The Project Gutenberg eBook of Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (2/10) This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook. Title: Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (2/10) Zweiter Band: Dorf- und Schloßgeschichten Author: Maria von Ebner-Eschenbach Release date: October 9, 2026 [eBook #79749] Language: German Original publication: Berlin: Verlag von Gebrüder Paetel, 1893 Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/79749 Credits: Richard Illner, Michael John and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive) *** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESAMMELTE SCHRIFTEN VON MARIE VON EBNER-ESCHENBACH (2/10) *** Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach. [Illustration] Zweiter Band: Dorf- und Schloßgeschichten. [Illustration] Berlin. Verlag von Gebrüder Paetel. 1893. Alle Rechte vorbehalten. Inhalt. Der Kreisphysicus. 3 Jacob Szela. 110 Krambambuli. 156 Die Unverstandene auf dem Dorfe. 176 Der gute Mond. 308 Die Resel. 350 Er läßt die Hand küssen. 376 Der Kreisphysicus. I. Doctor Nathanael Rosenzweig hatte eine entbehrungsreiche Jugend durchlebt. Was genießen heißt, erfuhr er in der schönsten Zeit des Daseins nicht. Heute hungern, und dabei gerade genug erwerben, um morgen weiter hungern zu können; Nachts um zwei Uhr sich zusammenrollen wie ein Igel und in der Ecke der Kellerstube den harten, traumlosen Schlaf der Erschöpfung schlafen; erwachen bei dem Gewimmer der alten Großmutter, die sich entschuldigte, daß sie noch nicht gestorben sei, daß sie ihm noch zur Last fallen müsse; forteilen, um lehrend die Möglichkeit zu erringen selbst zu lernen -- so ging es jahrein, jahraus. Erwerben, der Inbegriff all' seines Dichtens und Trachtens, Geld erwerben, Kenntnisse, Gunst, hauptsächlich die seiner Professoren (Nathanael studirte Medicin an der Universität in Krakau), erwerben um jeden Preis, den der Ehrlichkeit einzig ausgenommen, erwerben und nur ja nichts umsonst hergeben, nicht den kleinsten Theil der eigenen Kraft; keine mitleidige Regung kennen, keine hemmende Rücksicht. Seine Großmutter und er, er und seine Großmutter, machten für ihn die Welt aus, und wie denn seine Welt klein war, so waren seine Ziele nahe. Das erste und am schwersten Errungene bestand in dem Ersparnisse so vieler Gulden, daß er und die alte Frau nicht sofort verhungern mußten, wenn ein unvorhergesehenes Unglück seine Thätigkeit für einige Zeit lähmen sollte. Als er es erreicht hatte, da fühlte er sich als Capitalist, und tröstete die Großmutter bei ihrer allmorgendlichen Klage mit den Worten: »Lebe Du nur ruhig fort, jetzt kann uns nicht so leicht mehr etwas geschehen.« Sein rastloser Fleiß verminderte sich nach dem ersten Erfolge nicht, er wuchs vielmehr mit der Kraft dessen, der ihn anwandte. Nathanael wurde ein starker Mann; seine kreuzspinnenartigen Extremitäten kräftigten sich zu muskulösen Armen und Beinen, die Brust wurde breit, die Gestalt bekam etwas Reckenhaftes trotz ihrer Magerkeit. Sein Auftreten war so sicher, sein Blick so ruhig und klar, seine Rede so bestimmt, daß schon seine ersten Patienten -- gar kleine Leute! -- meinten: »Das ist ein gescheiter Herr Doctor!« Seine große Jugend sah ihm Niemand an; er hatte sich zu lange in Gesellschaft der Sorge befunden, und wenn er sie auch bändigte und unterwarf -- daß sie heimlich an ihm zu nagen fortfuhr, konnte er nicht verhindern. Allmälig kam er in Besitz eines Rufes, eines bescheidenen, aber eines guten, und dem verdankte er es auch, daß er zu dreißig Jahren schon, von Amts wegen als Physicus nach einem der westlichen Kreise versetzt wurde. Ein sicheres Brot von nun an! ein reichliches sogar nach Nathanaels Begriffen. Er hätte bei der Einrichtung seiner Wohnung auf dem Ring der Kreishauptstadt nicht so ängstlich zu knickern gebraucht, aber er fürchtete übermüthig zu werden, wie die meisten Armen, wenn sie plötzlich zu Geld kommen, und gab den Handwerkern wenig zu verdienen. Immer des Wortes eingedenk »Die Axt im Haus erspart den Zimmermann« schaffte er allerlei Werkzeug an und ließ sich's nicht verdrießen, den Tischler und den Schlosser gleichfalls zu ersparen. Und wenn es auch wirklich ein Graus war, wie die Sachen aussahen, den Doctor beirrte das nicht; der Schönheitssinn war bei ihm entweder nicht vorhanden oder nicht ausgebildet. Als die Großmutter, steinalt und unbeweglich, ihre Stube nicht mehr zu verlassen vermochte, sich aber doch noch herzlich sehnte nach dem Anblick einer grünen Staude, einer blühenden Blume, da wurde der Herr Doctor ein Gärtner, und bald sahen die Fenster seiner Wohnung aus wie die eines Treibhauses. Die Greisin litt manchmal an Rückfällen in ihre ehemalige Schwachherzigkeit; doch äußerte sich diese jetzt verschieden: »Wenn ich nur nicht zu früh sterbe,« sagte die Neunzigjährige. »Ein Begräbniß ist gar so kostspielig!« Nathanael tröstete sie liebreich: »Stirb ja nicht, Großmutter, Du würdest mich um den Lohn aller Mühen betrügen, die ich um Deinetwillen gehabt habe.« Der Besitz Nathanaels mehrte sich im Schranke, die Lust am Besitze stieg und stieg. Pläne, deren Verwirklichung dem klugen Manne in seiner Jugend als baare Unmöglichkeit erschienen wären, erwog er nun mit der Zuversicht bevorstehender Erfüllung. Seine ärztliche Praxis war ausgedehnt und einträglich. Nach allen Schlössern der Umgebung berief man ihn. Der trockene, wortkarge Doctor Rosenzweig, der keinen Widerspruch duldete, der nie eine Schmeichelei über die Lippen brachte, wurde der Vertrauensmann der Edelleute und, was viel merkwürdiger war, das Orakel ihrer liebenswürdigen und feinen Damen und der Freund ihrer Kinder. »-- Der Kleine ist schwer krank, aber -- Rosenzweig behandelt ihn.« »-- Den ganzen Tag habe ich in Todesangst um mein Töchterlein zugebracht -- aber jetzt ist Rosenzweig gekommen.« Wenn nur Rosenzweig da war, so war Hülfe da, und blieb sie einmal aus, dann hatte Gott eben nicht gewollt, daß ein Mensch sie bringe. Unter keinen Umständen erwies man sich karg gegen ihn, das hätte Niemand gewagt. -- Doctor Rosenzweig baut sich ein Haus, ein Haus aus gebrannten Ziegeln; dazu braucht er Geld. Er hat außerhalb der Stadt einen Baugrund gepachtet, und unter seiner eigenen Leitung ist auf demselben ein viereckiger, einstöckiger Wohnkasten errichtet worden. Stolz ruht er auf tüchtigen Kellergewölben, hat eine steinerne Treppe und wetterfestes Ziegeldach. Die Fensterrahmen sind schneeweiß angestrichen, die Mauern schneeweiß getüncht. Als einzige Zierde der Façade prangt neben der Glocke an der Thür das Schildchen der Feuerversicherungs-Gesellschaft. Aus den Fenstern der vorderen Front -- sie liegt gegen Osten, und ihr erstes Geschoß wird von dem Doctor und seiner Großmutter bewohnt -- hat man eine weite, weite Aussicht: Himmel und Felder. Frei schweift der Blick ins Grenzenlose. Kein Hügel hemmt ihn, kein Wald bringt einen dunklen Fleck hervor auf der glatten, im Sommer goldig, im Winter silbern schimmernden Flur. Jede Handbreit Erde kann von der lieben Sonne durch und durch getränkt werden mit lebenweckenden Strahlen. Giebt es Schatten, so ist es ein solcher, der nicht fühlt, nicht ruht, der nicht einem Hälmchen die Wärme entzieht, deren es zu seinem wunderbar geheimnißvollen Reifen bedarf -- der Schatten der fliehenden Wolken. Wie oft verfolgt ihn Nathanael aufmerksamen Auges, sieht ihn hingleiten über den wachsenden, schwellenden Reichthum, den sie zum Herbste einheimsen, und zu Schiff auf der Weichsel nach Deutschland und nach Rußland bringen und theuer verkaufen werden. Wer sich doch betheiligen könnte an diesem großartigen Erwerb! ein Hundertstel, ach ein Tausendstel nur von dem Gewinn, den er abwirft, in die eigene Tasche fließen sähe! Der Doctor fängt an, auf der unermeßlichen Ebene Luftschlösser zu erbauen, so bunt und märchenhaft schön, daß er nicht umhin kann, während er sie baut, lächelnd zu denken: Mahnst du auch mich einmal, nie angetretenes Vätererbe -- morgenländische Phantasie? Er wendet sich ab von dem Anblick fremden Reichthums und will einen Strich gezogen haben zwischen dem und seinem bescheidenen Eigenthum. Das Doctorhaus wird in fünf Klafter breiter Entfernung von jedem Punkte seiner Mauern mit einem Zaun aus ordentlich zugehobelten Latten umgeben; nach je ihrer zwanzig kommt ein starker, spitzzulaufender Pfahl. Aus dem Raume zwischen Haus und Zaun wird nach und nach ein kleiner Garten werden; die Eintheilung in Blumen- und Gemüsebeete ist bereits getroffen. Kein Schachbrett kann genauer quadrirt sein. »Im nächsten Jahre, liebe Großmutter, wirst Du Rosen und Reseden unter Deinen Fenstern blühen sehen,« versprach Nathanael der Greisin, und sie erwiderte: »Wenn ich es nur noch erlebe, mein Kind. Aufs Jahr werde ich fünfundneunzig.« »Weit über hundert mußt Du werden!« rief er eifrig. »Das bist Du mir schuldig, denke doch! Wie würde es das Vertrauen der Leute zu mir erhöhen, wenn es hieße: Seine Großmutter hat er auf mehr als auf hundert Jahre gebracht. Denn die Leute sind dumm, liebes Godele[1], sie schreiben meiner Kunst zu, was Deine gute Natur gethan hat. Bleibe Du nur frohen Muthes, nimm Dir nur recht fest vor, noch nicht zu sterben. So lange Du es Dir fest vornehmen kannst, wirst Du munter weiter leben.« [1] Großmütterchen. Die Greisin nahm es sich vor, aber von einer rechten Munterkeit war nicht mehr die Rede. »Mir ist jetzt so oft,« sagte sie, »als ob Dein Großvater vor mich träte und zu mir spräche wie in seiner Todesstunde: ›Komm' bald! Wir wohnen so friedlich beisammen im Garten Eden, wie wir gehaust haben auf Erden. Komm' bald nach, Rebekka!!‹ ... Damals konnte ich nicht folgen dem Rufe meines Geliebten, weil Du mich hast zurückgehalten, Du armes Würmchen, Du ganz verlassenes. Von Vater und Mutter zuerst, und vom Großvater bald darauf. Ja, es war eine schreckliche Seuche, die Gott geschickt hat über sein Volk im Kazimirz, und nicht gewußt hätte ich wem sagen: Sei barmherzig mein Enkelkind, wenn ich mich nun auch hinlege zum sterben. So habe ich damals nicht erfüllen dürfen den Wunsch meines Geliebten. Jetzt aber, Nathanael, mein Kind, jetzt aber ist mir, als sollte ich ihn nicht länger warten lassen.« Solche Reden schnitten dem Doctor ins Herz. Nie hatte die zurückhaltende, schweigsame Großmutter ähnliche geführt. Ein bedenkliches Zeichen, wenn alte Leute etwas thun, das außerhalb ihrer Gewohnheiten liegt! Der kleinen Veränderung folgt oft nur gar zu bald die unwiderrufliche -- die letzte nach. Und noch ein Symptom, das den Doctor beunruhigte. Die Greisin, die sonst nie genug Einsamkeit haben konnte, war jetzt nicht mehr gern allein. So oft Nathanael sich bei ihr verabschiedete, sprach sie: »Geh' denn in Gottes Namen, aber schicke mir den Goj[2], daß er mir Gesellschaft leiste und ich doch blicken könne in ein menschliches Angesicht und nicht immer und immer nur auf die Felder und den Himmel.« [2] Andersgläubiger. Der »Goj« war ein Jüngling von nun achtzehn Jahren; des Doctors Famulus, sein Diener, sein Hund. Des Tages wußte er sich nicht zu erinnern, an dem der »Wohlthäter« ihm ein gutes Wort gegönnt oder ein gutes Kleidungsstück geschenkt hätte. Wenn die Röcke und Stiefel Rosenzweigs unbrauchbar wurden, erhielt der große Junge sie zur Benützung und die Vermahnung dazu, ihnen diejenige Rücksicht zu erweisen, die man fremdem Eigenthum schuldig ist. Der Doctor ging immer mehr in die Breite, und fast schien es, als ob er kleiner würde. Sein Famulus »verdünnte« sich, wie Rosenzweig sagte, von Tag zu Tag und schoß spargelmäßig in die Höhe. Wie ihm die Gewänder des Wohlthäters saßen, das kam diesem selbst entweder erbärmlich oder lächerlich vor -- beides mit einem Zusatze von Verachtung. Den Jungen konnte er einmal nicht leiden, sein Widerwillen gegen ihn war unüberwindlich und entsprang aus den Gedanken, daß der Findling seines Herrn Brot umsonst oder doch fast umsonst esse. Vor vier Jahren hatte ihn Rosenzweig von der Straße aufgelesen, in einer eiskalten, herrlichen Winternacht. Mit dem Stolze eines Triumphators war er im Schlitten des Grafen W. pfeilgeschwind dahingesaust. Der Graf selbst hatte ihn bei der Abfahrt sorgsam in die Pelzdecke gehüllt, in der er sich so behaglich fühlte, und ihm immer wieder gedankt, und immer von Neuem Worte gesucht für das Unsagbare -- die Glückseligkeit des Liebenden, dem sein Theuerstes, das er schon verloren gab, wiedergeschenkt ist. Gerettet die junge Gräfin, gerettet vom beinahe sicheren Tode durch das Genie, durch die erfinderische Sorgfalt des unvergleichlichen Arztes, der an ihrem Krankenlager gestanden hatte wie ein Held auf dem Schlachtfelde, fast besiegt noch den Sieg im Auge, kampfbereit noch im Erliegen, der nicht gewichen war, bevor er sagen konnte: »Wir haben gewonnen, sie wird leben!« Er hatte so viele Nächte durchwacht, und sich auf den guten Schlaf gefreut während der Heimfahrt im bequemen Schlitten. Aber seine Müdigkeit mußte zu groß sein, sie verscheuchte die ersehnte Erquickung, statt sie herbeizurufen. So oft Nathanael die Augen schloß, unwillkürlich öffneten sie sich wieder und schwelgten im Anblick des sternenbesäeten, mondhellen Himmels und der schneebedeckten Ebene, die in wunderbarer Blankheit erglänzte, gleich einer ungeheuren, neugeprägten Silbermünze ... Wie viel Gold ließe sich erwerben um solche Münze? Die Keller des viereckigen Doctorhauses hätten nicht Raum, sie zu fassen, die köstlichen Barren, die verehrungswürdigen! Berger und Träger, allbezwingender Kräfte, gebundene Zauber, aufgespeicherte Macht. Was läßt sich nicht tauschen um Gold? Unschätzbares erkauft man damit, das weiß der Mann, der denen, die ihn bezahlen, die Gesundheit wiedergiebt. Der Doctor wurde in seinem Gedankengange plötzlich unterbrochen. Das Gefährt stand dicht am Straßengraben still, und der Kutscher rief: »Herr Doctor! Herr Doctor!« ... »Was giebt es, mein Sohn?« »Herr Doctor, da liegen zwei Betrunkene.« »Steig' ab und prügle sie ein wenig durch, damit sie nicht erfrieren.« Indeß der Kutscher vom Bocke stieg und die Zügel an demselben verknotete, hatte Nathanael sich aufgerichtet und vorgebeugt, und sah einer der auf dem Boden liegenden Gestalten mit gespannter Aufmerksamkeit in das vom Mondlicht hell erleuchtete Gesicht. Kein Säufergesicht, wahrlich! sondern eines, das Zeugniß gab von ehrlichem Darben und Dulden bis an die Grenze der menschlichen Kraft. Der arme Teufel hatte, in dem Augenblick wenigstens, kein Bewußtsein seines Elends, er schien fest zu schlafen. Als aber der Kutscher ihn packte und emporzerrte, fiel er sofort, steif wie ein Eisblock, in den Schnee zurück. Jener sprach: »Der Eine ist schon erfroren, Herr Doctor!« Rosenzweig sprang mit beiden Füßen aus dem Wagen und überzeugte sich bald, daß die Behauptung seines Dieners richtig sei. Grimm erfüllte ihn. Da war ihm einmal wieder ~der~ Tod zuvorgekommen, den er am meisten haßte, der nicht durchaus durch Krankheit bedingte, durch das Alter herbeigeführte -- ~der~ Tod, dem der Zufall in die Hand gearbeitet hat, ~der~ Tod, der seine Beute umsonst gewinnt, dem sie dumm und thöricht zu Theil wird, ohne triftigen Grund. »Sehen wir nach dem Andern,« sagte der Doctor zwischen den Zähnen. Der Andere schlief auch, aber weniger tief. Es war ein Knabe von etwa 14 Jahren, dem Todten offenbar nahe verwandt, sein viel jüngerer Bruder oder sein Sohn. Mit dem Feuereifer des Berufs begann der Doctor Wiederbelebungsversuche anzustellen, und nach langen Mühen krönte sie ein schwacher Erfolg. Ein kaum spürbares Rieseln war durch des Knaben starre Pulse geglitten, und wenn es auch sofort wieder staute, dennoch erklärte der Doctor voll Siegesgewißheit: »Jetzt hab' ich ihn!« Und er hüllte ihn in seinen Pelz, hob ihn in den Schlitten, brachte ihn heim und legte ihn in sein eigenes Bett, an dem er das Kind des Elends mit derselben Hingebung bewachte, die er der Herrin im Grafenschloß gewidmet hatte. Am Morgen war der Patient außer Lebensgefahr, und Rosenzweig konnte nicht umhin, zu sich selbst zu sagen: Auch Der gerettet, zwischen zweimaligem Sonnenaufgang Zwei! Schmunzelnd streichelte er seinen langen Moses-Bart und freute sich seines mächtigen Vermögens. Sein Patient aber erhielt noch am selben Tage die Weisung: »Steh' auf und geh'.« »Wohin? Gnädiger Herr Doctor, wohin? Wer nimmt mich ohne meinen Bruder?« antwortete der Knabe verzweifelnd, und nun trat die Frage heran: Was mit ihm beginnen? Die Papiere, die der Verstorbene bei sich gehabt hatte, wiesen ihn aus als den Maschinenschlosser Julian Mierski, der viele Jahre hindurch als Werkführer in einer Fabrik in Lemberg gedient hatte. In seinem Zeugniß hieß es, der vorzügliche Arbeiter habe, zum Bedauern seines Dienstherrn, in Folge schwerer Erkrankung entlassen werden müssen. Seitdem konnte er nichts mehr verdienen, sein Bruder aber, den er nach dem Tode der Eltern -- arme Häusler in einem Dorfe bei Lemberg -- zu sich genommen, nur gar wenig. So gingen, erzählte der Knabe, in Monaten die Ersparnisse von Jahren hin, und wurden aufgezehrt bis auf einige Gulden, deren Anzahl er genau angab, und die sich auch richtig im Ranzen des Verunglückten vorgefunden hatten. Die Großmutter hörte dem unter Thränen erstatteten Berichte aufmerksam zu. »Horch, Nathanael, mein Kind,« sagte sie. »Es ist nicht Recht gewesen von dem Bürger-Goj in Lemberg, zu verlassen den Mann in seiner Krankheit, der ihm in Gesundheit gedient hat viele Jahre.« »Eine Fabrik ist keine Versorgungsanstalt,« erwiderte Rosenzweig, und befahl seinem Geretteten: »Sprich weiter.« Dieser fuhr fort: »Vor acht Tagen ist ein Bekannter von meinem Bruder gekommen und hat erzählt, daß es in Krakau eine Fabrik giebt, wie die unsere, und daß sie uns dort gewiß nehmen werden. Mein Bruder war sehr froh: ›Komm, Joseph, wir wandern‹, hat er gesagt, und hat auf der Reise immer gemeint, der lange Müßiggang ist es gewesen, der ihn nicht hat gesund werden lassen, beim Marschiren wird ihm besser. Auf einmal hat er aber nicht weiter gekonnt, und hat sich in den Schnee gelegt, um ein wenig zu schlafen.« »Und Du hast das zugegeben?« schrie der Doctor ihn an. »Weißt Du nicht, was einem geschieht, wenn man sich bei solchem Frost in den Schnee legt?« Der Knabe senkte seine großen Augen, aus denen unaufhörlich Thränen flossen, und schwieg. »Was soll man anfangen mit einem solchen Chamer[3]?« fragte Rosenzweig die Großmutter. [3] Esel. Die Greisin entgegnete: »Laß ihn heute noch ruhen unter Deinem Dache. Sei ihm barmherzig. Er ist eine Waise wie Du.« Am nächsten Tage lautete ihr Rath: »Behalte ihn. Unsere Magd wird ohnehin alt und wackelig und kann eine Hülfe brauchen. Behalte ihn und richte ihn ab zu Deinem Dienst. Wer wird es verargen einem großen Mann wie Du, wenn er thut sich halten einen Famulus?« So wurde der Findling ein Genosse des Doctorhauses und zwar ein ungemein nützlicher, obwohl Rosenzweig das Letztere nicht gelten ließ. In seinen Augen blieb Joseph ein »Chamer«, der aus Büchern nichts lernte, nicht zu lernen vermochte. Zu achtzehn Jahren noch las er nicht ohne Schwierigkeit die einfachsten Kindergeschichten. Ihn zur Schule zu zwingen, hatte der Doctor schon nach den ersten Monaten aufgegeben, weil er nur mit Schlägen dahin zu bringen war, und weil sein Wohlthäter nicht immer Muße hatte, ihm dieselben zu spenden. Seine mechanischen Fertigkeiten hingegen waren groß, und groß der Fleiß, mit dem er sie ausübte. Auch er pfuschte in jedes Handwerk, aber mit besserem Erfolg, als dereinst der Doctor! In Allem, was er unternahm, offenbarte sich ein Schick, eine Leichtigkeit, ja sogar ein Geschmack, der den Pillenschächtelchen des Doctors ebenso sehr zu Gute kam, wie den Blumenbeeten im Gärtlein vor dem Hause. Immer nur mit Verdruß hörte der Doctor ihn loben, »den Tagdieb, der nichts kann und nie etwas Anderes können wird als spielen.« Er hatte einmal wieder diesen Vorwurf ausgesprochen, da entgegnete Joseph: »Wenn Du Dich entschließen könntest, Deine Felder in Deine eigene Verwaltung zu nehmen, würde ich Dir beweisen, daß ich kein Tagdieb bin.« Der Doctor fuhr auf: »Was sprichst Du von meinen Feldern? Weißt Du nicht, daß ich ein Jude bin und als solcher Grundeigenthum nicht besitzen darf? Weißt Du nicht, daß sogar mein Haus auf fremdem Boden steht?« -- Joseph wurde roth vor Verlegenheit, sah jedoch dem Doctor vertrauensvoll und offen ins Gesicht und erwiderte: »Du hast die Felder auf den Namen des Teophil von Kamatzki gekauft, aber sie sind doch Dein.« »Sag' einmal, mein Junge, woher hast Du diese Nachricht?« fragte Rosenzweig, und höchst verdächtig war die Gebärde, mit welcher er dabei sein spanisches Rohr zu schwenken begann. Gelassen antwortete Joseph: »Das ist kein Geheimniß. Alle Leute wissen es und gönnen Dir die Felder.« Während dieses Gespräches standen die Beiden mitten auf dem Wege, der schnurgerade von der Hausthür zum Gartenpförtlein führte, zwischen zwei säuberlich mit Reseden eingefaßten Rosenbeeten. An den Stachelbeerhecken, die Joseph längs des Lattenzaunes gezogen hatte, reiften die ersten Früchte. Was man überblicken konnte an zart entfalteten Salatstauden, an Rüben mit kühnen Federbüschen, an gelblich zwischen gekräuselten Blättern hervorleuchtendem Blumenkohl, an schier kriegerisch behelmtem Zwiebelnachwuchs, an zierlichem Majoran und -- _dulce cum utile_ -- als Begrenzung jeglichen Gemüsecarrés, an duftendem Lavendel, dessen kleine Knospen zu schwellen anfingen, das war Alles so kraftstrotzend und kerngesund, daß bei dem Anblick jedem Menschen, besonders aber einem Arzte, das Herz im Leibe lachen mußte. Mit geheimem Wohlgefallen betrachtete Rosenzweig die freundlichen Himmelsgaben und sagte: »Weil Du ein leidlicher Gärtner bist, bildest Du Dir ein, auch ein Landwirth sein zu können.« Damit wollte er abbrechen, besann sich aber und fügte hinzu, indem er die Spitze seines Stockes mit großer Hartnäckigkeit in die Erde bohrte und diese Operation scheinbar höchst aufmerksam verfolgte: »Ich hätte die Felder nicht -- eigentlich mit einem gewissen Unrecht -- in meinen Besitz gebracht, wenn ich nicht hoffen dürfte, sie bald zu Recht besitzen zu dürfen. Du wirst wohl wissen, daß eine Veränderung der Landesgesetze bevorsteht, und daß an den größeren Freiheiten, die sie dem Volke Galiziens gewähren werden, auch die Juden Theil nehmen sollen.« Joseph wußte das und hoffte, der Doctor werde die Felder, wenn sie einmal vor Gott und der Welt sein Eigenthum sein würden, nicht mehr in Pacht geben, sondern selbst bewirthschaften. »Dann wirst Du Ställe und Scheuern bauen müssen,« schloß der Jüngling. »Ich habe dem Architekten in der Stadt etwas abgesehen und die Pläne schon fertig.« »Bist ein Narr,« sprach der Doctor, verlangte aber nach einigen Tagen doch die Pläne zu sehen. Nun, brauchbar waren sie gewiß nicht, doch als merkwürdig mußte man es gelten lassen, daß der Findling, dessen Schrift die eines siebenjährigen Kindes war, doch so nett und ordentlich, und vielleicht auch in den Maßen richtig, einen Plan zu zeichnen vermochte. Das ist eben Einer von Denen, die tanzen können, bevor sie das Gehen erlernt haben. Es giebt solche Käuze. Sie setzen Einen allerdings manchmal in Erstaunen. Gewöhnlich wird aber nichts aus ihnen. Nathanael, der einen Gedanken, der sein eigenes Wohl und Weh betraf, nie lange verfolgte, ohne die Großmutter zu dessen Vertrauten zu machen, fragte bald darauf bei ihr an, was sie zu einer Selbstverwaltung seiner Gründe sagen würde. Da zeigte es sich, daß dieser Gegenstand zwischen der Greisin und dem Findling schon gründlich erörtert worden war. »Du wirst reich werden, wie Laban,« prophezeihte die alte Frau. »Ueber Dir ist des Herrn sichtbarlicher Segen.« In diesem Frühjahr hatte es sich ihr erwiesen; in diesem für Tausende unseligen Frühjahre 1845, als die Weichsel aus ihren Ufern trat und in einen schlammigen See verwandelte, was üppig und verheißungsvoll grünende Saat gewesen war. Unaufhaltsam wie ein Gottesgericht waren die Fluthen hereingebrochen und hatten die ernährende Scholle hinweggespült und mit ihr Hab und Gut und Hoffnung derer, die sie bebauten. Bis dicht an die Grenze der Felder Nathanaels erstreckte sich die Verheerung -- vor ihnen zerrannen die Wellen. Vor ihnen waren die Wasser hinweggefahren und hatten sich auseinander getheilt, wie einstens die Wasser des Rothen Meeres, als Moses gegen sie den Stab erhob und die Hand reckte auf Gottes Gebot. Und als der Herbst kam, herrschte ringsum Hungersnoth. Hunderte verließen mit ihren Weibern und Kindern die Heimath und wanderten als Bettler, als Taglöhner, Brot und Arbeit suchend, aus. Die Großmutter aber fragte täglich: »Wann beginnt die Ernte? In diesem Jahre hat der Weizen hundertfachen Werth. Wann kommen die Schnitter?« Nathanael erwiderte lächelnd: »Bald, sehr bald. Sie wetzen schon die Sensen!« Indessen erlebte die Greisin die Zeit der Ernte nicht mehr. Sie fiel selbst als überreifes Körnlein in den Mutterschoß der Erde zurück, bevor ihr Enkel zu ihr hatte sprechen können: »Die Schnitter kommen!« Unerhört spät und doch zu früh war plötzlich ihr Leben erloschen. Da lag sie nun in ihrem schmalen Sarge, die alte Rebekka, ein wundersam ergreifender Anblick. Der Tod hatte ihre gekrümmte Gestalt gestreckt, und weinend und staunend fragte Joseph: »So groß war sie?« Er fragte aber auch: »So schön war sie?« Erlöst von allen Gebrechen, befreit von der Hülflosigkeit des Alters, wie majestätisch erschien sie nun; in ihrer unendlichen Ruhe, in ihrem untrübbaren Frieden! Das Lächeln auf dem Angesicht so Vieler, die überwunden haben, umschwebte diese Lippen nicht. Steinerne Kälte sprach aus den Zügen, die ein Schimmer der begeisterten Liebe und Bewunderung, welche die Gegenwart des Enkels stets auf ihnen hervorgezaubert, noch in der Sterbestunde erhellt hatte. Du bist es nicht mehr! dachte Nathanael und mit grausamer Gewalt ergriff ihn das Bewußtsein des erlittenen Verlustes. Er winkte Joseph hinweg, er wollte ungestört bei seiner Todten bleiben. Am Fußende des Sarges stehend, suchte er in dem fremden, veränderten Antlitz der Großmutter das lang bekannte, theure und -- fand es nicht. Das einzige ideale Gut, das er besessen hatte, die Zuneigung dieser alten Frau, war für immer dahin und er, als ein bejahrter Mann -- allein. Mit jähem Schreck fiel es ihn an: zwischen dieser Greisin und dir liegt eine Generation. Du solltest jetzt hingehen können und an der Brust deines Weibes um sie weinen, und dir Trost schöpfen aus dem Anblick deiner Kinder. Der rastlos Strebende, der nie zurück-, der ~nur~ vorwärts geschaut, nach Zielen, die mit seinen Erfolgen wuchsen, hielt einmal still in seinem Laufe, wandte sich und durchmaß im Geiste seinen ganzen Lebensweg. Viel erreicht! durfte er sich gestehen, doch niemals das Geringste ohne einen Gedanken an Dich -- Großmutter. Wie ihr Dasein ihn erfüllt und beglückt hatte, jetzt klaffte um so schmerzlicher der Riß, den ihr Scheiden verursachte. Sie hätte ihn nicht verlassen sollen, sie, deren Nähe ihn über das Schwinden der Zeit -- eines Begriffes, der dem hohen Alter verloren geht, getäuscht hatte. »Weiche ab von dem Brauche unseres Volkes,« hatte die Greisin so oft gesprochen. »Heirathe nicht zu früh, setze nicht Bettler in die Welt. Du kannst warten, mein Kind, Du bist jung.« Immer hatte er zu dieser Ermahnung geschwiegen; heute antwortete er ihr, die ihn nicht mehr hören konnte: »Ich war Dir so lange zu jung zum Freien, bis ich mir zu alt geworden bin.« Alsbald jedoch empfand er den Widerspruch, den er ihr ins Grab nachgerufen, als einen Frevel; und er trat zu ihr, beugte sich über sie, und was nie geschehen war, so lange sie gelebt hatte, er küßte ihre Hand, küßte ihre Stirn und den für ewig verstummten Mund, der einzige auf Erden, von dem er sich »Mein Kind« hatte nennen hören. II. Joseph betheiligte sich als Freiwilliger an den Ernte-Arbeiten, und eines Nachmittags sah ihn Rosenzweig, der gleichgültig, als ob die Sache ihn nichts anginge, vorbeischritt, hoch oben stehen auf einem beinahe völlig beladenen Leiterwagen. Behend und kräftig schichtete er die Garben, und dem Doctor fiel es auf, daß der Bursche in der drollig weiten Jacke, die seinem Wohlthäter als Rock gedient hatte, und in den viel zu kurzen Hosen doch ein Bildschönes Menschenkind sei. Groß, schlank und stark; weiß und roth im Gesicht: den wohlgeformten Kopf umwallt von leicht gelocktem blondem Haar, sein ganzes Wesen Freudigkeit athmend an der Arbeit, an der Mühe, nahm er sich auf seiner stolzen Höhe ganz merkwürdig gut aus. Unter den auf dem Felde beschäftigten Weibern und Mädchen befand sich auch die Tochter des Pächters, dem Rosenzweig die Gründe des Pan Teophil von Kamatzki anvertraut hatte. Ein hübsches, lebhaftes Ding, die echte Mazurentochter. Rosenzweig bemerkte, daß die braunen, funkelnden Augen des Mädchens und die blauen des Burschen einander gar oft begegneten, und wenn sich dann die braunen halb verlegen senkten, wurden sie von den blauen hartnäckig verfolgt, so hartnäckig, so kühn, daß sie sich endlich wieder erheben mußten, mit oder ohne ihren Willen. Die Geringschätzung, die Rosenzweig für Joseph hegte, erhielt durch diesen kleinen Vorgang neue Nahrung. Ein Mensch, zu ewiger Dienstbarkeit verurtheilt durch die elende Beschaffenheit seines Kopfes, befaßt sich damit, den eines Mädchens zu verdrehen? Und in welchem Alter? In dem eines Knaben, in demjenigen, in welchem der Sohn des Doctors stände, wenn der Doctor zur rechten Zeit geheirathet hätte. Was er in heroischer Selbstverleugnung so lange zu erringen säumte, bis er die Hoffnung, es zu erringen, ~ver~säumte, das Glück der Liebe, danach haschte in gedankenlosem Leichtsinn ein von fremden Gnaden lebender, unreifer Habenichts! Am Abend berief ihn Rosenzweig auf sein Zimmer. Das war ein so kahles und ungemüthliches Gelaß, daß Jeden, der es betrat, fröstelte -- sogar in den Hundstagen. Die Einrichtung bestand aus einigen an die Wände gereihten Sesseln, aus einem riesigen, mit weißer Oelfarbe angestrichenen Schreibtisch und aus einer gleichfalls weiß angestrichenen, langen und niederen Bücherstelle, die einer Gewölbbudel ähnlich das Gemach in zwei Hälften theilte. In der kleineren, zunächst den Fenstern, hielt sich der Doctor auf, in der größeren, nächst der Thüre, hatten die Patienten, die ihn besuchten, zu warten, bis er zu ihnen trat durch einen schmalen Raum, der zwischen der Wand und dem Büchergestell frei geblieben war. Auf dem obersten Brett desselben lagen oder standen allerlei Dinge, mit deren gruselnder Betrachtung die Leute sich die Zeit des Wartens vertrieben. Sonderbare Instrumente, Messer und Zangen, und fest verschlossene Gläser, gefüllt mit einer durchsichtigen Flüssigkeit, in welcher der galizische Instinct sofort Weingeist witterte. Nur war leider das gute Getränk verdorben durch höchst unappetitliche Gebilde, die darin schwammen. Ueber all' diese Sachen hinweg rief Rosenzweig jetzt dem eintretenden Joseph zu: »Sag' einmal, was hast Du mit der kleinen Lubienka des Pächters?« Wie gewöhnlich, wenn sein Wohlthäter ihn scharf anredete, wurde der Bursche feuerroth, fand auch nicht gleich eine Antwort. Erst nachdem Rosenzweig seine Frage wiederholte, nahm Joseph sich zusammen und entgegnete halblaut, aber bestimmt: »Ich hab' sie lieb.« »Und -- sie?« »-- Sie hat mich auch lieb.« Der Doctor lachte bitter und höhnisch: »Das bildest Du Dir ein?« »Das weiß ich, gnädiger Herr --« »Wohin soll dieses Liebhaben führen?« Nun meinte Joseph, der Doctor habe ihn zum Besten, wolle ihn nur ein wenig aufziehen und erwiderte ganz munter: »Zu einer Heirath, Herr.« »Einer Heirath! Du denkst ans Heirathen?« »Ja, Herr! und Lubienka denkt auch daran.« »Sie auch! ... Was sagt denn ihr Vater dazu?« »Dem ist es recht, Panie Kochanku!«[4] rief Joseph mit einem Ausbruch überwallender Empfindung, und machte Miene, auf dem jedem Andern als dem Doctor verbotenen Weg, in das Bereich seines Wohlthäters zu stürzen ... [4] Lieber Herr! Der aber erhob sich gebieterisch von seinem Stuhle und bannte den Jüngling mit einem strengen: »Bleib', wo Du bist!« an seinen Platz. In grausamen Worten hielt er dem Burschen seine Armuth und seine Aussichtslosigkeit vor. Ihn empörte der Gedanke, daß dieser Mensch vielleicht auf ihn gerechnet habe, respective auf seinen Geldbeutel, und er faßte den Entschluß, dem interessirten Schlingel nach beendeter Ernte-Arbeit die Thür zu weisen. Vorläufig wies er ihn aus dem Zimmer und legte sich mit dem Vorsatz zu Bette, den Pächter am folgenden Tage ernstlich zu ermahnen, der Löffelei zwischen seiner Tochter und Joseph ein Ende zu machen. Gerade an diesem Tage jedoch ereignete sich Etwas, das ihn von jedem unwesentlichen und nebensächlichen Gegenstand ein für allemal abzog. Er wurde am frühen Morgen zu dem plötzlich erkrankten Sohn einer benachbarten Gutsfrau berufen, konnte die besorgte Mutter über den Zustand des Patienten beruhigen und wäre am liebsten sogleich wieder nach Hause gefahren. Das gestattete jedoch die landesübliche Gastfreundschaft nicht. Gern oder ungern hieß es an einem reichlichen Frühstück Theil nehmen, das im Salon aufgetragen war, in welchem sich eine große Anzahl Schloßgäste versammelt hatte, eine Gesellschaft, dem Doctor wohlbekannt und so widerwärtig, als ob sie aus lauter Kurpfuschern bestanden hätte. Anhänger und Anhängerinnen »König« Adam Czartoryskis, Conspiranten gegen die bestehende gute Ordnung, Schwärmer für die Wiedereinführung der alten polnischen Wirthschaft. Die Frau des Hauses, noch jung, schön, enthusiastisch, seit dem Tode ihres Mannes unumschränkte Herrin der großen Güter, die sie ihm zugebracht hatte, war die Seele der ganzen Partei und ihre mächtige Stütze. Sie unterhielt eine lebhafte Correspondenz mit der National-Regierung in Paris, empfing und beherbergte deren Emissäre und verwendete jährlich große Summen für Revolutions-Zwecke. Dieses fanatische Treiben mißfiel dem Doctor und entstellte ihm das Bild der in jeder anderen Hinsicht als gute Mutter, als kluge Verwalterin ihres Vermögens und als humane Herrin ihrer Unterthanen verehrungswürdigen Frau. Mit verdrießlicher Miene nahm er am Theetische Platz, aß und trank und sprach kein Wort, indessen Herren und Damen eifrig politisirten. Ihm war, als sei er von Kindern umgeben, die, statt Soldaten zu spielen, zur Abwechselung einmal Verschwörer spielten. Da legte eine weiße Hand sich plötzlich auf die Lehne seines Sessels. »Warum so verstimmt, Angesichts des schönsten Wunders, mein lieber Doctor?« sprach Gräfin Aniela W. zu ihrem Lebensretter. Rosenzweig erhob und verneigte sich: »Welches Wunder meinen Euer Hochgeboren?« »Das der Wiedererweckung des polnischen Reiches!« versetzte die reizende Frau, und aus ihren Taubenaugen schoß ein Adlerblick, und ihre zierliche Gestalt richtete sich heroisch auf. Der Doctor verbiß ein Lächeln, und sogleich riefen mehrere Patriotinnen in schmerzlicher Enttäuschung: »Sie zweifeln? O Doctor -- ist das möglich? Ein so gescheiter Mann!« »Ich zweifle nicht, meine Damen! Wer sagt, daß ich zweifle?« »Ihr Lächeln sagt es, das ganz unmotivirt ist, da wir Ernst machen,« sprach die Gräfin und kreuzte die Arme wie Napoleon. »Der Augenblick, das fremde Joch abzuschütteln, ist gekommen ... Sie dürfen es erfahren, weil Sie ein guter Pole und unser Vertrauter sind! Das Zeichen zum Ausbruch der Revolution wird in Lemberg auf dem ersten Balle des Erzherzogs gegeben werden!« Allgemeines Schweigen folgte dieser freimüthigen Erklärung. Die Verschworenen waren betroffen über die Eigenmächtigkeit, mit welcher Aniela über das gemeinsame Eigenthum -- den Plan der Partei -- verfügte. Doch war sie viel zu liebenswürdig und sah auch viel zu reizend aus, als daß man ihr hätte zürnen können. Sie trug ein Pariser Häubchen mit einer Cascade aus gesinnungstüchtigen roth und weißen Bändern. Den köstlichen Stoff des Morgenkleides hatte ihr Gemahl von seiner letzten Missionsreise nach Rußland, aus Nischnij-Nowgorod mitgebracht. -- Unter welchen Gefahren! Ach, es war eine ganze Geschichte ... Heute wurde sie aber nicht erzählt, am wenigsten in diesem Augenblick, in dem es vor Allem galt, den üblen Eindruck zu verwischen, den die Politikerin auf ihre Umgebung hervorgebracht hatte: »Ihr Kleingläubigen!« rief sie, »zweifelt Ihr an der Treue und Zuverlässigkeit eines Mannes, der dem Vaterlande mein Leben erhalten hat?« Einige junge Herren beeilten sich zu protestiren, und ein alter Schlachziz mit langem herabhängenden Schnurrbart erhob sein Madeira-Gläschen, leerte es auf Einen Zug und sprach: »Vivat Doctor Rosenzweig!« Die Frau vom Hause wiederholte: »Vivat Doctor Rosenzweig, dem so Viele von uns ihre eigene Gesundheit und die ihrer Kinder verdanken!« Sie stürzte nach diesem Toaste den Rest ihrer sechsten Tasse Thee hinunter, und statt sich erkenntlich zu zeigen, brummte der Arzt: »Wie oft habe ich Euer Hochgeboren ersucht, nicht so viel Thee zu trinken. Sie ruiniren sich die Nerven.« Die schöne Festgeberin lächelte überlegen: »Guter Gott, meine Nerven! An diese werden bald ganz andere Zumuthungen gestellt werden!« »Ich verstehe -- auf jenem Revolutions-Balle!« »Ja, Doctor! Ja!« rief Gräfin Aniela dazwischen -- »dem Balle, auf dem wir ein welthistorisches Ereigniß inauguriren!« »Bei der Mazurka, oder bei der Française?« »Beim Cotillon. Die Damen wählen zugleich alle anwesenden Offiziere. Die Offiziere legen zum Tanze ihre Säbel ab. Die Säbel werden fortgeschafft. Kaum ist das geschehen, so werfen sich die Polen auf die waffenlosen Feinde und machen sie nieder!« »Vivat!« rief der Schlachziz, »Pardon wird nicht gegeben!« Einige Damen widersprachen und schlugen vor, denjenigen Offizieren Pardon zu gewähren, die ihn verlangen würden. Sie zogen jedoch ihren Antrag zurück, als sie bemerkten, daß er Zweifel an der Echtheit ihres Patriotismus erregte. »Meine Herrschaften«, sagte Rosenzweig, »dieser Plan ist wundersam ausgedacht, aber ausführen werden Sie ihn nicht.« »Warum?« rief's von allen Seiten, »was soll uns hindern?« »Ihre eigene Hochherzigkeit, Ihr eigener loyaler Charakter. Edle Damen und edle Herren, wie Sie, können hassen, können befehden, aber sie verrathen nicht und sie morden nicht.« »Monsieur,« entgegnete ein neunzehnjähriges Bürschlein, das eben aus einer Pariser Erziehungsanstalt heimgekehrt war, »Ihr Argument würde im Kriege gelten, aber es gilt nicht in einer Conspiration.« »Ganz richtig -- weil ja ...« Dem alten Schlachziz war plötzlich eingefallen, daß er jetzt eine Rede halten sollte, sprang auf, schlug die Fersen an einander, und rief nach langer Ueberlegung: »Vivat Polonia! Vivat König Adam!« Nun erhob sich in der Ecke des Zimmers eine zitternde, klanglose Stimme. Wie aus der Tiefe eines Berges kam sie hervor, einem Berge von Seiden- und Shawlstoffen, von Spitzen, Rüschen und Bändern. Die Stimme gehörte der Starostin Sulpicia, Großtante der Hausfrau, bei welcher die hochbejahrte Dame ein sehr reich mit Butter bestrichenes Gnadenbrot genoß. »Olga, Duschenka moja,«[5] sprach sie, »denke vor Allem an Dein ewiges Heil!« [5] Mein Seelchen. Mit Schrecken hatte die Schloßdame das leise Sinken des Enthusiasmus ihrer Gäste wahrgenommen, indessen sie selbst nach der siebenten Tasse Thee auf dem Gipfel der Begeisterung angelangt war. Die Greisin goß mit ihrer Ermahnung Oel ins Feuer. Es schlug auch sogleich lichterloh empor in dem lauten, feierlichen Ausrufe: »Alles für Polen! Mein zeitliches und mein ewiges Heil!« Gräfin Aniela warf sich, ganz entzückt von dieser Größe, ihrer Freundin in die Arme, die Herren küßten die Hände der Patriotinnen. Einer von ihnen erbat sich die Ehre, aus dem Schuh der Hausfrau trinken zu dürfen. Sie gestattete es aber nicht, aus Rücksicht für den erhabenen Ernst dieser Stunde, und der Abgewiesene setzte sich ans Klavier und intonirte ein melancholisches Nationallied. Alle schwiegen, Alle horchten gerührt, in manches Auge traten Thränen. Die unwiderstehliche Macht dieses Gesanges ergriff sogar Einen, der bisher unbeweglich in einer Fensterecke gestanden und am Gespräch nicht Theil genommen hatte. Rosenzweig kannte ihn nicht und war in angestammtem Mißtrauen geneigt gewesen, ihn, seiner auffallenden Blässe wegen, für einen der verschämten Patienten zu halten, die sich berühmten Aerzten so gern auf neutralem Gebiet in den Weg stellen, um im Vorübergehen eine Consultation abzuhalten, für welche sie später das Honorar schuldig bleiben. Indessen hatte Rosenzweig sich geirrt; der Fremde machte keinen Versuch, in seine Nähe zu gelangen, während er selbst nicht mehr vermochte, seine Aufmerksamkeit von ihm abzulenken. Er war ein mittelgroßer, schlanker Mann mit blondem, dünnem Bart, mit blauen, offenbar sehr kurzsichtigen Augen. Der Eindruck eines ungemein regen Geisteslebens, den seine Züge hervorbrachten, wurde durch die Blässe erhöht, die den Doctor anfangs verleitet hatte, ihn für einen Kranken zu halten. Doch auch von dieser Meinung war er bald abgekommen. Krankheit vergeistigt nicht, wie die Poeten oft behaupteten, sie zeichnet vielmehr die Kinder des Staubes mit deutlichen Merkmalen ihrer Abkunft. In dem Wesen dieses Mannes aber gab sich kein Zeichen von körperlicher Mühsal kund. Die Leidensspuren auf seiner marmorgleichen Stirn waren durch rastlos arbeitende Gedanken ausgeprägt worden, und der Schmerzenszug um den jungen Mund durch frühe, schwere Seelenkämpfe. Die Geringschätzung, mit welcher das Treiben der Gesellschaft ihn zu erfüllen schien, wurde allmälig besiegt. Die Klänge des schönen Volksliedes ergriffen und bewegten auch ihn. ~Eine~ Empfindung verband ihn mit seinen Brüdern: Sehnsucht, leidenschaftlich heiße Sehnsucht nach dem verlorenen Vaterland. An diesem Leidensborn hat kein Volk sich so übersatt getrunken, wie dasjenige, aus dessen Herzen solch' ein Lied geströmt. Es singt von dem verirrten Sohne, der heimkehrt zum Elternhaus, voll Reue und glühender Liebe. Zagend steht er an der verschlossenen Thür und hört die Stimme seines Vaters, die nach ihm ruft, und hört das Weinen seiner Mutter ... Vater! Mutter! stöhnt er. Sie antworten: Komm! Erlöse uns, wir liegen in Banden ... Er rüttelt an der eisernen Pforte, zerpocht sich die Hände, zerschlägt sich die Stirn, schon fließt sein Blut. Vergeblich. Nie wird diese Pforte weichen, nie vermag er sie aus den Angeln zu heben. -- Er wird auf der Schwelle verschmachten. Der Gesang war verstummt, und die Stille, die ihm folgte, wurde erst nach einer Weile durch die Wirthin unterbrochen, die sich erhob, auf den Fremden zuschritt und leise mit ihm zu parlamentiren begann. Die stattliche Dame machte sich förmlich klein vor ihrem Gaste, jede ihrer Mienen bezeugte Ehrfurcht, jede ihrer Gebärden war Huldigung. Sie faltete die Hände und flehte: »Sprechen Sie, o sprechen Sie zu der Versammlung!« Die Aufforderung der Hausfrau fand lebhafte Unterstützung. »Ach ja, sprechen Sie!« riefen viele Stimmen durcheinander. -- »Es würde uns beseligen.« -- »Wir wagten nur noch nicht, Sie darum zu bitten.« -- »Aus Bescheidenheit.« Alle kamen heran, sehr freundlich, mit auserlesener Höflichkeit -- Keiner ohne eine gewisse Scheu. Sogar die siegessichere Gräfin Aniela war befangen, und ihre anmuthigen Lippen zitterten ein wenig, als sie sprach: »Geben Sie uns eine Probe Ihrer wunderbaren Beredtsamkeit, von der wir schon so viel gehört haben. Man sagt, daß Sie steinerne Herzen zu rühren und moralisch Todte zu den größten Thaten zu wecken vermögen.« Der Fremde lachte, und dieses Lachen war hell und frisch, wie das eines Kindes. Unwillkürlich mußte Rosenzweig denken: Du hast eine unschuldige Seele. »Wie heißt der Mann?« fragte er die Hausfrau. Sie erröthete und gab mit nicht sehr glücklich gespielter Unbefangenheit zur Antwort: »Es ist mein Cousin Roswadowski aus dem Königreich.« Niemals hatte der Doctor von einem berühmten Redner Roswadowski auch nur das Geringste gehört; aber was lag daran? In Zeiten nationaler Erhebung pflegen ja von heut auf morgen nationale Größen aus dem Boden zu wachsen. Roswadowski erwiderte den Blick, den der Arzt auf ihm ruhen ließ, mit einem ebenso forschend gespannten, und sich leicht gegen ihn verneigend, sagte er: »Bitten Sie doch Herrn Doctor Rosenzweig zu sprechen. Er möge Ihnen sagen, was er von der Revolution erwartet.« »Das wissen wir im Voraus,« entgegnete Aniela, »wie jeder gute Pole, die Wiederherstellung des Reiches, das allgemeine Wohl!« »Olga, Duschenka moja,« ließ wieder die Großtante sich vernehmen, »sage Deiner Freundin, daß Keiner ein guter Pole ist, der nicht ein guter Katholik ist.« Ohne auf die Unterbrechung zu achten, fuhr Roswadowski fort: »Das allgemeine Wohl soll jedes Besondere in sich begreifen, also auch dasjenige dieses Mannes und seiner Glaubensgenossen. Warum höre ich keinen von Euch, die Ihr seines Lobes voll seid, davon sprechen, daß Ihr die Schuld abzutragen gedenkt, in der wir Alle ihm gegenüber stehen und seinem Volke?« »_Ce cher Édouard!_« rief Graf W. und fügte sich in den Hüften wiegend, mit süßlichem Lächeln, nur vernehmbar für seine Frau und für den neben ihr stehenden Rosenzweig hinzu: »Er wird immer verrückter.« Auch die Schloßdame war unzufrieden mit dem unerwarteten Ausfall ihres Cousins und erklärte sehr scharf, »in einer Schuld der Dankbarkeit und Verehrung fühle sie wenigstens sich dem vortrefflichen Doctor gegenüber nicht.« »Und was die Gleichberechtigung aller Confessionen im Königreiche Polen betrifft,« sagte Aniela, »so ist sie bereits im Princip festgestellt. Mit den Modalitäten wird man sich beschäftigen. Bis jetzt hatte man aber noch nicht Zeit, auf Details einzugehen.« »Ich falle Ihnen zu Füßen!« sprach Rosenzweig. »Um die Sache der Juden ist mir nicht mehr bang.« »Ihre Verheißung macht ihn lachen, so groß ist sein Vertrauen --« nahm Roswadowski wieder das Wort. »Er, dessen ganzes Leben nur eine Uebung im Dienste der Pflicht gegen uns ist, erwartet von uns -- nichts.« »Herr, wenn ich meine Pflicht nicht thäte, käme ich um mein Amt,« fiel der Doctor ein, im Tone eines Menschen, der einer unangenehmen Erörterung ein Ende machen will. Sein unberufener Parteigänger jedoch entgegnete: »Wenn ich von Pflicht sprach, so hatte ich eine höhere im Auge, als diejenige, die Ihr Amt Ihnen auferlegt. Von Amts wegen sind Sie ein tüchtiger Kreisphysikus, zum Samariter macht Sie Ihr eigenes Herz.« »Samariter! ... Ich?« »Jawohl, Sie. Der des Evangeliums pflegte des Sterbenden an der Heerstraße, und übergab ihn dann fremder Hut. ~Sie~ haben den Sterbenden, den Sie auf Ihrem Wege fanden, in Ihr Haus aufgenommen, das dem verwaisten Christenknaben ein Vaterhaus geworden ist.« Der Doctor deprecirte: »-- Wie man's nimmt,« und dachte im Stillen ganz grimmig: Du bist gut unterrichtet, Lobhudler! Mein Haus ein Vaterhaus für einen solchen Chamer!« Und in dem Augenblick beantwortete sich ihm eine Frage, die er oft erwogen hatte, die Frage: ob man wohl zwei Gedanken auf Einmal haben könne, denn wahrhaftig, er hatte ~zugleich~ auch den: Ich will dem Chamer, bevor ich ihn wegschicke, doch einen neuen Anzug machen lassen! »So hat ein Jude gethan,« wandte der Redner sich an die Gesellschaft, »aus freiem Willen für einen Andersgläubigen, und was haben wir Andersgläubige jemals aus freiem Willen für Einen seines Volkes gethan? Lest Eure Geschichte und fragt Euch selbst, ob ein Jude die Tage herbeiwünschen ~kann~, in denen in Polen wieder Polen herrschen?« Olga und Aniela erhoben Einwendungen; was die Herren betraf, so waren die meisten von ihnen dem Grafen W. in das Nebenzimmer gefolgt und hatten dort an Spieltischen Platz genommen. Nur der ehrwürdige Schlachziz und der Ankömmling aus Paris hielten ritterlich bei den Damen aus, und der Erste versicherte, er habe sich in seiner Jugend auch mit der Geschichte seines Landes beschäftigt, darin jedoch niemals andere, als glorreiche Dinge gelesen. Jetzt wurde die Thür aufgerissen, ein Diener stürzte herein und meldete: »Der Herr Kreishauptmann. Er wird gleich in den Hof fahren.« Die muthigen Damen stießen einen Schrei des Entsetzens aus: »Um Gottes willen, der Kreishauptmann!« Voll Todesangst ergriff die Hausfrau die Hand ihres Vetters: »Fort! fort! verbergen Sie sich!« »Ich denke nicht daran,« erwiderte er ganz ruhig, »ich bleibe, ich freue mich sehr, die Bekanntschaft eines liebenswürdigen Mannes zu machen.« »Sie bleiben nicht! Sie gehen -- weil Ihre Gegenwart uns compromittirt,« rief Graf W., der mit bestürzter Miene in den Salon zurückgekehrt war. Ein Wortwechsel entspann sich ... »Doctor! ich beschwöre Sie, eilen Sie dem Kreishauptmann entgegen, suchen Sie ihn so lange als möglich auf der Treppe aufzuhalten,« flehte die Herrin des Schlosses und drängte Rosenzweig zur Thür. »Ich werde thun, was ich kann, ich empfehle mich, meine Herrschaften!« antwortete er, und verließ den Salon, im Grund der Seele höchlich ergötzt über das Ende, das die Versammlung der Verschwörer genommen hatte. Vom Gange aus sah er den Kreishauptmann soeben in das Haus treten. Ein behäbiger, feiner, mit äußerster Sorgfalt gekleideter Herr. Der Deckel seines Cylinders glänzte in der Vogelperspective, in welcher er sich zuerst dem Doctor zeigte, wie die Mondesscheibe. Nicht minder glänzte der Lackstiefel an dem kleinen Fuße, den der Beamte auf die erste Stufe der niederen Treppe setzte, als Rosenzweig bei ihm anlangte. »Ich habe die Ehre, Euer Hochwohlgeboren zu begrüßen!« sprach der Doctor, seinen Hut feierlich schwenkend. »Wie, mein lieber Doctor? Sind Sie es wirklich? Was?« sprach der Beamte mit dem gnädigsten Lächeln, »auch Sie im Neste der Verschwörer?« »-- Herausgefallen, als ein noch nicht flügges Vöglein! -- Wie befinden sich Euer Gnaden?« »Gut. Dank Ihren Ordonnanzen.« »Und der Pünktlichkeit, mit welcher Euer Gnaden sie erfüllen. Sie sind ein so vortrefflicher Patient, daß Sie verdienen würden, immer krank zu sein.« »Sehr verbunden für den christlichen Wunsch ... Entschuldigen Sie -- da habe ich mich versprochen.« Und nun kam die Frage, die der Kreishauptmann dem Doctor auch bei der flüchtigsten Begegnung nicht erließ. »Aber, mein lieber Doctor, wann werden Sie sich denn endlich taufen lassen?« Auf die stehende Frage erfolgte die stehende Antwort: »Ich weiß es noch nicht genau.« »Entschließen Sie sich! Sie sind ja ohnehin nur ein halber Jude.« »Ich würde vermuthlich auch nur ein halber Christ sein.« »Oho! das ist etwas Anderes!« entgegnete der Beamte streng. »Wir sprechen noch davon; jetzt sagen Sie mir --« Seine Miene blieb unverändert, aber seine kleinen, klugen Augen blickten den Doctor durchdringend an: »Ist er oben, der Sendbote? Haben Sie ihn gesehen?« »Welchen Sendboten?« »Hier im Hause wird er als Herr von Roswadowski vorgestellt.« Auf dem Gesichte Rosenzweigs malte sich ein so aufrichtiges Erstaunen, daß der Beamte ausrief: »Sie sind nicht eingeweiht! -- Nun, ich will Ihnen Ihre politische Unschuld nicht rauben ... Ganz charmant diese Conspiranten! besonders die Damen. Uebrigens haben wir uns weniger in Acht vor ihnen zu nehmen, als sie sich selbst vor -- Anderen. Es ballt sich ein Gewitter über ihren Häuptern zusammen, von dessen Aufsteigen sie keine Ahnung haben. Diese harmlosen Unzufriedenen, die sich für bedrohlich halten, sind selbst von ganz anders Unzufriedenen, in ganz anders gefährlicher Weise bedroht.« Rosenzweig konnte eine Erklärung dieser Worte nicht mehr erbitten. Auf der Höhe der Treppe erschien soeben die Hausfrau, strahlend vor Freundlichkeit, und der Kreishauptmann schwebte ihr in zierlichen Schritten eiligst entgegen. III. Rosenzweig ließ seinem Kutscher den Befehl ertheilen, anzuspannen, und ihm auf der Straße nachzufahren. Er selbst ging zu Fuße voraus und schlug bald einen schmalen Weg ein, der, die Felder quer durchschneidend, in der Nähe eines steinernen Kreuzes in die Landstraße ausmündete. Dort wollte er seinen Wagen erwarten. Er sehnte sich danach, tüchtig auszuschreiten, frische, freie Luft zu athmen und den gesunden Erdgeruch einzuziehen, der aus den aufgerissenen Schollen emporstieg. Nur Wunder nahm es ihn, daß er die Wonne und Wohlthat, der parfümirten Salonluft und Gesellschaft entronnen zu sein, nicht so recht zu empfinden vermochte. Ein tiefinnerliches Unbehagen erfüllte ihn, ein unbestimmtes Etwas ging ihm nach, von dem er sich keine andere Rechenschaft zu geben wußte, als daß es sehr quälend sei. Plötzlich rief er mehrmals nach einander laut aus: »Narr! Narr!« Die Apostrophe galt Demjenigen, den der Kreishauptmann soeben einen Sendboten genannt hatte, und die Erinnerung an das unverdiente Lob, das dieser Mensch ihm gespendet, die war's, die dem Doctor die Laune verdarb. Jedes Wort, das der »Narr« gesprochen, jeder Zug seines durchgeistigten Apostelgesichts, der Ausdruck der schwärmerischen Ehrfurcht, mit welchem seine tiefblauen Augen auf ihm geruht -- Alles hörte, Alles sah er wieder, und eine zornige Beschämung erfüllte ihn. Er, der trockene, auf seinen Vortheil bedachte Nathanael Rosenzweig -- ein Menschenfreund und Samariter? -- So einsam er da wandelte auf dem Felde, ihm schoß das Blut in die Wangen, daß sie glühten. Er gedachte all' der Hände, die sich im Verlaufe seines langen Lebens flehend zu ihm ausgestreckt, und sagte sich: Nie hast du geholfen außer im Beruf. Und was wir dem zu Liebe thun, thun wir uns selbst zu Liebe. Seine Schuldigkeit hatte er erfüllt in ihrem ganzen Umfang; aber Schuldigkeit -- es liegt schon im Worte -- ist nur ein Tausch. Mehr als getauscht hatte er nie. Seine Kraft, sein Talent, die Früchte seines rastlos vermehrten Wissens gegen den Wohlstand, den er durch sie erwarb, und gegen die Achtung der Menschen. So hatte er es bisher gehalten und -- Nathanael warf den Kopf zurück in seinen breiten Nacken -- so wollte er es auch ferner halten. Möge erst Jeder seinem Beispiel folgen! Möge diese, im Grunde niedere Stufe der Moral erst von der Mehrzahl erreicht sein, dann werden ~sie~ zu Worte kommen, die Idealisten, die Träumer von einem goldenen Zeitalter allgemeiner Nächstenliebe. Früher -- nicht! Jetzt hatte er sich wieder zurecht gefunden und schritt rüstig und sorglos weiter in gewohnter Seelenruhe. Lange vor seinem Wagen, von dem trotz allen Ausblickens keine Spur zu entdecken war, erreichte er das steinerne Kreuz. Am Fuße desselben kauerte eine klägliche Gestalt. Ein alter Mann, die Kniee heraufgezogen bis ans Kinn, eine hohe Schafpelzmütze auf dem Kopfe, um die Schultern die Reste eines blauen Fracks, den vermuthlich dereinst in Tagen schlummernden Nationalgefühls der verewigte Gutsherr getragen. Die mageren Beine des Greises wurden von einer ausgefransten Leinwandhose umschlottert und befanden sich, wie sein ganzer kleiner Körper, in einer unaufhörlich zitternden Bewegung. Als der Doctor sich ihm näherte und ihn ansprach, erhob er langsam, mühsam das juchtenfarbige, faltige Gesicht und blickte aus halberloschenen, rothumränderten Augen mit dem demüthigen Leidensausdrucke eines alten Jagdhundes zu ihm empor. »Was thust Du hier?« fragte Rosenzweig. »Ich warte, mein gnädiger Herr, ich bete und warte,« antwortete der Angeredete und streckte seine knöcherne Rechte aus, an deren Fingern ein vielgebrauchter Rosenkranz hing, »ich warte immer auf einen Brief von unserem lieben Herrgott.« »Was soll denn unser lieber Herrgott Dir schreiben?« »Daß ich zu ihm kommen darf, es ist ja hohe, hohe Zeit.« »Wie alt bist Du?« »Siebenzig, nicht mehr. Aber wie ich aussehe, und wenn Euer Gnaden wüßten, wie mir ist. Da --« er klopfte auf seine eingefallene, pfeifende Brust -- »kein Athem. Jeden Tag meine ich, ich sterbe auf dem Wege, ich erreiche das Kreuz nicht mehr.« »Warum bleibst Du nicht zu Hause?« Der Alte öffnete die Arme mit einer unbeschreiblich hülflosen Gebärde: »Sie jagen mich ja hinaus, die Tochter, der Schwiegersohn, die Kinder. Nun ja -- sie haben selbst keinen Platz in der kleinen Chaluppe.« »Wem gehört die Chaluppe?« »Der Tochter. Ja, der Tochter. Ich habe sie ihr zur Aussteuer geschenkt.« »Ein Schürzenvermögen also!« spöttelte der Doctor. »Und jetzt jagt sie Dich aus dem Haus, das Du ihr geschenkt hast?« »Mein Gott, was soll sie thun? Der Schwiegersohn prügelt sie ohnehin, weil ich so lang lebe. Der Schwiegersohn sagt zu den Kindern: Kinder, betet, daß der Großvater bald stirbt. -- Ja!« »Du hast da einen saubern Schwiegersohn.« »Mein Gott, Herr, die Leute sind schon so. Solche Herren wie Du, wissen nicht, wie die Leute sind. Es giebt noch viel, viel ärgere im Dorf. Besonders jetzt in dieser Zeit.« Er senkte die keuchende Stimme. »Weh' allen Panowies und Panies, die das nächste Jahr erleben!« »Warum denn? Was meinst Du damit?« »O die armen Herrschaften! Die Armen, Armen!« wimmerte der Greis und begann bitterlich zu weinen. »Alles wird man ihnen wegnehmen, und erschlagen wird man sie auch.« Der Doctor fuhr auf: »Du bist nicht bei Trost!« Nun begann der Andere die Hände zu ringen: »Auch Du antwortest mir so? Das ist ein Unglück! Ach, das ist ein Unglück! ... So hat der Herr Pfarrer mir geantwortet, wie ich in der Beichte ausgesagt habe, was ich weiß, so hat der Herr Mandatar mir geantwortet, und der Herr Verwalter hat gar gedroht, mich auf die Bank legen zu lassen, wenn ich solche Sachen rede ...« Er richtete seinen unsicher suchenden Blick auf den Doctor: »Bist auch Du mit ihnen einverstanden?« »Einverstanden -- ich? mit wem? ... Sag' Alles!« befahl Rosenzweig: »Was wird ums neue Jahr geschehen?« »Männer von jenseits des Meeres werden kommen und werden alle adeligen Besitzungen unter die Bauern vertheilen.« -- Auch die des Pan Theophil Kamatzki. -- Wartet, Canaillen! dachte der Doctor, und sprach: »Was wird denn die Regierung dazu sagen?« »Die Regierung? Ach Jesus! Von der Regierung aus ist im vorigen Frühjahr schon alles Land vermessen worden, damit die fremden Männer wissen, wie getheilt werden soll.« Rosenzweig brach in ein schallendes Gelächter aus: »O dieses Volk! ... Seit fünfzig Jahren verkehre ich mit diesem Volk, aber die Wege seiner Dummheit habe ich noch nicht erforscht ... Alter! die Vermessungen hat der Kaiser vornehmen lassen, weil er wissen will, wie groß sein Galizien ist, und wie viel Steuern es ihm zahlen kann.« Ungläubig wackelte der Greis mit dem Kopfe: »Das wissen wir besser, verzeih'. Der Kaiser nimmt den Herren, die gegen ihn sind, das Land und schenkt es den Bauern, die für ihn sind. Dann wird es gut sein, glauben die Meisten ... Ich glaube, daß es schlecht sein wird. Jeder Tag wird Sonntag sein, und was thun die Bauern am Sonntag, als raufen und sich betrinken? ... O, mein gnädiger Herr, könnt' man's doch verhüten!« »Sei Du ganz ruhig, das wird gewiß verhütet werden,« entgegnete Rosenzweig und lachte wieder. Da wurde der Alte plötzlich aufgebracht: »Wenn Du gestern Abend im Wirthshaus gewesen wärest und den Commissär hättest predigen gehört, Du würdest nicht lachen.« »Den Commissär? Den Emissär, willst Du wohl sagen! Ein Emissär, wie sie jetzt zu Dutzenden herumziehen.« »Nein, nein, kein solcher. Einer, der einmal ein Herr war und jetzt sagt, daß es keine Herren mehr geben soll. Er weiß so gut, was für Zeiten kommen werden, daß er lieber gleich von selbst ein Bauer geworden ist, und hat Alles verschenkt.« Diese Worte erweckten Nathanaels ganze Aufmerksamkeit und erhoben es ihm zur Ueberzeugung, daß der Alte von demselben Manne sprach, den der Kreishauptmann den Sendboten genannt, und vor dem er selbst eben erst Aug' in Auge gestanden hatte. Derselbe! er war es -- er gewiß, der Räthselhafte, dessen Lebensgeschichte die Vernünftigen einander mit Hohn und Spott erzählten, die Furchtsamen mit Haß, die Phantasten mit Begeisterung, es war -- ~Eduard Dembowski~. Oft hatte er sagen gehört, daß von diesem Menschen ein Zauber ausgeht, dem sich Niemand zu entziehen vermöge, und dieser geheimnißvollen Einwirkung den größten Unglauben entgegengebracht; nun gestand er sich, daß er doch etwas ihr Aehnliches erfahre. Ja! der bleiche Schwärmer schritt wie ein Gespenst neben ihm her. Ja! sein Bild verfolgte ihn mit unleidlicher Hartnäckigkeit. Vergeblich suchte er seine Gedanken von ihm abzulenken, immer wieder tauchte es auf und trotzte dem Willen, es zu verscheuchen. Das Gefährt des Doctors stand schon seit geraumer Weile auf der Straße. Eine bequeme Britzschka, bespannt mit einem Paar kugelrunder Falbenstuten, in zierlichen Krakauergeschirren, mit glockenbehangenen Kummeten. Der Kutscher war ein schlanker Bursche im saubern, einfach verschnürten Leibrock, und das Ganze bildete eine hübsche Equipage, um die so mancher Edelmann den Doctor beneidete. Dieser klopfte den Falben die starken Hälse und legte ihnen die Zöpflein der schwarzen, eingeflochtenen Mähnen zurecht. Schon war er im Begriffe in den Wagen zu steigen, da wandte er sich zu dem Alten am Fuße des Kreuzes zurück: »Du! wie heißest Du?« »Semen Plachta, Herr.« »Hör' an, Semen! Krieche heim und sage Deinem Schwiegersohn, daß Doctor Rosenzweig morgen kommen wird, Dich zu besuchen. Er soll Dich zu Hause lassen. Verstehst Du mich? Wenn ich komme und Dich nicht zu Hause finde, werde ich dafür sorgen, daß Dein Schwiegersohn noch vor der allgemeinen Vertheilung als erste Abschlagzahlung auf das Künftige eine Tracht Prügel erhält.« Rosenzweig hatte seine Brieftasche gezogen und ihr eine Fünfgulden-Banknote entnommen. Sein Gesicht wurde sehr ernst, während er sie betrachtete. Ein kurzes Zögern noch -- dann reichte er sie dem Greise hin. »Das aber gehört Dir. Ich will morgen hören, ob das Geld für Dich verwendet worden ist.« Semen streckte die Hand nach dem fabelhaften Reichthum aus; -- zu sprechen, zu danken vermochte er nicht. Auch der Kutscher auf dem Bocke blieb starr, riß die Augen auf, ließ vor Erstaunen beinahe die Zügel fallen. Was sollte das heißen um Gottes willen? Sein Herr verschenkte fünf Gulden an einen Straßenbettler?! »Herr,« sagte er, als der Doctor in den Wagen stieg, »Du hast ihm fünf Gulden gegeben. Hast Du Dich nicht geirrt?« »Schweig' und fahr' zu!« befahl Rosenzweig, und die Peitsche knallte, und die Falben griffen aus. Bald kam auf der weiten Ebene das Doctorhaus in Sicht. Es stand jetzt nicht mehr so allein da wie ein Grenzstein; sehr nette Stallungen und Schuppen erhoben sich hufeisenförmig im Hintergrunde, und eine wohlgepflegte Baumschule füllte den Raum zwischen den Wohn- und Wirthschaftsgebäuden. Die letzteren waren wirklich nach einem Plane des Chamers, dem der Architekt seine Sanktion gegeben hatte, ausgeführt worden und gut ausgefallen, das mußte man gelten lassen. Ob Rosenzweig zu seinem Daheim zurückkehrte aus dem Gehöft eines Schlachziz, aus dem Hause eines Grundherrn oder aus dem Schlosse eines Magnaten -- sein geliebtes Besitzthum begrüßte er stets mit der gleichen Freude. »Den Anderen das Ihre, das Meine mir!