The Project Gutenberg EBook of Ohne den Vater, by Agnes Sapper

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Ohne den Vater
       Erzhlung aus dem Kriege

Author: Agnes Sapper

Release Date: March 22, 2004 [EBook #11677]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OHNE DEN VATER ***




Produced by Charles Franks and the DP Team


[Transcriber's Note: There is no seventh chapter in the printed
book from which this etext was made.]






Ohne den Vater

Erzhlung aus dem Kriege

von

Agnes Sapper




Erstes Kapitel.


Im gemtlichen Wohnzimmer eines Forsthauses in Ostpreuen sa ein
kleiner Familienkreis eng und traulich beisammen: der Frster Stegemann
mit seiner noch ganz jungen, lieblichen Frau, die ihr Kindchen in den
Armen hielt und versuchte, mit zrtlichen Worten und dem Spiel ihrer
Finger dem kleinen Geschpf das erste Lcheln zu entlocken. Neben ihr
lehnte Gebhard, ein krftiger, etwa zehnjhriger Junge; er sah nach dem
Schwesterchen, das so wohlig in der Mutter Armen ruhte, und wartete
gespannt, ob es noch einmal gelnge, das Lcheln hervorzuzaubern, das
vorhin wie ein Sonnenstrahl ber das Kindergesichtchen gehuscht war. Als
es gelang, sah er die Mutter beglckt an und wandte sich lebhaft an
seinen Vater: "Hast du es diesmal gesehen?"

Nein, er hatte es wieder nicht gesehen, weil ihm etwas anderes noch
anziehender war, als das erste Lcheln seines Tchterchens. Er hatte auf
Mutter und Sohn gesehen. Ihn freute, da diese beiden sich so gut
verstanden. Es war noch nicht lange her, da er diese junge Frau
heimgefhrt hatte, nachdem seine erste Frau, Gebhards Mutter, gestorben
war. Eine lange Reihe stiller Jahre hatte er mit dem Knaben verlebt, den
eine treue Magd schlicht und streng erzog. Innig nah standen sich Vater
und Sohn, ernst und pflichttreu war der Frster, anspruchslos der Junge.
Krftig wuchs er in der frischen Waldluft heran und machte von seinem
sechsten Lebensjahr an tglich einen stundenlangen Weg, um auf einem
benachbarten Gut an dem Unterricht mit den Knaben des Gutsbesitzers
teilzunehmen. Auf diesem Weg begleitete ihn ein treuer Hund des
Frsters, der schon immer sein Spielkamerad gewesen und jetzt sein
Beschtzer auf einsamen Waldwegen war.

Bei einem Besuch seiner Mutter, die in Sddeutschland lebte, hatte der
Frster das frhliche, liebevolle Mdchen kennen gelernt, das dann seine
zweite Frau geworden war. Noch immer war's ihm wunderbar und erfreute
ihn in tiefster Seele, da solch ein neues Familienglck in seinem
Forsthaus erblht war; und so sah er auch jetzt mit Wonne auf die junge
Frau, ohne da diese es bemerkte, denn sie war ganz von der Kleinen
hingenommen.

Jetzt stund sie auf und legte das Tchterchen sorgsam in den Korbwagen.
"So Jngferlein," sagte sie, "nach dieser groen Leistung, nachdem du
zweimal gelchelt hast, wirst du herrlich schlafen, drauen am offenen
Fenster!" Sie fuhr sachte den Wagen in das Schlafzimmer.

Gebhard wandte sich dem Vater zu. "Es ist so nett, wenn die Mutter
"Jngferlein" sagt zu einem so kleinen Kind, hrst du das nicht auch so
gern, Vater? berhaupt ist es jetzt so eine schne Zeit! So soll's immer
bleiben, wie es jetzt ist!"

Stegemanns Gedanken wurden durch diesen Wunsch herausgerissen aus der
friedlichen Umgebung.

"Gebhard, du denkst nicht an den Krieg, sonst knntest du nicht von
einer schnen Zeit reden, die bleiben soll."

"Aber wir siegen doch, und das gibt dann die allergrte Freude."

"Vorher werden viele Tausende von unsern deutschen Soldaten sterben!"

"Viele Tausende?" Gebhard wiederholte sinnend diese Worte und blieb eine
Weile ganz nachdenklich. Dann aber trat er dicht an den Vater heran und
begann mit eifrigen Worten: "Das darf man doch nicht so traurig sagen,
Vater? Die Soldaten ziehen doch gern in die Schlacht und wollen frs
Vaterland sterben? Wenn ich nur schon lter wre, und wenn du noch
jnger wrst, dann zgen wir miteinander in den Krieg, du wrst ein
Offizier und ich dein liebster Soldat und wenn du befiehlst:
'Freiwillige vor!' komme ich zu allererst. Aber mit zehn Jahren geht das
noch nicht, und du, Vater, gelt du bist schon zu alt, du hast doch schon
ein wenig graue Haare!"

"Die grauen Haare machen nichts; vielleicht komme ich doch noch daran.
Aber sei still, wir wollen damit der Mutter nicht angst machen."

Sie sahen beide nach der Tre, durch die die junge Frau eben wieder
hereintrat. Es lag noch der Schimmer mtterlicher Zrtlichkeit auf ihrem
Gesicht, als sie sagte: "Mein Jngferlein schlummert schon."

"_Dein_ Jngferlein, Helene? Mir gehrt es auch!" Er zog seine Frau
zrtlich an sich.

"Und ein wenig gehrt es auch mir, nicht, Mutter?"

"Freilich. Du wirst sehen, die kleinen Mdchen mgen die groen Brder
am allerliebsten, lustig wird's, wenn sie erst mit dir spielen kann!"

Das konnte sich nun Gebhard noch nicht recht vorstellen, aber lustig
war's ihm schon jetzt zumute und er sprang hinaus und hinunter in den
Hof, mit seinem Leo zu tollen, seinem liebsten Kameraden. Bald ging auch
der Frster, den sein Beruf oft halbe Tage lang abrief, und Helene blieb
allein.

Der Forsthof lag einsam am Waldessaum, nahe der russischen Grenze; nur
ein paar Niederlassungen waren in der Nhe, von denen die eine dem
Straenwrter gehrte, der die Grenzstrae zu hten hatte, die andere
einem alten Waldhter, der mit seiner Familie da hauste. Sonst waren
weit und breit keine menschlichen Ansiedelungen zu sehen, dunkler Wald
nach allen Seiten und groe Stille.

Die da heimisch waren--wie der Frster und sein Junge--, die liebten
diese Waldeinsamkeit, aber Fremden kam sie unheimlich vor. Auch Helene,
als sie aus ihrer sddeutschen Heimat, aus stdtischen Verhltnissen
hieher versetzt worden war, hatte anfangs furchtsam nach dem
Waldesdunkel hinbergeschaut und die Stille, whrend ihres Mannes und
Gebhards Abwesenheit, hatte sie bedrckt. Aber in ihren vier Wnden war
es ihr doch bald wohl geworden, denn da war sie von rhrender Liebe und
Verehrung umgeben. Nicht nur Mann und Sohn, auch Knecht und Magd, ja
sogar die Hunde, vom groen Kettenhund bis herunter zum kleinen Dackel,
alle zeichneten sie aus, wie wenn sie sich immer daran freuten, da
etwas so feines, sonniges, frhliches in ihre Waldeinsamkeit gekommen
war. Und jetzt, seitdem sie Mutter geworden und ihr Kindchen jede Stunde
um sich hatte, jetzt konnte das Gefhl der Einsamkeit gar nicht mehr
aufkommen. Sie war voll Glck und Wonne, ja so sehr, da sie manchmal
das schwere Geschick des Vaterlandes fast verga. Kam es ihr dann in den
Sinn, so machte sie sich im stillen Vorwrfe, sagte sich: kannst du denn
gar nicht unglcklich sein mit den vielen, die jetzt in Sorge und
Herzeleid sind? Dann legte sie schnell das Tragrckchen beiseite, das
sie besticken wollte, nahm den groben Soldatenstrumpf zur Hand, setzte
sich neben den Kinderwagen, strickte und strickte, sah dabei auf das
kleine Menschenknspchen, das neben ihr schlummerte, und war eben wider
Willen doch glcklich. Aber der Krieg mit seinen Schrecken und ngsten,
mit Sorgen und Jammer kam bald genug, ihr Glck zu stren.




Zweites Kapitel.


Es war eine stille Sommernacht zu Ende August, der Forsthof lag
friedlich, Mensch und Tiere hatten sich zur Ruhe begeben. Der Frster
allein war noch auf; die Zeitungen, die er diesen Abend erhalten hatte,
lagen vor ihm. Sie sagten ihm, wie nahe die Gefahr eines feindlichen
Einbruchs fr das Grenzland war. Auch einen amtlichen Brief hatte er von
seiner vorgesetzten Behrde erhalten, den Befehl, zunchst noch auf
seiner Stelle zu verharren.

"Zunchst;" demnach konnte in Blde die Anweisung kommen, den Forsthof
zu verlassen. Darauf wollte er alles vorbereiten. Er ordnete Papiere und
Wertsachen, um im Notfall alles Wichtige rasch bei der Hand zu haben,
und dann schrieb er an seine Mutter. Sie stand ihm sehr nahe, hatte
jedes Jahr in der Zeit seiner Vereinsamung die weite Reise von
Sddeutschland unternommen, um nach ihm und seinem mutterlosen Kleinen
zu sehen. Bei ihr fragte er an, ob Frau und Kinder Zuflucht finden
knnten, wenn sie die Heimat verlassen mten und er selbst sich dem
Vaterland zur Verfgung stellen wrde. Er hatte einst gedient und es war
ihm selbstverstndlich, da er an dem groen Kampf Teil nehmen wrde,
sobald ihn sein Amt im Forsthaus nicht mehr zurck hielt.

So sa er heute bis spt in die Nacht hinein am Schreibtisch, whrend
seine Frau sorglos schlief. Er hatte ihr nichts mitgeteilt von seinen
Vorbereitungen. Sie kam ihm so jung und zart vor, besa nicht die starke
Natur, die er selbst von seiner Mutter geerbt hatte, schien so recht fr
Glck und Sonnenschein geschaffen. Wie sie mit Schwerem zurecht kme,
wie sie Leid und Entbehrungen ertragen wrde, konnte er sich nicht
vorstellen. So wollte er ihr keine Last auflegen, so lange er allein sie
tragen konnte.

Mitternacht war es geworden, aber nun lagen auch alle Briefe und
Papiere geordnet und berschrieben vor ihm. Er hatte getan was geschehen
konnte und griff nun nach dem Neuen Testament; denn es trieb ihn, eines
von den Jesusworten zu lesen, die ihm oft schon Kraft gegeben hatten.
"Nicht mein sondern dein Wille geschehe." Er versenkte sich in die
Erzhlung vom Kampf Jesu in Gethsemane.

Pltzlich wurde die Stille des Forsthofes gestrt durch das Bellen des
Hofhunds. Stegemann horchte auf, hrte nichts, was den Hund beunruhigt
haben konnte. Aber das Bellen wurde lauter und auch die andern Hunde
taten mit. Stegemann ffnete das Fenster, schaute hinaus in die stille
Sommernacht, ging dann hinunter in den umzunten Hof, rief die Hunde,
die unwillig knurrten, zur Ruhe und lauschte. Jetzt unterschied auch
sein Ohr das Gerusch von sich nhernden schweren Tritten drauen auf
der Landstrae. Wer kam da bei Nacht? War es Freund oder Feind? Ihm
ahnte nichts Gutes. Er eilte rasch ins Haus zurck und nahm den Revolver
zu sich. Auch den Knecht wollte er rufen; der war aber durch das Gebell
schon wach geworden und trat mit der Laterne in der Hand zum Frster.

"Wenn's Russen sind, dann gnad uns Gott!" sagte der Knecht.

"Mach die Kettenhunde los; sie lassen keinen ber den Zaun."--

Wtend bellten die zwei groen losgelassenen Hunde und liefen aufgeregt
am Zaun hin und her. Von auen am geschlossenen Hoftor ertnte die
Glocke. Herr und Knecht sahen sich an. Wie aus einem Munde riefen sie:
"Russen sind das nicht, die klingeln nicht, die schlagen mit dem Kolben
an."

Der Frster trat nher.

"Wer ist drauen?" rief er. Und gut deutsch klang die Antwort:
"Preuische Infanteristen mit einem Befehl an den Frster."

Noch ein paar Fragen und Antworten wurden zu grerer Sicherheit
gewechselt. Dann rief der Frster dem Knecht zu: "Mach die Hunde fest."

Erst als die aufgeregten Tiere angekettet waren, konnte man wagen, das
Hoftor zu ffnen und die Soldaten einzuladen, die drauen harrten. Eine
Patrouille von fnf Mnnern war es, angefhrt von einem jungen Leutnant.
Statt der gefrchteten Feinde unverhofft einen Trupp wackerer Feldgrauer
auf dem einsamen Forsthof zu haben, das war ein Hochgefhl, vor allem
auch fr die gengstigte junge Frau, die wie auch Gebhard vom Lrm der
Hunde erwacht war und mit dem Knaben am Fenster stehend den Vorgang im
Hof beobachtet hatte.

"Preuen sind's, Preuen!" rief Gebhard, der zuerst beim Laternenschein
die Uniform erkannte.

"Wirklich! Gott Lob und Dank," antwortete die Mutter und machte sich in
fliegender Eile zurecht, um die unverhofften Gste zu begren und fr
sie zu sorgen. Aber noch ehe sie so weit war, suchte ihr Mann sie auf.

"Ich komme schon," rief sie ihm eifrig entgegen, "wollen die Soldaten
bei uns bernachten? Soll ich Betten richten?"

"Das nicht, sie halten nur kurze Rast; dann geht ihr Marsch weiter und
ich, ich mu sie begleiten."

"In der Nacht? Wohin?"

"Das darf ich dir nicht sagen; es ist eine Vertrauenssache, ein geheimer
Befehl, von dem auch nur der Offizier wei."

"Wie unheimlich, Rudolf! Wann kommst du wohl wieder?"

"Vielleicht schon in ein paar Stunden.--Wenn du nur schnell helfen
wolltest, Tee fr die Leute zu machen. Die Soldaten haben schon Auftrag
erhalten, den Herd zu heizen und Wasser aufzusetzen."

"Die Soldaten heizen unsern Herd? Das mu ich sehen. Komm, Gebhard, geh'
mit mir hinunter! Ich habe noch nie Soldaten kochen sehen. Mit fnf
Kchen, das mu ja schnell gehen!"

Ja, nach zehn Minuten war der Tee auf dem Tisch und nach weiteren zehn
Minuten war gegessen und getrunken, was eiligst aufgetragen worden; und
die fnf Mann bedankten sich bei der jungen, frhlichen Frstersfrau.

Der Frster mit Flinte und Jagdhund sah aus, als wenn er auf die Jagd
ginge. Im letzten Augenblick nahm er seine Frau beiseite: "Behalte
Knecht und Magd bei dir, stelle dich ngstlich, rufe sie herein, la sie
Tee trinken. Ich will nicht, da uns jemand folgt. Kein Mensch soll
wissen, in welcher Richtung wir gehen."

Er gab rasch seiner jungen Frau einen Abschiedsku--das war nichts
besonderes; aber da er im Vorbeigehen auch Gebhard einen Ku gab, das
kam dem Kind sehr verwunderlich vor, denn Zrtlichkeiten waren zwischen
Vater und Sohn nicht blich.--

"Wegen ein paar Stunden Trennung kt man sich doch nicht?" sagte sich
Gebhard und war sehr nachdenklich, whrend er in sein Schlafzimmer ging,
um sich wieder zu legen. Zum erstenmal waren Soldaten ins Haus gekommen;
der Offizier hatte mit dem Vater Kriegsgeheimnisse besprochen, die kein
anderer Mensch erfahren durfte. Ein wenig unheimlich war die Sache, aber
doch sehr spannend. Heute Nacht war der Krieg ins eigene Haus gedrungen,
jetzt erst fing er so recht an fr Gebhard.

Und die junge Mutter konnte, nachdem sie Knecht und Magd entlassen,
lange nicht wieder den Schlaf finden. An der Seite ihres Mannes hatte
sie noch nie den Krieg gefrchtet; aber ohne ihn berkam sie eine groe
Angst. Es war so finster, so still und schwl. Vielleicht konnte sie
besser schlafen, wenn sie die Tre aufmachte ins Nebenzimmer, zu
Gebhard. Sie tat es leise, um ihn nicht zu wecken, und freute sich doch,
als sie bemerkte, da er noch nicht schlief.

"Bist du es, Mutter?" rief er und richtete sich ganz munter auf.

"Ja, es ist so schwl; ich will die Tre ein wenig offen lassen."

"Das ist nett, dann knnen wir plaudern. Ich mchte so gerne erraten,
warum der Vater mit den Soldaten gegangen ist. Aber vielleicht ist es
besser, wenn wir es nicht erraten; weil es doch ein Kriegsgeheimnis ist.
Nur der Vater darf es wissen; er mu stolz darauf sein. Ich wre auch
stolz darauf und wrde das Kriegsgeheimnis niemand verraten; auer
vielleicht dir, Mutter. Oder darf ich's auch dir nicht verraten?"

"Du weit es ja gar nicht, Gebhard," sagte die Mutter und lachte
frhlich. Die Luft kam ihr schon nicht mehr schwl vor; und bald
schliefen Mutter und Sohn ebenso ruhig wie das Kindchen im Korbwagen und
ahnten so wenig wie dieses, da sie zum letzten Mal im Forsthaus
schliefen.

Am Morgen des folgenden Tages kam, angestrengt von langem, eiligem
Marsch, Stegemann zurck. Nach der schlaflosen Nacht sollte er sich mit
einem guten Frhstck strken und die verlorene Nachtruhe nachholen, das
war der Wunsch seiner jungen Frau; ungesumt wollte sie fr seine
Bewirtung sorgen. Er aber hielt sie zurck: "Das ist jetzt Nebensache,"
sagte er eilig, "wir haben viel Wichtigeres zu tun. Leutnant N. riet mir
dringend, heute noch mit Frau und Kind und, soweit mglich, mit Hab und
Gut abzuziehen. Erschrick nicht so, Liebste, die Strae ist noch frei
von Feinden; aber wir wollen auch gar keine Zeit verlieren. Jetzt gilt
es aufpacken, was das Ntigste und Wertvollste ist, um so schnell es nur
irgend geht, an die Bahn zu kommen. Ich sage gleich den Leuten, sie
sollen helfen, auch sie mssen fliehen. Es kann sein, da die Russen der
Spur der Patrouille folgen, die heute nacht hier war. Nun, Gebhard,
hilf der Mutter!"

In wenigen Minuten war der stille Forsthof erfllt von lrmendem,
hastigem Treiben. Der Knecht fuhr den Wagen vor und lud auf, was ihm
zugereicht wurde: Betten, Kleider, Wsche, auch allerlei Vorrte aus
Kche und Kammer. Gebhard lief aus und ein, fast frhlich in der
eifrigen Ttigkeit. Knecht und Magd trugen ihre Bndel herbei.

Keine halbe Stunde war verflossen; da suchte der Frster seine Frau auf,
die an ihrem Wscheschrank stand und trieb zur Abfahrt: "Es ist genug,
la alles andere, wir fahren!"

Ganz erstaunt schaute sie auf: "Da du so ngstlich bist! Auf eine
Viertelstunde kommt es doch nicht an; die kleine Aussteuer vom
Jngferlein--" sie unterbrach sich: "Horch!" Die Hunde bellten, der
Frster eilte ans Fenster. Er wandte sich sofort wieder zurck: "Es ist
schon zu spt," sagte er, "die Russen kommen!"

Er sprach ruhig; aber sein Gesicht verlor alle Farbe. Auch seine Frau
trat ans Fenster und fuhr erschreckt zurck: "Um Gottes willen, was
sollen wir tun?" rief sie in Todesangst.

"Geh da hinein und schliee dich ein!" rief ihr Mann. Er fate sie
schnell, drckte sie an sein Herz, kte sie strmisch und fhrte sie in
das Schlafzimmer zu ihrer Kleinen.

"Gott behte euch," rief er, "schliee zu!"

Sie schob den Riegel vor.

In diesem Augenblick kam Gebhard atemlos: "Vater, russische Reiter sind
im Hof, sie fragen nach dem Frster. Was wollen sie denn von dir?"

Herr Stegemann zog sein Kind leidenschaftlich an sich: "Sie wollen
vielleicht wissen, wohin unsere Soldaten heute nacht gegangen sind."

"Aber das darfst du ihnen doch nicht sagen?"

"Nein."

"Was wird dann, Vater?"

"Was Gott will."

Der Anfhrer der russischen Truppe, die aus etwa 15 Mann bestand, trat
in das Zimmer, den Revolver in der Hand; einige seiner Leute folgten,
andere hielten Wacht an der Tre. Es kam, wie der Frster vorausgesehen.
Der russische Offizier wollte wissen, wohin die deutsche Patrouille,
deren Spur sie gefunden hatten, gezogen sei. Offenbar war seine Absicht,
ihr zu folgen, sie abzufangen, ehe sie ihren Zweck erfllen und ber
ihre Erkundung den Deutschen Nachricht geben konnte. Ein polnischer
Waldarbeiter hatte ihm verraten, da der Frster die Patrouille gefhrt
hatte. Und nun sollte er die Feinde fhren, die zu Pferd die deutschen
Fugnger leicht einholen wrden.

Der Frster, die Rechte auf den Tisch gesttzt, hrte die Forderung.
Fest klang seine Antwort: "Sucht sie selbst. Ihr knnt vom deutschen
Mann nicht verlangen, da er die Deutschen verrate."

Neben dem Vater stand Gebhard mit glhenden Wangen. Wie ein Held
erschien ihm der Vater, da er dem russischen Offizier kurz und fest den
Dienst verweigerte.

Der Russe aber lachte hhnisch, im Gefhl der bermacht: "Sie sind ein
Tor. Wollen Sie nicht, so sind Sie mit Weib und Kind in 5 Minuten
niedergemacht."

Tief aufatmend antwortete der Frster: "Ich werde nicht zum Verrter."
Dem Offizier stieg der Zorn auf, aber ihm lag daran, einen willigen
Fhrer zu gewinnen, so bezwang er sich. "Nehmen Sie Vernunft an," sagte
er. "Sie entschuldigt die Not. Sie sind machtlos in unseren Hnden.
Entschlieen Sie sich rasch, da uns die kostbare Zeit nicht verloren
geht. Dann sollen Sie, auf Offiziersehre, unversehrt zurckkehren,
sobald wir die Deutschen erreicht und noch ehe sie Sie gesehen haben.
Weib und Kind knnen Sie in Sicherheit bringen, Ihr Hab und Gut soll
unberhrt bleiben."

Der Frster schwieg.

"Vater, tu's nicht!" rief Gebhard leidenschaftlich. Der Offizier wandte
sich heftig gegen den Knaben, packte ihn, schob ihn beiseite und rief:
"Der soll der erste sein, der vor Ihren Augen erstochen wird, wenn Sie
nicht augenblicklich folgen."--"Haltet den Buben!" befahl er den
Soldaten. Die ergriffen Gebhard mit rauher Hand. Wtend setzte er sich
zur Wehr; doch sie packten ihn so fest, da er kein Glied mehr rhren
konnte; aber das konnten sie nicht hindern, da er immer lauter rief:
"Vater, tu's nicht!"

Der Frster bi die Zhne aufeinander; noch schien er unentschlossen.
Aber in diesem Augenblick wurde der Trriegel des Nebenzimmers
zurckgeschoben und unter der halbgeffneten Tre erschien seine Frau.
Ihr junges, rosiges Gesicht war totenbla; sie hatte gehrt, was die
Mnner verhandelten und wute, da ihr Leben und das von Mann und
Kindern auf dem Spiel stand. Bebend vor Angst wagte sie nicht, die
Schwelle zu berschreiten, hielt die Trklinke in der Hand und rief
ihrem Mann flehend zu: "Ich bitte dich um Gottes Willen, rette uns, o
denke an die Kinder!"

Der Russe nahm seinen Vorteil wahr. Er grte die Dame des Hauses: "Ja,
gndige Frau, sprechen Sie Ihrem Gemahl zu. Geht er mit uns, so mgen
Sie unbehelligt von hier fliehen, und Ihr Mann wird in kurzer Zeit
nachfolgen, auf Offiziersehre. Tut er es nicht, so gebe ich Sie meinen
Soldaten preis."

Schaudernd zog sich die gengstigte Frau vor den Blicken der rohen
Soldaten zurck.

