The Project Gutenberg EBook of Drei Gaugttinnen, by E. L. Rochholz

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Title: Drei Gaugttinnen

Author: E. L. Rochholz

Release Date: April 13, 2004 [EBook #12012]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Drei Gaugttinnen

Walburg, Verena und Gertrud als deutsche Kirchenheilige.

Sittenbilder aus dem germanischen Frauenleben

von

E.L. Rochholz.

1870

       *       *       *       *       *




Vorwort.


Den ersten frhzeitigen Anlass, in den drei heiligen Frauen, deren Namen
die nachfolgende Schrift am Titel trgt, drei nchstverwandte Wesen aus
der deutschen Gtterlehre zu erblicken, hat der Verfasser in den
Perioden seines akademischen Jnglingsalters und whrend der ersten
Jahre seines Berufslebens empfangen, als er noch auf Jagdgngen,
Ferienreisen und Abteibesuchen der Erkundung rtlicher Alterthmer
nachzog und in andauerndem Verkehre mit der Natur und der Bevlkerung
den damals herrschend gewesnen Glauben theilte, das Volksgedchtniss sei
ein Archiv, welches dem Forscher den Mangel an Urkunden ergnzen helfe.
Whrend sich ihm letzteres bald als eine gemthliche Tuschung erweisen
musste, war ihm darber doch das Glck beschert, reichliche, nachhaltige
Anschauungen in sich anzusammeln, deren freundlich fesselnde Gewalt
einen einmal in uns erwachten Plan auch unter unerwartet eintretenden
Lebensnderungen nicht mehr veralten lsst. Und so erklrt sich der
Ursprung unseres Buches als eine frh erworbene, in langer Zeitdauer
gereifte und hier erst spt zur Mittheilung gebrachte Lebensanschauung
der Art, von welcher bei Gthe (Bd. 44, 193) das runde Wort steht: "Was
man nicht gesehen hat, gehrt uns nicht und geht uns eigentlich nichts
an." Als uns vor nun bald vierzig Jahren in den heimatlichen Thlern der
Altmhl und des Mains der hier sesshafte Cultus der hl. Walburgis und
Gertrud begegnete und nicht lange hernach in den schweizerischen der
Aare und des Oberrheins uns ebenso derjenige der hl. Verena nher bekannt
wurde, zeigten schon die bestimmt abgegrenzten Landschaftsmarken,
innerhalb deren der Cult jeder dieser drei Heiligen seit ltester Zeit
bis auf die Gegenwart herrschend geblieben ist, dass diese Drei hier
nicht etwa die Patrone oder Lieblingsheiligen ihres Bisthums, sondern
die Schutzheiligen ihres politischen Gaues in einer Periode gewesen
waren, als dessen politische Grenzen noch keineswegs mit denen des
Kirchensprengels zusammenfielen. Waren die Heiligen aber dieses und also
zeitgenssisch gewesen mit der ltesten Gaueintheilung dieser
Landstriche selbst, so war hier ihr Bestand berhaupt ein lterer, als
der durch die Kirche veranlasste je hatte sein knnen. Und also fhrte
uns die _Gauheilige_ in rckschreitender Metamorphose auf die
_Gaugttin_. Gegen diese Folgerung, die selbst von der kirchlich
approbirten Gestalt der Legende mit historischen Angaben untersttzt
wird, lsst sich mit ferner versuchten Einwnden nicht weiter mehr
aufkommen. Auch fhrt ja die Gaugttin ihre bei uns verblasste
Herrschaft ber Christenmenschen anderwrts immer noch ungeschwcht und
persnlich fort, so z.B. in der Normandie, wo nach dem Zeugnisse von
Amlie Bosquet die Aufsicht ber das Land den Feen gehrt, jede einen
einzelnen Kanton, hier jeden einzelnen Einwohner beaufsichtigt und
dessen Loos bei der allabendlichen Versammlung in dem gemeinsamen
Schicksalsbuche je mit einem weissen oder schwarzen Punkte bezeichnet.

Jede Gottheit war, ein vom Heidenglauben verwirklicht gedachtes
Idealbild menschlicher Thtigkeitgewesen. Wie der Mensch, so sein Gott.
Die dem Germanen eigenthmliche Auffassung des Eherechtes, welche ihn
vor allen Kulturvlkern des Alterthums auszeichnet, der von ihm dem
Weibe beigelegte ahnungsreiche; auf das Heilige gerichtete Sinn (Tac.
Germ. c. 8) hatte bei ihm solcherlei weibliche Gottheiten bedingt,
welche Wchterinnen der zchtigen Geschlechterliebe, der huslichen
Ordnung, des Fleisses und Friedens waren. Eine nchste Folge hievon war
es, dass die Frau in ihrem Hause das Amt der Herrin (dies besagt das
Wort frwa, fruja), in ihrem Stamme dasjenige der Itis oder weisen Frau
bekleiden und als solche die Geschfte der Tempeljungfrau, Priesterin,
Heilrthin oder Aerztin verwalten konnte. Auf diesem Bildungswege einer
langen Selbsterziehung wurde die Nation erst politisch gehemmt durch
furchtbare Eroberungskriege, die sie erlitt und vergalt, dann geistig
berrascht durch das in barbarischer Form berlieferte rmische
Kirchenthum. Durch den ersten Vorgang wurden die Germanengttinnen
kriegerisch umgewandelt, militarisirt, durch den zweiten aber vollends
satanisirt, zwei Umgestaltungen des Glaubens und Mythus, von denen unser
Buch in allen Abschnitten sittengeschichtliche Zeugnisse bietet. Und
nicht bloss die Richtschnur des ffentlichen Glaubens, sondern ebenso
die des Privatlebens wurde dabei mit in die tiefste Erniedrigung
herabgezogen. Zwar blieben echtmenschliche Tugenden der Heidin ein
allerdings nthigender Grund, sie spter einmal zu Christentugenden zu
subtilisiren und eine Walburg, eine Verena oder Gertrud zu
Kirchenheiligen zu erheben; allein diese Vereinbarung war und blieb eine
erzwungene, innerlich unwahre, und verflschte den sittlichen Kern des
Mythus bis zu dem Grade, dass es den irrigen Anschein gewann, als ob
hier die Legende aus dem Christencultus entsprungen wre, anstatt dass
umgekehrt dieser bloss entlehnend dem Mythus nachfolgte und ihn
legendarisch einkleidete. Ihm selbst aber durfte ein ehefeindlicher
Klerus, der dem Clibat den bertriebnen Werth einer vollkommnen Tugend
zuschrieb und nur ein einziges Weib als solches anerkannte, die
Himmelsherrin, auf das ganze brige Geschlecht aber die Ursache des
Sndenfalles zu wlzen fortfuhr, einem solchen, die Frauenwrde
verkndenden Mythus durfte der Mnch kein Recht belassen, sondern musste
ihn so weit und so unablssig herabwrdigen, dass die Folgen davon bis
heute den Aberglauben aufzureizen vermgen. Wenn daher zwar auf einer
Seite die Jungfrau, welche schmerzenstillendes Oel unter Segenssprchen
bereitete, als lschwitzende Heilige kanonisirt worden ist, so ist sie
auf der andern Seite zugleich zur Hexenmutter satanisirt: Zaubertrnke
brauend, Seuchen und Misswachs herabbeschwrend, Besen salbend, das
aller Zeugung feindselige Kebsweib des Teufels in der Walburgisnacht.
Dorten war sie die ehestiftende Liebesgttin gewesen, hier eine Frau
Mutter des Frauenhauses (S. 82. 154). Dorten trank der Mensch auf ihren
Namen die Minne, sie selbst reichte dem in den Himmel eingehenden Helden
den Unsterblichkeitstrank; hier wird sie zwar auch eine Himmlische, aber
nur weil sie vorher als "Wirthskellnerin" tugendhaft geblieben war (S.
149). So ursprnglich schon steckt in dem Legenden erzhlenden Mnch
ein Blumauer, der die Aeneide travestirt. Ihm haust da ein spukender
Waldteufel, wo in der frnkischen Waldeinsamkeit des Hahnenkamms und
Spessarts die Haingttin an ihren Maibronnen gewaltet hatte; die
Frhlingsgttin Walburg wird ihm zum Blocksbergsgespenste, die
Seelenherrin Gertrud zur Leichenfrau, und zur landverwstenden Riesin
wird die im Firnengolde des unerreichten Gletschers thronende Verena

    --auf des gefrchteten Gipfels
    Schneebehangener Scheitel,
    Den mit Geisterreigen
    Krnzten ahnende Vlker.

Wie sonderbar doch dieser Lohn ist, der dem deutschen Weibe dafr
ertheilt wurde, dass es in unserem Volke zuerst, unter dem Widerstreite
der Mnnerwelt, rein aus Frmmigkeitsbedrfniss und Kinderliebe sich an
die neue Kirche ergab! Fr treues Ausharren in den Prfungen des Lebens,
fr opferbereites, demthiges Dulden zum Wohle der Mitmenschen war ihm
einst der Himmel zugesagt gewesen, es hatte ihn durch eigne Seelengrsse
erobert und sogar den Preis der Vergtterung sich erworben. Dieser
Himmelsgenuss hiess der Kirchenlegende ein unverdienter, das heroische
Streben des Weibes, sich zur Wrde der Gottheit empor zu heben, ein
frevelhaftes. Es wurde daher noch einmal in die Leidensschule der
gemeinen Leiblichkeit zurckversetzt, um nun erst durch ein Mirakel
erlst zu werden. Denn von nun an sollte es nicht mehr auf das
persnliche Verdienst, sondern auf das Geheimniss der Gnade angewiesen
bleiben. Diesen zweimaligen Bildungsweg, den das deutsche Weib in der
Vorzeit einzuschlagen hatte, haben wir als "Sittenbilder aus dem
germanischen Frauenleben" bezeichnet und nach dem doppelten Material der
Mythe und der Legende von drei heiligen Frauen zur Darstellung gebracht.
Dies ist der wissenschaftliche und patriotische Zweck unsrer Schrift,
die sich hiemit dem Antheil vorurtheilsfreier Landsleute empfiehlt.

Aarau 1. Mai, Walburgistag 1870.

E.L.R.

       *       *       *       *       *




Inhalt.



Vorwort.


I. Walburg mit drei Aehren, die Ackergttin.


Erster Abschnitt.
_Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende_.

Walburgs und ihrer drei Brder Taufbrunnen, Klosterstiftungen,
Grabsttten und Reliquien.--Oel, aus Stein und Bein der Walburgisgruft
fliessend; hnliches kirchlich verehrtes Wunderl. Abbildungen und
Embleme Walburgis.


Zweiter Abschnitt.
_Walburgis Hunde, Walburgis Aehren in kirchlichen Abbildungen und Hymnen_.

Der Hund, ein Geleitsthier etlicher Fruchtbarkeitsgttinnen und
Heiligen; verehrt als saatenfressender Sturmwind und als breigefttertes
Windspiel der Wilden Jagd, genannt Nahrungshund. Nackte und ssse
Hndlein als Zweckspeisen beim Dreschermahl.--Walburgis Emblem der Aehre
und der Garbe, ihre Erscheinungsweise in den Sagen, ihre Verdsterung in
dem Elbenglauben. Das Rechtssymbol der drei Aehren. Walburgs
Eulogienbrode.


Dritter Abschnitt.
_Walburgistag, des Meien hochgezt_.

Scenischer Zweikampf des Sommers und Winters, genannt den Tod austragen,
den Sommer ins Land reiten. Maienfahrt, Laubeinkleidung und
Ruthenzug.--Maigraf und Maigrfin. Das Mailehen ausrufen. Nachtsprche
und Liebesorakel beim Maiensetzen. Feier des Valentinstages: smmtliches
als Abbilder eines gttlichen Werbungs- und Vermhlungsmythus, welcher
im Frhlings- und Erntevorgang spielt.


Vierter Abschnitt.
_Maiengeding und Walbernzins_.

Walburgis und Martini, die beiden Jahresgedinge der ungebotenen
Gerichte, gezeigt aus den Weisthmern.--Urkundliche Berechnung der
Gerichtskosten eines oberdeutschen Maiengedings.--Der Rutscherzins, die
Walpersmnnchen und Walperherren.--Aus der mit der Zinspflichtigkeit
verbundnen Nutzniessung bildet sich die Sage von einer auf den Zinstag
fallenden Befreiungsgeschichte der Landschaft.


Fnfter Abschnitt.
_Der Mythus vom Maienthau_.

Landwirthschaftliche Erbstze ber den Maienthau. Thau als
Quelle von Leben, Lebensdauer und Krperschnheit, angewendet
als Heilbad, Strke- und Minnetrunk.--Bannbeschreitung,
Oeschprozession um die Flurzelgen und Mairitt
durch die Saat. Der Mythus vom Thau-abstreifen in
seiner naturgeschichtlichen Begrndung. Thauschlepper
und Thaustreicher als zaubernde Butter- und Milchgewinner.
Walburg in den Riesen- und Hexensagen.


Sechster Abschnitt.
_Walburg, die Gttin der Zeugung und Ernhrung_.

Die westflische Walburg. Die phallischen Gtzenbilder zu Antwerpen und
Emmetsheim, um Kindersegen angerufen. Naive Arglosigkeit der bildlichen
Darstellung der Lebens- und Zeugungssymbole, deren Wiederanwendung in
den Gebildbroden zur Mittwinter- und Frhlingszeit. Etymologische
Erklrung des Namens Walburg nach dessen freundlicher und feindlicher
Anwendung.--Schluss: die Gtterjungfrau kredenzt den aus Thau, Honig,
Meth, Ael und Oel gewrzten Unsterblichkeitstrank.


II. Verena mit dem Kamme, die Kindsmutter.

Erster Abschnitt.
_Verena, eine alemannische Gauheilige_.

Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende;
ersteres bedingt durch die Legende von der thebaischen Legion, letzteres
durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verenas Weihkirchen und
Altre in der Schweiz, ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach.
Mittelhochdeutsches Gedicht: Von sand Verene.


Zweiter Abschnitt.
_Verena, die Mllerpatronin_.

Ihre Attribute: der schwimmende Mhlstein; ihre rtlichen
Kleinkindersteine. Die Mllerpatronin als Ehegttin. Der in Stein
verwandelte Brodkipf und die unerschpflichen Mehlscke.
Wirthschaftsregeln am Verenentage.


Dritter Abschnitt.
_Verena, die Geburtshelferin_.

Ihre rtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die
ihr geopferten Mdchen- und Brautkrnze; ihr Geburtsgrtel, Haarkamm und
Waschkrug; ihre landschaftlichen und kirchlichen Heilquellen.
Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachklnge von der
Gewitterriesin: das Vrenelisgrtli am Glrnischgletscher.


Vierter Abschnitt.
_Verena als Frau Venus_.

Das Tannhuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des
Volksliedes. Die Venus-, Feens- und Vrenenberge, sowie die Venus- und
Vrenenhuser, zurckgefhrt aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung
auf den ursprnglichen Mythus.


III. Gertrud mit der Maus, die Allerseelenherrin.


1) Die hl. Gertrud, heidnisch nach Namen, Legende und Attributen.

Ihre altkirchlichen Abbildungen mit der Beigabe des Wagens, Schiffes,
Stabes, der Spindel und der Muse.

2) Der Gertrudentag mit seinen Kalenderregeln und Zeitthieren: Specht,
Kukuk und Schnecke; letztere tragen zu dritt den Namen der Heiligen und
werden in deren Namen berufen als Lebens- und Todesboten.

3) Gertrud als Seelenherrin. Die Abgeschiedenen werden wieder zu Elben
und erscheinen in Thiergestalt. Die Maus als ausfahrende, umwandernde
Menschenseele, sowie als Rachegeist Abgeschiedner; der ihr geopferte
Wechselzahn. Einschlgige volksmedicinische Bruche.

4) Die Rolle der Maus bei den Erntebruchen, die in Mausform gebackenen
Zweckbrode. Gertrudens Musegespann, wiederkehrend in den Ortssagen. Das
Trinken der Gertruden-Minne, Gertrud als Fylgja und Walkre.

_Symbole_. Die Terracotta-Maus aus dem Grabfelde zu Rheinzabern. Das
Oxforder Weihnachtsbrod. Die Schnitternudel der Sssen Muschen. Das
Kalenderzeichen des Gertrudentages.


Nachtrge


Wortregister

       *       *       *       *       *




I.

Walburg mit drei Aehren,

die Ackergttin.

       *       *       *       *       *



Erster Abschnitt.

Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende.


Dem allgefeierten ersten Mai geht die Walburgisnacht unmittelbar voraus,
der heitersten Naturfreude die verderbenbringende Hexennacht. Hier eine
jungfruliche Maiknigin, aus dem frischen Grn der Haine ber den
thauigen Anger her in unser Dorf einziehend, empfangen und umjubelt von
der maientragenden Kinderschaar; dorten aber auf finsterer Berghhe die
entsetzliche Nachtknigin, Hagel und Schlossensturm, Misswachs und
Seuche brauend, unkeusche Satanstnze abhaltend, eine Feindin des
Wachsthums und der Zeugung: welch ein Contrast binnen vierundzwanzig
Stunden, welche Paarung der Brokenhexe und der Kirchenheiligen unter
einem und demselben Namen! Die nachfolgende Untersuchung strebt den
Zusammenhang dieser zwei getrennten, so hart sich widersprechenden
Hlften eines ursprnglich einheitlichen Wesens aufzuweisen und
dieselben zur wrdigen Gesammtheit eines germanischen Gtterbildes zu
vereinbaren. Zu diesem Zwecke wird hier eine Skizze der Walburgislegende
nach deren ltester Aufzeichnung, unter Weglassung der ausschmckenden
kirchlichen Zuthaten, vorangestellt. Quelle und Schauplatz der Legende
ist baierisch Franken, zugleich die Heimat des Verfassers vorliegender
Ausarbeitung.

Die Quellen, auf weiche sich die Untersuchung wiederholt zu berufen hat,
sind nachfolgende.

Das Hodoeporicon oder Itinerarium (so benannt, weil es Wilibalds Reise
nach Jerusalem enthlt) schrieb eine Landsmnnin und Zeitgenossin
Wilibalds aus ihrer eignen und der Diakone Erinnerung. Sie heisst die
Heidenheimer ungenannte Nonne, und war 762 ins Heidenheimer Kloster
eingetreten, also noch zu Walburgis Lebzeiten. Das Original ist erst
seit Canisius und Mabillon bekannt geworden und steht gedruckt bei
Falkenstein Cod. dipl. 447. Bei der franz. Invasion des Bisthums
commandirte der zu Marschal Ney's Armee gehrende General Dominik Joba
etliche Wochen in Eichstdt, berchtigt als Inkunabeln- und Gemldedieb;
er liess durch seinen Sohn am 16. Juli 1800 die Handschrift im
Chorherrenstifte Rebdorf stehlen, seitdem ist sie verloren. Sax, Gesch.
des Hochstifts Eichstdt, S. 365. Dies ist die Hauptquelle fr alle
brigen Aufzeichnungen der Walburgislegende. Die nchstfolgende
Biographie Walburgis verfasste zu Ende des 9. Jahrhunderts der Mnch
Wolfhard zu Hasenried, das sptere Herrieden a.d. Altmhl, einer im J.
888 durch Kaiser Arnulf an das Eichstdter Bisthum vergabten Abtei. Im
J. 1309 schrieb der Bischof von Eichstdt Philipp von Rathsamhausen
Wilibalds und 1313 auch Walburgs Legende, um deren Abfassung ihn Knigin
Agnes, des ermordeten Albrecht Tochter, von ihrem Stifte Knigsfelden
aus brieflich angegangen hatte. Der Bischof berschickt ihr und ihrem
Convente das verlangte Werk, betitelt: Leben, Thaten, Tod und
Wunderwerke der _seligen_ Jungfrau Walburg; die Zuschrift steht gedruckt
in der Ztschr. Argovia 5, 25. Dies Werk ist zwar schon die fnfte, aber
die erste _umfassendere_ Erzhlung der Legende, sagt Gretser X, 906b.
Der bischfliche Verfasser war von Kolmar im Elsass gebrtig und starb
1322. Bolland. 25. Febr., tom. III, 512b. Sein Werk bersetzte der
Eichstdter Stadtschreiber David Wrlein und dedicirte es dem damaligen
Bischof Konrad von Gemmingen; gedruckt zu Ingolstadt 1608 bei Andr
Angermayer. Auf diese beiden Schriften sttzen sich nachfolgende, von
uns gleichfalls benutzte Sammelwerke: Acta Sanctorum, saec. 3, pars
secunda 287.--Bollandisten tom. 3., 25 Febr.--Gretser, Vitae Sanctor.
tom. X.--Matth. Rader, Bavaria sancta, 1704.--Alle nennenswerthe weitere
Literatur ber die Walburgislegende ist verzeichnet in Rettbergs
Kirchengesch. 2, 347 und 356.

Winfrid-Bonifacius, der Apostel der Deutschen, geb. 680 zu Cirton oder
Krediton in der englischen Grafschaft Devonshire, hatte bereits bei
Friesen, Sachsen und Franken das Evangelium gepredigt, als er im
Auftrage des Pabstes Gregor II. nach Thringen und Baiern kam und in
diesem letzteren Lande zu dem damals schon vorhandenen Bisthum Passau
diejenigen zu Regensburg, Freising, Wrzburg und Eichstdt grndete.
Eine Schaar gebildeter Mnner und Frauen aus dem Angelsachsenvolke
begleitete ihn dahin und bernahm die Leitung der neuen Stiftungen.
Kunigild und ihre Tochter Bertgit verwendete er als Abtissinnen in
Thringen, Kunitrud und Tekla setzte er ins Kloster nach Kissingen,
Lioba nach Bischofsheim an der Tauber, Walburg nach Heidenheim am
Hahnenkamm. Walburg, die Tochter des angelschsischen Frstenpaares
Richard und Wunna, die Schwester von Oswald, Wunnibald und Wilibald, war
auf ihres Oheims Winfrid Rath durch Thringen nach Baiern gereist und
hier im Sualafelder Gau mit den drei Brdern zusammengetroffen. Dieser
Gau, in dem sie sich nun zusammen niederliessen, reichte vom Bergzuge
des Hahnenkamms in das Altmhlthal nach dem jetzigen Eichstdt, schloss
auf einer Seite das Weissenburger Gebiet mit Gunzenhausen und Eschenbach
in sich, auf der andern Seite die Pappenheimer Mark im Ries. Hier hatte
Bruder Wilibald schon vorher im J. 740 bei Eichstdt ein Klsterlein in
der Regel des hl. Benedict gegrndet und war fnf Jahre nachher auf der
Mainzer Synode (nach Rettberg 1, 353 schon im J. 741) zum ersten Bischof
von Eichstdt eingesetzt worden. Zusammen mit Bruder Wunnibald erbaute
er dann am Hahnenkamm zu Heidenheim ein gleiches Kloster, fgte
demselben 760 einen Frauenkonvent in der Benedictinerregel bei und
bergab dessen Leitung an Walburg. Die Stellen zu den neuen
Kirchenbauten pflegten die Geschwister sich da auszuwhlen, wo ihr
Reiseross jeweilen stetig wurde oder eine Quelle fand. Solcher jetzt
noch fr heilkrftig gehaltener Quellen zhlt man in der Eichstdter
Landschaft sechse. Ein Wilibaldsbrunnen liegt ob dem Eichstdter
Forellenweiher an der Landstrasse im Weissenburger Walde und heisst
Rmleins- oder Rimleinsbrunnen, weil der glaubenseifrige Bischof hier
Rmer getauft haben soll. Der Waldberg, aus dem die Quelle fliesst, ist
in der Fronte bis zur Hhe aufgemauert und mit Quadern, einem Thore
gleich, eingefasst; eine Abbildung giebt Falkenstein, Nordgau. Alterth.
1, cap. 1, S. 14. Der zweite Wilibaldsbrunnen liegt zunchst dem Kloster
Bergen; als der Heilige hier heranritt, sprudelte der Quell unter dem
Tritt des Rosses aus einem Felsen von 16 F. Umfang auf und versiegt
seitdem bei keiner Sommerdrre. Der dritte liegt ob der Wilibaldsburg
auf einem der zwei grnen Hhenzge, die den Eichstdter Thalkessel
umgeben. Dazu kommt noch am Wege nach dem Dorfe Titing die
Wilibaldsruhe, wo eine neuerlich abgegangene Feldkapelle mit des
Heiligen Bildnisse stand. Ferner erbaute er das Stift Heilsbronn, nach
jener mchtigen "Hails- oder auch Hagelsquelle" zubenannt, die hier in
einen dreikstigen Brunnen gefasst wurde und aus 32 Rhren sprang; sie
stand im vorderen Kreuzgange und wurde im Schwedenkriege zerstrt. Eben
so liess sich die Schwester Walburg im mittelfrnkischen Stdtchen
Heidenheim beim Ortsbrunnen nieder, welcher der Schn- und Heidenbrunnen
heisst. Als aber Wunnibald hieher auf Besuch kam, entsprang im
Klostergarten (jetziges Rentamt) auch der Ksbrunnen, ein Hungerquell,
an welchem die Heidentaufen vorgenommen wurden. Bruder Oswald erbaute
sich beim Schlosse Hohentrdingen das Stift Auhausen; seine
Wunderbrunnen liegen jedoch nicht hier, dagegen ist ihm in Tirol beim
Dorfe Oswald am Ifinger einer der drei "Jungbrunnen" dieses Landes
geweiht und er selbst gilt dorten als ein gewaltiger Wetterherr.
Zingerle, tirol. Sitt. no. 794. 936.

Ueber Jahr und Tag des Todes der Geschwister widersprechen sich die
Kirchenhistoriker Gretser, Rader, Falkenstein und Pater Luidl. Nach den
neuesten und scharfsinnigen Untersuchungen von D. Popp, Errichtung der
Dicese Eichstdt, wird von nun an Folgendes zu gelten haben.

Wunnibald stirbt 18. Dec. 761; Walburg 25. Febr. 779; Wilibald 7. Juli
781. Letzterer wurde in der Eichstdter Kathedrale, die beiden ersteren
im Kloster Heidenheim beigesetzt. Hier liess nachmals Abt Otkar
Walburgis Erdgrab erffnen und erblickte drinnen die Leiche unverwest
und thaufrisch: "totum corpus rore perfusum cernebatur". Am 21. Sept.
870 tragen zwei zusammen gebundene Rosse den Sarg nach Eichstdt und
bleiben hier freiwillig vor der Kirche zum hl. Kreuz stehen. Also liess
Otkar die Leiche hier bestatten und den Tempel Walburgiskirche benennen.
Schon auf dem Wege hieher hatten zwei Epileptische den Sarg berhrt und
wurden dadurch geheilt. Ein Lahmer geht auf Krcken voran in die Kirche
zu Wilibalds Grab und ruft da: Wilibald, gib mir das Botenbrod, deine
Schwester kommt! Darber lsst er die Krcken fallen und ist geheilt.
Gretser 739. Gegen das eben genannte Jahr dieser Versetzungsgeschichte
streitet indess die weiter gehende Erzhlung von der Theilung der
Walburg-Reliquien. Als nmlich Walburg gestorben war, hatte ihre
Gefhrtin Lioba kein Gefallen mehr an Heidenheim, sondern grndete aus
ihren reichen Mitteln im J. 870 zu Monheim ein Frauenstift in der
Benedictinerregel, und die von ihr nach Eichstdt abgegebenen
Walburgisreliquien mussten nun mit dem neuen Stifte Monheim getheilt
werden. Als man sie desshalb im J. 893 zu Eichstdt wiederum aufgrub,
zeigten sie sich mit einer wundersamen Flssigkeit berzogen, die bei
Berhrung nicht an den Fingern kleben blieb: cineres lympha tenui
madefactos, ut quasi guttatim ab eis roris stillae extorqueri valerent
(A. SS. 11, 293). Beide eben citirte Stellen sind in so ferne von
Belang, weil sie die ersten Andeutungen des nachmals so berhmt
gewordnen Oelflusses enthalten. So blieb also ein Theil der Reliquien zu
Eichstdt, der andere kam nach Monheim und wurde hier an jedem
Jahrestage durch vier Stadtrthe in einem silberberzogenen Srglein in
gewohnter Prozession umhergetragen. Als aber durch die Reformation die
Klster des Sprengels der Reihe nach aufgehoben wurden: Solenhofen,
Wlzburg, Baring, Heidenheim, Monheim, zerstrte der Bildersturm
(haereticorum furor, sagt Rader 3, 48) auch die hl. Grfte, so dass
Wunnibalds Sarg in Heidenheim und die silberbeschlagne Arche in Monheim
spurlos verloren giengen. Letzteres geschah erst 1542. Man sagt,
Walburgis dort verwahrt gewesener bischflicher Stab, auf dessen
Berhrung Blinde das Augenlicht wieder erhielten, sei spter auf dem
Walpersberge bei Kln von den Jesuiten verwahrt worden und alljhrlich
am 1. Mai im Flurumgang durch die Felder getragen worden. A. SS. pg.
302. Wir werden spter darauf noch zurckkommen.

Von den Krpertheilen Walburgis ist in ihrer Gruft zu Eichstdt nichts
anderes mehr als nur das Brustbein vorhanden. Dasselbe liegt dorten im
Altar der Gruftkapelle der schon 1040 renovirten und 1631 neugebauten
Walburgiskirche. Dieser Altar, ein lnglichter Steinwrfel, ist in
seinem Fundament nach aussen viereckig ausgehauen, so dass er als ein
auf seine Breitseite umgelegter lterer Steinsarg erscheint. Sein
Material ist Sandstein, wie ihn die Brche vom benachbarten Pleinfelden
ergeben. Durch seine Hhlung geht der Lnge nach eine ebne
ungeschliffene Kalksteinplatte von der Art des nchsten
Eichstdterbruches, aufgesetzt auf zwei kurze Trger aus Sandstein.
Diese Bank heisst der Gnadenstein, denn auf ihrer nackten Flche liegt
Walburgis Brustbein. Anfangs Oktober frbt sie sich blaulicht und
berluft mit dunstigem Stoff, der zu erbsengrossen Perlen gerinnt und
tropfenweise ehedem in einem viereckig ausgehauenen Mittelraume sich
sammelte. So beschreibt es Gretser X, 907 (gestorben 1625); der sptere
Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, 31 sagt, dass diejenigen Tropfen, die
nicht von oben her, sondern von der Seite der Steinbank hervordringen,
durch silberne Abzugsrinnen in eine darunter stehende Goldschale
geleitet werden, und so schildert es auch die Bavaria (3, Abth. 2, 979)
als heute noch bestehend. Der Innenraum des Gruftsteins ist durchweg mit
Silberblech berzogen, die Vorderseite wird mit einer von innen
silberbeschlagenen Eisenthre verschlossen. Dies ist das Mirakel des
Oelthauens, von der Kirche das stillicidium genannt. Das Oel ist weiss
und hell, geruch- und geschmacklos und schnell verflchtigend;
unaufgesammelt soll es am Gruftstein wie griesiges Schmalz in sich
selber verstocken: Es wird von den Klosterfrauen in kleine, langhalsige;
mit Wachs verschlossne Glasflschlein zum Verkauf umgeleert: An Ort und
Stelle hat der Verfasser dieses in seiner Jugend eine messingene Eichel,
vergoldet und am Napfdeckel aufzuschrauben, den Klosterfrauen abgekauft;
sie enthielt wohlriechende, in dies Oel getauchte Baumwolle nebst einem
gedruckten Gebrauchszettelchen, wornach man unter bestimmten Gebeten
diese Wolle in schmerzende Zhne und Ohren steckt. Frauen tragen derlei
geweihte Metalleicheln an dem silbernen Schnrwerk des Mieders.

Der erste Mai galt durchgehends als der Tag, da das Stillicidium
begann. Joh. Georg Keysler, ein kirchlich unbetheiligter, in seinen
Forschungen sehr genauer Autor, weiss in seinen Antiquitates Septentr.
(Hannoverae 1720) S. 88 noch nicht anders, als dass dieser Oelfluss
erfolge cum die prima Maji. Allein dieser Termin behagte den kirchlichen
Skribenten nicht, vielmehr scheint seit dem 17. Jahrhundert, da Gretser
die Geschichte der Eichstdter Bischfe und dieses Mirakels schrieb,
folgende Zeit dafr zur Geltung gebracht worden zu sein: Mit dem 12.
Oktober, als dem Tage, da Walburgis Gebeine von Heidenheim in die Gruft
nach Eichstdt bertragen wurden, beginnt das Oel zu fliessen und
fliesst fort bis 25. Februar, als der Heiligen Todestag; alle brigen
Monate, heisst es, bleibe der Gnadenstein unter jedem Witterungswechsel
trocken. Allein im Widerspruche mit dieser Berechnung sagt die lteste
Aufzeichnung der Legende ausdrcklich: die apostolorum Philippi et
Jacobi celebratur usque hodie festum canonizationis Walpurgae; eodem die
omni anno stillicidium ejusdem sanctae virginis ad potandum
administratur (Gretser X, 898b). Philipp und Jacobi fallen bekanntlich
auf 1. Mai, dessen altheidnische Feier gildenweise mit dem Aeltrinken
begangen wurde. Um nun diesen paganen Brauch vollends hier aus der
Kirche zu entfernen, suchte man zu erweisen, dass der 1. Mai weder
Geburts- noch Todestag, sondern nur der Canonisationstag Walburgis sei,
und kmmerte sich nicht weiter darum, dass das Walburgisfest in
verschiednen Gegenden Deutschlands schon seit alter Zeit zu fnf
verschiednen Monaten und Tagen kirchlich begangen wurde[1].

Ein fernerer Grund, der hier verschiedene Male nthigte, den solennen
Beginn des Oelflusses auf andere Termine anzusetzen, liegt in der
Eichstdter Oelquelle selbst, die eine intermittirende ist und ausserdem
in frheren Jahrhunderten viel reichlicher floss als heute. Oftmals
bleibt sie sogar ganz aus. So schon unter Bischof Friedrich II., welcher
1237 sammt seinem Domkapitel von der Brgerschaft verjagt wurde. Die
versperrte Domsakristei wurde aufgesprengt und verwstet, das
Walburgisl hrte auf zu fliessen. Sicherer jedoch ist derselbe Fall, da
1713 zum grssten Schrecken des Klosters vom 15. Februar bis 9. Mrz
fast kein Tropfen Flssigkeit an dem Gnadensteine bemerkbar war; nach
einer alten Tradition schob man die Schuld auf die im Convent der
Schwestern ausgebrochne Uneinigkeit. Sax, Gesch. des Hochstifts
Eichstdt, S. 283. In der Leichenrede, die der Jesuite Jos. Giggenbach
beim Tode der dortigen Abtissin Maria Anna Barbara hielt (gedruckt zu
Eichstdt 1730, 4), heisst es S. 27: Walburg lasse das Oel in solchem
Masse aus ihrem Brustbeine entquellen, dass man damals ein hohes grosses
Glas voll davon im Kloster zurck gestellt hatte; zur Hlfte trank es
die erkrankte Abtissin weg und sprach: Deine Kinder, o Heilige, haben
sich so stark vermehrt, dass sie entweder dursten und hungern mssen,
oder du ihnen die Muttermilch vermehren musst! worauf jenes halbgeleerte
Gefss sich sogleich wieder ganz mit Oel anfllte.--Der Eichstdter
Bischof Philipp von Rathsamhausen, Verfasser der drittltesten
Walburgislegende, erzhlt, wie er es selbst becherweise gegen seine
Krankheit getrunken: praecepimus nobis copiosius (de oleo) adferri, et
desiderabili haustu phialam plenam ebibimus. A. SS. saec. III. P. II,
306. Als es einst ein ganzes Jahr nicht mehr geflossen war und die
darob verzagten Eichstdter ihren Sittenwandel besserten, brach es so
reichlich los, dass man ein Weinlgel von einer halben Pinte, also ein
wirkliches Fass, damit anfllen konnte. Ibid. pag. 307.

So verwundert sich auch "das Buch vom Aberglauben" (von H.L. Fischer)
Hannover 1794, Bd. 3, 118 ber "die ungeheure Menge" Walburgisl zu
Eichstdt, die in alle Gegenden verschickt und in schweren Krankheiten
statt Arzenei verbraucht wird; es soll, sagt der Verf., wirkliches
Bergl von grosser Durchsichtigkeit und sehr flchtig sein; wer es bei
sich trage, behaupten die Mnche, msse sich im Stande der Gnaden
befinden, damit es nicht sogleich verfliege.

Dass das Oel hier nicht aus der Reliquie, sondern aus dem Tragsteine
derselben quillt, hatte die Kirche ursprnglich nicht verheimlicht.
Schon Gregor von Nazianz sagt, nicht nur der Mrtyrer Asche und Gebein,
sondern auch andere den Reliquien nahegebrachte Dinge sind heilkrftig,
und so auch das Oel, das aus den Heiligengebeinen "oder aus ihren
Grabsteinen herausfliesst." Vom Grabe der hl. Katharina erzhlt Reinfrit
von Braunschweig (Grimm, Altd. Wlder 2, 185), wie ole von irme lbe
vlz; und das Gedicht von Katharinens Marter (Pfeiffer, Germania 8, 179)
fgt erklrend bei:

    z dem sarksteine,
    d inne lt diu reine,
    vil heilic ol vlzet,
    des diu werlt vil genzet.
    der iht siecheite hat,
    des wirt al ze hant rat,
    als man ez dar an strchet.

In Tirol kennt man kirchlich zwei solcher lspendenden Steine; der eine
lag ehmals in der alten Kirche zu Niedervintl und trug die Inschrift:
Brunnen des Oels, 1500; der andere ist noch im Kirchlein St. Kosmas und
Damian, bei Bozen. Aus einer Eintiefe an seiner Oberflche quoll Heill
und wurde von zahlreichen Pilgern begehrt, doch es vertrocknete fr
immer, als der Eigenthmer der Kapelle damit Wucher zu treiben begann.
Zingerle, Tirol. Sag. no. 624. 625. Als zu Eichstdt 1309 die Gebeine
des hl. Gundacar erhoben wurden, ergaben sowohl sie wie der Deckel des
Steinsarges eine so reichliche Menge fliessenden Oeles, dass der
damalige Bischof Philipp von Rathsamhausen hievon zwei Gefsse fr die
Kranken anfllen liess. Sax, Eichstdt. Hochstift S. 101. Die von Rom
nach Tegernsee gebrachten Gebeine des hl. Quirinus ergaben in dortiger
Quirinuskapelle ein Heill, das in kleinen Flschlein an die Glubigen
verkauft wurde. Heute steht diese "Oelkapelle" noch; einige Quellen
olivengrnes Naphta entspringen unter ihrem Dache; man sammelt jhrlich
davon gegen 40 Mass. Steub, Bair. Hochland, 196.

Die im Reliquiencultus so unenthaltsam gewesne Kirche hat sich indessen
auf solcherlei Steinl allein nicht beschrnken mgen. Schon zu
Justinians Zeit fliesst Oel aus Heiligenknochen (Grimm, GDS. 140); von
Orosius an meldet eine Reihe mittelalterlicher Schriftsteller, welche in
Massmanns Kaiserchronik 3, 556 aufgefhrt sind, zu Rom sei bei Christi
Geburt ein Oelbrunnen entsprungen und habe sich in die Tiber ergossen.
Zugleich fllt damals auch ein Honigregen. Sechzehn Heilige und
achterlei heilige Jungfrauen zhlt Matth. Rader, Bavaria sancta 3, 49
auf, aus deren Gebeinen nunmehr wunderthtiges Oel fliesst. Kaspar Lang,
Histor. theolog. Grundriss 1692. 1, 84 und Abraham a Sta Clara (im Judas
der Erzschelm 4, 42) setzen diese Zhlung noch weiter fort. Mit dem Oel
der hl. Helena einen Kristall zu betrufen, um damit den Dieb zu
entdecken, rth Felix Hemmerlin (1454) in seiner Schrift de exorcismo.
Gretser X, 907 nennt ferner die hl. Elisabeth in Thringen, die
Martyrknaben zu Novara und noch andere, deren Gebein, in Kirchenaltren
ausgesetzt, Oel giebt, und Rader 3, 41 fgt bei, Gleiches stehe der
Walburgis um so mehr zu, als sie eine im Dienste Gottes streitende
Jungfrau gewesen sei und also in diesem tglichen Faustkampfe Oel habe
schwitzen mssen:

    Cur oleae stillat Walpurgis ab artubus humor?
    In cavea Martis num pugil illa fuit?

Im Stil der Kirchenvter wird der mit dem Satan ringende Christ mit dem
Athleten in der Arena verglichen, dessen Leib mit dem Oele des Gebetes
gesalbt ist, damit der Feind ihn nicht fassen knne. So sagt
Pseudo-Ambrosius (de sacram. I, 2): Venimus ad fontem--Unctus es quasi
athleta Christi. Denselben Gedanken ussert auch Chrysostomus in seiner
6. Homilie ber den Brief an die Coloss.--Nork, Realwrtb. 3, 301.

Von der Wunderwirkung des zu Eichstdt fliessenden Oeles sagen die Acta
SS. 1. c. pg. 306, dass es Blinde, Taube und besonders hufig Lahme
geheilt habe; Gretser fgt bei, X, 917, es frdere die Geburten, auch
lutherische Frauen htten in Kindesnthen damit den Versuch gemacht und
seien darber wieder der alten Kirche beigetreten. Medibards Hymnen (bei
Gretser 801, dritte Reihe) wissen, dass es besonders den Wolfshunger
heilt:

    Hinc quendam fastidiosum
    Fame paene mortuum
    Alloquens per visionem
    Monet, ut de calice
    Ejus biberet; quo facto
    Esuriit solito.

Der Monheimer Knabe Beretgis, seit 3 Jahren an beiden Fssen lahm, wurde
von seiner Mutter Ratila zum Walburgisgrabe in Monheim getragen und da
auf ihr Gebet sogleich hergestellt; worauf sie ihn der Kirche, durch die
er seine Krperkraft wieder erlangt hatte, zu lebenslnglicher
Leibeigenschaft bergab. A. SS. ibid. pag. 304. Die mystische Kraft,
welche dem Walburgisl beigelegt wurde, erklrt sich Jac. 5, 14: Ist
einer unter euch krank, so rufe er die Aeltesten der Gemeinde herbei,
dieselben sollen ber ihn beten, nachdem sie ihn mit Oel gesalbt im
Namen des Herrn--und der Herr wird ihn aufrichten.

Da Walburgs Reliquien in vielerlei Kirchen zerstreut worden sind (per
totum mundum, ad diversas Francorum provincias S. Walpurgis reliquiae
dispersae sunt. A. SS. l.c. 306), so ist auch in vielen Provinzen das
Wunderl zu haben gewesen. Oel, Knochen, fnf Zhne und ein Gewandrest
Walburgis wurden zu Wittenberg jhrlich am Montag nach Misericordias
ausgestellt, wobei ein Glas voll von demjenigen Oele mit hergezeigt
wurde, das aus den Gebeinen der hl. Elisabeth, Landgrfin von Hessen,
geflossen war. Das Glas ging an Luther ber, der wie J. Mathesius
erzhlt, es einst seinen Joachimsthaler Gsten zu einem andchtigen
Tischtrunk aufstellte. Karl der Kahle hatte in der Kaiserpfalz zu
Attigny (Champagne) eine Walburgiskirche erbaut; noch im J. 1720 kamen
daselbst die Geistlichen von mehr als vierzig Pfarreien am 1. Mai
zusammen, um das Walburgisl auszuspenden. Odo, Abt zu Clugny, (Burgund)
kannte in seiner Nachbarschaft eine Walburgiskirche, in welcher die
dortigen Partikeln etliche Tage des Jahres Oel schwitzten; die Heilige
hiess dorten Sainte Vaubourg und Gualbourg. Gretser pg. 906. Bolland.
518b. 519a. A. SS. II, pg. 307. 308.

Von altkirchlichen Abbildungen Walburgis sind folgende zu nennen. Im
Schiff der Heidenheimer Klosterkirche, die whrend der Reformation
verwstet wurde (more Lutheranae sectae, quae omnia sacra polluit, sagt
Rader 3, 45) liegt gegen das Chor zu ein 2-1/2 F. hoher Grabstein, auf
welchem Walburg in ganzer Figur ausgehauen ist, in der rechten Hand
einen Stab haltend, auf dessen Wirbel ein kleines Kreuz sitzt, in der
linken ein Buch, zu Fssen ein Wappenschild. Dieser sulengeschmckte
Aufbau mit Perlenfries gehrt den Werken der romanischen Periode an
(Bavaria 3, 863). Auf einem gegenber liegenden hnlichen Grabstein ist
Wunnibald ausgehauen; drunter steht die Inschrift: sepulcrum stae
Walburgis 1484. Eine Abbildung davon erschien bei Brgel in Ansbach und
im Jahresberichte des histor. Vereins fr Mittelfranken 1843. Der hl.
Wilibald mit seiner ganzen Verwandtschaft ist dargestellt auf einem
Teppich, welcher ursprnglich in der Eichstdter Kirche aufbewahrt
wurde und nun im Mnchner Nationalmuseum ist.--Auf folgenden Stichen
erscheint die Heilige als Abtissin mit dem Stab, das Oelflschlein in
der Hand haltend:

Fons olei Walpurg. a Jacobo Gretser, S.J. Ingolst. 1629.--P. Emil de
Novara, capuccino. Breve ristretto della Sta. principessa Walpurga.
Eichst. 1722.--Matth. Rader, Bavaria sancta. Mnchen 1704 (wiederholt
das Grabmal).--P. Goudin, Unerschpflicher Gnadenbrunnen der hl.
Walburgis. Regensb. 1708.

Besondere Weihkirchen und Kapellen besitzt die hl. Walburg auf dem
Gebiete der Baiern, Alemannen, Franken, Burgundionen, Niedersachsen und
Friesen; soweit durch dieselben der hier zu behandelnde Stoff
vervollstndigt wird, wird von ihnen im Einzelnen ferner hier die Rede
sein. Eben dieselbe Bemerkung hat auch von den an vielfachen Orten
aufbewahrten und verehrten Walburgsreliquien zu gelten.

Auf dem bairischen Lechfelde liegt in der Gemeindeflur von Kaufering
eine sehr alte Walburgskapelle, auf ihrem eignen Hgel stehend, von
Linden beschattet, von einer Mauer eingefriedet. Der Eintritt fhrt drei
Stufen abwrts, die Wand ist schwarz, das Innere finster. Im Anbau steht
der Pestkarren, die Rder sind mit Filz beschlagen, um die zur Pestzeit
gehuften Leichen geruschlos abzufhren. Walburg hat jener Pest
gewehrt. Diese Kirche, sagt das Volk, sei heidnischen Ursprungs, man
habe hier noch den Gtzen geopfert. Schppner, Bair. Sagb. no. 889.

Bairische Ortschaften, vom Namen Walburg ableitend, zhlt das
topographisch-statistische Handbuch des Knigreichs (Mnchen 1868)
folgende auf: Walbenhof, Einde bei Neustadt a.d. Waldnab; Walbenreuth,
Dorf bei Tirschenreuth; Dorf Walberngrn bei Stadtsteinach; Walbertsberg
bei Kunreut; hier wird neben der Walburgskapelle unter den Linden ein
Maimarkt abgehalten, zu welchem die Landleute bis auf zehn Stunden weit
zusammen kommen. (Reynitzsch, Truhtensteine 187.) Walburgskirchen, Dorf
bei Pfarrkirchen; Walburgsreut, Weiler bei der Stadt Hof;
Walburgswinden, Einde bei Neustadt a.d. Aisch; Walpenreuth, Dorf bei
Berneck; Walpersberg, Dorf bei Bogen; Walpersdorf, ein Weiler bei
Rosenheim, und zwei gleichnamige Drfer bei Rottenburg und bei
Schwabach; Walpershof, Dorf bei Eschenbach; Walpersreuth, Weiler bei
Neustadt a.d.W.; Walperstetten, Dorf bei Dingolfing; Walperstorf, bei
Landshut; Walpertshofen, Weiler bei Dachau; Walpertskirchen, Pfarrdorf
bei Erding; Wlbersbach, Dorf bei der Stadt Hof; Wolpersreut, Dorf bei
Kulmbach; Wolperstetten, Dorf bei Dillingen; Wolpertsau, Einde bei
Neuburg an der Donau. Diese Liste lsst sich jedoch noch um vieles
vermehren, wenn man dabei die mundartlichen Formen des Namens
Walburg mitverwerthet. Er lautet im Altmhlthale Brgli, in
altbairisch-oberpflzischer Mundart Walberl (nicht zu verwechseln mit
Waberl, Wawl, Wabm, was in Altbaiern und Mittelfranken Barbara ist), im
tiroler Zillerthal Purgel u.s.w. Einer der Hauptberge am oberbaierischen
Tegernsee wird 1420 in einem Lateingedichte des Peter v. Rosenheim als
Walber foecundissimus begrsst. Schneller Wrtb. 4, 61.

Das schwbische Rittergeschlecht von Waldburg, einst Truchsessen,
nunmehr wrtembergische Standesherren, theilt sich in die Linien
Hohenlohe-Wb., Waldburg-Zeil, Wb.-Wurzach, Wb.-Wolfegg. Ihr Stammschloss
ist die beim gleichnamigen Pfarrdorf gelegne Veste Waldburg, sdstlich
von Ravensburg. Vier Treppen hoch in dieser Burg liegt die
Walburgiskapelle. Von den zu Kln bei den Jesuiten aufbewahrten
Wb.-Reliquien hatten sich die Grafen Einiges erbeten, jedoch erfolglos.
Bolland. 3, 518.

Im Elsass hat Walburg drei Kirchen: 1) diejenige bei Leimen mit der
Wallfahrt zum Helgenbronn, von welcher weiter unten die Rede sein wird;
2) zu Knrsheim bei Maurmnster; 3) bei Biblisheim, unfern der Stadt
Hagenau; sie wird im J. 1085 als Kloster genannt (Trithem. Chron.
Hirsaug. 1, 280) und 1102 vom Schwabenherzog Friedrich I. zur Abtei
erhoben. Neugart, Episc. Const. 2, 8.

Auf einer Halbinsel der Seine stand in der Normandie eine
Walburgskapelle, diejenige Stelle bezeichnend, wo die Heilige auf ihrem
Wege aus England nach Deutschland ausgeruht hat. Gretser, 906.

Der grssere Theil der ltesten Kirchen Niederdeutschlands ist derselben
Heiligen geweiht, so zu Grningen, Veurne, Utrecht, Antwerpen, Arnheim,
Aldenaerde, Brgge, Ztphen, Harlem; von ihnen wird im Einzelnen spter
noch zu handeln sein.

Reliquienpartikeln von der hl. Walburgis lagen laut Falkenstein,
Nordgau. Alterth. 1, 29 im vorigen Jahrhundert in folgenden Kirchen.

In Baiern zu Augsburg, zu Monheim und im Kloster Andechs. Ferner zu
Mainz in der Gereonskirche zu Kln ein Finger, in der Jesuitenkirche
daselbst die Hirnschale, welche dahin kam vom benachbarten Walpersberg,
einem vormaligen Kloster. In Frankreich zu Attigny und Clugny. Die Acta
fundationis monasterii Murensis (Kloster Muri im Aargau ist 1027
gegrndet) nennen bei Herzhlung der daselbst verwahrten Reliquien zu
dreien malen Knochen und Asche vom Leib der hl. Walburg.
Reliquienpartikeln des hl. Wilibald und Wunnibald und Richardis
bersendete 1482 der Eichstdter Bischof Wilhelm von Reichenau an Knig
Heinrich VII. von England, der sie in Canterbury verwahren liess. Ueber
diese Reliquien und die der Walburg gewidmeten Kirchen hat der Jesuite
Godefredus Henschenius in Actis SS. ausfhrlich berichtet.

       *       *       *       *       *

FUSSNOTEN:

[1] Die folgenden nennt Gretser, Vitae SS. tom. X.

25. Febr., Walburgis Todestag, wird begangen zu Eichstdt in der
Kathedrale, und zu Antwerpen in der Basilica.--20. Mrz: Gretser l.c.
pag. 907.

1. Mai, Walburgis Translation von Heidenheim nach Eichstdt; gefeiert in
der Eichstdt. Kathedrale und zu Antwerpen in der Basilica.
Bollandisten, 25. Febr., tom. III, 513a. Das Martyrologium des schweiz.
Klosters Rheinau stammt aus dem X. Jahrh. und setzt auf 1. Mai die
Feier: Philippi et Jacobi et S. Waldp. uir(go). Marzohl-Schneller,
Liturgia 4, 768.

4. Aug.: exitus Walburgis ex Anglia, gefeiert zu Eichstdt (Bollandisten
ibid. 514b); zu Tornacum, Gandanum, Antwerpen und Aldenaerde: Bolland.
522; zu Veurne, in der flandr. Dicese Ypern: Gretser X, 912.

12. Okt.: Antwerpner Basilica und Eichstdter Walb.kloster.

       *       *       *       *       *



Zweiter Abschnitt.

Walburgis Hunde, Walburgis Aehren.


Unter den kirchlich sehr korrekt gehaltenen Abbildungen, mit denen die
bairischen Hofmaler und Kupferstecher Sadler, Vater und Sohn, des
Matthus Rader Bavaria Sancta (1615) ausgeschmckt haben, ist Bd. 3 auch
das Eichstdter Grabmal Walburgis dargestellt; wunderlich aber liegt da
zwischen den Andchtigen neben den Stufen des Steinsarges ein grosser
Hofhund, ruhig schlafend. Dass der Hund das Geleitsthier unsrer Jungfrau
gewesen, ist kirchlich in Vergessenheit gerathen; die Acta SS. (saec. 3,
tom. II, 291) und die Bollandisten, (tom. 3, 560a) wissen jedoch noch
davon. Walburga nuncupor, spricht die Heilige, die Nachts an die Thre
des reichen Hofbauern kommend, von den scharfen Rden angefallen wird;
auf dieses Wort werden sie zahm; und darum, erzhlt Bischof Philipp
(gestorben 1320), habe man seiner Zeit Walburg gegen den Biss toller
Hunde angerufen. Es lsst sich indess dieses Attributthier der Heiligen
als anderen Ursprunges und aus einer viel frheren Zeit nachweisen. Die
Vorgeschichte des Bisthums Eichstdt spielt nicht in dieser Stadt,
sondern in einem Orte, welcher rmisch Aureatum heisst und schon seit
Aventins Zeiten, der 1519 diese Gegenden im historischen Interesse mit
einem Empfehlungsbriefe seines bair. Herzogs bereiste, zwischen den
beiden Drfern Rothenfels und Nassenfels an der Neuburger Heerstrasse
gesucht wird. Nach diesem Aureatum benannten sich die Eichstdter
Bischfe Aureatensis ecclesiae episcopi, und Walburg wird ebenso von
Celtes im 2. Buche seiner Oden die Zierde der Aureatensischen Landschaft
geheissen. An den beiden Umfangsmauern des Kirchhofs zu Nassenfels sind
Votivsteine des Mars und der Victoria eingemauert und ein dritter der
Fortuna geweihter ebendaselbst wurde 1866 in das Antiquarium nach
Mnchen gebracht. Die dortigen Feldbreiten liegen voll rm.
Geschirrtrmmer und Reste von Brennfen, deutlich unterscheidet man
noch den Lauf der Rmerstrasse. Als nun der gelehrte Jesuite Gretser
1620 von der Universitt Ingolstadt aus Nassenfels besuchte, fand er an
dortiger Dorfkirche ein im Boden steckendes Standbild, das eine Frau
vorstellte, zu deren Fssen, von Erde berschttet, angeblich ein Hund
liegen sollte. Gretser schloss auf ein Dianenbild. Solcherlei
Steinbilder, eine Frau darstellend mit dem Hunde zu deren Fssen, sind
seit dem J. 1647 bis auf die Neuzeit in niederrhein. Gegenden viele
entdeckt worden und tragen dorten in ihren Inschriften den Namen der
Nehalennia, eines zwar von Rmerhnden gemeisselten, aber deutschen
Gtterbildes der Fruchtbarkeit. In Keyslers Antiquitat. Septentr. 236,
und in Wolfs Beitrgen 1, 149 sind diese Bildwerke beschrieben. Aber
derselbe typische Hund fehlt nun auch in der Krypta der Heidenheimer
Kirche nicht, wo Walburgis frhestes Grab gewesen war. Panzer, bair.
Sag. 1, S. 132 beschreibt diese Krypta als einen Bau, dessen Formen auf
den frhesten romanischen Stil hinweisen. Eine in der Wand der Gruft
angebrachte steinerne Console, die ehedem ein Steinbild getragen haben
musste, zeigt einen Wappenhelm mit der Helmzier des Brackenhauptes,
dessen herabhngende Ohren von zwei Jungfrauen mit den Hnden berhrt
werden. Man sagt, hier seien die Abkmmlinge des Rittergeschlechtes Hund
begraben.

Die benachbart sesshaften Grafen von Oettingen-Spielberg fhren dasselbe
Brackenhaupt im Wappen, schwarz und weiss quadrirt, also genau in Form
und Farbe des Hohenzollerschen Helmkleinods: caput et collum molossi
genannt in Speners Wappenwerk. Lepsius, Kl. Schrift. 3, 164. War hier
nun wirklich die Erbgruft der adeligen Hund gewesen, so leitete bei der
Wahl derselben jedenfalls die Verwandtschaft zwischen dem Wappenthiere
jenes Geschlechtes und dem Gefolgsthiere Walburgis. Denn Heidengttinnen
und hl. Jungfrauen sehen wir stabil vom Hunde gefolgt. Aller Hunde
erster ist Garmr, besagt die Edda von Odhinns Hund. Grauhunde begleiten
die drei Nornen. Die Fruchtbarkeitsgttinnen Frau Harke, Frau Gode und
Frau Frick haben stets den Hund bei sich; die zu Weihnachten bescherend
umziehende Frau Berchte heisst davon in Steiermark die Pudelmutter
(Weinhold, Weihnachts-Sp. S. 11). Die 24 Tchter der Fr Gauden umbellen
den Jagdwagen ihrer Mutter als eben so viele Hndinnen. Colshorn, Mrch.
u. Sag. no. 75. Das Hndchen der hl. drei Schwestern zu Schlehdorf war
daselbst auf einem alten Altarbilde mitgemalt zu sehen, und die drei
_steinernen_ Jungfrauen zu Velburg erschienen gefolgt von einem Hunde,
welcher gleich ihnen zu Stein geworden war. Panzer, Bair. Sag. 1, S. 25.
289. 290. Es ist daher kein Absprung, wenn die Sage das berirdische
Hndchen auch der Jungfrau Maria zum Gesellschafter giebt; Belege
hiefr: Schmitz Eiflersagen vom J. 1847, 43. Hocker, Moselsag. 168. Das
hlzerne Altarbild Marias in der Kapelle Marienbrunn zu Baden-Baden
steht gerade ber der daselbst sprudelnden Quelle, neben demselben ist
der Hund in Stein gehauen, der das Bild aus dem Brunnen gescharrt hat.
Baader, Bad. Sag. 131. Aus diesem Grunde ist der Hund nicht bloss das
Wahrzeichen der Burgen gewesen (so am Schlosse Hornberg: Schnezler, Bad.
Sagb. 2, 591), sondern steht auch an Kirchen ausgehauen, wie an der
Laurentiuskirche zu badisch Bretten und an der eben erwhnten Kapelle zu
Marienbrunn; derselbe galt da von so alter Abkunft, dass man, z.B. von
der Hundskapelle bei Innsbruck sagt, sie sei ein Heidentempel gewesen.
Zingerle, Tirol. Sitt. no. 950.

