The Project Gutenberg EBook of Aus meinem Leben, Erster Teil, by August Bebel

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Title: Aus meinem Leben, Erster Teil

Author: August Bebel

Release Date: May 5, 2004 [EBook #12267]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN, ERSTER TEIL ***




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Aus meinem Leben


Von August Bebel


Erster Teil




1910


Meiner lieben Frau




Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Aus der Kinder- und Jugendzeit
Die Lehr- und Wanderjahre
Zurck nach Wetzlar und weiter
Mein Eintritt in die Arbeiterbewegung und das ffentliche Leben
Lassalles Auftreten und dessen Folge
Der Vereinstag der deutschen Arbeitervereine
Friedrich Albert Lange
Neue soziale Erscheinungen
Der Stuttgarter Vereinstag
Wilhelm Liebknecht
Zunehmende Verstimmung in den Arbeitervereinen
Die Katastrophe von 1866
Nach dem Krieg
Die Weiterentwicklung des Verbandes der deutschen Arbeitervereine
Persnliches
Der Marsch nach Nrnberg
Die Gewerkschaftsbewegung
Meine erste Verurteilung
Vor Barmen-Elberfeld




Vorwort.


Der Wunsch vieler meiner Parteigenossen, ich mchte meine Erinnerungen
schreiben, trifft mit meinem eigenen Wunsche zusammen. Ist man wie ich
durch die Gunst der Verhltnisse in eine einflureiche Stellung gelangt,
dann hat auch die Allgemeinheit ein Recht, die Umstnde kennen zu
lernen, die dazu fhrten. Aber auch die Menge falscher Anklagen und
schiefer Urteile, mit denen ich so oft berschttet wurde, lassen es mir
gerechtfertigt erscheinen, der Oeffentlichkeit zu zeigen, was daran
Wahres ist.

Dazu sind Offenheit und Wahrheit die ersten Erfordernisse, andernfalls
hat es keinen Zweck, ber sein Leben Verffentlichungen zu machen. Der
Leser meiner Aufzeichnungen, einerlei auf welcher Seite er steht oder zu
welcher Partei er sich zhlt, wird mir nicht den Vorwurf machen knnen,
ich htte vertuscht oder schn gefrbt. Ich habe die Wahrheit gesagt
auch dort, wo mancher denken wird, ich htte besser getan, sie zu
verschweigen. Diese Ansicht teile ich nicht. Es gibt keinen fehlerlosen
Menschen, und manchmal ist es das Bekenntnis eines Fehlers, das den
Leser am lebhafteren interessiert und zur richtigen Beurteilung am
besten befhigt.

Wollte ich nach Mglichkeit die Wahrheit schreiben, so konnte ich mich
nicht auf mein Gedchtnis verlassen. Nach einer Reihe von Jahren lt
einen das Gedchtnis im Stich, selbst Vorgnge, die sich einem tief
einprgten, erlangen im Laufe der Jahre unter allerlei Suggestionen eine
ganz andere Gestalt. Ich habe diese Erfahrung hufig nicht nur bei mir,
sondern auch bei anderen gemacht. Ich habe nicht selten im besten
Glauben Vorgnge frherer Jahre im Kreise von Bekannten und Freunden
erzhlt, die sich nachher, zum Beispiel durch aufgefundene Briefe, die
unmittelbar unter dem Eindruck der Vorgnge geschrieben wurden, ganz
anders darstellten. Das hat mich zu der Ansicht gefhrt: Kein Richter
sollte ber wenige Jahre eines Vorfalls hinaus einem Zeugen einen Eid
abnehmen. Die Gefahr des Falscheides ist gro.

Um die Richtigkeit meiner Angaben und auch der Auffassungen, wie ich sie
zu einer bestimmten Zeit hatte, festzustellen, habe ich nach Mglichkeit
Briefe, Notizen, Artikel usw. benutzt.

Aber es gab Abschnitte in meinem Leben, in denen es gefhrlich war,
Briefe aufzubewahren, wollte ich nicht zum Denunzianten an anderen oder
an mir selbst werden. Das war ganz besonders die Zeit unter der
Herrschaft des Sozialistengesetzes, whrend welcher ich jede Stunde
Gefahr lief, einer Haus- und krperlichen Durchsuchung unterworfen zu
werden, sei es, um Material fr einen Proze gegen mich oder gegen
andere zu gewinnen. Ich stand lange Zeit bei Polizei und Staatsanwlten
in dem Rufe, ein gefhrlicher Mensch zu sein, dem man nicht ber den Weg
trauen drfe. Vielleicht nicht mit Unrecht. Aus denselben Grnden verbot
sich aber auch die Fhrung eines Tagebuchs.

In der vorliegenden Verffentlichung ist namentlich in bezug auf die
antisozialistischen Arbeitervereine in den sechziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts ein Material enthalten, das bisher nur teilweise bekannt
war. Nachdem Ende Oktober letzten Jahres in Frankfurt a.M. L. Sonnemann
gestorben ist, lebt auer mir keiner mehr, der die Geschichte jener Zeit
so kennt und miterlebte wie ich, und dem auch das Material zur Verfgung
stand. Ich hoffte, mit der Arbeit weiter zu kommen, als ich gekommen
bin. Aber Krankheit, die mich fast zwei Jahre lang zu jeder
anstrengenden Geistesarbeit unfhig machte, lie es nicht zu. Behalte
ich die ntige Gesundheit, so soll dem ersten in nicht zu langer Zeit
ein zweiter und vielleicht ein dritter Teil folgen.

Schneberg-Berlin, Neujahr 1910

A. Bebel.




[Illustration: Meine Geburtssttte. Die Kasematte zu Deutz-Kln.]




Aus der Kinder- und Jugendzeit.


Will man einen Menschen genauer beurteilen, so mu man die Geschichte
seiner Kinder- und Jugendjahre kennen. Der Mensch kommt mit einer Anzahl
Anlagen und Charaktereigenschaften zur Welt, deren Entwicklung von den
ihn umgebenden Zustnden sehr wesentlich abhngt. Anlagen und
Charaktereigenschaften knnen durch Erziehung und Beispiel der Umgebung
gefrdert oder gehemmt, ja bis zu einem gewissen Grade unterdrckt
werden. Es hngt alsdann von den Verhltnissen im spteren Leben, fter
auch von der Energie der betreffenden Persnlichkeit ab, ob und wie
fehlerhafte Erziehung oder unterdrckt gewesene Eigenschaften sich
Geltung verschaffen. Das kostet oft genug einen schweren Kampf mit sich
selbst, denn die Eindrcke, die der Mensch in seiner Kinder- und
Jugendzeit empfngt, beeinflussen am meisten sein Fhlen und Denken. Was
immer im spteren Leben die Verhltnisse aus dem einzelnen machen, die
Eindrcke seiner Jugend wirken im guten wie im schlimmen Sinne auf ihn,
und oft bestimmen sie sein Handeln.

Ich wenigstens mu eingestehen, da die Eindrcke und Erlebnisse in den
Kinder- und Jugendjahren mich hufig in einer Weise gefangen nahmen, da
ich Mhe hatte, mich ihrer zu erwehren, und ganz los geworden bin ich
sie nie.

Der Mensch ist irgendwo geboren.

Mir wurde dieses Glck zuteil am 22. Februar 1840, an welchem Tage ich
in der Kasematte zu Deutz-Kln das Licht der Welt erblickte. Mein Vater
war der Unteroffizier Johann Gottlob Bebel in der 3. Kompagnie des 25.
Infanterieregiments, meine Mutter Wilhelmine Johanna geborene Simon.
Mein Taufschein weist nicht Deutz--das damals noch eine selbstndige
Gemeinde war--, sondern Kln als Geburtsort auf, offenbar weil die
Deutzer Garnison zu jener der Festung Kln und zur gleichen
Kirchengemeinde gehrte.

Das "Licht der Welt", in das ich nach meiner Geburt blickte, war das
trbe Licht einer zinnernen Oellampe, das notdrftig die grauen Wnde
einer groen Kasemattenstube beleuchtete, die zugleich Schlaf- und
Wohnzimmer, Salon, Kche und Wirtschaftsraum war. Nach der Angabe meiner
Mutter war es abends Schlag neun Uhr, als ich in die Welt trat, insofern
"ein historischer Moment", als eben drauen vor der Kasematte der
Hornist den Zapfenstreich blies, bekanntlich seit "unvordenklichen
Zeiten" das Zeichen, da die Mannschaften sich zur Ruhe zu begeben
haben.

Prophetisch angelegte Naturen knnten aus dieser Tatsache schlieen, da
damit schon meine sptere oppositionelle Stellung gegen die bestehende
Staatsordnung angekndigt wurde. Denn streng genommen verstie es wider
die militrische Ordnung, da ich als preuisches Unteroffizierskind in
demselben Augenblick die Wnde einer kniglichen Kasemattenstube
beschrie--und ich soll schon bei meiner Geburt eine recht krftige
Stimme gehabt haben--, in dem der Befehl zur Ruhe erlassen wurde.

Aber die so folgerten, tuschten sich. Es hat spter noch geraumer Zeit
bedurft, ehe ich mich aus den Banden der Vorurteile befreite, in die das
Leben in der Kasematte und die spteren Jugendeindrcke mich geschlagen
hatten.

Es ist nicht berflssig, weil fr die Beurteilung meiner selbst
notwendig, hier einiges ber meinen Vater und meine Mutter zu sagen.
Mein Vater war in Ostrowo in der Provinz Posen geboren, als der Sohn des
Bttchermeisters Johann Bebel. Ich glaube annehmen zu mssen, da die
Bebels aus dem Sdwesten Deutschlands (Wrttemberg) nach dem Osten, etwa
um die Reformationszeit, eingewandert sind. Feststellen konnte ich, da
um 1625 schon ein Bebel in Kreuzburg (Schlesien) lebte. Aber zahlreicher
sind sie bis heute in Sdwestdeutschland vorhanden. Auch kommt der Name
Bebel seit der Reformationszeit durch Trger desselben in ffentlichen
Stellungen vor. Ich erinnere an den Verfasser der "Facetiae", den
Humanisten Heinrich Bebel, der Professor in Tbingen war und 1518 starb.
Ferner gab es einen Buchdrucker Johann Bebel in Basel, der um 1518 die
Utopie des Thomas Morus herausgab. Ein Professor Balthasar Bebel lebte
um 1669 in Straburg i.E. und ein Dr. med. Friedrich Wilhelm Bebel um
1792 in Nagold in Wrttemberg. Der Name Bebel ist auch noch verballhornt
als Bbel in Sddeutschland zu finden. Da mein Vater vom Osten nach dem
Westen verschlagen wurde, hatte seinen Grund darin, da er mit
seinem Zwillingsbruder August im Jahre 1828 in ein posensches
Infanterieregiment, ich glaube in das 19., eintrat. Als dann im Jahre
1830 der polnische Aufstand ausbrach, hielt es die preuische Regierung
fr angemessen, die posenschen Regimenter aus der Provinz zu entfernen.
Das Regiment, in dem mein Vater diente, wurde als Teil der preuischen
Bundesgarnison nach der damaligen Bundesfestung Mainz verlegt. Dieser
Umstand veranlate, da mein Vater und meine Mutter sich kennen lernten.

Meine Mutter stammte aus einer alteingesessenen, nicht unbemittelten
Kleinbrgerfamilie der ehemaligen freien Reichsstadt Wetzlar. Der Vater
war Bcker und Landwirt. Die Familie war zahlreich, und so trat meine
Mutter, dem Beispiel der Tchter anderer Wetzlarer Familien folgend, die
Wanderung nach Frankfurt a.M. an, woselbst sie als Dienstmdchen
Stellung nahm. Von Frankfurt kam sie nach dem benachbarten Mainz und
machte hier die Bekanntschaft meines Vaters. Als dann spter das
betreffende Infanterieregiment wieder nach der Provinz Posen
zurckversetzt wurde, trat mein Vater in Rcksicht auf seine Braut,
vielleicht auch, weil es ihm im Rheinland besser gefiel als in seiner
Heimat, aus demselben aus und trat in das in Kln-Deutz garnisonierende
25. Infanterieregiment ein. Sein Zwillingsbruder August, mein Taufpate,
folgte seinem Beispiel insofern, als dieser in das damals in Mainz
garnisonierende 40. Infanterieregiment (8. rheinisches Fsilierregiment)
bertrat.

Eine preuische Unteroffiziersfamilie der damaligen Zeit lebte in
erbrmlichen Verhltnissen. Das Gehalt war mehr als knapp, wie denn zu
jener Zeit berhaupt in der Militr- und Beamtenwelt Preuens Schmalhans
Kchenmeister war, und so ziemlich jeder fr Gott, Knig und Vaterland
den Schmachtriemen anziehen und hungern mute. Meine Mutter erhielt die
Erlaubnis, eine Art Kantine fhren zu drfen, das heit sie hatte das
Recht, allerlei kleine Bedarfsartikel an die Mannschaften der Kasematten
zu verkaufen, was in der einzigen Stube geschah, die wir inne hatten. So
sehe ich sie im Geiste noch heute vor mir, wie sie abends bei der mit
Rbl gespeisten Lampe den Soldaten die steinernen Npfe mit dampfenden
Pellkartoffeln fllte,  Portion 6 Pfennig preuisch.

Fr uns Kinder--mir war im April 1841 der erste Bruder und im Sommer
1842 der zweite geboren worden--war das Leben in den Kasematten ein
Leben voller Wonnen. Wir trieben uns in den Kasemattenstuben umher,
verhtschelt oder auch gehnselt von Unteroffizieren und Mannschaften.
Waren aber die Stuben leer, weil die Mannschaften zu Uebungen ausgerckt
waren, so begab ich mich auf eine derselben und holte die Gitarre des
Unteroffiziers Wintermann, der auch mein Taufpate war, von der Wand, auf
der ich dann so lange musikalische Uebungen betrieb, bis keine Saite
mehr ganz war. Um diesen ungezgelten Musikbungen und ihren bsen
Folgen eine entsprechende Ablenkung zu geben, schnitzte er mir aus einem
Brett ein gitarreartiges Instrument, das er mit Darmsaiten bezog. Ich
sa nunmehr mit diesem in Gesellschaft meines Bruders stundenlang auf
der Trschwelle zu einem Hof in der Deutzer Hauptstrae und maltrtierte
die Saiten, was die beiden Tchter eines gegenberwohnenden
Dragonerrittmeisters so "entzckte", da sie uns fter fr meine
musikalischen Leistungen mit Kuchen oder Konfekt regalierten. Natrlich
litten unter diesen musikalischen nicht die militrischen Uebungen. Der
Anreiz dazu lag ja in der ganzen Umgebung, er lag buchstblich in der
Luft. Sobald ich also die ersten Hosen und den ersten Rock anhatte, die
selbstverstndlich beide aus einem alten Militrmantel des Vaters
gezimmert worden waren, stellte ich mich, ausgestattet mit der ntigen
Bewaffnung, neben oder hinter die auf dem freien Platz vor der Kasematte
benden Mannschaften und ahmte ihre Bewegungen nach. Wie mir meine
Mutter spter fter humorvoll erzhlte, soll ich namentlich das rechts
und links Aufrcken meisterlich fertig bekommen haben, eine Uebung, die
den Mannschaften viel Schwei verursachte und bei der ich ihnen manchmal
von dem kommandierenden Offizier oder Unteroffizier als Muster
hingestellt worden sein soll.

Meines Vaters Augen sahen aber allmhlich das Kommileben anders an wie
sein Sohn. Er war zwar, wie uns meine Mutter fter erzhlte, gleich
seinem Bruder ein auerordentlich gewissenhafter, pnktlicher und
adretter Militr--ein sogenannter Mustersoldat--, aber er hatte zu jener
Zeit bereits seine zwlf und mehr Jahre Militrdienstzeit auf dem
Rcken, und stand ihm das Soldatenleben schlielich, wie man zu sagen
pflegt, bis an den Hals. Der Dienst wurde damals wohl auch noch
kleinlicher und engherziger betrieben als heute. Der Gamaschendienst
feierte zu jener Zeit seine Orgien. An Unabhngigkeits- und
Oppositionsgeist hat es meinem Vater offenbar auch nicht gefehlt, fr
den zu jener Zeit in der Rheinprovinz der rechte Boden war, und so kam
er fter in hchstem Zorn und mit Verwnschungen auf den Lippen vom
Exerzierplatz in die dstere Kasemattenstube. Als im Jahre 1840 unter
Louis Philipp und seinem Ministerium Thiers ein Krieg zwischen
Frankreich und Preuen drohte, soll er eines Tages in hchster Emprung
in die Stube getreten sein, weil nach seiner Ansicht ein blutjunger
Offizier ihm zu nahe getreten war, und meiner Mutter zugerufen haben:
"Frau, wenn es losgeht, die erste Kugel, die ich verschiee, gilt einem
preuischen Offizier!" Der Ausdruck "preuischer Offizier" im Munde
eines preuischen Unteroffiziers befremdet, er erklrt sich aber. Damals
und noch viel spter wurde von der Bevlkerung des preuischen
Rheinlands jeder Offizier und Beamte einfach als "Preu" bezeichnet. Die
Rheinlnder fhlten sich noch nicht als Preuen. Mute ein junger Mann
Soldat werden, hie es kurz: er mu Preu (plattdeutsch "Pr") werden.
Es gab sogar hierfr ein derbes Schimpfwort. Ich hrte noch im Frhjahr
1869, als ich mit Liebknecht in einer politischen Angelegenheit in
Elberfeld war, da in der Wirtsstube des Hotels, in dem wir wohnten,
ein Gast zu den anderen sagte: "Was will denn der preuische Offizier
hier?", als er auf der Strae einen Offizier vorbergehen sah. Elberfeld
hatte damals wie heute keine Garnison.

Die geschilderte Auffassung war offenbar auch meinem Vater gelufig
geworden. Als er dann in den Jahren 1843 und 1844 nach fnfzehnjhriger
Dienstzeit als schwer kranker Mann ber Jahr und Tag im Militrlazarett
verbringen mute, den Tod und das Elend seiner Familie vor Augen, hat er
die Mutter wiederholt in der nachdrcklichsten Weise gebeten, nach
seinem Tode uns Jungen ja nicht fr das Militrwaisenhaus einzugeben,
weil damit die Verpflichtung zu einer spteren neunjhrigen Dienstzeit
in der Armee verbunden war. Bei dem Gedanken, da die Mutter dieses
dennoch aus Not tun knnte, rief er in seiner durch die Krankheit
gesteigerten Erregung wiederholt aus: "Tust du es dennoch, ich erstech'
die Jungen vor der Kompagnie." In seiner Erregung bersah er, da er
alsdann nicht mehr unter den Lebenden war.

Meinem Vater schlug insofern die Erlsungsstunde, als ihm im Frhjahr
1843 der Posten eines Grenzaufsehers angeboten wurde, fr welchen Dienst
er sich seit langem gemeldet hatte. Er nahm den Posten an, und so zog
die Familie teils zu Fu, teils auf dem Frachtwagen sitzend, der die
Mbel trug--denn eine Eisenbahn gab es zu jener Zeit in jener Gegend
noch nicht--, nach Herzogenrad an der belgischen Grenze. Aber unseres
Bleibens war hier nicht lange. Noch war die dreimonatige Probezeit nicht
zu Ende, so hatte sich mein Vater infolge des anstrengenden
Nachtdienstes eine schwere Erkrankung zugezogen. Muskelentzndung nannte
es meine Mutter, ich vermute, es war Gelenkrheumatismus, wozu sich die
Schwindsucht gesellte. Da durch den Nichtablauf der Probezeit mein Vater
noch nicht aus dem Militrverhltnis entlassen war, muten wir mit dem
schwerkranken Manne dieselbe Reise in derselben Weise wieder nach Kln
zurcklegen. Ein sehr schweres Stck fr meine Mutter. In Kln
angekommen, wurde der Vater in das Militrlazarett geschafft, und uns
wurde wieder eine Stube in den Deutzer Kasematten, diesmal hinten nach
dem Wallgraben hinaus, angewiesen. Nach dreizehnmonatiger Krankheit
starb der Vater, 35 Jahre alt, ohne da die Mutter die Berechtigung zum
Bezug einer Pension hatte. Wir muten kurz nach dem Tode des Vaters die
Kasematte verlassen, und die Mutter wre schon jetzt gezwungen gewesen,
nach ihrer Heimat Wetzlar berzusiedeln, wenn nicht der Zwillingsbruder
des Vaters, August Bebel, sich der Mutter und unserer annahm. Um diese
Pflicht besser erfllen zu knnen, entschlo er sich, Herbst 1844, meine
Mutter zu heiraten.

Dieser mein Stiefvater war im September 1841 wegen Ganzinvaliditt mit
einem Gnadengehalt von zwei Talern monatlich aus dem Dienst im 40.
Infanterieregiment entlassen worden. Ursache der Invaliditt war der
Verlust der Kommandostimme infolge einer Kehlkopfentzndung, die spter
ebenfalls in Schwindsucht ausartete. Er hatte nach Aufgabe seiner
Stellung im Regiment nahezu zwei Jahre als Polizeiunteroffizier im
Militrlazarett in Mainz fungiert und hatte alsdann provisorisch die
Stelle eines Revieraufsehers in der Provinzial-Korrektionsanstalt
Brauweiler bei Kln angenommen. Seine eigentliche Absicht war, bei der
Post in Dienst zu treten. Aber damals befand sich das Postwesen noch in
Stagnation. Sollte eine Stelle besetzt werden, so mute meist erst ein
bisheriger Stelleninhaber sterben oder pensioniert werden, ehe eine
solche frei wurde. Bezeichnend fr die Art des Postdienstes jener Zeit
ist, da, als mein Stiefvater im Sommer 1844 nach Ostrowo an seinen
Bruder schrieb, um eine ihm ntige amtliche Vollmacht fr seine Heirat
zu erwirken, er auf der Adresse des zufllig in meinen Hnden
befindlichen Briefes vermerkte: "Absender bittet um baldige Abgabe." Die
Briefbestellung war also damals offenbar eine seltene und auch sumige.
Die gewnschte Stelle bei der Post als Brieftrger wurde meinem
Stiefvater nach mehrjhrigem Warten endlich im Oktober 1846 angetragen,
als er eben auf der Totenbahre lag.

Wir siedelten im Sptsommer 1844 nach Brauweiler ber. Mein nunmehriger
Vater hatte hier in der groen Provinzialanstalt sicher den schwersten
Dienst. Er war unter anderem auch Aufseher der Gefangenenanstalt, die
sich dort fr die Arbeitshusler befand, die wegen Vergehen in der
Anstalt zu Gefngnis verurteilt wurden. Die Anstalt bildete einen groen
Komplex von Gebuden und Hfen und umschlo auch Gartenland. Das alles
war mit einer hohen Mauer umzogen. Mnner, Frauen und jugendliche
Insassen waren voneinander getrennt. Um nach dem Arresthaus zu gelangen,
in dem sich auch unsere Wohnung befand, mute man ber mehrere Hfe
schreiten, die durch schwere verschlossene Tren voneinander getrennt
waren. Das Arresthaus war also von jeder menschlichen Umgebung
abgeschieden. Allabendlich, sobald die Dmmerung eintrat, flogen
Dutzende von Eulen in allen Gren mit ihrem Gefauche und Gekrchze um
das Gebude und jagten uns Kindern Angst und Schrecken ein. Der
Aufenthalt dieser Eulen war der Turm der nahen Kirche. Auch sonst war
dieser Aufenthalt fr uns Kinder, und vermutlich auch fr meine Eltern,
kein erfreulicher. Der Dienst meines Vaters, der morgens um 5 Uhr begann
und bis zum spten Abend whrte, war ein sehr anstrengender und mit viel
Aerger verknpft. Die Art der damaligen Gefangenenbehandlung war eine
grausame. Ich habe mehr als einmal mit angesehen, da junge und ltere
Mnner, die extra schwer bestraft wurden, sich der scheulichen Prozedur
des Krummschlieens unterziehen muten. Dieses Krummschlieen bestand
darin, da der Delinquent sich auf den Boden der Zelle auf den Bauch zu
legen hatte. Alsdann bekam er Hand- und Fuschellen angelegt. Darauf
wurde ihm die rechte Hand ber den Rcken hinweg an den linken Fu und
die linke Hand ebenfalls ber den Rcken an den rechten Fu gefesselt.
Damit noch nicht genug, wurde ihm ein leinenes Tuch strickartig um den
Krper ber Brust und Arme auf dem Rcken scharf zusammengezogen. So als
lebendes Knuel zusammengeschnrt, mute der Uebeltter zwei Stunden
lang auf dem Bauch liegend aushalten. Alsdann wurden ihm die Fesseln
abgenommen, aber nach wenigen Stunden begann die Prozedur von neuem.

Das Gebrlle und Gesthne der so Mihandelten durchtnte das ganze
Gebude und machte natrlich auf uns Kinder einen schauerlichen
Eindruck.

Hier in Brauweiler besuchte ich schon von Herbst 1844 ab, erst
vierundeinhalb Jahre alt, die Dorfschule, und zwar wurde ich in diesem
jugendlichen Alter als "Freiwilliger" aufgenommen. Kehrten wir Kinder
aus dieser zurck, so muten wir eines der Anstaltstore passieren, das
eine Schildwache zu ffnen hatte. Eines Tages aber waren wir starr vor
Ueberraschung, als der Posten die Tr ffnete und wir statt des bisher
im Gebrauch gewesenen Tschakos einen glnzenden Helm von sehr
bedeutender Hhe auf seinem Haupte thronen sahen. Diese ersten Helme
waren im Vergleich zu ihren Nachfolgern in der Jetztzeit wahre Ungetme
und entsprechend schwer. Wir erholten uns von unserer Ueberraschung und
unserem Staunen erst, als der Posten uns zuherrschte: "Jungs, macht, da
ihr hereinkommt, oder ich schlage euch die Tr vor der Nase zu!"

Das Leben fr uns Kinder war in der Anstalt nicht sehr
abwechslungsreich. Es spielte sich in der Hauptsache innerhalb eines
Teiles der Anstaltsmauern ab. Auch wurde unser Vater, der ein sehr
strenger Mann war und dem es an Aerger nicht fehlte, immer reizbarer,
eine Reizbarkeit, die durch die mittlerweile bei ihm zum Ausbruch
gekommene Schwindsucht immer mehr zunahm. Die Mutter und wir Kinder
hatten darunter viel zu leiden. Mehr als einmal mute die Mutter dem
Vater in die Arme fallen, wenn dieser in maloser Erregung schwere
krperliche Zchtigungen an uns vollzog. Sind Prgel der hchste Ausflu
erzieherischer Weisheit, dann mu ich ein wahrer Mustermensch geworden
sein. Aber was ich geworden bin, wurde ich wohl trotz der Prgel.

Andererseits wieder war der Vater aufs emsigste fr unser Wohl bemht,
denn er war trotz alledem ein gutherziger Mann. Konnte er uns zum
Beispiel zu Weihnachten, Neujahr oder Ostern eine Freude bereiten, so
geschah es, soweit es die bescheidenen Mittel erlaubten. Und sehr
bescheiden waren diese. Neben freier Wohnung (zwei Stuben), Heizung und
Licht empfing der Vater monatlich etwa acht Taler Gehalt. Damit muten
fnf, spter vier Menschen auskommen, da mein jngster Bruder, ein
bildhbsches Kind und der Liebling des Vaters, Sommer 1845 starb.

Die Krankheit meines Vaters machte unterdes rapide Fortschritte.
Bereits am 19. Oktober 1846 starb er nach etwa zweijhriger Ehe. So war
meine Mutter binnen drei Jahren zum zweitenmal Witwe und wir vaterlose
Waisen. Auch aus dieser Ehe hatte die Mutter keinen Anspruch auf
staatliche Untersttzung. Nunmehr blieb ihr nichts brig, als nach ihrer
Heimat Wetzlar berzusiedeln. Anfang November wurden abermals die
Siebensachen auf einen Wagen geladen--die heutigen Mbelwagen gab es
wohl zu jener Zeit noch nicht--und wurde die Reise nach Kln angetreten.
Das Wetter war hlich. Es war kalt und regnerisch. In Kln wurde der
Hausrat am Rheinufer unter freiem Himmel aufs Pflaster gesetzt, um von
dort per Schiff nach Koblenz und von dort wieder per Wagen das Lahntal
hinauf nach Wetzlar transportiert zu werden. Als wir abends gegen 10 Uhr
die Schiffskajte zur Fahrt nach Koblenz betraten, war diese mit
Menschen berfllt und herrschte ein Tabaksqualm zum Ersticken. Da uns
niemand Platz machte, legten wir zwei Jungen, todmde wie wir waren, uns
dicht an der Tr auf den Fuboden und schliefen, wie nur mde Kinder
schlafen knnen. Den fnften oder sechsten Tag kamen wir endlich in
Wetzlar an, in dem damals noch meine Gromutter und vier verheiratete
Geschwister--drei Schwestern und ein Bruder--meiner Mutter lebten.

Unsere eigentliche Jugendzeit verlebten wir jetzt hier. Wetzlar, eine
kleine, romantisch gelegene Stadt, besa damals eine ganz vortreffliche
Volksschule. Zunchst kamen wir beide in die Armenschule, die sich in
einem groen Gebude, dem Deutschen Haus, das ehemals den deutschen
Ordensrittern gehrte, befand. In dem groen Vorhof zu diesem Gebude
steht links das einstckige Haus, in dem einst Charlotte Buff, die
Heldin in Goethes Werther, wohnte. Der Zufall wollte, da ich spter
mehreremal in diesem Hause bernachtete, als einer meiner Vettern
Cicerone fr das Charlotte-Buff-Zimmer wurde. Ich kann mich auch noch
der Feier zum hundertsten Geburtstag Goethes (1849) erinnern, die am
Wildbacher Brunnen stattfand, woselbst sich die Goethelinde befindet.
Der Brunnen heit seit jener Zeit Goethebrunnen. Zehn Jahre spter
wohnte ich der Feier zu Schillers hundertstem Geburtstag im Salzburger
Stadttheater bei.

Nach einigen Jahren wurde die Armenschule mit der Brgerschule
verschmolzen, wir hieen jetzt Freischler; die Mdchen erhielten das
Deutsche Haus als Schulhaus angewiesen.

Mit der Schule und den Lehrern fand ich mich im ganzen sehr gut ab, nur
mit dem Kantor nicht, der mir nicht hold war. Ich gehrte zu den besten
Schlern, was namentlich unseren Lehrer der Geometrie, ein kleiner
prchtiger Mann, veranlate, mich mit noch zwei Kameraden extra
vorzunehmen und uns in die Geheimnisse der Mathematik einzuweihen. Wir
lernten mit Logarithmen rechnen. Neben Rechnen und Geometrie waren meine
Lieblingsfcher Geschichte und Geographie. Religion, fr die ich keinen
Sinn hatte--und meine Mutter, eine aufgeklrte und freidenkende Frau,
qulte uns zu Hause nicht damit--, lernte ich nur, weil ich mute. Ich
war zwar auch hier mit an der ersten Stelle, aber das verhinderte nicht,
da ich namentlich in der Katechumenenstunde dem Oberpfarrer einigemal
Antworten gab, die gar nicht ins Schema paten und mir kleine
Strafpredigten eintrugen.

Im brigen war unser Oberpfarrer ein sehr ehrenwerter Mann und durchaus
kein Frmmling, was aber, nebenbei bemerkt, nicht verhinderte, da man
ihm eines Tages, richtiger in einer Nacht, einen losen Streich spielte.
In Wetzlar bestand zu jener Zeit die Sitte, sie besteht vielleicht auch
heute noch, die im Sptherbst oder Winter geschlachteten Gnse eine
Nacht der Durchfrierung auszusetzen, das soll dem Geschmack des Bratens
frderlich sein. Die Gans wurde also in respektvoller Hhe, in der Regel
vor das Fenster gehngt. So auch bei Oberpfarrers. Aber am nchsten
Morgen war die Gans verschwunden. Dagegen hing am darauffolgenden Morgen
das fein suberlich abgenagte Gerippe der Gans am Glockenzug der Haustr
und daran befestigt ein Zettel, auf dem das schne Verslein stand:

  Guten Morgen, Herr Schwager!
  Gestern war ich fett und heut bin ich mager!

Ganz Wetzlar lachte, denn in einer kleinen Stadt sprechen sich
derartige Vorkommnisse rasch herum. Ich nehme an, auch der Oberpfarrer
lachte.

Wenn ich aber fleiig lernte und berall im Knnen mit an der Spitze
stand, so stand ich auch an der Spitze der meisten losen Streiche, die
nun einmal bei Jungen, die ein greres Ma Bewegungsfreiheit haben,
unausbleiblich, ja selbstverstndlich sind. Das brachte mich in
"sittlicher" Beziehung in einen blen Ruf. Namentlich geno ich diesen
bei unserem Kantor, der das Departement des Aeuern zu vertreten hatte,
das heit, der all die bsen Streiche, die der Schule gemeldet wurden,
an den Attenttern zu bestrafen hatte. Wieso er, statt des Rektors, zu
dieser Rolle kam, wei ich nicht. Vielleicht da sein Dienstalter oder
seine Krperflle oder ein Gewohnheitsrecht ihn dazu prdestinierte.
Auch wute er mit unnachahmlicher Grazie und sehr wirksam den Bakel zu
schwingen. Weniger schmerzte es, wenn er mit seinen kleinen fetten
Hnden uns rechts und links ins Gesicht fuhr, da es nur so klatschte.
Aber auch in einem solchen Moment konnte ich nicht unterlassen, die
kleinen fetten Hnde zu bewundern.

Unsere Haupttummelpltze waren die nchste Umgebung des Domes, das alte
Reichskammergerichtsgebude, dessen groe Rume jahrelang als Lagerplatz
einem Gastwirt dienten, die groe Burgruine Kalsmunt vor der Stadt, die
Felsenpartien an der Garbenheimer Chaussee--der Ort Garbenheim besitzt
ebenfalls Erinnerungen an Goethe--, auf deren Felsplatten wir unsere
"Festungen" errichteten, die alte Stadtmauer und vor allem die auf einem
Hochplateau gelegene Garbenheimer Warte, von der aus wir im Herbste
unsere Raubzge in die Kartoffelfelder unternahmen, um Kartoffeln zum
Braten zu holen. Eines Tages muten wir dafr eine mehrstndige
Belagerung durch eine Bauernfamilie aushalten, die wir aber siegreich
abschlugen. Die Streifereien durch Wald und Flur, namentlich whrend der
Ferien, waren zahllos.

Auch war das Obststrippen, wie wir es nannten, eine
Lieblingsbeschftigung im Sommer und Herbste, denn die Umgebung Wetzlars
ist sehr obstreich. Die Lahn, ein ganz respektabler Flu, gab im Sommer
die gewnschte Badegelegenheit und im Winter die Mglichkeit zum
Schlittschuhsport. Bei einer solchen Gelegenheit passierte es, da mein
Bruder hart neben mir in ein leicht zugefrorenes Loch einbrach und
unzweifelhaft unter das Eis geraten und ertrunken wre, breitete er
nicht unwillkrlich die Arme aus, die ihn oben hielten. Ein Kamerad und
ich zogen ihn aus dem Wasser und brachten ihn auf eine Felsplatte an der
Garbenheimer Chaussee. Hier mute er sich entkleiden, wir borgten ihm
einzelne Kleidungsstcke von uns und rangen dann seine Kleider aus, die
wir in der ungewhnlich warmen Februarsonne trockneten. Die Mutter
erfuhr erst nach Monaten den Unfall ihres Zweiten, was dadurch
ermglicht wurde, da wir unsere Kleider selbst reinigten, auch, so gut
es ging, selbst flickten, um die Risse dem Auge der Mutter zu verbergen.

Das Jahr darauf half ich einem meiner Vettern, der einige Jahre lter
war als ich, bei hnlicher Gelegenheit das Leben retten. Dieser, ein
vorzglicher Schlittschuhfahrer, kam eines Tages in sausender Fahrt die
Lahn herunter und fuhr auf ein Wehr zu, wobei er infolge der
spiegelblanken Eisflche nicht sah, da vor dem Wehr ein breiter
Streifen offenes Wasser war. Voll Schrecken schrie ich ihm zu,
umzukehren. Er gehorchte auch. Aber es war zu spt. Als er den
Ausweichbogen beschrieb, brach er ein. Krampfhaft hielt er sich am Eis
fest, sobald er aber den Versuch machte, ein Bein auf dasselbe zu
bringen, brach es von neuem. Rasch ri ich jetzt einen langen
gestrickten wollenen Schal, wie sie damals allgemein getragen wurden,
vom Hals, nahm einen zweiten von einem neben mir stehenden Kameraden,
knpfte beide zusammen und warf das eine Ende meinem Vetter zu, das er
glcklich erhaschte. Jetzt zogen wir ihn langsam auf festes Eis. Er war
gerettet.

Mein schlimmer Ruf bei unserem Kantor war allmhlich so fest begrndet,
da er es als selbstverstndlich voraussetzte, da ich bei jeder
Teufelei, die vorkam, beteiligt sei. Versuchte ich einmal einen
Kameraden vor ungerechter Strafe zu schtzen, indem ich mich fr diesen
ins Mittel legte, so wurde ich ohne Gnade als Beteiligter angesehen und
mitbestraft, auch wenn ich gnzlich unbeteiligt war. Spter hat man mir
in der Partei die Eigenschaft, um jeden Preis gerecht sein zu wollen,
scherzweise als Gerechtigkeitsmeierei angekreidet. Oft genug hatte
allerdings unser Kantor berechtigte Ursache, mit mir ins Gericht zu
gehen. So als ich eines Tages, dem dunklen Triebe nach "Berhmtheit"
folgend, in die roten Sandsteinstufen zum Eingang in den Dom in
lapidaren Buchstaben meinen vollen Namen, Geburtsort und Geburtstag
eingemeielt hatte. Ein starker Nagel als Meiel und ein Stein als
Hammer bildeten die Werkzeuge, die ich dazu benutzte. Natrlich wurde
die bse Tat am nchsten Sonntag beim Kirchgang allseitig entdeckt, auch
von dem Kantor. Endresultat: etwelche Ohrfeigen und dreimal ber Mittag
bleiben. Das bedeutete, da ich vom Schlu der Schule am Vormittag bis
zum Beginn derselben am Nachmittag im "Karzer" zubringen mute, also
erst nach dem zweiten Schulschlu nach Hause kam und so mein Mittagessen
einbte. Zum Glck aber hatte der Kantor eine weichmtige Tochter.
Diese beobachtete mich an der Seite ihres Brutigams, als ich am zweiten
Mittag am Karzerfenster stand und philosophische Betrachtungen ber die
Freiheit der Spatzen anstellte, die auf dem Schulhof in Scharen lrmten.
Von meinem Schicksal gerhrt, erwirkte sie mir bei ihrem Vater sofort
eine vollstndige Amnestie und kam selbst, um mir die Freiheit
anzukndigen und mich aus der Haft zu entlassen. Es war die erste und
einzige Begnadigung, die mir in meinem Leben zuteil geworden ist. Htte
das Ewigweibliche fter ber mein Geschick zu entscheiden gehabt, ich
glaube, ich wre manchmal besser davongekommen.

Indes kam auch fr mich der Tag der Erkenntnis, an dem ich mir sagte,
jetzt mut du doch anfangen, ein ordentlicher Kerl zu werden. Dieser Akt
vollzog sich also. Der Sohn des Majors des in Wetzlar garnisonierenden
Jgerbataillons, Moritz v.G., war mein Kumpan bei vielen losen Streichen
gewesen. Da kam das Schulexamen. Der einzige Mensch, der von der
Bevlkerung demselben als Zuhrer beiwohnte, war Major v.G., ein Hne an
Gestalt. Die Prfung war zu Ende, und es wurden die Zensuren verlesen.
Merkwrdigerweise wurden diese ausschlielich auf das sittliche
Verhalten hin erteilt. Alle Schler der Klasse hatten bereits ihre
Zensur erhalten, nur Moritz v.G. und ich waren brig. Wir allein
erhielten die Zensur fnf, also die schlechteste, die es gab. Der Vater
Major verzog keine Miene, aber ich habe Grund, anzunehmen, da es zu
Hause fr Moritz nicht glimpflich abging. Ich sah ihn seit jenem Tage
nie wieder, er kam unmittelbar nach jenem Vorgang auf die
Kadettenschule. In den neunziger Jahren erfuhr ich, da er in K. eine
hohe militrische Stellung bekleidete. Ihm hatte also seine bse
Bubennatur so wenig geschadet wie mir. Von jener Stunde an wurde ich
ordentlich, das heit ich tat nichts mehr, was mir Strafen eintrug. So
erhielt ich im nchsten Examen die Zensur drei und bei der folgenden und
letzten Prfung, an der ich teilnahm, die Eins. Wre es damals auf die
Stimmung der Klasse angekommen, ich htte auch eine der beiden zur
Verteilung gelangten Prmien erhalten. Als der Rektor den Namen des
zweiten Ausgezeichneten nennen wollte, rief die ganze Klasse meinen
Namen. Der Rektor aber meinte, ich htte mich zwar sehr gebessert, aber
doch nicht in dem Mae, um mir eine Prmie zu geben. So trat ich
prmienlos ins Leben.

       *       *       *       *       *

Unsere materiellen Verhltnisse konnten sich in Wetzlar nicht bessern.
An Pension konnte meine Mutter keinen Anspruch erheben. Die einzige
Untersttzung, die sie spter vom Staat erhielt, bestand in 15
Silbergroschen pro Monat und Kopf von uns zwei Jungen. Diese waren ihr
gewhrt worden, weil sie trotz des Abratens ihres ersten Ehemannes uns
beide als Kandidaten fr das Militrwaisenhaus in Potsdam angemeldet
hatte. Es war die Not, die sie dazu zwang; sie hatte zwar von ihrer
mittlerweile gestorbenen Mutter fnf bis sechs Parzellen Land geerbt,
die in den verschiedensten Gemarkungen um Wetzlar herum zerstreut lagen.
Und sie hatte, der Not gehorchend, auch mehrere davon bereits verkauft,
um leben zu knnen. Aber dieser Verkauf fiel ihr herzlich schwer. Ihr
ganzes Dichten und Trachten war darauf gerichtet, uns den noch
vorhandenen Besitz zu erhalten, damit wir nicht gnzlich mittellos in
der Welt stnden. Was eine Mutter fr ihre Kinder opfern kann, habe ich
an der eigenen erfahren. Einige Jahre lang hatte meine Mutter fr ihren
Schwager--einen Handschuhmacher--weie Militrlederhandschuhe genht,
das Paar fr 6 Kreuzer, ungefhr 20 Pfennig. Mehr als ein Paar im Tag
konnte sie aber nicht fertigen. Dieser Verdienst war zum Leben zu wenig,
zum Sterben zu viel. Aber auch diese Arbeit mute sie nach einigen
Jahren aufgeben, denn auch sie war mittlerweile von der Schwindsucht
ergriffen worden, die ihr in den letzten Lebensjahren jede Arbeit
unmglich machte. Ich als Aeltester mute die Ordnung des kleinen
Hauswesens, Stube und Kammer, bernehmen. Ich hatte Kaffee zu kochen,
Stube und Kammer zu reinigen und sie samstglich zu scheuern; ich mute
das Zinn- und Blechgeschirr putzen, unser Bett machen usw., eine
Ttigkeit, die mir nachher als Handwerksbursche und politischer
Gefangener sehr zustatten kam. Da es meiner Mutter spter aber auch
unmglich wurde, zu kochen, ging jeder von uns beiden zu einer Tante zu
Mittagessen, die sich zu diesem Liebesdienst bereit erklrten. Fr die
Mutter selbst holten wir abwechselnd bei verschiedenen bessersituierten
Familien das bichen Essen, dessen sie bentigte. Um unsere Lage etwas
zu verbessern, beschlo ich, als Kegeljunge ttig zu sein. Nach Schlu
der Schule ging ich zum Kegelaufsetzen auf die Kegelbahn in einer
Gartenwirtschaft. Von dort kam ich in der Regel erst abends gegen zehn
Uhr nach Hause, am Sonntag weit spter. Aber das fortgesetzte Bcken
verursachte mir so heftige Rckenschmerzen, da ich jeden Abend sthnend
nach Hause kam. Ich mute diese Beschftigung einstellen. Eine andere
Beschftigung, an der wir Jungen beide teilnahmen, war im Herbst das
Kartoffellesen bei der Ernte auf den Aeckern einer unserer Tanten. Es
war, wenn es neblig, na und kalt war, keine angenehme Beschftigung,
von frh sieben bis zum Dunkelwerden auf den Kartoffelfeldern zu
arbeiten, aber es winkte uns als Lohn ein groer Sack Kartoffeln fr den
Winter, auerdem erhielten wir jeden Morgen, wenn wir mit aufs Feld
gingen, zur Anregung ein groes Stck Zwetschgenkuchen, den wir beide
leidenschaftlich liebten.

Als ich im dreizehnten und mein Bruder im zwlften Lebensjahr stand, kam
vom Militrwaisenhaus die Nachricht, mein Bruder knne einrcken. Ich
war auf Grund rztlicher Untersuchung als krperlich zu schwach dazu
erklrt worden. Jetzt sank aber meiner Mutter der Mut; sie fhlte ihr
Ende nahen, und so glaubte sie es nicht verantworten zu knnen, da mein
Bruder fr zwei Jahre Militrerziehung nachher zu neun Jahren
Militrdienstzeit verpflichtet werde. "Wollt ihr Soldat werden, so geht
spter freiwillig, ich verantworte es nicht," uerte sie zu uns. So
unterblieb der Eintritt meines Bruders in das Militrwaisenhaus, der fr
mich damals zu meinem Bedauern nicht in Frage kam.

Mein lebhaftes kindliches Interesse weckten die Bewegungsjahre 1848 und
1849. Die Mehrzahl der Wetzlarer Einwohner war entsprechend der
Traditionen der Stadt republikanisch gesinnt. Diese Gesinnung bertrug
sich auch auf die Schuljugend. Bei einer Disputation ber unsere
politischen Ansichten, wie sie unter Schuljungen vorzukommen pflegt,
stellte sich heraus, da nur ein Kamerad und ich monarchisch gesinnt
waren. Dafr wurden wir beide mit einer Tracht Prgel bedacht. Wenn sich
also meine politischen Gegner ber meine "antipatriotische" Gesinnung
entrsten, weil nach ihrer Meinung Monarchie und Vaterland ein und
dasselbe sind, so ersehen sie aus der vermeldeten Tatsache, vielleicht
zu ihrer Genugtuung, da ich schon frs Vaterland gelitten habe, als
ihre Vter und Grovter noch in ihrer Maienblte Unschuld zu den
Antipatrioten gehrten. Im Rheinland war wenigstens zu jener Zeit der
grere Teil der Bevlkerung republikanisch gesinnt.

Fr meine Mutter brachte jene Zeit in ihr tgliches Einerlei insofern
eine kurze Abwechslung, als, ich glaube bei dem Rckmarsch aus dem
badischen Feldzug, das Bataillon des 25. Infanterieregiments, bei dem
mein Vater gedient hatte, kurze Zeit in Wetzlar verblieb. In demselben
standen noch eine Anzahl Unteroffiziere, die meine Mutter von frher
kannten. Diese besuchten uns jetzt. Auf ihr Drngen lie sich meine
Mutter herbei, einen Mittagstisch fr sie einzurichten. Profitiert hat
sie wohl nichts. Ich hrte eines Tages, da zwei der Gste auf der
Treppe beim Fortgehen sich unterhielten und das Essen sehr lobten, sich
aber auch wunderten, da es meine Mutter fr so billigen Preis liefern
knne.

Sehr amsant fr uns Jungen waren die Bauernrevolten, die sich in jenen
Jahren im Wetzlarer Kreise abspielten. Die Bauern muten damals noch
allerlei aus der Feudalzeit bernommene Verpflichtungen erfllen. Da
alles fr Freiheit und Gleichheit schwrmte, wollten sie jetzt diese
Lasten auch los sein; sie rotteten sich also zu Tausenden zusammen und
zogen nach Braunfels vor das Schlo des Frsten von Solms-Braunfels. An
der Spitze des Zuges wurde in der Regel eine groe schwarzweie Fahne
getragen, zum Zeichen, da man allenfalls preuisch, aber nicht
braunfelsisch sein wolle. Ein Teil des Haufens trug Flinten vermiedenen
Kalibers, die groe Mehrzahl aber Sensen, Mist- und Heugabeln, Aexte
usw. Hinter dem Zug, der sich mehrfach wiederholte und stets unblutig
verlief, marschierte in der Regel die Wetzlarer Garnison, um den Frsten
zu schtzen, wenn sie nicht schon vorher ausgerckt war. Ueber die
Begegnung der Bauernfhrer mit dem Frsten kursierten in Wetzlar sehr
amsante Erzhlungen. Die Wetzlarer blieben noch lange in ihrer
oppositionellen Stimmung. Als im Jahre 1849 oder 1850 der Prinz von
Preuen, der sptere Kaiser Wilhelm I., in Begleitung des Generals v.
Hirschfeld, der damals das 8. rheinische Armeekorps kommandierte, auf
seiner Inspektionsreise auch nach Wetzlar kam, wurde sein Wagen vor dem
Tore mit Schmutz beworfen. Ein Verwandter von mir, der sich bei einer
Gelegenheit zum Sturmluten hatte fortreien lassen, wurde mit drei
Jahren Zuchthaus bestraft. Fr die Brgerwehr, die in den
Bewegungsjahren auch in Wetzlar bestand, hatte ich nur ein Gefhl der
Geringschtzung, obgleich mehrere meiner Verwandten zu ihr gehrten, und
zwar wegen der mangelnden militrischen Haltung, mit der sie ihre
Uebungen vornahm. Mit der wiederkehrenden Reaktion verschwand sie.

       *       *       *       *       *

Das Jahr 1853 machte meinen Bruder und mich zu Waisen. Anfang Juni
starb meine Mutter. Sie sah ihrem Tode mit Heroismus entgegen. Als sie
am Nachmittag ihres Todestags ihr letztes Stndlein herannahen fhlte,
beauftragte sie uns, ihre Schwestern zu rufen. Einen Grund dafr gab sie
nicht an. Als die Schwestern kamen, wurden wir aus der Stube geschickt.
In trbseliger Stimmung saen wir stundenlang auf der Treppe und
warteten, was kommen werde. Endlich gegen sieben Uhr traten die
Schwestern aus der Stube und teilten uns mit, da soeben unsere Mutter
gestorben sei. Noch an demselben Abend muten wir unsere Habseligkeiten
packen und den Tanten folgen, ohne da wir die tote Mutter noch zu sehen
bekamen. Die Aermste hatte wenig gute Tage in ihrem Ehe- und Witwenleben
gesehen. Und doch war sie immer heiter und guten Mutes. Ihr starben
binnen drei Jahren zwei Ehemnner, auerdem zwei Kinder, auer meinem
jngsten Bruder eine Schwester, die vor mir geboren worden war, die ich
aber nicht gekannt habe. Mit uns zwei Brdern hatte sie wiederholt
schwere Krankheitsflle durchzumachen. Ich erkrankte 1848 am
Nervenfieber und schwebte mehrere Wochen zwischen Leben und Tod. Einige
Jahre danach erkrankte ich an der sogenannten freiwilligen Hinke, kam
aber mit graden Gliedern davon. Mein Bruder strzte, neun Jahre alt,
beim Spiel in einer Scheune von der obersten Leiterstufe auf die Tenne
herab und trug eine schwere Kopfwunde und eine Gehirnerschtterung
davon. Auch er entging nur mit genauer Not dem Tode. Meine Mutter selbst
litt mindestens sieben Jahre an der Schwindsucht. Mehr Trbsal und Sorge
konnten einer Mutter kaum beschieden sein.

Ich kam jetzt zu einer Tante, die eine Wassermhle in Wetzlar in
Erbpacht hatte, mein Bruder kam zu einer anderen Tante, deren Mann
Bcker war. Ich mute jetzt fleiig in der Mhle zugreifen. Besonderes
Vergngen machte es mir, mit den beiden Eseln, die wir besaen, Mehl
aufs Land zu den Bauern zu transportieren und Getreide von ihnen in
Empfang zu nehmen. Am liebsten aber war mir, wenn ich nur wenig Getreide
zum Rcktransport erhielt, dann konnte ich auf einem der Esel nach der
Stadt reiten. Das lie sich auch unser Schwarzer, der ein geduldiges
Tier war, gefallen, aber unser Grauer, der jung und feurig war, dachte
anders. Er besa offenbar so etwas wie Standesbewutsein, denn auer der
gewohnten Last litt er keine fremde auf seinem Rcken. Als ich aber doch
eines Tages auf seinem Rcken Platz genommen hatte, setzte er sich
sofort in Trab, steckte den Kopf zwischen die Vorderbeine und schlug mit
den Hinterbeinen nach Krften aus. Ehe ich mich's versah, flog ich in
einem eleganten Bogen in den Straengraben. Glcklicherweise ohne mich
zu verletzen. Er hatte seinen Zweck erreicht, ich lie ihn fortan in
Ruhe.

Auer den beiden Eseln besa meine Tante ein Pferd, mehrere Khe, eine
Anzahl Schweine und mehrere Dutzend Hhner. Und da sie auch
Landwirtschaft betrieb, fehlte es nicht an Arbeit, obgleich neben ihrem
Sohn ein Mllerknecht--wie damals die Gesellen genannt wurden--und eine
Magd beschftigt wurden. Hatte der Knecht keine Zeit, so mute ich Pferd
und Esel putzen und manchmal auch das Pferd in die Schwemme reiten. Die
Sorge fr den Hhnerhof war mir ganz berlassen. Ich mute die Ftterung
der Hhner besorgen, die Eier aus den Nestern nehmen oder wohin sonst
diese gelegt worden waren und den Stall reinigen. Mit diesen
Beschftigungen kam Ostern 1854 heran. Es folgte meine Entlassung aus
der Schule, ein Ereignis, dem ich keineswegs freudig entgegensah. Am
liebsten wre ich in der Schule geblieben.




Die Lehr- und Wanderjahre.


Was willst du denn werden? war die Frage, die jetzt mein Vormund, ein
Onkel von mir, an mich stellte. "Ich mchte das Bergfach studieren!"
"Hast du denn zum Studieren Geld?" Mit dieser Frage war meine Illusion
zu Ende.

Da ich das Bergfach studieren wollte, war dadurch veranlat, da,
nachdem im Anfang der fnfziger Jahre die Lahn bis Wetzlar schiffbar
gemacht worden war, in der Wetzlarer Gegend der Eisenerzabbau einen
groen Aufschwung genommen hatte. Bis dahin hatten Haufen Eisenerze fast
wertlos vor den Stollen gelegen, weil die hohen Transportkosten die
Ausnutzung der Erze wenig rentabel machten. Da aus dem Bergstudium
nichts werden konnte, entschlo ich mich, Drechsler zu werden. Das
Angebot eines Klempnermeisters, bei ihm in die Lehre zu treten, lehnte
ich ab, der Mann war mir unsympathisch, auch stand er im Rufe eines
Trinkers. Drechsler wurde ich aus dem einfachen Grunde, weil ich
annehmen durfte, da der Mann einer Freundin meiner Mutter, der
Drechslermeister war, und der in der Stadt den Ruf eines tchtigen
Mannes geno, bereit sein werde, mich in die Lehre zu nehmen. Dies
geschah auch. Die Begrndung, mit der er meine Anfrage bejahte, war
wunderlich genug. Er uerte, seine Frau habe ihm erzhlt, ich htte
mein religises Examen bei der Konfirmation in der Kirche sehr gut
bestanden, er nehme also an, ich sei auch sonst ein brauchbarer Kerl.
Nun war ich sicher kein dummer Kerl, aber ich mte die Unwahrheit
sagen, wollte ich behaupten, ich sei in der Drechslerei ein Knstler
geworden. Es gab solche, und mein Meister gehrte zu ihnen, aber ich
habe es trotz aller Mhe nicht ber die Mittelmigkeit gebracht, was
nicht verhinderte, da ich drei Jahre spter, am Ende meiner Lehrzeit,
fr mein Gesellenstck die erste Zensur bekam.

Meine physische Leistungsfhigkeit wurde durch meine krperliche
Schwche beeintrchtigt. Ich war ein ungemein schwchlicher Junge, wozu
wohl auch mangelhafte Ernhrung beitrug. So bestand unser Abendessen
viele Jahre tglich nur in einem mig groen Stck Brot, das mit Butter
oder Obstmus dnn bestrichen war. Beschwerten wir uns, und wir klagten
tglich, da wir noch Hunger htten, so gab die Mutter regelmig zur
Antwort: Man mu manchmal den Sack zumachen, auch wenn er noch nicht
voll ist. Der Knppel lag eben beim Hunde. Unter sotanen Umstnden war
es erklrlich, da wir uns heimlich ein Stck Brot abschnitten, wenn wir
konnten. Aber das entdeckte meine Mutter sofort und die Strafe blieb
nicht aus. Eines Tages hatte ich wieder dieses Verbrechen begangen.
Trotz aller Mhe, die ich mir gegeben hatte, den glatten Schnitt der
Mutter nachzuahmen, wurde am Abend die Tat von ihr entdeckt. Ihr
Verdacht fiel, ich wei nicht warum, auf meinen Bruder, der sofort mit
der breiten Seite eines langen Bureaulineals, das aus der Vter Nachla
stammte, ein paar Schlge erhielt. Mein Bruder protestierte, er sei
nicht der Tter gewesen. Das sah aber meine Mutter als Lge an, und so
bekam er eine zweite Portion. Jetzt wollte ich mich als Tter melden,
aber da fiel mir ein, da das tricht wre; mein Bruder hatte die
Schlge weg, und ich htte wahrscheinlich noch mehr als er bekommen.
Damit trstete ich auch meinen Bruder, als dieser nachher mir Vorwrfe
machte, da ich mich nicht als Tter gemeldet hatte. Es ist begreiflich,
wenn jahrelang mein Ideal war, mich einmal an Butterbrot tchtig satt
essen zu knnen.

Meister und Meisterin waren sehr ordentliche und angesehene Leute. Ich
hatte ganze Verpflegung im Hause, das Essen war auch gut, nur nicht
allzu reichlich. Meine Lehre war eine strenge und die Arbeit lang.
Morgens 5 Uhr begann dieselbe und whrte bis abends 7 Uhr ohne eine
Pause. Aus der Drehbank ging es zum Essen und vom Essen in die Bank.
Sobald ich morgens aufgestanden war, mute ich der Meisterin viermal je
zwei Eimer Wasser von dem fnf Minuten entfernten Brunnen holen, eine
Arbeit, fr die ich wchentlich 4 Kreuzer gleich 14 Pfennig bekam. Das
war das Taschengeld, das ich whrend der Lehrzeit besa. Ausgehen durfte
ich selten in der Woche, abends fast gar nicht und nicht ohne besondere
Erlaubnis. Ebenso wurde es am Sonntag gehalten, an dem unser
Hauptverkaufstag war, weil dann die Landleute zur Stadt kamen und ihre
Einkufe an Tabakpfeifen usw. machten und Reparaturen vornehmen lieen.
Gegen Abend oder am Abend durfte ich dann zwei oder drei Stunden
ausgehen. Ich war in dieser Beziehung wohl der am strengsten gehaltene
Lehrling in ganz Wetzlar, und oftmals weinte ich vor Zorn, wenn ich an
schnen Sonntagen sah, wie die Freunde und Kameraden spazieren gingen,
whrend ich im Laden stehen und auf Kundschaft warten und den Bauern
ihre schmutzigen Pfeifen subern mute. Nur am Sonntag vormittag,
nachdem ich die Sonntagsschule nicht mehr besuchte, wurde mir gestattet,
zur Kirche zu gehen. Dafr schwrmte ich aber nicht. Ich bentzte also
die Gelegenheit, die Kirche zu schwnzen. Um aber sicher zu gehen und
nicht berrumpelt zu werden, erkundigte ich mich stets erst, welches
Lied gesungen werde und welcher Pfarrer predige. Eines Sonntags aber
ereilte mich mein Geschick. Beim Abendessen frug der Meister, ob ich in
der Kirche gewesen sei? Dreist antwortete ich: Ja! Er frug weiter: was
fr ein Lied gesungen worden sei? Ich gab die Nummer an, entdeckte aber
zu meinem Schrecken, da die beiden Tchter, die mit am Tische saen,
kaum das Lachen verbeien konnten. Als ich nun auf die dritte Frage: wer
von den Pfarrern predigte denn? auch eine falsche Antwort gab, schlugen
diese eine laute Lache auf. Ich war hereingefallen. Ich war zu frh an
die Kirchtre gegangen, noch ehe der Kster die neue Liedernummer
aufgesteckt hatte, und in bezug auf den Namen des Pfarrers war ich
falsch berichtet worden. Der Meister meinte trocken: es scheine, da ich
mir aus dem Kirchenbesuch nichts machte, ich mchte also knftig zu
Hause bleiben. So war ein schnes Stck Freiheit verloren. Ich warf mich
nun mit um so grerem Eifer auf das Lesen von Bchern, die ich ohne
Wahl las, natrlich meistenteils Romane. Ich hatte schon in der Schule
meine Vorzugsstellung gegen Kameraden, denen ich beim Lsen der
Aufgaben half oder ihnen das Abschreiben derselben erlaubte, dazu
benutzt, sie zu veranlassen, mir zur Belohnung Bcher, die sie hatten,
zu leihen. Dadurch kam ich zum Beispiel zum Lesen von Robinson Crusoe
und Onkel Toms Htte. Jetzt verwandte ich meine paar Pfennige, um Bcher
aus der Leihbibliothek zu holen. Einer meiner Lieblingsschriftsteller
war Hacklnder, dessen Soldatenleben im Frieden dazu beitrug, meine
Begeisterung fr das Militrwesen etwas zu dmpfen. Weiter las ich
Walter Scott, die historischen Romane von Ferdinand Stolle, Luise
Mhlbach usw. Aus der Vter Nachla hatten wir einige Geschichtsbcher
gerettet. So ein Buch, das einen ganz vortrefflichen Abri ber die
Geschichte Griechenlands und Roms enthielt. Den Verfasser habe ich
vergessen. Ferner einige Bcher ber preuische Geschichte, natrlich
offiziell geeicht, deren Inhalt ich so im Kopfe hatte, da ich alle
Daten in bezug auf brandenburgisch-preuische Frsten, berhmte
Generale, Schlachttage usw. am Schnrchen hersagen konnte. Schmerzlich
wartete ich auf das Ende der Lehrzeit, ich hatte Sehnsucht, die ganze
Welt zu durchstrmen. Aber so schnell, wie ich wnschte, ging es nicht.
An demselben Tage, an dem meine Lehrzeit beendet war, starb mein
Meister, und zwar ebenfalls an der Schwindsucht, die damals in Wetzlar
frmlich grassierte. So kam ich in die seltsame Lage, an demselben Tage,
an dem ich Geselle geworden war, auch Geschftsfhrer zu werden. Ein
anderer Geselle war nicht vorhanden, ein Sohn, der das Geschft htte
fortfhren knnen, fehlte; so entschlo sich die Meisterin, allmhlich
auszuverkaufen und das Geschft aufzugeben. Fr die Meisterin, die eine
auffallend hbsche und fr ihr Alter ungewhnlich rstige Frau war, die
mich stets gut behandelte, wre ich durchs Feuer gegangen. Ich zeigte
ihr jetzt meine Hingabe dadurch, da ich ber meine Krfte arbeitete.
Von Mai bis in den August stand ich mit der Sonne auf und arbeitete bis
abends 9 Uhr und spter. Ende Januar 1858 war das Geschft liquidiert,
und ich rstete mich zur Wanderschaft. Als ich mich von der Meisterin
verabschiedete, gab sie mir auer dem flligen Lohn noch einen Taler
Reisegeld. Am 1. Februar trat ich die Reise zu Fu bei heftigem
Schneetreiben an. Mein Bruder, der das Tischlerhandwerk erlernte,
begleitete mich ungefhr eine Stunde Weges. Als wir uns verabschiedeten,
brach er in heftiges Weinen aus, eine Gefhlsregung, die ich nie an ihm
beobachtet hatte. Ich sollte ihn zum letzten Male gesehen haben. Im
Sommer 1859 erhielt ich die Nachricht, da er binnen drei Tagen einem
heftigen Gelenkrheumatismus erlegen sei. So war ich der Letzte von der
Familie.

