Project Gutenberg's Von Haparanda bis San Francisco, by Ernst Wasserzieher

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Title: Von Haparanda bis San Francisco
       Reise-Erinnerungen

Author: Ernst Wasserzieher

Release Date: May 5, 2004 [EBook #12266]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Von Haparanda bis San Francisco.


Reise-Erinnerungen

von Dr. phil. Ernst Wasserzieher

Oberhausen im Rheinland.


Witten 1902.

Druck und Verlag der Mrckischen Druckerei und Verlags-Anstalt Aug.
Pott.




Meinem lieben Kleeblatt Karl, Ernst und Hans gewidmet.




Die folgenden Bltter, eine kleine Auswahl meiner Reise-Erinnerungen
aus einem Vierteljahrhundert, sollen in ersten Linie ein herzlicher Gru
sein fr meine Freunde nah und fern! Die meisten der Aufstze und
Skizzen sind schon verffentlicht, z.B. in der Mnchener Allgemeinen
Zeitung, im Hamburger Correspondenten, in Klner, Flensburger und
Wittener Blttern, sowie in der Touristen-Zeitung. Sollte dies
anspruchslose Bndchen Anklang finden, so wird vielleicht eine zweite
Sammlung folgen.

_Oberhausen_ (Rheinland), im Dezember 1901.

Ernst Wasserzieher.




  "Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
   Den schickt er in die weite Welt."

Josef von Eichendorff.




I.

Ueber das Reisen

Einige Aussprche hervorragender Mnner und Frauen.


Da das Reisen eine Kunst sei, wie andre, die gelernt sein will, die
viele aber nie lernen--das ist eine Wahrheit, die manchen eine Thorheit
erscheinen mag. Da wute die "Frau Rat" besser, welcher Unterschied
zwischen Reisen und Reisen sei! "Wenn mein Wolfgang nach Mainz reist",
sagte sie einmal, "so hat er mehr gesehen, als wenn andre nach Neapel
reisen." Freilich, mit solchen Augen wie Wolfgang Goethe ist kein
Reisender begabt; er sah als Maler, als Dichter, als Naturforscher, als
Psycholog und als Mensch. "Man darf nur auf der Strae wandern _und
Augen haben_," schreibt er am 19. Mrz 1787 von Neapel in die Heimat,
"man sieht die unnachahmlichsten Bilder." Der gewhnliche Reisende
begngt sich etwas _erzhlen_ zu knnen nach _gethaner Reise_, aber was?
und wie? erzhlen! Darum erreichen auch die, welche das Reisen als
Mittel zur Bildung benutzen wollen, hufig ihren Zweck nicht. Das liegt
nicht am Reisen, sondern an ihnen. "Das Reisen als solches ist noch
nicht bildend, es kommt auf das _Bewutsein_ an, womit der Reisende, was
sich ihm darbietet, erfat." (Rosencranz i.d. Vorrede S. VII zu Kants
Werken Bd. IV.) Fr die _Menschenkenntnis_ und ihre Vertiefung mchte
ich dem Reisen nur einen sehr geringen Einflu beimessen. Denn die
menschlichen Leidenschaften sind berall dieselben; nur die
Erscheinungsformen wechseln. Wer einige, wenige Menschen lange studiert,
wird die menschliche Natur besser und tiefer erfassen, als wer viele
Menschen nur obenhin kennen lernt, wie es doch auf Reisen zu sein
pflegt.

Also, wer blos oder vornehmlich Menschen kennen lernen will, der bleibt
besser zu Hause. Aber Geschichte, Kunst, Natur, Landschaft--wiegt das
bisweilen nicht Menschen auf? Fontane klagt zwar mit Recht in seinen
Wanderungen durch die Mark Brandenburg (II. 44), da "nicht vielen der
Sinn fr Landschaft aufgegangen sei; Erwachsene haben ihn selten, Kinder
beinah nie." Und doch mu man annehmen, da sthetische Grnde dem
Reisen der meisten unserer Landsleute Vorschub leisten, denn von denen,
die ihrer Gesundheit wegen etwa ein Bad aufsuchen mssen, oder gar von
denen, die ihres Geschftes wegen reisen, reden wir hier nicht. Die
Franzosen, berhaupt die Romanen, haben diesen Sinn wenig ausgebildet;
nur eine Angehrige jener Nationen konnte behaupten, das Reisen sei das
elendeste aller Vergngen (Frau v. Stael in ihrer Corinna.) Ein anderer
Franzose wirft seinen Landsleuten vor, da sie sowohl in Bezug auf ihr
Vaterland als auch auf die brigen Lnder durch Unwissenheit glnzten.
Beides hngt vielleicht mit einander zusammen; "erst die Fremde", sagt
Fontane, "lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen." Die schottischen
Seeen erweckten in ihm erst das volle Gefhl fr die Reize der Seeen in
der Mark Brandenburg und reiften in ihm den Entschlu, ihnen das zu
werden, was Walter Scott jenen ist. Der Reisende in der Mark mu
freilich eine feinere Art von Natursinn besitzen als der Reisende am
Rhein; die Schnheiten der Gegend von Bingen bis Coblenz drngen sich
auch dem nur rohausgebildeten Landschaftssinn auf; sie packen,
berwltigen, reien hin; die Schnheiten der mrkischen Landschaft,
ferner der Gegenden am Niederrhein wollen ergriffen, studiert sein.

Es treten noch andre Factoren hinzu, die den modernen Menschen,
insonderheit den Germanen, zum Reisen drngen. Dem Einerlei des
huslichen und heimatlichen Leben und Treibens zu entrinnen, sich eine
Zeit lang frei, objektiv zu fhlen, nicht zu handeln, sondern zu
betrachten, jenes hchsten Zustandes zu genieen, nach dem so viele
Philosophen gestrebt und den so wenige erreicht haben--das ist der oft
unbewute Zweck bei vielen Reisenden. "Auf Reisen", so ungefhr spricht
sich Schopenhauer aus, "fhlt man sich interesselos, sieht man von der
eigenen Person ab, betrachtet man die Welt als _Vorstellung_."
_Interesselos_ gebraucht Schopenhauer hier in dem Sinne wie Kant, der
das Schne definiert als "das, was ohne Interesse gefllt" (d.h. ohne
selbstische Gedanken.) Noch ein zweites kommt hinzu: das Gefhl der
Unabhngigkeit. "Jetzt bist du zum ersten Mal allein," ruft George Sand
entzckt aus, "keine Seele wei dich zu finden, jetzt bist du frei, dir,
dir ganz allein und den Geistern in dir berlassen!" Freilich stellt
sich auch wohl das Gefhl der Einsamkeit ein; das ist die Kehrseite
dieser selbstgewollten Freiheit. "Auch der leidenschaftlichste,
frhlichste Reisende fhlt sich manchmal einsam in einer fremden Stadt,
und es giebt Augenblicke, in denen ihn eine unbeschreibliche Langeweile
beschleicht, soda, wenn er durch ein Wort einen Genius aus 1001 Nacht
heraufbeschwren knnte, um sich nach Hause tragen zu lassen, er dieses
Wort mit Freuden aussprechen wrde." (Amicis, Reise in Spanien, Capitel
2.) Lessing schlgt den Wert und das Vergngen des Reisens nicht hoch
an. Freilich hatte er Italien unter den denkbar ungnstigsten
Verhltnissen und in groer Hast bereist. Er bezeichnet treffend den
weiten Abstand, der uns von dem 18. Jahrhundert auch in dieser Beziehung
trennt, er zeigt den ungeheueren Fortschritt, den wir in der Kunst des
Reisens gemacht haben; er hngt zusammen mit der Ausbildung des
Naturgefhls, wie wir sie seit Goethe erfahren haben, der der
verstandesmige Lessing und sein Zeitalter wenig zugnglich waren.
Doch, um nicht allzustolz zu werden, brauchen wir blo die
Touristenschwrme zu betrachten, die sich von den Bahnhfen in die
Hotels ergieen und von da mit dem roten Bdeker in der Hand die Museen,
Kirchen und Schlsser berschwemmen und ausplndern, um am nchsten Tage
in der nchsten Stadt dasselbe Raubsystem fortzusetzen. Dann mchte man
dem feinsinnigen Sprachforscher und vielgewandten Reisenden Gustav Meyer
in Graz zustimmen, wenn er sagt: "Reisen ist eine Kunst, eine grere
vielleicht als eine Reise gut beschreiben." (Essays, II, 58.)




II.

Eine Primanerwanderung auf den Brocken.

(1878.)


Unter bestndigem, feinem Regen wanderten wir, nachdem wir um 9 Uhr
morgens mit dem Zuge von Magdeburg in Wernigerode angekommen waren und
einige Einkufe besorgt, vor allem aber einen Schnaps nicht vergessen
hatten, nach Ilsenburg, von wo aus der Brocken in Angriff genommen
werden sollte. Im Grunde war es ein seltsames Unternehmen, in dieser
Jahreszeit--man schrieb den 12. April--eine Harz- und Brockenreise zum
Vergngen zu unternehmen; jedoch das war es gerade, was uns reizte.

Der Nebel lag so dicht auf der Erde, da das Schlo Wernigerode, von
dessen Verschnerung durch Ausbau uns viel erzhlt wurde, nicht zu
erblicken war; die Luft war trbe und feucht, und man wute nicht, ob
man in Wolken ging oder ob es regnete; unser erster Grundsatz war indes,
den Humor nicht zu verlieren. Zur Erhhung unserer Stimmung kam noch
hinzu, da wir in einem ziemlich primitiven Kostm steckten, das aber
einer Harzpartie ganz angemessen war, und als wir uns vor der Stadt Auge
in Auge gegenberstanden und eine Weile betrachteten, brachen wir wie
auf Kommando in ein Gelchter aus. Die vollgepfropfte Tasche an der
Seite, darber die Feldflasche an grner Schnur, im Munde die bemalte
kurze Pfeife, zu der immer neuen Stoff der am Knopfloch baumelnde
Tabaksbeutel spendete, die Hosen hoch gekrmpt und die Stiefel voller
Schmutzsprenkeln--so sahen wir wandernden Handwerksburschen tuschend
hnlich. Mein Freund Edgar[1] trug einen Knttel, ich einen Schirm, der
sich durch eine gewisse Altertmlichkeit auszeichnete.

Nachdem die Drfer Altenrode und Drbeck, bei welch' letzterem der
"Wernigeroder" einer Probe unterworfen und fr gut befunden wurde,
passiert waren, kamen wir bei etwas aufgeheitertem Himmel in dem
hbschen Ilsenburg an und verfgten uns in den Gasthof "Zu den drei
Forellen", um uns vor der Anstrengung noch einmal krperlich und geistig
zu strken. Die krperliche Strkung prsentierte sich als eine Tasse
Kaffee und unterschiedliche Eier; die geistige bestand aus einer
nochmaligen begeisterten Rezitation von Goethes "Harzreise im Winter",
die wir mitgenommen hatten, um sie an Ort und Stelle auf uns wirken zu
lassen.

Die Leute im Wirtshaus schttelten den Kopf, als sie von unserem Plan
hrten, und meinten, der Schnee lge noch so hoch, da es unmglich sei,
bis zum Gipfel des Berges zu gelangen. Der Frster sagte, er sei selbst
gezwungen gewesen, umzukehren; es riet uns, lieber davon abzustehen;
umkehren mten wir ja doch. Das waren ja schne Aussichten fr uns;
eine Partie  la Hannibal in verkleinertem Mastabe! Allein wir hatten
uns einmal vorgenommen, heute Nacht in Brockenbetten zu schlafen, und
wollten unsern Kopf durchsetzen. Insofern folgten wir jedoch unseren
freundlichen Ratgebern, als wir beschlossen, nicht durch das Schneeloch,
sondern auf der Fahrstrae zu gehen.

Mittlerweile war es zwei Uhr geworden, und wir warfen unsere Taschen um.
Zum Abschied rief uns der Frster halb spttisch zu: Auf Wiedersehen
heute Abend beim Glase Bier!

Frohen Mutes pilgerten wir davon, an Holz- und Sgemhlen vorbei, immer
einem hbschen, sanft ansteigenden Waldwege folgend. Zu beiden Seiten,
bald rechts, bald links, rauschte die Ilse zu Thal; hoch oben ber dem
Kessel hing der Ilsenstein mit seinem mchtigen Eisenkreuz. Bald jedoch
verlor die Wanderung den behaglichen Charakter; der Himmel, der uns eine
Weile gelchelt hatte, ffnete seine Schleusen von neuem und berstrmte
uns mit khlendem Na. Langsam aber stetig rckten wir vor; wir waren
nicht mehr bei frischen Krften. Wir htten morgens von der letzten
Station vor dem Aufstieg aufbrechen sollen, um den Tag vor uns zu haben.

Nach anderthalb Stunden hrte ich die Ilseflle von ferne brausen, die
trotz ihrer Kleinheit einen erquickenden Anblick gewhren mit den
schumenden, weien Wogen, mit ihren moosigen Felsen und
tannenumkrnzten steilen Ufern. Durch die Bsche schimmerte jetzt auch
der erste Schnee. Um uns gehrig zu wappnen gegen diesen Feind, der bald
in Masse den Fu hemmen sollte, machten wir Rast und strkten uns durch
einen Imbi, wobei wir von einem Holzfller Erkundigungen ber Lnge und
Beschaffenheit des bevorstehenden Weges einzogen. Drei Stunden
wenigstens hatten wir nach Angabe dieses Biederen noch zurckzulegen,
wenn wir aber den "Fautstieg" einschlgen, setzte er hinzu, dann wrden
wir wohl eher ankommen; es kme brigens auf eins hinaus. Es war noch
nicht 5 Uhr; bald nach 7 Uhr hofften wir oben zu sein. Wir schritten
vorwrts; auf dem Wege selber machte sich der Schnee schon bemerkbar,
hier und da leuchteten uns weie Stellen entgegen, die sich fortwhrend
vergrerten und schlielich den Boden vllig bedeckten, vorlufig in
der Hhe eines halben Meters, allmhlig aber bis anderthalb und zwei
Meter steigend. In dieser Hhe ging es nun 4 Stunden lang. Der Schnee
befand sich in einem Zustande des Schmelzens, er war bereits so weich,
da man mit jedem Schritt bis an den Leib einsank; die uere Kruste war
aber zufolge der niederen Abendtemperatur bergefroren, soda es
Anstrengung kostete, den Fu wieder herauszuziehen. Dichter Nebel senkte
sich mit geisterhafter Schnelle auf Berg und Wald und stimmte unser
Gemt melancholisch. Keuchend stampften wir bergauf; von Zeit zu Zeit
sandten wir einen krftigen Ruf, wie Hurra! Haut ihn! und dergl. in die
Ferne. Nach langem Leiden kamen wir an eine Biegung des Weges, wo ein
Wegweiser besagte, da es sowohl nach Schierke als nach dem Brockenhause
eine Stunde sei. Durch diese Nachricht neu belebt, gingen wir weiter,
wenn man unser mhsames Stolpern so nennen kann. Aber wir vergaen, da
diese Berechnung fr einen normalen Weg gilt, nicht fr einen, der in
Manneshhe mit Schnee bedeckt ist. Die Kniekehlen begannen zu schmerzen,
die Stiefel waren mit Schneemassen angefllt, das lustig zwischen den
Zehen herumrann, die Beine versagten fast den Dienst, die Augen thaten
weh durch den Anblick der weiten, weien Flche; doch weiter, immer
weiter! Dunkler und immer dunkler ward es; kaum konnte ich meinen
Gefhrten, der etwa 30 Schritt vor mir hertaumelte, erkennen; und
schwach umrissen tauchte eine Telegraphenstange nach der andern vor den
Blicken auf. Alle 5 Minuten griffen wir zur Flasche, ohne die wir
sicherlich nicht bis zu Ende ausgehalten htten. Schneckenhnlich
wankten wir weiter, schneidend kalt umpfiff uns der Wind und khlte die
schweigebadete Stirn, und immer noch nichts von einer menschlichen
Wohnung, immer wieder die eintnigen Telegraphenstangen. Es flimmerte
mir vor den Augen, ich brach bei jedem Schritt zusammen; da pltzlich--o
Wonne--war es eine Tuschung?--Hundegebell! Wie elektrisiert sprang ich
vorwrts, da mute das Brockenhaus sein--jetzt eine Stimme--zu sehen war
nichts in der Finsternis--richtig, ein paar Schritt vor mir stieg ein
dsteres Gebude auf; Blitz, der Hund, umsprang uns freudig wedelnd, und
wir standen in dem hell erleuchteten Flur des Brockenhauses, vor uns
zwei Mnner, der Oberkellner und der Hausknecht, die einzigen Bewohner
des Brockens im Winter. Drei donnernde Hurrahs erschallten wie aus einem
Munde, da die Wnde zitterten; vor Freude, festen Boden unter den Fen
zu haben, wre ich dem Oberkellner am liebsten um den Hals gefallen. Und
nun rasch hinauf in das Zimmer, das durch einige in den Ofen geworfene
Scheite Holz bald behaglich durchwrmt war, und nun die Kleider aus, die
wie aus dem Wasser gezogen waren. Und nun hinein in den beiden Betten,
aber nicht zum Schlafen! Der Oberkellner setzte ein Tischchen zwischen
uns, auf dem bald eine groe Punschbowle dampfte, und setzte sich nebst
dem Hausknecht heran. Und nun wurde fleiig angestoen, bis mir die
Augen zufielen und ich in einen tiefen Schlaf fiel.

Am folgenden Morgen belohnte uns eine herrliche Fernsicht; neu gestrkt
wanderten wir dann weiter, zunchst nach Schierke und Braunlage.

Noch vieles Schne sahen wir in den nchsten Tagen; die dauerndste
Erinnerung aber blieb uns die Brockenwanderung im Schnee.

FUSSNOTEN:

[1] Jetzt lngst wohlbestallter Direktor des Hheren technischen
Instituts zu Kthen i. Anhalt.




III.

Nauvoo am Mississippi, die alte Mormonenstadt.[2]


Von den Mormonen spricht man heuzutage kaum noch, sie sind, in Europa
wenigstens, lngst in den Hintergrund des ffentlichen Interesses
getreten. Wenn man sie aber erwhnt, so denkt man meist nur an Utah, an
die Salzseestadt, den Jordan und wie die bekannteren, in der
amerikanischen Wste gelegenen Punkte heien. Die Salzseestadt (Salt
Lake City), die ich auf meiner Rckreise von San Francisco nach dem
oberen Mississippi im Jahre 1883 berhrte, kenne ich zu wenig, um
darber etwas zu sagen, was nicht andere schon besser gesagt htten.
Aber ich will auch nicht von _dieser_ Mormonenstadt reden, sondern von
der alten weniger bekannten, von Nauvoo. Als ich, vom Niagara kommend,
in Chicago eine Fahrkarte nach Nauvoo verlangte, sah mich der Verkufer
ganz verdutzt an. Auch in Amerika ist die Stadt wenig bekannt, fast so
wie in Europa. Niemand besucht sie; wer htte auch Veranlassung dazu?

Von Chicago aus fhrt man etwa zehn Stunden in sdwestlicher Richtung
quer durch den Staat Illinois. Dieser ist wohl angebaut, hgelig; ein
Viertel ist noch Wald. Man nennt ihn den Garten Amerikas, was ich
berechtigt finde, wenn statt Garten Gemsegarten gesetzt wird. Es
dmmerte schon, als wir uns dem Mississippi nherten. Bei Burlington
berschritten wir ihn. Hunderte von deutschen Meilen von seiner Mndung
entfernt, ist er schon hier ein paar Kilometer breit. Von Burlington aus
benutzt man den Dampfer, der in wenigen Stunden in Nauvoo landet.

Nauvoo, in Hancock County im Staate Illinois, unter einem Breitengrade
mit New York und Neapel (40 n. Br. gelegen), dehnt sich auf einer
breiten vorspringenden Halbinsel auf dem linken (Ost)-Ufer des
Mississippi aus und zerfllt in zwei Teile. Die "Flat" zieht sich am
Ufer hin und ist ganz eben und flach; daher der Name. Dahinter erhebt
sich auf sanft ansteigenden Hgeln die obere Stadt. Nauvoo ist groartig
angelegt; es hat sehr breite, endlos lange Straen, die sich in
regelmigen Abstnden rechtwinkelig kreuzen und in denen an nichts
Mangel ist, auer an Husern. Man kann hundert Schritte gehen, ohne
etwas anderes zu sehen, als rechts und links Grten, Felder, vor allem
Weinberge, mit Osage- (wilden Orangen) Hecken eingefat; auf den mit
Gras und Unkraut bewachsenen Fuwegen weiden Khe und Pferde; Hunde und
Gnse laufen umher; dann und wann kommt wohl auch ein Reiter oder ein
Fugnger. Endlich schimmert ein Haus durch das Grn, aber es ist
unbewohnt, halb verbrannt, ohne Scheiben in den Fenstern: eine Ruine.
Solcher Ruinen giebt es nicht wenig in Nauvoo; sie stammen aus der Zeit,
wo die Mormonen mit Feuer und Schwert ausgerottet oder vertrieben
wurden. Kommt man mehr in die innere Stadt, so findet man auch bewohnte
Huser, wei, mit grnen Lden und Veranden, aus denen sogar
Klavierspiel tnt. Selbst eine ganze Strae ist da, Mulhollandstreet,
mit Kauflden, Werksttten, Wirtshusern u.s.w. In dieser Strae sind
die Fusteige gedielt und der Fahrweg am Samstag mit Fuhrwerken der
Farmer und Farmerstchter aus der Umgegend gefllt, die kommen, um ihre
Einkufe fr die Woche zu besorgen.

Drei Elementarschulen und eine High School, jede mit einem Lehrer bezw.
Lehrerin, sowie eine Damenakademie unter Leitung von Nonnen, die ein
hbsches, im Schweizerstil erbautes Kloster bewohnen, sorgen fr die
geistigen Bedrfnisse der Nauvooer Jugend. Die Highschool, drei Klassen
in einem Raum vereinigt, wird von Knaben und Mdchen verschiedenen
Alters bis zu sechzehn Jahren besucht, die mit rhmlichem Flei ihren
Studien obliegen, die auch Latein umfassen. Die Unterrichtsmethode ist,
wie ich mich durch wiederholtes Hospitieren berzeugen konnte, ziemlich
mechanisch und geistlos. In der Geschichte z.B. wird ein Paragraph aus
dem Buche vorgelesen und dann zum nchsten Male aufgegeben. Dabei bleibe
nicht unerwhnt, da der Lehrer, der auch etwas studiert hat, allen
guten Willen hat und bei seinen Zglingen beliebt ist. Der Unterricht
ist, wie meist in Amerika, von 9-12 und von 3-6; Sonnabend ist ganz
frei.

Nauvoo hat ein halbes Dutzend Kirchen, reichlich viel fr 1500
Einwohner, aber in Amerika nichts Ungewhnliches, da jede Sekte doch ihr
Gotteshaus haben will. Es sind kleine Holzbauten, mit Ausnahme der
katholischen, die an Gre und Schnheit die anderen bertrifft. Der
katholische Pfarrer ist theologisch gebildet; die Geistlichen der
anderen Konfessionen, Lutheraner, Presbyterianer, Deutsch- und
Englisch-Methodisten, sind Farmer, Kaufleute, Handwerker, die das
Predigen als Nebenbeschftigung betreiben und durch Kraft und Flle der
Stimme die sonst fehlenden Eigenschaften ersetzen. An Wochentagen kann
man sie hinter dem Ladentisch, in der Werkstatt und beim Strohaufladen
hantieren sehen. Von dem groen prchtigen Tempel der Mormonen stehen
nicht einmal die Ruinen mehr.

Die Nauvooer Zeitung (Nauvoo Independant nennt sie sich stolz) erscheint
wchentlich einmal. Die Verbindung mit der Auenwelt wird durch
Telegraph und Telephon hergestellt; durch eine Dampffhre gelangt man
ans westliche Ufer, nach dem kleinen Ort Mont-Rose, von wo man die
Eisenbahn nach mehreren Richtungen hin benutzen kann. Den Sommer
hindurch legen die Mississippidampfer, die den Flu in seiner ganzen
Ausdehnung von St. Paul nach St. Louis, von da nach New Orleans,
befahren, in Nauvoo an; die ganze Fahrt, die ununterbrochen Tag und
Nacht whrt, nimmt etwa 14 Tage in Anspruch. Im Winter ist der Flu
nrdlich von St. Louis wegen des Eises unfahrbar.

Eine Eisenbahn wurde von den Mormonen in Angriff genommen, blieb aber
unvollendet. Die Einwohner Nauvoos beschftigen sich meist mit Ackerbau,
besonders Weinbau. Bis Nauvoo hinauf geht die Weingrenze, doch kann man
nicht sagen, da das Klima der Rebe eben gnstig wre. Ein
sehr heier Sommer folgt einem sehr kalten Winter mit einem
Maximal-Wrme-Unterschied von 60-70 Raumur.

Steigt man vom Flu (der Mississippi wird von den Anwohnern allgemein
blos "River" [Flu] genannt), durch die "Flat" hinauf nach der oberen
Stadt, so bersieht man allmhlich die ganze Umgegend; unten den
mchtigen, in groen Bogen sich hinwindenden Strom, von bewaldeten
Hgeln umsumt und begleitet. Aus dem blulichen Wasserspiegel erheben
sich wenig die flachen, waldigen, mit viel Unterholz bestandenen Inseln,
oft von 50, ja 100 Hektar Bodenflche. Besteigt man den Turm der
katholischen Kirche, so erweitert sich das Panorama noch. Zu Fen die
ganze, sich weit hinstreckende Stadt; aus dem Grn sehen die schlanken
Thrme und die weien freundlichen Wohnhuser heraus; jenseits nach
Osten, in der unendlichen, meist angebauten Prairie tauchen einzelne
Farmen empor; nach allen Seiten Wald, nichts als Wald und wieder Wald.
Ruhe und Frieden ist das Geprge dieser Landschaft, die zur Zeit der
Indianer kaum stiller gewesen sein mag. Ein abgeschiedenes,
weltvergessenes Idyll--so liegt Nauvoo mitten in dem gewaltigen,
rauschenden Epos der amerikanischen Vlkerwelt, deren Wogen an ihm
vorberbranden, ohne es zu berhren. Nur dann und wann gemahnt ein
Eisenbahnzug daran, der weit drben bei Montrose vorbeibraust; und in
stillen Sommernchten hrt man das Geheul der Mississippidampfer. Einen
zauberischen Anblick gewhrt ein solches Schiff, wenn es, mehrere
Stockwerke ber der Flut sich auftrmend, von elektrischem Licht
umflossen, mit riesigen Schaufelrdern durch das spiegelklare Wasser
majesttisch dahin rauscht. Einen Kiel haben diese Mississippidampfer
nicht, und sie laufen deshalb, wo das Wasser bei den Anlegepltzen zu
flach ist, einfach auf den sandigen Strand, wo sie ihre Landungsbrcke,
die sie vorn hngend mit sich fhren, hinauswerfen.

Ein anderes, bunt bewegtes und lebendiges Bild bot Nauvoo zur
Mormonenzeit.

Anfangs der dreiiger Jahre gab der 1805 im Staate Vermont geborene Joe
Smith das "Book of Mormon" heraus, das er durch gttliche Inspiration
und auf Grund von goldenen Platten, die er aus der Erde gegraben, die
aber Niemand zu sehen bekam, geschrieben haben wollte. In dem Buche ist
die Geschichte des aus Palstina nach Amerika gewanderten heiligen
Mormon, sowie das Glaubensbekenntnis der nach ihm benannten Mormonen
aufgezeichnet. Der Prophet fand Anhnger und es bildete sich eine kleine
Sekte um ihn, die zuerst im Staate New York, spter in Ohio wohnte und
1833, aus diesem Staate vertrieben, nach Missouri bersiedelte. Von dort
wiederum verjagt, zogen die Mormonen ber den Mississippi zurck und
whlten die kleine Stadt Commerce in Illinois zum Wohnort. Hier fand ihr
rastloses Wanderleben einen vorlufigen Abschlu. Sie vergrerten das
Stdtchen, so da es bald ber 2000 Huser zhlte. Als erste Aufgabe
betrachteten die Glubigen es, ein wrdiges Gotteshaus zu erbauen. Ein
groer steinerner Tempel erhob sich auf einer der hchsten Stellen von
Nauvoo. Eine wohlgeordnete Regierung und Verwaltung, mit Joe Smith an
der Spitze, wurde eingerichtet: Sidney und Brigham Young gehrten zu den
eifrigsten seiner Beamten. Rasch blhte die Ansiedelung empor, die
Einwohnerzahl stieg auf 20000 bis 25000, nach anderen Berichten bis auf
30000. Alles wre gut gegangen, wenn die Mormonen nicht Angriffe auf das
Eigenthum, ja durch die allmhlich sich bildende Lehre von der
Vielweiberei (die Praxis ging der Theorie wohl voran) auf die Frauen der
umwohnenden Heiden (das sind die Nichtmormonen) sich erlaubt htten.
Hierdurch aufgereizt, griffen die friedlichen Bauern zu den Waffen, und
es wurde ein frmlicher Kreuzzug gegen den Staat im Staate erffnet. Die
Mormonen wurden besiegt, die Stadt zum grten Teil zerstrt, der
Tempel in der Nacht zum 9. Oktober 1848 verbrannt. Joe Smith wurde
gefangen und bald darauf in seiner Zelle des Gefngnies zu Carthago
(Hauptstadt des Countys) meuchlings umgebracht.[3] Die Reste der
Mormonen zogen gen Westen und kamen nach langer, mhseliger Wanderung
durch Wildnis, Steppen und Gebirge, die an Abenteuern und Gefahren dem
berhmten Zuge der 10000 Griechen nicht nachsteht, in Utah an, wo sie an
den Ufern des groen Salzsees ein neues Jerusalem grndeten.

Der Tempel, der der Stadt Nauvoo noch in seinen Trmmern zur Zierde
gereichte, verschwand in den siebziger Jahren ganz vom Erdboden, indem
ein gewinnschtiger Deutscher, Namens Ritter, ihn kaufte, abbrach und
die Steine zum Verkauf ausbot. Es fand sich jedoch kein Kufer, und so
liegen sie auf seinem Felde, teils zerschlagen, teils noch in ihren
riesigen Dimensionen; die Skulpturen sind meist unkenntlich, ich
erinnere mich nur, ein Relief der Sonne in Form eines menschlichen
Antlitzes, von Strahlen umgeben, roh aus dem Sandstein gehauen, gesehen
zu haben.

Die verlassenen Huser der Mormonen, soweit sie nicht zerstrt und
unbewohnbar waren, wurden von fremden Ansiedlern in Besitz genommen und
bezogen; ich wohnte whrend des Winters 1882/83 in einem solchen. Es war
nicht verndert; ein einstckiger Backsteinbau mit drei Zimmern im
Erdgescho und einem im Giebel, von dem man den Mississippi sehen
konnte. Ein Garten und daran schlieende Felder umgeben das einsam
liegende Huschen.[4] Mein Schlafzimmer hatte eine Thr nach dem Garten,
die nur mit einem Holzpflock verschliebar war.

Als Bett diente mir Maisstroh mit einigen Steppdecken. Die Klte war
manchmal so gro, da das Wasser in dem stets vor meinem Bett stehenden
Glase fror, und zwar durch und durch. Zum Heizen hatten wir Holz, das
wir uns zu Wagen oder Schlitten aus dem etwa 6-7 km entfernten Walde
holten. Hat man ein Stck gehrig abgeholzt, so hrt man auf, Steuern
darauf zu bezahlen, und das Land fllt dem Staate anheim.

Seiner gnstigen Lage wegen wurde Nauvoo noch einmal zum
Experimentierfeld einer Sekte ausersehen, nmlich von franzsischen
Kommunisten unter Fhrung Cabets. Icaristen nannten sie sich nach dessen
Buche "Voyage en Icarie", in dem in Romanform die Grundstze des
Icarismus in leicht verstndlicher und fesselnder Weise entwickelt
werden. Etwa hundert an der Zahl, kamen sie 1849 in Nauvoo an, kauften
die Tempelruine und waren dabei, sie fr ihre Zwecke umzubauen, als ein
Sturm das angefangene Werk zerstrte. Sie gaben die "Revue Icarienne"
halb in englischer, halb in franzsischer Sprache heraus und lebten in
vlliger Gtergemeinschaft etwa zehn Jahre lang. Dann ging die Kolonie
auseinander, weil Cabet gleich Csar "voll Herrschsucht war"; ein Teil
fhrte in Adams County im Staate Iowa das kommunistische Leben weiter;
andere blieben in Nauvoo, wo sie jetzt noch leben und mit den Deutschen,
Englndern und Irlndern zusammen Acker- und Weinbau treiben.

Ihre Muezeit vertreiben sich die Nauvooer gern durch Theaterspielen.
Einer der ehemaligen Icaristen, Herr Balley aus Paris, spielt gewhnlich
die Hauptrollen, sowohl in den englischen, wie in den deutschen
Stcken. Franzsische knnen nicht gut aufgefhrt werden, weil dann die
Deutschen und die Englnder sich weder aktiv noch passiv beteiligen
knnten. Von den englischen Stcken ist mir erinnerlich "Schinderhannes,
the Robber of the Rhine", von den deutschen "Papa hat's erlaubt" von
Putlitz. Es ist fr einen Franzosen in hohem Grade anerkennenswert, drei
Sprachen so zu beherrschen, um darin ertrglich zu agieren; umsomehr fr
einen Schuster, wie Herr Valley ist. Herr Cambrai, ein Weinbauer, spielt
gut Violine und liebt die deutsche Musik.

Die Deutschen und die Franzosen, die den Hauptteil der Bevlkerung
ausmachen, leben im allgemeinen friedlich zusammen, ausgenommen im
Kriegsjahre 1870/71.

Ihre Nationalitt bewahren die Franzosen in Nauvoo, wie berall, besser
als die Deutschen. Man merkt das auch an Aeuerlichkeiten. Der Deutsche
sagt Country (Land), auch wenn er deutsch spricht, und Cider, letzteres
mit englischer Aussprache; der Franzose aber behlt sein contre und
spricht cidre franzsisch aus. Doch zu untersuchen, wie weit die
Deutschen sich in der Sprache amerikanisieren, wrde eine eigene
Abhandlung erfordern.

Noch einmal knnte Nauvoo vielleicht eine Rolle spielen und aus der
Vergessenheit auftauchen, in der es seit einem Menschenalter ruht. Halb
im Scherz, halb im Ernst hat man, nicht nur im Nauvooer Independant,
sondern auch in auswrtigen Zeitungen davon gesprochen, die
Bundeshauptstadt von Washington nach Nauvoo zu verlegen. Das klingt
befremdlich, ist aber nicht so toll, wie es aussieht. Die Hauptstdte
der amerikanischen Einzelstaaten werden fast ausnahmslos in das
geographische Zentrum gelegt; darum ist nicht das groe Chicago
Hauptstadt von Illinois, sondern das kleine Springfield; nicht das
riesige New-York des gleichnamigen Staates, sondern das kleinere, aber
zentral gelegene Albany, nicht San Francisco von Californien, sondern
das verhltnismig unbedeutende Sacramento u.s.f. Diesem Grundsatze
zufolge wurde Washington Hauptstadt der dreizehn ersten Staaten; damals
hatte es in der That eine zentrale Lage. Jetzt hingegen, nachdem sich
das Lndergebiet der Vereinigten Staaten weit nach Westen ausgedehnt
hat, mte auch der Unionsmittelpunkt nach Westen verschoben werden.
Ueber den Mississippi, die Hauptverkehrsader hinaus, drfte die
Unionshauptstadt kaum gerckt werden. Eine am Vater der Strme gelegene
Grostadt, wie Sant Louis, wrde sich aus Mangel an Platz fr die zu
erbauenden Ministerien und sonstigen Regierungsgebude, sowie wegen der
vielen Fabriken und der dadurch bedingten Unzutrglichkeiten nicht
eignen. Nauvoo hat eine uerst gesunde Lage und, was die Hauptsache
ist, Raum, unbeschrnkten Raum. Nauvoo ist von allen Teilen der Union
leicht zu erreichen, whrend Washington fr die Senatoren und
Reprsentanten des Kongresses aus dem Westen und Sdwesten eine
sechstgige ununterbrochene Schnellzugsfahrt erfordert. Also auch die
Reisevergtungen fr die Volksvertreter wrden sich erheblich
vermindern.

Aus all den angegebenen Grnden ist es also keineswegs unmglich, da
die Hauptstadt-Hoffnungen der Nauvooer dereinst in Erfllung gehen
werden.

FUSSNOTEN:

[2] 1882-83 bereiste der Verfasser die Vereinigten Staaten. Die beiden
folgenden Stcke sind Bruchstcke aus dem damals gefhrten Tagebuch.

[3] Sein Degen befindet sich im Besitz eines gewissen Myers in Fort
Madison, wo ich ihn sah.

[4] Siehe das Titelbild




IV.

Ausflug in die nordamerikanischen Urwlder und zu den Geysers.


Das erste, was der San Franciscaner seinem Gaste zu zeigen pflegt, ist
das Cliff-Haus, jenes berhmte Wirtshaus am Stillen Ocean. Auch mich
lie mein Onkel, den ich whrend eines Frhlings und Sommers mit
meinem Besuche strafte, gleich am zweiten Tage meiner Ankunft
hinauskutschieren. Man fhrt eine gute deutsche Meile nach Westen durch
den Goldnen-Thor-Park; das Haus liegt auf einen Felsen dicht am Meer;
vom Balkon hat man eine herrliche Sicht auf die Brandung und die kleinen
felsigen Inseln, auf welchen Hunderte von Seelwen umherrutschen und ihr
wehmtiges Geheul ertnen lassen. Sie stehen unter dem Schutze der Stadt
und drfen nicht geschossen werden. Rechts sieht man die Schiffe aus dem
Goldenen Thor majesttisch ins offene Meer hinaussegeln.--

Die nchsten Wochen benutzte ich dazu, die Sehenswrdigkeiten der Stadt
in Augenschein zu nehmen. Nchst dem Chinesentheater interessiert vor
allem immer wieder das Leben und Treiben am Hafen, welches auch den zu
fesseln vermag, der Hamburg, New-York, London kennt. An Gre, Schnheit
der Umgebung und Buntheit und Mannigfaltigkeit der Nationalitten
bertrifft der Hafen der californischen Seestadt die der drei genannten.

Die Umgegend von San Francisco ladet zu hufigen Ausflgen ein. Man
bedient sich dabei der Baidampfer, die an Pracht der Ausstattung kaum
den Hudsondampfern (zwischen Albany und New-York) nachstehen. Da ist
z.B. Saucelito, wie ein Stck Thringen an das Gestade des Stillen
Weltmeeres versetzt; San Rafael, mitten in Bergen, ebenfalls am Golf,
leider mit Mosquitos reichlich gesegnet. Gerade gegenber San Francisco,
am Ostufer der Bai: Oakland, Alameda und nrdlicher Berkeley mit der
Staatsuniversitt fr Californien, welche in einem Park am Fue eines
Berges gelegen ist, mit Aussicht auf das Goldene Thor. Ein ganz
herrlicher Punkt ist Piedmont Springs, ein Badeort mit Schwefelquellen,
weiter im Innern nach Osten zu, in zwei Stunden (abwechselnd mit
Pferdebahn, Dampfer und Eisenbahn) zu erreichen, durch Feld und Wald und
durch anmutige Ortschaften mit blhenden Palmen und Rosen. Von dem
hochgelegenen Piedmont Springs erffnet sich ein Ausblick auf das
gesegnete Land, mitten darin wie ein blaues Auge der See Meritt, und in
der Ferne schimmert die Bai mit der Stadt auf den sieben Hgeln.

Bald waren alle diese Punkte und andere fter als einmal genossen; der
Sinn stand auf Weiteres gerichtet. Durch die Liebenswrdigkeit meines
Onkels sollte ich auch die nrdlicher gelegenen Striche Californiens
mit den Urwldern und Geysers kennen lernen, whrend ich Sd-Californien
von der Mndung des Colorado bis nach San Francisco hinauf auf meiner
Reise vom Mississippi nach dem Westen, wenn auch nur im Fluge, gesehen
hatte. Eine meinem Onkel befreundete Firma, welche in San Francisco eine
Cigarrenkistenfabrik mit mehreren Hundert Arbeitern besitzt, lud mich
ein, ihre in Humboldt County, dem nrdlichsten County des Staates, und
in Sonoma County gelegenen Besitzungen anzusehen. In diesen Countys lt
die Firma das Rotholz (Red-Wood) schlagen, welches zum Bau und als
Cigarrenkistenholz fr minderwertige Sorten gebraucht wird; dort haben
sie 2 Schneidemhlen mit je 50 Arbeitern, lassen die Stmme zersgen und
von Humboldt County zu Schiff, von Sonoma County per Bahn nach San
Francisco schaffen. Mit einem Empfehlungsschreiben an den Aufseher in
Sonoma County versehen, unternahm ich den Ausflug mit dem frohen Gefhl,
da er mir nicht wie in Deutschland verregnen knne; denn ein ewig
blauer Himmel lacht bekanntlich im Sommer ber Californien. Man
durchfhrt den nrdlichen Teil der ber 50 Kilometer langen Bai, lt
das Goldene Thor links liegen und geht nach einstndiger Dampferfahrt
auf die Eisenbahn ber. Drei Stunden braust der Zug durch die
freundlichen Thler der Kstengebirge, mit viel Weinbau, zuletzt im Thal
des Russian River, der seinen Namen von frheren russischen
Ansiedelungen fhrt. Zur Mittagszeit kam ich, nachdem ich zuletzt eine
sehr primitive Seitenbahn, meist nur fr den Holztransport gebaut,
benutzt hatte, auf Mills Station an, die mitten im einsamen Waldthal
liegt, welches mich an das unserer Schwarza erinnerte. Im unmittelbaren
Umkreise der Mhle ist der Wald verschwunden, und es stehen nur noch die
schwarzen Stmpfe der Riesenbume, etwa 3 Meter ber dem Erdboden
abgesgt. Damit der Baum nicht wieder ausschlgt, wird der Stumpf
uerlich verkohlt und steht noch manches Jahr da, whrend um ihn herum
der Wein grnt; ein wunderbarer Kontrast, dem ich nichts zu vergleichen
wte. Immer weiter greift die Zerstrung des Waldes, die hier, wie fast
berall in Amerika, mit der grten Sorglosigkeit betrieben wird.
Sequoia gigantea und sempervirens, aus denen er hauptschlich besteht,
wird 80-120 Meter hoch, wchst kerzengerade, mit einem Durchmesser von
2-6 Meter. Bei Mariposa, in der Nhe des vielbesuchten Yosmit-Thales
(Sierra Nevada) steht der gewaltigste von allen, "Wawona", der einen
Durchmesser von 8-9 Metern hat und eine Hhlung, durch welche die 4 und
6spnnige Postkutsche fhrt.

Nachdem ich meinen Brief an Herrn B., den Aufseher der Mhle, abgegeben
hatte, wurde ich eingeladen, an dem gemeinschaftlichen Mittagsmahle der
Arbeiter teil zu nahmen, welches den chinesischen Kchen, die die
Wirtschaft besorgen, alle Ehre machte.

Die Arbeiter bekommen 130-400 Mark monatlich bei freier Station (eine
Summe, die den californischen Preisen entspricht und bei weitem nicht so
bedeutend ist als sie scheint), wofr sie 11-12 Stunden harte Arbeit
haben. Gelegenheit, ihr Geld auszugeben, bietet sich hier nicht.

Mit mir zugleich kam ein junger, gebildet aussehender Mann an, der seine
Stelle als Ingenieur auf einem Cuba-Dampfer aus irgend einem Grunde
verloren hatte, wie er sagte, und um Arbeit bat; der alte B. setzte ihm
in 1/4 Minute die Bedingungen auseinander, sagte ihm, da er zunchst
130 Mark erhalten wrde, und nachdem der neue Ankmmling mit uns
gegessen hatte, fing er an, Holz in die Mhle zu tragen, wie wenn er es
von jeher gewohnt wre.

Eine halbe Stunde abseits liegt "S's Ranch", eine Meierei, wohin B. und
ich nachmittags gingen, um meinen Wirten, der Familie S., die dort
Sommerwohnung hatte, einen Besuch zu machen. Viele Verwandte und
Bekannte, Kranke und Gesunde, zusammen etwa 20, meist tschechischer
Herkunft wie auch die Familie S., waren anwesend und genossen, wie es
schien, unbeschrnkte Gastfreundschaft. Wir besichtigten die zum Gut
gehrige, von Schweizern betriebene Milch- und Ksewirtschaft (60 Khe),
sowie die Weinberge, die 80 Acker bedeckten.

Am Abend sa ich mit dem alten B., der froh war, jemand zu haben, der
sein liebes Prag kannte, und mit dem er ber die Deutschenfrage in
Oesterreich sprechen konnte, auf der Veranda seines Holzhauses bei einer
Flasche Californiers; es dmmerte, und feierliche Stille lagerte sich
ber die Wlder; friedlich zu unseren Fen liegen die zerstreuten
Holzhuschen der Arbeiter; letztere gehen rauchend und plaudernd
dazwischen spazieren. Nebel senkt sich herab, ab und zu flackern die
Feuer heller auf, welche Tag und Nacht brennen zur Beseitigung des
berflssigen Holzes; ein Wchter wacht dabei, da es nicht zu weit um
sich greife.