"Ich gehe!" laut und fest sagte es der Frster und wandte sich der Tre
zu.

"Vater, tu's nicht!" Noch einmal kam der Ruf von Gebhard, der noch immer
umklammert war von harten Soldatenfusten.

Der Vater wandte sich an den Offizier: "Lassen Sie mein Kind frei, nach
Ihrem Ehrenwort."

Ein Wink des Offiziers und die Soldaten lieen den Knaben los; aber sie
drngten sich zwischen ihn und den Frster und lieen die beiden nicht
zueinander kommen. Nur konnten sie nicht verhindern, da ein letzter
Blick vom Vater zum Sohn ging, ein Blick voll Liebe und Stolz.

"Vorwrts!" befahl der Offizier.

Sie verlieen das Zimmer; Gebhard rannte nach der Schlafzimmertre, die
wieder verriegelt war. "Mach auf, Mutter, sie sind fort!" und auer sich
vor Zorn und Jammer rief er. "Der Vater ist doch mit ihnen gegangen!
Jetzt mu er die Deutschen verraten!"

Helene war erschttert durch die Verzweiflung des Knaben. Sie versuchte
ihn zu trsten, zog ihn in mtterlicher Zrtlichkeit an sich: "Der Vater
kommt morgen schon zurck, der Offizier hat's auf Ehre versprochen.
Sieh, wenn er nicht nachgegeben htte, wren wir alle umgebracht worden.
Er hat mitgehen mssen, er hat doch nicht anders gekonnt!"

"Aber der Vater darf doch die Deutschen nicht verraten," schluchzte das
Kind.

"Denke nicht mehr _daran_. Denke, da wir jetzt alle grausam mihandelt
und gettet wrden. Gott Lob, da der Vater uns davor behtet hat."

Gebhard konnte sich nicht fassen, zornig stampfte er und rief: "Der
Vater darf doch kein Verrter sein!"

Die Mutter sah den Knaben starr an: "Hast du kein Herz fr den Vater,
fr mich und fr unsere Kleine? Wolltest du, wir wren grausam
hingemetzelt, du und wir alle?"

Heftig antwortete Gebhard: "Ja, ja, viel lieber mchte ich das."

Der Mutter graute. Sie konnte das Kind nicht verstehen, und war im
tiefsten Herzen gekrnkt durch seine Antwort. Aber weiter mit ihm zu
reden war nicht mglich; denn unter der Tre erschien die Magd,
schreckensbleich mit verweinten Augen: "Der Knecht sagt, wir mssen
eilen, da wir fortkommen, der Herr hat's ihm noch zugerufen. Unser
armer, armer Herr, sie haben ihn fortgefhrt! Auf einem Russenpferd,
mitten unter den Feinden ganz allein! Und er hat sich noch so tapfer
umgeschaut, so todesmutig ist er davon geritten! Der arme Herr, was
werden sie mit ihm tun?"

Helene hatte auf den Lippen zu sagen: "Es geschieht ihm nichts, morgen
wird er uns nachkommen;" aber sie unterdrckte die Worte. Die Leute
durften nicht wissen, da der Herr sich bereit erklrt hatte, mit den
Feinden zu gehen. Schwer fiel ihr auf die Seele: Kein Deutscher durfte
das je erfahren. Es war ja Verrat, was ihr Mann beging. Ihr zuliebe tat
er's; nicht aus Angst ums eigene Leben, der tapfere, treue Mann! Wie
wollte sie ihm das danken ihr Leben lang!

Die Magd mahnte noch einmal zur Eile. "Was ist noch aufzuladen?" Hastig
griff Helene nach diesem und jenem, beladen eilte die Magd die Treppe
hinunter, rief Gebhard zur Hilfe; wie im Traum nahm er, was ihm
hingereicht wurde. Die Mutter aber suchte in Eile nach einem Blatt
Papier, sie mute ihm noch ein Wort schreiben, das sollte er finden,
wenn er in sein verdetes Haus zurckkme, mit einer schweren Last auf
dem Gewissen, einer Last, die er ihr zuliebe durchs ganze Leben tragen
mute. In fliegender Eile schrieb sie mit zitternder Hand: "Komm bald zu
mir, herzliebster Schatz, hab tausendmal Dank, da Du uns das Leben
gerettet hast!" Mitten auf den Tisch legte sie das Blatt, dann noch
daneben, was ihn strken sollte, Brot und eine Flasche Wein. Wieder kam
die Magd unter die Tre: "Jetzt ist angespannt."

"Ich komme!" Sie nahm ihr Kindchen, das liebevoll eingehllte. Die Magd
bemerkte Brot und Wein, wollte beides mitnehmen. Helene lie sie nicht
an den Tisch. "Das bleibt!" rief sie.

"Kein Wunder, da die arme, junge Frau ganz verwirrt ist," dachte das
Mdchen.

Im Hof war alles zur Flucht bereit. Die Hunde sprangen um den Wagen. Sie
sollten mitlaufen bis zum Haus des Straenwrters, meinte der Knecht,
der solle sie aufnehmen. "Aber Leo gebe ich nicht her, den nehme ich
mit!" erklrte Gebhard. Der Knecht machte Einwendungen. Unmglich sei
das auf der langen Reise, bei den berfllten Zgen. Ein Unverstand wre
es. Die Mutter sah ein, da er recht hatte, aber sie wute auch, was es
fr Gebhard bedeutete, sich von seinem Leo zu trennen. Der Vater hatte
ihm vor Jahresfrist das junge Tier geschenkt; ihm gelehrt, es zu
behandeln; zu einem folgsamen, anhnglichen Kameraden war es
herangewachsen und von seinem kleinen Herrn unzertrennlich gewesen. Auch
jetzt standen sie dicht beisammen, Gebhard und sein Hund, sahen sich an
und das kluge Tier schien zu merken, da ber sein Schicksal entschieden
wurde. Ein ungewohntes, kurzes Bellen gab es von sich.

Die Mutter wandte sich an den Knecht. "Wir wollen es doch versuchen, ob
wir Leo mitnehmen knnen!"

"O ja, bitte, Mutter!"

Der Wagen setzte sich in Bewegung. Das Tchterlein auf der Mutter Scho,
weich gebettet, schlief sanft ein. Gebhard sa der Mutter gegenber. Sie
hielten bald bei dem Straenwrter, dann ging die Fahrt weiter, der Bahn
zu. Lngs der Strae zog sich der Wald hin, aus dem jeden Augenblick die
Feinde auftauchen und die Wehrlosen berfallen konnten. Und in den
Hnden dieser Feinde war der geliebte Mann, der treue Vater.

"Gebhard," sagte die Mutter leise, da es der Knecht auf dem Bock nicht
hre, "Gebhard, du hast doch auch gehrt, da der russische Offizier
gesagt hat: 'auf Offiziersehre.'"

"Ja. Zweimal hat er das gesagt."

"Solch ein Schwur wird doch sicher auch im Krieg gehalten," sagte Helene
und fgte bei: "Also kommt der Vater sicher morgen oder sptestens
bermorgen. Wenn es nur schon morgen wre!"

Gebhard wandte sich ab und sagte kein Wort darauf. Mit fest
geschlossenem Mund sah er durchs Fenster.

Die Stille bedrckte die Mutter. Sie redete ihn nach einer Weile wieder
an: "Warum bist du so still, Gebhard? Hast du Angst, da die Russen aus
dem Wald kommen? Wir sind jetzt schon nahe der Station, hier ist's nicht
mehr so gefhrlich."

"Ich habe keine Angst."

"Hast du Heimweh nach dem Forsthof? Nach dem Frieden kommen wir alle
wieder zurck."

Aber Gebhard schwieg und die Mutter sah wohl, da er kmpfte, die
Trnen zurckzuhalten, die ihm in die Augen kamen.

Sie streckte die Hand nach ihm aus. "Komm, setze dich neben mich,
Gebhard; komm her zu mir, sage mir, was dir so traurig ist. Der Vater
kommt uns doch morgen nach."

Nun kam es unter lautem Schluchzen bebend heraus: "Ich kann mich ja
nicht auf den Vater freuen. Ich kann jetzt doch den Vater nie mehr lieb
haben und habe ihn doch so lieb!"

Helene erschrak in tiefster Seele. Sie selbst war so voll Liebe und
Sehnsucht nach ihrem Mann, sie hatte das innigste Verlangen nach ihm und
Gebhard, sein geliebter Bub, sprach solche Worte!

"Wie darfst du so reden, Gebhard," rief sie erregt, "wo er doch alles
nur uns zuliebe getan hat. Er konnte ja auch gar nicht anders!"

"Doch, Mutter, weit du nicht mehr? Zuerst hat er ganz fest nein gesagt;
aber dann hast du die Tre aufgemacht und hast gerufen 'rette uns'. Dann
hat dich der Vater angesehen. O httest du doch die Tre nicht
aufgemacht, dann wre der Vater kein Verrter!"

Die Mutter erblate und lie seine Hand los. Nach einer kleinen Weile
sagte sie in einem ernsten, fremden Ton: "Wenn der Vater zurckkommt, so
sage so etwas nie zu ihm, sonst machst du ihn ganz unglcklich. Nie
sollst du zu irgend jemand wieder so reden!" Dann wandte sie sich ab und
er fhlte, da es ihr jetzt lieb wre, wenn er nicht neben ihr se,
ging auf seinen ersten Platz zurck und dachte: "Die Mutter kann mich
jetzt nicht mehr lieben und ich kann den Vater nicht mehr lieb haben,
alles, was schn war, ist vorber." Er sa wieder an seinem
Fensterplatz, Wald war nicht mehr zu sehen, unbekanntes Land, alles,
alles anders.

Eine Stunde darnach langten sie an der Station an, waren bald im rgsten
Gewhl, hatten aber noch die Hilfe von Knecht und Magd, die erst spter
in anderer Richtung abfahren konnten. Am Schalter drngten sich die
Leute. Helene verlangte Karten fr sich und Gebhard. "Und eine
Hundekarte."

"Das gibt's jetzt nicht."

"Darf er mit in den Personenwagen?"

"Keine Rede. Wir sind froh, wenn wir die Menschen unterbringen. Weiter!"

Helene wurde von den Nachdrngenden ungeduldig weggeschoben.

Was war nun zu tun mit Leo? Der Knecht trstete Gebhard, versprach ihm,
den Hund gut unterzubringen. Und Gebhard sah ein, da es nicht anders
sein konnte; die Reisenden umdrngten Mutter und Kinder, im Strom wurden
sie fortgeschoben, keine Zeit zum Abschiednehmen von den treuen
Dienstboten, auch nicht von dem geliebten Hund. Ein Winseln hrte
Gebhard noch--er wute, das galt ihm.

Eingepfercht in den Wagen saen unsere Flchtlinge, mit Mhe hatten sie
noch Sitzpltze erlangt. Immer mehr Reisende drngten herein. Gebhard
sah durchs Fenster in das Gewhl. Endlich leerte sich der Bahnsteig,
das Zeichen zur Abfahrt wurde gegeben und eben in diesem Augenblick sah
Gebhard pltzlich noch einmal seinen Leo auftauchen. Er hatte sich von
der Hand des Knechts losgerissen, raste auf den Wagen zu, aus dem
Gebhard sah, sprang blitzschnell auf und ber alle Hindernisse hinweg
zwischen scheltenden Menschen hindurch bis in das Abteil, wo er sich
sofort unter den Sitz seines kleinen Herrn duckte und so fr sich selbst
die Frage lste, ob Hunde mitfahren drften.

Gebhard war so auer sich vor Freude, da auch Helene, die zuerst ber
den Eindringling erschrocken war, freundlich dem Tier zunickte, das ihr
gegenber unter dem Sitz ngstlich hervorsah, nicht ganz sicher, ob es
geduldet wrde. Allerdings versuchte auch ein Herr Einsprache zu
erheben. "Es gehrt sich nicht, da solch ein groer Hund in den Wagen
genommen wird." Aber ein lterer Mann ergriff Partei fr das Tier oder
mehr noch fr die Familie.

"Freilich gehrt sich's nicht," bemerkte er, "aber es gehrt sich auch
nicht, da so ein junges Frauchen mit dem kleinen Kind flchten mu. Und
um eine Flucht wird sich's wohl handeln. Nach Vergngungsreisenden sehen
sie nicht aus. Habe ich's erraten?"

Helene konnte nur gegen Trnen ankmpfend mit unsicherer Stimme bejahen.

"Nun also; dann wird Ihnen auch niemand den Hund absprechen; so ein
treues Tier ist auch ein Schutz."

So blieb der Hund unbeanstandet und bewhrte sich auf der Fahrt als
kluges Tier. "Hast du bemerkt, Mutter, wie Leo so schlau ist und sich
still hlt, wenn der Schaffner hereinkommt?" fragte Gebhard.

Nein, Helene hatte das nicht beachtet. Sie sa in schwere Gedanken
versunken. Zuerst hatte nur die Sorge sie bedrckt, ob auch gewi der
geliebte Mann morgen zurckkme. Allmhlich aber legte sich ihr schwer
aufs Herz der Gedanke, da er wohl zurckkommen knnte, aber mit einer
Schuld auf dem Gewissen, die nie, nie mehr zu tilgen war. Wenn schon
Gebhard diesen Verrat so tief empfand, wieviel mehr sein Vater! Und dazu
hatte _sie_ ihn veranlat! Sein ganzes Leben hatte sie verdorben!

Und nun kamen noch andere schwere berlegungen. Sie konnte sich nicht
entschlieen--wie es ihres Mannes Wunsch gewesen--zu seiner Mutter zu
gehen. Diese war eine tapfere aber auch strenge Frau. Helene fhlte
nicht den Mut, ihr zu erzhlen, was vorgefallen war, und es kam ihr
unmglich vor, ihr unter die Augen zu treten. So berlegte sie und
beschlo, bei ihrem Bruder Zuflucht zu suchen. Er und seine Frau hatten
sich schon bei Kriegsausbruch freundlich erboten, Helene mit dem
Tchterchen aufzunehmen. Damals hatte sie sich nicht von ihrem Manne
trennen wollen. Jetzt war es anders. Sie wollte dorthin, aber wohin
wrde ihr Mann sich wenden?

In diesen Gedanken hatte Gebhards Frage sie unterbrochen. Nun sah er die
Mutter aufmerksam an und seinem teilnehmenden Blick fiel auf, wie
verndert sie aussah. Sie hatte doch immer so helle Augen gehabt und
einen frhlichen Mund. Nun waren die Augen trbe und der Mund zuckte wie
von verhaltenem Schmerz. Gebhard dachte an seinen Vater. Wenn der jetzt
erschiene, ja dann wrde die Mutter wieder so strahlend aussehen wie
sonst. Gerne htte er das auch so zustande gebracht wie der Vater, aber
das konnte er nicht; im Gegenteil: da sie so verndert aussah, war wohl
seine Schuld; seit dem Gesprch im Wagen war sie so still. Er htte
vielleicht das nicht sagen sollen, was er gesagt hatte. Was konnte er
aber jetzt machen? Lauter fremde Leute saen herum, man konnte gar
nichts Liebes zu der Mutter sagen. Eine ganze Weile blieb er still und
nachdenklich, aber auf einmal kam ihm, was er suchte. "Mutter, unser
Jngferlein schlft so sanft, sieh nur, wie rosig ihre Bckchen sind!"

Die Mutter blickte auf das Kind, streichelte die weichen Bckchen, aber
dabei fllten sich ihre Augen mit Trnen.

Auch das Jngferlein konnte die Freude nicht hervorlocken? Ja, dann
wute Gebhard keinen Rat. Es ging eben nicht ohne den Vater!




Drittes Kapitel.


Im Verlauf der langen, mhseligen Reise erfuhr Gebhard, da nicht der
Gromutter Haus das Reiseziel sein sollte; in der Mutter Heimat, bei
Onkel und Tante Kurz, sollten sie ihre Zuflucht suchen. Es war eine
Enttuschung fr ihn; die Gromutter kannte und liebte er, die
Verwandten der Mutter waren ihm fremd. Helene suchte ihm Lust zu machen.
"Onkel und Tante haben uns lngst eingeladen; sie knnen uns viel
leichter aufnehmen als die Gromutter; sie haben ein eigenes Landhaus
vor der Stadt, mit einem Garten; du wirst sehen, da wir's gut bei ihnen
haben."

"Aber wenn der Vater zurckkommt, der wird uns bei der Gromutter
suchen!"

"Wir schreiben der Gromutter, wo wir sind!"

"Kommt dann der Vater zu uns, wei er, wo das ist?"

"Aber freilich wei er das, Gebhard. Bei meinem Bruder und seiner Frau
war ja unsere Hochzeit, dort hat mich der Vater geholt, weil ich keine
Eltern mehr habe. Mein Bruder hat mich auch so lieb, weit du, fast wie
wenn ich sein Kind wre. Er ist viel lter als ich." Gebhard berlegte.
"Ja, dann kann ich das schon begreifen, da du zu ihm mchtest."

Seufzend ergab er sich.

Nach manchem unfreiwilligen Aufenthalt und schier unertrglicher Fahrt
kam Helene mit den beiden Kindern am spten Abend an ihrem
Bestimmungsort an. Wohl hatte sie ihr Kommen angekndigt, aber Tag und
Stunde voraus anzugeben, war in dieser Zeit unmglich. So stand sie nun
in dunkler Nacht, mit den bermdeten Kindern, mit dem Hund und vielem
Gepck auf dem Bahnsteig, und wute nicht, wie sie nun bis in ihres
Bruders Haus kommen sollte. Alles an dem Bahnhof hatte ein anderes
Aussehen als frher. Befremdet sah Helene um sich. Sie hatte nicht
gedacht, da auch auf dem Bahnhof dieser kleineren Stadt die Kriegszeit
sich so bemerklich machte. An ihr vorbei eilte eine weibliche Gestalt in
groer, weier Schrze, am rmel mit dem Roten Kreuz gezeichnet. Einen
Eimer heien Tee am Arm ging sie von Wagen zu Wagen und bot den
durchreisenden Soldaten die Labung an. Einer derselben, ein
Landwehrmann, lehnte dankend ab. "Wir haben erst in der vorigen Station
Tee bekommen, aber wenn Sie sich um die junge Frau mit den Kindern da
drben annehmen wollten, die haben mich schon lang gedauert, sie sind
aus ihrer Heimat vertrieben!"

Die Helferin wandte sich nach der bezeichneten Stelle, sah die hilflose
Gruppe und ging sofort darauf zu. "Reihen Sie noch weiter, kann ich
Ihnen helfen?" frug sie Helene. Aber als sie dicht voreinander standen,
erkannten sich die beiden Frauen. Sie waren einst zusammen in die Schule
gegangen.

"Ich habe dich gar nicht gleich erkannt, Helene; ist das dein Kindchen?
Hast du allein reisen mssen? Dein Mann ist wohl einberufen? Du rmste,
du siehst so angegriffen aus. Wirst du nicht abgeholt? Nein? Warte nur
ein klein wenig, ich helfe dir. Sieh, dort ist eine Bank, setzt euch
einstweilen!" Sie eilte wieder an den Zug, da und dort wurde sie
angerufen und um Tee gebeten.

Ein blutjunger Freiwilliger reichte eine Postkarte heraus, bat, man
mchte ihm die Liebe erweisen, sie einzuwerfen, weil seine Mutter sich
gar so sehr um ihn sorge. So war sie voller Ttigkeit, bis der Zug
wieder davon fuhr. Dann aber eilte sie zu der kleinen Gruppe mder
Menschen, die auf sie harrten, und es gelang ihr, einen Wagen fr sie
aufzutreiben und sie samt Gepck und Hund glcklich darin
unterzubringen. "Zu Fabrikant Kurz," lautete die Anweisung fr den
Kutscher.

Die Fahrt ging durch dunkle Straen, denn an den Laternen wurde gespart
in dieser Kriegszeit. Fast Mitternacht war es, bis sie am Haus hielten,
aber doch war ein Fenster noch erleuchtet und wurde bei dem Anfahren des
Wagens geffnet. "Wer kommt?" rief eine Stimme von oben. "Wir sind's,
Bruder!"

Einen Augenblick spter wurde die Haustre geffnet und der Bruder,
Fabrikant Kurz, hie seine nchtlichen Gste willkommen. "Verzeih, da
wir euch so spt bei Nacht ins Haus fallen," sagte Helene, "es lie sich
nicht ndern."

"Es ist fr mich nicht spt, ich habe jetzt oft bis in die Nacht hinein
zu arbeiten. Aber gehrt denn der Hund auch zu euch? Den habt ihr mit
hieher gebracht?" Mifllig betrachtete er Leo, der sich an Gebhard
drngte.

"Es ist Gebhards Liebling, sie sind so anhnglich aneinander!" Herr Kurz
beachtete jetzt erst seinen kleinen Neffen.

"Das ist also Gebhard? Wir waren eigentlich der Meinung, er kme zu
seiner Gromutter; aber kommt nur herauf, es sind zwei Gastzimmer
gerichtet. Was ist mit deinem Mann, ist er einberufen?"

"Nein; er wird bald nachkommen."

"Warum hat er dich nicht auf der langen Reise begleitet? Mu er noch im
Forsthaus bleiben?"

Helene zgerte mit der Antwort. "Ich erzhle dir das morgen. Wir sind so
mde, wenn wir uns vielleicht gleich legen drften!"

"Ihr mt doch vorher essen!"

"Danke, wir bekamen unterwegs was wir brauchten, nur Ruhe mchten wir."

Der Hausherr hatte dem Stubenmdchen geklingelt, das erschien nun um an
Stelle der Hausfrau, die nicht gestrt werden sollte, fr die Gste zu
sorgen.

Ein schnes Gastzimmer mit allen Bequemlichkeiten war fr Helene
gerichtet, auch ein Kinderwagen stand bereit. Gerhrt dankte sie dem
Bruder fr diese Frsorge. Die Kleine, die schlafend angekommen war,
erwachte jetzt und fing krftig an zu schreien. Der Hausherr, der selbst
keine Kinder hatte, sah ratlos auf das kleine, ungebrdige Wesen, befahl
dem Mdchen alles weitere zu besorgen und wnschte der Schwester gute
Nacht. Gebhard nahm er mit sich, Leo folgte. "Wenn nur der Hund die
Nachtruhe nicht strt!" sagte der Onkel, whrend sie die Treppe hinauf
gingen.

"Vor meiner Tr wird er gewi ruhig liegen bleiben," versicherte
Gebhard.

"Das wird sich zeigen. Wenn Hunde in fremde Umgebung kommen, heulen sie
oft. Mich wundert, da dir dein Vater erlaubt hat ihn mitzunehmen!"

"Der Vater war gar nicht da, als wir abgereist sind." Gebhard hatte das
kaum gesagt, so merkte er, da er besser darber geschwiegen htte.

"Wo ist denn dein Vater?" Was sollte Gebhard darauf antworten? Er wute
es nicht.

"Ich meine wo dein Vater war, als ihr flchten mutet? Blieb er im
Forsthaus zurck?"

"Nein." Die sichtliche Verlegenheit des Knaben fiel dem Manne auf. Es
mute etwas geschehen sein, was Mutter und Sohn nicht gern sagten.

Er wollte nicht weiter in das Kind dringen. Im oberen Stock des Hauses
war ein zweites Gastzimmer bereitet, fein und vornehm war auch hier die
Einrichtung. "Kommst du allein zurecht?" fragte der Onkel, "oder soll
ich dir das Stubenmdchen heraufschicken?"

"Nein danke, ich kann alles allein machen. Aber bitte, Onkel, wenn ich
Leo eine Strohmatte oder eine Decke vor meine Tr legen drfte; er
versteht dann, da er da hingehrt."

Es fand sich eine Matte und der Hund nahm verstndig seinen Platz ein.
Onkel und Neffe wnschten sich gute Nacht. Gebhard lag bald in dem
feinen Gastbett. Aber unter dem fremden Dach in dem einsamen
Schlafgemach berfiel ihn ein bitteres Heimweh und trotz aller Mdigkeit
konnte er nicht einschlafen. So weit, weit weg war er vom Forsthaus! Und
der Vater, wo war der? Der Vater, von dem man jetzt gar nicht reden
konnte, whrend man frher so stolz auf ihn war! Dem kleinen Burschen
war zumute, wie wenn ihm der Boden unter den Fen wankte, da mit der
Heimat zugleich die klaren Verhltnisse der glcklichen Kinderzeit
schwanden, in denen er festgewurzelt war.

