhaben in Thaten umzusetzen. Ich mchte gern im Groen
wirken und sehe, da ich schon im Kleinen berall stolpere."

"Und was wre, wenn die Frage gestattet ist, Ihr Ideal? Welche Absichten
verfolgen Sie?"

"Ich mchte helfen, die Menge von dem Druck der allgemeinen Not zu
befreien und das Los der arbeitenden Klasse grndlich zu verbessern."

"So bekennen Sie sich also auch zu den sogenannten "neuen" Ideen? Sie
berraschen mich!"

"Kann ein gerechter, guter Mensch, kann ein wahrhaft christlicher Mensch
anders denken, Herr Doktor?"

"Nein und ja, Komtesse. Die Ziele sind zu weit gesteckt.

Man soll nur Mgliches erstreben wollen, nur Dinge, die sich mit den
Vorgngen in der Natur decken. Wir sind ihre Produkte, sie ist unsere
Lehrerin, sie bietet uns alle Beispiele fr unsere Handlungen."

"Schon einmal hrte ich fast ganz dieselben Worte. Seltsam--" Imgjor
lie das Haupt sinken und starrte trumerisch vor sich hin. Aber da in
diesem Augenblick geklopft ward, wurden die Sprechenden unterbrochen.

Der Doktor richtete noch einige verbindliche Worte an Imgjor, und sie
selbst lenkte, nachdem sie ihm leicht und unbefangen die Hand gereicht,
ihre Schritte in einen der Siechensle.

In diesem befanden sich Kranke, deren spezielle Sorge Imgjor bernommen
hatte. Augenblicklich waren es solche, die sich bereits in der Besserung
befanden. Dann schlief Imgjor in ihrer Wohnung, erschien auch nur zwei
oder dreimal am Tage.

Nur in schweren Fllen blieb sie ganz im Hospital und bernahm auch die
Nachtwache. Ihr Verhltnis zum Krankenhaus war ein durchaus
freiwilliges, whrend die brigen Schwestern sich streng an die
Hausvorschriften zu halten hatten.

Auf dem Korridor begegnete Imgjor der Schwester, die von ihr behauptet
hatte, da sie ihre Thtigkeit hier aufgeben wolle.

Imgjor neigte ernst das Haupt zum Grue; jene erwiderte die Hflichkeit
kalt und wollte ohne Wortaustausch vorberschreiten.

Nun hielt Imgjor sie auf und redete sie an.

"Ich bitte, Frulein, einen Augenblick. Ich hre soeben, da Sie
abermals eine Erfindung ber mich ausgestreut haben. Ich mu wirklich
sehr dringend bitten, da Sie sich mit Ihren eigenen Angelegenheiten
beschftigen. Ich schliee aus Ihrer Lstersucht eine Starke Migunst.
Da sie in Ihnen emporsteigt, vermgen Sie wohl nicht zu ndern, aber
ich sollte meinen, Sie mten sich uerlich im Zaum zu halten wissen,
und jedenfalls--ich wiederhole meine Worte--wnsche ich von Ihren
eiferschtigen Launen nicht ferner berhrt zu werden."

"Ich eiferschtig auf Sie?! Nun, da wren Sie wirklich die letzte,
Frulein von Lavard! Und was liegt denn vor? Mir ist erzhlt, da Sie
hier keine Schwesterdienste mehr versehen wollen! Ich wte nicht, da
darin etwas Ehrenrhriges liegt. Sie nehmen einen Ton an, als ob ich
Ihnen wunder was angethan htte und ich mu Sie meinerseits noch
dringender ersuchen, da Sie ihn ndern. Sie sind nicht meine
Vorgesetzte--"

"Sie wissen sehr gut, da ich mit meinen Vorwrfen recht habe. Ihre
Heuchelei verschlimmert nur noch das Geschehene. Sie haben mich schon
wiederholt verleumdet, man hat es mir unaufgefordert, voll Emprung
mitgeteilt. Schwieg' ich trotzdem, so war's die Verachtung ber solches
Geschwtz. Jetzt will ich aber ein Ende haben! Man knnte wirklich
glauben, es sei eine Spur von Wahrheit darin. Auch gestern habe ich ein
Exempel statuiert, und ich werde damit fortfahren!"

Die Zge der Schwester Elise verzogen sich hmisch.

"Sie sprechen, als ob Sie ein Oberstaatsanwalt seien. Ich sage Ihnen
nochmals, da Sie sich mit Ihrem Eifer an eine falsche Adresse wenden.

Ich habe auch besseres zu thun, als mich mit Ihnen zu beschftigen. Ich
habe andere Gegenstnde fr meine Gedanken, als die Komdiantin Frulein
Lavard!"

"Ah! Wie niedrig! Und Sie wollen eine Dame sein. Sie gehren zum Adel
des Landes und wrdigen Ihre eigene Standesgenossin herab, indem Sie ihr
solche Dinge sagen, indem Sie geflissentlich sogar ihren Namen
entstellen? Ich bin weder Frulein Lavard, noch Frulein von Lavard,
sondern fr Sie und jedermann Komtesse Lavard!"

"Nun dann sind Sie auch nichts Besonderes, umsoweniger, als die Spatzen
von den Dchern pfeifen, da Ihre Mutter nichts anderes war, als eine
Dir--"

Aber die Schwester Elise kam nicht weiter. Blitzschnell erhob Imgjor,
von Schmerz und Entrstung bermannt, die Hand, sie zitterte fr
Sekunden in der Luft. Und dann standen die beiden Gegnerinnen einander
gegenber, als ob nur der Tod ber das Schicksal des einen oder anderen
entscheiden knne. In demselben Augenblicke aber erschien zufllig die
Oberin, und die Schwester Elise strzte so gleich auf diese zu und go
einen Schwall von Verleumdungen und lgnerischen Anschuldigungen ber
Imgjor und deren Benehmen aus.

Und wiederum gab Imgjor mit stolzer Ruhe Antwort und forderte nach
Errterung des Vorgefallenen die Entfernung der Schwerer Elise.
Anderfalls werde sie gehen!

"Ich darf Sie ersuchen, ins Konferenzzimmer zu treten. Wir werden dort
weiter und in Ruhe reden! Ich mu erst klarer in der Sache sehen, ehe
ich meine Entscheidung treffe, Komtesse Lavard!" entgegnete die Oberin,
die nichts lieber wnschte, als da die ihr sehr unbequeme Imgjor, die
keinerlei Mngel durchgehen lie, vielmehr stets Unregelmigkeiten und
Pflichtversumnisse zur Anzeige brachte, das Krankenhaus verlie.

"Warum noch reden!" betonte Imgjor kalt. "Es unterliegt doch keinem
Zweifel, wer ein Recht hat, sich zu beklagen!

Ich mu darauf bestehen, da endlich die Sumpfquellen verstopft werden,
aus denen die Verleumdungen gegen mich flieen.--Klagen ber Frulein
Elise erheben sich von allen Seiten und auch in anderer Richtung.--

Anfangs der Woche hat sie der Witwe Rom, aus bloer persnlicher
Antipathie, die Hilfe verweigert. Es wre wohl nicht so schlimm, hat sie
gesagt! Die arme Person hat einen bedenklichen Rckfall davon bekommen!
Sind solche Vorkommnisse in einem Krankenhaus erhrt?"

"Nun ja, nun ja--es soll alles untersucht werden. Im brigen will ich
niemanden hindern, seinen Weg zu gehen--" stie, statt auf diese Rede
einzulenken, die Oberin uerst gereizt heraus. "Ich darf Sie also nicht
erwarten, Komtesse?"

"Nein! Ich mu darauf verzichten, Frau Oberin--" entgegnete Imgjor,
verbeugte sich gemessen, und ging, ohne die giftsprhende Schwester
Elise eines Blickes zu wrdigen, von dannen.--

       *       *       *       *       *

Das Rankholmer Palais lag, von einem auf Marmorpostamenten ruhenden,
vergoldeten Gitter umschlossen, mitten in der Adelstrae. Ein
prachtvoller, weischimmernder Bau mit hoher Aufgangstreppe tauchte
hinter einem groen Vorplatz mit grnem Rasen auf. Zwischen ihnen
befanden sich gepflasterte Fahrwege, und zu Seiten befanden sich die
Stallungen und eine Reitbahn.

Am Abend des nchstfolgenden Tages, an dem sich die vorstehend
geschilderten Scenen abgespielt hatten, war das Palais von oben bis
unten hell erleuchtet. Es schwamm gleichsam in einem Lichtmeer. Von den
mchtigen Treppenkandelabern flo das Licht auf den Vorgarten herab, und
ein zahlreiches Publikum hatte sich auf der Strae aufgestellt, um der
Einfahrt der zahlreichen Equipagen mit ihren livrierten Kutschern und
Dienern beizuwohnen.

An achtzig Personen aus den vornehmsten Kreisen waren Einladungen von
dem Grafen Lavard und seiner Gemahlin ergangen. Es galt, den Brutigam
von Lucile, den Marquis Armand de Curbire de Ramillon der Gesellschaft
vorzustellen. In Berlin hatte Lucile ihn als Attach der franzsischen
Gesandtschaft in einer Hofgesellschaft kennen gelernt, und bei einem
Besuch, den der Marquis der Familie in Rankholm abgestattet, war die
Verlobung zwischen ihnen erfolgt.

Es fehlten noch zehn Minuten vor dem Tischgang, Schon hatte Frederik
wiederholt forschend die Zahl der Gste gemustert.

Es lieen noch warten der Stadtkommandant, General Baron von Berling,
und--Komtesse Imgjor, die auf das dringende Ersuchen des Grafen ihr
Erscheinen zugesagt hatte.

In verschiedene Gruppen verteilt, standen die Gste schwatzend umher.
Neben Lucile und neben dem Marquis von Curbire, dem Musterbilde eines
vornehmen, ritterlichen Mannes, stand der Premierminister Graf Niels von
Rosenberg.

Er war klein und korpulent, hatte eine schiefe Schulter und einen
buckligen Rcken, besa aber einen so ungewhnlichen Verstand, und aus
seinen grnen Augen sprhte es so streng und gebieterisch, da sich
unwillkrlich Hoch und Niedrig vor ihm bckten.

Ein leises und lautes "Ah!" der Bewunderung entrang sich dem Munde der
Gste, als dann endlich auch Imgjor, gefolgt von dem General von
Berling, einem Mann, der einem spanischen Granden glich und dessen
Brust die Orden kaum fassen konnte, in den Hauptsaal trat.

Sie trug ein tief ausgeschnittenes Kleid, dessen eine Hlfte, die linke,
aus zartgefrbter rosenroter, die andere aus schneeweier Seide bestand.

Um den Hals, dessen schwanenweie Farbe das Auge entzckte, lag ein Reif
von Diamanten, aus dessen Mitte ein Opal seine roten, blauen und grnen
Blitze scho; ein ebensolcher Schmuck umschlo die Arme. Das
braunrtliche Haar war empireartig frisiert, und eine durchsichtige,
zarte Randspitze umgab da, wo ihre schneeige Brust sich hob und senkte,
den Saum des ihren vollendet gewachsenen Krper fest und schlank
umflieenden Seidenleibchens.

Als sich Imgjor nach Begrung ihrer Eltern und der sich zu ihr
drngenden Gste nach Lucile und dem Marquis umsah--der Zufall hatte es
gefgt, da sie den Brutigam ihrer Schwerer bisher verfehlt
hatte--lste sich gerade Curbire aus der vorhin beschriebenen Gruppe
und eilte mit lebhaften Mienen auf Imgjor zu.

Er stutzte. Ersichtlich ging etwas Ungewhnliches in dem Innern des
Mannes vor, als er dieses schier unnahbar schne Geschpf vor sich sah,
und als sie ihm mit ihrem sen, zuvorkommenden Blick die Hand
entgegenstreckte.

"Ah! Wie schn Sie sind--Psyche und Juno streiten um den Preis!"
sprang's in hchster Ueberraschung, in franzsischer Sprache, aus des
gewandten Mannes Munde.

Er war vllig benommen und wurde enttuscht, als Imgjor in der
gewohnten Auflehnung gegen ihre Schnheit und gegen Artigkeiten einen
gleichgltig verdrossenen Ausdruck in ihren Zgen erscheinen lie.

"Ah! Sie machen mir solche Komplimente und nennen das grte Juwel Ihr
Eigentum, das Dnemark besitzt?" sprach sie dann, den Ausdruck des
Mifallens in ihren Zgen absichtlich noch verstrkend.

Jhlings kam's ber sie, da sich der Mann fr sie interessiere, sich
ihr zuwendete, sich verlor, obschon er Lucile angehrte. Es war etwas in
seinen Augen aufgeblitzt, das sie ngstigte und dessen Wiederholung sie
durch schroffe Begegnung verhindern wollte. Aber Curbire war ihr
gewachsen. Er fand sich rasch wieder.

Whrend seinen Mund ein berlegenes Lcheln umspielte, sagte er mit
rascher, kavaliermiger Gewandtheit:

"Wie? Sie spielen den Lehrmeister gegen mich aus, Komtesse! Sie vermuten
wohl einen jener Bekehrungsbedrftigen, mit denen Sie sich drauen
beschftigen. Ich sollte meinen, ich htte am ehesten da ein Recht zur
Aeuerung der Bewunderung und glaubte am wenigsten da miverstanden zu
werden, wo es sich um die Schwester meiner Braut handelt!"

"Wie sollte es--" entgegnete Imgjor unbiegsam--"einem Weltmann wie Ihnen
nicht gelingen, das Uebergewicht zu behalten, gar dem anderen zu
beweisen, da seine Rede eine Ungeschicklichkeit gewesen sei, Herr
Marquis!"

"Sie halten es also nicht fr denkbar, da Sie sich irren, da das, was
Sie als eine Ablenkung meiner Gefhle fr Lucile bezeichnen wollen--so
ist's doch, Komtesse?--lediglich ein Ausbruch meines stark entwickelten
Schnheitssinns war?

Glauben Sie mir das, Komtesse! Ich bitte darum!--Wenn Sie aber trotz
alledem doch vermeinen, ich sei eines Tadels bentigt, so haben Sie mich
jedenfalls beraus schnell kuriert. Sie haben es verstanden, in mir die
Freude an Ihrem inneren Menschen gengend herabzumindern."

Nun sah Imgjor betroffen empor. Und als sie dann dem ernst gemessenen
Ausdruck in den Augen ihres knftigen Verwandten begegnete, streckte sie
ihm, von einem raschen Impuls getrieben, die Hand entgegen und sagte mit
dem schnen, bezwingenden, allen Lavards eigenen Freimut in Blick und
Mienen:

"Wohlan! Nach dieser Klrung wollen wir keine mivergngten Gegner,
sondern wahrhaft gute Freunde sein! That ich Ihnen Unrecht, verzeihen
Sie mir!

Also, ich bitte, Herr Marquis, ich bitte, lieber Armand!" schlo sie mit
einem noch bezaubernderen Ausdruck.

Und von dieser ehrlichen Liebenswrdigkeit bezwungen, beugte sich Armand
de Curbire auf Imgjor Lavards Hand herab, kte sie ehrerbietig und
sagte, obgleich sich ihnen in diesem Augenblick Lucile nherte und schon
von fern eiferschtig hinberschaute, laut und mit einem tief
verinnerlichten Blick auf die Schwester seiner Braut:

"Ich danke Ihnen, teure Imgjor! Ich danke Ihnen aus vollem Herzen! Ich
werde Ihnen diesen Augenblick nie vergessen."

Und nun gab auch Frederik endlich das Zeichen zum Tischgang.

Alle Anwesenden setzten sich in Bewegung, und bald sa die glnzende
Gesellschaft in dem theegrnen Speisesaal, der sich als Hauptzierde des
Palais in einem Flgel des Gebudes befand, bei kstlich duftenden
Speisen und seltenen Weinen beisammen.

Whrend des Tafelns warf Lucile, zu ihrem Verlobten gewendet, hin:

"Sieh' einmal, wie Imgjor entzckend ansieht und wie lebhaft sie sich
mit dem jungen Grafen Kilde unterhlt."

Ach, wenn sie sich doch endlich einmal verliebte und damit auch ihren
Menschenbeglckungskittel abthun wrde!"

"Ist's mglich! Imgjor hat sich noch fr niemanden interessiert?"

"Doch, einmal! Aber das war nur ein Flmmchen, welches ebenso rasch
verglomm, wie's emporgelodert war. Auch spielten andere Dinge mit--"

"Und wer war der Bevorzugte? Wie hie der Mann, der jedenfalls einen
ganz superben Geschmack besa?"

"Es war irgend einer! Der Name ist gleichgltig. Es war einer, der ihr
vormachte, da er auf nichts Anderes sinne, als die Welt von den Fesseln
der Ungleichheit zu befreien. Er verschwand dann und soll sich jetzt in
Amerika aufhalten."

"Aber Imgjor ist doch sicherlich von Hunderten umschwrmt worden."

"Ja, fast von allen Mnnern. Nur einer war ihrer wert. Ein vorzglicher
Mann: Graf Dehn. Aber auch er zog sich aus ihrem Sonnenkreis fort, wenn
auch aus anderen Grnden. Er liebte sie ber alles und wute sich nur
durch eine Weltreise von seiner Schwermut zu erlsen. Es ist derselbe,
der, wie du auf Rankholm hrtest, demnchst von Italien zurckkehrt und
uns besuchen will--"

"Ah!? Der Lausitzer Graf! Und wirklich ein so vollendeter Mann?"

"Ja, der liebenswertere, vornehmste Mensch, den ich auer dem Marquis
von Curbire kennen gelernt habe."

"Sehr verbunden, Komtesse Lavard! Aber wissen Sie, da ich leicht
eiferschtig zu werden vermag?" warf Curbire liebenswrdig neckend hin.

Lucile spitzte erst lachend den Mund, dann sagte sie ernst:

"Aber weder in diesem noch in irgend einem anderen Falle wirst du je
dazu Ursache haben! Bleibst du mir ein treuer Kamerad, so hast du bei
mir auf Felsen gebaut. Wir Lavards--"

In diesem Augenblick wurde Luciles Aufmerksamkeit auf ihre Mutter
gelenkt, die so lebhaft mit einem der jungen, zu ihrer Rechten sitzenden
Prinzen des Kniglichen Hauses sprach, da die Laute volltnend zu
ihnen herberdrangen.

Sie unterbrach deshalb ihre Rede, und Curbire sagte:

"Wie jung, wie schn ist noch deine Mutter! Lucile. Es ist ein Mirakulum
in solchem Alter--"

"Ja, und wie man sie lieben und achten mu!" fiel Lucile ein. "Ich habe
erst vor einigen Jahren erfahren, welch' eine groe, edle Seele sie
besitzt. Sie hatte eine schwere Versuchung zu bestehen, und hat sich
unvergleichlich bewhrt."

Curbire hrte gespannt zu, dann sagte er unvermittelt:

"Und so fest seid Ihr alle? Auch Imgjor?"

Lucile drehte sich rasch zu ihrem Verlobten um. Ohne da sie sich
Rechenschaft zu geben vermochte, berhrten sie seine Worte.

"Weshalb fragst du?" stie sie heraus.

"Nun, wie man eben fragt. Aus keinem besonderen Grunde--"

Und da er sah, da ihre Wangen eine leichte Blsse berzogen hatte,
erhob er das Champagnerglas, stie mit ihr an und fuhr neckend, mit
zrtlichem Ausdruck fort:

"Also auch meine stolze Knigin kann eiferschtig werden!? Dann sind wir
also quitt, meine liebe, wunderschne Lucile Lavard!"

       *       *       *       *       *

Eine Lavardsche Equipage hatte eben Imgjor--es war halb drei Uhr
morgens--vor dem Hause das sie seit ihrem Kopenhagener Aufenthalt
bewohnte, abgesetzt. Stumm und ehrerbietig war Robert seiner frheren
jungen Herrin beim Aussteigen behilflich gewesen, und nun schleppte sich
das junge Mdchen, die Brust voll von den widerstreitendsten
Empfindungen, die Treppe hinauf.

Der Prinz und Curbire hatten wiederholt mit ihr getanzt und sich beide
auerordentlich eingehend mit ihr beschftigt.

Der Prinz war ein Mann von Geist und feinen Manieren, aber nicht ohne
starken Cynismus, Curbire dagegen ein Kavalier von seltener
Gewandtheit, auserwhltem Geschmack und neben scharfem Verstande von
einer Unbefangenheit in der Beurteilung menschlicher Dinge, die Imgjor
in Erstaunen versetzt und auerordentlich angezogen hatte.

Er war ein ganz anderer als der brige Schwarm der Mnner. Lucile hatte
wohl gewut, was sie gethan hatte! Er hnelte dem Grafen Dehn, demselben
den sie, Imgjor, aus Trotz und Stolz von sich gewiesen.

Ein schwerer Kampf vollzog sich gegenwrtig in Imgjors Innern.

Ein Wesen von Fleisch und Blut, war auch ihr Herz einmal wieder in
Bewegung geraten! Und gerade der Mann hatte Eindruck auf sie gemacht,
der seine Hand vergeben und den sie--Scham, Reue und Auflehnung gegen
sich selbst flogen in heien Schauern durch ihre Seele--wegen seiner
Schwrmerei fr eine andere so scharf zu tadeln sich unterfangen hatte.

Was sie an ihm so streng gergt hatte, war nun ihr eigen Teil geworden.
Sie beschftigte sich in ihren Gedanken mit dem Verlobten ihrer
Schwester.

Allerdings gelangte sie zu einem anderen Ergebnis, als sie sich
vorstellte, sie htte Curbires Gattin werden knnen. Dann schob sich
doch die Gewalt des Grafen Dehn in ihre Vorstellungen. Sie erkannte, da
nur die gewaltsam herabgedrckte Leidenschaft fr ihn sich geregt, da
sie zu Curbire das mit jenem Uebereinstimmende im Wesen hingezogen, da
ihr Herz unwillkrlich--ihr unbewut--Nahrung suchend, nach diesem
Ersatz gegriffen habe.

Aber diese Probe hatte sie zugleich belehrt, da sie sich von den Rumen
der Palste fern halten mute. Die Schmeicheleien, die den Sinnen
gebotenen Reize, die parfmierte Atmosphre wirkten auf sie.

Reine Gedanken, und durch sie die Wiedererlangung der Ruhe ihrer Seele,
mute sie zurckerlangen.

Hatte sie nicht selbst darauf bestanden, da man ihr eine Freiheit
eingerumt, wie sie jetzt sie besa? Sie war ihr unter schwersten
Kmpfen geworden. Sie hatte geschworen, auf die Liebe eines Mannes zu
verzichten, jedenfalls niemals einem Axel Dehn den Triumph zu gnnen,
das Eingestndnis ihrer Liebe zu hren.

Wrde sie sich nicht dem hhnischen Lcheln der wahrsagenden
Besserwisser preisgeben, wenn sie pltzlich ihren Vorfllen wieder
untreu wurde, gar von dem Schauplatz ihrer Thtigkeit zurcktrat?