Vor dem Zubettgehen zeigte mir Herr B. eine Kollektion von Insekten und
spinnenartigem Getier, das aufgespiet an der Wand ber seinem Bette
prangte, darunter auch einige Skorpione, etwa fingerlang, die er in
seiner Bettstelle gefangen und ihrem wohlverdienten Schicksale
berliefert hatte. Ihr Stich ist sehr schmerzhaft. Nachdem ich mein
Lager sorgfltig durchsucht hatte, schlief ich ruhig ein und blieb von
derartigen Bestien unbehelligt.

Am nchsten Morgen versammelte sich alles auf der Ranch, um den gestern
verabredeten Ausflug tiefer hinein in den Wald auszufhren, dort einen
der Bume fllen zu sehen und ein gemtliches Picnic abzuhalten. Die
Fahrt ging zuerst auf eisernen, dann auf hlzernen Schienen. Vier Joch
Ochsen zogen, an eine Kette geschirrt, und der italienische Treiber, der
hinten an der Bremse stand, dirigierte das Ganze, indem er jedes der
Tiere beim Namen rief, rechts oder links, rasch oder langsam gehen lie,
und das ohne Zgel und in einem aus Englisch und Italienisch gemischten
Kauderwelsch, welches auer den Ochsen niemand verstand. Wirkte das Wort
einmal nicht, so sprang er vom Wagen und stach hurtig die Strrischen
mit einer Stahlspitze in das Hinterteil. Maulesel lsten die Ochsen ab,
als wir auf die Holzschienen bergingen und in den dichteren Wald
einfuhren.

Ein Gerst von 3-4 Metern Hhe umgab den zu fllenden Baum; die beiden
Arbeiter, welche schon einen vollen Tag daran gesgt hatten, trieben die
Keile tiefer hinein, whrend das Holz leise knackte und knarrte; langsam
senkte er sich nach der angehackten Seite, und schnell und immer
schneller strzte der Gewaltige, eine Wolke von Staub, Blttern, Nadeln
und Holzsplittern aufwirbelnd, mit donnerartigem Getse. Die Kunst der
Holzfller besteht darin, ihn so fallen zu lassen, da er mglichst
wenig andere Bume niederreit und beschdigt. Wir kamen aus unserer
sicheren Position hervor und maen den Baum: er hatte unten ber 3 Meter
Durchmesser und war 80-90 Meter lang. Das Holz ist fast ziegelrot.
Nachdem der Baum seiner Aeste entledigt ist--welche liegen bleiben und
an Ort und Stelle verbrannt werden--, wird er in Stcke von etwa 15
Meter Lnge gesgt; diese werden mit Ketten umwunden und durch Ochsen
auf roh hergestellten Knppeldmmen zu den Schienen geschleift und in
die Sgemhle gefahren.

Nachdem wir uns am Ufer des Russian River eine Weile bei Speise und
Trank gelagert hatten, fuhren wir auf einem andern Wege durch prchtigen
Rotholzwald, mit Lorbeer und Haselnu untermischt, nach Hause zurck.

Nach Tische fuhr ich ber Santa Rosa, einer freundlichen Landstadt, die
ihren Namen nach einer getauften Indianerin hat, bis nach Cloverdale, wo
ich bernachtete.

Da die Post nach den Geysers erst um Mittag abfuhr, blieb mir der
Vormittag zu einem Spaziergang in die Umgegend. Ich erstieg einen Hgel,
von welchem ich die Aussicht auf das friedliche Thal mit seiner
herrlichen Vegetation geno. Wie viele solcher Idyllen, die sich mit den
reizendsten in Deutschland messen knnen, mgen unbeachtet in dem weiten
Lande zu finden sein!

Als ich mich nher umsah, bemerkte ich erst, da ich unter Grbern
stand; aus einer frischen Gruft schaufelte ein Mann Erde heraus. Ich
lie mich in ein Gesprch ein, merkte bald, da er ein Landsmann war,
und fuhr deutsch fort. Er entpuppte sich als Holsteiner, Handwerker und
Eigentmer dieses Friedhofs.

Wenn ein Cloverdaler begraben sein will, mu er sich an den Holsteiner
wenden, der ihm fr Geld und gute Worte ein Grab grbt.

In offenem, vierspnnigem Postwagen ging es um 1 Uhr fort, durch
hochromantische Thler; links ragt die Felswand, rechts droht der
Abgrund; bergauf bergab geht es; verglichen mit unseren Poststraen ist
der Weg schauderhaft und so schmal, da der Wagen zur Not ausbiegen
kann--es kam brigens auf der langen Strecke nur einmal vor--;
Prellsteine existieren nicht. Kurze Biegungen werden mit rasender
Geschwindigkeit umfahren, so da die hinten sitzenden Passagiere die
beiden vorderen Pferde nicht mehr sehen, whrend der Wagen noch
diesseits der Felskante herumschlrft.

Aengstliche Leute werden hier mit Recht ohnmchtig, und auch weniger
angstvolle werfen bedenkliche Blicke bald auf den Rosselenker, der
freudig die lange Peitsche ber dem Viergespann schwingt, bald auf den
ghnenden Abgrund, bald auf die sausenden Wagenrder, die sehr solide
gebaut sein mssen, um die Ste auszuhalten. Einer der Passagiere, ein
Illinoiser Farmer, der einen Bruder in Nordcalifornien besuchen wollte,
erwiderte, befragt, weshalb er nicht den Seeweg von San Francisco aus
gewhlt: es kme auf eins heraus, ob er ertrnke oder den Hals brche.
Selten genug kommt ein Unglcksfall vor, dazu verstehen die Kutscher ihr
Handwerk zu gut; ab und zu geschieht es dennoch, und wir passierten
nicht ohne Schauder die Stelle, wo vor ein paar Monaten der Wagen
hinabgestrzt war, die Pferde tot, Kutscher aber und Reisende durch
einen glcklichen Zufall an irgend einen Vorsprung oder Gebsch hngen
geblieben und mit gebrochenen Armen und Beinen davon gekommen waren.

Nach 4stndiger, nur einmal unterbrochener Fahrt langten wir, tchtig
durchgerttelt und gnzlich verstaubt, in Geyser Springs an, einem
groen hlzernen Hotel mit Schwefelbdern, in prachtvollem Thalkessel
gelegen. Abends lagen wir alle, eine groe Gesellschaft Damen und
Herren, in Schaukelsthlen (andre waren nicht vorhanden) auf der
Veranda. Aus dem Saale tnte Klaviergeklimper, und alsbald wurde
getanzt. Nachher unterhielt ich mich mit einem San Franciscoer Maler,
der mein Zimmergenosse wurde, einem Antwerpener Kaufmann aus Oakland und
einigen amerikanischen Studenten. Der Maler, dessen Sehnsucht nach Paris
und Mnchen ging, legte eine Probe seiner Kunst ab, indem er einen
Wasserfall nach der Natur malte, ziemlich schlecht nach meiner Meinung;
der Antwerpener, der sehr gut deutsch sprach, erzhlte von seinen
Rheinfahrten; und den amerikanischen Studenten suchte ich, selbst noch
ein halber Student, einen Begriff von deutschem Universittsleben
beizubringen, was mir indes nicht gelang.

Bei Tische wurden wir, wie meist in Hotels und auf Dampfern, durch Neger
bedient, von denen einer--seltene Erscheinung!--durch seine Schnheit
auffiel; diese entging den weien Ladies nicht, und kokette Blicke
flogen hinber und herber. Ueberhaupt herrschte ein merkwrdig freier
Ton in der sonst so steifen amerikanischen Gesellschaft, vielleicht
hervorgerufen durch das Gefhl, dem lstigen Stadtceremoniell einmal
entronnen zu sein.

Der Preis betrug 13 Mark pro Tag, wobei, wie gewhnlich in
amerikanischen Hotels, die 3 Mahlzeiten eingerechnet sind, mag man nun
daran teil nehmen oder nicht. Nach der Karte kann man nichts haben.

An einem schnen Sonntag Morgen wanderte die ganze Gesellschaft mit
einem Fhrer (einem Deutschen, wie es schien) in die Berge, um die
Geysers und Schwefelquellen in Augenschein zu nehmen. Der Boden schwankt
unter den Fen, dabei ein Getse wie in einer Fabrik. Ueberall an den
Wnden ist Schwefel abgesetzt; auch Asbest sah ich. An vielen Stellen
dringt kochendes Wasser, heier Dampf heftig hervor. "Des Teufels
Tintenfa", "der Hlle Badeanstalt" und andre, mehr oder weniger
passende Namen wurden uns genannt. Ein Becher, den der Fhrer mit dem
Henkel am Spazierstock vor ein solches dampfendes Loch hielt, fuhr
schwirrend herum. Schlielich nahm ein Photograph die Gesellschaft auf,
mit den Geysers im Hintergrunde.

--Durch noch groartigere Landschaft als bisher ging es weiter mit der
Post, und ppige Vegetation begleitete uns. Als wir im besten Fahren
waren, hielt der Wagen pltzlich; der Kutscher stieg ab und wies auf
eine kleine Gruppe, die uns zu interessant schien, um sie sofort zu
stren. Eine Klapperschlange sa mitten auf dem Wege und war dabei, eine
Maus zu verzehren. Sobald sie uns erblickte, fuhr sie empor und streckte
uns ihr niedliches Kpfchen grazis und herausfordernd entgegen, indem
sie nach Krften mit dem Schwanze rasselte. Der Kutscher zerhieb sie mit
der Peitsche, trat ihr den Kopf entzwei und gab mir die Klapper zum
Andenken.

Nachdem wir Mittag gemacht hatten, fuhren wir weiter, um den etwa 1200
Meter hohen Helenaberg herum, der die Gestalt eines liegenden Elefanten
hat, und kamen um 2 Uhr in Calistoga an, von wo mir noch 4 Stunden mit
Bahn und Dampfer blieben nach dem sdlicheren San Francisco.




V.

Ekensund.

Ein Land- und See-Mosaikbild.


Um in dem berreichen Material, das mir ber Ekensund zu Gebote steht
(nach fnfwchiger Sommerfrische!), nicht planlos hin- und herzusteuern
oder gar zu versinken, wre es wohl angebracht, eine Art Disposition zu
entwerfen, wie ich es als Sekundaner und Primaner zu thun pflegte.
Allein ich frchte, mein Aufsatz bekme dann einen Anflug von
Lehrhaftem, schmeckte zu sehr nach Schule, und mir ist es wahrhaftig
mehr um das delectare des Horaz als um sein prodesse zu thun, wenngleich
auch dieses selbstverstndlich nicht ausgeschlossen bleibt. Seine
geographischen Kenntnisse bereichert jeder gern, besonders in der
jetzigen Zeit, die ja im Zeichen des Verkehrs stehen soll. Wie gut, da
doch jede Regel ihre Ausnahme hat! Denn Ekensund steht _nicht_ im
Zeichen des Verkehrs, noch nicht, und wird hoffentlich noch eine Weile
auerhalb desselben bleiben. Sonst kme ich nchstes Jahr nicht wieder,
und mein liebenswrdiger Hauswirt knnte sehen, wo er einen Ersatz fr
mich und meine Familie herkriegte.

Als ich meinen Freunden in Flensburg meinen Entschlu kund that, nach
Ekensund hinauszuziehen, schlugen sie die Hnde ber dem Kopf zusammen
und riefen entsetzt aus: "Nach Ekensund? Was wollen Sie denn da in dem
Schmutzloch, wo die vielen Ziegeleien sind und so viel Staub und kein
Wald und kein Kurhaus----"

Gemach, gemach! Genau so sprach ich vor zehn Wochen auch, und ich wrde
jeden fr einen ausgemachten Narren erklrt haben, der in Ekensund
Sommerfrische zu halten gedchte! Der Grund bei mir war derselbe wie bei
Brockhaus und meinen Flensburger Freunden: Wir waren nie da gewesen. Was
bei Brockhaus, der in der Pseudoseestadt Leipzig wohnt, verzeihlich ist,
wird bei uns, die wir in der wirklichen Seestadt Flensburg wohnen und
nur 18 Kilometer von Ekensund entfernt, nicht nur unverzeihlich, sondern
auch unbegreiflich. Indessen, tout savoir c'est tout pardonner. Die
Flensburger Fhrde bietet so viel wundervolle Orte und Oertchen, in Wald
und Hgel gebettet und von der blauen Flut umrauscht, wo die Schnheiten
sozusagen auf dem Prsentierteller geboten werden, da das verwhnte
Auge des Philisters, der fr "Natur" schwrmt, bei Ekensund eben
nur--Ziegeleien sieht. Es war bisher das Aschenbrdel unter seinen
Schwestern Glcksburg, Kollund, Sderhaff, Gravenstein und wie sie alle
heien; aber darum will ich um so lauter seinen Ruhm verknden und ber
jene anderen mich in vlliges Stillschweigen hllen.

Sprachlich hellhrigen Lesern, die ihren Wustmann am Schnrchen haben,
wird vielleicht schon lngst die vorwurfsvolle Frage auf den Lippen
schweben, warum ich denn beharrlich Ekensund schreibe, whrend es doch
gewi Eckensund heie. Diesen diene als Belehrung, da dem nicht so ist.
Ekensund heit hochdeutsch Eichensund, und so wirft der Name hier wie
auch sonst Licht auf frhere Zustnde, die kein Lied, kein Heldenbuch
meldet. Die kurze und schmale, aber sehr tiefe Wasserstrae, welche das
kleine Nbelnoor[5] mit der greren Flensburger Fhrde verbindet, war
frher von mchtigen Eichenwldern umschattet, deren Wipfel von hben
und drben sich fast berhrten, soda ein Eichhrnchen von einem Ufer
zum anderen springen konnte. Der Name Ekensund bertrug sich spter auf
den Ort, der teilweise am Sunde, teilweise aber an der hohen steilen
Kste der eigentlichen Fhrde sich hinzieht. An die ehemaligen Wlder
erinnern nur an den Endpunkten des Ortes noch Ueberreste, kleine Haine,
die bei lndlichen Festlichkeiten, Picknicks u.s.w. benutzt werden.

So auch bei dem am morgigen Sonntag stattfindenden groen Erntefest, auf
das rote Plakate hinweisen und mit welchem, wie es heit, eine
internationale Segel- und Ruder-Regatta verbunden sein wird. Eine
merkwrdige Zusammenstellung, denkt vielleicht der binnenlndische
Leser, aber sie zeigt so recht die Hauptquellen des hiesigen
Volkswohlstandes, der auf dem Erntesegen und auf den Schtzen und dem
Verkehr der salzigen Meeresflut beruht. Aus demselben Grunde tragen ja
auch die dnischen Mnzen eine Aehre und einen Fisch. Was die
Internationalitt betrifft, so beschrnkt sie sich auf deutsch und
dnisch; befinden wir uns doch in der Gegend, wo, wie der selige Vo in
der Widmung seiner Odyssee an die Grafen Stolberg sagt, der dnische
Pflger den Deutschen, dieser den Dnen versteht. Insofern kann man auch
Ekensund eine internationale Sommerfrische nennen, und zwar mit mehr
Recht als Baden-Baden oder Karlsbad; denn dort sprechen die Einwohner
trotz der vielverheienden Aufschriften On parle franais und English
spoken doch nur eine Sprache. Hier aber drei: hochdeutsch, plattdeutsch
und dnisch. Nicht das reine Kopenhagener Dnisch freilich, sondern nur
"Kartoffeldnisch", wie es spttisch genannt wird. Die Inschriften des
Ortes zeigen denn auch deutsch und dnisch durcheinander: da ist eine
Sadelmager-Vaerksted, dort wohnt ein Kobbersmed, dort winkt eine
Gjaestgiveri und sogar ein Lager af Hatte og Kasketter, und man mchte
sich fast innerhalb der rotweien Pfhle glauben, wenn einen nicht das
Kniglich Preuische Nebenzollamt und die Kaiserlich Deutsche
Reichspoststelle eines anderen belehrte.

Apropos Gjaestgiveri! Sie thront auf hohem Ufer und bietet weite
Aussicht auf die Innen- und Auenfhrde mit ihren Dampfern und manchem
stolzen Segler; aber lieber noch ist mir der Einblick in das trauliche
Wirtszimmer, wo drei Seerosen blhen, nmlich der Wirtin drei
Tchterlein, eine immer noch hbscher als die andere, und zwischen 16
und 21 Jahren stehend; vorlufig also noch keine Aussicht, aus dem
Schneider zu kommen. Fast bin ich eiferschtig auf die drei Maler, die
nun schon seit mehreren Wochen in der Gjaestgiveri wohnen und tglich
den Anblick und Umgang der drei Seerslein genieen drfen--doch damit
komme ich auf den Glanzpunkt Ekensunds--auf die Maler! Merkwrdig, sie
sind fast das einzige Fremdenpublikum, und von den 12 Sommerfrischlern,
die hier hausen, bilden sie die Majoritt--zur Zeit sind es 7! Die
brigen 5 Gste sind meine Frau, ich, meine beiden Shnchen und unsere
dienstbare Jungfrau; damit ist das Dutzend voll. Die Maler, die Ekensund
unsicher machen, werden wohl nicht weit her sein, denkt vielleicht die
freundliche, aber skeptische Leserin. Weit gefehlt, gndige Frau! Hren
Sie nur: Da ist ein Biedermann aus Gotha, ein Engel aus Mnchen, ein
von Hoven aus Frankfurt a.M., ein Petersen-Angeln aus Dsseldorf, ein
Schwennsen aus Christiania, ungerechnet die Flensburger Jakob Nbbe und
Alex Eckener! Von einem Biedermann'schen Bilde sagten Unverstndige
frher, man knne nicht sehen, ob es ein Portrt oder eine Landschaft
darstelle; aber seit es vor einigen Tagen fr 800 Mark auf der Mnchener
Ausstellung verkauft ist, hat sich die Hochachtung vor diesem Biedermann
erheblich gesteigert, und wie Joseph unter seinen Brdern schreitet er
jetzt unter seinen Genossen umher, diese um Haupteslnge berragend. Ich
habe ihm deshalb auch in meiner Aufzhlung die erste Stelle eingerumt.
Wenn ihr einstens als groe Lichter am deutschen Kunsthimmel leuchtet,
ihr sieben Maler, dann denkt, da ich es war, der euch in meinem
Feuilleton ber Ekensund zuerst den Tribut der Anerkennung zollte!

Ein Ort, der fr Knstler eine solche Anziehungskraft hat, da sie Jahr
aus Jahr ein wiederkehren, und zwar in vermehrter Anzahl wiederkehren,
und wochenlang und monatelang pinseln und pinseln, ein solcher Ort kann
nicht ohne bedeutende Reize und seine Zukunft kann nicht ganz trostlos
sein. Wenn aber die gewhnlichen Sommerfrischler erst in greren
Schaaren anrcken, dann, frchte ich, werden die Jnger Apolls dem
einsamen Ekensund Lebewohl sagen. "Der Adler fliegt allein, die Krhen
scharenweise."

Wenn der Wind allzuhart vorn auf meiner Glasveranda steht, von der ich
den Blick auf den Sund mit seinen fortwhrend passierenden Schiffen
geniee, ziehe ich mich in die Laube hinter dem Hause zurck, von wo aus
ich den muldenfrmig gelegenen Garten berschaue. Frher war es eine
Lehmkuhle, und ein kleiner weidenbewachsener Teich an der tiefsten
Stelle erinnert noch an die Zeiten, da er das Material fr den
Ziegelofen lieferte. Hier ist es windgeschtzt; man hrt ihn wohl
brausen in den mchtigen Pappeln, aber man fhlt ihn nicht. Kein
abgeschiedeneres Idyll lt sich denken als dieser Garten, von der
Morgensonne beschienen und belebt nicht nur von meinen Shnen, die in
ihrem blauen Wgelchen hgelauf und hgelab karriolen, wobei sie
zwischen Weg und Rasen nicht streng unterscheiden, sondern auch von
vielen Hhnern; denn mein Wirt ist nicht nur Ziegeleibesitzer, sondern
auch einer der ersten Hhnerzchter im Umkreise. Da stolzieren
schneeweie Rammelsloher Hhne neben Hamburger Silberlackhhnern,
Andalusier neben Siebenbrger Nackthlsen, die jeder, auer dem Maler
Nbbe, hlich findet; da fhren Mutter Kattun und Mutter Eule ihre
jungen Bruten umher, von denen das regnerische Wetter leider eine Anzahl
hinweggerafft hat. Schlimmer aber war es noch im vorigen Jahre, als das
groe Sterben, die Diphtherie, unter dem Federvolk wtete und fnfzig
Opfer verlangte. Als einziges Mittel gegen die schreckliche Krankheit
gilt Petroleum, und gerne ffnen die kranken Tiere ihren Schnabel und
lassen sich pinseln. Da berragt alle anderen der Hahn Jochen, der
ungefhr die Gre meines fast zweijhrigen Ernst hat. Ergtzlich sind
die Hahnenkmpfe, die sich tglich vor meinen Augen abspielen und die
mir ein anschaulicheres Bild der Zweikmpfe um Troja zu geben vermgen
als alle Beschreibungen des gttlichen Homer. Wie sich die Federn am
Halse struben, wie die Augen blitzen und wie dann mit unfehlbarer
Sicherheit die Schnbel gegen einander fahren, bis endlich der eine den
Kampfplatz verlt, whrend der andere ein siegreiches, jubelndes Krhen
anstimmt. Und der Grund zu diesen Mensuren? Es heit hier wie beim
trojanischen Kriege: Cherchez la femme!

Es ist vielleicht an der Zeit, ber die geographische Lage Ekensunds
einige genauere Angaben zu machen. Es liegt, grndlich gesagt, auf der
Halbinsel einer Halbinsel einer Halbinsel einer Halbinsel einer
Halbinsel! Oder in umgekehrter Reihenfolge: Europa, das eine Halbinsel
Asiens ist, streckt nach Norden die fingerfrmige cimbrische Halbinsel,
welche auf der Ostseite wieder eine Anzahl Halbinseln bildet. Von diesen
streckt die Halbinsel Sundewitt nach Sden die kreuzfrmige Halbinsel
Broacker, auf dessen nordwestlichem Balken unser Ekensund liegt, also
auf einer fnfmal potenzierten Halbinsel. Auch hierin drfte Ekensund
vor anderen Sommerfrischen einzig dastehen.

Die Erwhnung von Broacker bringt mich wieder auf die Hhner zurck,
was, da ich keinen Schulaufsatz, sondern ein Mosaikfeuilleton schreibe,
niemand fr einen allzugewagten Sprung halten wird. Mitten auf der
Halbinsel Broacker, da, wo die beiden Kreuzbalken sich decken, liegt das
groe Kirchdorf Broacker, so hoch, da sein mchtiges weies Thurmpaar
nicht nur auf der ganzen Halbinsel zu sehen ist, sondern auch weithin
ber das Meer leuchtet, den Schiffern als Landmarke dienend auf
strmischer Fahrt. Auf dem Altar steht eine Nachbildung des
Thorwaldsen'schen Christus in der Frauenkirche zu Kopenhagen, und auf
dem Kirchhofe ruhen nebeneinander Dnen und Deutsche, Freund und Feind,
die beim Sturm auf Dppel den Kriegertod fanden. An einem sonnigen
Sonntage--es war vor acht Tagen--fand wiederum ein heies Ringen in
Broacker statt, und von allen Richtungen pilgerten schaulustige Menschen
zu Wagen und zu Fu herbei, um den Verlauf des Kampfes zu sehen.
Einhunderachtundsiebzig Parteien kmpften um die Preise, deren
sechsunddreiig auf die Sieger harrten. Als wir den groen Saal des
Jrgensen'schen Gasthofes betraten, umsummte uns ein Lrmen und
Schreien, ein Drngen und Schieben, da wir froh waren, als wir eine
Viertelstunde spter im Gartenpavillon bei einer guten Tasse Kaffee und
einem Strau'schen Walzer der Ruhe pflegen konnten. Ueber die
Einzelheiten der Geflgelausstellung (denn um eine solche handelte es
sich) geben wir deshalb auch keine weitere Auskunft, fgen nur hinzu,
da viele Besucher bis in den grauenden Morgen beim Tanz die Schlacht
fortsetzten; blutige Kpfe soll es aber nur drei gegeben haben.

Wie sich in Kinderkpfen die Welt anders malt als sonst in
Menschenkpfen, dazu lieferte mein lteres Shnchen Karl eine
Illustration. Als wir ihn nach der Rckkehr erwartungsvoll fragten: "Na,
Karlchen, was haben wir denn nun in Broacker gesehen?" blickte er mit
seinen dunkelblauen Augen zuerst trumend in die Ferne, dann sagte er,
freudig aufblickend: "Zwei groe Hunde!"--Enttuscht ber diese wenig
sachgeme Antwort fragte ich forschend weiter: "Und was denn
noch?"--"Viele Wagen und Pferde!" kam es schnell heraus. Da Hhner,
Tauben und Fasanen dagewesen waren, bejahte er erst, als ihm diese Tiere
direkt genannt wurden. So sieht und beachtet jeder nur das in der Welt,
was ihm wichtig erscheint, fr das Uebrige sind wir halb oder ganz
blind.

Mit dieser lehrreichen Betrachtung mchte ich meine Plauderei ber die
Sommerfrische Ekensund schlieen. Der eine wird sie anziehend finden und
lesen, der andere nicht. Wir loben jenen nicht, wir verdammen diesen
nicht; beide knnen in ihrer Art gute und glckliche Menschen sein. Und
mehr braucht man nicht im Leben.

FUSSNOTEN:

[5] Noor heit See, Gewsser; Nbel ist ein Dorf.




VI.

Ein Besuch bei Gustav Freytag.


Im Sommer 1882 wanderte ich als Student durch das Thringer Land. Von
Jena, wo ich damals meinen Studien oblag, gings zunchst mit der Bahn
nach Eisenach, wo ich mich mit einem Freunde aus Marburg traf. Nachdem
die Wartburg besucht, der Inselsberg bestiegen und alle die
Herrlichkeiten zwischen Eisenach, Ruhla und Friedrichsroda genossen
waren, trennten wir uns in Gotha, von wo mein Genosse westwrts, ich
ostwrts fuhr. Bevor ich aber der alten Musenstadt Jena wieder zueilte,
beschlo ich, noch einen halben Tag zu verweilen und zu einem
Spaziergange nach Siebleben zu benutzen, in welchem der Dichter von Soll
und Haben in stiller Mue seine Sommertage zu verbringen pflegte,
whrend er im Winter in Leipzig wohnte. Dort war ich fters an seiner
Wohnung in der Nrnberger Strae vorbergegangen, mit dem Wunsche, den
hochverehrten Mann persnlich kennen zu lernen, dessen Werke in ihrer
ruhigen Vornehmheit und zugleich historisch-politischen Soliditt uns
als Muster moderner deutscher Prosa vorschwebten. Was in der rauschenden
Grostadt nicht ausgefhrt wurde, sollte nun in dem idyllischen Dorfe
gewagt werden.

Auf der mit Bumen bepflanzten Erfurter Landstrae ging es hinaus. Die
Landschaft ist von migem Reiz; der langgestreckte Seeberg zur Rechten
bildet die einzige grere Erhebung in der ganzen Gegend. An seinen
Nordfu schmiegt sich das Dorf Siebleben, mit Obstbumen umgeben und von
freundlichem Aussehen. Freytags Haus war bald gefunden. Es liegt in
einem Garten und ist mit Schiefer bedeckt, der an der Wetterseite einen
gelben Anstrich von Oelfarbe hat, was mir auffiel, da ich dergleichen
nie gesehen. Vom Grtner angemeldet, wollte ich eintreten, als er mir
schon entgegentrat und mich einfach und freundlich begrte. Ich sagte
ihm, ich sei auf einer Gebirgswanderung begriffen und habe mir Siebleben
ansehen wollen, den Ort, wo er so lange gelebt. Da ich im Gasthof
erfahren, da er anwesend sei, wolle ich mir erlauben, ihm meine
Aufwartung zu machen und meine Verehrung zu bezeigen. Er erwiderte
freundlich und geleitete mich in sein Arbeitszimmer, welches sehr
einfach eingerichtet war. Er hrte mit Interesse zu, als ich von meinen
Studien, meinen Verhltnissen und Absichten redete; als ich sagte, da
ein fester Beruf, das Lehramt, dem ich zusteuerte, nicht mein Ideal sei,
sondern da nur die freie literarische Thtigkeit mich zu befriedigen
vermchte, versetzte er ernst: Ein fester Beruf ist notwendig, sowie
wissenschaftliche Arbeit auch bei poetischer Produktion. Sie geben einen
festen Halt und verschaffen das Selbstbewutsein.--Aus dem Speziellen
ging es ins Allgemeine, zunchst noch ber dasselbe Thema: Seine
Individualitt unterdrcken, ist das Ziel.--Aber doch nicht das
_letzte_, wandte ich ein, das Auswirken und Entwickeln der
Individualitt betrachte ich weit eher als Ideal.--Das Talent geht nicht
unter, meinte er, das wirkliche Talent nicht.--Als ich erwhnte, da ich
eine schwache Lunge htte, sagte er: Ich habe mit 30 Jahren Blut
gespieen und bin so alt geworden.

Da das Wetter dazu einlud, gingen wir in den Garten hinunter, und er
zeigte alles Bemerkenswerte, seine Freude ber sein schnes Besitztum
nicht verbergend. Die Blumen, die Gartenhuser, alles machte ihm
sichtliches Vergngen. Auch von einer Konchyliensammlung, die er zu
vergrern suchte, sprach er. Auf die Verhltnisse des Dorfes
bergehend, zeigte er sich fr alles teilnehmend und ber vieles
orientiert, wie ein Patriarch unter seinen Kindern. Er will dafr
sorgen, da Fremdenzimmer im Gasthofe eingerichtet werden. Einzelne
Dorfbewohner charakterisiert er; er kennt viele persnlich, obgleich
Siebleben mit seinen 2000 Einwohnern nicht zu den kleinsten Drfern
gehrt. Wir sprachen ber Berlin und Leipzig; das gab ihm Veranlassung,
seine Uebersiedelung nach Wiesbaden zu erklren: "Vorigen Winter hatte
ich eine Lungenaffektion, daher habe ich mir auf den Rat der Aerzte ein
Huschen in Wiesbaden gekauft, obwohl ungern."

Das Haus in Siebleben sei historisch, fgte er hinzu, Goethe habe auf
seinen Thringer Reisen oft darin bernachtet.

Von literarischen Gren erwhnte er Auerbach, den ich auch einmal
flchtig kennen gelernt hatte.

Als ich bemerkte, er wohne gerade zwischen Wirtshaus und Kirche, und
scherzend fragte, ob er mehr in jenes oder in dieses ginge oder in
keines, versetzte er: "Doch, zur Kirche; man mu den Leuten zeigen, da
man zu ihnen gehrt."

Mittlerweile war eine Stunde verstrichen, und ich empfahl mich. Freytag
hatte es dem jungen, frechen Studentlein wohl nicht bel genommen, da
er ihn gestrt, ja, er schien ein gewisses Wohlgefallen daran zu finden,
denn er war fast gerhrt beim Abschied. "Leben Sie wohl, Herr Studiosus,
arbeiten Sie tchtig weiter! Gehen Sie langsam, die Sonne wird Sie
drcken."--Damit schieden wir; noch einmal blickte ich um und sah in der
Gartenthr die krftige Gestalt, die eher auf einen Landmann deutete,
als auf einen der ersten geistigen Arbeiter der Nation.




VII.

Nord- und Ostseefahrten auf dem Flensburger Frachtdampfer "Mira".


A. Riga. Aus der livlndischen Schweiz. Von Riga nach der Insel
Walcheren. Middelburg. Bad Domburg.


1. Riga.

Wenn man sich Riga von Norden zu Schiff nhert, so sieht man zuerst
einige Trme aus dem Wasser aufsteigen, darunter den Petriturm, den
hchsten in Ruland. Von den Ufern gewahrt man zunchst nichts, denn sie
sind flach. Allmhlich treten sie hervor; man bemerkt jetzt, da sie mit
Kiefern bewachsen sind, zwischen denen hie und da gelber Sand
hervorschimmert. Wo die Dna in den Rigaischen Meerbusen mndet, liegt
die Festung Dnamnde mit Leuchtturm und Kirche; Riga selber erreicht
man erst nach zweistndiger Dampferfahrt fluaufwrts.

Die Stadt hat etwa 300000 Einwohner, von denen die Hlfte Deutsche, ein
Viertel Letten und ein Viertel Russen sind. Die Umgangssprache ist
durchaus deutsch; alle Gebildeten sind Deutsche, die ganze
Kaufmannschaft, die Brse.[6] Die Straen- und Firmenschilder mssen
auer deutsch auch russisch abgefat sein. Die Stadt liegt fast ganz auf
dem rechten Dnaufer, das mit der Mitauer Vorstadt durch mehrere Brcken
verbunden ist. Um die Altstadt zieht sich im Halbkreise der Stadtkanal,
mit schnen Anlagen versehen, in denen sich das Stadtheater erhebt. Aus
der Zahl der berhmten Mnner, die an demselben dauernd gewirkt haben,
seien nur Richard Wagner und Karl Holtei genannt; ersterer war hier
Kapellmeister in den 30er Jahren. An die Altstadt schlieen sich die
viel ausgedehnteren neuen Stadtteile an: der Moskauer und der
Petersburger. Die Straen hneln denen aller neueren Stdte, sind breit
und schn, bieten aber nicht viel Bemerkenswertes. Erwhnt seien die
prchtige griechisch-katholische Kathedrale mit sechs vergoldeten
Kuppeln und die neue, zierliche Gertrudkirche in gotischem Stil. An der
alten Kirche, die 1812 durch Feuer zerstrt wurde, hat unser Herder in
den Jahren 1764-69 als Prediger gewirkt. Er nennt selbst diese Jahre die
glcklichsten seines Lebens. Ein Denkmal des Dichters befindet sich auf
dem Domplatz.

Die Altstadt hat viele durch ihre altertmliche Bauart hervorragende
Huser. Das lteste derselben ist das Haus der _schwarzen Hupter_,
1330-34 erbaut. Die Gesellschaft der schwarzen Hupter, im Mittelalter
gegrndet, besteht jetzt noch und zhlt eine Anzahl der reichsten
Kaufleute unter ihren Mitgliedern. Der Name rhrt daher, da sie den
schwarzen Kopf des heiligen Mauritius in ihrem Wappen fhrt. Sie besitzt
einen kostbaren Silberschatz, der auch knstlerisch wertvolle Stcke
enthlt; Tafelaufstze, Humpen, Prunkschsseln vom 16. Jahrhundert an.
Das _Ritterhaus_ gehrt der livlndischen Ritterschaft; die _Groe
Gilde_ dient den Kaufleuten als Versammlungslokal, die _St.
Johannisgilde_ den Handwerkern. Alle diese Gebude enthalten prchtige
Sle und manche Erinnerungen aus alter Zeit und sie zeugen von der
Bedeutung der drei Stnde in Riga: des Adels, des Handelsstandes und des
Handwerks.

Um die Zeit, als Kaiser Barbarossa seine Rmerzge unternahm und
Heinrich der Lwe im Norden des Reiches schaltete, da trieb es die
Deutschen schsischen Stammes mchtig nach dem Osten. Ueber Wisby auf
Gotland gelangten deutsche Kaufleute schon im 12. Jahrhundert in die
Mndung der Dna, wo sie mit den Eingeborenen Tauschhandel trieben.
Ihren Spuren folgten missionierende Priester; einer von ihnen, Bischof
Albert, kann als eigentlicher Grnder Rigas angesehen werden (1201). Zum
Schutze der neuen Kolonie rief dieser die Schwertbrderorden ins Leben.
Dank der gnstigen Lage, der Fruchtbarkeit des Landes und der
Zugehrigkeit der Stadt zum Hansabunde entwickelte sie sich schnell.
Nachdem der Orden der Schwertbrder mit dem der Deutschherren in Preuen
vereinigt war, brachen Kmpfe aus zwischen den Rittern und den
Bischfen, in denen bald diese bald jene siegreich blieben. Unter dem
Ordensmeister Wolter von Plettenberg wandte sich Riga als erste der
livlndischen Stdte der Reformation zu; 1541 trat es dem
Schmalkaldischen Bunde bei. Bald darauf kam Livland unter polnische
Herrschaft und 1582 verlor auch Riga seine Reichsfreiheit. Die Russen
versuchen jetzt alles, um die Stadt russisch zu machen; doch drfte es
noch lange dauern, bis die deutsche Sprache und deutsche Gesinnung der
Rigaer ausgerottet sein wird.

Sehr wichtig ist Riga als Holzhandelsplatz. Viele deutsche, englische,
dnische und andere Schiffe kommen alljhrlich und holen hunderttausende
von Stmmen, Balken und Planken, die meist nach dem holzarmen Holland
gehen. Das Holz wird in den Gebieten der mittleren und oberen Dna
geschlagen und hinunter geflt. Der Strom ist von Riga bis zur Mndung
zum groen Teil mit Holz bedeckt; bisweilen haben die Schiffe Mhe, sich
hindurchzuwinden. Die Fle werden durch kleine Dampfer an die
Schiffsseite geschoben, mit einem sogen. "Schutzgarten" umgeben, der aus
Stmmen besteht, die mit Ketten verbunden sind. Aus dem Wasser wird das
Holz durch Winden direkt in den Schiffsraum gehoben. Diese Arbeit
besorgen nur Letten, die darin eine auerordentliche Gewandtheit
besitzen. Sie arbeiten von frh bis spt; nachts legen sie sich zum
Schlaf auf das nasse Holz nieder. Wenn ihre Arbeit beendigt ist, so
stellen sie sich auf das Vorderdeck und rufen dreimal: hip, hip, hurra!
weil sie glauben, da sonst das Schiff seinen Bestimmungsort nicht
glcklich erreicht. Dann passieren sie an der Kche vorbei, wo jeder vom
Koch einen Schnaps erhlt. Ihren Lohn, der gar nicht gering ist,
vertrinken sie gewhnlich in wenigen Tagen, um dann die Arbeit auf einem
andern Schiff von neuem zu beginnen.


2. Aus der livlndischen Schweiz.

Im Laufe der Jahre macht man wohl oder bel die Bekanntschaft mit einer
Anzahl "Schweizen". So hatte auch ich allmhlich auer der eigentlichen
Schweiz noch die schsische, die mrkische, die altmrkische, die
holsteinische ber mich ergehen lassen. Nun sollte ich auch noch
die--livlndische zu sehen bekommen! Ich bekenne, da meine
geographischen Kenntnisse mir bisher nicht erlaubten, mir irgend welche
Vorstellungen ber diese Gegend zu machen; ja, ihr Dasein war mir vllig
verborgen geblieben. Ich frchte, manchem der verehrten Leser und
Leserinnen wird es nicht anders gehen. Nachdem ich sie aber besucht
habe, kann ich nicht umhin, meine Befriedigung ber das Geschaute
auszudrcken und dem Leser, wenn er in jene Gegend kommen sollte, zu
empfehlen, den Besuch nicht zu versumen. Freilich, wen fhrt sein Weg
nach Riga? Sind doch, abgesehen von der Entfernung, die politischen
Verhltnisse in den Ostseeprovinzen nicht gerade verlockend fr
Reichsdeutsche.

Unser Geschftsfreund, Herr Frisk, ein Norweger, stellte uns eine
Reiseroute zusammen, und am Morgen des nchsten Tages--es war ein
schner, sonniger Sonntag--begaben wir uns nach dem Dnaburger Bahnhof.
Vor dem Gebude erhebt sich eine prchtige Kapelle, errichtet aus Anla
der glcklichen Errettung des Zaren beim Eisenbahnunglck von Gurski.

Die Fahrt ging langsam; sie dauerte fast zwei Stunden bis nach Segewold,
der Eintrittsstation in die Schweiz. Ein mit uns reisender Deutschrusse
versicherte uns, da nicht alle Zge in Ruland so gemtlich fhren. Die
Fahrt ging meist durch Kieferwlder, die abscheuliche Spuren von Brand
an sich trugen; alles war versengt; ein klglicher Anblick. Der
Deutschrusse belehrte uns, da dies von den Lokomotiven herrhre, die
mit Holz heizten und bisher keine Funkenfnger gehabt hatten; das Uebel
sei jetzt aber abgestellt.

In Segewold angekommen, sahen wir uns nach den Droschken um, von denen
wir, nach dem Rat unseres Freundes, eine fr den Tag mieten sollten. Es
waren jedoch keine zu sehen; nur eine ganze Reihe einspnniger Wagen,
die aus einem Gestell mit einem Brett darauf bestanden, waren in Reih
und Glied vor dem Bahnhof aufgepflanzt. Whrend wir zgernd dann
vorbeischritten, traten mehrere der Kutscher auf uns zu und luden uns
ein zum Aufsitzen; jetzt dmmerte uns ein Licht auf; das waren die
Segewolder Droschken! Reit- oder Liniendroschken nennt man diese Art
Befrderungsmittel, die auf dem Lande allgemein blich sind. Man sitzt
entweder wie zu Pferde oder auch seitwrts, wobei man sich an eine
primitive Lehne, ein Brett, anlegen kann, whrend die Fe auf einem
zweiten Brett ruhen. Man hat anfangs genug zu thun, sich recht
festzuhalten; denn der Wagen fhrt hart. Er bietet brigens Platz fr
3-4 Personen.

Nachdem wir einen Kutscher gewhlt hatten, der gut deutsch sprach,
wurden wir handelseinig, da er uns fr 2-1/2 Rubel berall hinfahren
sollte, und wir lieen uns nicht von einem andern abspenstig machen, der
uns dieselbe Leistung fr zwei Rubel anbot.

Die livlndische Schweiz ist eine hgelige, reich bewaldete Gegend,
durchflossen von der livlndischen Aa, die in den Rigaischen Meerbusen
mndet. Der Wald besteht nicht aus _einer_ Baumart vorwiegend, sondern
aus vielen, wodurch reiche Abwechselung und im Herbst die bunteste
Frbung hervorgerufen wird. Drei Schloruinen, auf hohem Ufer gelegen,
zeugen von der Macht der deutschen Ordensritter; es sind die Burgen
Kremon, Treiden und Segewold. Von den Schlogrten geniet man Ausblicke
in das liebliche Aathal mit seinen grnen Wiesen und dem sich
hinschlngelnden Flusse. Stellenweise tritt Sandstein zu Tage, der so
weich ist, da man mit dem Fingernagel darin schreiben kann. Die
Gutmannshhle, die aus solchem Sandstein besteht, ist mit Tausenden von
Inschriften bedeckt, darunter folgende:

  Den Namen schreibt in das Gestein,
  Die Heimatslieb ins Herz hinein!

Eine andere, weniger ideale Inschrift lautet:

  Ach alles ist vernderlich,
  Das Muschen wird zur Ratz,
  Was frher hbsch Gesichtchen war,
  Wird doch zuletzt zur Fratz.

Auf dem Wege nach Schlo Treiden liegt ein winziges Kirchlein. Die Thr
stand offen und die Klnge der Orgel und des Gesanges drangen hinaus in
die warme Sommerluft. Es war eine protestantische, lettische Kirche, in
der einmal jhrlich deutsch gepredigt wird.

Eine ausfhrlichere Beschreibung dieses schnen Fleckchens Erde wrde
den mir zugemessenen Raum berschreiten.


3. Von Riga nach der Insel Walcheren.

Nachdem wir unser Schiff tchtig voll Holz geladen, gingen wir die Dna
hinab seewrts und erreichte ohne besondere Zwischenflle nach 3 Tagen
Skagen, jene Stelle, wo Nord- und Ostsee sich scheiden. Die Ostsee hatte
ich in gutem Andenken, denn auer einem Gewitter, das uns Nachts
zwischen 12 und 2 im Sunde berraschte, hatte sie uns nur gutes erleben
lassen. Anders die Nordsee. Sobald wir Skagen passiert hatten, ging das
Schaukeln los und hrte bis Holland, also 3 volle Tage, nicht wieder
auf. Der Wind blies aus Sdwest, also gerade gegen unseren Kurs, soda
das Schiff, nach meiner Meinung, frchterlich stampfte. Stampfen oder
Jumpen nennt man die Bewegung in der Richtung der Kiellinie, Rollen oder
Schlingern die Bewegung von Steuerbord und Backbord und umgekehrt (also
die seitliche Bewegung). Welche von beiden Bewegungen unangenehmer
ist--ich vermag es nicht zu sagen; auf der Rckreise, von Schottland
nach Skagen, geno ich 2 Tage lang das Schlingern reichlich und trage
danach ebenso wenig Verlangen, wie nach dem Stampfen.--Jede Minute nahm
das Schiff Wasser ber, das bis auf die Kommando-Brcke, ja bisweilen
ber den Schornstein spritzte, der ganz wei wurde von dem Salz, das
daran haften blieb.

Die Groartigkeit des Schauspiels der heranrollenden blauen Wogen mit
den weien Kmmen, die an dem tief sich hineinbohrenden Bug zerschellen
und fortwhrend kleine Regenbogen bilden--das zu schildern steht nicht
in meiner Macht. Vllig genieen kann man das Schauspiel meist um
deswillen nicht, weil man sich nicht recht behaglich dabei fhlt, was
doch unbedingte Voraussetzung bei stthetischen Genssen ist.
Eigentlich seekrank war ich nur 24 Stunden. Da sa ich (oder lag
vielmehr) kummervoll auf meinem Bette und hielt mich fest, whrend mein
Magen sich umkehren wollte. Der Kapitn sprach mir Mut zu und wollte
mich auch zum Essen anhalten; dagegen hatte ich jedoch einen nur zu
begreiflichen Widerwillen.