« -- Aufrichtig gesagt, getauscht hätte er, wenn auch noch so gewinnreich, mit Keinem. Er hatte ja nie ein lebendes Wesen (seine Großmutter ausgenommen) so geliebt, wie er sein kleines Gut liebte. Und wie es da so schmuck vor ihm lag, das langsam und mühsam Erworbene, die Verkörperung seiner Kraft und Tüchtigkeit, ein so wahrhaft zu Recht bestehendes Eigenthum, wie es wenige gab, da ballten sich seine Fäuste, und er vollzog einen imaginären Todtschlag an den imaginären Ersten, der es wagen würde, ihm seinen Besitz anzutasten. Am Abend noch besuchte er den Kreishauptmann und berichtete ihm Wort für Wort sein Gespräch mit Semen Plachta. Der Beamte ließ sich in eine ausführliche Erörterung der communistischen Umtriebe im Lande ein, die eigentlichen Absichten ihres Urhebers jedoch, das Wesen des seltsamen Mannes überhaupt, wußte er nicht zu erklären, so genaue Kenntniß er auch von dessen ganzem Lebenslaufe besaß. Der Sendbote, der das Land rastlos durchpilgerte und in den Palästen und den Hütten das Evangelium der Gleichberechtigung aller Menschen und der Gleichtheilung allen Grund und Bodens verkündete, gehörte, als Sohn des Senator-Kastellans von Polen und Herrn der Herrschaft Rudy im Warschauer Gouvernement, dem hohen Adel an. Auch er war wie seine Standesgenossen aufgewachsen und erzogen worden im Bewußtsein überkommener Rechte, ererbter Macht und der Pflicht, sie zu wahren und sie auszuüben. Kaum jedoch in ihren Besitz gelangt, hatte er sich ihrer freiwillig entäußert. Die Erträgnisse seiner Güter flossen in die Bettelsäcke der Güterlosen, oder wurden zu Revolutionszwecken verwendet. Er aber zog umher und warb Jünger für seine Lehre, und fand ihrer in den Reihen seiner eigenen Standesgenossen. An die eindrucksfähigen Herzen der Jugend wandte er sich, und je reiner und unschuldiger diese Herzen waren, desto feuriger erglühten sie in Verehrung für ihn, und in Sehnsucht seinem opfermuthigen Beispiele zu folgen. Boten des Sendboten tauchten auf im Königreiche Polen, im westlichen Rußland, in Posen, in Galizien. Die Worte ihres Abgotts auf den Lippen, riefen sie dem Adel zu: -- Wirf deine Reichthümer und deine zu lang genossenen Vorrechte von dir. Vorrecht ist Unrecht. Und dem Volke: -- Kommt, ihr Armen! Nehmt euren Antheil an dem Boden, den seit Jahrhunderten euer Schweiß, und wie oft! auch euer Blut gedüngt hat. -- Zu allen aber sprachen sie: Erhebt euch, schüttelt das Joch der Fremden ab! Wir wollen ein Reich gründen, darin es weder Ueberfluß noch Armuth, nicht Herrschaft noch Knechtschaft giebt das Reich -- das Christus gepredigt hat. Der geistige Leiter dieser Missionen hatte sich inzwischen an dem gegen Rußland geplanten und fast im Augenblick des Losbruchs gescheiterten Aufstande des Jahres 1843 betheiligt. Als Flüchtling entkam er nach Posen, wurde dort binnen Kurzem wegen Verbreitung communistischer Grundsätze zur Rechenschaft gezogen, in Haft genommen, endlich verbannt. Er begab sich nach Brüssel, wo Lelewel die Verirrungen seiner allzuheißen Freiheits- und Vaterlandsliebe in den Qualen bittersten Heimwehs verbüßte. Der Umgang mit diesem »Großmeister der Revolutionäre« steigerte die Begeisterung Dembowskis zum Fanatismus. Was seine Seele fortan erfüllte, war nicht mehr Mitleid allein mit den Elenden und Armen, es war auch Haß gegen die Starken und Reichen, hießen sie nun die Beherrscher der Theilungsmächte, oder die Inhaber der polnischen Centralgewalt in Paris, und Usurpatoren des Königreichs, das sie wiederherstellen wollten. Der Apostel der Nächstenliebe kehrte als ein politischer Agitator nach der Heimath zurück. Er, den bisher nur seine eigenen Eingebungen geleitet hatten, übernahm die Ausführung fremder Pläne und die Aufgabe, Galizien zur Empörung reif zu machen. In dieser Aufgabe wirkte er nun. Wußten Diejenigen, die ihn mit ihr betrauten, was sie thaten? Sahen sie ihn und seine Lehre nur als das Ferment an, das die stumpfsinnige Menge in Gährung bringen, in eine Bewegung setzen sollte, der die Richtung vorzuschreiben sie sich anmaßten? -- Die Sympathie und Bewunderung, die jeder echte Pole für Denjenigen empfindet, der im Kampfe gegen die Fremdherrschaft gelitten hat, bewährte sich von Neuem. Der Adel nahm den Geächteten in Schutz, obwohl er einen Gegner seiner Interessen in ihm erkannte. Mochte er welcher Partei immer angehören, die Befreiung Polens war auch sein Ziel, auf dem Wege traf man zusammen und drückte einander die Hand. »Und sehen Sie,« schloß der Kreishauptmann, »so sehr ist der Mensch in mir im Beamten doch nicht aufgegangen, daß ich diese Polen um solcher Züge ihres oft unbesonnenen, blinden, stets aber hochherzigen Patriotismus willen nicht lieben und zugleich -- beneiden müßte.« »Euer Gnaden!« rief Nathanael mißbilligend aus, und beide Männer schwiegen. Nach geraumer Weile erst nahm der Doctor wieder das Wort: »Ich glaube, Euer Gnaden, es wäre Sache der Regierung, vor Allem sich und den Adel vor dem verderblichen Einfluß des communistischen großen Herrn zu schützen.« Hier flocht er das ruthenische Sprichwort ein: ›Ein schlechter Vogel, der sein eigenes Nest beschmutzt.‹ -- »Ich begreife nicht, warum man so lange unthätig zusieht. Warum man ihn nicht hindert, gleichsam unter den Augen der gesetzlichen Macht sein tödtliches Gift auszustreuen.« Unangenehm berührt durch die Entschiedenheit, mit welcher Rosenzweig sprach, entgegnete der Kreishauptmann mit kühler Ueberlegenheit: »Es geschieht schwerlich ohne Grund. Uebrigens -- unter uns! -- wir haben Weisung, auf ihn zu fahnden -- in unauffälliger Weise.« »O -- dann!« rief Nathanael übereifrig -- »dann beschwöre ich Euer Gnaden, meine Dienste in Anspruch zu nehmen. Unauffälliger wäre nichts, als einen Kranken dem Arzte anzuvertrauen. Und daß Ihr »Sendbote« krank ist -- hier,« er deutete auf die Stirn, »und in das Beobachtungszimmer des Kreisphysikus gehört, darauf schwöre ich!« Der Ausdruck im Gesichte des Beamten wurde immer kälter, er richtete plötzlich eine gleichgültige Frage an den Doctor und entließ ihn, indem er beim Abschied warnend Talleyrands berühmtes »_Surtout pas trop de zèle!_« citirte. Die Warnung blieb fruchtlos. Des Doctors einmal entfesselter Eifer für die Sache der Ordnung und des Gesetzes war nicht mehr zu bändigen. Er hätte die Friedlosigkeit, die ihn umherjagte, auch den Anderen mittheilen mögen, legte einen Abscheu ohne Gleichen gegen die zuwartende Geduld an den Tag, deren man sich in maßgebenden Kreisen befliß, und nannte sie verbrecherischen Leichtsinn und unverzeihliche Lauheit. Sein politisches Glaubensbekenntniß hatte sich bisher in dem Satze zusammenfassen lassen: Unsere Regierung wird die denkbar beste sein, sobald sie sich nur noch herbeiläßt, den Juden das Recht zu geben, Grund und Boden zu besitzen. Jetzt aber war ihm der Glaube an die Weisheit dieser Regierung erschüttert, und er begann sich als ihr Belehrer und Rathgeber zu gebärden. Auf dem Kreisamt hatte man wenig Ruhe vor ihm, er brachte täglich neue, immer bedenklicher lautende Nachrichten von dem Umsichgreifen der communistischen Propaganda, und rieth immer dringender, man möge sich doch entschließen, energische Sicherheitsmaßregeln zu ergreifen. Die genaue Bekanntschaft des Schwiegersohnes Semen Plachtas, die er gemacht hatte, gab ihm viel zu denken. Er hatte sich bisher niemals mit dem Studium einer Bauernseele beschäftigt. Ein Bauer war in seinen Augen der uninteressanteste von allen mit einer Menschenhaut überzogenen Bipedes. Jetzt nahm er einen von der Sorte aufs Korn, beobachtete ihn genau, ging sogar mit ihm ins Wirthshaus, ließ sich mit ihm in Gespräche ein, und wußte am dritten Tage, was er schon im ersten Augenblick gewußt hatte, daß der Mann faul, trunksüchtig und einfältig sei. ~Wie~ einfältig, das kam erst zum Vorschein, wenn ihm der Branntwein die schwere Zunge löste, und es nur wenige geschickt gestellter Fragen brauchte, um sich zu überzeugen, daß ihm sogar die Cardinal-Erkenntniß der Unterscheidung zwischen Mein und Dein fehlte. Der Doctor fuhr zur Gräfin Aniela, und hielt ihr einen Vortrag über den Zustand der Landbevölkerung. »Ja,« schloß er denselben, »der Bauer ist dumm, aber wodurch soll er denn gescheit werden, wenn er es nicht zufällig von Natur ist? Ja, der Bauer ist faul, aber was würde die Arbeitsamkeit ihm nützen, sie brächte ihn doch nimmer auf einen grünen Zweig. Seine Arbeitsamkeit käme mehr dem Herrn zu gute als ihm. Ja, der Bauer trägt den heute verdienten Groschen heute noch in die Schänke, aber diese Verschwendung kommt von seinem Elend. Das Elend ist nicht sparsam, das Elend vermag einen so gesunden und fruchtbringenden Gedanken, wie den der Sparsamkeit, gar nicht zu fassen.« Gräfin Aniela streckte das zierliche Hälschen in die Höhe, ihre lieblichen Lippen verzogen sich spöttisch: »Verehrter Lebensretter, Sie sprechen ja ganz wie der ›Sendbote‹«, sagte sie, »man glaubt ihn zu hören.« Der Doctor schwieg; der scherzhaft gemeinte Vorwurf traf ihn tief. Eine Stunde später stand er in seiner Baumschule vor einem Stämmchen, nicht viel dicker als ein Finger, und doch trug es schon unter seiner kleinen Blätterkrone drei herrliche Aepfel, völlig reif beinah, mit gelblich glänzender Schale. Zu jeder anderen Zeit hätte der Doctor an dem Anblick seine Freude gehabt, heute vermehrte sich durch ihn nur sein Mißmuth. Joseph kam aus dem Hause, sein Arbeitsgeräth auf der Schulter, und wollte den Wohlthäter noch zu anderen Bäumchen führen, die ein ebenso kräftiges Streben, brave Bäume zu werden, an den Tag legten, wie dasjenige, das er staunend betrachtete. Er erhielt keine Antwort. Mit finsterer Strenge funkelten die schwarzen Augen Rosenzweigs unter ihren buschigen Brauen den Jüngling an, und plötzlich sprach er: »Sag' einmal, hast Du nie etwas von einem Freiheitshelden, so eine Art Narren gehört, der sich hier in der Gegend aufhält, und den Bauern in den Wirthshäusern Revolution predigen soll?« Joseph sah offenbar betroffen aus und schwieg. »Gesteh'! Gesteh'!« befahl Rosenzweig, und sein drohendes, zornrothes Gesicht näherte sich dem des Jünglings. »Ich weiß nicht, Herr«, stammelte dieser, »ob Du Denjenigen meinst, den sie den Sendboten nennen.« »Den eben meine ich!« »Der predigt aber nicht Revolution, der predigt Fleiß und Nüchternheit.« »Fleiß im Stehlen, Nüchternheit beim Todtschlagen -- was?« höhnte der Doctor. Ungewohnter Weise ließ sich Joseph nicht außer Fassung bringen. Noch mehr! Er erlaubte sich einen Widerspruch: »Du bist im Irrthum. Ich kenne ihn.« Rosenzweig prallte mit einem unartikulirten Ausruf zurück, und Joseph fuhr fort: »Ich habe lange mit ihm gesprochen.« »Wo? und wann? und was?« »Auf dem Felde, in der vorigen Woche; und von Dir ist die Rede gewesen.« -- »Von mir?« Aus dem Munde des Chamers hat er seine Nachrichten über mich? dachte der Doctor. -- Nun, sie sind danach! »Ich habe ihn nie predigen gehört,« nahm Joseph wieder das Wort. »Möchtest aber wohl?« »O ja! -- ich möchte wohl. Kein Pfarrer kann es ihm gleichthun, heißt es. Es heißt auch, daß er heute Nacht zum letzten Male in unserer Gegend sprechen wird, in der Schänke des Abraham Dornenkron, eine Meile von hier, auf der Straße nach Dolego.« Eine lange Pause entstand, welcher der Doctor ein Ende machte, indem er Joseph befahl, an die Arbeit zu gehen, er selbst begab sich zum Kreishauptmann, meldete, was er soeben in Bezug auf den Emissär in Erfahrung gebracht hatte, und fragte an, ob es nicht gerathen wäre, ein Piket Husaren nach der Schänke zu schicken, und den Aufwiegler gefangen nehmen zu lassen. »Was nöthig ist, wird geschehen, mein lieber Rosenzweig!« antwortete der Beamte. »Wir sind von Allem, was vorgeht, auf das Genaueste unterrichtet, und finden darin keinen Grund zur Sorge. Wovor fürchten denn Sie sich? Sie gehören zu uns. Ich wollte, ich könnte etwas von Ihrer Vorsicht Denen einflößen, die ihrer bedürftiger wären, als Sie und wir.« Rosenzweig machte noch einige Krankenbesuche, und kam erst spät am Abend heim. Vor dem Gartenthor fand er Joseph, der ihn erwartete. »Was hast Du dazustehen? Geh' schlafen!« herrschte er ihm zu. Auch er hätte gern Ruhe gefunden, aber sie floh ihn in dieser Nacht, wie in den vorhergehenden Nächten. Auf einmal fiel es ihm ein, ob es nicht möglich wäre, daß Joseph sich jetzt aus dem Hause schliche, um nach der Schänke zu rennen und die Abschiedsrede des Agitators zu hören. Der Weg ist freilich weit und die Nacht schon vorgeschritten, aber der Bursch hat junge Beine ... Uebrigens -- wer weiß? Wenn er fürchtet, zu spät zu kommen, nimmt er am Ende gar ein Pferd aus dem Stall ... Nun, ~der~ Zweifel wenigstens sollte ihn nicht lange quälen. Rasch nahm er den Leuchter vom Tische und eilte über die Treppe, den Gang, nach der von Joseph bewohnten Stube. In Jahren hatte er sie nicht betreten; sie war die einzig schlechte im Hause und ärgerte ihn, so oft er sie sah. Ein länglicher, schmaler Raum, einfenstrig, mit Ziegeln gepflastert. Wäre Rosenzweig nicht der Wohlthäter, sondern der Arzt Josephs gewesen, er hätte ihm verboten, da zu schlafen auf dem Strohsack, im Winkel zwischen der Drehbank und der Mauer, die förmlich troff von Feuchtigkeit. Er sagte sich das, als er eintretend Denjenigen, den er auf dem Wege nach Dolego vermuthete, der Länge nach ausgestreckt fand auf seiner mehr als bescheidenen Lagerstätte, tief und selig schlafend. Als Rosenzweig sich über ihn beugte, und ihm ins Gesicht leuchtete, zuckten seine Augenlider, sein rother, frischer Mund zog sich trotzig zusammen, aber nur um gleich wieder mit leicht auf einander ruhenden Lippen ungestört weiter zu athmen. Hätte er tausend Zungen gehabt, sie würden nicht vermocht haben, kräftigere Fürsprache für die Lauterkeit seines Herzens einzulegen, als es der Ausdruck des bewußtlosen, schweigenden Friedens auf seinem Antlitz that. Der Doctor stellte den Leuchter auf die Drehbank und begann sich in der Kammer umzusehen. Was es da gab an begonnenen, an halb und an fast beendeten Arbeiten, das Alles war die Frucht des Fleißes emsig schaffender und geschickter Hände. Und es mußte doch kein so übler Verstand sein, der ihr Thun leitete, denn nirgends fand sich die Spur verwüsteten Materials oder kindischer Spielerei. Und worauf sich das ganze Sinnen und Denken dieses Verstandes richtete, das war das Wohl und Gedeihen des Doctorhauses, ihm kam all' sein Streben zu Gute, das förderte er nach bester Kraft und Einsicht. Ein Beispiel für hundert fiel dem Doctor auf, und -- fast rührte es ihn. Er hatte unlängst das hölzerne Gartenpförtlein durch ein eisernes ersetzen lassen, und war zufrieden gewesen mit der vom Stadtschlosser gelieferten Arbeit, aber Joseph meinte: »Sie ist nicht schön genug, ich will eine Verzierung anbringen.« Rosenzweig verhöhnte ihn damals, und nun war das Werk schon unternommen, war schon mit unsäglicher Mühe aus starkem Eisenblech herausgesägt und gefeilt, und inmitten schmucker Arabesken zeichnete sich bereits, gar künstlich verschlungen, der Namenszug Rosenzweigs. Dieser lächelte, kreuzte die Hände, und versank in eine, zum ersten Male wohlwollende und mitleidige Betrachtung des bescheidenen Tausendkünstlers. Zu Häupten seines Lagers bemerkte er ein Bild des Heiligen Joseph, mit vier Nägeln an der Wand befestigt, und darunter stand in ungefügiger Schrift: »Von meiner Lubienka.« -- Die Deine, Du armer Junge, der auf der weiten Erde nichts besitzt? Hab' erst festen Boden unter Deinen eigenen Füßen, eh' Du es wagst, einem schwächeren Menschenkinde zuzurufen: Tritt zu mir! Du hast Dir noch nichts erworben, noch nichts verdient trotz Deiner Arbeitsfreudigkeit und Treue, nichts -- keinen Lohn, keinen Dank, kein Recht. Was Du mir leistest und nützest, gilt nur als Zahlung einer dereinst -- unfreiwillig eingegangenen Schuld. Wann wird diese Schuld endlich getilgt sein, armer Geselle? ... Ist sie es denn im Grunde nicht längst? Besäßest Du Klugheit genug, um abzurechnen und abzuwägen, vor Jahren schon hättest Du gesagt: Wir sind quitt! Von nun an bezahle mich, Herr! Ich will auch für mich erwerben. -- Ich sei ein harter Mann, heißt es, aber ungerecht darf mich Niemand schelten. Wenn Du gefordert hättest, ich hätte Dir gegeben, ich hätte Dich gelten lassen, wenn Du Dich geltend gemacht hättest ... Du hast es aber nicht gethan; Du bist schweigend unter Deinem Joche weiter geschritten, und wirst so weiter schreiten bis Du zusammenbrichst, und am Ausgang Deines Lebens so hülflos dastehst, wie Du an seinem Eingang gestanden hast ... Wessen Schuld? -- Warum denkst Du nicht? ... Warum sprichst Du nicht? ... Warum verschwendest Du die kostbaren Kräfte Deiner Jugend? ... Aber es geschieht, und ich verbrauche sie -- und so wie ich thun Tausende, und so wie Du Hunderttausende ... Noch einen Blick auf den sanft Schlafenden, und Nathanael schloß die Augen und preßte die Hände an seine Stirn. Grell und blendend drang es auf ihn ein, wie ein im Dunkel aufflammendes Licht. Mit Grauen und Entsetzen erfüllte ihn das Bewußtsein: Da schläft er noch still und harmlos, und die Hunderttausende seines Gleichen schlafen wie er ... Doch werden sie erwachen -- schon weckt man sie. -- Zu welchen Thaten? Wie werden sie hausen, die plötzlich entfesselten Knechte? Ein Schwindel ergriff ihn, ihm war, als wanke sein Haus. »Noch nicht!« rief er, und stieß den Fuß heftig gegen den Boden. Joseph erwachte, sprang auf: »Was befiehlst Du, Herr?« Das Bewußtsein kehrte ihm nicht schneller zurück, als diese Frage auf seine Lippen trat. »Wissen will ich, was vorgeht, hören, was Euch gepredigt wird. Ich will den Sendboten hören. Spann' die Falben vor den Wagen, Du wirst mich nach der Schänke des Dornenkron fahren. Spann' ein!« IV. Die Nacht war dunkel, ein feiner, dichter Regen strömte unablässig, emsig auf die Erde nieder und ein anderer, ein compacter Regen spritzte von ihr auf beim energischen Gestampfe der wackeren Rößlein. »Polens fünftes Element« umwirbelte und übersprühte das von Joseph gelenkte Gefährt, das zwischen einer doppelten Reihe riesiger Pappeln auf der Kaiserstraße dahinrollte. Der Doctor saß lange Zeit schweigend in seinem Mantel gehüllt. Ungeduld verzehrte ihn. »Wir kommen zu spät,« sagte er endlich. »Treib' die Falben an.« »Sie laufen ja, was sie können,« antwortete Joseph. »Wir sind schon weit.« Er deutete nach einem großen weißlichen Fleck im Nordwesten des bleigrauen Horizonts, »die Weichsel und der Dujanec stecken schon ihre Fahnen aus.« Eine Viertelstunde später war das Ziel erreicht: ein niedriges, weitläufiges Gebäude. Vor demselben standen allerlei Fuhrwerke und hinderten Joseph sich mit dem seinen zu nähern. Rosenzweig hieß ihn halten, stieg ab und suchte sich einen Weg durch das Gewirre der Wagen und Pferde zu bahnen. Es war keine leichte Aufgabe für Einen, der möglichst unbemerkt in das Haus gelangen wollte. Die meisten Kutscher hatten ihr Gespann verlassen, die andern schliefen auf dem Bocke oder thaten so, und leisteten dem Befehl des Doctors ein wenig Raum zu geben, keine Folge. Er hob eben den Stock, um sich ihnen deutlicher verständlich zu machen, als Abraham Dornenkron auf der Schwelle des Hauses erschien, einen brennenden Span in der Hand. »Schaff' mir Platz, Abraham,« sprach der Doctor, »ich bin's, ich, Doctor Rosenzweig.« »Gott der Gerechte!« stieß der Wirth erschrocken hervor, faßte sich aber sogleich und patschte dienstwillig in den Sumpf, der die Zufahrt zu seinem Gasthofe bildete. Er schob die künstlich aufgestellte Wagenburg auseinander und rief dabei fortwährend, mit überflüssigem Stimmenaufwand: »Der Herr Doctor Rosenzweig! -- Is wer krank? Wohin belieben zu reisen der Herr Doctor?« Sobald die Möglichkeit vorhanden war, sich ihm zu nähern, sprang Nathanael auf ihn los und packte ihm beim Ohr: »Sei still, Spitzbube! Du brauchst mich bei Deinen Gästen nicht anzumelden. Ich will das schon selbst besorgen.« Und als das Männlein trotzdem nicht aufhörte seine Verwunderung über die Ankunft des Doctors laut auszuschreien, drückte der ihn gegen den Thürpfosten, daß ihm der Athem verging, und drang an ihm vorbei in den Flur. »Ein Gibor![6] Schema Isroel, ein Gibor der gewaltige Doctor!« raunte Abraham einem mißgestalteten Wesen zu, das plötzlich im Dunkel geräuschlos wie eine Eidechse, krummbeinig wie ein Kobold, neben ihm aufgetaucht war. [6] Ein Riese. Es wiegte den unförmigen Kopf, seine nachtschwarzen Augen funkelten klug und feurig. »Er ist eingezogen, zu spioniren, Tateleben. Wir wollen ihm kommen zuvor, daß uns nicht kann begegnen ein Unglück,« flüsterte der Kleine. »Elend über Elend! Wie haißt ihm kommen zuvor?« »Ich will nehmen ein Pferd, Tateleben und reiten nach Tarnow wie ein Windstoß, zu melden bei der Polizei, daß bei uns Versammlung halten die rebellischen Gojim, und daß die kaiserliche Regierung soll ausschicken gegen sie Soldaten, wenn es is gefällig der kaiserlichen Regierung.« Abraham betrachtete seinen Sprößling mit Blicken bewundernder Liebe: »Reit' wie ein Windstoß, mein Sohnleben, daß Du mit Gott bald kommst ans Ziel. Reit'« wiederholte er, und er setzte in naiver Fürsorge hinzu: »Thu' Dich nur nehmen in Acht, daß Du nicht kommst um Deine geraden Glieder.« Rosenzweig war inzwischen in die Wirthsstube getreten, oder hatte sich vielmehr hineingezwängt. Es herrschte darin eine dicke, dumpfe Atmosphäre, das Product von mehr als hundert, dicht aneinander gepferchten Menschen, in nassen Pelzen, Kleidern und Stiefeln. Fuseldünste und der Qualm einer an der Decke hängenden Naphtha-Lampe trugen dazu bei, das Athmen in diesem Raume zu erschweren. Die Anwesenden jedoch erfuhren unbewußt den beklemmenden Einfluß, der die Gesichter der Einen glühen machte und die Anderer bis zur Todesblässe entfärbte. Es waren Männer, den verschiedensten Altersstufen und Ständen angehörig, in ärmlicher Kleidung, im reichen National-Costüm, im Priestertalar, im Studentenrock, im schäbigen, schwarzen Gewand des Winkelschreibers. Die keinen anderen Platz mehr gefunden hatten, waren auf die Bänke gestiegen und zwischen die Mauern und die Menge geklemmt, bezahlten sie bei jeder Bewegung derselben den Vortheil ihrer erhöhten Stellung mit der Gefahr, erdrückt zu werden. In der vordersten Reihe, seine Umgebung überragend, stand ein grauhaariger, graubärtiger, breitschultriger Herr, in kostbarer Magnatentracht. Wenn er den Kopf wandte, zeigte sich dem beobachtenden Nathanael das ausdrucksvolle asiatische Profil eines der mächtigsten Fürsten des Landes. -- Auch Du, _Starosta princeps nobilitatis_? dachte Rosenzweig. Aber eine noch größere Ueberraschung erwartete ihn. Der einzige in der Stube frei gebliebene Raum war der vor dem Eingang in das Nebenzimmer, dessen offene Thür von einigen jungen Leuten mit wahrhaft wildem Eifer vor der Zudringlichkeit der Neugier oder des Fanatismus gehütet wurde. Dort schritt Dembowski im Gespräch mit einem Schlachziz auf und ab, in dem Rosenzweig zu seinem grenzenlosen Erstaunen den vertrauten Freund des Kreishauptmanns erkannte. Er lebte in glücklichen Familien- und geordneten Vermögensverhältnissen, war ein harmloser, aufrichtiger Mensch, dem der Frieden über Alles ging. Nie hatte er es dahin gebracht, einer politischen Debatte seiner Gutsnachbarn bis ans Ende zu folgen, weil er regelmäßig vor demselben einschlief. Und dieser ruhigste und stillste aller Staatsbürger, da wandelte er nun flammend und glühend in einem Seelenkampfe, dessen Pein sich in seinem zuckenden Gesicht malte, neben dem Aufwiegler einher. Der aber, leicht vorgebeugt, den Arm des Neophiten sanft berührend, sprach eindringlich und leise zu ihm, sprach Worte, auf welche dieser keine Erwiderung mehr zu finden schien. Ein letztes noch -- und er wandte sich von dem Erschütterten und trat zu seiner Gemeinde, die ihn mit unendlichem Jubel empfing. Der Sendbote war als Bauer gekleidet. Er trug einen langen, weißen Kaftan, der am Halse durch zwei große Metallknöpfe geschlossen war, hohe Stiefel, ein Hemd aus grober Leinwand und Pluderhosen aus demselben Stoffe. Ein lederner Riemen, an welchem ein kleines Crucifix aus schwarzem Holze hing, umgürtete seine Lenden. Sein dichtes, dunkelblondes Haar war kurz geschoren, es wuchs in scharfer Spitze in die Stirn und zog einen schönen gewölbten Bogen um die mattweißen, etwas eingedrückten Schläfen. Ruhig ließ er den Freudensturm des Willkomms verbrausen, stand da mit herabhängenden Armen, die Finger nur leicht gekreuzt und schaute ins Gewühl lässig und obenhin, wie sehr Kurzsichtige pflegen, die schauend schon im Voraus auf das Sehen verzichten. »Freunde, Brüder,« begann er, ohne die Stimme zu erheben, und sogleich wurde es still bis zur Lautlosigkeit, -- »ich grüße Euch zum letzten Male vor dem Kampf, vielleicht zum letzten Male vor dem Tode.« »Sei uns gegrüßt!« antwortete ein brauner Kumpan, von martialischem Aussehen: »im Kampf im Tod, im Sieg!« »Im Sieg!« durchlief's die Menge als Seufzer der Sehnsucht, als Schrei der Hoffnung, als Ausruf der Zuversicht. »Sieg?« wiederholte der Redner, »Ihr habt ihn schon errungen. Ein Kampf wie der Eure ist ein Sieg und ein Sieger Jeder von Euch, ob er den Fuß auf seine Feinde stellt, ob er zertreten von ihren Rossen auf dem verlorenen Schlachtfeld liegt. Meine Brüder! was immer uns beschieden sein mag, der Gedanke, der uns beseelt, kann nicht mehr sterben. Er wird fortleben, sogar auf den Lippen Derjenigen, die uns um seinetwillen verfolgen und tödten. Sie selbst werden die heilige Lehre noch verbreiten, indem sie von dem Märtyrerthum erzählen, das wir um ihretwillen erlitten haben.« Allmälig war die lähmende Müdigkeit von ihm gewichen, seine geschmeidige Gestalt hatte sich emporgerichtet: »Vielleicht ist die Erinnerung an unseren Tod das Einzige, was wir denen hinterlassen können, für welche wir so gern gelebt hätten. Wir müssen dafür sorgen, daß dieses Erbe ein glorreiches sei ... Es wird ~kein~ glorreiches sein, wenn nicht jeder Einzelne, der zu unserem Bunde geschworen hat, sich als ein Priester fühlt, dessen Ehrgeiz Entsagung und dessen Ruhm grenzenlose Hingebung an die Sache Gottes ist.« Vereinzelte Laute der Zustimmung ließen sich vernehmen, aber so manches Antlitz drückte Enttäuschung aus. »Die Sache Gottes, meine Brüder!« wiederholte der Redner. »Vermöchte ich den Feuereifer, ihr zu dienen, in Euren Seelen zu erwecken, den Er in der meinen erweckt hat, und Euch den Abscheu und die Scham kennen zu lehren, mit der ich zurückblicke auf meine einst genossenen Erdenfreuden. Mitten in der Fülle ihrer Genüsse fand mich der Herr. Aus ihrem Taumel schrak ich auf bei seinem Rufe. Und die Stimme, mit der der Allerbarmer mich rief, war die des Mitleids, und das Mitleid gebar den Zweifel und der Zweifel die Erkenntniß.« Verklärung breitete sich über seine Züge, das Licht der schönsten Liebesgedanken leuchtete auf seiner Stirn. »Ich lebte, wie die Verwöhnten leben. Weil der Zufall mir zu viel beschert hatte, kannt' ich kein Genügen, in meiner heißen Hand zerschmolz das Gold. Da war einer unter meinen Dienern -- Jelek hieß er, ein Bauerssohn, der, aufgeweckt und tüchtig, es bis zu dem Amte meines Güterverwalters gebracht hatte. Er allein wagte es einmal, eine Warnung gegen mich auszusprechen, und stand seitdem in Ungnade bei mir. An einem Sommermorgen ritt ich nach fröhlich durchlebter Nacht mit meinem Anhang von einem Feste bei meiner Geliebten heim. Ihre Küsse brannten noch auf meinen Lippen, die Klänge der Musik summten mir noch im Ohr, liebliche Bilder gaukelten vor meinen Augen, eine glückliche Lebenslust erfüllte mich. In meiner Seele vermählten sich die Erinnerung an genossene Freuden mit der Erwartung künftiger, und übermüthig rief ich meinen Gefährten zu: -- Wie heute, so morgen, und -- immer! Wir waren am Ausgang des Waldes angelangt; vor uns lagen im schimmernden Duft des jungen Tages die thaufrischen Wiesen, das Aehrenmeer der Felder, und aus der Ferne grüßte mein bewimpeltes Schloß mit seinen starken Thürmen. Seine Fenster blinkten, auf seinem altersgrauen Gemäuer lag der Glanz der aufgehenden Sonne wie ein Lächeln auf dem Antlitz eines Greises. Einen schönen Anblick bot mein ehrwürdiges, gastliches Haus, und mit Jauchzen sprengten meine Gefährten ihm zu. Ich aber verhielt mein ungeduldiges Roß. Ich hatte längs des Waldessaumes einen Mann in hastender Eile herbeikommen gesehen und Jelek, meinen Verwalter, in ihm erkannt. -- Woher und wohin? rief ich ihn an. Er nannte einen weit entfernten Meierhof, nach dem ihn der Intendant mit einem Auftrag geschickt. -- Fand sich dazu kein Geringerer? Seit wann machst Du Botengänge? -- Auf diese meine Frage gab er zur Antwort: -- Seit ich bei Dir in Ungnade gefallen bin. Dein Intendant hat mich meines Amtes entsetzt und bedenkt mich dafür mit allerlei Aemtern. -- Er keuchte und wischte sich den Schweiß von der Stirn, und ich sah es ihm an, daß ihm der Boden unter den Füßen brannte. Ich sah auch, daß sich vom Dorfe aus ein langer Zug nach der Straße hin bewegte, und daß der es war, dem er entgegen strebte. Ich setzte mein Pferd in Schritt, und er folgte mir. So kamen wir zur Landstraße, auf der die Leute wanderten. Ein paar hundert Männer, Jünglinge, Greise, ihre Sensen auf den Schultern, Säcke auf den Rücken. Sie schritten stumm, mit gesenkten Köpfen, die meisten barfuß und zerlumpt -- meine Bauern! ... Und wie sie, sich bis zur Erde verneigend, an mir vorüberschlichen, unlustig wie eine Herde, die nach fremdem Pferch getrieben wird, da wußt' ich: die Leute sind vermiethet für die Erntezeit, weithin vielleicht, und werden den Boden, auf dem ihre eigene ärmliche Ernte reift, nicht wiedersehen, eh' der Schnee ihn bedeckt. Jelek hatte ein Tüchlein hervorgezogen, in dem einige Münzen eingebunden waren, und drückte es einem Alten in die Hand, der am Ende des Zuges mühsam nachhumpelte: -- Damit Du nicht darbst unterweges, Vater. Gott tröste Dich. Meinetwegen mußt Du fort. Der Alte barg das Tuch an seiner Brust, und der Haiduck, der die Schar geleitete, stieß ihn vorwärts. In die Augen Jeleks traten Thränen des Schmerzes und der Wuth. -- Warum sagtest Du, fragte ich ihn, Dein Vater müsse um Deinetwillen fort? -- Weil es so ist. Der Intendant hätte sich nicht getraut, ihn zu vermiethen, wenn Du mir noch gnädig wärest, wie sonst. Ein paar Tage später traf ich meinen Jelek, wie er einen Arbeiter auf dem Felde, einen hochbejahrten Mann, der Faulheit anklagte und erbärmlich schlug. -- Siehst Du nicht, daß der Mann erschöpft ist und nicht mehr arbeiten kann, sagte ich, und er erwiderte: -- So werden sie es in der Fremde auch meinem Vater thun. Warum soll es dem Einen besser gehen als dem Andern? Was ich ihm antworten sollte, wußte ich nicht, aber zu dem Alten sagte ich: -- Thun Dir die Schläge nicht weh, daß Du dastehst und nicht einmal klagst? -- O mein gnädigster Herr! entgegnete er, was würde das Klagen mir nützen? Und auch darauf mußte ich schweigen ... Heimkehrend fand ich das Haus zum Empfang meiner Geliebten geschmückt, und Alle, die um meine Gunst buhlten, waren versammelt, um meiner Herzenskönigin zu huldigen. Sie erschien in ihrer Königlichen Schönheit, und ihr Anblick und der Anblick der Pracht, die mich umgab, und der kriechenden Dienstfertigkeit meines Anhangs -- Grauen, meine Brüder! Grauen erweckten sie mir ... Ein Dämon -- meint' ich -- habe tückisch mein Auge zu furchtbarem Hellsehen geschärft ... All' der Glanz, alle die Pracht und Herrlichkeit, und die Liebe des Weibes und die Treue der Freunde -- sie hatten einen Preis, und bezahlt hatte ihn das Elend. Die hatten ihn bezahlt, die zum Frohndienst vermiethet hingezogen waren in die Fremde ... Das Gewühl vor mir, die Wände des Saales wurden durchsichtig, wie durch schimmernde Schleier sah ich eine wandernde Schar, deutlich jede Linie der Gestalten, jeden Zug der Gesichter, die mein Auge an jenem Morgen nur flüchtig gestreift hatte ... Ergebung auf allen! Nicht schöne, männliche -- nein! die trost- und hoffnungslose Ergebung des Stumpfsinns ... Was jenes Opfer der ungerechten Vergeltung, die mein Diener übte, gesprochen hatte, das sprachen auch sie in ihrem Schweigen! »Was würden Klagen uns nützen?« Brüder! in dieser Stunde habe ich meiner Macht geflucht und mein Glück gerichtet ... Meine Macht war zum Unheil Anderer ausgeübt worden, mein Glück wuchs nicht wie eine Blume aus dem gesunden Mutterschoß der Erde, es war ein Wuchergebilde, ihrer Krankheit Frucht, und nährte sich parasitisch von kostbaren Lebenssäften.« Der Redner bog den Kopf zurück; seine Lider schlossen sich, einem Gepeinigten gleich zog er den Athem ein: »Da ergoß sich in meine Brust ein Strom der Schmerzen ... Die Schmerzen jedes Einzelnen, der um meinetwillen gelitten hatte, ergossen sich in meine Brust! ... Und jede Schuld, und jedes Unrecht, das ~die~ begangen hatten, die mir dienten, als ~meine~ Schuld empfand ich sie, und vernahm schaudernd, wie ihr Schrei gegen mich zum Himmel stieg ... Die Luft im Saale lastete wie Blei, aus den Augen meiner Geliebten blickte die Sünde, die Töne der Musik girrten sinnverwirrende Melodien, und -- fort trieb es mich, hinweg von dem durchschauten Trug in die kühle, klare Nacht. Ich wanderte unter ihren schimmernden Sternen, so weit meine Füße mich trugen, und wie auch mein Herz blutete und rang, mir war, als lebt' ich auf. In der herben Qual, die ich litt, fühlte ich die Hand meines Herrn, verstand die Mahnung, deren Er mich gewürdigt. Und während sie mich suchten im Schlosse und in den Gärten, lag ich im Waldesgrund auf dem Angesicht vor meinem Gott und flehte um Kraft zur Buße und Sühne, und bot mich ihm dar zum Werkzeug seines Willens, zum Verkünder seiner Lehre, und flehte den Urquell des Lichtes um Erleuchtung auf meinem Wege an. Sie wurde mir. Wie das Auge des Blindgeborenen, als der Finger des Heilands es berührte, sich der alten, vertrauten und ihm doch unbekannten Welt erschloß, so erschloß sich meine Erkenntniß der Offenbarung, in deren Licht ich gewandelt war, von Jugend an -- ein Blinder. Und je tiefer ich in den Geist des göttlichen Wortes eindrang, desto klarer ward es mir: Inbegriff seiner Weisheit ist die Liebe. Für uns Menschen -- die Nächstenliebe!« Die hochgehenden Wogen der Begeisterung, mit welcher der Sendbote empfangen worden, waren allmälig verebbt. Ein Gemurmel der Mißbilligung, in das sich nur vereinzelt warme Zurufe mischten, erhob sich jetzt. Aus der Gruppe, die den Fürsten umdrängte, scholl rauh die Mahnung: »Laß den Pfarrer von Nächstenliebe sprechen, sprich Du von der Befreiung des Vaterlandes!« »Eines, die Beiden!« antwortete der Redner. »Keine Befreiung, ohne die Liebe des Nächsten. Sie ist der unermeßlich reiche Schatz, der uns an dem Tag erlöst, an dem wir uns entschließen, ihn zu heben. Nur verstehen müßt Ihr ihr Gesetz. Für Euch, Ihr Mächtigen und Reichen, lauten seine ersten Worte: Entsagung, Entbehrung, Sühne!« Die Lippen des Fürsten kräuselte ein Lächeln, aber mit immer mächtiger werdender Stimme fuhr der Redner fort: »Es giebt nur Einen Herrn, den König der Himmel und der Welten, und nur ein Menschenvolk gleichgeborener Brüder. Der sich Herrschaft anmaßt über seine Brüder, säet und erntet Unheil, die Seele des Knechtenden, wie die des Geknechteten verdirbt.« Mit einem raschen Schritte trat er auf den Fürsten zu: »Rette Deine Seele, demüthige Dich! Gedenk' der Sünden Deiner Väter, gedenk' der Flüche, die auf Deinem Haupte lasten. Wie? -- Befreiung von fremder Tyrannei verlangt Ihr? Was habt denn Ihr jemals ausgeübt an dem bejammernswerthen Volke, als Tyrannei? Ihr, der Adel, Ihr war't der Staat. Niemals ist in Polen ein anderer Stand zu Wort gekommen, als der Eure, und wohin habt Ihr das Land gebracht? ... Euer Eigennutz hat es ausgebeutet, Eure Zwietracht es zerrissen, Euer Verrath hat es den Feinden ausgeliefert!« »Du lügst! Schweig! Wir wollen Dich nicht mehr hören!« tönte es ihm zurück. Ein rasender Tumult erhob sich. »Platz da! Platz für den Fürsten!« riefen die Begleiter des Magnaten, der sich schweigend und verächtlich umgewandt hatte, und dem die Seinen mit Stoßen und Drängen einen Weg zum Ausgange zu bahnen suchten. Nathanael, in der Nähe stehend, erwies sich ihnen hülfreich. Die Menge war wie eingekeilt unter der Thür; aber sein eiserner Arm theilte sie, um den Fortstürmenden Raum zu schaffen, und ein allgemeines Aufathmen gab es, als der Fürst und seine Schar das Freie gewonnen hatten. Von draußen vernahm man ihr Schreien, Fluchen und Lachen. Die Herren pfiffen ihren Kutschern und ihren Hunden, Peitschen knallten, Fuhrwerke setzten sich in Bewegung. Der Blick des Sendboten glitt schwermüthig über die gelichteten Reihen seiner Jünger. »Auf die Großen dieser Erde habe ich nicht gezählt; wohl uns, wenn wir keine anderen Gegner hätten, als sie,« sprach er ruhig. »Der Bedrücker sind wenige, der Bedrückten viele. Wenn die Bedrückten sich erheben, und im Namen des Allgerechten ihren Antheil am Besitz der Erde fordern würden, dann wäre die Macht der Mächtigen wie Spreu. Aber der Koloß, der sich nur zu regen brauchte, um seine Bande zu sprengen -- er regt sich nicht. Er duldet und frohnt, und wird ewig dulden und frohnen. Durch das unwürdige Leben, das er seit Jahrhunderten führt, ist das Bewußtsein seines Menschenthums, seines freien Willens in ihm erstickt worden ... Diejenigen aber, die ihm dieses Bewußtsein raubten, haben nicht nur gegen das elende, von ihnen verachtete Volk, sie haben -- und dessen gedenken sie nicht! -- sie haben gegen Gott gefrevelt, indem sie Tausende seiner Geschöpfe unfähig machten, sein Bild widerzuspiegeln.« Er hielt inne, und die jungen Leute jubelten ihm Beifall zu. Die älteren Männer schwiegen. Einige Geistliche hatten sich in die Nähe der Thür begeben. Der treulose Freund des Kreishauptmanns war sammt den Edelleuten verschwunden, nachdem er mit staunendem Schrecken den großen Kopf Rosenzweigs aus dem Gedränge hervorragen gesehen. Der Doctor jedoch, mit der Wucht eines Pfeilers auf seinem Vordermann lastend, brachte jeden allmälig zum Weichen, und stand nun auf demselben Fleck, auf dem früher der Fürst gestanden hatte, dicht vor dem Sendboten. Eine freudige Röthe stieg diesem in die Wangen, als er Nathanaels ansichtig wurde: »Gott wird die Schuldigen richten!« nahm er wieder das Wort. »Was uns zukommt, ist die Erlösung der Armen, deren Jammer zu ermessen wir besser vermögen, als sie selbst. Was ich von Euch fordere, Ihr Herren, Ihr wißt es, besprochen und wieder besprochen haben wir's in langen Stunden. Ihr aber, Studenten und Männer der Wissenschaft, die Ihr dem Volke nahe steht wie Eurem Vater, betreut es, als wäre es Euer Kind. Lehrt es Euch lieben und vertrauen, verwendet zu seinen Gunsten Euer Wissen, Euer Können, Eure Erfahrung, Kraft und Zeit. Vergeßt Euch selbst in seinem Dienst. Keiner von Euch pflege mehr seinen Geist in kaltsinniger Abgeschlossenheit ... Mit welchem Rechte vertieft Ihr Euch in die Erforschung der schwierigsten Welt- und Daseinsräthsel, während um Euch her noch Menschen leben, mit dem gleichen Anspruch auf Erkenntniß ausgestattet, wie Ihr -- und unfähig die einfachste Gedankenreihe zu bilden? ... Ihr sucht nach Zielen in Euren Wissenschaften, und werdet immer nur Grenzen finden. Ich nenne Euch ein Ziel, das sich erreichen läßt: die Verminderung des Irrthums, des Wahns, des Aberglaubens unter Euren Brüdern ... Dem Zug einer ungeheuren Heersäule, die Nachts aufbricht, um zum Kampfplatz zu eilen, gleicht das Wandeln des Menschengeschlechts über die Erde. Diejenigen, denen Kraft gegeben ward, die Andern zu überholen, haben sich an die Spitze gestellt. Sie schreiten schon im rosigen Morgenlicht, die Schatten fliehen, ein Wunderland öffnet sich vor ihnen. Unaufhaltsam jagen sie ihm zu, auf sonnenbeglänzter Bahn, unbekümmert um die Nachhut, die hinter ihnen im Dunkel tappt und sich verirrt, und keinen Steg mehr findet, der zu den Glücklichen hinüber führt, an deren Seite auch sie den Kampf des Lebens zu kämpfen berufen waren ... Deshalb, Ihr Führer, macht Halt! öffnet Eure Reihen, laßt die Nachhut herankommen. Einen breiten Weg für die Nachhut! Zu ihrem Heil, meine Brüder! aber auch zu dem Eurigen, denn aus jedem bisher blöden Auge, das sich dank Eurer fürsorgenden Liebe einem Strahl der Wahrheit öffnet, wird Euch der Himmel grüßen ...« Einige Schulmänner in der Nähe Rosenzweigs wechselten bedeutungsvolle Blicke: »Ich bin sehr enttäuscht,« flüsterte ein Advocatenschreiber den gelehrten Herren zu: »Das ist ja gar nichts.« Der Doctor stand nach und nach ganz bequem, von einem Gedränge war keine Rede mehr. Das Auditorium machte sich langsam und geräuschlos fort. Wagen um Wagen rollte, Reiter trabten davon. Die Zurückbleibenden widersetzten sich endlich dieser Flucht. Die Verwünschungen, mit denen die Abtrünnigen begleitet wurden, begannen in Thätlichkeiten auszuarten. Gebieterisch erhob der Redner seinen Arm: »Laßt Jeden unbehelligt ziehen,« befahl er. »Wer von Euch kann sagen, ob das Samenkörnlein Wahrheit, das jetzt von der Brust dieser Männer abzuprallen schien, nicht, ohne daß sie selbst es ahnen, in ihr Wurzel geschlagen hat? Vielleicht tritt Mancher von denen, die uns jetzt verlassen, noch dereinst in unsere Reihen ein ... Mir aber, meine Brüder, mir ist es ein Segen zu fühlen -- was mich in dieser Abschiedsstunde umgiebt, ist Treue, was mich vernimmt -- Verständniß. Den tiefsten Inhalt meiner Lehre, in Eure Herzen darf ich ihn gießen wie in köstliche Schalen, die ihn rein und lauter bewahren, und ihn anderen Herzen also mittheilen werden. Brüder, wir müssen immer hören, ohne Kampf der Menschen unter einander könne die Welt nicht bestehen; in einem allgemeinen Frieden würden unsere Kräfte einrosten und unsere Geister erschlaffen. Das ist falsch. Friede zwischen den Menschen bedeutet ja nicht das Ende aller Kämpfe, es bedeutet vielmehr den Beginn eines neuen, eines herrlichen Kampfes. Indessen der Haß der Urheber der bisherigen Kämpfe gewesen ist, wird die Liebe die Mutter der künftigen sein. Die Streiter, die sie aufruft, werden nicht etwa ein leichtes Spiel haben, denn die Feinde, denen sie gegenüber stehen, gönnen ihren Ueberwindern nicht Ruhe, nicht Rast, täglich besiegt, erheben sie sich täglich wieder. Das ~Leiden~ und die ~Leidenschaft~ sind ihre Namen. Sie nur einmal ins Auge gefaßt, und Ihr werdet an Eure Stirnen greifen und Euch fragen: Ist es möglich, daß wir jemals einen anderen Streit unternommen haben, als den gegen sie, als den gegen die Leiden der Anderen, und den gegen die Leidenschaft in unserer eigenen Brust? Wie? es giebt in der Welt diese fürchterlichen Gewalten, und wir haben mit ihnen einen faulen Frieden geschlossen? Wir haben sie hingenommen wie das Nothwendige und Unentrinnbare, wir haben schläfrig und lau den Vampyr an unserem Marke zehren lassen und unsere Streitlust nicht an ihm gebüßt, nein, an unseren Brüdern, unseren mitleidenden Brüdern! Wir haben Beladenen neue Lasten aufgelegt, wir haben Verwundete verletzt ... O des Wahnsinns! Oder -- des Verbrechens -- oder vielmehr der beiden! Verbrechen ist Wahnsinn, die Thorheit ist die Quelle jedes Unrechts. Ja, und tausendmal ja! dachte Rosenzweig, Thränen in den Augen, erschüttert in allen Fugen seines Wesens. Ein unermeßliches Glück durchdrang ihn, er empfand die höchste aller Wonnen -- die Wonne, aus den beengenden Schranken der Selbstsucht aufzusteigen wie aus einem Grabe. Was er bisher am meisten geschätzt hatte, erschien ihm werthlos, die Arbeit vergeudet, die auf die Erwerbung seines Reichthums verwandt, verächtlich seine engherzige Freude an ihm, der, ein todter Staub, in seinen Händen gelegen. Beschämung erfüllte seine Seele, aber mit Entzücken gab er sich ihr hin als dem Wahrzeichen seiner Wandlung, dem Beginn seines inneren Wachsens und Klärens. Nur ~ein~ Gedanke trübte die reine Seligkeit dieses Augenblicks -- er galt dem Apostel des Mitleids und der Liebe und wurde schmerzlicher und sorgenvoller, als dieser die Zukunft, die er träumte, als eine erreichbare zu schildern begann. -- Täusche Dich nicht! hätte er ihm zurufen mögen. Das Land Deiner Verheißung hat auf Erden keine Stätte. Begnüge Dich damit, unsere Sehnsucht nach ihm erweckt zu haben. Schon das ist Befreiung. Aber der Sendbote sprach ... Der Klang seiner Stimme füllte wie etwas Körperliches den Raum, der Gluthstrom seiner Beredtsamkeit trieb seine kühnsten, prächtigsten Wogen, und endlich schloß er: »Zweck und Ziel unseres Bundes ist das Wohl des Volks, das Wohl eines jeden Bewohners der polnischen Erde, schwört Treue unserem Bunde!« da riefen Alle, da tönte es mit der Stimme ~Einer~ Begeisterung aus der Brust von Jung und Alt, von Erfahrenen und Unerfahrenen, von Besonnenen und Schwärmern: »Wir schwören!« Sie fielen vor ihm nieder und küßten seine Hände, seine Kniee, seine Füße: »Wir schwören Dir Gehorsam bis in den Tod!« überschrie Einer aus der Menge alle Uebrigen. Der Sendbote wehrte ab: »Nicht mir Gehorsam -- der Sache. Schwört, die Armen und Bedrückten zu lieben, wie Euch selbst, und das Vaterland mehr, als Euch selbst.« Die Betheuerungen wiederholten sich: »So geht denn hin. Werbt im Volke, werbt Werber für das Volk. Entsendet Keinen, der nicht auf das Crucifix geschworen hat. Ich bringe Euch die Eidesformel und den Katechismus,« sprach der Agitator, und Stille trat während der Vertheilung der Schriften ein. Plötzlich wurde sie durch ein so angstvolles Gekreisch unterbrochen, daß Alle zusammenfuhren. Abraham Dornenkron stürzte herein, schreckensbleich, mit aufgelösten Locken: »Rette sich, wer kann sich retten! Mein Sohnleben ist gewesen in Tarnow, hat gesehen steigen auf die Husaren, gleich werden sie sein hier, mein Sohnleben is geritten ihnen voraus.« Die Warnung Abrahams erweckte Hohn, Trotz, Bestürzung. Einige stammelten ein leises Abschiedswort und eilten rasch davon. Was Waffen trug, scharte sich um Dembowski und schickte sich zu seiner Vertheidigung an. Er aber wies seine Getreuen hinweg: »Fort! Ihr -- ich -- wir Alle. -- Noch ist es nicht Zeit zum Kampfe. Ein Hochverräther Jeder, der den Kampf zu früh beginnt. Fort! Alle fort!« Die Stube leerte sich. Der Letzte, der hinaustrat, war der Sendbote, knapp vor ihm schritt Nathanael. In tiefer Stille bestiegen die Verschworenen ihre Wagen und stoben auseinander wie Schatten; das Pferd des Redners wurde vorgeführt, er schwang sich hinauf und gab ihm die Fersen. Das Thier bäumte sich, fiel schwer auf einen Vorderfuß zurück und zog den andern mit schmerzvollem Zucken in die Höhe. Eilends sprang Rosenzweig herbei: »Ihr Pferd lahmt,« sagte er, »auf dem Pferd kommen Sie nicht weit.« Der Wirth näherte sich, eine Flasche tragend, in deren Hals eine tropfende Unschlittkerze stak, hockte am Boden nieder und bestätigte jammernd den Ausspruch des Doctors. Diesen ergriff ein Verdacht, er hielt dem Juden die geballte Faust vors Gesicht: »Wart' Kerl, wenn Du das gethan hast!« Abraham brach sofort in Wehklagen und Unschulds-Betheuerungen aus. Der Emissär war vom Pferde gestiegen, stand regungslos und horchte. Deutlich vernahm man schon das Heransprengen der Reiter auf der Straße. Sie ritten mit dem scharf herüber pfeifenden Wind. Gelblich-grau begann der Horizont zu schimmern. Der fahle Schein der ersten Dämmerung verbreitete sich über die Ebene. Nathanael fröstelte und glühte. Kalter Schweiß rann ihm über die Stirn, eine eiserne Kralle schnürte ihm die Kehle zu. ~Das war Furcht~, deren Symptome er so oft an Andern beobachtet, die er an sich selbst nie erfahren hatte. »Verbergen Sie sich im Haus,« sprach er zum Emissär. »Was würde mir das nützen, wenn der Wirth falsch ist -- und er ist es,« antwortete Jener. »Ich will meinen Beinen vertrauen. So viel Klugheit wie das gehetzte Wild habe ich auch. Irgendwo findet sich ein Hohlweg, ein Baum, ein mitleidiger Strauch, der mich verbirgt.« Er wandte sich zur Flucht. Da faßte ihn der Doctor mit überlegener Kraft und drängte ihn zu seinem Wagen hin: »Herunter, Joseph!« befahl er, »und sieh zu, wie Du nach Hause kommst. Sie aber, nehmen Sie seinen Platz ein. Rasch!« Der Widerstrebende war auf den Wagen hinauf gehoben, bevor er sich's versah. Der Doctor warf ihm seinen im Wagen zurückgebliebenen Mantel über die Schultern, Joseph legte die Zügel in seine Hand und trat sofort im Eilschritt den Heimweg an. »Du!« sprach Nathanael, und Abraham beugte sich beinahe bis zur Erde unter dem Blitz, der aus den Augen des Doctors auf ihn niederfuhr: »Du sollst mich kennen lernen, wenn Du den Verräther weiter spielst!« Einige Verwünschungen folgten, die ihm leicht von den Lippen flossen. Schwerer wurde es ihm, hinzuzusetzen: »Wenn Du aber Dein Maul hältst -- dann kriegst Du von mir für Dein Schweigen das Doppelte von dem, was Deine Angeberei Dir eingetragen hätte.« Er machte eine rasche Wendung den immer näher kommenden Reitern entgegen: »Hollah ho!« rief er, die Hände vor dem Munde zum Sprachrohr geformt, »zu spät! zu spät!« Ein Piket Husaren mit einem blutjungen Cadetten an der Spitze, kam her galoppirt. Der Cadett riß sein Pferd dicht vor Nathanael zusammen: »Gottes Donner! der Herr Doctor! Was führt Sie her?« »Beim Zeus! die Neugier, mein Gräflein. Aber Sie -- warum just Sie? Ein heißer Ritt in kalter Morgenstunde, das giebt, so wahr ich Sie kenne, eine Halsentzündung.« »Gottes Donner! scherzen Sie nicht! komm' ich wirklich zu spät? Ist das Nest leer? War der Emissär wirklich da? Haben Sie ihn gesehen?« fragte der Jüngling in überstürzter Hast. »Gesehen, gehört, ihn als unschädlichen Schwärmer diagnosticirt.« »Unschädlich? Dann war er's nicht.« »Er war's!« »Es is gewesen er!« fiel Abraham geläufig ein. »Der Herr Cadett können noch sehen stehen hier sein Pferd, das ich hab' vernagelt, damit er nicht kann reiten davon.« »Was ihn zwang,« bemerkte Rosenzweig, »im Wagen eines seiner Freunde davon zu ~fahren~.« Der Jüngling nahm das Pferd in Augenschein, ließ ihm das Eisen abreißen und befahl einem Soldaten, es am Zügel mit zu führen: »Ich nehm' es mit, als Pfand,« sagte er. »Und nun -- in welcher Richtung ist er davongefahren, Doctor?« »Das verrathe im Ihnen um keinen Preis.« »In welcher Richtung? Die Sache ist ernst. Ich bin ein gemachter Mann, wenn ich ihn fange. Wir haben verschärfte Ordre erhalten, heute Nachmittag. -- In welcher Richtung, Doctor? ... Gottes Donner! sprechen Sie!« Rosenzweig entgegnete mürrisch: »Ich habe keine Katzenaugen. Wahrscheinlich sind Sie ihm selbst begegnet auf der Straße.« »Niemandem bin ich begegnet außer einigen guten Bekannten ... Uebrigens --« Er hielt inne und schlug sich vor die Stirn. »Auch die sind ja verdächtig ... Rechts um!« commandirte er seinen Leuten, und die Husaren machten Kehrt. »Adieu, Doctor. Und Du, Jude, merk' auf! Es soll ein Preis auf den Kopf des Emissärs gesetzt sein, heißt es, ein Preis von tausend Gulden. Dein wäre er gewesen, hätt' ich den Kerl hier erwischt.« Abraham zuckte zusammen, wand sich wie ein Wurm und kreischte laut. Der Fuß des Doctors stand auf dem seinen und trat ihn unbarmherzig. »Was giebt's?« rief der Husar. »Er weint um die tausend Gulden, die ihm an der Nase vorbei geflogen sind,« entgegnete Rosenzweig. Der Cadett setzte sich wieder an die Spitze seiner Mannschaft: »Ich reite zurück. Die Wagen holen wir noch ein ... Gottes Donner! die wollen wir jetzt aufs Korn nehmen ... In Galopp, Marsch!« Und das Piket rasselte davon. Abraham hüpfte kläglich auf einem Fuße und hielt den andern, zurückgekrümmten, wie in einer Schlinge in der Hand. »Zweitausend Gulden!« winselte er. »Sie haben mir zerquetscht, Herr Doctor, Sie Gibor, zwei Zehen ... Aber Sie sollen gehen drein, ich verlang' kein Schmerzensgeld, wenn Sie mir auszahlen morgen meine zweitausend Gulden, die Sie sind mir schuldig, so wahr Gott lebt!« Rosenzweig antwortete dumpf: »Komm' nur, Hallunke. Was ich verspreche, halte ich -- auch einem Hallunken.« Er trat an den Wagen und sprach, auf den Rücksitz deutend, zu seinem Fahrgast: »Da hinüber steigen Sie, überlassen Sie mir Ihren Platz. Ich bringe Sie in Sicherheit.« Der Sendbote stand mit einem Satze neben ihm und drückte kräftig seine Hand: »Haben Sie Dank. Sorgen Sie nicht weiter um mich; ich finde Freunde überall.« Vergeblich suchte der Doctor ihn zurückzuhalten; er entwand sich ihm und war bald den Augen seines Retters im verhüllenden Zwielicht entschwunden. V. Rosenzweig kutschirte nach Hause, im kurzen Trab, im Schritt -- wie es den Falben beliebte. Er hatte keine Eile. Wäre der Weg noch einmal so lang gewesen, er würde ihm nicht zu lang geworden sein. Demjenigen, der über ein an sich selbst erlebtes Wunder nachdenkt, vergeht die Zeit geschwind. Gelogen, betrogen, einen Schurken bestochen. -- Hatte er das wirklich gethan, er, der redliche Rosenzweig? Um eines Menschen willen gethan, den er noch vor Kurzem für einen Feind der Gesellschaft, für seinen eigenen Feind gehalten? ... Die widersprechendsten Empfindungen lieferten sich eine Schlacht in Nathanaels sonst so gleichmüthiger Seele. Nur die schlimmste von allen -- die Reue war nicht unter ihnen. Am Nachmittag kam Abraham, sein Geld zu holen. Ja, der Spitzbube nannte es sein, das schöne, zum Ankauf eines neuen Feldes bestimmte Geld. Finster gab der Doctor es hin. Dann begab er sich auf das Kreisamt. Er hatte die Absicht, seinem Chef die Ereignisse in der Schänke genau zu berichten, fand ihn jedoch so beschäftigt und in so ungewöhnlicher Aufregung, daß er vorzog, zu schweigen. Auch in den folgenden Tagen ging es nicht besser. Auf dem Amte herrschte in dieser Zeit eine beständige Unruhe, eine außerordentliche Thätigkeit. Der Kreishauptmann bewahrte mit Mühe den Schein seines heiteren Selbstvertrauens. Die Zuversicht war erzwungen, mit welcher er betheuerte, alle Fäden des Netzes in seiner Hand zu halten, an dem Tyssowski in Krakau, Skarzynski im Bochnier-, Julian Goslar im Sandezer-, Wolanski im Jasloer- und Mazurkiewicz im Sanoker-Kreise spannen. Die Untreue seines besten Freundes, der offen zur Revolutionspartei übergetreten war, machte einen tiefen Eindruck auf ihn. Er und der Doctor tauschten allmälig die Rollen. Der Aengstliche wurde der Sorglose und der Sorglose der Aengstliche. Eines Morgens überbrachte Joseph seinem Herrn einen Brief, der durch einen Boten im Hause abgegeben worden war. Er enthielt zwei Eintausendgulden-Noten in ein Blatt gefaltet, auf dem die Worte geschrieben standen: -- Meine Schuld bleibt ewig ungetilgt. Nathanael barg das Blatt an seiner Brust und legte die Noten vor sich hin auf den Tisch. »Joseph,« rief er. »Was befiehlst Du?« »Sieh diese zwei Bilder gut an. Weißt Du, was sie vorstellen?« »Viel Geld, mein' ich.« »Geld! Geld! nun ja -- aber noch etwas Anderes.« »Was denn, Herr?« »Den Lohn Deiner jahrelangen Arbeit ... Nein, nicht ihren Lohn -- ihren redlich verdienten Ertrag.« Joseph sah den Gebieter fragend an. »~Dahin~ sieh, auf die Bilder, nicht auf mich,« rief dieser. »Sie stellen noch ein Drittes vor.« »Was denn, Herr?« wiederholte Joseph. »Was denn! Soll ich Lubienka rufen? Die wüßte es gleich, daß es nichts anderes sein kann, als -- Dein Heirathsgut.« Da rief Joseph mit einem Schrei der Wonne: »Mein Wohlthäter, mein Herr, Du Gütigster!« und wollte sich vor ihm niederwerfen. »Steh!« befahl Nathanael, legte beide Hände auf seine Schultern und blickte ernst in sein Angesicht, das sich zu ihm emporwandte wie zu einem Gotte. »Du hast eine harte Jugend gehabt, mein Joseph.« »Ich? -- Was sagst Du, Herr? -- Warest Du nicht immer wie ein Vater gegen mich?« »Nein, nein, mein Junge, wirklich nicht. Aber ~Du~ bist gegen mich immer wie ein Sohn gewesen,« antwortete der Doctor, und setzte die für Joseph unverständlichen Worte hinzu: »Gäb' es Viele Deinesgleichen, dann wäre der himmlische Sendbote -- kein Thor.« Von nun an hatte Joseph glückliche Tage, und noch viel glücklicher wären sie gewesen, wenn die große Veränderung, die mit seinem Herrn vorgegangen war, ihn nicht bekümmert hätte. Sie fiel Jedem auf und erregte das Befremden aller Freunde des Doctors. Er, der emsige Sparer, wurde von großmüthigen Regungen ergriffen. Er, für den der Bettler und der Dieb bisher in eine Kategorie gehört hatten, begann zwischen ihnen einen gewaltigen Unterschied zu entdecken. Er, auf den bisher die Reichen und der Reichthum eine starke Anziehungskraft ausgeübt, betrat nur noch gerufen die Schlösser, ungerufen aber die Hütten der Armen. Die Unruhe, die ihn umhergejagt hatte, war verschwunden. Mit stillem hartnäckigem Eifer ging er seinem Berufe nach. Als die Revolution ausbrach und ihre ersten blutigen Opfer forderte, verstand er es immer da zu sein, wo man seiner am meisten bedurfte. Nie, auch nicht in den schlimmsten Tagen verließ ihn die kaltblütige Zuversicht: Von der Revolution ist nichts zu fürchten. Anderer Ansicht war der Kreishauptmann. Alle Muthigen wandten sich bereits der Ueberzeugung zu, der Aufstand müsse in Kurzem beendet sein, als er noch davon sprach, die Provinz sei verloren, wenn nicht in höchster Eile eine Armee einrücke, die tausendköpfige Hyder der »verwüstenden Insurrection« zu bekämpfen. Er meinte, Rosenzweig habe den Verstand verloren, als ihm dieser eines Tages erwiderte: »Die Insurrection ist keine tausendköpfige Hyder, sondern ein hülfloses Kind. Mit Blumen in den Händen kommt es heran, mit einem Herzen voll Liebe und mit Worten der Erlösung auf den Lippen ... So kommt es zu uns. Aber wir sind Wölfe, Bären, Tiger, aber wir sind reißende Bestien. Wir verstehen die Sprache dieses Kindes nicht. Es predigt Erbarmen, Gerechtigkeit und Güte, und wir wollen von alledem nichts wissen, wir wollen mit Niemandem Erbarmen haben als mit uns selbst, wir wollen bleiben, was wir sind, behalten was wir haben, wo möglich noch Andern etwas wegnehmen, um uns zu bereichern. Und so wird es immer sein, und ein Narr, der daran zweifelt! Und wir, reißende Thiere, wir werden das Kind zerfleischen und fressen, und uns zufrieden schlafen legen nach dieser Heldenthat.« »Phantasterei! das ist ja pure Phantasterei!« rief der Beamte voll Bestürzung aus ... »Was ist mit Ihnen vorgegangen? welcher Teufel hat Ihre gesunden Sinne verwirrt?« »Wissen Sie,« nahm er nach kurzem Schweigen wieder das Wort, »daß mir berichtet wurde, Sie hätten einer Zusammenkunft beigewohnt, in welcher der gefährlichste Communisten-Führer eine seiner berüchtigten Ansprachen hielt? Wissen Sie, daß schlechte Spötter behaupten, seine Beredtsamkeit habe Sie zum Schwärmer gemacht?« Nathanael ließ sich durch diese Anklage nicht außer Fassung bringen. »Ein Schwärmer wäre ich,« entgegnete er, »wenn ich an die Verwirklichung der Utopien glaubte, für welche dieser »Communisten-Führer«, wie Sie ihn nennen, lebt, und für die er sterben wird. Nun, nicht einmal unter dem Einfluß seiner Nähe, beim Wohllaut seines Wortes, unter den Blitzen seines Auges ist es mir auch nur durch den Sinn geflogen: Wer weiß? vielleicht doch! ... Vielleicht vermag ein Beispiel, wie das Deine, uns Selbstlosigkeit zu lehren und allgemeine Erfüllung der einfachsten Pflichten. O nein, nein! dazu kenne ich uns Menschen zu gut. Aber gedacht habe ich mir: Du wirst zu Boden geworfen, zertreten, ein Narr geheißen und -- vergessen werden. Kaum giebt es in zehn Jahren noch Einen unter Allen, die Du liebtest, der Deinen Namen nennt. Trotzdem ist der mächtige Fürst, den die Neugier oder der Wunsch, sich populär zu machen, in Deine Versammlung trieb, ein Bettler gegen Dich. Reich bleibt ewig nur der Schenkende, und die Größe des Mannes mißt sich nach der seiner Idee und der Opfer, die er ihr bringt. Die Deine hat das Maß überschritten, das sich in unserer kleinen Welt verwirklichen läßt. Ihre Größe macht sie zum Irrthum, und Dich zum Irrenden. So dachte ich -- und ich, der Arzt, der eingefleischte Hasser und Verfolger alles Krankhaften, Ueberspannten, Wahnbefangenen, ich that ein Gebet für ihn zu meinem Gott: »Laß ihn sterben, umringt von allen Gebilden seiner Thorheit, laß ihn ungeheilt sterben, o Herr!« * * * * * Dieses Gebet schien bald im vollkommensten Maße erhört. Die Erhebung war am Widerstand der Landbevölkerung gescheitert, das Corps, das die Insurgenten aufgebracht hatten, durch dreihundert Mann kaiserlicher Truppen und eine zehnfache Anzahl Bauern, die sich ihnen anschlossen, unter Benedeks energischer Führung, bei Gdow geschlagen worden. Von der erlittenen Niederlage erhielt die Revolutions-Regierung in Krakau entstellte Kunde. Die Freiheitshelden waren, so lautete sie, nicht durch reguläre Truppen, sondern durch fanatisirte Bauernhorden überwältigt worden, die, bis Wieliczka vorgedrungen, sich jetzt im Anmarsche auf die Stadt befanden. Ein Schrei der Rache erhob sich und -- verstummte vor der Beredtsamkeit eines Mannes, der Schonung des verblendeten und irregeführten Volkes forderte, und verlangte, ihm als Bekehrer entgegen gesendet zu werden. Dieser Mann war Eduard Dembowski, und sein Wille geschah. Vertrauend auf die Gewalt des Glaubens und seiner Beredtsamkeit, verließ er Krakau, von Priestern im reichen Ornate, von Fahnen und Kreuze tragenden Mönchen begleitet. Eine große Menschenmasse folgte, dreißig Scharfschützen deckten den Zug. Er überschritt die Weichselbrücke und bewegte sich durch die Vorstadt Podgorze auf die Straße nach Wieliczka. Sie lag still und öde -- so weit das Auge reichte keine Spur von herannahenden Bauernrotten. Von Podgorze aus jedoch eine Schreckenskunde der Nachhut durch eilende Boten zugetragen. Sie durchlief den Zug wie ein Blitz: Oesterreichische Truppen marschiren gegen Podgorze. Ein rascher Befehl seines Führers und der Zug trat den Rückweg an, in der Hoffnung, die Stadt vor den Kaiserlichen zu erreichen und die Brücke noch gewinnen zu können. Auf den Anhöhen rechts von Podgorze angelangt, konnte der Sendbote schon den Sturm auf die Stadt und das siegreiche Vordringen der Truppen überblicken. Die Kaserne war genommen, die Kirche besetzt, die polnischen Schützen, aus den Häusern vertrieben, jagten in ungeordneter Flucht der Brücke zu. Grimm und Schmerz erfüllten bei diesem Anblick die Seele des Emissärs: »Vorwärts! mit Gott vorwärts, wir schlagen uns durch, wir erreichen noch die Brücke. Muth!« rief er den zögernden Priestern zu. »Ihr habt nichts zu fürchten. Die man zum Sturme zwingt, folgen widerwillig. Es sind Galizier, sie schießen nicht auf ihre Landsleute, schießen nicht auf geweihte Priester!« Er befahl, ein geistliches Lied anzustimmen, und in majestätischer Ordnung, langsam und feierlich kam die Procession die Anhöhe herab. Der Emissär schritt voran im Bauernkleide, sein heller Kaftan schimmerte in der anbrechenden Dämmerung, in der Hand hielt er ein kleines schwarzes Kreuz. Ungehindert gelangte der Zug durch den noch unbesetzten Stadttheil bis zur Kirche. Hierher aber war schon eine Compagnie vorgedrungen, die den Weg zur Brücke versperrte. Der Emissär machte Halt. »Seht Eure Brüder!« sprach er die Soldaten an und deutete auf die Scharen, die ihm folgten. »Auch Ihr seid Polen. Keinen Kampf, Brüder -- gebt Raum.« Schweigen antwortete ihm. Noch einmal begann er die Soldaten zu beschwören -- da ertönte das Commando: »Fällt das Bajonnet!« Mit einem Blick der Verzweiflung sah Dembowski sich um. Die Geistlichen und Mönche waren zurückgewichen. Seine Getreuen jedoch und die Schützen drängten sich um ihn. »Kein Ausweg ... Schießt -- und vorwärts!« rief er plötzlich mit wilder Entschlossenheit und drang auf die Soldaten ein. Zwei Dechargen erwiderten den unerwarteten Angriff. Nach der ersten sah man Dembowski noch aufrecht stehen, das Kreuz hoch über seinem Haupte schwingend. Nach der zweiten sank er, in den Kopf getroffen. Rosenzweig erfuhr den Tod des Sendboten durch den Kreishauptmann, der seinen Bericht mit den Worten schloß: »So mußte ein Wahnsinniger enden.« Die Prophezeiung Nathanaels traf ein, der idealste Vertreter der Revolution erfuhr den einstimmigen Tadel und Hohn aller Parteien, sein Andenken verlöschte auch bald im Volke. Seine Leiche war unter denen der in Podgorze Gefallenen nicht aufgefunden worden, und eine Zeitlang erhielt sich das Gerücht, er sei nicht todt, er lebe versteckt als Bauer, und werde beim Ausbruch neuer Freiheitskämpfe auf deren Schauplatz erscheinen. Als jedoch die Stürme des Jahres 1848 aufstiegen und verbrausten, ohne ihn aus seiner vermeintlichen Verborgenheit gelockt zu haben, erlosch auch in denen, die sie am längsten genährt hatten, die Hoffnung auf seine Wiederkehr. * * * * * Es war zu Ende der fünfziger Jahre, an einem milden Septemberabend, in einem Dorfe unweit der schlesischen Grenze. Vor der Schänke hielt eine gedeckte Pritschka, der ein paar tüchtige Braune vorgespannt waren. Behaglich, ohne Eile, wie es guten Fressern geziemt, ließen sie sich den Inhalt einer vor ihnen aufgestellten Futterkrippe schmecken. Der Kutscher, ein ältlicher Mann, so wohlgenährt wie seine Pferde, hatte sich auf die Bank vor dem Hause gesetzt, dampfte aus einer kurzen Pfeife, und machte sich ein Vergnügen daraus, die Fragen der hübschen Wirthsmagd mit einer schelmischen Zurückhaltung zu beantworten, die darauf abzielte, ihre durch die Ankunft völlig fremder Gäste ohnehin erregte Neugier noch zu spannen. »Ihr fahrt wohl recht weit über Land?« fragte sie. »Weiter, als Du denken kannst,« erwiderte er. »Vielleicht gar ins Ungarn hinein?« »Pah! das wäre ja nur ein Katzensprung!« Das Mädchen stemmte den Arm in die Seite und lachte: »Die möcht' ich sehen, die Katz', die so springen könnt'!