Wenn wenigstens die Mutter nebenan schliefe oder etwas von der Kleinen
zu hren wre, aber gar so einsam war es hier oben! Lange wehrte sich
Gebhard als tapferer, kleiner Mann gegen die Trnen; endlich kamen sie
doch, das Schluchzen lie sich nicht mehr unterdrcken und schttelte
seinen Krper.

Mitten in der nchtlichen Stille wurde ein Laut hrbar. Gebhard setzte
sich auf, lauschte und vernahm ein leises Winseln vor der Tre. Sicher
hatte das wachsame Tier seines kleinen Herrn Schluchzen vernommen und
war beunruhigt. Oder hatte es selbst Heimweh? Noch einmal derselbe
ungewohnte Laut. Es klang so traurig! Da mute Gebhard trsten. Er
tastete sich in der Finsternis an die Tre und hatte kaum einen Spalt
geffnet, so zwngte sich der Hund herein und drngte sich mit freudigem
Bellen an seinen Herrn.

"Still, still!" mahnte Gebhard und das gut gezogene Tier verstummte
sofort, aber es wedelte und bezeugte seine grte Freude. "Ja, ja, du
darfst hier bleiben," flsterte Gebhard, "du hast Heimweh; komm her!" Er
holte leise die Matte herein und legte sie neben sein Bett. "So, dann
sind wir beisammen, ganz nahe. Leg dich!"

Vom Bett aus konnte Gebhard seinen Leo streicheln. Nun wich das Gefhl
der Einsamkeit, vorbei war's mit den nchtlichen Trnen. Schon nach
wenigen Minuten hatten die beiden guten Kameraden den Schlaf gefunden.

In der Frhe des nchsten Morgen, noch ehe es heller Tag war, schreckte
Helene auf durch ein Klingeln an der Haustre. Wer kam so frhe? Sicher
ihr Mann oder doch eine Nachricht von ihm! Im Nu warf sie einen
Morgenrock um, eilte hinaus an die Treppentre, denn sie selbst wollte
ihm ffnen, ihn hereinfhren in ihr Zimmer, ihn lieb haben.
Ach--beschmt stand sie vor dem Milchmann und vor dem Kchenmdchen, die
beide mit erstaunten Augen auf die junge Frau schauten; ohne ein Wort
kehrte sie in ihr Schlafzimmer zurck.

Das war die erste Enttuschung und es folgten jede Stunde neue, denn der
sehnlich Erwartete kam nicht, und keine Post brachte Nachricht von ihm.

Bruder und Schwgerin lieen sich's einen ganzen Tag gefallen, im
Unklaren zu bleiben ber das Schicksal, das die Familie Stegemann
getrennt hatte; sahen sie doch, wie verstrt Mutter und Sohn waren und
da sie sich nicht entschlieen konnten, von dem Erlebten zu sprechen.
Die Schwgerin war eine gutmtige Frau, hatte Helene lieb und wollte,
da die Vertriebenen sich wohl fhlten in ihrem Haus. Es war ja auch
alles in Hlle und Flle da und keine Kriegsnot zu verspren; denn in
der Kurz'schen Fabrik, die in Friedenszeit allerlei feine Stahlwaren
herstellte, wurden nun Granaten gemacht; der Betrieb war Tag und Nacht
im Gang und es ging mehr Geld ein als je in frheren Zeiten. Viele
beneideten die Familie Kurz und wollten ihr den wachsenden Reichtum
mignnen. So kam es dem Fabrikherrn und seiner Frau ganz erwnscht, da
die Vertriebenen bei ihnen Zuflucht suchten. Jedermann konnte nun sehen,
da von diesem Reichtum guter Gebrauch gemacht wurde. Aber unbequem
waren die Fragen der Bekannten nach den Schicksalen der jungen Familie,
nach dem Verbleib des Frsters Stegemann. Was sollte man antworten, wenn
man selbst nichts wute?

Herr Kurz sprach mit seiner Frau. "So kann das nicht weiter gehen;
Helene weicht allen Fragen aus und sieht gleich so unglcklich aus, da
ich nicht in sie dringen mag; und der Bub hat etwas trotzig
Zurckhaltendes, das einem die Lust nimmt, ihn zu fragen. Helene schrieb
immer so beglckt ber ihn, rhmte sein offenes, zutunliches Wesen. Ich
finde nichts davon und wollte, er wre samt dem Hund anderswo
untergebracht. Aber nun, da er bei uns wie ein Kind vom Haus aufgenommen
ist, kann man wenigstens von ihm Antwort auf berechtigte Fragen
erwarten. Nimm du ihn einmal vor. Er soll sagen, wo sein Vater ist. Ich
will das wissen."

"Du hast ganz recht, habe nur Geduld, ich will es schon herausbringen,"
sagte Frau Kurz beschwichtigend. An diesem Tag, whrend ihr Mann in der
Fabrik war, und Helene auf Zureden der Schwgerin sich auf ihr Ruhebett
gelegt hatte, ergab sich's, da Tante und Neffe allein beisammen waren
und sie bentzte die Gelegenheit, brachte die Sprache auf das Forsthaus,
fragte, ob dieses nun ganz leer stehe, ob wohl Gebhards Bcher und
Spiele alle mitgekommen seien oder sie ihm neue kaufen solle. Da wurde
Gebhard vertraulich und mitteilsam; schilderte, wie hastig Hab und Gut
aufgepackt worden seien und da das meiste zurckgeblieben sei.

"Was dir oder der Mutter fehlt, werde ich euch alles neu kaufen," sagte
die Tante gtig, und der kleine, wohlerzogene Mann kte ihr dankbar die
Hand. Nun fragte die Tante weiter: "Hat dein Vater seine eigenen Sachen
selbst aufgepackt, und hat er euch begleitet bei der Abfahrt?"

"Nein," sagte Gebhard und wandte sich schon von der Tante ab, der Tre
zu. Sie merkte, er wollte weiteren Fragen ausweichen. Aber so hatte sie
es nicht gemeint. Sie griff nach seiner Hand. "Nun bleibe noch da,
Gebhard, und erzhle mir ganz genau, wann dein Vater fortgegangen ist,
warum und wohin. Das mssen wir wissen, dein Onkel und ich."

Da Gebhard schwieg, fuhr sie fort: "Die Mutter ist doch so traurig, das
siehst du ja und wenn sie ber den Vater spricht, regt es sie auf, darum
will ich sie nicht fragen. Willst du ihr das abnehmen und ihr zulieb mir
alles sagen?"

"Nein, ich kann nicht!" rief Gebhard geqult und wollte entweichen. Aber
die Tante hielt ihn fest.

"Weit du, da du recht unartig bist? Nun haben wir die Mutter mit der
Kleinen und dich und sogar deinen Hund mitten in der Nacht bei uns
aufgenommen und sorgen fr euch, weil ihr gar keine Heimat habt und du
willst mir nicht einmal anvertrauen, wo der Vater ist? So undankbar
willst du sein?"

"Nein, ich will nicht undankbar sein, aber ich kann's nicht sagen," rief
der Knabe entschieden und suchte sich loszumachen. Frau Kurz verlor die
Geduld, packte ihn fest und rief: "Gebhard, du mut!"

Da ri er sich mit Gewalt los, rief in heller Verzweiflung: "Ich will
die Mutter fragen, ob ich mu," und strzte aus dem Zimmer, hinber in
das der Mutter. Die schrak aus ihrer Mittagsruhe auf, als Gebhard
ungestm auf sie zukam und laut schluchzend rief: "Mutter, mu ich den
Vater verraten? Mu ich?" Erschreckt zog Helene das ganz erschtterte
Kind an sich und wollte ihm trstend zusprechen, aber durch die
offengebliebene Tre war die Tante dem Flchtling gefolgt und hatte
Gebhards Ausruf gehrt. "Du hast ihn ja schon verraten," sagte sie, "geh
jetzt hinaus, ich wei genug. Geh in dein Zimmer, du machst ja dein
Mtterchen noch krank mit deinem Ungestm!"

Beschmt und traurig zog Gebhard sich zurck. In seinem Zimmer sa er
still, wute nicht, wie es gekommen war, da die Tante sagen konnte, er
habe den Vater verraten und er mache die Mutter krank, mochte sich
selbst nicht mehr leiden und wute sich keinen Rat.

Inzwischen hatte Frau Kurz sich neben die junge Schwgerin gesetzt,
trstete sie freundlich und brachte allmhlich durch teilnehmende
Fragen und dringendes Zureden alles heraus, was sie wissen und ihrem
Mann berichten wollte.

Dieser empfand wohl volle Teilnahme fr seine Schwester, aber er dachte
auch an sich selbst, an die Familienehre und an das Geschft. Es war
eine bse Sache. Er frchtete, die militrischen Auftrge knnten ihm
entzogen werden, wenn des Schwagers Verrat ruchbar wrde. Aufgeregt ging
er in seinem Zimmer auf und ab, whrend er seiner Frau diese Gefahr
auseinander setzte. "Nie htte ich gedacht, da durch Stegemann Unehre
in die Familie kme. Wie sah Helene an ihm hinauf, wie stolz sprach sie
von seinen und seiner Mutter edlen Grundstzen! Wie wenn die Familie
Stegemann viel hher stnde als unsere eigene! Nun, wenn wir auch
nchterne Leute sind und unsern Geschftsvorteil wahren, einen
Vaterlandsverrter haben wir doch nie in unserer Familie gehabt!"

"Sprich nur nicht laut davon," mahnte seine Frau, "das bleibt ganz
verschwiegen. Ich glaube nicht, da ihn die Russen frei gegeben haben
und wenn ja, dann kann er nicht wagen, sich in Deutschland blicken zu
lassen, nach dem was er getan. Mach dir keine Sorgen. Wer sollte das
verraten? Helene nicht und der Bub auch nicht, auf den kannst du dich
verlassen!"

So beruhigte sie ihren Mann. Und es kam so, wie sie gesagt, niemand
erfuhr mehr von dem Vermiten als was sie selbst von ihm aussagten: er
sei im Krieg und man warte vergeblich auf Nachrichten.




Viertes Kapitel.


Die Tage, die Wochen vergingen--vom Frster Stegemann drang keine Kunde
zu seiner Frau. Sie lebte still und eingezogen. Vom Krieg wollte sie
nichts hren, nichts lesen und wenn jemand sie darauf hinwies, da gar
viele Frauen ihre Mnner, ihre Shne vermissen muten, so war ihr das
kein Trost. Andere Frauen durften stolz sein auf das, was ihre Mnner
taten frs Vaterland--sie mute sich schmen; die andern waren
unschuldig--sie hatte eine Schuld auf dem Gewissen. Wenn Gebhard sie
traurig ansah, mute sie an sein Wort denken: Httest du die Tre nicht
aufgemacht!

Gebhard ging in die Schule, aber er stand einsam unter den Mitschlern,
fremd dem Lehrer gegenber. Der sprach von Krieg und Sieg, von
Vaterlandsliebe und Heldentod--das konnte Gebhard nur mit bitterer Scham
anhren; und wenn die Kameraden von ihren Angehrigen im Feld erzhlten,
dann hatte er Angst vor ihren Fragen, ging ihnen aus dem Weg, spielte
lieber daheim mit Leo, seinem treuen, schweigsamen Freund aus der alten
Heimat.

Eines Abends, als er still und spter als sonst an seinen Schulaufgaben
in dem Zimmer neben dem Ezimmer sa und ihn wohl niemand dort
vermutete, hrte er Onkel und Tante sprechen, was nicht fr ihn bestimmt
war. Der Onkel sagte: "Das Beste wre, Stegemann bliebe verschollen, er
wrde doch nur Schande bringen in unsere Familie."

"Ja," sagte die Tante, "aber ich denke, er ist lngst tot, wenn man es
nur bestimmt erfahren knnte."

Da tat dem kleinen Burschen nebenan das Herz so weh, wie noch nie und er
fhlte, wie lieb er seinen Vater hatte, trotz allem was geschehen war,
und da er ganz zu ihm gehrte. Und ein Zorn kochte in ihm auf gegen die
Menschen, die den Vater gern gestorben wten. Aber er durfte ja nichts
sagen, denn gar oft schon hatte die Mutter ihm vorgehalten, wie dankbar
sie gegen Onkel und Tante sein mten.

In diesem Augenblick kam die Mutter zu ihm herein, hatte ihr Tchterchen
im weien Nachtgewand im Arm und zeigte sie Gebhard: "Sieh, wie die
Kleine nett aussieht, sie soll noch der Tante gute Nacht sagen, komm
mit."

Ungern folgte Gebhard. Im Ezimmer wurde der kleine Liebling bewundert.
Der Onkel, der fr gewhnlich um diese Zeit nicht da war und das Kind
selten sah, freute sich an dem netten Anblick, wollte auch der Mutter
eine Freude machen und sagte schmeichelnd zu der Kleinen: "Willst du
denn auch einmal zu mir kommen, mein schnes Jngferlein?"

"Nein, sie soll nicht!" rief pltzlich mit rotem Kopf in aufbrausendem
Zorn Gebhard. Erschrocken wandten sich alle nach ihm um, aber er achtete
nicht auf die vorwurfsvollen Blicke. "Es ist nicht dein Jngferlein,"
rief er, "es ist dem Vater sein Jngferlein, und mir gehrt sie auch
mit. Gib sie mir, Mutter, mir, nicht dem Onkel!" Er drngte sich an die
Mutter, die ganz bla geworden war. "Was fllt dir ein, Gebhard!" und
sie wandte sich an den tief gekrnkten Bruder: "Verzeih, ich wei gar
nicht, was dem Kind in den Sinn kommt!"

Die Schwgerin sah, wie ihrem Mann der Zorn aufstieg. Sie wandte sich an
Helene: "Wenn du irgend etwas von Erziehung verstehst, so mut du das
Tchterchen dem Onkel geben und mut den unartigen Jungen zur Tre
hinausstecken!"

"Ja freilich, du hast ganz recht," sagte Helene. Sie sah ein, da sie
einen solchen Ton nicht dulden durfte, aber sie fhlte durch, und sah es
Gebhard an, da er tief erregt war, und er tat ihr so leid. Sie konnte
ihn nicht verstehen. Es war doch gar nichts vorgefallen, was ihn so
aufbringen und seine Rede entschuldigen konnte. So zog sie das Kindchen
zurck, nach dem er noch immer begehrte, reichte es dem Onkel hin, und
sagte unsicher: "Ich mu dich aus dem Zimmer weisen, Gebhard!" Er sah
sie einen Augenblick erstaunt an, weil er so etwas noch nie von ihr
erfahren hatte, dann folgte er ohne Widerspruch. Unter der Tre blickte
er noch einmal zurck und sah die Mutter mit Onkel und Tante beisammen
stehen, das Schwesterchen auf des Onkels Arm. Da war's ihm, als gehrten
diese vier zusammen, er aber gehrte nicht zu ihnen, sondern zu dem
armen, armen Vater, der so weit fort war und den er doch ber alles in
der Welt liebte.

So wuchs allmhlich eine Scheidewand zwischen ihm und der Mutter auf. Es
fehlte der Vater, der die beiden so innig verbunden hatte.

Aber es kam Hilfe von anderer Seite. Frau Dr. Stegemann, Gebhards
Gromutter, kannte Helene nur wenig, aber sie hatte sie vor Jahr und Tag
herzlich als Schwiegertochter willkommen geheien, manchen Brief mit ihr
gewechselt und sich innig gefreut ber das Glck, das sie ihrem Sohn und
Enkel von Herzen gnnte. Sie konnte sich vorstellen, wie schwer die
junge Frau unter der Trennung von dem Gatten leiden mute. Aber sie
begriff nicht, warum die Schwiegertochter ihr jetzt nur selten und kurz
schrieb, ihr, der Mutter, die doch am besten mit ihr fhlen konnte und
die lngst gebeten hatte, ihr die genaueren Umstnde ber die
Verschleppung ihres Sohnes zu berichten. Die Schwiegertochter
entschuldigte sich damit, da es sie zu sehr angreife, von diesem
schrecklichsten Tag ihres Lebens zu erzhlen; aber Frau Dr. Stegemann
gab sich nicht lnger mit diesem Bescheid zufrieden. Als es Winter wurde
und immer dieselben drftigen, traurigen Briefe kamen, schrieb sie der
Schwiegertochter, wofern sie und die Kinder gesund seien, mge sie mit
ihnen in Gebhards Weihnachtsferien zu ihr kommen. Es klang mehr wie ein
Verlangen als wie eine Bitte oder Einladung.

Helene zeigte den Brief ihren Geschwistern.

"Du httest deiner Schwiegermutter lngst den ganzen Sachverhalt
mitteilen sollen," meinte der Bruder, "sie als Mutter kann erwarten, da
ihr nichts vom Schicksal ihres Sohnes verschwiegen wird."

"Aber es kann ihr doch nur schrecklich sein! Sie hat uns bei Beginn des
Krieges voll glhender Vaterlandsliebe geschrieben. Und dann--ich traue
mich nicht, ihr zu sagen, wie das alles gekommen ist, sie wird mich
verachten, denn sie ist so eine tapfere, strenge Frau!"

Die Schwgerin fiel ihr ins Wort: "Immer qulst du dich wieder so
unntig mit Vorwrfen. Jede Frau htte so wie du fr ihr und ihrer
Kinder Leben gebeten!"

"_Sie_ nicht!" sagte Helene bestimmt. Der Bruder wurde rgerlich. Er war
immer ein wenig eiferschtig gewesen und hatte nie recht vertragen
knnen, da seine geliebte Schwester eine so hohe Meinung von der
Familie Stegemann hatte.

"Du bist nicht schuld," sagte er; "ein Mann mu selbst wissen, was er zu
tun hat; es wre ohne deine Einrede wohl alles ebenso gegangen!"

Aber jetzt ereiferte sich Helene. "Nein, nie, ganz gewi nicht. Ich
begreife mich selbst nicht mehr, warum ich nicht lieber mit meinem Kind
sterben wollte: der Tod ist nicht das schlimmste!"

Sie brach in Trnen aus. Der Bruder suchte sie zu beruhigen. "Du
brauchst deiner Schwiegermutter nicht zu erzhlen, was _du_ bei der
Sache gesprochen hast. Darber schweigst du einfach!"

"Ach, das kann ich nicht, wenn sie mich mit ihren klaren Augen ansieht,
so mu ich die ganze Wahrheit sagen. Sie wrde es doch gleich merken,
da mir noch etwas auf der Seele liegt."

"Ei, so bleibe hier!" riet die Schwgerin. "Schicke ihr Gebhard allein,
sage, du knnest mit der Kleinen im Winter nicht reisen und ohne das
Kind nicht fort. Zwar wre sie ja bei mir und dem Mdchen wohl versorgt,
aber es ist doch eine gute Ausrede; versprich deinen Besuch frs
Frhjahr, dann wollen wir weiter sehen."

"Ja, das wird das Beste sein," sagte der Bruder, "sie kann die
Winterreise und dazu solch eine Aufregung nicht von dir verlangen und
Gebhard wird sehr gern zu seiner Gromutter gehen mit seinem Hund,
na--er kann auch ganz dort bleiben, wenn sie es wnscht."

"Er wird sich nicht gern von mir trennen wollen!"

"Das bildest du dir ein, so ist er nicht."

"Meinst du?" Nachdenklich fgte sie hinzu: "Ja, es kann sein, da er
mich nicht vermit. Es ist alles nicht mehr so, wie es war. Aber dann
werden wir uns ganz fremd!"

"Du mut dich an dein Tchterchen halten, das wird alle Tage netter und
gehrt dir ganz und gar."

Aber die junge Mutter konnte sich nicht gleich mit dem Gedanken trsten,
da ihr der kleine Liebling blieb. Es tat ihr weh, zu denken, Gebhard
werde sie nicht vermissen. Sie war doch so stolz gewesen auf des Knaben
Liebe und seine rhrende Verehrung.

"Ich will selbst Gebhard die Einladung der Gromutter ausrichten," sagte
der Bruder, die Beratung abschlieend. "Ruhe du dich ein wenig aus und
dann schreibe deiner Schwiegermutter. Gebhard ist ja bei ihr gut
versorgt und fr dich wird es so am besten sein, meinst du nicht?"

"Ich wei nicht," sagte Helene, "aber ich will es so machen, wie ihr
meint, ich danke euch, ihr seid so nachsichtig gegen mich."

Sie ging in ihr Zimmer und tat, wie man ihr geraten, legte sich auf ihr
Ruhebett. Ach, sie meinten es so gut mit ihr, aber sie hatten ja gar
keine Ahnung, wie traurig sie war, wie hei ihre Sehnsucht nach dem
verlorenen Glck.

Herr Kurz hatte es gut verstanden, Gebhard die Reise zur Gromutter
verlockend darzustellen. Davon, da er vermutlich dauernd bei ihr
bleiben sollte, hatte er nichts erwhnt, das hatte noch Zeit. So behielt
der Onkel recht. Gebhard war nur vergngt ber die Einladung fr die
Weihnachtsferien, dachte gar nicht an die Trennung von der Mutter. Es
war ja natrlich, da das Kind sich freute zur Gromutter zu kommen, die
in den Jahren der Einsamkeit im Forsthaus treulich jeden Sommer gekommen
war und ihm lngst nahe stand, ehe Helene zur Familie gehrte.

Heute ging die Mutter mit ihm hinauf in sein Zimmer, um mit ihm
einzupacken. Frohgemut reichte er ihr zu, was sie verlangte, aufmerksam
verfolgte Leo dieses ungewohnte Treiben. "Jetzt deine Schulbcher,
Gebhard?"

"Soll ich die mitnehmen?" Verwundert sah er die Mutter an und bedenklich
klang seine Frage: "Mu ich denn lernen in den Weihnachtsferien?"

"In den Ferien nicht, aber nachher, wenn die Schule wieder anfngt, mut
du doch deine Bcher haben."

"Nach den Ferien komme ich doch wieder hieher?"

"So war's nicht gemeint, Gebhard. Die Gromutter wird dich gerne
behalten. Hat dir davon der Onkel nichts gesagt?"

"Nein." Er wurde sehr nachdenklich. Die Mutter stand vor dem Koffer,
hatte die Hand ausgestreckt nach den Schulbchern, die nicht kamen. Sie
sah, wie Gebhards Gesicht trbselig wurde. Jetzt schmiegte er sich an
sie. "Mutter, kannst du nicht mitkommen zu der Gromutter? Hat sie blo
mich ganz allein eingeladen?"

"Nein, aber das Schwesterchen ist noch zu klein fr solch eine
Winterreise und sie braucht mich doch!"

"Ja, aber Mutter, du hast viel frher einmal zu mir gesagt, wir blieben
jetzt immer beisammen, der Vater und du und ich; das war so schn. Und
jetzt ist der Vater fort und dann habe ich auch keine Mutter mehr!"

"O doch, Gebhard, ich bleibe ganz gewi deine treue Mutter!" Aber
Gebhard entgegnete trotzig: "So eine Mutter, die nicht bei mir ist,
hilft mir gar nichts. So eine habe ich immer schon gehabt, im Himmel,
aber ich mchte eine, die bei mir bleibt."

"Spter, Gebhard, kommen wir gewi wieder zusammen, aber jetzt hast du
einstweilen die Gromutter. Bei ihr warst du doch frher so gern; und
hier--warst du denn gerne hier im Haus, bei Onkel und Tante?"

"Nein, gar nicht gern, weil sie den Vater nicht mgen. Neulich haben sie
so etwas Schreckliches ber den Vater gesagt, das darfst du gar nicht
hren, Mutter. Darum mag ich sie gar nicht mehr!" Trnen des Zorns
kamen dem Kind bei der Erinnerung.

"Wann war denn das?"

"An dem Abend, wo der Onkel das Jngferlein wollte!"

"Ach, damals? Gebhard, sieh, du wirst glcklicher sein bei der
Gromutter. Sie hat den Vater so lieb und sie nimmt dich mit deinem Leo
so gerne zu sich!"

"So? hat sie das geschrieben?" Langsam machte er sich von der Mutter
los. "Da sind meine Schulbcher."

Still vollendeten sie das Geschft des Einpackens; aber beunruhigt lief
der Hund hin und her, er merkte, da Ungewohntes vor sich ging.

"Du darfst mit mir gehen, Leo, sei nur zufrieden, wir zwei trennen uns
nicht!" Bei diesen Worten nahm Gebhard den schmalen Kopf des Hundes
zwischen seine Hnde. Ein leises Bellen bezeugte das Einverstndnis des
klugen Tiers; es legte sich nun still neben den Koffer, bereit Hab und
Gut seines kleinen Herrn zu bewachen.

Sie waren fertig, das Zimmer sah de aus.

"Komm nun, Gebhard," sagte die Mutter und es war ihr wehmtig ums Herz
in dem leeren Zimmer, "komm, wir wollen nach dem Schwesterlein sehen."