Am Dienstag Abend nherten wir uns, einen Lotsen suchend, der
Scheldemndung. Ohne Lotsen die Einfahrt zu versuchen, wre strflicher
Leichtsinn gewesen; aber woher einen nehmen? Der Wind hatte noch nicht
abgeflaut; die Nacht war im Anzuge. Endlich erschien in der Ferne ein
Lotsenkutter; wir hiten die Flagge am Fockmast und der Kutter setzte
ein Boot aus, das, einer Nuschale gleich, zu uns herbertanzte, bald
hoch auf einer Welle balancierend, bald in einem Wellenthal
verschwindend. Pltzlich lie mein Kapitn die Flagge fallen; er hatte
bemerkt, da es ein belgischer, kein hollndischer Lotse war, und als
praktischer Mann konnte er jenen nicht brauchen. Wer nmlich in einen
hollndischen Hafen mit einem belgischen Lotsen einluft, hat auer an
diesen auch an jenen zu bezahlen, whrend es einem freisteht, ohne jede
Erhhung in einen belgischen Hafen sich durch einen Hollnder fhren zu
lassen. Die Kosten belaufen sich auf ber 100 Gulden, von denen der
Lotse etwa 40% an den Staat zu geben hat; das brige ist sein Verdienst.

Das Boot des Belgiers lenkte zum Kutter zurck und wir suchten weiter.
Nach lngerem Leiden stieen wir endlich auf einen Hollnder, der uns in
dreistndiger Arbeit auf die Reede von Vlissingen brachte, wo wir um
Mitternacht ankamen und bis zum nchsten Morgen ankerten. Da wir aus
einem choleraverdchtigen Hafen (Riga) kamen, muten wir die gelbe
Flagge aufziehen, worauf ein Arzt an Bord kam, dem wir die Zunge
herausstrecken muten. Dann fuhren wir durch die Schleuse den Kanal
hinauf, der mitten durch die Insel Walcheren geht und an dem, etwa
halbwegs, Middelburg liegt.


4. Middelburg.

Gedenke ich Deiner, mein liebes Middelburg, so steigen vor meinem Auge
gar freundliche und friedsame Bilder auf. Deine Huser sind so blank,
Deine Straen so sauber und nett, da es eine Lust ist darin zu
spazieren und in die mchtigen Fenster hineinzuschauen, hinter denen die
hollndischen Frauen zchtiglich sitzen bei ihrer Handarbeit. Deine
Einwohner sind gutmtig und von entgegenkommender Art, manche ziehen
sogar den Hut oder nicken dem Fremden zu. Wenn ich mit meinem lieben
"Kapteihn" so dahin pilgerte, hrte ich wohl, wie sie sich zuflsterten:
Die sind von dem groen Dampfer! Denn die Ankunft unserer "Mira" war
frwahr ein Ereignis in Middelburg; das kommt nicht jeden Monat, ja
vielleicht kaum einmal im Jahre vor. Auer uns lag nur noch eine
norwegische Bark und ein dnischer Schoner im Kanal, die beide, gleich
uns, Holz gebracht hatten; daraus bestand die ganze Schifffahrt. Traten
wir in einen Gemse- oder Fleischladen, um Einkufe zu machen, so sagte
der Kapitn nur: Schicken Sie es nach dem Dampfer! und die Leute wuten
Bescheid. Und als ich einmal in die Irre gegangen war, fragte ich einen
Herrn, wo der Weg nach dem Dampfer sei, und er wies mich ohne Weiteres
zurecht.

Aber fielen wir den Middelburger auf, so machten wir doch noch grere
Augen ber diese. Ich will nicht reden von den Mnnern mit ihren
glattgestrichenen und angeklebten Haaren und ihren rauhen schwarzen
Hten, die aussahen, als htten sie 4 Wochen im Schornstein gehangen;
aber die Mdchen und Frauen haben aus frheren Jahrhunderten eine
eigenartige Tracht in unsere prosaische Zeit hinber gerettet. Goldene
Spangen ragen aus feingeflochtenen Strohhten hervor, und an jeder Seite
an den Schlfen endigen sie entweder in 4 eckige Platten, oder in
Spiralen, oder in Kleebltter, an denen oft Geschmeide mit Perlen und
Edelsteinen besetzt hngen; alles eitel Gold, nichts Falsches. Das
einfachste Dienstmdchen wrde sich schmen, unechten Schmuck zu tragen,
und manche legt wohl ihr ganzes Vermgen in solchen Kleinoden an.
Uebrigens schwindet in der Stadt selbst die Tracht mehr und mehr, und
hauptschlich die Landbewohner und -bewohnerinnen prangen noch darin.

Vor vielen Husern befinden sich, mit eisernen Gittern eingefat,
zierliche Vorgrten, in denen nur--die Blumen fehlen! Statt dessen sind
sie mit glatten Steinplatten ausgelegt. Sonderbarer Geschmack das! Doch
bilden sie einen wirksamen Schutz fr die Erdgeschowohnungen gegen die
allzuneugierigen Augen Fremder und Einheimischer. Manche der Huser
tragen Namen, die weniger von dem poetischen Sinn der Besitzer als
vielmehr von ihrer praktischen Geistesrichtung zeugen: eins heit "Zu
den drei Giekannen", ein anderes "In de dry Teertonnen". Auch in
Middelburg scheinen aller guten Dinge drei.

Da die Kirmes grade begonnen hatte, so herrschte ein besonders reges
Leben auf Straen und Pltzen. Voller Buden stand der Markt, und das
herrliche gothische Rathaus, das Karl der Khne erbaut hat, schaute
verwundert auf all das ungewohnte Treiben herab, das er wohl nur einmal
im Jahre zu sehen bekommt. Durch all das Getmmel und Marktgewhl drang
bisweilen ein Stck von einer Melodie. Man wei nicht recht, woher sie
kommt, unwillkrlich schaut man hinauf, denn aus den Lften herab tnt
sie, und je mehr man sich dem "langen Jan" nhert, dem Hauptkirchturm
der Stadt, um so klarer wird es einem: daher kommt sie. Wir stiegen die
dreihundert und soviel Stufen hinauf, um das Glockenspiel, das grte in
Holland, zu besehen. Da hingen die 48 Glocken und gerade fing es an
lebendig um uns zu werden und es erklang das Lied: Das ist im Leben
hlich eingerichtet, da bei den Rosen gleich die Dornen stehn.

Tief unter uns lag die Stadt, weit schweifte der Blick ber die reiche
grne Insel, deren goldenes Herz Middelburg bildet. Am Horizonte ragten
die mchtigen Dnen, die die Insel umarmen und gegen die wild herein
strmende Nordsee schtzen. Jetzt schlug es dreiviertel, und: Ich wei
nicht was soll es bedeuten! erklang es. Auf all die traurigen Lieder
folgte aber um die volle Stunde: Freut Euch des Lebens! War das nicht
vernnftig eingerichtet vom Knstler des Uhrwerks?

Undankbar wre es, wenn ich _sie_ vergessen wollte, die uns so manches
Angenehme gespendet hat--die Mnchener Bierstube des Herrn Heling,
eines Friesen. Da sitzt man bei offener Thr und schaut bald auf die
Strae und ihren Verkehr, bald in den mchtigen Humpen; als der gute
Heling merkte, welchen Durst wir mitbrachten, setzte er uns Literkrge
vor. Als mildernden Umstand mag der Leser in Betracht ziehen, da wir 6
Tage keinen Tropfen Bier gekriegt hatten; da mundete das
Franziskanerbru vortrefflich. In Schottland, wo es mit den
Kneipverhltnissen bekanntlich ganz elend aussieht, wnschten wir
manchmal unsern Freund Heling herbei, aber leider vergebens.


5. Bad Domburg

Ostende ist furchtbar schn, sagte der zweite Steuermann, ich bin an
vielen Pltzen in der ganzen Welt gewesen, aber Ostende ist furchtbar
schn. Leider erlaubte meine Zeit und die schlechte Verbindung es damals
nicht, dieses groartigste aller Nordseebder aufzusuchen, ich begngte
mich dehalb, dem bescheideneren Domburg einen Besuch zu machen. Es
gelang mir, auf dem Omnibus einen von den 3 Pltzen im Freien hinter dem
Kutscher zu erobern; zwei Damen, eine ltere und eine jngere, stiegen
mit hinauf, und der Zufall setzte die jngere, die flieend Deutsch
sprach, neben mich. Aus der Stadt gings hinaus auf die Klinkerchaussee,
die zu beiden Seiten von weidenbepflanzten Grben eingefat ist. Das
Land gleicht einem Garten, d.h. einem Gemsegarten; berall die
verschiedensten Gemse, auch Getreide; kein Fleckchen ist unbebaut; hie
und da auch Wiesenland mit grasenden Pferden und bunten Khen. Das Land
ist durchweg flach, und man wrde wohl die ganze Insel berschauen
knnen, hinderten nicht die vielen Hecken, Bume und Bsche die
Fernsicht. Wir passierten mehrere Drfer, die alle einen netten,
sauberen Eindruck machten, was sich in Holland von selbst versteht; die
Leute, die uns begegneten, grten alle. Ein mchtiges steinernes Thor,
das am Wege aufragte, erregte meine Aufmerksamkeit. Da war frher ein
Schlo, belehrte mich meine Nachbarin, das hat man abgebrochen, weil die
Leute jetzt nicht mehr so reich sind; nur die Einfahrt hat man stehen
lassen.--Wir passierten noch mehrere solche Thore, doch auch
einige Schlsser, in Parks gelegen und von breiten Grben und
undurchdringlichen Hecken umgeben; am Eingange standen die Namen, z.B.
Ipenoord, Schoonoord.

Nach 1-1/2stndiger Fahrt nherten wir uns Domburg. Wir fuhren an
einigen Villen vorbei, darunter auch der des Massagearztes Dr. Metzger,
eine andere hie nach Carmen Sylva, die hier einige Sommerwochen
zugebracht hat. Vom Meere trennte uns noch die Dne; nur ein dumpfes
Brausen verkndete seine Nhe. Ich stieg den Abhang hinauf zu dem
Badepavillon und wandte den Blick absichtlich seitwrts, um ihn erst
dann zu heben, wenn sich das Meer in seiner ganzen Pracht zeigte. Jetzt
war ich oben; da lag sie vor mir, die gewaltige grne Masse mit den
weien Schaumkmmen! Gegen den Strand rollten die langen Wogen, als
wollten sie ihn verschlingen. Pallissadenreihen, in gleichmigen
Abstnden hineingebaut, schtzen ihn. Drauen an der Kimme (zu deutsch
Horizont) ging ein groer Dampfer hin, dem ich mit einem eigentmlichen
Gefhle nachschaute; dort hatten wir vor wenigen Tagen in strmischer
Nacht auch geschaukelt, getanzt, getaumelt. Ich kletterte in den Dnen
umher, die in betrchtlicher Hhe (wohl bis 100 Fu) die Insel
umkrnzen. Von hier aus erweitert sich der Blick auf das Meer, zugleich
aber bersieht man die Insel Walcheren mit ihren Wiesen und Feldern, aus
denen Drfer und Kirchtrme heraus schauen, bis nach Middelburg, Veere
und dem Dorfe Westkapelle mit seinen beiden Leuchttrmen. Im Dnensande
lagen behaglich Dorfkinder und Badegste und genossen das Dolce far
niente; einige Damen lasen in Goldschnittbchern.

An der Mittagstafel sa ich neben einem Hollnder aus Dordrecht, mit dem
ich mich nur franzsisch unterhalten konnte, das Deutsche war ihm wenig
gelufig, ein neuer Beweis (wenn es deren bedrfte), wie die Germanen
vor dem Romanentum sich noch immer beugen. Wir machten nach Tische einen
Spaziergang durch die s.g. Manteling, das ist eine Waldpromenade
innerhalb der Dnen. Hier alles grn, mit lauschigen Pltzchen, bunten
Blumen und zwitschernden Vgeln; nichts erinnert an die Nhe der
Nordsee; ein paar Schritt hinauf, und das Auge sieht nur die Sand- und
Wasserwste.

Sehr befriedigt kehrte ich am Abend nach Middelburg zurck.


B. Von Korsr nach Haparanda.

"Wer kein Schiff hat, hat keine Heimat", pflegte unser Schiffskoch, der
originelle Deutschrusse Gottlieb Knstler, zu sagen. Nun, ich hatte ein
Schiff, und somit auch, nach dieser Ansicht, eine Heimat, der ich
wenigstens fr einige Wochen treu blieb. Es war dasselbe Schiff, das
mich schon im vorigen Jahre in der Ost- und Nordsee herumgetragen hatte,
und dessen Kapitn, mein liebenswrdiger Freund Brink, mich auch diesen
Sommer wieder mitnahm. Die "Mira", ein Dampfer von 210' Lnge und 1200
t, hatte Kohlen von Newcastle nach Korsr gebracht und sollte nun nach
dem nrdlichsten Punkte der Ostsee hinaufdampfen, um von dort Balken
nach Harlingen (Holland) zu bringen. Wider Erwarten frh, konnte das
Schiff schon am 17. Juli klar zum Abfahren gemacht werden. Kurz vorher
hatten der Kapitn und ich noch einen Passagier aus dem Kopenhagener
Zuge abgeholt, einen jungen Studenten der Rechte, der die Reise, seine
erste Seereise, mitmachen wollte.

Es wehte eine ziemlich starke Brise aus Sdwest, und die Wogen schlugen,
hoch aufspritzend, an das Bollwerk. Das Schiff stampfte jedoch nur
mig, bis sich am Abend der Wind ganz legte und wir ruhig dahinglitten.
Hinter uns verschwanden bald die roten Dcher von Korsr; rechts fhren
wir an der langen, hgeligen Insel Langeland hin, whrend links, etwas
weiter, Laaland liegen blieb. Gegen Abend nderten wir den Kurs und
fuhren nach Osten, in den nchsten Tagen dagegen im allgemeinen nach
Nordosten. Das Leuchtfeuer von Gjedser erschien links vor uns; in weiter
Ferne rechts konnten wir ein Feuer bei Wismar erblicken. Whrend wir auf
dieser Strecke wenig Schiffen begegneten, waren wir am nchsten Tage
ganz von Schonern, Briggs, Barks und auch einzelnen Dampfern umgeben.
Rechts tauchten die hohen Felsufer von Bornholm auf, links dmmerte die
schwedische Kste. Es war ein prchtiger Morgen; die leichten
Schaumkronen leuchteten rosig in der Sonne, und im Sdwesten spannte
sich ein Regenbogen, allmlig immer strker werdend und mit beiden Enden
das Wasser berhrend, aus. Besonders schn nahm sich eine Bark mit
schwanweien Segeln aus, die eine Zeit lang so unter dem Bogen schwamm,
da er sie wie ein Rahmen umschlo.

Wir fuhren an der langgestreckten Insel Oeland und whrend der Nacht an
Gotland vorber, das rechts liegen blieb. Am 19. Juli war dasselbe
prchtige warme Wetter. Einige Stunden westlich lag Stockholm.

Bei der langgestreckten, sanft ansteigenden, bewaldeten Insel Brem
verminderten wir die Fahrgeschwindigkeit, um dreiig schwedische
Arbeiter zu erwarten, die uns von Sundsvall aus zugeschickt werden und
mit nach Haparanda zum Holzladen gehen sollten. Allein kein Dampfer lie
sich sehen. So beschlo denn der Kapitn nach Sundsvall hineinzufahren,
in der Hoffnung den Leuten zu begegnen und sie dann aufzunehmen. Langsam
ging es vorwrts, zwischen greren und kleineren, meist ziemlich hohen
Inseln hindurch, die sich koulissenartig neben- und hintereinander
schoben. Wo einmal der Wald fehlte, trat grauer Granit zu Tage; an einer
Stelle eine groe Flche, deren Vegetation durch einen Waldbrand
zerstrt worden war. Mehrere hbsche Ortschaften und Holzpltze blieben
links und rechts liegen. Als wir wieder um eine Ecke bogen, lag
Sundsvall vor uns, an und auf Hgeln halbkreisfrmig hingelagert, rings
von hheren Bergen umgeben--ein hchst anmutiger Anblick. Die Bucht
erscheint hier von allen Seiten geschlossen, im Osten durch die groe
Insel Aln. Zahlreiche einzeln liegende Huser und Villen lugen aus dem
Waldgrn hervor und bilden gewissermaen langhingestreckte Vororte der
eigentlichen Stadt. Mitten in dem Meerbusen ragt eine bewaldete Insel
mit Aussichtsturm hervor; zahlreiche kleine Passagierdampfer beleben das
reizende Bild. In weiterem Abstand von der Stadt berall massenhafte
Holzlager, vor denen eine Anzahl Segelschiffe halten, mit Laden
beschftigt. Sundsvall ist der grte Holzausfuhrplatz Schwedens; das
Holz wird die Indalself, die von Norden in die Bucht mndet,
hinabgeflt; unmittelbar bei Sundsvall mndet der Lungen.

Kann man die Stadt als eine der schnst _gelegenen_ Ostseestdte
bezeichnen, so mu sie zugleich auch eine der schnst _gebauten_ genannt
werden; ja man kann sagen, es giebt keine von hnlicher Kleinheit, die
annhernd so groartige Gebude, Straen und Pltze aufwiese. Im Jahre
1888 wurde das alte, ganz aus Holz gebaute Sundsvall ein Raub der
Flammen; aus der Asche erhob sich das neue, in dem man sich nach Berlin
oder Paris versetzt fhlen wrde, wenn nicht von allen Seiten das
prchtige Grn der Berge, Wlder und Wiesen hereinschaute.

Da wir durch die Zollrevision und die Ausnahme unserer dreiig Schweden
einen mehrstndigen, unfreiwilligen Aufenthalt bekamen, so benutzten wir
diesen, um uns an Land rudern zu lassen und einen, wenn auch nur
flchtigen Einblick in Sundsvalls Herrlichkeiten zu nehmen. Das Rathaus,
das Gymnasium, die hhere Mdchenschule, mehrere Banken und eine Anzahl
Privathuser wrden jeder Grostadt Ehre machen.

Wir besuchten mehrere Restaurants, die hbsch ausgestattet und mit
Sprchen versehen waren. Einer in altschwedischer Sprache lautete:

  Den som sviker i dryckjom, sviker ock i androm styckjom.
  (Wer im Trinken betrgt, betrgt auch in anderen Dingen).

Als wir an einem Barbierladen vorbeikamen, machte der Kapitn unserem
dnischen Studenten den Vorschlag, sich rasieren zu lassen. Obgleich
dessen Flaum des Messers kaum bentigte, willigte er sofort ein, als er
hrte, da dies Geschft von zarter Damenhand besorgt wrde, und wir
begleiteten ihn, um das Schauspiel mit anzusehen. Zwei Grazien waren
beschftigt, den Mnnern ihren Mannesschmuck zu rauben, eine dicke, die
Besitzerin, und eine dnne, die Beisitzerin. Letztere bemchtigte sich
unseres Freundes; als er fertig war und bezahlt hatte, sagten wir ihm,
er msse der Dame zum Schlu einen Ku geben. Dies geschah zu
beiderseitiger Zufriedenheit; die Hausherrin gestattete aber nur einen
Handku. Uebrigens wird die Rasierkunst in Schweden keineswegs allgemein
von Damen betrieben.

Mit angenehmen Eindrcken schieden wir von dem prchtigen,
sonnbeschienenen Sundsvall und seiner wundervollen Bucht, die beide in
der Welt viel zu wenig bekannt sind.

Die Fahrt ging an der schwedischen Kste weiter, deren niedrige, blaue
Berge schne Formen zeigen. Die finnische Kste bleibt gnzlich
versteckt; sie ist zu weit entfernt. Dem Nordpol so nahe, wird es
whrend der Nacht gar nicht dunkel. Die Magnetnadel zeigt eine ziemlich
starke Abweichung, was vielleicht den groen Eisenmassen in Schweden
zuzuschreiben ist. Das Wasser ist in diesem Teile der Ostsee s, was
durch die vielen Flsse bewirkt wird, die hier mnden. Schiffen begegnet
man fast gar nicht; einsam und verlassen liegt der mchtige Bottnische
Meerbusen da, dessen nrdlicher Teil vom Oktober bis Juni zugefroren
ist. Einmal glaubten wir zwar andere Fahrzeuge zu bemerken, aber das
war, wie sich spter herausstellte, eine Tuschung. Da es
charakteristisch dafr ist, wie leicht man sich auf See tuschen kann,
will ich etwas nher darauf eingehen.

Der Steuermann machte mich auf ein paar Segler aufmerksam, die in weiter
Ferne vor uns auftauchten. Ich nahm das Glas und zhlte drei. Bald aber
wurden es mehr, soda ich nahe bei einander neun Segler und einen
Dampfer zu zhlen glaubte. Als wir aber nher kamen, meinte der
Steuermann, es wren wohl nur einige Schiffe; die brigen Erhhungen
dagegen seien Land, das er in jener Richtung erwartete. Je nher wir
kamen, um so deutlicher zeigte sich, da kein einziges Schiff da war;
was wir gesehen hatten, war vielmehr die Insel Malren, die sdlichste
der nach Hunderten zhlenden Scheeren, die vor Haparanda liegen.
Allmlig erkannte man deutlich die kleine, flache, graugelbe Insel mit
mehreren Gebuden, unter denen eine plumpe Fischerkapelle und ein
kegelfrmiger Leuchtturm hervorragten; drei Bume machten den schwachen
Versuch, ihr Dasein zu fristen. Nachdem wir die Flagge gehit hatten,
zum Zeichen, da wir einen Lotsen wnschten, lste sich ein Ruderboot
vom Ufer und steuerte auf uns los. Bald darauf stand der Lotse auf der
Kommandobrcke und fhrte unser Schiff durch die vielen, meist
dichtbewaldeten Scheeren um die grere Insel Seskar herum. In einer
der nrdlichen Buchten dieser Insel lag unser Holz bereits im Wasser;
dort also rasselten unsere Anker nieder, und wir befinden uns nun
zwischen den mit Birken und Fichten bewachsenen Inseln in einer ganz
einsamen, idyllischen Gegend. In der Ferne sieht man einen blauen
Streifen; das ist das Festland, wo Haparanda liegt und wohin wir morgen
mit einem kleinen Dampfer fahren wollen. Die Reise von Korsr nach hier
(gegen 1900 Kilometer) haben wir in etwa 100 Stunden beendigt.

Um sofort mit dem Laden beginnen zu knnen, mute der Kapitn so schnell
als mglich nach Haparanda zum Zollamt. Da ein Passagierdampfer aber
erst Abends um 7 fuhr, wurde ein Dampfer, der sonst zum Schleppen von
Flen dient, gemietet. Morgens um 1/2 7 Uhr fuhren wir mit diesem nach
Haparanda, wo wir um 1/2 9 ankamen. Ein Fremder htte den Weg durch die
vielen Scheeren wohl kaum gefunden, besonders da seichte Stellen die
Passage noch schwieriger machen. Die Landschaft erinnert an die des
mittleren Mississippi; derselbe breite Wasserspiegel mit unzhligen,
schwimmenden Wldern; diesen Eindruck machen die meist flachen, ganz mit
Wald bedeckten Inseln.--Schon von ferne fielen uns zwei Trme auf, zu
denen sich bald ein dritter gesellte; es waren die Kirchen von Haparanda
und dem gegenber liegenden finnischen Stdtchen Tornea; die Torneelf
trennt beide. Haparanda besteht durchweg aus sauberen, einstckigen, mit
verschiedenen Farben gestrichenen Holzhusern; ein zweistckiges Gebude
sieht man selten. Die ziemlich breiten Straen kreuzen sich
rechtwinklig; sie sind ungepflastert, aber sauber und sandig; hier und
da, namentlich zur Seite, wchst Gras. Hervorragende Gebude sind nicht
vorhanden; den Lden, die wegen des Sonntages geschlossen waren, sah man
ihre Drftigkeit doch an. Die Einwohnerzahl Haparandas betrgt etwa
1500. Im Telegraphenamt befindet sich zugleich die meteorologische
Station, durch die das Stdtchen einigermaen in der Welt bekannt ist.
Whrend der Kapitn seine Zollgeschfte besorgte, schrieb ich in dem
Zimmer der Post eine Anzahl Karten, und unser dnische Student kaufte
sich Benzin in der Apotheke, um Fettflecke zu vertreiben. Er hatte aber
Pech damit; denn als die Hose wieder sauber aussah, schttete ihm nach
einigen Stunden eine Kellnerin einen Topf voll Rahm darauf.

Schon nach 1-1/2 Stunden beschlossen wir, da gerade ein Passagierdampfer
fuhr, nach unserm Ankerplatz zurckzufahren und Haparanda spter noch
einmal zu besuchen. Der Passagierdampfer, der an Wochentagen den Verkehr
zwischen Haparanda und Lulea besorgt und an Sonntagen Extrafahrten zu
machen scheint, war erst vor einem Monat aus einer Stockholmer Werft
hervorgegangen und zeichnete sich durch eine etwas fadenscheinige
Eleganz aus.

Um 10 Uhr wurde das Frhstck aufgetragen, das nach schwedischer Sitte
mit den auf einem Seitentisch servirten "Smrgods" begann. Ich zhlte 16
verschiedene Schelchen, darunter Renntierschinken. Eine merkwrdige
Einrichtung traf ich hier, die mir noch nirgends begegnet war; der
Appetit des mnnlichen Geschlechts wurde ohne Weiteres ber den des
weiblichen geschtzt und demgem hher besteuert. Also:

  Frukost fr Herre     1,25
     "     "  Dam       1,--

So ging es auf der Speisekarte weiter mit Mittag- und Abendessen; immer
mit Preisunterschied fr Herren und Damen.

Um Mittag kamen wir wieder auf der Insel Seskar, unserm Landungsplatz,
an. Seskar dient den Haparandaern als Ausflugsort, wie die stattliche
Anzahl von Passagieren bewies, die, sonntglich gekleidet, das Schiff
fllten. Es sollen sich sogar 80 "Sommerfrischler" auf der groen Insel
aufhalten, die in ungestrtester Einsamkeit den kurzen Sommer genieen.
Einwohner zhlt Seskar 50, wenn wir recht berichtet sind, darunter mehr
Finnen als Schweden. Diese Insel etwas kennen zu lernen, war unser
nchstes Ziel, und wir begannen sie alsbald zu durchstreifen. Die Kreuz
und Quer fhren Wege durch den Wald, dessen hgeliger Boden durch
zahlreiche groe Steine und Felsblcke noch unebener wir. Die
Bume--Nadelhlzer und Birken--sind meist niedrig; grere Exemplare
trafen wir nicht. Darunter wuchern besonders Heidelbeeren, die gerade
reif waren. Vgel sahen wir wenig. Das Luten von Kuhglocken tnte
bisweilen durch die Stille und erinnerte an schnere Gegenden, wie
Thringen und die Schweiz. Auch eine Anzahl zahmer Renntiere soll auf
Seskar leben, doch bekamen wir keine zu Gesicht. Dagegen gelang es uns,
von einem Bauern eine Anzahl Geweihe zu kaufen, wovon die greren 1
Krone das Stck kosteten, die ganz kleinen 1/2 Kr. Bei einem anderen
Bauern sahen wir prchtige Renntier- und Brenfelle, doch verlangte der
Mann einen zu hohen Preis (25-50 Kr.) Mit den Frauen konnten wir uns
nicht immer verstndigen, weil sie kein Schwedisch sprechen, sondern nur
Finnisch.

Die Bauernhuser der Insel sind natrlich alle von Holz; dabei befinden
sich Stlle fr das Vieh und Gerste zum Trocknen des Getreides und
Heues; auch viele Schlitten sahen wir. Die Ziehbrunnen hatten mchtig
lange Querbalken; bei dem einen ging er ber eine Scheune hinweg.
Zwischen den Wldern waren hie und da Strecken fr den Feldbau gewonnen;
die Gerste und der Hafer standen zwar niedrig, aber doch ganz gut. Die
Gerste war meist reif, die Kartoffeln blhten.

Wundervoll sind die Nchte hier im Norden. Der Nordhimmel strahlte in
Gold, whrend im Osten die fast volle Mondscheibe aufstieg. Als wir
einst, auf der Kommandobrcke skatspielend, nach der Uhr sahen, war es
gegen 12, und dabei so hell wie um 8. Die Mannschaft lag in Ruhe, die
deutschen Lieder waren verklungen; der Haparandaer Dampfer hatte lngst
die Ausflgler zurckgebracht. Vllige Stille lag ber der eigenartigen
Landschaft; nur das Meer pltscherte leise gegen die Schiffsseite; die
dunklen Wogen waren ganz wie in Gold getaucht.

Schiffe kommen nur in geringer Zahl in diese Gegend. Wir bemerkten
einige Briggs und eine Bark, zwischen den Scheeren mit Holzladen
beschftigt; ein italienischer Schoner war, wie uns der Lotse erzhlte,
gezwungen, nach Umea in Quarantne zu gehen, weil er aus einem
cholera-infizierten Hafen (Petersburg) gekommen war. In der Seskarer
Bucht hatte noch nie ein Schiff geladen; die "Mira" war das erste, das
berhaupt diese Stelle befuhr; deshalb kannte der Lotse auch das
Fahrwasser nicht genau und fuhr sehr vorsichtig. Eigentliche Wirtshuser
giebt's nicht auf Seskar, nur zwei Speisehuser, in denen auch Bier
verschnkt wird. In eins derselben kehrten wir ein. Wir fanden ein
mchtig groes Zimmer, in dessen vier Ecken Fichtenbume gestellt waren,
die bis an die Decke reichten. Ein riesiger Ofen prangte auerdem in der
einen Ecke, auch ein Bett fehlte nicht in dem merkwrdigen "Salon". Das
Bier, das hier wie berall verschnkt wird, nennt sich Pilsener, ist
aber in Schweden gebraut.

Von unserm Ankerplatze aus sahen wir einige Huser und eine Sgemhle.
Ein Teil der Bucht war mit Balken bedeckt, die allmhlich zu uns heran
geschoben und dann mit Dampfwinden in den Raum gehoben wurden. Leute
mit langen Stangen, die mit eiserner Spitze beschlagen sind, stehen auf
den schwimmenden Balken und stoen sie ans Schiff heran. Es sind im
Ganzen etwa 4000 Balken, eigentlich Stmme, die nur der Rinde beraubt
sind und zwischen 15 und 30' Lnge haben; ein Stamm kostet
durchschnittlich 6 Mk., im Ganzen also 24000 Mk. Die Fracht dafr
betrgt etwa 12000 Mk. An Kohlen fat das Schiff ungefhr fr 12000 Mk.,
deren Befrderung etwa 6000 Mk. kostet. Bei diesen Waren betrgt die
Fracht also etwa 50 Prozent des Wertes.

Die Balken waren diesmal auerordentlich schwer, so da das Schiff
besonders tief ging, ohne da die Deckslast ber das Mittelma
hinausgegangen wre. Es wird nmlich nicht nur der eigentliche
Schiffsraum verwendet, sondern auch das Vorder- und Hinterdeck, und zwar
erhalten diese etwa 1/3 der Gesamtladung. Da die Schiffe nach dem
Kubikinhalt ihres Laderaumes Abgaben zahlen mssen, das Deck aber nicht
als zum "Raum" gehrig angesehen wird, so wird, auf diese Weise Geld
gespart.

Unser zweiter Ausflug nach Haparanda geschah hauptschlich, um das
Schiff auszuklariren, d.h. die Papiere beim Zollamt zu erlangen, die zum
Verlassen von Seskar ntig waren. Zugleich wurde telephonisch ein Lotse
fr Mittwoch Mittag bestellt; die Abreise verzgerte sich jedoch bis zum
Abend. Ferner wurden Brot und Eier gekauft und die Sehenswrdigkeiten
von Haparanda noch einmal in Augenschein genommen. Auf den Straen
zeigte sich nicht mehr Leben, als am Sonntag.

Auf einer sehr langen, primitiven Holzbrcke wanderten wir nun ber die
Torneelf hinber nach der finnischer Grenzstadt. Sie liegt auf einer
Insel, beginnt jedoch nach der schwedischen Seite landfest zu werden, so
da die Brcke mehr ber Sumpf und Wiese als ber Wasser fhrt. Die
Ueberschreitung kostete uns je 5 Oere beim Hin- und Zurckgehen. Im
Aussehen hnelt Tornea ganz Haparanda: Holzhuser und mit Sand bedeckte
Straen. Eigentlich hat Tornea nur eine lange Strae, in der sich einige
Lden befinden. Die Inschriften sind hier meist dreisprachig: russisch,
finnisch, schwedisch. In einer Buchhandlung, die wir zu unserm Erstaunen
sahen und in der schwedische, finnische und deutsche Litteratur vorrtig
war, fanden wir als Verkuferin ein junges Mdchen, eine Finnin, die
flieend deutsch sprach. Auf Befragen erklrte sie uns, da sie ein Jahr
in Deutschland in Pension gewesen (in Wolfenbttel), da sie aber nicht
ohne Vorkenntnisse des Deutschen dort hingegangen sei, da in den
finnischen Schulen Deutsch gelehrt werde.

Etwas nrdlich von Tornea liegt ein Hgel, Aavasaksa genannt, von dessen
Spitze man 14 Tage lang (8 Tage vor und 8 Tage nach dem 24. Juni) die
Mitternachtssonne sehen kann. Ein Pavillon krnt den Gipfel des Hgels.

Auer einer russischen Kirche mit den bekannten Zwiebelkuppeln giebt es
noch eine evangelische, deren Kirchhof wir besuchten. Er trgt Denkmler
mit schwedischen und finnischen Inschriften und ist mit Birken und
Eschen bepflanzt. Die Kirche hat einen sehr spitzen Thurm; in der Nhe
steht ein plumper Thurm, der die Glocke enthlt.

Der Boden um Tornea schien fruchtbar, die Wege waren mit Sand bestreut,
um bei nassem Wetter passierbar zu bleiben. Da die Kultur auch diesen
hohen Norden beleckt, davon zeugte ein Radfahrer, der uns in der
Hauptstrae begegnete.

Am Mittwoch, den 25. Juli, Abends 9 Uhr, lichteten wir den Anker und
befanden uns nach einigen Stunden auerhalb der Scheeren, wo uns der
Lotse verlie. Die Reise ging bei schnstem Wetter schnell von Statten.
Bei Sundsvall wurden die Schweden ausgeschifft. Spter bekamen wir etwas
Seegang, doch nicht so arg, da jemand seekrank geworden wre. Auf
meinen Wunsch steuerte der Kapitn ziemlich nahe an der Insel Gotland
vorbei, so da ich die altberhmte Hansastadt Wisby mit ihren vielen
Trmen und halbverfallenen Befestigungen sehen konnte.

Sonntag Abend liefen wir in den Sund ein, passierten um 2 Uhr nachts
Kopenhagen und lagen Montag frh 4 Uhr vor Helsingr. Hier lie ich
mich, da meine Zeit abgelaufen war, an Land setzen und fuhr ber
Kopenhagen nach Flensburg, wo ich Montag Abend eintraf.

Die vom schnsten Wetter begnstigte Reise hatte 14 Tage gedauert und
umfate im Ganzen etwa 4000 Kilometer.


C. Flensburg. Helsingr. Gent. Schottland.


1. Nach Helsingr.

Wie Iphigenie einst am Strand von Tauris sa, "das Land der Griechen mit
der Seele suchend", so sa auch ich am Strande, aber nicht von Tauris,
sondern von Seeland, und zwar suchte ich nicht Griechenland, sondern
blo Finnland, woher ich die "Mira" erwartete, die mich an Bord nehmen
sollte. Die Zeit wird einem bekanntlich lang, wenn man wartet, und
doppelt lang, wenn man so aufs Ungewisse wartet. Unter den Hunderten von
Schiffen, die tglich den Sund passieren, das richtige herausfinden, war
keine Kleinigkeit. Ich glaube, ich konnte dem alten Knaben aus Salas y
Gomez seine Qualen wenigstens en miniature nachfhlen. Der mir seit
Jahren befreundete Kapitn des Schiffes hatte ein Zeichen mit mir
verabredet, an dem ich die "Mira" erkennen sollte; er wollte mit der
Dampfpfeife einen langen Ton und zwei kurze geben. Da ich eine unruhige
Nacht hatte, lt sich denken. Schon um drei weckte mich ein Pfiff. Ich
sprang ans Fenster und sah ein Dampfschiff vorbeigleiten--"doch das eine
war es nicht". Kapitn Brink hatte mir die Stunde seiner Abfahrt von
Lappvik in Finnland nach Flensburg telegraphiert, und ich konnte danach
ziemlich genau berechnen, wann er Helsingr passieren mte: 60 Stunden
brauchte er bei normalem Wetter zu der Fahrt; das wre Sonntag frh um 6
Uhr gewesen. Um 5 Uhr stand ich auf und trank Kaffee. Im Hotel regte
sich auer dem Portier und dem Hausmdchen noch nichts. Von den breiten
Fenstern des Restaurants im Erdgescho konnte ich den belebten Sund, an
dessen schmalster Stelle Helsingr liegt, bersehen, auch Helsingborg
auf der schwedischen Seite. Als der Regen aufhrte, spazierte ich am
Ufer hin und her; herrlich von der Sonne beschienen lag die seelndische
Kste da; zur Linken drohte die finstere Kronburg, auf deren Terrasse
einst der Geist von Hamlets Vater die Wache in Schrecken setzte.
Allmhlich wurde es lebendig im Restaurant, Fremde gingen ab und zu,
dnische Offiziere tranken ihr Bier, lasen die "Fliegenden Bltter" und
plauderten. Ich las alles, dessen ich irgend habhaft werden konnte, vor
allem das Kopenhagener Adrebuch. In Verzweiflung fing ich an, die
Spalten mit den am hufigsten vorkommenden Namen zu zhlen, will aber
den Leser mit dem eingehenden Ergebnisse dieser wichtigen Statistik
nicht behelligen, sondern nur mitteilen, da Hansen 38 Spalten  84
Zeilen fllt (also 3192 Trger dieses Namens giebt es, wobei die Zahl
der etwaigen Familienmitglieder nicht bercksichtigt ist); demnchst
kommt Petersen (34 Spalten), Jensen (33 Spalten), Nielsen (31 Spalten),
Andersen (18 Spalten) &c. Da mu sich das Flensburger Adrebuch mit
seinen 12 Spalten Hansen und 12 Spalten Petersen verkriechen! Erwhnen
will ich doch, da der berhmte Ibsen 1-1/2 Spalten Namensvettern hat,
von denen sich allerdings einige mit dem "harten" p schreiben.

Da ich berall, wo ich bin, gerne die Nationalgerichte probiere, so lie
ich mir eine Portion Jodbaer med Flde geben (Erdbeeren mit Rahm), die
bei mir von einem frheren, lngeren Aufenthalt in Kopenhagen noch in
gutem Andenken standen. Als ich diese mglichst langsam verzehrt hatte,
schlug ich eine Stunde tot mit dem schwedischen Kursbuch. Ich erfuhr
genau, wie viele Stunden man von Malm nach Stockholm braucht und da
Dampfschiff auf schwedisch ngbt heit. Als Zwischengericht trank ich
ein Glas Helsingrer Bier, unbekmmert darum, was die Erdbeeren und der
Rahm zu dem neuen Ankmmling sagen mchten. So wurde inzwischen aus der
sechsten die zwlfte Stunde. Meine Nervositt wuchs, aber es blieb mir
nichts brig, als mich allmlich nach der Zeit des Mittagessens im Hotel
zu erkundigen. Zugleich lie ich mir ein Fernrohr vom Kellner geben, und
siehe da, jetzt erschien ein Schiff vom Sden, das groe Aehnlichkeit
mit der heiersehnten "Mira" aufwies. Die uere Form, lang und schlank,
die Holzladung, der in mchtigen Buchstaben an der Breitseite prangende
Name, der zwar noch nicht lesbar war, aber etwa vier Buchstaben zeigte;
endlich--und dies Zeichen konnte nicht trgen--der siebenzackige weie
Stern auf dem blauen Bande des schwarzen Schornsteins, und
jetzt--ertnte ein Pfiff, ein langer, endlos langer--ich rufe nach
meinem Koffer, der sich noch auf meinem Zimmer drei Treppen hoch
befindet--ein zweiter kurzer Pfiff, dem gleich darauf ein dritter
folgt--inzwischen ist der Koffer gekommen--ich suche nach dem Portier,
um ihm drei Postkarten zu bezahlen und ein Trinkgeld zu geben fr die
Teilnahme, die er fr mein Schicksal gezeigt--er ist nicht zu finden, da
soeben ein Zug auf dem Bahnhof ankommt--gleichviel, ich mu fort und dem
Braven schuldig bleiben--ich schicke ihm spter den Betrag durch
Postanweisung; mag er mich eine Woche lang fr einen Verrter halten!
Ich strze mit meinen Siebensachen nach der Mole, finde nach einigem
Suchen ein Boot und bin in einer kleinen Viertelstunde an Bord der
"Mira", die inzwischen beigedreht hat; auf der Kommandobrcke schwenkt
der Kapitn seinen Hut; ich drcke meinem Bootsfhrer eine Krone in die
Hand, mu aber noch zwei nachzahlen, denn das ist die Taxe (bei
schlechtem d.h. strmischem Wetter und in der Nacht sind es sogar fnf),
und--me voil, ich klettere die Fallreep hinauf, ich bin geborgen. Das
Schiff setzt sich wieder in Bewegung, sein Aufenthalt hat hchstens eine
halbe Stunde gedauert, ich habe also das beruhigende Bewutsein, seinen
Reedern keinen erheblichen Schaden zugefgt zu haben.

Whrend ich es mir in meiner Kabine bequem mache, meine Sachen auspacke
und ordne, mge der wibegierige Leser sich kurz erzhlen lassen, wie
ich von Flensburg nach Helsingr gelangt bin.

Als Kuriosum verdient zunchst erwhnt zu werden, da man zu der etwa
zehnstndigen Reise acht verschiedene Fahrgelegenheiten (zwei
Dampfschiffe, sechs Eisenbahnen) benutzen mu. Von Flensburg gings 12
Uhr mittags mit dem Zuge nach Norden, durch endlose Heiden, die nur dem
ertrglich werden, der sie mit der Phantasie eines Andersen betrachtet.
Dazu mu man besonders aufgelegt sein, und das war ich nicht; der
fortwhrend herabrieselnde Regen trug auch nicht zur Verbesserung der
Laune bei. Wie eine Wohlthat empfand ich es, als jenseit der dnischen
Grenze das Terrain wellig wurde und die kleinen Thler mit frischen
Wiesen, die niedrigen Berge mit prchtigen Buchenwldern sich
schmckten. Der andauernde Regen der letzten Wochen, der jetzt pltzlich
aufhrte, hatte bewirkt, da die Wlder wie im Maigrn prangten.

Kleine Nationen (ganz Dnemark zhlt etwas mehr Einwohner als Berlin)
lieben es bisweilen, besonders deutlich Farbe zu bekennen. Alle
Lokomotiven, die ich sah (und ich sah wohl beinah alle!), und alle
Dampffhren (auch von diesen drften mir nicht viele entgangen sein),
tragen wei-rote Bnder an den Schornsteinen; auch dnische Seedampfer
sah ich hufig mit den Nationalfarben am Schornstein.

Erquicklich angemutet fhlte ich mich durch das Abschiedswort, das man
berall hrt: _Farvel_! Wir haben uns unsern deutschen Gru leider durch
_Adieu_! rauben lassen, und wo man auf dnischen Bahnen und in dnischen
Warteslen den franzsischen Gru hrt, da kann man sicher auf--Deutsche
schlieen. Nicht beistimmen kann man den Dnen, da sie sich, seit den
letzten 30 Jahren, so entschieden von allem Deutschen ab- und dem
Franzsischen zuwenden, zu welch ersterem sie doch nur einen Appendix
bilden. Man mu das Lachen verbeien, wenn man im Rauchzimmer der
Dampffhren unter Photographieen, die als Reklame zur Bereisung
Dnemarks anfordern sollen, liest: Lac de Sor, Ruines du Chteau de
Kolding, Une ruelle de Ribe. Fr wen sind denn diese Unterschriften?
Etwa fr Franzosen? Wieviel Franzosen bereisen Dnemark? Es ist nicht
bertrieben, wenn man auf hundert Deutsche einen Franzosen rechnet. Man
berechne doch billigerweise die Reklame nach demjenigen Volke, das
wirklich kommt und Geld ins Land bringt und nicht nach demjenigen,
dessen geographische Begriffe ber Dnemark sicher ebenso verworren
sind, als ber manche anderen groen und kleinen Lnder.

In Friedericia mssen wir den Zug verlassen, der weiter nach Norden
dampft, und nach kurzer Kaffeepause besteigen wir den Zug, der uns in
zwei Minuten hinunter an den kleinen Belt bringt, wo die Dampffhre auf
uns wartet. Sie nimmt nicht nur die Passagiere, sondern auch einige
Eisenbahnwagen auf. In 1/4 Stunde sind wir drben auf der Insel Fnen,
deren fruchtbare Fluren wir in 1-1/2 Stunden durchqueren. Andersens
Geburtsort Odense verrt mit seinem prosaischen Bahnhof, der ebenso wie
alle brigen dnischen Bahnhfe in geschmackloser Weise durch Plakate
verunziert, nichts von dem Zauber der Poesie, der in dem groen
Mrchenerzhler wohnte.

