The Project Gutenberg EBook of Der Tod in Venedig, by Thomas Mann

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Title: Der Tod in Venedig

Author: Thomas Mann

Release Date: April 22, 2004 [EBook #12108]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Thomas Mann

Der Tod in Venedig




Die Texte folgen den Ausgaben:

>Der Tod in Venedig< aus

Mnchen, Hyperionverlag Hans von Weber 1912






Erstes Kapitel


Gustav Aschenbach oder von Aschenbach, wie seit seinem fnfzigsten
Geburtstag amtlich sein Name lautete, hatte an einem
Frhlingsnachmittag des Jahres 19.., das unserem Kontinent monatelang
eine so gefahrdrohende Miene zeigte, von seiner Wohnung in der
Prinz-Regentenstrae zu Mnchen aus, allein einen weiteren Spaziergang
unternommen. berreizt von der schwierigen und gefhrlichen, eben
jetzt eine hchste Behutsamkeit, Umsicht, Eindringlichkeit und
Genauigkeit des Willens erfordernden Arbeit der Vormittagsstunden,
hatte der Schriftsteller dem Fortschwingen des produzierenden
Triebwerks in seinem Innern, jenem motus animi continuus, worin
nach Cicero das Wesen der Beredsamkeit besteht, auch nach der
Mittagsmahlzeit nicht Einhalt zu tun vermocht und den entlastenden
Schlummer nicht gefunden, der ihm, bei zunehmender Abnutzbarkeit
seiner Krfte, einmal untertags so ntig war. So hatte er bald nach
dem Tee das Freie gesucht, in der Hoffnung, da Luft und Bewegung ihn
wieder herstellen und ihm zu einem ersprielichen Abend verhelfen
wrden.

Es war Anfang Mai und, nach nakalten Wochen, ein falscher Hochsommer
eingefallen. Der Englische Garten, obgleich nur erst zart belaubt,
war dumpfig wie im August und in der Nhe der Stadt voller Wagen und
Spaziergnger gewesen. Beim Aumeister, wohin stillere und stillere
Wege ihn gefhrt, hatte Aschenbach eine kleine Weile den volkstmlich
belebten Wirtsgarten berblickt, an dessen Rande einige Droschken und
Equipagen hielten, hatte von dort bei sinkender Sonne seinen Heimweg
auerhalb des Parks ber die offene Flur genommen und erwartete, da er
sich mde fhlte und ber Fhring Gewitter drohte, am Nrdlichen
Friedhof die Tram, die ihn in gerader Linie zur Stadt zurckbringen
sollte. Zufllig fand er den Halteplatz und seine Umgebung von
Menschen leer. Weder auf der gepflasterten Ungererstrae, deren
Schienengeleise sich einsam gleiend gegen Schwabing erstreckten,
noch auf der Fhringer Chaussee war ein Fuhrwerk zu sehen;
hinter den Zunen der Steinmetzereien, wo zu Kauf stehende Kreuze,
Gedchtnistafeln und Monumente ein zweites, unbehaustes Grberfeld
bilden, regte sich nichts, und das byzantinische Bauwerk der
Aussegnungshalle gegenber lag schweigend im Abglanz des scheidenden
Tages. Ihre Stirnseite, mit griechischen Kreuzen und hieratischen
Schildereien in lichten Farben geschmckt, weist berdies symmetrisch
angeordnete Inschriften in Goldlettern auf, ausgewhlte, das
jenseitige Leben betreffende Schriftworte wie etwa: Sie gehen ein in
die Wohnung Gottes oder: Das ewige Licht leuchte ihnen; und der
Wartende hatte whrend einiger Minuten eine ernste Zerstreuung darin
gefunden, die Formeln abzulesen und sein geistiges Auge in ihrer
durchscheinenden Mystik sich verlieren zu lassen, als er, aus seinen
Trumereien zurckkehrend, im Portikus, oberhalb der beiden
apokalyptischen Tiere, welche die Freitreppe bewachen, einen Mann
bemerkte, dessen nicht ganz gewhnliche Erscheinung seinen Gedanken
eine vllig andere Richtung gab.

Ob er nun aus dem Innern der Halle durch das bronzene Tor
hervorgetreten oder von auen unversehens heran und hinauf gelangt
war, blieb ungewi. Aschenbach, ohne sich sonderlich in die Frage zu
vertiefen, neigte zur ersteren Annahme. Mig hochgewachsen, mager,
bartlos und auffallend stumpfnsig, gehrte der Mann zum rothaarigen
Typ und besa dessen milchige und sommersprossige Haut. Offenbar war
er durchaus nicht bajuwarischen Schlages: wie denn wenigstens der
breit und gerade gerandete Basthut, der ihm den Kopf bedeckte, seinem
Aussehen ein Geprge des Fremdlndischen und Weitherkommenden
verlieh. Freilich trug er dazu den landesblichen Rucksack um die
Schultern geschnallt, einen gelblichen Gurtanzug aus Lodenstoff, wie
es schien, einen grauen Wetterkragen ber dem linken Unterarm, den er
in die Weiche gesttzt hielt, und in der Rechten einen mit eiserner
Spitze versehenen Stock, welchen er schrg gegen den Boden stemmte und
auf dessen Krcke er, bei gekreuzten Fen, die Hfte lehnte. Erhobenen
Hauptes, so da an seinem hager dem losen Sporthemd entwachsenden
Halse der Adamsapfel stark und nackt hervortrat, blickte er mit
farblosen, rot bewimperten Augen, zwischen denen, sonderbar genug zu
seiner kurz aufgeworfenen Nase passend, zwei senkrechte, energische
Furchen standen, scharf sphend ins Weite. So--und vielleicht trug
sein erhhter und erhhender Standort zu diesem Eindruck bei--hatte
seine Haltung etwas herrisch berschauendes, Khnes oder selbst
Wildes; denn sei es, da er, geblendet, gegen die untergehende Sonne
grimassierte oder da es sich um eine dauernde physiognomische
Entstellung handelte: seine Lippen schienen zu kurz, sie waren vllig
von den Zhnen zurckgezogen, dergestalt, da diese, bis zum
Zahnfleisch blogelegt, wei und lang dazwischen hervorbleckten.

Wohl mglich, da Aschenbach es bei seiner halb zerstreuten, halb
inquisitiven Musterung des Fremden an Rcksicht hatte fehlen lassen;
denn pltzlich ward er gewahr, da jener seinen Blick erwiderte und
zwar so kriegerisch, so gerade ins Auge hinein, so offenkundig
gesonnen, die Sache aufs uerste zu treiben und den Blick des andern
zum Abzug zu zwingen, da Aschenbach, peinlich berhrt, sich abwandte
und einen Gang die Zune entlang begann, mit dem beilufigen
Entschlu, des Menschen nicht weiter achtzuhaben. Er hatte ihn in der
nchsten Minute vergessen. Mochte nun aber das Wandererhafte in der
Erscheinung des Fremden auf seine Einbildungskraft gewirkt haben oder
sonst irgendein physischer oder seelischer Einflu im Spiele sein:
eine seltsame Ausweitung seines Innern ward ihm ganz berraschend
bewut, eine Art schweifender Unruhe, ein jugendlich durstiges
Verlangen in die Ferne, ein Gefhl, so lebhaft, so neu oder doch so
lngst entwhnt und verlernt, da er, die Hnde auf dem Rcken und den
Blick am Boden, gefesselt stehen blieb, um die Empfindung auf Wesen
und Ziel zu prfen. Es war Reiselust, nichts weiter; aber wahrhaft
als Anfall auftretend und ins Leidenschaftliche, ja bis zur
Sinnestuschung gesteigert. Er sah nmlich, als Beispiel gleichsam fr
alle Wunder und Schrecken der mannigfaltigen Erde, die seine Begierde
sich auf einmal vorzustellen trachtete,--sah wie mit leiblichem Auge
eine ungeheuere Landschaft, ein tropisches Sumpfgebiet unter
dickdunstigem Himmel, feucht, ppig und ungesund, eine von Menschen
gemiedene Urweltwildnis aus Inseln, Morsten und Schlamm fhrenden
Wasserarmen. Die flachen Eilande, deren Boden mit Blttern, so dick
wie Hnde, mit riesigen Farnen, mit fettem, gequollenem und
abenteuerlich blhendem Pflanzenwerk berwuchert war, sandten haarige
Palmenschfte empor, und wunderlich ungestalte Bume, deren Wurzeln
dem Stamm entwuchsen und sich durch die Luft in den Boden, ins Wasser
senkten, bildeten verworrene Waldungen. Auf der stockenden,
grnschattig spiegelnden Flut schwammen, wie Schsseln gro,
milchweie Blumen; Vgel von fremder Art, hochschultrig, mit
unfrmigen Schnbeln, standen auf hohen Beinen im Seichten und
blickten unbeweglich zur Seite, whrend durch ausgedehnte Schilffelder
ein klapperndes Wetzen und Rauschen ging, wie durch Heere von
Geharnischten; dem Schauenden war es, als hauchte der laue,
mephitische Odem dieser geilen und untauglichen de ihn an, die in
einem ungeheuerlichen Zustande von Werden oder Vergehen zu schweben
schien, zwischen den knotigen Rohrstmmen eines Bambusdickichts
glaubte er einen Augenblick die phosphoreszierenden Lichter des Tigers
funkeln zu sehen--und fhlte sein Herz pochen vor Entsetzen und
rtselhaftem Verlangen. Dann wich das Gesicht; und mit einem
Kopfschtteln nahm Aschenbach seine Promenade an den Zunen der
Grabsteinmetzereien wieder auf.

Er hatte, zum mindesten seit ihm die Mittel zu Gebote gewesen wren,
die Vorteile des Weltverkehrs beliebig zu genieen, das Reisen nicht
anders denn als eine hygienische Maregel betrachtet, die gegen Sinn
und Neigung dann und wann hatte getroffen werden mssen. Zu
beschftigt mit den Aufgaben, welche sein Ich und die europische
Seele ihm stellten, zu belastet von der Verpflichtung zur Produktion,
der Zerstreuung zu abgeneigt, um zum Liebhaber der bunten Auenwelt
zu taugen, hatte er sich durchaus mit der Anschauung begngt, die
heute jedermann, ohne sich weit aus seinem Kreise zu rhren, von der
Oberflche der Erde gewinnen kann, und war niemals auch nur versucht
gewesen, Europa zu verlassen. Zumal seit sein Leben sich langsam
neigte, seit seine Knstlerfurcht, nicht fertig zu werden,--diese
Besorgnis, die Uhr mchte abgelaufen sein, bevor er das Seine getan
und vllig sich selbst gegeben, nicht mehr als bloe Grille von der
Hand zu weisen war, hatte sein ueres Dasein sich fast ausschlielich
auf die schne Stadt, die ihm zur Heimat geworden, und auf den rauhen
Landsitz beschrnkt, den er sich im Gebirge errichtet und wo er die
regnerischen Sommer verbrachte.

Auch wurde denn, was ihn da eben so spt und pltzlich angewandelt,
sehr bald durch Vernunft und von jung auf gebte Selbstzucht gemigt
und richtig gestellt. Er hatte beabsichtigt, das Werk, fr welches er
lebte, bis zu einem gewissen Punkte zu frdern, bevor er aufs Land
bersiedelte, und der Gedanke einer Weltbummelei, die ihn auf Monate
seiner Arbeit entfhren wrde, schien allzu locker und planwidrig, er
durfte nicht ernstlich in Frage kommen. Und doch wute er nur zu wohl,
aus welchem Grunde die Anfechtung so unversehens hervorgegangen war.
Fluchtdrang war sie, da er es sich eingestand, diese Sehnsucht ins
Ferne und Neue, diese Begierde nach Befreiung, Entbrdung und
Vergessen,--der Drang hinweg vom Werke, von der Alltagssttte eines
starren, kalten und leidenschaftlichen Dienstes. Zwar liebte er ihn
und liebte auch fast schon den entnervenden, sich tglich erneuernden
Kampf zwischen seinem zhen und stolzen, so oft erprobten Willen und
dieser wachsenden Mdigkeit, von der niemand wissen und die das
Produkt auf keine Weise, durch kein Anzeichen des Versagens und der
Laheit verraten durfte. Aber verstndig schien es, den Bogen nicht
zu berspannen und ein so lebhaft ausbrechendes Bedrfnis nicht
eigensinnig zu ersticken. Er dachte an seine Arbeit, dachte an die
Stelle, an der er sie auch heute wieder, wie gestern schon, hatte
verlassen mssen und die weder geduldiger Pflege noch einem raschen
Handstreich sich fgen zu wollen schien. Er prfte sie aufs neue,
versuchte die Hemmung zu durchbrechen oder aufzulsen und lie
mit einem Schauder des Widerwillens vom Angriff ab. Hier bot sich
keine auerordentliche Schwierigkeit, sondern was ihn lhmte, waren
die Skrupeln der Unlust, die sich als eine durch nichts mehr zu
befriedigende Ungengsamkeit darstellte. Ungengsamkeit freilich hatte
schon dem Jngling als Wesen und innerste Natur des Talentes gegolten,
und um ihretwillen hatte er das Gefhl gezgelt und erkltet, weil er
wute, da es geneigt ist, sich mit einem frhlichen Ungefhr und mit
einer halben Vollkommenheit zu begngen. Rchte sich nun also die
geknechtete Empfindung, indem sie ihn verlie, indem sie seine Kunst
frder zu tragen und zu beflgeln sich weigerte und alle Lust, alles
Entzcken an der Form und am Ausdruck mit sich hinwegnahm?
Nicht, da er Schlechtes herstellte: Dies wenigstens war der Vorteil
seiner Jahre, da er sich seiner Meisterschaft jeden Augenblick in
Gelassenheit sicher fhlte. Aber er selbst, whrend die Nation sie
ehrte, er ward ihrer nicht froh, und es schien ihm, als ermangle sein
Werk jener Merkmale feurig spielender Laune, die, ein Erzeugnis der
Freude, mehr als irgend ein innerer Gehalt, ein gewichtigerer Vorzug,
die Freude der genieenden Welt bildeten. Er frchtete sich vor dem
Sommer auf dem Lande, allein in dem kleinen Hause mit der Magd, die
ihm das Essen bereitete, und dem Diener, der es ihm auftrug; frchtete
sich vor den vertrauten Angesichten der Berggipfel und-wnde, die
wiederum seine unzufriedene Langsamkeit umstehen wrden. Und
so tat denn eine Einschaltung not, etwas Stegreifdasein, Tagdieberei,
Fernluft und Zufuhr neuen Blutes, damit der Sommer ertrglich und
ergiebig werde. Reisen also,--er war es zufrieden. Nicht gar weit,
nicht gerade bis zu den Tigern. Eine Nacht im Schlafwagen und eine
Siesta von drei, vier Wochen an irgend einem Allerweltsferienplatze im
liebenswrdigen Sden...

So dachte er, whrend der Lrm der elektrischen Tram die Ungererstrae
daher sich nherte, und einsteigend beschlo er, diesen Abend dem
Studium von Karte und Kursbuch zu widmen. Auf der Plattform fiel ihm
ein, nach dem Manne im Basthut, dem Genossen dieses immerhin
folgereichen Aufenthaltes, Umschau zu halten. Doch wurde ihm dessen
Verbleib nicht deutlich, da er weder an seinem vorherigen Standort,
noch auf dem weiteren Halteplatz, noch auch im Wagen ausfindig zu
machen war.




Zweites Kapitel


Der Autor der klaren und mchtigen Prosa-Epope vom Leben Friedrichs
von Preuen; der geduldige Knstler, der in langem Flei den
figurenreichen, so vielerlei Menschenschicksal im Schatten einer Idee
versammelnden Romanteppich, Maja mit Namen, wob; der Schpfer
jener starken Erzhlung, die Ein Elender berschrieben ist und einer
ganzen dankbaren Jugend die Mglichkeit sittlicher Entschlossenheit
jenseits der tiefsten Erkenntnis zeigte; der Verfasser endlich (und
damit sind die Werke seiner Reifezeit kurz bezeichnet) der
leidenschaftlichen Abhandlung ber Geist und Kunst, deren
ordnende Kraft und antithetische Beredsamkeit ernste Beurteiler
vermochte, sie unmittelbar neben Schillers Raisonnement ber naive
und sentimentalische Dichtung zu stellen: Gustav Aschenbach also war
zu L., einer Kreisstadt der Provinz Schlesien, als Sohn eines hheren
Justizbeamten geboren. Seine Vorfahren waren Offiziere, Richter,
Verwaltungsfunktionre gewesen, Mnner, die im Dienste des Knigs, des
Staates, ihr straffes, anstndig karges Leben gefhrt hatten. Innigere
Geistigkeit hatte sich einmal, in der Person eines Predigers, unter
ihnen verkrpert; rascheres, sinnlicheres Blut war der Familie in der
vorigen Generation durch die Mutter des Dichters, Tochter eines
bhmischen Kapellmeisters, zugekommen. Von ihr stammten die Merkmale
fremder Rasse in seinem uern. Die Vermhlung dienstlich nchterner
Gewissenhaftigkeit mit dunkleren, feurigeren Impulsen lie einen
Knstler und diesen besonderen Knstler erstehen. Da sein ganzes
Wesen auf Ruhm gestellt war, zeigte er sich, wenn nicht eigentlich
frh reif, so doch, dank der Entschiedenheit und persnlichen Prgnanz
seines Tonfalls frh fr die ffentlichkeit reif und geschickt. Beinahe
noch Gymnasiast, besa er einen Namen. Zehn Jahre spter hatte
er gelernt, von seinem Schreibtische aus zu reprsentieren, seinen
Ruhm zu verwalten in einem Briefsatz, der kurz sein mute (denn viele
Ansprche drngen auf den Erfolgreichen, den Vertrauenswrdigen ein),
gtig und bedeutend zu sein. Der Vierziger hatte, ermattet von den
Strapazen und Wechselfllen der eigentlichen Arbeit, alltglich eine
Post zu bewltigen, die Wertzeichen aus aller Herren Lndern trug.

Ebensoweit entfernt vom Banalen wie vom Exzentrischen, war sein Talent
geschaffen, den Glauben des breiten Publikums und die bewundernde,
fordernde Teilnahme der Whlerischen zugleich zu gewinnen. So, schon
als Jngling von allen Seiten auf die Leistung--und zwar die
auerordentliche--verpflichtet, hatte er niemals den Miggang,
niemals die Fahrlssigkeit der Jugend gekannt. Als er um sein
fnfunddreiigstes Jahr in Wien erkrankte, uerte ein feiner Beobachter
ber ihn in Gesellschaft: Sehen Sie, Aschenbach hat von jeher nur so
gelebt--und der Sprecher schlo die Finger seiner Linken fest zur
Faust--; niemals so--und er lie die geffnete Hand bequem
von der Lehne des Sessels hngen. Das traf zu; und das
Tapfer-Sittliche daran war, da seine Natur von nichts weniger als
robuster Verfassung und zur stndigen Anspannung nur berufen, nicht
eigentlich geboren war.

rztliche Frsorge hatte den Knaben vom Schulbesuch ausgeschlossen
und auf huslichen Unterricht gedrungen. Einzeln, ohne Kameradschaft
war er aufgewachsen und hatte doch zeitig erkennen mssen, da er
einem Geschlecht angehrte, in dem nicht das Talent, wohl aber die
physische Basis eine Seltenheit war, deren das Talent zu seiner
Erfllung bedarf,--einem Geschlechte, das frh sein Bestes zu geben
pflegt und in dem das Knnen es selten zu Jahren bringt. Aber sein
Lieblingswort war Durchhalten,--er sah in seinem Friedrich-Roman
nichts anderes als die Apotheose dieses Befehlswortes, das ihm als der
Inbegriff-leitend-ttiger Tugend erschien. Auch wnschte er sehnlichst,
alt zu werden, denn er hatte von jeher dafr gehalten, da wahrhaft
gro, umfassend, ja wahrhaft ehrenwert nur das Knstlertum zu nennen
sei, dem es beschieden war, auf allen Stufen des Menschlichen
charakteristisch fruchtbar zu sein.

Da er also die Aufgaben, mit denen sein Talent ihn belud, auf zarten
Schultern tragen und weit gehen wollte, so bedurfte er hchlich der
Zucht,--und Zucht war ja zum Glcke sein eingeborenes Erbteil von
vterlicher Seite. Mit vierzig, mit fnfzig Jahren wie schon in einem
Alter, wo andere verschwenden, schwrmen, die Ausfhrung groer Plne
getrost verschieben, begann er seinen Tag beizeiten mit Strzen
kalten Wassers ber Brust und Rcken und brachte dann, ein Paar hoher
Wachskerzen in silbernen Leuchtern zu Hupten des Manuskripts, die
Krfte, die er im Schlaf gesammelt, in zwei oder drei inbrnstig
gewissenhaften Morgenstunden der Kunst zum Opfer dar. Es war
verzeihlich, ja, es bedeutete recht eigentlich den Sieg seiner
Moralitt, wenn Unkundige die Maja-Welt oder die epischen Massen,
in denen sich Friedrichs Heldenleben entrollte, fr das Erzeugnis
gedrungener Kraft und eines langen Atems hielten, whrend sie vielmehr
in kleinen Tagewerken aus hundert Einzelinspirationen zur Gre
emporgeschichtet und nur darum so durchaus und an jedem Punkte
vortrefflich waren, weil ihr Schpfer mit einer Willensdauer und
Zhigkeit, derjenigen hnlich, die seine Heimatprovinz eroberte,
jahrelang unter der Spannung eines und desselben Werkes ausgehalten
und an die eigentliche Herstellung ausschlielich seine strksten und
wrdigsten Stunden gewandt hatte.

Damit ein bedeutendes Geistesprodukt auf der Stelle eine breite und
tiefe Wirkung zu ben vermge, mu eine tiefe Verwandtschaft, ja
bereinstimmung zwischen dem persnlichen Schicksal seines Urhebers
und dem allgemeinen des mitlebenden Geschlechtes bestehen. Die
Menschen wissen nicht, warum sie einem Kunstwerk Ruhm bereiten. Weit
entfernt von Kennerschaft, glauben sie hundert Vorzge daran zu
entdecken, um so viel Teilnahme zu rechtfertigen; aber der
eigentliche Grund ihres Beifalls ist ein Unwgbares, ist Sympathie.
Aschenbach hatte es einmal an wenig sichtbarer Stelle unmittelbar
ausgesprochen, da beinahe alles Groe, was dastehe, als ein Trotzdem
dastehe, trotz Kummer und Qual, Armut, Verlassenheit, Krperschwche,
Laster, Leidenschaft und tausend Hemmnissen zustande gekommen sei.
Aber das war mehr als eine Bemerkung, es war eine Erfahrung, war
geradezu die Formel seines Lebens und Ruhmes, der Schlssel zu seinem
Werk; und was Wunder also, wenn es auch der sittliche Charakter, die
uere Gebrde seiner eigentmlichsten Figuren war?

ber den neuen, in mannigfach individuellen Erscheinungen
wiederkehrenden Heldentyp, den dieser Schriftsteller bevorzugte, hatte
schon frhzeitig ein kluger Zergliederer geschrieben: da er die
Konzeption einer intellektuellen und jnglinghaften Mnnlichkeit
sei, die in stolzer Scham die Zhne aufeinanderbeit und ruhig
dasteht, whrend ihr die Schwerter und Speere durch den Leib gehen.
Das war schn, geistreich und exakt, trotz seiner scheinbar allzu
passivischen Prgung. Denn Haltung im Schicksal, Anmut in der Qual
bedeutet nicht nur ein Dulden; sie ist eine aktive Leistung, ein
positiver Triumph, und die Sebastian-Gestalt ist das schnste
Sinnbild, wenn nicht der Kunst berhaupt, so doch gewi der in Rede
stehenden Kunst. Blickte man hinein in diese erzhlte Welt, sah man
die elegante Selbstbeherrschung, die bis zum letzten Augenblick eine
innere Unterhhlung, den biologischen Verfall vor den Augen der Welt
verbirgt; die gelbe, sinnlich benachteiligte Hlichkeit, die es
vermag, ihre schwelende Brunst zur reinen Flamme zu entfachen, ja,
sich zur Herrschaft im Reiche der Schnheit aufzuschwingen; die
bleiche Ohnmacht, welche aus den glhenden Tiefen des Geistes die
Kraft holt, ein ganzes bermtiges Volk zu Fen des Kreuzes, zu
_ihren_ Fen niederzuwerfen; die liebenswrdige Haltung im leeren und
strengen Dienste der Form; das falsche, gefhrliche Leben, die rasch
entnervende Sehnsucht und Kunst des gebornen Betrgers: betrachtete
man all dies Schicksal und wieviel gleichartiges noch, so konnte man
zweifeln, ob es berhaupt einen anderen Heroismus gbe, als denjenigen
der Schwche. Welches Heldentum aber jedenfalls wre zeitgemer als
dieses? Gustav Aschenbach war der Dichter all derer, die am Rande der
Erschpfung arbeiten, der berbrdeten, schon Aufgeriebenen, sich noch
Aufrechthaltenden, all dieser Moralisten der Leistung, die, schmchtig
von Wuchs und sprde von Mitteln, durch Willensverzckung und kluge
Verwaltung sich wenigstens eine Zeitlang die Wirkungen der Gre
abgewinnen. Ihrer sind viele, sie sind die Helden des Zeitalters. Und
sie alle erkannten sich wieder in seinem Werk, sie fanden sich
besttigt, erhoben, besungen darin, sie wuten ihm Dank, sie
verkndeten seinen Namen.