« »Bei uns zu Haus giebt's ihrer genug. Komm Du nur hin, dann wirst sie sehen.« »Ei, so was! ... Aber wo ist denn Euer zu Haus?« »Wo?« Er deutete mit der Hand nach drei verschiedenen Richtungen: »Da -- und da, und dort.« »Geh' weg, Du spaßest.« »Frag' meinen Herrn, wenn Du mir nicht glaubst.« »Ja, just,« spottete sie, »fragen -- so einen Herrn!« »Fürcht'st Dich?« -- er zwinkerte sie verschmitzt an -- »Hast es schon weg, daß er ein Hexenmeister ist?« Sie schlug rasch und verstohlen ein Kreuz: »So? -- das hätt' ich ihm nicht angesehen.« »Ja, ein gar großer Hexenmeister. Macht die Kranken gesund, macht die Todten lebendig.« »Die Todten?« ... Das Mädchen schauerte. »Die Halbtodten also. Zu so einem sind wir g'rad auf dem Weg.« »Da kommt Ihr ja zu spät, wenn Ihr noch lange zu fahren habt.« »Wir kommen nie zu spät. Der Herr sagt nur: Wart'! -- und der Tod wartet.« »So? -- Hat Dein Herr auch eine Frau?« »Eine Frau hat er nicht, aber mehr als hundert Kinder.« »Was Du sagst?« und wieder lachte sie helllaut auf. Derjenige, der den Gegenstand dieses Gespräches bildete, war ein Greis von kräftiger Gestalt. Er trug eine Reisekappe und einen langen, auf der Brust leicht verschnürten Rock. Den unteren Theil des markigen, dunkelfarbigen Gesichtes bedeckte der Bart, weiß und dicht wie die Haare, und wallte, in zwei mächtige Strähne getheilt, fast bis zum Gürtel herab. Der Alte, die Hände auf dem Rücken, stand am jenseitigen Ufer des Teiches, der sich auf eines Steinwurfs Entfernung vom Wirthshaus befand und ein langgestrecktes Oval bildete, an dessen einem schmalen Ende knorrige, ganz schief gewachsene Weiden ihre Zweige zu seinem trüben Spiegel niedersenkten, während das andere sich sanft gegen die ansteigende Dorfstraße verflachte. Der Teich war Alles in Allem: Badeort für die Jugend, Waschanstalt für die Hausfrauen, See für das schwimmtüchtige Geflügel, Schwemme für die Pferde. Am Werktag-Abend ging es in seiner Umgebung lebendig zu. Große und kleine Knaben, barfüßig, die Hosen übers Knie gezogen, ritten ihre Pferde ins Wasser, bewundert und beneidet von den Kindern, die am Ufer standen oder saßen, die meisten als ziemlich lässige Hüter jüngerer Geschwister. Männer und Weiber kehrten vom Felde heim und von Weitem schon angekündigt durch die Töne eines schallenden Gesanges, kam eine Mädchenschar, Rechen und Sicheln tragend, ins Dorf gezogen. Unter den am Teiche spielenden Kindern war eines, das die besondere Aufmerksamkeit des Fremden erregte. Ein Bürschlein von etwa sechs Jahren, mit sehr lieblichem, aber blassem Gesichtchen. Seine schlichten, blonden Haare im Nacken lang, über der Stirn gerade geschnitten, quollen reich unter dem Mützchen hervor. Er hatte tiefliegende, blaue Augen, eine schmale, leicht gebogene Nase und einen feinen, ausdrucksvollen Mund. Nach der Beschaffenheit seines Kaftans und seiner Stiefel zu schließen, gehörte er wohlhabenden Eltern an. In der offenen Thür eines der nächstgelegenen Häuser war ein junges, hübsches Weib mit einem Kind auf dem Arm erschienen und rief dem Knaben zu: »Jasiu, der Vater kommt.« Da machte das Bübchen einen Luftsprung, ließ seine Spielgefährten stehen und rannte dem Angekündigten entgegen. Der blieb stehen, beugte sich und lachte als sein Junge im vollen Laufe an ihn anprallte. Er rückte ihm die verschobene Mütze zurecht, nahm seine Hand und schritt mit ihm weiter. Es war ergötzlich, sie daher kommen zu sehen, den Bauern und das Bäuerlein, das zweite in Haltung, Gang, Gestalt und Kleidung das verkleinerte Ebenbild des ersten. Sie näherten sich, und der Fremde bemerkte auf dem Gesicht des Bauers die entstellenden Spuren einer schweren Verwundung. Die rechte Wange war eingefallen und von Narben zerrissen, das rechte Auge geschlossen. Auch ein Veteran der letzten Kämpfe, dachte der Greis und heftete den Blick immer aufmerksamer auf den Herankommenden. Ein märchenhaft-wunderlicher Einfall durchzuckte ihn. Plötzlich machte er ein paar rasche Schritte, stand dicht vor dem Bauer, starrte ihn an und rief: »Ist es möglich?!« Ueberrascht wich jener zurück, aber nur um schon im nächsten Augenblick auf ihn zuzustürzen. »Sie! O Gott, Sie -- Doctor Rosenzweig!« sagte er mit einer Stimme, deren Wohllaut unvergessen in der Erinnerung des Alten gelebt hatte. Früher als dieser gewann er seine Fassung wieder: »So habe ich Sie nicht umsonst erwartet, nicht vergeblich gehofft, daß Sie auf einem Ihrer Samariter-Züge den Weg durch unser Dorf nehmen würden, um --« fügte er mit Rücksicht auf das Publikum, das sie umgab, hinzu -- »Ihren Diener Hawryl zu besuchen.« »Hawryl --« stammelte Rosenzweig, »Hawryl also ... Wie geht's, Hawryl?« »Ueberzeugen Sie sich selbst. Erweisen Sie mir die Ehre, in mein Haus einzutreten, ruhen Sie ein wenig aus unter meinem Dache.« Schweigend, noch ganz betäubt folgte der Doctor dieser Einladung und ließ sich zu dem Hause geleiten, auf dessen Schwelle die junge Frau stehen geblieben war und sich bemühte, das kräftige Kind in ihren Armen, das dem Vater jauchzend und mit ausgestreckten Händchen entgegen strebte, festzuhalten. »Mein liebes Weib, Herr Doctor,« sprach Hawryl, und zu ihr gewandt: »Heiße ihn willkommen, Magdusia, einen wertheren Gast kann uns der Himmel nicht schicken.« Ihr Gesicht spiegelte die Freude, die sich auf dem ihres Mannes malte, rein und innig wider: »Seien Sie schön gegrüßt, Herr,« sagte sie und lachte ihn mit ihren großen Augen treuherzig an. Nathanael war wie im Traum. Erst in der Stube, allein mit Hawryl, begann er sich von seinem Staunen zu erholen: »Sie leben! -- Mensch, Sie leben! Ist das auch wahr, daß Sie leben? Aber wenn es wahr ist, so stehen Sie doch nicht so gleichgültig da --« »Gleichgültig?« rief Hawryl. -- »So reichen Sie mir doch die Hand!« Zum zweiten Mal hielt er sie in der seinen -- eine andere als damals, eine derb gewordene Hand, deren Besitzer den Bauer nicht nur ~spielte~. Sie nahmen Platz am Tische, der mitten in der freundlichen Stube stand, und lange dauerte es, bevor Hawryl, immer von Neuem durch die verwunderten Ausrufungen des Doctors unterbrochen, die seltsame und doch so einfache Geschichte seiner Rettung erzählen konnte. Zunächst schrieb er diese der Kleidung zu, die er trug, als er bei der Kirche in Podgorze verwundet wurde und für todt liegen blieb. Er war, da sich noch Leben in ihm fand, mit andern Landleuten und Soldaten ins Spital nach Krakau gebracht worden. Dort hatte er das Bewußtsein wieder erlangt, bald aber auch die Ueberzeugung, daß der Arzt, der ihn behandelte, ihn keineswegs für einen Bauer hielt. Später verriethen ihm einige, wie absichtlos hingeworfene Worte desselben, daß er von ihm als der erkannt worden, der er war. Am Tage, an dem man ihn für geheilt erklärte, kam der Director, ein Pole -- man hatte die Spitalsleitung noch nicht gewechselt -- in die Reconvalescenten-Stube. Der Agitator sah diesen Mann damals zum ersten und letzten Mal in seinem Leben. »Du heißest Hawryl Koska,« sagte er zu ihm, »bist ein aus dem Königreiche zugereister Unterthan des Grafen Branski, der Dich nach seiner galizischen Herrschaft, auf ein Bauerngut übersiedelt. So lese ich in Deinem Passe. Ist das richtig?« Und ohne seine Antwort abzuwarten, reichte er ihm einen auf den Namen Hawryl Koska lautenden, mit einer auf ihn passenden Personalbeschreibung versehenen Paß, wandte sich an seinen Nachbar und ließ den Umgetauften stehen. -- -- »In der verworrensten Gemüthsstimmung, Freund,« rief Hawryl, »in der ein Mensch sich befinden kann. Ich hatte zuversichtlich erwartet, nach meiner Genesung vor Gericht gebracht, und als einer der Unruhstifter erschossen zu werden und mich auf den Tod vorbereitet, wie ein gläubiger Christ. Und nun sollte ich leben. -- Mein erstes Gefühl war das der Enttäuschung, mein erster Gedanke schon ein Gedanke des Hochmuths: Gott spart dich auf. Er will nicht deinen Tod, er will deinen Dienst. Das Werk, das zu beginnen du ausersehen warst, du sollst es auch vollenden ... »Von dem stolzen Glauben erfüllt, trat ich ins Volk und wurde sein Genosse; scheinbar ein Gleicher unter Gleichen, in meinen eigenen, eitlen Augen -- ein verkleideter Prophet ... O Freund! ein einziges Jahr dieses Lebens und der vermeinte Prophet war ein demüthiger Mann geworden. Das für erreichbar gehaltene Ziel rückte in unabsehbare Fernen. Zu der Kirche, die ich mit einer herrlichen Kuppel krönen wollte, war der Grundstein noch nicht gelegt, ja, der Boden für ihn noch nicht ausgehoben! Nicht die Arbeit des Künstlers war zu thun, sondern die des bescheidenen Taglöhners. »Das erkannte ich. »Und nun -- wäre ich nicht ein elender Wortheld gewesen, wenn ich es verschmäht hätte, mich an dieser Arbeit, dieser allerwichtigsten, zu betheiligen? ... So griff ich denn zu Schaufel und Spaten -- nicht bloß im bildlichen Sinn. Das Crucifix, in dessen Zeichen ich dereinst zum Kampfe schritt -- da hängt es über dem Bette meiner Kinder. O sehen Sie die ausgebreiteten Arme der Liebe, die verwundete Brust, das geneigte, edelste Haupt ... Wer darf sich vermessen, in dieses Versöhners Namen aufzurufen zu Kampf und Streit?« Er seufzte, aber sein Angesicht bewahrte den Ausdruck tiefsten, klarsten Friedens und mit einem heitern Lächeln fuhr er fort: »So finden Sie den gefährlichen Agitator wieder. Ach, wenn ich an meinen Ausgang denke, an Alles, was ich gehofft, was ich mir zugetraut habe -- und jetzt! Vergnügt lege ich mich zur Ruhe, und preise den Tag, an dem es mir gelungen ist, den Jan abzuhalten, sein Weib zu prügeln, oder den Martin, in die Schänke zu gehen, oder den Basil dahin zu bringen, seinen alten Pflug in den Winkel zu werfen und mit dem neuen auf den Acker zu fahren.« »Ihr Geheimniß aber,« fragte Nathanael, den Gang des Gespräches unterbrechend, »war das nie in Gefahr verrathen zu werden?« »Der vorige Gutsherr hat es mit ins Grab genommen. Für seinen Nachfolger bin ich ein Bauer wie ein anderer.« -- »Ein Bauer! Ein Bauer! ... Und so wollen Sie es forttreiben bis an Ihr Ende?« -- »Bis an mein Ende, und nicht glauben, damit etwas Großes gethan, vielleicht kaum denen, mit welchen ich verkehre, mehr gegeben zu haben, als ich von ihnen empfing. Ich bin keineswegs immer ihr Lehrer, sie sind auch die meinen. In ihre Freuden mich zu theilen, vermag ich nicht, aber in Leid und Schmerz habe ich sie oft gefunden. Ich habe Bauern vor ihrem verhagelten Feld, ich habe Mütter an der Leiche ihrer Kinder stehen gesehen, und Ehrfurcht gefühlt. Selten ist mir einer von ihnen verachtungswürdig erschienen, aber Hunderte unzählige Male beklagenswerth.« In seinem Auge leuchtete die alte schwärmerische Gluth, seine gebräunten Wangen erbleichten vor innerer Bewegung: »Es ist ein Schatz an Geduld, Ausdauer, heldenmüthiger Ergebung in einen höheren Willen in diesem Volke, den alle Mißhandlung, die es erfahren hat, nicht zu erschöpfen vermochte. Aber seines Reichthums unbewußt, streut es ihn aus und erwirbt nichts dazu. Die Einsicht fehlt und mit ihr das Wirken der thätigen, sittlichen Kräfte. Genug! genug! das Alles wissen Sie so gut wie ich, und somit auch, daß es vieles nicht Geringe zu thun giebt auf meinem geringen Posten. Ihn auszufüllen reicht mein Können gerade hin. Hawryl Koska wird nicht umsonst gelebt haben. -- Der ~Sendbote~ ist gestorben, ohne einen Jünger zu hinterlassen.« »Einen doch!« rief Nathanael. »Einen, den Sie aus den Reihen Ihrer eifrigsten Gegner geholt. Einen Mann, dessen Zwecke irdischer Natur gewesen, dessen Herz an verlierbaren Gütern gehangen und den Sie den Werth der unverlierbaren kennen gelehrt haben. Sendbote! da steht er vor Ihnen, Ihr Jünger in weißen Haaren.« Beide waren zugleich aufgesprungen, stürzten einander an die Brust und hielten sich fest umschlungen. [Illustration] Jacob Szela. I. Die Einen nennen den Jacob Szela einen Volksführer, die Andern einen Volks~ver~führer; die Ersten sehen in ihm ein »Muster schönster Loyalität«, die Zweiten einen Räuber und Mordbrenner. Jene verehren ihn als einen Gesetzkundigen und Weisen, während ihn Diese für einen Winkelschreiber und Rabulisten erklären. Kaum ist jemals über eine geschichtliche Persönlichkeit so verschieden geurtheilt worden, wie über den galizischen Bauer Jacob Szela, Grundwirth zu Smarzowa, im Tarnower Kreise. Nicht einmal das Alter, in welchem er sich Anno 1846 -- dem für Galizien so wichtigen und unglücklichen Jahre -- befand, ist festgestellt. -- Er war damals sechzig Jahre alt und im Vollbesitze seiner Kraft, sagen seine Ankläger. -- Er war ein siebenzigjähriger gebrochener Greis, sagen seine Bewunderer. Nur in einem Punkte stimmen Alle überein, Alle bestätigen, daß große Macht in den Händen dieses Mannes lag, dem Tausende seiner Standesgenossen unbedingtes Vertrauen schenkten und blind gehorchten. Gleich nach seiner Erwählung zum Gemeinde-Deputirten hatte er einen Proceß gegen die Gutsherrschaft beim Kreisamt anhängig gemacht. Er bewies, daß die Gutsherrschaft sich im Verlaufe von sechsundfünfzig Jahren von der Gemeinde Smarzowa wöchentlich um achtzig, in Summa einmalhundert zwei und dreißig tausend, neunhundert und sechzig Robottage mehr hatte leisten lassen, als jene zu leisten schuldig gewesen war, und verlangte Schadenersatz. Das Kreisamt nahm die Klage an, suchte aber Szelas Forderung herabzumindern. Der wollte jedoch kein Jota von seinem Rechte ablassen, respective von dem Recht Derjenigen, die er zu vertreten hatte; wollte auch auf keinen, noch so gut gemeinten Vorschlag zu einem Ausgleich eingehen, und legte eine solche Halsstarrigkeit an den Tag, daß der Kreishauptmann, Ritter von Breinl, sich endlich entschloß, den Vorstellungen der Gutsherren von Smarzowa nachzugeben, und in die Entsetzung Szelas als Gemeinde-Deputirten und Bevollmächtigten zu willigen. Gegen den Ausspruch recurrirte Szela sogleich beim Gubernium, wurde dort jedoch abgewiesen und vermahnt, sich an die kreisamtliche Entscheidung zu halten. Szela überlegte eine Weile und wandte sich dann mit einer klaren Darlegung des Sachverhalts an die Hofkanzlei nach Wien. Binnen Kurzem erfloß von dort die Cassirung der Entscheidungen des Kreisamts sowohl wie des Guberniums. Die beiden Stellen erhielten den Befehl, Szela, gegen den als Gemeinde-Vertreter nichts einzuwenden sei, auch sonst Ungünstiges nicht vorliege, nach wie vor als Deputirten seiner Ortschaft anzuerkennen. Dieser Beschluß erweckte in der Landbevölkerung eine grenzenlose Begeisterung und Dankbarkeit gegen die kaiserliche Regierung, und steigerte Szelas Ansehen auf das Höchste. Der Proceß nahm seinen Fortgang und war nahe daran, zu Gunsten des Klägers entschieden zu werden, als die Revolution ausbrach, die einzige, in welcher das Volk den Ausschlag gab, indem es gegen seine vorgeblichen Befreier Partei ergriff. Kein Wunder, daß Szela bei dem merkwürdigen Ereignisse eine große Rolle spielte -- spielen mußte; die Consequenzen seiner langjährigen Wirksamkeit traten zwingend an ihn heran, und den schlichten Bauer hat es wohl selbst befremdet, als er, eines Morgens erwachend, die Sense in seiner Hand in ein Richtschwert verwandelt sah. Ob er es zum Heile oder Unheile geführt, ob er das rings auflodernde Feuer anzufachen oder zu dämpfen gesucht hat, darüber steht den Vorurtheilsvollen kein endgültiges Urtheil zu. Maßgebender für eine Charakterstudie des Bauernhäuptlings dürften die Berichte eines kürzlich in Zabno verstorbenen Mannes sein, der den Szela persönlich gekannt, ihm aber fern gestanden hat und »_sine ira et studio_« von ihm zu sprechen pflegte. Der Mann war der alte Sikorski, ehemaliger Castellan im Schlosse des Grafen O., eines Grenznachbars der Herren von Bogusz, Eigenthümer von Smarzowa. Sikorski hatte in seiner Jugend beim Militär gedient, seines Fahneneides nicht vergessen, und kümmerte sich um Politik nicht im Geringsten. Er folgte darin dem Beispiele seines Herrn, der auch viele Jahre Soldat gewesen war und diese Zeit als die fröhlichste seines Lebens bezeichnete. Die glücklichste für den Grafen, die seiner Ehe, hatte nur wenige Jahre gedauert. Nach dem Tode seiner Gattin, die ihm drei schöne und kräftige Söhne hinterlassen, gab er sich anfangs einer unmäßigen Trauer hin, suchte aber dann Zerstreuungen, kutschirte in der Nachbarschaft herum, hielt sich monatelang in Lemberg auf, verbrauchte mehr Geld als er einnahm, drückte seine Pächter, und wurde seinen Bauern ein harter Herr. So schlecht es denen jedoch erging, von ihren Großeltern konnten sie hören, daß die jetzige Zeit Gold war im Vergleich zur früheren, welche die Metapher von den an den Pflug gespannten Bauer zur buchstäblichen Wahrheit gemacht hatte, und in welcher es den Edelmann keinen Kreuzer kostete, wenn er einen seiner Unterthanen -- und nur fünfzehn polnische Gulden, wenn er den seines Nachbars erschlug. Der Graf fühlte für Szela immer eine gewisse Vorliebe, hielt ihn an, wenn er ihm begegnete, sprach und scherzte mit ihm, demüthigte ihn übrigens mitunter auch recht grausam. Er haßte Szelas Gutsherren von Herzen wegen ihrer Oesterreich feindlichen Gesinnung, er hätte ihnen alles Schlimme gegönnt, aber daß ihnen Schlimmes durch einen ihrer eigenen Bauern zugefügt wurde, das war ihm doch nicht recht. Die Entschließung des Kreisamts in Bezug auf Szela hatte er als eine Ungerechtigkeit getadelt, die Entschließung der Hofkanzlei entrüstete ihn als eine Unklugheit. -- »Das übersteigt die erlaubten Grenzen,« sagte er; »das ist zu arg. Das heißt jede unmittelbare Autorität dem Landvolke gegenüber untergraben.« Von dem Tage an grollte der Graf dem Szela, und wurde gar eifrig in seiner Mißstimmung bestärkt durch einen jungen Mann, dem er viel rascher, als sonst in seiner Art lag, sein Vertrauen geschenkt hatte, durch den Mandatar Jaslo. Der Mandatar war überhaupt eine wichtige Persönlichkeit in der Umgebung des Grafen, ein bildhübscher Bursch von äußerst einnehmendem Wesen. Mittelgroß, mager wie ein Windhund, geschmeidig wie eine Katze und klug wie eine Schlange. Der Graf stand unter seinem Einfluß, die jungen Grafen waren von ihm bezaubert. Joseph, der erstgeborene, betete ihn förmlich an und wich nicht von seiner Seite. Im Herbste 1845 kam eines Tages Szela zu dem Castellan Sikorski und bat, ihn beim Grafen zu melden. Eine solche Freiheit hatte Szela sich nie herausgenommen, und Sikorski sagte erstaunt zu ihm: »Ich Dich melden? Was fällt Dir ein? Nicht einmal, wenn der Herr Graf gut aufgelegt wäre, thäte ich's; wie denn heute, da er sich in seiner übelsten Laune befindet, weil der Verwalter ihm nicht so viel Geld gebracht hat, als er auf die morgige Reise mitnehmen wollte.« Szela entgegnete, wenn der Herr Graf morgen schon wieder verreise, liege desto mehr daran, daß er ihn heute noch sprechen könne. -- Und er wußte dem Castellan die Sache so dringend zu machen, ihm die Verantwortung, die er auf sich lade, wenn er ihm nicht eine Audienz verschaffe, als eine so schwere vorzustellen, daß Sikorski sich zum Grafen begab und ihm die gehorsamste Bitte des Szela vortrug. Der Graf sprang vom Schreibtisch auf, an dem er vor unordentlich durcheinander geworfenen Rechenbüchern und Schriften gesessen hatte und rief: »Herein mit ihm!« Der Castellan stutzte; ihm wurde heiß. Diesen rauhen Klang in der Stimme seines Herrn kannte er und wußte im Voraus, was Szela zu erwarten hatte. Er ging nach seinem Zimmer zurück und rieth dem dort Harrenden: »Glaub' mir, lauf noch jetzt davon. Ich will sagen, daß Du im letzten Augenblick den Muth verloren hast, vor den Herrn zu treten. Das wird ihm in den Kram passen und ihn besänftigen.« »Kann nicht sein,« murmelte Szela, »geh' Du voran, Pan Castellan, ich folge.« So begaben sie sich auf den Weg. »Was willst Du?« schrie der Graf dem Szela entgegen. Als der jedoch sich tief verneigte und voll Respect an der Thür stehen blieb, da war's, als ob sein Anblick den Grafen umstimmte. Und in der That besaß der alte Grundwirth, obgleich er ungewöhnlich klein und schmächtig war, ein gar ehrwürdiges Aussehen. Zufällig hatte er sich gerade unter das Bild des Theuerdank gestellt, das an der Wand hing, und jedem Menschen mußte die Aehnlichkeit zwischen den beiden Köpfen auffallen, dem des großen Kaisers im sammtenen, pelzverbrämten Jagdkleide, und dem des armen Bauers im weißen Leinwandkittel. »Was willst Du?« wiederholte der Graf. »Ich möchte unterthänigst bitten, unter vier Augen mit Dir sprechen zu dürfen, hochgeborener Herr.« »Unter vier Augen? ... Du bist keck ... Ich habe keine Geheimnisse mit Dir. Sprich vor dem Castellan oder pack' Dich.« »Du hast zu befehlen, gnädigster Herr,« antwortete Szela, ohne eine Miene zu verziehen -- er hatte wohl keinen andern Empfang erwartet. »Ich bin gekommen, um Dich zu warnen; Du befindest Dich in einer großen Gefahr.« »So? ...« Der Graf zwirbelte an seinem Schnurrbart und trat näher auf Szela zu: »Mich zu warnen kommst Du, und vor wem?« »Vor einem Deiner Diener, der Dich bestiehlt.« »Bestiehlt?« »Ja, hochgeborener Herr Graf. Er stiehlt Dir das Liebste, das Du hast -- Deine Kinder.« »Was soll das heißen? Welchen Unsinn schwatzest Du?« »Laß Dich herab, mich anzuhören,« flehte Szela. »Du hast einen Mann im Hause, der zu den Polen hält und ein Feind des Kaisers ist.« »Wohl auch Dein Feind?« fragte der Graf höhnisch, und Szela, ohne die Ironie dieser Worte zu verstehen, gab mit ruhiger Stimme zur Antwort: »Freilich, Herr. Der Feind des Kaisers ist auch mein Feind.« »Aha! ... Wie heißt der Mann, von dem Du redest?« »Jaslo, Pan Jaslo, der Mandatar.« Jetzt brach das Gewitter los: »Hund, niederträchtiger, verleumderischer Hund! Meinen besten Diener wagt die Bestie zu begeifern, weil sie weiß, daß er ihr nicht gewogen ist? ... Weil er wie jeder Vernünftige sagt: Unrecht gethan hat die Hofkanzlei, indem sie auf den Recurs des frechen Gesellen anders geantwortet hat als mit einer Anweisung auf fünfzig Stockstreiche?« »Es ist mir zu Ohren gekommen, gnädiger Herr, daß Pan Jaslo so ungebührliche Reden führt.« »Und deshalb also? ... Dem soll ich den Mund stopfen, meinst Du? Ein Mensch, der bei der Hofkanzlei Gehör gefunden hat, wird auch bei einer Herrschaft Gehör finden ... Aber da hast Du Dich verrechnet ... Die Herrschaft holt nach, was die Hofkanzlei versäumte ...« Dem Grafen quollen die Augen aus dem Gesicht, seine Lippen waren weiß; er ballte die Hand um einen Reitstock, den er vom Wandgestell gerissen hatte, und ein Hagel von Schlägen fiel auf den Kopf und die Schultern des Bauers. Dieser stand unbeweglich, zuckte nicht einmal; nur eine grenzenlose, verzweiflungsvolle Traurigkeit sprach sich in seinem faltigen Antlitz aus. Plötzlich war's, als ob den Grafen Scham ergriffe über das Büttelknechtsamt, das er ausübte. Statt ihn zu besänftigen jedoch, reizte ihn der Gedanke nur zu größerer Wuth gegen den, der ihn dahin gebracht hatte, sich so zu entwürdigen. Szela that nicht das Geringste, um seinen Grimm zu mildern. »Ich brauche mir im Grunde Deine Schläge nicht gefallen zu lassen, gnädiger Herr,« sagte er, als der Graf seinem Stocke Ruhe gönnte. »Dessen ungeachtet bitte ich Dich: schlag' zu! aber nimm Dir meine Warnung zu Herzen.« Natürlich tobte darauf der Graf noch ärger als früher. Kein Schimpfwort, das er dem Szela nicht zugeschrieen hätte. Zum Schlusse schwor er einen so thörichten Eid, wie ihn nur der rasendste Zorn aussprechen kann: Lieber wollte er untergehen, lieber seine Kinder vor seinen Augen sterben sehen, als seine oder ihre Rettung einem elenden Kerl von Bauern danken zu müssen. »Hinaus! Hinaus mit Dir, Du lügnerischer Schurke! und wenn Du Dich je wieder blicken lassen solltest, dann hüte Dich vor den Hofhunden.« Das war der Reisesegen, den Szela mitbekam. Der Castellan nahm den Alten mit auf seine Stube, und brachte ihm Wasser, um sein blutrünstiges Gesicht zu waschen. Ihn jammerte des schwer Mißhandelten, er konnte sich aber doch nicht enthalten, ihm zu sagen: »Recht ist Dir geschehen. Warum hast Du durchaus zu ihm gehen müssen!« Szela rieb sich die zerbläuten Schultern mit dem Rücken der Hand: »Armer Herr Graf -- für so verblendet hätte ich ihn nicht gehalten. Armer Herr! Ganz bethört hat ihn der polnische Schwätzer ... Bete zu Gott, Herr Castellan, daß er das große Unglück abwende, welches dieser Mensch über den armen Herrn Grafen und sein ganzes Haus bringen kann.« Am Nachmittage ließ der Graf den Mandatar rufen und hatte eine lange Unterredung mit ihm. Verstört und bleich war Jaslo in das Zimmer seines Herrn getreten, wohlgemuth und friedlich kam er wieder heraus. Das leibhaftige gute Gewissen könnte nicht in liebeswürdigerer Gestalt einhergehen. Der Castellan begegnete ihm im Gange, und ärgerte sich später darüber, daß er dem jungen Manne für seinen Gruß gar so freundlich gedankt hatte. Aber das war es ja, daß er einen immer wieder gewann. Jeder, der ihn ~sah~, konnte nichts Schlechtes von ihm denken. Vielleicht, weil er selbst in dem Glauben handelte, recht zu thun, in dem er alle, die einer anderen Partei angehörten als er, zu bethören und zu verführen oder zu -- verrathen suchte. Nach der Abreise des Grafen begann er übrigens sein Spiel ziemlich offen zu treiben. Er schien sich das Vorgehen des Herrn Longchamps, Gütercommissärs beim Fürsten Sanguszko, zum Muster zu nehmen, der, sobald der Fürst seine Residenz verlassen hatte, um sich zum Winteraufenthalt nach Paris zu begeben, Schloß Gumnisk zu einem Vereinigungspunkte für Anhänger, Agenten und Emissäre der Propaganda aus allen Ecken und Enden Westgaliziens machte. Mit diesen Leuten verkehrten Jaslo und Graf Joseph beständig; und auch die jüngeren Grafen, deren Hofmeister der Beredtsamkeit Jaslo's lange widerstanden hatte, jetzt aber anfing schwankend zu werden, sangen: »Jeszcze Polska«, und freuten sich in ihrer kindischen Weise auf den baldigen Ausbruch der Revolution. Seltsam war die Stimmung im Dorfe. Am Sonntag Sexagesimä fanden sich bedruckte fliegende Blätter auf den Bänken in der Kirche vor und wurden von den meisten Andächtigen -- aus gutem Grunde ungelesen -- ins Gebetbuch gelegt. Die wenigen jedoch, die gelehrt genug waren, um sich mit deren Inhalt vertraut zu machen, erfuhren daraus, der Bischof in Jerusalem habe, während er das heilige Meßopfer darbrachte, eine Stimme vom Himmel vernommen, die ein Gebet gesprochen, das er hiermit der Christenheit in Polen zu ihrem Nutzen und Frommen mittheile. Jeder, der es nachgebetet, sei verpflichtet, es sieben Male abzuschreiben und an Andere zu vertheilen. Er werde dann als ein Gefeiter durch die drohenden Gefahren wandeln. Bald müsse das Blut stromweise fließen; nachher aber stehe eine gesegnete Zeit in Aussicht, in welcher die Früchte der Erde in unerhörter Fülle gedeihen und die Ländereien blühen würden gleich einem Paradiese. Ströme Blutes! -- Oft schon hatten die Bauern gehört, Ströme Blutes ~werden~ fließen; jetzt hieß es -- sie ~müssen~ fließen; durch den Mund des Heiligen wurde es verkündet. Wenn aber Blut strömen soll, muß es vergossen werden, und wer soll es vergießen und durch wen soll es geschehen? ... Durch wen anders als durch Diejenigen, deren Sache es ist, auf den Feldern, die es düngen wird, zu säen und zu ernten? ... So schlossen die Meisten; nur einige ängstliche Seelen waren der Meinung: »Weit gefehlt! Die polnisch gesinnten Herren werden uns umbringen, uns Austriaci!« Ein dumpfer Druck lag auf allen Gemüthern, den nur da und dort das Aufblitzen eines wilden Entschlusses, eine Verheißung der Rache für mehr als sechshundertjährige Bedrückung unterbrach. Auf dem Kreisamte herrschte rege Thätigkeit; täglich wurden neue Verschwörungen entdeckt und neue Verhaftungen vorgenommen. Jeder Freund des Friedens fing schon an zu hoffen, es werde den Ruhestörern das Handwerk bald gelegt sein, als grausige Gerüchte aus der Nachbarschaft in das Dorf drangen. Die Edelleute, erzählte man sich, wollen ihre Bauern zum Kampf gegen die Regierung aufstacheln und werden von den Bauern erschlagen, und ihre Häuser, ihre Castelle werden ausgeplündert und in Brand gesteckt. In der Nacht des 18. Februar ging Sikorski, von namenloser Bangigkeit gepeinigt, von Zimmer zu Zimmer. An dem der kleinen Grafen lauschte er; da war Alles still, sie schliefen. Im großen Saal, mit den sechs hohen Fenstern, traf er den Grafen Joseph, der aufmerksam in die Ferne hinaus spähte. Der Mond war noch nicht aufgegangen, die Nacht aber schnee- und sternenhell. An zwei Punkten des bleigrauen Horizonts wallten von feurigen Funken durchsprühte weißliche Rauchsäulen empor. »Um Christi willen!« seufzte Sikorski -- »zwei Dörfer brennen!« »Das dritte noch nicht, und das ist schlimm,« sprach Joseph, »viel schlimmer als Du denkst, alter Sikorski.« Der Castellan entsetzte sich über diese Worte und fragte den jungen Herrn, wie er, der doch ein gutes Herz habe, solche Reden zu führen im Stande sei? Joseph lächelte und erwiderte mit einer altklugen und kalten Miene, die ihm ein ganz verändertes Aussehen gab: »Was willst Du? Einen Pfannkuchen bereitet man nicht, ohne Eier zu zerbrechen.« Es wurde Mitternacht. Joseph blickte unverwandt nach einem dunklen Fleck am Horizonte aus, den endlich das sanfte Licht des Mondes, aber nicht das eines Schadenfeuers erhellte. Am nächsten Morgen, in aller Gottesfrühe, sandte Pan Jaslo den Sikorski mit Briefen auf die Post, nach dem Städtchen, das im Schlitten mit guten Pferden in einer Stunde zu erreichen war. Dort wurde dem Castellan eine große Anzahl Neuigkeiten mitgetheilt, die ihm die Haare zu Berge trieben. Er erfuhr, in welcher Gefahr sich die Edelleute überhaupt, insbesondere aber jene befanden, die sich der Revolution angeschlossen hatten. »Wenn Euer Graf in Lemberg ist,« sagte der Posthalter, »kommt er gewiß heute oder morgen zurück. Es sind reitende Boten mit Allarmnachrichten nach der Stadt geschickt worden.« Fast närrisch vor Angst stieg Sikorski wieder in den Schlitten und hieß den Kutscher nach Hause jagen, so rasch die Pferde laufen konnten. Als er ins Dorf kam, sah er schon die Bauern scharenweise auf dem Wege nach dem Schlosse begriffen. Jeder von ihnen trug eine Sense oder einen Dreschflegel auf der Schulter. »Wohin?« fragte Sikorski. »Wie Du siehst, ins Schloß. Der Herr Mandatar hat uns befohlen, die Sensen gerade zu nageln und uns auf der Wiese vor dem Hausthore aufzustellen.« »Gott verdamm' ihn, Gott verdamm' ihn,« rief Sikorski, sprang aus dem Schlitten und rannte ins Amtshaus, zum Mandatar. Der Vogel war schon ausgeflogen, und wahrlich in prächtigem Gefieder. Der alte Diener sah ihn, gekleidet wie zu einer Hochzeit, eben aus der Halle treten, als er selbst ganz athemlos dort anlangte. Noch prächtiger nahm Joseph sich aus in der reichen polnischen Tracht, den Säbel umgeschnallt, zwei Pistolen im Gürtel. Er stand zwischen seinen jüngeren Brüdern und auch diese Kinder, die sich freilich Jünglinge dünkten, waren gekleidet und bewaffnet wie die Erwachsenen. Einige Dominicalbeamte und ein halbes Dutzend Herren, die Sikorski bisher niemals zu Gesicht bekommen hatte, bildeten ihr Gefolge. Der Ortsgeistliche hielt sich neben ihnen. Eine Menge Schlachzizen, kleine Edelleute aus der Umgebung waren angefahren und geritten gekommen, und tänzelten um Jaslo herum. Wenn ~er~ feierlich dastand, wie ein Hochzeitsgast, so gebärdeten ~sie~ sich, als ging's zu einem Balle. »Da bin ich!« rief der Castellan schon von Weitem, »hört meine Nachrichten!« Aber den Herren war es keineswegs um seine Nachrichten zu thun. Sie winkten ihm zu schweigen und schoben ihn hinweg oder verhöhnten die Feigheit und Leichtgläubigkeit, der sie die Warnungen zuschrieben, die er Dem und Jenem zuflüsterte. Daß er sie vor den Bauern nicht laut ausschreien durfte, das versteht sich von selbst. Und diese Bauern! Ihr Zuströmen wollte kein Ende nehmen. Ein Schwarm nach dem andern marschirte herein. Das Gedränge wurde immer ärger, der Raum immer beengter ... Links vom Schlosse begrenzte ihn das Gitter zwischen Garten und Straße, rechts eine steile Böschung. Wie auf Verabredung hatten sich die Leute um drei Männer, die alle anderen hoch überragten, in Treffen geschart. In der Mitte des Planes um den Urlauber Sabata, der in Lemberg, in der zweiten Compagnie des Grenadier-Bataillons, als Flügelmann stand. Nächst der Böschung um den Geschworenen Iwan, den stärksten Branntweintrinker im Orte; einem harmlosen Riesen, wenn er sein Räuschlein hatte, einem zornwüthigen Krakeeler, wenn er nüchtern war. An der Seite des Gitters um Wisniak, den trockenen Spaßmacher, der nie lachte, und den eine Prügelstrafe noch nie zum Jammern gebracht; einem sechs Schuh langen Kumpan mit einer hohen Schulter und mit einem Gesicht wie aus gebräuntem Eichenholz geschnitten. Die Edelleute, es mochten ihrer dreißig bis vierzig sein, standen in der Halle, ließen sich durch die Dienerschaft Liqueur serviren und tranken auf das Wohl des wiedererwachten Polens. Jaslo und die Gräflein aber schritten ganz militärisch die Fronte der Bauern ab, und diese schmunzelten so freundlich hinter ihnen her, daß Sikorski schon dachte: »Der Himmel sei gepriesen, sie lachen! Die ganze Geschichte läuft bei uns auf einen Scherz hinaus und endet mit einer tüchtigen Beschämung des Herrn Mandatars.« Nun stand dieser still und hielt den Leuten eine Ansprache. Er begrüßte sie als die Bürger eines neuen Reiches, in dem es keine Robot, kein Salz- und Tabaksmonopol geben werde, und forderte sie auf, unter der Führung der jungen Grafen nach Tarnow zu ziehen, um dort die österreichische Obrigkeit abzuthun und eine polnische einzusetzen. Seine Rede, welche die Schlachzizen zu dem stets erneuten Rufe »_Vivat Polonia!_« begeisterte, war mit vielen schönen Worten von Freiheit und Vaterlandsliebe verziert, und er trug sie mit Feuer vor. Aber sie zündete doch nur bei denen, die ohnehin schon brannten; auf die Bauern machte sie keinen andern Eindruck als den der Ueberraschung. Und auch dieser geringe Erfolg wurde zu nichte und verwandelte sich in höhnische Heiterkeit, als Wisniak, über die Köpfe seiner Umgebung weg, dem Mandatar die flache Hand hinstreckte und ihn ernsthaft bat, ihm auf die eben eröffneten schönen und sicheren Aussichten -- zwei Gulden zu leihen. Zornig brauste Jaslo auf; doch der Priester legte ihm beschwichtigend die Hand auf den bereits zum Schlag ausholenden Arm und begann seine Gemeinde selbst anzureden. Der sanfte und gütige Herr bebte vor Aufregung; seine sonst so fahlen Wangen färbten sich, ein Widerschein längst erloschener Jugend schimmerte auf ihnen, aus den röthlich umränderten Augen leuchtete schwärmerische Begeisterung. Er rief sein Volk in den Streit für die heilige Sache; er verhieß ihren siegreichen Vorkämpfern den Besitz eines irdischen und ihren Märtyrern den eines himmlischen Paradieses. Die übermächtige Empfindung raubte ihm zuletzt die Stimme; er konnte nur segnend die Hände erheben, indeß die Bauern sich bekreuzten, die Edelleute einander in die Arme fielen, dann die Säbel zogen und schwangen, und dem Grafen Joseph zuriefen, Befehl zum Aufbruch zu geben. Der junge Herr that es, ließ sich eine Fahne reichen, die einer der Schloßdiener bereit gehalten hatte, und entfaltete sie ... Der Castellan meinte, der Schlag müsse ihn treffen -- es war die weiß-rothe Fahne, die Joseph emporhob, und der seine Brüder zujauchzten. Ein schrecklicher und zugleich rührender Anblick, diese drei irre geleiteten Kinder! Guter Gott, wer hätte die Macht ihrer lieblichen Schönheit nicht empfunden, wer nicht Erbarmen mit ihrer unschuldigen Schuld? ... Die dort! durchschauerte es den alten Diener mit tödtlichem Schreck, die gewiß nicht, die jetzt noch dastehen wie eine Herde ängstlicher Schafe und sich jeden Augenblick in ein Rudel Wölfe verwandeln können ... Beginnt es nicht schon unter ihnen zu gähren? Was stecken sie die Köpfe zusammen und gesticuliren und scheinen Einer den Andern in einem gefaßten Entschluß befestigen zu wollen? Der Castellan vernimmt deutlich in ihren halblauten Reden den Namen Szela. »Vorwärts!« ruft nun Jaslo, der sich nicht mehr kennt vor Unwillen und Zorn, und die aus seinem Anhang rufen drein: »Wenn Euch die jungen Herren führen, habt Ihr zu folgen!« »Indessen Ihr hier zögert und Euch besinnt, ziehen die anderen Bauern mit ihren Herren nach den Kreisstädten und lassen sich's dort wohlergehen.« »Unser Herr ist nicht da,« versetzte Iwan und blickte mit einer offenbar gespielten Stumpfsinnigkeit um sich. Der Priester seufzte und wollte wieder das Wort ergreifen, doch wurde es ihm durch einen Schreiber abgeschnitten, der schon die ganze Zeit hindurch seine Beredtsamkeit auf eigene Faust an den Bauern geübt hatte. Er trug einen schäbigen Pelz, die Confederatka baumelte unsicher auf seinem spitzen Kopfe, und ein alter Hirschfänger hing an fettigem Riemen an seiner Seite. »Euer Herr ist gar kein Herr mehr!« kreischte er in gebrochenem Polnisch, »Euer Herr ist kaiserlich -- es giebt nur noch polnische Herren!« »Sehen sie Alle so aus wie Du, die neuen Herren?« entgegnete Wisniak laut und langsam, und setzte den Hut auf, den er bisher in der Hand gehalten hatte. Ach -- der Beifall, den diese Aeußerung und Gebärde weckte, klang nicht harmlos mehr! In der trägen Masse des Volkes war ein unheimliches Leben und Regen erwacht. Haß, Hohn, eine finstere Entschlossenheit zum Widerstand kündete sich plötzlich und allgemein an in der Haltung der armen Frohner. Aber daß ihnen durch die Bauern Gefahr kommen könne, fiel den Edelleuten nicht ein. Sie drohten, sie schrieen, sie schickten sich an, die vier- und fünffache Ueberzahl der Landleute zum Gehorsam zu zwingen. Mit der flachen Klinge schlugen sie drein, einige feuerten ihre Pistolen in die Luft. »Nehmt Euch in Acht!« rief Iwan ihnen zu, und im selben Augenblick rann ihm das Blut über die Wangen. Ein Schlachziz hatte ihm sein eben leer getrunkenes Glas an die Stirn geworfen. Der Iwan mußte heute nüchtern sein, denn dieser Scherz, der ihn im angeheiterten Zustand höchstens, wie man zu sagen pflegt, »einen Lacher gekostet« hätte, versetzte ihn in Wuth. Mit Geheul brach er aus seiner Schar wie ein Raubthier aus dem Dickicht und schwang den Dreschflegel ... Der geistliche Herr trat ihm entgegen mit erhobenem Crucifix, parirte den Schlag und -- sank lautlos zu Boden, das erste Opfer des wilden Kampfes, der jetzt entbrannte. Durch das Getümmel drängte sich der Castellan zu Joseph heran: »Du bist betrogen! Ueberall unterliegen die Polen, nicht die Kaiserlichen ... Rette Dich, rette Deine Brüder. Die Anderen überlaß ihrem verdienten Schicksal« ... Er hatte ihn am Kleide gefaßt: »Komm! hinein ins Schloß!« Joseph entriß sich ihm. »Die Polen unterliegen?« stammelte er tonlos, und schrie dann laut auf: »Den Polen zu Hülfe! Jaslo! Jaslo!« Der Mandatar hörte ihn nicht, er befand sich im Handgemenge mit dem rechten Flügel der Bauern; von seinen Getreuen, die ihm Beistand leisteten, wälzte sich schon einer -- der Schreiber -- von einem Sensenhieb getroffen, im Schnee. Joseph wollte auf seinen Freund zustürzen -- die beiden Kleinen folgten ihm auf den Fersen wie ein paar Hündlein ... Als sie an Sabata vorüber kamen, stellte dieser sich ihnen in den Weg. Mit einem raschen Griffe entriß er dem jungen Grafen die Fahne: »Fort mit dem Fetzen! Ich bin kaiserlicher Soldat und will den Fetzen nicht sehen!« »Wir sind auch kaiserlich!« tönte es ihm zurück, und ein lauter Jubel erscholl, als Sabata die Fahne mit Füßen trat, ihre Stange brach und die Stücke derselben in die Schloßfenster schleuderte ... Wüthend zog Joseph den Säbel und stürmte auf die Bauern ein, und -- Sikorski hätte lachen müssen, wenn das Weinen ihn nicht erstickt hätte -- die beiden Brüder ihm nach. Die Bauern wehrten ab mit den Stielen der Sensen, wichen etwas zurück ... Es bildete sich eine Bucht in der gestauten Menschenmasse. Plötzlich schloß sie sich hinter den jungen Herren und sie waren den Augen Sikorskis entschwunden. »Ihr Leute! Ihr Leute!« rief er, »um Gottes willen ... Was thut Ihr ... Auseinander! Platz, Ihr Leute, Ihr Hunde!« Er und einige Schloßdiener, die der ganzen Begebenheit bisher stumm und neugierig zugesehen hatten, warfen sich den Bauern entgegen. Sie prallten an wie an eine Mauer. Sie schrieen: »Gebt uns die jungen Herren heraus!« schrieen, was sie konnten, und hörten ihre eigenen Stimmen nicht in dem herrschenden Tumult. Die Panowies (Herren) schossen, die Bauern gebrauchten ihre Sensen und Dreschflegel mit furchtbarem Erfolg. Das Alles sah Sikorski noch ... auf einmal wurde ihm grau vor den Augen und ihm war, als sei ein schwerer Stein auf seinen Kopf gefallen ... Er wankte, sank aber nicht; ein starker Arm empfing ihn, hielt ihn, und als er sich mit Gewalt zusammennahm und emporblickte, sah er in das Angesicht desjenigen, dessen Gegenwart er ebenso heiß ersehnt wie tödtlich gefürchtet hatte -- in das seines Herrn. Ein wahres Todtenangesicht, und ein grausiges Wunder schien's, daß diese Lippen sich öffneten und sprachen: »Die Kinder ...« Er deutete mit ausgestreckter Hand auf die Wirbel, die da und dort im Gedränge entstanden, wie sie sich im Wasser an den Stellen bilden, an welchen ein schwerer Gegenstand untertaucht. Nie hat ein Mensch einen qualvolleren Kampf gekämpft, als damals dieser Mann, dieser Vater. Im Begriff vorzudringen, besann er sich, die zu reizen, die seine Kinder in ihrer Gewalt hatten ... Und so erhob er eine unvergeßlich schreckliche, keuchende, gepreßte Stimme, deren flehendem Ausdruck die wuthsprühenden Augen, die krampfhaft geschlossenen Fäuste, die Haltung des wie zum Sprung vorgebeugten Oberkörpers widersprachen: »Lieber Sabata! Mein alter Blonski! und Du, Safka -- ich bitte Euch, gebt mir meine Kinder heraus ... Ich werde Euch ewig dankbar sein.« Die Angerufenen blickten einander stumm an und rührten sich nicht. Erst nach einer tödtlichen Pause begann einer von ihnen: »Deine Kinder sind Polen, wir sind keine Polen. Deine Kinder haben uns zum Hochverrath verleiten wollen, wir aber ...« Die Fortsetzung seiner Rede wurde durch ein ohrenzerreißendes Geschrei übertäubt. Der Kampf zwischen Jaslo und dessen Anhängern nahte seiner Entscheidung zu Gunsten der Sensenmänner, und der Anblick ihrer überwundenen, blutenden Gegner wirkte berauschend auf die Sieger: »Die Prophezeiung! Die Prophezeiung! Das Blut, das in Strömen fließen muß, ist das Blut der Herren! ... Hurrah! schlagt die Herren todt!« brüllten sie mit cannibalischem Entzücken und gebrauchten ihre mörderische Waffe. Sikorski sah den Grafen die unbewehrten Hände gen Himmel erheben und dann vorstürzen in den sichern Tod ... Möge ein Mensch versuchen zu schildern, wie dem Castellan zu Muthe war, als jetzt der Ruf: »Szela kommt! Szela kommt!« wild jauchzend in die Lüfte stieg. Auf der Straße, vor dem offenen Gitterthor, hielt ein Zug von Bauernschlitten, beladen mit einer gräßlichen Fracht. Landleute aus der Nachbarschaft führten die Leichen der von ihnen ermordeten Gutsherren auf das Kreisamt nach Tarnow ... und dieser haarsträubende Anblick erweckte im der Menge ein Triumphgefühl, das den höchsten Grad erreichte, als Szela raschen Schrittes den Garten betrat. Finster schaute er drein, wies Alle, die ihm huldigend nahen wollten, rauh hinweg und fragte: »Was thut Ihr?« »Was Du gethan hast, Väterchen! Wir erschlagen die Panowies, die gegen den Kaiser sind.« Er richtete seine gebeugte Gestalt empor und griff sich nach dem Kopf: »Ist Euer Graf gegen den Kaiser?« »Er nicht, nein, er nicht ...« »Nun denn, Ihr Dummköpfe! Ihr Gottverlassenen! ... Wie oft habe ich Euch schon gesagt: Von Keinem haben wir etwas Gutes zu erwarten, außer vom Kaiser, und den Beamten und Herren, die ihm treu sind ...« »Wir wissen es, Väterchen, wir wissen es.« »Weh' Euch, wenn Ihr es wißt und nicht danach handelt ...« Bestürzt schwiegen die Bauern, scharrten mit den Füßen, neigten sich demüthig. Nur der Urlauber Sabata faßte Herz genug, um -- den Hut ehrerbietig in der Hand -- zu sprechen: »Der Graf ist ein strenger Herr.« »Hol Dich der Teufel -- streng! ... Wenn noch so streng ...« Er unterbrach sich, machte eine kurze Pause und fuhr fort: »Wenn er Dich zweimal schlägt, so denk': ein polnischer Herr hätte mich viermal geschlagen.« »So denken wir ohnehin, Väterchen.« »Um so besser! dabei bleibt, und krümmt mir kein Haar auf dem Haupt Eures Herrn! Heilig, -- versteht Ihr mich? -- Heilig soll jeder österreichisch Gesinnte Euch sein!« »Er ist es ja,« meinte Sabata, in einiger Verlegenheit. »Aber seine Beamten, Väterchen, seine Kinder ...« »Wo sind die Kinder?« fuhr Szela ihn an, und wiederholte heftig, als die Antwort auf sich warten ließ: »Wo sind die Kinder Eures Herrn?« -- »Ja, wo sind sie? Wer hat sie zuletzt gesehen? -- Der Iwan? Nein, der Wisniak, der balgte sich mit ihnen. Dort, rechts, wo der Bauernrichter steht ...« Der Bauernrichter will sie nicht gesehen haben. »Sie werden in den Schwarm gerathen sein, der mit den Panowies kämpfte,« sagte er. »Und wenn ihnen etwas geschehen ist, Väterchen, je nun -- sind Lechi[7], Väterchen, und verdienen Strafe.« [7] Polen. »Nicht durch Euch! Ihr Vater wird sie strafen, dem kommt es zu, nicht Euch!« rief Szela in schmerzlichem Zorn. Alle verstummten, und durch die lautlose Stille drang nun ein zitternder Hülferuf, ein Schluchzen und Weinen an sein Ohr. Er lauschte, erhob gebieterisch die Hand -- die Menge theilte sich und gab Raum ... -- Im Augenblick, in dem Szela an der Spitze der fremden Bauern erschienen war, hatte der Graf Abrechnung gehalten mit seinem Gott und ein stummes Gebet gesprochen: »Mach's gnädig, Allbarmherziger! Mach's den Kindern gnädig. Was es jetzt zu erdulden giebt, lasse mich es allein erdulden ... Schenk' den Kindern ein sanftes Ende ...« Ein sanftes Ende unter den Händen wilder Bestien, empörungstoller Sklaven? Welch ein Gebet! Muß man nicht selbst toll sein, um auf seine Erhörung zu hoffen? Verzweifelnd hatte sich der Unglückliche der berauschten und blutdürstigen Horde entgegen geworfen und dem Ersten, auf den er traf, die Sense entrissen, nicht um sein Leben theuer zu verkaufen, sondern um im Sterben noch seinen Kindern ein furchtbares Todtenopfer zu bringen. Er meinte, der Boden unter seinen Füßen schwände, meinte das Bewußtsein der Wirklichkeit zu verlieren, als das Gedränge, in dem er sich eben erst befunden hatte, nachließ, die Leute auseinander stoben und er allein stand, zu seinen Füßen die Leichen Jaslos und des Priesters und, in Schmerzen ringend, die Verwundeten beider Parteien. Auf dem breiten Wege aber, der sich im Gewühl gebildet hatte, kam Szela langsam herangeschritten. An jeder Hand führte er einen der Knaben. Der ältere hinkte kläglich, schmiegte sich an seinen Erretter und preßte das Gesicht in die Falten von dessen Gewand. Der jüngere blickte trotzig drein; er war sehr bemüht, seinen zerrissenen Mantel festzuhalten, um zu verbergen, daß ihm die Czemerka in Fetzen von der nackten Schulter hing. Joseph folgte entwaffnet, den Kopf tief auf die Brust gesenkt. Zweifelnd, ungläubig, allmälig auflebend, wie verzückt, starrte der Graf den Nahenden entgegen. Er wollte auf sie zueilen, aber seine Kniee brachen und nur mit bebender Stimme auszurufen vermochte er: »~Du~ bringst sie mir? ... ~Du~, Szela!« Er riß seine Kinder an sich, er bedeckte sie mit Küssen, er streckte versöhnend und vergebend seine Hand nach Joseph aus. Sein Erstgeborener jedoch hatte sich auf die Erde geworfen neben den todten Freund und war in seinem maßlosen Schmerz taub und blind für Alles, was um ihn vorging. Als der Graf sich fassend die Augen erhob und die Karawane erblickte, die vor seinem Hause Halt gemacht hatte, schauderte er und sprach, unfähig, seinen Abscheu zu bemeistern: »Szela! Entsetzlicher! ... Dein Werk?« »Ich habe es nicht gethan,« lautete die Antwort. Fester drückte der Graf die Köpfe seiner Kinder an seine Brust, um ihnen den schreckensvollen Anblick zu entziehen, von dem er selbst die Augen nicht zu verwenden vermochte, und murmelte leise: »Aber auch nicht verhindert!« Szela zog die Achseln in die Höhe; eine harte und unerschütterliche Ruhe lag auf seinem gefurchten Antlitz: »Ich habe auch die Kinder ~meiner~ Herren gerettet,« sagte er, wandte sich ab und ging von einer Gruppe der Bauern zur andern. Eindringlich und kurz ertheilte er ihnen seine Befehle. Dicht hinter ihm, wie sein Schatten ihn geleitend, schritt ein düsterer Gesell, bösartigen Aussehens; der Einzige, der sich unterfing, gegen eine Anordnung des Alten hie und da Einwand zu erheben. Es war dessen Sohn, Stanislaus Szela, der ausgediente Soldat. Sein Vater drohte ihm mit dem Stocke und verwies ihn in die Nachhut des Zuges, der sich jetzt wieder in Marsch setzte, und den man noch lange sehen konnte, sich weiter bewegend zwischen den Pappeln der Kaiserstraße. -- Tags über gab es im Schlosse Arbeit genug mit dem Aufbahren der Todten und der Pflege der Verwundeten. Die Bauern campirten auf der Wiese und im Hofe. Am Abend ließ der Graf ihnen sagen, sie möchten nach Hause gehen. Aber sie antworteten, das dürften sie nicht; es sei Revolution, und Szela habe ihnen geboten, dazubleiben, um das Schloß und den Herrn vor den herumstreichenden Insurgenten und Räuberbanden zu beschützen. Sein Befehl wurde pünktlich ausgeführt. Die Bauern haben durch volle drei Wochen (ganz so wie die des benachbarten alten Grafen Wiesioloski) einen ruhigen und treuen Wachtpostendienst geleistet, während sich ringsum Greuelscenen ohne Gleichen abspielten. Erst nachdem die Ordnung im Lande völlig hergestellt war, begaben sie sich wieder zurück in ihre Hütten und an ihre Arbeit. Der Graf war von dem Benehmen seiner Unterthanen gewaltig gerührt und machte ihnen viele großmüthige Versprechungen, die ihm sein von Dankbarkeit überquellendes Herz eingab. In besseren Tagen wurden auch einige davon erfüllt. -- II. Die zweite Begegnung mit Szela, deren sich Sikorski bis an sein Ende lebhaft erinnerte, fand fünf Monate später statt. Seit dem Beginn des März herrschte Ruhe im Tarnower Kreise. Einige Züge Cavallerie als Streifcommandos hatten die Ordnung ohne Anwendung von Gewalt hergestellt. Die Bauern, die unter den Befehlen Szelas gestanden, waren die ersten, welche die Waffen niederlegten und sich, auf die Aufforderung des Kreisamts hin, zur Leistung der Robot wieder bereit finden ließen. In der Nachbarschaft hatte es immer geheißen, daß er ganz gute Mannszucht gehalten, eine Insurgentenschar im offenen Kampfe angegriffen und geschlagen, Plünderungen verhütet, oder, wo ihm dies nicht möglich gewesen war, doch jederzeit die Auslieferung der geraubten, oft sehr werthvollen Güter, an das Kreisamt, erzwungen habe. So mancher gefangene Aufrührer verdankte ihm die Erhaltung seines Lebens. Er schützte ihn vor der Wuth der Bauern, indem er ihn den Eid künftiger Treue gegen den Kaiser leisten ließ, und ihn dann in seine Schar aufnahm. So gab es denn großes Erstaunen, als bald nach dem Erlöschen der letzten Flammen der Empörung Gerüchte der schlimmsten Art über Szela auftauchten. Sie bezeichneten ihn als einen Mörderhäuptling, der sengend und brennend, raubend und plündernd von Edelhof zu Edelhof gezogen war. Sie schilderten bis ins Kleinste die bestialische Grausamkeit, mit welcher er dabei verfuhr und behaupteten endlich, er habe seine langgenährten Rachegelüste gegen die Edelleute um so ungehemmter befriedigen können als er im geheimen Einverständniß mit der Regierung gehandelt, und sogar -- in ihrem Solde gestanden. Der empörende und peinliche Eindruck, den diese Verleumdung hervorrief, war so groß, der Haß und die Feindseligkeit, die sie erweckten, äußerte sich so unumwunden, daß endlich zu ihrer Widerlegung geschritten und die strengste Untersuchung angeordnet werden mußte. Szela blieb auf freiem Fuße in Tarnow, verantwortete sich in seiner gewohnten schlagfertigen Weise, und benützte die freie Zeit zwischen den Verhören, um einen Brief an den Kaiser aufzusetzen, in welchem er um Verminderung der Unterthanenlasten bat. Inzwischen hatte der Kreishauptmann Ritter von Breinl die von ihm angesuchte Versetzung nach Brünn erlangt und unter seinem Nachfolger im Amte, Czecz von Przemysl, kam der Proceß Szelas zum Abschluß. Das Ergebniß lautete, daß Szela zum Criminalverfahren nicht qualificirt, seine Entfernung aus dem Lande jedoch dringend zu befürworten sei. Worauf Jacob Szela, der Grundwirth und ehemalige Gemeinde-Deputirte, den Befehl bekam, nach der Bukowina auszuwandern, wo er auf der Cameral-Herrschaft Glitt ein Bauerngut als Eigenthum und Wohnort angewiesen erhielt. Am Tage, an welchem Szela seine Reise antreten sollte, dachte der Castellan Sikorski: »Wäre doch neugierig, ihn noch einmal zu sehen -- wenn auch nur von Weitem, denn davon, sich bis zu ihm durchzudrängen, wird keine Rede sein. Hilf Gott, was werden die Leute treiben beim Abschied von ihrem Väterchen Szela. Von Glück kann man sagen, wenn es nicht zu Excessen kommt.« Der Castellan malte sich die Sache in seinem Kopfe aus, und immer gefährlicher erschien sie ihm, je länger er darüber nachdachte, und je kürzer der Weg wurde, den er nach dem Ziel seiner Wanderung noch zurückzulegen hatte. Zu seiner Ueberraschung fand er im Dorfe Alles still. Es sah dort aus wie an jedem Werktagsmorgen. Männer und Weiber waren zur Feldarbeit ausgezogen. Nur in der Wirthshausstube, in welche Sikorski beim Vorübergehen hineinblickte, lungerten einige Tagediebe. Der Jude führte seinen Klepper aus dem Stall, um ihn an die Budka zu spannen. »Wen führst Du?« fragte Sikorski. »Ich Niemanden. Der Bub führt den Szela nach Sanok.« »So, so, und bald?« »Sehr bald.« Sikorski beeilte seine Schritte und hatte in kurzer Zeit die Hütte Szelas erreicht. Sie war reinlicher und größer als alle übrigen; neben der Thür befand sich ein Bänklein, und der Raum davor mußte heute noch sorgfältig gekehrt worden sein. Dort stand Szela, mit herabhängenden Armen und gekreuzten Händen und sah unverwandten Auges sein Haus an. »Oho, Pan Sikorski!« begrüßte er den Nahenden: »Das ist ja schön, daß Du mich noch heimsuchst.« »Ich habe Dir Lebewohl sagen wollen, Szela.« »Dank dafür, Pan Castellan. Leb' auch Du recht wohl.« »Führe mich ein wenig in Dein Haus,« sagte Sikorski, ohne von dieser Verabschiedung Notiz zu nehmen. »Das Haus ist leer, meine Habseligkeiten habe ich durch den Sohn schon alle nach Glitt geschickt.« »So will ich auf diesem Bänklein ausruhen, wenn Du nichts dagegen hast; der Weg ist weit und meine Füße sind alt.« »Mach' Dir's bequem. Wohl Dir, wenn Du ruhen kannst.« Er konnte nicht ruhen, so erschöpft er schien. Mit offenbarer Mühsal schleppte er die schweren Wasserstiefel an seinen mageren Beinen, wandelte aber dennoch unstät herum. »Es thut mir leid, daß ich nichts habe, womit ich Dir aufwarten könnte,« begann Szela nach einer Weile. »Außer« -- er zog ein Stück Brod aus seiner Tasche -- »wenn Du meine Wegzehrung mit mir theilen willst.« Sikorski lehnte ab; er beabsichtigte, sich bei der Heimkehr im Wirthshaus zu stärken. Der Appetit, den er bereits zu verspüren begonnen, war vergangen. Alles, was er von dem alten Manne, der sich jetzt zum ewigen Abschied von der Heimath rüstete, gehört hatte, flog ihm durch den Sinn. Er würde gern zehn baare Gulden gegeben haben, um zu erfahren, was denn Wahres daran sei. Hatte Szela nur den kleinsten Theil des Unheils verübt, das man ihm zuschrieb, so sollte Einen füglich kein Mitleid mit ihm beschleichen. Und doch -- was war das Mitleid, das Sikorski vor einigen Monaten mit ihm gehabt hatte, als er schwer gezüchtigt aus den Händen des Grafen gekommen war, im Vergleich zu demjenigen, das der gebrochene Greis ihm in diesem Augenblick einflößte! »Szela,« fragte er, »was denkst Du? Was ist denn so Merkwürdiges an Deiner Hausthür, daß Du sie immerfort ansiehst?« Der Alte hatte den Hut vom Kopfe genommen und strich seine langen Haare in den Nacken zurück. »Je nun, die Mühe dauert mich, die ich im vorigen Frühjahr an sie gewendet habe. Siehst Du nicht, wie schön breit sie ist? Das habe ich so eingerichtet, damit die Leute mit dem Sarg nicht anzustoßen brauchen, wenn sie mich einmal hinaustragen.« Er überließ sich wieder der aufmerksamen Betrachtung seines Hauses: »Einen Schornstein hat es auch,« hub er dann von Neuem an. »Es hat ihnen im Dorf viel Verdruß gemacht, daß ich mir einen Schornstein gebaut habe. Der wird so lange bauen, bis er unter der Erde liegt, haben sie mir mit Kreide auf die Thür geschrieben. Und der Geschworene Budnik hat gesagt: Bau' Du Dir einen Schornstein, aber bilde Dir nur nicht ein, daß wir es Dir nachthun werden. Wir wollen unsere Häuser so lassen, wie sie sind. Ja freilich!« Er verzog den Mund zu einem schmerzlichen Lächeln und deutete auf die elenden Hütten längs der Dorfstraße: »Das muß Alles so bleiben, wie es ist. Je nun! was werd' ich mich drum kümmern, dort unten in der Bukowina ... Es soll dort viel schöner sein als bei uns.« Sein Gesicht verdüsterte sich, und er fügte halblaut und mit einem tiefen Seufzer hinzu: »Trotzdem wäre ich lieber hier geblieben. Aber -- was ist zu thun? -- Der Kaiser will's! -- Gehab' Dich wohl, Pan Sikorski, da kommt schon meine Gelegenheit.« In der That fuhr die Budka bereits heran, von einem munter nebenher schreitenden Jüngelchen kutschirt. Zu gleicher Zeit ließ der Trab eines Pferdes sich vernehmen, das kleine Gefährt wurde von einem Reiter eingeholt, überholt. Es war der Graf, der sich von seinem Thiere schwang, dem herbeieilenden Sikorski die Zügel reichte und auf Szela zuschritt: »Szela,« sprach er bewegten Tones, »Du hast meinen Kindern das Leben gerettet, und ich habe Dir noch nicht einmal gedankt.« Er streckte ihm die Hand entgegen, die der Alte küßte ... Der Alte und -- nicht mehr der Alte. Er, den seine Standhaftigkeit in Gegenwart des Grafen nie verlassen hatte, nicht unter dessen Stocke, nicht bei dessen Aufjauchzen, als er ihm die todtgeglaubten Kinder wiederbrachte -- ihn versetzten die einfachen Worte, die der Graf jetzt zu ihm sprach, ganz außer sich. Seine Lippen zitterten, seine Augen schwammen in Thränen, er beugte sich, als ob er in die Kniee sinken wollte. »Was fällt Dir ein? Was thust Du?« rief der Graf, sprang auf ihn zu und faßte ihn an beiden Schultern. »Herr! Herr!« stammelte Szela und sah ihm mit leidenschaftlicher Ergebenheit ins Angesicht, »ich habe nicht geglaubt, daß mir vor meinem Ende noch ein Mensch sagen wird: Dank Dir, Szela! und jetzt kommst Du und sagst es.« Ergriffen von dem Ausbruch einer Weichherzigkeit, die Niemand dem Bauernhäuptling zugetraut hätte, entgegnete der Graf: »Es hat auch Keiner so viel Grund, Dir zu danken wie ich.« »Doch, gnädiger Herr! -- Dir habe ich drei Kinder gerettet; es giebt einen Herrn, dem ich mehr als dreitausend gerettet habe, und der hat mich dafür vor Gericht stellen lassen und schickt mich jetzt in die Fremde.« »Weil er nicht anders kann. Die Ermordung Deiner Gutsherren fordert eine Sühne.« »Du weißt, daß ich sie nicht ermordet habe.« »Aber die Bauern haben es gethan, die unter Deinen Befehlen standen.« »Geruhe zu erwägen, daß ich kein General bin und daß die Bauern keine abgerichteten Soldaten sind.« Der Graf faßte ihn scharf ins Auge: »Sag' aufrichtig, Szela, wenn Du Deine Gutsherren wieder lebendig machen könntest, würdest Du es thun?« »Nein, Herr, um des Kaisers willen nicht.« »Und um Deinetwillen noch weniger?« Szela besann sich ziemlich lange, bevor er berichtigend versetzte: »Um meinetwillen ebenso wenig.« »Siehst Du!« »Was soll ich sehen, gnädigster Graf? Die Herren haben uns Böses gethan, so lange wir denken. Der Kaiser hat uns nur Gutes gethan. Als die Herren gegen den Kaiser gegangen sind, und die Bauern zwingen wollten, mit ihnen zu gehen, sind die Bauern rebellisch geworden, und es ist viel Unglück geschehen.« »Es geht die Sage, Du hättest so Manches davon verhüten können, und hast es nicht verhütet.« Abermals erwiderte Szela erst nach reiflicher Ueberlegung: »Kann sein, kann auch nicht sein. Dergleichen ist nachträglich schwer zu bestimmen. Die Bauern haben gewußt, daß Alles auf sie ankommt; sie haben ja gehört, was der Herr Kreishauptmann mir hat sagen lassen, als ich den Matthias Drewniak zu ihm geschickt habe um Militärassistenz: Unmöglich, Szela, bevor sie mir in Tarnow die Garnison verstärken. Hilf Dir selbst, halte Ordnung, und sieh' zu, daß keine Gewaltthätigkeiten verübt werden. Das war viel auf einmal verlangt.« »Ist auch nicht geleistet worden.« »Wie hat es denn geleistet werden ~sollen~, von solchen Leuten, die auf einmal merken: Jetzt sind ~wir~ die Herren? Gnädiger Graf, ich habe froh sein müssen, wenn sie mir die Edelleute geschont haben, die dem Kaiser treu waren.« »Auch das ist nicht durchwegs geschehen.« »Ueberall habe ich die Augen nicht haben können. Ich habe oft meinen Sohn schicken müssen, und der hat anders gehaust ...« Er brach ab und schloß mit gelassener Zuversicht: »Der gerechte Gott wird es ~ihm~ aufs Kerbholz schreiben. Die Menschen schreiben es auf das meine.« »Natürlich. So viele Hunderte gehorchten Deinem Augenwink, wer wird Dir glauben, daß Du es nicht verstanden hast, Deinen Sohn zu Paaren zu treiben?« Schmerzlich beistimmend neigte Szela den Kopf. »Das wird Niemand glauben. Aber wahr ist es ... Und am Ende, Herr, mein Sohn hat es wenigstens seinen Gesellen recht gemacht, ich -- habe es Keinem recht gemacht. Sieh' Dich um. ... Wie sind sie mir sonst von Weitem zugelaufen, wo sie mich erblicken konnten -- und heute? ... Bursche, die man kaum mit zwei Pferden zur Arbeit schleppt, sind freiwillig hinausgegangen, damit sie mir nicht zu sagen brauchen: Glück auf den Weg!« Er hatte, während er sprach, nach dem seiner harrenden Gefährt hingesehen, fast schien's mit einer gewissen Ungeduld, so daß der Graf fragte, ob er es denn nicht erwarten könne, fortzukommen? Szela entschuldigte sich: »Verzeih'. Auf die Fürsprache des Herrn Ritters von Breinl hat der Herr Kreishauptmann zugegeben, daß ich nicht wie ein Arrestant über die Grenze gebracht werde. Er hat mir das Vertrauen geschenkt, daß ich zur rechten Zeit von selbst gehen werde. Verzeih', gnädiger Herr, es ist jetzt die rechte Zeit.« Der Graf zog eine wohlgefüllte Brieftasche hervor und wollte sie durchaus, mit Zürnen und Bitten, dem Szela aufdringen. Aber der meinte: »Thue Dir keinen Schaden. Du weißt mit dem Gelde Besseres anzufangen als ich. Hebe es auf für Deine Kinder ... Aber, gnädiger Herr,« unterbrach er sich mit plötzlicher Lebhaftigkeit, »ich habe gehört, daß Du den Grafen Joseph als Gemeinen hast assentiren lassen.« »Ja wohl. Er braucht eine strenge Zucht.« »Wenn sie nur nützt.« »Eine strenge Zucht nützt immer.« »Weiß nicht.« Er that einen tiefen Seufzer. »Mein Sohn war vierzehn Jahre Soldat.« Sie traten an die Budka heran, um welche sich allmälig eine kleine Versammlung gebildet hatte. Kinder, die den mageren Klepper streichelten oder neckten. Ein paar alte Weiblein, von denen eines eben im Begriff war, ein Laib Brot im Stroh des Wagens zu bergen. Dem Szela traurig zunickend, sprach sie: »Du sollst Dich in der Fremde erinnern, wie das Brot der Heimath schmeckt.« Drei alte Zechbrüder waren auch angerückt und hatten ein Branntweinfäßchen von der Größe einer Melone mitgebracht. Sie weinten bitterlich und wiederholten fortwährend: »Leb' wohl, Väterchen! Gott behüte Dich! Vergiß uns nicht!« und dabei ging das Fäßchen von Einem zum Andern, und sie tranken abwechselnd aus dem Spundloch. Szela war im Begriff, in die Budka zu steigen, als aus einer der nächsten Hütten ein großer und breitschulteriger Mensch in zerlumpten Kleidern hervorkam, auf den Alten zustürzte und ihn am Arme packte. Einige Kerle, die ebenso verkommen aussahen wie er, waren ihm gefolgt, hielten sich aber, aus Angst vor dem Grafen und dem Castellan, in scheuer Entfernung. Nur der Erste kannte keine Scheu, den machte die Wuth zum vernunftlosen Thier. Er schüttelte Szelas Arm und schrie: »Bis zum letzten Augenblick habe ich gewartet, um Dich zu fragen. -- So willst Du also wirklich fort, ohne Deine Schulden bezahlt zu haben, Du Schurke?« »Was wäre ich Dir schuldig, Drewniak?