Auf der Ostseite Fnens besteigen wir die weit grere Dampffhre, die
uns ber den Groen Belt trgt. Das ist schon eine Art Seefahrt; sie
dauert reichlich eine Stunde. Zwlf Eisenbahnwagen zhlte ich, die auf
der mchtigen Fhre Platz fanden. Mven umflatterten zu Dutzenden das
Fahrzeug und erschnappten im Fluge gierig die Bissen, die ihnen von
Reisenden zugeworfen wurden. Ein stolzes deutsches Kriegsschiff, das
unseren Kurs kreuzte und bald im Kattegat verschwand, erregte die
Aufmerksamkeit der Passagiere weit weniger, als ein Zauberknstler, der
mit wenig Witz und viel Behagen seine Sprchlein hersagte und bald ein
dankbares schaulustiges Publikum um sich versammelte. Nach jedem Stck
erntete er Gelchter, von Zeit zu Zeit verlangte ihn aber nach
greifbarerem Lohne, den er in seinem schbigen Zylinder einheimste.

In Korsr vertauschte ich wieder das Dampfschiff mit dem Zuge, der mich
in reichlich einer Stunde nach Kopenhagen brachte. Seeland bietet
landschaftlich weit mehr als Fnen. Bald braust der Zug durch prchtige
Buchenwlder; bald sieht man rechts und links reichen Wechsel von Hgeln
und Thlern, Wiesen mit weidendem Vieh, Kornfelder, hie und da auch
einen See. Hier und bei Roskilde werden dem litteraturkundigen Deutschen
Erinnerungen wach. In Sor lehrte einst Basedow; Roskilde ist durch
Klopstocks Ode "Rothschilds Grber" berhmt geworden.

In Kopenhagen hatte ich nur eben Zeit umzusteigen, und durch die
Dmmerung ging's gen Norden, nach Helsingr, wo ich gegen 11 Uhr eintraf
und im Jernbanehotel (Eisenbahnhotel) abstieg.


2. Von Helsingr nach Gent.

Die Fahrt ber das Kattegat giebt schon einen kleinen Vorgeschmack der
Nordseefahrt, wie das Kattegat der Nordsee auch mehr hnelt als der
sanfteren Ostsee. Diesmal freilich merkte man nichts von der Rauheit,
die hier herrschen kann, bei solchem Sonnenschein und solcher leichten
Brise kann auch die zarteste Landratte zur See fahren. Es war, als ob
sich einige Dutzend Dampfer mit einigen hundert weibesegelten Schonern,
Briggs und Barks Rendezvous gegeben htten auf dem blauen Parkett des
Kattegats, so wimmelte es von Schiffen. Zur Rechten (verpntes Wort auf
See; wenn ich es brauchte, hielt sich mein sonst so liebenswrdiger
Kapitn entsetzt die Ohren zu und rief: Steuerbord, Doktor, Steuerbord!
Rechts heit Steuerbord, links Backbord! Und das ist nun Deine _dritte_
Reise mit mir!), also auf der Steuerbordseite stieg das schwedische
Vorgebirge Kullen aus der Flut, dessen grazise Konturen an die des
Taunus, von Frankfurt aus gesehen, erinnern.

Da ich sehr ermdet war, suchte ich, nachdem ich mich von meiner
Entbehrlichkeit auf der Brcke berzeugt hatte, frhzeitig meine Koje
auf, um den mir geraubten Schlaf nach Krften nachzuholen. Doch das
Unglck schreitet bisweilen schnell!

Als ich im besten Schlafe war, wurde ich durch die dumpfen Tne des
Nebelhorns geweckt. Ich wute, was das zu bedeuten hatte, zog mich,
obgleich es etwa 3 Uhr Morgens war, schleunigst an und kletterte auf
die Kommandobrcke, wo der Kapitn und der 1. Steuermann standen und in
den dichten Nebel hinausblickten. Wir befanden uns nicht weit von
Skagen; unserm Nebelhorn antworteten ab und zu diejenigen anderer in der
Nhe befindlichen Dampfer. Nach einer Viertelstunde etwa senkte sich die
Hlle, und wir wurden durch einen herrlichen, klaren Sonnenaufgang
entschdigt. Wie der obere Rand der goldenen Scheibe ber der
schwarzblauen Flut aufblitzte, dann breiter und hher wurde und sich als
rotgoldener Ball allmhlich halb und endlich ganz emporhob--das zu
beschreiben ist unmglich. Ich habe nie einen solchen Sonnenaufgang
gesehen. Allein die Freude whrte nicht lange; der Nebel kehrte wieder,
und wieder zog ich unverdrossen alle 2 Minuten die Leine, soda das
Nebelhorn (die Dampfpfeife) dumpf und langgezogen erklang. Wieder senkte
sich der Nebel, aber doch nur so weit, da der obere Teil des mchtigen
Leuchtturms von Skagens Horn daraus hervorragte, der untere Teil blieb
verhllt. Vom Lande her tnte in gemessenen Zwischenrumen eine Sirene,
hnlich dem Geheul jmmerlich geprgelter Hunde, hchst unsthetisch,
aber weithin hrbar. Als der Nebel sich endlich ganz gesenkt hatte--es
mochte mittlerweile 4 Uhr geworden sein--krochen der Kapitn und ich
wieder in unsere Kojen, um, wie er sagte, noch 4 Stunden zu schlafen.
Doch bald wurden wir aus der Tuschung gerissen. Kaum eingeschlummert,
verkndete das laute Blasen des Hornes, da der unheimliche Gast wieder
da war. Also wieder anziehen und wieder hinauf, denn so phlegmatisch bin
ich nicht veranlagt, es bei solchem Nebel unten auszuhalten.
Glcklicherweise dauerte es auch diesmal nicht lange, dann aber hatten
wir keine Lust, uns noch einmal betrgen zu lassen, wir blieben auf,
tranken eine Tasse Kaffee, nahmen ein Bad, wozu das Wasser direkt aus
dem Meere in die Wanne geleitet wird, und strkten uns dann an einem
krftigen Frhstck. Ausgenommen die Mahlzeiten lag ich natrlich, wie
immer auf See, in meinem Triumphklappstuhl neben dem Kapitn auf der
Kommandobrcke, um die reine Luft aus erster Hand zu trinken. Die vielen
Schiffe, die uns im Sunde und noch im Kattegat umgeben hatten,
verschwanden allmhlich und verteilten sich nach verschiedenen
Richtungen. Nur dann und wann begegnete uns eins, einige gingen auch mit
uns. Einen Dampfer trafen wir stillliegend an, er hatte vor dem
Vordermaste drei schwarze Blle aufgezogen, was bedeutete, da er
manvrierunfhig war. Einen zweiten groen Dampfer sahen wir dreimal
stillliegen und immer wieder fahren, bis er uns endlich berholte und
unseren Blicken entschwand. Am Nachmittag stampfte das gegen den Sdwest
angehende Schiff doch so, da ich es fr gut hielt, in horizontaler
Stellung zu verweilen, um nicht, wie vor drei Jahren an dieser Stelle,
unfreiwillige Opfer des Magens bringen zu mssen. Ich legte mich also um
3 Uhr in mein gutes Bett und verzichtete auch auf das Abendessen.
Glcklicherweise ging die See nicht so hoch, da mein Kabinenfenster
geschlossen werden mute, sonst wre ich gewi durch die schlechte Luft
seekrank geworden. Nur einige Male spritzte das Wasser herein, einmal
so, da meine Stiefel tchtig etwas abbekamen und der Schiffsjunge ihren
Inhalt ausgieen mute. Als ich in angenehmem Schlafe lag, weckte mich
wieder die Dampfpfeife. Hinauf an Deck, hie es also. Das war gestern
nur ein Vorschmack vom Nebel gewesen; diesmal war er viel dichter und
hielt etwa 4 Stunden an, von halb 3-7; eine unheimliche Zeit, die mir zu
einer Ewigkeit wurde. Und doch fhlte ich, da man sich auch an solche
Situation gewhnt; froh waren wir nur, da wir trotz allen Horchens kein
anderes Nebelhorn hrten. Pltzlich erklang eins ziemlich nahe vor uns.
Auf das Gespannteste blickten Kapitn und Steuermann hinaus in die
dichte Undurchdringlichkeit, in ganz kurzen Zwischenrumen ertnten nach
einander unser und des fremden Dampfers Pfeife; die Maschine, die bei
Nebel natrlich immer auf "Langsam" arbeitet, wurde auf "Halt" gestellt,
und gleich mute sich entscheiden, ob wir gegen einander fuhren oder
nicht. Denn nur ein Zufall, keine Berechnung kann einen Zusammensto
verhindern. Pltzlich tauchten dicht an Steuerbordseite (rechts) die
Umrisse eines Dampfers auf, der gleich wieder im Nebel verschwand. Der
Kapitn meinte, er habe "vollen Dampf" gehabt, sonst wre er nicht so
schnell herangekommen. Die Englnder stehen bekanntlich in dem Rufe,
auch im Nebel auf gut Glck mit vollem Dampf zu fahren, um keine Zeit zu
verlieren.

Nach dieser Aufregung ging es in das Bad und dann an's Frhstck. Der
Tag wurde prchtig, die See glatt, die Sonne schien warm; das reine
Ostseewetter, wie ich es nannte, da ich in der Ostsee niemals Unwetter,
Nebel und dergleichen erlebt hatte. Wir waren jetzt etwa in der Mitte
der Nordsee, es war ganz einsam, viele Stunden kein Schiff.

In dem Maschinenraum war inzwischen schon seit einigen Tagen eine kleine
Revolution ausgebrochen. Der eine Trimmer (Kohlenzieher) stellte sich
krank und versteckte sich irgendwo im Laderaum zwischen das Holz. Als er
nach mehrstndigem Suchen gefunden wurde, erklrte er, falls man ihn zum
Arbeiten zwnge, wrde er sich in Wasser strzen, Es blieb also nichts
brig, als ihn sich zu berlassen; er ging zu Bett, nahm aber lebhaft an
allen Mahlzeiten teil. Tags darauf wurde einer der Heizer wirklich
krank; da berhaupt nur zwei Trimmer und zwei Heizer auf Schiffen von
der Gre Miras vorhanden sind, so war die Stellvertretung sehr
schwierig.

Die Nacht vom Dienstag zum Mittwoch wurde durch keinen Nebel gestrt.
Wir passierten die hollndische Insel Terschelling und einige Stunden
spter Terel, und als ich aufstand (8 Uhr), befanden wir uns nahe der
Kste. Die Dnen von Scheveningen wurden sichtbar; wir waren nur 3-4
Kil. vom Lande entfernt und sahen ganz deutlich das mchtige,
kuppelgeschmckte Kurhaus, davor am Strande viele Strandkrbe, auf den
Dnen Villen, und dahinter rechts Trme, die zur Stadt Haag gehrten. Ab
und zu tnten Kanonenschsse zu uns herber; die Hollnder bten sich
wohl, die Atchinesen zu besiegen. Das Wasser war so glatt, fast wie ein
Spiegel, kein Lftchen rhrte sich. Nach mehreren Stunden wurde das
Feuerschiff "Hoek van Holland", wieder nach einigen Stunden das von
"Schouwensbank" passiert; sie liegen etwa 10 M. (20 Kil.) von der Kste
entfernt. Da die Zeit der Flut war und wir gerade gegen den vom
Atlantischen Ozean hereindringenden Strom fuhren, so lief das Schiff
stndlich etwa 2 Meilen weniger als unter normalen Verhltnissen. Wir
hielten nun Umschau nach einem Lotsen; endlich sahen wir einen Kutter,
der sich durch die Flagge am Mast von den Fischerjachten unterscheidet.
Wir setzten die Lotsenflagge auf und fuhren auf ihn los, er nherte sich
uns gleichfalls; als wir ganz nahe waren, erkannten wir das Wort "Maas",
das in groen Buchstaben auf dem Segel stand. Wir lenkten also ab von
ihm, denn wir konnten nur einen Schelde-Lotsen brauchen. Etwa um 5 Uhr
trafen wir einen Lotsen, der uns nach Vlissingen brachte. Um von der See
nach Gent zu gelangen, brauchten wir 4 verschiedene Lotsen und im ganzen
etwa 16 Stunden. Der Seelotse, den wir auf dem Meere aufgabelten, war
ein noch sehr junger Mann, 32 Jahre und schon 5 Jahre Lotse, 7 Jahre
verheiratet, hat 5 Kinder, seine Brder sind auch Lotsen oder bei der
Marine. Man sieht, das Gewerbe bleibt bei der Familie. Mit den
Hollndern verstndigt man sich, indem jeder seine eigne Sprache
spricht, sie hollndisch, wir plattdeutsch. Wenn man auch nicht jedes
Wort versteht, so merkt man doch, was der andere will. Sobald ein Lotse
an Bord ist, wird das Steuerruder mit Dampf gelenkt, damit es schneller
jedem Befehl gehorcht. In hellem Sonnenschein lag die Dnenkste der
Insel Walcheren vor uns, und man erkannte das Kurhaus und einige Villen
des Seebades Domburg, wo ich vor 3 Jahren badete. Am Eingang der Schelde
erschien der mchtige Kirchturm des Dorfes Westkapelle, der noch aus der
spanischen Zeit stammt, aber nicht mehr benutzt wird; daneben ein
kleinerer Leuchtturm. Hohe, wildzerrissene Dnen, wie ein Alpengebirge
im kleinen, trmen sich links; das andere Ufer der Schelde verliert sich
in weiter Ferne. So breit der Flu ist, so eng ist das Fahrwasser fr
tiefergehende Schiffe. Die ausgehenden Dampfer darunter hauptschlich
Deutsche, Dnen, Englnder, auch ein Grieche, die meist von Antwerpen
kamen, muten ganz nahe an uns vorbei. Auf den Sandbnken im Flusse
sonnen sich drei Seehunde, die neugierig die Kpfe nach uns erheben, und
Hunderte von Mven. Zur Linken erscheint bald das prchtige Kurhotel
Vlissingen; am Strande herrscht reges Leben, man kann die Menschen,
hauptschlich Damen und Kinder, ziemlich genau durch das Glas sehen.
Nach Umfahrung einer Ecke taucht Vlissingen mit seinen grauen
Festungswllen auf, von denen das Standbild des hollndischen Seehelden
de Ruyter herabblickt. Auf der Vlissinger Reede verlie uns der erste
Lotse und ein zweiter kam an Bord; er brachte uns, whrend wir Abendbrot
aen, nach der Reede von Terneuzen. Etwas abseits vom Fahrwasser lag ein
groes gestrandetes Segelschiff, dessen Masten am Vorderteil aus dem
Wasser ragten. Der zweite Lotse wurde durch einen dritten abgelst,
einen dicken, sehr gemtlichen Mann in buntgestickten Hausschuhen, der
uns die kurze, aber schwierige Strecke von der Reede in den kleinen
Hafen von Terneuzen brachte; da das Wasser noch nicht die gehrige Tiefe
hatte, so fuhren wir mit voller Kraft durch die enge Einfahrt und saen
gleich darauf auf dem Schlamm fest, vor uns eine norwegische Brigg, die
ebenfalls in den Genter Kanal wollte.

Terneuzen ist eine kleine Stadt von 7000 Einwohnern und liegt ganz
niedlich mitten in ihren grnen Festungswllen und dem Glacis. Auf den
Wllen promenierte die Terneuzer Damen- und Herrenwelt, und auch wir
lieen uns an Land rudern, um einen Rundgang durch die Stadt zu machen
und in einigen Wirtschaften Dortmunder Bier zu trinken. Nachts um 11,
als das Wasser hher gestiegen war, gingen wir mit einem 4. Lotsen in
die Schleuse und blieben der Dunkelheit wegen bis 3 Uhr dort liegen.
Dann begann die Kanalfahrt. Um 5 stand ich auf und lie die grnen Ufer
an mir vorbeigleiten. Ueppige Felder und waldige Baumanpflanzungen mit
Drfern und einzelnen Husern, auch einige Villen mit schnen Parks
begleiten den Kanal; zu beiden Seiten luft die Landstrae, auf der
allerlei Fuhrwerke entlang zogen, auch Radfahrer und Hundefuhrwerke. Ein
von 3 Hunden gezogener, zweirdiger Wagen trug 2 stramme Bauernmdchen,
einer mit 4 Hunden bespannt 3 Burschen. Die Benutzung des Hundes als
Zugtier soll hier viel weiter gehen als bei uns; der 1. Maschinist
erzhlte, er habe einst vor einer Kirche in Terneuzen 10 Hundefuhrwerke
stehen sehen, deren Insassen inzwischen im Gotteshause ihre Andacht
verrichteten.

Das Wetter war sehr warm, fast zu warm; die Fahrt auf dem spiegelblanken
Wasser unter dem Segeldach der Kommandobrcke war sehr angenehm. Die
Vgel zwitscherten, der Kuckuck rief--es war eine idyllisch-schne
Fahrt.

Der Kanal ist 30-40 km lang, also knapp halb so lang wie der Kaiser
Wilhelm-Kanal, zwlf Drehbrcken waren zu passieren, die meist einen so
engen Durchgang hatten, da es ganz ngstlich anzusehen war, wenn das
Schiff auf den Pfeiler loszufahren schien, schlielich aber doch richtig
mitten zwischen beiden Pfeilern hindurchglitt, ohne anzustoen.

Bei St. Anton an der belgischen Grenze fand eine leichte Zollrevision
statt; von meinen Zigarren und dem Kakao, den ich in Terneuzen gekauft
hatte, wurde gar keine Notiz genommen.

Um 9 Uhr langten wir in Gent an und gingen vor Anker; sofort begann das
Lschen der Planken; der Makler (ein Aachener) kam an Bord, ebenso ein
Metzger, der seine Waren anbot und auch mit allerlei Auftrgen bedacht
wurde.


3. Gent.

Am Nachmittag besichtigten wir die Stadt (180000 Einwohner). Sie ist von
vielen Kanlen durchschnitten und hat 3 verschiedene Teile. Unser Schiff
liegt in der Fabrikgegend, mit vielen Estaminets (niedrigen
Wirtschaften), die volkstmliche Bezeichnungen haben, z.B. In de Swaan,
In der kleinen Camelia, In den groenen Appel, In de groote Maas, In de
goode Drank, In Nazareth (Name eines Dorfes bei Gent) u.s.w. Der zweite
Stadtteil, der alte Kern der Stadt, enthlt viele ffentliche Gebude,
die entweder durch geschichtliche Erinnerungen oder durch Schnheit der
Architektur hervorragen, z.B. Chateau des Comtes (de Flandre), der Dom
St. Bavo, der Bergfried, ein stattlicher hoher Turm, das gothische
Rathaus, sowie eine Anzahl Kirchen. Der neue Stadtteil endlich hat
moderne breite Straen mit hbschen Husern ohne besondere
Eigentmlichkeiten. Hier fanden wir im Gambrinus gutes Mnchener Bier,
das uns bei der Hitze und dem vielen Herumlaufen sehr wohl that. Was
Gent fehlt, sind grere, ffentliche Gartenanlagen, wie sie in
deutschen Grostdten existieren. Man sehnt sich recht danach, aus dem
Husergewirr, der Hitze und dem Staube in khle, wohlgepflegte Anlagen
zu flchten; die vorhandenen sind bis jetzt nur schwache Anfnge.

Der ganze Freitag gehrte Ostende, das man mit Exprezug in 1-1/4 Stunde
erreicht. Die einzige Station ist Brgge, das mit seinen groen Kirchen
einen imposanten Eindruck macht, das wir aber leider zu besuchen
versumten. Ostende loben ist berflssig, es beschreiben ist schwer. Es
vereinigt groartige Natur und menschliche Kunst in so hohem Grade, da
es unter allen Seebdern als Perle bezeichnet werden mu. Unter den
Landbdern nimmt Baden-Baden einen hnlichen Rang ein. Den Glanzpunkt
des Badelebens bildet der Zeedyk, la Digue (der Damm oder Deich),
geschmckt mit seiner langen Reihe der behaglichsten Villen und der
herrlichsten Hotels, eins immer noch schner als das andere. In der
Mitte dieser Reihe liegt das mchtige Kurhaus, am Westende bildet den
wrdigen Abschlu das Palais des Knigs, der einen Teil des Sommers hier
verbringt. Der Strand, an dem alle diese Huser liegen, wimmelt von
Badekarren, die mit Pferden ins Meer gezogen werden. Wir nahmen sofort
ein Bad und fanden uns schnell in die Sitte, mitten unter Damen zu
baden. Die Eleganz der Toiletten beim Nachmittag- und Abendkonzert im
Kursaal war auffallend, alle Damen mit Chic gekleidet, viele Schnheiten
darunter. Nach dem Abendkonzert war Soire dansante, der wir eine Weile
zusahen, und Hazardspiel, an dem sich auch Damen beteiligten. Das
Mindeste, was man setzen durfte, waren 2 Franks. In die eigentlichen
Spielsle a la Monaco gelangten wir natrlich nicht. Als wir um 10 Uhr
aus all diesem Gewirr hinaustraten, empfanden wir die Groartigkeit des
Meeres wieder doppelt. Dumpf brausend wlzten sich die schwarzen Wogen
an den Strand, hell leuchteten die breiten, weien Kmme. Wir gingen
stracks nach dem Bahnhof, fuhren nach Gent und schliefen an Bord, da es
khl geworden war, die ganze Nacht durch.--

So lange wie wir diesmal in einem Hafen blieben, hat es noch nie
gedauert; es kommt von der Kirmes, die in groartiger Weise tagelang
gefeiert wird. Whrend dieser Zeit zu arbeiten, dazu ist kein Arbeiter
fr vieles Geld zu bewegen. Alt und jung, arm und reich beteiligt sich
an diesem Volksfest. Auf den ffentlichen Pltzen finden Konzerte statt,
abends Illumination und zweimal von 10 an bis in den Morgen hinein bal
populaire; an 4 Tagen Pferderennen!--Gestern, Sonntag, fing die
Geschichte an. Wir sahen nur einiges, aber dieses Wenige gengte, uns zu
zeigen, da das ganze Volk sich beteiligt. Wir fuhren gleich nach Tisch
per Droschke nach dem weit auerhalb der Stadt gelegenen Rennplatz
(Plaine St. Denis), wohin mit uns zahllose Fugnger und viele Wagen
strmten. In Staubwolken gehllt trat nach Beendigung der Rennen die
1000kpfige Menge den Rckweg an. Wir nahmen wieder Droschke, in der
Nhe der Stadt begegneten uns viele Wagen, die sich an der Seite des
Weges aufstellten, um das Schauspiel der vorberziehenden Menge und der
unzhligen Wagen, worunter viele elegante Equipagen, zu genieen. Wir
fuhren durch den hbschen, noch etwas jungen Stadtpark und kehrten
durstig im Gambrinus ein. Von dort bahnten wir uns durch die die Straen
erfllende Menschenmenge langsam unsern Weg nach dem Kornmarkt, dem
Mittelpunkt der Stadt. Auf den Pltzen, die wir passierten, hatten sich
die grten Ansammlungen von Menschen gebildet, die der Musik lauschten.
Der Kornmarkt war mit Tischen und Bnken, an denen trinkende Menschen
saen, so bedeckt, da eben nur eine Gasse fr Pferdebahn und andere
Wagen blieb. Wir waren froh, als wir zum Abend wieder zu Hause d.h. an
Bord waren und ordentlich ausschlafen konnten.

Die Geschichte mit dem schon erwhnten Trimmer hatte folgende
Fortsetzung. Der Kapitn hatte ihm gesagt, er werde ihn in Gent rztlich
untersuchen lassen und ihn, falls er als gesund befunden wrde, bei
Gericht anzeigen, was ihm jedenfalls Gefngnisstrafe eintragen wrde.
Als wir gleich am ersten Tage zum Arzt gehen wollten, kam die Meldung,
da der Trimmer vom Schiff verschwunden sei. Er war vor Angst
entflohen, obgleich er keinen Heller Geld hatte und weder vlmisch noch
franzsisch, eigentlich auch kaum deutsch konnte. In den nchsten Tagen
sah man ihn bei den groen Holzhaufen in der Nhe des Schiffes
herumstreichen, sich immer in angemessener Entfernung haltend. Endlich
berichtete der Koch, er habe jmmerlich geweint, wolle gerne tchtig
arbeiten, auch den Kapitn um Verzeihung bitten, wenn ihn dieser nur
wieder an Bord nehmen wollte. Es war ihm nicht geglckt, irgend eine
Stellung zu finden, auch nicht als Meierist, was er von Hause aus ist,
und er hatte 3 Tage und Nchte gehungert und kein Obdach gehabt. Ich
redete dem Kapitn zu, ihn wieder an Bord zu nehmen, da sonst sicher ein
Verbrecher aus ihm wrde. Als er dann erschien, nahm ihn der Kapitn
nach lngeren Verhandlungen wieder auf, sagte ihm, da sein flliger
Lohn (25 Mark) an seine Kameraden, die fr ihn gearbeitet, verteilt
wrde und da er bis Flensburg fr die Kost arbeiten knne, ohne Lohn zu
erhalten. Falls er sich nicht gut fhre, werde der Kapitn ihn in
Flensburg noch vor Gericht stellen. Er versprach natrlich unter Thrnen
alles, gab zu, ein groer Esel gewesen zu sein und wurde, nachdem er
auch die Maschinisten um Verzeihung gebeten hatte, wieder aufgenommen.
Wie sehr ihn seine Kameraden gehnselt und ausgelacht haben mgen, sahen
wir nicht, da wir das Schiff gleich darauf verlieen.

Seit ich an Bord bin, haben wir noch keinen Tropfen Regen erhalten. Das
Wetter ist fortgesetzt warm und schn, soda man lieber die Seefahrt
fortsetzte, als in der heien und staubigen Stadt sich aufzuhalten.
Leider giebt es gar keine Biergrten, dafr ist entweder kein Platz oder
die Leute haben keinen Sinn dafr.

Die Pferdebahnwagen haben hier, was ich noch nirgends gesehen, 2
verschiedene Klassen, von denen die I. 15, die II. 10 Centimes kostet,
und zwar fr jede beliebige Entfernung. Die Stadt wimmelt von
Sozialdemokraten. Von den Stadtverordneten sind 14 Sozialisten, 12
Klerikale, 9 Liberale. Die Straennamen sind vlmisch und franzsisch
angeschlagen, wie berhaupt beide Sprachen fast auf allen ffentlichen
Inschriften, Verordnungen, Anpreisungen u.s.w. auftreten. Fast jedermann
versteht beide Sprachen. Deutsche giebt es nur wenig hier.

Montag Vormittag besichtigten wir die Abtei St. Bavo, von der nur die
Ruinen brig sind. Man sieht noch das Refektorium der Mnche, einen Teil
eines Kreuzganges, viele Grber und berall, im Garten verstreut, die
zerschlagenen Sulen und Standbilder, die im Laufe der Jahrhunderte und
besonders in der Revolutionszeit zerstrt wurden. Nachher folgten wir
einer Einladung des Maklers Herrn Z. zu einigen Flaschen Champagner in
seinem Hause. Er hatte mit Kapitn Brink gewettet, die "Mira" sei schon
frher in Gent gewesen, und da sich nachher herausstellte, da das nicht
der Fall war, so war er der verlierende Teil.

Da auf Montag Abend die Hauptfestlichkeiten der Kirmes fielen, so
arbeiteten die Leute nur bis Mittag am Schiff. Nach dem Abendbrot
pilgerten wir, Kapitn Brink und ich, nach dem Kasinogarten, der vom
Lichte von Tausenden bunter Lmpchen strahlte und in dem Tausende von
Leuten der Kapelle lauschten. Zum Schlu wurde die Nationalhymne
gespielt. Ich fragte unsern Aachener Freund, Herrn Z., nach dem Text; er
wute nichts davon. Seine Gattin, eine geborene Genterin, kannte
ebenfalls kein Wort davon! Wir waren natrlich starr ob dieser
Unwissenheit.

Es war nur das bessere Publikum anwesend, denn der Eintritt kostete fr
die, welche nicht der Kasinogesellschaft angehren, 3 Francs. Das war
zwar viel Geld, aber sowohl die Illumination als auch das herrliche,
wohl 3/4 Stunde dauernde Feuerwerk um 10 Uhr waren es wert. Um 11 Uhr
begann der Tanz sowohl im Saal als im Garten, der bis tief in den Morgen
dauerte.

Von hier begaben wir uns, wieder mit der Familie Z. und einem jungen
Leipziger, der im Geschft als Volontr arbeitete, nach der Place
d'Armes, dem Hauptanziehungspunkte des Abends, wo prchtige Illumination
und Tanz, aber die verschiedensten Volksklassen umfassend, stattfand. Es
war ein gewaltiges Gedrnge und Gewoge auf dem mit Linden bepflanzten
Platze; rings umher waren Ewaren zum Verkauf ausgestellt, deren die
Leute im Laufe der Nacht wohl bedurften, und vor und in Restaurants und
Cafs ringsum sa man beim Bier oder anderen Getrnken. Es wurde immer
nur auf beschrnkten Stellen des groen Platzes getanzt, da die
promenierende Menschenmenge den greren Teil einnahm. Ab und zu zogen
Scharen von 10, 20 oder 30 Mnnern und Frauen vorbei und sangen Lieder,
einige Male hrte ich die Marseillaise. Solchen Scharen begegneten wir
auch, als wir gegen 2 Uhr uns fortbegaben nach dem Kornmarkt, um von da
die Pferdebahn zu benutzen, die zur Kirmeszeit die Nchte durchfhrt.
Aber die Leute waren und blieben alle friedlich; wenn auch eine Anzahl
bedenklich taumelten, so kam es doch nirgends zu unangenehmen Auftritten
oder gar Schlgereien. Einzelne kleine Kinder sah man mit den Eltern
noch um 2 Uhr nach Hause streben. Als wir gingen, war alles im besten
Gange, und von einer Abnahme der Menschenmenge war nichts zu verspren.

Infolge dieser Hauptnacht der Kirmes wurde am Dienstag kein Schlag
gethan, und unsere Ladung blieb unangerhrt im Schiff.


4. Von der Schelde nach dem Firth of Forth.

Endlich, Donnerstag Abend, fuhren wir den Kanal hinab, und Freitag frh
gingen wir bei hlichem Regenwetter von der Schelde in See. Regenwetter
ist zwar nicht gefhrlich, aber hchst unangenehm, da man nicht auf Deck
sein kann. Es war mir deshalb ziemlich gleichgiltig, die Dampfjachten
Rothschilds und der Knigin von England zu sehen, die auf der Schelde
ankerten. Die See war stark bewegt, und das Schiff stampfte und
schlingerte heftig. Ich verfgte mich deshalb gegen Mittag ins Bett und
blieb 24 Stunden liegen, wobei ich die schnste Seeluft hatte, da bei
dem leeren Schiffe die Fenster offen bleiben konnten. Statt 9 Seemeilen
machten wir nur 4-5, und von der englischen Kste hielten wir weit ab,
um nicht dagegen zu treiben. Die Schraube war mehr auer als in dem
Wasser. Ganz anders war das Wetter am Sonnabend. Die See beruhigte sich
immer mehr, und ich konnte mich den ganzen Tag auf der Kommandobrcke im
Klappstuhl liegend aufhalten. Als ich am Sonntag an Deck kam, fuhren wir
in den prchtigen Firth of Forth ein. Wie ein Riese hlt am Eingang in
den Meerbusen der kolossale Ba Rock Wache, ein steil aus dem Meere
aufsteigender etwa 100 m hoher Felsblock, den Hunderttausende von Mven
wie ein Schneegestber umschwrmen. Zur linken liegt das Stdtchen
Dunbar und auf hohem Ufer einige Schloruinen, davon eine ganz mit Epheu
umwachsen. Bald erschien von Bergen umkrnzt die Stadt Edinburg, von der
wir einige Gebude, besonders das Schlo, deutlich erkannten. Vor der
Riesenbrcke kam der Lotse an Bord, gleich hinter derselben gingen wir
vor Anker und blieben 6 Stunden liegen, um die Flut abzuwarten. Abend um
8 Uhr liefen wir in den engen Kanal ein, der in den mit Schiffen
vollgestopften, schmutzigen Hafen des Stdtchens Grangemouth fhrt. Die
Zollbeamten kamen an Bord und untersuchten, wie stets in England, auf
das allergenaueste, leuchteten mit Laternen in die entlegensten Winkel,
beklopften die Wnde ob sie nicht doppelt seien und durchforschten
selbst den Ofen und den Wasserbehlter des Waschnapfes. Nachts um 12
schon begann bei elektrischem Lichte die Arbeit bei unserem Schiff.
Zuerst wurden feuerfeste Steine geladen, dann hundert Scke feuerfester
Lehm, und endlich Kohlen. Die Waggons fahren bis ans Ufer, werden durch
Wasserkraft gehoben und dann gestrzt, soda sich ihr Inhalt in den
Schiffsraum ergiet. Das Schiff fat im ganzen 120 Waggons Kohlen 
10000 Kilo und 15 Waggons Bunkerkohlen (fr die Dampfkessel).


5. Ausflug ins Schottische Hochland

So hlich Grangemouth an sich ist, so verlockend gren aus der Ferne
die blauen Berge des Hochlands herber.

Dienstag frh um 7 Uhr fuhren wir ins Hochland und waren Abends 7 Uhr
wieder zurck. Es giebt eine groe Menge feststehender Rundreisekarten
durchs Hochland; wir whlten die Tour, die durch Scotts Lady of the Lake
berhmt geworden ist und auch landschaftlich mit zu dem Schnsten
gehrt, was Schottland bietet: die Gegend des Loch Katrine. Ein solches
Billet, das zur Eisenbahn-, Omnibus- und Dampfschiffahrt berechtigt,
kostet etwa 18 Mark. Der Steuermann prophezeite das schnste Wetter fr
den Tag, und frohgemut traten wir unsere Fahrt an. Whrend der
zweistndigen Eisenbahnfahrt von Grangemouth bis Callander verdsterte
sich der Himmel immer mehr und ein regelrechter Regen entwickelte sich
aus dem Nebel. Callander ist der Ausgangspunkt fr die aus Edinburg und
dem Osten berhaupt kommenden Touristen. Dort standen 2 mchtige
Omnibusse, in deren Innern das Gepck untergebracht wurde. Auf dem
Verdeck waren 5 Bnke zu 4 Sitzen angebracht, und alles beeilte sich,
auf den angesetzten Treppen hinaufzuklimmen. Als wir uns auf unseren
luftigen Sitzen eingerichtet hatten, sammelte ein Mann zunchst das Fee
(Trinkgeld) fr den Kutscher ein (6 Pence pro Person). Etwas berrascht,
blieb uns doch nichts brig, als diese Kontribution zu zahlen, von der
der Kutscher vielleicht nie etwas zu sehen bekommen hat. Dieser
selbst, mit grauem Cotelettbart, grauem Zylinder, rotem Rocke,
blau-gelbgestreifter weier Weste und grn-blau karrierter Hose, Schwang
sich, eine imposante Erscheinung, auf die erste Bank, und vorwrts
trabte das Viergespann, dem in kurzer Entfernung das zweite folgte. Fr
die Einwohner Callanders mu der Anblick drollig gewesen sein; 15 Fu
ber der Landstrae 20 aufgespannte Regenschirme dahinschwebend! Ich sa
neben einem Norweger, der mit 2 Damen Schottland bereiste; auerdem
befanden sich mehrere Deutsche, Amerikaner, Franzosen und Dnen auf dem
Wagen, dazu noch zwei negerhaft aussehende Individuen, von denen der
eine alsbald eine Zeitung hervorzog und sich darin vertiefte. Es war mir
unklar, warum der Mann sich keinen bequemeren Platz zum Lesen ausgesucht
hatte als gerade einen Deckplatz auf einer schottischen Mail-coach. Die
Landschaft befriedigte mich anfangs nur mig; der langhingestreckte
Loch Vennachar, den wir zur Linken hatten, zeichnete sich mehr durch
Lnge als Schnheit aus. Rechts ragte der schottische Olymp, der Ben
Ledi (Gtterberg) empor; der ganze obere Teil war jedoch in Nebel
gehllt; Wlder fehlen den meisten dieser Berge, und vergebens sucht man
nach den prchtigen Waldszenerien, wie sie Thringen; und der Harz
bieten. Wenn man die Lady of the Lake in frischer Erinnerung hat, so
gewinnt die Landschaft bedeutend an Reiz, wie andererseits die Lektre
des Gedichts eindrucksvoller wird, wenn man die Landschaft kennt, die es
beschreibt. Da ist die Stelle, wo der Verzweiflungskampf zwischen
Roderick Dhu und dem Knige stattfand; da ist die Wiese, wo durch das
Herumsenden des Feuerkreuzes die Krieger von Clan Alpine sich
versammelten und vor dem erschreckten Knig pltzlich aus der Erde
herauswuchsen; wir passierten die berhmte Bridge of Turk (Eberbrcke)
und fuhren an dem hbschen kleinen Loch Achray vorbei, an dem die
Erffnungsszene des Gedichtes spielt: "The western waves of ebbing day"
u.s.w. Wir befanden uns nun in dem Engpa Trosachs, der dicht bewaldet
ist. Am Ende desselben erhebt sich das in mittelalterlichem Burgstil
erbaute "Hotel Trosachs", von wo aus wir in wenigen Minuten die Ufer des
Loch Katrine erreichten. Nur minutenweise hatte es bisweilen aufgehrt
zu regnen, und wenn dstre Beleuchtung, Nebel und dergl. zu den
notwendigen Ingredienzien schottischer Gebirgslandschaft gehren, so
htten wir es nicht besser treffen knnen. Wir kletterten von unseren
Thronen herunter, der Neger steckte seine Zeitung ein, und da lag also
vor uns die Perle der schottischen Seen, auf den so viele Perlen
herunter trpfelten, da wir lebhaft an Perleberg erinnert wurden. Ein
winziger Dampfer, der Kleinheit des Sees angemessen, nahm uns auf; gerne
htte man bei der Klte etwas Warmes gehabt, doch muten wir uns mit
einem Whisky begngen. Die Mutigen blieben auf Deck, die anderen
verzogen sich in die Kajte. Wir gehrten zu den ersteren; ich htte es
mir nie verzeihen knnen, wenn ich den Ben Venue, den Ben An und vor
allem das liebliche Ellen's Island mit seinen poetischen Erinnerungen
nicht so lange wie mglich genossen htte. Der See dient auch einem sehr
prosaischen und ntzlichen Zwecke: er versorgt die groe Stadt Glasgow
mit Trinkwasser. Die herrliche Smaragdfarbe der Alpenseen sucht man
freilich vergeblich bei den schottischen Seen.

Nach etwa 1stndiger Fahrt langten wir am westlichen Zipfel des
langhingestreckten Sees an, und zu unserem Erstaunen hrte der Regen
auf; die Sonne machte einige Versuche durchzubrechen, und als wir nach
abermaliger, etwa 1stndiger Omnibusfahrt uns dem Loch Lomond nherten,
brach die Sonne durch und beleuchtete die Berge und den See. Man wurde
warm und merkte wieder, da man im Juli lebte. Unterwegs hatten wir
berall auf den Wiesen und an den Bergabhngen Rinder mit mchtigen
Hrnern, fast wie Bffel, und Schafe gesehen, die am Krper wei, am
Kopf und den Beinen dagegen schwarz waren und groe krumme Hrner
hatten. Sie nhrten sich von dem drftigen Grase, das die Felsen
bekleidet.

Im "Hotel Inversnaid" hatten wir ein Stndchen Aufenthalt, besichtigten
den hbschen Wasserfall und frhstckten. Man it, was man will und so
viel man will, und zahlt 3 Shilling.

Um 2 Uhr fuhren wir mit einem groen, sehr elegant eingerichteten
Dampfer ber den Loch Lomond in seiner ganzen Lnge von Norden nach
Sden. Anfangs ist er fluartig schmal, spter wird er breit und enthlt
viele Inseln, scherenartig wie in Norwegen und Schweden; auf einer
derselben standen die grauen Ruinen einer Burg. An den Ufern befinden
sich noch mancherlei Sehenswrdigkeiten, z.B. Bruce's Rock, wo der
Nationalheld sich verborgen hielt, Rob Roy's Cave, wo dieser Verbannte
fters Zuflucht suchte. Dicht an der Ostseite des Sees steigt der Ben
Lomond empor, ber 3000' hoch, wohl der hchste Berg der Gegend. Die
Formen aller dieser Berge sind schroff und khn und erinnern etwas an
die Alpen, trotz ihrer geringen Hhe.

Am Sdende des Sees angelangt, bestiegen wir die Bahn und kamen um 7 Uhr
wieder auf der Mira an. Im Grangemouther Hafen herrscht gewhnlich das
regste Leben, die Eisenbahnen bringen unaufhrlich Kohlen und Eisen an
die Schiffe, die allen Nationen angehren. Heute dagegen ist es ganz
still, die Deckarbeiter haben einen Feiertag, die Lden sind meist
geschlossen, und viele Hunderte von Ausflglern sahen wir trotz des
etwas regnerischen Wetters auf zwei Dampfern nach Vergngungsorten des
Meerbusens fahren.

FUSSNOTEN:

[6] Geschrieben 1893.




VIII.

Der Philosoph von Gravenstein.


  Die Sttte, die ein guter Mensch betrat,
  Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt
  Sein Wort und seine That dem Enkel wieder.

Leonore im Tasso, I, 1.

Ich kenne ein Herzogsschlo, das liegt gar einsam und abseits von den
breit getretenen Touristenpfaden. Hohe Buchen umrauschen es, und in
einem klaren See spiegeln sich seine weien Mauern. Schilf flstert am
Ufer, und glnzende Schwne ziehen lautlos ihre stolzen Kreise.
Gegenber, auf der anderen Seite des Sees, ziehen sich in einem
Halbkreise die freundlichen Huser eines Fleckens, der denselben Namen
trgt wie das Schlo: _Gravenstein_, dnisch Graasteen. Wir befinden uns
nmlich an der Grenzscheide zweier Sprachgebiete,

  "--wo der dnische Pflger den Deutschen,
  Dieser den Dnen versteht--"

wie Johann Heinrich Vo in seiner dem Grafen Stolberg gewidmeten Vorrede
zur Iliasbersetzung sagt. Die Ueberschriften ber den Lden des Ortes
lauten denn auch teils dnisch, teils deutsch, und man findet
"bogbinder", "ikraedder" (Schneider), "Kobbersmed" (Kupferschmied) u.a.
Vom Flecken aus gewhrt das Schlo in seiner Waldumrahmung, besonders
wenn heller Sonnenschein darauf liegt oder wenn der Vollmond es in
magische Dmmerung taucht, einen berraschend malerischen Anblick,
obgleich die Bauart hchst einfach ist. Ein Mittelbau mit Glockenturm
und zwei gewaltige Seitenflgel, in deren einem eine nach dem Muster der
Antwerpener Jesuitenkirche gebaute Kapelle sich befindet, deuten in
ihrer architektonischen Nchternheit und Kahlheit auf das erste Viertel
des 18. Jahrhunderts als Entstehungszeit.

Der Schlopark zeichnet sich durch prchtige alte Buchen aus und birgt
wunderhbsche lauschige Pltzchen und schattige Gnge, auf denen hie und
da Gras wchst, so da man manchmal nicht wei, ob man in einem Park
oder einem Walde wandelt. Allmhlich geht ersterer ganz in freien Wald
und Feld ber, und wenn man hinausgeht auf jene sanft ansteigende Wiese,
so kommt man unmerklich auf einen Hgel, auf dessen Kuppe ein von
einzelnen hohen Bumen geschtzter Pavillon zur Rast und zur Umschau
einladet. Herzogshgel heit er offiziell, aber jedermann nennt ihn
Herzenshgel. Ein Bild des Friedens entrollt sich zu Fen des
Beschauers. Der Park, der Wald, der See mit dem Schlo links, dem
Flecken rechts, und dahinter wieder Wald und Wasser und abermals Wasser!
Das ist die Flensburger Fhrde (dnisch Fjord), ein etwa 30 km langer
und durchschnittlich 4 km breiter Meerbusen, der von Ost nach West tief
einschneidet in die Provinz Schleswig-Holstein und an deren
Sdwestwinkel die freundliche Seestadt Flensburg sich hufeisenfrmig auf
Hgeln und im Thale erhebt. Einer der vielen Vergngungsdampfer, die die
Fhrde namentlich im Sommer beleben, wrde uns in anderthalb Stunden in
hchst anmutiger Fahrt an manchem lieblichen Badeort und manchem
idyllischen Fischerdorf vorbei nach Flensburg fhren. Allein wir ziehen
es vor, in Gravenstein zu bleiben und noch mehr von seinen Reizen zu
genieen, sowie von dem Manne uns berichten zu lassen, der durch seinen
langen Aufenthalt der landschaftlich ausgezeichneten Sttte auch
geschichtliche Weihe verliehen hat.