Er war jung und roh gewesen mit der Zeit und, schlecht beraten von
ihr, war er ffentlich gestrauchelt, hatte Migriffe getan, sich
blogestellt, Verste gegen Takt und Besonnenheit begangen in Wort
und Werk. Aber er hatte die Wrde gewonnen, nach welcher, wie er
behauptete, jedem groen Talente ein natrlicher Drang und Stachel
eingeboren ist, ja, man kann sagen, da seine ganze Entwicklung ein
bewuter und trotziger, alle Hemmungen des Zweifels und der Ironie
zurcklassender Aufstieg zur Wrde gewesen war.

Lebendige, geistig unverbindliche Greifbarkeit der Gestaltung bildet
das Ergtzen der brgerlichen Massen, aber leidenschaftlich unbedingte
Jugend wird nur durch das Problematische gefesselt: und Aschenbach
war problematisch, war unbedingt gewesen wie nur irgendein Jngling.
Er hatte dem Geiste gefrnt, mit der Erkenntnis Raubbau getrieben,
Saatfrucht vermahlen, Geheimnisse preisgegeben, das Talent
verdchtigt, die Kunst verraten,--ja, whrend seine Bildwerke die
glubig Genieenden unterhielten, erhoben, belebten, hatte er, der
jugendliche Knstler, die Zwanzigjhrigen durch seine Zynismen ber
das fragwrdige Wesen der Kunst, des Knstlertums selbst in Atem
gehalten.

Aber es scheint, da gegen nichts ein edler und tchtiger Geist sich
rascher, sich grndlicher abstumpft als gegen den scharfen und
bitteren Reiz der Erkenntnis; und gewi ist, da die schwermtig
gewissenhafteste Grndlichkeit des Jnglings Seichtheit bedeutet im
Vergleich mit dem tiefen Entschlusse des Meister gewordenen Mannes,
das Wissen zu leugnen, es abzulehnen, erhobenen Hauptes darber
hinwegzusehen, sofern es den Willen, die Tat, das Gefhl und selbst
die Leidenschaft im Geringsten zu lhmen, zu entmutigen, zu
entwrdigen geeignet ist. Wie wre die berhmte Erzhlung vom
Elenden wohl anders zu deuten denn als Ausbruch des Ekels gegen
den unanstndigen Psychologismus der Zeit, verkrpert in der Figur
jenes weichen und albernen Halbschurken, der sich ein Schicksal
erschleicht, indem er sein Weib, aus Ohnmacht, aus Lasterhaftigkeit,
aus ethischer Velleitt, in die Arme eines Unbrtigen treibt und aus
Tiefe Nichtswrdigkeiten begehen zu drfen glaubt? Die Wucht des Wortes,
mit welchem hier das Verworfene verworfen wurde, verkndete die Abkehr
von allem moralischen Zweifelsinn, von jeder Sympathie mit dem Abgrund,
die Absage an die Laxheit des Mitleidssatzes, da alles verstehen
alles verzeihen heie, und was sich hier vorbereitete, ja schon vollzog,
war jenes Wunder der wiedergeborenen Unbefangenheit, auf
welches ein wenig spter in einem der Dialoge des Autors ausdrcklich
und nicht ohne geheimnisvolle Betonung die Rede kam. Seltsame
Zusammenhnge! War es eine geistige Folge dieser Wiedergeburt,
dieser neuen Wrde und Strenge, da man um dieselbe Zeit ein fast
bermiges Erstarken seines Schnheitssinnes beobachtete, jene
adelige Reinheit, Einfachheit und Ebenmigkeit der Formgebung,
welche seinen Produkten fortan ein so sinnflliges, ja gewolltes
Geprge der Meisterlichkeit und Klassizitt verlieh? Aber moralische
Entschlossenheit jenseits des Wissens, der auflsenden und hemmenden
Erkenntnis,--bedeutet sie nicht wiederum eine Vereinfachung, eine
sittliche Vereinfltigung der Welt und der Seele und also auch ein
Erstarken zum Bsen, Verbotenen, zum sittlich Unmglichen? Und hat
Form nicht zweierlei Gesicht? Ist sie nicht sittlich und unsittlich
zugleich,--sittlich als Ergebnis und Ausdruck der Zucht, unsittlich
aber und selbst widersittlich, sofern sie von Natur eine moralische
Gleichgltigkeit in sich schliet, ja, wesentlich bestrebt ist, das
Moralische unter ihr stolzes und unumschrnktes Szepter zu beugen?

Wie dem auch sei! Eine Entwicklung ist ein Schicksal; und wie sollte
nicht diejenige anders verlaufen, die von der Teilnahme, dem
Massenzutrauen einer weiten ffentlichkeit begleitet wird, als jene,
die sich ohne den Glanz und die Verbindlichkeiten des Ruhmes
vollzieht? Nur ewiges Zigeunertum findet es langweilig und ist zu
spotten geneigt, wenn ein groes Talent dem libertinischen
Puppenstande entwchst, die Wrde des Geistes ausdrucksvoll
wahrzunehmen sich gewhnt und die Hofsitten einer Einsamkeit annimmt,
die voll unberatener, hart selbstndiger Leiden und Kmpfe war und es
zu Macht und Ehren unter den Menschen brachte. Wieviel Spiel, Trotz,
Genu ist brigens in der Selbstgestaltung des Talentes! Etwas
Amtlich-Erzieherisches trat mit der Zeit in Gustav Aschenbachs
Vorfhrungen ein, sein Stil entriet in spteren Jahren der
unmittelbaren Khnheiten, der subtilen und neuen Abschattungen, er
wandelte sich ins Mustergltig-Feststehende, Geschliffen-Herkmmliche,
Erhaltende, Formelle, selbst Formelhafte, und wie die berlieferung es
von Ludwig dem Vierzehnten wissen will, so verbannte der Alternde aus
seiner Sprachweise jedes gemeine Wort: Damals geschah es, da die
Unterrichtsbehrde ausgewhlte Seiten von ihm in die vorgeschriebenen
Schullesebcher bernahm. Es war ihm innerlich gem, und er lehnte
nicht ab, als ein deutscher Frst, soeben zum Throne gelangt, dem
Dichter des Friedrich zu seinem fnfzigsten Geburtstag den
persnlichen Adel verlieh.

Nach einigen Jahren der Unruhe, einigen Versuchsaufenthalten da und
dort whlte er frhzeitig Mnchen zum dauernden Wohnsitz und lebte
dort in brgerlichem Ehrenstande, wie er dem Geiste in besonderen
Einzelfllen zuteil wird. Die Ehe, die er in noch jugendlichem Alter
mit einem Mdchen aus gelehrter Familie eingegangen, wurde nach kurzer
Glcksfrist durch den Tod getrennt. Eine Tochter, schon Gattin, war
ihm geblieben. Einen Sohn hatte er nie besessen.

Gustav von Aschenbach war ein wenig unter Mittelgre, brnett,
rasiert. Sein Kopf erschien ein wenig zu gro im Verhltnis zu der
fast zierlichen Gestalt. Sein rckwrts gebrstetes Haar, am Scheitel
gelichtet, an den Schlfen sehr voll und stark ergraut, umrahmte eine
hohe, zerklftete und gleichsam narbige Stirn. Der Bgel einer
Goldbrille mit randlosen Glsern schnitt in die Wurzel der
gedrungenen, edel gebogenen Nase ein. Der Mund war gro, oft schlaff,
oft pltzlich schmal und gespannt; die Wangenpartie mager und
gefurcht, das wohlausgebildete Kinn weich gespalten. Bedeutende
Schicksale schienen ber dies meist leidend seitwrts geneigte Haupt
hinweggegangen zu sein, und doch war die Kunst es gewesen, die hier
jene physiognomische Durchbildung bernommen hatte, welche sonst das
Werk eines schweren, bewegten Lebens ist. Hinter dieser Stirn waren
die blitzenden Repliken des Gesprchs zwischen Voltaire und dem Knige
ber den Krieg geboren; diese Augen, mde und tief durch die Glser
blickend, hatten das blutige Inferno der Lazarette des Siebenjhrigen
Krieges gesehen. Auch persnlich genommen ist ja die Kunst ein
erhhtes Leben. Sie beglckt tiefer, sie verzehrt rascher. Sie grbt
in das Antlitz ihres Dieners die Spuren imaginrer und geistiger
Abenteuer, und sie erzeugt, selbst bei klsterlicher Stille des
ueren Daseins, auf die Dauer eine Verwhntheit, berfeinerung,
Mdigkeit und Neugier der Nerven, wie ein Leben voll ausschweifendster
Leidenschaften und Gensse sie kaum hervorzubringen vermag.




Drittes Kapitel


Mehrere Geschfte weltlicher und literarischer Natur hielten den
Reiselustigen noch etwa zwei Wochen nach jenem Spaziergang in Mnchen
zurck. Er gab endlich Auftrag, sein Landhaus binnen vier Wochen zum
Einzuge instandzusetzen und reiste an einem Tage zwischen Mitte und
Ende des Mai mit dem Nachtzuge nach Triest, wo er nur vierundzwanzig
Stunden verweilte und sich am nchstfolgenden Morgen nach Pola
einschiffte. Was er suchte, war das Fremdartige und Bezuglose,
welches jedoch rasch zu erreichen wre, und so nahm er Aufenthalt auf
einer seit einigen Jahren gerhmten Insel der Adria, unfern der
istrischen Kste gelegen, mit farbig zerlumptem, in wildfremden Lauten
redendem Landvolk und schn zerrissenen Klippenpartien dort, wo das
Meer offen war. Allein Regen und schwere Luft, eine kleinweltliche,
geschlossen sterreichische Hotelgesellschaft und der Mangel jenes
ruhevoll innigen Verhltnisses zum Meere, das nur ein sanfter,
sandiger Strand gewhrt, verdrossen ihn, lieen ihn nicht das
Bewutsein gewinnen, den Ort seiner Bestimmung getroffen zu haben; ein
Zug seines Innern, ihm war noch nicht deutlich, wohin, beunruhigte
ihn, er studierte Schiffsverbindungen, er blickte suchend umher, und
auf einmal, zugleich berraschend und selbstverstndlich, stand ihm
sein Ziel vor Augen. Wenn man ber Nacht das Unvergleichliche, das
mrchenhaft Abweichende zu erreichen wnschte, wohin ging man? Aber
das war klar. Was sollte er hier? Er war fehlgegangen. Dorthin hatte
er reisen wollen. Er sumte nicht, den irrigen Aufenthalt zu kndigen.
Anderthalb Wochen nach seiner Ankunft auf der Insel trug ein
geschwindes Motorboot ihn und sein Gepck in dunstiger Frhe ber die
Wasser in den Kriegshafen zurck, und er ging dort nur an Land, um
sogleich ber einen Brettersteg das feuchte Verdeck eines Schiffes zu
beschreiten, das unter Dampf zur Fahrt nach Venedig lag.

Es war ein betagtes Fahrzeug italienischer Nationalitt, veraltet,
ruig und dster. In einer hhlenartigen, knstlich erleuchteten Koje
des inneren Raumes, wohin Aschenbach sofort nach Betreten des Schiffes
von einem buckligen und unreinlichen Matrosen mit grinsender
Hflichkeit gentigt wurde, sa hinter einem Tische, den Hut schief in
der Stirn und einen Zigarettenstummel im Mundwinkel, ein
ziegenbrtiger Mann von der Physiognomie eines altmodischen
Zirkusdirektors, der mit grimassenhaft leichtem Geschftsgebaren die
Personalien der Reisenden aufnahm und ihnen die Fahrscheine
ausstellte. Nach Venedig! wiederholte er Aschenbachs Ansuchen, indem
er den Arm reckte und die Feder in den breiigen Restinhalt eines
schrg geneigten Tintenfasses stie. Nach Venedig erster Klasse! Sie
sind bedient, mein Herr! Und er schrieb groe Krhenfe, streute aus
einer Bchse blauen Sand auf die Schrift, lie ihn in eine tnerne
Schale ablaufen, faltete das Papier mit gelben und knochigen Fingern
und schrieb aufs neue. Ein glcklich gewhltes Reiseziel! schwatzte
er unterdessen. Ah, Venedig! Eine herrliche Stadt! Eine Stadt von
unwiderstehlicher Anziehungskraft fr den Gebildeten, ihrer Geschichte
sowohl wie ihrer gegenwrtigen Reize wegen! Die glatte Raschheit
seiner Bewegungen und das leere Gerede, womit er sie begleitete,
hatten etwas Betubendes und Ablenkendes, etwa als besorgte er, der
Reisende mchte in seinem Entschlu, nach Venedig zu fahren, noch
wankend werden. Er kassierte eilig und lie mit Croupiergewandtheit
den Differenzbetrag auf den fleckigen Tuchbezug des Tisches fallen.
Gute Unterhaltung, mein Herr! sagte er mit schauspielerischer
Verbeugung. Es ist mir eine Ehre, Sie zu befrdern... Meine Herren!
rief er sogleich mit erhobenem Arm und tat, als sei das Geschft im
flottesten Gange, obgleich niemand mehr da war, der nach Abfertigung
verlangt htte. Aschenbach kehrte auf das Verdeck zurck.

Einen Arm auf die Brstung gelehnt, betrachtete er das mige Volk,
das, der Abfahrt des Schiffes beizuwohnen, am Quai lungerte, und die
Passagiere an Bord. Diejenigen der zweiten Klasse kauerten, Mnner und
Weiber, auf dem Vorderdeck, indem sie Kisten und Bndel als Sitze
benutzten. Eine Gruppe junger Leute bildete die Reisegesellschaft des
ersten Verdecks, Polenser Handelsgehlfen, wie es schien, die sich in
angeregter Laune zu einem Ausflug nach Italien vereinigt hatten. Sie
machten nicht wenig Aufhebens von sich und ihrem Unternehmen,
schwatzten, lachten, genossen selbstgefllig das eigene Gebrdenspiel
und riefen den Kameraden, die, Portefeuilles unterm Arm, in Geschften
die Hafenstrae entlang gingen und den Feiernden mit dem Stckchen
drohten, ber das Gelnder gebeugt, zungengelufige Spottreden nach.
Einer, in hellgelbem, bermodisch geschnittenem Sommeranzug, roter
Krawatte und khn aufgebogenem Panama, tat sich mit krhender Stimme
an Aufgerumtheit vor allen andern hervor. Kaum aber hatte Aschenbach
ihn genauer ins Auge gefat, als er mit einer Art von Entsetzen
erkannte, da der Jngling falsch war. Er war alt, man konnte nicht
zweifeln. Runzeln umgaben ihm Augen und Mund. Das matte Karmesin der
Wangen war Schminke, das braune Haar unter dem farbig umwundenen
Strohhut Percke, sein Hals verfallen und sehnig, sein aufgesetztes
Schnurrbrtchen und die Fliege am Kinn gefrbt, sein gelbes und
vollzhliges Gebi, das er lachend zeigte, ein billiger Ersatz, und
seine Hnde, mit Siegelringen an beiden Zeigefingern, waren die eines
Greises. Schauerlich angemutet sah Aschenbach ihm und seiner
Gemeinschaft mit den Freunden zu. Wuten, bemerkten sie nicht, da er
alt war, da er zu Unrecht ihre stutzerhafte und bunte Kleidung trug,
zu Unrecht einen der Ihren spielte? Selbstverstndlich und
gewohnheitsmig, wie es schien, duldeten sie ihn in ihrer Mitte,
behandelten ihn als ihresgleichen, erwiderten ohne Abscheu seine
neckischen Rippenste. Wie ging das zu? Aschenbach bedeckte seine
Stirn mit der Hand und schlo die Augen, die hei waren, da er zu
wenig geschlafen hatte. Ihm war, als lasse nicht alles sich ganz
gewhnlich an, als beginne eine trumerische Entfremdung, eine
Entstellung der Welt ins Sonderbare um sich zu greifen, der vielleicht
Einhalt zu tun wre, wenn er sein Gesicht ein wenig verdunkelte und
aufs neue um sich schaute. In diesem Augenblick jedoch berhrte ihn
das Gefhl des Schwimmens, und mit unvernnftigem Erschrecken
aufsehend, gewahrte er, da der schwere und dstere Krper des
Schiffes sich langsam vom gemauerten Ufer lste. Zollweise, unter dem
Vorwrts-und Rckwrtsarbeiten der Maschine, verbreitete sich der
Streifen schmutzig schillernden Wassers zwischen Quai und Schiffswand,
und nach schwerflligen Manvern kehrte der Dampfer seinen Bugspriet
dem offenen Meere zu. Aschenbach ging nach der Steuerbordseite
hinber, wo der Bucklige ihm einen Liegestuhl aufgeschlagen hatte und
ein Steward in fleckigem Frack nach seinen Befehlen fragte.

Der Himmel war grau, der Wind feucht; Hafen und Inseln waren
zurckgeblieben, und rasch verlor sich aus dem dunstigen
Gesichtskreise alles Land. Flocken von Kohlenstaub gingen, gedunsen
von Nsse, auf das gewaschene Deck nieder, das nicht trocknen wollte.
Schon nach einer Stunde spannte man ein Segeldach aus, da es zu regnen
begann.

In seinen Mantel geschlossen, ein Buch im Schoe, ruhte der Reisende,
und die Stunden verrannen ihm unversehens. Es hatte zu regnen
aufgehrt; man entfernte das leinene Dach. Der Horizont war
vollkommen. Unter der breiten Kuppel des Himmels dehnte sich rings die
ungeheure Scheibe des den Meeres; aber im leeren, ungegliederten
Raume fehlt unserem Sinn auch das Ma der Zeit, und wir dmmern im
Ungemessenen. Schattenhaft sonderbare Gestalten, der greise Geck, der
Ziegenbart aus dem Schiffsinnern, gingen mit unbestimmten Gebrden,
mit verwirrten Traumworten durch den Geist des Ruhenden, und er
schlief ein.

Um Mittag ntigte man ihn hinab, damit er in dem korridorartigen
Speisesaal, auf den die Tren der Schlafkojen mndeten, zu Hupten
eines langen Tisches, an dessen unterem Ende die Handelsgehlfen,
einschlielich des Alten, seit zehn Uhr mit dem munteren Kapitn
pokulierten, die bestellte Mahlzeit nhme. Sie war armselig, und er
beendete sie rasch. Es trieb ihn ins Freie, nach dem Himmel zu sehen:
ob er denn nicht ber Venedig sich erhellen wollte.

Er hatte nicht anders gedacht, als da dies geschehen msse, denn
stets hatte die Stadt ihn im Glanze empfangen. Aber Himmel und Meer
blieben trb und bleiern, zeitweilig ging neblichter Regen nieder, und
er fand sich darein, auf dem Wasserwege ein anderes Venedig zu
erreichen, als er, zu Lande sich nhernd, je angetroffen hatte. Er
stand am Fockmast, den Blick im Weiten, das Land erwartend. Er
gedachte des schwermtig-enthusiastischen Dichters, dem vormals die
Kuppeln und Glockentrme seines Traumes aus diesen Fluten gestiegen
waren, er wiederholte im Stillen einiges von dem, was damals an
Ehrfurcht, Glck und Trauer zu mavollem Gesange geworden, und von
schon gestalteter Empfindung mhelos bewegt, prfte er sein ernstes
und mdes Herz, ob eine erneuernde Begeisterung und Verwirrung, ein
sptes Abenteuer des Gefhles dem fahrenden Miggnger vielleicht
noch vorbehalten sein knne.

Da tauchte zur Rechten die flache Kste auf, Fischerboote belebten das
Meer, die Bderinsel erschien, der Dampfer lie sie zur Linken, glitt
verlangsamten Ganges durch den schmalen Port, der nach ihr benannt
ist, und auf der Lagune, angesichts bunt armseliger Behausungen hielt
er ganz, da die Barke des Sanittsdienstes erwartet werden mute.

Eine Stunde verging, bis sie erschien. Man war angekommen und war es
nicht; man hatte keine Eile und fhlte sich doch von Ungeduld
getrieben. Die jungen Polenser, patriotisch angezogen auch wohl von
den militrischen Hornsignalen, die aus der Gegend der ffentlichen
Grten her ber das Wasser klangen, waren auf Deck gekommen, und, vom
Asti begeistert, brachten sie Lebehochs auf die drben exerzierenden
Bersaglieri aus. Aber widerlich war es zu sehen, in welchen Zustand
den aufgestutzten Greisen seine falsche Gemeinschaft mit der Jugend
gebracht hatte. Sein altes Hirn hatte dem Weine nicht wie die
jugendlich rstigen Stand zu halten vermocht, er war klglich
betrunken. Verbldeten Blicks, eine Zigarette zwischen den zitternden
Fingern, schwankte er, mhsam das Gleichgewicht haltend, auf der
Stelle, vom Rausche vorwrts und rckwrts gezogen. Da er beim ersten
Schritte gefallen wre, getraute er sich nicht vom Fleck, doch zeigte
er einen jammervollen bermut, hielt jeden, der sich ihm nherte, am
Knopfe fest, lallte, zwinkerte, kicherte, hob seinen beringten,
runzeligen Zeigefinger zu alberner Neckerei und leckte auf abscheulich
zweideutige Art mit der Zungenspitze die Mundwinkel. Aschenbach sah
ihm mit finsteren Brauen zu, und wiederum kam ein Gefhl von
Benommenheit ihn an, so, als zeige die Welt eine leichte, doch nicht
zu hemmende Neigung, sich ins Sonderbare und Fratzenhafte zu
entstellen; ein Gefhl, dem nachzuhngen freilich die Umstnde ihn
abhielten, da eben die stampfende Ttigkeit der Maschine aufs neue
begann und das Schiff seine so nah dem Ziel unterbrochene Fahrt durch
den Kanal von San Marco wieder aufnahm. So sah er ihn denn wieder,
den erstaunlichsten Landungsplatz, jene blendende Komposition
phantastischen Bauwerks, welche die Republik den ehrfrchtigen Blicken
nahender Seefahrer entgegenstellte: die leichte Herrlichkeit des
Palastes und die Seufzerbrcke, die Sulen mit Lw' und Heiligem am
Ufer, die prunkend vortretende Flanke des Mrchentempels, den
Durchblick auf Torweg und Riesenuhr, und anschauend bedachte er, da
zu Lande, auf dem Bahnhof in Venedig anlangen, einen Palast durch eine
Hintertr betreten heie, und da man nicht anders als wie nun er, als
zu Schiffe, als ber das hohe Meer die unwahrscheinlichste der Stdte
erreichen sollte.

Die Maschine stoppte, Gondeln drngten herzu, die Fallreepstreppe ward
herabgelassen, Zollbeamte stiegen an Bord und walteten obenhin ihres
Amtes; die Ausschiffung konnte beginnen. Aschenbach gab zu verstehen,
da er eine Gondel wnsche, die ihn und sein Gepck zur Station jener
kleinen Dampfer bringen solle, welche zwischen der Stadt und dem Lido
verkehren; denn er gedachte am Meere Wohnung zu nehmen. Man billigt
sein Vorhaben, man schreit seinen Wunsch zur Wasserflche hinab, wo
die Gondelfhrer im Dialekt mit einander zanken. Er ist noch
gehindert, hinabzusteigen, sein Koffer hindert ihn, der eben mit
Mhsal die leiterartige Treppe hinunter gezerrt und geschleppt wird.
So sieht er sich minutenlang auerstande, den Zudringlichkeiten des
schauderhaften Alten zu entkommen, den die Trunkenheit dunkel
antreibt, dem Fremden Abschiedshonneurs zu machen. Wir wnschen den
glcklichsten Aufenthalt, meckert er unter Kratzfen. Man empfiehlt
sich geneigter Erinnerung! Au revoir, excusez und bon jour, Euer
Exzellenz! Sein Mund wssert, er drckt die Augen ein, er leckt die
Mundwinkel, und die gefrbte Bartfliege an seiner Greisenlippe strubt
sich empor. Unsere Komplimente, lallt er, zwei Fingerspitzen am
Munde, unsere Komplimente dem Liebchen, dem allerliebsten, dem
schnsten Liebchen... Und pltzlich fllt ihm das falsche Obergebi
vom Kiefer auf die Unterlippe. Aschenbach konnte entweichen. Dem
Liebchen, dem feinen Liebchen, hrte er in girrenden, hohlen und
behinderten Lauten in seinem Rcken, whrend er, am Strickgelnder
sich haltend, die Fallreepstreppe hinabklomm.