Mein nchstes Ziel war Frankfurt a.M. Von Langgns aus benutzte ich die
Bahn und kam so noch an demselben Tage den Abend in Frankfurt an, wo ich
in der Herberge zum Prinz Karl einkehrte. Arbeit wollte ich noch nicht
nehmen, so fuhr ich zwei Tage spter mit der Bahn nach Heidelberg. Der
Zug, auf dem ich fuhr, hatte statt Glasfenster Vorhnge aus Barchent,
die zugezogen werden konnten. Damals bestand noch der Pazwang, das
heit es bestand fr die Handwerksburschen die Verpflichtung, ein
Wanderbuch zu fhren, in das die Strecken, die sie durchwandern wollten,
polizeilich eingetragen--visiert--wurden. Wer kein Visum hatte, wurde
bestraft. In vielen Stdten, darunter auch in Heidelberg, bestand weiter
zu jener Zeit die Vorschrift, da die Handwerksburschen morgens zwischen
8 und 9 Uhr auf das Polizeiamt kommen muten, um sich rztlich,
namentlich auf ansteckende Hautkrankheiten, untersuchen zu lassen. Wer
die Stunde fr diese Visitation bersah, mute mit der Abreise bis zum
nchsten Tage warten, er bekam kein Visum. So erging es mir, weil ich
die Vorschrift nicht kannte und auf das Polizeiamt zu spt kam. Von
Heidelberg wanderte ich zu Fu nach Mannheim und von dort nach Speier,
woselbst ich Arbeit fand. Die Behandlung war gut und das Essen ebenfalls
und reichlich, schlafen mute ich dagegen in der Werkstatt, in der in
einer Ecke ein Bett aufgeschlagen war. Das geschah mir spter auch in
Freiburg i.B. In jener Zeit bestand im Handwerk noch allgemein die
Sitte, da die Gesellen beim Meister in Kost und Wohnung waren, und
diese letztere war hufig erbrmlich. Der Lohn war auch niedrig, er
betrug in Speier pro Woche 1 Gulden 6 Kreuzer, etwa 2 Mark. Als ich mich
darber beklagte, meinte der Meister: er habe in seiner ersten
Arbeitsstelle in der Fremde auch nicht mehr erhalten. Das mochte
fnfzehn Jahre frher gewesen sein. Sobald das Frhjahr kam, litt es
mich nicht mehr in der Werksttte. Anfang April ging ich wieder auf die
Walze, wie der Kunstausdruck fr das Wandern lautet. Ich marschierte
durch die Pfalz ber Landau nach Germersheim und ber den Rhein zurck
nach Karlsruhe und landaufwrts ber Baden-Baden, Offenburg, Lahr nach
Freiburg i.B., woselbst ich wieder Arbeit nahm. In jenem Frhjahr war
die Nachfrage nach Schneidergehilfen ungemein stark; und da ich sehr
flott marschierte und im Aeuern der Vorstellung, die man sich von einem
Schneidergesellen machte, durchaus entsprach, wurde ich auf dieser Reise
fter schon vor den Toren der Stdte von Schneidermeistern angesprochen,
die in mir ein Objekt fr ihre Ausbeutung zu sehen glaubten. Mehrere
wollten nicht glauben, da ich kein Schneider sei, andere wieder
entschuldigten sich, da sie mich fr einen solchen gehalten, "weil ich
ganz wie ein Schneider ausshe".

In Freiburg i.B. verlebte ich einen sehr angenehmen Sommer. Freiburg ist
nach seiner Lage eine der schnsten Stdte Deutschlands; seine Wlder
sind bezaubernd, der Schloberg ist ein herrliches Stckchen Erde, und
zu Ausflgen in die Umgegend locken Dutzende prchtig gelegener Orte.
Aber was mir fehlte, war entsprechender Anschlu an gleichgesinnte junge
Leute. Ein Zusammenhang mit Fachgenossen bestand zu jener Zeit nicht.
Die Zunft war aufgehoben, und neue Gewerksorganisationen gab es noch
nicht. Politische Vereine, denen man als Arbeiter htte beitreten
knnen, existierten ebenfalls nicht. Noch herrschte berall in
Deutschland die Reaktion. Fr reine Vergngungsvereine hatte ich aber
keinen Sinn und auch kein Geld. Da hrte ich von der Existenz des
katholischen Gesellenvereins, der am Karlsplatz sein eigenes Vereinshaus
hatte. Nachdem ich mich vergewissert, da auch Andersglubige Aufnahme
fnden, trat ich, obgleich ich damals Protestant war, demselben bei.

Ich habe nachmals, solange ich in Sddeutschland und Oesterreich
zubrachte, in Freiburg und Salzburg dem katholischen Gesellenverein als
Mitglied angehrt und habe es nicht bereut. Der Kulturkampf bestand zum
Glck zu jener Zeit noch nicht. In diesen Vereinen herrschte daher auch
damals gegen Andersglubige volle Toleranz. Der Prses des Vereins war
stets ein Pfarrer. Der Prses des Freiburger Vereins war der spter im
Kulturkampf sehr bekannt gewordene Professor Alban Stolz. Die
Mitgliedschaft wurde durch den von den Mitgliedern gewhlten Altgesellen
reprsentiert, der nach dem Prses die wichtigste Person war. Es wurden
zeitweilig Vortrge gehalten und Unterricht in verschiedenen Fchern
erteilt, so zum Beispiel im Franzsischen. Die Vereine waren also eine
Art Bildungsvereine; wie diese Gesellenvereine spter sich gestaltet
haben, darber vermag ich nichts zu sagen. In dem Vereinszimmer fand man
eine Anzahl allerdings nur katholischer Zeitungen, aus denen man aber
doch erfahren konnte, was in der Welt vorging. Das war fr mich, der
schon am Ende der Schuljahre und nachher in den Lehrjahren, als der
Krimkrieg entbrannt war, sich lebhaft um Politik bekmmerte, eine
Hauptsache.

Auch das Bedrfnis nach Umgang mit gleichaltrigen und strebsamen jungen
Leuten fand hier seine Befriedigung. Ein eigenartiges Element im Verein
waren die Kaplne, die, jung und lebenslustig, froh waren, da sie
gleichaltrigen Elementen sich anschlieen konnten. Ich habe einige Male
mit solchen jungen Kaplnen die vergngtesten Abende verlebt. Einen
solchen Abend verlebte ich unter anderen in Mnchen, indem ich das
Gesellenvereinshaus auf der Rckreise von Salzburg besuchte und darin
wohnte, und zwar Anfang Mrz 1860. Verlie das Gesellenvereinsmitglied
den Ort, so bekam er ein Wanderbuch mit, das ihn in den Gesellenvereinen
und bei den Pfarrherren, falls er bei diesen um Untersttzung
vorsprechen wollte, legitimierte. Ich bin noch heute Besitzer eines
solchen Buches, in dem auf der ersten Seite der heilige Josef mit dem
Christkindlein auf dem Arme abgebildet ist. Der heilige Josef ist der
Schutzpatron der Gesellenvereine. Den Grnder derselben, Pfarrer
Kolping, damals in Kln, der, irre ich nicht, selbst in seiner Jugend
Schuhmachergeselle war, lernte ich in Freiburg im Breisgau kennen,
woselbst er eines Tages einen Vortrag hielt.

Im September drngte es mich, weiterzuwandern. Ich verlie Freiburg und
marschierte bei herrlichstem Wetter durch das Hllental ber den
Schwarzwald nach Neustadt, Donaueschingen und Schaffhausen. Ein
wunderbarer Anblick war es in jenen Tagen, schon am Nachmittag am
Firmament einen gewaltigen Kometen--den Donatischen--zu beobachten, der
in seltenem Glanze strahlte und einen Schweif von ungewhnlicher Lnge
besa. Zu jener Zeit stand der Schwarzwald noch in seiner ganzen Pracht
und Herrlichkeit. Jahrzehnte spter haben die Axt und die Sge groe
Strecken des prchtigsten Waldes gefllt und gelichtet. Die moderne
Entwicklung forderte es. In der Schweiz durfte ich nicht bleiben. Der
Aufenthalt in der Schweiz war damals den preuischen Handwerksburschen
von ihrer Regierung verboten. War doch der Neuenburger Streit das Jahr
zuvor erst zuungunsten der preuischen Regierung beendet worden.
Auerdem htten die Handwerksburschen republikanische Ideen in sich
aufnehmen knnen, und das mute im Interesse der staatlichen Ordnung
verhtet werden. Als ich im Frhjahr 1858 auf der preuischen
Gesandtschaft in Karlsruhe um die Erlaubnis zum Aufenthalt in der
Schweiz anfragte, wurde mir diese mit Hinweis auf das bestehende Verbot
verweigert.

So wanderte ich auf der Schweizer Seite nach Konstanz, fuhr zu Schiff
ber den Bodensee nach Friedrichshafen, wobei ich infolge eines Sturmes
seekrank wurde. Von Friedrichshafen ging der Marsch zu Fu ber
Ravensburg, Biberach, Ulm, Augsburg nach Mnchen. In Wrttemberg bestand
zu jener Zeit in den Stdten die Einrichtung, da die reisenden
Handwerksburschen ein sogenanntes Stadtgeschenk in Empfang nehmen
konnten, das in der Regel 6 Kreuzer betrug, um sie vom Fechten
abzuhalten. Ich habe dieses Geschenk berall gewissenhaft kassiert. Von
Ulm aus schlo sich mir ein stmmiger Tiroler an, der wie ein Fleischer
aussah, aber ein Schneider war. Statt eines Berliners trug er einen
Militrtornister auf dem Rcken, was ihm, da er auch eine leinene Bluse
trug, ein seltsames Aussehen gab. Da unser Geld knapp war und Fechten
zu keiner Zeit als Schande fr einen Handwerksburschen galt, klopften
wir ziemlich hufig die Drfer ab, die wir passierten. Eines Mittags
hatten wir wieder in einem Dorfe einen strategischen Plan entworfen. "Du
nimmst die rechte Seite, ich die linke!" hie es. Als ich in ein Haus
kam und ansprach, erhielt ich von der Tochter mit dem Geschenk zugleich
die Warnung, mich in acht zu nehmen, der Gendarm sei in der Nhe. Das
lie ich mir gesagt sein und sprach nicht mehr an. Als ich aber auen
vor dem Dorfe ein stattliches Haus stehen sah, allerdings auf der
anderen Seite, das aber aussah, als knnten seine Bewohner zwei
Handwerksburschen untersttzen, konnte ich der Versuchung nicht
widerstehen und marschierte drauflos. Glcklicherweise betrachtete ich
das Haus mir nochmals von auen, ehe ich die sechs oder sieben
Steinstufen hinaufstieg, und da entdeckte ich zu meiner Ueberraschung
ber der Tr ein Schild mit dem Inhalt: Kniglich bayerische
Gendarmeriestation. Hier ging ich mit Andacht vorbei und legte mich
auerhalb des Dorfes im herrlichsten Sonnenschein auf eine Wiese, um
meinen Reisegenossen zu erwarten. Dieser kam endlich angetrappt und
marschierte direkt auf das Haus los, das ja auf der ihm zugeteilten
Seite lag. Ohne es von auen anzusehen, stieg er die Treppe hinauf und
ging hinein. Ich gestehe, da ich in diesem Augenblick von einem wahren
Lachkrampf befallen wurde. Nach einigen Sekunden kam aber der Tiroler
zum Hause herausgeschossen, sprang mit einem mchtigen Satze ber
smtliche Treppenstufen und rannte, was ihn die Beine tragen konnten,
davon. Als ich ihn lachend frug, was denn passiert sei, erzhlte er: er
sei direkt nach der Kuchel (Kche) gegangen, aus der es sehr gut
gerochen habe, dort aber habe ein Gendarm in Hemdrmeln gestanden und
ihn angeschnauzt, was er wolle. Er habe natrlich die Situation sofort
erkannt und sei spornstreichs zum Hause hinaus.

Anderen Nachmittags kamen wir nach Dachau. Hier machte mein Reisekollege
den Vorschlag, wir sollten beide bei den Schneidermeistern Umschau
halten, was ich ganz gut knnte, da jeder mich fr einen Schneider
halte. Es sei hier bemerkt, bei einer Umschau bei den Meistern des
Gewerbes fielen die Geschenke wesentlich reichlicher aus, als wenn man
focht. Gedacht, getan. Vorsichtshalber lie ich aber dem Tiroler den
Vortritt. Da dieses klug gehandelt war, zeigte sich sofort. Wir stiegen
in einem Hause die Treppe hinauf und luteten den Meister heraus. Sobald
der Tiroler sagte: Zwei zugereiste Schneider bitten um ein Geschenk,
antwortete der Meister: Sehr erfreut, ich kann Sie beide gut brauchen,
geben Sie mir Ihre Wanderbcher. Hatte er das Wanderbuch in der Hand, so
war die Sklavenkette geschmiedet, denn alsdann mute man zu arbeiten
anfangen. Whrend nun der Tiroler zgernd sein Wanderbuch aus der
Rocktasche zog, machte ich rechtsumkehrt und sprang in groen Stzen die
Treppe hinunter und zum Stdtchen hinaus. Da ich den Tiroler als
Reisegefhrten verlor, bedauerte ich, er war ein guter Kamerad und
angenehmer Gesellschafter gewesen.

Von Dachau fhrte zu jener Zeit eine schnurgerade Strae, die rechts und
links mit breitgewachsenen Pappeln besetzt war, nach Mnchen. Das Bild
der Strae wurde abgeschlossen durch die Trme der Mnchener
Frauenkirche, den Heinrich Heineschen "Stiefelknecht", die am Ende der
meilenlangen Strae zu stehen schienen. Ich wanderte mimutig meinen
Weg, als hinter mir ein Bauer mit einem Korbwagen erschien, der offenbar
nach Mnchen fuhr. Ueber den Inhalt des Wagens war eine groe Plane
gedeckt. Der Weg war noch weit und der Sptnachmittag herangekommen. Ich
frug hflich an, ob mir das Aufsitzen gestattet sei. Der Bauer
antwortete in seinem bayerischen Deutsch, das ich damals noch nicht
verstand, aber seine Worte legte ich als Zustimmung aus. Ich stieg also
auf den Wagen und rckte mich behaglich auf der Plane zurecht. Der Bauer
sah wiederholt hinter sich und rief mir einiges zu, was ich aber
ebenfalls nicht verstand. Endlich zogen wir in Mnchen ein. Der Wagen
hielt am Karlstor vor einem Kaufmannsladen. Ich sprang ab, zog den Hut
und dankte hflich fr die Freifahrt. In demselben Augenblick hatte der
Bauer die Plane zurckgezogen, an der jetzt ein mehrere Pfund schwerer
Butterklumpen klebte. Ich hatte, ohne es zu wissen, mit den
Stiefelabstzen in einem nur mit der Plane bedeckten Butterfa
herumgearbeitet. Sobald ich das angerichtete Unheil sah, wurde ich
blutrot, bat um Verzeihung und erklrte mich bereit, den Schaden zu
ersetzen. In demselben Augenblick erfolgte eine Lachsalve zweier junger
Mdchen, die aus einem Fenster der ersten Etage sahen und das Schauspiel
beobachtet hatten. Das machte mich noch verlegener. Der Bauer aber half
mir rasch aus der Verlegenheit, indem er auf mein Angebot, Schadenersatz
zu leisten, grob antwortete: "Mach', da du fortkommst, du hast a nix!"
Das lie ich mir nicht zweimal sagen; in wenigen Stzen war ich um die
Ecke in der Neuhauser Strae. So oft ich nach Mnchen ans Karlstor
komme, fllt mir dieser Vorgang wieder ein.

In Mnchen war ich am Tage nach Schlu der siebenhundertjhrigen Feier
der Grndung der Stadt angekommen, eine Feier, die eine ganze Woche
gewhrt hatte und an die sich unmittelbar das Oktoberfest anschlo. Die
ganze Bevlkerung war noch in dulci jubilo, und auf der Herberge in der
Rosengasse, auf der zu jener Zeit noch stark znftlerische Sitten
herrschten, ging es hoch her. Ich wurde freundlich begrt und blieb
eine volle Woche in Mnchen, in dem es mir ausnehmend gefiel. Aber so
sehr ich und meine Kollegen sich bemhten, mir Arbeit zu verschaffen, es
war vergeblich. Alle Stellen waren besetzt. Keiner wich. So entschlo
ich mich, nach Regensburg zu wandern. Mit noch einem Reisegefhrten, der
ebenfalls nach dort wollte, begab ich mich an die Isar, um zu sehen, ob
wir mit einem Flo bis Landshut fahren knnten. Man hatte uns gesagt,
da wenn wir uns auf dem Flo zum Rudern bereit erklrten, wir gratis
mitfahren knnten und auch Verpflegung erhielten. Das erste war richtig,
das zweite nicht. Die Isar war um jene Zeit wasserarm und hatte
zahlreiche Krmmungen. Mein Reisegefhrte--ein Trierer--, der vorne
steuerte und ich hinten, machte berdies seine Sache sehr ungeschickt,
und so fuhren wir einigemal auf den Sand, was den Fler in Zorn
versetzte, wobei es Schimpfworte regnete. Whrend einer Ablsung lie
ich mich mit den Passagieren, Bauersleuten und einem Pfarrer, in ein
politisches Gesprch ein, das von meiner Seite so hitzig gefhrt wurde,
da der Fler drohte, "den verdammten Prei" in die Isar zu werfen,
wenn er nicht aufhre, zu disputieren. Ich schwieg, denn mit dem Wasser
der Isar im Oktober Bekanntschaft zu machen, hatte ich keine Lust. Als
wir in Mosburg, einige Stunden vor Landshut, gegen Abend landeten,
schlugen wir uns seitwrts in die Bsche. Wir hatten von der Fahrt
genug.

In dem Nachtquartier, das wir bei dunkler Nacht, empfangen von wtendem
Hundegebell, in einem Dorfwirtshaus fanden, waren alle Rume berfllt
mit Leuten, die am nchsten Morgen zum Jahrmarkt in Landshut sein
wollten. Wir muten in der Scheune Platz nehmen, in der bereits einige
Dutzend Mnnlein und Weiblein durcheinanderliegend Platz genommen
hatten. Kaum lagen wir frierend im Halbschlummer, als wir durch Lrm
geweckt wurden. Eine der Frauen, die bereits im Stroh lag, war Zeugin,
wie ihr Mann der Magd, die ihn mit einer Laterne in der Hand zum
Nachtquartier in die Scheune geleitete, mit einigen derben
Zrtlichkeiten dankte. Darauf hielt sie ihm eine Strafpredigt im
echtesten Bayerisch, die alle Schlfer aufscheuchte und groes Gelchter
hervorrief. Morgens, es war noch pechfinster, suchten wir unseren Ausweg
aus der Scheune, wobei wir gewahr wurden, da wir beide, die wir auf der
Hhe eines Heuhaufens uns quartiert hatten, whrend der Nacht auf
entgegengesetzten Seiten heruntergerutscht waren.

In Regensburg fand ich mit einem gleichfalls zugereisten Kollegen aus
Breslau in der gleichen Werkstatt Arbeit. Man hatte mir abgeraten,
dieselbe anzunehmen, der Meister sei in ganz Bayern als der grte
Grobian bekannt. Ich lie mich aber nicht abschrecken.

In Regensburg erlebte ich nicht viel Bemerkenswertes. Im Kreise der
Fachgenossen, in dem ich verkehrte, war mit Ausnahme des Breslauers
keiner, der hhere geistige Bedrfnisse hatte. Wer am meisten trank, war
der Gefeiertste. So gingen wir beide die meisten Sonntagabende ins
Theater, in dem wir natrlich auf den Olymp stiegen, auf dem der Platz 9
Kreuzer kostete. Eines Tages wollten wir aber auch in der Woche uns ein
bestimmtes Stck ansehen. Das war aber undurchfhrbar, weil der Schlu
unserer Arbeitszeit mit dem Beginn des Theaters zusammenfiel. Wir gaben
also unserer Kchin gute Worte, das Abendessen eine halbe Stunde frher
anzurichten, wir wrden die Uhr in der Stube entsprechend vorrcken.
Damals gab es in Sddeutschland und Oesterreich bei den Meistern stets
warmes Abendessen. Nach dem Essen kleideten wir uns rasch um und
strmten nach dem Theater. In demselben Augenblick, in dem wir von der
einen Seite in dasselbe traten, kam von der anderen Seite der Meister
mit seiner Frau, und in demselben Augenblick schlug auch die Uhr auf
einer benachbarten Kirche sieben. Jetzt wre erst unsere Arbeitszeit zu
Ende gewesen. Wir waren verraten. Merkwrdigerweise sagte der Meister am
nchsten Tage zu uns kein Wort, aber zur Kchin uerte er: "Hren Sie,
Kathi, nehmen Sie sich vor den Preien in acht, die haben gestern abend
die Uhr um eine halbe Stunde vorgerckt."

Von Regensburg aus stattete ich auch einen Besuch der Walhalla ab, die
oberhalb Donaustauf von der Bergeshhe einen weiten Blick in die Ebene
gewhrt. Bekanntlich ist Ludwig I. von Bayern, der "Teutsche", der
Erbauer der Walhalla, in der zu jener Zeit unter den aufgestellten
Bsten der Berhmtheiten diejenige Luthers fehlte.

Der Winter von 1858 auf 1859 war ein sehr langer und strenger. Hohe
Klte setzte bereits Mitte November ein. Ein Streit mit dem Meister
veranlate mich, schon am 1. Februar, trotz Klte und Schnee, auf die
Reise zu gehen. Der Breslauer schlo sich mir an. Wir marschierten
zunchst nach Mnchen, woselbst wir abermals vergeblich um Arbeit
anklopften. Nunmehr marschierten wir weiter ber Rosenheim nach
Kufstein. Der Eintritt nach Oesterreich machte uns Kopfzerbrechen.
Damals wurde an der Grenze von jedem Handwerksburschen, der nach
Oesterreich wollte, der Nachweis von fnf Gulden Reisegeld verlangt.
Diese hatten wir aber nicht. So verfielen wir auf die Idee, von der
letzten bayerischen Station die Bahn nach Kufstein zu bentzen. Um
mglichst als Gentlemen auszusehen, putzten wir extrafein unsere Stiefel
und Kleider und steckten einen weien Kragen auf. Unsere List hatte den
gewnschten Erfolg. Unser sauberes Aussehen und die Tatsache, da wir
mit der Bahn ankamen, tuschte die Grenzbeamten; sie lieen uns
unbeanstandet passieren. Bei starker Klte und meterhohem Schnee ging
die Reise zu Fu durch Tirol. Die Klte und der Schnee trieben die
Gemsen aus dem Gebirge herab, deren Lockrufe wir auf dem Marsch in der
Abenddmmerung hrten. Sehr verwundert waren wir, beim Fechten reichlich
Geld zu erhalten, und zwar Kupferstcke in der Gre unserer heutigen
Zweimarkstcke. Als wir am ersten Abend in das Gasthaus traten, trugen
wir schwer an der Last der erfochtenen Mnzen. Als wir aber am nchsten
Morgen unsere kleine Rechnung beglichen, muten wir den halben
Wirtstisch mit diesen Kupfermnzen bedecken. Es stellte sich heraus, da
dieselben in wenig Wochen wertlos wurden, weil die sterreichische
Regierung neue Mnzen herausgegeben hatte. So lste sich das Rtsel von
der groen Freigebigkeit, man war froh, das wertlos werdende Geld los zu
sein.

Endlich marschierten wir nach einer Reihe Tage ber Reichenhall direkt
nach Salzburg, das wir an einem Nachmittag bei wundervollem Sonnenschein
erreichten. Wir standen wie gebannt, als wir bei dem Marsch um einen
niederen Gebirgsrcken (den Mnchsberg) die Stadt mit ihren vielen
Kirchen und der italienischen Bauart, berragt von der Feste Salzburg,
vor uns liegen sahen.

Was mir im spteren Leben als ein Rtsel erschien, war, da ich von all
den Mrschen, bei denen ich oft bis auf die Haut durchnt wurde und
jmmerlich fror, nie eine ernste Krankheit davontrug. Meine Kleidung war
keineswegs solchen Strapazen angepat, wollene Unterwsche war ein
unbekannter Luxus und ein Regenschirm wre fr einen wandernden
Handwerksburschen ein Gegenstand des Spottes und Hohnes geworden. Oft
bin ich morgens in die noch feuchten Kleider geschlpft, die am Tage
vorher durchnt wurden und am nchsten Tage das gleiche Schicksal
erfuhren. Jugend berwindet viel.

In Salzburg fand ich Arbeit, wohingegen mein Reisegefhrte, nachdem ich
ihm mit dem Rest meines Geldes nach Krften ausgeholfen, weiter nach
Wien reiste. In Salzburg verblieb ich bis Ende Februar 1860. Bekanntlich
ist Salzburg nach seiner Lage eine der schnsten Stdte Deutschlands,
denn damals gehrte es noch zu Deutschland; aber es steht im Rufe, im
Sommer sehr viel Regentage zu haben. Eine Ausnahme machte der Sommer
1859, der wunderbar genannt werden mute. Der Sommer 1859 war aber auch
ein Kriegssommer. Der Krieg zwischen Oesterreich auf der einen und
Italien und Frankreich auf der anderen Seite war in Norditalien
entbrannt. Dadurch wurde das Leben in Salzburg insofern besonders
interessant, als Massen Militr aller Waffengattungen und Nationalitten
singend und jubelnd nach Sdtirol zogen. Einige Monate spter kamen die
Armen niedergedrckt als Besiegte zurck, gefolgt von Hunderten von
Wagen mit Verwundeten und Maroden. Zunchst aber herrschte
siegesfreudige Zuversicht. Ich war ber die politischen Ereignisse so
aufgeregt, da ich an Sonntagen, fr andere Tage hatte ich weder Zeit
noch Geld, nicht aus dem Caf Tomaselli ging, bis ich fast alle
Zeitungen gelesen hatte. Als Preue hatte man zu jener Zeit in
Oesterreich einen schweren Stand. Da Preuen zgerte, Oesterreich zu
Hilfe zu kommen, sahen die Oesterreicher als Verrat an. Als guter
Preue, der ich damals noch war, suchte ich die preuische Politik zu
verteidigen, kam aber damit bel an. Mehr als einmal mute ich mich vom
Wirtschaftstisch entfernen, wollte ich nicht eine Tracht Prgel
einheimsen. Als dann aber die freiwilligen Tiroler Jger aus Wien,
Nieder- und Obersterreich nach Salzburg kamen und auch dort ihr
Werbebureau aufschlugen, packte mich die Abenteurerlust. Mit noch einem
Kollegen, einem Ulmer, meldeten wir uns als Freiwillige, erhielten aber
die Antwort: da sie Fremde nicht brauchen knnten, nur Tiroler fnden
Aufnahme. War es nun hier nichts mit dem Mitdabeisein, so entschlo ich
mich, als jetzt verlautete, da Preuen mobil mache, mich in der Heimat
als Freiwilliger zu melden. Ich schrieb sofort an meinen Vormund: er
mge mir zu diesem Zwecke einige Taler Reisegeld senden. Nach einiger
Zeit kam auch das Geld--sechs Taler--an, aber jetzt bedurfte ich
desselben als Reisegeld nicht mehr, denn mittlerweile war der Friede
von Villafranca geschlossen worden. Der Krieg war zu Ende. Dagegen
leistete mir das Geld gute Dienste, als ich im nchsten Frhjahr nach
Wetzlar reiste.

Die Lhne waren auch in Salzburg--wie berall in der
Drechslerei--schlechte. Da war sparen schwer. Ich hatte mir im
Sptherbst den ersten Winterrock auf Abzahlung gekauft; und als
gewissenhafter Mensch sparte ich nicht nur, ich darbte, um die
wchentlichen Raten zahlen zu knnen. Dabei drckte mich noch eine groe
Sorge. Die Arbeit war knapp, und ich frchtete, als Jngster in der
Werkstatt nach Neujahr die Kndigung zu erhalten. Das hatte die
Meisterin durch meinen Kollegen erfahren. Als ich nun ihr und dem
Meister am Neujahrstag gratulierte, gab sie mir die trstliche
Versicherung, da ich bis zu meiner Heimreise in Arbeit bleiben knne.
Damit fiel mir ein Stein vom Herzen. Unwillkrlich dachte ich an den
Neujahrsempfang, den der sterreichische Gesandte, Baron von Hbner, das
Jahr zuvor bei der Gratulationscour in den Tuilerien gehabt hatte, bei
der die Ansprache Napoleons an Hbner als die Einlutung zum
italienischen Krieg angesehen wurde.

In Salzburg bestand ein katholischer Gesellenverein mit ber 200
Mitgliedern, unter denen sich nicht weniger als 33 Protestanten, fast
alle Norddeutsche, befanden. Ich trat ebenfalls dem Verein bei, aus den
schon oben angefhrten Grnden. Prses des Vereins war ein Dr. Schpf,
Professor am dortigen Priesterseminar. Schpf war ein junger,
bildschner Mann mit einem uerst liebenswrdigen und jovialen Wesen.
Er soll dem Jesuitenorden angehrt haben. Schpf wute natrlich, da
eine Anzahl Protestanten seinem Verein angehrten.

In einer Vereinsversammlung erklrte er eines Tages offen, da ihm die
Protestanten die liebsten seien, weil sie zu den fleiigsten Besuchern
des Vereins gehrten. Jeden Sonntag abend hielt er einen stets stark
besuchten Vortrag, der ein reiner Moralvortrag war, den jeder, wes
Glaubens er immer war, ohne Bedenken besuchen konnte. Ich wurde mit Dr.
Schpf bekannt, und auf seine Einladung besuchte ich ihn fter Sonntag
nachmittag in seiner Wohnung, wo wir uns namentlich ber die Zustnde in
Deutschland und Oesterreich unterhielten, und er berraschend freie
Anschauungen uerte.

Weihnachten rckte heran, und es sollte wie blich vom Verein eine
Weihnachtsfeier veranstaltet werden. Im Verein hatte sich eine kleine
Musikkapelle und ein Gesangverein gebildet. Diese sollten bei jener
Gelegenheit Vortrge zum besten geben. Auerdem sollten nach Dr. Schpfs
Vorschlag eine Anzahl Mitglieder, die verschiedenen deutschen
Volksstmmen angehrten, Deklamationen vortragen. Ich wurde als
Reprsentant der Rheinlnder hierzu ausersehen. Ich hatte ein Gedicht
"Die Zigarren und die Menschen" vorzutragen. Die Uebungen fanden in Dr.
Schpfs Wohnung statt, wobei er uns mit Bier und Brot regalierte. Bei
diesen Uebungen passierte mir, da ich fast immer einen Fehler im
Schlureim machte, indem ich ein Wort anwandte, das wohl zum Reim, aber
nicht zum Sinne des Gedichtes pate. Dr. Schpf warnte mich
nachdrcklich, doch ja am Festabend den Fehler nicht zu machen. Der
Festtag (19. Dezember) kam. Dem Fest wohnte eine illustre Gesellschaft
bei! Der Frstbischof von Salzburg, der Abt von Sankt Peter und eine
Anzahl anderer Geistlicher, auch Vertreter der Behrden. Endlich kam
auch mein Vortrag an die Reihe. Kurz vor meinem Auftreten ermahnte mich
Dr. Schpf nochmals, mich ja in acht zu nehmen, was ich ihm feierlichst
versprach. Aber mit des Geschickes Mchten ist kein ew'ger Bund zu
flechten, und das Schicksal eilet schnell. Abermals machte ich den
Sprechfehler, worauf im Hintergrund des Saales Dr. Schpfs Arm
auftauchte, der mir mit der Faust drohte. Das Unglck war aber
geschehen, ich glaube, die meisten haben es nicht einmal bemerkt. Im
brigen verlief die Feier sehr gemtlich, und ich ging, ohne Schaden an
meiner Seele genommen zu haben, vergngt nach Hause.

Im Mrz ist der St. Josefstag, der in Oesterreich ein hoher Feiertag
ist. St. Josef ist, wie ich schon anfhrte, der Schutzpatron der
katholischen Gesellenvereine. Einige Zeit vor diesem Tage hielt Schpf
eine eindringliche Rede an die katholischen Mitglieder des Vereins, da
sie an diesem Tage vollzhlig zur Kirche gehen mchten. Er wisse wohl,
uerte er, da junge Leute sich gern darum drckten, aber diesmal gehe
es nicht, man drfe ihn nicht blamieren, denn die Kaiserin--die Witwe
des Kaisers Ferdinand, die in Salzburg wohnte--, die viel fr den Verein
tue, werde es sicher erfahren. Den Nachmittag, setzte er schmunzelnd
hinzu, machen wir dann eine Wallfahrt nach Maria-Plain, ein
Wallfahrtsort, dessen Kirche auf einem Hgel mitten in der Ebene, eine
gute Stunde von Salzburg, prachtvoll gelegen ist. Dort werde auf Kosten
der Kasse ein Fa Bier ausgelegt, das zweite zahle er, er sei sicher,
hierbei fehle niemand. Alle lachten. Ich glaube, er behielt recht. Die
Wallfahrt fand statt, wir Nichtkatholiken marschierten wohlgemut und
vollzhlig im Zug, hinter der Fahne, die der Altgeselle trug, auf der
der heilige Josef mit dem Christkind auf dem Arme abgebildet war. In
Maria-Plain angekommen, besahen wir uns die berreich geschmckte
Kirche. Dann ging es zum Trunk. Die Fsser wurden rasch geleert, gar
mancher ging wankenden Schrittes nach Salzburg zurck. Der Zug war
aufgelst. Wie die Fahne mit dem heiligen Josef wieder nach Salzburg
kam, wei ich bis heute nicht.

Dr. Schpf, ich und ein Hannoveraner traten zusammen den Rckweg an. In
der Stadt angekommen, fhrte er uns in ein Caf, in dem wir eine Partie
Billard spielten. Es war fr mich die erste und letzte, die ich in
meinem Leben spielte. Natrlich verloren wir zwei, aber Dr. Schpf
zahlte.

Ende Februar 1860 reiste ich nach Hause. Einige dreiig Jahre spter
schickte mir ein Ritter v. Pfister aus Linz einen Brief nach Berlin, in
dem es hie: er habe nach Berlin reisen wollen und habe bei dieser
Gelegenheit mir einen Gru vom Domherrn Dr. Schpf in Salzburg
berbringen sollen, er sei aber durch Krankheit an der Reise verhindert
worden, so schicke er mir brieflich dessen Gru. Wieso Dr. Schpf sich
meiner erinnerte, ist mir ein Rtsel geblieben. Er konnte
unmglich annehmen, da der neunzehn- bis zwanzigjhrige junge
Drechslergeselle--wenn er sich berhaupt dessen entsann--der sptere
sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete war. Solch tiefen Eindruck
hatte ich sicher nicht auf ihn gemacht. Ich nehme vielmehr an, da
Kollegen aus dem Zentrum, denen ich gelegentlich meine Salzburger
Erlebnisse erzhlte, den Domherrn davon unterrichtet hatten. Als ich
Anfang dieses Jahrhunderts nach langer Zeit wieder einmal nach Salzburg
kam, war Dr. Schpf einige Jahre zuvor gestorben. Die joviale, heitere
Natur und die volle Lebensfreude soll er sich bis an sein Ende bewahrt
haben.

Ich will die Mitteilungen ber meinen Salzburger Aufenthalt nicht
schlieen, ohne noch eines Vorgangs zu erwhnen, der damals unter uns
jungen Leuten erzhlt und viel belacht wurde. Zu jener Zeit lebte im
Sommer Knig Ludwig I. von Bayern, der bekanntlich wegen der
Lola-Montez-Affre die Regierung niederlegte, in Schlo Leopoldskron, in
nchster Nhe Salzburgs. Der Knig, ein hoch aufgeschossener Herr, der
im grauen Sommeranzug, den Kopf mit einem groen, etwas ramponierten
Strohhut bedeckt und mit einem starken Krckstock in der Hand, fter an
unserer Werkstatt vorbeipassierte, liebte es, in der Umgebung Salzburgs
allein Spaziergnge zu machen. Eines Tages machte er wieder einen
solchen und sieht, wie ein Knabe sich abqult, Aepfel von einem Baume
herunterzuwerfen. Der Knig tritt zu dem Knaben und sagt: "Schau, das
mut du so machen!" und schleudert seinen Krckstock mit bestem Erfolg
in die Aeste des Baumes. Das hatte aber aus dem in der Nhe liegenden
Hause die Buerin beobachtet, die jetzt hochrot vor Zorn in die Tr trat
und dem Knig, den sie nicht kannte, zurief: "Du alter Lackl, schamst di
net, den Buam bein Aepflstehln z'helfe!" Der Knig nahm seinen
Krckstock und trollte sich von dannen. Am nchsten Morgen erschien ein
Diener und brachte der Buerin einen Gulden mit der Bemerkung: das sei
fr die Aepfel, die gestern der Herr vom Baum geschlagen habe. Auf ihre
Frage, wer denn der Herr gewesen sei, erfolgte die sie hchst
berraschende Antwort: der Knig Ludwig.

Wenn ich hier einen verstorbenen Bayernknig des Obstfrevels bezichtige,
will ich wahrheitsgem hinzufgen, da auch ich in dieser Beziehung
nicht ohne Fehl und Snde war. Es waren die prachtvollen Pfirsiche im
Mirabellengarten, der dem Frstbischof gehrte, die es mir angetan
hatten. Ich konnte bei mehreren Spaziergngen in dem Garten der
Versuchung nicht widerstehen, einige der Frchte mir anzueignen. Ich
nehme an, dem Frstbischof hat mein Obstfrevel nicht geschadet, und mir
bekamen die Frchte vorzglich. Auch meine Gewissensbisse verschwanden,
als ich las, da der heilige Ambrosius, der gegen Ende des vierten
Jahrhunderts Bischof von Mailand gewesen war, geuert habe:

"Die Natur gibt alle Gter allen Menschen _gemeinsam_; denn Gott hat
alle Dinge geschaffen, _damit der Genu fr alle gemeinschaftlich sei_.
Die Natur hat also das Recht der Gemeinschaft erzeugt, und es ist nur
die _ungerechte Anmaung_ (usurpatio), die das Eigentumsrecht erzeugte."

Konnte mein Tun glnzender entschuldigt, ja gerechtfertigt werden?




Zurck nach Wetzlar und weiter!


Am 27. Februar 1860 trat ich die Heimreise an. Bahnen gab es zu jener
Zeit im sdstlichsten Bayern noch nicht, auerdem reiste damals der
Handwerksbursche am billigsten zu Fu, wenn er sich ein bichen mit aufs
Fechten verlegte. Das Wetter war wieder miserabel. Als ich eines Tages
bei strmischem Schneewetter, das mir ins Gesicht schlug, die Hnde in
den Hosentaschen, den Stock unter dem Arme und die Hutkrempe ins Gesicht
gezogen, auf der Strae ber den frnkischen Landrcken stapfte, wurde
ich pltzlich am Arm gepackt und in den Straengraben geschleudert. Als
ich verwundert aufschaute, war es das Pferd vor einem mir
entgegenkommenden Fuhrwerk, das mich klugerweise am Arme gepackt und
beiseite geschleudert hatte. Bei dem strmischen Wetter hatte ich das
herankommende Fuhrwerk weder gesehen noch gehrt.

Um Mitte Mrz kam ich nach mehr als zweijhriger Abwesenheit wieder in
Wetzlar an.

Bei der Militraushebung wurde ich wegen allgemeiner Krperschwche um
ein Jahr zurckgestellt. Dasselbe passierte mir die nchsten Jahre bei
der Gestellung in Halle a.S., so da ich schlielich als
militruntauglich entlassen wurde. Einstweilen trat ich, da eine
Arbeitsstelle in Wetzlar nicht zu haben war, bei einem jdischen
Drechslermeister in Butzbach, zwei Meilen von Wetzlar, in Arbeit. Als
aber die Jahreszeit immer schner wurde und eines Tages drei meiner
Schulfreunde mit dem Berliner auf dem Rcken in die Werkstatt traten und
mir mitteilten, da sie sich auf der Wanderschaft nach Leipzig befnden,
"da zog es mich mchtig hinaus", wie es im Handwerksburschenlied heit,
und ihnen nach. Ich versprach meinen Freunden, binnen drei Tagen zu
folgen, und hoffte sie einzuholen, falls sie nicht zu groe Mrsche
machten. Ich konnte dieses Angebot riskieren, denn im Marschieren war
mir zu jener Zeit keiner ber.

Ich hatte bisher nicht die geringste Sehnsucht gehabt, Leipzig und
Sachsen kennen zu lernen, und wre es auf mich angekommen, ich htte
damals Leipzig und Sachsen nicht gesehen. Und doch war diese Reise in
mehr als einer Richtung entscheidend fr meine ganze Zukunft. So
entscheidet sehr oft der Zufall ber das Schicksal des Menschen.

Ich mchte hier einschalten, da ich von dem Satze: der Mensch ist
seines Glckes Schmied, blutwenig halte. Der Mensch folgt stets nur den
Umstnden und Verhltnissen, die ihn umgeben und ihn zu seinem Handeln
ntigen. Es ist also auch mit der Freiheit seines Handelns sehr windig
bestellt. In den meisten Fllen kann der Mensch die Konsequenzen seines
momentanen Handelns nicht bersehen; er erkennt erst spter, zu was es
ihn gefhrt hat. Ein Schritt nach rechts statt nach links, oder
umgekehrt, wrde ihn in ganz andere Verhltnisse gebracht haben, die
wiederum bessere oder schlechtere sein knnten als jene, in die er auf
dem eingeschlagenen Wege gekommen ist. Den klugen wie den falschen
Schritt erkennt er in der Regel erst an den Folgen. Oftmals kommt ihm
aber auch die richtige oder falsche Natur seines Handelns nicht zum
Bewutsein, weil ihm die Mglichkeit des Vergleichs fehlt. Der
Selfmade-man existiert nur in sehr bedingtem Mae. Hundert andere, die
weit ausgezeichnetere Eigenschaften haben als der eine, der obenauf
gekommen ist, bleiben im verborgenen, leben und gehen zugrunde, weil
ungnstige Umstnde ihr Emporkommen, das heit die richtige Anwendung
und Ausnutzung ihrer persnlichen Eigenschaften verhinderten. Die
"glcklichen Umstnde" geben erst dem einzelnen den richtigen Platz im
Leben. Fr unendlich viele, die diesen richtigen Platz nicht erhalten,
ist des Lebens Tafel nicht gedeckt. Sind aber die Umstnde gnstig, so
mu allerdings die ntige Anpassungsfhigkeit vorhanden sein, sie
auszunutzen. Das kann man als das persnliche Verdienst des einzelnen
ansehen.

Ich holte die drei Freunde ein, noch ehe sie Thringen erreicht hatten,
und kam gerade recht, um den einen, der bereits wunde Fe hatte,
hilfreich unter den Arm zu nehmen, was beim Durchwandern der Orte bei
den Bewohnern fters Heiterkeit erregte. Wir passierten Ruhla, Eisenach,
Gotha und kamen nach Erfurt. Hier bernachteten wir zum ersten Male in
der Herberge eines christlichen Jnglingsvereins. Aber nur einmal und
nicht wieder. Das muckerische, schleichende Wesen des Herbergsvaters
widerte mich an. Am Abend muten wir auf Kommando gemeinsam zu Bett
gehen. Als wir die erste Etage erstiegen hatten, ffnete sich die Tr zu
einem kleinen Saal, und eine Choralmelodie tnte uns entgegen, die ein
glatt gescheitelter, hellblonder Jngling auf einem Harmonium spielte.
Ueberrascht traten wir ein, neugierig auf die Dinge, die da kommen
wrden. Darauf trat der Herbergsvater auf ein Podium und las aus einem
Gesangbuch einen Vers Zeile fr Zeile vor. Die zitierte Zeile hatten wir
unter Begleitung durch das Harmonium nachzusingen. Aehnliches war mir in
einem katholischen Gesellenvereinshaus nicht passiert. In Mnchen zum
Beispiel war an der Wand der Stube, in der wir zu zweit schliefen, ein
gedrucktes Gebet angeschlagen mit dem Ersuchen, es vor dem Zubettgehen
zu beten. Von einem moralischen Zwang keine Spur. Ich wiederhole, wie es
seitdem in den katholischen Gesellenvereinen geworden ist, wei ich
nicht.

In Erfurt fing der geschilderte Vorgang an, uns zu amsieren. Wir
brllten wie Lwen die vorgespielte Melodie mit dem zitierten Text. Dann
ging's hher hinauf in den Schlafsaal. Nachdem vorschriftsmig unsere
Hemdkragen auf fremde Bewohner untersucht worden waren, stiegen wir zu
Bett. Darauf entfernte sich der Herbergsvater mit dem Licht, und
schwarze Dunkelheit herrschte. Jetzt ging aber unter den Dutzenden
junger Leute, unter denen fast alle deutschen Landsmannschaften
vertreten waren, ein Ulken und Spotten los, wie es mir bisher noch nicht
zu Ohren gekommen war. Die Heiterkeit erreichte ihren Hhepunkt, als in
der entfernteren Ecke des Saales ein Schlafgenosse aus Wrttemberg im
unverflschtesten Schwbisch einige humoristische Bemerkungen machte.
Erst spt nahm der Lrm ein Ende. Nchsten Tages marschierten wir nach
Weimar. Hier erklrten meine Begleiter, nicht weitergehen zu knnen,
denn alle drei hatten sich die Fe wundgelaufen; sie wollten mit der
Bahn nach Leipzig fahren. Ich protestierte dagegen, denn mein Geld war
sehr knapp, und was dann, wenn es in Leipzig keine Arbeit gab? Doch mein
Protest half nichts, wollte ich nicht allein reisen, so mute ich
mitfahren. Am 7. Mai 1860, abends 11 Uhr, kamen wir in Leipzig an und
frugen uns durch nach der Herberge in der Groen Fleischergasse. Als wir
nchsten Tages beim herrlichsten Maiwetter die Stadt und die in voller
Frhjahrspracht stehenden Promenaden besichtigten, gefiel mir Leipzig
ungemein. Ich hatte auch Glck und bekam Arbeit, und zwar in einer
Werkstatt, in der ich den Artikel kennen lernte, auf den ich mich spter
selbstndig machte. Traf ich vierundzwanzig Stunden spter in Leipzig
ein, so wre die Stelle von einem anderen besetzt worden. So entschied
hier wieder "ein Augenblick des Glckes" ber meine Zukunft. Zum
zweitenmal arbeitete ich in einer greren Werkstatt. Es wurden fnf
Kollegen und ein Lehrling neben mir beschftigt. Meister und Kollegen
gefielen mir, die Arbeit auch, bei der sich etwas lernen lie. Was mir
aber nicht gefiel, war der schlechte Kaffee, den wir morgens erhielten,
und das an Quantitt und Qualitt uerst mangelhafte Mittagessen.
Frhstck, Vesper und Abendbrot muten wir uns selbst stellen. Die
Schlafstelle war beim Meister; wir schliefen sieben Mann in einer
gerumigen Bodenkammer. Ich fing sehr bald an, gegen die Kost zu
rebellieren. In einigen Wochen hatte ich die Kollegen so weit, da sie
sich zu einer gemeinsamen Beschwerde bei dem Meister verstanden, wobei
wir erklrten, gemeinsam die Arbeit einzustellen, falls unsere
Beschwerde keinen Erfolg htte. Wir drohten also mit Streik, noch ehe
einer von uns dieses Wort gehrt hatte. Die Form der Abwehr ergab sich
eben aus der Sache selbst. Der Meister war uerst betreten, er
erklrte, er verstehe die Klagen nicht, ihm schmecke das Essen
ausgezeichnet. Das war natrlich. Er a mit seiner Familie spter als
wir und bekam ein anderes Essen. Das wute er nicht. Nach wiederholten
Verhandlungen erreichten wir, da wir gegen entsprechende Entschdigung
von seiner Seite die Selbstbekstigung durchsetzten, wobei er, wie er
behauptete, finanziell noch profitierte. Er hatte seiner Frau mehr fr
unsere Verpflegung zahlen mssen, als wir forderten. Spter erreichten
wir durch hartnckiges Liegenbleiben im Bett, da der Beginn der
Arbeitszeit von morgens 5 Uhr auf 6 Uhr hinausgeschoben wurde. Noch
spter setzten wir auch die Stckarbeit durch, auf die der Meister nicht
eingehen wollte, weil er frchtete, schlechte Arbeit geliefert zu
bekommen, worin er sich tuschte, wie er sich nachher berzeugte.
Schlielich erlangten wir auch das Wohnen auer dem Hause.




Mein Eintritt in die Arbeiterbewegung und das ffentliche Leben.


Die Uebernahme der Regentschaft in Preuen durch den Prinzen Wilhelm von
Preuen, den Bruder Knig Friedrich Wilhelms IV., sowie der italienische
Krieg hatten das Volk mchtig aufgerttelt. Der Druck der
Reaktionsjahre, der seit 1849 auf dem Volke lastete, war gewichen.
Insbesondere war es die liberale Bourgeoisie, die jetzt sich politisch
zu regen begann, nachdem sie whrend der Reaktionsjahre ihre konomische
Entwicklung nach Krften gefrdert hatte und sehr viel reicher geworden
war. Immerhin kann ihre damalige Entwicklung keinen Vergleich aushalten
mit der Entwicklung, die ihr Wirtschaftssystem nach 1871 und besonders
seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erlangt hat.

Die Bourgeoisie verlangte jetzt ihren Anteil an den Staatsgeschften,
sie wollte nicht nur in Preuen parlamentarisch herrschen, in ihrer
groen Mehrheit erstrebte sie auch eine Einheit Deutschlands unter
preuischer Spitze, um ganz Deutschland politisch und wirtschaftlich zu
einem von einheitlichen Grundstzen geleiteten Staatswesen zu machen,
wie das durch die Revolution von 1848 und 1849 und das damalige deutsche
Parlament vergeblich versucht worden war. Dieses Bestreben kam durch die
Grndung des Deutschen Nationalvereins im Jahre 1859 zum Ausdruck,
dessen Prsident Rudolf v. Bennigsen wurde. Die Berufung des
altliberalen Ministeriums Auerswald-Schwerin durch den Prinzregenten
schwellte die Hoffnungen des Liberalismus. Das verffentlichte Programm
des Prinzregenten htte freilich groe Hoffnungen nicht gerechtfertigt,
wogegen ihn auch seine Vergangenheit und namentlich seine Rolle in den
Revolutionsjahren htte schtzen sollen. Aber die liberale Bourgeoisie
sah eine neue Aera hereinbrechen.

Der Liberalismus ist stets hoffnungsselig, sobald ihm nur der Schein
eines liberalen Regimentes winkt, soviel Enttuschungen er auch im Laufe
der Jahrzehnte erlebte. Weil ihm selbst der Mut und die Energie zu
krftigem Handeln fehlt und er vor jeder wirklichen Volksbewegung Angst
hat, setzt er seine Hoffnungen stets auf die Regierenden, die ihm
scheinbar oder wirklich etwas entgegenkommen. Durch den Enthusiasmus und
das blinde Vertrauen, das er solchen Persnlichkeiten entgegenbringt,
hofft er dieselben seinen Interessen dienstbar zu machen. Im
vorliegenden Falle wurden die Blten seiner Hoffnungen bald genug
geknickt. Der Prinzregent, vom Scheitel bis zur Sohle Soldat, empfand
zunchst das Bedrfnis einer grndlichen Militrreform auf Kosten der
bis dahin geltenden Landwehreinrichtungen. Nach seiner Auffassung hatte
sich die geltende preuische Heeresorganisation whrend und nach der
Revolution, sowie bei der Mobilmachung im Jahre 1859 nicht bewhrt. Die
Verwirklichung seiner Plne kostete aber nicht nur viel mehr Geld, sie
verstieen auch gegen die Traditionen, die sich im Volke seit 1813 ber
die Brauchbarkeit der Landwehr gebildet hatten; auerdem wurde in der
neuen Organisation die Verlngerung der Dienstzeit von zwei auf drei
Jahre und fr die Reserve von zwei auf vier Jahre verlangt.

Die Landwehr hatte allerdings in den Revolutionsjahren hier und da
versagt, sie fhlte sich zu sehr eins mit dem Volke und war nicht ohne
weiteres fr reaktionre Handstreiche zu haben, und fr einen Krieg, der
nicht populr war, war sie ebenfalls schwer zu brauchen. Das war es
aber, was den Prinzregenten mit bewegte, sie bei der neuen Organisation
nach Mglichkeit in den Hintergrund zu drngen. Als aber die
Reorganisation ohne die ausdrckliche Zustimmung der Kammer, die,
kurzsichtig genug, zunchst die Mittel provisorisch bewilligt hatte,
definitiv eingerichtet wurde, begannen die Liberalen, die in der Zweiten
Kammer die Mehrheit hatten, aufsssig zu werden. Allein der Prinzregent
lie sich nicht irre machen und reorganisierte weiter. Das rief den
Konflikt hervor. Die Wahlen im Dezember 1861 verstrkten die Opposition.
Obgleich die Regierung durch Gewhrung liberaler Konzessionen
(Ministerverantwortlichkeitsgesetz und eine neue Kreisordnung) die
Kammer zu gewinnen suchte, lehnte diese jetzt die geforderten Kosten fr
die Heeresorganisation ab. Darauf erfolgte im Mrz 1862 die Auflsung
der Kammer, die aber das Resultat hatte, da bei den Neuwahlen im Mai
dieselbe noch weit radikaler zusammengesetzt wurde. Die Konservativen
waren auf elf Mann zusammengeschmolzen.

Der Konflikt spitzte sich immer mehr zu, und der Knig, der keinen Rat
mehr wute, berief jetzt Herrn v. Bismarck, der preuischer Gesandter
bei dem Bundestag in Frankfurt a. M. war--September 1862--, an die
Spitze des mittlerweile konservativ zusammengesetzten Ministeriums. Das
war derselbe Bismarck, den schon 1849 Friedrich Wilhelm IV. als roten
Reaktionr, der nach Blut rieche, bezeichnet hatte. Der Konflikt
zwischen Regierung und Kammer erlangte damit seinen Hhepunkt.

In der deutschen Frage war mittlerweile ebenfalls die Bewegung in ganz
Deutschland immer lebendiger geworden und schlug hohe Wogen. Der
Nationalverein verlangte die Einberufung eines deutschen Parlamentes auf
Grund der Reichsverfassung und des Wahlgesetzes von 1849. Zugleich
sollte Preuens Rivale, Oesterreich, in Rcksicht auf seine starken
nichtdeutschen Bevlkerungsteile aus diesem neuen Reiche hinausgedrngt
werden. Die Mehrheit des Nationalvereins wollte ein Kleindeutschland
bilden im Gegensatz zu jenen, die Deutsch-Oesterreich nicht
ausgeschlossen sehen wollten und sich deshalb Grodeutsche nannten.
Diese Gegenstze beherrschten die Kmpfe fr die Lsung der deutschen
Frage in der ersten Hlfte der sechziger Jahre. Daneben ging die
sogenannte Triasidee, wonach neben Oesterreich und Preuen die Mittel-
und Kleinstaaten eine Vertretung in der knftigen Reichsbildung
forderten, die aus einem dreikpfigen Direktorium bestehen sollte.

Den Umfang, den die Bewegung angenommen hatte, und die groe Bedeutung,
die sie noch erlangen konnte, veranlat die weitsichtigeren Liberalen,
beizeiten ihr Augenmerk auf die Arbeiter zu richten und diese fr ihre
politischen Ziele zu gewinnen. Was sich in den letzten fnfzehn Jahren
in Frankreich abgespielt hatte, die rapide Entwicklung der
sozialistischen Ideen, die Junischlacht, der Staatsstreich Louis
Bonapartes und seine demagogische Ausnutzung der Arbeiter gegen die
liberale Bourgeoisie, lie es den Liberalen ratsam erscheinen, womglich
hnlichen Vorkommnissen in Deutschland vorzubeugen. So benutzten sie vom
Jahre 1860 ab den Drang der Arbeiter nach Grndung von Arbeitervereinen
und frderten diese, an deren Spitze sie ihnen zuverlssig erscheinende
Personen zu bringen suchten.

Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands hatte zwar in jener Zeit
erhebliche Fortschritte gemacht, aber immerhin war Deutschland damals
noch berwiegend ein kleinbrgerliches und kleinbuerliches Land. Drei
Viertel der gewerblichen Arbeiter gehrten dem Handwerk an. Mit Ausnahme
der Arbeit in der eigentlichen schweren Industrie, dem Bergbau, der
Eisen- und Maschinenbauindustrie, wurde die Fabrikarbeit von den
handwerksmig arbeitenden Gesellen mit Geringschtzung angesehen. Die
Produkte der Fabrik galten zwar als billig, aber auch als schlecht, ein
Stigma, das noch sechzehn Jahre spter der Vertreter Deutschlands auf
der Weltausstellung in Philadelphia, Geheimrat Reuleaux, der deutschen
Fabrikarbeit aufdrckte. Fr den Handwerksgesellen galt der
Fabrikarbeiter als unterwertig, und als Arbeiter bezeichnet zu werden,
statt als Geselle oder Gehilfe, betrachteten viele als eine persnliche
Herabsetzung. Zudem hatte die groe Mehrzahl dieser Gesellen und
Gehilfen noch die Ueberzeugung, eines Tages selbst Meister werden zu
knnen, namentlich als auch in Sachsen und anderen Staaten anfangs der
sechziger Jahre die Gewerbefreiheit zur Geltung kam. Die politische
Bildung dieser Arbeiter war sehr gering. In den fnfziger Jahren, das
heit in den Jahren der schwrzesten Reaktion gro geworden, in
denen alles politische Leben erstorben war, hatten sie keine
Gelegenheit gehabt, sich politisch zu bilden. Arbeitervereine oder
Handwerkervereine, wie man sie fter nannte, waren nur ausnahmsweise
vorhanden und dienten allem anderen, nur nicht der politischen
Aufklrung. Arbeitervereine politischer Natur wurden in den meisten
deutschen Staaten nicht einmal geduldet, sie waren sogar auf Grund eines
Bundestagsbeschlusses aus dem Jahre 1856 verboten, denn nach Ansicht des
Bundestags in Frankfurt a.M. war der Arbeiterverein gleichbedeutend mit
Verbreitung von Sozialismus und Kommunismus. Sozialismus und Kommunismus
waren aber wieder uns Jngeren zu jener Zeit vollstndig fremde
Begriffe, bhmische Drfer. Wohl waren hier und da, zum Beispiel in
Leipzig, vereinzelte Personen, wie Fritzsche, Vahlteich, Schneider
Schilling, die vom Weitlingschen Kommunismus gehrt, auch Weitlings
Schriften gelesen hatten, aber das waren Ausnahmen. Da es auch Arbeiter
gab, die zum Beispiel das Kommunistische Manifest kannten und von Marx'
und Engels' Ttigkeit in den Revolutionsjahren im Rheinland etwas
wuten, davon habe ich in jener Zeit in Leipzig nichts vernommen.

Aus alledem ergibt sich, da die Arbeiterschaft damals auf einem
Standpunkt stand, von dem aus sie weder ein Klasseninteresse besa, noch
wute, da es so etwas wie eine soziale Frage gebe. Daher strmten die
Arbeiter in Scharen den Vereinen zu, die die liberalen Wortfhrer
grnden halfen, die den Arbeitern als Ausbund der Volksfreundlichkeit
erschienen.

Diese Arbeitervereine schossen nun zu Anfang der sechziger Jahre aus dem
Boden wie die Pilze nach einem warmen Sommerregen. Namentlich in
Sachsen, aber auch im brigen Deutschland. Es entstanden in Orten
Vereine, in denen es spter viele Jahre whrte, bis die sozialistische
Bewegung dort einigen Boden fand, obgleich der frhere Arbeiterverein
mittlerweile eingegangen war.

In Leipzig war damals das politische Leben sehr rege. Leipzig galt als
einer der Hauptsitze des Liberalismus und der Demokratie. Eines Tages
las ich in der demokratischen "Mitteldeutschen Volkszeitung", auf die
ich abonniert war und die der Achtundvierziger Dr. Peters redigierte,
der Ehemann der bekannten verstorbenen Vorkmpferin fr die Frauenrechte
Luise Otto-Peters, die Einladung zu einer Volksversammlung zur Grndung
eines Bildungsvereins. Diese Versammlung fand am 19. Februar 1861 im
Wiener Saal statt, einem Lokal, das in der Nhe des Rosentals in einem
Garten stand. Als ich in das Lokal trat, war dasselbe bereits berfllt.
Mit Mhe fand ich auf der Galerie Platz. Es war die erste ffentliche
Versammlung, der ich beiwohnte. Der Prsident der Polytechnischen
Gesellschaft, Professor Dr. Hirzel, hatte das Referat, der mitteilte,
da man einen Gewerblichen Bildungsverein als zweite Abteilung der
Polytechnischen Gesellschaft grnden wolle, weil Arbeitervereine auf
Grund des Bundestagsbeschlusses von 1856 in Sachsen nicht geduldet
wrden. Dagegen erhob sich Opposition. Neben Professor Romler, der
Mitglied des deutschen Parlaments in Frankfurt a.M. gewesen und von
seiner Professur an der Forstakademie zu Tharandt durch Herrn von Beust
gemaregelt worden war, nahmen Vahlteich und Fritzsche das Wort und
verlangten volle Selbstndigkeit des Vereins, der ein politischer sein
msse. Die Verfolgung von Unterrichtszwecken sei Sache der Schule, nicht
eines Vereins fr Erwachsene. Ich war zwar mit diesen Rednern nicht
einverstanden, aber es imponierte mir, da Arbeiter den gelehrten Herren
so krftig zu Leibe rckten, und wnschte im stillen, auch so reden zu
knnen.

Der Verein wurde gegrndet, und obgleich die Opposition ihren Zweck
nicht erreicht hatte, trat sie dem Verein bei. Ich wurde ebenfalls an
jenem Abend Mitglied. Der Verein wurde in seiner Art eine Musteranstalt.
Vortragende fr wissenschaftliche Thematas waren in Menge vorhanden. So
neben Professor Romler, Professor Bock--der Gartenlaube-Bock und
Verfasser des Buches vom gesunden und kranken Menschen--, die
Professoren Wuttke, Wenck, Marbach, Dr. Lindner, Dr. Reyher, Dr.
Burckhardt und andere. Spter folgten Professor Biedermann, Dr. Hans
Blum, von dem die Sage ging, da er whrend seiner Studentenzeit sich
auf seiner Visitenkarte als Student der Menschenrechte bezeichnet habe,
Dr. Eras, Liebknecht, der im Sommer 1865 nach Leipzig kam, und Robert
Schweichel. Einer der fleiigsten Vortragenden im ersten Jahre war Dr.
Dammer, der spter der erste von Lassalle eingesetzte Vizeprsident des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wurde. Unterricht wurde erteilt im
Englischen, Franzsischen, in Stenographie, gewerblicher Buchfhrung,
deutscher Sprache und Rechnen. Auch wurde eine Turn- und Gesangabteilung
gegrndet. Ersterer trat Vahlteich bei, der ein groer Turner vor dem
Herrn war und blieb, der Gesangabteilung traten Fritzsche und ich bei.
Fritzsche sang vorzglich zweiten Ba, ich ersten, den bekanntlich jeder
singt, der keine Singstimme hat.

An der Spitze des Vereins stand ein vierundzwanzigkpfiger Ausschu, in
dem der Kampf um den Vorsitz entbrannte. Romler unterlag gegenber
dem Architekten Mothes, aber die Opposition arbeitete planmig weiter.
Bei dem ersten Stiftungsfest Februar 1862 hielt Vahlteich die Festrede,
die ausgeprgt politisch war. Er forderte das allgemeine Stimmrecht. Bei
der Neuwahl des Ausschusses wurde auch ich in denselben gewhlt. Meine
Sehnsucht, ffentlich reden zu knnen, war bei den hufigen Debatten im
Verein rasch befriedigt worden. Ein Freund erzhlte mir spter, da, als
ich zum ersten Male einige Minuten sprach, um einen Antrag zu begrnden,
man sich an meinem Tisch gegenseitig angesehen und gefragt habe: Wer ist
denn der, der so auftritt. Da im Ausschu verschiedene Abteilungen fr
die verschiedenen Verwaltungsfcher gebildet wurden, wurde ich in die
Bibliothekabteilung und die Abteilung fr Vergngungen gewhlt. In
beiden wurde ich Vorsitzender. Die Wahl des Vereinsvorsitzenden, die
wieder der Ausschu vorzunehmen hatte, rief dieses Mal einen heftigen
Kampf hervor. Viermal wurde gewhlt, ohne fr einen Kandidaten ein Mehr
erzielen zu knnen. Stets war Stimmengleichheit vorhanden. Schlielich
unterlag wieder Professor Romler gegen Architekt Mothes mit einer
Stimme, weil dieser sich selbst gewhlt hatte. Die Opposition trug jetzt
den Kampf in die Generalversammlung, die am Karfreitag 1862 stattfand.
Der Verein hatte damals ber fnfhundert Mitglieder. Die Opposition
stellte wieder ihre alte Forderung auf, den Verein zu einem rein
politischen zu machen und den Unterricht aus demselben auszuschlieen.
Nach einem heftigen, vielstndigen Redekampfe, an dem auch ich mich
beteiligte, unterlag sie gegen eine Mehrheit von drei Viertel der
Stimmen. Htte die Opposition geschickter operiert, htte sie verlangt,
da zeitweilig politische Vortrge ber Zeitereignisse gehalten und
darber Diskussionen veranstaltet werden sollten, sie htte glnzend
gesiegt. Aber da man den Unterricht aus dem Verein verbannen wollte,
der fr die groe Mehrheit der jngeren Mitglieder das grte Interesse
hatte, reizte diese zum Widerstand. Ich selbst nahm an der Buchfhrung
und Stenographie teil. Einige Tage vor jener entscheidenden Versammlung
hatten sich Fritzsche und Vahlteich eifrig bemht, mich zu ihnen
hinberzuziehen. Ich konnte ihnen nicht folgen.