In alten Zeiten soll hier, mitten in Wald und Wasser, ein Seerubernest
bestanden haben, nach dessen endlicher Eroberung eine Burg auf den
Trmmern erstand (auf dem "Grauen Steine"). Nach mancherlei Schicksalen
ging dieselbe auf die Schleswig-Holsteinische Seitenlinie der
Augustenburger ber, deren Grnder Ernst Gnther hie (1609-1689).
Nachdem vier Generationen ins Grab gestiegen waren, wurde am 28.
September 1765 _Friedrich Christian (der Jngere)_ geboren, als Sohn
Friedrich Christians (des Aelteren) und der Charlotte Amalie Wilhelmine,
einer geborenen Herzogin von Schleswig-Holstein-Pln. In seinem fnften
Lebensjahre verlor der Prinz seine Mutter. Die Erziehung leiteten der
Hofprediger Jessen, ein Mann von umfassender Bildung und humaner
Anschauung, und Legationsrat Schiffmann. Frh wurde der Sinn des Knaben
auf Schnes, Hohes, Ideales hingelenkt. Als er 13 Jahre alt war, dachte
man schon daran, ihm eine Braut zu suchen. Die Wahl fiel aus politischen
Grnden auf Luise Auguste, Tochter Christians VII. von Dnemark, die
damals sieben Jahre zhlte. Man wollte dadurch Verwickelungen vorbeugen,
die bei einem etwaigen Aussterben des dnischen Mannesstamms leicht
eintreten konnten, und Staatsmnner wie Bernstorff und der ltere
Schimmelmann befrderten die Verbindung, von der die Beteiligten vorerst
nichts wuten. Die Mglichkeit, an welche jene dachten, trat jedoch
nicht ein.--

Das Hauptinteresse des Prinzen, der abwechselnd auf Gravenstein und
Augustenburg in lndlicher Stille und anmutiger Natur lebte, ging auf
die Wissenschaften. Alle Gymnasialfcher betrieb er eifrigst, und mit
vorzglicher Vorbildung konnte er 1783, erst 18 Jahre alt, die
Universitt Leipzig beziehen. Mit ihm ging sein Lehrer Schiffmann und
seine beiden jngeren Brder. Damals herrschte in Leipzig wie fast
berall noch die Leibniz-Wolf'sche Philosophie, von Professor Ernst
Platner in anregender, geflliger Darstellung vorgetragen. Dieser zog
denn auch unseren Friedrich in erster Linie an; dazu trat noch der
Pdagoge Weisse, dem er seine spteren Neigungen fr das Erziehungswesen
verdankt. Aber auch Naturwissenschaften, Jurisprudenz und
Staatswissenschaften wurden in den Kreis seiner Studien gezogen.

Nach anderthalbjhrigem Aufenthalte in Leipzig, der nur durch kurze
Besuche an den Hfen zu Dresden und Berlin unterbrochen wurde, kehrte
der Prinz im Herbst 1784 nach seinem Schlo am Meer zurck und setzte
den Winter durch seine Beschftigung mit den Wissenschaften fort. Im
nchsten Jahre reiste er nach der dnischen Hauptstadt, um die Braut,
die noch immer nichts von der beabsichtigten Verbindung wute, kennen zu
lernen und ihr Herz zu gewinnen zu suchen. Freilich gingen die
Anschauungen des hochgebildeten, trotz seiner Jugend schon ziemlich
gereisten und welterfahrenen Mannes und die Neigungen des
lebenslustigen, heiteren, schnen Mdchens bedeutend auseinander. Dem
fortgesetzten Einflusse des geistig berlegenen Mannes, zu dem sie
anfangs mehr wie zu einem Lehrer mit Scheu emporblickte, gelang es, ihr
seinen Gesichtskreis zu erschlieen, sie fr seine Ideen zu bilden. Und
als sie ein Jahr spter (im Wonnemonat 1786) ihm die Hand zum Bunde
reichte, da gab sie ihm auch ihr Herz mit.

Das neuvermhlte Paar schlug seinen Wohnsitz in Kopenhagen auf, wo dem
jugendlichen Prinzen ein Ministerposten sowie Sitz und Stimme im
Staatsrate bertragen wurde. Als 1790 eine Kommission berufen wurde, um
das hhere Schul- und Universittswesen umzugestalten, erhielt er den
Vorsitz in derselben; er widmete sich nicht nur mit Eifer und
Pflichttreue, sondern auch mit einer bei Frsten seltenen Sachkennntnis
der wichtigen Sache. Die berhmtesten Gelehrten Dnemarks lernte er bei
dieser Gelegenheit kennen. Er bildete selbst den Mittelpunkt der
wissenschaftlichen und geistigen Bestrebungen des Lndchens. Seine
Ansichten ber die Schulreform legte er in einem Aufsatz nieder, der in
der dnischen Minerva von 1795 verffentlicht wurde, der mir aber leider
nicht zugnglich geworden ist. Nach Einfhrung des Lehrplans an einer
Kopenhagener Schule wohnte Friedrich Christian den Lehrstunden hufig
bei. Als im Jahre 1805 eine vollstndige Regierungs-Abteilung fr das
hhere Schulwesen eingerichtet wurde, trat er an die Spitze derselben
und blieb, wie auch bisher, Unterrichtsminister, obwohl er diesen Titel
nicht fhrte.

Inzwischen hatte der zwar nicht bedeutende, aber fr alles Schne
begeisterte Dichter Baggesen, vom Prinzen untersttzt, zu seiner
Ausbildung grere Reisen durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich
gemacht. Im Sommer wurde er mit Schiller bekannt und suchte nach seiner
Rckkehr nach Dnemark den Werken des Dichters berall Eingang zu
verschaffen. Die dnische Literatur stand damals in engster Beziehung
zur deutschen; alle ihre Kraft zog sie aus dieser und die bedeutenden
literarischen Erscheinungen in Deutschland wurden vom dnischen Publikum
lebhaft verfolgt. Es braucht nur an Klopstock erinnert zu werden, der
viele Jahre eine gastliche Aufnahme am Kopenhagener Hofe gefunden hatte.
Auch Friedrich Christian und Graf Schimmelmann, der Jngere, lernten
Schiller durch Baggesen kennen und lieben. Als daher pltzlich die Kunde
von dem Tode des verehrten Mannes nach Dnemark drang, vereinigten sich
die Freunde und feierten ein Totenfest in Hellebk, einem Fischerdorfe
am Nordstrande von Seeland. Bald stellte sich die Nachricht als falsch
heraus; aber Schiller war in Geldsorgen, berarbeitet, schwer krank. Da
beschlossen die beiden begterten Freunde, ihn auf einige Jahre--aus den
ursprnglich beabsichtigten drei wurden fnf--der drckendsten Not zu
entreien durch ein jhrliches Geschenk von je 1200 Thalern; eine fr
jene Zeit recht ansehnliche Summe. Der Prinz von Augustenburg schrieb
einen herrlichen Brief an den kranken Dichter, der von Schimmelmann mit
unterzeichnet wurde, und der in zartester Weise das Anerbieten enthlt
und begrndet. "Zwei Freunde, durch Weltbrgersinn miteinander
verbunden, erlassen dieses Schreiben an Sie, edler Mann!" Sie bitten ihn
in beweglichen Worten, ihr Anerbieten anzunehmen, das von Mensch zu
Mensch geht, bieten ihm zugleich eine Staatsanstellung in Kopenhagen an,
lassen ihm jedoch vllige Freiheit, seine Mue zu genieen, wo er will.

Schiller konnte nicht anders als annehmen. Aus Dankbarkeit richtete er
spter die "Briefe ber die sthetische Erziehung des Menschen" an den
Herzog, die beim Brande der Christiansburg ein Raub der Flammen wurden.
Schiller hatte aber eine Abschrift zurckbehalten, die er einer
Umarbeitung unterzog und die in etwas verndertem Gewande in den Horen
erschien und spter Ausnahme in die "Smtlichen Werke" fand. Der
Briefwechsel zwischen dem Dichter und Frsten ist von Max Mller-Oxford
herausgegeben und fr alle Gebildeten lesenswert; jede Seite enthlt die
vornehme, wahrhaft adelige Gesinnung der beiden Freunde: desjenigen, der
materiell gab, und des andern, der es mit Geistigem vergalt. Aber man
denke ja nicht, da die Briefe des Herzogs nur deshalb Interesse bten,
weil sie an einen der grten im Reiche der Geister gerichtet sind! Auch
an sich bieten sie viel Schnes ber Literatur, Philosophie und Politik.

Die deutsche Literatur und das ganze deutsche Volk wird das Andenken des
Mannes in hchsten Ehren halten, der mit dazu beigetragen hat, unserem
Schiller fnf Lebensjahre wesentlich zu erleichtern und ihm Kraft zu
seinen erhabenen Aufgaben und Pflichten zu verleihen. Welch glckliches
Zusammentreffen, da dieser Mann der Ahnherr unserer Kaiserin ist!

Im Jahre 1794 war inzwischen der alte Herzog gestorben und der junge, 29
jhrige Prinz trat in die Wrden seines Vaters ein. Von jetzt ab
verbrachte er jhrlich regelmig einige Monate auf seinen lndlichen
Besitzungen Augustenburg und Gravenstein. Als sein Verhltnis zum
Kronprinzen-Regenten sich allmlig trbte, dehnte sich seine Abwesenheit
von Kopenhagen immer lnger aus. Diese Trbung entstand durch die
allmlig mehr hervortretenden dnischen Tendenzen des Regenten, die der
Herzog als deutscher Frst nicht billigen konnte. Nach der Auslsung des
deutschen Reiches 1806 wollte man das schutzlose Holstein in Dnemark
einverleiben; dem energischen Einspruch des Herzogs gelang es, dies
vorlufig noch zu verhindern. Der Groll des Knigs--der 1808 den
dnischen Thron bestiegen hatte, nachdem er schon seit vielen Jahren
seinen geistesschwachen Vater vertreten--gegen den Herzog nahm zu, als
die schwedische Thronfolgefrage auftauchte. Da Knig Karl XIII. keine
Kinder hatte, so whlte man zum Kronprinzen den jngeren Bruder
Friedrich Christians. Als dieser pltzlich--ob an Gift, wei man
nicht--1810 mit Tode abging, richteten sich die Blicke auf den Herzog,
dessen Einwilligung aber nicht so leicht zu erlangen war. Er wollte den
dnischen Knig nicht verletzen, der, wie er wute, sich gleichfalls
Hoffnung auf den Thron von Schweden machte, freilich ganz unberechtigte.
Karl XIII. bot dem Augustenburger die Krone wiederholt an, der Reichstag
bot sie an, Napoleon war nicht dagegen; allein aus allzu groer
Rcksicht fr den Knig lehnte er ab und fragte erst bei diesem wegen
der Angelegenheit an. Der Knig lie lange mit der Antwort warten;
endlich schrieb er, da er allerdings die schwedische Krone erstrebe.
Nun lehnte Friedrich Christian endgltig ab. Die Schweden whlten nun
aber keineswegs den Knig von Dnemark, sondern den franzsischen
Marschall Bernadotte, der einige Jahre spter auch Norwegen von Dnemark
losri, das nun in Personalunion mit Schweden verbunden wurde. Dnemark
aber, das in frheren Jahrhunderten alle drei nordischen Reiche
beherrscht hatte, blieb auf Jtland und die Inseln beschrnkt.

Trotz dieses uerst loyalen Verhaltens seines Schwagers war der Knig
wtend auf ihn; er lie ihn verspotten, ja, ihn auf der Insel Alsen
frmlich blokieren, unter dem Vorwande, ihn vor den Schweden zu
"schtzen". Der Herzog, tief emprt ber solche Behandlung, nahm seinen
Abschied aus allen Staatsmtern und wohnte von nun an abwechselnd auf
Augustenburg und Gravenstein, mit der Erziehung seiner Kinder
beschftigt. Er hinterlie zwei Shne, von denen der ltere, Christian
August, der Grovater unserer Kaiserin wurde, und der jngere unter dem
Namen Prinz von Noer in der Geschichte Schleswig-Holsteins bekannt
geworden ist. Die einzige Tochter des Herzogs wurde spter die Gemahlin
des Knigs Christian VIII. von Dnemark.

In den letzten Jahren seines Lebens verfate der Herzog noch eine
staatsrechtliche Schrift, das Erbrecht seines Hauses auf die
Elbherzogtmer darlegend. Zu den Mnnern, die den philosophischen
Frsten auf Gravenstein aufsuchten, gehrt auch Andersen, der
dnisch-deutsche Mrchenerzhler, der in begeisterten Worten die
Gastlichkeit des herzoglichen Hauses und die landschaftlichen Reize der
Umgebung von Gravenstein preist. Im Jahre 1814, am 14. Juni, starb
Friedrich Christian. In seinem letzten Willen ermahnte er seine Shne
"die Rechte und Ansprche, welche ihre Abkunft ihnen gebe, mit
mnnlicher Festigkeit, aber ohne Verletzung der Gerechtigkeit, der Ehre
und Pflicht zu beobachten". Die Shne und der Enkel rechtfertigten das
in sie gesetzte Vertrauen; sie haben sich stets als Ehrenmnner
bewiesen, in guter und in bser Zeit. An geistiger Bedeutung und
umfassender Bildung aber hat keiner den groen Ahnen erreicht.




IX.

Marsberg.

Auch eine Sommerfrische.


Wir wollten in die Sommerfrische--so viel stand fest. Hierin waren meine
Frau und ich uns einig. Aber wir _wollten_ nicht nur, wir _muten!_ Alle
unsere Bekannten gingen in die Sommerfrische--eine Familie nach
Schwalbach, eine andere nach Hamm, die dritte sogar nach Eschwege. Wenn
wir daheim geblieben wren, so htte es aussehen knnen, als "htten
wirs nicht dazu!" Lcherlicher Gedanke! Kein Geld, um in die
Sommerfrische zu gehen! Solchen Menschen mchte ich einmal sehen,
namentlich in unseren Kreisen. Wir sind nmlich von ziemlich hohem
Stande, alle unsere Bekannten sind es. Also es war abgemacht, wir
wollten in die Sommerfrische.

Ich ging hin und kaufte mir "Tinten und Feder und Papier". _Eine_ Feder,
aber _zwlf_ Bogen Papier. Denn ich wollte Auswahl haben, eine engere
Wahl treffen. Was engere Wahl war, wute ich aus Erfahrung; hatte ich
doch selbst manchmal darauf gestanden. Bisweilen war ich gewhlt worden,
bisweilen auch nicht. Nun hatte ich das stolze Gefhl, diese engere Wahl
selbst auszuben. Dann nahm ich den kleinen Kneebusch--den ich selbst
besa--und Bdekers Rheinlande--den mir ein befreundeter, edeldenkender
Buchhndler auf einen Tag lieh--freilich unter der Bedingung, ihn sofort
zurckzugeben, falls sich ein Kufer finden sollte, denn es war nur
dieses eine Exemplar auf Lager--also ich nahm den kleinen, grnen
Kneebusch und den dicken, roten Bdeker und studierte und studierte. Ich
habe schon viel studiert in meinem Leben, z.B. auf der Universitt, aber
so hat nur weder im metaphysischen Kolleg beim alten Strmpell in
Leipzig noch im psychologischen Kolleg bei Eucken in Jena der Kopf
gebrummt, als heim Studium dieser anscheinend so harmlosen Bcher. Denn
da gab es Sommerfrischen wie Sand am Meer, eine immer einladender als
die andere. Preisend mit viel schnen Reden registrierten die Verfasser
alles, was nur irgend Anspruch auf diese ehrenvolle Bezeichnung erheben
konnte, von Godesberg am Rhein und Manderscheid in der Eifel bis
Oberkirchen und Laasphe im Sauerland. Rheinland und Westfalen sollte und
mute es sein, lieber noch letzteres, denn mein Grundsatz ist derselbe
wie der des alten Geheimrat Goethe:

  Willst du immer weiter schweifen?
  Sieh, das Gute liegt so nah!

Nur zuerst liebugelte ich nach der Rheingegend hinber; da lockte ein
Gasthaus mit dem lieblichen Namen "Waldesfrieden", und da las ich
Gerolstein und erinnerte mich angenehm gleich an eine Operette von
Offenbach: "Die Groherzogin von Gerolstein." Dies Groherzogtum htte
ich gern einmal gesehen, und auch der Waldfrieden hatte mich immer
mchtig angezogen, obgleich oder vielleicht gerade weil ich mein Lebtag
noch nicht im Walde gewohnt hatte.

Ich sandte also einige Briefe nach dem Rhein, die berwiegende Mehrzahl
der 12 aber wanderte ins Sauerland, jeder sorgfltig konvertiert und mit
einer funkelnagelneuen Briefmarke versehen. Ich rieb mir vergngt die
Hnde; der erste, der schwerste Schritt war geschehen; und begierig
harrten wir nun der Dinge, die da kommen sollten, nmlich der Antworten.
Herzlich leid thaten mir schon die 11 armen Wirte, denen ich abschreiben
mute; denn ich konnte unsere Gegenwart doch nur einem schenken, wie es
auch in der Lotterie zu gehen pflegt, wo nur einer das groe Los zieht.
Wer von den 12 Wirten das sein wrde, ruhte noch im Schoe der Gtter.
Jeden Morgen eilten wir zitternd vor Aufregung dem Brieftrger
entgegen--bei uns im Rhrchen kommt die erste Briefbestellung schon um
neun Uhr vormittags--und waren jedesmal schmerzlich enttuscht, wenn er
nichts hatte. Auch wenn ich mittags nach Hause kam, war meine erste
Frage: Nichts vom Brieftrger? Endlich am dritten Morgen brachte er eine
Karte. Sie kam vom Waldesfrieden und sagte mit drren Worten, es sei fr
die nchsten Wochen alles besetzt, der Wirt msse auf unsern Besuch
verzichten. Ich war entrstet. Auf uns verzichten wollte er, und nicht
einmal schwer schien ihm das zu werden, wenigstens war kein Wort des
Bedauerns ausgesprochen. Aber es sollte noch anders kommen; auch die
brigen Rheinlnder und smtliche Sauerlnder bis auf 3 schrieben im
Laufe der nchsten 14 Tage ab, mit Ausnahme derer, die--mir bebt die
Feder vor edlem Zorn--berhaupt nicht antworteten!

Es waren also 3 brig geblieben, die uns wollten. Triumphierend
erzhlten wir es unseren Freunden. Aber da kamen wir schn an. Als ich
Freund X sagte, wir wollten nach A., der Ort sei gut empfohlen im
Kneebusch, rief X unwillig aus: Ach, gehen Sie nicht nach A., da ist
kein Wald in der Nhe, gehen Sie lieber nach B. Ich lie mich natrlich
gerne belehren und teilte meinem Freunde Y mit, wir seien entschlossen,
unsere Sommerfrische in B. abzuhalten. Wie, nach B. wollen Sie? Nach
diesem schmutzigen Dorfe? Gehen Sie nach C.! Ich stutzte, fgte mich
aber der berlegenen Weisheit; wohnte ich doch erst 3 Jahre in Westfalen
und jene anderen schon lange; die muten es natrlich besser wissen;
berhaupt giebt ja der Klgste nach. Es war also eine ausgemachte Sache,
wir gingen nach C. Aber o weh! kaum hatte meine Frau in der nchsten
Kaffee-Visite davon gesprochen, als ein Sturm der Entrstung losbrach.
Nach C. wrden die Damen auf keinen Fall gehen, sie rieten aber
dringend, nach D. zu gehen. Die Lage, Verpflegung, kurz, alles sei
unvergleichlich viel besser als in C. Nun stand aber D. gar nicht mit
auf meiner Liste. Doch was sollte ich thun? A., B. und C. hatte ich auf
den Rat von X, Y und Z schon abgeschrieben. Die engere Wahl war also
ergebnislos verlaufen. Inzwischen war auch bei dem ewigen Warten eine
Woche der Ferien unwiederbringlich verloren, und wenn wir noch etwas von
der Sommerfrische haben wollten, dann hie es sich eilen. Kurz
entschlossen telegraphierte ich nach D., bezahlte die Antwort und hatte
nach 3 Stunden einen zusagenden Bescheid. Hurra, wir hatten eine
Sommerfrische! Was 12 Briefe nicht vermocht hatten, eine Depesche hatte
es erreicht. Wir stehen eben im Zeichen der Telegraphie; Briefe sind ein
berwundener Standpunkt. Nun kann ich auch den Schleier der Anonymitt
lften und verraten, da D. Niedermarsberg war, an der Diemel im
stlichen Sauerlande gelegen. Schon am nchsten Tage sollte die Reise
angetreten werden.

Darauf bedacht, da wir allein im Coup blieben, verfiel ich auf
folgende List, die ich allen Familienvtern empfehlen kann. Sobald eine
Station in Sicht kam, kommandierte ich: Alle Mann an Deck! Alle 5
strzten wir uns dann zwar nicht an Deck, sondern an die Coupthr, die
wir dicht gedrngt verbarrikadierten: meine Frau, ich, der Knabe
Karl von 10 Jahren und der einjhrige Hans auf dem Arme des
Mdchens. Besonders letzterer sollte nach meiner Berechnung als
Abschreckungsmittel dienen, und ich hatte mich nicht getuscht. In
Wickede z.B. steuerte ein umfangreicher Gutsbesitzer (dicker Bauer) auf
unser Coup zu, schwenkte aber kurz vorher ab, als er die kinderreiche
Familie mit dem Hans an der Spitze sah, den er womglich fr einen
Schreihals hielt, was er keineswegs ist. Meine Frau fand es zwar
emprend, da unser ses Hnschen abschreckend auf einen Menschen
wirken knne, aber der Erfolg gab mir Recht. Ungefhrdet durch
Mitreisende kamen wir Mittag an dem Ziel unserer Wnsche, in
Niedermarsberg, an, von unserem Wirt, der auer seinem Hotel auch die
Bahnhofsrestauration inne hatte, in Empfang genommen.

Auf dem Wege zum "Westflischen Hof" kamen wir an einem Trmmerhaufen
vorbei, wo vor 14 Tagen mehrere Huser, darunter auch ein Hotel,
abgebrannt waren. Das war kein gutes Omen fr uns, und doch, ich dachte:
Sobald brennts gewi hier nicht wieder! Ich trat an die Brandsttte und
bemerkte zwischen Schutt und Trmmern einen Balken mit der leicht zu
entziffernden Inschrift:

  DAS FEVR KAN MICH VERZEHRREN
  GOTT WOLTE SOLCHES GENEDIG ABWEHRREN.

Eine Jahreszahl war nicht mehr zu erkennen, doch deutete die
Orthographie auf die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts.

Niedermarsberg hat eine ganz herrliche Lage. Nach allen Seiten zwischen
hohe, bewaldete Berge eingebettet, schaut es mit seinen hbschen Kirchen
den Wanderer gar freundlich an. Besonders stolz und stattlich streben
zwei steile Berge in die Hhe: auf dem einen steht der Bilstein, ein
Aussichtsturm, auf dem andern liegt Obermarsberg, dessen beide Kirchen
man sieht. Whrend dieser Ort mit 1000 Einwohnern eine Stadt ist, hat
Niedermarsberg trotz seiner 4000 Einwohner die Landgemeindeordnung.

Es hat eine evangelische und mehrere katholischen Kirchen sowie eine
Synagoge; an ersterer wirkt der Pastor Nettelbeck, ein Nachkomme des
wackeren Verteidigers von Colberg. Es besitzt ferner eine Zeitung,
genannt der "Diemelbote", der aber nicht _einmal_ tglich erscheint, wie
gewhnliche Zeitungen, sondern dreimal (wchentlich). Auerdem hat
Niedermarsberg alle Arten Lden, in denen man seine materiellen
Bedrfnisse befriedigen kann, sofern sie nicht allzu hoch sind; fr die
geistigen sorgt die Buchhandlung meines Freundes Buddenkotte.

Der gebildete Deutsche will aber nicht nur wissen, was jetzt ist,
sondern auch was frher war. Ich setze zu deiner Ehre voraus, da du,
lieber Leser, mindestens bis Quinta, vielleicht sogar noch weiter
gekommen bist, und da du also weit, auch ohne da ich dirs sage, da
hier in Marsberg einstens die alten Sachsen hausten und da ihre
berhmte Eresburg von Karl d. Gr. erobert wurde. Auch weit du, da
dieser groe Kaiser den Winter 784-85 mit seiner Familie hier
zugebracht, sich auch eine Villa Horhusen gebaut hat, da ferner die
Stadt spter in Stadtberge umgetauft wurde und nun, seit etwa 30 Jahren,
nach dem Grundsatz variatio delectat, Marsberg heit. Solltest du alles
dieses aber nicht gewut haben, nun so trste dich mit mir: auch ich
habe es erst aus dem Kneebusch erfahren, wo es auf Seite 185-86 steht
und noch viel mehr dazu. Was aber nicht im Kneebusch steht, ist, da
hier ein Mann wohnt, den Kaiser Karl V. beneidet haben wrde, wenn er
ihn gekannt htte. Wie mnniglich aus der Geschichte wei, war dieser
mchtige Frst, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, auf seine
alten Tage Uhrmacher geworden, jedoch auer Stande, zwei Uhren in vllig
gleichem Gange zu erhalten. In Marsberg wohnt ein Uhrmacher--es wre ein
Unrecht, den Namen dieses Wackeren zu verschweigen: Paul Mller heit er
und wohnt Wilhelmstrae Nr. 15, in demselben Hause, wo mein Freund
Buddenkotte, der Buchhndler, wohnt--in dessen Schaufenster hngen also
nebeneinander 6 (sechs) Uhren, die sich hneln wie ein Ei dem andern.
Alle 6 Pendel bewegen sich mit absoluter Gleichmigkeit, wie ich
whrend meines mehrwchentlichen Aufenthalts beobachten konnte, wenn ich
vorbei ging. So hat der groe Kaiser in dem kleinen "Uhrkenmaker" seinen
Meister gefunden.[7]

Die Umgegend von Niedermarsberg ist reich an Wald mit schnen
Spaziergngen. Da lockt die Paulinenquelle im Waldesschatten mit schnen
Anlagen und Ruhepltzen, wo es sich so angenehm lesen und trumen lt.
Da winkt das Eichwldchen an der Diemel, auch mit lauschigen Pltzchen,
vor allen aber der Bilstein mit seiner prchtigen Aussicht auf beide
Marsberg und in die weite Ferne. Ein Stationsweg mit 14 Steinbildern von
der Passion Christi fhrt hinauf.

Aber auch das Materielle kam nicht zu kurz in Marsberg, und wir
bedauerten schon gar nicht mehr, von den 12 geplanten Sommerfrischen
keine erwischt zu haben. Gab es in Niedermarsberg wenig Sommerfrischler
und Touristen, so gab es um so mehr Forellen. Unser Wirt zum
"Westflischen Hof" hatte den Vorzug, Pchter der Fischerei zu sein, und
da haben wir manchen guten Braten gehabt.

Der historische Zug in mir trieb mich gleich in den ersten Tagen nach
Obermarsberg hinauf. Ein gelinder Schreken fate mich allerdings, als
ich im Kneebusch von der dort befindlichen Schwedenschanze las. Es ist
mit den Schwedenschanzen beinahe so schlimm wie mit den Schweizen. Man
kann nirgends in deutschen Landen reisen, ohne auf eine Schwedenschanze
zu stoen oder ber eine Schweiz zu stolpern; manche dieser Schweizen
sind nmlich so hoch, da man wirklich darber fallen kann. Trotz aller
Vorsicht hatte ich schon ein halbes Dutzend Schweizen ber mich ergehen
lassen, und ebenso viele Schwedenschanzen. Nun, wie so manche
Schwedenschanze, bestieg ich mutig auch die Obermarsberger, und die
Aussicht kann auch den verbissensten Antischweden mit den Namen
ausshnen. Prchtig baut sich vor den entzckten Blicken die
sauerlndische Gebirgskette auf: ein Neben- und Durcheinander von
dunkel- und hellblauen Kuppen, von denen das Auge sich nur schwer
trennt, um dann ber das unmittelbar zu Fen liegende grne Diemelthal
mit seinen Wldern, Wiesen und weidenden Khen zu schweifen.

Nachher besahen wir dann noch die beiden Kirchen, von denen die eine von
dem braven Karl dem Groen gebaut sein soll und die andere von jemand
anders, bewunderten den "Roland", der aber nicht so riesenhaft wie der
in Bremen ausschaut, staunten den abscheulichen Pranger an und kehrten
schlielich im Wirtshaus zur Eresburg, vom Volk auch "Freburg" genannt,
ein, wo wir Heidelbeerwein tranken, der genau so schmeckte, wie
mittlerer Bordeaux, den Vorzug hatte, billiger zu sein und dabei aus
denselben Bestandteilen hergestellt ist.

_Essentho_, dessen Name dem Ohre des Lesers vermutlich ebenso fremd ist
wie seinem Herzen, ist ein abgeschiedenes, weltverlorenes Drfchen
jenseits der Berge. Man geht am Niedermarsberger Schlachthause vorbei,
welches eine so idyllische Lage am Waldesrande hat, da man gleich
Schlachthausinspektor sein mchte. Uebrigens verdient schon die Existenz
eines solchen Instituts in einem Orte von 4000 E. alle Anerkennung; es
giebt eine groe Anzahl Stdte in Deutschland mit mehr Einwohnern, die
noch gar nicht daran denken, sich in den Besitz eines solchen ntzlichen
Hauses zu setzen. Hinter dem Schlachthause fhren mehrere Wege durch den
Wald nach Essentho, eine langsam aufsteigende, mit Eschen besetzte
Landstrae, eine wohlerhaltene rmische Heerstrae (via regia) und ein
Fuweg. Wir whlten diesen, indem wir uns die Rmerstrae fr den
Rckweg vorbehielten. An dem Fuwege, gegen den Wald gelehnt, liegt der
jdische Friedhof mit einigen hbschen Denkmlern. Das 9jhrige Shnchen
unseres Wirtes, wohlbestallter Sextaner der Rektoratsschule, der unser
Fhrer war und uns auf alle Sehenswrdigkeiten, oder was er dafr hielt,
aufmerksam machte, wies mit eigentmlicher Miene auf einen Grabstein,
der aus einer abgebrochenen schwarzen Granitsule bestand, und sagte: Da
liegt ein Freimaurer! Ich fragte ihn, was denn ein Freimaurer sei.
Hierauf wute er nichts zu antworten, ich mute aber an den Tag vorher
denken, wo wir ber den christlichen Kirchhof gingen. Mit derselben
eigentmlichen Geberde hatte er auf ein Grab in der Ecke gezeigt und
gesagt: Da liegt einer, der hat sich vorigen Winter erhngt!

Saftige Wiesen begleiten uns, auf denen sich ganze Scharen von
Schmetterlingen tummelten; so viele Tag-Pfauenaugen hab' ich mein Lebtag
nicht gesehen. Essentho selbst bietet nichts, auer einer
Antoniuskapelle unter zwei riesigen Linden, in deren Gest die Glocke
hngt. Auf diesen Antonius trifft man hier berall; wenn ich nur wte,
was es fr eine Bewandtnis mit ihm hat. Unsere Josepha, die liebliche
Wirtstochter, wute auch nicht viel von ihm zu melden. Eine weite
Aussicht hat man von dieser Kapelle ber das Diemelthal hinaus zu den
Weserbergen und sogar dem Habichtswalde bei Kassel. Von Marsberg ist
nichts zu sehen, da es durch Berge verdeckt ist.

Um so angenehmer wurde ich in Westheim enttuscht; schon da es stlich
von Marsberg liegt, imponierte mir, da ich eben ganz und gar kein
Buchstabenmensch bin. Was mich nach Westheim zog, war vor allem der
Umstand (Kneebusch Seite 187 unten), da dort der Reichsgraf von
Stolberg ein Schlo mit Park und Brauerei besitzt. Vor Grafen,
insonderheit vor Reichsgrafen, habe ich von jeher eine unbegrenzte
Hochachtung gehabt, was vermutlich daher kommt, da in meinem engeren
Bekanntenkreise sehr wenig, ja ich mchte fast sagen, gar keine Grafen
verkehren. Fr die Grafen von Stolberg hegte ich eine ganz besondere
Verehrung, sowohl fr die Linie Stolberg-Wernigerode als auch
Stolberg-Stolberg. Hatte ich doch schon als Magdeburger Sekundaner das
herrliche Schlo zu Wernigerode geschaut und als Student die
Schlobibliothek zu Stolberg mit der einzig dastehenden Sammlung von
Leichenpredigten aus dem 16. und 17. Jahrhundert angestaunt! Hier in
Westheim kam nun noch etwas hinzu, was dem sonst von mir befolgten
Horazischen nil admirari einen argen Sto gab. Unterbrechen Sie mich
aber bitte nicht, sondern lassen Sie mich ruhig erzhlen! Ich pilgerte
also frohgemut gen Osten, durch schattigen Wald an der leise
pltschernden Diemel entlang. Was mir unterwegs begegnete, ist nicht von
Belang, und ich kann es fglich bergehen; denn, wie der Leser schon
gemerkt hat, ist es mein Grundsatz, nur wirklich Wichtiges zu berichten;
ein Prinzip, dem ich auch knftig treu bleiben werde. In Westheim
angelangt, wandte ich mich sogleich nach dem Schlosse, und da ein sehr
heier Tag war und ich groen Durst versprte, so fragte ich ein paar
Brauknechte, die in dem Hofe der Reichsgrflichen Brauerei hantierten,
ob man da wohl ein Glas Bier kriegen knnte. Sie wiesen lchelnd auf
eine Thr, an der "Komptoir" stand. Etwas zaghaft trat ich ein und trug
meinen Wunsch einem der an Schreibpulten stehenden Herren vor. Dieser
lchelte gerade so wie die Brauknechte und zeigte auf einen gefllten
Krug voll eiskalten Bieres, der im Augenblick gebracht war. Ich langte
zu und setzte mich auch, whrend sich niemand weiter um mich kmmerte.
Der Buchhalter schrieb, ab und zu gingen Leute, die da zu thun hatten.
Da eiskaltes Bier nicht gesund sein soll, htte ich gern mein in der
Tasche steckendes Butterbrot gegessen; allein der Anstand berwog
zunchst noch den Hunger, und nur verstohlen, wenn es niemand sah, bi
ich kleine Stcke ab. Erst als ich sah, da einer der Schreibenden auch
ein Butterbrot ganz ffentlich vor sich hatte und a und trank, holte
ich meinen Imbi heraus und nun schmeckte das Hubertusbier noch einmal
so gut. Mutiger geworden, knpfte ich eine Unterhaltung an, erkundigte
mich nach den Familienverhltnissen des Grafen von Stolberg und
erweiterte meine genealogischen Kenntnisse betrchtlich. Schlielich
fragte ich nach der Schuldigkeit, da schttelte er (der Herr Buchhalter)
den schon ziemlich entlaubten Wipfel. Ich bedankte mich schn, flehte
den Segen des Himmels auf den Grafen und seine Kinder und Kindeskinder
herab und verlie rckwrts hinausgehend mit vielen Verbeugungen das
gastliche Komptoir. Hoffentlich wird diese Episode nicht in weiteren
Kreisen bekannt! Ich wrde sonst dem Herrn Grafen einen Sklaven schicken
(wenn ich einen htte), der ihm jeden Mittag und jeden Abend, wie jener
Sklave dem Perserknig, zurufen mte: Landgraf, werde hart, hart, hart!
Ich werde den Herrn Setzer brigens bitten, diese ganze Stelle zu
streichen.

Um auch einmal ins "Ausland" zu kommen, beschlo ich einen Ausflug nach
dem Stdchen Rhoden in Waldeck zu machen. Auf der Fahrt nach Wrexen,
wohin ich die Bahn benutzte, hatte ich eine helle Freude an einer
Chaussee, die in bunter Abwechselung mit reichbeladenen Aepfelbumen,
Ebereschen voller leuchtendroter Beeren, Ahornen, Kastanien, Birken und
Akazien besetzt war--wahrlich, keine Spur jener Eintnigkeit, an der
sonst Landstraen zu leiden pflegen! Von Wrexen, das schon waldeckisch
ist (der Name klingt auch so auslndisch, nicht wahr?), fhrt ein
einstndiger Marsch nach Rhoden. Schon von ferne sieht man das
Stdtchen (von dem bekanntlich der Spruch: hic Rhodus, hic salta! kommt)
auf steilem Bergkegel, ganz oben ein schloartiges Gebude und eine
Kirche. Kneebusch bemerkt lakonisch: Das Schlo ist bewohnt, aber nicht
gut erhalten. Ich stand vor dem wappengeschmckten Portal, das
verschiedene Risse aufwies. Still war alles, kein Mensch, kein Hund,
keine Katze. Mein Schritt hallte auf dem Steinpflaster, aber kein
Fenster ffnete, kein neugieriger Kopf zeigte sich. Dies Schlo mut du
schon irgendwo gesehen haben, dachte ich bei mir und suchte in meinem
Gedchtnisse: aber wo, wo? Da rief es pltzlich laut in mir, so da es
beinahe gesprochene Worte waren: Das ist ja das Dornrschenschlo, von
dem dir deine Mutter vor vielen Jahren erzhlt hat und in dem du dich so
heimisch fhltest, wie in deiner Eltern Wohnung!--Ich wandere weiter und
gelange in den Park. Da stehen sie, die Baumriesen, ganz ruhig; kein
Lftchen bewegt Baum und Strauch, die einen grnen, undurchdringlichen
Schleier bilden. Zwei Vgelchen huschen durch das Gras und zwitschern
leise; ich merke, sie reden von mir und wundern sich, was ich da will.
Im Park fast noch stiller als im Schlo; Totenstille, Grabesstille. Die
Wege mit Buschwerk berhngt, soda man sich bcken mu----Nun la sich
die Dmmerung herabsenken und den Mond aussteigen hinter den dsteren
Tannen und Eichen--und du bist in das romantische Land versetzt, von dem
die Dichter melden. Steinerne Stufen, moosbewachsen, geborsten, fhren
hinauf und hinab. Was leuchtet da in der Ferne Weies durch das Grn?
Ein Grabstein. Ich trete hinzu und lese unter dem marmornen Wappen des
Mausoleums die Worte: "In diesen Hafen sammeln wir uns aus den Strmen
des Lebens." Ein sinniger Spruch, den der Frst von Waldeck vor etwa
hundert Jahren sich und seinen Nachkommen geschrieben hat. Die Gitter
und Grabkreuze vor dem Mausoleum sind dicht mit Epheu umsponnen; an den
beiden gewaltigen Fichten ist er hinaufgekrochen bis in die uersten
Verzweigungen. Ich gehe weiter und setze mich auf eine Bank und trume.
Fr wen sind diese Anlagen? Wer geniet sie? Wie mag es hier im
frhlichen 18. Jahrhundert ausgesehen haben? Da war Rhoden sicher eine
Art Versailles, wenn auch nur ganz im Kleinen: alle Zeichen deuten
darauf hin. Da sind die Laubgnge bevlkert von Kavalieren und Hofdamen,
die sich verneigen und plaudern und hinter den dichten Hecken kosend
verschwinden. Und abends, da ist das Schlo hell erleuchtet, und die
breiten, jetzt so ausgetretenen Steintreppen wallt es hinauf in prchtig
geschmckten Gewndern zum Ballsaal----Da hre ich in der Ferne das
Knarren eines schweren Fuhrwerks und das Knallen einer Peitsche und den
Zuruf eines Ackerknechtes--das ist die Prosa des modernen Lebens, die
nur gedmpft hier hineindringt. Ich nehme Abschied von diesem Idyll;
wieder hallen meine Schritte ber den Schlohof; ich blicke noch in den
tiefen, halb verschtteten Brunnen. Alles so still wie zuvor, kein
Mensch, kein Tier. Ich gre das Wappen am Portal und schreite hinaus,
voll von einer schnen, nicht so bald verlschenden Erinnerung----

FUSSNOTEN:

[7] Spter verriet mir Freund Buddenkotte den Kniff, durch den das
Kunststck gelungen war; ich will ihn aber nicht weitersagen, um den
Knstler nicht blozustellen.




X.

Neun mal 24 Stunden auf der Eisenbahn.[8]


Frhling kam und mit ihm erwachte meine Wanderlust. Nach Westen! nach
dem sonnigen Californien, von da weiter nach den Hawai-Inseln und durch
das Sdsee-Paradies nach Sidney und Melbourne, von da nach Ceylon und
Vorderindien, und durchs Rote- und Mittelmeer nach Italien und
Deutschland; mit einem Wort: eine Reise um die Erde zu machen, hatte ich
mir den Winter hindurch als Ziel vorgesetzt. Mit dieser Absicht fuhr ich
vom Mississippi nach Westen; verschiedene Grnde lieen mich meinen
Entschlu ndern, von denen ich hier nur einen erwhnen will: die
Beschrnktheit der Zeit; Ende September 1883 mute ich mich zum
Militrdienste stellen.

Donnerstag, 26. April 1883, frh 6 Uhr fuhr ich von Fort Madison ab, und
Sonnabend, 5. Mai, frh 9 Uhr kam ich in San Francisco an, nach 9 Tagen
und 9 Nchten ununterbrochener Fahrt. Schnellzge fahren diese Strecke
fast in der halben Zeit; der Zug, mit dem ich fuhr, war ein Emigranten-
(d.h. Bummel-) Zug, aber dafr auch um 1/3 billiger; ich gab ungefhr
250 Mark fr das Billet. Wer etwas mehr von der Landschaft sehen
will, thut wohl, den Emigrantenzug zu whlen, trotz mancher
Unbequemlichkeiten, die er mit sich bringt. Nach 15stndiger Fahrt durch
die hgeligen, angebauten Staaten Iowa und Missouri kam ich in Atchison
an, einer greren Stadt, dem Anfangspunkte der "Atchison-Topeka-Santa
Fe-Eisenbahn", mit welcher ich die nchsten Tage zu fahren hatte;
zuletzt gings eine Weile dicht am Missouriflu entlang, dessen Wasser
schmutzig daher schleicht und den klaren Mississippi trbt. In Atchison
war umzusteigen; nach kurzem Aufenthalt ging es weiter, mit einer
Geschwindigkeit, die ich unserm Bummelzuge gar nicht zugetraut htte.
Ich ging durch die Wagen und fand die prachtvollste Einrichtung, wie auf
Schnellzgen; doch da ich mit Emigrantenzgen noch nicht nher bekannt
war, hoffte ich, im richtigen Zuge zu sein und machte es mir in einem
Lehnstuhl des Gesellschaftswagens bequem. Schrecklich war jedoch mein
Erwachen, als der Kondukteur mich belehrte, da dies der Schnellzug sei
und ich denselben schleunigst zu verlassen habe. Auf meine
Entschuldigung erwiderte er streng: Does this look like an
emigrant-train? I tell you, you are a dandy! (dandy = frecher Mensch).
Auf der nchsten Station kam ich der Weisung nach und befand mich in
tiefster Dunkelheit--es mochte Mitternacht sein--vor einem Holzschuppen,
aus dem Licht herausschimmerte und den ich als Bahnhof erkannte. Ein
junger Mann, welcher Stationsvorsteher, Telegraphist, Postbeamter,
Hausknecht und Restaurateur zugleich war (ich merkte nichts von einer
Restauration, auf vielen Stationen ist keine) und den ich um Nachtlager
bat, wies freundlich aber schlfrig auf die Diele, whrend er sich auf
eine Pritsche warf und alsbald einschlief. Mir blieb nichts brig, als
seinem Beispiel zu folgen, und, mde wie ich war, schlief ich, in meinen
Ueberzieher gewickelt, ganz ertrglich. Am andern Tage ziemlich frh kam
ein Zug angeschlichen, der, wie mir mein Wirt sagte, nicht der meinige
sei: der kme erst spter. Ich ging aber doch heran, fragte und hatte
grade noch Zeit einzusteigen, denn er war es! Nun ging es quer durch
Kansas, einen der grten, aber auch langweiligsten Staaten. Alles
Prairie mit Herden; ab und zu eine Holzstadt oder einzelne Farmen. Kein
Baum, kein Strauch, wenig Wasser; nur als Weiden zu brauchen. Das
"sonnige Kansas" nennen sie es, und auer der Sonne, die manchmal arg
brennt, ist hier nichts zu haben.

Sonntag hatten wir diesen elenden Staat, in dem ich die ttlichste
Langeweile ausgestanden, glcklich hinter uns, und fanden uns am Morgen
in Trinidad, einem halb spanisch-, halb anglo-amerikanischen Orte
Sd-Colorados, am Fue der Rocky Mountains herrlich gelegen, die hier
bis 4000 m aufsteigen. Ich dachte an meine Schiffsbekanntschaft, Herrn
Uhlfelder, der hier wohnt, hatte aber keine Zeit ihn aufzusuchen.

Nicht eben erfreulich berhrte mich ein Anschlag im Bahnhof folgenden
Inhalts: "Gestern sind die Schienen bei Trinidad aufgerissen, soda der
Zug entgleiste. 2000 Mark Belohnung fr Nachweisung der Thter."--Es
konnten sowohl Indianer als auch Weie gewesen sein; letztere, meist
verzweifelte Burschen, die sich vor dem Arm der Gerechtigkeit aus den
Oststaaten oder aus Europa nach dem einsamen Westen gerettet haben,
gelten fr raffinierter. Sie berfallen Zge, ermorden die Reisenden und
nehmen alles Wertvolle mit; dann verschwinden sie in den Bergen. Der
schnell reparierten Bahn vertrauten wir unsere Sicherheit an. de und
rauh ist das Gebirge, das wir nun hinaufklommen; nur Cedern und
Nadelholz, Gerll und Fels. Als wir gerade aus einem langen Tunnel
wieder ins Freie kamen, sahen wir seitwrts in der Ferne die in Schnee
getauchten Spitzen der Felsengebirge hell glnzen in der Morgensonne.
Bei Raton, etwa 7000' hoch, wurde Station gemacht; in Blechkannen
brachten Mdchen und Knaben Kaffee in die Wagen, der auch nicht mehr
kostete als bei Felsche in Leipzig, wenn er auch nicht so gut war. Da
es an "Lagerbier" auch hier nicht fehlte, brauche ich nicht zu sagen.