Wer htte nicht einen flchtigen Schauder, eine geheime Scheu und
Beklommenheit zu bekmpfen gehabt, wenn es zum ersten Male oder nach
langer Entwhnung galt, eine venezianische Gondel zu besteigen? Das
seltsame Fahrzeug, aus balladesken Zeiten ganz unverndert berkommen
und so eigentmlich schwarz, wie sonst unter allen Dingen nur Srge
sind, es erinnert an lautlose und verbrecherische Abenteuer in
pltschernder Nacht, es erinnert noch mehr an den Tod selbst, an Bahre
und dsteres Begngnis und letzte, schweigsame Fahrt. Und hat man
bemerkt, da der Sitz einer solchen Barke, dieser sargschwarz
lackierte, mattschwarz gepolsterte Armstuhl, der weichste, ppigste,
der erschlaffendste Sitz von der Welt ist? Aschenbach ward es gewahr,
als er zu Fen des Gondoliers, seinem Gepck gegenber, das am
Schnabel reinlich beisammen lag, sich niedergelassen hatte. Die
Ruderer zankten immer noch, rauh, unverstndlich, mit drohenden
Gebrden. Aber die besondere Stille der Wasserstadt schien ihre
Stimmen sanft aufzunehmen, zu entkrpern, ber der Flut zu zerstreuen.
Es war warm hier im Hafen. Lau angerhrt vom Hauch des Scirocco, auf
dem nachgiebigen Element in Kissen gelehnt, schlo der Reisende die
Augen im Genu einer so ungewohnten als sen Lssigkeit. Die Fahrt
wird kurz sein, dachte er; mchte sie immer whren! In leisem
Schwanken fhlte er sich dem Gedrnge, dem Stimmengewirr entgleiten.

Wie still und stiller es um ihn wurde! Nichts war zu vernehmen als das
Pltschern des Ruders, das hohle Aufschlagen der Wellen gegen den
Schnabel der Barke, der steil, schwarz und an der Spitze
hellebardenartig bewehrt ber dem Wasser stand und noch ein Drittes,
ein Reden, ein Raunen,--das Flstern des Gondoliers, der zwischen den
Zhnen, stoweise, in Lauten, die von der Arbeit seiner Arme gepret
waren, zu sich selber sprach. Aschenbach blickte auf, und mit leichter
Befremdung gewahrte er, da um ihn her die Lagune sich weitete und
seine Fahrt dem offenen Meere zugekehrt war. Es schien folglich, da
er nicht allzu sehr ruhen drfe, sondern auf den Vollzug seines
Willens ein wenig bedacht sein msse.

--Zur Dampferstation also! sagte er mit einer halben Wendung
rckwrts. Das Raunen verstummte. Er erhielt keine Antwort.

--Zur Dampferstation also! wiederholte er, indem er sich vollends
umwandte und in das Gesicht des Gondoliers emporblickte, der hinter
ihm, auf erhhtem Borde stehend, vor dem fahlen Himmel aufragte. Es
war ein Mann von ungeflliger, ja brutaler Physiognomie, seemnnisch
blau gekleidet, mit einer gelben Schrpe gegrtet und einen formlosen
Strohhut, dessen Geflecht sich aufzulsen begann, verwegen schief auf
dem Kopfe. Seine Gesichtsbildung, sein blonder, lockiger Schnurrbart
unter der kurz aufgeworfenen Nase lieen ihn durchaus nicht
italienischen Schlages erscheinen. Obgleich eher schmchtig von
Leibesbeschaffenheit, so da man ihn fr seinen Beruf nicht sonderlich
geschickt geglaubt htte, fhrte er das Ruder, bei jedem Schlage den
ganzen Krper einsetzend, mit groer Energie. Ein paarmal zog er vor
Anstrengung die Lippen zurck und entblte seine weien Zhne. Die
rtlichen Brauen gerunzelt, blickte er ber den Gast hinweg, indem er
bestimmten, fast groben Tones erwiderte:

--Sie fahren zum Lido.

Aschenbach entgegnete:

--Allerdings. Aber ich habe die Gondel nur genommen, um mich nach San
Marco bersetzen zu lassen. Ich wnsche den Vaporetto zu benutzen.

--Sie knnen den Vaporetto nicht benutzen, mein Herr.

--Und warum nicht?

--Weil der Vaporetto kein Gepck befrdert.

Das war richtig; Aschenbach erinnerte sich. Er schwieg. Aber die
schroffe, berhebliche, einem Fremden gegenber so wenig landesbliche
Art des Menschen schien unleidlich. Er sagte:

--Das ist meine Sache. Vielleicht will ich mein Gepck in Verwahrung
geben. Sie werden umkehren. Er blieb still. Das Ruder pltscherte,
das Wasser schlug dumpf an den Bug. Und das Reden und Raunen begann
wieder: der Gondolier sprach zwischen den Zhnen mit sich selbst.

Was war zu tun? Allein auf der Flut mit dem sonderbar unbotmigen,
unheimlich entschlossenen Menschen, sah der Reisende kein Mittel,
seinen Willen durchzusetzen. Wie weich er brigens ruhen durfte, wenn
er sich nicht emprte. Hatte er nicht gewnscht, da die Fahrt lange,
da sie immer dauern mge? Es war das Klgste, den Dingen ihren Lauf
zu lassen, und es war hauptschlich hchst angenehm. Ein Bann der
Trgheit schien auszugehen von seinem Sitz, von diesem niedrigen,
schwarzgepolsterten Armstuhl, so sanft gewiegt von den Ruderschlgen
des eigenmchtigen Gondoliers in seinem Rcken. Die Vorstellung, einem
Verbrecher in die Hnde gefallen zu sein, streifte trumerisch
Aschenbachs Sinn,--unvermgend, seine Gedanken zu ttiger Abwehr
aufzurufen. Verdrielicher schien die Mglichkeit, da alles auf
simple Geldschneiderei angelegt sei. Eine Art Pflichtgefhl oder
Stolz, die Erinnerung gleichsam, da man dem vorbeugen msse,
vermochte ihn, sich noch einmal aufzuraffen. Er fragte:

--Was fordern Sie fr die Fahrt?

Und ber ihn hinsehend antwortete der Gondolier:

--Sie werden bezahlen.

Es stand fest, was hierauf zurckzugeben war. Aschenbach sagte
mechanisch:

--Ich werde nichts bezahlen, durchaus nichts, wenn Sie mich fahren,
wohin ich nicht will.

--Sie wollen zum Lido.

--Aber nicht mit Ihnen.

--Ich fahre Sie gut.

Das ist wahr, dachte Aschenbach und spannte sich ab. Das ist wahr, du
fhrst mich gut. Selbst, wenn du es auf meine Barschaft abgesehen hast
und mich hinterrcks mit einem Ruderschlage ins Haus des Aides
schickst, wirst du mich gut gefahren haben. Allein nichts dergleichen
geschah. Sogar Gesellschaft stellte sich ein, ein Boot mit
musikalischen Wegelagerern, Mnnern und Weibern, die zur Guitarre,
zur Mandoline sangen, aufdringlich Bord an Bord mit der Gondel fuhren
und die Stille ber den Wassern mit ihrer gewinnschtigen
Fremdenpoesie erfllten. Aschenbach warf Geld in den hingehaltenen
Hut. Sie schwiegen dann und fuhren davon. Und das Flstern des
Gondoliers war wieder wahrnehmbar, der stoweise und abgerissen mit
sich selber sprach.

So kam man denn an, geschaukelt vom Kielwasser eines zur Stadt
fahrenden Dampfers. Zwei Munizipalbeamte, die Hnde auf dem Rcken,
die Gesichter der Lagune zugewandt, gingen am Ufer auf und ab.
Aschenbach verlie am Stege die Gondel, untersttzt von jenem Alten,
der an jedem Landungsplatze Venedigs mit seinem Enterhaken zur Stelle
ist; und da es ihm an kleinerem Gelde fehlte, ging er hinber in das
der Dampferbrcke benachbarte Hotel, um dort zu wechseln und den
Ruderer nach Gutdnken abzulohnen. Er wird in der Halle bedient, er
kehrt zurck, er findet sein Reisegut auf einem Karren am Quai, und
Gondel und Gondolier sind verschwunden.

--Er hat sich fortgemacht, sagte der Alte mit dem Enterhaken. Ein
schlechter Mann, ein Mann ohne Konzession, gndiger Herr. Er ist der
einzige Gondolier, der keine Konzession besitzt. Die andern haben
hierher telephoniert. Er sah, da er erwartet wurde. Da hat er sich
fortgemacht.

Aschenbach zuckte die Achseln.

--Der Herr ist umsonst gefahren, sagte der Alte und hielt den Hut hin.
Aschenbach warf Mnzen hinein. Er gab Weisung, sein Gepck ins
Bder-Hotel zu bringen, und folgte dem Karren durch die Allee, die
weiblhende Allee, welche, Tavernen, Bazare, Pensionen zu beiden
Seiten, quer ber die Insel zum Strande luft.

Er betrat das weitlufige Hotel von hinten, von der Gartenterrasse aus
und begab sich durch die groe Halle und die Vorhalle ins Office. Da
er angemeldet war, wurde er mit dienstfertigem Einverstndnis
empfangen. Ein Manager, ein kleiner, leiser, schmeichelnd hflicher
Mann mit schwarzem Schnurrbart und in franzsisch geschnittenem
Gehrock, begleitete ihn im Lift zum zweiten Stockwerk hinauf und wies
ihm sein Zimmer an, einen angenehmen, in Kirschholz mblierten Raum,
den man mit starkduftenden Blumen geschmckt hatte und dessen hohe
Fenster die Aussicht aufs offene Meer gewhrten. Er trat an eines
davon, nachdem der Angestellte sich zurckgezogen, und whrend man
hinter ihm sein Gepck hereinschaffte und im Zimmer unterbrachte,
blickte er hinaus auf den nachmittglich menschenarmen Strand und die
unbesonnte See, die Flutzeit hatte und niedrige, gestreckte Wellen in
ruhigem Gleichtakt gegen das Ufer sandte.

Die Beobachtungen und Begegnisse des Einsam-Stummen sind zugleich
verschwommener und eindringlicher als die des Geselligen, seine
Gedanken schwerer, wunderlicher und nie ohne einen Anflug von
Traurigkeit. Bilder und Wahrnehmungen, die mit einem Blick, einem
Lachen, einem Urteilsaustausch leichthin abzutun wren, beschftigen
ihn ber Gebhr, vertiefen sich im Schweigen, werden bedeutsam,
Erlebnis, Abenteuer, Gefhl. Einsamkeit zeitigt das Originale, das
gewagt und befremdend Schne, das Gedicht. Einsamkeit zeitigt aber
auch das Verkehrte, das Unverhltnismige, das Absurde und
Unerlaubte.--So beunruhigten die Erscheinungen der Herreise, der
grliche alte Stutzer mit seinem Gefasel vom Liebchen, der verpnte,
um seinen Lohn geprellte Gondolier, noch jetzt das Gemt des
Reisenden. Ohne der Vernunft Schwierigkeiten zu bieten, ohne
eigentlich Stoff zum Nachdenken zu geben, waren sie dennoch
grundsonderbar von Natur, wie es ihm schien, und beunruhigend wohl
eben durch diesen Widerspruch. Dazwischen grte er das Meer mit den
Augen und empfand Freude, Venedig in so leicht erreichbarer Nahe zu
wissen. Er wandte sich endlich, badete sein Gesicht, traf gegen das
Zimmermdchen einige Anordnungen zur Vervollstndigung seiner
Bequemlichkeit und lie sich von dem grn gekleideten Schweizer, der
den Lift bediente, ins Erdgescho hinunterfahren.

Er nahm seinen Tee auf der Terrasse der Seeseite, stieg dann hinab und
verfolgte den Promenaden-Quai eine gute Strecke in der Richtung auf
das Hotel Excelsior. Als er zurckkehrte, schien es schon an der
Zeit, sich zur Abendmahlzeit umzukleiden. Er tat es langsam und genau,
nach seiner Art, da er bei der Toilette zu arbeiten gewhnt war, und
fand sich trotzdem ein wenig verfrht in der Halle ein, wo er einen
groen Teil der Hotelgste, fremd untereinander und in gespielter
gegenseitiger Teilnahmslosigkeit, aber in der gemeinsamen Erwartung
des Essens, versammelt fand. Er nahm eine Zeitung vom Tische, lie
sich in einen Ledersessel nieder und betrachtete die Gesellschaft, die
sich von derjenigen seines ersten Aufenthaltes in einer ihm angenehmen
Weise unterschied.

Ein weiter, duldsam vieles umfassender Horizont tat sich auf.
Gedmpft, vermischten sich die Laute der groen Sprachen. Der
weltgltige Abendanzug, eine Uniform der Gesittung, fate uerlich
die Spielarten des Menschlichen zu anstndiger Einheit zusammen. Man
sah die trockene und lange Miene des Amerikaners, die vielgliedrige
russische Familie, englische Damen, deutsche Kinder mit franzsischen
Bonnen. Der slavische Bestandteil schien vorzuherrschen. Gleich in der
Nhe ward polnisch gesprochen.

Es war eine Gruppe halb und kaum Erwachsener, unter der Obhut einer
Erzieherin oder Gesellschafterin um ein Rohrtischchen versammelt: drei
junge Mdchen, fnfzehn-bis siebzehnjhrig, wie es schien, und ein
langhaariger Knabe von vielleicht vierzehn Jahren. Mit Erstaunen
bemerkte Aschenbach, da der Knabe vollkommen schn war. Sein
Antlitz,--bleich und anmutig verschlossen, von honigfarbenem Haar
umringelt, mit der gerade abfallenden Nase, dem lieblichen Munde, dem
Ausdruck von holdem und gttlichem Ernst, erinnerte an griechische
Bildwerke aus edelster Zeit, und bei reinster Vollendung der Form war
es von so einmalig-persnlichem Reiz, da der Schauende weder in Natur
noch bildender Kunst etwas hnlich Geglcktes angetroffen zu haben
glaubte. Was ferner auffiel, war ein offenbar grundstzlicher Kontrast
zwischen den erzieherischen Gesichtspunkten, nach denen die
Geschwister gekleidet und allgemein gehalten schienen. Die Herrichtung
der drei Mdchen, von denen die lteste fr erwachsen gelten konnte,
war bis zum Entstellenden herb und keusch. Eine gleichmig
klsterliche Tracht, schieferfarben, halblang, nchtern und gewollt
unkleidsam von Schnitt, mit weien Fallkrgen als einziger Aufhellung,
unterdrckte und verhinderte jede Geflligkeit der Gestalt. Das glatt
und fest an den Kopf geklebte Haar lie die Gesichter nonnenhaft leer
und nichtssagend erscheinen. Gewi, es war eine Mutter, die hier
waltete, und sie dachte nicht einmal daran, auch auf den Knaben die
pdagogische Strenge anzuwenden, die ihr den Mdchen gegenber geboten
schien. Weichheit und Zrtlichkeit bestimmten ersichtlich seine
Existenz. Man hatte sich gehtet, die Schere an sein schnes Haar zu
legen; wie beim Dornauszieher lockte es sich in die Stirn, ber die
Ohren und tiefer noch in den Nacken. Ein englisches Matrosenkostm,
dessen bauschige rmel sich nach unten verengerten und die feinen
Gelenke seiner noch kindlichen, aber schmalen Hnde knapp umspannten,
verlieh mit seinen Schnren, Maschen und Stickereien der zarten
Gestalt etwas Reiches und Verwhntes. Er sa, im Halbprofil gegen den
Betrachtenden, einen Fu im schwarzen Lackschuh vor den andern
gestellt, einen Ellenbogen auf die Armlehne seines Korbsessels
gesttzt, die Wange an die geschlossene Hand geschmiegt, in einer
Haltung von lssigem Anstand und ganz ohne die fast untergeordnete
Steifheit, an die seine weiblichen Geschwister gewhnt schienen. War
er leidend? Denn die Haut seines Gesichtes stach wei wie Elfenbein
gegen das goldige Dunkel der umrahmenden Locken ab. Oder war er
einfach ein verzrteltes Vorzugskind, von parteilicher und launischer
Liebe getragen? Aschenbach war geneigt, dies zu glauben. Fast jedem
Knstlernaturell ist ein ppiger und verrterischer Hang eingeboren,
Schnheit schaffende Ungerechtigkeit anzuerkennen und aristokratischer
Bevorzugung Teilnahme und Huldigung entgegenzubringen.

Ein Kellner ging umher und meldete auf englisch, da die Mahlzeit
bereit sei. Allmhlich verlor sich die Gesellschaft durch die Glastr
in den Speisesaal. Nachzgler, vom Vestibl, von den Lifts kommend,
gingen vorber. Man hatte drinnen zu servieren begonnen, aber die
jungen Polen verharrten noch um ihr Rohrtischchen, und Aschenbach, in
tiefem Sessel behaglich aufgehoben und brigens das Schne vor Augen,
wartete mit ihnen.

Die Gouvernante, eine kleine und korpulente Halbdame mit rotem
Gesicht, gab endlich das Zeichen, sich zu erheben. Mit hochgezogenen
Brauen schob sie ihren Stuhl zurck und verneigte sich, als eine groe
Frau, grau-wei gekleidet und sehr reich mit Perlen geschmckt, die
Halle betrat. Die Haltung dieser Frau war khl und gemessen, die
Anordnung ihres leicht gepuderten Haares sowohl wie die Machart ihres
Kleides von jener Einfachheit, die berall da den Geschmack bestimmt,
wo Frmmigkeit als Bestandteil der Vornehmheit gilt. Sie htte die
Frau eines hohen deutschen Beamten sein knnen. Etwas von
phantastischem Aufwand kam in ihre Erscheinung einzig durch ihren
Schmuck, der in der Tat kaum schtzbar war und aus Ohrgehngen, sowie
einer dreifachen, sehr langen Kette kirschengroer, mild schimmernder
Perlen bestand.

Die Geschwister waren rasch aufgestanden. Sie beugten sich zum Ku
ber die Hand ihrer Mutter, die mit einem zurckhaltenden Lcheln
ihres gepflegten, doch etwas mden und spitznsigen Gesichtes ber
ihre Kpfe hinwegblickte und einige Worte in franzsischer Sprache an
die Erzieherin richtete. Dann schritt sie zur Glastr. Die Geschwister
folgten ihr: die Mdchen in der Reihenfolge ihres Alters, nach ihnen
die Gouvernante, zuletzt der Knabe. Aus irgend einem Grunde wandte er
sich um, bevor er die Schwelle berschritt, und da niemand sonst mehr
in der Halle sich aufhielt, begegneten seine eigentmlich dmmergrauen
Augen denen Aschenbachs, der, seine Zeitung auf den Knien, in
Anschauung versunken, der Gruppe nachblickte.

Was er gesehen, war gewi in keiner Einzelheit auffallend gewesen. Man
war nicht vor der Mutter zu Tische gegangen, man hatte sie erwartet,
sie ehrerbietig begrt und beim Eintritt in den Saal gebruchliche
Formen beobachtet. Allein das alles hatte sich so ausdrcklich, mit
einem solchen Akzent von Zucht, Verpflichtung und Selbstachtung
dargestellt, da Aschenbach sich sonderbar ergriffen fhlte. Er
zgerte noch einige Augenblicke, ging dann auch seinerseits in den
Speisesaal hinber und lie sich sein Tischchen anweisen, das, wie er
mit einer kurzen Regung des Bedauerns feststellte, sehr weit von dem
der polnischen Familie entfernt war.

Mde und dennoch geistig bewegt, unterhielt er sich whrend der
langwierigen Mahlzeit mit abstrakten, ja transzendenten Dingen, sann
nach ber die geheimnisvolle Verbindung, welche das Gesetzmige mit
dem Individuellen eingehen msse, damit menschliche Schnheit
entstehe, kam von da aus auf allgemeine Probleme der Form und der
Kunst und fand am Ende, da seine Gedanken und Funde gewissen
scheinbar glcklichen Einflsterungen des Traumes glichen, die sich
bei ernchtertem Sinn als vollstndig schal und untauglich erweisen.
Er hielt sich nach Tische rauchend, sitzend, umherwandelnd, in dem
abendlich duftenden Parke auf, ging zeitig zur Ruhe und verbrachte die
Nacht in anhaltend tiefem, aber von Traumbildern verschiedentlich
belebtem Schlaf.

Das Wetter lie sich am folgenden Tage nicht gnstiger an. Landwind
ging. Unter fahlem, bedecktem Himmel lag das Meer in stumpfer Ruhe,
verschrumpft gleichsam, mit nchtern nahem Horizont und so weit vom
Strande zurckgetreten, da es mehrere Reihen langer Sandbnke
freilie. Als Aschenbach sein Fenster ffnete, glaubte er den fauligen
Geruch der Lagune zu spren.

Verstimmung befiel ihn. Schon in diesem Augenblick dachte er an
Abreise. Einmal, vor Jahren, hatte nach zwei heiteren Frhlingswochen
hier dies Wetter ihn heimgesucht und sein Befinden so schwer
geschdigt, da er Venedig wie ein Fliehender hatte verlassen mssen.
Stellte nicht schon wieder die fiebrige Unlust von damals, der Druck
in den Schlfen, die Schwere der Augenlider sich ein? Noch einmal den
Aufenthalt zu wechseln wrde lstig sein; wenn aber der Wind nicht
umschlug, so war seines Bleibens hier nicht. Er packte zur Sicherheit
nicht vllig aus. Um neun Uhr frhstckte er in dem hierfr
vorbehaltenen Bfettzimmer zwischen Halle und Speisesaal.

In dem Raum herrschte die feierliche Stille, die zum Ehrgeiz der
groen Hotels gehrt. Die bedienenden Kellner gingen auf leisen Sohlen
umher. Ein Klappern des Teegertes, ein halbgeflstertes Wort war
alles, was man vernahm. In einem Winkel, schrg gegenber der Tr und
zwei Tische von seinem entfernt, bemerkte Aschenbach die polnischen
Mdchen mit ihrer Erzieherin. Sehr aufrecht, das aschblonde Haar neu
geglttet und mit gerteten Augen, in steifen blauleinenen Kleidern
mit kleinen weien Fallkrgen und Manschetten saen sie da und
reichten einander ein Glas mit Eingemachtem. Sie waren mit ihrem
Frhstck fast fertig. Der Knabe fehlte.

Aschenbach lchelte. Nun kleiner Phake! dachte er. Du scheinst vor
diesen das Vorrecht beliebigen Ausschlafens zu genieen. Und pltzlich
aufgeheitert rezitierte er bei sich selbst den Vers:

Oft vernderten Schmuck und warme Bder und Ruhe.

Er frhstckte ohne Eile, empfing aus der Hand des Portiers, der mit
gezogener Tressenmtze in den Saal kam, einige nachgesandte Post und
ffnete, eine Zigarette rauchend, ein paar Briefe. So geschah es, da
er dem Eintritt des Langschlfers noch beiwohnte, den man dort drben
erwartete.

Er kam durch die Glastr und ging in der Stille schrg durch den Raum
zum Tisch seiner Schwestern. Sein Gehen war sowohl in der Haltung des
Oberkrpers wie in der Bewegung der Kniee, dem Aufsetzen des
weibeschuhten Fues von auerordentlicher Anmut, sehr leicht,
zugleich zart und stolz und verschnt noch durch die kindliche
Verschmtheit, in welcher er zweimal unterwegs, mit einer Kopfwendung
in den Saal, die Augen aufschlug und senkte. Lchelnd, mit einem
halblauten Wort in seiner weich verschwommenen Sprache nahm er seinen
Platz ein, und jetzt zumal, da er dem Schauenden sein genaues Profil
zuwandte, erstaunte dieser aufs neue, ja erschrak ber die wahrhaft
gotthnliche Schnheit des Menschenkindes. Der Knabe trug heute einen
leichten Blusenanzug aus blau und wei gestreiftem Waschstoff mit
rotseidener Masche auf der Brust und am Halse von einem einfachen
weien Stehkragen abgeschlossen. Auf diesem Kragen aber, der nicht
einmal sonderlich elegant zum Charakter des Anzugs passen wollte,
ruhte die Blte des Hauptes in unvergleichlichem Liebreiz,--das Haupt
des Eros, vom gelblichen Schmelze parischen Marmors, mit feinen und
ernsten Brauen, Schlfen und Ohr vom rechtwinklig einspringenden
Geringel des Haares dunkel und weich bedeckt.

Gut, gut, dachte Aschenbach mit jener fachmnnisch khlen Billigung,
in welche Knstler zuweilen einem Meisterwerk gegenber ihr Entzcken,
ihre Hingerissenheit kleiden. Und weiter dachte er: Wahrhaftig,
erwarteten mich nicht Meer und Strand, ich bliebe hier, so lange du
bleibst! So aber ging er denn, ging unter den Aufmerksamkeiten des
Personals durch die Halle, die groe Terrasse hinab und gerade aus
ber den Brettersteg zum abgesperrten Strand der Hotelgste. Er lie
sich von dem barfigen Alten, der sich in Leinwandhose, Matrosenbluse
und Strohhut dort unten als Bademeister ttig zeigte, die gemietete
Strandhtte zuweisen, lie Tisch und Sessel hinaus auf die sandig
bretterne Plattform stellen und machte sich's bequem in dem
Liegestuhl, den er weiter zum Meere hin in den wachsgelben Sand
gezogen hatte.