« sprach Szela, sich von ihm losmachend. »Frage Du nur, was Du mir schuldig bist,« rief Jener und hielt dem Alten die geballte Faust dicht vors Gesicht. »Nachdem Du mich herumgejagt hast, wie einen Hund in Schnee und Wetter, als Bote und Späher und auf dem Marsch und mir dafür nichts gegeben ...« Seine Gefährten schrieen drein: »Und die Branntweinfässer -- wohin wir gekommen sind -- versiegeln lassen ...« »Daß man sich nicht einmal hat warm trinken können --« »Und uns die ehrliche Kriegsbeute abgenommen ...« Anklagen häuften sich auf Anklagen, Szelas Gegner wagten sich näher heran; den Weibern wurde angst, die Betrunkenen heulten. »Die andern Bauern,« zeterte Drewniak, »haben Geld und Gut erworben in der Revolution. Wir haben nichts gekriegt ... Ich sage Dir, Herr,« wandte er sich an den Grafen, »nichts von dem Eigenthum der Rebellen. Er hat den herrschaftlichen Wald bewacht, der Alte, als ob er selbst ein Schuft von einem Heger wäre. Keinem armen Teufel hat er auch nur ein Scheit Holz gegönnt. Deshalb, Herr, glauben wir und wissen wir -- er hat uns Alle zu Narren gehabt. Nimm ihn nicht in Schutz -- uns Alle zu Narren hat er gehabt und hat es im Geheimen mit den Polen gehalten ...« Er konnte nicht weiter, er keuchte nur -- und wollte sich auf Szela stürzen. Der Graf stieß ihn so heftig zurück, daß er wankte, und befahl gebieterisch Ruhe, die denn auch, freilich nur scheinbar, eintrat. Szela lächelte mit schwermüthigem Triumphe und sein auf den Grafen gerichteter Blick fragte: »Was sagst Du nun?« »Die Thoren! die vermaledeiten Thoren!« fuhr dieser auf, und eingeschüchtert stimmte Drewniak einen andern Ton an. Er ließ den Blick mit großer Betrübniß längs seiner Hünengestalt hinabgleiten, streckte einen Fuß von sich, dessen nackte Zehen aus dem geplatzten Stiefel hervorsahen und sagte: »Die Stiefel waren neu vor der Revolution. Wenn er mir wenigstens die Stiefel ersetzt hätte!« Seine guten Freunde und die alten Weiblein erhoben ein schadenfrohes Gelächter; Szela jedoch näherte sich dem Grafen und sagte: »Du hast Etwas für mich thun wollen, Herr. Sei so gnädig und bezahle ihm die Stiefel, die er in meinem Dienst vertreten hat.« Nachdem seiner Bitte willfahrt worden war, empfahl er sich beim Grafen, schüttelte Sikorskis Hand und grüßte die Frauen und Kinder. »Ihr aber hört!« rief er seinen Widersachern zu, und wie er sich fest zusammennahm und in die Brust warf, da war jede Spur von Gebrechlichkeit aus seiner Gestalt verschwunden, ehrwürdig, gebieterisch erschien er Jedem, und man sah dem greifen kleinen Bauer wahrlich etwas von einem Feldherrn an. Die rohen Kerle, die sich murrend hatten davonschleichen wollen, blieben stehen und horchten der lezten Ermahnung ihres ehemaligen Führers. »Ihr werdet schon noch d'rauf kommen, wer es ehrlich mit Euch gemeint hat. Seht nur zu, wie den Andern ihr unrecht Gut gedeiht, und dankt dann Gott und mir für Eure leeren Taschen. Und somit lebt auch Ihr wohl, Ihr dummen Teufel.« Szela warf noch einen langen, traurigen Blick nach seinem Hause und stieg in die Budka. Das Leinwanddach derselben war ungewöhnlich niedrig, dennoch konnte er aufrecht darunter sitzen. Einmal im Wagen, erhob er die Augen nicht mehr, es kam auch kein Wort mehr über seine Lippen. Der Graf geleitete ihn zu Pferde noch ein gutes Stück Weges; aber Szela, ganz versunken in seine Gedanken, blieb unempfindlich für diese Gunst. Lange Zeit hörte man im Schlosse nichts von ihm, als daß er glücklich in Glitt angelangt war. Erst zwei Jahre später, nach der Aufhebung der Robot, schrieb Szela an den Grafen einen merkwürdigen Brief, den auch der Castellan Sikorski gelesen hat. Es hieß unter Anderem darin: »Auf mein letztes Schreiben hat mir der Kaiser nicht antworten lassen; aber er hat Alles so gethan, wie ich es ihm angerathen habe. Gott segne ihn!« -- [Illustration] Krambambuli. Vorliebe empfindet der Mensch für allerlei Gegenstände. ~Liebe~, die echte, unvergängliche, die lernt er -- wenn überhaupt -- nur einmal kennen. So wenigstens meint der Herr Revierjäger Hopp. Wie viele Hunde hat er schon gehabt, und auch gern gehabt, aber lieb, was man sagt lieb und unvergeßlich ist ihm nur einer gewesen -- der Krambambuli. Er hatte ihn im Wirthshause zum Löwen in Wischau von einem vacirenden Forstgehülfen gekauft oder eigentlich eingetauscht. Gleich beim ersten Anblick des Hundes war er von der Zuneigung ergriffen worden, die dauern sollte bis zu seinem letzten Athemzuge. Dem Herrn des schönen Thieres, der am Tische vor einem geleerten Branntweingläschen saß und über den Wirth schimpfte, weil dieser kein zweites umsonst hergeben wollte, sah der Lump aus den Augen. Ein kleiner Kerl, noch jung und doch so fahl wie ein abgestorbener Baum, mit gelbem Haar und gelbem spärlichen Barte. Der Jägerrock, vermuthlich ein Ueberrest aus der vergangenen Herrlichkeit des letzten Dienstes, trug die Spuren einer im nassen Straßengraben zugebrachten Nacht. Obwohl sich Hopp ungern in schlechte Gesellschaft begab, nahm er trotzdem Platz neben dem Burschen und begann sogleich ein Gespräch mit ihm. Da bekam er es denn bald heraus, daß der Nichtsnutz den Stutzen und die Jagdtasche dem Wirth bereits als Pfänder ausgeliefert hatte, und daß er jetzt auch den Hund als solches hergeben möchte; der Wirth jedoch, der schmutzige Leuteschinder, wollte von einem Pfand, das gefüttert werden muß, nichts hören. Herr Hopp sagte vorerst kein Wort von dem Wohlgefallen, das er an dem Hunde gefunden hatte, ließ aber eine Flasche von dem guten Danziger Kirschbranntwein bringen, den der Löwenwirth damals führte, und schenkte dem Vacirenden fleißig ein. -- Nun, in einer Stunde war Alles in Ordnung. Der Jäger gab zwölf Flaschen von demselben Getränke, bei dem der Handel geschlossen worden -- der Vagabund gab den Hund. Zu seiner Ehre muß man gestehen: nicht leicht. Die Hände zitterten ihm so sehr, als er dem Thiere die Leine um den Hals legte, daß es schien, er werde mit dieser Manipulation nimmermehr zurecht kommen. Hopp wartete geduldig und bewunderte im Stillen den trotz der schlechten Condition, in welcher er sich befand, wundervollen Hund. Höchstens zwei Jahre mochte er alt sein, und in der Farbe glich er dem Lumpen, der ihn hergab, doch war die seine um ein paar Schattirungen dunkler. Auf der Stirn hatte er ein Abzeichen, einen weißen Strich, der rechts und links in kleine Linien auslief, in der Art wie die Nadeln an einem Tannenreis. Die Augen waren groß, schwarz, leuchtend, von thauklaren, lichtgelben Reiflein umsäumt, die Ohren hoch angesetzt, lang, makellos. Und makellos war Alles an dem ganzen Hunde von der Klaue bis zu der feinen Witternase; die kräftige, geschmeidige Gestalt, das über jedes Lob erhabene Piedestal. Vier lebende Säulen, die auch den Körper eines Hirsches getragen hätten, und nicht viel dicker waren, als die Läufe eines Hasen. Beim heiligen Hubertus! dieses Geschöpf mußte einen Stammbaum haben, so alt und rein wie der eines Deutschen Ordensritters. Dem Jäger lachte das Herz im Leibe über den prächtigen Handel, den er gemacht. Er stand nun auf, ergriff die Leine, die zu verknoten dem Vacirenden endlich gelungen war, und fragte: »Wie heißt er denn?« -- »Er heißt wie das, wofür ihr ihn kriegt: Krambambuli,« lautete die Antwort. -- »Gut, gut, Krambambuli! So komm! Wirst gehen? Vorwärts!« -- Ja, er konnte lange rufen, pfeifen, zerren -- der Hund gehorchte ihm nicht, wandte den Kopf Demjenigen zu, den er noch für seinen Herrn hielt, heulte, als dieser ihm zuschrie: »Marsch!« und den Befehl mit einem tüchtigen Fußtritt begleitete, suchte sich aber immer wieder an ihn heran zu drängen. Erst nach einem heißen Kampfe gelang es Herrn Hopp, die Besitzergreifung des Hundes zu vollziehen. Gebunden und geknebelt mußte er zuletzt in einem Sacke auf die Schulter geladen und so bis in das mehrere Wegstunden entfernte Jägerhaus getragen werden. Zwei volle Monate brauchte es, bevor der Krambambuli, halb todtgeprügelt, nach jedem Fluchtversuche mit dem Stachelhalsband an die Kette gelegt, endlich begriff, wohin er jetzt gehöre. Dann aber, als seine Unterwerfung vollständig geworden war, was für ein Hund wurde er da! Keine Zunge schildert, kein Wort ermißt die Höhe der Vollendung, die er erreichte nicht nur in der Ausübung seines Berufes, sondern auch im täglichen Leben als eifriger Diener, guter Kamerad und treuer Freund und Hüter. »Dem fehlt nur die Sprache«, heißt es von anderen intelligenten Hunden -- dem Krambambuli fehlte sie nicht; sein Herr zum mindesten pflog lange Unterredungen mit ihm. Die Frau des Revierjägers wurde ordentlich eifersüchtig auf den »Buli«, wie sie ihn geringschätzig nannte. Manchmal machte sie ihrem Manne Vorwürfe. Sie hatte den ganzen Tag, in jeder Stunde, in der sie nicht aufräumte, wusch oder kochte, schweigend gestrickt. Am Abend, nach dem Essen, wenn sie wieder zu stricken begann, hätte sie gern eins dazu geplaudert. »Weißt denn immer nur dem Buli was zu erzählen, Hopp, und mir nie? Du verlernst vor lauter Sprechen mit dem Vieh das Sprechen mit den Menschen.« Der Revierjäger gestand sich, daß etwas Wahres an der Sache sei, aber zu helfen wußte er nicht. Wovon hätte er mit seiner Alten reden sollen? Kinder hatten sie nie gehabt, eine Kuh durften sie nicht halten, und das zahme Geflügel interessirt einen Jäger im lebendigen Zustande gar nicht und im gebratenen nicht sehr. Für Culturen aber und für Jagdgeschichten hatte wieder die Frau keinen Sinn. Hopp fand zuletzt einen Ausweg aus diesem Dilemma; statt ~mit~ dem Krambambuli sprach er ~von~ dem Krambambuli, von den Triumphen, die er allenthalben mit ihm feierte, von dem Neide, den sein Besitz erregte, von den lächerlich hohen Summen, die ihm für den Hund geboten wurden, und die er verächtlich von der Hand wies. Zwei Jahre waren so vergangen, da erschien eines Tages die Gräfin, die Frau seines Brotherrn im Hause des Jägers. Er wußte gleich, was der Besuch zu bedeuten hatte, und als die gute, schöne Dame begann: »Morgen, lieber Hopp, ist der Geburtstag des Grafen ...«, setzte er ruhig und schmunzelnd fort: »Und da möchten Hochgräfliche Gnaden dem Herrn Grafen ein Geschenk machen, und sind überzeugt, mit nichts anderem so viel Ehre einlegen zu können, als mit dem Krambambuli.« -- »Ja, ja, lieber Hopp ...« Die Gräfin erröthete vor Vergnügen über dieses freundliche Entgegenkommen und sprach gleich von Dankbarkeit, und bat, den Preis nur zu nennen, der für den Hund zu entrichten wäre. Der alte Fuchs von einem Revierjäger kicherte, that sehr demüthig und rückte auf einmal mit der Erklärung heraus: »Hochgräfliche Gnaden! Wenn der Hund im Schlosse ~bleibt~, nicht jede Leine zerbeißt, nicht jede Kette zerreißt, oder wenn er sie nicht zerreißen ~kann~, sich bei den Versuchen, es zu thun, erwürgt, dann behalten ihn Hochgräfliche Gnaden umsonst -- dann ist er ~mir~ nichts mehr werth.« Die Probe wurde gemacht, aber zum Erwürgen kam es nicht, denn der Graf verlor früher die Freude an dem eigensinnigen Thiere. Vergeblich hatte man es durch Liebe zu gewinnen, mit Strenge zu bändigen gesucht. Es biß Jeden, der sich ihm näherte, versagte das Futter, und -- viel hat der Hund eines Jägers ohnehin nicht zuzusetzen -- kam ganz herunter. Nach einigen Wochen erhielt Hopp die Botschaft, er könne sich seinen Köter abholen. Als er eilends von der Erlaubniß Gebrauch machte, und den Hund in seinem Zwinger aufsuchte, da gab's ein Wiedersehen unermeßlichen Jubels voll. Krambambuli erhob ein wahnsinniges Geheul, sprang an seinem Herrn empor, stemmte die Vorderpfoten auf dessen Brust und leckte die Freudenthränen ab, die dem Alten über die Wangen liefen. Am Abend dieses glücklichen Tages wanderten sie zusammen ins Wirthshaus. Der Jäger spielte Tarok mit dem Doctor und mit dem Verwalter. Krambambuli lag in der Ecke hinter seinem Herrn. Manchmal sah dieser sich nach ihm um, und der Hund, so tief er auch zu schlafen schien, begann augenblicklich mit dem Schwanze auf den Boden zu klopfen, als wollt' er melden: »Präsent!« Und wenn Hopp sich vergessend, recht wie einen Triumphgesang das Liedchen anstimmte: »Was macht denn mein Krambambuli?« richtete der Hund sich würde- und respektvoll auf und seine hellen Augen antworteten: »Es geht ihm gut.« Um dieselbe Zeit trieb, nicht nur in den gräflichen Forsten, sondern in der ganzen Umgebung eine Bande Wildschützen auf wahrhaft tolldreiste Art ihr Wesen. Der Anführer sollte ein verlottertes Subjekt sein. Den »Gelben« nannten ihn die Holzknechte, die ihn in irgend einer übel berüchtigten Spelunke beim Branntwein trafen, die Heger, die ihm hie und da schon auf der Spur gewesen, ihm aber nie hatten beikommen können, und endlich die Kundschafter, deren er unter dem schlechten Gesindel in jedem Dorfe mehrere besaß. Er war wohl der frechste Gesell, der jemals ehrlichen Jägersmännern etwas aufzulösen gab, mußte auch selbst vom Handwerk gewesen sein, sonst hätte er das Wild nicht mit solcher Sicherheit aufspüren, und nicht so geschickt jeder Falle, die ihm gestellt wurde, ausweichen können. Die Wild- und Waldschäden erreichten eine unerhörte Höhe, das Forstpersonal befand sich in grimmigster Aufregung. Da begab es sich nur zu oft, daß die kleinen Leute, die bei irgend einem unbedeutenden Waldfrevel ertappt wurden, eine härtere Behandlung erlitten, als zu anderer Zeit geschehen wäre, und als gerade zu rechtfertigen war. Große Erbitterung herrschte darüber in allen Ortschaften. Dem Oberförster, gegen den der Haß sich zunächst wandte, kamen gutgemeinte Warnungen in Menge zu. Die Raubschützen, hieß es, hätten einen Eid darauf geschworen, bei der ersten Gelegenheit exemplarische Rache an ihm zu nehmen. Er, ein rascher, kühner Mann, schlug das Gerede in den Wind und sorgte mehr denn je dafür, daß weit und breit kund werde, wie er seinen Untergebenen die rücksichtsloseste Strenge anbefohlen, und für etwaige schlimme Folgen die Verantwortung selbst übernommen habe. Am häufigsten rief der Oberförster dem Revierjäger Hopp die scharfe Handhabung seiner Amtspflicht ins Gedächtniß, und warf ihm zuweilen Mangel an »Schneid« vor; wozu freilich der Alte nur lächelte. Der Krambambuli aber, den er bei solcher Gelegenheit von oben herunter anblinzelte, gähnte laut und wegwerfend. Uebel nahmen er und sein Herr dem Oberförster nichts. Der Oberförster war ja der Sohn des Unvergeßlichen, bei dem Hopp das edle Waidwerk erlernt, und Hopp hatte wieder ihn als kleinen Jungen in die Rudimente des Berufs eingeweiht. Die Plage, die er einst mit ihm gehabt, hielt er heute noch für eine Freude, war stolz auf den ehemaligen Zögling, und liebte ihn trotz der rauhen Behandlung, die er so gut wie jeder Andere von ihm erfuhr. Eines Junimorgens traf er ihn eben wieder bei einer Execution. Es war im Lindenrondell, am Ende des herrschaftlichen Parks, der an den »Grafenwald« grenzte, und in der Nähe der Culturen, die der Oberförster am liebsten mit Pulverminen umgeben hätte. Die Linden standen just in schönster Blüthe, und über diese hatte ein Dutzend kleiner Jungen sich hergemacht. Wie Eichkätzchen krochen sie auf den Aesten der herrlichen Bäume herum, brachen alle Zweige, die sie erwischen konnten, ab, und warfen sie zur Erde. Zwei Weiber lasen die Zweige hastig auf und stopften sie in Körbe, die bereits mehr als zur Hälfte mit dem duftenden Raube gefüllt waren. Der Oberförster raste in unermeßlicher Wuth. Er ließ durch seine Heger die Buben nur so von den Bäumen schütteln, unbekümmert um die Höhe, aus der sie fielen. Während sie wimmernd und schreiend um seine Füße krochen, der eine mit zerschlagenem Gesicht, der andere mit ausgerenktem Arm, ein dritter mit gebrochenem Bein, zerbläute er eigenhändig die beiden Weiber. In dem einen derselben erkannte Hopp die leichtfertige Dirne, die das Gerücht als die Geliebte des »Gelben« bezeichnete. Und als die Körbe und Tücher der Weiber und die Hüte der Buben in Pfand genommen wurden und Hopp den Auftrag bekam, sie aufs Gericht zu bringen, konnte er sich eines schlimmen Vorgefühls nicht erwehren. Der Befehl, den ihm damals der Oberförster zurief, wild wie ein Teufel in der Hölle und wie ein solcher umringt von jammernden und gepeinigten Sündern, ist der letzte gewesen, den der Revierjäger im Leben von ihm erhalten hat. Eine Woche später traf er ihn wieder im Lindenrondell -- todt. Aus dem Zustande, in dem die Leiche sich befand, war zu ersehen, daß sie hierher, und zwar durch Sumpf und Gerölle geschleppt worden war, um an dieser Stelle aufgebahrt zu werden. Der Oberförster lag auf abgehauenen Zweigen, die Stirn mit einem dichten Kranz aus Lindenblüthen umflochten, einen eben solchen als Bandelier um die Brust gewunden. Sein Hut stand neben ihm, mit Lindenblüthen gefüllt. Auch die Jagdtasche hatte der Mörder ihm gelassen, nur die Patronen herausgenommen und statt ihrer Lindenblüthen hineingethan. Der schöne Hinterlader des Oberförsters fehlte und war durch einen elenden Schießprügel ersetzt. Als man später die Kugel, die seinen Tod verursacht hatte, in der Brust des Ermordeten fand, zeigte es sich, daß sie genau in den Lauf dieses Schießprügels paßte, der dem Förster gleichsam zum Hohne über die Schulter gelegt worden war. Hopp stand beim Anblick der entstellten Leiche regungslos vor Entsetzen. Er hätte keinen Finger heben können, und auch das Gehirn war ihm wie gelähmt; er starrte nur und starrte und dachte anfangs gar nichts, und erst nach einer Weile brachte er es zu einer Beobachtung, einer stummen Frage: -- »Was hat denn der Hund?« Der Krambambuli beschnüffelt den todten Mann, läuft wie nicht gescheidt um ihn herum, die Nase immer am Boden. Einmal winselt er, einmal stößt er einen schrillen Freudenschrei aus, macht ein paar Sätze, bellt, und es ist gerade so, als erwache in ihm eine längst erstorbene Erinnerung ... »Herein,« ruft Hopp, »da herein!« Und Krambambuli gehorcht, sieht aber seinen Herrn in allerhöchster Aufregung an, und -- wie der Jäger sich auszudrücken pflegte -- ~sagt~ ihm: »Ich bitte Dich um Alles in der Welt, siehst Du denn nichts? Riechst Du denn nichts? ... O lieber Herr, schau doch! riech doch! O Herr, komm! Daher komm! ...« Und tupft mit der Schnauze an des Jägers Knie und schleicht, sich oft umsehend, als frage er: »Folgst Du mir?« zu der Leiche zurück und fängt an, das schwere Gewehr zu heben und zu schieben und ins Maul zu fassen, in der offenbaren Absicht, es zu apportiren. Dem Jäger läuft ein Schauer über den Rücken und allerlei Vermuthungen dämmern in ihm auf. Weil das Spintisiren aber nicht seine Sache ist, es ihm auch nicht zukommt, der Obrigkeit Lichter aufzustecken, sondern vielmehr den gräßlichen Fund, den er gethan hat, unberührt liegen zu lassen und seiner Wege -- das heißt in dem Fall recte zu Gericht -- zu gehen, so thut er denn einfach, was ihm zukommt. Nachdem es geschehen und alle Förmlichkeiten, die das Gesetz bei solchen Katastrophen vorschreibt, erfüllt, der ganze Tag auch und noch ein Stück der Nacht darüber hingegangen sind, nimmt Hopp, eh' er schlafen geht, noch seinen Hund vor. »Mein Hund,« spricht er, »jetzt ist die Gendarmerie auf den Beinen, jetzt giebt's Streifereien ohne Ende. Wollen wir es Andern überlassen, den Schuft, der unsern Oberförster erschossen hat, wegzuputzen aus der Welt? -- Mein Hund kennt den niederträchtigen Strolch, kennt ihn, ja, ja. Aber das braucht Niemand zu wissen, das habe ich nicht ausgesagt ... Ich, hoho! ... Ich werd' meinen Hund hineinbringen in die Geschichte ... Das könnt' mir einfallen!« Er beugte sich über Krambambuli, der zwischen seinen ausgespreizten Knieen saß, drückte die Wange an den Kopf des Thieres und nahm seine dankbaren Liebkosungen in Empfang. Dabei summte er: »Was macht denn mein Krambambuli?« bis der Schlaf ihn übermannte. Seelenkundige haben den geheimnißvollen Drang zu erklären gesucht, der manchen Verbrecher stets wieder an den Schauplatz seiner Unthat zurückjagt. Hopp wußte von diesen gelehrten Ausführungen nichts, strich aber dennoch ruh- und rastlos mit seinem Hunde in der Nähe des Lindenrondells herum. Am zehnten Tage nach dem Tode des Oberförsters hatte er zum ersten Mal ein paar Stunden lang an etwas Anderes gedacht als an seine Rache, und sich im »Grafenwald« mit dem Bezeichnen der Bäume beschäftigt, die beim nächsten Schlag ausgenommen werden sollten. Wie er nun mit seiner Arbeit fertig ist, hängt er die Flinte wieder um und schlägt den kürzesten Weg ein quer durch den Wald gegen die Culturen in der Nähe des Lindenrondells. Im Augenblick, in dem er auf den Fußsteig treten will, der längs des Buchenzaunes läuft, ist ihm, als höre er etwas im Laube rascheln. Gleich darauf herrscht jedoch tiefe Stille, tiefe, anhaltende Stille. Fast hätte er gemeint, es sei nichts Bemerkenswerthes gewesen, wenn nicht der Hund so merkwürdig dreingeschaut hätte. Der stand mit gesträubtem Haar, den Hals vorgestreckt, den Schwanz aufrecht, und glotzte eine Stelle des Zaunes an. Oho! dachte Hopp, wart' Kerl, wenn Du's bist; trat hinter einen Baum und spannte den Hahn seiner Flinte. Wie rasend pochte ihm das Herz, und der ohnehin kurze Athem wollte ihm völlig versagen, als jetzt plötzlich -- Gottes Wunder, ~durch~ den Zaun -- »der Gelbe« auf den Fußsteig trat. Zwei junge Hasen hängen an seiner Waidtasche und auf seiner Schulter, am wohlbekannten Juchtenriemen der Hinterlader des Oberförsters. Nun wär's eine Passion, den Racker niederzubrennen aus sicherem Hinterhalt. Aber nicht einmal auf den schlechtesten Kerl schießt der Jäger Hopp, ohne ihn angerufen zu haben. Mit einem Satze springt er hinter dem Baum hervor und auf den Fußsteig, und schreit: »Gieb Dich, Vermaledeiter!« Und als der Wildschütz zur Antwort den Hinterlader von der Schulter reißt, giebt der Jäger Feuer ... All' Ihr Heiligen! -- ein sauberes Feuer. Die Flinte knackst anstatt zu knallen. Sie hat zu lange mit aufgesetzter Kapsel im feuchten Wald am Baum gelehnt -- sie versagt. Gute Nacht, so sieht das Sterben aus, denkt der Alte ... doch nein -- er ist heil, sein Hut nur fliegt, von Schroten durchlöchert, ins Gras ... Der Andere hat auch kein Glück; das war der letzte Schuß in seinem Gewehr, und zum nächsten zieht er eben erst die Patrone aus der Tasche ... »Pack an!« ruft Hopp seinem Hunde heiser zu: »Pack an!« Und: »Herein, zu mir! Herein, Krambambuli!« lockt es drüben mit zärtlicher, liebevoller -- ach, mit altbekannter Stimme ... Der Hund aber -- -- Was sich nun begab, begab sich viel rascher, als man es erzählen kann. Krambambuli hatte seinen ersten Herrn erkannt und rannte auf ihn zu, bis -- in die Mitte des Weges. Da pfeift Hopp und der Hund macht Kehrt, »der Gelbe« pfeift und der Hund macht wieder Kehrt, und windet sich in Verzweiflung auf einem Fleck, in gleicher Distanz von dem Jäger, wie von dem Wildschützen, zugleich hingerissen und gebannt ... Zuletzt hat das arme Thier den trostlos unnöthigen Kampf aufgegeben und seinen Zweifeln ein Ende gemacht, aber nicht seiner Qual. Bellend, heulend, den Bauch am Boden, den Körper gespannt wie eine Sehne, den Kopf empor gehoben, als riefe es den Himmel zum Zeugen seines Seelenschmerzes an, kriecht es -- seinem ersten Herrn zu. Bei dem Anblick wird Hopp von Blutdurst gepackt. Mit zitternden Fingern hat er die neue Kapsel aufgesetzt -- mit ruhiger Sicherheit legt er an. Auch »der Gelbe« hat den Lauf wieder auf ihn gerichtet. Diesmal gilt's! Das wissen die Beiden, die einander auf dem Korn haben, und was auch in ihnen vorgehen möge, sie zielen so ruhig wie ein paar gemalte Schützen. Zwei Schüsse fallen. Der Jäger trifft, der Wildschütz fehlt. Warum? weil er -- vom Hunde mit stürmischer Liebkosung angesprungen -- gezuckt hat im Augenblick des Losdrückens. »Bestie!« zischt er noch, stürzt rücklings hin und rührt sich nicht mehr. Der ihn gerichtet, kommt langsam herangeschritten. Du hast genug, denkt er, um jedes Schrotkorn wär's Schad' bei Dir. Trotzdem stellt er die Flinte auf den Boden und lädt von Neuem. Der Hund sitzt aufrecht vor ihm, läßt die Zunge heraushängen, keucht kurz und laut und sieht ihm zu. Und als der Jäger fertig ist und die Flinte wieder zur Hand nimmt, halten sie ein Gespräch, von dem kein Zeuge ein Wort vernommen hätte, wenn es auch statt eines todten ein lebendiger gewesen wäre. »Weißt Du, für wen ~das~ Blei gehört?« »Ich kann es mir denken.« »Deserteur, Kalfakter, pflicht- und treuvergessene Canaille!« »Ja Herr, ja wohl.« »Du war'st meine Freude. Jetzt ist's vorbei. Ich habe keine Freude mehr an Dir.« »Begreiflich, Herr,« und Krambambuli legte sich hin, drückte den Kopf auf die ausgestreckten Vorderpfoten und sah den Jäger an. Ja, hätte das verdammte Vieh ihn nur nicht angesehen! Da würde er ein rasches Ende gemacht und sich und dem Hunde viel Pein erspart haben. Aber so geht's nicht! Wer könnte ein Geschöpf niederknallen, das einen ~so~ ansieht? Herr Hopp murmelt ein halbes Dutzend Flüche zwischen den Zähnen, einer gotteslästerlicher als der andere, hängt die Flinte wieder um, nimmt dem Raubschützen noch die jungen Hasen ab und geht. Der Hund folgte ihm mit den Augen, bis er zwischen den Bäumen verschwunden war, stand dann auf, und sein mark- und beinerschütterndes Wehgeheul durchdrang den Wald. Ein paar Mal drehte er sich im Kreise und setzte sich wieder aufrecht neben den Todten hin. So fand ihn die gerichtliche Commission, die, von Hopp geleitet, bei sinkender Nacht erschien, um die Leiche des Raubschützen in Augenschein zu nehmen und fortschaffen zu lassen. Krambambuli wich einige Schritte zurück, als die Herren herantraten. Einer von ihnen sagte zu dem Jäger: »Das ist ja Ihr Hund.« »Ich habe ihn hier als Schildwache zurückgelassen,« antwortete Hopp, der sich schämte, die Wahrheit zu gestehen. -- Was half's? Sie kam doch heraus, denn als die Leiche auf den Wagen geladen war und fortgeführt wurde, trottete Krambambuli gesenkten Kopfes und mit eingezogenem Schwanze hinterher. Unweit der Todtenkammer, in der »der Gelbe« lag, sah ihn der Gerichtsdiener noch am folgenden Tage herumstreichen. Er gab ihm einen Tritt und rief ihm zu: »Geh' nach Hause!« -- Krambambuli fletschte die Zähne gegen ihn und lief davon; wie der Mann meinte, in der Richtung des Jägerhauses. Aber dorthin kam er nicht, sondern führte ein elendes Vagabundenleben. Verwildert, zum Skelett abgemagert, umschlich er einmal die armen Wohnungen der Häusler am Ende des Dorfes. Plötzlich stürzte er auf ein Kind los, das vor der letzten Hütte stand, und entriß ihm gierig das Stück Brot, von dem es aß. Das Kind blieb starr vor Schrecken, aber ein kleiner Spitz sprang aus dem Hause und bellte den Räuber an. Dieser ließ sogleich seine Beute fahren und entfloh. Am selben Abend stand Hopp vor dem Schlafengehen am Fenster und blickte in die schimmernde Sommernacht hinaus. Da war ihm, als sähe er jenseits der Wiese am Waldessaum den Hund sitzen, die Stätte seines ehemaligen Glückes unverwandt und sehnsüchtig betrachtend -- der Treueste der Treuen, herrenlos! Der Jäger schlug den Laden zu und ging zu Bette. Aber nach einer Weile stand er auf, trat wieder ans Fenster -- der Hund war nicht mehr da. Und wieder wollte er sich zur Ruhe begeben und wieder fand er sie nicht. Er hielt es nicht mehr aus. Sei es, wie es sei! ... Er hielt es nicht mehr aus ohne den Hund. -- Ich hol' ihn heim, dachte er, und fühlte sich wie neugeboren nach diesem Entschluß. Beim ersten Morgengrauen war er angekleidet, befahl seiner Alten, mit dem Mittagessen nicht auf ihn zu warten, und sputete sich hinweg. Wie er aber aus dem Hause trat, stieß sein Fuß an denjenigen, den er in der Ferne zu suchen ausging. Krambambuli lag verendet vor ihm, den Kopf an die Schwelle gepreßt, die zu überschreiten er nicht mehr gewagt hatte. Der Jäger verschmerzte ihn nie. Die Augenblicke waren seine besten, in denen er vergaß, daß er ihn verloren hatte. In freundliche Gedanken versunken, intonirte er dann sein berühmtes: »Was macht denn mein Krambam....« Aber mitten in dem Worte hielt er bestürzt inne, schüttelte das Haupt und sprach mit einem tiefen Seufzer: »Schad' um den Hund!« [Illustration] Die Unverstandene auf dem Dorfe. I. Die rüstige Waschfrau Josepha Lakomy dankte alle Morgen den lieben Herrgott andächtig für zwei Dinge: erstens, daß er ihren Mann zu sich in die himmlischen Gefilde genommen, und zweitens, daß er ihr Töchterlein Marie in diesem irdischen Jammerthal belassen hatte. Dem lieben Herrgott war es in seiner Allmacht gewiß möglich, mit dem wüsten Gesellen Lakomy fertig zu werden, während dies keinem Menschen, am wenigsten der guten Josepha gelungen war. Der jetzt selige Ehemann hätte gewiß seine Frau erschlagen und ihr Töchterchen zur Waise und Bettlerin gemacht, wenn er nur noch ein paar Wochen im Säuferwahnsinn weiter gelebt hätte. Nach seinem plötzlichen und schrecklichen Ende blühte seine Wittwe förmlich auf und kam jetzt erst zu dem vollen Gefühl ihrer Mutterfreude. Der Frau, die so hart hatte schaffen müssen, um bei der liederlichen Wirthschaft des Hausvaters den Hunger von ihrem Herde fern zu halten, war das Dasein des Kindes beinahe eine Last, oder doch eine Quelle beständigen Herzeleids gewesen. Als aber die mühsam erworbenen Groschen und Gulden ihren Flug nicht mehr in den Branntweinladen nahmen und Mariechen, gut genährt und reinlich gekleidet, allmälig rundere Wangen und röthere Lippen bekam, empfand Josepha bei ihrem Anblick nichts Anderes, als Freude und Stolz. Und dieser Stolz beruhte nicht auf mütterlicher Verblendung, er war vollkommen berechtigt. Mariechen entwickelte sich zu einem bildsauberen und grundbraven Jüngferlein. Etwas Eigenes hatte sie schon als Kind gehabt, einen Ausdruck von großer Traurigkeit in ihren dunkeln Augen, und den einer gewissen anmuthigen Würde in ihrem ganzen Wesen. Ihrem Lachen, wenn es je erklang, merkte man deutlich an, daß es nicht aus dem Herzen kam, sondern nur ein Zugeständniß an die Fröhlichkeit Anderer war. Sie selbst, welchen Grund hätte sie zur Fröhlichkeit gehabt in dieser rauhen Welt, deren Berührung für ein zartes Gebilde wie sie fast immer eine Verwundung bedeutete? Das zierliche, von schweren, schwarzen Zöpfen umflochtene Haupt leicht vorgebeugt, wandelte sie gleichsam in einer Atmosphäre von milden, wehmüthigem Selbstgefühl. Es verließ sie nie, es adelte all ihr Thun und Lassen. Hoheitsvoll stand sie neben ihrer Mutter am Waschtrog, sah melancholisch in den Seifenschaum, schien die Arme kaum zu rühren und förderte dabei in der Stille die Arbeit rascher, als das ganze übrige herrschaftliche Waschküchenpersonal dies that. Und mit dem Plätteisen mußte man sie hantiren, die Ruhe und Versunkenheit mußte man sehen, mit der sie den glühenden Stahl über die feuchten Linnen führte, daß es zischte und der Dampf aufstieg, die Wäschstücke aber schlohweiß und eines nach dem andern kunstgerecht gefaltet, sich in unglaublicher Geschwindigkeit neben der kleinen Meisterin zum Berge thürmten. Wenn eine der Gehülfinnen sich einmal einen unzeitigen Scherz mit ihr erlaubte, erhob sie die Augen vorwurfsvoll zu der Frevlerin und gab keine oder eine kurze Antwort, deren Sinn, sie mochte nun lauten wie sie wollte, doch immer nur der eine war: wie kann man so thöricht sein! Freilich, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht plagt man sich nicht beständig; es giebt Erholungs-, es giebt Sonn- und Feiertage. An solchen ging Marie, wie die andern Mädchen, im höchsten Staat zur Kirche und nahm sich dort in ihrer tiefen Andacht aus wie eine Heilige. Ewig schade nur! nicht wie eine Heilige auf Goldgrund. Ersparnisse zu einer Mitgift für die Tochter hatte die fleißige Josepha nicht zurücklegen können. Man hatte sich seit dem Tode des Vaters wieder eingerichtet, lebte anständig, litt keine Entbehrungen, das war aber auch Alles. Frau Lakomy beklagte sich oft sehr ausführlich darüber und bedauerte ihre Marie, die trotz ihrer in der ganzen Welt, das heißt auf wenigstens drei Meilen in der Runde, bekannten Bravheit und Schönheit doch nicht unter die Haube zu bringen sein werde. »Wer nimmt heutzutage ein Mädchen ohne Mitgift?« fragte Josepha, wie schon im gleichen Falle die Mütter vor hundert Jahren gefragt haben mochten. So war Marie siebzehn Jahre alt geworden, ohne daß auch nur der Schatten eines annehmbaren Freiers über den Horizont geglitten wäre, als sich plötzlich die Aussicht auf eine wahrhaft glänzende Versorgung eröffnete. Der einzige Sohn eines reichen Bauers begann dem hübschen Wäschermädchen schüchterne Aufmerksamkeiten zu erweisen. Er war in seiner Art, was sie in der ihren: ein Gegenstand des Lobes und der Bewunderung. Sein Vater erzählte so oft, der Bub' sei aufgewachsen, ohne Prügel gekriegt zu haben; daß man sich's endlich merken mußte. Doch ermangelte der Alte nie, in weiser Voraussicht dessen, was allenfalls noch kommen könnte, hinzuzusetzen: »Hat's auch nicht nöthig gehabt -- bisher.« Josepha, die ihr Leben lang wacker und klug gegen das Mißgeschick gerungen hatte, verlor einer ersten unerwarteten Glückverheißung gegenüber alle Haltung. Die Aengstlichkeit, mit der sie in die Zukunft geblickt hatte, verwandelte sich in freudige Zuversicht vom ersten Augenblick an, in welchem sie die Neigung des Dorf-Majoratsherrn zu ihrer Tochter aufkeimen sah. -- »Er hat Dich lieb, er wird Dich heirathen,« versicherte sie. Marie jedoch senkte die langbewimperten Augen und erwiderte seufzend: »Mutter, das versteht Ihr nicht. Er hat mich lieb, er möchte mich heirathen; aber was werden seine Leute dazu sagen?« -- »Im Anfange vielleicht nein, am Ende gewiß ja, wenn der Alois nur auf seinem Willen beharrt,« meinte die Mutter. Marie schwieg und erwog bei sich, ob der Alois der Mann darnach sei, auf seinem Willen zu beharren. Der Hochsommer war gekommen, der letzte mit Garben beladene Wagen in die herrschaftlichen Scheunen eingefahren worden, der Tag des Erntefestes erschien. Da wurde im Schloßhof getanzt bis zur sinkenden Nacht, und der ländliche Ball machte für Mariechen den ganzen Fasching aus. Die Tanzlust, der sie bei dieser Gelegenheit nicht Genüge that, blieb ihr zwölf Monate hindurch in den Beinen stecken. Und wenn sie auch melancholisch, fein und höchst edel war, tanzte sie doch eben so gern, wie irgend ein gewöhnliches Mädchen, nur -- viel schöner. Anmuthig, wie der Wipfel einer jungen Tanne wiegte sie sich in den Armen ihres glücklichen Tänzers, und keiner durfte es lange bleiben; denn ungeduldig warteten schon ein paar andere auf das Glück, die lieblichste und gefeiertste von allen Dorfjungfrauen im Reigen zu schwingen. Im dichtgedrängten Schwarm der Zuseher stand auch Alois. Für ihn, den Bauernsohn, schickte es sich natürlich nicht, an der Unterhaltung der Knechte und Mägde und der Bediensteten des Schlosses theilzunehmen. Doch verfolgte er, den Hut tief in die Stirn gedrückt, die verschränkten Arme an die Brust gepreßt, jede Bewegung Mariens mit leidenschaftlicher Spannung. So oft ein neuer Tänzer sich ihr nahte, schoß es unter den finster zusammengezogenen Brauen des Burschen feurig hervor; Niemand hätte seinen sanften, blauen Augen zugetraut, daß sie so wilde Blicke zu schleudern vermöchten. Plötzlich schüttelte er sich wie ergriffen von einem fieberhaften Trotz, und -- sprang mit beiden Füßen mitten in den Tanzplatz hinein. Mit der linken Hand schob er den Hut tief zurück ins Genick, die rechte erhob er einen Augenblick gen Himmel, als rufe er ihn zum Zeugen des Ungeheuren an, das er im Begriff stand zu vollbringen. Dann stieß er ein lautes Jauchzen aus, stampfte den Boden und winkte Mariechen zu sich heran. Die, eine Pause benützend, um ein wenig zu verschnaufen, war soeben zu den andern gleichfalls rastenden Mädchen getreten und wischte sich mit dem gestickten Tüchlein den Schweiß von der Stirn. Als der Wink des Alois an sie erging, schauerte sie zusammen und erwartete erst in wonniger Ueberraschung die Wiederholung desselben. Dann aber schritt oder flog sie vielmehr auf den Burschen zu, der sie in seinen Armen empfing und im Tacte der eben von Neuem anhebenden Musik zu schwenken begann. Weltvergessen, in unaussprechlicher Lebens- und Liebesfreudigkeit drehte sich das glückliche Menschenpaar auf beschwingten Füßen, taub und blind für alle Rufe und Zeichen des Mißfallens, das sein eigenmächtiges Verletzen altherkömmlichen Brauches erregte. Nicht lange, und es wurde aus seinem Taumel geweckt. Ein kleiner, derb gebauter Mann wackelte mit weit ausgespreizten Knieen auf Alois zu; eine Hand, unter deren Wucht des Jünglings kräftige Gestalt fast zusammenknickte, legte sich auf seine Schulter, und eine vor Zorn erstickte Stimme raunte ihm zu: »Komm' nach Haus.« Er stand sogleich still und ließ Mariechen fahren, die erschrocken, in peinlicher Verwirrung an ihren vorigen Platz zurückeilte. Ihre Wangen flammten, und eine schmerzlich bittere Entrüstung sprach aus ihren Zügen; doch verlor sie auch jetzt nicht das stolze Bewußtsein ihres Werthes. Unterschätzt konnte sie werden, aber nicht gedemüthigt. Hätte Alois die Kühnheit gehabt, sie anzusehen, vielleicht würde er aus ihrem Anblick die Kraft geschöpft haben, einen Kampf aufzunehmen um einen so köstlichen Besitz. Aber er besaß diese Kühnheit nicht. Sanft wie ein Lamm zog derjenige, der soeben erst ein Löwe geschienen, hinter dem voranschreitenden Alten vom Schauplatz seines Triumphs und seiner Niederlage ab. II. Schon seit geraumer Zeit hatte der Weg, den Alois am Morgen nach dem Felde nahm, richtig immer an dem von Josepha und ihrer Tochter bewohnten Hause vorbei geführt. Der Bursche machte sich diesen Zufall nicht zu Nutze; im Gegentheil, sobald er in die Nähe der Fenster kam, hinter denen er das hübsche Mädchen hätte erspähen können, wandte er den Blick ab und schnalzte dann wüthend mit der Peitsche über die Köpfe seiner Pferde hin. Mariechen hielt sich ruhig an ihre Arbeit, während er draußen vorüberzog, und nickte nur gnädig bejahend der Mutter zu, die regelmäßig mit gespieltem Mißvergnügen sprach: »Der schnalzt heute wieder, der! daß einem die Ohren gellen.« Am Morgen nach dem Erntefest ging Mariechen zeitiger denn je an ihr Tagewerk und begann zu plätten, hurtig und gediegen wie immer, aber mit einem ganz besonderen Eifer. Die Mutter ließ die eigene Arbeit fast ruhen, um der Tochter bewundernd zuzusehen. Doch wagte sie nicht, ihren Gefühlen Worte zu leihen; eine gar zu finstere Wolke verdüsterte Mariechens Stirn, ein gar zu tiefer Groll umlagerte ihre festgeschlossenen Lippen. Josepha horchte schon lange aufmerksam nach der Straße hin, warf von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Wanduhr und murmelte: »Die rennt wie närrisch! die rennt!« -- Und nach einer halben Stunde beharrlichen Schweigens begann die Alte wieder: »Ich weiß nicht, mir scheint, ich werd' taub. Jetzt hör' ich nicht einmal mehr, wenn Einer schnalzt.« »Mutter,« entgegnete Marie, ohne die Augen zu erheben, »ich bin nicht taub, aber ich höre auch nichts und möcht' auch nichts mehr hören. Denn, Mutter, wenn der dumme Bub' jetzt daher käm' und mich himmelhoch bitten thät, daß ich ihn nehmen soll -- im nähm' ihn nicht mehr. Ihr versteht das nicht, Mutter, aber ich schwör' es Euch, bei Gott!« Josepha schwieg und staunte. Es war ausgemacht, sie verstand das und überhaupt noch vieles Andere nicht an ihrem wunderbaren Kinde. Dennoch konnte sie sich nicht so schnell von ihrem liebsten Traume trennen. Warum gleich verzagen, was war im Grunde geschehen? Daß Alois sich von seinem Vater vom Tanze hatte wegbefehlen lassen? Was hätte er denn anfangen sollen? -- Dem Vater vor allen Leuten Trotz bieten? Einen lärmenden Auftritt herbeiführen? -- War es nicht gut und klug gethan, sich in einer Kleinigkeit schweigend zu fügen, und seine ganze Widerstandskraft für die entscheidende Stunde zu sparen? -- Mit diesen Gedanken wußte Josepha sich so ziemlich zu trösten, bis eine seltsame Kunde, die das Dorf durchlief, auch zu ihr drang. Der schöne Alois war von seinem Vater so gedroschen worden, daß einer Weizengarbe, die an seiner Stelle eine derartige Behandlung erfahren hätte, der Weg zur Tenne erspart geblieben wäre. Eine ganze Woche lang ließ der große Junge sich nicht sehen; der kleine Alte jedoch stolzirte selbstbewußter denn je umher und sprach mit durchsichtig geheimnißvoller Anspielung zu seinen Vertrauten: »Ja, ja -- am Kind muß man die Prügel sparen, dann geben sie am Erwachsenen 'was aus!« -- Und noch eine Woche, und der Dechant verkündigte von der Kanzel den Bauernsohn Alois und die Bauerntochter Ludmilla als Verlobte. Eines sonnigen Spätherbstmorgens bewegte sich ein lärmender Hochzeitszug, in vierzehn Gefährten, durch die lange Gasse des Dorfes. Voran ein Leiterwagen größter Qualität, beladen mit der Aussteuer der Braut: bunt bemalte Kasten und Truhen, deren prunkvolles Aeußere auf den entsprechenden Inhalt an Linnen, Gewändern und Hausgeräth schließen ließ. Unzählige hochaufgeschichtete Kissen und Federbetten, eine zitternde Pyramide, auf welcher zwischen Himmel und Erde das Wahrzeichen einer unbefangen ausgesprochenen Hoffnung, die wuchtige, derb geschnitzte Wiege schwankte. Drei Musikbanden folgten, und jede von ihnen war beflissen, die beiden andern in Grund und Boden zu schmettern und zu pauken. Dann kam der Brautwagen, von vier glänzend geschirrten, glockenbehangenen Pferden gezogen. Sie wurden vom Sattelgaule aus von einem Burschen gelenkt, der kaum unter der Fülle von Bändern und Flittern, die ihm über die Augen niederhingen, hervorzugucken vermochte. In der Mitte des Wagens saß, prächtig angethan, die Braut auf einem hohen Schemel und schluchzte, nach dörflicher Sitte aus Leibeskräften. Ein stolzes Gebäude, wie eine geschlossene Krone geformt, schmückte ihr Haupt. Die breite, in Falten gelegte Krause stieg gleich einem Pfauenrad im Nacken empor und bildete um den Hals ein Halbrund, auf dem das Gesicht wie auf einer großen Schüssel ruhte. Das kurze Leibchen aus grünem Damast starrte von Goldborten, und von den acht Röcken, welche die bäuerliche Erbtochter trug, waren drei aus schwerem Seidenstoff. Neben sie hatte man ihr Spinnrad hingestellt, und sie war von einem Hofstaat von jungen Mädchen umgeben, die pflichtgemäß dafür sorgten, daß die Thränen der Braut auf dem Wege zur Kirche nicht versiegen konnten. Zu diesem Zwecke sangen sie herzzerreißend traurige Lieder von der entschwundenen Jugendzeit, von dem Scheiden der Tochter aus dem Elternhause, und von den Mühen und Kümmernissen des Ehestandes. An das Gefährte der Braut schloß sich das des Bräutigams, der schön und stattlich aussah in seiner schmucken Tracht. Ein Vergnügen war's, wie die Bänder an seinem Hut so lustig flatterten, wie die grüne Jacke so trefflich auf seinen Schultern saß, wie der Gürtel, der die rothe Lederhose festhielt, die Geschmeidigkeit der jugendlich schlanken Gestalt so gut hervorhob. Hätte er sich nur gerade aufrichten wollen, er würde alle seine Kameraden überragt haben. Aber er stand gebeugt, den Kopf auf die Brust gesenkt, und die besten Witze des officiellen Spaßmachers vermochten nicht, ihn zum Lachen zu bringen. Einmal nur nickte er zustimmend, als jener rief: »Der Bräutigam wäre lieber eine Braut, da könnte er heulen nach Herzenslust.« In der Carriole, die zunächst folgte, erhob sich ein vierschrötiges Männlein, ballte die Faust gegen Alois und rief mit grausamem Humor: »He Du! -- Mach' keinen solchen Spektakel, hörst?« Gelächter erscholl, Alois that einen kräftigen Zug aus der Branntweinflasche, die ein Kamerad ihm reichte, jauchzte, biß die Zähne zusammen und versank wieder in sein früheres Schweigen. Der Alte ließ ihn nicht aus den Augen während der ganzen Fahrt. Als Alois die Schwelle der Kirche überschritt, fühlte er die eiserne väterliche Hand auf seiner Schulter. Der spöttisch drohende Blick, unter dessen Bann er stand, wandte sich erst von ihm ab, nachdem das bindende »Ja« gesprochen war. Dann jedoch löste sich alle Strenge, alle Besorgniß in Liebe und Jubel auf. Jetzt war der Herr Vater zufrieden, und da er es mit den Andern war, sollten auch die Andern es mit ihm sein. Das halbe Dorf war zur Feier des Hochzeitsfestes in das Wirthshaus geladen. Was drin nicht mehr Platz fand, tafelte draußen; den Tag über, die Nacht hindurch wurde gegessen, getrunken, getanzt. Die drei Musikbanden thaten ihre Schuldigkeit; weithin dröhnte der Schall ihrer lustigen Weisen, er drang noch deutlich vernehmbar zur Mansarde im Waschhaus und sang dort die Hoffnungen zweier Herzen in den Todesschlaf. Josepha und Marie waren um die gewohnte Stunde zur Ruhe gegangen, und die erste war auch bald eingeschlummert, doch nur für kurze Zeit. Der Winkel, in dem ihr Bett stand, befand sich im tiefsten Schatten; auf das gegenüber stehende Bett Mariens hingegen fiel helles Mondenlicht. Das Mädchen lag vollkommen regungslos, aber mit weit geöffneten Augen. Ihre weißen Zähnchen schimmerten zwischen den Lippen hervor. Die Mutter hatte sich im Bette aufgesetzt und betrachtete Marien lange und wartete mit Bangen, daß sie sich doch nur bewege. Aber das Warten blieb vergeblich, und die Mutter sprach endlich: »Bist wach oder schlafst? Wenn'st schon schlafst, so mach doch' die Augen zu.« »Ja, ja, Mutter,« antwortete Marie und that, wie ihr geheißen worden. Josepha seufzte und band die Schleifen ihrer Nachtmütze fester, um das Gefiedel und Gedudel im Wirthshaus, das ihr das Herz zerriß, etwas weniger gut zu hören. Es half nicht viel; die arme Frau, die so oft über beginnende Schwerhörigkeit klagte, hätte heute etwas darum gegeben, taub zu sein. Ihr Unmuth mußte sich zuletzt Luft machen. »Die verdammten Musikanten!« brach sie los. »So lang' ich auf der Welt bin, hab' ich noch nicht so miserabel schlecht spielen gehört.« Den entrüsteten Ausruf beantwortete ein leises, nicht sehr munter klingendes Lachen. »Ihr seid nicht gescheidt, Mutter; die Musik ist schön, und bei meiner Hochzeit will ich keine andere haben!« sagte Marie. Auf diese Worte fand die Mutter keine Erwiderung. Woran hatte ihre Tochter in dem Augenblick gedacht? In welchen Träumen hatte das Kind sich gewiegt, jetzt, wo die Wirklichkeit so herb und enttäuschend in ihr junges Leben griff? -- Ja, sie war eben das allermerkwürdigste und außerordentlichste Wesen! Josepha legte sich wieder hin, um gemächlicher staunen zu können, und murmelte so oft: »Die Marie! wie die is -- nein, wie die is!« bis sie einschlief. Als sie am Morgen erwachte, stand die Kleine so nett gekleidet wie eine Docke, schon am Herd und kochte den Kaffee. III. Der Winter verging ganz still. Es wurde viel gearbeitet, viel gebetet, und von dem lieben Nächsten weniger Uebles gesagt, als sich hätte sagen lassen. Am Weihnachtsabend machte Mariechen ihrer Mutter eine Ueberraschung. Das letzte der Einrichtungsstücke, die zu Lebzeiten des Vaters hatten verpfändet werden müssen, Josephas Brauttruhe, kam wieder nach Hause. Mittels der selbsteigenen Ersparnisse Mariens eingelöst, stand sie nun frisch lackirt, mit Tannenreisern umwunden, in der Stube, und die Mutter vergoß bei ihrem Anblick Thränen der Freude und -- des Entsetzens. Die Truhe glich in ihrem dunkeln Schmuck und mit den vier an ihren Ecken angebrachten Kerzen ganz und gar einem Sarge. Der Gedanke an den Tod trat der alten Frau lebhafter denn je entgegen, und in seinem Gefolge kam der allerbitterste: »Was geschieht, wenn ich nicht mehr bin, mit meinem Kleinod, meinem Kinde?« Sie hatte soviel ausgestanden in ihrer Ehe und ersehnte doch nichts heißer, als Marie zu verheirathen. Dem Mädchen einen »Ernährer« zu verschaffen, war der höchste Wunsch der Frau, die sich selbst erst satt aß, nachdem ihr Ernährer gestorben war. Eines sonnigen Nachmittags im März war Marie in die Kirche gegangen, dem »Segen« beizuwohnen. Josepha befand sich allein und war eifrigst damit beschäftigt -- was ihr jetzt gar oft geschah -- der gütigen Vorsehung in das Handwerk zu pfuschen. Möge die gütige Vorsehung es ihr verzeihen, aber Vieles hätte Josepha besser einzurichten verstanden als diese. Da hatte zum Beispiel vor Kurzem ein erschütternder Trauerfall das ganze Dorf in Aufregung versetzt: der Vater des schönen Alois war gestorben. Wahrlich, Josepha wünschte keinem Menschen den Tod, am wenigsten einem, gegen welchen sie in der Tiefe ihres Herzens einen Groll gehegt. Wenn aber der Dorfkrösus denn doch bereits am Ziel seiner Tage stand, warum durfte er es nicht um einige Wochen früher erreichen? Alles wäre besser geworden für Alle und zumeist für seinen eigenen Sohn. Der hätte sich mit Marie glücklicher gefühlt als mit seiner hoffärtigen und geizigen Frau, die ihn schlechter hielt, wie es hieß, als die Knechte seines Vaters gehalten worden. Was hatte der Alois jetzt von seinem Reichthum, und wieviel mehr hätte er davon haben können, wenn ihm erlaubt worden wäre, sich mit weniger zu begnügen? Josephas Phantasie begann zu spielen, umwob die Alte mit so lieblichen Bildern, daß sie, ganz in ihnen versunken, ein lautes hartes Klopfen an der Thür überhörte und verdutzt zusammenfuhr, als sie plötzlich dicht unter ihrem gesenkten Blick eine große Hand gewahrte, die sich ihr entgegenstreckte. Sie sah empor -- vor ihr stand ein untersetzter Mensch, etwas kahlköpfig, mit runden Glotzaugen und aufgerissenen Nasenlöchern. Er war sehr elegant gekleidet, im schwarzen Leibrock, in weißen Lederbeinkleidern und hohen lackirten Reitstiefeln mit prächtig funkelnden Sporen. »Nun, Frau Tant'! Wie schauen Sie mich denn an?« -- sagte er, nachdem er sich eine Weile an der Ueberraschung geweidet, mit der sie ihn betrachtete. »Mir scheint, Sie kennen mich nicht mehr.« »Herr Jesus! das is ja der Walter,« sprach Josepha zögernd. »Na endlich! -- der Walter, im glaub' es auch,« lachte er, nahm einen Stuhl, setzte sich der alten Waschfrau gegenüber, und sie begannen zu plaudern. Er war der Sohn einer Muhme Josephas, hatte in seiner Jugend »kein gut« gethan, war zum Militär gekommen in ein Cavallerieregiment und hatte dort sein Talent entdeckt: das Pferdebändigen. Der Rittmeister, Fürst L., der einen Rennstall hielt, hatte ihn in seinen Dienst genommen und sandte ihn zur Ausbildung nach England auf die hohe Schule eines Trainers. Von dort war er als ein ganzer Engländer zurück gekommen, konnte sich aber mit seinem früheren Herrn nicht mehr befreunden und verließ ihn in Folge einer Meinungsdifferenz, wie Herr Walter sagte. Die Wahrheit war, daß er entlassen wurde, weil ein Lieblingspferd des Fürsten seiner rohen Behandlung erlegen. Nun war er als Head-groom in den Dienst der Herrschaft seiner Tante getreten, war gestern angelangt mit sechs Exercises-Jungen und sechs Pferden, und hatte die Aufgabe, die letzteren zu den Herbstrennen »fit« zu machen. »So, so -- fit,« wiederholte die Alte, ohne eine Erklärung dieser Thätigkeit zu verlangen, »was kriegt Er denn für sein Fitmachen??« »Na, es macht halt, Alles in Allem gerechnet, etwas wie zweihundert Livres jährlich, das heißt ungefähr soviel wie zweitausend Gulden.« »Zweitausend Gulden?« schrie Josepha und setzte entrüstet hinzu -- »zweitausend Narren. Ich sehe schon, Er ist noch derselbe Hanswurst, der er immer gewesen ist.« Beinahe eine Viertelstunde brauchte der durch ihren Eifer belustigte Neffe, um sie zu überzeugen, daß er die Wahrheit gesprochen hatte. Dann aber rückte Josepha von ihm weg und betrachtete ihn aus einiger Entfernung, um so einen Totaleindruck von dem Mann zu gewinnen, der »Sie« zu ihr und zu dem sie »Er« sagte, der als kleiner Junge mehr als einen Puff von ihr empfangen und nun dasaß in ihrem bescheidenen Stübchen und zweitausend Gulden Rente hatte. Schön war er durch das viele Geld freilich nicht geworden; aber was liegt daran, ob ein Mann schön oder häßlich ist, eine Frau kriegt er doch ... Dieser Walter hat vielleicht schon eine? Ein gewisses Unbehagen bemächtigte sich Josephas zugleich mit der Vermuthung, und sie war eben im Begriff, sich Gewißheit darüber zu verschaffen, als die Thür abermals geöffnet wurde, und auch geöffnet blieb. Die dunkle Einfassung derselben schloß ein ungemein liebliches Bild ein. Mariechen stand auf der Schwelle, vom hellen Sonnenschein, der die Mansardentreppe überfluthete, wie von einer Glorie umflossen. In ihrem Erstaunen über die Anwesenheit eines Fremden hatte sie den Schritt gehemmt und sah mit dem leicht vorgestreckten Hals und mit dem neugierig scheuen Blick der braunen Rehaugen ganz einfach -- zum Entzücken aus. Walter war aufgesprungen und betrachtete sie völlig bezaubert. Josephas mütterlicher Stolz schwelgte im Anblick des Eindrucks, den die Erscheinung ihrer Tochter hervorrief. Mariechen war eher unangenehm davon berührt und verhielt sich dem Herrn Vetter gegenüber, der sie während der ganzen Zeit seiner Anwesenheit nicht aus den Augen ließ, ablehnend und kühl. Aber gerade dieses Benehmen schien einen besonderen Reiz für den Groom zu haben. Er schlug vergnügt in die Hände, so oft er auf eine seiner kernigen Schmeicheleien eine trotzige Antwort erhielt, und rief: »Das ist mir Eine! So recht! Schon recht, so gefallt's mir. Ja, wenn ich einmal eine Frau nehm', nehm' ich nur eine Stolze!« Josepha schmunzelte: »So hat Er noch keine?« »Noch keine! Bis ~jetzt~ keine.« Er legte einen besonderen Nachdruck auf das »jetzt« und sah dabei Marien mit einem langen bedeutungsvollen Blick an. Allmälig ging er aus seiner unternehmenden Stimmung in eine gemüthliche über. Er rührte sich selbst durch all das Vortreffliche, das er dem Walter nachzusagen wußte, dem armen Kerl, dem viel Unrecht geschehen war in der Welt, aus dessen Knaben- und Jünglingsstreichen so viel Wesens gemacht worden war, und der im Grunde doch Etwas besser hatte, als die Leute, die sich berechtigt hielten, ihn zu richten: sein Herz! »Wissen Sie noch, Frau Tant', wie oft unser Herr Pfarrer gesagt hat: der Bub' ist wild, aber sein Herz ist gut; über sein Herz laß ich nichts kommen!« Josepha wußte sich dessen nicht gleich zu besinnen. Walter kam jedoch ihrem Gedächtniß so geschickt zu Hülfe, daß die alte Frau, als ihr Neffe sie nach einer mehr als zweistündigen Anwesenheit verließ, darauf schwor, den Ausspruch, auf den er sich berief, dereinst wirklich von dem hochwürdigen Herrn Pfarrer selig vernommen zu haben. Nach und nach wurde der Einfluß Walters auf seine alte Verwandte so groß, daß es überhaupt nichts mehr gab, was er ihr nicht hätte weis machen können. Für seine Berufsthätigkeit faßte sie ein lebhaftes Interesse, und ließ sich seine belehrende Unterhaltung von dem Einbrechen der Fohlen, und von der ersten, zweiten und dritten Präparation des Rennpferdes gefallen. Verstand sie auch nicht Alles, was der Neffe erzählte, so nickte sie doch zustimmend dazu und machte das überzeugte und gekränkte Gesicht, das die meisten Frauen annehmen, in deren Gegenwart verehrte Männer Dinge besprechen, die den weiblichen Horizont übersteigen. Sie lernte die Namen von Walters vierbeinigen Zöglingen kennen und war bald im Stande, den Goldfuchs Holiday von dem Rappen Whatergage zu unterscheiden. Sie begann sich sogar ein Urtheil anzumaßen in Trainingsachen; und als der Groom eines Tages erklärte: »Ich bleib' dabei, beim Rennpferd geht nix über die Knebeltrensen,« ließ Josepha sich zu dem Ausruf hinreißen: »Sieht Er, das sag' ich auch!« IV. Mit der Eroberung Mariens hingegen wollte es nicht vorwärts gehen. Walter wurde von ihr nach zwei Monaten eifrigster und heißester Bewerbung mit derselben Gleichgültigkeit behandelt, wie am ersten Tage. Er ließ sich dadurch nicht abschrecken. »Denn,« sprach er tröstend zu Josepha, wenn diese ihn beschwor, nicht die Geduld mit ihrem thörichten Mädel zu verlieren, »ich brauch' sechs Monate, um ein dreijähriges Fohlen herzurichten. So viel Zeit muß Einer auch an seine Zukünftige wenden können.« Diese Langmuth steigerte die Liebe Josephas zu ihm bis zur Schwärmerei, und sie leistete an Ueberredungskünsten, was eine Mutter, die ihre Tochter unter die Haube zu bringen wünscht, nur irgend leisten kann. »Heirathe ihn, glaube mir!« wurde sie nicht müde, Marien zu wiederholen. »Er hat Dich gern, er ist brav und reich und, Gott sei Dank! nicht mehr jung. Was man an einem Jungen hat, davon kann ich erzählen.« Sie äußerte einen solchen Abscheu gegen jeden andern als einen »gesetzten« Mann, daß es nicht ihre Schuld war, wenn Marie nicht endlich überzeugt wurde, daß jung und liederlich eins und dasselbe sei. Alles umsonst! Die Tochter blieb auch nach drei Monaten fortgesetzter Bemühungen von Seite Walters und Zuredens von Seite der Mutter standhaft dabei: »Ich mag ihn nicht! ich nehm' ihn nicht.« Josepha verzweifelte und führte in ihrer Verzweiflung ein neues System ein: das des Schweigens. Sie richtete an ihre Tochter nur noch gezwungen das Wort. Ein kurzes Ja, ein kurzes Nein war Alles, was Mariechen der Tiefgekränkten und Empörten abzuringen vermochte, und auch das nur in dem Fall, als die dringendste Bitte oder Frage des einst verwöhnten Kindes sich durchaus nicht mit einem verächtlichen Achselzucken, einem mürrischen Nicken abthun ließ. Mariechen litt vermuthlich sehr unter dieser grausamen Behandlung, aber sie verrieth es nicht, beklagte sich nicht, sie war liebevoller denn je mit ihrer Mutter und dabei würdevoller denn je. In ihrem Auftreten lag etwas wie die gehaltene hohe Ruhe einer gottergebenen Märtyrerin. Eines Morgens, es war am 29. Juni, -- die alte Waschfrau vergaß das Datum nie wieder -- sie und ihre Tochter waren vom schweigend eingenommenen Frühstück ausgestanden, da stürzte athemlos eine Nachbarin ins Zimmer. »Jesus Maria! habt Ihr schon gehört -- die Bäuerin die Ludmilla -- todt!« »Wer?« schrie Josepha -- »wer?« und die Nachbarin begann von Neuem ihren Bericht. Es war, wie sie gesagt; die Bäuerin Ludmilla hatte das Leben verloren, indem sie es einem Zwillingspaar, zwei schönen kräftigen Knaben gab. »Arme Frau -- so jung -- so glücklich ...« Josepha griff mechanisch nach der Strickerei auf dem Tische, und zog hastig, ohne zu wissen, was sie that, eine Nadel nach der andern heraus. Ihr schwindelte, sie ließ sich auf ihren Sessel zurück sinken, indes die Nachbarin forteilte, um auch bei anderen die erste Ueberbringerin der Schreckenskunde zu sein. Eine Weile blieb Josepha wie erstarrt und blickte nur manchmal zu ihrer Tochter hinüber, die zum Fenster getreten war und die Maschen an der Strickerei wieder auffing. »Marie,« begann die Mutter klagenden Tones. »Was sagst, Marie? -- Sag' doch 'was, Marie!« Diese wandte sich und war so ruhig wie der Mond am Himmel. »Was soll ich sagen? Daß mir recht leid ist um den Alois. Zuerst der Vater, dann die Frau. Jetzt hat er zwei Begräbniss' in einem Jahr.« »Ja, ja,« bestätigte die Mutter fast demüthig. Sie hätte jetzt so Vieles mit ihrer Tochter besprechen mögen. Aber womit denn anfangen? womit, ohne ihr Kind -- ihr weises, räthselhaftes -- so sichtbar von höheren Eingebungen geleitetes Kind zu verletzen? Josepha begnügte sich zuletzt mit einer zärtlichen und feierlichen Umarmung, und man ging an das Tagewerk. Abends erschien wie gewöhnlich Herr Walter. Er hatte dem Whatergage einen »kurzen Spritzer« gegeben und war beim Nachhausekommen durch den Head-cap von dem Todesfall unterrichtet worden, der Alois zum freien Mann und vielleicht zu einem für Walter gefährlichen Nebenbuhler machte. Der Head-cap, der allen Dorfklatsch kannte und seinem Vorgesetzten alles mögliche Ueble gönnte, theilte diesem die große Nachricht voll aufrichtiger Schadenfreude mit. Der Botenlohn, den er erhielt, war ein so kräftiger Schlag ins Gesicht, daß ihm das Blut aus der Nase lief. Auch die Exercises-Jungen wurden unter dem Vorwand von allerlei Dienstversäumnissen tüchtig durchgewichst, und erst nachdem Walter seinen Gefühlen auf diese Weise ein wenig Luft gemacht, begab er sich zu seiner Tante. Die getreue Bundesgenossin begrüßte ihn zerstreut; seine Bitte um Entschuldigung seines späten Kommens erregte ihre Verwunderung. Von seinen Späßen wollte keiner verfangen. Diejenige, die sonst über den schlechtesten derselben aus vollem Halse gelacht, lächelte heute über den besten nur oberflächlich, gleichsam nebenher mit einem Mundwinkel. Der Groom gab sein heiligstes Geheimniß preis, um ihre Theilnahme zu erregen und gestand, daß er beim Holiday Zeichen von »Overmarking« wahrzunehmen glaube. -- Josepha zuckte geringschätzig die Achseln und entgegnete, er möge verzeihen, wenn sie sich heute weder um den Over noch um den Marking nicht bekümmern könne -- der Tod der Bäuerin Ludmilla ginge ihr gar nicht aus dem Kopf. Walter erhob und empfahl sich, und blieb ein paar Tage ganz fort. Erst am dritten erschien er wieder, furchtbar gedrückt, und gelb wie eine Citrone. Josepha war gegen ihn wo möglich noch kühler als letzthin, Mariechen aber -- freundlich, wie sie es niemals gewesen. Ein sanftes, gütiges Mitleid äußerte sich in ihren Blicken; und sie sagte tadelnd: »Aber Mutter!« als diese auf Walters gereizte Frage, ob er vielleicht ungelegen komme? mit einem halben, gedehnten und gezierten Nein antwortete, das ein ganzes Ja enthielt. Der Head-groom und ehemalige Jockey und Sieger in ungezählten Trials und Rennen, bemeisterte sich nicht länger. Wie eine Rakete ging er los und sprühte einen Regen von feurigen Zornesfunken. »Donner und Wetter!« rief er, »spucken Sie's nur heraus, scheniren Sie sich nicht, ich bin Ihnen ungelegen, ich kann gehen und mich aufhenken. Der Alois is wieder an der Tour. Hat er sich bereits gemeldet? Ich trau' ihm's zu, dem Kerl. Der Vater steht nicht mehr hinter ihm mit der Fuchtel, und sein Weib haben's ja schon gestern hinaustragen!« Damit trat er auf die Tante zu, die aus lauter Schrecken nicht einmal die Kraft aufzubieten vermochte, vor ihm zu fliehen. Mariechen warf sich zwischen ihre Mutter und den Wüthenden, der allsogleich zurückwich und die drohend geballte Faust in die Tasche steckte. »Was fällt Ihm ein?« sprach das Mädchen; ihre Augen funkelten, und sie vermochte nur mühsam die Worte hervorzustoßen; doch kämpfte sie wacker und starkmüthig um Ruhe. »Wer erlaubt Ihm, sich so etwas einzubilden? Ich möcht' mich schämen an seiner Stell' ..... Der Alois und ich -- ich und der Alois ... Ich kenn' keinen Alois mehr, die Mutter da weiß es am besten, ob wir noch etwas mit einander zu thun haben, der Alois und ich.« Walter stand vor ihr mit gesenktem Kopf und zu ihr aufwärts gedrehten Augen; er stieß einige unartikulirte Laute aus, und schritt ein paar Male auf und ab. Ein Löwe im Käfig schreitet nicht grimmiger. Doch besänftigte er sich allmälig und brummte sogar eine Art von Entschuldigung. »Nix für ungut. Ich will gern unrecht haben ... Aber wenn man den Menschen zum Narren macht, muß man sich nicht wundern, wenn er einer wird. Und jetzt, Adje. In vierzehn Tagen komm' ich wieder, eher nicht. Ich brauch' Zeit zum Aufpassen .... Wegwerfen thu' ich mich nicht!« Die vierzehn Tage waren noch nicht verstrichen, und schon kam eine Verwandte des Alois, die sich früher niemals bei Josepha hatte blicken lassen, zu dieser in »Visit«. Katzenfreundlich kam sie hereingekrochen, die alte Barbara, und lächelte mit hundert Grübchen im verwitterten Gesicht. -- Sobald sie erschien, machte sich Marie in der Küche zu schaffen und betrat die Stube erst wieder, nachdem die Besucherin abgezogen war. »Ich hab' schon 'glaubt, sie wird hier übernachten,« sprach das Mädchen erregt. »Was hat sie denn wollen?« »Ja, was sollte sie gewollt haben?« Josepha brachte es zögernd und recht vorsichtig heraus. Vom Alois war die Rede gewesen, von seinem Unglück; von den zwei Kindern und dem großen Haushalt, und daß der Alois nicht lang ein Wittwer bleiben könne. »Es steht ihm jetzt frei, sich auszusuchen, wen er will; er braucht nicht aufs Geld zu schauen, nur auf die Bravheit schaut er,« schloß Josepha. »Und so meint die Barbara, und so meint auch der Alois, daß für ihn keine so passen möcht', wie halt -- Du.« »Mutter!« rief Marie unbeschreiblich gekränkt, unbeschreiblich entrüstet. »Das hat sie gesagt, und das haben Sie angehört -- Mutter? Wissen Sie denn nicht mehr? Was ist denn meine beständige Red'? Was hab' ich Ihnen vor Gott geschworen?