Er griff nach ihrer Hand, sah zu ihr auf und merkte, da sie traurig
war. "Mutter," begann er, "jetzt denkst du an den Vater, das sehe ich
dir immer an. Aber du hast noch dein Jngferlein, das ist dir doch das
allerliebste und das bleibt bei dir."

Sie drckte fest seine Hand. Nein, sie hatte jetzt eben nicht an ihren
Mann gedacht, sondern an den kleinen Mann, der da so liebevoll an ihrer
Hand ging und sie noch trstete, obwohl sie ihn von sich schickte.

Schon vor der Zimmertre hrten sie die Tante, die ihren Spa hatte mit
der Kleinen. Die lachte laut und bermtig vor Vergngen. Das lustige
Tchterlein--der traurige Bub--es gab der Mutter zu denken.

Am frhen Morgen des folgenden Tags trat Helene in Gebhards
Schlafzimmer. Er erwachte bei ihrem Eintritt. Frisch und tatkrftig
stand die Mutter vor ihm, wie schon lange nicht mehr. "Gebhard, steh
auf, es ist Zeit, da wir reisen, wir zwei miteinander!" Und als er sie
mit groen, fragenden Augen ansah, lachte sie hell, setzte sich zu ihm
auf den Bettrand und sagte: "Ich habe mir heute Nacht gedacht: das
Jngferlein ist schnde, es macht sich gar nichts daraus, wenn ich
fortgehe, es jauchzt bei der Tante wie bei mir. Aber mein Bub, der
mchte mich gern bei sich haben; so will ich wenigstens fr eine Woche
mit ihm gehen!" Da wurde die junge Frau strmisch umarmt und gekt und
mute an ihren Mann denken.

Eine Stunde spter waren sie auf der Reise.




Fnftes Kapitel.


Unsere zwei Reisenden waren diesmal allein im Abteil: Leo hatte sich
nicht eingedrngt; ganz verstndig hatte er sich darein gefunden, in dem
fr seinesgleichen bestimmten Raum Platz zu nehmen. Gebhard stand eine
ganze Weile am Fenster und sah in die Winterlandschaft hinaus; ihm war
so wunderlich glcklich zu Mute, wie wenn ihm erst jetzt die Mutter
wieder gehrte. Er htte nur gern gewut, wie es ihr ums Herz war! Schon
einmal hatte er sich nach ihr umgewandt, sie sinnend angeschaut, aber
nicht die Worte finden knnen zu einer Frage. Nun sah er sie wieder an.

"Willst du etwas?" fragte sie.

"Nein.--Ja doch. Ich mchte nur wissen, ob es dich nicht friert?"

"Nein; warum meinst du? Kommt es dir kalt vor?"

"Mir gar nicht. Der Onkel meinte nur, du knntest dich erklten; aber
gelt, es ist behaglich warm? Heute gefllt mir das Fahren so gut, dir
auch, Mutter?"

Sie lchelte ihn freundlich an und schob die Reisetasche beiseite, die
neben ihr lag. "Setze dich zu mir her, Gebhard."

Dieser folgte schnell der Aufforderung und sie rckten nahe zusammen.

"Gelt, das Jngferlein ist ganz vergngt bei der Tante?" sagte er.

"Ja freilich, das vermit uns nicht."

"Das gefllt mir eben so besonders gut, da ich dich einmal ganz fr
mich allein habe," erklrte er, "da knnen wir auch vom Vater sprechen,
wenn wir wollen. Aber die Tante hat gesagt, ich soll dich nicht
aufregen; also reden wir lieber von etwas anderem. Sie hat mir auch
Evorrat mitgegeben in meine Bchse; wollen wir das einmal ansehen?"

"Ja, sagte die Mutter, schauen wir nach den guten Sachen, das wird mich
ganz gewi nicht aufregen." Sie lachte ihn freundlich an.

"Du siehst heute so aus, Mutter, wie frher, so nett." Aber das htte er
nicht sagen sollen; denn auf einmal kamen ein paar Trnen in ihre hellen
Augen. Da packte er schnell die Bchse aus; und weil ihm dabei ein Apfel
auf den Boden kollerte und whrend er sich darnach bckte eine ganze
Anzahl Nsse folgten, mute sie lachen und er lachte mit und sie waren
zum erstenmal frhlich miteinander ohne den Vater.

Gegen das Ende der Reise, whrend Gebhard sich schon ungeduldig auf das
Wiedersehen mit der Gromutter freute, wurde der jungen Frau das Herz
wieder schwer. Sie hatte sich wohl auf ihres Bruders Zureden
vorgenommen, nichts davon zu erzhlen, da sie ihren Mann berredet
hatte, mit den Russen zu gehen, und so durfte sie ja sicher sein, bei
ihrer Schwiegermutter nur Teilnahme zu finden und keinen Vorwurf zu
hren. Aber eben dieses Verschweigen und vorsichtige Ausweichen lag
nicht in ihrer Natur und deshalb bangte ihr vor dem Zusammentreffen mit
der Mutter.

Helene wute, da sie nicht erwartet wurde; nur Gebhard mit seinem
treuen Gefhrten Leo war angekndigt. Als die Reisenden in die
Bahnhofhalle einfuhren, fiel ihnen die Leere des Bahnsteigs auf. Er war
fr die Menge gesperrt, da in Krze ein Lazarettzug mit einer groen
Anzahl Verwundeter ankommen sollte. Eine ganze Reihe Sanitter mit
Tragbahren erwartete den nchsten Zug; aber mitten unter ihnen stand
eine einzelne groe Frau in langem Mantel mit warmem Pelzzeug; unter
ihrem schwarzen Samthut sahen schlichte graue Haare hervor und
forschende Augen blickten dem einfahrenden Zug entgegen. Dies war Frau
Dr. Stegemann, die sich bei dem Kommandanten den Zutritt erbeten hatte,
um ihren allein reisenden Enkelsohn abzuholen.

Gebhard erkannte die Gromutter sofort und eilte auf sie zu.

"Mein lieber, groer Bub!" rief sie, "ich bin froh, da du zu mir
gekommen bist. Und dein schner Leo ist auch da! Nun komm nur gleich,
wir mssen mglichst schnell den Bahnsteig verlassen."

"Aber die Mutter ist auch hier, ich bin nur vorausgesprungen!"

"Die Mutter? Kommt sie doch mit?"

Ja, sie kam eben zu den beiden und sah deutlich, da bei dem
unerwarteten Wiedersehen das ernste Gesicht der Gromutter freudig
aufleuchtete.

"So kommst du doch," sagte sie und streckte der jungen Frau die Hand
entgegen, "dann ist ja alles schn und gut; wir gehren doch zusammen in
dieser Zeit!"

Das empfand auch Helene in diesem Augenblick. Wie wenn sie ihrem Manne
nher wre, so war ihr zumute. Sie hatte gar nicht mehr gewut, da
Mutter und Sohn ganz die gleichen, klaren, seelenvollen Augen und
dieselbe tiefe Stimme hatten. Sie gingen miteinander hinaus auf den
Bahnhofplatz. Dort war die Haltestelle der Elektrischen; das Mitnehmen
von Hunden war aber nicht gestattet.

"Kann Leo nachspringen?" fragte die Gromutter.

"Er kann wohl," sagte Gebhard, "aber der Vater lt ihn nie gern neben
dem Wagen springen."

"Dann gehst du mit ihm zu Fu; erinnerst du dich des Weges? Du hast ihn
vor zwei Jahren gemacht."

"Nicht so recht," meinte Gebhard bedenklich.

"Wir sollten vielleicht eine Droschke nehmen und den Hund zu uns
hereinlassen," schlug Helene vor.

"Bewahre. Ein groer Bub mit solch gutem Hund _sucht_ sich eben seinen
Weg. Merke auf, Gebhard. Du folgst den Schienen der Elektrischen immer
zu bis an den Marktplatz. Dann fragst du. Weit du Strae und Nummer?"

"Jawohl, Johannessteg 5."

Die beiden Frauen stiegen ein und Gebhard ging mit seinem treuen
Begleiter zu Fu. Helene wunderte sich ber die Gromutter, die dem
geliebten Enkel gleich Zumutungen machte. Ja, das war wieder die
Strenge, die sie in Erinnerung hatte; nicht der gutmtige, weichherzige
Ton, den sie von den Ihrigen daheim gewohnt war. Nun wute sie wieder,
warum ihr bange gewesen, und es berkam sie eine beklemmende Angst vor
der Unterredung, die nicht ausbleiben konnte.

Frau Dr. Stegemann bewohnte den obersten Stock eines Hauses in der
Altstadt. Die schnen, bequemen Einrichtungen der Neuzeit fehlten dieser
Wohnung, hingegen war sie gerumig, hatte viele Zimmer, Kammern und
Gnge. Aus den altmodisch kleinen Fenstern blickte man hinweg ber die
Dcher der gegenberliegenden Huser, ber Gassen und Straen hinaus ins
Weite, wo Grten und Felder die Stadt begrenzten. Der letzte
Sonnenstrahl fand noch seinen Weg in die hochgelegene Wohnung.

Auer einem Dienstmdchen hatte Frau Dr. Stegemann noch zwei junge
Hausgenossinnen, zwei Enkeltchter, die hier in der greren Stadt eine
Tchterschule besuchten. Von ihnen erzhlte sie Helene, nachdem sie die
Elektrische verlassen und dem Haus zugingen, denn beide mochten nicht
auf der Strae von dem sprechen, was ihre Herzen am meisten bewegte.
Whrend sie im Haus angekommen Stockwerk um Stockwerk hinaufstiegen,
wunderte sich Helene ber die Sechzigerin, die nichts von der
Anstrengung zu merken schien.

"Mutter, wie du steigen kannst!"

"Das macht die Gewohnheit."

"Aber ist dir's nicht lstig? Du drftest dir's wohl auch leichter
machen."

"Warum? Ich bleibe gern in der bung. Solange ich gesund bin, schadet
mir das Steigen nichts. Es wre nichts als Bequemlichkeit, wenn ich es
nicht mehr tun wollte."

Rstig stieg sie voraus.

Oben angekommen wurden sie vom Dienstmdchen empfangen mit der
Nachricht, da ein fremdes Frulein schon lange auf sie warte und sie
sprechen mchte. Gleichzeitig kamen eilig und lebhaft die beiden
Schwestern, Grete und Else, groe Mdchen mit blonden Zpfen und
frischen, frhlichen Gesichtern. Sie waren berrascht, statt des
erwarteten kleinen Vetters ihre Tante Helene zu sehen, die sie nur nach
dem Bild kannten. "Macht es der Tante behaglich, Kinder," sagte die
Gromutter zu ihnen, "und du, Helene, la dich nicht abschrecken, wenn
es bei mir unruhig zugeht; das ist eben so in diesem Kriegsjahr. Es gibt
so viele Mdchen, die im Ausland waren und jetzt stellenlos sind, die
wenden sich an uns 'Freundinnen der jungen Mdchen'. Um so etwas wird es
sich auch jetzt handeln."

Sie verlie das Zimmer. Helene war verwundert. Sie hatte sich das Leben
der Gromutter still und abgeschlossen gedacht, merkte jetzt, da diese
noch mitten im Leben und Wirken stand und sah bald, da auch die beiden
Enkelinnen an allerlei Kriegshilfe teilnahmen und vom Geist der
Gromutter beseelt waren.

Sie wandten sich jetzt lebhaft an die junge Tante, deren liebliche
Erscheinung ihnen gar sehr gefiel, halfen ihr ablegen, plauderten
zutraulich und kamen bald auf das zu sprechen, was sie erfllte. "Drfen
wir dir unsere Vorratskammer zeigen? Wir haben einen ganzen Sto
Kinderwsche genht fr die vertriebenen Ostpreuen und haben Handschuhe
und Socken fr die Soldaten gestrickt, magst du es ansehen?" Gerne
folgte Helene den eifrigen Mdchen in ihre Stube und lie sich an das
altmodische Pfeilerschrnkchen fhren, in dem allerlei Arbeiten
aufgestapelt waren. Mitten in dieser Betrachtung kam, von seinem Hund
begleitet, Gebhard an. Er hatte sich nicht gern von seiner Mutter
getrennt; denn er wute, sie war nur ihm zuliebe hieher gekommen, auch
hatte er so ein unbestimmtes Gefhl, da ihr bangte vor dem Zusammensein
mit der Gromutter. So war er im Galopp mit seinem Hund der Elektrischen
gefolgt, hatte schnell den Weg zum Haus gesucht und trat nun angeregt
vom raschen Lauf, mit frischen, roten Backen ins Zimmer.

Grete und Else waren gleich fr diesen kleinen Vetter eingenommen und
auch der Hund war ihnen anziehend. Sie hatten noch nie einen solchen als
Hausgenossen gehabt, wollten mit ihm Bekanntschaft schlieen, wichen ihm
aber doch aus, als er sie beschnffelte.

Es dauerte aber nicht lang, so streckte sich Leo behaglich mitten unter
der Gesellschaft aus.

"Jetzt ist er schon heimisch," sagte Gebhard befriedigt, "er merkt, da
wir nicht bei Fremden sind; in einem fremden Haus legt er sich nie von
selbst nieder." Das gefiel den Bschen und freute Gebhard. Wo er gern
war und wo es Leo behagte, mute sich doch auch sein Mtterlein heimisch
fhlen.

Nach kurzer Zeit kam auch die Gromutter wieder. Sie hatte dem jungen
Mdchen Bescheid gegeben, das in England Erzieherin gewesen war, in
reichem Haus, bei einem einzigen Knaben; jetzt war ihr eine Stelle
angeboten, in einfacher Familie bei vier Knaben. Den jngsten sollte
sie selbst ausfahren, das pate ihr nicht.

"Ich habe ihr Mut gemacht," sagte Frau Dr. Stegemann, "im Krieg mu man
froh sein, wenn man irgendwo unterschlupfen darf, und brigens mchte
ich jetzt lieber zehn Deutsche erziehen als einen Englnder. Und warum
nicht den kleinen Buben ausfahren? Wir mssen ja froh sein, wenn es
recht viele deutsche Buben gibt! Sie will es nun versuchen und mir am
Sonntag berichten wie es geht. Aber nun kommt zum Tee!"

Sie fhrte die Schwiegertochter ber den langen, dunkeln Gang. Helene
dachte unwillkrlich an die hell erleuchteten Rume in ihres Bruders
Haus.

"berall merkt man den Krieg," sagte Frau Stegemann. "Das Petroleum wird
bei euch auch knapp sein."

"Ich wei nicht, es war nicht die Rede davon."

"Nicht? Es ist eine groe Entbehrung fr viele Leute. Manche Familien
knnen abends ihr Zimmer gar nicht beleuchten. Fr solche ersparen wir
immer etwas von dem Petroleum, das auf uns kommt. Warum sollten wir auch
nicht ein wenig im Dunkeln tappen? Unsere Soldaten mssen sich auf ganz
anders schwierigen Wegen im Finstern zurecht finden."

Gebhard horchte hoch auf bei diesen und hnlichen uerungen der
Gromutter. Whrend des einfachen Abendessens erklrten ihm die
Schwestern, was kriegsmig sei und was nicht; was sich die Familie
zugunsten des Vaterlandes versagte und wie sie beflissen war, sich von
dem zu nhren, was reichlich vorhanden und in Gefahr war, zu verderben.
Da nun Else und Grete sahen, wie neu ihm das alles war und da er
glhenden Eifer zeigte fr alles Gemeinntzige, fragten sie, ob er
mittun wrde, wenn sie nchsten Sonntag mit der Rotkreuzbchse durch die
Straen gingen, um Karten und Blumen zugunsten der Verwundeten
anzubieten. Er hatte das schon manchmal gesehen, aber nie daran gedacht,
da man auch ihn irgendwie fr solch vaterlndische Ttigkeit brauchen
knnte. Stolz war er, glcklich ber diese neuen Aussichten.
"Gromutter," rief Else, "das wird fein! Gebhard trgt die Bchse, wir
die Blumen und wir sagen zu allen, die uns begegnen: 'Hier, unser
Vetter, ist selbst ein Vertriebener, ein Flchtling aus Ostpreuen!' Da
gibt uns jedermann doppelt so gern!"

"Und den Hund nehmen wir auch mit," schlug Grete vor, "er sieht so
polizeimig aus, mit ihm knnen wir uns in alle Winkel der Stadt
wagen!"

Die drei verwandten Kinder verbanden sich nach kurzer Bekanntschaft und
waren glcklich miteinander. Helene staunte, wie schnell Gebhard sich
heimisch fhlte. Am reichbesetzten Tisch ihrer Geschwister hatte sie ihn
nie so befriedigt gesehen, wie hier; das Wohlleben hatte ihm weniger
behagt, als die einfachen Verhltnisse, die er von Hause aus gewhnt
war, und wie heimische Luft empfand er die vaterlndische Gesinnung, die
auch im Forsthaus der herrschende Geist gewesen war.




Sechstes Kapitel.


Die Teestunde war vorber, endlich mute auch der Augenblick kommen, auf
den Helene sich gefrchtet hatte, die Aussprache ber das, was im
stillen Herzen beide Frauen mehr beschftigte als all die Dinge, ber
die sie sich mit den Kindern unterhalten hatten.

"Ich mchte jetzt ungestrt ein Stndchen mit Tante Helene sein," sagte
Frau Dr. Stegemann zu den Schwestern. "Wer etwa kommt und nach mir
fragt, soll warten oder spter wiederkommen. Gebhard kann bei euch
bleiben; komm, Helene, wir gehen in dein Zimmer."

Aber Helene griff unwillkrlich nach Gebhards Hand und hielt sie fest.
Die Gromutter sah die fast ngstliche Bewegung der jungen Frau.

"Du mchtest Gebhard mitnehmen?" fragte sie erstaunt.

"O ja, bitte. Wir haben das alles miteinander erlebt."

"So komm mit, Gebhard. Ich zeige dir gleich deine Schlafsttte." Vor der
Tre wartete der Hund, er schlo sich seinem kleinen Herrn an. Frau Dr.
Stegemann ging voran, fhrte ihre Gste bis an das Ende eines langen
Ganges. "Hier ist das Gastzimmer, das wird fr dich gerichtet, Helene;
wir wuten ja nicht, da du kommst. Und hier gegenber, ist deine
Kammer, Gebhard, sieh."

Sie traten in eine groe, helle Kammer. Ein schlichtes Feldbett stand
darin. "Wie fr einen richtigen Soldaten," sagte die Gromutter, "nur
da es ein Kopfkissen und ein Federbett hat. Das bekommen ja die
Soldaten nicht, aber du bist ja auch noch keiner, sondern willst erst
einer werden."

"Schlafen sie ganz ohne Federbetten, die Soldaten?" fragte Gebhard
nachdenklich, "dann will ich's doch auch ohne versuchen."

"Willst du? Das ist recht! Weit du, Federn sind so etwas weiches,
warmes, je weniger ein Bub davon wissen will, um so besser."

"Also weg damit!" rief der kleine Mann, "Gromutter, wohin?"

Er packte das Federbett. Aber Helene legte die Hand darauf. "O, bitte,
Mutter," sagte sie, "es ist doch zu kalt fr das Kind, er ist es nicht
gewhnt."

"So lassen wir das Bett hier. Du kannst es Nachts damit halten wie du
willst. Und sieh, da habe ich Platz gemacht fr deine Kleider." Sie
schlo einen groen, altertmlichen Kleiderschrank auf. "Hier herein
kannst du deine Kleider hngen."

"Ich will ihm helfen, sie einzurumen," sagte Helene. Ihr war jeder
Vorwand erwnscht, die Aussprache weiter hinaus zu schieben. Whrend sie
nun an den geffneten Schrank trat, erhob sich Leo, der sich schon neben
Gebhards Bett gelegt hatte, folgte ihr, wurde unruhig, schob seine Nase
in den Schrank und fing an, zu winseln. Sie bemerkten alle das
wunderliche Gebahren. "Was ist da hinten in dem Schrank, Gromutter,"
fragte Gebhard. Sie griff hinein. "Es sind nur Kleidungsstcke." Sie
holte von den Haken, was da hing, ein Regenmantel, ein paar
Sommerkleider; immer aufgeregter folgte der Hund ihren Bewegungen und
jetzt, da sie wieder ein Kleidungsstck hervorzog, eine Herrnjuppe,
jetzt sprang das Tier hoch und steckte seinen Kopf hinein. "Ach, das ist
noch eine Juppe von deinem Vater, ist's mglich, da er die erkennt?"

"Aber freilich, Gromutter, sieh nur, wie er schnffelt, wie er sich
freut und daran zerrt!" Ein Ruck--und der Hund hatte die Juppe auf den
Boden gezogen. Er legte sich daneben, streckte die Vordertatzen in
ganzer Lnge darber, whlte mit Behagen den Kopf in das Kleidungsstck
und nahm so fest Besitz davon, da es nicht rtlich schien, es ihm
wegzunehmen. Gebhard warf sich neben seinem Hund auf den Boden,
streichelte ihn und redete mit ihm: "Wo ist denn der Herr, wo ist dein
guter Herr? Leo, denkst du an den Herrn?" Das Tier wedelte.

Gerhrt von der Treue des Hundes wandte sich Helene ab, lie sich
berwltigt von Sehnsucht und Schmerz auf dem Feldbett nieder und weinte
bitterlich. Frau Dr. Stegemann setzte sich neben die junge, von
Schluchzen erschtterte Frau und redete ihr in einem weichen,
mtterlichen Ton zu, den Helene noch nie von ihr gehrt hatte. Da
schwand allmhlich ihre Furcht und es berkam sie der Trieb, der Mutter
ihres Mannes das ganze Leid anzuvertrauen. Sie raffte ihre Kraft
zusammen. "Mutter," sagte sie, "es ist ja alles viel, viel
schrecklicher, als du ahnst!"

"Wie so? Weit du mehr, als was du mir geschrieben hast? Hast du
Nachricht von Rudolf? Schlechte Nachricht?"

"Nein, nein; kein Wort habe ich von ihm gehrt seit jenem Tag. Aber es
war anders als du denkst, ich kann es so schwer ber die Lippen
bringen!"

Frau Dr. Stegemann richtete sich stramm auf und der weiche Ton war nicht
mehr in ihrer Stimme als sie, gefat auf die schlimmsten Mitteilungen,
zur Schwiegertochter sprach: "Rede endlich, Helene. Wir drfen nicht
feig sein in dieser harten Zeit. Ich kann alles hren, auch das
grausamste. Und du mut jede Wahrheit aussprechen knnen. Sei doch auch
tapfer, was hilft das Weinen?"

Bei diesen Worten stand Gebhard, der neben dem Hund gelegen, auf, trat
rasch an Helenens Seite und streichelte ihre Hand. "Gromutter," rief
er, "die Mutter kann nicht so tapfer sein wie du meinst, der Vater hat
mir gesagt, sie ist nicht aus so hartem Holz geschnitzt wie wir
Stegemanns. Man mu sie immer ganz zart behandeln!" Da schlang die junge
Frau den Arm um ihren Verteidiger und sagte zu ihm: "Die Gromutter hat
aber doch recht und ich will ja auch, da sie alles erfhrt. Gebhard,
erzhle du es, du warst ja dabei und du mut nicht immer so weinen, wie
ich!"

"Ja," sagte Gebhard, "die Gromutter darf das wissen, sonst niemand auf
der Welt!"

Der kleine Mann gab sich einen Ruck, da er stramm da stand und fing an:
"Gromutter, so war's: Zuerst kam ein deutscher Offizier mit fnf
Soldaten und besprach etwas ganz im geheimen mit dem Vater. Einstweilen
kochten die Soldaten auf unserm Herd und wir halfen ihnen. Dann sagte
uns der Vater, er msse sie begleiten, aber kein Mensch drfte wissen
wohin. Sie zogen bei Nacht miteinander fort. Am nchsten Tag kam der
Vater allein zurck und sagte, wir mten schnell fliehen, die Russen
knnten bald kommen. Wir fingen gleich an, unsere Sachen auf die Wagen
im Hof zu laden, aber mitten hinein kam ein ganzer Trupp Russen mit
einem Offizier. Sie gingen die Treppe hinauf und ich ihnen nach. Im
Wohnzimmer war der Vater, aber die Mutter mit dem Jngferlein war nicht
da. Der russische Offizier fragte, wohin die deutsche Patrouille
gegangen sei, die heute Nacht im Forsthaus eingekehrt sei und die der
Vater begleitet habe. Ich wei nicht mehr genau, was der Vater zuerst
sagte, aber als der Offizier verlangte, er solle mit ihm gehen und ihn
denselben Weg fhren, da sagte der Vater: "Nein, ich bin ein guter
Deutscher und werde nicht zum Verrter." Aber der Offizier hat ihm
gesagt: er knne doch nichts machen gegen so viele und er hat ihm
versprochen, er drfte gleich wieder heimkommen, und uns allen solle gar
nichts geschehen; aber wenn er ihnen den Weg nicht zeige, mten wir
alle sterben. Der Vater hat aber nicht nachgegeben und es war
schrecklich, wie zornig da der Offizier geworden ist, und weil ich auch
gerufen habe, der Vater soll nichts verraten, haben mich die Soldaten
ganz wtend gepackt und fest gehalten, da oben am Arm, wo es so weh tut,
und ich habe vor lauter Zorn nur immer geschrien: "Vater, tu's nicht!
Aber dann--" Gebhard stockte. Er sah die Mutter an. "Soll ich denn alles
sagen, Mutter, alles?"

