The Project Gutenberg EBook of Eine vornehme Frau, by Hermann Heiberg

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Title: Eine vornehme Frau

Author: Hermann Heiberg

Release Date: April 22, 2004 [EBook #12113]

Language: german

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE VORNEHME FRAU ***




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Eine vornehme Frau.

von

Hermann Heiberg.


1886




Seiner theuren Mutter,

Asta, geb. Grfin von Baudissin

gewidmet.




Groe, kleine Stdte!

Wir sind in einer mittleren Stadt von kaum zwanzigtausend Einwohnern,
immer noch winzig genug, da alles, was nicht diente, hmmerte oder
ackerte, eine groe Familie bildete, in der man sich kannte und sich
miteinander befate.

Und doch trennte sich die gebildete Gesellschaft in verschiedene
Klassen: und wie stets und berall hielt die eine sich aus besserem Teig
gebacken als die andere.

Als der Krieg von 1866 beendet war, empfing die nunmehr preuische Stadt
eine Garnison; es wurden, neben Infanterie, einige Schwadronen Husaren
nach C. verlegt. Aber die Offiziersfamilien sonderten sich, zumal da sie
noch Fremdlinge waren, gnzlich ab, und nur zu den hheren Beamten und
dem Adel nahmen sie diejenige Fhlung, welche ihnen gleichsam
vorgeschrieben war. Im brigen konnte die Brgerschaft mit der
stehenden Einquartierung wohl zufrieden sein, denn unter den Husaren
befanden sich wohlhabende, sogar reiche Leute, welche das Geld nicht in
die Schublade versteckten.

Die neuen Verhltnisse waren dem Stdtchen gnstig. Der Geschftsgeist
regte sich, und besonders die Bauttigkeit erwachte. Die Brger
verdienten Geld und fanden sich rascher in die neuen Dinge, als man
erwartet hatte.

Und so verging die Zeit mit ihrem Wechsel, und so lebte die
Einwohnerschaft mit ihrem Spott, ihrer Neugierde und ihrem Gerede ber
ihre Nebenmenschen wie allerorten in dieser unvollkommenen Welt.

Eines Tages ward die Stadt C. durch eine Annonce berrascht, welche sich
in dem tglich erscheinenden Blttchen, scharf umrndert und gro
gedruckt, auf der letzten Seite befand: "Gesucht sofort eine groe
Wohnung von zwlf bis fnfzehn Zimmern mit Stallung und Nebengelassen.
Eventuell wird auf ein ganzes Haus reflektiert. Man beliebe sich--"
u.s.w.

Die Neugierde, welche sich zunchst an den Stammtischen der Ressourcen
kundgab, ward nicht sogleich befriedigt. Selbst der Redakteur der
C.schen Zeitung wute keine Auskunft zu geben. Endlich lsten sich die
Zweifel. Einer der Husarenoffiziere war vor einiger Zeit versetzt
worden, und in dem Wohnungssuchenden entdeckte man den neuen
Rittmeister.

Zu gleicher Zeit verbreiteten sich allerlei Gerchte ber die
Ankmmlinge, welche geeignet waren, die Gemter zu beschftigen. Von ihm
wurde behauptet, da er zwar ein vollendeter Kavalier und ein gerechter
Vorgesetzter sei, aber von einer so finsteren Schwermut beherrscht
werde, da er den Umgang mit Menschen ngstlich meide, whrend man ihr
neben groer frappanter Schnheit Verschwendungs- und Vergngungssucht,
ja sogar einen leichtfertigen Lebenswandel nachsagte. Erhebliche
Erbschaften sollten schon durch ihre Finger geglitten sein, und es ward
als ein Glck bezeichnet, da sich der brigens groe Reichtum des
Grafen auf unantastbare Fideikommikapitalien sttze. Die Frau Grfin
gliche, hie es, einer heibrennenden Sonne, vor welcher der eisigste
und umfangreichste Goldhgel zerschmelzen msse.

In jedem Fall war man sehr gespannt auf die neue Bekanntschaft, und in
Offizierskreisen ward eifrig berlegt, welche Stellung man zu einer Frau
einnehmen solle, der ein solcher Ruf voranging.

Sehr angenehm ward von diesem Wechsel ein Bauunternehmer berhrt, der
eine von einem parkhnlichen Garten umschlossene groe Villa gleich vor
der Stadt besa und nun um einen hohen Preis einem Mieter fand. Der
Graf lie sich Zeichnungen und genaue Beschreibungen einsenden und
bewilligte eine ganz erhebliche Summe zur Verschnerung der inneren,
ursprnglich fr einfachere Ansprche berechneten Rume.

So wurden beispielsweise smtliche Gesellschaftszimmer in mattgrner und
blauer Seide tapeziert, und das ganze Haus erhielt einen genau im Muster
bereinstimmenden, hellen Teppich in Flur und smtlichen Gemchern. Aber
auch sonst wurden Vernderungen getroffen, welche das Besitztum zu einem
fast frstlichen Aufenthalt umwandelten. Die Thren muten
ebenholzdunkel gemalt und mit Arabesken in Gold versehen werden. Die
fen wichen zum Teil Kaminen aus schwarzem oder rotem Marmor, und die
Auenwnde der Villa wurden durch eine zartgraue lfarbe verschnt,
wodurch sich das "Schlchen" reizend von den umgebenden grnen Bumen
abhob.

Geradezu Bewunderung erregten aber die Pferdestlle. Es erschien zum
Zweck ihres Ausbaues ein Lieferant aus Berlin, der rasch alles ausma
und in krzester Zeit das Innere derartigen Vernderungen unterwarf, da
die Einwohner von C., und unter ihnen besonders alle Sportfreunde,
neugierig herbeigeeilt kamen, um diesen Musterstall in Marmor, Mahagoni
und Gueisen in Augenschein zu nehmen. Es hie, die ganze Einrichtung
sei auf einer der letzten Weltausstellungen prmiiert worden. Und dann
trafen endlich auch die Mbel und sonstigen Einrichtungsgegenstnde ein.

Der Tapezierer berichtete Wunderdinge von den Gemlden, Bildern,
ausgelegten Schrnken, Bronzen und sonstigen kostbaren Kunstsachen. Die
Portiren und Gardinen waren meistens aus geblmtem chinesischem
Seidenstoff gefertigt, und kein Tisch, kein Stuhl befand sich in der
Sendung, der nicht htte als ein Musterstck gelten knnen. Aber--und
das erfllte den Handwerksmeister mit gerechtem Erstaunen--fast nichts
war heil und ganz, mit Ausnahme der ohne Zweifel dem Gebrauch des Grafen
dienenden Mbel. Eine solche Beschdigung konnte nicht durch den Umzug
entstanden sein, sie war sicher das Ergebnis einer grenzenlosen
Unordnung und Vernachlssigung.

Auf geschehene Meldung und Anfrage erfolgte keine Antwort, wohl aber
erschien nach einigen Tagen der Haushofmeister, ein hagerer, ernst
dreinblickender Mann, der erklrte, da die grfliche Familie ihm auf
dem Fue folge und jetzt keine Zeit mehr fr Reparaturen vorhanden sei.
Diese mten spter vorgenommen werden.

An einem Maitage des Jahres 1867 traf die Familie ein. In ihrem Gefolge
befand sich eine groe Dienerschaft und neben zahlreichen edlen Pferden,
auch ein paar herrliche Hunde, die beim Abladen der schier unzhligen
Koffer einen gewaltigen Lrm anstimmten und von der grazisen Frau, die
mit sechs schlanken Kindern dem Wagen entstieg, wie nach langer Trennung
gehtschelt und geliebkost wurden. Sie verga darber das Haus und den
Eintritt, bis sie die Augen aufschlug und bei dem Anblick der Villa und
des Parkes ihrer frohen berraschung in lebhafter Weise Ausdruck
verlieh. Dabei redete sie auch ihre Dienerschaft an und ermunterte
diese, in ihre Bewunderung einzustimmen.

Whrenddessen war der Rittmeister in das Haus getreten und rief aus
einem Fenster des Hochparterre ungeduldig und streng:

"Ange, komm nun doch und kmmere Dich um die Kinder!"

Etwas Eigenartigeres als diese konnte man nicht sehen. Eins war schner
als das andere. Alle waren blond, aber das Haar hatte jenen goldig
schimmernden Anhauch und die Krperhaut jene unnachahmliche Farbe,
welche wir an den Menschen des Nordens im Gegensatz zu den Bewohnern des
Sdens bewundern. Wie schon ein Sonnenstrahl seine Spuren auf dem
Milchwei der Blonden zurcklt, so flammt auch sichtbarer, und durch
den rosenfarbenen Schimmer reizvoller, das Blut durch die Wangen dieser
von der Natur bevorzugten Geschpfe.

Wenn Mutter und Kinder beisammen standen, konnte man sie fr Geschwister
halten. Frau von Clairefort glich einem menschgewordenen Engel; sie trug
mit Recht ihren Namen. Und sie ging auch mit ihren Kindern um, als sei
sie selbst noch ein unselbstndiges Wesen. Sie blickte sie erstaunt und
in ein pltzliches lcheln ausbrechend an, sie tummele sich mit ihnen
und lag spielend auf dem Teppich, auf welchem auch die Hunde
umhersprangen. Fehlte dies oder das, so ri sie wohl ein Tchelchen von
ihrem vornehm gebauten Hals, statt das fehlende Garderobestck
herbeizuholen; und wenn die Kinder sie kten und um Freiheit bettelten,
statt nach der Anweisung der Gouvernante an die Schularbeiten zu gehen,
lief sie gar mit ihnen fort und versteckte sich und jene vor den
drohenden Stirnfalten der Erzieherin.

Morgens ruhte sie mit der ganzen herbeigeeilten Schar in einem
spitzenbedeckten Bett und lie sich umhalsen und htscheln. Es war, als
ob der eben erwachte Frhling seine Kinder um sich versammelt habe. Was
so bezaubernd wirkte, war der naive, unbewute Liebreiz aller dieser
zartgearteten Menschen, und doch war die Grfin Ange so sthlern
abgehrtet, ward so wenig beeinflut von jedweder Anstrengung, da sie
den Schlaf fast wie eine berflssige Gewohnheit an sich herantreten
lie.

Wo sie erschien, ward alles hell, denn ihr ses Gesicht, ihre klugen
Augen, ihre anmutigen Gebrden, ihr silberhelles Lachen und ihre durch
keine Knstelei beeinflute lebhafte Frhlichkeit ri die Umgebung fort.
Und doch war's niemals eine nrrische Laune, von der sie sich leiten
lie, und ihr nicht erst durch Grbeln geweckter Verstand kleidete jeden
Gedanken in eine grazise Form. Ihr Ernst war so tiefsinnig und ihr
Urteil ber Menschen und Dinge oft so zutreffend, da man es nicht fr
mglich hielt, dieselbe Frau habe eben mit kindlich-hilfloser Naivett
die tausend Unarten ihrer kleinen Schar ertragen, sich zuletzt machtlos
in einen Winkel vergraben und bitterlich ausgeweint.

"Bitte, bitte, sei artig, Carlitos," flehte sie, und trotzig warf
Carlitos den stolzen Kopf in den Nacken und beging dieselbe Unart. Aber
zornig gegen ihre Engelschar konnte sie berhaupt nicht werden, viel
weniger hatte sich ihre Hand jemals zum Schlage gegen diese erhoben,
obgleich Ange mit ihrem starken, gesthlten Handgelenk das wildeste
Pferd zu zhmen imstande war. Reiten und Fahren war Ange Claireforts
Leidenschaft. Sie hatte den edelsten Renner im Stall, und nicht minder
zrtlich klopfte sie den Hals von "Blitz", ihrem Lieblingspferd, als die
schlanken Glieder ihrer beiden Windhunde.--

Carlitos, der lteste, war ein wilder, schlanker Bursche mit vielen
impertinenten Sommersprossen auf der feingeschnittenen Nase und mit
dunklem, gleichsam boshaft leuchtendem Haar in rotem Schimmer. Dann
kamen Zwillinge, zwei Mdchen von einer solchen sanften Schnheit und so
mdchenhaft in der Erscheinung, da die Menschen auf der Gasse
stillstanden, um ihnen nachzuschauen.

Diesen folgten wieder zwei Knaben. Sie hatten lange, in der Mitte
gescheitelte goldblonde Haare, waren tannenschlank gewachsen, lebhaft,
ausgelassen, aber doch voll Herzensgte und schchtern gegen Fremde.
Wenn sie bisweilen mit ihren vornehmen Gesichtern so scheu
dreinblickten, ward man unwillkrlich an die Shne Eduards erinnert.

Die kleine Ange war das Ebenbild der Mutter, nur erschien sie fast noch
graziser. Eine Elfengestalt, dabei trumerisch, fr sich, und mit jenem
vorwurfsvoll-ernsten Ausblick, der zgern lt, sich solchen Kindern zu
nhern.

Nach vier Wochen redete man in C. von nichts anderem als von dem Grafen
Clairefort und seiner schnen Gemahlin. Die bsen Reden waren
verstummt, nachdem man sie ein einiges Mal gesehen hatte. Der Graf
entsprach dem Bilde, das man sich von ihm gemacht hatte. Er war nur noch
zurckhaltender, als er geschildert ward. Man fand einen uerst
aristokratischen, wortkargen, aber im Verkehr mit den feinsten Manieren
ausstatteten Mann, der es mit seinen militrischen Obliegenheiten so
streng nahm, da diese Strenge an Hrte streifte. Natrlich zerbrach
sich auch alle Welt den Kopf, wie wohl zwei so verschieden geartete
Menschen miteinander lebten. Strkere Gegenstze waren nicht denkbar. Er
ein ernster, pedantischer, krnklicher Mann, dem sich zu nhern,
berwindung kostete, und der in seinen Gedanken, Anschauungen und
Lebensgewohnheiten vllig von dem Durchschnitt der Menschen abwich. Sie
dagegen ein frisches, gesundes, liebenswrdiges, ein naiv-kluges
Geschpf, mit einem hinreienden Temperament und einer nicht minder
hinreienden, ja gefhrlichen Schnheit; dazu sorglos, ganz von dem
Eindruck des Augenblicks beherrscht und oft spottend allen Regeln der
eingebrgerten Sitte.

Wenn sie etwas besonders anregte oder beschftigte, wenn sie zum
Beispiel ausreiten wollte, verga sie alles. Da gab's keine Innehaltung
einer Zusage oder Verabredung. Da schwiegen alle gewhnlichen
huslichen Pflichten, da verfingen nicht die strengen Mienen des
Grafen. Sie flog ihm an den Hals und herzte ihn.--"La, la,
Schatz!--Sei gut, gieb mir meinen Willen.--Du weit ja doch, da Du mir
nichts abschlgst.--Weshalb mich qulen?--Nein?--Du versagst mir die
kleine Freude?--Dann ksse ich Dich niemals mehr auf Deine treuen Hnde,
auf Deinen verschwiegenen Mund!"--Und ehe er sich's versah, ehe er es
hindern konnte, schlang sie sich zu ihm empor und liebkoste seine Wange.

Oft muten die Kinder helfen, diese wilden, zarten, sanftmtigen
Geschpfe in ihrem seltsamen Gemisch. Und sie thaten alles, was sie
wnschte; immer nahmen sie fr ihre Mama Partei und umringten den
bleichen ernsten Mann, bis sich zuletzt ein Lcheln um den geschlossenen
Mund stahl. Und dieses Lcheln war Zustimmung.

"Wenn Du wtest, wie schn Du bist, wenn Du lchelst," sagte Ange oft:
"warum bist Du doch immer so ernst, so brbeiig, Lieber! Bin ich nicht
um Dich, Ange Clairefort, geborene Butin, Herrin auf Schwarzensee und
Drenfort?" Dazu lachte sie und stolzierte, ihm Kuhnde zuwerfend und
hinter sich schauend, als ob sie ihre Schleppe betrachte, von dannen. Er
neigte dann schwermtig das Haupt und zog sich in seine Gemcher zurck.
Oft war's, als ob der strenge Soldat sich vor dem Kinderlrm und der
ausgelassenen Unart seiner Umgebung flchte, als ob jeder Nerv in ihm
zucke, ihm Ruhe und Einsamkeit allein wohlthue.

In der That hatten Claireforts schon viel Herzeleid erfahren. Sie
verloren beide frh ihre Eltern und standen ohne Verwandte in der Welt.
Des Rittmeisters Stammvorfahr, ein Franzose, war nach Deutschland
bergesiedelt, um seiner Gemahlin, einer Rheinlnderin, zu folgen, und
die Butins, wenn auch seit Menschengedenken in deutschen Gauen ansssig,
stammten ebenfalls aus franzsischem Blut. Gerade als Clairefort um die
alleinstehende, blutjunge Baronin von Butin anhielt, starb ihr
bisheriger Vormund, und dies veranlate die spter Mndigwerdende, die
Gutsbesitzungen zu veruern; den Erls brachte sie ihrem Manne als
Mitgift in die Ehe.

Claireforts hatten ihre Besuche gemacht und empfingen solche. Es nahm
sehr fr sie ein, da sie ihre Visiten nicht auf den vornehmeren und
engeren Kreis beschrnkten, in welchem die brigen Familien verkehrten;
sie gaben auch ihre Karten bei den angesehenen Einwohnern der Stadt ab
und entzckten durch ihre Liebenswrdigkeit alle Welt, mit der sie in
Berhrung traten. Besonders lebhaft aber entwickelte sich der Verkehr
zwischen den unverheirateten Offizieren der Garnison und den
Neuangekommenen. Nach wenigen Wochen waren diese fast tgliche Gste der
Villa, in der stets ein Frhstckstisch bereit stand und in der
man--auch unangemeldet--immer eine vortreffliche Tafel mit auserlesenen
Weinen fand. Es vollzog sich dort alles wie durch Zauberhand geschaffen,
und doch war Ange die denkbar schlechteste Hausfrau.

Aber Ernst Tibet, der Kammerdiener, sorgte fr alles. Dieser
Haushofmeister war ein Mustermensch. So unruhig und wenig umsichtig, so
ungleich und lebendig die Grfin, ebenso ernst, besonnen und zuverlssig
war Tibet, ein Mann mit angeborener Wrde und hflicher Zuvorkommenheit
zugleich.

"Tibet, bester, goldener Tibet, was beginnen wir? Eben haben sich zehn
Personen angesagt! Die Uhr ist zwei! Um fnf wollen wir speisen!"

"Es wird alles nach Ihren Wnschen sein, Frau Grfin," erwidert Tibet,
verbeugt sich und geht seiner Arbeit nach.

Und wenn Tibet das sagt, dann kann wohl eine kleine Welt einstrzen,
aber wenn sie nicht einstrzt, ist alles auf die Minute, wie er
versprochen.

Seltsamerweise bekmmerte sich auch der Graf nicht um das Haus, wenig
auch um die Kinder, ebensowenig um seine schne Ange. Man fragte sich
oft, was eigentlich ihn beschftige, wofr er sich interessiere, welche
Gedanken hinter seiner hohen Stirn auf- und abwandern mchten. Niemand
vermochte darauf eine zutreffende Antwort zu geben. Es blieb ihm auer
seiner dienstlichen Beschftigung noch viel Zeit, aber man fand ihn
weder hufig lesend noch schreibend. Er sa meistens zurckgelehnt in
einem alten Erbstuhl des fnfzehnten Jahrhunderts, der vor seinem
Schreibtisch stand, stubte die Bcher und die vielen kleinen
Nippesgegenstnde ab, rauchte, erhob sich wohl einmal, griff sich, wie
um einen Schmerz zu bannen, an den Kopf, schaute in den blhenden Garten
und grbelte weiter ber etwas, was keiner zu ergrnden vermochte.

Tibet war jeden Tag eine Stunde, oft lnger bei ihm. Er legte Rechnungen
vor, holte sich Anweisungen, empfing Geld, brachte solches, mute auch
wohl Briefe schreiben, Telegramme besorgen und Gnge machen, ber die er
nie Auskunft gab. Tibet war alles in allem, auch bei dem Grafen, und
niemandem begegnete dieser so hflich wie seinem Kammerdiener, wenn er
auch ihm gegenber die Formen beiseite lie.

Unter den Offizieren, die im Clairefortschen Hause verkehrten, befand
sich ein Rittmeister mit Namen von Teut. Alle Welt war erstaunt, da
dieser allem Familienverkehr abholde, nur seinem Dienst, dem
Pferdesport, der Jagd und starken Gelagen geneigte, keineswegs mehr
junge Mann das Haus des Grafen aufgesucht hatte. Ange war die
Veranlagung gewesen. Bei einem Diner, welches der Oberst gab, zwang sie
ihn, sich mit ihr zu beschftigen, wies ihm scherzend nach, da sie vom
Urgrovater her ein wenig verwandt seien, und fesselte ihn in solchem
Mae, da er beim Nachhausegehen gegen seine Umgebung in die Worte
ausbrach: "Schn wie eine Rose, klug wie ein Pferd, naiv wie ein Kind,
zudem eine Dame--ein vollendetes Geschpf!"

Von Teut war ein seltsamer, unberechenbarer Mensch im Verkehr, aber nach
bereinstimmendem Urteil ein Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle. Sein
Reichtum erlaubte ihm die Ausbung der kostspieligsten Liebhabereien. Zu
diesen gehrten vor allem Jagd und Pferde. Und dieser Umstand gengte
allein schon, sich Ange Clairefort zu nhern.

Oft schlug er eine Kleinigkeit ab, war unduldsam gegen seine Umgebung,
und dann, wenn ihn Laune oder Herzensdrang trieben, verschenkte er groe
Summen. So hatte er einmal einem Kellner im Kasino, der sich
selbstndig machen und heiraten wollte, ein nicht unbedeutendes Kapital
darlehensweise berlassen, und als der erste kleine Weltbrger erschien
und jener ihn als Pate einlud, sandte er ihm den quittierten
Schuldschein und schrieb darunter:

"Axel von Teut sendet Axel Dorn diese Patengabe und hofft, da er einst
ein braver Brger und--kommt Zeit und Anla--auch ein treuer
Knigssoldat sein wird."

Als dies bekannt wurde, sah sich Teut mit Bittschriften berschttet. Da
las man eines Tages in der Zeitung:

"Fortan lasse ich alle Bitt- und Bettelbriefe unerffnet zurckgehen.
Man spare sich die Mhe! Wer meint, ich sh's ihnen nicht an, irrt sich.
Eine solche bung, wie ich sie habe, macht erfahren.

Baron von Teut-Eder,

Rittmeister und Eskadronschef."

       *       *       *       *       *

Beim Oberst war eine groe Fte angesagt. Ange begann auch heute mit
ihrer Toilette zu einer Zeit, in der andere Frauen bereits die
Handschuhe knpfen und das Kopftuch um das Haar schlingen. Das kannte
Clairefort, seit ihm das schne Frulein von Butin das Jawort gegeben,
und das ertrug er mit jener Resignation, die entweder einer starken
Selbstbeherrschung entspringt oder die sich zuletzt in das
Unvermeidliche machtlos fgen mu.

"Ange, bist Du bereit? Schon seit einer viertel Stunde wartet der
Wagen!" rief der Rittmeister und klopfte ungeduldig an die Thr.

"Gleich, gleich, bester Carlos!" schmeichelte Ange zurck, huschte
freilich erst in diesem Augenblick aus ihrem Hauskleid und steckte, da
sie das unruhige Auf und Ab ihres erzrnten Tyrannen hrte, auf einen
Augenblick das Kpfchen durch die ffnung, um ihn mit einem ihrer
bezaubernden Blicke zu beruhigen.

Das Gemach, in welchem Ange ihre Toilette machte, glich bezglich des
hastigen und bunten Durcheinander dem Ankleidegemach einer
Bhnenknstlerin. Hier waren Schubladen geffnet, in denen die
Gegenstnde wild durcheinander geworfen waren, dort lagen auf Diwan und
Sthlen Ballkleider und Spitzenrcke. Wenige Minuten hatten hingereicht,
um hier und in die Garderobenschrnke eine heillose Verwirrung zu
bringen. Aber immer war diese lebhafte, unruhige und der
Zeiteinteilungen spottende Frau in ihrer Erscheinung gleich reizend. Wo
war der Knstler, um diesen feingeschnittenen Kopf mit dem tief auf die
Schultern herabgefallenen Seidenhaar zu malen, diese zarte, in den
Formen vollendete Flle, dieses entzckende Wei des Nackens, der Arme,
der Hnde, vornehmlich aber diesen wahrhaft bezaubernden Krperwuchs mit
seinen vornehmen Linien?

Bei der Hast, mit der Ange selbst Hand an die Toilette legte oder ihre
Umgebung anwies, rteten sich ihre Wangen, die feinen Nasenflgel
vibrierten und ihre Kinderhnde zupften, zerrten und knpften an den
durchsichtigen, spitzenbesetzten Gewndern umher, als ob tausend
unruhige Funken aus ihren Fingern sprhten.

Whrend ihr Haar geflochten ward, sa sie vor dem Trumeau, ffnete den
Mund, betrachtete mit kindlicher Neugier die untadelhaften Reihen ihrer
unter dem Rosarot hervorschimmernden Zhne und lachte in den Spiegel
hinein oder neigte mit leisem Aufschrei das Kpfchen vor dem
ungeschickten Strich des Kammes in dem widerspenstigen Haar. Und dabei
erschienen auch Fchen, die einem Kinde anzugehren schienen und die
nun von der Jungfer mit seidenen Schuhen bekleidet wurden.

Als Ange endlich auch in das kostbare pfirsichfarbene Kleid eingespannt
war, als sie durch das Zimmer schritt und die einer Knigin wrdige
Schleppe hinter ihr herrauschte, als endlich alle die Perlen und
Diamanten in ihrem Haar und an ihrer Brust, die blitzenden Agraffen an
dem Stoffe befestigt waren, sahen selbst die Dienerinnen mit einem Blick
der Bewunderung auf das Kunstwerk, das unter ihren Hnden entstanden
war.

"Sieht's gut aus? Sitzt die Taille?" fragte Ange naiv, und ein
glckliches Lcheln flog ber ihr Gesicht, als jene lebhaft besttigten,
was sie zu hren wnschte.

"Ange, Ange!" klopfte es nun abermals. "Die Uhr ist halb neun, und Du
bist noch nicht--"

"Ich bin fertig, lange fertig, Carlos! Ich warte ja auf Dich!" rief sie,
blinzelte den Frauen bei ihrer unschuldigen Lge lchelnd zu und ffnete
die Thr.

Aber nun kamen noch die Kinder, die doch eigentlich im Bett liegen
sollten. Jorinde weinte und Ben stand mrrisch da. Allerlei Wnsche
wurden laut.

"Gewi, gewi, sei ruhig, mein Liebling! Ja, ja, Carlitos!--Ah, mein
Riechflschchen und der Fcher, Maria!--Wie, was? Ja, gleich!"

Sie eilte fort und suchte in irgend einer Schublade nach den Bonbons und
Leckereien, mit denen sie ihre ungeduldige Schar zu beruhigen pflegte.

"Nehmen Sie die Schleppe, Rosa!--Ich komme ja, ich komme, Carlos, geh
nur voraus!"

Nun muten die Kinder noch einmal umarmt und gekt werden. Ein
Handschuhknopf war abgesprungen, auch eine Naht beim hastigen Anziehen
gerissen. "Schnell ein anderes Paar! Im Schubfach links! Fleischfarbene,
Maria, fleischfarbene! Hrst Du?"

Ange eilte hinab. "Endlich!" sagte Carlos. "Vorwrts!"

Der Diener, die Hand am Hute, schlug den Wagen zu und schwang sich auf
den Bock.

"Halt! halt--noch einen Augenblick!" rief Ange und klopfte ungestm an
die Scheiben. Die Jungfer kam atemlos mit den Handschuhen. "Zu Befehl,
Frau Grfin!"

So, nun raste endlich der Wagen mit dem Grafen und Ange davon, und die
Dienerschaft wandte sich ins Haus zurck. Auf dem Flur, auf der Treppe
wehte noch der Duft ihrer Gewnder. In allen Zimmern brannten die
Kandelaber--berall die Spuren ihrer lebhaften Unruhe. Die Kinder
schmollten, da sie nun, weniger rcksichtsvoll angehalten als vorher,
ins Bett getrieben wurden: und ins heie, schwle, von Parfm erfllte
Ankleidezimmer der Gebieterin, in dem ein halb Dutzend goldene und
silberne Leuchter entzndet waren, in welchem die geffneten
Schmuckkstchen mit all ihren zurckgebliebenen Herrlichkeiten achtlos
umherstanden und in dem die Luft, die eine schne, vornehme Frau
ausatmet, wie ein unsichtbarer Hauch die Gegenstnde zu umhllen
schien, traten die Frauen, um alles an seinen Platz zu bringen.--

Unwillkrlich verstummte das laute Gesprch in den Slen, unwillkrlich
traten die Reihen der Gste zurck und unwillkrlich muten auch die
eiferschtigsten Frauen emporblicken, als die Grfin Ange von Clairefort
an der Seite ihres Mannes die Rume in dem Hause des Obersten betrat. Es
giebt Frauen, deren Erscheinung in der Gesellschaft wirkt, als ob
pltzlich ein Schwan mit lautem Flgelschlag vorberrauscht.

Ange war nach wenigen Minuten umgeben und umschwirrt von der halben
Gesellschaft. Nein, von der ganzen Gesellschaft! Denn diejenigen, die
sich ihr nicht nherten, fanden nur nicht den Mut, der schnen,
strahlenden Frau auszudrcken was sie bei ihrem Anblick empfanden. Immer
birgt die Gesellschaft Zaghafte; sie werden nie aussterben; sie bleiben
und gleichen Kindern, welche nur nach wiederholter Ermunterung ein
Hndchen reichen.

Ange hrte, da man allein auf sie gewartet habe. Sie rief ein
bedauerndes "O! o!" huschte zu der Frau des Obersten und stellte ihr
durch die bezaubernde Art ihrer Abbitte rasch die gesunkene
Gesellschaftslaune wieder her. Und da sie in der Zerstreuung den ersten
Tanz nicht vergeben hatte und dies zu ihrer freudigen berraschung
bemerkte, schlpfte sie durch die sich drngenden und sich
arrangierenden Paare bis zum Gastgeber und legte sanft den Arm in den
seinigen.

"Gndige Frau?!"

"Den ersten Tanz habe ich wohl ein dutzendmal abgeschlagen, Herr Oberst,
da ich ihn fr Sie bestimmt hatte. O, ich bitte, kein Refus! Es ist ja
eine Polonaise." schmeichelte sie und zog den nur leise Widerstrebenden
mit sich fort.

Selten mischte sich Ange in die Reihen der Tanzenden, ohne da die
pausierenden Paare ihr zuschauten. Man mute sie ansehen, denn eine
Grazie schien sich unter die Menschen gemischt zu haben.

Nichts Anmutigeres konnte es geben, als sie einen Walzer tanzen zu
sehen, wenn das ihr eigene, halb verlegene, halb glckliche Lcheln ber
die sanften Zge flog und sie das Kpfchen zur Seite neigte. Es lag in
dieser Zurckhaltung gleichsam eine Andeutung, da sie sich zwar jeder
Laune ihres Tnzers fge, doch nur dem Zwange folgend, ihm erlaube, den
schlanken Leib zu umfassen. Sobald sie sich aber aus dem Arm ihres
Kavaliers gelst hatte, verschwand diese fast mdchenhafte
Schchternheit, und ihr lebhaftes Temperament ri sie wieder fort. Sie
schwatzte, lachte und zeigte ein schelmisches Gesicht, sie nickte und
hrte mit neugieriger Aufmerksamkeit zu.

Beim Souper richteten sich abermals aller Augen auf Ange. Eine feine
Blsse war auf ihr Gesicht getreten. Der wunderbare Abstand der dunklen
Augen und Augenbrauen gegen das Goldblond ihres Seidenhaares wirkte
neben dem mattseidenen, an dem Ausschnitt mit echten weien Spitzen
besetzten Kleide so berraschend schn, da man den Blick nicht von ihr
zu wenden vermochte. Und dabei funkelten und blitzten die Steine an Hals
und Ohren, und oft zitterte ein wahrer Sprhregen aus den Diamanten, mit
denen ihr Haupt geschmckt war.

Die Menschen fhlten sich geehrt und beglckt, wenn Ange sie mit ihren
treublickenden Augen ansah, und ihre Bescheidenheit machte es unmglich,
da hliche Regungen der Migunst neben ihr emporstiegen.

Nach Aufhebung der Tafel, nachdem der Champagner Ange ganz in ein
frhliches, nur von der Lust beherrschtes Kind verwandelt hatte, als die
ersten Takte eines strmischen Galopps vom Saale herberklangen, hielt
es sie nicht mehr neben dem Gastgeber, und mit einem seine Verzeihung
einholenden Blick entschlpfte sie, um einem jngeren Kavalier zu
folgen.

Einmal ri eine Perlenschnur, und die kostbaren Schtze rollten unter
die Tanzenden. Ein kleines Vermgen stand auf dem Spiel, Ange jedoch
lachte und nahm mit entschuldigendem Dank entgegen, was eifrig Suchende
gefunden hatten und ihr berreichten.

Wiederholt drngte der Rittmeister zum Aufbruch. Aber die Offiziere
umstrmten die reizende Frau, und sie bat wie ein junges Mdchen, das
zum erstenmal den Ball besucht, um Aufschub. Whrend sie davoneilte,
guckte sie ihn ber ihre Schulter an und holte sich durch bittende
Blicke sein nachtrgliches Jawort ein.

Und als sie endlich zurckkehrte und er, die zerrissenen Spitzen der
Schleppe betrachtend, kopfschttelnd dreinschaute, streifte sie rasch zu
seiner Beruhigung die Handschuhe ab, lehnte sich mit einem: "Nicht
schelten! Gut sein! Carlitos, bitte!" an ihn und bettelte so lange, bis
er ihr noch die kleine Abkhlungspause zugestand.

Von der Bewegung beim Tanzen war ihr Haar ein wenig gelockert und ein
feines Strhnchen auf die Stirn gefallen, auch einige prachtvolle Rosen,
die an ihrer Brust saen und einen blitzenden Diamant umschlossen,
hatten sich entblttert. Ihr Atem glhte, ihre Brust hob und senkte sich
unter der zarten Seide, und whrend der Fcher in heftiger Bewegung
war, neigte sie den Krper mit jener elastischen Biegsamkeit, die
Frauen so verfhrerisch macht.

"Nein, komm, komm, Ange." drngte Carlos, von ihrer Schnheit
hingerissen und nur von dem einzigen Gedanken beherrscht, sie den
zudringlichen Blicken ihrer Bewunderer zu entreien. Sein Auge ruhte mit
einem eiferschtig verlangenden Ausdruck auf ihr, und sie erwiderte
seinen Blick mit jenen trumerischen Augen, mit denen sie ihm einst ihre
Liebe verraten hatte.

"Ach, es war himmlisch! Ich habe mich prachtvoll amsiert! Schade, da
es schon vorber ist!" seufzte die junge Frau, als sie, nach Hause
zurckgekehrt, sich in sanfter Erschpfung in einen Sessel zurcklehnte.
"Aber Du, Armer, hast Dich gelangweilt! Nicht so, Carlos?"

Sie sah ihn zrtlich an. Er schttelte schwermtig das Haupt und sagte:

"Nicht doch, Ange!" Und nach einer Weile flsterte er leise: "Hast Du
mich noch lieb, Ange?"

Da stand sie auf und flog ihm an den Hals.

       *       *       *       *       *

Acht Monate waren vergangen. Teut war ein tglicher Gast im
Clairefortschen Hause geworden, verkehrte mit Frau Ange und der Familie,
als ob er sie von Kindesbeinen an kenne, und schien berhaupt von
Claireforts fortan unzertrennlich. Dieser engere Verkehr fhrte mit
sich, da er bald in alle Verhltnisse eingeweiht wurde, und da man
ihn, da er neben seiner Einsicht eine entschiedene Art an den Tag legte,
auch hufig um Rat fragte. Aber er nahm sich in seiner ehrlichen und
derben Weise auch die Erlaubnis, zu tadeln.

"Schlecht, mordschlecht erziehen Sie die kleine Gesellschaft!" rief er
Ange kopfschttelnd zu, wenn die Kinderschar--ungezogen und
trotzkpfig--ihren Hllenlrm anstimmte, die Mbel mit Stcken und
Peitschen bearbeitete und gar auf dem Teppich des Wohnzimmers mit Sand
wirtschaftete. Die Dienerschaft war machtlos, denn sie fand keine
Untersttzung bei der Grfin. Entweder erlie sie Verbote, deren
Zurcknahme sie sich im nchsten Moment wieder abbetteln lie, oder sie
trstete Jorinde und Erna, wenn diese von der Gouvernante eine Strafe
erhalten hatten.

Nun war eben das Mobiliar--ein Gemach nach dem anderen--neu aufgeputzt,
zum Teil mit kostbaren Stoffen berzogen, alles mit einem wahrhaft
verschwenderischen Luxus hergestellt worden, und schon zeigten sich
deutliche Spuren von bermtigen Gewaltthtigkeiten. Der Graf war
mehrmals in einen heftigen Zorn ausgebrochen, hatte Ange ihren Mangel an
Ordnungsliebe und ihre grenzenlose Schwche gegen die Kinder in den
hrtesten Worten vorgeworfen. Hin und wieder rief er den schnell
liebgewonnenen Freund und Vertrauten zum Zeugen an, wie unvernnftig,
wie unverstndig seine Frau sei und wie ihn ihre Eigenschaften mit den
Rckwirkungen auf die Kleinen zum Tadel reizen mten.

Einmal brach es ungestm aus ihm heraus, als Teut seine Bewunderung ber
Ange ausdrckte. "Ja, Freund," rief er, "Sie sind nicht mit ihr
verheiratet! Sie erfreuen sich an dem Guten, das sie Ihnen
entgegentrgt, und schtteln das Unbequeme leicht ab, um so leichter,
als Sie nur indirekt davon berhrt werden! Ich aber lebe tglich,
stndlich mit ihr, ich kmpfe seit Jahren gegen ihre Schwchen ohne
Erfolg und habe doch fr alles die Verantwortung zu tragen! Ange wrde
jedes Jahr eine Million verschenken, wenn sie dieselbe zur Verfgung
htte, und eine ganze Weltordnung in Verwirrung bringen, wenn sie ber
den Wolken herrschte! Jeder ruft mir entgegen: Welch ein reizvolles
Geschpf! und jeden Tag werde auch ich entwaffnet durch den Zauber
ihrer Liebenswrdigkeit. Aber sie bringt vermge ihrer untilgbaren,
durch eine grenzenlos verkehrte Erziehung hervorgerufenen Fehler den
ruhigsten, besonnensten und geduldigsten Mann zur Verzweiflung. Die
grten und besten Eigenschaften eines Menschen verwandeln sich in das
Gegenteil, wenn ihnen das Ma fehlt. Sanftmut und Liebenswrdigkeit
sinken zur Charakterlosigkeit herab, Herzensgte wird Thorheit, Geist
und Verstand streifen an Insanie und je schner die Hlle, desto grer
der Schmerz, da sich unter so vollendeten Formen ein so ungeordneter
Geist verbirgt."

"Sie bertreiben, Clairefort!" rief Teut warm. "Ihre Frau ist ein Engel!
Ihre Fehler sind nicht so schlimmer Art; ja, ich behaupte, sie sind auch
Tugenden! Weint sie nicht wie ein Kind, wenn man ihr vom Unglck
berichtet, mchte sie nicht stets helfen? Hilft sie nicht? Ist sie nicht
rhrend besorgt um ihre Kinder und sitzt sie nicht wie jngst, als
Carlitos krank war, Tag und Nacht an ihrem Bett? Ist sie nicht stets
liebevoll gegen Sie, Clairefort, sieht sie nicht zu Ihnen empor wie zu
einem Hhergearteten und nimmt jeden Tadel, jedes Scheltwort ohne Murren
entgegen? Ist sie nicht ohne Beispiel selbstlos? Verlangt sie je etwas
fr sich? Ist es nicht nur immer der Gedanke an andere, der ihre
Entschlsse bestimmt? Sah man je ein so glckliches Gemisch von
natrlichem Verstand und Herzensgte?--Ja, sie ist sorglos, kannte nie
eine Einschrnkung, wei nichts von materiellen Sorgen, giebt mit vollen
Hnden, oft vielleicht unverstndig--"

Hier unterbrach Clairefort den Sprechenden, und indem er ihn mit einem
Blick anschaute, durch den man eine vertrauensvolle uerung einzuleiten
und sich Verschwiegenheit zu sichern pflegt, sagte er:

"Nein, nein! Immer, immer unverstndig! Malos, Freund! Ihre
Verschwendung ist grenzenlos. Wie soll das berhaupt werden? Unter uns:
Wenn das meine Frau noch einige Jahre so forttreibt, bin ich ruiniert.
Schon lange war ich gezwungen, mein Kapital anzugreifen."

Teut schwieg. Was er hrte, berraschte und beunruhigte ihn aufs
hchste. Unwillkrlich drngte sich ihm der Gedanke auf, weshalb der
Mann, wenn die Dinge so lagen, sein Hauswesen, seine Geselligkeit nicht
einschrnke, die zahllose, meist berflssige Dienerschaft nicht
entlasse und Ange, die ihrer Eigenart nach auch in einfacheren
Verhltnissen zufrieden leben wrde, die Gelegenheit nhme, so thricht
zu wirtschaften. Aber er fand sich doch nicht berechtigt, dergleichen
auszusprechen, und whrend seines Schwankens kam ihm Clairefort zuvor:

"Ich wei, was Sie mir erwidern werden, Teut," hob er, unter der
Besttigung seiner Gedanken wiederholt das Haupt bewegend, an. "Sie
meinen, ich sei nicht minder schuld als Ange. Wir knnten uns anders
einrichten und dadurch Einnahmen und Ausgaben in das richtige
Gleichgewicht bringen. Auch Tibet drngt mich seit Jahr und Tag, aber
dann--dann--"

Er hielt inne. Ein ngstlich unschlssiger Ausdruck trat in seine
Mienen, und nur mit berwindung lsten sich die Worte aus seinem Munde:

"Sehen Sie! Es wird Ihnen rtselhaft erscheinen," fuhr er endlich
abgerissen und in Pausen sprechend, fort. "Ich liebe meine Frau
grenzenlos. Ich frchte dann--ich frchte--da sie sich mir entfremden
knnte. Eine unbeschreibliche Angst berfllt mich, ich knnte ihre
Liebe einmal verlieren--durch einen Wandel der Verhltnisse. Ich sinne
selbst ratlos darber nach, was in meiner Seele vorgeht. Tausend
Gedanken bestrmen mich. Oft habe ich schon gedacht: Wenn sie doch
einmal das Leben so liebt--ich mchte es ihr erhalten--ihre Frhlichkeit
ist doch lauter Sonnenschein;--und dann--dann--mchte ich, da sie der
Himmel frh zu sich nhme, damit sie Sorge und Kummer nie kennen lernt.
Aber kann man eines geliebten Menschen Tod wnschen? Das ist doch
unfabar. Ich wei nicht, was in mir vorgeht. Ich mchte ndern und
vermag es nicht--vermag es durchaus nicht. Die Schwchen, die meiner
Liebe entspringen, sind grer als meine bessere Einsicht."

Teut sa stumm und schaute vor sich nieder, denn neben ihm seufzte der
Mann in tiefer Bewegung auf.--Welch ein Einblick in das Seelenleben
eines Menschen. Voll Klarheit, ja voll Ungeduld und Tadel ber
unhaltbare Zustnde, und doch aus eiferschtiger angstvoller Liebe zu
schwach, um beizeiten ein zweifellos hereinbrechendes Unglck von sich,
seinem Weibe und seinen Kindern abzuwenden?!

Einmal zuckte Teut unbehaglich zusammen, denn pltzlich stieg die
Zukunft vor ihm auf. Die unabweisbaren Folgen solcher Verhltnisse
traten unheimlich vor seine Seele. Vielleicht war ihm in dem
Clairefortschen Hause eine groe, undankbare Aufgabe beschieden, und
jene Selbstliebe, die Unbequemes von sich stt und nur unbehelligt
genieen will, behielt die Oberhand. Was scherten ihn am Ende die
fremden Menschen, dieser Mann mit seiner Unschlssigkeit, seiner
Melancholie und seinem ehelichen Unbehagen, diese in den Tag lebende
Frau mit ihrer Unerfahrenheit und ihrem sorglosen Lebenswandel?

Aber das war nur eine schnell vorbergehende Regung. Er sprang auf,
fate Claireforts Hand und sagte:

"Und trotz alledem mu geschehen, was Sie fr Recht erkennen, lieber
Clairefort! Ich bin bereit, Ihnen zu helfen, soweit es in meinen Krften
steht. Soll ich einmal mit Frau Ange reden?"

Bei diesem Anerbieten bohrte sich ein eigentmlicher Blick aus den Augen
des Grafen auf den Sprechenden. Aber zum Glck bemerkte Teut ihn nicht,
und als die Mnner nach lngerer Auseinandersetzung schieden, ging jener
unter dem Eindruck, da Clairefort, selbst machtlos zum Handeln, die
dargebotene Hand aufs dankbarste ergriffen habe.

Wohlan denn! Teut war beiden nher getreten als kaum anderen Menschen je
zuvor; er liebte Ange und die Kinder, die deshalb ein Recht auf ihn
gewonnen hatten. Er wollte handeln--handeln wie ein Mann, aber auch wie
ein kluger, besonnener Mann!

       *       *       *       *       *

Seit Stunden ging Teut in seinem Zimmer auf und ab. Immer neue Gedanken
durchkreuzten sein Gehirn. Oft warf er sich in einen Stuhl, schlug nach
seiner Gewohnheit, wenn ihn etwas erregte, heftig mit den Hacken seiner
Reitstiefel aneinander und strich lebhaft seinen langen, blonden
Schnurrbart. Die Backenknochen seines stark markierten, mageren
Gesichtes traten scharf hervor, und fortwhrend lie er das Glas, das in
seinem linken Auge steckte, fallen, um es im nchsten Augenblick wieder
an seinen Platz zu schieben. Wenn dies, der neueren Zeit angehrende
Monocle nicht sein Gesicht verunziert, und wenn er nicht den Husarenrock
getragen htte, wrde man geglaubt haben, einen Ritter frherer Zeiten
vor sich zu sehen. Diese hohe, wettergebrunte und schon etwas stark
gefurchte Stirn, diese blitzenden, unheimlich khnen Augen, dieser
sarkastische Mund und dieser halbschlanke, groe, starke, geschmeidige
Krper erinnerten an die Gestalt eines Recken vergangener Jahrhunderte.

"Der Teufel werde klug aus der Geschichte!" murmelte er, endlich sein
Sinnen unterbrechend, griff in eine Kiste mit schweren Cigarren,
entzndete eine, verschluckte den Rauch und stie ihn in einer mchtigen
Sule wieder von sich.

In diesem Augenblick ffnete sein Diener Jamp die Thr und berreichte
die Rechnung eines Blumenhndlers in Hhe von einigen hundert Thalern.
Es war der aufgesummte Betrag fr die frischblhenden Bouquets, welche
Ange ausnahmslos jeden Tag in ihren Zimmern fand. Teut prfte, zog das
Schubfach und fgte der Zahlung ein reichliches Trinkgeld bei. Nun
schlo sich wieder die Thr und nun waren auch Teuts Gedanken wieder bei
Ange. Er rief sich die letzte Unterredung mit Clairefort ins Gedchtnis
zurck und alles das, was vorhergegangen war. Oft erschien ihm wie ein
Traum, was er in den letzten zehn Monaten erlebt, vornehmlich das, was
er an sich selbst erfahren hatte.

Als jngerer Offizier, kurz bevor ihm das Vermgen seines Vaters und
seiner Geschwister zugefallen war, hatte er um ein junges Mdchen aus
brgerlichem Stande geworben und seine Heiratsplne unter Umstnden
aufgeben mssen, die ihm das weibliche Geschlecht verchtlich gemacht
hatten. Er sah fortan in den Frauen nur ein Spielzeug, fast weniger als
das.

Nun war er Ange Clairefort begegnet und liebte sie nach acht Tagen mit
einer brennenden Leidenschaft.

Wenige Tage nach dem erwhnten Gesprch ritt er mit Ange aus. Es war ein
wundervoller Herbsttag, einer jener Tage, an denen Frhling und Sommer
noch einmal auf die verlangende Erde zurckzueilen und alle ihre
Schnheit reifer und gemilderter zugleich ber die Welt auszustrmen
scheinen.

Die Sonne funkelte in den Bumen, verwandelte mattes Gelb in glnzendes
Gold und braune Bltter in goldkupfernes Metall. Die ganze Natur
durchstrmte sie mit einer durchsichtigen Helle, mit einer Klarheit, als
sei jedes unreine Stubchen von erfrischenden Lften fortgeweht, und als
seien diese selbst herabgestiegen aus khlen, stillen Himmelshhen.

Teut war kein Mensch, der sich jemals in Gefhlsuerungen erging. Er
empfand alles Schne und Gute, aber es lag nicht in seiner Natur oder es
fehlte ihm der Drang, seine Empfindungen in Worte zu bersetzen.

Anders Ange. Die sanften Farben auf ihren Wangen glhten, sie sog die
Luft ein, hielt das seit einer Viertelstunde rasch dahintrabende Pferd
an und warf einen fragenden Blick auf ihren Begleiter. Sie hatten,
seitdem sie das Haus verlassen, kein Wort gewechselt. Niemals war Teut
so stumm gewesen wie heute.

"Drben!" sagte er und zeigte auf ein kleines unter den Bumen
verstecktes Huschen. Er hielt nicht, wie Ange, sein Pferd an.

"Weiterreiten?" fragte sie, als ob sie ihn nicht verstanden. Sie rgerte
sich ber seine formlose Art, die sie ihm schon hufig im stillen
vorgeworfen hatte. Teut nickte, ohne etwas hinzuzufgen.

So erreichten sie beide--Ange in einer etwas unbehaglichen Stimmung--das
Wirtshaus. Ehe der Stallknecht herbeieilen konnte, war Teut
herabgesprungen und hatte Ange vom Pferde gehoben. Es war, als ob
Christophorus das Jesukindlein ber den Flu tragen wolle. Wie ein
zartes Pppchen lag sie ihm im Arm, und wie ein Riese setzte er sie
nieder.

"Drben ist eine herrliche Aussicht. Wollen wir gehen?" fragte er artig
und reichte ihr den Arm.

Aber sie dankte, schrzte das Reitkleid und schritt neben ihm durch
einen linksseitig einbiegenden, mit Bumen besetzten Weg. Nach wenigen
Augenblicken berhrten sie eine Kirche und einen Gottesacker. Es sah
recht verwildert dort aus. Aus der zerbrochenen eisernen Einfriedigung
hingen Schlingpflanzen in den Farben des Herbstes, und Unkraut wucherte
auf den Grbern. Dann stiegen sie eine leichte Anhhe empor und
schritten auf einen Eichenwald zu. Kleines, kurzes Gebsch drngte sich
ber den Fupfad, es ging unregelmig bergauf, bergab.

Endlich umfing sie der Herbstwald und die Khle. Hier glnzte es hell
durch die Bume; lange, wundervolle Lichtstreifen lagen auf dem grnen
Erdboden. Dort flimmerte es im dichteren Gebsch, als ob kleine
versteckte Sonnen vergeblich hervorzubrechen versuchten, und einmal, bei
einem Durchblick zur Rechten, schauten sie in einen verlassenen,
gnzlich abgeschlossenen, mit Gras dicht bewachsenen Feldweg, auf dem
die Einsamkeit einen mrchenhaften Schlaf zu trumen schien. Aber sie
schritten weiter, erreichten endlich eine Bank auf einer von
bltterreichen Eichen umstandenen Anhhe, und sahen nun meilenweit ins
Land.

Es ging ein sanftes Jubilieren durch die blaue, durchsichtige Luft. Die
letzten Vgel zwitscherten, und riesige Lichtstrme warf die Sonne ber
Wiesen, Felder und ferne Wlder. Hier und dort glitzerten Streifen eines
in malerischen Windungen auftauchenden Flusses zwischen den sanft
dahingestreckten Matten, als ob pltzlich die Erde ausgebrochen sei und
flssiges Silber seine Bahn suche.

Ange ward gedrngt, ihrem Entzcken Ausdruck zu geben, aber ihr
Begleiter war scheinbar noch ebenso mimutig wie vorher.

"In welch schlechter Laune haben Sie mich heute begleitet?" hob sie an
und richtete ihren lebhaften Blick auf sein unbewegliches Gesicht.

"Nein!" erwiderte er. "Aber ich habe einiges auf dem Herzen, und
hier"--er lud sie zum Sitzen ein--"will ich Ihnen einmal sagen, wozu
bisher stets der rechte Augenblick gefehlt hat."

Die feine Rte auf Anges Gesicht wich einer leichten Blsse. Ein halb
zaghafter, halb ungeduldiger Ausdruck stahl sich in ihre Mienen, und
sie fate die Reitgerte fester. Aber sie berwand sich und sagte
ungezwungen:

"Wohlan, setzen wir uns und erzhlen Sie mir etwas. Aber nichts, nichts
Unangenehmes heute, lieber Teut. Ein andermal. Ich bin frhlich; weshalb
mir das nehmen? O, ich bin glcklich hier in dieser schnen Welt.
Bitte!"

Teut zuckte zusammen. Immer, wenn sie in diesem zrtlichen und bittenden
Tone sprach, zgerte er, ihr auch nur durch tadelnden Blick eine
Verstimmung zu bereiten. Wieviel besser verstand er jetzt Claireforts
Zaudern als ehedem! Dieses unschuldsvolle Kind mit seiner sorglosen
Frhlichkeit und seiner Freude am Leben erschien ihm wie ein eben aus
der Hand des Schpfers hervorgegangenes Kunstwerk. Und diesen reinen
Spiegel sollte er trben, gar zersplittern? Aber einmal mute es doch
geschehen. Er strich wiederholt den Schnurrbart und sagte endlich:

"Liebe Frau Ange! Hren Sie zu. Ich bitte Sie bei unserer Freundschaft
darum."

Etwas ganz Besonderes mute es doch sein. In Anges Gesicht trat ein
hilfloser Ausdruck, und ein eigener Glanz schimmerte in ihren sanften
Augen.

"Ich hre!" sagte sie leise und legte die Hnde ineinander.

"Sehen Sie, liebe Ange--Darf ich Sie so nennen?" Er wandte sich zu ihr,
sah sie fragend an und ber sein edles, mnnliches Gesicht flog ein
hinreiender Zug von Herzensgte. Und sie nickte mit einer Miene und
bejahte mit einem Blicke, als ob sie ein Engel sei, der einem Snder
Gottes Verzeihung berbringe.

"Wir kennen uns nun schon fast ein Jahr. Durch Sie hat sich mein Leben
fast ganz verndert. Ich hatte bereits von allem Abschied genommen, was
Haus und Familie heit, und mich in die Rolle eines alten Junggesellen
hineingefunden. Meine dienstliche Beschftigung, der Umgang mit den
Kameraden, die Befriedigung allerlei berechtigter und unberechtigter
Passionen, nach Umstnden einmal ein Stck ungehinderter Freiheit--ich
knnte ja ganz ein freier Mann sein und meinen Neigungen leben, aber ich
fhle Pflichten in mir gegen mein Vaterland und meinen Knig--gengte
mir. Da sah ich Sie, Ange; und weshalb sollte ich es verhehlen--ich
liebte Sie bei unserer ersten Begegnung und werde Sie lieben, solange
ein Atem in mir ist."

Er sah sie nicht an, whrend er sprach.

Wenn er emporgeschaut htte, wrde er bemerkt haben, da sie wie
trumend ins Land und in die Ferne schaute; aber er wrde auch in ihrem
Angesicht gelesen haben, wie sie alle seine Worte verschlang und wie
die letzten sie erbeben machten.

Ein feuchter Glanz verdunkelte auf Augenblicke ihre Augensterne, und
versteckt strichen ihre kleinen Finger ber die Wimpern.

"Aber weil ich Ihnen so gut bin--Sie wie ein Bruder und Freund liebe,"
fuhr Teut fort, "mu ich Ihnen etwas sagen, was Ihr Glck betrifft." Und
nun sprach er in langer Rede auf sie ein. Er tadelte und trstete, er
forderte und flehte. Er teilte ihr Carlos' Worte an jenem Tage mit,
klrte sie ber ihre Verhltnisse auf und lie das Bild einer dsteren,
vielleicht durch ihre Handlungsweise heraufbeschworenen Zukunft vor ihr
Auge treten. Atemlos horchte sie auf und erbebte. Welch drohende,
vernichtende Wolken hingen ber ihrem ahnungslosen Haupt! Nachdem er
geendet, sa sie lange stumm und sprach kein Wort. Aber als dann aus
seinem Munde ihr Name drang: "Liebe Ange, liebe Freundin, zrnen Sie
mir?" da berwltigte sie ihr Gefhl und sie neigte das Haupt und
schluchzte.

Er wagte es: er strich sanft ber ihr Haar; er that, als ob er nichts
anderes fhle als Mitleid, nichts anderes geben wolle als Trost, und
doch bedurfte er seiner ganzen Kraft, um sie nicht in dem Ausbruch
unterdrckter Leidenschaft ans Herz zu ziehen.

       *       *       *       *       *

Am nchsten Tage nach diesem Ausflug traten Clairefort und Teut nach
Tisch--es waren heute ausnahmsweise nur drei Gedecke, da die Kinder
frher speisten--in des ersteren Gemach.