Sprach man doch in ganz Dnemark von Grevinde Lavard! Man hatte sie
schon mit der heiligen Elisabeth in Deutschland verglichen. Und ihrer
armen, verdorbenen Mutter hatte sie einen stummen Schwur geleistet, sich
der unglcklichen, den Verfluchungen ausgesetzten Frauen anzunehmen!
Sollte sie ihn brechen? Nein, niemals!

Sie prete gewaltsam alles in sich nieder, was ihre Entschlsse wankend
machen konnte.

Und zu all' diesen Vorstellungen gesellte sich heute wieder auch die
Erinnerung an Prest.

Noch einmal war Imgjor ihm begegnet, damals, als sie zur bleibenden
Uebersiedelung nach Kopenhagen unterwegs gewesen.

Sie hatte ihn mit einem jungen Mdchen, sicherlich seiner Braut, auf der
die beiden dnischen Inseln verbindenden Korsrer Fhre gesehen, und da
er sie nicht einmal gegrt hatte, waren die Gefhle der Emprung, des
Schmerzes und der Gedanke, jedermann vor diesem gefhrlichen Menschen zu
warnen, wieder in ihr aufgestiegen.

Aber gerade das Mdchen an seinem Arm war als ein Engel zwischen ihn und
sie getreten. Ihr Erscheinen hatte alle rachschtigen Regungen in Imgjor
erstickt. Ingeborg Jensen hatte ihr damals geschrieben, hatte sie
beschworen, ihrem Verlobten zu vergeben, und ihren flehenden Worten war
Imgjor mit ihrem weichen Herzen erlegen.--

Fast eine Stunde hatte Imgjor schon, in solche Gedanken verloren,
dagesessen. Die Geschmeide hatte sie abgethan, das Kleid von ihrem
Krper gelst. Sie glich, als ihr Blick zufllig in den Spiegel fiel,
einer marmornen Psyche.

Und bevor sie ihr Lager aufsuchte, ergriff sie ein dnisches Buch, das
auf ihrem Tisch lag.

"Was ist Glck?" lautete der Titel.

Was ist Glck? Ja, was war Glck? Pflichtbung fhrte es zunchst
herbei. Aber Pflichterfllung war auch ein dehnbarer Begriff. Mit
Pflichterfllung verband sich starke Selbstentuerung--und sie brachte
Kmpfe, die aber machten doch nicht glcklich! War sie denn berhaupt
glcklich?

Sie schttelte wehmtig den Kopf.

Nein! Es hatten die Recht behalten, deren Weisheit sie bespttelt hatte.

Wo herrschte die grte Vernunft? Ihre Erfahrung hatte ihr darauf die
Antwort erteilt: Bei denjenigen, welche die Dinge dieser Welt nicht mit
Ungestm anfassen, sondern mit besonnener Vernunft, die, ohne da sie
stumm oder laut darber philosophieren, wissen und daran festhalten, da
Zeit und Umstnde Mitordner der Dinge sind; die den guten Mittelweg
einschlagen, ihn stetig beschreiten, wenn auch auf den Nebenwegen noch
so viele Harfen mit sklingenden Tnen locken; die endlich vom Tage und
von den Stunden nicht mehr begehren, als sie nach Lage der Dinge
herzugeben vermgen und wofr sie, die Fordernden, aufnahmefhig sind.

Sie aber, Imgjor, jagte unruhig einem von allen Vernnftigen als
Phantom bezeichneten Ziele nach, erntete keinen Dank, wohl aber meistens
das Gegenteil. Die Empfnger ihrer Wohlthaten hatten ihr schon oft
erklrt, da man sie ja nicht gerufen, da sie sich aufgedrngt habe,
da man ohne sie auch und besser fertig geworden wre!

Dann hatte sie sich hingesetzt und wie ein Kind--und immer noch ein
solches an mangelnder Erfahrung--bitterlich geweint.

Ja, wie anders war die Welt der Vorstellungen und die der Wirklichkeit!
Curbire hatte ihr gesagt, und aus jedem Wort hatte sie Axel Dehn
sprechen zu hren vermeint:

"Wir leiden an drei Krankheiten: der einst den Frauen nachgesagten,
jetzt der Mnnerwelt anhaftenden Eitelkeit, der Verbesserungs- und
gegenseitigen Bevormundungssucht.

Die schlimmsten Verderber unserer heutigen Zustnde sind diejenigen,
welche, statt der Zeit ein allmhliches Reisen der Dinge anheimzugeben,
sich zu Staatsverbesserern aufwerfen, den Eitelkeitsspiegel zur
Betrachtung ihrer ungeheuren Weisheit und Bedeutung allezeit in der
Tasche tragen, fast ausnahmslos aus diesem Grunde auch nur handeln,
selbstgefllig, erhobenen Hauptes, reden, reden und wieder reden,
begrnden und Resolutionen fassen.

Wir besitzen die Mittel zur Verbesserung unserer Lage in nchster Nhe.
Aber wir stecken so sehr im Sumpf unserer Selbstsucht, gepaart mit
Verweichlichung und Genusucht, da wir durch knstliche Mittel ein
Gleichgewicht erzwingen wollen. Zu einer Gesundung unserer Zustnde
knnen wir nur gelangen, wenn wir alle zu einfachen, natrlichen
Verhltnissen zurckkehren, wenn jeder streng in seinem Wirkungskreise
seine Pflicht erfllt, erst sorgsam sein Haus bestellt und dann auch dem
Nachbar hilfreich die Hand bietet, und wieder letzterer dem nchsten,
also, da jeder geduldig, wachsam und treu der Last sich fgt, die
schwer oder minder schwer auf seinen Schultern ruht; wenn endlich die
sozial Bedrohten von den Gegnern einer ruhigen Entwickelung der Dinge,
nmlich den Sozialdemokraten, die Kunst der Einigkeit und
Opferfreudigkeit erlernen, fest und unzerreibar sich zusammenscharen
und handeln, sobald Umstrzler die begehende Ordnung untergraben wollen.

Jedem Menschen gab die Natur, wie dem Tiere, die Werkzeuge zum Kampf um
seine Existenz mit.

Sie soll er zunchst gebrauchen, nicht nach fremder, knstlicher Hilfe
sich umschauen.

Auf Beistand von Seeschiffen rechnen, wenn man auf Auen in Khnen fhrt,
ist das Beginnen von Thoren.

Was war es denn, so fragte sich Imgjor, was sich immer wieder in ihrer
Seele regte und dennoch Lehren und Erfahrungen beiseite schob? Sie fand
keine Antwort darauf.

       *       *       *       *       *

Als sich Imgjor am nchsten Tage spt erhob und nach Erledigung einiger
huslichen Pflichten an ihren Schreibtisch ging, fand sie zu ihrer
Bestrzung, da sie bestohlen worden war.

Es fehlten mehrere hundert Kronen, die sie beiseite gelegt hatte, um
einen beim Zoll angestellten, schwer heimgesuchten Familienvater zu
untersttzen.

Der Diebstahl mute whrend ihrer Abwesenheit am gestrigen Abend
vollfhrt worden sein, und da nur ihr Aufwartemdchen ihre Zimmer
betreten konnte, so mute sie die Diebin sein.

Dies regte Imgjor abermals auerordentlich auf, besonders deshalb, weil
sie diesem Dienstboten und deren Eltern sehr viele Wohlthaten erwiesen
und somit Dankbarkeit, wenigstens Treue von ihr erwartet hatte.

Aber sie fand auch in ihrem Briefkasten, den sie gewohnheitsmig nach
beendetem Frhstck ffnete, einen Brief, dessen Inhalt sie namenlos
erregte.

Das Schreiben lautete:

"Nichts anderes trieb dich aus den vergoldeten Zimmern in Rankholm fort,
als deine Sucht, dich breit zu machen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf
dich zu lenken. Und weshalb? Um deinen kleinlichen Ehrgeiz zu
befriedigen, damit man von dir spricht, schreibt, kurz--etwas aus dir
macht, die du doch selbst nichts bist. Du meinst, man durchschaue dich
nicht. Aber die Welt hat scharfe Augen. Die eine Hlfte bespttelt und
belacht deine Narrheiten, die andere, die der Eingeweihten, geht mit dem
Gedanken um, dem Grafen Lavard mitzuteilen, wie sein Name durch dich
verunehrt wird.

Solche Emanzipierte wie du gehren in eine Korrektionsanstalt. Du die
Welt reformieren? Du der Not und dem Elend ein Ende machen? Stille
deinen eigenen Jammer! Denn man wei es, du hast genug mit dir zu thun,
und man wei auch--warum! Also mache ein Ende mit der Komdie und mit
den bezahlten Zeitungsartikeln, die auf deine Verherrlichung abgesehen
sind!

Kehre dahin zurck, woher du gekommen bist, ehe du notgedrungen die
Flucht ergreifen mut!"

Imgjor sa whrend einer lngeren Zeit wie gelhmt da. Das war die
strkste Infamie, die ihr bisher geworden. Und wenn's auch vielleicht
aus derselben Quelle stammte, aus der ihr die brigen Krnkungen
gekommen waren, so wurden doch durch solche Wahrscheinlichkeit ihre
unruhvollen Vorstellungen nicht beseitigt.

Die Augen wurden ihr durch dieses Schriftstck vllig geffnet. So
urteilte also die Masse; solche Motive schob sie ihr unter!

Und das war so entsetzlich, da sie sich htte in diesem Augenblick tief
in die Erde verkriechen und nie wieder zum Vorschein kommen mgen.

Fort, fort, nur fort aus Kopenhagen mit seinem Undank, seiner Migunst
und Niedertrchtigkeit! Zurck nach Rankholm, wo die weien Tauben um
die hohen Trme der Einsamkeit flatterten, wo Ruhe, sanfter Friede
herrschten, wo es kein widerwrtiges Jagen und Haschen nach Geld und
Stellung, wo es noch einfache Verhltnisse gab; wo man ohne erst Anhhen
vor der Stadt zu gewinnen, die Sonne in ihrer unschuldigen, hehren
Schnheit aufsteigen und niedersinken sah, wo der Mond die stillen Wege
versilberte, auf denen sie, ein glckliches, von den Wirren der Welt
unberhrtes Kind, einhergewandelt war! Ah! Das Brllen der Rinder, das
Wiehern der Pferde, die reinen Laute des Landes, die anheimelnden Dfte,
der krftige Erdgeruch; ihr Zimmer oben im Turm, mit einer Aussicht in
eine Welt, die nicht schner gedacht werden konnte, in der Menschen
wohnten, gute, treuherzige, dankbare, keine schlechten wie hier!--

Aber auch dieser Sturm ihres Innern ging vorber, und Imgjor gelangte zu
anderen, zu den alten Entschlssen.

Sie wollte fortfahren, in die Huser der Armen zu gehen, und trotz aller
Anfeindungen versuchen, nicht in dem zu erlahmen, was sie sich einmal
als Lebensaufgabe gewhlt hatte. Am nchsten Tage wollte sie in
Sommerlyst einem Vortrage beiwohnen, den ein aus Schweden
herbergekommener Reformator Kollund, ein frherer Geistlicher, halten
wrde. Ja, dazu war sie entschlossen!--

Es war am folgenden Abend. Schon seit einer Stunde hatte Kollund, der
einstige Geistliche und jetzt den neuen Ideen mit feurigem Eifer
huldigende Wanderprediger seinen Vortrag beendet, hatte der stets nach
solchen Verheiungen hungernden Welt erklrt, da Christus im Grunde
nichts anderes gewollt, als was sie selber jetzt in grerer
Gemeinschaft anstrebten. Auch er habe gesprochen: "Kommet her zu mir
alle, die ihr mhselig und beladen seid!" und nur durch praktisches
Christentum seien die Not und das Elend aus der Welt zu schaffen. Seine
Worte hatten Imgjor deshalb noch mehr ergriffen als alle diejenigen
seiner Vorgnger, weil sie von dem reinsten Enthusiasmus getragen und
weil sie von jener Selbstlosigkeit durchhaucht schienen, die ihr selber
eigen war. So sehr hatte sie das bleiche Erlserangesicht des Redners
angezogen, da sie auch nach Beendigung des Vortrages in Sommerlyst
blieb. Sie hatte sich ihm vorgestellt und ihm gesagt, wer sie sei. Und
dann war sie mit ihm in eine Laube des Gartens getreten und hatte hier,
umfchelt von den sanften Lften der Frhlingsnacht, ihre Gedanken mit
ihm ausgetauscht.

Sie sei im Begriff, zu erlahmen, hatte sie ihm, unter den Eindrcken der
letzten acht Tage, mit einer Offenherzigkeit gestanden, als ob sie ihn
lange Jahre gekannt, ihm schon immerdar ihr Vertrauen geschenkt habe.

Und der Mann, ein unerschtterlich Ueberzeugter, hatte das Haupt mit
einer Miene bewegt, als ob er nicht zu hren brauche, als ob er ohnehin
wisse, was in ihrer Seele sich vollziehe.

"Mir ging es wie Ihnen, Komtesse," erklrte er. "Ich habe wohl
hundertmal alles wieder beiseitewerfen, habe verzagen wollen.

Ich habe so viel Undank und so viele Nichtswrdigkeiten erfahren, da
ich im Zorn aufgeschrieen und in die Worte ausgebrochen bin:

"So helft euch selbst! Ihr verdient es nicht, da ein ehrliches
Menschenkind auch nur einen einzigen Schritt fr euch thut! Ihr seid
Riesen im Nehmen, im Empfangen und in der Selbstsucht, und kleiner als
Ameisen in der Erkenntnis dessen, was ihr euch selbst schuldig seid,
welche Dankpflichten ihr denjenigen zollt, die sich in eure Dienste
stellen!

Mit dem Essen wchst euer Appetit bis ins Ungemessene. Ihr fordert
zuletzt, wo ihr zu bitten habt.

Vor Monaten blieb eine Frau, der ich tglich Nahrungsmittel gespendet,
pltzlich aus. Als ich ihr begegnete und sie fragte, weshalb sie nicht
mehr komme, erwiderte sie mir in einem geringschtzenden Ton:

Es sei ihr das Essen bei mir nicht mehr gut genug. Sie verkehre jetzt in
dem Hause eines Grokaufmanns und empfange dort andere, sehr viel
bessere Speise.

Ich hatte auf der Zunge, ihr zuzurufen:

"Sie soll dir _nicht_ werden, du Unverschmte! Ich werde jenem melden,
welch' eine Unwrdige du bist!"

Aber ich gedachte des Elends, das dann vielleicht wieder eintreten
wrde, und verwandelte Zorn in Milde. Ich sprach auf sie ein und hielt
ihr vor, auf welchem verkehrten Wege sie sei. Denn das ist unsere
Aufgabe! Nicht zrnen, gar rchen, vielmehr vergeben, anleiten, durch
sittliche Frderung des einzelnen Samen streuen fr eine allmhlich
aufgehende, krftige Frucht. Und glauben Sie:

So niedertrchtig die Welt sich oft durchweg giebt, so ungerecht, so
einseitig, sie meist urteilt, so birgt sie doch auch Edeldenkende. Es
giebt ein sich an Wahrheit und Wirklichkeit haltendes Urteil, und das
und das Eintreten jener Gerechten wird am Ende siegen.

Im allgemeinen hat die Welt einen sehr feinen Orientierungssinn, sie
wei sehr wohl zwischen den Wertvollen und Wertlosen zu unterscheiden.--

Harren Sie also aus! Schon leuchtet der Name der Grevinde Lavard durch
die nordischen Lande. Da sie Anfechtungen zu bestehen hat, da man sie
entweder eine Nrrin oder eitle Abenteuerin schilt, das ist ein Los, das
sie mit allen teilt, denen ein hherer Geistesflug innewohnt, die sich
nicht damit begngen, blos zu sein."

Imgjor hatte dem Redner mit Begeisterung zugehrt. Sie fing jedes Wort,
das ber seine Lippen ging, wie ein Evangelium auf. So schn, so
verklrt waren seine Zge! Ueber der bleichen Stirn hing, gleichsam als
Kennzeichen der Gleichgiltigkeit gegen alles Aeuerliche, eine Locke des
schwarzen Haares, in seinen dunklen Augen glhte das Feuer der
Ueberzeugung, und ber ein krankes Hsteln, das seine Rede unterbrach,
sprach er mit jener milden Ergebenheit, die den Mrtyrern eigen.

"Ich schaffe, so lange ich es vermag. Will der Schpfer, da ich
aufhre, so wird er seine Grnde haben, und einen anderen, Befhigteren,
Strkeren senden."

Jetzt, in seiner Nhe, unter seinem Einflu lehnte sich Imgjor wieder
einmal gegen die nchterne Ueberlegenheit eines Axel Dehn, eines
Marquis von Curbire auf.

Es war sehr bequem, zu sprechen, wie sie es thaten.

Allmhlich wrde, nach ihren Worten und Ansichten, vom steten Regen der
Zeit benetzt, der Felsen der zu groen Ungleichheiten zerbrckeln! Aber
eben der Regen sollte wirken, damit auf dem Platze, wo das Gestein
ruhte, fruchtbares Land sich aufthue! Selbst wollten sie sich nicht
rhren, die Muskeln nicht anstrengen!

In ihm, dem Prediger Kollund, sa das, was einem Christus, einen Mahomed
den Stab in die Hand gedrckt. Er war der berufene Vorkmpfer fr die
neue Lehre. Endlich hatte sie ihn gefunden.

Nachdem Imgjor mit Kollund verabredet hatte, da sie sich noch einmal
wiedertreffen wollten, nahm sie allein den Weg von Sommerlyst zu Fu
zurck. Ihre Wohnung lag in der Nhe des Rosenberger Schlosses in der
Kronprinzegade.

Als sie nach einer sie stark beschwerenden Wanderung an die Ecke dieser
und der Gothergade angelangt war, trat pltzlich ein junger Mensch auf
sie zu und redete in sehr zudringlicher Weise auf sie ein. Und als sie
ihm durch rasches Forteilen zu entrinnen suchte, war er ebenso schnell
nochmals an ihrer Seite, wiederholte, die menschenleere Gegend
benutzend, seine Antrge, und umfate, trotz Imgjors uerstem
Widerstand, ihren Leib.

"Sie sind doch Grevinde!" flsterte er, sie fester und fester an sich
ziehend. "So gewhren Sie doch einem armen, sehnschtigen Menschen auch
einmal eine glckliche Stunde. Andere drfen es! Warum wollen Sie es mir
versagen? Ach, wie schn Sie sind! Ich sah Sie mit Kollund sitzen. Der
Glckliche!

Ich bitte, mein ses Kind--komm mit--komm mit auf die Bank! La uns
plaudern. Hre, wer ich bin, und wisse, ich bin deiner wert!"

Imgjor fehlte der Atem und es versagten ihr die Worte. Sie wollte
schreien, Hilfe rufen und vermochte es nicht. Mit ungeheurer Kraft hob
er sie empor, trug sie in das Innere des Parkes und verschwand mit der
Halbohnmchtigen unter den Bumen.

       *       *       *       *       *

Im Rankholmer Palais sa in seinem dreifenstrigen durch den Anstrich
sanfter Pfirsichfarben reizvoll gehobenen und mit alten Ovenschen
Gemlden und seltenen nordischen Mbeln geschmckten Arbeitsgemach Graf
Peder Lavard und rauchte aus einer kostbaren Meerschaumpfeife. Dem
silberbeschlagenen Kopf entstiegen in blauen Ringen emporschwebende,
einen verfhrerischen Duft verbreitende Wlkchen, und ein Ausdruck
ausnehmender Behaglichkeit haftete in den Zgen des Besitzers des
Schlosses.

Ihm gegenber, in einen hohen Sessel aus dem sechszehnten Jahrhundert
zurckgelehnt, plauderte der Marquis von Curbire, der heute einen
schneeweien Anzug aus einem Pariser Magazin trug, und nun eben eine
kleine, dnne Cigarette durch rasche Berhrung mit einer brennenden
Wachskerze entzndet hatte.

Die Herren unterhielten sich ber eine am kommenden Tage bei Hofe
Stattfindende Festivitt, zu der, mit Ausnahme von Imgjor, sowohl die
Familie Lavard, wie auch der Marquis, nach vorangegangener Einzeichnung
seines Namens in das in dem kniglichen Vorzimmer ausgelegte Meldebuch,
Einladungen empfangen hatten.

Und eben, da man Imgjor ausgeschlossen, da man, wie stets, von ihr gar
keine Notiz genommen hatte, brachte das oft errterte Thema ihrer
Emanzipation von neuem in Flu, lie die Herren berlegen, durch welche
Mittel man sie endlich von ihren Abenteuerlichkeiten kurieren knne.
Umsomehr beschftigte sich die Familie mit Imgjor, als einige Vorflle
der letzten Zeit auch ihren Namen wieder in sehr unliebsamer Weise in
die Oeffentlichkeit gebracht hatten.

Immer stand Graf Lavard unter der Befrchtung, da seinen guten
Beziehungen zum Hofe durch Imgjors Verhalten ein Abbruch geschehen
knne. In den Zeitungen war mitgeteilt worden, da der frhere
Geistliche Kollund in Sommerlyst einen von Tausenden besuchten Vortrag
gehalten und da die bekannte Grevinde Lavard demselben nicht nur von
Anfang bis zu Ende beigewohnt und ihm sehr lebhaft Beifall gezollt,
sondern auch noch mit dem Redner spter lange Nachtstunden allein
konferiert habe.

Und am nchsten Tage hatten dieselben Zeitungen zu erzhlen gewut, da
ein Anfall auf die Komtesse verbt sei.

Nach jenem Vortragsabend sei sie unvorsichtigerweise allein nach Hause
geschritten und, in der Nhe des Rosenborger Parkes angelangt, von einem
Strolch, dessen Familie sie viele Wohlthaten erwiesen habe, berfallen
und bel zugerichtet worden. Sie liege an einem Nervenfieber darnieder
und werde von einer barmherzigen Schwester gepflegt. Auch ihre
Angehrigen weilten tglich an ihrem Lager.

Seit dieser Zeit waren drei Wochen vergangen. Imgjor war wieder
aufgestanden und hatte sich erholt.

Bei einem Fest beim Premierminister, dem die knigliche Familie
beigewohnt hatte, war zwar der Knig dem Grafen und seinen Angehrigen
sehr gndig begegnet, aber es waren doch auch zum erstenmale Worte
gefallen, die seine Ansichten ber die junge Grfin Lavard sehr deutlich
hatten zu Tage treten lassen.