Die Opposition schied nunmehr aus und grndete den Verein Vorwrts, der
im Hotel de Saxe sein Hauptquartier aufschlug. Der Wirt in diesem Lokal
war der in den Reaktionsjahren gemaregelte ehemalige Pfarrer Wrkert.
Dieser hatte eine eigene Methode, Aufklrung zu verbreiten und dabei
auch sein Geschft zu machen. Er veranstaltete allwchentlich Vortrge,
die er selbst hielt, ber alle mglichen Thematas, wie die Geburts- und
Todestage berhmter Mnner, politische Tagesereignisse usw. An solchen
Abenden war sein Lokal gedrngt voll. Da machte es denn einen
eigenartigen Eindruck, wenn Wrkert, der soeben noch unter den Gsten
sich bewegt und diesem und jenem ein Glas Bier verabreicht hatte, auf
dem Treppenpodest Platz nahm, der vom oberen in das untere Lokal fhrte,
und von dort allen sichtbar seinen Vortrag hielt. Nicht im Gegensatz,
sondern vielmehr in Ergnzung der Zusammenknfte im Hotel de Saxe stand
die Restauration zur Guten Quelle auf dem Brhl, ein damals eben
gebautes groes Kellerlokal, dessen Wirt der Achtundvierziger Grun war.
In der einen Ecke jenes Lokals stand ein groer runder Tisch, der der
Verbrechertisch hie. Das besagte, da hier nur die ehrwrdigen Hupter
der Demokratie Platz nehmen durften, die zu Zuchthaus oder Gefngnis
verurteilt worden waren oder die man gemaregelt hatte. Oefter traf
beides zu. Da saen Romler, Dolge, der wegen seiner Beteiligung am
Maiaufstand zum Tode verurteilt worden war, nachher zu lebenslnglichem
Zuchthaus begnadigt wurde und dann acht Jahre in Waldheim gesessen
hatte. Zu den "Verbrechern" gehrten weiter Dr. Albrecht, der in
unserem Verein Stenographie lehrte, Dr. Burckhardt, Dr. Peters,
Friedrich Oelkers, Dr. Fritz Hofmann, Gartenlaube-Hofmann genannt, usw.
Wir Jungen rechneten es uns zur besonderen Ehre an, wenn wir an diesem
Tisch in Gesellschaft der Alten ein Glas Bier trinken durften.

Die Leiter des Vereins Vorwrts begngten sich aber nicht mit ihren
Vereinsversammlungen, sie trugen die Agitation in die Arbeiter- und
Volksversammlungen, die sie von Zeit zu Zeit einberiefen, in welchen
Arbeiterfragen und Tagesfragen errtert wurden. Diese Errterungen waren
noch sehr unklar. Man diskutierte ber eine Invalidenversicherung der
Arbeiter, ber die Veranstaltung einer Weltausstellung in Deutschland,
ber den Eintritt in den Nationalverein, wobei man verlangte, da dieser
den Jahresbeitrag von 3 Mark auch in Monatsraten erhebe, damit die
Arbeiter beitreten knnten. Weiter forderte man das allgemeine
Stimmrecht fr die Landtagswahlen und ein deutsches Parlament, das sich
der Arbeiterfrage anzunehmen habe. Ferner wurde die Einberufung eines
allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses diskutiert, auf dem die
aufgetauchten Forderungen debattiert werden sollten. Die Frage der
Einberufung eines Arbeiterkongresses tauchte fast gleichzeitig auch in
den Berliner und Nrnberger Arbeiterkreisen auf.

Um die Vorbereitungen hierfr zu treffen und weiter ntig werdende
Arbeiterversammlungen einzuberufen, wurde ein Komitee niedergesetzt, in
das neben Fritzsche, Vahlteich und anderen weniger bekannt gewordenen
Arbeitern auch ich gewhlt wurde. Neben den Arbeiterversammlungen, die
von unserer Seite ausgingen, berief die rtliche Leitung des Deutschen
Nationalvereins fter Volksversammlungen, manchmal mit Rednern von
auswrts, Schulze-Delitzsch, Metz-Darmstadt usw., ein, in denen die
deutsche Frage, die Grndung einer deutschen Flotte, der mittlerweile
sehr akut gewordene preuische Verfassungskonflikt, die
schleswig-holsteinsche Frage usw. errtert wurden. Man ersieht schon aus
der Aufzhlung dieser Thematas, da das politische Leben in Leipzig in
jener Zeit ein auerordentlich reges war und uns in Atem hielt. Ein
sehr beliebtes Thema in den von den Liberalen einberufenen
Volksversammlungen waren auch die Errterungen ber die
Verfassungszustnde in den Einzelstaaten, ganz besonders in Sachsen,
Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt. In zweiter Linie folgten Mecklenburg
und Bayern. Die Herren v. Beust (Sachsen) und Dalwigk (Hessen-Darmstadt)
waren ganz besonders Gegenstand heftiger Angriffe. Zu diesen gesellte
sich Herr v. Bismarck, als dieser im September 1862 an die Spitze der
preuischen Regierung trat.

Es war richtig, in den erwhnten Klein- und Mittelstaaten waren nach der
Niederwerfung der Revolution Verfassungsbrche und Oktroyierungen aller
Art vorgekommen, aber nicht minder in Preuen. Auerdem hatten diese
Klein- und Mittelstaaten ihre verbrecherische Ttigkeit nur unter dem
Schutze Preuens und Oesterreichs--die hierin ein Herz und eine Seele
waren--ausben knnen. Gleichwohl behandelten die Liberalen der
verschiedenen Schattierungen in ihren ffentlichen Angriffen die Klein-
und Mittelstaaten viel schlechter als zum Beispiel Preuen. Und doch war
es Preuen gewesen, das die Revolution niedergeworfen und es neben den
Oktroyierungen im eigenen Lande an Gewalttaten gegen die Revolutionre
nicht hatte fehlen lassen. Ich erinnere nur an die Verurteilung
Gottfried Kinkels zu lebenslnglichem Zuchthaus, an die Erschieung von
Adolf v. Trtzschler in Mannheim und Max Dort in Freiburg i.B., an die
Erschieungen in den Kasemattengrben in Rastatt, an die furchtbaren
Grausamkeiten, die das preuische Militr nach der Niederwerfung des
Maiaufstandes in Dresden an den gefangenen Revolutionren begangen
hatte. Auch waren die Zustnde Preuens in den fnfziger Jahren unter
der Herrschaft des Systems Manteuffel so, da sie jeden halbwegs
freidenkenden Mann zur Emprung aufstacheln muten und Preuen in
Deutschland und im Ausland aufs schlimmste diskreditierten. Auch der im
Zuge befindliche Verfassungskonflikt suchte seinesgleichen in
Deutschland vergeblich. Mir, der ich damals als ein in der Politik noch
unerfahrener junger Mann gelten mute, fiel dieses Messen mit zweierlei
Ma bald auf. Und dieses wurde namentlich von den schsischen Liberalen
und Demokraten praktiziert. Allerdings war das System des Herrn v.
Beust, das dieser mit Zustimmung des Knigs Johann in Sachsen inszeniert
hatte, wegen der volksfeindlichen Manahmen und Bedrckungen aller Art
und insbesondere durch die grausame Behandlung, die die politischen
Gefangenen im Zuchthaus zu Waldheim erlitten hatten, ganz besonders und
mit Recht verhat. Im Waldheimer Zuchthaus waren nicht weniger als 286
Maigefangene, darunter 148 Arbeiter untergebracht worden, von denen
schon bis zum Jahre 1854 34, also 12 Prozent, gestorben waren. Ueber 42
der Gefangenen war das Todesurteil ausgesprochen worden, die dann zu
lebenslnglichem Zuchthaus "begnadigt" wurden. In der Strafanstalt
Zwickau waren 286 politische Gefangene, darunter 239 Arbeiter,
eingesperrt worden; das Landesgefngnis Hubertusburg hatte 70 politische
Gefangene beherbergt.

Im Zuchthaus zu Waldheim sa unter anderen auch August Rckel,
Musikdirektor in Dresden, ein Freund Richard Wagners und des berhmten
Baumeisters Semper, denen beiden die Flucht gelungen war. Rckel war
wegen seiner Beteiligung am Maiaufstand zu lebenslnglichem Zuchthaus
verurteilt worden. Nach seiner Begnadigung, Anfang 1862, nachdem er
11-1/2 Jahre im Zuchthaus zugebracht--er war mit dem Rechtsanwalt
Kirbach in Plauen der letzte der begnadigten Zuchthusler, weil beide
sich weigerten, ein Gnadengesuch einzureichen--, verffentlichte er 1865
ber die Vorkommnisse im Waldheimer Zuchthaus ein Buch, betitelt: Die
Erhebung in Sachsen und das Zuchthaus zu Waldheim, dessen Inhalt in
Sachsen und Deutschland einen Schrei des Entsetzens hervorrief. Ich war
einer der eifrigsten Verbreiter von Rckels Buch, ich setzte ber 300
Exemplare ab, selbstverstndlich ohne persnlichen Vorteil, was nicht
hinderte, da ich in der Koburger Arbeiterzeitung als Anhnger Beusts
verdchtigt wurde.

Unter den in Waldheim Mihandelten war es Kirbach, den ich zwanzig Jahre
spter als Kollege im schsischen Landtag persnlich kennen lernte, wohl
mit am schlimmsten ergangen. Er war keiner von denen, die im Zuchthaus
zu Kreuze krochen; ihm lie der Zuchthausdirektor Christ einen
sogenannten Springer zwischen den Fen anbringen. Dieses war eine etwa
einen Fu lange Eisenstange, die mit Fuschellen zwischen den Kncheln
befestigt war. Wollte Kirbach gehen, so mute er springen, daher der
Name Springer. Bei dieser Prozedur wurden Haut und Fleisch an den
Kncheln zerrieben, und da Kirbach nicht nur furchtbare Schmerzen litt,
sondern auch gefhrlich erkrankte, mute ihm nach einiger Zeit der
Springer wieder abgenommen werden. Politisch entwickelte sich spter der
ehemalige Revolutionr, wie so viele andere, zum Nationalliberalen, doch
hegte er in einem Winkel seines Herzens noch immer demokratische
Neigungen. Er war der einzige unter den Nationalliberalen, der im
schsischen Landtag fr unsere Antrge auf Einfhrung des allgemeinen,
gleichen und direkten Wahlrechts stimmte.

Eine ganz andere politische Entwicklung nahm Kirbachs Zuchthausgenosse
August Rckel. Als das Jahr 1866 die politische Krise ber Deutschland
brachte, stellte sich Rckel auf die Seite seines frheren Feindes v.
Beust und ging, als Beust in Oesterreich Kanzler wurde, mit ihm nach
Wien, um ihm Predienste zu leisten.

Was aber immer fr Zustnde in Preuen herrschten, die Liberalen sahen
in ihm den Staat, der allein die deutsche Einheit, wie sie sich dieselbe
dachten, durchfhren konnte und sie vor einer Herrschaft der Masse zu
schtzen vermochte. Daher war es ihre Taktik, die Mittel- und
Kleinstaaten nach Krften herunterzureien, damit der Staat des
deutschen Berufs, was in ihren Augen Preuen war, in um so gnstigerem
Lichte erschien. Die Aera Bismarck stand zwar dieser Mythe sehr im Wege,
aber man erklrte sie fr eine vorbergehende Erscheinung, und dann
werde Preuen erst recht im liberalen Glanze erscheinen. Herr von
Bismarck war aber eine Realitt ersten Ranges, und er kannte auch die
Liberalen, von denen er sagte: Mehr als sie mich hassen, frchten sie
die Revolution, was durchaus richtig war. Indes gerieten die
Leidenschaften immer mehr in Glhhitze. Wer in den Versammlungen am
heftigsten auf Bismarck losschlug und die bedenklichsten Drohungen laut
werden lie, der konnte auf den strmischsten Beifall rechnen. Selbst in
manchem Liberalen erwachte die alte revolutionre Leidenschaft, so in
Johannes Miquel, der zehn Jahre frher mit Karl Marx in Verbindung
gestanden war und selbst in den sechziger Jahren seine Beziehungen zu
ihm noch nicht ganz abgebrochen hatte, der sich als Kommunist und
Atheist bekannt und seine Hilfe zur Organisierung von Bauernaufstnden
angeboten hatte. Jetzt drohte er dem Knig von Preuen mit dem Schicksal
der Bourbonen, man werde die Arbeiter gegen die Hohenzollern aufrufen,
wenn sie keine Vernunft annehmen wollten. Eine solche Aeuerung fiel von
ihm im privaten Kreise gelegentlich der Generalversammlung des Deutschen
Nationalvereins in Leipzig. Nahezu dreiig Jahre spter war Johannes
Miquel, als Herr von Miquel, Finanzminister eines Hohenzollern und war
ihm selbst die mittlerweile sehr zahm gewordene nationalliberale Partei,
zu deren Grndern er gehrte, noch zu liberal.

Indes mochten auch an Bismarcks Ohren solche Drohungen gedrungen
sein--die blutigsten Drohungen durch anonyme Briefe sind wohl schon Mode
gewesen, ehe es sozialdemokratische Fhrer gab, die solche gelegentlich
dutzendweise empfangen haben--, denn er hat spter ffentlich
zugestanden, da er nicht fr unmglich gehalten, das Schicksal
Straffords zu teilen, der als Minister Karls I. von England hingerichtet
worden war. Er habe daher als sorgsamer pater familias auf alle Flle
sein Haus bestellt.

Aber auch vom Knig ging in jener Zeit das Gercht, da er infolge der
fortgesetzten Aufregungen an Halluzinationen leide und frchtete, da
ihn das Schicksal der Bourbonen erreichen werde. Besttigt wurden jene
Gerchte durch eine sptere Verffentlichung, die der verstorbene
preuische Landtagsabgeordnete von Eynern als persnliche Mitteilung
Bismarcks bezeichnete. Danach habe Bismarck ihm erzhlt: Als er 1862 zum
Minister ernannt worden sei, wre er dem Knig bis Jterbog
entgegengefahren und habe denselben in grter Niedergeschlagenheit
angetroffen. Die badischen Herrschaften, von denen der Knig gekommen,
htten den Konflikt mit dem Landtag fr unlsbar gehalten und ihn zum
Einlenken zu bestimmen gesucht. Der Knig habe zu ihm gesagt: "Minister
sind Sie geworden, aber nur, um das Schafott zu besteigen, was auf dem
Opernplatz fr Sie errichtet wird; ich selbst, der Knig, werde nach
Ihnen an die Reihe kommen." Der Knig hoffte zweifellos, ich wrde ihm
diese Dinge ausreden,--sagte Bismarck--, ich tat aber das Gegenteil,
weil ich meinen ehrlichen und gegen jede erkennbare Gefahr mutigen Mann
kannte. Ich sagte ihm, die beiden Flle hielte ich augenblicklich
vielleicht fr nicht ganz ausgeschlossen--aber wenn sie eintreten
sollten, was sei dann Groes daran gelegen, sterben mten wir alle
einmal, und es sei gleichgltig, ob ein bichen frher oder spter. Er
sterbe dann, wie es seine Pflicht sei, im Dienste seines Knigs und
Herrn, und der Knig sterbe dann in Verteidigung seiner heiligen Rechte,
was auch seine Pflicht sei gegen sich selbst und gegen sein Volk. Man
brauche ja nicht gleich an Ludwig XVI. zu denken, der sei ja unangenehm
gestorben, aber Karl I. habe einen hchst anstndigen Tod erlitten,
einen solchen, der ebenso ehrenvoll gewesen wie der auf dem
Schlachtfelde.

"Als ich"--erzhlte Bismarck weiter--"derart den Knig als Soldaten an
sein Portepee fate, wurde er noch ernster und dann wurde er sicher, und
ich reiste mit einem vergngten, kampfesfrohen Manne nach Berlin
hinein."

Diese Vorgnge zeigen, was die Liberalen htten erreichen knnen, wenn
sie die Lage auszuntzen verstanden. Aber sie frchteten bereits die
hinter ihnen stehenden Arbeiter. Bismarcks Wort: wenn man ihn zum
Aeuersten drnge, werde er den Acheron in Bewegung setzen, jagte ihnen
einen heillosen Schrecken ein.

In der Tat hat denn auch Bismarck alle Register gezogen, um Herr der
Situation zu werden; seine Werkzeuge nahm er, wo er sie fand. Er htte
sich mit dem Teufel und seiner Gromutter verbunden, fand er einen
Vorteil dabei. So zog er August Bra, den Chefredakteur der damals
grodeutschen "Norddeutschen Allgemeinen Zeitung", in seine Dienste,
obgleich dieser frher roter Demokrat gewesen war und das hbsche Lied
gedichtet hatte:

  Wir frben rot, wir frben gut,
  Wir frben mit Tyrannenblut!

Er hatte auch nichts dagegen einzuwenden, da Bra Liebknecht von London
und Robert Schweichel von Lausanne als Redakteure an die "Norddeutsche
Allgemeine Zeitung" berief. Weiter gelang es Bismarck, neben Bra im
Jahre 1864 Lothar Bucher, den alten Demokraten und Steuerverweigerer, zu
gewinnen, dessen groes historisches Wissen und gewandte Feder er sich
dienstbar machte. Bucher war es auch, der im Auftrag Bismarcks 1865 den
Versuch machte, Karl Marx als Mitarbeiter fr den preuischen
Staatsanzeiger zu gewinnen, wobei er die Freiheit haben sollte, ganz
nach Belieben zu schreiben, propagiere er selbst den Kommunismus.

Die Methoden, nach denen Bismarck jetzt zu regieren versuchte, hatte er
Louis Napoleon abgeguckt, der es meisterhaft verstanden hatte, die
bestehenden Klassengegenstze fr sein System auszunutzen, und zwar
sogar unter der Herrschaft des allgemeinen Stimmrechts. Es zeigte sich
bald, da auch Bismarck versuchte, die Arbeiterbewegung in seinem
Interesse gegen die liberale Bourgeoisie auszunutzen. Sein Helfer in
diesen Dingen war der Geheime Oberregierungsrat Hermann Wagener, dessen
Kenntnis der sozialen Fragen und seine Schlauheit ihn als den geeigneten
Mann erscheinen lieen.

Ende August 1862 hatte eine Arbeiterversammlung in Berlin ebenfalls
beschlossen, einen allgemeinen deutschen Arbeiterkongre, und zwar nach
Berlin einzuberufen. Das veranlate das Leipziger Komitee, sich mit den
leitenden Persnlichkeiten der Berliner Bewegung in Verbindung zu
setzen, um eine Vereinbarung wegen der Einberufung des Kongresses zu
erzielen. Man wnschte der besseren geographischen Lage wegen Leipzig
als Kongreort. Anfangs Oktober kam als Berliner Vertreter der Maler und
Lackierer Eichler nach Leipzig zu einer Besprechung, der auch ich als
Mitglied des Komitees beiwohnte.

Diese Besprechung fand in der Restauration Zum Joachimstal in der
Hainstrae statt. Eichler ging gleich aufs Ganze. Er fhrte aus, da die
Arbeiter von der Fortschrittspartei und dem Nationalverein nichts zu
erwarten htten. Die Mehrzahl der Komiteemitglieder teilte auf Grund der
gemachten Erfahrungen diese Ansicht. Weiter fuhr Eichler fort: er habe
die Gewiheit--und damit entpuppte er sich nach unserer Ansicht als
Agent Bismarcks--, da Bismarck fr die Einfhrung des allgemeinen,
gleichen und direkten Wahlrechts zu haben sei und auch bereit wre, die
ntigen Mittel (60000 bis 80000 Taler) zur Grndung einer
Produktivgenossenschaft der Maschinenbauer herzugeben.

Zu jener Zeit bildeten die Maschinenbauer die Elite der
Berliner Arbeiter und galten als die eigentliche Leibgarde der
Fortschrittspartei. Die Ausfhrungen Eichlers riefen eine stundenlange
Debatte hervor, deren Endergebnis war, da das Komitee, mit Ausnahme
Fritzsches, sich gegen Eichler erklrte. Es fllt auf, da Eichler Ideen
propagierte, wie sie sechs Monate spter Lassalle in seinem
Antwortschreiben an das Leipziger Komitee entwickelte, nur da Lassalle
einen demokratischen Staat als Begrnder der Produktivassoziationen mit
Staatshilfe forderte.

In jenen Tagen war der Name Lassalles uns unbekannt, obgleich er schon
im April jenes Jahres ffentlich einen Vortrag "Ueber den besonderen
Zusammenhang der gegenwrtigen Geschichtsperiode mit der Idee des
Arbeiterstandes" gehalten hatte, der spter und bis auf den heutigen Tag
unter dem Titel "Arbeiterprogramm" erschienen ist. Auch hatte er in
demselben Jahre seine Vortrge ber Verfassungswesen gehalten. Da diese
Vorgnge uns unbekannt blieben, lag wohl daran, da keiner von uns
Berliner Zeitungen las. Wir bezogen unsere Kenntnisse ber die
Tagesereignisse aus der Leipziger Presse, namentlich der demokratischen
"Mitteldeutschen Volkszeitung", und was diese nicht brachte, blieb uns
fremd. Es waren eben noch rckstndige Zeiten.

Eichler hatte, als er mitteilte, Bismarck sei eventuell fr die
Einfhrung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts zu haben,
nur einem Gedanken Ausdruck gegeben, der damals schon namentlich von dem
Geheimen Oberregierungsrat Hermann Wagener ffentlich propagiert wurde.
Man dachte dabei an eine Oktroyierung desselben, von der Auffassung
ausgehend: ist das Dreiklassenwahlrecht im Mai 1849 oktroyiert worden,
so kann es auch durch eine knigliche Verordnung wieder beseitigt und
ein neues Wahlrecht oktroyiert werden. Den Liberalen, die in ihrer sehr
groen Mehrzahl nicht fr das allgemeine, gleiche, direkte und geheime
Wahlrecht schwrmten, war diese Aussicht hchst fatal, und Herr v.
Unruh, einer ihrer Hauptfhrer, gab ihrer Besorgnis auch ffentlich
Ausdruck. Ihre Abneigung gegen das allgemeine, gleiche, direkte und
geheime Wahlrecht versteckten die Liberalen damals hinter der Erklrung,
diese Forderung sei whrend des Verfassungskampfes nicht opportun, erst
msse der Kampf mit dem Ministerium Bismarck zu Ende sein, ehe man an
eine Aenderung des Wahlrechts denken knne. Da zu jener Zeit die
konservativen Demagogen sich fr Einfhrung des demokratischsten aller
Wahlrechte ins Zeug legten, wohingegen sie heute die entschiedensten
Gegner desselben sind, hatte seinen zulnglichen Grund. Napoleon III.,
der nach dem Staatsstreich das allgemeine, gleiche, direkte und geheime
Wahlrecht in Frankreich wieder einfhrte, das die honette Republik nach
der Junischlacht durch ein schlechteres Wahlrecht ersetzt hatte, war mit
demselben ausgezeichnet gefahren. Natrlich unter obligater Einwirkung
durch die Staatsgewalten auf die Whler. Es gab anfangs unter
sechshundert Delegierten nur sieben Oppositionsmnner, alle brigen
waren kaiserliche Mamelucken. Erst 1863 stieg die Opposition auf 38 und
1869 auf 110 Kpfe.

Umgekehrt hatte in Preuen das Dreiklassenwahlrecht, das man geschaffen
hatte, um eine gefgige Kammer zu besitzen, jetzt eine scharf
oppositionelle geliefert, so kam man auf den Gedanken, das Napoleonische
Beispiel nachzuahmen.

Eine andere Frage ist: Wie kam die Idee der Produktivgenossenschaften
mit Staatshilfe in die Kreise der Konservativen? Und da scheint es, da
Lassalle schon im Jahre 1862 diesen Gedanken in seinem Kopfe bearbeitete
und seinen Gedanken seiner Freundin und Vertrauten, der Grfin
Hatzfeldt mitteilte, von der dann die Idee in die konservativen Kreise
getragen wurde, noch ehe Lassalle sie ffentlich formuliert hatte.
Spter, als Vahlteich Sekretr Lassalles geworden war, entdeckte dieser,
welch zweideutige Elemente Lassalle um sich hatte. Dasselbe nahm
Liebknecht wahr, der Lassalle vor seiner Umgebung und speziell vor
Bismarck warnte, worauf Lassalle antwortete: Pah, ich esse mit Herrn von
Bismarck Kirschen, aber er bekommt die Steine. Es ist hchst
wahrscheinlich, da der Geheimrat Wagener Eichler den Plan mit den
Produktivgenossenschaften als Plan Bismarcks suggerierte, noch ehe
Bismarck selbst sich damit beschftigt hatte.[1] Klarheit ber die Rolle
Eichlers und die Beziehungen Bismarcks zu Lassalle erfolgte im September
1878 bei Beratung des Sozialistengesetzes, als ich auf jene Vorgnge zu
sprechen kam. Ich klagte damals Frst Bismarck an, da er jetzt die
Sozialdemokratie zu vernichten trachte, die er einstmals fr seine
politischen Zwecke zu benutzen versucht habe. Ich wies zunchst auf den
Fall Eichler hin und die Angebote, die dieser in seinem Namen uns im
Leipziger Komitee gemacht habe; ich fhrte weiter an, da durch
Vermittlung eines Hohenzollernprinzen (vermutlich Prinz Albrecht, Bruder
des Knigs) und der Grfin Hatzfeldt Lassalle mit ihm (Bismarck) in
Verbindung gekommen sei, da seine Unterhaltungen mit Lassalle fter
stundenlang gedauert und eines Tages sogar der bayerische Gesandte
abgewiesen worden wre, der Bismarck sprechen wollte, als Lassalle bei
ihm war.

Frst Bismarck nahm darauf am folgenden Tage, den 17. September, im
Reichstag das Wort. Ich hatte irrtmlich gesagt, da die Verhandlungen
zwischen Eichler und dem Leipziger Komitee schon im September, statt
erst im Oktober stattgefunden htten. Daran knpfte Bismarck an, um
nachzuweisen, da er solche Auftrge nicht knne gegeben haben, da er
erst am 23. September ins Ministerium eingetreten sei. Wohl sei ihm
erinnerlich, _da Eichler spterhin Forderungen an ihn gestellt fr
Dienste, die er ihm nicht geleistet habe. Im weiteren gab er zu, da
Eichler im Dienste der Polizei gestanden_ und Berichte geliefert habe,
von denen einige zu seiner Kenntnis gekommen seien. Diese htten sich
aber nicht auf die sozialdemokratische Partei bezogen, sondern auf
intime Verhandlungen der Fortschrittspartei und, wenn er nicht irre, des
Nationalvereins.

Damit war erwiesen, wie begrndet unser Verdacht im Komitee gegen
Eichler gewesen war. Im brigen bestritt Frst Bismarck, da er 60000
bis 80000 Taler fr eine Produktivgenossenschaft habe hergeben wollen.
Er habe keine geheimen Fonds gehabt, und wo htte er das Geld hernehmen
sollen? Das sagte derselbe Mann, der im April 1863 in der Kammer
geuert hatte: die Regierung werde, wenn es ihr ntig erscheine, mit
oder ohne Bewilligung der Volksvertretung Krieg fhren und das Geld dazu
nehmen, wo sie es finde--und jahrelang die Staatsausgaben ohne
Zustimmung der Kammer machte. Auf die ihm von mir vorgehaltenen
Beziehungen zu Lassalle uerte er: Nicht er, sondern Lassalle habe den
Wunsch gehabt, mit ihm zu sprechen, und er habe ihm die Erfllung dieses
Wunsches nicht schwer gemacht. Er habe das auch nicht bereut.
Verhandlungen htten zwischen ihnen nicht stattgehabt, was htte
Lassalle als armer Teufel ihm auch bieten knnen? Lassalle habe ihn aber
auerordentlich angezogen, er sei einer der geistreichsten und
liebenswrdigsten Menschen gewesen, mit denen er je verkehrt habe, er
sei auch kein Republikaner gewesen: die Idee, der er zustrebte, sei das
deutsche Kaisertum gewesen. Darin htten sie Berhrungspunkte gehabt.
Lassalle sei in hohem Grade ehrgeizig gewesen, und ob das deutsche
Kaisertum mit der Dynastie Hohenzollern oder mit der Dynastie Lassalle
abschlieen solle, das sei ihm vielleicht zweifelhaft gewesen, aber
monarchisch sei er durch und durch gewesen. Dieser Erklrung folgte im
Reichstag groe Heiterkeit.

Die burschikose Art, wie Bismarck Lassalle zum Monarchisten stempelte,
bedarf keiner Widerlegung, sie wird auch durch Lassalles Schriften und
Briefe widerlegt. Immerhin war die Rolle Lassalles Bismarck gegenber
eine hchst eigenartige. Gesttzt auf sein sehr hohes Selbstgefhl und
seine unabhngige soziale Stellung glaubte er, mit Bismarck wie von
Macht zu Macht verhandeln zu knnen, noch ehe er eine Macht hinter sich
hatte. Wie das Spiel schlielich ausgegangen wre, darber braucht man
sich den Kopf nicht zu zerbrechen, da der Tod Lassalles, Ende August
1864, ihn als Partner beseitigte.

Bismarck bestritt ferner in jener Rede, da zwischen ihm und Lassalle
der Gedanke einer Oktroyierung des allgemeinen, gleichen, direkten und
geheimen Wahlrechts errtert worden sei. Ich konnte ihm das Gegenteil
nicht beweisen, glaubte aber den Worten Bismarcks nicht. Hier ist mir
Lassalle magebend, der in seiner Verteidigungsrede vor dem
Staatsgerichtshof in Berlin, 12. Mrz 1864, ffentlich sagte: "Und so
verknde ich Ihnen denn an diesem feierlichen Orte, es wird vielleicht
kein Jahr mehr vergehen--und Herr v. Bismarck hat die Rolle Robert Peels
gespielt und das allgemeine und direkte Wahlrecht ist oktroyiert."
Lassalle konnte ganz unmglich eine solche Sprache fhren, wre nicht in
seinen Unterhaltungen mit Bismarck die Oktroyierung des allgemeinen,
direkten Wahlrechts in Betracht gezogen worden. Wie schon angefhrt,
wurde dieser Gedanke, und zwar immer wieder, in konservativen Kreisen
sehr ernst errtert, und er fand im liberalen Lager vollen Glauben.
Auerdem war Bismarck, der gegen die Beschlsse der Kammer
verfassungswidrig regierte und im Juni 1863 wider Recht und Gesetz die
berchtigten Preordonnanzen erlie, nicht der Mann, der vor einer
Oktroyierung eines Wahlsystems zurckgeschreckt wre, wenn er sich
Nutzen davon versprach. Zudem wre ihm eine solche Oktroyierung von den
bisher politisch entrechteten Massen in Preuen nicht belgenommen
worden.

Welchen Charakter die Unterhandlungen Lassalles mit Bismarck angenommen
hatten, dafr sprechen zwei Briefe Lassalles, die erst viel spter
verffentlicht wurden, hier aber am besten ihren Platz finden.

Lassalle schrieb an Bismarck:

Exzellenz! Vor allem klage ich mich an, gestern vergessen zu haben,
Ihnen noch einmal ans Herz zu legen, da die _Whlbarkeit
schlechterdings allen Deutschen erteilt_ werden mu. Ein immenses
Machtmittel! Die wirkliche "moralische" Eroberung Deutschlands! Was die
Wahltechnik betrifft, so habe ich noch gestern nacht die gesamte
franzsische Gesetzgebungsgeschichte nachgelesen und da allerdings wenig
Zweckmiges gefunden. Aber ich habe auch nachgedacht und bin nunmehr
allerdings wohl in der Lage, Ew. Exzellenz die gewnschten Zauberrezepte
zur Verhtung der Wahlenthaltung wie der Stimmenzerbrckelung vorlegen
zu knnen. An der durchgreifenden Wirkung derselben wre nicht im
geringsten zu zweifeln.

Ich erwarte demnach die _Fixierung eines Abends seitens Ew. Exzellenz_.
Ich bitte aber dringend, den Abend so zu whlen, da wir nicht gestrt
werden. Ich habe viel ber die Wahltechnik und noch mehr ber anderes
mit Ew. Exzellenz zu reden, und eine ungestrte und erschpfende
Besprechung ist bei dem drngenden Charakter der Situation wirklich
unumgngliches Bedrfnis.

Der Bestimmung Ew. Exzellenz entgegensehend, mit ausgezeichneter
Hochachtung Ew. Exzellenz ergebenster

F. Lassalle.

Berlin, Mittwoch 13.1.64, Potsdamer Strae 13.

Und weiter:

Exzellenz! Ich wrde nicht drngen, aber die ueren Ereignisse drngen
gewaltig, und somit bitte ich, mein Drngen zu entschuldigen. Ich
schrieb Ihnen bereits Mittwoch, da ich die gewnschten
"Zauberrezepte"--Zauberrezepte von der durchgreifendsten
Wirkung--gefunden habe. Unsere nchste Unterredung wird, wie ich glaube,
endlich von entscheidenden Beschlssen gefolgt sein, und da, wie ich
ebenso glaube, diese entscheidenden Entschlsse unmglich lnger zu
verschieben sind, so werde ich mir erlauben, morgen (Sonntag) abend
8-1/2 Uhr bei Ihnen vorzusprechen. Sollten Ew. Exzellenz zu dieser Zeit
verhindert sein, so bitte ich, mir eine andere mglichst nahe Zeit
bestimmen zu wollen. Mit ausgezeichneter Hochachtung Ew. Exzellenz
ergebenster

F. Lassalle.

Sonnabend abend (16.1.64), Potsdamer Strae 13.

       *       *       *       *       *

Herr v. Keudell, der um jene Zeit im Auswrtigen Amt beschftigt wurde
und von dem Verkehr Bismarcks mit Lassalle wute, behauptete, Bismarck
habe den Verkehr mit Lassalle abgebrochen, weil letzterer immer
zudringlicher geworden sei. Der letzte der vorstehend abgedruckten
Briefe spricht fr eine solche Auffassung. Auf alle Flle war dieser
Verkehr Lassalles mit Bismarck, wie so manche seiner anderen Handlungen
im Jahre 1864, sehr bedenklich und konnte nur gewagt werden von einem
Manne wie er. Leider hat er mit diesem Verkehr und seinem sonstigen
Auftreten gegen das Ende seines Lebens anderen, die keine Lassalles
waren, ein Beispiel gegeben, das zum Betreten von Abwegen ermunterte.
Darber spter.

Bezeichnend ist in Bismarcks Rede vom 17. September 1878 auch die Art,
wie er sich mit den Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe, zum
Entsetzen der Liberalen, abfand. Nachdem er zugestanden, da er fter
stundenlange Unterhaltungen mit Lassalle gehabt und immer bedauert habe,
wenn diese zu Ende gewesen seien, fuhr er fort: "Er gebe zu, da
er mit Lassalle auch ber die Gewhrung von Staatsmitteln zu
Produktivgenossenschaften gesprochen, das sei eine Sache, von deren
Zweckmigkeit er noch heute berzeugt sei." Diesen Gedanken spann er
dann weiter aus. Die Bewilligung von 6000 Talern aus der Schatulle des
Knigs an die Weberdeputation aus dem Reichenbach-Neuroder Kreis zwecks
Errichtung einer Produktivgenossenschaft spricht auch dafr, da ihm
jedes Mittel recht war, einen Keil zwischen Arbeiterklasse und
Bourgeoisie zu treiben, um nach dem Grundsatz "teile und herrsche" sich
in der Macht zu halten.

Ich bin in der Schilderung der Ereignisse dem Gange der Dinge etwas
vorausgeeilt.

Kurze Zeit nach Eichlers Anwesenheit in Leipzig reisten Fritzsche,
Vahlteich und Dolge als Delegierte nach Berlin, um sowohl mit den
Fhrern der Berliner Arbeiter wie mit denen der Fortschrittspartei und
des Nationalvereins ber die obenerwhnten Punkte zu verhandeln. Da der
deutsche Arbeiterkongre erst Anfang 1863 und dann nach Leipzig berufen
werden sollte, darber einigte man sich rasch. Ebenso ber die
Tagesordnung des Kongresses, aus der der Punkt "Abhaltung einer
Weltausstellung in Berlin" gestrichen wurde. Eichler war mit anderen
Arbeitern im Sommer 1862 Besucher der Londoner Weltausstellung gewesen,
zu der der Nationalverein und eine Anzahl Gemeindevertretungen Arbeiter
geschickt hatten. Im ganzen besuchten etwa fnfzig Arbeiter unter
Fhrung von Max Wirth die Londoner Ausstellung. So war die Idee der
Berliner Weltausstellung entstanden.

Die Verhandlungen mit den Fhrern der Liberalen befriedigten die
Leipziger Delegierten sehr wenig, wie sie das unverhohlen nach ihrer
Rckkunft bei ihrer Berichterstattung mitteilten. Anfang 1863 hielt der
Nationalverein seine Generalversammlung in Leipzig ab. In einer
preuischen Stadt sie abzuhalten, durfte er nicht wagen, trotzdem er fr
die preuische Spitze arbeitete. Schulze-Delitzsch sprach am 3. Januar
in einer groen Versammlung im Tivoli, im jetzigen Volkshaus der
Leipziger Arbeiter, eine Umwandlung, die damals kein Mensch fr mglich
gehalten htte. Hier richtete Dr. Dammer an Schulze-Delitzsch das
Ersuchen, sich zu uern ber das Verhltnis des Nationalvereins zu den
Arbeitern. Schulze antwortete unter anderem, da die Arbeiter sich
allerdings um Politik kmmern sollten, aber, fuhr er fort, der Arbeiter,
der so schlecht gestellt ist, da er von der Hand in den Mund lebt, hat
der Zeit und Sinn, sich um ffentliche Angelegenheiten zu bekmmern?
Nein, wahrlich nicht! Die Befreiung aus dieser Armseligkeit des Daseins
sei fr jeden Volksfreund und fr Deutschland ganz besonders eine groe
nationale Aufgabe. Und rechte Arbeiter, die ihre Ersparnisse dazu
verwendeten, ihre Lage zu verbessern, "die begre ich hiermit im Namen
des Ausschusses als geistige Mitglieder, als Ehrenmitglieder des
Nationalvereins".

Diese Rede machte in den Kreisen der radikalen Arbeiter bses Blut, sie
zeigte, da der Nationalverein sich die Arbeiter als Mitglieder
fernhalten wollte, darum lehnte er die Zahlung von Monatsbeitrgen ab.
Als dann kurz nach jener Versammlung eine neue Deputation nach Berlin
ging--Dr. Dammer, Fritzsche, Vahlteich--, blieb diese ber die Gesinnung
der magebenden Persnlichkeiten gegenber den Arbeitern nicht mehr im
Zweifel. Da war es der junge Ludwig Lwe, der Grnder der bekannten
Waffenfabrik Ludwig Lwe & Co., der die Deputation zu Lassalle fhrte.
Hier fanden die drei, was sie suchten: Verstndnis fr ihre Forderungen
und bereitwilliges Entgegenkommen. Mit Lassalle wurde verabredet, da
der Arbeiterkongre weiter hinausgeschoben werden solle, bis er
(Lassalle) seine Ansichten ber die Stellung der Arbeiter in Staat und
Gesellschaft in einer besonderen Broschre niedergelegt habe, deren
Verbreitung das Leipziger Zentralkomitee bernehmen solle.

Ich mchte hier bemerken, da der Wandel bei den magebenden Personen in
der Leipziger Bewegung uerlich sich ziemlich rasch vollzog, und man
ihnen deshalb gegnerischerseits den Vorwurf der Wankelmtigkeit und
Unklarheit machte. So war noch im November 1862 in einer groen
Arbeiterversammlung auf Antrag Fritzsches beschlossen worden, ein
Komitee fr die Grndung eines Konsumvereins niederzusetzen. Und Anfang
Februar 1863, also zu einer Zeit, in der man bereits mit Lassalle in
Verbindung stand, berichtete Fritzsche ber eine Reise nach Gotha und
Erfurt, ber die dortigen Konsumvereine und beantragte die Grndung
eines solchen fr Leipzig. Einen Beschlu hierber verhinderte
Vahlteich, der erklrte, das Zentralkomitee habe die Frage bereits in
Erwgung gezogen. Das war von ihm sehr klug gehandelt, denn es htte
sich merkwrdig ausgenommen, einen Konsumverein in Leipzig zu einer Zeit
zu grnden, in der Lassalle bereits ber seinem Antwortschreiben sa, in
dem er bekanntlich die Konsumvereine als vollstndig wertlos fr die
Hebung der Lage der Arbeiter hinstellte.

Auch Vahlteich war um jene Zeit noch in vergleichsweise friedlicher
Stimmung. Ende 1862 verffentlichte er in der Leipziger "Mitteldeutschen
Volkszeitung" einen langen polemischen Artikel gegen Angriffe, die gegen
das Zentralkomitee erhoben worden waren, in dem er ausfhrte: da die
Pflicht gegen die zu erstrebende Zukunft der Arbeiter gebiete, die
_hchste Migung zu beobachten_. Dagegen ging Vahlteich in dieser
Erklrung schon ber Lassalle, der noch von einem Arbeiterstand sprach,
hinaus, indem er den Satz aufstellte: Einen besonderen Stand bilden die
Arbeiter nicht, aber _eine durch die faktischen Verhltnisse geschaffene
Klasse_. Mit dem Erscheinen des Lassalleschen Antwortschreibens trat
allerdings eine vollstndige Frontvernderung der Fhrer ein. Ihnen
daraus einen Vorwurf zu machen, wre verfehlt. In grenden Zeiten treten
Gesinnungswandlungen rasch ein. Der Denkproze wird beschleunigt. Drei
Jahre spter, als Deutschland der Katastrophe von 1866 entgegeneilte,
erging es mir und vielen meiner damaligen Gesinnungsgenossen ganz
hnlich. Die rasche Wandlung von einem Saulus zu einem Paulus vollzieht
sich auch ohne Wunder immer wieder.

Ich war Anfang November 1862 aus dem Zentralkomitee ausgeschieden. Meine
Stellung im Gewerblichen Bildungsverein nahm meine Zeit, meine Kraft und
mein Interesse im hchsten Mae in Anspruch. Da ich Abend fr Abend,
falls nicht eine Arbeiterversammlung oder eine Komiteesitzung mich
abhielt, im Verein zubrachte, lernte ich die Wnsche und Bedrfnisse der
Mitglieder besser kennen als die Vorsitzenden des Vereins. So wurde ich
bald der fleiigste Antragsteller in den Ausschusitzungen und
Monatsversammlungen. Meine Antrge konnten fast regelmig auf Annahme
rechnen. Dadurch wurde mein Einflu ein groer. Zu jener Zeit war ich
aber noch Arbeiter, das heit ich mute von morgens 6 bis abends 7 Uhr
an der Drehbank stehen mit Unterbrechung von im ganzen zwei Stunden fr
die Einnahme der Mahlzeiten. So wurde meine allzu groe Ttigkeit nach
verschiedenen Richtungen auch zu einer Geldfrage. Auerdem erschienen
mir die im Komitee und in den Versammlungen gepflogenen Debatten sehr
unklar und zwecklos, dadurch wurde mir der Austritt aus dem Komitee
erleichtert.

Am 6. Februar 1863 hatte ich noch eine Auseinandersetzung mit Vahlteich.
Dieser war fr den Vorwrts, ich fr den Gewerblichen Bildungsverein
Delegierter beim Stiftungsfest des Dresdener Arbeiterbildungsvereins.
Bei dem gemeinschaftlichen Essen hielt Vahlteich eine provokatorische
Rede, in der er in alter Weise ausfhrte, da die Arbeiter wohl
politische und humanitre Bildung sich aneignen, nicht aber auch
Elementarbildung pflegen sollten. Diese letztere den Arbeitern zu
gewhren sei Sache des Staates. Er brachte auf die erstere ein Hoch aus.
Das rief mich auf den Plan. Ich polemisierte gegen ihn und brachte ein
Hoch auf die allgemeine Bildung aus. Unser Auftreten machte natrlich
keinen erfreulichen Eindruck, aber auf die Vahlteichsche Provokation
konnte ich nicht schweigen, um so weniger, da der Dresdener Verein die
gleichen Ziele verfolgte wie der unsere.

FUSSNOTEN:

[1] Nachtrglich kommen mir die Memoiren des Geheimen Oberregierungsrats
Hermann Wagener (Erlebtes) zu Gesicht, in denen er mitteilt, da er mit
Lassalle und der Grfin Hatzfeldt und anderen Huptern der Sozialisten
(Schweitzer?) in Beziehung gestanden habe. Danach hat er also hchst
wahrscheinlich von Lassalle selbst dessen Programmgedanken kennen
gelernt und bei Eichler verwendet.




Lassalles Auftreten und dessen Folgen.


Anfang Mrz 1863 erschien Lassalles "Offenes Antwortschreiben an das
Zentralkomitee zur Berufung eines allgemeinen deutschen
Arbeiterkongresses zu Leipzig". Wenige Tage vor dieser Verffentlichung
hatte ich auf dem zweiten Stiftungsfest des Gewerblichen Bildungsvereins
die Festrede gehalten, in der ich mich gegen das allgemeine, gleiche,
geheime und direkte Wahlrecht aussprach, weil die Arbeiter dafr noch
nicht reif seien. Ich stie mit dieser Anschauung selbst bei einigen
meiner Freunde im Verein an. Ausnehmend gut gefiel dagegen die Rede
meiner spteren Braut und Frau, die mit ihrem Bruder das Fest besuchte.
Ich habe aber die begrndete Vermutung, da es mehr die Person des
Redners war, die ihr gefiel, als der Inhalt seiner Rede, der ihr damals
ziemlich gleichgltig gewesen sein drfte.

Das Antwortschreiben Lassalles machte auf die Arbeiterwelt nicht
entfernt den Eindruck, den in erster Linie Lassalle und nchst ihm der
kleine Kreis seiner Anhnger erwartet hatte. Ich selbst verbreitete die
Schrift in ungefhr zwei Dutzend Exemplaren im Gewerblichen
Bildungsverein, um auch die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen. Da die
Schrift auf die Mehrzahl der damals in der Bewegung stehenden Arbeiter
so wenig Eindruck machte, mag heute manchem unerklrlich erscheinen. Und
doch war es natrlich. Nicht nur die konomischen, auch die politischen
Zustnde waren noch sehr rckstndige. Gewerbefreiheit, Freizgigkeit,
Niederlassungsfreiheit, Pa- und Wanderfreiheit, Vereins- und
Versammlungsfreiheit waren Forderungen, die dem Arbeiter der damaligen
Zeit viel nher standen als Produktivassoziationen, gegrndet mit
Staatshilfe, von denen er sich keine rechte Vorstellung machen konnte.
Der Assoziations- oder sagen wir der Genossenschaftsgedanke war erst im
Werden. Auch das allgemeine Stimmrecht schien den meisten kein
unentbehrliches Recht zu sein. Einmal war, wie mehrfach hervorgehoben,
die politische Bildung noch gering, dann aber erschien der groen
Mehrzahl der Kampf des preuischen Abgeordnetenhaus gegen das
Ministerium Bismarck als eine tapfere Tat, die Untersttzung und
Beifall, aber keinen Tadel und keine Herabsetzung verdiene. Wer
politisch regsam war wie ich, verschlang die Kammerverhandlungen und
betrachtete sie als Ausflu politischer Weisheit. Die liberale Presse,
die damals die ffentliche Meinung weit mehr beherrschte als heute,
sorgte auch dafr, da dieser Glaube erhalten blieb. Die liberale Presse
war es jetzt auch, die mit einem Wut- und Hohngeschrei ber Lassalles
Auftreten herfiel, wie es bis dahin wohl unerhrt war. Die persnlichen
Verdchtigungen und Herabsetzungen regneten auf ihn nieder, und da es
vorzugsweise konservative Organe, zum Beispiel die "Kreuzzeitung",
waren, die Lassalle objektiv behandelten--weil ihnen sein Kampf gegen
den Liberalismus ungemein gelegen kam--, erhhte den Kredit Lassalles
und seiner Anhnger in unseren Augen nicht. Wenn wir uns endlich
vergegenwrtigen, da es selbst heute, nach einer mehr als
fnfundvierzigjhrigen intensiven Aufklrungsarbeit, noch Millionen
Arbeiter gibt, die den verschiedenen brgerlichen Parteien nachlaufen,
wird man sich nicht wundern, da die groe Mehrheit der Arbeiter der
sechziger Jahre der neuen Bewegung skeptisch gegenberstand. Und damals
lagen noch keine sozialpolitischen Erfolge vor, die erst viel spter
dank der sozialistischen Bewegung erzielt wurden. Pioniere sind immer
nur wenige.

Im Leipziger Komitee hatte Lassalles Auftreten die Wirkung, da dieses
sich spaltete und ebenso der Verein Vorwrts, der die Hauptsttze des
Komitees war. Professor Romler, Eisengieereibesitzer Gtz, ein
Bruder des Turner-Gtz in Lindenau-Leipzig, Dolge und eine grere
Anzahl Arbeiter im Verein erklrten sich gegen Lassalle. Fritzsche,
Vahlteich und Dr. Dammer mit einer Minderheit hinter sich wurden die
eigentlichen Trger der neuen Bewegung. In Leipzig fand dieselbe relativ
noch am meisten Anhang, Berlin versagte auf lange hinaus fast
vollstndig. Boden fand sie allmhlich in Hamburg-Altona, von wo aus sie
sich nach Schleswig-Holstein ausdehnte, dann in Hannover, Kassel,
Barmen-Elberfeld, Solingen, Ronsdorf, Dsseldorf, Frankfurt a.M., Mainz,
in einigen Stdten Thringens, wie Erfurt und Apolda, in Sachsen
auer Leipzig in Dresden, wo der Vorsitzende des Dresdener
Arbeiterbildungsvereins, Frsterling, sich mit einer kleinen Schar
Anhnger Anfang 1864 Lassalle anschlo; ferner in Augsburg.

Aber diese Ausbreitung war, wie gesagt, eine allmhliche und schwache
und entsprach sehr wenig den Hoffnungen, die Lassalle und seine Anhnger
hegten. Die hunderttausend Mitglieder, die er im Antwortschreiben in dem
von ihm zur Grndung vorgeschlagenen Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein als eine groe politische Macht ansah, hoffte er in nicht
ferner Zeit zu sehen. Es hat bekanntlich noch lange gedauert, ehe die
sozialistische Bewegung auf diese Zahl organisierter Anhnger rechnen
konnte.

Gegen Ende Mrz legte das Leipziger Komitee in einer groen
Arbeiterversammlung sein Mandat nieder und beantragte, ein neues Komitee
zu whlen, das die Grndung des von Lassalle vorgeschlagenen Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins betreiben sollte. Nach einer sehr erregten
Debatte erklrte sich die Mehrheit der Versammlung fr diesen Plan. Dr.
Dammer, Fritzsche und Vahlteich wurden mit der neuen Aufgabe betraut.

Am 16. April kam endlich Lassalle selbst nach Leipzig, um in einer
groen Versammlung zu sprechen, die wie die meisten groen Versammlungen
jener Zeit im Odeon in der Elsterstrae abgehalten wurde. Die Rede ist
unter dem Titel "Zur Arbeiterfrage" erschienen. Die Versammlung war von
ungefhr 4000 Personen besucht, von denen aber ein erheblicher Teil noch
vor Schlu derselben das Lokal verlie. Die Liberalen waren unter
Fhrung eines Kaufmanns Kohner auf der der Rednertribne
gegenberliegenden Galerie postiert und unterbrachen den Redner fter
durch Zwischenrufe. Die Vorbereitungen fr den Redner waren etwas
eigenartige. Der Rand des Katheders, von dem Lassalle sprach, war mit
Bchern, darunter schwere Folianten, bepackt, als sollte es zu einer
Disputation  la Luther kontra Eck kommen.

Lassalle scheint geglaubt zu haben, da er eine schwere Opposition
finden werde, die er widerlegen msse, was nicht der Fall war. Sein
persnliches Auftreten war nicht jedem sympathisch. Von hoher,
schlanker, aber krftiger Gestalt stand Lassalle sehr herausfordernd auf
dem Katheder, wobei er fter bald eine, bald beide Hnde in die
Armlcher seiner Weste steckte. Er sprach flieend, manchmal pathetisch,
doch schien es mir, als stoe er leicht mit der Zunge an. Er endete
unter strmischem Beifall eines groen Teiles der Versammlung, dem der
andere mit Zischen antwortete.

Nach Lassalle ergriff Professor Romler das Wort und verlas eine
lngere Erklrung, in der er ausfhrte: er wisse, da er keine Mehrheit
in diesem Saale fr seine Ansichten habe, aber er hoffe, da die
Einsicht noch kommen werde. Er protestiere gegen die Angriffe, die
Lassalle gegen die deutsche Fortschrittspartei erhoben habe, er
protestiere weiter gegen das Bestreben, die Arbeiter und die
Fortschrittspartei zu trennen und eine besondere Arbeiterpartei zu
bilden. Lassalle antwortete kurz und auffallend entgegenkommend. Er
meinte, ihm schienen die Differenzen zwischen Romler und ihm mehr
taktischer als prinzipieller Natur zu sein. Man hatte offenbar im
Lassalleschen Lager noch Hoffnung, Romler herberziehen zu knnen.
Auerdem waren Fritzsche und Vahlteich warme Verehrer Romlers wegen
des Kampfes, den er gegen Kirche und Pfaffentum fhrte. Beide gehrten
mit Romler der deutsch-katholischen Gemeinde an, die in Leipzig
bestand, beiden tat die Trennung von Romler weh.

Lassalle gengte nicht der Beifall der Masse, er legte groes Gewicht
darauf, Mnner von Ansehen und Einflu aus dem brgerlichen Lager auf
seiner Seite zu haben, und er gab sich groe Mhe, solche zu gewinnen.
Wohl trat in Leipzig Professor Wuttke auf seine Seite, aber mit dessen
sonstiger politischer Stellung war das nicht leicht zu vereinbaren.
Wuttke war Grodeutscher, und zwar mit starker Neigung fr Oesterreich.
Als solcher war er auch Mitglied des Parlaments in Frankfurt a.M.
gewesen. Er und Romler waren politische und persnliche Gegner.
Auerdem war Wuttke grimmiger Gegner der kleindeutschen
Fortschrittspartei und des Nationalvereins--zwei Organisationen, deren
Angehrige fast ein und denselben Personenkreis bildeten. Da nun
Lassalle gegen die Fortschrittspartei vorging, fand er Wuttkes
lebhaftesten Beifall. Ein tieferes soziales Verstndnis besa Wuttke
nicht, der nebenbei bemerkt ein glnzender Redner war und ein schnes
Organ besa. Die kleine, gebckte, schwarzhaarige Gestalt hatte etwas
Gnomenhaftes. Der Brief Wuttkes an Lassalle, der in der erwhnten
Leipziger Versammlung zum Verlesen kam, besttigt meine Auffassung von
Wuttkes Stellung. Zweifellos hat auch Lassalle Wuttke richtig
eingeschtzt, aber es gengte ihm, da Wuttke scheinbar auf seiner Seite
stand.

Ich bemerke hier, ich schreibe keine Geschichte der Gesamtbewegung,
sondern schildere nur meine persnlichen Erlebnisse und Beziehungen in
derselben. Wer sich mit der Geschichte der Gesamtbewegung vertraut
machen will, den verweise ich auf Mehrings Geschichte der deutschen
Sozialdemokratie und Bernsteins Geschichte der Berliner
Arbeiterbewegung.

       *       *       *       *       *

Mit dem Auftreten Lassalles und der Grndung des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins, die am 23. Mai 1863 in Leipzig erfolgte, war das Signal
gegeben zu erbitterten Kmpfen innerhalb der Arbeiterwelt, die sich von
jetzt ab whrend einer ganzen Reihe Jahre abspielten und in denen oft
Szenen vorkamen, die jeder Beschreibung spotten. Die Erbitterung wuchs
mit den Jahren hben und drben, und da Arbeiter nicht an den Salonton
gewhnt sind--der brigens auch bei denen versagt, die stolz auf
denselben zu sein pflegen, sobald sie untereinander in starke
Meinungsverschiedenheiten geraten--, so flogen die derbsten Grobheiten
und Beschuldigungen herber und hinber. Nicht selten kam es aber auch
zu Raufereien und Gewaltszenen in den Versammlungen, in denen die beiden
Gegner aufeinanderplatzten, was zur Folge hatte, da fter die Wirte
ihre Sle fr Versammlungen verweigerten. Ein Hauptstreben jeder Seite
war in den Versammlungen, die Leitung in die Hand zu bekommen; es begann
also in der Regel schon der Kampf um den Vorsitz. Als ich einmal in
einer Chemnitzer Arbeiterversammlung entdeckte, da die Lassalleaner, um
eine Mehrheit zu erlangen, beide Hnde in die Hhe hoben, forderte ich
auf: es sollten nunmehr beide Parteien beide Hnde in die Hhe heben.
Unter groem Jubel wurde der Vorschlag angenommen. Jetzt unterlagen die
Lassalleaner.

Der einzige Vorteil dieser Meinungskmpfe war, da beide Teile die
grten Anstrengungen machten, ihren Anhang zu vermehren. Das geschah
erst recht, als einige Jahre spter die Seite, der ich angehrte, sich
ebenfalls zum Sozialismus bekehrte, aber ihre eigenen Organisationen
schuf und ihre Kmpfe gegen den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
fhrte, der sich von 1867 an in zwei ungleich starke Fraktionen
spaltete. Aber Kraft, Geld und Zeit wurden in jener, fast ein Jahrzehnt
dauernden gegenseitigen Bekmpfung in unerhrter Weise verschwendet, zur
Freude der Gegner.

In Leipzig hatte das Aufkommen des Lassalleanismus die Wirkung, da die
alten Differenzen zwischen dem Gewerblichen Bildungsverein und dem
Verein Vorwrts verschwanden und endlich im Februar 1865 eine
Vereinigung unter dem Namen Arbeiterbildungsverein herbeigefhrt wurde.
Die Polytechnische Gesellschaft hatte lngst die Bevormundung des
Gewerblichen Bildungsvereins aufgegeben, die sich als eine
Sisyphusarbeit erwies. Auerdem erkannte auch die schsische Regierung,
da es mit dem alten Bundestagsbeschlu von 1856 nicht mehr gehe; sie
lie wohl oder bel die Zgel schleifen. Hatte doch sogar der Allgemeine
Deutsche Arbeiterverein als Sitz Leipzig erkoren, obgleich dessen
Tendenz ganz offensichtlich mit dem Bundestagsbeschlu in Widerspruch
stand. Die Regierung zog schlielich die Konsequenzen und erklrte am
20. Mrz 1864 jenen Bundestagsbeschlu fr aufgehoben.

Es ist eine Erfahrung, die wir seitdem fter machten, da alle Gesetze
und Unterdrckungsmaregeln, die eine Bewegung hintanhalten oder
unterdrcken sollen, versagen und ihre praktische Wirksamkeit
berwunden wird, sobald die Bewegung sich als naturnotwendig und deshalb
als unberwindlich herausstellt. Die Behrden verlieren schlielich
selbst den Glauben an ihre Macht und stellen den hoffnungslos
gewordenen Kampf ein. So war es zu jener Zeit auch mit den
vereinsgesetzlichen Bestimmungen in Sachsen, so war es bald darauf mit
den Arbeiterkoalitionsverboten in Preuen und anderen Staaten, die
einfach nicht mehr beachtet wurden.

Die Lohnkmpfe durch Arbeitseinstellungen begannen, allen
Koalitionsverboten zum Trotz, noch whrend die weisen Herren in der
Regierung darber berieten: ob man diese Verbote ganz aufheben oder wie
weit man sie aufheben solle. Dieselbe Erfahrung machte spter die
deutsche Sozialdemokratie unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes,
unter dem die Behrden schlielich es auch als unmglich ansehen muten,
die Versammlungs- und Organisationsverbote und die Unterdrckung der
Bltter und Literatur in derselben Weise fortzufhren, wie das in den
ersten Jahren unter dem Sozialistengesetz geschehen war. Dieselbe
Erfahrung hat noch spter auch die Frauenbewegung in denjenigen
deutschen Staaten gemacht, in denen es den Frauen verboten war, sich in
politischen Vereinen zu organisieren oder an politischen
Vereinsversammlungen teilzunehmen. Praktisch waren diese Verbote lngst
berwunden, ehe man sich von seiten der Regierungen endlich entschlo,
durch Gesetz zu sanktionieren, was tatschlich bereits, dem frheren
Verbot zum Trotze, bestand. Gesetze hinken stets hinter den Bedrfnissen
drein, sie kommen nie einem solchen zuvor.

Im Leipziger Arbeiterbildungsverein wurde ich bei der notwendig
gewordenen Neukonstituierung zum zweiten Vorsitzenden gewhlt, eine
Stellung, die ich bereits in der letzten Zeit im Gewerblichen
Bildungsverein innehatte. Und als der erste Vorsitzende Dr. med.
Reyher--ein Schler Professor Bocks--bald darauf sein Amt niederlegte,
rckte ich an dessen Stelle, eine Stellung, die ich bis zum Jahre 1872
innehatte, in welchem Jahre ich meine Festungshaft antreten mute, die
mir wegen angeblicher Vorbereitung zum Hochverrat wider das Deutsche
Reich zuerkannt worden war.

Der Arbeiterbildungsverein erhielt vom Jahre 1865 ab eine jhrliche
stdtische Untersttzung von 500 Taler, die ihm hauptschlich fr
Ermietung besserer Lokalitten und Aufrechterhaltung des Unterrichts
gewhrt wurde. Als aber in den nchsten Jahren der Verein, der
politischen Mauserung seines Vorsitzenden folgend, ebenfalls immer mehr
nach links abschwenkte, wurde dieselbe von der stdtischen Vertretung
zunchst auf 200 Taler herabgesetzt. Und als der Verein im
Jahre 1869 sich fr das Programm der zu Eisenach neugegrndeten
sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands erklrte, eine
Entscheidung, die nach einer Redeschlacht, die drei Abende in Anspruch
nahm, mit groer Mehrheit getroffen wurde, verlor er im nchsten Jahre
den Rest der Subvention. Der Liberalismus untersttzt nur politisch
brave und gehorsame Kinder, denn die Unterrichtszwecke des Vereins
hatten unter seiner politischen Wandlung nicht im geringsten gelitten.




Der Vereinstag der deutschen Arbeitervereine.


Die Zahl der Arbeitervereine war namentlich in Sachsen erheblich
geworden. Auer uns in Leipzig arbeiteten Julius Motteler, den ich 1863
auf dem Stiftungsfest des Gewerblichen Bildungsvereins in Leipzig kennen
lernte, und Wilhelm Stolle in Crimmitschau, Kupferschmied Frsterling,
bevor er zu den Lassalleanern berging, und Schuhmacher A. Knfel in
Dresden, Weber Pils in Frankenberg, die Weber Lippold und Franz in
Glauchau, Buchbinder Werner in Lichtenstein-Callnberg, Weber Bohne in
Hohenstein-Ernstthal usw. an der Grndung von Arbeitervereinen. Unsere
Wirksamkeit dehnten wir auch auf Thringen aus. Im unteren Erzgebirge
waren unter der Wirker- und Weberbevlkerung Dutzende von
Arbeiterlesevereinen gegrndet worden, in denen ein reges geistiges
Leben herrschte. Aehnliche Erscheinungen zeigten sich auch im brigen
Deutschland. Namentlich wurden in Wrttemberg eine groe Zahl
Arbeitervereine gegrndet, die bereits 1865 sich zu einem Gauverband
zusammenschlossen und bald darauf ein eigenes Organ ins Leben riefen.
Auch in Baden und dem Knigreich Hannover traten viele Arbeitervereine,
meist Bildungsvereine, ins Leben.