Clairefort schien dsterer als je, es war whrend der Tafel, bei welcher
Tibet mit seinem geruschlosen Schritt bedient hatte, fast keine Silbe
ber seine Lippen gekommen, und Ange--noch unter dem Eindruck der
jngsten Unterredung--verhielt sich ebenso einsilbig.

In dem matt erleuchteten, dunkel tapezierten Zimmer kam es Teut heute
fast unheimlich vor. Seltsam schaute der Marmorkopf einer Venus aus dem
Dunkel hervor, und dster starrten ihm die Arabesken aus dem Teppich
entgegen, der den Fuboden bedeckte.

Eine Weile saen beide Mnner rauchend und ohne zu reden, nebeneinander.
Jedem lagen Worte auf der Zunge, keiner wollte zuerst sprechen. Endlich
sagte Clairefort tonlos:

"Sie haben gestern mit Ange gesprochen, Teut?"

Der Angeredete nickte, ohne etwas zu erwidern.

Clairefort wiederholte nun seine Frage.

"Ja," sagte Teut, "ich habe mit Ihrer Frau geredet."

"Was sagte sie, bitte?"

Ohne auf diese Frage unmittelbar zu antworten, entgegnete Teut: "Hat
sie Ihnen keine Mitteilung gemacht?"

"Nun--ja und nein! Sie sprach sehr unzusammenhngend. Sie hing sich an
meinen Hals, weinte und rief: 'Ich will mich bessern, Carlos!' Ich
vermutete, da diese uerung aus dem Gesprch mit Ihnen hervorgegangen
sei. Gesagt hat mir Ange nichts."

Teut horchte auf.--Wie rhrend! Welch eine liebenswrdige Reue lag in
diesen paar Worten!

"Gut! Warten wir also ab, Clairefort!"

"Ja--" sagte dieser gedehnt und offenbar unbefriedigt.

Jetzt sah Teut Clairefort versteckt ins Auge. Ein verdrossener, nervser
Zug lag auf seinem Gesicht. Pltzlich stieg in Teut ein beunruhigender
Gedanke auf. War Clairefort eiferschtig? Was stand ihm und Ange bevor,
wenn seine Vermutung sich bettigte? Und zugleich berfiel ihn ein
gefhrlicher Drang, diesen Verdacht zu lsen und zu bekmpfen. Er wollte
Vertrauen, er wollte fr Freundschaft und Hingebung nicht Mitrauen,
Verstimmung--vielleicht weit Schlimmeres noch.

"Clairefort--!" hob er durch die peinvolle Stille an. "Clairefort, ich
bin Ihr Freund! Sie hatten wohl nie einen aufrichtigeren Freund!
Glauben Sie das?"

Clairefort erhob den Blick und sah Teut verlegen an.

"Ja, lieber Teut! Weshalb fragen, weshalb--beteuern Sie?"

Der letzte Satz kam zgernd hervor. Die Worte verfehlten auch ihre
Wirkung nicht, denn Teut sagte abweisend:

"Ich beteuerte nichts! Ich wollte Ihnen nur einmal, ein einziges Mal,
nachdem Sie mir ein Vertrauen schenkten, das man hchstens etwa seinem
Bruder in hnlichen Verhltnissen zuwendet, sagen, da Sie--was immer
sich ereignen knnte--darauf rechnen drfen, da ich Ihr wirklicher
Freund bin und stets als ein solcher handeln werde. Verstehen wir uns
jetzt?"

"Ja," nickte Clairefort; er schien aber keineswegs berzeugt.

Teut sprang auf. Er trat auf Clairefort zu und fate seine Hand. "Armer
Clairefort," sagte er. "Ich bedauere Sie aus tiefster Seele, um so mehr,
weil ich verstehen kann, was Sie bedrngt. Aber niemals begegnete ein
Mensch einem anderen mit ungerechterem Mitrauen. Und nun noch einen
Rat, bevor wir heute scheiden. Erleichtern Sie Ihrer Frau die
Entschlsse. Handeln Sie, Clairefort, und seien Sie dabei ein Mann und
ein wohlwollender Freund zugleich. Verstehen Sie?"

Clairefort antwortete nichts. Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner
Brust. Teut wandte sich zur Thr. Als er eben das Zimmer verlassen
wollte, erhob sich ersterer rasch, berhrte Teuts Schulter und sagte
leise:

"Verzeihung, Teut! Ich danke Ihnen von ganzem Herzen!"

Die Erinnerung an diesen Vorfall beschftigte Teuts Gedanken. Aber doch
begriff er eins nicht, und deshalb grbelte er hin und her.

Ange hatte ihm erklrt, die Sorgen ihres Mannes seien sicher
ungerechtfertigte. Schon seine Mutter habe unter dem Wahne gelebt, sie
knne nicht auskommen und sei doch im Besitz eines ungewhnlich groen
Vermgens gewesen. Dies wre eine Krankheit aller Claireforts. Es sei
ungenau, behauptete sie, da die Zinsen nicht gengten, um alle Ausgaben
zu bestreiten. Sie glaube im Gegenteil zu wissen, da Tibet
vierteljhrliche berschsse, von denen ganze Familien bequem wrden
leben knnen, zum Banquier trage. Auch habe sie selbst ein vllig
unberhrtes, nach ihrem Tode den Kindern zufallendes Vermgen, das
ausreiche, eine Familie mit greren Ansprchen zu befriedigen.
Trotzdem gebe sie aber zu, da ihr Aufwand ein groer sei, da sie
vieles verschwende, und da es verstndig sei, alles einschrnken.

Sie bat Teut, da ihr Mann Geldverhltnisse, wer wei aus welchen
Grnden, niemals gegen sie berhre, ihn auszuforschen und ihr zu
berichten. Sie knne, fgte sie hinzu, auch Tibet fragen, aber dieser
sei in solchem Punkte stets verschlossen. Zudem erachte sie es als nicht
angemessen, einen Untergebenen zwischen sich und ihren Gemahl zu
stellen.

Bei der nchsten Begegnung zwischen Clairefort und Teut nahm sich
letzterer vor, diesen Punkt schon deshalb durch eine Frage aufzuklren,
weil alle Manahmen danach zu treffen waren. Falls Clairefort die
Wahrheit gesprochen, mute Teut, um nicht auf halbem Wege stehen zu
bleiben, auf sofortige Einschrnkungen dringen, und diese konnten doch,
wie die Dinge lagen, nur von Ange ausgehen.

An einem der nchsten Tage, an welchem Clairefort Teut in der alten
herzlichen Weise begegnete, knpfte letzterer an diesen Zwischenfall an
und sagte:

"Sie haben mich, Clairefort, in Ihre intimsten Verhltnisse eingeweiht.
Ich habe nicht nach den Grnden gefragt. Entweder war es die Folge jenes
natrlichen Dranges, der uns in schweren Nten zur Mitteilung treibt,
oder Sie erkannten Ihre Machtlosigkeit und fhlten das Bedrfnis, sich
einer Freundeshilfe zu bedienen. Gleichviel! Sie schenkten mir Ihr
Vertrauen, und ich gab Ihnen mein Wort, dieses nach bestem Vermgen zu
rechtfertigen. Unter solchen Umstnden ist nun aber vllige Offenheit
eine unbedingte Notwendigkeit."

In Claireforts Augen blitzte es bei dieser Anrede auf. Eine seltsame
Spannung malte sich in seinen Zgen; offenbar mideutete oder
berschtzte er den Sinn der Worte. Teut verstand nicht, was Clairefort
beunruhigte, aber um so mehr beeilte er sich, fortzufahren:

"Eines ist noch der Aufklrung bedrftig," sagte er in gelassenem Tone,
"und ich bitte meine Frage nicht als eine ungerechtfertigte Einmischung
zu betrachten. Ange behauptet, da Sie nur eine bertriebene Sorge
beherrsche, da Ihre und ihre eigenen Renten so gro seien, da jhrlich
erhebliche berschsse aus den Zinsen zurckgelegt werden knnten."

"Nun," rief Clairefort, offenbar erleichtert, aber immerhin erregt, und
in dieser Erregung nur den letzten uerungen Teuts Gehr schenkend,
"ich denke, da wir keine Kinder sind! Es ist, wie ich Ihnen sagte. Mein
Ehrenwort darauf,--das ich indes nur erhrtend hinzufge, weil die
Behauptung meiner Frau der meinigen gegenbersteht. Durch den Sturz
eines Bankhauses habe ich groe Summen verloren, wodurch mein Vermgen
ganz auerordentlich zusammengeschmolzen ist. Das wei auch Ange, denke
ich--"

"Nein! Sie wei gar nichts! Aber gut," sagte Teut, "wenn dem so ist,
dann werde ich mit Ihrer Erlaubnis handeln!"

       *       *       *       *       *

Kurze Zeit darauf hatte Teut Gelegenheit, noch einmal mit Ange zu
sprechen. Ein Vorfall, der nur allzu bezeichnend fr sie war, gab dazu
Veranlassung. Er trat am Sptnachmittag ins Haus und fand sie bei der
Besichtigung eines seidenen Kleides, das sie gerade der Jungfer mit den
Worten zurckgab: "Nein, auch das geht nicht. Ich werde mir dann fr das
Fest ein neues machen lassen und heute noch ausfahren, um den Stoff
auszusuchen."

"Ich stre wohl, Frau Grfin--" hob Teut, rcksichtsvoll ins Zimmer
tretend, an.

Sie schttelte ihren Kinderkopf, raffte errtend und verlegen allerlei
auf den Sthlen umherliegende Garderobengegenstnde auf, schob sie der
Kammerjungfer ber den Arm und hie sie und Erna, welche eben, die Thr
sperrweit offen lassend, ins Zimmer gestrmt kam, gehen.

"Nein, halt! Warten Sie, Charlotte!" unterbrach sie aber doch ihren
Befehl. "Der Herr Rittmeister mag entscheiden."

Die Jungfer that, wie ihr gesagt wurde. Sie legte die Kleider auf einen
Stuhl und suchte unter den berreichen Ballroben eine hervor, die sie
ihrer ungeduldig wartenden Herrin berreichte.

"Ich verstehe von Kleidern gar nichts," sagte Teut schroff. Es strte
ihn, da Ange in Gegenwart der Zofe mit ihm dergleichen Dinge besprechen
wollte.

Ange sah ihn mimutig an, wollte etwas erwidern, unterdrckte aber die
Entgegnung.

Inzwischen nahm Erna eines der Kleider an sich, fuhr mit den Armen
hinein, schob die Schleppe mit den Fen ungeschickt hin und her, so da
sie diese mit den bestubten Schuhen berhrte, und rief endlich laut:
"Mama, Mama, sieh einmal!"

"Aber Erna, Erna!" flehte Ange und eilte erschrocken hinzu. Das Kind
aber hob den seidenen Rock empor, lief rasch davon und rief: "Das mssen
Jorinde und Ange sehen! Nein, nein, ich gebe es nicht!"

Ange lie denn auch das Kind gehen und machte der Zofe ein Zeichen,
nachzueilen.

Als sie zu Teut emporblickte, begegnete sie seiner mibilligenden
Miene. "Unverbesserlich sind Sie, liebe Grfin," sagte er und schttelte
den Kopf.

"Nicht schelten!" bettelte sie und sah ihn mit ihrem bezaubernden Blicke
an. "Aber doch ernsthaft raten! Sehen Sie, liebster Teut, das ist mein
bestes Kleid, und darin kann ich doch den Ball nicht besuchen, nicht
wahr?"

Allerdings: das Kleid war unverantwortlich behandelt. Die Spitzen, mit
denen man es besetzt hatte, waren zerrissen; die Schleppe war besudelt,
an der Taille fehlten Knpfe. Im brigen war der Stoff eine mit
anmutigen Blumenbouquets durchwirkte weie Seide, einer Knigin wrdig.

"Man knnte die Robe einer geschickten Schneiderin bergeben, sie mit
neuen Spitzen garnieren und subern lassen," sagte Teut phlegmatisch. Er
war selbst erstaunt ber den Umfang seiner Kenntnisse und ber seine
praktischen Ratschlge.

"Nein, nein!" sagte Ange, als ob es sich um ein Puppenkostm handle.
"Hier ist ja sogar ein groes Loch!" und sie zeigte ihm den Rock, in
welchem brigens nur die Naht hinten seitlich eingerissen war.

"Kann genht werden!" entschied Teut mit seiner stoischen Ruhe.

"Ach, mit Ihnen ber Toilette sprechen! Kommen Sie, Teut! Wir haben
wundervolle Melonen erhalten. Der Frhstckstisch ist gedeckt."

"Nein," sagte er, "erst mu ich Sie sprechen. Heute ist die erste
Lektion."

Sie sah ihn mit ihrem naiven Blick an, dann glitt ein ungeduldiger
Ausdruck ber ihr Gesicht.

"Wieder eine Waldpredigt! Nein, heute mag ich nicht; weshalb qulen Sie
mich! Ach, wie war ich sonst glcklich! Nun stehen Sie neben mir wie ein
Schulmeister; ich bin doch kein Kind mehr!"

"Doch, ja," sagte Teut kurz. Und dann weicher: "Sie sind ein Kind, ein
liebes, reizvolles Kind. Aber nun kommen Sie! Lassen Sie uns noch einmal
reden!"

Er stand auf und schlo die Thr. Ange graute bei diesen Vorbereitungen.

"Zuerst, liebe Freundin--bitte, setzen Sie sich doch mir gegenber, dort
in den Fauteuil" (sie that es schmollend und zerpflckte eine spt
erblhte weie Rose, deren Bltter sie auf den Teppich fallen
lie)--"ein sehr ernstes Wort! Ich habe mit Clairefort gesprochen; es
ist, wie er sagt. Sie besitzen heute nur einen Teil Ihres beiderseitigen
Vermgens."

Er hielt einen Augenblick inne und beobachtete die Wirkung seiner Worte.

"Und wie ist dies zugegangen?" fragte Ange mehr neugierig als
erschrocken.

"Ein Banquier, bei dem Clairefort seine Papiere niedergelegt hatte,
mute seine Zahlungen einstellen. Es ging dort alles verloren."

"Der arme, arme Clairefort! Ist er sehr betrbt?" hob sie besorgt an.
Sie forschte ngstlich in Teuts Angesicht; sie dachte nur an ihren Mann,
wie er die Sache aufgenommen, in welcher Stimmung er sei. Ob sie gehen
solle, um ihn zu trsten, ihm zu sagen, da sie auch fortan sparsamer
sein wolle. Es bliebe dann gewi noch genug, schlo sie.

"Ja, das ist es. Nun sehen Sie doch ein, da Sie ganz anders leben
mssen, da Sie den groen, berflssigen Hausstand einschrnken, die
Kinder regelmig in die Schule schicken und sich sorgsamer um Ihre
Wirtschaft bekmmern mssen!" sagte Teut ernst.

Sie nickte wie ein Kind, das gescholten wird, das voll guter Vorstze
ist, zerknirscht anhrt, was es verbrochen hat, bis Natur und Freiheit,
bis Spiel und Tndelei alles wieder verwischen.

"Das erste wird sein, da wir auch Tibet ins Vertrauen ziehen. Wir
werden berlegen mssen, wer von der Dienerschaft bleiben kann, welche
Ausgaben berflssig sind, wie die Geselligkeit zu beschrnken, wie
Fuhrwerk und Pferde drunten--"

"Meine himmlischen Pferde auch?" rief Ange "Und gar die Hunde? Mssen
wir ein anderes Haus, eine andere Wohnung beziehen? Ach, Teut, sagen
Sie, ist's denn so schlimm? Besitzen wir nichts, gar nichts mehr?
Sprechen Sie ein Trostwort!"

Mit trnendem Blick sah sie zu ihm empor und erwartete zitternd seine
Antwort.

Umfang und Bedeutung der eingetretenen Verhltnisse berschtzte sie nun
so sehr, da sie sich, wie ihre weiteren Fragen ergaben, schon in einem
kleinen, beschrnkten Huschen sah und mit ngsten an ihre Kinder
dachte, die dadurch Entbehrungen erleiden wrden. Teut erkannte besorgt,
welchen Eindruck seine Worte hervorgerufen, welche Schreckbilder er
unbeabsichtigt heraufbeschworen hatte.

"Sie sollen nichts entbehren, liebe Freundin!" beruhigte er, hingerissen
von Anges Anmut, von ihrem bei alten diesen Errterungen hervortretenden
selbstlosen Wesen, und strich in heftiger Bewegung den Schnurrbart.
"Nichts, meine teure Freundin! Ich stehe dafr! Nur berflssiges,
Thrichtes wollen wir beseitigen. Schon um der Kinder willen werden
wir--" Er betonte die Worte und stockte.

Sie schaute ihn an. Was lag alles in diesen guten, klugen Augen, die
sich mit solcher Innigkeit auf sie richteten. Und da ri es sie fort;
sie schnellte empor und umschlang den trstenden Freund in strmischer
Freude mit ihren Armen.

In diesem Augenblick ffnete sich die Thr; beide flogen auseinander.
Clairefort aber, der sich zeigte, sagte mit einem eisigen Blick: "Ach,
ich stre wohl?"

"Carlos, Carlos!" rief Ange, ahnend, da sich etwas Furchtbares ereignen
wrde, und strmte dem Fortgegangenen nach. Teut aber schlug heftig mit
den Hacken der Reiterstiefel zusammen und seufzte einige Male tief auf.

       *       *       *       *       *

"Wann kann ich die Ehre haben, Sie zu sprechen?

von Clairefort."

"Bitte, kommen Sie rasch!

Ange."

Teut blickte gedankenvoll auf zwei Blttchen, die er empfangen hatte und
die diese Worte enthielten. Seit einigen Tagen war er nicht zu
Claireforts zurckgekehrt; nun war geschehen, was er hatte kommen sehen.

Er bersetzte sich die Worte seiner Freunde in seine Sprache.
"Rechtfertigen Sie sich!" lauteten diese.--"Eilen Sie, ich bin sehr
unglcklich und bedarf Ihres Trostes!" deutete er sich jene.

Lange Zeit sa Teut grbelnd da und lie alles, was geschehen war, noch
einmal an seinem Geist vorbergehen. Hin und wieder erhob er den Blick,
und dieser haftete mechanisch an den vielen Gegenstnden, die seine
Gemcher ausfllten. In einem genialen Durcheinander sah man die
widersprechendsten Dinge. Auf einem seidenbezogenen Sessel lag ein
neuer, ungebrauchter Sattel, an den Wnden zur Linken hingen, flankiert
von ausgestopften Vogel- und anderen Tierkpfen, Pistolen, Sbel und
sonstige alte und neue Waffen. Die rechte Wandseite nahm ein bergroes,
wundervoll ausgefhrtes Frauenbrustbild in der zarten Manier Angelika
Kaufmanns ein; daneben waren in unregelmigen Abstnden Photographieen,
zahlreiche Kupferstiche und Lithographieen aufgehngt, teils Portrts,
teils Jagd- und Reiterbilder: hier ein Sturz vom Pferde beim Rennen,
dort rote Rcke mit Trara hinter dem fliehenden Wild im Walde.

Auf den Tischen lagen Berge von Handschuhen, vertrocknete Blumen,
aufgerufene Kartons und Jagdutensilien. Auf einem chinesischen Kstchen
erhob sich eine Bronzefigur Napoleons I. mit verschrnkten Armen. Ihm
zur Seite stand eine halbnackte, zum Sprung ins Bad bereite
Frauengestalt aus weiem Marmor. Auf einer an den Tisch gerckten
Etagre lagen in merkwrdiger Ordnung zahlreiche Cigarrenetuis: viele
mit Wappen in Silber oder Elfenbein; auch kostbar gebundene Bcher;
daneben erhoben sich einige Medaillonbilder auf zierlichen
Gestellen--und all diese Gegenstnde beherrschte eine weischimmernde
marmorne Klytia mit dem schwermtig sanften Blick. Auf dem grnen
Teppich, der das ganze Zimmer bedeckte, war vor einem Schreibtisch das
riesige Fell eines Eisbren ausgebreitet, und den ersteren bedeckten
zahlreiche Schriften, Papier, aufgeschnittene Bcher und
Schreibmaterialien, die sich um eine alte franzsische Uhr gruppierten,
welche hier Platz gefunden hatte. Und ringsum saubere hellpolierte oder
tiefschwarze Mbel; auch einige primitiv gearbeitete, aber praktisch
eingerichtete Schrnke, aus deren geffneten Schubladen Rehposten,
Patronen und Pulverscke hervorschauten. Endlich stand in der Mitte des
Zimmers ein mit einem Tigerfell behangener Chaiselongue, der aber selten
benutzt zu werden schien, denn eine ganze kleine Bibliothek war hier
aufgeschichtet.

Frher hatte Teut tglich viele Stunden in seiner Wohnung zugebracht. Er
bltterte in den Journalen, las die neuesten deutschen und franzsischen
Romane, empfing Billetdoux und beantwortete sie, schraubte wohl mit
zufriedenem Lcheln einen Flintenlauf vom Kolben oder drckte an dem
Schlo und freute sich der schnen Ciselierungen am Rohr. Oder er
richtete im Nebengemach, im Ezimmer, ein Abendessen, bereitete selbst
die Bowle und stand in lederner Hausjoppe neben Flaschen und Glsern.
Aber alles hatte seinen Reiz verloren. Jede Stunde, die er nicht im
Dienst war, floh er die Rume und eilte zu Ange.

Aber noch mehr. Die rechte Freude am Dasein war dahin; es gab nur noch
Kmpfe, Sorgen, Selbstberwindungen, um ein gegebenes Wort zu erfllen.
Ihr guter Geist wollte er ja fortan auf Erden sein, das hatte er
geschworen--ihr Freund--ihr stumm verzichtender Verehrer.--

"Kleine Ange, kleine liebe Ange," flsterte der Mann und grub die Zhne
in die Lippen, um seiner innerlichen Erregung Herr zu werden. "Nun
beginnt der groe Roman--der Roman unseres Lebens!"

       *       *       *       *       *

Teut beantwortete beide Briefe zugleich. Ange schrieb er:

"Auch von Carlos erhielt ich einige Zeilen. Der kurze formelle Inhalt
lt mich schlieen, da es sich um nichts Gutes handelt! Ich komme
bestimmt heut abend. Dann sieht Sie

Ihr getreuer Teut."

Dem Freunde aber sandte er nur seine Karte und schrieb:

"Ich besuche Sie kurz vor der Theestunde in Ihrem Zimmer.

v.T."

Als aber der Nachmittag kam, nderte Teut seinen Entschlu. Es fiel ihm
ein, da er den Kameraden versprochen hatte, abends den Besuch eines
Freundes im Kasino zu feiern. Er ging deshalb frher zu Claireforts. Als
er die Wohnung erreichte, stieg er, in Gedanken verloren und ohne sich
umzusehen, die Treppe empor. Er wnschte, obgleich er das Richtige zu
vermuten glaubte, zunchst von Ange zu erfahren, was vorgefallen sei,
und dann Clairefort aufzusuchen. Zu seiner berraschung fand er alle
Thren offen und weder jemanden im Empfangssalon noch in Anges
Gemchern, berall aber eine groe Unordnung.

Hier stand das Schaukelpferd eines der Knaben, dort hing, neben
fortgeworfenem Spielzeug, eine Puppe mit gesenktem Kopf und schlaffen
Armen rckwrts ber einem Stuhlpolster. Auf dem Tisch des Wohngemaches
lagen Kinderhte und der hastig abgestreifte Paletot eines der Kinder.
In Anges Schreibtisch war eine Schublade aufgezogen, und eine Sammlung
von zartgefrbten Handschuhen lag in wilder Unordnung durcheinander.
Einer hing mit schlaffen Fingern ber den Rand des Schubfaches hinaus.

Teut schritt weiter bis an die Kinderzimmer. Er fand auch hier
niemanden, aber ein hnliches Durcheinander.

Die Wohnung machte den Eindruck, als ob eine Familie in fliegender Hast,
vor einer Gefahr flchtend und alles im Stiche lassend, davongeeilt sei.
Kopfschttelnd ging Teut weiter und trat gegenber in Claireforts
Privatgemach. Er klopfte. Keine Antwort. Er ffnete behutsam. Hier fand
er es wie stets: dieselbe peinlich-bertriebene Ordnung, derselbe
dstere Ernst, derselbe Mangel an freundlichen, belebenden Eindrcken.
Keine Blume, keine lebhaften Bilder! Ein Hauch von Schwermut lag ber
dem Gemach ausgebreitet und nur allzu deutlich drckte sich in den
Rumen der Charakter seines Bewohners aus.

Natrlich that auch die Dienerschaft, unter solchem Beispiel und keine
strenge Hand ber sich fhlend, was sie wollte. Nirgends ein mnnliches
oder ein weibliches Wesen, das nach dem Fortgang der Herrschaft die
Thren geschlossen und in den Zimmern Ordnung geschaffen htte.

Teut wandte sich zurck, und whrend er noch berlegte, ob er nach Hause
zurckkehren oder warten solle, bis die offenbar auf einer Ausfahrt
begriffene Familie wiederkommen werde, hrte er Schritte. Er horchte auf
und trat einen Augenblick beiseite. Es war Tibet, der geschftig
ausrumte, hier sich nach einem Spielzeug, dort nach einem
Kleidungsstck bckte und ordnend die Hand an Tisch und Sthle legte.
Ja, Tibet, Tibet! Er bernahm die Pflichten aller.

"Die Herrschaften sind aus gefahren?" fragte Teut, nun hervortretend und
den Kammerdiener begrend.

"Jawohl, Herr Baron. Frau Grfin macht Besuche mit den Kindern; der Herr
Graf ist schon frher fortgeritten." Er sprach in seiner gewohnten
ehrerbietigen Weise und schob eine Puppe, die er gerade in der Hand
hatte, verlegen hinter sich.

Teut nickte und lie sich nieder. Es kam ihm sehr gelegen, den
Vertrauten des Hauses einmal allein zu treffen, und er beschlo, ein
Gesprch mit ihm anzuknpfen.

"Wie lange sind Sie eigentlich schon in der grflichen Familie, Tibet?"

"Seit meinem fnfundzwanzigsten Jahre," erwiderte dieser mit einem
melancholischen Anflug in der Stimme.

"Im Hause der Familie Butin oder bei Claireforts?"

"Bei Claireforts."

"Und Sie hatten nie eine andere Beschftigung oder Ttigkeit?"

"Doch, Herr Baron!"

"Und welche?"

"Ich wollte mich ursprnglich dem Kaufmannsstande widmen."

"So so! Hatten Ihre Eltern schon Beziehungen zu der Familie?"

"Nein, Herr Baron."

"Sie sind wohl schon ein guter Vierziger, Tibet?"

"Ja, Herr Baron."

Nein--ja, Herr Baron! Auch im Verfolg des Gesprches gab er diese
einsilbigen Antworten. Dieser Mensch sprach nur, wenn man ihn fragte,
und dann lediglich das Notwendigste. Teut beschlo, es anders
anzufangen, und indem er in bekannter Weise die Stiefelhacken
zusammenschlug und den Schnurrbart drehte, sagte er mit starker
Betonung.

"Tibet!"

"Herr Baron!"

"Ich wei, da Sie eine groe Anhnglichkeit an den Herrn Grafen und
besonders auch an die Frau Grfin haben. Sie wissen zugleich, da ich
ein aufrichtiger Freund der Familie bin. Nicht wahr, Sie glauben das?"

Statt zu antworten, sah Tibet Teut einen Augenblick mit hchster
Befremdung an. "Ja, ich verehre die Frau Grfin wie niemand sonst." Die
zweite Frage berging er.

"Gut. So dachte ich. Aber zu mir haben Sie wenig Vertrauen, Tibet, nicht
wahr?" lchelte Teut.

"Ich verstehe nicht, Herr Baron." Tibet schlug verlegen die Augen zu
Boden.

"Sie verstehen recht gut. Sprechen wir einmal offen miteinander."

Tibet stand noch immer mit der Puppe in der Hand, die wie gelhmt Arme
und Beine hngen lie. Wenn man diesen groen, hageren, ernsthaft
dreinschauenden Mann in der dunklen Kleidung so dastehen sah, mute man
unwillkrlich lcheln.

Als Teut die letzten Worte sprach, berfiel Tibet--man sah es
deutlich--ein starkes Unbehagen. Zuletzt malten sich eine gewisse
Abwehr, ja Trotz in seinen Mienen.

"Also, Tibet," fuhr Teut unbekmmert fort, "ohne Umschweife! Hier im
Hause ist nicht alles, wie es sein soll. Die Grfin wei keine
Wirtschaft zu fhren, der Graf leidet darunter--nicht nur in seiner
Schatulle. Sie wissen das alles.--Das mu anders werden. Beide wnschen
es auch, aber die Grfin versteht es nicht zu ndern, und den Grafen
halten andere Grnde zurck. Ich mchte bei Zeiten etwas verhindern, was
sonst unabnderlich scheint. Wollen Sie mir helfen?"

"Ich?" fragte Tibet kurz, starrkpfig und fast aus der Rolle des
Untergebenen fallend. "Ich bin ein Diener! Wie drfte ich wagen, mich in
die Angelegenheiten meiner Herrschaft zu mischen?"

"Sie sind kein Diener hier im Hause, sondern ein Freund, zudem ein
braver, ehrlicher Mann, Tibet. Versprechen Sie mir, um dieser
Freundschaft willen, die Sie fr die Familie hegen, mein treuer
Verbndeter zu werden!"

Einige Augenblicke stand Tibet unbeweglich; die Puppe war jetzt so tief
herabgesunken, da die kleinen lackledernen Schuhe mit Kreuzbndern den
Fuboden berhrten. Endlich sagte er aufschauend:

"Herr Baron, ich will es mir berlegen. Ich danke Ihnen fr Ihre gute
Meinung. Gestatten Sie mir indessen jetzt--Ah, da kommen die
Herrschaften bereits!"

Und offenbar erleichtert und mit einer entschuldigenden Bewegung eilte
er ans Fenster, guckte rasch hier- und dorthin und entfernte sich
endlich, alle Siebensachen unter den Arm raffend, durch die nach dem
Ausgang fhrende Thr.

Teut sah nach der Uhr. Es war Tischzeit geworden und fr seine Absichten
somit zu spt. Whrend er noch zauderte, trat Clairefort von der
entgegengesetzten Seite in den Salon, blickte berrascht auf, als er
Teut in dem Stuhl sitzend fand, schritt frmlich auf ihn zu und sagte
gezwungen:

"Ah, ich glaubte Sie erst heut abend erwarten zu drfen! Aber wenn es
Ihnen gefllig ist--Zugleich meinen Dank fr Ihre Artigkeit. Ich wre
natrlich zu Ihnen--"

"Bitte, bitte!" erwiderte Teut in seiner kurzen Weise. "Ich bin ja Ihr
tglicher Gast! Weshalb wollten Sie sich zu mir bemhen? Ich stehe also
ganz zu Ihrer Verfgung."

Mit diesen Worten machte er einige Schritte, Clairefort zu folgen. Aber
zu gleicher Zeit ffnete sich auch die Thr und Ange, in einem reizenden
Promenadenkostm, das goldene Haar rckwrts in zwei nachlssige Knoten
geschlungen, die Wangen von der kalten Luft sanft gertet, das Gesicht
ganz umrahmt von einem kleinen, rosaseidenen Htchen, trat rasch und
lebhaft ins Zimmer. Ihr folgte die Schar ihrer Engel, eins schner;
graziser und vornehmer als das andere. In der That ein entzckender
Anblick.

Des Grafen nicht achtend, ganz beschftigt mit dem Bilde, das sich ihm
bot, eilte ihr Teut entgegen, und sie begrten sich mit einer
Herzlichkeit, als ob sie eine lange Zeit getrennt gewesen wren.

Aber in demselben Augenblick und whrend die Kinder Teut jubelnd
umringten, vernderten sich Anges Zge und erhielten einen furchtsamen
Ausdruck.

Da stand der Graf, finster, bleich, und bi sich auf die Lippen. Da
stand er, der Herr des Hauses und weder Frau noch Kinder nherten sich
ihm. Aber alle umringten ihn--ihn, den Hausfreund, dem auch er sein
grtes Vertrauen geschenkt und den er doch in diesem Augenblick mehr
hate als den Tod.

"Wartet mit dem Essen!" sagte Clairefort, seinen Unmut schlecht
verbergend, und machte eine Bewegung gegen Teut, ihm zu folgen.
Letzterer sah noch Anges erbleichendes Gesicht und warf ihr einen
beruhigenden Blick zu. Dann schlo sich hinter beiden Mnnern die Thr.

Als sie Platz genommen, knpfte Clairefort den Rock auf und holte tief
Atem. Teut aber sagte nachlssig und mit einem Anflug von Ungeduld:
"Nun, was steht zu Diensten, Clairefort?"

Durch diesen Ton war jener schon halb entwaffnet; jedenfalls fand er
nicht gleich das Wort. Und als er es noch immer nicht fand und, um es zu
gewinnen, aufstand und das Fenster ffnete, obgleich von drauen der
Sptherbstnachmittag khl ins Zimmer drang, erhob sich Teut und sagte:

"Nun, Clairefort, dann will ich zuerst sprechen. Sie wnschen abermals
ber Ihre Frau mit mir zu reden, oder richtiger ber Ihre Frau und mich,
und Sie wollen mir sagen, da es besser ist, wenn alles beim alten
bleibt, ja noch mehr, da Sie mich mehr aus der Entfernung schtzen als
in Ihrer Nhe und deshalb--nein, ich bitte, lieber Clairefort, wir
wollen einmal deutsch sprechen!--und deshalb wnschen, da ich meine
Besuche einstelle. Sie sind in blinder, thrichter Eifersucht befangen
und zeigen dadurch, wie wenig Sie den Charakter Ihrer edlen Frau zu
schtzen wissen, wie gering Sie auch von mir denken. Aber da ich Ihnen
nachfhlen kann, ja heute mich ganz hineinzuversetzen vermag, weshalb es
Ihnen schwer wird, zu thun, was Sie als recht befunden, was auszufhren
aber eine heilige Pflicht ist gegen Ihre Familie, gegen Ihr knftiges
Wohlergehen, deshalb sagte ich als Freund, der Ihre Frau wie eine
Schwester liebt und der Ihnen warm und herzlich zugethan ist: 'ich will
Dir helfen. Lasse mich handeln, und wenn's gelungen ist, dann heie mich
meinethalben gehen.' So wollte ich es, so dachte ich es! Sie,
Clairefort, zweifelten schon bei dem ersten Schritt, den ich that, wie
mir scheinen will, an meiner Aufrichtigkeit und an der Reinheit meiner
Gesinnungen. Als Ihre Frau mir dankte und es in ihrem kindlichen Herzen
berstrmte, standen Sie da wie ein zorniger Brigant und kmpften nur
mhsam Ihre Leidenschaft nieder. Und nun noch eins! Jederzeit bin ich
fr Ihre Frau auf der Welt--fr sie und ihre Kinder! Aber ich bitte Sie
auch um derentwillen, unterdrcken Sie so falsche, durch nichts
gerechtfertigte Regungen! Habe ich durch meine Rede unangenehme
Empfindungen geweckt, habe ich Ihnen gar wehe gethan, Clairefort, so
sehen Sie mir dies nach! Vergessen Sie! Es mute Klarheit zwischen uns
sein! So, und jetzt lassen Sie mich gehen. Ich wnsche noch, Ihrer Frau
zu sagen, da wir uns als Mnner ausgesprochen haben. Ich wnsche es,
weil ich den furchtsamen Blick in ihrem lieben Gesicht beobachtete und
sie niemals leiden sehen mchte, wo immer es in meiner Macht steht, dies
zu verhindern."

Clairefort hatte das Fenster wieder geschlossen. Er stand, das Gesicht
der Scheibe zugewendet, bewegungslos. Einigemal hatte es in seinem
Krper gezuckt, mehreremal ballte er die Faust--aber er hatte kein Wort
entgegnet und sprach auch jetzt nicht. Als Teut sich zur Thr wandte,
als sich in seinem langsamen Schritt nicht Zwang, wohl aber die
Erwartung einer Erwiderung von jener Seite ausdrckte, kehrte sich
Clairefort zu ihm.

Es war feucht in seinen Augen, ein unsagbarer Schmerz irrte um seine
zuckenden Mundwinkel, und er sah Teut mit einem so hilflosen Blicke an,
da dieser auf ihn zueilte und ihm die Hand drckte.--

War nun endlich alles im alten Geleise? Teut war darber nicht im
klaren. Ange aber schmiegte sich ngstlich und fragend an den Freund,
als er ihr Gemach betrat. Sobald er aber auf ihre hastigen Fragen mit
jener vertrauenerweckenden Ruhe antwortete, die ihn so anziehend machte,
entwichen die ernsten Schatten auf ihrem Gesicht, wiederbelebte Hoffnung
verschnte ihre Zge und in ihrem unzerstrbaren Sanguinismus glaubte
sie schon wieder das Beste.

"Sie bleiben heute nicht zu Tisch, Teut? Wann kommen Sie? Wann reiten
wir aus? Sie sind doch morgen bei dem Diner? Sehen wir uns noch?" So
fragte sie und so schien bereits alles wieder verwischt, was sie noch
eben so zaghaft berhrt hatte.

       *       *       *       *       *

Die Zeit war vergangen.

Teut hatte durchgesetzt, was er wollte. Der grte Teil der Dienerschaft
wurde entfernt. In das Hauswesen, in Kche und Keller kam eine andere
Ordnung, in die Erziehung der Kinder ein anderer Geist. Die neue
Gouvernante erhielt die gemessensten Befehle und empfing Vollmachten,
die verhinderten, da das frhere planlose Treiben fortgesetzt wurde.

Unter dem Vorgeben, da ein trauriges Familienereignis verbiete,
Gesellschaften mitzumachen und in gewohnter Weise Besuch im Hause zu
empfangen, ward auch diese kostspielige Seite des bisherigen Lebens
einschrnkt, und Ange mute sich dazu verstehen, mit einer streng
begrenzten Summe die eigene Toilette und die ihrer Kinder zu bestreiten.
Das alles schaute sie mit harter Nchternheit an; die Schule des Lebens
schlgt ihre Pfade nicht durch blhende Bsche, sie fordert Entbehrungen
und Kmpfe.

"Wo sind die Kinder?" fragte Ange, und die Antwort hie: "Sie lernen,
sie haben Unterricht." Wenn sie den Kopf in die Thr steckte, sah sie
das strenge, unbewegliche Gesicht der neuen Gouvernante und oft genug
ein Thrnlein in den Augen ihrer Lieblinge. Die Befriedigung
augenblicklicher Neigungen stie auf Schwierigkeiten. Wenn sie Einkufe
gemacht hatte und die Rechnung vorgelegt wurde, gab es Szenen mit
Carlos. Er sandte den Diener ohne Geld zurck und dieser stand ratlos
da. Tibet lief mit bedrckter Miene hin und her, und durch die offene
Thr sah Ange den wartenden Boten, der nicht befriedigt wurde, und die
betroffenen Gesichter ihrer Umgebung, die ihre stummen Bemerkungen
machten.

"Konrad soll anspannen!" befahl sie, und wenn sie zum Ausfahren
gerstet, hinabsteigen wollte, stand statt des Wagens der Kutscher vor
ihr und erklrte, das eine Pferd sei krank. Ange fragte nicht, weshalb
man statt der Schimmel nicht die Braunen anspanne; die Braunen waren
verkauft worden.

Wenn es ihr pltzlich durch den Kopf fuhr, wie frher Freunde um sich zu
versammeln, schttelte Carlos den Kopf, und statt des reich beladenen
Frhstckstisches, welcher fr gern gesehene Gste immer bereit gewesen
war, standen nun kleine Brotschnittchen neben einer bereits
angebrochenen Flasche Wein auf der sauber gedeckten, aber kargen Tafel.

Nichts durfte mehr angeschrieben werden. Tibet erklrte, lediglich Geld
fr die tglichen Bedrfnisse zu haben und besondere Ausgaben nur nach
Rcksprache mit dem Grafen bestreiten zu knnen.

Drunten in Kche und Stall begegnete man mrrischen Mienen. Teils
wirkte die Kndigung nach, teils verglich man die alten Zeiten mit den
neuen und fand sich enttuscht. Die reichlichen Trinkgelder, welche die
Gste bei dem tglichen Verkehr und nach den vielen Gesellschaften in
die Hnde der Dienerschaft hatten gleiten lassen, blieben jetzt aus.

Die Familie Clairefort ward von ihrer eigenen Umgebung hmisch und
tadelnd beschwatzt, und an die pltzlichen Vernderungen und
Einschrnkungen knpften sich zudem die bertriebenen Vermutungen.

Bisweilen wandte sich Ange in ihrer Ratlosigkeit an Carlos und bat ihn,
in einigen Dingen nachzugeben. Sie schilderte ihm die vielen kleinen
Ungelegenheiten, berichtete von diesem und jenem und forderte Abhilfe.
Wenn sie dann so eindringlich auf ihn einsprach und mit ihrer
bezaubernden Art durchzusetzen versuchte, was sie wnschte, gab er wohl
nach; ja einigemal brauste er sogar auf, und bse Worte gegen Teut
entschlpften ihm.

Aber nur, wenn Erinnerungen an frhere Zeiten seinen Stolz weckten, wenn
er Teuts Hand allzu deutlich zu erkennen glaubte, dann berfiel ihn ein
eigensinniger Widerstand, und die Eifersucht verfhrte ihn zu falschen
Deutungen. Es erfolgten dann Auseinandersetzungen mit dem Rittmeister,
der aber stets ruhig blieb und immer wieder auf die festen Abmachungen
verwies, welche von Anbeginn vereinbart waren.

Anges Klagen entstanden freilich immer nur aus Hilflosigkeit; sie dachte
niemals an sich. Wenn aber das Schluchzen der Kinder ber die ihnen
geraubte Freiheit an ihr Ohr schlug, verlieen sie alte guten Vorstze.
Oft flchtete sie sich mit ihrem Kummer in ein entfernteres Gemach und
weinte sich dort aus. Es gab Augenblicke, wo sie htte Teut hassen
knnen.

Aber dieser feste Charakter lie sich nicht beirren. Es schien, als ob
er unempfindlich sei gegen jeden Angriff, jeden Vorwurf und Tadel. In
seiner kurzen, bestimmten Art verteidigte er seinen Standpunkt, lie
sich nicht berreden und nicht berzeugen, und nur einmal, als es ihm
gar zu arg wurde, ri er an dem langen Schnurrbart und rief:

"Entweder--oder! Ich habe Euer beiderseitiges Wort! Reut es Euch,
macht's nach Eurem Behagen!"

Freilich sah Teut auch, nachdem er alles geordnet, da die Frhlichkeit
ihren. Auszug aus dem Hause gehalten hatte. Clairefort ward ernster,
mimutiger, unzugnglicher als je, und Ange, der leichtbeschwingte
Vogel, der Freiheit und Bewegung, Licht und Luft um sich fhlen mute,
lie die Flgel hngen. Einigemal griff sich Teut an die Stirn und
berlegte, ob er auch recht gehandelt habe. Allerdings, verstndige
Verhltnisse waren geschaffen, aber alles schien in dem Hause geknickt.
Die Kinder, diese frischen, ungebundenen und zrtlichen Geschpfe,
schlichen eingeschchtert und befangen umher. Die Zucht in den
Schulstunden, die Arbeiten, die sie auer diesen beschftigten, der
jetzt fehlende frhliche Trost, den sie frher bei Mama Ange fanden,
machte sie verdrossen und verschlossen, und es zeigte sich, da sie der
Geist der Mutter beherrsche, der nun einmal nur im hellen Sonnenlicht
und in der Freiheit gedeihen konnte. Und die Rckwirkung blieb auch bei
Teut trotz uerer Unempfindlichkeit nicht aus. Mit Wehmut sah er, wie
ernst Ange geworden war und wie sie sich nach dem alten, zwanglosen
Leben zurcksehnte. Selten noch tnte ihr helles, herzliches Lachen
durch die Rume.

Einmal fand er sie weinend unter den Kindern sitzen und sich mhend,
ihnen bei ihren Arbeiten zu helfen. Kein heiterer Zug glitt ber ihr
Gesicht, als Teut sich nherte, und die wohlerzogenen Kleinen erhoben
sich, gaben ihre Hndchen und machten ihre Knixe, statt wie frher
strmisch auf ihn zuzueilen und ihn zu umschlingen.

Jeden Tag sandte Teut das frische Bouquet, jeden Tag nahm es Ange
entgegen, aber sie hatte keine Freude mehr daran. "Ach, schicken Sie
doch nicht die schnen Blumen, Teut; sie verwelken ja doch--und es ist
berflssig--und kostspielig--"

Sie wandte sich ab und suchte ihre Thrnen zu verbergen.

"Ange! Ange!" rief Teut. "Das von Ihnen? Sagen Sie mir, was Sie
bekmmert, weshalb Sie so hart, so ungerecht gegen mich sind?"

"Schaffen Sie die Gouvernante aus dem Hause; ich hasse die Person!" rief
Ange in furchtbarer Erregung. "Aber bald, bald, sonst passiert ein
Unglck! Sie vergiftet meine sen Kinder mit ihrer Strenge, ihrer
Pedanterie und ihrer scheinheiligen Christenlehre. Sehen Sie doch--was
man aus ihnen gemacht hat? Ist das noch mein feuriger Carlitos, sind das
meine Erna und Jorinde; und die beiden besten Kinder, Ben und Fred? Was
ist aus ihnen geworden? Ange habe ich ihr schon entzogen! Sie hat das
kleine Geschpf mit einem Lineal geschlagen! O, ich erwrge diese Person
nchstens!"

"Ange, Ange, beruhigen Sie sich! Vieles kann ja nach Ihren Wnschen
geschehen! Carlos wird gewi gutheien, was Sie verstndigerweise
anordnen."

"Er? Der? Sitzt er nicht auf seinem Zimmer und grbelt den ganzen Tag?
Sehen wir ihn anders als bei den Mahlzeiten? Ist er noch mein bester,
heigeliebter Mann?--Ein verdrielicher Hypochonder, ein rauher,
abwehrender Mensch hockt drben, der an nichts Freude hat--nicht
einmal"--jetzt traf bitterliches Schluchzen Teuts Ohr--"an seiner
Familie, an seinen Kindern! O, wie grenzenlos unglcklich bin ich! Wo
ist die alte, gute Zeit geblieben! Unser Haus ist ja eine Totengruft
geworden!"

Unter heftiger Bewegung hrte Teut das alles an. Trug er denn die
Schuld? Hatte er das alles heraufbeschworen?--Vielleicht! Er erkannte,
da meistens nur die Not selbst zur Lehrmeisterin der Menschen wird. Er
hatte eingegriffen in die Plne des Schicksals. Statt aus dem Regen den
Sonnenschein von neuem hervorbrechen zu lassen, hatte er diesem zu
frhzeitig ein Dach gebaut, und ein Dach, welches das goldene Licht
verscheuchte.

       *       *       *       *       *

Teut sa in seinem Zimmer und arbeitete. Seit Stunden war er nicht vom
Schreibtisch gewichen, und einige Male lehnte er sich zurck und blickte
sinnend und verloren die Pinselstriche der flchtigen Malerei zhlend,
zur Decke empor. Die letzten Vorgnge hatten einen tiefen Eindruck auf
ihn gemacht. Er litt mit seiner geliebten Ange und verstand alles und
sann, wie ihr zu helfen sei. Aber konnte er ihr die sorglose
Frhlichkeit zurckgeben? Konnte er sie wieder jung machen? Was sie
innerlich litt, bertrug sich auf ihre Erscheinung. Schon begann sich
etwas von dem holden Zauber zu lsen, der sie vor Jahren so
unwiderstehlich gemacht hatte.

Und dann sagte er sich doch, da nicht die vernderte Lebensweise schuld
sein knne, sondern ganz andere Dinge Ange beschftigen mten. Ja, das
war es! Sie war nicht glcklich in ihrer Ehe, und den Ersatz, welchen
sie frher in ihren Kindern fand, entbehrte sie jetzt doppelt, da man
sie ihr halb genommen hatte. Aber das letztere konnte doch wieder ins
rechte Geleis gebracht werden. Ein Wechsel in der Persnlichkeit, die
den Unterricht erteilte, war schnell zu bewerkstelligen. Es brauchte
nicht alles wie bisher auf die Spitze getrieben zu werden: es gab auch
freundliche Ermahnungen statt rcksichtslose Strenge, und es handelte
sich nicht um Lernen und Wissen allein. Der gute Mittelweg war auch hier
der richtige, und indem man diesen einschlug, wrde wiederkehren, wonach
Ange verlangte. Eines stand fest in Teut: auch jetzt mute er
eingreifen, da Clairefort zu keiner Initiative zu bewegen war.

Wie oft hatte Ange geklagt, da sie nicht auszukommen vermge, wie sehr
sie sich einschrnken msse. Clairefort blieb bei alledem taub. Aus ihm
war jetzt ein ngstlicher Sparer, ein Geizhals geworden.

"Kann ich Sie heute einmal ruhig sprechen? Sind Sie zu hren aufgelegt,
liebe Ange?" fragte Teut an einem der nchsten Tage. Sie nickte und
legte die Hnde in den Scho. Seltsam! Teut bemerkte, da sie sich
vernachlssigte, keinen sonderlichen Wert mehr auf ihr ueres legte:
auf Blumen und Schmuck wie frher.

Auch heute sah sie unvorteilhaft aus. Das graue Hauskleid stand ihr
nicht eben gut, und das wundervolle Haar sa versteckt unter einer
Haube, die sie um viele Jahre lter machte.

"Ich wollte Ihnen nach unserem letzten Gesprch eine Bitte vorlegen,"
fuhr Teut fort. "Ich habe viel ber das nachgedacht, was Sie mir gesagt
haben."

Sie neigte das Haupt, ohne Ausdruck in ihrem stillen Gesicht.

"Ich hre, da Carlos seinen Abschied nehmen will, da er ihn nehmen
mu--"

"Wie?" unterbrach ihn Ange ngstlich.

"Ja! Sein Zustand--sein hartnckiges Nervenleiden macht ihm die Ausbung
seiner militrischen Pflichten unmglich. Besser denn, bei Zeiten die
anstrengende Thtigkeit einstellen. Aber--dadurch wird sich--Ihre
Einnahme noch mehr verkleinern, Ange--"

"Ja gewi!" sagte sie tonlos.

"Da wollte ich denn--"--er zgerte, ri an seinem Schnurrbart und eine
seltsame Rte trat auf seine starken Backenknochen--"Sie bitten, Ange.
da Sie mich wie einen Bruder ansehen mgen, da Sie--ich wei nicht, ob
Sie mich verstehen, Ange--da wenn Sie etwa einmal einen Wunsch
haben--etwa fr die Kinder einen Wunsch haben sollten--wenn--wenn--Sie
hren nicht, Ange?"

"O, o!" hauchte die junge Frau. "Nicht weiter!" Ihre Stimme versagte vor
Rhrung; sie vermochte nicht zu sprechen, und sie trocknete die Thrnen
mit dem Tchelchen, das sie hervorgezogen hatte.

"Doch, doch," sagte Teut weich und ergriff ihre Hand, ihre kleine Hand,
die so schmal und krank heute aussah. Aber weiter wagte er nicht zu
sprechen; es trat eine lngere Pause ein. Die Dinge ringsum erschienen
noch ernster, stummer als sonst. Es wehte ein Hauch von trostloser de
durch das Haus, in dem das Lachen erstorben war.

"Und die Gouvernante? die Gouvernante? Schicken wir sie fort?"
flsterte Ange zaghaft. Sie dachte nicht an sich: immer waren es die
Kinder, mit denen sie sich in ihren Gedanken beschftigte.

"Gewi, gewi!" bettigte Teut lebhaft. "Noch heute spreche ich mit
Carlos! Alles, alles soll sich nach Ihren Wnschen gestalten! Alles, was
Sie, meine teure Ange, wieder frhlich--und glcklich machen kann!"

"Ein Gott, kein Mensch sind Sie!" tnte es von Anges Lippen. Sie verbarg
ihr Gesicht in den Hnden und schluchzte.

Teut stand auf und trat ihr nher. Sie erhob den Blick--einen Blick, in
dem der Abglanz ihrer Seele sich spiegelte, einen Blick, in dem der Mann
alles fand, was er je zu hoffen gewnscht, und alles, was im Austausch
Liebe gegen Liebe zu geben vermag!

Es war vorauszusehen, da von dem, was sich im Laufe der Zeit in der
Clairefortschen Familie zugetragen hatte, mancherlei hinausdrang, und
da die ffentliche Meinung sich begierig und mit wenig Wohlwollen
eines Gegenstandes bemchtigte, der zu so verschiedenen Deutungen Anla
gab.

In erster Linie ward das Verhltnis Teuts zu Frau Ange besprochen,
und es fand kaum ein mndlicher Austausch in den C.schen
Gesellschaftskreisen statt, ohne da die holde Frau mit bsen Nachreden
berschttet ward. Wie der Sturm rcksichtslos ber ein in seinem
unschuldigen weien Bltenschmuck stehendes Bumchen dahinwtet, so
zerpflckte man Anges Ehre und guten Ruf. Da der Graf, hie es, ein
bedauernswerter, durch sein Nervenleiden kaum mehr zurechnungsfhiger
Mann wre, sei es nicht zu verwundern, da das emprende Treiben
ungeahndet unter seinen Augen sich vollziehe. Auch knne man es einem
lebenslustigen, unverheirateten Husarenrittmeister nicht verbeln, wenn
er die sen Frchte, welche eine so verfhrerische und gefallschtige
Frau ihm darbiete, nicht zurckweise. rgererregend genug sei es, da er
nicht einmal die gewhnlichen Rcksichten beobachte und das Verhltnis
so offen zu Tage treten lasse; aber auch das werde durch ihr
exzentrisches und leichtfertiges Wesen eher entschuldigt.

In dieser und hnlicher Weise erging sich die Gesellschaft in ihrem
Urteil und hielt es--selbst nur allzu erprobt in Dingen, die man jenen
unterzuschieben sich unterfing--fr unmglich, da Menschen etwas
anderes verbinden knne als eine strafbare Leidenschaft.

Aber man blieb dabei nicht stehen. Die Vermgensverhltnisse Claireforts
wurden gleichfalls einer Beurteilung unterzogen. Es sei nichts mit dem
groen Reichtum! Nur der malosen Verschwendungssucht der Frau
widerstandslos nachgebend, habe Clairefort die Villa in solcher
luxurisen Weise herrichten lassen und einen Aufwand gutgeheien, der
jeder Beschreibung spotte.

Nun sei der Rckschlag bereits eingetreten. Niemand wolle mehr Kredit
geben; ja, man habe den Dienstboten, welche man entlassen mute, kaum
den Lohn zahlen knnen. Des Grafen schwermtiges Leiden sei auf diese
mit tglicher Sorge verknpften Verhltnisse zurckzufhren, und wenn
von seinem Abschied die Rede, so sei dieser wohl kein freiwilliger.

Ah, und diese Kinder! Habe man jemals eine unverantwortlichere Erziehung
erlebt? Wie die Affen wandelten sie einher und erregten rger bei alt
und jung durch ihre Geziertheit und ihr hochmtiges Auftreten. Zuletzt
gedachte man auch noch des geheimnisvollen Verhltnisses zwischen Tibet
und dem Grafen und bezeichnete den Kammerdiener als einen gefhrlichen
Menschen, der im Trben fische und das sonderbar erscheinende
Vertrauen, das man ihm schenke, lediglich zu seinem Vorteil ausbeute.

Bisher war Teut nichts von allen diesen Dingen zu Ohren gekommen. Es lag
auch in der Natur der Sache, da man gegen ihn Verhltnisse nicht
berhrte, in denen er selbst eine so hervortretende Rolle spielte.

Inzwischen aber ereignete sich etwas, das ihm ber die Anschauungen der
Menge die Augen ffnete und was nicht ohne Rckwirkung auf ihn selbst
blieb. Die Offiziere verkehrten hufig in der Familie eines Herrn von
Ink, eines Gutsbesitzers, der vor lngeren Jahren, bei Gelegenheit einer
zweiten Heirat, seinen Besitz verkauft und eine bersiedelung in die
Stadt bewirkt hatte. Er war ein mehr als harmloser Mensch, der niemandem
sonderlich gefiel, aber auch niemandem im Wege stand. Seine Gattin
dagegen gehrte zu jenen Frauen, deren rcksichtsloser Egoismus und
deren mit einem bedeutenden Verstand verbundene Thatkraft oftmals
bedauern lassen, da ihnen nicht eine andere Stellung und ein anderer
Wirkungskreis in der Welt angewiesen ist.

Frau Olga konnte nur hassen oder lieben; richtiger gesagt: nur hassen
oder die Menschen sich dienstbar machen, denn sie besa neben einem
bertriebenen Hochmut, wenig Herz und zertrat ohne Bedenken, was sich
ihr hindernd in den Weg stellte. Es war indessen bei allen diesen
Eigenschaften bezeichnend, da sie gegen Menschen, die eine Stellung in
der Gesellschaft einnahmen, sich von einer geschmeidigen Hflichkeit
zeigte und nicht ruhte, bis es ihr gelang, in einen engeren Verkehr mit
ihnen zu treten.

Ihr Hauswesen war musterhaft geordnet; man amsierte sich gut in dem
Inkschen Hause. Frau Olga befolgte eine weise Lehre, die so wenigen
bekannt ist und jedenfalls selten befolgt wird. Sie betrachtete den Gast
wie einen Vogel, der sich nach seiner Neigung hier oder dort unter den
Baum flchtet, nascht, zwitschert und nach Geschmack und Laune wieder
davonfliegt.