Wir haben die Grenze von Neu-Mexico berschritten und befinden
uns im Lande der Azteken. Ein wunderbarer Gegensatz zu dem
anglo-kelto-germanischen Nordamerika; Gegensatz in Landschaft und
Architektur, in Sprache und Volk und Klima. Es geht auf der Hochebene
hin; Steppen mit scharf-geschnittenen, blauen Bergen umkrnzt, die
Gipfel mit Schnee bedeckt; Cacteen von Manneshhe bis zu 40' und 50'
wachsen auf der unfruchtbaren Ebene. Ab und zu ein paar Prairiehunde,
nach denen sich Revolver und Flinten von allen Fenstern des Wagens
richten--ich sehe jetzt erst, da ich der einzige Waffenlose bin. Es ist
angenehm warm, aber ertrglich, obgleich wir viel sdlicher als Neapel
sind; das bewirkt die Hhe von 5-6000'. Die ersten beiden Tage strengte
das Fahren an; jetzt, am 4. oder 5., bin ich es gewohnt. Die
Gesellschaft besteht aus Deutschen, Anglo-Amerikanern, Polen und einem
Italiener; es ist hnlich wie auf dem Schiff, die Gesellschaft bleibt
dieselbe, da fast alle nach Californien wollen, und man wird bekannt. Da
ist ein armer Tischler aus Bielefeld, der es mit 10 Mark Wochenlohn
nicht lnger aushlt; er will sein Glck in Californien suchen, und wenn
er es gefunden, seine Familie aus Deutschland nachkommen lassen; ferner
ein junger beklemmerter Restaurateur aus Breslau mit seiner Frau, der
weniger aus Not als aus Uebermut erst nach St. Louis gereist ist, dort
viel Geld durchgebracht hat, auf die Jagd gegangen und dergleichen Sport
getrieben, und nun in S. Jos nicht weit von San Francisco eine
groartige Geflgelzucht anlegen will, die in kurzer Zeit sehr viel
einbringen wird. Dann ein Italiener aus Lucca (die meisten Italiener in
Nord-Amerika antworten, wenn sie nach ihrer Heimat gefragt werden:
Lucca), der sich nur durch meine Vermittlung verstndigen kann und froh
ist, da ich ein bischen italienisch mit ihm radebreche. Er hat in den
Kohlebergwerken Pennsylvaniens gearbeitet, was ihm begreiflicherweise
nicht behagte. Nun will er Cafetiere in San Francisco werden, wo ca.
6000 Italiener wohnen. Ich lehrte ihn etwas Englisch, von dem er bisher
nur einige Zahlen und die Mnzennamen kannte, wofr er nur
bereitwilligst seinen glcklicherweise noch ziemlich neuen Kamm lieh, da
mir der meinige abhanden gekommen war. Dann ein paar echte Yankees aus
dem Neu-England-Staate Maine, die uns in Deming verlieen, um in die
Silberbergwerke Neu-Mexicos zu gehen, mit dem frohen Gefhl, nach einer
14tgigen Eisenbahnfahrt immer noch in ihrem Vaterlande zu sein, ein
Gefhl, wie es auerdem wohl nur noch dem Chinesen und Russen mglich
ist. Auf besonders dazu eingerichteten Herden knnen die Familien sich
Kaffee, Eier und dergl. kochen. Nachts werden die Bnke durch eine
einfache Vorrichtung in Lagersttten (Betten kann man nicht sagen)
verwandelt. Ich lege den Kopf auf einen Sack, decke mich mit dem
Ueberzieher zu und schlafe Seite an Seite mit meinem Tischler, whrend
der Zug weiterrollt. Das Trinkwasser wird zweimal gewechselt tglich;
da alle sonstigen Bequemlichkeiten auf dem Zuge sind, brauche ich kaum
zu erwhnen.

So viele Sprachen wie hier kommen wohl selten zusammen: da heien drei
Stationen hinter einander: Sulzbacher (deutsch), Las Vegas (spanisch),
Shoemaker (englisch), dazu kommen noch griechische, lateinische,
franzsische, hollndische, mexicanische und indianische Namen.

In Las Vegas--wo brigens grade die Pocken hausten, woran ich nichts
dachte--benutzte ich die zwei Stunden Aufenthalt, um eine Cousine
aussuchen, die dort wohnt. Die Stadt ist teils spanisch, teils
indianisch und englisch, sehr hbsch gelegen; nicht weit davon das alte
Santa Fe.

Ab und zu ein kleiner Ort von Adobe-(Lehm-)htten, von Indianern und
Silbergrbern bewohnt. Dutzende von ersteren kommen an den Zug, fahren
auch streckenweise mit, da sie freie Fahrt haben; schwarzes Haar hngt
ihnen wirr in die Stirn; ein grobes buntes Tuch und eine Decke verhllt
ein wenig den Krper; bunte Binden auf dem Kopf, Glasperlen um den Hals.
Sie bieten selbstgebranntes Geschirr zum Verkauf, und ich erstand ein
kleines Thongef, welches allerdings von der Kunst des Verfertigers
kein glnzendes Zeugnis ablegt. Eine Verstndigung ist kaum mglich, da
die Leute einen Mischmasch von indianisch, spanisch und englisch
radebrechen; man nimmt ihnen weg, was man haben will, und drckt ihnen
dafr ein beliebiges Geldstck in die Hand.

Noch schmutziger als die Erwachsenen sind die Kinder, die nackt berall
herumlaufen.--Einmal hatten wir Gelegenheit, einen Indianer als Reiter
zu bewundern. Wohl fnf Minuten ritt er in gestrecktem Galopp neben dem
Zuge her; wir drngten uns auf die Plattform, und laute Hurrahs ertnten
dem Braven zur Belohnung, was ihn jedoch nicht zu rhren schien, denn er
wandte nicht einmal den Kopf nach uns.

Wir fahren am Rio Grande del Norte entlang, immer nach Sden; der Flu
verdient hier das Beiwort "gro" noch nicht. Das Land rings herum mu
knstlich bewssert werden.

In Deming endigt die Atchison-Topeka- und Santa Fe-Eisenbahn und wir
stiegen um, von jetzt ab bis San Francisco die Sdliche Pacific-Bahn
benutzend. Die beiden Yankees verlieen uns, um mit der Post nach den
Silbergruben weiter zu fahren; blieben noch der Tischler aus Bielefeld,
der Gastwirt nebst Frau und der Italiener als meine engere Gesellschaft.
Bei einem biedern Pommern verproviantierten wir uns mit Wurst, Brot,
Obst und Californierwein. Viele Kleinhndler sind Deutsche, ebenso sehr
viele Gastwirte. Deming liegt auf der Hochebene, im Hintergrund ragt die
zur Sierra Madre gehrige Berggruppe Floridas und Tres Hermanas (drei
Schwestern) hervor.

Das Terrain senkt sich bedeutend, wir kommen hinab in das fruchtbare
Thal des Gila in Arizona, nachdem wir, leider nachts, die Ruinen der
Aztekenstadt Casa Grande passiert. Die Vegetation nimmt zu; Palmen,
Cacteen, Blumen aller Art. Wir fahren von Deming aus mit einem
schnelleren Zug; das Wetter ist herrlich, munter balancieren wir, der
Restaurateur, der Cafetiere und ich auf den offenen niedrigen Gterwagen
umher, in dem frohen Gefhl, dem goldenen Staat immer nher zu kommen.
Mittwoch frh in Yuma, am unteren Coloradoflu gelegen, wo, in Stadt und
Umgegend, etwa 10000 Yuma-, Pima- und Apache-Indianer wohnen. Sie sind
fast nackt und zum Teil ttowiert; eine Photographie einer Squaw nahm
ich zum Andenken mit. Wir berfuhren den Colorado und waren in
Californien, dessen sdlicher Teil, meist wst und leer, unsere Stimmung
zunchst etwas herabdrckte; den schnsten Gegensatz dazu bildet die
Gegend von Los Angeles, wo wir am Donnerstag anlangten. Die zwei Stunden
Aufenthalt spazierten wir in Stadt und Umgegend umher, herrlich mit Wein
und Orangen bepflanzt; nicht weit vom Stillen Meere, unter dem 34
gelegen, die Heilsttte fr die Lungenkranken Amerikas. Noch 48 Stunden
fuhren wir, rechts die schneebedeckte Kette der Sierra Nevada und die
Bernardino-Berge, Sonnabend frh sahen wir den Golf von San Francisco
und fuhren mit dem Dampfer bei strmendem Regen hinber nach der Stadt
des ewigen Frhlings.

FUSSNOTEN:

[8] Vgl. die Anmerkung [2]




XI.

Bordesholm.


Zwischen Hamburg und Kiel, etwa 20 Kilometer von letzterer Stadt, liegt
das Kirchdorf Bordesholm, ein gar liebliches Idyll. Von der Bahn ist
nichts davon zu sehen; ein halbstndiger Spaziergang fhrt uns hin. Der
glnzende Spiegel eines waldumkrnzten Sees taucht auf vor unserem
Blick; auf der Nordseite desselben ziehen sich schmucke Huser herum,
auf dem hchsten Punkte der hgeligen Gegend erhebt sich die Kirche.
Grten treten an den See heran, in den einige Badezellen hineingebaut
sind. Eigenartige Gebude neben Bauernhusern stehen zu beiden Seiten
der Dorfstrae, die einen recht behaglichen, wohlhabenden Eindruck
macht. In der That wohnen hier Beamte, die man in einem Orte von 500
Einwohnern nicht sucht; Bordesholm ist Sitz eines Landratsamtes, einer
Oberfrsterei, eines Amtsgerichts; auch eine Grfin Reventlow aus dem
altberhmten schleswig-holsteinischen Geschlechte lebt hier.

Das, was uns eigentlich hergefhrt hat--_die Klosterkirche_--haben wir
unter Fhrung des freundlichen Lehrers und Organisten bald erreicht.
Unterwegs auf einem freien Platze zieht eine Linde unsere Aufmerksamkeit
auf sich, von einer Gre und einer Regelmigkeit, wie sie selten zum
zweiten Mal in Deutschland zu finden sein drfte. Die Aeste sind mit
eisernen Stben und Ketten verbunden, da sie sonst die ungeheuere Last
nicht zu tragen vermchten, sondern zusammenbrechen wrden. Das Alter
des Riesenbaumes schtzt man auf 800 Jahre. Ab und zu findet wohl eine
Festlichkeit der Kieler Studenten unter seinem schattigen Dache statt;
allein die ganze Studentenschaft wrde doch nicht hinreichen, den Platz
unter demselben auszufllen. An dem Stamme ist eine Tafel mit folgender
Inschrift angebracht, die von Professor Jansen in Kiel herrhrt:

  "Manches sah dein gewaltiger Dom, hochrauschende Linde,
  Freude hast du und Leid manches Geschlechtes getheilt.
  Greres schautest du nie als der Holsten Erhebung, als Deutschlands
  Wiedergeburt zum Reich. Knde den Enkeln das Wort!"

Mrz 24. 1873.

Wenige Schritte davon ragt die altehrwrdige Klosterkirche der
Augustiner empor. Auen ist es der alte Bau aus dem Mittelalter,
epheuumrankt, mit hohen, gothischen Fenstern; ein Backsteinbau, wie hier
im Norden blich. Statt eines Turmes berragt nur ein Dachreiter das
Gebude.

Ursprnglich war das Augustinerkloster zu Neumnster--Niegenmnster, wie
eine lateinische Inschrift besagt--gegrndet. Allein dort an der
Heerstrae, die den jtischen Norden mit Hamburg und Lbeck verbindet,
den Angriffen wandernder Heere ausgesetzt, ward es um 1300 in die
abgelegene Stille einer Insel im See verlegt, worauf heute noch der Name
hindeutet. Denn Bordesholm lag frher im See und wurde allmhlich durch
starke Dmme auf drei Seiten trocken gelegt. Mit dem Kloster, das
brigens die mnchischen Regeln nicht so genau gehandhabt hat, sondern
vorzugsweise Adligen als behaglicher Ruheplatz diente, war eine
Gelehrtenschule verbunden. In den Strmen des 30jhrigen Krieges lste
sie sich auf und erstand spter wieder als Universitt in Kiel;
wenigstens wurden die Einknfte des Gymnasiums zur Grndung derselben
verwandt. Als daher der Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preuen in den
80er Jahren zu einer Feierlichkeit der schleswig-holsteinischen "Alma
mater" reiste, hielt er zuvor in Bordesholm an und nahm auf dem Bahnhof
(ohne den Ort selbst zu berhren) eine jene alte Verbindung berhrende
Ansprache entgegen.

Wir treten in das Innere des Gotteshauses, das, 1861 wieder hergestellt,
einen hchst erfreulichen Eindruck macht. Die Schnitzereien der Sthle
und der Kanzel sind freilich nur teilweise alt und die gute Orgel trgt
keinerlei Schmuck; auch fehlt das Brggemann'sche Altarbild, eine
Holzschnitzerei ersten Ranges; es befindet sich jetzt im Dom zu
Schleswig. Aber doch mancherlei bietet die Kirche oder vielmehr einige
daranstoende Kapellen; Grber von Angehrigen des weitverzweigten
Hauses Oldenburg, das seinen Ursprung von Wittekind herleitet und das
auch die jetzige Kaiserin, die Augustenburgerin, zu den Seinen zhlt.

Ein weier Marmorsarkophag, den vier Lwen bewachen, birgt die Gebeine
Karl Friedrichs, Herzogs von Schleswig-Holstein, des Stammvaters des
russischen Kaiserhauses. Um diese Verwandtschaft darzulegen, bedarf es
einer kurzen geschichtlichen Errterung fr diejenigen Leser, denen die
schleswig-holsteinische Spezialgeschichte nicht gelufig ist.

Seit 1460 regierten in Schleswig-Holstein Knige von Dnemark (aus dem
Hause Oldenburg), jedoch nicht in ihrer Eigenschaft als Knige, sondern
von den Landstnden freiwillig zu Herzgen erwhlt. In der dritten
Generation teilten zwei Brder (Christian und Adolf) die Herrschaft in
den Herzogtmern, von denen der erstere zugleich Knig und Herzog, der
letztere nur Herzog war. Die herzogliche Linie fhrte den Namen
_gottorfische_ nach dem Schlosse Gottorf bei Schleswig, der Residenz der
Herzge. Die beiden Urenkel _Adolfs_ grndeten jeder ein besonderes
Haus: _Friedrich_ das ltere (russische), Christian August, Bischof von
Lbeck, das jngere. Friedrich folgte seinem Schwager Karl XII. von
Schweden in den nordischen Krieg, fiel aber schon in der Schlacht bei
Klissow (1702). Sein Sohn Karl Friedrich[9] heiratete Anna, die Tochter
Peters des Groen von Ruland; ihr Sohn Karl Peter Ulrich wurde zum
Grofrsten und dereinstigen Nachfolger der Kaiserin Elisabeth ernannt.
1762 bestieg er als _Kaiser Peter III_. den russischen Thron. Allein
wenige Monate darauf wurde er infolge einer Verschwrung, an deren
Spitze seine eigene Gemahlin Katharina stand, ermordet. Auch sein Sohn,
der Kaiser Paul I., fiel durch Mrderhand (1801). Dessen Ururenkel ist
der jetzige Kaiser Nikolaus II.

In einer andern Kapelle ruht in einem mchtigen, grauen Marmorsarkophage
Georg Ludwig, der Stifter der groherzoglich-oldenburgischen Linie. Er
ist ein Sohn jenes oben erwhnten Grnders der _jngeren_
gottorfischen Linie und der Stammvater der herzoglich, seit 1829
groherzoglich-oldenburgischen Linie. Ein Bruder Georg Ludwigs, Adolf
Friedrich, wurde zum Knig von Schweden erwhlt, seine Nachkommen saen
bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem schwedischen Thron,
Gustav VI. Adolf wurde 1809 entthront und spter der franzsische
General Bernadotte zum Knige gewhlt. Auer diesen beiden wichtigsten
Denkmlern erwhnen wir noch das des Knigs Friedrich I. ([Symbol:
gestorben] 1533) und seiner Gemahlin Anna. Die Messingsrge mit den
lebensgroen Figuren des Paares sollen ein Nrnberger Werk sein,
vielleicht von Peter Bischer. Zu den Fen der Dame schmiegt sich ein
Hndchen.--Wer suchte wohl in diesem abgeschiedenen, weltfremden
Drfchen Holsteins den Ahnen des Herrschers des ungeheuren Zarenreiches!
Schon diese eine Sehenswrdigkeit lohnte einen Besuch Bordesholms
reichlich, und doch wird es, von weither wenigstens, so gut wie nicht
aufgesucht, ja, ist den meisten nicht einmal dem Namen nach bekannt.
Treten wir aus der hohen, dmmrigen Halle ins Freie, so befinden wir uns
gegenber den eigentlichen Klostergebuden, die jetzt als Wohnungen und
Amtsstuben des Landrats und des Oberfrsters dienen. Ueber der Thr
befindet sich eine Inschrift folgenden Inhalts:

"In dem Augustiner Kloster zu Bordesholm unterzeichneten Herzog
Friedrich I. und Knig Christian II.[10] 1523 den Bordesholmer Vergleich
und in demselben Hause gab 29. Januar 1864 Feldmarschall Wrangel den
Befehl zum Einmarsch in Schleswig."

Steigen wir zum Schlu auf den kleinen Glockenturm, so bersehen wir
noch einmal das liebliche Idyll, das zugleich so welthistorische
Personen in sich gesehen hat und Zeuge so groer Ereignisse gewesen ist.
Ein reiches Mnchskloster des Mittelalters, die Grabsttte mchtiger
Frstengeschlechter, der erste Schritt zur Erlsung des
meerumschlungenen Landes, die rauschende Linde, unter der in grauer
Vorzeit Gericht gehalten wurde--alles das vereinigt das kleine
Bordesholm in sich. Alles ist dahin, nur die Natur ist ihm geblieben,
die es herrlich umgiebt, und die uns an den Ausspruch des Dichters
gemahnt:

"States fall, arts fade, but Nature does not die."

FUSSNOTEN:

[9] geb. 1700, gest. 1739, begraben in Bordesholm.

[10] Knig von Dnemark, Schwager Kaiser Karls V., Urheber des
berchtigten Stockholmer Blutbades.




XII.

Auf Seeland.


I.

Zu Knig Gylfe in Schweden kam einst eine wandernde Sngerin, die ihn
durch ihre Lieder entzckte. Der Knig--so meldet die Sage von der
Entstehung der Insel Seeland--verlieh ihr zum Lohne fr ihren Gesang so
viel Land, als sie mit vier Ochsen auf einmal umpflgen knnte. Wie
erschrak er aber, als die Fremde, die niemand anders war, als das
Riesenweib Gefion, ein gewaltiges Stck Land aus dem Boden herauspflgte
und es von ihren Ochsen ins Meer ziehen lie, wo es als "Seeland" stehen
blieb. Die Pflugfurche bildete den jetzigen Oeresund, der Schweden von
Seeland trennt, whrend an der Stelle, wo das Land weggepflgt war, ein
groer See entstand: der jetzige Wener-See. Noch heutigen Tages lassen
seine Uferlinien deutlich die Umrisse der seelndischen Kste erkennen.

Wer mglichst schnell einen groen Teil der Hauptschnheiten der
Gefions-Insel kennen lernen will, besteigt einen der bequem
eingerichteten Raddampfer, der in dreistndiger Fahrt von Kopenhagen gen
Nord bis Helsingr und nach dem gegenberliegenden schwedischen
Helsingborg fhrt. Er bleibt der seelndischen Kste immer so nahe, da
man sie deutlich und in aller Mue sehen kann, whrend die schwedische
Kste rechts in blauer Ferne herberschimmert.

Durch den belebten Hafen hindurch schumte unser Dampfer "Gylfe", vorbei
an den Anlegepltzen der Schiffe der verschiedenen Nationen. Rechts
blieben der Kriegshafen, das Arsenal und die Werften liegen; an den
Mauern der Festung "Tre kroner" brachen sich die Wellen und spritzten
weit hinauf. An der grnen Pracht der Langen Linie ging's hinaus in den
breiten Sund, wo hie und da noch vereinzelte Schiffe, namentlich Segler,
vor Anker lagen. Von der Stadt sahen wir bald nur noch die Kuppel der
Marmorkirche und das groe goldene Kreuz der Frauenkirche, das ber dem
Mastenwald des Hafens noch lange in der Morgensonne leuchtete.

An der seelndischen Kste drngt sich Landhaus an Landhaus, Villa an
Villa, bis nach dem berhmten Badeort _Klampenborg_, dessen Huser in
dem Waldesgrn in langer Reihe sich hinziehen. Noch einladender fast ist
das entferntere _Skodsborg_, welches jetzt mehr in Aufnahme kommt und
den Vorteil hat, dem Treiben und Lrmen der Grostadt noch mehr entrckt
zu sein. Ein Mnchener, der mit uns fuhr, verglich die Ufer mit denen
des Starnberger Sees; und in der That haben die waldbekrnzten,
villenbesetzten Gestade bei Leoni oder Tutzing Aehnlichkeit mit denen
Seelands, nur da hier der Hintergrund, das Hochgebirge, fehlt.

Die Reisegesellschaft bestand meist aus Deutschen, vor denen man in
Dnemark ebenso wenig sicher ist, wie in der Schweiz vor Englndern.
Hauptschlich ist Norddeutschland bis Thringen hinauf vertreten; von
den Mundarten hrt man am meisten die Berliner. Doch floh ich, wie
gewhnlich in der Fremde, die Landsleute, und suchte mich an
Einheimische zu halten. Sie sind meist hflich und geben gern Auskunft,
natrlich in deutscher Sprache, welche die einigermaen Gebildeten
verstehen und manchmal sogar flieend sprechen. Die Frauen freilich
weniger als die Mnner; sie neigen mehr zum Franzsischen, das vor dem
Deutschen und Englischen in den hheren Mdchenschulen betrieben wird.

Eine Kopenhagenerin gesellte sich zu uns und erklrte uns, was wir
wuten und nicht wuten. Wir passierten gerade die schwedische Insel
Hven, die, kahl und nackt, mit wenigen Einwohnern, mitten im Sunde
emporragt. Von unsrer Begleiterin erfuhren wir, da da einst Tycho de
Brahe ein schloartiges Observatorium gehabt, Uranienborg, von wo er die
Sterne beobachtet; jetzt sind nur noch ein paar Mauern vorhanden. Die
Frau war eine Kapitnsgattin und hatte als solche freie Fahrt auf allen
Schiffen zwischen Kopenhagen und Helsingr, zwischen Malm und
Helsingborg. Das Sommerabonnement auf dieser Strecke kostet sonst 160
Kronen (etwa 180 Mk.); das Abonnement allein zwischen Kopenhagen und
Klampenborg kostet 30 Kronen. Auf die Frage, welches Schiff denn ihr
Mann fhre, erwiderte sie: "Er fhrt auf dem grten 'Creaturschiff'
zwischen Kopenhagen und England." Creatur heit Vieh; an Viehwagen auf
der Eisenbahn sah ich nachher auch das Wort.

Nachdem Klampenborg und Skodsborg vorber sind, wird die Kste einsamer;
anstatt eleganter und bevlkerter Badeorte mit Hotels und Landhusern
sieht man einsame Fischerdrfer, von der Cultur noch wenig beleckt, wo
man aber dieselbe groe Natur hat, nur etwas billiger.

Die dnische und schwedische Kste nhern sich einander immer mehr; bei
Vedbk ist der Sund nur etwa 7 Kilometer breit. Je mehr wir uns
Helsingr nhern, um so schmaler wird er. In der Ferne, bei Helsingr,
taucht schon die finstere _Kronborg_ auf mit ihren grauen Trmen und
Zinnen, welche die Einfahrt von der Nordsee in die Ostsee drohend
bewacht. Sie liegt vorgeschoben auf einer Halbinsel und eignete sich in
der That vorzglich zum Sundwchter. Friedrich II. begann den Bau,
Christian IV., der Gegner Tillys im 30jhrigen Kriege, vollendete ihn.
Von hier aus lie die dnische Regierung von den durchfahrenden Schiffen
den Sundzoll erheben, bis im Jahre 1857 die seefahrenden Nationen
zusammentraten und mit 70 Millionen Mark sich der lstigen Abgabe mit
einem Male entledigten.

Nach 2-1/2stndiger Fahrt waren wir in Helsingr angekommen; wir sparten
uns jedoch die Besichtigung von Kronborg und Marienlyft fr spter auf
und fuhren zunchst nach der schwedischen Stadt Helsingborg hinber.
Viel Sehenswertes bietet sie eben nicht; allein die Ueberfahrt ber die
engste Stelle des Sundes ist interessant, da man sich gerade auf der
Grenzscheide zwischen der ruhigen Ostsee und dem fast immer aufgeregten
Kattegat befindet. Das Schiff, welches bis jetzt fast gar nicht
geschaukelt hatte, fing an zu schlingern und wurde von den langen,
weien Wogen, die von Norden hereinbrachen, hin und her geworfen.
Mancher, der auf der ganzen Fahrt frhlich und harmlos dreingeschaut
hatte, zahlte noch in der letzten halben Stunde den "Sundzoll",
freilich nicht in klingender Mnze. Der Blick, der sich in das weite
Kattegat erffnet, prgt sich tief der Erinnerung ein. Wir hatten leider
nicht das Glck, da das Umspringen des Windes mit unsrer Anwesenheit
zusammentraf. Dann soll das Treiben im Sunde doppelt groartig sein.
Wohl hundert Segelschiffe, die sich nach und nach des widrigen Windes
wegen an der Meerenge angesammelt und tagelang, vielleicht wochenlang
auf den gnstigen Moment gewartet haben, lichten dann zu gleicher Zeit
die Anker und eine ganze Flotte setzt sich auf einmal in Bewegung.

Zurck nach der Kste Seelands, nach Kronborg! Was der Kyffhuser fr
Deutschland, ist Kronborg fr Dnemark. Dort schlief Kaiser Rotbart und
trat endlich, nach jahrhundertelangem Harren, hervor, um sein Volk zur
alten Herrlichkeit zurckzufhren. Tief unten im Gewlbe der Meerburg
schlft der Schutzgeist des dnischen Volkes, Holger Danske, der in
Zeiten der Gefahr heraustritt und sein Vaterland beschtzt. Auf die
Wiederherstellung der ehemaligen Gre und Macht Dnemarks warten die
Dnen bis jetzt freilich vergebens.

Hat man die Zugbrcken und Wlle hinter sich, mit denen das Schlo vom
Lande abgesperrt ist, so kommt man auf die Flaggenbatterie, wo der
Danebrog weht: eine weie Fahne mit rotem Kreuz. Hier drohen die
Mndungen von einem Dutzend Kanonen gegen das Meer hin; hier brechen
sich die blauen Meereswogen; dort die Terrasse, auf welcher der
Geist von Hamlets Vater an den Wachen vorberschreitet. Bei
Mondscheinbeleuchtung wre die Illusion vollkommen gewesen; die Wache
war auch jetzt vorhanden, aber der helle Sonnenschein, der auf Meer und
Schlo fiel, lie keine Gespenster aufkommen.

Das Innere der Kronborg bietet wenig Interessantes. Der Fhrer zeigt das
Zimmer, in welchem die Knigin Karoline Mathilde, Gemahlin Christians
VII., unerlaubten Umgangs mit Struensee angeklagt, eine Zeit lang
gefangen sa, bis sie in die Verbannung nach Celle ging. Von dem flachen
Dache des sdwestlichen Turmes ist die Aussicht noch umfassender als von
der Terrasse.

Ein offener Einspnner fhrte uns am Meeresstrande hin nach dem 6
Kilometer entfernten Seebade Hellebk. Diese Tour gehrt zu den
lohnendsten, die man auf Seeland berhaupt machen kann. Zur Rechten hat
man fortwhrend die Aussicht auf das bewegte Kattegat und die
gegenberliegende schwedische Kste, auf welcher sich das reizende
Lustschlo Sophiero, der Lieblingsaufenthalt des schwedischen
Knigspaares, von dem dunklen Waldgrunde abhebt. Was aber das Auge des
Reisenden wahrhaft berrascht, ist das Kullengebirge, das mit seinen
schroffen, unbewaldeten Felsen direkt ins Meer abfllt, von der
schumenden Brandung umbraust. Mit seinen regelmigen Formen, seinem
Pyramidenaufbau, seiner vegetationslosen Nackheit erinnert es stark an
sdliche Gebirge; hier im Norden sucht man solche klassischen Konturen
nicht.

Vom Erhabenen zum Lcherlichen ist nur ein Schritt. Hatten wir uns in
Kronborg Hamlets Leben und Thaten in die Erinnerung gerufen, so sollten
wir in Marienlyst dafr--sein Grab sehen! Fr 65 Oere kann es jeder
besichtigen; mit vollem Ernst wird versichert, da hier und nirgend
anders der unglckliche Dnenprinz ruht. Eine Sule bezeichnet die
Sttte. Wir schttelten den Staub von unseren Fen und suchten
schleunigst das Weite, um die feierliche Stimmung, die sich der
anwesenden Englnderinnen bemchtigt hatte, nicht durch ein unzeitiges
Lachen zu vernichten. So gingen wir zugleich eines Aufenthalts in dem
angenehmen Seebade Marienlyst ("Marienlust") verlustig, hatten dafr
aber um so mehr Zeit fr das Fischerdorf Hellebk. Ein gutes Hotel mit
allem Comfort der Gegenwart deutet darauf hin, da auch hier die alte
einfache Zeit bald verschwunden sein wird. Hellebk, ein beliebter
Aufenthalt der Kopenhagener Maler, liegt hart am Strande in romantischer
Gegend und zeigt schon Nordsee-Charakter: Dnen, Sand und starken
Wellenschlag. Lange, mit weien Schaumkronen bedeckte Wogen treiben
ununterbrochen dem Ufer zu, wo sie brandend anschlagen und zerschellen.
Stundenlang kann man dem ewigen Gesange des Meeres zuhren, der immer
derselbe und bei aller Eintnigkeit doch immer neu und s dem Ohre ist,
das ihn versteht. Hier beschlossen wir, wenigstens eine Nacht zu bleiben
und die Nordsee auch bei Mondschein zu genieen; denn von morgen ab--das
wuten wir--wrden wir sie nicht wiedersehen. Im Morgensonnenschein
setzten wir unsere Wagenfahrt fort, vom Gestade des Meeres ins Innere
der Insel. Fredensborg und Frederiksborg, die beiden inmitten der
seelndischen Buchenwlder gelegenen Knigsschlsser, waren fr heute
unser Ziel. Da ich wute, welche Flle von Werken der Architektur,
Malerei und Bildhauerkunst mir in Frederiksborg beschieden sein wrde,
so suchte ich mich vorher durch die einfache Stille der lndlichen Natur
zu strken und zu erfrischen.

Die Fahrt durch das nordstliche Seeland von Hllebek bis Gurre gleicht
einer Fahrt durch einen Park: hgelige Gegend, hie und da Wald, Wiesen,
Feld und Weidepltze, auf denen sich Khe und Schafe und selbst Pferde
tummeln; hier ein Huschen, von mchtigen Buchen oder Fichten beschtzt,
mit einem Vorgrtchen, in welchem Rosen die Hauptzierde bilden, davor
spielende Kinder und auf der Schwelle eine klug drein schauende Katze;
dort ein Complex von Husern, eine Art Dorf, aber berall zwischen den
einzelnen Gebuden noch Raum fr Grten, Feld und etwas Wald; denn der
Germane liebt es, im Gegensatz zum Kelten, frei, unbehindert, fr sich
zu wohnen, wie Tacitus erzhlt und wie man es in urgermanischen Lndern,
Schleswig-Holstein, Westfalen, Dnemark noch jetzt als Regel beobachten
kann.

Etwa auf halbem Wege nach Fredensborg, 7 Kilometer von Hellebk, trafen
wir ein greres Dorf an: es ist Gurre, an einem dunkeln Waldsee
gelegen; jetzt ein stiller Ort. Frher lebte hier Knig Waldemar III.
mit seiner Geliebten Tovelille (= kleine Tove) auf einem Schlo, von
welchem am Ufer Ruinen zu sehen sind: die Hauptmasse desselben soll aber
mitten im See gestanden haben. Der Knig liebte diese Gegend so, da er
fters sagte: "Wenn Gott mir Gurre ewig gnnen wollte, so wrde ich alle
Ansprche auf sein Himmelreich aufgeben." Volkssagen leben noch im Munde
der Bewohner von Gurre, wie die folgende: Der Knig hatte geschworen,
seiner Gattin Hedwig nie wieder zu nahen. Ein altes Weib aus dem Walde
kam zur Knigin und prophezeite ihr, da, wenn der Knig sich ihr in
Liebe nherte, Schweden an Dnemark kommen solle. Da schlich sich
Hedwig, als Tovelille verkleidet, zu Waldemar und gebar nachher
Margarete, die Groe genannt, welche durch die kalmarische Union die
Prophezeiung verwirklichte.--

Um Mitternacht soll der Knig, dem Rodensteiner gleich, noch oft mit
Gefolge ber Wlder und Seen jagen.

Hinter Gurre nahm die Pracht des Waldes uns auf, der fast bis
Fredensborg uns umfing. Wie eine Mauer sperrt uns dieser Wald nach allen
Seiten ab und lt keinen Ausweg erblicken. "Dicht ber uns", so
schildert ein Reisender eine Wanderung durch den seelndischen Wald,
"zwitschert ein einsamer kleiner Vogel, der uns zu verfolgen scheint.
Man kann das kleine Geschpf nicht zu Gesichte bekommen, aber man hrt
es immer, bald hier, bald dort im Laube uns zu Hupten sich weiter
bewegen und wiederholen: Sieh hier! Sieh hier! Weiter fort hrt man das
zrtliche Gurren einer Waldtaube, und wenn man stehen bleibt und
lauscht, so kann man tief drinnen in den Wldern eine versteckte Quelle
pltschern hren. Mitten im Walde trifft man dann einen kleinen
trumenden See. Seine Flche ist glatt wie ein schwarzer Spiegel mit
weien Flecken von den Sonnenstrahlen, welche das ihn bedeckende
Bltterdach durchdringen. Die schlanken Stmme, die gekrmmten Zweige,
das grne Blttergewimmel, der Hirsch, der raschelnd daherkommt, um zu
trinken--alles spiegelt sich darin mit einer wunderbaren Reinheit und
bezaubert durch seine unzerstrbare Ruhe."

An einen solchen, aber weit greren See kamen wir jetzt; der Wald hrte
auf kurze Zeit auf, und vor uns that sich die weite, glatte Flche des
Esrom-Sees auf. Und dort, nach ein paar Minuten, glnzen die weien
Mauern von Fredensborg, der Sommerresidenz der dnischen Knigsfamilie,
wo vor einigen Jahren auch der Deutsche Kaiser zu Gaste weilte, und wo
der Kaiser von Ruland, der Knig von Griechenland und andere Verwandte
des Dnenknigs oft und gern in stiller Zurckgezogenheit wohnen.

Welchem Stile das 1720 nach dem dnisch-schwedischen Frieden gebaute
Schlo angehrt, wre schwer zu sagen; es ist ein ziemlich einfaches
Landhaus mit einer Kuppel in der Mitte und zwei Seitenflgeln. Das
Schnste am Schlo ist seine Lage in einem herrlichen Park. Dieser ist
ursprnglich ein Stck eingehegten Waldes, mit mchtigen Buchen und
Linden, welche Alleen von seltener Pracht bilden. Einige dieser Alleen
gehen strahlenfrmig vom Schlosse auf den Esrom-See, bis zu welchem sich
der Park hinzieht, so da man von dem Platze vor dem Schlo den See
durchblitzen sieht. Eine Allee heit "Sukkenes-Allee" (Seufzerweg); in
einer anderen, "Normandsdalen" genannt, stehen 70 lebensgroe Figuren
ohne eigentlich knstlerischen Wert, aber insofern von Interesse, als
sie die Beschftigungen und Nationaltrachten der Bewohner der
verschiedensten Gegenden Norwegens, Island und der Fr-Oer, also
gewissermaen ein Ethnographisches Museum darstellen. Dicht neben dem
Schlosse liegt der "Marmorgarten", in italienischem Stil, voller
Marmorstatuen, den strksten Gegensatz zu dem freien, nicht knstlich
beengten Waldparke bildend.

Das Innere des Schlosses sahen wir nicht, doch erzhlte uns der
Aufseher, der uns den Marmorgarten aufgeschlossen hatte, da Kaiser
Wilhelm sieben Zimmer bewohnt habe, und zwar ein Kabinet mit vergoldeten
Mbeln, bezogen mit rotem Seidendamast, einen Salon mit eingelegten
Nubaummbeln, enthaltend ein groes Gemlde aus Maria Theresias Zeit;
ein trkisch ausgestattetes Vorgemach; ein Schlafzimmer mit
weilackierten, goldverzierten Mbeln, mit grner Seide bezogen. Die
brigen Zimmer uns aufzuzhlen erlieen wir dem eifrigen Manne und
benutzten die Zeit bis zum Mittagessen, den einsamen Park nach allen
Richtungen zu durchstreifen. Besonders lockt der See immer und immer
wieder zu sich. Sieben Kilometer lang, bietet er eine imponierende
Wasserflche, und bei dem herrschenden Westwinde schlugen die Wellen
brausend an das Ufer.

Am nrdlichen Ende liegt das Dorf Esrom, nach dem der See benannt ist,
frher ein Bernhardinerkloster, von welchem sprliche Trmmer
ausgegraben und erhalten sind. Auf der Westseite wird der See vom "Grib
Skov" begrenzt; das soll der schnste Wald in ganz Dnemark sein;
dorthin kamen wir aber nicht.


II.

Den vollsten Gegensatz zu Fredensborg bildet _Frederiksborg_. Dort alles
einfach, idyllisch, lndlich-gemtlich; hier alles prchtig, prunkend,
architektonisch bedeutend. Wenn man die 1-1/2 Stunden Wegs zurckgelegt
hat, taucht pltzlich aus dem Walde eine majesttische Burg mit Thrmen
und Zinnen hoch empor, in dem See sich spiegelnd, in den sie mitten
hinein gebaut ist. An dieser Stelle stand frher das Schlo
Hillerdsholm (Holm-Insel), welches Knig Friedrich II. umbauen lie und
nach seinem Namen umtaufte. In diesem Schlosse oder, wie die Chronik
sagt, auf freiem Felde in der Nhe desselben, wurde Christian IV.
geboren, der eine solche Vorliebe fr seine Geburtssttte fate, da er
beschlo, an Stelle des einfachen Gebudes ein prchtige Burg zu
errichten. Seine Hofleute verspotteten den groartigen Plan und nannten
ihn eine Kinderlaune, Christian fhrte ihn jedoch mit fremden
Baumeistern aus (1620) und lie, den Spttern zur Strafe, am Portal
Kinderschuhe in Stein gehauen anbringen. Frederiksborg erhebt sich auf
drei Inseln in vier Stockwerken, die Souterrains liegen unter dem
Wasserspiegel. Es war ein Lieblingsschlo Friedrichs VII., der sich hier
mit seiner dritten Gemahlin, der Grfin Danner, hufig aufhielt. In der
Nacht vom 16. zum 17. Dezember 1859 brannte da Schlo nieder; man mu
gestehen, ber den dnischen Schlssern waltet ein Unstern! Fast alle
Schtze und Kostbarkeiten, die unersetzliche Sammlung von Bildnissen
berhmter Mnner, alles fiel den Flammen zum Raube. Durch freiwillige
Beitrge kam eine so groe Summe zusammen, da man alsbald den
Wiederaufbau beginnen konnte, genau nach dem alten Muster. Das Innere
ist noch nicht ganz fertig, allein die meisten Sle und Gemcher sind
vollendet. Das grte Verdienst bei der Wiederherstellung von
Frederiksborg hat sich unstreitig der Kopenhagener Bierbrauer Jacobsen
erworben, der bedeutende Summen, einmalige und jhrlich fortlaufende,
zur Verfgung stellte.

Das Schlo ist nicht bewohnt, sondern dient als dnisches
Nationalmuseum, als Ergnzung der kulturhistorischen und
ethnographischen Sammlungen Kopenhagens, besonders der Rosenburg. In den
beiden oberen Stockwerken sieht man Gemlde aus Dnemarks Geschichte,
von verschiedenem knstlerischen Werte, aber historisch alle von
Interesse. Da ist ein 6 Meter langes und 3 Meter breites Deckengemlde
von Lorenz Frhlich, die von uns im Anfange erwhnte Sage von dem
Riesenweibe Gefion darstellend; ferner eines von Neumann: die Ankunft
der hollndischen Flotte auf der Reede von Kopenhagen 1658; von
Constantin Hansen: Portraitbild des grundgesetzgebenden Reichstages von
1848, und viele andere. Die Decken sind reich geziert mit Stuckatur und
einer verschwenderischen Flle von Gold und Farbenglanz; so besonders
die Perle des Ganzen: der groe Rittersaal, der alles Aehnliche
berbietet. Allein wer die solide Pracht der Wartburgsle und der
Mnchener Knigsresidenz gesehen hat, der wird sich durch die hinfllige
Herrlichkeit des Stuckes nicht befriedigt fhlen und wnschen, da das
von auen wie fr die Ewigkeit gebaute Schlo auch im Innern
entsprechend geschmckt wre. Ueberladen! mu man immer wieder ausrufen;
Ueberladung ist im ganzen Schlosse der Haupteindruck fr den Beschauer.
"Bierbrauerkunst" nannte es ein feinfhlender Mann unwillig, obwohl
etwas zu hart. Von dem Vorwurf der Ueberladung kann man auch die
Schlokirche, die wohlweislich, als Krone des Ganzen, zuletzt gezeigt
wird, nicht freisprechen. Altar und Kanzel sind aus schwarzem Ebenholz,
mit Perlmutter und getriebener Silberarbeit reich geziert. Das Edelste
in der Schlokirche, die brigens den Bewohnern von Hillerd als
allsonntgliche Andachtssttte dient, ist sicherlich die Betkammer des
Knigs, in Ebenholz und Elfenbein gehalten und mit 23 Bildern von
Professor Bloch geschmckt, die knstlerischen Wert haben. Sie stellen
die ganze Geschichte Christi dar, von Marias Verkndigung bis zur
Auferstehung. Als vollendetes Gemlde gilt "Christus in Gethsemane",
1876 gemalt. Auch diese Bilder sind von Jacobsen gestiftet, der fr
seine vielfachen Verdienste um die Frderung von Kunst und Wissenschaft
bei der 400jhrigen Jubelfeier der Universitt Kopenhagen zum Doktor
ernannt wurde.

Der Kster, der uns herumfhrte, erklrte uns die vielen, in den
Fensternischen hngenden Wappenschilde. Es sind die der Ritter des
Elephantenordens und der Grokreuze des Danebrogordens. Unter den
letzteren befindet sich auch Name und Wappen Kaiser Wilhelms I.,
Friedrichs III. als Kronprinzen und Bismarcks. Meine Frage, ob denn
Bismarck nicht auch Ritter des Elephantenordens, des hchsten dnischen
Ehrenzeichens, sei, verneinte der Kster ironisch lchelnd, indem er
hinzufgte, da das nie geschehen werde; den Danebrog habe er _vor_ 1864
erhalten.

Wenige Reisende, welche Kopenhagen, Fredensborg, Helsingr und andere
Punkte Seelands besuchen, nehmen sich Zeit, der kleinen Stadt _Roskilde_
einen Besuch abzustatten. Und doch verdient sie es, denn abgesehen von
ihrer groen historischen Vergangenheit und ihrem ehemaligen Glanze,
bietet sie noch heute eines, was die Zeit ihr nicht hat nehmen knnen:
den alten, romanischen Dom mit den Knigsgrbern. Wie zu Speyer die
deutschen Kaiser, zu St. Denis die franzsischen Knige, so liegen zu
Roskilde die dnischen Herrscher mit wenigen Ausnahmen begraben. Darauf
bezieht sich die Ode Klopstocks: "Rothschilds Grber"; Rothschild ist
Roskilde, nicht etwa Mayer Anselm in Frankfurt, wie wohl mancher zuerst
denken mag. Der Name hat weder mit Roth, noch mit Schild etwas zu thun,
sondern ist aus Ro, dem Namen eines alten Knigs (auch Hroar
geschrieben) und Kilde, d.h. Quelle, gesprochen Kille, zusammengesetzt.
Eine Quelle der Gegend trgt noch heute den Namen Ros-Kilde. Eine zweite
Quelle heit Hellig-Kors-Kilde, d.h. Heilige Kreuz-Quelle, und stand
lange im Rufe besonderer Heilkraft. Sie entspringt in weiem Sande und
giebt 12 Tonnen Wasser die Stunde. Ein Konditor, Pozzi, hat eine
Mineralwasserfabrik bei derselben angelegt.

In der Nhe von Roskilde liegt das kleine Dorf Leire, welches die
eigentliche Knigsresidenz von Dan bis auf Harald Blauzahn war, die
Wiege der heidnisch-dnischen Poesie. Hier wohnte Rolf Krake mit seinen
zwlf Riesen und Skiold; hier wurden unter offenem Himmel Thinge
(Gerichte) gehalten von den freien Bauern und ihrem Knige; hier wurden
Fehden geschlichtet, Gesetze gegeben und Wikingerzge beschlossen; hier
walteten Thor und Freia. Die ganze Gegend bei Leire ist reich an
kolossalen Grabhgeln aus der Heidenzeit. Ein kleiner Flu, die Leire-Aa
(Aa-Flu), schlngelt sich durch die Buchenwlder von Leire, in welchen
noch heute ein "Hellige Lund" (heiliger Hain) existiert, mit "Herthadal"
und "Herthasee". Opfersteine weisen auf den Dienst der Hertha hin, die
zu Zeiten aus dem See emporstieg, um in einem mit Khen bespannten Wagen
segnend durch das Land zu fahren. Nachdem sie in dem See gebadet, wurden
die Diener, die ihr behilflich gewesen, von der Flut verschlungen.