"Alles, Gebhard!"

"Dann hat die Mutter die Schlafzimmertre aufgeriegelt und hat von ferne
gerufen und gebeten, der Vater soll uns nichts geschehen lassen. Der
Vater hat auf die Mutter hingeschaut und dann hat er nicht mehr 'nein'
sagen knnen. Er ist mit ihnen gegangen und hat versprochen, sie zu
fhren. Sie sind dann fortgeritten und wir haben gedacht, der Vater kme
am Abend wieder, der Offizier hat es ihm doch auf Ehrenwort versprochen.
Das Ehrenwort mu doch ein Offizier auch im Krieg halten, nicht,
Gromutter?"

Er bekam keine Antwort. Die Gromutter, die still mit verhaltenem
Schmerz den Bericht angehrt hatte, sah ins Weite, wie wenn ihre Augen
den Sohn suchten, den sie verloren hatte. Helene griff nach ihren Hnden
und bat leise: "Mutter, verzeih mir und verachte mich nicht ganz. Ich
wei, du wrest heldenmtig gewesen und ich war feig, war in Todesangst;
das hat er nicht mit ansehen knnen und mir zuliebe ist er zum Verrter
geworden. Ich bin schuld, da nun diese Schuld auf seinem Gewissen
liegt. Darum habe ich mich nicht entschlieen knnen, dir zu schreiben.
Ich wei ja, wie du mich verachten mut, da ich deinen edlen Sohn dazu
gebracht habe."

"Du hast ihn _nicht_ dazu gebracht, Helene, du irrst dich. Nichts auf
der Welt htte ihn dazu bringen knnen. Ich kenne ihn. Er hat das nicht
getan!"

Heftig erregt erhob sie sich. Ihr Blick fiel auf Gebhard. "Schon als
Kind in deinem Alter htte er das nicht getan, wie viel weniger als
Mann! Du hast das von deinem Vater geglaubt?"

"Ich habe es gehrt, Gromutter, da er 'ja' gesagt hat, und habe es
selbst gesehen, da er mit den Russen gegangen ist!"

"Ja. So hat er euch das Leben gerettet und die Bande fortgebracht vom
Forsthof. Eine Kriegslist war das. Ja, er ist mit ihnen geritten, aber
wohin? Dahin, wo die deutsche Patrouille nicht war! Gebhard, kennst du
deinen Vater so wenig?"

Der Knabe senkte nicht den Blick vor dem strengen Ausdruck der
Gromutter; ein glckliches Leuchten flog ber sein Gesicht. "So ganz
gewi weit du das, Gromutter? kann es gar nicht anders mglich sein?"

"Gebhard, wird es jemandem gelingen, deinen Leo, dies treue Tier, gegen
_dich_ zu hetzen? Wenn man ihn lockt, ihm droht? Schme dich, zu denken,
da irgend etwas auf der Welt deinen Vater vermocht htte, die Deutschen
an ihre Feinde zu verraten!"

Zaghaft warf Helene ein: "Mein Bruder sagt, wer einmal in den Hnden der
Russen ist, der wird mrbe gemacht, wenn er noch so tapfer wre!"

"Dein _Bruder_ kann das sagen, er hat Rudolf kaum gekannt, aber du?"
Nachdenklich sah sie auf Helene und dachte unwillkrlich an die Worte:
"Aus anderem Holz geschnitzt." Wie biegsam war die junge Gestalt, wie
weich die Zge und sanft der Blick! Nachsichtig sprach sie zu ihr.
"Weil du selbst in jener Stunde schwach warst, hast du auch ihn fr
schwach gehalten und hast doppelt darunter gelitten. Aber jetzt glaube
du mir und la dich durch keine Einrede mehr irre machen. Dein Mann ist
_kein_ Verrter. Von den Treusten einer ist er. Glaube an ihn; ein
Mrtyrer kann er geworden sein, ein Verrter nicht!" Tief erregt wandte
sie sich an Gebhard. "Gott gebe, da du so wirst wie dein Vater! Einen
besseren Wunsch wei ich nicht fr dich!"

Erschttert verlie sie das Gemach, sie mute jetzt fr sich allein
sein.

Ihr starker Glaube ging in dieser Stunde ber in die Seele von Mutter
und Kind; die schwerste Last war der jungen Frau vom Herzen genommen.

Es blieb die Trauer um den Helden, aber das war ein edler Schmerz, der
ihr Herz erhob. "Gebhard," sagte sie, "wie waren wir so verblendet und
wie wollen wir von jetzt an stolz sein auf den Vater!" Und die beiden
waren fast glcklich zu nennen in diesem Augenblick. Aber die Mutter des
Helden kmpfte jetzt in ihrem Zimmer allein mit der tiefen Bewegung, in
die diese Unterredung sie versetzt hatte. Sie war berwltigt von dem
Gedanken an das Leiden ihres Sohnes. Was mochten die Feinde ihm angetan
haben in der Wut darber, da er ihnen nicht den rechten Weg wies? Das
grlichste, das sie ersinnen konnten. O wie grausig waren die Bilder,
die ihr vorschwebten! Hin und her ging sie in ihrem Zimmer und sprach
halblaut mit ihrem Sohn, wie wenn er sie hren knnte: "Du mein guter,
tapferer, treuer Sohn! So ganz allein. So weit fort von mir. Was haben
sie dir getan? Wirst du noch immer geqult und gepeinigt? Oder bist du
erlst von allem Leid, selig aufgenommen als einer, der reinen Herzens
ist und Gott schauen darf? O, die schreckliche Ungewiheit!"

An der Zimmertre wurde geklopft, das Dienstmdchen rief: "Frau Doktor,
die Schustersfrau aus dem Hinterhaus ist da und fragt nach Ihnen."

"Sie soll morgen kommen."

"Aber sie tut ganz verzweifelt. Sie hat schlechte Nachrichten."

"Ich habe auch schlechte und kann ihr keine guten verschaffen."

Das Mdchen wagte nichts mehr einzuwenden; aber dem fassungslosen jungen
Weib, das auf Trost und Hilfe wartete, gab sie auf eigene Verantwortung
den Bescheid: "Frau Doktor kommt gleich." Sie kannte ja ihre Frau; die
konnte wohl einmal schroff und abweisend sein, aber schlielich half sie
doch immer. Auch diesmal. Nach kurzer Zeit kam sie ruhig und gefat
heraus; kaum war ihr noch anzumerken, wie sie mit sich gekmpft hatte,
um wieder tapfer zu sein. Frau Siebel, die Schustersfrau, merkte
jedenfalls nichts davon; sie war vollstndig vom eigenen Leid
hingenommen. Ihr lauter Jammer hatte auch Helene und die Kinder
herbeigerufen. Schluchzend zeigte sie eine Postkarte, die besagte, da
ihr Mann schwer verwundet in der Pfalz liege und sich nach einem Besuch
von ihr sehne. "Sicher ist er schon tot," rief die junge Frau und hrte
gar nicht auf die ermutigenden Worte, mit denen ihr von allen Seiten
zugesprochen wurde. Sie wute ganz gewi, ihr Mann war tot.

"Dann wollen Sie also nicht in das Lazarett reisen?" fragte Frau Dr.
Stegemann kurz.

"Ei doch," sagte Frau Siebel, "deshalb wollte ich ja Frau Doktor um Rat
fragen, ich wre so gern noch diese Nacht abgereist."

"So, nun sehen Sie, Sie glauben ja selbst, da Ihr Mann noch lebt. Nun
lassen Sie auch das Weinen, dazu haben Sie Zeit in der Bahn; jetzt
mssen Sie fr Ihr Kind sorgen, was machen Sie mit dem?"

"Das ist's ja eben, ohne mein Buberl kann ich nicht fort. Ich habe es
die neun Monate nie aus der Hand gegeben. Ich vergehe vor Angst, wenn
ich das Kind hier lasse!"

"So wollen Sie es mit auf die weite Reise nehmen?"

"Nein, nein, das wre gar nicht auszuhalten, es zahnt und schreit so
viel!"

"Dann mssen wir eben eine Unterkunft suchen fr den Kleinen. Am besten
in der Krippe."

"Mein Kind in die Krippe? Ach Gott, ich vergehe vor Heimweh nach dem
Kind!"

"Wenn Sie unter allen Umstnden vergehen, kann ich Ihnen auch nicht
helfen," entgegnete Frau Stegemann ungeduldig. "Entweder mitnehmen oder
hier lassen--eines von beiden mssen Sie doch tun. Oder wissen Sie
einen dritten Weg?"

"Ach nein--aber--"

"Nun also. Seien Sie recht dankbar, da wir eine Krippe haben, in der
man so einen kleinen Schreihals freundlich aufnimmt. Fr heute nacht
will ich das Kind nehmen und morgen in der Krippe nachfragen. Jedenfalls
sorge ich fr eine gute Unterkunft."

"Aber kann ich Ihnen denn das zumuten? Es ist doch gar zu viel!"

"Im Krieg hilft man zusammen. Ihr Mann ist ja auch fr uns im Kugelregen
gestanden! So sorgen wir auch fr sein Kind. Haben Sie denn das
Reisegeld?"

"Ich hoffe, da es reicht!"

"Mit Hoffnungen kommen Sie am Schalter nicht aus. Ich will im Kursbuch
nachsehen und Ihnen im Notfall etwas vorstrecken. Gehen Sie einstweilen
und richten Sie alles!"

"Ach, ich bin ganz wirr im Kopf vor Schrecken!"

"Das pat jetzt gar nicht. Im Gegenteil, Sie mssen Ihre Gedanken fest
zusammennehmen, damit Sie nichts vergessen."

Die Frau eilte davon, Frau Dr. Stegemann ging in die Kche zum Mdchen.
Das hatte die Verhandlung gehrt. "Frau Doktor," sagte sie, "wenn ich
nur htte dazwischen reden drfen. Das Kind ist nicht gut zu haben, die
Frau ist so unvernnftig mit ihm, trgt es und kocht ihm bei Nacht, alle
Leute im Hinterhaus sagen es. Frau Doktor, jetzt wird's doch zuviel fr
uns!"

"Zuviel? Liese, im Kriegsjahr gibt's kein 'zuviel' fr mich, und fr Sie
hoffentlich auch nicht!"

"Aber seine Nachtruhe kann man doch wenigstens verlangen."

"Meinen Sie? Fragen Sie doch Ihren Brutigam, ob er sagen darf: 'Bei
Nacht wird mir das Schieen zuviel, da will ich meine Ruhe!'"

"Wenn man auch immer an den Krieg denkt! Das tun nur Sie, Frau Doktor!"

"Sie doch auch, Liese? Haben wir nicht miteinander zuerst das Backen
abgestellt, und die Kbel fr das Schweinefutter eingefhrt, und nicht
geruht, bis sie nach und nach in der ganzen Strae herauskamen? Ich
mchte jetzt gar keinen Menschen um mich haben, der nicht immerfort
fhlt: 'Jetzt ist Krieg, wie helfe ich?'"

Liese berlegte. "Dann will ich eben den kleinen Balg nehmen bei Nacht."

"Den nehme ich schon selbst, denn Sie mssen morgens frh heraus."

Aber weder die Frau noch die Magd bekamen den kleinen "Balg" ans Bett,
denn, als Frau Siebel das schlafende Kind brachte, streckte Helene die
Arme nach ihm aus, fand es reizend in seiner Unschuld und bat so
herzlich es ihr zu berlassen, da niemand ihr die Freude nehmen wollte.
Getrost konnte Frau Siebel ihren Liebling verlassen.

In spter Abendstunde setzten Mutter und Schwiegertochter sich noch ein
wenig zusammen. "Mir ist es, wie wenn ich in eine andere Welt versetzt
wre," sagte Helene. "In deinem Haus weht ein ganz anderer Geist als bei
uns. Ihr alle steht im Zeichen des Krieges. In meines Bruders Haus ist
das nicht so, er ist von seinem Geschft hingenommen; auch wute er, da
ich nichts hren wollte vom Krieg. Ja, ich gestehe dir's, nicht einmal
an den Siegen konnte ich mich freuen, weil ich immer dabei empfand: mein
Mann gehrt nicht zu den Helden, ich selbst habe ihn hinausgedrngt aus
der tapferen Schar. Jetzt aber hast du diesen Druck von mir genommen;
ich bin so glcklich und bitte dich: verachte mich nicht um meiner
Feigheit willen. Vielleicht kann ich auch noch tapfer werden; meinst du
nicht?"

Liebevoll zog die Mutter sie an sich.

"Wer wei," sagte sie, "ob ich als junge Frau die Probe bestanden htte,
angesichts der rohen Mnner, die mit ihren Scheulichkeiten die Frauen
bedrohen. Niemand soll da ber andere urteilen. Du wirst noch viel
Gelegenheit haben, dich in Tapferkeit zu ben, und ich auch. Wie lange
werden wir in Unsicherheit bleiben mssen ber das Schicksal unseres
Helden. Und wenn eine Nachricht kommt, dann lautet sie vielleicht so
grauenvoll, da wir allen Mut brauchen, um sie zu ertragen. Aber es wird
uns leichter werden, weil wir uns jetzt zusammen gefunden haben. Es ist
gut, da du gekommen bist!"

"Ich mchte in dieser Zeit viel lieber bei dir leben. Aber ich mu doch
bei der Kleinen bleiben, und die macht so viel Arbeit mit der Wsche
und mit dem Ausfahren. Bei meinen Geschwistern mit den beiden
Dienstmdchen geht das viel leichter als hier. Sie nehmen mir alle
Arbeit ab; meine Schwgerin ist rhrend besorgt und verwhnt mich ganz."

"Ich bin nicht fr solch rhrend verwhnende Liebe," war der Mutter
Antwort. "Aber," fgte sie hinzu, "richte du dein Leben ein, wie du es
fr richtig hltst."

Helene wurde nachdenklich. Nach einer Weile sagte sie: "Fr Gebhard ist
es ja viel schner hier. Meinen Geschwistern ist er fremd geblieben und
er war auch gegen mich nicht mehr so zutraulich wie frher. Erst hier
ist er wieder ganz mein lieber, prchtiger Bub. Mutter, la ihn mir
nicht fremd werden!"

Helene blieb bis ber die Weihnachtsferien und fhrte selbst noch
Gebhard in die Schule ein. Sie sah, wie er jetzt dem Lehrer und den
Mitschlern frei und offen gegenbertrat, da er nichts mehr zu
verheimlichen hatte, und da dem Kind warme Teilnahme entgegengebracht
wurde. Und als er am zweiten Tag in der Pause seinen Leo holte, um ihn
den Kameraden vorzustellen, da wute sie, da er heimisch wurde unter
diesen. Sie konnte ihn getrost verlassen. Sie selbst aber vermite auf
der Heimfahrt ihren kleinen Reisekameraden und es war ihr, als entfernte
sie sich noch mehr von ihrem Mann, indem sie seinen Sohn und seine
Mutter verlie. Aber daneben wurde doch die Sehnsucht nach dem
Tchterlein immer lebhafter. Es schlief, als sie heim kam. Beim
Erwachen sah es befremdet nach der Mutter; fr das kleine Menschenkind
war die Zeit lang genug gewesen, um sie zu vergessen; aber die
Erinnerung erwachte bald wieder. Es war ein lieblicher Anblick, wie die
junge Mutter mit Kosen und Schmeicheln das Fremdsein besiegte und
endlich von ihrem kleinen Ebenbild durch strahlendes Lcheln und
zrtliche Hingabe wieder anerkannt wurde. Die Geschwister hatten es mit
angesehen. "Wie erfrischt du aussiehst!" sagte der Bruder, "du hast dich
so schwer zu der Reise entschlossen, aber sie hat dir sichtlich gut
getan."

"Ja, ja. Das Schwerste, was mich am meisten bedrckt hatte, das hat mir
die Mutter abgenommen. Ich habe ihr alles, alles anvertraut und das war
gut, denn es ist ganz anders, als wir uns gedacht hatten: Nur um die
Russen vom Haus wegzubringen und um sie falsch zu fhren, ist mein Mann
mit ihnen gegangen. Er hat ihnen nichts verraten!"

"Woher habt ihr Nachricht bekommen? Erzhle doch!" riefen die
Geschwister.

"Nachricht haben wir nicht, aber die Mutter wei es dennoch, so gewi
wie wenn sie Nachricht htte. Sie kennt ihn und wei, da es ihm ganz
unmglich ist, die Deutschen zu verraten."

"Ach so!" sagte der Bruder gedehnt. Enttuschung und Unglaube lag in
seinem Ton. Aber Helene sprach eifrig weiter: "Und ich bin auch fest
berzeugt, da sie recht hat. Sie hat mir erzhlt, wie er schon als Bub
so tapfer und treu war, hnlich wie ja auch Gebhard ist, durch und
durch zuverlssig. Ich htte es ja selbst wissen knnen, aber ich war
wie verblendet, weil ich selbst feig gewesen bin und mir das so schwer
auf dem Gewissen lag." Bruder und Schwgerin schwiegen.

Helene fhlte, sie waren nicht berzeugt. Was konnte sie noch sagen?
"Wenn ihr nur selbst seine Mutter gehrt httet, und sie sehen knntet,
wie sie so fest und wahr ist und wie sie und ihr ganzes Haus von dem
erfllt ist, was fr den Krieg, frs Vaterland geschehen mu. Ein ganz
anderer Geist weht bei ihr als bei uns!"

"Bitte sehr," wehrte der Bruder, "bei uns geschieht alles was recht ist
und noch nie ist einer aus unserer Familie wegen Verrat in Verdacht
gekommen!"

"Ihr sollt auch von meinem Mann nichts Schlechtes mehr glauben, nein ihr
drft es gar nicht mehr fr mglich halten, das kann ich nicht mehr
ertragen!" Sie zitterte vor Erregung.

Die Schwgerin beruhigte sie: "Rege dich nicht auf, Helene, ich glaube
dir ja, aber von deinem Bruder kannst du das nicht gleich verlangen;
Mnner geben nicht so viel darauf, wenn eine Mutter sagt: das kann mein
Sohn nicht getan haben, denn keine Mutter will Schlechtes von ihrem Sohn
glauben. Mnner glauben erst, wenn Beweise vorliegen."

Beweise? Nein, _Beweise_ fr seine Unschuld hatte Helene nicht, nur den
Glauben daran; den Glauben, der sie so glcklich gemacht hatte. O, nur
fest daran halten und sich nicht irre machen lassen!

Sie sprachen nicht weiter darber, denn keines wollte das andere
reizen. Freundlich fhrte Herr Kurz seine Schwester an den reich
besetzten Tisch. Aber was sie noch vor wenigen Tagen harmlos angenommen
hatte, machte ihr jetzt Bedenken. Kriegsmig war das nicht, was hier
aufgetischt wurde. Die Geschwister lieen sich nichts abgehen, dachten
auch nicht weiter daran, welche Nahrungsmittel knapp waren im Land,
welche verbraucht werden sollten. Doch wagte sie nicht, dem Bruder
wieder das Haus Stegemann als Vorbild zu rhmen. So schwieg sie darber.
Aber whrend sie die ppige Mahlzeit mit ihnen teilte, bedrckte es sie,
die Gastfreundschaft zu genieen von Menschen, die ihrem Mann Schlechtes
zutrauten; sie konnte sich nicht wohl fhlen bei ihnen, trotz aller
Liebe, die sie ihr erwiesen. In den Wochen, die nun kamen, kmpfte sie
einen schweren Kampf gegen das Heimweh nach ihrem verlorenen Glck und
gegen die Sehnsucht bei denen zu sein, die mit ihr durch die Liebe zu
ihrem Manne verbunden waren. Sie klammerte sich an den Trost, den ihr
die treuen Briefe der Mutter brachten, und schrieb fast tglich an sie
und an Gebhard. In seinen kindlichen Briefen suchte sie nach den
seltenen Worten, die etwas von der Anhnglichkeit aussprachen, die ihr
so kostbar war. So vergingen ihr die dunklen Wintermonate langsam und
schwer.




Achtes Kapitel.


Unter dem offenen Tor des Schulhofes stand Gebhard mit einigen
Kameraden. Auch Leo war dabei. Er war heute wie so manchesmal gekommen,
seinen kleinen Herrn abzuholen. Es gengte, da Frau Dr. Stegemann dem
Tier die Tre ffnete und sagte: "Such den Herrn!" Er sprang dann in
groen Stzen der Schule zu, wartete am Hoftor, bis sich die Klassen
entleerten, erkannte sofort die Klasse, zu welcher Gebhard gehrte,
drngte sich zwischen den Schuljungen hindurch zu dem einen, dem er
angehrte. Viele der Kameraden hatten ihren Spa daran, einer beachtete
den Hund noch ganz besonders; ein lebhafter Pflzer war es. Er hatte
einen Vetter, der Sanittshundefhrer gewesen, jetzt aber verwundet im
Lazarett untergebracht war. Dem hatte er schon oft von Gebhards Hund
gesprochen, und ebenso erzhlte er Gebhard viel von den Leistungen des
Hundefhrers. So waren die beiden lngst begierig, sich kennen zu
lernen. Heute nun, als Gebhard aus dem Schulhof trat, stand da an der
Mauer ein Feldgrauer, den Arm in der Binde. Ein ganz junger Soldat war
es, sah stramm und gesund aus. "Das ist der Sanittshundefhrer," sagte
der kleine Pflzer und der Soldat begrte Gebhard freundlich: "Ich
wollte mir nur einmal deinen Hund besehen," sagte er, "ich mu sagen, er
gefllt mir wohl! Wie ein Pfeil ist er die Strae daher gesaust und dann
regungslos am Tor stehen geblieben. Die Buben von der andern Klasse hat
er gar nicht beachtet. Es ist ein gut gezogenes Tier. Ich gehe nmlich
wieder als Hundefhrer hinaus und da mu ich mich halt jetzt umsehen
nach einem andern Hund, denn der meinige ist im Feld geblieben."

Gebhard sah den Soldaten, der immer prfend auf den Hund blickte, mit
groen Augen an. "Aber meinen gebe ich nicht her!"

Der Hundefhrer wandte sich an seinen jungen Vetter. "Ich war der
Meinung, er sei zu verkaufen, du hast doch so etwas gesagt?" Der
Schlingel lachte.

"Blo damit du einmal an die Schule kommst und den Hund anschaust, ob
der wohl zum Sanittshund gut wre."

"Ja," sagte Gebhard, "dann ginge ich, wenn ich gro bin auch als Fhrer
mit ihm in den Krieg."

Der Feldgraue lachte: "O Buben, was schwtzt ihr! Bis ihr gro seid, ist
doch der Krieg lngst aus und _so_ aus, da nicht gleich wieder jemand
sich traut mit uns anzubinden. Und der Hund wre auch bis dahin zu alt,
jetzt wre er gerade recht. Aber ich glaub's gern, da du ihn nicht
hergibst," sagte er freundlich zu Gebhard, dessen Hand streichelnd auf
Leos Kopf ruhte. Dieser Ton ermutigte Gebhard zu Fragen, die ihn lngst
beschftigt hatten.

"Ich kann mir gar nicht denken," sagte er, "wie ich meinen Hund lehren
sollte, da er Fremde aufsucht, Verwundete. Wie haben Sie denn das
gemacht?"

"Das ist nicht so schnell gesagt und hat ja fr dich auch keinen Wert."

"Ich htte es nur so gern gewut."

Der kleine Vetter legte sich ins Mittel. "Du kannst es ihm doch sagen!"

"Wenn ihr einmal herauskommt auf das Gelnde hinter dem Lazarett, kann
ich's euch zeigen."

"Vielleicht gleich nchsten Mittwoch? Da haben wir frei," rief Gebhard.