« Marie hätte ihre Stimme gedämpft, wenn sie in ihrer Aufregung fähig gewesen wäre, die Schritte zu vernehmen, welche die Treppe herauf kamen. Es waren die eines Mannes, eines Beobachters, der das Haus scharf bewachte, der jede Minute gezählt hatte, die Barbara in demselben zugebracht und nun auch fragen kam: »Was hat sie gewollt?« Aber Marie ahnte nichts von seiner Nähe und fuhr in erhobenem Tone fort: »Wenn Sie Alles vergessen haben, Mutter, so merken Sie sich wenigstens, was ich Ihnen jetzt sag', und mehr kann ich nimmer sagen: Eh' ich den Alois heirath', eh' spring' ich ins Wasser, oder werd' dem alten Walter seine Frau!« Ein Ausbruch des Entzückens schlug an ihr Ohr, und sie fuhr entsetzt zurück, als ihr Vetter hereinstürzte, sie in seine Arme schloß, sein Weib nannte, und sie nicht zu Athem und zu Worte kommen ließ, vor Betheuerungen seines Jubels und seiner Glückseligkeit. Ihr Sträuben, ihr beängstigtes Bitten wurde so wenig beachtet wie das Flattern und Rauschen eines Blattes im Wirbelsturm. Vergeblich wandte sie sich beschwörend an ihre Mutter. Bei der fand sie keine Zuflucht, die hatte für sie nur die Antwort: »Du nimmst den Alois oder den Walter, oder bringst mich ins Grab.« Als Mariechen einsah, daß ihr Widerstand ohnmächtig sei, gab sie ihn plötzlich auf und überließ gleichsam Waltern die Entscheidung, indem sie sprach: »Hör' Er zu. Den Alois hab' ich gern gehabt, Ihn hab' ich nicht gern; möcht' Er denn eine Frau nehmen, die Ihn nicht mag?« Dazu lachte er nur. Ihre Erklärung machte ihm nicht »ein bissel« bang. Hatte sie ihn jetzt nicht lieb, sie werde ihn schon lieb bekommen, dafür steh' er gut. Er streckte ihr seine Hände entgegen. Sieht Sie? das sind keine Hände für einen Groom -- ich habe nie gewußt, wozu der liebe Herrgott sie mir so übernatürlich groß hat wachsen lassen. Jetzt weiß ich's. Damit ich Sie recht kommod auf ihnen tragen kann. Und das wird geschehen!« Die Mutter schluchzte laut vor Rührung über diese Worte, und ernannte ihn zum Ehrenmann, soweit er warm war, vom Scheitel bis zur Sohle! und auch er brach in Thränen aus, begann sogleich seine Versicherung von Neuem, und bekräftigte sie mit den heiligsten Eiden. Trotz alledem erlangte er Mariens bindendes Jawort an diesem Tage noch nicht. Erst einige Wochen später gab sie es ihm -- »Um Ruh' zu haben,« wie sie unumwunden erklärte, vor ihm, vor der Mutter, und besonders vor der Barbara, die ihr das Haus einlief mit Botschaften und Bewerbungen des Jammermanns, des Alois. V. Die drei Musikbanden, die bei der Hochzeit des Alois aufgespielt hatten, wurden auch zur Hochzeit Walters in das dörfliche Hôtel entboten und übertrafen sich selbst an Getöse und Dissonanzen. Mariechen tanzte in den Ehestand hinein, tanzte die ganze Nacht hindurch. Ihr Mann saß da breit und geduldig und bewunderte sie. Mit Liebesblicken verfolgte er ihre weiße Gestalt, die anmuthig, melancholisch, unermüdlich dahin schwebte, und die ein leiser Schauer zu durchrieseln schien, sobald der Reigen sie in seine Nähe führte. Dann beugte ihr Gesicht sich tiefer auf die Brust, und ihre gesenkten Augen schlossen sich. Der Morgen kam und machte dem Fest ein Ende. Am Arme des Gemahls wanderte Marie nach ihrer neuen Behausung. Walter hatte während des Brautstandes sich oft der Sorgfalt berühmt, mit welcher er seine geräumige Junggesellenwohnung zum Empfang der holden Frau würdig hergestellt. Damit die Ueberraschung für Marie und ihre Mutter eine völlige sei, hatte keine von ihnen dem Verlobten bei der Besorgung seiner häuslichen Einrichtung hülfreiche Hand leisten, überhaupt keine seine Schwelle betreten dürfen. Und nun kam Marie und sah ihre Wunder. Vor Allem ein Kanapee, mit rothem Sammet überzogen, und einen Spiegel in Goldrahmen an der Wand. Ein grüner Vorhang an einem Fenster, und am andern ein gelber, etwas verschossen beide, aber -- einst waren sie prächtig gewesen, wie der Zimmerwärter sagte, der sie Waltern geschenkt. Die Sessel und den Tisch hatte dieser dem Mann abgekauft. Es waren »Ausmusterer« aus dem fürstlichen Schlosse, und sehr abgenützte, aber -- durch lauter hohe und erlauchte Personen. An dem Tisch, an dem er jetzt mit seinem »Weiberl« frühstücken wollte, hatte Walter vor zwanzig Jahren die hochselige Durchlaucht, die Mutter seines Herrn, sitzen sehen; er bestand aus einer runden, nach der Seite geneigten Platte, die von einem auf dem Kopf stehenden grünen Delphin getragen wurde. Mariechen betrachtete die zusammengewürfelte Meublirung des Prunkgemachs etwas verächtlich, und verlangte Bekanntschaft mit dem Wohnzimmer und der Küche zu machen. Walter kratzte sich hinter dem Ohr. Das Wohnzimmer -- das war da ... das war eben sein eigenes, in dem er gar gern seine Marie aufnehmen und auch dulden wolle, daß sie darin ein wenig Ordnung mache. Nur die Hunde dürften nicht hinausgeschafft werden, mit denen müsse sie sich vertragen. Und die Küche -- was die Küche betraf ... Er wollte es nur lieber gleich eingestehen -- an die habe er nicht gedacht. Die einzurichten bleibe Marien überlassen. Geld dazu und überhaupt zu Allem, was sie freute, stellte er ihr zur Verfügung. Er selbst brauchte so viel wie nichts, sie konnte nach Willkür über seine Einnahmen schalten und walten. Damit legte er seine gestern erhobene halbjährliche Besoldung in Gestalt von zehn »Hunderten« in die Hände Mariens, die sich in deren Besitz reicher dünkte als die Kaiserin, und sich erstaunt fragte, auf welche Weise man es fertig bringen könne, eine so mörderlich große Summe auszugeben? Nur zu bald indessen wurde sie darüber belehrt und machte auch zugleich die Erfahrung, daß Kaufen und Bezahlen für ihren Mann bisher zwei Dinge gewesen, die mit einander nichts zu thun hatten. Täglich erschienen Leute mit Geldforderungen alten oder neuen Datums bei Frau Marie Walter. »Ihr Herr schickt uns,« hieß es. »Geht zu meiner Frau, hat er gesagt, meine Frau führt die Kasse.« Schon nach einigen Wochen mußte Marie ihm bekennen, daß diese Kasse nur noch in seiner Einbildung bestand. Er wurde sehr unwirsch; gleich darauf jedoch warf er sich seiner Frau an den Hals, flehte um ihre Verzeihung, klagte und wimmerte, und verfluchte seinen Leichtsinn. Am Abend gab er, um sich ein wenig von seinen Sorgen zu zerstreuen, im Wirthshaus ein Gelage, zu dem er die besten Trinker des Ortes lud. Er kam freilich heiter und vergnügt nach Hause, aber im Laufe des Tages fand der Wirth sich ein und theilte Marien mit, daß die Kosten des großen Aufwands, den Walter seit seiner Ankunft trieb, ja sogar diejenigen seines Hochzeitsfestes, bis zur Stunde noch unberichtigt geblieben waren. Der Wirth hatte oft und stets vergeblich gemahnt und erklärte sich nun entschlossen, seine Forderung mit Hülfe des Gerichtes einzubringen. Zitternd und zagend bestellte Marie die leidige Botschaft. Sie wußte die Angst, die sie dabei empfand, zu verbergen, vergoß keine Thräne und begegnete dem Wuthausbruch Walters mit Gelassenheit. Er wetterte gegen seine Feinde, die ihn haßten, ihn verfolgten, die ihm das Leben vergällten, und rannte in das Wirthshaus, wo er wie ein Rasender tobte. Nach einem Kampfe, bei dem es blutige Köpfe absetzte, wurde er auf die Straße hinaus geworfen. Der Scandal war groß, kam der Herrschaft zu Ohren und sollte die Entlassung des Head-groom zur Folge haben. Da begab sich Marie auf das Schloß, erbat Audienz bei der Fürstin und erlangte die Begnadigung ihres Mannes. Dem aber sollte bedeutet werden, er habe dieselbe einzig und allein der Fürbitte seiner braven Frau zu verdanken. Der Ueberbringer dieses milden Urtheils war der Kanzleirath. Er fand Walter und Marie in einer sehr rein gefegten, aber kahlen Stube. Das rothe Kanapee, die Vorhänge, der Spiegel waren verschwunden, der ehrwürdige Delphintisch, ein paar Holzsessel und ein elender Schrank -- daraus bestand die ganze Einrichtung. Beim Eintreten des greisen Würdenträgers erhoben sich Mann und Frau. Er legte die Pfeife, sie ihre Flickarbeit aus der Hand und stehend nahmen beide die Verkündigung der fürstlichen Resolution entgegen. Als der Kanzleirath mit der Wiederholung der Worte schloß: »Nur der Fürbitte Seiner braven Frau,« erhob Walter ein tolles Triumphgeschrei. »Ich hab' halt ein Weiberl!« jubilirte er und schlug in seine Hände. »Ein Mann, der ein solches Weiberl hat -- an dem is was! Nicht wahr, gnädiger Herr? Nicht wahr? Jedem, der nein sagt, schlag' ich die Knochen entzwei!« Er schwor, daß er seine schöne, gute, prächtige Frau liebe und vergöttere und nie aufhören werde, ihren Ruhm zu verkündigen. Ueber Mariens abgehärmtes Gesicht war bei den Worten des Kanzleiraths, die ihrer in so ehrenvoller Weise erwähnten, ein Lichtstrahl geflogen; er erlosch und verwandelte sich in düsteres Entsetzen bei den stürmischen Ausrufungen Walters. Mit einer Gebärde tiefinnersten Grauens wandte sie sich von ihm ab. Da schlug er ein lautes Gelächter auf, faßte sie in seine Arme, hielt die machtlos Widerstrebende fest an sich gedrückt und rief: »So is sie! Jetzt können Sie's sehen! Loben soll man sie nicht, lieb haben auch nicht ... Sie is gar zu bescheiden, sie is ein ganzer Engel und eine Zweite giebt's nicht auf der Welt!« Der Kanzleirath betrachtete das Ehepaar mit einer unbehaglichen Empfindung. Was war es denn, das ihn, beim Anblick eines rohen, aber gegen die Frau, die ihn zu beherrschen schien, liebreichen Gesellen an das -- vielleicht halb, vielleicht ganz unbewußt -- grausame Spiel der Katze mit der Maus erinnerte? Er erhob den Finger drohend gegen Walter: »Sekkir' Er seine Frau nicht!« und zu dieser sagte er: »Frauchen, Frauchen, es ist gut zu wissen, daß Sie bei Ihrem Manne so viel gilt. In der Zukunft wird Sie responsabel gemacht für seine Brutalitäten und bösen Streiche. Eine Frau vermag viel über einen Mann, der sie gern hat, bring' Sie den Ihren unter den Pantoffel, das wird gut für ihn sein.« Walter war entzückt von diesem Rath und stimmte frohlockend ein. Ja, der Pantoffel, dafür war er der rechte Mann! Dem Pantoffelregiment wollte er sich von nun an noch gehorsamer fügen, als es bisher geschehen war. Sein geliebtes Weib wisse recht gut, wer ihn an einem Faden lenken könne, wem er sich unbedingt unterwerfe, wer von ihm noch nie ein böses Wort bekommen habe. »Red' doch, Marie! sag's dem Herrn Kanzleirath, ob Du mit mir nicht thust, was Du willst, ob ich's an Lieb' zu Dir fehlen lass'.« »Nein! nein! nein!« stieß Marie mit hastiger Betheuerung hervor, machte sich von Walter los, der ganz gerührt worden war, sie anglotzte und plötzlich zu schluchzen begann. Der Kanzleirath suchte nach einem eindringlichen Abschiedswörtchen. »Walter,« sprach er, »Seine Frau ist jedenfalls Seine bessere Hälfte. Es freut mich, daß Er das erkennt in Liebe und Hochachtung. Suche Er sich diese Seine Liebe zu erhalten, sie adelt Ihn, den übrigens Tiefgesunkenen, und beschützt ihn vor dem totalen Untergang. Also, hört Er? ... Seine Liebe für Seine Frau ...« Ein verstohlener flehender Wink Mariens, den der alte Herr mißverstand, ermunterte ihn mit noch größerem Nachdruck fortzufahren: »Die ist an Ihm das Beste; die lasse Er nie erlöschen in Seinem übrigens nichts taugenden Herzen. Merke Er sich das! Wird Er sich's merken?« »Dreitausend Juramente leg' ich darauf ab!« schluchzte Walter und streckte die Arme nach seinem Weibe aus. Marie jedoch mußte jetzt dem Kanzleirath das Geleite geben, der sich zur Thür gewendet hatte. Im Flur blieb der Alte stehen, klopfte der kleinen Frau freundlich die Wange und sagte: »Nun, hab' ich's gut gemacht, hab' ich --« Der Ausdruck von Verzweiflung in Mariens Gesicht ließ ihn betroffen inne halten. »Gut gemeint haben Sie's, aber Sie haben nichts Gutes gethan,« sprach sie sanft zwar, aber mit einer Entschiedenheit, die jeden Widerspruch, ja sogar jede Frage im Voraus abwies. Der Alte ging seiner Wege. »Nichts Gutes?« fragte er sich. »Was will sie denn? ... Eine feine Frau, eine respectable, treffliche Frau ... Allein aber -- im Gegensatz zu anderen kopflosen und in ewigem Gezappel befindlichen Weibervolk wünschte man ihr ein Endchen Leichtsinn und etwas von der Bewegung, die laut neuester Resultate wissenschaftlicher Forschung -- Wärme ist.« VI. Die Freude des Head-grooms über seine Begnadigung war so groß, daß er, um sie zu bewältigen, einige Freunde zu Hülfe rufen mußte; allein wäre er nie und nimmer mit ihr fertig geworden. Die Gesellschaft begab sich in das zweite, geringere Dorfwirtshaus -- dem ersten hatte Walter seine Kundschaft entzogen -- und trank dort bis zum hellen Morgen, und zwar ohne Unterlaß auf die Gesundheit der Frau Marie Walter. Diese Huldigung glaubte ihr Mann ihr schuldig zu sein, der goldenen Säule seines Hauses, und er hielt sich und seine Gäste so eifrig dazu an, daß ihnen in jener Nacht nicht einmal Zeit zu einem Spielchen übrig blieb. Das Versäumte konnte erst am folgenden Abend nachgeholt werden, und dabei erging es dem armen Walter schlecht. Er verlor alles Geld, das er bei sich hatte, bis zum letzten Kreuzer. Der ganze Vorschuß auf die nächstjährige Besoldung, den die Güte des Kanzleiraths ihm erwirkt hatte, befand sich bald in den Taschen seiner guten Kameraden. »Uebergebe Er das sogleich Seiner Frau!« hatte sein menschenfreundlicher Gönner ihn gemahnt, als er ihm die Summe einhändigte. Und hoch und heilig hatte Walter es gelobt, auch Wort halten wollen -- dafür rief er Gott und alle himmlischen Heerscharen zu Zeugen auf, als er, ein reuevoller und zerknirschter Sünder, zu seiner Frau heimkehrte. Aber wenn das Unglück einen Menschen einmal beim Schopf hat, läßt es ihn nicht mehr los. Sein Unglück war es gewesen, sein verwünschtes! das ihn den guten Vorsatz vergessen ließ. Walter raufte sich die Haare und schlug an seine Brust und zerfloß in Mitleid mit sich selbst, dem jetzt nichts mehr übrig geblieben war, als die Liebe seines Weibes, das er leidenschaftlich herzte und küßte. Marie bemühte sich, ihn zu beschwichtigen, ging, nachdem es ihr halbwegs gelungen, zu ihrer Mutter, und bat, ihre frühere Beschäftigung an deren Seite, in der Waschküche, wieder aufnehmen zu dürfen. Der halbe Gulden, den sie auf diese Weise täglich verdiente, war der Frau des Mannes, der zweitausend Gulden Rente hatte, unentbehrlich geworden. Nun gab es zweifache Plage, die mit ihrem elenden Hausstande, und die mit ihrem Dienst. Walter änderte sich weder im Schlimmen noch im Guten. Zahllose Male, wegen stets erneuter Excesse entlassen, verdankte er seine Begnadigung immer wieder der Fürsprache Mariens. Daß er ein vorzüglicher, wenn auch rüder Trainer war, und bei seinem Herrn für unersetzlich galt, brachte er gar nicht in Anschlag, es freute ihn, seiner Frau Alles zu verdanken, er wollte gern ihr Schuldner sein und es auch bleiben. -- Schulden hatten überhaupt nichts Drückendes für ihn. So ließ er deren Last wachsen und wachsen, vertrank, verspielte, versetzte das letzte Hausgeräth, das letzte Kleidungsstück. Er konnte es noch so arg treiben, sein Weib schwieg; sogar wenn er es darauf anlegte, bekam er keinen Vorwurf zu hören. Ein Wort, eine Klage von ihr hätte sogleich einen Wildstrom entfesselt: die maßlose Reue des Unverbesserlichen, und unfehlbar eine jener Versöhnungsscenen herbeigeführt, vor denen Marien mehr graute als vor dem Tode. Sie hüllte sich immer enger und fester in die Schleier ihrer Makellosigkeit; sie verdoppelte, verzehnfachte ihren Fleiß. Nachdem sie den ganzen Tag bei der Arbeit zugebracht hatte, wachte sie nun die halben Nächte hindurch und nähte und stickte schöne Gewänder für die reichen Bäuerinnen. Ihre Mutter, die alte Josepha, verzehrte sich in Groll und Gram über den nichtsnutzigen Schwiegersohn. Aber sie durfte ihre Empörung in Gegenwart seiner Frau nicht aussprechen. Unbegreiflicher Weise nahm ihn diese gegen ihre Mutter in Schutz. »Ihr hättet,« sprach Marie, »Euch besser nach ihm erkundigen und ich hätte Euch nicht nachgeben sollen. Jetzt hab' ich ihn, jezt muß ich schauen mit ihm auszukommen. Es ist einmal nicht anders.« Viel herber als die Mutter wurden die doppelzüngigen Bekannten abgefertigt, die sich Marien mit heuchlerischen Mitleidsbezeigungen näherten, in der so vielen Leuten angenehmen Erwartung, eine Frau über ihren Mann klagen zu hören. Die verschmähte Theilnahme verwandelte sich in Schadenfreude und Hohn: Im Grunde hatte ja Marie Walter keine Ursache zur Unzufriedenheit. Mochte man ihrem »Herrn« noch so übel nachreden, daß er ein guter Ehemann war, das mußte man ihm lassen. Er hielt seinem Weibe die Treue, und was verzeiht ein Weib in solchem Falle nicht? Sein tolles Wesen trieb er außer dem Hause, Marie hatte darunter nicht zu leiden, sie wurde von ihm verhätschelt, ihr konnte er recht sein, der Lump! Marie lächelte wehmüthig über solche Faseleien. Sie wußte am besten, wie recht er ihr war. Die Andern erduldeten seine Gewaltthätigkeiten, sie erduldete seine Zärtlichkeiten und -- beneidete die Andern. Aber das sind Dinge, von denen man nicht spricht. Und wovon spricht man überhaupt, wenn man sich den Menschen gegenüber so fremd fühlt wie Marie? Die Ahnung, die stets in ihr gedämmert hatte, daß es einem Wesen von ihrem Werthe nicht wohl ergehen könne in dieser argen Welt, klärte sich allmälig zur Ueberzeugung und machte ihren Schmerz, aber auch ihre Erhebung aus. Zwei Jahre schlichen so dahin. Im Herbste des dritten versammelte sich eine zahlreiche Gesellschaft von Sportsfreunden im fürstlichen Schlosse. Es wurden Privat-Trials abgehalten, als Vorbereitung zu den öffentlichen Rennen. Die von Walter trainirten Fohlen trugen regelmäßig den Sieg davon, und eines Tages ließ sich der Fürst, berauscht durch diese Triumphe, zu der Behauptung hinreißen, daß sogar sein alter Holiday noch vermöchte, alle anwesenden Pferde zu schlagen. Vorausgesetzt, fügte er hinzu, daß Walter ihn steuere. Seiner Gewohnheit entgegen, zeigte sich der Head-groom, der sonst jede Großthuerei seines Herrn überbot, etwas bedenklich. Vor zehn Jahren war er zum letzten Mal als Jokey geritten, war damals schon um etliche Pfund zu schwer gewesen. Und dann der Holiday! -- So ausgemacht wie seinem Fürsten wollte dem Groom der Erfolg des einst Unüberwindlichen doch nicht scheinen. Aber Walters Ehrgeiz war aufs Höchste gestachelt; nach langem Erwägen warf er plötzlich die Mütze in die Luft und rief in einer jugendlichen Anwandlung von Tollkühnheit: »Hol's der Geier, ich thu's! Es wird den Hals nicht kosten, Durchlaucht, und wenn's ihn kostet, so sorgen Durchlaucht für meine Wittib!« Am folgenden Tage fand ein unvergeßlich schönes Rennen statt. Walter lachte bei den Zurufen, die ihn bei seiner Ankunft auf der Bahn von der Tribüne aus begrüßten, und auch Holiday fletschte die langen gelben Zähne und sah verächtlich drein. Wer weiß, was er dachte, der hagere Vollblut; doch zu denken ~schien~ er: Fordert Ihr mich noch einmal heraus? Und könntet doch wissen, was es auch koste: ich bestehe! Vom Anfang nahm er die Führung und war nicht einen Augenblick in Gefahr, sie zu verlieren. Die anderen Pferde kämpften mit ihm, er -- nur mit sich, mit der Athemnoth, die den Alten würgte, während er von seinem Reiter wüthend aufgetrieben den Weg verschlang. Er gab seine letzte Kraft, aber die ganze. Das Maul trocken wie Feuer, die Augen starr und herausgequollen schoß er am Ziel vorbei und schlug zehn Schritte weiter in den Boden, wie ein Projectil. Das Pferd blieb todt, den Reiter zog man noch lebend unter ihm hervor. Aber er sagte gleich: »Mit mir is vorbei!« Der Arzt, der Chirurg eilten hinzu, der Fürst wollte durchaus seinen schwer verwundeten Diener im Schlosse verpflegen lassen, Walter wies Alles von sich, er verlangte nach Hause, zu seinem Weibe, so rasch als möglich zu ihr. Keine Minute von den wenigen, die ihm noch zugezählt waren, mochte er anders zubringen als Auge in Auge, Hand in Hand mit der Vielgeliebten. »Aus dem Weg',« winkte er jedem, der sich seinem Lager nahte, dem Arzt, den Kameraden, dem hohen Gebieter, dem trostsprechenden Priester. -- »Aus dem Weg! laßt's mich nur noch in Ruh' mein schönes Weib anschauen!« keuchte der Sterbende. Unablässig flüsterte er ihr zu, oder lachte leise vor sich hin, wie umgaukelt von süßen Erinnerungen. »Ich war so glücklich mit Dir! -- Ich hab' Dich aber auch glücklich gemacht ... Du hast Deinen Walter rechtschaffen lieb gehabt, nicht wahr, mein Schatz?« Sein Blick suchte den ihren: »Nicht wahr?« wiederholte er. Marie schloß die Augen -- erzitternd neigte sie sich über ihn. Er sah es noch und legte die stumme Gebärde als Bejahung aus. »Ich weiß, ich weiß -- so stirbt sich's gut,« hauchte er im letzten Athemzuge. VII. Wie ein Familienunglück wurde der Tod des Grooms, der das Opfer einer übermüthigen Laune seines Herrn geworden war, im Schlosse betrauert. Man ehrte sein Andenken in jeder Weise. Der Fürst ließ ihm ein Monument auf das Grab setzen mit der Inschrift der »Treue«, und zu gleicher Zeit ergingen aus der Cabinetskanzlei zwei Befehle. Der eine an das Rentamt: »Die von Sr. Durchlaucht Head-groom, Peter Walter, hinterlassenen Schulden sind sofort zu bezahlen.« Der andere an die Hausverwaltung: »Die von Sr. Durchlaucht Head-groom, Peter Walter, hinterlassene Wittwe ist sofort in die jetzo vacante Stelle der hochfürstlichen Wäschmeisterin zu übernehmen.« Die letzte Entschließung erregte im Orte eine Gährung, die sogar von dem sonst unerschrockenen Herrn Kanzleirath als an das Bedenkliche streifend bezeichnet wurde. In den Augen fast aller Frauen schrumpfte die respekteinflößende Frau Marie Walter plötzlich zum kleinen Mariechen Lakomy zusammen. Sie wurde mit einem Rucke in die Kinderschuhe zurückgestellt, und nahm sich in dieser Verfassung nicht besser als eine Carricatur dessen aus, wofür sie gelten sollte: die Vertreterin eines der wichtigsten und bestbesoldeten Aemter im fürstlichen Haushalte. Es gehörte damals viel Charakterstärke dazu, um ihr nicht aus dem Wege zu gehen, so tief war sie durch ihre Erhöhung in der Meinung ihrer Mitbürger gesunken. Der Neid hatte über Nacht die wunderlichsten Verleumdungen ausgebrütet, und sie durchzogen die Luft in dichten Schwärmen. Jeder Argwöhnische schwor auf eine andere; die Wohlwollenden aber, die sich nicht entschließen konnten, an eine derselben zu glauben -- glaubten an alle. Man erinnerte sich, wie oft es geheißen, wie oft Josepha triumphirend verkündet hatte, Walter verdanke sein Verbleiben im Dienste einzig und allein den Fürbitten seiner Frau. Ueber die Natur dieser Fürbitten war man nun im Reinen. Nur über die Person, an welche sie sich gerichtet hatten, blieb man eine Zeit lang im Zweifel. Nach einigem Hin- und Herschwanken schoß plötzlich der Verdacht gleich einem Geier auf das unschuldigste Haupt nieder und krallte sich daran fest. Ach, es war das edle, greise, perückengeschmückte Haupt des Herrn Kanzleiraths! Der Kanzleirath hatte den Vortrag beim Fürsten, sein Einfluß war unbegrenzt. Wenn er ihn bisher nie zu Gunsten seiner eigenen Interessen ausgebeutet hatte, wußte er sich jetzt mit einem Mal schadlos dafür zu halten, der alte Fuchs. So lautete im großen Ganzen das Urtheil der Menge, und die guten Freunde, die dazu da sind, um den Leuten zu sagen, was ihre Feinde von ihnen denken, brachten es den Opfern der öffentlichen Meinung zur Kenntniß. Die alte Josepha verlor beinahe den Verstand darüber. Sie, die Friedfertige, erklärte der ganzen Welt den Krieg und meinte, die Rechtfertigung Mariens durch fanatische Lobpreisungen ihrer Einzigen bewerkstelligen zu können. Sie machte auf diese Art das Schlimme nur schlimmer. Ihrerseits trug die Frau Wäschmeisterin nichts dazu bei, die allgemeine Mißgunst zu vermindern und wenigstens Einzelne aus dem großen Publikum zu gewinnen. Sie vereiste immer mehr, zog die Oberlippe immer verächtlicher in die Höhe und bemitleidete schweigend »die liebe gute Mutter«, die sich vermaß, die Verleumdung nieder ~reden~ zu wollen. Ihres Amtes waltete Marie mit großartiger Umsicht. Sie ging langsam durch die Waschküche und die Plättstuben; der Schlüsselbund an ihrem Gürtel klirrte und begleitete ihre Schritte, wie die eines antiken Feldherrn, mit Erzesklang. Ihre Augen waren falkenscharf für das kleinste Versehen der Mägde. Wenn sie lobte, geschah es wehmüthig, und nie ohne sich selbst mitzuloben. »Hast Du mir endlich etwas abgelernt, Ursula? -- Folgst Du endlich meinem Beispiel, Cordula?« Wenn sie tadelte, geschah es schmerzlich, mit einem schwermüthigen Ausdruck in den wundervollen Augen: »Wie kann man ein Tischtuch so zusammenlegen, Veronica? -- Gott im Himmel! Ein Riß in einer der neuen Servietten, Katherženka!« Sie ging von hinnen, gekränkt in den besten Empfindungen, bestärkt in ihrer schmerzlichen Geringschätzung der Menschen, und betrauerte in der Nachlässigkeit einer ihrer Mägde den Mangel an Pflichtgefühl der gesammten heutigen Jugend. Die leichtsinnigen Wäschermädchen kicherten hinter ihr her. Echte Kinder der Neuzeit, trugen sie Köpfe auf ihren Schultern, denen das Organ der Ehrerbietung fehlte. »Die treibt's heute wieder!« »Wegen einer dummen Serviette!« »Als ob die Herrschaft sich keine neue kaufen könnt'!« »Nein, ~die~ Kränkung! Sie hätte bald geweint,« sagte Veronica, ein derbes, übermüthiges Ding mit breitem Gesicht und Wangen so roth und glänzend wie Himbeeräpfel. »Ach was!« entgegnete die kleine Ursula, die Seniorin der Gesellschaft, »sie wird sich schon trösten, ein Küßchen des Herrn Kanzleiraths wird sie trösten.« Alle lachten und Alle erklärten und betheuerten, daß sie viel lieber ihr Leben lang einfache Taglöhnerinnen bleiben, als sich den Reichthum einer Prinzessin erkaufen wollten um den Preis eines Küßchens vom Herrn Kanzleirath. Die gedankenlosen Kinder ahnten nicht, welches Unheil ihre Reden stifteten. Ihre frevelhaften Reden, die, einmal herausgestoßen in das unendliche Bereich des Schalles, immer weitere Ringe bildeten, einen immer größeren Kreis umspannten, bis sie endlich in den des Mannes gelangten, dem sie eine unheilbare Wunde schlagen sollten -- des Kanzleiraths. Er feierte eben eine Weihestunde. Er falzte mit eigenen tabakgebräunten Fingern die Foliobogen seiner, auf dem Wege der Lithographie in fünfundzwanzig Exemplaren reproducirten »Darstellung der Rechtsverhältnisse des vormals reichsständischen Hauses Herburg.« »Es scheint eine kleine Arbeit, Folteneck,« sagte er zu seinem Schreiber, »aber es ist eine große. Welche Mühe es mich gekostet hat, aktenmäßig festzustellen, daß Wilhelm Franz Johann nicht, wie bisher ausgemacht schien, Anno 1483, sondern schon 1481 die allodiale Grafschaft Scheer, Kaiser und Reich zu Lehen auftrug und solches in ein Kunkel-Lehen verwandelte -- das kann ein Gründling, wie Sie, sich nicht vorstellen.« Der »Gründling«, der dreißig Jahre alt war, und in Folge seiner sitzenden Lebensweise an chronischer Gelbsucht litt, entgegnete giftig, daß er sehr wohl im Stande sei, die beregte Mühe zu ermessen, um so mehr, als er an derselben participirt habe. Uebrigens stelle er, mit Rücksicht auf das Recht, das er durch diese Mühe sich erworben zu haben glaube, den Antrag: ein Exemplar der »Darstellung« etc. dem Wäschdepot zuzutheilen, aber nicht als Lehen, sondern als eine ewige Inhabung. Der Kanzleirath nickte freundlich mit dem Kopfe: »Nicht unfein! nicht unfein! Ins Wäschdepot, zu dem jene Kunkelherrhaft den Grund gelegt haben dürfte. Als Huldigung überdies, dargebracht den Manen der Beschützerin der Spinnerei und Weberei, der hochseligen, auch in der »Darstellung« erwähnten Augusta Maria ...« »Und! Und! Und! ...« fiel ihm der Schreiber ins Wort, der beide Beine mit einer unnachahmlichen Kunst um die Füße seines Sessels geflochten hatte, und sich vor Bosheit zuckend hin und her wiegte. »Und -- was?« fragte der Kanzleirath. »Und der anderen Maria,« entgegnete mit nervösem Gelächter Herr Folteneck. Sein Vorgesetzter verlangte eine Erklärung, ein Wort gab das andere, und so erfuhr der alte, höchst empfindliche Ehrenmann die schamlosen Gerüchte, die seinen reinen Namen befleckten. Er sank zusammen unter ihrer erdrückenden Wucht, und es dauerte lange, bevor er die Kraft aufbrachte, mit gebrochener Stimme zu sagen: »Gehen Sie, Folteneck -- Zulukaffer! Sie haben ein vergiftetes Messer in die Brust Ihres Freundes, ich darf sagen, Ihres Wohlthäters gestoßen. Gehen Sie, rufen Sie mir meine Frau.« Folteneck ging und fühlte sich zerfallener denn je mit sich selbst. Er wäre vielleicht ein guter Mensch geworden, wenn er täglich drei Stunden Bewegung hätte machen können. Der Kanzleirath verließ das Amt, gestützt auf seine Gemahlin, und begab sich, von ihr begleitet, zum Fürsten. »Durchlaucht,« sprach er, »man hat meiner oft gespottet, weil ich viel eifriger beflissen war, einem seit Jahrhunderten in Gott ruhenden Herburg Ansehen zu verschaffen, als meiner eigenen geringen, aber lebendigen Person. Ich habe mich darüber hinweggesetzt. Jetzt jedoch geht man weiter, als ich mich setzen kann. Man bringt meinen Namen in Verbindung mit dem einer hübschen Frau; das ist schändlich, und das lasse ich mir nicht gefallen. Daß ich nie nach einer hübschen Frau gefragt, mich nie nach einer solchen umgesehen habe, dafür bürgt meine hier anwesende Gemahlin.« Der Fürst, eine hohe Gestalt, noch jugendlich und schon etwas kahl, stemmte beide Hände in die Seiten, suchte ein überaus freundliches Lächeln zu verbeißen, sah über den Kopf des Kanzleiraths zum Fenster hinaus und fragte, was dieser eigentlich wolle? »Meine Unbescholtenheit, Durchlaucht! geben mir Durchlaucht meine Unbescholtenheit wieder!« entgegnete der Alte, zitternd vor Schmerz und Grimm. Er wurde mit einer ausweichenden Antwort entlassen. Im Laufe des Tages jedoch ließ der Fürst den Herrn Dechant rufen, und warf ihm die Verwahrlosung seiner Gemeinde vor, die sich kein Gewissen daraus machte, dem Besten -- »ohne Frage Besten!« ihrer Mitglieder durch ganz elende und unbegründete Nachreden das Leben zu vergällen. Die Nähe des geistlichen Herrn hatte immer etwas Aufregendes für den Fürsten. Der Dechant war ein Mann wie ein Baum, und der einzige auf dem Gute, der den Kopf nicht tiefer vor Sr. Durchlaucht senkte, als die strenge Höflichkeit erforderte. Wenn das Gespräch auch noch so friedlich begonnen hatte, es endete von Seiten des Fürsten immer in gereiztem Tone. So sagte er denn auch dieses Mal lauter und schärfer als ihm selbst lieb war, Einiges von »lauer Seelsorge« und von »unchristlicher Gesinnung in der christlichen Gemeinde«. Der Dechant sah ihm dabei unverwandt in die Augen und half mit einem oder dem andern Worte aus, wenn Se. Durchlaucht stockten. Als diese schwiegen, erwiderte der Priester ruhig, er halte die Demüthigung, die den gelehrten und freigeistigen Kanzleirath betroffen habe, für eine Zulassung Gottes. »Ich will ihn ermahnen, sie in Ergebung zu tragen,« schloß er. »Die verleumderische Gemeinde aber verdient ebenfalls eine kernige Zurechtweisung, und diese werde ich ihr in der nächsten Sonntagspredigt ertheilen.« VIII. Sonnabend war's, ein gar feiner Decembermorgen, acht Wochen nach dem Tode Walters und eine vor dem holden Christfest, dem Tag Adam und Evas, der über das Wetter für den Rest des Jahres entscheidet. Vor Sonnenaufgang hatte Marie sich aufgemacht, um zu einer Kranken zu wandern. Es war dies eine alte, einst als Hexe verschrieene, jetzt halb blöde Bettlerin. Die Abwartung des verwahrlosten Weibes kostete der Reinlichkeitschwärmerin Marie nicht wenig Selbstüberwindung. Aber sie hatte sich die Last aufgebürdet und trug sie wacker und treu. Nicht aus Christenliebe, sondern aus Christenpflicht, wohl auch ein wenig aus Widerspruchsgeist und Trotz gegen die Dummheit und den Aberglauben, die sich in der allgemeinen Vervehmung eines hülflosen und armseligen Geschöpfes äußerten. Froh, ihre Aufgabe wieder für einen Tag gelöst zu haben, begab sich Marie auf den Heimweg. Sie trat rasch aus der dunkeln Hütte, mußte aber plötzlich stehen bleiben und die Hände an die geblendeten Augen drücken. Während sie da drinnen geweilt, hatte sich das unendliche Grau, das noch kurz zuvor die Welt umhüllte, in ein schimmerndes Weiß verwandelt. Die Sonne war aufgegangen am Rand der schneebedeckten Ebene, gar nicht so weit schien's vom Ende der langen und breiten Dorfgasse. -- Marie besann sich, wie oft sie als Kind an dieser selben Stelle, in dieser selben Weihnachtszeit gedacht hatte: Ach, wenn Eines nur recht laufen dürft'! jetzt wo der Schnee eine Brücke spannt über Berg und Thal, gleich wäre es dort, und spränge mitten in die Sonne hinein, und stände da von ihrem Purpur umwallt und einem Strahlenkranz, schöner als der der Muttergottes. Warst ein hoffärtiges Kind -- flog es ihr durch den Sinn, strafbar hoffärtig. Aber so arg treibt es eben nur ein Kind. Später wird man bescheidener. -- Wird man? Mariens Kopf senkte sich in verworrenen Gedanken, die einem Gefühl der Anbetung entsprangen, vor jener Lichtspenderin, die beide verklärte; den reinen Himmel und die unlautere Erde, so wunderbar verklärte, daß es keine sichtbare Grenze mehr zwischen ihnen gab. Die Sonne gehört wohl nicht zu den Wesen, die immer nur scheiden und unterscheiden wollen; sie gleicht hier die Unterschiede aus. Wer könnte sagen, ob der goldige Streifen, auf den Mariens Blick sich heftet, noch den Schnee der Ebene oder schon das Gewölk des Himmels säumt? Ja -- so thut die Sonne, der wir alles Licht verdanken, neben das freilich auch, ihr zu Hohn und Tort, der tiefste Schatten fällt ... wie eben jetzt zum Beispiel in den glitzernden Schnee der schwarze Schatten, in den Marie die Spitze des Fußes gesetzt. Sie erhob die Augen und erblickte den Alois im schweren Schafpelz, in Schneestiefeln, die Pfeife im Mund, das Gesicht, soviel Marie davon sehen konnte, hoch geröthet. Vor Kälte konnte es nicht sein, denn er kam ja eben erst aus seinem Hause. Und nach dem Hause wandte er sich auch und rief zurück: »Nicht von der Stelle! Keinen Schritt! -- Moni! Franzi! wollt ihr gehorchen, Rangen?« Nein, die Rangen wollten nicht. Sie humpelten dem Vater nach, so gut es ging, auf ihren noch unverläßlichen Beinen, sanken auch nicht allzu tief in den Schnee, die Däumlinge, aber so kurz der Weg, den sie zurückgelegt hatten, waren ihre Strümpfe doch schon pudelnaß, und Schuhe hatte man vergessen ihnen anzuziehen. Sie antworteten auf alle Befehle, die ihnen ertheilt wurden, nur mit dem Rufe: »Vater! Vater!« Einer suchte dem andern zuvor zu kommen, und Moni, dem das gelang, bezahlte den Sieg theuer, denn plötzlich purzelte er nieder, und zwar ziemlich derb. Alois sprang hinzu, hob den schreienden Jungen vom Boden, nahm ihn auf den Arm, und deckte seinen weiten Pelz über ihn, so daß er eben noch athmen und mit seinen hellen Aeuglein in die Welt hinaus gucken konnte. Sein Brüderchen aber, das ihn da oben thronen sah, stimmte ein lautes Gekreisch an und verlangte ungestüm zu ihm. Ja -- wie sollte der Alois da helfen? Er bückte sich zwar und streckte seinen freien Arm einladend nach dem Bübchen aus; aber das vermochte nicht, sich auf den dargebotenen zu schwingen, versuchte es auch gar nicht, sondern schrie nur immer. »Sei still! sei still!« befahl der Vater, und bückte sich von Neuem, und streckte von Neuem den Arm aus, und war sehr drollig mit seinen ungelenken Bewegungen in den schweren Stiefeln, mit der Pfeife zwischen den Zähnen, dem Kind in seinem Pelze und dem bekümmerten und rathlosen Ausdruck in seinem Gesicht. »Wartet,« sagte Marie plötzlich, »bleibt nur stehen.« Und sie näherte sich, um Alois das Kind zu reichen. Das verstand ihre Absicht sofort und hüpfte frohlockend an ihr empor. Ach, wie federleicht das kleine Ding, das, vor Hast und Aufregung bebend, Marien anlachte mit strahlendem Gesicht und lieblich und liebreich das halboffene Mündchen an ihre Wange drückte. Jetzt aber, nachdem der Fahrlohn bezahlt war, wollte es auch befördert sein und strebte mit Händen und Füßen von ihr weg zum Vater und zum Bruder hin. Einen Augenblick hielt Marie es noch fest, zum ersten Mal ein Wesen fest, das fort von ihr verlangte. Eine unbekannte Empfindung beklemmte und -- erhellte ihre Brust, scheu und zärtlich, geheimnißvoll und süß: die Liebe des kinderlosen Weibes zu einem Kinde. -- Gieb's nicht her! wandelte es sie an. Aber schon hatte sie dem Knäblein seinen Willen erfüllt, schon saß es wie im warmen Neste dem Moni gegenüber. Gern hätte Alois Marien für den geleisteten Dienst gedankt, er brachte jedoch nur ein elendes Gestotter heraus. In zorniger Verlegenheit blickte er den Leuten nach, die des Weges kamen und mit Stichelreden nicht sparten, als sie ihn und die junge Wittfrau neben einander stehen sahen. Er that, als bemerke er es nicht, und sprach überlaut, damit Jeder hören könne, daß er kein Geheimniß mit Marien verhandle. Bitter klagte er über Barbara, die sich um nichts kümmere. Seine Buben hätten erst den Scharlach durchgemacht, und sie lasse sie da im Schnee herumlaufen. Ein altes Mütterchen mischte sich unberufen ins Gespräch: »Geschieht ihm recht! warum bleibt er so lange ledig.« »Ja,« entgegnete ein kecker Bursche, »er fürcht't sich. Es is ihm gar zu schlecht gegangen in seiner ersten Eh'.« »Ach was!« meinte das Mütterchen und schielte nach Marien, »jetzt könnt' er's ja besser haben.« »Wenn's nur dem Herrn Kanzleirath recht ist!« sprach der Bursche, wartete aber die Wirkung seines Spaßes nicht ab, sondern machte sich eilends davon. Die Alte und Barbara, die inzwischen auch herangekommen war, thaten entrüstet und schmunzelten einander dabei vergnüglich zu. Alois hatte eine zerstreute Miene angenommen und sich mit seinen Jungen beschäftigt; jetzt bemerkte er die Barbara, fuhr sie heftig an und wandte sich, von ihr begleitet und immerfort scheltend, nach seinem Hause zurück. Maria hatte die ganze Zeit über nicht mit einer Wimper gezuckt. Die neugierigen Augen, die auf ihrem Gesichte ruhten, suchten vergeblich eine Spur dessen, was in ihr vorging, zu entdecken. Sie schritt weiter mit gewohnter Gelassenheit und sah kalt zum Alois hinüber, der eben jetzt seine Kinder auf der Schwelle absetzte. »Der wird nie frei!« dachte sie, »der wird immer einen Herrn haben. Weil's sein Vater nicht mehr is, muß es der erste beste Narr sein, der an ihm vorbei geht.« IX. Die Kirche war überfüllt, wie immer an den Sonntagen, an denen der Herr Dechant selbst die Predigt hielt. Männer und Weiber drängten sich heran, um kein Wort des Priesters zu verlieren, der nur selten zu seiner Gemeinde sprach. Durch den schwülen Raum zog ein dumpfes Wogen, als er hinter dem Altar hervortrat und mit gesenkten Augen an dem Oratorium vorbeischritt, in dem sich die Herrschaften vollzählig eingefunden hatten. Die Honoratioren in den Chorstühlen standen zu stummer Begrüßung auf, zuerst der schmächtige Kanzleirath sammt stattlicher Gattin und Tochter, denn nie mehr anders, als durch die Bande der Eintracht mit seiner Familie verbunden, ließ der alte Herr sich öffentlich sehen. Steif und starr wandte er sich nach der Altarseite und ab vom Kirchenschiffe, in dessen erster Bank er die unheilvolle Nähe der Frau Wäschmeisterin ahnte. Der Dechant ging auf die Kanzel zu, eine Gasse öffnete sich vor ihm, ehrfurchtsvoll war die Menge zurückgewichen. Nun stand er oben, sprach ein kurzes Gebet und verlas sodann das Evangelium des Tages: Johannes am I. 19.-28. Vers: »Die Juden sandten Priester und Leviten zu Johannes, daß sie ihn frageten, wer bist du?« Zu Ende gekommen, legte der Dechant beide Hände auf die Brüstung der Kanzel, neigte sich ein wenig vor und hob mit klangvoller Stimme an, im Tone eines ruhig Sprechenden und Erklärenden: »Der Apostel, der dem Herrn die Wege bereitet hat, wandelt nicht mehr auf Erden; ihn können die Abgesandten der Heuchler und Pharisäer nicht mehr zur Rede stellen und fragen: Wer bist du? »Aber seine Nachfolger sind unter uns, treue Arbeiter im Weinberge des Herrn und dem Ungerechten ein Dorn im Auge. Wie dereinst den Täufer treten die Ruchlosen heute noch die Kinder Gottes an und fragen: Wer seid Ihr, die Ihr anders seid als wir? »Und wahrlich, auch diese Reinen könnten antworten: Wir sind die Stimme des Rufenden in der Wüste, denn unser Beispiel predigt Euch umsonst. Ihr solltet es lieben, aber Ihr haßt es. Unser Wandel erweckt nicht Eure Lobsprüche und Eure Verehrung, er weckt Euren Verdacht, und dieser die schwarzzüngige, die giftige Schlange: die Verleumdung! -- »Die Verleumdung gleicht dem Diebe, sagt der heilige Johannes Chrysostomus, dem Diebe, der sich in ein Haus einschleicht, erspäht, was zu entwenden ist, und sich verbirgt. Was der Dieb an fremdem Eigenthum, thut der Verleumder am guten Ruf des Nächsten. -- Verleumdung ist eine Art Mord, sagt der heilige Franciscus von Sales. Wir haben drei Leben: das geistige, das körperliche, das bürgerliche. Das letzte ist es, das durch die Verleumdung getödtet wird.« Der Redner machte eine Pause, richtete sich auf, Zornesflammen leuchteten aus seinen Augen; er erhob die Arme und schleuderte in alle zu ihm emporbangenden Gesichter eine furchtbare Anklage: »Diebe und Mörder!« Ein Schauder lief durch die Schar der Anwesenden, viele Wangen erbleichten. »Ihr seid es!« fuhr die machtvolle Stimme fort, »Verleumder und Ehrabschneider!« -- Es giebt Eurer aus Neid, das sind die Schlimmsten; es giebt Eurer aus Thorheit, das sind die Gefährlichsten, es giebt Eurer aus Bosheit, das sind die Verworfensten. Verleumder und Ehrabschneider, glaubt nicht, daß es Mitleid mit Euren Opfern ist, das mir das Wort der Verdammniß auf die Lippen zwingt. Sie bemitleide ich nicht! Auf ihrer Stirn erglänzt schon hier auf Erden der Widerschein der Märtyrkrone, die sie einst im Himmel tragen sollen.« War es Zufall, daß die ausgestreckte Hand des Predigers mit segnender Gebärde auf ein junges Weib hinwies, das verklärten Angesichts, marmorweiß, wie unter dem Einfluß eines Wunders entgeistert und verzückt in der ersten Reihe der Kirchenbänke stand und nun wie überwältigt in ihre Kniee sank. Eine Secunde nur streifte sie sein Blick, dann richtete er sich wieder auf die Menge. »Ihr seid's, die ich bedaure, und ich bin's, ich, von dem der ewige Richter einst Eure Seelen fordern wird.« Und nun, nachdem er die Herzen erschüttert, suchte er sie zu rühren, und es gelang ihm, und er wußte, daß es ihm gelingen müsse. Die Stumpfsten horchten mit dem Gefühl, daß es ihr eigenes Gewissen war, das aus diesem Apostelmunde zu ihnen sprach. Ein paar hundert Köpfe neigten sich zustimmend, als er sagte: »Die Lüge, die Ihr verbreitet, Ihr selber glaubt nicht an sie!« Und die Hände falteten sich wie gelobend, als er seine Gemeinde aufrief zur Reue und Buße, zur lebendigen, thatkräftigen Reue und Buße. Als der Dechant die Kanzel verließ, drängte ein Weib sich zu derselben hin und preßte die faltenreiche Wange an die Stufen, die sein Fuß betreten hatte. Es war die alte Josepha. Marie blieb auf den Knieen, hatte das Gesicht in die Hände gedrückt und konnte sich nicht entschließen aufzublicken. Sie hatte im Bewußtsein ihrer Schuldlosigkeit dem Verdacht ruhig die Stirn geboten, er hatte sie empört, aber nicht verwundet. Dazu besaßen die ihr gleichgültigen Menschen, die ihn hegten, nicht die Kraft. Jetzt aber, nach der öffentlichen Lossprechung, die ihr zu Theil geworden, nach einem Augenblick erdrückender Seligkeit, fühlte sie ihre Stärke und ihren Stolz entschwinden. Ihr verschlossenes Herz hatte sich plötzlich geöffnet, und der Zweifel an sich selbst brach mit seinem Gefolge an Bangen und Zagen herein. Die unerhörte Verherrlichung, die sie erfahren hatte, war die verdient? Konnte ~sie~ ihrer werth sein, die den Preis jeglichen Erdenglückes noch schuldig war, die ihn noch nicht bezahlt hatte in Liebe und Leid? Da lag sie nun, die vor allem Volk Gepriesene, und hätte gern nachgedacht: wie fängst du es an, demüthiger und liebreicher zu werden? und hätte gern gebetet und vermochte es nicht und stieß überall an die Grenzen ihres Wesens. Allmälig jedoch -- wie wurde ihr? Wie kam es so beschwichtigend über sie, die Ringende erlösend, weil es sie weit fort von dem Schauplatz ihres Kampfes trug. In wortloser Sprache und doch so verständlich rief es ihr zu, lieh ihrer Andacht Flügel und ihrem unbestimmten Sehnen einen Ausdruck. Und mehr, weit mehr als sie fassen und begreifen konnte, erweckte es in ihrer Seele die Ahnung einer Anbetung ohne Ende, eines Friedens ohne Gleichen. Lange blieb sie dem wunderbaren Eindruck ganz hingegeben; endlich kam es ihr zum Bewußtsein, daß es die alte Orgel war, die sang, und was sie sang, war das alte Kirchenlied. Und dennoch meinte Marie es heute zum ersten Mal gehört zu haben; und nicht sie allein, auch Andere lauschten voll Erstaunen den Fluthen von Wohlklang, die die Kirche durchbrausten. »Der neue Schullehrer spielt,« flüsterte Eines dem Andern zu, und nach der Messe hieß es: »Das ist ein Meister! Kommt aber auch von weit her, gar von Wien!« Viele Leute wollten wissen, was denn Frau Walter zu der herrlichen Musik sage, ob es nicht eine Freude sei, daß man es jetzt immer so gut und schön haben solle? Sie war gezwungen, stehen zu bleiben, um all' den Fragern und Fragerinnen Bescheid zu geben, die sie umringten; einige ängstlich, andere zutraulich, die meisten in Verlegenheit, und in der offenbarsten -- der Alois. Er hielt sich in schüchterner Entfernung, stopfte seine Pfeife, sah die Leute mit verstohlenen Blicken an und schien sich bei Jedem erkundigen zu wollen: Was meinst Du nun? Auf der Schwelle der Kirche erschien jetzt der Kanzleirath, heiter lächelnd, verjüngt, vergnügt. Statt, wie es in letzter Zeit bei ihm Brauch worden war, der Frau Wäschmeisterin von Weitem in großem Bogen auszuweichen, ging er, wie auf Springfedern, leichten Schrittes auf sie zu und sprach sie vor aller Welt mit freundlicher Stimme an. »Guten Morgen, Frau Walter! ... Das war heute ein Gottesdienst, Frau Walter! Und die Musik! Sehr brav der Schullehrer! Was mich betrifft, meine Andacht wurde nicht wie sonst durch die Musik gestört, sondern erhöht.« Er lüftete den Cylinder von Anno siebenundvierzig. »Adieu, Frau Walter!« Seine Gemahlin aber neigte mehrmals in herablassender Weise das Haupt und sagte huldvollst: »Auf Wiedersehen, Frau Walter, auf recht baldiges Wiedersehen.« Josepha machte tiefe Bücklinge vor der Honoratiorenfamilie, nahm aber bereits den Gleichgestellten gegenüber wegwerfende Mienen an. Während des Heimwanderns legte das strenge Schweigen der Tochter auch der Mutter Schweigen auf; kaum zu Hause angelangt jedoch, öffnete sie die Schleusen ihrer Beredtsamkeit. Sie stellte sich mitten ins Zimmer, die Hände an einander gepreßt, und hörte nicht auf zu fragen, ob es denn eine Frau gebe -- Kaiserin oder Prinzessin, alles Eins! der eine so große Ehre wie ihrer Marie widerfahren sei? Nachmittags betete sie eine Litanei und sprach, nachdem sie damit zu Ende gekommen: »Wenn unser Herr Dechant nicht auch einmal dasteht bei den Heiligen, will ich selber nicht in den Himmel kommen. Was meinst, Marie?« Marie saß im Fenster, das Gebetbuch im Schoße. Bei der Ansprache der Mutter fuhr sie ein wenig zusammen, wie aus einem Traum geweckt, und gab die verkehrte Antwort: »In den Himmel? Heut' früh hab' ich gemeint, ich bin schon dort und hör' einen Engel Orgel spielen.« X. Das Waschküchenpersonal war sehr besorgt, daß es von nun an schwerer denn je sein würde, unter Mariens Befehlen zu dienen. Indessen hatte man sich, wie gewöhnlich, in der unberechenbaren Frau geirrt. Die Mägde mußten bald zugeben, daß sie weniger herb als früher war. Allerdings blieb ihr Scharfblick für jegliches Versehen, das in ihrem Bereiche begangen wurde, ihr treu; allerdings blieb nach wie vor keines ungerügt, doch verletzte ihre Rüge nicht mehr, und die Getadelten kamen auf dem Wege der Besserung rascher vorwärts, weil sie ihn jetzt freudiger betraten. Gegen Ihresgleichen benahm sich Marie seit jener Sonntagspredigt viel eher wie Jemand, der etwas abzubitten, als zu verzeihen hat. Die Stimmung wurde für sie immer günstiger, so günstig, daß Herr Folteneck, in dem die Galle nicht aufhören konnte zu kochen, die giftige Bemerkung machte: »Wenn die Wählbarkeit der Frauen einmal durchgesetzt sein wird, was gewiß geschieht, nicht weil sie so gescheidt, sondern weil wir so dumm sind, erleben wir noch den Anblick der Frau Walter im Parlament als Abgeordnete für Herburg.« Einige Wochen nach Neujahr begab sich etwas, das Marie nicht erwartet hatte. Der Alois erschien, städtisch gekleidet, ohne Strauß im Knopfloch, aber doch als Bewerber, und hielt um ihre Hand an. Sie hatte ihm einen Platz angeboten, er saß ihr gegenüber mit gekrümmtem Rücken und ausgespreizten Knieen und drehte den Hut in seinen Händen. Er war noch hübscher als in seinen Jünglingsjahren, befand sich ja auch erst im Beginn des Mannesalters. Und wie von Herzen gutmüthig sah er aus, dieser Mensch! Und ehrlich überdies, und so solid und ordentlich. Die Augen Mariens ruhten lange fest und nachdenklich auf seinem Gesichte, dann sagte sie traurig: »Ach, Alois, wie viel wäre an Dir, wenn Du nur ein bischen anders wärst!« Er erwiderte, er sei eben, wie er sei, und davon wäre jetzt nicht die Rede, sondern von seiner Bewerbung, und auf diese erwarte er Antwort. Sie seufzte: »Was willst also? Mich zum Weibe? -- Denk' doch an so was nit.« »Warum denn nit? Wer kann denn was dagegen sagen?« versetzte er. »Im ganzen Ort is Niemand, der was dagegen sagt.« »Hast um Erlaubniß gefragt?« Alois überhörte diese spöttische Rede und fuhr fort: »Bin ich nit lang genug allein? Bist du nit schon seit fast sechs Monaten Wittwe?« »Wenn's auch sechs Jahre wären,« antwortete sie. »Für mich is ein solches Glück nit mehr. Der mich lieb gehabt hat, is todt, und der, den ich lieb gehabt hab', is auch todt.« Sie zögerte ein wenig und setzte, zum Fenster hinausblickend, hinzu: »Der is an Deinem Hochzeitstag gestorben.« Er verstand sie nicht gleich, schmunzelte aber geschmeichelt, als die Bedeutung ihrer Worte ihm klar wurde und versicherte, derjenige, den sie meine, lebe noch. Marie schüttelte den Kopf: »Das muß ~ich~ wissen, darüber kann kein Anderer mir Auskunft geben.« Nun begann er ihr Vorstellungen zu machen und fragte, als sie nutzlos blieben: »Warum willst mich denn nit nehmen, sag's?« »Weil ich Dich nit mehr so lieb hab', wie dazu gehört.« Da schmunzelte er wieder und meinte, wenn nur er sich's genügen lasse an dem bissel Liebe, das sie ihm noch spenden wolle, sei alles in Ordnung, um das Uebrige brauche sie sich nicht zu kümmern. Jetzt hatte er seine Sache verdorben; er fühlte es gleich. Nachdem er das gesagt, war es als ob plötzlich ein eisernes Gitter zwischen ihnen niedergefallen wäre. Marie wurde feuerroth: »Ohne Lieb' oder mit wenig Lieb', es kommt auf Eins heraus. Und« -- sie zog die Augenbrauen zusammen und schoß einen so finstern Blick nach ihm, daß der seine sich erschrocken senkte -- »Und ohne Lieb' heirathen, ich hab's früher nit gewußt, aber jetzt weiß ich's -- is eine Sünd' und eine Schand'.« Alois war verblüfft. Die Sünde und Schande luden alljährlich ein Dutzend sehr achtbarer Leute im Orte auf sich. Aber zu widersprechen wagte er nicht, Marie sah gar zu böse aus, und Recht geben konnte er ihr doch wahrlich auch nicht; so schwieg er und dachte still bei sich: »Mit der wird's am Ende doch wieder nichts sein!« Sie schien sich ein wenig ihrer Heftigkeit zu schämen und begann in sanfterem Tone, sogar mit einem Anflug von Herzlichkeit: »Schau, Alois, wenn Du mich am Samstag vor vier Wochen, wo wir einander im Schnee begegnet sind, couragiert gefragt hättest: Willst meine Frau werden? Vielleicht hätt' ich Ja gesagt.« Er sah sie groß an und murmelte: »So? So?« »Ja, so,« wiederholte sie. »Wenn Du mich damals in Schutz genommen hättest gegen das Gered' der Leute, und treu zu mir gestanden wärst, wie die gespottet haben -- dann -- ja, wer weiß, was dann geschehen wär'! -- Aber so was kannst Du halt nit, und darum, Alois, wenn ich Dich heirathen thät, müßt' es mir vorkommen, als hätte ich drei Kinder, zwei kleine und ein erwachsenes.« Er hatte sich beleidigt erhoben und verließ das Zimmer nach kurzem Abschiedsgruß. Marie geleitete ihn bis zur Thür und rief ihm nach: »Nix für ungut, Alois!« Er sah sich aber nicht mehr um. Als Josepha erfuhr, was vorgegangen war, entstand ein großer Zwiespalt in ihr. Sie wußte nicht, ob sie Marien Recht oder Unrecht geben solle. Einerseits fand sie jetzt den Alois zu gering für ihre Tochter, denn ein besseres Leben als dasjenige, das sie bereits hatte, konnte er ihr nicht bieten; andererseits erschien es ihr doch unmöglich, daß Marie immer Wittwe bleibe. Darin widersprach diese und fragte melancholisch: »Was geht mir denn ab?« Hatte sie nicht einen großen Wirkungskreis; hatte sie nicht ihr theures Mütterchen, und am Sonntag den erhebenden Gottesdienst mit der göttlichen Musik? Wie bald indessen, und sie gerieth in Gefahr, eines der Güter zu verlieren, die ihr Dasein erfüllten. Ihre Mutter erkrankte. Zum ersten Mal, seit die alte Frau zurückdachte, kam ein Siechthum über sie, und kam vom ersten Augenblick an schwer und bedrohlich. Monate lang rang ihre kräftige Natur mit einer Reihenfolge von Uebeln, Josepha fiel von einer Krankheit in die andere. Hatte der Arzt heute gesagt: Wenn nur ~das~ nicht geschieht! Wenn wir nur vor ~jenem~ bewahrt bleiben -- morgen war das Gefürchtete schon eingetreten. Was sie selbst betraf, leidensmüde und ruhelechzend, sie wünschte nichts als erlöst zu werden. Sie wäre hinübergegangen, bei vollem Bewußtsein freudig, und hätte einmal wieder gezeigt, wie kleine Leute oft so groß sterben können. Aber die Marie zu verlassen, das kam ihr hart an. O Gott, wenn sie schon am offenen Himmelsthor gestanden und dort der Herzensschrei sie erreicht hätte, den sie jetzt manchmal in dem Wirrsal ihrer Fieberträume zu hören bekam: »Mutter, stirb mir nicht!« -- sie wäre umgekehrt. So verging der Winter, und wie Marie es anstellte, um in jener Zeit nichts zu versäumen, weder in ihrem Dienste noch in der Abwartung ihrer kranken Mutter, ja nicht einmal an einem einzigen Sonn- oder Feiertag den Gottesdienst -- die gescheidtesten Leute konnten es nicht begreifen. Daß sie, obwohl am Ende schwach zum Umsinken, sich doch aufrecht hielt und jeder Pflicht genügte, das ~grenzte~ nicht an das Wunder, es ~war~ eines. Endlich, an einem milden Frühlingstag, die Schwalben waren schon angelangt, der Kastanienbaum im Hofe blühte, da führte Marie ihre Genesene in den lieben Sonnenschein, zu der Bank vor dem Hause. Sie hatte die Mutter zur Feier ihres ersten Ausganges bestens geschmückt, ihr die weiß gewordenen Haare sorgsam gescheitelt, ihr eine fein garnirte Haube aufgesetzt und ein Mousselintüchlein um den Hals geknüpft. Das kleine blutlose Gesicht des alten Weibchens hatte etwas Geisterhaftes, die sonst so lebhaften Augen waren wie erloschen und sahen zu den Händen nieder, die auf der Decke lagen, mit der Marie die Kniee ihrer Mutter umhüllt hatte. Josepha schien sich zu fragen, ob diese abgemagerten Finger mit der dünnen schlottrigen Haut auch wirklich die ihren wären, und bewegte einen nach dem andern, um zu sehen, ob sie noch Herrschaft über ihn besäße. Marie legte den Arm um sie und beantwortete ihre Gedanken: »'s is schon alles richtig. Ihr seid nach wie eh' die ganze theure Mutter.« Die Alte zog die Achseln in die Höhe und wandte den Kopf: »Schau Dich um,« sprach sie, »wer kommt denn da? Hab' noch gar kein Verlangen nach fremden Leuten.« Aber es rief bereits von Weitem: »Wir gratuliren zur Genesung!« Herr und Frau Kanzleirath waren es, und in ihrer Begleitung befanden sich eine ältliche Dame und ein junger Mann. Man hatte vollauf Zeit, sie zu betrachten, während sie sich langsam näher bewegten. Die Dame -- denn als solche erschien sie Marien sogleich -- trat feierlich auf und hielt sich ungemein gerade. Ein Strohhut mit weit vorspringendem Schirm beschattete ihr Gesicht. Dieses mußte einst gar lieblich gewesen sein, jetzt erschienen seine Züge verwelkt und verschwommen. Aber lauteres Wohlwollen glänzte aus den hellgrauen Augen, über denen die Brauen wie verwischt waren. Den blassen Mund umspielte ein schöner Ausdruck von unerschöpflicher Geduld und Leidensfreudigkeit. Die Fremde trug ein schwarzes fadenscheiniges Kleid und einen kleinen alten türkischen Shawl. Ihre Hände staken in grauen, gewirkten Handschuhen und hielten mit besonderer Zierlichkeit ein winziges Parasölchen. Der junge Mann an ihrer Seite sah ihr ähnlich, nur hatte er schöne dichte Augenbrauen und dunkelrothe Lippen. Im Uebrigen war sein glatt rasirtes rundes Gesicht ganz farblos. Lange, schlichte, aschblonde Haare umgaben es und verdeckten zur Hälfte eine mächtige Stirn. Den breitkrämpigen Hut hatte er ins Genick geschoben, ein weiter zurückgeschlagener Ueberrock, der ihm bis an die Fersen reichte, umwallte ihn. Die ganze Erscheinung, das sanfte Antlitz, besonders aber der Blick der klaren blauen Augen, hatte etwas priesterlich Stilles und in sich Gesammeltes. Marie war aufgestanden und verneigte sich vor der Gesellschaft, die nun herangetreten war. Sie fühlte sich seltsam bewegt, und ein Schauer der Ehrfurcht durchrieselte sie, als der Kanzleirath mit bedeutender Gebärde auf das ihr unbekannte Paar wies, und in einem Tone, der von Hochachtung ganz durchdrungen war, sprach: »Der Herr Schullehrer und seine Mutter.« XI. Man wechselte herzliche Glückwünsche einerseits und Danksagungen andererseits für die Beweise von Theilnahme, die Herr und Frau Kanzleirath während der Zeit von Josephas Erkrankung gespendet hatten. Der Schullehrer und seine Mutter verhielten sich stumm, er sah vor sich nieder, sie ließ ihre Blicke mit gütigem Ausdruck von Marie zu Josepha und von dieser wieder zu jener wandern. Sie wandte, nachdem man sich verabschiedet hatte, wiederholt den Kopf, und Marie vernahm Ausrufungen, die für sie keinen oder nur einen dunkeln Sinn hatten: »Verkörpertes Idyll! Poetisch! Rührend! Moderne Nausikaa!« Sie setzte sich zu ihrer Mutter und sprach nach langem Schweigen: »Also -- ~so~ ist er?« »Wer denn?« fragte Josepha, im Begriff, zu einem kleinen Schläfchen einzunicken. »~So~ ist er!« »Wie hätt' er denn sein sollen?« murmelte die Alte schon halb im Traume, ohne sich weiter zu erkundigen, von wem die Rede war. »Wie der Erzengel Michael auf dem Altarblatt,« lautete die Antwort. Auch den nächsten Vormittag und alle folgenden brachte die Reconvalescentin auf der sonnenbeschienenen Bank vor dem Hause zu, und jeder Bekannte, der am Thor des Hofes vorüberkam, trat ein, um einige Worte mit ihr zu wechseln. Es plauderte sich so gut in dem freundlichen Raum. Er war gegen die Dorfstraße und gegen die übrigen Wirthschaftsgebäude zu beiden Seiten mit Mauern abgeschlossen, die von Wein- und Pfirsich-Spalieren überdeckt waren und bis zu einer steilen grünen Böschung liefen, vor der sich ein Wiesenplatz befand. In der Mitte desselben, zwischen zwei Blumenbeeten, stand ein Kastanienbaum von unvergleichlicher Schönheit. Einen weiten Kreis umspannend, reichten seine ausgespreizten Aeste bis an die Erde, und hoch gen Himmel ragte die Spitze seines prachtvollen Wipfels. Eine Welt für unzählige fliegende und kriechende, singende, summende Existenzen, dieser Baum, der strotzend in Gesundheit und Kraft so stolz die Last und den Schmuck seines üppigen dunkeln Laubes und seiner überreichen Blüthen trug. Josepha war alt geworden, ohne sich mit Naturbeobachtungen befaßt zu haben; aber nun, als sie dem grünen Riesenjüngling in gebotener Unthätigkeit gegenüber saß, bemerkte sie zu ihrem Erstaunen, daß allerlei verschiedene Dinge vorgehen können auf einem und demselben Baum. Es gab dort immer etwas zu sehen und zu hören. Ein paar Finkennester mußten im Gezweig verborgen sein, denn täglich konnte man auf einen Sängerkrieg zwischen den Herren und Rittern der brütenden Weibchen zählen. Hoch oben im Wipfel hatte ein Stieglitzpaar sich angesiedelt. Die Gemahlin, eine phlegmatische Natur, der Gatte unstät und neugierig, immer in Bewegung, unter dem Vorwand, für seine Familie die Nahrung herbeischaffen zu müssen. Er flog aus und ein, genoß sein Leben und kümmerte sich um die Streitigkeiten der Nachbarn nur, um sich über sie lustig zu machen. Wenn die einander am Kragen packten und wirbelnd zur Erde niederstürzten, schwang er sich auf einen hohen Zweig und rief spöttisch: Stieglit! Stieglit! Und über ihn und über sein buntes Gefieder und über sein zierliches Liedchen zuckte wieder ein alter Spatz verächtlich die Flügel. Er hatte sein zerzaustes Nest im niedern Gezweig des Baumes stehen, brütete und klatschte abwechselnd mit seinem Weibchen, verzärtelte mit ihr zur Wette seine ungezogene Nachkommenschaft, machte Jagd auf ehrwürdige Hummelmütter und paddelte sich oft dicht vor Josephas Füßen im feinen Sande des Hofes. Die Genesende dankte es den Menschen nicht, die sie stören kamen in ihren bequemen duseligen Betrachtungen. So recht eigentlich Freude hatte die Müde doch nur an dem Beisammensein mit ihrer Marie. Diese wurde von der Mutter nie ohne die vorwurfsvolle Frage entlassen: »Gehst schon?« und wenn sie wiederkam, um Josepha ins Haus abzuholen, da hieß es regelmäßig: »Na -- endlich!« »War Niemand bei Euch, Mutter?« fragte dann Marie, und erhielt sehr oft zur Antwort: »Der Herr Dechant, der Herr Vicar, die Frau Kanzleiräthin« -- und so weiter. Fast täglich jedoch war der Besuch der Frau Judica Wellner zu melden. Marie hätte gern gewußt, wovon denn die beiden Frauen sprachen; aber eine Scheu, die ihr selbst sonderbar vorkam, hielt sie ab zu fragen, und Josepha verlangte nach all den ertheilten Audienzen nicht Besseres, als den Rest des Tages schweigen zu können. Eines Sonntags, am Nachmittage, Josepha war schon nach Hause zurückgekehrt, und saß ganz klein zusammengebückt in einem würdigen Lehnstuhl, der auf expressen Befehl der Fürstin aus der Rumpelkammer des Schlosses herbeigeschafft worden war. Da faßte sich Marie ein Herz und machte eine bedauernde Bemerkung über das heutige Ausbleiben Frau Wellners. Aber der undankbaren Alten war dieses Ausbleiben gerade recht. Die gute Wellner langweilte sie am Ende, sie brachte immer dieselben Geschichten vor, und alle drehten sich um ihren Sohn. Marie schob der Mutter den Schemel unter die Füße, glättete die Decke auf ihren Knieen, stellte eine Schleife des Haubenbandes, die umgekippt war, wieder auf und sagte langsam und bittend: »Geht, Mutter, laßt mich auch einmal eine solche Geschichte hören.« Ihr Wunsch blieb unerfüllt. Es fiel Josepha nicht ein, von »dem Zeug« zu sprechen. Sie pries sich glücklich, einmal einen ganzen Tag lang nichts davon hören zu müssen. Das Wort war kaum ausgesprochen, als sich ein leises, äußerst rücksichtsvolles Pochen an der Thür vernehmen ließ und gleich darauf Dame Judica eintrat. Sie entschuldigte sich sehr, daß sie heute Vormittag nicht habe kommen können; aber die Messe hatte so lange gedauert, und nach derselben mußte das Haus bestellt werden. Wie freute sie sich jetzt, daß ihr das seltene Glück widerfuhr, die beiden Frauen zugleich anzutreffen. Sie wollte in ihrer Höflichkeit auf einem Holzsessel Platz nehmen, und es kostete Marien viel Mühe, sie endlich doch auf das Sopha zu nöthigen. Dieses war kürzlich mit gleißendem, schwarzem Wachstuche überzogen worden, weil das, wie der Sattler versicherte, jetzt so modern sei. Judica konnte nicht umhin, es zu bewundern, obwohl sie in ihrem seidenen Fähnchen auf dem glatten, fest wie das Fell einer Trommel gespannten Sitze gar keinen festen Halt zu gewinnen vermochte. Sie ertheilte auch dem spiegelhellen und spiegelblanken Zimmer großes Lob, nicht minder der Hochzeitstruhe, dem Kasten am Pfeiler zwischen den Fenstern, und den Tassen, die auf dem Kasten standen. Aber nun -- was entdeckte sie nun? ach, wie hübsch war das! -- Eine dieser Tassen bekundete sich als Zwillingsschwester derjenigen, die Anton seiner Mutter zum letzten, dem fünfzigsten Geburtstag verehrt hatte. Er war ihren Lippen entflohen, der geliebte Name, und Josepha hatte alsbald die Bosheit, dergleichen zu thun, als ob sie ein Gähnen unterdrücke, und schloß die Augen, während Marie die ihren weit öffnete, und die Rednerin fortfuhr: »An Aufmerksamkeit läßt mein Anton es nicht fehlen. Ueberhaupt habe ich alle Ursache, Gott zu danken, der ihn werden ließ, wie er ist, wenn ich bedenke, was für ein wilder Junge er war.