Im Jahre 980 verlegte Harald Blauzahn die Residenz von Leire nach
Roskilde und damit beginnt die 500jhrige Bltezeit des Ortes; Roskilde
soll 100,000 Einwohner gehabt haben. Von hier aus dehnten Knut der
Groe, Waldemar und Margarete ihre Herrschaft ber den ganzen
skandinavischen Norden aus; hier war auch der Sitz des Bischofs, der
Mittelpunkt der geistlichen Regierung.

Im Jahre 1438 rief der dnische Reichstag den Sohn des Herzogs Johann
von der Oberpfalz, Christopher von Bayern, ins Land, der 1440 auch von
den Schweden als Knig anerkannt wurde. Er verlegte im Jahre 1443 die
Residenz nach Kopenhagen, wozu ihn die ungleich gnstigere Lage
Kopenhagens, direkt an der See, gegenber Schweden, bewogen haben
mochte. Damit war Roskildes Rolle in der Geschichte ausgespielt; es sank
schnell von seiner Hhe herab. Heute ist es ein kleines, stilles
Stdtchen mit 5000-6000 Einwohnern.

Die Lage ist anmutig: an der sdlichsten Spitze einer tiefen
Meereseinbuchtung, der Roskilder Fhrde, auf welcher
Dampfschiffverbindung mit Frederikssund und anderen Punkten besteht.
Herrlicher Buchenwald auf Anhhen und im Thal und Wasser machen auch
hier, wie berall auf Seeland, den Hauptreiz der Landschaft aus.

Der alte lustige "Graver" (Kster) zeigte uns das Innere des mchtigen,
in neuerer Zeit restaurierten Domes. Er ist ein groes Mausoleum: 31
Knige und Kniginnen und 46 Prinzen und Prinzessinnen ruhen darin. Jene
haben ihre Sttte meist ber der Erde, in teilweise prchtig
ausgestatteten Kapellen; diese mssen sich mit einfachen, unterirdischen
Kammern begngen, wo die schmucklosen Srge stehen. An jedem Pfeiler ist
eine Knigsstatue angebracht: den Anfang macht Harald Blauzahn ([Symbol:
gestorben] 985) am nordwestlichen Pfeiler des Chores. Die spteren
Knige haben ihre Denkmler im Chor und in besonderen Anbauten. Hinter
dem Altar steht der Sarkophag der gewaltigen Margarete, welche die drei
nordischen Reiche beherrschte. Auf dem Marmorsarge liegt die
Marmorstatue der Knigin, hnlich den Denkmlern Luisens und Friedrich
Wilhelms III. in Charlottenburg. Neben ihr knieen Friedrich II. und
Christian III. Die schnste Kapelle ist die Christians IV. mit dem
Standbilde des Knigs von Thorwaldsen und Frescogemlden von Marstrand.
Die letztverstorbenen Glieder des Knigshauses, Friedrich VII. und
Caroline Amalie, geborene Prinzessin von Augustenburg, sind in der
Kapelle Friedrichs V. beigesetzt.

Es ist fr den Fremden schwer, sich durch die vielen Friedriche und
Christiane durchzufinden, da diese beiden Namen fortwhrend
wiederkehren. Eine gewisse Erleichterung wird dadurch herbeigefhrt, da
sie regelmig abwechseln, so da auf einen Christian ein Friedrich
folgt und auf einen Friedrich ein Christian. So wird auf den jetzigen
Christian IX. der Kronprinz Friedrich folgen. Auch die Namen von Stdten
und Schlssern sind so hufig mit diesen Namen zusammengesetzt, da
Verwechslungen leicht vorkommen. Da giebt es Frederiksberg und
Frederiksborg, Frederiksdal und Frederikssund, Frederiksvaerk und
Frederikshald, Frederiksvand, Frederiksstad, Frederikshavn, Fredericia,
und andererseits Kristiansborg, Kristianssund, Kristiansstad,
Kristiansand und Kristiania. Auch die vielen Denkmler in Kopenhagen,
die meist Knigen mit diesen beiden Namen gelten, sind schwer
auseinander zu halten.

Als der Kster, der nur schlechtes Deutsch radebrechte, hrte, da wir
aus Flensburg seien, wurde er noch freundlicher. Man rechnet in Dnemark
Flensburg (Flensborg) immer noch halb und halb zum Reiche und betrachtet
die armen Flensburger als Mrtyrer der guten dnischen Sache, die unter
der preuischen Fuchtel seufzen. Bei uns traf das nun freilich gar nicht
zu, allein der Kster lie uns keine Zeit, ihn darber aufzuklren,
sondern winkte uns, indem er sagte: Wenn Sie aus Flensburg sind, dann
wird Sie dies hier besonders interessieren. Damit zeigte er uns einen
Kranz mit rotweier Schleife samt Widmung, den vor einigen Jahren eine
Schaar Flensburger Jungfrauen hier niedergelegt hatte. Ueberall waren
sie freundlich, ja begeistert aufgenommen und bewirtet worden als
unterdrckte Landsleute, und die Bande zwischen den dnisch denkenden
und fhlenden Nordschleswigern und Dnemark waren dadurch wieder fester
geworden. Uebrigens sind die dnisch Gesinnten gerade in der Stadt
Flensburg in ganz erheblicher Minderheit; nur ein kleiner Bruchteil der
Bevlkerung bedauert die Zugehrigkeit zum Deutschen Reiche.

Nachdem wir die Grabkapellen zum grten Teile besichtigt hatten, lieen
wir noch einmal das majesttische Domgewlbe und den herrlichen Chor auf
uns wirken. Zwanzig starke Pfeiler tragen das Mittelschiff, dessen
Gewlbe 25 Meter hoch ist. Die Seitenschiffe haben eine hhe von 12-1/2
Meter. Die Lnge der Kirche ist 76 Meter, die Breite 25 Meter. Die
beiden Westtrme sind 76 Meter hoch, der dritte Thurm oberhalb des
Chores 60 Meter. In dem nrdlichen Turm der Faade befindet sich die
groe Glocke, welche 5-1/2 Meter im Umfange mit.

Etwas abseits, unter einem einfachen Stein, ruht der Geschichtschreiber
Saxo Grammaticus ([Symbol: gestorben] 1207), der die alten Sagen vom
dnischen Tell aufgezeichnet hat.

An der Westseite des Hochthores befindet sich die Alabasterfigur des
1363 gestorbenen 19jhrigen Sohnes des Knigs Waldemar, des Bruders der
berhmten Margarete: er fiel in einer Seeschlacht gegen die Hanseaten.
In der Sakristei sind die Portraits vieler Roskilder Bischfe zu sehen,
darunter auch das des 1884 verstorbenen Martensen, der durch seine Werke
(Christliche Ethik) auch in Deutschland bekannt geworden ist.
Bemerkenswert ist noch das knstliche Uhrwerk, welches aus dem 15.
Jahrhundert stammt, das einzige in Dnemark, sowie die sptgothischen
Chorsthle mit originellem Holzschnitzwerk, welches Scenen aus dem Alten
und Neuen Testament darstellt.

Fhrt man mit einem Dampfer den Roskilder Fjord hinauf, so kommt man
nach dem Schlosse Jgerpris, wo in idyllischer Abgeschiedenheit Knig
Frederik VII mit seiner Gemahlin, der Grfin Danner, einer ehemaligen
Buchmacherin, die Sommermonate zubrachte. Im Garten des Schlosses ruhen
ihre Gebeine, denn als morganatische Gattin konnte sie nicht in dem
ehrwrdigen Knigsdom zu Roskilde beigesetzt werden.




XIII.

Friedrichsruh[11]


Von Hamburg kommend, zogen wir es vor, statt direkt bis Friedrichsruh zu
fahren, schon eine Station vorher auszusteigen und die halbe Stunde zu
Fu nach dem Ziel unserer Reise zu wandern. Wir hatten dadurch den
Vorteil, ein gutes Stck des prachtvollen Sachsenwaldes, dessen
Mittelpunkt Friedrichsruh ist, kennen zu lernen. Auf gut gepflegten
Fupfaden ging es durch das geheimnisvolle Waldesdunkel; hochragende
Buchen, knorrige Eichen wiegen vor, dazwischen mchtige Farrenkruter,
hie und da Heidelbeerkraut. An vielen Bumen sind Nistksten fr Vgel
angebracht. Lautlose Stille; nur ein Bchlein, die Aue, murmelt unten
und bildet ein helles, liebliches Wiesenthal, welches zwischen den
Baumstmmen hindurchschimmert; wo sich das Wasser in breiteren Becken
ansammelt, da ist es von gelben, nickenden Wasserrosen bedeckt, den
sogenannten "Mummeln".

Ab und zu ladet eine Bank zum Sitzen ein; allein wir lassen uns nicht
aufhalten, sondern gehen schnell weiter; haben wir doch kein gutes
Gewissen, denn an unserem Pfade steht das Wort _"Verboten!"_, welches
hier, in des Frsten eigenstem Spaziergebiet, fters wiederkehrt.

Nach etwa 25 Minuten erscheint im Hintergrunde einer Wiese, zwischen
einer Lichtung hoher, dunkler Bume ein helles Gebude: das Schlo. In
welchem Stil es erbaut ist, wre schwer zu sagen; es ist ein einfaches
Privathaus. Wir gehen weiter. Im Walde versteckt liegen hie und da
Huschen, in welchen Beamte des Frsten wohnen; auch einige Pensionen
fr Sommerfrischler sind da. Der eigentliche Park, der nicht umfangreich
ist, verliert sich fast unmerklich in den Wald, der hier auch einen halb
parkartigen Charakter trgt. Nur nach der Eisenbahn- und
Landstraenseite zu sind Schlo und engerer Park mit einer hohen, roten
Mauer umgeben, die Staub, Lrm und allzu neugierige Augen abhalten soll.
Die Bemerkung in Griebens Reisefhrer durch Hamburg und Umgebung, da
"die Wohnung des Frsten unzugnglich" sei (S. 130), ist dahin zu
berichtigen, da sich dies auf die Zeit der Anwesenheit Bismarcks
beschrnkt, und das ist immerhin der kleinere Teil des Jahres. Sonst
wre unser Ausflug vergeblich gewesen. Das war er nun glcklicherweise
nicht, denn sobald wir den Schloverwalter, wenn auch nicht mhelos,
aufgetrieben hatten--obgleich er sich meist im Schlo aufhlt, hat er
seine Wohnung nicht dort--begann die Wanderung durch die 13 ebenerdigen
Rume des Schlosses und eingehende Besichtigung derselben. Die Zimmer im
ersten und zweiten Stock werden nicht gezeigt; es sind Logierzimmer,
fr den Fremden nicht sonderlich sehenswert. Auch Crispi wohnte bei
seinem vorjhrigen Besuche hier.

Die Fhrung begann. Da wir nur unser zwei waren, so konnten wir uns
berall nach Belieben aufhalten und umschauen, und was uns zweifelhaft
war, erklrte der Verwalter, ein frherer Schuhmacher, der seit einer
langen Reihe von Jahren seine Stelle versieht.

Rechts vom Eingange tritt man durch ein Garderobezimmer in den
_Empfangssaal_. Ein riesiger Eichentisch nimmt die Mitte ein, das
Geschenk eines Tischlers. Von den Sprchen, die denselben zieren, fhre
ich folgenden an:

  Wenn einer kam und Rnke spann,
  Dann setztest du den Hobel an,
  Dann flogen auch die Sphne gleich;
  Gott schtz' den Kaiser und das Reich!

In der Mitte das Familienwappen mit dem bekannten Wahlspruch:

  Das Wegekraut sollt stehen lan;
  Ht dich, Jung', sind Nesseln dran!

Ein mchtiger Lorbeerkranz mit schwarzgelber Schleife, von der Gttinger
Universitt zum Ministerjubilum dargebracht; ein aus Schmiedeeisen
uerst kunstvoll gearbeiteter Blumenstrau und andere derartige
Erinnerungen ziehen das Auge auf sich.

Es folgt das _Rauchzimmer_. Bismarcks Portrt, 1877 vom Englnder Heily
gemalt, schaut ausdrucksvoll von der Wand herab. Auf dem Kamin ein
Modell des Niederwalddenkmals, gegenber ein Lwe in Bronze, von
Braunschweiger Brgern zum Gedchtnisse Heinrichs des Lwen gewidmet;
ein groer, schn geschnitzter Eichenschrank, zur Aufbewahrung von
Papieren bestimmt, auch ein Geschenk zum 1. April 1885.

Wir treten in das _Treppenhaus_, welches mit Hirschgeweihen und
Bffelhrnern geschmckt ist. Da sieht man ein riesiges Geweih aus
Winnipeg, eins aus San Francisco geschickt, einen ganzen Bffelkopf, ein
Elengeweih aus Ostpreuen, Antilopengeweihe u.a. Auf einem Schrank das
Modell eines transatlantischen Dampfers, in Kiel gearbeitet.

Der _Speisesaal_, einfach wie alle Zimmer ausgestattet, schliet sich
an. Einige Landschaften hngen an der Wand: Chiemsee, Knigssee,
Wildbadgastein, ein Seestck; aber herrlicher als die Gemlde im Saal
ist dasjenige, welches sich vor den Fenstern ausbreitet: eine
smaragdgrne Wiese, von der sich schlngelnden Aue durchstrmt,
eingerahmt von prachtvollen, dichten Eichen und Buchen; ein beraus
liebliches, idyllisches Bild, von dem man sich ungern trennt!

Zwei Salons folgen, mit den Bildern der Ahnen der Familie geschmckt,
400 Jahre zurckreichend. Charakteristisch der Urgrovater des Frsten,
ein Jgersmann mit der Flinte. Von Geschenken, die im ersten Salon
Aufstellung gefunden haben, sei besonders erwhnt eine blaue Vase, kurz
vor dem Tode Kaiser Wilhelms I. von diesem gespendet. Auf der
Vorderseite trgt sie das Bild des Kaisers, auf der Rckseite das
kaiserliche Palais in Berlin mit dem berhmten Eckfenster. Hier wie im
nchsten Salon Ofenschirme, der eine von der japanischen Gesandtschaft,
der andre vom Sultan herrhrend. Im zweiten Salon Bismarck als junger
Mann; im ersten Augenblick glaubten wir Herbert vor uns zu haben, so
gro ist die Aehnlichkeit. Ein Schlachtstck: der Kampf bei
Mars-la-Tour, mit den beiden Shnen des Frsten mitten im Gefecht. Ueber
dem Klaviere Friedrich der Groe, daneben friedlich Maria Theresia und
Josef II. Hier wie in den meisten Zimmern wiederholt Bilder des Kaisers,
bei verschiedenen Gelegenheiten seinem Kanzler gewidmet.

Wir treten in ein Gemach von anmutigerer Ausstattung; es ist das
_Boudoir der Frsten_. Die Wnde sind zwar ebenfalls, wie berall, in
Grau gehalten, die Decke in Wei; allein ein traulicherer, anheimelnder
Hauch scheint hier zu wehen. Reizende Defreggersche Skizzen zieren die
eine Wand, whrend an den brigen besonders die Photographie des Frsten
(als Krassier) und das Oelbild der Grfin Rantzau hervorragen.--Durch
einen Vorsaal schreitend, in welchem eine russische Schlittendecke, mit
dem Wappen Bismarcks und dem lateinischen Wahlspruche: "In trinitate
robur", gelangen wir in das _Schlafgemach der Frstin_, mit einem
Kruzifix, dem Bilde des Frsten, sowie einer Ansicht von Friedrichsruh
im Winter, durch ein uerst einfaches Badezimmer vom Schlafgemach des
Frsten getrennt, in welch letzterem die Portraits der Frstin und des
Sohnes Wilhelm.

Hieran stt das vielleicht interessanteste Zimmer des ganzen Schlosses:
_Bismarcks Arbeitszimmer_. Ueberall bedeutsame Erinnerungen; an den
Wnden die drei Kaiser, Kaiser Wilhelm II. auch als Prinz zu Pferde,
Kronprinz Rudolf von Oesterreich; auf dem umfangreichen Schreibtisch
eine Granate, ein Kohlenblock aus dem Bismarckschacht. Ganz besonders
fesselt ein einfaches, unscheinbares Tischchen von Mahagoniholz die
Aufmerksamkeit. Auf einer daran befestigten Messingplatte stehen
folgende Worte: "Auf diesem Tisch ist der Prliminarfriede zwischen
Deutschland und Frankreich am 26. Februar 1871 zu Versailles rue de
Provence Nr. 14 unterzeichnet worden."

Neben dem Arbeitszimmer befindet sich die _Bcherei_. Sie ist nicht
reichhaltig; wenige hundert Bnde. Zu wissen, welche Bcher ein groer
Mann vorzugsweise zur Hand hat und demnach wohl am meisten benutzt,
scheint mir nicht unwichtig. Ich fhre deshalb einige Bchertitel an.
Voran prangen da die Klassiker; System der erworbenen Rechte von
Lassalle, berhaupt eine groe Anzahl nationalkonomischer Werke;
Stackes deutsche Geschichte, Predigten von Pank, neuere Dichter,
darunter Scheffel. Dazu landwirtschaftliche Werke und eine Anzahl
Wrterbcher: lateinisch, englisch, schwedisch u.a.

Das prchtigste Zimmer ist das _Audienzzimmer_. Von berhmten
Zeitgenossen sind da vertreten Beaconsfield, Cardinal Hohenlohe,
Monsieur Thiers, Moltke (eine Bste mit Lorbeerkranz). Vier
Familienbilder hngen zusammen: links Herbert, rechts Wilhelm, in der
Mitte unten die Frstin, darber die Grfin Rantzau, letztere in Oel
gemalt. Bismarcks Photographie mit der facsimilierten Unterschrift: Wir
Deutsche frchten Gott und sonst niemand; darunter und daneben in
gleicher Ausstattung die Photographieen der drei Kaiser und Moltkes mit
je einem passenden Ausspruch, wie: "Ich habe keine Zeit mde zu sein,"
"Lerne leiden ohne zu klagen" und andern. Eine kunstvoll geschnitzte,
hlzerne Truhe enthlt smtliche, beim Tode Kaiser Wilhelms I.
erschienenen Trauerzeitungen, von einem Patrioten gesammelt. Ein Modell
des Denkmals des Groen Kurfrsten; in der Ecke ein Schirmstnder aus
Hirschgeweihen.

Als letztes Zimmer wurde uns gezeigt das sehr einfache, kleine
Arbeitszimmer des Geheimrats Rottenburg, des Sekretrs des Frsten.
Auer den Photographieen des Berliner Kongresses und der
Konstantinopeler Botschaftersitzung fllt ins Auge eine Kreidezeichnung
Lenbachs, den Frsten darstellend. Auch hier, wie so oft im Schlosse,
Hirschgeweih zu Gebrauchsgegenstnden verwendet.

Wir waren am Ende unsrer Wanderung durch Schlo Friedrichsruh.

Wir traten hinaus und atmeten die herrliche Luft, die nach dem Regen
doppelt wrzig schien. Riesige Fichten umrauschen das einsame,
schmucklose Haus und schirmen es vor Wind und Wetter; Rosenstcke sehen
in die niedrigen Fenster hinein. Wir gingen rings herum um das Gebude,
von niemand gestrt, und stiegen endlich auf den Altan, der eine
hnliche, aber noch freiere Aussicht bietet als das Speisezimmer. Welch
lauschiges Pltzchen ist das! Das Summen der Bienen, das Zwitschern der
Vgel und das Rauschen des Wasserfalls, den die Aue bildet, sind das
einzige Gerusch; hin und wieder donnert ein Eisenbahnzug vorbei, dessen
Getse durch die Mauer und die Bume abgedmpft wird. Ein wundervoller
Regenbogen, in so intensiven Farben, wie er selten zu sehen, spannte
sich ber die graue Wolkenwand; und ohne aberglubisch zu sein, war ich
geneigt, ihn fr ein glckliches Zeichen fortdauernden Friedens zu
halten. Mchte dieser Glaube nicht trgen!

FUSSNOTEN:

[11] 1869 geschrieben




XIV.

Ein Nachmittag bei den Karthusern.


Was ist das fr ein Gebude? fragte ich den liebenswrdigen Vikar Z.,
der mir gegenber im Coup sa. Wir hatten eine Tagestour nach der vom
Baumeister Fischer herrlich wiederhergestellten Wupperburg gemacht und
befanden uns auf der Rckkehr zu den heimischen Penaten in Oberhausen.
Der Schnellzug sauste mit uns auf der gradlinigen Strecke
Dsseldorf-Duisberg dahin. Zur Linken, vielleicht 1 Kilometer von der
Bahn entfernt, erhob sich in freiem Felde, von einer hohen Mauer
umgeben, ein gar stattlicher Komplex von Gebuden mit einer Kirche in
der Mitte. Auffallend war mir eine Anzahl gleichmig gebauter Huschen,
an denen keine Fenster zu sehen waren.

Das ist das Karthuserkloster "Hain"; es ist das einzige in Deutschland,
erwiderte mein Vikar und gab mir folgende weitere Auskunft: Der Orden
ist vom heiligen Bruno von Kln gestiftet, der sich 1084 mit sechs
Genossen in der Einde Chartreuse bei Grenoble dem Einsiedlerleben
widmete. Im Oktober werden 800 Jahre seit seinem Tode verflossen sein.
Die Karthuser sind zum strengsten Leben verpflichtet, beobachten
strenge Fasten und Schweigen und beschftigen sich mit Handarbeit. Sie
ben Gastfreiheit und Wohlthtigkeit und haben teilweise eine hhere
Bildung.

Wenn Sie Lust haben, fuhr der Vikar fort, knnen wir das Kloster einmal
besuchen. Das interessierte mich allerdings sehr und so war die Sache
abgemacht. Acht Tage spter dampften wir zu dritt mit dem Bummelzuge
(Schnellzge halten nicht auf der Strecke) nach Rath, von wo man noch
1/4 Stunde bis zur Karthause hat.

Bald standen wir vor dem Thore. Ein Fenster ffnete sich, und der Bruder
Pfrtner fragte nach unserem Begehr. Ohne Umstnde wurden wir
eingelassen, und sogleich erschien ein Laienbruder in langem weiem
Mantel, mit geschorenem Haupt und langem braunem Bart, der uns in
freundlichster und geflligster Weise wohl ber eine Stunde lang
herumfhrte.

Zuerst ging's in die Kirche, neu und geschmackvoll eingerichtet, mit
Parkettfuboden, an den Wnden Oelgemlde, Heilige darstellend, darunter
in erster Linie den heiligen Bruno. Er sitzt an einem Tische und
betrachtet gedankenvoll einen Schdel. In dem Augenblick, als wir
eintraten, verlie gerade die Brderschar den Raum, einer leise hinter
dem andern herschreitend. Eine andere kleinere Kapelle, an der wir
vorbeikamen, war durch Gerste der eben darin beschftigten Handwerker
versperrt. Behaglich, einfach und vornehm ausgestattet ist der
Kapitelsaal, an dessen Wnden sich Bnke herumziehen, auf denen die
Brder bei ihren Beratungen sitzen. Auch ein Speisesaal ist vorhanden:
in ihm werden nur an hohen Festtagen die Mahlzeiten eingenommen, whrend
sonst jeder Mnch in seiner Zelle it.

Diese Einzelwohnungen der Brder waren fr uns natrlich der
interessanteste Teil unseres Rundganges. Eine in Benutzung befindliche
Zelle durften wir, der Strung wegen, nicht betreten; allein es stand
gerade eine leer, und in diese traten wir nun. Im Erdgescho zwei Rume,
im ersten Holz und Kohlen, im zweiten eine Drehbank mit einem Schemel
davor. Kein Ofen. Als ich meine Verwunderung aussprach, erwiderte
lchelnd der Fhrer: Sie mssen sich eben warm arbeiten. Am Eingang des
ersten Raumes ist eine Oeffnung mit Schieber angebracht, wo das Essen
hindurch gereicht wird. Wir stiegen eine Treppe hinauf zu dem Wohn- und
Schlafzimmer. Das Meublement des Wohnzimmers besteht aus Tisch, Stuhl
und Schrank, das des Schlafzimmers aus einem Bett, einer
Waschvorrichtung und einem Betstuhl. An der sonst kahlen Wand hngt eine
Uhr. Nicht alle haben eine Uhr, die meisten richten sich nach der
Glocke. Auch die Tagesordnung hngt an der Wand; sehr lang, sehr streng.
Morgens halb 5 Uhr aufstehen; der Tag vergeht zwischen Gebet,
krperlicher Arbeit, Betrachtung, Kirchenbesuch, Mahlzeiten. Die
Mahlzeiten sind knapp. Fleisch giebt es gar nicht, dagegen Fisch;
zahlreiche Fasttage sind eingelegt. Dennoch sehen die Brder, die wir zu
Gesichte bekamen, nicht elend aus. Gleich nach 10 Uhr wird zu Mittag
gegessen; gemeinsame Spaziergnge auerhalb der Klostermauern finden
hufig statt. Ein Nachmittag der Woche ist zum Sprechen frei gegeben.
Zwischen 5 und 6 Uhr wird zu Bett gegangen, gegen 11 Uhr ruft die Glocke
zum Aufstehen und Beten; nach kurzer Ruhe findet gemeinsamer Gang zur
Kirche statt, wo man wohl bis gegen 2 Uhr nachts bleibt. Dann wird bis
halb 5 Uhr wieder das Bett aufgesucht. Man sieht, bequem ist es nicht,
Karthuser zu sein, und 7 Jahre Bedenkzeit haben die Aufzunehmenden.
Dann erst, nach dieser langen Selbstprfung, fllt der Wrfel, und
nachher giebt es freilich kein "Zurck" mehr.

Hinter jedem Huschen ist ein kleiner Garten, in dem der Mnch Obst und
Wein und Blumen zieht. Eine hohe Mauer umgiebt ihn, ber die kein Blick
dringt. Der Garten, den wir sehen, ist verwildert, eben, weil
augenblicklich die pflegende Hand fehlt.

Innerlich ergriffen von dem, was wir gesehen, einen nachhaltigen
Eindruck mitnehmend, treten wir in den langen, hallenden Kreuzgang
zurck, der so schn khl ist und still, als ob das Kloster unbewohnt
wre. An der Wohnung des Priors kommen wir vorber, auch an der
Bibliothek, in die einzutreten es jedoch erst einer besonderen Erlaubnis
bedurft htte.

Durch ausgedehnte Grten schreiten wir nun, die alles, was die Brder
zum Leben brauchen, reichlich hervorbringen, und wohl noch mehr. Alles
scheint rationell und fachmnnisch betrieben zu werden, alles legt
Zeugnis ab von vorzglicher Pflege. Da gedeiht Wein an den Wnden, der
voller Trauben hngt, da steht eine Tomatenpflanze neben der andern,
einige Frchte schon rot; die Apfel- und Birnbume beugen sich unter der
Last; in einem Glashause hngen durch ein Drahtgitter lange, dicke
Gurken; auch Blumen fehlen nicht. Mchtige Bienenhuser liefern
kstlichen Honig; schon 1000 Pfund dieses Jahr hat der Bruder
Bienenvater verkauft.

Vor einem Gebude liegen Fsser; da wird der berhmte Liqueur
(Chartreuse) auf Flaschen gefllt. Man bezieht ihn aus dem Mutterhause
(der Chartreuse in den franzsischen Alpen) lieber in Fssern als in
Flaschen, da sich der Zoll etwas niedriger stellt. Das Kilogramm der
dazu verwendeten Kruter soll 200 Franken kosten.

Seltsam mutet der Friedhof an; er weist kein einziges Grab auf. Freilich
ist die Karthause erst seit 1890 wieder bewohnt; 1869 gegrndet, hat sie
whrend der Jahre 1875-90 geruht.

Wir traten nun in die Werksttten der Laienbrder. Ueberall herrschte
reges Leben, jeder war bei seinem besonderen Gewerbe thtig. Es sind
meist gelernte Handwerker, die sich spter zum Klosterleben
entschlossen haben. Da war eine Stellmacherei und Schmiede, eine
Schuhmacherwerkstatt, eine Weberei. Der Bruder Weber lie munter sein
Schiffchen hin- und herfliegen; in groen Schrnken waren die Produkte
seiner Thtigkeit aufbewahrt: Tuch, Hemdenzeug, Taschentcher, Lufer
fr die Kirche u.a.m.; alles derb, dauerhaft, einfach. Ich wollte ein
Taschentuch kaufen, doch wurde es schlielich vergessen, da erst hhere
Erlaubnis eingeholt werden mute; ohne solche darf kein Stck aus dem
Kloster. In einer greren Waschkche sahen wir mehrere Brder ebenso
fleiig wie Waschfrauen arbeiten, aber ohne deren Schwatzhaftigkeit.
Beim Arbeiten ist es brigens gestattet, Notwendiges zu besprechen.

Schlielich wurden wir in ein Speisezimmer gefhrt, das mit den
Bildnissen der 12 Apostel geschmckt war. In der Mitte stand ein
gedeckter Tisch. Unser Fhrer forderte uns auf zum Sitzen und verlie
uns mit einem kurzen Gru so schnell, da wir gar keine Zeit hatten, uns
zu bedanken. Wir haben ihn nicht wieder gesehen.

An seiner Statt trat gleich darauf ein anderer Bruder ein, der
Gastbruder, und brachte zwei Flaschen Wein, Weibrot, Butter und Kse,
alles reichlich und gut, und wollte verschwinden. Wir baten ihn jedoch,
uns statt des Weines Bier zu bringen, was denn auch geschah. Mit groem
Appetit machten wir uns ber die Vorrte her und besprachen dabei die
Eindrcke, die wir empfangen hatten. Ich bltterte nebenbei in dem
Fremdenbuche, das zum Einschreiben bereit gelegt war, und las meinen
Gefhrten daraus vor.

Da schreibt einer:

  Wo sind Fried und Ruh
  Und Herzensglck zu Hause?
  Ich wei es genau:
  Hier in der Karthause.
  Ein dankbarer Freund des stillen, lieben Klosters.

Ein anderer:

  Wie schn und erbauend ist es, wo Brder beisammen wohnen!
  Herzlichen Dank allen Patres und Fratres fr liebevolle Gastfreundschaft.

Den Schlu eines lngeren Gedichtes bilden die Verse:

  Drum pflege nicht den Leib zu sehr,
  Sonst wird dir einst das Scheiden schwer!
  Hast du die Seele treu gepflegt,
  Du bangst nicht, wenn die Stunde schlgt.

Wir konnten nicht umhin, die beiden ersten dieser Verse uns selber
nochmals zuzurufen im Hinblick auf den uns noch bevorstehenden, langen
schattenlosen Weg nach Dsseldorf.

Ein Mann, der vermutlich aus Sachsenland stammt, schreibt:

Hrzlichen Dank fr die gute Bedinung!

Ein echter Dichterfrst thut sich kund in den kurzen aber markigen
Versen:

  Besten Dank
  Fr den guten Trank.

Ein Trappist schreibt:

  Gratias intimo ex corde
  Carissimi Confratres Cartusiae
  Oremus pro invicem.

  (Name)
  Trappista.

Sehr anmutend fand ich die Eintragung:

  Die zufriedenen und glcklichen Patres in ihrer einsamen Klause lassen
  mich an die Wahrheit des Spruchs denken:

  Der Adler fliegt allein, der Rabe scharenweise;
  Gesellschaft braucht der Thor, und Einsamkeit der Weise.

  (Rdert.)

Eine enttuschte Angehrige des schnen Geschlechts, dem der Zutritt
verboten ist, schreibt:

  Leider hab' ich nichts gesehen,
  Doch braucht ich nicht unbewirtet nach Hause zu gehen.

  Frau X.

Endlich noch zwei lateinische Sprche:

  Cartusis clara
  Eras mihi praeclara
  Eris mihi cara!

und

  O beata solitudo,
  O sola beatitudo!

Eigentmlich bewegt verlieen wir die Karthause. Der Pfrtner grte
freundlich, das Thor fiel hinter uns zu; wir waren wieder drauen im
heien Sonnenschein. Ein Eichenwald, noch ganz jung, ist rings auerhalb
der Klostermauern angepflanzt. Die Stmmchen sind kaum mannshoch. Ich
mute an die Zeit denken, wo einst das Kloster ganz im Grn versunken
sein und nur der verhaltene Klang der Glocke dem vorberziehenden
Wanderer verkndigen wird, da dort die Karthause trumt----




XV.

Eisenberg.[12]


Wer Thringen als Tourist bereist, begngt sich gewhnlich mit
Glanzpunkten wie Schwarzburg, Elgersburg, Friedrichsrode, Eisenach. Aber
auch diejenigen, welche nicht blos die breitgetretenen Pfade zu pilgern
pflegen, werden Eisenberg kaum berhren. Die meisten, wenn sie
aufrichtig sind, werden sogar bekennen, da sie kaum davon gehrt haben.
Um von mir selber zu reden, so hrte ich den Namen zuerst in Jena, wo
ich vor einer Reihe von Jahren studierte, und welches etwa drei Stunden
von Eisenberg entfernt liegt. Eine Bahnverbindung zwischen beiden
Stdten besteht nicht. Dagegen fhrt von der Hauptlinie, der im
Elsterthal sich hinziehenden Leipzig-Geraer Eisenbahn, eine 9 Klm. lange
Zweigbahn das Thal hinauf nach Eisenberg. Die Bahn steigt stark, denn
Eisenberg liegt etwa 300 Mtr. hoch. Verschiedene hbsch gelegene Drfer,
wie Hartmannsdorf, Rauda, Kursdorf werden passiert; pltzlich erscheint
auf hohem Bergkegel gelegen ein Teil des Stdtchens, eine Anzahl
villenartiger Gebude, das Gymnasium und das Schlo. Ueberall begrenzen
hhere Berge den Blick; Grten umschlieen die Huser; rechts am Abhange
dehnt sich der sogenannte "Nasse Wald" mit vielen Promenaden aus. Vom
hchsten Punkte desselben bersieht man mehr von der Stadt als wir, die
wir unten mit der Bahn angekommen sind; sie erstreckt sich lang ber den
Bergrcken, der in die Hochebene bergeht. Eisenbergs Glanzpunkt ist das
_Schlo_ mit seiner Umgebung. Das Innere bietet auer der prchtigen, in
etwas berladenem Rokoko gebauten Kapelle nichts Besonderes. Seine
Grndung fllt in sagenhaftes Dunkel, jedenfalls war es 1215 schon
bewohnt. Im letzten Viertel des 17. Jahrhundert diente das Schlo dem
_ersten und zugleich letzten Herzog zu Sachsen-Eisenberg_ als Residenz.
Am 7. Mrz 1677 zog _Christian_ in das Schlo ein, das ihm nebst dem
Frstentum in der Erbteilung seines Vaters, des bekannten Ernst des
Frommen von Sachsen-Gotha, zugefallen war. Er nannte das Schlo
"Christiansburg." Seine Hauptbeschftigung bildete die Alchimie, und er
lie sich ein Laboratorium in dem hbschen, von ihm angelegten
Schlogarten bauen, von dem nur noch ein Stck Mauer steht, von den
lteren Einwohnern der Stadt "'s Lbbetoorchen" genannt. Bei den
deutschen und englischen Alchimisten war er unter dem Namen
"Theophilus-Abt zu den heiligen Jungfern zu Lausnitz" bekannt. In einem
ausfhrlichen Tagebuche soll er seiner Begegnungen mit Geistern und
Verdorbenen gedacht haben. Er errichtete 1698 die erste Postverbindung
mit den Nachbarstdten Zeitz, Jena und Gera. Sein Hauptverdienst war
jedoch die Grndung des _Lyceums, spteren Gymnasiums_, das der Stadt
ihr Geprge aufdrckte. Was fr Jena die Universitt, ist fr Eisenberg
in der That das Gymnasium. Der Herzog war zweimal vermhlt; seine
einzige Tochter aus erster Ehe, Christiane, heiratete einen Herzog von
Holstein-Glcksburg. Im Jahre 1707 starb Herzog Christian, und mit ihm
war die Selbstndigkeit Eisenbergs vorbei. Es fiel an andere
Thringische Staaten und gehrt jetzt zu Altenburg, von dessen getrennt
liegendem Westkreise es die Hauptstadt ist. Der Herzog von Altenburg
bewohnt das Schlo im Sommer zeitweise, ebenso wie andere Mitglieder des
Hauses.

Bei Gelegenheit der 200jhrigen Jubelfeier der Grndung des
Christiansgymnasiums 1888 wurde beschlossen, dem Stifter desselben ein
Denkmal zu setzen. Eines solchen erfreut sich bereits der Philosoph
_Krause_, der aus Eisenberg stammt und dessen System, an Kant
anschlieend, besonders in Belgien und Spanien Anhnger gefunden hat.
Der sehr unpraktische Mann ist, nachdem er in Mnchen vergeblich seine
Existenz zu begrnden versuchte, im Elend gestorben.

Der Schlogarten hat bedeutenden Rosenflor und einen schnen Laubgang
und bietet infolge seiner hohen Lage malerische Blicke in das sogenannte
"Thlchen."

Eisenberg liegt etwa in der Mitte zwischen Elsterthal und Saalthal. Von
zwei Seiten umgeben ziemlich tiefe Thler die Stadt; auf der dritten
(West)-Seite hngt sie mit der Hochflche zusammen. So liegt sie
gewissermaen auf einer Landzunge, einem vorspringenden Riff; man will
Aehnlichkeit mit der Lage von Jerusalem finden. Die Umgebung von
Eisenberg ist berreich an anziehenden Punkten. Ueberall Wald, meist aus
prchtigen Rottannen bestehend. Der beliebteste Ausflugspunkt ist das
Mhlthal, etwa eine halbe Stunde entfernt. Man geht ber eine kahle
Hochebene; pltzlich ffnet sich zu Fen ein idyllisches Thal,
durchflossen von einem klaren Bach; in der Thalsohle frischgrne Wiesen
und wenigstens ein halbes Dutzend Wassermhlen. Einige von diesen nehmen
auch Fremde zur Sommerfrische auf, so besonders die Walkmhle. Am oberen
Ende des etwa 2 Stunden langen Thales liegt auf der Lichtung ein
greres Dorf, _Kloster-Lausnitz_, mit einer restaurierten romanischen
Kirche von wundervollen Verhltnissen. Nach der Richtung von Jena zu
gelangt man in einer Stunde nach _Hahnspitz_, an einem kleinen See
gelegen und an den Wald gelehnt. Noch eine gute Stunde weiter liegt
Brgel, bekannt durch Tpferfabrikation, und in der Nhe _Thalbrgel_,
mit den Ruinen einer ungeheuren romanischen Kirche, eines Domes, in den
hinein eine bescheidene Dorfkirche gebaut ist. Mitten im Buchenwalde,
von Eisenberg etwa zwei Stunden, liegt _Waldeck_. Hier brachte Goethe
einige Tage um die Weihnachtszeit 1785 zu; vom Rektor zu Brgel borgte
er sich den Homer und las hier in der Weltabgeschiedenheit wieder von
dem Dulder Odysseus. Dabei dichtete er "die Geschwister", in denen er
sich sein Verhltnis zu Frau von Stein vom Herzen zu schreiben suchte;
freilich vergebens. Noch manche reizende Partien, von Natur und
Geschichte begnstigt, lassen sich von Eisenberg aus leicht erreichen.
Allein das Angedeutete mag gengen, um die Aufmerksamkeit auf diesen
stlichen Winkel des schnen Thringerlandes zu lenken.

FUSSNOTEN:

[12] Verfasser wohnte 1884-1888 in Eisenberg




XVI.

Das Goetheviertel in Frankfurt.[13]


Im Gegensatze zu der Einteilung in so und so viele Polizeibezirke habe
ich fr meine Privatzwecke Frankfurt a.M. immer in drei Stadtteile
eingeteilt: das Kaiserviertel, das Goetheviertel und das unhistorische
Viertel. Das _Kaiserviertel_ nimmt die Gegend am Dom und am Rmerberg
ein. Mit Ehrfurcht betritt der nicht alles historischen Sinnes Bare
diese Straen und Pltze, die von ihrem alten Geprge wenig verloren
haben. Da ist der alte, gotische Kaiserdom mit seiner mchtigen
Turmpyramide, wo die Kaiser gekrnt wurden; da ist das Grab Kaiser
Gnthers, der in Frankfurt starb; da ist das Wahlzimmer, in welchen die
Kurfrsten ihr Amt ausbten. Durch eine ziemlich schmale Strae (den
"Markt") ging der Krnungszug dann nach dem altertmlichen Rathause,
"Rmer" genannt, in dessen gewlbtem Saale das Festessen stattfand,
whrend drauen, auf dem Rmerberg, das Volk sich erlustigte, der Ochse
am Spiee gebraten wurde und aus einem doppelarmigen Brunnen roter und
weier Wein flo.

Ueber den Paulsplatz schreitend, gelangen wir in die Barfergasse und
sind im _Goetheviertel_. Es erstreckt sich ber den Kornmarkt, den
groen Hirschgraben, den Goetheplatz, Romarkt, bis zum Weidenhof auf
der Zeil. Gesondert davon liegen im Nordosten der Stadt, teils sogar in
die Auenstadtteile reichend, noch drei Goetheerinnerungen.

Was soll ich endlich von dem _unhistorischen_ Viertel sagen? Es stammt
aus dem letzten Jahrhundert, umzieht die innere Stadt in groem
Halbkreise und enthlt die komfortabelsten Huser und Villen, in denen
die Herren Mller und Schultze, Schmidt, Fischer, Oppenheimer und wie
sie alle heien, wohnen. Das Opernhaus und der Palmengarten, der
Hauptbahnhof und der Zoologische Garten, die prchtigen Schulpalste, an
denen Frankfurt so reich ist--alles das und noch vieles andere ist in
dem unhistorischen Viertel zu finden, nur keine Erinnerungen, groe,
schne, anmutende Erinnerungen. Wer die sucht, der kehre schleunigst mit
mir um in die enge und hochgiebelige Innenstadt, in das am meisten
lohnende, den sinnigen Beschauer immer und immer wieder fesselnde
_Goetheviertel_.

Nicht nur den geistigen, sondern auch den rumlichen Mittelpunkt bildet
_Goethes Vaterhaus_, am groen Hirschgraben 23 gelegen. Es ist ein
dreistckiges Giebelhaus mit sieben Fenstern Front; ein gerumiges,
bequemes Patrizierhaus, von der Familie Goethe meist allein bewohnt. Es
bestand ursprnglich aus zwei Husern, die miteinander verbunden wurden.
Der letzte Umbau geschah im Jahre 1755 durch Goethes Vater, den
Kaiserl. Rat Dr. Johann Kaspar Goethe. Den Grundstein legte der kleine,
damals sechsjhrige Wolfgang. Das Haus, wie wir es jetzt sehen, ist im
wesentlichen unverndert geblieben. Ueber der Thr ist eine Marmortafel
angebracht mit des Dichters Namen, Geburtstag usw., darunter ist das
Wappen, drei schwer erkennbare Leiern enthaltend, welches schon vor des
Dichters Geburt gewissermaen prophetisch auf den Beruf desselben
hinwies. Darunter die nchterne Inschrift: "Goethes Vaterhaus,
Eintrittspreis 1 Mark. Von 1 bis 3 geschlossen."

Das Goethehaus ist Eigentum des 1859 gegrndeten "Freien Deutschen
Hochstifts", einer wissenschaftlichen und knstlerischen Gesellschaft,
die ihre Mitglieder in allen Stdten Deutschlands, ja bis in die
entfernteren Weltgegenden hat, namentlich aber in Frankfurt selbst. Sie
veranstaltet im Winter Vortrge von Frankfurter und auswrtigen
Gelehrten und arbeitet auerdem in Fachabteilungen, deren eine alt- und
neu-philologische, eine juristische, eine staatswissenschaftliche, eine
deutsche (unter dem Vorsitz Wilhelm Jordans, der sich um die
Neugestaltung des Hochstifts anfangs der achtziger Jahre
verdient gemacht hat), eine kunstwissenschaftliche, eine
mathematisch-naturwissenschaftliche bestehen. Die Berichte dieser
Sektionen erscheinen jhrlich in mehreren Heften. Das Hochstift, welches
durch Legat in den Besitz eines betrchtlichen Vermgens kam, lt sich
zugleich die Instandhaltung des Goethehauses und mglichst getreue
Wiederherstellung aller einzelnen Teile angelegen sein.

Treten wir ein, so finden wir im Erdgescho rechts ein
Verwaltungszwecken dienendes Zimmer, in welchem der Kassierer sich
aufhlt, von dem wir unsere Karte beziehen. Er sagt uns auf unsere
Erkundigung, da jhrlich etwa 7000 Karten ausgegeben werden. Sind wir
zufllig Mitglieder des Hochstifts, so haben wir nebst unseren
Angehrigen freien Eintritt.