Das Strandbild, dieser Anblick sorglos sinnlich genieender Kultur am
Rande des Elementes, unterhielt und erfreute ihn wie nur je. Schon war
die graue und flache See belebt von watenden Kindern, Schwimmern,
bunten Gestalten, welche, die Arme unter dem Kopf verschrnkt, auf den
Sandbnken lagen. Andere ruderten in kleinen rot und blau gestrichenen
Booten ohne Kiel und kenterten lachend. Vor der gedehnten Zeile der
Capannen, auf deren Plattformen man wie auf kleinen Veranden sa, gab
es spielende Bewegung und trg hingestreckte Ruhe, Besuche und
Geplauder, sorgfltige Morgeneleganz neben der Nacktheit, die
keck-behaglich die Freiheiten des Ortes geno. Vorn auf dem feuchten
und festen Sande lustwandelten Einzelne in weien Bademnteln, in
weiten, starkfarbigen Hemdgewndern. Eine vielfltige Sandburg zur
Rechten, von Kindern hergestellt, war rings mit kleinen Flaggen in den
Farben aller Lnder besteckt. Verkufer von Muscheln, Kuchen und
Frchten breiteten kniend ihre Waren aus. Links, vor einer der Htten,
die quer zur Reihe der brigen und zum Meere standen und auf dieser
Seite einen Abschlu des Strandes bildeten, kampierte eine russische
Familie: Mnner mit Brten und groen Zhnen, mrbe und trge Frauen,
ein baltisches Frulein, das an einer Staffelei sitzend unter Ausrufen
der Verzweiflung das Meer malte, zwei gutmtig-hliche Kinder, eine
alte Magd im Kopftuch und mit zrtlich unterwrfigen Sklavenmanieren.
Dankbar genieend lebten sie dort, riefen unermdlich die Namen der
unfolgsam sich tummelnden Kinder, scherzten vermittelst weniger
italienischer Worte lange mit dem humoristischen Alten, von dem sie
Zuckerwerk kauften, kten einander auf die Wangen und kmmerten sich
um keinen Beobachter ihrer menschlichen Gemeinschaft.

Ich will also bleiben, dachte Aschenbach. Wo wre es besser? Und die
Hnde im Scho gefaltet, lie er seine Augen sich in den Weiten des
Meeres verlieren, seinen Blick entgleiten, verschwimmen, sich brechen
im eintnigen Dunst der Raumeswste. Er liebte das Meer aus tiefen
Grnden: aus dem Ruheverlangen des schwer arbeitenden Knstlers, der
von der anspruchsvollen Vielgestalt der Erscheinungen an der Brust des
Einfachen, Ungeheueren sich zu bergen begehrt; aus einem verbotenen,
seiner Aufgabe gerade entgegengesetzten und eben darum verfhrerischen
Hange zum Ungegliederten, Malosen, Ewigen, zum Nichts. Am
Vollkommenen zu ruhen, ist die Sehnsucht dessen, der sich um das
Vortreffliche mht; und ist nicht das Nichts eine Form des
Vollkommenen? Wie er nun aber so tief ins Leere trumte, ward
pltzlich die Horizontale des Ufersaumes von einer menschlichen
Gestalt berschnitten, und als er seinen Blick aus dem Unbegrenzten
einholte und sammelte, da war es der schne Knabe, der von links
kommend vor ihm im Sande vorberging. Er ging barfu, zum Waten
bereit, die schlanken Beine bis ber die Knie entblt, langsam, aber
so leicht und stolz, als sei er ohne Schuhwerk sich zu bewegen ganz
gewhnt, und schaute sich nach den querstehenden Htten um. Kaum aber
hatte er die russische Familie bemerkt, die dort in dankbarer
Eintracht ihr Wesen trieb, als ein Unwetter zorniger Verachtung sein
Gesicht berzog. Seine Stirn verfinsterte sich, sein Mund ward
emporgehoben, von den Lippen nach einer Seite ging ein erbittertes
Zerren, da die Wange zerri, und seine Brauen waren so schwer
gerunzelt, da unter ihrem Druck die Augen eingesunken schienen und
bse und dunkel darunter hervor die Sprache des Hasses fhrten. Er
blickte zu Boden, blickte noch einmal drohend zurck, tat dann mit der
Schulter eine heftig wegwerfende Bewegung und lie die Feinde im
Rcken.

Eine Art Zartgefhl oder Erschrockenheit, etwas wie Achtung und Scham,
veranlate Aschenbach, sich abzuwenden, als ob er nichts gesehen
htte; denn dem ernsten Zufallsbeobachter der Leidenschaft widerstrebt
es, von seinen Wahrnehmungen auch nur vor sich selber Gebrauch zu
machen. Er war aber erheitert und erschttert zugleich, das heit:
beglckt. Dieser kindische Fanatismus, gerichtet gegen das gutmtigste
Stck Leben,--er stellte das Gttlich-Nichtssagende in menschliche
Beziehungen; er lie ein kostbares Bildwerk der Natur, das nur zur
Augenweide getaugt hatte, einer tieferen Teilnahme wert erscheinen;
und er verlieh der ohnehin durch Schnheit bedeutenden Gestalt des
Halbwchsigen eine politisch-geschichtliche Folie, die gestattete, ihn
ber seine Jahre ernst zu nehmen.

Noch abgewandt, lauschte Aschenbach auf die Stimme des Knaben, seine
helle, ein wenig schwache Stimme, mit der er sich von weitem schon den
um die Sandburg beschftigten Gespielen grend anzukndigen suchte.
Man antwortete ihm, indem man ihm seinen Namen oder eine Koseform
seines Namens mehrfach entgegenrief, und Aschenbach horchte mit einer
gewissen Neugier darauf, ohne Genaueres erfassen zu knnen, als zwei
melodische Silben wie Adgio oder fter noch Adgiu mit rufend
gedehntem u-Laut am Ende. Er freute sich des Klanges, er fand ihn in
seinem Wohllaut dem Gegenstande angemessen, wiederholte ihn im Stillen
und wandte sich befriedigt seinen Briefen und Papieren zu.

Seine kleine Reiseschreibmappe auf den Knien, begann er, mit dem
Fllfederhalter diese und jene Korrespondenz zu erledigen. Aber nach
einer Viertelstunde schon fand er es schade, die Situation, die
genieenswerteste, die er kannte, so im Geist zu verlassen und durch
gleichgltige Ttigkeit zu versumen. Er warf das Schreibzeug
beiseite, er kehrte zum Meere zurck, und nicht lange, so wandte er,
abgelenkt von den Stimmen der Jugend am Sandbau, den Kopf bequem an
der Lehne des Stuhles nach rechts, um sich nach dem Treiben und
Bleiben des trefflichen Adgio wieder umzutun.

Der erste Blick fand ihn; die rote Masche auf seiner Brust war nicht
zu verfehlen. Mit anderen beschftigt, eine alte Planke als Brcke
ber den feuchten Graben der Sandburg zu legen, gab er rufend und mit
dem Kopfe winkend seine Anweisungen zu diesem Werk. Es waren da mit
ihm ungefhr zehn Genossen, Knaben und Mdchen, von seinem Alter und
einige jnger, die in Zungen, polnisch, franzsisch und auch in
Balkan-Idiomen durcheinander schwatzten. Aber sein Name war es, der am
ftesten erklang. Offenbar war er begehrt, umworben, bewundert. Einer
namentlich, Pole gleich ihm, ein stmmiger Bursche, der hnlich wie
Jaschu gerufen wurde, mit schwarzem, pomadisiertem Haar und leinenem
Grtelanzug, schien sein nchster Vasall und Freund. Sie gingen, als
fr diesmal die Arbeit am Sandbau beendigt war, umschlungen den Strand
entlang, und der, welcher Jaschu gerufen wurde, kte den Schnen.

Aschenbach war versucht, ihm mit dem Finger zu drohen. Dir aber rat
ich Kritobulos, dachte er lchelnd, geh ein Jahr auf Reisen! Denn
soviel brauchst du mindestens Zeit zur Genesung. Und dann frhstckte
er groe, vollreife Erdbeeren, die er von einem Hndler erstand. Es
war sehr warm geworden, obgleich die Sonne die Dunstschicht des
Himmels nicht zu durchdringen vermochte. Trgheit fesselte den Geist,
indes die Sinne die ungeheure und betubende Unterhaltung der
Meeresstille genossen. Zu erraten, zu erforschen, welcher Name es sei,
der ungefhr Adgio lautete, schien dem ernsten Mann eine
angemessene, vollkommen ausfllende Aufgabe und Beschftigung. Und mit
Hilfe einiger polnischer Erinnerungen stellte er fest, da Tadzio
gemeint sein msse, die Abkrzung von Tadeusz und im Anrufe Tadziu
lautend. Tadzio badete. Aschenbach, der ihn aus den Augen verloren
hatte, entdeckte seinen Kopf, seinen Arm, mit dem er rudernd ausholte,
weit drauen im Meer; denn das Meer mochte flach sein bis weit hinaus.
Aber schon schien man besorgt um ihn, schon riefen Frauenstimmen nach
ihm von den Htten, stieen wiederum diesen Namen aus, der den Strand
beinahe wie eine Losung beherrschte und mit seinen weichen Mitlauten,
seinem gezogenen u-Ruf am Ende, etwas zugleich Ses und Wildes hatte:
Tadziu, Tadziu! Er gehorchte, er lief, das widerstrebende Wasser mit
den Beinen zu Schaum schlagend, zurckgeworfenen Kopfes durch die
Flut; und zu sehen, wie die lebendige Gestalt, vormnnlich hold und
herb, mit triefenden Locken und schn wie ein zarter Gott, herkommend
aus den Tiefen von Himmel und Meer, dem Elemente entstieg und entrann:
Dieser Anblick gab mythische Vorstellungen ein, er war wie
Dichterkunde von anfnglichen Zeiten, vom Ursprung der Form und von
der Geburt der Gtter. Aschenbach lauschte mit geschlossenen Augen auf
diesen in seinem Innern antnenden Gesang; und abermals dachte er, da
es hier gut sei und da er bleiben wolle.

Spter lag Tadzio, vom Bade ausruhend, im Sande, gehllt in sein
weies Laken, das unter der rechten Schulter durchgezogen war, den
Kopf auf den bloen Arm gebettet; und auch wenn Aschenbach ihn nicht
betrachtete, sondern einige Seiten in seinem Buche las, verga er fast
niemals, da jener dort lag und da es ihn nur eine leichte Wendung
des Kopfes nach rechts kostete, um das Bewunderungswrdige zu
erblicken. Beinahe schien es ihm, als se er hier, um den Ruhenden zu
behten,--mit eigenen Angelegenheiten beschftigt und dabei doch in
bestndiger Wachsamkeit fr das edle Menschenbild dort zur Rechten,
nicht weit von ihm. Und eine vterliche Huld, die gerhrte Hinneigung
dessen, der sich opfernd im Geiste das Schne zeugt, zu dem, der die
Schnheit hat, erfllte und bewegte sein Herz.

Nach Mittag verlie er den Strand, kehrte ins Hotel zurck und lie
sich hinauf vor sein Zimmer fahren. Er verweilte dort drinnen lngere
Zeit vor dem Spiegel und betrachtete sein graues Haar, sein mdes und
scharfes Gesicht. In diesem Augenblick dachte er an seinen Ruhm und
daran, da Viele ihn auf den Straen kannten und ehrerbietig
betrachteten, um seines sicher treffenden und mit Anmut gekrnten
Wortes willen,--rief alle, ueren Erfolge seines Talentes auf, die
ihm irgend einfallen wollten und gedachte sogar seiner Nobilitierung.
Er begab sich dann zum Lunch hinab in den Saal und speiste an seinem
Tischchen. Als er nach beendeter Mahlzeit den Lift bestieg, drngte
junges Volk, das gleichfalls vom Frhstck kam, ihm nach in das
schwebende Kmmerchen, und auch Tadzio trat ein. Er stand ganz nahe
bei Aschenbach, zum ersten Male so nah, da dieser ihn nicht in
bildmigem Abstand, sondern genau, mit den Einzelheiten seiner
Menschlichkeit wahrnahm und erkannte. Der Knabe ward angeredet von
irgend jemandem, und whrend er mit unbeschreiblich lieblichem Lcheln
antwortete, trat er schon wieder aus, im ersten Stockwerk, rckwrts,
mit niedergeschlagenen Augen. Schnheit macht schamhaft, dachte
Aschenbach und bedachte sehr eindringlich, warum. Er hatte jedoch
bemerkt, da Tadzios Zhne nicht recht erfreulich waren: etwas zackig
und bla, ohne den Schmelz der Gesundheit und von eigentmlich sprder
Durchsichtigkeit wie zuweilen bei Bleichschtigen. Er ist sehr zart,
er ist krnklich, dachte Aschenbach. Er wird wahrscheinlich nicht alt
werden. Und er verzichtete darauf, sich Rechenschaft ber ein Gefhl
der Genugtuung oder Beruhigung zu geben, das diesen Gedanken
begleitete.

Er verbrachte zwei Stunden auf seinem Zimmer und fuhr am Nachmittag
mit dem Vaporetto ber die faulriechende Lagune nach Venedig. Er stieg
aus bei San Marco, nahm den Tee auf dem Platze und trat dann, seiner
hiesigen Tagesordnung gem, einen Spaziergang durch die Straen an.
Es war jedoch dieser Gang, der einen vlligen Umschwung seiner
Stimmung, seiner Entschlsse herbeifhrte.

Eine widerliche Schwle lag in den Gassen, die Luft war so dick, da
die Gerche, die aus Wohnungen, Lden, Garkchen quollen, ldunst,
Wolken von Parfm und viele andere in Schwaden standen, ohne sich zu
zerstreuen. Zigarettenrauch hing an seinem Orte und entwich nur
langsam. Das Menschengeschiebe in der Enge belstigte den
Spaziergnger, statt ihn zu unterhalten. Je lnger er ging, desto
qulender bemchtigte sich seiner der abscheuliche Zustand, den die
Seeluft zusammen mit dem Scirocco hervorbringen kann, und der zugleich
Erregung und Erschlaffung ist. Peinlicher Schwei brach ihm aus. Die
Augen versagten den Dienst, die Brust war beklommen, er fieberte, das
Blut pochte im Kopf. Er floh aus den drangvollen Geschftsgassen ber
Brcken in die Gnge der Armen: dort behelligten ihn Bettler, und die
blen Ausdnstungen der Kanle verleideten das Atmen. Auf stillem
Platz, einer jener vergessen und verwunschen anmutenden rtlichkeiten,
die sich im Innern Venedigs finden, am Rande eines Brunnens rastend,
trocknete er die Stirn und sah ein, da er reisen msse.

Zum zweitenmal und nun endgltig war es erwiesen, da diese Stadt bei
dieser Witterung ihm hchst schdlich war. Eigensinniges Ausharren
erschien vernunftwidrig, die Aussicht auf ein Umschlagen des Windes
ganz ungewi. Es galt rasche Entscheidung. Schon jetzt nach Hause
zurckzukehren, verbot sich. Weder Sommer-noch Winterquartier war
bereit, ihn aufzunehmen. Aber nicht nur hier gab es Meer und Strand,
und anderwrts fanden sie sich ohne die bse Zutat der Lagune und
ihres Fieberdunstes. Er erinnerte sich eines kleinen Seebades nicht
weit von Triest, das man ihm rhmlich genannt hatte. Warum nicht
dorthin? Und zwar ohne Verzug, damit der abermalige Aufenthaltswechsel
sich noch lohne. Er erklrte sich fr entschlossen und stand auf. Am
nchsten Gondelhalteplatz nahm er ein Fahrzeug und lie sich durch das
trbe Labyrinth der Kanle, unter zierlichen Marmorbalkonen hin, die
von Lwenbildern flankiert waren, um glitschige Mauerecken, vorbei an
trauernden Palastfassaden, die groe Firmenschilder im Abfall
schaukelnden Wasser spiegelten, nach San Marco leiten. Er hatte Mhe,
dorthin zu gelangen, denn der Gondolier, der mit Spitzenfabriken und
Glasblsereien im Bunde stand, versuchte berall, ihn zu Besichtigung
und Einkauf abzusetzen, und wenn die bizarre Fahrt durch Venedig
ihren Zauber zu ben begann, so tat der beutelschneiderische
Geschftsgeist der gesunkenen Knigin das seine, den Sinn wieder
verdrielich zu ernchtern.

Ins Hotel zurckgekehrt, gab er noch vor dem Diner im Bureau die
Erklrung ab, da unvorhergesehene Umstnde ihn ntigten, morgen frh
abzureisen. Man bedauerte, man quittierte seine Rechnung. Er speiste
und verbrachte den lauen Abend, Journale lesend, in einem
Schaukelstuhl auf der rckwrtigen Terrasse. Bevor er zur Ruhe ging,
machte er sein Gepck vollkommen zur Abreise fertig.

Er schlief nicht zum besten, da der bevorstehende Wiederaufbruch ihn
beunruhigte. Als er am Morgen die Fenster ffnete, war der Himmel
bezogen nach wie vor, aber die Luft schien frischer, und--es begann
auch schon seine Reue. War diese Kndigung nicht berstrzt und
irrtmlich, die Handlung eines kranken und unmageblichen Zustandes
gewesen? Htte er sie ein wenig zurckbehalten, htte er es, ohne so
rasch zu verzagen, auf den Versuch einer Anpassung an die
venezianische Luft oder auf Besserung des Wetters ankommen lassen, so
stand ihm jetzt, statt Hast und Last, ein Vormittag am Strande gleich
dem gestrigen bevor. Zu spt. Nun mute er fortfahren, zu wollen, was
er gestern gewollt hatte. Er kleidete sich an und fuhr um acht Uhr zum
Frhstck ins Erdgescho hinab.

Der Bfettraum war, als er eintrat, noch leer von Gsten. Einzelne
kamen, whrend er sa und das Bestellte erwartete. Die Teetasse am
Munde, sah er die polnischen Mdchen nebst ihrer Begleiterin sich
einfinden; streng und morgenfrisch, mit gerteten Augen schritten sie
zu ihrem Tisch in der Fensterecke. Gleich darauf nherte sich ihm der
Portier mit gezogener Mtze und mahnte zum Aufbruch. Das Automobil
stehe bereit, ihn und andere Reisende nach dem Hotel "Excelsior" zu
bringen, von wo das Motorboot die Herrschaften durch den Privatkanal
der Gesellschaft zum Bahnhof befrdern werde. Die Zeit drnge.
--Aschenbach fand, da sie das nicht im mindesten tue. Mehr als eine
Stunde blieb bis zur Abfahrt seines Zuges. Er rgerte sich an der
Gasthofsitte, den Abreisenden vorzeitig aus dem Hause zu schaffen und
bedeutete dem Portier, da er in Ruhe zu frhstcken wnsche. Der Mann
zog sich zgernd zurck, um nach fnf Minuten wieder aufzutreten.
Unmglich, da der Wagen lnger warte. Dann mge er fahren und seinen
Koffer mitnehmen, entgegnete Aschenbach gereizt. Er selbst wolle zur
gegebenen Zeit das ffentliche Dampfboot benutzen und bitte, die Sorge
um sein Fortkommen ihm selber zu berlassen. Der Angestellte verbeugte
sich. Aschenbach, froh, die lstigen Mahnungen abgewehrt zu haben,
beendete seinen Imbi ohne Eile, ja lie sich sogar noch vom Kellner
Tagesbltter reichen. Die Zeit war recht knapp geworden, als er
aufstand. Es fgte sich, da im selben Augenblick Tadzio durch die
Glastr hereinkam.

Er kreuzte, zum Tische der Seinen gehend, den Weg des Aufbrechenden,
schlug vor dem grauhaarigen, hochgestirnten Mann bescheiden die Augen
nieder, um sie nach seiner lieblichen Art sogleich wieder weich und
voll zu ihm aufzuschlagen und war vorber. Adieu, Tadzio! dachte
Aschenbach. Ich sah dich kurz. Und indem er gegen seine Gewohnheit das
Gedachte wirklich mit den Lippen ausbildete und vor sich hinsprach,
fgte er hinzu: Sei gesegnet!--Er hielt dann Abreise, verteilte
Trinkgelder, ward von dem kleinen leisen Manager im franzsischen
Gehrock verabschiedet und verlie das Hotel zu Fu, wie er gekommen,
um sich, gefolgt von dem Handgepck tragenden Hausdiener, durch die
wei blhende Allee quer ber die Insel zur Dampferbrcke zu begeben.
Er erreicht sie, er nimmt Platz,--und was folgte, war eine
Leidensfahrt, kummervoll, durch alle Tiefen der Reue.

Es war die vertraute Fahrt ber die Lagune, an San Marco vorbei, den
groen Kanal hinauf. Aschenbach sa auf der Rundbank am Buge, den Arm
aufs Gelnder gesttzt, mit der Hand die Augen beschattend. Die
ffentlichen Grten blieben zurck, die Piazzetta erffnete sich noch
einmal in frstlicher Anmut und ward verlassen, es kam die groe
Flucht der Palste, und als die Wasserstrae sich wendete, erschien
des Rialto prchtig gespannter Marmorbogen. Der Abschiednehmende
schaute, und seine Brust war zerrissen. Die Atmosphre der Stadt,
diesen leis fauligen Geruch von Meer und Sumpf, den zu fliehen es ihn
so sehr gedrngt hatte,--er atmete ihn jetzt in tiefen, zrtlich
schmerzlichen Zgen. War es mglich, da er nicht gewut, nicht
bedacht hatte, wie sehr sein Herz an dem allen hing? Was heute morgen
ein halbes Bedauern, ein leiser Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns
gewesen war, das wurde jetzt zum Harm, zum wirklichen Weh, zu einer
Seelennot, so bitter, da sie ihm mehrmals Trnen in die Augen trieb,
und von der er sich sagte, da er sie unmglich habe vorhersehen
knnen. Was er als so schwer ertrglich, ja, zuweilen als vllig
unleidlich empfand, war offenbar der Gedanke, da er Venedig nie
wieder sehen solle, da dies ein Abschied fr immer sei. Denn da sich
zum zweiten Male gezeigt hatte, da die Stadt ihn krank mache, da er
sie zum zweiten Male jh zu verlassen gezwungen war, so hatte er sie
ja fortan als einen ihm unmglichen und verbotenen Aufenthalt zu
betrachten, dem er nicht gewachsen war und den wieder aufzusuchen
sinnlos gewesen wre. Ja, er empfand, da, wenn er jetzt abreise,
Scham und Trotz ihn hindern mten, die geliebte Stadt je wieder zu
sehen, der gegenber er zweimal krperlich versagt hatte; und dieser
Streitfall zwischen seelischer Neigung und krperlichem Vermgen
schien dem Alternden auf einmal so schwer und wichtig, die physische
Niederlage so schmhlich, so um jeden Preis hintanzuhalten, da er die
leichtfertige Ergebung nicht begriff, mit welcher er gestern, ohne
ernstlichen Kampf, sie zu tragen und anzuerkennen beschlossen hatte.

Unterdessen nhert sich das Dampfboot dem Bahnhof, und Schmerz
und Ratlosigkeit steigen bis zur Verwirrung. Die Abreise dnkt dem
Gequlten unmglich, die Umkehr nicht minder. So ganz zerrissen
betritt er die Station. Es ist sehr spt, er hat keinen Augenblick zu
verlieren, wenn er den Zug erreichen will. Er will es und will es
nicht. Aber die Zeit drngt, sie geielt ihn vorwrts; er eilt, sich
sein Billett zu verschaffen und sieht sich im Tumult der Halle nach
dem hier stationierten Beamten der Hotelgesellschaft um. Der Mensch
zeigt sich und meldet, der groe Koffer sei aufgegeben. Schon
aufgegeben? Ja, bestens,--nach Como. Nach Como? Und aus einem
hastigen Hin und Her, aus zornigen Fragen und betretenen Antworten
kommt zu Tage, da der Koffer, schon im Gepckbefrderungs-Amt des
Hotels Excelsior zusammen mit anderer, fremder Bagage, in vllig
falsche Richtung geleitet wurde.

Aschenbach hatte Mhe, die Miene zu bewahren, die unter diesen
Umstnden einzig begreiflich war. Eine abenteuerliche Freude, eine
unglaubliche Heiterkeit erschtterte von innen fast krampfhaft seine
Brust. Der Angestellte strzte davon, um mglicherweise den Koffer
noch anzuhalten und kehrte, wie zu erwarten gewesen, unverrichteter
Dinge zurck. Da erklrte denn Aschenbach, da er ohne sein Gepck
nicht zu reisen wnsche, sondern umzukehren und das Wiedereintreffen
des Stckes im Bderhotel zu erwarten entschlossen sei. Ob das
Motorboot der Gesellschaft am Bahnhof liege. Der Mann beteuerte,
es liege vor der Tr. Er bestimmte in italienischer Suade den
Schalterbeamten, den gelsten Fahrschein zurckzunehmen, er schwor,
da depeschiert werden, da nichts gespart und versumt werden solle,
um den Koffer in Blde zurckzugewinnen, und--so fand das Seltsame
statt, da der Reisende, zwanzig Minuten nach seiner Ankunft am
Bahnhof, sich wieder im Groen Kanal auf dem Rckweg zum Lido sah.