"Ich bedaure, lieber Graf, da die Komtesse von einem solchen Unfall
betroffen worden ist. Aber ich wrde es nicht nur in ihrem, sondern eben
so sehr im Interesse der Familie halten, wenn sie sich solchen
Extravaganzen nicht aussetzte, berhaupt ihrem Enthusiasmus einige Zgel
anlegte. Der Polizeiprfekt meldet mir, da nun auch sie einen
ffentlichen Vortrag zu halten die Absicht hat. Suchen Sie das mit allen
Mitteln zu verhindern. Ich rechne darauf. Dergleichen pat sich nicht
fr das Mitglied einer dnischen Adelsfamilie. Wo kommen wir hin, wenn
von dort schon solche Beispiele ausgehen!"

Whrend die Anwesenden noch sprachen, meldete Frederik, da Komtesse
Imgjor soeben ins Schlo getreten wre, zudem benachrichtigte er die
Herrschaften, da das zweite Frhstck serviert sei.

Unmittelbar darauf trat auch schon Imgjor ins Zimmer, schritt mit der
Miene sanfter Unterordnung auf ihren Pflegevater zu und reichte dem
Marquis mit jenem sen Blick die Hand, den sie allen denen gnnte, die
sie lieb hatte. Aber auch Lucile erschien, und da war's, als ob nun erst
die volle Schnheit die Welt erhelle.

Sie glich der Versinnbildlichung des eben eingezogenen blhenden
Sommers! Ein weies, seidenes Gewand umschlo ihren Krper, eine gelbe
und eine weie Rose saen in ihrem nach Empire-Art hochfrisierten Haar.
Sonst trug sie keinen Schmuck.

"Ah, wie schn du heute wieder aussiehst, meine Lucile!" flsterte
Curbire, voll Bewunderung seine Braut umarmend.

Und whrend er sie noch mit anderen schmeichelnden Worten berschttete,
sprach der Graf, seiner Tochter Imgjor mit liebenswrdiger
Zuthunlichkeit den Arm reichend, auf diese ein.

"Ich mchte dich nachher sprechen, Imgjor. Nach dem Frhstck, ehe du
das Palais wieder verlt, gehen wir noch einmal zu mir hinber--"

Die Grfin warf ihr beim Eintritt in den Speisesaal, wohin sie sich
inzwischen begeben, einen von einem vertraulichen Lcheln begleiteten,
guten Blick zu, auch umarmte sie Imgjor bevor sie sich an der Tafel
niederlie.

Es wurde ein zu unternehmender Wagen- und Reitausflug nach Skodsborg
besprochen. Die Herrschaften wollten auf der Rckkehr in Klampenborg
speisen. Imgjor wurde von den Ihrigen ebenfalls aufgefordert, wich aber
aus.

"Stimmen Sie doch zu, schne Schwgerin!" ermunterte sie Curbire
liebenswrdig. "Lassen Sie einmal die Kittelleute fr sich selbst
sorgen! Erinnern Sie sich, wie sie Ihnen jngst begegneten, und
vergessen Sie nicht, da Sie auch Pflichten gegen die Ihrigen haben."

"Ich wrde sehr gern teilnehmen"--entgegnete Imgjor, bei der Hitze die
Aermel ihres Kleides etwas zurckgreifend und so ihren reizenden Arm
freigebend--"aber ich will in diesen Tagen einen ffentlichen Vortrag
halten, und da brauche ich alle meine Zeit uerst notwendig."

"So halten Sie ihn nicht! Das Sternbild des Bren wird nicht vom Himmel
herabfallen, wenn die Welt sich dessen entraten mu. Glauben Sie denn
wirklich, da dergleichen einen praktischen Nutzen hat?"

"Ich hoffe es, lieber Armand."

"Und welchen?"

"Da die Menschen zum Nachdenken gelangen."

"Aber wir haben ja die vielen Orte, die stillen Kmmerlein und
lauschigen Pltze in der Einsamkeit der Gottesnatur, wo die
Erdenbewohner selbst dergleichen ben knnen! Wir haben zudem all' die
Kirchen und die vielen Prediger--"

Imgjor zog die Schultern.

"Liegt nicht eigentlich eine Vermessenheit darin, fortwhrend andere
belehren zu wollen, Imgjor?" fuhr er fort. "Wr's nicht besser, jeder
verwendete seine Zeit auf sich? Jeder hat's dringend ntig! Ich
wiederhole frher Gesagtes."

"Ja, darin liegt etwas! Ueberhaupt haben Sie wohl von ihrem Standpunkt
aus auch recht. Ich kann aber nicht anders, als nach meiner Natur
handeln. Ist's nicht schon viel wert, wenn es mir gelingt, einige
Migeleitete umzuwandeln?"

"Das ist--pardon!--die stete Rede aller derer, die es fr erforderlich
halten, die Menschen fortwhrend auf Tod und Sterben und Bue
hinzuweisen, anstatt sie das Leben lieben zu lehren, sie zur
Lebensfreudigkeit anzuhalten, ihnen ein heiteres, sorgloses Gemt zu
verschaffen, sie dadurch zu sthlen, dem Dasein zu begegnen, so dem
Schpfer wohlgefllig zu sein. Nichts Widersinnigeres als das
Asketentum, nichts, was Gottes Absichten weniger entspricht! Er schuf
die Sonne und die Helle zum Gedeihen der Welt, uns zur Freude und zum
frhlichen Genieen. Und wir? Wir verwandeln seine schne Erde in ein
Jammerthal, durch das wir gezwungen hindurchgehen mssen, in einen
Kerker, in dem wir lebenslnglich zu schmachten verurteilt sind. Wie
kleinlich machen wir den groen Geist. Wie sehr beweisen wir durch
unsere Auffassung von der Gottheit, wie wenig wir jemals ber sie
nachgedacht, geschweige ihr innerstes, jedes Geschpf mit grenzenloser
Liebe, Gte und Nachsicht umfassendes Wesen ergrndet haben. Verdammen
wir nicht den Lehrer, der immer nur danach ausschaut, ob die Kinder
fehlen, ihnen ihre Bewegungen beschneidet, sie stetig in solche Fesseln
spannt, die der Natur des freigeborenen Geschpfes widerstreben; der
fortwhrend mit Strafen und Vergeltung droht, der ihnen immer nur
zuruft: "Bedenket, da der Zeugnistag erscheint!" Und so fort und so
fort bis zum Abgang? Und nun behngen wir gar das erhabene Wesen mit
solchen Eigenschaften! Wahrlich, man wei nicht, ob man ber solche
Verblendung weinen, oder ob man sich gegen solche Anmaung der Auslegung
des gttlichen Wesens empren soll!"

"Sie sprechen--" entgegnete Imgjor voll Begeisterung, "fr eine
Neugestaltung unserer religisen Anschauungen. Der geistig hher
Stehende gelangt, und sicher mit Recht, zu solchen. Wir haben es aber
mit der breiten Masse zu thun, die an dem Alten hngt und fr welche die
Lehre von Himmel und Verdammnis geeigneter ist. Was ich vorhabe, ist ja
auch etwas anderes. Ich will reden ber die Gleichberechtigung der
Menschen zum Zweck eines glcklicheren Erdenlebens, ber die Mittel, das
Los der Armen zu verbessern, ber die Pflicht der Groen, dazu nach
Krften beizutragen! Ich will praktische Religion predigen!"

"Ich mchte, da du diesen ffentlichen Vortrag nicht hieltest, ja, ich
wnsche unter allen Umstnden, da es unterbleibt, Imgjor!" fiel nun der
Graf ein. Er that's, nachdem eben die Dienerschaft das Zimmer verlassen
hatte.

"Der Knig sprach mich in diesen Tagen darauf an, da du dergleichen
vorhabest. Er forderte von meiner Loyalitt, da ich es dir verbieten
mge."

"Deine Loyalitt sollte dich eher bestimmen, mir beizupflichten, lieber
Papa!" fiel Imgjor ein. "Ich predige nicht den Umsturz; ich will nur auf
Grund des Bestehenden reformieren. Und je eher und besser uns das
gelingt, um so sicherer werden sich gerechte Frsten ihr angestammtes
Erbteil bewahren."

"Wir wollen uns gegenseitig keine Kathedervortrge halten, Imgjor. Du
kennst meine Ansichten und in diesem speziellen Falle jetzt meinen
unbedingten Willen. Da ich dir in so vielem nachgab, darf ich wohl auch
auf einen Gegendienst rechnen. Ich erwarte, da du noch heute die
Schritte unternimmst, deinen Vortrag rckgngig zu machen. Ich werde
dagegen dafr sorgen, da die Zeitungen eine berichtigende Notiz
bringen."

"Das kann nicht sein," erklrte Imgjor. "Sage dem Knig, da ich frder
nicht mehr ffentlich sprechen will. Diese Abrede aber vermag ich nicht
mehr rckgngig zu machen--unmglich!"

"Was heit: kann--unmglich, wenn ich es erbitte, wenn ich es wnsche,
wenn ich es will?" rief der Graf, dem, wie so oft, jhlings die Geduld
ri. Er sprang empor und schlug mit einer Heftigkeit auf den Tisch, da
die Glser zitterten. "Welch' grenzenloser Egoismus, immer nur das Ich
sprechen zu lassen, niemals sich erinnern zu wollen, da es Dankgefhle,
da es Familienrcksichten giebt! Hast du noch nicht genug? Willst du
abermals Scenen, wie die im Rosenborger Park, sich wiederholen lassen,
deren noch bseres Ende nur ein gndiger Zufall verhinderte? Findest du
gar Lust daran, dich solchen dich entwrdigenden Dingen auszusetzen, da
du dich nun abermals ffentlich, wie eine Harfenspielerin, dem
allgemeinen Anglotzen preisgeben willst? Wahrlich, es scheint fast so!
Eitelkeit, Eitelkeit bisher! Und nun gar die Sucht nach Beifall auf
Kosten der weiblichen Wrde!"

"O, halt! Halt!" rief das in ihrem Innern tief betroffene junge
Geschpf. Sie flog, ihre Gestalt straff emporreckend, vom Stuhl und
richtete herausfordernde Blicke auf den Grafen. "Da du das
sagst--mir--"

Aber wie einst, schnitt er ihr die Worte ab, sprang auf sie zu, packte
ihre Handgelenke und rief, whrend ihm ein heisprhender Atem aus der
Brust quoll: "Ja, das sage ich dir, ich, der Graf Lavard! Willst du dich
meinem Willen nun fgen? Willst du erklren, da du von dem Vortrage
abstehst? Noch einmal nein, oder--"

Aber jetzt hielt es auch Curbire, der bisher bleichen Angesichts
dagesessen und nur durch seine Mienen an den Tag gelegt hatte, was er
bei dieser Scene empfand, nicht lnger. Blitzschnell war er an beider
Seite, richtete einen bittenden Blick auf den Grafen und suchte ihm
Imgjor mit sanfter Bewegung zu entreien.

Aber auf den bis zur Raserei entflammten Mann bte dieses kavaliermige
Dazwischentreten gerade den entgegengesetzten Eindruck.

"In meine huslichen Angelegenheiten erbitte ich keine Einmischungen!
Ich mu aufs dringendste bitten!" stie er in einem schroff
entschiedenen Tone heraus, schob auch die Grfin, die zu vermitteln
suchte, kurz und rauh zur Seite und fate Imgjors Handgelenke nur noch
fester.

Aber nun wute Imgjor selbst das Schauspiel zu beenden. Indem sie sich
mit einer pltzlichen Bewegung befreite, sodann an die Thr eilte und
hier, um sich einen ungefhrdeten Abgang zu sichern, mit der Linken die
Klinke fate, sagte sie:

"Ich kann nicht, Papa! Ich kann nicht, weil ich nicht alleiniger Herr
meiner Handlungen bin, weil ich mein Wort gab. Aber ich will mich in
anderer Weise dir fgen. Ich verzichte von heute an auf alle Rechte, wie
immer sie heien mgen, auf die Rechte, deinen Namen zu tragen und auf
materielle! Ich werde mich fortan nennen, wie mein Vater hie. So wirst
du befreit von der, die dir doch nur Schande macht, so streifst du die
Verantwortung fr ihre Handlungen von dir ab. Verzeih' mir! Ich bitte
dich flehentlich! Nie werde ich vergessen, was du, was ihr alle Gutes an
mir gethan! Aber ich kann nicht anders. Jeder hat seine Eigenart und
besitzt ein Recht darauf. Auch ich mu meiner Natur folgen--Adieu!
Adieu! Nochmals Adieu! Vergebt mir!"

Nach diesen Worten verlie sie mit einem entschlossenen Blick das
Gemach.

       *       *       *       *       *

In einem Hinterzimmer des Wirtshauses in der Nhe des Tivoli sa an
demselben Abend der Wanderprediger Kollund mit Imgjor Lavard. Sie hatte
ihm geschrieben, da sie ihn sprechen wolle, und er hatte geantwortet,
da er sich am Abend, nach einem Vortrage in der Umgegend, zu ihrer
Verfgung halte.

Nun eben hatte er den Kellner gerufen und Speisen und Getrnk gefordert,
whrend sie, nach ihren Wnschen befragt, ihn nur eine Flasche
Selterwasser zu bringen ersuchte.

Sie besa weder Hunger noch Durst. Ihr verlangte lediglich nach
Aussprache, nach Frderung ihrer whrend des Tages zu immer strkerer
Reise gelangten Plne. Sie wollte, wie er, das Land durchziehen, aber
sie wollte sich nicht mit Vortrgen begngen, sondern mit allen Mitteln
dahin wirken, da in jeder Stadt, in jedem Flecken und jedem Dorfe ein
Wohlfahrtsverein begrndet werde.

Diese sollten sich als Aufgabe stellen, eben das ins Leben zu rufen, was
sie einst mit Prest geplant hatte.

Da sie sich nun der Fesseln entledigt, da sie keine Rcksichten auf ihre
Familie mehr zu nehmen hatte, wollte sie wieder die greren Ideen zu
verwirklichen suchen.

Vielleicht wrde Kollund ihr Partner werden, vielleicht fand sie bei
diesem, von den reinsten Absichten erfllten Volksfreunde eine
Untersttzung ihrer selbstlosen Bestrebungen.

Er hrte ihr auch, ohne sie zu unterbrechen, zu. Seine Augen hingen an
den ihrigen, als ob ihn eine Verzauberung ergriffen habe. Seine mageren
Hnde griffen immer wieder nach der Flasche. Oft holte er tief Atem. So
beschwert schien er, da sie einigemale besorgt fragte, ob ihn etwas
schmerze.

"Nein, nein, nichts, gndige Komtesse. Ich bitte, fahren Sie fort!"

Bisweilen schien's auch whrend des Zuhrens, als ob er in eine Art
Verzckung geriete, als ob er sich durch ihre Rede so in die Welt der
Wirklichkeit hineinversetzt habe, da ihm schon alles Thatsache geworden
sei.

Und das Ende war, da er ihr begeistert zustimmte, sich bereit erklrte,
fortan mit ihr gemeinsam die Lande durchziehen und ihre von ihm
gutgeheienen Plne ins Werk setzen zu wollen.

"Sehen Sie, Komtesse! Mir fehlten ja nur die Mittel, die Sie besitzen!
Ich mute mich auf meine Ansprachen beschrnken. Von dem Entree, das ich
erziele, soll ich leben und mu ich meine Reisen bestreiten. Sie haben
die vollen Kassen. Sie knnen sogar noch austeilen. Unter solchen
Voraussetzungen und Eindrcken strmen die Menschen herbei. Da rechnet
es sich auch die bessere Gesellschaft zur Ehre an, zu erscheinen. Ihr
Name, Ihre Stellung und Ihr Reichtum ziehen. Denn Sie mssen es wissen,
schlielich kommt's ja doch bei fast allen nur auf zweierlei an, auf
Befriedigung der Eitelkeit und auf Erreichung von Vorteilen. Von der
Sache selbst Durchdrungene giebt's kaum ein Dutzend auf eine Million!"

"Wie? Das sagen Sie, Herr Kollund?" stie Imgjor in starker Enttuschung
heraus. "Ach! Das drckt mich tief herab. Und lassen Sie mich es Ihnen
gleich sagen, da Sie sich irren, wenn Sie meinen, ich sei noch reich,
ich knne irgend etwas austeilen. Ich besitze nichts, da ich mich mit
meiner Familie vllig berworfen habe! Wenn ich meinen Schmuck
verkaufe--das meiste gab ich schon hin--bleibt mir hchstens die
Mglichkeit, noch einige Zeit zu leben!"

Schon bei den ersten Worten Imgjors war in die Zge des Mannes ein
Ausdruck von Mattigkeit getreten. Beim Schlu ihrer Erklrungen hielt er
schon gar nicht mehr mit seinen vernderten Gedanken und Anschauungen
zurck, zog die Lippen und schttelte das Haupt.

"Wenn die Dinge so stehen, Komtesse, ist--ist--garnichts zu machen! Ich
ging natrlich von ganz anderen Voraussetzungen aus. Bei solcher
Sachlage kann ich Ihnen nicht die geringsten Erfolge Ihrer Vorhaben
versprechen. Wir wrden uns nur gegenseitig im Wege stehen. Jetzt vermag
ich allein zu existieren; in der Folge wrden wir nicht das tgliche
Brot haben. Ist denn wirklich alles dahin? Ist keine Aussicht, da Sie
sich mit Ihrer Familie wieder einigen?"

"Nein," erwiderte Imgjor kalt, mit einem solchen eisigen Ausdruck, da
der Mann, der sich schon allen mglichen Trumen von Liebesglck und
Erdenschtzen hingegeben hatte, nunmehr einer vlligen Ernchterung
erlag.

Im Nu verschwand der bestrickende Zauber, den Imgjor auf ihn ausgebt
hatte.

Aber auch Imgjor erlitt entsetzliche Qualen der Enttuschung, doppelte,
da sie sich nicht nur in ihren Hoffnungen auf diesen Mann als Mithelfer
ihrer groen Plne getuscht fand, sondern auch durch ihn so
rcksichtslos belehrt worden war, wie nutzlos alles Mhen ohne
materielle Mittel sein werde. Sie hatte sich dem unbestimmten Gefhl
hingegeben, da dieser edle Enthusiast die Herbeischaffung solcher
freudig auf seine Schultern nehmen, da er dazu auch leicht imstande
sein werde. Sie, die immer aus dem Vollen geschpft, die stets die Hand
hatte aufthun knnen, hatte sich trotz des tglichen Einblicks in die
Lebensnot der Menschheit auch in dieser Richtung eine Illusionswelt
aufgebaut.

Und abermals hatte sie ebenso vorschnell, wie unweise gehandelt! Anstatt
vorher zu prfen, die Folgen ihres Vorhabens zu berlegen, hatte sie
ihre Erwartungen ohne weiteres zu Thatsachen erhoben und war nun gleich
bei den ersten Schritten, die sie unternommen, bis zum Fallen
gestolpert.

Jetzt stand sie--in furchtbarer Klarheit kam's ber sie--wirklich dem
"Nichts" gegenber. Und sie hatte sich, wenn sie ehrlich berlegte,
whrend ihrer nun fast zwei und einhalbjhrigen Thtigkeit drauen in
der Welt kaum einen Freund, sondern nur Feindschaft erworben.

Die Freunde, die einzigen, die sie vorher besessen, hatte sie eben in
ihrem stolzen Uebereifer von sich gestoen. Ihren Widersachern wollte
sie sich offenen Auges zugesellen und abermals mit schweren Krnkungen
und schndem Undank verbundene Lasten bernehmen. War darin ein Sinn?
Hatte sie noch nicht Erfahrungen genug gesammelt? War's noch nicht
gengend erwiesen, da ihre Umgebung in allem Recht gehabt?

Und eben aus diesen gegen sich selbst gerichteten Ueberlegungen entstand
jhlings eine um so grere Abneigung gegen denselben Mann, dem sie noch
beim Beginn des Gesprches gleichkam ihr ganzes Ich hatte verschreiben
wollen, den sie als den pltzlich ihr erstandenen Erlser betrachtet
hatte. Sie konnte es nicht erwarten, die Beziehungen zu ihm abzubrechen,
auch ihm die Erklrung zu geben, da sie keinen ffentlichen Vortrag
halten wolle.

Sie nahm deshalb kurz und schroff das Wort und sagte:

"Unser Gesprch hat mich belehrt, da wir nicht, wie ich hoffte und
glaubte, zu einander passen, Herr Kollund. Ich bin infolgedessen auch zu
dem Entschlu gelangt, bermorgen nicht zu sprechen. Ich bitte also, die
Ankndigung zurckzuziehen. Ich mu es definitiv ablehnen, ffentlich
aufzutreten!"

Der Mann nickte beipflichtend, ohne sich im geringsten zu ereifern.

"Ich wrde," hub er mit unangenehm wirkender Ruhe an, "dann nur um den
Ersatz der Kosten bitten, Geldmittel fr die Inserate in den Zeitungen,
fr das Lokal, fr die Personen, die ich zu bezahlen habe, und fr die
Ausflle an Einnahmen."

"Welche Personen, welche Ausflle an Einnahmen? Ich bitte!"

"Nun, die Stimmung machen, die mit einem Teller zum Sammeln herumgehen
sollten."

"Stimmung machen, sammeln? Fr was und fr wen?"

"Wie Sie fragen, Gndige! In solchen Versammlungen braucht man eine
Claque, und die mu man bezahlen. Die Sammlung wird fr meine
Bedrfnisse aufgebracht--Ich soll doch leben--ich soll doch etwas
zurcklegen--"

"Gewi, ersteres sicher! Und Sie lassen das erklren, oder Sie sagen es
selbst?"

Der Mann schttelte den Kopf.

"Nein! Das geht nicht. Dann kommt fast nichts ein! Die Betrge mssen
als Agitationsausgaben fr die groe Sache bezeichnet werden."

"Glaubt man Ihnen denn das? Fragt man nicht, wer das Geld verwaltet, wo
es bleibt?"

"Nein. Ich bin der Verfechter der groen Idee. So ist auch am besten
angelegt."

"Hm--hm--aber das ist doch alles nicht ehrlich, Herr Kollund, das heit
doch nur an sich denken."

"Vielleicht! Aber es geht nicht anders, meine Gndigste. Mit
Sentimentalitten kann man das Leben nicht anpacken. Man mu, um
durchzuringen, zu den Grundstzen der Heiligung der Mittel greifen."

"O nein, nein! Nie wrde ich dazu meine Hand bieten. Verwerflich finde
ich solches Ausntzen des Vertrauens, schwindlerisch eine solche
Vertuschung der Wahrheit!"

"Sie sind eben noch sehr jung, meine Gndigste! Sie meinen, da sich
hier die Welt anders bewhren soll, als sonst allezeit. Und deshalb
erwarten Sie es, weil Ihre Absichten lauter sind, weil der Gegenstand
Ihnen gro und erhaben ducht. Ach, wie bald, wie grndlich werden Sie
belehrt werden! Die Kreatur bleibt sich in allen Lebensverhltnissen
gleich. Hier, hier erst recht mu man sehr klug sein und klug handeln,
um die Zwecke, die man im Auge hat, zu erreichen."