Die Rhrigkeit und Geschlossenheit, mit der andererseits die
Lassalleaner arbeiteten, rief auch auf der Gegenseite das Bedrfnis nach
Zusammenschlu hervor. Dieser Zusammenschlu konnte aber nur ein loser
sein, denn ein gemeinsames festes Ziel, wie es die Lassalleaner hatten,
fr das sie mit Begeisterung und Opfermut kmpften, fehlte den Vereinen.
Das einzige, in dem wir einig waren, war die Gegnerschaft gegen die
Lassalleaner, und da man angeblich keine Politik in den Vereinen
treiben wolle. Tatschlich aber suchten die Leiter der meisten dieser
Vereine oder ihre Hintermnner den Verein, auf den sie Einflu hatten,
fr ihre Parteipolitik zu gewinnen. Zu diesen Vereinen waren alle
Nuancen der brgerlichen Parteien jener Zeit vertreten. Vom
republikanischen Demokraten bis zum rechtsstehenden Nationalvereinler,
aus deren Mitte spter (1867) die nationalliberale Partei gebildet
wurde. Indes lsten sich schon 1865 die radikalen, grodeutsch gesinnten
Elemente vom Nationalverein los und bilden die demokratische
Volkspartei, deren Organ das in Mannheim erscheinende "Deutsche
Wochenblatt" wurde.

Einstweilen vertrug man sich in den Vereinen so gut es ging. Die
politische Situation drngte noch zu keiner klaren Entscheidung, denn
der Verfassungskampf gegen das Ministerium Bismarck in Preuen machte
ein geschlossenes Zusammengehen ntig. Der Deutsche Reformverein, der
sich im Gegensatz zum Nationalverein gebildet hatte und fr die
Beibehaltung von Gesamtsterreich zum Deutschen Reiche eintrat, war ein
Sammelsurium von sddeutsch-partikularistischen und sterreichischen
Elementen mit stark ultramontanem Einschlag. Dieser hatte fr die
Arbeiterbewegung keine Bedeutung. Sein Eintreten fr die sterreichische
Bundesreform, die in der Hauptsache in einem deutschen Parlament
bestand, das aus den Landtagen der einzelnen Staaten gewhlt werden
sollte, erweckte nirgends Sympathien. Zu einer klaren Stellungnahme in
der deutschen Frage kam man brigens in den Arbeitervereinen nicht,
ebensowenig in der schleswig-holsteinschen Frage, die mit dem Jahre 1864
anfing, sehr aktuell zu werden.

Die Arbeiterbewegung hatte auch im Westen Deutschlands, insbesondere im
Maingau, Boden gefat. In Frankfurt a.M. kam es gelegentlich eines
Arbeitervereinstags, den der Frankfurter Arbeiterbildungsverein, 29. Mai
1862, einberufen hatte, zu scharfen Auseinandersetzungen ber die
politische Stellung der Arbeiter. Hier trat der Rechtsanwalt J.B.v.
Schweitzer--der spter eine Hauptrolle in der Bewegung spielte--fr eine
besondere politische Organisation der Arbeiter ein, offenbar unter dem
Einflu von Lassalles Vortrag: Ueber den besonderen Zusammenhang der
gegenwrtigen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes.
Seitdem hrten auch im Maingau die Meinungskmpfe nicht auf. Das
Erscheinen von Lassalles Antwortschreiben schrte das Feuer. In
Frankfurt machte sich jetzt auch Bernhard Becker bemerklich, in dem ich
eine Reihe Jahre spter einen mig veranlagten und eitlen Menschen
kennen lernte, der auch ungelenk in der Rede war. Der Versuch, auf einem
Arbeitertag in Rdelheim--19. April 1863--, auf dem Professor Louis
Bchner einen Vortrag ber Lassalles Programm hielt, eine Erklrung
gegen Lassalle durchzusetzen, miglckte. Dagegen erschien Lassalle
selbst am 17. Mai in Frankfurt a.M., um seine Sache zu vertreten.
Schulze-Delitzsch, der ebenfalls eingeladen war, entschuldigte sein
Fernbleiben durch Ueberhufung mit Geschften. Er tat wohl daran. Wie
ich spter Schulze-Delitzsch persnlich kennen lernte, wre er Lassalle
gegenber in jeder Beziehung unterlegen. Sonnemann, der vor Lassalle
sprach, hatte dieses Schicksal.

Die Antwort auf jene Vorgnge im Maingau war ein Ausruf, datiert vom 19.
Mai, durch den die deutschen Arbeitervereine zu einem Vereinstag nach
Frankfurt a.M. fr den 7. Juni 1863 eingeladen wurden. Unterzeichnet war
der Aufruf vom Zentralkomitee der Arbeiter des Maingaus, von den
Arbeitervereinen Berlin, Kassel, Chemnitz und Nrnberg und dem
Handwerkerverein zu Dsseldorf.

In dem Aufruf wurde dem Leipziger Zentralkomitee die Schuld beigemessen,
die Einberufung eines Arbeiterkongresses auf lange hinaus unmglich
gemacht zu haben. Der Bewegung selbst liege aber "ein so wichtiger und
fruchtbarer Gedanke von so weittragender Bedeutung fr eine friedliche,
glckliche Entwicklung der Wohlfahrt unseres ganzen Volkes und
Vaterlandes zugrunde, da sie durch den Migriff einzelner in ihrem
gesunden Verlauf nimmermehr gestrt werden drfe. Es sei die Pflicht
aller, denen die Sache selbst am Herzen liege, mit allen Krften zu
verhten, da nicht das Ende eines durch Verschulden einzelner
verfehlten Versuchs der Anfang einer unheilvollen Spaltung und
Zersplitterung der ganzen Bewegung werde."

Diese Spaltung war aber bereits vorhanden, und sie war, wie ich spter
erkannte, eine historische Notwendigkeit. Auf dem Vereinstag in
Frankfurt a.M. waren 54 Vereine aus 48 Stdten und einer freien
Arbeiterversammlung (Leipzig) durch 110 Delegierte vertreten. Wre die
Einberufung des Vereinstags nicht Hals ber Kopf erfolgt, so da sie
einer Ueberrumplung hnlich sah, was den Einberufern in der
Vorversammlung auch vorgehalten wurde, die Vertretung wre eine
erheblich strkere geworden. Der Leipziger Gewerbliche Bildungsverein
whlte mich mit 112 von 127 Stimmen zu seinem Vertreter. Auerdem waren
in einer Leipziger Arbeiterversammlung Professor Romler und der
Werkfhrer Bitter als Delegierte gewhlt worden.

Als ich in Frankfurt in der Vorversammlung erschien, wurde ich August
Rckel, der Vorsitzender des Lokalkomitees war, vorgestellt, der mich
mit den Worten anredete: "Nun, ihr Sachsen, habt ihr endlich
ausgeschlafen? Es wird Zeit." Etwas gergert antwortete ich: "Wir sind
frher aufgestanden als viele andere!" Rckel lachte, er habe es nicht
bs gemeint.

Unter den Delegierten befanden sich unter anderen Hermann Becker, der
rote Becker, der seinerzeit im Klner Kommunistenproze zu langer
Festungshaft verurteilt worden war, Eugen Richter, den man kurz zuvor
wegen seiner politischen Ttigkeit als Assessor gemaregelt hatte,
ferner Julius Knorr aus Mnchen, der Besitzer der "Mnchener Neuesten
Nachrichten", die damals als ein kleines Blttchen erschienen, aber
ihrem Besitzer ein groes Vermgen einbrachten.

Ob der rote Becker seinen Beinamen seinem roten Haare, das nur noch
sprlich den mchtigen Kopf bedeckte, und seinem kurz geschnittenen
roten Schnurrbart oder seiner frheren roten Gesinnung verdankte, wei
ich nicht. Becker war ein groer, stattlicher, sehr jovialer Herr, dem
man die Freude an einem guten Tropfen und einem guten Bissen vom Gesicht
ablesen konnte. Er war auch mitteilsam und gesprchig, im Gegensatz zu
Eugen Richter, dessen frostiges, zurckhaltendes Wesen mir schon damals
auffiel; Richter machte den Eindruck, als she er uns alle mit
souverner Geringschtzung an. Der Zufall wollte, da ich eines Tages in
der Mittagspause mit Becker, Eugen Richter und einigen anderen
Delegierten einen Spaziergang um die Stadtpromenade machte. Hierbei kam
die Unterhaltung auch auf Lassalle. Becker uerte, Lassalle habe nur
aus verletzter Eitelkeit, weil die Fortschrittspartei ihn nicht auf den
Schild gehoben und ihm kein Landtagsmandat verschaffte, sein
Pronunziamento gegen sie unternommen. Wie Guido Wei erzhlte, hatte der
alte Waldeck geuert, es sei ein Fehler, da man Lassalle
zurckgestoen habe. Ferner deutete Becker an, Lassalle habe auch
durch allerlei Frauengeschichten "sittliche Bedenken" in der
Fortschrittspartei hervorgerufen, was in Anbetracht der "sittlichen
Verfehlungen", die andere Fhrer der Fortschrittspartei jener Zeit sich
zuschulden kommen lieen, etwas nach Heuchelei aussah. Becker machte
seine Aeuerungen, wie ich bemerken will, ohne Animositt gegen
Lassalle, wie er sich denn berhaupt nie zu Angriffen gegen seine
ehemaligen Parteigenossen hinreien lie, im Gegensatz zu Miquel, der
spter auch fr das Sozialistengesetz stimmte.

Die Leitung des Vereinstags wurde Handelsschuldirektor Rhrich-Frankfurt
a.M. als erstem und Dittmann-Berlin als zweitem Vorsitzenden bertragen.
Als ersten Punkt der Tagesordnung hatte Romler einen Antrag
eingebracht, der fast einstimmige Annahme fand und lautete:

"Der erste Vereinstag deutscher Arbeiter- und Arbeiterbildungsvereine
stellt an die Spitze seiner Beratungen und Beschlsse den Ausspruch, da
er es fr erste Pflicht der in ihm vertretenen und aller Arbeitervereine
sowohl als berhaupt des gesamten Arbeiterstandes hlt, bei der
Verfolgung seines Strebens nach geistiger, politischer, brgerlicher und
wirtschaftlicher Hebung des Arbeiterstandes einig unter sich, einig mit
allen nach des deutschen Vaterlandes Freiheit und Gre Strebenden,
einig und mithelfend zu sein mit allen, welche an der Veredlung der
Menschheit arbeiten."

Diese Resolution drckt mehr als lange Reden den Standpunkt des
Vereinstags aus. Obgleich diese Resolution direkt gegen den
Lassalleanismus gerichtet war, wie die ganzen Verhandlungen des
Vereinstags, wurde, soweit ich mich erinnere, der Name Lassalle nur von
einem Redner erwhnt. Diese Ignorierung geschah nicht auf Verabredung;
es ist wohl anzunehmen, sie geschah, weil man an die Zukunft der von
Lassalle hervorgerufenen Bewegung noch nicht glaubte oder auch, weil
man ihm nicht die Ehre antun wollte, seinen Namen zu nennen. Ueber
den zweiten Punkt der Tagesordnung: Wesen und Zweck der
Arbeiterbildungsvereine, referierte Eichelsdrfer-Mannheim, der auf der
linken Seite der Versammlung stand. Ich beteiligte mich ebenfalls an der
Debatte. Bemerkenswert ist, da ein Amendement Dittmanns, das
forderte, da die Vereine auch Lehrkrfte fr Ausbildung in der
Volkswirtschaftslehre und in der Kenntnis der Landesgesetzgebung zu
gewinnen suchen sollten, mit 25 gegen 25 Stimmen abgelehnt wurde. Dem
Arbeiter von heute ist diese Rckstndigkeit kaum begreiflich.

Ein anderer Punkt der Tagesordnung bildete die Forderung nach
Beseitigung der Hemmnisse, die der Freiheit der Arbeit entgegenstnden,
ber den Dittmann referierte. Seine Resolution forderte Gewerbefreiheit,
Freizgigkeit und Beseitigung der Erschwernisse der Eheschlieung. Ein
weiterer Punkt der Tagesordnung betraf die Stellung der Arbeiter zu den
Spar- und Vorschuvereinen, den Konsum- und Produktivgenossenschaften,
deren Grndung der Vereinstag den Arbeitern empfahl. Desgleichen empfahl
er Grndung von Genossenschaften zur gemeinschaftlichen Benutzung von
Werksttten mit Triebkrften, als das beste Mittel zur Frderung des
nationalen Wohles und der brgerlichen Selbstndigkeit der Arbeiter. In
dieser Resolution wurde besonders darauf hingewiesen, da dieses alles
nach Schulze-Delitzschen Vorschlgen durchgefhrt werden solle. Auch
sollten Arbeiter und Arbeitgeber gemeinsam das Zustandekommen solcher
Genossenschaften frdern, eine Auffassung, die nur in einer auf
kleinbrgerlichem Standpunkt stehenden Versammlung Zustimmung finden
konnte. Endlich sprach sich der Vereinstag fr Schaffung von Alters- und
Invalidenversicherungskassen aus, die geeignet seien, "manche Sorge
wenigstens teilweise zu beseitigen". Hier lag wenigstens keine
Ueberschtzung dieser Kassen vor. In der Organisationsfrage wurde die
Grndung von Gauverbnden mit monatlichen Zusammenknften der
Delegierten befrwortet, um die Grndung neuer Vereine zu frdern und
unter den bestehenden Vereinen den Verkehr zu unterhalten. Ich nahm bei
diesem Punkte das zweitemal das Wort, um mich gegen die Zulassung von
Vertretern freier Arbeiterversammlungen auszusprechen. Gesttzt auf
meine damaligen Erfahrungen fhrte ich aus, da mir diese Versammlungen
bisher nicht imponiert htten. Es fehle den Teilnehmern die
vorbereitende Aufklrung, die in den Vereinen erreicht wrde, und so
folgten sie dem augenblicklichen Eindruck, den ein gewandter Redner
erziele. Die Fuangeln der Vereinsgesetze frchtete ich einstweilen
nicht, bisher htte man uns wenigstens in Sachsen gewhren lassen, doch
knne ein Rckschlag kommen. Gauverbnde hielt ich fr ntzlich. Diese
Ausfhrungen riefen meinen Leipziger Widerpart Bitter auf die Tribne,
der gegen mein Urteil ber den Wert der Arbeiterversammlungen
protestierte. Diese seien viel besser, als ich sie schilderte, und mit
Rcksicht auf die Mglichkeit, da man das Vereinsgesetz wieder scharf
gegen uns anwende, mten wir uns die Vertretung durch freie
Arbeiterversammlungen als Rckendeckung sichern.

Die schlielich angenommene Organisation lautete:

       *       *       *       *       *

I. Es sollen periodisch, in der Regel alljhrlich, freie Vereinigungen
von Vertretern der deutschen Arbeitervereine stattfinden, um durch einen
lebendigen persnlichen Austausch von Ansichten und Erfahrungen unter
den Arbeitern selbst das Verstndnis ihrer wahren Interessen zu
erweitern und diese Erkenntnisse in immer ausgedehnteren Kreisen zur
Anerkennung zu bringen.

II. Gegenstand der Verhandlungen ist alles, was auf die Wohlfahrt der
arbeitenden Klassen von Einflu sein kann.

III. Zutritt zu den Versammlungen haben die Vertreter von deutschen
Arbeitervereinen, welche sich als solche auf dem Vereinstag durch
schriftliche Vollmacht legitimieren. Ausnahmsweise knnen auch Vertreter
freier Arbeiterversammlungen zugelassen werden, wenn der stndige
Ausschu, dem berhaupt die Prfung der Vollmachten obliegt, sie zult.
Verweigert der Ausschu die Zulassung, so ist Appellation an den
Vereinstag gestattet. Jeder Verein kann einen oder mehrere bis zu fnf
Abgeordneten senden, hat aber bei Abstimmungen nur eine Stimme. Jeder
Abgeordnete kann nur einen Verein vertreten. Die Vereine, welche an
einem Vereinstag teilgenommen haben, werden jedesmal brieflich
eingeladen. Gleichzeitig wird die Einladung in mglichst vielen
Blttern, jedenfalls aber in der "Deutschen Arbeiterzeitung" in Koburg
und in dem Frankfurter "Arbeitgeber" verffentlicht. Jeder Verein,
welcher sich auf dem Vereinstag vertreten lt, hat einen Beitrag von
zwei Taler fr jeden Vereinstag zu bezahlen. Denselben Beitrag haben
diejenigen Vereine zu leisten, welche zwar keinen Vertreter entsenden,
doch aber alle Berichte und Drucksachen zugesandt haben wollen.

IV. Jeder Vereinstag whlt einen stndigen Ausschu von zwlf
Mitgliedern, welcher mit der Besorgung nachfolgender Geschfte
beauftragt ist: 1. Der Ausschu bestimmt Ort und Zeit des
nchstfolgenden Vereinstags, sofern darber von der letzten Versammlung
nicht ausdrcklich beschlossen worden ist, und trifft die ntigen
Vorbereitungen an dem Orte der Zusammenkunft. 2. Er erlt die
Einladungen und Bekanntmachungen, nimmt die Anmeldungen entgegen,
fertigt die Eintrittskarten aus, empfngt die Beitrge, bestreitet die
Ausgaben und fhrt die Rechnungen darber. 3. Er stellt eine vorlufige
Tagesordnung auf und bestellt nach Magabe derselben die
Berichterstatter und bildet die vorberatenden Kommissionen vorbehaltlich
der Besttigung oder Abnderung der Beschlsse des Vereinstags. 4. Er
sorgt in der Zwischenzeit bis zum nchsten Vereinstag fr die Frderung
der Zwecke und die Ausfhrung der Beschlsse des Vereinstags. 5. Der
Ausschu ernennt seinen Vorsitzenden und bestimmt ber die Verteilung
der Geschfte unter seine Mitglieder; er legt dem Vereinstag die
Rechnungen zur Prfung und Genehmigung vor. Die Sitzungen des
Ausschusses finden immer am Wohnort des jeweiligen Vorsitzenden statt.
Zur Gltigkeit eines Beschlusses ist die Einladung smtlicher, die
Mitwirkung von wenigstens sieben Mitgliedern und die einfache Majoritt
der Abstimmenden erforderlich. Die Beschlufassung kann auch auf
schriftlichem Wege erfolgen. Eintretende Lcken ergnzt der Ausschu
und wenn die beschlufhige Anzahl nicht zu erlangen sein sollte, der
Prsident.

V. Die Geschftsordnung fr die Verhandlungen des Vereinstags wird von
demselben festgesetzt.

VI. Der Vorsitzende des Ausschusses leitet bei den Vereinstagen die
Verhandlungen, bis die Versammlung ihren Prsidenten erwhlt hat.

VII. Die Sitzungen des Vereinstags sind ffentlich.

       *       *       *       *       *

In den stndigen Ausschu wurden unter anderen gewhlt: Sonnemann, Max
Wirth aus Frankfurt a.M., Eichelsdrfer-Mannheim, Dittmann-Berlin usw.
Die Seele dieser neuen Organisation wurde Sonnemann, der die
Sekretrarbeiten und die eigentliche Leitung bernahm.

Die Mittel, die dem Ausschu aus der Organisation zur Verfgung standen,
waren sehr unbedeutend, und selbst den geringen Beitrag von zwei Taler
pro Jahr zahlten viele Vereine nicht. Opfer fr einen gemeinsamen Zweck
zu bringen, dafr waren damals die antisozialistischen Arbeitervereine
nicht zu haben, darin unterschieden sie sich sehr unvorteilhaft von den
Lassalleanern. Weil die Mittel fehlten, wandte sich der Ausschu im
Laufe des Sommers an den Nationalverein und erhielt von diesem 500
Taler, die auch in den nchsten zwei Jahren gezahlt wurden. Ebenso
wandte sich Sonnemann persnlich an eine Reihe groer Unternehmer, um
von diesen Mittel zu erhalten. Aber die Abneigung gegen alles, was
Arbeiterverein heit, war schon damals instinktiv bei unseren Bourgeois
vorhanden, und so flossen von dieser Seite die Beitrge sehr sprlich.

Hier mchte ich auf einen Vorfall zu sprechen kommen, der sich zwar erst
im bernchsten Jahre (Sommer 1865) abspielte, aber vierzig Jahre spter
in der "Klnischen Zeitung" in einer fr mich ungnstigen Weise
auszunutzen versucht wurde.

In Sachsen war der Kampf gegen die Anhnger Lassalles besonders heftig.
Die fr jene Zeit hochentwickelten industriellen Verhltnisse in Sachsen
schienen fr die sozialistischen Ideen einen besonders gnstigen Boden
zu bieten. Um aber die Agitation betreiben zu knnen, fehlten uns die
Mittel. Was immer wir fr Agitation aufbrachten, es langte nicht,
obgleich die Redner elend bezahlt wurden. So setzten sich eines Tages
Dr. Eras und Schriftsteller Weithmann--ein Wrttemberger, der eine
katilinarische Existenz fhrte--hin und verfaten ein berschwenglich
gehaltenes Schreiben an den Vorstand des Nationalvereins, in dem sie um
Geld fr die Agitation gegen die Lassalleaner baten. Ich wurde erst
nachtrglich von dem Schreiben verstndigt und gab auf ihr Ansuchen
meine Unterschrift, auerdem unterzeichneten Eras und Weithmann. Die
"Klnische Zeitung", die dieses Schreiben und mein Dankschreiben fr die
empfangenen 200 Taler--nicht 300, wie sie behauptete--vor einigen Jahren
verffentlichte, sprach die Vermutung aus, alle drei Unterschriften
rhrten von mir. Gegen diese Verdchtigung mu ich mich entschieden
verwahren. In dem Dankschreiben fhrte ich aus, da wir namentlich
Literatur fr die Vereine zu beschaffen beabsichtigten, und knnte der
Vorstand des Nationalvereins in der Beziehung seinen Einflu bei den
Buchhndlern geltend machen, da sie uns diese billig berlieen. Da er
die Untersttzung gewhrte, zeige, da er mehr Interesse fr die
Bewegung habe, als man ihm verschiedenseitig vorwerfe. Das Geld wurde
indes namentlich zu Agitationsreisen verwandt; es wurde aber sehr
sparsam ausgegeben, denn als Ende 1866 und Anfang 1867 die Agitation fr
die Wahlen zum norddeutschen Reichstag einsetzte, waren von den 200
Talern noch 120 vorhanden, die jetzt ihre Verwendung fanden. Das war
allerdings eine Verwendung, die nicht vorgesehen war. Aber von 1865 bis
1866 nderte sich eben die Situation, und trat hben und drben eine so
rasche Wandlung in den Ansichten ein, da nur noch sehr wenige auf dem
alten Standpunkt stehen blieben. Der Nationalverein litt unter dieser
Wandlung am allermeisten, der von da ab in rascher Auflsung begriffen
und tatschlich lngst tot war, als er im Herbst 1867 offiziell seine
Auflsung beschlo. Da wir die 200 Taler erhalten hatten, rgerte
viele. Es war namentlich Dr. Hans Blum, der das nicht verwinden konnte.
Er hielt sich ganz besonders verpflichtet, bei der Wahlagitation mir
entgegenzutreten und mir zum Vorwurf zu machen, da wir jenes Geld
angenommen htten. Er mute aber die Entdeckung machen, da all seine
Mhe, mir zu schaden, vergeblich war.

Bei dieser Gelegenheit mchte ich feststellen, da ich niemals Mitglied
des Nationalvereins war, wie mehrfach behauptet worden ist. Damit drcke
ich keine Gegnerschaft gegen denselben zu jener Zeit aus, aber neben all
den groen materiellen Opfern, die mir meine Stellung und Ttigkeit in
der Arbeiterbewegung auferlegten, auch noch einen Beitrag fr den
Nationalverein zu zahlen, schien mir berflssig, denn mein Einkommen
war ein sehr schmales. Ich begngte mich, um mit Schulze-Delitzsch zu
reden, "geistiges Ehrenmitglied" des Nationalvereins zu sein.

       *       *       *       *       *

In Leipzig empfand man das Bedrfnis, als Gegengewicht gegen das
Auftreten Lassalles und gegen die Agitation seiner Anhnger einen
Hauptschlag zu fhren. Ich erhielt also den Auftrag, mich mit
Schulze-Delitzsch wegen einer Versammlung in Verbindung zu setzen.
Dieser erklrte sich dazu bereit. In seiner Antwort setzte er mir
auseinander, da wir in Sachsen besonders aufpassen mten, die
schsischen Arbeiter htten schon 1848 und 1849 Neigung fr
kommunistische und sozialistische Ideen gehabt. Im Laufe des Januar 1864
kam Schulze-Delitzsch nach Leipzig.

Es war vereinbart worden, da ich die Versammlung mit einer Begrung
Schulzes erffnen und alsdann zum Vorsitzenden gewhlt werden sollte.
Aber ich hatte Pech. Ich erffnete die Versammlung, die von 4000 bis
5000 Personen besucht war, blieb aber mitten in der Erffnungsrede--die
ich einstudiert hatte--elend stecken. Mein Temperament war mit meinen
Gedanken durchgegangen. Ich htte vor Scham in den Boden sinken mgen.
Das Ende war, da nicht ich, sondern Dolge zum Vorsitzenden gewhlt
wurde. Ich gelobte mir jetzt, nie mehr eine Rede einzustudieren, und bin
gut damit gefahren. Schulze-Delitzsch besa kein angenehmes Organ, auch
war sein Vortrag trocken und seinem Inhalt nach nicht geeignet,
Begeisterung zu erwecken. Er brachte fr viele eine Enttuschung. Die
Entwicklung nach links hielt er nicht auf.

Den Beschlu des Frankfurter Vereinstags, die Grndung von Gauverbnden
zu betreiben, versuchten wir in Sachsen zu verwirklichen. Da aber die
bestehende Gesetzgebung dem im Wege stand, suchten wir bei dem
Ministerium Beust um Genehmigung nach. Auf einer Landesversammlung, die
im Sommer 1864 unter meinem Vorsitz tagte, kam das Schreiben des Herrn
v. Beust zur Verlesung, wonach der Minister den Gauverband gestatten
werde, wenn die Vereine sich verpflichteten, sich weder mit politischen
und sozialen, noch berhaupt mit ffentlichen Angelegenheiten zu
beschftigen. Darauf beantragte ich folgende Resolution, die einstimmig
angenommen wurde:

"Die schsischen Arbeitervereine danken fr das Gnadengeschenk des Herrn
v. Beust und ziehen es vor, von der Grndung eines Gauverbandes
abzusehen." Eine zweite Resolution, lautend: "Die versammelten
Deputierten fordern die schsischen Arbeiter auf, mit aller Energie fr
die Beseitigung des bestehenden Vereinsgesetzes einzutreten", wollte der
berwachende Polizeibeamte nicht zur Abstimmung kommen lassen, weil
dieses eine politische Handlung sei. Ich geriet darber mit ihm in eine
scharfe Auseinandersetzung, fgte mich aber unter Protest, als er mit
der Auflsung der Konferenz drohte.

       *       *       *       *       *

Am 31. August 1864 trug der Telegraph die Kunde durch die Welt, da
Ferdinand Lassalle an den Folgen eines Duells in Genf verschieden sei.
Der Eindruck, den diese Nachricht hervorrief, war ein tiefer. Der
weitaus grte Teil seiner Gegner atmete auf, als wenn er von einem Alp
befreit sei; sie hofften, da es nunmehr mit der von ihm hervorgerufenen
Bewegung zu Ende gehen werde. Und in der Tat schien dieses anfangs so.
Nicht nur zhlte sein Verein bei seinem Tode trotz riesenhafter Arbeit
erst wenige tausend Mitglieder, diese gerieten sich auch alsbald
untereinander in die Haare. Dann hatte Lassalle unbegreiflicherweise in
dem Schriftsteller Bernhard Becker, den er als seinen Nachfolger im
Prsidium des Vereins empfohlen hatte, einen Mann gewhlt, der in keiner
Richtung seiner Aufgabe gewachsen war.

Da aber auch manche Gegner der Bedeutung Lassalles gerecht wurden,
dafr spricht ein Artikel in der Ende 1862 gegrndeten Koburger
"Allgemeinen Arbeiterzeitung", die von dem Rechtsanwalt Dr. Streit in
Koburg, dem Geschftsfhrer des Nationalvereins, ins Leben gerufen
worden war. Dieselbe hatte bisher, wenn auch mavoll, Lassalle bekmpft,
das hielt sie aber nicht ab, ihm einen ehrenvollen Nachruf zu widmen, an
dessen Schlu es hie:

"Ein Teil der liberalen Partei und der liberalen Presse, derselbe Teil,
der ihn am bittersten und dennoch mit dem wenigsten Recht angefeindet,
eben diejenigen, welche seine Keulenschlge am meisten verdienten, mgen
jetzt im stillen seines Todes sich freuen. Wir beklagen den Tod eines
Gegners, den nur Ungerechtigkeit oder Beschrnktheit sich erlauben mag,
mit dem gewhnlichen Mae zu messen."

Bekanntlich trieb die Grfin Hatzfeldt, die langjhrige intime Freundin
Lassalles, mit der Leiche des verstorbenen Freundes einen frmlichen
Kultus, indem sie dieselbe zwecks Abhaltung von Totenfeiern durch ganz
Deutschland fhren wollte, ein Plan, der ihr, auf Intervention von
Lassalles Angehrigen, behrdlicherseits durchkreuzt wurde. Auf die
Nachricht, da die Leiche Lassalles Mannheim passieren werde, schrieb
Eichelsdrfer an Sonnemann einen Brief, dem ich die folgenden Stellen
entnehme, weil sie zeigen, wie bereits einzelne auf unserer Seite die
Situation ansahen.

Der Brief lautete:

       *       *       *       *       *

"Lieber Freund Sonnemann!

Die Leiche Lassalles wird am Freitag, wie mir Reusche aus Genf
telegraphiert, dahier eintreffen und auf das Dampfboot verbracht. Mgen
wir ihm im Leben gegenbergestanden haben, wir waren doch in der
Hauptsache einig, der groen Masse unseres Volkes zu helfen, und ich
glaube, wir haben inzwischen gelernt, da ohne allgemeines Stimmrecht
und dadurch herbeigefhrte Umgestaltung der jetzigen staatlichen
Zustnde auf eine durchgreifende Hilfe nicht zu rechnen ist. Vielleicht
wre der jetzige Moment ein gnstiger, da von unserer Seite etwas
geschhe, um eine Vereinigung der beiden Strmungen auf Grund eines
entsprechenden Programms herbeizufhren und damit dem dahingeschiedenen
Kmpen ein Denkmal zu setzen. Etwas mehr Migung auf der anderen und
etwas mehr Entschlossenheit auf unserer Seite knnte dazu fhren und der
Sache nur ntzen, da die Philisterhaftigkeit des jetzigen tonangebenden
Liberalismus doch getrieben werden mu, wenn sie vorwrts dem Ziele
entgegengehen soll. Es ist dies eine Ansicht von mir, die ich nicht
ermangle, Dir mitzuteilen und Deine Ansicht zu hren, um sodann unsere
Freunde vielleicht zu einem Schritte zu veranlassen, der unter Umstnden
von weittragenden Folgen sein--im gegenteiligen Sinne nichts schaden
kann.

Auch habe ich das unbestimmte Gefhl, da wir in Leipzig[2] doch zu
energischen Beschlssen gefhrt werden: da einmal alles auf die
Prinzipien drngt und wir uns wohl denselben nicht entgegenstellen.
Halbheit und Verschwommenheit ntzen zu nichts; sie taugen nicht einmal
dazu, fr die richtige Lsung vorzubereiten.... Ich werde mich der
Aufgabe nicht entziehen knnen, der Leiche Lassalles das Geleite zu
geben. Einige Freunde werden dasselbe tun. Ich wei nicht, ob ich den
Verein dazu einladen soll, da es miverstanden werden knnte, da viele
Leute nicht verstehen und noch mehrere nicht verstehen wollen, da man
Lassalle anerkennen kann, ohne vollstndig mit ihm einig zu gehen."
Schlielich bittet er Sonnemann, ihm seine Ansicht mitzuteilen.

In einer Nachschrift heit es: "Wrde es Dir als Prsident der
Arbeitervereinigung nicht anstehen, hierher zu kommen und dem Gegner die
Ehre zu geben? Wenn Du dieses willst, telegraphiere, worauf ich Dir
alsdann die Zeit des Eintreffens der Leiche, sobald ich es wei,
ebenfalls bermitteln werde."

       *       *       *       *       *

Was Sonnemann auf diesen Brief antwortete, ist mir nicht bekannt,
jedenfalls wurde der Vorschlag Eichelsdrfers nicht bercksichtigt. Es
mute noch viel Wasser den Rhein hinunterflieen, ehe hnliches, wie
Eichelsdrfer wollte, erfllt wurde. Nachdem der stndige Ausschu auf
den Antrag des Gewerblichen Bildungsvereins zu Leipzig beschlossen
hatte, dort den nchsten Vereinstag abzuhalten, machte die Koburger
Arbeiterzeitung dagegen Opposition. Es sei ausgeschlossen, da in dem
von Herrn v. Beust regierten Sachsen die Abhaltung eines Vereinstag
mglich sei, und sie erffnete ber den Beschlu die Debatte. Die
einzigen Vereine, die sich der Koburger Arbeiterzeitung anschlossen,
waren die badischen, die auf ihrem Vereinstag in diesem Sinne votierten.
Gewisse Bedenken gegen die Abhaltung eines Vereinstags in Sachsen waren
berechtigt, denn die Abhaltung desselben lag auf Grund des schsischen
Vereinsgesetzes ganz in den Hnden des Herrn v. Beust, der Regen oder
Sonnenschein gewhren konnte.

Um es nicht zum Regnen kommen zu lassen, trugen wir der Situation
insoweit Rechnung, da der stndige Ausschu sich auf unser Ansuchen
bereit erklrte, die Wehrfrage, als eine eminent politische, nicht auf
die Tagesordnung des Vereinstags zu setzen. Das Lokalkomitee fr die
Vorbereitungen wurde durch je zwei Mitglieder des Vereins Vorwrts, des
Gewerblichen Bildungsvereins und des Fortbildungsvereins fr
Buchdrucker, auerdem durch Professor K. Biedermann und ein
Ausschumitglied der Polytechnischen Gesellschaft gebildet. Der Vorsitz
wurde mir bertragen. Herr v. Beust lie lange auf die nachgesuchte
Entscheidung warten, endlich erfolgte sie in zustimmendem Sinne. Der
Vereinstag wurde nunmehr auf den 23. und 24. Oktober einberufen und als
Tagesordnung festgesetzt: 1. Freizgigkeit. 2. Genossenschaftswesen, und
zwar a. Konsumvereine, b. Produktivgenossenschaften. 3. Ein gleicher
Lehrplan fr die Bildungsvereine. 4. Wanderuntersttzungskasse, deren
Grndung von den vielen jungen Arbeitern in den Vereinen verlangt wurde.
5. Altersversicherung. 6. Lebensversicherung. 7. Regulierung des
Arbeitsmarktes, also Arbeitsnachweis. 8. Arbeiterwohnungen. 9. Wahl des
stndigen Ausschusses.

Das war fr zwei Tage Beratung eine sehr reiche Tagesordnung, deren
Erledigung nur dadurch mglich wurde, da die Berichterstatter vorher
Gutachten und Resolutionen verffentlichten und Berichte und Reden kurz
waren. Die Grndlichkeit beider lie in der Regel viel zu wnschen
brig.

Vertreten waren 47 Vereine, darunter allein 8 aus Leipzig, und 3
Gauverbnde: badisches Oberland, Wrttemberg und Maingau. Es gab damals
in Leipzig neben dem Fachverein der Buchdrucker auch noch einen solchen
der Maurer und der Zimmerleute. Auerdem hatten die Lassalleaner unter
Leitung Fritzsches rasch drei weitere Fachvereine gegrndet, und
zwar einen Zigarrenarbeiter-, einen Schneider- und einen
Schmiedegesellenverein. Unter den Delegierten befanden sich
zum erstenmal Dr. Friedrich Albert Lange, Vertreter des
Duisburger Konsumsvereins, und Dr. Max Hirsch fr den Magdeburger
Arbeiterbildungsverein. Ferner war anwesend als Gast Professor V.A.
Huber, der konservative Vertreter der Genossenschaftsidee.

Die Versammlung whlte Bandow-Berlin zum ersten Vorsitzenden, Dolge und
mich zu seinen Stellvertretern. Im Namen der Stadt begrte der
Brgermeister Dr. Koch die Versammlung. Gleich bei dem ersten Punkte der
Tagesordnung: Freizgigkeit, kam es zu einem Krach mit Fritzsche und zu
tumultuarischen Szenen durch seine Anhnger, die die Tribnen des Saales
(Schtzenhaus) stark besetzt hatten. Fritzsche erklrte im Sinne
Lassalles, da man ber die Freizgigkeit nicht mehr debattiere, sondern
sie dekretiere, dagegen msse man das allgemeine Wahlrecht verlangen. Er
sprach sehr provokatorisch und fand damit demonstrativen Beifall bei
seinen Anhngern. Gegen diese Methode erhoben die Delegierten lebhafte
Proteste. Bei dieser Gelegenheit bewunderte ich Friedrich Albert Langes
Vermittlertalent, womit er Erfolg hatte. Ein energisches Eingreifen von
meiner Seite, als Vorsitzender des Lokalkomitees, schaffte auch Ruhe auf
den Galerien. Am nchsten Tage kam es nochmals zu einer lebhaften Szene,
als Fritzsche verlangte, noch zum Worte zugelassen zu werden, nachdem
bereits der Schlu der Debatte angenommen worden war. Als ihm das Wort
verweigert wurde, protestierte er gegen den herrschenden Terrorismus und
legte sein Mandat nieder. Die Beschlsse des Vereinstags waren von
keinem groen Belang. Fr. Albert Lange, der ber Konsumvereine
referierte, zeigte sich als ein glnzender Redner. In den
stndigen Ausschu wurden gewhlt: Bandow, Bebel, Dr. M. Hirsch,
Lachmann-Offenbach, Lange, Martens-Hamburg (ein ehemaliger
Weitlingianer, von dessen Kommunismus aber nichts mehr zu spren
war), Reinhard-Koburg, ehemaliges Parlamentsmitglied fr
Mecklenburg, Sonnemann, Staudinger-Nrnberg, Stuttmann-Rsselsheim,
Weithmann-Stuttgart und Max Wirth-Frankfurt a.M.

FUSSNOTEN:

[2] Leipzig war als Ort fr den nchsten Vereinstag bestimmt.




Friedrich Albert Lange.


Infolge meiner Mitgliedschaft im stndigen Ausschu kam ich mit
Friedrich Albert Lange in nheren persnlichen und schriftlichen
Verkehr. Lange, eine untersetzte und krftige Figur, war eine uerst
sympathische Erscheinung. Er hatte prchtige Augen und war einer der
liebenswrdigsten Menschen, die ich kennen gelernt habe, der auf den
ersten Blick die Herzen eroberte. Dabei war er ein Mann von festem
Charakter, der aufrecht durchs Leben ging, den Maregelungen nicht
beugten. Und sie blieben ihm nicht erspart, als er offen fr die
Arbeiter eintrat. Er war sehr bald einer der "Gechteten" und
"Isolierten" in der Industriestadt Duisburg. Zwischen uns und den
Lassalleanern nahm er eine vermittelnde Stellung ein, wie sein Januar
1865 erschienenes Buch "Arbeiterfrage" zeigt. Wenn in der spter
erschienenen Auflage desselben sein Standpunkt mehr nach rechts geht,
wie ihm auch von Kritikern seiner Geschichte des Materialismus
nachgesagt wird, da er darin zum Metaphysischen neige, so betrachte ich
dieses als die Folgen eines langen und schweren krperlichen Leidens,
dem er leider zu frh erlag.

Lange stand im stndigen Ausschu stets auf der linken Seite und drngte
nach links. Mir erwies er zu jener Zeit einen groen persnlichen Dienst
aus rein fachlichen Grnden. Wir in Leipzig waren, wie ich schon
andeutete, mit der "Allgemeinen Deutschen Arbeiterzeitung" in Konflikt
gekommen. Die Stellungnahme des Blattes gegen die Abhaltung des
Vereinstags in Leipzig hatte begreiflicherweise bei uns verschnupft.

Bei der Redaktion der "Arbeiterzeitung" war, wahrscheinlich auf
Einblsereien aus Leipzig, der Glaube entstanden, wir wollten das Blatt
untergraben, und ich sei Beustianer. Das war ein starkes Stck. Ich war
im Gegenteil stets fr das Blatt eingetreten und hatte seine Verbreitung
gefrdert. Auch im stndigen Ausschu, in dem Gegner der Koburger
Arbeiterzeitung saen, trat ich fr dieselbe ein und befrwortete ein
gnstiges Abkommen mit dem Verleger. Als aber die Koburger
Arbeiterzeitung mit ihren Angriffen gegen mich fortfuhr, sandte ich ihr
eine gepfefferte Erklrung, aus der sie nur abdruckte, da ich mich als
einen unerbittlichen Gegner der Beustschen Miwirtschaft bekannt habe.

Dieser Streit veranlate den stndigen Ausschu, Lange mit der Abfassung
eines Berichts zu betrauen, in dem er mich warm verteidigte und meine
Haltung rechtfertigte. Immerhin hatte die "Arbeiterzeitung" erreicht,
da, als wir am 30. Juli 1865 in Glauchau eine Landesversammlung
hielten, ich bei der Wahl zum Delegierten fr den Stuttgarter Vereinstag
mit einer Stimme, die ich weniger hatte als mein Gegenkandidat,
unterlag. Als ich nachher meinen Standpunkt in bezug auf die
"Arbeiterzeitung" darlegte, erklrte eine Anzahl Delegierte, da sie
nunmehr die Sache anders anshen. Die "Arbeiterzeitung" hat denn auch
spter mir volle Genugtuung gegeben, sie sei falsch berichtet gewesen.
Streit selbst entschuldigte sich auf dem Stuttgarter Vereinstag
persnlich bei mir.

Die Ereignisse des Jahres 1866--auf die ich spter zu sprechen
komme--und die Stellung, die Lange zu denselben einnahm, machten ihn in
Duisburg, wo er Handelskammersekretr war, unmglich. Er lie sein
Blttchen "Der Bote vom Niederrhein" eingehen und folgte einer Einladung
seines Freundes Bleuler zur Uebersiedlung nach Winterthur in der
Schweiz. Dort trat er in die Redaktion von Bleulers Blatt "Der
Winterthurer Landbote" ein. Bleuler war einer der Fhrer der radikalen
Demokratie im Kanton Zrich. Um jene Zeit begann die Agitation fr eine
Reform der rckstndigen Verfassung des Kantons. Bleuler, Lange und der
junge Reinhold Regg, der sptere Mitbegrnder der "Zricher Post",
traten mit Gleichgesinnten in eine umfassende Agitation fr eine
demokratische Verfassungsreform ein und sahen im Jahre 1868 ihre Arbeit
mit Erfolg gekrnt. Langes Einflu ist es geschuldet, da in die neue
Verfassung folgender Artikel 23 aufgenommen wurde: Der Staat schtzt und
frdert auf dem Wege der Gesetzgebung das geistige und leibliche Wohl
der arbeitenden Klassen und die Entwicklung des Genossenschaftswesens.

Mittlerweile war ich--wie ich vorgreifend bemerken mchte--Vorsitzender
im Vorortsvorstand der Arbeitervereine geworden. Es galt nunmehr, die
Vereine zum letzten Schritt ins sozialdemokratische Lager zu bestimmen.
Da dieses nicht ohne eine Spaltung abgehen wrde, war mir klar. Ich
hoffte Langes Hilfe zu diesem Schritte zu erlangen und schrieb an ihn am
22. Juni 1868 einen langen Brief, den sein Biograph, Professor O.A.
Ellissen,[3] einen "sehr merkwrdigen Brief" nennt, in dem ich ihn bat,
das Referat ber die Wehrfrage fr den Nrnberger Vereinstag zu
bernehmen. "Neben der Wehrfrage--so schrieb ich nach Ellissen weiter,
der fragliche Brief ist leider nicht in meiner Hand--steht noch so
mancher andere Punkt auf der Tagesordnung, fr den Ihre Anwesenheit und
Ihre gewichtige Stimme von der grten Bedeutung ist." Ich sprach weiter
in dem Briefe von der Programmfrage und der Wahrscheinlichkeit einer
Spaltung, "es seien aber zehn sichere Vereine besser als dreiig
schwankende".

Lange antwortete am 5. Juli:

       *       *       *       *       *

"Lieber Herr Bebel!

Ich bedaure sehr, Sie in Ungewiheit gelassen zu haben, allein meine
Existenz war in letzter Woche die, da ich den Tag ber in Zrich war,
um aus der Verfassungskommission zu referieren, und in der Nacht hier
eine tgliche Zeitung und ein Wochenblatt zu machen hatte. Mein Associ
und Kollege hat als Vizeprsident der Verfassungskommission und Mitglied
zahlreicher Spezialkommissionen augenblicklich so viel pro patria zu
tun, da ich die Redaktionsarbeit und dabei noch die Sorge fr ein
ziemlich groes Geschft allein auf dem Halse habe. Dabei kann ich nur
Samstag nachmittag und Sonntag an Korrespondenz denken. Leider kann ich
vor Vollendung der neuen Verfassung--wir sind froh, wenn sie noch in
diesem Jahre fertig wird--nicht mit Sicherheit ber meine Zeit verfgen.
Es wird zwar eine mehrmonatige Pause geben; allein ich kann nicht sicher
wissen, wann diese fllt, und daher auch zu meinem groen Bedauern das
Referat ber die Wehrfrage nicht bernehmen. Wenn meine Zeit es irgend
erlaubt, komme ich dann noch nach Nrnberg, da ich meinerseits ebenfalls
mich danach sehne, so viele wackere Freunde--leider zum Teil in
getrennten Lagern--wiederzusehen."

       *       *       *       *       *

Der Nrnberger Vereinstag fand ohne Lange statt. Ich sah ihn berhaupt
nicht mehr wieder, auch hrten meine brieflichen Beziehungen zu ihm auf.
Ende Oktober 1870 wurde Lange zum Professor an der Universitt Zrich
ernannt. Als ihn dann 1872 der liberale Kultusminister Falk als
Professor nach Marburg berief, versuchte Zrich vergeblich, ihn
festzuhalten. Der Zug nach dem Heimatland, der namentlich bei seiner
Gattin sehr lebhaft war, siegte. Aber bereits am 23. November 1875 erlag
er, erst 47 Jahre alt, seinem langjhrigen Leiden. Mit Lange hatte einer
der Besten aufgehrt zu leben.

FUSSNOTEN:

[3] Friedrich Albert Lange. Eine Lebensbeschreibung von O.A. Ellissen.
Leipzig 1891. Ein empfehlenswertes Buch.




Neue soziale Erscheinungen.


Im Frhjahr 1865 trat in Leipzig der erste deutsche Frauenkongre
zusammen unter Fhrung von Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, der
die Grndung eines Allgemeinen Deutschen Frauenvereins zur Folge hatte.
Es war der erste Schritt aus der brgerlichen Frauenwelt, welcher zu
einer Frauenorganisation fhrte. Die "Frauenzeitung", die damals ein
Hauptmann a.D. Korn herausgab, wurde Organ des Vereins, und traten neben
Korn Frau Luise Otto-Peters und Frulein Jenny Heinrichs in die
Redaktion ein. Ich wohnte den Verhandlungen als Gast bei. Als dann der
Leipziger Frauenbildungsverein, dessen Vorsitzende Luise Otto-Peters
war, sich an den Arbeiterbildungsverein wandte, damit dieser an
Sonntagen sein Lokal zur Errichtung einer Sonntagsschule fr Mdchen
hergebe, gaben wir bereitwillig unsere Zustimmung.

       *       *       *       *       *

Das Jahr 1865, das ein Prosperittsjahr war, sah eine Menge Lohnkmpfe,
die in den verschiedensten Stdten ausbrachen. So gab es unter anderen
groe Arbeitseinstellungen in Hamburg, den Streik der Tuchmacher in Burg
bei Magdeburg, die Arbeitseinstellung der Leipziger Buchdrucker, der
eine Arbeitseinstellung der Leipziger Schuhmacher und anderer Branchen
folgte. Der Leipziger Buchdruckerausstand war hervorgerufen durch die
niedrigen Lhne und durch die lange Arbeitszeit. Der hchste Wochenlohn
betrug 5-1/4 Taler. Fr 1000 n wurden 25 Pfennig schsisch bezahlt, die
Gehilfen verlangten 30 Pfennig und Herabsetzung der Arbeitszeit. Am 24.
Mrz kndigten von 800 Mann 545 und traten acht Tage spter in den
Ausstand. Eine Organisation fr Streikuntersttzungen bestand nicht. Der
Buchdrucker-Fortbildungsverein, dessen Vorsitzender Richard Hrtel war,
mute neutral bleiben, bei Strafe der Auflsung. Hrtel selbst arbeitete
in einer Offizin, der Colditzschen, in der der neue Tarif anerkannt
war. Der Buchdruckerverband wurde erst 1866 gegrndet, und gab der
Leipziger Ausstand die Anregung dazu. Ein Vermittlungsversuch, den der
Geheimrat Professor Dr. v. Wchter, einer der ersten Juristen
Deutschlands, machte, war erfolglos gewesen.

Sonnemann, der als Buchdruckereibesitzer mit besonderem Interesse die
Angelegenheit verfolgte, schrieb an mich, ich mchte beiden Seiten die
Vermittlung des stndigen Ausschusses anbieten, und gab mir fr diesen
Versuch verschiedene Verhaltungsmaregeln. Da der Briefwechsel, den ich
mit ihm ber diese Angelegenheit hatte, auch noch heute von Interesse
sein drfte, verffentliche ich hier denselben.

       *       *       *       *       *

"Leipzig, den 11. Mai 1865.

Herrn Leopold Sonnemann, Frankfurt a.M.

Durch lngeres Unwohlsein abgehalten, bin ich erst heute in der Lage,
auf Ihr Wertes vom Ersten dieses Monats zu antworten. Ihren Plan, eine
Vermittlerrolle in Sachen des hiesigen Buchdruckerstreiks zu versuchen,
mu ich vollkommen billigen. Ich wandte mich daher zunchst brieflich an
den Vorsitzenden des hiesigen Buchdruckervereins, um sein Urteil ber
die Sache zu hren. Derselbe antwortete, da er selbst in einer Offizin
arbeite, in der der Tarif genehmigt sei, er daher der ganzen
Angelegenheit ferner stehe. Er riet mir, mich an die Tarifkommission zu
wenden.

Am Dienstag nachmittag nahm ich mit dieser Rcksprache und war erfreut
ber die Bereitwilligkeit, mit der man meinem Vorschlag entgegenkam. Man
nannte mir auch einige der Prinzipale, bei denen ich mich zunchst
erkundigen sollte, ob man auch von dieser Seite Geneigtheit zu einer
Vermittlung zeige. Es waren dies die Herren Giesecke & Devrient und
Ackermann (Firma Teubner). Gestern nun ging ich zu den Genannten.

Devrient war verreist, Giesecke nicht zugegen, und bei Ackermann wurde
mir der Bescheid, da ich mich am besten an Stadtrat Hrtel (Firma
Breitkopf & Hrtel) oder an Brockhaus wende, da diese Vorsitzende der
Genossenschaft seien. Ich mu hierbei bemerken, da ich mich absichtlich
nicht an die Letztgenannten gewendet hatte, und zwar aus dem Grunde,
weil dieselben als die heftigsten Gegner der Arbeiter bekannt sind.
Gleichwohl sah ich mich nach dieser Anweisung veranlat, dennoch zu
Hrtel zu gehen. Ich traf beide Brder zu Hause an und hatte eine
ziemlich eine Stunde dauernde Unterhaltung mit ihnen, deren Endresultat
war, da die Prinzipale keinen Schritt zu einer Verstndigung mehr tun
wrden, nachdem die Tarifkommission der Schriftsetzer sich gegenber den
Vermittlungsversuchen des Geheimrats Professor v. Wchter so
unnachgiebig gezeigt habe. Ich erwiderte darauf, da seit jener Zeit
(vierzehn Tage) sich die Ansichten doch wohl gendert htten und man von
jener Seite auf eine Verstndigung bereitwilligst eingehen werde.

Aber diese und hnliche Erklrungen von meiner Seite ntzten nichts. Ich
merkte sehr deutlich aus den Aeuerungen dieser Herren, da man auf die
Tarifkommission aufs uerste erbittert sei, und eine Verstndigung
einfach nicht wolle.

So stellte man unter anderem die Behauptung auf, da diese Kommission
kein Mandat habe, namens der Schriftsetzer zu unterhandeln, sondern sie
habe sich dasselbe angemat. Eine Behauptung, die gegenber den
Tatsachen sich ganz merkwrdig ausnimmt. Dann sagte man wieder: was es
denn ntzte, wenn die Kommission auch eine Einigung mit den Prinzipalen
erzielte und nun die brigen aber nicht wollten. Ueberhaupt habe man
keine Veranlassung, eine andere Vermittlung anzunehmen, da der genannte
Geheimrat Professor v. Wchter sich noch bei Abbruch der Verhandlungen
bereit erklrt habe, jederzeit dieselben wieder aufzunehmen, und wenn es
den Arbeitern mit dem Vorschlag wirklich Ernst sei, sie hierzu Schritte
tun mchten.

Nach dieser Erklrung sah ich allerdings ein, wie wenig Erfolg weitere
Verhandlungen haben mten, und entfernte mich.

Den feiernden Schriftsetzern, welche mittlerweile eine Versammlung im
Kolosseum abhielten, lie ich diese Nachricht sofort zukommen; was man
beschlossen hat, ist mir bis zu diesem Augenblick unbekannt.

Es tut mir leid, nicht ein besseres Resultat erzielt zu haben.

Gleichwohl werde ich die Sache genau verfolgen, und wenn sich irgendwie
die Sache fr uns noch gnstig gestalten sollte, Ihnen sofort Mitteilung
machen.

Ich bin berzeugt, da man von seiten der Kommission mit einer
Verstndigung es wirklich ernst meint, da man wohl nach und nach
einzusehen anfngt, wie gefhrlich es ist, die Sache aufs Aeuerste zu
treiben, und ein ehrenvoller Vergleich das beste ist. Andernteils aber
bin ich ebensosehr berzeugt, da der genannte Herr Hrtel keineswegs im
Sinne aller Prinzipale mir gegenber handelte, da es bekannt ist, wie
die meisten zu einem Vergleich gern die Hand bten. Indes lt sich mit
den einzelnen nicht unterhandeln, da Hrtel als Vorsitzender der
Genossenschaft alle derartige Antrge vorzubringen hat. Ich habe die
Absicht, die ganze Angelegenheit durch die Presse zu verffentlichen und
abzuwarten, ob nicht darauf einzelne sich herbeilassen, ber die Kpfe
der extremsten Fhrer wie Hrtel, Brockhaus usw. hinweg die Hand zur
Verstndigung zu bieten. Noch bemerke ich, da sechs Druckereien in der
Hauptsache die Forderungen der Arbeiter bewilligt haben...."

       *       *       *       *       *

Auf diesen Brief antwortete postwendend Sonnemann am 12. Mai:

"Ich war erstaunt, so lange ohne alle Nachricht zu bleiben. Meine
Anfrage vom 1. ds. Mts. bezglich der Buchdrucker war nur eine
vorlufige. Meine deutlich ausgesprochene Absicht war, da Sie in der
Sache gemeinschaftlich mit Dr. Hirsch und Bandow operieren sollten, und
beide hatten sich auch schon mir gegenber dazu bereit erklrt. Nicht
etwa, da ich nicht zu Ihnen das volle Vertrauen htte, da Sie auch
allein imstande sind, die Sache zu fhren; meine Absicht war, dem
Auftreten des Ausschusses dadurch, da drei seiner Mitglieder als
Vertreter kommen, mehr Frmlichkeit und dadurch mehr Gewicht zu geben.
Ich rechnete in dieser Beziehung besonders auf Bandow, der als
Vorsitzender des Kongresses in Leipzig dort in gutem Andenken steht.
Indessen haben Sie ja alles mgliche aufgeboten, und es ist nur zu
bedauern, da der Erfolg Ihrer vielen Bemhungen nicht gnstiger war.
Ehe Sie etwas verffentlichen, halte ich fr passend, wenn ich nochmals
an Brockhaus und Hrtel schreibe und diesen Herren wiederholt die
Absendung einer Deputation von seiten des Ausschusses anbiete. Als Motiv
wrde ich angeben, da die Arbeiter zu ihren gewhlten Vertretern doch
das meiste Zutrauen haben wrden. Vielleicht macht man die Sache so, da
die Buchdrucker unserer Deputation Pleinpouvoir geben. Die Prinzipale
mgen ihren Geheimrat von Wchter und noch einige Herren ernennen und
diese Kommission dann einen fr alle Teile bindenden Spruch fllen.
Schreiben Sie mir mit Postwendung, ob Sie damit einverstanden sind, da
ich nochmals an die Herren schreiben soll. Einige Zeilen von Ihnen
gengen mir. Ich darf Ihnen nicht verhehlen, da ich der Ansicht bin:
die Buchdruckergehilfen sind in der Form und in der Sache zu weit
gegangen. Sie sind, wie ich vermute, von den Lassalleanern aufgehetzt
worden. Wre das nicht der Fall, dann htten sie ihre Forderungen
durchgesetzt, denn niemals war eine Zeit den Bestrebungen um
Lohnerhhung gnstiger als die jetzige; das zeigt sich daran, da
allenthalben die in migen Grenzen gehaltenen und anstndig
vorgebrachten Forderungen durchgesetzt wurden...."

       *       *       *       *       *

Die Vermutung Sonnemanns, als htten die Lassalleaner in diesem Streik
ihre Hnde gehabt, war vollkommen falsch. Der "Sozialdemokrat"
Schweitzers zeigte zwar ein auerordentlich lebhaftes Interesse fr die
Arbeitseinstellung der Leipziger Buchdrucker, aber Einflu auf diese
erlangte er nicht.

Am nchsten Tage gab ich folgende Antwort:

"Auf Ihre geehrte Zuschrift vom 12. ds. Mts. habe ich zu erwidern, da
ich Ihre Absicht in dem Schreiben vom 1. ds. Mts. vollstndig richtig
aufgefat habe. Danach aber war es ganz natrlich, zuvor anzufragen und
zu hren, ob beide Parteien geneigt seien, eine Vermittlung des
stndigen Ausschusses anzunehmen. Da ich nichts weiter getan habe,
werden Sie schon aus der Erklrung Hrtels in der gestrigen "Deutschen
Allgemeinen Zeitung" ersehen haben. Nur mu ich hier zu meiner
Rechtfertigung bemerken, da es mir nach den persnlichen Erklrungen
dieses Herrn unmglich war, offiziell einen derartigen Antrag zu
stellen.

Seine Erklrung scheint hauptschlich hervorgerufen worden zu sein durch
verschiedene Anfragen der Prinzipalitt auf die Notizen verschiedener
Zeitungen, die hiesige Buchdruckergenossenschaft habe die Vermittlung
abgelehnt, whrend man sie in corpore nicht darum gefragt hatte.

Ich bemerke hierber ausdrcklich, da die Nachrichten in ffentlichen
Blttern, die sich sogar vielfach widersprechen, nicht von mir
ausgegangen sind. Das Gute aber haben sie gehabt, da die ffentliche
Meinung aufs neue angeregt wurde und mich unter anderen Geheimrat v.
Wchter gestern frh zu sich bescheiden lie, um mit ihm ber die Sache
zu konferieren. Er teilte mir mit, da er bereit sei, jederzeit die
Vermittlung wieder zu bernehmen, und er sich hierzu meine Hilfe
erbitte. Er schlage mir vor, zunchst nochmals bei der Tarifkommission
anzufragen, ob man hierzu geneigt sei und auf welcher Grundlage. Wobei
er mir bemerkte, wie er es fr unumgnglich notwendig erachte, da man
sich von seiten der Gehilfen zu Konzessionen herbeilasse. Dieser
letzteren Ansicht mu ich vollkommen beistimmen, und haben auch Sie
vollkommen recht, da die Form, in welcher man anfangs vorging, nicht
die rechte war.

Auf nochmalige Anfrage bei der Tarifkommission erklrte man sich bereit,
zu Wchter zu gehen und sich mit ihm zu vereinbaren. Ich erklrte dabei
nochmals, da der stndige Ausschu sofort bereit sein wrde, in
Gemeinschaft mit Wchter die Vermittlung zu bernehmen. Man nahm dies
dankend an und versprach, nachdem man mit Wchter Rcksprache genommen,
mir Antwort zu sagen. Leider war ich gestern nachmittag nicht anwesend,
als die Deputation bei mir war. Heute morgen nach Empfang Ihres Briefes
begab ich mich sofort in das Sitzungslokal der Tarifkommission, traf
aber dort niemand an. Ich werde daher spter nochmals hingehen. So weit
vormittags 1/2 10 Uhr.

Mittags 1 Uhr. Soeben verlie mich ein Mitglied der Tarifkommission, das
mir folgendes mitteilte. Der Vorsitzende der genannten Kommission habe
sich gestern auf meinen Wunsch zu Wchter begeben und ihm ihre
Bereitwilligkeit, unter Hinzuziehung des stndigen Ausschusses nochmals
zu unterhandeln, ausgesprochen. Auf die Frage, auf welcher Grundlage das
geschehen solle, habe man den Vorschlag gemacht, eine andere Art der
Berechnung aufzustellen, nmlich statt nach 1000 n nach dem Alphabet.
Wchter ist damit einverstanden gewesen und hat versprochen, mit einigen
Prinzipalen Rcksprache zu nehmen und ber den Erfolg Antwort zukommen
zu lassen. Bis jetzt ist eine solche nicht erfolgt, und es bleibt uns
nach meiner Ansicht fr jetzt nichts anderes brig, als diese
abzuwarten; ich werde Ihnen alsdann sofort Nachricht zukommen lassen.

Ihrer Ansicht, an Brockhaus und Hrtel zu schreiben, kann ich nicht
zustimmen, da diese gerade die grten Gegner der Arbeiter respektive
der Arbeitervereine sind und Sie sich durch ein Motiv, wie Sie es in
Ihrem Schreiben angeben, aufs schlimmste insinuieren wrden. Sagt man
doch Hrtel nach, da er beim hiesigen Polizeidirektorium dahin zu
wirken versucht habe, da man die hiesigen Vereine auflse, weil sie die
feiernden Arbeiter zum Teil untersttzt haben, und mute ich doch auch
aus seinem Munde hren, da die Angelegenheit am besten zu Ende gefhrt
wrde, wenn die Arbeiter und Vereine aufhrten, die Buchdrucker mit
Geldsammlungen zu untersttzen.

Schlielich mu ich mich gegen den Vorwurf in Ihrem Schreiben verwahren,
als wenn ich allein die Vermittlung htte bernehmen wollen. Es ist mir
dies nicht im entferntesten eingefallen, und ich habe ausdrcklich,
sowohl bei der Tarifkommission wie bei Hrtel, von einer Deputation des
stndigen Ausschusses gesprochen und auch ausdrcklich die Namen
genannt. Schon wegen einer Besprechung in unseren eigenen
Angelegenheiten wre es mir lieb, Bandow und Hirsch hier zu haben."

       *       *       *       *       *

Drei Tage spter, den 16. Mai, folgte alsdann von mir ein neuer Brief an
Sonnemann, in dem es hie:

"Ich bin nunmehr in der Lage, Ihnen endgltig ber die
Buchdruckerangelegenheit zu berichten.

Wie ich Ihnen in meinem Schreiben mitteilte, war die Tarifkommission
auf meine Veranlassung mit Wchter in Unterhandlung getreten und hatte
diesem als Grundlage die neue Berechnungsart vorgeschlagen. Wchter ging
darauf ein und berief die frhere Vermittlungskommission der Prinzipale,
um ihr diese Proposition der Tarifkommission zu stellen. Man rechnete
und rechnete, fand aber schlielich, da das Resultat dasselbe sei,
indem man allerdings oftmals nur 27 bis 28 Pfennig zu zahlen haben
wrde, aber eben so oft auch 32 und 33 Pfennig. Mitglieder der
Tarifkommission versicherten mir selbst, der Preis bleibe nach dieser
Berechnung der gleiche und nur die Form sei eine andere. Die Prinzipale
lehnten nunmehr die Vermittlung ab, da sie nur im Falle einer Konzession
in den Bedingungen der Gehilfen sich zu einer Verstndigung herbeilassen
wollten.