Wunderlich unglaubhaftes, beschmendes, komisch traumartiges
Abenteuer: Sttten, von denen man eben in tiefster Wehmut Abschied auf
immer genommen, vom Schicksal umgewandt und zurckverschlagen, in
derselben Stunde noch wiederzusehen! Schaum vor dem Buge, drollig
behend zwischen Gondeln und Dampfern lavierend, scho das kleine,
eilfertige Fahrzeug seinem Ziele zu, indes sein Passagier unter der
Maske rgerlicher Resignation die ngstlich-bermtige Erregung eines
entlaufenen Knaben verbarg. Noch immer, von Zeit zu Zeit, ward seine
Brust bewegt von Lachen ber dies Migeschick, das, wie er sich sagte,
ein Sonntagskind nicht geflliger htte heimsuchen knnen. Es waren
Erklrungen zu geben, erstaunte Gesichter zu bestehen,--dann war, so
sagte er sich, alles wieder gut, dann war ein Unglck verhtet, ein
schwerer Irrtum richtig gestellt, und alles, was er im Rcken zu
lassen geglaubt hatte, erffnete sich ihm wieder, war auf beliebige
Zeit wieder sein... Tuschte ihn brigens die rasche Fahrt oder kam
wirklich zum berflu der Wind nun dennoch vom Meere her?

Die Wellen schlugen gegen die betonierten Wnde des schmalen Kanals,
der durch die Insel zum Hotel Excelsior gelegt ist. Ein automobiler
Omnibus erwartete dort den Wiederkehrenden und fhrte ihn oberhalb des
gekruselten Meeres auf geradem Wege zum Bder-Hotel. Der kleine
schnurrbrtige Manager im geschweiften Gehrock kam zur Begrung die
Freitreppe herab.

Leise schmeichelnd bedauerte er den Zwischenfall, nannte ihn uerst
peinlich fr ihn und das Institut, billigte aber mit berzeugung
Aschenbachs Entschlu, das Gepckstck hier zu erwarten. Freilich sei
sein Zimmer vergeben, ein anderes jedoch, nicht schlechter, sogleich
zur Verfgung. Pas de chance, monsieur, sagte der schweizerische
Liftfhrer lchelnd, als man hinaufglitt. Und so wurde der Flchtling
wieder einquartiert, in einem Zimmer, das dem vorigen nach Lage und
Einrichtung fast vollkommen glich.

Ermdet, betubt von dem Wirbel dieses seltsamen Vormittags, lie er
sich, nachdem er den Inhalt seiner Handtasche im Zimmer verteilt, in
einem Lehnstuhl am offenen Fenster nieder. Das Meer hatte eine
blagrne Frbung angenommen, die Luft schien dnner und reiner, der
Strand mit seinen Htten und Booten farbiger, obgleich der Himmel noch
grau war. Aschenbach blickte hinaus, die Hnde im Scho gefaltet,
zufrieden, wieder hier zu sein, kopfschttelnd unzufrieden ber seinen
Wankelmut, seine Unkenntnis der eigenen Wnsche. So sa er wohl eine
Stunde, ruhend und gedankenlos trumend. Um Mittag erblickte er
Tadzio, der in gestreiftem Leinenanzug mit roter Masche, vom Meere
her, durch die Strandsperre und die Bretterwege entlang zum Hotel
zurckkehrte. Aschenbach erkannte ihn aus seiner Hhe sofort, bevor er
ihn eigentlich ins Auge gefat, und wollte etwas denken, wie: Sieh,
Tadzio, da bist ja auch du wieder! Aber im gleichen Augenblick fhlte
er, wie der lssige Gru vor der Wahrheit seines Herzens hinsank und
verstummte,--fhlte die Begeisterung seines Blutes, die Freude, den
Schmerz seiner Seele und erkannte, da ihm um Tadzios willen der
Abschied so schwer geworden war.

Er sa ganz still, ganz ungesehen an seinem hohen Platze und blickte
in sich hinein. Seine Zge waren erwacht, seine Brauen stiegen, ein
aufmerksames, neugierig geistreiches Lcheln spannte seinen Mund. Dann
hob er den Kopf und beschrieb mit beiden, schlaff ber die Lehne des
Sessels hinabhngenden Armen eine langsam drehende und hebende
Bewegung, die Handflchen vorwrts kehrend, so, als deute er ein
ffnen und Ausbreiten der Arme an. Es war eine bereitwillig willkommen
heiende, gelassen aufnehmende Gebrde.




Viertes Kapitel


Nun lenkte Tag fr Tag der Gott mit den hitzigen Wangen nackend sein
gluthauchendes Viergespann durch die Rume des Himmels und sein gelbes
Gelock flatterte im zugleich ausstrmenden Ostwind. Weilich seidiger
Glanz lag auf den Weiten des trge wallenden Pontos. Der Sand glhte.
Unter der silbrig flirrenden Blue des thers waren rostfarbene
Segeltcher vor den Strandhtten ausgespannt, und auf dem scharf
umgrenzten Schattenfleck, den sie boten, verbrachte man die
Vormittagsstunden. Aber kstlich war auch der Abend, wenn die Pflanzen
des Parks balsamisch dufteten, die Gestirne droben ihren Reigen
schritten und das Murmeln des umnachteten Meeres, leise
heraufdringend, die Seele besprach. Solch ein Abend trug in sich die
freudige Gewhr eines neuen Sonnentages von leicht geordneter Mue und
geschmckt mit zahllosen, dicht beieinander liegenden Mglichkeiten
lieblichen Zufalls.

Der Gast, den ein so gefgiges Migeschick hier festgehalten, war weit
entfernt, in der Rckgewinnung seiner Habe einen Grund zu erneutem
Aufbruch zu sehen. Er hatte zwei Tage lang einige Entbehrung dulden
und zu den Mahlzeiten im groen Speisesaal im Reiseanzug erscheinen
mssen. Dann, als man endlich die verirrte Last wieder in seinem
Zimmer niedersetzte, packte er grndlich aus und fllte Schrank und
Schubfcher mit dem Seinen, entschlossen zu vorlufig unabsehbarem
Verweilen, vergngt, die Stunden des Strandes in seidenem Anzug
verbringen und beim Diner sich wieder in schicklicher Abendtracht an
seinem Tischchen zeigen zu knnen.

Der wohlige Gleichtakt dieses Daseins hatte ihn schon in seinen Bann
gezogen, die weiche und glnzende Milde dieser Lebensfhrung ihn rasch
berckt. Welch ein Aufenthalt in der Tat, der die Reize eines
gepflegten Badelebens an sdlichem Strande mit der traulich bereiten
Nhe der wunderlich-wundersamen Stadt verbindet! Aschenbach liebte
nicht den Genu. Wann immer und wo es galt, zu feiern, der Ruhe zu
pflegen, sich gute Tage zu machen, verlangte ihn bald--und namentlich
in jngeren Jahren war dies so gewesen--mit Unruhe und Widerwillen
zurck in die hohe Mhsal, den heilig nchternen Dienst seines
Alltags. Nur dieser Ort verzauberte ihn, entspannte sein Wollen,
machte ihn glcklich. Manchmal vormittags, unter dem Schattentuch
seiner Htte, hintrumend ber die Blue des Sdmeers, oder bei lauer
Nacht auch wohl, gelehnt in die Kissen der Gondel, die ihn vom
Markusplatz, wo er sich lange verweilt, unter dem gro gestirnten
Himmel heimwrts zum Lido fhrte--und die bunten Lichter, die
schmelzenden Klnge der Serenade blieben zurck,--erinnerte er sich
seines Landsitzes in den Bergen, der Sttte seines sommerlichen
Ringens, wo die Wolken tief durch den Garten zogen, frchterliche
Gewitter am Abend das Licht des Hauses lschten und die Raben, die er
ftterte, sich in den Wipfeln der Fichten schwangen. Dann schien es
ihm wohl, als sei er entrckt ins elysische Land, an die Grenzen der
Erde, wo leichtestes Leben den Menschen beschert ist, wo nicht Schnee
ist und Winter noch Sturm und strmender Regen, sondern immer sanft
khlenden Anhauch Okeanos aufsteigen lt und in seliger Mue die Tage
verrinnen, mhelos, kampflos und ganz nur der Sonne und ihren Festen
geweiht.

Viel, fast bestndig sah Aschenbach den Knaben Tadzio; ein
beschrnkter Raum, eine jedem gegebene Lebensordnung brachten es mit
sich, da der Schne ihm tagber mit kurzen Unterbrechungen nahe war.
Er sah, er traf ihn berall: in den unteren Rumen des Hotels, auf den
khlenden Wasserfahrten zur Stadt und von dort zurck, im Geprnge des
Platzes selbst und oft noch zwischenein auf Wegen und Stegen, wenn der
Zufall ein briges tat. Hauptschlich aber und mit der glcklichsten
Regelmigkeit bot ihm der Vormittag am Strande ausgedehnte
Gelegenheit, der holden Erscheinung Andacht und Studium zu widmen. Ja,
diese Gebundenheit des Glckes, diese tglich-gleichmig wieder
anbrechende Gunst der Umstnde war es so recht, was ihn mit
Zufriedenheit und Lebensfreude erfllte, was ihm den Aufenthalt teuer
machte und einen Sonnentag so gefllig hinhaltend sich an den anderen
reihen lie.

Er war frh auf, wie sonst wohl bei pochendem Arbeitsdrange, und vor
den meisten am Strand, wenn die Sonne noch milde war und das Meer wei
blendend in Morgentrumen lag. Er grte menschenfreundlich den
Wchter der Sperre, grte auch vertraulich den barfigen Weibart,
der ihm die Sttte bereitet, das braune Schattentuch ausgespannt, die
Mbel der Htte hinaus auf die Plattform gerckt hatte, und lie sich
nieder. Drei Stunden oder vier waren dann sein, in denen die Sonne zur
Hhe stieg und furchtbare Macht gewann, in denen das Meer tiefer und
tiefer blaute und in denen er Tadzio sehen durfte.

Er sah ihn kommen, von links, am Rande des Meeres daher, sah ihn von
rckwrts zwischen den Htten hervortreten oder fand auch wohl
pltzlich und nicht ohne ein frohes Erschrecken, da er sein Kommen
versumt und da er schon da war, schon in dem blau und weien
Badeanzug, der jetzt am Strand seine einzige Kleidung war, sein
gewohntes Treiben in Sonne und Sand wieder aufgenommen hatte,--dies
lieblich nichtige, mig unstete Leben, das Spiel war und Ruhe, ein
Schlendern, Waten, Graben, Haschen, Lagern und Schwimmen, bewacht,
berufen von den Frauen auf der Plattform, die mit Kopfstimmen seinen
Namen ertnen lieen: Tadziu! Tadziu! und zu denen er mit eifrigem
Gebrdenspiel gelaufen kam, ihnen zu erzhlen, was er erlebt, ihnen
zu zeigen, was er gefunden, gefangen: Muscheln, Seepferdchen, Quallen
und seitlich laufende Krebse. Aschenbach verstand nicht ein Wort von
dem, was er sagte, und mochte es das Alltglichste sein, es war
verschwommener Wohllaut in seinem Ohr. So erhob Fremdheit des Knaben
Rede zur Musik, eine bermtige Sonne go verschwenderischen Glanz
ber ihn aus, und die erhabene Tiefsicht des Meeres war immer seiner
Erscheinung Folie und Hintergrund.

Bald kannte der Betrachtende jede Linie und Pose dieses so gehobenen,
so frei sich darstellenden Krpers, begrte freudig jede schon
vertraute Schnheit aufs Neue und fand der Bewunderung, der zarten
Sinneslust kein Ende. Man rief den Knaben, einen Gast zu begren, der
den Frauen bei der Htte aufwartete; er lief herbei, lief na
vielleicht aus der Flut, er warf die Locken, und indem er die Hand
reichte, auf einem Beine ruhend, den anderen Fu auf die Zehenspitzen
gestellt, hatte er eine reizende Drehung und Wendung des Krpers,
anmutig spannungsvoll, verschmt aus Liebenswrdigkeit, gefallschtig
aus adeliger Pflicht. Er lag ausgestreckt, das Badetuch um die Brust
geschlungen, den zart gemeielten Arm in den Sand gesttzt, das Kinn
in der hohlen Hand; der, welcher Jaschu gerufen wurde, sa kauernd
bei ihm und tat ihm schn, und nichts konnte bezaubernder sein, als
das Lcheln der Augen und Lippen, mit dem der Ausgezeichnete zu dem
Geringeren, Dienenden aufblickte. Er stand am Rande der See, allein,
abseits von den Seinen, ganz nahe bei Aschenbach,--aufrecht, die Hnde
im Nacken verschlungen, langsam sich auf den Fuballen schaukelnd, und
trumte ins Blaue, whrend kleine Wellen, die anliefen, seine Zehen
badeten. Sein honigfarbenes Haar schmiegte sich in Ringeln an die
Schlfen und in den Nacken, die Sonne erleuchtete den Flaum des oberen
Rckgrates, die feine Zeichnung der Rippen, das Gleichma der Brust
traten durch die knappe Umhllung des Rumpfes hervor, seine
Achselhhlen waren noch glatt wie bei einer Statue, seine Kniekehlen
glnzten, und ihr bluliches Geder lie seinen Krper wie aus
klarerem Stoffe gebildet erscheinen. Welch eine Zucht, welche
Przision des Gedankens war ausgedrckt in diesem gestreckten und
jugendlich vollkommenen Leibe! Der strenge und reine Wille jedoch,
der, dunkel ttig, dies gttliche Bildwerk ans Licht zu treiben
vermocht hatte,--war er nicht ihm, dem Knstler, bekannt und vertraut?
Wirkte er nicht auch in ihm, wenn er, besonnener Leidenschaft voll,
aus der Marmormasse der Sprache die schlanke Form befreite, die er im
Geiste geschaut und die er als Standbild und Spiegel geistiger
Schnheit den Menschen darstellte?

Standbild und Spiegel! Seine Augen umfaten die edle Gestalt dort am
Rande des Blauen, und in aufschwrmendem Entzcken glaubte er mit
diesem Blick das Schne selbst zu begreifen, die Form als
Gottesgedanken, die eine und reine Vollkommenheit, die im Geiste lebt
und von der ein menschliches Abbild und Gleichnis hier leicht und hold
zur Anbetung aufgerichtet war. Das war der Rausch; und unbedenklich,
ja gierig, hie der alternde Knstler ihn willkommen. Sein Geist
kreiste, seine Bildung geriet ins Wallen, sein Gedchtnis warf uralte,
seiner Jugend berlieferte und bis dahin niemals von eigenem Feuer
belebte Gedanken auf. Stand nicht geschrieben, da die Sonne unsere
Aufmerksamkeit von den intellektuellen auf die sinnlichen Dinge
wendet? Sie betube und bezaubere, hie es, Verstand und Gedchtnis,
dergestalt, da die Seele vor Vergngen ihres eigentlichen Zustandes
ganz vergesse und mit staunender Bewunderung an dem schnsten der
besonnten Gegenstnde hngen bleibe: ja, nur mit Hlfe eines Krpers
vermge sie dann noch zu hherer Betrachtung sich zu erheben. Amor
frwahr tat es den Mathematikern gleich, die unfhigen Kindern
greifbare Bilder der reinen Formen vorzeigen: So auch bediente der
Gott sich, um uns das Geistige sichtbar zu machen, gern der Gestalt
und Farbe menschlicher Jugend, die er zum Werkzeug der Erinnerung mit
allem Abglanz der Schnheit schmckte und bei deren Anblick wir dann
wohl in Schmerz und Hoffnung entbrannten.

So dachte der Enthusiasmierte; so vermochte er zu empfinden. Und aus
Meerrausch und Sonnenglast spann sich ihm ein reizendes Bild.
Es war die alte Platane unfern den Mauern Athens,--war jener
heilig-schattige, vom Dufte der Kirschbaumblten erfllte Ort, den
Weihbilder und fromme Gaben schmckten zu Ehren der Nymphen und des
Acheloos. Ganz klar fiel der Bach zu Fen des breitgesteten Baums
ber glatte Kiesel; die Grillen geigten. Auf dem Rasen aber, der sanft
abfiel, so, da man im Liegen den Kopf hoch halten konnte, lagerten
Zwei, geborgen hier vor der Glut des Tages: ein ltlicher und ein
Junger, ein Hlicher und ein Schner, der Weise beim Liebenswrdigen.
Und unter Artigkeiten und geistreich werbenden Scherzen belehrte
Sokrates den Phaidros ber Sehnsucht und Tugend. Er sprach ihm von dem
heien Erschrecken, das der Fhlende leidet, wenn sein Auge ein
Gleichnis der ewigen Schnheit erblickt; sprach ihm von den Begierden
des Weihelosen und Schlechten, der die Schnheit nicht denken kann,
wenn er ihr Abbild sieht, und der Ehrfurcht nicht fhig ist; sprach
von der heiligen Angst, die den Edlen befllt, wenn ein gottgleiches
Antlitz, ein vollkommener Leib ihm erscheint, er dann aufbebt und
auer sich ist und hinzusehen sich kaum getraut und den verehrt, der
die Schnheit hat, ja, ihm opfern wrde, wie einer Bildsule, wenn er
nicht frchten mte, den Menschen nrrisch zu scheinen. Denn die
Schnheit, mein Phaidros, nur sie, ist liebenswrdig und sichtbar
zugleich: sie ist, merke das wohl! die einzige Form des Geistigen,
welche wir sinnlich empfangen, sinnlich ertragen knnen. Oder was
wrde aus uns, wenn das Gttliche sonst, wenn Vernunft und Tugend und
Wahrheit uns sinnlich erscheinen wollten? Wrden wir nicht vergehen
und verbrennen vor Liebe, wie Semele einstmals vor Zeus? So ist die
Schnheit der Weg des Fhlenden zum Geiste,--nur der Weg, ein Mittel
nur, kleiner Phaidros... Und dann sprach er das Feinste aus, der
verschlagene Hofmacher: Dies, da der Liebende gttlicher sei, als der
Geliebte, weil in jenem der Gott sei nicht aber im andern,--diesen
zrtlichsten, spttischsten Gedanken vielleicht, der jemals gedacht
ward, und dem alle Schalkheit und heimlichste Wollust der Sehnsucht
entspringt. Glck des Schriftstellers ist der Gedanke, der ganz
Gefhl, ist das Gefhl, das ganz Gedanke zu werden vermag. Solch ein
pulsender Gedanke, solch genaues Gefhl gehrte und gehorchte dem
Einsamen damals: nmlich, da die Natur vor Wonne erschaure, wenn der
Geist sich huldigend vor der Schnheit neige. Er wnschte pltzlich,
zu schreiben. Zwar liebt Eros, heit es, den Miggang, und fr
solchen nur ist er geschaffen. Aber an diesem Punkte der Krisis war
die Erregung des Heimgesuchten auf Produktion gerichtet. Fast
gleichgltig der Anla. Eine Frage, eine Anregung, ber ein gewisses
groes und brennendes Problem der Kultur und des Geschmackes sich
bekennend vernehmen zu lassen, war in die geistige Welt ergangen und
bei dem Verreisten eingelaufen. Der Gegenstand war ihm gelufig, war
ihm Erlebnis; sein Gelst, ihn im Licht seines Wortes erglnzen zu
lassen, auf einmal unwiderstehlich. Und zwar ging sein Verlangen
dahin, in Tadzios Gegenwart zu arbeiten, beim Schreiben den Wuchs des
Knaben zum Muster zu nehmen, seinen Stil den Linien dieses Krpers
folgen zu lassen, der ihm gttlich schien, und seine Schnheit ins
Geistige zu tragen, wie der Adler einst den troischen Hirten zum ther
trug. Nie hatte er die Lust des Wortes ser empfunden, nie so gewut,
da Eros im Worte sei, wie whrend der gefhrlich kstlichen Stunden,
in denen er, an seinem rohen Tische unter dem Schattentuch, im
Angesicht des Idols und die Musik seiner Stimme im Ohr, nach Tadzios
Schnheit seine kleine Abhandlung,--jene anderthalb Seiten erlesener
Prosa formte, deren Lauterkeit, Adel und schwingende Gefhlsspannung
binnen kurzem die Bewunderung vieler erregen sollte. Es ist sicher
gut, da die Welt nur das schne Werk, nicht auch seine Ursprnge,
nicht seine Entstehungsbedingungen kennt; denn die Kenntnis der
Quellen, aus denen dem Knstler Eingebung flo, wrde sie oftmals
verwirren, abschrecken und so die Wirkungen des Vortrefflichen
aufheben. Sonderbare Stunden! Sonderbar entnervende Mhe! Seltsam
zeugender Verkehr des Geistes mit einem Krper! Als Aschenbach seine
Arbeit verwahrte und vom Strande aufbrach, fhlte er sich erschpft,
ja zerrttet, und ihm war, als ob sein Gewissen wie nach einer
Ausschweifung Klage fhre.

Es war am folgenden Morgen, da er, im Begriff das Hotel zu verlassen,
von der Freitreppe aus gewahrte, wie Tadzio, schon unterwegs zum
Meere--und zwar allein,--sich eben der Strandsperre nherte. Der
Wunsch, der einfache Gedanke, die Gelegenheit zu nutzen und mit dem,
der ihm unwissentlich so viel Erhebung und Bewegung bereitet, leichte,
heitere Bekanntschaft zu machen, ihn anzureden, sich seiner Antwort,
seines Blickes zu erfreuen, lag nahe und drngte sich auf. Der Schne
ging schlendernd, er war einzuholen, und Aschenbach beschleunigte
seine Schritte. Er erreicht ihn auf dem Brettersteig hinter den
Htten, er will ihm die Hand aufs Haupt, auf die Schulter legen und
irgend ein Wort, eine freundliche franzsische Phrase schwebt ihm auf
den Lippen: da fhlt er, da sein Herz, vielleicht auch vom schnellen
Gang, wie ein Hammer schlgt, da er, so knapp bei Atem, nur gepret
und bebend wird sprechen knnen; er zgert, er sucht sich zu
beherrschen, er frchtet pltzlich, schon zu lange dicht hinter dem
Schnen zu gehen, frchtet sein Aufmerksamwerden, sein fragendes
Umschauen, nimmt noch einen Anlauf, versagt, verzichtet und geht
gesenkten Hauptes vorber.

Zu spt! dachte er in diesem Augenblick. Zu spt! Jedoch war es zu
spt? Dieser Schritt, den zu tun er versumte, er htte sehr
mglicherweise zum Guten, Leichten und Frohen, zu heilsamer
Ernchterung gefhrt. Allein es war wohl an dem, da der Alternde die
Ernchterung nicht wollte, da der Rausch ihm zu teuer war. Wer
entrtselt Wesen und Geprge des Knstlertums! Wer begreift die tiefe
Instinktverschmelzung von Zucht und Zgellosigkeit, worin es beruht!
Denn heilsame Ernchterung nicht wollen zu knnen, ist Zgellosigkeit.
Aschenbach war zur Selbstkritik nicht mehr aufgelegt; der Geschmack,
die geistige Verfassung seiner Jahre, Selbstachtung, Reife und spte
Einfachheit machten ihn nicht geneigt, Beweggrnde zu zergliedern und
zu entscheiden, ob er aus Gewissen, ob aus Liederlichkeit und Schwche
sein Vorhaben nicht ausgefhrt habe. Er war verwirrt, er frchtete,
da irgend jemand, wenn auch der Strandwchter nur, seinen Lauf, seine
Niederlage beobachtet haben mchte, frchtete sehr die Lcherlichkeit.
Im brigen scherzte er bei sich selbst ber seine komisch-heilige
Angst. Bestrzt, dachte er, bestrzt wie ein Hahn, der angstvoll
seine Flgel im Kampfe hngen lt. Das ist wahrlich der Gott, der
beim Anblick des Liebenswrdigen so unseren Mut bricht und unsern
stolzen Sinn so gnzlich zu Boden drckt... Er spielte, schwrmte und
war viel zu hochmtig, um ein Gefhl zu frchten.

Schon berwachte er nicht mehr den Ablauf der Muezeit, die er sich
selber gewhrt; der Gedanke an Heimkehr berhrte ihn nicht einmal. Er
hatte sich reichlich Geld verschrieben. Seine Besorgnis galt einzig
der mglichen Abreise der polnischen Familie; doch hatte er unter der
Hand, durch beilufige Erkundigung beim Coiffeur des Hotels, erfahren,
da diese Herrschaften ganz kurz vor seiner eigenen Ankunft hier
abgestiegen seien. Die Sonne brunte ihm Antlitz und Hnde, der
erregende Salzhauch strkte ihn zum Gefhl, und wie er sonst jede
Erquickung, die Schlaf, Nahrung oder Natur ihm gespendet, sogleich an
ein Werk zu verausgaben gewohnt war, so lie er nun alles, was Sonne,
Mue und Meerluft ihm an tglicher Krftigung zufhrten,
hochherzig-unwirtschaftlich aufgehen in Rausch und Empfindung.