"Nun, so mag es sein! Ich will Ihnen nicht widersprechen," stie Imgjor,
ihre Emprung nur schwer dmpfend, heraus, "aber ich will jedenfalls
meinen Geldbeutel dazu nicht ffnen! Ich gebe das, was das Lokal und die
Annoncen kosten, ich gebe Ihnen eine Entschdigung dafr, da Sie Ihre
Zeit mir nutzlos geopfert haben. Sie mgen dann verfahren, wie Sie es zu
verantworten vermgen. Ich will kein Hehler dieses Verrats und dieser
Unehre sein!"

"Ich sehe Ihnen Ihre Worte nach, Komtesse, weil ich Ihrer Unerfahrenheit
Rechnung trage, und wnsche nun auch meinerseits diesen Teil des
Gesprches zu beendigen. Ich bitte nun nur fragen zu drfen, wann ich
mir den Betrag holen darf?"

"Wieviel verlangen Sie?"

"Mit fnfhundert Kronen denke ich zu reichen--"

"Fnfhundert Kronen? Unmglich! Ich habe kaum so viel, wenn ich mein
Eigentum veruere!"

"So geben Sie vierhundert. Ich will mich einzurichten, denen, die zu
fordern haben, abzudingen suchen. Diese Summe mu ich aber bereits
morgen Mittag von Ihrer Gte erbitten, wenn nicht fr Sie sehr
unliebsame Zeitungserrterungen die Folge dein sollen. Diese wrden auch
Ihrer Familie wohl wenig angenehm sein!"

"Gut!" hauchte Imgjor, die weien Zhne zusammenbeiend. "Sie sollen das
Geld um zwlf Uhr bei mir finden. Aber schicken Sie darnach. Mit Ihnen
mchte ich nicht ferner verhandeln--"

Nach diesen Worten reckte sie sich rasch empor, warf eine halbe Krone
fr den Kellner auf den Tisch, griff nach Hut und Umhang und war schon
mit uerst gemessener Kopfneigung verschwunden, ehe der Mann auch nur
Zeit hatte, ihr beim Anziehen des Mantels behilflich zu sein.--

       *       *       *       *       *

Nachdem Imgjor ihre Wohnung betreten hatte, schritt sie mit einer
gewissen Hast an den Briefkasten. Sie erwartete, einen Brief von ihrer
Pflegemutter oder von Lucile zu finden. Sie hoffte es, whrend sie noch
bei ihrem Fortgange berlegt hatte, wie sie sich den Versuchen der
Ihrigen, ihren Sinn umzustimmen, zu entziehen vermgen werde.

Sie fand auch ein Schreiben und zwei Karten, aber sie waren nicht von
den Lavards geschrieben.

Die eine Karte war von dem Marquis de Curbire, die andere von dem
Hospitalarzt Doktor Kropp. Das Schreiben aber trug die ihr bekannte
Handschrift des Direktors des Krankenhauses, Doktor Stede, der seinem
lebhaften Bedauern darber Ausdruck gab, da Imgjor nicht mehr in das
Hospital zurckkehren wolle. Er teilte ihr berdies mit, da Doktor
Kropp von dort ebenfalls seinen Abschied genommen und sie besuchen
werde, um ihr eine Bitte vorzutragen.

Einen Augenblick vertiefte sich Imgjor nach Lesen dieser Zeilen in ein
stilles Nachdenken, dann griff sie nochmals nach den beiden Karten.

Und da fand sie beim Umwenden auf der Rckseite der vom Doktor Kropp
abgelegten die mit Bleistift geschriebenen Worte:

"Bitte, Ihnen morgen vormittag gegen zwlf Uhr wieder aufwarten zu
drfen--" und auf derjenigen des Marquis de Curbire die Notiz:

"Bedaure auerordentlich, Sie nicht getroffen zu haben! Wann darf ich
Sie sprechen?"

Da in diesem Augenblick das neue, von Imgjor statt der diebischen Dirne
angenommene Mdchen, das Stiefkind der Witwe Holm, Gebine Holm, ins
Zimmer trat, und nach ihren Befehlen fragte, wurden Imgjors Gedanken von
ihren eigenen Angelegenheiten abgelenkt.

Sie hatte dem Kinde versprochen, fr sein Fortkommen zu sorgen, und
besa nun selbst nichts!

Das beschftigte Imgjor so sehr, da sie erst Ruhe fand, als sie sich
vorstellte, sie knne das junge Ding in Rankholm unterbringen.

Und dadurch wieder in ihren Vorstellungen gehoben, richtete sie einige
bisher verschobene Fragen an Gebine.

"War jemand da, whrend ich fort war, Kind?" warf sie hin.

"Ja, gndige Komtesse! Ein Mann wollte Sie sprechen--"

"Ein Mann oder ein Herr?--Wie sah er aus?"

"Es war--glaube ich--ein Matrose.--Ich frchtete mich--"

Imgjor schrak heftig zusammen. Sie dachte an den Ueberfall, und
unwillkrlich brachte sie den Besuch mit diesem Geschehnis in
Verbindung. Als Imgjor in jener Nacht endlich die Kraft gewonnen, zu
schreien, waren zwei zufllig nicht weit vom Parkeingang befindliche
Nachtwchter herbeigeeilt und hatten den Strolch verscheucht. Er hatte
ihr aber noch zugerufen, da er sie von neuem zu treffen wissen werde.

"Wie sah er denn aus, Gebine? War's ein groer, starker dunkler Mann?"
forschte Imgjor stark erregt.

Gebine nickte.

"Ja! Er hatte ein rotes Tuch um den Hals."

Imgjor fuhr zusammen. So war's also derselbe! Ein rotbraunes Tuch hatte
jener in der Nacht getragen.

"Und was sagtest du, Gebine?"

"Ich sagte, Komtesse wren verreist. Sie kmen heut' Abend mit einem
Herrn zurck, mit einem Rittmeister."

"Weshalb sagtest du das? Wie kamst du darauf?" Imgjor sprach's
verwundert.

Das Kind richtete einen ngstlichen Blick auf ihre Gebieterin. Sie
antwortete nicht.

"Nun? Sprich! Weshalb sprachst du von einem Rittmeister?"

"Ja--ich--hatte so schreckliche Angst--Er guckte mich so sonderbar
an--und da, da dachte ich, wenn ich das sagte, dann wrde er nicht
wiederkommen, wrde er Komtesse nicht belstigen."

Imgjor sagte zunchst nichts. Sie berlegte, ob sie Gebine schelten oder
ihr fr ihre Frsorge ein Lob spenden sollte. Jedenfalls hatte sie es
gut gemeint, hatte sie sehr frsorglich gehandelt.

Endlich glaubte sie, das Rechte gefunden zu haben. Sie sprach: "In
diesem Fall war deine Unwahrheit ntzlich, Gebine. In der Not mag eine
solche einmal erlaubt sein. Sonst aber mut du dich strengster Wahrheit
befleiigen. Nichts ist so verabscheuenswert wie die Lge! Aus ihr
entspringen alle anderen Laster.--Und noch eine Frage: Was uerte der
Mann, als du dies sagtest?"

"Er fragte, wie lange der Rittmeister bliebe, und wer er wre."

"Und du? du? Was--entgegnetest du, Gebine?"

"Ich sagte--ich sagte--da es Ihr Brutigam wre--"

"Aber das war ja abermals eine Lge!" stie Imgjor nun zornig heraus.

"Was sind das alles fr Erfindungen--fr Phantasien!--Ich bin auer mir,
Gebine! Das macht mich sehr betrbt. Hast du mich auch schon belogen?
Oft?--Heraus mit der Sprache! Du sagtest gestern, ich htte dir nur eine
halbe Krone gegeben, als du vom Krmer wiederkamst. Ich htte mich
geirrt. Sprich! Und ich warne dich, etwas anderes zu sagen, als die
Wahrheit! War's doch eine ganze Krone? Hast du die andere Hlfte in die
Tasche gesteckt?"

"O nein--nein--ganz gewi nicht, Komtesse! Ich habe der Komtesse immer
nur die Wahrheit gesagt.--Der Kaufmann schickte mich gleich wieder weg.
Ich hatte das Geld in Papier gewickelt--ich hatte es gar nicht
nachgesehen--"

"Kann ich dir glauben, Gebine? Sieh', Kind, wenn du mich betrogen
hast--ich werde mich erkundigen--mut du gleich zu deiner Stiefmutter
zurck. Und wenn du es spter thust, ziehe ich meine Hand unwiderruflich
wieder von dir zurck."

Und zurcksinkend, weil von all den Eindrcken berwltigt, flsterte
Imgjor: "O welche Einblicke in das Innere der Menschen,--tglich,
stndlich! Wo sind die wahrhaft Reinen, Guten?" Und dann rief sie das
Kind heran und sprach:

"Gewi, ein Beispiel, wie du es im Hause hattest, Gebine, macht schlecht
und entschuldigt dich eher! Aber da dir das Unterscheidungsvermgen noch
nicht abhanden gekommen ist, so sage ich dir und wisse und glaube es:
Nur aus dem Guten vermag Gutes zu ersprieen! Eine Weile mag's gehen,
aber es kommt die Zeit, wo du dafr schwer ben mut, wo dich tiefe
Reue ergreift, wo du alles hergeben mchtest, um Geschehenes ungeschehen
zu machen! So--und nun gehe zu Bett! Weine nicht mehr! Nein, nein, ich
bin dir nicht bse."

Und Gebine ging. Imgjor Lavards Gedanken aber wanderten, whrend sie
noch dasa, nach Rankholm, und ihr war's abermals jetzt, als ob dort ein
Eden, ein unvergleichliches Paradies sei--in der groen Welt aber--eine
Hlle--

       *       *       *       *       *

Am kommenden Tage verlie Imgjor schon ihre Wohnung und ging ihren
Obliegenheiten nach.

Sie besuchte einige Kranke und Rekonvalescenten, sprach in dem Hause
einer Witwe vor, die eine gelhmte Tochter besa, welche auf Imgjors
Kosten in ein deutsches Kurbad gesandt worden war, empfing Nachrichten
ber diese, die sie erfreuten, nahm auch die Dankworte der stotternden
Frau entgegen und machte sich sodann nach ihrem Bankgeschft auf den
Weg, um daselbst die fr Kollund erforderliche Summe zu holen.

Sie hatte augenblicklich dort nicht einmal ein Guthaben mehr, aber sie
wute, da man ihr eine nicht zu gro bemessene Summe auch ohne ein
solches aushndigen werde.

Auf dem Wege dorthin erblickte sie--und das Herz wollte ihr stille
stehen--jenen Menschen, welcher sie in der mehrerwhnten Nacht
berfallen hatte. Er wandte sich von einem Buchladen, vor dessen
Schaufenster er gestanden, gerade wieder der Gasse zu, und nur durch
einen Zufall wurde verhindert, da er Imgjor gewahrte. Seine
Aufmerksamkeit ward durch eine Equipage, deren Pferde scheu geworden,
abgelenkt.

Diesen Zufall benutzte Imgjor, sich seinen Blicken zu entziehen.

Sie schlpfte rasch in ein offenstehendes Tabakgeschft, trat gleich zu
einem tiefer im Fond befindlichen Kommis und wollte eben ein Pfund Tabak
fr den alten Ohlsen, den Mann der Blinden, einhandeln, als nun auch
zufllig Doktor Kropp den Laden betrat.

Sehr berrascht, aber mit gewohnter Ehrerbietung sprach er auf Imgjor
ein, und als sie beide den Handel erledigt hatten, bat er um die
Erlaubnis, sich ihr anschlieen zu drfen.

Und Imgjor nickte bereitwillig, schritt mit ihm bis zur Landmannsbank,
woselbst er auf sie wartete, und legte alsdann in seiner Begleitung den
Weg nach ihrer Wohnung zurck.

Immer drehte sich das Gesprch um die Vorgnge im Hospital, und Doktor
Kropp berichtete ber die Grnde seines Rcktritts, die wesentlich auch
die ihrigen gewesen.

Zuletzt gelangte er--eben hatten sie die Ecke der Gotersgade erreicht
und wandten sich in stillschweigender Uebereinstimmung dem botanischen
Garten zu--auf seine eigenen, von Stede bereits berhrten
Angelegenheiten.

"Ich mchte," hub er an und richtete einen etwas verlegenen Blick aus
den schwarzen Augen seines dunkelgefrbten, schmalen und etwas mageren
Gesichtes auf Imgjor, "mich bei Ihnen erkundigen, ob wohl in der
Grafschaft Ihres Herrn Vaters eine Landpraxis frei sein wrde. Ich sehne
mich aus dem hiesigen Wirrwar heraus, und ich komme darauf, weil mir vor
Jahren ein frherer Universittsbekannter, ein Herr Doktor Prest,
mitteilte, da eine solche in dem von ihm zu verlassenen Dorfe
Kneedeholm zu haben sein werde.

Wahrscheinlich hat sich inzwischen lngst dort wieder ein Arzt
niedergelassen, aber ich wollte mich doch vergewissern und im Fall um
Ihre gtige Untersttzung bitten, Komtesse!"

"Die wrde Ihnen auch, soweit meine Krfte reichen, sehr gern zu
Diensten stehen, Herr Doktor. Aber wir haben, wie sie richtig vermuten,
in Kneedeholm einen Arzt, und fr zwei reicht die Praxis nicht aus.

Wohl aber wei ich, da der schon bejahrte Physikus in der nahe
gelegenen Stadt Oerebye der Thtigkeit mde ist und sich gern mit einem
Nachfolger einigen wrde. Vielleicht wre das etwas fr Sie?"

"Gewi und um so besser! Ich danke Ihnen verbindlichst, Komtesse! Drfte
ich nach dieser Richtung auf Ihren gtigen Beistand rechnen? Wrde mich
vielleicht Ihr Herr Vater--auf Ihre Empfehlungen gesttzt--mit einer
solchen an den Physikus zu versehen die Liebenswrdigkeit haben?"

Imgjors Zge vernderten sich. Sie berlegte, ob sie Kropp von den
inzwischen eingetretenen Vorfllen in ihrer Familie Mitteilung machen
solle.

Sie schwankte aber schon deshalb, weil sie sich vor einer abermaligen
Enttuschung frchtete.

Die furchtbaren Erfahrungen der letzten Zeit hatten ihr Mitrauen gegen
jedermann eingeflt.

Sie hielt es nicht fr unmglich, da auch Kropp seine Haltung ndern
werde, wenn sie ihm erklrte, da sie pltzlich ein armes, des Ansehens,
ihres vornehmen Namens und Reichtums beraubtes Wesen sei.

Aber weil doch wieder ein trotziges Verlangen in ihr sa, mit allem
aufzurumen, zu wissen, was Weizen und was Spreu sei, entschlo sie sich
schlielich gerade zu einer rckhaltslosen Erffnung.

"Meine eigene Empfehlung steht Ihnen jederzeit zur Verfgung, Herr
Doktor," begann sie. "Eine solche von meinem Vater vermag ich Ihnen aber
leider nicht zu verschaffen. Ich bin gnzlich mit ihm auseinander. Ich
lege sogar meinen Namen ab und werde fortan einen anderen tragen. Noch
einige Wochen, und ich gehe fr immer von hier fort! Wohin, wei ich
noch nicht. Es wird sich ein Ort finden, wo ich mir mein Brot werde
verdienen knnen."

"Wie? In der That?" stie Kropp in hchster Ueberraschung, aber zugleich
mit einem Ausdruck heraus, der bewies, da sich etwas anderes, da sich
eine glckselige Hoffnung in ihm regte.

"Ich bitte, ich bitte, schenken Sie mir Ihr Vertrauen! Erzhlen Sie mir,
wie das alles gekommen ist!" drngte er, whrend sie sich auf einer vor
dem kleinen See befindlichen Bank niederlieen.

Ehrliches Mitgefhl erfllte ihn, Sorge und Teilnahme lieen ihn
sprechen.

Und Imgjor wollte ihm auch Antwort erteilen, aber da es in diesem
Augenblick bereits zwlf vom Kirchturm schlug, wurde sie daran erinnert,
da sie um diese Zeit Kollund das Geld einzuhndigen habe. Sie erhob
sich deshalb sogleich wieder und gab Kropp die Erklrung, da sie fort
msse, da ihr jetzt die Zeit fehle. Auch am Nachmittag vermge sie ihn,
wegen ihrer Verpflichtungen gegen eine erblindete Frau, nicht zu
empfangen, aber spter am Abend, in ihrer Wohnung, wollte sie ihm gern
alles mitteilen.

Bei den letzten Worten kamen ihr zwar Bedenken.

Ihr fiel unruhvoll auf die Seele, da Kropps Besuch bei ihr falsch
ausgelegt werden knnte, da sich daraus neue Anschuldigungen entwickeln
knnten, denen sie unter allen Umstnden vorbeugen wollte.

Und als sich dann, whrend sie dahin schritten, weitere Errterungen
entwickelten, als Kropp erfuhr, welche Bewandtnis es mit Kollund und mit
der Blinden habe, als sich herausstellte, da Imgjor lediglich aus
Mitleid der Alten die Wohnung tglich reinige und ihr vorlese, stand er
pltzlich still und richtete einen bewundernden Blick auf das junge
Mdchen an seiner Seite.

"Ah, welch' ein edles, selbstloses Wesen sind Sie, Komtesse! Wahrlich,
man sucht Ihresgleichen vergebens! Aber wie vertrauensvoll sind Sie auch
noch! Nicht einen Oer drfen Sie dem Betrger Kollund geben. Es ist ja
alles erlogen! Die Umstnde benutzt er, um Ihnen Geld aus der Tasche zu
locken. Ich bitte Sie dringend, geben Sie mir die Sache in die Hand. Ich
werde dem Schwindler seinen Standpunkt klar machen, ich werde ihn
veranlagen, auf jeden Schilling zu verzichten! Fr bessere Zwecke, fr
ntzlichere, fr sich selbst, teure, verehrte Komtesse, bewahren Sie Ihr
Geld! Nun, was meinen Sie? Darf ich Ihr Anwalt sein?"

"Ich gab mein Wort, Herr Doktor! Selbst wenn Sie Recht haben--es ist
vielleicht mglich--darf, kann ich es doch nicht brechen."

"Gewi! Sie sind sogar dazu verpflichtet, solchen Schwindlern nicht noch
die Wege zu ebnen! Wollen Sie glauben, da derselbe Mensch sich mir
verkauft, wenn ich ihm heute im Auftrage eines Konsortiums den Antrag
Stelle, an anderen Orten Dnemarks Vortrge im entgegengesetzten Sinn zu
halten? Natrlich! Gold mu die Lockspeife sein!"

"O nein, nein, fr so erbrmlich, fr so niedertrchtig halte ich ihn
nicht! Sie gehen zu weit!" rief Imgjor. "Von dem, was er lehrt, ist er
berzeugt!"

"Es ist mir leider nicht mglich, Ihnen durch eine anzustellende Probe
den Beweis der Richtigkeit meiner Behauptungen zu liefern, Komtesse. Es
fehlen mir die Mittel. Aber ich bitte nochmals, da Sie mir Ihre Sache
zur Erledigung anvertrauen! Sagen Sie ihm, oder wenn ein Bote kommt,
diesem, ein befreundeter Herr werde Herrn Kollund zur Erledigung der
Angelegenheit besuchen. Ich bringe Ihnen alles in Ordnung, verlassen
Sie sich darauf! Nur das Lokal, wenn solches wirklich bezahlt werden
mu, und die Kosten fr die Inserate werde ich ihm vergten, und er wird
sich damit zufrieden geben. Aus seiner sicher erfolgenden
Verzichtleistung werden Sie schon erkennen, welch' Geisteskind er ist."

"Nun wohlan! Ja--ich will! Ich danke Ihnen! Gelingt es Ihnen, so soll
das Geld denen zukommen, von denen ich wei, da sie dessen bedrftig
sind. Und nun auf Wiedersehen! Gegen sieben Uhr erwarte ich Sie in
meiner Wohnung. Wir werden dann alles besprechen, was noch der
Erledigung harrt."

Nach diesen Worten nahm Imgjor von ihrem Begleiter--eben waren sie an
ihrer Wohnung angelangt--mit einem freundlichen Blick Abschied.

       *       *       *       *       *

Oben angekommen, sah sie einen fremden Mann im Flur stehen, und Gebine
erklrte sogleich, da er von Kollund komme. Nachdem er verstndigt
worden war und sich entfernt hatte, begab sich Imgjor in ihr Zimmer, um
einige Zeilen an Curbire zu schreiben, und als sie den Brief eben
beendigt hatte, erschien Gebine und meldete, da ein ihr unbekannter
Herr sie zu sprechen wnsche.

"Frage erst nach seinem Namen!" entschied Imgjor, von einer angenehmen
Ahnung erfat. Sie sah forschend empor, als Gebine mit einer Karte in
der Hand wieder ins Zimmer trat. Auch griff sie mit hastiger Hand
danach, fand den Namen, den sie erwartet hatte, und nickte zum Zeichen
ihres Einverstndnisses, den Besuch empfangen zu wollen, mit dem Kopfe.

Und dann, wenige Augenblicke spter, trat Curbire zu ihr ins Zimmer,
kte ihr ehrerbietig die Hand und erklrte, da er gekommen sei, um von
ihr Abschied zu nehmen. Sein Vater sei pltzlich gestorben, er,
Curbire, msse noch diesen Abend Kopenhagen verlassen, habe aber nicht
fortgehen wollen, ohne Imgjor noch einmal gesehen und gesprochen zu
haben.

"Lavards verlassen infolge des Trauerfalles morgen abend ebenfalls
Kopenhagen und kehrten nach Rankholm zurck," schlo der Marquis.

"Bevor sie gehen, mchte Lucile Sie, liebe Imgjor, sprechen, mchte mit
Ihnen berlegen, ob nicht doch noch ein Weg zum Frieden zu finden ist.
Allerdings--den Vortrag drfen Sie nicht halten. Treten Sie heut' Abend
ffentlich auf, ist der Graf entschlossen, sich unweigerlich von Ihnen
loszusagen, und dies auch ffentlich bekannt zu geben! Ich bitte, da
Sie darin nachgeben, ja, ich beschwre Sie, teure Imgjor, bringen Sie
Ihrer Familie zu Liebe dieses Opfer!"

Zunchst gab Imgjor keine Antwort, es war ihr vorerst Bedrfnis, mit
Curbire ber den Tod seines Vaters zu sprechen. Sie lie sich
ausfhrlich von ihm erzhlen, hrte aufmerksam zu und drckte ihm voll
Teilnahme die Hand, als ihn zuletzt eine weiche Stimmung ergriff, als er
in bewegten Worten betonte, da er mit dessen Tode das bisher Beste auf
der Welt verloren habe, was er sein eigen genannt htte.

"Sie haben Lucile dafr gefunden, lieber Armand! So war das Schicksal
schon vorher mitleidig fr Sie bedacht, Ihnen fr das, was es Ihnen
nehmen mute, einen Ersatz zu gewhren."