Der Verkehr mit dem sprichwrtlich reichen Rittmeister Baron von
Teut-Eder war seit Jahren fr Frau Olga eine unerfllte Hoffnung
geblieben. Alle ihre Versuche, ihn heranzuziehen, scheiterten an seiner
hflichen, aber entschiedenen Abwehr. Dies reizte Frau von Ink um so
mehr, als Widerstand in solchen Fllen den Wert erhht. berdies besa
sie drei Tchter, von denen eine aus der ersten Ehe ihres Gatten
stammte.

Klara von Ink, ein blasses, uerst grazises, aber nicht mehr ganz
junges Mdchen, sah man hufig mit verweinten Augen. Zwei Menschen
konnten sich nicht ehrlicher hassen als Mutter und Stieftochter, aber
selten fand man auch zwei so verschiedene Charaktern.

Klara war eine offene, aufrichtige, allem Schein abgeneigte Natur,
whrend die Tiefen der Seele einer Frau Olga noch niemand ergrndet
hatte. Natrlich wnschte Frau von Ink ihre beiden recht hbschen Kinder
zu verheiraten, aber nicht minder lag ihr daran, sich endlich Klaras zu
entledigen. Teut war eine beraus glnzende Partie. Beide paten im
Alter zusammen, und aus dieser Verbindung konnten sich ebensoviele
Annehmlichkeiten entwickeln, wie jetzt Mihelligkeiten an der
Tagesordnung waren. Im brigen wrde Frau Olga auch ihrer Tochter
gleichen Namens oder der hbschen Eva nichts in den Weg gestellt haben,
obgleich der Rittmeister fast deren Vater htte sein knnen.

Ink und Teut hatten sich neuerdings bei einem Pferdehandel berhrt.
Daraus entwickelte sich eine mehrfache Begegnung, die mit sich fhrte,
da Herr von Ink den Rittmeister eines Vormittags in sein Haus
einzutreten und ihn an dem eben servierten Frhstck teil zu nehmen bat.
Teut konnte sich dem nicht entziehen, und nun hatte die ehrschtige Frau
endlich ihren Wunsch erreicht! Bevor der Gast Abschied nahm, mute er
wohl oder bel noch eine Einladung zu einem unmittelbar bevorstehenden
Diner annehmen. Welch ein Triumph fr Frau Olga, die sicher eine der
gewohnheitsmigen Absagen im letzten Augenblick gefrchtet hatte, als
der vielbesprochene Baron wirklich zu der festgesetzten Stunde eintraf
und damit dauernd fr das Inksche Haus gewonnen zu sein schien. Aber
auch noch einen anderen lngst verfolgten Plan hoffte Frau Olga durch
die Annherung an den Rittmeister zu erreichen. Auch Claireforts
gehrten zu den Personen, mit denen es ihr nicht gelungen war, in nhere
Berhrung zu treten, und nun fand sie eine bequeme und, wie sie
vermeinte, sichere Anknpfung durch Teut. Die grfliche Familie einmal
bei sich zu sehen, einen Blick in das dortige Hauswesen werfen zu knnen
oder gar mit Claireforts dauernd zu verkehren, gehrte zu jenen
sehnschtigen Wnschen, deren Erfllung sie kaum zu hoffen gewagt.

Schon bei dem Mittagessen--Teut hatte als letzter eingetretener Gast die
Ehre, die Frau des Hauses zu fhren--brachte Olga das Gesprch auf
Claireforts, aber dieser wich geschickt aus. Er erzhlte kurz und
bedauernd, da es seinem Freunde krperlich und geistig schlecht gehe,
da die Frau Grfin sich infolgedessen mehr und mehr von aller
Geselligkeit habe zurckziehen mssen und im brigen die vollendetste
Frau unter Gottes Sonne sei. Er lie auch einiges ber seine Person und
seine Verhltnisse fallen und erwhnte, da die Verwaltung seiner
Besitztmer durch fremde Hand manche Unzutrglichkeiten mit sich fhre.
Er sei aber, wie er hinzufgte, ein Gewohnheitsmensch und zudem ein
eingereichter Soldat, der nur sein Handwerk, seine Pferde und die Jagd
liebe und dabei doch so bequem werde, da er beispielsweise eine
Einladung seines Vetters zu einem auf acht Tage berechneten Feste auf
dessen Gtern ausgeschlagen habe.

Nur eins htte ihn bestimmen knnen, seines Verwandten Aufforderung
Folge zu leisten, und zwar der Wunsch, darauf hinzuwirken, da dieser
unverbesserliche Junggeselle nun endlich heirate.

"Ah, das sagen Sie?" rief Frau von Ink, von diesem Gesprch besonders
gefesselt, "Sie, der Sie ja fast ein Weiberfeind sind, das heit--mit
einer Ausnahme," fgte sie lchelnd hinzu.

"Ich bestreite dies entschieden, gndige Frau," erwiderte Teut, ohne den
Schlusatz zu beachten. "Ich verehre die Frauen wie alles Schne auf der
Welt, aber ich habe kein Glck und kein Geschick im Verkehr mit ihnen.
Zudem--je lter man wird--"

"Sie sprechen von Alter!?"

Teut nickte. "Gewi, wie hoch schtzen Sie mich, gndige Frau?"

"Nun, jedenfalls sind Sie in dem besten--im Heiratsalter. Was, liebes
Kind?" unterbrach sie sich entschuldigend, als pltzlich Eva hinter
ihren Stuhl trat und eine Frage an sie richtete.

Teut schob sich artig zurck, whrend die Damen einige Worte
austauschten, und zugleich beobachtete er Olgas Tochter genauer. Eva
glich einer wilden Rose in ihrer Erscheinung: sie war in der That sehr
hbsch, aber das Gesicht war geistlos.

"Ich bitte um Verzeihung!" wandte sich Frau Olga wieder zu ihrem Gast.

"Ein schnes junges Mdchen," sagte Teut verbindlich und von einer
gewissen Absicht beherrscht. "Sie haben hier gleich einen Beweis, da es
unmglich ist, die Frauen nicht zu verehren."

Frau Olga sah mit einem Anflug angenehmer berraschung den Sprechenden
an. Hatte sie recht gehrt? Sie wute von Teut, da er wohl Derbheiten,
aber selten Artigkeiten zu sagen pflegte.

"Ah, Sie Sptter!" erwiderte sie, in der Absicht, mehr zu hren. Teut
aber lchelte und schwieg. Es gefiel ihm, sie in Zweifel zu lassen.
Endlich sagte er:

"Ihre beiden Jngsten--Zwillinge, wenn ich nicht irre?--sind gleich
liebreizend. Das ist sehr schlimm."

"Schlimm? Wie so? selbst unter der Voraussetzung der Richtigkeit Ihrer
schmeichelhaften Behauptung."

"Nun schlimm insofern, gndige Frau! als doch niemand beide Damen zu
heiraten vermag, und weil eine von ihnen zu whlen, neben der hchsten
Befriedigung des Besitzes zugleich den hchsten Schmerz ber einen
sicheren Verlust hervorrufen wrde."

"Ich vermute, Sie wollen ein wenig Spott treiben," sagte Frau Olga.
"berhaupt--und damit zugleich ein offenes Bekenntnis--, nachdem ich
endlich das Glck habe, Sie nher kennen lernen zu drfen, finde ich
doch die Besttigung dessen, was man mir so oft erzhlt hat."

"Nur eine Besttigung?" scherzte Teut. "Ich hatte gehofft, da meine
Person die Beschreibung weit bertrfe, denn ich bin berzeugt, Sie
finden nur Gutes."

"Wer wei! Sie sind der erste Mann, der mir im Leben begegnet ist, vor
dessen Sarkasmus ich mich frchte."

Dergleichen halbe Artigkeiten und halben Tadel enthaltende uerungen
liebte Frau Olga. Sie hatte unzhlige bereit, wenn sie jemanden fesseln
wollte.

Zu ihrem Erstaunen sagte Teut ernst:

"Es liegt vielleicht etwas Berechtigtes darin, gndige Frau. Ich bin ein
so ehrlicher Hasser der gesellschaftlichen Lge und Vergeltung, da ich
rcksichtslos meine Meinung, oft genug meinen Abscheu dagegen
ausspreche. Und natrlich, jeder, der nicht mit Komdie spielt, wird
naturgem gefrchtet."

Frau Olga kam in eine etwas unbequeme Stimmung; es war ja fast
undenkbar, da ein Mann von so guter Erziehung wie Teut diese Bemerkung
gegen sie persnlich zugespitzt hatte, aber andererseits konnte sie kaum
anders, als diese auf sich beziehen.

Es lag auch in ihrer Art, dergleichen nicht zu bergehen, denn ihre
Klugheit verlie sie nur allzu hufig, wenn ihre Empfindlichkeit oder
ihre Eitelkeit verletzt wurden. Sie entgegnete deshalb in einem recht
schroffen Tone:

"Nein, meine Furcht sttzt sich auf etwas anderes, Herr Rittmeister. Was
Sie hervorheben, knnte ja in unserem Verkehr berhaupt keinen Anla zu
einer solchen geben!"

"Natrlich," sagte Teut ernsthaft, lie aber einen infam ironischen Zug
um seine Mundwinkel spielen. "Und bitte, weiter, meine Gndige?"

Frau Olga hob in einiger Erregung das Glas empor, das Teut eben gefllt
hatte, trank es hastig aus und erwiderte, mhsam ihren Unmut
versteckend:

"Ich liebe die Gradheit und Offenheit wie Sie. Diese kann mich nur mit
Respekt erfllen und wird mir nie Unbehagen einflen. Aber Ihre--" Sie
stockte.

"Nun, gndige Frau?"

"Ah, gleichviel!" machte Olga und zuckte die Achseln.

"Wie, meine gndige Frau," sagte Teut in einem verbindlichen Tone und
doch mit demselben teuflischen Lcheln, "Sie laden mich in Ihr sonst so
unvergleichliches Haus und wollen mich auf die Folter spannen? Ist das
christlich? Ich bitte--wenn nicht etwas Bedenkliches fr mich die Folge
sein soll--"

"Ja, ja! Das ist es! Sie sind boshaft! Sie sind's auch jetzt! Das ist
eine Eigenschaft, die mir allerdings Furcht einflt, ja, die ich hasse,
denn es giebt gegen diese keine Waffen."

In diesem Augenblick schlug Herr von Ink ans Glas und brachte eine
seiner gewhnlichen geistlosen Gesundheiten aus.

Auch das reizte Frau Olga.

"Sehr, sehr hbsch!" warf Teut hin und bewegte den Kopf.

Frau Olga htte ihn mit dem silbernen Fischmesser tten knnen.

Nach dem Diner ging man in den Garten und nahm den Kaffee. Sodann wurde
ein Ausflug zu Pferde und Wagen geplant.

Vor dem Inkschen Hause hielten bereits die Stallknechte mit den
Reitpferden, und die Kutscher warteten auf dem Bock.

Teut, der meistens in einem zierlich gebauten, fr zwei Personen
berechneten Wagen kutschierte und dessen langgeschweifte, dunkelschwarze
Renner ihm allseitig beneidet wurden, bot Frau Olga den Platz in seinem
Wagen an. Sie war sehr glcklich ber diese Auszeichnung, um so mehr,
als bisher nur Frau Ange Clairefort eine solche genossen, freilich so
oft genossen hatte, da der verleumdungsschtige Mund der Stadt dies
Fuhrwerk schon mit einem Spottnamen belegt hatte.

Der Nachmittag war herrlich. Man hatte mit Rcksicht auf den Ausflug
frher gespeist, und es winkten angenehme Stunden.

Als alles sich passend zusammengefunden hatte, gab Rittmeister von Zirp,
der hufigste Gast des Hauses, ein nicht ganz bler, aber wegen seiner
unbedachtsamen Schwtzereien Teut nicht allzu sympathischer Kamerad,
das Zeichen zum Aufbruch, und die lustige Kavalkade setzte sich in
Bewegung.

Schon bei der Abfahrt hatte sich viel Volk zusammengefunden, das die
Kutscher in ihren bunten Livreen und die prchtigen Reitpferde
anstaunte. Allen voran fuhr Teut mit Frau Olga. Seine Renner flogen
dahin, und in der That war es begreiflich, da die Augen der Einwohner
sich besonders auf dieses Gefhrt richteten. War man doch gewohnt, nur
Ange an der Seite des Rittmeisters zu sehen, whrend jetzt die nicht
minder viel besprochene Frau von Ink neben dem bizarren Rittmeister
dahinkutschierte.

Mit einer groen Spannung sah Olga dem Augenblick entgegen, wo sie an
der Clairefortschen Villa vorbeifahren wrden. Ob Teut wohl
hinberschauen, ob wohl zufllig die Grfin auf dem Balkon oder im
Garten sein werde? Olgas Triumph ber die viel beneidete Frau wre ein
vollendeter gewesen! Aber als sie die Villa erreichten, lag das Haus
inmitten seines herrlichen Parkes wie ausgestorben. Nicht einmal eins
der Kinder, auch niemand von der Dienerschaft war sichtbar.

Pltzlich machten die Pferde--gewohnt, hier zu halten--eine rasche
Seitenbewegung, und Olga ergriff unwillkrlich Teuts Arm, indem sie
einen leisen Schrei ausstie.

"Was ist, meine Gndige?" fragte Teut kurz und wandte den Blick in
raschem Wechsel von der Villa zu den Tieren und von diesen zu ihr.

Olga erklrte entschuldigend, und der Wagen eilte weiter.

"Sie scheinen etwas ngstlich zu sein! Wnschen Sie, da ich langsamer
fahre?" fuhr er fort und zog die Zgel an.

Olga verneinte, obgleich das Gegenteil der Fall war.

"Neben einem so vollendeten Pferdelenker kann man keine Furcht
empfinden," sagte sie, in ihren schmeichelnden Ton zurckfallend; aber
sie bereite, gerade dieses Wort gebraucht zu haben, denn Teut fiel ein
und rief lachend:

"Ah, also auf dem Bock bin ich nicht gefhrlich, gndige Frau? Wenn Sie
sich nur nicht tuschen werden!"

Nach einigen Zwischengesprchen brachte Olga nochmals die Rede auf Ange.
Sie wollte durchaus etwas Nheres ber sie aus seinem Munde hren.

"Frau von Clairefort ist wohl eine treffliche Reiterin und soll, wie ich
hre, selbst mit Vieren erstaunlich sicher fahren?"

"Allerdings, sie sucht ihresgleichen!" erwiderte Teut, kurz abbrechend,
machte Olga--mit der Peitsche in die Ferne weisend--auf einen hbschen
Punkt aufmerksam und erging sich ber diesen und die Umgegend in
lebhafte Lobeserhebungen.

Olga verstand. Er wollte nicht von Claireforts sprechen. Es rgerte sie,
da er diese Menschen gleichsam wie seine Domne betrachtete und durch
Sein Ausweichen den Abstand andeuten zu wollen schien, der zwischen ihr
und Ange lag.

Sie beschlo aber doch noch einen Versuch zu machen. Vielleicht stand
sie auch nur unter einem Vorurteil! Sie nahm letzteres an, weil sie es
wnschte.

"Es interessiert mich sehr, etwas ber Frau von Clairefort zu erfahren,"
begann sie. "Ich erinnere mich nicht, jemals einer so schnen und
interessanten Frau begegnet zu sein, und wrde es als eine Bevorzugung
ansehen, ihr einmal persnlich nher treten zu drfen. Sie soll
neuerdings sehr ernst geworden sein und sich fast ausschlielich der
Erziehung ihrer Kinder widmen? brigens, welch eine Schar von
entzckenden Geschpfen!"

Teut fiel bei diesen Worten Anges Trauer und alles das wieder ein, was
ihn so lebhaft beschftigte. Auch reizte ihn die etwas zudringliche Art
Olgas, nachdem er hinlnglich an den Tag gelegt hatte, da er ber
seine Freunde nicht sprechen wollte. Er sagte deshalb, ganz entsprechend
seiner Art:

"Meine Freunde haben ihren Umgang aus vorher schon erwhnten Grnden
wesentlich eingeschrnkt und leben sehr zurckgezogen. Ich wrde sonst
mit Vergngen bereit sein, der Frau Grfin Ihre Wnsche zu bermitteln,
gndige Frau, und bin berzeugt, da Sie besttigt finden wrden, was
ich Ihnen bereits bei Tisch ber die Familie mitteilte. berdies ist es
mglich, da uns Claireforts verlassen werden, sobald der Graf seinen
Abschied genommen hat."

"Nimmt er seinen Abschied?" fragte Olga, zugleich durch eine Bewegung
ihren Dank fr Teuts Bereitwilligkeit ausdrckend. "Ich denke, man giebt
ihn dem Herrn Grafen."

"Wer sagt das?" fuhr Teut auf und lenkte mit rascher Biegung in einen
Seitenpfad.

"Nun, ich hrte so, Herr Rittmeister. Ich bin indes durch den Ton Ihrer
Frage belehrt und bitte um Verzeihung. brigens zirkulieren ber die
Clairefortsche Familie so viele widersprechende Nachrichten und sie
bildet so oft den Gegenstand des Gesprches, da es schwer ist, sich ein
einigermaen zutreffendes Bild von derselben zu entwerfen."

Teut horchte gespannt auf. Beide Hnde waren beschftigt; nur allzu gern
htte er seinen Schnurrbart gedreht. "Wie? Meine ruhig lebenden,
liebenswrdigen Freunde werden so viel besprochen? Es ist das erste Mal,
da ich dies hre. Nun, ich denke, man kann nur Gutes von ihnen sagen,
gndige Frau," entgegnete er mit gezwungener Sorglosigkeit.

Olga schwieg. Da sie ihre Plne vereitelt sah, wollte sie wenigstens
ihre kleine Frauenrache.

Teut lie die Pferde im Schritt gehen, sah mit einem nicht
mizuverstehenden Blick seine Begleiterin an und sagte:

"Sie schweigen, meine gndige Frau. Ich bitte da Sie selbst das Thema
berhrten."

Nun gut! dachte Olga und fuhr laut fort: "Setzt es Sie in Verwunderung,
da man ber eine Dame spricht, die so abweichende Gewohnheiten hat wie
Frau von Clairefort, die reitet und selbst auf dem Bock sitzt, die so
schn und so lebhaft ist, deren Mann sich vor der Welt mit seinem
geheimnisvollen Kammerdiener verschliet, und der mit einem so
ungewhnlichen Aufwande sein Hauswesen einrichtete, um pltzlich man
sagt so--eine fast ngstliche Sparsamkeit einzufhren?"

Olga brach ab. Was sie sagte, war nicht verletzend, aber sie wute, da
jedes Wort Teut krnken mute.

"Sie sprachen noch nicht von mir. Ich gehre doch auch zu den
Gegenstnden dieser sehr berflssigen Betrachtungen des verehrlichen
Publikums. Wollen Sie nicht die Gte haben, nun auch die Ansichten ber
mich beizufgen," erwiderte Teut, ohne eine Miene zu verziehen.

"Ich glaube nur die Thatsachen, aus denen Urteile und Ansichten sich
folgern, wiedergegeben zu haben, Herr Rittmeister."

"Ganz recht, meine Gndige. Und die Thatsachen, die sich auf mich
beziehen?"

"Sie sind tglicher Gast im Hause und erscheinen ffentlich stets neben
Frau von Clairefort--"

"Allerdings, und weiter, wenn ich bitten darf?"

"Nun, deshalb glaubt das Publikum ein Recht zu haben, Bemerkungen zu
machen, die freilich und natrlich jeder Unbefangene verdammt."

"Ah, vortrefflich! Und zu diesen Unbefangenen gehren auch Sie, gndige
Frau, und der Intimus Ihres Hauses, Herr von Zirp?"

Der Ton, in dem Teut diese Worte sprach, war allerdings impertinent, ja
beleidigend; aber der Blick, mit dem Olga erwiderte, gab nichts nach.

Das Gesprch verstummte, und unter einer recht peinlichen Stimmung
legten beide den brigen Teil des Weges zurck. Vor Teut war ein Vorhang
zurckgezogen, dessen Hintergrund ihn erschreckte. Er bi sich auf die
Lippen und knirschte mit den Zhnen. Diesen Engel hatte man zu
verdchtigen gewagt, und eine Frau wie seine Begleiterin fand eine
boshafte Freude an der Wiedergabe solchen Geschwtzes.

Teut durchschaute Olga nur zu gut. Da er ihr die Aussicht genommen, mit
Ange in Berhrung zu treten, lie sie die Maske fallen und zeigte ihr
wahres Gesicht--

rger und Reue whlten in ihr. Sie fhlte, da sie durch dieses Gesprch
alles verloren hatte. Ihr entging vielleicht sogar das, was sie mit
etwas mehr Selbstbeherrschung sich htte erhalten knnen: der knftige
Umgang mit dem fr sie doch allzu interessanten Rittmeister.

Und diese Einsicht, aber auch die Hoffnung, da er vielleicht vergessen
knne, veranlate sie, zuerst wieder das Wort zu ergreifen und in
mglichst unbefangener Weise gleichgltige Gesprchsgegenstnde zu
berhren. Es ward ihr dies erleichtert, da man inzwischen nahe dem Ziele
war, und einige Herren, darunter mehrere von Teuts Kameraden,
herangaloppierend, sich dem Wagen nherten.

"Wir frchteten schon, da Herr Rittmeister von Teut Sie zu entfhren
gedenke, gndige Frau!" rief einer von ihnen, ein junger Assessor. "Sie
waren uns gnzlich entrckt, und wir haben Mhe gehabt, Sie einzuholen.
Aber da kommen auch die brigen," fuhr er fort, und in der That stob
eine Wolke auf, in deren grauem Staubnebel man Pferdekpfe, blitzende
Knpfe und blanke Uniformen erkannte.

Teut, der an alles dachte, hatte seinen Reitknecht vorausgesandt. Als
man am Bestimmungsort eintraf, stand dieser schon wartend da und nahm
das Gefhrt in Empfang.

Whrend Teut Olga vom Wagen hob, drckte sie ihm leicht die Hand und
flsterte: "Sie sind verstimmt, Herr Rittmeister. Unsere gute, eben
begonnene Freundschaft hat doch keinen Sto erlitten? Ich hoffe es
nicht."

Teut aber sagte: "Sie hatten doch recht mit Ihrer Befrchtung, meine
gndige Frau. Ich nehme den halben Zweifel, den ich bei Tisch aussprach,
jetzt ganz zurck."

Nach diesen Worten verbeugte er sich artig und lie Olga betroffen und
nach einer Deutung seiner Worte suchend, stehen.

Wie sehr deren Laune durch diesen Zwischenfall gelitten hatte, davon
erhielt Klara einen nachdrcklichen Beweis, die, einer guten Regung
folgend, auf sie zugeeilt kam, und sich nach ihrem Befinden erkundigte.
Ohne ihr darauf zu antworten oder gar zu danken, herrschte Olga sie an:

"Mein Gott, wie Dir nur wieder der Hut sitzt und wie Du Dein Kleid
zugerichtet hast! Sieh nur! Wie ein Harfenmdchen siehst Du aus! Geh und
ordne Deine Toilette!"

Und unmittelbar nach diesen in einem emprenden Ton gesprochenen Worten
wandte sie sich mit ihrem liebenswrdigen Lcheln zu einem der Herren,
der an sie herantrat und ihr den Arm bot.

Klara stand einen Augenblick leichenbla. Ihre Augen fllten sich mit
Thrnen des Zorns, und ihr Gesicht glhte vor Erregung.

Die Gesellschaft nahm nach einem kurzen Spaziergang, dessen Ziel ein
hbsches Wldchen gewesen war, das Abendessen auf einer Terrasse ein,
welche einen zu dem Wirtshause gehrenden Garten begrenzte. Links- und
rechtsseitig von derselben zog sich die Landstrae hin, und geradezu
schaute man auf den Flu.

Es war in der That ein auerordentlich schner Punkt. Langsam zogen, von
der Abenddmmerung schon halb verschlungen, groe Segelfahrzeuge
vorber, die, aus der Flut geheimnisvoll auftauchend, einem Traumbilde
anzugehren, nicht aber die Vermittler harten Tagewerkes zu sein
schienen.

Aber drben sah man auf der stahlgrauen, vom zarten, rtlichen
Abendsonnenschein umrahmten Wasserflche die greren Segelfahrzeuge
wie abgelst von der spiegelstillen Flut, und die zwischen ihnen hin-
und herirrenden kleineren Bte erhhten durch den Gegensatz die
majesttische Ruhe ihrer Erscheinung.

Im Nachtschlaf ruhten schon die Wlder, von drben erscholl friedlicher
Gesang, mitunter ertnte auch ein helles Hallo ber das Wasser; und vom
jenseitigen Ufer, an dem die glitzernden Lichter der Wirtshuser
aufblitzten, drang einmal leise Militrmusik herber.

Und ber all diesem: ber der silbernen Stahlflut, ber den stummen
Gebschen, ber den traumselig dahingleitenden Fahrzeugen, ber den
Menschen mit ihren ernsten oder sorglosen Gedanken, schwamm der Mond am
blaudunklen Himmel und sandte sein weltdurchleuchtendes, geisterhaftes
Licht herab.

Im ganzen weiten Umkreis eine einzige gewaltige, schneeweie Wolke mit
Riesenfangarmen und Flgeln, unmittelbar ber der Mondscheibe schwebend,
gebannt, unbeweglich, gleichsam im Schnheitszauber erstarrt.

Teut stand an dem Rande der Brstung und berschaute die Landschaft.
Auch die brigen hatten sich erhoben, denn nun rasselte es ber der
nahen Brcke, und in berschnellem Lauf flog ein Wagen dahin. Deutlich
waren Menschen und Dinge noch erkennbar.

Und dann pltzlich erscholl aus Kindermund der laute und jubelnde Ruf:
"Onkel Axel! Onkel Axel!" und aus dem vorbereilenden Wagen winkten
Hndchen, und eine schne junge Frau, die den Wagen lenkte, nickte
lebhaft, und neigte, die Gesellschaft bemerkend, mit verlegener
Artigkeit das Haupt. Es war Ange, die, von einem ihrer Ausflge
heimkehrend, jetzt rasch nach Hause drngte.

Wie sie so dasa mit dem vornehmen, auf den feinen Schultern ruhenden
Kopf, umweht von dem weien Schleier, der in die Abendluft
hinausflatterte, so leicht und grazis in der Erscheinung und doch so
fest und sicher die Zgel der raschen und ungeduldigen Pferde regierend,
mute sie die Blicke der Menschen fesseln. In wenigen Sekunden jedoch
war sie den Nachschauenden entschwunden, und unwillkrlich wandten sich
aller Augen auf Teut.

Es gab wohl niemanden in der Gesellschaft, den nicht der gleiche Gedanke
beherrschte, und einer von ihnen gab diesem auch Ausdruck. Es war der
Assessor, der mit zudringlicher Vertraulichkeit an Teut herantrat und
leicht hinwarf:

"Da war ja Ihre kleine, entzckende Grfin, Herr Rittmeister--"

Aber er sprach nicht aus, denn Teut wandte sich mit seinem
starkknochigen Gnugesicht zu ihm, und indem er den Sprechenden mit einem
Blicke musterte, vor dem jener unwillkrlich den seinigen zu Boden
senkte, sagte er mit schneidender Zurckweisung:

"Da war die Frau Grfin Ange von Clairefort, mein Herr! Der von Ihnen
beliebte Ausdruck war respektwidrig und uerst unpassend! Sie werden
die Gte haben, sich dies fr kommende Flle zu merken!"

Und dann drehte er dem gemaregelten Assessor den Rcken und ging auf
Klara von Ink zu, mit der er sich, ohne die brige Gesellschaft fr den
Rest des Abends sonderlich zu beachten, ausschlielich beschftigte.

Auch bot er, den Augenblick ersphend, wo Olga einen Platz neben Baron
von Zirp whlte, jener seinen Wagen an und kutschierte, seinen
Reitknecht hinter sich, eilend in die Stadt zurck. Seine Verabschiedung
von Inks war beraus hflich, aber frmlich. Auch lehnte es Teut ab, an
diesem Abend der Aufforderung seiner Kameraden zum weiteren
Beisammenbleiben zu folgen.

Als der Wchter die Morgenstunde abrief, sa er, die Hand an die Stirn
gesttzt, noch immer grbeln in seinem juchtenduftenden Arbeitszimmer.
Ein wilder Kampf von Empfindungen, der in seiner Brust tobte, raubte ihm
Ruhe und Schlaf.

       *       *       *       *       *

Ange ward, als sie dem Wagen entstieg und ihre kleine Schar von der
Dienerschaft herabgehoben wurde, von dem ernsten Ausdruck berrascht,
der sich in Tibets dienen widerspiegelte. Er stand, wie immer, wenn sie
zurckkehrte, vorn auf dem Treppenausbau der Villa und ffnete
ehrerbietig die Thr.

"Was ist?" fragte sie ngstlich und hie ihn durch ihre lebhaften
Gebrden rascher sprechen, als es seine Gewohnheit war.

"Carlitos hat heute nachmittag einen heftigen Anfall von Ohnmacht und
Erbrechen gehabt; wir haben ihn gleich ins Bett gebracht, Frau Grfin."

Ange schrie auf und flog die Stufen empor.

"War der Arzt schon da? Ist der Graf in seinem Zimmer?" redete sie
hastig im Vorbereilen die Kammerjungfer an, ohne die Antwort
abzuwarten. Sie durcheilte die Wohnrume und erreichte das Kinderzimmer.
Hinter ihr scho wie immer der Strom der Kleinen, die rasch abgezogenen
Kleider und Hte in den Hnden und achtlos nach sich schleifend.

"Stille, stille, se Kinder! Unser Carlitos ist nicht wohl!" dmpfte
sie, als jene ins Gemach strmten. Sie sa bereits an dem Bett ihres
Knaben und lie die Hand auf seiner heien Stirn ruhen. "Wachst Du, mein
Carlitos?" flsterte sie und neigte sich zu ihm herab.

Er wachte nicht und er schlief nichts; er wlzte sich unruhig hin und
her, und die Hnde erglhten in trockener Fieberhitze. Ange bergab die
lebhafte Jorinde und die brigen Kinder der eintretenden Jungfer und
hie sie ins Speisezimmer hinbergehen. Sie selbst eilte, nachdem sie
khle Tcher ber Carlitos' Stirn gelegt, zunchst in das Zimmer ihres
Mannes.

Der Graf sa--ein schmerzerweckender Anblick--in seinem groen Stuhl und
hatte den Kopf in die Hnde vergraben. Die Vorhnge waren fest
zugezogen, die mit einem grnen Schirm umgebene Lampe verbreitete ein
mattes, schwermtiges Licht, und eine atembeengende Luft erfllte das
Gemach. Dazu die unheimliche Stille und diese peinliche, den Dingen ihr
frhliches Gesicht raubende Ordnung. Ange erschien der dumpfe Raum wie
eine Gruft; unwillkrlich schrak sie zusammen. Und kein Lebenszeichen
von ihm, als sie die Thr ffnete. Er war entweder eingeschlafen oder
eine Erschpfung hatte ihn in einen halbwachen, willenlosen Zustand
versetzt.

"Lieber Carlos!" sagte Ange weich und trat an den Stuhl, in dem die
groe gebrochene Gestalt ruhte.

"Du wnschest?" fragte eine tiefe Stimme.

"Weit Du denn nicht, da unser Carlitos krank ist? Ich komme, Dich zu
fragen, was der Arzt gesagt hat. Ich bin in groer Sorge."

Er neigte langsam und mde den Kopf zur Besttigung.

"Es ist bis jetzt alles geschehen, was er angeordnet hat. Ich war bei
unserem Knaben. Er schlft. Der Doktor meint, man msse die Nacht
abwarten, es wrden vielleicht kalte Bder ntig sein."

"Und was ist es?" fragte Ange uerlich ruhig, innerlich von einer
unbeschreiblichen Angst verzehrt.

"Ich wei es nicht," sagte Clairefort tonlos und lie das Haupt wieder
in die gesttzte Rechte zurckfallen.

Sie sank neben ihm herab und ergriff die schlaff herabhngende Linke.
"Mein Carlos!" hauchte sie leise und innig.

Er gab den Druck sanft zurck, aber er hob sie nicht auf, und fr
Augenblicke schien es in dem Gemach wie ausgestorben. Nur ein leises
Schluchzen war vernehmbar, das aus Anges bedrngter Seele emporstieg.
Sie wuten beide, um was es sich handelte, weshalb sie neben ihm
hingesunken war und weinte.

War das derselbe Mann, der einst um Ange von Butins Hand geworben, der
krftige Mann, aus dessen Augen das Leben blitzte?

Wie hatte man Ange ihr Glck geneidet! Er hatte sie umworben wie kaum
ein Mann ein Weib zuvor. Ihr Lcheln, ihr sanfter Blick berauschten ihn,
ihre Frhlichkeit ri auch ihn mit fort, und jede noch so thrichte
Hoffnung auf eine ewige Dauer des Glckes teilte er mit ihr.

Und wie Carlitos geboren ward und spter Jorinde und Erna--hatte er
nicht im ungestmen Freudentaumel das Haus mit Blumen schmcken lassen,
seine Umgebung beschenkt und tglich stundenlang dankerfllt an ihrem
Bett gesessen? Und hnlich war's noch, als die beiden schnen Knaben zur
Welt kamen. Er plante mit Ange, was sie dermaleinst werden sollten, wie
er fr ihre, fr der brigen Zukunft sorgen knne.

Bei der Geburt der kleinen Ange hatte sich schon manches anders
gestaltet. Clairefort war nicht mehr so herzlich, so teilnehmend: andere
Dinge beschftigten ihn.

Es schien, als ob ihn etwas heftig bedrcke, als ob ein schwerer Kummer
an ihm nage. Die Rckkehr zu einer heiteren, sorgloseren Stimmung war
immer nur eine vorbergehende, und sie war stets mit einem sichtlichen
Zwang verbunden. Und dann wurde er immer finsterer, immer wortkarger,
immer ausweichender, lebte nur fr sich, schalt wohl einmal in heftigem
Zorn, aber flchtete sich doch wieder in seine Einsamkeit.

Bei der bersiedelung nach C. ergriff ihn scheinbar noch einmal die alte
Freude am Leben. Er berschttete Ange mit Zrtlichkeit, lauschte ihre
Wnsche ab und sprach von einem neuen Leben in neuen Verhltnissen. Auch
verkehrte er nicht mehr so abgeschlossen und geheimnisvoll mit Tibet.

Aber bald war's wieder wie ehedem, ja schlimmer, denn der alte Kummer
schien ihn von neuem zu bedrcken, und auch die Eifersucht verzehrte
ihn. Und doch suchte er sein Weib nicht an sich heranzuziehen, und nur
vorbergehend war er verstndigen Auseinandersetzungen zugnglich.
Allmhlich ward er leidend die nervsen Beschwerden nahmen zu. Der Arzt
hatte es ausgesprochen, es war nicht zu verbergen: ein unheilbares
Rckenmarkleiden zehrte an ihm. Zuletzt kam er um seinen Abschied ein.

Nun sa er da; kein Mann, kein Soldat, kein Reitersmann mehr, gebrochen,
ein lebensmder Greis, leise oder laut in Schmerzen wimmernd.

Aber nicht krperliche Leiden hatten allein ihn gelhmt. Er hatte
geklagt ber jede Ausgabe und doch nicht die Kraft gehabt, etwas zu
ndern, oder etwas zu verweigern.

Ja, gewi, auch die Sorgen qulten und verfolgten ihn.

Und neben diesem gedachte Ange Teuts. Welch ein Mann, welch ein Freund!
Wie er eingegriffen hatte in die Verhltnisse, wie er alles so wohl
gestaltet, und wie mrrisch ihm Carlos gedankt hatte.

Was sollte nur werden! Wie traurig, wie trostlos starrte der Frau das
Leben und die Zukunft entgegen! Heute war sie, von Teut wiederholt
ermuntert, einmal wieder hinausgefahren und hatte sich hineingetrumt
fr Stunden in die alten sorglosen Zeiten.

Ihre Gedanken wurden aber durch die Erinnerung an Carlitos unterbrochen.

"Carlos, mein Carlos!" flsterte sie. "Ich leide entsetzlich, weil ich
wei, da Du leidest. Sag, Carlos"--sie stockte; sie drckte seine Hand
und legte ihr Kpfchen an seine Schulter--"liebst Du mich noch?"

"O Ange--Ange!" prete der Mann hervor. "Ob ich Dich liebe?"

Pltzlich wandte er sich mit mhsamer, aber rascher Bewegung zu ihr,
umfate sie mit seinen Armen, hob sie empor und bedeckte ihr Gesicht
mit Kssen und--mit Thrnen.

"Sag mir, was Dich beunruhigt, mein Carlos, was Dich bedrckt neben
Deiner Krankheit, um die ich Tag und Nacht sorge," hob Ange endlich an
und schmiegte sich fester an die Brust ihres Mannes.

Clairefort zitterte, als ob er an ein Verbrechen erinnert werde. Sie
fhlte es. Ein drngendes, unerklrlich angstvolles Gefhl jagte durch
ihr Inneres.

Aber er stand ihr nicht Rede, selbst jetzt nicht, wo ihre Seelen in
Liebe und Zrtlichkeit zusammenschmolzen, selbst jetzt nicht, wo das
Hchste sie ergriff, was Menschenbrust zu durchdringen vermag.

Sie war zu vornehm geartet, etwas erzwingen zu wollen, was ihr nicht
freiwillig gewhrt wurde. Und um ihn nicht im Zweifel zu lassen,
flsterte sie besnftigend:

"Nicht Neugierde lt mich bitten, mein einziger teurer Carlos, nur
Sorge--Sorge--um Dich--"

Die letzten Worte wurden erdrckt durch ihr Schluchzen. Er aber seufzte,
von Seelenschmerz gefoltert, tief auf, und nun sein Haupt an ihrer Brust
bergend wie ein Kind, hauchte er: "O Ange, Ange, Du Engel--nicht nur dem
Namen nach ein Engel!"

Nachdem Ange ihren Mann verlassen hatte, beherrschte sie nur der einzige
Gedanke, wie sie ihrem Kinde helfen knne. Sie ordnete an, da noch
einmal zum Doktor gesandt werde, und widerrief es doch wieder, weil er
kaum vor einer Stunde das Haus verlassen hatte. Sie befahl, anzuspannen,
um zu ihm zu fahren, und doch sandte sie den Wagen wieder fort. Endlich
beschlo sie noch einen anderen Arzt zu Rate zu ziehen und dies bei
jenem am nchsten Tage durch ihre Angst und Sorge zu entschuldigen. Sie
schrieb auch wirklich ein Billet, und ein Diener mute damit forteilen;
aber er kam unverrichtet Sache zurck, da jener aufs Land gerufen war.

Nun endlich wandte sie sich mit ihren Gedanken zu Teut.

Konnte sie den Freund in so spter Abendstunde zu sich bitten?

Sie hockte an dem Bett des Knaben und betrachtete jede seiner
Bewegungen. Ach, wenn sie ihm doch nicht nachgegeben htte, als er
darauf bestand, zurckzubleiben, um in dem nahgelegenen Weiher zu
fischen! Dort konnten giftige Dnste emporgestiegen sein--er mochte sich
heftig erkltet haben--oder ihm war gar ein Unfall zugestoen, den er
verschwiegen hatte. So ging es in ihr auf und ab. Immer von neuem khlte
sie des Knaben Stirn, rckte ihm das Kopfkissen, horchte, lauschte auf
seine Atemzge und war zrtlich und ngstlich um ihn besorgt.

Aber die Krankheit nahm nach Mitternacht einen heftigeren Charakter an.
Carlitos wollte aus dem Bett und sprach wirre Dinge.

Er kmpfte mit ihr, whrend sie ihm weinend widerstand.

"Ach, sei doch ruhig, mein lieber Carlitos, ich flehe Dich an! Siehst Du
nicht, da Deine Mama bei Dir ist! Bitte, bitte, Carlitos, bleibe liegen
und rege Dich nicht auf!"

Aber er kannte sie schon nicht mehr, er raste in heftigem Fieber.

In Todesngsten zog Ange die Schnur. Tibet erschien. Er sa geduldig
wartend im Nebenzimmer. "Gehen Sie, gehen Sie und sehen Sie, ob der Graf
noch wacht. Wenn er kommen kann, bitten Sie ihn zu mir; sollte er aber
ruhen--" Jetzt rhrte sich der Knabe wieder und schlug um sich.

"O Tibet, Tibet, mein Kind! Nein, nein, hren Sie! Eilen Sie! Man soll
eine Wanne bringen, Eiswasser und dann--Ich danke Ihnen im voraus,
Tibet! Eilen Sie zu Herrn von Teut, sagen Sie ihm, ich liee ihn
flehentlich bitten, zu kommen! Nicht wahr, der Doktor sagte, man solle,
wenn das Fieber schlimmer werde, ihn kalt begieen? Ah, und die Fenster
sind geschlossen! Wir mssen sie ffnen! Ich hrte, Luft, frische Luft
sei vor allem ntig!"

Und Tibet eilte fort, und die Frau war wieder allein mit ihrer Sorge
und Angst.

Teut war erschienen, hatte getrstet und hatte geholfen. Er setzte den
Kleinen in die Wanne und tropfte Wasser aus groen Schwmmen ber das
heiglhende Haupt; er hob ihn vom Lager und bettete ihn von neuem; er
ordnete an, da die brigen Kinder in andere Gemcher geschafft wurden,
und bewirkte durch seine Frsorge, da Carlitos gegen Morgen in einen
ruhigeren Schlaf versank.

Aber war es, da gegen dieses Rasen des Fiebers keine menschliche Hilfe
etwas vermochte, oder da das unerforschliche Schicksal es bestimmt
hatte--das Herz dieser holden Frau sollte brechen. Nach zeitweiliger
Besserung tobte die Krankheit nur noch heftiger, und was man mit allen
Mitteln zu bannen suchte, schien sich lediglich zu verstrken.

Die rzte suchten zu trsten, aber das Kind war verloren. Nach
mehrtgigem Ringen fielen des Knaben Wangen ein, eine seltsame Farbe
bedeckte sein Gesicht, trocken wurde Stirn und Hnde, aus dem Munde
drang ein Hauch, vor dem Ange erbebte, und endlich--es ging ein Schrei
durch das Krankenzimmer--erlosch der Herzschlag des Kindes.

       *       *       *       *       *

"Teut," sagte Ange, die in einem Zimmer nach Garten gebettet war
und--einem Marmorbild vergleichbar, das Thrnen vergiet--jedes
menschliche Mitleid wachrufen mute, einige Tage spter, "eine Bitte
habe ich an Sie, wenn mein ser Knabe--"--hier brach die Stimme und
verlor sich in ein so verzehrendes Schluchzen, da des starken Mannes
Inneres erbebte--"wenn morgen Carlitos begraben wird, lassen Sie Lux und
Lady Anna den Totenwagen ziehen. Wissen Sie noch, Teut, wie Carlitos die
Tiere liebte? Sie zu besitzen, war sein hchster Wunsch. Er wollte ganz
werden wie Sie, Teut. Alles, was Sie thaten, was Sie besaen, war
unnachahmlich. Nicht wahr, Sie haben ihn auch geliebt--?"

Thrnen erstickten von neuem ihre Stimme.

Teut wandte sich ab und trat ans Fenster. Ja, ihr Wunsch sollte erfllt
werden, aber es bedurfte dazu einer Vorbereitung, vor der Teut einen
Augenblick zurckschreckte. Diese wilden Geschpfe gingen in keinem
bedchtigen Trauerschritt; sie muten gejagt, erschpft werden, um
sanften Schrittes des Knaben sterbliche berreste an den Totenacker zu
fhren. "Es giebt nichts, was ich Ihnen verweigern wrde, Ange," sagte
Teut bewegt und reichte der blassen Kranken die Hand. "Ich gehe jetzt,
um alles vorzubereiten."

Er ri sich gewaltsam von ihr los, besuchte Clairefort, der ganz
gebrochen daniederlag, und eilte nach Hause. Hier traf er noch einige
auf das Begrbnis bezgliche Anordnungen, und dann lie er anspannen.
Seine zwei Diener muten sich auf den Rcksitz setzen und nun verlie er
die Stadt.

Im Carriere jagte Teut ber die Landstraen, fuhr die ganze Nacht,
erbarmungslos auf die Tiere einhauend, und als sie endlich
zurckkehrten, als Lux und Lady Anna standen, zitterten sie wie in
Fieberschauern und keuchten wie gemarterte Schlachtrufe. Ein Geschirr,
mit weien Rosen, Lilien und Kamelien vllig berst, war bereits
eingetroffen. Es ward Lux und Lady Anna angelegt, und sie selbst vor den
dunklen Trauerwagen gespannt, von dem unzhlige Rosenbschel in
denselben Farben herabhingen oder zu Blumenkronen aufgebunden waren.

So erreichte Teut, von Scharen Neugieriger gefolgt, die Villa.

Im Hause roch es scharf und unheimlich nach Lebensblumen und Lorbeer,
zudem erfllte eine betubende Luft alle Rume, denn Krnze und
schleifenverzierte Bouquets lagen berghoch in den Vorzimmern.

Endlich war der Augenblick gekommen. Man hob den mit Blten und
Blttern berschtteten Sarg empor und trug ihn hinab.

Teut fhrte Clairefort und Ange, die jetzt thrnenlos vor Schmerz, mit
irrem Blick, an seinem Arme hing, ans Fenster, ffnete es und lie sie
hinausschauen.

In diesem Augenblick ertnte in sanften Akkorden ein Trauermarsch,
langgezogen, schmerzvoll und jeden Anwesenden bis ins Herz rhrend.

Und dann sah Ange auf Teuts Lieblingspferde, die mit gesenkten Kpfen,
gleichsam mittrauernd und mitempfindend, dastanden und deren schwarze
Leiber von den weien Abschiedsblumen umwunden waren, die Teut seinem
kleinen Freunde Carlitos mit auf den Weg gab.

"Carlitos, Carlitos--mein einziger ser Knabe!--O Carlos! Teut--Teut!"
brach es aus Ange hervor, und in den ersterbenden Blick mischte sich ein
Ausdruck dankbarer Hingebung, der Teut fr alles belohnen konnte.

Endlich berlieen die Mnner Ange den Hnden der Frauen und schlossen
sich den in Trauerkleidern harrenden Geschwistern des Verdorbenen an.
Wie sie schn waren mit ihren seinen, blassen Gesichtern und mit ihrem
goldenen Haar, und vor allem, wie rhrend die kleine Ange aussah, die
hinter dem Sarge einherschritt.

Es war, als sei die Mutter noch einmal jung geworden, nun aber kein
menschliches Gebilde mehr, sondern ein herabgestiegener Engel mit jenem
schwermtigen Verzicht in den ernsten Zgen, welche wir in den
Heiligenbildern groer Meister bewundern.

Als die Klnge der Musik in der Ferne verhallt, als die letzten dunklen
Gestalten Anges Blick entrckt waren, als nun Wirklichkeit geworden,
wogegen sich die Gedanken und Empfindungen der Frau in berqualvollen
Tag- und Nachstunden aufgelehnt hatten, da scho auch der Schmerz noch
einmal empor, stie seine brennenden Zungen in das Herz der geprften
Frau und bewirkte, da sie mit einem dumpfen Schrei zu Boden fiel.

So fand Tibet, der im Nebenzimmer, bleich wie ein Verurteilter, den
Vorgngen drauen mit dem Blick gefolgt war und nun erschrocken
herbeieilte, seine schne, arme, geliebte Herrin.

Wenige Wochen waren vergangen. Teut sa in dem Clairefortschen
Wohnzimmer und hatte die kleine Ange auf dem Scho. Das Kind spielte mit
einer silbernen Kette, die aus dem Waffenrock hervorschaute, und zerrte
zuletzt daran. Schon oft hatte Ange auf das geheimnisvolle Ticken
gelauscht, nun trieb sie heute abermals die Neugierde. "Warte," sagte
Teut gutmtig, lste die Uhr und legte sie in die zarte Hand des holden
kleinen Mdchens.

"Carlitos hatte auch eine Uhr," hob Ange an, whrend sie mit den
Fingerspitzen auf das Glas tupfte. Und zu Teut aufblickend, fuhr sie
fort: "Hat er sie mitgenommen? Ist sie auch beim lieben Gott?"

Als Teut nicht gleich antwortete, glitt sie ihm vom Scho und rief
lebhaft: "Danach mu ich Mama fragen!"

Er aber hielt sie fest und zog sie abermals an sich.

"Bleib, Ange. Mama schlft. Wir drfen sie nicht stren. Ich will Dir
alles erzhlen: Nein, mein Liebling, seine Uhr hat Carlitos nicht
mitgenommen. Die hat Dein Papa. Vielleicht, wenn Du erwachsen bist,
erhltst Du sie."

"Die ist ja viel zu gro! Das ist ja eine Herrenuhr!" rief Ange mit
abweisender Wichtigkeit; "Mama hat mir eine kleine versprochen--eine
ganz kleine, wie Bella ihre--"

"Bella? Wer ist Bella?"

"Das ist doch meine groe Puppe."

"Ach, verzeih, Ange, da ich das nicht wute."

"Soll ich sie holen?" nickte das Kind lebhaft. Und ohne Antwort
abzuwarten, lief sie fort und kam gleich zurck.

"Es geht jetzt nicht, Onkel," erklrte sie ernsthaft, "Bella schlft."

"So? Sie schlft? Kannst Du sie nicht wecken? Bitte, bringe sie, damit
ich sie kennen lerne."

Ange schttelte den reizenden Kopf, aber in das bleiche Gesichtchen
stahl sich ein schelmischer Ausdruck.

"Da ist sie ja! Da ist sie ja! Und Du hast gar nichts gemerkt!" jubelte
sie, zog das hinter dem Rcken versteckte Pppchen hervor und legte es
ihm in die Arme. "Ist sie hbsch, Onkel?"

"Sehr hbsch, Ange."

"Ich habe noch eine, aber--"

"Nun?"

"Ben hat ihr ein Auge eingestoen und auch die Nase."

"Da mu ich Dir wohl eine neue schenken, Ange?"

Die Kleine schttelte den Kopf.

"Nein? Weshalb nicht?"

"Mama sagt, Du schenktest uns schon so viel. Wir drften Dich nie mehr
um etwas bitten."

"So, das sagt Mama? Aber Du hast ja nicht gebeten, Ange. Ich habe sie
Dir ja angeboten."

Einen Augenblick sann das Kind und dachte nach, dann nickte es lebhaft:

"Ja, eine recht groe, die auch schlafen kann und ein seidenes Kleid
hat, Onkel Axel. Schenkst Du sie mir bald--heute?"

"Ich will sehen, Ange. Aber mir fllt etwas ein. Wenn ich Dir nun eine
Puppe bringe und den brigen keine?"

"Die andern spielen ja gar nicht mehr mit Puppen!" rief Ange, Teuts
Unwissenheit mit hchster Verachtung strafend.

"Ganz recht! Aber sie mchten gewi etwas anderes haben, was ihnen
Freude macht. Erna wnscht sich vielleicht einen seidenen Sonnenschirm,
Jorinde einen neuen Hut, und Ben und Fred mchten gerne kleine Ponys
haben."

"Ja, ja, Onkel Axel," rief Ange strmisch, "schenk ihnen Ponys, dann
knnen wir zusammen ausfahren--" Aber sie unterbrach sich ebenso rasch:
"Nein, Onkel, es geht doch nicht. Mama will ja nicht, da Du uns etwas
schenkst. Papa erlaubt es nicht."

Teut horchte auf.

"Er fragte Mama, woher sie ihr Geld htte. Mama weinte und sagte, da Du
uns Geld geschenkt httest. Da wurde Papa so bse, da wir auch alle
weinten und hinausgehen muten. Mama darf nichts von Dir nehmen, Onkel.
Nein, Onkel, schenke Ben und Fred keine Ponys. Papa nimmt sie ihnen doch
weg, und sie werden bestraft. Aber ich will Papa bitten, ob Du mir eine
Puppe schenken darfst. Ja, Onkel? Mama soll ihn bitten."

Teut antwortete nicht. Es schwirrte ihm noch in den Ohren, was das Kind
gesprochen, und seine Gedanken waren weit ab.

"Onkel Axel, Onkel Axel! Hrst Du denn gar nicht?"

"Ja, mein liebes Kind," flsterte Teut, wie aus einem Traum erwachend.
"Du wirst Deine Puppe erhalten."

Ange klatschte in die Hnde und sprang von ihm fort.

       *       *       *       *       *

Am selben Tage in der Nachmittagsstunde ffnete Jamp die Wohnstubenthr
seines Herrn und meldete den Rittmeister von Zirp.

"Ah, Zirp! Willkommen! Nehmen Sie Platz!"

"Ich stre doch nicht?"

"Keineswegs--bitte! hier Cigarren."

Nach wenigen Augenblicken saen sich die beiden Herren gegenber.

"Ich komme," hob Zirp an, "Sie um eine groe Geflligkeit zu bitten,
Teut."

"Bitte, wenn es in meiner Macht steht--"

"Also, ohne Einleitungen. Ich brauche fnftausend Mark, die ich
augenblicklich nicht habe, die ich aber durch Brgschaft erhalten kann.
Ich wollte Sie nun bitten, liebster Teut, da Sie--"

"Brgschaften bernehme ich nie," erwiderte Teut. "Ich habe meinem Vater
einen Schwur geleistet, mich niemals in der Weise zu verpflichten. Also
dieser Fall ist ausgeschlossen."

"Fatal! Ich brauche das Geld bereits morgen und wei es sonst nicht
anzuschaffen."

"Hm, bis morgen--?" sagte Teut nachdenklich. Und nach einer Pause:
"Entschuldigen Sie die Frage, wie die Sache sich so auf die Stunde hat
zuspitzen knnen? Es wird gar nicht mglich sein, Ihnen so rasch zu
dienen."

Teut schlug mit den Hacken zusammen, und in Zirps Mienen malte sich
einige Verlegenheit. Er streifte die Asche von der Cigarre auf den
Fuboden ab und benutzte dann mit einem nachtrglichen "Pardon!" den
bereit gestellten Aschbecher.

"Bitte, bitte!" schob Teut phlegmatisch ein.

"Hren Sie, lieber Teut," begann Zirp mit gezwungenem Anlauf, "ich will
offen reden. Ich habe Wechsel ausgestellt, die bereits gestern fllig
waren. Ich hoffte sie auf die Stunde bezahlen zu knnen. Allein meine
Schwester, auf die ich sicher rechnete, hat mir mein Ansuchen
abgelehnt."

Er hielt inne, aber Teut kam ihm nicht zu Hilfe. Eine peinliche Pause
trat ein.

"Wohl," sagte Teut endlich und strich den langen Schnurrbart; "ich
begreife. Aber was ich durchaus nicht verstehe"--Zirp fand diesen
hochmtigen Ton, dieses etwas schulmeisterliche Wesen Teuts ganz
unertrglich--"wie wollen Sie denn nach der blichen Frist von drei
Monaten zahlen?"

Zirp bi sich auf die Lippen und knipste abermals die Asche auf den
Teppich.

"Knnen Sie eine Garantie geben, da Sie um jene Zeit die
Schwierigkeiten zu beseitigen vermgen?"

"Gewi, gewi!" erwiderte Zirp leichtfertig.

"Und diese wre?" fuhr Teut unerbittlich fort.

"Nun, meine Schwester wird sich breitschlagen lassen--"

"Hm! Aber wenn Sie sich nun doch in dieser Annahme irren?"

"Ah, das ist ja nicht denkbar! Sie mu ja--"

"Sie mu? Weshalb? Entschuldigen Sie--"

"Nun es steht doch alles auf dem Spiel, wenn ich nicht zahle. Sie
kennen ja die Konsequenzen."

Zirp wagte whrend der Schluworte das Auge nicht emporzuschlagen.

Teut sah ihn an und schttelte den Kopf; dann sagte er in einem milden
Ton:

"Zirp! Sie waren bisher leichtsinnig. Ich schtzte Sie aber als
Ehrenmann. Wre es nicht besser, Sie beugten bei Zeiten einer
Katastrophe vor, die mir bei dieser Sachlage unausbleiblich erscheint?"

Zirp hatte sich erhoben und ordnete auf der Etagre Teuts zahlreiche
Cigarrentaschen. Halb grte es in ihm auf, halb packte ihn die bessere
Einsicht. Endlich sagte er: "Ich sehe, da Sie mir nicht helfen wollen.
Bitte--" unterbrach er seine Rede, als Teut eine Bewegung machte, "ich
mache Ihnen daraus keinen Vorwurf. Da Sie aber in bester Absicht
gesprochen haben--ohne Zweifel--wie soll ich mit Ihren Ratschlgen und
Hindeutungen auf die Zukunft morgen meine Verpflichtungen erfllen?"

Ohne eine unmittelbare Antwort zu geben, sagte Teut, sich gegen die
Fensterbank lehnend und einen Siegelring an seiner krftigen Hand
drehend:

"Wer ist der Inhaber des Wechsels und wieviel sind Sie wirklich darauf
schuldig?"

"Matt hat das Papier in Hnden," ertnte es kleinlaut.

"Ich dachte es mir! Und wie viel empfingen Sie darauf?"

"Dreitausend Mark hat mir der Schuft gegeben."

Teut sann einen Augenblick nach. Dann erhob er den Blick, sah Zirp
freundlich an und sagte kurz entschlossen:

"Gut, dreitausend Mark und einen guten Zins ber den landesblichen will
ich Matt zahlen, auch selbst den Kerl vornehmen und alles fr Sie
ordnen--"

"O Teut, lieber, braver Freund!"