Sein Schlaf war flchtig; die kstlich einfrmigen Tage waren getrennt
durch kurze Nchte voll glcklicher Unruhe. Zwar zog er sich zeitig
zurck, denn um neun Uhr, wenn Tadzio vom Schauplatz verschwunden war,
schien der Tag ihm beendet. Aber ums erste Morgengrauen weckte ihn ein
zart durchdringendes Erschrecken, sein Herz erinnerte sich seines
Abenteuers, es litt ihn nicht mehr in den Kissen, er erhob sich, und
leicht eingehllt gegen die Schauer der Frhe setzte er sich ans
offene Fenster, den Aufgang der Sonne zu erwarten. Das wundervolle
Ereignis erfllte seine vom Schlafe geweihte Seele mit Andacht. Noch
lagen Himmel, Erde und Meer in geisterhaft glasiger Dmmerblsse; noch
schwamm ein vergehender Stern im Wesenlosen. Aber ein Wehen kam, eine
beschwingte Kunde von unnahbaren Wohnpltzen, da Eos sich von der
Seite des Gatten erhebe, und jenes erste, se Errten der fernsten
Himmels-und Meeresstriche geschah, durch welches das Sinnlichwerden
der Schpfung sich anzeigt. Die Gttin nahte, die
Jnglingsentfhrerin, die den Kleitos, den Kephalos raubte und dem
Neide aller Olympischen trotzend die Liebe des schnen Orion geno.
Ein Rosenstreuen begann da am Rande der Welt, ein unsglich holdes
Scheinen und Blhen, kindliche Wolken, verklrt, durchleuchtet,
schwebten gleich dienenden Amoretten im rosigen, blulichen Duft,
Purpur fiel auf das Meer, das ihn wallend vorwrts zu schwemmen
schien, goldene Speere zuckten von unten zur Hhe des Himmels hinauf,
der Glanz ward zum Brande, lautlos, mit gttlicher bergewalt wlzten
sich Glut und Brunst und lodernde Flammen herauf, und mit raffenden
Hufen stiegen des Bruders heilige Renner ber den Erdkreis empor.
Angestrahlt von der Pracht des Gottes sa der Einsam-Wache, er schlo
die Augen und lie von der Glorie seine Lider kssen. Ehemalige
Gefhle, frhe, kstliche Drangsale des Herzens, die im strengen
Dienst seines Lebens erstorben waren und nun so sonderbar gewandelt
zurckkehrten,--er erkannte sie mit verwirrtem, verwundertem Lcheln.
Er sann, er trumte, langsam bildeten seine Lippen einen Namen, und
noch immer lchelnd, mit aufwrts gekehrtem Antlitz, die Hnde im
Sche gefaltet, entschlummerte er in seinem Sessel noch einmal.

Aber der Tag, der so feurig-festlich begann, war im ganzen seltsam
gehoben und mythisch verwandelt. Woher kam und stammte der Hauch, der
auf einmal so sanft und bedeutend, hherer Einflsterung gleich,
Schlfe und Ohr umspielte? Weie Federwlkchen standen in verbreiteten
Scharen am Himmel, gleich weidenden Herden der Gtter. Strkerer Wind
erhob sich, und die Rosse Poseidons liefen, sich bumend, daher,
Stiere auch wohl, dem Blulichgelockten gehrig, welche mit Brllen
anrennend die Hrner senkten. Zwischen dem Felsengerll des
entfernteren Strandes jedoch hpften die Wellen empor als springende
Ziegen. Eine heilig entstellte Welt voll panischen Lebens schlo den
Berckten ein, und sein Herz trumte zarte Fabeln. Mehrmals, wenn
hinter Venedig die Sonne sank, sa er auf einer Bank im Park, um
Tadzio zuzuschauen, der sich, wei gekleidet und farbig gegrtet, auf
dem gewalzten Kiesplatz mit Ballspiel vergngte, und Hyakinthos war
es, den er zu sehen glaubte, und der sterben mute, weil zwei Gtter
ihn liebten. Ja, er empfand Zephyrs schmerzenden Neid auf den
Nebenbuhler, der des Orakels, des Bogens und der Kithara verga, um
immer mit dem Schnen zu spielen; er sah die Wurfscheibe, von
grausamer Eifersucht gelenkt, das liebliche Haupt treffen, er empfing,
erblassend auch er, den geknickten Leib, und die Blume, dem sen
Blute entsprossen, trug die Inschrift seiner unendlichen Klage...

Seltsamer, heikler ist nichts als das Verhltnis von Menschen, die
sich nur mit den Augen kennen,--die tglich, ja stndlich einander
begegnen, beobachten und dabei den Schein gleichgltiger Fremdheit
grulos und wortlos aufrecht zu halten durch Sittenzwang oder eigene
Grille gentigt sind. Zwischen ihnen ist Unruhe und berreizte
Neugier, die Hysterie eines unbefriedigten, unnatrlich unterdrckten
Erkenntnis-und Austauschbedrfnisses und namentlich auch eine Art von
gespannter Achtung. Denn der Mensch liebt und ehrt den Menschen, so
lange er ihn nicht zu beurteilen vermag, und die Sehnsucht ist ein
Erzeugnis mangelhafter Erkenntnis.

Irgend eine Beziehung und Bekanntschaft mute sich notwendig ausbilden
zwischen Aschenbach und dem jungen Tadzio, und mit durchdringender
Freude konnte der ltere feststellen, da Teilnahme und Aufmerksamkeit
nicht vllig unerwidert blieben. Was bewog zum Beispiel den Schnen,
niemals mehr, wenn er morgens am Strande erschien, den Brettersteg an
der Rckseite der Htten zu bentzen, sondern nur noch auf dem
vorderen Wege, durch den Sand, an Aschenbachs Wohnplatz vorbei und
manchmal unntig dicht an ihm vorbei, seinen Tisch, seinen Stuhl fast
streifend, zur Htte der Seinen zu schlendern? Wirkte so die
Anziehung, die Faszination eines berlegenen Gefhls auf seinen zarten
und gedankenlosen Gegenstand? Aschenbach erwartete tglich Tadzios
Auftreten, und zuweilen tat er, als sei er beschftigt, wenn es sich
vollzog, und lie den Schnen scheinbar unbeachtet vorbergehen.
Zuweilen aber auch blickte er auf, und ihre Blicke trafen sich. Sie
waren beide tief ernst, wenn das geschah. In der gebildeten und
wrdevollen Miene des lteren verriet nichts eine innere Bewegung;
aber in Tadzios Augen war ein Forschen, ein nachdenkliches Fragen, in
seinen Gang kam ein Zgern, er blickte zu Boden, er blickte lieblich
wieder auf, und wenn er vorber war, so schien ein Etwas in seiner
Haltung auszudrcken, da nur Erziehung ihn hinderte, sich umzuwenden.

Einmal jedoch, eines Abends, begab es sich anders. Die polnischen
Geschwister hatten nebst ihrer Gouvernante bei der Hauptmahlzeit im
groen Saale gefehlt,--mit Besorgnis hatte Aschenbach es wahrgenommen.
Er erging sich nach Tische, sehr unruhig ber ihren Verbleib, in
Abendanzug und Strohhut vor dem Hotel, zu Fen der Terrasse, als er
pltzlich die nonnenhnlichen Schwestern mit der Erzieherin und vier
Schritte hinter ihnen Tadzio im Lichte der Bogenlampen auftauchen sah.
Offenbar kamen sie von der Dampferbrcke, nachdem sie aus irgendeinem
Grunde in der Stadt gespeist. Auf dem Wasser war es wohl khl gewesen;
Tadzio trug eine dunkelblaue Seemanns-berjacke mit goldenen Knpfen
und auf dem Kopf eine zugehrige Mtze. Sonne und Seeluft verbrannten
ihn nicht, seine Hautfarbe war marmorhaft gelblich geblieben wie zu
Beginn; doch schien er blsser heute als sonst, sei es infolge der
Khle oder durch den bleichenden Mondschein der Lampen. Seine
ebenmigen Brauen zeichneten sich schrfer ab, seine Augen dunkelten
tief. Er war schner, als es sich sagen lt, und Aschenbach empfand
wie schon oftmals mit Schmerzen, da das Wort die sinnliche Schnheit
nur zu preisen, nicht wiederzugeben vermag.

Er war der teuren Erscheinung nicht gewrtig gewesen, sie kam
unverhofft, er hatte nicht Zeit gehabt, seine Miene zu Ruhe und Wrde
zu befestigen. Freude, berraschung, Bewunderung mochten sich offen
darin malen, als sein Blick dem des Vermiten begegnete,--und in
dieser Sekunde geschah es, da Tadzio lchelte: ihn anlchelte,
sprechend, vertraut, liebreizend und unverhohlen, mit Lippen, die sich
im Lcheln erst langsam ffneten. Es war das Lcheln des Narzi, der
sich ber das spiegelnde Wasser neigt, jenes tiefe, bezauberte,
hingezogene Lcheln, mit dem er nach dem Widerschein der eigenen
Schnheit die Arme streckt,--ein ganz wenig verzerrtes Lcheln,
verzerrt von der Aussichtslosigkeit seines Trachtens, die holden
Lippen seines Schattens zu kssen, kokett, neugierig und leise
geqult, betrt und betrend.

Der, welcher dies Lcheln empfangen, enteilte damit wie mit einem
verhngnisvollen Geschenk. Er war so sehr erschttert, da er das
Licht der Terrasse, des Vorgartens, zu fliehen gezwungen war und mit
hastigen Schritten das Dunkel des rckwrtigen Parkes suchte.
Sonderbar entrstete und zrtliche Vermahnungen entrangen sich ihm:
Du darfst so nicht lcheln! Hre, man darf so niemandem lcheln! Er
warf sich auf eine Bank, er atmete auer sich den nchtlichen Duft der
Pflanzen. Und zurckgelehnt, mit hngenden Armen, berwltigt und
mehrfach von Schauern berlaufen, flsterte er die stehende Formel der
Sehnsucht,--unmglich hier, absurd, verworfen, lcherlich und heilig
doch, ehrwrdig auch hier noch: Ich liebe dich!




Fnftes Kapitel


In der vierten Woche seines Aufenthalts auf dem Lido machte Gustav von
Aschenbach einige die Auenwelt betreffende unheimliche Wahrnehmungen.
Erstens schien es ihm, als ob bei steigender Jahreszeit die Frequenz
seines Gasthofes eher ab-als zunhme, und, insbesondere, als ob die
deutsche Sprache um ihn her versiege und verstumme, so da bei Tisch
und am Strand endlich nur noch fremde Laute sein Ohr trafen. Eines
Tages dann fing er beim Coiffeur, den er jetzt hufig besuchte, im
Gesprche ein Wort auf, das ihn stutzig machte. Der Mann hatte einer
deutschen Familie erwhnt, die soeben nach kurzem Verweilen abgereist
war und setzte plaudernd und schmeichelnd hinzu: Sie bleiben, mein
Herr; Sie haben keine Furcht vor dem bel. Aschenbach sah ihn an.
Dem bel? wiederholte er. Der Schwtzer verstummte, tat beschftigt,
berhrte die Frage, und als sie dringlicher gestellt ward, erklrte
er, er wisse von nichts und suchte mit verlegener Beredsamkeit
abzulenken.

Das war um Mittag. Nachmittags fuhr Aschenbach bei Windstille und
schwerem Sonnenbrand nach Venedig; denn ihn trieb die Manie, den
polnischen Geschwistern zu folgen, die er mit ihrer Begleiterin den
Weg zur Dampferbrcke hatte einschlagen sehen. Er fand den Abgott
nicht bei San Marco. Aber beim Tee, an seinem eisernen Rundtischchen
auf der Schattenseite des Platzes sitzend, witterte er pltzlich in
der Luft ein eigentmliches Arom, von dem ihm jetzt schien, als habe
es schon seit Tagen, ohne ihm ins Bewutsein zu dringen, seinen Sinn
berhrt,--einen slich-offizinellen Geruch, der an Elend und Wunden
und verdchtige Reinlichkeit erinnerte. Er prfte und erkannte ihn
nachdenklich, beendete seinen Imbi und verlie den Platz auf der dem
Tempel gegenberliegenden Seite. In der Enge verstrkte sich der
Geruch. An den Straenecken hafteten gedruckte Anschlge, durch welche
die Bevlkerung wegen gewisser Erkrankungen des gastrischen Systems,
die bei dieser Witterung an der Tagesordnung seien, vor dem Genusse
von Austern und Muscheln, auch vor dem Wasser der Kanle
stadtvterlich gewarnt wurde. Die beschnigende Natur des Erlasses war
deutlich. Volksgruppen standen schweigsam auf Brcken und Pltzen
beisammen; und der Fremde stand sprend und grbelnd unter ihnen.

Einen Ladeninhaber, der zwischen Korallenschnren und falschen
Amethyst-Geschmeiden in der Tre seines Gewlbes lehnte, bat er um
Auskunft ber den fatalen Geruch. Der Mann ma ihn mit schweren Augen
und ermunterte sich hastig. Eine vorbeugende Maregel, mein Herr!
antwortete er mit Gebrdenspiel. Eine Verfgung der Polizei, die man
billigen mu. Diese Witterung drckt, der Scirocco ist der Gesundheit
nicht zutrglich. Kurz, Sie verstehen,--eine vielleicht bertriebene
Vorsicht... Aschenbach dankte ihm und ging weiter. Auch auf dem
Dampfer, der ihn zum Lido zurcktrug, sprte er jetzt den Geruch des
keimbekmpfenden Mittels.

Ins Hotel zurckgekehrt, begab er sich sogleich in die Halle zum
Zeitungstisch und hielt in den Blttern Umschau. Er fand in den
fremdsprachigen nichts. Die heimatlichen verzeichneten Gerchte,
fhrten schwankende Ziffern an, gaben amtliche Ableugnungen wieder und
bezweifelten deren Wahrhaftigkeit. So erklrte sich der Abzug des
deutschen und sterreichischen Elementes. Die Angehrigen der brigen
Nationen wuten offenbar nichts, ahnten nichts, waren noch nicht
beunruhigt. Man soll schweigen! dachte Aschenbach erregt, indem er
die Journale auf den Tisch zurckwarf. Man soll das verschweigen!
Aber zugleich fllte sein Herz sich mit Genugtuung ber das Abenteuer,
in welches die Auenwelt geraten wollte. Denn der Leidenschaft ist,
wie dem Verbrechen, die gesicherte Ordnung und Wohlfahrt des Alltags
nicht gem, und jede Lockerung des brgerlichen Gefges, jede
Verwirrung und Heimsuchung der Welt mu ihr willkommen sein, weil sie
ihren Vorteil dabei zu finden unbestimmt hoffen kann. So empfand
Aschenbach eine dunkle Zufriedenheit ber die obrigkeitlich
bemntelten Vorgnge in den schmutzigen Gchen Venedigs,--dieses
schlimme Geheimnis der Stadt, das mit seinem eigensten Geheimnis
verschmolz, und an dessen Bewahrung auch ihm so sehr gelegen war. Denn
der Verliebte besorgte nichts, als da Tadzio abreisen knnte und
erkannte nicht ohne Entsetzen, da er nicht mehr zu leben wissen
werde, wenn das geschhe.

Neuerdings begngte er sich nicht damit, Nhe und Anblick des Schnen
der Tagesregel und dem Glcke zu danken; er verfolgte ihn, er stellte
ihm nach. Sonntags zum Beispiel erschienen die Polen niemals am
Strande; er erriet, da sie die Messe in San Marco besuchten, er eilte
dorthin, und aus der Glut des Platzes in die goldene Dmmerung des
Heiligtums eintretend, fand er den Entbehrten, ber ein Betpult
gebeugt beim Gottesdienst. Dann stand er im Hintergrunde, auf
zerklftetem Mosaikboden, inmitten knieenden, murmelnden,
kreuzschlagenden Volkes, und die gedrungene Pracht des
morgenlndischen Tempels lastete ppig auf seinen Sinnen. Vorn
wandelte, hantierte und sang der schwergeschmckte Priester, Weihrauch
quoll auf, er umnebelte die kraftlosen Flmmchen der Altarkerzen, und
in den dumpfsen Opferduft schien sich leise ein anderer zu mischen:
der Geruch der erkrankten Stadt. Aber durch Dunst und Gefunkel sah
Aschenbach, wie der Schne dort vorn den Kopf wandte, ihn suchte und
ihn erblickte.

Wenn dann die Menge durch die geffneten Portale hinausstrmte auf den
leuchtenden, von Tauben wimmelnden Platz, verbarg sich der Betrte in
der Vorhalle, er versteckte sich, er legte sich auf die Lauer. Er sah
die Polen die Kirche verlassen, sah, wie die Geschwister sich auf
zeremonise Art von der Mutter verabschiedeten und wie diese sich
heimkehrend zur Piazzetta wandte; er stellte fest, da der Schne, die
klsterlichen Schwestern und die Gouvernante den Weg zur Rechten durch
das Tor des Uhrturmes und in die Merceria einschlugen, und nachdem er
sie einigen Vorsprung hatte gewinnen lassen, folgte er ihnen, folgte
ihnen verstohlen auf ihrem Spaziergang durch Venedig.

Er mute stehen bleiben, wenn sie sich verweilten, mute in Garkchen
und Hfe flchten, um die Umkehrenden vorber zu lassen; er verlor
sie, suchte erhitzt und erschpft nach ihnen ber Brcken und in
schmutzigen Sackgassen und erduldete Minuten tdlicher Pein, wenn er
sie pltzlich in enger Passage, wo kein Ausweichen mglich war, sich
entgegenkommen sah. Dennoch kann man nicht sagen, da er litt. Haupt
und Herz waren ihm trunken, und seine Schritte folgten den Weisungen
des Dmons, dem es Lust ist, des Menschen Vernunft und Wrde unter
seine Fe zu treten.

Irgendwo nahmen Tadzio und die Seinen dann wohl eine Gondel, und
Aschenbach, den, whrend sie einstiegen, ein Vorbau, ein Brunnen
verborgen gehalten hatte, tat, kurz nachdem sie vom Ufer abgestoen,
ein Gleiches. Er sprach hastig und gedmpft, wenn er den Ruderer,
unter dem Versprechen eines reichlichen Trinkgeldes, anwies, jener
Gondel, die eben dort um die Ecke biege, unauffllig in einigem
Abstand zu folgen; und es berrieselte ihn, wenn der Mensch, mit der
spitzbbischen Erbtigkeit eines Gelegenheitsmachers, ihm in demselben
Tone versicherte, da er bedient, da er gewissenhaft bedient werden
solle.

So glitt und schwankte er denn, in weiche, schwarze Kissen gelehnt,
der anderen schwarzen, geschnabelten Barke nach, an deren Spur die
Passion ihn fesselte. Zuweilen entschwand sie ihm: dann fhlte er
Kummer und Unruhe. Aber sein Fhrer, als sei er in solchen Auftrgen
wohl gebt, wute ihm stets durch schlaue Manver, durch rasche
Querfahrten und Abkrzungen das Begehrte wieder vor Augen zu bringen.
Die Luft war still und riechend, schwer brannte die Sonne durch den
Dunst, der den Himmel schieferig frbte. Wasser schlug glucksend gegen
Holz und Stein. Der Ruf des Gondoliers, halb Warnung, halb Gru, ward
fernher aus der Stille des Labyrinths nach sonderbarer bereinkunft
beantwortet. Aus kleinen, hochliegenden Grten hingen Bltendolden,
wei und purpurn, nach Mandeln duftend, ber morsches Gemuer.
Arabische Fensterumrahmungen bildeten sich im Trben ab. Die
Marmorstufen einer Kirche stiegen in die Flut; ein Bettler, darauf
kauernd, sein Elend beteuernd, hielt seinen Hut hin und zeigte das
Weie der Augen, als sei er blind, ein Altertumshndler, vor seiner
Spelunke, lud den Vorberziehenden mit kriecherischen Gebrden zum
Aufenthalt ein, in der Hoffnung, ihn zu betrgen. Das war Venedig, die
schmeichlerische und verdchtige Schne,--diese Stadt, halb Mrchen,
halb Fremdenfalle, in deren fauliger Luft die Kunst einst
schwelgerisch aufwucherte und welche den Musikern Klnge eingab, die
wiegen und buhlerisch einlullen. Dem Abenteuernden war es, als trnke
sein Auge dergleichen ppigkeit, als wrde sein Ohr von solchen
Melodien umworben; er erinnerte sich auch, da die Stadt krank sei und
es aus Gewinnsucht verheimliche, und er sphte ungezgelter aus nach
der voranschwebenden Gondel.

So wute und wollte denn der Verwirrte nichts anderes mehr, als den
Gegenstand, der ihn entzndete, ohne Unterla zu verfolgen, von ihm
zu trumen, wenn er abwesend war, und, nach der Weise der Liebenden,
seinem bloen Schattenbild zrtliche Worte zu geben. Einsamkeit,
Fremde und das Glck eines spten und tiefen Rausches ermutigten und
berredeten ihn, sich auch das Befremdlichste ohne Scheu und Errten
durchgehen zu lassen, wie es denn vorgekommen war, da er, spt abends
von Venedig heimkehrend, im ersten Stock des Hotels an des Schnen
Zimmertr Halt gemacht, seine Stirn in vlliger Trunkenheit an die
Angel der Tr gelehnt und sich lange von dort nicht zu trennen
vermocht hatte, auf die Gefahr, in einer so wahnsinnigen Lage ertappt
und betroffen zu werden.

Dennoch fehlte es nicht an Augenblicken des Innehaltens und der halben
Besinnung. Auf welchen Wegen! dachte er dann mit Bestrzung. Auf
welchen Wegen! Wie jeder Mann, dem natrliche Verdienste ein
aristokratisches Interesse fr seine Abstammung einflen, war er
gewohnt, bei den Leistungen und Erfolgen seines Lebens der Vorfahren
zu gedenken, sich ihrer Zustimmung, ihrer Genugtuung, ihrer
notgedrungenen Achtung im Geiste zu versichern. Er dachte ihrer auch
jetzt und hier, verstrickt in ein so unstatthaftes Erlebnis, begriffen
in so exotischen Ausschweifungen des Gefhls; gedachte der
haltungsvollen Strenge, der anstndigen Mnnlichkeit ihres Wesens und
lchelte schwermtig. Was wrden sie sagen? Aber freilich, was htten
sie zu seinem ganzen Leben gesagt, das von dem ihren so bis zur
Entartung abgewichen war, zu diesem Leben im Banne der Kunst, ber das
er selbst einst, im Brgersinne der Vter, so spttische
Jnglingserkenntnisse hatte verlauten lassen und das dem ihren im
Grunde so hnlich gewesen war! Auch er hatte gedient, auch er sich in
harter Zucht gebt; auch er war Soldat und Kriegsmann gewesen, gleich
manchen von ihnen,--denn die Kunst war ein Krieg, ein aufreibender
Kampf, fr welchen man heute nicht lange taugte. Ein Leben der
Selbstberwindung und des Trotzdem, ein herbes, standhaftes und
enthaltsames Leben, das er zum Sinnbild fr einen zarten und
zeitgemen Heroismus gestaltet hatte,--wohl durfte er es mnnlich,
durfte es tapfer nennen, und es wollte ihm scheinen, als sei der Eros,
der sich seiner bemeistert, einem solchen Leben auf irgendeine Weise
besonders gem und geneigt. Hatte er nicht bei den tapfersten Vlkern
vorzglich in Ansehen gestanden, ja, hie es nicht, da er durch
Tapferkeit in ihren Stdten geblht habe? Zahlreiche Kriegshelden der
Vorzeit hatten willig sein Joch getragen, denn gar keine Erniedrigung
galt, die der Gott verhngte, und Taten, die als Merkmale der Feigheit
wren gescholten worden, wenn sie um anderer Zwecke willen geschehen
wren: Fuflle, Schwre, instndige Bitten und sklavisches Wesen,
solche gereichten dem Liebenden nicht zur Schande, sondern er erntete
vielmehr noch Lob dafr.

So war des Betrten Denkweise bestimmt, so suchte er sich zu sttzen,
seine Wrde zu wahren. Aber zugleich wandte er bestndig eine sprende
und eigensinnige Aufmerksamkeit den unsauberen Vorgngen im Innern
Venedigs zu, jenem Abenteuer der Auenwelt, das mit dem seines Herzens
dunkel zusammenflo und seine Leidenschaft mit unbestimmten,
gesetzlosen Hoffnungen nhrte. Versessen darauf, Neues und Sicheres
ber Stand oder Fortschritt des bels zu erfahren, durchstberte er in
den Kaffeehusern der Stadt die heimatlichen Bltter, da sie vom
Lesetisch der Hotelhalle seit mehreren Tagen verschwunden waren.
Behauptungen und Widerrufe wechselten darin. Die Zahl der
Erkrankungs-, der Todesflle sollte sich auf zwanzig, auf vierzig, ja
hundert und mehr belaufen, und gleich darauf wurde jedes Auftreten der
Seuche wenn nicht rundweg in Abrede gestellt, so doch auf vllig
vereinzelte, von auen eingeschleppte Flle zurckgefhrt. Warnende
Bedenken, Proteste gegen das gefhrliche Spiel der welschen Behrden
waren eingestreut. Gewiheit war nicht zu erlangen.