Ueber die Farbe dieses Hndchens belehrt uns die Farbensymbolik; als das
freundlich-wohlthtige Geleitsthier der schnen Weissen Frau ist es
gleichfalls ein weisses, aber die Hunde der Sturmnacht sind schwarz, die
des Gewitters feuerroth. So erklrt es sich in Mythe und Opfer. Der
Rost, der whrend der Hitze der Hundstage das Getreide befllt, war dem
Rmer versinnlicht durch das Gtterpaar des Robigus und der Robigo, die
beide den Namen des Kornbrandes tragen und in der umbrisch-etruskischen
Gtterlehre Rupinie und Hunta hiessen. Ihnen war das Fest der Rubigalien
geweiht, indem man in den Tagen vom Entstehen des Getreidekorns in
seiner Hlse bis zu seinem Heraustreten aus der Fruchtscheide durch den
Priester zu Rom am Hundsthore (Catularia porta) rothe Hndchen
schlachten und verbrennen liess. Damit suchte man den Brand in Rebe und
Kornhre abzuwehren, weil man den glhenden Hundsstern fr die Ursache
des Getreidebrandes hielt. Erklrend sagt daher Ovid. Fast. 4, 941:

    Fr den Hund des Gestirns wird Dieser geopfert am Altar,
    Und erleidet den Tod wegen des Namens allein.

Aus hnlichem Grunde musste in Deutschland der Frohnknecht alljhrlich
zur Zeit der Hundstage die beralten Hunde todtschlagen, zu Leipzig im
April und August, in Norddeutschland zur Fasnacht. J.P. Schmidt,
Fastelabendgebruche. Rostock 1793, 150. 153. Waren diese fr die
Landwirthschaft gefhrlichen Fristen vorber, so vergtterte man das
Thier als den Vermittler der Fruchtbarkeit (Cicero I de nat. Deor.),
oder man streute ihm Brod und Mehl. Zu Niedersterreich wird am 28. Dec.
(Kindleinstag) Mehl und Salz gemengt zur Dachfirst hinausgestellt; das
wird das Wind- und Feuerfttern genannt. Zerfhrt der Wind dies Opfer,
so sind im nchsten Jahre keine schdlichen Strme zu befrchten. Ein
Weib in Munderkingen setzte schwarzes Mus zum Dache hinaus: "man msse
die Windhunde fttern." Birlinger, Schwb. Sag. 1, 191 und no. 301. Das
eben angefhrte Beispiel zeigt, dass man dies den Winden gebrachte
Spendopfer sprachlich missverstehend auf die Windhunde anwendete, da das
Wort Wind in unsrer Sprache beides bezeichnet ventus und velter. War der
erste Schnee gefallen, ehe Frost und Sturm die keimende Saat beschdigen
konnten, so sagte unsre Vorzeit: gib den winden brt, ez hat gesnget.
Grimm RA. 256. Hatte man den Hund (Sturmwind) des W. Jgers Hackelberg
in ein Haus herein gelassen, so lag er da den Winter ber an der
Herdstelle und frass nichts als Asche; zum Ersatz aber war ein so
mildherziges Haus im Frhjahr drauf mit Milch und Butter reichlich
gesegnet. Haupt, Ztschr. 6, 117. Kuhn Nordd. Sag. no. 2. Dazu galten
noch bestimmte Pflichtigkeiten der Lehensleute. Moscherosch im Phil. von
Sittewald (Strassburg 1665) 2, 167 schreibt: Die Eylff Hunde (erhalten)
jeder 4 Mietschen (franzs. miche). Eine Offnung von 1469 verpflichtet
die Lehensleute gegen den aufreitenden Vogt: vnd ht er zwen wind mit jm
traben, denen sllent sy geben ain hslaib. So bildet sich aus der
Vorstellung vom Windhund der W. Jagd der Begriff des sogenannten
Nahrungshundes, ein Name, der am Ober- und Mittelrhein fr jeden
geheimnissvollen Haussegen gilt. Hat man ausgedroschen, so erhalten die
oberdeutschen Drescher zum Schlussmahl gekochte Mehlsptzlein, die man
in Baiern Nackete Hndlein heisst; wer aber bei der Arbeit einen
Tlpelstreich gemacht hat, bekommt eine Strohpuppe, die Hundsfud;
beiderlei Namen sind Sinnbilder der Fruchtbarkeit. Gebackene Hndlein
wirft man zur Abwehr der Feuersbrunst in die Flammen. Panzer, Bair. Sag.
2, 516. Von den die Saaten zerwhlenden Hunden des Windes sprang die
Vorstellung ber auf den Biss der wthenden Hunde, hielt aber in beiden
Fllen die Kornhre und das Brod noch immer als Bindemittel fest. Sieht
man im Felde zum ersten Male Roggen blhen (dies fllt auf
Walburgistag), so nimmt man drei blhende Aehren und streicht sie
stillschweigend durch den Mund, dann wird man nie von tollen Hunden
gebissen. Curtze, Waldeck. Volksberlief. S. 402. Ein latein.
Gebetbchlein: Cultus divae Walburgae, Augsb. 1751, bringt S. 23 einen
also beginnenden Hymnus:

    Walburga venit: cedite
    vesane grex, molossi!
    Cedunt, pavent, obmutuit
    os impotens latrandum.

Um Amberg sagt man zu den Kindern, die ausgehen: Nehmt Brod mit, dass
euch kein Hund anbellt (Bavaria 2, 305); in Schwaben lautet dieselbe
Formel: Ich will Brod mitnehmen, damit mich kein Hund beisst.
Birlinger, Schwb. Sag. 1, no. 706. So pflegten schon die phigalischen
Arkadier nach dem Festessen die Hand an den Brodresten abzuwischen und
diese beim Heimgehen einzustecken, damit ihnen auf dem nchsten
Kreuzwege die Hekate mit ihren Hunden nichts anhaben konnte (Athenus 4,
149 C.). Denn auch dieser Hekate fielen Hundeopfer, von denen sie Dea
canicida, canivora genannt war.

Coleri Oeconomia, Mainz 1645, lib. XI, pg. 403. 410 schreibt vor: Um
thrichter Hunde Biss an Menschen und Vieh zu kuriren, gieb meyische
Butter auf ein Stck Brod gestrichen. Item, schneide einen Meywurm
entzwei, mach ein Lchlein ins Brod, steck ihn hinein, kleib es oben mit
Brod zu, schmiere Meyenbutter drber, lass es aufessen. Dies ist ao.
1591 zweimal probiert worden an Hunden. Bisweilen werden die Khe toll;
reissen an den Strngen, zittern und beben, als ob einer mit der Axt vor
ihnen stnde und sie erschlagen wollte. Da gebe man ihnen eine
Butterschnitte zu essen und lasse sie im Namen Gottes immerhin laufen.
Die Mecklenburger Bauern, bemerkt Coler ebenda, lib. XII, 479, geben den
Hunden geschabet Silber (Abschabsel einer Silbermnze) auf Butterbrod,
so sollen sie nicht toll werden.--Die Fortdauer dieses Brauches in
Sddeutschland besteht darin, dass man am 1. Mai das Festmahl der
Ankenschnitten, sg. Ankebrt bereitet, Schnitten mit Butter und Honig
reichlich bestrichen, und auch dem Vieh beim ersten Austrieb davon
verabreicht, damit es in keinen bsen Wind komme. Wir werden hievon im
fnften Kapitel unter der Form der berittenen Ankenschnittenprozession
von Beromnster noch einmal zu handeln haben. Unter den von Walburg
gewirkten Mirakeln wird eines in Lateinversen von einem unbekannten
Bruder Medinbard besungen; diese Rhythmen "ex pervetusto codice" stehen
abgedruckt bei Gretser (tom. X, pg. 803) und erzhlen von einem am
Wolfshunger leidenden Mdchen, das an Walburgs Grab zu Monheim mittelst
eines Bissens Brodes so geheilt wird, dass sie fortan keine andere
Nahrung mehr geniesst als Kse und Milch.

    Sualaveldico in pago
    Fuit quaedam faemina,
    Quae languore fortissimo
    Aegrotare coeperat.
    Namque tam intemperata
    Edendi ingluvies
    Incessit semisanatam,
    Ut nulla edulii
    Abundantia valeret
    A suis saturari,
    Exhaustis jam parentibus,
    Sed fame accrescente
    Anxiata hinc dolore
    Hinc pudore maximo.
    Tandem divinitus tale
    Occurrit consilium.
    Rogat suos se deferri
    Ad Walpurgae gratiam.
    Quo delata, biduanis
    Incumbebat precibus,
    Quibus exorata virgo
    Gradiendi miserae,
    Qua privata diu fuit,
    Sospitatem reddidit.

    Bona quaedam monialis,
    Vocato preabytero,
    Benedici panem fecit
    Redditque famelicae.
    Quo gustato nequam illa
    Fames voracissima,
    Virgine sacra favente,
    Coepit se subtrahere,
    Sic paulatim decrescendo,
    Ut prius accreverat.
    Sic crescente fastidio,
    Pro mira esurie,
    Tandem nil aliud cibi
    Praeter solum caseum,
    Nihil de potu gustare
    Nisi tantum lac poterat.

Dieses Wunder des geheilten Wolfshungers und die Bndigung der Hundswuth
gab Anlass, Walburgis Haupt-Emblem, das der Aehre, dahin
misszuverstehen, als ob dasselbe sich nur auf diesen Einzelfall beziehe.
So behauptet es die Schrift Christliche Kunstsymbolik, Frankf. 1839.
Allein die den winterlichen Sturmwinden wehrende Maigttin muss
nothwendig auch die Korngttin selbst sein und als solche ist sie
kirchlich wirklich dargestellt worden. "Der Heiligen Leben, das
Summerteil" (Augsb. 1482) bildet Bl. 51 Walburgis ab mit einem Bschel
in der Hand, welcher Kornhren bezeichnet. Ebenso verzeichnet M. Hubers
Hdb. d. Kupferstecher VII, 79, no. 5 die Abbildung Mariae als "Nostre
Dame de trois pis", mit drei Aehren in der Hand einem Landmanne
erscheinend. Die Bedeutung dieses Attributes liegt in folgenden Stzen
der Landwirthschaft ausgesprochen: "Korn wird geset auf Mariae Geburt
und schosset vmb Waldpurgi" Knig, Schweiz. Haussbuch, Basel 1706, 142.
"Wenn der Roggen vor Walburgis schosset und vor Pfingsten blht, so wird
er vor Jacobi nicht reif." Prtorius, Blockesberg S. 558. Betrachte man
diese Erbstze nun auch in den nachfolgenden Legenden. Maria bittet
ihren ber das sndige Menschengeschlecht erzrnten Sohn, nicht alle
Feldfrucht zumal zerstren zu wollen, sondern doch noch so viel an den
Aehren stehen zu lassen, als genug ist fr Hund und Katze, d.h. fr ein
ganzes Hausgesinde. Der Heiland thuts, und seitdem wallfahrtet man zur
Muttergotteskirche von Dreienhren, die beim elsss. Stifte Katzenthal
gelegen ist. Ebenso lsst Maria da, w sie sich die Stelle zu ihrer
Wallfahrt im Pinzgauer Kirchthale erwhlt, mitten aus dem Winterschnee
drei Aehrenhalme hervorwachsen, welche nun ihr dortiges Altarbild in der
Hand trgt. Kaltenbck, Mariensag. no. 122. Den Halm einer Kornhre
brachen und vereinigten die rmischen Brautpaare und benannten nach
demselben den Eheabschluss stipulatio. Trumt man von geschnittnem Korn,
so bedeutet es, dass man die Liebste verlieren werde. Denselben
Doppelsinn des ehelichen und des Ackersegens hat nun auch der
Aehrenbschel in Walburgis Hand. Wenn sie in der Walburgisnacht vom
reitenden W. Jger verfolgt wird, sie, der Frhlings-Genius der
aufkeimenden Pflanzenwelt, von dem noch einmal losbrechenden Frostriesen
verfolgt, so verbirgt sie sich in den innersten Fruchtkeim des jungen
Saatfeldes. Denn, sagt der Volksglaube, man kann der W. Jagd nur
entgehen, wenn man in ein Kornfeld flchtet. So birgt nach dem
frischen Volksliede auch Wodan den Bauernsohn vor des Riesen
Verfolgung ins Fruchtkorn:

    Ein Kornfeld liess da Wodans Macht
    Geschwind erwachsen in einer Nacht.

    In des Ackers Mitte verbarg alsbald
    Wodan den Knaben in Aehrengestalt.

    Als Aehre ward er mitten ins Feld,
    In die Aehren mitten als Korn gestellt:

    "Nun steh hier ohne Furcht und Graus,
    Wenn du mich rufst, fhr ich dich nach Haus!"

Neun Nchte vor dem 1. Mai (erzhlt Grohmann, Bhm. Sagb. 1, 44) ist die
hl. Walburgis auf der Flucht, unaufhrlich verfolgt von wilden Geistern
und von Dorf zu Dorf ein Versteck suchend. Man lsst ihr daher im Hause
einen Fensterschalter offen, hinter dessen Fensterkreuz, sie vor den
daher brausenden Feinden gesichert ist. Dafr legt sie ein kleines
Goldstck auf das Gesimse und flieht weiter. Ein Bauer, der sie einst
auf ihrer Flucht im Walde traf, beschreibt sie als eine Weisse Frau mit
langwallendem Haare, eine Krone auf dem Haupte, ihre Schuhe sind feurig
(golden), in den Hnden trgt sie einen dreieckigen Spiegel (der alles
Zuknftige zeigt) und eine Spindel (wie Berchta). Ein Trupp weisser
Reiter (Schimmelreiter) strengte sich an, sie einzuholen. So sah sie
auch ein anderer Bauer, welcher Regen frchtend Nachts noch sein
Getreide einfhrte (das mandelweise aufgeschobert noch draussen lag).
Die Heilige bat ihn, sie in eine Garbe zu verstecken. Kaum hatte ihr der
Bauer willfahrt, als die Reiter vorber brausten. Des andern Morgens
fand er in den heimgefhrten Aehren statt Roggen Goldkrner. Daher wird
die Heilige auch abgebildet mit einer Garbe. So sieht man ferner,
erzhlt Vernaleken, Alpensag. S. 75, zwischen den Orten Strass und Lind
in Untersteiermark neben einem Tannenwalde zur Zeit des Vollmondes eine
Gestalt gehen, die statt des Kopfes eine feurige (goldne) Garbe trgt.
Diese Erscheinungsweise war in den kleinen Stdten des bair.
Frankenwaldes am Walburgistag Anlass zu einer gemeinsamen
Volksbelustigung gewesen.

Pltze, Strassen und Huser waren da mit Birkenreisern besteckt: Den
Festumzug erffnete der Walber, ein vom Scheitel bis zur Zehe in Stroh
gewickelter Mann, dem die Aehren in Form einer Krone ber dem Kopfe
zusammengebunden waren. Alle Gewerksleute mit den Emblemen ihres
Handwerkes begleiteten ihn, zu Spott und Trutz (gegen den hinter den
Ofen treibenden Winter) ihre Hantierung ausbend. Heute gilt dorten nur
noch der vor dem Wirthshause aufgepflanzte Walberbaum, den der zum
Spassmacher herabgesunkene Stroh-Walber umtanzt: Bavaria III, 1, 357. In
Niedersterreich sind besonders die Erntetage der hl. Walburg geweiht,
sie durchgeht da alle Aecker, Matten und Grten und trgt die schon
vorhin erwhnte Spindel mit sich, die mit einem sehr feinen Faden
vollgeweift ist. Nachdem sie auch hier auf ihrer Flucht vor dem
Schimmelreiter vom erntenden Bauern in eine Garbe gebunden und auf den
Wagen geladen ist, bekommt dieser des andern Tages statt Korn Gold
auszudreschen. Vernaleken, Alpensag. S. 110. 371. Der den Lohjungfern
und Moosfrulein nachsetzende Schimmelreiter, der sie quer ber sein
Ross legt und die sich Strubenden in Stcke reisst, hat sich in der
franzsischen Legende zweimal verkrpert und kirchlich lokalisirt. Um
die Liebe Solangia's, einer Winzerstochter aus dem sdfranzs. Dorfe
Villemont, hatte der Oberherr der Provence vergebens geworben, er jagte
ihr daher zu Pferde nach, holte sie ein, warf sie auf sein Ross und
sprengte mit seiner Beute der Stadt zu. Als sie sich beim Uebersetzen
eines Flsschens herabschwang und entfloh, wurde sie, abermals ereilt
und mit einem Schwerthiebe enthauptet. Nunmehr werden zweimal jhrlich
im Frhling ihre Reliquien prozessionsweise um die Fluren getragen in
der Voraussetzung, dass sie Unwetter und Wind stillt und dem Flachs- und
Reblande Gedeihen gibt. Godefrid. Henschenius, Acta SS. tom. II, ad diem
10. Maii. Ein gleiches Prozessionsfest begeht am 1. Mai das Pfarrdorf
Mazorit in der Auvergne zu Ehren der hl. Jungfrau Florina. (Rom feierte
vom 28. April bis 1. Mai das Floralienfest zur Erinnerung an die
vergtterte sabinische Nymphe Flora, die einst im Frhling umherirrend
sich dem Zephyr ergab und daher die Macht ber die Blthen der Bume und
Blumen bekam). Florina, ein Bauernmdchen aus dem Weiler Estourgoux,
verbarg sich, um den ihr nachstellenden Buhlern zu entrinnen, in der
Felseinde des dortigen Cousathlchens, und als ein Versucher sie hier
aufsprte, schwang sie sich von einem der Felsen auf den
gegenberstehenden des rechten Cousa-Ufers durch die Luft und liess in
beiden ihre Fusstapfen zurck, die nun mit Kreuzen gekrnt sind. Unter
grossem Zudrange des Volkes werden jhrlich am 1. Mai die Gebeine der
Heiligen aus der Kirche zu Mazorit bis zur Einsiedelei dieses Thlchens
getragen, und mag der Himmel an diesem Tage noch so regendrohend
aussehen, so hat noch stets ein gnstiger Wind das Gewlk vertrieben,
sobald jener Umgang von Mazorit heran zu rcken pflegt. A. SS.
Henschenii tom. I, ad diem 1. Maii, de S. Florina, Virg. et Mart.

Die in der Walburgisnacht auf den Wiesen tanzenden und auf den
Blocksberg fahrenden Hexen sind arge Trbungen einer ursprnglich
edleren Vorstellung von gtig gesinnten und fr den Erntewachsthum
bemht gewesenen Geistern. Sie alle theilen, bei nherer Untersuchung,
emsig das Geschft ihrer Herrin Walburgis. In einer siebenbrgner Sage
bei Mller, S. 382, stsst ein Bauer, der seinen Sack Mehl aus der Mhle
heimtrgt, auf einen Trupp Truden, die auf dem Erlenanger tanzen. Er
grsst sie:

    Gott vermr ich iren danz,
    Gott vermr ich iren kranz!

Freundlich antworten sie: Gott segne euch den Sack, dass er nie des
Mehles ledig wird!

Der Volksglaube sagt zwar, die Trud nehme die unholden Gestalten an von
Kehrwisch, Flederwisch und Besenreis (Schnwerth, Oberpfalz 1, 209);
allein damit verbrgt er nur, dass man der Frhlingsgttin nach
berstandenem Winter Besen, Kehrwisch und Ofengabel als abgebraucht beim
Freudenfeuer verbrannte und noch verbrennt. Auf der Stelle, wo die
Nachtmahr ausruht, heisst es ferner, da wchst im Korn schwarzer Raden,
am Baume der Maerentakken (Mistel) und der Hopfen wird brandig (Wolf,
Ndl. Sag. S. 689). Aber gerade damit wird nur in aberglubischer
Verdsterung wiederholt, was sonst von dem segensreichen Charakter des
Alb und der Elbin gilt, dass sie unter verschiedenen Namen als
Mittagsgespenst (Meridiana), Roggenmuhme, Tremsemutter, Alte, Kornbaby,
Kornkind und Kornengel, Preinscheuche im wogenden Kornfelde umgehen,
geisterhaft auf der Spitze der Aehren ausruhen, oder in Liebe des
Schutzgeistes reinen Jnglingen und Jungfrauen sich zugesellen. Nur
etwas braucht man von ihnen zu haben, um sie festzuhalten; der im Bette
Erwachende findet dann statt des von ihm ergriffnen Strohhalms oder
Federflaums eine schne, bis auf den Schleier splitternackte Jungfrau
bei sich im Schlafgemache. Spricht der Aberglaube vom Trudenfuss,
Flederwisch und Federkiel der Mahr, von der Schmetterlingsgestalt des
Toggeli, nennt man in Augsburger Mundart den Schmetterling Kohlweissling
_Milchtrut_, anderwrts Molkendieb (Weinhold, Schles. Wrtb. 62): so
wird damit einbekannt, dass statt des Gespenstes einst eine Valkre
galt, die in Schwanenhemd und Vogelgewand allberall ihren Schtzling
umflog, wesshalb noch der Fnfort, Alpfuss oder Trudenfuss, ndl.
marevoet, an die Stubenthren gekreidet wird, zwei in umgekehrter
Richtung der Winkel stehende Dreiecke. So tummelt das Nachtschrttelein
die Stallrosse und zpft ihnen Schweif und Mhne, dass sie schwitzen;
denn es ist gleichfalls nur die lcherliche Verschrumpfung jener
himmlischen Valkre, die auf den Thaurossen des Morgens heranritt,
Helden Hilfe bringend und dem Felde die Frucht. Solcher Abkunft dunkel
noch eingedenk, schreibt der Volksglaube vor, gegen den Besuch der
Nachtmahr _zwei Sicheln_ gekreuzt vors Bette zu legen.

Die Rechtsformel Drei Halme bedeutete drei Jahre und drei Jahresernten;
das Sinnbild dreier Aehren ebenso das Obereigenthum und Erbgut. Die zu
Lucca Erblehen vom dortigen Waisenhause hatten, mussten dahin am 1. Mai
einen reichlich geschmckten Maibaum berbringen und verloren ihr Lehen,
wenn daran die drei vorgeschriebnen Kornhren mangelten: Grimm, RA. 128.
205. 361. Der oberpflzer Bilmesschnitter pflckt _drei_ Aehren vom
fremden Acker, damit fliegt ihm dessen Ernte in seine eigne Scheune.
Schnwerth 1, 432.

Hier zum Schlusse dieses Abschnittes ein Kirchenwunder von Walburgis
Eulogienbroden.

Eulogia nannte man beim Gottesdienste der ersten Christengemeinden jede
zur Kirche mitgebrachte Brod- und Weinration, die man hier priesterlich
einsegnete und zum Schlusse mit allen Anwesenden gemeinsam verzehrte. Es
war ein Liebesmahl zu dem Zwecke, die Ungleichheit vor dem weltlichen
Gesetze und den Unterschied von Arm und Reich mindestens bei den
religisen Zusammenknften aufzuheben und zu bekennen, dass Alle vor
ihrem gemeinsamen Gotte gleich seien. Ein hnlicher Brauch war nun auch
dem deutschen Heidenthum gelufig gewesen und dauerte noch lange fort in
dem Bruderschaftswesen der Geldonien, deren angelschsischer Name
Friedensbrgschaft hiess. In ihnen stand Einer fr Alle; Gott, auf
dessen Namen jede Geldonie beschworen war, sollte Alle bei ihrem Rechte
bewahren. Eine natrliche Folge hievon war die Pflege und Versorgung
derjenigen Vereinsmitglieder, die unverschuldet in Drftigkeit
geriethen. Die reichlichen Brod- und Fleischvertheilungen, die mit den
Germanenopfern nachweisbar verbunden waren, verbrgen dies, und
ausserdem war es eine Sache der Nothwendigkeit, fr die Mahlzeit
derjenigen reichlich zu sorgen, welche in unwirthlichen, gering
bevlkerten Landstrichen und unter der Ungunst der Witterung weite
Mrsche auf sich nehmen mussten, um sich bei den allgemeinen
Versammlungen rechtzeitig einfinden zu knnen. Das Christenthum
vermochte daher diese religisen Mahlzeiten der Germanen nicht
abzuschaffen, sondern suchte sie dem kirchlichen Cultus nur anzupassen:
"Es ist durchaus nothwendig," schreibt Pabst Gregor d. Gr. an die
angelschsischen Bischfe (Beda Ven., hist. Angl. lib. 1, c. 30), "dass
man diese Feier der Heiden bestehen lsst, nur muss man ihr einen andern
Grund unterschieben, sie auf die Kirchweihen verlegen, den Festplatz
mit grnen Maien umstecken, Thiere schlachten und ein kirchliches
Gastmahl veranstalten. Doch soll man nicht ferner zu Ehren des Satans
Thieropfer bringen, sondern das Geschlachtete zum Lobe Gottes und um der
Sttigung willen geniessen." An die Stelle solcher Gesammtmahlzeiten
trat spter vorzugsweise das blosse Brod, so wie es heute noch in den
Kirchen der romanischen Lnder an den Gedchtniss- und Festtagen unter
dem Namen Eulogienbrod (deutsch Oblei, franz. pain bni) berreichlich
an Jedermann ausgetheilt wird. Bevor diese Reduction allgemein
durchgesetzt war, gab die Kirche ihren Bedrftigen jeglicherlei Gattung
von Speise. So wurde in der Monheimer Kirche unmittelbar nach dem
daselbst erfolgten Begrbnisse Walburgis Fleisch, Brod, Kse, Fische,
und Bier unter die Wallfahrer _als Eulogie_ ausgetheilt (A. SS. saec. 3.
II, pg. 302), und ebenso wurden von den Letzteren Esswaare und Getrnk
jeder Art in die dortige Kirche getragen, um daselbst theils
aufgeopfert, theils zum eignen Genusse in Gesellschaft der Andchtigen
gebraucht zu werden. Rinder, Schweine, Brodscke und Trinkgeschirre
werden genannt, die den Wallfahrern hier entwendet, dann aber unter der
Patronin Beistand wunderbar wieder aufgefunden wurden. Der Nachdruck der
hievon handelnden Erzhlungen verbleibt jedoch immer auf dem geweihten
Brode. Hierber hat der unbekannte Bruder Medinbard verschiedene Lieder
gesungen, von denen ein krzeres hier nachfolgt. Die Begebenheit ist
diese. Ein blindgebornes Mdchen zu Kempten hrt Nachts im Traume sagen:
Willst du den Wucher der Himmelswolke einmal erblicken und die grne
Breite der Gefilde, so back weisse Spendbrode und trage sie zum
Walburgisgrab in Monheim. Das Mdchen thats, berbrachte dahin die Brode
und liess sie auf den Altar legen. Da erschienen zwei Klosterhhner am
Altare, "duae gallinae, id est Sanctimoniales geminae", welche sie
bereits in ihrem Traume erblickt hatte, frassen die Brode weg,
untersuchten den Grund des Erscheinens der Blinden somit angelegentlich
und das Mdchen war darber sehend geworden (ibid. pag. 300).
Verwunderlich bleiben hier diese auf dem Altar weidenden Hhner. Sie
lassen nicht auf die gewhnlichen Zinshhner schliessen, von denen in
der lex Alam. 22 gesagt ist, dass die Leibeignen regelmssig fnfe der
Kirche zu entrichten haben (Grimm RA. 374), denn deren Weideplatz ist
nicht der Altar; es mssen vielmehr heilige gewesen sein, und als solche
galten einst die weissen (Troll, Gesch. von Winterthur 7, 183) und
gelten noch die schwarzen. Letztere werden noch fr heilsame Thiere
gehalten (Schnwerth, Oberpf. Saga 1, 346), der Gefahr entgangen sein
und ein schwarzes Huhn kirchlich geopfert haben ist altbairisch synonym.
Schmeller Wtb. 2, 199. Im Uebrigen ist das Huhn, sowie das Ei,
allgemeines Symbol der Fruchtbarkeit, besonders der ehelichen. Des
Morgens nach der Brautnacht wurde dem Ehepaar das gebratene Brutel- und
Minnehuhn vors Bette gebracht. RA. 441.

    Puella quaedam ab ipsis
    Heu caeca cunabulis,
    Audita opinione
    Virginis eximiae,
    Desiderio flagravit
    Veniendi maximo.
    Quam quidam in visione
    Nocturna submonuit,
    Oratorium adiret
    Tanti desiderii,
    Oblatas mundas offerret,
    Altari imponeret.
    Quas illatas statim binae
    Gallinae comederent;
    Quibus pastae deservirent
    Matris excubiis.
    Venit, attulit, imponit,
    Preces fudit intimas.
    Astant duae moniales
    Gallinae videlicet,
    Praevisae in visione,
    Quae oblatas colligunt,
    Et requirunt diligenter
    Quae, unde, cur venerit.
    Quibus illa dum exponit
    Singula veraciter,
    Domino propitiante
    Et beata Virgine,
    Incognitum lumen coeli
    Novis hausit oculis.

       *       *       *       *       *



Dritter Abschnitt.

Walburgistag, des Meien hochgezt.

    Der meie der ist rche,
    er feret sicherlche
    den walt an sner hende,
    der ist nu niuwes loubes vol:
    der winter hat ein ende.

    Neidhart von Reuenthal (1234).


Sommer und Winter waren einstmals unter die Zahl der gttlichen Wesen
unsrer Vorzeit gerechnet gewesen; die Volkssitte im Verein mit unsrer
lteren Sprachweise lsst hierber keinen Zweifel brig. Die Edda nennt
den Sumar den Sohn des selig freundlichen Mannes Svsudhr; der Winter
dagegen (Vetr) hat den Vindlni und Vindsvalr zum Vater, den Windkhl
und Windschweller, der selbst wieder vom feuchten und nassen Vsadhr
abstammt. Koberstein, Weimar. Jahrb. 5. Sommer und Winter messen sich in
einem Zweikampfe, und dessen scenische Auffhrungen waren ein Brauch,
welcher sich von Schweden und Gothland an bis nach Sdbaiern und der
Schweiz erstreckt hat. Der Mai wird aus dem Walde in den Heimatsort
herein abgeholt; dies geschieht jedoch nicht ohne heftigen Widerspruch
des Winters, der es erst auf einen frmlichen Kampf ankommen lsst.
Deshalb muss der knabenhafte Mai bewaffnet und unter kriegerischem Lrm
die Landschaft betreten. Er entbietet ein grosses Turnier und kommt
gewappnet auf den Plan:

    sein panzer was ein grenes graz,
    sein koller darauf ein weisser klee,
    sein halsperg was veyolvar,
    sein bugler wag von rosenbluet.
    er fert in seiner hende
    ein sper, was michel lanc
    vnd was eitel vgelingesang.

A. Keller, Altd. Erzhlungen, pg. 85. Dieser Aufzug des in Laub
gekleideten, zu Rosse einziehenden Maiknigs geschah auf Walburgis oder
1. Mai und hiess: _den Sommer in das Land reiten_.[Nachtrag 1] In
Dnemark war er der Maigraf genannt, der sich aus den Jungfrauen des
Ortes seine Maigrfin, die Majinde, erwhlte, indem er seinen
Blumenkranz von der Schulter ihr zuwarf; in Thringen war es der in
Pappellaub eingebundne Grasknig, der im Dorfe vom Rosse stieg, sein
Laubgewand aufschnitt und dessen befruchtende Zweige auf die Saatfelder
steckte. Oder es kam da, wo Pfingsten den Anfang des Lenzes bezeichnet,
der Pfingstknig auf die Brautwerbung geritten und fhrte die im Busche
versteckt, gehaltene Prinzessin im Triumphe heim; sie heisst in Flandern
Pfingstblume, Pinxterbloem, in England the queen of the May, in der
Provence Rosenmdchen, Mayo, zu Thann im Elsass Maienrslein. An diesem
letzteren Orte trgt am Walburgistage ein Kind einen bndergeschmckten
Maien um, ein anderes mit einem Korbe nimmt die Gaben in Empfang, und
das Gefolge singt vor den Husern:

    Maienrslein, kehr dich dreimal 'rum,
    Lass dich beschauen 'rum und 'num.
    Maienrslein, komm in grnen Wald hinein,
    Wir wollen alle lustig sein;
    So fahren wir vom Maien in die Rosen.

Im Verlaufe des Liedchens wird den Leuten, die nicht Eier, Brod, Wein,
Oel spenden wollen, angewnscht, dass der Marder die Hhner nehme, der
Stock keine Trauben, der Baum keine Nsse, der Acker keine Frucht mehr
trage; denn das Ertrgniss des Jahres hngt von dem kleinen
Frhlingsopfer ab. Stber, Elsss. Volksb. 1842, 56. Fllt der Nachdruck
der scenischen Festauffhrung auf das Vertreiben des Winters, so nennt
man dasselbe den Tod austragen, oder wie im bhmischen Saazer Kreise,
mit dem Bndertod herumgehen, weil der Zug der Knaben Hut und Brust mit
Bndern geschmckt hat. Dabei trgt der Knig einen mit Goldpapier
beklebten Rockenstiel als Scepter, zwischen zwei Brauthtern folgt ihm
sein Tchterlein. Letztere melden, dass der Tod um die Knigstochter
werben lasse. Hierauf erscheint dieser selbst, statt der Waffe ein
Bndel Lichtspne (Schleissen) in der Hand tragend, und wird vom
erzrnten Vater niedergestochen. In Sdschweden rckten am 1. Mai zwei
Reiterschaaren von verschiednen Seiten in die Stdte, die eine angefhrt
vom Winter, der in Pelze gehllt, mit Handspiessen bewaffnet,
Schneeballen und Eisschollen auswarf, die andere vom Blumengrafen, der
mit Laub und Erstlingsblumen bekleidet war; sie hielten ein
Speerstechen, worin der Sommer den Winter berwand und durch Ausspruch
des umstehenden Volkes fr den Sieger erklrt wurde. War die Witterung
des Tages recht rauh, so legte der Winter den Spiess ab, streute
glhende Asche aus einem Eimer und liess von seiner Rotte Feuerkugeln
unter die Zuschauer werfen. War Sonnenschein, so nahm dies der
Blumengraf auf seine Ehre und rckte mit frischen Birken- und
Lindenzweigen hervor, die man lange zuvor in den warmen Stuben mit Mhe
zum Grnen gebracht hatte. Ein Gastmahl und Trinkgelage, glnzender als
es durch Speerkmpfe errungen wird, schloss das Turnier. So die
Beschreibung bei Olaus Magnus, Bischof von Upsala, Schwed. Chronik
(verdeutscht 1560) 15 Buch, Kap. 4. Geschichtlich denkwrdig (schreibt
Uhland, Pfeiffer's Germania 5, 276. 279) ist ein westflischer Mairitt,
welchen die Brger von Soest im J. 1446 whrend ihrer Fehde gegen den
Bischof von Kln ausfhrten. Auf Walburgistag, "da man nach alter Sitte
in den Maien zu reiten pflegte", wollten die Soester dies nicht
unterlassen; wiewohl sie sich vor ihren Feinden zu wahren hatten. Sie
zogen mit grosser Kriegsmacht aus der Stadt in den Arnsberger Wald, wo
sie ihre Schaaren ordneten, fielen dann mit Raub und Brand in die
Grafschaft Arnsberg, zerstrten Drfer und Vesten, fhrten Heerden,
Gterwagen, selbst aufgefangene Frauen, die jedoch vor der Stadt wieder
frei gelassen wurden, mit hinweg und kamen, nachdem sie der verfolgenden
Feinde sich erwehrt, mit Frieden und Freude "unter dem grnen Maien"
nach Hause. Wie hier der grne Mai, unter welchem das Kriegsheer
einreitet, im Arnsberger Walde gehauen wird, so rcken am Frhlingsfeste
die Knabenschaften an zahlreichen Orten Oberdeutschlands in ihre
Gemeindewlder bewaffnet aus und hauen sich zum Feste die Ruthen und
Stbe, wornach dorten das Maifest der Stabtag oder Ruthenzug heisst.
Diese Kadettenzge sind beschrieben im _Alemann. Kinderlied_ und
_Kinderspiel_, pg. 490. Hufig knpft sich eine Ortssage daran von einem
zu derselben Zeit einst gegen den Feind erfochtenen Siege, wornach der
mit Uebermacht eingedrungene Gewalts- und Zwingherr erschlagen und ihm
die schon erbeutete Rinderheerde wieder abgejagt worden, oder wornach
seine Zwingburg listig erstiegen, er sammt seiner Mannschaft
niedergemacht und so Landschaft und Ort in einem Wurfe befreit worden
sein sollen. Hievon wird im Abschnitte _Maiengeding_ noch besonders die
Rede sein. Der Brauch des Mailehen-Ausrufens ist bis auf die Gegenwart
in der Eifel, Rheinpfalz und Hessen ein Innungsrecht der rtlichen
Knabenschaften gewesen. Um Kirchheimbolanden, Stetten u.s.w. in der
Pfalz werden in der ersten Mainacht, die heiratsfhigen Mdchen in
ffentlicher Versammlung zur "Versteigerung" einzeln ausgerufen und dem
Hchstbietenden zugeschlagen. Der Erls ist kein unbedeutender (Bavaria
IV. 2, 364). Ebenso werden sie in der Gegend der Ahr zum "Mailehen"
ausgeboten und den Kufern einzeln zugetheilt. Die fr beide Theile
daraus entspringende Verpflichtung ist gegenseitige Zucht; eigene Hter
"Schtzen" sind beauftragt, Uebertretungen beim Sittengerichte der
Knabenschaft zur Anzeige und Bestrafung zu bringen, ein Sittengesetz,
das ehmals im ganzen Eifellande blich gewesen war (Schmitz, Eifl. Sag.
1, 32). In der Hessischen Lahn- und Schwalmgegend werden die Mdchen
unter Peitschenknall, Freudenfeuern und Pistolenschssen gleichfalls ins
Mailehen gegeben und in der Walburgisnacht einzeln ausgerufen. Lynker,
Hess. Sag. no. 317[2].

Den Brauch, die Jungfrauen ins Mailehen zu geben und die Wittwen mit zum
Brautkauf auszurufen, kann man nunmehr aus dem Leben der hl. Bilihildis
nachweisen, ber deren Zeitalter freilich sich nur das mit Bestimmtheit
sagen lsst, dass ihr Name in den Martyrologien des 10. Jahrhunderts
genannt wird. Rettberg, Kirchengesch. 2, 303. Sie war als Heidenmdchen
einer Adelsfamilie aus Veitshochheim in die Klosterschule nach Wrzburg
gethan worden und sah hier das berhmte Maispiel mit an, das die
gleichfalls noch heidnischen Mainfranken alljhrlich zu begehen
pflegten. Dasselbe findet sich beschrieben in der von Herbelo metrisch
verfassten Vita S. Bilihildis (Ignaz Gropp, Collectio Scriptor.
Wirceburg. 1741, 791). Statt dieses breiten unbeholfenen Berichtes, der
ohnedies wie ein Polizeibericht des vorigen Jahrhunderts ber unsre
Volkssitten lautet, folgt hier bloss ein sachgetreuer Auszug. Nach altem
Herkommen, das wie eine religise Satzung galt, hielt das
Frauengeschlecht der Mainfranken alljhrlich im Frhling zu Ehren der
Venus und der Vesta ein Spiel ab, wobei ohne Mann und nackt getanzt
wurde. Smmtliche Wittwen unter fnfzig Jahren und alle mannbaren
Mdchen traten mit auf, nackt, in bunten Farben schimmernd, Blumen- und
Laubgewinde in den Hnden tragend. Whrend eine Schaar den Reihen
fhrte, ergtzte sich die andere am Anblick der Gespielinnen und fhlte
sich zu frischem Beginne angespornt. Das Mnnervolk machte dabei den
Zuschauer. Den Vornehmen ergtzte die vornehme Haltung, den Bauern die
lndliche oder volksthmliche. Ein Jeder erlas sich unter ihnen die
knftige Gattin, und wenn auch noch nicht vertraut mit ihrem Gemthe,
traf er hier nach ihrer Wohlgestalt bereits im voraus seine Wahl. Alle
bei diesem Feste geschlossnen Ehevertrge hatten das Jahr ber ihre
Geltung bis zum Herbstfeste, das man unter abermaligem Tanze in einer
Scheune begieng. Indem so der Mann sich eine Frau erwhlte, die er noch
nicht nher als vom blossen Anblick kennen gelernt hatte, beobachtete er
ein heidnisches Herkommen, fr dessen Gesetzgeber und "_Knig_" er sich
selber hielt. Jedoch keineswegs mit dem gleichen Erfolg konnten diese
Mdchen sich den Titel der "_Knigin_" beilegen, wenn eben diejenigen
Mnner, welche hier beim Tanze mit der Brautfackel der Venus gefangen
worden waren, ber dieses Spiel als ber einen blossen Scherz nachher
tausendmal gelacht haben. Ganz anders that daher die selige Bilihildis,
die nicht spielend, sondern allein kirchlich die Verlobte eines Mannes
werden wollte: unter Thrnen bewog sie ihren Vater, beim Knig Chlodwig
Anzeige zu machen von diesem sittenwidrigen Frauentanze, worauf alsdann
der Regent durch ein Edikt dem deutschen Venusspiel ein Ende machte. So
weit Herbelo's Nachricht.

Der Ehemann, welcher, hier _Knig_ genannt wird, ist im heutigen
Frhlingsspiele der Maigraf oder Lauchknig, die von ihm erwhlte Braut
die Maiknigin oder Prinzessin. Die Jungfrauen und Wittwen versammeln
sich zum vorbestimmten Festtanze, um unter die zuschauenden Mnner ins
Mailehen vertheilt zu werden. Sie sind bemalt und bekrnzt, tragen
Laubguirlanden, Abends Fackeln: lauter Einzelzge unsrer heutigen
Frhlingsbruche. Damit erledigt sich auch die von Herbelo wiederholt
genannte nuda cohors muliebris in ludo nudo ludens; denn diese besteht
keineswegs aus nackten, sondern aus entblssten Tnzerinnen, d.i. aus
solchen, die als Botinnen des Frhlings Frauenmantel und Haube abgelegt
haben, hochgeschrzt, blossarmig und baarhuptig in den Reihen treten,
ums fliegende Haar den Kranz aus Walburgiskraut geflochten (Osmunda
lunaria und Botrychium lun.). Ist hier von der Mnchsphantasie ein
zchtiger Frhlingstanz schon zum nackten Ball gemacht, gegen den der
angebliche Frankenknig Chlodwig einschreiten muss, so haben auch die
Orgien der nackten Weiber am Blocksberge keine andere Entstehungsquelle,
als eben dieses grausame Missverstndniss von Seite des Klerus.

Doch wir kehren zurck zu den ferneren Volksbruchen der Walburgisfeier.
In derselben Mainacht werden glattgeschlte, schmuckbehangene Bumchen
auf die Dorfbrunnen und der Liebsten vors Fenster gesteckt, damit jene
das Jahr ber klar fliessen, und diese eben so lange wieder frisch und
schn bleibt. Man whlt dazu besonders die Zweige der Eberesche mit
ihren rothen Beeren, davon heisst sie selber der Wolbermay (Prtorius,
Blockesberg, 460). Die Reime, die man an den Baum hngt oder vor dem
Kammerfenster des Mdchens hersagt, ergehen sich in den gleichen
Sinnbildern:

    Grss dich Gott durch eine Hand voll Seiden,
    Alle frischen Herzen will ich deiner wegen meiden.

    Grss dich Gott durch einen Seidenfaden,
    Gott bewahre dich im finstern Gaden.


    I lss sie gressen durh e hchi Tanne,
    die Zt isch cho zum Wben--und zum Manne,
    I lss sie gressen durh es Hmpfeli Thau:
    i wtt, m Holdi wr m Frau.
    Rosmeri und Zypresse,
    ass i de nit vergesse;
    Rosmeri und Ngeli dr,
    g'hrsch, i mcht gern b der s!
    b der s, wie's Rsli hockt
    am-ene einige Stengel:
    Der Herr ist schn, s Frau ist schn
    und s' Chind ist wie ne Engel.

Aber dieser Maibaum wird nur der Getreuen gesetzt, "ein drrer
Walberbaum" kommt zur schmerzlichen und entehrenden Ueberraschung vor
das Fenster der Verfhrten (Bavaria II, 269), oder ein Strohpopanz,
Namens Walburg, wird der Faulen aufgesteckt, die zu dieser Zeit ihr Land
noch nicht umgegraben hat. Kuhn, Nordd. Sag. S. 376. Inzwischen
erforscht zur selbigen Nacht das Mdchen ihre Zukunft aus mehrfachen von
Walburg selbst herrhrenden Liebesorakeln. Die Heilige trgt eine
aufgeweifte Spindel. Auf diese bezieht sich der sterreichische Brauch
des Fadenziehens, welchen Vernaleken, Alpensag. no. 92. 93 meldet. Die
Mdchen, welche Lust haben, ihres Zuknftigen Beschaffenheit
vorauszuwissen, setzen sich Mitternachts in einen Kreis und nehmen einen
feinen Gespinnstfaden ihrer eignen Arbeit, der jedoch drei Tage vorher
hinter einem Mariabilde gehangen hat. Whrend er im Kreise herum durch
die Finger luft, spricht man stille und mit geschlossnen Augen:

    Voaten, i ziech di,
    Walpurga, i bid di,
    zag von main Man
    alle Seiten an.

Wie dabei der Faden sich anfhlt, weich und glatt, hart und fest, so
werden des einstigen Mannes Eigenschaften sein. Das oberpflzer
Bauernmdchen schleudert ungesehen ihren Schuh ber den Peuntbaum und
horcht, aus welcher Gegend her wiederholtes Hundegebell herberschallt;
eben daher wird einst der Werber zu ihr kommen. Ihr Spruch lautet:

    Hunderl, ball, ball,
    ball ber neunmal,
    ball ber's Land,
    wau mein feins Liab wahnd.

Schnwerth, Oberpf. Sag. 1, 139. So verhilft hier der Hund, Walburgs
Geleitsthier, und dorten Walburgs Flachsfaden zum Gelingen des
Liebeszaubers.

Das vorhin geschilderte Mailehen, die Vertheilung der mannbaren Mdchen
an die jungen Ortsburschen, fand bei den Moselfranken nicht am 1. Mai,
sondern am ersten Sonntag in Fastnachten statt und hiess daselbst der
_Valentinstag_; es wurde 1799 polizeilich verboten (Hocker, Moselthal
24). Eine Waldhhle bei Ebersberg in Oberbaiern mit einer dabei
stehenden Linde hatte dem umwohnenden Volke zum Versammlungsorte
gedient, um hier den Teufel (Valant) heidnisch zu verehren. Ein heiliger
Mann, Konrad von Heuwa, zerstrte beide von Grund aus und liess an der
Stelle ein _Valentins_kirchlein erbauen. Schppner, B. Sagb. no. 70.
Dies fhrt uns auf den am 14. Febr. in England gefeierten Valentinstag,
das eigentl. Fest, der Jugend und der Liebe hier, wie im nrdlichen
Frankreich, in Belgien und den Niederlanden. Es ist ein vorausbegangner,
vordatierter Maitag oder Walburgistag. Eine alte Stadtsage Londons
erklrt, dass sich am 14. Febr. die Vgel zu paaren beginnen, und ein
gleichfalls alter Sprachgebrauch nennt darum das Mnnchen Valentin, das
Weibchen Valentinne, sprich Wallen-tein. Dies trifft genau zusammen mit
dem von Russwurm verffentlichten Holzkalender der Inselschweden, in
welchem der 1. Mai mit folgender Kalenderrune verzeichnet steht: ein
nach oben gekehrter Halbring, in dessen Mitte ein kleinerer liegt, ist
das Sinnbild des Eies im Neste der zu dieser Zeit wieder brtenden
Vgel. Alles berschickt sich in England an diesem Tage kleine Geschenke
und anonyme Liebeserklrungen. Es liegt uns ein Bericht des Londoner
Postamtes vom Valentinstag 1857 vor. Um 9 Uhr Morgens wurden 150,000
Briefe aufgegeben; um 10 Uhr 25,000; um 11 Uhr 175,000; Mittag
12,000--bis zum Abend noch einmal weitere 60,000, so dass an diesem Tage
(ausser den vielen bezglichen Inseraten der 145,000 Zeitungsnummern)
422,000 Briefe ausgetragen wurden, d.h. zwei- bis dreimalhunderttausend
mehr, als an allen brigen Tagen des Jahres. Dafr zum Entgelt erhalten
dieses Tages die Brieftrger eine besondere Mahlzeit, bestehend aus
Rostbraten und Ale (Schweizerbote, Zugabe no. 6, 11. Febr. 1860). Auch
dabei galt ehemals die Sitte, Liebsten und Liebste durchs Loos zu ziehen
und daran die Verpflichtung gegenseitigen Wohlwollens oder sogar
bleibender Treue zu knpfen. Allbekannt ist das dahin zielende
Liebeslied der Hamletischen Ophelia:

    Guten Morgen, es ist St. Valentinstag
    so frh vor Sonnenschein,
    ich junge Maid am Fensterschlag
    will euer Valentin sein.

Noch heute, berichtet Reinsberg (Festl. Jahr, 34) sind Landmdchen des
festen Glaubens, der erste Mann, den sie am Morgen dieses Tages
erblicken, werde ihr Valentin und einst ihr Ehemann, vorausgesetzt, dass
er nicht mit ihnen im gleichen Hause wohne, nicht ihr Anverwandter und
kein Verheirateter sei. Daher stellen sich junge Mnner oft schon vor
Sonnenaufgang in der Nhe des Hauses oder an der Strasse auf, wo ihre
Geliebten vorber kommen mssen, und diese wiederum gehen bei ihren
Gngen lieber eine halbe Stunde um, wenn sie dadurch einem
Nichtersehnten aus dem Wege gehen knnen, oder sitzen mit zugemachten
Augen den halben Morgen hinter dem Fenster, bis sie die Stimme
desjenigen hren, den sie gern mchten. Suchen wir die Erklrung und den
Zusammenhang des also gefeierten Valentintages sammt den
vorausgeschilderten Maibruchen, so finden wir dafr den nordischen
Natur-Mythus von der Brautwerbung der Gtter. Das in zwei Hlften
getrennte Sonnenjahr wird gelenkt von zwei Mit-Odhinen. Erst hat sich
der winterliche Uller-Odhin zum Alleinherrscher der Erde aufgeworfen.
Vergebens will ihn Wali-Odhin verdrngen, er ist noch kinderlos. Da
wirbt er um Rinda (die hart gefrorne Wintererde), sprde strubt sie
sich gegen seine Liebe, bis er sie mit dem Zauberstab des Lichtpfeils
gerhrt hat. Als sie ihm darauf den gleichnamigen Sohn Wali gebiert,
entflieht Uller-Odhin, gehllt in Pelze und dahinschreitend auf
Schlittschuhen, in den Hochnorden zurck. Dies der usserlichste Umriss
der Mythe; volle Gestalt gewinnt sie erst durch unsere altdeutschen
Gottheiten und Stammhelden, und alle Einzelzge der spteren Sagen und
Bruche finden dabei ihr berraschendes Verstndniss. Mit der
aufsteigenden Frhlingssonne wird Wuotans, und Frouwas Hochzeitsfest
gefeiert, wird Gerda von Freyr, Brunhilde von Gunther und Sigfried durch
Wettspiele erworben, in dieser wonnigsten Zeit des Jahres grnen und
schimmern dann alle Hhen von den bei der Gtterhochzeit abgehaltenen
Festtnzen. Dann sagen sich die Menschen, das sei der Zug aller
Zauberweiber zum Broken, an diesem ersten Maitage mssten die Hexen den
letzten Schnee vom Blocksberge wegtanzen (Kuhn, Nordd. Sag. 376), oder
ebenso an Mariae Lichtmess mssten unsre Frauen im Sonnenschein tanzen,
damit die Schneeflocken am Pilatusberge vergehen und der Flachs so hoch
wachse wie die Sprnge der Tnzer sind. Ob dabei das Fest auf 14.
Februar, oder auf Walburgis und 1. Mai, oder auf 12. Mai, oder gar erst
auf Pfingsten angesetzt wird, verschlgt nichts und ist eine blosse
Folge spterer Zeiteintheilung. In den Volksbruchen ist noch vielfach
die Rechnung nach dem alten Kalender beibehalten und folglich wird da
der 12. Mai als der frhere erste begangen und der Tag Pancratius hat
bernommen, was sonst vom Tage Walburgis galt. Da muss man Lein sen und
dabei recht lange Schritte machen (Thringen, Hessen); oder die lteste
Jungfrau des Hauses muss am Fasnachtstage (Harz), oder an Lichtmess
(Meklenburg) rckwrts vom Tische springen; oder die Hausfrau muss
einige Stcke tanzen und dabei recht hoch springen (Schlesien, Mark);
oder man steckt beim Sen die Harke oder grosse Hollunderzweige
senkrecht in die Erde (Meklenburg, Thringen)--alles, damit der Flachs
gut gerathe und eben so hoch wachse. Wuttke, Volksabergl. Aufl. 1, S.
184. Hauptgehalt aller dieser Bruche aber bleibt in gleicher Wiederkehr
der erneute Wucher des Erdreiches und die Fruchtbarkeit der neuen
Liebesbndnisse. Von der deutschen Heldensage an bis hinab in das
Kindermrchen vom Dornrschen wird hievon gesungen und gesagt. Denn wenn
die in der Waberlohe schlummernde Brunhilde von Sigfried aus dem
Zauberschlafe geweckt und zum Weibe erworben wird, so ist diese
Waberlohe das im Mittagsstrahle flimmernde, trumerisch nickende
Aehrenfeld, Brunhilde ist die darin ruhende Nhrkraft. Sigfried, von dem
gesagt ist, dass wenn er durchs Kornfeld schritt, die Aehren nur an den
Thauschuh seiner Schwertspitze reichten, ist die grosse Gestalt des
Schnitters. Voranschreitend zertheilt er die Halme, hinter ihm schlagen
sie wieder zusammen, bis seine Sichel alle gefllt hat. Dies heisst in
der Edda: Sigfried sprengt zu Ross in die von Feuer umgebne Burg, nimmt
der Schlafenden den Helm vom Haupte, schneidet ihr mit seinem Schwerte
den Panzer, der weder Haken noch Nesteln hat, von Brust und Armen,
worauf sie erwacht, ein Trinkhorn mit Meth fllt, dem Befreier
berreicht und ihn die Runen gebrauchen lehrt, die Sieg-, Meth-, Sturm-,
Rechts- und Machtrunen. Solche Weisheit bewundernd ruft Sigfried: Keine
andere als dich will ich zum Weibe haben!

Wohin aber in diesem sagenhaften Gttergewimmel mit Walburgis? Auch sie,
obschon sie unter dem Einflusse der Kirche eine ehelos lebende Heilige
geworden ist, war einst eine Schnheitsgttin gewiesen, von welcher das
Glck der ehelichen Liebe und das Gedeihen der lndlichen Arbeiten
ausgieng. Von ihrer Frauenschnheit berichtet noch eine oberpflzische
Sage (Schnwerth 1, 389), die alle Spuren hohen Alterthums an sich
trgt. Bekanntlich pflegten sich Heiden- und Christenpriester
gegenseitig in Religionsdisputationen ber die Vorzge ihrer Himmel und
Himmlischen zu messen, und der Streit endete manchmal damit, dass beide
Theile es auf einen Augenschein, auf ein visum repertum ankommen
liessen. So kommt es zwischen einem Priester und einem Heidenweibe
(Hexe) denn auch einmal zur Frage, wer schner sei, die Heidengttin
Walburg oder die Himmelsjungfrau Maria. Der Vorgang ist folgender. Eine
Hexe beichtet ihren Stand einem Geistlichen, erklrt aber auf dessen
Abmahnen, ihren Versammlungen wohne die Mutter Gottes leibhaftig bei, er
mge sie nur bei der nchsten Ausfahrt begleiten und sich selber
berzeugen. Am bestimmten Tage setzt sich der Mann mit der Hexe in einen
Wagen und fhrt durch die Lfte, bis man Glocken luten hrt. Da senkt
sich der Wagen und man steht in der Mitte einer prachtvollen, mit einer
zahllosen Menge angefllten Kirche: In der That wandelte auch die Mutter
Gottes leibhaftig auf dein Altar herum, voll Glanz und Schnheit. Doch
dem Priester schien sie zu ppig und verfhrerisch, er sprang auf den
Altar und hob ihr ein verborgen gehaltenes Crucifix mit den Worten unter
die Augen: Bist du die Mutter des Herrn, so sieh hier deinen Sohn! Da
erloschen mit einem mal smmtliche Lichter, dichte Finsterniss und
Stille herrschte, der Pater stiess sich an rauhen Steinen und als es
gegen Tag gieng, befand er sich im Gemuer eines Galgens.--Wir werden
dieselbe hl. Walburg ebenso noch als heidnisch verehrte Venus von der
Kirche selbst angeben hren; denn allerdings sind schon die bisher von
ihr gemeldeten Zge unkirchlich genug: der Hund an der Kette und der
Flachsfaden auf der Spindel sind ihre Orakel; ihre nchtlichen
Hhenfeuer leuchtendem Reihentanze der Liebenden und diese werden ohne
Priester zusammen gegeben; ihr Heilbad ist der Maienthau, ihr Keiltrunk
der Maibrunnen und das frische Oel des Feldes; statt eines
Marterwerkzeuges trgt sie Garbe und Aehre, gleich ihrem Bruder Oswald.
Sie wandelt das Saatkorn in Gold, sie geht in goldnem Schuh und trgt
eine goldne Krone, sie ist selber das reifende Aehrenfeld. Ihr antikes
Abbild ist Pindars "rthlichfssige Demeter" (Olymp. 6, 94) und die
rmische Ceres rubicunda, die in rothgelben Grannen reifende
Gerstensaat.

       *       *       *       *       *

FUSSNOTEN:

[2] Der immer gleichlautende Auskndungsspruch:

    Heut zum Lehen,
    Morgen zur Ehe,
    Ueber ein Jahr zu einem Paar--

steht schon in Lersners Frankf. Chronik 3 B. 6 K. und wird dorten dem
von den Kaisern ausgebten Ehezwangsrechte unterschoben, welches von
Heinrich VII. 1232 aufgehoben worden sein soll.

       *       *       *       *       *



Vierter Abschnitt.

Maiengeding und Walbernzins.


Je nach der Eintheilung des Jahres in zwei, drei oder vier Jahreszeiten
waren eben so viele Volksversammlungen (Allding), allgemeine Opferfeste
und Gerichtszeiten des Jahres anberaumt. Zu zweit auf Sommer und Winter
verlegt, hiessen die Gerichte Maigeding und Herbstgeding, nach spterer
christlicher Benennungsweise Walburgis und Martini. Seit den
karolingischen Kapitularien werden drei ungebotene Gerichte durchgehends
blich (tria generalia placita) und fallen auf Sommer (Walburgis),
Herbst (Martini), und Winter (Weihnachten). Ungebotene Gerichte hiessen
sie im Gegensatze der vom Gerichtsherrn den Unterthanen gebotenen, weil
erstere in ihrem Zusammentreffen mit gleichmssig vorausbestimmten
Fristtagen allgemein gewusst waren und keiner vorgngigen Ansagung
bedurften. Sie entschieden nicht bloss ber Mein und Dein, sondern auch
ber die Idealgter von Freiheit und Ehre, somit ber Krieg und Frieden,
und ihre Aussprche waren die allgiltigen der Volkssouvernett, wie sie
unsre Zeit in ihren Landsgemeinden, Stndeversammlungen und Parlamenten
anerkennt. Sie benannten sich nach Nchten, weil der Tag sich aus der
Nacht gebiert und daher der landwirthschaftliche Kalender nach Neumond
und Mondabnahme rechnet. Die Zeit der Zwlften (Weihnachten bis
Dreiknig) nennt man in Schwaben und dem angrenzenden Theile der Schweiz
Klpfleinsnchte und Nidelnchte; in Baiern Rauch-, Lselnchte und
Gennachten; in Deutschbhmen Undernchte; bei den heidnischen
Angelsachsen hiessen sie Mutternchte. In gleicher Analogie spricht man
von Fasnacht, Rumpelnacht und der durch die Ortspolizei gewhrten
Freinacht. So hiess denn auch das Maigericht Walburgisnacht, dnisch
noch Valdborg aften (Abend). "An sant Walipurg abent ze ingaende maien"
pflegt die Zeitbestimmung zu lauten in den Klingnauer Urkunden aus dem
14. Jahrhundert. Anfnglich steht das Walburgsgericht noch zu Zweit mit
dem Wintergerichte zusammen, erst spter auch mit dem Herbstgerichte zu
Dritt. Die Offnung des Dorfgerichtes zu Sondernau von 1615 setzt
zweimaliges Jahresgericht fest, das Mertensgericht (11. Nov.) und das
Welbermael, Walburgismahlzeit am 1. Mai. Zpfl, Alterth. des Deutsch.
Reichs und Rechts 1, 306. Dagegen sagt die Offnung des Dorfes Wettingen
(gedruckt im Wetting. Archiv 125): "Wir sllend ouch dry rechte geding
da haben, der soll eines sin vff Sannt Waldpurgen tag in Meyen acht tag
vor oder meh, das andere vff Sannt Martinstag, das dritt vff sannt
Hilarien." Dieselbe Bestimmung in dem Dinggerichte zu Dietikon und
Schlieren v.J. 1259 steht verzeichnet: Argovia 1, 78. Dabei blieb
Walburgis auch spter in den Stdten ein Termin der Aemter-Erneuerung;
"jerlichen zu Meyen, wann Statt und Ampt Rth zusammen schwerend",
heisst es im Zuger Recht 1566. Hds. Sammlung der Aargau. Histor.
Gesellsch. Die Taglhner-Ordnung von Oppenheim von 1523 bestimmt nach
derselben Frist den Beginn der Zwischenrast bei der tglichen
Handarbeiten: "dass sich die tagloner ein stund schlafens underziehen an
iren tagarbeiten und das anheben, so der stock ein blatt berkompt, dass
einer ein aug domit bedecken mge, nemlich von Philipp Jacobi (1. Mai)
bis uf Margaretha (13. Juli)." Mone, Oberrhein. Ztschr. 1, 196. Im
Alterthum hatten die Gerichtsversammlungen mit Fest- und Trinkgelagen
geendet, die fr die Verkstigung der weither gekommenen Mannschaft
nicht zu umgehen waren. Daraus entsprang der Brauch bei den spteren
Land- und Markgerichten, den Gerichtsherrn und seine Leute zu
bekstigen, den Schffen Trank und Speise zu verabreichen und ihnen
einen Zinskuchen mit dem hineingebackenen Trinkpfenning auf den Heimweg
zu verehren. Die Kosten wurden aus den eingezogenen Bussen bestritten.
Hier folgt eine Kostenberechnung des Maiengerichtes im Fronhof zu Wolen
in den Freienmtern, v.J. 1620, handschriftl. im Archiv Muri, Scrin. L,
I. Das Stift Muri war zu Wolen Lebens- und Untergerichtsherr; der
obergerichtliche Entscheid stand beim Landvogt zu Baden, der daher nebst
Landschreiber, Weibel und Substituten mit anwesend sein musste. Das
Stift hatte ausser in Wolen auch noch in den Drfern Muri, Boswil und
Bnzen dieselbe Judicatur. Wie hoch sich nun die Kosten dieser hier
jhrlich _achtmal_ wiederholten Gerichtstage fr den Lehensherrn
beliefen, zeigt folgendes Aktenstck.

    Rechnung was Ao. 1620 im Meyengricht zu Wollen verzert und
    verbrucht worden. Dass mal vnd Abentrunk 23 Gld. 38
    Sch.--Ueberzehrung ob Ihr Herren verritten 2 Gld. 10 Sch.--Durch die
    HHn. Landvogt, Landschryber, ire Diener, Pfarer vnd Weibel am
    Nachtmal verzert 3 Gld. 10 Sch.--fr Huw vnd Haber ber Nacht
    1 Gld. 8 Sch.--Hrn. Landvogt Brmen v. Zrich verehrt an einem
    Goldstuck 14 Gld. 2 Pf.--Sinem Diener 1 Kronen.--Hn. Landschryber
    Zur Louben an einer Spanischen Dublon 7 Gld. 1 Pf.--Sinem
    Substituten 1 Gld.--In die Kuchj 1 Gld. Summa 55 Gld. 36 Sch.

Alterthmlich und von naiver Umstndlichkeit waren die Bruche, unter
denen die Ortschaften jeweilen ihren Zins zu berbringen hatten.

Der Walpertszins musste vom hessischen Dorfe Salzberg am Kntl
alljhrlich am Walburgistag zu Buchenau in Betrag von sechs Hellern
alter hessischer Mnze bezahlt werden. Der Gemeindemann, der ihn
berbrachte, hiess das Walpertsmnnlein. Er musste des Morgens frh
Schlag sechs Uhr in Buchenau eintreffen und auf einem besondern Stein an
der Schlossbrcke sich niedersetzen. Versptete er sich, so verdoppelte
sich progressiv mit jeder Stunde der Zins, am Abend htte ihn die ganze
Gemeinde nicht mehr zu zahlen vermocht. Vorsichtshalber schickte daher
die Gemeinde stets zwei Abgeordnete zusammen ab. Hatte das
Walpertsmnnchen seine sechs Heller im Schloss bezahlt, so wurde es nach
Vorschrift hier drei Tage lang bewirthet. Schlief es whrend dieser Zeit
nicht ein, so waren die Zinsherren verpflichtet, es lebenslnglich zu
verpflegen; geschah jedoch das Gegentheil, so wurde es augenblicklich
aus dem Schlosse hinausgeschafft. Schon an dreihundert Jahre war diese
Zinszahlung im Gebrauche und bestand noch im Anfange dieses
Jahrhunderts. Lynker, Hess. Sag. no. 338. Grimm RA. 388. Dies war der
sg. Rutscherzins, welcher, wenn an vorbestimmter Tages- und Stundenfrist
abzutragen verabsumt, nach Tagen und Stunden wuchs. Blieb der
Braunschweigische Maigassenzins, der nur 3 Mgr. 2 Pf. betrug, am
Zinstage aus, so verdoppelte er sich von Tag zu Tag. Im Dorfe Schernberg
hatte man ihn auf Philipp-Jacobi Mann fr Mann auf einen breiten Stein
unter freiem Himmel zu erlegen, wer sich hier um eine weitere Stunde zu
spt einstellte, bezahlte ihn je doppelt und dreifach. (Grimm ibid.).
Aber auch dabei kamen dem Verspteten noch mancherlei kleine Hilfsmittel
zu gut, welche gesetzlich erlaubt waren und ihn der drohenden Busse
wieder enthoben. Dass der Zinsende nach Herkommen ein Gegengeschenk
erhielt, welches mit der Zeit fr ganze Gemeinden zu nicht
unbetrchtlichen Nutzniessungen sich gestaltete, lehren folgende Bruche
und Sagen.

Walperherren hiessen vormals die vier Rathsmeister Erfurts, die jhrlich
an Walburgis nach altem Rechte hinaus in den Wald Wagweide zogen,
welcher dem Churfrsten von Mainz zugehrte, und sich 4 Eichen schlugen.
Gleichzeitig kam dann smmtliche Brgerschaft ihnen dahin nach und hielt
in dem frstlichen Schlosse ein dreitgiges Einlager bei Musik, Tanz und
Schmauss. Heut zu Tage begeben sich schon an Walburgis Vormittag alle
hammerfhrenden Gewerke der Stadt in jenen Wald und halten da bei Tanz
und Gesang bis tief in die Nacht aus, Bier wird fsserweise mitgefahren.
Mit Eichlaub bekrnzt singt der heimkehrende Zug:

    Willst du mit nach Walpern gehn,
    Willst du mit, so komm!

Dies nannte man den Grnenmaitag. Aehnlich begeht daselbst die
Schusterzunft den grnen Montag, welcher der erste ist nach Jacobi. Sie
bekrnzt nebst ihren Wohnhusern die Strassen zum Paul, zu den Predigern
und die Schuhgasse. Dies Ehrenrecht soll ihnen von Kaiser Rudolf fr die
Tapferkeit ertheilt worden sein, mit der sie und die brigen
hammerfhrenden Gewerke ein Raubschloss im Steigerwalde zerstrten, von
dem aus die Orte des Thringerwaldes lange belstigt worden waren. Zwei
Knaben, mit Goldketten und anderem Geschmeide geschmckt, pflegte man
sonst zu Pferde in der Stadt herum zu fhren, es sollen die zwei
Shnlein der Edelfrau jenes Schlosses gewesen sein (man benennt es
wechselnd bald Dienstberg, bald Greifenberg), die mit all ihren
Kostbarkeiten behngt die Sieger fussfllig um Schonung ihres Lebens
anflehten und Gnade fanden. So die Sage. Allein was in dieser die
angeblichen Raubritter geworden sind, waren ursprnglich die
Winterunholde, denen der Sommer abgewonnen wird. Denn die stdtischen
Urkunden, so sagt der Erfurt. Stadt- und Landbote v. 1846, enthalten
nichts, was dieser Geschichte einer zerstrten Raubburg aufhelfen
knnte, wohl aber dass der Grnenmaitag ein Ueberrest des sg.
Schwrtages ist, an welchem die Handwerker jhrlich der vom Mainzer
Bischof neugesetzten Obrigkeit huldigen mussten. Der Bischof besttigte
ihnen dagegen neuerdings ihre Rechte, wofr die Schuster dem
Schultheissen zwei Paar bunte Schuhe berreichten, gemacht aus dem Filz,
den die Hutmacher gleicherweise abzuliefern hatten. Berlepsch, Chron. d.
Gewerke 4, 157. Der Sinn solcher pseudohistorischer Sagen von einem
gelungenen Kriegszuge der Brger und Bauern gegen das Herrenschloss,
oder einer militrischen Execution gegen den Herrschaftswald ist einfach
der, dass mit dem Entrichten des Walburgiszinses rtliche Holzrechte
verbunden waren. In einem niederl. Volksliede (Uhland in Pfeiffers
Germania V.) bringt der Zinsbauer (wahrscheinlich fr die Nutzung
berlassener Lndereien) seinem Lehensherrn ein Fuder Holz und zugleich
der Frau "den khlen Mai".

Wie sich der Sieg Gideons ber die Midianiter (Richter 6, 37) an den
Thau knpft, der auf Gideons ausgebreitetes Fell so reichlich fllt,
dass man des Morgens eine Schale Wassers daraus zu fllen vermag, so ist
auch in den deutschen Lokalgeschichten aus dem Glauben an die
Wunderkrftigkeit des Maienthaues, und aus dem Brauche, beim
Maigerichte bewaffnet zu erscheinen, den Walburgiszins Mann fr Mann
gemeindeweise zu entrichten, die hufig sich wiederholende Tradition
entstanden, dass an eben diesem Zinstage die politische Unabhngigkeit
der Landschaft durch einen glcklichen Waffenstreich errungen worden
sei. Die Maifahrt wird zur Kriegsfahrt umgestempelt. Die Friesen- und
die Schweizersage trifft hier zusammen. Den Unterwaldnern werden die
"Walperkhe" (Grimm, RA. 822), die sie dem Zwingherrn zinsen, der
Anlass, die Vgte auf Sarnen und Rozberg zu vertreiben und deren Burgen
zu brechen; die Ditmarschen datiren ihren Freiheitstag von dem Zinskorn,
das sie nicht lnger auf das Schloss der Walburgsaue liefern wollen. Die
Unterwaldnersage ist allbekannt, noch unbeachtet aber folgende
ditmarsische, die in Neocorus Chronik steht, Ausgabe von Dahlmann. Das
lteste und festete Gebu im Ditmarschenlande war die Grafenburg
Bocklenburg in der Wolberaue gelegen. Ihr lterer Name war Walburg, sagt
Dahlmann im Neocorus 1, 565; ein Eigenthum der Grafen von Stade, in
unmittelbarer Nhe des jetzigen Kirchdorfes Burg; ihre Zerstrung durch
die aufstndischen Bauern fllt 15. Mrz 1145. Mllenhoff, Glossar zum
Quickborn 1856, S. 315. Der Graf hatte den reichen Bauern Heine zu Gast
geladen, ihn reichlich bewirthen und mit Saitenspiel ergtzen lassen,
wofr der Bauer nun wiederum den Grafen zu sich bat. Aber statt auf die
Polsterbank setzte er ihn auf strotzende Kornscke, statt der Tafelmusik
musste Schwein, Schaf, Kuh und Ross den Hof durchlrmen. Solcher
Wohlstand reizte die habschtige Grfin Walburg und sie beredete ihren
Gemahl, dass er die Schatzung, die er den Bauern schon seit Jahren
nachgesehen hatte, gerade jetzt zur Zeit einer Theuerung in allen
Rckstnden einforderte. Am Martinsabend fhrten denn die Bauern eine
lange Reihe von Kornwagen zum Schlosse hinauf. Auf dem ersten sass eine
schne Dirne, dem Grafen zu Willen bestimmt; allein in den Scken des
zweiten Wagens lagen Bewaffnete eingenht. Als der Zug das Schlossthor
erreicht und gesperrt hatte, ertnte das Losungswort:

    Rhret die Hnde, Zerschneidet die Gebnde!

Damit schnitten die Verborgnen sich aus den Kornscken, zuckten die
Waffen und nahmen das Schloss ein. Der Graf war in das innerste Gemach
entsprungen, allein seine zahme Elster kam schreiend ihm nachgeflogen
und verrieth ihn, er wurde aus dem Verstecke gerissen und erstochen. Die
Grfin sprang aus dem Fenster in die vorbeifliessende Aue hinab und hat
mit ihrem Tode dieser Trift den Namen Wolbersaue gegeben. Und dieses
Landstck, fgt Neocorus bei 1, 264, ist von solcher Fruchtbarkeit
gewesen, dass man einmal 14 Tonnen Buchweizen darauf erntete. Auch eine
Wallfahrt zum Haupte St. Peters war daselbst. Ein kupfernes Kreuz, das
dorten ein Bauer aus dem Boden gepflgt und daheim aufbewahrt hatte,
entsprang ihm wieder und stellte sich in die Wallfahrtskirche, wo es
heilkrftige Wirkungen that: it wolde in de Kerken unnd S. Peter
sterken.

So wird Walburgs Gttermythe zur Kirchenlegende, ihre Burg zur
Wallfahrtskirche, sie selbst zur hartherzigen Gaugrfin und Burgfrau,
mit deren Untergang die Steuer der Leibeignen aufhrt und die politische
Selbstndigkeit des Gaues beginnt. Noch ein kleiner Schritt weiter, und
die hartherzig Zins eintreibende Grfin Walburg verwandelt sich an einem
oder jedem der drei altgebotenen Zinstage zur saatenvertilgenden
Walburgishexe, aus der Tagfahrt zu Gericht wird eine Nachtfahrt auf den
Broken. _Dreimal_ des Jahres mssen die Hexen ihre drei hohen
Tagsatzungen abhalten, sagt Prtorius Blockesberg (1668) 499, und
zergrbelt sich ber die Frage, warum doch dieser Heiligen Kirchtag so
sehr vom Teufel entweiht werde; darum wohl, meint er, weil diese Heilige
dem Satan so viel Abbruch gethan; nun halte er alle Jahre Abrechnung mit
ihr und lasse von seiner Burse ihren Feiertag verschimpfiren.

Eine hnliche Frhlingssage, bei welcher jedoch noch deutlicher der
Nachdruck auf das Walburgisfeuer und die Maibraut fllt, theilt W.
Menzel (Vorchristl. Unsterblichkeitslehre 1, 128) mit aus Curickens
Beschreibung von Danzig 1688 S. 39, und aus Temme-Tettau's Ostpreuss.
Sag. no. 208. 209. Auf dem Hagelsberge, an dessen Fusse nun Danzig
liegt, hatte der bse Knig Hagel eine Burg erbaut, von wo aus er die
Fischer an der Weichselmndung brandschatzte und ihre Weiber und Tchter
entehrte. Dazu hatte er seine eigne Tochter Berchta dem Sohne des
Schultheissen Hulda verlobt, weigerte sich aber nachher, sie ihm zu
geben. Da kam der Abend, an welchem der Sitte gemss ein grosses Feuer
auf dem Berge angezndet und der bliche Reigentanz um das Feuer
gehalten wurde. Diesen unschuldigen Vorwand benutzte Hulda mit andern
Jnglingen, sich der Burg zu nhern und dieselbe pltzlich zu
berfallen. Knig Hagel, der dem Tanze des Volkes mit Vergngen
zugesehen hatte, wurde ermordet und rief sterbend: O Tanz, o Tanz, wie
hast du mich verrathen! Und davon soll das nachmals erbaute Danzig
seinen Namen erhalten haben.

Der Name der Frhlingsgttin Holda-Berchta ist hier in der Sage zwischen
Brutigam und Braut getheilt. Damit diese Beiden, nachdem sie bereits
ins Mailehen gegeben sind, ein Paar werden knnen, wird der winterliche
Tyrann, Knig Hagel, vertrieben und seine Burg beim Walburgisfeuer
zerstrt. An ihre Stelle tritt eine gewerbfleissige grosse Stadt.

       *       *       *       *       *



Fnfter Abschnitt.

Der Mythus vom Maienthau.


Von der Adventzeit bis zu Ostern lsst die katholische Kirche tglich
die Rorate-Messe singen, die ihren Namen trgt von der Stelle Jesaia's
45, 8: Rorate, coeli, desuper et nubes pluant justum; thauet, Himmel,
den Gerechten! Wolken, regnet ihn herab! Diesen vom Himmel fallenden
Segen erhoffte das Heidenthum von der Thaugttin selbst und sah ihn
erfllt mit deren Ankunft in der Walburgis- und Johannisnacht. Nur von
der ersteren ist hier die Rede.

Mit banger Erwartung geht unser Landmann in der Walburgisnacht zu Bette
und beim ersten Tageslicht tritt er vor sein Haus; ist da kein
reichlicher Thau zu sehen oder hat es gereift, so ist seine Hoffnung auf
eine erkleckliche Jahresernte schon halb dahin. Selbst wenn ihm im
Heumonat darauf noch soviel Futter wchst, er traut demselben keine
Nahrungskraft zu, es hat ja keinen Maithau bekommen; es ist ohne Salz
und Schmalz. Lieber ist er daher nur mit halb so viel Heu zufrieden, als
mit einem doppelten Heuertrgniss ohne Maienthau oder ohne Regen an
Walburgis. "Regen auf Walburgisnacht hat stets ein gutes, Jahr gebracht.
Walburgisfrost ist schlimme Post". In Meklenburg heisst es vom
Walburgisregen, er bringe ein unfruchtbares Jahr, weil mit ihm (vgl.
Wolf, Beitr. 2,367) von den gttlichen Mchten die Festfeuer
zurckgewiesen werden. Wenn es dagegen an den drei ersten Maitagen
reichlich thauet, so braucht es den ganzen Monat ber keinen mehr.
Maienthau macht grne Au. Oder, der Bauer rechnet auch in arithmetischer
Progression also: Thaut es im Mai fnfmal, so erwartet man eine
Viertelsernte; zehnmal, so giebts eine halbe; fnfzehnmal, so giebts
eine volle Ernte. Thau auf der Wiese ist Geld in der Truhe. Als Knig
Gustav III. von Schweden einem ostgothlnder Bauern, der ihm vorgestellt
wurde, einen kostbaren Ring zeigte und ihn ber dessen muthmasslichen
Werth befragte, meinte der Landmann lchelnd: doch wohl nicht so viel,
wie ein Schauer Regen im Mai. Kann man, sagt der Aargauer, am ersten Mai
genugsam Thau gewinnen, so kann man daraus Gold lutern. Daher trgt die
hl. Walburg feurige (goldne) Schuhe (Vernaleken, Alpensag. S. 92); daher
trgt bei den Hexenversammlungen eine der Frauen am rechten Fusse den
Goldschuh (Grimm, Myth. 1025); daher redet das Kindermrchen (Grimm 3,
no. 99) von der Lebenstinctur des Goldwassers; daher taucht in der
Walburgisnacht im Gewsser der Bode die goldne Krone der Prinzessin
Brunhilde hervor und schwimmt bis zum Morgen obenauf. Kuhn, Nordd. Sag.
no. 193; "daher sammeln die Alchimisten im Majo Regenwasser in grosse
Krge, dass sie sich das ganze Jahr durch nach Bedrfniss damit behelfen
knnen." Coler, Almanach (Mainz 1645, 59). Den Slaven ist in einem
einzigen Tropfen Thau eine Wunderwelt enthalten, er soll des Menschen
ganze Lebensgeschichte enthllen, wenn man ernstlich hineinschaut.
Haupt-Schmaler, Wend. Volksl: 1, S. 381. Die Perlenmuschel hat ihre
Perlen nicht vom Meer, sondern vom Himmel selbst, schreibt Konrad von
Megenberg im Buch der Natur (Augsb. bei H. Schnsperger 1499, Bl. pj und
piij): sy begeret des hymeltawes, recht als ein fraw jres liebes begert.
das ist, da das taw allermeyst fellt, so trinken sie das begeret taw in
sich und werdent schwanger. ist das taw klar vnd lauter, so werdent die
margariten gar fein. Aehnlich in Fr. Rckerts Vierzeilen:

    Die Rose stand in Thau,
    Es waren Perlen grau;
    Als Sonne sie beschienen,
    Da wurden sie Rubinen.

Aus Erde und Thau formte der Schpfer Adams Fleisch und Blut; so sagen
die Evangelien der Vorauer Handschrift (ed. Diemer, Deutsche Ged. S.
319-330):

    uon dem leime gab er ime daz fleisch,
    der tow becechenit den sweihc.

bereinstimmend mit der Bibelstelle: Ich will Israel wie ein Thau sein,
dass es soll blhen wie eine Rose. In das Fruchtholz des Waldes flchten
beim Weltuntergange die beiden letzten Menschen Lif und Lifthrasir,
Leben und Lebenskraft, und fristen sich da vom Morgenthau, bis neue
Menschengeschlechter aus ihnen hervorgehen. Das Fruchtholz, die Oesch,
kann ohne Thau nicht tragen; kein Maienthau, kein Holzwuchs, heisst es;
wenn man einen Baum im Maienthau schttelt, so stirbt er ab. Der Ritter,
der die drei letzten Bume bei seinem Hause fllen will, sieht des
Morgens unter ihnen drei Jungfrauen sitzen, die ber den Untergang des
Waldes klagen und mit den zerrinnenden Thautropfen verschwinden. Er
liess hierauf die Bume stehen und sein Geschlecht blieb in Wohlstand.
Wenn die Engel im Himmel weinen, um Gottes Erbarmen fr die Menschen
rege zu halten, so entsteht daraus unser Thau; dies lautet in
Grieshabers Deutsch. Pred. 1, S. 42: wer sint diu wazzer ob dem
firmamente? daz sint die erwelten und die behaltenen. sieh und merke ain
grz wunder. diu wazzer ob dem himmel, der kumet ain zeher niemer noch
niemer her ab, wan daz, smeliche maister wn, daz daz tov daruz werde.
Ein unbethaut bleibender Ort ist ein verwnschter, wie hier hernach noch
des Weiteren zu berichten sein wird. Da Jonathan und Saul in der
Schlacht gefallen sind, wehklagt David: Ihr Berge zu Gilboa, es msse
weder thauen noch regnen auf euch, Jonathan ist auf deinen Hhen
erschlagen! 2 Sam. 1, 21. Wo Gespenster und Hexen umgehen, wchst kein
Gras; daher in G. Brgers Romanze:

    Im Garten des Pfarrers von Taubenheim,
    Da ist ein Pltzchen, da wchst kein Gras,
    Das wird von Thau und von Regen nicht nass.

Wo neun Tage hinter einander kein Thau liegt, da liegt ein Schatz
(verzaubert) vergraben. Coler, Oeconomia. Auf dem Wiesenweg, welcher der
Sibilla Weiss Kirchgang gewesen, bleibt kein Thau und Reif behangen.
Panzer, BS. 2, pg. 54.

Maienthau ist eine Quelle der Krperschnheit, des Liebreizes und der
Langlebigkeit. Daher der Kinderspruch:

    Wenns thaut, wirds grn,
    werden alle Jungfern schn.

Mairegen, mach mich gross! pflegen die im Regen laufenden Knaben auf der
Gasse zu rufen. Eos hat tglich ihren altersgrauen Gatten Titon mit Thau
neu zu beleben. Hellfunkelnder Thau trieft perlend hernieder und
frischgrnende Hyacinthen sprossen empor, wo auf dem Ida Zeus die Hera
umarmt. Mit dem Wasser aus dem Paradiese, erzhlt Konrad v. Wrzburg in
seinem Trojan. Krieg--verjngt Medea Jasons alten Vater. Die drei Marien
gehen zu des Herren Grab durch den Thau (Uhland, Volksl. 832, 3):

    Es giengen drei heilige Frawen
    zu Morgens in dem Tawe.

So schn ist die Geliebte, dass der Minnesnger Christian von Hameln dem
bethauten Anger keine hellere Zier zu schenken weiss als ihren nackten
Fuss darauf:

    Her Anger, bitet, daz mir swaere sul buozen
    ein wp, nch der mn herze st;
    s wnsche ich, daz si mit blzen fezen
    noch hiure meze f iu g.

Man bereitete daher im Mittelalter aus dem Thau der Blumen verschiedene
kosmetische Mittel, z.B. aus der Pflanze Sonnnenthau einen nach ihr
genannten Liqueur Ros solis, nun Rossoglio genannt. Der Zierbaum, den
man im bair. Lechrain in der Mainacht der Liebsten vors Kammerfenster
setzt, muss nebst Aepfeln und Bndern stets mit einer vollen
Rosogliflasche behangen sein. Leoprechting, Lechrain 177. Ans den Blumen
der zum Johannisfeste geflochtnen Johanniskronen kocht man in Sachsen
einen heilkrftigen Thee. Sommer, Thring. Sag. 148. 156.

Die Alchemilla vulgaris, Thaumantel, Thauschssel, Parasol und
Frauenmntelchen genannt, bietet dem Sennen nicht nur das
milchergiebigste Gras, man destillirt das in ihrem Kelche sich sammelnde
Wasser als Heilmittel; zehn solcher Blumenkelche voll Thau stillen Jedem
den Durst. Schnwerth, Oberpfalz 2, 132. Die Salbe Oli-rong wird zu
Saintes Maries in der Provence bereitet, indem man an Johannis zwischen
Morgenrthe und Sonnenaufgang aromatische Kruter sammelt und sie in
Olivenlflaschen verschliesst. Wolf, Beitr. 2, 394. Um das ganze Jahr
frische Rosen im Zimmer zu haben, legt man Rosenknospen in einen mit
Wein gefllten und verschlossnen "Walburgischen Krauss." Kunst- und
Wunderbchlein, S. 233. Um seltne Kchenkruter jahrelang frisch und
schmackhaft zu haben, verordnet die Kuchemaistrey (Incunabel o.O.D.u.J.)
Blatt 22: vach tawwasser mit einem reinen neugewaschnen leinentuch, das
keg auf einer wisen hin vnd her, druck es auz in ein sauber kandel vnd
bayz (beize) die kreter darinnen. Eben diese Gewinnungsweise schreibt
Konr. v. Megenberg, Bl. e'3 gegen Ausschlag vor: so (der mensch) sich
denn wescht mit dem taw vnd darinn waltz des morgens, ee die Sunn den
taw benimpt, so wirt er rein an seiner haut. o Maria, hilf vnd taw mit
genaden auf vns redige menschen!

Eine Bernersage aus dem Habkerenthal wird mir also mitgetheilt. In einer
Hhle des Berges Harder, die vom Pfarrhause des Dorfes Habchen aus
erblickt wird, lebten ehemals Zwerge. Die Bauernschaft im Thale stand
mit diesen Erdmnnlein in gutem Einvernehmen und nach altem Brauch
stellte man ihnen jedes Frhjahr einen Krug Maienthau an einen
bestimmten Ort, wo ihn die Zwerge abholten und in die Hhle trugen. Sie
badeten damit ihre neugebornen Kinder und wuschen sich Windeln und
Weisszeug; zum Entgelt dafr berschickten sie den Bauern Honigthau,
worauf die Bienenzucht im Thale besonders gedieh. Nun, nachdem die
Zwerge ausgewandert oder gestorben sind, hngt ihre Hhle voll
milchweisser Steinzapfen, lauter im Bad verspritzter Maienthau, der sich
zu Milch versteinert hat, und heisst davon das Mondmilchloch.

In der Normandie, der Bretagne und den Pyrenen badet das Volk die
Fieber ab, indem es sich am Johannistage nackt im Thau des Haberfeldes
wlzt: se rouler ce jour-l le matin dans la rose, ou se baigner dans
une fontaine guerit de la gale et de toutes maladies cutanes. De Nore,
Coutumes, mythes et traditions. 127. 231. 262. Dasselbe thun die
Saalfeldischen Mdchen Nachts in den Flachsfeldern. Grimm, Myth. Abgl.
no. 519. "Ich werde," schreibt Coler, Almanach 62, "von erfahrnen Leuten
berichtet, dass der Maienthau grindichten, scherbichten Leuten gesund
sein soll, wenn sie sich frh nacket drein wlzen. Die Medici nennen
solchen Thau rorem matutinum in vere, S. Walpurgisthau."--Islnder und
Schweden pflegten in Thau zu baden, um damit Krankheiten wundersam zu
heilen: Finn Magnusen, Lexikon mythol. 72. Die Englnder setzten eine
Metze Haber oder eine Korngarbe unter den Nachthimmel und wuschen sich
mit dem darauf gefallnen. Thau gegen Pestansteckung. Liebrecht, Gervas.
Tilbur. pg. 2. Der Altbaier wscht sich im Maienthau, dazu sprechend:

    Das hilft fr's Gah,
    fr's Blh,
    fr'n U'flat.

Das Gah ist gher Tod und fallendes Uebel; Blh die
Rinderaufgelaufenheit, Stillflli; Unflat der Aussatz. Panzer, BS. 2,
30. "Morgenthau ist gut fr abgehauene Fsse, gut fr abgehauene Arme,
fr ausgestochene Augen", so sprechen die drei himmlischen Jungfrauen,
bestreichen den Verstmmelten und alsbald ist er wieder ganz und heil.
"Benetze deine Augenhhlen mit Morgenthau, der auf den Baumblttern
liegt", sprechen die drei Schwne zu dem von der Stiefmutter geblendeten
Mdchen. Haltrich, Siebenbrg. Mrch. S. 36. 216. "Heute Nacht fllt ein
Thau, sagt die Krhe, so wunderheilsam: wer blind ist und bestreicht
seine Augen damit, der erhlt sein Gesicht wieder." Grimm, KM. no. 107.
Dies ist der im bhmischen Mrchen "Nachttraum der hl. Walburgis" allen
Geblendeten verkndete Heilthau (bei Gerle 1, no. 7, citiert in Grimms
KM. 3, 342). So geschah es nach Ostern in der Weissen Woche in Beisein
des Frankengrafen Adalbert zu Monheim, dass ein Blinder am dortigen
Grabe Walburgis pltzlich wieder sehend geworden war. Act. SS. saec. 3,
pars 2, pag. 305.

Alle schwer Genesenden pflegt man gemeinlich auf den nher rckenden Mai
zu vertrsten als auf die Zeit ihrer gnzlichen Herstellung.
Stillschweigend ist also vorausgesetzt, dass dieser Termin die
besonderen Mittel gewhre, welche bislang dem Kranken gemangelt haben.
Da bereitet man folgende Nervensalbe. Man schneidet am 1. Maimorgen
Halme und Bltter aus dem Kornacker, zerwiegt sie und presst sie mit
heisser Maibutter zu einem Pflaster. Gegen Augenentzndung blickt man
eine halbe Stunde unbeschrieen in den Maithau. Gegen den Wolf (fratte
Schenkel) sitzt man nackt ins Feld hinein. Das Rind, das an der
Blutschwine, Abzehrung, leidet, wird in den Thau gestellt, das Zugvieh
und das Ross hineingetrieben, wenn es einen "Hauptfehler" hat. Die
Sommersprossen, Leberflecken und Merzensprickeln, die einem der Merz ins
Gesicht gespieen hat, reibt man am Maimorgen mit einem thaugetrnkten
Tchlein wieder weg. Vom Dorfe Leimen, im elsss. Sundgau, eine halbe
Stunde entfernt, fliesst im Orte Helgenbronn neben der dortigen
Walburgiskapelle ein krftiger Wasserquell, Helgenbronn und
Kinderbrunnen genannt. Am 1. Mai kommen die Mtter mit ihren siechen
Kindern hieher, um sie zu baden; hufiger noch geschieht es auch an
Johannis, 24. Juni, dass man hier die durch Sommersprossen verunstaltete
Haut wscht. A. Stbers briefl. Mittheil. Kaspar Scheidt, Mayenlob
(abgedruckt in Hubs Volksbb. des XVI. Jahrh. S. 316) beschreibt die
allgemeine Sitte ausfhrlich und anmuthig, ins Maienbad zu reisen; die
Bresthaften, die ihre Huser nicht verlassen knnen, lassen sich im Mai
daheim warme Bder zurichten, es fahren die jungen Weiber darein, wenn
sie noch keine Frucht zu erlangen vermochten, und wenn man daher ein
Bild des Maien malt, so pflegt man zwei Eheleute beisammen im Wasserbade
abzubilden, oder ein mit frhlichen Leuten unter Trommel- und
Pfeifenklang dahin ziehendes Schiff, oder junge wettschwimmende
Gesellen.--Knig Albrecht hatte 1308 gerade seine Badefahrt beendet, im
Stdtchen Baden das Maifest abgehalten und war auf dem Wege, seine
Gemahlin Elisabeth im benachbarten Rheinfelden abzuholen, als er am
linken Reussufer von seinem Neffen und dessen Mitverschwornen meuchlings
erschlagen wurde. Nicht lange, so ergieng gegen die Mrder die
Blutrache. Ihre Burgen wurden gebrochen, ihre Burgmannschaften
enthauptet, auch nicht die Kinder verschont. Agnes, des Ermordeten
Tochter, so erzhlt die Sage, soll dazumal durch das Blut der drei und
sechzig Mann der Besatzung von Farwangen geschritten sein unter den
grausigen Worten: "Jetzt im Blute derer gehend, die mir meinen frommen
Herrn ermordet haben, bade ich in Maienthau". Die typisch gewesene
allgemeine Redensart, aus welcher diese Sage entstanden, wiederholt sich
z.B. in dem Liede vom baier. Krieg:

    die Teutschen wurden wohlgemut,
    sie giengen in der ketzer plut,
    als wer's ain mayentawe.

Uhland, Schriften: "Sommer und Winter".

Auch symbolische Maibder gab es, sowohl kirchlicher als brgerlicher
Art. Noch vor etlichen Jahren giengen Schulmeister und Chorknaben in der
Kolmarer Gegend mit Weihwasser, genannt Heilwag, von Haus zu Haus, und
besprengten damit dreimal die Bewohner unter den Worten:

    Heiliwog, Gottesgob,
    Glck ins Hus, Unglck drus!

Stber, Elsss. Sag. no. 231. In der Oberpfalz lautet dieser Spruch,
nach Panzers BS. 2, 301:

    O du guter Walbernthau,
    Bringe mir, so weit ich schau,
    In jedem Hlmlein Gras ein Trpflein Schmalz!

Im Vinschgau werden am 1. Mai die "Madlen gebadet". Jedes Mdchen, das
sich am Wege zeigt, wird von den Burschen gegen ein Bchlein gejagt und
da begossen oder getaucht. Beim Schemenlaufen in der Perchtenmaskerade
darf die Kbelmarie, "Kbele-Maja", nicht fehlen, eine Maske, die in den
Brunnen springt und die Zuschauer begiesst. Zingerle, Tirol. Sitt. no.
747. 986. Wer zuerst vom Pflgen oder Aussen heimkehrt, wird in der
Oberpfalz aus einem Verstecke heimlich mit einer Schssel Wasser
begossen. Schnwerth 1, 400. Zu Wall in Bhmen blst am 1. Mai der
Dorfhirte alle brigen Hirtenjungen zusammen, die dann eiligst dem
Sammelplatze zulaufen. Wer zuletzt kommt, wird begossen. Reinsberg,
Festl. Jahr 138. In Marseille begiesst man sich zu Johannis gegenseitig
mit wohlriechenden Wassern. Simrock, Myth. 587. Am Himmelfahrts- und
Pfingsttage wurde durch jenes Loch des Kirchengewlbes, durch das die
hlzernen Figuren des Salvators und der Taube emporschwebten,
angezndetes Werg auf die Zuschauer herabgeworfen und Wasser gegossen.
Wiedemanns Chronik d. St. Hof.

Diese Zge fhren ber zum Thau- und Minnetrinken. Gervasius von Tilbury
(ed. Liebrecht, Otia imperialia, pg. 2) meldet aus dem 13. Jahrh., wie
zu seiner Zeit in England der Morgenthau selbst bei Vornehmen als
Pfingsttrank galt, und zugleich hat A. Kuhn (Nordd. Sag. S. 512)
nachgewiesen, dass dieser Brauch noch heutigen Tages in Edinburg auf dem
ffentl. Platze des Arthurssitzes begangen wird. In dasselbe 13. Jahrh.
fllt die Meldung von der Waldprozession, welche das Domkapitel zu
Evreux am 1. Mai abhielt und sich da Zweige hieb zur Ausschmckung des
Doms. Je zwei Tage vorher hatte es seit 1270 die Seelmesse fr den
Cleriker Bouteille zu begehen. Hiebei war im Kirchenchor ein Leichentuch
aufs Pflaster ausgebreitet, an dessen vier Enden vier gefllte
Weinflaschen mit der fnften in der Mitte standen, die den Chorsngern
preisgegeben wurden. Flgel, Gesch. des Groteskkomischen 170. 233.
Vielleicht, dass man diesen welschen Mnchsbrauch aus dem altrmischen
Feste der Anna Perenna (Ovid. Fast. 3, 523) ableiten mchte, wo an den
Merz-Iden das Volk aus der Stadt an die lndlichen Ufer des Tiber zog
und hier Laub- und Schilfhtten errichtete. So manchen Schluck da der
Trinker nach einander aus dem Weinbecher thun konnte, auf so viele
Lebensjahre hoffte er es zu bringen. Allein das vom Rmerthum unberhrt
gebliebne Skandinavien kennt gleichwohl eine hnliche Sitte. Die
Bewohner Stockholms feiern den 1. Mai mit einer Art Auswanderung in den
Thiergarten, wo man sich in den vielfachen Wirthschaften "Mark in die
Knochen trinkt". Den Ursprung des Brauches kennt man dorten nicht mehr
und schiebt ihn auf den Befreier Gustav Wasa, der am 1. Mai seinen
Einzug in die Stadt hielt und sie von den Bedrngnissen einer langen
Belagerung rettete. Allg. Augsb. Ztg. 1858, no. 132. Die deutschen
Landschaften kennen hnliche Wasser- und Weingelage, die altherkmmlich
auf dieselben Tage fallen. In der Gemarkung von hessisch Gambach fliesst
der Ehlborn (Oel lautet in dortiger Mundart Ehl), der ein so besonders
gutes Wasser hat, dass die zu Gambach Sterbenden darnach zu verlangen
pflegen. Wenn darum Kranke Wasser aus dem Ehlborn fordern, so gilt dies
als ein Zeichen ihres nahen Todes, denn ein solcher Trunk, sagen die
Leute, ist gleichsam die letzte Oelung. Wolf, Hess. Sag. no. 206. Dem
Pfingstborn bei der Hanauischen Stadt Steinau schrieb man besondere
Heilkraft zu, sammelte auf der dortigen Pfingstwiese den Maienthau,
trank denselben und wusch sich damit, und wenn alljhrlich die Steinauer
Kinder mit ihren Eltern hier heraus zum Frhlingsfeste zogen, so trugen
sie eine Menge irdener kleiner Krge mit, die ihnen als Trinkgefsse
dienten, Pfingstinseln genannt. Lynker, Hess. Sag. no. 329. Zum
Rimleinsbrunnen im Weissenburger Walde, wo Wilibald die Heiden taufte,
macht alljhrlich die Eichstdter Schuljugend ihren Waldmarsch und
geniesst daselbst die fr dies Jugendfest altgestifteten
Ergtzlichkeiten. Die Quelle, die an der alten Walburgskirche zu
hollndisch Grningen entspringt, ist unversiegbar und der Schatz der
Stadt. Bolland. 522. Des Jungbrunnens, welchen Walburgs anderer Bruder
Oswald am Ifinger in Tirol entspringen liess, ist schon im
Vorhergehenden gedacht worden. Damit der Ordelbach zu Eichstdt, der
ber eine achtzig Fuss hohe Bergwand gegen das Walburgiskloster,
niedergeht, beim Anschwellen im Frhlinge sein Felsenbette nicht
sprenge, wird von den Nonnen heiliges Oel durch eine Felsenspalte in
sein Wasser hinab gegossen. Schppner, Bair. Sagb. no. 1136. Beim
Brunnenkranzfeste zu Bacherach tragen Knaben und Mdchen die Symbole der
knftigen Ernte im Orte umher, Semmel und Speck an Sbel gespiesst, und
Eier und Butter in Krbchen. Die darauf gesammelten Gaben werden
folgenden Tages beim Brunnenmeister verzehrt "in dickem Brei mit gelben
Schnitten". Allverbreitet ist heute der dem Birkenbaume abgezapfte
Maitrank und der mit Waldmeister angesetzte Maiwein; jedoch wohin sie
beide und die vorhin genannten Maigetrnke zielen, sagen uns einige im
Erblassen begriffene Traditionen. Auf dem Walpersberge bei Dresden sitzt
in der Walburgisnacht und zu beiden Sonnenwenden der Teufel auf hohem
Stuhle und vertheilt an die Anwesenden Schwerter, um zu kmpfen. Dieser
Teufel ist Odhin, die Versammelten sind die Einheriar, welche nach
beendigtem Schwertkampfe von den methschenkenden Schlachtjungfrauen
bedient werden. Menzel, Odin 240. Daher tritt an die Stelle Walburgis zu
dieser Festzeit oft auch die huldreiche Frau Holle und bietet den
Verjngungstrank. Bei thringisch Arnstadt liegt der kruterreiche
Bergwald Walperholz, der einst auf seiner Hhe ein Walburgiskloster
getragen haben soll. An einer Waldecke, genannt zur Hohenbuche und
Jagdbuche, ist ein Rundplatz, wo niemals Gras und Kraut wchst, denn
dahin ist der Geist einer betrgerischen Bierzapferin gebannt. Sie
heisst Frau Holle, in altvterischer Tracht umgeht sie jene Buche und
ruft: Vollmass, Vollmass! Bechstein, DSagb. no. 587. Damit ist die
l-und lschenkende Walburg als eine thauspendende Walkre angedeutet;
noch dazu waltet sie in jenem durch das schon erwhnte, hier abgehaltene
Maifest der Arnstdter bedeutsam gemachten Walde. Reynitzsch,
Truhtensteine 187, hat hievon geschrieben. Ausdrcklich erzhlt die
Walburgislegende (Act. SS. tom. 2, pg. 301, cap. V), wie Frstentchter
an Walburgis Grabe zu Monheim den ankommenden Pilgern Trank und Speise
darreichen. Dabei kommt ein kostbares, im Kreise herum gebotenes
Trinkgefss (hanapp) pltzlich abhanden und kann weder wieder zum
Vorschein gebracht, noch die Art seines Verschwindens ermittelt werden.
Doch als die Wallfahrer, wieder auf der Heimreise begriffen, sich ber
jenen Verlust besprachen, stand es pltzlich unversehrt vor ihnen in
Mitte ihres Weges. Es wurde ins Kloster zurckgeschickt und hier als ein
neues Wunderzeichen aufbewahrt. Walburg heisst ferner ein runder
Steinthurm hohen Alters bei der unterfrnkischen Stadt Eltmann, er war
von drei reichen Nonnen erbaut und konnte nicht anders eingenommen
werden als durch ein blindes Ross, das man drei Tage hatte dursten
lassen; alsdann verrieth es durch Stampfen den Belagerern die geheime
Wasserleitung. Im benachbarten Hahnenwalde ist die Sigfrieds- und
Drachensage lokalisirt. Panzer, BS. 1, no. 186. Walbele, Walberles- und
Walburgisberg sind die volksthmlichen Namen der Erenbrg, eines hohen
sattelfrmigen Berges beim oberfrnkischen Dorfe Wiesentau; das
urkundlich 1062 genannt wird und ein Bestandtheil des karolinger
Knigshofes Forchheim gewesen war. Des Berges Gipfel ist mit Steinwllen
abgegrenzt, an seinem Fusse liegen Grabhgel, aus denen man antiquarisch
berhmtgewordene kupferne Streitxte erhoben hat. Hier war das Schloss
von drei schnen Frulein, die beim Trocknen die Wsche nur in die Luft
warfen, so blieb sie hngen. Panzer, BS. 1, no. 157. Auf dem Giebel
steht eine Walburgiskapelle, bei der am 1. Mai Wallfahrt und Jahrmarkt
abgehalten wird; Tausende kommen von allen Seiten herauf, schon vor
Sonnenaufgang zieht man den Berg hinan. Die Aussicht ber die
blthenreiche Landschaft ist reizend; zahlreiche Wirthe sorgen fr
unerschpfliche Libationen bei den gleichzeitigen Brandopfern der
duftenden Bratwrste. So erfllt sich der alttestamentliche Segensspruch
1. Mos. 27, 28, in allen Theilen:

    Gott geb dir des Himmels Thau
    Und die Fettigkeit der Au
    Und die Flle der Halmen
    Und den Most der Palmen.

Die Festbruche beim Sommerempfang, da man zu den wieder fliessenden
Brunnquellen in hellen Haufen hinausrckte, die darauf gegrndeten
rtlichen Wasserrechte in Scheingefechten vertheidigte, mit Waldzweigen
geschmckt wie ein wandelnder Wald heimkehrte und die frischen Maien um
den Ortsbrunnen steckte--haben sich als das Fest der Bannbeschreitung,
der Oeschprozession und des Mairittes hier und da noch gefristet, und
vervollstndigen diesen vorliegenden Abschnitt vom Maienthau nicht nur,
sondern schliessen ihn erst wirklich nachdrucksam ab.

Vom 1. Mai an werden in oberdeutschen Landgemeinden die
Grenzbesichtigungen des Bannkreises unter den verschiednen Benennungen
der Bereisung, Landleite, Bannbeschreitung, des Flur- und Fohrumganges
vorgenommen. Die ganze mnnliche Bevlkerung des Ortes, Jung und Alt,
ist verpflichtet daran Theil zu nehmen und wird den Tag ber auf
Gemeindekosten verpflegt. Die dabei vorkommende symbolische
Gedchtnisschrfung, die an der mitziehenden Jugend bei jedem neuen
Marksteine mit Ohrenzupfen, Ohrfeigen und Einstutzen (auf den Stein
stossen) vorgenommen wird, ist hinlnglich bekannt; eben so wenig bedarf
es einer Beschreibung, wie viel Pulver dabei aus den Knabenpistolen
verknallt und welches Weinquantum vom Mnnerdurst weggetrunken wird, um
dann nach lustigem Tagwerke dem Kchleinbackwerk entgegen zu ziehen,
dessen wrziger Duft vom Vaterorte her entgegen dampft. Die stdtischen
Brgerschaften pflgten ebenso unter grossem militrischen Aufwande ihr
Gebiet zu umgehen, haben jedoch seit dem Schlusse des vorigen
Jahrhunderts der Kosten wegen es in Vergessenheit gerathen lassen.
Dagegen haben sich katholischer Seits zu Stadt und Land die
Oeschprozessionen reichlich noch behauptet. So nennt man den auf 1. Mai
fallenden kirchlichen Flurumgang, bei welchem an vier in den
verschiednen Zelgen der Dorfflur errichteten Altren die vier Evangelien
abgelesen werden; der Priester besprengt die Flur mit geweihtem Wasser
und besegnet sie mit dem Wetter- oder Schauerkreuz. Unter den bei diesem
Bittgange durch Bischof Wessenberg seit 1805 vorgeschriebnen Versikeln
und Liedern schliesst ein von der ganzen Gemeinde gesungenes:

    Deine milde Hand giebt Segen,
    Giebt uns Sonnenschein und Regen.

So wird der Umgang im aargauer Frickthal und im jenseitigen Schwarzwalde
abgehalten. Anderwrts geschieht dies schon am Markustage, 25. Apr. In
Tirol glaubt man, diese Prozession sei lter als das Christenthum
selbst, denn schon der Heiland habe derselben beigewohnt. Zingerle,
Tirol. Sitt. no. 720; und allerdings findet sie sich unter dem Namen
Rogationes schon unter den Karolingern kirchlich eingefhrt (Rettberg,
Kirchgesch. 2, 791) und war eine Fortsetzung der alten Robigalien; zur
Abwehr des Rostes im Getreide veranstaltet. Diese Bittgnge waren unter
dem Namen der Hagelfeier-Predigten selbst bei der protestantischen
Bevlkerung an der Elbe blich und durch ein besonderes Volksgelbde
daselbst gestiftet gewesen. Die dortigen Lutheraner ruhten jhrlich drei
halbe Werktage von aller Arbeit und begaben sich zur Anhrung einer
Predigt, durch die man zugleich dem Hagelschlag wehrte. Eine solche Rede
findet sich in Zerrenners Ackerpredigten, Magdeburg 1783, 282.

Ein sehr alter und imponirender Zweig dieser Feste war der Mairitt;
schon die Reimchronik von der Soester Fehde (bei Emminghaus, Memorabil.
Susat. 1749, 660) nennt ihn einen Brauch aus alter Zeit: Up Walpurgis,
als men in den meien plach tho riden na alter zede und gewonte. Die
Ankenschnittenprozession zu luzernisch Beromnster wird bereits in der
Urkunde von 1223 erwhnt bei Neugart, cod. diplom. no. 190. Sie wird am
Himmelfahrtstage von den Stiftsherrn, den Rathsgliedern des Ortes, der
Dragonermannschaft und den sich anschliessenden Wallfahrern zu Pferde
abgehalten, Kreuz, Fahnen und Monstranz folgen zu Rosse mit, vom Rosse
herab wird gepredigt. Der Ritt geht vom Stdtlein weg auf aargauisches
Gebiet nach Maihausen, wo der Hofbauer nach alter, auf dem Gute
haftender Verpflichtung jedem beritten Mitkommenden eine frische
Ankenschnitte bereit halten muss, die dieser seinem Reitpferde ins Maul
stsst. Diese und hnliche berittene Prozessionen sind bereits
ausfhrlich beschrieben in den _Naturmythen_ (Leipzig 1862) S. 17; nur
das mittlerweile neu gefundene Material wird hier nachgetragen. Der
Blutritt in Schwbisch-Weingarten wird am sg. Wetterfreitag, am Tage
nach Himmelfahrt abgehalten. Mit Ausschluss der Wallfahrer zu Fusse hat
man dabei schon ber siebentausend Reiter gezhlt. Franz Sauter, Kloster
Weingarten 1857, 35. In den oberschwbischen Drfern findet der
Maithauritt am 1. Mai Morgens um 1 Uhr statt und kehrt mit Sonnenaufgang
wieder heim. Man lagert in einem Walde, ist guter Dinge und lsst am
Rckwege die bequem gelegnen Wirthshuser nicht unbesucht. Birlinger,
Schwb. Sag. 2, no. 123. Bei den Vlamingen heissen die am 1. Mai
veranstalteten kirchlichen Umritte Marienprozessionen, doch fllt
derjenige zu Anderlecht bei Brssel auf Pfingsten, der in Haeckendover
bei Tirlemont auf Ostern. Bei letzterem wird unter zahlreichen
Pistolenschssen dreimal die Kirche umritten, dann gehts mit verhngtem
Zgel quer ber die Felder, indem man annimmt, dadurch werde die Ernte
eine gesegnetere. Ein Bauer, der sich diesem Herumtraben auf seinem
Felde widersetzte, fand nachher alle Aehren leer. Wolf, Ndl. Saga no.
345. In Anderlecht ward ehemals derjenige, welcher nach dreimaligem
Wettjagen der erste am Kirchenportal anlangte, zu Ross und mit dem
Bnderhut auf dem Haupte von dem ganzen Kapitel in die Kirche gefhrt,
da mit einem Rosenkranz geschmckt und feierlich wieder hinaus geleitet.
Reinsberg, Festl. Jahr. 140. Beim sg. Knigsreiten in sterreich.
Schlesien, wobei Dorfrichter, Geschworene und alle Pferdebesitzer der
Gemeinde, geistliche Lieder singend, die Ackerzelgen umreiten, wird der
beste Wettrenner Knig. In Sachsen gilt um Pfingsten das Kranzreiten
nach einem geschmckten Baum, ist aber in Nietleben bereits zum "Betteln
reiten" herabgesunken. Sommer, Thring. Saga S. 154. Unsre
rechtglubigen Bauern, bemerkt ber die frnkische Bevlkerung in der
Ansbacher Gegend Reynitzsch (Truhtensteine 143), reiten ihre Pferde am
Ostertage ins Osterbad, gleichwie wir an demselben Tage uns neue Kleider
anschaffen und die Zimmer ausweissen lassen. Johannes Boem, genannt
Aubanus, von seiner Geburtsstadt Aub in Unterfranken, schrieb 1530 De
moribus, legibus et ritibus gentium, woraus Ign. Gropp (Collectio
Scriptor. Wirceburg.) den Abschnitt mittheilt, welcher das Frankenland
betrifft; hier ist der wrzburgische Pfingstritt also beschrieben:
Pentecostes tempore ubique fere hoc agitur. Conveniunt quicunque equos
habent aut mutuare possunt, et cum Dominico corpore, quod sacerdotum
unus, etiam equo insidens, collo in bursa suspensum defert, totius agri
sui limites obequitant, cantantes supplicantesque, ut segetes Deus ab
omni injuria et calamitate conservare velit. Alljhrlich zweimal, am 10.
Mai und am zweiten Pfingsttage, begeht das sdfranzsische Dorf
Villemont das Kirchenfest seiner Ortsheiligen Solangia und trgt deren
Reliquien in Prozession hinaus auf die Almende, welche Solangiafeld
heisst und den von der Heiligen gegangenen Pfad noch aufweist, auf
welchem das Gras stets schner und dichter steht als auf dem
angrenzenden Weideland. Da dieser Pfad die Zahl der Andchtigen, die oft
bis auf Fnftausend anwchst, nicht zu fassen vermag und folglich da und
dorten in die Saat hinausgeschritten wird, die um Pfingsten schon
ziemlich hoch steht, so nimmt diese dabei gleichwohl keinen Schaden,
sondern richtet sich schon zwei Tage nachher wieder selbst auf; ein
Wunder, von welchem sich Prinz Heinrich von Bourbon im J. 1637 mit
eignen Augen berzeugt haben soll. Das Gegentheil aber erfolgte an dem
Flachsacker eines Geizigen, als der Eigenthmer hier der Prozession den
Durchgang verweigerte; es fiel Mehlthau, der Sonnenstrahl schlug zu und
die Anpflanzung wurde brandig. Godefr. Henschenius in Actis SS. tom. II,
ad diem 10. Maii.