"Halt, Zirp! Ich habe eine Bedingung: Sie geben mir Ihr Ehrenwort, da
Sie nicht mehr spielen und nie mehr Wechsel unterzeichnen."

Zirp machte eine zustimmende Bewegung.

"Nein, nein, nicht so rasch! Besinnen Sie sich wohl!--Ferner: Sie
beantworten mir eine Frage, wahrheitsgetreu, ohne Rckhalt, als
Kavalier."

Zirp horchte gespannt auf. Des Sprechenden Stimme klang
verndert--ernster, fast drohend.

"Ich bitte, sprechen Sie, Teut."

"Nein, Zirp, erst antworten Sie mir, ob Sie meine Bitte erfllen wollen.
Was ich von Ihnen fordere, ist nichts, was Sie mit Ihren Grundstzen in
Konflikt bringen kann, denn derjenige, der gut genug ist, in intimsten
Privatangelegenheiten als Freund zu helfen, ist wohl so viel wert wie
diejenigen, bei denen der Antragsteller die Stunden seiner Langenweile
vertreibt. Also?"

"Gut! Obgleich mir Ihre Rede unverstndlich ist und obgleich ich fast
erschreckt bin durch den feierlichen Ton--ich gebe Ihnen hiermit mein
Ehrenwort, da ich Ihre Frage nach bestem Wissen, wahrheitsgetreu,
beantworten werde."

"Nun," hob Teut an, "dann frage ich Sie: Hat jemals jemand behauptet,
da--die Grfin Ange--Clairefort--meine--Geliebte--sei?" Teut stie die
Worte zgernd, in Abstzen hervor. In scharfer Abgrenzung markierten
sich die Linien seines mageren Gesichtes und seine Mundwinkel zuckten.
Zugleich schob er das Monocle ins Auge und schien Zirp mit seinen
Blicken durchbohren zu wollen.

"Sie schweigen?" drang es heiser aus Teuts Munde. "Gut! Das ist auch
eine Antwort. Ich danke Ihnen. Rechnen Sie auf mich; aber"--und ein so
drohender Ernst malte sich auf des Rittmeisters Zgen, da Zirp
unwillkrlich zusammenschrak--"ich rechne auch auf Sie, da Sie in
Zukunft Ihre Reitpeitsche jedem ins Gesicht schlagen, der es wagen
sollte, diese edle Frau auch nur durch eine Miene zu verdchtigen!"

Fr Augenblicke war es stumm zwischen beiden Mnnern. Teut hatte sich
abgewandt und schaute auf die Gasse. Endlich trat Zirp nher und ergriff
dessen Hand.

"Teut, welch ein Mensch sind Sie! Unter Tausenden ist nicht
Ihresgleichen. Aber ich schwre Ihnen, da ich eingedenk sein werde
dieser Stunde und mich Ihnen bewhren werde als Freund. Dank, nochmals
Dank! Ich gehe jetzt. Adieu----." Zirp wartete. Keine Bewegung, keine
Antwort.

Erst nach geraumer Zeit vernderte der Mann, dem ein so braves Herz
unter des Knigs Rock schlug, seine Stellung, und mit einem Blick, in
dem sich widerspiegelte das Leiden seiner Seele, drckte er jenem die
Hand und bat ihn durch eine Bewegung, das Zimmer zu verlassen.--

Vierzehn Tage spter empfing Teut von Zirp die Anzeige, da dieser sich
mit Eva von Ink verlobt habe. Anfnglich starrte Teut das Billet
berrascht an und schttelte den Kopf, bald aber ergriff er die Feder
und schrieb unter Beifgung des inzwischen eingelsten Wechsels die
nachfolgenden Worte:

"Lieber Freund! Ich gratuliere. Sie haben den Weg eingeschlagen, der
Ihnen die Ausfhrung Ihrer Entschlsse zu einem neuen Leben
erleichtert, ja, wie ich hoffe, sichert! Bravo deshalb!

Stets Ihr

Axel von Teut-Eder."

Auch der Familie Ink sandte Teut seine Glckwnsche, aber einen Besuch
machte er nicht.

       *       *       *       *       *

Der Sommer 1870 war gekommen, der Krieg zwischen Deutschland und
Frankreich stand vor der Thr. Eine ungeheure Erregung hatte alle
Gemter ergriffen, und auch in C. sprach man von nichts anderem als von
diesem drohenden, in alle Verhltnisse eingreifenden Ereignis. Begierig
lasen die Mnner die Zeitungen, eine Nachricht berholte die andere, und
in den militrischen Kreisen herrschte fieberhafte Spannung ber die zu
erwartenden Marschordres.

"Ist's wahr, ist's mglich?" rief Ange und eilte Teut entgegen, der sich
sogleich zu seinen Freunden begab. "Haben Sie schon Befehl zum Ausrcken
erhalten? Wann? Wohin geht's? O, kommen Sie! Carlos ist in groer
Ungeduld, Sie zu sehen und zu sprechen." Und sie zog ihn mit sich fort
in ihres Mannes Gemach.

Clairefort war kaum wiederzuerkennen. Die drei Jahre, seitdem er nach
C. versetzt war, hatten ihn vllig verndert. Sein Blick war unheimlich
starr, ein schwarzer Bart umrahmte sein Gesicht, und die mageren Finger
zuckten in nervser Erregung. Er bewegte sich unsicher, hielt sich
meistens an den Mbeln fest und schritt auch dann mit jenen willenlosen
Bewegungen einher, an denen man die Rckenmarkleidenden erkennt. Durch
bermigen Gebrauch narkotischer Mittel hatte er seinen Zustand nicht
gebessert, und oft glich er, wenn er aus dem knstlichen Schlaf
erwachte, einem Geisteskranken.

Heute war er klarer; er hob sich in seinem neuerdings fr ihn
angefertigten Krankenstuhl empor und richtete einen fragenden Blick auf
den Eintretenden.

"Schon etwas Neues, Teut? Wann geht's fort? Ah, und ich liege hier, ein
ohnmchtiger Kranker, und mu zusehen."

Ange trstete mitleidig und verwies auf Besserung, freilich ohne es
selbst zu glauben. Teut nickte ernst und gab Antwort auf diese und
sptere Fragen.

"Ich denke, wir werden bermorgen C. verlassen", sagte er. "Dem Oberst
ist nur mitgeteilt, da wir uns bis dahin marschfertig halten sollen.
Eine bestimmte Ordre ist noch nicht eingetroffen."

"Schon bermorgen," rief Ange erschrocken, lie die Arme sinken, die
noch eben auf der hohen Lehne des Krankenstuhls geruht hatten, und legte
die Hand aufs Herz. Auch Clairefort wiederholte dieselben Worte, aber
wie ein Abwesender, der mit seinen Gedanken weit fort ist.

"Bitte, Ange," hob er endlich mit sichtlicher berwindung an, "verlasse
uns jetzt. Ich habe etwas mit Teut zu besprechen."

Ange sah das ernste Gesicht der beiden Mnner und wandte sich gehorsam
zum Gehen. Teuts Mienen blieben unbeweglich: vergeblich suchte sie
seinen Blick.

Nachdem sie das Gemach verlassen hatte, fiel Clairefort zurck und
bedeckte das Gesicht mit den Hnden.

"Sie sind bewegt! Was ist Ihnen, Clairefort?" begann Teut, einen Stuhl
herbeirckend und des Freundes Schulter berhrend. "Sie wnschen mir
etwas zu sagen? Ich hre, Clairefort."

Er hielt inne und erwartete, da jener das Wort ergreifen werde. Als
Clairefort stumm blieb, fuhr er fort:

"Reden Sie! Was es auch sei, es fllt in den tiefsten Brunnen! Teilen
Sie sich dem Freunde mit, der alles verstehen, und alles--"

"Verzeihen kann?" ergnzte der Kranke, richtete sich pltzlich empor
und sah Teut mit einem flehenden Blicke an.

"Ja," sagte Teut, "der alles verzeihen kann."

Endlich beim Abschied, vielleicht beim Nimmerwiedersehen lste sich
Claireforts Zunge. Wie lange hatte Teut ein Vertrauen herbeigesehnt, das
unter den gegebenen Verhltnissen so natrlich war. Immer hatte
Clairefort geschwiegen. Oft schien er einen Anlauf nehmen zu wollen, um
sein Inneres zu ffnen, um abzustoen, was ihn bedrckte, aber stets
hatte sich sein Mund wieder geschlossen.

"Wohlan, es sei!" begann Clairefort. "Es drngt mich, Ihnen heute zu
sagen, was mich qult, Teut. Wer wei, ob Sie mich noch lebend finden,
wenn Sie zurckkehren. Hoffen wir es nicht, da ich inzwischen
davongehe, nehmen wir aber an, da wir uns das letzte Mal
gegenberstehen. Vergeben. Sie mir auch--" Clairefort stockte und holte
mhsam Atem--"wenn ich Ihnen so oft wehe gethan habe, Sie durch
Empfindlichkeiten, durch eiferschtige Regungen, durch ein falsches
Ehrgefhl krnke. Rechnen Sie, wenn es Ihnen mglich ist, ein wenig mit
meinem Zustand, den ich selbst in seiner Bedeutung und seinem Umfang
nicht kannte. Ich bin ein willenloser, schwankender Mensch geworden.
Ach, Freund--" Clairefort unterbrach sich, Schweitropfen traten auf
seine Stirn, und die Hnde irrten unruhig umher--"ich habe mich
unshnbar vergangen gegen meine Frau und--meine Kinder--" Er hielt inne,
und auf seinem Gesicht malte sich eine furchtbare Angst. Er wollte
weiter reden, aber vermochte es nicht.

Teut sprach sanft auf ihn ein: "Erholen Sie sich, Clairefort. Und
nochmals: Frchten Sie keinen Tadel! Was es auch sei, vertrauen Sie sich
mir an."

"Nun denn--" chzte jener und griff krampfhaft nach des Freundes Hand.
"Nun denn--hren Sie. Ich habe--ich habe--nein, ich vermag Ihnen das
Verbrechen--meine Schande nicht aufzudecken! Und doch mchte ich nichts
verschweigen einem Manne, der wie keiner mein Vertrauen verdient, der es
fordern kann, dem ich schon lange mich htte erffnen folgen, zu dem ich
aber nicht sprach, weil die Scham mich erdrckte."

Teut hrte mit angstvoller Spannung zu. Was wrde er hren? Schande,
Verbrechen? Vergeblich sann er hin und her.

"Seien Sie ein Mann, Clairefort. Raffen Sie sich auf. Wir sind hier zu
zweien. Es bedarf keiner Versicherung, da nie eine Silbe ber meine
Lippen kommen wird."

"Nun denn, Teut, ich habe--unser ganzes Vermgen, das Vermgen meiner
Frau, mein eigenes, das meiner Kinder--an der Brse verspielt,"
zitterte es aus des Kranken Munde. "Wir leben schon seit Jahresfrist von
dem letzten durch Tibet ohne mein Wissen geretteten Kapital--und stehen
in wenigen Wochen vor dem--vor dem Nichts--dem ich--ich--"

Der Mann fiel zusammen wie ein Scheit, das im Ofen zu Asche verglommen,
pltzlich sich ablst.

Teut wurde leichenbla; es krallte sich um sein Inneres Schmerz und
Emprung zugleich. Was er hrte, war mehr als entsetzlich. Das konnte
ein Mann thun einem solchen Wesen, solchen Kindern? Er bi sich auf die
Lippen und sprang empor. Aber nur einen Augenblicke dann lichtete sich
in der Brust dieses seltenen Menschen der Funke edler Gesinnung, und
lodernd scho die Liebe empor fr sie, der er geschworen, ein Freund zu
sein frs ganze Leben.

"Clairefort," sprach er, "wir errterten nur einmal Geldangelegenheiten,
und es soll heute das letzte Mal sein. Frchten Sie nichts. Anders wird
Ihr Leben sich zwar gestalten, aber Sie werden nicht darben. Axel von
Teut meint es ernst mit Freundschaft und Gelbnissen. Diese Versicherung
sei Ihnen genug. Was geschehen, was hinter uns liegt, werde nie wieder
zwischen uns berhrt. Nur eine Bitte spreche ich aus: Sichern Sie mir
zu, da Ange nie erfahren wird, wie Ihr Vermgen zerronnen, noch
weniger, da es gnzlich dahin ist. Verschweigen Sie namentlich die
Rolle, welche fortan der Freund bernimmt. Ich gelte von heute als
Verwalter Ihrer Einknfte und als der Vormund Ihrer Kinder. Sind Sie
einverstanden?"

Clairefort hob sich empor. Seine Knie schlotterten, seine Augen glnzten
berirdisch, aber indem er die Arme ausstreckte, um sich an des Freundes
Brust zu werfen, glitt er aus und fiel schwerfllig auf den Teppich.

Teut beugte sich herab und horchte an seinem Herzen. Es schlug. Rasch
eilte er zur Klingel. Gleich darauf trat Ange, von Tibet gefolgt, ins
Zimmer.

"Beruhigen Sie sich, Grfin," sagte Teut besnftigend. "Es ist nichts
Schlimmes. Bringen wir Carlos ins Bett. Nur eine Ohnmacht. Er fhlte
sich so schwach. Es wird vorbergehen."

Ange forschte angstvoll in den ernsten Mienen des Sprechenden, whrend
Tibet seinen Herrn aufrichtete und sorgsam zu betten suchte.

Nichts! Nur einmal sah er sie an, und in seinem Auge blitzte die alte,
mit Trauer vermischte Zrtlichkeit.

Und dann kam der Abschied. Es war an einem Sptnachmittage. Ange war im
Begriff, in den Garten hinabzusteigen, um die abgekhlte Luft zu
genieen und nach den Kindern zu sehen. Jorinde und Ben schaukelten
unter den schon dunkle Schatten werfenden Buchen in der Hngematte, und
Fred und Erna holten Giekannen herbei, um den Blumen ihrer Beete Wasser
zu geben. Aus den Gebschen, aus dem Erdreich quoll ein sanfter Duft,
denn der Tau reizte die zarten Nerven der Bume und Grser. Bevor Ange
die letzten Treppenstufen erreicht hatte, ffnete sich die Thr und Teut
trat ihr entgegen. Sie sah an seinem Blick, da er komme, um lebewohl zu
sagen.

"Ich gehe zu Carlos hinauf," sagte Teut, "falls Sie in den Garten
wollen, werde ich Sie spter dort aussuchen. Noch diesen Abend verlassen
wir die Stadt."

Ange lehnte sich an das Gelnder und legte die Hand auf die Brust.

"Also wirklich?" Sie sah ihn mit einem ihrer stillen Blicke an, und er
suchte ihre Augen mit einem Ausdruck, in dem sich nur zu deutlich
widerspiegelte, was ihn bewegte.

"Werden Sie mitunter meiner gedenken, Ange?"

Sie antwortete nicht, sie neigte nur leise das Haupt. Wie schn sie
gerade heute war! Ein eng anschlieendes schwarzes Kleid umspannte
ihren Leib, und zwei weie Rosen schmckten ihre Brust. Um den Kopf
hatte sie ein leichtes Tuch geschlagen, unter dem das zarte Gold ihres
Haares hervorschaute. Und in dem Blauwei ihrer Augen schwammen jene
sanften und doch so dunkel blitzenden Sterne, welche kein Mann verga,
wenn er sie einmal gesehen hatte. Whrend sie so vor ihm stand und das
leichte Haupt auf die Hand sttzte, fielen die reichen Spitzen des
Gewandes zurck, und ein Arm von tadellosem Ebenma ward sichtbar. Ihre
Gestalt schien in diesem Augenblicke frei in der Luft zu schweben, bei
der unnachahmlichen Grazie ihrer Erscheinung von der Erde abgelst zu
sein.

"Liebe Ange!" flsterte Teut, von ihrem Anblick hingerissen, und trat
einige Schritte vorwrts.

Sie aber glitt langsam die Stufen hinab und bat ihn durch eine Bewegung,
ihr zu folgen.

Sie umschritten, ungesehen von den Kindern, das Haus und bogen in einen
stillen Laubgang ein. Die untergegangene Sonne webte noch mit schwachen
Lichtern in der Ferne; hier war es fast dunkel.

Wortkarg gingen sie nebeneinander her; beiden stockte die Sprache. Als
sie zum zweitenmal den Weg maen, schlug der Ruf eines der Kinder an ihr
Ohr. "Mama Ange! Mama Ange! Wo bist du?"

Nun ergriff er hastig ihre Hand, legte seinen Arm um ihren Leib, und
indem sie es duldete, fhlte er, da eine Sekunde ihr Haupt an seiner
Brust ruhte.

"Dank, Dank fr alles, Teut! Auf Wiedersehen!" schluchzte sie und ri
sich von ihm los. "O Ange, Ange, meine liebe Freundin! Vergessen Sie
mich nicht!" flsterte der Mann und hielt die aus dem Dunkel wie eine
Lichterscheinung hervortretende Gestalt zurck.

"Niemals, niemals, Teut!" prete sie unter Thrnen hervor. "Doch
nun--die Kinder rufen!"

Sie traten aus den sie umgebenden Bumen heraus. Im Grase zirpte es
leise, ein Vogel flatterte schlaftrunken in den Zweigen. Drben schien
die Sonne ganz versunken; der Tag war zur Ruhe gegangen, und ihre Hnde
lsten sich.

       *       *       *       *       *

"Lieber Teut!

Gottlob, da Ihr Brief kam. Sie haben mich aus einer unsagbaren Angst
befreit. Jetzt wei ich, da Sie am Leben und gesund sind; nun tritt
alles brige in den Hintergrund. Ich schreibe auch gleich, um Ihnen an
den Tag zu legen, wie sehr meine Gedanken bei Ihnen sind.

Lassen Sie mich vorerst erzhlen, wie es bei uns geht. Carlos' Zustand
ist derselbe hilflose, aber er ist zeitweise heiterer und mitteilsamer.
Ich war sehr gerhrt, als er vorgestern die Kinder zu sich kommen lie,
sie liebkoste und sich mit ihnen beschftigte. Das ist seit Jahr und Tag
nicht mehr der Fall gewesen.

Sie glauben aber auch nicht, wie artig die kleine Schar ist und welche
Fortschritte sie macht.

Ben und Fred gehen nun ins Gymnasium und stolzieren sehr wichtig mit
ihren Schulranzen einher. Mit Frulein Elise, der Gouvernante, geht es
fortdauernd gut. Sie ist eine liebenswrdige, gutherzige Dame, und die
Mdchen zeigen ihr auch tglich, wie lieb sie dieselbe haben.

Es wird Sie freuen, lieber, vortrefflicher Freund, da Carlos jetzt auch
nicht mehr so bertrieben sparsam ist. Seit Ihrem Fortgang hat er fr
den Haushalt zugelegt, und auch Tibet hat mehr zur Verfgung als in dem
letzten halben Jahre. Ich hatte schreckliche, peinliche Verpflichtungen
bei Handwerkern und in meiner Umgebung--schelten Sie nur nichts ich
verstand es ja bisher so schlecht, lerne es aber gewi noch einmal ganz
gut--, die nun alle bezahlt sind. Welch ein kstliches Gefhl, keine
Schulden zu haben!

Die Villa behalten wir einstweilen, da die Miete ermigt ist. Carlos
stellte dem Besitzer die Alternative, abzulassen oder der Kndigung
gewrtig zu sein.

Sehen Sie, so ist es bei uns. Wre mein teurer Carlos nicht so krank,
lebte Carlitos noch und wren Sie nicht fort, Sie mein lieber, treuer
Teut, ich wrde sagen, da wir vollkommen glcklich sind!

Ich bekam neulich, auf Empfehlung von Frulein Elise, die Briefe der
Madame de Svign an ihre Tochter in die Hand. Welch ein Genu! Jede
Mutter sollte lesen, was diese weltkluge und feinfhlende Frau
geschrieben hat, und suchen, es sich zu eigen zu machen.

Noch eins. Jorinde spielt jetzt wirklich allerliebst Klavier, und
neulich hatte sie mit Fred ein kleines vierhndiges Stck zu Carlos'
Geburtstag eingebt, das groen Erfolg hatte. Elise war sehr stolz, und
ich habe ihr--das werden Sie, Brbeiiger, nun wieder hchst
unvernnftig finden--eines meiner seidenen Kleider geschenkt.

Ich komme ja doch nicht mehr in die Gesellschaft, habe auch, ehrlich
bekannt, wenig Verlangen danach.

Neulich hat Frau von Ink mir einen Besuch gemacht. Ich begegnete
Frulein Eva, der Braut, und nahm sie mit mir. Ich finde es doch sehr
artig, da sie sich persnlich bedankt hat. Ich wei, Sie mgen die Dame
nicht, gestehe aber, da ich sie sehr liebenswrdig finde, und da ich
den Eindruck habe, sie meine es gut mit mir.

Nein! nein! hre ich Sie sprechen. Nun, wenn Sie kommen, knnen wir ja
den Verkehr wieder einschlafen lassen.

Fred lt Ihnen sagen, Sie mchten ihm einen franzsischen Tschako
mitbringen. Werden Sie es nicht vergessen? Ange umarmt Sie zrtlich.
Eben kommt sie herbeigelaufen und will Bonbons. Sie erhlt aber keine.
Onkel Axel mchte franzsische Bonbons schicken! meint sie.

Heute will ich meines Carlitos' Grab besuchen, Teut; ich lege auch in
Ihrem Namen eine Blume darauf nieder.

Und nun leben Sie wohl, Sie Einziger, Bester, und schreiben Sie bald
wieder und Gutes Ihrer Sie herzlich grenden und dankbaren

Ange von Clairefort.

Ach, wenn doch der schreckliche Krieg erst beendet wre!"

Als Teut diese Zeilen empfangen hatte, schrieb er einen Feldpostbrief,
welcher an seinen Banquier in Berlin gerichtet war. Dieser Brief, von
dessen Inhalt Ange spter Kenntnis erhielt, mge hier Platz finden.

"Geehrter Herr!

Kurz vor meiner Abreise von C. ersuchte ich Sie monatlich die Summe von
tausend Mark an die Adresse des Bankhauses Danz u. Co. in C. abzufhren
und demselben mitzuteilen, da dieser Betrag gegen die eigenhndige
Quittung des Grafen Carlos von Clairefort und die Gegenzeichnung des
Empfangnehmenden Ernst Tibet auszufolgen sei.

Ich bitte, und zwar vom ersten des kommenden Monats ab, diesen Betrag um
fnfhundert Mark zu erhhen, also fortan fnfzehnhundert Mark zur
Begleichung einer Schuld an den Herrn Grafen Clairefort zu zahlen. Wegen
der an mich zu sendenden Monatsraten bleibt es bei den frheren
Bestimmungen.

Ich ersuche Sie zugleich, sich umzusehen, ob die beiden groen Posten
von je dreihunderttausend Mark nicht in Zukunft zu fnf Prozent in
zweiten Hypotheken unterzubringen wren. Ich denke, es giebt dergleichen
sichere Anlagen, und ich knnte meine Einnahmen erhhen. Da ich in der
Folge vom Zinsenkapital nicht mehr zurcklegen kann, mu ich mich etwas
einzurichten suchen.

Dem dortigen Hilfskomitee fr die Verwundeten wollen Sie unter A.v.E.
geflligst fnftausend Mark berweisen.

Ich sage Ihnen im voraus meinen Dank und erbitte Ihre baldigen
Mitteilungen.

Baron von Teut-Eder,

Rittmeister und Eskadronchef."

       *       *       *       *       *

Die beiden Briefe, nach ihrem Inhalt bezeichnend fr Ange und Teut,
wurden im September geschrieben, aber bereits zwei Monate spter trat im
Clairefortschen Hause ein so folgenschweres Ereignis ein, da alles fr
die Familie in Frage gestellt schien.

Als sich Ange eines Morgens in das Zimmer ihres Mannes begab, um sich
ihrer Gewohnheit gem, nach seinem Befinden zu erkundigen, schlug ihr
eine unertrgliche Hitze entgegen, und sie fand ihn nicht wie sonst
bereits an seinem Schreibtische sitzen. Wenn Clairefort starke Schmerzen
in der Nacht frchtete, pflegte er hufig noch spt abends von Tibet
heizen zu lassen, denn nur allzuoft verursachte ihm sein Zustand
Schlaflosigkeit.

Als Ange ins Gemach sphte, fand sie zu ihrem Schrecken, den Nachttisch
umgeworfen; Glaser, Leuchter und Flaschen waren herabgestrzt und
bedeckten Fuboden und Teppich. Clairefort selbst aber lag--das Haupt
nach unten und mit den Fen das Kopfkissen berhrend--neben der
zurckgeschlagenen Schlafdecke wie ein Lebloser hingestreckt.

Ange flog ans Bett und horchte auf ihres Mannes Atem. Sein Herz schlug
so leise, da sie es kaum zu hren vermochte, und sein Aussehen war so
verndert, da sie--jetzt todesgengstigt--die Schnur zog.

"Was ist geschehen? Was ist geschehen, Tibet?" rief sie, als dieser
nher trat. "Waren Sie noch in der Nacht bei dem Grafen? Sehen Sie, wie
schrecklich er aussieht! Sein Herzschlag geht leise! Ich ngstige mich
namenlos!"

Tibet warf einen betroffenen Blick umher und nherte sich seinem Herrn.

"Ich mchte glauben, da der Herr Graf wohl ein sehr starkes
Schlafpulver zu sich genommen hat," erklrte er beruhigend. "Whrend
heftiger Trume mag er um sich geschlagen und zufllig den Tisch berhrt
haben. Das ist frher auch schon vorgekommen."

"Ach, der Arme!" sagte Ange mitleidig. "Gewi hatte er wieder seine
furchtbaren Schmerzen. Und meinen Sie, da er schlft, da keine Gefahr
vorhanden ist, Tibet?"

"Nein, Frau Grfin, drfen sich beruhigen."

Nach dieser Versicherung traten beide ins Wohngemach.

"Glauben Sie nicht," fragte Ange nach einer Pause und dmpfte ihre
Stimme, "da diese starken Schlafmittel sehr schdliche Nachwirkungen
haben?"

"Ja, Frau Grfin," erwiderte Tibet; "aber viel schlimmer sind noch--"

Er unterbrach sich mit einem Gesichtsausdruck, als ob das letzte Wort
ihm nur entschlpft sei.

Als Ange sah, da ihr etwas verheimlicht werden sollte, stieg ihre
Angst.

"Nicht doch, nicht doch! Sie wollen mir etwas verschweigen. Ich will und
mu es aber wissen. Ach Tibet! War es berhaupt gut, da Sie nie
mitteilsam gegen mich waren? Wer wei, ob nicht manches hier im Hause
anders stnde!"

Sie strich sich mit der schmalen Hand ber die thrnenden Augen.

"Reden Sie, ich beschwre Sie!" fuhr sie fort, als er noch immer
schwieg. "Was ist noch schlimmer? und welche Heimlichkeiten haben Sie
mit meinem Gemahl schon seit Jahren?"

"Ach, Frau Grfin--" stotterte Tibet und sah Ange bittend an. "Es ist
nichts, gewi nicht!"

"Ist es denn Neugierde, die mich veranlat, Sie zu fragen?" sagte Ange
mit sanftem Ernst und blickte Tibet traurig an. "Ist es nicht die Sorge
fr meinen geliebten Mann! Ach, ach! wie viele thrnenvolle Stunden habe
ich schon um seinetwillen gehabt!"

Tibet hatte ganz die Fassung verloren. Er stand da wie jemand, der sich
eines schweren Vergebens schuldig fhlt und aus Scham und Verzweiflung
kein Wort findet. Endlich raffte er sich auf und sagte:

"Verzeihen Sie mir, Frau Grfin. In allem, was ich that, folgte ich dem
Befehl des Herrn Grafen. Wenn ich unrecht that--ich that gewi unrecht
gegen Sie--o, so vergeben Sie es mir!"

"Nun wohl! Lassen wir Vergangenes! Aber was ist jetzt?" drngte Ange.
"Sprechen Sie endlich."

Tibet sah mit scheuem Blick nach der Thr und flsterte leise: "Schon
seit reichlich einem Jahr nimmt der Herr Graf beraus starke Dosen
Morphium zu sich. Niemand wei es. Er befahl mir unbedingte
Verschwiegenheit. Auch gegen Sie verbot er, darber zu sprechen."

Ange bewegte traurig das Haupt: pltzlich aber schrak sie auf.

"Barmherziger Himmel! Sollte ihm doch bereits etwas zugestoen sein?"

Sie eilte von Tibet fort, wandte sich ins Nebenzimmer und stie,
hineinblickend, einen Schrei aus.

Clairefort sa wachend aufrecht im Bett. Er sah Ange mit stieren Augen
an und schien sie doch nicht zu sehen. Unzusammenhngende Worte glitten
ber seine Lippen.

"Carlos, Carlos, mein geliebter Carlos!" rief Ange, flog an sein Lager
und ergriff seine Hand.

"Sag, was ist Dir? O, komme zu Dir! Es ist Ange, Deine Ange! Hrst Du
sie nicht?"

Er nickte wie ein Abwesender. Offenbar ward er nicht Herr der ihn
bedrckenden Vorstellungen, und um sie zu verscheuchen, glitt er
wiederholt mit den kranken Hnden ber Stirn und Haar.

Ange heftete mit zerrissenem Herzen die Augen auf ihren Mann. Auch Tibet
war tief erschttert durch diesen Anblick.

"Wnschest Du das Frhstck, Carlos? Soll ich nicht die Fenster ffnen
und frische Luft hereinlassen? Willst Du aufstehen--Dich in Deinen Stuhl
setzen? Sprich Lieber! Was hast Du? Ach, ach!"

Nichts! Er schien nicht zu hren, und sie sank wie zerknickt neben ihm
nieder.

Immer starrte er geradeaus, griff sich an die Stirn und suchte mit
vergeblicher Anstrengung seinen Geist zu ordnen.

Jetzt erhob sich Ange und ri die Fenster auf.

"O, ich ersticke in dieser Luft! Sie mu auch Dir schdlich sein! Komm,
la Dich mit Wasser benetzen. Tibet helfen Sie! Wir wollen den Grafen
drinnen in dem luftigen Zimmer betten."

Aber Clairefort fiel, ehe sie ihn berhrten, schwerfllig zurck, schlo
die Augen und blieb bewutlos liegen. Es hatten ihn abermals der Schlaf
oder eine Ohnmacht befallen.

Nun eilte Tibet zu dem Arzt, und inzwischen sa Ange wie eine
Verzweifelte an dem Bett des Kranken.

Nach einer Weile kamen die Kinder, die ihre Mama vergeblich beim
Frhstck erwartet hatten. Es schnitt Ange durch die Seele, als sie so
frhlich und ahnungslos hereinstrmten. Noch lag die feine Rte einer
gesund verbrachten Nacht auf ihren Wangen, noch umstrmte sie in ihren
sauberen hellen Morgenkleidern jene aufquellende Frische, die namentlich
Kinder nach dem Schlafe wie ein unsichtbarer Hauch umwebt.

"Mama, Mama, wo bleibst Du denn?" rief die kleine Ange und stand da und
sah so schn aus, als ob eine zarte Blte eben vom Baum geschwebt sei.

Aber sie schraken zurck, als sie den kummervollen Ausdruck in Anges
Augen bemerkten, als sie mit ihrem Instinkt begriffen, da ihrem Papa
etwas zugestoen sein msse.

"Geht, geht, lieben Kinder!" sagte Ange sanft und traurig wie damals,
als den kleinen Carlitos das furchtbare Fieber erfat hatte. "Papa ist
sehr krank. Ich mu noch bei ihm bleiben. Ich komme bald! Frhstckt nur
allein--und--dann eilt euch. Ben, Fred, ist's nicht schon Zeit fr die
Schule?"

Sie nickten gehorsam und schlichen auf den Zehen davon.

Und doch war dies nur ein trauriges Vorspiel zu dem noch traurigeren
Ende.

Zwar erholte sich Clairefort, und einige Zeit schien er sogar wieder
geistig frischer und krperlich gesunder, aber dann erfate ihn von
neuem eine wortkarge teilnahmlose Schwermut. Er wollte niemanden sehen
und sandte selbst Tibet fort, der neuerdings bei ihm nachts gewacht
hatte.

"Nein, nein, gehen Sie! Seit lange hatten Sie keinen ordentlichen
Schlaf, Tibet. Ich fhle mich heute ganz wohl und bedarf Ihrer nicht
mehr," beschied er ihn eines Abends und bestand auf seinem Willen.

Als Tibet sich entfernt hatte--ein ungewhnlich freundlicher Blick traf
ihn heute aus Claireforts Auge--, setzte sich dieser an seinen
Schreibtisch und arbeitete mehrere Stunden. Endlich erhob er sich mhsam
und trat, sich an Tisch und Sthlen vorwrts tastend, an den Spiegel. Er
blickte hinein und schrak vor seinem eigenen Bilde zurck. Es machte ihn
sogar ngstlich, denn er schaute sich furchtsam um, und ein Schauer flog
ber seinen Krper.

"Sterben!" flsterte er. "Ja dann fallen alle Gespenster, weichen alle
Schmerzen und sind alle Seelenqualen vorber."

Auf dem Wege zu seinem Schlafgemach blieb er noch einmal zaudernd
stehen.

Nur allzu lang ist oft die Brcke! Ein einziger pltzlicher Gedanke,
irgend eine liebe oder peinliche Erinnerung verknpft den Menschen von
neuem mit dem Leben, und der grauenhafte, blitzartig oder allmhlich
entstandene Entschlu wird doch zu Nichte.

Clairefort lie sich aufs Bett nieder und griff mit zitternden Hnden
tief unter die Decke. Bei dieser Bewegung setzten unerwartet die
Schmerzen wieder an, und wimmernd hielt er inne. Aber bald begann er von
neuem, fand endlich, was er hier verborgen hielt, und stellte es auf
den Tisch. Es waren zwei Flaschen mit verschiedenem Inhalt.

"Dies wird sicher gengen, um nicht wieder aufzuwachen," murmelte er.
Aber doch verging noch eine lange Zeit, ehe er sich zum Sterben rstete.
Seine Gedanken flogen hin und her wie Herbstvgel; oft traten ihm
Thrnen ins Auge. Einmal schleppte er sich in sein Wohngemach zurck,
ffnete den Schreibtisch und nahm Anges Bild hervor. Es war zur Zeit
ihrer Verlobung gemalt.

"Ach, wie schn, wie schn!" flsterte der Mann und bedeckte das Glas
mit Kssen. "Und Dich soll ich verlassen? Und Euch, Euch, Ihr sen
Kinder--"

Es packte ihn die Angst und die Scham, furchtbare Schauer jagten durch
seine Seele. Kalter Schwei brach hervor auf seiner Stirn. Was wurde aus
ihnen? Welch ein erbrmlicher, gewissenloser Mensch war er! Er wollte
davongehen, und nicht einmal fr das Nchstliegende, ja vielleicht nicht
einmal fr sein eigenes Totenhemd war gesorgt.

Aber halt! War da nicht ein Gerusch auf dem Korridor?

Hastig verschlo Clairefort das Portrt, als sei's ein Vergehen, es zu
betrachten. Er lauschte herzklopfend--schlich wie ein Dieb an seine
eigene Thr. Aber es war nichts.

Nun nahm er seinen Platz wieder ein und lehnte sich zurck. Konnte er
noch gesund, schmerzensfrei werden?

Nein, jetzt niemals mehr! Ohne Morphium vermochte er berhaupt ferner
nicht zu leben. Was that er noch auf der Welt? Seine Pflicht, die
Pflicht gegen die Seinigen hielt ihn! Nein, auch die konnte ihn nicht
ans Leben fesseln. Er war ja ein Nichts. Er war nur eine Last--nur ein--

Es bermannte ihn die Seelenqual: er schluchzte und erschrak vor den
Tnen, die sich seiner eigenen Brust entrangen. Er war nur ein Hindernis
fr Anges Glck. Fort denn, je schneller, desto besser!--Teut! Teut! Da
kam ihm der Gedanke an ihn. Welch ein Mensch! Er wrde sie nicht
verlassen. Nein, sicher nicht! Gut, also sterben--

Was Clairefort noch zu sagen hat, befindet sich in den Blttern
aufgezeichnet, welche Ange morgen finden wird.

Aber wenn er nun nicht stirbt, wenn es nicht gelingt, wie jngst? Er
bewegt den Kopf. Wohl, er wird das Schriftstck unter sein Kopfkissen
legen, nicht auf den Tisch. Wacht er abermals auf, dann bleibt seine
Absicht verborgen.

Whrend er sich an sein Bett wendet, ziehen noch einmal die letzten
Jahre an ihm vorber. Wie er zum erstenmal gespielt und ihn dann der
Teufel erfat hat, wie er vom Glck begnstigt wird und dann doch alles
wieder verliert. Und immer von neuem verliert! Wie er innehalten will
und doch sich berredet, er werde den Verlust zurckerobern,
endlich--ein Verzweifelter--die grten Summen einsetzt, um abermals
betrogen zu werden und zuletzt sich sogar am fremden Eigentum vergreift!
Das Vermgen seiner Frau, seiner Kinder opfert er auch noch dem
wahnsinnigen Gelste!

Die Decke auf dem kleinen Nachttisch hat sich verschoben. Clairefort
zupft daran. Noch im letzten Augenblicks beherrscht ihn der kleinste
Gewohnheitsdrang.

Er legte sich nieder, macht fast pedantisch alle Vorbereitungen,
zittert, setzt erst das eine Glas an, greift dann zum anderen--

Nun sinkt er zurck----

       *       *       *       *       *

Noch whrend Carlos' sterbliche berreste in der Villa standen, warf
Ange einen Blick in die zurckgelassenen Bltter. Sie las den Inhalt in
der zweiten beginnenden Nacht, und die Gespenster des Entsetzens drangen
auf sie ein.

Sie zerknitterte die Schriftstcke in ihrer Hand, sprang empor und rief
nach Tibet. Ernst, bleich, ahnend, was vorgefallen, erschien der Mann
und blieb wie angewurzelt an der Thr stehen.

"Tibet! Tibet!" schrie Ange, bla, abgehrmt und kaum wiederzuerkennen
durch die Wirkungen ihres malosen Schmerzes. "Das alles wuten Sie seit
langen Jahren und Sie schwiegen? Dem allen waren Sie ein Helfer und
kannten und liebten doch meine Kinder? O Mensch, sprechen Sie, damit ich
wenigstens einen Grund finde, Ihnen zu verzeihen! Nicht verloren durch
Ungemach, alles was wir besaen--nein, durch Spiel--durch Spiel! Man
sitzt ber Menschen zu Gericht, ttet sie, wenn sie, von der
Leidenschaft fortgerissen, einen andern morden!--Ist Leidenschaft denn
Vernunft, und kann man richten, wo die Vernunft fehlte? Aber wie ahndet
ein Gott ein so furchtbares Verbrechen?--Wie er es ahndet? An dem Glck
Lebendiger, indem er die Unschuldigen ins Verderben zieht! Kinder,
reine, arglose Geschpfe mssen dafr ben!--Was hier geschehen, sucht
seinesgleichen; Ich las wohl Schreckliches, wie Menschen sich gegen
Menschen versndigten; ich hrte von Mord, Gift, Verrat, Folter. Ist
eine solche Handlungsweise nicht herzloser, unmenschlicher? Ein
Familienvater, der wei, da ihn Gott mit zehrender Krankheit
geschlagen, spielt--spielt auch dann noch ohne Anla, ohne Not,
vergreift sich an fremdem Eigentum und wagt das letzte um eines Vorteils
willen, der ihn um keinen Schatten glcklicher machen konnte. Zuletzt
giebt er sich den Tod--ein Selbstmrder!--Ein Selbstmrder?--O leise,
leise, da es niemand hrt! Verbrennen wir diese Schande! Rasch,
Tibet!--Und doch, nein! Es ist ja von seiner Hand, das letzte von ihm,
welcher der Vater meiner Kinder war, den ich so unsagbar liebte, der
litt, in Schmerzen sich wand!--Nein, nein, vergessen Sie, was ich sagte!
Ich sprach irre. Mit meinem Herzen hatte es nichts zu thun. Ich wei,
wie er gelitten hat. Kein Mensch starb unter solchen Qualen, keinen
Menschen gab es, den der Tod bei Lebzeiten schon so marterte!--Aber was
soll nun werden? Hier, hier steht's. Ein rtselhafter Satz: 'Und dennoch
ist fr Deine Zukunft gesorgt, Ange. Ich glaube es. Dieser Glaube, diese
Hoffnung erleichtert mir den Tod. Ich darf nicht reden. Ein Schwur
verbietet es. Frage Tibet, ihn bindet kein Gelbnis.'--Nun, so reden
Sie, Tibet! Was ist's? Um meiner armen Kinder willen flehe ich Sie an!
Sprechen Sie! Ach! ach!"

Ange sank in einen Stuhl neben dem Tische nieder, auf dem Carlos'
furchtbares Vermchtnis lag, und weinte so herzerbarmend, da dem Manne,
der das alles stumm angehrt hatte, bei diesem Jammer das Herz
zerschmolz.

Als Tibet immer noch nicht antwortete, scho Ange empor:

"Sprechen Sie!" rief sie. "Ich fordere es bei dem Andenken des
Unglcklichen! Ich fordere es fr die Unmndigen! Ich erbitte es--um
meinetwillen--"

Ihre Stimme versagte.

"O, beruhigen Sie sich, Frau Grfin!" zitterte es aus Tibets Munde. "Ich
will sprechen, da Sie es verlangen, und ich schwre Ihnen bei dem Gott,
an den ich glaube, da ich unschuldig bin! Ich habe in all den Jahren
den Grafen angefleht, von dem unseligen Spiel zu lassen. Ich habe ihm
sogar in dem Gedanken an Sie und die Kinder einmal einen Gewinn
verheimlicht, bis die Not--"--er stockte, und Ange sah ihn fragend und
furchtsam an--"bis die Not mich zwang. Wir hatten nichts mehr zum Leben.
Mit diesem Betrage bestritt ich im letzten halben Jahre die Ausgaben
bis, bis--"

Ange unterbrach ihn nicht; sie sa wie erstarrt.

"Ein Eid band mir die Zunge. Ich verdanke ja alles dem Herrn Grafen. Ich
durfte nicht reden und litt mehr darunter, als Worte zu beschreiben
vermgen, Frau Grfin; glauben Sie mir! O, vernichten Sie mich nicht
ganz, indem Sie mir Ihr Wohlwollen entziehen!"

"Gut, gut! Weiter!" drngte Ange leichenbla und in steigender Erregung.
"Und das Geheimnis? Ich will alles wissen. Auch das Schrecklichste kann
mich nicht mehr erschttern, und ist es ein Trost, eine
Erleichterung--nun, um so besser."

Noch zgerte Tibet; die Zunge war ihm wie gelhmt. Seine Knie
schlotterten. Er wute, was er hervorrief. Er hrte schon den Schrei der
Emprung von ihren Lippen.

"Mensch," rief Ange und ballte die kleinen Hnde in furchtbarer
Erregung, "machen Sie nun ein Ende! Ich bin ein Weib, zarter, schwacher
geartet, auch nicht vertraut mit Hinterlist und Lgen--"

"O, Frau Grfin!" chzte Tibet bei diesen Worten. Eine fahle Blsse flog
ber sein Gesicht.

Sie begriff, wie tief sie ihn verwundet. Sie sah es und streckte ihm die
Hand entgegen. Sie wute nicht mehr, was sie sprach. Sie bat es ihm ab,
und ein Schimmer dankbarer Freude flog ber seine Zge.

"Nun denn--" sagte Tibet kurz und ohne Betonung, "wir leben bereits seit
Ausbruch des Krieges von der Gte des Herrn von Teut. Ich habe monatlich
tausend Mark, spter fnfzehnhundert Mark bei einem hiesigen Bankhaus
fr unseren Unterhalt erhoben."

Ja, nun schrie allerdings die Frau auf, da die Gegenstnde umher zu
erbeben schienen. Es hallte durch das ganze Haus, drang in den kleinsten
Raum.

"Carlos! Carlos!" rang es sich aus Anges Brust. Er mute in seinem
Totenschrein aufwachen bei diesem Schrei, denn er umfate eine Welt von
Emprung, Schmerz und Scham. Derselbe Mann, der Teut durch Eifersucht
verwundet, durch Mitrauen gekrnkt, noch jngst durch hochmtige
Zurckweisung von Geschenken verletzt hatte, nahm Wohlthaten in solchem
Umfange und verwies im Sterben, im Selbstmord auf die Hochherzigkeit
dieses Freundes.

Fr Augenblicke war es totenstill in dem Zimmer. Ange brach zusammen,
und Tibet stand wie eine Bildsule. Endlich erhob sie den Blick und
winkte ihm, das Gemach zu verlassen.

Bevor Anges Gatte drauen auf dem Kirchhof neben dem kleinen Carlitos
bestattet wurde, trat Ange noch einmal an sein Totenlager. Die Vorhnge
des nach dem Garten gehenden Zimmers waren herabgelassen, und eine
erstickende Luft benahm ihr fast den Atem.

Nun sah sie ihn zum letztenmal: in einer Stunde sollte der Sarg
geschlossen werden. Er glich kaum einem Abgeschiedenen. Ruhe lag auf
seinen Zgen, und um die Mundwinkel spielte jetzt im Tode jenes milde
Lcheln, das Ange fr so manchen ernsten Blick und so manche mrrische
Miene whrend seiner Lebenszeit entschdigt hatte.

"Vergieb, Carlos!" flsterte sie und berhrte mit ihrer Hand die weie
Stirn des Toten. Und in ihren Gedanken fuhr sie, das Auge auf ihn
gerichtet, fort: "Im ersten Schmerz bumte ich mich gegen Dich auf. Ich
sa ber Dir zu Gericht und verga, da ich allein an allem schuld bin.
In den Blttern, die Du mir hinterlassen hast, steht auf jeder Seite,
wie sehr Du mich liebtest und wie Deine Gedanken sich immer damit
beschftigten, da ich nichts entbehren mge von dem, womit Du mich seit
unserer Ehe umgeben hattest. Ja, ja, mein Geliebter, Du wolltest unseren
Besitz vermehren--nicht aus eitler Gewinnsucht, nein, fr mich, damit
ich ein Wohlleben nicht einschrnken brauchte, in dem Du mich allein
glcklich whntest. Du irrtest, Carlos! Ich nahm alles, weil ich es
fand, weil Du mir nie einen Zwang, eine Beschrnkung auferlegtest. Ich
wre nicht minder glcklich gewesen in bescheidenen Verhltnissen, denn
Deine Liebe, der Besitz unserer Kinder war mein Glck. Ja, vergieb mir,
da ich nicht selbst erkannte, wie thricht mein Leben war, da ich
nicht aus den mich umgebenden Erscheinungen Vergleiche zog und eine
Lebensweise nderte, die schon die tausendfltige Not anderer verbietet.
Aber, Carlos, begehrte ich auch fr meine Person viel, Du hast mir
verziehen, weil ich es nicht besser verstand. Hier, hier schwre ich Dir
in dieser Stunde, mein Carlos, da ich denen, die Gott mir erhalten hat,
eine treue, sorgsame Mutter sein will und--vermag ich es--sie erziehen
werde zu braven, tchtigen, einfachen Menschen. O, wie graut mir heute
vor dem Reichtum. Alles, was mich umgiebt, ekelt mich an. Es sind die
Bilder des Scheins, der Lge, der berhebung."

Ange sank schluchzend an dem Sarge nieder. Jetzt kamen ihr wieder die
Gedanken, die sie bald nach ihres Gatten Tode beherrscht hatten: Was
ward aus ihren unmndigen Kindern? Es war begreiflich, da ein so
seelenvolles Wesen wie Ange Clairefort mitten im Schmerz Betrachtungen
ber ihre Zukunft und die Handlungsweise ihres Mannes angestellt hatte,
weil ihr Denken und Fhlen zu eng mit ihren Kindern verwachsen war. So
war auch ihre Emprung, so waren auch die Ausbrche ihrer Verzweiflung
nichts anderes als ein Ausflu ihrer Liebe, und nur zu bald wichen diese
Erregungen einem sanfteren Schmerz, in welchem sie alle Schuld von dem
Toten abzuwlzen suchte.

Es wre unnatrlich gewesen, wenn sich Anges Gedanken nicht auch zu Teut
gewendet htten, wenn nicht die Hoffnung in ihr emporgestiegen wre, er
werde sie nicht verlassen, jetzt, wo die Sorge sich an sie heranwlzte.

Aber in diese Hoffnung mischten sich Angst und Scham. Jetzt, vielleicht
in diesem Augenblick, war Teut schon nicht mehr unter den Lebenden. Sie
zitterte bei diesem Gedanken, aber sie schttelte sich auch in
seelischer Qual, wenn sie berdachte, da sie fortan allein auf seine
Wohlthaten wrde angewiesen sein.

Ihr Stolz bumte sich auf; sie fate die wirrsten Entschlsse, bis sie
nach langen Irrgngen der berlegung immer wieder zu der entsetzlichen
Einsicht zurckkehrte: Es bleibt entweder nur die Wohlthtigkeit fremder
Menschen, damit Deine Kinder leben knnen, damit sie nicht darben und
vergehen, damit sie erzogen werden, um brauchbare Mitglieder der
menschlichen Gesellschaft zu werden, oder--

Ja, da kamen andere furchtbare Gedanken, die sich in ihrem Gehirn
festbrannten, die geboren wurden aus Hilflosigkeit und Verzweiflung. Wie
wre es, wenn sie mit ihren Kindern dem folgte, der hier im Sarge lag?
Was stand den Armen bevor! Demtigung, Entbehrung, Not--gar Schande.

Sie hrte sie klagen und weinen. Sie scharten sich um ihre Mama. Sie
bettelten um die ihnen jetzt entzogenen notwendigen Dinge, sie wollen
ihre unschuldigen Liebhabereien, sie kamen, damit ihre kleinen Herzen
getrstet wurden.

Und die Menschen! Wie sie zischelten und mit den Fingern zeigten, wie
sie sich abwandten und gar hmisch frohlockten, da diese bermtige,
verwhnte Frau die Bitterkeit des Lebens nun auch endlich kostete wie
sie selbst.

Ah, wie das alles ihre Seele marterte! Ja, lieber sollte sie ihre
Kinder, sich selbst tten----

Aber ein Herz wie das ihre mute schon bei dem bloen Gedanken an den
Tod ihrer Kinder erstarren.

Nein! nein! Entsetzlich! Lieber Not leiden, ja betteln, als ihren sen
Geschpfen auch nur ein Haar krmmen! Und Sterben war nicht eine Sache
des Willens; zum Selbstmord gehrten tausend Dinge, die sie nicht
verstand und bei deren Vorstellung ihr grauste.

"Barmherziger Schpfer, vergieb! Vergieb auch Du mir, mein Carlos, diese
grlichen, unreinen Gedanken!" betete Ange, faltete die Hnde und
atmete, aus dem Schauder ihrer Vorstellungen befreit, erleichtert auf.

Sie besa so kostbaren Schmuck, da sie durch dessen Verwertung noch
eine Zeit lang ohne Wohlthaten leben konnte. Diese berlegung war ihr
gekommen in der letzten schlaflosen Nacht und erleichterte ihr
wenigstens die nchsten Sorgen.

Bevor Ange, durch die Handwerker aufgestrt, das Zimmer verlie, brachen
doch noch einmal die Thrnen unaufhaltsam hervor. Sie rief eilend die
Kinder, lie sie niederknien und betete mit ihnen.

"Hattet Ihr ihn lieb, Euren Papa?" schluchzte sie.

Die Kinder nickten ngstlich und scharten sich mit den feinen blassen
Gesichtern um die Mama.

Als sie sich endlich zur Thr wandten, schmiegte sich die kleine Ange an
ihre Mutter und sagte: "Wird Papa auch so hbsch begraben wie Carlitos?"

Bei dieser Frage zuckte Ange zusammen.

"Nein, Ange, nein! Onkel Axel ist ja nicht da."

"Kommt er denn nicht?"

Ange antwortete nicht; sie bewegte nur das Haupt und zog hastig die
Kleinen mit sich fort, die nun zum letztenmal das bleiche Gesicht ihres
Papas gesehen hatten.

       *       *       *       *       *

Whrend noch der Graf ber der Erde stand, war ein Brief von Frau von
Ink an Ange eingelaufen.

"Ich mu es Ihnen aussprechen, gndige Grfin"--schrieb Olga--"wie sehr
ich schon bei dem Tode Ihres herrlichen Knaben mit Ihnen fhlte und wie
mich heute Ihr Schicksal bewegt! Ein Fremder vermag gegenber einer
solchen Trauer nichts. Das barmherzigste und mitleidigste Wort mu ohne
Wirkung verhallen, weil die Besnftigung des Schmerzes nicht abhngig
ist von uerlichen Einflssen, sondern in dem Menschen selbst sich
reisen mu durch die allheilende Zeit. Und unter dieser Erwgung,
gndige und hochverehrte Frau, wird vielleicht auch meine aus
aufrichtigster Teilnahme hervorgehende Bitte wirkungslos sein, da Sie
sich Ihrem Kummer nicht allzusehr hingeben mgen und da Sie sich der
Hoffnung nicht verschlieen, da auch fr Sie wieder lebensfrohere Tage
zurckkehren werden. Ich wnsche es von ganzem Herzen und wrde beraus
glcklich sein, wenn Sie mir gestatten wollten, Ihnen bald einmal
mndlich mein Beileid ausdrcken zu drfen. Glauben Sie, ich bitte, an
das herzliche Mitgefhl und die verehrungsvolle Freundschaft Ihrer sehr
ergebenen

Olga von Ink."

Ange fand in der Aufregung, Unruhe und Sorge der ersten Tage keine Zeit,
diesen Brief zu beantworten. Sie ward aber an das Schreiben erinnert,
als bald nach dem Begrbnis--es war der Erste des neuen Monats--Tibet
sich ihr mit unschlssiger Miene nherte und erklrte, da das Bankhaus
weitere Zahlungen verweigere. Es habe, berichtete dieser, den bestimmten
Auftrag, nur gegen die eigenhndige Quittung des Grafen zu zahlen.
Er--der Banquier--wisse ja selbst nicht, aus welcher Quelle jene Summen
flssen, und msse deshalb jedenfalls erst nhere Weisungen
rcksichtlich der weiteren Ordnung der Angelegenheit abwarten. Daraus
ergebe sich alles brige.

Ange verlor auf Augenblicke gnzlich die Fassung. Schon der zustimmende
Entschlu, Tibet wie bisher den Monatsbetrag erheben zu lassen, war ihr
namenlos schwer geworden. Zweimal rief sie ihn, als er sich schon die
Treppe hinabwandte, schamerfllt zurck. Erst des umsichtigen Beraters
Auseinandersetzungen ber die unbedingte Notwendigkeit: die Bestreitung
der durch den Todesfall hervorgerufenen Ausgaben, die tglichen
Bedrfnisse des Haushaltes, die fllige Miete, die Kinder, die
Dienstboten, endlich dessen beschwichtigender Hinweis, da dieser Betrag
aus irgend welchem Erls ihres Eigentums zurckerstattet werden knne,
schlugen Anges zitternde Bedenken nieder, und stumm nickend, hatte sie
ihn endlich gehen lassen.

Und nun wurden alle diese ihrer feinen Seele entsprungenen Qualen doch
noch weit mehr vergrert durch--das Nichts.

Tibet kam mit leeren Hnden!

Teut schreiben, ihn bitten, Geld anzuweisen, das vermochte Ange nicht.
Sie wies diesen Gedanken als vllig ausgeschlossen zurck.

Jetzt erinnerte sie sich wieder ihres Schmuckes. Bei dieser berlegung
ngstigte sie es aber, da Tibet ihn ausbieten, in C. ausbieten, wenige
Tage nach Carlos' Begrbnis denselben veruern solle. Nein, auch das
gewann Ange nicht ber sich.

Endlich erhob sie den Blick zu dem Manne, der mit der ernsten und
bekmmerten Miene vor ihr stand, und sagte: "Was raten Sie, jetzt zu
thun, Tibet?"

"Frau Grfin," stie dieser heraus, "wollen Sie mir nicht zrnen? Ich
wte wenigstens vorlufig fr das Drngendste Hilfe, wenn Sie diese
annehmen wollten. Verzeihen Sie, wenn ich mich unbescheiden
aufdrnge--ich habe ein kleines Kapital gespart, darf ich dieses--"

"O braver Mensch!" rief Ange gerhrt; aber sogleich verbesserte sie
sich: "Nein, Tibet, nein! Auch Sie noch der Ungewiheit preisgeben?
Niemals! Ich darf Ihr Anerbieten nicht annehmen!"

"Sie knnen mir ja den Vorschu spter zurckgeben, Frau Grfin,"
beharrte Tibet stockend. "Es ist ja Ihr eigen Geld--ich empfing es von
Ihnen--ich verdanke es Ihrer Gte."

Ange, zwar ergriffen von Tibets selbstlosem Zureden, aber, ihrer
Veranlagung entsprechend, gerade deshalb von ihrem Gefhl lediglich
beherrscht, hrte nicht auf seine Worte. Sie schttelte den Kopf und
zeigte in ihren Mienen ein deutliches Nein.

In diesem Augenblick meldete einer der Diener, da Frau von Ink
vorgefahren sei und um die Erlaubnis bitte, der Frau Grfin aufwarten zu
drfen.

War dies nicht ein Fingerzeig des Himmels? Ange schwankte unschlssig;
endlich neigte sie den Kopf und der Diener eilte fort.