Als ich nun gestern frh Ihr wertes Schreiben erhielt,[4] trat ich
sofort wieder mit der Tarifkommission in Unterhandlung, legte ihr den
Frankfurter Tarif, sowie Ihre Berechnung als Basis fr eine Vermittlung
mit den Prinzipalen vor, nochmals hervorhebend, wie ich es selbst fr
notwendig hielt, nicht starr an den Forderungen festzuhalten und die
Sache nicht auf die Spitze zu treiben. Der Betreffende erklrte sich mit
diesen Ansichten einverstanden, versprach, den Vorschlag seinen Kollegen
vorzulegen und mir Bericht zu erstatten.

Gestern abend erhielt ich Antwort. Diese lautete abschlgig. Man
motivierte diese Antwort damit, man habe verschiedenes in Aussicht,
weshalb man hoffe, dennoch die Forderungen durchzusetzen. Leipzig als
Hauptort des Buchdrucks habe vor allem darauf zu sehen, einen mglichst
hohen Lohn zu erzielen, da dieses fr die anderen Stdte von groem
Einflu sei, auch enthalte der von Ihnen aufgestellte Entwurf eine ganze
Menge von Bestimmungen, in denen sie den Prinzipalen Konzessionen machen
knnten und wollten. Ich war durch diese Antwort berrascht. Ich hatte
sicher erwartet, da man diesen Vorschlag annehmen wrde. Nachdem er
abgelehnt wurde, habe ich keine Veranlassung, in dieser Angelegenheit
noch einen Schritt zu tun, es sei denn, man fordere mich von jener Seite
dazu auf.

Mir scheint, da, wie die Prinzipale von Hrtel und Brockhaus sich
beeinflussen lassen, auch einige in der Tarifkommission ber alle
anderen gebieten. Man mu es nun schlielich darauf ankommen lassen,
welche von den beiden Parteien mit ihrer Starrkpfigkeit den Sieg
davontrgt.

Von seiten der Gehilfen erwartet man von der jetzt im Gange befindlichen
Buchhndlerbrse einen gnstigen Einflu fr ihre Forderungen; wie weit
dies richtig ist, wird sich herausstellen. Tatsache ist auch, da von
auswrts immer noch eine Masse von Zuschriften und Geldsendungen
einlaufen, die sie zur Ausdauer anfeuern.

Wie Ihnen bereits bekannt sein drfte, geht man von seiten der Polizei
mit Maregelungen gegen die feiernden Gehilfen vor, was ich durchaus
nicht billige. Es haben infolgedessen am Montag bereits neunzehn Mann
die Stadt verlassen. Einer hat wieder zu arbeiten angefangen. Jedenfalls
ein klgliches Resultat, wenn man zu diesem Zweck, wie zu vermuten, die
Maregelungen ins Werk gesetzt hat."

       *       *       *       *       *

In einem anderen Briefe von mir an Sonnemann vom 28. Mai heit es in
einer Nachschrift lakonisch: In der Buchdruckerangelegenheit steht alles
beim alten.

Am 20. Juni schreibt Sonnemann wieder:

"Ich bin nicht wenig erstaunt, da Sie mein Schreiben vom 17. ds. Mts.
gnzlich unbeachtet lassen (dasselbe ist aus dem schon oben angegebenen
Grunde nicht mehr zu entziffern, es bezog sich aber auch mit auf die
Buchdruckerangelegenheit). Wenn der Mechanismus bei uns nicht besser
ineinandergreift, dann wird mir wohl die Herausgabe der Flugbltter sehr
schwer werden."

Hierzu sei bemerkt: Der stndige Ausschu hatte, weil er mit dem
Verleger der "Allgemeinen Arbeiterzeitung" in Koburg bestndig in
Konflikt war, die Herausgabe von Flugblttern beschlossen, die womglich
wchentlich erscheinen sollten. Diese Flugbltter sollten alle auf die
Arbeiterbewegung bezglichen Mitteilungen enthalten und sollten in
erster Linie die Mitglieder des stndigen Ausschusses daran mitarbeiten.
Meine Antwort auf Sonnemanns Brief ist vom 23. Juni datiert und lautete:

"Die Vorwrfe, die Sie mir in Ihrem letzten Schreiben vom 20. ds. Mts.
ber meine angebliche Lauheit machen, mu ich zurckweisen. Sie wrden
dieselben nicht gemacht haben, wenn Sie meine Verhltnisse kennten.
Diese aber sind derart, da ich ber meine Zeit nicht so verfgen kann,
wie ich mchte. Habe ich auch ein selbstndiges Geschft, so bin ich
durch meine Unbemitteltheit gezwungen, durch Arbeit den tglichen
Lebensunterhalt zu verdienen; dazu kommt, da ein guter Teil der Last
der Geschfte im (Arbeiterbildungs-)Verein ebenfalls auf mir liegt und
ich auch hier schon gezwungen bin, manche Stunde zu opfern, abgesehen
von den Abenden, die gnzlich durch Vereinsangelegenheiten in Anspruch
genommen sind. Gleichwohl werde ich, soweit es irgend geht, den an mich
gestellten Anforderungen nachzukommen suchen und wrde auch auf Ihr
erstes Schreiben bereits geantwortet haben, wenn das, was ich zu
schreiben hatte, sich der Mhe verlohnte....

Namentlich ist in bezug auf Arbeiten und Lohnfragen eine frmliche
Windstille eingetreten, wie das nach der Aufregung und dem Lrm der
vorhergehenden Wochen nicht anders zu erwarten war.

Bezglich der Buchdruckerangelegenheit war ich am Dienstag bei Heinke,
dem Redakteur des "Korrespondent" (der 1863 gegrndet worden war).
Heinke will Ihnen das Blatt vom 1. Juli ab regelmig unter Kreuzband
zukommen lassen gegen Eintausch der Flugbltter und von sonstigen
Mitteilungen.... Ferner versprach er, mir wichtige Nachrichten ber
Buchdruckerangelegenheiten, sei es von hier oder auswrts, zukommen zu
lassen, und werde ich alsdann Ihnen mglichst schnell referieren.

Betreffs des hiesigen Buchdruckerstreiks teilte er mir mit, da der
grte Teil der Tarifkommission, sowie des Vorstandes des
Buchdruckerfortbildungsvereins noch keine Kondition habe und so schnell
auch noch keine bekommen werde. Gleichwohl glaubte er, da man eine
Untersttzung von unserer Seite nicht annehmen werde, indem erstens noch
Geld vorhanden sei, zweitens die in Arbeit getretenen Gehilfen fr die
Arbeitslosen wchentlich steuerten, endlich drittens sie alsdann in die
Lage kommen knnten, bei Arbeitseinstellungen anderer Branchen ebenfalls
zu steuern, was ihren schon jetzt sehr in Anspruch genommenen Geldbeutel
nur noch mehr belasten wrde; man habe von allem Anfang an beschlossen,
Untersttzung von Nichtbuchdruckern gar nicht oder doch nur im
alleruersten Falle anzunehmen."[5]

       *       *       *       *       *

Die Befrchtung der Buchdrucker, da sie auch fr die Streiks anderer
Branchen herangezogen werden knnten, hatte insofern eine Berechtigung,
als in jenem Frhjahr sowohl die Schneider wie die Arbeiter an dem Bau
der stdtischen Wasserleitung streikten und die Schuhmacher ebenfalls in
den Streik eintraten.

In bezug auf letzteren schrieb ich Sonnemann am 28. Juni:

"Gestern fand im Hotel de Saxe eine Versammlung der Schuhmacher zum
Zwecke der Lohnerhhung statt. Da wir eine dringende Sitzung hatten,
konnte ich erst spter hingehen. Einen vollstndigen Bericht knnte ich
deshalb nicht liefern. Dr. Eras, welcher den Verhandlungen von Anfang
bis Ende beigewohnt hat, wird Ihnen einen solchen fr die "Neue
Frankfurter Zeitung" zugesandt haben, den Sie im Flugblatt mit verwenden
knnen.

Nach dem Geiste zu urteilen, der in jener Versammlung herrschte, werden
die Arbeiter mit ihren sehr gerechten Forderungen nicht durchkommen.
Unklarheit, Uneinigkeit unter ihnen lassen es nicht dazu kommen,
obgleich sie es mehr wie jeder andere Arbeiter bedrften, da ein guter
Arbeiter bei zwlfstndiger Arbeitszeit 2 Taler 20 Neugroschen bis 3
Taler die Woche verdient. Da wir als Unbeteiligte uns nicht in die
Debatten mischen durften, so haben Eras und ich es ihnen spter im
Privatzirkel tchtig gesagt, es wird nur nichts ntzen."

       *       *       *       *       *

Am 1. Juli antwortete Sonnemann folgendes:

"Ich habe Ihre werten Briefe vom 23. und 28. Juni vor mir. Meine Mahnung
an Sie war gewi nicht so bs gemeint, wie Sie dieselbe vielleicht
aufgefat haben. Ich wei sehr gut, wie sehr Sie in Anspruch genommen
sind, und wie schwer es Ihnen fllt, unserer Sache noch weiter Zeit zu
opfern; ich verlange auch keine langen Briefe; zwei Zeilen gengen
jederzeit, um eine Tatsache kurz mitzuteilen. Htten Sie mir gleich
geschrieben, die Buchdrucker bedrfen von uns keiner Untersttzung, so
wre es fr den Augenblick genug gewesen.

Was nun den eben erwhnten Gegenstand betrifft, so freut es mich, da es
den Leuten dort vorerst nicht an Geldmitteln fehlt. Ich bitte Sie nur,
ihnen wiederholt zu sagen, da der Ausschu ntigenfalls bereit sei, fr
sie einzutreten, und habe mich auch demgem in unserem Flugblatt
ausgesprochen."

       *       *       *       *       *

Damit war unsere Korrespondenz ber den Buchdruckerstreik zu Ende. Die
Buchdrucker erlangten nur einen teilweisen Erfolg. Die Mehrzahl ihrer
Leiter wurde gemaregelt. Im August beschlo der Buchdruckerverein, die
Steuer zu vervierfachen, einmal um die gewhrten Darlehen
zurckzuzahlen, dann um die noch briggebliebenen Gemaregelten
entsprechend untersttzen zu knnen. Die Tarifkommission wurde zu
vierzehn Tagen Gefngnis verurteilt wegen Verletzung des
Streikparagraphen der schsischen Gewerbeordnung. Auf erhobenen Rekurs
wurde das Urteil aufgehoben. Glcklicher waren wider Erwarten die
Schuhmacher, die Lohnerhhungen bis zu 25 Prozent durchsetzten. Was
ihnen zustatten kam, war, da die Meister nicht organisiert und da es
meist Kleinmeister waren, die keinen Widerstand leisten konnten.

Das Verhalten einer Anzahl bekannter Liberaler bei den Leipziger Streiks
veranlasste mich, in Nummer 8 der Flugbltter des stndigen Ausschusses
auszusprechen, es sei eine Tatsache, da gerade von jener Seite, auf der
man mit dem Volke immerwhrend geliebugelt und sich als Arbeiterfreund
dargestellt habe, die Forderungen der Arbeiter den entschiedensten
Widerstand gefunden htten. Es drfe daher nicht wundernehmen, da man
selbst in Arbeiterkreisen, die mit dem Lassalleanismus nichts zu tun
htten, ber das Gebaren eines Teiles der Fortschrittspartei nichts
weniger als schmeichelhafte Urteile fllen hrte. Das erhhe die
Sympathie fr diese nicht.

In demselben Sommer (Juli) beriefen wir Arbeiterversammlungen ein, um
gegen die Beschlsse der Handels- und Gewerbekammern von Dresden und
Zittau zu protestieren, die beschlossen hatten, die neueingefhrten
Arbeitsbcher sollten entgegen der Gewerbeordnung nicht die Arbeiter,
sondern die Arbeitgeber in Verwahrung haben, auch sollten sie ohne
Zustimmung des Arbeiters ber dessen Verhalten Zeugnisse in das
Arbeitsbuch eintragen drfen. Ein Aufruf, den wir an die schsischen
Arbeiter verffentlichten, sich unserem Protest anzuschlieen, hatte
guten Erfolg. Die Lassalleaner machten in diesem Falle mit uns
gemeinsame Sache.

FUSSNOTEN:

[4] In diesem (Kopie) ist die Tinte so bla geworden, da dasselbe nicht
mehr zu entziffern ist.

[5] Gustav Jaeckh behauptet in seinem Buch "Die Internationale" (Leipzig
1904), die deutschen Buchdrucker htten sich durch ihren
Verbandsvorsitzenden an den Generalrat der Internationale gewandt, um
die Internationale, und in erster Linie die Buchdrucker-Union, fr den
Streik ihrer Brder in Leipzig zu interessieren. Diese Angaben knnen
unmglich richtig sein. Erstens gab es zu jener Zeit noch keinen Verband
der Buchdrucker, folglich auch keinen Vorsitzenden des Verbandes;
zweitens weigerten sich die Buchdrucker, von politischen Organisationen
Geld anzunehmen, und nun gar von der Internationale. Wahr kann an der
Mitteilung hchstens sein, da Leipziger Buchdrucker sich an den
Generalrat gewendet hatten um _Uebermittlung_ eines Schreibens an die
Londoner Buchdrucker-Union. Doch auch das ist mir etwas zweifelhaft.




Der Stuttgarter Vereinstag


Der dritte Vereinstag der Arbeitervereine war vom stndigen Ausschu auf
den 3. bis 5. September 1865 nach Stuttgart berufen worden. Auf
demselben waren 60 Vereine und ein Gauverband durch 60 Delegierte
vertreten. Unter den Delegierten traten unter anderen hervor: Herm.
Greulich-Reutlingen, Professor Eckhardt-Mannheim, Bankier Eduard
Pfeiffer-Stuttgart, Julius Motteler-Crimmitschau, der schon 1864 in
Leipzig war, Streit-Koburg, Staudinger-Nrnberg, Professor
Wundt-Heidelberg, der sich nachmals einen groen Namen als Physiologe
erworben hat und gegenwrtig Professor an der Universitt Leipzig ist.
Von den hier Genannten ging Hermann Greulich kurz nach dem Stuttgarter
Vereinstag von Reutlingen nach Zrich, woselbst er fast gleichzeitig mit
mir, und zwar als Schler Karl Brklis und Jean Philipp Beckers, zum
Sozialisten wurde. Julius Motteler machte um dieselbe Zeit die gleiche
Entwicklung durch. Professor Eckhardt war Redakteur des 1864 in Mannheim
gegrndeten "Deutschen Wochenblatts". Eckhardt stand auf dem uersten
linken Flgel der Demokratie.

Im Lokalkomitee sa neben Bankier Pfeiffer Rechtsanwalt Hlder, spter
Minister des Innern fr Wrttemberg, der im Namen des Lokalkomitees und
der Stadt die Begrungsrede hielt. Bandow prsidierte. Die Tagesordnung
war wieder berreichlich belastet. Der Punkt "Altersversorgungskassen"
wurde auf Wunsch Sonnemanns abgesetzt; er wollte erst eine Broschre
darber herausgeben. Ich hatte ein Referat ber Speisegenossenschaften,
wie solche damals mehrfach in den deutschen Arbeitervereinen der Schweiz
fr Unverheiratete bestanden. Mein gedruckt erstatteter Bericht war
recht drftig. Meine Rede darber war die krzeste von allen. Max Hirsch
hatte das Referat ber die Eroberung des allgemeinen, gleichen und
direkten Wahlrechts. Er befrwortete in der von ihm vorgeschlagenen
Resolution, da die Arbeitervereine sich mit aller Kraft fr die
Eroberung desselben einsetzen sollten. Diese Resolution rief die
Opposition Professor Wundts hervor, der im Namen des Oldenburger und der
badischen Vereine, mit Ausnahme von Mannheim, Uebergang zur Tagesordnung
beantragte, was einen Sturm des Unwillens hervorrief. Schlielich
nderte Hirsch seine Resolution dahin, da statt deutsche
Arbeitervereine deutsche Arbeiter gesetzt wurde, worauf sie einstimmig
angenommen wurde. Hirzel-Nrnberg referierte ber das Koalitionsrecht;
er beantragte die Beseitigung aller Schranken, die der Ausbung dieses
Rechtes entgegenstnden, und wurde demgem einstimmig beschlossen.
Ebenso einstimmig wurde der Antrag Bandows auf Aufhebung der
Wanderbcher und des Legitimationszwanges angenommen.

Moritz Mller-Pforzheim, ein etwas eigentmlicher, aber eifriger und in
seiner Art wohlwollender Bijouteriefabrikant, hatte das Referat ber die
Frauenfrage, eine Frage, die er als Spezialitt behandelte. In seinem
schriftlichen Referat verlangte er die volle soziale Gleichheit der Frau
mit dem Manne, die Grndung von Fortbildungsanstalten fr Arbeiterinnen
und die Grndung von Arbeiterinnenvereinen. Die Debatte ber diese Frage
nahm die meiste Zeit in Anspruch. Professor Eckhardt erklrte
ausdrcklich, da die soziale Befreiung der Frau auch die _Gewhrung des
Stimmrechtes an die Frauen_, wie solches der Vereinstag fr die Mnner
fordere, einschliee. Mit dieser Auslegung wurden die Mllerschen
Resolutionen mit erheblicher Mehrheit angenommen.

Die Beschlsse des Stuttgarter Vereinstags bedeuteten in ihrer
Gesamtheit einen entschiedenen Ruck nach links. In allen praktischen
Fragen der inneren Politik standen jetzt die sogenannten Selbsthilfler
und die Lassalleaner auf ein und demselben Boden. Auch die Organisation
erlitt eine kleine Verbesserung. Der Beitrag von 2 Talern pro Jahr von
jedem Verein bedeutete die finanzielle Ohnmacht des stndigen
Ausschusses. Ich machte also in den Flugblttern des stndigen
Ausschusses den Vorschlag, zunchst pro _Kopf_ der Vereinsmitglieder
einen Groschen Beitrag pro Jahr zu erheben und den Vorsitzenden des
stndigen Ausschusses mit 300 Taler zu remunerieren, damit auch
eventuell Personen, die finanziell abhngig waren, die Stellung eines
Vorsitzenden bekleiden knnten; auch solle der Vorsitzende vom
Vereinstag direkt gewhlt werden. Endlich schlug ich vor, der groen
Kosten wegen den Vereinstag nur alle zwei Jahre zu berufen--was gerade
kein Meistervorschlag von mir war--und damit den Gauverbnden eine
bessere Entwicklung zu ermglichen. Nach lebhafter Debatte wurde der
Groschenbeitrag, den auch die Organisationskommission vorschlug,
angenommen, die anderen Vorschlge wurden abgelehnt. Ebenso entschied
der Vereinstag mit 30 gegen 22 Stimmen, da ein offizielles Vereinsorgan
nicht notwendig sei. Man ging durch diesen Beschlu einem Konflikt mit
dem Verleger der Koburger Arbeiterzeitung aus dem Wege, die einen
starken Anhang unter den Vereinen besa. Bemerken mchte ich hier, da
die vorhandenen Berichte ber die Vereinstage ungemein kurz und sehr
lckenhaft sind. In den stndigen Ausschu wurden gewhlt Bandow, Bebel,
Eichelsdrfer, M. Hirsch, Hochberger-Elingen, Knig-Hanau, F.A. Lange,
Lippold-Glauchau, Richter-Hamburg, Sauerteig-Gotha, Sonnemann,
Staudinger-Nrnberg. Sonnemann, der wieder als Vorsitzender vom Ausschu
gewhlt worden war, lehnte die Wahl ab. An seine Stelle trat Staudinger,
der, wie die Erfahrung zeigte, seiner Aufgabe nicht gewachsen war.
Staudinger, ein lterer Mann, war seines Zeichens Schneidermeister, ihm
sollte Ingenieur Hirzel-Nrnberg als Sekretr an die Hand gehen.

Auf keinem Vereinstag trat das Bestreben der verschiedenen brgerlichen
Parteifhrer, entscheidenden Einflu auf die Vereine zu erlangen, so
deutlich in die Erscheinung als in Stuttgart. Alle fhlten, da man in
der deutschen Frage einer Entscheidung entgegengehe. Die
Auseinandersetzungen zwischen der Linken und der Rechten wurden immer
lebhafter und gereizter. Die Gegenstze zwischen Preuen auf der einen
und Oesterreich und der Mehrheit der Mittel- und Kleinstaaten auf der
anderen Seite wurden immer schroffer. Die gemeinsame Besetzung der
Herzogtmer Schleswig-Holstein durch sterreichische und preuische
Truppen nach der Niederlage der Dnen und deren Abzug aus den beiden
Lndern, die jetzt in deutschen Besitz bergingen, zeitigte immer neue
Konfliktsflle. Das deutsche Volk kam allmhlich in einen Zustand
hochgradiger Erregung.

Diese Stimmung machte sich auch in den Toasten auf dem Bankett des
Vereinstags bemerkbar, das am Sonntag abend im Sitzungslokal des
Vereinstags, der Liederhalle, stattfand, in demselben Lokal, in dem 42
Jahre spter, August 1907, der erste internationale Arbeiterkongre auf
deutschem Boden tagte. Whrend die Hlder und Genossen in verblmter
Weise sich fr die preuische Spitze begeisterten, traten die Demokraten
und speziell deren Wortfhrer Karl Mayer-Stuttgart fr eine radikale
Lsung ein, die wir Jungen, ohne da das Wort ausgesprochen wurde, als
ein Eintreten fr die deutsche Republik ansahen. Karl Mayer, damals der
gefeiertste Volksredner Wrttembergs, dem die Natur eine Stentorstimme
verliehen hatte, sa an der Tafel mir schrg gegenber. Er erhob sich,
um mit aller Kraft seiner Lungen und in packenden Bildern gegen den
reaktionren Bundestag in Frankfurt loszudonnern, der von seinem Platze
msse, um eine demokratische Einheit Deutschlands zu ermglichen. Im
Eifer der Rede streifte er Rock- und Hemdrmel in die Hhe und zeigte
ein paar muskulse Arme, mit deren Gesten er seine Rede begleitete. Ab
und zu schlug er mit der Faust auf den Tisch, da Glser und Teller
tanzten. Natrlich fand sein Hoch auf ein freies, demokratisches
Deutschland donnernden Beifall. Auch die Stadt Stuttgart hatte sich in
Unkosten gestrzt und spendete uns am Montag nachmittag bei einem
Spaziergang auf das damalige Schtzenhaus einen Trunk schwbischen
Weines mit Vesperbrot.

Bei Streit in Koburg erschien um jene Zeit eine Schrift, betitelt
"Deutschlands Befreiung aus tiefster Schmach", in der offen fr die
deutsche Republik Propaganda gemacht wurde, was selbstverstndlich nicht
ohne Revolution mglich gewesen wre. Aber der Revolutionsgedanke
schreckte damals nicht. Die Reminiszenzen aus den Revolutionsjahren
waren durch Reden und Schriften von Beteiligten und Unbeteiligten
wieder lebendig geworden. Da eine siegreiche Revolution mglich sei,
daran glaubte mit Ausnahme von Ostelbien fast ganz Deutschland. Ich
fhrte schon an, wie Bismarck und Miquel mit dieser Mglichkeit sich
abfanden. Aber auch des letzteren Freund, Herr v. Bennigsen, schrieb
schon im Jahre 1850 an seine Mutter einen Brief, in dem er nach
Errterung der damaligen Lage Schleswig-Holsteins also fortfuhr:

"Solange die nationale Partei nicht in Preuen regiert--und noch in
diesem Augenblick schwanken die Fhrer, ob sie der jetzigen Regierung
berhaupt eine ernsthafte, auf deren Sturz berechnete Opposition fr den
nchsten Landtag machen sollen!--, ist der heldenmtige Kampf dieses
deutschen Landes vergebens. Ich frchte nur zu bestimmt, da wir, um das
Ma der Schande und Erbitterung bervoll zu machen, fr einige Jahre
wenigstens die gnzliche Unterwerfung Schleswig-Holsteins erleben
werden. Die Ruhe unserer europischen Knigsgeschlechter ber so viel
Grbern soll aber nicht durch bse Erinnerungen und Trume allein
gestrt werden. In hchstens einem Dutzend Jahren wird es ja wohl wieder
gewittern und dreinschlagen, und von _uns Jngeren schwren tglich
mehrere im stillen, da man, einerlei, ob Konstitutioneller oder
Radikaler, durch elende Versprechungen im Augenblick der Furcht sich
nicht wieder tuschen lassen will. Man wird die ganze Gesellschaft nach
Amerika schicken und nachher sich zu einigen suchen, ob man sich einen
Knig oder Prsidenten setzen will._ Und das werden die Anhnger v.
Gagern und Dahlmann schwerlich wieder hindern, noch auch zu lindern Luft
haben...."

Zwlf Jahre spter gehrte der Schreiber dieses Briefes, als Prsident
des Deutschen Nationalvereins, zu den einflureichsten Personen
Deutschlands, ja er war vielleicht die einflureichste. Aber Herr v.
Bennigsen befolgte jetzt dieselbe Politik, die er einst an den Gagern
und Dahlmann verurteilt hatte. Der Gedanke an eine Revolution gegen das
Bismarcksche Preuen war ihm unfabar. Und wie er gegen Ende seines
Lebens ber die Revolution von 1848 und 1849 dachte, ging aus der
aufregenden Debatte hervor, die ich zum fnfzigsten Jahrestag des 18.
Mrz, am 18. Mrz 1898, absichtlich im deutschen Reichstag hervorgerufen
hatte, und wobei Herr v. Bennigsen mein Hauptgegner war.

Wie Lassalle, Marx und Engels ber eine kommende Revolution in
Deutschland dachten, geht aus dem Briefwechsel zwischen denselben
hervor, den Mehring im Verlag Dietz-Stuttgart erscheinen lie. Auch der
siegreiche Zug Garibaldis nach Neapel und Sizilien (1860), der seinem
Urheber eine ungeheure Popularitt in der ganzen Kulturwelt eintrug,
hatte den Glauben an die Macht revolutionrer Massen befestigt.

Da man selbst in sehr hochstehenden Kreisen Sddeutschlands an die
Wahrscheinlichkeit einer Revolution fr eine Einheit Deutschlands
dachte, zeigen die Memoiren des Frsten Hohenlohe, der, nachdem er
ausgefhrt, da die Zersplitterung Deutschlands auf die Dauer
unertrglich sei, sagt: Hieraus erklrt es sich, da auch die
friedlichen, konservativsten Leute in Deutschland dahin gefhrt werden,
zu erklren: wir mssen durch die Revolution zur Einheit kommen, weil
wir auf gesetzlichem Wege nicht das Ziel erreichen knnen. Und unter dem
23. Mrz 1866 schrieb der Prinz Karl von Bayern an Hohenlohe: Mir dnkt,
eine gnstigere Gelegenheit, _ohne Revolution_ (auch im Original
gesperrt) zu einer Bundesreform zu kommen usw.

Wenn man oben so dachte, warum nicht ebenso unten?

       *       *       *       *       *

Die Verhandlungen und Beschlsse des Stuttgarter Vereinstags ber die
Koalitionsfreiheit waren eine Antwort auf die gleichartigen
Verhandlungen des preuischen Abgeordnetenhauses. Schulze-Delitzsch und
Faucher--letzterer auch ein sogenannter Nationalkonom, der in einer
Leipziger Volksversammlung im Jahre 1864 ernsthaft nachzuweisen
versuchte, die soziale Frage knne am besten gelst werden, wenn jeder
die doppelte Buchfhrung verstehe und eine richtig gehende Uhr habe, um
mit der Zeit zu rechnen--hatten beantragt, die  181 und 182 der
Gewerbeordnung von 1845, betreffend die Koalitionsverbote, aufzuheben.
Seltsamerweise hatten sie aber unterlassen, auch die Aufhebung der 
183 und 184 zu beantragen. Nach  183 konnte die Bildung von
Verbindungen unter Fabrikarbeitern, Gesellen, Gehilfen oder Lehrlingen
ohne polizeiliche _Erlaubnis_ bestraft werden, an den Stiftern und
Vorstehern der Verbindung mit Geldstrafe bis zu 50 Talern oder Gefngnis
bis zu vier Wochen, an den Mitgliedern mit Geldstrafe bis zu 20 Talern
oder Gefngnis bis zu vierzehn Tagen. Nach  184 war zu bestrafen das
eigenmchtige Verlassen der Arbeit oder die Entziehung zur Verrichtung
derselben, oder grober Ungehorsam, oder beharrliche Widerspenstigkeit
mit Geldstrafe bis zu 20 Talern oder Gefngnis bis zu vierzehn Tagen. Im
"Sozialdemokrat" J.B.v. Schweitzers und in den Versammlungen zur Rede
gestellt, lieen die Antragsteller erklren, der  183 sei bereits seit
fnfzehn Jahren durch die preuische Verfassung aufgehoben und der  184
habe mit dem Koalitionsrecht nichts zu tun. Diese Auffassung machte auch
in unseren Reihen bses Blut, und die Koburger Arbeiterzeitung, die
immer entschiedener geworden war, griff darauf die Schulze-Delitzsch und
Genossen aufs schrfste an.

Das schwchliche Verhalten der Liberalen in dieser Frage suchte der
konservative Oberdemagoge Geheimrat Wagener geschickt auszunutzen, indem
er die Liberalen bertrumpfte. Er beantragte, den Kommissionsantrag
ber den Antrag der Liberalen--weil seine Fassung Zweifel
zulieen--abzulehnen und die Regierung aufzufordern, einen Gesetzentwurf
vorzulegen, durch welchen nicht allein smtliche das Vereinsrecht der
Arbeiter beschrnkenden Ausnahmebestimmungen der Gewerbeordnung
aufgehoben, sondern in Verbindung damit auch solche Organisationen
angebahnt respektive zur Ausfhrung gebracht wrden, welche es
ermglichten, da der Arbeiterstand die ihm gebhrende Stellung
innerhalb des Staates einnehmen und seine eigenen Interessen selbstndig
zu handhaben und zu vertreten vermge. Also Zwangsgewerkvereine,
begrndet durch das Gesetz.

So die Konservativen zu jener Zeit, als es galt, der liberalen
Bourgeoisie das Wasser abzugraben.

Eine andere Angelegenheit, in der die beiden Arbeiterparteien Hand in
Hand gingen, war das Klner Abgeordnetenfest und sein Verlauf. Die
Klner Fortschrittler hatten die fortschrittlichen preuischen
Abgeordneten, das heit also die sehr groe Mehrheit der Zweiten Kammer
nach Kln zu einem Reformfest fr den 22. Juli 1865 geladen, dessen
Glanzpunkt ein Bankett im Grzenich sein sollte. Herr v. Bismarck lie
die Abhaltung des Festes verbieten, und der Klner Oberbrgermeister
Bachem war schwach genug, die Erlaubnis zur Benutzung des
Grzenichsaales zurckzuziehen. Der Vorgang machte gewaltiges Aufsehen.
Als die Abgeordneten nach Kln kamen, lie Herr v. Bismarck ihre
Zusammenknfte durch Polizei und Militr auseinandertreiben. Man dampfte
darauf nach Oberlahnstein, um dort auf kleinstaatlich nassauischem Boden
zu tun, was im Staate des deutschen Berufs, in Preuen nicht mglich
war. Aber auch hier schritt Militr ein und machte eine Versammlung
unmglich.

Gegen diesen Gewaltstreich Bismarcks erhoben sich berall Proteste. In
Berlin, in Leipzig und anderwrts gingen Lassalleaner und
Arbeitervereinler zusammen, um gegen die Klner Vorgnge nachdrcklichst
zu protestieren und die volle Freiheit der Vereine und Versammlungen zu
verlangen. Gleich dem "Sozialdemokrat" zog die Koburger
"Arbeiterzeitung" gegen die fortschrittlichen Abgeordneten hhnend und
spottend zu Felde, die sich nichts weniger als tapfer in dieser Sache
benommen hatten.

Diese Vorgnge veranlaten einen Briefwechsel zwischen Sonnemann und Fr.
Alb. Lange. Letzterer war anllich des Festes in Kln gewesen.
Sonnemann beklagte sich, da er (Lange) ihm keinen Bericht ber die
Klner Vorgnge geschickt, und meinte, die Sozialdemokraten spielten va
banque, sie wrden aber das Spiel verlieren. Er sende ihm beiliegend
einen Brief ber die Klner Vorgnge von Bandow, der leider in dieser
wichtigen Zeit krank sei, er mge denselben nach Kenntnisnahme an mich
senden, ich solle ihn dann an ihn (Sonnemann) zurckgelangen lassen. Was
der Brief enthielt, ist mir nicht mehr erinnerlich. Lange antwortete am
31. Juli 1865:

"Was die Versammlung bei Lantsch (Arbeiterversammlung in Kln)
betrifft, so hielt ich es nicht fr zweckmig, viel davon zu sagen. Die
Stimmung an sich war vortrefflich. Ich will aber ebensowenig wie Sie die
Verantwortung bernehmen, in der jetzigen Zeit der Grung auf eigene
Faust Parole auszugeben, und das wre bei einem Bericht ber diese
Versammlung mit ihren interessanten Folgen ntig gewesen....

Ich beurteile die Zeit ganz hnlich wie Sie, als eine uerst kritische.
Uebrigens glaube ich nicht, da Schweitzer vllig va banque spielt. Dann
wre das Spiel schon verloren. Es fllt den Arbeitern jetzt, namentlich
im Rheinland, gar nicht ein, sich fr das Prinzip zu erheben. Ich
glaube, man geht darauf aus, den 'Sozialdemokrat' ehrenvoll totschlagen
zu lassen und dann, gesttzt auf die ffentlich angebahnte Organisation,
das System der geheimen Gesellschaften einzufhren. (?! A.B.) Durch den
Glanz des Abgeordnetenfestes lasse ich mich nicht blenden. Ich habe
niemals deutlicher gefhlt, da es mit der bisherigen Fortschrittspartei
vorbei ist, aber unsere Zeit ist noch nicht gekommen.

Beobachten und die Fden in der Hand behalten, Verbindungen erweitern,
Freunde sammeln; aber keine Parole ausgeben. _Ob_ wir, falls es Zeit
dazu ist, _zusammengehen knnen, wird sich finden_. Lassen Sie uns
einstweilen den Zusammenhang pflegen....

Zurckkommend auf die Haltung unseres Blattes (der Flugbltter) und die
politisch-soziale Krisis, empfehle ich nochmals, den sozialen Teil
ausfhrlich und interessant, aber objektiv zu halten; _den politischen
Teil aber scharf, so offen gegen die gesamten Frsten als nur mglich.
Man kann in den Hndeln dieser Menschen keine andere Partei ergreifen
als gegen alle, und zwar unvernderlich und gegen diejenigen, welche
momentan liberal flten, erst recht_."

In einer Nachschrift schreibt Lange: "Ich sehe soeben, da der Anfang
meines Briefes unntz mysteris ist. Ueber die Versammlung bei Lantsch
sind die Berichte smtlicher liberaler Bltter total aus der Luft
gegriffen. Es war auer W. Angerstein kein Berichterstatter da. Nach
der Versammlung organisierte sich ein freiwilliger Zug durch die Stadt
zur Begrung der Abgeordneten. Vor der Hauptwache Hochrufe auf das
Vereinsrecht usw. Die Bewegung war den Lassalleanern ebenso vollstndig
aus der Hand genommen, wie sie den Liberalen quer ging. Das Volk suchte
nach Fhrern. Es htte auf einen Wink von Angerstein und mir getan, was
wir wollten.... Die ganze Sache machte sich brigens ganz von selbst.
Niemand leitete. Man sah aber, was kommen kann, wenn die Regierung so
fortfhrt."

       *       *       *       *       *

In dem zitierten Schreiben deutet Lange an, da es spter zu einer
Spaltung im stndigen Ausschu und zwischen den Vereinen kommen drfte.
Darber sprach er sich noch deutlicher aus in einem Brief vom 10.
Februar 1865 an Sonnemann. Darin hie es:

"Meine Stellung zur Arbeiterfrage anlangend, hatte ich anfangs den Plan,
mein Verbleiben im Ausschu von der Aufnahme meines Schriftchens (Die
Arbeiterfrage) abhngig zu machen; es scheint mir jetzt jedoch in jeder
Beziehung zweckmiger, meine Stellung zu behaupten, auch falls ich mit
der Mehrheit in etwas schrfere Opposition geraten sollte. Die Geister
mssen ja aufeinanderplatzen."

In den Jahren 1865 und Anfang 1866 schien es eine Zeitlang, als sollten
die streitenden Brder in der Arbeiterbewegung sich zusammenfinden.
Abgesehen von den schon erwhnten Fllen, in denen Lassalleaner und
Arbeitervereinler gemeinsame Sache machten und gemeinsame Forderungen
erhoben, sprach sich am 17. Juli 1865 eine Versammlung des Maingaues, in
der als Redner vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Lauer und
Welcker aus Frankfurt a.M. auftraten, folgendermaen aus:

Der Arbeitertag erklrt, da er im Interesse der guten Sache des
Arbeiterstandes die Spaltung in der Arbeiterbewegung fr schdlich und
nachteilig hlt, und erklrt sich die aus Mitgliedern der
Arbeiterbildungsvereine des Maingaus und aus Mitgliedern des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins bestehende Versammlung bereit, allen
Schritten zur Vereinigung die Hand zu bieten.

Hauptredner in jener Versammlung war Professor Eckhardt, der seiner Rede
das Thema "Staatshilfe und Selbsthilfe" zugrunde gelegt hatte. Ein
hnlicher Versuch zur Einigung, der Mitte Januar 1866 in Leipzig gemacht
wurde, scheiterte; dagegen kam man berein, gemeinsam fr die Eroberung
des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts zu kmpfen.
Der Hauptredner in dieser Versammlung war Professor Wuttke.

Weiter forderte eine andere Volksversammlung kurz danach in Dresden, bei
deren Einberufung wieder beide Arbeiterparteien beteiligt waren, ein
konstituierendes Parlament auf Grund des allgemeinen Wahlrechts und zu
dessen Schutz und Untersttzung die Einfhrung der allgemeinen
Volksbewaffnung. Die gleichen Forderungen erhob in Berlin eine groe
Volksversammlung unter Bandows Vorsitz.

Zu Weihnachten 1865 wurde infolge eines Aufrufs von Fritzsche ein
Allgemeiner Deutscher Zigarrenarbeiterkongre nach Leipzig einberufen,
auf dem die Grndung eines Verbandes fr ganz Deutschland beschlossen
wurde. Im folgenden Frhjahr erschien als Organ des Verbandes "Der
Botschafter", dessen Redakteur Fritzsche wurde. Damit war die erste
zentralorganisierte Gewerkschaft Deutschlands gegrndet. An der Spitze
stand ein dreikpfiges Direktorium, dessen Vorsitzender Fritzsche war.
Lokale Gewerkschaften bestanden um diese Zeit bereits in erheblicher
Anzahl, sowohl in Leipzig wie anderwrts. Auch wurde bereits im Sommer
1864 in Zwickau ein Bergknappenverein gegrndet, dessen Mitglieder sich
ber das Zwickau-Lugau-Stollberger Kohlenrevier verbreiteten. Es war
dieses die erste deutsche moderne Bergarbeiterorganisation. Der Grnder
und Leiter derselben war ein gemaregelter Bergmann mit Namen Dinter,
dessen Bestrebungen von Motteler, W. Stolle und mir, spter auch von
Liebknecht, lebhaft untersttzt wurden.

Auf einer Landesversammlung im Juli in Glauchau hatte ich den Vorschlag
gemacht, dem Ministerium zum Trotz einen Gauverband zu grnden, und es
auf dessen Unterdrckung und unsere Bestrafung ankommen zu lassen. Fr
diesen Vorschlag war aber keine Stimmung vorhanden. So zog ich meinen
Antrag zurck. Statt dessen wurde beschlossen, einen Verein zur
Frderung und Untersttzung der geistigen und materiellen Interessen der
Arbeitervereine zu grnden, dessen Vorsitzender ich wurde. Beschlossen
wurde weiter, da jedes Mitglied pro Jahr einen Groschen Beitrag leisten
solle. Der neuen Verbindung traten 29 Vereine mit 4600 Mitgliedern bei.
Dieser Vereinigung legten die Behrden kein Hindernis in den Weg.

Als ich zwanzig Jahre spter als Mitglied des schsischen Landtags dem
Nachfolger des Herrn v. Beust, Herrn v. Nostitz-Wallwitz, in der
schrfsten Weise zu Leibe rckte wegen der schamlosen Auslegung, die das
schsische Vereins- und Versammlungsgesetz unter ihm gegen uns fand, und
dabei erklrte, da gegenber seinem Regiment das Regiment des Herrn v.
Beust noch ein Ausbund von Liberalismus gewesen sei, beeilte sich Herr
v. Beust, diesen Ausspruch zu seiner Rechtfertigung in seine Memoiren
aufzunehmen. Er hatte in gewissen Grenzen ein Recht dazu. Was nachher in
Sachsen jahrzehntelang an Schikanen und khnsten Auslegungen auf Grund
des Vereins- und Versammlungsgesetzes geleistet wurde, berstieg alle
Begriffe. Erklrten doch vom Ministertisch sowohl Herr v.
Nostitz-Wallwitz wie sein Nachfolger Herr v. Metzsch wiederholt, die
Sozialdemokratie msse mit anderem Mae gemessen werden wie jede andere
Partei. Das hie also, an Stelle des Rechts tritt die Willkr der
Beamten. Und diese haben denn auch an Willkr das Menschenmgliche
geleistet.

Im August 1865 hatte Bismarck die Koburger Arbeiterzeitung fr Preuen
verboten. Unter den Personen, die seinem Regiment ebenfalls zum Opfer
fielen, weil sie seiner Politik Widerstand entgegensetzten und den
Arbeitern ihren wahren Charakter denunzierten, stand an erster Stelle
Liebknecht.




Wilhelm Liebknecht.


Liebknecht und ebenso Bernhard Becker wurden im Juli 1865 aus Preuen
ausgewiesen. Liebknecht war nach dreizehnjhrigem Exil im Sommer 1862
nach Berlin zurckgekehrt. Die Amnestie von 1860 ermglichte ihm dieses.
Er folgte dem Rufe des alten Revolutionrs August Bra, den er gleich
Engels in der Schweiz kennen gelernt, und der, wie bereits mitgeteilt,
im Sommer 1862 in Berlin ein grodeutsch demokratisches Blatt, die
"Norddeutsche Allgemeine Zeitung" gegrndet hatte. Liebknecht war neben
Robert Schweichel fr die Redaktion gewonnen worden, und zwar Liebknecht
fr die auswrtige Politik. In den Charakter von Bra setzte keiner von
beiden den geringsten Zweifel, hatte er doch zu den radikalsten
Revolutionren gehrt. Als aber Ende September 1862 Bismarck das
Ministerium bernahm, entdeckten beide bald nachher, da etwas nicht
stimmte. Der Verdacht besttigte sich, als eines Tages der Zufall
wollte, da Schweichel von einem Boten des Ministeriums ein Schreiben
fr Bra in Empfang nahm, dessen Inhalt, wie der Bote bemerkte, sofort
verffentlicht werden sollte. Beide kndigten und traten aus der
Redaktion. Wie Liebknecht gelegentlich ffentlich erklrte, hat ihm
Lassalle noch ein Jahr nach seinem Austritt aus der "Norddeutschen
Allgemeinen Zeitung" einen Vorwurf daraus gemacht, da er seine Stellung
aufgab. Liebknecht, der damals Frau und zwei Kinder besa, die er von
London nach Berlin hatte kommen lassen, erwarb sich jetzt den Unterhalt
mit Korrespondenzen fr verschiedene Zeitungen. Als ich ihn kennen
lernte, schrieb er unter anderen fr den "Oberrheinischen Kurier" in
Freiburg in Baden, fr die Rechbauersche demokratische "Tagespost" in
Graz und das "Deutsche Wochenblatt" in Mannheim, von dem er aber wohl
kaum Honorar bezog. Spter schrieb er auch einige Jahre fr die
"Frankfurter Zeitung". Oeffentliche Vortrge hielt er namentlich im
Berliner Buchdrucker- und im Schneiderverein, aber auch in Arbeiter-
und Volksversammlungen, in denen er die Bismarcksche Politik bekmpfte,
als deren Schildknappen er J.B.v. Schweitzer, den Redakteur des
"Sozialdemokrat", ansah.

Nach seiner Ausweisung reiste er zunchst nach Hannover, wo Schweichel
am dortigen "Anzeiger" eine Redakteurstelle gefunden hatte. Da aber hier
sich fr ihn nichts fand, kam er nach Leipzig, woselbst er eines Tages,
Anfang August, durch Dr. Eras, der damals Redakteur der "Mitteldeutschen
Volkszeitung" war, bei mir eingefhrt wurde. Liebknecht, dessen Wirken
und Ausweisung ich durch die Zeitungen kannte, interessierte mich
natrlich sehr lebhaft. Er stand damals im vierzigsten Lebensjahr, besa
aber das Feuer und die Lebendigkeit eines Zwanzigjhrigen. Sofort nach
der Begrung kamen wir in ein politisches Gesprch, in dem er mit einer
Vehemenz und Rcksichtslosigkeit die Fortschrittspartei und namentlich
ihre Fhrer angriff und charakterisierte, da ich, der ich damals doch
auch keine Heiligen mehr in denselben sah, ganz betroffen war. Indes er
war ein erstklassiger Mensch, und sein schroffes Wesen verhinderte
nicht, da wir uns bald befreundeten.

Liebknecht kam uns in Sachsen wie gerufen. Im Juli hatten wir auf der
Landeskonferenz in Glauchau die Sendung von Reisepredigern beschlossen.
Das war aber leichter beschlossen als durchgefhrt, denn es fehlten die
passenden Persnlichkeiten, deren Lebensstellung eine solche Ttigkeit
erlaubte. Liebknecht stellte sich fr diese Vortragsreisen bereitwillig
zur Verfgung. Auch im Arbeiterbildungsverein war er als Vortragender
willkommen, und bald waren seine Vortrge die besuchtesten von allen.
Weiter bernahm er im Arbeiterbildungsverein den Unterricht in der
englischen und franzsischen Sprache. So erlangte er allmhlich eine
allerdings sehr bescheidene Existenz. Dennoch war er gezwungen, was ich
spter erfuhr, manches gute Buch zum Antiquar zu tragen. Seine Lage
wurde dadurch noch verschlimmert, da seine (erste) Frau brustkrank war
und einer krftigen Pflege bedurft htte. Aeuerlich sah man Liebknecht
seine Sorgen nicht an, wer ihn sah und hrte, mute glauben, er befinde
sich in zufriedenstellenden Verhltnissen.

Die erste Agitationstour unternahm er ins untere Erzgebirge, speziell
in die Arbeiterdrfer des Mlsengrundes, womit er sich den Weg zu seiner
spteren Kandidatur fr den norddeutschen Reichstag bahnte. Da auch ich
fter Agitationsreisen unternahm, und wir von da ab in allen politischen
Fragen meist gemeinsam handelten, wurden unsere Namen immer mehr in der
Oeffentlichkeit genannt, bis wir schlielich dieser gegenber als zwei
Unzertrennliche erschienen. Das ging so weit, da, als in der zweiten
Hlfte der siebziger Jahre sich ein Parteigenosse mit mir associerte, ab
und zu Geschftsbriefe ankamen, die statt der Adresse Ileib & Bebel die
Namen Liebknecht & Bebel trugen, ein Vorgang, der jedesmal unsere
Heiterkeit erregte.

Ich habe Liebknecht in diesen Blttern noch fter zu erwhnen, aber eine
Beschreibung seines Lebenslaufs kann ich hier nicht geben. Wer sich fr
denselben interessiert, findet das Nhere in dem Buch "Der Leipziger
Hochverratsproze gegen Liebknecht, Bebel und Hepner" und in der Schrift
von Kurt Eisner "Wilhelm Liebknecht". Beide Publikationen sind in der
Buchhandlung Vorwrts erschienen.

Liebknechts echte Kampfnatur wurde von einem unerschtterlichen
Optimismus getragen, ohne den sich kein groes Ziel erreichen lt. Kein
noch so harter Schlag, ob er ihn persnlich oder die Partei traf, konnte
ihn nur einen Augenblick mutlos machen oder aus der Fassung bringen.
Nichts verblffte ihn, stets wute er einen Ausweg. Gegen die Angriffe
der Gegner war seine Losung: Auf einen Schelmen anderthalbe. Den Gegnern
gegenber schroff und rcksichtslos, war er den Freunden und Genossen
gegenber allezeit ein guter Kamerad, der vorhandene Gegenstze
auszugleichen suchte.

In seinem Privatleben war Liebknecht ein sorgender Ehemann und
Familienvater, der mit groer Liebe an den Seinen hing. Auch war er ein
groer Naturfreund. Ein paar schne Bume in einer sonst reizlosen
Gegend konnten ihn enthusiasmieren und verleiten, die Gegend schn zu
finden. In seinen Bedrfnissen war er einfach und anspruchslos. Eine
vorzgliche Suppe, die ihm meine junge Frau kurz nach unserer
Verheiratung, Frhjahr 1866, eines Tages vorsetzte, begeisterte ihn so,
da er ihr diese sein Leben lang nicht verga. Ein gutes Glas Bier oder
ein gutes Glas Wein und eine gute Zigarre liebte er, aber grere
Aufwendungen machte er dafr nicht. Hatte er mal ein neues
Kleidungsstck an, was nicht hufig vorkam, und hatte ich das nicht
sofort wahrgenommen und meine Anerkennung darber ausgesprochen, so
konnte ich sicher sein, da er, ehe viele Minuten verflossen waren, mich
darauf aufmerksam machte und mein Urteil verlangte. Er war ein Mann von
Eisen mit einem Kindergemt. Als Liebknecht am 7. August 1900 starb,
waren es auf den Tag fnfunddreiig Jahre, da wir unsere erste
Bekanntschaft gemacht hatten.

In seiner Parteittigkeit liebte es Liebknecht, fertige Tatsachen zu
schaffen, wenn er annahm, da ein Plan von ihm Widerstand finden wrde.
Unter dieser Eigenschaft litt ich anfangs schwer, denn ich bekam in der
Regel die Suppe auszuessen, die er eingebrockt hatte. Bei seinem Mangel
an praktischem Geschick muten andere die Durchfhrung von ihm
getroffener Manahmen bernehmen. Endlich aber fand ich den Mut, mich
von dem Einflu seines apodiktischen Wesens zu befreien, und nun
gerieten wir manchmal hart aneinander, ohne da die Oeffentlichkeit es
merkte und ohne da unser Verhltnis dadurch dauernd getrbt worden
wre.

Man hat viel geschrieben ber den Einflu, den Liebknecht auf mich
gehabt habe; man behauptete zum Beispiel, da nur seinem Einflu es zu
danken gewesen sei, da ich Sozialist wurde. In einer bei Langen in
Mnchen im Jahre 1908 erschienenen Broschre wird weiter gesagt,
Liebknecht habe mich zum Marxisten gemacht, als welchen ich mich im
September 1868 auf dem Nrnberger Vereinstag bekannt habe. Liebknecht
htte hiernach volle drei Jahre gebraucht, um aus dem Saulus einen
Paulus zu machen.

Liebknecht war vierzehn Jahre lter als ich, er hatte also, als wir uns
kennen lernten, eine lange politische Erfahrung vor mir voraus.
Liebknecht war ein wissenschaftlich gebildeter Mann, der fleiig
studiert hatte; diese wissenschaftliche Bildung fehlte mir. Liebknecht
war endlich in England zwlf Jahre lang mit Mnnern wie Marx und Engels
in intimem Verkehr gestanden und hatte dabei viel gelernt, ein Umgang,
der mir ebenfalls fehlte. Da Liebknecht unter solchen Umstnden
erheblichen Einflu auf mich ausben mute, war ganz selbstverstndlich.
Andernfalls wre es eine Blamage fr ihn gewesen, da er diesen Einflu
nicht auszuben verstand, oder eine Blamage fr mich, da ich aus dem
Umgang mit ihm nichts zu profitieren wute. Einer meiner Bekannten aus
jener Zeit schrieb vor einigen Jahren in der "Leipziger Volkszeitung",
er habe (1865) gehrt, wie ich im kleinen Kreise von meiner
Bekanntschaft mit Liebknecht erzhlt und dazu bemerkt htte:
"Donnerwetter, von dem kann man was lernen." Das drfte stimmen. Aber
Sozialist wre ich auch ohne ihn geworden, denn dazu war ich auf dem
Wege, als ich ihn kennen lernte. Im bestndigen Kampfe mit den
Lassalleanern, mute ich Lassalles Schriften lesen, um zu wissen, was
sie wollten, und damit vollzog sich in Blde eine Wandlung in mir. Die
Haltung der liberalen Wortfhrer in und auerhalb des Parlamentes hatte
allmhlich auch bei uns Unzufriedenheit erregt, und ihr Nimbus war im
Schwinden begriffen. Besonders war es die Haltung der liberalen
Wortfhrer in den Arbeiterfragen, die Mistimmung erzeugte. Mein Umgang
mit Liebknecht hat meine Mauserung zum Sozialisten beschleunigt. Dieses
Verdienst hat er. Aehnlich ist es mit der Behauptung, Liebknecht habe
mich zum Marxisten gemacht. Ich habe in jenen Jahren viele sehr gute
Vortrge und Reden von ihm gehrt. Er sprach ber das englische
Gewerkvereinswesen, die englischen und franzsischen Revolutionen, die
deutschen Volksbewegungen, ber politische Tagesfragen usw. Kam er auf
Marx und Lassalle zu sprechen, dann stets polemisch, lngere
theoretische Auseinandersetzungen hrte ich meiner Erinnerung nach nicht
von ihm. Zu privaten Unterweisungen hatte aber weder er noch ich Zeit,
die Tageskmpfe und was damit zusammenhing lieen uns zu privaten
theoretischen Errterungen nicht kommen. Auch war Liebknecht nach seiner
ganzen Veranlagung weit mehr grozgiger Politiker als Theoretiker. Die
groe Politik war seine Lieblingsbeschftigung.

Ich bin vielmehr, wie fast alle, die damals Sozialisten wurden, ber
Lassalle zu Marx gekommen. Lassalles Schriften waren in unseren Hnden,
noch ehe wir eine Schrift von Marx und Engels kannten. Wie ich von
Lassalle beeinflut worden war, zeigt noch deutlich meine erste
Broschre "Unsere Ziele", die Ende 1869 erschien. Gegen Ende 1869 fand
ich aber auch erst auskmmlich die Zeit und Ruhe, den im Sptsommer 1867
erschienenen ersten Band "Das Kapital" von Marx grndlich zu lesen, und
zwar im Gefngnis. Fnf Jahre frher hatte ich versucht, die 1859
erschienene Schrift von Marx "Zur politischen Oekonomie" zu studieren,
aber es blieb bei dem Versuch. Ueberarbeit und der Kampf um die Existenz
gewhrten mir nicht die ntige Mue, die schwere Schrift geistig zu
verdauen. Das Kommunistische Manifest und die anderen Schriften von Marx
und Engels wurden aber der Partei erst gegen Ende der sechziger und
Anfang der siebziger Jahre bekannt. Die erste Schrift, die mir von Marx
in die Hnde kam und die ich mit Genu las, war seine Inauguraladresse
fr die Grndung der Internationalen Arbeiterassoziation. Diese Schrift
lernte ich Anfang 1865 kennen. Ende 1866 trat ich der Internationale
bei.




Zunehmende Verstimmung in den Arbeitervereinen.


Die unerquicklichen ffentlichen Zustnde, die den Arbeitern immer mehr
zum Bewutsein kamen, wirkten naturgem auch auf deren Stimmung. Alle
verlangten nach Aenderung. Aber da keine klare und zielbewute Fhrung
vorhanden war, zu der man Vertrauen hatte, auch keine mchtige
Organisation bestand, die die Krfte zusammenfate, verpuffte die
Stimmung. Nie verlief resultatloser eine im Kern vortreffliche Bewegung.
Alle Versammlungen waren berfllt, und wer am schrfsten sprach, war
der Mann des Tages. Diese Stimmung herrschte vor allem im Leipziger
Arbeiterbildungsverein. Gegen Ende Oktober veranlate ich Professor
Eckhardt aus Mannheim--der einer der glnzendsten Redner jener Zeit
war--, nachdem er in einer Volksversammlung in Leipzig gesprochen hatte,
auch im Arbeiterbildungsverein einen Vortrag zu halten. In diesem
behandelte er die Stellung des Arbeiters in der damals gegebenen
Situation, namentlich in bezug auf seine sozialen Forderungen. In
letzterer Beziehung sprach er sich entschieden fr das Eingreifen des
Staates aus. Er hatte auch gegen die Lassallesche Idee der Staatshilfe
nichts einzuwenden, wenn diese von einem demokratischen Staate ausgehe.
Der Redner erntete strmischen Beifall und fand keinerlei Widerspruch.

Ungeachtet der wiederholten Abweisungen hatten wir uns Ende 1865
abermals an die schsische Regierung um die Genehmigung eines
Gauverbandes gewendet. Hufiger Austausch der politischen Ansichten war
zum Bedrfnis geworden. Das Ministerium stellte wiederum Bedingungen,
die wir nicht annehmen konnten. Doch beschlossen wir im Vorstand des
Vereins fr Frderung der geistigen und materiellen Interessen der
Arbeitervereine, den Vereinen die Entscheidung zu berlassen, und
beriefen eine Landesversammlung fr den 28. Januar 1866 nach Zwickau,
deren Tagesordnung wir festsetzten, als gbe es kein gesetzliches
Hindernis. Danach sollte nach dem Bericht ber die Verwaltung die
Antwort des Ministeriums besprochen werden. Weiter sollten beraten
werden: Petitionen fr volle Gewerbefreiheit und Freizgigkeit, fr die
Frderung eines freisinnigen Vereinsgesetzes, die Aufhebung der Arbeits-
und Dienstbcher und aller Pabeschrnkungen. Nach diesem sollten die
Antrge der Vereine beraten und die Wahl des Vorstandes vorgenommen
werden. Wegen Erlangung des allgemeinen Wahlrechtes wollten wir uns in
einer Privatbesprechung verstndigen.

Unsere Tagesordnung ging dem Leipziger Polizeidirektorium zu weit. Unser
Schriftfhrer Germann und ich wurden vorgeladen und ersucht, dieselbe zu
ndern, widrigenfalls die Konferenz nicht stattfinden drfe und die
Vereine fr politische erklrt wrden, was eine Verbindung unter
denselben unmglich gemacht htte. Polizeidirektor in Leipzig war damals
ein Dr. Rder, ein ehemaliger demokratischer Achtundvierziger, der aber
das Vereins- und Versammlungsgesetz in einer Weise handhabte, da es
kein Konservativer htte strenger handhaben knnen. Wir setzten nunmehr
nur die Besprechung der Ministerialverordnung auf die Tagesordnung,
unterrichteten aber unter der Hand die Vereine, sie mchten sich gut
vertreten lassen, wir wrden versuchen, auf der Konferenz durchzusetzen,
was mglich sei. Es waren von 24 Vereinen 31 Vertreter anwesend. Sonntag
vormittag begannen die Verhandlungen. Als ein Vertreter fr Werdau den
Antrag stellte, die gesetzliche Verkrzung der Arbeitszeit auf die
Tagesordnung zu setzen, widersprach dem der anwesende Polizeikommissar.
Ueber die Verordnung des Ministeriums (Beust) machte ich der Versammlung
den Vorschlag zu erklren:

"In Anbetracht, da die Verordnung des Ministeriums des Innern den
Arbeitervereinen Sachsens die Grndung eines Gauverbandes nur unter der
Bedingung gestattet, da dieselben sich nicht mit politischen, sozialen
oder ffentlichen Angelegenheiten befassen, durch diese Beschrnkung
aber die Ttigkeit der Vereine auf Null reduziert wird, beschliet die
Versammlung, von der Grndung eines Gauverbandes abzusehen, und berlt
es jedem Verein, wie er seiner Aufgabe nachkommen will."

Die Folge jener Zwickauer Vorgnge war, da das Leipziger
Polizeidirektorium den Arbeiterbildungsverein unter das Vereinsgesetz
stellte, das heit, ihn von nun an als politischen Verein behandelte.

Groe Mistimmung hatte im Leipziger Arbeiterbildungsverein seit langem
die Haltung der "Berliner Volkszeitung" erregt, die im Lesezimmer
auslag, und zwar sowohl wegen ihrer undemokratischen Haltung als auch
wegen der Feindseligkeit, mit der sie die weitergehenden
Arbeiterforderungen bekmpfte. In der Generalversammlung des Vereins
(Mrz 1866) stellte ich im Auftrag des Vorstandes den Antrag, die
"Berliner Volkszeitung" abzuschaffen und dafr die "Rheinische Zeitung"
in Kln zu abonnieren. Der Antrag gab Anla zu einer erregten Debatte,
er wurde aber schlielich mit 160 gegen 17 Stimmen angenommen. Dieser
Beschlu fhrte in der liberalen Presse zu heftigen Angriffen gegen den
Verein und mich persnlich. Man sah mich als den Urheber des Antrags an.

Die im Jahre 1863 in Sachsen eingefhrte Gewerbefreiheit setzte voraus,
da wer sich selbstndig machen wollte, erst das Gemeindebrgerrecht
erlangen mute. Das kostete aber namentlich in den greren Stdten viel
Geld. Es begann nunmehr im Winter von 1865 auf 1866 in Leipzig eine
Bewegung, die auf Beseitigung beziehungsweise Herabsetzung der
Brgerrechtsgebhren und eine radikale Umgestaltung der schsischen
Stdteordnung abzielte. Liberale Fhrer standen damals an der Spitze
dieser Bewegung. Ich besuchte ebenfalls die betreffenden Versammlungen
und soll, so wurde mir mehrfach versichert, die besten Reden gehalten
haben. Nachdem ein Programm aufgestellt worden war, wurde ein Komitee
niedergesetzt, dem auch ich angehrte, das die Agitation ber ganz
Sachsen in die Wege leiten sollte. Aber unsere Arbeit erwies sich bald
als zwecklos. Als wir im Frhjahr 1866 so weit waren, die Agitation
beginnen zu knnen, war die Zuspitzung der Gegenstze zwischen Preuen
und Oesterreich und die Errterungen ber die Lsung der deutschen Frage
so weit gediehen, da sie jedes andere Interesse in den Hintergrund
drngten. Das gleiche Schicksal hatte unsere Agitation fr eine
Umgestaltung der schsischen Gewerbeordnung. Dagegen traten jetzt die
politischen Forderungen in den Vordergrund.

Den 25. und 26. Mrz fanden hierfr mehrere Versammlungen in Dresden
statt, zu denen ich von Leipzig delegiert wurde, auf deren Tagesordnung
auch die Einigungsfrage stand. Ich sprach mich als Delegierter fr
Leipzig fr ein gemeinsames Zusammengehen aus, dagegen machte Vahlteich
den Fehler, da er die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins scharf angriff und mit Vorwrfen berhufte, was einen
Sturm der Entrstung hervorrief. Vahlteich konnte die ihm als einstigem
Sekretr Lassalles im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein widerfahrene
Behandlung nicht vergessen--er war auf Antrag Lassalles, der keinen
Widerspruch vertragen konnte, ausgestoen worden--, und so schlug er auf
den Verein los, wo er immer dazu Gelegenheit fand. Dennoch kam es nach
Schlu jener Versammlungen zu einer gemeinsamen Konferenz, an der die
Arbeiterbildungsvereine Leipzig, Dresden, Chemnitz, Glauchau und
Grlitz, die Mitgliedschaften des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
zu Dresden, Plauenscher Grund, Chemnitz und Glauchau, der
Altgesellenverein und die Typographia zu Dresden durch 20 Delegierte
teilnahmen. Man beschlo gemeinsame Agitation fr das allgemeine
Wahlrecht, fr ein demokratisches Vereins- und Versammlungsrecht, fr
Freizgigkeit, Gewerbefreiheit, Aufhebung der Pabeschrnkungen,
Einfhrung einer Schulreform, Erhaltung der Schulen durch den Staat,
Regelung der Lohnfrage, der Kranken- und Untersttzungskassen- und der
Assoziationsfrage. Die Anwesenden konstituierten sich als Komitee.
Frsterling wurde dessen Vorsitzender.

Bei der Einberufung von Versammlungen beteiligten sich jetzt alle in
Dresden bestehenden Arbeiterorganisationen, einschlielich des
Buchdruckergehilfenverbandes. Man handelte, als gbe es kein schsisches
Vereinsgesetz mehr, das die Verbindung von Vereinen fr politische
Zwecke verbot. Auch wurde von allen Seiten ein dauerndes Zusammengehen
der Arbeiterorganisationen verlangt. Die Parlamentsfrage wurde von jetzt
ab Gegenstand lebhaftester Agitation in den Arbeiterkreisen. Wir
forderten ein konstituierendes Parlament fr Gesamtdeutschland und die
Einfhrung der allgemeinen Volksbewaffnung zum Schutze des Parlaments,
eine Forderung, die damals in den demokratischen Kreisen als
selbstverstndlich galt, weil ohne einen solchen Schutz das Parlament
Gegenstand eines Staatsstreichs werden knne.