Solcherlei Frhlingsbruche, die jungen Saaten prozessionsweise zu
umreiten und zu durchreiten, sttzen sich auf heidnischen und auf
alttestamentlichen Glauben und wollen Abbilder sein eines den Gttern
selbst beigelegten gleichen Thuns. Die Psalmenstelle 65, 12--Du krnest
das Jahr mit deinem Gut und deine Fusstapfen triefen von Fett--liess
eine Gottheit erblicken, welche das reifende Kornfeld persnlich
beschreitet und mit ihrer Fussspur ertragsfhig macht, weshalb das
Kirchenlied von Nikolaus Hermann "Um gut Gewitter und Regen" Strophe 9
jene Worte nachdrcklich wiederholt:

    Umkrn das Jahr mit deiner Hand,
    Mit deinen Fussstapfen dng das Land.

Hier ist der hl. Benno durchgegangen, sagen die preussischen Wenden von
besonders gesegneten Feldern (Preusker, Vaterl. Vorzeit); von dem auf
den Bergwiesen striemenweise fetter und ppiger wachsenden Grase sagt
der Tiroler, hier ist der fromme Graf Leonhard geritten, hier ist der
Alpgeist mit schmalzigen Fssen drber gegangen (Zingerle, Tirol. Sag.
no. 963. Tirol. Sitt. no. 314); hier ist der Kornweg des ausreitenden
Rodensteiners, sagt der Hesse von den durch die noch grne Frucht
hinziehenden gelben Streifen vorreifender Kornhren. Wolf, Hess. Sag.
no. 31. 56. Von den ber die Spitzen des Aehrenfeldes hinschwebenden
Hufen des Gtterrosses versprach sich die Landwirthschaft vormals
denselben Vortheil, den sie heute von den Merzwinden erwartet, diese
haben nemlich dem jungen Halme Widerstandskraft gegen die sommerlichen
Strichregen und Windstsse zu geben, dann wird er sich weniger lagern
und die Aehre weniger ins giftige Mutterkorn schiessen. Auf eine ganz
nahverwandte landwirthschaftliche Erfahrung sttzt sich auch der Ritt in
den Maienthau. Bekanntlich hngt die Befruchtung der Kornhren vom
Samenstaub ab, den der Wind durch die Bewegung der Blthen ausschttelt
und verbreitet. Diese Verbreitung geschieht aber bei der
Unregelmssigkeit der Bewegung nur unregelmssig, daher bleiben viele
Hlsen der Aehren taub. Der aargauer Bauer im Freienamte bt nun seit
alter Zeit folgende Methode zur knstlichen Untersttzung der
Befruchtung aus. Von beiden Breitseiten des Kornackers ziehen zwei
Mnner ein Seil ber der Hhe des blhenden Getreides hin und streifen
damit gelinde den Morgenthau ab. Dadurch werden nun einige der Aehren
zwar "ringrostig", nemlich etwas brandig gemacht, die brigen aber gegen
das Sichlagern gestrkt und der ausfallende Samenstaub wird in ihnen
gleichfrmig vertheilt. So wird also Brand und Mutterkorn verhtet, die
aus einer und derselben Ursache, aus nicht stattgefundner Befruchtung
entstehen. Dieser Naturvorgang ist von den Griechen vergttert, in
Kunstgebilden dargestellt und bis auf die Athene bertragen worden.
Unterhalb der Akropolis zu Athen stand der Thurm der Winde, unter dessen
acht Relieffiguren auf einer seiner acht Seiten der Ostwind (Apeliotes),
der den gedeihlichen Saatregen mit sich fhrt, dargestellt war als ein
Genius mit heitrer Miene, geflgelt, mit flatterndem Gewande
einherschwebend, in den Falten seines Mantels einen Bienenkorb tragend
und neben reifenden Frchten eine Kornhre. Droben auf der Akropolis
stand die Athenestatue, die den Beinamen Pandrosos (Allesbethauende)
fhrte, als eine andere Demeter verehrt wurde und Aehren in der Hand
trug (Welcker, Griech. Gtterl. 1, 313). Diesen ihren Beinamen hatte sie
nach demjenigen der drei Tchter des Cekrops, welche Aglauros
(Schimmernde), Herse (Thau) und Pandrosos (Allthauig) hiessen und den
Erysichthon (Ackermann) zum Bruder hatten, der auch Aithon (Brand und
Mehlthau) hiess. Die Thaufeste, Ersephorien, sollten dem Mehlthau
steuern und waren der Athene gewidmet.

Betrachten wir dieselben Anschauungen, wie sie in Sprache und Mythe
unsrer deutschen Vorzeit sich ausgedrckt haben.

Thau, goth. daggvus, ahd. touwi, gehrt nach Kuhns Vermuthung (Weber,
Ind. Stud. 1; 327) zu sanskrit. dha Milch, ableitend, von duh, ziehen,
ducere, so dass also im Vorgange des Thauens das Geschft des Melkens
und Milchausdrckens erblickt wurde. Friesisch thavan, anglisch ton
heisst waschen. Hundertfltig stimmen nun Mythen und Bruche in der
Annahme berein, aus dem rechtzeitigen Abstreifen des am Halme hngenden
Morgenthaues lasse sich Milch und Butter gewinnen, als gediegenes
Produkt fertig herauspressen, und das in diesen Thau getriebene
Milchthier ergebe doppeltes Milchquantum. Die Synode zu Ferrara 1612
verbietet, Tcher in der Nacht vor Johannis Baptistae unter den Himmel
zu breiten in der Absicht, den Thau aufzufangen. Liebrecht, Gervas.
Tilb. S. 230; gleichwohl ertheilt Schnurr im Oekonom. Kalender
besonderen Unterricht, wie man den Himmelsthau vom schossenden Getreide
mit subtilen Tchern aufzufangen und diese in Gefsse auszuwinden habe,
denn solcher Thau sei unsres Landes Manna. Prtorius, Blockesberg S.
559. Grohmann, Bhm. Abergl. S. 132 berichtet Folgendes von einem nun
verstorbenen Simanek aus Kaurim. Er schmckte in der Walburgisnacht
seine Kuh mit grnen Zweigen und einer Decke, zog sich selbst nackt aus
und fhrte das Thier durch den Thau. Heimgekehrt drckte er die
thaubenetzte Decke in ein Gefss aus, indem er dabei mit den vier
Zipfeln umgieng wie beim Melken, und gab das gewonnene Wasser den
Thieren unter die Trnke. Sie waren dann das ganze Jahr milchreich. Es
ist eine von Sachsen bis nach Ostfriesland nachgewiesne Sitte,
abwechselnd um Mai, Ostern oder Pfingsten, den Frhthau zu gewinnen,
indem man die Heerde hineintreibt oder ihn mit Wettritt und Wettlauf
feierlich abstreift. Die am frhesten ausgetriebene Weidekuh bekommt
einen langen Maibusch an den Schwanz gebunden, erhlt den Preisnamen
Daufjer, Dauschlpper, das wettrennende Ross den Namen Thaustrauch,
weil sie den ersten Thau erfolgreich weggefegt haben, und werden mit
dem am Rennziel auf der Stange steckenden Blumenmaien oder Brodweck
beschenkt. Kuhn, Nordd. Sag. S. 380-88. Westfl. Sag. 2, S. 165. Ebenso
gilt in Holland das Daauwtrappen und Daauwslaan. Allein die egoistische
Natur des Menschen, die bei jedem Begegnisse den Neid des Andern
voraussetzt, verkehrt den heiligen Thau zum Zaubermittel; darum gehen
denn auch die Hexen um Weihnachten in die Wintersaat und erhorchen die
Zukunft, auf Walburgis in das grne Korn, auf Pfingsten ins Roggenfeld,
um in Thau zu baden, mit den hinter sich her gezogenen Tchern ihn
aufzusammeln, daheim auszupressen und so die Milch jeder fremden
Weidekuh fr sich zu gewinnen. Schnwerth, Oberpf. 3, 172. Daher heissen
die Hexen in Holstein Daustrker. Die ao. 794 zu Frankfurt versammelten
Bischfe erklrten eine letztjhrige Hungersnoth daraus, dass der Teufel
den Leuten, welche den Zehnten nicht entrichten, damals die Aehren
ausgefressen habe: experimento enim didicimus in anno, quo illa valida
fames irrepsit, ebullire vacuas annonas a daemonibus devoratas et voces
exprobriationis auditas. Schmidt, Gesch. d. Deutsch. 1, 575. Niedlich
lauten die Histrchen von den Zwergen, die sich des gleichen Vortheils
zu bedienen suchen und darber klglich entdeckt werden. Wenn die Zwerge
im Harz in die Erbsenfelder giengen, hatten sie ihre unsichtbar
machenden Nebelkappen auf. Allein die Leute nahmen einen Pflugstrick
oder eine lange Stange und fuhren damit oben ber das Feld hin. Damit
fielen den Zwergen die Nebelkappen vom Kopfe, sie wurden sichtbar und
konnten tchtig durchgeprgelt werden. Prhle, Harzsag. 1, 199. 210. Um
sich nun gegen die Nachstellungen der Hexen sicher zu stellen, kommt man
ihnen auf folgende Weise zuvor. Man breitet in der Walburgisnacht ein
weisses Tischtuch im Hofe aus, auf dem neunerlei Arten Kornes durch
einander geschttelt liegen, lsst sie vom Nachtthau benetzt werden und
fttert damit smmtliche Hausthiere vom Stier bis zum Huhn hinab.
Darstellungen aus dem Gebiet des Abgl., Grtz bei Kienreich 1801, S. 9.
Da auf hnlich magische Weise auch der Butterraub ausgebt wird, so ist
das Gegenmittel hier wiederum ein gleiches: am 1. Mai alle Speisen recht
stark zu schmalzen, Ankenschnitten, in der Schweiz eine dickgestrichene
_Ankenbrt_, am Familientische zu essen, allen Hausthieren davon
zukommen zu lassen und dem Weidevieh beim ersten Austrieb ein solches
Stck zu geben. Vom hexenhaften Buttergewinn erzhlt Jac. Sprenger im
Hexenhammer, pars 2, quaest. 1, cap. 14 folgende Begebenheit. An einem
Maitag empfanden mehrere zusammen ber Feld Spazierende grosse Lust,
frische Maibutter zu geniessen. Sie standen zufllig an einem Flusse.
Ich will euch solche besorgen, sprach einer von ihnen, wartet nur ein
wenig. Er gieng in den Fluss, setzte sich mit dem Rcken gegen den Lauf,
rhrte mit den Hnden rckwrts und es dauerte nicht lange, so brachte
er eine frmliche Butterballe zum Vorschein, wie sie die Bauern im Mai
machen. Die Gesellen fanden sie beim Verkosten ganz trefflich
schmeckend.--Ein aargauer Bauernsprichwort sagt rationalisirend: Wer am
Maitag Gras hufelt, der kann an der Auffahrt schon eine Ankenballe in
seiner Matte bergen. Der gelehrte Abt Trithemius dagegen versichert in
seinem fr Kaiser Max I. verfassten Liber octo questionum (gedruckt bei
Joh. Hasselberger 1515) alles Ernstes in der sechsten Frage: Exploratum
habemus, maleficas in fluminibus concitatis hausisse butyrum temporibus.
Daher heisst es, in der Walburgisnacht fliege der Drache um und trage
seinen Glubigen Butter und Schmalz aus fremden Husern zu. Was er nicht
weiter schleppen kann, speit er auf die Schwindgruben; die gelbweissen
Algen in Tellergrsse, die man auf dem Dngerhaufen zuweilen erblickt,
heissen daher Drachenschmalz. Schnwerth, Oberpfalz 1, 394. 396. Mit
demselben Morgenthau erwartet man auch den Honigregen; denn, sagt
Carrichter, des Kaisers Maximilian II. Leibarzt, in der Teutschen
Speisskammer (Strassburg 1614) S. 69: "Da die Bienen im Herbste, obschon
dann noch immer Blumen vorhanden sind, keinen Honig mehr eintragen
knnen, so ist daraus zu ersehen, dass der Honig nicht aus den Blumen,
sondern aus dem Thau bereitet wird, der zur Zeit des Siebengestirns auf
die Blumen fllt;" und daher erzhle Galenus, 3. B. de alimentis, die
Bauern htten am Morgen, wenn sie Honig auf den Bumen kleben gesehen,
ein Freudenlied gesungen: "der grosse Jupiter im Himmel droben regnet
uns Honig auf das Feld!" Unsre Bauernregel besagt: Viel Honigthau im Mai
giebt starke Bienenschwrme. Thau und Honigfall wird von einem Engel uns
zugebracht, er liefert, nach Hebels Alemann. Gedichten:

    Mengmol e Hmpfeli Bluememehl,
    Mengmol e Trpfli Morgethau.

Da beides die ausschliessliche Nahrung der Unsterblichen ist, so ist sie
darum auch so sssschmeckend; denn, sagt Hebel:

    Drt oben wachst kei Gras, drt wachse numme Rosinli.

Die bhmische Haingttin Medulina hat ihren Namen vom Honigtranke Meth.
Sie ist eine Weisse Frau, die in der einen Hand ein Krbchen mit
Pflanzen, in der andern einen Strauss trgt. Im Frhlinge trgt das Volk
Honig in die Wlder, stellt ihn auf die Baumstcke und spricht:
Medulina, da hast du, du giebst es bers Jahr wieder! Grohmann, Bhm.
Sagb. 1, 134. Im finnischen Epos Kalewala, 15. Gesang, wird erzhlt, wie
der ertrunkene Lemminkinen von der Mutter wieder ins Leben gebracht
wird. Alle Besegnungen und Heilmittel wollen ihm aber nicht wieder zum
Sprachvermgen verhelfen. Da fleht die Mutter ein Honigbienchen an, es
mchte hinauf in den neunten Himmel fliegen, wo Gott aus seinem
Honigkeller die zu Schaden gekommenen Kinder salbt. Das Bienchen bringt
von dieser Salbe herbei, die Mutter stillt des Sohnes Schmerzen und die
Sprache kehrt auf seine Zunge zurck.

Das grosse Kapitel des Hexenglaubens liegt nun zwar mit der
Walburgisnacht hier nahe genug zusammen; gleichwohl soll es nur so weit
berhrt werden, als dadurch der innerliche Grund seiner missgestalteten
Meinungen an der Hand der bisher vorgetragnen Angaben zur Verdeutlichung
gebracht werden kann.

Fllt der Knigssohn im Zauberschlosse drei Flaschen mit dem Wasser des
Lebens und heilt damit den alten kranken Knig (Grimm KM. 3, S. 178), so
taucht dagegen die Hexe am Walpernabend ihren Finger in sieben
Bouteillen, beschmiert sich damit und fhrt so auf den Blocksberg. Kuhn,
Nordd. Sag. S. 192. Dies aber sind ursprnglich jene Zinnkannen und
silbernen Kannen, die beim Bergquell Salibrunnen an der Waldwohnung der
Erdmnnchen stehen (Aargau. Sag. 1, S. 198), oder die nchtlicher Weile
vom Ritterschloss Breuerberg in der Wetterau zum zerstrten
Nonnenkloster Erlesberg hinber wandern. Wolf DMS. no. 454.--Das Horn,
aus welchem zum Maienfest Minne getrunken wird, ist golden, wird in
verschiedenen Kirchen aufbewahrt und als Altarkelch gebraucht; selbst
das Bestehen ganzer Geschlechter ist an seine Erhaltung geknpft
(Menzel, Odin 250-53); das Trinkhorn aber am Blocksberg ist ein Kuhfuss
und sein Inhalt ein seuchentrchtiger Satanstrank. Mit Fackeln wird Saat
und Gras aus dem Boden gezndet, unter Glockenklang mit Musik und Gesang
der Lenz geweckt, doch auch dieser dichterisch erfundene Brauch verkehrt
sich ins Dmonische und wird sein eignes Gegentheil. Dann heisst das
Entznden der nchtlichen Freudenfeuer berall das Hexenbrennen, und aus
dem lustigen Frhlingsbrauch, die nun endlich in Ruhe kommenden Besen
und Schrgabeln in Flammen aufgehen zu lassen, macht der Unverstand
einen Luftritt der Zauberer auf dem Besenstiel und ein sich selbst
Verbrennen des Satans in Bocksgestalt. Whrend noch im J. 1839 das
Mrzfest im Bergell unter Trommelschlag und Hrnerklang begangen wurde,
wobei ein jeder im Zuge Kuhschellen umgebunden trug und lutete, "_damit
das Gras wchst_" (Leonhardi, Rhtische Sitt. 1844), gilt im kathol.
Frickthal und in dem benachbarten badischen Schwarzwald kirchlich das
Reifluten im Mai, wie das Gewitterluten im Sommer. Im tiroler Innthale
umgeht am Jrgentage, 24. April, die russige Prozession die Felder. Mit
Kuh- und Hausglocken, mit Hafen und Pfannen lrmend, im unfltigsten
Sennenhemde und mit berusstem Gesichte, Krten und Eidechsen zur Schau
tragend, durchstreifen die Bursche das Gemeindefeld und werden bei ihrer
Rckkehr ins Dorf dafr beschenkt. Und damit alle sittlichen
Vorstellungen so recht vom Gaul auf den Esel kommen, tritt an die Stelle
der rossetummelnden Saatenreiter die hssliche Bocksreiterei und der
teufelsverschworene Bilmesschnitter. Auf einem schwarzen Bocke, am Fusse
die Sichel angeschnallt, durchreitet und durchschneidet er den Aufwuchs
ganzer Ackerbreiten. J. Feifalik hat in der sterreich. Gymnas. Ztschr.
1858, 410 aus einer Hds. des Olmzer Archivs einen Segensspruch
verffentlicht gegen "die Pylweisse om sent Wolbrygh-obent"; der
Besegner giebt dabei dem Stallthiere eine geweihte Kerze zu
verschlucken. "Es wor am Walburgisobende geschahn, wenn de Plewesen
osfaren", schreibt hievon der Schlesier A. Gryphius, Dornrose 51 (nach
Weinholds Schles. Wrtb. 1855, 10). Mit Heill salbt die
Schlachtenjungfrau den wundgewordnen Krieger; mit dem aus ihrem
Brustbein fliessenden Oel heilt Walburg die Kranken; aber die zum Tanze
ausfahrende Walburgishexe bestreicht sich mit einem in den Oberpflzer
Sagen Schnwerths 1, 372 ausfhrlich besprochnen Hexenl, und wenn sie
darber im fremden Stalle betroffen wird, "streicht ihr der Bauer dafr
den Buckel, dass sie Oel giebt". Alpenburg, Tirol. Sag. 1, 290. Thrs
Tochter heisst Thrudhr, d.h. die Tretende; denn nachdem der Ackergott,
ihr Vater, das Korn hat reifen lassen, lsst sie die vollen Garben in
der Tenne austreten. Hierauf aber wird die Trud zum Alp, welcher den
Schlafenden auf die Brust tritt, dass er erstickt, oder, wenn ihr dieser
mangelt, die neubelaubten Bume reitet, dass man alle Verkrppelungen
an Eschen und Fichten Trudenpftschen nennt. Das Stallthier wurde des
Milch- und Buttergewinnes wegen in den Maienthau hinaus getrieben, dass
es zuletzt dem thaumhnigen Rosse der jungfrulichen Walkren glich;
statt ihrer aber liess hierauf der grobe Aberglaube die Trude Nachts in
den Stall schleichen und die Thiere reiten, dass sie des Morgens
abgehetzt und voll Schweiss dastehen, nur Mhne und Schweif ist von
unbekannter Hand in zierliche Frauenzpfchen geflochten. Statt die
Huser mit Maien zu schmcken und den Walbernbaum aufzupflanzen, werden
so viele Ruthen auf den Dngerhaufen gesteckt, als man Rinder hat, die
Kinder machen sich aus Weiden kleine Galgen und berspringen sie in die
Wette; wer dabei nicht anstsst, in dessen Hause werden die Milchkhe
ergiebig. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 224. Ein frmliches
Treibjagen wird gegen die Hexen angestellt; mit knallenden Peitschen
werden sie aus der Dorfflur hinausgehauen, dies ist das Hexen-Tuschen,
Hexen-Auspletschen in der Oberpfalz (Schnwerth 1, 312), das
Maibutter-Ausschnellen in Tirol (Zingerle, Sitt. no. 783), das
Hinausblitzen in Deutschbhmen (Reinsberg, Festl. Jahr 137). Mit einem
tchtigen Schuss Pulver schiesst man in die auf die Hausschwelle
gesetzte Milchschssel, dass kein Tropfen davon drinnen bleibt; dann
hrt die Kuh auf, blaue Milch zu geben. Darstell. aus d. Gebiet des
Abgl. (Grtz 1801) S. 126. So weit erstreckt sich die Umwandlung alles
Natrlichen ins Zauberhafte, so weit gieng die Gesunkenheit des
ursprnglich so gesunden Volksbegriffs. Aller lebensfrohe rstige
Volksbrauch ist in Boshaftigkeit verkehrt. Wird im 13. Jahrhundert
vielfach gegen den Volksglauben an sg. Nymphen gepredigt, so heissen
diese doch immer noch schne Jungfrauen, die mit brennenden
Wachslichtern in den Stllen die Thiere besorgen, dass des Morgens
Wachstropfen in den Mhnen der Rosse kleben; sie erscheinen unter
schattigen Waldbumen, verbinden sich dem Getreuen in Liebe, stillen dem
Armen Hunger und Durst, ihre Herrin ist nach dem gelehrten Ausdrucke
jener Zeit latein. Abundantia, die romanische dame Abonde, die Knigin
Habundia, unsre deutsche Gttin Fulla. Wo sie erscheinen, da bringt es
dem Hause Glck und Vorsput. So anfangs als Allgtige verehrt, sind sie
nun feindselig und gefrchtet; erst eine berirdisch schne Holda, dann
eine triefugige Unholdin; erst eine thaufrische Walburgis, unter deren
Schritt der Acker von Oel trieft, zuletzt eine Anna Walper von Wertheim,
die im peinlichen Protokoll v.J. 1644 bekennt, den Teufel beim
Hexentanze in einer eisernen Schellenkappe mitgesehen zu haben. Wolf,
Ztschr. f. Myth. 4, 23. Sogar zu der finnisch-ehstnischen Bevlkerung
ist dieser Name gedrungen, vermittelt durch die Schweden; der Heiligen
Festtag heisst Wolpripw (Russwurm, Eibofolke 2, 263. 1, 74. 98). Die
Serben nennen den Hexenritt na Walporu. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2,
265. Noch bevor diese Satanisierung der deutschen Gtter durch die
Kirche genugsam durchgefhrt werden konnte, verwandelten sie sich mit
ihrer im Volksglauben nicht bezweifelten Macht erst ins Riesenhafte. In
rckwrtsschreitender Betrachtung unseres Gegenstandes zeigen wir nun
die Jten- und dann die Walkrennatur Walburgis und sind damit am
Schlusse.

       *       *       *       *       *



Sechster Abschnitt.

Walburg, die Gttin der Zeugung und Ernhrung.


Der Ordensneid der Jesuiten gegen die von ihnen unabhngigen Dicesen
und Stifte gab den ersten Anlass, die Walburgislegende in ihrem
Gesammtzusammenhang zu betrachten, whrend man sie bis dahin fast nur in
ihrer lokalen vereinzelten Tradition aufgefasst und dargestellt hatte.
Die Ingolstdter Jesuiten, unter ihnen Gretser voran, wollten der
niederdeutschen Walburg nicht die kirchliche Geltung der oberdeutschen
zuerkennen. Jene, behaupteten sie, sei die sg. Walburga Westfalica, eine
gewesene Nienheerser oder Herswender Nonne im Kloster bei Paderborn, die
Schwester des dortigen Bischofs Liuthard, die um 840 gelebt habe und
nebst ihrem Bruder 877 von den Vandalen erschlagen worden sei. Sie sei
nur selig gesprochen worden, dagegen die Eichstdter Walburg sei bereits
im J. 779 gestorben und canonisirt; erst ihr Ruhm habe jener
westflischen Namensschwester zu einigem kirchlichen Ansehen verholfen.
Diesem Vorgeben steht indess in der Kirchengeschichte Niederdeutschlands
alles Mgliche entgegen. Der grssere Theil der dortigen alten
Stiftskirchen ist der hl. Walburg schon seit so alter Zeit geweiht, dass
man daselbst von der Walburgiskirche zu Grningen behauptet, sie sei ein
Heidentempel der _Gttin_ Walburg gewesen, und dass man in der
Walburgiskirche zu Veurne (Dicese Ypern) sogar noch die Stelle zeigt,
wo dieser Gttin Menschenopfer gebracht worden sein sollen. Wolf, Ndl.
Sag. no. 309, S. 696. Bollandisten l.c. 522. Die Annahme eines sehr
hohen Alters dieser Kirchen wird zugleich durch ihren Baustil
untersttzt; die zu Grningen ist eine Rotunde mit thurmhnlichen Mauern
und steht auf einem Gange, welcher unterirdisch bis zum Nachbardorfe
Helgen fhren soll. Diejenige zu Antwerpen, in der dortigen Altstadt
gelegen, heisst Burg (castrum), in ihrer Krypta soll Walburgis auf ihrer
Herreise aus England gewohnt und die Gastfreundschaft der Stadt genossen
haben. Je weiter man nun den Walburgiscult nordwrts verfolgt, um so
mehr tritt seine heidnische Abkunft hervor, und Walburg nimmt da nebst
ihrem bischflichen Bruder die vergrberte Gestalt der Riesen an. Schon
im Harz wird _Wilibald_ ein Hne genannt (Prhle, Harzsag. 1, 275); um
Harlem aber gilt Walburg als die Heerden weidende und Strandruber
vertilgende Riesin Walberech. Seeruber ersuft sie, Viehdiebe frisst
sie lebendig auf; dann nimmt sie ihre Ochsen unter den rechten Arm, ihre
Rosse unter den linken, steckt die Schafe zusammen in die Haare ihres
Hauptes und geht so in einem Schritte von Holland nach England hinber.
Wolf, Ndl. Sag. no. 28. Als eine gleich ungestme Heidenfrau,
menschliches Mass berschreitend, gilt Walburg in Schweden, wovon in
Wedderkop's Bildd. a.d. Norden, 2. Th. die Rede ist. Nicht anders
erzhlt die, irische Legende von der Hexe Moll Wallbee in Beeckmakshire,
sie habe das Schloss Hao in einer Nacht erbaut und die Steine dazu von
Dollgellen in der Schrze hergetragen. Als ihr dabei im Laufen ein
Kiesel in den Schuh kam, schleuderte sie ihn heraus; er fiel auf den
Kirchhof von Clowes, drei Meilen von Dollgellen, da liegt er noch, neun
Fuss lang und einen dick. (Vulpius) Curiositten Bd. 8, 240. Endlich hat
sich jene Walburga Westfalica sogar als eine Antwerpner Venus
herausgestellt, deren Abbildung in Wolfs Beitrgen 1, Tafel II, Figur 1,
lehrt, dass sie keineswegs die antike Venus gewesen ist, sondern ein
deren antiken Namen tragendes deutsches Gtterbild. Es ist ein ber dem
Antwerpner Steenport in die Mauer eingelassenes, halb erhaben gehauenes
Steinbild, das noch in seinen ursprnglichen Umrissen zu erkennen, in
seinen Besonderheiten aber abgemeisselt ist; dasselbe hat langes Haar,
hebt beide Arme bis zur Kopfhhe anbetend empor und zieht die aus
einander gespreizten Beine herauf. Dass es ein Gtterbild war, urtheilt
Wolf, l.c. 107, darin stimmen alle lteren Geschichtschreiber Antwerpens
berein, unter denen auch der berhmte Bollandist Papebrochius; dafr
spricht ferner die allgemeine Verehrung, deren es genoss, dafr zeugt
auch, dass unfruchtbare Frauen ihm Krnze und Blumen opferten, die
Manneszeichen, die es phallisch trug, abschabten und als Heilpulver
tranken, um bald des Mutterglckes theilhaftig zu werden. Davon
berichten Mart. Zeiller, Itin. Gall. Bl. 527; Goropius Becanus, Origin.
Antverp. pg. 26; J.B. Gramaye, Antiquitt. Antverp. lib. II, pg. 13, und
selbst die Bollandisten III, 521. Bei dem geringsten Zufalle, sagt
Becanus, welcher Antwerpner Frauen begegnet, ob sie ein Kchengeschirr
zerbrechen, oder sich die Zehe verstauchen, rufen sie ohne weiteres
dieses priapische Bild laut an, und selbst bei den Anstndigsten ist
solche alte Unsitte noch im Schwange. Die Ortslegende, deren Gramaye
erwhnt, erzhlt, dass der hl. Willibrord, als er hier die Bekehrung
begann, die heidnische Anbetung dieser steinernen Walburgis schon
vorgefunden und an ihrer Stelle den Dienst der hl. Walburgis eingefhrt
habe. Die Heiden htten jedoch von diesem Idol ihrer Venus nur sehr zhe
abgelassen, und daher rhre denn der bei den dortigen Weibern andauernde
schmutzige Brauch, deren Hartnckigkeit in Sachen des Aberglaubens
allbekannt sei. Somit steht der Cult einer vorchristlichen,
norddeutschen Walburgis fest, welche in der Mnchsprache Venus und, da
sie phallische Abzeichen trug, Priapus genannt worden ist. Ihre
Hermaphroditengestaltung entspringt aus den ursprnglichen
Grundbegriffen der eddischen Gtterlehre, zu Folge welcher die Gottheit
doppelgeschlechtig ist, um sich selbst ins Unendliche fort zu erzeugen.
Dem Urriesen Ymir erwuchs unter dem linken Arme Mann und Weib. Tuisco,
der vaterlose Stammgott, erzeugt aus sich selbst den Sohn Mannus. Die
Ackergttin Walburg musste doppelgeschlechtig sein, wie die Pflanze und
das Samenkorn ein Zwitter ist. Als weiblicher Liebesgott erscheint sie
priapisch, gleich dem mnnlichen Liebesgotte Freyr, (ahd. Fr), welchen
Adam von Bremen Fricco unter der ausdrcklichen Beifgung benennt, er
werde phallisch abgebildet, walte ber Regen und Sonnenschein und stehe
den Werken des Friedens und der Ehe vor: cujus simulachrum fingunt
ingenti priapo; si nuptiae celebrandae sunt, sacrificia offerunt
Fricconi. Sein Name grndet in der Wurzel pr = freien, woraus auch
Priapos, selbst stammt. Freyrs Schwester Freyja (gleich der
altslavischen Prija = Venus) ist daher die Ehefrau ausschliesslich. Es
ist nun gewiss ausserordentlich bedeutsam, dass sich ganz dieselbe
Verehrung heidnisch-phallischer Bildwerke im Eichstdter Gebiete, als
dem sddeutschen Schauplatze der Wirksamkeit der hl. Walburg, wieder
findet. In dem zwischen den Stdten Eichstdt und Weissenburg am
Ausgnge des grossen Weissenburger Waldes gelegnen Dorfe Emmetsheim
findet sich unter mehrfachem rmischem Grundgemuer im Garten des
dortigen Wirthshauses ein antiker Steinwrfel, dessen eine Seite die
Grabinschrift einer rmischen Ehefrau, die andere die eines
Merkuraltares trgt. Letztere zeigt die Herme einer stark gebrsteten
Frau; auf der andern ist eine nackte Figur sitzend dargestellt mit aus
einander gespreizten Beinen, beide Hnde am Phallus haltend. Beide
Figuren sind an den Einzeltheilen vorstzlich verstmmelt. Noch im
vorigen Jahrhundert setzten sich unfruchtbare Weiber auf dieses
Steinbild, um dadurch zum Kindersegen befhigt zu werden, und als der
Markgraf von Ansbach am 7. April 1721 hier durchreisend den Stein besah
und um ihn fr seine Kunstsammlung anzukaufen, sich an den Eichstdter
Bischof wendete, wurde ihm die Antwort, dass diese Gruppe als _Nahrung
des Wirthes_ in statu quo zu belassen sei. Sax, Gesch. v. Eichst. 1857,
S. 287. Von der Mnchsweisheit wurde dieses Bild abwechselnd bald der
Gtze Miplezeth (1 Knige 15, 13), bald Priapus genannt. Falkenstein,
Nordgau. Alterth. 86. "Der Phallusdienst, sagt Grimm, Myth. 1209,
entspringt in der Kindheit der Vlker aus einer schuldlosen Verehrung
des zeugenden Prinzips, die eine sptere, ihrer Snde bewusste Zeit
ngstlich mied." Voltaire war der Urheber der tiefen Bemerkung, dass
schlpfrige religise Ceremonien nichts gemeinsam haben mit schlpfrigen
nationalen Sitten. In dem Essar sur les moeurs ch. 143, Oeuv. 17, 341
sagt er: "Unsre Vorstellungen ber Wohlanstndigkeit veranlassen uns zu
glauben, ein uns schamlos erscheinender Brauch knne nichts anderes als
eine Erfindung der Zgellosigkeit sein. Allein es ist unglaublich, dass
Sittenverderbniss jemals bei irgend einem Volke die Stifterin religiser
Ceremonien gewesen wre. Im Gegentheile ist es verbrgt, dass
dergleichen Bruche bereits in den Zeiten der Sitteneinfalt entstanden
und dass man dabei keinen andern Gedanken hatte, als die Gottheit in dem
uns von ihr gegebnen Lebenssymbole zu verehren. Ein derartiger
Feierbrauch hatte den Zweck, die Jugend fr ihre Reife zu begeistern und
kann nur einem ergreisten Gehirne in abgeklrten, abgefeimten oder
moralisch ruinirten Epochen lcherlich erscheinen."

Folgerichtig wurde nun die Gttin der Fruchtbarkeit nicht nur in ihrer
Krpergestalt priapisch gedacht, sondern auch die von ihr kommende
Frucht, in gleicher Weise knstlich geformt, zum Genusse dargeboten.
Daher weihte man den Gottheiten des Ackerbaues phallisch geformte
Kuchen. Priape, aus Weizenmehl gebacken, erwhnen Martial (XIV, 61:
Priapus siligneus; IX, 3: siligneus cunnus) und der Scholiast zu Juvenal
II, 53: membra virilia, de melle et fermento composita. Unseren eignen
Vorfahren war diese Sitte keineswegs fremd. Joh. Campegius De re cibaria
1560 schreibt: aliae placentae repraesentant virilia (si diis placet);
adeo degeneravere boni mores, ut etiam christianis obscoena et pudenda
in cibis placeant. Sunt etiam quos cunnos saccharatos appellent. Dass
solcherlei Kuchen (miches), die weiblichen Theile darstellend,
vorzugsweise in der Auvergne gebacken wurden, bemerkt Dulaur De
divinites generatrices 226 und fgt noch hinzu: dans plusieurs parties
de la France on fabrique des pains, qui ont la figure du Phallus.
Aehnliche Landesbruche umgeben uns noch ringsum, man braucht nur die
Augen zu ffnen. Das Milchbrod der frnkischen Eierweckchen, in
bekannter zweideutiger Form gebacken, heisst in Ansbach Klrungsweck;
dieser Name wird daselbst nicht etwa von Eierklar abgeleitet, sondern
von der Clairon (gestorben 1803 zu Paris), des letzten Ansbacher
Markgrafen Hofmaitresse, deren Lieblingsspeise diese feine Brodgattung
gewesen sein soll. Archiv f. Oberfranken V. 2, 93. Das altbairische
breite Eierweckel wird als Geschenk nur an Mdchen gegeben, dagegen das
stangenartige Weissbrod des Kipferl nur an Bursche. Dass man in den
oberbair. Gegenden beiden Brodformen sexuelle Bedeutung unterlegt,
beweisen die um Rosenheim und im Chiemgau hierber gesungenen
Schnaderhpfeln, in denen das stuprum variirt wird. Aehnlich ist das
obscne Gebildbrod der Meissner Fummeln, ber welche Schfer im ersten
Theil der deutschen Stdtewahrzeichen 1858 gehandelt hat, und dasjenige
der verschiedenartig, stets schimpflich zubenannten Nonnenkrpflein.
Deutsche Festbrode, gebacken in Gestalt der in den Cannstatter
Grabhgeln aufgefundenen Frbildchen, welche das gleiche Symbol des
Belebens und Wiedererweckens an sich tragen (Memminger, Beschreib. des
OA. Cannstatt, 18), heissen in Oberdeutschland Mannoggel, Nikolause,
Klausmnner, Hanselmnner, Grittebenze; in Niederdeutschland
Sengterklas, Klaskerlchen u.s.w. Die weibliche hnlich gestaltete
Brodfigur wird gewhnlich nur die Frau genannt. Beiden ist gemeinsam,
dass ihnen Augen, Brste, Rockknpfe aus Korinthen eingesetzt sind, dass
sie beide Arme in die Seite einstemmen und ihre Beine weit aus einander
spreizen; daher auch ihr Name Gritte, Grittebenz, altbair. Beingrattel,
varus oder valgus. Es ist in ihnen, also die Stellung der beiden vorhin
beschriebenen Steinbilder zu Antwerpen und Emmetsheim typisch
wiederholt. Alle diese Formen sind symbolische, dem mythischen Zeitalter
und den Urvorstellungen der Menschheit angehrende, und mssen eben
darum gegen unser Sittengesetz verstossen, weil dieses im Bewusstsein
des Naturmenschen noch gnzlich schlummert.

Bis hieher ist verspart geblieben, den Namen Walburg zu erklren und mit
den Hauptzgen seines Mythus in Verbindung zu bringen. Wie der bisher
vorgetragene Sagenkreis in zwei Hlften sich scheidet, in ein lichtes
Frhlingsgebiet und in ein dmonisches Nachtreich, so fhrt auch die
Etymologie des Namens in diese Doppelwelt. Die schnere Seite mache hier
den Beginn, weil sie sprachlich die ergiebigere ist.

Wenn der liebende Wuotan im Frhlingsbeginne seine Vermhlung mit der
Himmelsherrin (Freyja, Frouwa) feiert, so trgt er den ahd. Beinamen des
Liebesgottes Wunscio, nordisch Oski, und ist begleitet von einem
Liebesheere von Brautjungfern, welche die schwanenweissen
Wnschelfrauen, Schwanenjungfrauen sind, nord. skmeyjar, Wunschmdchen.
Das Wort Wunsch stammt aus wunia, bedeutet Lust und Liebe, und fhrt uns
sogleich 1) auf Walburgis Mutter _Wunna_, aus deren Namen die
Lateinlegende eine Bona mater, und die niederdeutsche Legende eine _Frau
Guta_ bildete (Gretser 749), eine in der deutschen Heldensage
vielgenannte Ahnfrau der Heldengeschlechter. Sodann fhrt Wunsch 2) auf
den Namen eines der Brder Walburgis, Wunnibald: der den Wonnewunsch
Gewhrende.

Als Wunnas Oheim sodann wird in dem von Othlon verfassten Leben des
Bonifacius dieser Bekehrer Winfrid genannt (der Frieden Gewinnende);
diese beiden Namen alliteriren zum Namen Wunnibald und stellen also
durch gleichen Wortstamm und gleichen Anlaut, auch sprachlich eine Sippe
dar. Des andern Bruders Wilibald Name knpft sich an den eddischen
Beinamen Odhins, Vili, opes und felicitas bedeutend. Dem Namen Winfried
entspricht der ahd. Frauenname Winburc, demjenigen Wilibalds eine ahd.
Wiliburc und Willahild; und vorgreifend sei bemerkt, dass die englische
Knigstochter Werburga auch Walburg hiess: Wrburga, Wulferi, Merciorum
regis et Ermenildae filia, quae saepius etiam Walpurga dicitur. Basnage
bei Canisius tom. II. 3, 266. Walburgis Vater heisst Richard, d.i.
dives, potens, wieder allmchtige Gott gleicherweise der Reiche genannt
wurde. Smmtliche Namen in Walburgis' Sippschaft sind also
nchstverwandt mit den hchsten Gtternamen. Der Himmel nun, in den
jenes Liebesheer geflgelter Jungfrauen das Gtterpaar geleitet, ist
Walhall, nordisch Valhll, und der silbergedeckte Saal darin heisst
Valaskilf, der Wunschhof, also eine Wahlburg, eine Burg der
Auserwhlten. In gleicher Namensbildung wie Walburg besteht der
angelschsische Name der Friedensgilde: Fridborg, d.i. Friedensbrgschaft.

Allein jenem Wonnemonat der Vermhlung Odhins geht des Gottes strmische
Brautwerbung im Mittwinter (den Zwlften) voraus, wo die
leidenschaftlich Wnschenden zu Verwnschten, die Liebenden zu
Wthenden, ihre Hochzeitsreigen zu geschlechtlichen Hexentnzen werden
(Grimm, Ueber den Liebesgott). Dann ndert sich die Bedeutung des Wortes
wal (von valjan, eligere). Die Gemahlin Freyja wird eine Valfreyja, die
sich mit Odhin in die Leichen der auf der Walstatt Erschlagnen theilt,
die Jungfrauen ihres Gefolges sind die Walkren, welche die auf dem Wal
Gefallnen auswhlen und fr den Himmel erkren. Die Wolen, sonst nach
der Seherin Wala genannt, werden schicksalspinnende Parzen. Nun sind es
Schildjungfrauen, die unter Wetterleuchten durch den Nachthimmel
niederreiten. Sie stehen unter dem Helme, ihre Brnne ist blutbespritzt,
Feuer zuckt auf ihrem Speer. Noch fliesst Thau aus den Mhnen ihrer
Rosse herab und reiche Ernten trgt dann der wildbefeuchtete Boden; aber
zugleich flattert das Schlachtfeld von windgebauschten weissen
Kriegsmnteln, als fiele ein dichtes Schneegestber, und von ihren
Zaubergesngen verwandelt sich der Nachtthau in Reif und Hagelschlag.
Noch ist ihre Gestalt schwanenweiss, geflgelt umschwebt Kara ihren im
Kampfe stehenden Helgi so nahe, dass dieser zum Hiebe ausholend, sie
selbst in den Fuss trifft. Allein dieser Schwanenfuss wird zugleich
verkehrt in den gegen die Hexen auf die Thren gekreideten Trudenfuss,
oder es erscheint das leichenankndende Gespenst des Holzweibleins gar
in Gestalt einer weissen Gans (Schnwerth, Oberpf. Sag. 1, 268). Der
Schwanenfuss wird zum Gnsefuss verkrppelt, aus der Knigin Berta wird
eine Knigin Gansfuss, Reine pdauque. Wollen sich die Bollandisten III,
516b erklren, warum die hl. Werburg so hufig mit der hl. Walburg
verwechselt werde, so sehen sie den Grund hievon darin, dass beiden die
Wildgnse gehorsam gewesen seien. Dahin gehren nun die vielfachen
Wunder, die am Walburgisgrabe zu Monheim an Klumpfssigen geschehen, wie
z.B. eine Frau Manswind aus dem bairischen Markt Trutinga
(Wassertrdingen) dorten Heilung ihres Klumpfusses gesucht und gefunden
hat. A. SS. l.c. 304. Die den Thau bescheerende, schwanenfssige Walkre
und der fr seinen gelhmten Fuss im Thau Heilung suchende Kranke
erscheinen sachverwandt; in der L. Bajuv. 4, 10 und 5, 16 wird der
Fussgelhmte nach alemannischem Ausdrucke tautragil genannt, der
Thauschlepper, wie in Friesland die Hexe daustrker heisst, weil sie in
schdigender Absicht den Maienthau mit plumpem Fusse vom Grase streicht.
Grimm RA. 94. 630. An frhzeitigen Uebergngen des Namens Walburg in das
Gebiet des Dmonischen kann es daher nicht mangeln. Walahild heisst eine
der Walkren; Walgund ist die im Hugdietrich und im Wolfdietrich
besungene Knigstochter; Walber eine nordd. Riesin; Walberan der riesig
starke, kriegsgewaltige Knig (im mhd. Gedichte Knig Laurin), welchen
Dietrich im Zweikampfe nicht zu besiegen vermag. Der Versammlungsplatz
der Hexen auf Island heisst Valakirkja und liegt am Ingolfsfjall, einem
hervorragenden Berge des dortigen Sdlandes. Vala wird dorten die bse
Stiefmutter genannt im Mrchen von Schneewittchen. Maurer, Islnd. Sag.
107. 280. Die niederd. Hexe Valrderske ist eine Pferdemahr, die sich zu
ihrem Nachtritte fremder Rosse heimlich bedient, schweissbedeckt stehen
diese Morgens darauf im Stalle. Simrock, Myth. 421. So viel ber den
Namen Walburg, insoweit er der Reihe der Bedeutungen nach zuerst die in
der Wnschelburg wohnende Gtterjungfrau, dann eine steinschleudernde
Riesin, eine leichensammelnde Walkre, ein die Frchte und Thiere
zehntendes Zauberweib bezeichnet hat. Herabgesunken zur landschaftlichen
Sagengestalt, hat Walburg es im Hochnorden, gleich dem brigen
Riesengeschlechte, ausschliesslich mit der Viehzucht zu thun und wird
darber zur Gttin der W. Jagd. Bei dem 1588 zu Nrnberg abgehaltenen
grossen Fasnachtszuge erschien das Wilde Heer unter Anfhrung "der Frau
Holda auf einem schwarzen wilden Rosse; als die wilde Jgerin stiess sie
ins Horn, schwang die knallende Peitsche, schttelte ihr Haupthaar wild
umher wie ein wahrer Wunderfrevel, und der mitzuschauende bamberger
Bischof sprach zum Markgrafen Albrecht von Ansbach: Das ist eure
Jagdgttin; dieser aber erwiederte: Bannet das Ungethm, aber nur heute
nicht!" Vulpius, Curiositten, Bd. 10, S. 397. In Mitteldeutschland geht
sie mit dem Geschfte des Flachsbaues und Spinnens um; in Sddeutschland
erst erscheint sie als Ackerbauerin und siedet Bier. Bei diesem
letzterwhnten Geschfte nimmt sie den Namen der Frau Holle (die
Huldreiche) an. "Der gemeine Mann nennt sie Frau Holle und die Mgde auf
den Drfern verstecken ihre Spindeln vor ihr", sagt im J. 1812 von ihr
ein thringischer Bericht, Curiositten, Bd. 2, 472; und eine schon
ltere Notiz in Prtorius, Blockesberg S. 457 lautet: "Am Walburgisabend
darf man weder spinnen noch auch das Garn nur auf der Spindel lassen,
sonst machen die Hexen Bratwrste daraus, d.h. ungleichfdiges Garn. Die
Thringer geben vor, dann ziehe Frau Holla herum und verwirre oder hole
das Garn."--

Das schicksalwebende Wunschmdchen webt das Eheband, darum wird am
Garnfaden in der Walburgisnacht das S. 40 bereits erwhnte Liebesorakel
erforscht, und neun gesponnene Flachsknoten sind heilsam (Myth. 1182);
als flachsspinnende Schwanenjungfrau erscheint es ferner sowohl im Liede
von Wieland dem Schmied (Simrock, Myth. 345), als auch in der
schlesischen Spillaholle (die Spindelhulda), und diese wohnt im
Hollabrunn (Vernaleken, Alpensag. 121), um hier kinderlosen Eltern deren
Wunschkinder herauszuschpfen.

In der Niederlausitz heisst Walburgis Holpurga (Pott, Familiennamen,
117), in der Oberpfalz nennt man die Hexenausfahrt zu Walburgis die
Hullfahrt, das Hullfahren, und der bezgliche Schimpfname ist
Hullsluder. Schnwerth 3, 177. Hier thut zugleich der Spirantenwechsel
das Seinige zur Namens-Umgestaltung; wie aus Wuotan ein niederd. Wd und
Hoden wurde (englisch Robin Hood), so aus Walburg eine Frau Wulle und
Frau Hulle. Was in den Zwlften gesponnen wird, das besudeln Frau Holle
und Frau Wolle, Frau Hulle und Frau Wulle. Kuhn, NS. 417. Ebenda 418
heisst Frau Hilde _Verhellen_, bei Mllenhoff 178 _Ver-Wellen_. Der
bierschenkenden Frau Holle, welche im Walperholz bei Arnstadt Volles
Mass ausruft, ist schon im vorletzten Abschnitte gedacht worden, und mit
diesem Geschfte Walburgis als einer den Maienthau spendenden,
lschenkenden Frhlingsgttin werde hier abgeschlossen.

Im Herzen des bairischen Fruchtlandes werden jene drei letzten Aehren
oder Aehrenbschel des Ackers, welche die Schnitter zum Opfer stehen
lassen, bekrnzt, umbetet, umtanzt und eben so genannt, wie Walburgis
dritter Bruder heisst, Oswald, d.i. der allwaltende Ase. Dieses
Aehrenopfer ist in einer Passauer Urkunde des 13. Jahrh. Wtfutter
genannt (Panzer BS. 2, 505), hat ebenso in Meklenburg unter denn Namen
Wode gegolten und war also in diesen beiden, geschichtlich sich
fremdgebliebnen Landstrichen ein dem Wuotan geweihtes Ernteopfer, bei
welchem man das _Wodelbier_ als Trankopfer darbrachte. Eben diese
heidnische Erinnerung ist christlich personificirt worden im hl. Oswald,
und so hat denselben Zingerle in seiner Ausgabe der Oswaldslegende pg.
74 nachgewiesen. Diese beiden leiblichen Geschwister, Oswald und
Walburg, tragen in ihrer Hand das Attribut der drei Aehren. Bruder
Oswald besitzt bei dem nach ihm benannten tiroler Dorfe eine geheiligte
Quelle, die als des Landes Jungbrunnen gilt (Zingerle, Sitten no. 936);
die Schwester Walburg spendet nebst solchen Heilquellen das besondere
Heill: es ist dies die Nhrkraft des unter dem Einflusse des
Maienthaues sich bildenden Getreidekornes. Der Thau, der aus der Mhne
des Walkrenrosses trieft, verleiht dem Erdboden seine Lebens- und
Befruchtungsquellen; aus dem Trinkhorne bietet hierauf die Walkre
Oelrun den von ihr gebrauten Seligkeitstrank dem in den Himmel
Eingehenden. Wie war oder ist nun der Name dieses Trankes? Zum Meth
fhrt am Weissen Sonntag, 8 Tage nach Ostern, der altbair. Bursche sein
Mdchen, es soll sich dabei schn und stark trinken. Schmeller, Wrtb.
3, 360. Der Litthauer nennt sein Hausbier, das bei keinem huslichen
Feste fehlen darf, Alus, das Brtige, denn es wird aus der
grannenreichen Gerste gebraut; der Alus hat Hrner, sagt er von der
Strke dieses Getrnkes, ja Gerste bedeutet ihm berhaupt so viel wie
Getrnk. Schleicher, Litthau. Mrch. 1857, S. 3. 149. 160. Von der
Wirkung des Mnchner Bockbieres pflegt der Baier eben dasselbe zu sagen:
der Bock hat ihn gestossen. Ob wir nun obige Walkre Oelrun in ihrem
Namen ableiten von Alarun, allwissend durch die um ihr Trinkhorn
geschrieben stehenden Runen, oder von Aelrun, die den Gttern den
Strketrank kredenzende, so verschlgt diese doppelte Etymologie hier in
der Sache selbst nichts; Ael und Oel, beiderseits der Begriff der
Lebensnahrung, ableitend von goth. aljan lat. alere, ist hier lngst in
den Eigennamen und in die bezglichen Symbole eingedrungen. Der
Skandinavier nennt das Bier, das er im Heidenthum den Alfen opferte
(lfablt), heute das Engelbier: Engell (Mannhardt, Mythen 326). So
braut man seit Altem in England das Ale, in Rostock Oelbier (Coler,
Oeconomia lib. 2, pg. 23), in Breslau Schps, in Wollin Bockhnger
(Klemm, Nahrung, 335), in Mnchen Bock, dessen Ausschank daselbst mit
dem 1. Mai beginnt und anzudauern hat bis Pfingsten. Er hlt dorten
somit dieselben Termine ein, die kalendarisch fr das Gedeihen der
Kornsaat und kirchlich fr das Fliessen des Walburgisles gegolten
haben.

Vorahnend hat Uhlands realistische Dichterphantasie den Inhalt des hier
abgeschlossnen Mythenkreises, wie folgt, umschrieben:

    Auf den Wald und auf die Wiese,
    Mit dem ersten Morgengrau,
    Truft ein Quell vom Paradiese,
    Leiser frischer Maienthau.

    Wenn den Thau die Muschel trinket,
    Wird in ihr ein Perlenstrauss;
    Wenn er in den Eichstamm sinket,
    Werden Honigbienen draus.

    Mit dem Thau der Maienglocken
    Wscht die Jungfrau ihr Gesicht,
    Badet sie die goldnen Locken
    Und sie glnzt vor Himmelslicht.

    Selbst ein Auge rothgeweinet
    Labt sich mit den Tropfen gern,
    Bis ihm freundlich nieder scheinet
    Thaugetrnkt der Abendstern.

       *       *       *       *       *




II.

Verena mit dem Kamme,

die Kindsmutter.

       *       *       *       *       *



Erster Abschnitt.

Verena, eine Gauheilige.


Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende;
ersteres bedingt durch die Legende von der Thebaischen Legion, letzteres
durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verena's Weihkirchen und
Altre in der Schweiz. Ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach.
Mittelhochdeutsches Gedicht _von sand Verene_.

Die heidnische Verenasage wurde in ihrer Vereinsamung frhzeitig der
Kirchenlegende der Thebaischen Legion einverleibt und gewann dadurch
eine Verbriefung ihres eignen hohen Alters und ihren ersten Zusammenhang
mit der frhesten schweizerischen Kirchengeschichte. Bekanntlich ist die
Legende von der Thebaischen Legion aus Oberitalien und Savoyen her in
die Schweiz gedrungen, und hat sich von da Rhein abwrts weiter
ausgebreitet. Sie handelt von einer zu Thebae in Aegypten gestandenen
rmischen Legion, welche dorten zum Christenthume bergetreten, dann
nach Italien und unter Constantius Chlorus nach Helvetien versetzt,
schliesslich zu Martinach, die Theilnahme an einem heidnischen Opfer
verweigernd, decimirt worden sein soll. Einzelne, diesem Blutbade
entronnen, gelangten an die Aare und den Rhein und erlitten hier,
unermdlich den Christenglauben ausbreitend, gleichfalls den
Martyrertod. Wo dieses in Helvetien geschah, da sind denselben die
ltesten Stifte und Kirchen geweiht worden; so dem hl. Mauritius zu
Martinach in Wallis und zu Bern; dem Ursus und Victor zu Solothurn;
Felix, Exuperantius und Regula zu dritt in Zrich u.s.w. Die mit dieser
Soldatengeschichte ganz usserlich vereinbarte Verenenlegende berichtet,
entkleidet ihrer mrchenhaften Zuthaten, ungefhr Folgendes.

Verena, eine junge Christin zu Anfang des vierten Jahrhunderts,
begleitete jene Thebaische Legion, in welcher sie einige Verwandte
hatte, aus Afrika nach Italien und verblieb, beim Abmarsche der Truppen
nach Helvetien, zu Mailand, um sich hier der Krankenpflege gefangener
Christen zu widmen. Als sie jedoch die Kunde von dem gewaltsamen Tode
der Ihrigen vernahm, wanderte sie, um deren Grber zu besuchen, ber die
Alpen nach Martinach in Wallis und nach Solothurn. An diesem letzteren
Orte abermals die Armen und Kranken pflegend und die christliche Lehre
verbreitend, wurde sie vom rmischen Statthalter in den Kerker geworfen,
jedoch wieder freigegeben, als ihr Gebet ihm Genesung von
lebensgefhrlicher Krankheit erwirkt hatte. Zu neuer Uebung werkthtiger
Menschenliebe schifft sie hierauf auf der Aare nach dem Dorfe Koblenz;
begiebt sich von da in das benachbarte Zurzach, weil sie vernommen hat,
dass dorten bereits eine Christengemeinde besteht, und nimmt hier ihre
bleibende Wohnstatt. Sie besorgt als Dienstmagd, eines Priesters
Hauswesen und widmet ihre Zwischenzeit der Pflege der ausserhalb des
Ortes in einem Siechenhause sich selbst berlassnen Ausstzigen; ihnen
berbringt sie, was sie sich von ihrer eignen Nahrung abbricht, Brod und
Wein. Aber der Knecht jenes Priesters verdchtigt sie der Veruntreuung
im Haushalte. Whrend sie eines Tages sich wieder zu den Siechen begeben
will, tritt ihr argwhnischer Herr unversehens hervor und stellt sie zur
Rede, der herzugeschlichene Knecht hebt den Deckel vom Krglein, das sie
trgt. Siehe, da findet sich statt des Weines nichts als Lauge und statt
des Brodes ein Kamm, beides zur Reinigung der Kranken bestimmt. Fr den
Rest ihrer Tage bezog sie eine Klause neben jenem Siechenhause und
setzte die Werke der Barmherzigkeit fort. Ueber ihrer Grabsttte ward
erst eine kleine Kapelle gebaut, nachmals wurden ihre Gebeine erhoben
und in die Zurzacher Stiftskirche versetzt. An der Hand der
Thebaer-Legende, die Anfangs des vierten Jahrhunderts spielt, wird das
Jahr von Verenas Ankunft zu Zurzach auf 323 und ihr Tod auf 344 mit
naiver Zweifellosigkeit angesetzt.