Gleich darauf hrte sie auch schon, wie Olga in ihrer ungestmen, etwas
plumpen Weise den Wagenschlag hinter sich zuwarf und die Treppen der
Villa hinaufeilte. Und nun trat sie, von Tibet gemeldet, ins Zimmer,
umarmte Ange mit allen Zeichen der Betrbnis und setzte sich ihr mit dem
Ausdruck aufrichtigster Teilnahme gegenber. Dabei streifte ihr Blick
das Gemach, und die kleinen Unordnungen blieben ihr nicht verborgen.

Nach einem lngeren Austausch ber den Verlauf der Krankheit und die
letzten kummervollen Tage nahm Olga das Wort und sagte:

"Und nun noch eins, Frau Grfin. Sollte ich Ihnen in etwas dienen
knnen, bitte, verfgen Sie ganz ber mich. Ich versichere Sie, da ich
auerordentlich glcklich sein wrde, wenn ich Ihnen in irgend einer
Weise meine Freundschaft und Teilnahme an den Tag legen knnte!"

Ange, der es in ihrer angstvollen Lage und angesichts von so viel
Herzlichkeit schon auf den Lippen gezuckt hatte, vorzutragen, was sie
beschftigte, atmete erleichtert auf und nahm sogleich das Wort:

"Sie kommen mir in Ihrer Gte zuvor, gndige Frau: ich danke Ihnen von
ganzem Herzen. Ich htte allerdings wohl eine groe Bitte--" Sie
stockte.

Olga horchte auf. Diese Gesprchswendung berhrte sie aufs angenehmste.
Was konnte Ange Groes wnschen, und wie hoch wrde eine Frau wie diese
ihr den geringsten Dienst anrechnen!

Auch die Rckwirkungen auf Teut berlegte sie rasch. Noch immer hoffte
Olga auf einen Ausgleich mit dem Rittmeister, und in dem geheimsten
Schubfach ihres Innern nicht nur auf diesen, sondern, zuguterletzt auch
auf eine bedeutungsvolle Anknpfung zwischen ihm und einer ihrer
Tchter.

"Sprechen Sie, sprechen Sie, gndige Frau--Ich bitte!" rief Olga lebhaft
nach Anges Worten.

Und nun setzte Ange dieser kaltherzigen, nur von ihren eigenen
Interessen beherrschten Frau in ziemlich unzusammenhngender und
unklarer Weise auseinander, da sie durch den pltzlichen Tod ihres
Gatten in peinlichste Verlegenheit geraten und vorbergehend einer
greren Summe Geldes bentigt sei.

"Arme Grfin! Auch das noch! Die kleinlichen Nebensorgen bei so groem
Schmerz und Kummer!" rief Olga mit vortrefflich gespieltem Ausdruck der
Teilnahme in den Mienen, in Wirklichkeit erfat von einer mit
Schadenfreude vermochten uerten Befremdung. "Ja wie ist da zu helfen?
Offenheit gegen Offenheit, liebe Frau Grfin! Wir haben allerdings ein
aus unserem Gutsverkauf hervorgegangenes, recht ansehnliches Vermgen,
aber alles, das wei ich, ist unkndbar festgelegt fr eine lange Reihe
von Jahren, und die Summe, deren Sie bedrfen--Sie nannten fnftausend
Mark, wenn ich recht verstand? Nicht wahr, Frau Grfin? Ja, ja, ganz
richtig!--ist etwa der fnfte Teil unserer ganzen Zinseneinnahme im
Jahre." Diese Redewendung--ein feiner Dolchsto--war absichtlich. "Zudem
habe ich persnlich gar keine Verfgung; meinen Mann mte ich schon ins
Vertrauen ziehen."

Ange hatte in ihrer Unerfahrenheit nur von ihren Verlegenheiten und von
deren Abhilfe gesprochen. ber die Rckzahlung lie sie nichts fallen,
diese war ja in ihren Augen selbstverstndlich, aber so unterblieb
dasjenige, was fr Olga natrlich die Hauptsache war. Die letztere war
sogar berzeugt, da Ange diesen Punkt nur in ihrer Erregung und in
ihrer Naivett nicht berhrt hatte, aber sie htete sich, selbst eine
Brcke zu schlagen, die ihr eine Ablehnung erschwerte. Obgleich sie
deshalb entschlossen war, nicht einmal mit ihrem Manne die Mglichkeit
einer Hilfe in berlegung zu ziehen, fgte sie doch hinzu:

"Wenn Sie gestatten, werde ich also mit Ink sprechen und alles thun, was
in meinen Krften steht--natrlich--selbstverstndlich, liebe Frau
Grfin! Aus diesem Grunde aber will ich mich auch gleich wieder
empfehlen. Ich mchte bald etwas Gutes melden, da ich den
unertrglichen Zustand begreife, in welchem Sie sich befinden. Wrde es
mglicherweise in einigen Tagen frh genug sein?" fuhr sie heuchlerisch
fort. "Ja? Nun gut. Ich denke sicher, es wird sich machen! Mein Mann ist
ja so teilnehmend und gut, da ich ihn zu berreden hoffe, wenn es
irgend mglich ist."

Ange, die schon alles gewonnen glaubte, dankte mit gerhrten Worten.
Besonders beglckt aber war sie, als ihr Olga beim Abschied die Hand
drckte und die Worte zuflsterte: "In jedem Fall, wie sich auch die
Dinge gestalten" (hier deckte sich Olga nicht nur den Rckzug, sondern
vergoldete diesen auch noch durch eine uerung, deren Wirkung auf Ange
sie richtig berechnete) "seien Sie versichert, da niemand von dieser
Angelegenheit etwas erfahren wird, da sie bei mir unter einem stummen
Munde ruhen bleibt."

Nach diesen Worten und nach einer abermaligen zrtlichen Umarmung ging
sie.

An demselben Abend hatte Ange bereits eine von vielen schnen Worten
umrankte Ablehnung, und um dieselbe Stunde fand eine Unterredung
zwischen ihr und Tibet statt. Sie verhehlte ihm weder den Inhalt von
Olgas Brief, noch die jetzt in ihr emporsteigende Befrchtung, da jene
nicht verschwiegen sein werde. Sie bewegte sich in leisen Hoffnungen,
da ihr Tibet in diesem Punkt nicht recht geben werde, aber er nickte
zustimmend und sagte:

"Frau Grfin, wenn Sie nur das nicht gethan htten! Morgen wird's die
ganze Stadt wissen!"

Ange erschrak. Was sie bengstigte, besttigte Tibet mit kalter
Einsicht. Ihr Stolz bumte sich auf, und eine angstvolle Scheu vor den
Menschen bemchtigte sich ihrer. Nun wrde auch ihre Umgebung, ihre
Dienerschaft bald darum wissen, da sie in ihrem frstlich
eingerichteten Hause eine Bettlerin sei. Sie sah schon die Mienen derer,
die bald geschmeidige Katzen, bald fletschende Wlfe sind, je nachdem
sie glauben oder frchten, es knne ihnen des Teufels bestlockender
Kder werden oder entgehen.

Und nun kam Ange in ihrer Ratlosigkeit auf die Verwertung der Diamanten
zu sprechen, und Tibet widerriet lebhaft.

Es ist eine eigentmliche, sich stets wiederholende Erscheinung, da
einfache Leute den Verlust geringfgiger Dinge in solchen Lebenslagen
schwerer empfinden als irgend etwas anderes. Das Unglck selbst
entlockt ihnen nicht so viele Thrnen als die Aussicht, sich von
gewissem Tand trennen zu mssen. Die Pfndung einer Uhr, einer Kette,
eines Medaillons, ja oft eines blitzenden Kchengerts raubt ihnen den
letzten Trost und versetzt sie in einen Zustand heftiger Gemtserregung.
Ebenso erging es Tibet, bei dem berdies noch die gleichsam ins Blut
bergegangene Ehrfurcht vor den Personen und Dingen, unter denen er
gleichsam aufgewachsen, mitwirkte.

Er war auer sich, als Ange ihre Absicht zu erkennen gab, und bot in
fast demtiger Weise von neuem seine Ersparnisse an.

Aber in Ange kmpfte edle Vorsicht mit der Scheu, sich ihrem Diener zu
verpflichten. Sie wies Tibets Anerbieten abermals aufs entschiedenste
zurck.

Tibet schlug nun vor, wenigstens den Verkauf nicht in C., sondern in
einer anderen Stadt zu bewirken. Es sei kaum einmal wahrscheinlich, da
am Orte jemand eine so groe Summe dafr hergeben oder darauf anleihen
werde. Den Schmuck lediglich zu verpfnden, empfahl Tibet zudem
dringend, immer in der Hoffnung, dieser knne Ange doch noch gerettet
werden.

Ange nahm seinen endlichen Vorschlag, nach Frankfurt zu reisen, lebhaft
auf. Sie eilte fort, kam zurck und ffnete ihr Schmuckkstchen.

Als es aus Auswhlen ging, ward's ihr schwer. Nicht der Verlust der
Juwelen lie sie zaudern, aber es schien ihr wie eine Entheiligung,
fortzugeben, woran sich so viele teure Erinnerungen knpften.

"Hier, hier!" rief sie indessen schnell wieder gefat. "Ich wei, da
diese Perlen Tausende wert sind. Wie kann ich fragen? Ich mu an meine
Kinder denken, an die Pflichten, die ich gegen meine Umgebung habe,
solange sie zu fordern hat. Alles andere ist nebenschlich."

Nun machten sie sich daran, den Wert des Schmuckes abzuschtzen.

"Und wenn das dahin ist?" zuckte es in Ange auf. "Wenn das dahin, was
dann?"

Immer wieder packte sie ein angstvolles Grauen vor der Zukunft, immer
wieder mute sie sich zurckrufen, da das alles Wahrheit, keine
Vorstellung, kein Roman sei, den eine lebhafte Phantasie sich ausgedacht
hatte. Nein! nein! Carlos war tot; sie blieb zurck mit fnf lebendigen
Geschpfen und besa auer diesen Kleinodien und ihrer Einrichtung
nichts!

       *       *       *       *       *

Einige Tage nach diesem Zwischenfall--es war am Sptabend und die
Kinder ruhten bereits--berreichte der Diener Ange ein Telegramm. Die
Gouvernante, die noch eben an ihrer Seite gesessen, hatte das Zimmer
verlassen, und da Ange allein war, gab sie sich ganz ihren Gedanken hin.
Im Kamin brannte ein lebhaftes Feuer, das einen hellen Schein und
zugleich wohlthuende Wrme in dem Gemach verbreitete. Drauen aber fuhr
ein rcksichtsloser Sturm durch die Bume und rttelte den hohen Schnee,
der die Erde bedeckte, aus seiner Ruhe auf.

Ange ffnete hastig die Depesche, und mit einem leisen Schrei sank sie
zurck.

"Auch das noch!" glitt es von ihren Lippen.

"Bin wegen Diebstahlsverdacht verhaftet. Wertsachen sind mit Beschlag
belegt. Frau Grfin persnliches Erscheinen hier auf dem
Kriminal-Kommissariat mglichst bald erforderlich. Bedaure unendlich
hervorgerufene Unruhe.

Gehorsamst Tibet."

"Auch das noch!" wiederholte Ange noch einmal und blickte wie eine
Irrsinnige ins Leere. Es schien mit den Prfungen erst der Anfang
gemacht; immer Neues ballte sich zusammen, um die gequlte Frau zu
ngstigen, zu verwirren und vllig mutlos zu machen.

Als Ange damals Olgas Billet empfangen hatte, sa sie wie erstarrt. Aber
zunchst waren es nicht die dadurch wieder emporsteigenden Geldsorgen,
die sie beunruhigten, sondern es jagten Scham und Enttuschung und neben
diesen die Gefhle bitterer Reue durch ihre Seele. Sie sah Teut vor
sich, der ernst und vorwurfsvoll den Kopf schttelte und ihr zurief:
"Sie haben wieder Ihren Verstand spazieren geschickt und sich mit Ihrem
Gemtsdrang auf den Weg gemacht. Warnte ich Sie nicht vor dieser Frau?
Das alles htte ich Ihnen vorherigen knnen, und unntig, ja, zu Ihrem
Schaden haben Sie sich blo gestellt. Frau von Inks Gutherzigkeit ist
nur Maske, und berall, wenn das Unglck in die Hinterpforte schleicht,
ist die Welt pltzlich von Menschen ausgestorben."

Als die Gouvernante zurckkehrte, verbarg Ange die Depesche, schtzte
Mdigkeit vor und zog sich zurck. In ihrem Zimmer angekommen, sank sie
in einen Stuhl und weinte sich aus.

"O Carlos, Carlos! Wer sang mir an meiner Wiege von so viel Herzeleid!"
flsterte Ange. "Bin ich ein so schwacher Mensch, da die Angst Tag und
Nacht durch mein Inneres jagt, da ich nicht mehr lachen,
da--ach--ach--"--hier brachen die Thrnen durch die zarten Finger--"da
der Anblick meiner Kinder mich nicht mehr zu trsten vermag?"

Sie ergriff die Lampe und wandte sich in das Zimmer ihres Mannes.

Der eigentmliche Duft, der stets die Rume durchweht hatte, erfllte
sie auch heute noch. Carlos sa nicht mehr in dem hohen Stuhl. Ringsum
die Spuren eines lebenden, nun fr immer dahingegangenen Menschen.
Geradlinig wie sonst standen die Bcher in den Regalen. Im
unverschobenen Winkel lag die Schreibmappe. Hier hing sein Sbel, die
Militrmtze, dort standen noch seine Reiterstiefel, und drben lagen
die weiledernen Handschuhe, die er abgestreift hatte, als er des Knigs
Rock auszog.

Von einer unheimlichen Angst erfat, drehte Ange den Schlssel zu
Carlos' Schlafgemach ab. Ihr war pltzlich, als ob der Tote in der Thr
erschienen sei und nicht mitleidig, nein, ernst und vorwurfsvoll sie
angeblickt habe. Weilte sein Geist noch in den Rumen, wirkte sein Wesen
noch nach, das fieberhaft und reizbar jeden Eintritt abgewehrt hatte?

Ange suchte sich zu fassen und ffnete die Schubladen des
Schreibtisches.

Ein pltzlicher unerklrlicher Drang hatte sie hierher getrieben. Noch
einmal mute sie die Aufzeichnungen durchblttern, die er ihr
hinterlassen. Sie wute, da sie nichts darin finden werde als neuen
Anreiz fr ihren Schmerz; aber ein ruheloses Gefhl durchhastete sie,
seine Schriftzge zu lesen, an seinem Mitleid Trost zu finden.

Ja das war es! Sie sehnte sich nach Trost, weil sie keinen Menschen auf
der Welt hatte, an dessen Brust sie sich werfen und ausweinen konnte.
Einen gab es doch! Ja, er wog alle brigen auf: aber er war fern, kam
vielleicht nie zurck.

Ange sann nach, ehe sie zu lesen begann.

Wie aberglubische Menschen ein Buch aufschlagen und nach der Auslegung
eines zufllig gefundenen Wortes ihren Entschlu fassen, so tastete Ange
in Carlos' Nachla nach einem erlsenden Ausdruck. Tiefer
zurckgeschoben, fand sie, beim Ausrumen, noch einige Bltter, die sie
bisher nicht beachtet hatte. Sie waren durchstrichen, offenbar
ausgesondert und zum Vernichten beiseite gelegt. Sie griff hastig danach
und begann zu lesen.

Das Schriftstck datierte noch aus der Zeit ihrer ersten Liebe und war
viele Jahre vor ihrer bersiedelung nach C. geschrieben.

In diesem Augenblick glaubte Ange einen Ruf zu vernehmen. Kam er aus dem
Schlafgemach der Knaben drben? ngstlich lauschte sie--ja unheimlich
ward ihr--aber er wiederholte sich nicht. Stumm war die Nacht.

"Fr meine teure Ange, wenn ich einmal gestorben sein werde. Ich
schreibe diese Worte unter dem Eindruck, da mir nur kurz zu leben
bestimmt ist. Ich habe keinen thatschlichen Anhalt dafr, es beherrscht
mich aber ein ahnendes Gefhl. Heute ist ein Mensch frisch und
thatkrftig, morgen ist er dahin. Auch ein bser Zufall kann uns
pltzlich abrufen.

"Sieh, Ange, da drngt es mich, Dir an dieser Stelle noch einmal mein
Herz zu ffnen und Dir zu sagen, wie unbeschreiblich ich Dich geliebt
habe. Als ich Dich zum erstenmal sah, hielt ich es nicht fr mglich,
da ein so holdes Wesen wie Du, mich vor allen anderen auswhlen knne,
und als ich es endlich aus Deinem Munde hrte, schwankte ich zwischen
Furcht und Glckseligkeit. Weshalb? Weil mich ein trauriges Vorgefhl
beherrschte. Ich fhlte, da ich Dir nie wrde etwas abschlagen knnen,
und doch hatte ich, da Du ein unerfahrenes Kind warst, die Aufgabe,
Dich fr das Leben zu erziehen, Dich zu leiten und zu belehren.

"Weit Du, Ange, da ich mich mitunter ins Freie geflchtet habe in
zitternder Angst, wenn Dir das Geringste zugestoen war. Ich bin im
Schlachtgetmmel gestanden, die Kugeln haben um meinen Kopf gepfiffen,
und ich habe, das Zeichen zum Angriff gebend, empfindungslos mich in den
Kampf gestrzt; ich kenne auch keine Furcht vor greifbaren Dingen, aber
ich bebte bei dem Gedanken, da Du littest, da ich Dich durch dieses
Leiden verlieren knne.

"Wenn ich einmal mrrisch gegen Dich gewesen war, folterten mich
Vorwrfe, und ein heier Drang, Dich zu vershnen, Dir von neuem
Liebesbeweise zu geben, quoll in mir auf. Freilich unterlie ich sie.
Ich habe diesen Zwiespalt nie begriffen.

"Deine Schnheit, Dein Liebreiz, Deine unbeschreibliche Herzensgte
ngstigten mich. Ich fhlte, da Du einst darunter leiden und da wir
beide dadurch zu Grunde gelten mten.

"Ich zittere bei dem Gedanken, da ich frher aus der Welt gehen werde
als Du, aber nur deshalb, Ange, meine teure Ange--glaube mir--, weil ich
wei, da Du, so gut auch altes bestellt sein mag, niemals verstehen
wirst, Dich einzurichten und--gnzlich unbekannt mit dem Wert des
Geldes--vermge Deines unbesonnenen Dranges, aller Welt zu helfen, immer
nur auf das Geben, nie auf eine Beschrnkung bedacht sein wirst.

"Ich dachte darber nach, unser Vermgen so festzusetzen und durch
fremde Hand so fr Dich verwalten zu lassen, da Dir unbersteigbare
Schranken in Deinen Ausgaben auferlegt werden wrden. Aber abgesehen
davon, da die Wirkung dieser Vorsicht dennoch eine zweifelhafte sein
kann, widersteht es mir auch, Dich in solcher Weise zu bevormunden. Ich
beschwre Dich aber bei der Liebe und bei dem Glck unserer Kinder, sieh
Dich um in der Welt und traue nicht jedermann. Wo Dein Herz am lautesten
spricht, sei am vorsichtigsten.

"Aber noch mehr! Thue Du, was ich unterlasse. Berate Dich mit unserem
Anwalt und gieb ihm zu erkennen, was ich als Wunsch Dir hier
ausgesprochen habe. Hrst Du, Ange? Willst Du diese Bitte ansehen als
meinen letzten Willen, ihn ausfhren als einen Akt der Piett gegen
mich?

"Ich hoffe, unser Vermgen noch so zu vermehren, da selbst die grten
Ansprche zu befriedigen sein werden. Vielleicht, wenn Du diese Worte
liest, ist es mir bereits gelungen. Tibet wird Dir alles vorlegen. Ihm
kannst Du ganz vertrauen. Ich habe ihn erprobt und fand ihn bewhrt in
allen Verhltnissen, ja selbst unter Versuchungen, denen andere kaum
widerstanden haben wrden. Ich bitte Dich, da Du Dich seines
verstndigen Rates, seiner Hilfe bedienst, wenn ich nicht mehr unter
Euch sein werde, und namentlich hoffe ich, da Du ihn niemals von Deiner
Seite lt, es sei denn, da er selbst zu gehen begehren sollte.
Betrachte ihn nicht als einen Diener, als einen Untergeordneten. Sein
Herz ist von Gold, sein Verstand--obgleich in der groen Welt nicht
gesthlt--khl und besonnen. Bedenke ihn auch einst reichlich!

"Du findest in unserem Testament, wie ich wnsche, da er fr alle mir
geleisteten Dienste belohnt werden soll.

"Ange, Ange! Wenn ich mir vorstelle, Du knntest je unglcklich sein aus
Herzenskummer, aus Sorge! Wenn ich daran denke, es knnte Dich eine bse
Krankheit erfassen und Du mtest mit tglichen Schmerzen kmpfen! Ich
bitte das Schicksal, alles von Dir abzuwenden."

Anges Augen flossen ber; sie beugte sich ber die Bltter und sttzte
das Haupt.

Aus Liebe hatte er gefehlt; diese Aufzeichnungen erhrteten es nur allzu
berzeugend. Nun war auch das letzte verwischt, was in ihrem Herzen sich
noch in Zweifeln htte bewegen knnen. Nichts blieb zurck als sanfte
Trauer und Schmerz des Mitleides.

Mochte die Welt Carlos schmhen, sie wute ihn frei von Schuld; eine
nicht minder groe traf sie selbst, und ihre Kinder wollte sie lehren,
sein Andenken hoch zu halten fr alle Zeiten.

Und Tibet? Wohlan! Ange mute handeln! Am nchsten Tage beschlo sie
abzureisen, um ihn aus seiner peinlichen Lage zu befreien.

       *       *       *       *       *

Ange erhob sich am nchsten Morgen ihrer Reisevorbereitungen wegen schon
in aller Frhe. Einer der Diener mute forteilen, sich nach dem Abgang
der Zge zu erkundigen, und die Jungfer ward herbeigerufen, die
Garderobe einzupacken. Whrend Ange noch den sie umringenden Kindern
Antwort erteilte, sich auch beschwatzen lie, den Knaben wegen ihrer
Abreise die Schule zu erlassen, ja berlegte, ob sie nicht etwa die
kleine Ange mitnehmen solle, die ihr diese Bitte unter zrtlichen
Schmeichelworten vortrug, fiel ihr pltzlich ein, da sie vielleicht
nicht einmal gengend Geld fr die Eisenbahnfahrt habe. Sie eilte in ihr
Kabinet, ffnete den Schreibtisch und zhlte mit fiebernder Hast, was
noch vorhanden sei. Bis zum letzten Augenblick war sie gewohnt gewesen,
da Tibet alle Geldangelegenheiten besorgte. Es fiel ihr jetzt sogar ein
und es bedrckte sie, da sie diesem nicht einmal das Reisegeld
eingehndigt habe. Sie wrde in der Folge fast nichts ihr eigen nennen!
Nur diese Thatsache in ihrer Allgemeinheit und in ihrem nchternen
Schrecken waren in ihr hasten geblieben. Was augenblicklich ntig war,
was sie noch in ihrem Besitz fand, darber hatte sie nicht nachgedacht.

Als nun Ange ihren Schreibtisch durchsuchte, fand sie nur noch drei
kleine Goldstcke. Vllig enttuscht, lie sie die Arme sinken und
beugte mutlos das Haupt.

"Darf ich denn mitreisen, Mama?" schmeichelte in diesem Augenblick eine
Stimme. Es war die kleine Ange, welche ihr leise nachgeeilt war und sich
nun bittend an sie drngte.

"Ach, nein, nein, mein Liebling!" rief Ange, aus ihrer Ratlosigkeit
aufgeweckt. "Ich wei selbst noch nicht einmal, ob ich heute fortkomme.
La mich jetzt, se Ange. Geh hinber; ich bin gleich bei Euch."

Die Kleine schlich verdrielich und weinend von dannen und nur zu
fhlbar ward Ange durch die Frage des Kindes erinnert, wie heute alles
anders sei, denn ehedem!

Was sollte nun geschehen?

Tibet war in einer Lage, aus welcher die Pflicht gebot, ihn so rasch wie
mglich zu befreien. Ange durfte keinen Augenblick zgern, und nun ward
sie doch aus solchen Grnden vielleicht am Reisen verhindert!

Und was sollte sie ihrer Umgebung sagen, wenn sie etwa alle Vorkehrungen
wieder aufhob?

Nach der abschlgigen Antwort von Olga, bei der Befrchtung, alle Welt
vermute, wisse bereits um ihre Lage, vermeinte sie, sich durch das
Nebenschlichste blozustellen und unliebsamen Vermutungen Nahrung zu
geben.

War es denn Wirklichkeit? Sie besa nicht einmal mehr die gengenden
Mittel, eine kleine Reise anzutreten, und doch war sie rings umgeben von
Luxus und erhob noch immer den Anspruch auf einen groen Haushalt?

Dieser Schein, diese Widersinnigkeit erhhten Anges bedrckte Stimmung;
dazu trat ihre Unkenntnis menschlicher Verhltnisse. Brauchte sie fr
die Reise nach Frankfurt das Dreifache oder Fnffache, was sie besa?
Sie wute es nicht. Sie war schon so scheu und unsicher geworden, da
sie nicht nach den Kosten der Fahrt zu fragen wagte, weil sie frchtete,
dies werde auffallen.

Auch die Mittel und Zwecke nach ihrer Bedeutung verwechselte sie
bereits. So berlegte sie, ob sie noch das Recht habe, in einem Coup
erster oder zweiter Klasse zu fahren. Nein! Wer nichts besa, hatte die
Pflicht sich einzuschrnken. Sie durfte nur das billigste Billet kaufen.

Aber sie sollte an den Bahnhof eilen in ihrem eigenen Wagen, gefolgt von
einem Diener, zurcklassend einen solchen Haushalt, und einen Sitz neben
rauchenden, vielleicht trunkenen Mnnern einnehmen in einem ungeheizten
Coup? Sie, die vornehme Dame, in dem kostbaren Reisemantel, der ein
kleines Vermgen gekostet halte?

Ah! der Pelz kostete Hunderte, und sie sorgte um einen Bruchteil, wollte
um diesen fast verzweifeln? Hatte er einen so groen Wert, weshalb ihn
nicht veruern?

Das war es ja eben! Sie war machtlos zum Handeln, jetzt wenigstens in
diesen ersten Tagen. Immer wieder diese Gegenstze von Wahrheit und
Schein!

"Carlos, Carlos!" schrie Ange auf. Noch einmal stieg das Gefhl der
Bitterkeit empor, freilich um in dieser sanften Seele ebenso schnell
wieder zu verlschen.

Zuletzt ward Ange noch von einem anderen unruhigen Gedanken beherrscht.
Wenn sie nicht zurckkehrte! Wenn jemand ihres Gatten Papiere fand, sie
las und der Welt offenbar ward, er habe Hand an sich selbst gelegt--?

Hher als alles stand doch die Pflicht, seinen Namen ber das Grab hoch
zu halten. Sie beschlo, seine Aufzeichnungen zu vernichten, und ihre
Piett lie sie doch wieder mit der Ausfhrung zaudern.

So stand das arme Weib, in der Hand die wenigen Goldstcke und das Herz
voller Zweifel, Sorgen und ngsten. Sie befand sich in einem Zustande
des grausamsten Kampfes. Ihre gute Natur lehnte sich auf gegen die
geheimen Flsterstimmen ihres inneren, welche ihr zuriefen: Sprich
irgend eine Lge und Du wirst Dich aus Deiner Sorge befreien!

Immer wieder durchkreuzten ihre Gedanken die Frage: Wo schaffst Du Dir
Geld? Und immer wieder antwortete das geschftige Teufelchen: Meide die
Wahrheit, umgehe, verschweige sie und verbirg Deine Not unter einer
sorglosen Miene.

Und diese flsternde Stimme hatte nicht ganz unrecht. Olgas Brief gab
den Beweis. Einmal beschlo Ange, sich der Gouvernante anzuvertrauen,
aber sie verwarf diesen Plan wie alle anderen. Lgen, verheimlichen
konnte sie nicht: offen alles darzulegen, verbot ihr nach den
gewonnenen Erfahrungen die Klugheit.

Inzwischen kehrte der Diener zurck und meldete, da der Zug um die
Mittagszeit abginge. Es fehlten noch einige Stunden. Schon wollte er
sich nach Erledigung seines Auftrages entfernen, als Ange gleichgltig
hinwarf:

"Wissen Sie zufllig den Preis des Billets, Philipp?"

Der Diener bejahte, indem er in einem Kursbuch nachschlug, das er
gekauft hatte und Ange einhndigte.

Wie bezeichnend war es!

Whrend er suchte, beunruhigte Ange der Gedanke, da dieses Bchlein
noch bezahlt werden msse, da der Diener den Betrag verauslagt habe.

Nun nannte dieser den Fahrpreis fr die erste Klasse.

"Und die zweite?" fragte Ange obenhin, indem sie in ihren Gedanken die
genannte Summe hastig mit ihrem kleinen Besitz verglich. "Gut, ich danke
Ihnen."

Der Diener verbeugte sich und ging. Es war Ange beinah ein Trost, da
jener als selbstverstndlich vorausgesetzt hatte, da sie die erste
Klasse whlen werde. Noch schien ihre Umgebung von den gnzlich
vernderten Verhltnissen nichts zu wissen.

Und das Geld, das Ange besa, reichte. Freilich, es blieb nichts im
Hause zurck, aber in zwei Tagen war ja auch sicher alles geschehen! So
beruhigte sie sich und beschlo zu reisen. Sie gab die letzten
Anordnungen, redete der kleinen Ange so lange begtigend zu, bis diese
sich zufrieden gab, und fuhr endlich zur festgesetzten Stunde an den
Bahnhof. Die Kinder bestiegen mit ihr den Wagen und wurden wie stets,
wenn sie erschienen, von den Menschen neugierig beobachtet.

Da stand die Gouvernante; in ehrerbietiger Entfernung auch ein Teil der
Dienerschaft; vor dem Portal hielt die offene Kalesche, geschmckt mit
dem grflichen Wappen; auf dem Bock sa der Kutscher in der prchtigen
Livree, das Coup bestieg die schne, vornehme Frau in dem wundervollen
Pelz. Kein Wunder, da der einzelne den Abstand zwischen sich und jener
abwog. Gewi, sie war doch eine beneidenswerte Frau! Wenn sie auch
Herzeleid gehabt hatte, sie kmpfte doch nicht mit den tglichen
Nadelstichen des Lebens. Sie sa wenigstens in ihren prachtvollen Rumen
in Flle und Wohlleben, war in ganz anderen Verhltnissen als jene, die
umherstanden!

Und nun Umarmungen und Lebewohl! Ein heies Thrnlein funkelte in Anges
Auge. Und noch ein Abschiedsku, und noch einer. Jetzt pfiff die
Lokomotive. "Adieu, adieu! Seid folgsam und artig, sen Kinder!" Ein
weies Tchlein flatterte noch eine Weile aus dem Coup. Nun war Mama
Ange abgereist.

       *       *       *       *       *

Ange blieb allein, und die Fahrt verlief rasch. Ihre Gedanken waren so
lebendig, da sie kaum bemerkte, was um sie her vorging. Vornehmlich
beschftigte sie sich mit Teut. Sie hatte ihm in kurzen Worten
geschrieben und ihn gebeten, da er ihr gleich antworten mge. Wenn sie
doch erst einen Brief von ihm in Hnden halten, wenn seine Trostworte.
wenn sein Mitgefhl sie berhren wrden!

Es bengstigte sie, da er so lange nichts hatte von sich hren lassen.
Freilich, die Truppen zogen von Ort zu Ort, Kmpfe wurden ausgekmpft,
Schlachten wurden geschlagen; wo blieb Zeit und Ruhe selbst fr die
wichtigsten Dinge!

Wie oft berfiel Ange ein heftiges Verlangen nach ihm! Sie sehnte sich
nach seinem Blick, nach seinem Wort. Wo er wirkte, fgten sich die Dinge
von selbst. Ein unbeschreibliches Gefhl der Sicherheit hatte sie stets
durchdrungen, wenn Teut in ihrer Nhe war und ihr ratend zur Seite
stand.

Und dann richteten sich abwechselnd ihre Gedanken auf Tibet und die
Kinder. Die Dinge, die jenen betrafen, so peinlicher Natur sie waren,
beunruhigten sie weniger, aber es beschftigte ihre Gedanken, ob ihnen
nichts zustoen werde. Ben sollte den Magen schonen, Erna hatte Medizin
zu nehmen, fand sie abschreckend bitter, und nur ihre Mama vermochte sie
bisher zu berzeugen, da diese ihr notwendig sei. Und die Schularbeiten
der Knaben, und der Kummer der kleinen Ange! Ob sie sich wohl beruhigt
haben wrde? Wie bitterlich hatte sie am Bahnhof geweint.

Einigemal warf Ange den Blick aus dem Fenster und lie die schon halb
unter dem Dmmerlicht verblassenden Dinge an sich vorberziehen. Ein
unruhiges, strmisches Wetter mit Schneetreiben war aufgekommen und
legte seine Himmelsflocken dicht und erbarmungslos auf die Landschaft
ringsum. Hier tauchten im raschen Fluge Drfer, Stdte, ein einzelnes
Haus, dort ein Feuerfunken in die Luft sendender Fabrikschornstein
empor; dann kleine, wie verlorene Posten in der Schnee-Einde
erscheinende Wrterhuschen, scharf begrenzte Telegraphendrhte, bald
sich neigend, bald emporstrebend zu den glockengezierten Sttzen,
blitzartig wie dunkle Erdfden sichtbar werdend und verschwindend. Und
jetzt wieder flaches, endloses, schneebedecktes Land, aus dem ein
einzelner entbltterter Baum wie ein roh entkleidetes Wahrzeichen der
Jahreszeit melancholisch sich abzeichnete. Und fort, immer fort in
rasender Eile, stundenlang, bis dem schrillen Pfiff der Lokomotive das
Sthnen der Bremse folgte, und sowohl die Szenerie drauen, wie auch das
tobende Gerusch des dahinstrmenden Zuges seinen Charakter vernderte:
Jetzt hohle, wie unterirdisch klingende Schlge, hervorgerufen durch
einige dster aufstrebende, auf den Nebengeleisen flehende
Eisenbahnwagen; kleine rote und grne Lichter, wie unheimliche
Erdgeister, allmhlich hellere Luft, als Reflex des auftauchenden Lebens
in Husern und Htten, und dann ein letzter kurzer Schrei der
Lokomotive, nochmals kreischendes Bremsen und endlich Stillstand und
Ruhe.

Und jetzt Rufe, eilende Schritte, lautes Sprechen, das Rasseln der
Postpacketwagen, Auf- und Zuschlagen von Thren, und um die Coupfenster
zugleich ein pfeifendes Sausen aus der sturmdurchwehten Bahnhofshalle.

Dann ging's abermals wie auf einem von Furien gepeitschten, lebenden
Ungetm hinaus in den Sturm, in den Schnee und in die Nacht. Und wieder
dieselben oder hnliche Bilder: Reihen von ungleichen Husern,
weiglitzernde Dcher, Hunderte von Lichtern, lange, von sprlicher
Helle beschienene, verlassene Gassen, aus der umnebelten Luft wie
erstarrt emporragende Kirchtrme, wieder Gterwagen, eine einzelne wie
ein Dmon mit roten Feueraugen vorbeisausende Lokomotive--ein Ruck, noch
ein rcksichtsloser Ruck an den Weichen, und nun endlich ein
gleichmiges, jagendes, keuchendes, stoendes Stampfen des
dahinfliegenden Kurierzuges.

Nach einstndiger Fahrt hielt der Zug wiederum eine Minute. Die Thr in
Anges Coup ward aufgerissen. Es schien eine der letzten Stationen vor
Frankfurt zu sein. Rasche Worte erfolgten zwischen einem in hastigem
Laufe herbeieilenden Passagier und dem Schaffner. "Schnell hier! Es ist
hchste Zeit--"

Ein Pfiff des Zugfhrers--ein Schlag;--ein Herr stieg ein, noch ein
Pfiff der Lokomotive, und nun brauste der Zug von neuem davon.

Der Fremde, scheinbar den besseren Stnden angehrend, grte Ange
flchtig und schien anfangs, trotz der schwachen Beleuchtung, ganz in
die Lektre einer Zeitung vertieft. Allmhlich aber begann er seine
Blicke auf Ange zu richten und sie endlich in einer so zudringlichen
Weise zu betrachten, da sie dies lebhaft beunruhigte. Der Mann sah
unheimlich aus. Er trug einen dunklen Knebelbart, hatte suchende Augen,
jene Augen, die eine furchtbare, stumme Sprache reden, und neben
gewhlter Kleidung eine bis an den Hals zugeknpfte scharfrote
Sammetweste mit weien Knpfen. Ange vermochte sich nicht zu erklren,
weshalb ihr gerade diese Weste ein so unheimliches Gefhl einjagte.

Endlich brach der Mann das Schweigen und fragte in franzsischer
Sprache, ob ihr wohl--sie mge verzeihen--ein Htel in Frankfurt bekannt
wre. Er sei fremd und habe versumt, sich zu erkundigen. Ange verneinte
und gab, wenn auch hflich, durch ihre Miene zu verstehen, da sie
keinerlei Gesprch anzuknpfen wnsche.

"Werden Sie auch in Frankfurt bernachten, gndiges Frulein?" begann
der Fremde trotzdem von neuem.

"Vielleicht--mein Herr!" und Ange wandte zur greren Erhrtung ihrer
entschiedenen Abwehr den Blick gegen das Fenster und schaute hinaus.

Der Fremde verharrte eine Zeitlang unschlssig, nahm aber dann noch
einmal das Wort und machte eine mit feinem Spott vermischte
Entschuldigung. Zugleich vernderte er den Platz und suchte in
verletzender Zudringlichkeit Anges Aufmerksamkeit zu erregen.

Ange erbebte, aber sie beschrnkte sich diesmal auf einen einzigen
Blick, durch welchen sie den Fremden an seinen Platz zurckzuweisen
suchte.

In der That schien der Mann endlich belehrt zu sein; er schwieg.

Nun drckte sich Ange mit geschlossenen Augen in die Ecke des Sitzes.
Aber noch durch die Lider sah sie in ihrer aufzeigenden Angst die rote
Weste und die funkelnden Augen des Fremden vor sich. Von drauen ertnte
das hastende Gerusch der dahinfliegenden Wagen; einmal ein kurzer Pfiff
der Lokomotive; nun jagte ein anderer Zug, von Frankfurt kommend, ber
die Schienen. Wie die wilde Jagd raste und stob er mit kurzem, sausendem
Gezisch, den Sturmwind im Rcken, an ihnen vorber. Dann trat das
frhere regelmige Gerusch wieder ein.

"Mein gndiges Frulein! Ich bitte, mein gndiges Frulein!" drang nun
die Stimme des Fremden in halb bittendem, halb zudringlichem Tone an
Anges Ohr.

"Mein Herr, ich mu dringend ersuchen, da Sie mich nicht ferner
belstigen! Sie haben eine Dame vor sich! Noch einmal, zum letztenmal;
ich habe bereits deutlich gezeigt, da ich keine Konversation wnsche."

Aber der Fremde rhrte sich nicht von der Stelle. Ange schien ihm in
ihrem Zorn nur noch reizvoller.

"Wie kann man sich so erregen, so ungehalten sein!" begann er abermals
kopfschttelnd, suchte Anges Augen, rckte nher und tastete unter
weiteren besnftigenden Worten sogar nach ihrer Hand. Eine heie
leidenschaftliche Hand streifte in der That whrend einer Sekunde Anges
Rechte.

"Mein Herr, mir fehlen die Worte fr Ihr Benehmen! Ich befehle Ihnen,
sich sofort zurckzuziehen!" rief Ange, flog empor und richtete ihre
schlanke, in die dunklen Trauerkleider gehllte Gestalt so gebietend vor
dem Manne auf, da er zurckprallte. "Wenn Ihr besseres Gefhl nicht von
selbst erwacht, wenn Sie Ihre emprenden Zudringlichkeiten nicht
einstellen, werde ich die Zugleine ziehen! Ich thue es bei Gott jetzt,
sogleich--"

Als der Fremde trotz der Entwaffnung, die sich in seinen Mienen
widerspiegelte, dieser Aufforderung dennoch nicht folgte, fate Ange den
Riemen, ri das Fenster auf und rief, whrend sie nach der Leine
tastete, in das Dunkel hinaus nach Hilfe.

Die schwarze Nacht schielte mit ihrem mitleidlosen Gesicht in den
schwach erleuchteten Raum, Flocken ihres weien Totenbettes wirbelten in
das Coup, kalte, eisige Zugluft drngte sich hinein.

Jetzt pfiff die Lokomotive; der schwarze, mit tausend unsichtbaren
Atomen geschwngerte Rauch warf seinen stinkenden Atem ins Coup, drang
mit der eisigen Luft in Anges Kehle und ttete jeden Laut. Vorwrts!
vorwrts! Der Zug raste dahin! Was scheren den stummen Zeiger an der
groen Zeituhr menschliche Vorgnge, gar der Schrei eines gengstigten
Menschenkindes, was die Laune eines Zudringlichen?

Zum Glck fr Ange hatte der Zug nun bereits das Frankfurter Weichbild
erreicht. Der Fremde machte sich hastig mit seinen Sachen zu schaffen,
und Ange wandte sich, noch atemlos vor Aufregung, ins Coup zurck.
Wenige Augenblicke und der letzte Pfiff ertnte. Die Wagen hielten, die
Thren wurden aufgemacht, der Fremde sprang mit kurzem, scheuem Gru
eilend hinaus, so eilend, da Ange ihn in der nchsten Sekunde aus den
Augen verlor, und sie selbst verlie, noch unter den Nachwirkungen der
Schrecken, die ber ihr geschwebt, den unheimlichen Raum und fuhr in die
Stadt.

       *       *       *       *       *

Als Ange nach einer Nacht voll aufregender Trume und Beunruhigungen zu
einer berlegung der Aufgaben des Tages gelangte und zunchst sich
erinnerte, da sie sich einige Geldmittel verschaffen msse, sa sie
lange grbelnd da und vermochte sich nicht zu einem Entschlusse
aufzuraffen. Nur wer sich in einer Lebenslage jemals befunden hat, in
der das Notwendigste nicht allein fehlt, sondern auch der Blick in die
Zukunft das Traurigste vor Augen stellt, wird den Zustand von
Mutlosigkeit und Unsicherheit begreifen, in welchem sie sich befand.

Die Rckwirkung der Aufregung des verflogenen Abends, die Geldsorge, die
dadurch hervorgerufenen Eindrcke, namentlich das Gefhl, etwas anderes
zu scheinen, als die Umgebung voraussetzte, die fremde Stadt, die
bevorstehende polizeiliche Vernehmung--dies alles bte eine solche
Wirkung auf Ange aus, da sie, zum Fortgang schon gerstet, auf der
Treppe noch einmal umkehrte, sich in ihr Zimmer zurckbegab, und weinend
nach Fassung rang.

Und diese ward ihr endlich! Ja, noch mehr. Was bisher zu keinem Ausdruck
gelangt war, weil der richtige Prfstein fehlte, gestaltete sich
allmhlich klar und krftig in ihrem Inneren. Sie gedachte ihrer Kinder,
und bei der Erinnerung an diese strkte sich ihr Pflichtgefhl. Der
Adel ihrer Seele half ihr zu einem unabnderlichen Entschlu und zu
einem festen Willen. Nun zeigte sich, da sie aus einem besseren Holz
geschnitten war als der Durchschnitt derer, die in der Welt
umherwandeln.

Kein Rckblick mehr auf frhere sorglose Zeiten, keine Vergleiche!
Geradeaus wollte sie ihr Auge richten! Ein heiliger Ernst durchdrang
sie: jener sittliche Ernst bemchtigte sich ihrer, ohne den niemand
wagen darf, auf den Kampfplatz des Lebens zu treten, mit dem aber jeder
ein Feld sich erffnet, dessen Enden ohne Grenzen zu sein scheinen.

Ange beschlo, zunchst einen Wagen zu nehmen und nach einem
Pelzgeschft zu fahren; von dort wollte sie sich ins Polizeigebude
begeben. Nachdem sie Erkundigungen bei dem Portier eingezogen--sie wurde
rot bei ihrer Frage--, fuhr sie ab.

Kaum zehn Minuten spter betrat sie das Magazin und legte den Mantel,
den sie im Wagen abgezogen hatte, dem Kufer, einem jungen Menschen mit
einer verdrielichen Geschftsmiene, vor.

"Ich bin auf der Reise. Dieser Pelz ist mir berflssig, ich wnsche ihn
zu veruern. Wollen Sie die Gte haben, ihn zu prfen und einen Preis
zu nennen?"

Der Angeredete schob das kostbare Stck hin und her, nickte und sagte
endlich: "Ich glaube, da wir den Mantel erwerben wrden. Aber der Chef
ist augenblicklich verreist. Wollen Sie ihn nicht bis bermorgen zur
Verfgung halten? Ich kann den Handel allein nicht abschlieen!"

Ange erwiderte, da dies nicht mglich sei, und bat um eine andere
Adresse. Nachdem eine mrrische Antwort erfolgt war, entfernte sie sich.

Ange fuhr durch eine Reihe weitlufiger Straen und Gassen, bevor sie
ihr Ziel erreichte. Die groen Geschftshuser mit ihren geschmckten
Lden trmten sich vor ihr auf. Sie sah die eilenden Fuhrwerke und
Menschen, blickte in den Dunst und Wirrwarr des Verkehrs und ward hier
angezogen, dort abgestoen von den Bildern des geruschvollen Lebens.
Aber diese Eindrcke gingen gleichsam nur wie ein Schatten neben den
Gedanken einher, die sie beschftigten.

Und da pltzlich tauchte beim Hinausschauen eine Gestalt vor ihr auf,
die sie kannte. Im Fluge des Vorberfahrens sah Ange ihren
Reisegefhrten; sie bemerkte auch whrend weniger Sekunden die
Dreieckzipfelchen seiner roten Weste unter dem zugeknpften Rock. Der
Mensch hatte Frankfurt also nicht verlassen! Doch gleichviel; wirkte
auch die Erinnerung auf sie und lie diese ein angstvolles Unbehagen in
ihr emporsteigen--das war glcklich berwunden. Jetzt, in der belebten
Stadt empfand sie keinerlei Furcht.

Endlich hielt der Wagen. Aber hier war nicht, was Ange suchte. Sie
befand sich in einer kleinen Gasse und begriff nur zu bald, da der
Kutscher sie falsch verstanden habe. Ange sah auf die Uhr; es war schon
spt. Unter raschem Entschlu befahl sie, nach dem Polizeigebude zu
fahren. Sie wollte den Wagen warten lassen, auf ihrer Rckkehr den
Mantel veruern, und dann den Mann ablohnen.

"Warten Sie!" sagte Ange, nachdem das Polizeigebude erreicht war. Und
in einer unzeitigen Ehrlichkeit fgte sie hinzu: "Es kann etwas lange
dauern."

"Dann lohnen Sie mich ab!" rief der Kutscher. "Mein Pferd geht schon
seit gestern abend; ich mchte ausspannen."

Ange erschrak. "Ich habe kein kleines Geld--"

"Ich werde wechseln gehen," wandte der Mann ein und sprang vom Bock.

"Nein, nein, warten Sie!" erklrte Ange, eilte rasch an die Thr und
schnitt somit alle weiteren Fragen ab, die ihr Ungelegenheiten bereiten
konnten. Das Geld, das sie in C. zu sich gesteckt, hatte eben fr die
Reise gereicht; sie vermochte den Kutscher nicht einmal zu bezahlen.

Nachdem Ange von dem Portier verstndigt worden war, betrat sie das
Zimmer des Kriminalkommissarius. Einer der dort anwesenden Beamten wute
nicht genau Bescheid, der Vorsteher war nicht anwesend. Es blieb Ange
die Wahl zu warten oder wieder zurckzukehren. Sie schwankte.

Bevor sie sich zum Gehen entschlo, fragte sie nach Tibet, und nach
einigem Hin- und Herreden empfing sie den Bescheid, der Inkulpat sei in
Haft, und es sei nicht mglich und gestattet, ihn zu sehen oder zu
sprechen.

Der Beamte, der hflich, wenn auch kurz Auskunft erteilt hatte, sah
befremdet empor, als Ange, in Gedanken verloren, vor sich hinstarrte.
Nun raffte sie sich auf und erklrte, in einigen Stunden wieder anfragen
zu wollen.

In der Thr wandte sie sich noch einmal um. "Ich bitte, dem Herrn
Kommissar bei seiner Rckkehr meine Karte bergeben zu wollen und zu
melden, da ich mich eingefunden habe."

Der Beamte schielte auf die Adresse, nickte gleichgltig und sah auf
seine Arbeit.

"Adieu!"

Dieser Gru ward kaum erwidert. So ging Ange.

Ins Htel zurckgekehrt, lie sie den Kutscher ablohnen und machte sich
nach etwas Ruhe und Erholung abermals nach dem Polizeibureau auf den
Weg.

Als sie nach lngerem Warten endlich vorgelassen wurde, stand sie einem
ernsten Mann mit forschendem Blick gegenber, und es entspann sich ein
lngeres Gesprch.

"Ich komme, Herr Kommissar, wegen meines am vorgestrigen Tage
verhafteten Dieners Ernst Tibet."

"Ich habe die Ehre, die Frau Grfin von--" Der Beamte suchte nach Anges
Namen, bat sie mit einer hflichen Bewegung, Platz zu nehmen, griff
hinter sich nach einem Aktenfascikel, bltterte darin und neigte
zustimmend den Kopf, als jene inzwischen das Wort "Clairefort" selbst
hinzufgte.

"Ganz recht! Der Verhaftete beruft sich auf die Zeugenschaft der Frau
Grfin Ange von Clairefort, geborenen Baronin von Butin, Gemahlin des
verstorbenen Rittmeisters Carlos von Clairefort. Ist dies richtig,
gndige Frau!" Der Kommissar erhob fragend den Blick.

Ange verbeugte sich.

"Die Vorgnge, die Umstnde, welche die Verhaftung des Ernst Tibet
herbeifhrten, sind Ihnen bekannt, gndige Frau?--Nein?--Ich werde Ihnen
dann zunchst das Protokoll vorlesen. Indes, eine Vorfrage: Vermgen
Sie sich zu legitimieren? Ich bitte um Ihre Papiere."

Ange wute bei den mehrfach und gleichzeitig gestellten Fragen nicht
unmittelbar zu antworten; von allen blieb die letztere in ihr hasten.
"Legitimation? Ich verstehe nicht, Herr Kommissar!"

"Es wrde ein amtlich beglaubigtes Schriftstck aus C., etwa von dem
dortigen Polizeimeister, gengen.--Sie haben kein solches?--Vielleicht
knnen Sie sich durch eine hiesige Persnlichkeit rekognoszieren
lassen.--Auch nicht?--Hm, das erschwert allerdings die Angelegenheit."

In Anges Mienen trat ein Ausdruck von Enttuschung und Unruhe zugleich,
und da ein Kriminalkommissarius wie ein Luchs auf der Lauer liegt und
jede verdchtige Bewegung beobachtet, auch niemals annimmt, da ihm die
Wahrheit gesagt wird, sondern stets das Gegenteil vermutet, so sprachen
diese Dinge nicht eben zu Anges gunsten.

"Eine Legitimation ist durchaus erforderlich, gndige Frau," fuhr der
Beamte achselzuckend fort. Die Schwierigkeiten, die sich unvermutet
erhoben, ngstigten Ange. Sie sah ihr Gegenber einen Moment ratlos an.

"Ich mte schon nach C. zurckreisen, Herr Kommissar. Ich wei keinen
anderen Weg. Hier kenne ich niemanden. Giebt's keine Mglichkeit? Ich
bitte freundlichst um Ihren Rat."

Der Beamte machte eine zweifelnde Bewegung, und in seinem Gesicht malte
sich nichts, was Ange htte ermutigen knnen.

"Ich glaube allerdings, es wird nichts anderes brigbleiben, als da Sie
an Ort und Stelle--"

"Aber bedenken Sie, Herr Kommissar, ich bin gestern in aller Eile
abgereist, nun wieder zurck und abermals hierher!"

"Allerdings eine miliche Aufgabe, gndige Frau. Aber woher soll ich die
berzeugung nehmen, da ich die Ehre habe, mit der Frau Grfin von
Clairefort zu sprechen? Die ganze Angelegenheit macht, ich mu es Ihnen
offen bekennen, einen wenig vertrauenerweckenden Eindruck. Der Inkulpat
hat sich uerst verdchtig benommen. Nachdem er die sehr wertvollen,
wie ich hier berichtet finde, auf eine ganz ungewhnlich groe Summe
abgeschtzten Diamanten anfnglich als sein Eigentum bezeichnet hatte,
zog er spter diese Aussage zurck und weigerte sich, den Namen seines
Auftraggebers zu nennen. Der Juwelier mute Verdacht schpfen und war in
der That selbst die Veranlassung, da die Verhaftung erfolgte. Was ist
denn Ihnen ber den Fall bekannt, gndige Frau?"

Ange berichtete, was sie wute. Sie erzhlte, da sie ein Telegramm und
in diesem die Aufforderung erhalten habe, sofort nach Frankfurt zu
eilen. Und whrend sie das errterte, kam ihr, wie ihr schien, eine
zutreffende Bemerkung.

"Da ich die Grfin von Clairefort bin, Herr Kommissar," fuhr sie fort,
"mag gengend daraus erhellen, da nur ich die ohne Zweifel mit Ihrer
Genehmigung abgesandte Depesche empfangen konnte und solche auch in der
That erhielt. Wollte der Verhaftete eine andere Persnlichkeit
einschieben, welche Mglichkeit Sie anzunehmen scheinen, so mute er
entweder diese zugleich benachrichtigen oder sich in der Zwischenzeit
mit mir in Verbindung setzen. Wie sollte das geschehen sein? Ich
erklre, da ich die Grfin von Clairefort bin, da ich meinen Diener
beauftragt habe, meine Diamanten zu veruern, und da er nur aus
Delikatesse meinen Namen verschwieg. Die Umstnde, welche ihn dazu
veranlaten, sind so trauriger Art"--Ange stockte und senkte das
Auge--"da Sie darin nur etwas Selbstverstndliches finden wrden, Herr
Kommissar, wenn Ihnen solche bekannt wren."

Der Beamte sah Anges Bewegung und legte ihr durch einige artige Worte
seine Teilnahme an den Tag. Dann aber nahm er zu dem Gegenstand selbst
Stellung und sagte:

"Was Sie als untrglichen Nachweis anfhren, meine gndige Frau, ist fr
mich keiner. Ich bitte, nur den einen Fall ins Auge zu fassen, und ein
solcher ist unzhligemal vorgekommen. Was kann bei solchen Gelegenheiten
nicht alles vorbedacht und abgesprochen sein! Stt dem Schwindler oder
Dieb eine Ungelegenheit zu, bezeichnet er als Entlastungszeugen eine mit
ihm im Bunde stehende Persnlichkeit, die sich also im vorliegenden Fall
etwa--Frau von Clairefort nennt. Diese erscheint, macht ihre Aussagen,
und der gemeinsame, an einer dritten Person ausgefhrte Diebstahl--wer
wei wo; in Paris, Madrid oder sonst in der Welt!--bleibt nicht nur
unentdeckt, sondern die Komplicen ziehen noch mit triumphierender Miene
ab.--Ohne Zweifel verhlt sich das alles in diesem Falle nicht, wie ich
hier dargelegt habe, aber bedenken Sie, da es doch mglich sein knnte
und welche Verantwortung auf mir lastet. Meine vielen Geschfte
gestatten mir im allgemeinen nicht, mich mit Zeugen in Errterungen ber
Eventualitten einzuladen. Ich gehe streng nach meinen Vorschriften.
Wird erfllt, was ich gesetzlich zu verlangen habe, schreite ich an die
Prfung und entscheide. Legitimieren Sie sich, und ich werde Ihre
Aussagen protokollieren, diese mit denen des Tibet vergleichen, Sie
beide konfrontieren und, wenn ich die berzeugung gewinne, da ein
falscher Verdacht vorliegt, mit grter Genugthuung Ihren Diener
entlassen und Sie in den Besitz Ihres Eigentums setzen."

Ange lie mutlos den Kopf sinken.

"Also es giebt gar keinen--gar keinen Ausweg, Herr Kommissar?" fragte
sie und sah ihn mit feuchten Augen an. "Bedenken Sie gtigst! Ich, eine
einzelne Dame! Noch stehe ich unter den Nachwirkungen einer so ernsten
Trauer, mein Gatte ist eben gestorben. Ich reie mich von allem los und
eile hierher; nun soll ich nochmals zurck! Und dazu die
Peinlichkeit, in dieser Angelegenheit mit den Ortsbehrden zu
verhandeln!--Diamantendiebstahl! Verhaftung! Das alles klingt, als ob
wirklich ein Vergehen vorlge, und doch ist alles so korrekt wie nur
mglich. Ich bitte, ich flehe Sie an, helfen Sie mir! Ich schwre Ihnen
zu, da ich die Wahrheit rede! Sehe ich aus wie eine Betrgerin? Ihr
scharfer Blick mu es erraten, da ich die volle Wahrheit rede!"