Dagegen fate eine Versammlung, die am 7. Mai in Dresden tagte und von
2000 Personen besucht war, Beschlsse, die teilweise recht seltsam
lauteten. Darin hie es:

1. Wir verdammen jede Politik, welche die Kraft des Volkes lhmt und ihm
nicht die Garantien seiner Freiheit und seines Wohlstandes gibt. 2. Wir
erklren die Abtretung von nur einem Fubreit deutschen Landes als
Verrat am Vaterland. 3. Wir verlangen, da Seine Majestt der Knig und
die Regierung ihren Pflichten gegen das Vaterland und das Volk
nachkommen, und da deshalb diejenigen Mnner, welche diesen Pflichten
entgegen die Energie des Widerstandes lhmen, durch solche ersetzt
werden, welche energisch und im volkstmlichen Sinne handeln. 4. Wir
verlangen, da die Interessenherrschaft, deren landesverderbliche
Resultate jetzt offen zutage treten, durch Wiederherstellung des
allgemeinen, gleichen und direkten Stimmrechtes mit geheimer Abstimmung
und unbeschrnkter Whlbarkeit ersetzt wird. 5. Wir verlangen, da die
Regierung Seiner Majestt den Entschlu kund gebe, auf Grund der
Bundesbeschlsse vom 30. Mrz und 9. April 1848 das Parlament
einzuberufen und in die Lsung der deutschen Verfassungsfrage im Sinne
der im Februar 1849 der deutschen Nationalversammlung ausgesprochenen
Geneigtheit einzutreten. 6. Wir verlangen sofortige Wiederherstellung
der deutschen Grundrechte und allgemeine Volksbewaffnung.

Es wurde alsdann eine Deputation gewhlt, zu der Frsterling, Knfel und
Rechtsanwalt Schraps gehrten, die dem Knig die Wnsche der
Versammlung vortragen sollten. Selbstverstndlich wurde der Empfang
dieser Deputation abgelehnt.

Schlielich mute wohl oder bel auch die schsische Regierung, gedrngt
durch die Stimmung im Lande und den mittlerweile einberufenen Landtag,
Stellung zur Bundesreformfrage nehmen. Herr v. Beust, der bisher
Anhnger des unmglichen sterreichischen Reformprojektes gewesen war
und auch der Triasidee warm das Wort geredet hatte, kam jetzt ins
Gedrnge. Von der Deputation der Zweiten Kammer des Landtags befragt,
wie nunmehr die Regierung zu dem sterreichischen Reformprojekt stehe,
erklrte er: es sei nicht ihre Absicht, auf das Delegiertenprojekt
zurckzukommen; sie sei bereit, fr eine Bundesreform zu wirken und fr
ein Parlament, das auf Grund des Wahlgesetzes von 1849 zu whlen sei.
Gegenber dem preuischen Reformentwurf machte er allerlei unklare
Vorbehalte. Die Deputation der Zweiten Kammer beantragte im Verein mit
der Deputation der Ersten Kammer, an die Regierung den Antrag zu
richten:

"Die Regierung mge mit aller Energie dahin wirken, da die Anordnung
der Wahlen zum deutschen Parlament auf Grund allgemeiner und direkter
Wahl, womglich nach dem Reichswahlgesetz vom 27. Mrz 1849, in ganz
Deutschland noch im Laufe dieses Monats (Juni) erfolge und die
Einberufung des Parlaments in mglichst kurzer Frist geschehe."

Aber die Kugel war bereits im Rollen und lief nach einer anderen
Richtung, als man erwartete.




Die Katastrophe von 1866.


Es ist fr die Beurteilung der kommenden Ereignisse und unsere Stellung
zu denselben notwendig, eine summarische Uebersicht der Vorgnge zu
geben, die schlielich die langen diplomatischen Kmpfe, die Oesterreich
und Preuen um die Vorherrschaft in Deutschland fhrten, auf dem
Schlachtfeld zur Entscheidung brachten.

Durch den Tod des Dnenknigs Friedrich VII., November 1863, tauchte von
neuem die schleswig-holsteinsche Frage auf, da mit dem Tode des Knigs
die Oldenburger Linie erloschen war. Den neuen Dnenknig Christian IX.
erkannten die Schleswig-Holsteiner als erbberechtigten Herzog nicht an,
sondern entschieden sich fr den Prinzen Friedrich von Augustenburg, der
denn auch seinen Regierungsantritt als Herzog Friedrich VIII.
verkndete. Damit war die Zugehrigkeit der beiden Herzogtmer zu
Deutschland ausgesprochen, was allgemein groe Genugtuung hervorrief.
Dnemark widerstand dieser Lsung. Der Bundestag mute sich also fr die
Bundesexekution gegen Dnemark entscheiden, deren Ausfhrung er Sachsen
und Hannover bertrug. Aber sie pate nicht in Bismarcks Plne. Er lie
durch seine Kronjuristen nachweisen, da der Augustenburger nicht
erbberechtigt sei, eine Entscheidung, die die ffentliche Meinung gegen
die Bismarcksche Politik aufs uerste erregte. Man sah in Bismarck, dem
Manne des preuischen Verfassungsbruchs, nicht denjenigen, der die Frage
im Sinne der Bevlkerung von Schleswig-Holstein lsen wrde, man
erinnerte sich auch wieder, da es Preuen war, das an dem schmhlichen
Ausgang des ersten Schleswig-Holsteinschen Krieges gegen Dnemark, 1851,
die Hauptschuld trug.

Der Vorstand des Nationalvereins fand daher lebhafte Zustimmung, als er
bereits im Sptherbst 1863 in einem Aufruf, unterzeichnet von Rudolf v.
Bennigsen als Prsident, das Volk zur Selbsthilfe aufrief. In dem
betreffenden Aufruf hie es: "Der Nationalverein fordert alle
Gemeinden, Korporationen, Vereine, Genossenschaften, fordert alle
Vaterlandsfreunde, die sich mit ihm zu dem groen Werke verbinden
wollen, auf, ungesumt Geld herbeizuschaffen--und Mannschaften, Waffen
und alle Mittel bereitzuhalten, die zur Befreiung unserer Brder in
Schleswig-Holstein erforderlich sein werden."

Dieser Aufruf verstie zweifellos gegen eine Reihe Gesetze in den
Einzelstaaten, aber kein ffentlicher Anklger rhrte sich. Die
Volksstimmung sympathisierte mit diesem Vorgehen.

Kurz nachher verffentlichte der Ausschu des Nationalvereins fr
Schleswig-Holstein einen Aufruf, in dem es hie:

"Wohlan! rsten wir uns, auf da, wenn der Augenblick zum Handeln
gekommen ist, die deutsche Jugend kampfbereit zu den Waffen greifen
kann.... Die vielleicht nur sehr kurze Zwischenzeit mge sie benutzen
zur Uebung in den Waffen und zur taktischen Ausbildung."

Man sieht, wie damals die liberalen Wortfhrer die Durchfhrung der
Volksbewaffnung in kurzer Zeit fr mglich hielten. Wehe dem
Sozialdemokraten, der heute einen hnlichen Aufruf erlassen wollte. Das
ist der Fortschritt seit jener Zeit!--

Hier mchte ich einfgen, da mit Beginn der sechziger Jahre neben der
massenhaften Grndung von Arbeitervereinen auch die massenhafte Grndung
von Turn- und Schtzenvereinen vorgenommen wurde, die in der nationalen
Bewegung jener Tage eine groe Rolle spielten. Bismarck sah diesem
Treiben sehr mimutig zu. Die groen Feste, die jene Vereinigungen fr
ganz Deutschland abwechselnd veranstalteten, waren Massenvereinigungen,
die sich in der Hauptsache mit der deutschen Frage beschftigten. In
Leipzig fand im August 1863 das allgemeine deutsche Turnfest statt, dem
selbst Herr v. Beust seine Reverenz machte. Aber whrend dieser eine
patriotische Rede auf dem Turnplatz hielt, verbot die Leipziger Polizei
den Verkauf der Reichsverfassungsurkunde von 1849 an ffentlichen Orten.
Ich nahm ebenfalls insofern an jenem Feste teil, als unsere
Sngerabteilung, deren Vorsitzender ich nach dem Austritt Fritzsches
geworden war, mit den brigen Gesangvereinen Leipzigs die
Gesangsauffhrungen in der Festhalle ausfhrte. Im Oktober desselben
Jahres fand auch die fnfzigjhrige Feier der Schlacht bei Leipzig
statt. Dieses Fest war in seiner Art noch weit groartiger als das
Turnfest. Es wurde ebenfalls zu groen politischen Demonstrationen
benutzt. Ich wirkte hier gleichfalls als Angehriger unserer Sngerschar
mit.

Es wurden von jetzt ab in ganz Deutschland Versammlungen zugunsten der
Unabhngigkeit Schleswig-Holsteins veranstaltet. In Leipzig beschlo
eine Arbeiterversammlung, in der alle Richtungen vertreten waren: "sie
betrachte es als die Pflicht der deutschen Arbeiter, der Ehre, dem
Rechte und der Freiheit des Vaterlandes in allen Fllen, wo diese
bedroht seien, ihren Arm zur Verfgung zu stellen". Im gleichen Sinne
wurde in anderen Stdten resolviert. Der in Frankfurt a. M. Ende 1863
abgehaltene Abgeordnetentag, der von 500 Abgeordneten besucht war,
erklrte sich gegen die Annexion von Schleswig-Holstein an irgend einen
deutschen Staat. Der Beschlu zielte gegen Preuen und Bismarck, fr
dessen Politik damals selbst diejenigen Liberalen nicht einzutreten
wagten, die innerlich fr eine Annexion an Preuen waren.

Natrlich war Bismarck ber diese seiner Politik bereiteten Hindernisse
aufs hchste aufgebracht. Er verlangte vom Frankfurter Senat die
Auflsung des Sechsunddreiiger-Ausschusses des Abgeordnetentags, dessen
Vorsitzender der Stadtrat Siegmund Mller in Frankfurt war. Ferner
verlangte er vom Senat das Verbot der Wehrbungen der Frankfurter
Jugend. Mit beiden Antrgen fiel er ab. Aber er verga dieses Frankfurt
nicht. 1866 mute das "Demokratennest" dafr ben, indem er es erst
drangsalierte und dann annektierte. Schlielich fand die
schleswig-holsteinsche Frage doch die von Bismarck geplante Lsung. Es
gelang ihm, den Leiter der sterreichischen Politik, Graf Rechberg,
grndlich einzuseifen und fr seine nchsten Plne zu gewinnen. Statt
der Bundestruppen, die mittlerweile in Schleswig-Holstein eingerckt
waren, fhrten jetzt Preuen und Oesterreich den Krieg gegen die Dnen,
die ihnen gegenber bald unterlagen und gentigt wurden, im
Friedensschlu Schleswig-Holstein und Lauenburg an Preuen und
Oesterreich abzutreten. Oesterreich machte schlielich mit Preuen noch
ein Handelsgeschft, indem es seinen Anteil an Lauenburg fr 2-1/2
Millionen Taler an Preuen verkaufte. Der Krieg war von Bismarck gegen
den Willen der Abgeordnetenkammer gefhrt worden, die mit 275 gegen 80
Stimmen die geforderte Kriegsanleihe verweigert hatte. Man kann sich
vorstellen, da diese Art zu regieren die Stimmung fr Preuen nicht
strkte, die im brigen Deutschland noch verschlimmert wurde, als nach
langen Verhandlungen zwischen Preuen und Oesterreich der Vertrag von
Gastein, 14. August 1865, bekannt wurde, nach dem die Verwaltung von
Schleswig an Preuen und jene von Holstein an Oesterreich fiel. Das war
der zweite Meisterstreich Bismarcks, der damit den Keil zwischen
Oesterreich und dem Bunde immer tiefer trieb. Allerdings bot sich jetzt
der Welt das heitere Schauspiel, da die Preuen unter Manteuffel alle
Demonstrationen zugunsten des Augustenburgers in Schleswig rcksichtslos
unterdrckten und berhaupt ein sehr strenges Regiment fhrten,
wohingegen die Oesterreicher unter dem General v. Gablenz in Holstein
allem freien Lauf lieen. Wie Gablenz seine Aufgabe auffate, zeigt
seine Aeuerung: "Ich werde die bestehenden Landesgesetze beachten,
damit kein Holsteiner bei meinem eventuellen Wegziehen von hier sagen
kann, ich habe rechtlos regiert. Ich will hier im Lande nicht als
trkischer Pascha regieren." Das war eine moralische Ohrfeige fr Herrn
v. Manteuffel.

Da die neue Ordnung in den Herzogtmern nur ein Provisorium sein
konnte, war klar. Diese Lsung war keine. Schlielich mute die
Auseinandersetzung zwischen Preuen und Oesterreich kommen, und die
konnte, nachdem alle brigen Faktoren ausgeschaltet waren, nach
Bismarcks Ansicht nur durch einen Krieg erfolgen. Auf diesen arbeitete
er nun systematisch hin. Auf der einen Seite suchte er sich durch
dilatorische Verhandlungen, wie er sie spter nannte, Napoleons
Neutralitt durch Versprechungen auf eventuelle Abtretung deutschen
Gebiets an Frankreich zu sichern--die Rheinpfalz und das preuische
Saarrevier standen bei den Unterhandlungen in Frage--, andererseits
schlo er mit Italien ein Abkommen, wonach es im gegebenen Falle
Oesterreich im Sden angreifen sollte, sobald Preuen von Norden
losschlagen wrde. Bezeichnend fr die Art, wie Bismarck seine
"nationale" Politik durchzusetzen suchte, sind die Verhandlungen mit den
italienischen Staatsmnnern, die spter der italienische
Ministerprsident La Marmora in seinem Buche "Mehr Licht"
verffentlichte. Im Mrz uerte Bismarck gegen den italienischen
auerordentlichen Militrbevollmchtigten in Berlin: der Knig habe die
allzu ngstlichen legitimistischen Skrupel aufgegeben. Er hatte
Bedenken, sich mit dem durch Kronenraub und Annexionen gro gewordenen
Italien zu verbinden, auch wollte er aus legitimistischen Bedenken
keinen Krieg gegen Oesterreich fhren. In einigen Monaten, so fuhr
Bismarck fort, werde er die Frage der deutschen Reform, verziert mit
einem Parlament, aufs Tapet bringen, mit diesem Vorschlag Wirren
hervorrufen, die dann Preuen in Gegnerschaft mit Oesterreich bringen
wrden, worauf es zwischen beiden zum Kriege kommen werde.

Dieses Programm wurde prompt ausgefhrt.

Am 3. Juni berichtete der italienische Gesandte in Berlin, Govone,
seiner Regierung, Bismarck habe ihm gegenber geuert: "Ich bin viel
weniger Deutscher als Preue und wrde kein Bedenken tragen, die
Abtretung des ganzen Landes zwischen dem Rheinufer und der Mosel an
Frankreich zu unterschreiben: Pfalz, Oldenburg, einen Teil des
preuischen Gebiets." ... "Sorge mache ihm der Knig, der das religise,
ja aberglubische Bedenken habe, er drfe die Verantwortung fr einen
europischen Krieg nicht auf sich laden."

Die Darlegung der Zettelungen, die Bismarck mit Italien fhrte, um durch
Anstiftung revolutionrer Erhebungen in Ungarn und Kroatien Oesterreich
zu schwchen und die Heeresteile aus den erwhnten Lndern zum Abfall
von der sterreichischen Armee zu bringen, will ich im einzelnen nicht
schildern. Diese Vorgnge zeigen, da hoch- und landesverrterische
Unternehmungen gerade gut genug waren, um Bismarck zum Ziele zu fhren,
und Hoch- und Landesverrat nur dann Verbrechen sind, wenn sie von unten
ausgehen. Preuen und Italien verstndigten sich, da die Kosten fr
diese revolutionren Erhebungen von ihnen gemeinsam getragen werden
sollten. Ueberflssig zu sagen, da Oesterreich nunmehr seine Lage
erkannt hatte und Gegenmaregeln traf. Gegen Ende Mrz begann das
diplomatische Spiel lebhaft zu werden. Man begann sich beiderseitig mit
Vorwrfen zu traktieren und--rstete. Am 9. April stellte Preuen
seinen Bundesreformantrag in Frankfurt a.M. Es beantragte, die
Bundesversammlung wolle beschlieen, eine aus direkten Wahlen und
allgemeinem Stimmrecht der ganzen Nation hervorgegangene Versammlung fr
einen nher zu bestimmenden Tag einzuberufen, in der Zwischenzeit aber,
bis zum Zusammentritt derselben, sollten die Regierungen die Vorlagen
fr eine Reform der Bundesverfassung untereinander feststellen.

Diesem Reformvorschlag wurde erklrlicherweise in weiten Kreisen mit
intensivem Mitrauen begegnet. Man sagte sich: Wie kommt Bismarck dazu,
sich fr ein deutsches Parlament auf Grund des allgemeinen, direkten
Wahlrechts zu erklren und sich als radikalen Reformator aufzuspielen,
er, der in Preuen im Widerspruch gegen die klaren Bestimmungen der
Verfassung regiert, der die berchtigten Preordonnanzen, die Fhrung
des Schleswig-Holsteinschen Krieges wider den Willen der Kammer, die
eben erst getroffene Entscheidung des Obertribunals ber den Artikel 84
der Verfassung, betreffend die Redefreiheit der Abgeordneten, und vieles
andere auf dem Gewissen habe? Der Widerstand, den der preuische
Reformvorschlag fand, veranlate im April die "Kreuzzeitung", zu
erklren, es bleibe nur eine Alternative: Bundesreform oder Revolution.
In Wahrheit war es Bismarck mit seinem Vorschlag eines gesamtdeutschen
Parlaments nicht Ernst, wie das sein spterer Parlamentsvorschlag an den
Bundestag zeigte. Aber er dachte auch nicht einmal daran, die
sdwestdeutschen Staaten darin aufzunehmen, wie sich nachher
herausstellte, als es sich um die Grndung des Norddeutschen Bundes
handelte.

Zum Ueberflu ist dieses durch die Denkwrdigkeiten des Frsten
Hohenlohe besttigt worden. Bismarck sah damals in der groen Mehrzahl
der Sddeutschen heterogene Elemente, die ihm seine Zirkel stren
knnten. Erst die Wahlen zum Zollparlament und die Aufnahme, die der
Krieg von 1870/71 in Sddeutschland fand, beseitigten seine
Befrchtungen.

Das Vorgehen Bismarcks in der schleswig-holsteinschen und der deutschen
Frage wirkte auf die Liberalen zersetzend; sie wurden in zwei Lager
getrennt. Die einen sympathisierten mit seinem Vorgehen, die anderen
konnten ihm seinen inneren Konflikt in Preuen nicht verzeihen und
opponierten. Twesten schrieb Anfang Oktober 1865 an den Vorsitzenden des
Sechsunddreiiger-Ausschusses: "Wir--er sprach also im Namen von
mehreren--ziehen _jede_ Alternative einer Niederlage des preuischen
Staates vor." Das hie also: Siegt Preuen im Kampfe um die
Vorherrschaft in Deutschland selbst mit Hilfe des Auslandes und unter
Preisgabe deutschen Gebiets, wir stehen zu Preuen. Das war das
Bismarcksche: "Ich bin mehr Preue als Deutscher!" Mommsen meinte: Die
Differenzen in Freiheitsfragen seien kein Grund, da man Bismarck nicht
in seiner auswrtigen Politik untersttze. Und Ziegler, der
Steuerverweigerer von 1848, der des Hochverrats angeklagt, zu Festung
verurteilt und als Oberbrgermeister von Brandenburg gemaregelt worden
war, erklrte kurz vor Ausbruch des Krieges vor seinen Breslauer
Whlern: Das Herz der preuischen Demokratie ist, wo die Landesfahnen
wehen. Ziegler war ein merkwrdiger Herr. So hatte er einige Monate
zuvor in einer Rede im preuischen Abgeordnetenhaus seinen
Parteigenossen ein drastisches Zitat aus einer Rede Marrasts, der im
Februar 1848 Mitglied der provisorischen Regierung in Paris wurde, an
den Kopf geworfen, indem er ihnen zurief: Die Perversitt ist euch vom
Unterleib ins Gehirn gestiegen, ihr knnt nicht mehr denken.

Der Nationalverein suchte durch eine Generalversammlung, die er fr Ende
Oktober 1865 nach Frankfurt a.M. berief, in seiner Art ebenfalls der
Bismarckschen Politik zu Hilfe zu kommen. Er erntete freilich keinen
Dank. Bismarck war ber diese Absicht so aufgebracht, da er die
sterreichische Regierung veranlate, mit ihm eine Note an den
Frankfurter Senat zu schicken, in der beide das Verbot der
Generalversammlung forderten, ein Schritt, den nur ein Mann unternehmen
konnte, der nicht mehr Herr ber seine Nerven war. Der Senat lehnte auch
diese Forderung ab, und die Generalversammlung fand statt. Die
Beschlsse besagten: Der Nationalverein besttige seine frheren
Beschlsse, wonach er eine Zentralgewalt und ein Parlament mit der
Reichsverfassung von 1849 als Ziel erstrebe und die Zentralgewalt an
Preuen bertragen sehen wolle. Fr Schleswig-Holstein fordere er das
Selbstbestimmungsrecht mit der Einschrnkung, da, solange keine
deutsche Zentralgewalt vorhanden sei, es die fr eine Zentralgewalt
notwendigen Attribute an Preuen bertrage. Ferner solle eine
Landesvertretung der Herzogtmer einberufen werden. Nach heftigen
Debatten wurden diese Antrge mit groer Mehrheit angenommen. Jedenfalls
lag in diesen Beschlssen ein groes Entgegenkommen gegen Preuen.
Weiter konnte vorerst der Nationalverein nicht gehen.

Als dann die Mglichkeit eines Krieges zwischen Oesterreich und Preuen
immer mehr in den Vordergrund rckte, ging das Bestreben der Liberalen
dahin, die Neutralitt der Mittel- und Kleinstaaten durchzusetzen, denn
sie sagten sich, da diese im Kriegsfall wohl in ihrer groen Mehrheit
auf sterreichischer Seite stehen wrden.

In Sachsen drehten die Liberalen sogar den Spie um und machten die
schsische Regierung fr den eventuellen Ausbruch eines Krieges
verantwortlich; sie verlangten Abrstung und Anschlu an Preuen. Die
Leipziger stdtischen Behrden schlossen sich durch Beschlu vom 5. Mai
dieser Auffassung an. Dagegen protestierte eine von 5000 Personen
besuchte Volksversammlung, die Professor Wuttke und seine nchsten
politischen Freunde, untersttzt von den Lassalleanern Fritzsche usw.,
fr den 8. Mai einberufen hatten, eine Einberufung, der wir uns
anschlossen. Der Lassalleaner Steinert prsidierte. Wuttke hielt die
erste Rede. Er protestierte gegen das Vorgehen von Stadtrat und
Stadtverordneten und forderte in einer Resolution die Regierung auf, die
Verteidigungsmaregeln auszudehnen und allgemeine Volksbewaffnung zum
Schutze des Landes einzufhren; ferner solle die Regierung sich
schleunigst der Hilfe ihrer Bundesgenossen versichern und beharrlich
jeder Sonderstellung Preuens in Schleswig-Holstein wie im brigen
Deutschland entgegentreten.

Diese Resolution war uns zu schwchlich. Ich nahm also das Wort und
begrndete folgende von Liebknecht und mir vereinbarte Resolution:

1. Die gegenwrtige drohende Lage Deutschlands ist durch die Haltung und
das Vorgehen der preuischen Regierung in der schleswig-holsteinschen
Frage provoziert, zugleich aber auch die natrliche Konsequenz der
Politik des Nationalvereins und der Gothaer fr die preuische Spitze.
2. Eine direkte oder indirekte Untersttzung dieser undeutschen Politik
betrachten wir als eine Schdigung der Interessen des deutschen Volkes.
3. Dieses Interesse kann nur gewahrt werden durch ein aus allgemeinen,
gleichen und direkten Wahlen mit geheimer Abstimmung hervorgegangenes
Parlament, untersttzt durch allgemeine Volkswehr. 4. Wir erwarten, da
das deutsche Volk nur solche Mnner zu seinen Vertretern erwhlt, die
jede erbliche Zentralgewalt verwerfen. 5. Wir erwarten, da im Falle
eines deutschen Bruderkriegs, der nur dazu dienen kann, deutsches Gebiet
dem Ausland in die Hnde zu spielen, das deutsche Volk wie ein Mann sich
erhebt, um mit den Waffen in der Hand sein Eigentum und seine Ehre zu
vertreten.

Der Stadtverordnetenvorsteher Dr. Joseph versuchte Stadtrat und
Stadtverordnete zu rechtfertigen, ihm antworteten scharf Liebknecht und
Fritzsche. Die Wuttkesche Resolution wurde gegen eine Minoritt, die
meinige einstimmig angenommen.

Die Leipziger liberale Presse brachte die verlogensten Berichte ber
jene Versammlung, was die Arbeiter der Offizin von Giesecke & Devrient
so emprte, da sie die betreffende Nummer der "Mitteldeutschen
Volkszeitung" feierlich verbrannten. Das Leipziger Beispiel fand
vielfach Nachfolge. So sprach sich unter anderem der Arbeitertag des
Maingauverbandes, der am 13. Mai unter Professor Louis Bchners Vorsitz
tagte, im gleichen Sinne aus.

In dieser Situation glaubte man im Sechsunddreiiger-Ausschu des
Abgeordnetentages Preuen zu Hilfe kommen zu mssen. Derselbe berief auf
den ersten Pfingstfeiertag einen Abgeordnetentag nach Frankfurt a.M.
Die Frankfurter Demokratie beschlo, auf denselben Tag eine
Gegendemonstration zu veranstalten, zu der aus Sachsen Wuttke und ich
eingeladen wurden. Der Abgeordnetentag, von zirka 250 Abgeordneten
besucht, wurde vom Vorsitzenden des Sechsunddreiiger-Ausschusses
erffnet. Herr v. Bennigsen wurde Prsident. Unter den Anwesenden war
auch Bluntschli, der durch sein Vorgehen in den vierziger Jahren in der
Schweiz gegen Weitling keinen guten Namen hatte. Ferner war anwesend der
alte Geheimrat Welcker, der, obgleich er fr die preuische Spitze
schwrmte, ber die Bismarcksche Politik so erbittert war, da er, wie
damals die Zeitungen meldeten, die sonderbare Preisfrage gestellt hatte,
wie eine verderbliche Regierung ohne das Mittel der Revolution entfernt
werden knnte? Die bekannte Frage: Wie wscht man den Pelz, ohne ihn na
zu machen?

Unter den Zuhrern der Verhandlungen befanden sich unter anderen die
Achtundvierziger Amand Goegg, August Ladendorf und Gustav Struve.
Letzterer war eine hagere, hoch aufgeschossene Gestalt mit einer
Fistelstimme und einer merkwrdig roten Nase, obgleich er ein Gegner des
Alkohols war. Ich hatte mir den ehemaligen Fhrer aus der badischen
Revolution etwas anders vorgestellt, machte aber bald die Entdeckung,
da wie es mir mit Struve, es anderen Leuten mit mir erging, die auch
ganz andere Vorstellungen von meiner Person hatten.

Dr. Vlck-Augsburg, der spter den Spitznamen die Frhlingslerche
erhielt, weil er im Zollparlament jubilierend verkndete: es will in
Deutschland Frhling werden, war Referent. Er begrndete folgende
Resolution der Mehrheit des Sechsunddreiiger-Ausschusses:

       *       *       *       *       *

Der Sieg der Waffen hat uns unsere Nordmarken zurckgegeben. Ein solcher
Sieg wrde in jedem wohlgeordneten Reiche zur Erhhung des
Nationalgefhls gedient haben. In Deutschland fhrte er durch die
Miachtung des Rechts der wiedergewonnenen Lnder, durch das Streben der
preuischen Regierung nach gewaltsamer Annexion und infolge der
unheilvollen Eifersucht der beiden Gromchte zu einem Zwiespalt,
dessen Dimensionen weit ber den ursprnglichen Gegenstand des Streites
hinausreichen.

Wir verdammen den drohenden Krieg als einen nur dynastischen Zwecken
dienenden Kabinettskrieg. Er ist einer zivilisierten Nation unwrdig,
gefhrdet alle Gter, welche wir in fnfzig Jahren des Friedens errungen
haben, und nhrt die Gelste des Auslandes.

Frsten und Minister, welche diesen unnatrlichen Krieg verschulden oder
aus Sonderinteressen die Gefahren desselben erweitern, machen sich eines
schweren Verbrechens an der Nation schuldig.

Mit ihrem Fluche und der Strafe des Landesverrats wird die Nation
diejenigen treffen, welche in Verhandlungen mit auslndischen Mchten
deutsches Gebiet preisgeben.

Sollte es nicht gelingen, den Krieg selbst durch den einmtig
ausgesprochenen Willen des Volkes noch in der letzten Stunde zu
verhindern, so ist wenigstens dahin zu trachten, da er nicht ganz
Deutschland in zwei groe Lager teile, sondern auf den engsten Raum
beschrnkt werde.

Wir erblicken hierin das wirksamste Mittel, um die Wiederherstellung des
Friedens zu beschleunigen, die Einmischung des Auslandes abzuhalten,
durch die Heeresmacht der nichtbeteiligten Staaten die Grenzen zu decken
und, im Falle der Krieg einen europischen Charakter annehmen sollte,
mit noch frischen Krften dem ueren Feind entgegenzutreten.

Diese Staaten haben also die Pflicht, solange ihre Stellung geachtet
wird, nicht ohne Not in den Krieg der beiden Gromchte sich zu strzen.
Insbesondere liegt es den Staaten der sdwestdeutschen Gruppe ob, ihre
Kraft ungeschwcht zu erhalten, um gegebenen Falles fr die Integritt
des deutschen Gebiets einzustehen.

Es wird Sache der Landesvertretungen sein, wenn sie ber Anforderungen
zu militrischen Zwecken zu entscheiden haben, diejenigen Garantien von
ihren Regierungen zu fordern, welche die Verwendung in der oben
ausgesprochenen Richtung und im wahren Interesse des Vaterlandes
sichern. Nur hierdurch wird sich die Gefahr abwenden lassen, aus den
jetzigen Verwicklungen eine neue Aera allgemeiner deutscher Reaktion
entspringen zu sehen.

Wie ein deutsches Parlament allein die Behrde ist, welche ber die
deutschen Interessen in Schleswig-Holstein zu entscheiden vermag, so ist
auch die Erledigung der deutschen Verfassungsfrage durch eine
freigewhlte deutsche Volksvertretung allein imstande, der Wiederkehr
solcher unheilvollen Zustnde wirksam zu begegnen. Die schleunige
Einberufung eines nach dem Reichswahlgesetz vom 14. April 1849 gewhlten
Parlaments mu daher von allen Landesvertretungen und von der ganzen
Nation gefordert werden.

       *       *       *       *       *

Der Schwerpunkt dieser Resolution lag in den Abschnitten 5, 6 und 7,
nach denen man die Mittel- und Kleinstaaten zur Neutralitt in dem
Kampfe zwischen Oesterreich und Preuen verpflichten wollte. In einer
sehr wirkungsvollen Rede ging der preuische Abgeordnete Julius Freese
der Resolution des Ausschusses und den Rednern, die sie verteidigt
hatten, zu Leibe, hufig von strmischem Beifall der Minoritt und der
Zuhrerschaft im Saale unterbrochen. Ueber die den Mittel- und
Kleinstaaten zugemutete Rolle uerte er:

"Und was wrde die Folge sein, wenn die beiden Staaten sich nun gepackt
htten? Wie zwei Hirsche um eine Hirschkuh kmpfen, und die Hirschkuh
waffenlos und ruhig dabeisteht, so sollen Oesterreich und Preuen
miteinander kmpfen, und das dritte Deutschland soll die milde, sanfte
Hirschkuh sein, die dann abwartet, welchem Sieger das Ende des Kampfes
sie berweist.... Und er schlo: _Nur dann wird Preuen frei, wenn es in
Deutschlands Dienste tritt; wenn Sie aber Deutschland in Gropreuen
aufgehen lassen, dann sei Gott denen gndig, die das Regiment sehen,
welches dann ber Preuen und Deutschland ergehen wird._"

Diese Worte lsten langanhaltenden Beifall aus.

Aber neben der Tragik kam auch die Komik zu ihrem Rechte. Mitten in der
Rede Vlcks donnerten mehrere Kanonenschlge durch den Saal, so da
alles entsetzt aufsprang und nach der Decke schaute, deren Einsturz man
befrchtete. Vlck selbst schien zu glauben, es handle sich um ein
Attentat auf ihn. Mit einem mchtigen Satze sprang er rckwrts von der
Tribne an die Wand, begleitet von einem lauten Gejohle und
Hndeklatschen auf der obersten Galerie. Die Frankfurter und Offenbacher
Lassalleaner hatten unter Fhrung Oberwinders die Kanonenschlge gelegt,
um auf diese Weise ihre Visitenkarte beim Abgeordnetentag abzugeben. Dem
Schrecken folgte allgemeine Heiterkeit.

Selbstverstndlich wurden die Resolutionen des Ausschusses mit groer
Mehrheit angenommen gegen einen Antrag Mller-Passavant.

Am Nachmittag desselben Tages fand dann im Zirkus die von demokratischer
Seite einberufene, von etwa 3000 Personen besuchte Volksversammlung
statt. Neben anderen Rednern nahm auch ich das Wort.

In der von uns vorgeschlagenen Resolution wurde gefordert:

1. Gegen die friedensbrecherische Politik Preuens den bewaffneten
Widerstand, Neutralitt ist Feigheit oder Verrat. 2. Schleswig-Holstein
solle auf Grund des bestehenden Rechtes seine Selbstndigkeit erlangen.
3. Der preuische Parlamentsvorschlag sei unbedingt zu verwerfen,
dagegen solle eine konstituierende, mit der ntigen Macht ausgestattete
Volksvertretung ber die Verfassung Gesamtdeutschlands entscheiden. 4.
Einfhrung der Grundrechte und gesetzliche Einfhrung der allgemeinen
Volksbewaffnung. 5. Das Volk solle berall in Stadt und Land in
politischen Vereinen zusammentreten.

Nach Annahme dieser Vorschlge wurde ein Ausschu niedergesetzt, der ein
Programm entwerfen und eine Delegiertenversammlung nach Frankfurt
einberufen solle, um endgltig das Programm zu beraten. In den Ausschu
wurden auf Vorschlag von Haumann-Stuttgart, dem Vater des
Reichstagsabgeordneten Konrad Haumann, gewhlt: Bebel,
Eichelsdrfer-Mannheim, Goegg-Offenburg, K. Grn-Heidelberg,
Kolb-Speier, K. Mayer-Stuttgart, Dr. Morgenstern-Frth, v.
Neergardt-Kiel, Aug. Rckel und Gustav Struve-Frankfurt, Trabert-Hanau,
Krmer von Doos, Bayern. Von diesen zwlf bin ich der einzige noch
Lebende, allerdings war ich auch der Benjamin der Korona.

Der Ausschu verfate folgendes Programm:

A. 1. Demokratische Grundlage der Verfassung und Verwaltung der
deutschen Staaten. 2. Fderative Verbindung derselben auf Grund der
Selbstbestimmung. 3. Herstellung einer ber den Regierungen der
Einzelstaaten stehende Bundesgewalt und Volksvertretung. Keine
preuische, keine sterreichische Spitze.

B. 1. Wir fordern die Erhaltung des Friedens in Deutschland. Die
Kriegsgefahr ist aus der schleswig-holsteinschen Sache entsprungen;
beseitigt kann sie nur werden durch die sofortige Konstituierung der
Herzogtmer als eines selbstndigen Staates auf Grund des Rechtes und
des Volkswillens. Die Stimme Holsteins im Bunde mu ohne weiteres in
Kraft treten, seine Wehrkraft aufgeboten werden. Keine Verfgung ber
die Herzogtmer wider den Willen der Bevlkerung; keine Teilung
Schleswigs. 2. Gegen die preuische Kriegspolitik ist der Widerstand
Deutschlands geboten. Neutralitt wre Feigheit oder Verrat. 3. Kein
Fubreit deutscher Erde darf an das Ausland abgetreten werden. Die
Gefahr des Verlustes von deutschem Gebiet und die Schmach einer
Einmischung des Auslandes in deutsche Angelegenheiten werden nur dann
von uns abgewendet, der Widerstand wird nur dann erfolgreich, _die
Gefahr eines Sieges an der Seite Oesterreichs nur dann beseitigt sein_,
wenn die Bundesgenossen im Kampfe keine dynastische, sondern eine
nationale Politik verfolgen und ihren Bund auf die volle Wehrkraft,
sowie auf die parlamentarische Mitwirkung des Volkes sttzen. Die
gesetzliche Einfhrung des Milizsystems ist vor allen Dingen zu
verlangen. 4. Der preuische Parlamentsvorschlag ist zu verwerfen; nur
eine aus dem Volke hervorgegangene, in voller Freiheit gewhlte
Nationalversammlung mit entscheidender Stimme und ausgestattet mit der
ntigen Macht kann ber die Verfassung des Vaterlandes endgltig
entscheiden.

Die Einberufung einer Delegiertenversammlung, der dieses Programm zur
Beratung unterbreitet werden sollte, mute unterbleiben, weil
mittlerweile der Krieg ausbrach. Nunmehr erlie der Ausschu folgende
Proklamation:

       *       *       *       *       *

An das deutsche Volk!

Der deutsche Bruderkrieg ist entbrannt. In die Zeit des rohen
Faustrechtes ist Deutschland zurckgeworfen. Dies schwerste Verbrechen
an der Nation fllt jener Partei in Preuen zur Last, die ruchlos
genug ist, den Bruch des preuischen Volksrechtes und des
schleswig-holsteinschen Landesrechtes mit der Vergewaltigung von ganz
Deutschland krnen zu wollen. In dem Augenblick, wo die staatliche
Zukunft Schleswig-Holsteins endlich auf dem friedlichen Wege deutschen
Rechtes und deutscher Ehre entschieden werden sollte, ist diese Partei
zum Aeuersten geschritten, den ewigen Bund deutscher Stmme zu sprengen
und an die Stelle des ffentlichen Rechtes und des Willens der
Gesamtheit das Machtgebot des einzelnen zu setzen. In die deutschen
Lnder Hannover, Kurhessen, Sachsen ist sie eingebrochen wie in
Feindesland, und alle deutschen Staaten, die sich ihr nicht fgen,
bedroht sie mit gleicher Gewalt. In Preuen selbst stachelt sie das Volk
zum Ha gegen Deutschland und spricht ihm von erdichteten Gefahren, von
Demtigung, Erniedrigung, Zerstcklung, womit es von Deutschland bedroht
sei.

Noch drohte Preuen keine Gefahr der Erniedrigung, als die es in seinem
Innern birgt. Der Sturz der Kriegspartei wre fr Preuen selbst der
schnste Sieg. Die Gefahr der Zerstcklung ist gerade durch diese Partei
ber ganz Deutschland gebracht. Im Sden ist durch ihr Bndnis mit
Italien deutsches Bundesland gefhrdet. Im Westen hat sie die alte
Gefahr heraufbeschworen, die jedesmal droht, wenn Deutschland uneinig
ist.

Die deutschen Stmme, welche die Berliner Gewaltpolitik gegen sich in
Waffen gerufen hat, ziehen nicht gegen das Volk in Preuen, ziehen nicht
fr habsburgische Hauspolitik ins Feld; die Nation will so wenig
Oesterreich wie Preuen dienen. Frei will sie sein, selbst Herr im
eigenen Hause. Gegen ihren Willen verstrickt in das jetzige Unglck,
darf und will sie nicht die Folgen desselben unttig abwarten. Wie sie
mit richtigem vaterlndischen Gefhl die ihr angesonnene Neutralitt im
Bruderkrieg von sich gewiesen hat, so ist es jetzt ihre Pflicht, mit
voller Kraft und einmtiger Entschlossenheit sich die Mitwirkung an der
Entscheidung ihrer Geschicke zu sichern durch _allgemeine
Volksbewaffnung und gemeinsame Volksvertretung_.

Auf diese beiden Forderungen ist sofort und allerorten die Ttigkeit des
deutschen Volkes zu richten; eine allgemeine Agitation in ffentlichen
Volksversammlungen mu schleunigst dafr organisiert werden. Das
deutsche Volk allein kann noch das deutsche Vaterland retten.

Frankfurt, 1. Juli 1866.

Der Ausschu der Frankfurter Volksversammlung vom 20. Mai.

I.d.N.: G.F. Kolb. Aug. Rckel.

       *       *       *       *       *

Der Aufruf war gut gemeint, aber er kam zu spt. Und was ihm einzig
htte Nachdruck geben knnen, eine groe, geschlossene Organisation,
fehlte.--

Den Tag nach den erwhnten Frankfurter Vorgngen, am zweiten
Pfingstfeiertag, war ich mit einer Anzahl Herren bei Siegmund Mller zu
Tisch geladen. Nach beendetem Essen traten wir an die weit geffneten
Fenster, um den herrlichen Maitag zu genieen. Wie auf Kommando erhoben
wir ein homerisches Gelchter. Aus Mllers Wohnung sah man auf den Main
und die alte Mainbrcke, auf der in ihren weien Uniformen Scharen
sterreichischer Soldaten herber- und hinberspazierten, fast ein jeder
ein Mdchen am Arme. Dieser Anblick hatte unsere Lachlust erregt. Unser
Gastgeber sah die Sache ernster an, in seinem Frankfurter Hochdeutsch
uerte er: "Meine Herrn! Sie hawwe gut lache, die Mdercher krieche
alle Kinner, und die misse dann von der Stadt erhalte werrn!" Eine
zweite Lachsalve war unsere Antwort. Kurze Zeit nachher, am 10. Juni,
verlieen die Preuen, die zur Bundesgarnison in Frankfurt gehrten, mit
"klingendem Spiel" die Stadt, am 11. folgten in gleicher Weise die
Oesterreicher. Diese auf Nimmerwiedersehen. Gar mancher der lustigen
Burschen, die an jenem Pfingstfeiertag frhlich ber die Mainbrcke
zogen, drfte spter mit seinem Blute das Schlachtfeld gedngt haben.--

Den 10. Juni trat auch der stndige Ausschu der Arbeitervereine zu
einer Sitzung in Mannheim zusammen, um Stellung zu dem vorhandenen
politischen Konflikt zu nehmen. Mit Ausnahme von M. Hirsch war der ganze
Ausschu anwesend, ebenso auf besondere Einladung Streit-Koburg.

In der deutschen Frage kam es zu erregten Auseinandersetzungen. Ein
preuisches Mitglied bestritt, da im preuischen Volke Sympathien fr
Annexionen vorhanden seien, worin er sich, wie die Folge lehrte,
grndlich irrte. Die groe Mehrheit des Ausschusses war gegen eine
Neutralitt der Mittelstaaten. Von einer Seite wurde hervorgehoben, die
preuische Hegemonie werde der industriellen Entwicklung frderlich
sein, von anderer Seite wurde bestritten, da die preuische Spitze dazu
ntig wre. Schlielich wurde einstimmig beschlossen, sich der bereits
bestehenden Volkspartei und dem von dem Frankfurter Ausschu
aufgestellten Programm anzuschlieen. Auch wurde empfohlen, folgenden
Kompromiantrag in das Programm der Volkspartei aufzunehmen: Jede
volkstmliche Regierung mu die allmhliche Ausgleichung der
Klassengegenstze so weit zu frdern suchen, als es irgend mit der
Schonung der individuellen Freiheit und den volkswirtschaftlichen
Gesamtinteressen vereinbar ist. Die materielle und moralische Hebung des
Arbeiterstandes ist ein gemeinsames Interesse aller Klassen, ist eine
unentbehrliche Sttze der brgerlichen Freiheit.

Da die politischen Wirren bereits groe Arbeitslosigkeit zur Folge
hatten, kam man berein, die Unternehmer aufzufordern, whrend der Dauer
der Arbeitsstockung eine entsprechende Verkrzung der Arbeitszeit
eintreten zu lassen, statt Arbeiter zu entlassen; ferner sollten die
Staats- und Gemeindebehrden die begonnenen Bauten weiterfhren und
bereits geplante zur Ausfhrung bringen. Unerfreulich war der
Kassenbericht, nicht minder unerfreulich, was Streit ber den Stand der
"Arbeiterzeitung" zu berichten hatte. Das Verbot der Zeitung in Preuen,
die politischen Differenzen in vielen Vereinen, die Feindseligkeit und
die Hindernisse, die der Buchhndlerverband dem Blatte entgegenstellte,
hatten den Abonnentenstand sehr herabgedrckt, und der passive
Widerstand, den einzelne Mitglieder im Ausschu Streit und seinem Blatte
entgegenstellten, verhinderte, von unserer Seite entsprechende Hilfe zu
bringen. Streit sah sich gezwungen, am 8. August das Weitererscheinen
des Blattes einzustellen.

Meine erneut eingebrachten Reorganisationsantrge wurden wiederum
abgelehnt, dagegen wurde beschlossen, dem Vorsitzenden ein Fixum von 200
Taler im Jahr als Vergtung fr Arbeiten zu gewhren. Man verhandelte
auch ber den Ort des nchsten Vereinstags, fr den Chemnitz oder Gera
in Aussicht genommen wurde. Der Gang der Ereignisse zwang aber,
denselben fr 1866 ausfallen zu lassen. Die Verhandlungen wurden alsdann
auf einige Stunden unterbrochen, um eine Volksversammlung abzuhalten,
die sich mit den alles Interesse beherrschenden politischen Vorgngen
beschftigte.

Von jetzt ab berstrzten sich die Ereignisse und trieben zur
Katastrophe. Am 9. Mai hatte Bismarck den Landtag aufgelst, um durch
dessen Opposition nicht in seinen politischen Manahmen gestrt zu
werden. Im Gegensatz zu Preuen beriefen die Mittelstaaten ihre Landtage
ein. Am 1. Juni bergab Oesterreich die schleswig-holsteinsche Sache dem
Bundestag. Es hatte zu spt den Fehler eingesehen, den es gemacht, als
es sich in dieser Angelegenheit von Preuen ins Schlepptau nehmen lie.
Zwei Tage spter, am 3. Juni, erklrte Preuen, da durch den Schritt
Oesterreichs der Gasteiner Vertrag hinfllig geworden sei. Am 11. Juni
sprengte Preuen mit Militrgewalt die Versammlung der nach Itzehoe
einberufenen holsteinschen Stnde. Darauf rumten am 12. Juni die
Oesterreicher Holstein. Am gleichen Tage rief Oesterreich seinen
Gesandten von Berlin ab und stellte dem preuischen Gesandten in Wien
seine Psse zu. Am 14. Juni entschied sich der Bundestag gegen Preuen,
worauf der preuische Gesandte den Verfassungsentwurf fr einen neuen
Bund auf den Tisch des Bundestags niederlegte, dessen erster Artikel
lautete:

Das Bundesgebiet besteht aus den seitherigen Staaten, mit Ausnahme der
kaiserlich sterreichischen und der kniglich niederlndischen
Landesteile (Luxemburg und Limburg).

Also Kleindeutschland. Der Krieg war erklrt. Dieser nahm wider Erwarten
vieler einen fr Preuen ausnehmend gnstigen Verlauf. Binnen wenig
Wochen war die sterreichische Armee in Bhmen aus allen ihren
Positionen geworfen und standen die Preuen vor den Toren Wiens. Die
mittelstaatlichen Armeen, mit Ausnahme der schsischen, die in Bhmen
focht, und der hannoverschen, die nach zhem Widerstand den Preuen bei
Langensalza erlag, spielten eine klgliche Rolle. Ihr Widerstand war
gebrochen, ohne da es zu einer wirklichen Schlacht kam. In Italien
entwickelte sich der Krieg etwas anders. Bismarck war anfangs
mitrauisch, da Italien den Krieg gegen Oesterreich ernsthaft fhren
werde. In einer Depesche vom 13. Juni an den preuischen Gesandten v.
Usedom empfahl er, energisch darauf zu bestehen, da sich die
italienische Regierung mit dem ungarischen Komitee ins Einvernehmen
setze. Die Weigerung La Marmoras knnte bei Preuen den Verdacht
erregen, da Italien nicht die Absicht habe, einen ernsten Krieg gegen
Oesterreich zu fhren. Er solle mitteilen, da Preuen nchste Woche die
Feindseligkeiten beginne. Aber ein fruchtloser Krieg Italiens im
Festungsviereck werde Argwohn erregen. Am 17. Juni sandte Usedom an La
Marmora eine lange Depesche, in der er diesem im Namen seiner Regierung
Vorschlge ber die Kriegfhrung machte. Der Krieg msse bis zur
Vernichtung des Gegners gefhrt werden. Ohne Rcksicht auf die
zuknftige Gestaltung der Territorien mten beide Mchte den Krieg
endgltig, entscheidend, vollstndig und unwiderruflich zu machen
suchen. Italien drfe sich nicht damit begngen, bis an die nrdlichen
Grenzen Venetiens vorzudringen: es msse sich mit Preuen an dem
Mittelpunkt der Monarchie selbst begegnen. Um sich den dauernden Besitz
Venetiens zu sichern, msse es die sterreichische Monarchie ins Herz
treffen.

Das war die berchtigte Sto-ins-Herz-Depesche, die, als sie 1868
bekannt wurde, groe Aufregung hervorrief. Die Dinge liefen aber
anders. Nicht die Italiener, sondern die Oesterreicher siegten. Die
Italiener wurden zu Lande in der Schlacht von Custozza und zu Wasser in
der Seeschlacht von Lissa besiegt. Trotz dieser Siege trat jetzt
Oesterreich Venetien an Napoleon ab, also nicht an Italien, da die Dinge
im Norden der Monarchie hchst ungnstig standen. Es hoffte auf eine
Intervention Napoleons. Diese neue Situation veranlate nunmehr
Bismarck, trotz dem groen Unmut, der darber im Hauptquartier entstand,
Oesterreich einen Waffenstillstand zu gewhren, der in Nikolsburg
abgeschlossen wurde und an dessen Schlu, 27. Juli, es zu
Friedensprliminarien kam. Im definitiven Friedensvertrag, abgeschlossen
in Prag, erhielt Preuen Schleswig-Holstein, Hannover, Nassau, Kurhessen
und Frankfurt zugebilligt. Oesterreich selbst kam mit einer migen
Kriegsentschdigung davon. Politische Grnde bestimmten Bismarck,
Oesterreich glimpflich zu behandeln. Die sdwestdeutschen Staaten
sollten einen besonderen Bund bilden. Venetien wurde von Napoleon an
Italien abgetreten.

Da Oesterreich Venetien an Napoleon abgetreten hatte, rief bei den
deutschen Liberalen einen Sturm der Entrstung hervor. Das sei
Vaterlandsverrat. Eine Anklage, die Preuen mindestens ebenso traf wie
Oesterreich. Vertuscht wurde nach Mglichkeit, da Preuen sich mit
Italien, also dem Ausland, zur Vernichtung eines deutschen Staates
verbunden hatte; vertuscht wurde, da Bismarck mit Klapka in Verbindung
getreten war, um Ungarn zu insurgieren, der infolgedessen folgenden
Ausruf verffentlicht hatte:

       *       *       *       *       *

An die ungarischen Soldaten!

Durch das Vertrauen meiner Mitbrger bernehme ich das Oberkommando der
gesamten ungarischen Streitkrfte; als Fhrer spreche ich also zu euch.

Preuens und Italiens mchtige Knige sind unsere Verbndeten. Aus
Italien eilt Garibaldi herbei, von der Donau her Trr, aus Siebenbrgen
Bethlen, um das Vaterland zu befreien; von hier fhre ich die tapfere
ungarische Schar ins Land. Ludwig Kossuth wird mit uns sein; so vereint
jagen wir die Oesterreicher, die unseres Landes Gut und Blut rauben,
hinaus. Wir erobern zurck, was unser ist: den Boden Arpds; in den
Jahren 1848 und 1849 ernteten wir ewigen Ruhm, nun wartet unser der
Lorbeer- und der Friedenskranz, wenn wir das Vaterland befreien.
Vorwrts also, folget dem ungarischen Banner. Unseres Vaterlandes
heilige Erde ist nur wenige Tage weit, dorthin fhre ich euch; kommet
denn nach Hause, wo Mutter, Geschwister und Braut euch mit offenen Armen
erwarten.

Whlet. Wollt ihr erbrmliche Gefangene bleiben oder ruhmvolle
Vaterlandsverteidiger werden?

Es lebe hoch das Vaterland!

_Klapka_ m.p., ungarischer General.

       *       *       *       *       *

Auch daran wollte man nicht erinnern, da aus dem preuischen
Hauptquartier beim Einrcken in Bhmen ein Ausruf "An die Einwohner des
glorreichen Knigreichs Bhmen" verffentlicht worden war, der Stellen
enthielt wie die folgende:

"Sollte unsere gerechte Sache obsiegen, dann drfte sich vielleicht auch
den Bhmen und Mhren der Augenblick darbieten, in dem sie ihre
nationalen Wnsche gleich den Ungarn verwirklichen knnen. Mge dann ein
gnstiger Stern ihr Glck auf immerdar begrnden!"

Es war das alte Lied von dem Messen mit zweierlei Ma. Wenn zwei
dasselben tun, ist es nicht dasselbe. Beging Preuen die grten
Niedertrchtigkeiten--und als eine loyale Kriegfhrung konnte man doch
die Vorgnge in Bhmen und Ungarn nicht ansehen--, sie wurden
entschuldigt, ja gerechtfertigt. Aber wehe seinen Gegnern, die seine
Beispiele nachahmten. Was wrde man zum Beispiel heute sagen, wenn eine
auswrtige Macht eines Tages in die Provinz Posen mit einer hnlichen
Proklamation an die Polen einrckte wie die der Preuen in Bhmen?

Dem Landesverrat im groen, der in den sterreichischen Lndern
begnstigt wurde, schlo sich der Landesverrat im kleinen in Deutschland
an. Anfang August 1866 beschlossen die schsischen Liberalen unter
Fhrung von Professor Biedermann, Dr. Hans Blum usw. in einer
Landesversammlung in Leipzig eine Resolution, in der es hie: Wir halten
die deutschen und schsischen Interessen am besten gewahrt durch die
Einverleibung Sachsens in Preuen. Und noch nachdrcklicher sprach sich
Herr v. Treitschke, ein geborener Sachse, aus, der als Redakteur der
"Preuischen Jahrbcher" Bismarck aufforderte, die oppositionellen
Staaten--Sachsen, Hannover, Kurhessen--zu vernichten:

"Jene drei Dynastien sind reif, berreif fr die verdiente Vernichtung;
ihre Wiedereinsetzung wre eine Gefahr fr die Sicherheit des neuen
deutschen Bundes, eine Versndigung an der Sittlichkeit der Nation....
Nchst dem Hause Habsburg hat kein anderes Frstengeschlecht die
Jahrhunderte hindurch sich schwerer versndigt an der deutschen Nation
als das Haus der Albertiner.... Knig Johann ist unzweifelhaft der
achtungswerteste Mann unter den vertriebenen deutschen Frsten, doch mit
einer Flle gelehrter Kenntnisse ist er ein gewhnlicher Mensch
geblieben, engen Herzens, unfrei, philisterhaft in seinem Urteil ber
Welt und Zeit. Der Kronprinz, ein Mann nicht ohne derbe Gutmtigkeit,
aber roh und jeder politischen Einsicht bar, war von jeher eine Sttze
der sterreichischen Partei, und von dem Prinzen Georg, dessen Hochmut
und Bigotterie selbst in dem zahmen Dresden Ansto erregen, ist noch
weniger zu erwarten.... Vor allem frchten wir von einer Restauration
die Entsittlichung des Volkes durch den Geist der Lge, durch die
Gleinerei einer Loyalitt, welche nach den Ereignissen des Sommers
mindestens von dem jngeren Geschlecht gar nicht mehr gehegt werden
kann. Man male sich die Szene aus, wie Knig Johann einzieht in seine
Hauptstadt, wie der allezeit getreue Stadtrat von Dresden den
Landverderber mit Worten des Dankes und der Verehrung empfngt,
rautenbekrnzte wei und grne Jungfrauen sich neigen vor der befleckten
und entweihten Krone--wahrhaftig, schon der Gedanke ist ekelerregend."

Und er schlo: "In Tagen wie diesen soll man das Herz haben, die
_Paragraphen des Albertinischen Strafgesetzbuchs zu miachten_.... Wir
wollen nicht, da ein von Gott und den Menschen gerichtetes Haus
zurckkehrt auf den Thron."

Bismarck sorgte dafr, da seinen glhenden Verehrern kein Haar gekrmmt
wurde. Im Artikel 19 des Friedensvertrags mute der Knig von Sachsen
zusichern, "da keiner seiner Untertanen oder wer sonst den schsischen
Gesetzen unterworfen ist, wegen eines in bezug auf die Verhltnisse
zwischen Preuen und Sachsen whrend der Dauer des Kriegszustandes
begangenen Vergehens oder Verbrechens gegen die Person Seiner Majestt
oder wegen Hochverrats, Staatsverrats oder endlich wegen seines
politischen Verhaltens whrend jener Zeit berhaupt strafrechtlich,
polizeilich oder disziplinarisch zur Verantwortung gezogen oder in
seinen Ehrenrechten beeintrchtigt werden soll".

Man hat Liebknecht und mir spter fter die Frage gestellt, was geworden
wre, wenn statt Preuen Oesterreich siegte. Traurig genug, da nach den
damaligen Verhltnissen nur noch diese Alternative vorhanden war, und
eine Parteinahme _gegen_ den einen als Parteinahme _fr_ den anderen
angesehen wurde. Aber die Dinge lagen so. Meine Ansicht ist, da fr ein
Volk, _das sich in einem unfreien Zustand befindet_, eine kriegerische
Niederlage seiner inneren Entwicklung eher frderlich als hinderlich
ist. Siege machen eine dem Volke gegenberstehende Regierung hochmtig
und anspruchsvoll, Niederlagen zwingen sie, sich dem Volke zu nhern und
seine Sympathie zu gewinnen. Das lehrt uns 1806/07 fr Preuen, 1866 fr
Oesterreich, 1870 fr Frankreich, die Niederlage Rulands im Kriege mit
Japan 1904. Die russische Revolution wre ohne jene Niederlage nicht
gekommen, ja sie wre durch einen Sieg des Zarentums auf lange Jahre
unmglich gewesen. Und ist die Revolution auch niederschlagen worden,
das alte Ruland ist nicht mehr, sowenig wie das alte Preuen von 1847
noch nach 1849 bestand. Umgekehrt zeigt uns die Geschichte, da, als das
preuische Volk unter Darbringung gewaltiger Opfer an Gut und Blut
Napoleons Fremdherrschaft gestrzt und die Dynastie aus der Patsche
gerettet, letztere alle schnen Versprechungen vergessen hatte, die sie
in der Stunde der Gefahr dem Volke gemacht. Es mute erst nach langer
Reaktionszeit das Jahr 1848 kommen, damit das Volk sich eroberte, was
man ihm jahrzehntelang vorenthalten hatte. Und wie hat Bismarck nachher
im norddeutschen Reichstag jede wirklich liberale Forderung
zurckgewiesen. Er trat als Diktator auf.

Einmal angenommen, Preuen wre 1866 unterlegen, so wre das Ministerium
Bismarck und die Junkerherrschaft, die noch bis heute wie ein Alp auf
Deutschland lastet, fortgefegt worden. Das wute niemand besser als
Bismarck. Die sterreichische Regierung wre nach einem Siege nie so
stark geworden, wie das bei der preuischen der Fall war. Oesterreich
war und ist nach seiner ganzen Struktur ein innerlich schwacher Staat,
ganz anders Preuen. Aber die Regierung eines starken Staates ist fr
dessen demokratische Entwicklung gefhrlicher. In keinem demokratischen
Staate gibt es eine sogenannte starke Regierung. Dem Volke gegenber ist
sie ohnmchtig. Hchstwahrscheinlich htte die sterreichische Regierung
nach einem Siege versucht, in Deutschland reaktionr zu regieren. Aber
sie htte alsdann nicht nur das gesamte preuische Volk, sondern auch
den grten Teil der brigen Nation, einschlielich eines guten Teiles
der sterreichischen Bevlkerung, gegen sich gehabt. Wenn eine
Revolution sicher war und Aussicht auf Erfolg hatte, so gegen
Oesterreich. Die demokratische Einigung des Reiches wre die Folge
gewesen. Der Sieg Preuens schlo das aus. Und noch ein anderes. Der
Ausschlu Deutsch-Oesterreichs aus der Reichsgemeinschaft--von der
Preisgabe Luxemburgs nicht zu reden--hat zehn Millionen Deutsche in eine
fast trostlose Lage versetzt. Unsere "Patrioten" geraten in nationale
Raserei, wird irgendwo im Ausland ein Deutscher mihandelt, aber an dem
Stck kulturellen Mords, der an den zehn Millionen Deutschen in
Oesterreich begangen wurde, nehmen sie keinen Ansto.

Uebrigens hatten wenige Jahre vor 1866 hnliche Errterungen unter
unseren Groen stattgefunden, was erst spter zu meiner Kenntnis kam.

In einem Briefe an Lassalle vom 19. Januar 1862 schrieb Lothar
Bucher--also zwei Jahre vor seinem Eintritt in Bismarcks Dienste--ber
den Fall eines Krieges mit Frankreich, in dem Preuen siege: "Ein Sieg
der Militrs, das heit der preuischen Regierung, wre ein Uebel."

Mitte Juni 1859 schrieb Lassalle an Marx: "Nur in dem _populren_ Krieg
gegen Frankreich ... sehe ich ein Unglck. In dem bei der Nation
_unpopulren Kriege aber ein immenses Glck fr die Revolution_...."
Lassalle ging noch weiter und fhrte aus: "Eine Besiegung Frankreichs
wre auf lange Zeit das konterrevolutionre Ereignis par excellence.
Noch immer steht es so, da Frankreich, trotz aller Napoleons, Europa
gegenber die Revolution, Frankreichs Besiegung ihre Besiegung
darstellt." Und Ende Mrz 1860 schrieb Lassalle an Engels: "Nur zur
Vermeidung von Miverstndnissen mu ich bemerken, da ich brigens auch
im _vorigen_ Jahre, als ich meine Broschre schrieb (Der italienische
Krieg), _sehnlichst_ wnschte, da Preuen den Krieg gegen Napoleon
mache. _Aber ich wnschte ihn nur unter der Bedingung, da die Regierung
ihn mache, er aber beim Volke unpopulr und so verhat wie mglich sei.
Dann freilich wre er ein groes Glck gewesen_."[6] (Zugunsten der
Revolution.)

Und in seinem Vortrag: Was nun?, den Lassalle im Oktober 1862 hielt,
sagt er in der ersten Auflage auf Seite 33 bis 34: "Endlich aber ist die
Existenz der Deutschen nicht von so prekrer Natur, da bei ihnen _eine
Niederlage ihrer Regierungen eine wirkliche Gefahr fr die Existenz der
Nation in sich schlsse_. Wenn Sie, meine Herren, die Geschichte genau
und mit innerem Verstndnis betrachten, so werden Sie sehen, da die
Kulturarbeiten, die unser Volk vollbracht hat, so riesenhafte und
gewaltige, so bahnbrechende und dem brigen Europa vorleuchtende sind,
da an der Notwendigkeit und Unveruerlichkeit unserer nationalen
Existenz gar nicht gezweifelt werden kann. Geraten wir also in einen
groen ueren Krieg, _so knnen in demselben wohl unsere einzelnen
Regierungen, die schsische, preuische, bayerische, zusammenbrechen,
aber wie ein Phnix wrde sich aus der Asche derselben unzerstrbar
erheben das, worauf es uns allein ankommen kann--das deutsche Volk._"--

Der Ausgang des Krieges schien uns einen unerwarteten Erfolg in den
Scho werfen zu sollen. Eines Tages erschien Liebknecht freudestrahlend
in meiner Werkstatt und teilte mir mit, er habe die "Mitteldeutsche
Volkszeitung" gekauft, die die Leipziger Liberalen preisgegeben hatten,
weil das Defizit der Zeitung tglich grer wurde. Der Abonnentenstand
des Blattes war in wenig Wochen von 2800 auf 1200 gefallen. Mich
erschreckte diese Nachricht, denn wir hatten keinen Pfennig Geld, und es
war ganz ausgeschlossen, da wir unter den damaligen Verhltnissen das
Blatt in die Hhe bringen konnten. Auerdem hatten wir mit der
preuischen Okkupation zu rechnen. Liebknecht suchte mich zu trsten.
Geld verlange der Verleger zunchst nicht, und was sonst ntig sei,
wrden wir schaffen. Er war glcklich, Besitzer eines Blattes zu sein,
in dem er seine Ansichten vertreten konnte. Und das tat er weidlich und
so grndlich, da man glauben konnte, nicht die Preuen, sondern er sei
Herr in Sachsen. Natrlich dauerte die Freude nicht lange. Das Blatt
wurde unterdrckt. Ich war ber diese Maregel nicht erbost, obgleich
ich mich htete, ihm das zu sagen. Wir waren aus einer groen
Verlegenheit gerettet worden, denn der khne Plan, den wir gefat
hatten, 5000 Anteilscheine  1 Taler in den deutschen Arbeitervereinen
unterzubringen, htte ein groes Fiasko erlebt.