Curbire bewegte stumm das Haupt, dann sah er Imgjor mit einem tiefem,
alle seine Gedanken und Sinne auf sie richtenden Blick an und sprach ein
kurzes, zerstreutes: "Gewi--allerdings!"

"Ich habe Ihnen noch eine Antwort zu geben," lenkte Imgjor rasch und
umsichtig ab. "Den Vortrag werde ich nicht halten; man hat mich
unerwartet meines Wortes entbunden. Also beruhigen Sie meinen Vater!
Aber, lieber Freund, ich werde auch keine Lavard wieder werden. Es sei
denn--"

"Nun, Imgjor?" Curbire sprach's gespannt.

"Da ich allem entsage, und fr immer nach Rankholm zurckkehre. Und
eben das vermag ich nicht, so sehr ich meine Pflegeeltern zu verehren
Anla habe, und so sehr ich es liebe und mich nach jedem Pltzchen
sehne, wo ich als Kind glcklich war. Ich kann eben nicht im Ueberflu
und ich kann nicht ohne Hingabe an meine Mitmenschen leben!"

"Wollen Sie denn in Kopenhagen bleiben, Imgjor?"

"Nein--hier haben mir Verleumdung und Migunst den Aufenthalt unmglich
gemacht. Ich wte nur einen Ort, wohin ich pate--"

"Und der wre?"

"Ich mchte nach Paris. Da, glaube ich, wrde ich in Thaten umsetzen
knnen, was mir als Ideal vorschwebt. Dort ist der Boden fr mich, und
finde ich solche, die gleich mir denken!"

Im ersten Augenblick belebten sich Curbires Augen. Sie sprach mit
solcher Begeisterung von seiner Vaterstadt, von Paris! Das schmeichelte
ihm. Aber ebenso rasch gewannen andere Gedanken die Oberhand. Alles war
verloren, wenn er ihr nicht gerade diese Idee ausredete! Er wute, da
sie dort nicht nur nichts erreichen, sondern sicher untergehen wrde. In
diesem Sinne sprach er auf sie ein. Nachdem er alle ihre Einwendungen
berzeugend widerlegt hatte, schlo er: "Und wollen Sie uns ein Opfer
bringen, sich selbst auch Ihrem eigenen Ich zurckgeben, so heiraten Sie
den Grafen Dehn! Ich verschwieg Ihnen sein Kommen. Er ist gestern
eingetroffen und kehrt morgen abend mit den Ihrigen nach Rankholm
zurck. Da er Sie noch mit der alten Leidenschaft liebt, wei ich."

Imgjor hatte mit Leichenblsse im Angesicht die letzten Worte vernommen,
auch hatten ihre Hnde unwillkrlich nach einem Sttzpunkt gegriffen. Da
war nun wieder ein neuer Ansturm auf ihr Inneres, nun kam auch noch
diese Versuchung!

Aber kurz war nur ihr Kampf. Prest hatte sie geliebt, weil sie gehofft
hatte, durch ihn ihre Ideale verwirklichen zu knnen. Axel Dehn liebte
sie mit der Strke jener Liebe, die aus Achtung entspringt. Ein
lebhaftes Interesse fr den Franzosen war in ihr aufgestiegen, weil er
neben seiner weltmnnischen Erziehung wiederholt an den Tag gelegt
hatte, da er ein Mann von Verstand und Geist war, und da er zugleich
ein edles Herz besa. Aber Prest hatte sie inzwischen hassen gelernt,
Graf Axel Dehn wollte sie nicht lieben--und Curbire gehrte ihrer
Schwester an! So war alles entschieden. Indem sie Curbire mit einem
Blick ansah, durch den sie schon voraussandte, da sie sich nur mit der
ernsten Seite dieses ernsten Gegenstandes beschftigte, sagte sie: "Ich
vermag nicht zu beurteilen, ob Sie den richtigen Weg whlten. Es wre ja
auch mglich gewesen, da Sie durch solche Offenherzigkeit gerade das
Gegenteil bewirkt htten! Sie haben mir zu allem, was ich zu tragen
habe, noch etwas Schweres aufgebrdet. Sie haben aber meine Freundschaft
angerufen, und das soll nicht umsonst geschehen sein, Armand! Ich
verzichte darauf, nach Paris zu gehen, aber Ihre Bitte, den Grafen Dehn
zu heiraten, vermag ich nicht zu erfllen. Ich werde nie heiraten, weder
ihn, noch einen anderen!"

Bei diesen Worten sah sie ihn mit einem so unbeugsamen Ausdruck an, da
der Mann fernere Versuche, sie umzustimmen, ausgab. Noch einen
Hndedruck tauschten sie beide mit den Gedanken reiner Seelen. Dann ging
er. Sie aber sank, whrend das Gerusch seiner Schritte auf der Treppe
verklang, in tiefem innerem Verstummen zurck.

       *       *       *       *       *

Am Nachmittag bestieg Imgjor einen Tramwaywagen und begab sich nach der
Wohnung der alten Frau Ohlsen. Es war ihr, dort angekommen, schon
auffallend, da sie eine Anzahl Frauen und Mnner, lebhaft sprechend,
auf dem Hofe fand, und sie erschrak nicht wenig, als ihr auf ihre Frage,
ob etwas geschehen sei, erwidert wurde, da den Alten in der Frhe der
Schlag gerhrt habe.

Durch Zufall habe man es entdeckt, habe auch die Alte davon Kenntnis
erhalten. Sie habe geglaubt, da er schon fortgegangen sei, als sie
einen schweren Fall in der Kche gehrt. Imgjors erster Gedanke bei
diesem Unglck war die Ueberlegung, was jetzt als der hilflosen Witwe
werden solle. Nun waren ihr durch diesen Tod die Neben-Hilfsmittel zum
Leben ganz entzogen. Und von dieser Erwgung richteten sich ihre
Vorstellungen auf das Nchstliegende. Der Mann mute beerdigt werden.
Sie gab einem zu solchen Zwecke von ihr bezahlten Mann Auftrag, sich
sogleich fortzubegeben, um eine Leichenwscherin zu bestellen und einen
Tischler zur Anmessung des Sarges herbeizurufen. Und nachdem das
geschehen war, trat sie zu der Alten, sprach sanfte Trostworte und
erklrte ihr mglichst schonend, da sie nunmehr in das Armenfrauenhaus
bersiedeln msse. Auch erffnete sie ihr, da sie, Imgjor, demnchst
Kopenhagen verlassen wrde und persnlich in keiner Weise mehr fr sie
zu sorgen im stande sei.

Und die Blinde beugte das Haupt wie unter einem Schlage, whrend Thrnen
aus ihren lichtlosen Augen tropften. Noch begab sich Imgjor dann in die
Kche um nach dem Toten zu sehen. Freilich, was sich ihr bot, war
erschtternd. Kalt, steif und unbeweglich lag der alte Mann auf dem
Fuboden. Ihn zu betten, war erforderlich. Und solches veranlate Imgjor
durch die Nachbarn, und nachdem auch das geschehen, erklrte sie der
alten Frau, ihr fr die nchsten Tage eine Hilfe schicken zu wollen. Sie
beschlo, ihr Gebine zu senden. Auch ihre Ueberfhrung in das
Armenfrauenhaus zu betreiben, versprach sie ihr nochmals, und nachdem
die Alte dazu mit tief gerhrten Gefhlen genickt, nahm Imgjor von ihr
Abschied.

"Adieu, Adieu, Frau Ohlsen! Tragen Sie, was Gott Ihnen schickte, mit
Geduld! Viele haben es noch weit schwerer--"

Und die Alte nickte abermals, whrend sie Imgjors Hnde mit ihren
mageren Fingern fest umklammerte.

"Gott segne Sie, Komtesse!" schluchzte sie. "Ich werde immer an Sie
denken, und noch mit meinem letzten Atemzuge werde ich Segen auf Sie,
als einen menschlichen Engel, herabflehen!"

Imgjors Augen wurden na. Alle Mhsalen, aller Undank waren vergessen,
den sie von anderen erfahren hatte, um dieser einen willen, in deren
geprftem Herzen noch Gottvertrauen, noch edle Empfindungen, noch
Dankgefhle Platz hatten. Dann, mit einem letzten Hndedruck, sagte sie:
"Geld und mein Mdchen werde ich Ihnen schicken. So ist fr alles
gesorgt. Adieu! Adieu! Gott schtze Sie, meine gute Alte!"

Und: "Adieu! Adieu!" schluchzte die Alte, aus derem verdunkeltem Dasein
mit Imgjor der letzte matte Lichtschimmer schwand.

Imgjor aber richtete, hinaustretend, das Auge nach oben. Sie fand sich
mit ihrem immer wieder vertrauenden Herzen und mit ihrem heien Drange
nach Liebesthaten von neuem gehoben. Es gab doch noch Empfngliche, doch
noch Dankbare. So berlegte sie abermals.

Nachdem sich Imgjor eben abends in ihrem Wohngemach eingerichtet hatte,
wurde an der Klingel gezogen, und Doktor Kropp erschien, um
verabredetermaen ber seinen Besuch bei Kollund Bericht abzustatten.
Und Imgjor trat ihm mit nicht geringer Spannung entgegen und that schon,
bevor er noch Platz genommen, eine Frage nach dem Ergebnis.

"Anfangs wies er meine Forderung auf einen Verzicht schroff zurck,"
entgegnete der Doktor, Platz nehmend. "Er wolle," erklrte er, "mit
Ihnen selbst reden und Sie an Ihr gegebenes Wort erinnern. Dieselben
Unwahrheiten, die er gegen Sie vorgebracht hatte, erneuerte er; er nahm
den Mund sogar noch voller. Erst als ich erklrte, da ich in einer der
Kopenhagener Zeitungen verffentlichen wrde, welchen Charakter die
Forderungen htten, die er an Sie, gndigste Komtesse, in dieser
Angelegenheit gestellt habe, gab er, sich krmmend, nach. Aber eine Flut
von Anschuldigungen folgte sowohl gegen Sie, wie gegen mich, bevor ich
ihm, nach einer nochmaligen, grndlichen Abfertigung den Rcken kehrte."

"Ah--also wirklich!" stie Imgjor, von tiefem Abscheu ergriffen,
heraus. Dann reichte sie Kropp bewegt die Hand, sprach ihm ihren Dank
aus und hndigte ihm die Summe ein, die er Kollund bezahlt hatte. Zum
Schlu bat sie ihn, noch so lange zu verweilen, bis sie ihm eine Tasse
Thee bereitet habe. Sie umging es, da er sie sonst noch sprechen
wollte, weil ihr Zeit und Ort doch nicht geeignet schienen. Im Grunde
hoffte sie, da er ihre Aufforderung ablehnen werde. Aber er, der
berhaupt keine anderen Gedanken hatte als sie, der berdies nichts
erwarten konnte zu erfahren, durch welche Umstnde sie ihres Reichtums
und ihres Namens verlustig gegangen war, stimmte dankend zu, und sa
noch neben ihr, als schon die Uhr vom Kirchturm die zehnte Stunde
verkndet hatte. Dann aber drngte sie ihn selbst zum Gehen, und als er
dann noch eine mitleidige Frage that, was sie denn nun beginnen, wohin
sie sich wenden wolle, sagte sie: "Eine Woche brauche ich beinah' noch,
um hier alles zu ordnen, um auch von denen Abschied zu nehmen, die mir
im Laufe dieser Jahre nher getreten sind. Dann will ich irgendwo eine
Stelle als Schwester in einem Krankenhause im Norden oder auch im
sdlichen Deutschland suchen. Was dann spter geschieht, mssen Zeit und
Gelegenheit lehren. Immer hoffe ich noch, da ich Gleichgesinnte,
Ehrliche und zugleich Begterte finde, die sich mit mir zur
Verwirklichung von Reformen im Groen verbinden. Die Mierfolge, die
traurigen Erfahrungen, die mir unter den Armen wurden, drfen mich nicht
abschrecken. Auch in meinen Kreisen giebt's wertvolle und minderwertige
Personen. Ist die Masse auch roh, so ist sie doch bildungsfhig. Man mu
sie nur auf den rechten Weg leiten."

"Knnen Sie sich denn nicht vorstellen, da es auch fruchtbringend ist,
im Kleinen zu wirken, gndigste Komtesse?" wandte Kropp vermittelnd ein.

"Gewi, Herr Doktor! Auf Rankholm, der groen Besitzung meines Vaters,
suchte ich den Armen und Leidenden ein hilfreicher Freund zu sein. Aber
dort war es das Wohlleben in der Familie, der Luxus, der mich umgab, die
mich anwiderten. Auch andere Verhltnisse trieben mich fort, und
nun--ich erzhlte Ihnen ja alles--hat sich ja berhaupt die Trennung
zwischen mir und den Meinigen vollzogen. Ich mu mich jetzt treiben
lassen--mir bleibt keine Wahl."

"Doch, doch, Komtesse!--Es giebt sehr viele, die namenlos glcklich sein
wrden, wenn sie ihr Schicksal mit dem Ihrigen verbinden drften! Auch
ich gehre zu ihnen--" schlo Kropp feurig und einen liebewarmen Blick
auf Imgjor richtend. "Ich liebte Sie von dem ersten Augenblick an,
Komtesse! Ihre Stellung, Ihr Ansehen, Ihr Name lieen mich verschweigen,
was ich fr Sie empfand. Wie konnte, durfte ich wagen, um die Hand einer
Grfin Lavard zu werben? Heute aber, wo Sie sich selbst zu
meinesgleichen gemacht, fasse ich den Mut, zu sagen: Werden Sie mein!
Lassen Sie uns zusammen einen Ort suchen, wo wir uns und der
Allgemeinheit leben, wo wir in bescheidenerer und guter Weise das zum
Ausdruck bringen knnen, was Sie edelmtig anheben. Sie haben mich
kennen gelernt. Sie wissen, da ich nicht zu den Wortmachern gehre, da
ich Vernnftiges redlich erstrebe. So bin ich Ihrer vielleicht nicht
unwert, so darf ich vielleicht hoffen, da ich auch Ihnen nicht ganz
gleichgiltig bin--"

"Nein, Sie sind mir nicht gleichgiltig, ich achte Sie hoch, lieber Herr
Doktor!" fiel ihm Imgjor, die erst mit gesenkten Wimpern, dann sich mit
offenen Augen ihm zugewendet und zugehrt hatte, in die Rede. "Aber ich
kann--so schmerzlich mir diese Antwort ist--die Ihrige nicht werden. Ich
will berhaupt nicht heiraten. Ich liebte einmal und wurde grenzenlos
betrogen. Da that ich einen Schwur, einem Manne niemals wieder die Hand
zum Bunde zu bieten."

"Ist nicht aber das Leben da, um aus ihm zu lernen, Komtesse? Lehrten
Sie nicht Ihre Erfahrungen, wie hohl die groe Masse ist, wie wenig
glcklich eine Beschftigung mit ihr macht, wie nur ein treues Streben
im kleineren Kreise beglckt--und lehrt es nicht, da das eben auch das
Richtige ist? Wer herrschen, reformieren will, braucht Macht und zehnmal
Macht, durch die er allein die Massen zu bezwingen vermag. Und wiederum:
Wenn Sie in die Weltgeschichte blicken, wie wenige konnten diese Strke
und Flle richtig anwenden, und wie Geringes haben sie, waren ihre
Absichten noch so ehrlich, erreicht! Sie besitzen diese Macht schon
deshalb nicht, weil Sie ber keine Mittel mehr verfgen, Komtesse!
Lassen Sie ab von dem Greifen nach Sternen! Wo immer sich in engeren
Kreisen die Menschen zu Liebeswerken zusammenthun, da wird's etwas. Aus
diesem Wirken resultieren die groen Errungenschaften der Humanitt, die
praktischen Ergebnisse eines richtig verstandenen Christentums! Und noch
ein anderer Gesichtspunkt! Will nicht jeder glcklich sein, so lange ihm
ein Dasein beschieden? Befriedigt Sie denn wirklich dieses Aufgehen ins
Allgemeine? Was haben Sie erreicht? Man spottet Ihrer als einer
Ueberspannten! Keiner dankt's Ihnen! Wo die Fhigkeit vorhanden wre,
den Wert Ihrer Bestrebungen zu erkennen, macht sich der Neid breit,
sicher die Oberflchlichkeit, die schon deshalb die Dinge verurteilt,
weil sie selbst keinen Geschmack daran findet, oder sie zu untersuchen
zu trge ist. Habe ich nicht recht, Komtesse?" schlo Kropp, als Imgjor
nichts erwiderte, als sie, in tiefes Nachdenken versunken, vor sich
hinstarrte. Sie kmpfte, wie neuerdings schon wiederholt. Fr Sekunden
flog's ihr durch den Sinn, da er die Wahrheit getroffen, und da er der
Mann sei, durch den sie sich und andere glcklich machen knne. Aber wie
kleine Einwirkungen hufig ein schon hoch aufgerichtetes Gebude zum
Fallen bringen knnen, so war's hier. Als ihr Blick whrend des Sinnens
auf ihren Schreibtisch und dabei auf ein Bild von Rankholm fiel, trat
ihr pltzlich alles dort Geschehene und trat ihr auch wieder Graf Axel
Dehn ins Gedchtnis. Und das entschied. Da sie diesem ein "Nein" gesagt,
wollte, durfte sie auch Kropp kein Jawort geben. So lehnte sie abermals
ab, und so schied mit ihm wieder ein Freund und ein Mann aus ihrem
Leben, der ihr von Herzen zugethan war und der es gut mit ihr meinte.

       *       *       *       *       *

Im Rankholmer Palais hielt man Familienrat und dessen Gegenstand war,
wie so oft, Imgjor.

Nur ein Mittel gab's, von dessen Anwendung Lucile und die Grfin noch
etwas erwarteten. Sie schpften aus dem Umstande, da in dem damaligen
Gesprch der Geschwister in Rankholm ohne Zweifel ein starkes Interesse
Imgjors fr Axel zum Ausdruck gelangt war, die Hoffnung, er, Axel, werde
durch einen klugen Anlauf vielleicht doch noch ihr Herz in einem fr ihn
gnstigen Sinne rhren knnen. Da in ihm die alten Gefhle nicht
erloschen seien, hatte er gleich bei der ersten zwischen ihm und den
Damen stattgefundenen Unterredung erklrt. Er hatte geuert, da ihn
eine grenzenlose Sehnsucht beherrsche, sobald wie mglich in Imgjors
Nhe zu gelangen. Und dieser Drang hatte sich bis ins Ungemessene
verstrkt, als Lucile ihm nun auch--alle Bedenken, die sie frher mit
Rcksicht auf sich selbst abgehalten--erffnet hatte, was in jener
Unterhaltung fr ihn zu Tage getreten war.

Graf Dehn hatte die Neigung der Familie, den Aufenthalt in Kopenhagen
noch um etwas zu verlngern, mit allen Mitteln zu befestigen und durch
Unterredungen mit dem Grafen auch dessen Widerstand gegen seine
Pflegetochter wesentlich zu mildern gewut. Er hatte in frmlicher Weise
um Imgjors Hand bei dem Grafen angehalten und von ihm die Erlaubnis
erwirkt, nach seinem Ermessen die Schritte zu thun.

Zunchst verabredete er mit Lucile, die sich seinen Plnen mit
liebenswrdigem Eifer widmete, die nun, nachdem ihr Herz durch einen
anderen Mann, den sie hingebend liebte, ausgefllt war--alle Bedenken
und eiferschtigen Regungen abgestreift hatte, da sie Imgjor sogleich
besuchen und ihr unter besonderer Begrndung die Bitte vorlegen solle,
Axel empfangen zu wollen. Lucile ging auch sogleich ans Werk.

Sie lie sich, vorher noch einige die Trauer angehende Besorgungen
erledigend, in der Lavardschen Equipage nach Imgjors Wohnung fahren und
fand ihre Schwester in der vordem erwhnten Gemtsverfinsterung an ihrem
Arbeitstisch.

Als die durch Gebines Anmeldung aus ihrem dumpfen Sinnen
Emporschreckende Lucile vor sich sah, legte sie die Feder rasch und
verlegen bei Seite, auch schob sie ihr Tagebuch, in das sie etwas
hineingeschrieben, unter andere Papiere. Freilich erlitt der Schwertern
Begegnung sogleich wieder eine Unterbrechung. Man schickte nach Imgjor,
und diese eilte unter sanftem Ausdruck ihrer Schwerer Zustimmung
erbittend, ber die Strae an das Krankenbett einer armen Frau.

Und weil Imgjor ein lngere Weile fortblieb, griff Lucile nach einem auf
dem Tisch liegenden Buch und fand in diesem einige von Imgjors Hand
herrhrende, offenbar fr das Tagebuch bestimmte, zufllig hier
hineingeratene Niederschriften, die ihr Interesse fesselten. Sie
lauteten: "Eine einzige That des Edelmuts und eine einzige
Unvorsichtigkeit sind gengend, um einem Menschen fr immer bei der
Menge den Stempel seines Wertes oder seines Unwertes aufzudrcken.
Vielleicht verdienten sie beides nicht. Zu allem gehrt Glck, aber auch
dazu, fr etwas anderes zu gelten, als man ist."

Und noch eine Betrachtung hatte Imgjor auf die andere Seite geschrieben,
die Lucile las, bevor ihre Schwester wieder ins Zimmer trat: "Gehemmte
Liebe gleicht einem vergeblich nach einer Flamme ringendem Feuer. Wie
dort unter kmpfendem Rauch, unheimlichem Schwelen und Qualmen der
Gegenstand zu Asche verglimmt, so hier allmhlich unter dumpfen Qualen
die Seele."

Gleich darauf trat Imgjor wieder ins Gemach.

"Ich komme," hub Lucile an und richtete einen liebenswrdigen Blick auf
ihre Schwester, "um dich um etwas zu bitten: Graf Dehn mchte dich
sprechen! Er beruft sich darauf, da du ihm einst eine Unterredung
zugefgt habest, und da er, da er von diese keinen Gebrauch gemacht,
noch Anrechte auf deine Zuvorkommenheit besitze. Wann willst du ihn
empfangen, liebe Imgjor?"

Zunchst fuhr Imgjor zusammen, und ihre Wangen verfrbten sich. Wie von
einer schweren Denklast bedruckt, senkten sich ihre Augenlider, und die
Finger griffen, unter dem Druck der Erregung, in die Handflchen.

"Wann wnscht Graf Dehn die Unterredung?" warf sie tonlos hin. "Und wo?"

"Nun--bei dir--oder besser--bei uns!"

Imgjor schttelte den Kopf.

"Was habe ich noch bei Euch zu thun, Lucile? Wir haben uns doch fr alle
Zeiten auseinandergesetzt."