Der Beamte sann einen Augenblick nach, dann sagte er:

"Meinen persnlichen Empfindungen darf ich nicht folgen. Diese sprechen
zu Ihren gunsten, gndige Frau--ich bitte, beruhigen Sie sich." (Ange
brach in Thrnen aus.) "Ich will Ihnen einen Vorschlag machen: ich werde
an den Polizeimeister in C. telegraphieren. Vermag dieser zu
recherchieren, da Sie in C. wohnen, gestern abgereist sind--wann,
bitte, mit welchem Zug?--Sehr wohl!--auch Ihr Signalement und dasjenige
Ihres Dieners beizufgen--wrden Sie endlich das Original der Depesche
mir einhndigen knnen, welche Sie von Ihrem Diener empfingen, so wre
ich hinreichend gedeckt und verspreche Ihnen eine rasche Untersuchung
und Erledigung."

Ange atmete erleichtert auf.

"Wann darf ich also wieder erscheinen, Herr Kommissar?"

"Ich denke, bermorgen vormittag werde ich im Besitz alles dessen sein,
was erforderlich ist."

"Nicht frher?" warf Ange enttuscht ein.

"Ich glaube nicht, da es mglich sein wird."

"Und darf ich meinen Diener sprechen?"

"Ich bedaure, gndige Frau--"

"Aber er knnte doch benachrichtigt werden, da ich hier bin und da
alles eingeleitet ist! Sie wrden mich sehr verbinden. Der arme Mensch
wird in einer entsetzlichen Unruhe sein, und Sie begreifen, da ich ihn
daraus befreien mchte."

"Diese Bitte will ich auf Ihren besonderen Wunsch erfllen, gndige
Frau."

Der Kommissar klingelte.

"Ich danke Ihnen fr diese besondere Rcksicht, Mein Herr," sagte Ange,
stark betonend.

Der Beamte neigte hflich den Kopf und erhob sich. "Also auf bermorgen
zehn Uhr. Ich stehe dann zu Diensten. Ich empfehle mich Ihnen, gndige
Frau."

Eine stumme Verbeugung, nochmals ein Dankeswort, dann war Ange drauen.

"Nach der Pelzhandlung von M.!"

"Strae? Nummer?"

Ange antwortete, stieg ein und der Wagen rollte fort. Nach zehn Minuten
befand sie sich an Ort und Stelle. Sie brachte ihr Anliegen vor und
wartete voll Ungeduld auf die Entscheidung. Diese erfolgte erst nach
lngerer Zeit.

"Wir haben im ganzen nicht viel Neigung zum Kauf, obgleich der Pelz sehr
schn ist," sagte der Hndler, welcher sich mit seiner Umgebung beraten
hatte. "Fr derartige Ware haben wir hier so gut wie keine Verwendung.
Indessen, wollen Sie ihn mit achtzig Thalern abgeben, kann das Geschft
gemacht werden."

Seit Wochen hatte sich Ange nicht so glcklich gefhlt. Sie htte
aufjauchzen knnen in der Erleichterung ihrer Seele. Achtzig Thaler! Sie
hatte zwar mehr erwartet, da der Pelz mehrere Hunderte gekostet hatte,
aber sie empfing Geld--berhaupt Geld, und--dann fand sich alles andere.

Ange nickte, that noch eine Frage wegen Rckkaufs, empfing den Betrag
und entfernte sich.

Nach einer Abwesenheit von fast zwei Stunden kehrte sie nun abermals ins
Htel zurck.

       *       *       *       *       *

Wer das Leben beobachtet, wird finden, da diejenigen das hchste
Ansehen genieen, welche allezeit den Kopf ber das Herz stellen, und in
der That sind diese Menschen die eigentlichen Erhalter unserer sozialen
Verhltnisse. Was sollte heute aus einer Welt werden, in der die
Menschen nach den idealen Vorschriften einer biblischen Bergpredigt
handeln wollten?

Anders steht es mit dem Glck solcher Personen. Die tausendfachen Reize,
welche den Gemtsmenschen zu teil werden--und mgen diese auch nur
bestehen in dem Wechsel zwischen Erfolg und Enttuschung--entgehen
ihnen. Der Gemtsmensch geniet jede Sekunde, der Verstandesmensch
entbehrt oft alles. Jener befindet sich bis zum Grabe in einem
kstlichen Rausche, dieser--oft ohne wesentlichen Kampf mit der
Auenwelt, der Illusionen bar, lernt den eigentlichen Zauber des Lebens
gar nicht kennen.

Ange hatte den furchtbaren Ernst ihrer Lage begriffen, und der feste
Entschlu, ein neues, auf Pflichttreue beruhendes Leben zu beginnen, war
stark und lebendig in ihr geworden; aber ihre lebensfrohe Weltanschauung
und ihre sorglose Unerfahrenheit gewannen doch leicht wieder die
Oberhand und verfhrten sie, mehr dem Impuls des Augenblicks zu folgen,
als das Ende der Dinge ins Auge zu fassen. Gestrkt durch neue
Hoffnungen und im Besitz einiger Mittel, verwischten sich vorbergehend
die Eindrcke der letzten Tage, und mit dem halbbewuten Anreiz, sich
ihre glckliche Stimmung zu erhalten, durchschritt sie nach dem
eingenommenen Mittagessen die Hauptstraen, guckte in die Lden und
betrachtete mit naiver Freude alles, was sich neues ihrem Auge bot.

Die schnen Gegenstnde, welche in den Schaufenstern ausgebreitet lagen,
reizten ihre Kauflust. Was ihr gefiel, hatte sie bisher stets
erhalten--sich erbeten oder selbst gekauft; niemals fand sie den
geringsten Widerstand. Nun fielen ihr die Kinder ein! Statt eines Tages
wrde sie viele Tage fortbleiben! Dafr muten ihre Lieblinge doch in
etwas entschdigt werden!

Unter diesem Gefhlsdrange betrat sie ein Magazin und whlte aus: da
war etwas fr die kleine Ange, hier etwas fr Jorinde und Fred, und da
keines der Kinder bevorzugt werden durfte, kaufte sie auch einige
hbsche berflssigkeiten fr Ben und Erna.

Als der Verkufer die Rechnung summierte, erschrak Ange. Aber dann
stellte sie sich die Freude und den Jubel der Kleinen vor, gedachte
nochmals der mancherlei Entbehrungen, welche sie durch ihre Abwesenheit
erleiden wrden, und befahl ohne Zaudern, die Gegenstnde abzusenden.

Und dennoch tauchte, als sie drauen zum Nachdenken gelangte, ein
bekanntes ernstes und tadelndes Gesicht vor ihr auf; ja sie hrte eine
Stimme, die sie sanft schalt und ihr zurief: "Niemals wirst Du die
Erfahrungen des Lebens Dir zu nutze machen! Immer wissender wirst Du
werden, nicht weiser!" Es war Teut, der auch diesmal vor ihrem inneren
Auge erschien.

Ange erschrak vor sich selbst. Selbsterkenntnis war ihr gekommen,
seitdem sie Teut kennen gelernt, Entschlsse waren in ihr gereift,
nachdem Carlos davongegangen und sie in Not zurckgelassen hatte, aber
der Gang durch die Schule des Lebens war noch zu kurz, um seine volle
Wirkung zu ben.

Den Rest des Tages benutzte sie, um an die Kinder und nochmals an Teut
zu schreiben. In ihrem ersten Briefe an ihn hatte sie nur Kunde gegeben
von Carlos' pltzlichem Tode; nun bat sie den Freund, ihr in ihrer Lage
zu raten. Mit ihrem Zartgefhl zauderte sie lange, die Zukunft zu
berhren. War in diesem Falle Rat erbitten nicht gleichbedeutend mit
einem Anspruch auf Teuts erneuerte opferthtige Freundschaft?

Dennoch schrieb Ange.

Nachdem sie aber die Feder aus der Hand gelegt, nochmals alles berlesen
hatte, und nun den Brief einfalten wollte, stiegen pltzlich Stolz und
Scham wie heie Feuer in ihr empor. Sie zauderte, und aus diesem Zaudern
entstand ein unabnderlicher Entschlu. Ange zerri, was sie dem Papier
anvertraut, und warf's in den Kamin.

Es war ein qualvoller, heftiger Widerstreit, der sich in ihrem Inneren
erhob. Hier winkten Sorglosigkeit, Flle vielleicht, mindestens aber
alles, was ihre Kinder schtzen wrde vor der Grausamkeit des Lebens.
Dort, in der Zukunft, lagen harte Arbeit, Entbehrung und alle die
entsetzlichen Begleiter dieser Qulhexe des Daseins.

Und dennoch, und dennoch! Schon die bisherigen Wohlthaten Teuts
brannten wie glhendes Eisen auf ihrer Seele. Und diese noch
vermehren?--Niemals! Um keinen Preis! Es war jetzt, wie's war! Etwas
blieb! Darben wrde sie nicht, wenn sie alles veruerte. Am besten, sie
floh vor dem Freunde fr immer, um so mehr, weil sie ihn liebte und weil
diese Liebe sie zu einer nachgiebigen Schwche hinreien konnte, die sie
sicher bereuen wrde.

       *       *       *       *       *

Vier Tage nach dem eben Erzhlten saen sich Ange und Tibet in einem
Zimmer des Hotel de Russie gegenber.

Letzterer war am Tage vorher aus der Haft entlassen worden, und hatte
Anges Eigentum zurckerhalten. Eben hatte er, der Aufforderung seiner
Herrin folgend, Platz genommen und sich einer ehrerbietigen Haltung
entuert, die unter den bestehenden Verhltnissen auch als etwas
Nebenschliches erscheinen mute.

"Endlich, endlich, mein guter, braver Tibet!" sagte Ange und reichte dem
treuen Menschen die Hand. "Und nun berichten Sie! Ist alles gut
verlaufen? Wieviel haben Sie empfangen?"

ber Tibets Gesicht flog ein zufriedenes Lcheln; er griff in die
Seitentaschen seines Rockes und legte Ange ein Papier vor, das diese
zwar neugierig betrachtete, aber ohne Verstndnis wieder aus der Hand
gleiten lie.

"Es ist ein Check auf die Firma Erlanger, Frau Grfin.
Fnfundfnfzigtausend Mark haben wir erhalten."

"Wie? Fnfundfnfzigtausend Mark? Viel; nicht, Tibet?" rief Ange naiv
und voller Freude.

"Ich glaube, da wir mehr bekommen htten, Frau Grfin, wenn--"

"Wenn?"

"Die Frau Grfin wnschten eine rasche Erledigung. Wenn ich das Angebot
in scheinbar lngere berlegung gezogen htte, wrde mglicherweise ein
grerer Preis erzielt worden sein!"

"Vielleicht, vielleicht, Tibet! Aber unter den gegebenen
Verhltnissen--"

"Wenn die Frau Grfin meine Bitte erfllt haben wrden, wenn ich
vorlufig htte eintreten drfen--"

"Nun kommen Sie schon wieder mit den alten Dingen! Ist's denn nicht gut
so? Fnfundfnfzigtausend Mark! Das ist weit ber meine Erwartung!
Wieviel meinen Sie, Tibet, da die Veruerung meiner Einrichtung
bringen wird? Hatte der Graf versichert? Wissen Sie etwas darber?"

"Es ist eine sehr groe Summe, Frau Grfin. Ich erinnere mich nicht
genau, wieviel es gewesen ist. Allein die Gemlde im Salon haben einen
bedeutenden Wert."

"Ah, so da ich doch nicht ganz eine arme Kirchenmaus sein werde! Wie
hoch belaufen sich unsere Schulden, die rckstndigen Zahlungen der
letzten Zeit?"

"Sie sind nicht unbedeutend, Frau Grfin. Aber falls Frau Grfin, was
ich nicht hoffe, die Einrichtung veruern, wird wohl gewi das Doppelte
von dem herauskommen, was ich heute fr die Diamanten erzielt habe."

"Also viel, Tibet, sehr viel! Nehmen wir an, da mir hunderttausend Mark
bleiben--werde ich diese wohl behalten, nachdem die Schulden, auch
diejenigen an Baron von Teut, abgetragen sind?--Ja?--Sie wissen
nicht?--Nun, nehmen wir an, da mir so viel bliebe--wieviel Zinsen giebt
das vom Kapital?"

"Viertausend Mark, wenn dieses sicher angelegt werden soll, Frau
Grfin."

"Viertausend Mark--und damit sollten wir uns in einer kleinen Stadt
nicht bescheiden einrichten knnen? Wie glcklich bin ich, da
wenigstens das meinen Kindern erhalten bleibt!"

Tibet seufzte. Er schien Anges Hoffnungen keineswegs zu teilen.

"Nun. Sie Zweifler, was ist denn jetzt wieder?"

"Der Herr Baron wird sicher nicht leiden, da die Frau Grfin Ihre
Einrichtung verkaufen. Schon wegen der Diamanten werde ich einen
schweren Stand mit ihm haben."

Aber Tibet bereute, was er gesprochen hatte, denn die Frau, die ihm
gegenber sa, sagte in einem vllig vernderten und keinen Widerspruch
duldenden Ton:

"Was hat Herr von Teut mit diesen Angelegenheiten zu thun? Ist er mein
Vormund? Ich wnsche durchaus keine Einmischungen in meine
Geldangelegenheiten von seiner Seite. Und damit Sie es wissen, ein fr
allemal wissen, Tibet: ich verbiete Ihnen, ohne meinen Willen und meine
Zustimmung dem Baron irgendwelche Mitteilungen ber meine Verhltnisse
zu machen. Ja, noch mehr. Wenn ich C., was unmittelbar geschehen wird,
verlasse, darf er meinen Aufenthalt nicht erfahren. Ich wrde
irgendwelche uerung von Ihrer Seite, die ohne meine Genehmigung
geschieht, als eine Indiskretion, ja als einen Treubruch ansehen, und
Sie wrden meine Freundschaft verlieren, die Sie heute in so hohem Grade
besitzen."

"Frau Grfin--"

"Und berall und zur Klarstellung ber das, was ich unabnderlich
beschlossen, Tibet," fuhr Ange, ohne Tibets Einwand zu beachten, in
einer diesem Mann gegenber vielleicht ungeeigneten, aber ihrer Natur
entsprechenden Offenheit fort, "merken Sie sich folgendes: Sie werden es
verstehen, und ich sage es Ihnen, weil wir uns in diesem Augenblicke
nicht gegenbersitzen als Herrin und Diener, sondern als zwei durch
lange Jahre und nun auch durch ein trauriges Schicksal verknpfte
Personen. Es giebt niemanden auf der Welt, den ich so hoch schtze wie
den Baron von Teut; er ist mein bester, mein treuester Freund, wie Sie,
Tibet, es meinem verdorbenen Gemahl gewesen sind. Aber die Dauer der
Freundschaft ist fast immer bedingt durch Gleichartigkeit der
Lebensverhltnisse. Da diese sich verndert haben, so knnte unser
bisheriges gutes Einvernehmen Schaden leiden, und um unter allen
Umstnden solches zu verhten, will ich ihn in Zukunft meiden. Ich kenne
ihn. Seine freigebige Hand kann sich nicht schlieen, ich aber will
keine Wohlthaten empfangen, und wenn ich hungern sollte! Daraus ergiebt
sich alles. Auch wir mssen uns trennen, mein braver Tibet! Ich vermag
Ihnen nichts zu bieten und darf Sie nicht zurckhalten, sich ein anderes
sicheres Brot zu suchen."

"Wie--auch mich wollen Sie von sich stoen, Frau Grfin?" rief Tibet.

"Ich will Sie nicht von mir stoen! Ach, Tibet, ich trenne mich nur
allzu schwer von Ihnen. Aber gestehen Sie selbst! Meine Einnahme wird in
der Folge gering sein, meine Familie ist zahlreich; ich kann Sie nicht
belohnen, wie ich es mchte. Ja, noch mehr: ich kann Ihnen berhaupt
nicht--"

"Ich wnsche auch gar nichts, Frau Grfin. Ich bitte nur, bei Ihnen und
den Kindern bleiben zu drfen, die mir ans Herz gewachsen sind." Den
Schlusatz sprach Tibet, dieser unverbesserliche Egoist, nicht ohne
Berechnung. Und er tuschte sich auch nicht bezglich der Wirkung seiner
Worte.

Immer, wenn die Kinder in Frage kamen, ward Ange wieder schwach oder
schwankend. Sie hingen voll Zrtlichkeit an dem alten Diener des Hauses.
Sie stellte sich vor, wie gut er stets mit ihnen gewesen, wie er ihre
Schwchen kannte und wie gnstig er sie stets beeinflut hatte; ja,
welche Entbehrung eintreten werde, wenn er nicht mehr in ihrer Nhe sein
wrde.

Ange schttelte denn auch nur den Kopf; sie bewegte ihn wie jemand, der
nicht nein und nicht ja zu sagen vermag.

Aber endlich gewann doch das Vernnftige wieder die Oberhand, und sie
sagte:

"Und dennoch nein--nein, Tibet. Sie sind nicht mehr jung--wollen Sie die
besten Ihnen noch bleibenden Jahre sich verkmmern, gar mit der Aussicht
in eine Abhngigkeit treten, welche sicher ein sorgenfreies Alter
abschneidet?"

"Dafr ist gesorgt, Frau Grfin. Ich habe ein kleines Kapital, wie Sie
aus meinem bescheidenen Anerbieten bereits erfahren haben. Ich strebe
nicht nach Geld! Lassen Sie mich wenigstens vorlufig bei Ihnen bleiben!
Die nchste Zeit erfordert so viel! Zuerst werde ich die ganze
Abwickelung in C. besorgen mssen, dann kommt der Umzug, die
Neueinrichtung, die Eingewhnung in die neuen Verhltnisse. Das
erfordert gewi ein Jahr, in dem ich mich Ihnen ntzlich machen kann."

Ange sah dem trefflichen Menschen ins Auge, und eine Thrne der Rhrung
stahl sich in ihr eigenes.

"Gut, unter einer Bedingung, Tibet!" entschied sie, whrend sie ihre
Empfindungen zurckdrngte "Sie versprechen mir, da Sie meine vorher
geuerten Wnsche erfllen, da Sie dem Baron von Teut--"

Tibet hatte bei den ersten Worten dankbar das Haupt geneigt, jetzt trat
ein unverkennbarer Ausdruck der Unruhe in seine Zge.

"Nun, Tibet?" unterbrach sich Ange.

"Darf ich offen sprechen, Frau Grfin?"

Ange nickte, ergriff einen kleinen Gegenstand, der auf dem Tische lag,
rollte ihn in ihrer Hand auf und ab und horchte mit einem Anflug von
Spannung auf.

"Ich gab Herrn Baron von Teut beim Abschied mein Wort, Frau Grfin, ihm
von allem Mitteilung zu machen, was die grfliche Familie anbetrfe. Ich
meine," setzte er schnell auf einen stolzen Blick aus Anges Augen hinzu,
"ihm sogleich Nachricht zu geben, wenn bei den einmal begehenden
Verhltnissen Ungelegenheiten eintreten sollten. Ich versprach es nach
einigem Zaudern, denn frher--damals, als der Herr Baron zuerst ins
Hauswesen eingriff--hatte ich jede derartige Zumutung abgelehnt. Nun
wute ich sicher, da ich etwas Gutes, Ihnen nur Ntzliches damit
bewirken knne, und sagte zu, was er von mir wnschte. Aber noch etwas
anderes, Frau Grfin: der Herr Baron ist, soviel ich wei, von dem
seligen Herrn Grafen zum Vormund der Kinder eingesetzt, und derselbe hat
ihm auch Vollmacht gegeben, Ihre Vermgensangelegenheiten selbstndig in
die Hand zu nehmen. Haben Sie nichts in dem letzten Willen des Herrn
Grafen--in seinem Testament gefunden?"

"Ah!" murmelte Ange erregt und wie abwesend vor sich hinstarrend.

"Und zudem, Frau Grfin,"--fuhr Tibet, Mut gewinnend, fort--"welchen
Nutzen wird es haben, wenn Sie alles verkaufen? Sie bedrfen doch einer
Einrichtung, auch an einem anderen Ort! Und glauben die Frau Grfin
nicht, da der Herr Baron bald ausfindig machen wird, wo Sie sich
aufhalten, und wird er nicht--"

Ange erhob sich und ging unruhig im Zimmer auf und ab.

Sie rckte an den mit Plsch bezogenen Sthlen, zupfte an der Tischdecke
und stie mit dem kleinen Fchen ein Schnitzelchen Papier unter das
Sofa.

"Nein!" sagte sie und richtete sich empor. "Ich wei nichts von diesem
letzten Willen meines Gemahls, und ich fand nichts Derartiges unter
seinen Papieren. Wozu sollte das auch dienen? Bin ich nicht selbst der
natrliche Vormund meiner Kinder?" Und nach kurzer Pause fuhr sie, in
ihren naiven Ton zurckfallend, fort: "Mte ich mich denn fgen, wenn
wirklich ein solches Abkommen vorhanden wre?"

"Ohne Zweifel, Frau Grfin."

"Nun, dann mag es sein! Mag der Vormund raten, aber--"

Ange fiel in den Sessel zurck und bewegte in starker Erregung den Kopf.
Was sie eben gesprochen, hatte sich unwillkrlich hervorgedrngt. Es war
nichts, was an Tibet gerichtet war. Er verstand dies auch, denn er
schwieg taktvoll.

"Meine Kinder sollen"--hob Ange von neuem an--"etwas Tchtiges lernen,
und wenn es ein Handwerk ist. Je frher sie leistungsfhige Menschen
werden, desto eher werden sie sich ihr Brot verdienen knnen. Darauf
wird sich meine Sorge richten mssen. Freilich, fr die Mdchen ist es
schwer!

Ich werde sehen, was sie zu begreifen und spter ntzlich zu verwerten
vermgen. Das ist mein Plan und mein unumstlicher Entschlu. Wo ich in
Ehren mir Erleichterungen verschaffen kann--Erleichterungen, die man
Unbemittelten in den Schulen durch Stipendien in hnlichen Fllen
gewhrt, werde ich sie suchen. Komme ich in die Lage, ein Darlehen zu
nehmen, so werde ich das als ein Geschft betrachten--kurz, Tibet, ich
gehe meinen eigenen geraden Weg, und nichts, nichts wird mich davon
zurckbringen oder abhalten!"

"Gewi, gewi, Frau Grfin," besttigte Tibet einlenkend und voll
Staunens. War das dieselbe Frau, die er seit so vielen Jahren in fast
hilfloser Weise sich hatte bewegen sehen, die immer wie ein
unerfahrenes, von jedem Impuls getriebenes Wesen gehandelt, die selbst
einem Teut seiner Zeit das um ihrer Kinder willen abgebettelt, was sie
doch als recht und vernnftig erkannt hatte!?

Er machte, von der Entschiedenheit ihres Wesens betroffen, auch
fernerhin keinen Einwand mehr, verneigte sich nur stumm und bat, ihn
wegen der Reisevorbereitungen zu entlassen.--

Die Nachwirkung der vorhergegangenen Aufregung trat erst spter bei Ange
ein. Zunchst hielt sie noch die Sehnsucht nach den Kindern, dann die
freudige Erwartung des Wiedersehens aufrecht.

Als der Zug sich am Tage der Rckkehr C. nherte, als Ange sich
vorstellte, alle ihre Lieblinge am Bahnhofe wiederzusehen, klopfte ihr
das Herz so gewaltig, da ihr fast der Atem stockte: und als endlich das
Ziel erreicht war, als die Kinder ihre Hndchen ausstreckten und sie
beim Aussteigen kssend und jubelnd umringten, da erschien Ange alles,
was vorgegangen, geringfgig gegen diesen Augenblick des Glcks.

       *       *       *       *       *

Ange hatte bereits auf der Rckfahrt noch einmal mit Tibet berlegt,
welche Schritte fr die Zukunft einzuschlagen seien. Sie blieb dabei,
ihren Haushalt aufzulsen und C. zu verlassen; Tibet sollte nicht nur
mit dem Besitzer der Villa wegen einer frheren Auflsung des
Mietvertrages sprechen, sondern auch die Dienerschaft sofort entlassen.
Das smtliche entbehrliche Mobiliar, Pferde und Wagen, alle Kunst- und
Luxusgegenstnde wollte Ange veruern und sich mit dem Erls aus diesen
und anderen zu verkaufenden Gegenstnden in eine kleine Stadt
zurckziehen. ber den Ort hatte sie sich noch nicht schlssig gemacht.
Jeder Tag, an welchem der kostspielige Haushalt fortdauerte, schmlerte
das Kapital, das Ange unter Bercksichtigung der noch zu lsenden
Verpflichtungen endlich verbleiben konnte.

Eine Sttze fand sie in dem Polizeimeister von C., dem sie gleich nach
ihrer Rckkehr einen Besuch machte, um ihm fr seine erfolgreiche Hilfe
zu danken. Er riet ihr, vor der ffentlichen Veruerung der Einrichtung
abzurufen, und versprach, mit Rat und That beizustehen. Auch berlegte
er in einer lngeren Unterredung mit ihr den Wohnort und gab Ange
Ratschlge, die ihr bei ihrer Unerfahrenheit von groem Nutzen waren.

Anges Entschlsse wurden auch nicht erschttert, als nun an einem
Morgen endlich zwei Briefe einliefen, von denen einer von Teut selbst
mit zitternder Hand geschrieben war und die Worte enthielt: "Heute nur
mein innigstes Beileid, liebe Ange; Carlos' Tod hat mich aufs tiefste
ergriffen. Ich bin voll Sorge da ich nicht jetzt bei Ihnen sein kann,
um Sie zu trsten und Ihnen helfend zur Seite zu stehen. Aber ich liege
schwerverwundet darnieder und--"

Hier brach das Schreiben ab, dem nur noch ein undeutliches A.v.T. spter
hinzugefgt war.

Der zweite Brief, der von Teuts Diener Jamp abgefat und einige Tage
spter abgesandt war, teilte im Auftrage des Herrn Rittmeisters mit, da
die Geschftsangelegenheiten geordnet werden wrden, da der Herr
Rittmeister neuerdings einen Rckfall gehabt habe, da der Herr
Rittmeister den Kindern Gre sende und da der Herr Rittmeister
ausfhrlicher schreiben werde, sobald er nur wieder bei Krften sei.

Ja, einige Tage spter kam noch ein Schreiben, das folgendermaen
lautete:

"Frau Grfin werden verzeihen, wenn ich nochmals schreibe, indem Herr
Rittmeister neulich stark phantasierten, und sollte ich heute Frau
Grfin schreiben, da ich nach Herrn Rittmeisters Verwalter geschrieben
htte, alles fr Frau Grfin auf Schlo Eder in Bereitschaft zu setzen,
und Frau Grfin so gut sein mchten, dahin abzureisen, aber Herrn
Verwalter vorher in ergebende Kenntnis zu setzen, wann Frau Grfin
eintrfen.

Herr Rittmeister raten Frau Grfin nichts zu unternehmen, zu thun, bis
Herr Rittmeister wieder gesund sind, aber bald abzureisen.

In Ehrerbietung und Gehorsamkeit

Jamp."

Als Ange diesen Brief gelesen hatte, berwltigte sie ihr Gefhl;
Teilnahme und Rhrung kmpften in ihrem Inneren. "Ich wute es ja, ich
wute es ja," murmelte sie, "Du unvergleichlicher Freund wrdest meiner
gedenken, selbst in eigener Not. Im grten Krperschmerz, im Fieber,
vielleicht nur auf Minuten mit klarem Bewutsein, hattest Du Gedanken
fr mich und rafftest Dich um meinetwillen auf. O, Du Trefflicher,
Unvergleichlicher!"

Und nun drngte Tibet noch einmal, Teuts Rat zu befolgen, nichts zu
verkaufen, nur die Dienerschaft zu entlassen und hchstens die
berflssigen Mbel und sonstigen Einrichtungsgegenstnde bis auf
sptere Entscheidung zu verpacken und beiseite zu stellen.

Aber Ange Clairefort hatte zu Furchtbares erfahren, um noch an ueren
Dingen zu hngen.

Nicht nur die einschneidenden Gegenstze: die Gefahren des Reichtums,
des sorglosen Genieens, die Wandelbarkeit des Glckes, die
Vereinsamung, die den Unglcklichen trifft, hafteten in ihrem
Inneren--auch der Adel ihrer Gesinnung widersetzte sich, heute noch
etwas anderes zu scheinen, als sie war. Sie wute ja, was sie besa, und
die Ehre gebot, fortan alles abzuweisen, was Luxus und Wohlleben hie.

"Kommt, Kinder," sagte sie an demselben Abend zu ihren Kleinen, die sie
umringten und die sie heute bei der Erinnerung an frhere Zeiten: an
Carlos' Tod und Teuts schwere Krankheit in ihrer berstrmenden
Empfindung so oft, und scheinbar ohne Anla an die Brust gedrckt hatte.
"Bevor ihr einschlaft, faltet die Hnde und betet recht inbrnstig zum
lieben Gott, da er Onkel Axel bald gesund machen mge. Er ist im Kriege
verwundet, liegt gefhrlich krank und bedarf Eurer kindlichen Frbitte."

       *       *       *       *       *

Einige Tage nach der Frankfurter Reise sa Tibet um die Abendzeit eifrig
schreibend in seinem Zimmer. Man htte ihn auf den ersten Blick kaum
wiedererkannt. In dem Hausrock, welchen er gegen den schwarzen Frack
vertauscht hatte, den er allezeit zu tragen pflegte, wirkte seine
Erscheinung ganz fremdartig.

Aber die peinliche Ordnung in dem wohnlichen Gemach stand im Einklang zu
dem bedchtig arbeitenden Manne mit dem hageren glatten Gesicht, in dem
sich Ernst und Nachdenken spiegelten. Langsam, oft innehaltend und
berlegend, schrieb er nieder, was durch seine Gedanken ging.

Als er seine Arbeit beendet hatte, waren es viele Stunden nach
Mitternacht geworden. Nun las er noch einmal den Brief durch, und fgte
hier und dort ein Tttelchen und ein fehlendes Komma hinzu. Das lange,
sorgfltig verfate Schreiben war an Teut gerichtet und lautete in
berraschend glatter Form, wie folgt:

"Hochzuverehrender Herr Baron!

Ihrem Befehl und meiner Zusage entsprechend, verfehle ich nicht, Ihnen
heute Nachgehendes ganz gehorsamst zu melden:

Ich sende voraus, da mich unliebsame Zwischenflle und Abhaltungen
zgern lieen, Ihnen frher Bericht zu erstatten. Ich frchte, und noch
jetzt stehe ich unter diesem Eindruck, da Ihnen entweder mein Schreiben
vorenthalten werden wrde oder da sein Inhalt Ihnen eine schdliche
Aufregung bringen knnte.

Ich mu aber mein Bedenken niederschlagen wegen der eingetretenen
Umstnde und gebe mich der Hoffnung hin, da ich fr alle Beteiligten
das Richtige erwhle, wenn ich meine Zeilen an Sie absende. Ich befinde
mich zudem in einem Zustande des Zweifels, der mich solchergestalt
bedrckt, da ich gleichzeitig auch um meinetwillen Ihnen die
Verhltnisse darlegen mu.

Als Sie, gndiger Herr, C. verlieen, trat ich gewissermaen in Ihre
Dienste, und Sie nahmen mir das Wort ab, in dieser Stellung nur das
Beste fr meine Herrschaft, die grfliche Familie, im Auge zu behalten.
Sie gaben mir genaue Instruktionen und banden mich durch mein Wort, da
unser eigentliches Verhltnis, wenn es mir gestattet sein darf, diesen
Ausdruck zu gebrauchen, ein Geheimnis zwischen uns bleibe.

Unter den Gesichtspunkten, unter denen Sie mich mit Ihrem Vertrauen
beehrten, glaubte ich nicht nur nichts Unrechtes zu thun, sondern gerade
wie ein gewissenhafter Freund gegen die grfliche Familie zu handeln.

Ich nehme mir die Freiheit, dies zu rekapitulieren, weil die
eingetretenen Umstnde entweder neue Instruktionen erforderlich machen
oder ich meines Wortes entbunden werden mu.

Wenn ich nun zunchst ber die Vorgnge seit dem Tode des Herrn Grafen
zu berichten mir gestatte, so bitte ich von vornherein zu verzeihen, da
ich Dinge berhre, ber die auszulassen, mir im Grunde nicht beikommt.
Aber nur durch Erwhnung dieser werden Sie, gndiger Herr, einen
richtigen Einblick in die gegenwrtige Lage gewinnen und mir zweckmige
Befehle erteilen knnen.

In meinen ersten beiden Schreiben hatte ich die Ehre zu melden, da der
Herr Graf ohne Zweifel durch tdlich starke Dosen Morphium und Chloral
seinem Leben selbst ein Ende gemacht habe.

Sodann berichtete ich, da das Bankhaus die Zahlungen an uns
eingestellt. Ich wei nicht, ob Ihnen das zweite Schreiben zugegangen
ist. Die Frau Grfin befanden sich in einem sehr traurigen Zustande, der
zwischen heftigem Schmerz und Ausbrchen des Vorwurfs gegen den
verstorbenen Herrn Grafen und mich selbst wechselte. Den Hhepunkt
erreichte die Erregung der Frau Grfin, als ich--ich bitte, mich deshalb
nicht zu verdammen--derselben Mitteilung machen mute, wie die
gegenwrtige Vermgenslage sei, und welche Stellung Sie, gndiger Herr,
zu dieser bereits eingenommen htten.

Frau Grfin befahlen mir zu sprechen; ich stand bei Stillschweigen vor
der Wahl einer falschen Beurteilung, Ungnade und Entlassung.

Es handelte sich um Geld; wir hatten keines. Ich mute also die
monatliche Rate einfordern und mich rechtfertigen, als ich wegen
ungengender Quittung mit leeren Hnden zurckkehrte. Die Hergabe meiner
kleinen Ersparnisse wies die Frau Grfin wiederholt schroff zurck.

Nach allem wenden Sie, gndiger Herr, verstehen, da einer Erklrung gar
nicht auszuweichen war. Trotz all meiner Vorstellungen bestand Frau
Grfin nach Einblick in ihre trostlosen Verhltnisse auf Veruerungen
ihrer Diamanten und sonstigen Schmuckgegenstnde.

Ich gelange nun zu demjenigen Punkt, bei dessen Erwhnung ich Ihre
Nachsicht, gndiger Herr, einholen mu: die Frau Grfin erklrte mir auf
das bestimmteste, da sie ihren Hausstand aufzulsen wnschte und aus
dem Erlse ihrer berflssigen Wertgegenstnde gesonnen sei, neben den
brigen Verpflichtungen in erster Linie diejenigen gegen den Herrn Baron
abzulsen.

Die Frau Grfin uerte, da diese Vorschsse sie im hchsten Mae
bedrckten, und da sie lieber Not leiden wolle, als irgend welche
Darlehen oder gar Freundesgaben aus Ihrer Hand fernerhin empfangen. Das
Freundschaftsverhltnis zu Ihnen, gndiger Herr, das unter den
bisherigen gleichen Lebensverhltnissen ein so gutes gewesen sei, knne
Schaden leiden, und Frau Grfin zgen es daher vor, sich Ihrer
freundschaftlichen Hilfe (da diese ohne Zweifel auf Ratschlge sich
nicht beschrnken werde) nicht mehr zu bedienen, sondern sogar Ihnen in
Zukunft fern zu bleiben. Die Frau Grfin, die C. verlassen und nach
einem kleinen, noch nicht feststehenden Orte bersiedeln will, um sich
dort mit den ihr bleibenden Mitteln einzurichten, stellten sogar das
Ansinnen an mich, Ihnen nicht zu verraten, wohin sie gehen werde, und
nehmen als selbstverstndlich an, da ich Ihnen auch sonst keinerlei
Mitteilungen zukommen lassen wrde.

Da Frau Grfin sich so sehr gegen alles, was sich ihrem Entschlusse
entgegenstellen knnte, auflehnt, bin ich vllig machtlos. Um die
erwhnten Plne auszufhren, bleibt ja allerdings nichts anderes brig,
als den gegenwrtigen Besitz zu Geld zu machen. Ich schtze die
Zinseneinnahme in Zukunft auf kaum viertausend Mark, welches einem baren
Kapital von hunderttausend Mark entsprechen wrde.

Was befehlen Sie nun, gndiger Herr?

Soll ich scheinbar den Verkauf zulassen und etwa das Ganze ohne Wissen
der Frau Grfin fr des Herrn Baron Rechnung ankaufen? In solchem Falle
ist schnelle Instruktion erforderlich. Ferner: Wie soll ich mich in
Zukunft verhalten? Darf ich noch mit dem Herrn Baron korrespondieren?
Soll ich nach der Neuordnung aller Verhltnisse den Dienst bei der Frau
Grfin verlassen?

Wenn ich die letztere Frage aufwerfe, so bitte ich diese nicht
mizuverstehen. Ich habe mich gegen die Frau Grfin bereit erklrt, ohne
Entschdigung zu bleiben, und wrde mich nur entfernen, wenn der Herr
Baron darin etwas Zweckmiges fr die Frau Grfin erkennen wrden. Mir
ist dies zur Zeit allerdings als vorteilhaft nicht ersichtlich.

In jedem Falle werden Sie, gndiger Herr, gewi verstehen, da ich kein
doppeltes Spiel treiben kann und mich eines wirklichen Vertrauensbruches
schuldig machen wrde, wenn unsere Verabredungen ganz in der bisherigen
Weise bestehen bleiben.

Sofern es meine Befugnis nicht berschreitet, mchte ich mir den
gehorsamen Vorschlag gestatten, da ich bei der Frau Grfin ausharre,
aber nichts thue, was mit den Entschlieungen der Frau Grfin in
Widerspruch gert, und somit nur in dem Sinne zur Verfgung des Herrn
Baron bleibe, da ich nach besten Krften ber das Wohlergehen der
Familie wache. Wenn ich die Hand dazu biete, das Eigentum der Frau
Grfin fr Rechnung des Herrn Baron zu erwerben, so glaube ich, dadurch
nicht unehrlich gegen die Frau Grfin zu handeln.

Nochmals bitte ich um Verzeihung, meine Befugnisse durch Darlegung
persnlicher Anschauungen und durch die Berhrung intimer Verhltnisse
berschritten zu haben, und hoffe im brigen, da der gndige Herr aus
meinen Darlegungen ein richtiges Bild zu gewinnen vermgen.

Ich empfehle mich dem ferneren Wohlwollen und der Nachsicht des gndigen
Herrn und erwarte weitere Befehle.

Ganz gehorsamst

Tibet,

Kammerdiener."

Bereits am nchsten Morgen begann Ange mit den Vorbereitungen zu ihrem
Umzuge und ward bei diesen von Tibet eifrigst untersttzt. Es galt eine
Auswahl unter denjenigen Gegenstnden zu treffen, welche veruert
werden und welche der knftigen Wohnungseinrichtung dienen sollten. Zu
diesem Zwecke wurden zunchst einige Rume leer gemacht, und nun begann
das Whlen. Claireforts Zimmer beschlo Ange zu behalten, ebenso wurden
die Mbel aus dem Zimmer der Kinder fr den ferneren Gebrauch
zurckgestellt. Dazu kamen noch die Kcheneinrichtungen und all
derjenige Hausrat, durch den sich eine Wohnung in bescheidener Weise
vervollstndigt.

Tibet war pltzlich ganz gefgig und erhob nicht einen einzigen Einwand.
Er fertigte eine genaue Liste fr den Auktionator an und machte mit
Hilfe der noch vorhandenen Dienerschaft eine so bersichtliche
Aufstellung, da schon nach wenigen Tagen die Arbeit im wesentlichen
beendet war.

Sodann beriet er mit Ange, wie alles brige abzuwickeln sei, verhandelte
mit dem Hausbesitzer und mit dem Personal, einigte sich mit jenem,
entlie dieses sogleich bis auf eins der Mdchen, welches in Anges
Diensten zu bleiben wnschte, und beglich auch alle Rechnungen, welche
zu bezahlen waren. Es erbrigte nun nur noch die Summe, welche die
Familie von Teut empfangen hatte, und bevor Tibet diese zu dem Banquier
trug, hatte er noch eine Unterredung mit Ange, in welcher auch der
zuknftige Wohnort zur Errterung gelangte.

Ange war nicht minder thtig gewesen, wenn auch alles nach ihrer
besonderen Art geschah. Sofern sich in den hohen Bergen von unntzen
Kleinigkeiten und Firlefanzereien etwas befand, das der Kinder Verlangen
reizte und das sie wieder hervorzogen, konnte Ange ihren Bitten nicht
widerstehen und packte es in die ohnehin schon mit vielen
berflssigkeiten belasteten Koffer.

Bisweilen hielt sie inne und verga, was sie eben beschftigt hatte. Bei
diesem und jenem Gegenstand kamen ihr Erinnerungen, die ihre Gedanken
ganz in Anspruch nahmen, und Vergleiche stiegen auf zwischen heute und
frher. Da stahlen sich denn hufig Thrnen ins Auge, und mutlos lie
sie die Arme sinken.

Oft wunderte sie sich, da alles so glatt verlief, da niemand Einspruch
erhob, wenn sie etwas anordnete. Frher handelten andere fr sie, sie
lie sich belehren und befolgte zweckmige Ratschlge. Ange hatte es
als selbstverstndlich angesehen, da sie die Dinge nicht verstand und
da ihre Umgebung fr sie handelte. Jetzt fiel ihr pltzlich ein, wie
schwer es doch eigentlich sei, praktisch einzugreifen, und fast wunderte
sie sich, da sie so ruhig und besonnen in Frankfurt aufgetreten sei.
Also, sie vermochte es doch! Daran richtete sich denn ihr gesunkener Mut
wieder auf.

Gewi, wenn erst alles in dem neuen Geleise sein werde, wrde sie
vorsichtig berlegen, nicht mehr nach pltzlichen Impulsen handeln,
sich's vernnftig und sparsam einrichten und auch das Kleine achten. Ihr
Kopf war voll von Plnen und guten Vorstzen, und ihre Zuversicht wuchs,
bis dann die Kinder mit ihren berechtigten und unberechtigten
Bedrfnissen vor ihr auftauchten und sie vorbergehend doch voll Zweifel
in die Zukunft blickte.

"Nun, mein lieber Tibet!" sagte Ange und lie sich in Carlos' Zimmer,
das gegenwrtig als Wohngemach diente, ermdet und abgespannt in einen
Sessel gleiten. "Haben Sie auch die Zahlung an Herrn Baron von Teut
bereits geleistet oder mssen wir diese verschieben, bis die Auktion
stattgefunden hat?"

"Wenn Frau Grfin wirklich meinen, da auch dieser Betrag--"

"Wenn--Tibet!--Dieser Betrag steht in erster, in gleicher Linie mit
allen brigen! Natrlich! Darber habe ich Ihnen meine Ansicht bereits
wiederholt ausgesprochen. Ich komme nur auf diesen Gegenstand zurck,
weil die Summe hoch ist und ich nicht wei, ob gegenwrtig schon unsere
Mittel reichen."

"Allerdings, Frau Grfin, es scheint durchaus ratsam, da wir warten. Um
so mehr mchte ich dies vorschlagen, weil gerade Umzug und
Neueinrichtung viel grere Summen verschlingen werden, als wir in
vorlufige Berechnung gezogen haben. Unser Bestand schmolz schon
gewaltig zusammen--ganz gewaltig."

"Nun wohl! Wir haben aber keine Schulden mehr? Alles ist bezahlt?--Welch
ein Wort!"

"Ganz recht, Frau Grfin! Indessen--"

"Nun?"

"Es wird mir recht schwer--ich mchte die Frau Grfin nicht entmutigen,
aber ich frchte, wir behalten bei weitem nicht die ursprnglich
gedachte Summe, aus deren Zinsen Sie sich einrichten mssen. Ich bin
besorgt, Frau Grfin, und mu deshalb die Frage in Ihrem Interesse
nochmals anregen, ob es nicht doch zu berlegen sein wrde, die
Vorschsse des Herr Baron einstweilen auf sich beruhen zu lassen."

Auf Anges Gesicht malten sich Schrecken und Enttuschung zugleich. Nach
einer kurzen Pause fragte sie, und aus dieser Frage klang der Zwang
hervor, den sie sich anthun mute:

"Wie hoch beluft sich--doch noch--der Betrag, welchen wir Herrn Baron
von Teut schulden?"

Tibet gab Antwort.

"Das ist sehr viel!" sagte sie kaum hrbar und ganz mit ihren Gedanken
beschftigt.

"Vielleicht der fnfte Teil alles dessen, was Ihnen bleibt, Frau
Grfin."

"Und wieviel glauben Sie, Tibet, da mir im schlechtesten,
allerschlechtesten Falle an Zinsen werden knnte?"

"Ich erlaubte mir, Frau Grfin, schon auf der Reise auseinandersetzen,
da bei wirklich sicherer Geldanlage nur auf einen Zins von vier Prozent
gerechnet werden darf."

"Und Sie meinen wirklich, das ursprnglich angenommene Kapital wrde mir
nicht einmal bleiben?"

"Ich frchte, nein, Frau Grfin--wenn Herr von Teut bezahlt werden soll!
Die Frau Grfin knnen nach den vorgelegten Quittungen selbst
berechnen."

Ange konnte eigentlich nicht berechnen, aber sie nickte und schwieg.

"Wieviel braucht wohl im Durchschnitt eine gebildete Familie mit fnf
Kindern unter bescheidenen Verhltnissen, Tibet?" hob sie nach einer
kleinen Pause an.

Mit der Beantwortung dieser Frage fielen alle Illusionen, welche Ange
sich bisher gemacht hatte. Tibet litt bei diesen Gesprchen. Vielleicht
fhlte er sogar noch tiefer als Ange den Schmerz, die Enttuschung,
obgleich er scheinbar so teilnahmlos die Wahrheit ans Licht zu ziehen
bemht war. Er gewann es auch nicht ber sich, der mut- und
trostbedrftigen und mit so guten Vorstzen ihr neues Leben beginnenden
Frau den Vorhang ganz hinwegzuziehen. Er umging ihre Frage und
erwiderte:

"Es kommt ja sehr auf die Stadt an, ob das Leben teuer oder billig ist.
In kleinen Stdten gestaltet sich alles besser."

"Es ist wohl fast ein Unterschied um die Hlfte?" fiel Ange hoffend und
lebhaft ihre eigenen Worte besttigend, ein.

"Ich mchte es glauben, Frau Grfin."

"Ich wei nicht, wie ich's richtig mache, Tibet. Nur so viel ist mir
klar, da ich keinen ruhigen Tag, keine ruhige Stunde haben werde, wenn
ich Schulden besitze, wenn namentlich--" sie stockte und fuhr dann fast
heftig fort: "Wir mssen Herrn von Teut zahlen, was er meinem Gatten
geborgt hat, sobald die Dinge hier geordnet sind; wie's auch immer sein
mag! Werde ich weniger besitzen, werde ich doch das unvergleichliche
Bewutsein haben, niemandem mehr verpflichtet zu sein!"

Und nach dieser vorlufig alle Gegeneinwendungen abschneidenden
Entscheidung verbeugte sich Tibet und brachte das Gesprch auf Umzug und
Wohnort.

"Haben die Frau Grfin schon eine Entscheidung getroffen? Bleibt es
Eisenach, wozu der Herr Polizeimeister geraten?"

Ange besttigte.

"Es wrde sich dann wohl empfehlen, da ich zunchst dahin abreise, um
eine Wohnung zu mieten, und dann wieder zurckkehre, um hier den Verkauf
des Mobiliars zu beaufsichtigen. Ich wei nun aber nicht, ob ich der
Frau Grfin Wnsche bezglich dieser treffen werde. Vielleicht
entschlieen Sie sich, die Reise ebenfalls anzutreten."

Das Gesprch wurde unterbrochen, weil die beiden Knaben herbeigeeilt
kamen, die drauen auf der Strae gespielt hatten. Ihre Mienen waren
betroffen, und Ben kam zorngertet ins Zimmer gelaufen.

"Was ist? Was habt Ihr?" fragte Ange besorgt.

"Der--der--Karl von drben--vom Krmer sagt, da--" hob Ben an.

"Wir haben uns gestritten; er stie, ich stand Ben bei!" fiel Fred ein.

"Nun?"

"Er sagte, wir wren schne Grafen. Mama htte nicht mal die Rechnung
bezahlt. Sein Vater knnte kein Geld kriegen und die anderen auch
nicht--"

"Er schimpfte; er brauchte Ausdrcke von uns--na, ich hab's ihm
gegeben!" ergnzte Ben.

Ange sah Tibet fragend an, und Blsse trat auf ihre Wangen. Tibet
verstand und nahm rasch das Wort:

"Es ist alles--das letzte schon gestern bezahlt, Frau Grfin!"

"Ah!" riefen beide Knaben zu gleicher Zeit, und ihre Blicke flammten.
"Dem wollen wir's geben!"

"Nicht so, nicht so, Kinder!" rief Ange angstvoll, aber suchte sich in
Gegenwart der Knaben zu fassen. "Lat den Streit! Geht ruhig Eures Weges
und meidet die Nachbarskinder. Hrt Ihr? Ihr hrtet, da er die
Unwahrheit sprach. Und nun geht! Ich habe noch mit Tibet zu sprechen."

Die Knaben entfernten sich gehorsam, aber noch erregt und lebhaft
sprechend.

"Es wird Zeit, da ich fortkomme," rief Ange. "Je eher, je besser; es
brennt der Boden unter mir. Was die Menschen wohl alles reden! Wie sie
sich mit uns beschftigen! Schon bei dem Gedanken steigt mir das Blut in
die Schlfen.--Wann knnen Sie reisen, Tibet?"

"Heute--Morgen, Frau Grfin--"

"Gut, also morgen! Sie werden eine Wohnung whlen und rasch
zurckkehren. Wollte Gott, ich se schon an einem anderen Ort und fnde
endlich Ruhe und--" Ange brach in heftige Thrnen aus.

"Es wird alles gut werden, Frau Grfin! Gewi, gewi! Sie sollten sich
durch dergleichen Dinge nicht aufregen!" besnftigte Tibet, heftete
einen besorgten Blick auf seine Gebieterin und suchte bescheiden ihr
Auge, um in diesem zu lesen, da seine Worte ihre Wirkung nicht verfehlt
htten. Wirklich stahl sich ein Lcheln um Anges Mund bei Tibets
Worten; es war aber ein trauriges Lcheln.

       *       *       *       *       *

Nach den vorerwhnten Ereignissen war reichlich ein halbes Jahr
verflossen, als an einem warmen Juniabend des Jahres 187- zwei Mnner in
dem kleinen Grtchen saen, welches zu dem sogenannten Sommerhause des
Hotels "Zur Rose" in Wiesbaden gehrt.

Auf dem im Freien gedeckten Tische standen die Reste eines reichlichen
Abendessens, und eben hatte der Kellner ein Licht gebracht, mit dem die
Cigarren entzndet worden waren.

"Hm, hm," sagte der Major von Teut--denn er war es--zu dem ihm
gegenbersitzenden Manne und blies den Rauch einer starken Cigarre nach
seiner Gewohnheit durch die Nase. "Das klingt ja alles so gut und
doch wieder auch so ernst, wie ich's mir gedacht habe. Aber
vielleicht--zunchst--wer wei--war's auch besser so!?--Was haben Sie
denn der Grfin ber Ihre Reise gesagt? Wie haben Sie diese begrndet?"

"Ich gab vor, da ich die Meinigen besuchen wolle."

"Ah! Sie haben Familie, Tibet? Das ist mir ja ganz neu! Auch der
verstorbene Graf und die Grfin haben mir nie davon gesprochen."

"Sie wuten auch davon nichts, gndiger Herr."

Teut wollte diesen Gegenstand offenbar des nheren berhren, denn er
blickte fragend empor. Aber ein anderer Gedanke berholte, was sich ihm
eben aufgedrngt hatte. Er sagte abbrechend: "So, so--Aber noch eins!
Wie haben Sie es angefangen, da die Grfin nichts von all den kleinen
Hinterlisten gemerkt hat? Glaubt sie, da ihre Einnahme bisher immer
reichte, und da sie lediglich durch ihre Sparsamkeit alles gut gemacht
hat?"

ber das immer noch bleiche Gesicht des Sprechenden flog ein fragendes
Lcheln, und er strich den Schnurrbart in sichtlicher Spannung.

"Allerdings, aber es hat mancherlei Knste gekostet, gndiger Herr!"
entgegnen Tibet, und in der Erinnerung des falschen Spiels, das er
getrieben, sichtlich bedrckt. "Anfnglich, damals, als Sie auf meinen
Brief antworteten und mir Verhaltungsmaregeln gaben, war ich
zweifelhaft, ob's mglich sein werde, diese auszufhren. Ich mute mir
erst alles zurechtlegen und frmlich ausklgeln, wie ich dem Argwohn der
Frau Grfin begegnen knne. Wenn ich Einkufe machte, erklrte ich, die
Waren seien im Preise gesunken, und die Frau Grfin sah mich dann gro
an und machte ein zufriedenes Gesicht. Im Anfang freilich wollte sie
berhaupt nichts von dergleichen hren. Ich erlaubte mir den Vorschlag,
da ich wie frher die Wirtschaft besorgen drfe, und that dies
insbesondere, weil ich dann alles ohne Schwierigkeit einrichten konnte.
Aber darauf wollte die Frau Grfin nicht eingehen. Sie msse die Dinge
selbst bersehen, meinte sie, sonst knne sie nicht wirtschaften lernen.
Mit der Miete htte sich bald alles verraten. Ich machte, des gndigen
Herrn Befehl folgend, dem Wirte Mitteilung, da er von uns nur die
Hlfte erhalten, da das brige anderweitig berichtigt werden wrde. Ich
nahm ihm das Versprechen ab, gegen die Frau Grfin Stillschweigen zu
beobachten und auch seine Umgebung zu verstndigen. Eines Morgens nun
unterhielt sich die Frau Grfin mit einem Einwohner, und bei dieser
Gelegenheit war von den Wohnungen in Eisenach die Rede. Da uerte
dieser die unsere sei nicht billig, whrend die Frau Grfin gerade ihrem
Erstaunen Ausdruck gab, wie preiswrdig dieselbe sei. Ein Wort gab das
andere. Endlich ward ich herbeigerufen und besttigte die Aussagen
meiner Herrin. Als jener sich entfernt hatte, betrachtete mich die Frau
Grfin bereits mit einigem Mitrauen und brach endlich in die Worte
aus: 'Haben Sie gehrt? Er hat vor uns dies Haus bewohnt und das
Doppelte bezahlt. Wie ist es mglich, Tibet, da Sie die Villa um die
Hlfte mieten konnten?'--'Die Frau Grfin haben ja den Mietskontrakt in
Hnden,' erwiderte ich, als ob ich den eigentlichen Sinn dieser
Nachfrage gar nicht verstanden htte. Kopfschttelnd ging die Frau
Grfin davon. Schon frchtete ich, da alles wrde entdeckt werden."

"Und das Schulgeld?" fragte Teut, der mit grter Aufmerksamkeit
zugehrt hatte. "Wie haben Sie das gemacht?"

"Ich habe gleich das ganze Semester bezahlt und der Frau Grfin
gesagt--"--Tibet hielt inne, dunkle Schamrte frbte seine Wangen--"da
der Direktor auf meine Vorstellung dasselbe erlassen habe."

"Und das glaubte die Grfin?"

"Vorlufig ja, Herr Baron. Aber ich zittere doch jeden Tag, da es ans
Licht kommt, und dann--"

"Und Steuern?" fragte Teut und konnte sich des Lchelns nicht erwehren,
weil er wie ein Beichtvater alle Vergehen aus dem armen Snder
herausholte.

"Die habe ich gar nicht erwhnt! Davon hat die Frau Grfin keine Ahnung.
Ich fing den Steuerboten ab und--"

"Und drohten ihm mit allen Folterqualen der Hlle, wenn er noch einmal
erscheine?" schaltete Teut mit gutmtigem Spotte ein.

"Ja, Herr Baron, Sie knnen wohl scherzen." sagte Tibet, nun wieder von
dem Ernst und der Verantwortlichkeit seiner Aufgabe erfat. "Aber Sie
mgen mir glauben, da die Dinge sich nicht so freundlich abspielen
werden, wenn die Frau Grfin jemals erfahren sollte, was wir gethan
haben."

Teut trank seinen Wein und wollte, um einer aufsteigenden Empfindung
Herr zu werden, die Stiefelhacken zusammenschlagen. Aber es war nur eine
Bewegung. Mit einem leisen Anflug von Schmerz hielt er inne. Nicht ohne
Grund! Das eine, das linke Bein fehlte, er hatte es im Kriege eingebt.

"Aber die Kinder?" fragte Teut nach einer Pause. "Wie geht's denen?
Entwickeln sie sich gut? Sind sie fleiig?"

Tibet nickte. "Gewi, gndiger Herr! Wir helfen beide, die Frau Grfin
und ich, bei den Schularbeiten."

"Ist die kleine Ange hbsch geworden, Tibet? Sie versprach sehr schn zu
werden!"

Tibet bettigte lebhaft. "Ange ist ein sehr schnes Kind, gndiger Herr,
und so klug, da es mich oft fast ngstlich macht. In der kurzen Zeit
von einem halben Jahre spielt sie schon kleine Stcke auf dem Klavier
und ist so sicher dabei, da man erstaunen mu."

"So, so! Wer unterrichtet sie denn?"

"Die Frau Grfin selbst, Herr Baron! Jeden Nachmittag erhlt Ange
Unterricht von der Frau Grfin, und Erna und Jorinde mssen ebenfalls
tglich bei ihr ben. Sie machen alle gute Fortschritte."

Teut machte eine Bewegung, er murmelte auch etwas vor sich hin, das
Tibet nicht verstand. "Wie ist denn Eure Tageseinteilung, Tibet? Die
Frau Grfin mu ja sehr in Anspruch genommen sein. Sie hat doch Mdchen
zur Hilfe?"