Die Thebaische Legende ist eine romanisch-katholische Sage ber die
geschichtliche Thatsache, dass und wie die arianischen Burgundionen,
denen im J. 443 die Landschaft Sapaudia, d.h. die Gegend von Lyon, Genf
und Hochsavoyen, von Reichs wegen eingerumt worden war, sich der
dortigen Rmerchristen durch militrische Massen-Niedermetzelungen zu
entledigen versucht hatten. Die nachmalige Verquickung dieser Legende
mit dem hebrischen und dem antiken Sagenkreise begann der
romanisch-katholische Klerus und setzte der deutsche in
rmisch-kirchlichem Interesse fort. Man lokalisirte sie daher in allen
denjenigen Stdten und Stiften Deutschlands besonders, in denen zuerst
das politische und dann das kirchliche Rmerthum das herrschende gewesen
war. Daher finden sich die Altre, Reliquien und Historien der Theber
schon von Alters her vor in Bonn, Kln, Trier, Xanten, Mainz, Augsburg,
Regensburg, Sitten, Genf, Solothurn. Auch das kleine Zurzach war eine
solche Legionenstadt der Rmer gewesen. Seit dem Jahre 1000 verfasst der
Klerus dieser Stdte die sg. Weltchroniken, als deren Hauptwerk die
deutsche "Kaiserchronik" gilt, alle von den Thebern entweder anhebend
oder zu deren Preise endigend. Dass auch die Schweiz in ihren Stiften
Tendenzchroniken dieser Art im Mittelalter besass, darber sind
Nachweise gegeben in den Mittheill. des St. Gall. geschichtsforsch.
Vereines 1862, Heft 1. Von der hl. Verena ist jedoch in diesen Werken
noch nirgend die Rede; nicht desshalb, weil jene ursprnglich nicht zu
den Thebern gehrte oder zu schwierig mit diesen zu vereinbaren gewesen
wre, denn was htte die phantastische Khnheit dieser gelehrten Mnche
nicht mit einander verschwistert! sondern desshalb, weil Verena nur auf
alemannischem Boden ihre Giltigkeit gehabt hatte, hier als Gauheilige
nur allmhlich kirchliche Anerkennung fand und in den brigen
Kirchensprengeln unbekannt, ja frmlich ausgeschlossen blieb. Die
ritterlichen Theber wurden, volle 6666 Mann stark, der stummen Demuth
des barmherzigen Weibes vorgezogen. Recht auffallende rtliche
Missverhltnisse stellen dies ins Licht. Der Kirchenkalender des
Bisthums Sitten ist durchaus auf die zu Agaunum (angeblich St. Moritz in
Wallis) geschehene Enthauptung der Theber gegrndet; allein er lsst am
1. Sept., als dem kirchlichen Gedchtnisstage, Verenas, nicht diese
feiern, sondern den hl. Egidius, der als Einsiedler die Rhonemorste
bewohnt und urbar gemacht hatte. Das gleiche Missverhltniss findet auch
in der Dicese Solothurn statt. Die beiden Theber Ursus und Victor sind
Patrone der Stadt Solothurn und werden dorten mit eignen Weihkirchen,
Prozessionen und Bruderschaften verehrt; nicht aber zugleich auch
Verena, die doch jenen beiden hieher nachgezogen war und hier unter
Verfolgungen gelebt und gewirkt hat. Zwar trgt die dortige am linken
Ufer der Aare liegende Einsiedelei noch den Namen Verenae und ist mit
einer gewlbten, von einem Eremiten gehteten Kapelle versehen, einst
der Wohnort der Jungfrau; dennoch feiert die Solothurnische Kirche den
Verenentag nicht. Ja nicht einmal dasjenige Martyrologium; welches fr
die Zurzacher Stiftsherren ursprnglich das massgebende war, enthlt
Verenas Namen und Gedchtnissfest, wie dies unzweifelhaft aus des
Minoriten Paulus Schwenger Rmischem Martyrologium erhellt, verbessert
von Pabst Benedictus XIV. Cln 1753, S. 212 und Anhang S. 16. Diese
Thatsachen beweisen, dass Verenas kirchlicher Cultus berhaupt erst spt
in Aufnahme gekommen ist, dass die Heilige auf dem Gebiete von
Kleinburgund, obschon sie hier gewohnt, unbekannt geblieben und also mit
der dorten einheimischen Theberlegende ursprnglich gleichfalls nicht
verschwistert gewesen ist. Sie ist eine Alemannin, gehrt dem Konstanzer
Sprengel an und hat erst diesem ihre kirchliche Reception zu verdanken.
Das Konstanzer bischflich approbirte Breviar vom J. 1509 (gedruckt bei
Erhardtus Ratdolt, civis Augustensis, Calcographus) lsst die Heilige
nicht erst auf den vorhin geschilderten Umwegen, sondern gleich
anfnglich zu den Alemannen kommen und da heftig durch den Teufel
versucht werden: nam Alemanorum gens dyabolo subdita; es setzt den
Verenatag, 1. Sept., als einen doppelten Feiertag an und stellt ihm
jenen des hl. Egidius entweder nach oder verlegt diesen auf den Samstag
voran, wenn Verenatag auf einen Sonntag fiele.

Um daher zu erfahren, wie weit sich vordem der Verenacultus erstrecken
konnte, muss man die Grenzen des Konstanzer Sprengels betrachten. Das
Konstanzer Bisthum, das herkmmlicher Annahme zu Folge nach gnzlicher
Zerstrung Vindonissas, des ursprnglichen Bischofsitzes, um das Jahr
600 nach Konstanz verlegt und hier mit einer neuen Gebietsausdehnung
ber einen grossen Theil Alemanniens begabt wurde, hatte den
wahrscheinlichen Zweck, die noch heidnischen Alemannen fr den
Christenglauben zu gewinnen. Es war das ausgedehnteste aller Bisthmer.
Vom Gotthard reichte es ber den Neckar bei Marbach und zum Kloster
Hirschau bei Calw, dreissig deutsche Meilen von Nord nach Sd, zwanzig
von Ost nach West, von Kempten bis gegen Strassburg. Vor der Reformation
zhlte es 1760 Pfarrkirchen, 350 Klster, 17,000 Priester und Mnche;
nach der Reformation war es noch immer in 66 Archidiakonate eingetheilt.
Diejenigen von letzteren, die fr unsre lokale Frage belangreich, weil
im schweizerischen Theile des Bisthums gelegen sind, finden sich in Jak.
Rasslers zu Ende des 16. Jahrh. gelieferter Beschreibung genannt, es
sind folgende. Thurgau, Schaffhausen, Zrichgau, Aargau diesseits der
Aare, Luzern, Zug, Unterwalden, das Bernergebiet diesseits der Aare und
aufwrts ber die Seen ins Oberhasle bis zu den Aarequellen; Uri mit
Ausnahme des Thales Urseren, das von jeher unter dem Bischof von Chur
gestanden; Schwyz, Glarus, Appenzell, der nrdliche Theil des Kant. St.
Gallen mit Toggenburg, der Grafschaft Rapperswil, der March und Uznach;
ausgenommen waren hier Gaster, Sargans und das Rheinthal, als zu Chur
gehrend. Dazu zhlte ferner: das Frickthal; Stadt Basel mit einem
kleinen Theile der rechtsrheinischen Landschaft; die Markgrafschaft
Baden mit dem Schwarzwalde; zwei Drittel des Herzogth. Wrtemberg, die
beiden hohenzollerischen Lande, das baierische Algu, der untere Theil
des sterreich. Rheinthals nebst mehreren vorarlberg. Dekanaten und
Gotteshusern. Dasselbe zhlte in seinem schweizerischen Territorium
noch zu Anfang dieses Jahrhunderts bei einer Viertelmillion
Kommunikanten, also mit Ausschluss der Zahl der Kinder. Nscheler,
Gotteshuser der Schweiz, fhrt diejenigen schweiz. Ortskirchen an, in
denen die Heilige entweder Patronin war oder Altre besass. Im Bisthum
Chur folgende: zu Niederurnen und Wesen (I, 139). Im Konstanzer Bisthum:
zu Kleinbasel. (II, 9), zu Gchlingen, Kt. Schaffhausen (19), zu
thurgauisch Ermatingen (52), zu Mlheim (55), Mrsttten (57),
Langrickenbach (77), Wrtbhl (169), Rickenbach (172), Nesslau (182),
Wil (185), Matzingen (212), diese smmtlich im Thurgau gelegen. Magdenau
im St. Gallerlande (97), zum Hl. Geist in der Stadt St. Gallen (127),
Ellikon und Stfa im Kt. Zrich; Risch im Kt. Zug (Staub, der Kt. Zug
1869, S. 69). Von den brigen im Aargau, in den Kantonen und den
deutschen Nachbarlndern der Verena geweihten Kirchen, Kapellen,
Wallfahrten und Taufbrunnen wird im Verlaufe dieser Kapitel besonders
gehandelt werden; einige von ihnen werden des hohen Alters wegen
Heidenkirchen genannt und die Volkssage (Naturmythen S. 115) berichtet
von der Zurzacher, sie sei lange die einzige weitum auf beiden Ufern des
Rheines gewesen, und daher htten zu ihren entfernt wohnenden
Kirchgngern selbst die Erdmnnchen von Dangstetten im Schwarzwalde
gehrt.

Uebergehend auf die Grndung und frhesten Schicksale der Zurzacher
Stiftskirche, muss voraus bemerkt werden, dass die ltesten
Stiftsurkunden in mehrfachen Feuersbrnsten und Verwstungen verloren
gegangen und die noch vorhandenen immer noch nicht kritisch untersucht
sind. Das Stift wird im neunten Jahrhundert eine "kleine Abtei" genannt
(Neugart, C.D. 1, 427) und kommt auf folgende Weise frhzeitig an das
benachbarte Kloster Reichenau. Karl der Dicke hat auf Bitte seiner
Gemahlin Richardis, die nachmals in den Stiften Andlau und Seckingen
selber den Schleier nahm, in einer auf dem Schlosse Bodman am 14. Oct.
881 ausgestellten Urkunde Zurzach demjenigen Orte zur Einverleibung
bestimmt, in welchem einst seine Leiche begraben wrde; und dieses
geschah nachmals zu Reichenau. Das Original dieser Urkunde ist lngst
nicht mehr vorhanden und hat niemals auf seine Echtheit untersucht
werden knnen. Zwischen ihr und der nachfolgenden Urkunde, die abermals
nach Namen und Jahrzahl durchaus zweifelhaft bleibt, liegt eine ungemein
grosse Zeitlcke. Eberhard, Truchsess von Waldburg, der 48ste
Konstanzerbischof, soll im J. 1265 Stift und Marktflecken Zurzach von
Reichenau um 310 Mark Silbers angekauft haben. Inzwischen verarmte das
Kloster durch abermalige Feuersbrunst, so wie durch Krieg und Plnderung
dergestalt, dass es von den Mnchen verlassen wurde; des vorgenannten
Bischofs Nachfolger, der Habsburgergraf Rudolf II., soll es wieder
erbaut und 1279 in ein Collegiat- oder Chorherrenstift umgendert haben,
und der auf den genannten folgende Konstanzerbischof Heinrich II. hat
1294 dem Stifte die Zurzacher Pfarrkirche incorporirt. Diese Angaben
sind zusammen entnommen: Casp. Lang, Histor.-theolog. Grundriss der
christl. Welt, 1692. Aber in diesem eben genannten Jahre 1294 werden
Chorherrnstift, Mnsterkirche und Klostergebude abermals in Asche
gelegt. Diese bis zum Ende des 13. Jahrhunderts so drftig fliessenden
und so wenig bedeutsamen Quellen gewinnen indessen aus der ltesten
Ortslegende, deren Abfassung bis 1005 zurckgeht, einige werthvolle
Ergnzungen, die den damaligen Ort, seine Lage und Umgebung
unzweifelhaft richtig veranschaulichen. Eine dieser kleinen Erzhlungen
fhrt sogleich auf die zwei bedeutendsten Punkte des dortigen
Verenakultus, auf die Moritzenkapelle und die Mnsterkirche, damit aber
auf die Verena-Reliquien, auf deren Zahl, Bestand und Schicksal unsre
Untersuchung hernach berzugehen hat.

An jenem Rheinufer bei Zurzach, wo ehemals eine altrmische Stadt
gestanden hatte, wurde zu Ehren Verenas und der thebaischen Legion ein
Kirchlein erbaut und geweiht. Allein man liess hier aus Nachlssigkeit
das Ewige Licht ausgehen oder versumte an den vorgeschriebnen Tagen
sogar die Messe zu singen. Da traten Warnungszeichen ein. Lichtschimmer
erfllte Nachts die Umgegend, dass selbst der im jenseitigen Dorfe
wohnhafte Priester (in Rheinheim) ihn wahrnahm; Engelsstimmen erfllten
die Luft mit Gesange, und wenn die Zurzacher Wchter darber verwundert
dem Orte zueilten, fhlten sie sich wie gebannt und vermochten keinen
Schritt von der Stelle zu thun. Da kam einst der Alemannenherzog
Burchard (der zweite dieses Namens stirbt 826), in Verfolgung eines
kriegerischen Gegners begriffen, mit seinen Reisigen von jener
Uferstelle gegen die Stadt geritten, als hinter ihm vom Flusse her des
gleichen Weges strahlende Mnner, im feierlichen Schritte Lieder
singend, nachrckten, die mit Kreuzen und Lichtern einen aufgebahrten
Sarg begleiteten. Pltzlich erhob sich der Zug von der Strasse in die
Luft, schwebte ber das herzogliche Gefolge hinweg gegen den Flecken und
verschwand hier in dem Fenster an der Ostseite der (Marien-)Kirche, ohne
dass dasselbe offen gestanden oder nachmals eine Beschdigung gezeigt
htte. Dieses Wunder ergriff den Herzog, unter Beistimmung seiner
Begleiter entzog er die Strasse, auf der er sich eben befand, dem
weltlichen Besitze und bergab sie der Ortskirche unter dem Namen
Whegazza, Heiliger Weg. Denn dies ist die Gasse gewesen, welche einst
tglich Verena gewandelt war, um den Kranken ihren Beistand zu leisten.

Diese kurze Erzhlung berichtet, dass schon im 9. Jahrhundert Verenas
Reliquien von ihrer ursprnglichen Ruhesttte in der Mauritiuskapelle am
Rheinufer in die Marienkirche versetzt worden sind, die dann zur
Stiftskirche erhoben wurde, und gewhrt eben damit volle Sicherheit ber
den ltesten Ruheort der Heiligen, nemlich ber die zehn Minuten vom
Flecken entfernte, am Zurzacher Rheinufer gelegene Aufburg. Dieser unser
Schluss wird untersttzt von dem Passionale der Wrzburger Cartusia, das
bis ins 10. Jahrhundert zurckreicht und 1583 gedruckt worden ist; in
diesem heisst es: "In der Nhe von Zurzach lag noch ein anderer Ort am
Ufer des Rheines mit vielen Ausstzigen und Armen." Die vorhin genannte
_Weihegasse_ eben ist es, die von Zurzach nach diesem Orte fhrt, da
hinaus trgt Verena den Ausstzigen Speise und Trank, dorten erbaut sie
ihre Zelle und beschliesst ihr Leben. Aufburg und Kirchlibuck heisst
hier eine nrdlich vom Flecken am hohen Rheinufer liegende Husergruppe,
lauter Ruinentrmmer der Vorburg und des Brckenkopfes der rmischen
Rheinfeste Tenedo. Die Constructionen dieses Kastells hat Ferd. Keller
in den Zrch. Antiquar. Mittheill. 12, 305 beschrieben. Nebenan am
Rheinufer stehen noch fnfzehn Eichenpfhle von der rmischen
Jochbrcke, etliche davon sind beim gnstigen Wasserstand des Jahres
1857 gehoben worden, nicht ohne grosse Mhe, denn sie staken mit ihren
eisernen Stiefeln in einem Gusslager von Kalkmrtel. Innerhalb des
rmischen Kastellgrabens liegt der Hgel Kirchlibuck mit seiner kleinen
Mauritiuskapelle, bis heute ein Eigenthum der Verena-Bruderschaft,
zugleich ein Belustigungsort der Jugend, wo stabil das sterliche
Eierpicken abgehalten wird. Hieher zieht am Osterdienstage die
Prozession der Stiftsherren und der religisen Sodalitten; derjenige
Priester, der dabei die Predigt zum Ruhme Verenas abzuhalten hat, trgt
zugleich der Heiligen rechte Hand in einer Silberkapsel und stimmt die
Auferstehungshymne an, und wie einst es Herzog Burchards Vision voraus
erblickte, so zieht dann die Prozession psalmensingend mit dem Heilthum
wieder in die Stiftskirche zurck.

Die urkundlichen Nachrichten ber specielle, in Zurzach kirchlich
verwahrte Reliquien Verenas beginnen erst mit dem J. 1347 und knpfen
sich hier an den Namen der Knigin Agnes, Alberts Tochter und Wittwe des
Ungarnknigs Andreas. Am 2. Sept. jenes Jahres erst wird die bis dahin
seit 1294 in ihren Brandtrmmern gelegne Stiftskirche in Gegenwart der
Knigin neu geweiht. Als damals bereits vorhanden gewesne Reliquien
werden genannt Verenae Leib und Haupt nebst solchen der 11,000
Jungfrauen; die Frstin fgt Peters- und Georgsreliquien hinzu, selbst
aber verehrt und schenkt sie nachmals dem Stifte Knigsfelden 1357: ein
geschlagen silberin hovpt mit sant Verenen heiltum. Argovia 5, S. 98 und
133. Bei dem hchst ungeregelten Haushalte des Stiftes wurde es zu
Zurzach Sitte, Verenas "Reliquiensrglein" in Nothfllen aus der Kirche
zu nehmen und in Privathuser zu tragen, und der Konstanzer Bischof
Heinrich III. muss diesen Missbrauch durch ein besondres Reskript
verbieten. Nach einem abermaligen Stiftsbrande 1471 und abermaliger
Einweihung wird ein Verzeichniss der Reliquien aufgenommen, welches
nunmehr in Hubers Gesch. des Stift. Zurzach, 1869, S. 45 wrtlich
mitgetheilt steht; es ergiebt fr unsere Zwecke: In der runden
vergoldeten Monstranz sind damals Partikeln Verenae enthalten; in der
grossen kupfervergoldeten Monstranz ein Zahn Verenae; in der kleinen
silbernen Monstranz gleichfalls Partikeln, im kleinen Sarkophag
(Reliquienkiste) ein Zahn Verenae; in einem Eichenkistlein Asche und
Gebein derselben; im Sarge des 1465 verstorb. Probstes Lidringer eine
Partikel vom Kruge Verenae. Alle diese Ueberbleibsel wurden zerstreut
und vernichtet, als 1529 die Kirchenreform auch in Zurzach durchgesetzt
wurde. Den Hergang schildert Heinr. Kssenberg, seit 1521 Kaplan im
benachbarten Klingnau, wir folgen hier den aus seiner Handschrift
entnommenen Notizen Hubers l.c. 74-132. Stiftskirche, Pfarrkirche,
Moritzkapelle und Verenagruft wurden ausgerumt, in letzterer jedoch die
Reliquien, wie es das Mehr der Gemeinde-Abstimmung beschlossen hatte,
unversehrt gelassen. Nach Erffnung der Verenagruft fand sich nichts
anderes vor als "eine kleine Truhe, ein Stcklein von Verenas Krug und
Holztrmmer von Verenas Todtenbaum". Ihre brigen Reliquien lagen in der
Sakristei im sg. Grossen Sarg. Dieser enthielt ein in einem hlzernen
Srglein (Schrein) eingeschlossenes zweites aus Eisen, in welchem nebst
Rckgratstrmmern vier apfelgrosse Lehmkugeln waren, zusammengebacken
mit Asche und Kohle.[Nachtrag 2] Whrend man Sarg und Inhalt ins Feuer
warf, wurden zwei dieser Kugeln durch einen Knaben aus der Flamme
gezogen und nachher von der Frau Rechburgerin dem Landvogt nach Baden
berbracht. Von den vier Reliquienbehltern blieben unversehrt ein
kleines vergoldetes Srglein, ein grosses und der Rhrknochen eines
Armes; diese drei Stcke wurden nachmals den Chorherren wieder
zugestellt und sind noch heutigen Tages zu Zurzach, der Rhrknochen wird
seitdem fr Verenas Arm gehalten. Vom Haupte der Heiligen fand sich
nichts vor. Zwar wird von katholischer Seite behauptet, der damals
flchtig gegangene, Apostat Stiftscustos Prugker habe Haupt und Arm
Verenas mit sich nach Luzern genommen, und beides sei dem Stifte
nachmals wieder zugestellt worden; besonders der damalige Libellist Joh.
Salat zu Luzern giebt vor: "1532 kam sant Vrenen Helltum und anderes, so
geflkt worden, wider gen Zurzach." Allein in eben diesem Jahre beklagen
sich die dortigen Stiftsherren bei der Tagsatzung ber die erlittene
Beraubung, deren Schaden an blossem Kirchengerthe mindestens 5,152 Gld.
betrage, und das mit eingereichte Verzeichniss der verlornen Gegenstnde
schliesst mit der Betheuerung: "das hochwrdig Helthum St. Vrenen mag
mit keim gut bezalt werden, _dess wir beroubt sin worden_." Huber l.c.
93. Unverwstet waren allein geblieben: "Eine kupferne Hand, ist
verglt, mit St. Verena strel; an St. Verena Bild ein beschlagen
Grteli; Silber von St. Verena kpfli (d.i. Stauf)". Von dem Haupte der
Patronin hatte das Stift Jahrhunderte lang nur eine kleine Partikel
besessen, welche in der vorhin erwhnten Lateinurkunde von 1347
doppelsinnig genannt wird: caput, auro et lapidibus pretiose decoratum,
also eben dasselbe Bruchstck, welches der Stiftspropst Joh. Huber 1869
eine kleine "kstlich eingefasste Partikel" nennt, l.c. 131. Da erscholl
im J. 1657 die Kunde, das ganze Haupt liege verwahrt im tiroler
Damenstifte zu Hall. Auf die gestellte Anfrage, wie dasselbe dorthin
gekommen, antwortete das Haller Pfarramt, dies knne man bei so
vielerlei Heilthmern in specie nicht eigentlich wissen. Durch
Vermittlung eines Jesuiten wurde es gegen andere Reliquien ausgetauscht
und 1658 feierlich in die Zurzacher Stiftskirche bertragen, wobei jener
Jesuitenpater die Festpredigt hielt. Huber l.c. 131.

Dies ist die Geschichte von den Verena-Reliquien, von welchen die
Urkunde vom 1. April 1294 (Kopp, Eidgenss. Bnde 3, 279) zuerst
Erwhnung thut und also sich ausdrckt: ecclesia Sancte Verene in
Zvrcach, in qua preciosus thesaurus corporis et reliquiarum gloriose
virginis Sancte Verene desiderabiliter requiescit. Hier wird sie vorfrh
eine Heilige genannt, whrend sie 1290, als ihr der Zrcher Scholasticus
Berthold in der Konstanzer Johanniskirche einen Altar stiftet, erst nur
eine _selige_ Jungfrau heisst. Neugart, Episc. Const. 2, 666. Von noch
andern wunderthtigen Reliquien Verenas, die ausserhalb der Schweiz
kirchlich aufbewahrt sind, wird in den folgenden Abschnitten an
geeigneter Stelle die Rede sein. Ein zu Zurzach verloren gegangenes
ferneres Alterthum ist Verenas Fingerring. Jener Priester, in dessen
Hause sie als Magd dient, hat ihr einen goldnen gesteinten Fingerring
anvertraut. Diesen stiehlt ein Bsewicht, wirft, da der Priester darnach
forscht, aus Angst das Kleinod in den Rhein und zeiht die Magd der
Untreue. Da berbringen zwei Fischer einen Salmen, in dessen Magen sich
der Ring wieder findet. Diese vielen Vlkern ohnedies gemeinsame Sage
erinnert hier jeden Leser an Polykrates von Samos, dessen vorstzlich
ins Meer geschleuderter Ring gleichfalls im Bauche des Tafelfisches
wieder zum Vorschein kommt. Allein in der samischen Sage wird er
wettweise weggeworfen, um dadurch zu erweisen, wie das damit
leichtsinnig verschleuderte Glck nur um so gehufter zum Glckskinde
zurckkehren msse. Ein tieferer Sinn dagegen wohnt in der Verenasage.
Die arme Dienstmagd ist durch einen misstrauischen Priester und durch
die Tcke eines Schalks in ihrem guten Rufe beeintrchtigt; waffenlos
steht das Aschenbrdel dem sie vernichtenden Gerchte ausgesetzt. Damit
trifft man eben auf den Lieblingszug der deutschen Sage: die Unschuld
wird eine Zeit lang dem ussern Elende preisgegeben, um dadurch
schliesslich in ein um so hheres Licht empor gerckt zu werden;
schweigende Frauendemuth erweist sich am Ende strker als die
arglistigste Bosheit.

Durch das bisher Vorgetragene ist nachfolgendes Ergebniss gewonnen. Die
Alemannin Verena ist durch die romanische Kirchenlegende dem
Heiligenkreis der fremdlndischen Theber zugesellt worden. Ueber ihrem
ersten Grabe erbaute man dem hl. Moritz und seinen Legionren die
Kapelle zur Aufburg, ber ihrer spteren Gruft die der Maria geweihte
Stiftskirche mit den Altren der Theber. Ihre Reliquien sogar werden
mit denjenigen der 11,000 Jungfrauen verschwistert, nur vereinbart mit
deren Reihe aufbewahrt und aufgezhlt. Deutlich verrth sich dadurch die
Bemhung, Verenas Namen und Kult zu einem kirchlich gerechtfertigten zu
stempeln, indem man sie mit dem mnnlichen und dem weiblichen Aufgebote
hier der 6666 Theber und dorten mit dem des Frauenheeres der hl. Ursula
verschmolz. Jedoch die nationale Mythe ist zher als dieser
legendenbildende Mechanismus der Kirche. Stckweise streift Verena den
ihr geliehenen Fremdschmuck wieder ab, in dem sie umgebenden
Heiligengewimmel bleibt sie isolirt, wie sie es ursprnglich gewesen,
eine in der Wildheit ihrer Waldquellen und Gebirgsstrme einsam
fortwaltende Naturgttin. Als solche macht sie sich in den nachfolgenden
Abschnitten geltend.

Das hier beginnende mittelhochdeutsche Gedicht Von sand Verene ist
enthalten in no. 2677 der Wiener Handschriften. Dorten hatte Hoffmann v.
F. es eingesehen und mit den beiden Anfangsversen citirt in seinem
Berichte ber die Wien. Hdss. no. 35. 42. Das Gedicht ist seither weder
im Auszug noch sonst wie bekannt gemacht. Auf meinen Wunsch liess es
Prof. Franz Pfeiffer in Wien (gestorben 29. Mai 1868) fr vorliegende
Arbeit diplomatisch getreu copieren.

    Von sand verene (roth)                             [106b]

    Verena diu edel meit,
    als, uns daz puch von ir seit.
    Die was ---- ----
    und ez quam also,
    Do der cheiser maximian                            [106c]
    furt mauricium mit im dan
    Her gen deutschen landen,
    si begunde nach im belangen
    So ser, daz si im fuor nach,
    wanne vil gerne si in sach.
    Verena was ein christenin,
    und do si quam ze meilan in,
    Die geuangen christen
    die heimpt si an den vristen
    Vnd bechlagt mit in ir not,
    dar zue si in helfe pot
    Mit trinchen und mit ezzen.
    uerena, die vermezzen,
    Si lie durch nieman daz
    durch vorhte noch durch haz,
    Swa die christen warn erslagen
    und auch da si warn begraben,
    Die staete suocht si alle tage
    mit weinen vnd mit chlage.

    Mit reinem leben was si sus
    pei einem, der hiez, maximus.
    Nu wart ir schir alda geseit,
    daz mauricij schar preit
    Durch got wer erslagen,
    daz begunde die vrowe chlagen
    Vnd wolde nicht leng'r da bestan,
    si fuor ub'r die alben dan
    Vnd ze einem wazzer si quam,
    daz ist genant aram.
    Alda vant si einen man,
    der gevlohen was chomen dan
    Der sagt ir die rechten maere,
    wie ez mauricio ergangen waer.
    Davon wolt si nicht furbaz,
    in einer chlause si da saz
    Mit chlage und mit leide.
    da warn inne reine meide,
    Der leben was also gestalt,
    si waer iunc oder alt,
    Daz si anders lebte nicht
    wan chraut, arbaiz und anders nicht,
    Des lebte si daz gantz iar;                        [106d]
    daz quam auch von ier werch dar
    Vnd des tages ein lutzel brot,
    daz man igleicher pot.
    Nu was dapei ein getwerch,
    daz verchauft den meiden ir werch
    Vnd chauft in da mit ettewaz,
    daz die samenunge gaz
    Anders lebten die vrowen nicht,
    gab man in aber immer icht,
    Des enpizzen si nimmer
    und gabens durch got immer.
    Sus was gestalt ir reines leben.
    got hat verene den geist gegeben,
    Daz man vber al daz lant
    ir leben vil rein erchant,
    Daz man sei het fur heilic gar,
    daz auch si was furwar.
    Wan got durch sei tet wunder
    mit zeihen besunder.
    Auzsetzig behaft macht si slecht,
    plint, chrump macht si gerecht.
    Solcher dinge tet si vil
    mit got auff daz zil,
    Daz man sei d'r meide muet'r nant
    weiten uber al daz lant.
    Nu was in der gegent da
    ein richter sam anderswa,
    Der het got gar verchorn.
    dem was der meide leben zorn,
    Vnd daz man ier so wol sprach;
    mit zorn er daz an ier rach,

    Wan er die vrowen vie,
    dehein gut er ier nie geschehen lie.
    Doch quam zaller zeit zu ir
    ein liechter iungelinch fir[3],
    Der pot ier guten trost,
    si wurde schir da von erlost.
    Doch vragt si in, wer er wer?
    do sprach er offenwaer,
    Er waer ir mag mauricius,
    und mit der rede alsus
    Quamen zu mauricio hin in                          [107a]
    alle die gesellen sin
    Und gruezten die vrowen schone,
    damit schieden si davon.
    Nu wart derselbe richter
    vberladen mit sichtum swer,
    Der gedacht rechte wider,
    er lief hin und viel nider
    Chlagunde fr die reinen meit
    und seinen sichtvm er ir chleit.
    Doch pat si got umb in,
    der richter gie gesunt hin
    Vnd mit grozzer gedult
    bat im vergeben sein schulde.
    Daz was ysa getan,
    die magt wart do leidich lan
    Vnd gie zu iern swestern wider,
    da si got diente sider.
    Nu quamen die swest'r auch in not,
    daz si ninder heten prot
    Vnd grozzen hunger liten
    doch mit dultichleichen siten.
    Ier werches acht man nicht ein har,
    wan ez was ein hunger iar.
    Do verena die not ersach,
    zu got von himel si do sprach:
    Wan du deiner geschefte gist
    ier leibnar zu rechter frist,
    Jesu christ, du waist wol,
    wez dein gesinde leben schol.
    Do si daz vollen gesprach,
    vor der chlause man ligen sach
    Viertzig sekche mit mele vol.
    er gedacht ir not da wol,
    Wan daz prot wuchs in ier munde,
    daz si lange v manic stunde
    Heten da von ier leipnar,
    des lobt got die rein schar.
    Nu was verena, die genende,
    chumen an ier lebens ende,
    Vnd do si nu siech wart,
    ier andacht sich nie verchart.
    Da si vercheren scholt daz leben                   [107b]
    und den geist widergeben,
    Do quam unser vrowe dar
    mit der hymelischen schar;
    Vnd do verena sei ersach,
    zu gotes mueter si do sprach:
    Waz gernde han ich,
    daz gotes mueter siechet mich?
    Do sprach unser vrowe zu ier:
    verena, volge mir,
    Da hin, da du immer mer
    vreude hast ane ser.
    Mit der rede si verschied,
    got ir sele da beriet
    Der ewigen gnaden.
    die vrowe wart begraben
    In der chlause alda,
    die noch haizzet z'rzyaca[4][Nachtrag 3],
    Da got wol scheinen lie,
    daz er sei minte hie.
    Wand nieman wirt entwert,
    der rechter dinge an sei gert.
    Nu derhoret got dehein pet so gern,
    so daz wir seiner hulden gern,
    Dem gibt er, der die suohet,
    vil gern, swer ir geruhet
    Mit hertzen und mit andacht.
    daz wir ze hulden in werden pracht,
    Des helf uns maria
    und ir dirne uerena. amen.

       *       *       *       *       *

FUSSNOTEN:

[3] fir, stark und stolz.

[4] zerzyaca: Zurzach.

       *       *       *       *       *



Zweiter Abschnitt.

Verena, die Mllerpatronin.

Ihre Attribute: der schwimmende Mhlstein; ihre rtlichen
Kleinkindersteine; die Mllerpatronin als Ehegttin, der in Stein
verwandelte Brodkipf und die unerschpflichen Mehlscke.
Wirthschaftsregeln am Verenentage.


Alljhrlich am Verenatage lassen die Mller im aargauer Surbthale die
Mhlsteine schrfen und die Mhlbche putzen. Denn Verena, deren
Wahrzeichen: Kamm und Krglein, an allen Mhlen und Banngemarkungen des
Surbthales eingehauen sind, hat einst ihre dreimalige Wohnsttte an den
Strmen zu Koblenz und Zurzach aufgeschlagen gehabt und gilt hier als
die den Gang aller Wassergewerke beeinflussende Patronin der Mller,
Schiffer und Fischer. Hiefr sei ein Einzelzug vorangestellt aus der
ltesten Aufzeichnung der Verenalegende vom J. 1005 in Pertz Mon. 6,
457. Unter den Gtern, die ein Mann zu seinem Seelenheile dem Zurzacher
Stifte abzutreten gelobt hatte, befand sich eine besonders werthvolle
Mhle. Als nun den Mann hinterher die gemachte Vergabung wieder reuete,
suchte er wenigstens noch etwas an ihr zu schmlern und nderte den Lauf
des Mhlebaches, indem er ihn auf seine Landstcke zog. Allein ohne
fremdes Zuthun und ohne dass es vorher einen Tropfen geregnet hatte,
schwoll der Bach pltzlich mit Macht an, riss dem Manne das Wohnhaus weg
und trat dann wieder in sein ursprngliches Bette zurck. Nun kam Jener
eilends zum Altar der Heiligen und gab ihr alles treulich auf, was er
ihr so unklug hatte entfremden wollen.--Ebenso bndigt sie den Glubigen
zu lieb die verheerenden Strme. Beim Anschwellen der Gebirgswasser
stieg einst zur Zeit der Ernte der Rhein um Zurzach zu solcher Hhe,
dass er alle Kornfluren berschwemmte. Man suchte Abhilfe durch Gebet
und Feldprozession, allein da durfte Niemand wagen, mit Kreuz und Fahne
den Fluthen zu nahen, die ber die ganze Feldbreite hinstrzten. Doch in
dem Augenblicke, als man zur Prozession auszog, trat der Rhein in sein
altes Bette zurck, und schon in der Mittagssonne standen die Aehren
wieder schn aufgerichtet und wohlbehalten da, die am Morgen bereits
entwurzelt schienen. Als eine Schnittermagd, vom Garbenbinden jenseits
des Rheines heimkehrend, auf der Ueberfahrt mit dem Weidling umschlug,
hielt Verena mit der einen Hand ihr den Mund zu und fhrte sie mit der
andern wie durch ein Gewlbe unter den Wellen weg ans Zurzacher Ufer.
Whrend die Heilige noch bei Solothurn in jenem Felsenthale wohnte, das
nun in den reizenden Park der Verena-Einsiedelei umgewandelt ist, war
sie zweifacher Verfolgung ausgesetzt: in der Stadt durch den hier
gebietenden heidnischen Prfekten Hirtacus[6] und in ihrer Klause durch
den Teufel. Dieser schleuderte einen Felsen gegen ihre Wohnung, jenen
ungeheuern erratischen Block, der dorten oberhalb dem Dache der Zelle zu
sehen ist und die Krallen des Bsen eingedrckt trgt. Eine friedlichere
Wohnstatt aufsuchend, nahm sie einen Mhlstein, der an der Solothurner
Aare zur Verladung lag, fuhr auf diesem den Fluss hinab durchs Aargau,
und landete auf einer Insel beim Fischerdorfe Koblenz, in dessen Nhe
die Aare in den Rhein mndet. In der Gegend wtheten eben Seuchen, von
den Ausdnstungen eines Leichenackers herrhrend, den der Strom
unterwhlt hatte; aber die Krankheit hrte auf, indem Verena Heilquellen
aus dem Boden bohrte. Das benachbarte Stift Zurzach vernahm ihre Ankunft
und beeilte sich, eine so wohlthtige Frau zu sich heim zu fhren.[5]
Auch ihren Mhlstein wollte man nicht zurcklassen. Man lud ihn auf
einen Wagen und hatte ihn bis zum Koblenzer Wegkreuz gebracht. Hier aber
blieb aller Vorspann erfolglos, man war nicht im Stande Wagen oder Stein
weiter zu schaffen; doch zurck nach Koblenz zogen ihn die Rosse
mhelos, wo er nun neben der Thre der Kapelle in der Einsenkung der
Mauer hinter einer Vergitterung aufgestellt ist, geschmckt mit dem
Schnitzbilde der Heiligen. Man misst ihm bernatrliche Kraft bei. Auch
ist das Gewlbe, das ihn verwahrt, ganz allein unversehrt geblieben, als
1795 eine Feuersbrunst Dorf und Kapelle einscherte; es hngt voll
wchserner Fsse und Aermchen, welche die Leute opfern, wenn einem ihrer
Kinder ein Schaden heilen soll. Seither ist die Kapelle erneut und
erweitert worden und dabei die Inschrift verschwunden, die sonst ber
dem Steine zu lesen stand:

    Auf diesem Stein hier aus der Aaren
    Die heilig Verena ist gefahren
    Ohne Ruder, Schiff und Schalten,
    Wie solches geglaubt die frommen Alten.

Die Koblenzer sind seitdem bewhrte Fischer und Fergen, die auf den Rath
der Heiligen die Stdlerzunft grndeten; erst vor einigen Jahren ist sie
bei Aufhebung smmtlicher Znfte mit eingegangen. Dieser Genossenschaft
der Laufenknechte stand ein von allen Landvgten verbrieftes Fhrrecht
mit der Obliegenheit zu, smmtliche den Rhein zwischen Zurzach und Basel
befahrende Schiffe und Gter durch die dortigen Strudel (genannt Laufen)
zu fhren. Am Gewlbe der Zurzacher Stiftskirche hngt daher ein
kunstreich geschmiedetes Votivschifflein. Eine aus Tatian von Grimm
Gramm. 3, 437 angefhrte ahd. Glosse lautet: _verenna_ cymba; was sonst
ahd. verscif heisst, nhd. Fhre. Graff, Sprachschatz 3, 587 citiert aus
Tatian: _mit ferennu quamun_, navigio venerunt.

Allein Verena, die Mllerpatronin, bt zugleich auch das Geschft der
Liebesgttin; somit ist vorerst das Einheitliche im Wesen dieses
Doppelgeschftes hier nachzuweisen, um damit einen besondern Theil des
heidnischen Cultus zu entblssen, der im Verenacultus nachklingt. Die
Ackerbau-Terminologie wird von jeher auf die geschlechtlichen
Beziehungen bertragen, die ehliche Verbindung auf die Erdbefruchtung,
auf die Demeter. Des Mannes That heisst griechisch ackern, besen,
besamen; das weibliche Saatfeld heisst sabinisch sporium, der ihm
Entsprossene spurius, der Ausgesete (Bachofen, Grbersymbolik 204). So
hat auch Mahlen und Mhle in den Sprachen erotische Bedeutung. Bei
Theokrit (4, 58) ist myllos cunus; Festkuchen dieses Namens, aus Sesam
und Honig gebacken, wurden bei den grossen Thesmophorien den Gttinnen
zu Ehren in Syrakus umhergetragen. Athenus XIV, 647 A. Den Sinn des
griech. myllo (coire) und des Wortspiels bei Petronius: molere mulierem,
drckt unsre eigne Sprache in gleicher Weise aus. In Simrocks
Volksliedern no. 285 erwiedert die Mllerin ihrem um Einlass anpochenden
Gemahl:

    Ich steh frwahr nicht aufe,
    Ich lass dich nicht herein;
    Ich hab die Nacht gemalen
    Mit sechs jungen Knaben.
    Davon bin ich so md.

Der durch die Buhlin der Kraft beraubte Samson muss den Mahlstein
drehen: Richter 16, 21. Daher ist die Mhle in unsern ltesten Sagen der
Ort der Liebesabenteuer. Der Landpfleger Pilatus ist nach dem
gleichnamigen ahd. Gedichte vom rheinischen Knig ausserehelich mit der
Pyla erzeugt, des Mllers Atus Tochter. Ausserehlich ist Karl der
Grosse erzeugt und geboren auf der Reismhle am bair. Wrmsee. Aretin,
Bair. Sag. 1803. Schppner, Sagenb. no. 22. Knig Heinrich III. erbaute
Kloster Hirschau in der Nhe jener Mhle, darin er war geboren worden;
sie steht noch und gilt fr eines der ltesten Gebude in Hirschau. Vgl.
Schnhuth, Burgen Wrtembergs 1, 88. Meier, Schwb. Sag. S. 336. Ebenso
steht heute noch im wrtemberger Schussenthale die Grieslemhle, in der
die eilf ausgesetzten Welfenkinder, die Ahnherren der Hohenzollern,
erzogen worden. Birlinger, Schwb. Sag. no. 340. Aventins Chronik
berichtet, wie Herzog Ott von Baiern die Brandenburger Mark dem Kaiser
verkauft und die Kaufsumme daheim mit der hbschen Mllerin auf der
Gretelmhle lustig verzehrt. Grimm DS. no. 496. Vom Ehebruch der stolzen
Frau Mllerin erzhlt alles Volkslied bis auf Gthes "Der Mllerin
Verrath". Vom Jahre 1322 bis 1802 galt zu Augsburg der Name Hahnreimhle
fr eine der stdtischen Mhlen. Im Mhlgraben liegt jener grosse Stein,
hinter dem die Amme die Kinder herausholt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 31.
Als alles Riesengeschlecht im Blute des erschlagnen Ymir ertrinken
musste, rettete sich der einzige Bergelmir sammt seiner Frau in einem
Mhlkasten. Myth. 426. Aber Mahlstein und Saatkorn gestalten sich dem
fortschreitenden Begriffe zum heiligen Religions- und Rechtssymbol.
Darum fhren selbst die alles verleihenden Lichtgtter Apollo und Zeus
den Beinamen myleus, bei den eleusinischen Gttinnen wird ehliche Treue
beschworen, der Ceres legifera opfert die brutliche Dido, der rmische
Cerestempel diente als Gesetzesarchiv. Auf einem Mehlfasse hat die
wendische Braut zu sitzen, whrend sie von ihren Freundinnen zur
Hochzeit geschmckt wird. Haupt, Lausitzer Sagenb. 1, 183. In diesem
Sinne ist das Volkslied (bei Uhland 1, S. 76) von der Mhle zu
verstehen, welche reines Gold und treue Liebe mahlt:

    Dort niden in jenem Holze
    Leit sich ein Mlen stolz,
    Sie malet uns alle Morgen
    Das Silber, das rothe Gold.
    Dort hoch auf jenem Berge
    Da geht ein Mlenrad,
    Das malet nichts denn Liebe
    Die Nacht bis an den Tag.

Damit hrt denn auch jene schreiende Unsinnlichkeit der Legende auf,
dass die Heiligen ihre Wasserreisen auf einem Mhlsteine machen, wie
Verena auf der Aare und der Wstenheilige Antonius auf der Wolga. Auch
die Stadtpatronin Zrichs, zugleich die angebliche Gefhrtin der
Theber, die hl. Regula, muss die gleiche Wunderfahrt gemacht haben,
denn ihr Mhlstein lag einst am Seeufer bei Herrliberg, da wo es
urkundlich _Im steinin Rad_ heisst. Reithard, Sag. a.d. Schweiz.--St.
Jakob von Compostella macht seine Meerfahrt in einem steinernen Troge
und landet damit zu Ira in Galizien; der hl. Quirinus, genannt Boicus,
wird mit einem Mhlstein am Halse in die Gnz gestrzt und schwimmt
damit in diesem reissenden Gewsser. Rader, Bavaria Sancta 1, 23. Die
hl. Laurentia, mit einem Stein am Halse ins Meer versenkt, gieng auf dem
Wasser einher, als wre es festes Feld. Sie wird alljhrlich am 1. Okt.
in der Hauptkirche zu Ancona gefeiert, wo ihre Gebeine ruhen. Jac.
Schmid, Kleine Ehehaltenlegend 1, 86. Der Mhlstein der hl. Brigida ist
neben ihrer Kirche zu Kyldare in Schottland an der innern Klosterpforte
aufgestellt und wird bei Krankheitsfllen als wunderthtiger Heilstein
berhrt. Canisius, Thesaur. Eccles. I, 414. seq. Die Flsse und Seen
sind die Adern, durch welche die lteste Kultur in die Lnder floss, und
die Mhle mit ihren Werkzeugen giebt die Bilder und Symbole her, unter
denen die Sprache diesen Vorgang bezeichnet. Bei dichtfallendem Schnee
sagt der Schwabe: das kommt durch den groben Beutel; der Franke: Mller
und Becken schlagen sich mit Scken; der Aargauer: sie putzed (die
Himmlischen fegen das Korn), sie ritered (sieben es), der Staub flgt
(wie beim Worfeln des Ausdrusches), sie schttid: schtten die Frucht
auf, die in dichtem Strome aus der Worfelmhle schiesst. Nach Krntner
Volksrede entsteht der Donner dadurch, dass unser Herrgott Getreide in
den Kasten schttet. Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 30. Im Liede von der
Himmelsmhle (Uhland, no. 344) knpft Matthus die Kornscke auf, Lukas
lsst reiben, Marcus schroten u.s.w. Damit steht denn auch zusammen,
dass die Mhle im alten Rechte als Freisttte gilt und ein in diesem
befriedeten Ort begangner Frevel mit dem Tode bestraft wird. Der
Schwabenspiegel bestimmt: diu mle hat ouch bezzer reht danne ander
hiuser. swer in der mle stilet korn oder mel vier phenninge wert, dem
sol man ht unde har abslahen. ist ez vier schillinge wert, man sol in
henken. Und eben daher stand auch dem Mhlstein eine besondere
Rechtsanwendung zu, auf welche Grimm RA. 935 verwiesen hat. Es findet
sich nemlich in einem alten Liede folgende Prfung erwhnt ber
Beschaffenheit und Abkunft eines noch ungebornen Kindes: Die Schwangere
steht am Ufer des Rheins, ein Mhlstein wird gerollt; fllt er rechts,
so trgt sie einen Knaben, links, ein Mdchen; geht er aber zu Grund, so
ists ein Metzenkind.--Der jungfrulichen Verena Mhlstein aber ist ein
_schwimmender_; unter ihrer Obhut steht alle rechtlich erworbene Frucht:
die auf dem Felde, in der Mhle und im Mutterschosse. Bereits sind in
der histor. Zeitschrift Argovia 3, 15 die mehrfachen rtlichen Felsen
und erratischen Blcke des Aargaus aufgezhlt, welche den Namen
Kleinkindersteine und eine dem gemsse Ortstradition an sich tragen.
Hier kommen nur die auf Verena bezglichen in Betracht. Jener vorhin
erwhnte Felsblock in der Solothurner Verena-Einsiedelei trgt ein ber
Faustgrsse ausgerundetes Loch, das man fr die Spuren der Hacke der
Ammenfrau ausgiebt, die hier den Bedarf an Kindern fr die Stadt
heraushackt. Wolf, Ztschr. f. Myth. 4, 1. Dasselbe gilt gleichfalls in
dem eben genannten Dorfe Koblenz vom Kalchofen, einem ofenfrmig
gewlbten, isolirten Kalkfelsen am dortigen linken Rheinufer. Derselbe
Glaube herscht im Schwabenlande, weil bis dahin der Verenacultus
kirchlich gereicht hatte. Eine Felshhle beim Bergschlosse Teck auf der
wrtemberger Alb heisst Frena-Bubelinsloch und besitzt eine Sage ber
zwei hier im Fels erzeugte und gross gewordne Knaben. Antiquarius des
Neckarstroms 1740, 46.

Ein fernerer auf die Korn- und Mhlengttin hindeutender Zug ist
enthalten in dem Schicksale des Schwesternhauses, das die Heilige zu
Solothurn gegrndet hatte. Es brach ein Hungerjahr ein, die Schwestern
konnten ihre Handarbeiten nicht mehr verkaufen und litten bittern
Mangel. Da geschah es, dass eines Morgens eine Reihe Sckchen Mehl von
unbekannter Hand vor die Thre gestellt wurden und die aus diesem Mehl
gebacknen Brode wuchsen den Essenden unter dem Kauen. Im alten
Constanzer Breviar, das Erhard Ratdolt 1509 druckte, heisst es darber:

    Dum panis victus solitus
    exhaustus fuit plenius,
    farris pastus positus
    est ad fores celitus.

Aber schon Notkers Legende (bei Canisius II, 3 Th. 170) giebt
wunderschtig die bestimmte Zahl dieser Scke an quadraginta sacci, und
Christoph Greuter zu Augsburg hat sie sogar in Kupfer gestochen; ein
Nachstich steht in Richters Schrift, Sigprangender Triumphwagen Verenae.
Augsb. 1736, 42. Der Notkerischen Fassung scheint unser mhd. Gedicht
(107a) nacherzhlt zu sein:

    vor der clause man ligen sach
    viertzig sekche mit mele vol.
    er gedacht ir not da wol,
    wan daz prot wuchs in ier munde.

Dasselbe Wunder und, unter dem gleichen Namen unsrer Verena wird durch
Kuhns Nordd. Sag. no. 70 aus dem Bezirke von Halberstadt gemeldet. Wenn
da der Bauer zwischen Weihnachten und Dreiknig, zur Zeit der Zwlften,
sein Mehl von der Boitzenburger Mhle heimfhrt, so begegnet ihm Fr
Freen und verlangt, dass er die Scke ffne und ihren Hunden ausschtte.
Thut er dies folgsam, so findet er die Scke wohlgefllt des andern
Tages an derselben Wegstelle wieder. Hier ist Freens Name
zusammengefallen in den der Heidengttin Fra (wie Paulus Diaconus
Wodans Gemahlin nennt), welche zur Zeit der Zwlften sich an die Spitze
der Wilden Jagd stellt und unter dem Namen der alten Frick (ein
Diminutiv des Namens Freyja) mit ihren zwlf Jagdhunden das Land
durchstrmt. Der Name Frne wird von Kuhn l.c. S. 414 und 415
ausdrcklich als um Halberstadt bestehend besttigt, und der vierte
Abschnitt unsres vorliegenden Berichtes wird diese auffallende
Namensverwandtschaft zwischen Wodans Gemahlin und der aargauischen
Gauheiligen erlutern.

Verena ist zugleich eine der vielen Heiligen, welche abgebildet werden,
Brod und Wein berbringend. Bereits hat der spottlustige Nachbarscherz
sich dieses Zuges der Verenalegende zu seinen rtlichen Schwnken
bedient. Er erzhlt, wie einst das kleine Stdtchen Klingnau an der Aare
von einer Feuersbrunst so ganz zerstrt worden, dass auch smmtliche
Kirchenglocken mitverbrannten und man sich mit einer irdenen behelfen
musste, deren Schall denn nicht weit reichte. Mit dieser musste man
luten, als die hl. Verena auf ihrer Reise nach Zurzach hier den Strom
herab gefahren kam. Kling au! rief man rgerlich zur stummen Glocke
empor, in der Hoffnung, die Heilige werde dem Tone folgen und hier ihr
Absteigequartier nehmen. Allein diese wusste voraus, wie hier das
tgliche Brod schmeckt, und fuhr ihres Weges weiter. Seitdem gilt der
Spottreim:

    Wenig Brod und sre W:
    ach Gott, wer mcht' au z'Klinglau s!

Die Aargau. Sagen no. 491 berichten ferner, als Dienstmagd eines
Priesters in Zurzach habe sich Verena die tgliche Nahrung abgebrochen,
um die benachbart wohnenden Siechen damit zu speisen. Darber der
Entwendung verdchtigt, tritt ihr der argwhnische Priester pltzlich in
den Weg und untersucht. Doch der Wein in ihrem Krglein ist nun in
Lauge, und der mitgenommene Brodkipf in einen Kamm verwandelt, beides
als zur Reinigung der Ausstzigen dienend. Daher kommt es, dass die
Bildsulen Verenas bald Waschkanne und Kamm, bald Weinkrug und Brodkipf
in der Hand haben. Das Krglein der Heiligen ist, wie die lteste
Aufzeichnung berichtet, ursprnglich steinern gewesen und hatte die Form
einer antiken Urne; seine Bestimmung musste damit nicht nothwendig die
des Wein- oder Waschnapfes sein, da auch das Trockengemsse vor Alters
steinern war. Das Zrcher Frauenmnsterstift berief sich 10. Christm.
1282 auf einen in seinem Kloster aufbewahrten Stein, in welchem der
Klostergrnder Knig Ludwig das Mass eines _Kornviertels_ hatte aushauen
lassen. Geschichtsfreund 8, 19.

Hier ist Gelegenheit, eine Legenden-Parallele an der gleichfalls
unbeachteten Gestalt einer andern deutschen Gauheiligen aufzuzeigen. Es
ist dies die Kraichgauer und Tiroler Heilige Notburga, von deren Cultus
Schnezler, Bad. Sagb. 2, 587, und Zingerle, Tirol. Sitt. no, 964
berichten. Auch sie zhmte wilde Strme, lehrte Acker- und Weinbau,
pflegte und speiste die Armen, verstand sich auf die Heilkunde, hat ihre
mehrfachen Grabkirchen und Taufbrunnen und lebt, wie die hl. Verena,
mehr in der stillen Volksverehrung als im theologischen Gedchtnisse
fort. Als Viehmagd diente sie im Tiroler Schlosse Rothenburg im untern
Innthal und hatte die Schweine zu fttern. Fr jeden Armen sparte sie
sich eine Schrze voll Brod und einen Becher Weins auf; wenn aber ein
geiziger Spher sie darber anhielt, verwandelte sich die Gabe in
Hobelscheiten und in Sautrnke. Als sie auf dem Bauernhofe Eben im
Unterinnthal diente, kam dort mit ihr der alte Segen in den gesunknen
Hausstand zurck; wollte man sie jedoch ber die Feierabendzeit im Felde
fortarbeiten lassen, so machte sie das Gesinderecht geltend, hob die
Sichel in die Hhe, liess sie aus und diese blieb in der Luft hngen.
Sie ist die Patronin der Dienstmgde geworden, wie sie selbst in ihrem
Geburtsdorfe Ameres als Magd gestorben ist. Vor ihren Leichenwagen
spannte man zwei weisse Stiere und liess sie gehen, wohin sie wollten.
Als sie an den brckenlosen Inn kamen, wich der Fluss zurck und liess
Wagen und Leichengefolge trocknen Fusses hinberschreiten. Jenseits auf
dem Ebenberge, wo die Stiere anhielten, begrub man die Jungfrau und
errichtete eine Kapelle ber dem Grabe, die seit 1434 zur
Wallfahrtskirche vergrssert wurde. Auch ihre ehemalige Magdkammer im
Schlosse Rothenburg ist in eine Kapelle umgebaut worden. Panzer, BS. 2,
no. 62. Als Notburga ins Kraichgau kam, berschwamm sie auf einem
schneeweissen Hirschen den Neckar und verbarg sich in einer Hhle, die
beim wrtemberger Dorfe Hochhausen gezeigt wird. Vom Schlosse Hornberg
her berbrachte ihr der Hirsch tglich das Brod, ans Geweih gespiesst,
und mit seinem Geweih schaufelte er der Sterbenden ihr Grab. Jetzt noch
zeigen die Kraichgauer bers Feld hin den Weg, welchen das treue Thier
einschlug. Ueber die hl. Rategundis von bair. Wolfratshausen berichtet
Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern (Augsb. 1750) 3, 16, als
Dienstmagd auf dem Schlosse Wellenburg bei Augsburg habe sie Milch und
Butter von ihrer tglichen Kost sich abgespart und den Ausstzigen des
nchsten Siechenhauses zugetragen; als der argwhnische Schlossherr sie
auf dem Wege dahin betraf und untersuchte, verwandelte sich Butter und
Milch in ihrer Schrze in einen Strehl und in warme Lauge.

Zum Schlosse folgen einige obrigkeitliche Vorschriften und
landwirthschaftliche Regeln, die sich an den 1. September als den
Verenatag knpften.

Der Verenatag begann den Herbst und war damit ein allgemeiner Zins-,
Frist- und Verfalltag. Das Schwyzer Landbuch (ed. Kothing, S. 76)
verbietet im J. 1519, "dass man vor sant Frenentag kein Murmotten
(Murmelthier), weder alt noch jung, fachen soll." Mit diesem Tage geht
noch im Kanton die gebannt gewesene Jagd wieder auf. In den V
Gerichtsbezirken des Altaargaus (Zofingen, Aarau, Kulm, Lenzburg und
Brugg) galt die Berner Gerichtssatzung und mit ihr also auch derselbe
Gerichts-Stillstand, Gerichts-Ferien. Eine dieser fnf "geschlossnen
Zeiten" dauerte acht Tage vor dem ersten Sonntag vor Verenentag bis acht
Tage nach dem auf Verena nchstfolgenden Sonntag. Die Berner Obrigkeit
hat im J. 1595 in Folge der Kirchenreformation vier jhrliche
Communionszeiten und darunter die letzte auf den Verenentag angesetzt.
Polizeibuch der Stadt Bern, ad ann. 1655.--Das "Verzeichnuss der Statt
Aarow-Ordnungen und Breuch" von 1688 (Aarau. Stadtarchiv) setzt fol. 86
die obrigkeitlichen Visitationen der Weinkeller alljhrlich auf Verena
und Martini an.

Von den Bauernregeln ber die Witterung am 1. September sind unter
unserer Landbevlkerung folgende blich.

Wenn's Vreneli z'morndes s'Chregli sleert, draejet, lset, umg'heiet,
brnnelet--und z'Abig s'Chitteli wider trchnet, denn isch guet; denn
solch ein richtiger Witterungswechsel ist der Aussaat des Kornes und der
Keimung des Samens besonders gnstig. Wenn es an Verena schn Wetter
war, so erzhlen die Bauern im Frickthaler Dorfe Gansingen, so sassen
unsre Leute am Tische und assen ruhig ihr Vesperbrod; wenn es aber
regnete, so hiengen sie den Kornsack an und standen zum Sen hinaus.
Wenns a d'Verena regnet, muess de Bu'rsma s'Brod unter de Arm neh; wenn
aber nit, so chan er's frlich hinter'm Tisch esse. Der Solothurner
Bauer muss, wenn Verena Regen bringt, Tag und Nacht zu Acker fahren und
sein Brodscklein, das Zimmis-chrbli, worin der Abendimbiss ist, mit
ans Kummetscheit henken, ans Jochholz am Kummetkopf. Illustrirte Schweiz
1862, 259.--

Verenatag gnnt d'Stiel ab jedem Hag; denn an diesem Tage, heisst es,
ist alles Obst reif und der Fruchtstiel abgetrocknet; ist es aber ein
strenger Regentag, so fault das Obst hernach auf den Hurden.