Dennoch war sich der Einsame eines besonderen Anrechtes bewut, an dem
Geheimnis teil zu haben, und, gleichwohl ausgeschlossen, fand er eine
bizarre Genugtuung darin, die Wissenden mit verfnglichen Fragen
anzugehen und sie, die zum Schweigen verbndet waren, zur
ausdrcklichen Lge zu ntigen. Eines Tages beim Frhstck im groen
Speisesaal stellte er so den Geschftsfhrer zur Rede, jenen kleinen,
leise auftretenden Menschen im franzsischen Gehrock, der sich
grend und beaufsichtigend zwischen den Speisenden bewegte und auch
an Aschenbachs Tischchen zu einigen Plauderworten Halt machte. Warum
man denn eigentlich, fragte der Gast in lssiger und beilufiger
Weise, warum in aller Welt, man seit einiger Zeit Venedig
desinfiziere?--Es handelt sich, antwortete der Schleicher, um eine
Manahme der Polizei, bestimmt, allerlei Unzutrglichkeiten oder
Strungen der ffentlichen Gesundheit, welche durch die brtende und
ausnehmend warme Witterung erzeugt werden mchten, pflichtgem und
beizeiten hintanzuhalten.--Die Polizei ist zu loben, erwiderte
Aschenbach, und nach Austausch einiger meteorologischer Bemerkungen
empfahl sich der Manager.

Selbigen Tages noch, abends nach dem Diner, geschah es, da eine
kleine Bande von Straensngern aus der Stadt sich im Vorgarten des
Gasthofes hren lie. Sie standen, zwei Mnner und zwei Weiber, an dem
eisernen Mast einer Bogenlampe und wandten ihre weibeschienenen
Gesichter zur groen Terrasse empor, wo die Kurgesellschaft sich bei
Kaffee und khlenden Getrnken die volkstmliche Darbietung gefallen
lie. Das Hotelpersonal, Liftboys, Kellner und Angestellte der Office,
zeigte sich lauschend an den Tren zur Halle. Die russische Familie,
eifrig und genau im Genu, hatte sich Rohrsthle in den Garten
hinabstellen lassen, um den Ausbenden nher zu sein, und sa dort
dankbar im Halbkreise. Hinter der Herrschaft, in turbanartigem
Kopftuch, stand ihre alte Sklavin.

Mandoline, Guitarre, Harmonika und eine quinkelierende Geige waren
unter den Hnden der Bettelvirtuosen in Ttigkeit. Mit instrumentalen
Durchfhrungen wechselten Gesangsnummern, wie denn das jngere der
Weiber, scharf und qukend von Stimme, sich mit dem s
falsettierenden Tenor zu einem verlangenden Liebesduett zusammentat.
Aber als das eigentliche Talent und Haupt der Vereinigung zeigte sich
unzweideutig der andere der Mnner, Inhaber der Guitarre und im
Charakter eine Art Baryton-Buffo, fast ohne Stimme dabei, aber mimisch
begabt und von bemerkenswerter komischer Energie. Oftmals lste er
sich, sein groes Instrument im Arm, von der Gruppe der anderen los
und drang agierend gegen die Rampe vor, wo man seine Eulenspiegeleien
mit aufmunterndem Lachen belohnte. Namentlich die Russen, in ihrem
Parterre, zeigten sich entzckt ber soviel sdliche Beweglichkeit und
ermutigten ihn durch Beifall und Zurufe, immer kecker und sicherer aus
sich heraus zu gehen.

Aschenbach sa an der Balustrade und khlte zuweilen die Lippen mit
einem Gemisch aus Granatapfelsaft und Soda, das vor ihm rubinrot im
Glase funkelte. Seine Nerven nahmen die dudelnden Klnge, die vulgren
und schmachtenden Melodien begierig auf, denn die Leidenschaft lhmt
den whlerischen Sinn und lt sich allen Ernstes mit Reizen ein,
welche die Nchternheit humoristisch aufnehmen oder unwillig ablehnen
wrde. Seine Zge waren durch die Sprnge des Gauklers zu einem fix
gewordenen und schon schmerzenden Lcheln verrenkt. Er sa lssig da,
whrend eine uerste Aufmerksamkeit sein Inneres spannte, denn sechs
Schritte von ihm lehnte Tadzio am Steingelnder.

Er stand dort in dem weien Grtelanzug, den er zuweilen zur
Hauptmahlzeit anlegte, in unvermeidlicher und anerschaffener Grazie,
den linken Unterarm auf der Brstung, die Fe gekreuzt, die rechte
Hand in der tragenden Hfte, und blickte mit einem Ausdruck, der kaum
ein Lcheln, nur eine entfernte Neugier, ein hfliches Entgegennehmen
war, zu den Bnkelsngern hinab. Manchmal richtete er sich gerade auf
und zog, indem er die Brust dehnte, mit einer schnen Bewegung beider
Arme den weien Kittel durch den Ledergrtel hinunter. Manchmal aber
auch, und der Alternde gewahrte es mit Triumph, mit einem Taumeln
seiner Vernunft und auch mit Entsetzen, wandte er zgernd und behutsam
oder auch rasch und pltzlich, als gelte es eine berrumpelung, den
Kopf ber die linke Schulter gegen den Platz seines Liebhabers. Er
fand nicht dessen Augen, denn eine schmhliche Besorgnis zwang den
Verwirrten, seine Blicke ngstlich im Zaum zu halten. Im Grund der
Terrasse saen die Frauen, die Tadzio behteten, und es war dahin
gekommen, da der Verliebte frchten mute, auffllig geworden und
beargwhnt zu sein. Ja, mit einer Art von Erstarrung hatte er
mehrmals, am Strande, in der Hotelhalle und auf der Piazza San Marco,
zu bemerken gehabt, da man Tadzio aus seiner Nhe zurckrief, ihn von
ihm fernzuhalten bedacht war--und eine furchtbare Beleidigung daraus
entnehmen mssen, unter der sein Stolz sich in ungekannten Qualen
wand, und welche von sich zu weisen sein Gewissen ihn hinderte.

Unterdessen hatte der Guitarrist zu eigener Begleitung ein Solo
begonnen, einen mehrstrophigen, eben in ganz Italien florierenden
Gassenhauer, in dessen Kehrreim seine Gesellschaft jedesmal mit
Gesang und smtlichem Musikzeug einfiel und den er auf eine
plastisch-dramatische Art zum Vortrag zu bringen wute. Schmchtig
gebaut und auch von Antlitz mager und ausgemergelt, stand er,
abgetrennt von den Seinen, den schbigen Filz im Nacken, so da ein
Wulst seines roten Haars unter der Krempe hervorquoll, in einer
Haltung von frecher Bravour auf dem Kies und schleuderte zum Schollern
der Saiten in eindringlichem Sprechgesang seine Spe zur Terrasse
empor, indes vor produzierender Anstrengung die Adern auf seiner
Stirne schwollen. Er schien nicht venezianischen Schlages, vielmehr
von der Rasse der neapolitanischen Komiker, halb Zuhlter, halb
Komdiant, brutal und verwegen, gefhrlich und unterhaltend. Sein
Lied, lediglich albern dem Wortlaut nach, gewann in seinem Munde,
durch sein Mienenspiel, seine Krperbewegungen, seine Art, andeutend
zu blinzeln und die Zunge schlpfrig im Mundwinkel spielen zu lassen,
etwas Zweideutiges, unbestimmt Anstiges. Dem weichen Kragen des
Sporthemdes, das er zu brigens stdtischer Kleidung trug, entwuchs
sein hagerer Hals mit auffallend gro und nackt wirkendem Adamsapfel.
Sein bleiches, stumpfnsiges Gesicht, aus dessen bartlosen Zgen
schwer auf sein Alter zu schlieen war, schien durchpflgt von
Grimassen und Laster, und sonderbar wollten zum Grinsen seines
beweglichen Mundes die beiden Furchen passen, die trotzig, herrisch,
fast wild zwischen seinen rtlichen Brauen standen. Was jedoch des
Einsamen tiefe Achtsamkeit eigentlich auf ihn lenkte, war die
Bemerkung, da die verdchtige Figur auch ihre eigene verdchtige
Atmosphre mit sich zu fhren schien. Jedesmal nmlich, wenn der
Refrain wieder einsetzte, unternahm der Snger unter Faxen und
grendem Handschtteln einen grotesken Rundmarsch, der ihn
unmittelbar unter Aschenbachs Platz vorberfhrte, und jedesmal, wenn
das geschah, wehte, von seinen Kleidern, seinem Krper ausgehend, ein
Schwaden starken Karbolgeruchs zur Terrasse empor.

Nach geendigtem Couplet begann er, Geld einzuziehen. Er fing bei den
Russen an, die man bereitwillig spenden sah, und kam dann die Stufen
herauf. So frech er sich bei der Produktion benommen, so demtig
zeigte er sich hier oben. Katzbuckelnd, unter Kratzfen schlich er
zwischen den Tischen umher, und ein Lcheln tckischer Unterwrfigkeit
entblte seine starken Zhne, whrend doch immer noch die beiden
Furchen drohend zwischen seinen roten Brauen standen. Man musterte das
fremdartige, seinen Unterhalt einsammelnde Wesen mit Neugier und
einigem Abscheu, man warf mit spitzen Fingern Mnzen in seinen Filz
und htete sich, ihn zu berhren. Die Aufhebung der physischen Distanz
zwischen dem Komdianten und den Anstndigen erzeugt, und war das
Vergngen noch so gro, stets eine gewisse Verlegenheit. Er fhlte sie
und suchte, sich durch Kriecherei zu entschuldigen. Er kam zu
Aschenbach und mit ihm der Geruch, ber den niemand ringsum sich
Gedanken zu machen schien.

Hre! sagte der Einsame gedmpft und fast mechanisch. Man
desinfiziert Venedig. Warum?--Der Spamacher antwortete heiser: Von
wegen der Polizei! Das ist Vorschrift, mein Herr, bei solcher Hitze
und bei Scirocco. Der Scirocco drckt. Er ist der Gesundheit nicht
zutrglich... Er sprach wie verwundert darber, da man dergleichen
fragen knne und demonstrierte mit der flachen Hand, wie sehr der
Scirocco drcke.--Es ist also kein bel in Venedig? fragte
Aschenbach sehr leise und zwischen den Zhnen.--Die muskulsen Zge
des Possenreiers fielen in eine Grimasse komischer Ratlosigkeit. Ein
bel? Aber was fr ein bel? Ist der Scirocco ein bel? Ist
vielleicht unsere Polizei ein bel? Sie belieben zu scherzen! Ein
bel! Warum nicht gar! Eine vorbeugende Maregel, verstehen Sie doch!
Eine polizeiliche Anordnung gegen die Wirkungen der drckenden
Witterung... Er gestikulierte.--Es ist gut, sagte Aschenbach
wiederum kurz und leise und lie rasch ein ungebhrlich bedeutendes
Geldstck in den Hut fallen. Dann winkte er dem Menschen mit den
Augen, zu gehen. Er gehorchte grinsend, unter Bcklingen; aber er
hatte noch nicht die Treppe erreicht, als zwei Hotelangestellte sich
auf ihn warfen und ihn, ihre Gesichter dicht an dem seinen, in ein
geflstertes Kreuzverhr nahmen. Er zuckte die Achseln, er gab
Beteuerungen, er schwor, verschwiegen gewesen zu sein; man sah es.
Entlassen, kehrte er in den Garten zurck, und, nach einer kurzen
Verabredung mit den Seinen unter der Bogenlampe, trat er zu einem
Dank-und Abschiedsliede noch einmal vor.

Es war ein Lied, das jemals gehrt zu haben der Einsame sich nicht
erinnerte; ein dreister Schlager in unverstndlichem Dialekt und
ausgestattet mit einem Lach-Refrain, in den die Bande regelmig aus
vollem Halse einfiel. Es hrten hierbei sowohl die Worte wie auch die
Begleitung der Instrumente auf, und nichts blieb brig als ein
rhythmisch irgendwie geordnetes, aber sehr natrlich behandeltes
Lachen, das namentlich der Solist mit groem Talent zu tuschendster
Lebendigkeit zu gestalten wute. Er hatte bei wiederhergestelltem
knstlerischen Abstand zwischen ihm und den Herrschaften seine ganze
Frechheit wiedergefunden, und sein Kunstlachen, unverschmt zur
Terrasse emporgesandt, war Hohngelchter. Schon gegen das Ende des
artikulierten Teiles der Strophe schien er mit einem unwiderstehlichen
Kitzel zu kmpfen. Er schluchzte, seine Stimme schwankte, er prete
die Hand gegen den Mund, er verzog die Schultern, und im gegebenen
Augenblick brach, heulte und platzte das unbndige Lachen aus ihm
hervor, mit solcher Wahrheit, da es ansteckend wirkte und sich den
Zuhrern mitteilte, da auch auf der Terrasse eine gegenstandslose und
nur von sich selbst lebende Heiterkeit um sich griff. Dies aber eben
schien des Sngers Ausgelassenheit zu verdoppeln. Er beugte die Knie,
er schlug die Schenkel, er hielt sich die Seiten, er wollte sich
ausschtten, er lachte nicht mehr, er schrie; er wies mit dem Finger
hinauf, als gbe es nichts Komischeres, als die lachende Gesellschaft
dort oben, und endlich lachte dann alles im Garten und auf der
Veranda, bis zu den Kellnern, Liftboys und Hausdienern in den Tren.

Aschenbach ruhte nicht mehr im Stuhl, er sa aufgerichtet wie zum
Versuche der Abwehr oder der Flucht. Aber das Gelchter, der
heraufwehende Hospitalgeruch und die Nhe des Schnen verwoben sich
ihm zu einem Traumbann, der unzerreibar und unentrinnbar sein Haupt,
seinen Sinn umfangen hielt. In der allgemeinen Bewegung und
Zerstreuung wagte er es, zu Tadzio hinberzublicken, und indem er es
tat, durfte er bemerken, da der Schne, in Erwiderung seines Blickes
ebenfalls ernst blieb, ganz so, als richte er Verhalten und Miene nach
der des Anderen und als vermge die allgemeine Stimmung nichts ber
ihn, da jener sich ihr entzog. Diese kindliche und beziehungsvolle
Folgsamkeit hatte etwas so Entwaffnendes, berwltigendes, da der
Grauhaarige sich mit Mhe enthielt, sein Gesicht in den Hnden zu
verbergen. Auch hatte es ihm geschienen, als bedeute Tadzios
gelegentliches Sichaufrichten und Aufatmen ein Seufzen, eine
Beklemmung der Brust. Er ist krnklich, er wird wahrscheinlich nicht
alt werden, dachte er wiederum mit jener Sachlichkeit, zu welcher
Rausch und Sehnsucht bisweilen sich sonderbar emanzipieren, und reine
Frsorge zugleich mit einer ausschweifenden Genugtuung erfllte sein
Herz.

Die Venezianer unterdessen hatten geendigt und zogen ab. Beifall
begleitete sie, und ihr Anfhrer versumte nicht, noch seinen Abgang
mit Spaen auszuschmcken. Seine Kratzfe, seine Kuhnde wurden
belacht, und er verdoppelte sie daher. Als die Seinen schon drauen
waren, tat er noch, als renne er rckwrts empfindlich gegen einen
Lampenmast und schlich scheinbar krumm vor Schmerzen zur Pforte. Dort
endlich warf er auf einmal die Maske des komischen Pechvogels ab,
richtete sich, ja schnellte elastisch auf, bleckte den Gsten auf der
Terrasse frech die Zunge heraus und schlpfte ins Dunkel. Die
Badegesellschaft verlor sich; Tadzio stand lngst nicht mehr an der
Balustrade. Aber der Einsame sa noch lange, zum Befremden der
Kellner, bei dem Rest seines Granatapfelgetrnkes an seinem Tischchen.
Die Nacht schritt vor, die Zeit zerfiel. Im Hause seiner Eltern, vor
vielen Jahren, hatte es eine Sanduhr gegeben,--er sah das gebrechliche
und bedeutende Gertchen auf einmal wieder, als stnde es vor ihm.
Lautlos und fein rann der rostrot gefrbte Sand durch die glserne
Enge, und da er in der oberen Hhlung zur Neige ging, hatte sich dort
ein kleiner, reiender Strudel gebildet.

Schon am folgenden Tage, nachmittags, tat der Starrsinnige einen neuen
Schritt zur Versuchung der Auenwelt und diesmal mit allem mglichen
Erfolge. Er trat nmlich vom Markusplatz in das dort gelegene
englische Reisebureau, und nachdem er an der Kasse einiges Geld
gewechselt, richtete er mit der Miene des mitrauischen Fremden an den
ihn bedienenden Clerk seine fatale Frage. Es war ein wollig
gekleideter Brite, noch jung, mit in der Mitte geteiltem Haar, nahe
bei einander liegenden Augen und von jener gesetzten Loyalitt des
Wesens, die im spitzbbisch behenden Sden so fremd, so merkwrdig
anmutet. Er fing an: Kein Grund zur Besorgnis, Sir. Eine Maregel
ohne ernste Bedeutung. Solche Anordnungen werden hufig getroffen,
um gesundheitsschdlichen Wirkungen der Hitze und des Scirocco
vorzubeugen... Aber seine blauen Augen aufschlagend, begegnete er dem
Blicke des Fremden, einem mden und etwas traurigen Blick, der mit
leichter Verachtung auf seine Lippen gerichtet war. Da errtete der
Englnder. Dies ist, fuhr er halblaut und in einiger Bewegung fort,
die amtliche Erklrung, auf der zu bestehen man hier fr gut
befindet. Ich werde Ihnen sagen, da noch etwas anderes dahinter
steckt. Und dann sagte er in seiner redlichen und bequemen Sprache
die Wahrheit.

Seit mehreren Jahren schon hatte die indische Cholera eine verstrkte
Neigung zur Ausbreitung und Wanderung an den Tag gelegt. Erzeugt aus
den warmen Morsten des Ganges-Deltas, aufgestiegen mit dem
mephitischen Odem jener ppig-untauglichen, von Menschen gemiedenen
Urwelt-und Inselwildnis, in deren Bambusdickichten der Tiger kauert,
hatte die Seuche in ganz Hindustan andauernd und ungewhnlich heftig
gewtet, hatte stlich nach China, westlich nach Afghanistan und
Persien bergegriffen und, den Hauptstraen des Karawanenverkehrs
folgend, ihre Schrecken bis Astrachan, ja selbst bis Moskau getragen.
Aber whrend Europa zitterte, das Gespenst mchte von dort aus und zu
Lande seinen Einzug halten, war es, von syrischen Kauffahrern bers
Meer verschleppt, fast gleichzeitig in mehreren Mittelmeerhfen
aufgetaucht, hatte in Toulon und Malaga sein Haupt erhoben, in Palermo
und Neapel mehrfach seine Maske gezeigt und schien aus ganz Calabrien
und Apulien nicht mehr weichen zu wollen. Der Norden der Halbinsel war
verschont geblieben. Jedoch Mitte Mai dieses Jahres fand man zu
Venedig an ein und demselben Tage die furchtbaren Vibrionen in den
ausgemergelten, schwrzlichen Leichnamen eines Schifferknechtes und
einer Grnwarenhndlerin. Die Flle wurden verheimlicht. Aber nach
einer Woche waren es deren zehn, waren es zwanzig, dreiig und zwar in
verschiedenen Quartieren. Ein Mann aus der sterreichischen Provinz,
der sich zu seinem Vergngen einige Tage in Venedig aufgehalten,
starb, in sein Heimatstdtchen zurckgekehrt, unter unzweideutigen
Anzeichen, und so kam es, da die ersten Gerchte von der Heimsuchung
der Lagunenstadt in deutsche Tagesbltter gelangten. Venedigs
Obrigkeit lie antworten, da die Gesundheitsverhltnisse der Stadt
nie besser gewesen seien und traf die notwendigsten Maregeln zur
Bekmpfung. Aber wahrscheinlich waren Nahrungsmittel infiziert worden.
Gemse, Fleisch oder Milch, denn geleugnet und vertuscht, fra das
Sterben in der Enge der Gchen um sich, und die vorzeitig
eingefallene Sommerhitze, welche das Wasser der Kanle laulich
erwrmte, war der Verbreitung besonders gnstig. Ja, es schien, als ob
die Seuche eine Neubelebung ihrer Krfte erfahren, als ob die
Tenazitt und Fruchtbarkeit ihrer Erreger sich verdoppelt htte. Flle
der Genesung waren sehr selten; achtzig vom Hundert der Befallenen
starben und zwar auf entsetzliche Weise, denn das bel trat mit
uerster Wildheit auf und zeigte hufig jene gefhrlichste Form,
welche die trockene benannt ist. Hierbei vermochte der Krper das
aus den Blutgefen massenhaft abgesonderte Wasser nicht einmal
auszutreiben. Binnen wenigen Stunden verdorrte der Kranke und
erstickte am pechartig zhe gewordenen Blut unter Krmpfen und
heiseren Klagen. Wohl ihm, wenn, was zuweilen geschah, der Ausbruch
nach leichtem belbefinden in Gestalt einer tiefen Ohnmacht erfolgte,
aus der er nicht mehr oder kaum noch erwachte. Anfang Juni fllten
sich in der Stille die Isolierbaracken des Ospedale civico, in den
beiden Waisenhusern begann es an Platz zu mangeln, und ein
schauerlich reger Verkehr herrschte zwischen dem Kai der neuen
Fundamente und San Michele, der Friedhofsinsel. Aber die Furcht vor
allgemeiner Schdigung, die Rcksicht auf die krzlich erffnete
Gemldeausstellung in den ffentlichen Grten, auf die gewaltigen
Ausflle, von denen im Falle der Panik und des Verrufes die Hotels,
die Geschfte, das ganze vielfltige Fremdengewerbe bedroht waren,
zeigte sich mchtiger in der Stadt als Wahrheitsliebe und Achtung vor
internationalen Abmachungen; sie vermochte die Behrde, ihre Politik
des Verschweigens und des Ableugnens hartnckig aufrecht zu erhalten.
Der oberste Medizinalbeamte Venedigs, ein verdienter Mann, war
entrstet von seinem Posten zurckgetreten und unter der Hand durch
eine gefgigere Persnlichkeit ersetzt worden. Das Volk wute das; und
die Korruption der Oberen zusammen mit der herrschenden Unsicherheit,
dem Ausnahmezustand, in welchen der umgehende Tod die Stadt versetzte,
brachte eine gewisse Entsittlichung der unteren Schichten hervor, eine
Ermutigung lichtscheuer und antisozialer Triebe, die sich in
Unmigkeit, Schamlosigkeit und wachsender Kriminalitt bekundete.
Gegen die Regel bemerkte man abends viele Betrunkene; bsartiges
Gesindel machte, so hie es, nachts die Straen unsicher; ruberische
Anflle und selbst Mordtaten wiederholten sich, denn schon zweimal
hatte sich erwiesen, da angeblich der Seuche zum Opfer gefallene
Personen vielmehr von ihren eigenen Anverwandten mit Gift aus dem
Leben gerumt worden waren; und die gewerbsmige Liederlichkeit nahm
aufdringliche und ausschweifende Formen an, wie sie sonst hier nicht
bekannt und nur im Sden des Landes und im Orient zu Hause gewesen
waren.

Von diesen Dingen sprach der Englnder das Entscheidende aus. Sie
tten gut, schlo er, lieber heute als morgen zu reisen. Lnger, als
ein paar Tage noch, kann die Verhngung der Sperre kaum auf sich
warten lassen.--Danke Ihnen, sagte Aschenbach und verlie das Amt.