"Nur eins, Herr Baron! Aber die wurde uns gleich schwer krank und mute
wochenlang das Bett hten. Da hat die Frau Grfin selbst morgens Kaffee
gemacht, die Stuben gerumt, die Kinder angezogen und in die Schule
befrdert. Die Frau Grfin ist berhaupt von morgens frh bis abends
spt unausgesetzt in der Wirtschaft und um die Kinder beschftigt."

Teut murmelte wieder etwas.

"Ah! herrliches Weib!" glaubte Tibet zu hren.

"Und Sie, Tibet?" fragte Teut dann kurz und mit einem scheinbaren
Vorwurf, whrend in sein Auge ein silbernes Pnktlein trat.

"Ich, ich?" erwiderte Tibet arglos und verlegen zugleich. "Ich habe
morgens alle die Stiefel geputzt, die--die--grbere Arbeit in den
Schlafstuben besorgt und der Kinder Betten gemacht und--und auch gekocht
whrend der Zeit. Kochen kann die Frau Grfin nicht; aber sie lernt es
schon ganz gut. Neulich hatten wir zwei Gerichte, die sie ganz allein
zubereitet hatte. Ihre Augen glnzten, als es den Kindern so gut
schmeckte. Die Frau Grfin war so glcklich, da sie im Zimmer
herumtanzte."

"Aber Freund!" schaltete Teut scheinbar tadelnd ein. "Weshalb haben Sie
denn damals nicht eine Hilfe genommen?"

"Die Frau Grfin wollte es durchaus nicht, gndiger Herr! Sie meinte, es
sei der beste Weg, alles zu lernen. Freilich, ich folgte auch nichts
thun--aber ich habe sie sogar berrascht und in einer Nacht mit Hilfe
einer Frau die Wsche besorgt. Die Alte hat die Garderobengegenstnde
vorgenommen, ich machte mich an Servietten und Tischzeug. Gegen Morgen
haben wir aufgehngt, jeder sein Teil."

"Allen Respekt!" murmelte Teut, trank in hastigen Zgen und schenkte von
neuem aus der Flasche ein. "In der That, ber alles Lob erhaben! Aber
das mu doch anders werden!" Und nach einer Pause: "Wenn ich nur einen
Weg wte--"

Tibet hatte nur halb gehrt, aber doch genug, um zu verstehen. Er nahm
sich, in der Sorge um seine Herrin, die Erlaubnis einzufallen, und
sagte:

"Wenn der Herr Baron mir gestatten wollten, einen Vorschlag zu machen?"

Teut bewegte den stolzen Kopf und sagte in seiner kurzen, unhflich
klingenden Weise:

"Nun, was soll's?"

Tibet ward durch diesen Ton eingeschchtert. Er frchtete, sich eine
Vertraulichkeit angemat zu haben, die ihm nicht zukam. Takt und
Vorsicht riefen ihm zu, sich in den bisherigen Grenzen zu halten. Er
entgegnete deshalb rasch:

"O, es war doch nichts, gndiger Herr--"

Teut blickte auf und sah, da Tibet mit dem Ausdruck einer gewissen
Enttuschung vor ihm sa. Er verstand und bereute seine Schroffheit.

Ohne auf den Gegenstand zurckzukommen, dessen Berhrung von jener Seite
ihm nach den wunderbaren seelischen Schwankungen, denen jeder, selbst
der beste und vorurteilsfreiere Mensch, unterworfen ist, pltzlich
widerstrebt hatte, sagte er:

"Eine Angelegenheit will ich doch heute gleich berhren, Tibet. Mein
Zustand verhinderte mich, Ihnen das bisher zu schreiben:

Vom Ersten des nchsten Monats sind Sie bei mir fr Lebenszeit als
Sekretr engagiert. Es werden Ihnen monatlich dreihundert Mark von
meinem Rendanten ausbezahlt werden. Alle Ihre Auslagen seit vorigem Jahr
werden Sie mir baldigst aufgeben, und auch das Honorar fr die
verflossene Zeit werde ich ordnen. Sind Sie damit einverstanden, Tibet?"

"Herr Baron!--Gndiger Herr!" rief Tibet. Er erhob sich und neigte in
seiner berstrmenden Empfindung das Gesicht auf die Hand des Mannes,
der seine Worte mit einem Blick begleitet hatte, in dem sich die ganze
Flle seines unvergleichlichen Herzens widerspiegelte.

"Aber Waschen und Kochen ist nun vorbei! Das pat nicht fr den Sekretr
und Vertrauten des Herrn von Teut-Eder, nicht wahr? Und nun wollen wir
morgen weiter reden, Tibet! Es wird khl, ich mu ins Haus, Jamp, Jamp!"
rief er mit seiner schneidigen Stimme, und dieser eilte herbei, um ihn
ins Gartenhaus zu geleiten.

Nachtfalter und weie Sommermotten irrten durch die warme Luft. Drben
zirpte es in dem dunklen Garten, und aus dem Rasen drang der sanfte
erdige Geruch des Sommers. Im Htel zur Rose aber blitzten Lichter
durchs ganze Haus, und durch die Abendstille ertnte noch einmal
versptetes Lachen sich haschender Kinder. Eine Zeit lang stand Tibet
wie trumend da. Endlich warf er den Blick gen Himmel, und eine Thrne
stahl sich in die ernsten Augen des Mannes.

Er gedachte seines zerstrten Lebensglckes und der Menschen, die er
liebte--seiner schon ein halbes Jahr nach der Trauung unheilbar
erkrankten Frau, seiner Mutter, seiner Schwester--, aber das Na, das in
seine Augen trat, entquoll diesmal der unbeschreiblichen Empfindung, da
nun sicher fr die Zukunft jener gesorgt sei.

       *       *       *       *       *

Tibet wurde am nchsten Morgen zu Teut zum Frhstck befohlen und fand
den Major, umgeben von tausend Siebensachen, die auf Tischen und Sthlen
umherlagen, bereits eifrig schreibend. Er trug einen kurzen, seidenen
Hausrock, und um den offenen Hals war lose ein weies Tuch von demselben
Stoff geschlungen. Aus den rmeln guckte eine feine Batistmanschette
hervor, und sein Fu steckte in einem roten ledernen Schuh.

"Guten Morgen, Herr Sekretr!" rief Teut, ohne sich umzuwenden. "Bitte,
nehmen Sie Platz! Gut geschlafen?"

Tibet bejahte. "Darf ich mich erkundigen, wie der Herr Baron geruht
haben?"

"Ah--nicht zum besten, Tibet! Die verteufelte Sache beschftigt mich
allzusehr. Wie Ameisen laufen die Gedanken in meinem Kopfe herum. Aber
ich glaube jetzt einen Ausweg gefunden zu haben." Hier wandte sich der
Major um, sah, da Tibet noch immer stand, und unterbrach seinen Satz
durch die wiederholte Aufforderung, einen Stuhl zu nehmen.

"Also, wie ich schon gestern sagte, Tibet, so geht die Sache auf die
Lnge doch nicht!" hob Teut an, humpelte durchs Zimmer, winkte dem
herbeieilenden Tibet ab, klingelte, gab dem eintretenden Jamp einen
Befehl und lie sich dann an dem Frhstckstisch nieder.

Mit inniger Teilnahme sah Tibet, wie unbehilflich der bisher so
kernfeste, krftige Mann mit dem knstlichen Bein sich bewegte und
welche Spuren Strapazen und Krankheit auf seinem Angesicht
zurckgelassen hatten.

"Bedienen Sie sich!--Also, Tibet, so geht's nicht. Aus diesem Grunde bat
ich Sie auch, mich hier zu besuchen. Sie sollen mit der Grfin sprechen;
ich habe einen Plan, dem sie hoffentlich beipflichten wird. Die
Sommerferien sind vor der Thr, die Grfin wird gewi wnschen, ihren
Kleinen ein Vergngen zu bereiten und selbst sich ein wenig nach all
den Aufregungen und Sorgen zu zerstreuen. Ich werde sie einladen, auf
Schlo Eder diese Wochen zuzubringen, und will meiner Cousine, der
Grfin Aspern, schreiben, dort die Honneurs zu machen. Ich werde dann
vielleicht auch--spter--nachkommen und bei dieser Gelegenheit
auszufhren suchen, was ich seit dem Tode des Grafen in mir herumtrage.
Was meinen Sie dazu, Tibet?"

"Vortrefflich, Herr Baron! Aber ich frchte, da die Frau Grfin dieser
Einladung ein entschiedenes Nein entgegenstellen wird. Wir haben so oft
ber diese Dinge gesprochen--alles war fruchtlos. Die Frau Grfin
geht--darf ich mich ganz offen uern, Herr Baron?"--Teut erhob den
Kopf, nickte und trennte die eben mit dem silbernen Lffel zerschlagene
Schale von einem Ei.--"Die Frau Grfin geht davon aus, da der gndige
Herr sie beeinflussen will, Wohnort und jetzige Lebensweise zu ndern.
Dagegen strubt sie sich--der Herr Baron kennen die Grnde--zum Teil
wenigstens--"

"Hm--zum Teil?" fragte Teut. "Ist's noch etwas anderes, als was Sie mir
mitteilten und was ich bei dem Charakter der Grfin auch wohl verstanden
habe?"

Tibet zuckte die Schultern nur machte die Miene eines Menschen, der
wohl sprechen mchte, aber sich's doch nicht getraut.

"Nun?" forschte Teut ungeduldig. Aber dann in einen anderen Ton
bergehend sagte er: "Ein fr allemal, Tibet! Ich nannte Sie gestern
meinen Vertrauten, aber noch mehr, ich betrachte Sie als meinen Freund!
Sprechen Sie, was es auch sei! Das Schicksal, das Wohlergehen dieser
Frau beschftigt mich mehr als mein eigenes. Der Zweck, ja der ganze
Zweck meines Lebens ist, sie glcklich zu machen. Ich versprach's dem
Grafen beim Abschied, und viel frher hatte ich mir's selbst
zugeschworen. Das alles wissen Sie am besten. Also, weshalb hinterm
Berge halten, wo diesem Vorhaben gentzt werden kann!?--Ah!" fuhr Teut
seufzend und stark betonend fort und lehnte sich zurck. "Ich sollte nur
kein Krppel sein! Wir sen nicht hier und berieten! Nur dieser Umstand
hat verhindert, da ich--alles wre lange--" Er fuhr sich mit der Hand
ber das Gesicht, und ein Ausdruck von tiefer Trauer blieb in seinen
Zgen haften.

"Nun, Herr Baron," sagte Tibet, rasch den Rest des Frhstcksbrtchens
hinabschluckend und seinem Herrn ins Auge schauend, "wenn ich denn
sprechen darf, wie mir's ums Herz ist?--Ich meine--ich meine--die Frau
Grfin hat--eine--tiefe Neigung zu dem gndigen Herrn, und darin ist
alles zu suchen! Wenn die Frau Grfin sich so scheu zurckzieht,
so--so--"

Tibet sphte ngstlich auf Teuts Angesicht, whrend er sprach. Trotz
aller Ermunterung stand er unter dem Eindruck, dies, eben dies htte er
niemals ansprechen drfen.

Teut hatte sich gerade erhoben, um sich eine Cigarre zu holen. Nach
Tibets Worten blieb er am Fenster stehen und schaute lange wortlos
hinaus.

Als er sich wieder umwandte, blickte er Tibet mit freundlichem Ernst ins
Auge und schttelte den Kopf. "Sie tuschen sich, Tibet! Tuschen sich
gewi! Und wenn nicht--wenn nicht--Nein, solche Gedanken habe ich
begraben ein fr allemal--"

Nun ging er abermals ans Fenster und lie gewaltige Rauchwolken der
angezndeten Cigarre durchs Zimmer schweben. Der eindringende
Sonnenstrahl fing sie auf und verwandelte sie in lichtes Blau. Eine
lange Pause trat ein, ohne da eine Silbe gesprochen ward.

"Ah! ja!" rief dann Teut pltzlich. "Es mu so sein! Hren Sie mich an,
Tibet! Machen Sie also der Grfin den Vorschlag auf mein Anerbieten
einzugehen. Sie wissen ja, wie und wo am besten einzusetzen ist.
Stecken Sie sich hinter die Kinder! Wenn diese betteln, da ihr Wunsch
erfllt wird, kann sie nicht widerstehen! Und wenn die Grfin auf den
leidigen Punkt kommt--Sie wissen--meine gefrchtete offene Hand und
dergleichen Thorheiten mehr--so sagen Sie ihr--ja, so sagen Sie ihr, was
Sie wollen, aber in allen Fllen, da ich ihr versprche, niemals diesen
Punkt zu berhren, viel weniger ihren Absichten entgegen zu handeln."

"Zu Befehl, Herr Baron! Ich hoffe, Ihrem Vertrauen Ehre zu machen. Ich
werde mein mglichstes thun.--Nur eins! Wenn ich diesen Auftrag erhalte,
mu ich eingestehen, da ich Sie gesehen habe, und das wird den Argwohn
der Frau Grfin wecken. Je scheinbar unvorbereiteter ich das vortrage,
um so besser ist es!"

"Nun, im Flunkern haben Sie ja schon gute bung, Tibet!" lchelte Teut
und suchte doch durch seine Miene den auf Tibet hervorgerufenen Eindruck
zu verwischen. "Ich denke, Sie mten schon sagen, Ihre Angehrigen
wohnten hier in der Gegend, und zufllig htten Sie mich getroffen. Wo
wohnen denn eigentlich die Ihrigen?"

Tibet nannte den Ort.

"Ah--in M.! Sind Sie auch dort geboren?"

"Ja, Herr Baron."

"Und lebt Ihr Vater noch?"

"Nein, Herr Baron."

"Ihre Mutter ist Witwe?"

"Ja, Herr Baron--"

Teut unterbrach Tibet lchelnd und sagte, sich eines Gesprchs
erinnernd, das er einst im Clairefortschen Hause mit demselben Manne
gefhrt, der jetzt so einsilbig Antwort ereilte: "Ganz wie
damals:--ja--nein, Herr Baron!--antworten Sie mir, Tibet. Aber ich will
gar nicht in Ihre Geheimnisse dringen. Nur mein Interesse fr Ihre
Person lie mich fragen."

"Ich bitte, mich nicht mizuverstehen, Herr Baron. Mich leitete etwas
anderes. Was ich ber die Meinigen mitzuteilen habe, ist sehr wenig
erfreulicher Natur. Ich habe nie darber geredet, schon deshalb nicht,
weil meine Person dabei eine nicht gleichgltige Rolle spielt."

"In der That," sagte Teut teilnehmend, "geht es den Ihrigen schlecht?
Haben Sie etwa noch unversorgte Geschwister?"

"Ich habe"--hier stockte Tibet eine Weile--"eine arme kranke Frau,
unheilbar krank und gelhmt seit der ersten Zeit unserer Ehe, die mir
ein kurzes Glck gewhrte; sie lebt bei meiner Mutter und meiner
Schwester, die sie pflegt, gndiger Herr. Auch meine Mutter war schon
vllig gelhmt, als mein Vater, der als Musiker sein Brot verdiente,
starb. Vermgen war keins vorhanden bei seinem Tode. Ich hatte
ursprnglich das Gymnasium bis zur Aufnahme in die Prima besucht und
wurde dann--wie ich frher schon mitzuteilen mir erlaubte--Kaufmann. Ich
hatte aber darin kein Glck, es wollte mir nicht gelingen, vorwrts zu
kommen. Die dringende eigene Not und die meiner Angehrigen, die ganz
auf mich angewiesen waren, bestimmte mich, die Stellung eines
Haushofmeisters bei dem Herrn Grafen von Clairefort anzunehmen, die ich
seit so vielen Jahren bekleidet habe. Ich mute verdienen, gleichviel in
welcher Lebensstellung, und hier fand ich, was ich suchte. Whrend
dieser Zeit habe ich die Meinigen ernhrt, ja mir selbst ein wenig
sparen knnen fr meine spteren Tage. Was ich empfand, gndiger Herr,
als Sie mir gestern die Aussicht erffneten, frs Leben an Ihrer Seite
bleiben zu drfen, vermag ich nicht zu sagen. Und Sie werden nach dieser
Darlegung auch verstehen, welche Sorge von mir genommen ist. Ich bin ja
nun sicher, da die Meinigen--" In dem hageren Gesicht stieg's bei
diesen Worten auf, wie wenn der Sonnenschein pltzlich durch dunkle
Wolken bricht, und die Rhrung bermannte den Mann so sehr, da er sich
abwandte.

"Wie? Alle die Jahre haben Ihre Frau, Ihre Mutter und Schwester
lediglich von Ihrem Flei gelebt?" sagte Teut voll bewundernden
Erstaunens. "Braver Mann! Ich danke Ihnen fr Ihr Vertrauen! Ich schtze
es um so hher, weil selbst Ihre engsten Freunde von diesen Dingen
nichts wuten. Es bleibt wahr: Die echten Perlen liegen versteckt in den
Muscheln tief auf dem Meeresgrund! Man mu sie mhsam hervorholen. Eine
echte Perle ist solche Pflichterfllung und den Ruhm nicht an den
breiten Weg stellen! Sie ben sie um ihrer selbst willen, in der Stille,
ohne Gerusch. Das heit ein Christ sein! Hier meine Hand, Sie braver
Mensch! Ich bitte jetzt um Ihre Freundschaft! Ich biete sie Ihnen nicht
mehr an!"

Tibet richtete sich bei diesen Worten in seiner ganzen Gre empor; ein
ungewhnlicher Glanz trat in seine Augen, und ber sein Angesicht flog
der Widerschein eines Sturmes von Empfindungen.

"O, zu viel! Zu viel, gndiger Herr!" rief er in jenem Rausche, der nur
die Brust solcher Menschen zu durchdringen vermag. "Mit diesem Worte
habe ich nicht umsonst gelebt! Mit diesem Tage werde ich ein anderer in
dieser Welt und die Welt eine andere fr mich! Aber mit diesem Worte,
gndiger Herr, haben Sie auch Ernst Tibet zu Ihrem Schatten gemacht fr
alle Tage und Stunden seines Lebens! Was ich bin und habe fr die
Zukunft, gehrt Ihnen!"

       *       *       *       *       *

Es war Morgenzeit. Ange ffnete voll Ungeduld einen Brief, den sie
soeben erhalten hatte. Derselbe war von Tibet, welcher mitteilte, da er
an dem heutigen Tage zurckkehren werde. Als Ange dies mittags den
Kindern kundgab, faten sie einstimmig den Beschlu, ihn vom Bahnhof
abzuholen. Nun standen sie erwartungsvoll da und schauten ber den
Perron hinaus. Als der Zug endlich nher kam, drngten sie sich
zusammen, und waren voll Ungeduld, den Langersehnten zu begren.

"Tibet! Tibet! Hier!" riefen sie und strmten auf den Ankmmling zu, der
sich gerhrt zu ihnen hinabbeugte und ihre Liebkosungen entgegennahm.
Alle griffen zugleich nach seiner Hand, um einen besonderen Vorzug zu
genieen, bis endlich Jorinde und Ange sich seine Rechte und Linke
eroberten.

Tibets erste Frage galt der Mama, und diese ward zufriedenstellend
beantwortet. Mama Ange ginge es gut; sie habe auch an den Bahnhof
kommen wollen, sei aber abgehalten worden. Dann setzte sich die kleine
Schar, Tibet in der Mitte, in Bewegung.--

An demselben Abend saen sich Herrin und Diener im Wohnzimmer gegenber.

Tibet erzhlte, wie's ihm auf der Reise ergangen sei, und Ange hrte
freundlich und aufmerksam zu.

"Auch den Herrn Major von Teut habe ich gesehen und gesprochen," warf
Tibet in unbefangenem Tone hin, nachdem er den ersten Bericht erstattet
hatte. "Er lt sich der Frau Grfin aufs angelegentlichste empfehlen."

Ange blickte im hchsten Grade befremdet empor. "Wie? Sie haben Herrn
von Teut gesehen, Tibet? Wann? Wo? Und ganz zufllig?"

Tibet nickte und erzhlte eine Geschichte, die er sich unterwegs zurecht
gelegt hatte.

"Und geht's ihm besser? Geht's ihm wieder gut?" fuhr Ange zgernd fort.

Tibet bettigte und wollte schon, froh, da die Dinge sich so gnstig
gefgt hatten, fortfahren. Aber entweder wnschte Ange das Gesprch
nicht fortzusetzen oder sie wollte Zeit gewinnen. Sie brach ab und kam
auf allerlei husliche Angelegenheiten.

Inzwischen grbelte Tibet, wie er die Dinge nach seinen Wnschen
einrichten knne, und sagte endlich, eine kleine Pause benutzend,
ziemlich unvermittelt:

"Ich habe auch einen Auftrag an die Frau Grfin von dem Herrn Baron
auszurichten. Ich verga vorher--"

Ange sah Tibet fest ins Auge, aber sie hinderte ihn nicht am
Weitersprechen. Nur ein kurzes: "Nun?" glitt von ihren Lippen.

"Zunchst lt sich der Herr Baron fr den Brief der Frau Grfin recht
sehr bedanken. Er wrde denselben schon beantwortet haben, wenn er nicht
wnschte, der Frau Grfin mndlich--"

Tibet hielt inne; er frchtete nun sicher eine Unterbrechung. Aber zu
seiner berraschung sagte Ange nichts, nur ihr Blick blieb noch ebenso
ernst, ja, so eigentmlich auf ihm haften, da er unwillkrlich die
Augen niederschlagen mute. Er raffte sich aber auf und fuhr fort:

"Der Herr Baron hofft in einigen Wochen wieder so weit hergestellt zu
sein, da er Wiesbaden verlassen kann. Er will dann nach Eder reisen und
auf dieser Reise die Frau Grfin gern in Eisenach begren."

"Und was sagten Sie dazu, Tibet?" fragte Ange kalt.

"Ich--ich--Frau Grfin--" Er sprach nicht aus. Einen Augenblick
schwiegen beide: nur Anges fleiige Nadel, die auf-und abflog,
unterbrach die Stille. In dem Gemache stand ein runder Tisch, der von
einer Lampe erhellt ward. Ringsum befanden sich die Mbel, welche einst
in Carlos' Zimmer Platz gefunden hatten. Dieselben Bilder schmckten die
Wnde; selbst die kleinen Nippessachen von damals standen auf dem
Schreibtisch. Pltzlich legte Ange die Arbeit aus der Hand, und sagte,
dem Manne, der ihr gegenbersa, forschend ins Auge schauend:

"Tibet!"

"Frau Grfin?"

"Was soll ich von Ihnen denken? Sie haben Herrn Baron von Teut gesehen
und einen solchen Auftrag bernommen? Ich werde irre an Ihnen. Ich mu
es Ihnen aussprechen. Also war's doch wie ich vermutete. Hinter meinem
Rcken! Also war's doch, wie ich frchtete, als Sie mir von einer
notwendigen Reise sprachen!"

"Frau Grfin--ich bitte--ich verstehe nicht--"

"Sie verstehen ganz gut, Tibet! Mehr noch. Sie waren befangen, als Sie
in unserem Gesprch auf diesen Gegenstand kamen, und da ich nicht arglos
war, beobachtete ich Sie."

Ange sttzte schwermtig den Kopf und schien fr Augenblicke ganz mit
anderen Gedanken beschftigt. Sie hrte nichts von Tibets Beteuerungen,
nichts von seiner gelufigen Rede, durch die er ihr das Mitrauen zu
nehmen suchte. Erst als er zu einem anderen Mittel griff, sie seinen
Plnen gefgiger zu machen, und pltzlich sagte: "Sehr, sehr verndert
hat sich doch der Herr Baron. Sie wissen, Frau Grfin, das Traurige noch
gar nicht. Ich gelangte noch nicht dazu, dies Ihnen mitzuteilen. Der
Herr Baron hat das linke Bein im Kriege verloren!" berwogen Teilnahme
und Sorge alle anderen Gedanken.

"Wie? was?" rief Ange erregt, lie die Arbeit fallen, erhob sich von
ihrem Stuhl und blickte Tibet mit allen Zeichen der Bestrzung an.
"Amputiert? Das Bein verloren?"

Tibet atmete erleichtert auf.

"Mein armer, armer Freund!" flsterte Ange vor sich hin. "Ist er sehr
ernst, sehr bedrckt deshalb, Tibet? Sie sagen, er habe so leidend
ausgesehen? O, und das wute ich nicht einmal! Das verschwieg er mir.
Ich mchte zu ihm eilen, ihn trsten, ihn pflegen--"

Aber sie unterbrach sich ebenso rasch, setzte sich wieder und ergriff
still und wortlos die eben fallen gelassene Arbeit.

"Erzhlen Sie weiter, Tibet. Berichten Sie mir, was Herr von Teut Ihnen
gesagt hat," hob sie dann gelassen an. "Natrlich verlangt es mich
Nheres zu erfahren."

"Zu Befehl, Frau Grfin. Ich fand den Herrn Baron sehr wortkarg und
offenbar tief verstimmt. Er uerte die Absicht, sich ganz von allem
zurckzuziehen, fortan in Eder zu wohnen und jeden Verkehr einstellen.
Welche Stimmung den Herrn Baron beherrschte"--nun hielt Tibet es an der
Zeit, seine Plne auszufhren, und er that es mit zitterndem
Herzen--"mgen Frau Grfin daraus erkennen, da, als zufllig in einem
Gesprch zwischen dem Herrn Baron und einem dort anwesenden Freunde die
Rede auf des letzteren bevorstehende Heirat kam und derselbe den Herrn
Baron scherzend auf Gleiches hinwies, dieser sagte: 'Lieber Freund, das
war lngst und ist jetzt erst recht fr alte Zeiten begraben! Nichts
blht mir noch auf Erden, selbst meine besten Freunde habe ich--ohne
meine Schuld, ich darf es sagen--verloren!'"

Tibet schwieg und wartete. Weie Rosen brachen hervor auf Anges Wangen.
Eine Blsse frbte diese, vor der Tibet erschrak. War er zu weit
gegangen, hatte er zu rasch, zu unvermittelt gehandelt. Gewi, so
schien es, denn Ange sagte bitter: "Galt mir die letzte Bemerkung,
Tibet? Nur das wnsche ich noch zu wissen."

Der Mann schwieg.

"Nun?" wiederholte sie hart.

"Ich glaube--ich wei nicht, Frau Grfin."

"Und was sagen Sie zu alle dem, Tibet?"

Pltzlich brachen die Thrnen unter Anges Wimpern hervor; ihre Augen
verschleierten sich, und jener zaghafte Ausdruck trat in ihre Mienen,
der das Gesicht von Kindern und Erwachsenen gleich rhrend verndert.

Tibet wollte reden, aber Ange schttelte den Kopf und wehrte ihm ab.
"Ich habe schon zu viel heute abend gehrt," sagte sie kurz und in
seltsamer Weise abbrechend. "Wir sprechen morgen weiter. Gute Nacht."

Noch stand der Mann eine Weile; er hoffte, Ange wrde wenigstens noch
einmal emporblicken. Nichts! Nun verbeugte er sich und ging.

Sobald Tibet das Zimmer verlassen hatte, sprang Ange auf und durchma
den Raum mit erregten Schritten. Ihre Gestalt hatte trotz der
Anstrengungen des letzten Jahres an reizvoller Flle gewonnen. Die Zge
ihres Gesichtes waren ausdrucksvoller geworden ihre dunklen gesttigten
Augen hatten eine eigene Glut und jenen rtselhaften, halb
schmachtenden, halb in sich gekehrten Ausdruck, der uns so
unwiderstehlich zu Frauen hinzieht. Noch immer wirkte ihre Erscheinung
berraschend, noch immer war sie eine blendend schne Frau. Wie es in
ihrem Innern grte nach diesen Mitteilungen! Jene Liebe, die sich noch
unter dem Schmerz um einen teuren Verdorbenen in zartem Empfinden gegen
eine andere auflehnt, jene tiefe wahre Liebe, die ihre Neigung ngstlich
verbirgt, jene stolze Liebe, die frchtet, sie knne nicht um ihrer
selbst willen begehrt werden, durchdrang das Herz der Frau--und nun war
alles vernichtet, was doch hoffend in dem tiefsten Winkel ihrer Seele
geschlummert hatte. Denn es giebt Wnsche, die der Mensch aus besserer
Einsicht zurckdrngt bis zum letzten Atemzug--Wnsche auch, von denen
er wei, da sie sich nie erfllen knnen, aber die doch beglcken, so
lange ein Wahrscheinlichkeitsschimmer bleibt.

Teut ein Krppel! Teut des Trostes, vielleicht noch der Pflege
bedrftig; Teut abwehrend gegen alles, was sonst Menschen mit Menschen
verbindet; Teut voll Verbitterung. Teut--die Liebe, den Besitz eines
Weibes ein fr allemal von sich weisend im mimutigen Verzichten!

Und sie stie ihn von sich, wo sie ihm vielleicht ersetzen konnte,
wonach sein Herz verlangte; sie erfllte--vielleicht in falschem
Stolze--nicht einmal die Pflichten dankbarer Freundschaft!?

Ange verlor den Faden fr den richtigen Mastab dessen, was Recht und
Pflicht geboten.

Was sollte sie thun? Ehre, Stolz, Scham und Liebe kmpften in ihr und
lieen sie zu keinem Entschlu gelangen. Einmal hatte sie alles
zurckgedrngt, nur ein Gedanke beherrschte sie: Wie's auch kommen,
wie's auch sein mochte, sie mute an seiner Seite stehen, solange sie
ihn unglcklich, zweifelnd und zagend wute.

Schon glaubte sie klar zu sein und den Kampf berwunden zu haben. Aber
dann nahm doch wieder die angstvolle Befrchtung von ihr Besitz, Teut
knne jetzt gerade zu dem Schlusse gelangen, sie suche nur nach einem
Vorwand, sich ihm zu nhern. Diese Annherung knne als eine stumme
Werbung von ihrer Seite erscheinen, sie sei noch die alte leichtfertige,
nur dem Genu lebende und nach pltzlichen Eingebungen handelnde Frau
von ehedem, dasselbe nur von halben Pflichten erfllte Wesen ohne rechte
Grundstze, festen Willen und Thatkraft.

Und dann wrde in diesem Falle an sie herantreten, was sie zurckweisen
wollte um jeden Preis: die Mildttigkeit aus seiner Hand. Sie, gerade
sie hatte doch einen so groen, ja vielleicht allen Anteil an der
entsetzlichen Nacktheit der Dinge nach Carlos' Tode, und Teut war es
gewesen, der sie gewarnt und dessen Warnung sie nur ein halbes Ohr
geschenkt; er hatte in der Not geholfen und kam nun wieder und mute
helfen, weil sie es nicht verstand, sich einzurichten, immer gleich
thricht und unbeholfen dem Leben gegenberstand. Scham und Stolz, auch
Quellen falscher Scham, falschen Stolzes brachen wieder in ihr auf und
lieen sie, wie bisher so oft, den rechten Weg verfehlen.

       *       *       *       *       *

Am folgenden Vormittage fand sich fr Tibet keine Gelegenheit, abermals
mit Ange zu sprechen. Er forschte auf ihrem Gesicht, ob das Gesprch des
vorhergehenden Abends bse Nachwirkungen zurckgelassen habe, und in der
That schien es ihm, als ob ihr Blick ernster als sonst, ihr Morgengru
nicht so warm sei, wie er stets gewesen. Er war voll Ungeduld, mit ihr
zu sprechen, um so mehr, als er bisher nur die Vorbereitungen fr den
Auftrag getroffen hatte, der ihm von Teut geworden war.

Nachmittags gab Ange einer Bitte der Kinder nach, mit ihnen einen
Spaziergang zu unternehmen. Sie verstndigte Tibet, da sie zum
Abendbrot zurckkehren werde, und machte sich mit ihren Lieblingen auf
den Weg zur Wartburg.

Ange sehnte sich selbst hinaus; in der freien Natur hoffte sie besser
der sie bestrmenden Gedanken Herr zu werden und zu irgend einem
Entschlusse zu gelangen, der Teut wenigstens bewies, da sie ihm nicht
teilnahmlos gegenberstand.

Niemals war ihr der Sommer so schn erschienen wie in diesem Jahre. Die
Bume standen in bltenschwerer Flle, und als sie den Weg zur Wartburg
hinaufstiegen, hemmte sie immer von neuem ihre Schritte, um ihre Blicke
ringsum auf die Gegend zu werfen, oder bei Lichtpunkten auf das vor
ihnen liegende Thal hinabzuschauen.

Ange wohnte vor der Stadt in einer von ihrem Auslugepunkte linksseitig
belegenen kleinen Villa. Auch heute ruhten die Kinder nicht eher, als
bis die unter dem Grn hervorschimmernden weien Mauern herausgesucht
und alle Einzelheiten festgestellt worden waren.

Als sie die Burg fast erreicht hatten, streiften sie bei einer
Wegwendung einen lteren Herrn, vor dem Ben und Fred eilfertig die Mtze
zogen und der freundlich dankte. Bei dieser Gelegenheit entglitt jenem
der Spazierstock, und die Kinder eilten herzu, um denselben aufzuheben.

"Dank, liebe Kinder! Ah, Ben und Fred Clairefort!" sagte er. "Seid Ihr
alle kleine Claireforts?" fuhr er fort und lftete, gegen Ange gewendet,
den Hut und verbeugte sich artig.

"Es ist unser Herr Direktor, Mama," flsterte Fred und forderte Ange
durch Zeichen und Geberden auf, stehen zu bleiben.

Inzwischen war der Herr selbst schon nher getreten und sagte mit
ausnehmender Hflichkeit:

"Ich habe wohl die Ehre, der Frau Grfin von Clairefort
gegenberstehen?"

Ange bejahte, und bald entwickelte sich ein lebhaftes Gesprch, dem die
Kinder, nach kleiner Menschen Art, neugierig und mit halb offenem Munde
zuhrten. Als aber auf die beiden Knaben die Rede kam, ihres Fleies und
ihrer Fortschritte gedacht ward, verscheuchte Ange sie durch einen
Blick, und sie traten beiseite. Beim endlichen Abschied drngte es sie,
dem Direktor noch einige Worte zu sagen.

"Ich habe Ihnen schon schriftlich meinen Dank ausgesprochen fr die
groe Gte, die Sie mir erwiesen haben, Herr Direktor. Gestatten Sie,
da ich Ihnen diesen fr Ihre Befrwortung und die mir dadurch
entstandene Erleichterung auch mndlich wiederhole."

Der Direktor blickte berrascht empor, und da er offenbar nicht
verstand, worauf Ange hinzielte, zuckte er unter einigen darauf
bezglichen Worten die Achseln.

"Ich bitte, gndige Frau, ich verstehe nicht ganz. Meine
Befrwortung?--Ihr Brief?--Ich habe keinen solchen erhalten."

"Ich spreche von der Erlassung des Schulgeldes fr meine Knaben, Herr
Direktor; Sie erinnern sich, da Sie die Freundlichkeit hatten--"

"Hier liegt wohl ein Irrtum vor, gndige Frau," berichtigte jener mit
hflicher Wendung. "Es ist nach dieser Richtung von Ihnen nie ein Antrag
gestellt worden, wenigstens mir nicht zugekommen, Frau Grfin. Wohl aber
hat Ihr Bevollmchtigter seiner Zeit das Schulgeld auf Ihren besonderen
Wunsch fr das ganze Semester berichtigt."

Ange war so verwirrt, da sie im ersten Augenblick nicht zu sprechen
vermochte; die Rte hchster Verlegenheit stieg ihr in die Wangen. Dann
aber brach sie mit einem gezwungenen Lcheln und wie unter pltzlichem
Besinnen das Gesprch ab und sagte: "Ach, ganz recht. Es war
allerdings--ein--Irrtum meinerseits!"

Noch wenige Sekunden, dann war der Direktor auf dem der Stadt
zugewendeten Wege verschwunden und Ange mit ihren Kindern auf dem
Weitermarsche nach der Burg.

Dieser Zwischenfall weckte in Anges Innerem ein solches Heer von
widerstreitenden Empfindungen, da sie zerstreut und vllig wortlos
neben ihrer kleinen Schar einherschritt.

Das gestrige Gesprch mit Tibet und nun diese Erffnung! Was wrde sie
alles erfahren! Sie konnte es nicht erwarten, nach Hause zurckzukehren,
und nur die Rcksicht auf die Kinder veranlat sie, den Spaziergang
fortzusetzen.--

Nach dem Abendbrot--die Kleinen waren frh ins Bett geschickt--ersuchte
Ange Tibet unter dem Vorwande zu bleiben, da sie noch einige Fragen an
ihn zu richten habe. Auf Tibet hatte es den ganzen Tag wie eine schwere
Last gelegen, und einmal hatte er es schon verwnscht, Teuts Auftrag
bernommen zu haben. Dennoch ergriff er nach einem kurzen Vorgesprch
zuerst wieder das Wort in dieser Angelegenheit.

"Ich wollte gestern noch hinzufgen," begann er, und suchte eine
unbefangene Miene anzunehmen, "da der Herr Baron der Frau Grfin den
Vorschlag macht, die Sommerferien auf Schlo Eder zuzubringen. Der Herr
Baron ging namentlich davon aus, da dies den Kindern Freude machen
werde." Tibet forschte in Anges Gesicht. "Und auch der Grfin sei, wie
der Herr Baron meinte, Luftvernderung und Ruhe nach den Aufregungen
und Anstrengungen sicher auerordentlich frderlich. Der Herr Baron
bittet die Frau Grfin dringend, diese Einladung annehmen zu wollen."

"Tibet!" sagte Ange, schttelte den Kopf und sah den Mann mit demselben
vorwurfsvollen Blick an wie am gestrigen Tage.

"Frau Grfin?"

"Was hatten Sie mir versprochen? Was hielten Sie selbst, nach meinen
Auseinanderlegen und Ihrer damaligen Miene nach zu deuten, fr richtig?
deshalb schenkte ich Ihnen mein Vertrauen--ein Vertrauen, das sich nicht
auf oberflchliche Erklrungen beschrnkte, sondern auch die Grnde
entwickelte? Nur einem Freunde ffnet man sein Herz, wie ich es gethan.
Sie haben mich hintergangen, Sie haben gegen meinen Willen gehandelt,
Sie haben mich betrogen. Und da Sie mich betrogen haben, verliere ich
den Glauben an die Menschheit. Ich glaube nichts--nichts mehr!"

Bei den letzten Worten erhob sich Ange, die in steigender Erregung
gesprochen hatte, trat an ihren Schreibtisch und blieb dort abgewendet
und von ihren Gefhlen berwltigt, stehen.

Tibet war bla geworden und zerrte an den Knpfen seines Rockes. Er
wollte sprechen, aber er vermochte es nicht.

"Ihre Anschuldigungen, Frau Grfin, sind so schwere," stie er endlich
heraus, "da ich vergeblich nach Worten ringe. Um mich verteidigen zu
knnen, bitte ich, mir nhere Aufklrungen geben zu wollen. Was habe ich
gethan, um Vertrauen und Freundschaft zu verlieren? Ja, es ist wahr, ich
habe einen Auftrag von dem Herrn Baron entgegengenommen, und ich habe
nicht gezgert, mich desselben zu entledigen, weil der Vorschlag nach
meiner unmageblichen Ansicht ein guter, der Frau Grfin und den Kindern
ein ntzlicher war. Da aber die Frau Grfin daraus--"

"Ach, reden wir endlich deutsch! Gehen wir nicht ferner um das Wesen der
Sache herum!" fiel Ange Tibet heftig in die Rede. "Sie wissen so gut wie
ich, worin der Schwerpunkt liegt! Sie sind sich wohl bewut, weshalb ich
erregt, erschreckt, emprt bin! Werfen Sie die Maske endlich ab, Tibet,
seien Sie wenigstens jetzt ehrlich und gestehen Sie, da Sie Teuts Agent
sind, da Sie von ihm Verhaltungsmaregeln empfingen in Angelegenheiten,
die ich abzuweisen suchte mit allen Mitteln, in Angelegenheiten, welche
hervorgingen aus zartester Empfindung und deshalb von Ihnen htten
geachtet werden sollen als etwas Heiliges! Ja, ja, jetzt glaubt man mir
das alles bieten zu knnen! Htten Sie gewagt, gegen meine Befehle,
gegen meine Bitten zu handeln, als ich noch die gebietende, von Reichtum
umgebene Frau von Clairefort war? Nein, sicher nein! Aber nun, da ich
arm, verlassen und durch die Verhltnisse gedemtigt bin, glauben Sie
das Recht einer Bevormundung gewonnen zu haben, meinen Sie, mir Ihre
unzarten Dienstleistungen aufdrngen zu drfen--" Sie hrte Tibets
raschen Atem, sah sein erregtes Gesicht und fuhr doch fort: "Also
richtig war meine Ahnung und allzusehr traf ein, was ich frchtete,
obgleich ich mir schon vorwarf, diese Dinge zu viel und zu oft berhrt
zu haben! Nun erfahren Sie es nochmals, obgleich es das A und O aller
meiner Gesprche war, die ich mit Ihnen pflog: nicht als etwas Gutes,
Dankenswertes sehe ich das alles an, sondern als etwas Unwrdiges,
Beleidigendes!--Ehrlos--ja, ehrlos handelten Sie, wenn Sie mich gegen
meinen Wunsch und Befehl nach Ihren eigenen kleinlichen Auffassungen zu
messen sich erdreisteten und danach handelten!"

"Frau Grfin! Frau Grfin!" drang's aus Tibets Munde, und wie einst, als
Carlos gestorben war und ihn Anges beleidigte Worte trafen, stand er
bebend am ganzen Leibe. "Ehrlos--sagen Sie? Ehrlos?--Nun, dann darf ich
in der Folge Ihre Schwelle nicht mehr berhren! In dies reine Haus darf
kein Ehrloser treten!"

"Nein, nein, Sie haben recht!" rief Ange auer sich in gekrnktem Stolz
und in der Verzweiflung ihrer vernichteten Liebe. "Gehen Sie! Gehen Sie!
Ich will versuchen, Ihnen zu verzeihen im Gedenken des vielen Guten, das
ich von Ihnen empfing. Auch das in der Erregung gesprochene Wort nehme
ich zurck. Aber unseres Beisammenbleibens ist nicht mehr! Gehen Sie!"
Nach diesen Worten wandte sie sich von ihm ab und wollte, nicht mehr
Herrin ihrer Gefhle, das Zimmer verlassen.

"Ich thue, was Sie befehlen!" flsterte Tibet. "Wie sehr Sie mir aber
unrecht thaten, Frau Grfin--"

"Wie--unrecht?" rief sie, nochmals zurcktretend, und reckte ihre
schlanke Gestalt hoch empor. "Unrecht?" wiederholte sie. Ihre feinen
Nasenflgel vibrierten und ihre Augen blitzten. "Trieben Sie Ihre
zudringliche und bevormundende Dienstfertigkeit nicht so weit, da ich
heute wie eine Nrrin vor dem Direktor des Gymnasiums stand? Ich dankte
ihm fr seine Gte gegen die Knaben. Solche Gte anzunehmen, schmte ich
mich nicht, denn es ist der Staat, der den Bedrngten einen Teil der
Pflichten abnimmt, die ihnen obliegen, um ihre Kinder zu tchtigen
Menschen heranzubilden. Er thut damit nur etwas Weises. Sie vermgen es
ihm einst zu lohnen, indem sie gute Brger werden. Wissen Sie, was er
erwiderte? Da er weder eine Eingabe noch einen Dankesbrief von meiner
Hand empfangen! Nun, was sagen Sie dazu?--Sie unterschlugen Eingabe und
Brief, Sie belogen mich, whrend ich Ihnen Hab und Gut hingab in
grenzenlosem Vertrauen, ja mehr noch, mich Ihnen sogar anvertraute in
Dingen, die schwer, wohl nie ber die Lippen eines Weibes dringen,
selbst unter gleichen Verhltnissen. Nun, Tibet, sind Sie der Agent des
Herrn Baron von Teut?--Einmal wenigstens seien Sie wahr!"

Tibet schttelte sich, als ob er die Flamme, die in seiner Brust
emporstieg, auslschen, als ob er die bermenschliche Erregung, die
jeden Nerv pulsieren machte, abstreifen knne. Und dann drang es heiser
aus seinem Munde: "Und doch waren meine Gedanken rein, meine Absichten
die besten, meine Handlungsweise selbstlos; und doch war alles--so
falsch die Mittel sein mochten--das Ergebnis meiner unbegrenzten Hingabe
an Ihre Person. Das sagt Ihnen, Frau Grfin, Ernst Tibet, der sich heute
fr immer von Ihnen verabschiedet."

Er sprach's und verlie das Zimmer. Ange stand da, wie ein weier Stein.
Ihr Herz schlug zum Zerspringen. Sie hrte, wie der Mann auf sein
Zimmer ging. Sie sah durch die Mauern, da er sich eilte, seine Sachen
zu packen. Eine wahnsinnige Angst erfate sie; sie htte aufschreien und
ihm nachstrzen mgen, und doch hielten sie die nachwirkende
Emprung--und das einmal gesprochene Wort zurck.--Nun ging auch er, der
letzte, den sie hatte und der doch--sie wute es--ein Freund war, wie
auer Teut seinesgleichen nicht zu finden auf dieser liebeleeren Welt.

       *       *       *       *       *

Umfang und volle Bedeutung dessen, was geschehen war, stieg vor Ange
erst in den nachfolgenden Tagen auf. Auch die Reue blieb nicht aus, aber
Ange erstickte diese Regung. Ein Mensch, der fr seine berzeugung
kmpft, fr den giebt's kein Rechts und kein Links. Nur ein einziger
gerader Pfad ist vorgezeichnet. So war es auch hier. Sprach ihr Herz zu
gunsten Tibets, so verwischte doch ihr stolzes, beleidigtes Gefhl
wieder die vershnlichen Regungen. Das waren keine bloen Worte gewesen,
die sie einst in Frankfurt gesprochen und deren Inhalt sie ihm spter so
oft wiederholt hatte. Sie wollte, sie mute den Weg gehen, welchen sie
ihm bezeichnet hatte. Ihr besseres Ich, ihr Ehrgefhl hatten
gesprochen, und diesen mute sie folgen.

Vielleicht--es mochte sein--hatte sie die Dinge zu sehr auf die Spitze
getrieben, lie ihrem verletzten Stolze zu sehr die Zgel schieen. Aber
lag nicht gerade in dieser Form, ihr Erleichterungen zu verschaffen,
etwas von jener leis spttelnden Bevormundung, welcher sie sich
entziehen, zu der sie gerade Teut Recht und Veranlassung hatte nehmen
wollen?----So blieb in ihr haften, wogegen sich doch im Grunde ihr Herz
und ihr Verstand auflehnten, und sie ttete die mahnende Stimme ihres
Innern, die ihr sogar zurannte, da ihre Handlungsweise gegen Tibet den
Grundstzen hochherziger Gesinnung schon deshalb nicht entsprach, weil
sie ihn--sie mute es eingestehen--zugleich schuldlos fr die
Enttuschungen ihrer Liebe hatte ben lassen.

Schon am nchsten Tage traf ein vollkommen geschftlich gehaltenes
Schreiben von Tibet ein, in welchem er die genaueren Angaben machte ber
alles, was seither seiner Sorge anvertraut gewesen war und jetzt Ange
allein obliegen sollte. Insbesondere machte er ihr ber ihre
Geldangelegenheiten Mitteilung und gab in hflich gemessener Form
Ratschlge, indem er auf den bisher von ihm beobachteten Gebrauch
hinwies. Um sie vor ferneren Enttuschungen zu bewahren, bekannte er in
diesem Briefe, welche Ausgaben er ohne ihr Zuthun bestritten hatte, und
fgte endlich hinzu, da er im Auftrage des Barons von Teut gehandelt
habe. Eine Angabe ber die Hhe derjenigen Summe, mit welcher letzterer
fr Ange eingetreten war, gab er aber nicht, und sie beeilte sich
deshalb--unter welchen Empfindungen ist leicht zu bemessen--ihn
schriftlich zu ersuchen, ihr sofort darber eine Nachricht zukommen zu
lassen. Am Schlu des Tibetschen Briefes hie es:

"Frau Grfin werden ber die Zwischenflle heute nicht anders, aber
ruhiger denken, das ist meine sehnliche Hoffnung. Und da auch ich den
Dingen nach der gestrigen Unterredung mit vernderten Ansichten
gegenberstehe, so mag es mir mit Rcksicht auf die jahrelangen
Beziehungen, die ich zu der Frau Grfin pflegen durfte und in deren
Verlauf die gndige Frau mir so oft ein Lob und ein freundliches Wort zu
erteilen geruhten, gestattet sein, zu sagen: da ich tief bereue und
stets wiederkehren werde, sobald mich die Frau Grfin rufen. Wenn diesem
Rufe hinzugefgt sein wird, da die Frau Grfin mir vergeben haben--ich
bitte Gott, da dieser Tag mir noch einmal werden wird--, dann bin ich
entschdigt fr alles, was auch mir Schweres, Ernstes und Sorgenvolles
in meinem Leben begegnete und das mich doch nicht hinderte, meine
hchste Lebensaufgabe darin zu erkennen, der Frau Grfin und Ihrer
Familie ein bescheidener, wahrer, wenn auch in den Mitteln hufig
irrender Freund zu sein.

Ich bitte gehorsamst, die grflichen Kinder gren zu wollen, denen ich
nicht einmal ein Lebewohl sagen konnte u.s.w."

Ange las diesen Brief in tiefster Bewegung. Was htte sie darum gegeben,
wenn die Dinge, die sich enthllt hatten, nicht geschehen wren.

Pltzlich lag ihr Leben vor ihr wie eine endlos zu durchschreitende
Wste, und doch fhlte sie jetzt schon, da sie erlahmte. Ihr Herz
erbebte, obgleich sie kaum den Fu ber die Grenzen gesetzt hatte. Aber
sie raffte sich auf zum ernsten Tagewerk, und ruhige berlegung gewann
die Oberhand.

Ange begann zu rechnen. Zum erstenmal in ihrem Leben beschftigte sich
Ange von Clairefort mit Zahlen. Bis spt in die Nacht, wenn die Kinder
schon schliefen, schrieb und summierte sie, stellte fest und strich
wieder aus, fgte hinzu und krzte von neuem. Und sie ward gewahr, was
jedem sich offenbart, der mit diesen unerbittlichen Ausrufungs- und
Fragezeichen zu kmpfen hat. Auch ihr erschienen alle Einnahmeposten
wie Quecksilberkgelchen, die man fassen zu knnen whnt, und die dann
pltzlich in bisher unsichtbare Poren verschwinden, whrend die
Ausgabesummen zudringlich emporschieen, wachsen und sich vermehren.

Als Ange zum erstenmal alles zusammengestellt hatte und, glcklich
aufatmend, zu dem Resultat gelangt war, es werde gehen, da fiel ihr
pltzlich ein, da Schulgeld und Steuern noch fehlten, da der Feuerung
fr den Winter, ihrer eigenen Garderobe, der Abzahlung an Teut nicht
gedacht sei, da die unvorhergesehenen Ausgaben--und sei's auch nur eine
Gabe der Wohlthtigkeit--nicht mit vorgesehen wren.

Nun ging's abermals ans Rechnen, aber die Zahlen waren wenig biegsam und
trotzten allem Beschnigen. Und mit diesem Unvorhergesehenen war's nicht
einmal am Ende! Wenn--wenn--Krankheit kam? Arzt, Apotheker--das
Vielerlei, was zu einer sorgfltigen Pflege gehrt! Ange sann und
plante. Wo konnte noch gespart werden? Gab's nicht einen Posten, der
berflssig erschien?--Nein, nein!--Und wenn sie nun selbst krank ward,
wenn sie gar--Was wurde aus den Kindern? Konnte sie nicht sterben? War's
nicht erste, vornehmste Pflicht, an diesen Fall zu denken? Mute sie
nicht ihr Leben versichern?--Aber woher nehmen? Da fiel's wieder wie
Regenschauer auf ihre Seele, da raunte ihr eine frchterlich nchterne
Stimme zu, da selbst der beste, ehrlichste Anfang doch nur ein
schlechtes Ende haben knne. Sie vermochte mit ihrem kleinen Zinskapital
nicht alles zu bestreiten. Es war unmglich, unmglich!

Aber Ange erstarkte in ihrem Pflichtgefhl und in ihrer Liebe zu den
Kindern und beschlo zu handeln. Sie schrieb an den Direktor des
Gymnasiums und bat um Nachla des Schulgeldes, indem sie begrndete,
worauf sie schon einmal hingedeutet hatte. Wegen einer Ermigung der
Steuern befragte sie an einem der kommenden Tage ihren Nachbar um Rat.
Sie empfand keine Scham dabei, whrend sie doch ehedem schon gezittert
hatte, ihr Diener knne bemerken, da ihr das Geld zur Reise fehle. Sie
schttelte verwundert den Kopf, als sie dieser Zeit gedachte; ja, sie
begriff heute nicht, da ihr das Eingestndnis ihrer bedrngten Lage
jemals schwer geworden sei.

Und nun begann in der Folge der wirkliche Lebenskampf. Welche
Auseinandersetzungen mit den Kindern, wenn sie nach alter Gewohnheit
irgend etwas begehrten, das ihnen die Laune eingab!

"Nein, nein!" sagte Ange.

"Weshalb nicht, Mama?"

"Weil ich es nicht will; weil es berflssig ist."

Die kleine Ange, bisher ohne eine Entbehrung, schielte dann wohl zum
Einholen eines beipflichtenden Lchelns wegen dieser unerwarteten Worte
zu den lteren Geschwistern hinber. Aber sie fand kein Echo fr ihren
kindlichen Unverstand. Jene fhlten mit ihrem Instinkt, da die Sache
durchaus nichts Komisches habe.

       *       *       *       *       *

Das erste, was Ange nach Tibets Fortgang berlegte und in der Folge auch
zur Ausfhrung brachte, war eine noch strengere Tageseinteilung als
bisher. Sie stand in aller Frhe auf und sorgte, da die Kinder
Frhstck erhielten und in die Schule gelangten.

Whrend die Magd Einkufe machte und nach diesen an die Vorbereitung fr
das Mittagessen ging, besorgte Ange die brige Hausarbeit.

Gleich nach Tisch begannen die Arbeitsstunden fr die Kinder. Ange
suchte den Knaben sowohl behilflich zu sein wie den Mdchen und gab den
letzteren auch tglich den von Tibet erwhnten Musikunterricht.

Wenn die Witterung es erlaubte, ward ein gemeinsamer Spaziergang
unternommen, und den Rest des Tages beschftigte sich Ange mit dem
Vielerlei, was zu einer Wirtschaft gehrt: dem Ausbessern der Kleider,
mit Handarbeit und ihrem kleinen Rechnungswesen.

Alle ihre Gedanken waren auf die Kinder gerichtet. Aus den
Schulbibliotheken wurden Bcher herbeigeholt, und abwechselnd las eines
der Kinder abends vor. Die sich daran knpfenden Fragen beantwortete
Ange nach bestem Knnen, und wenn dieses nicht ausreichte, griff sie zu
Hilfsmitteln, die sich unter Carlos' Nachla befanden, und sa dann--ein
Kind unter Kindern--und suchte auch sich neugierig zu belehren.

Jeden Wunsch, der in ihren Lieblingen aufstieg, hrte sie an, und
berlegte vorher, ob er erfllbar sei. Sie hatte sich zum Grundsatz
gemacht, nie gleich ja zu sagen, sondern sich erst Bedenkzeit
auszubitten. Wenn sie dann--wie meistens--eine abschlgige Antwort
erteilte, begann wohl ein: "Warum nicht, Mama? Bitte!" und ein Betteln
und Drngen, dem sie nur schwer zu widerstehen vermochte. Die Kinder
hatten so viele Grunde wie drauen Blten auf den Bumen, und wo diese
fehlten, schmeichelten sie und machten Angriffe auf Anges schwaches
Herz. Aber sie blieb fest, wenn es auch hei in ihrem Inneren aufstieg.
Ben stand ihr stets zur Seite und wehrte die brigen ab. Er hatte viel
hnlichkeit mit dem verstorbenen Carlitos. Der Knabe war voll
Herzensgte, er besa Charakter, und fr seine Jahre berraschte er
durch die Reise seines Urteils und das Gesetzte seines Wesens. Dabei war
er voll Aufopferung fr seine Mutter, die er zrtlich liebte. Sobald es
ihr galt, war ihm keine Arbeit zu schlecht oder zu schwer; wenn keiner
Zeit hatte--er hatte sie stets. Er half ihr, selbst bei Kchenarbeit,
und lief fort, wenn etwas rasch besorgt werden mute.

Der Knabe fhlte nicht mehr instinktiv, sondern war sich bewut, wie die
Dinge lagen, und sein Herz trieb ihn, seiner Mutter die tglichen
Beschwerden zu erleichtern.

Das alles aber trat nur zum Vorschein im Hause. Drauen war der Knabe
ein vllig anderer. Vor allen brigen besa er einen brennenden Ehrgeiz.
Jeden Tag berichtete er, was in der Schule geschehen, wie ihm Recht oder
Unrecht geworden, und er berlegte, wie er es anzufangen habe, auf den
Sprossen seiner Sturmleiter weiter emporzusteigen.

Und alles stand ihm gut; er konnte nicht anders sein, wie er war. Wenn
aber einmal ein Lcheln ber sein hbsches Gesicht glitt oder gar seine
Augen tiefere Empfindungen widerspiegelten, dann war der so schn, da
er einem Maler htte Modell stehen knnen.