« »Wild? der Herr Schullehrer waren ein wilder Junge?« fragte Marie gespannt und etwas ungläubig. Judica erhob ihre Augen und ihre Hände gen Himmel: »Ach, liebe Frau! der hat mir etwas aufzulösen gegeben! Sie würden staunen, wenn Sie hörten ... Aber,« unterbrach sie sich mit einem schüchternen Blick auf Josepha, »Ihre Frau Mutter kennt diese Geschichten.« »Meine Mutter schlaft, sie schlaft sich jetzt gesund,« bemerkte Marie entschuldigend, und dabei äußerte sich in ihren Mienen eine deutliche Bitte, die Judica alsbald erfüllte. Einem so aufmerksamen Auditorium gegenüber verfährt man jedoch gründlich: dem erzählt man nicht Geschichten, sondern Geschichte, und nicht erst bei der ihres Sohnes, schon bei ihrer eigenen begann Judica. Sie war die jüngste von sechs Töchtern des Directors einer Volksschule in Wien. Zu fünfzehn Jahren hatte sie sich mit dem damaligen Lehrer Wellner verlobt, und zehn Jahre hatte ihr Brautstand gedauert. Im elften war es dem geliebten Mann endlich gelungen, die langersehnte und erhoffte Stelle eines Gymnasial-Professors gleichfalls in Wien zu erlangen, die es ihm möglich machte, einen Hausstand zu gründen und seine Verlobte heimzuführen. Judica wußte, daß Marie in ihrer Ehe kein Glück gefunden hatte; so sprach sie denn von demjenigen nicht, das ihr in der ihrigen erblüht war. Sie glitt rücksichtsvoll über diese Periode ihres Lebens hinweg und kam gleich bei den Schmerzenstagen an, die dem Tode ihres Mannes folgten. Anton stand im neunten Jahre und war ein Wildfang, wie es je einen gab. Selbständig von klein an, lief er am Sonntag von einer Kirche zur anderen -- nicht aus purer Andacht, leider; der Gesang, das Orgelspiel, die übten Zaubermacht auf ihn. Er wußte genau Bescheid über jedes Graduale, jede Motette, die er gehört hatte, und Niemand ahnte, wie er dazu gelangt war -- es flog ihn so an. Einmal kam er nach Hause gestürmt und schrie: »Mutter, ich will _Regens chori_ werden!« Die Mutter hatte davon einen Todesschreck. Eines stand ihr fest -- ~sein~ Beruf war der des Lehrers und Erziehers. Von frühester Jugend an hatte er sich bei ihm geäußert. Er schnitt Puppen aus Papier -- das waren seine Schüler, stellte sie in eine umkehrte Fußbank -- das war der Schulsaal und hielt ihnen Vorträge, sprach ihnen zu Gemüth, und belohnte oder bestrafte sie. Zu vierzehn Jahren hatte er schon Unterricht gegeben, die Kinder liebten und fürchteten ihn und liefen ihm zu, ohne daß er sich besonders um ihre Gunst bemühte. Sein Weg war ihm deutlich vorgezeichnet, da fiel es ihm ein, plötzlich einen andern einzuschlagen! -- Mit Leidenschaft warf er sich denn auch auf die Musik, und es war nur ein Glück, daß er seine anderen Studien darüber nicht vernachlässigte. Die Gefahr, vor der Judica gezittert hatte, ging vorbei. Dafür freilich kam mehr als ~eine~ andere, und wenn sie nicht gekommen wäre, hätte Anton sie aufgesucht. Wie ward seiner armen Mutter eines Tages, als sie durch dumpf dröhnende Feuersignale ans Fenster gerufen, gerade noch den letzten im Galopp hinsausenden Wasserwagen gewahrte, und in einem der Feuermänner, die an dem Gefährte hingen, wie Bienen am Stock, ihren Sohn erkannte! »Und das Alles,« sprach Judica, »war noch immer nicht das Schlimmste. Das Schlimmste für mich war die Zeit, in welcher er sein Freiwilligen-Jahr abdiente ... Da schien er dem Militär-Leben und -Wesen ordentlich Geschmack abzugewinnen, und ich wartete nur auf den Augenblick, in dem es heißen würde: »Mutter, ich will Soldat werden!« Sie drückte die Hand an ihre Brust, nachträglich noch erschaudernd: »Mußte ich doch einmal das furchtbare Wort von ihm hören: »Der schönste Tod ist der auf dem Schlachtfelde!« -- Da wies ich ihn aber zurecht: »Mir wäre nur leid,« sagt' ich, »um Denjenigen, der pflichtgemäß an mir zum Mörder hätte werden müssen!« ... Nun -- auch die soldatische Neigung verflog, wie früher die musikalische, doch gab es immer noch so Manches zu bekämpfen ... Ja, liebes Kind, ein Jüngling, ein werdender Mann! was nicht Alles in dem kocht und gährt, welcher Thatendrang, welche Genußsucht ... Was die letztere betrifft, zum Beispiel, so fehlte nicht viel, und er hätte die Gewohnheit angenommen, zu rauchen und Wein zu trinken ...« »Das scheint mir aber nichts so Unrechtes,« wandte Marie ein. »An sich nicht, und gegen Zahnschmerzen oder öden Magen halte ich auch immer ein paar Cigarren und eine Flasche Weines im Hause; aber erstens kenne ich Niemand, den der Wein so entsetzlich aufregt wie meinen Sohn, und zweitens steht es einem Dorfschullehrer nicht wohl an, sich Ueberflüssiges zu gestatten. Warum? -- weil er so viel mit Menschen verkehrt, denen es am Nothwendigen gebricht. Man schämt sich ja ohnehin seines Behagens,« fügte die Professorin im Flüstertone hinzu, »gegenüber der großen Armuth, die hier herrscht, und möchte jeden Mühseligen und Beladenen um Verzeihung bitten, daß man so mit schlenkernden Armen an ihm vorübergeht. Wir Städter meinen immer, bei uns wohne das wahre Elend. Ich finde es auch hier; aber hier leiden die Menschen stumm, und brechen klaglos zusammen, als ob sich das von selbst verstände.« Die Professorin senkte die Augen auf ihre gewirkten Handschuhe und zog den Shawl fester um die Schultern. »Es sieht übermüthig aus, ich weiß es, Seide zu tragen und türkisch Zeug; doch glauben Sie mir, es sieht nur so aus, im Grunde geht es sehr ökonomisch zu bei der Beschaffung meiner Toilette, und eine Müßiggängerin wie jetzt war ich nicht immer. Wenn ich mich auch nicht rühmen darf, mich ernstlich geplagt zu haben, eine Zeitlang wenigstens hatte ich das Glück, meinen kleinen Haushalt von dem Erlös meiner Arbeit erhalten zu können. Ich trieb sie eigentlich nur zu meinem Vergnügen -- ich verfertigte künstliche Blumen, die mir merkwürdig gut bezahlt wurden.« Marie warf einen Blick der liebevollsten Ehrfurcht auf zwei langgestielte Mohnblumen, die von dem Hute Judicas niederschwankten. Gewiß stammten sie aus ihrer zur Kurzweil betriebenen Fabrik. Nachdem man eine Stunde verplaudert, erinnerte sich die Professorin, daß sie ihrem Sohn den Auftrag ertheilt habe, sie abzuholen, und daß er sie vielleicht schon im Hofe erwarten dürfte. Marie trat sogleich ans Fenster, sah hinaus -- wandte sich rasch und sagte über und über erröthend: »Der Herr Schullehrer sind bereits da.« Ja wohl. Der Herr Schullehrer stand vor dem Hause und schaute empor, und als Marie am Fenster erschienen war, hatte sein Gesicht sich verklärt wie beim Anblick einer lieblichen Vision. XII. Der Verkehr zwischen Judica und Marie wurde sehr rege, doch blieb anfangs der Herr Schullehrer von demselben ausgeschlossen. Mit unverkennbarer Absicht wählte die junge Frau zu ihren Besuchen bei seiner Mutter die Stunden, in denen sie ihn auswärts beschäftigt wußte. Später, als das Wetter immer schöner und wärmer wurde, und Josepha auch die Nachmittage im Freien zubrachte, fand die Professorin sich gegen Abend im Hofe ein, und eine halbe Stunde danach kam ihr Sohn, um sie abzuholen. Meistens hatte die alte Josepha schon früher einen Vorwand ergriffen, um sich aus der Gesellschaft, in der es ihr nicht behagte, zurückzuziehen. Marie blieb allein mit Anton und Judica, und das Gefühl einer großen aber bänglichen Wonne, das sie dabei empfand, stumpfte sich auch mit der Zeit nicht ab, im Gegentheil, es nahm zu. Bisher, wenn sie sich falsch beurtheilt gesehen hatte, war alles Bedauern darüber mit einem Achselzucken erledigt worden. -- Du lieber Gott -- diese Menschen, was wissen die? Was kann man von ihnen verlangen? Aber jetzt? So oft Judica ihre lebhaften, grauen Augen höchst angeregt und wißbegierig auf Marie richtete und fragte: »Wie meinen Sie das, liebe Frau?« -- So oft der Schullehrer über eine Aeußerung ihres naiven Pessimismus staunte und nicht begreifen zu können schien, wie ein rasch verdammendes Urtheil, eine schlimme Voraussetzung so unbefangen von Marien ausgesprochen werden konnte, hätte sie vor Beschämung weinen mögen. Ihre Ueberlegenheit war es ja gewesen, die sie den Andern räthselhaft gemacht hatte. Diesen Beiden gegenüber konnte aber von Ueberlegenheit keine Rede sein. Wenn ~diese~ Menschen sie nicht verstanden, dann lag die Schuld an ihr, dann war es traurig für sie selbst. Sie wurde von einer heißen Sehnsucht erfaßt, sich zu den so hoch über ihr Stehenden zu erheben. Mit ungeschickten Worten, mit beklommener Stimme bekannte sie in einer stillen und vertrauten Stunde der Frau Professorin ihren kühnen -- ach, unerreichbaren Wunsch, und klagte der Verehrten ihr Leid. Sogleich öffnete Judica ihre Arme, preßte Mariens Kopf an den türkischen Shawl und spendete die Fülle des Trostes. »Ein Unterschied zwischen Ihnen und uns? O, liebe Frau, wenn er besteht, so ist's zu Ihren Gunsten. Daß wir etwas gelernt haben, das macht uns zu Ihren Schuldnern. Ja -- gewiß! denn Sie plagten sich, indessen wir Muße hatten, uns in aller Bequemlichkeit, unterstützt auf alle erdenkliche Weise, Bildung anzueignen. O, liebe Frau, dürften wir Ihnen von derselben Einiges mittheilen, wir würden uns glücklich schätzen!« Der Sohn dachte in dieser Beziehung genau so wie seine Mutter und war von tiefstem Dank gegen die Frau Wäschmeisterin erfüllt, die ihm gestatten wollte, ihr Tag für Tag zu berichten, womit er heute seine Schulkinder beschäftigt hatte. Er brachte, um es ganz deutlich demonstriren zu können, und dem Gedächtniß Mariens, die sich alle diese Sachen merken wollte, zu Hülfe zu kommen, dünne Büchlein in lichtgrauen und lichtbraunen Umschlägen herbei. Die grauen führten den Namen »Deutsche Sprachschule« und die braunen den Namen »Lesebuch«. Die besonders wichtigen Stellen, diejenigen, die seine Schüler auswendig zu lernen hatten, waren durch den Herrn Schullehrer mit blauen Strichen bezeichnet worden. Mariens Neugier wuchs von einem Vortrage zum andern, sie konnte nicht müde werden, Herrn Anton zuzuhören. Als er einst das Wort Weltgeschichte aussprach, bat sie schüchtern und dringend: »O, haben Sie die Gnade -- erzählen Sie mir die!« Der junge Lehrer lächelte, und Judica, die neben den Studirenden saß und ein Taschentuch säumte, richtete plötzlich die Augen auf den Hollunderbusch in der rechten Ecke des Hofes. Marie verstummte in Bestürzung. Sie war sich sogleich bewußt worden, daß sie eine völlig ungehörige Bitte gestellt habe. Anton brach für heute den Unterricht ab. Seine Gedanken hatten eine ganz andere Richtung genommen, und wie die beschaffen war, das erhellte aus der Art, in welcher er das Gespräch wieder anknüpfte: »Sie haben sich jetzt erholt, Frau Wäschmeisterin. Vor sechs Wochen aber, da waren Sie blaß wie eine Lilie.« »Es war gerade nach der Krankheit meiner Mutter.« »Sie hatten viel ausgestanden, man sah es Ihnen an.« Er hielt ihre Büchlein in seinen Händen, hielt sie ordentlich liebkosend. Sie begleiteten ihre Eigenthümerin, wie es schien, sogar ins Wäschdepot und ruhten dort wohl stundenlang, denn sie dufteten gar lieblich nach Veilchen und Lavendel. »Wie hätte es denn anders sein können?« entgegnete Marie. »Freilich -- nach Allem, was Sie gelitten haben.« »So muthig gelitten,« fiel Judica ein. »Wir wußten davon, bevor wir Sie kennen lernten.« »Muthig?« sprach Marie, »das weiß ich doch nicht recht. Mir kommt eher vor, ich hab' in der Zeit den Muth oft verloren. Aber alle Wochen einmal ist er mir gewiß wieder gekommen ... am Sonntag, wenn ich in der Kirche Ihr Orgelspiel gehört habe.« »Am Sonntag in der Kirche?« wiederholte Anton beseligt und preßte mit begeisterter Zärtlichkeit sein Gesicht in die kleinen Bücher. »Ich bin gekommen im Sturm, heißt es in der Schrift, und so ist auch Ihre Musik gekommen und hat mich getragen, wenn ich schon gemeint habe: jetzt kannst nicht mehr, jetzt sinkst du um. Und wenn ich nicht mehr im Stande war zu beten, da hat Ihre Musik für mich gebetet.« Sie schwieg -- er schwieg auch, und Judica warf verstohlen einen schwärmerischen Blick auf die gesenkten Häupter der Beiden und gedachte ihrer eigenen Jugend. Beim Nachhausegehen begann Anton, nachdem er eine Weile stumm neben seiner Mutter gewandert war: »Wie schade, Mutter, daß sie schon eine Wittwe ist!« »In meinen Augen schadet ihr das nicht,« entgegnete Judica. »In den meinen auch nicht!« betheuerte Anton. »Aber besser wäre es doch gewesen, besonders für sie, wenn ich ihr früher hätte begegnen dürfen -- bevor sie noch, zu ihrer Qual und ihrem Unglück, verheirathet war.« »Das ist so eine Sache,« sprach Judica nachdenklich. »In der Jugend gelitten zu haben, scheint mir im Grunde für jeden Menschen gut. Und was ihre Ehe betrifft ... Ich frage mich, ob eine Frau, die ihren Mann nicht geliebt hat, auch weiß, was das heißt, verheirathet sein.« »Es fehlte noch, Mutter, daß sie den geliebt hätte!« grollte Anton und war dann eine Weile ganz still. Auf einmal rief er: »Ich bin froh, daß ich ihn nicht gekannt habe! An dem Elenden hätte ich mich vergriffen!« Judica unterdrückte kaum einen Schrei des Entsetzens. Sie erfaßte den Arm ihres Sohnes: »Wirst Du Deine Wildheit nie bezähmen, Unglücklicher? Wirst Du Dich immer von Deinem leidenschaftlichen Temperament hinreißen lassen? Du, dem das wichtigste Amt anvertraut worden, das ein Mensch bekleiden kann, Du, der Du ein Lehrer sein willst und ein Führer der Jugend!« XIII. Während Judica ihren Sohn so energisch zurechtwies, gab es auch eine lebhafte Erörterung zwischen Josepha und Marie. Seitdem die Letztere »nicht« statt »nit«, »ist« statt »is« jagte, von den Umlauten manchmal Notiz nahm und sogar in Büchern las, die keine Gebetbücher waren, nährte die Alte einen bittern Groll gegen sie. »Sprich, wie sich's für Unsereins schickt!« fuhr sie heraus, und als Marie erwiderte, schlecht und fehlerhaft sprechen schicke sich für gar Niemanden, gerieth Josepha in Zorn. Sie, die sich bisher um die Sprachen und die Nationalitätenfrage blutwenig gekümmert, sie, eine geborene Unter-der-Ennserin, die heute noch das Idiom ihres seligen Lakomy auf das Kläglichste radebrechte, fand es ungehörig, daß derselbe Lehrer, der den Unterricht in der Schule in böhmischer Sprache zu ertheilen hatte, außerhalb der Schule deutsch redete. Ganz empörend aber erschien es ihr, daß er sich vermaß, Marien in dieser Sprache zu unterweisen, die sie doch schon als Kind von ihrer Mutter gelernt. Josepha sprudelte Alles heraus, was ihr seit Langem auf dem Herzen lag: ihre Mißbilligung des Umgangs mit den Schullehrersleuten, ihren Hohn über die Bildungsbestrebungen der Tochter, ihre Eifersucht auf deren Liebe zu Judica. Sie warf ihr in einem Athem ihr Alter und ihre Jugend vor. »Wenn man schon alt is, lernt man nix mehr! ... Wenn man noch so jung is, sitzt man nit stundenlang mit einem Mann vorm Haus und plauscht!« Je mehr Eindruck ihre Rede hervorbrachte, je mehr suchte sie dieselbe zu verschärfen. Mit Grausamkeit fiel sie über die zarten, kaum erwachten Hoffnungen und Träume Mariens her und richtete unter ihnen einen Bethlehemitischen Kindermord an. »Was bild'st Dir ein?« fragte sie, »glaub'st vielleicht, der wird Dich heirathen?« »Aber Mutter, wer denkt denn daran?« »Wer seine fünf Sinn' bei einander hat, freilich nit! ... Ein Mann wie der! Hoch in die Zwanzig, einer der aus Wien kommt, der ~hat~ seinen Schatz, darauf darfst Gift nehmen.« Marien war zu Muth, als ob sie das Gift bereits genommen hätte. Sie weinte viel und schlief wenig in dieser Nacht. Zum Glück war es just die kürzeste, die es im Jahre giebt. Noch hatte die vierte Morgenstunde nicht geschlagen, noch schwebte die blasse Mondsichel wie ein Wolkenflöckchen am Himmel, und schon erhob sich in Herrlichkeit die Sonne über dem Horizont. Die junge Frau stand auf, kleidete sich an, schlüpfte an dem Zimmer ihrer Mutter vorbei und hinunter in den Hof. Sie sah nach ihren Blumen. Das Rosenbeet, von dunklem Rittersporn eingefaßt, duftete ihr entgegen; eine Feuerlilie hatte über Nacht den Kelch erschlossen, die blühenden Gräser trugen schwer an den großen glitzernden Thautropfen in ihren feinen Federbüschen. Marie streckte rasch die Hand aus, um die schönste der Rosen zu brechen -- und zog sie wieder zurück. Wie lautete das Verslein, das sie jüngst von dem Herrn Lehrer gehört hatte? »O Herr in Deinen Hulden ... Laß mich durch diese Welt ...« Sie wußte nicht weiter, sie wußte nur noch den Schluß: ... »Das Kreuz auf meinem Rücken Getrost des Weges gehn, Kein Blümlein vorschnell pflücken Und keines übersehn.« Er hat recht! Blühe du dich nur aus, du Blumenkönigin. Wer wird auch Rosen pflücken, wenn er nicht weiß, wem er sie schenken soll? Marie ging auf den Kastanienbaum zu, schob zwei seiner Aeste auseinander, und wie in einen Dom trat sie unter seine hochragende Kuppel. Auf eine schmale Bank, die den Stamm des Baumes umgab, ließ sie sich nieder und blieb eine Weile regungslos, die Arme um die Kniee gespannt, die Hände verschränkt. Plötzlich raffte sie sich auf. Nein! ~Die~ Gedanken, die ihr jetzt im Sinne lagen, die mußten fort! ~Die~ durften sie nicht begleiten durchs lange Tagewerk. Sie zog ein Buch aus ihrer Tasche, und trotzig, als gälte es einen recht festen Entschluß durchzusetzen, in einer Hand das Buch, die andere zur Faust geballt, begann sie: »Das tiefe Thal, des tiefen Thales, dem tiefen Thale, das tiefe Thal.« Eine kleine Pause -- Wiederholung, und nun auswendig: »Das tiefe Thal ... dem tiefen -- das ... dem ...« »~Des~ tiefen Thales,« klang es bescheiden berichtigend von der andern Seite des Baumes herüber, und Marie erbebte. »Mein Gott! -- ~Sie~ sind da, Herr Schullehrer?« Sie hatte sich in großer Verwirrung erhoben und in nicht geringerer stand er vor ihr, den Hut in der Hand. »Ich bin da, verzeihen Sie, Frau Wäschmeisterin, ich bin schon lange da. Ich habe Sie aus dem Hause treten, Sie hierher kommen sehen, und studire die ganze Zeit, wie ich es anfange, Ihnen ein Zeichen meiner Anwesenheit zu geben, ohne Sie zu erschrecken ...« Er sprach leise und ungewöhnlich schnell. »Ich konnte heute Nacht nicht schlafen, ich hatte schwere Träume, und weil der Morgen gar so schön war, lockte es mich hinaus, und als ich am Thor des Hofes vorbei kam und es nur eingeklinkt fand, da lockte es mich herein ... Und dann hört' ich einen Finken so merkwürdig schlagen, so ganz merkwürdig schön ... ›Harzer Gutjahr‹ nennt man diesen Schlag. Hören Sie nur -- jetzt hebt er wieder an ...« Er schien erfreut, dem kunstreichen Sänger das Weiterführen der Unterhaltung überlassen zu können. Marie aber befand sich selbst in viel zu großer Verlegenheit, um die seine zu bemerken. Es verdroß sie, daß sie von ihm belauscht worden war beim Auswendiglernen einer Lection. Ihn mit Resultaten zu überraschen, machte ihr Vergnügen, aber wozu brauchte er zu wissen, wie mühselig diese Resultate errungen wurden? Jetzt schämte sie sich vor ihm, schämte sich ihrer Lernbegier, die ihr mit einem Male läppisch und lächerlich vorkam, und als er nach einer langen Pause zögernd begann: »Ich muß nochmals um Entschuldigung bitten -- ich habe Sie in Ihrem Fleiße gestört --« fiel sie erröthend ein: »Ach, mit meinem Fleiß! ... Was kommt dabei heraus? ... Ich bin zu alt, um noch etwas zu lernen.« Da widersprach er mit solcher Ueberzeugung, daß sie, schon weniger kleinlaut, sagte: »Sie können sich gar nicht vorstellen, wie wir aufwachsen, wir Frauen auf dem Land. In der Stadt wird es gewiß ganz anders sein, dort ...« sie hielt inne und dachte: dort, wo er seinen Schatz hat! »Die Mädchen in der Stadt lernen allerdings mehr; die aus dem Volke nämlich. Die vornehmen Fräulein aber, die lernen entweder sehr viel oder nichts ... Eine kenn' ich, die sehr viel gelernt hat.« Die war's! Marie zweifelte keinen Augenblick, die besaß sein Herz. In wie verhüllter Weise, wie scheinbar unbewegt er auch von ihr gesprochen hatte, Marie wußte es: Die war's! »Wie heißt sie?« fragte sie und erschrak über die Kühnheit, mit der sie ihn zur Rede stellte, und über den scharfen Klang der eigenen Stimme. Er blickte nicht ohne Bestürzung zu ihr nieder und antwortete: »Sie heißt Aglaja.« »Ein schöner Name; aber mir scheint, er steht nicht im Kalender.« »Er ist griechischen Ursprungs und bedeutet: die Glänzende; ihn führte eine der drei ...« »Aber ich bitte,« unterbrach ihn Marie, und war ungemein traurig. »Setzen Sie sich doch, wenn Sie so gut sein wollen und wenn Sie Zeit haben, Herr Schullehrer.« Der Einladung wurde ohne Zögern Folge geleistet. Anton sah seine liebliche Nachbarin von der Seite an und sprach: »Ich wünschte so sehr, daß Sie mein ganzes Leben kennten, daß Sie Alles von mir wüßten, Frau Wäschmeisterin.« »Und von dem Fräulein Aglaja,« fügte sie leise hinzu und horchte gespannt, was nun kommen würde. »Meine Mutter,« begann er, »will es nicht Wort haben, doch ist es so -- wir darbten meine ganze Kindheit hindurch. Trotz des beispiellosen Eifers, mit dem sie sich an ihre Blumenarbeit hielt, darbten wir. Ich mußte vierzehn Jahre alt und ein großer Bursche werden, bevor ich ihr eine Stütze sein und meinerseits durch Unterricht, den ich jüngeren Schülern gab, etwas verdienen konnte. Später dann ging es besser, ich verschaffte mir gute Lectionen, und zu zwanzig Jahren traf mich ein Glücksfall, ich wurde durch einen meiner Professoren in ein reiches Haus, als Lehrer des Contrapunktes empfohlen -- das ist die Kunst des Tonsatzes, das heißt gleichsam ...« Wieder unterbrach sie ihn mit respectvoller, aber entschiedener Ungeduld: »Sprechen Sie von dem reichen Haus, Herr Schullehrer.« »Reich und -- arm. Der Herr desselben hatte eine geliebte Frau und drei Kinder besessen, und Alles verloren, bis auf eine einzige Tochter. Die machte nun sein ganzes Leben aus ... Sie war auch schön und hochbegabt ...« »Und die nahm bei Ihnen Unterricht in dieser Kunst des -- -- wie haben Sie gesagt?« »Des Tonsatzes -- die Kunst, mehrere Stimmen ...« »Hat sie gut gelernt und oft, und wie alt war sie?« fiel die unermüdliche Fragerin hastig ein, und ihre Wangen brannten. »Siebzehn Jahre.« Marie seufzte: »Jetzt weiß ich schon -- sie hat sich halt in Sie verliebt.« -- »Und ich mich in sie, und ich war sehr unglücklich.« »Warum denn unglücklich?« »Weil ja nicht die geringste Hoffnung für mich vorhanden schien ... Die Tochter eines reichen Mannes und ein armer Lehrer! ... Ich schwieg, nahm mich zusammen -- bis ich mit einem Schrecken, der halb dem Himmel und halb der Hölle angehörte, entdeckte, daß auch sie mir gut war.« »Und was haben Sie ihr dann gesagt?« »Ihr nichts, meiner Mutter -- Alles; und die that, worauf ich gefaßt war, sie sprach: ›Du betrittst das Haus nicht mehr‹.« »Haben Sie das übers Herz gebracht?« Er nickte: »Ich schrieb, ich log. Ist Ihnen noch nicht aufgefallen, daß lügen manchmal Pflicht ist? Man kann sich nicht anders helfen, man muß die Lüge anwenden wie eine ekelhafte Medicin ... Ich log, daß Mangel an Zeit mich zwinge, die Lectionen aufzugeben. Nachdem der Brief abgeschickt war, meinte ich: Jetzt ist das Leben aus! Jetzt kann nichts Wichtiges sich mehr ereignen ... und, denken Sie, ein paar Wochen danach geschah -- ein Wunder. Der Vater des Fräulein Aglaja kam zu uns. Sie war nicht getäuscht worden durch meinen Brief, sie hatte die Wahrheit errathen, ihrem Vater Alles gestanden, und -- heute noch weiß ich nicht, wie es ihr gelang -- seine Einwilligung errungen. Er gab sie, ich vernahm es wie im Taumel, ich hielt mich für toll und wahnsinnig, während er sprach -- ich lachte nur, als er einige Bedingungen stellte, so geringfügig, so außer allem Verhältniß zu dem, was er dafür verhieß, erschienen sie mir. Meinen Beruf sollt' ich aufgeben -- ich hatte ja keinen mehr als den, sie zu lieben und anzubeten. Ins Comptoir sollt' ich und mich dort allmälig zum Geschäftsmanne qualificiren -- das kam mir sehr leicht vor, ein Hohlkopf, der es nicht träfe! -- Endlich hatte ich tiefstes Schweigen über mein Glück zu bewahren.« »Ich sage nicht mehr nein, aber ich habe noch nicht ja gesagt, sprach der Banquier, Sie sind so jung, an eine Verbindung kann erst in Jahren gedacht werden, ich will vorher keine Glossen über die Sache hören!« »Hatte er nicht Recht? konnte ich anders als auch darin seinen Willen freudig ehren? ... In seiner Gegenwart sah ich Aglaja täglich, vor Fremden waren wir einander fremd, und eigentlich wäre ich von allem Anfang an gern aus ihren Gesellschaften fortgeblieben. Aber sie duldete es nicht. Das Fest war ihr kein Fest, wenn sie mich nicht anwesend wußte. Wie ein Crösus, der außer dem Reichthum, den er zur Schau trägt und um den er beneidet wird, im Geheimen ein Gut verbirgt, echter, sicherer als all' sein übriger Besitz, so wollte sie mich da wissen, versteckt im Gewühl mit meinem Herzen voll unendlicher Liebe für sie. Gefeiert und umringt, lachend und scherzend rauschte sie in ihrer Pracht an mir vorbei und warf mir einen verstohlenen Blick zu, und ich bildete mir ein, daß ich glücklich war ... Und später, als ich mir das nicht mehr einbilden konnte, dann freute ich mich, daß ich litt, um sie leiden durfte ...« »Meine Mutter besuchte das Haus nicht ... Anfangs war dort nicht die Rede von ihr, und das fiel mir nicht auf ... So verblendet war ich, so verzaubert und ein solcher Narr, daß mir das nicht auffiel ... Einmal aber -- ganz überraschend, kam Aglaja mit ihrem Vater zu uns ... Sie war wunderschön; einfach gekleidet, wie ich sie nie gesehen, die Wangen von der Winterkälte geröthet. Sie, die sonst die Straße nicht betrat, war zu Fuß in unsere entlegene Vorstadt gekommen ...« Marie zuckte die Achseln, sah trotzig vor sich hin, und sprach mit aufgeworfenen Lippen: »Diese große Gnade!« »Und wie liebenswürdig benahm sie sich meiner Mutter gegenüber! ... Ich hätte vor sie hinknieen und ihr göttliche Ehren erweisen mögen ... Es schnitt mir in die Seele, daß meine Mutter, meine gütige Mutter, kein liebreiches Wort für sie hatte -- und kein Wort des Lobes, nachdem der holde Besuch uns verlassen. -- Es schnitt mir in die Seele, daß ich mir denken mußte: was ich nicht begriff: Die Geliebte hatte meiner Mutter mißfallen!« »Ganz mein Geschmack! Mir hätt' sie auch nicht gefallen,« rief Marie. »Warum? Sie wissen ja noch nicht, was kommt, und wozu ich, um es zu erfahren, zwei Jahre gebraucht habe: daß sie mich im Grund nicht liebte, sich's nur eingebildet hatte in ihrer überspannten Phantasie, daß sie, als ein verwöhntes Kind, das sie war, statt unter ihren vielen Bewerbern zu wählen, einen haben wollte, den sie dem väterlichen Widerstand erst abringen mußte und der im Werthe sank, nachdem der Widerstand aufgegeben war.« »Wissen Sie was?« sagte Marie munter und zwinkerte mit den Augen: »Der alte Herr war gescheit.« »Sehr gescheit,« bestätigte Anton, »aber mich ist seine Klugheit hoch zu stehen gekommen ... Sie sollen Alles von mir wissen, habe ich gesagt, und halte Wort. Als ich meine Sache schon für verloren ansah, gab ich doch den Kampf nicht auf ... Die Arbeit in der großen Geldfabrik war mir ein Greuel, ein Greuel auch das Zusammenleben mit Rechenmaschinen, die sich für Menschen hielten. Ich vertiefte mich in diese Arbeit und vertrug mich mit diesen Menschen ... In den seidenen Gemächern des Banquiers schmachtete ich nach den kahlen Wänden im Stübchen meiner Mutter. Unter den hohlen und leichtfertigen Puppen, mit denen Aglaja umging, hatte ich das brennende Heimweh nach meinen armen Kameraden, nach meinen Schülern. Es gab rohe und borstige Gesellen unter ihnen, aber sie lebten, sie rangen; sie kämpften mit der Noth des Daseins, sie standen an den Quellen, aus denen das allgemeine Menschenschicksal strömt ... Die Andern! -- ja, die kennen von diesen Quellen nur den verfälschten Tropfen, der ihnen aus zehnter Hand im goldenen Becher gereicht wird ... All' das wußte ich schon -- es war mir so klar wie heute, und dennoch klammerte ich mich an meine Liebe ... Sie ist kalt, sie ist nichtig, sie hat nicht mehr Empfindung als ein Schmetterling, und dennoch -- dennoch! ... Zuletzt sagte ich: ›Wählen Sie! -- die Armuth mit mir, oder den Reichthum ohne mich.‹ -- Sie entschloß sich nicht gleich; ich glaube, daß sie einige Tage lang mit dem Gedanken gespielt hat, die Frau eines Schullehrers auf dem Lande zu werden -- aber sie entschloß sich doch und gab mich frei.« Wie von einem Alp erlöst, athmete Marie tief und selig auf, und er fuhr fort: »Sie ~gab~ mich frei, deshalb ~war~ ich es aber noch nicht. -- Noch in Jahren nicht -- ich habe sie lange geliebt, noch geliebt, nachdem sie schon verheirathet war ...« »Und noch gesehen?« »Aus der Ferne, manchmal, aber nie wieder gesprochen, mich nur im Stillen gekränkt und gesehnt. Der Schmerz um sie wollte nicht weichen. Er war noch nicht ganz überwunden, als ich hierherkam ...« »Und -- jetzt?« Er breitete seine Arme aus und blickte mit ganz verklärten Augen in das grüne Gezweig: »Vorbei! -- ich bin genesen! ... Und niemand Anders hat mich geheilt als Sie!« Kühn wie ein Held und zuversichtlich wie ein Mann ergriff er ihre Hand, »vollenden Sie Ihr Werk ... heirathen Sie mich -- ich brauche eine Frau, die mich nimmt, wie ich bin, mit meinen vielen Schwächen, mit meinem wenigen Guten. Eine Frau, die meinen Schülern eine Mutter, meiner Mutter eine liebe Tochter sein will ... Wollen Sie? darf ich hoffen? ...« »Gott im Himmel!« rief Marie. Er sprang auf, sie hatte den Kopf an den Stamm des Baumes gelehnt und blickte unter Thränen zu ihm empor ... Unnennbare Glückseligkeit, unbegreifliche! -- Sie war wieder sechzehn Jahre alt, sie hatte nichts erlebt, nichts erlitten, die Zukunft lag vor ihr wie vor einem Kinde -- im Morgenschein. Die Welt war ein Paradies, bewohnt von guten Menschen, und der Beste unter ihnen stand vor ihr, glühend vor Wonne und Begeisterung, und nannte sie seine Braut. XIV. Der Schullehrer, der sich bisher nicht hatte rühmen dürfen, in Josephas Gnaden zu stehen, genoß von der Stunde der Verlobung an ihre ausbündige Hochachtung. Sie entdeckte plötzlich, er sei das Muster eines Mannes, dem gerade nur sein Recht geschehe, wenn man ihm den Rang neben den höchsten Persönlichkeiten im Ort anweise. Sie verbrauchte an einem Tage mehr Worte des Lobes für Anton als seine eigene Mutter im ganzen Jahre. Diese war nur bemüht, die Auslagen an Wohlwollen, die sich die Schwiegermutter zu Gunsten des Bräutigams verursachte, durch eben solche zu Gunsten der Braut zu decken, und so entstand ein Austausch von Complimenten, deren Anzahl und Temperatur nichts zu wünschen übrig ließ. Bei der Bevölkerung des Dorfes erregte die bevorstehende Verbindung des Herrn Schullehrers mit der Frau Wäschmeisterin lebhafte und nicht unsympathische Theilnahme. »Daß die Marie immer etwas Apartes haben will, das weiß man ja!« »Der muß von weit herkommen, der ihr recht sein soll.« »Das erste Mal ist's freilich nicht gut ausgefallen.« »Na, vielleicht wird's dieses Mal besser gerathen.« »Ich wünsch' ihr's, denn ein braves Weib ist und bleibt sie!« Diese Reden wurden von den verschiedensten Leuten geführt, ein Einziger äußerte sich gar nicht über das Ereigniß des Tages -- das war der Alois. Meistens schlich er trübselig umher, brachte die Pfeife nicht aus dem Munde und rauchte wie ein Schlot. Dann wieder lachte er laut auf ohne Grund. Am dritten Tage erschien er, um Frau Waltern seine Gratulation darzubringen, und am vierten erfuhr man, daß er einen längst geplanten Schritt ausgeführt, und mit der Schwester seiner Verstorbenen Verspruch gehalten habe. Barbara trug diese Nachricht ins Waschhaus und machte dazu die wegwerfende Bemerkung: »Jetzt wird ihm erst wieder wohl sein, jetzt hat er wieder einen Teufel, vor dem er sich fürchten kann.« Marien that er leid, dieser Tausendkünstler seines Unglückes, und sie fühlte sich von ihrem Unbehagen bei dem Gedanken an ihn nicht befreit durch die Ueberzeugung, daß ~sie~ ihm nicht zu helfen vermocht hätte. Das Bewußtsein, Andere ihrem Mißgeschick überlassen zu müssen, bildet das Pförtlein, durch welches die Trauer in die Herzen der Glückseligen schleicht. Ach, und eine Glückselige war sie ja! Der Mann, der ihr Ehrfurcht einflößte, erwies ihr Ehrfurcht, schenkte ihr sein Vertrauen und zog sie zu Rath, und wie in ein höheres, ein lichteres Leben, führte er sie in das Leben seiner Seele ein. Er hatte keinen Ehrgeiz, oder den größten, den -- keinen zu haben. Auf dem Dorfe wollte er seine Laufbahn beginnen und enden, und sie für eine siegreich zurückgelegte halten, wenn er einst die Kinder der Kinder, die jetzt auf den Schulbänken saßen, um einen Schritt vorwärts gebracht sähe. »Vorwärts in der Einsicht, die zur Pflichttreue führt, zur Strenge gegen sich selbst und zur Verachtung der feigen trägen Schläfrigkeit im Denken und im Thun,« rief er, und in seinen blauen Augen glomm ein Lichtschein auf. »Es giebt eine Entwickelung des Menschen, einen Fortschritt im Guten, und seine gefährlichsten Feinde sind die, die ihn leugnen. Der Glauben an das Gute ist es, der das Gute lebendig macht, und in dem Zeichen dieses Glaubens werde ich kämpfen.« Wenn er so sprach, trat Marien das Priesterliche seines Wesens, Verehrung erzwingend, entgegen. Sie empfand seine feste, geduldvolle Hoffnungsfreudigkeit wie die Nähe von etwas Heiligem. In seiner Gegenwart war sie ruhig, verließ er sie, bemächtigte sich ihrer eine unerträgliche Bangigkeit. »Ihr werdet sehen,« sagte sie zu ihrer Mutter, »ich werde mein Glück nicht erreichen. Es kommt nicht dazu.« Die Alte lachte: »Bist närrisch? In ein paar Tagen wirst' zum ersten Mal aufgeboten.« -- »Und wenn ich zum dritten Male aufgeboten wäre, und wenn ich neben ihm am Altare stände -- noch im letzten Augenblick wird etwas geschehen, das mich von ihm wegreißt. Es kann nicht anders sein -- für ein solches Glück bin ich nicht bestimmt, ~mir~ kann ein solches Glück nicht blühen.« »Geh weg!« rief die Mutter. »Du red'st recht wie Eine, die verliebt is! Ein Mädel könnt'st sein, ein junges dummes, Deinen Reden nach.« Marie antwortete nicht und behielt von nun an ihre selbstquälerischen Gedanken für sich. So kam der Tag herbei, an welchem die Verlobung in einem kleinen Kreise von Gönnern und Freunden in der Wohnung der Frau Wäschmeisterin gefeiert wurde. Ein festlich geschmückter Tisch stand, für zehn Personen gedeckt, in der großen Stube. Die beiden Mütter hatten einander gegenüber an den schmalen Seiten der Tafel Platz genommen, an den breiten saßen rechts von Josepha der Herr Vicar, der in Vertretung des Herrn Dechants erschienen war, der Schulgehülfe, das Fräulein Kanzleirath und Herr Folteneck; links aber das Brautpaar, zwischen Herrn und Frau Kanzleirath. Die letztere hatte sich um keinen Preis entschließen wollen, ihren Hut abzunehmen. Da er ein sehr stattliches Gebäude war, auf dem, wie Gestrüppe auf einem alten Thurme, drei zusammengebogene Straußfedern (allerdings mehr Kiel als Bart) ragten, machte sich die Sache sehr imposant. Im Anfang herrschte spanische Etiquette. Die Braut war still und bleich, ein hoher Ernst ruhte auf ihrer Stirn. Der Bräutigam nicht weniger schweigsam als sie, vergaß Essen und Trinken über der holderen Beschäftigung, sie anzusehen. Der kleine muntere Vicar hatte noch keinen einzigen Witz zum Besten gegeben, und Josepha sich auf dringende Einladungen und Bitten beschränkt, den aufgesetzten Schüsseln doch Ehre zu machen, als die Thür geöffnet wurde und ein Diener aus dem Schlosse eintrat, der zwei Körbe trug, von denen einer zwölf Flaschen Champagner und der andere zwölf Flaschen Bordeaux enthielt. Seine Durchlaucht, der Fürst, hatten dem Kellermeister Befehl gegeben, die reiche Spende auf den Speisetisch des Waschhauses stellen zu lassen. Judica gerieth in Bestürzung, als sie zusehen mußte, wie der Auftrag pünktlich erfüllt wurde. Sie winkte Marien zu sich. »Gestatten Sie nicht, daß mehr als zwei dieser Flaschen geöffnet werden,« flüsterte sie ihr zu. Das ist Vorrath an Wein für Euer ganzes Leben; bei Eurer goldenen Hochzeit darf er noch nicht erschöpft sein ... Zwei Flaschen, liebes Kind, zwei Flaschen höchstens! ... Bringen Sie das Uebrige bei Seite ...« Marie hätte diesem Wunsche gern Folge geleistet, aber es war nicht mehr möglich. In übereilter Dienstfertigkeit hatten Folteneck und der Schulgehülfe sich bereits mit Messer und Korkzieher über eine Anzahl Champagner-Bouteillen hergemacht und die enthülsten vor Anton hingestellt, der mit souveräner Gleichgültigkeit die Korke gegen die Decke fliegen ließ und das perlende Getränk in die Gläser schüttete, unbekümmert darum, ob einer oder der andere der Herren sich in der Eile vergriff, und statt des Weinglases das Wasserglas hinreichte. Judica räusperte sich laut und fragte: »Was thust Du, mein Sohn?« Josepha sagte: »Aber -- ich bitt'!« Die Kanzleiräthin sagte nichts. Sie hatte bereits an dem bis zum Rand gefüllten Glas genippt, das Folteneck galant vor sie hingestellt. Champagner war einmal ihre Leidenschaft, sie vermochte nicht zu widerstehen, und ließ nun ihre Blicke, um den strengen Augen, die Judica machte, zu entgehen, wie zerstreut im Zimmer herumschweifen. Der Kanzleirath und der Vicar nickten einander über den Tisch zu und lachten herzlich. Jetzt hob der Erste sein Glas: »Meine Herren und Damen, ich bitte um Permission, ein unterthänigstes Hoch ausbringen zu dürfen auf das Wohl der Edlen, die das unsere im Auge hatten, als sie uns dieses köstliche Naß großmüthig zugewiesen. Es lebe Seine Durchlaucht, unser gnädigster Fürst, und hoch dessen durchlauchtigste Gemahlin!« Alle thaten Bescheid, und Anton wurde ausgelacht, weil er es mit Wasser that. Der eifrige Schenke, der die andern so großmüthig betheiligt, hatte für sich selbst zu sorgen vergessen. Rasch wurde noch eine Flasche geöffnet, Antons Glas daraus gefüllt, und es hieß dasselbe auf einen Zug leeren, denn der zweite Toast, zu dem der Kanzleirath die Gesellschaft ermunterte, galt der Braut. Dann ein dritter auf den Bräutigam, und ein vierter auf die Brautmütter, und ein fünfter auf die Schuljugend, den Anton ausbrachte. Seine selige Befangenheit hatte sich in eine noch seligere Heiterkeit verwandelt, und statt eines sanften Lichtes wie sonst, glühte in seinen Augen ein lebhaftes Feuer. »Der Jugend!« rief er. »Ich bring's der Jugend, meinen Schulkindern, denen ich mein Leben widmen will, im Verein mit meiner geliebten Frau, meiner Herzensgebieterin.« Judica stand auf, umarmte ihren Sohn und sagte ihm dabei ins Ohr: »Trink' nicht mehr!« Josepha warf ihm eine Kußhand zu, die Kanzleiräthin brach in Thränen aus und knüpfte die Schleifen ihres Hutes auf; ihre Tochter eilte herbei, um ihr dieselbe mittelst eines Knotens im Nacken zu befestigen. Endlich ertönte vom Hofe herauf eine rauschende Musik. Mit schrillen Mißklängen ging es an, und Fräulein Kanzleirath klagte etwas affectirt: »O weh! o weh!« Aber der Schulgehülfe ersuchte nachdrücklich, der Melodie doch nur Zeit zu lassen, sich durchzubeißen. »Sie beißt schon, -- hören Sie? das giebt einen _Rejdovák_!« sprach der junge Mann -- und »O -- sehen Sie, im Hofe wird bereits getanzt!« setzte er, ganz begeistert aufspringend hinzu. Richtig, vor dem Hause hatte sich bei den Klängen des Ständchens, das die Dorfmusikanten dem Brautpaar brachten, ein Ball improvisirt. »Tanzen wir auch!« riefen Mutter und Tochter Kanzleirath, und Folteneck, der sogleich bemerkte, daß Judica und Marie mit dem Vorschlag nicht einverstanden waren, beeilte sich, ihn lebhaft zu unterstützen, denn sein liebenswürdiger Charakter verleugnete sich nie. Im Nu hatten die Herren den Tisch in die Ecke und die Sessel an die Wand gestellt. Da näherte Judica sich Josephen und flüsterte ihr zu: »Es ist schon zu viel getrunken worden. Ich brächte so gern den Rest des Weines in Sicherheit. Aber wohin?« Josepha nickte und deutete nach der Hochzeitstruhe: »Dort wär' Platz.« Anton war jetzt mit seiner Braut an eines der Fenster getreten, hatte es geöffnet, und hielt eine kleine Anrede an die Musikanten. Die übrige Gesellschaft drängte sich um ihn, seine Worte mit Beifalls-Gemurmel begleitend. Den Augenblick benützten die Verschworenen. Josepha hob den Deckel der Truhe in die Höhe, und auf die in derselben säuberlich geordnete Wäsche legte Judica rasch die noch verkorkten Flaschen, vierzehn an der Zahl, vorsichtig hin, daß sie neben einander lagen wie schlafende Kindlein. Glücklich war das Werk vollbracht, und Josepha steckte den Schlüssel der Truhe triumphirend zu sich, während die Musik den Schluß der schulmeisterlichen Rede mit einem Tusche verherrlichte. Nun aber gingen die schmetternden Fanfarenklänge in die eines gemüthlichen Walzers über, und schon sah man die Frau Kanzleiräthin sich behend ihres monumentalen Hutes entledigen, und von dem Arme Foltenecks, so weit dies möglich war, umspannt, durch den Saal rollen. Das Paar bot einen ungemein erheiternden Anblick. Der Vicar, der neben Josepha auf dem Kanapee Platz genommen hatte, rief: »Bravo.« Der Kanzleirath wiegte sich schmunzelnd hin und her: »Schaut meine Alte an! Die ist heute wie ausgewechselt. Dem Exempel, so bedenklich es ist, muß der Gatte folgen. Frau Marie Walter, demnächst Wellner, darf ich bitten?« Sie konnte nicht anders, als die Einladung ihres vornehmsten Gastes annehmen, aber es fiel ihr schwer. Ihr war feierlich und ernst und keineswegs tanzlustig zu Muthe. Und völlig traurig wurde sie, da sie den schmerzlichen Blick gewahrte, den Anton ihr zuwarf, als sie mit einem Andern zum Tanze antrat. Er schien Einsprache thun zu wollen, und sie erwartete es auch, und hätte sich dessen gefreut. Doch meinte der Schullehrer, sogar an solch einem einzigen und nie wiederkehrenden Festtage sei er schuldig für fremdes Vergnügen mehr als für sein eigenes zu sorgen, bemeisterte seinen Aerger und schwieg. Auf dem Tisch, an welchem er, Marien traurig mit den Augen verfolgend, lehnte, stand noch ihr Glas mit Champagner gefüllt, von dem sie kaum genippt hatte. Er nahm es und leerte es auf einen Zug. Sogleich wurde ihm wohl und leicht, ja sogar fröhlich ums Herz. Das kommt davon, wenn man sich männlich bezwingt! Und nun gilt's auch ein Uebriges thun. Die Höflichkeit, die seiner Braut durch den Kanzleirath erwiesen wurde, beschloß er an einem Familienmitgliede desselben zu vergelten. Er ging auf das Fräulein zu, verbeugte sich kurz und unternehmend, und die Beiden flogen durch das Zimmer. Nun wagte auch der Schulgehülfe Frau Judica ehrfurchtsvoll zu einem Tourchen aufzufordern, das ihm unter der Bedingung zugestanden wurde, daß es bei dem einen verbleibe. Inzwischen hatte Folteneck seine Dame ohne Unfall bis zum Kanapee gesteuert, auf dem sie sich, sehr erhitzt, zwischen Josepha und dem Vicar niederließ. Es war aber keineswegs ihre Absicht, sich bereits Ruhe zu gönnen. Vielmehr wartete sie nur den Moment ab, in dem Anton aufhörte, mit ihrer Tochter zu tanzen, um ihn sehr gnädig herbei zu winken und zu sprechen: »Herr Schullehrer, nun wir Zwei!« Er war im Begriff, auf Marien zuzueilen, die der Kanzleirath soeben sittiglich zu einem Sessel geleitete, als dieser Ruf an ihn erging. Wie vom Donner gerührt blieb er stehen. Eine große Empörung gegen das Geschick bemächtigte sich seiner. Dennoch leistete er Gehorsam stumm und grimmig. Seine Mutter bemerkte ängstlich, wie die Zornesader auf seiner Stirn schwoll, während er seine schwere Bürde durch das Gemach schleifte. Er hatte kaum die Hälfte des Weges zurückgelegt, als Folteneck sich Marien näherte und sie zum Tanze einlud. Sie erhob sich -- sehr langsam allerdings, und nickte nur mit zögerndem Gewähren dem Schreiber zu, der sein Gesicht zum süßesten Lächeln verzog, das ihm zu Gebote stand, und die zierlich gerundete Rechte nach ihr ausstreckte. Anton sah es -- wie durch eine Wolke. Der Champagner begann zu wirken bei dem seiner Ungewohnten, und jagte ihm eine Fluth von unheimlichen Gedanken durch den Kopf ... Immer wird es so fortgehen, raunten sie ... Immer wird sie mit Anderen an dir vorbeischweben, und du wirst immer, wie Sisyphus einen Stein wälzen den Berg hinan ... Einen Stein? nicht doch! Der Berg selbst war es, den Anton vorwärts bewegen sollte. Und das wurde ihm schwerer von Sekunde zu Sekunde ... und während er sich an der unlösbaren Aufgabe mühte, entführte ein gelber Unhold die Geliebte. Eine unsagbare Bangigkeit erfüllte seine Brust: »Marie!« schrie er plötzlich auf. Die wuchtige Dame in seinen Armen zerfloß für ihn in Luft und stand auf einmal allein da, sie wußte selbst nicht wie. »Welche Unart!« sprach sie, und erröthete für ihn, oder eigentlich mit ihm, denn sein Gesicht hatte sich beunruhigend dunkel gefärbt. »Tanzen Sie nicht mehr! Ich bitte Sie! Ich beschwöre Sie!« rief er seiner Braut zu. Marie wandte sich betroffen, Judica erschrak und stammelte verweisend: »Mein Sohn! mein Sohn!« Folteneck kicherte giftig: »Oho -- was ist denn das?« Die Gesellschaft drängte sich zu einem Knäuel in der Mitte des Zimmers zusammen. Anton war allein an einem, Marie mit Folteneck am anderen Ende desselben geblieben. Josepha und Judica condolirten der Kanzleiräthin, die sich für beleidigt erklärte. Der Kanzleirath tröstete seine Frau. »Geh, Alte, komm! tanzen wir die unterbrochene Tour zusammen fertig, und Sie, folgen Sie uns nach mit Ihrer Braut, Herr Schullehrer. Sie stilles Wasser, Sie feuerspeiender Vesuv, Sie!« »Flammen sind's, Herr Kanzleirath, Flammen der Eifersucht, die er speit!« höhnte Folteneck, und mit bebender Stimme erwiderte Anton: »Scherzen Sie nicht, Herr!« »Es ist das Beste, das man hier thun kann,« fiel der Vicar mit Strenge ein. Diese Zurechtweisung hatte das Mißgeschick -- nicht zurecht zu kommen. Sie erweckte die Entrüstung dessen, dem sie zu Theil wurde. Ihn erfaßte das beklemmende Gefühl, daß er von Feinden umringt sei und kämpfen müsse, ein Einzelner gegen Alle. »Was will ich denn? Einen Tanz mit meiner Braut will ich! Mein Recht fordere ich! ... Aus dem Wege!« rief er, und drängte vorwärts wie ein Löwe. Alle wichen aus. »Sapperment, jetzt wird's Ernst! Rette sich wer kann!« scherzte der Kanzleirath mit unzerstörbar guter Laune, ergriff in gespielter Angst die Flucht und stieg auf die Hochzeitstruhe, um von dieser Warte aus die Situation zu beobachten. Anton sah nicht rechts und nicht links, sondern stürmte unentwegt auf Marie zu. Diese hatte sich wieder auf ihren Sessel sinken lassen; einen Arm im Schoße, den Ellbogen des andern auf der Lehne des Stuhles. Sie stützte ihr Gesicht mit ihrer Hand und blickte den herantretenden Bräutigam aus weit geöffneten Augen finster und grollend an. Was ging nicht Alles in ihr vor in diesem schrecklichen Augenblick! Da kam er heran der Mann ihres Herzens, ihrer Verehrung, ihrer Anbetung, -- und erweckte eine fürchterliche Erinnerung, einen entwürdigenden Vergleich ... Ein Bild stieg vor ihr auf, das an Jahre des Elends mahnte, und der Erniedrigung ... »Marie, kommen Sie, Marie!« rief er, und sie schüttelte den Kopf und antwortete leise: »Nein, -- nein.« »Wie? was sagen Sie? ... Nein?« »Ich tanze nicht mehr!« »Nicht mehr?« wiederholte er bestürzt. -- »Mit keinem Andern mehr, aber mit mir tanzen Sie!« Sie besann sich, zog die Stirn zusammen und -- »Auch nicht mit Ihnen,« gab sie trotzig zurück. Dicht hinter Anton erscholl Foltenecks spöttisches Lachen: »Einen großen Anlauf haben Sie genommen, um sich einen Korb zu holen. Haha!« »Einen Korb? .... Marie, das thun Sie mir nicht an -- das können Sie nicht! ...« stammelte der Verhöhnte. Der Andere aber erhob von Neuem sein teuflisches Gelächter und mahnte eifrig: »Bleiben Sie dabei! lassen Sie sich nicht jetzt schon tyrannisiren!« Aus der Brust Antons brach ein dumpfer Schrei des Schmerzes und der Wuth: »Marie! Wenn alle wider mich sind -- Sie müssen zu mir stehen. Beweisen Sie's! Tanzen Sie mit mir! ... Geben Sie mir die Hand und mehr noch -- vor diesen Allen, Marie, geben Sie mir einen Kuß!« Marie sprang auf. »Jetzt einen Kuß?« rief sie. Der böse Geist, der von ihr gewichen war, seitdem sie diesen Mann kennen gelernt, der Geist der Hoffahrt bemächtigte sich ihrer, dräute von ihrem Antlitz ... Anton sah das unheilverkündende Zeichen nicht oder mißachtete es; in kühner Vertrauensseligkeit beugte er sich zur Geliebten nieder, da erhob sie die Hand ... Ein in der Weltgeschichte berühmt gewordener Vorgang, das Gericht, das eine große Königin dereinst an ihrem stolzesten Günstling vollzog, wiederholte sich hier ... Man vernahm einen leichten Schlag, dann ward es todtenstill. Diejenige, die den Streich geführt, und er, der ihn empfangen, blickten einander an -- starr und schreckgelähmt in wortlosem Entsetzen. Die übrige Gesellschaft blieb gleichfalls stumm. Den Verbrecher Folteneck würgten bereits die Furien der Reue. Was im Busen Judicas und Josephas vorging, entzieht sich der Beschreibung. Fast empfand man es wie eine Erlösung, als aus der Gegend der Hochzeitstruhe her ein lautes Krachen ertönte und zugleich Hülferufe sich erhoben. Es war der Kanzleirath, der sie ausstieß. Er hatte das Mißgeschick gehabt, in den morschen Deckel der alten Truhe einzubrechen, und mit jeder Anstrengung, die er machte, seine ominös gewordene höhere Stellung aufzugeben, sank er tiefer ins Verderben und richtete neues Unheil an. So oft er einen Fuß fest aufsetzte, um den andern heben zu können, klirrte es unter demselben, zischte es, brauste es empor wie aus einer heißen Quelle. Der Vicar, Folteneck und der Schulgehülfe eilten hinzu, und als es ihnen gelungen war, den Kanzleirath aus seiner Bedrängniß zu befreien und ihm auf den Boden zu helfen, waren seine Stiefel naß bis an die Knöchel und mit kleinen Bläschen bedeckt. Der Schullehrer und seine tief gebeugte Mutter hatten in aller Stille das Zimmer verlassen. Der Vicar und der Schulgehülfe folgten ihrem Beispiel, nachdem sie sich summarisch bei den noch Zurückbleibenden empfohlen. Folteneck harrte aus bei seinem Chef und dessen Familie. Verbindlich eilte der Kanzleirath auf die Damen des Hauses zu: »Ich entschuldige mich tausend Mal, und wir bedanken uns für alle genossene Ehre. Es war sehr schön ...... Der kleine Zwischenfall am Schlusse, immerhin -- interessant ...... Eine ganz eigenthümliche Handhabung der Gerechtigkeitspflege -- ich glaube nicht, daß die moderne Wissenschaft eine Bezeichnung dafür besitzt ... Was der Walter verdient hätte, hat der Wellner bekommen ...... Wir empfehlen uns hochachtend, und wünschen recht guten Abend!« XV. Mutter und Tochter waren allein. Josepha machte sich an der Hochzeitstruhe zu schaffen. Sie hatte das Schloß geöffnet, die Reste des Deckels gehoben und entfernte nun dessen Trümmer und die Scherben der Flaschen. Jammernd betrachtete die Alte die in Champagner und Bordeaux getränkte Wäsche, jammernd nahm sie Stück für Stück heraus und legte sie auf den Tisch und die Sessel. Marie aber rang die Hände und biß die Zähne im Schmerz zusammen. »Mutter! Mutter!« schrie sie plötzlich auf, und Josepha wandte sich, erschüttert durch den Klang der Verzweiflung in der Stimme, die zu ihr rief. »Jetzt ist's aus mit mir! O Mutter! was hab' ich gethan?« Die Mutter hatte keinen Trost für sie. »Aus is', das glaub' ich selber. Wenn er Dir heut' noch den Abschiedsbrief schreibt -- mich wundert's nit. Es g'schieht Dir aber recht. Von Walter hast Dir Alles gefallen lassen und hast aus Stolz nit g'muckst, und ~den~ kreuzbraven Mann traktirst wie einen Schulbuben wegen ein bissel Uebermuth .... Was hat er denn von Dir wollen? -- Einen Tanz, einen Kuß! hätt'st nachgeben, er hätt' Dir noch abgebeten, wie ich ihn kenn' ...... Man hat's ja g'sehen, er is' den Wein nit g'wohnt, war gleich weg von den paar Tropfen. Der Bursch, der G'hilf hat sechs Mal mehr getrunken, und hat ausg'schaut wie ein Käs.« Marie nickte stumm bejahend zu Allem, was die Mutter sprach. Sie weinte und schluchzte, und so oft die Hausthür ging, so oft Schritte auf der Treppe vernehmbar wurden, so oft horchte sie, ob nicht ein Bote kam mit dem von ihrer Mutter angekündigten Abschiedsbrief. Bis tief in die Nacht wachte sie in Todesbangigkeit, aber es kam nichts. »Mutter, er hat nicht geschrieben,« sagte Marie am Morgen, und Josepha antwortete: »Er meint halt, zu was denn schreiben, was sich das Andere auch so denken kann.« Den Tag über wandelte Marie im Waschhause umher und versah ihr Amt wie im Traume. Gleich nachdem Anton ihr Jawort erhalten, hatte sie ihre Entlassung genommen; ihre Nachfolgerin sollte demnächst eintreffen. Gestern, in ihrem Glücke noch, dachte sie nicht ohne Bedauern an den bevorstehenden Abschied von dem Schauplatz ihrer langjährigen Thätigkeit -- jetzt hätte sie ihn lieber heute als Morgen verlassen. Ach, und am liebsten hätte sie sich in tiefste Einsamkeit vergraben. Sie hatte eine Handlung begangen, durch welche sie in eine Reihe gestellt wurde mit den Gemeinen, sie fühlte sich gesunken, tiefer noch als ins Unglück -- in die Schmach. Zwei Tage verflossen -- aus dem Schulhause kam keine Botschaft. In der Nacht zum dritten erwachte Josepha und sah durch den Thürspalt einen Lichtschein aus dem Zimmer ihrer Tochter dringen. Beunruhigt erhob sie sich, und bei Marie eintretend, fand sie diese ganz angekleidet am Tische sitzen. »Was thust denn?« fragte sie. »Ich möcht' gern schreiben, aber es geht nicht,« antwortete eine von Thränen erstickte Stimme, und ein blasses, zerquältes Gesicht erhob sich zu der Alten: »Seht nur -- drei Bögerln hab' ich schon verwüstet. Kaum hab' ich ein paar Zeilen aufs Papier gebracht, so löscht mein dummes Weinen die Hälfte wieder aus .... O Gott!« stöhnte sie, »ich hab's ja gewußt, daß mein Glück in Trümmer geht; aber daß ich selbst es zerschlagen muß -- das hätte ich nicht geglaubt!« »Warum Du g'rad g'mußt hast, das weiß ich nit,« sagte die Mutter. »Jetzt ist's geschehen, und das Schrecklichste ist -- jetzt muß es auch dabei bleiben,« entgegnete Marie. »Ich weiß, wie gut er ist. Wenn ich hingehe und sage: Verstoße mich nicht, nimm mich in Gnaden wieder auf! -- Er thut's.« Ein menschlich Rühren und ein menschlich Hoffen war bei diesen Worten in Josepha erwacht: »Na, wenn'st das denkst,« sagte sie, »dann probir's, geh' hin.« »Weil ich's denke, darf ich nicht hingehen. Es gehört sich nicht für ihn, daß er mir verzeiht. Ich habe ihn so lieb, daß ich ihm eine bessere Frau vergönn' und wünsche, als ich bin. Und mich selbst hab' ich doch auch noch zu lieb, um einem Menschen zu sagen: »Ich verdien' Dich nicht, ich seh' es ein, aber ich bitte Dich -- nimm mich doch! ...« Josepha versuchte es, die Tochter zu einem versöhnenden Schritte zu bewegen, aber sie fand kein Gehör. Marie blieb unerschütterlich und sagte zuletzt: »In dem Brief da habe ich ihm seinen Ring hinein legen wollen und dazu schreiben: Lebewohl, wir passen nicht für einander, und sonst nichts ... Aber so gern ich möchte -- ich bring' es nicht zu Stande. Ihr müßt den Ring selbst hintragen, Mutter, und dürft kein einziges Wort dazu sprechen. Ich hätte freilich gern, daß er den meinen behielte, denn ich brauche gewiß und wahrhaftig keinen Verlobungsring mehr. Aber, man darf nicht d'rum bitten, wenn er es nicht von selber thut.« Traurig schlich am folgenden Morgen Josepha durch das Dorf nach dem Schulhause, Mariens Treugut in der zitternden Hand. Von Weitem schon hatte Judica sie herankommen sehen und eilte ihr bis auf die Schwelle entgegen. »Ach, liebe Frau, was bringen Sie mir Gutes?« »Gutes nit,« sagte Josepha in tiefster Niedergeschlagenheit, und Judica stieß einen kläglichen Seufzer aus: »Sie kann kein Vertrauen mehr zu ihm haben -- wer sieht das besser ein als ich? .... Sich so zu benehmen, einen solchen Exceß zu machen an seinem eigenen Verlobungsfeste ..... Viel habe ich mit ihm durchgemacht, aber ~das~ hätte ich ihm doch nicht zugetraut, einer solchen -- es wird mir schwer, das Wort zu gebrauchen, und mein Herz blutet dabei -- einer solchen Rohheit hätte ich ihn unfähig gehalten.« Die kleine Josepha blickte in unendlichem Erstaunen zu der Professorin empor. Daß der unselige Vorgang auch in dieser Weise aufgefaßt werden konnte, überraschte sie; doch nahm sie augenblicklich den Vortheil wahr, der aus einer solchen Beleuchtung der Sache für ihre Tochter entsprang. Sie veränderte sogleich ihre Haltung. »Es war freilich nicht schön von ihm, und hat die Marie sehr gekränkt«, sprach sie in traurigem vorwurfsvollem Tone. Hätte ihr nicht der Muth zum directen Ungehorsam gegen ihre Tochter gefehlt, die Rückgabe des Ringes wäre unterblieben. Aber unter allen Umständen mußte Mariens Wille geschehen. Judica steckte den Ring, den die Alte ihr überreichte, mit ebenso großer Betrübniß an ihren Finger, als sie ihn freudig von demselben gezogen hatte, um ihn dem Sohn für seine Braut zu geben. Es war ja ihr eigener Verlobungsring, das Wahrzeichen eines Bundes, den kein Zwiespalt je gelockert, kein Mißverständniß je getrübt hatte; der in starkmüthiger Geduld erhofft worden war, in Treue und Liebe bestanden, dessen Erinnerungen noch alles Thun und Denken der alternden Matrone verklärte. »Unsere Kinder!« sprach sie -- »das ist ein ungestümes Geschlecht. Das will alle seine Ziele erstürmen, erjagen. Daß auch etwas er -- ~duldet~ werden kann, davon wissen sie nicht ... Wie oft hätten ~wir~ uns getäuscht sehen müssen, bevor wir uns enttäuscht gefühlt und« -- sie streckte die Hand aus, an der ihr alter Ring wieder stak -- »diese Enttäuschung so streng, so unwiderruflich geahndet hätten! ... Ach, Ihre Tochter, liebe Frau, und ach, mein Sohn -- der schweigt und schweigt -- und verzweifelt still, nachdem er sich um sein Lebensglück getobt hat.« Marie ließ sich umständlich über jedes Wort der Unterredung zwischen ihrer Mutter und Judica Bericht erstatten. Und daß auch nicht eines des Tadels gegen sie gesprochen worden war -- das steigerte ihre Beschämung auf das Höchste. Am Sonnabend dann, zu einer Stunde, in welcher die Frau Professorin Josepha allein wußte, erschien sie und war sehr aufgeregt. »Mein Sohn schickt mich, liebe Frau, um Sie und Ihre Tochter für morgen Nachmittag zu uns zu laden. Was er vorhat, weiß ich nicht. Wird Ihre Tochter kommen wollen? O möge sie! Wenn mein Sohn für mich auch dieses Mal ganz undurchdringlich und ein Räthsel ist, dafür steh' ich gut -- eine unedle Handlung mit Bedacht zu vollziehen, dessen ist er nicht fähig.« Sie eilte hinweg, denn sie wußte wohl, daß Anton jede Minute ihres Ausbleibens zählte, und nicht erwarten könne, zu hören: »Dein Auftrag ist bestellt.« Als Marie erfuhr, was sich in ihrer Abwesenheit zugetragen, jubelte sie auf: »Er ruft mich, er will mich noch sehen!« Doch erlosch gar bald der leuchtende Hoffnungsstrahl. Was stand ihr bevor? Eine Demüthigung nicht. -- Die wollte der vortrefflichste aller Menschen ihr auch jetzt nicht bereiten. Und sich selbst vor ihr demüthigen, das konnte und durfte er ebenso wenig wollen. Was also? -- Wozu lud er sie? -- Galt's einen Abschied, wie er seiner würdig war, und sie einschneidender noch, als sie es ohnehin empfand, sollte fühlen lassen, welch ein Herz sie gekränkt und verloren hatte. War es das? -- Von welchen Zweifelsqualen hätte sie derjenige erlöst, der ihr ~die~ Fragen beantwortet hätte! Und am folgenden Tage, auf dem Wege ins Schulhaus sagte sie: »Ich glaube, Mutter, daß ich jetzt weiß, wie den armen Sündern sein wird beim letzten Gericht.« Dieselbe Gesellschaft, die in der vorigen Woche bei Josepha und Marie zusammengetroffen war, hatte sich bei Judica versammelt. In der Mitte des Zimmers stand ein Tisch für zehn Personen gedeckt. Die Frau Professorin erschöpfte sich in Aufmerksamkeiten für ihre Gäste, war sehr echauffirt, höflicher denn je, und dabei nicht im Stande, ihre Zerstreutheit und innere Unruhe zu verbergen. Und jetzt öffnete sich die Thür, und Marie wußte, obwohl sie die Augen nicht erhob: Er war eingetreten. Er wechselte einige Worte mit einer Frau in ihrer Nähe und küßte derselben die Hand. Und diese Frau war die Kanzleiräthin, und dieser Handkuß eine Abbitte, und keine vergebliche, wie es schien. Die gute Dame, deren Züge bisher nur Majestät ausgedrückt hatten, lächelte jetzt voll Huld. Man setzte sich zu Tische in derselben Rangordnung, die beim Verlobungsmahle beobachtet worden war, mit dem einzigen Unterschied, daß Marie ihren Platz nicht neben Anton, sondern ihm gegenüber erhielt. Sie hatte noch nicht gewagt, ihn anzusehen; erst als er sich erhob und zu sprechen begann, richtete sie verstohlen einen Blick auf ihn. Es ging ihr wie ein Schwert durch das Herz; denn sie las auf seinem Gesicht die Sprache eines Schmerzes, der dem ihren nichts nachgab. »Meine verehrten Gönner und Freunde,« begann er mit leiser, aber deutlich vernehmbarer Stimme. »Sie waren Zeugen meiner Verlobung mit Frau Marie Walter; wir haben Sie hierher gebeten, um Zeugen der Lösung dieses Verlöbnisses zu sein.« Ein Gemurmel der Mißbilligung und des Bedauerns durchlief die Reihen der Anwesenden, der Vicar wollte sprechen, aber Anton kam ihm zuvor. Er schöpfte tief Athem und fuhr fort: »Frau Marie Walter hat sich entschlossen, mir mein Wort zurückzugeben.« »~Sie~ also, Frauchen?« rief der Kanzleirath; doch wurde auch er von Anton unterbrochen: »Frau Marie Walter straft mich für ein strafwürdiges Vergehen, die Strafe ist gerecht, und ich nehme sie an. Vor Ihnen Allen habe ich die Ehrfurcht außer Acht gelassen, die ich meiner Braut schuldig war, vor Ihnen Allen leiste ich ihr Abbitte. Sind Sie mit dieser Genugthuung zufrieden, Frau Walter?« Alle wandten die Augen nach ihr; die ihren schwammen in Thränen; sie bemühte sich »Ja« zu sagen, doch entrang sich ihrem Munde nur ein dumpfer Wehelaut. »Wenn ich nicht irre, ist meine Entschuldigung angenommen worden,« sprach Anton. »Dennoch sind wir nicht fertig mit einander. Wir scheiden, aber wir wollen nicht in Groll scheiden; deshalb muß zuvor zwischen uns alles ausgeglichen sein. Wie ich Genugthuung gegeben habe, so fordre ich sie auch. Geben Sie mir jetzt Genugthuung, Frau Walter.« Er blickte sie ernst und fest und voll gespannter Erwartung an. Marie rang im Zweifel mit sich selbst, von Todesbangigkeit vor einem Mißverstehen ergriffen. Plötzlich jedoch schien sie errathen zu haben und erhob sich. Anton stand regungslos; sie schritt auf ihn zu, schlang den Arm um seinen Hals und drückte ihre Lippen an seine Wange. Sie that es demüthig aber zugleich würdevoll; und dieser Kuß, den das blühende Weib dem angebeteten Mann spendete, war kein beglückender Kuß der Liebe, es war ein Kuß feierlicher Sühne. Und als solcher wurde er von Anton empfangen -- ohne Dank, wie ein ihm gebührendes Recht. Den Anwesenden war zu Muthe, als wohnten sie einer heiligen Handlung bei; sogar der Herren bemächtigte sich eine leise Rührung. Der Kanzleirath wollte ein Scherzwort wagen, um die seine zu verbergen; aber seine Gattin und seine Tochter bedräuten ihn mit so eisigen Mienen, daß sein unschuldiges Späßchen ihm auf der Zunge erfror. Unter allgemeiner Stille ließ die Stimme Antons sich wieder vernehmen: »Jetzt sind wir quitt, Frau Walter, und Jedem von uns steht es frei, seinen einsamen Weg weiter zu gehen.« Marie sah ihn lang und innig an, als wolle sie sich sein Bild einprägen für alle folgende Zeit, dann sprach sie: »Kommt, Mutter.« »Halt!« rief Anton, und seine stolz bewahrte Ruhe verließ ihn. »Wir sind quitt, Jedem ist sein Recht geworden; aber -- wollen wir Zwei einander denn nicht mehr gewähren, als nur das Recht? ...« Marie, die sich schon zum Gehen angeschickt hatte, wandte sich ihm wieder zu. Sie zitterte am ganzen Leibe, und aus dem tiefsten Leid ins höchste Glück versetzt fühlte sie sich, als Anton ihre Hand erfaßte und sprach: »Ich will ein Leiter und ein Lenker sein und bin nur ein fehlbarer Mensch. Was wäre mir, dem Soldaten im Dienste der Menschheit, der Besitz eines ~tapferen~ Weibes! Eines Weibes, das im Fall der Noth sogar dem abgeirrten Herrn und Meister eine Zurechtweisung zu ertheilen versteht.« -- »O Herr Schullehrer!« flehte Marie in Zerknirschung. Er hatte schon ihre zweite Hand erobert und zog die vielgeliebte Frau an sich: »Und so werb' ich denn noch einmal, Marie!