FUSSNOTEN:

[6] Briefe von Ferdinand Lassalle an Karl Marx und Friedrich Engels.
Stuttgart 1902.




Nach dem Krieg.


Die Folge des Krieges war bekanntlich die Schaffung des Norddeutschen
Bundes, in dem der Riese Preuen neben lauter staatlichen Zwergen die
Fhrung hatte. Da nunmehr auch der Zusammentritt eines norddeutschen
Reichstags auf Grund des allgemeinen Wahlrechts in Aussicht stand, war
fr uns eine festere politische Organisation geboten und ein Programm
ntig, um das die neue Partei sich scharte. Da das Programm offen
sozialdemokratisch sein konnte, war angesichts der Stellung, die ein
Teil der fhrenden Elemente, Professor Romler und andere, einnahm,
ausgeschlossen, auch war noch ein Teil der Arbeitervereine politisch zu
rckstndig, als da wir einen solchen Schritt wagen konnten. Es wre zu
einer Spaltung gekommen, und die mute in diesem Stadium der Entwicklung
vermieden werden. Endlich war auch die Ansicht magebend, da bei der
Stimmung, die damals noch erhebliche Teile des Brgertums wegen der eben
stattgehabten kriegerischen Ereignisse und der Zerreiung Deutschlands
in drei Teile beherrschte, es ntig sei, alle Krfte fr eine
Demokratisierung Deutschlands zusammenzufassen.

Auf den 19. August beriefen wir nach Chemnitz eine Landesversammlung, an
der auch Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
(Fritzsche, Frsterling, Rthing und andere) teilnahmen, um die neue
demokratische Partei zu grnden. Das angenommene Programm lautete:


Forderungen der Demokratie.

1. Unbeschrnktes Selbstbestimmungsrecht des Volkes. Allgemeines,
gleiches und direktes Wahlrecht mit geheimer Abstimmung auf allen
Gebieten des staatlichen Lebens (das Parlament, die Kammern der
Einzelstaaten, die Gemeinden usf.). Volkswehr an Stelle der stehenden
Heere. Ein mit grter Machtvollkommenheit ausgestattetes Parlament,
welches namentlich auch ber Krieg und Frieden zu entscheiden hat.

2. Einigung Deutschlands in einer demokratischen Staatsform. Keine
erbliche Zentralgewalt.--Kein Kleindeutschland unter preuischer
Fhrung, kein durch Annexion vergrertes Preuen, kein Grodeutschland
unter sterreichischer Fhrung, keine Trias. Diese und hnliche
dynastisch-partikularistischen Bestrebungen, welche nur zur Unfreiheit,
Zersplitterung und Fremdherrschaft fhren, sind von der demokratischen
Partei auf das entschiedenste zu bekmpfen.

3. Aufhebung aller Vorrechte des Standes, der Geburt und Konfession.

4. Hebung der leiblichen, geistigen und sittlichen Volksbildung.
Trennung der Schule von der Kirche, Trennung der Kirche vom Staat und
des Staates von der Kirche, Hebung der Lehrerbildungsanstalten und
wrdige Stellung der Lehrer, Erhebung der Volksschule zu einer aus der
Staatskasse zu erhaltenden Staatsanstalt mit unentgeltlichem Unterricht.
Herbeischaffung von Mitteln und Grndung von Anstalten zur Weiterbildung
der der Volksschule Entwachsenen.

5. Frderung des allgemeinen Wohlstandes und Befreiung der Arbeit und
der Arbeiter von jeglichem Druck und jeglicher Fessel. Verbesserung der
Lage der arbeitenden Klasse. Freizgigkeit, Gewerbefreiheit, allgemeines
deutsches Heimatsrecht, Frderung und Untersttzung des
Genossenschaftswesens, namentlich der Produktivgenossenschaften, damit
der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ausgeglichen werde.

6. Selbstverwaltung der Gemeinden.

7. Hebung des Rechtsbewutseins im Volke. Durch Unabhngigkeit der
Gerichte, Geschworenengerichte, namentlich auch in politischen und
Preprozessen; ffentliches und mndliches Gerichtsverfahren.

8. Frderung der politischen und sozialen Bildung des Volkes durch freie
Presse, freies Versammlungs- und Vereinsrecht, Koalitionsrecht.

Dieses Programm lie an Entschiedenheit nichts zu wnschen brig. Die
Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins hatten demselben
ebenfalls zugestimmt, sie wurden aber durch v. Schweitzer gentigt, sich
von der neuen Parteibildung fernzuhalten. Mitrauisch und unzufrieden
war auch Romler, dem die sozialen Forderungen zu weit gingen und der
in dem Programm den sozialistischen Pferdefu entdeckte. Als ich kurz
nach der Landesversammlung ihn besuchte, machte er aus seiner
Mistimmung kein Hehl. Er glaubte mich nachdrcklich vor Liebknecht
warnen zu sollen, der ein gefhrlicher Mensch, ein verkappter Kommunist
sei. Ich suchte ihn zu beruhigen, konnte aber nicht verhindern, da er
bis zu seinem Tode im nchsten Frhjahr noch manche Enttuschung
erlebte. So schmerzte es ihn, da, als er es ablehnte, eine
Reichstagskandidatur fr Leipzig zu bernehmen, sein persnlicher Gegner
Wuttke von uns aufgestellt wurde. Romler hatte die merkwrdige Idee,
das Parlament von 1849 bestehe noch zu Recht, und so mte Lwe-Calbe,
der der letzte Prsident jenes Parlaments gewesen war--weshalb er sich
gern den letzten Prsidenten des ersten deutschen Parlaments nennen
hrte--, dasselbe einberufen. In der Tat hatte Lwe-Calbe einige Jahre
zuvor auf einem Abgeordnetentag erklrt, er betrachte sich als den
legitimen Erben des Parlaments von 1849 und werde gegebenenfalls
dasselbe wieder einberufen. Er hat sich aber nachher gehtet, sich
grndlich lcherlich zu machen.

       *       *       *       *       *

Unter dem 7. November 1866 verffentlichte der Vorsitzende des stndigen
Ausschusses, Staudinger, ein Flugblatt, in dem er sich ber die
mittlerweile in Deutschland eingetretenen Vernderungen aussprach. Das
Flugblatt unterzog die durch den Prager Frieden geschaffene Lage einer
absprechenden Kritik. Fr die Volksfreiheit und die Volksrechte sei
wenig zu hoffen, dagegen sei das System der stehenden Heere, wenigstens
im Norden Deutschlands, auf lange Jahre festgelegt. An eine Verminderung
der Staatsausgaben und namentlich an eine Herabsetzung oder Aufhebung
der indirekten Steuern sei gegenwrtig weniger zu denken als je. Es
stehe vielmehr eine Vergrerung dieser Lasten in sicherer Aussicht.

Weniger glcklich war das Flugblatt in der Kritik der herrschenden
sozialen Zustnde, wobei es die in den Einzelstaaten noch vielfach
bestehenden rckstndigen wirtschaftlichen Einrichtungen im Auge hatte,
deren Beseitigung gerade in erster Linie die neue Ordnung der Dinge
herbeifhren mute, sollte sie berhaupt einen Sinn haben. Es galt vor
allem, die Bedrfnisse der Bourgeoisie nach freier Entfaltung ihrer
Krfte zu befriedigen.

Neben den Schattenseiten, die nach Staudingers Ansicht die Katastrophe
der letzten Monate erzeugte, seien indes auch einzelne Lichtseiten,
wenigstens negativer Art, vorhanden. Zwei Erscheinungen seien
insbesondere fr den Arbeiterstand von groer Bedeutung. Einmal, da die
groe Mehrheit der Fortschrittspartei sich als _vollstndig unfhig_ zur
politischen und sozialen Neugestaltung des Vaterlandes gezeigt habe, was
der Verfasser nher ausfhrte. Die zweite erfreuliche Erscheinung sei,
da die Arbeiter in ganz Deutschland sich fr die allgemeine Einfhrung
des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes und eine freie
Sozialgesetzgebung ausgesprochen htten.

Das Flugblatt meinte schlielich, die Erfahrungen des Jahres 1866 htten
gezeigt, da zur Spaltung innerhalb des Arbeiterstandes kein Anla
vorhanden sei, vielmehr sei gegenber der durch die Fortschrittspartei
verstrkten Gegnerschaft Einigkeit und Einmtigkeit mehr als je not.

"Die wichtige Forderung des allgemeinen und direkten Stimmrechtes ist
gemeinsames Losungswort der beiden Richtungen. Beide verlangen ferner
gnzliche Umgestaltung der die Arbeit ausbeutenden Steuersysteme,
Aenderung des den Brger zum Hrigen erniedrigenden Heerwesens. Die
groe Bedeutung der Koalitionen und Genossenschaften und damit die
Notwendigkeit einer Umgestaltung der Produktionsverhltnisse wird von
keiner Seite in Abrede gestellt. Der Streit aber um den geringeren oder
hheren Grad _von Pflichten des Staates gegen den einzelnen_ (auch im
Original gesperrt) ist vorerst ein miger, solange die Staatsgewalt, an
den feudalen Traditionen festhaltend, ber die Brger wie ber eine
willenlose Herde verfgt, und solange das Schwert die politische
Umgestaltung des Vaterlandes diktiert, das Schwert, das, wenn es statt
der Freiheit nur verhaten Zwang schafft, uns allen Boden fr unsere
Bestrebungen zu einer friedlichen Lsung der sozialen Fragen zu
entziehen droht."

Zum Schlusse forderte der Aufruf die Arbeiter auf, frisch ans Werk zu
gehen und allen Hader schwinden zu lassen.

Dieser Aufruf war von Staudinger persnlich verffentlicht worden. Der
stndige Ausschu war um seine Meinung nicht befragt worden. Wir wurden
durch das Flugblatt berrascht. Ich, der ich Staudinger nher kannte,
war der Ansicht, da es Staudingers Anschauungen nicht entsprechen
knne. Und meine Vermutung besttigte sich. Von seinen fortschrittlichen
Nrnberger Freunden ber das Flugblatt zur Rede gestellt, gestand er,
da _Sonnemann_ der Verfasser desselben sei und er es nur unterschrieben
habe.

Die in greifbare Nhe gerckten Wahlen zum norddeutschen Reichstag
ntigten uns zu einer intensiven Agitations- und Organisationsarbeit,
die jedem von uns schwere Opfer auferlegte. In den Augen unserer
brgerlichen Gegner sind die sozialdemokratischen Agitatoren Leute, die
sich von den Arbeitergroschen msten. Hatte eine solche Anschuldigung
_nie_ Berechtigung, so am wenigsten in jener Zeit, von der ich eben
spreche. Es gehrte ein groes Ma von Begeisterung, Ausdauer und
Opfermut fr die Sache dazu, um die Agitationsarbeit zu bernehmen. Der
Agitator mute froh sein, wenn er seine baren Auslagen ersetzt erhielt,
und um diese mglichst herabzudrcken, betrachtete man es als
selbstverstndlich, da er jede Einladung, bei einem Parteigenossen zu
wohnen, annahm. Hier erlebte man aber manchmal merkwrdige Dinge. Mehr
als einmal geschah es, da ich mit den Eheleuten in demselben Raume
schlafen mute; ein andermal passierte es, da unter dem Sofa, auf dem
ich meine Nachtruhe hielt, die Hauskatze ihre Jungen zur Welt brachte,
was nicht ohne Gerusch und Miauen abging. Wieder ein andermal wurde ich
mit meinem Freunde Motteler in spter Nacht auf dem Boden eines Hauses
einquartiert, der mit Garnstrhnen angefllt war, die der Faktor an die
Hausweber abzugeben hatte. Als ich frh am Morgen durch die Sonne, deren
Strahlen durch eine Dachluke mir ins Gesicht fielen, geweckt wurde,
entdeckte ich, da ich in einem Quantum gelber Garne und Mottelers
schwarzlockiger Kopf in einem Haufen purpurroter Garne lagerte, ein
Anblick, der mich dermaen zum Lachen reizte, da Motteler erwachte und
verwundert fragte, was los sei! Aehnliche Erlebnisse hatte zu jener Zeit
und auch noch spter jeder durchzumachen, der fr die Partei
agitatorisch arbeitete. Liebknecht war damals in der Agitation besonders
ttig. Unerwarteterweise wurde er in dieser Ttigkeit auf Monate
lahmgelegt. In Preuen war nach dem Kriege eine umfassende Amnestie
erlassen worden. Liebknecht, im Glauben, seine Ausweisung aus Preuen
sei damit ebenfalls hinfllig geworden, ging Anfang Oktober nach Berlin
und hielt im Buchdruckerverein einen Vortrag. Er wurde noch an demselben
Abend festgenommen und nachher wegen Bannbruch zu drei Monaten Gefngnis
verurteilt, die er in der Stadtvogtei verbte, behandelt wie ein
gemeiner Verbrecher. So wurde ihm zum Beispiel bereits abends 6 Uhr das
Licht entzogen, was er besonders hart empfand. Seinem Widerpart J.B.v.
Schweitzer erging es darin weit besser. Diesem wurden in seiner Haft
Freiheiten und Annehmlichkeiten gestattet, die seitdem nie wieder ein
politischer Gefangener in einem preuischen Gefngnis genossen hat.

Die Wahlen zum konstituierenden norddeutschen Reichstag waren fr Anfang
Februar 1867 angesetzt worden. Das veranlate uns, zu Weihnachten 1866
nach Glauchau eine Landesversammlung zu berufen, um die Kandidaten
aufzustellen. Die materiellen Mittel und die agitatorischen Krfte
ntigten uns, auf solche Wahlkreise uns zu beschrnken, in denen die
Organisation eine gute war. Das war in erster Linie der 17. Wahlkreis,
Glauchau-Meerane, in dem ich als Kandidat aufgestellt wurde, der 18.
Wahlkreis, Crimmitschau-Zwickau, in dem Rechtsanwalt Schraps
kandidierte, und der 19. Wahlkreis, Stollberg-Lugau-Schneeberg, den
Liebknecht zugewiesen erhielt. Da dieser aus seiner Haft in Berlin erst
in der zweiten Hlfte des Januar frei kam, konnte er seinen Wahlkreis
nur ungengend bearbeiten, und so fiel er durch. Schraps und ich
siegten. Ich hatte vier Gegenkandidaten, darunter Fritzsche als Mitglied
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, der aber nur gegen 400
Stimmen erhielt. In einer groen Whlerversammlung in Glauchau trat er
mir gegenber, zog aber entschieden den krzeren. Politisch war ich ihm
voraus, und in sozialistischer Beziehung blieb ich nicht hinter ihm
zurck. Ich kam mit 4600 Stimmen erheblich in Vorsprung ber meinen
nchsten Gegner und siegte in der engeren Wahl mit 7922 Stimmen. Auf
meinen Gegner fielen 4281 Stimmen.

Der Wahlkampf wurde schon damals oft in sehr unehrlicher Weise gefhrt.
So hrte ich eines Tages, als ich in den Wahlkreis reiste, in einem
Nebenabteil des Bahnwagens einen Herrn gewaltig ber mich losziehen. Ich
htte in Glauchau den Webern doppelten Lohn und achtstndige Arbeitszeit
in Aussicht gestellt, falls sie mich whlten. Diese Lgen wurmten mich.
Ich stand auf und frug den Anklger, ob er das, was er soeben erzhlt,
von Bebel selbst gehrt habe. Das bejahte er. Darauf nannte ich ihn
einen unverschmten Lgner, und als er gegen mich auffahren wollte,
nannte ich meinen Namen. Nun wurde er sehr kleinlaut und erntete von den
Passagieren Hohn und Spott. Auf der nchsten Station verlie er eiligst
den Wagen.

Das Jahr 1867 brachte zwei allgemeine Reichstagswahlen. In der ersten
Wahl im Februar wurde die konstituierende Versammlung gewhlt, die die
knftige Verfassung zu beraten hatte und nach Erledigung dieser Mission
aufhrte zu existieren. Die Wahlen fr die erste Legislaturperiode, die
Ende August stattfanden, ergaben von unserer Seite die Wahl von
Liebknecht, Schraps, Dr. Gtz-Lindenau--der Turnergtz, der damals ein
roter Republikaner war--und mir. Von den Lassalleanern wurde J.B.v.
Schweizer und Dr. Reincke--der, als er spter sein Mandat niederlegte,
durch Fritzsche ersetzt wurde--und in einer Nachwahl Hasenclever
gewhlt. Da mittlerweile vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sich
ein Teil unter der Patronage der Freundin Lassalles, der Grfin v.
Hatzfeldt, losgelst und einen Lassalleschen Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein gebildet hatte, erhielt auch diese Fraktion einen
Vertreter in der Person Frsterlings und spter einen zweiten in der
Person Mendes, der Frsterlings Nachfolger im Prsidium wurde. Mende war
ein Hohlkopf, der sich in den Diensten der Grfin physisch so
heruntergebracht hatte, da er ohne eine Morphiuminjektion nicht zu
reden wagte und seine Reden in der Regel mit den Worten schlo: ich habe
gesprochen, was jedesmal groe Heiterkeit im Reichstag erregte.

Ueber meine Stellung und Ttigkeit im Reichstag spter.




Die Weiterentwicklung.


In der Sitzung des stndigen Ausschusses, die Ende Mrz 1867 in Kassel
abgehalten wurde, aber nur von wenigen Mitgliedern besucht war, mute
festgestellt werden, da die politischen Ereignisse des letzten Jahres
eine geradezu verheerende Wirkung auf die Vereine ausgebt hatten. Die
Kasse war leer, das Organ des Verbandes, die "Allgemeine
Arbeiterzeitung", war, wie schon mitgeteilt, eingegangen, eine
Monatsschrift, "Die Arbeit", die Dr. Pfeiffer-Stuttgart herausgegeben
und Sonnemann gedruckt hatte, war ebenfalls nach kurzer Lebensdauer
wieder verschwunden. Dazu kam, da die Leitung des Verbandes nicht in
den rechten Hnden war. Der Ausschu beschlo, ein neues
Verbandsorgan herauszugeben, das unter dem Titel "Arbeiterhalle" von
Eichelsdrfer-Mannheim redigiert werden und alle vierzehn Tage
erscheinen sollte. Ich wurde sein eifrigster Mitarbeiter. Das Blatt
erschien vom 1. Juni 1867 bis zum 4. Dezember 1868, an welchem Tage es
einging zugunsten des Anfang Januar 1868 von uns in Leipzig gegrndeten
und von Liebknecht redigierten "Demokratischen Wochenblattes". Endlich
wurde beschlossen, zum Herbst wieder einen Vereinstag einzuberufen.

Mit der Grndung des "Demokratischen Wochenblattes" war einem von uns
allen tief empfundenen Bedrfnis Genge geleistet. Wir hatten bis dahin
kein Organ zur Verfgung gehabt, in dem wir unsere Ansichten vertreten
konnten, damit war auch keine Mglichkeit gegeben, die politische und
soziale Aufklrung unserer Anhnger gengend zu betreiben, und das tat
vor allem not. Auch waren wir den Angriffen unserer Gegner gegenber
waffenlos. Freilich legte uns das Blatt groe Opfer auf, aber sie wurden
gern gebracht, denn es war das wichtigste Kampfmittel, das wir hatten.

Die Lauheit in der Leitung des Verbandes der Arbeitervereine veranlate
mich, in hufigen Briefen Staudinger vorwrts zu schieben. Ende Mai 1867
schrieb ich ihm, ich schtzte nach allem, was uns der Norddeutsche Bund
bis jetzt gebracht habe und noch bringen werde, als den grten Vorteil,
da die Massen in einer Weise aufgeregt wurden wie seit dem Jahre 1848
nicht, und da wir dadurch zu vielen neuen Verbindungen gekommen seien,
die wir im Interesse der Bewegung ausnutzen mten. Er solle Verbindung
mit der Internationale anknpfen. Ich protestierte dagegen, da immer
noch Versuche gemacht wrden, die Arbeitervereine von der Politik
fernzuhalten. Auch sei eine neue Organisation zu erwgen, die Luft im
Norddeutschen Bund lasse befrchten, da man gegen die Arbeitervereine
losgehe.

In Sachsen war das politische Leben in den Vereinen besonders rege,
ununterbrochen agitierten wir, um die Massen zu gewinnen. Pfingsten 1867
hatten wir wieder einen Arbeitertag nach Frankenberg einberufen, dem ich
prsidierte, der sich in erster Linie mit einer Petition zur Reform des
schsischen Gewerbegesetzes befate. Wir verlangten zehnstndigen
Normalarbeitstag, Abschaffung der Sonntagsarbeit, Abschaffung des
Koalitionsverbots, Abschaffung der Kinderarbeit in Fabriken und
Werksttten, Vertretung der Arbeiter in den Gewerbekammern und
Gewerbegerichten, Selbstverwaltung der Arbeiterkassen, Vereinbarung der
Fabrik- und Werkstttenordnungen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber.
Vahlteich als Referent ber die Frage: Wie haben sich die
Arbeitervereine den politischen Parteien gegenber zu verhalten und wie
gegenber der schsischen Regierung? schlug als Resolution vor: Die
Versammlung mge die von Schulze-Delitzsch zur Lsung der sozialen Frage
vorgeschlagenen Mittel als unzureichend verwerfen und erklren, da
diese Frage nur in einem demokratischen Staat unter Intervention der
Gesamtheit gelst werden knne. Weiter empfahl er das Lesen
sozialistischer Schriften und Zeitungen. Die Resolution rief ziemliche
Erregung bei einer Minderheit hervor, und so glaubte ich durch eine
vermittelnde Resolution die erregten Gemter beschwichtigen zu sollen.
Darin hatte ich mich getuscht. Die Vahlteichsche Resolution wurde gegen
7, die meine gegen 9 Stimmen angenommen. Als Ort fr den nchsten
deutschen Vereinstag whlte die Versammlung Gera, fr das sich auch der
stndige Ausschu erklrte.

Dieser Vereinstag--der vierte--wurde am 6. und 7. Oktober abgehalten.
Vertreten waren 37 Vereine und 3 Gauverbnde durch 36 Delegierte. Ein
Neuling unter den letzteren war der freireligise Prediger Uhlig aus
Magdeburg, ein ber mittelgroer Mann mit langem weiem Haar.
Unglcklicherweise hatte die Natur ihm in das nicht unsympathische
Gesicht eine ungeheure Nase gesetzt, die sehr strend wirkte. Zum
Vorsitzenden des Vereinstags wurde durch das Los unter den drei
Kandidaten, die gleiche Stimmenzahl hatten, der Schriftsteller
Wartenburg-Gera bestimmt. Im Laufe seiner Verhandlungen ehrte der
Vereinstag das Andenken Bandows-Berlin, der im Hochsommer 1866, und
Professor Romlers, der im April 1867 gestorben war. Ueber die
Schulfrage referierte Uhlig in einem etwas schwammigen Referat, das in
sechzehn Postulaten gipfelte. Der Vereinstag erledigte dasselbe, indem
er in einer Resolution erklrte, ihm "im allgemeinen" seine Zustimmung
zu geben. In der Organisationsfrage, ber die Hochberger und Motteler
referierten, gelang es endlich, im wesentlichen die Anschauungen zur
Geltung zu bringen, die ich seit Jahren vertreten hatte. Nach Artikel IV
whlte der Vereinstag einen Prsidenten, der an der Spitze eines weitere
sechs Mitglieder umfassenden Vorstandes stehen sollte. Letzterer wurde
von dem Verein gewhlt, dem der Prsident angehrte. Der Sitz dieses
Vereins war der Vorort des Verbandes. Ferner wurde bestimmt, da der
Vorortsvorstand fr seine Mhewaltung jhrlich 300 Taler beziehen solle.
Neben dem Vorstand sollten 16 Vertrauensmnner, die ber Deutschland
verteilt sein sollten, gewhlt werden, die die Geschftsfhrung des
Vorstandes kontrollieren und in wichtigen Angelegenheiten zu Rate
gezogen werden sollten. Bei der Wahl des Prsidenten fielen von 33
Stimmen 19 auf mich, 13 auf Dr. Max Hirsch, 1 auf Krebs-Berlin. Damit
war Leipzig Vorort. Die neue Richtung hatte gesiegt. Es war erreicht,
was lange von mir erstrebt worden war. Der Verband wurde jetzt
einigermaen aktionsfhig.

Einen anderen Punkt der Tagesordnung bildete ein Referat von mir ber
die Lage der Bergarbeiter. Dasselbe war veranlat durch ein groes
Unglck im Lugauer Kohlenrevier im Sommer 1867, bei dem 101 Arbeiter
gettet wurden, die 50 Witwen und zirka 150 Kinder hinterlieen. Ich
hatte im Auftrag des Arbeiterbildungsvereins eine Sammlung veranstaltet,
die an 1400 Taler ergab. Die vereinbarte und angenommene Resolution
besagte:

"Die in letzter Zeit im Bergbau vorgekommenen Unglcksflle machen es
den Arbeitern zur Pflicht, die Landesregierungen zu veranlassen, da
Gesetze geschaffen werden, wonach jeder Arbeitgeber oder Unternehmer
eines industriellen Etablissements die Verpflichtung hat, fr jeden
Schaden, den der Arbeiter whrend der Verrichtung seiner Ttigkeit
erleidet und durch Fahrlssigkeit seitens des ersteren entstanden ist,
einzutreten. Insbesondere wird bezglich der Bergarbeiter als
notwendig erkannt: 1. Strengste Kontrolle des Staates ber
die Bergwerksgesellschaften. 2. Gesetzliche Einfhrung des
Zweischachtsystems, bestehend in einem Frder- und einem
Sicherheitsschacht. 3. Einfhrung des Entschdigungsprinzips an die
Verunglckten und deren Hinterlassenen auf Grund eines zu erlassenden
Gesetzes, sowie strengste Handhabung der Bestimmungen in bezug auf
Ttung oder Beschdigung aus Fahrlssigkeit. 4. Entschiedene Bekmpfung
der einseitigen Einfhrung sogenannter Knappschaftsordnungen
(Geldstrafen, Gedingwesen, Knappschaftskassen betreffend) durch
Werkbesitzer und Werkgenossenschaften ohne Vereinbarung und Zustimmung
der Arbeiter. 5. Verwaltung der Knappschaftskassen durch die Arbeiter."

       *       *       *       *       *

Es war das erste Mal, da ein deutscher Arbeitertag den Erla eines
Haftpflichtgesetzes forderte, ein Verlangen, das dann im Jahre 1872
durch die Reichsgesetzgebung, allerdings in ungengender Weise, erfllt
wurde.

In der Wehrfrage wurde von einem Referat wegen Mangel an Zeit Abstand
genommen, doch entschlo man sich zu einer Resolution, die bei den
vorhandenen widersprechenden Ansichten ein faules Kompromi darstellte,
was veranlate, da die Frage abermals auf dem nchsten Vereinstag in
Nrnberg verhandelt wurde.

Mit der neuen Organisation zog auch ein neuer Geist in den Verband ein.
Es galt vor allem, die Mehrzahl der Vereine aus ihrer bisherigen
Gleichgltigkeit zu reien und sie zu tatkrftigem Handeln anzuregen.
Das konnte nur geschehen, indem man ihnen Aufgaben stellte und deren
Erfllung von ihnen forderte. Von jetzt ab erschien fast keine Nummer
der "Arbeiterhalle", an deren Spitze nicht ein von mir verfater Aufruf
des Vorortsvorstandes stand, der die Ttigkeit der Vereine fr die
verschiedensten Angelegenheiten in Anspruch nahm. Der Erfolg blieb nicht
aus. Allmhlich kam Leben in die Vereine. Nun wurden auch die migen
Verbandssteuern mit bisher nicht gekannter Pnktlichkeit bezahlt. In der
Vorortsverwaltung gestalteten sich aber die Dinge so, da fast die ganze
Last der Geschfte auf mich fiel. Ich war Vorsitzender, Schriftfhrer
und Kassierer in einer Person. Nur die Protokolle der Sitzungen des
Vorortsvorstandes und die Ordnung der Akten fhrte der gewhlte
Schriftfhrer. Im Vorortsvorstand sa unter anderen auch Rechtsanwalt
Otto Freytag, der aber bald seine Stelle niederlegte, ferner Chr.
Hadlich und P. Ulrich. Der Verkehr und die daraus entstehende
Korrespondenz mit den Vereinen wuchs allmhlich ins Riesenhafte. Am
Schlusse des ersten Geschftsjahres--Ende August 1868--betrug die Zahl
der Eingnge nur 253, die der Ausgnge nur 543, immerhin erheblich mehr
als bisher. Aber vom Nrnberger Vereinstag, Anfang September 1868, bis
zum Eisenacher Kongre, Anfang August 1869, erreichten die Eingnge die
Zahl 907, die Ausgnge die Zahl 4484, darunter die grere Hlfte
Streifbandsendungen, alles brige waren Briefe und oft lange Briefe von
mir.

Zu dieser Arbeit kamen die Sitzungen der Vorortsverwaltung, die Leitung
des Arbeiterbildungsvereins, die Ttigkeit im norddeutschen Reichstag
und Zollparlament, zahlreiche Agitationsreisen und vom Herbst 1868 ab
die stndige Mitarbeiterschaft am "Demokratischen Wochenblatt", dessen
ganzen Arbeiterteil ich schrieb. Da ich bei einer solchen Ttigkeit
meine junge Frau und mein kleines Geschft in unverantwortlicher Weise
vernachlssigte, ist naheliegend, und so war es nur erklrlich, da mir
in finanzieller Beziehung fter das Wasser bis an den Hals stand und ich
manchmal kaum ein und aus wute.

Da ich eine hnliche Ttigkeit, wie ich sie entfaltete, auch von anderen
forderte, hatte ich wiederholt an Vahlteich geschrieben und ihn
gedrngt, rhriger zu sein. Dafr wusch er mir in einem Briefe vom 25.
Mai 1869 den Kopf. Darin hie es:

"Lieber Freund. Vor Monaten schriebst Du mir einen hnlichen
aufmunternden Brief wie den vom vorgestrigen Tage. Meine Antwort darauf
machte aber auf Dich einen 'klglichen' Eindruck. Das glaube ich nun
wohl, ich will Dich aber doch bitten, dem, was ich Dir schreibe, den
Wert der Wahrheit beizulegen, indem ich daran erinnere, wie ich in
hnlicher Situation wie Du, in hnlicher Weise mit fieberhafter,
aufopfernder Ungeduld gearbeitet habe.

Wenn ich jetzt vom 'Erzwingen wollen' abgekommen bin, so ist nicht die
Faulheit die Ursache, sondern die mhsam genug errungene Ueberzeugung,
da sich gewisse Dinge mit den uns zu Gebote stehenden Mitteln einfach
nicht erzwingen lassen; ich bin dafr, da man immer fr unsere
Grundstze arbeitet, da man sich aber nicht fr diese aufreiben msse.

Von diesem Gesichtspunkt mu ich offen aussprechen: Ich frchte, Du
richtest Dich zugrunde nach mehr als einer Richtung hin. Irre ich mich,
so ist das im Interesse der Sache sehr gut, und mir soll es lieb sein;
soweit ich aber die Dinge beurteilen kann, begreife ich zurzeit nicht,
wie Du Deine agitatorische, berhaupt ffentliche Ttigkeit auf die
Dauer fortfhren willst...."

Schlielich erklrte er, fr ihn stehe die Sache so, da er entweder
seine agitatorische Ttigkeit oder seine geschftliche Stellung aufgeben
msse.

Auf die letztere Bemerkung mchte ich anfhren, da in dieselbe Lage
wie Vahlteich im Laufe der Jahre eine groe Zahl von Parteigenossen kam.
Wenn unsere Gegner noch heute gern darauf hinweisen, da zum Beispiel in
der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion kein wirklicher Arbeiter
sitze, so aus dem einfachen Grunde, weil jeder Arbeiter, der fr die
Sozialdemokratie ffentlich ttig ist, _sofort aufs Pflaster fliegt_.
Entweder er schweigt, oder die Partei, die Agitatoren, Redakteure,
Verwaltungsleute ntig hat, gibt ihm eine Stelle. Noch schlimmer erging
es von jeher den selbstndigen Gewerbetreibenden in der Partei. Da
schreien unsere Gegner ber den Terrorismus der Sozialdemokratie. O,
diese Heuchler. Niemand treibt schlimmeren Terrorismus als sie. Wieviel
brave Parteigenossen habe ich im Laufe der Jahrzehnte am Terrorismus der
Gegner verbluten sehen.

Da war zum Beispiel Jul. Motteler, ein Mann von hohem Idealismus, der,
als er sich 1867 an der Wahlagitation beteiligte, seine Stelle in einem
Fabrikkontor gekndigt bekam. Um den Gegnern nicht den Gefallen zu tun
und das Feld zu rumen, grndete er eine Spinn- und Webgenossenschaft
mit beschrnkter Haftung in Crimmitschau. Dieselbe gedieh auch einige
Jahre. Als aber der Krieg von 1870/71 kam und die Liberalen ber unsere
Haltung wtend waren, kndigte man der Genossenschaft den Bankkredit;
sie wurde zur Zahlungseinstellung gezwungen. Jetzt opferte Motteler sein
ganzes Vermgen, um die Glubiger nach Mglichkeit zu befriedigen. Er
trat nunmehr in die Leitung der Leipziger Buchdruckereigenossenschaft
ein. Aus hnlichen Vorkommnissen erklrt sich auch die Erscheinung, da,
wenn es unter den sozialistischen Abgeordneten und der Fhrerschaft
berhaupt so viele Tabak- und Zigarrenhndler und Restaurateure gibt,
diese Berufe ergriffen werden muten, weil sie fast die einzigen sind,
in denen die Gemaregelten von der Parteigenossenschaft gehalten werden
knnen. Und was habe ich selbst in fnfundzwanzigjhriger gewerblicher
Ttigkeit unter Entziehung der Kundschaft und dem Widerstreit der
Interessen zwischen ffentlicher Ttigkeit und Geschft zu leiden
gehabt.

Wiederholt meinten Freunde in brgerlichen Stellungen, die meine
Ttigkeit in der Arbeiterbewegung nicht begreifen konnten, ich sei ein
dummer Kerl, da ich mich fr die Arbeiter opfere. Ich solle fr das
Brgertum ttig sein und mich um die Gemeindeangelegenheiten bekmmern,
ich machte ein glnzendes Geschft und wrde bald Stadtrat sein. Das
erschien ihnen das Hchste. Ich lachte sie aus, danach strebe mein
Ehrgeiz nicht.

Wie ich die Arbeitslast--und die Jahre 1867 bis 1872 waren die
arbeitsreichsten meines Lebens, obgleich es mir bis heute nie an Arbeit
fehlte--bewltigen konnte, mochte manchem als Rtsel erscheinen. In
gewissem Sinne mir selbst, denn ich hatte auch mehrere Male mit
Krankheit zu kmpfen. Ich war zu jener Zeit ein Mann von schmaler Statur
mit hohlen Wangen und bleicher Gesichtsfarbe, was Freundinnen meiner
Frau, die unserer Verehelichung beiwohnten, zu der Aeuerung veranlate:
"Die Arme, den wird sie nicht lange haben!"

Zum Glck kam es anders.




Persnliches.


Fr einen Mann, der im ffentlichen Leben mit einer Welt von Gegnern im
Kampfe liegt, ist es nicht gleichgltig, wes Geistes Kind die Frau ist,
die an seiner Seite steht. Je nachdem kann sie eine Sttze und eine
Frderin seiner Bestrebungen oder ein Bleigewicht und ein Hemmnis fr
denselben sein. Ich bin glcklich, sagen zu knnen, die meine gehrte zu
der ersteren Klasse. Meine Frau ist die Tochter eines Bodenarbeiters an
der Leipzig-Magdeburger Bahn, der schon gestorben war, als ich sie
kennen lernte. Meine Braut war Arbeiterin in einem Leipziger
Putzwarengeschft. Wir verlobten uns im Herbst 1864, kurz vor dem Tode
ihrer braven Mutter, und heirateten im Frhjahr 1866. Ich habe meine Ehe
nie zu bereuen gehabt. Eine liebevollere, hingebendere, allezeit
opferbereitere Frau htte ich nicht finden knnen. Leistete ich, was ich
geleistet habe, so war dieses in erster Linie nur durch ihre
unermdliche Pflege und Hilfsbereitschaft mglich. Und sie hat viele
schwere Tage, Monate und Jahre zu durchkosten gehabt, bis ihr endlich
die Sonne ruhigerer Zeiten schien.

Eine Quelle des Glckes und ein Trost in ihren schweren Stunden wurde
ihr unsere im Januar 1869 geborene Tochter, mit deren Geburt ein
amsanter Vorgang verknpft ist. Am Vormittag des betreffenden Tages sa
ich in der Stube vor meinem Schreibtisch und wartete in groer Aufregung
auf das erhoffte Ereignis, als an die Tr geklopft wurde und auf meinen
Hereinruf ein Herr in die Stube trat, der sich als Rechtsanwalt Albert
Trger vorstellte. Trgers Name war mir bereits durch seine in der
Gartenlaube verffentlichten Gedichte und seine ffentliche Ttigkeit
bekannt. Nach unserer Begrung uerte Trger verwundert: "Sie sind ja
noch ein junger Mann, ich glaubte, Sie seien ein lterer, behbiger
Herr, der sein Geschft an den Nagel gehangen hat und die Politik zu
seinem Vergngen treibt." Ich stand in der blichen grnen
Drechslerschrze vor ihm und antwortete lchelnd: "Wie Sie sehen, sind
Sie im Irrtum!" Wir unterhielten uns dann, bis ich in der Nebenstube den
erwarteten Kinderschrei hrte. Jetzt gab's fr mich kein Halten mehr.
Mit wenigen Worten klrte ich Trger ber die Situation auf, worauf er
mir herzlich gratulierte und sich entfernte. Einige Jahre spter wurden
wir Kollegen im deutschen Reichstag und blieben bis heute, trotz unserer
prinzipiell verschiedenen Standpunkte, gute Freunde.

Meine Stellung in der Arbeiterbewegung wie meine Verlobung lieen mir
meine dauernde Niederlassung in Leipzig wnschbar erscheinen. Sachsen
hatte zwar im Jahre 1863 die Gewerbefreiheit eingefhrt, aber wer als
"Auslnder" sie benutzen wollte, und das war jeder Nichtsachse, mute
die schsische Naturalisation erwerben. Das kostete damals viel Geld,
denn gleichzeitig mute man sich auch in einer Gemeinde einbrgern
lassen. Zur Selbstndigmachung und zur Naturalisation fehlten mir aber
die Mittel. Die letztere erforderte mit dem Brgerwerden in Leipzig
zirka 150 Taler, und was ich von Hause erwarten konnte, waren zirka 350
Taler. Unerwarteterweise wurde ich zur Selbstndigmachung gezwungen,
indem mir mein Meister Ende 1863 unter der Vorgabe, er habe keine Arbeit
mehr fr mich, kndigte. In Wahrheit kndigte er mir, weil er gehrt,
ich wolle mich selbstndig machen. Er wollte sich also einen
Konkurrenten vom Halse halten. Ich reiste darauf nach Wetzlar und holte,
was an Geld flssig zu machen war. Ich mietete dann ein Werkstattlokal
mitten in der Stadt, im Hofe eines Kaufhauses, das eben aus einem
Pferdestall in einen Arbeitsraum umgewandelt worden war. Das Lokal war
so primitiv, da es noch keine Kaminanlage hatte, und ich bis zur
Fertigstellung derselben, wider alle polizeiliche Vorschrift, mein
Ofenrohr durch das Fenster in den Hof leiten mute. Dasselbe Lokal mute
mir auch, da meine geringen Mittel wie Butter an der Sonne
zusammengeschmolzen waren, als Schlafraum dienen, wobei ich in den
kalten Winternchten jmmerlich fror. Um die Naturalisation einstweilen
zu umgehen, hatte ich mein Geschft unter der Firma eines befreundeten
Brgers erffnet, bis ich im Frhjahr 1866, um heiraten zu knnen, auch
die Naturalisation mit Schuldenmachen unternahm. Zwei Jahre spter wren
mir viele Kosten infolge der Gesetzgebung des Norddeutschen Bundes
erspart geblieben.

Ich begann mein Geschft im kleinsten Mastab, mit Hilfe eines
Lehrlings. Nach einigen Monaten konnte ich einen Gehilfen einstellen.
Als ich aber im Februar 1867 in den Reichstag gewhlt worden war und nun
whrend meiner Abwesenheit meinem Gehilfen Einblicke in das Geschft
gewhren mute, die er sonst nicht erlangte, kndigte er mir nach meiner
Rckkunft und machte sich selbstndig. Als ich diesen Vorgang spter
einem ehemaligen Kollegen erzhlte, meinte dieser trocken: "Das
geschieht dir recht, warum zahltest du einen Lohn, bei dem er sich Geld
sparen konnte." Dieser "horrende Lohn" betrug damals 4-1/2 Taler pro
Woche, er war um einen halben Taler hher als in jeder anderen
Werkstatt, auch whrte bei mir die Arbeitszeit tglich zehn Stunden,
anderwrts elf.

Im brigen lernte ich das Elend des Kleinmeisters grndlich kennen. Die
gelieferten Waren muten auf lngeren Kredit gegeben werden, Lohn fr
das Personal, Spesen und der eigene Lebensunterhalt erforderten aber
tglich und wchentlich Ausgaben. Woher das Geld nehmen? Ich lieferte
also einem Kaufmann meine Ware gegen Barzahlung zu einem Preis, der nur
wenig hher als die Selbstkosten war. Holte ich mir aber am Samstag mein
Geld, so erhielt ich lauter schmutzige Papierscheine, von denen damals
Leipzig durch seinen Verkehr mit den thringischen Kleinstaaten
berflutet wurde. Jeder dieser kleinen Staaten nutzte sein Mnzrecht
grndlich aus und berschwemmte mit Papiergeld den Markt. Aber dasselbe
wurde allgemein gegeben und genommen und galt als Verkehrsgeld. Daneben
erhielt ich aber auch fter Coupons irgend eines industriellen
Unternehmens, die noch nicht fllig waren, oder Dukaten, die der
Manicher derart beschnitten hatte, da ich statt 3 Taler 5 Groschen,
wie sie mir angerechnet wurden, beim Bankier, bei dem ich sie wechseln
mute, oft nur 3 Taler und weniger erhielt. Aehnlich ging es mit den
Coupons. Ich war ber diese Zahlungsweise wtend, aber was wollte ich
machen? Ich ballte die Faust in der Tasche und lieferte die nchste
Woche wieder Ware und holte mir die gleiche Zahlung.

Meine ffentliche Ttigkeit brachte allmhlich das Unternehmertum gegen
mich auf. Man verweigerte, mir Auftrge zu geben. Das war der Boykott.
Wre es mir nicht gelungen, auerhalb Leipzigs in anderen Stdten einen
kleinen Kundenkreis auf meine Artikel (Tr- und Fenstergriffe aus
Bffelhorn) zu erwerben, ich wre Ende der sechziger Jahre zum Bankrott
gezwungen worden. Schlimm erging es mir whrend der Kriegszeit 1870/71,
in der an sich schon die Arbeit stockte. Als ich dann im Winter 1870/71
mit Liebknecht und Hepner in eine hundertzweitgige Untersuchungshaft
genommen wurde, mute mir meine Frau eines Tages die Mitteilung zugehen
lassen, da kein Stck Arbeit mehr verlangt werde, wohl aber muten
wchentlich Gehilfe und Lehrling bezahlt werden. Das war eine bitterbse
Situation. Doch sie wendete sich bald zum Besseren. Mit dem
Friedensschlu begann die Prosperittsepoche, die bis zum Jahre 1874
whrte. Die Bestellungen kamen jetzt ungerufen ins Haus, die Kunden
waren froh, wenn sie bedient wurden. Als ich daher im Frhjahr 1872 mit
Liebknecht meine zweiundzwanzigmonatige Festungshaft in Hubertusburg
antrat, der fr mich noch neun Monate Gefngnis folgten, konnte ich das
Geschft mit einem Werkfhrer, sechs Gehilfen und zwei Lehrlingen
zurcklassen. Seide gesponnen wurde freilich nicht, obgleich meine Frau
tchtig auf dem Posten war. Die Geschftskorrespondenz fhrte ich von
der Festung beziehungsweise aus dem Gefngnis. Schlimm wurde es wieder,
als 1874 mit dem Krach gleichzeitig mein Artikel durch Konkurrenten der
fabrikmigen Herstellung verfiel, und zwar zu Preisen, bei denen ich
mit dem Handbetrieb unmglich mehr konkurrieren konnte. Ich dachte schon
daran, das Geschft aufzugeben und in eine Parteistellung zu treten, da
wollte der Zufall, da ich in der Person eines Parteigenossen, des
Kaufmanns Ferd. Ileib in Berka a.W., einen Associ fand, der neben den
materiellen Mitteln die ntigen kaufmnnischen Kenntnisse besa und
sehr bald auch die ntigen technischen Kenntnisse in anerkennenswerter
Weise sich aneignete. Im Herbst 1876 bezogen wir eine kleine Fabrik mit
Dampfbetrieb, in der jetzt auch die Herstellung der betreffenden Artikel
aus Bronze vorgenommen wurde, in denen wir bald einen guten Ruf
erlangten. Anfangs hatten wir schwer zu kmpfen, denn noch wtete die
Krise. Meine Hauptttigkeit wurde nunmehr, die Kunden aufzusuchen und
die Geschftsreisen zu unternehmen, durch die ich spter, unter dem
Sozialistengesetz, der Partei die grten Dienste leisten konnte.
Nachdem ich dann 1881 auf Grund des sogenannten kleinen
Belagerungszustandes aus Leipzig ausgewiesen worden war, und diese
Ausweisung von Jahr zu Jahr erneuert wurde, ich auch zwischendurch
wieder Bekanntschaft mit den Gefngnissen gemacht hatte, lste ich im
Herbst 1884 das Associverhltnis und trat in die Stellung eines
Reisenden fr das Geschft. Ich glaubte es meinem stets opferbereiten
Associ gegenber nicht mehr verantworten zu knnen, an dem migen
Nutzen eines Unternehmens teilzunehmen, fr das er die Sorge und die
Hauptarbeit zu tragen hatte. Auerdem wurde ich durch meine dauernde
Entfernung von Leipzig dem inneren Gange des Geschfts immer mehr
entfremdet. So legte ich 1889 auch die Stelle des Reisenden nieder und
widmete mich von jetzt ab ganz der Schriftstellerei, durch die ich in
dauernde geschftliche Beziehungen zu meinem Freunde Heinrich Dietz in
Stuttgart kam.

Ich habe weiter oben bemerkt, da man sich fter ein ganz anderes Bild
von meiner Persnlichkeit machte. Darber amsierten wir--mein Associ
und ich--uns wiederholt. Jener entsprach im ueren ganz der
Vorstellung, die man sich von mir machte. Er war ein groer, starker
Mann, der rotes Haar und einen roten Bart hatte, der bis auf die Brust
wallte. Da kam es denn vor, da wenn jemand aufs Kontor kam, um mich zu
sprechen, mich aber nicht persnlich kannte, er sich an meinen Associ
wandte. Diese Verwechslung machte uns stets groes Vergngen. Sehr
heiter stimmte mich auch, als ich eines Tages auf einer Geschftsreise
in Tbingen war und ich mich in einer Weinwirtschaft von einigen
Bekannten verabschiedete, hinter mir ein Tbinger Brger im reinsten
Schwbisch verwundert uerte: "Was? Der kloine Ma ischt d'r
Bebel?"--Aehnliches erlebte ich fter. Auch kam es in frheren Jahren
nicht selten vor, da auf der Eisenbahn Reisegefhrten sich ber mich
unterhielten, ohne zu ahnen, da ich mitten unter ihnen sa und still
zuhrte. Es waren manchmal rechte Rubergeschichten, die ich anzuhren
bekam.




Der Marsch nach Nrnberg


Im Juli 1867 war nach langen Verhandlungen zwischen Norddeutschland und
den sddeutschen Staaten ein Vertrag zustande gekommen, wonach die
Regelung der Zoll- und indirekten Steuerverhltnisse den Beratungen
eines sogenannten Zollparlaments unterworfen werden sollte, das aus den
Mitgliedern des norddeutschen Reichstags und eigens dazu gewhlten
Vertretern der vier sddeutschen Staaten zusammengesetzt war. Bismarck
hatte es abgelehnt, den Wnschen der badischen Regierung wie der
sddeutschen Liberalen nach voller Aufnahme in den Norddeutschen Bund
nachzukommen. Die preuische Regierung werde durch den Eintritt von
achtzig sddeutschen Abgeordneten in den Reichstag nur in Verlegenheit
geraten. Das Wahlrecht fr die Vertreter in dem Zollparlament war
dasselbe wie fr den norddeutschen Reichstag. Gleichwohl lehnte ein
groer Teil der sddeutschen Volkspartei, namentlich in Wrttemberg, die
Wahlbeteiligung ab, obgleich Liebknecht und ich auf einer Konferenz in
Bamberg, Februar 1868, uns alle Mhe gaben, einen solch unsinnigen
Beschlu zu verhindern, der nichts anderes bedeutete als Fahnenflucht
vor dem Feinde. Auch ein grerer Teil der Arbeitervereine in
Wrttemberg folgte der Parole der Volkspartei. Ein anderer Teil whlte,
und da auch die Volkspartei gespalten war, gelang es, mehrere Demokraten
fr das Zollparlament durchzubringen. Anders in Hessen, das in jener
Zeit politisch in zwei Hlften geteilt war. Oberhessen gehrte zum
Nordbund, Rheinhessen und Starkenburg waren selbstndig und whlten
jetzt in das Zollparlament. Liebknecht und ich untersttzten die
demokratischen Kandidaten in Sdhessen bei der Wahlagitation und hielten
Wahlversammlungen fr dieselben ab. Bei einer dieser Versammlungen kamen
wir auch nach Darmstadt in das Haus von Louis Bchner (des Kraft- und
Stoff-Bchner), woselbst Liebknecht die Bekanntschaft seiner spteren
zweiten Frau machte. Die erste war das Jahr zuvor gestorben. Liebknecht
machte in diesem Wahlfeldzug die einzige Eroberung, eben seine zweite
Frau; im brigen zogen wir als die Geschlagenen nach Hause. Die
demokratischen Kandidaten in Mainz und Darmstadt waren unterlegen.

In Bayern und Wrttemberg agitierten um jene Zeit ein groer Teil der
Arbeitervereine in Gemeinschaft mit der Volkspartei fr die Einfhrung
des Milizsystems, da es sich in beiden Staaten um eine neue
Militrorganisation handelte. Es wurde insofern auch ein Erfolg erzielt,
als die wrttembergische Regierung sich mit der Kammer auf eine
siebzehnmonatige Dienstzeit verstndigte. In Bayern hatte sich der
Militrgesetzausschu der Kammer, unter dem Einflu des bekannten
Statistikers Kolb, fr eine gar nur neunmonatige Dienstzeit erklrt und
die Aufhebung von vier Kavallerieregimentern beschlossen. Diese
Errungenschaften wurden durch den Deutsch-Franzsischen Krieg und den
Eintritt der sddeutschen Staaten in das Reich zu Fall gebracht.

In Sachsen agitierten wir, da ein neues Wahlgesetz eingefhrt werden
sollte, fr das gleiche Wahlrecht wie zum Reichstag. Weiter animierte
der Vorort die Arbeitervereine zur Stellungnahme gegen den im
norddeutschen Reichstag von Schulze-Delitzsch eingebrachten
Gesetzentwurf, betreffend die privatrechtliche Stellung der
Genossenschaften, der weit hinter dem in Sachsen geltenden
Genossenschaftsgesetz zurckstand. Andere Agitationen richteten sich
gegen die im Zollparlament geplante Tabak- und Petroleumsteuer und gegen
eine ganze Reihe reaktionrer Bestimmungen in dem dem norddeutschen
Reichstag vorgelegten Gesetzentwurf einer Gewerbeordnung, die ich in
einem Artikel in der "Arbeiterhalle" beleuchtete.

Da die politische Zwieschlchtigkeit im Verband der Arbeitervereine auf
die Dauer nicht aufrechterhalten werden konnte, war uns im Vorort klar.
Nachdem wir in Gera das Heft in die Hand bekommen hatten, mute die
Situation ausgenutzt werden. Es mute ein festes Programm geschaffen
werden, mochten die Folgen fr den Verband sein, welche sie wollten.
Unserer eigenen Auffassung kam der Arbeiterbildungsverein Dresden, in
dem seit September 1867 Vahlteich Vorsitzender geworden war, entgegen,
indem er einen dahingehenden Antrag stellte. Aus Sddeutschland regte
Eichelsdrfer den gleichen Gedanken an.

Diesem antwortete ich unter dem 18. April 1868, die Programmfrage sei
von uns diskutiert und zustimmend beschlossen worden, es werde aber
dabei zum Bruch im Verband kommen. Zunchst wurde bei Sonnemann
angefragt, ob er einen Programmentwurf vorlegen wolle; er lehnte ab.
Darauf ersuchten wir Robert Schweichel, der von Hannover nach Leipzig
bergesiedelt war und Liebknecht bei der Redaktion des "Demokratischen
Wochenblatts" untersttzte, einen Entwurf auszuarbeiten und das Referat
ber denselben auf dem nchsten Vereinstag zu bernehmen. Wir whlten
Schweichel im Einverstndnis mit Liebknecht. Schweichels konziliantes
Wesen war fr diesen Fall, in dem es galt, die noch zgernden
Vereinsvertreter zu gewinnen, besser als Liebknechts Draufgngernatur.

Sobald bekannt wurde, der Vorort wolle dem nchsten Vereinstag ein
Programm vorlegen, gab es in den von den Liberalen geleiteten Vereinen
eine gewaltige Aufregung. Die liberale Presse schlug in Nord und Sd
gegen uns los und suchte die Vereine gegen uns aufzuhetzen. Von den
verschiedensten Seiten kamen an mich Briefe mit Protesten und Warnungen.
Der Vorsitzende des Nrnberger Arbeitervereins, ein Oberlehrer Rgner,
unterstellte unserem Vorgehen alle mglichen Motive. Wir wollten unsere
"Mierfolge" im Reichstag und Zollparlament mit unserem Vorgehen auf dem
Vereinstag auszugleichen suchen, Preuenha leite unser Handeln usw. Wir
wrden uns aber tuschen, wir wrden eine Niederlage erleiden. Ich
antwortete, gerade die bisherigen Verhandlungen im norddeutschen
Reichstag und Zollparlament zeigten, welch groen Wert die Arbeiter auf
nachdrckliche Beteiligung an der Politik in einer ihren Interessen
entsprechenden Weise legen mten. Soziales und Politisches liee sich
nicht voneinander trennen, eines ergnze das andere.... Der Arbeiter
msse vom Standpunkt seiner Interessen demokratisch sein.... Die
bisherige Unklarheit im Verband knne nicht mehr weitergehen.... Er
(Rgner) sage, es sei unrecht, jetzt, wo die scharfen Gegenstze
zwischen Staatshilfe und Selbsthilfe sich verlieren und eine Annherung
beider Parteien stattgefunden habe, einen neuen Erisapfel dazwischen zu
werfen. Ich antworte, gerade dieser Annherung Ausdruck zu geben, sei
der Zweck des Programms.... Die Gegenstze wrden nicht durch
Totschweigen, sondern durch offene Aussprache ausgeglichen.... Mglich,
da wir auf dem Parteitag eine Niederlage erleiden wrden, aber das
knne mich nicht von dem geplanten Schritte abhalten. Es sei nicht das
erstemal, da ich in der Minderheit geblieben sei und nach erneuten
Versuchen in die Mehrheit kam. Ich erinnere nur an meinen Antrag der
direkten Wahl des Prsidenten und eines Vororts, der seit 1865 bekmpft,
1867 siegte.... Auch mit dem Vorsitzenden des Oldenburger
Arbeiterbildungsvereins hatte ich eine lange Auseinandersetzung. Ich
erklrte ihm, wir hielten ein Programm fr notwendig, damit jedermann
wisse, wo der Verband stehe, und namentlich Vorort und Redaktion wten,
wie die Mehrheit regiert sehen wollte. Wir htten den Mangel eines
klaren Standpunktes hufig empfunden. Der einen Seite gingen wir zu
weit, der anderen nicht weit genug. Ich wolle allerdings bekennen, da
wenn die Mehrheit der Vereine ein sozialdemokratisches Programm ablehne,
der Vorort und die Mehrheit der schsischen Vereine sich alsdann fragen
wrden, ob sie dem Verband noch angehren knnten.

Dazwischen befrwortete Moritz Mller in Pforzheim die Grndung von
Gewerkschaften und empfahl, dahin zu wirken, da die Leitung der Vereine
durch Doktoren und Professoren beseitigt werde. Ich antwortete ihm am
16. Juli, da ich mit seinen Ideen ber Berufsorganisationen einig
ginge. Die Buchdrucker und Zigarrenarbeiter Deutschlands seien bereits
dem Beispiel der englischen Arbeiter gefolgt, jetzt folgten die
Schuhmacher in Leipzig und die Buchbinder in Dresden. Auch sei ich mit
ihm darin der gleichen Meinung, da die Arbeitervereine ihre Leiter aus
ihren eigenen Reihen whlen mten. Die Doktoren- und Professorenleitung
tauge in der Regel nichts, das wten wir aus eigener Erfahrung.

Wie zu erwarten, war der Vereinstag, fr den die groe Mehrheit der
Vereine Nrnberg als Verhandlungsort gewhlt hatte, ungewhnlich stark
besucht. Es waren 93 Organisationen durch 115 Delegierte vertreten.
Auerdem befanden sich unter den geladenen Gsten Eccarius-London als
Vertreter des Generalrats der Internationale,[7] Oberwinder und Hartung
als Vertreter des Wiener Arbeiterbildungsvereins, Quick und Greulich
als Vertreter der deutschen Arbeitervereine der Schweiz, Dr.
Ladendorf-Zrich, der ehemalige Berliner Zuchthusler, als Vertreter des
deutsch-republikanischen Vereins in Zrich, Dr. Heger-Bamberg als
Vertreter der deutschen Abteilung der Internationale in Genf, Btter als
Vertreter der franzsischen Abteilung der Internationale in Genf,
Brckmann und Niethammer-Stuttgart als Vertreter des Ausschusses der
deutschen Volkspartei. Unter den Vereinstagsdelegierten befand sich als
Vertreter eines badischen Vereins Jakob Venedey, der durch Heinrich
Heine als Kobes von Kln eine gewisse Berhmtheit erlangt hat. Auch war
ein Mitglied des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, Dr. Kirchner,
zugegen, der ein Mandat des Hildesheimer Webervereins zu vertreten
hatte. Kirchner war sozusagen die erste Schwalbe, die es wagte, aus dem
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zu uns herberzufliegen. Das war in
den Augen J.B.v. Schweitzers ein Verbrechen. Kirchner wurde nachher auch
als Vertrauensmann gewhlt. Die Hauptverhandlungen des Vereinstags
fanden im groen historischen Rathaussaal statt, den der Nrnberger
Magistrat in der Hoffnung hergegeben hatte, da die liberale Richtung
siegen werde. Diese Hoffnung wurde zu Wasser. Mit einer Begrung der
fremden Vertreter erffnete ich die Versammlung und lie das Prsidium
whlen. Von 94 abgegebenen Stimmen fielen 69 auf mich und 21 auf
Rgner-Nrnberg, 4 Stimmen zersplitterten. Damit war die Entscheidung
ber den Geist, der den Vereinstag beherrschen werde, gefallen. Als
erster Vizevorsitzender wurde Lwenstein-Frth mit 62 Stimmen, als
zweiter Vizevorsitzender Brger-Gppingen mit 59 Stimmen gewhlt. Die
Gegenpartei unterlag auf der ganzen Linie. Letztere suchte nun bei
Feststellung der Tagesordnung zu retten, was zu retten mglich; sie
verlangte die Absetzung der Programmfrage von der Tagesordnung. Darber
kam es zu scharfen Auseinandersetzungen. "Keine Kompromisse" rief es von
den verschiedensten Seiten, und so wurde die _en bloc-_Annahme der
Tagesordnung mit groer Mehrheit beschlossen.

Die Verhandlungen des Vereinstags nahmen einen vorzglichen Verlauf.
Die Nrnberger Tagung war eine der schnsten, denen ich beigewohnt. Als
Berichterstatter fr die Vorortverwaltung konnte ich mitteilen, da die
neue Organisation sich vortrefflich bewhrt und der Verband im Vergleich
zu frher glanzvoll dastehe. Die zum Verband gehrigen Vereine zhlten
zirka 13000 Mitglieder. Ein Versuch Venedeys, die Programmfrage durch
eine motivierte Tagesordnung zu beseitigen, milang. Die Programmdebatte
wurde vom allgemeinsten Interesse begleitet. Das Endresultat war, da
das Programm mit 69 Stimmen, die 61 Vereine hinter sich hatten, gegen 46
Stimmen, die 32 Vereine vertraten, angenommen wurde. Gegen diesen
Beschlu erhob die Minderheit Protest, sie verlie den Saal und
beteiligte sich nicht mehr an den Debatten. Ihr Versuch, unter dem Namen
Deutscher Arbeiterbund eine neue Organisation zu schaffen, versagte. Die
betreffenden Vereine verloren jede politische Bedeutung und bettigten
sich von jetzt ab nur noch als Anhngsel der verschiedenen liberalen
Parteien.

       *       *       *       *       *

Das angenommene Programm lautete:

"Der zu Nrnberg versammelte fnfte Vereinstag deutscher Arbeitervereine
erklrt in nachstehenden Punkten seine Uebereinstimmung mit dem Programm
der Internationalen Arbeiterassoziation:

1. Die Emanzipation (Befreiung) der arbeitenden Klassen mu durch die
arbeitenden Klassen selbst erobert werden. Der Kampf fr die
Emanzipation der arbeitenden Klassen ist nicht ein Kampf fr
Klassenprivilegien und Monopole, sondern fr _gleiche_ Rechte und
_gleiche_ Pflichten und fr die _Abschaffung aller Klassenherrschaft_.

2. Die konomische Abhngigkeit des Mannes der Arbeit von dem
Monopolisten (dem ausschlielichen Besitzer) der Arbeitswerkzeuge bildet
die Grundlage der Knechtschaft in jeder Form, des sozialen Elends, der
geistigen Herabwrdigung und politischen Abhngigkeit.

3. Die politische Freiheit ist das unentbehrliche Hilfsmittel zur
konomischen Befreiung der arbeitenden Klassen. Die soziale Frage ist
mithin untrennbar von der politischen, ihre Lsung durch diese bedingt
und nur mglich im demokratischen Staat.

Ferner in Erwgung, da alle auf die konomische Befreiung der Arbeiter
gerichteten Anstrengungen bisher an dem Mangel der Solidaritt
zwischen den vielfachen Zweigen der Arbeit jeden Landes und dem
Nichtvorhandensein eines brderlichen Bandes der Einheit zwischen den
arbeitenden Klassen der verschiedenen Lnder gescheitert sind; da die
Befreiung der Arbeit weder ein lokales noch nationales, sondern ein
soziales Problem (Aufgabe) ist, das alle Lnder umfat, in denen es
moderne Gesellschaften gibt, und dessen Lsung von der praktischen und
theoretischen Mitwirkung der vorgeschrittensten Lnder abhngt,
beschliet der fnfte deutsche Arbeitervereinstag seinen Anschlu an die
Bestrebungen der Internationalen Arbeiterassoziation."