"Nun also, Mittwoch, um 3 Uhr. Ausgemacht!"

Gebhard kam ganz im Glck ber diesen Vorschlag nach Hause. Die
Gromutter war gleich fr den Plan zu haben. Aber am Mittwoch Nachmittag
wirbelte Schnee und Regen durcheinander, es war zweifelhaft, ob der
Verwundete bei diesem Unwetter ausgehen durfte. Mimutig stand Gebhard
am Fenster, schaute hinunter auf die Strae, ob es denn wirklich so
schlimm ausshe. Nur wenige Menschen waren zu sehen, unter diesen aber
ein Soldat, ein junger Feldgrauer, und der--Gebhard sah es mit
zunehmender Erregung--der war kein anderer als der Hundefhrer und kam
geradewegs auf das Haus zu, drckte auch schon auf den Klingelknopf!
Gebhard strzte hinaus, ffnete und wurde ganz rot vor stolzer,
freudiger Erregung, da dieser Feldgraue zu ihm kam. Zwar wollte der
nicht ins Zimmer hereinkommen, sondern blo sagen, da er bei dem
schlechten Wetter die bung leider nicht machen drfe; aber er wurde
bald mit warmen Worten von Frau Dr. Stegemann wie von den beiden
Enkelinnen berredet, in das Wohnzimmer zu kommen und sich an den
Kaffeetisch zu setzen. Einen Feldgrauen zu Gast zu haben, war immer
eine Freude und so ein Sanittshundefhrer war noch ganz besonders
willkommen. Die Hausfrau verstand es, den bescheidenen jungen Mann zum
Sprechen zu bringen. Im September war es gewesen, da hatte er, der
siebzehnjhrige Freiwillige, zum erstenmal seinen Hund erproben knnen.
"Das war im Gefecht bei Ch.," erzhlte er, "die Unsrigen hatten einen
harten Stand gegen die bermacht; aber am Nachmittag mute der Feind
weichen. Unsere Kompagnie sammelte sich, die Sanitter suchten die
Verwundeten auf und die Kameraden trugen die Toten zusammen. Am Abend
wurden alle Namen festgestellt; da hie es: Es fehlen noch 5 Mann.
Jetzt, wo sind die? Niemand konnte Auskunft geben. Auf dem Feld lag
keiner mehr, aber vielleicht im Wald. Von dem Argonnerwald macht man
sich aber bei uns keinen Begriff, der ist so dicht mit Unterholz und
Gestrpp verwachsen, da man gar nicht vorwrts kommt; wenigstens ist's
so in der Gegend, wo wir waren. Wenn sich da ein Mensch hinein
verschlupft, sieht man ihn beim hellen Tag nicht, geschweige in der
Nacht. Also fnf fehlen. Soll man die liegen lassen? Vielleicht
verbluten sie sich oder holen sie sich den Tod auf dem nassen, kalten
Waldboden. Ich war bei unserer Truppe der einzige, der einen Hund hatte.
Jetzt, denke ich, mu der seine Kunst zeigen. Ich fhre ihn in der
Dunkelheit bis dicht an den Wald, dann mache ich ihn los vom Strick und
geb ihm den Befehl: 'Such verwundet.' Der Hund saust gleich davon, in
den Wald hinein. Eine Weile hre ich noch rascheln und knacken, dann
wird's ganz still und ich steh da im Nebel und es rieselt eiskalt auf
mich herunter und wird mir ganz unheimlich, so allein in der
stockfinsteren Nacht. Mein elektrisches Lmpchen habe ich wohl in der
Tasche, aber das spart man fr die uerste Not. Ich wei nicht, wie
lang das whrte, mir kam's eine Ewigkeit vor, da hre ich in der Ferne
so ein kurzes, wiederholtes Bellen und merke gleich: Mein Tell hat einen
gefunden! Da ist mir's siedhei vor Freude aufgestiegen, ich pfeife und
la mein Lmpchen in den Wald blitzen und jetzt knistert und kracht es
wieder und mein Tell kommt mit einer Soldatenmtze im Maul. Schnell lege
ich ihm die Leine an und rufe ihm zu: 'Fhr mich!' Er zieht an und fhrt
mich durchs Dickicht am Waldessaum eine ganze Strecke. Da bleibt er
pltzlich stehen. Ich hre ein Sthnen und sehe vor mir einen unserer
Vermiten, ein Landwehrmann war's. Wie hat der Mensch sich gefreut und
wie war er dankbar fr einen Schluck aus meiner Feldflasche! Einen Schu
in den Oberschenkel hatte er, und so groen Blutverlust, er hat sich
nicht rhren knnen vor Schwche und Schmerzen. Ich habe ihm einen
Notverband angelegt, habe ihn mit seinem Mantel gut zugedeckt und ihm
versprochen, da ihn die Trger holen wrden. Allein htte ich ja den
Weg in der Nacht nicht zurckgefunden, es war mir selbst wie ein Wunder,
da mich mein Tell wieder herausgeleitet hat aus dem finstern Wald und
bis zur Truppe. Dort waren gleich ein paar von unseren Leuten bereit,
den Verwundeten mit der Bahre zu holen. Mein Tell hat uns wieder
gefhrt und wir haben unsern Landwehrmann glcklich zum Verbandplatz
gebracht. In derselben Nacht haben wir noch einen zweiten aufgesprt und
errettet. Die andern fand Tell gegen Morgen; einer war aber schon
verblutet. Htten wir mehr Hunde mit Fhrern gehabt, wre der vielleicht
auch noch gerettet worden."

Der Soldat schien fertig mit seiner Erzhlung; aber alle htten gern
noch mehr gehrt.

"Bei welcher Gelegenheit sind Sie denn zu Ihrer Verwundung gekommen?"
fragte Frau Dr. Stegemann.

"Ja, das war eben einmal, wo unsere Verwundeten ganz nahe am Feind
lagen. Das ist immer das gefhrlichste. Wenn es so steht, dann bindet
man den Hunden den Fang zu, da sie keinen Laut geben knnen; das haben
sie zwar nicht gern. Mein Tell hat sich's anfangs gar nicht gefallen
lassen; aber er hat es doch gelernt. Auch wie ich das letzte Mal mit ihm
drauen war und mit den Trgern ganz nahe an den vordersten
Schtzengraben der Franzosen gekommen bin, hat er uns nicht verraten,
sondern hat uns lautlos herangefhrt; aber die Verwundeten haben
gesthnt und um Hilfe gerufen, wie sie uns bemerkten. Darauf ist die
Schieerei bei den Franzosen losgegangen. Sie haben aber nur mich
getroffen, so da ich noch selbst habe zurckgehen und mit der linken
Hand den Hund fhren knnen; unsere Leute htten sonst in der Nacht
nicht zurckgefunden. So haben wir doch unsere Verwundeten noch
gerettet, das hat mich riesig gefreut. Nachher bin ich ohnmchtig
geworden; und wie ich im Lazarett aufgewacht bin, haben mir die
Kameraden gleich zugerufen, ich bekme das Eiserne Kreuz. Nun, ich
will's spter noch besser verdienen; sobald es nur angeht, ziehe ich
wieder hinaus. Mein Tell wird jetzt von einem Kameraden gefhrt, und ich
mu schauen, da ich wieder einen Hund abrichte. Er mu halt folgen und
klug sein, bissig darf er auch nicht sein und nicht mit andern Hunden
raufen oder auf Wild jagen. Es gibt nicht viele solche und wer so ein
Tier hat, der verkauft's nicht, gelt du?" Er wandte sich mit dieser
Frage an Gebhard. Aber Grete und Else, die beiden lebhaften Mdchen, die
nicht weniger eifrig als Gebhard dem Soldaten zugehrt hatten, lieen
ihn nicht zur Antwort kommen: "Ich wrde meinen Hund gleich verkaufen!"
rief Grete mit Begeisterung! Und Else: "Ich auch, recht teuer; um das
Geld wrde ich lauter Sockenwolle, Zigarren und Schokolade kaufen und
Pckchen an die Soldaten schicken oder ich gbe es fr die Ostpreuen."

"Die Frulein haben gut reden," sagte der Soldat, "die haben keinen Hund
und wissen nicht, wie lieb man solch ein Tier hat. Ich htte meinen Tell
auch um viel Geld nicht hergegeben, ich kann's von einem andern auch
nicht verlangen. Wo hast du denn deinen Leo?"

"Im Hof."

"Da hast du recht. La ihn nicht viel ins Zimmer, sonst wird er
verweichlicht."

Der Soldat hatte sich neben dem Erzhlen den Kaffee wacker schmecken
lassen; Frau Dr. Stegemann nahm die leere Kanne, ging hinaus, zu sehen,
ob drauen noch Vorrat wre. Gebhard folgte ihr in die Kche.
"Gromutter, gelt, ich mu meinen Leo nicht hergeben?"

"Niemand kann das von dir verlangen."

"Gromutter, gelt der Soldat hat recht, Grete und Else wissen nicht, wie
gern ich meinen Leo habe, aber du weit es doch, Gromutter!"

"Ich wei es freilich, er ist dein liebster, treuster Kamerad! Und er
ist dir auch ein Andenken an den Vater, ans Forsthaus, an die liebe,
alte Heimat. Du wrdest ihn alle Tage vermissen, weil dein Herz an ihm
hngt."

"Ja, ja, gerade so ist's wie du dir's denkst, Gromutter. Leo knnte es
auch gar nicht verstehen. Vorhin war's mir, als mte ich ihn hergeben,
weil man ihn im Krieg so ntig brauchen knnte, aber ich bin froh, da
du selbst sagst, ich soll ihn behalten."

"Das habe ich nicht gesagt, Gebhard, und kann es auch nicht sagen. Nur
du selbst kannst wissen, ob du dein Liebstes frs Vaterland hergeben
mut oder nicht!"

"Nein, Gromutter, sage mir, was du meinst."

"Ich meine, du gehst jetzt einmal hinunter zu deinem Leo und ich trage
den Kaffee in das Zimmer!"

"Ich will aber doch wissen, was du denkst!"

Die Gromutter berhrte den rgerlichen Ausruf ihres Enkels und kehrte
in das Zimmer zurck. Gebhard stand noch einen Augenblick voll rger
und Unmut da, dann tat er doch, was die Gromutter gesagt; er ging
hinunter in den Hof, an dessen Zaun der Hund sofort hoch sprang und
freudig seinen kleinen Herrn begrte, der ihn diesmal mit strmischer
Zrtlichkeit umschlang und ihm einmal ums andere zurief: "Du wirst nicht
verkauft, Leo, nein, nein! Wir zwei bleiben beisammen!"

Droben im Zimmer machte der bescheidene junge Gast Umstnde, noch weiter
dem Kaffee zuzusprechen und noch lnger zu verweilen.

"Ich meine," sagte die Gromutter, "nach dem wochenlangen Lazarettleben
drfen Sie sich's wohl einmal wieder behaglich machen in einem
Familienzimmer. Sagen wir: noch eine Tasse, eine Zigarre und eine
Viertelstunde plaudern, und dann soll's genug sein. Wir gehen dann auch
wieder an unsere Arbeit."

"Ja, so ist's fein," meinte der junge Mann, sah auf seine Taschenuhr und
gab sich noch einmal dem seltenen Genu hin, am behaglichen
Familientisch zu sitzen und von seinem Elternhaus erzhlen zu drfen.
Die Viertelstunde war fast verstrichen, da kam auch Gebhard wieder
herauf und trat ins Zimmer, seinen Leo an einer kurzen Leine fhrend.
Stramm ging er auf den Soldaten zu, hochgemut leuchteten seine Augen; er
glich selbst schon einem Fhrer, der mit seinem Hund einen schweren Gang
wagen will.

Der Soldat unterbrach seine Erzhlung und wandte sich dem Knaben zu. Der
trat dicht heran und rief seinem Hund zu: "Leo leg dich still!" Das Tier
legte sich gehorsam neben den fremden Mann. Nun reichte Gebhard dem
Soldaten die Leine und sagte fest: "Ich schenke meinen Leo dem
Vaterland." Er lie die Leine los, sie lag nun in des Fhrers Hand. Der
junge Soldat fand gar nicht gleich Worte, so berrascht war er, so
bewegt, als er sah, wie Gebhard zu seiner Gromutter trat und zu ihr
sagte: "Ich habe es _doch_ tun mssen, Gromutter!"

Sie zog ihn an sich heran. "Es wird dich nicht reuen," sagte sie.

Aber der Feldgraue machte Einwnde: "Ich kann das gar nicht annehmen von
dem Kind, es tut ihm weh. Nein, das Opfer ist zu gro!"

"Ei was, wer wird darber so viel Worte machen," wehrte Frau Stegemann
und wandte sich an Gebhard: "So ein kleiner Bursche wie du hat nicht
leicht das Glck, da er dem Vaterland etwas wertvolles opfern kann, das
darf wohl auch wehtun, sonst wre es ja gar kein Opfer!"

"Es tut weh, Gromutter!"

"Ich glaube dir's wohl, mein lieber Bub!"

Sie sah, da der kleine Mann sich mit aller Macht wehrte, die Trnen
zurckzuhalten und kam ihm zu Hilfe, indem sie sich an den Soldaten
wandte.

"Nun werden Sie erst erproben mssen, ob Leo wirklich brauchbar ist als
Sanittshund."

"Ja, aber ich zweifle nicht, es wird sich bald zeigen. Ein feines Tier
ist das. Ich kann's gar nicht so aussprechen, wie dankbar ich dafr bin.
Nach dem Krieg--wenn wir's erleben--bringe ich dir aber deinen Leo
zurck, Gebhard, dann soll er wieder dir gehren." Das war eine schne
Hoffnung, Gebhard sah schon wieder frhlich aus.

"Und schreiben will ich dir auch und dir berichten, wieviel er leistet."

"Ja, ob er solche Verwundete aufsprt, die sonst umgekommen wren."

"Gebhard she wohl gerne zu, wenn Sie den Hund abrichten. Knnten Sie
das einrichten?" fragte die Gromutter.

"Aber natrlich, das wollen wir schon so machen. Ich kann ja an das
Schulhaus kommen, dann verabreden wir es miteinander. Zuerst mu ich es
im Lazarett melden, so lange bleibt dir dein Leo noch. La doch sehen,
ob er sich nicht losreit von mir, wenn du hinausgehst." Gebhard ging
auf die Tre zu, der Hund erhob sich, zog an der Leine, wollte
folgen.--"Leo, liegen bleiben!" rief ihm sein kleiner Herr zu, und
verlie das Zimmer. Das Tier legte sich, aber es winselte leise. "Er ist
doch sonst hie und da im Zimmer ohne Gebhard, da winselt er nie!"
bemerkte Else.

"Er merkt, da mir die Leine bergeben ist und das beunruhigt ihn, Sie
werden gleich sehen!" Der Soldat lie die Leine zu Boden gleiten, sofort
war der Hund still. "Ein kluges Tier! Und so fein erzogen!"

"Mein Sohn versteht das, Gebhards Vater."

"Ist Ihr Herr Sohn auch im Feld?"

"Im Feld nicht, aber in russischen Hnden. Was sie ihm getan haben und
ob er noch lebt, das wissen wir nicht."

"Oh, ich habe keine Ahnung gehabt, da Sie so eine Sorge haben," sagte
der junge Mann und stand auf. "Da sitze ich und plaudere Ihnen vor, und
nehme dem Kind noch seine grte Freude weg, das geht doch nicht."

"Es geht schon. Gebhard ist ein tapferer, kleiner Mann, nach seinem
Vater geraten. Es ist gut, sich schon in jungen Jahren an Opfer und
Entbehrungen zu gewhnen, so wachsen Helden heran."

Der Soldat verabschiedete sich, Gebhard gab ihm noch ein Stck Weges das
Geleite. Der Hund ging zwischen ihnen, die Leine wanderte unversehens
von einer Hand in die andere. Soldaten gingen vorber, grten den
Kameraden mit dem Hund, sahen auch freundlich nach dem kleinen Burschen,
denn der grte heute einen jeden. Er konnte gar nicht anders. Hatte er
doch den Soldaten zu lieb seinen Leo geopfert, so sah er sie alle mit
dem Gedanken an: Vielleicht rettet er euch einmal das Leben!




Neuntes Kapitel.


Wochen waren vergangen. Helene lag auf ihrem Ruhebett, das letzte
Briefchen Gebhards in der Hand. Sie hatte sich allmhlich daran gewhnt,
manche Stunde so liegend zu vertrumen. Arbeit gab es nicht fr sie in
diesem Hause; fr ihr Tchterchen war ein Kindermdchen gedungen
worden; denn die Geschwister wnschten nicht, da sie das Kind selbst
ausfahre; an dem geselligen Verkehr ihrer Schwgerin mochte sie nicht
teilnehmen, dazu war ihr Herz zu schwer. Heute war fr sie ein besonders
wehmtiger Tag, ihr Hochzeitstag jhrte sich zum zweiten Mal. Und sie
wute nicht: war sie Witwe oder lebte der noch, der ihr ganzes Glck
gewesen?

Nichts war ihr aus jener Zeit geblieben als das Kleine, das neben ihr
lag und schlief. Sie schaute nach dem Kind, aber sie konnte es nicht
mehr mit derselben Freude ansehen wie frher, sie bedauerte es. Ohne den
Vater sollte es aufwachsen, mit einer Mutter, die nicht mehr frisch und
frhlich war wie einst. Sie kam sich selbst wie ein flgellahmer Vogel
vor. Mutlos sank sie wieder auf ihr Ruhebett zurck. Eine Weile spter
trat leise das Kindermdchen ein, blickte nach der schlafenden Kleinen.
"Ich will nicht stren," sagte das Mdchen, "wollte nur die Post
bringen." Sie gab einen Brief ab und verlie das Zimmer.

Gleichgiltig ffnete Helene den Umschlag. Es war ihr alles so einerlei,
nur wenn von seiner Mutter ein Brief kam, das freute sie, darin wehte
immer etwas von seinem tapfern Geist. Aber dies schien von einer
Mdchenhand geschrieben. Liegend las sie; es waren nur ein paar Worte,
aber Worte, die sie auffahren lieen, ihr Herz klopfen machten, ihr
schier unglaublich schienen, so da sie ihren Augen nicht traute und
einmal ums andere las, was da stand: "Ihr Mann lebt und grt Sie
tausendmal!"

So lebhaft war Helene aufgesprungen, da ihr Tchterchen davon
erwachte.

"Mam-mam," klang es aus dem Korbwagen. "Mam-mam? Ja, und Pa-pa!
Jngferlein, der Papa lebt und lt uns tausendmal gren!"

Sie nahm das Kind heraus, drckte es jubelnd an sich und lachte so, da
das Kleine auf ihrem Arm ganz bermtig wurde. Aber nach dieser ersten
berquellenden Freude kamen der jungen Frau allerlei Fragen.--Warum
schrieb ihr Mann nicht selbst? Konnte er nicht? War er so krank? Wenn
man nur mehr wte! Aber es war doch eine Spur aufgefunden, die konnte
man verfolgen. Das mute sie mit seiner Mutter besprechen, zu der
gehrte sie jetzt. Ein heies Verlangen trieb sie zu ihr und zu Gebhard;
wie wrde der jubeln!

Sie eilte hinaus, um Bruder und Schwgerin den Brief zu zeigen und sich
mit ihnen zu beraten. Die Geschwister konnten zwar nicht einsehen, da
Helene auf diese Nachricht hin unbedingt abreisen msse, aber sie hatten
beide den Eindruck, da gegen diesen strmischen Wunsch gar nichts zu
machen sei. Sie war ja wie verwandelt, die vorher so matte,
niedergeschlagene Frau. Man mute sie gewhren lassen.

So folgte Helene dem Drang ihres Herzens und frug bei der Mutter an, ob
sie zu ihr kommen drfe mit dem Tchterchen und bei ihr bleiben, damit
sie alle beisammen wren, wenn ihr Mann kme. Er lebte--also kam er, wer
konnte wissen, wie bald!

Frau Dr. Stegemann antwortete sofort und hie Helene mit dem Kind
willkommen. In Eile wurden die Reisevorbereitungen getroffen.

Helene war beim Abschied bewegt. Wie gastfreundlich hatten die
Geschwister sie aufgenommen. "Ihr wart so geduldig mit mir in dieser
langen, trbseligen Zeit," sagte sie.

"Uns war es nicht zu lange," erwiderte der Bruder mit Herzlichkeit. "Du
kannst jederzeit wiederkommen, du weit, wir haben dich lieb!"

"Und ich euch, von Herzen. Aber mein Mann gehrt auch dazu. Wenn ich ihn
erst wieder habe, mt ihr ihn recht kennen lernen. Dann wird alles ganz
schn!"

"Gott gebe es!"

Die Geschwister trennten sich, der Zug fuhr ab. Und kaum war Helene mit
ihrem Tchterlein allein, so zog sie wieder ihren Brief aus der Tasche;
denn sie konnte nicht oft genug die Worte lesen: "Ihr Mann lebt und
grt Sie tausendmal!"

Helene hatte nichts mitgeteilt von der Botschaft, die sie erhalten
hatte. Mndlich wollte sie der Mutter die Nachricht berbringen, wollte
ihre und Gebhards Freude miterleben. Da sie nun mit einem frheren Zug,
als man sie erwartet hatte, ankam, fand sie die Wohnung fast leer, nur
das Mdchen empfing sie. So richtete sie sich ein in dem Gastzimmer,
besorgte ihr Kindchen und wartete gespannt, wer zuerst heimkme.

Immer wieder trat sie ans Fenster, sah endlich ein paar Schuljungen auf
das Haus zukommen und erkannte unter ihnen Gebhard. Die Kameraden hatten
sich viel zu sagen, konnten sich lange nicht trennen, sie hatten eben
einer bung des Sanittshundes Leo beigewohnt und waren noch erfllt
davon. Die junge Frau konnte nicht lnger warten, ffnete das Fenster
und rief Gebhards Namen; der blickte auf, lste sich aus der Gruppe,
rannte der Haustr zu und oben angekommen umschlang er die Mutter, die
strahlend vor Freude vor ihm stand. Er hatte gar nicht mehr gewut, da
sie so lieblich aussah, wie jetzt in ihrem Glck, und es berkam ihn so
pltzlich die Erinnerung, wie Vater und Mutter beisammen gewesen, da
ihm Trnen in die Augen stiegen. Er begriff nicht, was ihn so bewegte
und sagte hilflos: "Ich freue mich doch so, aber das ist immer so dumm,
wenn man sich freuen will, dann kann man's nicht, ohne den Vater!"

"Doch Gebhard, jetzt knnen wir's wieder! Denn wir wissen jetzt, da der
Vater lebt. Sieh nur, den Brief habe ich bekommen, darin steht: Der
Vater lebt und grt uns tausendmal!"

Kaum hatte Gebhard die Nachricht erfat, so erklang drauen ein
wohlbekanntes Klingeln: "Das ist die Gromutter, darf ich's ihr sagen,
Mutter?"

"Wir miteinander!"

Sie nahmen sich an der Hand, Gebhard lachte, wie die Mutter so
leichtfig mit ihm springen konnte. Sie kamen dem Mdchen noch zuvor.
Die Gromutter wurde von beiden Seiten umfangen und hrte nichts als:
Er lebt und grt uns tausendmal!

Auf diese freudige Erregung folgten Wochen des Wartens. Aber sie
brachten fr Helene nicht mehr vertrumte Stunden auf dem Ruhebett; in
diesem altmodischen Haus gab es berhaupt gar kein Ruhebett. Frau Dr.
Stegemann kannte auch keine Mittagsruhe. Sie war der Meinung, da es fr
gesunde Menschen genge, bei Nacht zu ruhen und begriff nicht, da junge
Menschen so viele Stunden ihres Lebens ohne Arbeit oder Vergngen, in
bloem Nichtstun zubringen mochten. Helene fand sich schnell in diese
Auffassung und kam durch Arbeit hinweg ber die Enttuschung, da der
ersten Nachricht keine zweite folgte und alle Nachforschungen fruchtlos
blieben. Sie besorgte ihr Kindchen selbst und war bald auch in allerlei
Arbeit fr andere mit hineingezogen. Zuerst durch die junge
Schustersfrau, die inzwischen Witwe geworden war. Ihr mute man helfen
Verdienst zu suchen, und dabei hrte man von anderen, die in hnliche
Not geraten waren.