« sagte er. Sie sank in seine Arme, überwältigt, lautlos. Eine Weile herrschte tiefste Stille, dann sagte der Kanzleirath: »Frauchen! just noch im letzten Moment haben Sie eingelenkt. Er hätte Ernst gemacht, der eiserne Ritter da, wenn Sie ihm Satisfaction verweigert hätten.« »Und wäre sich's schuldig gewesen,« sprach Marie. Anton preßte ihren Kopf mit unsäglicher Zärtlichkeit an seine Brust: »Auch -- ~Dir~. Aber wie ich's vermocht hätte, das weiß ich jetzt nicht mehr.« [Illustration] Der gute Mond. Vor vierzehn Tagen haben wir ihn zur letzten Ruhestätte begleitet: Herr Franz von Meyer, Herr Joseph von Müller und ich, Johann Ritter von Schmidt. Ja, er ist todt, der gute Mond; nun giebt es keinen Königrufer mehr, und sind wir reducirt auf einen Tapper. Einen andern Stammgast des »Blauen Raben« einzuladen, den leer gewordenen Stuhl des Freundes zu besetzen, ist uns nicht eingefallen, so viele Prätendenten sich derohalber auch direct und indirect bei uns gemeldet, und so anständige Leute es auch waren, an denen unser Städtchen überhaupt, zu seiner Ehre sei es gesagt, keinen Mangel leidet. Der Platz, den der gute Mond durch neunzehn Jahre allabendlich drei Stunden lang eingenommen hat, ist infolge des hohen Alters seines Inhabers und des Rathschlusses der ewigen Vorsehung leer geworden und soll denn leer bleiben. Was die Erinnerung an den Verblichenen betrifft, so wird sie uns niemals entschwinden, und werden wir die Geschichte, die er am liebsten erzählte, niemals vergessen. Aber, derweil sie noch frisch in uns lebt und seine Ausdrucksweise uns auch noch ganz geläufig ist, habe ich, der ich mich des besten Gedächtnisses erfreue und auch ziemlich gut in der Feder bin, es unternommen, dieselbe aufzuschreiben. Bin mir dabei wohl bewußt, daß die Hauptursache des Eindrucks, den die Geschichte auf uns machte, in dem Mangel an Uebereinstimmung lag, zwischen dem, was der Erzähler von sich selbst, und dem, was seine Erzählung von ihm aussagte. Kaum wird es, so weit die Erde rund ist, einen Mann geben, der sich in einer Lage wie diejenige, in welcher er versetzt wurde, mit ähnlicher Selbstbeherrschung und Zartheit benommen hätte. Daß er trotzdem immer auf sein derbes und brüskes Wesen zurückkam, und es ihm nie einfiel, daß er auch anders hätte handeln können, als er gehandelt hat, das eben war es, was uns jenen, oben angezogenen, seltsamen und rührenden Eindruck machte. Ob dies beim Lesen in gleichem Maße der Fall sein wird, muß ich dahingestellt sein lassen, genug, daß ich mich der größten Treue in der Wiedergabe der Worte unseres Freundes befleißige. Das Titelblatt zu dem Manuscript anzufertigen, hat Herr von Müller sich bereit erklärt, und es wird den Verewigten vorstellen, wie er beim Tarok sitzt, mit seiner rosigen, etwas ins Karmoisinene spielenden Gesichtsfarbe und seinen schneeweißen Haaren. Die Frau von Meyer, die eine gute Hausfrau und sehr praktisch ist, hat ihn immer verglichen mit einer zur Hälfte gezuckerten Erdbeere, und die Frau von Müller, die mehr poetisch fühlt und zur Schwärmerei neigt, wurde stets durch ihn an einen beschneiten Rosenhügel gemahnt. Dies in Parenthese. Der Herr von Meyer spitzt schon ein Bund Gänsekiele (da er sich absolut nicht zur Stahlfeder bequemen will) zu einer kalligraphischen Abschrift. Jedermann weiß, daß die schlechtesten Witze von den Jägern und von den Kartenspielern gemacht werden, und so war es denn auch ein schlechter Witz von uns, daß wir ihn den guten Mond nannten. Mond, weil er diese Karte so oft in die Hand bekam, und den guten, weil er mit ihr, statt den anderen, sich selbst einen Schaden zufügte, sintemalen er sie sehr oft vom Sküs fangen ließ. Sein wirklicher Name war Franz Edler von Bauer, und er hatte ein ansehnliches Gut besessen, das er bis in sein siebzigstes Jahr ausgezeichnet verwaltete. Als er jedoch seine Kräfte schwinden und sich nicht mehr recht fähig fühlte, die Wirthschaft mit der gewohnten Energie und Genauigkeit zu führen, und vielleicht auch aus anderen Gründen, verkaufte er die Besitzung und zog ins Städtchen, wo er bald zu sterben gedachte. Dieses traf jedoch lange nicht ein, und er brachte es zu einem Alter, das ihn berechtigte, uns, die wir sämmtlich zwischen dem fünften und dem sechsten Jahrzehnt herumhüpfen, per grüne Grasteufel, und rothe Erdzeisel zu traktiren. Verheirathet war er gewesen und nicht gewesen. Aber -- das ist eben die Geschichte, und die beginnt somit. * * * * * Es ist so lange her, daß ich mich nicht zu geniren brauche, sondern aufrichtig sagen darf: wir sind ein paar schöne Leute gewesen, mein Vetter Franz und ich. Franz! Ihr wißt schon, wir führten denselben Familien- und denselben Taufnamen, und er war ein einziger Sohn wie ich, und wir haben einander auch im Aeußeren ähnlich gesehen. Beide blond mit blauen Augen, stattlichen Nasen und Vollbärten, nur daß bei ihm alles in die Länge und bei mir in die Breite ging. Und er so fein! Ach, was war Euch dieser Mensch so fein! Ich habe nie einen so feinen Menschen gesehen ... Ich dafür immer mehr brüsk, aber sonst -- ganz ähnlich. Meine Eltern starben früh, setzten mir einen schläfrigen Vormund, der mein Interesse nicht zu wahren verstand, und weil ich als Bub schon auf mein Interesse war wie der Teufel, kümmerte ich mich selbst um meine Sache und dirigirte und kommandirte bereits als ein Unmündiger bei mir herum. Zeit hatte ich dazu; damals verdummten und verweichlichten die jungen Leute noch nicht wie jetzt auf der Schulbank. Bei meinem lieben Vetter und Nachbar ging's anders zu; seine Eltern trieben Abgötterei mit ihm und hätschelten ihn, als ob er eine brustkranke Prinzessin gewesen wäre. Wenn er ein Gewehr in die Hand nahm, wurden sie blaß, und wenn er junge Pferde zuritt oder einführte, beteten sie für ihn. Wenn er aber ein Gedicht machte -- denn er machte Gedichte; ja, Gedichte in Versen, und die Verse reimten sich sogar -- und wenn er die Poesie dem Papa oder der Mama am Geburtstag oder Namenstag unter die Serviette legte, da weinten sie vor Freude. Kurz, die Aufgabe ihres Lebens war, den Sohn zu verzärteln, und als sie dieselbe fertig gebracht hatten, verließen sie ihn -- just, da sie ihm am nöthigsten gewesen wären, dem unerfahrenen und unschuldigen Kind von fünfundzwanzig Jahren. Die Mutter wurde plötzlich von einem Herzschlag hinweggerafft, der Vater folgte ihr bald nach -- aus Sehnsucht, meiner Treu. Auf dem Todtenbett empfahl er mir den Sohn und das Gut, das, wie gesagt, an das meine grenzte. Da hatte ich ihn auf dem Hals und die Ehre, alle Tage mit ihm auf den Friedhof zu laufen zu den Gräbern seiner Eltern, die er mit Kränzen schmückte und mit sentimentalen Inschriften. Und nach Dresden ist er gereist und hat bei einem berühmten Bildhauer einen Engel machen lassen, der seine Züge trug. Sie können denken, was das gekostet hat -- mich nämlich; erst die Statue und dann der weite Transport von Dresden bis herunter zu uns nach Siebenbürgen. Aber dafür welch ein Aufsehen! Von weit und breit kamen die Leute aus der Nachbarschaft, den schönen Grabesengel zu sehen und die Inschriften zu lesen, und was jung war und eine Frau oder ein Fräulein, das verliebte sich in das Urbild des Engels und in den Urheber der Inschriften. Es regnete nur so Einladungen und Briefchen, und er hatte bald eine Correspondenz wie ein Minister. Was mir recht war, denn es zerstreute ihn doch. Und Partien hätte er machen können -- prächtige! und hätte nur die Wahl gehabt zwischen einem halben Dutzend Erbtöchtern. Aber diese Unentschlossenheit und Zaghaftigkeit und dieses Nichtwissen, in ~welche~ er verliebt war! ... Heute schien es ihm ~die~ und morgen ~jene~, und wenn ich es mir einfallen ließ, auch einmal der oder jener die Cour zu schneiden, dann fühlte er sich tief gekränkt, und dann wäre gerade ~diese~ die eine und einzige gewesen, die ihm gefallen und gepaßt hätte. So, daß ich richtig immer zurücktreten mußte, wenn ich eben anfing Feuer zu fangen. Wenn ich aber sagte: Gut, so bewirb du dich, machte er den Großartigen und rief, er brauche kein Opfer, und jetzt sei ihm die Freude schon verdorben, und declamirte etwas von einem kalt gewordenen Bissen auf Cäsars Teller. Um seine Besitzung kümmerte er sich gerade so viel, um zu bemerken, daß sie ihm nichts eintrug. Hat auch nicht anders sein können, die Regie fraß ihn auf. Ich war mein eigener Verwalter, Förster, Stallmeister und Barbier. Er hat für das kleinste Amt einen eigenen Menschen besoldet und wäre dabei weiß Gott wie oft zu Grunde gegangen, wenn ich nicht ausgeholfen hätte. Was ist mir anderes übriggeblieben? War es aber geschehen, das beruhigte ihn mit nichten, da ging erst das Wimmern los, daß seine Verpflichtungen gegen mich ihn niederdrückten. Um nur sein Lamentiren nicht hören zu müssen, habe ich die dummen Quittungen, die er mir aufnöthigte, mehr als einmal vor seinen Augen zerrissen. Einige Jahre ging es so fort, er näherte sich schon seinem dreißigsten, da gerieth Euch der Mensch in die Bande einer koketten Frau. Hochgebildet, wie bereits ihr Taufname Aglaja verrieth. Ich that, was ich konnte, um ihn los zu machen, aber es wollte mir nicht gelingen, die Dame hielt ihn fest mit schmachtenden Blicken und mit geistreichen Gesprächen. Mit Absicht machte ich mich zum unwillkommenen Dritten in ihrem zarten Bunde, scherte mich nicht um die üble Laune, mit der sie mich merken ließen, daß ich überflüssig sei, und langweilte mich wie ein Todter bei ihren Conversationen. Sie warfen herum mit Namen wie Schopenhauer, Eliot, Sand, Chopin, und ich hatte keine Idee, ob von Männlein oder Fräulein die Rede war. Nun denn! dieser schwärmerische Umgang und seine vielen Sorgen wegen seiner Mißwirthschaft, und seine innere Friedlosigkeit und -- glauben Sie mir -- hauptsächlich sein ewiges Dichten brachten ihn endlich so herab, daß der Arzt ihn zur Nervenstärkung ins Bad schickte. Drei Wochen war er dort, da bekam ich einen Brief von ihm, wißt Ihr, so einen, den man meint nur mit der Feuerzange anrühren zu können, so einen, bei dem man staunt, daß das Papier dem Gluthstrom widerstanden hat und nicht in Flammen aufgegangen ist. Der Franz ist verliebt wie ein Italiener aus der Gegend des Vesuvs, wo sie am hitzigsten sind. In ein blutjunges Fräulein, das er in dem Badeorte kennen gelernt hat. Er ist auch schon verlobt, die Hochzeit wird im nächsten Monat gefeiert, auf dem Gut der alten Tante, der einzigen weiblichen Verwandten der »göttlichen Kleinen«, männliche hat sie gar keine. Ich weiß nicht, warum es mir, wie ich das gelesen habe, gleich durch den Kopf gefahren ist: Du armes schutzloses Ding. Am Schluß des Briefes theilt mir der Mensch noch mit, daß er in acht Tagen nach Haus kommt, um seine Angelegenheiten zu ordnen (o weh! denk ich und schau meine eiserne Geldkasse im Winkel recht traurig an), in vierzehn Tagen aber wieder abreisen wird, zu ihr! zu ihr! seiner Sonne, seiner Wonne, seinem weißen Schäfchen, seiner Taube. Und ganz am Schlusse heißt es: Tiefstes Schweigen! Aglaja darf um Gottes willen nichts erfahren, bevor die Hochzeit vorüber ist. Das gefällt mir nicht, ich thu ihm aber den Willen, halte mein Maul und erkundige mich sub rosa nach den Verhältnissen der Braut. Alles in Ordnung, alles sehr anständig, nur im Geldpunkt da hapert's. Das Gut der Tante (es hieß Folt, lag an der Grenze des Banats und war viel werth) kriegt die Kleine nicht, das hat die Tante einem Kloster verschrieben, in das sie eintreten will, sobald die Nichte angebracht sein wird. Aus den acht Tagen, nach denen Franz heimkehren wollte, werden vierzehn. -- Er hat sich nicht losreißen können von der Geliebten, dunkle Ahnungen haben ihn bedrängt, und beim Abschied, den er für ein paar Wochen genommen, ist ihm gewesen, als sei es ein Abschied für immer. Ich lache ihn aus, ihn und seine Nerven, und meine nichts Besseres thun zu können, als ihn aufzumuntern, sein Haus herzurichten zum Empfang der jungen Frau. Aber da geht der sentimentale Teufel in ihm erst recht los. Auf Tritt und Schritt begegnen ihm Erinnerungen an seine »goldene Junggesellenzeit«. Trockene Blumen und Lorbeerkränze mit seidenen Bändern und Widmungen, gestickte Pantoffeln und Kissen und Schlafsessel ... mir ein Graus, das Zeug. Um jedes Stück, das ich vernichten oder verschenken wollte, feilschte er, und als ich über die Cassette kam, in welcher Aglajas Briefe lagen, in Packeten zusammen gebunden mit rosafarbenen Schleifen, da wurde er wild und erklärte, die Briefe dürften nicht vernichtet werden, die müsse er ihr, die seine Muse gewesen war, selbst zurückbringen. -- »So thu's!« rief ich, »bring ihr die Briefe und sag: Es ist aus; sei ein Mann und sag: Es ist aus und vorbei, ich heirathe.« -- Er versprach's -- hat auch gewiß in dem Augenblick die besten Vorsätze gehabt, das heißt, daß er geholfen hat, den Weg zur Hölle pflastern. Ist Euch von der Aglaja zurückgekommen wie ein getaufter Pudel. Bald darauf finde ich ihn ausgestreckt auf dem Ruhebett, und er hat neben sich auf dem Tisch einen offenen Brief liegen. -- »Von wem denn schon wieder?« fragte ich. -- »Von meiner Braut.« -- »So? hat sie geschrieben, die Wonne, die Sonne?« ... Da wird Euch sein Gesicht ellenlang und seine Miene essigsauer, und er giebt dem Blatt einen Schneller, daß es bis zu mir hinübergleitet und seufzt, als ob ihn ein schweres Unglück getroffen hätte: »Unorthographisch.« Ich konnte nicht umhin, auszurufen: »Gott sei Dank dafür!« und nehme den Brief und lese ihn, und es ist ein solcher Schatz von einem unschuldigen liebreizenden kindlichen Brief, daß mir das Herz hüpft, der neuen Cousine entgegen. -- »Du hast ja heute reisen sollen,« sage ich; und er: »Ich habe geschrieben, daß ich erst am Hochzeitstage komme; sie sollen nur alle Vorbereitungen treffen.« Nun, wie ich das höre, da steigen mir die Grausbirnen auf. Weil ich ihn aber kenne und seinen Stütz nicht reizen will, thue ich nichts dergleichen, sondern bemerke einfach: »Und wenn Dir unterwegs der Wagen bricht oder wenn Dir ein Pferd ausspannt, was dann?« Er schweigt und schaut mit seinem hochmüthigsten Blick zum Fenster hinaus, und mir läuft die Galle über und ich schreie ihn an: »Schreib doch lieber ganz ab!« -- »Du weißt recht gut, daß ich nicht mehr aus kann,« entgegnet er, »werde schon zur rechten Zeit dort sein. Sie erwarten mich gar nicht vor der letzten Stunde.« »Aha,« versetzte ich, »die Braut muß am Altar stehen, dann wirst Du erscheinen wie der Prinz im Feenmärchen -- wirst Du?« -- Keine Antwort. Der Mensch versinkt wieder in seine träumerische Stummheit und erhaben sein sollende Ruhe. Glaubt mir, wenn es damals wie jetzt auf eine Tagereise von meinem Gut ein Telegraphenamt gegeben hätte, aufs Pferd würde ich mich geworfen haben, hingeritten wäre ich und hätte auf eigene Gefahr nach Folt depeschirt: Unvorhergesehene Hindernisse, Ankunft zweifelhaft, Brief folgt. Aber damals, da war es so bei uns, daß der Postmeister von Türsdorf, wie ich zum ersten Mal das Wort Telegraph vor ihm ausgesprochen habe, der Meinung gewesen ist, das sei etwas Eßbares. Eine gräßliche Woche vergeht; der Tag, an dem der Franz durchaus hätte reisen müssen, um noch knapp zurechtzukommen, ist da, und wieder finde ich ihn auf seinem vermaledeiten Lotterbett, dieses Mal mit Eisumschlägen auf dem Kopf. Wie eine kranke Schlange wand er sich: »Ich kann nicht fort, Bruder, ich kann nicht! Sie stirbt, meine Muse stirbt, wenn ich gehe, es ist ihr Tod!« -- So winselt er ... »Bruder, fahre Du hin, entschuldige mich, sage der guten Kleinen, es war ein Irrthum, ich habe mich übereilt; nein, sage ihr, ich habe mich besonnen -- ich verdiene sie nicht!« Von jeher habe ich gewußt, daß ich ein heftiger Mensch bin und rauh von Natur. Die Wuth aber, die in dem Augenblick bei mir losgebrochen ist, deren hätte ich mich nicht für fähig gehalten. »Weißt Du,« sag ich ihm, »Du bist doch ein miserabler Kerl,« sag ich ihm ... »Und wenn Du noch ~einen~ meiner Namen führtest; aber Du führst beide, und ein schlecht Unterrichteter kann glauben, daß von mir die Rede ist, wenn Jemand sagt: Franz von Bauer heißt die Canaille!« So rase ich, der Zorn umnebelt meinen Geist, trotzdem aber steht es klar vor mir, daß mit dem elenden Waschlappen von einem Menschen nichts anzufangen ist, und daß ich nur gleich meine sieben Zwetschen zusammenpacken und davonkutschiren muß. Ein paar Stunden später bin ich auf der Reise gewesen und bin gefahren mit der Post, mit dem Bauer, mit allem, was mir den Wagen vom Fleck gebracht hat -- er war zum Glück neu und gut --, bin gefahren vom äußersten Nordosten des Landes bis zum äußersten Südwesten, Tag und Nacht, in der linken Hand die Geldkatz, in der rechten die Peitsche ... Herr Gott im Himmel! nur einen Tag einbringen, einen einzigen, damit die armen Damen wenigstens den Hochzeitsgästen absagen und die Musikanten nach Haus schicken können. -- Das hab ich erreichen wollen. Ist mir aber nicht geglückt ... In der Geldkatz haben die letzten Muttergottes-Zwanziger gescheppert, von der Peitsche war das Schmißl abgehauen, und der 31. August hat mich noch auf dem Wege gefunden. Kinder! keinem von Euch wünsche ich, daß er sich einen Begriff davon machen könne, wie mir war, als ich beim Dorfe Folt ankomme und den ersten Böllerschuß höre, der mich begrüßt ... Was -- mich! den Bräutigam, den sein sollenden -- und ich dahinfahre unter dem ersten Triumphbogen, und die ganze Bevölkerung im Sonntagsstaat auf den Beinen ist. Vom Kirchthurm bimmelt Glockengeläute, vor dem Herrenhause stehen Wagen an Wagen, Menschen an Menschen, und auf dem Balkon schimmert's blau und rosenfarbig vor lauter Kranzeljungfern. Und ein so donnerndes Hurrah empfängt mich, als ich in den Hof hineinfahre, daß mein Geschrei: »Ich bin's nicht! Still geschwiegen! -- Ich bin's nicht!« gerade so viel Wirkung macht wie das Stöhnen eines Verwundeten im Schlachtgewühl. Eine Unzahl Hände streckt sich mir entgegen, mir aus dem Wagen zu helfen ... Ich stoße alle fort und rufe einem alten Diener zu, der dasteht mit schlotternden Knieen und wackelndem Kopf und dem Thränen des Entzückens und der Rührung über die Wangen laufen: »Führe mich zur gnädigen Frau. Ich muß mit ihr sprechen unter vier Augen.« -- »Bitte, bitte!« stammelt er und macht noch Ceremonien wegen des Vortritts. Das war, sag ich Euch, zum Teufelholen. Nun, der alte Mensch geleitet mich in ein Zimmer, einfach, solid; an der Wand ein großer Schreibtisch wie von einem Amtmann, drüber ein Krucifix. Da warte ich kaum eine Minute. Eine hohe Gestalt tritt ein -- klösterlich gekleidet, streng, majestätisch. Stutzt nicht einmal bei meinem Anblick, zieht nur die Brauen finster zusammen, als ich mich nenne, und wird nur bleicher, während ich ihr kurz und bündig melde, wie die Sachen stehen. »Und was gedenken Sie jetzt zu thun, Herr von Bauer?« fragt sie. »Das weiß ich nicht, Gnädigste,« antworte ich. Sie richtet die Augen auf das Krucifix, ich glaube, daß sie gebetet hat. Dann wendet sie sich wieder in ihrer steinernen Hoheit zu mir und fragt: »Sind Sie verheirathet?« »Nein, Gnädigste.« »Ist Ihr Herz frei?« »Ja, Gnädigste.« »Sie haben gegen kein weibliches Wesen Ihres oder eines anderen Standes irgend welche bindende Verpflichtung?« Ich mußte lächeln. Eine bindende Verpflichtung -- ich! Ich hatte nie eine Liebschaft gehabt und mit den Weibern überhaupt so wenig als möglich zu thun. Sie verdienen keinen Respect, meinte ich damals, und fühlte höchstens Mitleid mit ihnen, wenn ich sah, wie sie dem Franz nachliefen, an dem ja gar nichts war, einzig und allein wegen seines hübschen Gesichtes und seiner verdammten Versschmiederei. Ich mußte also lächeln und verneinte. Die Dame sah mich mit Augen an, mit Augen, wie ich vorher keine gesehen hatte und nachher keine gesehen habe, Augen, die Herz und Nieren prüfen, und sagte: »Sie sind brav und redlich.« Ja -- Sie sind! sagte sie und nicht, wie es doch natürlich gewesen wäre: Ich halte Sie für brav und redlich. Noch einen Blick nach dem Krucifix, noch ein Stoßgebet, und sie sprach: »Der gute Name meiner Nichte fordert, daß meine Nichte heute mit Herrn Franz von Bauer vor den Traualtar trete.« »Fordert? würde fordern,« versetzte ich -- »es giebt leider kein Auskunftsmittel.« »Es giebt eines, Herr von Bauer, ein gefährliches allerdings ... Herr von Bauer, wollen Sie verhindern, daß ein unbescholtenes Mädchen Schmach erfahre durch ein Mitglied Ihrer Familie?« »Gott weiß, daß ich's verhindern wollte!« rief ich. »Wäre ich sonst hier? Hätte im mich sonst zum Ueberbringer der elendesten Botschaft gemacht? Meine Schuld ist es nicht, daß ich zu spät gekommen bin!« »~Nicht~ zu spät,« lautete ihre Entgegnung, »wenn Sie sich entschließen könnten, Ihren wortbrüchigen Verwandten zu vertreten.« Da wurde mir schwindelig, und ich fragte: »Am Traualtar?« Sie erhob die rechte Hand wie aus Wellen von allerlei Spitzenzeug, das um sie herumfluthete, und sah mich an. Eine Norne, sag im Euch, eine Sibylle! ich sag Euch -- etwas Ueberirdisches. »~Nur~ am Traualtar,« sprach sie feierlich, ging an den Schreibtisch, schellte und gab dem herbeieilenden Diener Befehl, ihre Nichte zu rufen. Liebe Jungens, da kam Euch ein Kind herein, ein Kind im Brautschleier und Myrtenkranz, das holdeste, das die Welt je gesehen, keine Schönheit, etwas tausend- und tausendmal Lieblicheres als eine Schönheit. Ich habe immer meinen Spaß gehabt an den plötzlichen Verliebungen, die in Romanen und in Theaterstücken vorkommen, und gesagt, mir selbst muß so was passiren, sonst glaub ich's nicht ... Als das Kind im Myrtenkranz hereintrat, da hat mich's gepackt ... Versteht mich! nicht _à la Romeo_; behüt der Himmel! in viel sanfterer Manier, aber mit einer großen Macht ... Wo ist denn nur geschwind eine Gefahr, aus der ich dich retten könnte? -- Das war mein Gefühl. Eine ungemeine Verlegenheit dazu, wegen meiner bestaubten Stiefel und Kleider, und die bestürzte Frage: Wie seh ich aus? Das Kind, heiter wie das Sonnenlicht, dankt meinem tiefen Gruße und sagt zu mir: »Wo ist Herr Franz?« und zur Tante: »Das ist der gute Vetter, nicht wahr? von dem er uns so oft erzählt hat.« Die Tante nickt, führt mich einige Schritte weiter und flüstert: »Nun?« -- und ich antworte: »O -- was mich betrifft -- aber sie -- wird sie denn wollen?« »Meine Nichte hat keinen Willen,« erwidert die Gnädigste und giebt dem Diener -- es ist immer derselbe Alte, der kein Ende finden kann mit Flennen -- Befehl, den Herrn Bräutigam auf sein Zimmer zu geleiten und ihm behülflich zu sein beim Ankleiden. Es war mein Glück, daß ich mir einen anständigen Anzug mitgebracht hatte, und während ich mich wasche und mir die Haare bürste, nimmt der Alte meinen Frack aus dem Koffer, drückt ihn an seine Brust und weint, daß mir bange wird, der sammetene Kragen könne Spiegel kriegen. »So ein Engel, gnädiger Herr! und ich habe ihre Mutter -- und die war auch schon so ein Engel -- auf diesen meinen Armen getragen ... Und seien der gnädige Herr gut mit dem Engel; wir alle, wir haben ihm unsere Hände unter die kleinen Füße gelegt ... Und die Allergnädigste sind wie eine Königin in ihrem Reich, aber weiches Wachs in den Fingern der kleinen Alma.« »So?« entgegne ich und lebe auf; denn wie die Gnädige gesprochen hatte: Meine Nichte hat keinen Willen, ist sie mir vorgekommen wie Iwan der Schreckliche und ich mir wie sein gehorsamer Henker. -- »So hat die Kleine doch einen Willen?« Der Diener gerieth in Bestürzung und stotterte: »Willen, halten zu Gnaden, das nicht, wie sollte sie? -- -- einen Willen hat sie nicht.« Ich wandte mich von dem alten Esel ab und hörte nicht mehr auf sein Geplapper. Eine volle Stunde verging. Die Kleine wehrt sich, hoffte und -- fürchtete ich; die Kleine macht Gebrauch vom Recht des Schwachen, vom Recht, »nein« zu sagen. Das Jubiliren der Gäste, denen man vermuthlich brav einschenkte, um ihnen die Wartezeit zu versüßen, drang zu mir herüber. Die Glocken begannen mit erneuerter Kraft zu läuten, an der Thür pochte es. Ein Geistlicher von kleiner Statur und klugem Aussehen näherte sich: »Unsere Allergnädigste,« sprach er mit leiser, etwas heiserer Stimme, »beliebten mir mitzutheilen, daß Euer Hochwohlgeboren in der Eile der Abreise einige Ihrer Dokumente zu Hause vergessen haben, aber hoffentlich doch nicht alle.« Ich hatte meinen Paß, und damit Punktum. Den reichte ich dem geistlichen Herrn. Er nahm ihn in genauen Augenschein und sagte: »Das ist ja gut. Was noch fehlt, werden Euer Hochwohlgeboren die Gnade haben, nach der Vermählung herbeizuschaffen.« »Vermählung? -- so ist Vermählung?« Der Geistliche überhörte meinen unwillkürlichen Ausruf. -- »Unsere Allergnädigste,« fuhr er fort, »die nicht mehr Zeit hat, das Geschäftliche noch einmal mit Euer Hochwohlgeboren durchzusprechen, läßt Euer Hochwohlgeboren durch mich in Erinnerung bringen, daß Fräulein Nichte keine Anwartschaft auf die Herrschaft Folt besitzt, diese vielmehr nach dem Ableben der Allergnädigsten, laut getroffener testamentarischer Verfügung in das Eigenthum der Kirche übergeht. Hingegen erhalten Fräulein Nichte als Heirathsgut von hochdero Frau Tante ein Geschenk von fünfzigtausend Gulden Konventionsmünze, das nach geschlossener Trauung Euer Hochwohlgeboren übergeben werden wird.« »Hat gar keine Eile,« antwortete ich, und verließ von dem Pfäfflein geleitet das Zimmer. * * * * * Notabene. Hier pflegte unser verehrter Gönner und Freund eine Pause zu machen, und ich pflegte ihm meine Dose hinzureichen, lediglich als Zeichen der Hochachtung, sintemal ~er~ eigentlich kein Schnupfer war. Und er, aus Artigkeit, nahm eine Prise, hielt sie eine Weile zwischen den Fingern, sagte plötzlich: »Aha!« und deponirte sie in das Markenkästchen des Nachbars oder in sein eigenes. »Kinder,« rief er, »wo sind wir?« und einer von uns antwortete: »Auf dem Weg zur Kirche.« -- »Ja, ja, zur Kirche!« Und regelmäßig wurde bei der Stelle der alte Herr ganz weiß und bewegt und fuhr also fort: Zur Kirche, zwischen Bäumen, über gestreute Blumen wandere ich, neben mir zwei rosenfarbige Fräulein und vor mir die Kleine, die Weiße, im Myrtenkranz und Brautschleier. Ringsum ein Menschengedränge, in dem es dumpf und leise und gleichsam ehrerbietig wogt. Keine Stimme ist laut als die eherne der Glocken ... Und auch die verstummt -- ich steh vor dem Altar und an meiner Seite steht die Braut. Ich wünschte innig, daß sie sich ein Herz fassen und mich nur ein wenig ansehen möchte, daß ich ihr mit einem Blick hätte sagen können: Fürchten Sie sich nicht. Aber sie wandte kein Auge von dem Priester und war mehr einer bleichen jungen Nonne ähnlich als einem lebensfreudigen Mädchen, das einem Manne angetraut wird. Die Rede des Geistlichen dauerte lang, und bei jedem Wort der Ermahnung, das der Kleinen galt, dachte ich: Zu viel! zu hart! -- und bei jedem, das mir galt: Das versteht sich ja alles von selbst. Beim Hochzeitsschmaus bin ich neben ihr gesessen, habe aber mit ihr nicht sprechen können, weil fortwährend Toaste ausgebracht wurden, auf die ich antworten mußte, und weil ich über eine kleine Rede nachsann, die ich selbst zu guter Letzt halten wollte. In dieser sagte ich denn, daß ich kein Flausenmacher sei und eher derb, daß ich jedoch gestehen müsse, ich hätte bei den Hochzeiten, denen ich bisher angewohnt, immer tüchtig geweint -- mir ist leid um die Braut gewesen. Sei es, wie es sei; komme, was da wolle; für die Frau ist der Schritt in die Ehe der wichtigere Schritt. Davon aber hat noch keiner, den ich den ehelichen Trauring wechseln sah, etwas wissen wollen, vielmehr jeder sich als Hauptperson bei der heiligen Handlung betrachtet. Als ob es nicht eine kleinere Sache wäre, eine Verantwortung -- oft schlecht und recht, und meist nur vor dem eigenen -- in dem Punkt gewöhnlich sehr dehnbaren Gewissen -- zu übernehmen, als überantwortet zu werden mit Gut (ich dachte an die fünfzigtausend Gulden) und Blut und für das ganze Leben. Daher meine innige Rührung bei jeder fremden Hochzeit, daher auch meine Standhaftigkeit bei meiner eigenen. Die Jungfrau, welche heute vertrauensvoll ihre Hand in die meine gelegt, befände sich nicht in dem eben von mir angeregten Fall -- ich wisse, wer von beiden, Mann oder Frau, mehr riskirt bei der Schließung eines unlösbaren Bundes. Und so, wie sich ein Starker, der wenig wagt, einem Schwächeren gegenüber, der viel wagt, zu benehmen hat, so werde ich mich allzeit meiner Gemahlin gegenüber benehmen. Ein großer Jubel, besonders von Seiten der Damen, belohnte diese meine Erklärung. Die Gnädigste erhob sich von ihrem Platz und umarmte mich vor der ganzen Gesellschaft. Nach der Tafel gab es feierliche Aufzüge der Dorfbewohner, glückwünschende Deputationen aus den nächsten Ortschaften und endlich Ball vor dem Haus, unter Gottes freiem Himmel, bei Mondenschein und Sternenschimmer, und Ball im Haus unter den Kronleuchtern bei Kerzenglanz. Eine Polonaise eröffnete ihn, bei welcher mir die Auszeichnung zu Theil wurde, mit der Gnädigsten, die ihre Fingerspitzen auf meinen Arm legte, die Runde um den Saal zu machen. Den ersten Ländler tanzte ich mit der verehrten Kleinen. Bis tief in die Nacht dauerte das Fest, und nachdem der letzte Gast sich bei uns empfohlen hatte, empfahlen die Gnädigste und ihre Nichte sich bei mir. Und ich sage Euch, liebe Freunde, ich habe gut und sanft geschlafen und angenehm geträumt und zwar von der Kleinen. Wir gingen miteinander spazieren daheim in meinem Garten, und ich hielt sie umschlungen, und sie sprach zu mir: »Das war ein Irrthum, das mit dem andern Franz. Du bist der Rechte -- Du!« Ein Mensch, der mir die Hand küßte, weckte mich -- der Alte, der heute viel weniger ängstlich that und mich in schmelzendem Tone ersuchte, ich möge geruhen, mich ankleiden zu lassen und mich dann zum Frühstück zu begeben zu der Allergnädigsten und zu meiner jungen Gemahlin. Das letztere hatte er mit einem für den Scherz um Verzeihung bittenden unterthänigen Bückling hinzugesetzt. Ich gab ihm einen leichten Schlag auf den gekrümmten Rücken und sagte: »Was nicht ist, kann werden,« worauf er mit freundlichem Ernst erwiderte: »Das walte Gott!« und mir wieder die Hand küßte. Dieser alte Mensch ist mein getreuer Anhänger geblieben während der ganzen Zeit, die im noch in Folt zugebracht habe, hat mir auch manchen nützlichen Wink gegeben und mir manches Licht aufgesteckt, das meinen sehr nebeligen Pfad freundlich erhellte. So zum Beispiel erfuhr ich durch ihn, daß die Gnädigste, als Franz sich um Fräulein Alma bewarb, an einen Gewährsmann in unserer Nähe geschrieben und sich bei ihm nach Herrn Franz von Bauer erkundigt hatte. In Folge eines Irrthums in ihrem Briefe mußte besagter Gewährsmann meinen, die gewünschte Auskunft beträfe mich, und auf meinen Leumund hin hat Franz das Jawort erhalten. Was die Repräsentation anbelangt, die verstand er, und die Gedichte haben auch ihren Effect gemacht. Von einer Neigung des Kindes zu ihm fand ich keine Spur, und Ihr könnt Euch denken, wie ich darauf aus war, zu erfahren: Hat sie ihn lieb gehabt, die Kleine? hat sein niederträchtiges Benehmen sie empört? und schließlich: welches Mittel hat die Gnädigste angewendet, um sie zu bewegen, mir zum Altar zu folgen? Die Lösung des Räthsels war einfach -- die Kleine war eben ein Kind; ahnungsvoll und doch gedankenlos, verwöhnt und doch willenlos. Willenlos! der einzige dunkle Punkt in der Sache ... Wenn ich fragte: »Beliebt es Ihnen, spazieren zu gehen?« Ja, es beliebte ihr. »Beliebt es Ihnen, zu Hause zu bleiben?« Es beliebte ihr gleichfalls. »Thäten wir nicht besser, auszureiten?« Gewiß, wir thäten besser. Eines schönen Morgens wanderten wir zusammen im Wald herum. Und sie war Euch so herzig in ihrer sanften und aufmerksamen Heiterkeit. Merkte alles, wußte genau, daß hier zwischen den weggescharrten Blättern Rehwild gerastet und daß sich dort im aufgewühlten Boden ein Hirsch niedergethan. Scharfsichtig wies sie hin auf die Spuren der Wilddiebe, und entdeckte sie an den Bäumen böswillig befestigte Vogelschlingen, gleich heraus mit dem Taschenmesserchen und fort mit ihnen. Ich, ich stand neben ihr und bewunderte sie; keine Sprache spricht es aus, wie gut sie mir gefiel. Fräulein, sagte ich nicht mehr zu ihr, sondern einfach Alma, aber immer noch Sie. Damals im Walde kam mir dieses Sie so dumm vor, daß ich sie frischweg fragte: »Alma, wollen wir nicht Du zu einander sagen?« Sie war eben mit dem Wegtilgen einer Vogelschlinge fertig geworden, steckte ihr Messerchen ein, machte mir einen kleinen Knicks und erwiderte: »Wenn Sie erlauben.« »Ich bitte darum!« rief ich heftig. Sie erschrak, wurde roth, sah sich um wie nach Hülfe und stammelte: »Sie haben zu befehlen.« »Ich werde Dir nie etwas befehlen, Alma, am wenigsten in dieser Hinsicht,« versetzte ich so ruhig, als mir möglich war bei meinem Naturell. »Nie etwas befehlen?« wiederholte sie und brauchte ein paar Minuten, um sich von ihrer Verwunderung so weit zu erholen, daß sie die Erklärung abgeben konnte: »Ich werde Ihnen aber doch gehorchen.« »Ihnen?« »Dir ... O, verzeihen Sie: Dir.« Mit welcher Angst sie das sagte, könnt Ihr Euch nicht vorstellen, und mein Entsetzen über diese Angst auch nicht. Sie vergaß noch sehr oft, mir Du zu sagen, und gerieth darüber jedesmal in große Bestürzung und Reue. Ich gab mir Mühe, einen Spaß aus der Sache zu machen, aber es wollte mir nicht recht gelingen. Zu tief verdroß mich das unglückliche Sie, das ihr von selbst auf die Lippen kam; zu wenig freute mich das zögernde Du, zu dem sie immer erst einen Vorsatz fassen mußte. Kindisch! kindisch! Wer wußte das besser als ich, wer hätte verstanden, mir so tüchtig die Leviten zu lesen, wie ich selbst es that? Aber von Tag zu Tag wurde meine Neigung zu der Kleinen inniger und wärmer, und ebenso der Wunsch, daß sie Zutrauen zu mir gewinne, wenn schon kein anderes, doch ein solches wie zu einem älteren Bruder. Deshalb verfehlte ich's meistens und war, zu meinem eigenen Schaden, bitter und grämlich. Und an dergleichen war die Kleine nun gar nicht gewöhnt. Geführt werden auf Tritt und Schritt, nach Pflicht und Vorschrift fühlen, denken, athmen, geleitet werden wie ein Maschinchen, o ja! aber wohlgemerkt, ohne ein rauhes, womöglich ohne ein lebhaftes Wort. Die Gnädigste hatte ein scharfes Auge auf mich, und der geistliche Herr, der mir am Hochzeitstage meine Papiere abgefordert, gleichfalls, und _detto_ noch einige andere geistliche Herren, die im Hause ein- und ausgingen. Ich sah wohl, daß sie mich beobachteten, aber ich dachte: Nur zu! wie ich bin, so bin ich. Müßte übrigens lügen, wenn ich behaupten sollte, daß sie mir das Geringste in den Weg gelegt haben; bin vortrefflich mit ihnen ausgekommen. Glaube auch, daß die Gnädigste ihrem Rath Folge geleistet hat, als sie mir nach Verlauf von ungefähr sechs Wochen eröffnete, wenn es mir angenehm wäre, heimzureisen, wolle sie mich nicht länger aufhalten. Es würde sich nicht für mich schicken, die Komplimente, die sie mir damals gemacht hat, zu wiederholen. Als sie jedoch mit ihnen fertig war, sagte sie: »Das Walten einer gnädigen Vorsehung über meinem Hause hat sich mir stets geoffenbart: niemals jedoch so sichtbarlich wie in dieser letzten Zeit, bei der letzten weltlichen Angelegenheit, die zu bestellen mir noch auferlegt war. Gott hat meine Ziehtochter einer großen Gefahr entrückt, in welcher sie untergegangen wäre ohne seine Dazwischenkunft. Statt des Unwürdigen, an den ich im Begriffe stand, sie zu vermählen, hat er einen ihrer würdigen Lebensgefährten, hat er Sie gesandt. Lieber Sohn« -- zum ersten Male nannte sie mich so -- »Sie haben Alma aus der Hand der Kirche empfangen; empfangen Sie Ihre Frau jetzt aus der meinen und meinen mütterlichen Segen und Glückwunsch dazu.« »Alles wohl und gut, Gnädigste,« entgegnete ich, »aber die Hauptsache fehlt.« Sie sah mich steif und groß an: »Wie so?« »Das Herz der Kleinen hat noch nicht ja gesagt.« »Ihr Herz? Haben Sie nicht ihren Schwur vor dem Altar? Ihr Herz? Wo ihre Pflicht ist, da ist ihr Herz.« Dieses schöne Wort rührte mich nicht, schien mir vielmehr eines von denjenigen zu sein, mit welchem die Schwärmer sich aus der Verlegenheit helfen und ihrer eigenen Empfindung ein X für ein U vormachen. Aber froh war ich, von der Gnädigsten und ihrem Anhang das Absolutorium erhalten zu haben, und traf mit Almas Einwilligung -- daß Gott erbarm, die Einwilligung einer Willenlosen! -- meine Reisevorbereitungen. Der Abschied der Kleinen von ihrem Zuhause und von jedem einzelnen Hausgenossen war schwer. Nie wieder habe ich so viele Weinende auf einem Fleck beisammen stehen gesehen wie an jenem Tage. Das Bild der Gnädigsten, die uns noch vom Balcon aus mit erhobenen Händen und zum Himmel gerichteten Blicken segnete, wird mir unvergeßlich bleiben. Den alten Diener hätten wir gern mitgenommen, und er wäre gern mit uns gegangen, fühlte sich aber zu gebrechlich zur Reise und mochte uns keine Ungelegenheiten verursachen. -- »Sterben muß ich,« sagte er zu seiner kleinen Herrin; »da ist's schon besser, ich sterbe hier in der Heimath aus Sehnsucht nach Ihnen als dort bei Ihnen aus Sehnsucht nach der Heimath.« Einige Monate später haben wir denn auch die Nachricht seines Todes erhalten. Es versteht sich von selbst, daß ich längst an meine Leute geschrieben und Befehl gegeben hatte, den Garten und das Schlößchen so gut als nur möglich zum Empfang der Gebieterin herzurichten. Da war fast mehr geschehen, als ich gewünscht hatte, aber zu meiner Verwunderung keine einzige Ungeschicklichkeit, und auch im größten Jubel der festlichen Begrüßung kam keine von den Derbheiten und plumpen Anspielungen vor, die einem neuvermählten Paar von einer getreuen Landbevölkerung sonst nicht erspart werden und die bei uns am wenigsten am Platz gewesen wären. Als ich meinen Wirthschafter herzlich belobte, that er zuerst geheimnißvoll und gestand sodann, der Herr Franz von drüben sei in der verwichenen Woche täglich dagewesen, habe alle Vorbereitungen geleitet, aber dringend aufgetragen, mir nichts von seiner Einmischung zu verrathen. Und gestern war er abgereist, und Niemand wußte wohin, und hatte sehr übel ausgesehen und so aufgeregt, daß jedem um ihn bange geworden. Was soll das wieder heißen? fragte ich mich und ging ernstlich mit mir zu Rathe, ob ich mit der Kleinen von ihm sprechen sollte oder nicht. Bevor ich aber zu einem Entschluß kam, hatte ich nicht mehr nöthig, einen zu fassen. In der Gegend wurde allgemein bekannt, daß der Franz seiner treulos gewordenen Muse nachgefahren war, sie in der Nähe von Vatra-Dorna in der Bukowina eingeholt und den Begleiter, in dessen Gesellschaft sie an den Ufern der goldenen Bistriza lustwandelte, herausgefordert hatte. Dies mußte in einem jener Anfälle blinder Wuth geschehen sein, denen der Sklave seiner Impulse unterworfen war, und mit großer Uebereilung und ohne Beachtung der üblichen Formalitäten hat das Duell stattgefunden. Die Gegner ~sollen~ (ich glaube es heute noch nicht) zugleich geschossen haben. Einer war maustodt auf dem Platz geblieben, der andere, der Franz, hatte eine Kugel in die Hüfte bekommen und wurde in jammervollem Zustand heimtransportirt. Ich befand mich im Garten mit der Kleinen, als ein Reitender daherjagte und mir meldete, es gehe zu Ende mit dem Herrn Franz, und er wünsche mich noch einmal zu sehen. Das hört die Kleine, verfärbt sich und sagt: »O, der arme Herr Franz! der Arme! Komm, fahren wir gleich zu ihm.« Wir, sagte sie, und, denkt Euch, mir gefiel's, daß sie es so frank und frei und natürlich aussprach. Erst später fanden sich Scrupel bei mir ein, und auf dem Wege zum Sterbebett meines nächsten Anverwandten dachte ich nicht an ihn, sondern fortwährend an das junge Wesen neben mir und fragte mich voll Herzensangst: Was mag sie fühlen? Was geht in ihr vor? ... Und nie war es mir so sehr aufgefallen wie damals, um wie viel schöner das Gut des Vetters doch lag als das meine. Schöner, romantischer, eine grüne Zunge im Gebirgsrachen. »Bemerkst Du, Alma, wie hübsch diese Gegend ist?« sagte ich zu ihr, und sie antwortete: »Ich habe nichts bemerkt, ich bin zu sehr in Sorgen um den armen Herrn Franz.« »So hast Du ihm verziehen?« »Was denn?« »Nun,« rief ich, »wenn Du fragen kannst!« Sie lächelte mich an mit ihren klugen, klaren, unschuldigen Augen: »Ach, freilich,« sagte sie. Wir fanden ihn schwach zum Auslöschen und trotz seiner zahlreichen Dienerschaft schlecht versorgt und verpflegt. Es war wirklich nichts zu thun, als dazubleiben und sich seiner anzunehmen. Ist denn geschehen und er langsam genesen, und nach seiner Genesung in meinem Hause oft ein- und ausgegangen wie in der früheren Zeit. Die Kleine war mit ihm viel unbefangener als mit mir, und wenn er etwas sagte, was ihr nicht gefiel, widersprach sie ihm ohne Umstände. »Widersprich auch mir einmal!« bat ich sie. »Dir nie!« war ihre rasche Antwort; sie besann sich ein Weilchen und wiederholte mit heiligem Ernst: »Dir nie!« Es kam vor, daß sie ganz plötzlich und ohne Grund meine Hand ergriff und küßte, und das war mir das Aergste -- so ein kindlicher Handkuß. Nicht immer habe ich mich überwinden und schweigen können, ich habe sie leider nicht selten angefahren: Wofür bedankst Du Dich? Oder gar: Bittest um Verzeihung? Aber dann -- ihr Entsetzen! und meine Verzweiflung ... Um tausend Meilen zurück geworfen von meinem Ziel -- das hatte ich davon. Herrgott! was für ein plumper Bengel bin ich Euch gewesen, und was war sie für ein holdseliges Mädchen -- holdselig! wie kein zweites paßte dieses Wort auf sie. Dabei war sie aber auch ganz klug und vernünftig, waltete ruhig und emsig im Hause, konnte nicht einen Augenblick müßig bleiben. Denkt Euch nicht etwa eine träumerische Romanprinzessin, die nicht im Stande ist, Gerste von Weizen zu unterscheiden, und immer in höheren Regionen schwebt. Davon keine Spur. So gut wie im Walde kannte die Kleine sich unter den Aehren der Felder, den Blumen der Wiesen aus und fühlte sich recht daheim auf der Erde, deren lieblichstes Kind sie war ... Und wenn ich sie auch hie und da barsch anließ, mein höchstes Kleinod ist sie doch gewesen, und ich habe sie gehütet und gehegt mit mehr Liebe, als ich ihr zu zeigen wagte, denn ihre Nähe schüchterte mich sehr ein. Sie war ja die erste junge Frau, mit der ich jemals in täglichem Verkehr gestanden habe. Uebrigens ging es ihr nicht schlecht bei mir; ihre früher so blassen Wangen färbten, ihre zarte Gestalt kräftigte sich, und Augenblicke gab es, in denen mir vorkam, als erwache in der aufblühenden Jungfrau -- das Weib. Der Franz hat sich -- in seiner Weise natürlich -- musterhaft benommen. Ein gewisses Kokettiren konnte er allerdings jungen, hübschen Frauen gegenüber nicht lassen. -- Es war seine Natur, es kam ihm unbewußt, im Schlaf, wie ihm seine Gedichte kamen. Diese verfluchten Gedichte, um die ich mich sonst nicht gekümmert hatte und die mir jetzt so viel zu denken gaben, weil sie der Kleinen gefielen. Sie waren hübsch, und merkwürdigerweise, dieser Mensch, der eitel war auf seine Augen, auf seinen Schnurrbart, seine Nägel -- auf sein Bestes, eben die Gedichte, war er's nicht. Hat sie nie gesammelt, nie drucken lassen; aber sie leben, viele von ihnen leben im Munde unseres Volkes. Es sind lauter Liebeslieder, Mädchen und Bursche singen sie, ich habe es oft gehört und mit Vergnügen. Als jedoch eines wonnigen Sommerabends die Kleine anhob, eines dieser Lieder zu singen mit ihrer wunderbaren Stimme, dem tönenden Schlüssel zu allen Geheimnissen meiner Brust, da faßte mich ein heißer Zorn, und von der Stunde an war ich eifersüchtig ... Verachtete mich darum und war's, und alles, wovon mein Verstand mir rieth: Das solltest du nicht thun, nicht sagen -- das that ich, das sagte ich. Und so kindisch machte mich die thörichtste von allen Leidenschaften, daß mir, dem praktischen Mann, nichts wünschenswerther schien, als nur eine Stunde lang ein Dichter sein und ein Lied erfinden zu können, ein Lied, das zum Herzen geht. Einige Strophen sollte es haben und nach jeder derselben den Schlußreim bringen: Du Meine und nicht Meine! Umsonst zerbrach ich mir den Kopf, der Schlußreim war da -- die Strophen wollten mir nicht einfallen. Aus diesen poetischen Anwandlungen wurde ich durch die nüchternste Prosa gerissen. Eine Seuche war bei uns unter dem Geflügel ausgebrochen und lockte Zigeuner herbei, die das gefallene Vieh ausgruben und aßen. Ich wollte den Unfug nicht dulden, paßte den Leuten auf, und wo ich einen auf frischer That erwischte, packte ich ihn zusammen und ließ ihn aus dem Dorfe jagen. »Unglaublich,« meinte Franz, »daß du dich darum kümmerst, ob sich das Gesindel die Pest an den Hals frißt.« Ich war just besonders bärbeißig und rief: »Es kümmert mich, und ich duld's einmal nicht!« und bemerkte, daß Franz und die Kleine einander so ansahen, wie Zwei thun, die von einem Dritten denken: Ja, so ist er, der Mensch! Und zum Unglück muß die Kleine sagen: »Laß die Zigeuner gewähren, sie sind bös und werden uns noch etwas anthun.« Immer hatte ich sie aufgefordert: Rede, sprich deine Meinung aus; nun that sie's einmal -- o, hätte sie es lieber nicht gethan! Alles würde anders gekommen sein, ich hätte der glücklichste Mensch werden können ... Aber, daß sie ihm recht und mir unrecht gab, das reizte mich blinden Maulwurf, der ich war! ... Und wie zum Trotz übte ich schärfer denn je meine polizeiliche Gewalt aus. Einige Zeit darauf -- wir hatten den siebzehnten Geburtstag der Kleinen gefeiert und saßen auf dem Balcon beim Abendessen -- da wirbelte uns gegenüber im Thal, so auf ein halbtausend Schritte, eine Rauchsäule in die Höhe ... Franz streckte den Arm aus und sagte: »Die Zigeuner lassen sich empfehlen!« Hol' mich der Teufel, die alte Scheuer brannte. Eine Baracke, um die mir nicht leid gewesen wäre, hätte sie nicht voll Heu gesteckt. Wir laufen in den Meierhof; dort spannen sie schon die Feuerspritze ein, und mein Wirthschafter steht dabei und ruft mir entgegen: »Brennt wie ein Span, die Scheuer! Ist nichts zu machen!« Ja, so gescheit bin ich auch; aber um das Arbeiterhaus in der Nähe, um das ist mir's zu thun. -- Mein Wirthschafter steckt den Finger in den Mund, zieht ihn naß heraus und hält ihn an die Luft: »Nichts zu machen. Der Wind bläst alles hinüber.« Nun, ich ruf: »Vorwärts!« spring auf die Spritze, der Franz mir nach, und der Knecht jagt, was er kann, den Berg hinunter. -- »Warum hast nicht die Schwarzbraun genommen?« frag ich ihn noch. -- »Daß wir früher drüben sind,« antwortet er. -- »Was hilft's,« geb ich zurück, »wenn uns die Rappen vorm Feuer ausreißen?« Und zu gleicher Zeit fliegt mir der Gedanke durch den Kopf: Die Kleine wird sich's doch nicht einfallen lassen, uns nachzulaufen? Wir sind an Ort und Stelle, die Rappen ruhiger, als ich erwartet hatte; ich kann mich dicht ans Haus aufstellen und die Pferde ausspannen lassen. Die Scheuer brennt lichterloh, jeder Windstoß treibt einen Funkenregen auf das Dach, das ich schützen möchte, so lange wenigstens, bis die Leute ihre Habseligkeiten geborgen haben ... Alles ist voll Menschen; die meisten gaffen, einige erweisen sich hülfreich; rein wie besessen stürzt der Franz herum, rettet Sessel, Kissen, Pfannen mit einer Hingebung, als ob es lauter Kinder wären, die er aus den Flammen trägt ... Ja, ja, leider schon Flammen ... Wasser war in Fülle vorhanden, die Spritze that ihre Schuldigkeit, reichte aber nicht aus, furchtbar qualmte der Rauch, die Sparren krachten. »Franz,« ruf ich, »laß es gut sein!« Und er: »Nichts mehr zu retten?« »Das Kind vom Schlosser ist vergessen, o Jesus, das Kind in der Wiege!« kreischt eine Tagelöhnerin. -- Ich hätte sie todtschlagen mögen, und ihn auch -- besonders ihn. Weil er keinen angehört, der ihm sagt: Das Kind ist da, ist längst geborgen. Er will nichts, er hat nichts im Kopf, als daß die Leute sein Lob singen sollen vor der Kleinen, daß sie ihr sagen sollen: ›O, welch ein Anblick, wie er aus den rauchenden Trümmern sprang, ein Kindlein in seinen Armen!‹ ... Das hat er gewollt, ich kenne ihn, den Schwärmer, der nichts umsonst thut, den Unberechenbaren, der immer rechnet; ich verlier' kein Wort, als er zurückrennt, zum allgemeinen Entsetzen, in das brennende Haus. Hinter ihm poltert der ganze Krempel zusammen, aus den Fenstern, aus der Thür bricht die Lohe -- lebendig kommt er da nicht heraus ... Die Leute in lauter Verzweiflung klagen: »Der gnädige Herr! Gott im Himmel, er ist verloren« ... Weiber werfen sich auf die Kniee und beten; Kinder weinen. Ich rufe in den Lärm hinein: »Herum ums Haus mit der Spritze! Nehmt Aexte -- wir schlagen die Lehmwand durch!« Drüben hoff' ich noch des Feuers Meister zu werden, bis man ein Loch gebrochen hat, durch das er schlüpfen kann, der Narr. Ein halbes Dutzend Männer springt vor, taucht an. »Mehr rechts!« befehl' ich, »sonst geht's in den Graben ...« Da war's schon geschehen, und wir stecken ... Ich mein' aus der Haut zu fahren: »Die Rappen her! die Rappen!« Es ist ein Gedränge, ein Wechsel von Licht und Dunkelheit; jetzt glüht weithin der grelle Feuerschein, eine Minute später umhüllt mich ein Qualm, daß ich den Schlauch nicht sehe in meiner Hand. Ich höre nur, daß sie die Pferde bringen ... Mit Müh und Noth, denn jetzt scheuen sich die Luder und schlagen aus ... Plötzlich ertönt ein Schrei: Franz! ... ein unsagbar jammervoller Schrei. -- Das war ~sie~! ... Kinder, ich steh' im Feuer wie ein Salamander, und vom Wirbel bis zur Sohle wird mir eiskalt ... und die Leute sind starr vor Schrecken, und ich spring' zur Erde ... Da liegt eine weiße Gestalt, da liegt mein Liebstes. -- »Todt,« sagt Jemand neben mir, »das Roß hat sie geschlagen -- ich hab's gesehen.« ... »Einbildung! -- nicht todt, nur besinnungslos, denk ich, entdecke auch kein Zeichen von Verletzung an ihr, außer einem einzigen großen Blutstropfen, welcher aus ihrem Munde gequollen ist ... Und vergesse alles Andere -- oder vielmehr mit allem Anderen ist's aus, und beuge mich und hebe sie sanft vom Boden auf und bitte die Leute: »Macht Platz, daß ich sie nach Hause tragen kann!« Alle weichen zurück -- ein einziger wagt sich heran, ein rauchgeschwärzter, verstörter Mensch (es ist ein Wunder, daß er da ist, aber in dem Moment wundere ich mich über nichts); der Mensch, dem sie nachfliegen wollte ins Feuer wie ein kleiner Schmetterling ins Licht, und ich wettere ihn an: »Aus dem Weg! Du bleibst und machst dich weiter nützlich!« Und der Franz spricht kein Wort und gehorcht. Beim Nachhausegehen ist es mir manchmal vorgekommen, als ob sie athme, die Kleine ... Als ich sie in ihrem Zimmer auf ihr Bett legte, blieb sie lange Zeit ganz starr, und wir verzweifelten schon, ihre Dienerinnen und ich. Bis nach Besztercze mußte gefahren werden um einen Arzt, und der konnte im besten Fall am Abend des nächsten Tages bei uns sein. Es war mir recht, als ich hörte, daß der Franz sich's nicht hatte nehmen lassen, das Abholen des Doctors selbst zu besorgen. Nach Mitternacht sank die Kleine allmälig aus ihrer Ohnmacht in einen tiefen Schlaf, ich fühlte unter meinen Fingern das leise Klopfen ihres Pulses, und als ich ihr Händchen betrachtete, das in meiner rauhen Hand lag, that mir der Contrast weh. Da saß ich an ihrem Bett, und derjenige, an dem ihr armes thörichtes Herz hing, kutschirte draußen auf der Landstraße. Wenn sie erwacht und sieht nur mich, es wird ihr sehr traurig sein. Sie war so hülf- und harmlos und -- daran zweifelte ich nicht -- so schwer krank ... Ein grenzenloses Erbarmen kam über mich; eine größere Liebe, als ich je für sie gehabt hatte, erfüllte meine Seele, und ich that ein Gelübde: Wenn sie gesund wird, will ich jedem Anspruch auf sie entsagen. Unsere Ehe ist leicht gelöst. Mag sie mit dem leben, mit dem sie sterben wollte. Auf ihn acht geben und dafür sorgen, daß er keine Dummheiten macht, das soll meine Sache sein, dazu bin ich der Stärkere. Mit diesem Vorsatz steh ich auf von meinem Platz am Fußende ihres Bettes, und wie ich mich über sie beuge -- was seh ich? Sie hat die Augen offen und richtet einen unsicheren, fragenden Blick auf mich: »Franz?« sagt sie, und ich antwortete: »Er kommt, mein Kind, kommt bald ...« »Wer kommt? ... o Lieber!« und auf einmal hebt sie die Arme und schlingt sie um meinen Hals. »Bist Du's? fehlt Dir nichts? bist da?« »Jawohl, ich bin da.« »Dann ist alles gut,« flüsterte sie, »alles gut, Du Bester!« Was hat das zu bedeuten? Ich habe es nicht gleich begriffen und gefragt: »Träumt mein Kind?« »Nein, ich bin wach.« »Wach und nennst mich Bester?« »Weil Du's bist,« antwortet sie und lächelt mich so zutraulich an wie noch nie. Ich ringe mit der Wonne, die, begleitet von tausend Schmerzen, einziehen möchte in meine Brust. »Jetzt weiß ich, daß Du träumst, Du Kind. Ich bin ja immer so barsch mit Dir gewesen.« »Du? Ach geh!« Ewige Güte! Ach geh, sagte sie -- und ich habe mich nicht mehr beherrschen können, ich bin auf meine Knie gesunken und habe ihre Augen geküßt und meinen Kopf neben den ihren auf das Kissen gelegt und mit zitternder Seligkeit gefragt: »Besinne Dich, warum wolltest Du in das brennende Haus?« »Nicht ins Haus -- nur zu Dir, nur Dir nach, nur Dich abhalten ... Aber« -- unterbrach sie sich plötzlich -- »warum weinst Du?« Ihre Augenlider waren schwer geworden, sie lehnte ihr Gesicht an das meine und schlief wieder ein. Der Arzt kam zur Zeit, um welche ich ihn erwartet hatte. Er sprach von einer inneren Verletzung, er gab keine Hoffnung. Einige Wochen haben wir ihr theueres Leben aber doch gefristet. Sie hat wenig gelitten und bis zum letzten Augenblick die feste Zuversicht auf ihre baldige Genesung bewahrt. An ihrem Sterbebett ist keine Thräne geweint worden; ich habe jeden, der seine Rührung nicht zu unterdrücken vermocht hätte, fern gehalten -- und auch die letzten Tröstungen der Religion. Die Kleine brauchte keine Tröstungen, denn sie hatte keinen Gram, und den meinen verbarg ich ihr. Daß es mir gelang, das war meines Herrn und Gottes wundersames Geschenk. Wer außer ihm hätte mir diese Kraft geben können? Und so hab ich denn alles allein mit ihm abgemacht und mich nicht erschüttern lassen in meinem Glauben, daß ich keinen Frevel beging, indem ich sie unvorbereitet scheiden ließ, die Seele, die zurückgekehrt ist zu ihrem Schöpfer, so rein, als er sie dereinst ins Leben entließ. In meinen Armen, an meiner Brust ist sie oft eingeschlafen, einmal denn auch, um nicht wieder zu erwachen -- die Meine und nicht Meine! * * * * * Unser verehrter Freund pflegte seine Erzählung mit diesen Worten zu beschließen. Es bedurfte auch für uns keiner Fortsetzung, da wir aus anderweitigen Berichten wußten, daß er auf seinem Gute noch so manches Jahr still und ruhig verblieb. Erst nach dem Tode seines Herrn Vetters Franz von Bauer hörte der Aufenthalt in dortiger Gegend auf, ihm angenehm zu sein, und er vertauschte ihn mit demjenigen in unserem Städtchen. [Illustration] Die Resel. Es war im März zwischen Oculi und Lätare. Der Graf und die Gräfin hatten sich in ihrer neueingerichteten Wohnung im Forsthause des Reviers Fichtenberg einquartirt, um die Zeit des Schnepfeneinfalls gehörig auszunützen. Da erlagen viele der geflügelten Reisenden, die eine Zuflucht in den feuchten Niederungen der Nadelwälder gesucht hatten. Je blutiger der Tag gewesen, je vergnügter kehrten die Jäger heim, je liebenswürdiger wurde der Herr Oberförster zum Abendessen geladen. Die kleine Gesellschaft nahm das Mahl in einem traulichen holzgetäfelten Zimmer ein, das von einem stark geheizten Kachelofen fast übermäßig erwärmt und von den vier Kerzen eines Hirschweibchen-Lüsters ziemlich spärlich erhellt wurde. Die Ereignisse des Tages hatten den Stoff zum Tischgespräche geliefert. Beim schwarzen Kaffee begann der Graf in seiner breiten und äußerst gutmüthigen Art den Stand der Waldungen zu loben. »Das ist ein Unterschied«, sagte er, »zwischen den meinigen und den fürstlichen, wo wir im Herbst gejagt haben.« Man rauchte; die Gräfin, die sich die größte Cigarre angebrannt hatte, sprang plötzlich auf, lief zum Fenster, öffnete es weit und sprach, dampfend wie ein Schlötchen: »Alles gut bei Ihnen, mein lieber Herr Ruppert, nur Ihre Leute nicht. Die Hausdiener feuern einen aus dem Zimmer und Ihre Jäger -- eine Sippschaft ... mein Großvater würde jagen: ›wie wenn's die Tauben zusammen getragen hätten‹.« »Ja, ja, sie hat recht,« sagte der Graf, »ich hab' mir heut das Jagdpersonal betrachtet. Diese Menschen schauen aus wie die Räuber.« Das Gesicht des Oberförsters zog sich in die Länge. »Das können Hochgräfliche Gnaden gleich anders haben, brauchen nur zu befehlen, nämlich. Wir nehmen uns halt ein Muster an den fürstlichen Jägern drüben; die tragen Uniform mit silberne Knöpf' und Borten und waschen sich alle Tag' zweimal die Händ'.« »Zu was alteriren Sie sich gleich, Ruppert -- ich hab' nur so gemeint,« beschwichtigte der Graf, und seine Frau fiel ein: »Es handelte sich auch nicht ums Händewaschen, aber daß die Leute gar so merkwürdig sind. Da ist einer den ganzen Tag hinter mir hergegangen, so ein magerer, brauner, ein recht unheimlicher mit trotzigen Augen.« »Der Gruber, Hohgräfliche Gnaden.« »Der kann nicht einmal reden.« »Mit dem Maul, nein, aber ich bitt' unterthänigst, nur einen Blick auf seine Culturen am Reiterberg zu werfen, die sprechen nämlich statt seiner.« »Sie haben mir aber keine Antwort gegeben, wie ich gefragt habe,« sprach die Gräfin und schlug ihre wundervollen, schwarzbraunen Augen schalkhaft zu dem Alten auf. Er verstand sie nicht: »Was belieben zu meinen?« »Hören Sie zu. Ich war an einer Stelle im Wald, die ich noch nicht gekannt hab'. Es sind dort gar große Fichten und ein schmaler Wiesengrund -- kleine Quellen durchrieseln ihn -- zieht sich hinunter bis zum Thaldorf. Man kann den Kirchthurm sehen und das Kreuz darauf. Dort am Waldesrand bemerke ich einen grünen Hügel, lang und schmal, ganz eingefaßt mit Schneeblumen. ›Sie,‹ sag ich, ›Sie, Jäger, was ist denn das?‹ -- ›Was?‹ sagt er und knotet eine von den Schnepfen fester, die er sich an die Weidtasche angebunden hat. ›Ist das nicht ein Grab, ein armes, einsames Grab?‹ -- ›Kann sein,‹ brummt er, so still, daß ich's kaum verstanden habe. Dabei reißt er an seinem dicken Schnurrbart ... grad, wie Sie jetzt thun, lieber Ruppert, Herr Oberförster,« brach sie lachend aus. Er ließ schnell die Hand sinken, und die Gräfin fuhr fort: »Neben dem Grab -- als ob sich's nicht näher getraute, ist ein Kreuzerl aus zwei dünnen Latten aufgepflanzt, die ein gebogener Nagel in der Mitte zusammenhält, und es steht ein Name drauf: Resel. Man kann's noch ausnehmen, trotzdem die Buchstaben vom Regen halb verwischt und so krumm sind, wie wenn ein Kind sie geschrieben hätte.« »Kein Kind,« versetzte der Förster, »aber Einer, der geworden ist wie ein Kind ... Hochgräfliche Gnaden haben ihn noch gekannt,« wandte er sich an den Grafen, »den alten Vitalis, den großen, dicken, mit dem rosenfarbigen Gesicht.« »Ja -- ja -- und ich hab' immer ministriren wollen, wenn er ins Schloß gefahren gekommen ist, die Mess' lesen. Was für eine Geduld hat er mit mir gehabt!« »Aber die Resel, warum ist sie nicht auf dem Friedhof begraben?« fragte die Gräfin, und der Förster erwiderte zögernd: »Ja, leider, weil sie leider Hand an sich gelegt hat, sich nämlich umgebracht hat.« »Umgebracht! --« rief die junge Frau erregt -- »gewiß aus unglücklicher Liebe, sie hat ihren Geliebten nicht heirathen dürfen, oder er hat sie sitzen lassen, der Lump ... Ist's so? Sagen Sie's, wenn Sie's wissen.« »Wie sollt' ich nicht? Die Resel ist ja die Tochter von meinem Bruder gewesen.« »So -- und was war der?« »Müller im Thaldorf.« »Hat er viele Kinder gehabt?« »Die längste Zeit gar keins, dann ist die Resel gekommen. Der liebe Gott hat sich besonnen. Aber weil sie keine Ruh gegeben haben mit Bitten und Betteln und auf alle Wallfahrtsorte herumgezogen sind, giebt er endlich nach und schickt ihnen die zitternde Freud'.« »Das Kind wird wohl kränklich gewesen sein?« »Gesund wie ein Fischerl von ihrer Geburt an. -- ›Wenn die zwei Alten ein Kind kriegen, kommt's mit graue Haar' auf die Welt‹, hat es immer geheißen. Indessen bringt das Mädel einen Kopf voll dunkle Locken mit, und wie ihr die ausgegangen sind, wachsen noch dunklere nach. Die Augen waren schwarzbraun, ich hab' mein Lebtag keine so schönen mehr gesehen.« Die Gräfin zuckte die Achseln, erhob sich und sagte mit komisch-naiver Entrüstung zu ihrem Gatten: »_Comme il est bête!_« Der Angesprochene erwiderte nur mit einem zustimmenden Laut, denn er befand sich bereits im Halbschlafe. Ein wenig verdrossen nahm die junge Dame Platz auf der Ottomane am Fensterpfeiler, stützte den Nacken auf die Polster und fragte: »War die Resel groß, klein, wie hat sie ausgesehen?« »Sie wird beiläufig eine Person gehabt haben wie Hochgräfliche Gnaden, nur nicht so mager da herum.« -- Der Förster legte die Cigarre weg und griff mit beiden Händen an seine breite Taille. »Aber ein Feuerteufel. Man hat nämlich nie gewußt, wenn sie weg war, ob sie ihre geraden Glieder heimbringt.« Die Gräfin lächelte: »Ja, ja, so wilde Hummeln giebt's, ich habe auch eine gekannt.« »Die Eltern sind aus der Todesangst um sie nicht herausgekommen, wollten es ihr aber nicht zeigen, daß ihr nicht weh geschieht. Manchmal hat sie's von selbst gemerkt und gesagt: ›Mutterl, acht Tag' geh ich Dir nicht von der Seiten,‹ -- hat sich mit ihrer Arbeit hingesetzt und gekniffelt, gekniffelt! An gutem Willen hat's ihr nicht gefehlt, nur war's ganz gegen ihre Natur, und wenn man sie so gesehen hat, ist sie einem vorgekommen wie ein Fink oder ein Kanari, den's eingespannt haben, und der ein Wagerl hinter sich herziehen muß. Ihr Vater hat den traurigen Anblick nicht vertragen, hat sie immer bald weggeschickt, sich austanzen auf der Wiesen. Da ist sie geflogen! ... Hat übrigens nicht nur getanzt, auch den Leuten geholfen beim Mähen und Heumachen und im Winter beim Holzklauben, -- wenn sie nur draußen im Freien sein konnte. Und -- kurioses Mädel! eine Passion, ihr Leben zu riskiren, als ob sie's nicht früh genug los werden könnt.« Seine Zuhörerin unterbrach ihn eifrig: »Nein, nein, daran hat sie nicht gedacht, sie hat die Gefahr geliebt, das kommt vor, auch Mädchen haben Heldenblut in den Adern ... Vielleicht war ihr Großvater Soldat wie der meine.« Der Förster nickte zustimmend: »Kann wohl sein ... die Resel -- wenn ich denk', daß sie als ein zwölfjähriges Ding ein Wickelkind aus dem lichterloh brennenden Haus gerettet hat und ein paar Wochen drauf bald ersoffen wär'. Ist nämlich ins Wasser gesprungen einem jungen Hund nach, der hätt' ertränkt werden sollen.« »Einem Hund? -- Förster, das hätt' ich auch einmal gethan bei einem Haar! aber die Gouvernante, die dumme Gans, hat mich am Kleid erwischt und festgehalten ... Erzählen Sie weiter, im hab' sie schon lieb, die Resel.« »Schauen, so ist es jedem Menschen gegangen, nämlich, und nicht anders dem lieben Vieh. Wenn sie zu uns gekommen ist, glauben, daß mein Hund mir zugegangen wär'? Keine Idee. Wie verhext um sie herumgesprungen und ihr nicht von den Fersen gewichen. Und mein ältester Bub, der Robert, macht ihm's nach. Oder will wenigstens ... Sie war damaln sechzehn, er achtzehn. Ich hab' ihn g'haut -- es hat nichts genutzt. Fortschicken mußt ich ihn zu einem Bekannten in Sachsen, wo er mehr zu thun und weniger zu essen bekommen hat als zu Haus. Plag' und Hunger, Hochgräfliche Gnaden, sind die besten Mittel gegen die Lieb' nämlich.« »War der Resel nicht leid um ihn?« »Nein. Sie ist mit ihrem Toni gegangen und hat sich sonst um Niemanden geschert. Das heißt, das will ich nicht gesagt haben; an ihre Eltern nämlich ist sie gehängt, denen sie ja das allerhöchste war, und auch an dem alten geistlichen Herrn, dem Vitalis. -- Schauen, an dem konnt man's erleben, wie das ist, wenn ein einschichtiger Mensch sein Herz an ein fremdes Kind hängt. Der treibt's mit ihm mehr als die eigenen Eltern, glauben mir sicher. -- ›Mein Taufkind, mein Beichtkind --‹ ich hör' noch; den Ausdruck und: ›Die hat ein Köpferl, die fragt g'scheiter, als ich antworten kann. Ja, und was für ein Herz! Nur, daß sie's nicht immer zeigen mag. Wie oft kommt es aber von selbst zum Vorschein, zum Beispiel -- wißt ihr noch, Förster? -- bei dem großen Feuer.