       *       *       *       *       *

Die Beschlsse des Nrnberger Arbeitervereinstags ber das Programm
lieen keinen Zweifel mehr zu, in welchem Lager die Vereine nunmehr
standen. Gleichwohl tat die Mehrheit auf der Generalversammlung der
Volkspartei am 19. und 20. September in Stuttgart, als sei eine
Aenderung in der gegenseitigen Stellung nicht eingetreten; sie erklrte
sich sogar mit den in Nrnberg gefaten Beschlssen ber das Programm
einverstanden, indem erluternd bemerkt wurde, da die staatlichen und
gesellschaftlichen Fragen untrennbar seien und da namentlich die
konomische Befreiung der arbeitenden Klassen und die Verwirklichung der
politischen Freiheit sich gegenseitig bedingten. Auch mit der von Johann
Jacoby am 24. Mai 1868 in Berlin gehaltenen Programmrede erklrte sie
sich einverstanden.

Das war ein Ma von Einsicht, das nachmals den Nachfolgern der
Volksparteiler von 1868 vollstndig abhanden gekommen ist. Es war
insbesondere der in Nrnberg anwesend gewesene Rechtsanwalt
Niethammer-Stuttgart, der fr ein weiteres Zusammengehen wirkte. Er
vertrat die Ansicht, die Demokratie msse sich zur Sozialdemokratie
erheben, wolle sie ihre Aufgabe erfllen. Er wre wahrscheinlich spter
ganz in unsere Reihen getreten, htte nicht ein jher Tod (Herzschlag)
frhzeitig seinem Leben ein Ende gemacht.

Neben Niethammer war es aber vorzugsweise Sonnemann, der fr diese
Beschlsse wirkte. Sonnemann, der um keinen Preis eine Lsung des
Verhltnisses zwischen Arbeitervereinen und Volkspartei wollte, hatte in
Nrnberg dem Programm zugestimmt, fr das er nicht begeistert war. Es
mute ihm jetzt alles daranliegen, da die Generalversammlung der
Volkspartei seinen Schritt in Nrnberg sanktionierte.

Der Austritt der Minderheit hatte die Tagesordnung des Vereinstags
zerstrt, denn fr verschiedene Fragen waren mehrere Referenten unter
den Ausgeschiedenen. Ein Referat Sonnemanns ber die Grndung einer
Altersversorgungskasse, die unter staatlicher Aufsicht stehen sollte,
fand insofern Widerspruch, als smtliche Redner, insbesondere Vahlteich,
sich dahin aussprachen, da das gesamte Arbeiteruntersttzungswesen
durch die in zentralisierten Gewerkschaften vereinigten Arbeiter
verwaltet werden solle.

Die hierauf bezgliche Resolution, die Vahlteich und H. Greulich
vorschlugen und einstimmig angenommen wurde, lautete:

"In Erwgung, da das Anheimgeben der Verwaltung einer allgemeinen
Altersversorgungskasse fr Arbeiter an den bestehenden Staat den
Arbeiter unbewut zu einem konservativen Interesse an den bestehenden
Staatsformen bringt, denen er keineswegs Vertrauen schenken kann;[8]

In Erwgung, da Kranken- und Sterbeuntersttzungs- sowie
Altersversorgungskassen erfahrungsgem am besten durch
_Gewerksgenossenschaften_ ins Leben gerufen und erhalten werden knnen,
beschliet der fnfte Vereinstag, den Mitgliedern des Verbandes und
speziell dem Vorort aufzugeben, fr _Vereinigung der Arbeiter in
zentralisierten Gewerksgenossenschaften tatkrftig zu wirken_."
Germann-Leipzig sprach ber Krankenuntersttzungskassen; sein Referat
fate er in folgender Resolution zusammen: Der Vereinstag wolle den
Verbandsangehrigen empfehlen, durch Deputierte des Orts ein Kollegium
zu bilden, das erstens eine gute Organisation der Kassen, volle
Selbstverwaltung, _Vereinigung derselben nach Gewerken in Verbnde und
Besprechung der Kasseninteressen in einem geeigneten Organ_; zweitens
_Freizgigkeit innerhalb der Gewerkskassen_ und bankmige
Bewirtschaftung des Krankenkassenkapitals anstrebt, auerdem aber auch
drittens die Grndung solcher Kassen veranlat, an denen bis jetzt noch
Mangel ist, fr _Dienstboten und Arbeiterinnen_.

Im weiteren Verlauf der Verhandlungen referierte Schweichel ber die
indirekten Steuern, Liebknecht ber die Wehrfrage. Die Kommission, die
zur Prfung der Geschftsfhrung des Vororts niedergesetzt worden war,
zollte demselben hohes Lob. Bcher und Akten befanden sich in schnster
Ordnung, obgleich die Arbeitslast ganz bedeutend gestiegen sei, dem
Vorort gebhre wrmste Anerkennung. Die materielle Entschdigung fr die
geleistete Arbeit betrug fr das Geschftsjahr 57 Taler 4 Neugroschen.
Bei der Wahl zum Vorsitzenden erhielt ich von 59 abgegebenen Stimmen 57.
Damit hatte Leipzig wieder die Leitung fr das nchste Jahr in der Hand.

Als Vertrauensmnner wurden gewhlt: Brger-Gppingen, Notz-Stuttgart,
Eichelsdrfer-Mannheim, Gnzel-Speier, Sonnemann-Frankfurt a.M.,
Stuttmann-Rsselsheim, Dr. Kirchner-Hildesheim, Heymann-Koburg,
Motteler-Crimmitschau, Krause-Mlsen (St. Jakob), Bremer-Magdeburg,
Vahlteich-Maxen (bei Dresden), Kobitzsch-Dresden, Oberwinder-Wien,
Lwenstein-Frth. Die geringe Vertretung Norddeutschlands unter den
Vertrauensmnnern war dadurch verursacht, da die Vertreter der
norddeutschen Vereine mit wenigen Ausnahmen zur Opposition gehrten und
den Austritt ihrer Vereine aus dem Verband erklrt hatten.

Der Arbeiterbund verffentlichte nach seiner Konstituierung einen
Aufruf, worin er heftige Anklagen gegen den Nrnberger Vereinstag erhob
und es auch an Unwahrheiten und Entstellungen nicht fehlen lie. Darauf
antwortete ich in Nr. 46 des "Demokratischen Wochenblatts" unter dem 23.
September 1868 in einer langen Erklrung, in der ich die Angriffe
zurckwies. Unter anderem war in dem gegnerischen Aufruf gesagt worden,
wir wollten die Arbeiter auf einen "sozial-kommunistischen Standpunkt"
locken. Darauf bemerkte ich: Ein sonderbarer Standpunkt der
"sozial-kommunistische"; es sind nur zwei Worte, und doch enthalten
diese erstens eine Dummheit, zweitens eine Lge, drittens eine
Denunziation. Die letztere sah ich darin, da man durch das Wort
Kommunismus nicht blo die Besitzenden, sondern auch die Arbeiter vor
uns kopfscheu machen wolle. Die Worte "Sozialist" und "Sozialismus"
reichten nicht mehr aus, daran seien Arbeiter und Arbeitgeber bereits
gewhnt. Diese fnden immer mehr, da der Sozialismus gar nichts so
Schreckliches sei, da msse das Wort Kommunismus herhalten, um dem
Philister Angst in die Glieder zu jagen.

Die Beschlsse des Nrnberger Vereinstags schufen fr die Bewegung eine
neue Lage. Jetzt konnte nicht mehr, wie das bisher Schweitzer in seinem
Moniteur, dem "Sozialdemokrat", den Mitgliedern des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins immer wieder verkndet hatte, von einer
kleinbrgerlichen Bourgeoispartei, als die er namentlich die schsische
Volkspartei zu bezeichnen beliebte, die Rede sein, obgleich er genau
wute, da die brgerlichen Elemente in derselben in verschwindender
Minderheit waren. Jedenfalls waren sie nicht strker als im Allgemeinen
Deutschen Arbeiterverein, wie Liebknecht ihm im nchsten Frhjahr auf
der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in
Elberfeld ins Gesicht sagte, was er durch zustimmendes Kopfnicken
bejahte. Das erfuhren auch die Agitatoren, die er uns einige Monate
spter zu unserer Bekmpfung nach Sachsen schickte. Einer derselben--L.
Sch., der spter zu den Znftlern berging und heute wohlbestallter
Obermeister einer Schuhmacherinnung ist--uerte nachher: "Schweitzer
hat uns bs hereingelegt, in den berfllten Versammlungen, die wir
abhielten, haben wir nichts als Arbeiter und wieder Arbeiter gesehen."
Er htte hinzufgen knnen: und unser Erfolg war Null. Liebknecht und
ich folgten ihnen fast in alle Versammlungen, die sie abhielten, und
brachten ihnen eine Niederlage nach der anderen bei.

Nun konnte auch nicht mehr bestritten werden, da in der schsischen
Volkspartei und dem Verband der Arbeitervereine jetzt eine
sozialistische Partei vorhanden war, die auf dem Boden der
Internationale stand. Die Nrnberger Tagung und ihre Resultate machten
deshalb auch im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Eindruck, in dem
bereits gegen Schweitzer ein tiefes Mitrauen vorhanden war. Die Wirkung
zeigte sich im Laufe des folgenden Jahres. Htte damals an der Spitze
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins der rechte Mann gestanden, die
Einigung der sozialistisch denkenden Arbeiter wre jetzt eine Tatsache
geworden. Sieben Jahre schdigender gegenseitiger Bekmpfung wren der
Bewegung erspart geblieben.

Kurz nach dem Nrnberger Vereinstag kam es im Berliner Arbeiterverein,
dessen Vorsitzender Krebs in dem ganzen Streit im Verband
eine zweideutige Haltung eingenommen hatte, zu lebhaften
Auseinandersetzungen, die damit endeten, da eine starke Minderheit aus
dem Verein austrat und einen demokratischen Arbeiterverein ins Leben
rief, der sich fr das Nrnberger Programm erklrte. Unter den Grndern
des neuen Vereins befanden sich unter anderen G. Boas, Havenith, Karl
Hirsch, Jonas, Paul Singer, O. Wenzel. Spter traten demselben Th.
Metzner, Milke und Heinrich Vogel bei, die aus dem Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein ausgetreten oder wie Vogel ausgeschlossen worden waren.
Der Verein hatte in Berlin gegen die Lassalleaner einen schweren Stand;
sie hhnten, es sei ein Verein von Offizieren ohne Armee, was nicht so
ganz falsch war. Aber die Offiziere leisteten etwas und schafften sich
allmhlich die fehlende Armee.

Die Achillesferse des Arbeitervereinsverbandes waren die schwachen
Finanzen. Mit dem jhrlichen Groschenbeitrag lie sich nicht viel
anfangen, obgleich der Verband 10000 Mitglieder hatte. Neben den Steuern
fr lokale Zwecke verga man, grere Opfer fr den Verband zu bringen.
Hier war uns der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein weit ber. Wir im
Vorort dachten daher ernstlich auf Abhilfe durch Aenderung der
Organisation. Die Lage wurde fr uns noch unangenehmer, als Schweitzer
groe Agitationstouren durch Sachsen und Sddeutschland ankndigte, fr
die er eine Anzahl Agitatoren bestimmt hatte. Die Abwehr erforderte
unsererseits vor allem Geld, das wir nicht hatten. Erhebliche
Geldzuschsse erforderte auch das "Demokratische Wochenblatt", das vom
Dezember 1868 ab Verbandsorgan wurde. Wir hatten dasselbe mit ganzen 10
Talern in der Tasche gegrndet, zu denen noch weitere kleine Betrge
kamen. Auf hnlicher "finanzieller Grundlage" wurden spter fter
Parteiorgane gegrndet. Rechnerisch waren sie schon mit der ersten
Nummer bankrott. Aber die Opferwilligkeit und Begeisterung fr ein Blatt
kannte kaum Grenzen. Die leitenden Persnlichkeiten muten sich freilich
mit lcherlich geringen Summen fr ihre Arbeitsleistung begngen, und
sie taten es. Die heutige Generation in der Partei hat keine Vorstellung
von der Armseligkeit der damaligen Zustnde und von den Ansprchen an
Unentgeltlichkeit der Leistungen. So erhielt zum Beispiel Liebknecht als
Redakteur des "Demokratischen Wochenblatts" monatlich nur 40 Taler,
spter als Redakteur des "Volksstaat" monatlich 65 Taler. Hepner wurde
1869 mit monatlich 25 Taler angestellt; den Arbeiterteil im
"Demokratischen Wochenblatt" schrieb ich unentgeltlich, fr die Leitung
der Expedition erhielt ich monatlich 12 Taler, dafr mute ich auch die
Rume hergeben. Als 1870 der Krieg ausbrach, verzichtete ich auf dieses
horrende Gehalt. Gehaltserhhungen kannte man damals nicht. Als zum
Beispiel 1878 der "Vorwrts", der Nachfolger des "Volksstaat", auf Grund
des Sozialistengesetzes totgeschlagen wurde, hatte Liebknecht noch
dasselbe Gehalt wie neun Jahre zuvor. Aber mittlerweile hatte er aus der
zweiten Ehe fnf Kinder mehr, von denen damals das lteste keine zehn
Jahre zhlte. In finanzieller Beziehung sind wir im Vergleich zu
frher--denn was ich hier vom Verband der Arbeitervereine sage, galt
auch fr den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein--eine Bourgeoispartei
geworden.

Doch die Partei hat immer "Schwein" gehabt. Ich habe deshalb manchmal zu
meinen Freunden scherzhaft gesagt: Gibt es einen Gott, so mu er die
Sozialdemokratie sehr lieb haben, denn wenn die Not am grten, ist die
Hilfe am nchsten. Im vorliegenden Falle kam die Hilfe von einer Seite,
von der wir sie nicht erwarten konnten. Eben klagte ich einem unserer
auswrtigen Vertrauensmnner, der mich besuchte, unsere Verlegenheit,
als der Brieftrger einen eingeschriebenen Brief brachte. Absender war
Dr. Ladendorf in Zrich, den ich 1866 in Frankfurt kennen gelernt und
mit dem ich auf dem Nrnberger Parteitag die Bekanntschaft erneuert
hatte. Er schrieb, da er mir aus einem ihm und seinen Freunden zur
Verwaltung anvertrauten Fonds, dem sogenannten Revolutionsfonds, 3000
Franken zur Verfgung stelle, die ich in drei Raten in Empfang nehmen
und ber deren Verwendung ich ihm Rechnung ablegen solle. Wer war
glcklicher als ich? Ich machte vor Freude einen Luftsprung und teilte
meinem verdutzt dreinschauenden Freunde die gute Botschaft mit. Der
Revolutionsfonds, der spter auch im Leipziger Hochverratsproze eine
Rolle spielte, ber dessen Entstehung in den Verhandlungen jenes
Prozesses das Ntige nachgelesen werden kann, half uns noch mehrmals aus
der Patsche. Aber als wir infolge unserer Stellungnahme zu den
Beschlssen des Baseler internationalen Arbeiterkongresses ber die
Grund- und Bodenfrage und zu den kriegerischen Ereignissen des Jahres
1870 mit Ladendorf und Genossen in Konflikt kamen, versiegte diese
Quelle.

Die von Schweitzer angeordnete Agitation gegen uns in Sachsen war
erfolglos; in Sddeutschland war sie nur von geringem Erfolg begleitet
gewesen. Wider Erwarten hatten sich auch in Sddeutschland aus unseren
Vereinen Krfte gefunden, die seinen Agitatoren die Spitze boten. Es lag
aber auf der Hand, da durch diese gegenseitige Bekmpfung die Stimmung
in beiden Parteien immer erbitterter wurde.

FUSSNOTEN:

[7] Mein Einladungsschreiben an den Generalrat lautete:

An den Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation zu London.

Geehrte Herren! Ein wichtiger Vorgang, der in einem groen Teil der
deutschen Arbeitervereine bevorsteht, veranlat mich, diese Zeilen an
Sie zu richten.

Am 5., 6. und 7. September hlt der Verband Deutscher Arbeitervereine in
Nrnberg seinen Vereinstag ab. Unter den wichtigen Fragen, welche die
Tagesordnung enthlt, steht als die wichtigste "Die Programmfrage"
obenan, das heit, es soll sich entscheiden, ob der Verband noch ferner
in dem jetzigen prinzip- und planlosen Arbeiten beharren oder nach
festen Grundstzen und bestimmter Richtung wirken soll.

Wir haben uns fr das letztere entschieden und sind gesonnen, das
Programm der Internationalen Arbeiterassoziation, wie es die erste
Nummer des "Vorboten" enthlt, zur Annahme vorzuschlagen, respektive den
Anschlu an die Internationale Arbeiterassoziation zu beantragen. Die
Majoritt fr diesen Antrag ist bereits gesichert, der Erfolg also
zweifellos. Wir glauben aber, da es einen sehr guten Eindruck machen
wrde, wenn bei diesen Ihr Interesse auf das lebhafteste in Anspruch
nehmenden Verhandlungen die Internationale Arbeiterassoziation durch
einen Deputierten vertreten wre, und beehren uns deshalb, an Sie den
Wunsch und die dringende Einladung auszusprechen, zum Vereinstag in
Nrnberg einen oder mehrere Deputierte als Vertreter der Internationalen
Arbeiterassoziation zu entsenden.

Wir geben uns der angenehmen Hoffnung hin, da Sie unsere Bitte erfllen
und uns bald geneigte Antwort zukommen lassen werden. Einer freundlichen
Aufnahme knnen Ihre Herren Deputierte sich versichert halten.

Mit Gru und Handschlag

Der Vorort des Verbandes Deutscher Arbeitervereine. Aug. Bebel,
Vorsitzender.

Leipzig, den 23. Juli 1868.

[8] Viel spter erklrte auch Bismarck, da kleine Pensionen auch fr
den Arbeiter das beste Mittel seien, ihn fr die bestehende
Staatsordnung gnstig zu stimmen, daher der Gedanke der Invaliden- und
Altersversicherung.




Die Gewerkschaftsbewegung.


Ich beschftige mich mit der Gewerkschaftsbewegung nur insoweit, als ich
glaube, mich zu ihren Geburtshelfern zhlen zu drfen. Man knnte das
Jahr 1868 das Geburtsjahr der deutschen Gewerkschaften nennen, aber nur
mit Einschrnkung. Ich habe schon oben mitgeteilt, da das
Prosperittsjahr 1865 eine groe Anzahl Arbeitseinstellungen in den
verschiedensten Stdten sah, die zu einem guten Teil versagten, weil die
Arbeiter nicht organisiert waren und keine Fonds besaen. Da beides
notwendig vorhanden sein msse, darauf wurden sie jetzt sozusagen mit
der Nase gestoen. Es wurden nunmehr eine Menge zumeist lokaler
Fachvereine gebildet, aber da diese auch nicht gengten, erkannte man
sehr bald. Wie zu Weihnachten 1865 auf Fritzsches Anregung der
Allgemeine Deutsche Zigarrenarbeiterverein gegrndet wurde, so folgten
im Jahre 1866 die Buchdrucker, die von vornherein sich den politischen
Arbeiterparteien gegenber streng neutral verhielten, was indes Richard
Hrtel im Oktober 1873 nicht abhielt, in einer Versammlung der Berliner
Buchdrucker zu erklren: In seiner Eigenschaft als Verbandsprsident
halte er es fr das beste, sich formell keiner Partei anzuschlieen, "im
Geiste gehren wir jedoch der sozialdemokratischen Arbeiterpartei
Eisenacher Programms an". Streng genommen konnte er das nicht fr alle
Buchdrucker erklren, viele gehrten auch dem Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein an. Weiter bestand schon vor 1868 der Goldarbeiterverband
mit einem eigenen Organ und der Allgemeine Deutsche Schneiderverein. Im
groen und ganzen war von den Fhrern der politischen Bewegung bis dahin
fr die Organisation von Gewerkschaften sehr wenig geschehen. Es war
hauptschlich Liebknecht, der durch seine Vortrge im Leipziger
Arbeiterbildungsverein und in Leipziger und auswrtigen
Volksversammlungen ber den englischen Trades Unionismus fr
gewerkschaftliche Organisation Verstndnis schaffte. Im Mai 1868 hatten
wir auch bereits im Vorortsvorstand die Grndung von Gewerkschaften
errtert, aber die Menge der laufenden Arbeiten und vor allen Dingen die
Notwendigkeit, erst einmal im Verband durch ein Programm Klarheit zu
schaffen, verhinderten, da wir uns sofort mit der Ausfhrung des Planes
beschftigten. Im Sommer 1868 war Max Hirsch nach England gereist zwecks
Studien ber die dortigen Trades Unions, worber er in der Berliner
"Volkszeitung" berichtete. Dieses mochte Schweitzer und Fritzsche
veranlassen, Hirsch, der durch die Grndung von Gewerkvereinen die
Arbeiter an die Fortschrittspartei zu fesseln hoffte, zuvorzukommen.
Beide schritten jetzt rasch zur Tat, wie ich glaube annehmen zu sollen,
auf Anregung Fritzsches, der die Bedeutung der Gewerkschaften voll
erkannte, aber auch die Organisation der neuen Grndung wohl anders
gestaltet haben wrde, htte er Schweitzer gegenber freie Hand gehabt.
Die Braunschweiger Mitglieder beantragten durch Fritzsche, der den
Antrag im Einverstndnis mit Schweitzer angeregt hatte und auch Brackes
Zustimmung fand, auf der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins zu Hamburg am 25. August 1868:

Die Generalversammlung erklrt: 1. Die Streiks sind kein Mittel, die
Grundlagen der heutigen Produktion zu ndern und somit die Lage der
Arbeiterklasse durchgreifend zu verbessern; allein sie sind ein Mittel,
das Klassenbewutsein der Arbeiter zu frdern, die Polizeibevormundung
zu durchbrechen und unter Voraussetzung richtiger Organisation einzelne
Mistnde drckender Art, wie zum Beispiel bermig lange Arbeitszeit,
Kinderarbeit und dergleichen, aus der heutigen Gesellschaft zu
entfernen. 2. Die Generalversammlung beauftragt den Vereinsprsidenten,
einen allgemeinen deutschen Arbeiterkongre zur Begrndung von
allgemeinen Gewerkschaften zu berufen, die in diesem Sinne wirken.

Der erste Teil der Resolution wurde angenommen, der zweite
abgelehnt. Dagegen beschlo, wie bekannt, wenige Tage nachher der
Arbeitervereinstag zu Nrnberg ohne groe Debatte, den Vorort mit der
Grndung von Gewerkschaften zu beauftragen. Das war die gegenteilige
Auffassung von jener, die bei der Mehrheit im Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein herrschte. Nach jener Abstimmung in Hamburg erklrten
Schweitzer und Fritzsche, sie wrden als Reichstagsabgeordnete einen
Arbeiterkongre fr Grndung von Gewerkschaften einberufen. Als aber
auch hiergegen Opposition laut wurde, drohte Schweitzer, da, wenn man
ihm dieses verbiete, er sofort sein Amt niederlegen und aus dem Verein
ausscheiden wrde. Diese Drohung hatte die gewnschte Wirkung. Der
Kongre fand denn auch am 27. September und folgende Tage in Berlin
statt. Es waren nicht weniger als 206 Delegierte anwesend, die meist in
Arbeiterversammlungen gewhlt worden waren und 140000 Arbeiter
vertraten. Bemerkenswert sind folgende Aeuerungen Schweitzers aus der
Rede, mit der er den Kongre erffnete:

"England ist weitaus das kapitalreichste Land der Erde, und wenn dennoch
die auslndische Industrie ber die englische Herr geworden ist, so ist
das geschehen, weil die englischen Arbeiter den dortigen Kapitalisten so
viel Schwierigkeiten machten. Dasselbe kann in Deutschland geschehen,
und leichter. _Die deutschen Arbeiter knnen geradezu die deutsche
Industrie ruinieren, wenn sie wollen, und sie haben kein Interesse
daran, sie zu halten, solange ihnen diese den erbrmlichsten Lohn
zukommen lt...._ Die Arbeiter knnen, wenn sie fest organisiert sind,
_die deutsche Industrie konkurrenzunfhig_ machen, und wenn die Herren
Kapitalisten das nicht wollen, so mgen sie hhere Arbeitslhne zahlen."
Geschickt war diese Begrndung nicht, aber vielleicht sollte sie es
nicht sein.

Der Kongre grndete sogenannte Arbeiterschaften, die unter einer
Zentralleitung standen, die Schweitzer, Fritzsche und Karl
Klein-Elberfeld, Prsident und zwei Vizeprsidenten, bildeten. Die
Organisationsform war nicht besonders glcklich gewhlt und nur
Schweitzer zu danken, der unter keinen Umstnden auch nur einem Teile
der Bewegung, auf den er Einflu hatte, Unabhngigkeit einrumen wollte.

Schweitzer hatte, da es ihm sehr darum zu tun war, von Marx eine
gnstige Antwort fr sein Unternehmen zu bekommen, diesem am 13.
September einen Brief geschrieben und seinen Statutenentwurf beigefgt.
Marx, der den Brief miverstanden hatte, gab erst auf einen zweiten
Brief Schweitzers eine Antwort, in der die auf die Schweitzersche
Organisation bezglichen Stellen lauten:

       *       *       *       *       *

"Was den Berliner Kongre betrifft, so war d'abord (zunchst) die Zeit
nicht drngend, da das Koalitionsgesetz noch nicht votiert ist. Sie
muten sich also mit den Fhrern auerhalb des Lassalleschen Kreises
verstndigen, gemeinsam mit ihnen den Plan ausarbeiten und den Kongre
berufen. Statt dessen lieen Sie nur die Alternative, sich Ihnen
anzuschlieen oder Front gegen Sie zu machen. Der Kongre erschien
selbst nur als erweiterte Auflage des Hamburger Kongresses (der
Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins). Was den
Statutenentwurf betrifft, so halte ich ihn fr prinzipiell verfehlt, und
ich glaube so viel Erfahrung als irgend ein Zeitgenosse auf dem Gebiet
der Trades Unions zu haben. Ohne hier weiter auf Details einzugehen,
bemerke ich nur, da die Organisation, so sehr sie fr geheime
Gesellschaften und Sektenbewegungen taugt, dem Wesen der Trades Unions
widerspricht. Wre sie mglich--ich erklre sie tout bonnement
(aufrichtig gestanden) fr unmglich--, so wre sie nicht wnschenswert,
am wenigsten in Deutschland. Hier, wo der Arbeiter von Kindesbeinen an
bureaukratisch gemaregelt wird und an die Autoritt, an die vorgesetzte
Behrde glaubt, gilt es vor allem, ihn _selbstndig gehen zu lehren_.

Ihr Plan ist auch sonst unpraktisch. Im Verband drei unabhngige Mchte
verschiedenen Ursprungs: 1. der Ausschu, gewhlt von den Gewerken; 2.
der Prsident--eine ganz berflssige Person--, gewhlt durch
allgemeines Stimmrecht;[9] 3. Kongre, gewhlt durch die Lokalitten.
Also berall Kollisionen, und das soll rasche Aktion befrdern.
Lassalle beging groen Migriff, als er den lu du suffrage universel
(den Gewhlten des allgemeinen Stimmrechts) der franzsischen
Konstitution von 1852 entlehnte. Nun gar in einer Trades Unionsbewegung!
Diese dreht sich groenteils um Geldfragen, und Sie werden bald
entdecken, da hier alles Diktatorentum aufhrt.

Indes, welches immer die Fehler der Organisation, sie knnen vielleicht
durch rationelle Praxis mehr oder minder ausgemerzt werden. Ich bin
bereit, als Sekretr der Internationale den Vermittler zwischen Ihnen
und der Nrnberger Majoritt, die sich direkt der Internationale
angeschlossen hat, zu spielen--auf rationeller Grundlage versteht sich.
Ich habe deshalb nach Leipzig geschrieben. Ich verkenne die
Schwierigkeiten Ihrer Stellung nicht und vergesse nie, da jeder von uns
mehr von den Umstnden als seinem Willen abhngt.

Ich verspreche Ihnen unter allen Umstnden die Unparteilichkeit, die
meine Pflicht ist. Andererseits kann ich aber nicht versprechen, da ich
eines Tages als Privatschriftsteller--sobald ich es fr absolut durch
das Interesse der Arbeiterbewegung diktiert halte--offene Kritik an dem
Lassalleschen Aberglauben ben werde, wie ich es seinerzeit an dem
Proudhonschen getan habe.

Indem ich Sie persnlich meines besten Willens fr Sie versichere

Ihr ergebener K. Marx."

Die geschaffene Organisation pate aber Schweitzer nicht
lange. Wie vorauszusehen war, machten sich bald gewisse
Selbstndigkeitsbestrebungen in den Arbeiterfragen bemerkbar. Diesen
trat Schweitzer im "Sozialdemokrat" vom 15. September 1869 entschieden
entgegen: man strebe den Arbeiterschaftsverband vom Allgemeinen
Deutschen Arbeiterverein zu trennen und unter eine selbstndige Leitung
zu stellen; davor warne er. Drei Monate spter ging er weiter. In Nr.
152 des "Sozialdemokrat" kndigte er unter dem 29. Dezember an, da von
den verschiedensten Seiten Wnsche laut geworden seien, die
verschiedenen Gewerkschaften in eine einzige allgemeine Gewerkschaft zu
verschmelzen. Er habe dementsprechend einen Entwurf ausgearbeitet, den
er in derselben Nummer verffentlichte. Vorher schon hatte
Fritzsche sich vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und vom
Arbeiterschaftsverband losgesagt und sein Amt als erster Vizeprsident
niedergelegt. Ebenso hatten sich von Schweitzer losgesagt Louis
Schumann, Prsident des Allgemeinen Deutschen Schuhmachervereins, Bork,
Prsident des Allgemeinen Deutschen Holzarbeitervereins, und Schob,
Prsident des Allgemeinen Deutschen Schneidervereins.

Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, die
Anfang Januar 1870 in Berlin tagte, kam Schweitzers Wunsch entgegen und
beschlo, da die Gewerkschaften bis zum 1. Juli zu verschmelzen seien
und ein neuer Verein gegrndet werden solle unter dem Namen Allgemeiner
Deutscher Gewerkverein. Unmittelbar hinter der Generalversammlung des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins fand die des Allgemeinen Deutschen
Arbeiterschaftsverbandes statt. Die Mehrzahl der Delegierten erklrte
sich ebenfalls fr Schweitzers Vorschlag. Lbkert, Prsident des
Allgemeinen Deutschen Zimmerervereins, meinte, die Gewerkschaften seien
doch im Grunde nichts weiter als eine Vorschule fr die politische
Heranziehung der Arbeiter. Zilowsky war ebenfalls fr die Verschmelzung,
damit werde der Prsidentenkitzel aus der Welt geschafft, der zumeist an
der Zersplitterung in viele Gewerkschaften schuld sei. Hartmann,
Schallmeyer und Vater aus Hamburg sprachen ebenfalls fr die
Verschmelzung, aus hnlichen Grnden wie die der vorhergehenden Redner.

Fr die Verschmelzung stimmten Delegierte, die 12500 Stimmen, gegen
solche, die 9000 Stimmen hinter sich hatten. Obgleich damit die
statutenmige Zweidrittelmehrheit fr die Auflsung des Verbandes nicht
vorhanden war, wurde dennoch beschlossen, einen neuen Verein, der den
Namen Allgemeiner Deutscher Arbeiteruntersttzungsverband erhalten
sollte, am 1. Juli an Stelle der Arbeiterschaften ins Leben treten zu
lassen.

Diesem Beschlu wurde von einer Anzahl Arbeiterschaften keine Folge
geleistet. Immerhin blieb die Gegnerschaft gegen die gewerkschaftlichen
Organisationen unter einem Teil der einflureichsten Mitglieder des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bestehen, so da sogar noch 1872
auf dessen Generalversammlung Tlcke den Antrag stellte: Die Versammlung
solle beschlieen, alle innerhalb der Partei neben dem Allgemeinen
Deutschen Arbeiterverein bestehenden Verbindungen, namentlich der
Allgemeine Deutsche Arbeiteruntersttzungsverband, der Berliner
Arbeiterbund, der Allgemeine Deutsche Maurerverein, der Allgemeine
Deutsche Zimmererverein und smtliche zu denselben gehrende
Mitgliedschaften seien aufzulsen, ihre Bestnde dem Allgemeinen
Deutschen Arbeiterverein einzuverleiben und sollten deren Mitglieder dem
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein beitreten. Sein Antrag konnte aber
nicht angenommen werden, weil die Generalversammlung keine Macht hatte,
auerhalb des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bestehende
Organisationen aufzulsen.

Wie aber auch noch andere Fhrer als Tlcke dachten, zeigen zum Beispiel
die Aeuerungen von Hasenclever: "Wenn der Bund (Berliner Arbeiterbund)
seinen Zweck erfllt hat, dann werden wir schon von selbst dafr sorgen,
da er wieder verschwindet." Hasselmann uerte: "Wir haben nur deshalb
den Bund gegrndet, um diese Gewerke zu uns herberzuziehen, was uns
auch ganz gut gelungen ist. Wir haben also mit dem Bunde nichts
Besonderes schaffen wollen, er war nur ein Mittel zum Zweck." Aehnlich
sprachen Grottkau und andere. Schlielich wurde noch folgender Antrag
angenommen: "Die Generalversammlung mge den Wunsch aussprechen, da
sobald wie mglich die innerhalb unserer Partei bestehenden
gewerkschaftlichen Verbindungen aufgelst und die Mitglieder dem
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zugefhrt werden. Es ist Pflicht
der Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, in diesem
Sinne zu wirken."

Kann man Mende trauen--und seine Angabe ist meines Wissens
unwidersprochen geblieben--, so hatte auch Schweitzer gegenber
Mende und der Grfin Hatzfeldt bei ihrem im Frhjahr 1869
abgeschlossenen Pakt--ich komme spter darauf--versprochen, die
Gewerkschaftsorganisation als im Widerspruch mit Lassalles Ansichten
stehend mehr und mehr in den Hintergrund treten zu lassen. Spter
nderten sich die Ansichten im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
zugunsten der Gewerkschaften.

       *       *       *       *       *

Der dem Vorort Leipzig vom Nrnberger Vereinstag zugeteilten
Aufgabe kamen wir nach und entwarfen ein Normalstatut fr
Gewerksgenossenschaften, dessen Verfasserschaft mir zufiel.
Sobald dasselbe fertiggestellt war, ging es in Massen an die
Organisationen mit der Aufforderung, fr die Grndung internationaler
Gewerksgenossenschaften--welchen Titel wir gewhlt hatten--ttig zu
sein. Ich selbst legte Hand mit an. Der Titel ging eigentlich etwas
weit, denn wir konnten doch nur darauf rechnen, die Deutsch sprechenden
Lnder in die Organisation zu ziehen. In der Hauptsache sollte mit dem
Namen die Tendenz ausgedrckt werden. Es kamen denn auch eine
Anzahl solcher Organisationen zustande, so die Internationale
Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter, der
Maurer und Zimmerer, der Metallarbeiter, der Holzarbeiter, der
Schneider, Krschner und Kappenmacher, der Schuhmacher, der Buchbinder,
der Berg- und Httenarbeiter.

Es war klar, da, wenn schon die politische Bewegung unter der Spaltung
litt, die Gewerkschaftsbewegung in noch viel hherem Mae darunter
leiden mute. Das bekam Fritzsche im folgenden Jahre am eigenen Leibe
zu spren, in dem infolge der heftigen Parteikmpfe die Mitgliedschaft
seines Verbandes von ungefhr 9000 Mitgliedern auf etwas ber 2000 sank.
Allerdings war an diesem Sturze teilweise der Bankrott der Berliner und
der Leipziger Produktivgenossenschaften der Tabakarbeiter schuld, die
nach einem verlorenen Streik gegrndet worden waren.

Wir in Leipzig suchten den Zerwrfnissen in der Gewerkschaftsbewegung
mglichst vorzubeugen. Wir beriefen Ende Oktober 1868 im Verein mit
Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins eine stark
besuchte Arbeiterversammlung mit der Tagesordnung ein: Die
Gewerksgenossenschaften, in der Liebknecht referierte und folgende
Resolution empfahl:

"In Erwgung, da die Grndung von Gewerksgenossenschaften nach dem
Muster der englischen Trades Unions behufs Organisierung der
Arbeiterklasse zur Wahrung und Frderung ihrer Interessen und zur
Strkung ihres Klassenbewutseins notwendig ist;

in Erwgung ferner, da durch die Beschlsse der verschiedenen
Arbeiterkongresse bereits die Anregung gegeben und der Anfang zur
Grndung von Gewerksgenossenschaften gemacht worden ist, beschliet die
heutige Arbeiterversammlung, energisch vorzugehen zur Bildung solcher
Genossenschaften, und beauftragt ein zu diesem Zwecke zu whlendes
Komitee, die dazu ntigen Schritte zu tun und namentlich mit den
Verwaltungen der Arbeiterkassen usw. in Verbindung zu treten."

Es wurde alsdann ein Komitee gewhlt, in dem vom Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein unter anderen Seyferth und Taute neben Liebknecht und mir
saen. Das Komitee lud Angehrige aller Gewerke ein, um mit diesen die
Organisation von Gewerkschaften zu besprechen. Diese Zusammenkunft fand
unter meinem Vorsitz statt und wurde folgende von Liebknecht und mir
verfate Resolution einstimmig angenommen:

"Die Versammlung beschliet: Die von der Mehrheit des Nrnberger
Arbeitervereinstags und der Mehrheit des Berliner Arbeiterkongresses
gegrndeten respektive zu grndenden Gewerksgenossenschaften haben
darauf hinzuwirken:

1. da von beiden Seiten nach gegenseitiger Verabredung eine
gemeinschaftliche Generalversammlung zum Behuf der Einigung und
Verschmelzung berufen werde;

2. da, bis eine Einigung und Verschmelzung zustande kommt, die
beiderseitigen Gewerksgenossenschaften in ein Vertragsverhltnis
zueinander treten, sich namentlich mit ihren Kassen gegenseitig
untersttzen und womglich einen gemeinsamen provisorischen Ausschu
whlen;

3. da beide Teile unter allen Umstnden jede Gemeinschaft mit den
Hirsch-Dunckerschen Gewerksgenossenschaften zurckweisen, die, von
Feinden der Arbeiter gestiftet, keinen anderen Zweck haben, als die
Organisation der Arbeiter zu hintertreiben und die Arbeiter zu
Werkzeugen der Bourgeoisie herabzuwrdigen."

Dieses Verlangen fand auf der anderen Seite kein Entgegenkommen. In Nr.
141 des "Sozialdemokrat" vom 2. Dezember 1868 verffentlichte Schweitzer
eine Resolution, wonach das Prsidium und der Zentralausschu des
Allgemeinen Deutschen Arbeiterschaftsverbandes unsere Antrge
zurckgewiesen hatten und aufforderten, "jedem Versuch, die Bewegung
zugunsten der persnlichen Zwecke einzelner zu zersplittern, mit allem
Nachdruck entgegenzuarbeiten".

Damit war der Versuch, zu einer Verstndigung zu gelangen, bis auf
weiteres hinfllig geworden.

Die Gewerkschaftsfrage kam unsererseits wieder auf dem Eisenacher
Kongre im August 1869 zur Errterung. Man mibilligte namentlich, da
die Aufnahme von Mitgliedern von einem politischen Glaubensbekenntnis
abhngig gemacht wrde, wie das von Schweitzer verlangt wurde. Greulich
sprach sich fr eine internationale Organisation aus, es gelte die
Massen in die Gewerkschaften zu bringen. Vor diesen habe der Kapitalist
Angst, nicht vor unseren paar elenden Pfennigen. Zuletzt wurde auf
Antrag Yorks eine Resolution zugunsten der Einigung der Gewerkschaften
angenommen. Ein Antrag Mottelers, der verlangte, da die Gewerkschaften
den Abschlu von Rckversicherungen (Kartellen) betreiben sollen, fand
ebenfalls Zustimmung. Auf dem Parteikongre zu Stuttgart--Juni
1870--stand abermals die Gewerkschaftsfrage auf der Tagesordnung. Die
Verhandlungen bewegten sich im alten Geleise. Die Frage der Einigung
spielte wieder die Hauptrolle. Von 1871 ab begannen die Gewerkschaften
unter der Gunst der Prosperittsepoche sich besser zu entwickeln und
traten selbstndiger auf. Die Prosperittsepoche, die bis zu Beginn des
Jahres 1874 whrte, hatte eine ungezhlte Zahl Arbeitseinstellungen in
allen Branchen im Gefolge. Diese Erscheinung veranlate schon Ende Mai
1871 den sozialdemokratischen Arbeiterverein in Leipzig nach lngerer
Diskussion, folgende Resolutionen zu beschlieen und zu verffentlichen:

"1. Da Arbeitseinstellungen nur eines der Palliativmittel sind, die fr
die _Dauer_ nicht helfen; 2. da das Ziel der Sozialdemokratie nicht
blo dahin geht, innerhalb der heutigen Produktionsweise hhere Lhne zu
erstreben, sondern die kapitalistische Produktionsweise berhaupt
abzuschaffen; 3. da bei der heutigen brgerlichen Produktionsweise die
Hhe der Lhne sich nach Angebot und Nachfrage richtet und auch durch
die erfolgreichsten Streiks ber diese Hhe nicht dauernd emporgehoben
werden knnen; 4. da in letzter Zeit mehrere Streiks nachweisbar von
den Fabrikanten veranstaltet worden sind, um einen plausiblen Grund fr
die Erhhung der Warenpreise whrend der Messe zu haben, und da solche
Streiks nicht den Arbeitern, sondern nur den Fabrikanten zugute kommen,
die den Preis der Waren ungleich mehr erhhen als den Arbeitslohn; 5.
da verunglckte Streiks die Fabrikanten ermutigen und die Arbeiter
entmutigen--also unserer Partei doppelten Schaden verursachen; 6. da
die groen Fabrikanten sogar bisweilen einen Extravorteil von den
Streiks haben, indem sie, whrend die kleinen Fabrikanten nicht arbeiten
lasen, ihre Vorrte mit erhhtem Gewinn absetzen; 7. da unsere Partei
augenblicklich nicht imstande ist, so viele Streiks materiell zu
untersttzen.

Aus allen diesen Grnden wird den Parteigenossen dringend empfohlen,
einen Streik nur dann zu beginnen, wenn eine gebieterische Notwendigkeit
vorliegt und man ber die dazu erforderlichen Mittel verfgen kann;
ferner: nicht so planlos zu verfahren wie bisher, sondern nach einem
ganz Deutschland umfassenden Organisationsplan. Als bester Weg,
Geldmittel und Organisation zu beschaffen, wird die Grndung und Pflege
der Gewerksgenossenschaften empfohlen."

In Wien erging sich das Zentralorgan der sterreichischen
Parteigenossen, der "Volkswille", in hnlichen Betrachtungen und
Ratschlgen, da auch dort das Streikfieber immer mehr um sich griff. Die
Ratschlge waren gut, aber befolgt wurden sie in den seltensten Fllen.
Immerhin nahmen in jenen Jahren die Gewerkschaften eine erfreuliche
Entwicklung.

Mitte Juni 1872 trat in Erfurt ein Gewerkschaftskongre zusammen, auf
dem namentlich die Frage nach einer zentralen Leitung fr die
Gewerkschaften (Union) und die Grndung eines besonderen
Gewerkschaftsorgans errtert wurde. In einem Artikel, den ich am 8. Juni
im "Volksstaat" verffentlichte, entwickelte ich mein Programm fr den
Kongre und verbreitete mich ber die nach meiner Ansicht beste Art
einer Verbindung der Gewerkschaften unter sich. Ich fhrte unter anderem
aus: Es liee sich nicht leugnen, da die Gewerkschaftsbewegung in
Deutschland noch ziemlich im argen liege. Schuld sei die Spaltung der
Arbeiter in verschiedene Fraktionen, die sich aufs bitterste bekmpften.
Sei es schon schlimm, wenn sich die Arbeiter in verschiedenen
sozialpolitischen Organisationen gegenberstnden, so sei es erst recht
schlimm, wenn die Arbeiter der einzelnen Gewerke in jeder Fabrik, ja in
jeder Werksttte sich gespalten gegenberstnden. Und zwar nicht wegen
des Prinzips, sondern wegen der Organisationsform, die doch vernderlich
sei und sich den Verhltnissen anpassen msse. Das sei der Fluch, unter
dem die Bewegung leide. Traurig sei auch, da die Massen sich von
gewissenlosen Menschen fanatisieren lieen, was beweise, da ein Teil
der Arbeiter an Beschrnktheit leide. Man spttele ber die
Verkncherung des Christentums, das aber doch immerhin achtzehn
Jahrhunderte hinter sich habe, also ein Alter, das zum Verknchern
angetan sei. Aber die neuere soziale Bewegung sei erst zehn Jahre alt,
und schon zeigten sich in ihr Verkncherungssymptome. Diese wrden zwar
berwunden, aber vorlufig hinderten sie die Entwicklung.... _In der
Gewerksgenossenschaft beruhe die Zukunft der Arbeiterklasse; sie sei es,
in der die Massen zum Klassenbewutsein kmen, den Kampf mit der
Kapitalmacht fhren lernten und so, naturgem, die Arbeiter zu
Sozialisten machten_. Dann setzte ich ausfhrlich meine
Organisationsvorschlge auseinander.

Auf dem Erfurter Gewerkschaftskongre, auf dem sechs
Gewerkschaftsorganisationen, die der Manufaktur- und Fabrikarbeiter, der
Metallarbeiter, der Holzarbeiter, der Schneider, der Schuhmacher, der
Maurer und verschiedene Fachvereine vertreten waren, wurde eine
Gewerkschaftsunion und die Herausgabe eines Gewerkschaftsorgans, "Die
Union", beschlossen. Auf Antrag Yorks wurde folgende Resolution
einstimmig angenommen:

"In Erwgung, da die Kapitalmacht alle Arbeiter, gleichviel, ob sie
konservativ, fortschrittlich, liberal oder Sozialdemokraten sind, gleich
sehr bedrckt und ausbeutet, erklrt der Kongre es fr die heiligste
Pflicht der Arbeiter, allen Parteihader beiseite zu setzen, _um auf dem
neutralen Boden einer einheitlichen Gewerkschaftsorganisation_ die
Vorbedingung eines erfolgreichen krftigen Widerstandes zu schaffen,
die bedrohte Existenz sicherzustellen und eine Verbesserung
ihrer Klassenlage zu erkmpfen. Insbesondere aber haben die
verschiedenen Fraktionen der sozialdemokratischen Arbeiterpartei die
Gewerkschaftsbewegung nach Krften zu frdern, und spricht der Kongre
sein Bedauern darber aus, da die Generalversammlung des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins (in Berlin) einen gegenteiligen Beschlu
gefat hat."

Als ich nach langer Festungs- und Gefngnishaft im Frhjahr 1875 wieder
frei war, machte mir August Geib den Vorschlag, an Stelle des braven
York, der leider in der Neujahrsnacht auf 1875 gestorben war, die
Redaktion des Zentral-Gewerkschaftsblattes "Die Union" zu bernehmen. Er
stellte 50 Taler monatliches Gehalt in Aussicht. Partei und
Gewerkschaften waren mittlerweile finanziell strker geworden. Geib
meinte, ich knne die Redaktion ganz gut neben meinem Geschft
bernehmen. Ich lehnte ab. Ich konnte unmglich neben meinem Geschft
und meiner Ttigkeit fr die Partei auch noch dauernd gewerkschaftlich
ttig sein.

Mittlerweile hatte die preuische Regierung sowohl gegen die
sozialdemokratischen Parteien wie gegen die Gewerkschaften die
Verfolgungen aufgenommen. Der Staatsanwalt Tessendorf, der sich auf
diesem Gebiet schon in Magdeburg die Sporen verdient hatte, war 1874
nach Berlin berufen worden, um hier auf grerer Stufenleiter die
Verfolgung fortzusetzen. Tessendorf entsprach den in ihn gesetzten
Erwartungen. Er erreichte durch seine Anklagen nicht nur die
Unterdrckung der Parteiorganisationen, auch verschiedene Gewerkschaften
fielen diesen zum Opfer. Dann kam das Attentatsjahr 1878 mit dem
Sozialistengesetz, und nun wurde mit einem Schlage zerstrt, was in mehr
als zehnjhriger Arbeit unter unendlichen Opfern an Zeit, Geld, Kraft
und Gesundheit geschaffen worden war.

FUSSNOTEN:

[9] Hier machte Marx folgende Zwischenbemerkung: "In den Statuten der
Internationalen Arbeiterassoziation figuriert auch ein Prsident der
Assoziation. Er hatte jedoch in Wirklichkeit nie eine andere Funktion,
als den Sitzungen des Generalrats zu prsidieren. Auf meinen Vorschlag
schaffte man 1867 die Wrde, die ich 1866 ausschlug, ganz ab und
ersetzte sie durch einen Vorsitzenden, der in jeder Wochensitzung des
Generalrats gewhlt wird. Der Londoner Trades Council hat ebenfalls nur
einen Vorsitzenden. Sein stehender Beamter ist nur der Sekretr, weil
dieser eine kontinuierliche Geschftsfunktion verrichtet."

So der "Diktator" der Internationale. Ich mu meinerseits konstatieren,
da Marx und Engels auch in ihrem Briefwechsel mit mir sich nie anders
denn als Ratgebende gezeigt haben, und ihr Rat wurde in mehreren sehr
wichtigen Fllen nicht befolgt, weil ich mir aus der Lage der Dinge
heraus die bessere Einsicht zuschrieb. Ernste Differenzen habe ich
trotzdem nie mit ihnen gehabt.

A.B.




Meine erste Verurteilung.


Die Mi- und Gnstlingswirtschaft, die unter der Regierung der Knigin
Isabella von Spanien eingerissen war, vereinigte die Oppositionsparteien
zu einer gewaltsamen Erhebung, die die Flucht Isabellas--Ende September
1868--zur Folge hatte. Die Unentschiedenheit, mit der die aus den
Fhrern der Oppositionsparteien zusammengesetzte provisorische Regierung
die Frage nach der neuen Staatsform behandelte, veranlate die
Demokratie der verschiedenen Lnder, in Resolutionen und Adressen dem
spanischen Volke die Grndung der Republik zu empfehlen. Natrlich
glaubten wir noch ein briges tun zu mssen und den Spaniern die
Grndung einer sozialdemokratischen Republik anraten zu sollen, wozu
nicht weniger als alle Bedingungen fehlten. Von den mehr als
sechzigtausend Mitgliedern, die nach Zeitungsnachrichten sich der
Internationale angeschlossen haben sollten, standen wohl mehr als
fnfzigtausend nicht einmal auf dem Papier, sie waren ein Produkt der
Phantasie. Es war damals die Periode der Uebertreibungen, die namentlich
der Internationale zugute kamen. Hrte man die brgerlichen Zeitungen,
so besa die Internationale in Europa Millionen Mitglieder, und
dementsprechend waren ihre Geldmittel ungeheure. Der gute Brger geriet
in Angst und Schrecken, las er in seiner Zeitung, der Kassierer der
Internationale brauche nur den groen Geldschrank zu ffnen, um fr
jeden Streik Millionen zur Verfgung zu haben. Ich selbst war eines
Abends Augen- und Ohrenzeuge, wie Prince Smith, der mir bei einer
geselligen Zusammenkunft im Verein der Berliner Presse gegenbersa,
seinem Nachbar vertraulich erzhlte: er habe heute einen Brief aus
Brssel erhalten, wonach der Generalrat der Internationale fr den
Streik der Kohlengrber in der Borinage (Belgien) zwei Millionen Franken
zur Verfgung gestellt habe. Ich hatte Mhe, das Lachen zu
unterdrcken. Der Generalrat wre froh gewesen, wenn er zwei Millionen
Centimes gleich zwanzigtausend Franken in der Kasse gehabt htte. Der
Generalrat hatte einen sehr groen moralischen Einflu, aber Geld war
immer seine schwchste Seite.

Diesen Uebertreibungen von der Macht der Internationale fiel einige
Jahre spter nach dem Aufstand der Kommune auch Bismarck zum Opfer. Er
wollte eine internationale Konferenz zur Bekmpfung der Internationale
veranstalten, wobei ihm der sterreichische Kanzler, Herr v. Beust,
bereitwillig an die Hand ging, obwohl nach dessen eigenem Gestndnis die
Internationale fr Oesterreich nicht in Betracht kam. Die Durchfhrung
des schnen Planes durchkreuzte die englische Regierung. Und nicht blo
Bismarck, auch ein so gewandter Diplomat und Unterhndler wie Oberst v.
Bernhardi lie sich ber die Internationale die grten Bren aufbinden.
So teilt er in "Aus dem Leben Theodors v. Bernhardi" den Bericht eines
seiner Vertrauensleute mit, in dem es heit:

"Vor allem werden die sozialistischen Whlereien von London und Genf aus
eifrig fortgesetzt, um ganz Europa zu revolutionieren, und zwar, um
nicht blo eine politische, sondern auch eine soziale Revolution
hervorzurufen. Sie werden von den beiden Comits internationaux in
London und in Genf geleitet. Das Komitee in London prsidiert Louis
Blanc, das Komitee in Genf Philipp Becker. Die Revolution soll zuerst in
Paris ausbrechen, und wenn sie dort siegreich ist, sich zunchst auf
Italien und dann auf das sdliche Deutschland ausdehnen, wo viel
Zndstoff ist; sie soll dann aber auch das nrdliche Deutschland
erfassen, wo man ebenfalls zahlreiche Verbindungen hat, und berhaupt
ganz Europa umgestalten. Zunchst ist man berall bemht, das stdtische
Proletariat vermittels des Koalitionsrechts militrisch zu
organisieren."

Nach Bernhardi waren alle Hauptstdte Deutschlands bereits insurgiert.
Hupter der Bewegung seien namentlich Schweitzer und Bebel. Solcher
Unsinn wurde also von sehr ernst zu nehmenden Leuten verzapft.

Die erwhnte Adresse "An das spanische Volk", die Liebknecht in einer
Versammlung begrndete und ich, als Vorsitzender der Versammlung,
vorgelesen und zur Abstimmung gebracht hatte, fhrte uns vor den Kadi.
Wir wurden schlielich jeder zu drei Wochen Gefngnis wegen Verbreitung
staatsgefhrlicher Lehren verurteilt, die wir gegen Ende 1869--so lange
hatte der Instanzenzug gedauert--im Leipziger Bezirksgerichtsgefngnis
verbten.

Da die spanische Revolution in ihrem weiteren Verlauf indirekt Anla
zum Kriege zwischen Frankreich und Deutschland geben wrde, ahnte damals
niemand.




Vor Barmen-Elberfeld.


Die Kmpfe mit den Lassalleanern beider Linien wurden mit dem Jahre 1868
immer heftiger. Daran nderte auch nichts, da wir fr die Wahl
Hasenclevers im Wahlkreis Duisburg--Herbst 1868--eine Geldsammlung
veranstalteten und die engere Wahl Yorks gegen den nationalliberalen
Professor Planck--der spter Hauptmitarbeiter am Brgerlichen Gesetzbuch
wurde, zu dem er einen Kommentar schrieb--im Wahlkreis Celle
untersttzten. Beide Schritte sollten beweisen, da wir einen
Unterschied zwischen den Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins und ihrem Prsidenten machten. Fr Anfang Mrz 1869
hatten wir einen allgemeinen schsischen Arbeitertag nach
Hohenstein-Ernstthal ausgeschrieben, mit der Tagesordnung: Reform des
schsischen Vereinsrechts und Wahlrechts. Die Einladung hatten auch die
schsischen Fhrer der beiden Richtungen der Lassalleaner unterzeichnet.
Den Tag vor dem Arbeitertag sollte unsere Partei eine Landesversammlung
abhalten, mit der Tagesordnung: die Gewerksgenossenschaften. Im Rate der
Mende-Hatzfeldt war es anders beschlossen.

Als ich Sonntag frh von einer Versammlung aus Mittweida nach Hohenstein
kam, sah ich, da viele Arbeiter, die bernchtig und mit Schmutz
bedeckt waren, auf den Bahnhof eilten. Ich erfuhr jetzt, da diese,
Anhnger der Mende-Hatzfeldt, den Abend zuvor 80 bis 100 Mann stark aus
Chemnitz in das Versammlungslokal gedrungen seien, um die
Landesversammlung zu sprengen. Es war zu einem groen Tumult und
schlielich zu Gewaltttigkeiten gekommen, worauf der Brgermeister die
Feuerwehr requiriert hatte, weil die Polizei sich als machtlos erwies,
die Ruhe herzustellen. Vahlteich war verhaftet worden, weil er einen
Stockdegen gezogen hatte. Nach wenigen Tagen kam er wieder frei. Die
furchtbare Erregung, die diese Vorgnge in der ganzen Bevlkerung
hervorriefen, hatten weiter dazu gefhrt, da man die Landesversammlung
absagte, was ich fr einen Fehler hielt. Von verschiedenen Seiten wurde
mir gratuliert, da ich bei jenem Tumult nicht zugegen gewesen sei; die
Tumultuanten htten besonders nach mir verlangt und mich
niederzuschlagen gedroht.

Sechs Monate spter--der Eisenacher Kongre war vorber--hielt ich in
Chemnitz mit durchschlagendem Erfolg eine Riesenversammlung ab. Nach der
Versammlung kamen eine Anzahl Arbeiter zu mir, die sich an jenem Tumult
in Hohenstein beteiligt hatten, und baten mich um Verzeihung; sie
begriffen selbst nicht mehr, wie sie damals der Verhetzung htten Folge
leisten knnen.

Liebknechts und mein Wunsch war lange, mit J.B.v. Schweitzer eine
persnliche Begegnung und Auseinandersetzung zu haben. Der Wunsch wurde
rascher erfllt, als wir hofften. Am 14. Februar beschlo eine von den
Lassalleanern einberufene Versammlung in Leipzig, in der weder
Liebknecht noch ich zugegen waren, Schweitzer und Liebknecht einzuladen,
sich in einer ffentlichen Versammlung gegenberzutreten und gegenseitig
ihre Anschuldigungen vorzubringen. Liebknecht erklrte sofort im
"Demokratischen Wochenblatt", da er diesen Beschlu mit Freuden annehme
und bereit sei, in einer Volksversammlung Schweitzer entgegenzutreten
und zu beweisen, da Schweitzer--sei es fr Geld oder aus Neigung--seit
Ende des Jahres 1864 systematisch die Organisation der Arbeiterpartei zu
hintertreiben suchte und das Spiel des Bismarckschen Csarismus spiele.
Sollte Schweitzer, wie er schon einmal getan, ihm ausweichen wollen, so
sei er bereit--allein oder mit mir--, in Gegenwart von Schweitzers
Bevollmchtigten und der Arbeiterschaftsprsidenten ihm
entgegenzutreten, oder--allein oder mit mir--auf der Generalversammlung
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins zu erscheinen und seine
Anklagen zu begrnden. Weiter machte er den Vorschlag, den Generalrat
der Internationale als Schiedsrichter zwischen Schweitzer und sich
anzurufen.

Nachdem der "Sozialdemokrat" festgestellt, da Schweitzer auf der
letzten Generalversammlung nahezu einstimmig zum Prsidenten gewhlt
worden sei, also das volle Vertrauen des Vereins besitze, erwiderte er:
Nach der Organisation sei der Prsident ber sein Tun und Lassen nur der
Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
verantwortlich. Schweitzer sei in Haft; seinen Entschlieungen knne er,
der "Sozialdemokrat", nicht vorgreifen, er glaube aber versichern zu
knnen, da er jedem, also auch den Herren Liebknecht und Bebel, auf der
Generalversammlung in Barmen-Elberfeld Rede und Antwort stehen werde.
Liebknecht werde also beim Wort genommen. Auf ein Schiedsgericht in
Sachen seines Prsidenten knne sich der Allgemeine Deutsche
Arbeiterverein nicht einlassen.

Wir waren von dieser Antwort, die offenbar Schweitzer selbst verfat
hatte, sehr befriedigt. Bei dem Verlauf, den die Angelegenheit genommen,
und bei dem Aufsehen, das sie in beiden Lagern gemacht hatte, konnte
Schweitzer nicht ausweichen. Da er sich fr unsere Zulassung zur
Generalversammlung entschied, war uns recht, obgleich wir, streng
genommen, dorthin nicht gehrten, da wir nicht Mitglieder des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins waren. Offenbar nahm Schweitzer
an, da er inmitten der Delegierten zur Generalversammlung am ehesten
Deckung finden wrde und eine Verhandlung hinter verschlossenen Tren
ihn am wenigsten kompromittiere.

Merkwrdigerweise erklrte der "Sozialdemokrat" drei Tage spter,
Schweitzer werde sich uns nicht stellen, wir htten kein Recht, auf der
Generalversammlung zu erscheinen. In der nchsten Nummer des
"Sozialdemokrat" wurde aber diese Notiz widerrufen. Wir sollten kommen,
Schweitzer werde sogar auf der Generalversammlung seinen Einflu
ausben, da wir zugelassen wrden. In Barmen-Elberfeld las man's spter
anders.

Nachdem wir die offizielle Einladung zur Generalversammlung erhalten
hatten, dampften wir ab. In Kassel stieg ein Herr in unser Abteil, den
wir fr einen Delegierten zur Generalversammlung hielten. Unsere
Vermutung stellte sich als begrndet heraus. In der Unterhaltung
erfuhren wir, da unser Reisegefhrte Wilhelm Pfannkuch war, der gleich
geahnt hatte, wer wir waren. Wir fuhren zusammen nach dem Wuppertal.

Die Vorgnge auf der Generalversammlung in Barmen-Elberfeld und was dann
weiter folgte zu schildern, behalte ich mir vor fr den nchsten Teil
meiner Erinnerungen; vor allem sollen dann auch die Grnde dargelegt
werden, die J.B.v. Schweitzer und uns zu Gegnern gemacht hatten.

Zum Schlu mchte ich noch bemerken, da das Jahr 1869 fr die deutsche
Arbeiterbewegung von schwerwiegender Bedeutung geworden ist. Whrend
desselben wurden, wenn auch erst nach heftigen Kmpfen und Beseitigung
mancher Miverstndnisse, die Richtlinien festgelegt, die fr die
weitere Entwicklung sich als ausschlaggebend erwiesen. Der Eisenacher
Kongre, Anfang August, auf dem die sozialdemokratische Arbeiterpartei
Deutschlands gegrndet wurde, bildete den Hhepunkt in dieser
Entwicklung. Auch politisch war die Situation eine gnzlich andere gegen
wenige Jahre frher. Die Verfassung des Norddeutschen Bundes war dem
Schpfer desselben, Bismarck, wie auf den Leib geschnitten, wobei
natrlich die liberalen Forderungen, von demokratischen zu schweigen,
sehr bel gefahren waren. Die Hoffnungen und Erwartungen, die nach
dieser Richtung in den Kreisen der Liberalen vorhanden waren, erwiesen
sich als eitel. Bismarck war nicht der Mann, der eine ihm gnstige
Situation ungenutzt vorbergehen lie. Vorgnge, wie er sie in der
Konfliktszeit erlebte, suchte er jetzt ein fr allemal unmglich zu
machen. Und der grte Teil der Liberalen kam ihm darin entgegen. Es war
ihnen vor ihrer eigenen Gotthnlichkeit, als Mnner der starren
Opposition, bange geworden. Das preuische Militrsystem wurde in Bausch
und Bogen und unter entsprechender Erweiterung auf den Norddeutschen
Bund bertragen. Fr die Marine wurden die ersten Keime gelegt.
Ministerverantwortlichkeit und Diten fr die Abgeordneten flogen ins
alte Eisen. Bismarck war unumschrnkter Beherrscher der inneren
Situation.

Dafr, da die liberale Bourgeoisie in allen wichtigen politischen
Fragen Bismarck das weiteste Entgegenkommen zeigte, ein Entgegenkommen,
das bis zur Entmannung ging, erlangte sie die volle Befriedigung ihrer
wirtschaftlichen Forderungen, die nach ihrer Natur auch eine Anzahl
Forderungen der Arbeiterklasse erfllten. Freizgigkeit, Aufhebung der
Pabeschrnkungen, Erleichterung der Eheschlieung und Niederlassung,
denen im Jahre 1869 der Entwurf einer Gewerbeordnung folgte, hatten
mittlerweile Gesetzeskraft erlangt. Mit der Schaffung des Zollparlaments
war unter Teilnahme der sddeutschen Staaten die Zoll-, Handels- und
indirekte Steuergesetzgebung ebenfalls in den Kreis der
parlamentarischen Beratungen gezogen. Damit war ein Ttigkeitsfeld
erffnet, das ich nach meinen Krften beackern half. Wie und mit welchem
Erfolg, soll mit Gegenstand der Darlegung im zweiten Teile werden.






End of Project Gutenberg's Aus meinem Leben, Erster Teil, by August Bebel

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN, ERSTER TEIL ***

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