Das Zimmer linker Hand dient den Hochstiftsmitgliedern als
Lesezimmer; etwa 120 Zeitschriften aus allen Wissenschaften sowie
Unterhaltungsbltter liegen aus. Zu Goethes Zeit diente es als Ezimmer.
Hinter dem mchtigen Ofen, der aus dem Anfange des 18. Jahrhunderts
herrhrt, spielte sich jene ergtzliche Scene ab, die Goethe am Schlu
des zweiten Buches seiner Lebensbeschreibung so anmutig erzhlt. Da
Goethes Vater einen Widerwillen gegen Klopstocks Messias hatte, dessen
Verse ihm, da sie nicht gereimt seien, keine Verse schienen, so wuten
sich die Kinder--Wolfgang und Cornelia--das Buch heimlich zu verschaffen
und zu lesen. "Es war an einem Sonnabend Abend im Winter--der Vater lie
sich immer bei Licht rasieren, um Sonntags frh sich zur Kirche
bequemlich anziehen zu knnen-, wir saen auf einem Schemel hinter dem
Ofen und murmelten, whrend der Barbier einseifte, unsere herkmmlichen
Flche ziemlich leise. Nun hatte aber Adramelech den Satan mit eisernen
Hnden zu fassen, meine Schwester packte mich gewaltig an und
rezitierte, zwar leise genug, aber doch mit steigender Leidenschaft:

  Hilf mir! Ich flehe dich an, ich bete, wenn du es forderst
  Ungeheuer, dich an! Verworfner schwarzer Verbrecher.
  Hilf mir! Ich leide die Pein des rchenden, ewigen Todes!
  Vormals konnt' ich mit heiem, mit grimmigem Hasse dich hassen!

Bisher war alles leidlich gegangen, aber laut, mit frchterlicher
Stimme, rief sie die folgenden Worte: "O, ich bin wie zermalmt!"

Der gute Chirurgus erschrak und go dem Vater das Seifenbecken in die
Brust. Da gab es einen groen Aufstand und eine strenge Untersuchung
ward gehalten, besonders in Betracht des Unglcks, das htte entstehen
knnen, wenn man schon im Rasieren begriffen gewesen wre. Um allen
Verdacht des Mutwillens von uns abzulehnen, bekannten wir uns zu unsern
teuflischen Rollen, und das Unglck, das die Hexameter angerichtet
hatten, war zu offenbar, als da man sie nicht aufs neue htte verrufen
und verbannen sollen."

Im ersten Stockwerk, zu dem eine breite und bequeme Treppe mit
Eisengelnder fhrt, liegt das Staatszimmer des Hauses, in welchem der
Knigsleutnant ber ein Jahr lang einquartiert war und in welchem die
Sitzungen der meisten wissenschaftlichen Sektionen des Hochstifts
abgehalten werden. Links daneben das Zimmer Karl Augusts, rechts das des
Bedienten des Grafen Thorane[14], Jean, jetzt zur Aufbewahrung des
_Goetheschatzes_ verwandt. Dies ist eine Sammlung aller Schriften von
und ber Goethe, die fortwhrend ergnzt wird. Wie wenig sie dem Ideal
einiger Vollstndigkeit nahe ist, geht aus der Thatsache hervor, da
allein Engels Verzeichnis der Faustschriften etwa 3000 Nummern umfat.

Im zweiten Stockwerk liegt in der Mitte das Gemldezimmer, links des
alten Rats Arbeitszimmer nebst Bcherei, rechts Frau Goethes Zimmer,
dahinter das sog. Geburtszimmer Wolfgangs. Die Nummer des Frankfurter
Intelligenzblattes, in welcher die Geburt angezeigt wird, hngt unter
Glas und Rahmen aus. Die Anzeige lautet buchstblich: "Getauffte
hierben[15] in Frankfurt, Freytags den 29. dito (=August) S.T. Hr.
Johann Caspar Gthe, Ihro Rom. Kayserl. Majestt wrcklicher Rat: einen
Sohn, Johann Wolffgang."

Im dritten Stock endlich Wohn- und Schlafzimmer Wolfgangs und seines
Hauslehrers. Es wrde zu weit fhren, alle Sehenswrdigkeiten
aufzuzhlen, die das Goethehaus birgt; ich greife aufs Geratewohl einige
heraus.

Eine mit perlgesticktem Einbande versehene Originalausgabe von Hermann
und Dorothea (1798 Berlin, Bieweg), ein Geschenk Goethes an seine
Mutter; die Handschrift zu Wilhelm Meister, nicht von Goethes Hand, aber
mit seinen Verbesserungen. Das Puppentheater, welches die Gromutter den
Kindern schenkte und welches Wolfgang so sehr ergtzte, da er es
zweimal beschreibt, einmal kurz in Dichtung und Wahrheit und
ausfhrlicher im Wilhelm Meister. Die sehr seltene Gieener
Doktordissertation des alten Goethe "Electa de aditiore heroditatis",
die riesige Laterne, welche der Frau Rat bei ihren abendlichen
Heimgngen aus Gesellschaften vom Bedienten vorgetragen wurde, sowie
eine groe Menge von Briefen, Bildern, Andenken und Reliquien, auf
Goethe und seine Familie bezglich.

Ueber das "Gartenzimmer", welches jetzt verschwunden ist und dem
Hausflur Platz gemacht hat, mchte ich eine bezeichnende Stelle aus
Goethes Autobiographie dem Leser ins Gedchtnis zurckrufen. Sie steht
im ersten Buche und lautet:

"Im zweiten Stock befand sich ein Zimmer, welches man das Gartenzimmer
nannte, weil man sich daselbst durch wenige Gewchse vor dem Fenster den
Mangel eines Gartens zu ersetzen gesucht hatte. Dort war, wie ich
heranwuchs, mein liebster, zwar nicht trauriger, aber doch
sehnschtiger Aufenthalt. Ueber jene Grten hinaus, ber Stadtmauern und
Wlle sah man in eine schne, fruchtbare Ebene; es ist die, welche sich
nach Hchst hinzieht. Dort lernte ich Sommerszeit gewhnlich meine
Lektionen, wartete die Gewitter ab und konnte mich an der untergehenden
Sonne, gegen welche die Fenster gerade gerichtet waren, nicht satt genug
sehen. Da ich aber zu gleicher Zeit die Nachbarn in ihren Grten wandeln
und ihre Blumen besorgen, die Kinder spielen, die Gesellschaften sich
ergtzen sah, die Kegelkugel rollen und die Kegel fallen hrte, so
erregte dies frhzeitig in mir ein Gefhl der Einsamkeit und einer
daraus entspringenden Sehnsucht, das, dem von der Natur in mich gelegten
Ernsten und Ahnungsvollen entsprechend, seinen Einflu gar bald und in
der Folge noch deutlicher zeigte."

Ein Garten gehrte also nicht zum Hause, und der Hof ist auch nur eng
und klein. An dem Brunnen, der mit einem Lwenkopf verziert ist, hat die
Knigin Luise als Kind gespielt bei ihrer zeitweiligen Anwesenheit in
Frankfurt.

Pilgern wir weiter durch das Goetheviertel. Da steht auf dem
baumbepflanzten Goetheplatz (frher "Stadtallee") die Kolossalfigur des
Dichters, von Schwanthaler modelliert, in Erz gegossen, mit dem Antlitz
seiner Geburtssttte zugewendet, dem Schauspielhause aber den Rcken
kehrend. An einen mit Epheu bewachsenen Eichenstamm lehnt die mchtige
Gestalt, in der einen Hand einen Lorbeerkranz haltend. Der Sockel ist
mit Darstellungen aus Goethes Werken geschmckt. Tasso und Faust,
Iphigenie und Thoas, Hermann und Dorothea, Gtz und Egmont, Mignon und
der Harfner, der Erlknig und die Braut von Korinth--alle diese
wohlbekannten Gestalten treten uns da entgegen; in einem Winkel Werthers
Sarg, vorne die Embleme der Naturwissenschaft und der Altertumskunde,
sowie der tragischen und der lyrischen Poesie, hinten die kranzspendende
Victoria.

Am Romarkte, der Fortsetzung des Goetheplatzes, erhebt sich neben dem
imposanten Gebude der "Germania" ein anderer prchtiger Neubau, der auf
roter Marmortafel noch den Namen des alten Hauses trgt: "Zum goldenen
Brunnen". In diesem Hause wohnte die Frau Rat in ihren letzten
Lebensjahren, hier empfing sie jene Einladung zur Gesellschaft, die sie
mit den bekannten drastischen Worten ablehnte: "Die Frau Rtin knne
nicht kommen, sie msse alleweile sterben."

Wenige Schritte weiter, ber den Schillerplatz fort, an der Zeil, steht
der "Weidenhof", ein groes, von verschiedenen Geschften eingenommenes
Haus, darunter auch der Damenkonfektion von einem Herrn Schiller. An
dieser Stelle stand der Gasthof "Zum Weidenhof", der Frau Witwe
Schellhorn gehrig, um deren Hand der aus Artern im Mansfeldischen nach
Frankfurt gewanderte Schneidergeselle Friedrich Goethe[16] anhielt, und
mit der noch jungen Witwe das Besitztum erheiratete. Das
Schneiderhandwerk gab er auf und wurde Wirt; seinen Sohn Johann Caspar
lie er studieren und es wurde aus ihm der Dr. jur. und kaiserl. Rat,
von Karl VII. zu dieser Wrde erhoben. Unser Goethe scheint seinen
Grovater vterlicherseits nicht gekannt zu haben, wenigstens erwhnt er
ihn kaum.

Die letzte, aber nicht die unwichtigste Goetheerinnerung in diesem
reichen Viertel findet sich in der Gegend, wo Barfergasse und
Kornmarkt zusammentreffen.

Dort lag das Barfergymnasium, dessen Direktor, der Dr. Albrecht,
Goethes Lehrer im Hebrischen war. Mit seinen Eltern hatte ihn der
kleine Wolfgang besucht, und die langen, dunklen Gnge, die in
Visitenzimmer verwandelten Kapellen, das unterbrochene treppen- und
winkelhafte Lokal mit schaurigem Behagen durchstrichen, wie er im
vierten Buche von Dichtung und Wahrheit umstndlich auseinandersetzt.
Den Rektor Albrecht beschreibt Goethe als "eine der originellsten
Figuren von der Welt, klein, nicht dick, aber breit, unfrmlich, ohne
verwachsen zu sein, kurz, ein Aesop mit Chorrock und Percke. Sein ber
siebenzigjhriges Gesicht war durchaus zu einem sarkastischen Lcheln
verzogen, wobei seine Augen immer gro blieben und, obgleich rot, doch
immer leuchtend und geistreich waren". Der satirische Lucian war fast
der einzige Schriftsteller, den er las und schtzte, und alles, was er
sagte und schrieb, wrzte er mit beienden Ingredienzien.

Diesen seltsamen Mann, berichtet Goethe, fand ich mild und willig, als
ich anfing, meine Stunden bei ihm zu nehmen. Ich ging nun tglich abends
um 6 Uhr zu ihm und fhlte immer ein heimliches Behagen, wenn sich die
Klingelthr hinter mir schlo und ich nun den langen, dstern
Klostergang durchzuwandeln hatte. Wir saen in seiner Bibliothek an
einem mit Wachstuch beschlagenen Tisch, ein sehr durchlesener Lucian kam
nie von seiner Seite.

In diesem Hause empfing Goethe auch seine erste Auszeichnung. "Eines
Tages, bei der Translokation nach ffentlichem Examen, sah er mich als
einen auswrtigen Zuschauer, whrend er die silbernen praemia virtutis
et diligentiae austeilte, nicht weit von seinem Katheder stehen. Ich
mochte gar sehnlich nach dem Beutelchen blicken, aus welchem er die
Schaumnzen hervorzog; er winkte mir, trat eine Stufe herunter und
reichte mir einen solchen Silberling. Meine Freude war gro, obgleich
andere diese einem Nichtschulknaben gewhrte Gabe auer aller Ordnung
fanden."

Noch lieber als der Knabe zum Rektor Albrecht, ging der Jngling spter
in das Haus auf dem Kornmarkte Nr. 15. Hier wohnte Elisabeth Schnemann,
die Tochter eines reichen, 1763 verstorbenen Bankiers mit ihrer Mutter
zusammen,--Goethes Braut, dasjenige Mdchen, welches er nach seinem
eigenen Gestndnis Eckermann gegenber am innigsten geliebt hat. Die
erste Bekanntschaft erfolgte auf folgende Weise:[17]

  "--es ersuchte mich ein Freund eines Abends, mit ihm ein kleines
  Konzert zu besuchen, welches in einem angesehenen reformierten[18]
  Handelshause gegeben wurde. Es war schon spt, doch weil ich alles
  aus dem Stegreife liebte, folgte ich ihm, wie gewhnlich anstndig
  angezogen. Wir traten in ein Zimmer gleicher Erde, in das
  eigentliche, gerumige Wohnzimmer. Die Gesellschaft war zahlreich;
  ein Flgel stand in der Mitte, an dem sich sogleich die einzige
  Tochter des Hauses niedersetzte und mit bedeutender Fertigkeit und
  Anmut spielte. Ich stand am unteren Ende des Flgels, um ihre
  Gestalt und Wesen nahe genug bemerken zu knnen; sie hatte etwas
  Kindartiges in ihrem Betragen; die Bewegungen, wozu das Spiel sie
  ntigte, waren ungezwungen und leicht.

  Nach geendigter Sonate trat sie ans Ende des Pianos mir gegenber;
  wir begrten uns ohne weitere Rede, denn ein Quartett war schon
  angegangen. Am Schlusse trat ich etwas nher und sagte einiges
  Verbindliche, wie sehr es mich freue, da die erste Bekanntschaft
  mich auch zugleich mit ihrem Talent bekannt gemacht habe.--Ich will
  nicht leugnen, da ich eine Anziehungskraft von der sanftesten Art
  zu empfinden glaubte.--Ich verfehlte nicht, nach schicklichen
  Pausen meinen Besuch zu wiederholen.--

  (17. Buch.)--Ein wechselseitiges Bedrfnis, eine Gewohnheit, sich
  zu sehen, trat nun ein; wie htt' ich aber manchen Tag, manchen
  Abend bis in die Nacht hinein entbehren mssen, wenn ich mich nicht
  htte entschlieen knnen, sie in ihren Zirkeln zu sehen!--"

Wie das Verhltnis endigte, ist bekannt; die Verlobung wurde auf
Betreiben der Verwandten der Braut gelst, die den jungen Goethe fr
keine sichere Partie hielten. Lili heiratete spter Herrn v. Drkheim,
einen Bankier, der es bis zum badischen Finanzminister brachte. Ihr
Sohn, ein Offizier, besuchte nach der Schlacht bei Jena den Minister
Goethe in Weimar.

Das eigentliche Goetheviertel htten wir somit durchschritten und das
Wesentliche gesehen. Machen wir jedoch noch einen Abstecher in den
Nordosten der Stadt, wohin auch ein Abglanz des Goetheschen Ruhmes
gefallen ist.

In der Friedberger Gasse, wo jetzt das Hotel Drexel steht, wohnte
Goethes Grovater mtterlicherseits, Textor, der hochansehnliche
Schulthei oder Brgermeister von Frankfurt. Dort lebte der Alte, ganz
der Pflege und Wartung seiner Blumen hingegeben. "Die vielfachen
Bemhungen", erzhlt der Enkel von ihm, "welche ntig sind, um einen
schnen Nelkenflor zu erhalten und zu vermehren, lie er sich niemals
verdrieen. Er selbst band sorgfltig die Zweige der Pfirsichbume
fcherartig an die Spaliere, um einen reichlichen und bequemen Wachstum
der Frchte zu befrdern. Das Sortieren der Zwiebeln von Tulpen,
Hyazinthen und verwandten Gewchsen, sowie die Sorge fr Aufbewahrung
derselben berlie er niemandem; und noch erinnere ich mich gern, wie
emsig er sich mit dem Okulieren der verschiedenen Rosenarten
beschftigte. Dabei zog er, um sich vor den Dornen zu schtzen, jene
altertmlichen, ledernen Handschuhe an, die ihm beim Pfeifergerichte
jhrlich in Triplo berreicht wurden, woran es ihm deshalb niemals
mangelte. So trug er auch immer einen talarhnlichen Schlafrock und auf
dem Haupte eine faltige, schwarze Sammetmtze, soda er eine mittlere
Person zwischen Alcinous und Laertes htte vorstellen knnen.

Alles, was ihn umgab, war altertmlich. In seiner getfelten Stube habe
ich niemals irgend eine Neuerung wahrgenommen. Ueberhaupt erinnere ich
mich keines Zustandes, der so wie dieser das Gefhl eines
unverbrchlichen Friedens und einer ewigen Dauer gegeben htte.

Was jedoch die Ehrfurcht, die wir fr diesen wrdigen Greis empfanden,
bis zum hchsten steigerte, war die Ueberzeugung, da derselbe die Gabe
der Weissagung besitze, besonders in Dingen, die ihn selbst und sein
Schicksal betrafen.--Aber auf keines seiner Kinder und Enkel hat sich
eine solche Gabe fortgeerbt; vielmehr waren sie meistenteils rstige
Personen, lebensfroh, aufs Wirkliche gestellt".

Die Friedbergergasse stt auf den ehemaligen Peterskirchhof, den man in
eine Art Park umgewandelt hat. Nur einige hervorragende Grabsteine hat
man stehen lassen: Das eines Prinzen von Hessen-Philippsthal, des
Bankiers Bethmann, dessen Haus den grten Kunstschatz Frankfurts birgt:
die Danneckersche Ariadne auf dem Panther, und das der Eltern Goethes.
In einer Ecke, in der Nhe der unscheinbaren, demnchst umzuhauenden
Peterskirche ruhen sie; ber ihnen rauschen die Linden, pfeifen die
Amseln, und segnend blickt auf sie hernieder der in der Mitte des
Friedhofes sich riesengro ausrichtende Christus am Kreuze.

Drauen auf der ehemaligen Bornheimerheide, wo beim achtundvierziger
Volksaufstande die Abgeordneten beim Paulsparlament Frst Lichnowski und
Auerswald ihren Tod fanden, lagen zu Goethes Jugendzeit nur vereinzelte
Grten, darunter der seines Grovaters, des oben schon erwhnten
Schneiders und Gastwirtes Friedrich Goethe. Nur wenige von den Passanten
der stillen Gaustrae mgen ahnen, was die Buchstaben F.G. bedeuten,
die neben der Jahreszahl 1725 auf dem steinernen Thorbogen des Gartens
Nr. 20 eingegraben sind. Von hier sah oder hrte Rat Goethe die Schlacht
bei Bergen (1759) an, die von den Franzosen gewonnen wurde, und deren
Ausgang im Goetheschen Hause so ergtzliche, halb komische, halb
gefhrliche Szenen mit dem Knigsleutnant hervorrief.

Wir sind mit unserer Wanderung durch das Frankfurt des jungen Goethe
fertig. Mit doppeltem Interesse lesen wir nun Goethes Selbstbiographie,
wenn wir die Sttten gesehen haben, an denen sich das Erzhlte
groenteils abspielt Auch vieles in seinen Jugendwerken gewinnt an
Lebendigkeit, wenn wir die Werkstatt kennen, in der sie entstanden sind;
denn auf niemanden mehr, als auf Goethe selbst finden seine Worte
Anwendung:

  "Wer den Dichter will verstehn,
  Mu in Dichters Lande gehn!"

FUSSNOTEN:

[13] Verf. wohnte 1886-1889 in Frankfurt.

[14] So, nicht Thorane schrieb sich der Knigsleutnant selber.

[15] Im Gegensatze zu dem jenseits des Mains gelegenen Sachsenhausens.
Die Taufe fand einen Tag nach der Geburt statt.

[16] Man findet auch die Schreibweise Goeth mit Accent, und so spricht
jeder richtige Frankfurter den Namen, wie er alle kurzen End- E-s zu
langen macht.

[17] Dichtung und Wahrheit, Buch 16.

[18] Das Haus liegt neben der deutschreformierten Kirche und ist nach
heutigen Begriffen bescheiden zu nennen.




XVII.

Einiges aus dem See- und Schiffswesen der Handelsmarine.


Je mehr das Interesse an der Seeschiffahrt in Deutschland wchst, um so
auffallender ist der Mangel an einer gemeinverstndlichen Beschreibung
der wichtigsten Dinge, Einrichtungen und Verhltnisse, die das
Schiffswesen betreffen. Die folgenden Mitteilungen verdanke ich, soweit
meine eigenen Erfahrungen nicht ausreichten, den Belehrungen meines
Freundes Kapitn Brink. Die Kriegsmarine und die groen
Passagierdampfer, die anderweitig oft genug beschrieben sind, werden
hier nicht bercksichtigt.


_Vorbildung der Seeleute, Prfungen, Seemter._

Nachdem der angehende Seemann als Schiffsjunge, Leichtmatrose und
Matrose 4 Jahre auf einem Segelschiffe oder 8 Jahre auf einem Dampfer
gefahren ist, besucht er etwa ein Jahr lang eine Navigationsschule,
worauf er das _Steuermannsexamen_ ablegen kann. Dies berechtigt zugleich
zum einjhrigen Dienst in der Marine. Nach wiederum zweijhriger
praktischer Thtigkeit als Steuermann auf einem Segelschiff oder Dampfer
und abermaligem vier- bis fnfmonatlichen Aufenthalt auf der
Navigationsschule kann er sich dem _Schiffererexamen_ unterziehen, falls
er 200 astronomische Berechnungen vorlegt, die er whrend seiner
Fahrzeit gemacht hat. Der offizielle Titel ist "Schiffer", whrend
"Kapitn" auf die Kriegsmarine[19] beschrnkt ist. Doch es ist blich,
jeden Fhrer eines Schiffes "Kapitn" anzureden. Die Sprache an Bord ist
durchweg die plattdeutsche.

In einer Anzahl Seestdte befinden sich _Seemter_, die _Seeunflle_ zu
untersuchen haben. Der Vorsitzende mu die Fhigkeit zum Richteramt
haben, mindestens zwei der Beisitzer mssen die Befhigung als
Seeschiffer besitzen und mssen als solche gefahren sein. Ein vom Reiche
ernannter Kommissar fungiert als Anklger. Die hhere Instanz bildet das
Oberseeamt in Berlin.


_Segelschiffe und Dampfer. Arten und Einrichtung derselben._

Die Segelschiffe werden nach ihrer Takelage eingeteilt und benannt.
Solche mit zwei Masten oder Rahen (wagerechte Querstangen, an denen die
Segel befestigt sind) heien _Schoner_, mit drei Masten ohne Rahen (wie
sie in Ruland blich), _Dreimastschoner_ oder _Dreimastgaffelschoner_;
hat der Fockmast[20] Rahen, so heit das Schiff _Dreimastschoner mit
voller Vortop_. Zweimastschoner, deren Fockmast Rahen hat, heien
_Schonerbriggs_. Doch fat man diese smtlichen Schiffe, bei denen das
Fehlen der Rahen charakteristisch ist, auch einfach unter dem Namen
_Schoner_ zusammen. Ein Zweimaster, der an beiden Masten Rahen hat,
heit _Brigg_. Tritt noch ein dritter Mast ohne Rahen hinzu, so haben
wir die _Bark_; mit Rahen: das _Vollschiff_. Heutzutage baut man auch
Schiffe mit mehr als drei Masten. _Jachten_ und _Kutter_ sind kleine
einmastige Schiffe mit Schonersegel; sie unterscheiden sich durch den
Schnitt ihres Krpers; die Jacht ist breit und rund gebaut und dient zur
Frachtbefrderung; der Kutter dagegen ist scharf gebaut und zum
Schnellsegeln bestimmt. Man nennt brigens Vergngungskutter auch
Jachten; es giebt solche bis zur Gre der Kaiserjacht "Hohenzollern".

So viel von den Segelschiffen, die immer noch den weitaus grten Teil
aller Schiffe ausmachen. An Tonnenzahl werden sie freilich von den
Dampfern bertroffen.

Als Beispiel diene uns ein mittelgroer Frachtdampfer, die Flensburger
"Mira". Sie dient im wesentlichen dazu, Holz von Ruland und Schweden
nach Holland zu schaffen und Kohlen von England und Schottland nach den
Ostseehfen zu bringen; sie ist auch fters fr die Mittelmeerfahrt
verwendet worden.

Das Schiff, 1890 aus Stahl gebaut, ist 220 Fu lang und 31 Fu[21]
breit. Die Fahrgeschwindigkeit betrgt bei gutem Wetter 8 bis 10 Meilen
die Stunde, kann jedoch durch strmisches Wetter auf ein Nichts
reduziert werden. Der Tiefgang ist bei voller Ladung 16, in Ballast 10
Fu. Die "Mira" fat 1260 Tons, d.h. 24000 Zentner, auer 150 Tons
Kohlen fr eigenen Bedarf, wovon tglich etwa 8 verbraucht werden, und
ihre dreizylindrige Maschine (mit zwei Dampfkesseln) stellt 500
Pferdekrfte dar. Die Besatzung besteht aus dem Kapitn, dem 1. und 2.
Steuermann, dem 1. und 2. Maschinisten, 5 Matrosen, 1 Koch nebst Jungen,
2 Heizern, 2 Trimmern. Letztere haben die niedrigen Arbeiten zu
verrichten, den Heizern zu helfen, Kohlen herbeizuschaffen u. dergl. Sie
knnen spter Heizer und nach praktischer Ausbildung in einer
Maschinenfabrik sogar Maschinisten werden.

Das Schiff hat einen doppelten Boden. Der Raum dazwischen, aus mehreren
Abteilungen bestehend, dient dazu, Wasser-Ballast aufzunehmen. (Bei
Segelschiffen nimmt man Sand oder Steine.) Ueber dem zweiten Boden liegt
nun der eigentliche Raum, der die Ladung aufnimmt, auerdem aber die
Maschine und die dazu erforderlichen Kohlen enthlt. Das Deck ist ein
unterbrochenes, d.h. der mittlere Teil ist bedeutend hher als Vorder-
und Hinterteil. Es enthlt die Kombse (-Kche), Kartenhaus, Salon,
Kabinen des Kapitns und der Steuerleute, die Messe (-Ezimmer der
Steuerleute und Maschinisten), sowie gewhnlich eine Passagierkajte.
Noch hher liegt die Kommandobrcke mit dem Steuerapparat. Die
Schlafrume der Mannschaft befinden sich vorn an der Spitze des
Schiffes, unter der _Back_ (erhhter Vorteil des Schiffes). Das
Hinterteil heit _Heck_; hier weht die Flagge, wenn das Schiff in einen
Hafen kommt oder aus einem solchen geht; auf See tragen die Schiffe
keine Flaggen, um sie zu schonen. Begegnet ein befreundetes Schiff, so
wird entweder dreimal mit der Dampfpfeife gepfiffen oder die Flagge
dreimal gedippt: wenn ein Kriegsschiff passiert, so wird die Flagge
einmal gedippt. (Dippen = auf- und niederholen.) Es mag hier
eingeschaltet sein, da die Ausdrcke des Schiffswesens keineswegs
englischen Ursprungs sind, wie viele glauben, sondern da die meisten
gute alte deutsche (natrlich plattdeutsche) Wrter sind.

Bei Sonnenuntergang wird oben am Fockmast eine weie Petroleum-Laterne
oder Lampe, links an der Kommandobrcke eine rote und rechts eine grne
angebracht. Die rechte Seite des Schiffes heit Steuerbord, die linke
Backbord. Begegnet ein Segelschiff einem Dampfer, so hat stets dieser
auszuweichen. Auf der Back steht von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang
ein Matrose auf dem Ausguck. Besonders in engen und viel befahrenen
Gewssern, wie z.B. dem Kanal und dem Sunde, ist die grte
Aufmerksamkeit notwendig.


_Leben an Bord._

Das Leben an Bord spielt sich in regelmiger Weise ab. Der Tag zerfllt
in 7 Wachen, die abwechselnd gefhrt werden und je 4 Stunden dauern, mit
Ausnahme der von 4 bis 8 Uhr nachmittags, die in 2 zerlegt wird. Dies
geschieht, damit nicht immer dieselben Leute vormittags und dieselben
nachmittags Wache haben. Die nchsten 4 Stunden sind der Ruhe gewidmet.
Also beispielsweise hat der 1. Steuermann von 12 Uhr nachts bis 4 Uhr
frh die Wache mit 3 Matrosen, der 2. Steuermann von 4 bis 8 Uhr; ebenso
ist es bei den Maschinisten. Jede Stunde wird die Schiffsglocke
geschlagen, und zwar um 1 Uhr zwei mal, um 2 Uhr viermal, 3 Uhr
sechsmal; 4 Uhr achtmal; diese Schlge werden _Glasen_ genannt; der
Ausdruck stammt aus der Zeit der Sanduhren. Uebrigens werben auf
Kauffahrteischiffen in der Regel nur diejenigen Zeiten durch die Glocke
kenntlich gemacht, die fr die Mannschaft von Wichtigkeit sind, also die
Ezeiten und die Ablsung der Wachen.

Jeden Morgen wird das Mitteldeck gewaschen, mag es schmutzig sein oder
nicht, mag es regnen oder schneien oder die Sonne scheinen.

Die Fahrgeschwindigkeit wird mit dem _Logg_ gemessen. Es giebt
verschiedene Arten desselben, vom Handlogg an bis zu dem
komplizierteren, selbstarbeitenden Patentlogg. An Bord der "Mira"
befindet sich das Garlandsche Logg, dessen Beschreibung hier folgen mag.

Es besteht aus einem Uhrwerk, einer etwa 30 m langen Leine und einer
messingenen Schraube mit 4 Flgeln. An der Leeseite (Lee die vom Winde
nicht getroffene Seite; Gegensatz: Luv) wird eine etwa 4 m lange Stange
herausgesteckt und an dieser wird das Uhrwerk befestigt, whrend die
Schraube ins Wasser geworfen wird. Durch die Fahrt des Schiffes dreht
sich die Schraube und bertrgt durch die Leine ihre Umdrehungen auf das
Uhrwerk, welches mit Zeigern wie an einer gewhnlichen Uhr versehen ist;
auf dem Zifferblatt kann man nun die Anzahl der zurckgelegten Seemeilen
ablegen. Dieses Logg hngt Tag und Nacht bei jedem Wetter hinaus.

Die Mahlzeiten werden ganz wie am Lande eingenommen; bei sehr
strmischem Wetter werden hlzerne Rahmen auf den Tisch gelegt, in
welche die Teller gestellt werden, damit sie nicht umfallen.

Die Bewegung des Schiffes von hinten nach vorn (bei direktem Gegenwinde)
nennt man Stampfen; die seitliche Bewegung (bei seitlichem Winde) Rollen
oder Schlingern. Die Seekrankheit soll besonders durch das Stampfen
befrdert werden.

Bei Unsicherheit ber die Tiefe des Wassers wird gelotet. Das _Lot_ ist
ein 20 bis 40 Pfund schwerer Bleiklumpen, der unten ein Loch hat. In
dieses wird Talg geschmiert, damit Sand oder Muscheln daran festkleben
und man einen Anhalt ber die Art des Grund und Bodens erhlt. Das Lot
wird an einer Leine heruntergelassen, wobei das Schiff natrlich nicht
in Bewegung sein darf und die Maschine zu arbeiten aufhrt.


_Windstrke, Seezeichen, Verstndigung auf See, sonstige
Eigentmlichkeiten._

Der Franzose Beaufort hat folgende Tabelle fr die _Windstrken_
aufgestellt, die allgemein angenommen ist:

  Windstille         =  0
  Sehr leichter Wind =  1
  Leichter        "  =  2
  Schwacher       "  =  3
  Miger         "  =  4
  Frischer        "  =  5
  Starker         "  =  6
  Steifer         "  =  7
  Strmischer     "  =  8
  Sturm              =  9
  Starker Sturm      = 10
  Heftiger  "        = 11
  Orkan              = 12

An den Ksten dienen _Leuchtfeuer_, die entweder auf Leuchttrmen oder
auf Leuchtschiffen angebracht sind, zur Orientierung des Seemanns. Diese
Leuchtfeuer sind sehr verschiedener Art. Wir nennen hier folgende:
_Festes Feuer_ zeigt ein farbiges Licht von gleichmiger Strke.
_Festes Feuer mit Blinken_ ist ein Feuer, das in gleichmigen
Zeitabschnitten von wenigstens 5 Sekunden Dauer lichtstrkere Blinke
zeigt, welche auch eine von dem festen Feuer verschiedene Farbe haben
knnen. _Blinkfeuer_ sind weie oder farbige Feuer, welche durch
gleichlange Dunkelpausen geschiedene Blinke von allmhlich zu- und
abnehmender Lichtstrke zeigen. Endlich giebt es noch _Funkelfeuer,
Blitzfeuer, unterbrochene Feuer, Wechselfeuer_ u.a.m.

Seezeichen sind schwimmende Krper, _Tonnen_ oder _Bojen_, die auf dem
Meeresgrunde verankert sind. Sie haben verschiedene Farbe und Gestalt:
kegelfrmig, kugelfrmig, stumpf, spitz, platt; die einfachsten
Seezeichen sind die _Pricken_, das sind junge mit sten versehene Bume,
die in den Grund gesteckt werden und natrlich nur in ganz flachen
Gewssern, z.B. im Wattenmeer, zu verwenden sind. _Heultonnen_ sind mit
einem Apparat versehen, durch welchen automatisch ein Ton erzeugt wird,
der dem der Dampfpfeife gleicht; _Leuchttonnen_ sind mit Gas gefllt,
das Tag und Nacht brennt, _Glockentonnen_ sind mit einer Glocke
versehen, die durch die Bewegung des Meeren zum Tnen gebracht wird.
Smtliche Seezeichen und Leuchtfeuer sind in die _Seekarten_
eingetragen.

Die _Verstndigung auf See_ zwischen zwei Schiffen oder von Schiff zu
Land geschieht durch Flaggen, vermittelst welcher eine ganze
komplizierte Sprache gebildet wird. Das internationale Signalbuch, gegen
800 Seiten stark, enthlt smtliche vorkommende Wrter und Stze;
beispielsweise: "Ich wnsche etwas mitzuteilen." "Woher kommen Sie?"
"Ich habe einen Brief fr Sie." "Ich bin auf Grund." "Knnen Sie nur
einen Maschinisten verschaffen?" "Die Kste ist gefhrlich."--Mit den 18
Flaggen lassen sich 78612 Wrter, Namen, Zahlen und Stze bilden, die
von jeder Nation in der eigenen Sprache verstanden werden.

Die _Benennung_ der Schiffe betreffend, so haben die greren
Gesellschaften den Grundsatz, ihren Schiffen mglichst gleichartige
Namen zu geben und solche, die noch nicht oder wenig bei den
seefahrenden Nationen vertreten sind. Der Bremer Lloyd hat bekanntlich
eine Anzahl deutscher Flunamen verwendet, wie Spree, Eider, Elbe,
Neckar u.a. Die Hamburger Packetfahrtgesellschaft taufte eine Anzahl
ihrer Schiffe nach den deutschen Dichtern: Goethe, Schiller, Wieland,
Herder, Lessing, Gellert u.a. Eine englische Gesellschaft hat Namen auf
o: Kairo, Crato, Cicero, Plato u.a., wobei denn ein buntes Durcheinander
entsteht. Eine Flensburger Reederei giebt ihren Schiffen nur
Sternennamen, und zwar solche, die auf "a" enden: Capella, Wega, Gemma,
Mira: das zuerst gebaute Schiff nannte sie Stern. Ein anderer
Flensburger Reeder nennt seine Schiffe nach Mitglieder seiner Familie:
Georg, Elsa, Helene u.s.w. An den Schornsteinen befinden sich gewhnlich
Zeichen oder Buchstaben, an denen man die Reederei, zu welcher der
Dampfer gehrt, schon von weitem erkennt.

An Bord jedes Schiffes befindet sich Lloyds Register, eine Art
Schiffsadrebuch, in welchem smtliche Schiffe der Erde mit Angabe
statistischer Notizen ber Jahr der Erbauung, Tonnenzahl, Heimatshafen
u.s.w. verzeichnet sind. Kennt man Namen und Heimatshafen eines
Schiffes, so kann man sich aus diesem umfangreichen, sehr ntzlichen
Buche ber alle Einzelheiten desselben orientieren. Beispielsweise will
ich erwhnen, da wir im Genter Hafen einst eine sehr altertmlich
aussehende hlzerne Brigg sahen, die wie wir mit Holzabladen beschftigt
war. Mein Kapitn meinte, sie msse ziemlich alt sein. Wir schlugen in
Lloyds Register nach, und siehe da, als Geburtsjahr des Schiffes stellte
sich heraus 1829! Ein solches Alter htten wir ihm denn doch nicht
zugetraut; es war brigens so vielfach ausgebessert, da von dem
ursprnglichen Holz kaum noch etwas brig war. Die heutigen Schiffe,
besonders die aus Stahl und Eisen gebauten, erreichen ein solches Alter
bei weitem nicht.

FUSSNOTEN:

[19] Die Titel bei der Kriegsmarine seien hier kurz erwhnt: Es
entspricht der Unterleutnant zur See--dem Leutnant, der Leutnant zur
See--dem Oberleutnant, der Kapitnleutnant--dem Hauptmann, der
Korvettenkapitn--dem Major, der Kapitn zur See--dem Oberst, der
Konteradmiral--dem Generalmajor, der Vizeadmiral--dem Generalleutnant,
der kommandierende Admiral--dem kommandierenden General.

[20] Der vordere Mast heit Fockmast, der mittlere Gromast, der hintere
Besanmast.

[21] Die Fu und die Meilen werden nach englischen Ma gerechnet. 1 Fu
engl. = 0,84 m, 1 Meile engl. = 1,854 km.




XVIII.

Oberhausen.


  "Tausend fleige Hnde regen,
  Helfen sich in munterm Bund;
  Und in feurigem Bewegen
  Werden alle Krfte kund."

Schiller

Als Oberhausen gegrndet wurde, stritten sich Rhein, Ruhr und Emscher,
an welchem dieser Flsse die Stadt liegen sollte. Jeder der drei wollte
sie an seine Ufer haben, keiner gnnte sie dem andern. Da sprach der
liebe Gott: Wenn Ihr Euch nicht einigen knnt, so bekommt sie niemand.
Und so geschah es, da Oberhausen an keinem der drei Flsse liegt,
sondern mitten dazwischen; doch so, da jeder leicht und schnell zu
erreichen ist.

Von allen Rheinlandstdten ist Oberhausen die jngste. Wo jetzt eine
rhrige Bevlkerung von ber 40000 Einwohnern wirkt und schafft, war vor
einem halben Jahrhundert nichts als Haide, rotblhende Haide. Feierte
doch die Stadt erst im Jahre 1899 das Fest ihres 25jhrigen Bestehens!
Wahrhaft amerikanisch kann demnach ihr Wachstum genannt werden,
amerikanisch mutet auch die Anlage der Straen an. Schnurgrade, lang und
auergewhnlich breit kreuzen sie sich in rechtem Winkel; damit aber
Poesie und Gesundheit nicht fehlen, hat man sie fast alle mit zwei,
teilweise sogar drei Reihen Bumen bepflanzt. So macht die Stadt einen
beraus freundlichen und sauberen Eindruck, ebensowohl in der
eigentlichen Geschftsstadt, als auch in dem Villenviertel, wenn dieser
Ausdruck gestattet ist. In jener bildet die Marktstrae die
Hauptverkehrsader; sie ist von stattlichen Husern und zahlreichen
grostdtischen Lden und Bazaren eingefat. An ihr liegt auch der
Altmarkt, der aber, wie alles in Oberhausen, nicht alt, sondern neu ist.
Bume umgeben den vollstndig asphaltierten, stets reinlichen Platz, auf
dem die Wochenmrkte abgehalten werden; in der Mitte erinnert eine
schlanke Sule an die siegreichen Thaten unseres Heeres. Um die
Mlheimerstrae gruppieren sich die Straen des Villenviertels: die
Grillo-, Hermann-, Wilhelm-, Elbe-, Falkenstein- und andere Straen.
Elektrische Bahnen durchsausen die Stadt nach allen Richtungen und
verbinden sie mit anderen Stdten z.B. Essen und Mlheim.

Mehr als manche Grostadt steht Oberhausen im Zeichen des Verkehrs. Als
Bahn-Ausgangs- und -Kreuzungspunkt hat es von jeher Bedeutung gehabt;
direkte Verbindungen bestehen mit vielen Hauptstdten Europas,
ber Oberhausen gehen die Linien Kln-Berlin, Kln-Hamburg,
Amsterdam-Basel-Genua London-Vlissingen-Sddeutschland und andere. Wenn
auch neuerdings eine Anzahl Zuge statt ber Oberhausen ber
Duisburg-Essen geleitet werden und dadurch der Bahnhof etwas entlastet
ist, so kommen doch tglich immer noch 120 Personen-, Schnell- und
D-Zge von allen Richtungen an und ebenso viele gehen ab, nicht zu
gedenken der Gterzge. Der Bahnhof mit seinen drei gerumigen Hallen
und hbschen Warteslen wrde mancher Grostadt zur Zierde gereichen.

Vom Bahnhof fhrt die Schwartzstrae nach der Mlheimerstrae. An der
Schwartzstrae, nach dem verdienstvollen frheren Brgermeister Schwartz
so genannt, liegt u.a. das Rathaus mit einem wundervollen Bismarckbilde
von Walter Petersen in Dsseldorf und das Realgymnasium, an der
Elsestrae die schmucke, noch in der Entwicklung begriffene hhere
Mdchenschule. Von den katholischen Kirchen ist die domartige Berg- oder
Marienkirche, von den evangelischen die neue an der Lipperhaidstrae
architektonisch bemerkenswert. Am Neumarkt liegt die prchtige
Badeanstalt, in deren groem Bassin auch im Winter dem Schwimmsport
gehuldigt wird--eine Einrichtung, die man in Hunderten von Mittelstdten
vergeblich suchen wrde.

Es versteht sich von selbst, da Oberhausen in erster Linie der
Industrie sein fabelhaftes Aufblhen verdankt. Und doch merkt man in der
Stadt selbst recht wenig davon. Das bedeutendste industrielle Werk, die
unter Leitung des Geheimen Kommerzienrats Carl Lueg stehende
Gutehoffnungshtte, liegt ziemlich weit auerhalb der Stadt. Mit ihren
13000 Angestellten ist sie eines der groartigsten Werke, das berhaupt
existiert. Von ihrer Ausdehnung zeugt die Thatsache, da die Htte ber
60 Kilometer Eisenbahn auf ihrem Gebiete besitzt. Von ihr sind u.a.
gebaut Brcken ber den Rhein, die Elbe, die Weichsel, den
Nord-Ostsee-Kanal, die smtlichen Brcken der Gotthard-Bahn, die
mchtigen Hallen des Frankfurter Hauptbahnhofs u.s.w. An sonstigen
Fabriken sind noch zu erwhnen die Zinkweihtte, die Glasfabrik, die
Porzellanfabrik, mehrere Eisenwerke und die Zechen "Konkordia" und
"Oberhausen".

Den Glanzpunkt Oberhausens bildet der mit einem Denkmal Wilhelms I.
geschmckte Kaisergarten, eine stdtische Anlage, die vor einigen Jahren
von der Stadtverwaltung angekauft ist und fortwhrend verschnert wird.
Mit seinen schattigen Wegen, lauschigen Ruhepltzen und einen groen
Teich, der zu Bootfahrten einldt, bietet er einen erquickenden und
angenehmen Aufenthalt. Nur durch den Emscherflu getrennt, schliet sich
an den Kaisergarten der ausgedehnte Park des Grafen Westerholt; darin
liegt Schlo Oberhausen, dem die Stadt ihren Namen verdankt.

Die Umgegend von Oberhausen ist ziemlich eben, bietet jedoch einige
hbsche Punkte, so das auf einem Hgel gelegene freundliche Dorf
Frintrop, Borbeck mit der idyllischen Waldschenke und dem Schlo
Frstenberg, den Kahlenberg bei Mlheim und die groen Waldungen bei
Duisburg. Die Grostdte Dsseldorf und Essen sind in kaum einer halben
Stunde, Kln in einer Stunde, die Seekste (Scheveningen) in drei
Stunden zu erreichen.




Inhalts-Verzeichnis.


       Widmung
       Vorwort
    I. Ueber das Reisen
       (Einige Aussprche hervorragender Mnner und Frauen)
   II. Eine Primanerwanderung auf den Brocken (1878)
  III. Nauvoo am Mississippi, die alte Mormonenstadt
   IV. Ausflug in die nordcalifornischen Urwlder und zu den Geysers
    V. Glensund (Ein Land- und See-bild)
   VI. Ein Besuch bei Gustav Freytag
  VII. Nord- und Ostseefahrten auf dem Flensburger Frachtdampfer "Mira".
      A. Riga. Aus der livlndischen Schweiz. Von Riga nach der Insel
         Walcheren. Middelburg. Bad Domburg.
        1. Riga
        2. Aus der livlndischen Schweiz
        3. Von Riga nach der Insel Walcheren
        4. Middelburg
        5. Bad Domburg
      B. Von Korsr nach Haparanda
      C. Flensburg. Helsingr. Gent. Schottland.
        1. Nach Helsingr
        2. Von Helsingr nach Gent
        3. Gent
        4. Von der Schelde nach dem Firth of Forth
        5. Ausflug nach dem schottischen Hochland
 VIII. Der Philosoph von Gravenstein
   IX. Marsberg
    X. Neun mal 24 Stunden auf der Eisenbahn
   XI. Bordesholm
  XII. Auf Seeland
 XIII. Friedrichsruh
  XIV. Ein Nachmittag bei den Karthusern
   XV. Eisenberg
  XVI. Das Goetheviertel in Frankfurt
 XVII. Einiges aus dem See- und Schiffswesen der Handelsmarine
XVIII. Oberhausen








End of the Project Gutenberg EBook of Von Haparanda bis San Francisco
by Ernst Wasserzieher

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON HAPARANDA BIS SAN FRANCISCO ***

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