Der Platz lag in sonnenloser Schwle. Unwissende Fremde saen vor den
Cafs oder standen, ganz von Tauben bedeckt, vor der Kirche und sahen
zu, wie die Tiere, wimmelnd, flgelschlagend, einander verdrngend,
nach den in hohlen Hnden dargebotenen Maiskrnern pickten. In
fiebriger Erregung, triumphierend im Besitze der Wahrheit, einen
Geschmack von Ekel dabei auf der Zunge und ein phantastisches Grauen
im Herzen, schritt der Einsame die Fliesen des Prachthofes auf und
nieder. Er erwog eine reinigende und anstndige Handlung. Er konnte
heute Abend nach dem Diner der perlengeschmckten Frau sich nhern und
zu ihr sprechen, was er wrtlich entwarf: Gestatten Sie dem Fremden,
Madame, Ihnen mit einem Rat, einer Warnung zu dienen, die der
Eigennutz Ihnen vorenthlt. Reisen Sie ab, sogleich, mit Tadzio und
Ihren Tchtern! Venedig ist verseucht. Er konnte dann dem Werkzeug
einer hhnischen Gottheit zum Abschied die Hand aufs Haupt legen, sich
wegwenden und diesem Sumpfe entfliehen. Aber er fhlte zugleich, da
er unendlich weit entfernt war, einen solchen Schritt im Ernste zu
wollen. Er wrde ihn zurckfhren, wrde ihn sich selber wiedergeben;
aber wer auer sich ist, verabscheut nichts mehr, als wieder in sich
zu gehen. Er erinnerte sich eines weien Bauwerks, geschmckt mit
abendlich gleienden Inschriften, in deren durchscheinender Mystik das
Auge seines Geistes sich verloren hatte; jener seltsamen
Wandrergestalt sodann, die dem Alternden schweifende
Jnglingssehnsucht ins Weite und Fremde erweckt hatte; und der Gedanke
an Heimkehr, an Besonnenheit, Nchternheit, Mhsal und Meisterschaft,
widerte ihn in solchem Mae, da sein Gesicht sich zum Ausdruck
physischer belkeit verzerrte. Man soll schweigen! flsterte er
heftig. Und: Ich werde schweigen! Das Bewutsein seiner
Mitwisserschaft, seiner Mitschuld berauschte ihn, wie geringe Mengen
Weines ein mdes Hirn berauschen. Das Bild der heimgesuchten und
verwahrlosten Stadt, wst seinem Geiste vorschwebend, entzndete in
ihm Hoffnungen, unsagbar, die Vernunft berschreitend, und von
ungeheuerlicher Sigkeit. Was war ihm das zarte Glck, von dem er
vorhin einen Augenblick getrumt, verglichen mit diesen Erwartungen?
Was galt ihm noch Kunst und Tugend gegenber den Vorteilen des Chaos?
Er schwieg und blieb.

In dieser Nacht hatte er einen furchtbaren Traum,--wenn man als Traum
ein krperhaft-geistiges Erlebnis bezeichnen kann, das ihm zwar im
tiefsten Schlaf und in vlligster Unabhngigkeit und sinnlicher
Gegenwart widerfuhr, aber ohne da er sich auer den Geschehnissen im
Raume wandelnd und anwesend sah; sondern ihr Schauplatz war vielmehr
seine Seele selbst, und sie brachen von auen herein, seinen
Widerstand--einen tiefen und geistigen Widerstand--gewaltttig
niederwerfend, gingen hindurch und lieen seine Existenz, lieen die
Kultur seines Lebens verheert, vernichtet zurck.

Angst war der Anfang, Angst und Lust und eine entsetzte Neugier nach
dem, was kommen wollte. Nacht herrschte, und seine Sinne lauschten;
denn weither nherte sich Getmmel, Getse, ein Gemisch von Lrm:
Rasseln, Schmettern und dumpfes Donnern, schrilles Jauchzen dazu und
ein bestimmtes Geheul im gezogenen u-Laut, alles durchsetzt und
grauenhaft s bertnt von tief girrendem, ruchlos beharrlichen
Fltenspiel, welches auf schamlos zudringende Art die Eingeweide
bezauberte. Aber er wute ein Wort, dunkel, doch das benennend was
kam: _Der fremde Gott!_ Qualmige Glut glomm auf: da erkannte er
Bergland, hnlich dem um sein Sommerhaus. Und in zerrissenem Licht,
von bewaldeter Hhe, zwischen Stmmen und moosigen Felstrmmern wlzte
es sich und strzte wirbelnd herab: Menschen, Tiere, ein Schwarm, eine
tobende Rotte, und berschwemmte die Halde mit Leibern, Flammen,
Tumult und taumelndem Rundtanz. Weiber, strauchelnd ber zu
lange Fellgewnder, die ihnen vom Grtel hingen, schttelten
Schellentrommeln ber ihren sthnend zurckgeworfenen Huptern,
schwangen stiebende Fackelbrnde und nackte Dolche, hielten zngelnde
Schlangen in der Mitte des Leibes erfat oder trugen schreiend ihre
Brste in beiden Hnden. Mnner, Hrner ber den Stirnen, mit Pelzwerk
geschrzt und zottig von Haut, beugten die Nacken und hoben Arme und
Schenkel, lieen eherne Becken erdrhnen und schlugen wtend auf
Pauken, whrend glatte Knaben mit umlaubten Stben Bcke stachelten,
an deren Hrner sie sich klammerten und von deren Sprngen sie sich
jauchzend schleifen lieen. Und die Begeisterten heulten den Ruf aus
weichen Mitlauten und gezogenem u-Ruf am Ende, s und wild zugleich,
wie kein jemals erhrter: hier klang er auf, in die Lfte gerhrt, wie
von Hirschen, und dort gab man ihn wieder, vielstimmig, in wstem
Triumph, hetzte einander damit zum Tanz und Schleudern der Glieder und
lie ihn niemals verstummen. Aber alles durchdrang und beherrschte der
tiefe, lockende Fltenton. Lockte er nicht auch ihn, den widerstrebend
Erlebenden, schamlos beharrlich zum Fest und Unma des uersten
Opfers? Gro war sein Abscheu, gro seine Furcht, redlich sein Wille,
bis zuletzt das Seine zu schtzen gegen den Fremden, den Feind des
gefaten und wrdigen Geistes. Aber der Lrm, das Geheul, vervielfacht
von hallender Bergwand, wuchs, nahm berhand, schwoll zu hinreiendem
Wahnsinn. Dnste bedrngten den Sinn, der beizende Ruch der Bcke,
Witterung keuchender Leiber und ein Hauch wie von faulenden Wassern,
dazu ein anderer noch, vertraut: nach Wunden und umlaufender
Krankheit. Mit den Paukenschlgen drhnte sein Herz, sein Gehirn
kreiste, Wut ergriff ihn, Verblendung, betubende Wollust, und seine
Seele begehrte, sich anzuschlieen dem Reigen des Gottes. Das obszne
Symbol, riesig, aus Holz, ward enthllt und erhht: da heulten sie
zgelloser die Losung. Schaum vor den Lippen tobten sie, reizten
einander mit geilen Gebrden und buhlenden Hnden, lachend und
chzend,--stieen die Stachelstbe einander ins Fleisch und leckten
das Blut von den Gliedern. Aber mit ihnen, in ihnen war der Trumende
nun und dem fremden Gotte gehrig. Ja, sie waren er selbst, als sie
reiend und mordend sich auf die Tiere hinwarfen und dampfende Fetzen
verschlangen, als auf zerwhltem Moosgrund grenzenlose Vermischung
begann, dem Gotte zum Opfer. Und seine Seele kostete Unzucht und
Raserei des Unterganges.

Aus diesem Traum erwachte der Heimgesuchte entnervt, zerrttet und
kraftlos dem Dmon verfallen. Er scheute nicht mehr die beobachtenden
Blicke der Menschen; ob er sich ihrem Verdacht aussetze, kmmerte
ihn nicht. Auch flohen sie ja, reisten ab; zahlreiche Strandhtten
standen leer, die Besetzung des Speisesaals wies grere Lcken auf,
und in der Stadt sah man selten noch einen Fremden. Die Wahrheit
schien durchgesickert, die Panik, trotz zhen Zusammenhaltens der
Interessenten, nicht lnger hintanzuhalten. Aber die Frau im
Perlenschmuck blieb mit den Ihren, sei es, weil die Gerchte nicht zu
ihr drangen, oder weil sie zu stolz und furchtlos war, um ihnen zu
weichen: Tadzio blieb; und jenem, in seiner Umfangenheit, war es
zuweilen, als knne Flucht und Tod alles strende Leben in der Runde
entfernen und er allein mit dem Schnen auf dieser Insel
zurckbleiben,--ja, wenn vormittags am Meere sein Blick schwer,
unverantwortlich, unverwandt auf dem Begehrten ruhte, wenn er bei
sinkendem Tage durch Gassen, in denen verheimlichterweise das ekle
Sterben umging, ihm unwrdig nachfolgte, so schien das Ungeheuerliche
ihm aussichtsreich und hinfllig das Sittengesetz.

Wie irgend ein Liebender wnschte er, zu gefallen und empfand bittere
Angst, da es nicht mglich sein mchte. Er fgte seinem Anzge
jugendlich aufheiternde Einzelheiten hinzu, er legte Edelsteine an und
benutzte Parfms, er brauchte mehrmals am Tage viel Zeit fr seine
Toilette und kam geschmckt, erregt und gespannt zu Tische. Angesichts
der sen Jugend, die es ihm angetan, ekelte ihn sein alternder Leib,
der Anblick seines grauen Haares, seiner scharfen Gesichtszge strzte
ihn in Scham und Hoffnungslosigkeit. Es trieb ihn, sich krperlich zu
erquicken und wiederherzustellen; er besuchte hufig den Coiffeur des
Hauses.

Im Frisiermantel, unter den pflegenden Hnden des Schwtzers im Stuhle
zurckgelehnt, betrachtete er gequlten Blickes sein Spiegelbild.

Grau, sagte er mit verzerrtem Munde.

Ein wenig, antwortete der Mensch. Nmlich durch Schuld einer
kleinen Vernachlssigung, einer Indifferenz in uerlichen Dingen,
die bei bedeutenden Personen begreiflich ist, die man aber doch
nicht unbedingt loben kann und zwar umso weniger, als gerade solchen
Personen Vorurteile in Sachen des Natrlichen oder Knstlichen wenig
angemessen sind. Wrde sich die Sittenstrenge gewisser Leute gegenber
der kosmetischen Kunst logischerweise auch auf ihre Zhne erstrecken,
so wrden sie nicht wenig Ansto erregen. Schlielich sind wir so alt,
wie unser Geist, unser Herz sich fhlen, und graues Haar bedeutet
unter Umstnden eine wirklichere Unwahrheit, als die verschmhte
Korrektur bedeuten wrde. In Ihrem Falle, mein Herr, hat man ein Recht
auf seine natrliche Haarfarbe. Sie erlauben mir, Ihnen die Ihrige
einfach zurckzugeben?

Wie das? fragte Aschenbach.

Da wusch der Beredte das Haar des Gastes mit zweierlei Wasser, einem
klaren und einem dunklen, und es war schwarz wie in jungen Jahren. Er
bog es hierauf mit der Brennscheere in weiche Lagen, trat rckwrts
und musterte das behandelte Haupt.

Es wre nun nur noch, sagte er, die Gesichtshaut ein wenig
aufzufrischen.

Und wie jemand, der nicht enden, sich nicht genug tun kann, ging er
mit immer neu belebter Geschftigkeit von einer Hantierung zur anderen
ber. Aschenbach, bequem ruhend, der Abwehr nicht fhig, hoffnungsvoll
erregt vielmehr von dem, was geschah, sah im Glase seine Brauen sich
entschiedener und ebenmiger wlben, den Schnitt seiner Augen sich
verlngern, ihren Glanz durch eine leichte Untermalung des Lides sich
heben, sah weiter unten, wo die Haut brunlich-ledern gewesen, weich
aufgetragen, ein zartes Karmin erwachen, seine Lippen, blutarm soeben
noch, himbeerfarben schwellen, die Furchen der Wangen, des Mundes, die
Runzeln der Augen unter Crme und Jugendhauch verschwinden,--erblickte
mit Herzklopfen einen blhenden Jngling. Der Kosmetiker gab sich
endlich zufrieden, indem er nach Art solcher Leute dem, den er bedient
hatte, mit kriechender Hflichkeit dankte. Eine unbedeutende
Nachhilfe, sagte er, indem er eine letzte Hand an Aschenbachs ueres
legte. Nun kann der Herr sich unbedenklich verlieben. Der Berckte
ging, traumglcklich, verwirrt und furchtsam. Seine Krawatte war rot,
sein breitschattender Strohhut mit einem mehrfarbigen Bande umwunden.

Lauwarmer Sturmwind war aufgekommen; es regnete selten und sprlich,
aber die Luft war feucht, dick und von Fulnisdnsten erfllt.
Flattern, Klatschen und Sausen umgab das Gehr, und dem unter der
Schminke Fiebernden schienen Windgeister blen Geschlechts im Raume
ihr Wesen zu treiben, unholdes Gevgel des Meeres, das des
Verurteilten Mahl zerwhlt, zernagt und mit Unrat schndet. Denn die
Schwle wehrte der Elust, und die Vorstellung drngte sich auf, da
die Speisen mit Ansteckungsstoffen vergiftet seien.

Auf den Spuren des Schnen hatte Aschenbach sich eines Nachmittags in
das innere Gewirr der kranken Stadt vertieft. Mit versagendem
Ortssinn, da die Gchen, Gewsser, Brcken und Pltzchen des
Labyrinthes zu sehr einander gleichen, auch der Himmelsgegenden nicht
mehr sicher, war er durchaus darauf bedacht, das sehnlich verfolgte
Bild nicht aus den Augen zu verlieren, und zu schmhlicher
Behutsamkeit gentigt, an Mauern gedrckt, hinter dem Rcken
Vorangehender Schutz suchend, ward er sich lange nicht der Mdigkeit,
der Erschpfung bewut, welche Gefhl und immerwhrende Spannung
seinem Krper, seinem Geiste zugefgt hatten. Tadzio ging hinter den
Seinen, er lie der Pflegerin und den nonnenhnlichen Schwestern in
der Enge gewhnlich den Vortritt, und einzeln schlendernd wandte er
zuweilen das Haupt, um sich ber die Schulter hinweg der Gefolgschaft
seines Liebhabers mit einem Blick seiner eigentmlich dmmergrauen
Augen zu versichern. Er sah ihn, und er verriet ihn nicht. Berauscht
von dieser Erkenntnis, von diesen Augen vorwrts gelockt, am
Narrenseile geleitet von der Passion, stahl der Verliebte sich seiner
unziemlichen Hoffnung nach--und sah sich schlielich dennoch um ihren
Anblick betrogen. Die Polen hatten eine kurz gewlbte Brcke
berschritten, die Hhe des Bogens verbarg sie dem Nachfolgenden, und
seinerseits hinaufgelangt, entdeckte er sie nicht mehr. Er forschte
nach ihnen in drei Richtungen, geradeaus und nach beiden Seiten den
schmalen und schmutzigen Quai entlang, vergebens. Entnervung,
Hinflligkeit ntigten ihn endlich, vom Suchen abzulassen.

Sein Kopf brannte, sein Krper war mit klebrigem Schwei bedeckt, sein
Genick zitterte, ein nicht mehr ertrglicher Durst peinigte ihn, er
sah sich nach irgendwelcher, nach augenblicklicher Labung um. Vor
einem kleinen Gemseladen kaufte er einige Frchte, Erdbeeren,
berreife und weiche Ware und a im Gehen davon. Ein kleiner Platz,
verlassen, verwunschen anmutend, ffnete sich vor ihm, er erkannte
ihn, es war hier gewesen, wo er vor Wochen den vereitelten Fluchtplan
gefat hatte. Auf den Stufen der Zisterne, inmitten des Ortes, lie er
sich niedersinken und lehnte den Kopf an das steinerne Rund. Es war
still, Gras wuchs zwischen dem Pflaster. Abflle lagen umher. Unter
den verwitterten, unregelmig hohen Husern in der Runde erschien
eines palastartig, mit Spitzbogenfenstern, hinter denen die Leere
wohnte, und kleinen Lwenbalkonen. Im Erdgescho eines anderen befand
sich eine Apotheke. Warme Windste brachten zuweilen Karbolgeruch.

Er sa dort, der Meister, der wrdig gewordene Knstler, der Autor des
Elenden, der in so vorbildlich reiner Form dem Zigeunertum und der
trben Tiefe abgesagt, dem Abgrunde die Sympathie gekndigt und das
Verworfene verworfen hatte, der Hochgestiegene, der, berwinder seines
Wissens und aller Ironie entwachsen, in die Verbindlichkeiten des
Massenzutrauens sich gewhnt hatte, er, dessen Ruhm amtlich, dessen
Name geadelt war und an dessen Styl die Knaben sich zu bilden
angehalten wurden,--er sa dort, seine Lider waren geschlossen, nur
zuweilen glitt, rasch sich wieder verbergend, ein spttischer und
betretener Blick seitlich darunter hervor, und seine schlaffen Lippen,
kosmetisch aufgehht, bildeten einzelne Worte aus von dem, was sein
halb schlummerndes Hirn an seltsamer Traumlogik hervorbrachte.

Denn die Schnheit, Phaidros, merke das wohl! nur die Schnheit ist
gttlich und sichtbar zugleich, und so ist sie denn also des
Sinnlichen Weg, ist, kleiner Phaidros, der Weg des Knstlers zum
Geiste. Glaubst du nun aber, mein Lieber, da derjenige jemals
Weisheit und wahre Manneswrde gewinnen knne, fr den der Weg zum
Geistigen durch die Sinne fhrt? Oder glaubst du vielmehr (ich stelle
dir die Entscheidung frei), da dies ein gefhrlich-lieblicher Weg
sei, wahrhaft ein Irr-und Sndenweg, der mit Notwendigkeit in die Irre
leitet? Denn du mut wissen, da wir Dichter den Weg der Schnheit
nicht gehen knnen, ohne da Eros sich zugesellt und sich zum Fhrer
aufwirft; ja, mgen wir auch Helden auf unsere Art und zchtige
Kriegsleute sein, so sind wir wie Weiber, denn Leidenschaft ist unsere
Erhebung, und unsere Sehnsucht mu Liebe bleiben,--das ist unsere Lust
und unsere Schande. Siehst du nun wohl, da wir Dichter nicht weise
noch wrdig sein knnen? Da wir notwendig in die Irre gehen,
notwendig liederlich und Abenteurer des Gefhles bleiben? Die
Meisterhaltung unseres Styls ist Lge und Narrentum, unser Ruhm und
Ehrenstand eine Posse, das Vertrauen der Menge zu uns hchst
lcherlich, Volks-und Jugenderziehung durch die Kunst ein gewagtes, zu
verbietendes Unternehmen. Denn wie sollte wohl der zum Erzieher
taugen, dem eine unverbesserliche und natrliche Richtung zum Abgrunde
eingeboren ist? Wir mchten ihn wohl verleugnen und Wrde gewinnen,
aber wie wir uns auch wenden mgen, er zieht uns an. So sagen wir etwa
der auflsenden Erkenntnis ab, denn die Erkenntnis, Phaidros, hat
keine Wrde und Strenge: sie ist wissend, verstehend, verzeihend, ohne
Haltung und Form; sie hat Sympathie mit dem Abgrund, sie ist der
Abgrund. Diese also verwerfen wir mit Entschlossenheit, und fortan
gilt unser Trachten einzig der Schnheit, das will sagen der
Einfachheit, Gre und neuen Strenge, der zweiten Unbefangenheit und
der Form. Aber Form und Unbefangenheit, Phaidros, fhren zum Rausch
und zur Begierde, fhren den Edlen vielleicht zu grauenhaftem
Gefhlsfrevel, den seine eigene schne Strenge als infam verwirft,
fhren zum Abgrund, zum Abgrund auch sie. Uns Dichter, sage ich,
fhren sie dahin, denn wir vermgen nicht, uns aufzuschwingen, wir
vermgen nur auszuschweifen. Und nun gehe ich, Phaidros, bleibe du
hier; und erst wenn du mich nicht mehr siehst, so gehe auch du.

       *       *       *       *       *

Einige Tage spter verlie Gustav von Aschenbach, da er sich leidend
fhlte, das Bder-Hotel zu spterer Morgenstunde als gewhnlich. Er
hatte mit gewissen, nur halb krperlichen Schwindelanfllen zu
kmpfen, die von einer heftig aufsteigenden Angst und Ratlosigkeit
begleitet waren, einem Gefhl der Ausweg-und Aussichtslosigkeit, von
dem nicht klar wurde, ob es sich auf die uere Welt oder auf seine
eigene Existenz bezog. In der Halle bemerkte er eine groe Menge zum
Transport bereitliegenden Gepcks, fragte einen Trhter, wer es sei,
der reise, und erhielt zur Antwort den polnischen Adelsnamen, dessen
er insgeheim gewrtig gewesen war. Er empfing ihn, ohne da seine
verfallenen Gesichtszge sich verndert htten, mit jener kurzen
Hebung des Kopfes, mit der man etwas, was man nicht zu wissen
brauchte, beilufig zur Kenntnis nimmt, und fragte noch: Wann? Man
antwortete ihm: Nach dem Lunch. Er nickte und ging zum Meere.

Es war unwirtlich dort. ber das weite, flache Gewsser, das den
Strand von der ersten gestreckten Sandbank trennte, liefen kruselnde
Schauer von vorn nach hinten. Herbstlichkeit, berlebtheit schien ber
dem einst so farbig belebten, nun fast verlassenen Lustorte zu liegen,
dessen Sand nicht mehr reinlich gehalten wurde. Ein photographischer
Apparat, scheinbar herrenlos, stand auf seinem dreibeinigen Stativ am
Rande der See, und ein schwarzes Tuch, darber gebreitet, flatterte
klatschend im klteren Winde.

Tadzio, mit drei oder vier Gespielen, die ihm geblieben waren, bewegte
sich zur Rechten vor der Htte der Seinen, und, eine Decke ber den
Knieen, etwa in der Mitte zwischen dem Meer und der Reihe der
Strandhtten in seinem Liegestuhl ruhend, sah Aschenbach ihm noch
einmal zu. Das Spiel, das unbeaufsichtigt war, denn die Frauen mochten
mit Reisevorbereitungen beschftigt sein, schien regellos und artete
aus. Jener Stmmige, im Grtelanzug und mit schwarzem, pomadisiertem
Haar, der Jaschu gerufen wurde, durch einen Sandwurf ins Gesicht
gereizt und geblendet, zwang Tadzio zum Ringkampf, der rasch mit dem
Fall des schwcheren Schnen endete. Aber als ob in der
Abschiedsstunde das dienende Gefhl des Geringeren sich in grausame
Roheit verkehre und fr eine lange Sklaverei Rache zu nehmen trachte,
lie der Sieger auch dann noch nicht von dem Unterlegenen ab, sondern
drckte, auf seinem Rcken knieend, dessen Gesicht so anhaltend in den
Sand, da Tadzio, ohnedies vom Kampf auer Atem, zu ersticken drohte.
Seine Versuche, den Lastenden abzuschtteln, waren krampfhaft, sie
unterblieben auf Augenblicke ganz und wiederholten sich nur noch als
ein Zucken. Entsetzt wollte Aschenbach zur Rettung aufspringen, als
der Gewaltttige endlich sein Opfer freigab. Tadzio, sehr bleich,
richtete sich zur Hlfte auf und sa, auf einen Arm gesttzt, mehrere
Minuten lang unbeweglich, mit verwirrtem Haar und dunkelnden Augen.
Dann stand er vollends auf und entfernte sich langsam. Man rief ihn,
anfnglich munter, dann bnglich und bittend; er hrte nicht. Der
Schwarze, den Reue ber seine Ausschreitung sogleich erfat haben
mochte, holte ihn ein und suchte ihn zu vershnen. Eine
Schulterbewegung wies ihn zurck. Tadzio ging schrg hinunter zum
Wasser. Er war barfu und trug seinen gestreiften Leinenanzug mit
roter Schleife.

Am Rande der Flut verweilte er sich, gesenkten Hauptes mit einer
Fuspitze Figuren im feuchten Sande zeichnend, und ging dann in die
seichte Vorsee, die an ihrer tiefsten Stelle noch nicht seine Knie
benetzte, durchschritt sie, lssig vordringend, und gelangte zur
Sandbank. Dort stand er einen Augenblick, das Gesicht der Weite
zugekehrt, und begann hierauf, die lange und schmale Strecke
entblten Grundes nach links hin langsam abzuschreiten. Vom
Festlande geschieden durch breite Wasser, geschieden von den
Genossen durch stolze Laune, wandelte er, eine hchst abgesonderte
und verbindungslose Erscheinung, mit flatterndem Haar dort drauen
im Meere, im Winde, vorm Nebelhaft-Grenzenlosen. Abermals blieb er
zur Ausschau stehen. Und pltzlich, wie unter einer Erinnerung, einem
Impuls, wandte er den Oberkrper, eine Hand in der Hfte, in schner
Drehung aus seiner Grundpositur und blickte ber die Schulter zum
Ufer. Der Schauende dort sa wie er einst gesessen, als zuerst, von
jener Schwelle zurckgesandt, dieser dmmergraue Blick dem seinen
begegnet war. Sein Haupt war an der Lehne des Stuhles langsam der
Bewegung des drauen Schreitenden gefolgt; nun hob es sich, gleichsam
dem Blicke entgegen, und sank auf die Brust, so da seine Augen von
unten sahen, indes sein Antlitz den schlaffen, innig versunkenen
Ausdruck tiefen Schlummers zeigte. Ihm war aber, als ob der bleiche
und liebliche Psychagog dort drauen ihm lchle, ihm winke; als ob er,
die Hand aus der Hfte lsend, hinausdeute, voranschwebe ins
Verheiungsvoll-Ungeheure. Und wie so oft machte er sich auf, ihm zu
folgen.

Minuten vergingen, bis man dem seitlich im Stuhle Hinabgesunkenen zur
Hilfe eilte. Man brachte ihn auf sein Zimmer. Und noch desselben Tages
empfing eine respektvoll erschtterte Welt die Nachricht von seinem
Tode.






End of the Project Gutenberg EBook of Der Tod in Venedig, by Thomas Mann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TOD IN VENEDIG ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

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approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
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