Da gab es fr Helene viele Gnge zu machen, aufzumuntern und Hilfe zu
schaffen. Ihre beiden jungen Nichten, Else und Grete, waren eifrige
Woll- und Metallsammlerinnen frs Vaterland, hatten auch Gebhard mit
hereingezogen und so gab es in der ganzen Familie kaum eine Ttigkeit,
selten ein Gesprch, das nicht mit dem Krieg zusammenhing.

ber all dem verstrich rasch die Wartezeit und ging der kalte
Vorfrhling ber in einen Mai, so wonnig, da all die Krieger im Feld
und ihre Treuen daheim aufatmeten nach dem schweren Winter. Und einer
dieser wonnigen Maitage lste auch das geheimnisvolle Dunkel, das bisher
ber dem Schicksal des Frsters gewaltet hatte.

Helene war mit ihrem Tchterchen und den groen Kindern den Nachmittag
im Wald gewesen, nun kamen sie zurck mit groen Struen von Waldblumen
und jungem Grn; ein ganzer Frhlingseinzug war es, als all diese Jugend
heimkehrte und frhlich die Gromutter begrte. Die mute sich
gleichzeitig von jedem erzhlen lassen, wie schn es im Wald gewesen,
mute die Strue in Empfang nehmen, die fr sie gepflckt waren, und
konnte sich in all der Kinderunruhe kaum Gehr verschaffen. Aber als
Helene mit den Kindern in die groe Wohnstube ging, da folgte ihnen die
Gromutter nicht, sondern bemerkte nebenbei zur Schwiegertochter: "Wenn
du die Kleine besorgt hast, so komm zu mir herber. Ich habe dir etwas
zu sagen." Helene sah die Mutter an und ein einziger Blick verriet ihr,
da sie eine tiefe Bewegung beherrschte. Sie wute: eine Nachricht war
gekommen!

"Else, Grete," bat sie, "tut ihr mir's zuliebe, die Kleine auszuziehen,
Gebhard hilfst du?" Und ehe noch Antwort gekommen, setzte sie das Kind,
das sie auf dem Arm gehabt, mitten unter die drei Groen auf den Boden
und folgte der Mutter. "Ist ein Brief gekommen? Von ihm? An mich?"

"An mich, aber deswegen nicht weniger an dich. Komm, setze dich zu mir.
Und sei tapfer, Helene!" Bei diesem Wort wurde die junge Frau bla.
"Sind es keine guten Nachrichten?"

"Wie kannst du _gute_ Nachrichten erwarten? Nicht wahr, wir haben uns
lngst gesagt, da wir aufs Schlimmste gefat sein mssen. Aber er lebt
doch und wird wiederkommen!"

Sie nahm den Brief zur Hand. "Er ist von einer Pflegeschwester
geschrieben, aus einem Berliner Lazarett, Rudolf hat ihn diktiert. Ich
will dir ihn vorlesen." Sie las mit fester Stimme:

"Liebe Mutter, wie ein Traum ist mir's noch, da ich dir einen Brief
schicken kann, wie ein Wunder, da ich wieder im deutschen Vaterland
bin. Noch vor kurzem hatte ich keine Hoffnung, je aus dem Feindesland
herauszukommen. Fremde Menschen haben sich meiner angenommen, mich mit
eigener Lebensgefahr ber die Grenze gebracht. Aber bald, bald werde ich
dir das alles mndlich erzhlen, nur auf eines soll dich dieser Brief
vorbereiten, ehe du mich wiedersiehst. Deine starke Seele wird es
ertragen, wenn ich dir sage, was mir geschehen ist. Die Russen haben
grausame Rache an mir verbt, als ich ihnen die Stellung der Deutschen
nicht verraten wollte. Mutter, sie haben mir das Augenlicht genommen.
Ich bin blind. Und nicht nur das, ich bin auch, das wei ich, ein
grauenvoller Anblick, und dies qult mich vor allem bei dem Gedanken an
meine junge, weiche, fein empfindende Frau, die so etwas nicht ertragen
kann." Das Vorlesen wurde unterbrochen durch einen schmerzlichen
Aufschrei: "O Mutter, wie grausig!" Laut schluchzend drckte Helene
beide Hnde vor das Gesicht, wie wenn sie verdecken wollte, was sie im
Geist vor sich sah. Sie weinte bitterlich, es war nicht mglich, weiter
vorzulesen. Mitleidig sah die Mutter auf die Trostlose. "Fasse dich,
Helene; nicht wahr, wir wuten schon lange, da er in den Hnden
grausamer Feinde war, und hatten uns auf das Schlimmste vorbereitet."

"Ich nicht, Mutter, ich habe mir solch schreckliche Gedanken immer fern
gehalten."

Das konnte Frau Stegemann nicht begreifen. In ihrer Natur lag es, fest
ins Auge zu fassen, was kommen mute. "Helene," sagte sie vorwurfsvoll,
"du wolltest doch tapfer sein!"

"Verzeih! Ich kann nicht, es ist zu schrecklich!" Vor der Tre lie sich
eine Stimme hren.

"Gromutter, darf ich kommen?" und Gebhard trat ein; er sah sein
Mtterlein aufgelst in Trnen, daneben die Gromutter mit dem strengen
Ausdruck, den er kannte. Ihm war er vertraut, aber die Mutter frchtete
ihn, das wute er. Und als er sie so im Jammer sah, erregte es ihn, er
verga sich und rief mit zornigem Ausdruck, whrend ihm die Rte ins
Gesicht stieg: "Gromutter, so darf man nicht mit der Mutter reden, da
sie so weinen mu, das leidet der Vater nicht!"

Die Gromutter, die ihm sonst nie solch ungebrdiges Auftreten hingehen
lie, bersah es diesmal; denn sein ritterliches Eintreten fr die
Mutter gefiel ihr.

"Ich habe deine Mutter nicht traurig gemacht," sagte sie, "sondern
dieser Brief, obgleich darin steht, da der Vater bald kommt. Nun sieh
nur zu, wie du sie trstest. Du kannst mit ihr den Brief fertig lesen!"
Sie gab das Blatt in seine Hand und verlie die beiden. Gebhard stand
ratlos mit dem Brief, denn eine fremde Handschrift war ihm noch eine
schwere Aufgabe.

"Vorlesen kann ich nicht," sagte er, "und trsten auch nicht."

Da raffte sich Helene zusammen: "Nein, mein armer, lieber Bub, du sollst
mich nicht trsten, du tust mir ja selbst so leid. Ich will dir sagen,
warum ich weine: Sieh, der Vater, dein herzlieber Vater, ist blind;
seine lieben, schnen Augen sind ihm zerstrt worden aus Rache, weil er
die Deutschen nicht an die Russen verraten wollte." Sie zog ihn an sich,
wie entsetzlich mute ihm, der so treu an seinem Vater hing, diese
Nachricht sein! Aber es kam anders als sie dachte. Nicht Trnen kamen
ihm in die Augen, stolz leuchteten sie und fast frohlockend klang es:
"Jetzt mssen es alle glauben, da der Vater kein Verrter ist, alle,
auch Onkel und Tante! Mutter, schreibst du es ihnen gleich, heute noch?"

"Ja, ja. Jetzt haben sie den Beweis, den sie wollten! Einen so
schrecklichen Beweis!" Ihr graute wieder. Aber Gebhard, dieses Kind, das
in Monaten des Krieges unter den Kameraden von viel Schrecklichem gehrt
und im Lazarett allerlei Schwerverwundete gesehen hatte, konnte nicht
mehr so den Schauer empfinden. "Mutter," sagte er, "droben im Lazarett
ist ein Soldat, dem hat eine Granate beide Augen weggerissen. Aber der
hat schon oft mit dem Hundefhrer und mir geplaudert und war ganz
vergngt!"

"Wie sieht er aus, Gebhard?" ganz ngstlich klang die Frage.

"Ich wei nicht, ich habe ihn nicht so genau angeschaut."

"Hat er nicht furchtbare Schmerzen?"

"Nein, er hat sich nie beklagt und ich glaube, es wird auch dem Vater
nicht mehr wehtun."

"Vielleicht steht darber noch etwas in dem Brief," sie griff darnach,
denn der kleine Mann hatte sie doch getrstet, sie war wieder gefat und
las vor. Von Schmerzen stand nichts darin. Zuversichtlich klang es:
"Bald darf ich reisen; zunchst komme ich noch nicht zu dir ins Haus,
sondern mit anderen Verwundeten in ein Lazarett; dort wirst du, meine
tapfere Mutter, mich besuchen. Ich wei nicht, ob meine Lieben bei dir
sind, und berlasse es dir, ob du Helene die ganze traurige Wahrheit
mitteilen willst. Geh schonend um mit ihrem weichen Herzen; es ist mir
schwer an ihren Jammer zu denken. Aber _eine_ Mitteilung wei ich doch,
die Euch freuen wird, Gebhard vor allem: Es wurde mir, der ich nicht
kmpfen durfte frs Vaterland, das Eiserne Kreuz verliehen fr die
_eine_ Stunde, in der ich meine Treue beweisen konnte, als ich die
Feinde seitab von der Spur fhrte, die sie suchten, und ihre Rache auf
mich nahm. Erst krzlich ist der ganze Sachverhalt zur Kenntnis der
Heeresleitung gekommen."

Das Eiserne Kreuz! Wie leuchteten Gebhards Augen und welcher Glanz kam
ber das Gesicht der jungen Frau! Sie atmete tief auf. Nie konnte jetzt
mehr die alte Reue sie berfallen, nie durfte irgend jemand an seiner
Ehre zweifeln. Als ein treuer, tapferer Held, der das Schwerste auf sich
genommen hatte, stand ihr Mann vor Gott und der Welt, und ihre eigene
Schwachheit hatte seiner Ehre nicht geschadet. Mchtig wuchs ihr
Verlangen nach ihm, wie wollte sie ihn lieben und pflegen und glcklich
mit ihm sein!

"Wie heit es in dem Brief? _Bald darf ich reisen._ Was heit bald?
Komm, wir mssen die Gromutter fragen; und an meinen Bruder mu ich
schreiben, gleich jetzt, komm Gebhard, komm!"

Hand in Hand, in einer gleichen, groen Freude eilten sie hinaus, die
Gromutter aufzusuchen. Im Wohnzimmer war sie nicht zu finden, nur die
Kleine sa da, im niedrigen Kindersthlchen; neben ihr Grete, die ihr
das Abendsppchen gab. Im Augenblick kniete Helene neben dem Kind.
"Gebhard, wir mssen es dem Jngferlein auch sagen, da der Vater kommt.
Hrst du, Jngferlein? Sag: Papa!"

"Mam-ma!" rief die Kleine.

"Papa," wiederholte die Mutter, "Papa," bat Gebhard, "Papa" sagte Else
vor. Verwundert, schaute das Kind von einem zum andern, spitzte endlich
das Mulchen, machte sichtlich eine groe Anstrengung und rief--"Mama!"
Da lachten alle zusammen.

Frau Dr. Stegemann war nebenan und hrte das Lachen; hell und frhlich
klang die Stimme der jungen Frau, die sie vor kurzem aufgelst in
Trnen verlassen hatte.

"O Jugend!" sagte die Gromutter vor sich hin; aber ihr ernstes Gesicht
erheiterte sich. "Es ist gut so. Komm nur, mein armer Blinder, es gibt
doch noch Herzensfreude fr dich. Gottlob, dies Lachen hrst ja auch du,
so gut wie wir, und viele innige Worte der Liebe wird dir deine Frau
zuflstern, die nur du hren wirst!"




Zehntes Kapitel.


An diesem Nachmittag, als Gebhard in das Lazarett ging, um den Soldaten
abzuholen, der eine letzte Probe mit Leo, dem geschulten Sanittshund,
abhalten wollte, begleitete ihn Helene. Auf dem Weg vertraute sie
Gebhard an, da sie nicht nur wegen des Hundes mit ihm ginge. Nein, sie
hatte vor, den Verwundeten zu besuchen, der durch Granatsplitter um
seine Augen gekommen war. Es graute ihr vor seinem Anblick, aber sie
wollte sich daran gewhnen, ehe der Vater kam. So gingen sie miteinander
vor die Stadt hinaus nach dem Lazarett und sie betrat es mit Bangen.

Gebhard fhrte die Mutter die Treppe hinauf. Oben trafen sie die
Pflegeschwester. "Heute kommt meine Mutter mit," sagte Gebhard, und
Helene brachte schchtern und zaghaft den Wunsch vor, den Blinden zu
sehen. "Da kommen Sie gerade noch rechtzeitig," antwortete die
Schwester, "ehe er zum Unterricht geht, in die Anstalt gegenber." Sie
betraten einen kleinen Saal mit mehreren Betten, die meisten standen
leer, denn die Verwundeten waren schon so weit hergestellt, da sie sich
im Garten aufhalten konnten; aber einer stand am weit geffneten
Fenster, durch das der Duft blhender Linden hereinstrmte. "Das ist der
Blinde," sagte Gebhard und fhrte ihm die Mutter zu. Helene blickte zu
ihm auf. Nein, es war kein schlimmer Anblick: ein Band war um seine
Stirne gebunden und an diesem waren zwei kleine Tchlein befestigt, die
die Augenhhlen verdeckten. Sie gab dem Verwundeten die Hand. "Mein Mann
hat auch beide Augen verloren," sagte sie mit tiefer Bewegung. Der
Blinde hrte es ihrem Ton an. "Es ist freilich traurig," sagte er, "auch
fr die Frauen. Die meinige hat auch gejammert. Aber man mu es halt
hinnehmen und auf Gott vertrauen. Wenn man erst eine Beschftigung
gelernt hat, wird einem die Zeit nicht mehr so lang. Ich habe jeden
Nachmittag Unterricht."

"Darf ich manchmal vormittags zu Ihnen kommen und Ihnen etwas vorlesen?"

"Ja, das wre mir wohl recht."

Ein Verwundeter, den Arm in der Binde, kam, er fhrte den blinden
Kameraden zum Unterricht. Helene verabschiedete sich. Drauen sprach sie
mit der Schwester. "Darf ich fter kommen?" fragte sie, "ich mchte so
gerne mehr von ihm hren," und zaghaft fgte sie hinzu: "Ich mchte ihn
auch ohne die Binde sehen."

"Ja, kommen Sie nur, so oft Sie wollen. Die Binde trgt er blo, wenn
er ber die Strae geht. Sie werden sich schnell an den Anblick
gewhnen--wir Schwestern und seine Kameraden denken gar nicht mehr
daran, das ist nicht so schlimm!"

Erleichterten Herzens verlie Helene das Gebude. Der Blinde, die
Kameraden, die Schwester, sie alle waren so ruhig gewesen. Es war nicht
so schwer, als sie sich eingebildet hatte, gewi nicht. Gleich morgen
wollte sie wiederkommen, denn wer konnte wissen, wann ihr eigener
geliebter Blinder kommen wrde? Jeden Tag konnte das sein und er sollte
sie nicht mehr feig und schwach sehen, nein, wahrhaftig, er verdiente
eine tapfere Frau, und das wollte sie ihm sein!

Im Hof unten wartete schon neben seinem neuen Herrn stehend Leo, der
Sanittshund. Er trug heute zum erstenmal die feldgraue, mit dem roten
Kreuz geschmckte Decke. Mit freudigem Bellen sprang er auf Gebhard zu.

"Heute sollst du sein Meisterstck sehen, Gebhard," sagte der
Hundefhrer. "Morgen wird's aber auch ernst, wir reisen in aller Frhe
ab, gleich an die Front!"

Drei Soldaten waren schon vorausgegangen mit dem Auftrag, sich auf einer
kleinen Anhhe in dem nahen Wald zu verstecken. Sie sollten die
Verwundeten vorstellen, die aufzusuchen wren. Auf einem andern Weg
folgte nun der Fhrer mit dem Hund. Ihm schlossen sich Helene und
Gebhard an. "Im Kasernenhof haben wir schon hnliche bungen mit dem
Hund gemacht," sagte der Fhrer, "aber im Wald noch nie. Ich bin aber
sicher, er wird auch da seine Sache gut machen." Oben angekommen, lie
er den Hund von der Leine los und rief ihm aufmunternd zu: "Leo, such
verwundet!"

Pflichteifrig raste der Hund im ersten Augenblick geradeaus. Dann schien
er sich zu besinnen, schnffelte da und dort, aufgeregt, immer die Nase
auf dem Boden. Allmhlich nherte er sich dem Wald.

"Am Waldrand ist ein Bach," sagte der Fhrer. "Der Steg ist weiter oben.
Die Soldaten werden sicher nicht ber den Steg gegangen sein, sondern
durchs Wasser."

"Aber im Wasser verliert er die Spur!"

"Ja freilich, aber so ist's im Feld auch. Warte nur, sein Instinkt wird
ihn schon treiben, die Spur auf dem andern Ufer zu suchen." Richtig, Leo
verschwand pltzlich in der Tiefe, tauchte am andern Ufer des Baches
wieder auf, schttelte sich das Wasser vom Fell, suchte und verschwand
im Wald. Sie gingen nun dem Bach entlang bis zum Steg und hinber an den
Waldessaum. Dort standen sie eine ganze Weile gespannt und lauschend.
Pltzlich raschelte es im Laub und Leo tauchte auf.

"Er bringt eine Mtze!" rief Gebhard und rannte in hellem Vergngen dem
wackeren Tier entgegen, das in gestrecktem Lauf daher gesaust kam und
die Soldatenmtze zu den Fen seines Herrn ablegte. "Brav, Leo, brav,"
lobte der Fhrer und befestigte die Leine am Halsband. "Fhre mich,
Leo!" Der Hund zog an, ging voraus, die kleine Gesellschaft folgte in
den Wald hinein, durch dick und dnn eine gute Strecke weit; dann gab
der Hund Laut und blieb stehen. Mglichst im Unterholz versteckt lag ein
Soldat ohne Mtze. Der Fhrer sprach ruhig und freundlich den Soldaten
an, whrend er sich den Anschein gab, ihm aufzuhelfen. "Der Hund mu
merken, da es gute Freunde sind, die wir aufsuchen," erklrte er,
streichelte bald den Hund, bald den Soldaten und fhrte diesen am Arm
mit sich fort.

Die bung wurde wiederholt, der neue Sanittshund bewhrte sich
glnzend, er fand alle Versteckten.

Im Abendschein kehrten die Soldaten in das Lazarett zurck, der Fhrer
begleitete Mutter und Sohn noch bis in die Stadt. Dann kam der Abschied.
"Reut dich's nicht?" fragte er und sah bedenklich nach dem kleinen Mann,
der seinen Hund zum letztenmal streichelte. "Nein, es reut mich gar
nicht. Ich glaube auch, da Leo jetzt versteht, warum ich ihn hergebe.
Er wei, da er Verwundete suchen mu. Gelt Leo?" Das Tier wedelte; es
verstand jedenfalls so viel, da von ihm die Rede war. Nun wandte sich
Gebhard ab, gab dem Fhrer rasch die Hand und bat die Mutter: "Wir
wollen jetzt doch lieber gehen."

Sie verstand ihn und machte den Abschied kurz: "Viel Glck!" rief sie.

"Viel Dank," antwortete der Feldgraue, "komm Leo!" So trennten sie sich.

Helene und Gebhard gingen Hand in Hand durch die Vorstadt. Die Straen
waren ihnen fast unbekannt und dennoch vertraut was da vor sich ging. In
der Mitte der Strae bewegte sich, von zwei bewaffneten Soldaten
begleitet, ein Trupp gefangener Franzosen. Sie zogen und schoben einen
Wagen voll Brot hinauf nach dem Gefangenenlager. Niemand kmmerte sich
viel um den gewohnten Anblick.--Ein paar Frauen kamen des Weges, jeder
hing ber dem Arm ein Pack grauer Kleidungsstcke; man wute: das sind
Frauen, deren Mnner im Krieg sind und die nun nhen fr das Militr, um
Geld zu verdienen fr sich und die Kinder.--An einem Ladenfenster klebt
ein Blatt Papier, die neuesten amtlichen Berichte. Eine kleine Gruppe
steht davor, auch Helene und Gebhard bemhen sich, sie zu lesen, knnen
aber nicht recht bei. "Nichts besonderes," sagt einer zum andern, "es
handelt sich halt wieder um Arras und Ypern."--Zwei vorbergehende
Frauen plaudern miteinander, man hrt nur drei Worte, nur den
gewichtigen Ausruf: "das Stck 14 Pfennig!" aber man wei: von den Eiern
reden sie.--Auch was die zwei lteren Damen meinen, die so besorgt
aussehen, ergnzt sich ein Jeder, wenn er gleich nur hrt: "Morgen
sind's schon drei Wochen!" da keine Nachricht vom Sohn mehr
eingetroffen ist.--Ein paar muntere Mdchen eilen vorber, die eine
rhmt sich: "O wir haben im vorigen Monat _zehn_ brig behalten,"
Brotkarten natrlich.

Und pltzlich schauen alle, horchen alle--drei Schsse? Ein Sieg? Da und
dort fhrt ein Fenster auf, Leute rufen auf die Strae: Was ist's denn?
Und von irgend woher kommt die Antwort und pflanzt sich fort: "Przemysl
ist gefallen!"

_Eine_ Freude fliegt durch die ganze Stadt.

Unsere beiden, Mutter und Sohn, eilen, knnen kaum erwarten heim zu
kommen; und wie sie das Haus erreichen, fangen gerade die Glocken an zu
luten, die Fahnen kommen heraus und hoch oben an der Gromutter Fenster
erscheint neben der deutschen zum erstenmal auch die schwarz-gelbe
sterreichische; denn _eine_ kann nimmer gengen, um die Siegesfreude
auszusprechen in dieser einzig groen, schweren Zeit.

Monate lang hatte Helene mit all ihren Gedanken in der Vergangenheit
gelebt. Immer wieder hatte sie zurckdenken mssen an den Tag, der ihr
Glck vernichtet hatte. Jetzt aber, durch den Brief ihres Mannes tat
sich wieder eine Zukunft vor ihr auf und all ihr Sinnen ging dahin, wie
es werden sollte, wenn er zurckkme. Seine Stelle konnte er ja nicht
mehr ausfllen, das Forsthaus war keine Heimat mehr fr sie. Vor
lngerer Zeit schon hatte die Mutter eine Anfrage eingesandt, um zu
erfahren, ob die Wohnungseinrichtung im Forsthaus unbeschdigt geblieben
sei und geholt werden knnte. Heute war amtliche Mitteilung darber
eingetroffen. Sie besagte, da infolge russischer Plnderung smtliche
Mbel und Hausgerte zertrmmert seien, die Betten aufgeschnitten und
besudelt, Bcher und Schriftliches verbrannt. Wahrscheinlich sei die
zerstrte Wohnung spter noch durch Diebsgesindel durchsucht worden,
denn es sei nicht das Geringste mehr vorhanden.

Schmerzlich war diese Nachricht. Helene hatte als Braut eine reiche
knstlerische Ausstattung in das Forsthaus gebracht--nun war die ganze
schne Einrichtung verloren. Und alles was Vater und Sohn besessen an
geliebten Gegenstnden, jedes Andenken an frhere Zeiten, die Spiele,
die Gebhards Kinderglck ausgemacht hatten, alles war in die Hnde roher
Gesellen gefallen und vernichtet worden.

Helene war tief gebeugt ber diese vollstndige Verarmung. Noch vor
kurzem htte sie sich wenig darum bekmmert, aber eben jetzt, wo sie
ihren Mann erwartete, schmerzte es sie bitter. Nichts war mehr da von
ihrem Hausstand, sie konnte nicht, wie andere Frauen, den Heimkehrenden
im eigenen Haus empfangen. Aber das wute sie: die Mutter wrde Raum
schaffen fr ihren geliebten Sohn; an seine Mutter hatte er sich ja
gewandt, nicht an sie; das konnte sie begreifen: die Mutter verstand ihn
doch am besten, sie allein hatte auch nie an seiner Ehre gezweifelt; zu
ihr kme er gerne und man mute dankbar sein, da das mglich war.

So ging sie zur Mutter und fragte bescheiden: "Wie soll es werden, wenn
Rudolf aus dem Lazarett kommt? Ich wei, du wirst ihn mit Freuden
aufnehmen, aber wenn ich mit den Kindern auch dabei bin, wird es dir
dann nicht zu viel?"

"Freilich wird es mir zu viel," war die Antwort.

"Wie meinst du das, Mutter?" fragte Helene erschrocken.--"Ich meine zu
viel fr mich, weil zu wenig bleibt fr dich. Ich habe schon viel
darber nachgedacht und mchte gerne herausbringen, da Ihr eine kleine,
einfache Wohnung fr Euch allein nehmen und einrichten knnt. Aber das
gengt Euch jungen Frauen nicht. Da soll immer alles zusammenpassend und
stilgem sein. Dazu reicht es aber nicht. Es mte eine ganz
bescheidene 3 Zimmer-Wohnung sein und auch alte Mbel dazu verwendet
werden, das knnten wir mit vereinten Krften schon bestreiten und dann
wret Ihr vier beisammen; so kme es mir am besten vor."