"Nur du hast es Imgjor! Nachdem du von deinem Eigensinn, ffentlich zu
sprechen, Abstand genommen, ist Papa wieder vershnlich gestimmt. Du
wirst ihm sogar ganz die Alte sein, wenn--"

"Ja, ich wei: Wenn ich allem--allem entsage!--Ach, Lucile--" setzte das
seelisch tief bedrckte, junge Mdchen an, brach in Schluchzen aus und
fiel, wie damals in Rankholm, von ihren Gefhlen bermannt, neben ihrer
Schwester nieder. Und hier blieb sie liegen, und erst als Lucile mit
rhrender Gte immer von neuem auf sie einsprach, erhob sie sich und
fand wieder Halt und Fhigkeit zum Sprechen.

"Du zeihst mich des Mangels an Liebe zu Euch!" stie Imgjor heraus,
hielt in der Beklemmung den Atem an und lie ihn dann langsam wieder der
Brust entweichen.

"Und doch schwre ich dir, da ich Euch allen die die grten Opfer
bringen wrde, die ein Mensch zu bieten vermag, da ich Euch ber alles
liebe! Wie viele Nchte habe ich durchgeweint, da ich so beschaffen,
da ich nicht bin, wie Ihr wnscht! Ach, knnte ich diesen Drang nach
Hherem, Befreiendem, knnte ich dies Allgemeingefhl fr meine
Schwestern und Brder in der Welt aus meiner Brust reien, mich, wie
andere, in engeren Grenzen glcklich fhlen, dort fr meine Art volle
Befriedigung finden, ich wrde Gott auf den Knieen danken! In solchem
Sinne--ich bitte--Lucile--fasse mein Naturell auf und so mhe dich, den
Eltern immer wieder mein Wesen zu erklren. Denket, da der Schpfer
_Euch_ so erschaffen htte! Dann werdet Ihr mich leichter begreifen."--

"Ja--ich will's, meine liebe, arme Imgjor! Aber nun, ich bitte, erteile
mir eine Antwort fr Graf Dehn--"

"Da ich ihm mein Wort gab, will ich es halten, Lucile! Nur wei ich
nicht, wo es geschehen kann! Er mu also warten oder hierherkommen. Wann
wollt Ihr reisen?"

"Die Trauer macht es erforderlich, da wir wieder nach Rankholm
bersiedeln. Nur um deinetwillen haben wir unsere Abschiedsvisiten noch
aufgeschoben. Wir mchten den Kondolenzbesuchen entgehen, mit denen man
schon beginnt. Auch andere Grnde sprechen dafr, nachdem Curbire
abgereist ist. Nur Graf Dehn will seinen Aufenthalt noch einige Zeit
ausdehnen und dann--nach der Lausitz zurckkehren. Er hat die Absicht,
jetzt das Gut, das ihm sein Onkel vererbt hat, selbst zu bernehmen."

"Was will er denn noch hier?" Imgjor sprach's mit ihrer alten
Schroffheit.

Statt zu antworten, griff Lucile nach dem Schriftstck, das sie in dem
Buch gefunden, und sagte: "Lasse mich dir als Erwiderung vorlesen, was
du geschrieben hast, Imgjor!"

Und Lucile las: "Gehemmte Liebe gleicht einem vergeblich nach einer
Flamme ringenden Feuer. Wie dort unter kmpfendem Schwelen, unheimlichem
Rauch und Qualmen, der Gegenstand zu Asche verbrennt, so hier unter
dumpfen Qualen allmhlich die--Seele."

Imgjor schlo erst die Augen. Blsse zog ber ihre Wangen. Dann neigte
sie das Haupt, reichte ihrer Schwester still die Hand und sagte: "Also
morgen Mittag, Lucile, erwarte ich des Grafen Besuch. Wir werden dann
fr immer einen Abschlu erhalten."

Lucile sah erschrocken empor. Einen so dsteren Klang hatten die Worte.
Aber als sie in Imgjors Zgen forschte und dort einen Ausdruck sanfter
Ergebung begegnete, zerstreuten sich ihre Gedanken.

Noch wenige Sekunden, dann hatten sich beide getrennt.

       *       *       *       *       *

In einer herzklopfenden Erregung stieg am folgenden Mittag Graf Dehn zu
der von Imgjor angesetzten Zeit die Treppe zu deren Wohnung empor. Er
sah auch gleich die, nach der sein Herz verlangte.

Als er ihre Hand ergriff und sie tiefbewegt an seine Lippen zog, flog
ein Zittern durch des jungen Mdchens Krper, und zunchst fehlten ihr
die Worte.

Aber da sie nicht weich werden, da sie diesem Gesprch den Charakter
nehmen wollte, den Graf Dehn ihm zu geben beabsichtigte, sagte sie mit
sanfter Unterordnung im Ton:

"Ich bitte Sie instndig, Graf Dehn, mir dieses Wiedersehen nicht zu
erschweren, mir es vielmehr zu erleichtern! Ich bin durch eine
Krankenpflege meiner Krfte so sehr beraubt, da ich nicht fhig bin--"
Hier stockte sie, ihre Hnde griffen nach der Lehne eines Stuhles und
fernere Worte versagten.

Und der Mann, tief ergriffen, wollte sie sttzen. Aber sie gewann dann
doch ihre Kraft zurck und sagte, whrend sie ihn durch eine Bewegung
ersuchte, ihr gegenber Platz zu nehmen, nunmehr fest:

"Ich bitte, sagen Sie mir, was Sie zu mir fhrt! Ich wei, die
Hflichkeit,--die Rcksicht, die man dem Mitglied einer befreundeten
Familie erweist, in erster Linie. Aber es ist noch etwas anderes. Ich
entnahm es Luciles Worten. Ich werde Ihnen aufmerksam zuhren und
glcklich sein, ich versichere Sie, wenn ich Ihnen--falls Sie einen
Wunsch haben--solchen erfllen kann! Ich verga nie und werde niemals
vergessen, was ich Ihnen zu danken habe. Ich war damals krank und blind.
Ich war deshalb namenlos ungerecht gegen Sie, Graf Dehn, obschon meine
Achtung vor Ihrem Charakter stets dieselbe war. Schon nach der Richtung
habe ich sehr viel gut zu machen, vielleicht so viel, da ich die Schuld
nie abtragen kann. Nehmen Sie dieses Eingestndnis und die Bitte, mir zu
verzeihen, entgegen! Und nun? Ich hre!"

Nach diesen Worten sprach Graf Dehn in langer Rede, kam zurck auf die
Vorgnge in Rankholm, errterte, mit stetem Hinweis auf sie, Imgjor, die
Grnde, weshalb er sich auf Reisen begeben, erklrte, da er keinen Tag
verlebt, ohne ihrer gedacht zu haben, und da er nun, von Sehnsucht
getrieben, sie wieder zu sehen, hierher, nach Kopenhagen, gereist sei.

"Ich vermag nur einmal zu lieben, Komtesse. Sie liebte ich seit der
ersten Begegnung. Ich werde auch nie einem anderen Mdchen mein Herz
schenken. Das alles wollte ich Ihnen sagen und Sie fragen, ob Sie mir
nicht ein wenig gut sein knnten! Ich wollte Sie bitten, mir auf meine
Besitzung zu folgen, um ein Glck zu finden, das in gegenseitiger
Uebereinstimmung wurzelt und in Thaten der Nchstenliebe einen
wesentlichen Teil seine Befriedigung findet. In jedem Fall--ich bitte,
ich beschwre Sie--entsagen Sie Ihren jetzigen Plnen! Begngen Sie sich
mit den Erfahrungen, die Sie einsammelten, die Sie belehrt haben mssen,
da nicht wir die Welt regieren knnen, sondern nur ein Werkzeug sind,
um in gemessenen Grenzen bei der Ordnung der Dinge mitzuwirken. Thuen
Sie es auch um Ihren Eltern, die Ihre Rcksicht so sehr verdienen,--zu
beweisen, da Sie nicht undankbar sind.

Ihr Pflegevater--es ist ersichtlich--wird sich innerlich und krperlich
aufreiben, wenn Sie eine mit solchen Ungelegenheiten fr Sie und die
Familie verbundene ffentliche Wirksamkeit fortsetzen. Auch die Grfin
leidet unter diesen Verhltnissen mehr, als sie es ausspricht. Nur die
Furcht, als Stiefmutter parteilich zu erscheinen, hlt sie ab, sich
anders zu geben, und strker auf Sie, Komtesse, einzuwirken! Wahrlich,
wir knnten alle von ihr lernen!"

Imgjor hatte aufmerksam zugehrt. Nicht einmal war ein abweisender, oder
sprder Ausdruck in ihre Zge getreten. Sie hatte seine Worte mit einer
Miene aufgenommen, als ob ein Freund ihr von seinen Leiden erzhle,
sanft sinnend und denkend, wie sie sich dazu verhalten solle.

Sie streckte ihm auch mit einem rhrenden Blick die Hand hin, drckte
die seinige fest, und sagte:

"Ich wute, Graf Dehn, da Sie gerade so sprechen wrden. Deshalb wird
es mir leicht, Ihnen gleich und ruhig zu antworten. In erster Linie
nochmals Dank! Wenn die Achtung von Ihrer Person sich noch erhhen
knnte--ich spreche nicht von einer Zuneigung in anderem Sinne, und Sie
werden gleich verstehen, aus welchen Grnden ich es unterlassen mu--so
htten Sie Ihren Worten keinen Inhalt erteilen knnen, der meine
Empfindungen fr Sie strker zu erhhen imstande gewesen wre! Meine
Antwort aber lautet: Ich will noch einen Versuch machen, mich auf eigene
Fe zu stellen. Gelingt er, mu ich mir selbst treu bleiben. Ich kann
nicht anders. Verzeihen Sie mir. Mein Entschlu ist unbeugsam!"

Und er fgte sich auf ihre Rede, obschon sie ihm schier das Herz
zermalmte. Und dann sprach er: "Wohlan denn! Ich habe dann nur den
innigen Wunsch, da sich verwirklichen wird, was Sie soeben
ausgesprochen haben! Mgen Sie einen Wirkungskreis finden, der Sie
befriedigt, der Sie wahrhaft glcklich macht! Leben Sie
wohl--Komtesse--Imgjor--Imgjor--teure Imgjor"--

Und dann geschah doch etwas.

Sie brach in Thrnen aus, und er zog sie an sich, und einen Augenblick
lag sie ohne ihren Willen an seiner Brust. Und dann, zum Bewutsein
zurckgekehrt, machte sie sich hastig los und bat sanft, aber fest im
Ton: "Gehen Sie! Ich bitte! Gehen Sie!"

Noch einen letzten, tief verinnerlichten Blick gnnte sie ihm, dann that
er, wie sie wnschte.

Nachdem er aber gegangen war, sank sie in ihren Sessel zurck und
berdachte voll schwerer Wehmut, was geschehen war. Eines fiel ihr bei
der Betrachtung besonders beklemmend auf die Seele, obgleich sie gerade
das als nebenschlich hinzustellen, sich zwingen wollte.

Sie war demnchst ohne Mittel zum Leben! Der Graf hatte--vielleicht, um
sie dadurch eher gefgig zu machen--die sonst am ersten des Monats ihr
stets berwiesene Summe nicht mehr gesandt. Sie hatte ja deren Empfang
auch abgelehnt. Sie konnte ihm nicht einmal einen Vorwurf machen! Ihre
Pretiosen und ihre seidenen Gewnder zu verkaufen, widerstrebte ihr,
weil sie frchtete, sich dadurch blozustellen. Und wenn beides dahin
war, so nannte sie nichts mehr ihr Eigentum! Die Sorge schuf bereits
Vorsicht und Ueberlegungen, die ihr frher fremd gewesen waren. Die
Begrbniskosten fr den Mann der alten Ohlsen, die inzwischen durch
Imgjors Bemhungen in einem Frauenarmenhaus untergebracht worden war,
hatten das Geringe, was sie noch besa, bis auf ganz weniges
geschmlert, und die Bank mute berdies noch befriedigt werden.

Tglich kamen, wie bisher, Listen mit Aufforderungen zur Beihilfe fr
gute Zwecke.

Konnte sie die jetzt abweisen? Sie vermochte es nicht; es widersprach
ihrem stets auf Geben bedachten Herzen.

Auch die Miete fr die Wohnung war noch zu berichtigen. Man forderte
Steuern von ihr.

Der Tag und die Stunde waren abzusehen, wo sie zuletzt vor dem--nichts
stand! Eine angstvolle Unruhe berkam sie. Man wrde sie am Ende auch
noch in anderer Weise falsch beurteilen! Die Zeitungen wrden gar
verknden, sie habe wegen Schulden Kopenhagen verlassen. So sei sie
eigentlich nichts anderes als eine, die habe von sich reden machen
wollen!

Und eben diese Lebenssorgen drngten zum erstenmal die Gedanken an die
Ideale, die ihre Brust noch eben wieder erfllten und deren
Verwirklichung sie erstreben zu wollen, erklrt hatte, vllig zurck!
Der Trieb der Selbsterhaltung gelangte zu seinem Recht. Sie erkannte
pltzlich, welchen Wert der Besitz, welchen Wert das Geld hatte, und wie
frher flchtig, so stellten sich jetzt dauernde Vergleiche ein zwischen
dem Gewesenen, und dem, was ihr geworden! Aber nicht genug mit diesem
Ansturm auf ihr Inneres: Graf Dehn war wieder da! Und sie hatte ihn,
obschon sie ihn liebte mit der ganzen Kraft ihrer Seele, fr immer von
sich gestoen!

Eine grenzenlose Reue berkam sie. Nur ihr Stolz regte sich noch.

Mit welchem Selbstgefhl hatte sie geredet! Wie an einer Mauer waren
alle seine verstndigen, rhrenden, flehenden Bitten zerschellt. Und wie
schwach war doch der Faden gewesen, an dem ihre Festigkeit gehangen!

Jedes Menschenherz war--so berlegte Imgjor--zu rhren, wenn nur der
Rechte kam und es richtig angesprochen wurde.

Nun sehnte sie sich fort, nun kamen ihr doch die Erinnerungen an
Rankholm.

Rankholm! Rankholm! Das war das Paradies ihrer Jugend!--Eine namenlose
Sehnsucht ergriff ihr Inneres jetzt. Erst nach einem todestraurigen
Sinnen raffte sie sich empor, fand sie die alte Kraft ihrer Seele, ihr
Pflichtgefhl und ihren opferfreudigen Sinn zurck, und trat mit der
gewohnten Selbstlosigkeit an das Bett ihrer Kranken.------

       *       *       *       *       *

Am folgenden morgen empfingen Imgjors immer sich in gleicher Richtung
bewegenden Gedanken durch den Inhalt eines mit der Post eingegangenen
Briefes eine Ablenkung.

Eine Dame der vornehmen Gesellschaft, eine Baronin von Kliff, mit der
Imgjor wiederholt bei Bestrebungen fr wohlthtige Zwecke in Berhrung
gelangt war, bat sie in sehr dringender Weise, sich um die Mittagszeit
in ihrem Palais einfinden zu wollen, um dort einer Sitzung zu Zwecken
der Begrndung eines dnischen Mdchenheims beizuwohnen. In diesem
sollten der Schule entwachsene, junge, weibliche Personen zu
Dienstmdchen herangebildet, es sollte ihnen in allem Unterricht erteilt
werden, was fr Kche und Hauswesen erforderlich war. Auch Handarbeit
und Schneidern wollte man sie lehren und insbesondere auch moralisch auf
sie einzuwirken suchen.

Die Baronin beabsichtigte durch dieses Heim denen die Hand zu bieten,
welche infolge ihrer mangelhaften Ausbildung keine Beschftigung finden
konnten und deshalb der Gefahr ausgesetzt waren, sittlich zu verkommen.
Und gerade deshalb ward Imgjors Interesse auf's lebhaftere angefacht.

Im Palais traf sie die Damen, mit denen sie whrend der
Jahre ihres Aufenthaltes in der Residenz wiederholt in
Wohlthtigkeitsangelegenheiten zusammengetroffen war, fast smtlich
beisammen, wich deren ihre Person betreffenden Fragen mglich aus, nahm
aber grten Anteil an den Verhandlungen und trat, etwa drei Stunden
spter, reichlich erschpft, und sich schon vor dem Palais von den
brigen trennend, den Rckweg an.

Als Imgjor die Ecke der Tordenskoldsstrae passierte, drang aus einem
offenen Schusterkeller ein jammervolles Schreien hervor, und als sie,
mitleidig beunruhigt, nachforschte, sah sie unten einen Menschen, der in
unbarmherziger Wut eine zu Boden geworfene Frau mit einem Lederriemen
prgelte.

In Sekundenschnelle wechselte nun die Scenerie. Imgjor sprang
blitzschnell die Treppe hinab, ri mit khn erfolgreichem Ruck den Mann
zur Seite, befreite dadurch die Frau und schleuderte dem rohen Peiniger
entrstete Worte entgegen: Ob er sich nicht schme, sich so gegen die
Schwchere und Wehrlose zu vergehen?

Aber alles kam anders, als sie es erwartet hatte. Da durch ihr
Eingreifen das ohnehin neugierig zusammengelaufene Volk drauen sich
noch zudringlicher geberdete und, dicht gedrngt, den Erfolg
beobachtete, ergriff das Weib pltzlich ein weit grerer Ingrimm gegen
jene drauen und gegen Imgjor, denn gegen den Mann.

Statt "Grevinde" durch Haltung und Worte Dank an den Tag zu legen,
reckte sie sich zornsprhend empor, fragte, ob es sie etwas angehe, wenn
sie sich von ihrem Mann prgeln lassen wolle und untersttzte diese
herausfordernden Worte durch eine auf die offene Thr gerichtete Geste,
welcher der dadurch vershnte Hausherr sich beeilte, noch einen
besonderen, fast thtlichen Nachdruck, zu verleihen.

Als Imgjor infolgedessen die Treppe hinauf flchtete, stie sie auf
diejenigen Personen, welche zur besseren Beobachtung des interessanten
Schauspiels bereits einen Teil der Treppenstufen besetzt hatten. Und
whrend das geschah und die Ehegatten, zur vlligen Abwehr gegen die
Leute drauen, die Thr verrammelten, drngten die hinteren Reihen des
Mobs nach vorn und die der Thr zunchst Stehenden rckwrts. Und
dadurch kam Imgjor zu Fall und erlitt durch Drngen, Stoen und Treten,
trotz ihrer Weh- und Abwehrrufe, so schwere Verletzungen, da sie nach
Rumung der Treppe durch die Polizei wie tot hinweg getragen wurde. Mit
noch anderen Verwundeten ward sie nach dem Hospital des Doktor Stede
geschafft, und eine halbe Stunde spter stand mit tief bedenklicher
Miene an ihrem eigenen Krankenlager derselbe Mann, mit dem sie so oft an
das Bett der Leidenden und Sterbenden getreten war.

       *       *       *       *       *

Der Herbst, der wundervolle nordische Herbst, war seit Wochen
erschienen, und mit seinen stahlhellen Lften, seiner Farbenpracht in
den Wldern, seinem scharfen Erdgeruch und seinen unvergleichlichen
Abendsonnenniedergngen auch in Rankholm eingezogen.

Wenn sich in der Frhe die ersten Lichtstrme ber die Erde ergossen,
schwammen Schlo, Park und Grten in einem blauseidenen Dunst. Wenn aber
der Kampf zwischen der siegreichen Himmelsknigin und den zarten Nebeln
durch ein pltzliches Oeffnen aller goldenes Licht bergenden Portale
entschieden war, dann lagen Rankholm und Kneedeholm in einem Sonnenbade
von solcher unermelicher Schnheit, da die Gegend alle Reize der drei
Jahreszeiten: die grne Pracht des lebensprhenden Frhlings, die Flle
des bltenschweren Sommers und die krystallhelle Klarheit des
farbenleuchtenden Herbstes in sich zu bergen schien.

Und alles war wie ehedem.

In ihrem mit all den herrlichen Dingen angefllten Kabinett ruhte bei
geffnetem Fenster auf dem Sofa die Grfin Lavard und las in einem Buch.
In seinem gerumigen Arbeitsgemach war, wie sonst, der Graf eifrig mit
seinen Beamten beschftigt, Lucile hielt sich, an Curbire schreibend,
in ihren Gemchern auf, und wie immer webten in dem, von Epheu umrankten
Mauern eingeschlossenen Schlohof jene sanften Hausgeister, die von dem
Streit und Getmmel drauen in der Welt nichts wuten.

Auch Graf Dehns schlanke Gestalt tauchte, wie damals, in den Wegen des
Parkes auf, und nun eben richtete er die Schritte dem Schlodurchgang
zu, trat ins Innere, begab sich in seine Zimmer, und von dort, nach
Ordnung seiner Toilette, zu der Grfin.

Einige freie Stunden lagen vor ihnen, und sie wollte die Grfin heute
benutzen, um Axel einen Einblick in die Vergangenheit zu verschaffen.
Sie wollte, da es geschah, bevor Imgjor kam, die nach einer langen,
schweren Krankheit so viel Krfte zurckgewonnen hatte, da sie in
Begleitung des Doktor Stede eine Reise nach Rankholm zu unternehmen
vermochte. Hier wollte sie versuchen, ihre Gesundheit vllig
zurckzugewinnen.

Stillschweigend war das alte Verhltnis zwischen ihnen wieder
eingetreten. Solche Not und solche Trbsal, wie sie ber Imgjor
gekommen,--fhrten von selbst einen Ausgleich herbei.

Wiederholt hatten Lavards an dem Krankenbett Imgjors gestanden, und sie
hatte ihre Besinnung erst ganz allmhlich zurckgewonnen.

"Willst du nach Rankholm kommen, um dich dort ganz zu erholen, Imgjor?
Papa schickt dir einen herzlichen Gru und bittet darum--" hatte Lucile
eines morgens gesagt, und der Kranken waren die Thrnen der Rhrung aus
den Augen gestrzt.--

Nachdem die Grfin sich zurechtgerckt und einen ihrer gewohnten
forschenden Blicke auf Graf Dehn geworfen, sagte sie:

"Ich werde mich kurz fassen, Graf Dehn, weit krzer, als es ursprnglich
meine Absicht war. Das Wesentlichste: Imgjors Herkunft, wurde Ihnen
schon durch einen Zufall enthllt. Ich komme nur auf meine Zusage und
Ihren Wunsch zurck, weil ich von Ihnen, den ich wie meinen Sohn
betrachte, so beurteilt werden will, wie ich dazu ein Recht besitze. Ich
will's aber auch, damit Sie meines Mannes Handlungsweise, richtig
wrdigen.

Endlich spreche ich auch, weil ich die Hoffnung hege, da Sie diejenigen
aufklren, denen ich keine Mitteilungen zu geben vermag. Stolz und
Zartsinn verbieten mir, ber solche Dinge mit meinen Tchtern zu reden.
Es knnte scheinen, als ob ich mich verteidigen wolle.