A d'Vrenetag got der Chabis uf e Rt; der Krautskopf berathet sich, ob
er von diesem Tage an noch wachsen wolle; nimmt er nicht zu, so ist er
daheim geblieben und nicht mit in Rath gegangen. Vrein am Rain trgt s'
Abendbrod heim: das Vesperbrod wird von dieser Zeit an nicht mehr aufs
Feld gebracht, s' Vreneli zndt a, und s' Mareili lscht ab: die
Hausarbeiten bei Licht, die Kiltabende und Liebesnchte begannen mit 1.
Sept.; mit Mariae Verkndigung, 25. Mrz, giengen sie wieder zu Ende.
Heute aber beginnen die Lichtarbeiten gewhnlich erst mit 2. Nov. und
schliessen mit dem Josephstag, 19. Mrz.

       *       *       *       *       *

FUSSNOTEN:

[5]

    A Solodoro igitur
    discedens proficiscitur,
    ubi Rhenus labitur,
    Zurziacham graditur.

Verena-Hymnus im Constanzer Breviarium von 1509, gedr. bei Eberhardus
Ratdolt.

[6] Diabolus quendam tyrannum sub potestate Romani nominis inflammavit,
sagt die Originallegende; erst spter wird der Name Hirtacus dazu
gefgt. Auch das mhd. Gedicht nennt ihn einfach Richter.

       *       *       *       *       *



Dritter Abschnitt.

Verena, die Geburtshelferin.


Ihre rtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die
ihr geopferten Mdchen- und Brautkrnze; ihr Geburtsgrtel, Haarkamm und
Waschkrug; ihre rtlichen und kirchlichen Heilquellen. Gesundheitsregeln
am Verenentage. Mythische Nachklnge von der Gewitterriesin: das
Vrenelisgrtli am Glrnisch u.s.w.

Wir beginnen mit dem Kindersegen, welchen die Heilige verleiht, und
stellen hiefr diejenigen Erzhlungen voran, welche der ltesten
zwischen die Jahre 1005 bis 1032 fallenden Aufzeichnung der
Verenalegende (bei Pertz 6, 457) angehren. Diese von G. Waitz
nachgewiesene Zeitbestimmung gilt namentlich auch fr diejenigen
Thatsachen, ber welche der Verfasser jener Bruchstcke entweder als
Augenzeuge berichtet, oder die er an bekanntere Herschernamen jener
Periode anknpft.

Der Burgundenherzog Konrad war mit seinem Eheweibe Machthilde lange
kinderlos geblieben. Sie wallfahrteten endlich nach Zurzach ins
Verenenstift, beteten hier und vertheilten reichliches Almosen, und in
der ersten Nacht nach der Heimkehr empfieng die Herzogin einen
Thronfolger.

Heriman, der zweite Alemannenherzog dieses Namens (997), hatte Gerbirga
geehlichet, des vorhin erwhnten Burgundenherzogs Konrad Tochter, und
obwohl schon mehrere Tchter, doch noch keinen Sohn bekommen. Sobald
aber die Eltern zum Grabe Verenas wallten, wurden sie auch mit einem
solchen beglckt. Dieser war, wie Casp. Lang beifgt (Histor. theol.
Grundriss der christl. Welt 1692. 1, 477), Herman III., der indess nicht
zu seinen Jahren kam und schon 1012 wieder starb.

Reginlinda, des Alemannenherzogs Burkhard II. Wittwe, lebte in zweiter
Ehe mit dem Herzog Heriman, der jenem Burkhard 826 in der Regierung
nachgefolgt war. Zu gleichem Zwecke, wie die Vorigen, machten die beiden
Neugetrauten einen Kirchgang nach Zurzach und bernachteten daselbst im
Stifte. Hier trumte Reginlinda von der Empfngniss, die sie sich
wnschte, und gebar darauf die Tochter Ida, die nachmals Liudolf, Kaiser
Ottos I. Sohn, zum Weibe nahm.

Eine adelige Frau im Elsass hatte frherhin in kinderloser Ehe gelebt,
hierauf sich zur hl. Odilia verlobt und dann drei Tchter bekommen.
Durch die hl. Verena hingegen erhielt sie erst noch Zwillingsshne, denn
diese Heilige besonders ist es, welche die Eltern mit Mdchen und Knaben
begnadet. So war ein kinderloser Frankengraf fters von den Zurzacher
Stiftsherren eingeladen worden, er mchte sich zu ihnen begeben, die
Heilige anflehen und ihr einen wenn noch so geringen Theil seines
Reichthums opfern, dafr werde er seinen Wunsch nach Shnen erfllt
sehen. Jedoch er spottete mit seiner Frau dieses Rathes. Was sollen uns
diese Pfaffen helfen? pflegte er zu sagen, sind sie nicht selbst die
Unvermgenden und an Mannesart die Allerletzten? Darauf wurde sein Weib
vom Blitz erschlagen und er starb hin ohne Leibeserben.

Ein Hriger des Stiftes hatte ein an Abkunft ihm gleiches Weib
geheiratet, allein von dem Erbe, das ihnen beiden mehrfach zufiel,
entrichteten sie dem Stifte nicht nur keinerlei Zins, sondern sie
liessen sich auch in allerlei Schmhungen ber derlei Pflichtigkeiten
aus und machten sich sammt ihren Kindern zuletzt ganz aus der Gegend
fort. Dafr starben er und sein Weib eines jhen Todes, und seine
Nachkommenschaft, die jetzt noch unter uns lebt, leidet durchgngig an
Gliederlhmung.

So viel erzhlen die ltesten Aufzeichnungen der Legende ber den durch
Verena gespendeten Ehesegen; nicht besonders mit erwhnt aber ist, dass
derselbe herstammt aus der in dortiger Stiftskirche fliessenden
Heilquelle. Man steigt zu ihr durch die Sakristei auf mehreren Stufen
hinab und schpft das Wasser mit einem bereit stehenden Zieheimer; es
wird flaschenweise heimgetragen und als Waschmittel gegen Haut- und
Augenbel gebraucht, Kindbetterinnen soll es besonders dienlich sein;
auch das Abgestandene wird noch auf das Krautfeld gesprengt und vertilgt
das Ungeziefer. Von diesem Umstande scheint nachfolgende Ortssage zu
handeln, die man der Mittheilung des Kandidaten E. Schmid von Zurzach,
gestorben zu Heidelberg, verdankt.

Eine Zurzacher Frau war Wchnerin und schickte ihren Mann bei Nacht in
das Stdtchen Klingnau hinber, um eine Ammenfrau herbeizuholen, deren
es im damaligen Dorfe Zurzach noch keine gab. Der Weg dahin geht
stundenweit ber den sehr wilden, 700 F. hohen Achenberg. Auf engen
Felsentreppen ersteigt man die letzte Hhe zum Rothen Kreuz, einer
einzelnen Station der hier errichteten Wallfahrt zur Schmerzhaften
Mutter Gottes. Diese Stelle ist jedoch ein gefrchteter Spukort. Wer
seine hierher angelobte Wallfahrt zu thun versumt hat, muss nach dem
Tode hier umgehen; davon kommen die feurigen Mnner her, die man ein
knarrendes Wgelchen ber die Waldwipfel hinfahren sieht, oder die ledig
laufenden Rosse, die sich vom Begegnenden an das Halstuch binden
lassen, dann aber zu einer Grsse anschwellen, dass weder Tuch noch Hand
mehr zu ihnen emporreicht. Als der ausgeschickte Mann diese ihm sonst
wohlbekannte Hhe erreichte, soll, wie man berichtet, dichtes Gebsch
ihm den Durchweg versperrt haben, so dass er verirrte und statt nach
Klingnau an die Aare hinab, weitab bis zu deren Mndung in den Rhein
gerieth. Denn am andern Morgen fanden ihn Schiffer des Dorfes Koblenz
oberhalb des dortigen Laufen, eines Rheinstrudels, todt am Ufer. Diese
Erzhlung scheint ein Fingerzeig zu sein, dass man die Geburtshlfe
zunchst bei der Heiligen in Zurzach selbst, und nicht in dem fremden
Aarthale zu Klingnau htte suchen sollen. Denn dafr eben fliesst in der
Zurzacher Stiftskirche jener heilkrftige Brunnen. Die hier
hinabsteigenden Wallfahrer drfen sich einen Krug voll unentgeltlich
schpfen, dagegen erkaufen sie sich das Oel aus der hier brennenden
Gruftlampe und wenden es daheim gegen Augenbel an; letzteres ein Brauch
aus der frhesten Zeit des Christenthums, dem schon Gregorius von
Nazianz das Wort redet. So heilte Oel, aus der Kirchenlampe zu. St.
Gallen geholt, gleichfalls kranke Augen. Casp. Lang, Theol. histor.
Grundriss (1692) 1, 513. 1036. Ein gleiches Mirakel ist in der
Gertrudislegende erzhlt, A. SS. sec. II, pg. 470: Ein blindes Eheweib
wird von ihrem Gemahl ans Gertrudengrab in der Nivellerkirche gefhrt
und kommt hier zufllig unter eine der Kirchenlampen zu stehen, welche
trieft und des Weibes Mantel beschttet. Die Umstehenden nehmen daraus
Anlass, der Blinden Augen damit zu bestreichen, und diese wird dadurch
auf der Stelle sehend.

Noch einen solchen Brunnen von gleichfalls befruchtender Wirkung besitzt
die Heilige in den Bdern der Stadt Baden. Dies ist das Verenabad, das
von je her ein Freibad gewesen war, dessen sich Arme und Presthafte
unentgeltlich bedienen konnten. Vormals lag es unter offnem Himmel;
nunmehr hat es Einwandung und Bedachung; in seinem unmittelbar ber der
Quelle gebauten Bassin finden gegen hundert geduldige Menschen zusammen
Platz, die aus allen Kantonen auf Staatskosten hieher geschickt werden.

Der heisse Sprudel tritt unmittelbar aus dem Boden ins Bassin durch eine
Oeffnung, welche das Verenenloch heisst. Daran steht eine Steinsule
errichtet mit der holzgeschnitzten bemalten Figur der Heiligen. Junge
Ehefrauen, die sich nach einem Erben sehnen, verschaffen sich hier des
Nachts, wenn das verbrauchte Wasser abgeflossen ist, durch den
Bademeister heimlich Zutritt; sie senken ein Bein in die Rhre hinab,
durch die der Sprudel emporwallt, lassen es recht durchwrmen und sind
der sicheren Hoffnung, dieses Verfahren helfe zur baldigen Erfllung
ihrer mtterlichen Wnsche. Das Alter dieses Frauenbrauches erhellt aus
der 1578 zu Basel erschienenen, von Dr. Heinrich Pantaleon verfassten
"Wahrhaftigen und fleissigen Beschreibung der uralten Statt und
Graveschafft Baden, sampt ihren heilsamen warmen Wildbedern, so in dem
Ergw gelegen"; hier heisst es auf S. 73: "Es ist aber hie ein
abergleubischer Won vorhanden. Dann es vermeinen hie jren vil, wann ein
unfruchtbare Fraw darinnen bade, v ein fuoss in dz loch stosse, da dz
wasser herfr quillet, es werde St. Verena bey Gott erwerben, dz sie
fruchtbar werde."--Dass dieser Wahn vormals ein weit verbreiteter
gewesen, lernt man aus Lynker, Hess. Sag. S. 17 kennen, wo es heisst vom
Teich der Frau Holle: "Frauen, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht
sie gesund und fruchtbar, denn eben aus ihm kommen auch die neugebornen
Kinder." Diese mtterliche Gttin Holda gleicht also vollkommen der von
den Albanesen verehrten Geburtsgttin Ora, einem Wnschelweibe, vermge
deren Macht das Kind genau in derjenigen Gestalt geboren wird, in der es
gewnscht worden ist. Hahn, Griechisch-albanes. Mrch. 1, S. 37. Holda
htet die Seelen der Ungebornen unter dem Spiegel der Brunnen, bergiebt
sie als Frschlein und Fischlein dem Seelenbringer Storch fr die
gebrenden Mtter, damit sie ins leibliche Dasein eingehen knnen, und
nimmt die unmndig wieder Hinsterbenden abermals zu sich in die
kristallne Tiefe. Daher stammt die allverbreitete, berall lokalisirte
Sage von den Kinderbrunnen, wo die Kleinen um die Mutter Gottes spielend
herumsitzen und mit Honig und Erdbeeren aufgenhrt werden. Schon
altdeutsche Dichter bedienten sich dieser Vorstellung zum Preise der
geheimnissvollen Geburt Jesu durch die hl. Jungfrau; so um 1260 der
Dominikanermnch Eberhart von Sax, der von der Mutter Gottes sagt:

    du bist der gezeichent brunne,
    darin schein diu lebendiu sunne.

Und Nachklnge solcher Gleichnisse leben im Kinderreim vom Storch fort:

    Storch--Storch--Steine,
    Mit dem langen Beine,
    Mit dem kurzen Knie:
    Jungfrau Marie
    Hat ein Kind gefunden
    In dem goldnen Brunnen.
    Wer solls (aus der Taufe) heben?
    Der Gothe und die Gthen.

Am Queckbrunnen zu Dresden stand schon 1312 ein Marienbild; jetzt ziert
ihn ein fliegender Storch, der sowohl im Schnabel, als auch in den
Fngen und zudem auf jedem Flgel je ein Wickelkind trgt. Dieses Wasser
macht unfruchtbare Frauen zu gesegneten Kindsmttern. Schfer,
Stdtewahrzeichen 1, 120. Zu den in den Aargau. Sagen 1, S. 17 bereits
verzeichneten schweiz. Kleinkinderbrunnen lassen sich nachtrglich noch
folgende aargauische anfhren. In der Stadt Aarau war es bis zum Jahre
1812 obrigkeitlich festgesetzt gewesen, den Stadtbach alljhrlich am
Verenatag abschlagen zu lassen. Da man der Annahme zufolge aus seinen
Brunnenstuben den Suglingsvorrath holte, so steht dieser
Kleinkinderbach noch immer in besonderer Geltung. Sobald man nun den
abgestellten Bach eines Abends wieder anlaufen lsst, zieht ihm die
gesammte Stadtjugend unter Fackelschein mit laubumflochtnen Stben
entgegen und ruft zum Takte der wirbelnden Knabentrommeln:

    Der Bach chunnt, der Bach chunnt:
    Sind mini Buebe-n-alli gsund?
    Jo jo jo!

    Der Bach ist cho, der Bach ist cho:
    Sind mini Buebe-n-alli do?
    Jo jo jo!

In der Stadt Rheinfelden holt man das neue Schwesterlein aus der
dortigen Brunnenstube; im benachbarten Laufenburg aus dem Stinkenden
Brnnli (ber Gipslager ablaufend), am Fusse des Ebenberges; in
Oberfrick aus dem altverschtteten Spagenbrunn, im Dorfe Kttigen aus
dem Stampfelgraben des dortigen Mhlbaches, im Dorfe Koblenz aus der die
Gemeindegrenze bildenden Quelle. Zu den gleichbedeutenden in der brigen
Schweiz gehren folgende: der Waldweiher Dreibrunnen in der
toggenburgischen Stadt Wyl (Sailer, Chronik von Wyl 1, 123); der
Dorfbach mit seinem Findlingsblock zu Aegeri im Kt. Zug; der Stempbach
in Stans, und der Seltenbach in luzernisch Escholzmatt, der noch dadurch
bemerkenswerth ist, dass er den Namen der deutschen Glcksgttin Frau
Saelde trgt. Ltolf, Fnfort. Sag, S, 550.

Solcherlei Quellen mit altheidnischem Cultus mussten von den Bekehrern
entweder diabolisirt oder, wenn es die Umstnde erlaubten, in
Taufbrunnen mit Taufkirchen umgewandelt werden. Der hl. Remaclus
vertrieb den Teufel aus einem Brunnen, in welchem er sich hatte huldigen
lassen (Schmitz, Eiflersag. 2, pag. 114), und macht nun auch jene Weiber
fruchtbar, die sich in die Fusstapfe hinein stellen, welche bei der
Quelle Groossbek zu Spaa seinen Namen trgt. Wulf, Ndl. Sag. S. 227.
Dass dieser vertriebne Brunnenteufel ein heidnisches Wasserweib gewesen
sein musste, erklrt uns die Kirche ausdrcklich. Abt Tritheim
beantwortet dem Kaiser Maximilian I. im J. 1508 achterlei Fragen ber
die Geisterwelt (Liber octo questionum. Oppenheim, Joh. Hasselberg 1515,
20. Sept.) und entwickelt dabei ber die Wassernixen folgende Theorie.
"Die in Seen und Flssen hausenden Geister sind wie des Wassers Ungestm
trgerisch, reizbar und grausam. Wollen sie sich sichtbar machen, so
erscheinen sie, wie es die Weichlichkeit des ihnen zur Wohnstatt
gegebnen feuchten Elementes bedingt, in Frauengestalt. Wie daher schon
das Alterthum den Najaden, Nereiden und Nymphen durchgehends weibliches
Geschlecht gab, so nennt sie auch unser Volksmund _Wasserfrawen_. Diese
lassen sich an Flssen und Quellen blicken, kmmen ihr langes
Frauenhaar, reden die Menschen an und ziehen sie in ihre Spiele. Die
Heiligen und die Engel jedoch, deren Gemthszustand unwandelbar ist,
nehmen insgesammt keine andere Erscheinungsweise an als die mnnliche,
und niemals ist davon zu lesen, dass ein reiner Geist sich in
Weibesgestalt gezeigt habe."--Die gegentheilige Anschauung greift aber
Platz, wenn die Kirche Ursache hat, gegen die heidnisch verehrte Quelle
tolerant zu sein; alsdann heisst es: Wer in eine Quelle spuckt, speit
dem lieben Gott ins Gesicht; und daher rhrt es, dass in unsren an
Quellen, Strmen und Seen so reichen oberdeutschen Landschaften die
geschichtlich ltesten Christentempel Wasserkirchen heissen und sind.
Die zrcherische dieses Namens ist rings von den Seewellen umsplt und
in ihrer Unterkirche fliesst das Heiligbrnnlein. Wasserkirchen sind
ferner diejenigen zu Konstanz, Lindau, Wettingen, Reichenau und Rheinau.
Auf der Rheininsel zu Sckingen siedelt sich der hl. Fridolin an, auf
derjenigen bei Stein wird der hl. Otmar begraben. Alle diese Orte sind
altchristliche Niederlassungen, theils schon aus der rmischen, theils
aus der merowingischen Periode. Ufnau, des Zrchersees grsste Insel,
deren Kirche 1140 geweiht wurde und Mutterkirche war fr einen grossen
Theil der Weiler und Hfe am untern See, war schon zur Zeit der irischen
Apostel ein Sitz des Christenthums. Diese Kirche sowohl wie auch die am
gegenberliegenden Ufer zu Stfa war der hl. Verena geweiht. Schweiz.
Anz. f. Gesch. 1859, 39. In der Stadt Zrich bestand bis zur Reformation
das kleine Nonnenkloster der Schwestern von Konstanz, welches hiess zu
_St. Verena in Brunngassen_; es wurde 1551 von dem berhmten Buchdrucker
Christoph Froschauer angekauft und heisst bis heute zur Froschau.

Beschert Verena die Kinder, so muss sie nothwendig auch die Schirmvgtin
der Ehebndnisse sein, und wir sehen dies deutlich aus den ihr kirchlich
geopferten Gegenstnden, vornemlich den Brautkrnlein. Die katholischen
Landmdchen zwischen der untern Aare und dem Rheine tragen bei besondern
kirchlichen oder weltlichen Festanlssen den krnleinartigen Kopfschmuck
der Tschppelein, chapelet. Er besteht aus einem mit Seidenblumen und
Goldflintern reich umsponnenen Drahtgeflechte, das sich sanft ber den
Scheitel hin wlbt, oder statt dessen ist es auch ein kleines
Sammtkppchen, oben napffrmig abgerundet und mit Korallen gestickt; es
ist so winzig, dass es oben mittels eines Seidenfadens ber das Haar
gebunden werden muss. Ist nun in der Landschaft von Leuggern, das
Kirchspiel genannt, ein Mdchen getraut, so hat sie ans Verenagrab nach
Zurzach zu wallfahrten und hier am Grabgitter ihr Tschppelein zum Opfer
aufzuhngen; es ist ein Dank dafr, unter die Haube gekommen zu sein.
Erscheinen dann im Herbste die Zge der brigen Wallfahrerinnen, so
nehmen sie ein solches Brautkrnzchen vom Gitter und setzen es whrend
ihres Gebetes selbst auf. Ein so grosser Vorrath von Kppchen huft sich
hier an, dass man die veralteten darunter alljhrlich am Charsamstag
abnimmt und in dem Osterfeuer, das vor der Kirche angezndet wird,
mitverbrennt. Etwas Aehnliches besteht auch im Fischerdorfe Koblenz, in
dessen Kapelle jener Mhlstein verwahrt liegt, auf dem Verena von
Solothurn auf der Aare hieher gefahren sein soll. Wird nun hier nach
alter Gepflogenheit alljhrlich im Frhling der Gemeindebann von Jung
und Alt umschritten, so drfen bei diesem Mnnergeschfte die Mdchen
allein sich nicht mit anschliessen, sie sollen vielmehr die Krapfen fr
die Heimkehrenden indess fertig backen. Alsdann aber brechen sie sich
Feldblumen und flechten in die Wette Krnze daraus ins Haar, die
gleichfalls Schppeli heissen, tragen diese zur Dorfkapelle und
berhngen damit die Horizontalstbe des Eisengitters, hinter welchem
Verenas Mhlstein geborgen liegt. Der Heiligen Schnitzbild, drei Fuss
hoch und bemalt, steht auf diesem Stein. Zum Schlusse erscheint der
Sigrist, setzt den schnsten der geopferten Krnze der Heiligen aufs
Haupt und schmckt mit den brigen den Grundstein.

Unter den wenigen Reliquien Verenas, von denen man berhaupt Kunde hat,
ist es gerade ihr Grtel, der sie als eine die Ehen und Geburten
beschirmende Heilige aufs deutlichste bezeichnet. Dieser war in dem
ehemaligen schwbischen Reichsstifte Roth verwahrt, einem mit regulirten
Chorherrn besetzt gewesnen Gotteshause. Die Frage, wie er aus dem
entlegnen Zurzach bis dahin kommen konnte, beantwortet sich aus der
Grsse und Ausdehnung des ehemaligen Bisthums Konstanz, das wirklich bis
ber den Neckar bei Marbach reichte. Dieser Grtel, schreibt Richter
(Sigprangender Triumphwagen Verenae, Augsburg 1736, pg. 42 und 81), wird
nach allgemeinem Brauche den Frauen bei schweren Geburten gebracht. Des
rmischen Kaisers Rudolf Sohn, Herzog Johannes, Landgraf in Elsass, ist
so durch Verenas vielvermgenden Beistand zur Welt geboren worden.

Hier folgt eine Reihe von Heilquellen, die im Aargau und dessen
Nachbarlandschaften unter Verenas Namen altverehrt sind.

Der Fussweg vom Rheinflecken Zurzach in das Stdtchen Klingnau an der
Aare fhrt ber den Achenberg. Auf der Hochebene dieses betrchtlichen
Bergzuges steht umgeben von tiefen Waldungen ein Bauernhof mit alter
Wirthschaftsgerechtsame, benachbart eine durch den Bischof Sigismund von
Konstanz 1062 eingeweihte Kapelle sammt Wallfahrt zur Schmerzhaften
Mutter Gottes. Jeden Samstag wird hier Messe gelesen, im Monat Mai eine
Feldprozession und ein Jahrmarkt abgehalten. Die gnstige Jahreszeit,
des Berges wilde Schnheit mit seiner erstaunlichen Fernsicht ins Hegau
und Klettgau hinber, die Wunderthtigkeit des Ortes und der den
andchtigen Besuchern gewhrte ppstliche Ablass fhrt alsdann
zahlreiche Schaaren des Landvolkes aus dem Elsass und Schwarzwald hier
zusammen. Man kocht im Freien ab und lagert des Nachts um hohe Feuer.
Doch kein Wallfahrer verlsst den Berg, ohne nicht ber eine in Felsen
gehauene Treppe zu der Schlucht beim Rothen Kreuz hinab zu steigen, wo
die Wegscheide in das Aarthal hingeht. Hier trinkt er am wunderthtigen
Verenabrnnlein und lsst auch fr seine Kranken daheim ein Krglein
voll anlaufen. Ueber diese Waldquelle geht folgende Sage.

Zur Zeit der ehemaligen Zurzacher Herbstmesse, die auf den 1. September
als den Festtag Verenae fiel und der Schliessmarkt hiess, kam ein wenig
bemittelter Mann aus dem Stdtchen Klingnau hier bergan gestiegen in der
Absicht, seinen Kindern so wohlfeile Winterschuhe einzukaufen, als sie
auf jener berhmten Ledermesse Zurzachs zu haben waren. Das Geld aber,
das ihm dazu nicht ausreichte, hoffte er bei ein paar gutherzigen Leuten
daselbst vielleicht geliehen zu bekommen. In solchen unsichern
Betrachtungen erreichte er das Verenabrnnlein, traf hier einen ihn
freundlich anredenden Mann und theilte ihm seine heutige Absicht mit.
Der Unbekannte verwies ihn an die Bergquelle. "Schon mancher Andere,
sagte er, hat in deiner Lage hier die leere Hand in den Wassersprung
gesteckt und sie gefllt herausgezogen; aber die Bedingung bleibt dabei,
dass man nicht vorwitzig nach oben schaue." Mit diesen Worten gieng der
Fremde seines Weges und der arme Mann hinab zur Quelle. Hier stand
wirklich ein Kistchen voll Geld, und so viel er mit zwei Hnden fassen
konnte, nahm er sogleich heraus. Aber jenes Unbekannten Wort, Schau
nicht nach oben! kam ihm jetzt gar zu wunderlich vor; noch vor dem
Kistchen knieend, wendete er mit blinzelnder Neugier das Gesicht auf,
und ach! da hieng gerade ber seinem Kopfe gewaltig sausend ein
umrollender Mhlstein. Eilends entsprang der Mann den Weg zurck nach
Klingnau, hatte seine Hand voll Geld auf den Bergmatten verstreut,
musste sich daheim zu Bette legen und soll bald hernach an einem
Zehrfieber gestorben sein.

Was soll hier dieser Mhlstein wohl besagen? Hinter ihm schwebt die
Mllerpatronin Verena und will in ihrer Mildthtigkeit nicht gesehen
sein. Es ist dies zwar ein fters sich wiederholender Sagenzug, siehe
Aargau. Sag. no. 173; allein gerade auf die hl. Verena bezogen, findet
er sich auch im Luzernerlande wieder. Eine Dienstmagd aus dem Dorfe
Bttisholz im Entlebuch berichtet uns, dass in ihrer Pfarrkirche Verena
die erwhlte Patronin sei. Man zeigt dorten mitten im Felde der
Gemeindemark eine Bodenvertiefung, in welcher sonst eine Quelle
entsprang Namens Goldloch und Verenaloch. Man schrieb derselben die
gleiche befruchtende Wirkung zu wie dem Verenabad der Stadt Baden, und
die Ortssage fgt bei, wer ehemals in der Abenddmmerung mit
abgewendetem Gesichte die Hand in dieses Wasser tauchte, empfieng aus
einer weiblichen ein Goldstck. Als nun Knaben von Bttisholz einst in
der Verabredung hieher gekommen waren, nach empfangenem Goldstcke
schnell sich umzuschauen, erblickten sie eine schne Jungfrau, die nach
einem Augenblicke wieder verschwand; doch Tags darauf ergab es sich,
dass auch die Quelle versiegt war.

Fsi, der seine Helvet. Erdbeschreibung im J. 1766 herausgegeben,
berichtet Bd. 2, 491, am Fusse des Aargauer Jurapasses Schafmatt sei
schon in ltester Zeit ein Bad gewesen zur Erquickung der Reisenden, die
ber diesen steilen Berg wanderten. Aber man habe die Hauptquelle, die
auf des Berges Sommerseite am sg. Klopfen lag, abgegraben und in die
Badstube des Dorfes Oltigen hinabgeleitet. Dieser Quelle gegenber
entspringe das Verenawasser. Ebenso hat Gabriel Walser im Kartenblatte
Kanton Basel des Homannischen Atlas an der Schafmatt bei Oltigen
angemerkt: _Verenaloch_; und es ist dies dasselbe, dessen die Aargauer
Sag. no. 1 mit dem Beifgen gedenken, dass die aus dem Elsass ber den
Jura nach Einsiedeln ziehenden Wallfahrer betend auf die Kniee fallen,
sobald sie dieser Quelle nahen. Denselben Namen trgt, wie schon bemerkt
worden, auch der Sprudel im Freibad zu Baden.

Hier ist auch jene Verenakapelle zu erwhnen in der Nhe der Stadt Zug,
gelegen am Fusse des Kaminstals, einer Berghhe an der alten Strasse,
die nach Aegeri und weiter nach Einsiedeln fhrt; auch hier ist ein
herkmmlicher Rastort der Wallfahrer. Am Altar dieses in Kreuzform
gebauten Kirchleins war frherhin eine Inschrift angebracht und meldete,
der Bau sei 1661 erneuert und 1684 durch den Konstanzer Bischof Mller
in Verenas Ehren eingeweiht worden; seither ist noch zweimal eine
Renovirung nthig gewesen. Anfangs des vorigen Jahrhunderts wurde der
Zuger Rathsherr Merz nach Zurzach abgesendet, um im dortigen Stift einen
Reliquientheil vom Arme der Heiligen nebst einem Atteste ber der
Reliquie Echtheit in Empfang zu nehmen. Nachdem die Zuger Klosterfrauen
diese neu erworbne Partikel kostbar gefasst hatten, wurde sie am 15.
Sept. 1709 aus der Oswaldskirche der Stadt in Prozession zur Kapelle
hinausgetragen "unter dem Knallen der Mrser und Doppelhaken".
Zahlreiche Votivtafeln an den Kapellenwnden verkndigen des Ortes
Wunderthtigkeit. Unweit des Kirchenportals stand bis zum Jahre 1810 das
St. Verenabrnneli, der Brunnenstock geschmckt mit der Figur der
Heiligen, allein die Brunnenleitung scheint von einem benachbarten
Hofbesitzer abgegraben worden zu sein. Gleichwohl haben damit die
Wallfahrten zur Kapelle nicht aufgehrt, wie der Zugerkalender vom J.
1858, welchem diese Angaben entnommen sind, ausdrcklich berichtet:
"Bist du krank und die Gtterli (Arzneiglschen) des Doktors wollen
nicht anschlagen, so muss ich dir sagen, dass in dieser Kapelle wirksam
zu beten ist, besonders am Verenentage selbst. Da hast du alljhrlich
Gelegenheit in einer Festpredigt das Lob der Heiligen zu hren. Auch
wird dir den Sommer hindurch so ein khler Spaziergang in der Frhe
beraus gut thun. Du bekommst dadurch Appetit und findest Strkung fr
deine schwache Leber im nahen Rthelberg, sofern dir Verena nicht eins
aus ihrem Krglein einzuschenken geruht."

Die dreierlei Statuen, die der hl. Verena in Zurzach, Baden und Herznach
errichtet stehen, stammen aus alter Zeit, sind zu kirchlichen Ehren
gesetzt und haben bereinstimmend die gleichen Attribute: die Heilige
trgt in der einen Hand die Krause, d.i. ein langhalsiges Weinkrglein,
in der andern hlt sie einen zweireihigen Haarkamm. Das Schnitzbild auf
dem Kapellenaltare zu Herznach im Frickthal[7] hat in der Rechten statt
des Krgleins zwar den langen Brodkipf, doch gleich daneben, auf der
Flgelthre dieses Altars angemalt, ist dasselbe Bildniss wiederholt,
hier aber mit Kamm und Krug. Dasselbe Abzeichen ist auch in Blunschi's
Zugerkalender noch vom J. 1823 zu sehen, der fr das nichtlesende
Landvolk bestimmt gewesen war und statt der Heiligennamen deren Figuren
oder Symbole in kleinen Holzschnitten giebt. Hier ist unterm 1.
September eine aufrecht stehende Katze zu sehen, die in den Vorderpfoten
den langgezahnten zweireihigen Haarkamm hlt und zu Fssen ein
geschnbeltes Giessknnlein stehen hat. Aus diesen beiden Attributen
Verenas hat die ltere Legende auf eine opferwillige menschenfreundliche
Jungfrau geschlossen die ihr Leben der Pflege Anderer so weit widmete,
dass sie sogar den Schmuz der verlassenen Armuth nicht scheute. Daher
hebt das von uns S. 108 ff. mitgetheilte mhd. Gedicht 106a den von ihr
geheilten Aussatz hervor:

    auzsetzig behaft macht si slecht,
    plint, chrump macht si gerecht.

In diesem Sinne erzhlt dann auch Richter, Sigprangender Triumphwagen
Verenae, S, 51: "Sie that den Kranken die Speisen in den Mund, bereitete
ihnen die Betten, kehrte den Boden, suberte die Kleider, wusch alte
Erbschden aus und zwagete die mit Siechthum beladenen Hupter." Auf
solche Anschauung hin wurden nachmals die "Armenbder", wie dasjenige in
der Stadt Baden, gegrndet, jeder Gast hatte sein Krglein mit Lauge und
seinen Kamm selber mitzubringen. Die dortige Verena-Bruderschaft, die
durch Papst Urban seit 1625 neu besttiget worden, ist nach dem dritten
Paragraphen ihrer Satzungen verpflichtet, Erkrankte heimzusuchen, Armen
Almosen und bestimmte jhrliche Spendmhler zu verabreichen.

Das Steinkrglein Verenas wird in der ltesten Legendenaufzeichnung
gleichfalls mit einer besondern Wundergeschichte bedacht. Hirten fanden
dasselbe einst an jenem Rheinufer bei Zurzach, heisst es da, wo vormals
eine Rmerstadt gestanden hatte, es war eine steinerne Urne, die man
hernach kirchlich aufbewahrte. Als einst eine treue Wittwe ihrem
verstorbnen Gemahl so lange nachweinte, dass sie darber erblindete,
erschien ihr nachts die Heilige und sprach: "Noch ist der Steinkrug
vorhanden, der mir diente den Siechen das Haupt zu baden und den
Angesteckten die Kleider zu waschen, daraus wasche dich gleichfalls."
Die Frau suchte und fand an jenem Uferplatze die Urne, wusch sich daraus
und bekam das Augenlicht wieder. Die gleiche Hilfe gewhrte dasselbe
einem Rosshirten, der von seinem unbarmherzigen Herrn geblendet worden
war. Auch auf die weibl. Fruchtbarkeit hat es Beziehung gehabt; der
Abgl. (Grimm no. 440, Ehstnisch no. 22) warnt schwangere Weiber, sich
auf eine Wasserkanne oder sonst auf ein Wassergefss zu setzen, sie
wrden sonst zu viel Tchter gebren. Ein Stck von diesem
Verenakrglein hat nachmals der Frstabt von St. Blasien erworben und
dafr den Zehnten im ganzen Amte Waldshut an das Zurzacher Stift
abgetreten. Darum erhob dieses letztere den Zehnten, bis zu dessen
allgemeiner Ablsung, in folgenden acht badischen Nachbargemeinden:
Kadelburg, Aettwil, Gortwil, Thiengen, Rheinheim, Kssennacht,
Dangstetten und Bechtisbohl. In der Krypta der Stiftskirche steht
Verenas steinernes Grabmal, ein von hohem Alter zeugendes, kunstloses
Werk; obenauf liegt in Lebensgrsse gehauen ihr Bild in
Matronenkleidung, doch zum Zeichen bewahrter Jungfrulichkeit in
fliegenden Haaren, es hlt in der Linken den zweireihigen Kamm, in der
rechten einen Wasserkessel am eisernen Tragringe. Die den
Niedrigkeitsdiensten der Bade- und Wschermagd aus Menschenliebe sich
unterziehende Heilige ist in Zurzach mehr als bloss kirchlich verehrt,
sie ist dorten zum Ortsgeiste geworden und heisst die Weisse Frau. Das
mitten im Marktflecken stehende Haus zum Weissen Rssli ist ihr
Aufenthalt. Aus dem Vorhflein desselben schreitet um Mitternacht vor
hohen Festtagen eine stattliche schneeweisse Frau hervor und begiebt
sich zum mittleren Brunnen auf dem Marktplatze. Hier splt sie ihr
Weisszeug aufs sorgfltigste, und stolzen Ganges kehrt sie auf jenen
Vorhof zurck. Dass dieser Hausname zum Weissen Ross auf die dem
Verenadienste kirchlich geweiht gewesnen Rosse zu beziehen sein wird,
erklrt sich auch aus nachfolgender Ortssage. Die sogenannten vier
Gotteshfe in der aargau. Gemeinde Reckingen sind ein Mannslehen,
welches auf vier dortigen Bauerngeschlechtern ruht, wofr diese
verpflichtet sind, dem Stifte Zurzach Zehnten und Bodenzins von den 80
Juchart haltenden Gtern zu entrichten, die Unterhaltung der dazu
gehrenden Antoniuskapelle zu bestreiten und fr den Messpriester den
Messwein zu liefern. Seitdem nun Zehnten- und Bodenzinspflicht hier wie
sonst im ganzen Lande gesetzlich abgelst worden ist, haben diese Hfe
ein dem Stifte Zurzach schuldendes Grundzinskapital von Fr. 6259 zu
verzinsen, die Verwaltung des Kapellenfonds aber ist aus geistlicher
Hand an den Gemeinderath von Reckingen bergegangen und hat seit dem
Jahre 1854 die grndliche Erneuerung der Kapelle zur Folge gehabt. Diene
letztere liegt in demjenigen Hofe, der nach seinem vierstckigen
Meierhaus das Grosse Haus genannt wird. Aus ihm, erzhlt man, kommt zu
gewissen Zeiten des Nachts ein Fllen gelaufen, umtrabt das Gebude,
wird darber zusehends grsser und ist mit einem male wieder unsichtbar.
Bemerkenswerth ist nun hiebei der angebliche Umstand, dass Frauen
niemals das Fllen erblicken, wohl aber statt dessen eine
weissgekleidete Frau, welche gleichfalls das Haus umgeht, an dessen vier
Ecken bedchtig stehen bleibt und hierauf ihren Weg in die
Antoniuskapelle nimmt, wo sie verschwindet.

Da Frau Hulle, welche gleich Verenen den Geburten hilfreich beisteht, in
Franken auf einem Rosse einher kommt, und Schwangere, welche nhig sind
("bergehen"), einem Schimmel Haber aus ihrer Schrze zu geben pflegen
(Wolf, Beitr. 2, 407), so werden jene Sagen darauf deuten, dass dem im
Dienste Verenas stehenden Priester ein Dienstross zu seinen
Amtsverrichtungen gestellt werden musste, und dass die Neuzeit diese
Stiftung aufgehoben hat. Dem Kloster Knigsfelden wurde Ross und
Harnisch geopfert (Argovia 5, 32), auf ein gleiches Rstpferd lsst die
Ortssage von Mittel-Schneisingen schliessen, wornach der dortige
Dorfgeist in der Kapelle des Ortes wohnt und Kapellenthierlein heisst.
Aargau. Histor. Tascheub. 1862, S. 54. Ortsgeister in Schweden heissen
Kirchenzaum und Kirchenhalfter weil dieses Reitzeug, zum Dienste des
Priesters bestimmt, in den dortigen Kapellen hieng. Das Ross, das Ludwig
der Baier im Treffen bei Ampfing geritten, vermachte er unmittelbar
darauf der Kapelle in Grnthal bei Vilsbiburg, die davon bis jetzt
Sattelkapelle heisst. Holland, Ludwig der Baier und sein Stift Ettal,
1860, 6.

Mit ihrem andern Attribute, dem Kamme, zeigt die sagenhafte Verena sich
in einem bei Ober-Siggenthal (Bez. Baden) liegenden Wldchen, das nach
einem tief eingeschnittenen Wasserbette das Tobelhlzli heisst. Am
sdlichen Waldrande, hart am Fusswege, der nach Kirchdorf geht, sprudelt
dorten eine schne Quelle, an der ein uraltes Weibchen sitzt und sich
das Haar kmmt. Neben ihr grast das gespenstische, aber unschdliche
Nachmittagslamm. Auch das Mtterlein ist freundlich, nur will sie in
ihrem Geschfte nicht gestrt und von den Vorbergehenden nicht etwa
ausgelacht sein, sonst setzt es fr den Sptter gewiss einen
geschwollenen Kopf ab. Das ist das Tobel-Vreneli. Anderwrts heisst sie
nach ihrem in der Sonne blitzenden Kamm das Strhl-Anneli, oder nach
ihrem buschigen Grauhaar das Heuel-Mtterli, denn Heuel bezeichnet den
verzausten Hollenkopf. Zu Tegerfelden erscheint sie sogar noch in vollem
Liebreize nackter Jungfrauenschnheit, zieht einen Goldkamm durch die
Locken und lsst ihr gelbes Ringelhaar bis auf die Spitze der Grashalme
niederfliessen. Von allen diesen Erscheinungsweisen berichten bereits
die Aarg. Sag. 1, S. 131. 240 und die Naturmythen S. 139. Einen
Silberkamm und eine Badstande hinterliess auch die hl. Wiborada aus
Klingnau im Aargau; jener wurde in der St. Galler Stiftskirche verwahrt
und gegen Kopfweh gebraucht, in dieser genasen Kranke wunderbar. Murer,
Helvetia sacra. Diese Wiborada war nicht bloss Verenas Landsmnnin
gewesen, sie hatte sich auch dem gleichen Geschfte gewidmet, die
Haarpflege zu leiten und den Aussatz zu heilen; somit besass also einst
der Aargau zwei weibliche Schutzpatrone gleicher Art. Es widerstrebt nun
zwar unsern sthetischen Begriffen geradezu, eine so widerwrtige
Krankheit, wie der Aussatz ist, der Pflege der Schnheits- und
Liebesgttin selbst zu unterstellen; das Alterthum aber, auch das
klassische, hatte Grund, hierin anders zu denken, und sprach sich
darber eben so offenherzig aus, wie die Verenasage thut. Suidas, der
zum Namen Aphrodite bemerkt, dass die Rmer ihre Bildsule mit einem
Kamme in der Hand vorstellten, erzhlt hiebei: Als einst die rmischen
Frauen die Krtze befiel, mussten sie sich das Haar abschneiden und die
Kmme wurden ihnen entbehrlich. Darauf flehten sie zur Aphrodite, ihnen
die Haare wieder wachsen zu lassen, und ehrten sie mit einer Bildsule,
die den Kamm trug.

Die landschaftlichen Gesundheitsregeln, mit welchen dieser Abschnitt
schliesst, zeigen nun die Verena zweifellos und wirklich in der ihr
beigeschriebenen Rolle: sie verleiht hier dem ihr folgsamen Mdchen das
schne Haupthaar und zugleich den schnen Schatz. Am 1. September, als
dem kirchlich gefeierten Verenentage, ist es in der Altgrafschaft Baden,
deren Gebiet von der Limmat zum Zurzacher Rhein reicht, durchgehends
katholische Sitte, die Kinder frisch zu kleiden, wie es sonst nur um
Neujahr oder Ostern geschieht. Damit glaubt man die Kleinen auf ein
neues vor Krankheit geschtzt zu haben. Am gleichen Tage ist es in jener
Landschaft Hausbrauch, dass die Mutter an allen Kpfen ihrer Kinder eine
grndliche Wsche abhlt, dem jngsten Mdchen wird der erste Zopf
geflochten; das behtet vor Kopfweh und giebt einen feinen Haarwuchs.
Hlt sich das Kind widerwillig unter dem Kamme, so gilt folgender Reim:

    Chind, bis ietz still und fn,
    oder es chunnt Frau Vrin,
    die het ne grosse Striegel
    und zert di kech am Riegel.

Der Riegel bezeichnet in der Mundart den Haarbschel. Die Frau Vrin ist
also hier eine Drohgestalt, wie in Schppners Bair. Sagenb. no. 1282 die
lange Agnes, welche die Leute am Bache mit Brste und Stahlkamm
behandelt, bis Haut und Haar abgeht. Man macht dem kleinen Mdchen dabei
weis, der neue scharfe Kamm und ein dreimaliges Abwaschen des Kopfes sei
nothwendig, wenn dereinst ein eben so saubrer Liebhaber sich anmelden
solle, und hiefr hat man folgendes Sprchlein:

    Ach m liebi Jumpfere Vre',
    gsehst, i ha kes Schtzeli meh,
    strhl und wsch mi doch au nett,
    dass m Hansli Freud ab mer het!

Auch in Segensformeln wird ihr Name noch genannt. Ein unter dem Namen
"Albertus Magnus Egyptische Geheimnisse" noch bei unserm katholischen
Landvolke verbreitetes Zauberbchlein giebt in seinem 3. Hefte pg. 19
folgendes Mittel an, die Warzen (nicht aber die _Wanzen_, wie Simrocks
Mythologie III, 377 druckt) zu vertreiben: Man haucht im Namen der
Dreieinigkeit ber die Warzen und spricht dreimal:

    Frene, Frene, dorra weg!

In Verena veranschaulicht sich jene krankenpflegende, weise vorsorgende,
geduldig ausdauernde Barmherzigkeit, die eine Eigenthmlichkeit des
weiblichen Geschlechtes ist. Schon durch seine besondere, vorempfindende
Zartheit ist das Frauengemth von hingebender Menschenliebe erfllt.
Weil es mehr aufs Einzelne und Besondere achtet, so vermag es sieh mit
schneller Erkenntniss in die Schicksalslage Anderer zu versetzen; weil
es eine vorherschende Anlage zu besonnener praktischer Hilfe hat, so
bernimmt es freiwillig das Geschft der Krankenpflege und vollzieht es
im Einzelnen mit grsserem Glcke als der Mann, da es weniger schnell
als er in Dienstleistungen ermdet, mehr und lnger als er zu dulden, zu
entbehren, auszudauern vermag in Mhen und Nachtwachen. So erscheint das
Weib allen Vlkern whrend grosser allgemeiner Leiden als eine
heroische, opferwillige Seele, und ist daher mit Recht im Glauben und in
der Kunstdarstellung der Rettungsengel fr die schmerzbehaftete Welt
geworden.

Mit Befriedigung erkennt der Forscher in diesen Charakterzgen Verenas,
wie es dem humanen Geiste der christlichen Lehre gelang, die zum Mrchen
gewordne Gestalt einer heidnischen Hilfs- und Heilgttin allmhlich "zur
demthigstillen Erscheinungsweise einer Grauen Schwester", wie Gelpke
(Schweiz. Kirchengesch. 1, 180) charakteristisch sagt, zu entgttern und
zugleich wieder empor zu heben. Aber etliche Spuren der Heidengttin
bleiben hinter dem kirchlichen Heiligenschein immer noch erkennbar, wie
denn Verena noch heute zuweilen den ihr geweihten Altar verlsst, um
unter mancherlei Namen und Gestalt draussen an den gewohnten Bschen und
Quellen des Waldes einer wilden Naturfreude nachzuschweifen. Kaum wrde
man dann die Gttin oder die Heilige noch in ihr vermuthen, trge sie
nicht ihren alten Namen oder ihre geweihten Abzeichen. Denn dann wird
sie wieder ein "alt heidnisch Wassergtzli", wie der Berner H.R. Grimm
(Schweizer Chronica 1786, 249) sie bezeichnend genannt hat, und schon
die rohe Hrte, mit der sie unglubigen Missethtern die Strafe zumisst,
lsst ihr und ihrer Legende hohes Alter erkennen. Als jener Knecht des
Zurzacher Priesters sie flschlich der Veruntreuung im Haushalte
anklagt, muss nicht bloss er sogleich erblinden und zeitlebens vom
fallenden Weh geplagt sein, sondern auch keins seiner Blutsverwandten
stirbt hin ohne Siechthum, Lhmung, Blindheit und Tobsucht. Dafr, dass
ein Weib eigensinnig am Verenentag daheim bleibt und spinnt, whrend
Alles sich in die Kirche begiebt, wird sie von den Rckkehrenden im
fallenden Weh gefunden, die Kunkel noch in den Hnden festgeklammert;
ebenso wuchs einem Manne, der am Festtage im Walde holzte, die Axt in
der erstarrten Hand fest. Gleichfrchterlich bestraft sie den Bauern,
der an ihrem Kirchenfest sein Heu auf der Wiese schobert, und so noch
Aehnliches. Dieses Uebermass barbarischer und leidenschaftlich
dreingreifender Krperstrke herscht besonders in den mehrfach von
Verena handelnden Gebirgssagen vor, wie solche sich in den deutschen und
rhtischen Alpen finden. Sie trgt in Bnden, Engadin und an der
bairisch-tirolischen Grenze den Namen _Verein_, gebildet wie die
rhtischen Ortsnamen Madulein (Bez. Zutz, im Oberengadin, urkdl. 1139
Madulene), oder wie Luzein und Valzein im Prtigau (urkdl. Valzena).
Eine solche Verein-Alpe liegt bei altbair. Mittenwald (Steub, Herbsttage
in Tirol, S. 251), eine andere an der weitlufigen Eiswste des
Selvretta. Hier hat die "Fremd-Vereina" ihre zwei besondern
Hhlenwohnungen in der Col die Balma und Baretto-Balma. Die letztere ist
stets reingekehrt, wie ausgeblasen, und duldet auch kein bischen Laub,
Holz oder Stein in sich; es lsst nichts drinnen, sagen die Hirten und
staunen das Geheimniss an (Tscharner, Statist. v. Bnden 1, 140. 258.
Bndner VolksBl. 1832, 214). Am namhaftesten aber ist das bekannte
Vrenelisgrtli, jenes weithin durch die Schweiz schimmernde Firnfeld des
Glrnisch, 9,353 Fuss ber Meer, das sich wegen der angeblichen
Ausschweifungen des Sennenvolkes aus blhenden Matten in ewige Gletscher
verwandelt hat.

Nachfolgende eigenthmliche Sage hierber beruht auf der schriftl.
Mittheilung, die wir dem Hn. Heinr. Gessner, Lehrer in zrch. Lunnern,
zu verdanken haben. Bei letztgenanntem Orte im Bezirk Affoltern liegt am
sdlichen Fusse des Albis der unheimliche Trlersee, der tiefste im
ganzen Zrcher Lande. Seinen Namen hat er von seiner Lage, da er an des
Berges Engpasse und Thore: turilin, gelegen ist. Er sammt der Umgegend
gehrte in der Vorzeit einer starken, herrischen und arbeitsrstigen
Frau an, die beim Volk Frau Vrene hiess. Da begab es sich, dass die
Leute von Heferschwil, einem Weiler der Gemeinde Metmenstetten, wegen
einer fruchtbaren Gemarkung am Jungalbis mit dieser Frau in einen
heftigen Eigenthumsstreit geriethen, der kein Ende nahm, weil sie in
ihrem Stolze sich weigerte vor einem Richter des Landes zu erscheinen.
Mit Hlfe fahrender Schler zog sie in einer einzigen Nacht einen tiefen
breiten Graben durch das ganze Jungalbis und schied so ihr Eigenthum fr
immer vom Gelnde der Gegner. Der Graben war gezogen bis zum Trlersee,
es fehlte nur noch der letzte Spatenstich, so wrden die Wasser sich
ber ganz Heferschwil ergossen haben. In diesem Augenblick aber erfasste
einer der fahrenden Schler die Frau und entfhrte sie durch die Lfte
auf die Westseite des Glrnisch, setzte sie hier auf einer weiten
grnenden Berghalde ab, wies ihr diese zum Aufenthalt an und sprach:
"Hier kannst du gartnen, Vrene!" Dorten hat sie darnach so lange Zeiten
gehaust, bis dieser schne Alpengarten endlich sich in eine weite
Firnstrecke verwandelte. Noch steht Frau Vrene daselbst, den Spaten in
der Hand, zur Eissule erstarrt, mitten in dem von Felsmauern
eingefassten Schneefelde, das bis ins Knonauer Amt herberblinkt.

Dieser eben erwhnte Graben am Jungalbis ist rechtsgeschichtlich seit
alter Zeit bekannt und trgt in der Offnung von Borsikon (Grimm,
Weisthmer 1, S. 51) den auffallenden Namen Kriemhiltengraben. Nach
einer zweiten hievon handelnden Volkssage, mitgetheilt in Meyer's Zrch.
Ortsnamen no. 182, waren die Bewohner von Heferschwil mit jener
Kriemhilt gleichfalls in Zwist gerathen, und die Erzrnte schwur, sie
werde den Trlersee abgraben, seis nun Gott lieb oder leid. Durch einen
kleinen Berg, der zwischen dem See und dem Weiler liegt, begann sie den
Durchstich mit einer Schaufel, so gross wie ein Scheunenthor. Da erregte
Gott einen gewaltigen Sturm, der ihre Schaufel zerbrach und sie selbst
von der Erde fortriss bis auf den Glrnisch in Vrenelis Grtli.

So reicht also die Verenasage in die unorganische primitive Steinzeit
zurck. Der erratische Block, aus dem Verena die Neugebornen hervorholen
lsst; der Mhlstein, auf dem sie wilde Strme befhrt; die Felsklfte,
Hochalpen und Gletscher, die ihren Namen tragen; die heissen Sprudel,
die sie aus dem Boden stampft und mit dem Finger aus der Rheininsel
hervor bohrt--verknden eine ursprngliche Riesenjungfrau, deren roh
angelegte Gestalt spter ins Satanische umgeschlagen haben wrde, htte
die Kirche sie nicht frhzeitig noch christianisirt. Statt der Heiligen
bessse man alsdann eine alles versteinernde Hexe; oder statt der
demthig dienenden Priestermagd nur eine diebische Pfaffenkellnerin, die
der Unterschlagung beschuldigt entspringt, ber die ganze Breite des
Thales setzt und ihre Fussspur drben in die Felsenplatte der
jenseitigen Thalwand eindrckt.

       *       *       *       *       *

FUSSNOTEN:

[7] In dieser Herznacher Verenakapelle, und nachmals in dortiger
Pfarrkirche, waren pfarrgenssisch die Frickthaler Dorfschaften: Ueken,
Zeihen, Denspren, Ober- und Niederasp, schliesslich auch Hner am
Schwarzwald, ob Laufenburg.

       *       *       *       *       *



Vierter Abschnitt.

Verena als Frau Venus.

Das Tannhuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des
Volksliedes; die Venus-, Feens- und Vrenberge, die Venus- und
Vrenenhuser, aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung zurckgefhrt
auf den ursprnglichen Mythus.

Nachfolgender Liedtext wurde von einer im vorigen Jahrzehnt verstorbnen
Matrone, der Frau Meyer auf dem Tromsberge, im aargau. Bezirk Baden, auf
dem Siechbette ihrem Arzt Dr. Al. Minnig zu Baden in die Feder diktirt.
Der Text kommt demjenigen am nchsten, welcher einst von Stalder in
Entlebuch gleichfalls nach mndlicher Ueberlieferung aufgeschrieben und
an Lassberg bergeben wurde, der ihn im Anzeiger 1832, 240
verffentlichte. Daraus entnahm ihn Uhland fr seine Sammlung no. 297 C.,
und nach dieser Fassung sind hier unten alle Einzelverse unseres
Textes besonders bezeichnet, die mit jenem Stalderischen bereinstimmen.
Was die Literaturgeschichte des Tannhuser-Liedes betrifft, die schon
von Uhland begonnen worden, so steht sie seither in Gdekes Deutsche
Dichtung im Mittelalter (1854, S. 580) bis zur Vollstndigkeit
aufgefhrt.

    Tannhuser war ein junges Bluet,
    Der wot gross Wunder gschaue,[8]
    Gieng auf Frau Vrenelis Berg
    Zu selbige schne Jungfraue.

    Wo er auf Frau Vrenelisberg ist cho,
    Chlopft er an a d'Pforte:
    Frau Vrene, wend er mi inne loh,
    Will halte eu'e Orde!

    "Tannhuser, i will der mi Gspile ge
    Zu-m-ene ehliche Wib."[9]
    Diner Gspilinne begehr ich nit,
    Min Leben ist mer z'lieb.

    Diner Gspilinne darf i nt,
    Es ist mir gar hoch verbotte,
    Sie ist ob em Grtel Milch und Bluet
    Und drunter wie Schlangen und Chrotte.

    Tannhauser sass am Figebaum,
    Drunter er war entschlafe.
    Es chunt em fr i sinem Traum,
    Er mess uf Rom wallfahrte.[11]

    Wo er in d'Stadt Rom inne chunt
    Wohl unters hchsti Thor,
    Frogt er dem oberste Priester noh,
    Wo in der Stadt Rom wr.

    Wo er i d'Chille ie chunt,
    Vor'm Pobst thet er sich gneige:
    Gott greze eure Heilige, Pobst,
    Mine Snd will i eu azeige.

    Der Pobst het do en dere-dere Stab,
    Vo Drri war er gspalte:
    "So wenig de Stab meh z'grene chunt,
    So wenig magst du Ablass erhalte."[12]

    Und wenn i nmme z'Gnade chum
    Und nmme mag werde bihalte,
    So gohn i uf Frau Vrenis Berg
    Und leben bn ihr im Walde.

    Es goht nit meh als dritthalb Tag,
    So fieng der Stab a z'gruene,
    Er treit es Laub so gren wie Gras,
    Darzue drei schni Blueme.[10]

    De Pobst schickt sine Botten us,
    Sie wsset ehn niene meh z'gwahre;
    Er schickt sie us in alli Land,
    Der Tannhuser blibt verfahre.

    Sie chmmet uf Frau Vrenelis Berg,
    Chlopfet a d'Pforte und die ist gschlosse
    Tannhuser soll do usse cho,
    Sine Snde eigen ehm nochg'losse!

    "Zun-ech usse cho, das chan i nit,
    Do muess i bliben inne.
    Muess bliben bis am Jngste Tag,
    D gohts mer erst, wies cha und mag!"

    Tannhuser sitzet am steinige Tisch,
    Der Bart wachst ihm drum umme,
    Und wenn er drmal ummen isch,
    So wird der Jngst Tag bald chumme.
    Er frogt Frau Vreneli all Fritig spot,
    b der Bart es drittmol umme goht
    Und der Jngsti Tag well chumme.

Ein im Sarganserthale gegen Ragaz hin gelegner Hgel, an dessen
sdlichem Fusse vormals die Gerichtssttte des Bezirks gewesen war und
wo Urkunden ausgefertigt wurden, von denen jetzt noch einige im dortigen
Oberlande vorhanden sind, heisst im Munde lterer Leute der Frau Vrenes
Berg und Frau Venesberg. Er gilt als ein Schloss voll feenhafter
Jungfrauen. Hier mitten unter romanischem Spracheinfluss behauptete sich
bis auf die Neuzeit das oberalemannische Verena-Tannhuserlied, und
wurde nach einem zu jenem Feenschlosse angeblich gehrenden Thiergarten
"das Thiergetlied vom Vrenesberg" genannt. Mittheill. des St. Galler
histor. Vereines, Heft 4, 198. Wie aber kommt die hl. Verena an der
Stelle der Venus in das Tannhuserlied und was ist der Sinn dieses
Liedes, wenn ihm die Heilige einverleibt werden konnte? Bereits Grimm
(Myth. 283. 913. 1212) hatte unter dieser doppelnamigen Frau Venus-Vrene
die Gttin Freyja gemuthmasst; seine Ahnung, wird durch die seither
weiter vorgerckte Sagen- und Sprachforschung besttigt.

Die echte Gttersage hiezu ist erhalten in dem eddischen Liede von
Filsvinnr und erzhlt also. Die Gttin Freyja war dem Halbgotte Odhr
vermhlt und von diesem verlassen worden. Vordem hatte sie wegen ihres
berhmten Halsgeschmeides die Schmuckfrohe geheissen, Mengld; nun aber
empfieng sie den neuen Namen die Thrnenschne, denn um den verlornen
Gemahl durchsuchte sie alle Lnder und weinte ihm goldne Thrnen nach.
Sie mied der Mnner Gemeinschaft; erbaute sich auf einer Waldhhe eine
Halle, ber deren Schutzwehren Niemand einzudringen vermochte, und lebte
hier mit heilkundigen Mdchen eintrchtig zusammen. "Hilfeberg heisst
die Hhe, wo sie wohnen, allen Lahmen und Siechen Hilfe schaffend; keine
Krankheit ist, die sie nicht zu wenden wssten." Da kehrte der die Welt
durchreisende Odhr nachmals wieder zurck und sprach zum Wchter des
Berges: "Reiss auf die Thre, Wchter! auf kalten Wegen komm ich her,
die Schicksalsschwestern sind an meiner langen Sumniss schuld, doch geh
und frag erst Mengld, ob sie mich noch liebt?" Da emfieng sie den
Langersehnten mit Kssen und sagte: "Lang sass ich auf dem Berge, Tag
und Nacht nach dir blickend, endlich hat sich mein Sehnen erfllt; mein
lieber Freund ist gekommen, nun sind wir beide frhlich!" Die
Verwandtschaftszge zwischen diesem Mythus und dem Tannhuserliede sind
einstweilen folgende. Odhr-Tannhuser wandert aus dein Waldberge der
Freyja-Vrene weit in die Welt fort bis nach Rom, kehrt aber, weil bei
allen Menschen verkannt und verstossen, wieder heim, wo inzwischen die
verlassne Geliebte mit ihrer Jungfrauenschaar den Orden heilkundiger,
hilfreicher Schwestern gestiftet hat, und pocht am Thore. Der Wchter
(der getreue Eckart) erkennt seinen Herrn und fhrt ihn in den Berg.
Draussen lsst er den drren Wanderstab liegen, der sogleich an zu
grnen fngt; drinnen ruht er am Steintische und bemisst das nun nicht
mehr unterbrochne Glck nach der Lnge des Bartes, der ihm dreimal um
den Tisch herumwachsen wird. Entzckt ber diese doppelte Unendlichkeit
ewiger Zeit- und Liebesdauer, befragt er jeden Freitag seine
Freyja-Vrene, ob nun noch ein jngster Tag gedenkbar sein knne. Zur
Bekrftigung dieser gegebnen Erklrung sowohl als der sogleich
mitzutheilenden Etymologie der bezglichen Eigennamen, fgen wir ein
paar Sagenbruchstcke bei, die zu dem Kostbarsten gehren, was in der
letzten Zeit zu Tage kam. Prhle's Harzsagen 2, S. 209-211 berichten: Es
war eine Frau, die wohnte im Walde auf einem kniglichen Schloss und
hiess Fr Fren und Fr Fren. Sie war einmal im Himmel gewesen und da
von den Sterblichen um Rath befragt worden. Um ihren Freier aufzufinden,
durchzog sie die ganze Welt, doch da er ihr immer wieder verschwand,
brach sie in ein furchtbares Weinen aus. Davon hat man in Ilseburg noch
folgenden Reim:

    Fr Fren
    wolle geren fren
    un konne keinen krien,
    da feng se an de schren.

Noch Anfangs Juli 1855 wurde diese weissgekleidete Frau Freen von einen
Burschen aus Ilsenburg im dortigen Walde gesehen. Dieselbe um ihren
verschwundnen Gemahl trauernde Gttin heisst in Wolf's Hess. Sagen no.
12 die Huldgttin, Frau Holl: "Bei Fulda im Walde liegt ein Stein, in
dem man Furchen sieht; da hat Frau Holl ber ihren Mann so bittre
Thrnen geweint, dass der harte Stein davon erweichte." Dass diese Holl
die Gttin Freyja wirklich ist, wurde neuerlich durch den aufgefundenen
Namen Friggaholda beurkundet (Mannhardt, Mythen 295). Freyja selbst ist
die von Paulus Diaconus als Gemahlin Wodans genannte Fra (ahd. Frouwa,
domina) und lebt in den niederschs. Sagen bald unter den diminutiven
Namensformen der Frau Freke und Frick, bald besonders um Halberstadt und
Drbeck als Fr Fren, Fr Fren fort. Kuhn, Nordd. Sag. no. 70 und S.
414. 519. Mit diesen niederdeutschen Namensformen und Sagen der
Schnheits- und Liebesgttin stehen nun die oberdeutschen desselben
Wortstammes in sprechender und reicher Verwandtschaft. Dem altschs.
fr, mulier formosa, entspricht das alemann. Adverb frein, frn:
pulcher, venustus. "Bis mer hbsch frn", sei mir hbsch artig, hbsch
sittsam, sagt das Berner Mdchen zu einem allzu strmischen Liebhaber;
"de sim-mer jo die freinste Lt", gar allerliebste Leute, heisst es
luzernerisch. Firmenich 2, 578. 594. Mit diesem Schnheitsprdikate
bereinstimmend bezeichnet in Hebels alemann. Gedichten der Frauenname
Vrene ausschliesslich die Geliebte und Schne. Der Stamm des Wortes geht
durch die indogermanischen Sprachen; gothisch frijon ist amare, sanskrit
priya bedeutet angenehm und geliebt; die Pflanze Frauenhaar (capillus
Veneris) heisst irlndisch Freyjuhr, dnisch Fruhr und Venusgrs,
norwegisch Mariagras, weil die Schnheit das hchste Epithet bleibt, das
an Gttinnen hervorgehoben wird. Myth. 279. Es entgeht uns keineswegs,
dass hiebei die beiden von der Edda auseinander gehaltenen Namen und
Figuren der Gttinnen Freyja (Freyrs Schwester) und Frigg (Odhins
Gemahlin) wieder in eins zusammen fallen; allein dieselbe Verwechslung
war sogar schon den nordischen Quellen gelufig und hat darin ihre
Berechtigung, dass beide ursprnglich nur die in zwei Seiten auseinander
gegangene eine Himmels- und Herzensherrin eines lteren Gttersystems
gewesen sind, welches vor der Trennung der nordischen Gtter in Asen und
Vanen bestanden hat. Aus der launenhaften Gemahlin Odhins Fricke, die
mit dem Gemahl als Windsbraut einherstrmt und Leichenfelder zehntet,
hat der auf die Naturreligion der Asenlehre folgende feinere Vanenglaube
eine familire, wirthschaftlich-besorgte Freyja gestaltet; in ihr ist
die frhere Grausamkeit veredelt als Tapferkeit, Sonnenschein und Regen
ist ihr unterthan, wo sie naht, trieft Segen auf Land und Menschen,
zeugend und zeitigend ist sie die Gottheit der Liebe und Ehe. So
urtheilt ber die Vanengtter berhaupt Weinhold D. Frauen, 30.

Aus dem Vorausstehenden ergiebt sich also, dass die angefhrten Namen
der Gttin, eddisch Freyja, langobardisch Frea, niederdeutsch Freen und
Frien, oberdeutsch Vren nur landschaftlich verschiedene Namensformen
einer und derselben Gttin sind. Seit wann aber ist die Frau Vrene des
schweiz. Tannhuserliedes im hochd. Liedtexte eine Frau Venus im
Venusberge geworden? Seit den Ritterdichtungen des Mittelalters, in
denen die Minnegttin modisch und gelehrt die frow Venus und ihr Palast
der Venusberg hiess, und seitdem dann auch die theologische Literatur
dieselbe Benennungsweise nachahmend in ihre zahllosen Teufels- und
Hexengeschichten bertrug. Geiler von Keisersberg, in den Predigten von
der Omeiss 36, lsst die Hexen in _Frau Fenusberg_ fahren; schon fnfzig
Jahre vor ihm nennt Joh. Nider (gestorben 1440) im Formicarius zum
gleichen Zwecke den _Venusberg_, und nach hessischen Hexenakten von 1628
regiert im Venusberg _Frau Holda_. Wolf, Ztschr. f. Myth. 1, 273. "Der
Teufel pflegt gemeiniglich seine Hochzeitleute auf dem Venusberg mit
_Krten_ zu traktieren", schreibt der Arzt Lebenwaldt in seiner
Hausarznei, 1695, S. 262. Eben daher ist Frau Vrene im Tannhuserliede
selber eine Verdammte, von welcher die Strophe 4 sagt:

    Sie ist ob em Grtel Milch und Bluet
    Und drunter wie Schlangen und Chrotte.

Folgerichtig wurden dann seit dem 14. Jahrhundert die ffentlichen
Frauenhuser Venushuser genannt und nach der einmal vorhandenen
Namensverwechslung zugleich auch Vrenenhuser. Ein Stadtquartier
Hamburgs mit einem besondern Hgel, das den Dirnen zum Wohnorte
angewiesen war, heisst Venusberg. Antiquarius des Elbstromes 1741, 761.
Zu Basel war die jetzige Malzgasse ehedem das Quartier der Malazen oder
Ausstzigen, und seit man letztere aus der Stadt wegwies, das
Dirnenquartier gewesen, und das dortige Frauenhaus hiess beiderlei,
Vrenen- und Venushaus. Davon sagt Pamphilus Gengenbach in der Gauchmatt
(ed. K. Gdeke, S. 151):

    zuo Basel in der Malentz gassen
    do hat sich fraw Venus nider glassen.

Auch dieser Umstand dient uns zur Erklrung einer sonderbar lautenden
Ueblichkeit. Der vorgeschriebne Weg, welchen die am Verenatag zu Zurzach
begangene Kirchenprozession einzuhalten hat, geht vom Stift zu der
ausserhalb des Ortes beim Rhein liegenden Moritzkapelle und fhrt an
einer alten Linde vorbei, deren zerklfteter Stamm mit Ziegelsteinen
ausgemauert ist. Man sagt, dahinter sei einst die Pest vermauert worden.
An der Stelle dieses Baumes stand zu Verenas Lebzeiten das schon von der
ltesten Legendenaufzeichnung erwhnte Siechenhaus, das erst in diesen
fnfziger Jahren abgebrochen worden ist; neben demselben soll das offne
Frauenhaus gestanden haben, dessen Mitglieder in jenem die untersten
Dienstleistungen zu besorgen gezwungen waren. So oft nun nachmals der
Landvogt von Baden zur Erffnung der Zurzacher Dult im Flecken einritt,
erwartete ihn unter dieser Linde "eine fahrende Dirne", mit der er einen
Tanz um den Baum thun musste. Dafr erhielt sie einen Gulden Zehrgeld,
gestiftet von jener Knigin Agnes, die zum Seelenheile Albrechts, ihres
erschlagnen Vaters, das Kloster Knigsfelden bei Brugg erbaut hatte.
Gerbert in seiner Taphographie thut dieses also entstandenen
"Metzentanzes" ebenfalls Erwhnung, verlegt ihn aber flschlich unter
die Linde des Stdtchens Brugg, also dem Stifte Knigsfelden zunchst.
So war Verena die Patronin der Frauenhuser und Metzen geworden.

Die Zeit der Entstehung der Zurzacher Jahrmrkte ist noch nicht
aufgehellt; Kaiser Sigismunds Besttigungsbrief und Kaiser Friedrichs
hernach wiederholte Approbirung nennt schon die zwei dortigen
Jahresmessen, die erste mit dem Sonntag nach Pfingsten beginnend, die
andre mit dem zweiten Montag nach Bartholomitag. Sie werden abwechselnd
Dult und Messe genannt. Der erstere Name stammt keineswegs aus dem
latein. indultum, der obrigkeitlichen oder kirchl. Erlaubniss, sondern
aus goth. dulds, ahd. tuld, das in den Glossen als ein zur Zeit des
Neumonds begangenes Fest bersetzt wird und mithin ein im Heidenthum
entsprungenes Wort ist. Grimm, GDS. 72. Somit knnte die Zurzacher Dult
schon mit einem heidnischen Verenafeste zusammengefallen sein, wie sie
hernach mit dem christlichen Feste daselbst wirklich und ausschliesslich
zusammenhieng. Kirchen und Klstern wurde frhzeitig das Marktrecht
verliehen; die Kirche zu Magdeburg besass dasselbe schon 929, die
Elsasser Abtei Selz seit 982, und daher rhrt der andere Marktname
Messe. Er bezeichnet den kirchlich begangenen Festtag eines rtlichen
Heiligen und den gleichzeitig abgehaltnen, von zahlreichen Pilgerzgen
besuchten Jahrmarkt. Alle orientalischen Karavanenzge gehen von einer
Tempelstadt aus oder enden bei einer solchen; alle Jahrmrkte des
Abendlandes tragen Kalendernamen der Heiligen; daher denn im Worte Messe
der Doppelbegriff des Handelsverkehrs und des Gottesdienstes vereint
liegt.

Jedoch nicht hinter allen den Orts- und Geschlechtsnamen, welche hute
Venus heissen, ist ursprnglich diese wirklich zu suchen, und es ist bei
unserem gegenwrtigen Zwecke keineswegs berflssig zu zeigen, wie
hierin das so vielfach wiederkehrende Wortmissverstndniss sich erzeugt
hat. Veni heisst der neckende Berggeist am Trdinger beim Dorfe Eib an
der Rezat, nchst der Stadt Ansbach; er wohnt hier auf dem Schlossberge
auf dem Venibuck im Veniloch, Die Eingebornen nennen diesen Ort
Venesberg, allein auf dem lithograph. neuen Steuerblatte steht er
bereits als Venusberg verzeichnet. Bavaria III, 2. S. 941. Das
Adelsgeschlecht der Feniberger war sesshaft zu Bogen, unterhalb
Regensburg am linken Donauufer; sein Wappenbrief aber vom J. 1662 zeigt
die Venus vor einem grnen Hgel stehend. Anz. des German. Museums 1860,
88. Das schs. Dorf Venusberg, zwei Stunden von Wolkenstein, heisst
urkundl. Fenigs- und Feinigsberg. Grsse, Sag. v. Tannhuser, 18. Ein
Finisloch, ausserhalb Marburg gelegen, heisst gleichfalls Venusloch.
Lynker, Hess. Sag. no. 152. Das Staatshandbuch des Grossherzgth. Weimar
fhrt nicht weniger als sechs Beamte des Namens Venus auf: Bechstein,
Mythe 1854, Heft 1, 53. Dass nun diese Namen unmglich alle dem Latein
abgesehen sein knnen, empfand schon Fischart, der in seiner
Uebersetzung von Bodinus Dmonomanie, 1591, S. 67 vom Venusberg bei
Breisach berichtet und was man von den darin, schlafenden Rittern singt
und herumtrgt; allein, fgt er bei, man pflegt im deutschen Volksliede
den Namen Venus aus dem Worte Fin und dieses wiederum aus jenem
abzuleiten. Hier nun ist die richtige Ableitung folgende. Aus dem
romanischen Worte Fee (fatua), ein weiblicher Schutz- und Gefolgsgeist,
bildet sich der mhd. Name Feine und aus diesem die Pluralform
Feenesleute, wie die Erdmnnchen in Vernalekens Oesterreich. Mythen, 23
heissen. Die altfranz. Form Faye lebt noch im waatlnder Patois fort,
Fayres bezeichnet da die gespenstischen Weissen Frauen und geht ins
Rhtische ber, denn im Kt. Glarus heissen die Waldgespenster pluralisch
Fayer, glisch Fairys. Wird also der Quarzfelsen auf der Spitze des
Feldberges im Taunus abwechselnd Brunnhildenbett, Teufelskanzel und
Venusstein genannt, so steht nun fest, dass der letztere Name die als
Feen dorthin verwnschten bsen Geister bezeichnet und dass sie
Veensleute sind. Nicht unter diese Namensreihe gehrt jedoch der Name
des Grafen Rudolf von Fenis, ein Minnesnger, gestorben um 1196; dessen
Burg beim Bernerdorfe Vingelz zwischen dem Bielersee und dem Seelande
gelegen ist; sein und seiner Burg urkundlicher Name ist Fenils,
ableitend von latein. fenus, Ertrag, fenile, Heuboden, hier in der
rtlichen Bedeutung von Schlossscheune und Vorburg.

Das nun gewonnene Ergebniss ist einfach und befriedigend. Vrene, die
Liebesgttin, wird vom hfischen Geschmacke zur Venus antikisirt, durch
die Kirche zur Patronin der Siechenhuser, durch die Zeitsitte zur
Mutter der Frauenhuser erhoben und erniedrigt, und durch romanischen
Spracheinfluss zur Knigin der Feen gemacht, mit denen sie im
Zauberberge wohnt. Der mit der Liebesgttin in ihrem schattigen Lusthain
(im Tann) hausende Gemahl heisst eben so erklrlich Tannhauser. Auf den
bairisch-salzburgischen Ritter und Minnesnger Tannhuser (gestorben um
1266) darf, obschon er ein Zeitgenosse des im Liede mitgenannten Pabstes
Urban ist (der IV. dieses Namens, gestorben 1268), schon deshalb nicht
geschlossen werden, weil sich die Tannhusersage, wenn auch unter
anderem Namen, in Schottland und Schweden wiederholt. Belege hiefr
giebt Grimm Myth. 888.

       *       *       *       *       *

FUSSNOTEN:

[8] Uhland C.

[9] Uhland A.

[10] Uhland B.

[11] Nach Uhland C.

[12] Uhland A.

       *       *       *       *       *




III.

Gertrud mit der Maus,

die Allerseelenherrin.

       *       *       *       *       *


Die heilige Gertrud, ahd. Kredrd, trgt den heidnischen Namen einer
germanischen Walkre und Speerjungfrau. Der mythologische Name Thrdhr
bezeichnet sowohl Thrs und Sifs Tochter, als auch eine der von der Edda
genannten 13 mit Odhin in die Schlacht reitenden Schlachtjungfrauen. Das
altnord. Appellativ thrudhr, ags. thrydh, bezeichnet das Mannweib,
virago; Gertrud also ist eine Jungfrau, die den Gegner im Waffenkampfe
niedertritt, wie unser jetziges Wort Trude ebenfalls die den Schlfer
auf die Brust tretende Nachtmahre, den ihn im Traume reitenden Alp,
bezeichnet. Der Trude ist daher der fnfeckige Trudenfuss eigen, dessen
Missgestalt aus dem Schwanenfusse der schwanengeflgelten Walkre
entstanden ist. Eine Alptrudis und Albedrudis wird im Polyptychon
Irminonis (sec. 8) unter den frnkischen Frauen genannt; ebendaselbst
eine Ermendrudis (Dienerin des Gottes Irmin), eine Anstrudis (der Asen
Dienerin), eine Electrudis (ahd. Alahtrd), die das Heiligthum, alah,
verwaltende Tempeljungfrau. Die ahd. Frauennamen Wolchandrud, Himildrud
bezeichnen die geisterhaften Wetterfrauen, welche auf den Wolken tanzen,
dass Regen fllt; eine ahd. Glosse bei Graff 5, 522 bersetzt trutari
mit saltator, und jetzt noch giebt der Volksglaube den Truden das
Geschft, in der Walburgisnacht den Schnee vom Blocksberg wegtanzen zu
mssen. Da die Walkre zugleich die den Lebensfaden spinnende
Schicksalsschwester oder Norne ist, so vertauscht sie den Speer gegen
Rockenstab und Spindel, und so wird die hl. Gertrud, gleich den
Gttinnen Freyja, Holda und Berchta, spinnend dargestellt, auf einem
Wagen fahrend, ausnahmsweise sogar zu Rosse sitzend. Wie die eben
genannten Gttinnen mit ihrem Erscheinen die Menschen zum Anbau des
Kornes und Flachses auffordern, so stehen in Gertruds Dienst die
Frhlingsvorboten Specht, Kukuk und Schnecke, tragen von ihr den
Beinamen und werden zugleich zu Todesboten; denn wie Freyja sich mit
Odhin in die Seelen der im Waffenkampfe Gefallnen theilt, so wird
Gertrud als Seelenherrin geschildert, und ihr Geleitsthier, die
nchtlich whlende Maus, kndet mit ihrem Erscheinen nicht bloss die
Reife der Saat, sondern auch Misswachs, Seuche und Tod an. In Folge
dessen vershnt man die Heilige mit Trank- und Speiseopfern, indem man
die Gertrudenminne trinkt und das Erntebrod der Sssen Muschen bckt.

Dies ist der usserliche Umriss dieser heidnisch-christlichen Gestalt.

Ueber die Abkunft der geschichtlichen Gertrud schwebt schon ihre lteste
Legende in vielfltigen Widersprchen, die aus der Bemhung entstanden
sind, die Heilige in der Familie der Pipiniden und Karolinger
unterzubringen. Ihr ltester Biograph ist ein Mnch in Nivelles,
zugleich ein Zeuge ihres im dortigen Kloster 658 erfolgten Todes: A. SS.
sec. II, pag. 467. Ihm zu Folge ist das brabanter Stift Nivelles,
zwischen Brssel und dem hennegauischen Gebirg gelegen, durch Pipins I.
Gemahlin Ita um 640 gegrndet und wird von deren Tochter Gertrud als
erster Abtissin regiert. Der Interpolator dieser Lebensbeschreibung,
gleichfalls ein Niveller Mnch im 10. Jahrhundert, erzhlt, dass
Gertrud, um den Werbungen eines austrasischen Herzogs auszuweichen, nach
Franken entflohen sei und hier lngere Zeit in dem von ihr gestifteten
Frauenkonvent Karleburg am Main im Spessart ein gottgeweihtes Leben
gefhrt habe. Allein die Benediktiner fgen dieser Angabe hinzu,
dieselbe verwechsle die Pipinentochter mit einer andern Heiligen
desselben Namens, die unter Karl d. Gr. gelebt habe. Und so gilt die hl.
Gertrud bei den Mainfranken bis heute als Karls Tochter, welcher man
dorten die Klostergrndungen und Vergabungen zu Karleburg und zu
Neustadt am Main beilegt, ja man fhrt daselbst noch eine dritte hl.
Gertrud an, welche eine Tochter des Grafen Berger von Sulzbach und
nachmalige Gattin des Knigs Konrad III. gewesen ist. Das Ergebniss von
dem allen ist, dass Gertrud bei den Mainfranken wie bei den Friesen
frhzeitig eine volksthmliche Verehrung genoss, und dass man aus eben
dieser Ursache ihre Genealogie nachmals an das grsste deutsche
Kaiserhaus anknpfte. Auch ihre frhzeitig erfolgte kirchliche
Anerkennung steht ausser Zweifel; ihr sind in Belgien allein mindestens
bei vierzig Kirchen geweiht, A. SS. l.c.. pag. 475; ihr Name steht im
Rheinauer Martyrologium mitverzeichnet, welches dem 8. Jahrhundert
angehrt, und das nach ihr benannte Gertruidenburg am sdlichen Ufer der
Maas, das auf ihren Wunsch eingeweiht sein soll, wird schon 992 als eine
Marienkapelle genannt. Reitberg, Kirchgesch. 2, 543. Ueberall treffen so
die ihr beigelegten Stiftungen oder die von ihr gegrndeten Kirchen mit
den frhesten Anfngen des Christenthums in Deutschland zusammen.

Ihre kirchlichen Embleme und Abbildungen sind nachfolgende. In der Abtei
zu Nivelles, wo sonst ihr wunderthtiges Sterbebette kirchlich verwendet
wurde, wird nun ihr Wagen aufbewahrt. Bock, Eglise abbat. de Nivell. 4,
25. In hollndischen Kirchen ist sie abgemalt, in einer Hand den
Hirtenstab, in der andern ein Trinkgeschirr haltend, welches stabil die
Form eines Schiffleins hat. Mit diesem giebt sie sich als die Patronin
der Reisenden zu erkennen, die beim Abschied "Sinte Geerteminne"
trinken, um dadurch gute Herberge zu finden. Wolf, Ndl. Sag. S. 434.
Einen gleichen Stab, aber mit einem Blumenkranz behangen, trgt
Gertrudens hlzernes Standbild in der Kapelle zu bairisch Hermatshofen.
Panzer, BS. 2, no. 246. Dieser Stab wird sich spter als ein Rockenstab,
der Blumenkranz als das Gertrudenkraut herausstellen. Am Titelblatte des
Gertrudenbuches, Kln 1506, ist sie abgebildet am Rocken spinnend, an
welchem drei Muse hinauflaufen; in ihr Kleid sind Zauberzeichen
eingewoben, zwei, Weihrauchfsser schwingende Engel umschweben sie.
Blunschi's Kalender aus der Stadt Zug vom J. 1823, und ebenso der
Krainische Bauernkalender bezeichnen den 17. Mrz, als den Gertrudentag,
durch zwei Muslein, die an einer aufgeweiften Spindel nagen. Eine damit
correspondirende Stelle in Konrads von Dankratsheim Namensbchlein (edd.
Strobel) lautet:

    so kumet die liebe sant Geretrud,
    die so entschlief in gottes willen,
    und stulen die ratten und miuse ir spillen
    und trugen sie in ir miuseloch.

Auf einem Gemlde, das vordem im Strassburger Mnster gewesen, auf das
sich Schilter in seinen Anmerkungen zu Knighovens Chronik 571 beruft,
war der Strassburger Bischof Wilderolf zu sehen, zu Schiffe fahrend,
umschwommen von Musen und berragt von St. Gertrud. Von diesen beiden
in der Gertrudslegende sich wiederholenden Emblemen, dem Schiffe und der
Maus, wird nachher ausfhrlicher die Rede sein; fr jetzt seien die
landwirtschaftlichen und brgerlichen Ueblichkeiten hier vorangestellt,
die sich an den Gertrudentag und an dessen Zeitthiere anreihen.

Betrachten wir die an den Gertrudentag (17. Mrz) sich knpfenden
Kalenderregeln. Weil mit dem 25. Nov. (als am Katharinentage) der
Winter, und mit dem 17. Mrz der Frhling beginnen soll, so ziehen mit
dem letzteren Termin die Hausmuse aufs Feld. Davon heisst es bei
Lasicz: Gertrudis mures a colis mulierum abigit. Altbairisch: Gertraud
lauft d'Maus go Feld aus. Quitzmann, Bajwaren 124. Am Gertrudentag lauft
die Maus den Rocken hinauf und beisst den Faden ab. Schmeller, Wrtb. 2,
71. Mit diesem Tage werden also die Spinnabende eingestellt und es
beginnt die Gartenarbeit, weshalb die Heilige auch als die erste
Grtnerin verehrt ist. Die Frhlingswrme kommt, die Bienen nehmen ihren
Ausflug, das Stallthier geht wieder zur Weide. Davon reden folgende
Sprche;

    Snte Katherin
    smitt den ersten Stn in 'nen Rhn.
    Snte Gerderut
    tht ne wi'er herut. (Aus Kln.)

    Sankt Gertraud
    fhrt die Kuh ins Kraut,
    das Ross zum Zug,
    die Bienen zum Flug.

    Gerdrut
    geht das Schoof mit dem Lamme ruut. (Aus dem Waldeckischen.)

    Sant Gertrud
    Sit Zibel und Chrt. (Schweizerisch.)

Wichtiger und von weiter reichendem Ziele werden diese Kalenderregeln,
wenn man sie auf Specht, Kukuk und Schnecke ausdehnt und diese als im
Dienste Gertrudens stehend aufweist. Alle drei werden von der
Kalenderregel in dieselbe Zeitfrist gesetzt. Der Specht heisst Schweiz.
Merzaflli, d.i. Fohlen; Gertrudentag fllt auf 17. Mrz und die
Bauernpraktika sagt: Schreit der Kukuk frh im Mrz, so giebts einen
guten Frhling.

Der Schwede nennt den Schwarzspecht Gjertrudsfuglen und erzhlt von ihm
folgendes Mrchen, enthalten in Asbjrnsen's Norske Folke-Eventyr 1866,
no. 2. Christus und Petrus erscheinen reisemde und hungrig bei einer
brodbackenden Frau, welche Gertrud hiess und eine rothe Haube trug. Auf
Beider Bitte nahm sie ein bischen Teig in die Backpfanne und thats bers
Feuer, doch das Bischen gieng sogleich hoch auf und fllte das ganze
Geschirr. Dieser Kuchen war ihr fr ein Almosen zu gross; zum zweiten
male nahm sie noch weniger Teig, doch auch dieser bekam dieselbe Grsse,
und als nun zum dritten male dasselbe geschah, sprach das Weib: Ihr
msset ohne Almosen gehen, all mein Gebcke wird zu gross fr euch! Zur
Strafe verwnschte der Herr die Geizige in den Gertrudenvogel, der noch
ihre rothe Haube trgt und kohlschwarz ist wie sie, als sie zum
Schornstein hinausfuhr. Bestndig hungernd hackt sie nach Futter in die
Baumrinde.--Dieselbe Sage in deutscher Version lautet bei Simrock, Myth.
3, 23 also: Christus gieng an einem Beckerladen vorber, wo frisches
Brod duftete, und sandte einen der Jnger hin, um ein Stck zu
erbitten. Der Becker schlug es ab, doch die Beckersfrau, die mit ihren
sechs Tchtern von ferne stand, gab es heimlich her. Dafr sind diese
zusammen als das Siebengestirn an den Himmel versetzt, der Becker aber
ist zum Kukuk geworden. In Prtorius Weltbeschreibung und darnach in
Grimms Myth. 641 wird eben dasselbe also berichtet. Ein Becker hat zur
theuern Zeit den armen Leuten von ihrem Teig gestohlen und, wenn Gott
den Teig im Ofen segnete, ihn herausgezogen, bezupft und dabei gerufen:
Guck! guck! (ei sieh!) Dafr ist er in einen Raubvogel verwandelt, der
unaufhrlich dieses Geschrei wiederholt. Im aargauer Freienamt gilt
hierber folgende Spielart. Ein hungernder Knabe wollte einem Marktweibe
ein Brodwecklein abkaufen, sie, forderte aber so viele Kreuzer dafr,
als man auf des Kindes flache Hand hinzhlen knne. Das Bblein gieng
darauf ein und machte sein hingestrecktes Hndchen immer hohler und
schmaler. Da die Alte nun in ihrem Zhlen gar nicht fertig werden
wollte, noch ein Pltzchen und wieder eins auf der Kinderhand zu suchen,
so rief zuletzt der Knabe voll Hunger und Verdruss: So flieg und ruf
Kukuk! Alemann. Kinderlied, S. 78.

So wird hier der Specht, ursprnglich ein nahrungsspendender Bote
Gottes, ein die Nahrung hartherzig verweigernder Theuerungsgeist und
geht in die Gestalt des gleichfalls eigenntzig gefassten Kukuk ber.
Daher heisst es von diesem letzteren, er sei ein diebischer verwnschter
Beckerknecht und trage davon sein fahles, mehlbestaubtes Gefieder. Dies
besagen die nachfolgenden Kindersprche:

Kukuk stahl Weggen.[13]--Kukuk, Beckenknecht![14]--Kukuk,
Speckbub![15]--Kukuk, schniet Speck up![16].--Der Gugger uf em drre
Nast, er bettelt Brod und wird nicht nass.[17] Der Sauerklee, Oxalis
acetosella, der zur nemlichen Zeit blht, da des Kukuks Ruf ertnt,
heisst in Deutschland Kukukskohl, in der deutschen Schweiz Guggerbrod,
franz. pain de coucou, tessinisch pan cuculo, romansch paun e caschl
cucu (Butterbrod), und weil seine suerlichen Blttchen von den Kindern
genascht werden, auch Herrgottenspple, Herrgottenbrod. Fr. Staub, das
Brod, 1868, 6. Auch die sssen Keime des Habermarks (Tragopogon) heissen
Guggichbrdle.

Der Vogel schenkt oder raubt also Brod und Butter, Speck und
Speckwecken, nemlich solcherlei Kuchen, die man nach beendigter
Fastenzeit um Ostern bckt, mit Speckwrfeln belegt und Speckwhen
benennt. Die Rolle des Diebes wird ihm beigelegt, weil er nur so lange
seinen Ruf ertnen lsst, als die Brtezeit dauert und er die Eier
andrer Vgel aussuft. Ist diese Zeit vorber und es beginnt die Reife
der Frhkirschen, so sieht er auch diese, heisst es, in seiner Gier fr
buntgesprenkelte Eier an und frisst deren so viele, dass ihm die Stimme
verfllt und er nur noch heiser ruft. Die Sage von der durch ihn
erregten Theuerung knpft sich an sein zeitweilen versptetes Erscheinen
und an sein ber die geregelte Frist andauerndes Rufen. Die
oberfrnkischen Bussbacher sollen ihn daher einmal bei langem
Regenwetter mit dem Backwisch verjagt haben. Panzer, BS. 2, no. 285. Er
soll nur so lange rufen, als das Siebengestirn am Himmel steht, in
welches jene Beckerin mit ihren Tchtern verwandelt ist; das ist bis
Ende Juni. Die appenzeller Bauernregel sagt hierber: Wenn d'Henne
abwrts gnd, schlt s'Brod ab, wenn s'fwrts gnd, schlt 's f. Hlt
der Vogel diese Frist nicht mit ein, so entsteht Nahrungsmangel, dessen
Opfer er selber zuerst wird; hievon erzhlt folgender venetianer Spruch:

    Am achten des Aprils,
      da soll der Kukuk kommen;
    Kommt er am achten nicht,
      so ist er todt oder gefangen.
    Kommt er am zehnten nicht,
      so hngt er gefangen im Zaun.
    Und kommt er am zwanzigsten nicht,
      so ist er gefangen im Korn;
    Und kommt er am dreissigsten nicht,
      so ass ihn der Hirt mit Polenta.

Weil mit des Kukuks zeitgemssem Erscheinen zugleich der Anbau in der
ganzen Gemeindeflur beginnt, so heisst er in schwbisch Mundingen
Oeschhei, d.i. der Flurhege (vgl. Holzhei; Wieshei: der Bannwart), und
daraus erklrt sich vollstndig der Schwabenstreich des Stdtchens
Haiterbach, welches gegen die versptete Ankunft des Vogels
Kirchengebete abhielt. Wolf, Ztschr. 1, 440. Der appenzeller Spruch
bestimmt: Am dritten Abrelle muss der Gugger grene Haber schnelle
(anraunzen). Schreit er nach Johannis von Norden her, so bringt er in
Zrich einen sauern Wein; fliegt er den Wohnhusern zu nahe, eine
Jahrestheuerung (Gessner's Thierbuch, Von den Vgeln LXXI). Hlt er den
richtigen Termin ein, so ist er nachdrucksam der Zeitvogel und kann um
Wohlstand und Lebensdauer zugleich befragt werden, so dass er beides bis
in den Brodkorb hinein prophezeien wird; daher ruft ihm der Schwabe zu,
in Meiers Kinderreim. no. 87:

    Schrei sie mir in Deckelkrbe
    Wie viel Jahr darf ich noch lebe?

Dieselbe Anfrage ergeht auch an die Schnecke, welche wie Specht und
Kukuk, ein den Lenz, die Jahresfruchtbarkeit und die Lebensdauer
verkndendes Thier ist und im Dienste Gertrudens gestanden hat;[Nachtrag
4] man ruft ihr in einem Jeverschen Kinderspruche (Mannhardt, Ztschr. f.
Myth. 3, 222):

    Kukuk, Kukuk, Gerderut:
    stck dne vr Hrns herut!

Um so besser stehts um das berufende Kind, je pnktlicher ihm die
Schnecke ihre vier Fhler zeigt; es erkrankt, wird kreuzlahm, wenn es in
die Fhler zwickt. Alemann. Kinderl. S. 97. Aus Gthes Lied
Frhlingsorakel ist die Sitte allbekannt, nach der Zahl der im April
gehrten ersten Kukuksrufe die Hochzeitsfrist, die Zahl der Kinder und
der Lebensjahre voraus zu bestimmen; aber Vorbedingung dazu ist, dass
man dem Vogel erst einen Thron baue, von dem herab er seine Weissagung
ertheile, dies ist ein aus Binsen geflochtner Sessel, westflisch der
Kukukesstaul genannt (Woeste in Wolfs Ztschr. 2, 95). Alsdann spricht
man:

    Gugguger im Sessel,
    Gieb mir dein Geld zu lesen,
    Will dein Geld dir wieder geben,
    Sag, wie viel Jahr thu ich leben?

Andr. Strobel, Geistl. Kartenspiel, Sulzbach 1693, 1 Th. 118. In Sommers
Thring. Sag. no. 9 kommt in den Zwlften unter wunderbarem, weit
vernehmbarem Sausen, eine Frau durch die Luft geflogen, welche die
Gestalt einer gewhnlichen Taube hat, aber an ihren Fsschen ein kleines
Schilfsthlchen mittrgt, das sie, wenn sie mde wird, auf den Boden
stellt, um darauf auszuruhen. Sie selbst berhrt die Erde nie, wo sie
aber das Sthlchen hinsetzt, da grnt und blht es im folgenden Sommer
am schnsten und fruchtbarsten. Am Morgen des Dreiknigtages wird die
Taube wieder zur Frau. Hier ist der Frhlingsbote, Kukuk oder Taube, die
ihn aussendende Himmelsherrin selbst, nemlich Frigg die Gttermutter,
die nach Paulus Diaconus Frea heisst und neben dem Gemahl Gwodan auf dem
goldnen Thron in Walhalla sitzt. Als Frhlingsgttin steht Freyja-Frigg
der grossen Maifeier vor, denn in den Niederlanden heisst der Mai
Vrymnd. Compte rendu, Bruxelles 1843.

VII. 1, 29. Menzel, Vorchristl. Unsterblichkeitslehre, 2, 243.

Im aargauer Frickthale pflegen die Kinder dem Kukuk zu rufen:

    Gugger uf em grene Ast,
    Du, mi liebe, scheche Gast:
    Gugg mer doch, bis au so guet,
    Wie mngis Jahr no han i z'guet?

Wer whrend dem ungerades Geld bei sich trgt und auf den Sack schlgt,
dem geht es das Jahr ber nicht aus, eine Volksmeinung, von welcher der
Berner Volksdichter G.J. Kuhn (Volkslieder 1819, 93) ein Liebespaar
also reden lsst:

    Hans ghrt di z'erst, er gryft i Sack
    u sucht sys Geld: "O tusi Drack (Drache!),
    dass i kei Batze by mer ha,
    jetz wird's mer wol s'ganz Jahr so ga!"
    Un Aenni lost und fraglet di:
    Wie mngs Jahr cht no leben i?

Von der gleichen Frage eines alten Weibes berichtet der Zrcher Chirurg
Rud. Gwerb, Leuth- und Vychbesgnen, Zrich 1646, 13: "Vnd da der
guckguck Fnffe herfr geschrauwen, da vermeinte das thorachte alte weyb
anders nichts, dann das sy noch fnff jahre zu leben hette. Sie fiel
aber bald in eine schwre krankheit und da sie zum sterben sich
zuzersten vermanet worden, wolte sie nicht dran, dann der guckguck
hette jhren anders verheissen. Vnd ob es gleichwol mit jhren auff dem
letzten gepfiffen, bliebe sie doch jmmer auff jhrer meinung und als sie
jetz kein wort mehr reden kondte, streckte sie noch fnft finger auff,
andeutende, dass sie, nach des guckgucks gesang noch fnff jahr zu leben
habe. Das heisset auff das vogelgeschrey achten!"

Von demjenigen, dessen Leben augenscheinlich zu Ende geht, sagt man, der
hrt auch den Kukuk nicht mehr; was man verwnschen will, das soll des
Kukuks werden, sich zum Kukuk scheren. Der die Lebensdauer weissagende
Vogel wird also damit zum Propheten des Todes. "Der Kukuk auf dem Dache
bringt den Tod ins Haus." Hahn, Albanes. Studien l, 158. Als Vogel der
Trauer gilt er in kleinrussischen Liedern. Myth. 646. Nach serbischem
Glauben verwandeln sich die Seelen Verstorbener in Kukuke, man findet
daher auf den hlzernen Grabkreuzen in Serbien so viele Kukuke
abgebildet, als Angehrige um einen Todten trauern, und von einem
Serbenmdchen, dem der Bruder gestorben war, wird erzhlt, dass es nie
mehr habe den Kukuksruf hren knnen, ohne nicht in heftiges Weinen
auszubrechen. Friedreich, Symbolik 534, nach Hanusch, Slaw. Mythus.
317. Dieselbe Rolle des Leichenvogels ist ihm im finnischen Epos
Kalewala zugetheilt; da klagt die alte Mutter, deren Tochter Aino beim
Frhlingsbade ertrunken, im nchsten Frhjahre:

    Aelter wird mein Ellenbogen,
    Schwcher wird mein Handgelenke,
    Ja, der ganze Krper zittert,
    Wenn des Kukuks Ruf ich hre!

Schiefner's Uebers. 24. Kukuk und Specht treffen auch in ihrem ltesten
Mythus berein. Altpolnisch hiess der Kukuk Zywie und war ein
verwandelter Gott: opinabantur enim, supremum hunc universi moderatorem
transfigurari in cuculum. Myth. 643. Dasselbe behauptet auch das griech.
und rmische Alterthum vom Specht. In Kreta zeigte man sein Grab und
eine Sule dabei mit der Aufschrift: Hier liegt nach seinem Tode Picus
der Zeus (Pikos ho Zeus), und ebenso hatte er nach altrmischer Mythe
die ausgesetzten Zwillingsshne des Mars, Romulus und Remus, aufgesst
und hiess davon Picus Martius. In der tiroler Gemeinde Wangen ist sein
Name "der Wangener Gott". Zingerle, Tir. Sag. no. 1064. Die berhmte
Springwurzel, vor welcher die Thren der Schatzkammern und Gefngnisse
aufspringen, liegt in seinem Neste; statt seine Jungen mit ihr zu
fttern, lsst er sie von dem Baume fallen, unter den man ein rothes
Tuch breitet. Wer sie dann in den Mund nimmt, versteht aller Vgel
Sprache. Wie Zeus sich in den Kukuk verwandelt und sich auf den
Scepterstab der Here setzt, so wird der Specht auf Gertrudens Stab
weissagend gesessen haben; dieser Stab selbst wird theils zur erlsendem
Springwurzel, theils zur Spindel, theils verwandelt er deren Flachs in
Gold. Ueberdies verleiht der Specht (ableitend von ahd. spahi, prudens,
der sphende) seinen Namen eben jenem Spessart (urkundl. spechtes-hart),
welcher der Schauplatz war von Gertrudens Thtigkeit in Ostfranken, und
so heisst das Thier mit wiederholtem Nachdruck Gertrudenvogel.

Wie diese eben beschriebnen Frhlingsthiere, weil sie dmonische sind,
aus Glcksboten sich in vorahnende Todesboten verkehren, so geschieht
dies vornemlich mit Gertrudens besonderem Gefolgsthiere, der Maus. Die
Seelen der Abgeschiedenen werden zuerst von Gertrud empfangen, um sich
da entweder in gute oder in bse Elbe zu verwandeln; als solche
erscheinen sie hierauf wieder als schdigende oder als bescherende
Muse. Diesen Satz aus der Lehre von der Seelenwanderung nehmen wir
nunmehr in Ausfhrung.

Wie Holda-Berchta die unmndig Verstorbenen, und Valfreyja die in der
Schlacht Gefallenen zu sich nimmt, so haben nach lterem Kirchenglauben
die Seelen der Abgeschiedenen ihre erste Herberge bei St. Gertrud zu
nehmen. Hievon handelt eine Handschrift des XV. Jahrh., welche Grimm
Myth. 54 citirt: Aliqui dicunt, quod, quando anima egressa est, tunc
prima nocte pernoctabit cum beata Gerdrude, secunda nocte cum
archangelis, sed tertia nocte vadit sicut diffinitum est de ea.
Erweitert findet sich dieser merkwrdige Glaubenszug in Nik. Gryse's
niederd. _Spegel_, auf welchen Schiller, Meklenburger Thier- und
Kruterbuch 3, 41 verweist: Se geven ock vor, wenn de Seele vth dem
Minschen varet, so moth se de erste Nacht Herberge hebben by S.
Gerderuten, darumme ock S. Gerderuten Kercke gemeinlyken vor de Dre der
groten Stede gebuwet syn; und darn moth se uouer dat Leuuer-Meer.
Dieser hier das Lebermeer genannte Todtenstrom war auf jenem vorhin
schon erwhnten Mnstergemlde dargestellt, das den Bischof Wilderolf
und St. Gertrud zu Schiffe zeigte, und wird in der Sage von Hattos
Musethurm zum Rheinstrom. Hievon spter. Gertrudens Kirche und die von
den Geistern darin abgehaltene Todtenmesse spiegelt sich ab in der
Nrnberger Sage von der Jungfrau Gertraud Stromer. Der Patrizier Imhof,
an dem dieser Jungfrau ganzes Herz hieng, war, weil sie ihm ihre Liebe
verhehlt hatte, ihrer Freundin zu Theil geworden, starb nach kurzer Ehe
und auch Gertraud berlebte ihn nicht lange. Drei Wochen nach diesem
letzteren Todesfall gieng am Allerseelentag 1430 die Wittwe Imhof vor
Tag in die Frhmesse nach St. Lorenz, hier aber befiel sie der
unheimliche Eindruck, als wren statt der Gemeinde und Geistlichkeit
lauter Verstorbene versammelt. Als sie nun, um anzufragen, aus ihrem
Stuhle trat und eine vor ihr knieende Jungfrau leise auf die Schulter
klopfte, erkannte sie in dieser ihre vor drei Wochen begrabne Freundin
Gertraud. Auf deren Rath verliess sie so eilig die Kirche, dass sie
ihren Mantel vergass, floh heim, erkrankte heftig und trat darauf ins
Klarissenkloster. Hier starb sie nach etlichen Jahren und zwar
gleichfalls am Morgen des Allerseelentages. Schppner, Sagb. no. 1147.
Die Heilige ist hier zu einer gleichnamigen Nrnberger Patrizierin
geworden, welche ber das stumme Todtenheer, in dessen Mitte sie ist,
allein Auskunft zu geben vermag, deren Herzenszug aber noch immer die
Liebe ist zu dem ehemaligen Geliebten. Von diesem Naturell der Walkre
liefert die Gertrudensage noch mehrere nachher zu behandelnde
Einzelheiten; hier ist vorerst der Glaube zu zeigen, dass die
Abgeschiedenen die Gestalt von Musen annehmen.

Die Seelenherrin selbst ist die Weisse Frau und auch sie erscheint als
Weisse Maus. Mller-Schambach, Niederschs. Sag. S. 269; dazu ebendas.
no. 7. 264. Lbecks Stadtwahrzeichen ist eine in dortiger Marienkirche
abgebildete Maus, die an der Wurzel eines Baumstrunkes nagt; sie sei ein
Weib gewesen, die ber dem Wunsche, niemals zu sterben, zu
mehrhundertjhrigem Alter kam, zur Grsse einer Maus zusammenschrumpfte
und unter einem Glaskstchen in dortiger Kirche aufbewahrt wurde.
Bechstein DSagb. no. 212. Letzteres stimmt mit der Sage vom thebanischen
Seher Tiresias, der fnf, ja sogar neun Menschenalter gelebt haben und
nach seinem Tode in eine Maus verwandelt worden sein soll. Nork,
Realwtb. 4, 382. Die Blocksbergsscene im Gthe'schen Faust schildert das
pltzliche Ende der gespenstischen Tnzerin: "Mitten im Gesange sprang
ein weisses Muschen ihr aus dem Munde." Im aargauer Volksglauben finden
sich folgende Stze. Wenn der von Gemeinde wegen aufgestellte Feldmauser
drei weisse Muse fngt und tdtet, so kommt er in die Hlle. Wer eine
weisse Maus qult, dem fressen die brigen das Korn von der Schtte. Vor
der franzs. Invasion 1798 waren im Hauptgange des Rathhauses zu Aarau,
wo die Schildwache stand, in jeder Nacht auf Himmelfahrt zwlf weisse
Muse zu erblicken, die man fr zwlf verwnschte Rathsherren hielt; so
erzhlt uns die Bauernfrau Schenker aus solothurnisch Dniken.--Weisse
Muse, berichtet V. Grohman ber Bhmen, geniessen in diesem Lande eine
Art religiser Verehrung, man macht ihnen ein Lager zwischen den
Stubenfenstern und pflegt sie, damit nicht mit ihnen das Glck des
Hauses sterbe. Ein Nest weisser Muse zu finden ist nur Sache eines
Sonntagskindes. Auf Schloss Drazic werden sie eigens gezchtet, und
lsst man ihrer eine in die Kornscheune laufen, so schttet da das
Getreide um die Hlfte mehr als sonst. Wer eine Maus zertritt, der fhrt
den Teufel ins Haus. Zingerle, Tirol. Sitt. S. 55. Je weisser der Zahn,
von dessen Ausfall man trumt, um so nher verwandt der Freund, dessen
Tod drauf erfolgt (Aargau).[18] Dem Aberglauben gelten auch die rothen
Muse in einem hnlichen Sinne. Der Zauberer in Obermumpf vermochte
einem mit offnem Munde Schlafenden als rothes Muschen bis ins Herz
hinunter zu schlupfen. Aargau. Sag. 2, S. 152. Dagegen ereifert sich der
niederd. Pfarrer Mnnling in seinen Curiositten, Frkf. 1713: "Ists
nicht schreckliche Dummheit, dass man sich bereden lsst, die Seele des
Menschen sei eine rothe Maus, welche, wenn man schlafe, aus dem Munde
heraus spaziere!" Eben solcherlei Sagen von in Gestalt der Muse
auswandernden Seelen wollen wir nun folgen lassen.

Einer thringer Magd, die in der Gesindestube ber der Arbeit
entschlafen ist, kommt ein _rothes Muschen_ zum Munde heraus und geht
durchs offenstehende Fenster davon. Ein mit zuschauendes Dienstmdchen
rttelt die Schlafende von ihrer Stelle, ohne sie erwecken zu knnen.
Das Muschen kehrte hierauf zurck, suchte hin und her nach der vorigen
Stelle, fand sie nicht mehr und verschwand zuletzt. Nun aber erwachte
die Schlafende nicht wieder, sondern blieb todt. Grimm, DS. 1, S. 335.
In Gestalt eines _weissen Muschens_ kommt der Alb durchs Schlsselloch
ins Schlafzimmer und drckt den Sohn. Die Mutter, welche vorsorglich
schon ein Tuch ber die Brust des Schlafenden gebreitet hat, legt es
nun, da sie ihn sthnen hrt, an den vier Enden zusammen, thuts in die
Schublade der Kommode und lsst den Schlssel dran stecken. In derselben
Stunde war im Nachbarorte ein Mdchen pltzlich gestorben und sollte
nach drei Tagen begraben werden. Da traf sichs, dass der Sohn, der seit
dieser Zeit vom Alb frei geblieben war, am dritten zufllig den
Schlssel von der Schublade abzog, worin jenes Tuch lag. Sogleich
schlupfte ein weisses Muschen durchs Schlsselloch und lief zur Thr
hinaus. Gleichzeitig hatte man im Nachbarorte schon den Sarg schliessen
wollen, als ein Muschen zur Thre herein und in den Mund der Leiche
gelaufen kam, diese ffnete die Augen und gehrte wieder dem Leben an.
Wolf, Hess. Sag. no. 95. Dieselbe Begebenheit in Sommers Thring. Sag.
no 40. In gleicher Gestalt kommt die Nachtmahr zum schlafenden Gesellen
geschlichen und wird in gleicher Weise von ihm gefangen; kaum hat er das
Schlsselloch der Kammerthre verstopft, so sieht er statt der Maus ein
wunderschnes Mdchen splitternackt hinter dem Ofen sitzen. Ibid. no.
96. Kuhn, Westfl. Sag. no. 247. Wenn der Bergmeister Hinten auf dem
Harze seinen Nachmittagsschlaf zu machen pflegte, kam eine Maus aus
seinem Munde gekrochen und schlupfte in die Erde, doch zur vorbestimmten
Minute erschien sie wieder und kroch in den Mund zurck. Alsdann wachte
der Bergmeister unter heftigem Schnarchen auf, zog rasch seinen
Fahrhabit an und fuhr in den Schacht. Dies that er nie vergeblich, denn
sicher hatte er jedesmal durch die Maus Nachricht erhalten, dass die
Knappen falsch gearbeitet oder gar die Grube verlassen hatten. Prhle,
Harzsagen 1, S. 68. Die Wache der Landsknechte sieht ihrer einen in der
Mittagsrast einschlafen, da kommt ein kleines weisses Thierlein, gleich
einer Wiesel, aus seinem Munde dem nchsten Bchlein zugelaufen und will
hinber. Der zuschauende Knecht legt sein entblsstes Schwert wie eine
Brcke ber den Graben, das Thierlein geht darber hin und verschwindet.
Nach einer kleinen Weile wieder kommend, findet es jenseits die vorige
Brcke nicht mehr, da mittlerweile der Kriegsknecht sein Schwert
weggethan. Also brckte dieser ihr abermals, das Thierlein kam herber,
nherte sich dem Schlafenden und kehrte in seine vorige Herberge ein.
Als die Spiessgesellen den Erwachenden befragten, was ihm im Schlafe
begegnet, antwortete er: Mir trumte, ich wre gar md und hellig von
wegen eines fernen weiten Weges, den ich zog, und auf dem Wege musste
ich zweimal ber eine eiserne Brcke. Grimm, DS. no. 455. Ebenfalls als
Wiesel fhrt die Seele eines schlafenden Hirtenknaben aus. Wolf, Hess.
Sag. no. 98. Der Prototyp dieser Sage ist nach der Aufzeichnung von
Paulus Diaconus 3,34 und Aimoinus 3,3: der Frankenknig Guntram, dessen
Seele in eines Schlngleins Gestalt aus des Schlafenden Munde kommt,
auf einem Schwerte den Bach berschleicht, in einen Berg schlieft und
rckkehrend ber die nmliche Schwertbrcke in den Mund des Knigs
zurck geht. Der Erwachende erzhlt, vom grossen Flusse mit Eisenbrcken
getrumt und im hohlen Berge den Hort der Ahnen erblickt zu haben.
Grimm, DS. no. 428 (zweite Aufl. no. 433).[19] Einige hnliche Sagen aus
Bhmen theilt Grohmann mit in Apollo Smintheus pg. 22. Die ausfahrende
Seele nimmt auch noch anderer Thiere Gestalt an, zumal geflgelter. Aus
dem Munde schlafender Hexen bricht eine Fliege (Grimm, DS. 2. Aufl. no.
408), eine Hummel, Wespe, ein Schmetterling hervor. Grimm, Myth. 1031,
und Vonbun, Beitrge 2, 83. So viel von den Musen als ausfahrenden und
umwandernden Menschenseelen. Sind die Muse damit Geister, so knnen sie
sowohl Segens- als auch Rachegeister werden, den Freund beschtzen und
den Feindseligen vertilgen, und daraus wird ihr Erscheinen berhaupt den
Vlkern allgemein zum Omen. Das Gleichgltigere sei hier wiederum
vorangestellt, um zum historisch Wichtigen emporzufhren. Unser
belverstandner Ausdruck maustodt, anstatt mhd. murztot, hollnd.
morsdood, spielt auf Maus und Scheermaus an, deren Stossen im Wohnhause
auf den Tod des Hausherrn gedeutet wird. Trumt man von Musen, so wird
es nchstens etwas Ungerades geben; klettert die Maus an der Zimmerwand,
so entsteht Hauszank; raschelt sie im Bettstroh, so betrifft den
Schlfer schon am Morgen Unheil; nagt sie an seinem Kleide, so stirbt
dieser bald. Verlassen smmtliche Muse mit einem Male das Haus, so ist
dies mit Aussterben bedroht; man sagt: viel Ms, wenig Lt. Salom.
Landolt, Reime und Lieder, Aarau 1845, sagt S. 326 von der Maus:

    Der Aberglaube redt re noh,
    (Me cha zwar uf das G'schwtz nid goh,
    Glaubt' i's, i messt mi schme):
    Verli die Frndi d'Wohnig ganz,
    Geb's i dem Hus en andre Tanz,
    Das heisst, es g'hei bald z'sme.