‹ -- Jehses, Jehses! wenn allemal ein halbes Dorf abbrennen müßt, damit eins sein gutes Herz zeigen kann, hab' ich gedacht -- gesagt, nein. Den guten, guten Herrn zu kränken, hätt' ich mir zur Sünd angerechnet. Die Resel war weniger heiklig in dem Punkt, und der Herr Pater nämlich auch schwer dahinzubringen, daß er ihr eine Ermahnung ertheilt. Ihm hat ihre Reu Angst gemacht, die gleich da war, aber nicht viel anders ausgeschaut hat wie die pure Verzweiflung. Da ist sie auf die Kniee gefallen vor denen Eltern und hat ihnen Händ' und Füß' geküßt und mit Jammern und Weinen um Verzeihung gebeten.« »Warum denn um Verzeihung?« »Wird ihre Ursachen gehabt haben, wissen. Die Liebschaft mit dem Toni war nämlich im höchsten Flor, und die Alten, so schwach sie sonst waren, davon haben sie doch nichts wissen wollen.« »Aus welchem Grund?« »Erstens war er kaum zwanzig.« »Kaum zwanzig!« Die Gräfin ließ ihren Blick auf den edlen, aber nicht mehr jugendlichen Zügen ihres Gatten ruhen und auf seiner blanken Glatze, in der das Licht einer der Lüsterkerzen sich spiegelte. »Zweitens,« setzte der Förster hinzu, »war mein Bruder ein wohlhabender Mann, der für seine Tochter etwas Besseres verlangen konnte als nämlich einen armen Heger, was der Bursch zu der Zeit gewesen ist. Heger in der Hubertushütten oben. Wahr ist, der Vater hätte früher g'scheit sein und nicht erlauben sollen, daß die Resel und der Toni von Kind auf beständig mitsammen herumrennen. Es hat sich so gemacht, weil das Haus vom Revierjäger, dem Toni seinem Vater, nicht weit von der Mühl' war und das einzige in der Nachbarschaft.« »Also Spielkameraden,« sprach die Gräfin ernst und nachdenklich, »und beide jung und lustig, da haben sie sich in einander verlieben müssen.« »Zu dienen, Hochgräfliche Gnaden. Ich habe meinem Bruder oft gesagt, es wär' Zeit, daß er auf sie Achtung gebet. Umsonst. Höchstens, daß er's in Uebel genommen und mich angefahren hat: ›Ich kann ihr nicht nachlaufen mit meiner Gicht; wär' auch schad' um die Müh'. Alle möglichen Mucken trau' ich ihr zu, aber nicht einen unrechten Gedanken. Sie wird die Kinderschuh, und die Dummheit mit dem Toni auf einmal ablegen; laß nur den Andreas da sein‹.« »Wen?« »Dem Wirth vom Fichtentann sein Einziger. Ja. -- Die alten haben sich ihn nämlich schon lang zum Schwiegersohn ausgesucht gehabt. Die Wochen drauf nach geleisteter Militärpflicht sollt' er eintreffen. Ein prächtiger, braver Mensch.« »Ja,« sagte die Gräfin wie im Traum, »brav und gut ... aber er hat eine Glatze gehabt.« »Eine Glatzen? daß ich nicht wüßt'.« Die junge Frau wurde über und über roth und wandte die Augen etwas erschrocken ihrem Manne zu, der inzwischen fest eingeschlafen war. »Alles eins,« sprach sie rasch, »erzählen Sie weiter.« »Was soll im noch erzählen? -- Belieben sich das End' zu denken; haben das Grab von dem armen Ding gesehen. Sie ist, versteht sich, mit Erlaubniß des hochseligen Herrn Grafen, dort bestattet worden. Solang der Pater Vitalis noch gelebt hat, hat er die Ruhestatt von seinem Taufkind gepflegt. Dann hab' ich immer einen von meine Buben hinausgeschickt.« »Gut, gut, das kommt später, jetzt möchte ich wissen, wie die Resel gestorben ist.« Der Förster zögerte. »Verlangen sich's nicht, Hochgräfliche Gnaden, es ist nämlich eine sehr traurige Gschicht.« »Aber ich will sie kennen,« sprach die Gräfin gebieterisch und hob sich auf dem eingestemmten Ellbogen ein wenig in die Höhe. »Jetzt haben grad so g'schaut wie die Resel,« bemerkte der alte Jäger lächelnd. »So, -- wann?« »Wann man sie bös gemacht hat, und das ist sie leicht geworden gegen Jeden, nur gegen den Toni nicht; was der gethan hat, war immer recht -- nämlich ihr. Eine unbändige wie die, und getraute sich nicht die Augen anders aufzuschlagen als so, wie es ihm gefällig war.« »Sie hat ihn eben lieb gehabt.« »Beim Tanz konnt' es noch so lustig hergehen, konnten's die Burschen mit ihr treiben wie verruckt, die Freud' war gleich vorbei, wie der Toni aus Eifersucht oder was ein Gsicht geschnitten hat. Bei ihm war das fertig im Handumdrehen.« »Das ist merkwürdig,« sagte die Gräfin, »daß der Toni auch so gewesen ist.« »Sehr merkwürdig,« bestätigte der Förster unbefangen. »Ein lieber, hübscher, lustiger Kerl ist zum Tisch getreten; ein hölzerner Haubenstock mit schiefem Maul hat sich niedergesetzt. Wenn ich ein Mädel wär', ich nehmet keinen, der so ist. Sonst war ihm nichts nachzusagen; er war tüchtig in seinem Fach, voll Kurasch und wie der Teufel auf Wildschützen und Holzdiebe. Davon hat aber eine Geliebte nichts.« »Sie hat davon, daß es ihr gefällt, und das ist alles.« »Entschuldigen, man möcht halt wissen, was für einen Grund sie gehabt hat zu so einer Lieb'.« »Auf den kommt's nicht an, mein lieber Ruppert.« Sie lehnte den Kopf zurück und schloß die Augen. »Weiter, weiter. -- Nun, soll ich Ihnen einsagen? -- -- Der andere wird stündlich erwartet und der armen Resel fürchterlich zugesetzt: ›Du nimmst ihn, Du mußt! -- Wir wollen, wir beschwören -- der Frieden unserer alten Tage hängt davon ab. -- Wie sanft würden wir sterben, wenn wir Dich wüßten in der Hut eines braven Mannes ... Kind, Kind! mach uns den Tod nicht schwer.‹ -- Haben sie so zu ihr gesprochen, die Großeltern und der Vitalis?« »Bitt' schön, Großeltern waren keine,« versetzte Ruppert nicht ohne Schadenfreude an der Lücke im divinatorischen Talent seiner Gebieterin. »Der geistliche Herr hat ihr im Namen der Eltern zugeredet.« »Und sie hat nachgegeben, die Aermste?« Der Förster wiegte bedenklich den Kopf: »Verzeih' ihr Gott und geb' ihr den ewigen Frieden.« »Wie? -- -- Also standhaft geblieben die Resel und ›nein‹ gesagt?« »Nicht ›ja‹ und nicht ›nein‹, aber völlig desperat gewesen, hör' ich, den Eltern gute Nacht gewünscht, und man soll für sie beten. -- Aus dem Zimmer gegangen, wieder hereingekommen, paarmal nacheinand, gerade als ob sie etwas sagen möcht und sich nicht traut und es nicht herausbringt. Endlich auf das viele Bitten der Mutter geht sie zur Ruh. ›Morgen reden wir weiter‹, sagt der Vater, und sie, mit einer Art Todesangst: ›Wenn Zwei bitten kommen, vielleicht erbarmt Ihr Euch dann‹. In einer Viertelstund' hat die Mutter nachgesehen, da ist sie im Bett gelegen und hat geschlafen -- oder dergleichen gethan. Am nächsten Morgen war sie verschwunden.« »Sie hat sich ins Wasser gestürzt oder in einen Abgrund,« erklärte die Gräfin mit großer Bestimmtheit. »Wohl ihr, daß sie es konnte, daß keine Gouvernanten da waren, sie zu hindern.« »Wie meinen? -- Gubernanten? waren freilich keine da,« sprach der Förster treuherzig. »Die ordinären Leut' aber haben alle gesagt, wie hochgräfliche Gnaden: die hat sich umgebracht so oder so, und denen Eltern noch zu Gehör gesprochen: Wenn man einem Kind von jeher seinen Willen gelassen hat, darf man nicht auf einmal Gehorsam von ihm verlangen. Die den Selbstmord am bittersten beweinen, brauchen nicht erst zu fragen, wer ihn verschuldet hat.« »Ganz richtig,« warf die Gräfin ein. »Die Alten sind dagesessen, wie wenn der Blitz sie getroffen hätt'. Was ist ihnen am Gered' gelegen? Solche Vorwürfe, als sie sich selber gemacht haben, hätte der ärgste Bosnickel nicht erfunden. Der Herr Kaplan, der auch Trost brauchet, spendet ihn, probirt es wenigstens. -- Da klopft's ans Fenster und gleich darauf an die Thür. Die Eltern fahren zusammen; sie meinen nicht anders als: Unsere Todte meldet sich. -- -- Statt dem kommt der Bub vom Bäcken herein, der dem Toni alle Wochen zweimal das Brot bringt. ›Sie sollen sich nicht abkränken,‹ sagt er, ›die Resel lebt, er hat sie gesehen, sie ist oben in der Hubertushütten.‹« »Wo?« -- die eifrige Zuhörerin schlug in die Hände und rief mit einem Gemisch von Tadel und Bewunderung: »Mordsmädel das!« »Ich bin just auf Besuch bei meinem Sohn in Sachsen gewesen,« fuhr der Erzähler fort, »und erst am Abend zurückgekommen. Das Unglück war schon geschehen -- vorher aber ein Wunder. Denken nur, der alte Pater Vitalis hat den Weg zum Heger angetreten und wirklich zurückgelegt. Wie er über die Felsen und über das Geröll gekrochen ist, der schwerfällige Herr mit seine wackligen Beine, laßt sich auf natürliche Art nicht erklären. Nachgehens habe ich ihn gefragt: ›Wie waren Sie im Stande, die Beschwerlichkeiten von der Wanderung zu überwinden?‹ -- Seine Antwort war: ›Ich habe keine Beschwerlichkeiten verspürt, ich bin hinaufgetragen worden von meinem großen Zorn und meinem großen Schmerz.‹ -- Kurz und gut, er tritt in die Hütten. In der Kuchel am Herd steht ›sein Taufkind, sein Beichtkind‹, schlagt die Händ vors Gesicht, wie sie ihn erblickt, und weint, daß die Thränen ihr durch die Finger fließen. »Wo war da sein Zorn? Nur sein Schmerz ist übrig geblieben und hat aus ihm geredet: ›Du Gottverlassene, weißt Du, was Du gethan hast? Weißt Du, ob Deine Eltern die Schand' überleben? ... Davongelaufen -- Du! ... Warum davongelaufen? sprich. Da ist Dein alter Beichtvater, beichte!‹ »Nun mein Gott und Herr, es war schon nicht anders als nämlich am allerschlimmsten. Sie hat eingestanden, daß sie es nicht mehr aushalten konnte unter einem Dach mit ihre braven, betrogenen Eltern, nicht mehr hören konnte: ›Wenn Du uns lieb hast, heirathest Du den Andreas‹ -- daß sie also in ihrer Desperation hierher gerennt ist. Heute oder Morgen haben die Eltern doch erfahren müssen, wie es mit ihr steht und --« Die Gräfin fiel ihm erregt ins Wort: »Die Zucht hat ihr gefehlt, die Führung. Sie ist ganz allein dagestanden, Aug' in Aug' mit der Versuchung ... Arme Resel! -- Von einer solchen Gefahr wissen wir freilich nichts; uns wird die Wahl zwischen Recht und Unrecht erspart -- die Beschützer laufen uns ja nach auf Tritt und Schritt. Gar oft verdrießt einen die beständige Ueberwachung und ist am Ende doch Glück und Gnade. -- Ach, wie wohl thut das reine Gewissen, das wir uns -- nein, das man uns bewahrt! ... Weiter, Oberförster, warum unterbrechen Sie sich alle Augenblicke? Was hat er jetzt gesagt, der gute Pater Vitalis?« »Jenun, die Botschaft der Eltern hat er ihr ausgerichtet. Daß ihr verziehen ist nämlich, und die Heirath mit dem Toni erlaubt, aber: aus dem Elternhaus geht's zur Kirchen, ins Elternhaus muß sie gleich mit ihm zurück. »Die Resel war, wie wenn ihr die Sonne beim Untergang feuerroth ins Gesicht geschienen hätte und dabei soll ein Frost sie geschüttelt haben. ›Mein Vater,‹ sagt sie, ›meine Mutter, meine guten Eltern, meine viel zu guten!‹ Sie hat die besten Vorsätze gefaßt, ihnen alles zu vergelten und tausendfach zu büßen, was sie an ihnen verschuldet hat, und von nun an die dankbarste Tochter zu sein, die gehorsamste. -- ›Mit Gottes Gnade,‹ sagte der Herr Kaplan, ›und jetzt komm.‹ Noch nicht; sie nöthigt ihn, ein Glas Ziegenmilch zu trinken, und giebt ihm dann über den halben Berg das Geleit, bis wo der Weg gut wird. Da bleibt sie stehen, nimmt seine Hand und küßt sie. Vergelt's Gott, Hochwürden, und auf baldiges Wiedersehen. Er erschrickt: ›Was? gehst nicht gleich mit?‹ -- Also nein! um nichts auf der Welt kann sie kommen ohne den Toni; das wär' ja, als ob er nichts mehr von ihr wissen wollt und sie nach Hause schicket. Sie haben beide gefehlt, sie müssen beide um Verzeihung bitten und um den Segen. Die Tage sind jetzt lang, meint sie -- nämlich im Anfang Juni -- es ist noch hellicht, und sie möchte so gern warten, bis dunkel wird. Vor Schlafengehen trifft sie sicher ein, bringt den Toni mit, und wenn der seine Begnadigung hat, soll er nur gleich fort, sie schwört, daß sie sich's dann nicht einmal verlangt, ihn eher wiederzusehen als am Altar bei der Trauung. Noch einmal küßt sie dem Pater die Hand und eh' er sich besinnt, ist sie auf und davon gesprungen. -- Nach einer Weile hat die Luft von der Höhe herab dem geistlichen Herrn einen Jauchzer zugetragen, da war so ein Jubel drin, als ob eine arme Seel' aus dem Fegfeuer gradaus in den Himmel aufflieget.« »Nun hätte ja Alles gut werden können, Förster.« »Zu dienen, ja -- können, das heißt, wenn nämlich der Toni ein ganzer Mann gewesen wäre und nicht ein halbeter, der sich einer übeln Angewohnheit aus seiner Bubenzeit noch nicht erwehren kann. Er ist, das hat er mir erzählt, wenn ich sage zwanzigmal, sage ich nicht genug, an dem Abend in seinem schlimmsten Humor gewesen, nämlich. Hat er einen Streit gehabt, hat er einen Waldfrevel entdeckt, oder was -- genug, wie ihm die Resel von Weitem zuruft, thut er schon, als ob er nichts höret noch sehet. Sie kommt ihm entgegen und theilt ihm voller Freuden Alles mit, vom Besuch des Pater Vitalis und von der Einwilligung der Alten. Der Toni spielt sich auf den Dummen, macht dergleichen, als ob er nichts versteht: Einwilligung -- zu was? er möcht' gern wissen, zu was er Einwilligung brauchet. Geht ins Haus, fangt an, sein Gewehr zu putzen, und singt sich dazu recht frech und übermüthig das alte Liedel: ›Ich will dich ja lieben, Aber heirathen nicht.‹« Die Gräfin hatte sich mit einem Ruck aufgerichtet: »Schlechter Kerl! Miserabler Mensch ... Ach, daß sie doch nicht zu ihm gegangen wäre! -- Also weiter, Herr Ruppert.« »So gewohnt die Resel an seine ungleiche Laun' auch war, in dem Augenblick ist sie ihr zu viel geworden, und sie hat ihm ein paar ernsthafte Worte gesagt. Gleich ist der Gifthahn beleidigt, der empfindliche Dalken, und das muß natürlich gestraft werden, je grausamer, je besser. -- Werden das nicht wissen, weil es dergleichen kaum geben wird bei so hohe Herrschaften nämlich; aber unter uns kommt's vor, daß einer sein Liebstes, ob es jetzt ein Hund ist, ein Pferd oder ein Frauenzimmer, manchmal plagen muß bis aufs Blut ...« »Ach ja, ich kenne das,« seufzte die junge Frau, »solche Käuze findet man überall. Und sie gefallen einem noch.« »Unbegreiflicherweis' nämlich; denn in einem solchen Moment -- ich hab das vom Toni -- ist denen Sekirern wie wenn der Teufel ihr Herz in seine verfluchte Krallen nehmet und zusammendrucket, daß es hart wird wie Stahl ... Aber Hochgräfliche Gnaden sind, mir scheint, schläfrig. Soll ich nicht aufhören?« »Nur weiter, lieber Herr Oberförster.« »Wie sie ihn so gar bös gesehen hat, ist ihr angst und bang geworden, und sie macht ihm nicht den geringsten Vorwurf, bittet nur demüthig: ›Schau, nimm mich doch. Thu's aus Erbarmen mit meine braven Eltern.‹ Aber der stutzige Bock beutelt mit dem Kopf wie ein Sonnenkoller. -- Es fallet ihm nichts ein vom heirathen, und er sei zu jung nämlich, und er will noch seine Freiheit genießen. Auf das hin wird die Resel still.« »Und was thut sie?« »In vorigem Winter, wissen, ist der Toni von drei Kerlen mit berußten Gesichtern, wahrscheinlich abgestrafte Holzdiebe, im Schlaf überfallen, gebunden und geknebelt, aus dem Bett gerissen und in Schnee geworfen worden. Einem puren Zufall, der mich zu ganz ungewohnter Zeit dort vorbeigeführt hat, hat er's zu verdanken, daß er nicht völlig erfroren ist; zu drei Viertel war er's schon. Seit damalen hat er immer eine geladene Pistolen an der Wand beim Bett hängen gehabt. Auf diese geht die Resel zu, nimmt sie vom Nagel und spannt: ›Toni, ich muß heim, ich hab's dem geistlichen Herrn versprochen, im kann aber nicht kommen ohne Dir. Kommst mit, Toni? -- Willst?‹ »In ihm hat Alles gezittert, weil sie einen so entschlossenen Ausdruck gehabt hat, aber er wird sich doch nicht imponiren lassen, er, mit seiner Kurasch. -- ›Kommst mit?‹ -- das ist kein Bitten mehr, und jetzt droht sie. ›Willst?‹ -- Er schreit, er weiß nicht was -- er fürchtet, daß er: ›Nein‹, daß nämlich der Böse: ›Nein‹ aus ihm geschrien hat, und stürzt auf sie zu und will ihr die Pistolen aus der Hand reißen. Das hätt' ihm freilich früher einfallen sollen. Die Resel stürzt zusammen, hat sich in die Brust geschossen, die Kugel sitzt in der Lungen ... Jetzt ist dem Teufel seine Arbeit fertig, jetzt laßt er los. Dem Toni geht das Herz auf und gehen die Augen über. Er wirft sich neben ihr hin ... Die Welt, wenn sie sein wäre, nämlich, den Himmel, wenn er ihn hätte, Alles gebet er, um daß sie gesund werden möchte, seine Geliebte, er spürt es wohl: seine Vielgeliebte. Und holt Decken und einen Polster und legt sie so vorsichtig darauf, als ob sie ein bis zum Rand gefülltes Glas wäre, aus dem um Gotteswillen kein Tropfen ausgeschüttet werden darf. Aber sie jagt mit einer großen Müh': ›Geh, Du bist schlecht ... Ach, Vater, -- ach Mutter! ... Ach, Du Schlechter, laß mich wenigstens nicht sterben wie ein Thier -- ruf mir den geistlichen Herrn‹ ... Und er fort. -- Ein Felsstück, das von der steilen Wand abspringt, wäre nicht früher unten gewesen. Ohne anzuklopfen, stürzt er dem Herrn Kaplan ins Zimmer, findet ihn nicht allein, seine Behörde, der Herr Dechant von Marienhöhe sitzt bei ihm. Natürlich bringt der Toni trotzdem seine Sache vor. Der Pater Vitalis wird leichenblaß und muß sich an ihn anhalten, daß er nicht umfallt, nämlich. Dennoch sagt er: ›Stütze mich -- komm,‹ und will in die Kirchen um das Allerheiligste; kann nur nicht, ist zu schwach. Der Herr Dechant führt ihn zu einem Sessel und erkundigt sich genau, was denn sei? Dann meint er: ›Wie? das Allerheiligste hinauftragen an die Stätte, wo alles Heilige mit Füßen getreten worden? Unmöglich. Bringt erst die Verwundete ins Elternhaus zurück, zu Buße und Entsühnung‹ ... ›Ja, bringt sie,‹ sagt auch der Herr Kaplan ... ›Aus dem Elternhaus hat sie als Braut zu mir kommen sollen, sich meinen Priestersegen abholen zu einem neuen Lebensweg; im Elternhaus will ich ihr die Reisezehrung reichen zu ihrem letzten Gang.‹ »Von da an habe ich Alles selber mitgemacht, nämlich, bin neben der Tragbahre hergegangen, auf der sie gelegen ist und hat nichts als gebetet. Manchmal habe ich mich zu ihr gebückt: -- Nun, wie fühlst Dich? ›Ach, Herr Onkel, als eine große Sünderin.‹ »Wir haben sie also heimgebracht und auf das Bett der Mutter gelegt, weil die es so verlangt hat. Kein Auge hat die Resel von ihr abgewendet, außer um den Vater anzuschauen; und hat die Händ von beide in ihre Händ gehalten und gesagt: ›Ihr‹ ... und immer wieder: ›Ihr‹ ... Es war leicht zu verstehen, was das geheißen hat, nämlich: Ihr seid das Gute, das Beste. Niemand hat mich lieb gehabt wie Ihr. Ich bereue! ich bereue! ... Ach, daß ich doch nicht fort müßte, daß ich doch bei Euch bleiben könnte. -- Mein Bruder hat laut geantwortet auf ihre stummen Reden: ›Es wird keine lange Trennung sein, wir kommen Dir bald nach.‹ -- Nun hat der Geistliche sich genähert und ihr zugesprochen mit herrlichen Worten. Dann ihre kurze Beichte gehört, und ist eben im Begriff gewesen, ihr die Absolution zu ertheilen, als ein Krakehl vor der Thür entstanden ist. Es will nämlich Einer herein, den Andere abzuhalten suchen.« »Der Toni,« sprach die Gräfin. »Ja. Man hört ein paar Leute schreien und hinfallen, und die Thür geht auf. Keiner hat sich umgeschaut, nur ich. Da seh ich ihn, wie er kniet ... Hochgräfliche Gnaden, ich habe viel gesehen in meinem langen Leben, so etwas nicht wieder. Der rechte Schächer, wenn man den vom Kreuz abgenommen hätte, bevor der göttliche Erlöser ihm Vergebung verheißen -- dem sein Ebenbild war er. Wohl bin ich aufgesprungen, nimm ihn beim Kragen und will ihn hinauswerfen. -- Aber er, den ich sonst mit einem Finger an die Wand gedruckt habe, erwehrt sich meiner und rutscht auf seine Kniee bis mitten ins Zimmer. Seine Zähne haben ihm geklappert, dicke Schweißtropfen sind ihm über die Wangen gelaufen, seine Augen waren trocken wie Feuer. ›Resel!‹ sagt er, ›Verzeih mir!‹ -- Sie horcht. ›Verzeih mir!‹ wiederholt er, schleppt sich bis ganz in die Nähe von ihrem Bett und schlagt mit der Stirn auf den Boden. Der Herr Kaplan wendet sich ab, die beiden Eltern pressen die Gesichter in das Kissen, auf dem die Resel liegt. Sie faßt mit der einen Hand die Mutter um den Hals und mit der andern deutet sie auf den Schächer. »Alles Irdische war von ihr abgefallen, sie hat ihn mit so einem sanftmüthigen Mitleid angeschaut ... ›Vater -- Mutter -- Hochwürden ... das ist ein armer Mensch‹ ... Und nimmt ihre letzte Kraft zusammen: ›Vater -- Mutter -- Hochwürden, erbarmt Euch seiner‹ ... »›Mein Kind, denke jetzt nur an den Ewigen, vor dem Du bald stehen wirst,‹ beschwört Vitalis -- ›denk an das Heil Deiner Seele. --‹ »Aber sie sagt: ›Mein Lebenlang habe ich um Verzeihung gebeten, jetzt bittet Einer mich, und ich soll sie ihm verweigern?‹ »›Dein Heiland, mein Kind, begehrt einzuziehen in Dein Herz -- empfange Deinen Heiland, mein Kind.‹ »›Zuerst verzeihen,‹ antwortet sie und richtet ihre halbgebrochenen Augen auf den armen Sünder: ›Ich verzeih Dir, Toni, und wenn auch Gott mir nicht verzeiht -- ich verzeih Dir.‹ »Damit ist sie hinüber.« »Todt?« »Todt, und hat über die Versöhnung mit einem Menschen die Versöhnung mit ihrem Schöpfer versäumt. -- Wir stehen vor ihr, ich und die Eltern nämlich, und starren sie voller Entsetzen an, und doch wieder nicht, weil sie daliegt und lächelt, so friedlich wie ein unschuldiges Kind. Der Pater Vitalis ist am frühesten zur Besinnung gekommen, hat sich mit einer wunderbaren Kraft aufgerichtet, die Arme zum Himmel empor gehoben, und laut und inbrünstig gebetet: »›Vergieb uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.‹« »Arme Resel!« hub die Gräfin nach einer langen Pause an ... »und was ist aus ihrem unglückseligen Geliebten geworden? lebt er noch? ich möchte ihn kennen, den Toni.« »Kennen ihn ohnehin,« erwiderte der Förster. »Ist derselbe, der Hochgräfliche Gnaden heute geführt hat auf der Jagd.« »Der war's -- der?« -- jetzt besann sie sich. Der hartnäckige Schweiger mit dem finstern Blick, in dessen Nähe ihr fast unheimlich zu Muthe gewesen, hatte eine flüchtige, rasch verjagte Erinnerung in ihr geweckt, -- die Erinnerung an Einen, den zu vergessen ihre Pflicht war. [Illustration] Er laßt die Hand küssen. »So reden Sie denn in Gottes Namen!« sprach die Gräfin, »ich werde Ihnen zuhören; glauben aber -- nicht ein Wort.« Der Graf lehnte sich behaglich zurück in seinem großen Lehnsessel: »Und warum nicht?« fragte er. Sie zuckte leise mit den Achseln: »Vermuthlich erfinden Sie nicht überzeugend genug.« »Ich erfinde gar nicht, ich erinnere mich. Das Gedächtniß ist meine Muse.« »Eine einseitige wohldienerische Muse! Sie erinnert sich nur der Dinge, die Ihnen in den Kram passen. Und doch giebt es auf Erden noch manches Interessante und Schöne außer dem -- Nihilismus.« Sie hatte ihre Häkelnadel erhoben und das letzte Wort wie einen Schuß gegen ihren alten Verehrer abgefeuert. Er vernahm es ohne Zucken, strich behaglich seinen weißen Bart und sah die Gräfin beinahe dankbar aus seinen klugen Augen an: »Ich wollte Ihnen etwas von meiner Großmutter erzählen,« sprach er. »Auf dem Wege hierher, mitten im Walde, ist es mir eingefallen.« Die Gräfin beugte den Kopf über ihre Arbeit und murmelte: »Wird eine Räubergeschichte sein.« »O nichts weniger! So friedlich wie das Wesen, durch dessen Anblick jene Erinnerung in mir wachgerufen wurde, Mischka _IV._ nämlich, ein Urenkel des ersten Mischka, der meiner Großmutter Anlaß zu einer kleinen Uebereilung gab, die ihr später leid gethan haben soll,« sagte der Graf mit etwas affektirter Nachlässigkeit, und fuhr dann wieder eifrig fort: »Ein sauberer Heger, mein Mischka, das muß man ihm lassen! er kriegte aber auch keinen geringen Schrecken, als ich ihm unvermuthet in den Weg trat -- hatte ihn vorher schon eine Weile beobachtet ... Wie ein Käfersammler schlich er herum, die Augen auf den Boden geheftet und was hatte er im Laufe seines Gewehres stecken? denken Sie: -- Ein Büschel Erdbeeren!« »Sehr hübsch!« versetzte die Gräfin. »Machen Sie sich darauf gefaßt -- in Bälde wandern Sie zu mir herüber durch die Steppe, weil man Ihnen den Wald fortgetragen haben wird.« »Der Mischka wenigstens verhindert's nicht.« »Und Sie sehen zu?« »Und ich sehe zu. Ja, ja, es ist schrecklich. Die Schwäche liegt mir im Blut -- von meinen Vorfahren her.« Er seufzte ironisch und sah die Gräfin mit einer gewissen Tücke von der Seite an. Sie verschluckte ihre Ungeduld, zwang sich, zu lächeln und suchte ihrer Stimme einen möglichst gleichgültigen Ton zu geben, indem sie sprach: »Wie wär's, wenn Sie noch eine Tasse Thee trinken und die Schatten Ihrer Ahnen heute einmal unbeschworen lassen würden? Ich hätte mit Ihnen vor meiner Abreise noch etwas zu besprechen.« »Ihren Prozeß mit der Gemeinde? -- Sie werden ihn gewinnen.« »Weil ich recht habe.« »Weil Sie vollkommen recht haben.« »Machen Sie das den Bauern begreiflich. Rathen Sie ihnen, die Klage zurückzuziehen.« »Das thun sie nicht.« »Verbluten sich lieber, tragen lieber den letzten Gulden zum Advokaten. Und zu welchem Advokaten, guter Gott! ... ein ruchloser Rabulist. Dem glauben sie, mir nicht, und wie mir scheint, Ihnen auch nicht, trotz all ihrer Popularitätshascherei.« Die Gräfin richtete die hohe Gestalt empor und holte tief Athem. »Gestehen Sie, daß es für diese Leute, die so thöricht vertrauen und mißtrauen, besser wäre, wenn ihnen die Wahl ihrer Rathgeber nicht frei stände.« »Besser wär's natürlich! Ein bestellter Rathgeber, und -- auch bestellt -- der Glaube an ihn.« »Thorheit!« zürnte die Gräfin. »Wie so? Sie meinen vielleicht, der Glaube lasse sich nicht bestellen? ... Ich sage Ihnen, wenn ich vor vierzig Jahren meinem Diener eine Anweisung auf ein Dutzend Stockprügel gab und dann den Rath, aufs Amt zu gehen, um sie einzukassiren, nicht einmal im Rausch wäre es ihm eingefallen, daß er etwas Besseres thun könnte, als diesen meinen Rath befolgen.« »Ach, Ihre alten Schnurren! -- Und ich, die gehofft hatte, Sie heute ausnahmsweise zu einem vernünftigen Gespräch zu bringen!« Der alte Herr ergötzte sich eine Weile an ihrem Aerger und sprach dann: »Verzeihen Sie, liebe Freundin. Ich bekenne, Unsinn geschwatzt zu haben. Nein, der Glaube läßt sich nicht bestellen, aber leider der Gehorsam ohne Glauben. Das eben war das Unglück des armen Mischka und so mancher anderer, und deshalb bestehen heutzutage die Leute darauf, wenigstens auf ihre eigene Façon ins Elend zu kommen.« Die Gräfin erhob ihre nachtschwarzen, noch immer schönen Augen gegen den Himmel, bevor sie dieselben wieder auf ihre Arbeit senkte und mit einem Seufzer der Resignation sagte: »Die Geschichte Mischkas also!« »Ich will sie so kurz machen als möglich,« versetzte der Graf, »und mit dem Augenblick beginnen, in dem meine Großmutter zum erstenmal auf ihn aufmerksam wurde. Ein hübscher Bursche muß er gewesen sein; ich besinne mich eines Bildes von ihm, das ein Künstler, der sich einst im Schlosse aufhielt, gezeichnet hatte. Zu meinem Bedauern fand ich es nicht im Nachlaß meines Vaters und weiß doch, daß er es lange aufbewahrt hat, zum Andenken an die Zeiten, in welchen wir noch das _jus gladii_ ausübten.« »O Gott!« unterbrach ihn die Gräfin, »spielt das Jus gladii eine Rolle in Ihrer Geschichte?« Der Erzähler machte eine Bewegung der höflichen Abwehr und fuhr fort: »Es war bei einem Erntefest und Mischka einer der Kranzträger, und er überreichte den seinen schweigend, aber nicht mit gesenkten Augen, sah vielmehr die hohe Gebieterin ernsthaft und unbefangen an, während ein Aufseher im Namen der Feldarbeiter die übliche Ansprache herunterleierte. »Meine Großmutter erkundigte sich nach dem Jungen und hörte, er sei ein Häuslerssohn, zwanzig Jahre alt, ziemlich brav, ziemlich fleißig und so still, daß er als Kind für stumm gegolten hatte, für dummlich galt er noch jetzt. -- Warum? wollte die Herrin wissen; warum galt er für dummlich? ... Die befragten Dorfweisen senkten die Köpfe, blinzelten einander verstohlen zu und mehr als: ›So, -- ja eben so‹, und: -- ›je nun, wie's schon ist‹, war aus ihnen nicht herauszubringen. »Nun hatte meine Großmutter einen Kammerdiener, eine wahre Perle von einem Menschen. Wenn er mit einem Vornehmen sprach, verklärte sich sein Gesicht dergestalt vor Freude, daß es beinahe leuchtete. Den schickte meine Großmutter anderen Tages zu den Eltern Mischkas mit der Botschaft, ihr Sohn sei vom Feldarbeiter zum Gartenarbeiter avancirt und habe morgen den neuen Dienst anzutreten. »Der eifrigste von allen Dienern flog hin und her, und stand bald wieder vor seiner Gebieterin. ›Nun,‹ fragte diese -- ›was sagen die Alten?‹ Der Kammerdiener schob das rechte, auswärts gedrehte Bein weit vor ...« »Waren Sie dabei?« fiel die Gräfin ihrem Gaste ins Wort. »Bei dieser Reverenz gerade nicht, aber bei späteren des edlen Fritz,« erwiderte der Graf, ohne sich irre machen zu lassen. »Er schob das Bein vor, sank aus Ehrfurcht völlig in sich zusammen und meldete, die Alten schwämmen in Thränen der Dankbarkeit. »›Und der Mischka?‹« »›O, der‹ -- lautete die devote Antwort, und nun rutschte das linke Bein mit anmuthigem Schwunge vor -- ›o, der -- der laßt die Hand küssen.‹ »Daß es einer Tracht väterlicher Prügel bedurft hatte, um den Burschen zu diesem Handkuß in Gedanken zu bewegen, verschwieg Fritz. Die Darlegung der Gründe, die Mischka hatte, die Arbeit im freien Felde der im Garten vorzuziehen, würde sich für Damenohren nicht geschickt haben. -- Genug, Mischka trat die neue Beschäftigung an und versah sie schlecht und recht. ›Wenn er fleißiger wäre, könnt's nicht schaden,‹ sagte der Gärtner. Dieselbe Bemerkung machte meine Großmutter, als sie einmal vom Balkon aus zusah, wie die Wiese vor dem Schlosse gemäht wurde. Was ihr noch auffiel, war, daß alle anderen Mäher von Zeit zu Zeit einen Schluck aus einem Fläschchen thaten, das sie unter einem Haufen abgelegter Kleider hervorzogen und wieder darin verbargen. Mischka war der einzige, der diesen Quell der Labung verschmähend sich aus einem irdenen, im Schatten des Gebüsches aufgestellten Krüglein erquickte. Meine Großmutter rief den Kammerdiener. ›Was haben die Mäher in der Flasche?‹ fragte sie. -- ›Branntwein, hochgräfliche Gnaden.‹ -- ›Und was hat Mischka in dem Krug?‹ »Fritz verdrehte die runden Augen, neigte den Kopf auf die Seite, ganz wie unser alter Papagei, dem er ähnlich sah wie ein Bruder dem anderen, und antwortete schmelzenden Tones: ›Mein Gott, hochgräfliche Gnaden -- Wasser!‹ »Meine Großmutter wurde sogleich von einer mitleidigen Regung ergriffen und befahl, allen Gartenarbeitern nach vollbrachtem Tagewerk Branntwein zu reichen. ›Dem Mischka auch,‹ setzte sie noch eigens hinzu. »Diese Anordnung erregte Jubel. Daß Mischka keinen Branntwein trinken wollte, war einer der Gründe, warum man ihn für dummlich hielt. Jetzt freilich, nachdem die Einladung der Frau Gräfin an ihn ergangen, war's aus mit Wollen und Nichtwollen. Als er in seiner Einfalt sich zu wehren versuchte, ward er mores gelehrt, zur höchsten Belustigung der Alten und der Jungen. Einige rissen ihn auf den Boden nieder, ein handfester Bursche schob ihm einen Keil zwischen die vor Grimm zusammengebissenen Zähne, ein zweiter setzte ihm das Knie auf die Brust und goß ihm so lange Branntwein ein, bis sein Gesicht so roth und der Ausdruck desselben so furchtbar wurde, daß die übermüthigen Quäler sich selbst davor entsetzten. Sie gaben ihm etwas Luft, und gleich hatte er sie mit einer wüthenden Anstrengung abgeschüttelt, sprang auf und ballte die Fäuste ... aber plötzlich sanken seine Arme, er taumelte und fiel zu Boden. Da fluchte, stöhnte er, suchte mehrmals vergeblich sich aufzuraffen und schlief endlich auf dem Fleck ein, auf den er hingestürzt war, im Hofe, vor der Scheune, schlief bis zum nächsten Morgen, und als er erwachte, weil ihm die aufgehende Sonne auf die Nase schien, kam just der Knecht vorbei, welcher ihm gestern den Branntwein eingeschüttet hatte. Der wollte schon die Flucht ergreifen, nichts Anderes erwartend, als daß Mischka für die gestrige Mißhandlung Rache üben werde. Statt dessen reckt sich der Bursche, sieht den anderen traumselig an und lallt: ›Noch einen Schluck!‹ »Sein Abscheu vor dem Branntwein war überwunden. »Bald darauf, an einem Sonntag Nachmittag begab es sich, daß meine Großmutter auf ihrer Spazierfahrt, von einem hübschen Feldweg gelockt, ausstieg und bei Gelegenheit dieser Wanderung eine idyllische Scene belauschte. Sie sah Mischka unter einem Apfelbaum am Feldrain sitzen, ein Kindlein in seinen Armen. Wie er selbst, hatte auch das Kind den Kopf voll dunkelbrauner Löckchen, der wohlgebildete kleine Körper hingegen war von lichtbrauner Farbe und das armselige Hemdchen, das denselben nothdürftig bedeckte, hielt die Mitte zwischen den beiden Schattirungen. Der kleine Balg krähte förmlich vor Vergnügen, so oft ihn Mischka in die Höhe schnellte, stieß mit den Füßchen gegen dessen Brust, und suchte ihm mit dem ausgestreckten Zeigefinger in die Augen zu fahren. Und Mischka lachte und schien sich mindestens ebensogut zu unterhalten wie das Bübchen. Dem Treiben der beiden sah ein junges Mädchen zu, auch ein braunes Ding und so zart und zierlich, als ob ihre Wiege am Ganges gestanden hätte. Sie trug über dem geflickten kurzen Rocke eine ebenfalls geflickte Schürze und darin einen kleinen Vorrath aufgelesener Aehren. Nun brach sie eine derselben vom Stiele, schlich sich an Mischka heran und ließ ihm die Aehre zwischen der Haut und dem Hemd ins Genick gleiten. Er schüttelte sich, setzte das Kind auf den Boden und sprang dem Mädchen nach, das leicht und hurtig und ordentlich wie im Tanze vor ihm floh; einmal pfeilgerade, dann wieder einen Garbenschober umkreisend, voll Aengstlichkeit und dabei doch neckend und immer höchst anmuthig. Allerdings ist bei unseren Landleuten eine gewisse angeborene Grazie nichts Seltenes, aber diese beiden jungen Geschöpfe gewährten in ihrer harmlosen Lustigkeit ein so angenehmes Schauspiel, daß meine Großmutter es mit wahrem Wohlgefallen genoß. Einen anderen Eindruck brachte hingegen ihr Erscheinen auf Mischka und das Mädchen hervor. Wie versteinert standen beide beim Anblick der Gutsherrin. Er, zuerst gefaßt, neigte sich beinahe bis zur Erde, sie ließ die Schürze sammt den Aehren sinken und verbarg das Gesicht in den Händen. »Beim Souper, an welchem, wie an jeder Mahlzeit, der Hofstaat, bestehend aus einigen armen Verwandten und aus den Spitzen der gräflichen Behörden, theilnahm, sagte meine Großmutter zum Herrn Director, der neben ihr saß: ›Die Schwester des Mischka, des neuen Gartenarbeiters, scheint mir ein nettes, flinkes Mädchen zu sein, und ich wünsche, es möge für die Kleine ein Posten ausgemittelt werden, an dem sie sich etwas verdienen kann.‹ Der Director erwiderte: ›Zu Befehl, hochgräfliche Gnaden, sogleich ... obwohl der Mischka meines Wissens eine Schwester eigentlich gar nicht hat.‹ »›Ihres Wissens,‹ versetzte meine Großmutter, ›das ist auch etwas, Ihr Wissen! ... Eine Schwester hat Mischka und ein Brüderchen. Ich habe heute alle drei auf dem Felde gesehen.‹ »›Hm, hm,‹ lautete die ehrerbietige Entgegnung, und der Director hielt die Serviette vor den Mund, um den Ton seiner Stimme zu dämpfen, ›es wird wohl -- ich bitte um Verzeihung des obscönen Ausdrucks, die Geliebte Mischkas, und mit Respect zu sagen, ihr Kind gewesen sein.‹« Der unwilligen Zuhörerin dieser Erzählung wurde es immer schwerer an sich zu halten, und sie rief nun: »Sie behaupten, daß Sie nicht dabei waren, als diese denkwürdigen Reden gewechselt wurden? Woher wissen Sie denn nicht nur über jedes Wort, sondern auch über jede Miene und Gebärde zu berichten?« »Ich habe die meisten der Betheiligten gekannt, und weiß -- ein bischen Maler, ein bischen Dichter wie ich nun einmal bin -- weiß aufs Haar genau, wie sie sich in einer bestimmten Lage benommen und ausgedrückt haben müssen. Glauben Sie Ihrem treuen Berichterstatter, daß meine Großmutter nach der Mittheilung, welche der Director ihr gemacht, eine Wallung des Zornes und der Menschenverachtung hatte. Wie gut und fürsorglich für ihre Unterthanen sie war, darüber können Sie nach dem bisher Gehörten nicht im Zweifel sein. Im Punkte der Moral jedoch verstand sie nur äußerste Strenge, gegen sich selbst nicht minder als gegen andere. Sie hatte oft erfahren, daß sie bei Männern und Frauen der Sittenverderbniß nicht zu steuern vermöge, der Sittenverderbniß bei halbreifen Geschöpfen jedoch, der mußte ein Zügel angelegt werden können. -- Meine Großmutter schickte ihren Kammerdiener wieder zu den Eltern Mischkas. Mit der Liebschaft des Burschen habe es aus zu sein. Das sei eine Schande für so einen Buben, ließ sie sagen, ein solcher Bub habe an andere Dinge zu denken. »Der Mischka, der zu Hause war, als die Botschaft kam, schämte sich in seine Haut hinein ...« »Es ist doch stark, daß Sie jetzt gar in der Haut Mischkas stecken wollen!« fuhr die Gräfin höhnisch auf. »Bis über die Ohren!« entgegnete der Graf, »bis über die Ohren steck' im darin! Ich fühle, als wäre ich es selbst, die Bestürzung und Beschämung, die ihn ergriff. Ich sehe ihn, wie er sich windet in Angst und Verlegenheit, einen scheuen Blick auf Vater und Mutter wirft, die auch nicht wissen, wo ein und aus vor Schrecken, ich höre sein jammervoll klingendes Lachen bei den Worten des Vaters: ›Erbarmen Sie sich, Herr Kammerdiener! Er wird ein Ende machen, das versteht sich, gleich wird er ein Ende machen!‹ »Diese Versicherung genügte dem edlen Fritz, er kehrte ins Schloß zurück und berichtete, glücklich über die treffliche Erfüllung seiner Mission, mit den gewohnten Kniebeugungen und dem gewohnten demüthigen und freudestrahlenden Ausdruck in seiner Vogelphysiognomie: ›Er laßt die Hand küssen, er wird ein Ende machen.‹« -- »Lächerlich!« sagte die Gräfin. »Höchst lächerlich,« bestätigte der Graf. »Meine gute, vertrauensselige Großmutter hielt die Sache damit für abgethan, dachte auch nicht weiter darüber nach. Sie war sehr in Anspruch genommen durch die Vorbereitungen zu den großen Festen, die alljährlich am 10. September, ihrem Geburtstage, im Schlosse gefeiert wurden, und einen Vor- und Nachtrab von kleinen Festen hatten. Da kam die ganze Nachbarschaft zusammen, und Dejeuners, auf dem grünen Teppich der Wiesen, Jagden, Pirutschaden, Soupers bei schönster Waldbeleuchtung, Bälle -- und so weiter folgten einander in fröhlicher Reihe ... Man muß gestehen, unsere Alten verstanden Platz einzunehmen und Lärm zu machen in der Welt. Gott weiß wie langweilig und öde unser heutiges Leben auf dem Schlosse ihnen erscheinen müßte.« »Sie waren eben große Herren,« entgegnete die Gräfin bitter, »wir sind auf das Land zurückgezogene Armenväter.« »Und -- Armenmütter,« versetzte der Graf mit einer galanten Verneigung, die von derjenigen, der sie galt, nicht eben gnädig aufgenommen wurde. Der Graf aber nahm sich das Mißfallen, das er erregt hatte, keineswegs zu Herzen, sondern spann mit hellem Erzählerbehagen den Faden seiner Geschichte fort: »So groß der Dienertroß im Schlosse auch war, während der Dauer der Festlichkeiten genügte er doch nicht, und es mußten da immer Leute aus dem Dorfe zur Aushülfe requirirt werden. Wie es kam, daß sich gerade dieses Mal auch Mischkas Geliebte unter ihnen befand, weiß ich nicht; genug, es war der Fall und die beiden Menschen, die einander hätten meiden sollen, wurden im Dienste der Gebieterin noch öfter zusammengeführt, als dies in früheren Tagen bei der gemeinsamen Feldarbeit geschehen war. Er, mit einem Botengang betraut, lief vom Garten in die Küche, sie, von der Küche in den Garten -- manchmal trafen sie sich auch unterwegs und verweilten plaudernd ein Viertelstündchen ...« »Aeußerst interessant!« spottete die Gräfin -- »wenn man doch nur wüßte, was sie einander gesagt haben.« »O, wie Sie schon neugierig geworden sind! -- aber ich verrathe Ihnen nur, was unumgänglich zu meiner Geschichte gehört. -- Eines Morgens lustwandelte die Schloßfrau mit ihren Gästen im Garten. Zufällig lenkte die Gesellschaft ihre Schritte nach einem selten betretenen Laubgang und gewahrte am Ende desselben ein junges Pärchen, das, aus verschiedenen Richtungen kommend, wie freudig überrascht stehen blieb. Der Bursche, kein anderer als Mischka, nahm das Mädchen rasch in die Arme und küßte es, was es sich ruhig gefallen ließ. Ein schallendes Gelächter brach los -- von den Herren, und, ich fürchte, auch von einigen der Damen ausgestoßen, die der Zufall zu Zeugen dieses kleinen Auftritts gemacht hatte. Nur meine Großmutter nahm nicht theil an der allgemeinen Heiterkeit. Mischka und seine Geliebte stoben natürlich davon. Der Bursche -- man hat es mir erzählt« -- kam der Graf scherzend einer voraussichtlichen Einwendung der Gräfin entgegen, »glaubte in dem Augenblick sein armes Mädchen zu hassen. Am selben Abend jedoch überzeugte er sich des Gegentheils, als er nämlich erfuhr, die Kleine werde mit ihrem Kinde nach einer anderen Herrschaft der Frau Gräfin geschickt; zwei Tagereisen weit für einen Mann, für eine Frau, die noch dazu ein anderthalb Jahre altes Kind mitschleppen mußte, wohl noch einmal so viel. -- Mehr als: ›Herrgott! Herrgott! o du lieber Herrgott!‹ sprach Mischka nicht, gebärdete sich wie ein Träumender, begriff nicht, was man von ihm wolle, als es hieß, an die Arbeit gehen -- warf plötzlich den Rechen, den ein Gehülfe ihm sammt einem erweckenden Rippenstoß verabfolgte, auf den Boden, und rannte ins Dorf, nach dem Hüttchen, in dem seine Geliebte bei ihrer kranken Mutter wohnte; das heißt, gewohnt hatte, denn nun war es damit vorbei. Die Kleine stand reisefertig am Lager der völlig gelähmten Alten, die ihr nicht einmal zum Abschiedsegen die Hand aufs Haupt legen konnte, und die bitterlich weinte. ›Hört jetzt auf zu weinen,‹ sprach die Tochter, ›hört auf, liebe Mutter. Wer soll Euch denn die Thränen abwischen, wenn ich einmal fort bin?‹ »Sie trocknete die Wangen ihrer Mutter und dann auch ihre eigenen mit der Schürze, nahm ihr Kind an die Hand und das Bündel mit ihren wenigen Habseligkeiten auf den Rücken und ging ihres Weges an Mischka vorbei, und wagte nicht einmal, ihn anzusehen. Er aber folgte ihr von weitem, und als der Knecht, der dafür zu sorgen hatte, daß sie ihre Wanderung auch richtig antrete, sie auf der Straße hinter dem Dorfe verließ, war Mischka bald an ihrer Seite, nahm ihr das Bündel ab, hob das Kind auf den Arm und schritt so neben ihr her. »Die Feldarbeiter, die in der Nähe waren, wunderten sich: -- ›Was thut er denn, der Tropf? ... Geht er mit? Glaubt er, weil er so dumm ist, daß er nur so mitgehen kann?‹ »Bald nachher kam keuchend und schreiend der Vater Mischkas gerannt: ›O, Ihr lieben Heiligen! Heilige Mutter Gottes! hab ich mir's doch gedacht -- seiner Dirne läuft er nach, bringt uns noch alle ins Unglück .... Mischka! Sohn -- mein Junge! ... Nichtsnutz! Teufelsbrut! --‹ jammerte und fluchte er abwechselnd. »Als Mischka die Stimme seines Vaters hörte und ihn mit drohend geschwungenem Stocke immer näher herankommen sah, ergriff er die Flucht, zur größten Freude des Knäbleins, das: ›Hott! hott!‹ jauchzte. Bald jedoch besann er sich, daß er seine Gefährtin, die ihm nicht so rasch folgen konnte, im Stich gelassen, wandte sich, und lief zu ihr zurück. Sie war bereits von seinem Vater erreicht und zu Boden geschlagen worden. Wie wahnsinnig raste der Zornige, schlug drein mit den Füßen und mit dem Stocke, und ließ seinen ganzen Grimm über den Sohn an dem wehrlosen Geschöpfe aus. »Mischka warf sich dem Vater entgegen, und ein furchtbares Ringen zwischen den beiden begann, das mit der völligen Niederlage des Schwächeren, des Jüngeren endete. Windelweich geprügelt, aus einer Stirnwunde blutend, gab er den Kampf und den Widerstand auf. Der Häusler faßte ihn am Hemdkragen und zerrte ihn mit sich; der armen kleinen Frau aber, die sich inzwischen mühsam aufgerafft hatte, rief er zu: ›Mach fort!‹ »Sie gehorchte lautlos, und selbst die Arbeiter auf dem Felde, stumpfes, gleichgültiges Volk, fühlten Mitleid und sahen ihr lange nach, wie sie so dahin wankte mit ihrem Kinde, so hülfsbedürftig und so völlig verlassen. »In der Nähe des Schlosses trafen Mischka und sein Vater den Gärtner, den der Häusler sogleich als ›gnädiger Herr‹ ansprach, und flehentlichst ersuchte, nur eine Stunde Geduld zu haben mit seinem Sohne. In einer Stunde werde Mischka gewiß wieder bei der Arbeit sein; jetzt müsse er nur geschwind heimgehen und sich waschen und sein Hemd auch. Der Gärtner fragte: ›Was ist ihm denn? er ist ja ganz blutig.‹ -- ›Nichts ist ihm,‹ lautete die Antwort, ›er ist nur von der Leiter gefallen.‹ »Mischka hielt das Wort, das sein Vater für ihn gegeben und war eine Stunde später richtig wieder bei der Arbeit. Am Abend aber ging er ins Wirthshaus und trank sich einen Rausch an, den ersten freiwilligen, war überhaupt seit dem Tage wie verwandelt. Mit dem Vater, der ihn gern versöhnt hätte, denn Mischka war, seitdem er im Schloßgarten Beschäftigung gefunden, ein Capital geworden, das Zinsen trug, sprach er kein Wort, und von dem Gelde, das er verdiente, brachte er keinen Kreuzer nach Hause. Es wurde theils für Branntwein verausgabt, theils für Unterstützungen, die Mischka der Mutter seiner Geliebten angedeihen ließ; -- und diese zweite Verwendung des von dem Burschen Erworbenen erschien dem Häusler als der ärgste Frevel, den sein Sohn an ihm begehen konnte. Daß der arme Teufel, der arme Eltern hatte, etwas wegschenkte, an eine Fremde wegschenkte, der Gedanke wurde der Alp des Alten, sein nagender Wurm. -- Je wüthender der Vater sich gebärdete, desto verstockter zeigte sich der Sohn. Er kam zuletzt gar nicht mehr nach Hause, oder höchstens einmal im Geheimen, wenn er den Vater auswärts wußte, um die Mutter zu sehen, an der ihm das Herz hing. Diese Mutter ...« der Graf machte eine Pause -- »Sie, liebe Freundin, kennen sie, wie ich sie kenne.« »Ich soll sie kennen? ... Sie lebt noch?« fragte die Gräfin ungläubig. »Sie lebt; nicht im Urbilde zwar, aber in vielfachen Abbildern. Das kleine schwächliche, immer bebende Weiblein mit dem sanften, vor der Zeit gealterten Gesicht, mit den Bewegungen des verprügelten Hundes, das unterthänigst in sich zusammensinkt und zu lächeln versucht, wenn eine so hohe Dame wie Sie sind, oder ein so guter Herr, wie ich bin, ihm einmal zuruft: ›Wie geht's?‹ und in demüthigster Freundlichkeit antwortet: ›Vergelt's Gott -- wie's eben kann.‹ -- Gut genug für unsereins, ist seine Meinung, für ein Lastthier in Menschengestalt. Was dürfte man anders verlangen, und wenn man's verlangte, wer gäbe es einem? -- Du nicht, hohe Frau, und du nicht, guter Herr ...« »Weiter, weiter!« sprach die Gräfin. »Sind Sie bald zu Ende?« »Bald. -- Der Vater Mischkas kam einst zu ungewohnter Stunde nach der Hütte und fand da seinen Jungen. ›Zur Mutter also kann er kommen, zu mir nicht,‹ schrie er, schimpfte beide Verräther und Verschwörer und begann Mischka zu mißhandeln, was sich der gefallen ließ. Als der Häusler sich jedoch anschickte, auch sein Weib zu züchtigen, fiel der Bursche ihm in den Arm. Merkwürdig genug, warum just damals? Wenn man ihn gefragt hätte, wie oft er den Vater die Mutter schlagen sah, hätte er antworten müssen: ›So viel Jahre als ich ihrer denke mit dreihundertfünfundsechzig multiplicirt, das giebt die Zahl.‹ -- Und die ganze Zeit hindurch hatte er dazu geschwiegen, und heute loderte beim längst gewohnten Anblick plötzlich ein unbezwinglicher Zorn in ihm empor. Zum zweiten Male nahm er gegen den Vater Partei für das schwächere Geschlecht, und dieses Mal blieb er Sieger. Er scheint aber mehr Entsetzen als Freude über seinen Triumph empfunden zu haben. Mit einem heftigen Aufschluchzen rief er dem Vater, der nun klein beigeben wollte, rief er der weinenden Mutter zu: ›Lebt wohl, mich seht Ihr nie wieder!‹ und stürmte davon. Vierzehn Tage lang hofften die Eltern umsonst auf seine Rückkehr, er war und blieb verschwunden. Bis ins Schloß gelangte die Kunde seiner Flucht; meiner Großmutter wurde angezeigt, Mischka habe seinen Vater halb todt geschlagen und sich dann davon gemacht. Nun aber war es nach der Verletzung des sechsten Gebotes diejenige des vierten, die von meiner Großmutter am schärfsten verdammt wurde; gegen schlechte und undankbare Kinder kannte sie keine Nachsicht ... Sie befahl, auf den Mischka zu fahnden, sie befahl, seiner habhaft zu werden, um ihn heimzubringen zu exemplarischer Bestrafung. »Ein paarmal war die Sonne auf- und untergegangen, da stand eines Morgens Herr Fritz an der Gartenpforte und blickte auf die Landstraße hinaus. Lau und leise wehte der Wind über die Stoppelfelder, die Atmosphäre war voll feinen Staubes, den die Allverklärerin Sonne durchleuchtete und goldig schimmern ließ. Ihre Strahlen bildeten in dem beweglichen Element reizende kleine Milchstraßen, in denen Milliarden von winzigen Sternchen aufblitzten. Und nun kam durch das flunkernde, tanzende Atomengewimmel eine schwere, graue Wolkensäule, bewegte sich immer näher und rollte endlich so nahe an der Pforte vorbei, daß Fritz deutlich unterscheiden konnte, wen sie umhüllte. Zwei Heiducken waren es und Mischka. Er sah aus, blaß und hohläugig wie der Tod, und wankte beim Gehen. In den Armen trug er sein Kind, das die Händchen um seinen Hals geschlungen, den Kopf auf seine Schulter gelegt hatte und schlief. Fritz öffnete das Thor, schloß sich der kleinen Karawane an, holte rasch einige Erkundigungen ein und schwebte dann, ein Papagei im Taubenfluge, ins Haus, über die Treppe, in den Saal hinein, in welchem meine Großmutter eben die sonnabendliche Rathsversammlung hielt. Der Kammerdiener, von dem Glücksgefühl getragen, das Bedientenseelen beim Ueberbringen einer neuesten Nachricht zu empfinden pflegen, rundete ausdrucksvoll seine Arme und sprach, vor Wonne fast platzend: ›Der Mischka laßt die Hand küssen. Er ist wieder da.‹ »›Wo war er?‹ fragte meine Großmutter. »›Mein Gott, hochgräfliche Gnaden‹ -- lispelte Fritz, schlug mehrmals schnell nacheinander mit der Zunge an den Gaumen und blickte die Gebieterin so zärtlich an, als die tiefste unterwürfigste Knechtschaft es ihm nur irgend erlaubte. -- ›Wo wird er gewesen sein ... Bei seiner Geliebten. Ja,‹ bestätigte er, während die Herrin, empört über diesen frechen Ungehorsam, die Stirn runzelte, ›ja, und gewehrt hat er sich gegen die Heiducken, und dem Janko hat er, ja, beinahe ein Auge ausgeschlagen.‹ »Meine Großmutter fuhr auf: ›Ich hätte wirklich Lust, ihn henken zu lassen.‹ »Alle Beamten verneigten sich stumm: nur der Oberförster warf nach einigem Zagen die Behauptung hin: ›Hochgräfliche Gnaden werden es aber nicht thun.‹ -- »›Woher weiß er das?‹ fragte meine Großmutter mit der strengen Herrschermiene, die so vortrefflich wiedergegeben ist auf ihrem Bilde und die mich gruseln macht, wenn ich im Ahnensaal an ihm vorübergehe. ›Daß ich mein Recht über Leben und Tod noch nie ausgeübt habe, bürgt nicht dafür, daß ich es nie ausüben werde.‹ »Wieder verneigten sich alle Beamten, wieder trat Schweigen ein, das der Inspector unterbrach, indem er die Entscheidung der Gebieterin in einer wichtigen Angelegenheit erbat. Erst nach beendigter Conferenz erkundigte er sich, gleichsam privatim, nach der hohen Verfügung betreffs Mischkas. »Und nun beging meine Großmutter jene Uebereilung, von der ich im Anfang sprach. »›Fünfzig Stockprügel,‹ lautete ihr rasch gefällter Urtheilsspruch; ›gleich heute, es ist ohnehin Samstag.‹ »Der Samstag war nämlich zu jener Zeit, deren Sie,« diesem Worte gab der Graf eine besondere, sehr schalkhafte Betonung -- »sich unmöglich besinnen können, der Tag der Executionen. Da wurde die Bank vor das Amthaus gestellt ...« »Weiter, weiter!« sagte die Gräfin, »halten Sie sich nicht auf mit unnöthigen Details.« »Zur Sache denn! -- An demselben Samstag sollten die letzten Gäste abreisen; es herrschte große Bewegung im Schlosse; meine Großmutter, mit den Vorbereitungen zu einer Abschiedsüberraschung, die sie den Scheidenden bereiten ließ, beschäftigt, kam spät dazu, Toilette zum Diner zu machen, und trieb ihre Kammerzofen zur Eile an. In diesem allerungünstigsten Momente ließ der Doctor sich anmelden. Er war unter allen Dignitären der Herrin derjenige, der am wenigsten in Gnaden bei ihr stand, verdiente es auch nicht besser, denn einen langweiligeren, schwerfälligeren Pedanten hat es nie gegeben. »Meine Großmutter befahl, ihn abzuweisen, er aber kehrte sich nicht daran, sondern schickte ein zweites Mal und ließ die hochgeborene Frau Gräfin unterthänigst um Gehör bitten, er hätte nur ein paar Worte über den Mischka zu sprechen. »›Was will man denn noch mit dem?‹ rief die Gebieterin; ›gebt mir Ruhe, ich habe andere Sorgen.‹ »Der zudringliche Arzt entfernte sich murrend. »Die Sorgen aber, von denen meine Großmutter gesprochen hatte, waren nicht etwa frivole, sondern solche, die zu den peinvollsten gehören -- Sorgen, für welche Ihnen, liebe Freundin, allerdings das Verständniß und infolge dessen auch das Mitleid fehlt -- Poetensorgen.« »O mein Gott!« sagte die Gräfin unbeschreiblich wegwerfend, und der Erzähler entgegnete: »Verachten Sie's, soviel Sie wollen, meine Großmutter besaß poetisches Talent, und es manifestirte sich deutlich in dem Schäferspiel »_Les adieux de Chloë_«, das sie gedichtet und den Darstellern selbst einstudirt hatte. Das Stückchen sollte nach der Tafel, die man im Freien abhielt, aufgeführt werden, und der Dichterin, obwohl sie ihres Erfolges ziemlich sicher war, bemächtigte sich, je näher der entscheidende Augenblick kam, eine desto weniger angenehme Unruhe. Beim Dessert, nach einem feierlichen, auf die Frau des Hauses ausgebrachten Toast, gab jene ein Zeichen. Die mit Laub überflochtenen Wände, welche den Einblick in ein aus beschnittenen Buchenhecken gebildetes Halbrund verdeckt hatten, rollten auseinander, und eine improvisirte Bühne wurde sichtbar. Man erblickte die Wohnung der Hirtin Chloë, die mit Rosenblättern bestreute Moosbank, auf der sie schlief, den mit Traganth überzogenen Hausaltar, an dem sie betete, und den mit einem rosafarbigen Band unwundenen Rocken, an dem sie die schneeig weiße Wolle ihrer Lämmchen spann. Als idyllische Schäferin besaß Chloë das Geheimniß dieser Kunst. Nun trat sie selbst aus einem Taxusgange, und hinter ihr schritt ihr Gefolge, darunter ihr Liebling, der Schäfer Myrtill. Alle trugen Blumen, und in vortrefflichen Alexandrinern theilte nun die zarte Chloë dem aufmerksam lauschenden Publikum mit, dies seien die Blumen der Erinnerung, gepflückt auf dem Felde der Treue, und bestimmt, dargebracht zu werden auf dem Altar der Freundschaft. Gleich nach dieser Eröffnung brach ungemessener Jubel im Auditorium los und steigerte sich von Vers zu Vers. Einige Damen, die Racine kannten, erklärten, er könne sich vor meiner Großmutter verstecken, und einige Herren, die ihn nicht kannten, bestätigten es. Sie aber konnte über die Echtheit des Enthusiasmus, den ihre Dichtung erweckte, nicht in Zweifel sein. Die Ovationen dauerten noch fort, als die Herrschaften schon ihre Wagen oder ihre Pferde bestiegen hatten und theils in stattlichen Equipagen, theils in leichten Fuhrwerken, theils auf flinken Rossen aus dem Hofthor rollten oder sprengten. »Die Herrin stand unter dem Portal des Schlosses und winkte den Scheidenden grüßend und für ihre Hochrufe dankend zu. Sie war so friedlich und fröhlich gestimmt, wie dies einem Selbstherrscher, auch des kleinsten Reiches selten zu Theil wird. Da -- eben im Begriff, sich ins Haus zurückzuwenden, gewahrte sie ein altes Weiblein, das in respectvoller Entfernung vor den Stufen des Portals kniete. Es hatte den günstigen Augenblick wahrgenommen und sich durch das offenstehende Thor, im Gewirr und Gedränge unbemerkt hereingeschlichen. Jetzt erst wurde es von einigen Lakaien erblickt. Sogleich rannten sie, Herrn Fritz an der Spitze, auf das Weiblein zu, um es gröblich hinwegzuschaffen. Zum allgemeinen Erstaunen jedoch winkte meine Großmutter die dienstfertige Meute ab und befahl zu fragen, wer die Alte sei und was sie wolle. Im nämlichen Moment räusperte sich's hinter der Gebieterin und nieste, und den breitkrämpigen Hut in der einen Hand und mit der anderen die Tabaksdose im Busen verbergend, trat der Herr Doctor bedächtig heran. ›Es ift, hm, hm, hochgräfliche Gnaden werden entschuldigen,‹ sprach er, ›es ist die Mutter des Mischka.‹ »›Schon wieder Mischka, hat das noch immer kein Ende mit dem Mischka? ... Und was will die Alte?‹ »›Was wird sie wollen, hochgräfliche Gnaden? Bitten wird sie für ihn wollen, nichts anderes.‹ »›Was denn bitten? Da giebt's nichts zu bitten.‹ »›Freilich nicht, ich habe es ihr ohnehin gesagt, aber was nutzt's? Sie will doch bitten, hm, hm.‹ »›Ganz umsonst, sagen Sie ihr das. Soll ich nicht mehr aus dem Hause treten können, ohne zu sehen, wie die Gartenarbeiter ihre Geliebten embrassiren?‹ »Der Doctor räusperte sich, und meine Großmutter fuhr fort: ›Auch hat er seinen Vater halbtodt geschlagen.‹ »›Hm, hm, er hat ihm eigentlich nichts gethan, auch nichts thun ~wollen~, nur abhalten, die Mutter nicht ~ganz~ todtzuschlagen.‹ »›So?‹ »›Ja, hochgräfliche Gnaden. Der Vater, hochgräfliche Gnaden, ist ein Mistvieh, hat einen Zahn auf den Mischka, weil der der Mutter seiner Geliebten manchmal ein paar Kreuzer zukommen läßt.‹ »›Wem?‹ »›Der Mutter seiner Geliebten, hochgräfliche Gnaden, ein erwerbsunfähiges Weib, dem so zu sagen die Quellen der Subsistenzmittel abgeschnitten worden sind ... dadurch, daß man die Tochter fortgeschickt hat.‹ »›Schon gut, schon gut! ... Mit den häuslichen Angelegenheiten der Leute verschonen Sie mich, Doctor, da mische ich mich nicht hinein.‹ »Der Doctor schob mit einer breiten Gebärde den Hut unter den Arm, zog das Taschentuch und schnäuzte sich discret. ›So werde ich also der Alten sagen, daß es nichts ist.‹ Er machte, was die Franzosen une fausse sortie nennen, und setzte hinzu: ›Freilich, hochgräfliche Gnaden, wenn es nur wegen des Vaters wäre ...‹ »›Nicht bloß wegen des Vaters, er hat auch dem Janko ein Auge ausgeschlagen.‹ »Der Doctor nahm eine wichtige Miene an, zog die Augenbrauen so hoch in die Höhe, daß seine die Stirnhaut förmliche Wülste bildete, und sprach: ›Was dieses Auge betrifft, das sitzt fest und wird dem Janko noch gute Dienste leisten, sobald die Sugillation, die sich durch den erhaltenen Faustschlag gebildet hat, aufgesaugt sein wird. Hätte mich auch gewundert, wenn der Mischka imstande gewesen wäre, einen kräftigen Hieb zu führen nach der Behandlung, die er von den Heiducken erfahren hat. Die Heiducken, hochgräfliche Gnaden, haben ihn übel zugerichtet.‹ »›Seine Schuld; warum wollte er ihnen nicht gutwillig folgen.‹ »›Freilich, freilich, warum wollte er nicht? Vermuthlich, weil sie ihn vom Sterbebette seiner Geliebten abgeholt haben -- da hat er sich schwer getrennt ... Das Mädchen, hm, hm, war in anderen Umständen, soll vom Vater des Mischka sehr geprügelt worden sein, bevor sie die Wanderung angetreten hat. Und dann -- die Wanderung, die weit ist, und die Person, hm, hm, die immer schwach gewesen ist ... kein Wunder, wenn sie am Ziele zusammengebrochen ist.‹ »Meine Großmutter vernahm jedes Wort dieser abgebrochenen Sätze, wenn sie sich auch den Anschein zu geben suchte, daß sie ihnen nur eine oberflächliche Aufmerksamkeit schenkte. ›Eine merkwürdige Verkettung von Fatalitäten,‹ sprach sie, ›vielleicht eine Strafe des Himmels.‹ »›Wohl, wohl‹, nickte der Doctor, dessen Gesicht zwar immer seinen gleichmüthigen Ausdruck behielt, sich aber allmälig purpurroth gefärbt hatte. ›Wohl, wohl, des Himmels, und wenn der Himmel sich bereits dreingelegt hat, dürfen hochgräfliche Gnaden ihm vielleicht auch das Weitere in der Sache überlassen ... ich meine nur so!‹ schaltete er, seine vorlaute Schlußfolgerung entschuldigend, ein -- ›und dieser Bettlerin‹, er deutete nachlässig auf die Mutter Mischkas, ›huldvollst ihre flehentliche Bitte erfüllen.‹ »Die kniende Alte hatte dem Gespräch zu folgen gesucht, sich aber mit keinem Laut daran betheiligt. Ihre Zähne schlugen vor Angst aneinander, und sie sank immer tiefer in sich zusammen. »›Was will sie denn eigentlich?‹ fragte meine Großmutter. »›Um acht Tage Aufschub, hochgräfliche Gnaden, der ihrem Sohne dictirten Strafe, untersteht sie sich zu bitten, und ich, hochgräfliche Gnaden, unterstütze das Gesuch, durch dessen Genehmigung der Gerechtigkeit besser Genüge geschähe als heute der Fall sein kann.‹ »›Warum?‹ »Weil der Delinquent in seinem gegenwärtigen Zustande den Vollzug der ganzen Strafe schwerlich aushalten würde.‹ »Meine Großmutter machte eine unwillige Bewegung und begann langsam die Stufen des Portals niederzusteigen. Fritz sprang hinzu und wollte sie dabei unterstützen. Sie aber winkte ihn hinweg: ›Geh' aufs Amt,‹ befahl sie, ›Mischka ist begnadigt.‹ »›Ah!‹ stieß der treue Knecht bewundernd hervor und enteilte, während der Doctor bedächtig die Uhr aus der Tasche zog und leise vor sich hinbrummte: ›Hm, hm, es wird noch Zeit sein, die Execution durfte eben begonnen haben.‹ »Das Wort ›begnadigt‹ war von der Alten verstanden worden; ein Gewinsel der Rührung, des Entzückens drang von ihren Lippen, sie fiel nieder und drückte, als die Herrin näher trat, das Gesicht auf die Erde, als ob sie sich vor so viel Größe und Hoheit dem Boden förmlich gleichzumachen suche. »Der Blick meiner Großmutter glitt mit einer gewissen Scheu über dieses Bild verkörperter Demuth: ›Steh auf,‹ sagte sie und -- zuckte zusammen und horchte ... und alle Anwesenden horchten erschaudernd, die einen starr, die andern mit dem albernen Lachen des Entsetzens. Aus der Gegend des Amtshauses hatten die Lüfte einen gräßlichen Schrei herübergetragen. Er schien ein Echo geweckt zu haben in der Brust des alten Weibleins, denn es erhob stöhnend den Kopf und murmelte ein Gebet ...... »›Nun?‹ fragte einige Minuten später meine Großmutter den athemlos herbeistürzenden Fritz: ›Hast du's bestellt?‹ »›Zu dienen,‹ antwortete Fritz mit seinem süßesten Lächeln: ›Er laßt die Hand küssen, er ist schon todt.‹« -- »Fürchterlich!« rief die Gräfin aus, »und das nennen Sie eine friedliche Geschichte?« »Verzeihen Sie die Kriegslist, Sie hätten mich ja sonst nicht angehört,« erwiderte der Graf. »Aber vielleicht begreifen Sie jetzt, warum ich den sanftmüthigen Nachkommen Mischkas nicht aus dem Dienst jage, obwohl er meine Interessen eigentlich recht nachlässig vertritt.« [Illustration] Druck von G. ~Bernstein~ in Berlin. Anmerkungen zur Transkription Der Originaltext wurde in Frakturschrift gedruckt. Im Original, gesperrt oder in Antiquaschrift gedruckter Text wurde folgendermaßen wiedergegeben: ~gesperrt~ und _Antiqua_. Geringfügige Fehler in der Zeichensetzung und bei den Anführungszeichen wurden stillschweigend berichtigt. Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert und sind unten aufgeführt: Seite 40: wit wurde in mit geändert: Und der Pünktlichkeit, mit welcher Euer Gnaden... Seite 55: furchtlos wurde in fruchtlos geändert: Die Warnung blieb fruchtlos. Seite 83: wieder wurde in nieder geändert: Sie fielen vor ihm nieder und küßten seine Hände... Seite 152: Sezla wurde in Szela geändert: ...und wollte sich auf Szela stürzen. Seite 161: schmunzeld wurde in schmunzelnd geändert: ...setzte er ruhig und schmunzelnd fort... Seite 168: darauft wurde in darauf geändert: Gleich darauf herrscht jedoch tiefe Stille... Seite 365: Elten wurde in Eltern geändert: ...sagt sie, meine Mutter, meine guten Eltern... Seite 370: auzuschauen wurde in anzuschauen geändert: ...um den Vater anzuschauen... Ein Inhaltsverzeichnis wurde erstellt und dem Text vorangestellt. *** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESAMMELTE SCHRIFTEN VON MARIE VON EBNER-ESCHENBACH (2/10) *** Updated editions will replace the previous one—the old editions will be renamed. Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright law means that no one owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United States without permission and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to copying and distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you charge for an eBook, except by following the terms of the trademark license, including paying royalties for use of the Project Gutenberg trademark. 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