"Wie heit Du?"

"Graf Benno von Clairefort."

Nie nannte er sich anders, aber seltsamerweise rief dies selbst bei
Erwachsenen kein Lcheln hervor.

       *       *       *       *       *

Bisweilen schien Ange altes, was frher gewesen, wie ein Traum, und in
diesem Bilde ihrer Vorstellungen tauchte immer von neuem Teut auf. Wer
ihr einstmals gesagt htte, sie werde ihn ngstlich fliehen, und deshalb
fliehen, weil er Wort gehalten in allem, was er ihr damals in besseren
Tagen im Walde versprochen, und welches doch das Hchste war, was ein
Mensch dem anderen gewhren konnte--den wrde sie einen unverstndigen
Thoren gescholten haben. Und doch war's kein Traumbild. Sie war heute
vielleicht von ihm getrennt--frs ganze Leben! Wrde er, nach der
bisherigen Beurteilung ihrer Person, ihre Haltung nicht als eine
Weiberlaune deuten? Sie sah ihn vor sich--das berlegene Lcheln
umspielte seinen Mund, er schttelte ber solche Kindereien den Kopf.
Hatte er gar recht?

Und dann kam's wieder ber sie eines Tages in dem grbelnden Suchen
nach dem Rechten, in der ngstlichen Besorgnis, den verletzt zu haben,
dem sie so viel verdankte und der nun stumm blieb, als ob er unter die
Toten gegangen.

Sie beschlo, ihm zu schreiben und ihren Standpunkt zu verteidigen. Aber
mitten darin hielt sie wieder inne.

Was sie auch schrieb, sie konnte seine Gedanken nicht beeinflussen.
Vielleicht betrachtete er den Inhalt ihres Briefes nur als Vorwand ihrer
vernderten Gesinnung. Und war's nicht auch begreiflich, natrlich, da
sich nun auch sein Stolz regte? War er einer von denen, die sich anderen
zudringlich nhern? Nein! Und da er ihr nicht mit denselben Gefhlen
gegenberstand--sie wute es nun aus Tibets Munde--, hatte er ihr
Andenken vielleicht ausgelscht--ausgelscht fr immer?

Und nun sollte sie das erste Wort geben, in ihm den Eindruck
hervorrufen, endlich sei sie durch Lebensnot und Sorge, gedrngt auch
von ihrer alten Natur, doch gekommen und habe erbeten, was sie einst so
schroff zurckgewiesen? Nimmermehr! Vorbei war's mit all den Hoffnungen,
die sich an frhere Zeiten knpften! Es gab nur einen Lichtstrahl: das
Glck der Kinder, und in diesem allein mute sie ihr eigenes suchen.
Somit unterblieb das Schreiben.

Aus dem schwankenden Herbst schritt allmhlich der Winter mit
rcksichtslosen Schritten hervor, stubte, des Widerstandes nicht
achtend und seines Rechtes sicher, mit Schneewirbeln ber die Landschaft
und schlug die ganze Natur in seine weien Decken ein.

Aber mit dem Winter traten auch die Sorgen wie weie Gespenster an Ange
heran. Als sie von ihrem Bankhause die Quartalszinsen erhielt und einen
berschlag machte, was noch zu bezahlen und was ntig war, bis das neue
Jahr erschien, sah sie, da ihr jetzt schon fast nichts mehr blieb. Ange
hatte trotz uerster Sparsamkeit kleine Schulden machen mssen, und die
von Tibet gemeldete erschrecklich hohe Summe, welche Teut in dem ersten
halben Jahre zu ihrem Haushalt beigesteuert hatte, ragte noch drohend
ber dem brigen empor. Gerade diese zu tilgen, beschftigte immer aufs
neue, zulegt fast ausschlielich Anges Gedanken. Schon machte sie sich
Vorwrfe, da sie nicht frher abgezahlt hatte. Teut triumphierte
vielleicht, da sie so eilfertig und trotzig darnach begehrt--und nun
doch alles still war.

Sie beschlo--es war ein falscher Entschlu--ihren Nachbar, einen
kleinen, mit einer Haushlterin lebenden Kapitalisten--um eine grere
Summe darlehnsweise zu bitten und solche Teut sogleich einzusenden.

Als sie schon auf dem Wege war, flsterte ihr eine besonnene Stimme zu,
da ein einziges Goldstck als Abtrag gengen werde, um sich vor sich
selbst und vor Teut zu rechtfertigen. Aber mit leiser Eitelkeit
vermischter Stolz berwog, was bessere Einsicht ihr zurannte, und sie
zog die Klingel und betrat das Haus.

Es giebt Wohnungen, denen eine kalte Luft entstrmt, selbst zur
Sommerszeit. Frostiges Selbstbehagen, das einen engen, abwehrenden Kreis
um sich zieht, die brige Welt nur sieht, sie nur anhrt und sich nur
mit ihr beschftigt, sofern diese keinerlei Ansprche erhebt,
durchdringt die Bewohner und wirkt so erkaltend, da es sich selbst den
toten Dingen mitzuteilen scheint.

Als Ange den Flur beschritt, berfiel sie jene Zaghaftigkeit, welche
fast immer den allzu raschen Vorstellungen unserer Phantasie zu folgen
pflegt.

Auf dem groen Flur standen zwei in peinlicher Sauberkeit gehaltene, in
Eichenholzfarbe gemalte Schrnke, die den Eintretenden schon kalt
anstarrten. Und sonst nichts ringsum: kein Spiegel, keine Sthle, keine
Kleiderhaken, keine Uhr. Was eine rasche Hand etwa stehlen konnte, war
weislich entfernt. Ein kalter, bersauberer, abgeschlossener Raum, in
dem die Klingel impertinent laut nachtnte! Nun klopfte Ange.

"Ah, Frau Grfin!" sagte die Gesellschafterin artig. Es war eine alte
Dame in einem einfachen dunklen Kleide und mit einer weien Mtze auf
dem Kopf. "Bitte, Herr Putz ist zugegen."

Putz hatte nichts in der Welt zu thun; er schwatzte beraus gern, sprach
eigentlich nur von sich und stand trotz seines Egoismus und der
Langenweile, die er ausstrmte--lediglich im Raterteilen war er ein
Verschwender--unter dem Eindruck, der Verkehr und Umgang mit ihm sei fr
andere ein ungewhnlicher Vorzug. Da er nur seinen Neigungen dabei
folgte, lediglich sich selbst die Zeit vertrieb, und da durch den
Verkehr irgend eine Gegenseitigkeit erwachse, diese Gedanken kamen nie
in seinen Kopf.

Whrend Ange sich umschaute, hatte sie beim Anblick der Personen und der
altbekannten Dinge pltzlich die berzeugung, ihre Bitte werde ihr
abgeschlagen werden. War's doch Putz, den sie bereits in ihre
Verhltnisse einen Einblick hatte thun lassen, indem sie ihn um Auskunft
wegen Ermigung der Steuern gebeten. Es war ihr unfalich, da sie das
nicht vorher bedacht, und sie schalt ihren Mangel an berlegung nun, da
es zu spt war.

Ange fand brigens nicht so rasch Gelegenheit dem Alten vorzutragen,
was sie beschftigte. Die Gesellschafterin war ein unliebsamer Zeuge,
und selbst, als diese einmal fortging, fand sich kein Anknpfungspunkt.

So wurden denn gleichgltige Gesprchsgegenstnde berhrt, und Ange
empfand doppeltes Unbehagen an der Unterhaltung, da sie ihre Absicht
nicht auszufhren vermochte.

Pltzlich sagte Putz: "Nun, haben Sie Nachricht von der Steuerbehrde,
Frau Grfin? Ich wollte schon immer fragen."

Ange bejahte. Sie berichtete, da man sie aufgefordert habe, ihre
Antrge nachweislich zu belegen, und da dann eine nochmalige Prfung
stattfinden solle. Vorlufig msse die Summe gezahlt werden, zu der sie
eingeschtzt sei.

"Ganz recht, ganz recht! So, so!" sagte der Alte, und nach kurzer Pause
fuhr er fort: "Wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein knnte, Frau
Grfin--recht gern, mit grtem Vergngen!"

Die Gesellschafterin war noch nicht zurckgekehrt. Diese freundlichen
Worte ermutigten Ange. Nun, so konnte es denn sein! Pltzlich war sie
wieder voller Hoffnungen.

"Ich danke Ihnen sehr, Herr Putz. Ich wollte auch noch in einer anderen
Sache Ihren Rat oder vielmehr Ihre Hilfe erbitten."

"Bitte, bitte, Frau Grfin!" Der Alte war immer neugierig. Das Gesprch
hatte schon etwas geschleppt, nun ward es wieder anziehend.

"Also, Herr Nachbar, ich mchte Sie fragen, ob Sie mir wohl zwlfhundert
Mark wrden leihen wollen, die ich nach und nach abzahlen knnte. Ich,
ich--" Ange stockte.

"Bitte, Frau Grfin!" Putz wollte alles hren. Es fiel ihm nicht ein,
auf dergleichen Dinge einzugehen, aber hren wollte er. Anges Vertrauen
wuchs.

"Ich habe," fuhr sie gelufiger fort, "eine einzige alte Schuld, die
mich zwar nicht drckt, durchaus nicht drckt--ich meine, derentwegen
ich nicht gedrngt werde, die ich aber aus anderen Grnden--"

"Hm, ich begreife," sagte Putz. Und als Ange nicht gleich fortfuhr,
fgte er, seine Neugierde nur schlecht unterdrckend, hinzu: "Von einem
Verwandten wahrscheinlich?"

"Nein, nicht von einem Verwandten; ich habe berhaupt nicht einen
einzigen Verwandten auf der Welt, weder von seiten meiner Eltern noch
von seiten meines Gatten." Wie unvorsichtig war diese Offenherzigkeit!
Ange sah es ein--zu spt. Ihr war pltzlich, als ob sie Olga von Ink
gegenberse, und all ihre Hoffnungen sanken in einen tiefen Brunnen.
"Ich habe das Geld von--von--" Nun stand Ange sogar vor dem Namen; sie
sollte vor diesem Menschen Teuts Namen aussprechen! Wohin war sie
geraten! Sie suchte und griff in ihrer Ratlosigkeit zu einer Unwahrheit,
vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben, wo es sich um ernste Dinge
handelte. "Von Herrn Tibet," platzte sie heraus.

"Ah so!" sagte Putz, offenbar aufs hchste berrascht, und zog die
Augenbrauen ber die listigen Augen. "Von Herrn Tibet? Er ist fort,
nicht wahr? Kehrt er berhaupt nicht zu Ihnen zurck?"

Ange bereute, was sie gesagt; wie bereute sie berhaupt jetzt, da sie
gesprochen! Es wurde ihr klar, da der Mann nur seine Neugierde
befriedigen wolle und da der Gegenstand ihn nicht im geringsten
interessiere.

Sie war nun auf demselben Punkt angelangt, von dem sie in richtiger
Erkenntnis ausgegangen. Sie hatte endlich wirklich die Enttuschung,
nach der sie verlangt hatte.

"Nein, er kehrt nicht zurck," sagte sie kurz abweisend. "Aber, um
wieder auf die Sache zu kommen: wie ist es, Herr Putz, wrden Sie mir
die Hand bieten?"

Auskosten mute Ange die Enttuschung bis auf den Grund.

"Ich kann nicht, Frau Grfin, mit dem besten Willen kann ich nicht!
Aber--Sie gestatten, da ich ein freundschaftliches Wort hinzufge und
meine Ansicht ausspreche. So sehr ich begreife, da man seinem
Dienstboten kein Geld schuldig bleiben mchte--"

Ange unterbrach den Sprechenden und sagte stolz: "Sie gebrauchten den
Ausdruck Dienstbote! Das ist durchaus nicht zutreffend! Tibet war der
Sekretr und Bevollmchtigte meines Gatten und zugleich Haushofmeister
in unserem frheren groen Hauswesen. Er folgte mir aus Freundschaft,
nachdem meine Lage sich verndert hatte."

"Ah, ah, ganz wohl! Dann steht die Sache ja sehr gnstig. Erlauben Sie
einem erfahrenen Mann, Frau Grfin! Selbst wenn ich Ihnen dienen knnte,
wrde ich mir den Vorschlag erlauben, da Sie dort Stundung erbitten und
lieber den alten Glubiger behalten, trotz etwaiger Peinlichkeiten. Geld
ist Geld! Wer's giebt, will Sicherheit, und--und--"

"Sie haben recht!" fiel Ange fast bereilig ein. "Sprechen wir nicht
weiter davon! Nur eins zu meiner Rechtfertigung! Ich ging davon aus, da
es Ihnen nicht unbequem sein werde, und da vllige Sicherheit in meiner
Person liegt--"

"Natrlich, natrlich, Frau Grfin! Ich wrde Ihnen das Geld auf bloen
Schuldschein geben--selbstverstndlich!"

       *       *       *       *       *

Nachdem vier Wochen vergangen waren, fand sich Ange fast vllig von Geld
entblt, und sie sann und sann, auf welche Weise sie sich helfen knne.
Auch der Nachbar kam ihr wieder in den Sinn. Gewi, wenn sie nicht ihrer
thrichten Eingebung gefolgt wre--von ihm htte sie eine kleine
Aushilfssumme bereitwillig erhalten. Ob er sie jetzt noch geben wrde?
Vielleicht! Aber die Scham berwog den Drang der Not, und sie gab den
Gedanken auf.

Einmal berlegte sie auch, an das Bankhaus zu schreiben und um einen
Vorschu auf das Januarquartalsgeld zu bitten. Da dergleichen von ihr
versucht werden knne, war ihr bisher nicht einmal in den Sinn gekommen.
Nun weckte die Sorge praktische Gedanken. Aber auch diesen Plan lie sie
wieder fallen.

Der Jahresanfang erforderte so viel, da sie schon nicht wute, wie
auskommen. Schaffte sie jetzt Hilfe, so entbehrte sie in der Folge. Das
war nur ein schwacher Notbehelf, und vielleicht gelang's nicht einmal,
und sie bereute spter den Schritt.

Mit einemmal trmte sich wieder vor ihr auf, wie schwer, wie ganz
unmglich es sein werde, mit ihren geringen Mitteln auszukommen, und zu
dieser Einsicht schlich sich ein anderer Gedanke, der sie so ngstlich
peinigte, da ihr die Rte in die Wangen stieg. Hatte sie berhaupt ein
Recht gehabt, ihren Nachbar um Geld in solcher Hhe anzugehen? War's
nicht leichtsinnig gewesen und mute sie sich nicht schmen, da sie so
stolz auf ihre Person als Sicherheit hingewiesen hatte?--

Eines Abends machte sich Ben, nachdem die brigen Kinder bereits zur
Ruhe gegangen waren, im Wohnzimmer zu thun. Ange nhte an der kleinen
Ange Schulmappe, an der ein Riemen sich gelst hatte. Die Nadel war zu
fein, es ward ihr schwer.

Pltzlich setzte sich der Knabe ihr gegenber, blieb einen Augenblick
stumm und begann dann mit einem eigentmlichen Ton in der Stimme:

"Du, Mama, weshalb ist eigentlich Tibet fortgegangen? Du erzhltest
neulich, ihr httet ein Zerwrfnis gehabt; war es etwas--etwas mit
Geld?"

Ange neigte den Kopf; dann sagte sie: "Ja, ja, Ben, das verstehst Du
nicht."

"Doch, Mama. Wollte er Geld von Dir haben und konntest Du es ihm nicht
geben?"

"Nein, Ben, es war umgekehrt."

"Umgekehrt--wie? Wolltest Du Geld von ihm--"

"Du verstehst falsch, Ben. Er wollte--er gab mir Geld--das heit--Nein,
das ist auch nicht richtig. Ich weigerte mich, von ihm--etwas
anzunehmen, und deshalb--"

Des Knaben Pupillen erweiterten sich, und es jagte ber sein Gesicht.

"Er wollte Dir Geld geben, und weil Du es nicht nehmen wolltest, ging
Tibet fort?"

"Nein, Ben, ich hie ihn gehen. Aber ich wiederhole, da ich Dir das
nicht erzhlen, nicht erklren kann."

"Doch, Mama!" sagte Ben fest. "Erzhle mir alles, bitte. Ich bin nicht
mehr ruhig, wenn ich nicht alles wei. War Papa nicht sehr reich? Hat er
all sein Geld verloren?"

Ange nickte.

"Hat Tibet damit zu thun?"

"Nein, Ben. Papa war allerdings sehr reich, verlor aber sein Geld in dem
Bestreben, es fr Euch noch zu vermehren. Als er starb, war nichts mehr
da."

"Nichts? Das war unrecht. Das war--" Der Knabe unterbrach und bezwang
sich. "Ah, und nun wollte Tibet Dir helfen, und Du wolltest nichts
nehmen, und--"

"Ja, ja, so hnlich war es, mein lieber Junge. Aber noch einmal: Du
vermagst den inneren Zusammenhang nicht zu verstehen, frage mich nicht
weiter."

"Er meinte es doch aber gut, Mama!"

Ange senkte den Kopf.

"Bist Du ihm bse? Werdet Ihr Euch nicht wieder vertragen?"

"Ich wei es nicht, mein guter Ben. Ich glaube es nicht--"

"Und weshalb? Nur, weil--"

Abermals bewegte Ange sanft zustimmend das Haupt.

"O, hab ich Dich lieb!" stie der Knabe hervor und umhalste seine
Mutter. "Wenn ich doch erst gro wre und--und--"

Kraft und Eroberungslust blitzten in seinen Augen. Wenn's an ihm gelegen
htte, er wrde seine liebe Mama auf die Arme genommen und durch das
Gewhl der Welt getragen haben.

Als sie ihn nach einer zrtlichen Umarmung entlie und er schon mit
einem "Gute Nacht!" in der Thr stand, berflog sein Auge noch einmal
ihre Gestalt. Er kehrte zurck, umfate sie strmisch und flsterte:

"Bitte, arbeite nicht zu lange. Ich schlafe nicht ein, bevor Du zu Bett
gehst. Ja, Mama?"

Welche heie Liebe blitzte aus beider Augen! Nun schlpfte er fort und
suchte sein Lager auf.

       *       *       *       *       *

Das war ein Winter. Seit Tagen lag ein starrer, unbeweglicher Schnee auf
der Landschaft, und die Luft trug jenes liebeleere Grau, bei dessen
Anblick uns schon frstelt und schaudert. Dazu kam ein rcksichtsloser,
Mark und Bein durchkltender Ostwind, der seinen Hauch durch die
festverschlossenen Thren jagte und aller Abwehr in den Husern
Widerstand entgegensetzte.

Die Kinder kamen mittags, von Frost und Klte geschttelt, nach Hause,
und da die in dem oberen Teil der Villa gelegenen Schlafgemcher nicht
geheizt wurden, war morgens das Wasser in den Krgen kegelspitz
gefroren, und nur ein Fingernagel vermochte die Arabesken des Eises zu
durchdringen, mit dem die Fenster beschlagen waren.

Die Feuerung war schon wieder verbraucht. Die Magd meldete, da sie die
letzten Krbe vom Boden herabgeholt habe. Fred kam nach Hause und hatte
sich auf dem Eise beschdigt. Die Beinkleider waren auf dem Knie
geplatzt, und Ange schalt und suchte unter dem Vorrat nach anderen. Was
aber der Knabe an Garderobe besa, war zu leicht, und so mute Ange nach
dem Schneider senden, um sie ausbessern zu lassen, da sie solche Arbeit
nicht verstand. Das war am Ende nichts, aber oft sind's eher die kleinen
Verdrielichkeiten, die uns das Leben erschweren, als die groen.

ber Ernas Winterhut hatten die Mdchen in der Schule allerlei Spott
getrieben. Der gehre wohl ihrer Mama oder sei aus einer
Komdiantengarderobe? so berichtete sie aufgeregt. "Freue Dich, da Du
einen Hut hast, mein Kind: er ist heil und sauber. La die Kinder
reden."

Aber wenn Ange dies auch sagte, schnitt es ihr doch ins Herz. Es war
allerdings ein Hut, den sie selbst abgelegt hatte, und das Kind sah
seltsam darin aus. Einen anderen kaufen? Nein! Sie hatte nicht einmal
Geld, Feuerung zu bestellen, die so bitter ntig war.

Im Anfang hatten die Kinder noch alle hbsche, ja uerst kleidsame
Gewnder. Die beiden Mdchen sahen so zierlich und vornehm aus, da die
Menschen sich nach ihnen umschauten. Aber inzwischen war so vieles
schadhaft geworden und nicht erneuert. Die kleine Ange trug zum
erstenmal auf den Knieen gestopfte Strmpfe und zog das Kleid herunter,
das dadurch doch nicht lnger ward und nichts verbarg.

Die Kopfbedeckungen der Knaben waren reichlich abgenutzt, und Kragen und
Manschetten muten lnger dienen als frher. Bisweilen drang's Ange mit
Messern durch die Brust, wenn sie das Aussehen ihrer Lieblinge mit dem
anderer Kinder verglich.

An einem dieser Abende sa Ange unthtig an ihrem gewohnten Arbeitsbuch
und sttzte voller Kummer und Sorge das Haupt. Sie dachte aber nicht
einmal an die Gegenwart, sie beschftigte sich mit der Zukunft. Sie
mute rasch die jetzige Wohnung aufgeben, sie war zu teuer. Auch konnten
die Mdchen so kostspielige Schulen ferner nicht mehr besuchen. Die
guten Kleider, die Ange noch besa, waren besser zu verkaufen oder fr
die Kinder zu ndern. Ja, das alles mute--mute geschehen! Nur wenn sie
die bisherigen Ausgaben um die Hlfte einschrnkte, dann konnte sie
auskommen.

"Du bist wieder so betrbt" flsterte Ben, seine Mutter sanft
umschlingend. Die brigen Geschwister waren noch anwesend; immer scheute
sich der Knabe, seine Gefhle vor ihnen zu zeigen. Gerade hustete
Jorinde ngstlich auf und drauen pfiff und tobte es um die lose
befestigten Fensterladen.

"Nein, nein!" erwiderte Ange, vor den Tnen zusammenschauernd. "Geh ins
Bett, mein ses Kind.--Und ich komme gleich nach und bringe Dir einen
heien Trank," fuhr sie, zu Jorinde gewendet, fort, die aufgestanden war
und sich an sie schmiegte.

"Es ist so kalt oben; ich frchte mich auch. Soll Erna nicht auch zu
Bett gehen, Mama?"

Es war so kalt! Und Ange konnte nicht heizen. Whrend der letzten Tage
hatte sie eine vllige Apathie erfat; die Dinge muten sich durch
irgend etwas ndern;--wie, das wute sie nicht; sie that auch nichts
dafr. Aber es konnte sich doch nichts ndern, ohne da sie handelte.

"Ich will Dir, solange es noch so kalt ist, das Bett drinnen auf dem
Sofa einrichten," entschied Ange. "Ja, ja, mein liebes Kind, es ist zu
frostig oben, es ist nicht gut fr Deine Brust. Wir mssen sehen, wie
wir's machen."

In diesem Augenblick entstand ein Streit zwischen den Geschwistern. Fred
neckte die beiden Mdchen, Ange weinte und Erna schrie auf, als er die
Hand gegen sie erhob. Bisher hatte Ben stumm neben seiner Mutter
gesessen. Er hrte alles und es grub sich in ihn ein. Er sprang empor
und fuhr gegen seinen Bruder auf. Er packte ihn an die Brust und
schttelte ihn wie eine Katze, die sich einer Maus bemchtigt hat. Unter
der seelischen Erregung, unter dem Mitgefhl fr seine Mutter, unter dem
Leid um seine kranke Schwester ging es zehrend durch sein Inneres. Nun
hatte ihn die Emprung erfat, da der leichtfertige Ruhestrer selbst
jetzt keine Rcksicht nahm.

"Ben! Ben!" rief Ange voller Schrecken und mischte sich unter die
kmpfenden Knaben. Fred hatte seinen Bruder in die Haare gefat und
suchte ihn unter keuchendem Atem herabzuziehen.

"O, Du! Du! Kannst Du nicht einen Augenblick Rcksicht nehmen? Ich
wollte Dir schon lange eine Lektion geben! Nein, lass' mich, lass' mich,
Mama!" trotzte Ben gegen Anges Befehl und Mahnung auf. "Er hat es
verdient! Er ist es gar nicht wert, da Du ihn so lieb hast!"

Und nun lagen beide auf der Erde, und Ben schlug seinen Bruder in
besinnungsloser Wut auf Kopf und Schultern. Und die kleine Ange weinte
gengstigt, die Kranke hustete und Erna stand voll Mitgefhl da und
faltete ratlos die Hnde. So wteten Krankheit, Sorge und Unfriede im
Hause.

"Auch das noch!" seufzte Ange wie verzweifelt und lie sich in ihren
Stuhl fallen. "O Ben, Fred! Da ihr mir auch noch solchen Kummer
macht!" Sie weinte und schluchzte.

Es giebt Augenblicke, in denen alles tot und trostlos um den Menschen
ist; in denen seine Seele weint, und ihm traurig ist zum Sterben.

Die Knaben hatten sich erhoben und ordneten ihre Kleider. Ihr hastiger
Atem ging durchs Gemach; ihre Glieder bebten unter der Erregung. Als Ben
aber seiner Mutter Stimme hrte, als die gerechte Anklage sein Ohr traf,
zog pltzlich jhe Blsse ber sein Gesicht; er strzte hinaus, eilte im
Dunklen auf sein Zimmer, warf sich ins Bett und vergrub das weinende
Antlitz in die Kissen.

Als endlich der Schlaf ihn bermannen wollte, als nach whlenden
Gedanken und nagenden Vorwrfen die Erschlaffung eintrat, blitzte in dem
kalten, von dem Silberwei des Winters umrahmten Gemach pltzlich ein
Licht auf, und fast wie eine berirdische, aber trostreiche Erscheinung
trat zu ihm seine Mutter mit den tiefen dunklen Augen und dem blassen
zarten Gesicht. Eine sauste Hand legte sich auf seinen Kopf, und weiche
Wangen schmiegten sich zrtlich an die seinigen.

"Du Trotzkopf!" sagte sie und sah ihm in die Augen. "Nun schlaf' Dich
aus und--Ben, thu's mir zuliebe--vertrag' Dich morgen mit Deinem Bruder
und gieb ihm das erste Wort!"

Er zgerte, aber er nickte doch, da sie es wollte.

"Ich wei, ich wei, Du ngstigst Dich um mich; um meinetwegen erhobst
Du die Hand gegen ihn," flsterte Ange bewegt. "Aber es war nicht recht,
Ben! Du thust's nicht wieder, Ben, mein Ben?"

Und da schlangen sich seine Knabenarme um ihren Nacken. Weinend und
schluchzend hing er an ihrem Halse und bereute, da er aus Liebe gefehlt
hatte.

       *       *       *       *       *

Ange entschlo sich nach schwersten Kmpfen, an einem der nachfolgenden
Tage nun doch mit ihrem Nachbar zu sprechen und ihn um etwas Geld
anzugehen. Sie wute keinen Rat mehr, war am Ende mit der geringfgigen
Summe, welche ihr geblieben war, und stand vor einer Not, vor welcher
alle Bedenken schweigen muten.

Sie schrieb an Putz zu diesem Zwecke einen kurzen Brief, in welchem sie
die Bitte aussprach, sie wegen einer dringenden Angelegenheit bei seinem
gewohnten Morgenspaziergang durch einen Besuch erfreuen zu wollen.

"Nun, verehrte Frau Grfin, da bin ich," sagte er, stie den Schnee von
den Fen und trat in das Wohnzimmer.

Ange stand noch in einer weien Schrze, und ihre Hand hielt ein
Wischtuch und einen Staubwedel, mit welchem sie Winkel und Ecken
gesubert hatte. Ben, der nun auch wie Jorinde wegen eingetretener
Erkltung das Zimmer hten mute, befand sich im Nebengemach. Er trat
bei des Nachbars Erscheinen einen Augenblick hervor, verbeugte sich
hflich und zog dann leise die Thr an. Nun war Ange mit Putz allein.

"Bitte, nehmen Sie Platz, lieber Herr Nachbar," sagte sie etwas
verlegen, streifte die Schrze ab, strich ber die erregte Stirn und
holte einen Stuhl herbei, um sich ihm gegenber zu setzen.

"Wollen Sie nicht im Sofa--"

"Nein, bitte, bitte, ich sitze hier sehr gut. Mu auch gleich wieder
fort," erwiderte er kurz, legte whrend des Sprechens die Hnde auf den
Knopf seines Spazierstockes und richtete sein noch von der Klte
umwehtes, aus dem hohen Pelz herausschauendes listiges Gesicht auf Ange.
"Sie schrieben mir, da Sie mich zu sprechen wnschten, Frau Grfin."

"Ja, Herr Putz, und ich habe zunchst um Entschuldigung zu bitten, da
ich Sie bemht habe, statt zu Ihnen zu kommen."

"Das hat ja nichts auf sich," erwiderte er ebenso kurz und fuhr mit
einem Anflug von Ungeduld fort: "Nun also, Frau Grfin, bitte--"

"Ich sprach neulich mit Ihnen ber eine Geldsache, Herr Putz. Sie hatten
die Gte, mir Ihren Rat zu erteilen, und ich fand bei nherer
berlegung, da Sie recht hatten," begann Ange rcksichtsvoll. "Heute
handelt es sich um hnliches, aber um etwas--" Ange hielt mitten im
Sprechen inne, erhob sich, ging an ihren Schreibtisch und nahm ein
Geldbriefkouvert heraus. "Sehen Sie, Herr Putz, das ist die letzte
Geldsendung, welche ich am ersten Oktober empfing. Es sind Zinsen, die
ich vierteljhrlich erhalte. Ich komme bis Neujahr nicht aus--ich hatte
viele unerwartete Ausgaben gerade in den letzten Tagen. Da wollte ich
Sie nun freundlich bitten, Herr Putz, da Sie die groe Gte haben
mchten, mir bis Januar mit einer Summe auszuhelfen."

Ange hielt zaghaft inne und blickte den Mann an, der wie eine
Brunnenfigur vor ihr sa und keine Miene verzog.

Er schielte auf das Kouvert, das Ange auf den Tisch gelegt hatte, sah
nur zu genau, that aber, als ob er gleichgltig hinberblinzele, und
sagte dann kalt:

"Ja, ja, kann's mir wohl denken--wrde auch wohl gefllig sein, Frau
Grfin. Ich will aber gleich bemerken, da ich vor Neujahr auch sehr,
sehr knapp bin. Ich erhalte Anfang Januar--gerade wie Sie--mein Geld,
und jetzt, gegen Ende des Monats und um das Fest herum, ist's fast
unmglich! Wieviel brauchen Sie denn?"

Ange nannte eine betrchtlich geringere Summe, als sie vor diesen in
einem so wenig ermunternden Tone gesprochenen Worten hatte erbitten
wollen.

Putz schien nach einem festen Grundsatz zu handeln, denn er sagte ohne
Besinnen einfallend:

"Ich bedauere, Ihnen nur die Hlfte vorschieen zu knnen, Frau Grfin.
Schon das macht mir sogar Ungelegenheiten. Wie gesagt--"

"Ah!" machte Ange nur allzu enttuscht. Was er ihr bot, war neben der
Bestreitung dringendster Ausgaben kaum ausreichend fr die nchsten acht
Tage, und bis Weihnachten waren noch fast drei Wochen.

"Und wann gebrauchen Sie das Geld? Heute schon?" nahm Putz das Wort und
erhob sich, ohne Anges sichtliche Unruhe zu beachten.

Und wie immer der Ertrinkende nach dem Strohhalm greift, so griff auch
Ange nach dem Geringen, das sich ihr bot, nahm dankend an, versprach die
prompte Rckgabe im Januar und unterschrieb einen Schuldschein, den Putz
sogleich ausfertigte.

Auch den Betrag erhielt sie sofort aus einer Brieftasche, die Putz in
der Seitentasche seines Rockes bei sich fhrte. Er schien sich auf die
Sache vorbereitet zu haben. Weshalb hatte sie ihn sprechen wollen? Doch
sicherlich um Geld! Natrlich! Was er, ohne ihre Wnsche zu kennen,
geben wollte, war schon vorher von ihm berlegt worden.

Whrend Ange und Putz noch einige Worte austauschten, erschien in der
verbindenden Thr die schlanke Gestalt von Ben, der altes gehrt hatte.
Ein Ausdruck zorniger Erregung malte sich in seinen Zgen, aber auch
Schmerz, Scham und Mitleid spiegelten sich auf dem Angesicht des stolz
erhobenen Kopfes. Nun wandte sich Ange zurck, und der Knabe verschwand
rasch, bevor sie seiner gewahr wurde.

Nach kaum acht Tagen hatte Ange freilich noch Feuerung im Hause, aber
sonst lagen die Dinge ebenso, fast schlimmer als vordem. Von dem Drange
getrieben, achselzuckenden Mienen vorzubeugen, machte sie der
Nachbarschaft grere Abzahlungen, als sie ursprnglich vorgesehen
hatte, und erfuhr dabei, was jeder tglich beobachten kann, da Geld der
fahnenflchtigste Geselle ist, der je einem Kriegsherrn diente.

Aber nun kam das Weihnachtsfest immer nher, an dem sogar jeder
Tagelhner seinen Kindern eine Freude zu bereiten suchte. Ange hatte
fr die Kinder nichts eingekauft, aber diese arbeiteten eifrig und
versteckt an Geschenken fr sie und erinnerten sie dadurch immer von
neuem, da sie auch berraschungen von ihr erwarteten.

Selbst Fred war fleiig mit Gummi und Radiermesser bei einer Zeichnung
beschftigt, geschickter allerdings mit diesen, als mit Bleifeder und
Kreide. Er war einmal ein flchtiger kleiner Geselle.

       *       *       *       *       *

Es war einige Tage vor dem heiligen Feste und um die Abendzeit. Ein
starker Schneefall hatte die Gegend in starre, bleiche Gewnder gefllt.
Von. Mondlicht umflossen, ragte die Wartburg wie ein von Geistern
bewohntes Schlo unter den weibedeckten Wldern hervor. Ringsum in den
Villen aber glitzerten hinter den Scheiben kleine unruhige Lichter, die
seltsam, fast unheimlich abstachen gegen, die schweigsame, aller
lebendigen Farben entkleidete Natur.

Es mochte gegen zehn Uhr abends sein, als ein groer krftiger Mann, der
sich soeben auf offener Landstrae von seinem ihn offenbar ber Ort und
Gelegenheit orientierenden Gefhrten getrennt hatte, mit langsam
schwerflligen Bewegungen die Hhe hinaufstieg, auf der das Huschen
lag, welches Ange bewohnte. Je nher er seinem Ziele kam, desto
bedchtiger wurden seine Schritte. Einigemal hielt er inne und schaute
sphend um sich. Aber nirgends zeigte sich etwas Lebendiges: die Gegend
war wie ausgestorben.

Endlich erreichte er das Haus, in welchem noch Licht war, klinkte leise
eine kleine Pforte auf und wandte sich mit vorsichtigen Bewegungen
rechtzeitig in den Garten. Vor dem nach diesem herausschauenden Fenster
war kein Vorhang herabgelassen, es gestattete ungehinderten Einblick.

Der Mann--es war Teut--dmpfte seinen raschen Atem, blieb stehen und
schaute lange und unverwandt ins Innere des Gemaches. Oftmals griff er
sich in tiefer Bewegung an die Brust und einmal traten silberfunkelnde
Tropfen der Rhrung in seine Augen ber das, was er erblickte.

Ange sa, das Gesicht ihm zugewandt, an dem Tisch, der mitten im
Wohnzimmer stand, und betrachtete prfend ein Kleidungsstck, das vor
ihr auf dem Tische lag. Teut erkannte es als ein Militrbeinkleid, das
Clairefort gehrt haben mochte. Die bleiche Frau prfte und ma, indem
sie das krzere Gewand eines der Knaben dagegen hielt.

Nachdem sie nach einigem Hin und Her zu einem Entschlu gelangt war,
trennte sie die Nhte auseinander, breitete jeden Teil fr sich aus,
legte das Knabenbeinkleid darber, schnitt mit vorsichtiger Hand das
erstere danach zurecht und nhte dann die einzelnen Teile zusammen. Ohne
auch nur ein einziges Mal aufzuschauen, sa sie ber die Arbeit gebckt,
und nur einmal lie sie die Nadel ruhen, lehnte sich zurck, hob das
neue Gewand empor und zupfte an dem Stoff.

Nun vermochte ihr Teut voll ins Angesicht zu schauen, und fiebernd flog
es durch seine Brust, als ihr liebes, zrtliches und blasses Gesicht vor
ihm aufstieg.

Einmal war's ihm, als ob sie seiner ansichtig geworden sei, denn
pltzlich wandte sie mit verndertem, ngstlichem, gleichsam gebanntem
Blick ihr Auge gegen das Fenster, hinter dem er lauschte. Er trat
unwillkrlich zurck und sphte aus dem tieferen Dunkel ins Gemach.

Hatte sie ihn gesehen?--Nein! Vielleicht war's einer jener seltsamen
Ahnungsschauer, die uns erfassen knnen, wenn auch diejenigen weit von
uns sind, mit denen wir uns--in blitzartiger Erinnerung--beschftigen.

Spter sttzte Ange den Kopf, starrte sinnend vor sich hin, griff dann
nach einem Bleistift und machte sich auf einem Blttchen Papier
allerlei Notizen. Offenbar beschftigte sie sich mit ihren Kindern,
vielleicht stellte sie noch einmal deren Wnsche fr Weihnachten
zusammen. Und dann begab sie sich abermals voll Eifer an die Arbeit,
rhrte fleiig die Hand und machte nur Pausen, um die Nhte mit dem
Fingernagel nachzugltten.

Wer sie heute so sah und einst gekannt hatte! Ein Gefhl heier Rhrung
mute emporsteigen und sich in Bewunderung verwandeln.

Einmal ber das andere strich Teut in starker Erregung den Schnurrbart.
Wie lange stand er nun schon da, und doch flog ihm die Zeit wie eilende
Sekunden. Es waren lebhafte Gedanken, die ihn beschftigten. Er sah, was
vor sich ging, und sah's doch nicht; denn whrend er den Blick
hineintauchte, gingen zahlreiche Gedanken durch seinen Kopf.

Und nun bewegte Ange in leisem Frost den Oberkrper und fuhr, die Nadel
falten lassend, wiederholt ber die sinkenden Lider. Sie starrte vor
sich hin, sann und grbelte, bis endlich die Mdigkeit sie berwand und
ihre Augen sich schlossen. Einmal blinzelte sie noch kmpfend auf, dann
sank das Haupt tiefer und tiefer, und endlich sa sie regungslos da. Sie
war eingeschlummert.

"Ange, Ange," murmelte der Mann in heftiger Bewegung, richtete noch
einmal einen langen Blick auf die Schlummernde und verlie nun
vorsichtig und fast erschreckt durch seine eigenen Schritte auf dem
hartgefrorenen, knarrenden Erdboden den Ort, an welchem er gesehen, was
eine stumme, aber so beredte Sprache geredet hatte.

       *       *       *       *       *

Am folgenden Vormittage schlich Ange--sie hatte durch Zufall erfahren,
wo sie gegen Pfand ein Darlehen erhalten konnte--mit zagendem Herzen ins
Versatzamt und verschaffte sich das Geld, dessen sie so dringend
bentigt war. Sie hatte unter anderem ihre goldene Uhr--ein kostbares
Stck--hingegeben und befand sich durch den dafr erhaltenen hohen
Betrag sogar in der Lage, ihrem Nachbar die vorgeschossene Summe
zurckzahlen zu knnen. Sein zgernd gewhrter Dienst brannte ihr wie
Feuer auf der Seele, und sie fand keine Ruhe, bis sie die Summe in seine
Hnde zurckgelegt hatte.

"Wer seine Schulden bezahlt, verbessert sein Vermgen," sagte Putz, ohne
eine Befremdung ber den frher innegehaltenen Termin an den Tag zu
legen, und entlie auch Ange ohne Nachfrage oder Angebot fr andere
Flle.

An demselben Nachmittag machte Ange sich auf den Weg, um Einkufe zu
machen, und Ben, der ihr Helfer und Vertrauter in allen Dingen geworden
war, mute sie begleiten. Als sie ziemlich wortkarg neben ihm
herschritt, schmiegte er sich zrtlich an sie, und als sie ihm seine
Besorgnisse durch eine frhliche Miene zu nehmen suchte, sah er sie mit
seinen tiefen Augen an und drckte ihren Arm fester, den sie gefat
hatte, als sei er ihr kleiner Kavalier.

Als Ange unterwegs noch einmal alles berrechnete und mit einem: "Du
armer Kerl wirst wenig oder nichts erhalten!" bedauernde Worte gegen
ihren Liebling fallen lie, sagte der Knabe:

"Ich will gar nichts, ich brauche nichts, Mama!"

"Du bekommst auch wirklich nichts, mein lieber Junge, sei ohne Furcht!"
bettigte sie mitleidig. "Was ich Dir zugedacht habe, ist etwas, das Du
dringend ntig hast und was ich Dir gern besser gegnnt htte!"

Am nchsten, dem letzten Abend vor dem Feste, wollten Ange und Ben den
Baum ausputzen. Heute sa sie noch mit fleiiger Hand und arbeitete an
einem wollenen Halstuch fr Jorinde, der es besser ging, die aber
geschont und vor kalter Luft in acht genommen werden mute.

Anges Gesicht war etwas frhlicher; ein stiller, sanfter Zug lag in
ihren dienen. Was sie erreicht hatte, erfllte sie wenigstens
vorbergehend mit einer glcklichen Befriedigung, und nur eins drngte
sich schwermtig in ihre Gedanken: da das Fest ohne Tibet gefeiert
werden msse. Sie gedachte auch Carlos', ihres Mannes, aber vornehmlich
trat Teut in ihre Gedanken. Sie seufzte tief auf. Eine verzehrende
Sehnsucht erfate sie nach ihm. Sie verlangte nach seiner festen Stimme,
nach seinem Blick, nach seiner Teilnahme, nach seiner--Liebe.

Ange sah nach der Uhr. Es schlug gerade zehn. Noch wollte sie
aufbleiben, lnger als gestern, wo sie zu ihrem Leidwesen dem Schlaf
erlegen war.

Und gerade in diesem Augenblick vernahm sie drauen ein Gerusch an der
Thr, und im nchsten wurde auch die Klingel gezogen. berrascht,
erschreckt wandte sie den Blick ins Freie. Das Mdchen war schon zur
Ruhe gegangen, die Kinder schliefen. Sie begriff nicht, wer noch so spt
Einla begehren knne.

Statt auf den Flur zu gehen, trat sie ans Fenster und sphte behutsam
hinaus. Aber wie von einem Blitz getroffen fuhr sie zurck, denn als sie
den Vorhang verschob, sah sie unmittelbar neben der Mauer einen Mann,
von dessen Gestalt sie nur die Umrisse zu erkennen vermochte, dessen
Zge ihr aber in der Dunkelheit verschleiert blieben. Einen Augenblick!
Dann fate sie sich, drckte, ihre Erregung zu dmpfen, die Hand aufs
Herz und fragte kurz mit knstlicher Fassung: "Wer ist da und was wird
gewnscht?"

"Liebe Grfin! Liebe Freundin! Ich bin's, Teut! Erschrecken Sie nicht!
Soeben bin ich angekommen. Ich mu Sie durchaus sprechen. Bitte, ffnen
Sie. Verzeihen Sie dieses spte Eindringen."

Teut--so pltzlich--ohne Anzeige--in spter Nacht?--Ange verlor den
Atem, fast die Besinnung. Es war seine Stimme, dieselbe Stimme, die sie
so lange nicht gehrt und bei deren Klang ihr Herz zu zerspringen
drohte.

Noch einmal schaute sie hinaus, dann berwog ihr ahnendes Gefhl
Bedenken und Furcht. Mit einem leisen, zitternden: "Ich komme--ich mache
auf!" trat sie hinaus und ffnete.

Ja, es war Teut! Mit einem unterdrckten Schrei, totenbla--und als er
nun auf sie zutrat und ihre Hand ergriff--mit dem brennenden Rot der
Erregung bergossen, stand sie da und war keines Wortes mchtig. Aber
als sie nun das Zimmer erreicht hatten, als das Licht ber seine Zge
fiel, als die hohe, krftige Gestalt vor ihr auftauchte, als dieser
ernste und doch so gtige Blick aus seinen Augen sie traf, da folgte sie
der unwillkrlichen Bewegung seiner Hnde, trat zu ihm heran und lag
pltzlich sanft weinend an seiner Brust.

Einige Augenblicke verharrten die beiden Menschen in jener stummen,
inneren Bewegung, in der jeder Gedanke hinabtaucht in eine einzige
Empfindung und in der Worte zu Thrnen werden.

Dann aber fate er sie und lehnte sie sanft in einen Stuhl, beugte sich
ber sie und schaute ihr lange in die Augen.

"Das alles konnten Sie thun und ganz vergessen, da Axel von Teut nur
einen Lebenszweck auf dieser Welt hatte: Sie glcklich zu machen? Aber
ich komme nicht, zu hadern, sondern Ihnen zu sagen, da ich meiner
Unruhe nicht mehr Herr wurde und meine fiebernden Gedanken sich
zusammendrngten in dem einzigen Wunsche: Sie endlich wiederzusehen! Und
nun hren Sie mich an und unterbrechen Sie mich nicht. Wollen Sie?"

Leise zustimmend bewegte Ange das Haupt.

"Nehmen, lesen Sie zuvrderst, um Ihnen den Anla meines pltzlichen
Kommens zu erklren," fuhr Teut fort und entfaltete einen Brief. "Oder
nein! Lassen Sie mich," unterbrach er sich und begann, Anges Zustimmung
durch einen sanften Blick einholend:

"Lieber Onkel Axel!" Ange horchte erschreckt auf bei dieser Einleitung.
Eine Ahnung des Zusammenhanges stieg in ihr empor und wurde schon zur
halben Gewiheit.

"Sei nicht bse, wenn ich Dir heute schreibe. Nicht einmal genau wei
ich Deine Adresse. Ich habe in der letzten Zeit so viel geweint um meine
Mama und kann nicht mehr ansehen, da sie so traurig ist. Lieber Onkel
Axel! Mama hat so viele Sorgen; ganz gewi. Tibet ist nicht mehr bei
uns. Ich wei weshalb. Wenn Du kommst, erzhle ich Dir alles. Und Du
wirst kommen, bald, bald, wenn ich Dich bitte. Nicht wahr, lieber Onkel?
Gewi wrde ich Dir dies nicht schreiben, aber ich mu es thun. Schreibe
mir, bitte, und adressiere an meinen Schulkameraden, den Tertianer Carl
von Trock in Eisenach. Er wird mir den Brief geben. Niemals aber darf
Mama von meinem Brief an Dich wissen. Du sagst es ihr nicht? Bitte,
lieber Onkel! Und nun grt Dich Dein Dich liebender

Benno von Clairefort.

Begreifen Sie jetzt, liebe Freundin? Gewi, Sie verstehen, und ich habe
nun endlich erreicht, wonach ich verlangt habe seit Carlos' Tode, was
mein Recht war, aus einer Zusammengehrigkeit zwischen uns, wie
menschliche Beziehungen sie kaum wieder aufzuweisen haben. Lassen Sie
mich von vorn beginnen, damit ich Ihnen erklre, wie alles sich so
gestalten mute. Lassen Sie mich auch deshalb zurckgreifen, um Ihnen zu
beweisen, da es nichts gegeben hat, was ich in Ihrer Handlungsweise
nicht verstand, nicht ehrte." Und mit bewegter Stimme rief er das
Geschehene in ihr Gedchtnis zurck.

"O, wehren Sie mir nicht!" sagte er, als er ihre Erschtterung sah.
"Weinen Sie nicht! Sind es noch Thrnen des Zorns oder Thrnen der
Vershnung? Ist's gar--darf ich es hoffen?--ein Beweis, da ich Ihnen in
diesem Augenblick die Genugthuung gab, nach der Sie verlangten? Ja, Frau
Ange?--Ich danke Ihnen.--Und nun hren Sie weiter!"

Teut machte eine kurze Pause, und dann sagte er, behutsam seine Worte
abwgend und mit einer Zartheit, wie sie nur ihm eigen:

"Ich habe mir folgendes gedacht, liebe Frau Ange: Sie berlegen, ob wir
nicht an einem Orte gemeinsam wohnen knnen und uns--als alte
Freunde--tglich sehen; ja, durch unseren Verkehr uns das Glck
verschaffen, was uns neben dem Wohlergehen Ihrer Kinder noch auf Erden
beschieden sein kann. Wenn ich sage 'uns', so verzeihen Sie dieses Wort;
ich htte nur von mir sprechen sollen. Ich habe keinen anderen Wunsch,
als in Ihrer Nhe zu leben und Ihnen zu zeigen, wie sehr ich Ihnen
zugethan bin. Frchten Sie keine aufdringliche Freundschaft, Ange, ich
verspreche Ihnen, da ich Ihre Ansichten und Absichten ehren werde wie
ein Gottesgebot. Stimmen Sie zu! Ist es nicht thricht, da wir, die wir
schon zueinander gehrten, als wir uns zum erstenmal begegneten, uns
voneinander abschlieen wie Feinde? Sind wir nicht Freunde? Gingen Sie,
wenn auch begreiflicherweise bei den furchtbaren Gegenstzen Ihres
Lebens--nicht zu--weit, nicht zu sehr ins Extrem? Ist es nicht auch eine
Gre, nehmen zu knnen? Miverstehen Sie mich nicht! Wenn ich sprach,
wnschte ich nur von den natrlichen Rechten der Freundschaft ein Wort
fallen zu lassen; nicht einen Vorwurf wollte ich Ihnen machen, liebe
Freundin. Mich zu entschuldigen wnschte ich. Ich lie mich hinreien
von dem unbeschreiblichen Glck, das den Geber durchdringt--ich fehlte;
aber Sie gaben nicht einen Finger, um mir dieses Glck zu gnnen.--Ich
habe nichts mehr zu sagen.--Nun, liebe Frau Ange, was meinen Sie?"

Er stand auf und fate ihre beiden Hnde, er suchte ihre verschleierten
Augen und drngte sich mit seiner Seele zu der ihrigen. Und als dann
pltzlich so viele Tropfen unter ihren Wimpern zuckten, da wute er,
da sie vergeben hatte, da alles zwischen ihnen war wie ehedem.

       *       *       *       *       *

Bevor Teut sich an dem eben geschilderten Abend von Ange trennte,
erwirkte er auch Verzeihung fr Tibet, der seit seiner Trennung von Ange
bei ihm in Eder sich aufgehalten und ihn auch nach Eisenach begleitet
hatte.

Ange aber schlo kein Ange in dieser Nacht. So unvorhergesehen, so
pltzlich war alles ber sie gekommen, so mit einem Schlage waren alle
Dinge verndert, da sie sich wiederholt an die Stirn griff; ob's denn
auch Wahrheit und kein Traum sei. Haltende, brennende Strme jagten
durch ihr Inneres. Die stille Liebe zu Teut hatte sich durch das
Wiedersehen in einen drngenden, strmischen Frhling verwandelt. Er war
an ihrer Seite und sie sollte ihn vielleicht wieder verlieren?

Als Ange am nchsten Morgen ihren Kindern mitteilte, Onkel Axel und
Tibet seien wieder da und wrden an dem Weihnachtsfest teilnehmen,
erscholl lauter Jubel durchs Haus. Ben drngte sich an seine Mutter, als
sie allein war, und forschte in ihren Augen. "O ja, ja, Du bist wieder
frhlich! Ich sehe es!" prete er heraus und umhalste sie. Sie aber
legte die Hand auf sein Haupt und sah ihm forschend ins flammende Auge.

"Wutest Du gar nichts von Onkel Axels Kommen? Gar nichts?" Ben bewegte
stumm den Kopf und prete die Lippen aufeinander. Und dann scho
pltzlich brennende Rte ber sein Gesicht und mit raschem Anlauf
drckte er seine Mama noch einmal an sich. "Nicht bse sein!" flsterte
er und verschlo unter Kssen ihren Mund.

Einen rhrenden Anblick bot es, als Tibet am Mittag zum erstenmal wieder
die Schwelle des Hauses betrat. Ange war in der Kche, als der Jubel zu
ihr drang. Als sie sich ihm nherte, machte er eine tiefe, unsichere
Verbeugung und wartete, wie seine Herrin ihm begegnen wrde.

"Willkommen, Tibet!" sagte Ange, trat auf ihn zu und legte tiefbewegt
ihre Hand in die seinige. "Alles ist vergessen. Und"--hier brach es aus
ihren Augen so heftig heraus, da sich die Kinder unwillkrlich
zurckzogen--"vergeben Sie--auch mir!"

"O, Frau Grfin! Frau Grfin!" stotterte der Mann und neigte das Haupt.

Und der Festabend kam; Ange war aufgeblht in ihrem Glck. Sanfte Rosen
lagen auf ihren Wangen und ihre Augen glnzten, als htten
Diamanttropfen Sonnenstrahlen aufgesogen.

Sie trug dasselbe Kleid--sie hatte es bewahrt und nun hervorgesucht--,
das damals ihre Gestalt umschlo, als Teut Abschied nahm und in den
Krieg zog.

Auch eine vollblhende Rose hatte sie sich zu verschaffen gewut, die
nun ausgebrochen an ihrer Brust lag wie ein Symbol ihrer reiferen
Schnheit.

Teut war wie gebannt, als sie ihm gegenber trat. Fr ihn hatte sie sich
geschmckt, und der zarte Duft der Blte drang berauschend auf ihn ein.

Ihm war's, als ob sie mit ihrer blendenden Erscheinung nicht in diesen
Raum gehre, ihm pltzlich gegenbertrte wie damals in der Villa, und
alles sei wie ehedem.

Und nun wirkten auch alle anderen Dinge bestrickend auf ihn. Mit welcher
anmutigen Sicherheit waltete sie im Hause, wie gut, aber wie verstndig
war sie mit ihren Kindern; das Zuviel, das leichte "Ja" waren
abgestreift. Das Irrelose, Bewegliche, Hastige in ihrem Wesen war
gewichen, ein sanfter Ernst umgab sie, der sie verschnte.

Und mit welcher zarten Rcksicht begegnete sie ihm selbst, mit welchem
Takt wute sie den Ausgleich zu finden zwischen dem Vergangenen und
Heute. Alles, was jemals in ihm emporgestiegen war, ward zur brennenden
Flamme. Sa er ihr auch ernst und mit besonnenem Ausdruck gegenber, so
schlug doch bebend sein Herz; richtete er auch nur einen stillen Blick
auf sie, so hmmerten doch seine Pulse, und einmal ballte er,
abgewendet, die starken Hnde und ri sich zurck aus der
berwltigenden Qual, die ihm die Brust einschnrte.

Und doch konnte, durfte er nicht sprechen, und wenn seine Seele sich
auch teilte und wenn sein Verzicht sein Lebensglck vernichtete.

Einmal kamen die Kinder whrend des Abends ins Nebenzimmer und Tibet
folgte ihnen. Da trat Teut an Ange heran.

"Wie schn sind Sie, Frau Ange!" sagte er, ergriff ihre Hand und sah sie
mit seinen tiefen, guten Augen an. Ange errtete wie ein furchtsames
Mdchen, und ihre Handflchen bebten in den seinen.

"Und wie gut, wie trefflich sind Sie, liebe Freundin!" fuhr er leiser
fort und suchte ihren Blick.

Er sprach's, und die Frau neben ihm zitterte. Nun kam Ben; sie wichen
von einander. In dem bleichen Angesicht des Knaben blitzte es auf. Er
sah berrascht auf seine Mutter und auf Teut. Ahnte ihm etwas? Einen
Augenblick stand er wie erschrocken, dann aber glhte es in seinen
dunklen Augen, und mit einer unwillkrlichen raschen Bewegung--gab's
ihm ein Gott ein, oder wute er selbst nicht, was er that?--eilte er auf
beide zu, ergriff ihre Hnde und neigte sein blondes Haupt auf diese
herab.

"O, wie ich Euch lieb habe!" drang es aus des Knaben Brust. Und da
beugten sich auch unwillkrlich Ange und Teut hernieder und berhrten
gleichzeitig des Knaben Scheitel.

Aber auch ihre Wangen stahlen sich aneinander, und der Liebesgott lie
zwei Flammen emporsteigen, die zusammenschlugen in feuriger Lohe.

Derselbe Gedanke durchzog ihr Inneres: die Vorsehung war's, die ihre
Hnde durch den Knaben verband, durch den stolzen, herrlichen Knaben mit
seiner heien Seele. Diese legte ihre Hnde in einander fr immerdar.

Am Tannenbaum nebenan brannten noch die Lichter. Der feine Duft der
Nadeln und des Wachses durchwehten den Raum in ihrer belebenden
Mischung. Es war ja Weihnacht--Weihnacht, das Fest der Freude! Drinnen
ertnte das frhliche Lachen der Kinder, dazwischen ertnte Tibets
rauhere, aber gtige Stimme.

Und da waren auch die beiden Menschen, die schon so lange freinander
bestimmt waren, nicht mehr mchtig ihrer Gefhle.

Wie ein Sturmwind brauste es durch Teuts Brust, wie ein Kind hob er Ange
empor, und sie umschlangen sich mit ihren Armen, um sich zu halten frs
ganze Leben.













End of the Project Gutenberg EBook of Eine vornehme Frau, by Hermann Heiberg

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE VORNEHME FRAU ***

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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
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permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
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business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
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