Muse verkndeten den Ausbruch des marsischen Krieges, als sie die
Silberschilde zu Lanuvium benagten, und den Tod des Feldherrn Carbo, als
sie dessen Schuhriemen zerbissen. Cicero de Divin. 2, 27. Plinius HN. 8,
82. Als die Philister die Bundeslade geraubt und in Dagons Gtzentempel
aufgestellt hatten, schlug Jehovah sie mit der Beulenpest und ihre
Felder mit dem Musefrasse (percussit inimicos in posteriora. Psalm 77,
66). Nach sieben Monaten lieferten sie die Arche wieder zurck und
bersandten dazu in einem Kstlein als Shnkleinode fnf goldne Muse
und fnf goldne Aerse, beides nach er Zahl der mit der Doppelplage
heimgesucht gewesnen philistischen Landschaften. 1. Sam. 6, 4.
Aehnliche Shnbilder sind dem ganzen antiken Alterthum gemeinsam. Der
Priesterknig Sethon, der die Pest abgewendet hatte, erhielt dafr eine
Bildsule, welche in der einen Hand eine Maus hielt. Herodot 2, 141.
Vergoldete Aehren und goldne Muse wurden der phnizischen Ceres zum
Shnopfer gebracht. Welcker, Griech. Gtterl. 1, 484. Im kretensischen
und im olischen Dialekt bedeutet Apollos Beiname Smintheus eine
Feldmaus, Mnzen von Tenedos stellen ihn mit dem Pestpfeil und der Maus
dar, sowie auch eine Mnze von Metapont die sechszeilige Gerstenhre
zugleich mit der Wanderheuschrecke und der Maus aufweist. O Heer,
Pflanzen der Pfahlbauten. Selbst Athene, wie man sie auf Gemmen
dargestellt sieht (Tassie no. 1585), trgt die Maus auf dem
Brustharnisch oder auf der Schulter. Menzel, Vorchristl.
Unsterblichkeitslehre 1, 22. In allen diesen Sinnbildern ist mithin die
Pestseuche an den Misswachs, dieser an den Musefrass geknpft, und die
agrarischen Gottheiten nehmen das ihnen in Form einer Maus dargebrachte
Opfer an und heben die herschenden Uebel auf, indem sie die Muse
vertilgen. Dieselbe Abhlfe wird nun aber auch durch die hl. Gertrud
gewhrt, welche, indem sie die Museplage aufhebt, zugleich die Seuchen
abwendet. So lange schon Gertrud ein Standbild in der Kapelle zu
baierisch Hermatshofen besitzt, hat sie von diesem Orte stets die
Viehseuchen abgehalten. Panzer, BS. 2, 157. Dahin gehrt die allbekannte
Sage vom Rattenfnger zu Hameln. Da sich an sie die Geschichte von der
magischen Pfeife knpft, mit deren Tone die Muse vertrieben werden, und
hiervon noch spter bei Gelegenheit der in Mausform gebackenen
Erntenudel wiederum die Rede sein muss, so folgt hier diese Hamelner
Geschichte in der Fassung nach, wie sie Balth. Becker in der Bezauberten
Welt lib. 4, S. 157 des Mart. Tschockius Fabula Hamelensis nacherzhlt.
Als die Stadt Hameln a.d. Weser im J. 1284 mit einem Haufen Muse und
Ratten geplagt war, die alle Frucht wegfrassen, kam man mit einem
fremden Mann berein, der sich gegen Geld erbot, sie aus der ganzen
Gegend wegzuschaffen. Er holte aus seiner Henktasche eine Pfeife hervor
und sowie er darauf spielte, kamen die Muse aus den Hauswinkeln,
Dchern und Dachrinnen zu Haufen hervor und folgten ihm zur Weser. Er
trat sein Kleid aufschrzend in den Strom, die Thiere ihm nach und
ertranken. Nach verrichteter Sache begehrte er den bedungenen Lohn.
Allein die Brger waren nicht geneigt zu bezahlen. Da erschien er am
folgenden Mittag wieder, diesmal in Jgertracht, sein Hut war
purpurfarbig, seine Gestalt von erschreckender Lnge, und nun spielte er
eine andere, von der gestrigen weit verschiedene Pfeife. Da liefen ihm
binnen einer Stunde alle Kinder der Stadt zu, vom vierten bis zum
zwlften Altersjahre, die fhrte er, 130 an der Zahl, in eine Hhle des
vor dem Thor gelegenen Koppenberges, und keins von ihnen ist nach diesem
wieder gesehen worden. Man sagt, er habe sie zweihundert Meilen weit
unter der Erde fort his nach Siebenbrgen und dorten erst wieder ans
Licht gefhrt; denn seitdem spricht man in diesem Lande
niederschsisch.--So lassen sich auch in Wolfs Hess. Sag. no. 14 die
Bauern um Lorsch alles Feldungeziefer und alles Gewitter, durch einen
Einsiedler aus dem Lande pfeifen, als sie ihm aber den Lohn dafr
vorenthalten, ist der Ameisen- und Grillenregen nebst dem Museheere
wieder da. Von neuem wird der Mann berufen, nun kommen jedoch auf
seinen Pfiff alle Schafe und Schweine des Dorfes ihm in den Lorschersee,
und zuletzt alle Kinder in den Tannenberg nachgelaufen und bleiben
verloren.

Dieselbe Sage ist auch in dem bei Paris gelegnen Dorfe Drancyles-Nouis
lokalisirt gewesen, wo im J. 1240 der Mnch Angionini mit dem Erbieten
erschien, den Ort von seinen Ratten und Musen zu befreien. Er lockte
alle diese Thiere in einen Fluss, wo sie ertranken. Doch da man ihm den
versprochnen Lohn vorenthielt, stiess er in ein Horn, worauf sich alle
Zuchtthiere des Dorfes, Pferde, Rinder, Schweine und Gnse, um ihn
sammelten, mit denen er davon gieng. Nork, Myth. der Volkssag. 392. Die
Uebereinstimmung dieser Erzhlungen lehrt, dass die Muse, weil sie
Geister sind, nur dem magischen Ton der Pfeife gehorchen und damit
hinweggelockt werden. Wie man mit der Bastpfeife im Frhling den
Fruchtkeim in die Pflanze zu blasen meint (Alemann. Kinderl. S. 182);
wie der Seefahrer dem Fahrwinde pfeift, so glaubt man, die pfeifende
Maus werde durch sanfte Musik angezogen, durch schreiende verjagt. Du
singst mir alle Muse aus dem Hause, sagt man abmahnend dem zur Unzeit
singenden Kinde. Zur Vertreibung der Muse bedient man sich folgenden
Mittels. Aus dem Hinterfusse einer gefangnen Ratte schneidet man ein
Pfeifchen und umgeht damit blasend am Charfreitag das Haus, oder man
hngt dem gefangnen Thiere ein Glckchen an und lsst es laufen; es
springt aus dem Hause und alle brigen folgen ihm. Grohmann, Bedeut. d.
Muse, S. 26. Abergl. aus Bhmen S. 62. 66. Denselben Zweck hatten die
Pfeifchen im Schweife der hlzernen Spielrsschen und die thnernen, die
man an der Stelle des Schwnzleins in die Erntenudel der gebacknen
Muschen steckt. Dass damit magisch fortgelockt werden sollte, ergiebt
die Umschrift an der grossen Abteiglocke in wrtembergisch Weingrten;
die Glocke wurde 1490 gegossen und ihre Umschrift lautet nach Sauten
(Kloster Weingarten, 1857, 48):

    Osanna heiss ich, den Todten pfeif ich.

Es ist daher gewiss ein lautredender Zug der Sage, wenn Bischof Hatto in
seinem Thurm zu Bingen von den Musen bei lebendigem Leibe gefressen
wird, weil er bei einer Hungersnoth die Armen unter dem Vorgeben einer
Brodvertheilung in eine Scheune lockte, sie sammt dieser verbrannte und
der Sterbenden Geschrei mit den Worten verhhnte: Hret, wie meine Muse
pfeifen! Hattos Tod im J. 973 und seine Verhasstheit bei den Unterthanen
wird nebst der eben berhrten Sage von Trithemius in der Hirsauer
Chronik 1, 116 erzhlt und zur Untersttzung dieser Begebenheit, wie es
scheint, dorten S. 140 ein hnlicher Fall vom J. 995 hinzugefgt ber
einen Grafen von Rotenburg in Franken. Auch der Schlossherr einer am
thurgauer Seeufer versunken liegenden Wasserburg Gttingen soll sich
desselben Frevels schuldig gemacht haben und ebenso von den Musen
aufgefressen worden sein. Puppikofer, Gesch. des Kt. Thurgau, 121. Es
haben W. Menzel (Odin 229); Felix Liebrecht (Ztschr. f. Myth. 2, 405. 3,
307), und jngsthin besonders ausfhrlich Grohmann (Apollo Smintheus, S.
78 ff.) ber diesen Mythus und dessen zahlreiche Sagen gehandelt, in der
Erklrung desselben aber sich keineswegs geeinigt. Der Sinn kann kein
zweifelhafter sein. Der Erntegott schickt Undankbaren die Museplage und
damit die Hungersnoth ins Land. Der um seine Vorrthe besorgte
Gewaltsherr entledigt sich der bei ihm Brod suchenden Unterthanen mit
Gewalt, aber die Geister der von ihm Gemordeten verfolgen ihn in Gestalt
der Muse bis in seine Wasserburg, wo er der gemeinsamen Seuche erliegt.
Muse werden daher Gottes Heerzug genannt, weil sie sich mit jeder
Seuchenzeit einstellen. Das Brderpaar, das sich vor der Pest auf den
Irchelberg flchtet, erwrgt sich da in der Hungersnoth um einer
gefangenen Maus willen. Bluntschli, Memorabilia Tigurina 1, 117. Zur
Zeit des Beulentodes war es in den Hexenprozessen eine stehende
Inquisitionsfrage, ob die angeklagte Person auch Muse gehext habe.
Aargau. Sag. 2, 172. Und daher stammt die gegen jeden Flausenmacher
gebruchliche Phrase: Mach mir keine Muse. "Die Festung macht Muse und
will sich nicht ergeben", heisst es ebenso in Gthes Brgergeneral, 9.
Auftritt.

Die den Krper in Mausgestalt verlassende und wieder besuchende Seele
hat zu dem Spielreim Anlass gegeben, bei dem man mit den Fingern ber
die Brust des Kindes hinauf tippt, sprechend:

    Kommt ein Muschen,
    will ins Huschen,
    da 'nein, da 'nein!

Aus demselben Glaubensgrunde dachte aber die Vorzeit verpflichtet zu
sein, den Musen Recht und Gericht halten zu sollen. Bei dem Prozesse,
welchen die tiroler Gemeinde Stilfs 1590 gegen die Schdigung der
Lutmuse beim Amte Glurns anhngig machte, erhielten beide Parteien
ihren Procurator, das Gericht war mit eilf namhaften Mnnern besetzt,
fr Anklage und Entlastung wurden Zeugen abgehrt und der Beschluss
lautete: Die Lutmuse seien gehalten binnen 14 Tagen den Landstrich
gnzlich zu verlassen, jedoch unter freiem Geleite gegen Hund, Katze und
jeden andern Feind; "wo aber ains oder mehr der Tierlein schwanger wre,
oder Jugend halber nicht fortkommen mchte, dieselben sollen ein
weiteres sicheres Geleit fernere 14 Tage lang haben." Zingerle, Sag. no.
708. Aehnliches geschah auch vor dem Rathscollegium zu Autun 1540,
welches die Muse als Saatenverwster anklagen und verurtheilen liess;
der Muse Anwalt jedoch, Barthol. Cassanus, nachmaliger Prsident des
Pariser Parlaments, machte den Einwurf, die Verurtheilten seien noch
nicht dreimal vorgeladen und knnten, so lange die Strassen durch Hunde
und Katzen unsicher seien; fglich auch nicht erscheinen. Diebolt,
Histor. Welt, 1715, S. 1117.

Von hier aus bergehend zu den der Kornmaus dargebrachten Ernteopfern,
findet sich Raum zur Einschaltung der an dies Thier geknpften
volksmedizinischen Bruche, deren allverbreiteter gleichfalls auf ein
Opfer hinausluft. Bekanntlich wirft das Kind beim Zahnschichten den
Wechselzahn ins Mausloch und verlangt dafr von der Maus einen neuen,
dessen Dauerhaftigkeit nach Stein, Bein, Eisen, Silber und Gold bestimmt
wird.[20] In Pforzheim spricht man (Grimm, Abgl. no. 631): Muschen, da
hast du einen hlzernen Zahn, gieb mir einen beinernen dran.--In
Schlesien: Musel, ich geb dir ein Beindel, gieb mir ein
Steindel.--Muschen, ich geb dir einen knchernen Zahn, gieb du mir
einen eisernen. Kuhn, Westfl. Sag. 2, S. 34. Im Aargau heisst es
(Alemann. Kinderl. S. 338):

    Msli, Msli, nimm de Zah,
    gim-mer en schne goldige dra,
    frei en schne wsse,
    ass ech's Brod cha bsse.

Das Kind wirft seinen ausgefallenen Zahn, wenn ihn die Mutter nicht
selber verschluckt, hoch gegen Himmel:

    Seh, liebe Herrgett, en Zah!
    Gieb mer wider en andre dra.--

In Wrtemberg wirft es ihn ber sich und spricht beim Schneidezahn:

    Se, Musle, has du dean Za,
    sez mer derfr en andra na!

Beim Mahlzahn heisst es:

    Wolf, Wolf, da has en Za,
    gi mer derfr no koen Biberza!

Birlinger, Schwb. Sag, 1, no. 570. _Biber_ ist schwbisch Name des
wlschen Hahns (Birlinger, Schwb. Wrtb. 61) und bedeutet hier: lass
mir den Zahn nicht krumm wie einen Vogelschnabel wachsen. Ein
altarabischer Spruch in Rckerts Morgenlnd. Sagen 2, 264 opfert den
Schichtzahn gleichfalls der Sonne:

    Liebes Kind, nimm deinen Zahn,
      Der dir ausgefallen,
    Wirf ihn zu der Sonn' hinan,
      Sprich mit frohem Lallen:
    Gieb mir einen bessern dran!
      Und du wirst von allen
    Neuen Zhnen keinen Zahn
    Schwarz und schief und stumpf empfahn,
    Sondern jeden wohlgethan.
    Kind, so lehrt' es mich dein Ahn.

Dem Sonnengotte Freyr ward von den Gttern die Sonne, Lichtalfenheim,
zum Zahngebinde geschenkt. Grimm, GDS. 154. Der Zahn ist also eine
Himmels- und Sonnengabe; der ausfallende erste Milchzahn heisst in
Sddeutschland Wlfle (Alemann. Kinderlied, S. 337), Wolfszhne werden
dem zahnenden Kinde umgehangen, vielleicht in altheidnischer Rcksicht
auf den Sonne und Mond verschlingenden Weltenwolf, dem auch Gott Freyr
zum Opfer fllt.

In Hahns Griechisch-albanes. Mrchen no. 10 und 101 lsst sich die
Prinzessin, die einen Zahn verloren, bald einen goldnen, bald einen
silbernen einsetzen, besiegt darauf ihres Vaters Feinde, befreit das
Land und wird des fremden Prinzen Gemahlin. Dass der erste Wechselzahn
wirklich in Gold gefasst und so am Armring getragen wurde, ist nebst
anderen dahin einschlgigen Bruchen des Alterthums im eben genannten
Alemann. Kinderliede pag. 338 bereits geschichtlich nachgewiesen. Der
hellfunkelnde, unverwstliche Zahn des im Boden oder in Hhlen wohnenden
Thieres soll auch dem jungen Menschen zu Theil werden, wenn er seine
Zhne in den Boden set; darum streut auf Athenes Geheiss Kadmos die
Zhne des erschlagnen Drachen in die fruchtende Ackererde, und aus ihnen
erwachsen die Stammvter des kadmeischen Thebens. Den Schneidezahn wirft
man der Maus hin, den Mahlzahn dem Wolfe, heisst es; der erste Zahn
heisst in Sddeutschland Wlfle, und wlfen ist zahnen: Aus Wolfs- und
Rosszhnen bestand die Halsschnur, die man zahnenden Kindern sonst
umhieng, und selbst unter den Fundstcken, die man seit 1857 aus den
Pfahlbauten des Bodensees erhebt, zeigen sich die Zhne des Bren und
Wolfes, durchbohrt, um an Schnren als Amulette getragen zu werden.
Zrch. Antiq. Mitthll. 12, Heft 3, 139. Damit stimmt die doppelte Notiz
bei Plinius berein HN. 28, cap. 78, und 30, cap. 7: Wolfzhne werden
zahnenden Kindern gegen Erschreckung, und Pferden gegen Ermdung
angehngt, ausgerissene Maulwurfszhne gegen Zahnschmerz. Weil die Maus
Alles benascht, streut man dem naschenden Kinde heimlich eine gepulverte
Maus auf die Speise, damit soll der eine Dieb den andern abschrecken.
Hchst auffallend aber bleibt der sg. Maustrank, ein Volksmittel, von
welchem die lteste und die neueste Zeit zu erzhlen hat. Das
Pnitentiale des hl. Bonifacius und dasjenige von Angers (Poenitentiale
Andegavense) schreiben dem Priester vor, die Frage an sein Beichtkind zu
stellen, ob es von dem zauberhaften Maus- oder Wieseltrank genossen
habe: edisti de liquore, in quo mus aut mustella mortua invenitur? Das
Verbot gegen diesen Trank wird von mehreren Kirchenschriftstellern,
darunter Regino und Burchard von Worms wiederholt, zugleich den
Bischfen aufgetragen, bei der jhrlichen Kirchenvisitation strenge
Nachforschung hierber anzustellen. Auffallender Weise aber lebt die
Unsitte bis heute fort. In baierisch Rosenheim gilt als probates Mittel
gegen Epilepsie eine Maus, die gewiegt, gekocht und verspeist werden
muss, und ein sehr verbreitetes kostspieliges Geheimmittel, welches von
Frankreich aus in Ruf gekommen ist, besteht nach neuerlich angestellter
Analyse aus pulverisirten Musen. Bavaria 1, 464. Nun behauptet zwar die
uns persnlich umgebende schweizerische Volksmedicin, Bettnsser seien
dadurch zu heilen, dass man ihnen eine in Wein destillirte Maus zu
trinken gebe; allein man lasse sich hiebei nicht dadurch irreleiten,
dass auch schon Plinius NG. 30, c. 47 den Kindern, welche den Harn nicht
verhalten knnen, gepulverte Muse unter der Speise zu essen verordnet;
denn diese Heilmethode grndet sich auf ein blosses Wortspiel und steht
nicht in entfernter Beziehung zu jenem dem Thiere beigemessenen,
dmonischen Charakter. Nach dem Medicinischen Lehrsatze, Gleiches mit
Gleichem zu vertreiben, schlgt nemlich Plinius vor, die Muskelschwche
am Halse der Harnblase durch eine eingenommene Maus zu heilen, da
latein. musculus beides ist, Muskel und Muslein. Die deutsche Medicin
nahm nicht bloss diese gleiche Benennungsweise, sondern auch die daran
geknpfte Heilmethode an, um so mehr, als beides ursprnglich unter dem
Einflusse der wlschen Universitten zu Padua und Montpellier stand.
Peter Vffenbachs Newes Artzneybuch ist eine Uebersetzung der Chirurgie
des Hieron. Fabricius ab Aquapendente, Professors zu Padua, und schreibt
daher (Frankfurter Ausgabe von 1605, S. 127) wrtlich nach: "Das
Bettharnen der Kinder entsteht, wenn das Musslin, so umb den Hals der
Harnblasen herumbliegt, verletzt wird und dem Willen des Menschen nicht
mehr gehorchen kann." Die spteren Aerzte gebrauchen denselben Ausdruck
und pflanzen den daran geknpften Aberglauben fort. "Der Geist kumpt
durch die mssly vnd neruen vssgespreitet zum hirn", schreibt der
Zrcher Arzt Jak. Rueff, von Empfengknussen, Zrich 1554, Blatt 126b;
Johann von Muralt lehrt in seinem Hippocrat. Helvet., Basel 1692, 45:
"Wann die junge Kinder so hart verstopft, also dass jhnen der Leib
auflauft, so gib jhnen ein wenig Mausskoht mit der Muttermilch ein."

Ein hnliches Wortspiel scheint nach Nork, Realwrterb. 3, 125, der
schon vorhin erwhnten Stelle l. Sam. 6, 5 zu Grunde zu liegen, weil die
dorten enthaltenen Stichwrter Pestbeule und Maus im Hebrischen
stammverwandt sind und Maus im Syrischen auch ein Geschwr bedeutet.

Der Name Maus, sanskrit mscha, abgeleitet von der Wurzel msch,
stehlen, bezeichnet einen Dieb, weshalb denn das indische Gesetzbuch
Yajnavalkya III, 214 (bers. von Stenzler) zustimmend besagt: "Eine Maus
wird der Getraidedieb sein, denn wie die verschiednen Gegenstnde sind,
so sind auch die Gattungen der lebenden Wesen." Das Wort behlt diesen
Begriff in allen indogermanischen Sprachen bei: mausen bedeutet stehlen.
Quasi mures semper edimus alienum cibum, lsst Plautus in den Gefangenen
den Schmaruzer sagen. In des Hieron. Bock Teutscher Speisekammer, 1555,
sagt das Vorwort:

    Mein frischgebachen brot
    muoss leiden vil der not
    von hunden vnd von katzen,
    von meusen vnd von ratzen,
    zerhlchen's, schliefen drein,
    wolt, sie schwimmen im Rhein!

Die Regeln der Haus- und Landwirthschaft setzen daher seit ltester Zeit
fr bestimmte Zeitfristen allgemein beobachtete Ueblichkeiten fest,
durch die man dem schdlichen Einfluss des Thieres zuvorzukommen
glaubte, indem man theils ihm selbst, theils den Geistern opferte, in
deren Gefolge es erschien. Deutliche Spuren hievon liegen noch in
unseren Fasnachts- und Erntebruchen. Man darf um Weihnachten und
Fasnacht, wo die Elben in Mausgestalt ihre Julzeit, halten (Volksglauben
in der Mark), oder wo nach oberdeutschem Glauben Berchta-Holla ihren
Umzug hlt, nicht spinnen, sonst zerzausen die Muse den Flachs. Das
Muslein beisst! ist ein besonderes Drohwort, gleichwie im Gedichte von
den Sieben Schwaben der gewichtigste Fluch lautet: Dass dich das
Muslein beisst! denn alles was man in der Fasnacht spinnt, das fressen
die Muse (Aargau). Man darf alsdann die Muse auch nicht bereden, sonst
stehlen sie das Korn von der Schtte. Anstatt Maus sagt man dann (nach
Kuhns Nordd. Sag. pg. 411) Bnlper, Scheunenbodenlufer, in Dnemark
Tede, die Kleinen. Noch im vorigen Jahrhundert hielt man diesen Brauch
so fest, dass der dnische Ortspfarrer Laurids Muns (gestorben 1774)
whrend der berufenen Weihnachtszeit bei seinen Pfarrkindern stets nur
Herr Tede genannt wurde. Handelmann, Nordalbing. Weihnacht. pg. 13. Die
Rindfleischsuppe, die vom Fasnachtsdienstag im Kochkessel brig bleibt,
schttet man gegen die Kornmuse in die Mauslcher. H.L. Fischer, Buch
v. Abgl. 1790. 1, 237. In Grochwitz bei Torgau bckt man die
Fasnachtskchlein. in einer Eisenform, von der es heisst, man stosse mit
ihr dem whlenden Maulwurf die Schnauze ab. Man erkauft also hier das
Gedeihen der knftigen Ernte mit einem Opferbrode voraus. Dasselbe gilt
in Altbaiern; hier wird dem Gesinde des Hofbauern die Mehlspeise der
gebacknen Muschen als Fasnachtsgericht aufgesetzt; dafr hat es theils
bei Nacht, theils schon vor Sonnenaufgang die Strohbnder fr die Garben
der Ernte vorauszuflechten; da die Muse dieser Nachtarbeit nicht mit
zusehen knnen, so werden auch die Garben vor ihnen sicher bleiben,
jedoch vermehren sich die Muse, wenn man ihnen ber dieser Arbeit
flucht. Bavaria 2, 300.

Beim Einbringen des Korns stellt man drei Garben mit den Aehren nach
unten gekehrt in die Tenne; dies gehrt den Musen, die hiemit sich
begngen und den Geizigen heimsuchen mgen. Die Beinchen vom
Osterfleischkuchen, welcher aus Teig mit gehacktem Kalbfleisch besteht,
streut man gegen das Whlen des Maulwurfs in dessen frische Gnge.
Grohmann, Bhm. Abgl. S. 58. In bhmisch Raudnitz hebt man vom Schmalz,
worin man die Fasnachtskrapfen bckt, bis zur Ernte auf und salbt damit
die Rder des Erntewagens. Sobald dieser vor der Scheune ankommt, fragt
der abladende Knecht den Fuhrmann: Was fhrst du? Dieser antwortet: Die
Katze fr die Muse. Alsdann werden keine Muse in die Scheune kommen.
Schon die Brosamen vom Weihnachtsmahl schttet man in die Scheunentenne
und spricht: Muschen, esst diese Brckchen und lasset das Getreide in
Ruhe! Grohmann, Apollo Smintheus 38. 27. Im Wittgensteinischen wird in
die erste Scheunengarbe ein Kse gebunden und der sie Abladende fragt
den Fuhrmann Wann haben wir Christtag? Antwort: Ich weiss es nicht. Ei,
erwiedert Jener, so wissen die Muse auch nicht, wo ich meine Gerste
hinlege. Kuhn, Westf. Sag. 2, S. 187. In des Albertus Magnus Egypt.
Geheimnissen Heft 3, 73 heisst es: "Wann du das Korn zum ersten
einfhrst, so nimm die erste Garbe, die du in den Baren legst, in deine
rechte Hand und sprich:

    Da leg ich dem Menschen das Brot
    und allen Musen den bittern Tod."

Meklenburger Erntebrauch ist, den ersten Kornwagen nicht abzuhalmen, auf
dass die Muse das Korn nicht fressen. Schiller, Thier- und Kruterb.
3, S. 9a.

Hier folgt nun eine Beschreibung der zu verschiednen Jahreszeiten in
Mausform gebackenen Zweckbrode.

Mit erstem Frhlingsbeginn nimmt die oberdeutsche Buerin junge
Salbeibltter, wickelt sie in Eierteig und bckt sie in Butter ab;
hinten muss dann der Blattstiel gleich einem Mausschwnzchen aus der
Nudel vorstehen. Die um dieselbe Zeit fr den Marktverkauf gebackenen
grsseren Brodnudeln haben eben dieses Schwnzchen, doch ist es ein
thnernes, damit die Kinder darauf pfeifen knnen. Marx Rumpolts
Kochbuch von 1581, Bl. 167b whlt zur Einlage in dieses Mehlmuslein die
Pflanzen Bertram, Borrag und U. Frauen Bltter. Noch lter ist folgende
Notiz in der Inkunabel Kuchenmaistrey, o.O.u.J. Blatt 19. 20: ein gutz
gebachen von Salvey. nim dr leutzbiren vnd mach sie schn. sed sie
weich vnd stoss sie in einem morsser. bestreich ein saluenblat damit vnd
deck ein anders daruber, druck sie auch sitlichen zusammen, dz sie auch
bey einander bleiben. mach ein straubenteiglein mit honig vnd wein,
zeuch es dardurch vnd bach es. Auch Fischart im Gargantua cap. 8 singt
von dieser Nudel:

    Bachen wir ein Kchelein,
    Meuselein und Streubelein
    Und trinken auch den khlen Wein,
    Kaku-kaka-nai,
    Dass man frhlich sei.

In A. Corrodi's Zrcher Idyll De Dokter (Winterthur 1860, S. 45) heisst
es von der stdtisch bereiteten gezuckerten Mausnudel:

    Msli, weischt, du knnsch es ja wol, sind gar nid z' verachte,
    Wmm de Zucker nid spart und wmm cha gnueg devu esse.

Beim aargauer Landvolke im Frickthal und im Hallwiler Seethal wird nach
beendigtem Kornschnitte dem Gesinde die Mslinudel aufgestellt, aus
Kernenmehl, schmalzgebacken. Unter demselben Namen wird sie in Altbaiern
demjenigen unter den Dreschern heimlich zugeschoben, auf den der letzte
Drischelschlag gefallen war, und er heisst davon beim Dreschermahl
scherzweise der Maushter. Panzer, BS. 1, no. 405. In Frankreich schtzt
man einen in Arras, Bthune und St. Quentin einheimischen
Kse-Pfannkuchen Namens Ratons, beides bezeichnend, Ratte und
Eierkuchen. Ein Steinbild in der Nrnberger Lorenzokirche mit einer
eignen Sage wird fr eine Ratte mit der Bratwurst angesehen. Schppner,
Sagb. no. 641.

Gertruds Name verrth sich zwar bei diesen Erntespeisen nicht, wohl aber
werden die ihr geweihten Pflanzen und Wappenthiere in den weiteren
Erntebruchen, besonders beim Heuschnitt erwhnt. In Schwaben sammelt
man am Himmelfahrtstage Maushrleinkraut, gnaphalium dioicum, und hngt
es gegen Blitzschlag in Haus und Stall. Meier, Sag. 2, 399; in Baiern
wirft man Frauenschhlein, melilotus, und Gertrudenkraut gegen Abwendung
des Hagelschlags ins Sonnewendfeuer. Panzer, BS. 1, 212. Gertruds Wagen
und Gespann ist in nachfolgenden Sagen hervorgehoben. In der Stadt
Grimmen fhrt in der Walburgisnacht ein mit vier Musen bespannter Wagen
umher, dessen Kutscher hahnenfssig ist. Temme, Volksag. von Pommern
und Rgen 329. Hier ist in des Kutschers Gestalt Donars Erntehahn nicht
zu verkennen. Beim Prinzessinnen- oder Teufelsstein, einem Felsblock bei
Kpenick, erscheint abwechselnd der Geist eines alten Mtterleins, das
gebckt am Stabe geht, oder einer Prinzessin, die ihr Haar kmmend sich
im Spiegel des dortigen Sees beschaut und dreimal um die Kpenicker Flur
getragen zu sein verlangt; dabei kommt ein schwer geladner Heuwagen
heran, von vier kleinen Musen gezogen. Kuhn, Mrk. Sag. no. 111. Bei
Marne in Sdditmarschen fliesst der Geldsot, in welchem ein Braukessel
mit einem grossen Schatz versenkt liegt; nchtlich kommt dorten ein
Fuder Heu gefahren, von sechs weissen Musen gezogen und vom
Schimmelreiter begleitet. Letzterer aber ist bekanntlich Wuotan selbst.
Bechstein, DSagb. no. 171. Wie hier der Geldsot eine Wunderquelle ist,
so kennt solche nach Gertrud benannte Heilquellen besonders die Legende
der Rhn- und Spessartgegenden, wo die Heilige als Karls des Grossen
Tochter gilt. In den gekruselten Wellen der Mainstrmung glaubt man
dorten nchtlicher Weile Gertrudens Fussspuren schimmern zu sehen;[21]
wo sie zum Gebete niedergekniet hat im Felde bei Rohrlaha, bleibt die
Stelle ewig unbebaut (Herrlein, Spessartsag. 68. 126. 127. 131.) Ihr
daselbst kirchlich verwahrter Mantel wird Frauen umgehngt, welche
Mtter zu werden wnschen. Das Gebet zu ihr lindert die Geburtsschmerzen
und frdert die Geburten. Jac. Schmid, Leben hl. Hirten und Bauern, 3.
Th. 52. Der Kinderbringer Storch ist daher unter ihren Attributen und
sitzt an den ihr geweihten heilkrftigen Quellen. Zingerle,
Gertrudenminne S. 50. Schppner, Bair. Sagb. n. 976. In der
Gertrudenkapelle zu Bamberg hrte jener Edelknabe, der auf den "Gang zum
Eisenhammer" (Schillers Ballade) geschickt war, erst noch die Messe und
entgieng darber dem Tode. Schppner, no. 207. Whrend sie auf Schloss
Karleburg am Main einen Frauenconvent grndete, wurde ihrem Priester
Atalong von Schulknaben die Stelle verrathen, wo die Leiche des hl.
Kilian unrhmlich verscharrt in einem Rossstalle lag. Da Atalong dieser
Nachricht misstraute, so liess ihn dafr der Heilige erblinden, stellte
ihn jedoch alsbald wieder her, nachdem er einer ihm zu Theil gewordenen
Vision Folge gegeben hatte. So meldet die alte Aufzeichnung (bei Ign.
Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg. 799), ohne jedoch den Vorgang der
Heilung Atalongs zu berichten; letzteres thut die lebende Sage. Gertrud
gieng eines Tages von der Karleburg nach dem benachbarten Waldzell, an
dessen Klsterlein sie Stiftungen gemacht hatte, und blieb erschpft und
drstend in der Einsamkeit stehen, als pltzlich ein Storch vor ihr
aufflog. Zur Stelle entsprang die Gertrudisquelle, deren Wasser kranke
Augen heilt. Bavaria IV. 1, 493. Archiv des histor. Vereins von
Unterfranken 13, 154.

Nun ist noch des Brauches zu gedenken, der altherkmmlich,
weitverbreitet, und langandauernd gewesen ist: Gertrudis Minne zu
trinken.

Der Germane weihte dem Angedenken (ahd. minni ist memoria) seiner Gtter
und Stammhelden bei Opfern, Hochzeiten, Abschiedsschmussen feierlich
den ersten oder letzten Becher. Wie die Alemannen eine Kufe Bier sotten,
um sie auf Wuotans Minne zu trinken, meldet aus der ersten Hlfte des
siebenten Jahrhunderts die Lebensbeschreibung des hl. Columban. Nach der
Bekehrung trank das unter christlicher Hlle fortlebende Heidenthum
"Krists, Michaels, Marien, Gertruden und Johannis-minni." Grimms Myth.
53 ff. hat darber aus unsern einheimischen Quellen vom 11. Jahrhundert.
an eine Reihe Belegstellen gesammelt, deren Ergebniss ist, dass es im
Mittelalter vorzugsweise zwei Heilige waren, zu deren Ehre Minne
getrunken wurde, Gertrud und Johannes der Evangelist. Dasselbe zeigt
auch J.V. Zingerle's Schriftchen: Johannissegen und Gertrudenminne
(Wiener Jahrbcher 1862). Heut zu Tage scheint diese kirchliche Sitte
nur, noch fr Johannis zu gelten (so z.B. im Kanton Wallis);
Gertrudenminne zu trinken war in Holland und Belgien allgemein blich
gewesen und soll dorten aus Abscheu vor dem Andenken an den Verrther
Gysbrecht abgekommen sein, dem sein Schlachtopfer, Graf Floris von
Holland, vergeblich Gertrudenminne zugetrunken hatte. Wolf, Ndl. Sag. S.
699. Den Johannissegen pflegt man heute des Reiseschutzes wegen zu
trinken; mit dem Gertrudensegen aber glaubte man fr den Fall, dass der
Scheidende von seiner Reise nicht mehr zurck kehre, sich eine _gute
Herberge_ jenseits zu sichern, da der abgeschiednen Seele ihre erste
Nachtruhe eben bei St. Gertrud angewiesen ist; und darum wurde diese
Heilige aus einer Seelenherrin spter eine Patronin der Reisenden. Das
Glas, aus dem man in den Niederlanden ihre Minne trank, hatte die Form
eines Schiffchens (Wolf, Beitr. 2, 108), als Andeutung nicht bloss der
weiteren Reisen, die man in den Niederlanden zu Schiffe machte, sondern
jener weitesten, welche ber den Todesstrom fhrt und unsern Ausdruck
Absegeln fr Sterben zur Folge hat. Von dieser Seelenberfahrt handelt
Deutscher Glaube und Brauch 1, 173, und dorten ist die redende Stelle
aus einer Einsiedler Handschrift angefhrt: "wenn die menschen sterbend,
so far die sel durch das wasser." Darum auch zeigte das schon erwhnte
Strassburger Kirchengemlde St. Gertrud mit zu Schiffe, und die
Gertrudenlegende (A. SS. sec. II. pag. 465) berichtet, wie die Schiffer
des Klosters Nivelles bei heiterem Wetter einem wundersam grossen
Fahrzeuge begegnen, das sich rasch in ein strmendes Meerungeheuer
verwandelt und ihnen den Untergang droht, aber sogleich versinkt, als
sie dreimal Gertrudens Hilfe anrufen. Aus solchem schiffhnlichem
Trinkgeschirre schenkte Gertrud den Schatten den Erinnerungstrank, wie
Freyja und ihre Walkren den Asen den Meth. Ein Nachklang an dieses in
Walhall ausgebte Mundschenkenamt liegt noch in der Gertrudenlegende der
Bollandisten, A. SS. tom. I. ad diem VI. Januarii, wornach eine andere
Gertraud, welche hier nur Venerabilis genannt ist, in ihren jngeren
Jahren Kellnerin in verschiednen Wirthshusern Hollands gewesen war; sie
trgt den Beinamen Von Osten, weil sie unter den Zechliedern der
Wirthsgste das geistliche Lied "Es taget auf von Osten" gedichtet und
fters hergesungen hat. Sie war ein Bauernkind aus dem Dorfe Voorburch,
zwischen Delfft und Grafenhaag, trat mit ihren beiden Freundinnen Lielta
und Diewardis, die gleichfalls Dienstmdchen gewesen, in das Beginenhaus
zu Delfft und starb hier 1358. Bei andern Autoren wird sie abwechselnd
eine Beata und Sancta genannt.

Die in der Figur Gertruds enthaltenen Zge der Walkre sind ausser ihrem
schon anfangs erklrten mythischen Namen nachfolgende.

Sie ist des von ihr erwhlten Mannes schtzender Gefolgsgeist, seine
Fylgja, lsst sich mit ihm in ein Ehebndniss ein, schtzt ihn mit
Gefahr ihres eignen Lebens vor den feindlichen und den hllischen
Waffen, reitet fr ihn ins Gefecht und hinterlsst ihm, wenn sie nach
dem Schluss des Schicksals verschwinden muss, einen gesegneten Besitz
und tchtige Nachkommenschaft. Die elbische Waldfrau, welche des
Hofbauern Untermoser Eheweib geworden war, hatte diesem untersagt, sie
je um ihren Namen zu befragen. Einst aber war er Ohrenzeuge, wie ein an
der Wiese vorbeigehendes Waldfrulein im Gesprche mit seinem Weibe
dieses Gertrud nannte; unvorsichtig wiederholte er ihr diesen Namen und
weinend musste sie hierauf Mann und Kinder fr immer verlassen.
Scheidend ergriff sie einen Eisenstab, stiess ihn ins Feld und sprach:
So lange von dem Stecken noch eine Ader bleibt, wird jeder Untermoser
gut hausen. Und dies Wort ist bis heute in Erfllung gegangen. Panzer,
BS. 2, S. 46. In Wolfs Ndl. Sag. no. 42 und 358 ist ein hnliches
Bndniss im Tone der Ritterzeit erzhlt. Riddert von Berkhof hatte sich
dem Teufel verschrieben, veranstaltete nach abgelaufener Frist seinen
Freunden ein grosses Abschiedsmahl; trank ihnen zum Schlusse einen
Becher Geerdenminne zu und ritt darauf der Linde beim Kirchhofe von
Heppener entgegen, wo der Bse bereits seiner wartete; doch der Satan
konnte ihm nichts anhaben, denn nun sass hinter Riddert die hl.
Gertrud, deren Minne er vorhin getrunken, selbst mit zu Rosse. Dieser
Vorfall war spter in der Heppener Kirche knstlich gemalt zu sehen.
Mittelhochd. Dichtungen tragen hnliches auf die hl. Maria ber, die als
Schutzgeist eines Gefhrdeten hinter ihm mit zu Rosse sitzt; mehrfache
deutsche Sagen lassen sie sogar mit oder fr den Schutzbefohlnen aufs
Turnier ziehen und in Gefechten mitkmpfen. Wolf, Beitr. 1, 192, folgert
daraus, dass Maria hier an die ursprngliche Stelle der kriegerischen
Frouwa getreten sei, welche als Valfreyja zwar auf ihrem Gtterwagen mit
zum Kampfe fuhr, allein als Vorsteherin der reitenden Walkren
gleichfalls das Schlachtross besteigt und sich ins Schlachtgetmmel
mischt; eben dahin sei denn auch jene Kirche in Vorderditmarschen zu
deuten, deren Name ist Unse leve Fru up dem perde.

       *       *       *       *       *

Im Jahre 1867 hat J.V. Scheffel, der Verfasser des Ekkehart, auf einem
gallormischen Grabfelde zu Rheinzabern das Stellfigrchen einer aus
Terracotta geformten Maus nebst demjenigen eines Hhnchens ausgegraben
und beides uns zu einem hchst schtzbaren Andenken bersendet. Der
Fundort, das alte Tabernae Rhenanae, der ergiebigste an rmischen
Alterthmern in der ganzen Rheinpfalz, hat jngst auch zur Entdeckung
eines wohlerhaltnen Brennofens gefhrt; man erhob daselbst eherne
Legionsadler, Broncefigrchen, Meilensteine, Mnzen aus dem 4.
Jahrhundert. Im benachbarten Orte Hert wurde 1829 ein dem unsrigen ganz
gleiches Hhnchen aus Glas gefunden. Die Figur der Maus ist phallisch
dargestellt und entspricht dadurch dem Hahn, dem Symbol der
Regenerationskraft. Die Maus trgt eine Schelle um den Hals gebunden;
denn nach Apollodor (Fragmente) wurde fr Sterbende Erz an einander
geschlagen und die Spartaner geleiteten ihre Knige unter Glockenton zu
Grabe; "der Erzklang sollte die Seele reinigen und entzaubern von der
Macht der Dmonen." Creuzer 4, 401. Ebenso verkndet das Krhen des
Hahnes das Licht des neuen Tages.

Ein zweites Abbild, die Maus mit den vier Jungen, ist uns durch Hn.
Hermann Brunnhofer aus Oxford berbracht worden. Die Figur ist aus
ungesuertem Teig gebacken und mit Eierklar glasirt. Die Landleute aus
der Umgegend von Oxford pflegen derlei Brodfigrchen auf den dortigen
Weihnachtsmarkt zum Verkauf zu tragen. Sie sind zwar nicht zum Essen
bestimmt, sonder dienen als Zierat auf Thr- und Kamingesimse, finden
aber ihr Ende zuletzt doch im Kindermagen.

       *       *       *       *       *

FUSSNOTEN:

[13] Selbst der altmexikanische Glaube schon schrieb vor: Ein
Wechselzahn muss in ein Mausloch gelegt werden, sonst wachsen die Zhne
nicht mehr. Waitz, Anthropol. der Naturvlker 4, 165.

[14] Firmenich, Vlkerstimm. 3, 112.

[15] Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.

[16] Simrock, Kinderbuch 1, no. 338. 340.

[17] Curtze, Waldecker Volksberlief. S. 285.

[18] Alemann. Kinderlied.

[19] Harun al Raschid trumte, alle seine Zhne seien ihm ausgefallen;
der Traumdeuter erklrte dies dahin, der Monarch werde alle seine
Verwandten berleben. Rosenl, oder Sagen des Morgenlandes 2, 85. Das
Wahrzeichen der indischen Todesgttin Kali ist der schwarze Zahn, der
alles benagende Zahn der Zeit.

[20] In dem Gebetbuch Himmlisches oder Geheiligtes Jahr, Einsiedeln bei
Reymann 1686, Erster Theil, ist unterm 28. Mrz der hl. Knig Guntram
abgebildet, schlafend unter einem Baume neben einem Bchlein. Ueber
dieses legt der Kriegsknecht das Schwert, und die aus Guntrams Munde
gekommene Maus luft darber dem Berge zu, der im Hintergrunde mit
offnem Thore sich zeigt. Das dazu gesetzte Gebet ruft den hl. Guntram
an, weil er seine Schtze den Armen geschenkt und dafr einen ihm von
Gott im Schlafe gezeigten verborgnen Schatz erworben habe.

[21] Die hl. Jutta von Sangershausen, erst eine Kammermagd der hl.
Elisabeth von Thringen, nachher Dienstmagd auf einem Hofe bei Kulm in
Preussen, berschritt hier die grossen Teiche, die zwischen ihrer
Wohnstatt und der Stadt lagen, jeden Sonntag, um rechtzeitig in die
Messe nach Kulm kommen zu knnen. Noch lange nach ihrem Tode war ihre
Fussspur in jenem Gewsser wahrzunehmen. Jac. Schmid, Kleine
Ehehaltenlegend 2, 39. So sieht man in mondhellen Nchten auf den Wellen
der Aare bei Gauenstein die Fusstapfen schimmern, welche hier Knigin
Berta zurckgelassen. Aargau. Sag. no. 2. Smmtliches erinnert an Homers
silberfssige Thetis und goldenfssige Hera.

       *       *       *       *       *




Nachtrge.


[Nachtrag 1] Die Beschreibung, wie man bei der Feier der Maispiele _den
Sommer ins Land ritt_ und in Scheingefechten den Winter besiegte, hat
ihre neueste Vervollstndigung gefunden durch die drei Bildergruppen
eines altdeutschen Teppichs auf der Wartburg, dessen Contouren im
Anzeiger des German. Museums 1870, no. 3 mitgetheilt sind. Sie stellen
die Berennung und Vertheidigung einer Burg durch Wilde Mnner dar. Aus
einem Laubwalde sprengen sechs Reiter hervor, Laubzweige schwingend, um
Haupt und Lenden Epheukrnze tragend, jeder auf einem phantastischen
adlerklauigen Rosse, dem sg. _Wasser-_ oder _Pfingstvogel_. Voraus
reitet der Maiknig, kenntlich durch seine offne Goldkrone mit dem
Ornamente der drei stumpfen Bltter, ber welche sein Hirschgeweih
emporragt. Daher heisst er in Oberdeutschland _Hirzmontagreiter_. Um die
Hfte trgt er einen Grtel von Rosen. Er und sein Gefolge schiesst mit
Pfeil und Speer Rosen in die gegenberliegende Burg. Ihre Absicht steht
auf den sie umgebenden Spruchbndern zu lesen.

    Wol vf alle mine wilden man,
    wir wellent festen und buirge han.

    Schiessen alle, nieman lss abe
    an bte gewinnen, will einer habe.

Die angegriffne Burg ist mit einem Wassergraben umgeben, den ein vor den
Sommerreitern her eilender Jngling mit herbei getragnen Brettern zu
berbrcken strebt. Von den Zinnen herab kmpfen fnf dicht in
Wollenfliesse gekleidete Mnner, die Winterknige; denn auch sie tragen
Kronen wie der Maiknig und schiessen und schleudern lauter Lilien. Ihr
Burgwart am Sller stsst ins Rom; das Spruchband ber ihnen besagt:

    Vnser vesten, die ist wol behuot
    mit gilgen, klewen, rosenbuot.

Links im Bilde, woher die Reiter kommen, wird auf blumigem, von allen
Frhlingsthieren belebtem Rasen ein grosses Lustzelt aufgeschlagen, in
welchem die Maiknigin bereits Platz genommen hat. Auch sie trgt die
offne Goldkrone im wallenden Haare. Ueber ihre Kniee ist ein Tafeltuch
gebreitet, darauf Kopf und Schinken des zerlegten Ebers; zwei
Gesellschafter bedienen sie.--Schon Friedrich Panzer hat im zweiten
Bande seines Sagenwerkes auf Taf. IV die Gestalt des _Wasservogels_
abbilden lassen, wie er sie auf einem Wandbilde zu Forchheim im dortigen
alten Schlosse, jetzigem Rentamt, vorgefunden. Die 3 Fuss lange, 2 Fuss
hohe Figur zeigt einen Reiter, in der Festmaske des Wasservogels
agirend. Vor dem Gesichte hat er eine ungemein lang geschnbelte
Vogellarve, mit welcher ein wallender Kinnbart, ein massiver Ring im
Ohre und auf dem Haupte die offene Krone verbunden ist, die gleichfalls
das dreifache Bltterornament zeigt. Im Luft hngt ein kurzes krummes
Schwert (das sg. _Pfingstschwert_), in der Linken schwingt er die Lanze,
mit der Rechten lenkt er die aus Kettenblumen enggeflochtnen Zgel
seines schwanenhalsigen Rosses. Ross und Reiter sind von Seerosen
arabeskenhaft umrankt.

[Nachtrag 2] Als man beim Bildersturm zu Zurzach 1529 die
Verenareliquien untersuchte und vernichtete, fanden sich in einem
Eisensrglein neben Rckgratstrmmern vier apfelgrosse Lehmkugeln. In
den von mir erffneten und beschriebnen heidnischen Waldgrbern zu
Lunkhofen haben sich ganz gleiche Lehmkugeln in der Asche des
Leichenbrandes vorgefunden und werden nun in der aargauer
Alterthmersammlung aufbewahrt; vgl. Argovia V, 265.

[Nachtrag 3] Das mhd. Gedicht von der hl. Verena nennt den Ort Zurzach
_Zerzyaca_. Durch diese Namensform wird die sprachlich schon sich
verrathende spte Entstehung dieses Gedichtes weiter besttigt. Es
leitet nemlich der Ortsname Certiacum ab von einem bei Egid Tschudi in
der _Gallia comata_ S. 137, und in Stumpfs Schweiz. Chronik erwhnten
rmischen Votivsteine zu Zurzach, welcher dem _Junius Certus_ aus dem
Voltinianischen Geschlechte von seinem gleichnamigen Erben gesetzt
worden. Dieser Stein ist nachmals durch Unvorsichtigkeit zerschlagen,
die oft citirte Inschrift aber lngst als unecht erkannt worden.

[Nachtrag 4] Die beiden Gefolgsthiere Gertrudens, Kukuk und Specht,
gelten mancher Orten gleichmssig als weissagende Liebesboten. In
Deutschbhmen entnimmt man aus dem Spechtschrei ein Wahrzeichen, ob man
bald heiraten werde; der Specht hat es besttigt, sagt man dann.
Grohmann, Abgl. S. 70.

       *       *       *       *       *




Wortregister.


Ankenbrt.
Ankenschnittenprozession.
Ara, Aarefluss bei Solothurn.
arbaiz, Erbsen.
Aufburg bei Zurzach, rm. Castrum.

Becker und Beckerin, in Kukuk und Specht verwnscht.
Bilihildis, hl., aus frnkisch Veitshochheim.
Brod,
  den Elementen geopfert.
  Erntebrod.
  Eulogienbrod.
  gegen Tollwuth.
  gegen Wolfshunger.
  phallische Zweckbrode.
  Brodkipf Verenas und Rategundis, in einen Kamm verwandelt.
Brunnen Walburgis,
  im Elsass.
  in Franken.
  in Holland.
  in Tirol.
Brustbein Walburgis.
Butterschnitte,
  als Prservativ und Heilmittel.
  bei kirchl. Prozessionen.
Buttergewinn, zauberischer.

Elben in Mausgestalt.
Emmetsheimer Steinbild phallisch.
Erntebrode.
Ernteopfer.
Eulogienbrod.

Fadenziehen, ein Liebesorakel.
Florina von Mazorit, die den Wintersturm stillende Flurheilige.

Gertraud von Osten.
Gertrud,
  Verstorbene beherbergend.
  zu Rosse.
  als Waldfrau.
  Gertrudenkirchen,
  niederdeutsche.
  ostfrnkische.
  Gertrudenkraut.
  Gertrudenminne trinken.
  Gertrudentag, Kalenderregeln.
  Gertrudenvogel.
  Gertrudens Fusstapfen in den Mainwellen.
  G's Mantel.
  G's Spindel mit den zwei Musen.
  G's Schiff als Trinkgefss.
  G's Wagen.
Gnadenstein Walburgis.

Hagel, ein Knig.
Hagelfeierpredigten.
Hagelsquelle.
Heiden- und Schnbrunnen.
Heidenkirchen,
  als sptere Walburgskirchen.
  als sptere Verenakirchen.
Heilquellen Verena's.
Heilwag.
Helgenbronn.
Holpurga.
Honigfall.
Hund,
  als Walburgis Gefolgsthier.
  als das anderer Gttinnen.
  als Speisenname.
  gegen Sturmwind und Kornbrand geopfert.
Hhner, kirchlich geheiligte.

Ksbrunnen.
Kleinkinderbrunnen.
Kleinkindersteine.
Klumpfsse,
  durch Walburg geheilt.
Konstanzer Bisthumsgrenzen.
Kornhre,
  Mittel gegen Hundebiss.
  Mariae und Walburgis Emblem,
  das des hl. Oswald.
  Sinnbild von Obereigenthum.
  der Truden Zaubergestalt.
Korngarbe, Walburgis Versteck.
Kriemhiltengraben am Jung-Albis.
Kukuk,
  ein verwnschter Becker.
  auf dem Binsensthlchen weissagend.
  als Lebensorakel.
  als Theuerungsprophete.

Lehmkugeln,
  in Heiligengrbern.
  in Heidengrbern, _s. Nachtrge_.
Lebermeer.

Maibad.
Maiengericht, dessen Kostenbetrag.
Maienthau,
  abstreifen.
  baden im Maienthau.
  Maienthau der Erdmnnlein.
  kosmetisch.
  medicinisch.
  sprichwrtlich.
  zauberisch.
Maigraf, Maigrfin.
  _s. Nachtrge_.
Mailehen ausrufen, Fest der heidnischen Mainfranken.
Mairitt.
Mauritius, Verenas Verwandter.
Maus,
  als Alb.
  vor Gericht geladen.
  als Ortsgeist.
  als Pestthier.
  als Seele wandernd.
  als Shnbild.
  als antikes Stellfigrchen in Grbern.
  in Gestalt des Zweckbrodes.
  als Stadtwahrzeichen.
Maus weisse, geheiligt.
Maustrank.
Maushrleinkraut.
Musegespann.
Muse machen.
Metzentanz in Zurzach.
Minnetrinken.
Mhle als Ort der Liebesabenteuer.
Mhlstein,
  als Rechtsmittel bei der Abkunftsprobe.
  schwimmender.
Mllerbruche am Verenentage.

Oel,
  hl., ein Augenmittel.
  aus Heiligenknochen.
  der Walburgishexen.

Ortschaften des Namens Walburg.
Oswald, Walburgs Bruder, ein gleichnamiges Ernteopfer.
Osterbad, reiten ins.

Pfeife, magisch wirkende.
Phallische Gtterbilder, ihr Zweck.

Reimsprche beim Meienpflanzen.
Richard, Walburgis Vater.
Rimleins- und Rmleinsbrunnen.
Roggenhre, Mittel gegen tolle Hunde.
Ross,
  Gertrudens.
  Verenae.
Rutscherzins.

Schnecke, als Kukuk angerufen.
Schuh,
  goldner Walburgis.
  Schuhwerfen als Liebesorakel.
  Schuhzins am Walberfeste.
Silber geschabtes, gegen die Tollwuth.
Solangia, die hl. von Villemont, den Flachsbau schtzend.
Sommer,
  den, ins Land reiten.
  _s. Nachtrge_.
Specht,
  als Gertrudenvogel ein verwnschter Becker.
  ein verwandelter Gott.
  als Liebesorakel _s. Nachtrge_.
Spindel,
  der hl. Walburg.
  der hl. Gertrud.
Spinnverbot an Walburgis.
Strketrunk.
Stillicidium Walburgs.
Storch, Gertrudens Vogel.
Strhl-Anneli.

Teufelsstein in Verenae Einsiedelei.
Thau abstreifen,
  zu Milch- und Buttergewinn.
  als Mittel gegen Kornbrand.
Thautrinken.
Tobel-Vreneli.

Valentinstag.
Venes- und Vrenesberge.
Venus in deutschen Orts- und Geschlechtsnamen.
Venus-Vrene,
  in dem mundartl. Tannhuserliede.
  in den Ritterdichtungen.
  Die Venus- und Vrenenhuser.
Verena,
  ihre Namensformen.
    Niederdeutsch: Fr Fren und Fr Fren.
    Rhtisch: Vereina.
    Schweiz: Frau Vrein. Frau Vrin.
  Verenabad.
  Ve. als Gebirgsriesin.
  Verenagrab, mit den aufgeopferten Brautkrnlein.
  Verenaloch:
    zu Baden.
    im Entlebuch.
    auf der Schafmatt im Jura.
  Mllerpatronin.
  Schifferpatronin.
  Verenareliquien.
  Verenastift.
  Verenatag als Gerichtstermin;
  Gesundheits- und Wirthschaftsregeln.
  Ve. als Weisse Frau 139.
Verenae,
  Bildsulen.

  Dienstross.
  Fingerring.
  Geburtsgrtel.

  Heilquellen.
  Kamm und Krglein.
  Katze.
  Kapellen und Kirchen i.d. Schweiz.
  Kapelle, ein Rmercastrum.
  Kleinkindersteine.
  Kindersegen bescherend.
  vierzig Mehlscke.
  Mhlstein.
Vrenelisgrtli, Gletscher am Glrnisch.

Walber,
  der Fhrer des Maienzugs:
    in eine Korngarbe gebunden.
    ein Bergname.
  Riesenname.
  Walberbaum.
  Walbernthau.
Walburg,
  als Flur- und Ortsname.
  mundartl. Namensformen.
  Die Heilige:
    als Nichte Winfrids.
    als Heidengttin.
    als Riesin.
    vor dem W. Jger in die Korngarbe flchtend.
  Walburga Westfalica.
Walburgis-kirchen,
  als Heidenkirchen.
  als Rmercastrum.
  Ortskirchen.
  hl. Quellen.
  Reliquien:
    Brustbein, lschwitzend.
    Stab.
    in Wittenberg und Kln.
    im Auslande.
  Schnheitswettstreit.
  Spindel und Goldschuh.
  Steinernes Venusbild.
  phallisch dargestellt.
  Wildgans.
Walburgistag,
  als ungebotne Gerichtszeit.
  Sage von der auf diesen Zinstag fallenden Befreiungsgeschichte der
      Landschaft:
    in Thringen.
    in Unterwalden und Friesland.
    in Ostpreussen.
Walper,
  Anna, als Hexe inquirirt.
  Walperherren, Walpermnnchen und -zins.
  Zug nach Walpern.
Walburga-Holpurga.
Wasserkirchen.
Wasserfrauen.
Wasservogel, _s. Nachtrge_.
Wechselzahn, der Maus geopfert und der Sonne.
Wiborada, die hl. v. Klingnau.
Whegazza.
Wilibald,
  der hl.:
    Walburgis Bruder.
    ein Hne.
  Wilibalds-Brunnen und -Ruhe.
Wolbersaue, Schloss in Ditmarschen.
Wolbermai.

Wolbrygabend.
Wolfszahn, Amulett.
Wunna und Wunnibald, Mutter und Bruder Walburgis.






End of the Project Gutenberg EBook of Drei Gaugttinnen, by E. L. Rochholz

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGTTINNEN ***

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