Zur Einleitung--" hier zog die Grfin aus ihrem goldumrnderten Nhkorb
ein kostbar umrahmtes Pastellbild hervor--"betrachten Sie sich dieses
Portrt. Sie werden dann leichter verstehen, wie mein Mann dazu
gelangte, sich in Leonie Monier zu verlieben, und welche Kmpfe ich mit
meinem Ich zu bestehen hatte--"

Graf Dehn griff nach dem Gebotenen und unwillkrlich entglitt seinem
Munde ein Laut bewundernden Entzckens.

Imgjor wars, aber in noch hherer Vollendung. Ein so ses, engelhaftes
Lcheln umspielte den Mund des Bildes, aber auch ein solcher
schmachtender Glutblick drang aus den Augen, da man sich von dem
Anschauen nicht zu trennen vermochte. In ihrem Kostm erinnerte sie an
die Watteauschen Rokokobilder. Ein langes Mieder, verziert mit
Rosenbndern, hob ihre beraus zarte Figur. Um ihren vollendet
gebildeten, bis zum Ellbogen freien Arm schlang sich ein schwarzer
Sammetstreifen, und in ihrem hochfrisierten Haar saen neben Blumen
kleine blablaue Schleifen. Alles aber wurde bertroffen durch die
Pracht ihrer schneeigen Bste, die blendenden Farben, den durchsichtig
weien Schmelz ihrer Zhne und die kleinen, zum Liebkosen geschaffenen
Hnde.

"Nicht wahr? Sie war schn? Man kann etwas gleiches nicht sehen--" stie
die Grfin in neidloser Bewunderung heraus.

"Und ich kann hinzufgen: sie war wirklich noch schner. Man lag, wenn
sie sprach und lchelte, im Bann ihrer bestrickenden Reize, und nicht
der Tochter eines gascognischen Glasschleifers die sie war, glich sie,
sondern dem Mitglied einer auf Thronen fixenden Familie.

Aber sie war nicht allein wegen ihrer Schnheit gefhrlich, sondern
ebensosehr wegen des seltsamen Gemisches ihres Wesens. Herzensgte,
Trotz, liebenswrdige Naivett und schlaue Berechnung saen zugleich in
ihr und gelangten, den Umstnden nach, zum Ausdruck.

Man htte sie kssen und sie ohrfeigen mgen, einmal wegen ihrer
bezaubernden Liebenswrdigkeit, und dann wieder wegen ihres kaltherzigen
Starrsinns.

Doch nun hren Sie, wie alles verlief.

Ich lernte meinen Mann, der damals der franzsischen Gesandtschaft
attachiert war, in dem Hause des russischen Frsten Betzkoy kennen,
verliebte mich gleich sterblich in ihn und wurde schon nach vier Wochen
unserer ersten Begegnung seine Braut.

Meine Eltern waren beraus glcklich ber diese Verbindung, und meine
Verwandte, der Vicomte von Choisseuile und seine Frau luden uns zu einem
mehrwchentlichen Aufenthalt auf ihrem in der Nhe von Paris
befindlichen Landsitz ein.

Hier verlebten wir in dem ersten Rausch unserer leidenschaftlichen Liebe
seelige Tage, durchschweiften zu Wagen und zu Pferde die Umgegend,
machten oder erneuerten die Bekanntschaft angesehener und interessanter
Personen, welche sich ebenfalls um diese Zeit auf ihre in dieser Gegend
belegenen Gter zurckgezogen hatten, fanden aber auch die beste
Gelegenheit, unsere Charakter zu prfen, ihnen gegenseitig gerecht zu
werden, und uns immer mehr ineinander hineinzuleben. Mir wurde klar, da
Lavard ein leicht entzndliches Herz besa, und da ich infolgedessen
nicht die erste sei, der er sich genhert.

Er sprach auch mit voller Offenheit ber frheres. Er betrachtete mich
nicht als eine prde Vestalin, sondern als das, was ich wirklich war:
ein mit den wirklichen Lebensverhltnissen vertrautes weibliches Wesen,
das sehr wohl wute, da Mnner und oft auch Frauen Versuchungen
unterworfen sind und meist schon etwas erlebt haben, wenn sie an den
Altar treten.

Als ich eines Tages mit Lavard unter der Linde in dem Garten eines zu
dem Besitz gehrenden Pachthofes sa, wo wir, nach unserm anstrengenden
Ritt, eines kleinen Imbisses wartend, plauderten, unterbrach er
pltzlich das Gesprchsthema, sah mich ungewhnlich zrtlich an, fate
meine Hnde und sagte:

"Ich habe eine Bitte an dich, eine groe Bitte, Lucile! Willst du sie
mir gewhren?"

"Gewi, mein teurer Freund, wenn ich es vermag--" entgegnete ich ohne
Besinnen.

"Du sprichst das ja so leicht aus, Lucile! Ich fordere etwas Groes,
sehr Groes! Es gehrt eine opferstarke Liebe dazu!"

"Um so besser vermag ich dir zu beweisen, wie gut ich dir bin,
Lavard--sprich also--natrlich, ein ritterlicher Mann, wie du, wird von
einem Mdchen nichts verlangen, was ihren weiblichen Empfindungen
widerstreitet--"

Ich wei nicht, wie ich in meiner Entgegnung zu dieser Einschrnkung
gelangte. Jedenfalls hatte sie die Wirkung, da Lavard trotz meiner
wiederholten Aufforderungen, nun doch nicht redete.

Und so blieb's, und ich dachte auch schon gar nicht mehr an seinen, wie
ich angenommen hatte, launenhaften Einfall, als er eines vormittags,
kurz vor unserer Rckkehr nach Paris, im Park des Schlosses hinter den
Boskets vor mir niederfiel und mich beschwor, ihm zu gewhren, worum er
mich ersuchen werde.

Und da er so erregt war, da sein ganzes Wesen eine solche Spannung
verriet, insbesondere aber, weil es mich drngte, ihm zu beweisen, wie
sehr ich ihn liebte, sprach ich, ohne vorher zu hren, ein unbedingtes
ja!

"Was es auch sein mag, Lavard! Ich werde deinen Wunsch erfllen. Ich
schwre es dir!"

Nun schnellte er empor, umfate mich mit schmeichelnder Zrtlichkeit,
zeigte mir dann dieses, eben dieses von Ihnen bewunderte Bild, und
sagte:

"Diese weibliche Person, Leonie Monier, eine Nhterin der Vorstadt St.
Antoinne, war vor wenigen Monaten noch das, was du mir heute bist,
Lucile--

Du begreifst, da ich mich in sie verlieben konnte! Ich sage, da ich
die Beziehungen zu ihr wieder gelst habe, weil ihr Charakter ein
Zusammenleben unmglich macht. Ich wrde sie sonst trotz ihres einfachen
Standes und anderer Umstnde vielleicht geheiratet haben.

Es liegen die Dinge nun, wie folgt:

Sie erklrt mir, dann gutwillig ihrer Rechte auf mich sich begeben zu
wollen, wenn du dich entschlieest, sie zu empfangen und ihr eine noch
zu errternde bindende Zusicherung zu geben.

Natrlich! Sie vermag nichts gegen mich zu unternehmen.

Mich treibt mein Ich, mich veranlat die Erinnerung an die Tage, die ich
glcklich mit ihr verlebte, aber mich veranlat auch ein bestimmter
Umstand, derselbe, welcher mit ihrer an dich zu richtenden Bitte
zusammenhngt: alles zu thun, was eine freundliche Lsung unserer
Beziehungen herbeizufhren vermag!"

"Wohlan, sprich, Lavard. Ich werde hren!"

"Nun denn, Lucile! Leonie Monier ist dieser Tage Mutter eines Kindes
geworden. Sie verlangt von uns--und deshalb will sie dich sprechen--die
Auferziehung ihres Kindes und die Sorge fr dieses bis zu einem gewissen
Zeitpunkt. Dann soll's wieder ihr Eigentum sein, oder wir sollen ihr's
fr eine namhafte Summe abkaufen--"

"Ah--ah--welch ein berechnender Handel, und gar mit dem eigenen Kinde!
Hinter diesen engelhaften Zgen sucht man etwas anderes! Und alles htte
ich eher erwartet, als dies. Du erhebst einen Anspruch an mich, zu dem
eine starke Selbstverleugnung gehrt, Lavard. Und was wird sonst noch
folgen?" rief ich, meine Erregung nicht verbergend.

Lavard bewegte die Schultern.

"Die Dinge liegen nicht so ungnstig! Sie ist nicht schlecht. Aber
lassen wir das jetzt, und berlasse auch die Erledigung der materiellen
Dinge mir, Lucile. Gewhre nur zunchst, warum sie dich bittet--"

Ich zgerte. Dann sagte ich:

"Eines habe ich gewhrt, ich versprach die Erfllung eines Wunsches. Du
stellst aber jetzt noch andere, sehr weittragende Forderungen an mich.

Du willst gewi, da ich dieses Kind, als unseres annehme--es nach auen
so hinstelle--"

"Ja, Lucile! Wir gehen fr die Zeit eines Jahres oder lnger auf
Reisen. Wenn wir zurckkehren, erklren wir, da wir unterwegs dies Kind
gefunden und in unsere Obhut genommen haben, da Mitleid unsere
Triebfeder war--fr alles brige wollen wir die Zeit sorgen lassen."

"Warum stellst du eine so schwere Forderung an meine Liebe, Lavard?
Lasse das Kind von anderen aufziehen. Durch sie wird--durch deinen
Reichtum untersttzt--dasselbe erreicht. Der Mutter kann's doch nur um
das Wohl ihres Kindes zu thun sein. Da sie mittellos und einen
leichtsinnigen Charakter besitzt, will sie das Kind vor doppelten
Fhrnissen behten. Das verstehe ich! Aber weshalb ein so ungeheures
Opfer von mir? Oder ist's dein eigenes Kind?"

"Ja und nein, Lucile! Eben das ist's! Sie, Leonie, behauptet es, obschon
sie auch Beziehungen zu einem anderen, einem Jongleur hatte. Nun weit
du alles, nun verstehst du alles. Sei deshalb so hochherzig, wie ich
dich schtze. Ist's mein eigenes Fleisch und Blut, dann habe ich
unabwendbare Pflichten!"

Diese Worte entschieden, ich empfing nicht nur die junge Frau, sondern
ich war auch spter einige Zeit in ihrer Nhe. Wir trafen sie in dem
franzsischen Seebade Trouville, wohin sie Lavard zur Krftigung ihrer
Gesundheit gesandt hatte.

Whrend dieser Zeit lernte ich sie nicht lieben, aber doch ihre guten
Eigenschaften schtzen; auch gab ich ihr das Versprechen, das sie
verlangte.

Wenig spter--das Aufgebot hatte bereits bald nach unserer Verlobung
Stattgefunden--wurden wir in der Madeleine getraut, unternahmen darauf
eine fast fnfviertel Jahre andauernde Reise, und begaben uns alsdann,
mit dem kleinen, inzwischen anderweitig in Kost gegebenen, und nun in
unsere Hnde gelangten Kinde nach Rankholm.

Wir verfuhren auch unseren Bekannten gegenber, wie wir es besprochen
hatten. Im ganzen wurde wenig nach dem Kinde gefragt. Nach wenigen
Monaten war berhaupt nicht mehr von dessen Ursprung die Rede und
allmhlich sah man es als unser eigenes, als Erstgeborenes an.

So war also gelungen, was meines Mannes Wunsch gewesen, und ich mu
gestehen, da er mir in den zwlf Jahren, whrend welcher Zeit wir von
der Mutter niemals wieder hrten, tglich seine Erkenntlichkeit in
rhrendster Weise an den Tag legte.

Dann aber erschien pltzlich, fast ohne vorherige Anmeldung,
Mademoiselle Monier, um ihr Kind zurckzufordern, und nun begannen die
Kmpfe zwischen uns dreien.

Es ist mir wie heute! Ich war im Begriff ber den Schlohof zu
schreiten, als ein Wagen vorfuhr, auch ertnte gleich darauf schon das
Luten der Glocke am Portierhause. Ich aber nahm rasch den Weg in das
Schlo, betrat meine Gemcher, wartete hier und berlie es meinem Mann,
Frau von Etienne, wie sie sich nach unserer Abrede nennen sollte, zu
empfangen.

Auch noch anderes war zwischen mir und Lavard abgemacht. Sie sollte
womglich noch an demselben Tage Rankholm wieder verlassen und sich
nach Oerebye begeben. Dort wollte Lavard mit ihr verhandeln. Ihr
vorzuenthalten, ihre Tochter schon vorher zu sehen, konnten wir nicht
ber uns gewinnen, aber es sollte lediglich aus der Entfernung
geschehen. Eine eigentliche Annherung sollte nicht stattfinden. Wir
wollten sie bewegen, da sie uns Imgjor gegen ein ferneres Jahresgehalt
und gegen eine einmalige Abfindungssumme fr immer berlasse. Lucile
hatten wir schon in der Frhe zu Freunden nach Taxholm gesandt. Sie
sollte von diesem Besuch berhaupt keine Kunde erhalten. Imgjor bewohnte
damals mit ihrer Erzieherin dieselben Rume, die sie jetzt inne hat, und
nur hatten angeordnet, da sie beide bei Tisch nicht erscheinen sollten.

Dies war nicht auffallend, da solches hufiger geschah. Ich hielt Imgjor
berhaupt streng, weil ich immer ihrer Mutter Charakter im Auge hatte,
weil ich immer darauf bedacht sein mute, des Kindes sehr stark
ausgeprgten Drang nach Selbstndigkeit zu dmpfen.

Diese meine groe Strenge hat Lucile, weil sie eine ungerechte
Ungleichheit der Behandlung darin erkannte, Ihnen gegenber getadelt,
Graf Dehn. Sie that es eben, weil sie meine Beweggrnde nicht kannte.--

Doch nun zurck zu dem pltzlich erschienenen Besuch.

Ueber eine Stunde verhandelte mein Mann mit Madame Etienne, ehe er sie
mir in meine Gemcher brachte.

Als Frederik ihr Kommen meldete, klopfte mir das Herz. Ohnehin erregt,
beschftigte mich dieses lange Beisammensein meines Mannes mit seiner
ehemaligen Freundin, nicht wenig. Mir ahnte auch, da sie
Schwierigkeiten erhob, unsere Wnsche zu erfllen. Sicher weigerte sie
sich, uns ihre Tochter zu lassen, machte die Gewhrung von unerfllbaren
Forderungen abhngig. Wie berechnend sie war, hatte sie hinreichend
frher bewiesen.

Ich hatte aber Imgjor wegen ihrer trefflichen Eigenschaften so lieb
gewonnen, da ich sie wie mein eigenes Kind liebte. Auch leitete mich
bei dem Verlangen, sie bei uns zu behalten, die Ueberlegung, da ihre
Entfernung den Anla zu unliebsamen Redereien geben werde. Wir hassen es
beide, uns in den Mund der Menge zu bringen.

Endlich wollten wir auch mit dieser Angelegenheit einmal ein Ende haben.
Ich wnschte insbesondere, da Lavard dem Einflu dieser Person, die,
wie ich stets erfuhr, in all den Jahren noch mit ihm korrespondiert
hatte, fr immer entzogen werde.

Mein Erstaunen ma sich sodann mit meiner Abneigung, als sie mir
gegenbertrat.

Sie war zwar noch immer blendend schn, aber sie besa nichts von dem
Wesen einer anstndigen Frau, einer wirklichen Dame. Sie war das
vollendete Bild einer Halbwelt-Circe. Ihr Kostm war bertrieben modern,
stark parfmiert, und lcherlich kostbar. Ihre Arme waren mit Schmuck
behangen, und hinter ihrem sanft schmachtenden Lcheln verbarg sich
etwas, das den Weltkundigen nicht tuschte.

Und wirklich besa sie keine echte Empfindung, ihr Gemt war verdorrt,
sie war nichts anderes, als eine kalt berechnende Kokette.

Es wre somit ein Vergehen gewesen, ihr Imgjor auszuliefern.

Aber sie von diesem Gedanken abzubringen, war noch die geringste
Schwierigkeit. Der groe Reichtum meines Mannes konnte noch grere
Ansprche befriedigen, als sie sie erhob und auf deren Erzielung es ihr
berhaupt nur ankam. Aber sie hatte schon gleich am ersten Tage Lavard
wieder in solche Fesseln zu schlagen gewut, da er vllig Wachs in
ihrer Hand geworden war.

Er bestritt in heftigen Worten die Berechtigung meiner abflligen
Kritik. Er fand es, da sie es nicht wollte, vllig berflssig, da sie
nach Oerebye bersiedelte Er verlangte von mir, da ich sie wochenlang
auf Rankholm behalten solle. Sie habe Anrechte auf unsere
Gastfreundschaft und unsere Rcksicht; man msse der Mutter fr eine
zeitlang ihr Kind gnnen.

Entsetzliche Tage verlebte ich. Lucile, der ich in der Erregung nicht
mehr gedacht hatte, kehrte wieder zurck. Imgjor nherte sich der
schnen und sie umschmeichelnden Madame Etienne, der Gattin des Baron
von Etienne in Brssel, als welche sie sich auch Imgjor im
Einverstndnis mit meinem Manne vorgestellt hatte.

Zuletzt war mein Entschlu gefat.

In einer Scene, der Lucile zufllig beiwohnte, erklrte ich Lavard, mich
von ihm trennen und zu meiner Familie zurckkehren zu wollen, wenn die
Fremde nicht innerhalb achtundvierzig Stunden das Haus verlasse.

Lucile fhrte, weil ihr Vater ihr beipflichtete, mein Verhalten auf
Eifersucht zurck. Sie nahm fr ihren Papa Partei, schalt mich des
Mangels an Liebe und des Mangels an Duldsamkeit, und ich litt zehnfach,
da ich meinem Kinde nicht erffnen konnte, wie die Dinge standen.

Endlich siegte ich. Ich siegte dadurch, da ich eine Nacht mit dem
fremden Weibe rang. Sie wohnte damals in den Gemchern, die jetzt meine
Tochter Lucile inne hat. Mir ist's in der Erinnerung wie heute. Der Tag
war grau, kalt und nebelig, so unfreundlich, da man sich nicht einmal
zu einem Spaziergang in den Park hinauswagen mochte.

Wir waren deshalb mehr denn sonst und bereits vor dem Frhstck auf
einander angewiesen, und dieses engere Beisammensein benutzte Madame
Etienne, um allerlei bisher von mir verhinderte Vertraulichkeiten
zwischen sich und den Kindern herbeizufhren.

Sie gab sich besonders mit ihnen ab, holte verschiedene wertvolle
Gegenstnde aus ihren Koffern heraus, die sie ihnen, trotz deren
bescheidenen Abwehr, aufdrngte und forderte sie zuletzt gar auf, sie du
und Tante zu nennen.

Die Mdchen nahmen dieses als eine Bevorzugung hingestellte Anerbieten
natrlich an. Und dies du machte beide natrlich freier gegen den Gast,
namentlich die jngere Lucile. Infolgedessen lie diese auch eine
Aeuerung fallen, die sie sonst sicher nicht gemacht haben wrde. Sie
wies, und schon lange hatte ich dies kommen sehen und mich davor
gefrchtet, auf die groe Aehnlichkeit zwischen Madame und Imgjor hin.

"Ihr seht wie Schwestern aus!" betonte sie lebhaft und richtete auch
ihre zu meiner Zustimmung auffordernden Blicke auf uns.

In Madame Etiennes Gesicht leuchtete es auf. Ich sah's. Alles, was sie
irgendwie mit uns in eine nhere Beziehung zu bringen vermochte, danach
griff sie begierig!

Sie wollte nicht nur die grten materiellen Vorteile daraus ziehen, da
sich ihre Tochter bei uns befand, sondern sie strebte,--ihrer
abenteuerlichen Eitelkeit entsprechend--auch danach, neben uns eine
gleichberechtigte Rolle zu spielen.

Auf ihre Tochter war sie bald malos eitel und berlegte dann, ob sie
sie doch nicht mit sich nehmen solle, oder sie zeigte eine nicht
verhllte, heftige Eifersucht. Dann ergriff sie,--man sah's--ein durch
die Einsicht in ihre eigene Unwrdigkeit noch mehr gefrderter Ingrimm
gegen ihr eigenes Kind. Dessen reiner Sinn, dessen fester Charakter,
dessen ungewhnliche Wahrheitsliebe, dessen Abscheu gegen nichtssagende
Redensarten, aber auch dessen zutage tretendes Mitrauen gegen ihre
aufdringlichen Liebenswrdigkeiten, schufen einen Aerger in ihr, den sie
nicht bezhmen konnte.

Und eben dieses Gemisch von Gefhlen und Stimmungen, aber vielleicht
auch die Erwgung, da es ihren Zwecken frderlich sei, uns in steter
Unruhe zu halten, verleiteten Madame Etienne an diesem Tage, Luciles
Aeuerungen aufzunehmen, statt mit einem flchtigen Wort darber
fortzugehen.

Sie sagte berlegen lchelnd:

"So, findest du das? Nun, wer wei, ob die Etiennes und die Lavards
nicht, ohne es zu wissen, verwandt sind,--ob sich solches nicht, wenn
wir einmal grndlich nachforschen,--herausstellen wrde--"

Mein Mann warf ihr einen erschrockenen, und weil er in ihren Banden lag,
flehenden Blick zu. Auch nahm er rasch das Wort und wute ein anderes
Thema zu berhren.

Nach Tisch, whrend wir des Kaffes im Salon warteten, machte sich Madame
Etienne an Imgjor heran, prfte eine Handarbeit, mit der sie beschftigt
war, lobte die Sorgfalt der Ausfhrung und fragte sie, ob sie nicht Lust
habe, sie einmal in Paris, wo sie frder wohnen werde, zu besuchen. Sie
habe dort ein sehr schnes Haus, und sicher wrde sich Imgjor
vortrefflich in der Stadt des Vergngens amsieren.

Es folgte dann noch eine Beschreibung der Rume und der kostbaren
Einrichtung, und berhaupt war sie bemht, Imgjor einen mglichst
groartigen Eindruck von ihren Einknften und ihrer gesellschaftlichen
Stellung beizubringen.

Sie bewies, indem sie diese Mittel anwendete, Imgjors Zuneigung zu
gewinnen, allerdings eine sehr geringe Fhigkeit, Charaktere zu
beurteilen. Es war mir unbegreiflich, da sie nicht erkannt hatte, da
dergleichen fr dieses ernste, reife und in seinem innersten Wesen
einfach geartete Wesen gar kein Lockmittel sein werde.

Reichtum und Wohlleben umgaben Imgjor, aber reizten sie durchaus nicht.
Ihre Pflicht stellte sie stets ber das Vergngen, und auch die Freuden
des Daseins suchte sie lediglich im Verkehr mit der Natur, mit guten,
treuherzigen Menschen, in der Pflege geistiger Dinge und im Verkehr mit
Tieren, mit Vgeln, Pferden und Hunden, die sie zrtlich liebte und
pflegte.

Tanzen, Kokettieren, den Groen nachzumachen, frh schon die Dame zu
spielen, sich sinnliche Aufregungen zu verschaffen und den nichtigen
Vergngungen nachzujagen, hatte fr Imgjor keinen Reiz.

Und demgem antwortete sie auch.

"Nein, nein, gndige Frau. Ich bleibe lieber hier in der Heimat!"
entgegnete sie nach ihrer Art, kurz und ohne fr die durch diese
Einladung zum Ausdruck gelangte Artigkeit einen besonderen Dank an den
Tag zu legen. Auch lie sie absichtlich das "du" und die "Tante" dabei
auer acht.--

"Meinst du denn nicht, da es fr dich vorteilhaft wre, neues zu sehen,
zu lernen, dich zu vervollkommnen, zu erkennen, da es noch eine andere
grere Welt giebt, als das Pnktchen Rankholm! Hltst du dich bereits
fr vollendet?" warf die Frau, hmisch im Ton, hin.

Sie vermochte ihren Aerger ber diese Unbiegsamkeit, ber diese
offenkundig hervortretende Gleichgiltigkeit gegen ihre Person nicht zu
bezhmen.

Schier bersten aber wollte sie, als Imgjor, sich uerlich sanft
fgend, und nur die Schultern bewegend, einer Antwort auswich.

Sie warf schroff gereizt hin:

"Nun, Kind! Antworte! Hltst du dich fr so vollkommen?"

"Nein, gewi nicht, gndige Frau. Aber ich mchte Reisen nur in
Begleitung meiner Eltern unternehmen. Wenn sie nicht dabei sind, wenn
ich mit ihnen nicht zusammen genieen darf, haben sie keinen Reiz fr
mich!"

Diese Erwiderung klang aus dem Munde einer Dreizehnjhrigen recht
altklug. Sie war nicht artig, aber Inhalt und Form waren zur Belehrung
ber die Stellung, welche Imgjor ihrer Mutter gegenber einnahm und
einzunehmen entschlossen war, weise gewhlt. Diese ihre Antwort traf
auch Madame dergestalt, da sie alle Klugheit auer acht lassend, mit
boshaft funkelnden Augen herausstie: "Na ja! Dann mache, wenn du alles
besser weit, wie du's willst!" Worauf sie dann Imgjor sitzen lie, sich
mit einer gemacht gleichgiltigen Miene zu mir, und als dann grade mein
Mann in den Salon trat, mit schmeichelnder Liebenswrdigkeit an ihn
wandte und zu einer Partie Schach aufforderte.

Und was ich, obschon ich mir nichts merken lie, dann sah, das gab mir,
neben der Ueberlegung, da es keine bessere Gelegenheit geben konnte,
die Stimmung der Mutter gegen ihr Kind zu unserm Vorteil auszunutzen,
den Entschlu, noch an diesem Tage mit den Dingen unter allen Umstnden
aufzurumen.

Mit meinem Manne war sie wie eine Braut. Sie sah ihn fortwhrend
zrtlich an, umschmeichelte ihn, und suchte ihn berhaupt immer mehr in
ihre Netze zu ziehen. Auf mich, auf die Kinder, die ich dann auch
mglichst bald fortsandte, auf Graf Knut, der zum Plaudern gekommen,
nahm sie gar keine Rcksicht.

Sie folgte einerseits rcksichtslos ihren eitlen Plnen, nmlich den
Mann, der einst ihr erlegen, abermals dauernd in Fesseln zu schlagen,
und andererseits ihrem rachschtigen Bestreben, mir mglichst
unangenehme Empfindungen zu bereiten.

Da ich die Antwort, die Imgjor ihr gegeben, nicht gergt hatte, wute
sie mich einverstanden. Das gengte, um den schon in ihr lodernden,
heftigen Ingrimm gegen mich noch mehr anzufachen.

Nachdem endlich, nach Verlauf peinlicher Abendstunden, die Uhr elf
geworden, Graf Knut sich empfohlen, und auch jene sich zum Aufbruch zu
rsten anschickten, erklrte ich, noch ausbleiben und Briefe schreiben
zu wollen.

Mein Mann erhob auch keinen Widerspruch, befahl der herbeigerufenen
Kammerjungfer, Madame Etienne in ihre Gemcher zu geleiten, und begab
sich,--mir in der gereizten Stimmung, die ihn whrend dieser Zeit stetig
beherrschte, nur eine khle, gute Nacht wnschend,--ebenfalls in seine
Rume.

Ich aber that nicht, wie ich vorgegeben hatte, sondern warf mich aufs
Horchen, und sobald ich hrte, da die Jungfer sich wieder aus Madames
Gemchern entfernt, ich auch abgewartet, da Frederik die Lichter im
Flur und auf den Korridoren gelscht hatte, entzndete ich eine
Wachskerze, schritt an die Thr meiner Widersacherin und klopfte.

Ein lebhaftes: "Wer ist da?" erfolgte.

"Ich, Lucile, bin's! Bitte, ffnen Sie!" gab ich zurck.

"Ah! Sie, liebe Grfin! Ich komme gleich--"

Und so geschah's. Ich fand sie halb angekleidet, forderte sie auf, mir
Gehr zu schenken, und setzte mich alsbald ihr gegenber.--

Alles, was ich auf dem Herzen hatte, sagte ich, nicht gehssig, aber
entschieden, klar und knapp. Ich betonte, was wir gewollt, was geworden,
wie sie sich dazu verhalten habe, was sie ohne Zweifel beabsichtigte,
wie sie meinen Gatten wieder umgarnen wolle und welche beleidigende
Rolle gegen mich, und welche aussichtslose gegen ihre Tochter sie
spiele.--

Ich deckte ihr rcksichtslos ihr Inneres auf, baute ihr aber wiederum
auch Brcken, indem ich sie durch ihre verlorene Jugend zu entschuldigen
strebte.

Aber ich nahm auch von der Thatsache, da sie ihres Kindes Herz schon im
Voraus verloren habe und es bei ihrer Veranlagung, ihren
Lebensgewohnheiten und Anschauungen nie gewinnen werde, nichts zurck.
Sodann bot ich ihr, vorher noch betonend, da ich eher sie oder mich
tten, als da ich es--schon um der Kinder willen leiden werde--, da
mein Mann zu ihr zurckkehre, eine erhebliche Geldsumme fr ihren
Verzicht auf Imgjor und ihre Nimmerwiederkehr an.

Noch zgerte sie, sie erging sich in einen Schwall von Worten, in denen
sie sich als eine Heilige, und mich als eine ebenso klein Veranlagte,
wie thricht eiferschtig Geartete hinzustellen suchte. Zuletzt aber,
als ich ihr einen groen Teil des von mir in die Ehe gebrachten
Vermgens anbot, unterlag sie ihrer Habgier. Die ungeheure Summe lschte
alle wirklichen und komdienhaften Regungen in ihrer Seele wie mit einem
Regengu aus. Sie nahm auch die von mir als erforderlich hingestellten
Nebenbedingungen ohne Einwand an. Ich erklrte, ihr die Hlfte gleich
anweisen, den Rest aber, von dem ihr die Nutznieung der Zinsen werden
solle, erst nach einer Prfung von zehn Jahren auszahlen zu wollen. Wenn
sie sich whrend dieser Zeit ein einzigesmal meinem Mann oder ihrer
Tochter ohne meine Zustimmung wieder nhere, gehe sie desselben
verlustig.

Schon am nchsten Tage verlieen wir zusammen Rankholm, und begaben uns
nach der holsteinischen Stadt Rendsburg. Hier lie ich nach genauer
Information einen Rechtsanwalt einen Vertrag in franzsischer Sprache
entwerfen, der alle Punkte feststellte, welche zwischen uns vereinbart
waren.

Nachdem dieser in zwei Exemplaren ausgefertigt war, unterschrieben wir
ihn beide, reichten uns wie zwei khle Geschftsleute die Hand und
fuhren am folgenden Morgen,--jeder den Abend allein im Hotel
zubringend,--unseren verschiedenen Zielen zu.

Sie reiste, selig befriedigt, ohne den geringsten Schmerz um ihr Kind,
nach Paris zurck, und ich trat am Sptnachmittag meinem Manne in
Rankholm wieder gegenber.

Ich fand zu meiner glcklichen Befriedigung keinen Zrnenden, sondern
einen durchaus sanft Gestimmten. Er schlo mich unter der Versicherung
seiner alten Empfindungen und seines schrankenlosen Dankes fr mein
energisches Verfahren zrtlich in die Arme, erklrte, da er schon am
Morgen nach Madames Abreise wieder zur Besinnung zurckgekehrt und jetzt
frmlich wie erlst sei.

Der Zauber war gewichen. Geradezu dmonisch hatte sie ihn umstrickt. Als
ein schwer Kranker war er in diesen Wochen umhergegangen, und als ein
Neugeborener atmete er auf, als dieses ekle Parfm, als dieses Girren
und Werben, als diese auf seine Sinne berechnenden Knste auf ihn nicht
mehr wirkten.

So, lieber Graf, das ist in groen Zgen der Bericht, aus dem Sie
ersehen werden, da Menschen allezeit Menschen bleiben, irren, sich
gegen ihre Freunde und die Verhltnisse auflehnen, sich aber wieder
besinnen und je nach dem Wert ihres Ich einen zufriedenen Zustand
zurckzugewinnen vermgen. Auch ich habe mir mein Glck suchen mssen,
und ich habe es gefunden, weil ich das Gute erstrebte fr ihn, Lavard,
fr das Kind, das ich wahrhaft liebte, und fr mich selbst!

Mein Schluwort soll sein:

Mchte es Ihnen nun gelingen, dieses treffliche, wenn auch zeitweise
irregeleitete Mdchen heimzufhren, ihr das Glck zu verschaffen, was
wir ihr alle sehnschtig wnschen!"

Graf Dehn hatte mit auerordentlicher Spannung und mit steigender
Bewunderung den Ausfhrungen der Grfin zugehrt. Als sie die letzten
Worte gesprochen, beugte er sich auf ihre Hand herab und drckte einen
Ku darauf.

"Ihnen, Frau Grfin, nahe bleiben zu drfen, ist fast so viel, wie der
Wert, einer Imgjor Gatte zu werden--" stie er warmherzig heraus.

Er suchte bei diesen Worten ihr Auge und sie gab ihm den Blick mit dem
alten vertieften Ausdruck, der ihr eigen war, zurck.

Und nun wute er auch ihr Wesen zu deuten, das ihm so oft rtselhaft
erschienen war. Die Erfahrungen des Lebens hatten ihr Vorsicht
auferlegt. So empfing ihr Blick etwas Sprendes, ein Bestreben, das
Innere ihrer Nebenmenschen erst zu durchdringen, bevor sie ihnen ihre
Zuneigung und ihr Vertrauen schenkte.

       *       *       *       *       *

In einem Gehlz, das sich an den Rankholmer Park anlehnte, befand sich
neben einer Hhe ein kleiner Thalkessel, und in diesem lag einsam,
idyllisch, umschlossen von hohen, grnen Fichten auf der einen Seite,
und umzingelt von Buchen, Eichen und dichtem Gebsch auf der anderen,
ein blauer, stiller See. Libellen umschwrmten ihn, und tausend andere,
die Wonnen des Daseins genieende, geflgelte kleine Geschpfe fhrten
schwebende Tnze ber seinem silberklaren Spiegel aus. Aber auch eine
entzckende Flora hatte hier eine Heimsttte gefunden. Immer neue
Gebilde und Farben entdeckte das Auge, und se Dfte berauschten die
Sinne derer, die sich auf den, an den Ufern befindlichen, mit zierlich
durchbrochenen Rcksitzen versehenen Waldbnken niederlieen.

Zur Linken erhob sich ein hoher, von Epheu anmutig umsponnener
Granitstein, auf dessen glatt polierter Flche zahlreiche Namen in
deutscher und lateinischer Schrift eingegraben waren, Namen, deren
Inhaber sich hier auf diesem Platze im Laufe der Zeiten niedergelassen
oder mit ihren Herzen gefunden hatten.

Gleichsam ein Zauber zog die jeweiligen Bewohner des Schlosses hierher,
und ein hnlicher, heftiger Drang, der Drang nach Vereinsamung leitete
auch die Schritte des Grafen Axel Dehn, der nun eben--es war um die
Nachmittagsstunde--aus dem Gehlz hervortrat und sich einer der Bnke
nherte. Seine Gedanken waren so ausschlielich auf einen Punkt
gerichtet, da er mit bewuten Sinnen keinen Eindruck in sich aufnahm,
da seine Augen alle die Schnheiten, die ihn umgaben, nur mechanisch
aufsogen.

Imgjor hatte sich angemeldet und war nun doch nicht gekommen, auch
fehlte jede Nachricht von ihr. Den ganzen Mittag hatte sich das Gesprch
darum gedreht, zulegt war man zu der Meinung gelangt, da sie am Abend,
den letzten Zug von Norden benutzend, eintreffen wrde.

Unerfllte Sehnsucht macht krank. Von der Hhe der Erwartung
herabgestrzt zu werden, vllig in Ungewiheit zu schweben, ist fr die
strksten Naturen ein qualvoller Zustand.

Um der grenzenlosen Unruhe leichter Herr zu werden, war Graf Dehn die
Treppe zu Imgjors Zimmer hinaufgestiegen. Wie damals hing, obschon
sorgsame Hnde die Rume fr die Kommende neuerdings in Stand gesetzt
hatten, der Schlssel an dem versteckten Haken hinter der Thr. Graf
Dehn wagte ihn herabzunehmen und die Gemcher zu ffnen.

Herbstsonnenschein ruhte auf all' den reizenden, unberhrten
Gegenstnden, auf den Mbeln und zahlreichen Kleinigkeiten, den
seidenbezogenen Sesseln, und den seidenen Vorhngen. Ein eigener Duft
von eingeschlossener Luft und Blumen wirkte berauschend auf die Sinne,
ein berckender Duft von Imgjors Wesen, einer, der ihren Kleidern meist
entstrmt war, haftete noch in den Rumen. Und zu Seiten standen die
Flgelthren zu demselben Gemach offen, in das sie damals ihren kranken
Hund gebettet hatte. Graf Dehn richtete, sehnschtig angezogen, auch in
dieses einen raschen Blick. Die Tapeten befanden aus rosendurchwirkter
Seide, die Polstersthle waren mit weiem Rips bezogen, und alle brigen
Mbel trugen eine blitzend weie, mit zarten Goldlinien geschmckte
Farbe.

Das Heim einer Prinzessin, aber auch das Heim eines sinnereinen,
weiblichen Wesens! Nur ber dem Ruhelager eines solchen konnte so viel
saubere, gleichsam unschuldige Schnheit ausgebreitet sein. Und daneben
ein schlanker, von der Decke bis zur Erde reichender Spiegel in weier
Umrahmung und eine Toilette, umzingelt von Gardinen und Spitzen auf
rosenfarbenem Hintergrunde. Und als Graf Dehn aus dem Fenster schaute,
lag der Park und lag Kneedeholm vor ihm wie ein Paradies, und hinter
ihnen blaute der Horizont, und ber allem lag ein stillseliger Friede.

War's mglich, da irgend jemand, noch dazu ein junges, lebensfrohes
Mdchen, das alles freiwillig aufgegeben hatte, um in schlaflosen
Nchten neben in Schmerzen sthnenden Kranken zu wachen, Wunden zu
verbinden, in schmutzige Htten zu kriechen, Arme und Elende zu pflegen,
sich zu gemeinen Dienten zu erniedrigen und den Undank der Masse auf
seine Schultern zu nehmen?

Wonach Millionen mit den Hnden begierig greifen wrden, nach einem
solchen Wohlleben, einer solchen Heimsttte, einer solchen Welt des
Reichtums, der glcklichen Beschaulichkeit und erquicklichen
Abwechslung,--das alles hatte sie mit ihrem selbstlosen Herzen als
unntzen Tand von sich geworfen!

Und doch liebte sie die Gensse: die Natur, die Musik, die schnen
Knste, doch sa sie beseeligt auf ihrem Renner und durchflog die
Gegend, fate, selbst kutschierend, die Zgel und durchma das
Gutsgebiet mit seinen herrlichen Wldern, Auen und Seen!

"O, Imgjor, Imgjor, du rtselhafte Seele, du edles, nun doch betrogenes,
aus dem Weltgetriebe verbittert und krank zurckkehrendes Herz!"

Und niederknieend in diesen, fr ihn heiligen Rumen, flsterte der
Mann: "Gieb ihr, gtiger Gott, ich flehe dich an, die Ruhe ihres Innern
und ihre Gesundheit zurck! Schaffe ihr auch ein frohes Gengen hier,
die Freude am Menschentum im Kleinen, die Einsicht, da zwar der
Vernunftbegabte den Sinn auf die Sterne richten, aber danach nicht
thricht greifen soll!"--

Whrend Graf Dehn jetzt hier auf der Bank sa und die Erinnerungen an
die letzte Begegnung zwischen sich und Imgjor an seinem Geiste
vorberziehen lie, berlegte er die Mglichkeit eines Erfolges seiner
Werbung oder einer endgiltigen Enttuschung.

Imgjor Lavard war stillschweigend ausgeshnt mit den Ihrigen. Alles
wartete ihrer bis auf den Grafen Knut drunten im Dorf und den mit
gewohnter Ehrerbietung und Dienstfertigkeit einherschreitenden Frederik.

Die Vgel konnte keine Willkommenskonzerte anstimmen, sie waren schon
gen Sden gezogen, aber die Lavardschen Fahnen wehten von den Zinnen,
und von Oerebye war eine Kapelle bestellt, die Imgjor am ersten
Frhmorgen vom Park aus durch sanfte Tne begren sollte.

Und kam sie nun als eine Geheilte, eine Sehnschtige, Friedensuchende,
oder war doch wieder etwas in ihr aufgequollen, das sie mit der groen
Welt in Verbindung hielt?! Niemand wute es in Rankholm, und auch Graf
Dehn wute keine Schlsse auf ihr Herz zu ziehen.--

Langsam wanderte er nach dem Schlo zurck. Jetzt sah er, was um ihn her
vorging.

Als er aus dem Gehlz heraustrat und sich umblickte, ging die Sonne eben
zur Rste und warf solche zauberischen Lichter auf Wald, Wiesen und
Felder, da er wie gebannt stillstand. Vom Dorf her tnte das
Kirchenglcklein durch die Stille, frhliches, einmaliges Hundegebell
erklang, und auch das sehnschtige Brllen nach Hause wandernder Rinder
schlug an sein Ohr.

Das waren die Laute des Landes!

Erst um die Dmmerstunde gelangte er wieder in das Schlo.

Als er das Innere betrat, war's ihm auffallend, da Frederik und zwei
der Diener an Gepckstcken vor der groen Treppe beschftigt waren und
da die Thr zur Halle offen stand.--

"Wer ist's, Portier? Die Komtesse?".

"Ja! Zu Befehl, Herr Graf!"

Axel flog die Stufen empor. Sie schon da und er nicht anwesend!

Sturmschnell betrat er die Hintergemcher. Lautes Sprechen drang aus
dem Kabinett der Grfin, demselben, das er damals bei dem ersten Besuch
mit klopfendem Herzen betreten hatte.

Und wieder klopfte es heute aus anderen Grnden so ungestm, da ihm
pltzlich die Kraft fehlte, jetzt, in diesem Augenblick--Imgjor
gegenberzutreten.

Leise schlich er sich wieder aus dem Zimmer fort, eilte in seine
Gemcher, ri die Fenster auf und holte tief, tief Atem.

So verharrte er wohl zehn Minuten.

Und dann hrte er Gerusch auf der Treppe, Luciles und Imgjors Stimmen,
und dann sagte die letztere:

"Nein, nein--danke, liebste Lucile! Ich habe ja alles; auch bei
Kofferauspacken brauche ich keine Hilfe--in fnf Minuten bin ich wieder
bei euch.--Lasse nur anrichten, da Papa nicht lnger zu warten
braucht!"

Und nun Schritte--ihre Schritte empor!

Ah, wie ihm das Herz hmmerte,--wie die Glieder flogen, wie ihn alles zu
ihr hintrieb!

Und als sie dann im Begriff stand, den vor seinen Rumen sich dehnender
Vorflur zu betreten, und nun eben emporeilen wollte, ffnete er die
Thr, zog ihre Gewalt mit seinen sehnschtigen Augen an sich
und--strzte an ihr nieder.

"Imgjor! Imgjor!" bracht aus der heiarbeitenden Brust. Im Nu hatte er
sie umschlungen und geleitete sie in sein Gemach.

Und als sie dann dort einander in die Augen schauten und ihm die Worte:
"Liebst du mich, Imgjor?" aus der trunkenen Brust zitterten, da ri sie
ihn an sich.

"Ach--du fragst--teurer Mann! Hier, hier, dein Kind, deine Demut, deine
bezwungene Liebe! Hier deine Imgjor, geheilt, zurckgegeben der Vernunft
und dem, den sie liebte, trotz aller Auflehnung und aller Schroffheiten
beim ersten Sehen!"

Und der berauschte Mann sthnte auf und zog das blasse, schne Geschpf
an das Fenster.

"Hier vor Gottes unvergnglicher Natur schwre ich dir, da ich dich zu
beglcken suchen werde, wie kein Mann je ein Weib zuvor! Und ist's denn
wirklich Wahrheit? Du bist es selbst, du kehrst bekehrt zurck, du,
Imgjor Lavard?"

"Ja, mein Freund! Bewahrheitet hat sich an mir des Dichters Wort:

  Wie Ueberfllung strenge Fasten zeugt,
  So wird die Freiheit, ohne Ma gebraucht,
  In Zwang verkehrt!

Hier in diesem Eden der Schnheit und des Friedens, hier bei denen,
deren hohen Wert ich erst durch die Erfahrungen und Vergleiche erkannte,
wollen wir leben, wirken und streben, wollen wir uns--und anderen leben!
Und nun ksse mich noch einmal, und dann will ich vor dir niederknieen
und deine Hnde voll Dank berhren, da du einen solchen Reichtum an
Nachsicht und Geduld mit deiner--deiner Imgjor gehabt!"

Und sie that, nachdem er sie umschlungen, wie sie gesprochen, und dann
hob er sie empor und trug sie auf den Armen zu ihren Gemchern empor.--





End of the Project Gutenberg EBook of Grevinde, by Hermann Heiberg

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GREVINDE ***

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Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
compressed (zipped), HTML and others.

Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
the old filename and etext number.  The replaced older file is renamed.
VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
new filenames and etext numbers.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
are filed in directories based on their release date.  If you want to
download any of these eBooks directly, rather than using the regular
search system you may utilize the following addresses and just
download by the etext year. For example:

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    (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
     98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)

EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
filed in a different way.  The year of a release date is no longer part
of the directory path.  The path is based on the etext number (which is
identical to the filename).  The path to the file is made up of single
digits corresponding to all but the last digit in the filename.  For
example an eBook of filename 10234 would be found at:

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or filename 24689 would be found at:
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