"Und mir!" rief die junge Frau, und in aufwallendem Glck umarmte sie
die Mutter und rief in bermtiger Freude: "Ohne jeglichen Stil soll
unser Heim werden, das verspreche ich dir, Mutter, so unknstlerisch als
du nur willst. Ein urgemtliches Nestchen wird's dennoch! O Mutter,
gehen wir gleich Wohnungen ansehen?" Die Mutter sah glcklich auf die
strahlende Freude, die der jungen Frau aus den Augen leuchtete. Und sie
dachte an ihren Sohn. Der beste Schatz war ihm doch geblieben.

In den nchsten Tagen kamen noch von zwei Seiten Briefe, die auf diesen
Zukunftsplan Einflu hatten. Der erste war von Helenens Bruder. Er
sprach herzliche Teilnahme aus ber das Schicksal des Erblindeten; aber
auch Stolz und Freude ber das Eiserne Kreuz, das der ganzen Familie zur
Ehre gereiche. Er bat die Schwester, mithelfen zu drfen bei der
Grndung eines neuen Heims.

Der zweite Brief enthielt ein amtliches Schreiben und besagte, da dank
der groen Summen, die aus ganz Deutschland fr die vertriebenen
Ostpreuen eingegangen seien, eine Entschdigung fr den verlorenen
Besitz bewilligt werden knnte, sobald der Antrag gestellt wrde.

Zu Trnen gerhrt war Helene ber diese freiwillige Hilfe von allen
Seiten. Jetzt hatte es keine Not mehr, sie konnte sich alles wieder so
schn und reichlich anschaffen, wie einst als Braut.

Aber es ging ihr sonderbar: der Gedanke, hinzugehen, einzukaufen und
sich nur zu fragen: Herz, was begehrst du? freute sie nicht mehr. In der
Kriegszeit, wo so viel bittere Not herrschte, sollte sie sich alle
Wnsche befriedigen? Sie war so frhlich und eifrig gewesen bei dem
Gedanken, alles so schlicht und bescheiden wie mglich einzurichten.
Eine Weile sann sie nach, dann kam sie zur Mutter. "Du hast doch
ausgerechnet, da wir reichen, wenn wir uns sparsam einrichten. Dann
mchte ich lieber nichts annehmen von der Summe, die fr die
Vertriebenen bestimmt ist. Es geht sonst an rmeren ab. Ich meine,
Rudolf wird es auch so auffassen. Was denkst du, Mutter?"

"Ich denke, da du das Herz am rechten Fleck hast," war die Antwort.
Dieses gute Wort versetzte Helene in eine gehobene Stimmung, die ihr
auch blieb, whrend sie die bescheidene Wohnung whlte und mit
schlichten Mbeln ausstattete. Ein frhliches Vorbereiten, ein
brutliches Erwarten erfllte sie in diesen Tagen.




Elftes Kapitel.


An seinen Schulheften sa Gebhard und seufzte. Ihm wurde das Warten auf
den Vater unertrglich lang. Die Mutter hatte es gut--ihre Tage waren
ganz ausgefllt durch Vorbereitungen auf des Vaters Kommen; sie richtete
die Wohnung fr ihn; sie ging um seinetwillen fast tglich ins Lazarett
zu den Augenleidenden und Blinden und half bei ihrer Pflege.

Und die Gromutter war von frh bis spt in allerlei Kriegshilfe ttig;
viele arme Frauen kamen zu ihr und sie verschaffte ihnen Arbeit, selten
hatte sie ein wenig Mue fr ihren Enkel. Else und Grete waren in allen
Freistunden unterwegs, sie sammelten frs Vaterland das Gold ein, von
dem noch viel bei ngstlichen und bei gedankenlosen Menschen steckte.
Das Schwesterchen spielte freilich gern mit dem Bruder, aber mehr als
"Kuckuck" lie sich noch nicht mit ihr machen. Der bessere Spielkamerad
war doch Leo gewesen und der fehlte jetzt.

Einmal, als die Mutter vom Lazarett heimkam, klagte er ihr: "Es dauert
so lang, so furchtbar lang, bis der Vater kommt!" Sie trstete ihn.
"Jetzt wird er sicherlich bald kommen. Warte nur ein Weilchen, dann wird
es um so schner bei uns." Vom nchsten Ausgang brachte sie ihm ein Buch
mit, da ihm die Zeit rascher vergehe ber dem Lesen.

Aber das Buch war bald zu Ende. Er kam zur Gromutter. "Wann kommt denn
endlich der Vater, ich kann es nicht mehr erwarten!"

"So, du kannst nicht warten? Wir daheim und unsere Soldaten drauen
mssen doch alle warten!"

"Ja, aber es ist keine schne Zeit, wenn man so wartet, Gromutter."

"Willst du denn eine schne Zeit haben im Krieg, whrend so viele
leiden? Sei froh, da du auch etwas leiden darfst, wenn es auch nur eine
schwere Geduldsprobe ist. Es kann noch lange dauern, bis der Vater
kommt; ich will sehen, ob du die Probe bestehst, ob du geduldig
ausharrst."

So ernst nahm es die Gromutter? Ja, wenn das eine schwere Probe war,
wie sie die Soldaten zu bestehen haben, dann wollte er sie schon auf
sich nehmen, das sollte die Gromutter sehen. Er nahm sich zusammen und
ward wieder guten Mutes. Die Schule, die Kameradschaft waren ihm dabei
die beste Hilfe. Es war ihm wohl in seiner Klasse. "Sie sind alle nett
gegen mich," erzhlte er daheim, "und das kommt, weil sie meinen Leo
gern gehabt haben und weil sie vom Vater wissen." Er hatte recht. Durch
den treuen Hund und durch das Schicksal des Vaters war die
Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt worden. Aber da ihm alle Herzen zugetan
waren, das kam von seiner eigenen, tapferen, treuen Art; die zog die
andern an, ohne da er's wute.

Eines Morgens, als Gebhard in die Schule kam, zog ihn ein Kamerad
beiseite, tat geheimnisvoll, wollte ihm etwas sagen, das er doch
eigentlich verschweigen sollte. Endlich vertraute er, dessen Bruder
Sanitter war, Gebhard an, da an diesem Vormittag ein Zug mit
Verwundeten ankme, er solle es eigentlich niemand sagen, damit nicht
die neugierigen Menschen an die Bahn kmen. Sie wrden alle in das
Lazarett gebracht, auer einem, den msse sein Bruder abholen und in die
Augenklinik fahren, der habe beide Augen verloren. Ob das nicht Gebhards
Vater sein knne?

"Freilich kann er's sein!" rief Gebhard fast erschrocken durch die
pltzliche Hoffnung auf das Wiedersehen. "Um wieviel Uhr? Wann kommt der
Zug?"

"Das wei man nicht so genau und es hilft dir ja auch nichts, wir haben
doch bis zwlf Uhr Schule. Aber es kann auch ein Uhr werden, bis der Zug
kommt."

Ruhig auf der Schulbank sitzen und denken, da vielleicht der Vater
ankomme? das ging doch nicht? Aber es _mute_ gehen. Die Gromutter
wrde sagen: ausharren. Wie sonderbar, da er da sa in dem groen
Augenblick, auf den er so lange gewartet hatte! Aber vielleicht kam der
Vater gar nicht. Wenn man es doch nur wte! Wie qualvoll dieses
Stillehalten!--Es war eben Krieg, und darum war alles schwer, so
furchtbar schwer!

Der Unterricht hatte begonnen. Jetzt kam der Lehrer in seine Nhe und
richtete eine Frage an ihn. Gebhard stand langsam auf und atmete tief,
wie wenn er eine Last mit in die Hhe zu heben htte. Der Lehrer lachte.
"Nun, ist das eine so schwere Frage? Du seufzst ja ordentlich!" Aus
gepretem Herzen kam die Antwort: "Weil vielleicht gerade mein Vater
ankommt und ich in der Schule bin!"

"Dein Vater kommt? Heute frh? Du httest ihn gern begrt? Ja! Mchtest
fort und fragst gar nicht? Ist's noch Zeit?"

Gebhard konnte kaum antworten vor Erregung.

"Nrrischer Bub! So etwas erlaube ich doch! Spring davon!"

Jetzt kam Leben in den kleinen Mann. Er fuhr von seinem Platz auf, der
Tre zu.

"Deine Mtze!" riefen einige und lachten. Er wandte sich noch einmal,
sie sahen jetzt alle sein strahlendes Gesicht. Die Mtze vom Nagel, auf
und davon, dem Bahnhof zu.

Unterwegs schlug es neun Uhr, drei Stunden konnte er, wenn ntig, vor
dem Bahnhof warten, ohne da er daheim vermit wurde. So lange wollte er
ausharren, o leicht und gern!

Auf dem Bahnhofplatz war nicht wie sonst vor der Ankunft von
Lazarettzgen ein Menschenauflauf. Auch fuhren keine Rotkreuzwagen vor.
Ein einziger stand leer und verlassen vor der Halle. Wenn nur auch der
Schulkamerad recht hatte. Vielleicht war es eine falsche Nachricht. Er
sah sich um. Sein Blick fiel auf zwei Weiber, mit Krben am Arm, die da
standen und sich unterhielten. Er redete sie an, ob wohl bald die
Verwundeten ankmen. Die eine lachte: "Da bist du zu spt aufgestanden!"
und da Gebhard nicht verstand, was sie meinte, erklrte die andere: "Die
sind schon vor einer halben Stunde gekommen und alle schon
heimgefahren, bis auf das eine Auto, das bleibt wohl leer. Man schickt
immer lieber eins zu viel als zu wenig." Die Frauen wandten sich und
gingen ihres Weges.

Also zu spt, nicht zu frh! Bitter enttuscht stand Gebhard, konnte
sich nicht gleich entschlieen den Platz zu verlassen; zgernd, planlos
ging er noch auf den Bahnhof zu und stand pltzlich betroffen still. Aus
dem Bahnhofgebude kam ein Sanitter, fhrte zwei Mnner und diese
beiden hatten Binden um die Augen. Hoch klopfte Gebhards Herz. Er konnte
noch nicht recht unterscheiden, aber jetzt nherte sich die Gruppe; der
Sanitter sttzte den einen der beiden, der ein junger feldgrauer Soldat
war und auch am Fu verletzt schien; sorglich fhrte er ihn die breiten
Staffeln herunter auf die Stelle zu, wo das Auto stand. Inzwischen blieb
der andere, den Fhrer erwartend, an einer Sule der Vorhalle stehen,
und da nun seine stattliche, krftige Gestalt ganz zu sehen war,
erkannte Gebhard seinen Vater. Alles Zgern war vorbei, in jubelnder
Freude sprang er herzu, die Staffeln hinauf und rief mit frohlockender
Stimme:

"Vater! Gr dich Gott, lieber, guter Vater!" An dem ersten, trauten Ruf
hatte Stegemann sein Kind erkannt und nun griff er nach ihm mit beiden
Hnden und zog ihn in warmer Liebe an sein Herz. "Gr dich Gott, mein
Mnnlein, mein guter Bub! Ich htte nicht gedacht, da du mich gleich
erkennst und dich so freust an deinem blinden Vater!"

"O, ich habe es gar nicht mehr erwarten knnen, bis du kommst; das
wissen wir ja schon lang, da du blind bist, das macht _gar_ nichts,
Vater!"

"So, das macht gar nichts?" wiederholte Stegemann und lachte von Herzen.
Der Sanitter kam nun zurck, um seinen zweiten Pflegbefohlenen zu
holen.

"Kannst du denn nicht gleich zu uns, Vater? Ich kann dich so gut
fhren!"

"Zunchst bin ich noch ins Lazarett berschrieben, aber bald darf ich
heim, vielleicht schon morgen, der Arzt wird das bestimmen."

"Willst du mitfahren und sehen, wohin dein Vater kommt?" fragte der
Sanitter und fgte hinzu: "Wer hat dir denn verraten, da heute
Verwundete ankommen?"

"Ein Schulkamerad."

"Aha, ich kann mir schon denken, welcher das war. Macht nichts, komm nur
mit!"

Sorgsam fhrte der Sanitter den Blinden die Staffeln hinunter. Gebhard
ging auf der andern Seite.

"Knftig darf ich dich immer fhren, gelt Vater?"

"Letzte Stufe," sagte der Fhrer und wandte sich an Gebhard: "Immer
voraus sagen, sonst tut der Schritt weh; alles vorher ankndigen, das
ist die Hauptregel, dann gewinnen die Blinden Vertrauen und gehen ruhig
und zuversichtlich. Darauf mut du achten!"

"Ja das will ich gewi tun," versicherte Gebhard eifrig, "dann vertraust
du mir, gelt Vater?" Achtsam sah er zu, wie der Sanitter dem Blinden
das Einsteigen ermglichte, mehr durch kurze Zurufe als durch Hilfe.

Bald saen sie nebeneinander, Hand in Hand und sprachen gar nicht viel,
weil sie noch kaum das Glck fassen konnten, wieder beisammen zu sein.
Gebhard begleitete den Vater noch in den Saal. Die Neuangekommenen
sollten sich nach der langen Reise legen und ausruhen. Vater und Sohn
muten sich trennen. "Bitte die Gromutter, sie mchte zuerst allein zu
mir kommen; fr die Mutter ist's ein schwerer Gang!" sagte der Blinde,
kte den Knaben und gab ihm leise den Auftrag: "Den Ku gib der
Mutter!"

Gebhard ging heim wie im Traum. Mit all seinen Gedanken, mit dem ganzen
Herzen war er noch bei dem geliebten Vater, konnte selbst kaum an die
wunderbare Mr glauben, die er nun verkndigen wollte: da der Vater
angekommen sei!

Er traf aber zu Hause die nicht, die er suchte. Die beiden Frauen waren
nach der knftigen kleinen Wohnung hinbergegangen; Helene war fertig
mit der Einrichtung, hatte die Mutter geholt, um ihr alles zu zeigen und
fhrte sie jetzt durch die Zimmer. "Wie gefllt es dir, Mutter? Ist
dir's recht so?"

"Mir freilich, du hast ja alles mehr nach meinem als nach deinem Sinn
eingerichtet. Es ist wohl ein Unterschied gegen deine frhere reiche,
stilvolle Einrichtung!" Sie sah die Schwiegertochter an, wie wenn sie
erforschen wollte, ob es ihr schwer ums Herz sei. Aber Helene lachte
frhlich: "Es ist doch alles wieder stilvoll, Mutter, es ist Kriegsstil.
Wie wenn man Reste aus ein paar zerstrten Husern zusammengetragen
htte: da ein paar schne, alte Mbel von dir, dort schlichte, gebeizte
vom Schreiner, da der hochfeine Schreibtisch, den mein Bruder geschickt
hat, und davor ein gewhnlicher Holzstuhl. Und an der ausgebesserten
Tapete Bilder in schwarzen, braunen und vergoldeten Rahmen und gar ein
kleiner Spiegel vom Trdelmarkt. Aber sieh, die sogenannte
Mdchenkammer, hat die nicht ein nettes Stbchen fr Gebhard gegeben?
Seine Kriegsbilder hat er selbst an die Wand nageln drfen und sein
schmales Feldbett ist auch reinster Kriegsstil. Dazu pat auch statt
eines Mdchens die kleine Kriegswitwe, der du das Essen gibst; das alles
stimmt herrlich zusammen. Nun fehlt nur _er_ noch! Wie lange wohl?"

Drauen wurde geklopft. "Es mu jemand an der Vorplatztre sein," sagte
Helene, "die Klingel geht nmlich nicht immer und der Aufzug ist auch
ein wenig launisch, das macht aber nichts, gehrt eben auch zum
Kriegsstil."

Sie gingen miteinander hinaus und ffneten. Gebhard stand vor ihnen auf
der Schwelle, wute vor bergroer Erregung nicht gleich, wie er
erzhlen sollte, war auch so gesprungen, da es ihm den Atem benommen
hatte. Aber die Mutter fing seinen strahlenden Blick auf, ahnte und
rief: "Der Vater kommt?"

"Der Vater ist schon da!" Glckselig fiel er der Mutter um den Hals und
jubelte: "Da bringe ich dir einen Ku von ihm!"




Zwlftes Kapitel.


Am Bett ihres Sohnes sa Frau Dr. Stegemann; die andern Betten standen
leer, die Verwundeten waren an dem schnen Nachmittag ins Freie gebracht
worden. So waren die Beiden allein in dieser ersten Stunde des
Wiedersehens und ungestrt hatte der Sohn seiner tapfern Mutter seine
Erlebnisse erzhlen knnen. Sie wute jetzt, was er durchgemacht von dem
Augenblick an, da er sich bereit erklrt, die Russen zu fhren, in der
stillen Absicht sie wegzubringen von seinen Lieben im Forsthaus und sie
in die Irre zu leiten, um die deutsche Patrouille zu retten. Der
Offizier traute seinem Fhrer nicht und bedrohte ihn, wenn er ihm nicht
zu Willen sei, solle er nie mehr seine schne Frau wiedersehen, er wrde
ihm die Augen ausstechen lassen.

So wute er, welch grausame Marter ihm bevorstand. Noch hoffte er auf
irgend einen glcklichen Zufall, der ihm zu Hilfe kme, und betete im
stillen. Aber das Mitrauen der Feinde wuchs immer mehr, er erkannte,
da der bittere Kelch nicht an ihm vorbergehen sollte, und bereitete
sich innerlich vor auf das, was kommen mute.

Leute kamen des Weges, wurden ausgefragt und darnach wandte sich die Wut
der Feinde gegen ihn. Sie verbten an ihm die grauenvolle Untat, lieen
ihn in seinen Qualen liegen und ritten davon.

Als Stegemann so weit erzhlt hatte, sprte er an der zitternden Hand
der Mutter, da sie berwltigt war, und er hielt inne.

"Ist dir's so schwer, Mutter? Es ist ja berstanden, auch die
schrecklichen Qualen, die folgten. Aber ich will dir jetzt nicht weiter
davon erzhlen; ich danke dir, da du mich so tapfer angehrt hast. Dir
habe ich es zugetraut, darum wollte ich dich zuerst allein sprechen.
Aber nun will ich vergessen, was dahinten ist, und jetzt sage du mir,
Mutter, was liegt vor mir? Darf ich dies Elend meiner jungen Frau
aufladen? Kann sie es tragen, sie, die so weich und feinfhlend ist und
mir immer erschien, als sei ihre Natur ganz auf Lust und Freude
angelegt? Zwar glaube ich nicht, da wir Not leiden mssen. Das ganze
Vaterland hilft uns Invaliden, hilft vor allem, da wir arbeiten lernen
und etwas verdienen knnen. Damit habe ich schon angefangen und werde
meine ganze Kraft einsetzen, um mitzusorgen fr die Meinigen. Aber
dennoch--wie schwer ist es fr Helene! Nie htte ich, so wie ich jetzt
bin, ihr junges Leben mit dem meinigen verbunden!" Er setzte sich auf in
seinem Bett und horchte gespannt zur Mutter hin. Die nahm seine Hand in
die ihrige und sprach in voller berzeugung: "Da sei du ganz unbesorgt,
Rudolf, keine Braut kann verlangender dem jungen Brutigam
entgegensehen, als sie ihrem Helden!"

"Weil sie nicht wei, was fr ein Anblick ihr bevorsteht und was es
heit, einen hilfsbedrftigen Blinden um sich zu haben, anstatt eines
ritterlichen Gatten, der ihr alle Schwierigkeiten des Lebens aus dem Weg
rumt!"

"O, sie wei das besser als du denkst, Rudolf; wir haben neun Monate
Krieg erlebt, die waren fr deine Frau voll Angst und Reue, voll Sehnen
und Warten; sie hat sich durchgekmpft, ist stark geworden, um Leid und
Entbehrung mit dir zu tragen."

"Mutter, damit nimmst du mir die schwerste Sorge ab! Wenn es so ist,
dann, liebe Mutter, o dann bitte ich dich, gehe gleich zu ihr; ich habe
mich nach ihr gesehnt jede Stunde, seit wir getrennt sind; um keine
weitere Stunde soll die Trennung verlngert werden."

"Ich gehe, Rudolf, sie wird bei dir sein schneller als du denkst. Ich
bringe ihr deine Botschaft."

Er richtete sich auf, tastete nach dem Tischchen nebenan, zog die
Schublade auf.

"Was suchst du? Kann ich dir helfen?"

"Ja, es wird eine Schachtel da sein, in der ist mein Eisernes Kreuz.
Wenn du mir das befestigen willst. Da sie doch _etwas_ Schnes sieht an
ihrem Mann!--So, nun ist's gut. Und die Augen sind bedeckt, nicht wahr,
man sieht die Zerstrung nicht?"

"Nein."--Sie wollte hinzufgen: "Deine Frau hat sich lngst gebt, auch
das zu sehen," aber sie unterdrckte es. Wer konnte wissen, wie es sie
im Antlitz des eigenen geliebten Mannes erschttern wrde?

Unten im Garten wurde Frau Stegemann von Helene sehnlich erwartet.

"Mutter, wie geht es ihm? Sage mir, warum wollte er dich allein
sprechen?"

"Er hat Mitleid mit dir, da du ihn so wiedersehen mut, hat Angst, es
mchte dir zu schrecklich sein. Es ist auch schwer, Helene, mich hat es
furchtbar erschttert; ich mute mich _so_ zusammennehmen, um die
Fassung zu bewahren."

Jetzt, da der Sohn nicht mehr darunter leiden konnte, jetzt verlor sie
diese Fassung und konnte die bittern Trnen nicht zurckhalten. Das
hatte Helene noch nie erlebt; immer war die Mutter ihr an Seelenstrke
berlegen gewesen. Sie hatte tiefes Mitleid mit der Mutter, die ihr in
ihrem Kummer zum erstenmal als eine alte Frau erschien. "Es hat dich
angegriffen," sagte sie herzlich zu ihr, "soll ich dich heimbegleiten?"
Aber Frau Stegemann wehrte ab. "Nein, nein, ich finde mich schon wieder
zurecht. Geh nur, Kind; halte dich nicht mit mir auf, geh zu ihm, er
wartet!"

Der Mutter Schwche wurde eine merkwrdige Hilfe fr die junge Frau.
Wenn die Mutter, die starke, versagte, dann mute sie die tapfere sein.
Alles Bangen wich von ihr, leichtfig eilte sie die Treppe hinauf, sie
wollte nichts aufkommen lassen als reinste Wiedersehensfreude in dieser
lang ersehnten Stunde.

Sie ffnete die Tre, sah, wie bei dem Gerusch ein Kopf sich aus dem
Kissen hob, eine Gestalt sich halb aufrichtete und nach der Tre wandte.

"Rudolf, ich bin's!" rief sie, war im Augenblick bei ihm, umarmte ihn
strmisch und rief ihm frhlich zu: "Glaubst du, da ich's bin, wenn du
mich gleich nicht siehst?"

Er sprte ihre Frhlichkeit und zog sie an sein Herz.

"Ja, du bist's Helene, du Sonne in meiner Nacht! Gott sei Dank, da ich
dich habe!" Er kte sie. Da schob sie sanft die Binde ber seine Stirne
hinweg, drckte einen Ku auf jede der verheilten Wunden und sagte zu
ihm: "Das sind deine Ehrenzeichen, du mein Held. Wie bin ich stolz auf
diese Narben!"

Er legte sich zurck, fhlte sich aller Angst und Sorge ledig und gab
sich der Wonne des wiedergefundenen Glckes hin.






End of the Project Gutenberg EBook of Ohne den Vater, by Agnes Sapper

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OHNE DEN VATER ***

***** This file should be named 11677-8.txt or 11677-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        https://www.gutenberg.org/1/1/6/7/11677/

Produced by Charles Franks and the DP Team

Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
https://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
compressed (zipped), HTML and others.

Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
the old filename and etext number.  The replaced older file is renamed.
VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
new filenames and etext numbers.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
are filed in directories based on their release date.  If you want to
download any of these eBooks directly, rather than using the regular
search system you may utilize the following addresses and just
download by the etext year. For example:

     https://www.gutenberg.org/etext06

    (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
     98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)

EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
filed in a different way.  The year of a release date is no longer part
of the directory path.  The path is based on the etext number (which is
identical to the filename).  The path to the file is made up of single
digits corresponding to all but the last digit in the filename.  For
example an eBook of filename 10234 would be found at:

     https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234

or filename 24689 would be found at:
     https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689

An alternative method of locating eBooks:
     https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL


