The Project Gutenberg eBook of Sänger und Könige This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook. Title: Sänger und Könige Novellen Author: Robert Hohlbaum Release date: September 9, 2026 [eBook #79542] Language: German Original publication: Leipzig: L. Staackmann Verlag, 1929 Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/79542 Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net *** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄNGER UND KÖNIGE *** ======================================================================= Anmerkungen zur Transkription. Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden. Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter umgestaltet. Ein Urheberrecht wird nicht geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt genutzt werden. Die Verlagswerbung ist an das Ende des Textes verschoben worden. Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt worden: ~gesperrt gedruckter Text~ =antiqua gedruckter Text= _kursiv gedruckter Text_ ======================================================================= Robert Hohlbaum / Sänger und Könige Sänger und Könige Der »Unsterblichen« dritte Folge Novellen von Robert Hohlbaum [Illustration] L. Staackmann Verlag / Leipzig / 1929 Umschlagzeichnung von Walter Prinzl Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung, Dramatisierung, Verfilmung und Radiosendung vorbehalten. Für Amerika: =Copyright 1929 by L. Staackmann Verlag G. m. b. H., Leipzig= =Printed in Germany= Gedruckt und gebunden bei R. Kiesel zu Salzburg Meinem verehrten väterlichen Freunde Sr. Exzellenz Minister a. D. Dr. Paul von Vittorelli! Inhalt Seite Die Ketzermesse 9 Die keusche Kaiserin 23 Der Sieger von Waterloo 41 Der Hund 59 Das Wunder von Lauchstädt 83 Das liebliche Fest 91 Legende vom heiligen Mörike 99 Samiels Ende 111 Der Berg 141 Der Gott in Flammen 159 =Ecce homo= 169 Dämon Knopp 199 Die Ketzermesse Im Lichtschein des geöffneten Klostertores stand der Abt. Weit auf tat sich das Tor, weiter floß die Helle über eine kleine Gruppe uniformierter Männer, nur der Letzte hielt noch im Dunkel. »Schaff' uns Quartier, Pfaff!« Der Ziethenhusar trat dicht an den Mönch heran. Der Priester wich nicht, stand aufrecht: »Sind drei Herbergen in der Stadt, haben sicher noch ein paar Stuben frei!« »Das wissen wir auch, aber ...« den erstaunt und erschreckt aus dem Flur nachdrängenden Klosterbrüdern unhörbar, flüsterte er am Ohr des Abtes. Ein leiser Aufschrei: »Ist das wahr?« »Beim Herrn Jesus, 's ist wahr! Bei dem du mir schwören wirst, Pfaff, daß du reinen Mund hältst, sonst ...« Der Abt wies die Mönche ins Haus zurück, trat in die Straße, auf den im Schatten Harrenden zu, beugte sich tief. »Laß Er die Zeremoniens, meint's ohndem anders! Verlang's nicht! Will ein Bettstatt für die Nacht, sonst nichts!« »Wie Eure Majestät befehlen. Aber,« die Stimme schwang sich auf zu einem freien, stolzen Klang, »halten zu Gnaden, ich bin kein Heuchler. Führ' mich stets also, wie's in mir ist.« Friedrich wandte das Haupt, sein großer Blick umfaßte den Abt. »Er wird mir doch nicht weis machen wollen, daß ihm meine ungebetene Visite ein großes Plaisier ist!« »Es ist mir eine Ehre, Sire!« »Schwatz Er nicht! Es ist keine Ehre, so ein Ketzer hier eintritt, der nach Rechten sollte in der Höllen kampieren!« »Es wäre mir auch eine Ehre, so Caesar, der Heide, wollte über meine Schwelle schreiten.« Der König stieß ein kurzes Lachen aus, es klang wie ein mühsam geweckter, mißklingender Flötenton. * * * * * »Hier ist Eurer Majestät Gemach, wenn's genehm ist.« Wieder die tiefe Verbeugung, des Königs kurzes Nicken. Ein Laienbruder stellte einen kalten Imbiß und eine Karaffe Weins auf den Tisch. Friedrich aß, dumpf den ersten Hunger stillend, trank ein Glas in die vom langen Ritt glühende Kehle, dann erhob er sich, durchmaß den Raum. Es war eine Zelle, die hohe, spitz zulaufende Deckenwölbung, das Kruzifix über dem Lager sagten es. Aber die Wände waren mit Decken verkleidet, und den Schritt milderte ein dunkler Teppich. Lächelnd sah Friedrich rundum. Er war im Laufe dieser Kampagne schon in den seltsamsten und verschiedensten Nachtquartieren gelegen, aber ein Kloster, ein richtiges katholisches Mönchskloster war noch nicht darunter gewesen. Das Lächeln schwächte sich. Das hochmütig überlegene Gesicht erweichte zu sanfterer Form. Hatte er vordem, da er nur König gewesen, älter geschienen, jetzt trat der verfließende Schimmer der noch immer suchenden Mannesjugend in seinen Blick, die herrisch gepreßten Lippen lösten sich, als träumten sie ungenossenen Küssen nach. Noch einmal schoß das Lächeln vor, wollte zu höhnendem Lachen werden, ehe es laut wurde, erstarb der Ton, tiefer versank das Lächeln. Hastiger schritt der König durch das Gemach, hob das Glas an den Mund, setzte es wieder ab. Die Wände engten seine Brust, ein dumpfes, drohendes Brausen ward die Stille. Wieder, aber tausendmal stärker als sonst in dieser fremden, drohenden Umwelt, überfiel den Einsamen die Sehnsucht nach einem Menschen. Einem Menschen, mit dem er sprechen konnte. Nicht über das Harte, über Angriff und Abwehr, Schlacht und Sieg, das nun schon so lange sein Leben füllte, nein, über das andere, das verborgen, verkrochen in ihm lag, das aber auch droben am Himmel leuchtete, den das harte Zellengitter von ihm trennte. Ein paarmal griff die Hand nach der Glocke, zuckte zurück, tastete wieder danach, bis ein Ton die Stille durchgellte. Vor dem stumpfen Laienbruder versteinte sich das Gesicht, hart klang die Stimme: »Sage Er dem Herrn Abt, ich ließe ihn zu mir bescheiden.« Ein fassungslos erstaunter Blick des Dienenden. »Hat Er nicht verstanden? Ich befehle den Herrn Abt zu mir! Auf der Stelle! Und nun, =allez, allez=!« Einen Augenblick reute es ihn. Es war Schwäche, dieses Nicht-Allein-Sein-Wollen! Ach was, Schwäche! Man konnte lernen! Ein Mensch mehr! Und gar einer, der sich einem selten, niemals bot! Haltung! Ohne ein Wort oder eine Geste des Staunens stand der Abt vor dem König. Aufrecht und wartend. Auch Friedrich wartete auf ein Wort des anderen. Brach endlich, sich mühsam fassend, die Stille: »Ich habe Ihn rufen lassen, weil ich mir von einem Discours mit ihm was verspreche. Schenk' Er sich ein vorerst und trink' Er! Sein Wein ist gut und klar, wenn Sein Geist einigermaßen ihm komparable ist, will ich's zufrieden sein!« Er hob den Becher, stieß ihn wider den des Mönches, trank in langem Zug das Glas leer. Sah dem Abt ins Gesicht. Da war sie schon wieder, diese verfluchte sichere, demütig-gläubige und doch unerschütterlich starke Miene. Woher nahm der Kerl das? Der Stubenhocker, der sein Leben mit Mauern umzwängte, indes er, der König, es an sich riß, darüber fortritt, es unter die Hufe seines Rosses trat, und das doch immer wieder, einer Hydra gleich, vor ihm erstand in tausendfacher Gestalt, ein ewig sich erneuendes Rätsel! »Wie lange ist Er schon hier?« »Seit meinem fünfzehnten Jahr, Majestät!« »Phh! Das hat Er ausgehalten? Da ist ihm nicht manchmal der =goût= gekommen, zu echappieren, he?« Der Abt schwieg. Senkte den Blick nicht, sah dem König voll entgegen, aus weiten Augen, in denen ein leiser, schmerzvoller Vorwurf zu lesen war. Friedrich fühlte ihn, preßte die Scham nieder, Ärger sprang hoch. »=Laissons ça!= Er schwatzt nicht aus der Schule. =Eh bien!= Aber gedacht muß Er doch was haben in der langen Zeit! Sagen wir ... über Gott etwa! Das ist doch, =c'est à dire=, Sein Geschäft, was?« Unverändert der Blick. Rot schoß in des Königs Gesicht: »Zum Teufel, antworte Er! Hat Er über Gott meditiert oder nicht?« Der wehe Schimmer schwand aus des Priesters Auge. Es festigte sich zu innerlich leuchtender Klarheit. »Ich habe nicht über ihn meditiert, sondern ich glaube und fühle ihn.« »Ah, das Denken ist Ihm ja von Amtes wegen verboten. Nenne Er's fühlen oder glauben, =c'est égal=. Ich hab' auch meditiert darüber, aber mit meinem ordinären Verstande. Da soll Er mir ein wenig beistehen und mir's ins Klare stellen! Er ist wohl also auch der gemeinen Ansicht, daß Gott allgerecht ist, was? Warum läßt er da oftmals einen Guten vor die Hunde gehen und setzt einen Schurken auf einen goldenen Thron, wie mich =par exemple=, he?« Der Abt fand ein Lächeln: »Ich weiß gar wohl, daß Eure Majestät bislang ein' gar geringe Zeit sind auf dem Thron gesessen, weit mehr im Sattel!« »Die Raillerie steht Ihm nicht an! Setze Er mich beiseite und sag Er mir, warum geht es den Guten schlecht und den Schlechten wohl auf Erden?« Der Priester erhob sich, wies nach dem Fenster, darin ein Stück des Sternenhimmels stand: »Belieben Eure Majestät einen Blick auf dies Bild der Gotteswelt zu tun! Man darf wohl schließen, daß sich die kleinen Unebenheiten in der Harmonie dereinst werden lösen.« »Bleib Er mir mit dem Himmel vom Halse, vor den Ihr Eure Gitterstäbe gesetzt habt! Ich stehe auf der Erde, das weiß ich, das andere ist mir eine allzu =douteuse= Affaire. Aber =laissons ça=! Die Frommen, zu denen Er sich zählet, sagen des weiteren, daß Gott allgütig sei. Wie steht es damit? Seh' Er sich einmal ein Schlachtfeld an! Er wird darüber ein Narre, jede Wette gagnier' ich an Ihm! Und Seinem Gott ist das einerlei, Seinem allgütigen Gott! Was weiß Er mir da für einen Reim darauf? Warum läßt der Allgütige all diesen Jammer zu, der zum Himmel schreit?!« Der Abt blickte sich sammelnd und fassend zu Boden, dann sah er auf. »Darf ich Eurer Majestät so antworten, wie ich's verstehe und fühle?« »=Naturellement!= Ich befehl' es Ihm sogar!« »Auch wenn es Eurer Majestät geweihte Person sollte antasten?« »Bin keine heilige Personage, bin ein Mensch wie Er! Red' Er =franchement=!« »Mit gütiger Permission. Sind nicht Eure Majestät auch an so beschaffenen jämmerlichen Dingen ein wenig mitschuldig?« In ganzer Größe richteten sich die blauen Augen des Königs auf den Kühnen. Aber der hielt dem Blicke stand. »Eine kleine Hardiesse. Sei's drum, hab's ihm erlaubt. Ja, Er hat recht. Dann aber sag Er mir, warum legt mir der Alte da droben nicht das Handwerk? Da, mein Rock, mein Hut, die Löcher sind noch nicht geflickt, alle von österreichischen Kugeln. Warum hat er's nicht einen halben Zoll besser gelenkt? Dann hätte die Welt Frieden, und Ihr könntet =Te Deum= singen lassen! Warum also, he?« Aus dem Auge des Priesters quoll ein Schein, warm, reich, umfloß Friedrichs Gestalt, als wollte er sie der Nacht zum Trotz erhellen. Leise Worte verwoben sich dem Glanz: »Das mag wohl deshalb geschehen sein, weil Gott dereinst einen Funken Seiner Macht hat in Eurer Majestät starke Seele gesenkt. Er kann Sein eigen Licht nicht erlöschen vor der Zeit.« Friedrich schloß die Augen vor dem unsichtbaren Licht, ein rätselhafter Taumel ergriff ihn. Nie hatte er solche Worte gehört, niemand noch hatte mit zarter, starker Hand den Schleier von dem gehoben, was als kaum begriffene Ahnung in seinem Tiefsten lebte. Weich lösten sich seine Züge, löste sich sein Herz ins Märchenlicht dieser Stunde. Bis er die Weichheit fühlte; in seiner Kehle, auf seiner Zunge, wie eine allzu süße Speise. Scharfe Lauge goß sein Geist darüber, bis die letzte Süße getilgt war. »Was redet Er da für unvergoren Zeug? Er wird sich's bei Seinem Herrgott gar verschlagen, so Er mich für dessen vielgeliebten Sohn deklarieret! Bin vieleher ein Sohn des Teufels, versteht Er!?« Der Abt schüttelte nur den Kopf, die Rede abwehrend, die seine Sicherheit nicht trübte: »Es wird einmal der Tag kommen, da sich's erweisen wird, daß Gottes Gnade über Eurer Majestät waltet.« Wie ein Berg ragte des Priesters Festigkeit vor dem König, wohin er den Fuß setzte, er glitt ab, in sein aufgewühltes Herz zurück. Es übertäubend, sprang er auf und schrie: »Was faselt Er da? Gerad' ins Gesicht sag' ich's Ihm, laß Er mich jetzt mit Seinem Herrgott zufrieden? Hab' ohne Gott meinen Weg aus den dreckigsten Affairen gefunden, wird auch inskünftig so sein, verstanden?! Hab Ihn gerufen, um was Kluges mit Ihm zu reden, nicht um Schikanen zu machen! =Bonne nuit!=« Grob wandte er dem Priester den Rücken. Vor ihm das Fenster. Darin der Sterne undeutbares Lächeln. * * * * * Der König fuhr aus dem Schlaf, sah in das vom unbestimmten Morgengrau umflossene Gesicht des Abtes. »Ich bitte Eure Majestät, rasch, wir haben nicht einen Augenblick zu verlieren, ich beschwöre Sie, es ist ... die Kroaten ...« Nun tönte es auf draußen, aus dem grauen Morgen, Flüche, Schreien. »Majestät!« Friedrich sprang vom Lager, der Abt warf ihm den Mantel um und zog den halb von noch haftendem Schlaf, halb von dem wirren Geschehen Betäubten mit sich, durch viele verschlungene Gänge, stieß eine Tür auf, das matte Licht der Sakristei umfing sie. Der Abt riß aus einem Wandschrank ein buntes Kleidergewirr, eine rote Tunika, ein weißes Spitzenhemd, wollte es dem König überwerfen. »Ist Er toll, will Er Seinen Narren machen aus mir?« Aber ein Blick in des Abtes Gesicht, daraus die Ruhe geschwunden war und angstvoll bettelnde Augen leuchteten, ließ ihn verstummen. »Nicht fragen, Majestät! Es geht um Leben und Freiheit!« Lauter gellte das wüste Geschrei der Feinde. Friedrich erschauerte. Tod, was galt das! Aber lebendig in ihre Hände fallen, als kostbarste Geisel, das Ziel, dem entgegen er kämpfte und litt seit Jahren, in diesem einen Augenblick versunken auf ewig, und sein Stolz ein Spott der Feinde! Nein! Noch einmal faßte sein großes Auge griffig prüfend den Priester: »Ist Er ehrlich? Hat nicht Er am Ende die da draußen ...« Er senkte die Lider vor des anderen Gegenblick, folgte ihm willig in die Kirche. »Majestät sind mein Ministrant,« flüsterte der Abt. »Achten Sie auf mich! Wenn ich zur Seite gehe, folgen Sie mir, immer dicht bei mir, wenn ich niederkniee und den Kelch hebe, dann läuten Sie mit dieser Schelle und schwingen das Weihrauchfaß.« Eiskalt umfing den König die Morgenluft der Kirche. Das Geschrei der Kroaten verstummte unter werbendem Glockenton. Sie tappten herein, mühsam den Schall ihrer Reiterstiefel dämpfend, knieten und murmelten, die Brust schlagend, ihre Gebete. Nun erst, in der folgenden Stille, gewann der König die freie Sicht über seine Lage. Er sah an sich nieder, an dem Spitzenhemd, an dem roten Ministrantenröckchen und fand ein Lächeln. All die regsamen Stunden fielen ihm ein, da er im Verein mit dem essigscharfen Geiste Voltaires sich an dem Aberglauben der Religion ergötzt und bewiesen hatte, daß kein Gott sei. Und jetzt? Ja, jetzt hob sein Meister mahnend die Hand, jetzt mußte er sich beugen und die Schelle klingen lassen, zum Preise des Herrn, den er entthront hatte. Friedrich kicherte in den Hall des Glöckleins hinein. Wieder war Stille. Er sah auf. Reglos, zwei Stufen über ihm, hielt der Priester. Es hatte Friedrich vordem belustigt, daß er, der König, als dienender Knecht die Glöckchen schwang, dem Willen eines Mannes untertan, den er vernichten konnte, wenn ihm danach der Sinn stand. Seltsam. Das dünkte ihn nun mit einemmal gar nicht mehr spaßhaft. Nein. Es war ganz in der Ordnung so. Rein und groß die Gestalt des Priesters, sie schien, von einer wunderbaren Macht erfüllt, zu wachsen, ungehemmt von den Mauern des Raumes, ins Unsichtbare und Undeutbare. Undeutbar ... Gab es das? Auch für Menschen von Geist und Verstand, die auf so hoher Warte standen wie er? Hatte er nicht alles erklärt, vom Letzten den Schleier gezogen? Den Schleier, der nun, aus Weihrauchwolken geformt, sich zwischen des Königs Blick und das Geheimnis spannte, das den Priester zu erfüllen schien, zu dem auf er das erdentrückte Auge hob. Er durfte es heben, der König nicht. Friedrich senkte den Blick. Aber nicht widerwillig, von einem feindlichen Zwange gedemütigt, nein, freiwillig, sich vor dem starken Geheimnis und dessen Träger beugend, ganz der sanften Macht dieser Stunde hingegeben. Der Priester wandte sich, breitete die Arme, segnete, nicht, die da unter ihm knieten allein, segnete alle Menschen, die ganze in Sünde und Zweifel sich quälende Welt. Noch einmal stieg sein Blick auf, wie eine schimmernde Taube, dem Unsichtbaren, Unfaßbaren seligen Dank zu sagen. Die Turmglocke rief ihn zurück. Langsam sammelte sich sein Auge wieder zu fester, innerer Schau. Die Kroaten stampften ins Freie, sprangen auf die Pferde und ritten unter wieder erwachtem Schreien und Fluchen aus der Stadt. -- -- -- Eine Stunde später bestieg auch Friedrich sein Roß. Wie gestern beim Eintritt stand der Abt an der Pforte, und auf seinem Antlitz lag dieselbe demütig-starke Festigkeit. Friedrich reichte ihm die Hand, der Abt wollte sich darüber beugen, aber der König wehrte ihm, ergriff des Mönches Rechte, hielt sie lange umschlossen. Nun festigten sich auch seine gelösten Züge wieder zur gewohnten Bestimmtheit, darüber ein Lächeln floß. »Jetzt will Er mich wohl noch zum Abschied daran gemahnen, daß früher, als wir gestern ahnten, die Gnade des Allgütigen an mir sich hat sichtbarlich erwiesen?« Der Abt schüttelte nur stumm das Haupt und umfaßte des Königs Gestalt mit einem warmen, starken, demütig Besitz ergreifenden Blick. Auch Friedrichs Lächeln tönte sich wärmer. Dann aber schoß es zu einem lustigen Blitzen auf. »Ich will Ihm was sagen: Daß der Herrgott allgütig ist, das will ich Ihm akkordieren. Aber allgerecht ist er nicht. Sonst hätte er mich frivoles Subjekt nicht in Gnaden bewahrt, sondern den Kroatenschweins vorgeschmissen, damit ich eines =avant-goûts= seiner Höllen genieße! =Au revoir!=« Friedrich trabte davon, noch immer das schöne Lächeln im Gesicht. Das floß über auf das treue Tier und formte sich in ihm zu den zierlichsten Courbetten und Kunstschritten, mit denen es in die weite Ungewißheit des noch immer lastenden Morgennebels verglitt. Die keusche Kaiserin Der Pater Pankraz Kampfmiller hatte eine gute Stunde lang in der dunklen menschenleeren Franziskanerkirche gebetet, nun trat er ins Freie. Noch ganz erfüllt vom Segen der kühlen Einsamkeit, schwindelte ihn in der schwülen Luft des Abends. Sein Blut, das eben noch in wunschloser Stetigkeit geflossen, pulste plötzlich im qualvoll-regellos stoßenden Rhythmus, sein Auge, das in der Ewigkeit des heiligen Lichtes zur Ruhe gefunden, irrte durch die von späten Wanderern durchhuschten Gassen, seine Nase, die den keuschen Weihrauchduft getrunken, witterte die gemengten Dünste, die aus Toren und Fenstern drangen. Sein Blick suchte den Himmel. Aber auch hier war kein Friede in dieser Nacht. Wolken überhuschten ihn, zuchtlos die Sterne verhüllend und entblößend im Bann des Windes, der immer wieder des Paters Kutte lüpfte. Aus dem Fenster über ihm winkte eine Hand, jenem Fackellicht entgegen, das einem Manne den sündhaften Weg erleuchtete. Näher, näher kam es, verglitt im Tor des Hauses. Das Fenster war leer, der Kerzenschein in der Stube erlosch, aber im grausamsten, grellsten Tageslicht sah Pankraz Kampfmiller, was jetzt dort oben geschah. Er hastete vorüber, seine derben Sandalen klapperten, Frauenlachen silberte darein, ein Paar kam ihm entgegen, geblendet taumelte der Priester, ins Gesicht leuchtete ihm der Freche mit der verruchten Laterne, die seinem Schandweg glänzte! Pankraz Kampfmiller schlug darnach, aber die Frevler waren schon vorbei, der Pater fiel vornüber, hielt sich mühsam aufrecht, von verhallendem Lachen umgaukelt. Der Zorn gab ihm die Freiheit wieder. Das war zu arg! Anstatt sich im Dunkel der Schmach zu verbergen, trieb das Laster offen seinen Spott mit der Tugend! Er fand das Gleichgewicht wieder. Immer aufrechter gereckt schritt er durch die sündhafte Welt. Pärchen huschten an ihm vorüber, Schande verhüllende Karossen, ihr Hall fand nicht mehr den Weg in Pankraz Kampfmillers Blut, sein Auge suchte nicht mehr den vom unflätigen Erdenwind verwirrten Himmel. Geradeaus blickte er, einem unsichtbaren Ziele entgegen. Ein liebeschwerer Nachtfalter umtollte sein geschorenes Haupt, landete auf des Paters Nase. Mit rascher Hand griff er nach dem Trunkenen, zerdrückte den weichen, dicken Leib, zermalmte den armseligen Rest mit hartem Tritt. Zwei-, dreimal trat der unbarmherzige Fuß; zertrat in Gedanken den weichen schwellenden Leib des Lasters dieser verfluchten Stadt. * * * * * Maria Theresias Fuß stampfte ungeduldig, die Finger trommelten auf dem Marmortisch. »Na, ist Er nicht bald fertig? Die Prozedur dauert heute noch länger als sonst! Seine Neigung für so langweilige Ceremoniens wächst von einem zum andernmal!« Van Swietens Finger ließen den Puls der zuckenden Hand nicht frei, sein breiter gedrungener Kopf hob sich langsam, die großen grauen Augen sahen ruhig unter einem kaum merkbaren Lächeln zu der Herrin auf: »Eure Majestät geben uns allstündlich das beste Beispiel für Fleiß und Gewissenhaftigkeit. Sollten wir das gar leichtfertig übersehen?« »Das läßt sich nicht vergleichen! Trag die Verantwortung für Staat und Untertanen.« Van Swietens Lächeln verstärkte sich. »Trag ich die, ohne daraus Rühmens zu machen, nicht auch, indem mir ein so kostbar Gut wie Eurer Majestät Leben und Gesundheit ist anvertraut?« »Ich weiß, ich weiß, kenne Seine Treue! Aber nun laß Er endlich ab! Hat Er was 'rausgeschnüffelt, he? Das sag' ich Ihm aber, ich hab' keine Zeit krank zu sein, hört Er?« Der Leibarzt erhob sich: »Gott sei Dank, nein. Eure Majestät sind ganz gesund, die körperliche Frische ist nicht vermindert, der Geist so rege wie stets. Indes ...« »Indes, indes! Was will Er denn noch? Dann ist ja alles aufs Beste bestellt!« Der letzte Rest des Lächelns schwand aus Van Swietens Zügen. Tiefernst war sein Gesicht: »Majestät vergessen, daß sie auch eine Seele haben!« »Seele! Was schert Ihn die? Für die ist der Kampfmiller da und nicht Er!« »Ich will mir bei Gott nicht anmaßen, Euerer Majestät Beichtvater zu sein. In den meisten seelischen Nöten mag der hochwürdige Herr genügen. Jedoch gibt es Drangsale, die sich so tief den körperlichen Affairen vermischen, daß man jene kaum davon zu trennen vermag.« »Das ist wieder einmal eine Seiner Ketzereien, die ich nicht hören will! Kein Wort mehr davon! Was Wichtigeres! Hör' Er! Ob Er auch zuweilen schier als ein Freigeist sich gibt, was mich arg bekümmert, halte ich Ihn doch für einen anständigen Mann, der für die Moralität einen feinen Sinn mitbringt. Sag Er! Scheint es Ihm auch, daß es in meiner Residenz damit nicht aufs Beste bestellt sei?!« Van Swieten hob die Schultern: »Mein Gott, wohl nicht schlimmer als anderswo. Eine volkreiche Stadt ist kein Nonnenkloster, es läßt sich kaum vermeiden ...« »Es muß aber vermieden werden! Es muß besser sein als in anderen Ländern! Der Herr Friedrich von Brandenburg soll in seinem Ketzernest die Dinge gehen lassen, wie er mag! Hier ist eine katholische Stadt, versteht Er? Ich kann's nicht dulden, daß ich überall in der Leute Mäuler komme und man in aller Welt ausstreut, Wien wär ein Sodom und Gomorrha! Es muß anders werden, von heut auf morgen! Daß Er's weiß: ich hab eine Moralitätskommission eingesetzt, der hochwürdige Herr Pater Kampfmiller ist der Präses davon. Hat mir alles berichtet, ohne mir was zu verhalten, wie's seine Pflicht ist. Der hat das feine Gefühl dafor, was Ihm leider zu fehlen scheint! Hätt ich von Ihm nicht gedacht! Jetzt wird's anders werden, ganz anders! Jetzt wird das Unkraut ausgerissen mit Stumpf und Stiel, ohne jede Schonung! Ich will's so, ich will's!« In den Schritthall der erregt den Raum Durchmessenden flossen des Arztes Worte wie ein beruhigender Heiltrank. »Vermeinen Majestät nicht, mit dem Unkraut auch manche Blume zu töten? Hab gestern bei meinem Spaziergang im Prater meine helle Freude gefühlt an einem Paar, das engumschlungen im Grünen spazierte und so eins war, daß wohl gar der Herr Jesus selbsten dran hätte sein Ergötzen gehabt.« »Laß er den Herrn Jesum aus dem Spiel! Waren die zwei ehelich verbunden?« Van Swieten lächelte: »Das, Majestät, vermochte ich nicht auszunehmen, hab' nicht auf ihre Hände gesehen, sondern in ihre leuchtenden Augen.« »Das war sehr unrecht von Ihm! Ist das Erste und Wichtigste izt! Mit dem Ring am Finger sollen sie sich gaudieren, soviel ihnen darnach der Sinn steht, sonst nicht!« »Und Jene, denen's die Umstände verbieten? Es gibt Arme genug, die das Copuliergeld nicht zu Wege bringen.« »Die sollen's bleiben lassen! Es muß nicht immer scharmuzieret sein! Solln was Gottgefälliges vor sich bringen in Arbeit und Tugendwerk, da vergeht mit Gottes Hilf' alle Satanslust!« Widerwillig senkte die Kaiserin die Augen unter Van Swietens Blick. Er überstieg nicht die gesetzte Schranke, es war kein respektloses Werben darin, nur ein stilles, starkes Bewundern, fast Ehrfurcht; aber nicht vor der Herrin, sondern vor dem Weibe, dessen reife Lebenskraft in den roten Wangen leuchtete, mit dem starken Atem die Brust schwellte, wie der Sommerwind ein erntenahes Feld. Maria Theresia hob das Haupt, sagte mit veränderter Stimme: »Sprech Er nicht. Weiß schon, was Er meint! Kann's nicht verbergen vor dem Arzt. Er kennt mich so gut wie Keiner. Gesteh's ihm zu; hab keine Limonade in den Adern, weiß, weiß! Aber,« nun blickte sie auf, »hab ich mich davon unterkriegen lassen, was? Hab ich nicht mit Gottes Hilfe dawider gestritten und könnt heute Victoria schießen lassen wie der Daun bei Kolin? Ist das die Wahrheit oder nicht? Sag Er's ehrlich!« Nun senkte der Arzt das klobige Haupt: »Gewißlich Majestät, das ist die Wahrheit. Und ich muß sagen, leider, leider! Majestät, legen Sie mir's nicht für übel aus, ich hab's in mir vergraben, Jahr um Jahr! Heut muß ich's sagen! Es ist ein heller Jammer, so man zusehen muß, wie ein so herrliches, von Gott mit allem Guten an Geist und Leib gesegnet -- ich bitte um Pardon, es gibt kein ander Wort -- ein so über alle Maßen schönes Weib tagaus tagein Aktenstaub atmet anstatt Rosenduft. Seine Majestät, der Kaiser, er hat mir nichts gesagt, kein Wort, aber ich sehe schärfer als andere, das bringt meine Profession mit sich, er leidet darunter. Majestät, werfen Sie mich auf die Straße, jagen Sie mich fort, ich mußte es sagen! War meine Pflicht, meine reine Pflicht!« Van Swietens Gestalt sank in sich, als erwarte er einen Schlag. Eine lange Stille durchspann den Raum. Endlich tasteten die Worte der Frau: »Ich weiß, daß Er's gut meinet, Van Swieten, aber, sag Er das nicht mehr, ich will, ich darf nicht daran denken!« Die Kaiserin nickte, die Audienz beendend. Tief verneigte sich Van Swieten, zögerte in der Türe, aber kein Blick mehr traf ihn. Geschlossenen Auges stand Maria Theresia in der Fülle des Morgenlichtes, das mit jäher Gewalt durchs Fenster brach. »Seine Hochwürden, der Herr Pater Kampfmiller«, meldete der Lakai, »er ist auf diese Stunde befohlen«. Wieder nickte die Kaiserin. Im Augenblicke, da er den Saal betrat, ergriff Pankraz Kampfmiller stärker als je die qualvolle Unsicherheit, die ihn stets peinvoll durchströmte, wenn er der Kaiserin gegenübertrat. Es war nicht die Scheu vor dem hohen Rang der erlauchten Frau, der Jesuitenzögling wußte längst, daß er dereinst im Himmel seinen Sitz Gott näher bereitet finden würde, als alle Fürsten der Welt, und daß auch in dieser selbst seine Macht sich mit jener der Kronen in Wahrheit messen konnte. Nein, in solchen Augenblicken der Verirrung vergaß er die Kaiserin und sah nur das Weib. Die Prunkgewänder fielen unter seinem taumelnden Blick, ein Stück um das andere in süß quälender Langsamkeit. In diesem Augenblick erst wurde er sich des Frevels bewußt, brach nieder vor Gottes richtendem Blick, bis der Herrin feste, fast männlich tiefe Stimme an ihn eine sachliche Frage stellte und er zu seiner sicheren Wesenheit zurückfand. Länger als sonst währte dies heute. Dreimal fragte Maria Theresia, bis er endlich befriedigende Antwort fand. Es sei alles in bester Ordnung, die Kommission aus den sichersten und frömmsten Männern gebildet, die Organisation aufs Beste in die Wege geleitet, in den kleinsten Gassen -- und aufs Vornehmlichste in diesen -- seien verläßliche Rottenknechte postiert, die den strengsten Auftrag hätten, jeden und besonders jede =in moralibus= Verdächtige festzunehmen und sich durch nichts, weder durch Bitte und Drohung noch durch Bestechung verleiten lassen würden, davon Abstand zu nehmen, indem sie so gut besoldet seien, daß sie wohl keine Neigung zeigen sollten, ihr ausnehmend günstiges Amt zu vernachlässigen. Die Kaiserin reichte ihm die Hand zum Kusse: »Ich sehe schon, Er hat seine Affairen aufs Beste vorgebracht. Nur Eines möge Er sich mahnend vor Augen halten und solches auch allen seinen Helfern aufs Schärfste einprägen: daß man solle ohne jede Ansehung der Person vorgehen! Ist mir bekannt, daß insbesonders die vornehme Gesellschaft sich einer leichtfertigen Façon und lockeren Sitten hat hingegeben. Ermahne Er all Tag Seine Leute, daß sie sich nicht beifallen lassen dürften, einen Herrn oder eine Dame vom Adel zu schonen. Im Gegenteil! Bei Abenteurern vom Stande sollen sie aufs Doppelte eifervoll ihrer Pflicht obwalten. Und sollt's ein Glied meines hohen Hauses betreffen, ich will, daß das Laster mit der Wurzel aus dem Wiener Boden soll ausgerissen werden! Bin Ihm weiterhin in Gnaden beigetan«. Maria Theresia war allein. Eine Weile noch hing sie dem Gespräche nach, dann versank das Erinnern daran, stärker als die Rede des Paters klangen Van Swietens Worte auf. Ihre Zeit war erfüllt mit Arbeit, Empfängen, Verpflichtungen der Repräsentation, immer fast war sie Herrscherin, wenige karge Stunden, Augenblicke Frau. In den ersten Jahren ihrer Regentschaft und Ehe war ihr dies Aufatmen noch reicher gegönnt gewesen. Nun, da von Jahr zu Jahr nicht nur die Sorge, sondern auch ihr Verantwortungsgefühl wuchs, wurde die Frist der Erholung ihr in immer spärlicherem Maße zuteil. Und wenn sie dann für kurze Zeit Gattin sein durfte, da fehlte ihr die Leichtigkeit, sich rasch der ungewohnten Gnade anzubequemen, mit einem Schlage alle Grillen von sich zu werfen. Sie gab sich der Stunde nicht ganz, oft sah sie auf dem Haupte des Gatten eine mißmutige Falte der Enttäuschung erst, wenn schon wieder die harte Pflicht sie rief und ihr die Muße mangelte, die geliebte Stirne zu glätten. Als quälenden Vorwurf trug sie ihr Versehen durch alle ihr auferlegte Mannesarbeit, bis zur nächsten gnadenvollen Liebesstunde, und hatte doch wieder nicht die Kraft, alles gut zu machen. Nun fühlten's auch schon die andern, Van Swieten zumindest, der sie und den, ach, so über die Maßen geliebten Gatten bis in die tiefsten Falten ihrer Seelen kannte. In ihrem anscheinend so glänzenden und doch so grauen, harten Leben war dieser das einzige Weiche und Helle geblieben. Alles, was sie früher geliebt, Tanz und Unterhaltung, den Frühling von Schönbrunn und Laxenburg, das einte jetzt der noch immer schöne Mann in seiner liebenswerten Persönlichkeit. Und er glaubte vielleicht jetzt schon, ihre Liebe sei erkaltet! Sagen mußte sie's ihm, wie es um ihr Herz noch immer bestellt war, auf der Stelle mußte sie's ihm sagen! Mit zitternder Hand griff sie nach der Glocke. Der alte Kammerdiener, der sie schon auf der Hochzeitsfahrt begleitet hatte, meldete, der Kaiser sei ausgefahren. »Majestät haben den Bärenwagen befohlen«, fügte er mit ehrfürchtig-vertraulichem Lächeln bei. Maria Theresiens Enttäuschung schwand unter dem lieben Klang des Wortes. Tausend Erinnerungen brachte es. Was sie doch damals für Kinder gewesen! Ein Frühlingstag im ersten Ehejahr. Durchgebrannt waren sie, richtig durchgebrannt! In aller Frühe schon waren sie, die Überglücklichen, in den weiten Tierpark gegangen und hatten die Geschöpfe Gottes gefüttert, auch diese ein wenig glücklich zu machen. Ein Bär hatte ihre höchste Freude erregt. Wie possierlich er sich präsentiert hatte! Würdig, mit erhobenen Pfoten, in seinen Pelz gehüllt, als hielte er Peitsche und Leitseil. »Wie der Leibkutscher im Winter!« hatte der Kaiser ausgerufen. Noch lange hatte der treffende Vergleich sie belustigt. Zur Erinnerung an diese Stunde hatte die junge Frau dem Gatten einen Wagen bauen lassen. Auf dem Bock vor dem Kutschsitze saß ein goldener Bär, würdevoll mit hochgereckten Pfoten, als dirigiere er die feurigen Lippizzaner Schimmel. Das war der Bärenwagen, den bisher jeder bewundert und belacht hatte. Darin war der Geliebte heute ausgefahren. Ein Gefühl warmer, vertrauender Ruhe durchfloß Maria Theresia. Ihr war, als sei sie dem Fernen innig nahe. Das Räderrollen würde ihm von der lieben alten Zeit erzählen, die Polster mußten seinen Leib umschmiegen, wie der Segen ihrer unverändert zärtlichen Liebe. -- Ein Gesandter bat um Audienz. Die Kaiserin empfing ihn mit einem abwesenden Lächeln, das erst der trockene, in steife Etiquette gezwängte Disput langsam aus ihren Zügen tilgte. -- -- -- Die Rottenknechte Vetter und Wögerl waren von einer vergeblichen Streife in ihre Wachstube zurückgekehrt. Der große breite Vetter warf sich auf die krachende Pritsche mit einem Fluch, der in ein tierisches Knurren verglitt, der kleine Wögerl putzte sich mit dem Fazinettel sorgsam die spitze Nase, hängte den Uniformfrack pedantisch über den Sessel, schnallte den Säbel ab, stellte ihn in die Ecke und dann streckte auch er sich vorsichtig, als wäre er aus Glas, auf seine Lagerstatt. Eine Weile lagen sie ausruhend, der kurze Atem des Kleinen stieß in das riesenhafte Schnaufen des Gefährten. »Wo is denn der Gamperling?« fragte dann der Wögerl ein wenig beunruhigt. »Was schert di der?« »Amend erwischt er was, das uns auskommen is!« »Der wird was erwischen!«, lachte der Vetter. »Is eh wahr, tut nix wie Rosenkranz beten! Dös is a Tappschädel, sag i dir! 's schönste Maderl is ihm einerlei. Für a jed's Paarl, das er fangt, hat ihm der Pater Pankraz an hunderttägigen Ablaß versprochen, dafür rennt er sich die Füß ab! Hast scho so an Trottl g'sehn?« Die Worte verflossen in ein spitzes Kichern, darein sich das dröhnende Lachen des Starken mischte. Wieder Schweigen. Und endlich Schnarchen und pfeifender Atem der Schlafenden. -- -- Der Wögerl sprang vom Lager, der Vetter folgte ihm schwerfällig. Der Gamperling stand in der Türe. Die Augen leuchteten in heiligem Eifer. Seine zuckende Hand stieß ein Mädchen in die qualmende Stube. »I frag di noch amal, willst reden! Bei der heiligen Jungfrau frag i di, vielleicht verzeiht's dir ehender, wannst es sagst! Wer ist der Cavalier g'wesen? Wem g'hört der Wagen?« »I weiß net«, wimmerte das Mädchen, »i weiß wirkli net. Bei der heiligen Jungfrau ...« »Laß die heilige Jungefrau in Ruh, wannst weiterhin halsstarrig laugnen willst! I tu di no amal fragen, zum letzten Mal!« Er wandte sich an die Kameraden. »Habt's scho so a ganz Ausg'schamte g'sehn?! Gerad will's zu ihnerm Cavalier in Wagen steigen, er is scho drin g'sessen, hat die Hand rausg'steckt, wie'r i's erwischt hab'. Aber wie der Kutscher mi sieht, neing'haut in die Pferd und heidi! Und sie will's net sagen!« Die Rottenknechte traten näher. »Na schau, so sag's do, was is denn dabei!« flötete der Wögerl. »Wir können dir vielleicht helfen, wannst sagst, wer's war!«, grunzte freundlich der Vetter. Halb voll Hoffnung, halb voll Angst, sah sie den Beiden entgegen: »I weiß' aber wirkli net! A feiner Herr is es g'wesen!« »No natürli a feiner Herr.« »A schöner Herr! ...«! »Na, an Schiechen wirst' dir aussuchen!« »I hab'n net g'sucht, er is an mir vorüberg'fahren, hat'n Wagen halten lassen ...« Heilig-leuchtenden Zorn in den Blicken, stand der Gamperling vor ihr: »Du Weibsbild, du ganz verfluchts, wannst no weiter lugst, i, i, meiner Seel, i weiß net, was i mit dir tu ...« »Mir wisseten's scho!« lachte der Wögerl. Der Vetter trat auf sie zu, drückte mit der einen Tatze den Gamperling beiseite, indes er die andere um ihre Hüfte legte: »Halt di an uns, Klane, laß den verruckten Casper! Bei uns wird dir nix g'schehn, wannst a bißl liab bist!« Sie hatten im Lärm das Trappen der Sänftenträger, die Schritte im Korridor überhört. Zuerst gefaßt, sprang der Wögerl in die Ecke, dann löste der Vetter die Hand, der Gamperling trat in Positur vor den Pater Kampfmiller und die Frau, die jäh in der Türe standen. »Ihre Majestät will sich höchstpersönlich von der Tätigkeit Ihrer getreuen Diener überzeugen«, erläuterte Pater Pankraz, aber keiner hörte auf ihn. Sie starrten auf die unfaßbare Erscheinung, alle, die Rottenknechte und das verängstigte Weib. »Was für eine Sache ist hier im Gang?« Der Rottenknecht Gamperling berichtete mit von Eifer und Ehrfurcht zitternder Stimme. »Gut. Hat seine Pflicht getan, ob er schon ein wenig klüger hätte die Affaire mögen angreifen. Nun, Sie da, Sie Weibsperson! Tret Sie näher! Seh' Sie mir ins Aug! Wie heißt Sie?« Das Mädchen hob langsam den Blick, sah zu der Kaiserin auf. Seltsam, trotz aller angstvollen Ehrfurcht, die ihr in den Gliedern lag, sie fühlte etwas wie Befreiung. Fremd, furchtbar fremd waren ihr die Männer gewesen, nun überwehte sie ein Hauch von Vertrauen. Eine Kaiserin, ja, aber doch ein Wesen, das ihr glich. Nur im tiefsten Unbewußten fühlte dies das Mädchen. »Eurer Majestät zu dienen, Jungfer Josepha Ambrukin«. »Wie kommt Sie zu diesem schandbaren Gewerbe?« »Majestät, halten zu Gnaden«, stammelte sie, »das is net mein Gewerbe, na, na, g'wiß net, i bin a ...« »Wird sich weisen. Erzähle Sie den Vorgang!« Die Josepha Ambrukin stellte die Sache genau so dar, wie sie dem Rottenknechte Bericht getan. Wenn dieser sie unterbrechen wollte, wies die Kaiserin ihn zur Ruhe. »Warum will Sie den Namen des sauberen Cavaliers nicht nennen?« »Weil i'n net weiß, wahrhaftigen Gotts, bei der Jungfrau Maria und allen lieben Heiligen, i weiß'n net!« Maria Theresias feines für Echtheit und Komödie geschärftes Ohr hörte den wahrhaften Ton. »So, Sie kennt ihn nicht, will Ihr's glauben. Indes ist es wichtig für uns, den Namen dessen, der in dies schimpfliche Abenteuer hineinspielt und vielleicht die größere Schuld daran trägt, zu erfahren. Sage Sie uns, wie der Cavalier ist beschaffen gewesen in Miene, Gestalt, Kleid!« »I bitt um Pardon, gnädige Frau Kaiserin, er war schön und fein, aber i bitt um Pardon, i war so verwirrt, weil so a feiner schöner Herr is so freundli zu mir g'wesen, daß i'n net deutlich g'sehen hab. Es hat nur all's so tanzt vor mir!« »So? Das ist schade. Wir müssen wissen, wer's war, ich muß es wissen! Der Filou darf uns nicht auskommen! Hat Sie vielleicht ein Erinnern an andere Umstände? An die Karosse vielleicht? Welche Farbe sie und die Pferde gehabt?« »Net bös sein, bitt i, gnädigste Frau Kaiserin, bei der lieben Jungfrau und Gottesmutter, i hab' ja g'sagt, 's hat mir all's vor die Augen tanzt! Nur ans, nur ans, des weiß i noch. Des hab i mir g'merkt, weil's«, nun floß ein scheues Lächeln über das verängstigte Gesichtchen, »weil's gar so g'spassig und herzig war. Deswegen bin i a net davon g'rennt, wier' i's hätt soll'n, i weiß, ja, ja! Aber i hab' von Klein' auf alle Tier gern g'habt, Vögel, Katzen und Hunderln. Und da is vorn am Kutschbock vom Wagen a Viecherl g'sessen, a g'macht's natürli, i mein, 's hat an Bären vurstellen sollen, des, des war, na zum Totlachen war's, weil's so ausg'schaut hat, wie daß er kutschieren tät und net der Herr Kutscher oben. Es war ... Marand Josef, hab i am End was Schlecht's g'sagt?! I bitt um Gott's willen, Majestät, sein S' net bös auf mi! I kann mi hat net guet ausdrücken, i hab ja no nie net im Leben mit große Personagen g'redt und schon gar net mit aner Frau Kaiserin! I bitt, bei der heiligen Gottesmutter, bei der Frau Kaiserin Namenspatronin, bei der heiligen Theres', bei allen gueten Heiligen bitt i«, sie sank in die Knie, hob die Arme auf zu der todblassen Taumelnden. Pater Pankraz hatte Maria Theresia aufgefangen. Als sie seinen haarigen Kuttenärmel im Gesicht fühlte, kehrte ihr Besinnen zurück, sie machte sich frei, straffte sich, ein kurzes Nicken, sie ging. In der Tür kehrte sie sich noch einmal um: »Der Gefangenen ist die Strafe zu erlassen und sie allsofort auf freien Fuß zu setzen!« Hart und unnahbar wies sie den Dank der Nachdrängenden ab. Aber da sie allein in ihrer Sänfte saß und in die Polster weinte, war sie ein ärmeres, hilfloseres Weib, als die Josepha Ambrukin, die beflügelten Fußes in die neue Freiheit lief. Und jenes Weib setzte am nächsten Morgen den Namenszug der Kaiserin unter den Befehl, der die Moralitätskommission für immerwährende Zeiten aufhob. Der Sieger von Waterloo Frau Hannah Rothschild saß reglos und sah zu dem Bilde auf, das über ihrem Ankleidetisch hing. Tausendmal hatte sie das Bild gesehen, aber noch immer lag etwas in den Zügen, das sie nicht zu deuten wußte, lichte Kraft und Sicherheit und doch auch ein dunkles Geheimnis. Allmählich glitt ihr Blick nieder, bis in ihre eigene Seele. Ihr Vater, der reiche Barnett Cohen, hätte es kaum begriffen, daß eine seiner Töchter sich mit solch einem Luxusartikel beschwerte. Das allerdings hatte er in den geringen freien Stunden, die ihm sein Geschäft ließ, bedenklich festgestellt, daß die kleine Hannah anders, ganz anders sei, als ihre Schwestern. Die hatten ihm nicht viel zu denken gegeben, hatten, wie sich's gehörte, Kaufleute aus erbgesessenen Londoner jüdischen Familien geheiratet, deren Vermögenslage jedem Börsenbesucher bekannt war, während das Sorgenkind sich den hergelaufenen Frankfurter in den Kopf gesetzt hatte, von dem keiner damals etwas Rechtes wußte. Es war ja gut ausgegangen. Über alles Erwarten sogar! Manchmal faßte den alten Barnett Cohen schier der Neid, wenn er merkte, daß der Name des Eidams langsam den eigenen zu überstrahlen drohte. Aber das konnte man nicht leugnen, der Name Rothschild stand auf festen Füßen, und wenn auch manche seiner Transaktionen so kühn waren, daß es dem Schwiegervater den Atem verschlug, ein Abenteurer, nein, das war er nicht, gewiß nicht. Solid war alles, gut und solid. Zu derselben Zeit aber, da der alte Barnett Cohen Vertrauen zu dem Schwiegersohn faßte, begann das Interesse der Tochter zu verblassen. Als er um ihre Hand geworben, der kleine Fremde, da war ihr seine Gestalt vom Schimmer bunter Zukunftsmöglichkeit verklärt erschienen. Alles, alles konnte er noch werden, das war schön! Jetzt war er etwas geworden, mehr, als alle seines Schlages, Gott ja, das bestritt sie nicht, aber doch nichts anderes. Ein Kaufmann, der Geld verdiente. Lebte in ihr, dem eigenen Erkennen verborgen, noch eine leise Sehnsucht nach dunklen Geheimnissen ihres Volkes, Ahasverunrast, indes die anderen den Frieden mit ihrem Geschick gemacht hatten und in Familie und Börse ihre Welt sahen? Als Mädchen schon hatte Hannah ein Bild Napoleons an den Ehrenplatz ihrer Schlafstube gehängt, in ihrer Brautzeit und den ersten Jahren ihrer Ehe hatte es in einem Schrank gemodert, an dem Tage, da der Arme nach Elba gebracht wurde, hatte sie, von tief erwachtem Mitgefühl bedrängt, es wieder ans Licht geholt. Dann, als er den Kerker verlassen und immer lautere Kunde von seinem Siegeszug durch Frankreich zu ihnen gedrungen war, hatte sie von neuem und immer glühender zu seiner Macht und Kraft emporgeschaut, und heute war sie schon in aller Frühe in den Garten gegangen, hatte selbst die schönsten Purpurrosen geschnitten und das Bild des Großen, Rätselvollen mit einem Ehrenkranze geschmückt. Türknarren. In den Spiegel unter dem Gemälde trat ihres Gatten Gesicht. Schmerzhaft empfanden Frau Hannahs überfeine Sinne den Gegensatz. Die harte Miene des Erfolgreichen war ihr gleichgültig geworden, heute aber verriß qualvolle Unrast die Züge, die Augen flackerten, die Hände agierten in alter unbeherrschter Ghettositte, das alles war widerlich, glitt nicht mehr nieder an der Seele der Frau, sondern fraß sich in sie hinein, wie ein ätzendes Gift. Nun begann er gar noch zu sprechen. Auch von den Worten war der Firniß des Gentleman gebröckelt, der Schwall der Frankfurter Judengasse gellte an Hannahs Ohr: »Was sitzest du schon wieder da vor dem Bild? Ich will nicht, daß du sitzest vor dem Bild, es ist a Schand!« Die Augen blinzelten. »Du hast gewunden a Kranz um das Bild! Weißt du, wem du das hast getan? Dem Mallach, der uns wird jagen aus's Gan Eden und wird stoßen in Armut und Elend, wenn nicht Gott bei guter Zeit hat a Einsehen, ihm zu treten in den Weg mit fuirichtem Schwert. Nimm den Kranz erunter, geb das Bild weg, ich sag dir« .. mit taumelnden Schritten stürzte er nach der Wand, streckte die Hand nach dem Bild, sie sank nieder vor dem Blick der Frau, die aufrecht, gebieterisch, wie ein zürnender Engel vor ihm zu immer machtvollerer Höhe wuchs. Stumm sah sie von dem kleinen agierenden Juden zu der Ruhe des Bildes auf. Im Vergleichen stieg die Schale des Ehemannes noch leerer hoch, indes die des schönen Traumbildes sich mit immer schwererer, süßerer Fracht füllte. Noch einmal ging Nathan Rothschild zum Angriff über, wollte die Frau zur Seite drängen, das Bild von der Wand reißen, zertrümmern ... wieder traf ihn der Blick, noch kälter, verächtlicher, haßerfüllter, Nathan wich zurück. »Was siehst du mich eso an? Du sollst mich nicht ansehen eso, es is a Schand, daß du auf mich siehst mit solche Augen!« Er wich zurück, kam nicht los von ihrem Blick, immer noch sah er ihn vor sich, als er schon die Treppe niedertappte, die Frage des Lakaien, ob er den Wagen befehle, überhörend, in die Straße trat, sich im immer dichteren Gedränge verlor, nicht mehr Nathan Rothschild, nur einer von den Hunderttausenden der ungeheuren Stadt. Die Gestalt der Frau verblaßte, versank, das Bild überwuchs sie, das furchtbare Bild. War kein Bild mehr. War ein Mensch. Ein Mensch voll brennenden Lebens. Feuer, Feuer war dieser Mensch, fressendes Feuer. Sein heißer Atem rührte Nathans Gesicht, seine Arme umschlangen ihn, Haar und Brauen sengte die Flamme. Unzerstörbar war dieses Feuer. Man mochte es verlöschen, zehnmal, hundertmal, immer wieder brannte es auf zu höherer alles fressender Gewalt. Seit Nathan Rothschild die Erde Englands betreten hatte, war der Entsetzliche sein Feind gewesen, der Feind eines jeden, dessen Leben mit dem dieses Landes verbunden war. Es war ein gutes Land. Schätze ruhten darin, dem stumpfen Fühlen der Masse verborgen, dem wunderbaren Spürsinn Nathans offenbar in ihrer Fülle. Groß und mächtig war das Land, mit tausend Adern der Welt vereint, der Welt, deren Pulsen man spüren mußte, um zu leben. Nur hier hatte Nathan Rothschild das werden können, was er heute war. Deshalb liebte er das Land mit einer kühlen, dankbaren Liebe. Alles schwankte, in allem mußte man sich umstellen von Minute zu Minute, der Boden Englands war das Feste, das Unverrückbare, darauf Nathan sein Haus gebaut, das bleiben mußte für alle Zeit. Und der, der, dieser, dieser Goi, dieser korsische Soine, dieser schlechte balmechome, den Gott verdammen mußte, -- er holte aus dem Erinnerungsschatz seiner Frankfurter Schulzeit alle Schimpfworte, die ihm einfallen wollten, der wagte es, das gebenschte Land anzugreifen, auch ihm den Boden unter den Füßen rauben zu wollen! Jeder Sieg Napoleons war eine Niederlage Rothschilds auf der Börse, jeder Triumphschrei des Korsen ein Wehruf des englischen Bankiers. Alle, alle andern hatte Maier Amschels Sohn besiegt, kein naher Gegner mehr wagte es, sich ihm entgegenzustellen, nur der Eine, der Ferne, in Ewigkeit Verfluchte! Hatte Nathan ihn nicht schon zehnmal erschlagen? In Spanien, als er dem großen Wellington auf vielen von seiner Klugheit gebahnten Wegen das Geld sandte, das nötiger war als Pulver und Blei? Hatte er nicht, er allein, Madrid erobert und Soult geschlagen? Hätte es ohne das Haus Rothschild ein Leipzig gegeben? War er nicht unsichtbar als segnender Schutzgeist mit den Monarchen der heiligen Allianz in Paris eingezogen? Hatte nicht er den Verhaßten in Elba begraben? Was hatte es genützt? Heller als je brannte die furchtbare Flamme. Und nun schien sie grausam in den Frieden seines Hauses, fraß sich in dessen Grundpfeiler, würde es in Brand setzen, alles, alles, auch sein Ehebett, wenn man nicht im letzten Augenblick ihm entgegenträte mit einem übermächtigen Halt! Wieder stieg Hannahs Gestalt auf, sie sah aus ihm, ach, so fremden, unbegreiflich-fremden Augen auf zu dem verhaßten Bild. Das trat aus dem Rahmen, umschlang die Frau, aber nun war sie keine Frau mehr, sie war ein Börsenpapier, das die freche Hand würgte, daß es zusammenschrumpfte. Ein Bettler würde er werden, alles verlieren, Haus, Geld, Frau, alles, alles! Nathan Rothschild schrak auf, sah rundum, fremd die schmutzigen, düsteren Häuser, er stand im gemeinen Lärm eines Stadtviertels, das er noch nie betreten hatte. Angst ergriff ihn. Rundum kein Wagen. Nichts als verdächtige Gestalten. Die hielten wohl zusammen wie Kletten. Wenn ein Verbrecher ihn anfiel, keiner würde die Hand rühren für ihn! Oder wenn man ihn gar erkannte! Ihn verschleppte, weiß Gott wohin, ein Lösegeld zu erpressen! Nathan Rothschild beschleunigte den Schritt, lief, kehrte um, bog in diese, in jene Gasse, verlor die letzte Besinnung, rannte hin und wider wie eine gequälte Maus. Stand still. Räderrollen. Ein Reisewagen, er taumelte ihm entgegen, winkte mit beiden Armen, schrie in den Räderlärm. Der Wagen hielt, ein junger Offizier beugte sich aus dem Fenster: »Herr Oberhofagent! Wie kommen Sie in diese Gegend!?« »Gott meiner Väter!« stammelte Nathan, »sei tausendmal bedankt davor, daß du hast gesandt die grausen Herrn Offiziers in meine Not! Ich, ich hob mich verloffen, ich weiß nischt, wo ich bin ...« Langsam besann er sich, fand aus dem Judendeutsch ins Englische zurück. »Ich bin froh, daß ich den Herrn General und den Herrn Capitän-Adjutanten getroffen habe, ich habe mich verirrt, ich weiß nicht, wie das gekommen ist!« Der hohe Offizier machte eine einladende Geste: »Nehmen Sie Platz, bitte!« Aufatmend sank Rothschild in die Polster, die Pferde griffen aus, die Koffer auf dem Wagendach polterten, bis sie im Gleichklang der Fahrt zur Ruhe fanden. Nathan wischte sich mit dem seidenen Taschentuch die Schweißperlen von der niederen energischen Stirne. »Die Herren machen a Reise?« fragte er. Der General lachte: »Ja, eine große Reise!« »Und wohin, wenn man fragen darf?« Der letzte Rest der Angst versank, die Gier nach nützlichen Nachrichten erwachte in ihm. Wenn ein General reiste, mit seinem Adjutanten reiste, hatte das was zu bedeuten. Lustfahrten machte man nicht in dieser Zeit. Der General war ihm verpflichtet, Nathan hatte ihm einmal aus der Klemme geholfen. »Nu, wollen die Herren mir nicht sagen, wohin sie fahren? Ist das a Geheimnis?« Er lächelte. »Ich krieg's schon raus, wenn ich will!« Der Adjutant sah fragend auf den Vorgesetzten. Der überlegte, nickte dann und antwortete selbst: »Sie sind verläßlich, Herr Rothschild, man weiß, daß Sie nichts unternehmen, was dem Staate schaden kann. Ich weiß, ich weiß, im Gegenteil, Sie nützen ihm, wo sie können. Im Vertrauen also: Wir fahren meiner Division nach, ans Meer, die uns gestern nachts vorausmarschiert ist. Morgen sind wir schon über'm Kanal.« »Und wohin? Es is doch ... wenn Sie mir haben soviel gesagt, werden Sie mir sagen das Ganze.« »Nach Belgien hinüber.« Nathan Rothschilds Augen preßten sich vor, der kurze Hals reckte sich aus dem Jabot: »Is dort,« die Hand deutete in die Höhe, »der, der, der ...« Der General schwieg, auch Rothschild. Er wußte genug. Also, so nahe war die Entscheidung. Jetzt ging's ums Letzte, auch für ihn. Nie noch hatte er so klar gefühlt, wie sein Gedeihen und Leben mit dem des britischen Staates verbunden war. Dort drüben wurde auch sein Schicksal entschieden. Und er würde fern sein, machtlos, unfähig die Hand zu rühren, ausgeschaltet aus dem großen Weltgeschehen. Was mit Geld zu machen gewesen, hatte er getan. Sein halbes, sein ganzes Vermögen steckte in der Sache. Und während die Würfel fielen, würde er sehen müssen, wie seine Frau vor dem Bilde des Verhaßten saß, der ihn vernichten wollte. Er würde nicht einmal wissen, in dem oder jenem Augenblick, ob er nicht schon ein Bettler sei. Das ertrug er nicht. Wahnsinnig würde er werden. Er blickte durchs Fenster, schon sah man das Meer. »Nun, wir sind bald am Ziel. Und Sie, Herr Oberhofagent? Hoffentlich finden Sie einen Wagen zur Rückfahrt. Oder wollen Sie mit uns kommen?« Nathan Rothschild hörte den Scherz nicht, er hörte nur die Frage. Er dachte nicht an das Verhüllte, Unvorstellbar-Schauervolle, dem sie entgegenfuhren, er dachte nur an das lähmend-qualvolle, nervenfressende, tatenlose Warten, das daheim auf ihn lauerte. »Wenn der Herr General will die Gnade haben, mich mitzunehmen, wär mir das a Freude und Ehre.« Der Engländer sah rascher, als es seine kühle Art war, auf, sein Blick faßte scharf das Gesicht des Juden, spähte darin nach einem Lächeln, nach einem verborgenen lustigen Zucken, das Rothschilds Miene zuweilen bewegte, wenn er bei Tafel eine drollige Börsengeschichte erzählte, er fand nichts. »Ist das Ihr Ernst?« »Bei allem, was ich hab zu verlieren,« erwiderte Nathan, seine Augen waren feierlich geweitet, als schlösse er das größte Geschäft seines Lebens ab, und seine Hand hob sich, als wollte er sie zum Schwur auf die Thora legen. * * * * * Nathan Rothschilds Knie zitterten, glühende Fieberwellen durchschlugen seinen Leib, Ströme eiskalten Gletscherwassers lösten sie ab. Er wollte eine Frage an den Adjutanten richten, tonlos bebten die Lippen, vermochten kein Wort zu formen. Langsam tasteten die Hände nach einem Halt, griffen ins Leere, in tiefster Qual suchte das Auge den Trost eines Blickes, niemand beachtete ihn, er war nicht mehr für diese Menschen, als der elende Baumstrunk, auf den er niedersank. Er, Nathan Rothschild, war nichts, nichts, gar nichts. Nathan Rothschild. Von seiner Nervenqual zwanghaft geformt, klang tonlos der Name. Fremd, schauerlich fremd war er ihm. Nathan Rothschild, was war das? Ein Mückensummen, ein Hauch, der ertrank. Das Brüllen der Geschütze erschlug ihn, das regengleiche Rauschen des Salvenfeuers schwemmte ihn fort, er starb unter Pferdehufen, die aufgerissenen hurrahbrüllenden Mäuler der vorüberdröhnenden Truppen verschlangen ihn. Ein Namenloser war er, wie die Tausende ringsum. Sein letztes Restchen Selbst umkrallte er mit erschlaffender Faust, es entglitt ihm, löste sich in den ungeheuren Höllenwolken aus Dampf und Staub. Er fühlte sich nicht mehr. Der Schlag einer Granate weckte ihn, der zweite riß ihn zur Überwachheit auf. In grellster Schärfe stach das Bild der Umwelt in seinen Blick: Der Adjutant, das Fernrohr schien mit seinem Auge verwachsen, Meldereiter, Ordonnanzen, humpelnde Blessierte, dezimierte, aus der Schlacht gezogene Bataillone, neue hurrahbrüllende, vorwärtsdringende Formationen. Inmitten dieses Flutens der General, reglos, unveränderten Blicks, das Bild umfassend, es regelnd, beherrschend. Noch einmal durchzuckte Nathan Rothschilds Leib ein Fieberschauer, noch einmal tastete seine Hand nach Halt, verschwammen die Farben des Bildes zu einem qualvollen Wirrwarr vor seinem schwindelnden Auge, dann sah er klar. Sah nichts, als die unerschütterte Gestalt des Generals. Zuerst erschien sie ihm hoch über ihm thronend, unfaßbar hoch. Fremd, eiskalt fremd war diese Ruhe, ihm, den noch immer ein leises Angstbeben durchzitterte. Dann aber senkte sich die Gestalt aus ihrer unerreichbaren Höhe, so tief, daß Nathan jeden Zug, jede Falte des eisernen Gesichtes sah. Langsam verlor es seine Fremdheit. Diesen gepreßten Mund, diese unveränderliche Stirnfalte, dieses vorgedrückte Kinn, das alles kannte er ja, das hatte er oft, täglich hatte er's gesehen! Wo doch, wo doch? Er forschte in seinem Erinnern, eine Falte grub sich in seine Stirne, die dicken Lippen engten sich, das Kinn trat vor, jetzt wußte er's! All das war auf dem Bilde zu sehen, das ihn als König der Börse zeigte. Von einem berühmten Maler war's, er hatte den Namen vergessen, fünfhundert Pfund hatte der Ganeff dafür verlangt, es hatte früher an der Stelle gehangen, wo jetzt das Bild des Verfluchten hing, der, der da gegen ihn anrückte mit Feuer und Eisen, der die Kugeln schmeißen ließ gegen ihn, der ihn vernichten, ihm sein ganzes schwer erkämpftes Vermögen stehlen, sein Leben zertrümmern wollte! Dicht neben dem General schlugen ein paar Geschosse ein, er stand unbewegt. Nathan Rothschilds Blick umfaßte die eiserne Gestalt. Ein Gefühl tiefster Gemeinsamkeit zog ihn zu ihr. Sie hatten denselben Feind, um ihrer beider Sein, um den Zweck ihres Lebens ging es in dieser Stunde. Immer deutlicher prägten sich des Briten Züge: die eiserne gefurchte Stirne, der schmale Mund, das marmorne Kinn. Für einen Augenblick versank die Schlacht. Der General stand inmitten des großen Saales der Londoner Börse. Um ihn wirbelten die kleinen Leute, er aber stand fest, nur dem Ziele zugewandt. Und wieder die tobende Wirklichkeit des Kampfes. Aber nicht mehr der General lenkte ihn, sondern er, Nathan Rothschild. Stärker klang der Name auf, überdröhnte den Marschtritt der Truppen, den Hufschlag der Pferde, die Schauer der Salven, das Höllendröhnen der schwerpfündigen Geschütze. In rascherer Folge schlugen die Geschosse ein, immer näher, näher, er fühlte es kaum. Er dachte mit dem Hirne des Generals, wenn dieser zu einem kurzen Befehl die Hand hob, glänzte auch des Juden Solitär aus dem Pulverdampf. Ein Meldereiter. Ein triumphierender Schein erhellt des Generals Gesicht, jagt über seine Offiziere fort, über die letzten Reserven, die in den Kampf ziehen, eine jubelnde Botschaft auf Aller Lippen: »Die Preußen sind da! Vierzigtausend Mann! Die Schlacht ist entschieden!« Höherauf wogt die Symphonie zum jauchzenden Furioso, noch ein, zwei Kugeln, dann schwächt sich mählich der Lärm, das wilde Orchester verklingt, der Feind weicht. Schwadron um Schwadron der roten englischen Reiter braust vorüber, ihn zu verfolgen. Nathan Rothschild sieht es kaum. Einen Augenblick lang hat sein Herz mitgejubelt über den Sieg, aber nun weiß er, jetzt ist nicht mehr hier sein Platz. Was sich noch begeben wird, ist ihm gleichgültig geworden. Jede Minute ist Verlust. Ein herrenloses Pferd umtänzelt ihn, er schwingt sich darauf, er kann reiten, wahrhaftig, er kann reiten! Er sitzt nicht schön, aber er meistert das Tier, er hält sich, er jagt die Landstraße fort, weiter, bis das Pflaster der Straßen von Brüssel unter den Hufen tönt. Im schnellsten Eilpostwagen reist er durch die belgische Ebene, am Morgen sieht er das Meer. Es braust, wilder, rasender, als die Schlacht. Ungeheuer türmen sich die sturmgepeitschten Wogen vor Nathan Rothschild, überbrüllen den machtvollen Namen. Kein Schiffer will fahren, wie auf der Börse steigert der Bankier sein Angebot. Ein tollkühner Kerl wagt's für zehntausend Francs. Die französischen Wogen heben, begraben, heben das Schiff. Aber die englischen ducken sich vor dem Namen, sie landen bei glatter See. Er kehrt nicht heim in sein Haus. Furchtlos betritt er dunkle Gäßchen, verrufene Häuser im düstersten Viertel Londons, gibt seinen Geheimagenten Weisungen für den nächsten Tag, mit unerschüttert klarer Kraft, als hätte er die letzten Nächte in den Daunenbetten seines Palais herrlich geruht. Am nächsten Morgen steht er auf seinem Platz im Börsensaal, vom ängstlichen Bienenwirrwarr der Kleinen umsurrt. Aller Blicke hängen an ihm, an der eisernen Stirnfalte, dem gepreßten Mund, dem marmor-gemeißelten Kinn. Das alles aber ist heute von dem Dunkel einer tiefen Sorge überschattet, das sie selbst an den bösesten Tagen nicht an diesem unbeirrten Gesicht gesehen haben. Höher auf, wirrer und angstvoller schwirrt der Schwarm. Und dann ein Klageschrei, wie am großen Bußtag im Tempel. Das Haus Rothschild verkauft Papier um Papier. Die Kurse sinken. »Wellington ist geschlagen!« Die Kurse sinken. »Wellington ist tot!« Die Kurse sinken. »Siebzigtausend sind tot!« Die Kurse sinken. »Hunderttausend!« Die Kurse sinken. »Die ganze Armee!« Die Kurse sinken. »Napoleon kommt zu fahren über den Kanal!« Die Kurse sinken. »Er hat betreten den Boden von England!« Die Kurse sinken. »Er ist in London!« Tiefer, tiefer, tiefer sinken die Kurse. Einen Abgrund öffnet Gott, darin versinken Sünder und Gerechte, die ganze Londoner Börse, wie einst die Welt in der großen Flut. Ein Makler deutet mit beiden Händen nach ein paar Männern, dunklen Existenzen, kleinen Agenten aus den düstersten Vierteln Londons. »Gott hat sie geschlagen, sie sind unsinnig geworden!« schreit der Makler. Aber die Männer lassen sich nicht beirren. Sie kaufen, kaufen Papier um Papier. * * * * * Am folgenden Tage trägt Nathan Rothschild sein blütenzartestes Spitzenjabot und eine Purpurrose im Knopfloch, und auf seinem Gesicht liegt der Abglanz des strahlenden Junitages. Mit weithinklingender Stimme verkündet er den Sieg von Waterloo. Die Kurse steigen, steigen zu nie geahnter Höhe. Nathan Rothschild hat zwanzig Millionen verdient. -- -- -- Hannah Rothschild steht unter dem Napoleon-Bild und sieht in das Gesicht des Gatten, der eben die Erzählung seiner Abenteuer beendet hat. Nun liegt etwas Rätselhaftes in seinen Zügen, das sie nie an ihm gesehen, das sie nicht zu deuten weiß, lichte Kraft und Sicherheit, und doch auch ein dunkles Geheimnis. Lächelnd öffnet er eine Schatulle, entnimmt ihr langsam eine Perlenkette, deren Reiz durch riesige Brillanten, Saphire und Rubine ins Maßlose erhöht wird, schmückt genießend der Gattin schönen Hals. Worte des Dankes stammelt die Geblendete. Nathan Rothschild wehrt ab: »Ka Ursach, ka Ursach! Aber«, er deutet, noch immer lächelnd, nach dem Bild. »Tu'n erunter nemmen, den dort oben, indem ihn Gott hat schon niedriger gehängt in die letzten Täg. Tu'n erunter nemmen, sog ich der, sonst lachen die Leit über dir!« Da erwacht plötzlich der Geist des alten Barnett Cohen in Hannah. Sie senkt das schöne Haupt in den Schimmer der Edelsteine, als beuge sie sich vor dem einzigen Gott ihres Vaters, dem Erfolg. Dann blickt sie zaghaft zu dem Bilde auf. Der Rosenkranz ist verwelkt, moderig riechen die kranken sich lösenden Blätter, mißfärbig sind sie, sie tragen den Tod. Die Rubine, Saphire und Brillanten aber flammen auf im siegenden Sommerlicht, voll starken, unvergänglichen Lebens. Langsam nimmt Frau Hannah Rothschild das Bild von der Wand. Der Hund Goethes Auge war hell und seine Stirne glatt, als er das Theater verließ. Zwar hatte es auch heute genug des Ärgerlichen gegeben: Der junge Genast hatte ein paar unreife Tölpeleien begangen, die Madame Wolff ihre Rolle nicht ziemlich memoriert und deren Gatte seinen gestrigen Rausch noch nicht abgeschüttelt. Aber all dies Dunkle wich einem neuen Licht. Wilhelm Neander hieß der Schauspieler, der sich heute zum ersten Male präsentiert hatte. Der Klang des Namens lag Goethe wohlig im Ohr. Es war schön, daß er nicht irgendeinen plumpen deutschen Namen führte. So stimmte alles überein: die ebenmäßige Gestalt, der edle Kopf mit dem kühnen glänzenden Blick, das wundervolle, in allen Registern klingende Organ. Nichts, nicht das Leiseste, das den Gesamteindruck dem Empfindlichen gestört hätte, es war alles vollendete Harmonie. Nie in diesem rauheren Lande hatte Goethe Ähnliches empfunden, er mußte schon die Genüsse seiner großen Genesungsfahrt nach Italien im Erinnern zum Vergleiche wachrufen. Griechenland war der Jüngling, erfüllter Traum verhaltener Sehnsucht. Aber nicht das allein. Versonnen schritt Goethe weiter. Die Menschen ringsum, die ihn entweder demütig grüßten oder frech begafften, störten ihn nicht mehr. Längst trennte ihn eine Schicht kühler Luft von dieser kleinen unwürdigen Welt. Eine Gestalt erwuchs vor ihm. Er selbst als Jüngling. Wie einen Fremden sah er sich. In der Arbeit an seiner Lebensgeschichte, die nun, umhüllt von Lob und Tadel, durch das Land zog, war er sich selbst historisch geworden. Aber hatte er sich nicht heute gesehen, in schönerem Leben, als es hellstes Erinnern zu zaubern vermochte? Glichen seine Züge, die heute zum Marmor des Wissenden gemeißelten, nicht jenen des Jünglings, hatte sein Auge nicht einst im selben Feuer dem Leben entgegengeleuchtet, hatte nicht seine Stimme den gleichen Klang getragen, als er im Tiefurter Park den Orest gesprochen, in jener schönen Dämmerzeit, da ihm die Welt noch voll purpurner Geheimnisse gewesen? Orest! Von dieser Stimme würde er ihn wieder hören können. Es war genug des Glücks! Auf dem Frauenplan lag die volle Frühlingssonne, der kühlen Treppenhalle in des Geheimrats Hause blieb sie ehrfürchtig fern. Über die Möbel, Wände und Geräte des Zimmers legte sie nur einen stillen ebenmäßigen Glanz, jenem ähnlich, der noch immer auf der hohen Stirne des Eintretenden lag. Nun tönte diese sich tiefer, gleich einem Statuenhaupt, vom Flügelschatten eines Vogels gestreift. Der Diener meldete einen Audienzwerber. »Er möge ein andermal kommen!« Aber der Diener blieb: »Ich bitte um Vergebung, Eure Exzellenz vergessen wohl, daß heute Empfangstag angesetzt ist.« Goethes Hand strich über die Stirne: »In der Tat, ich vergaß.« Er straffte sich ins Gewohnte zurück. Pflicht! Keinen Schritt vom Alltagswege, den er sich vorgezeichnet! Auch die Welt hatte ein Recht an ihm. »Wer ist's?« Der Diener buchstabierte aus dem Anmeldebuch: »Schauspieler Christoph Karsten, unfesten Aufenthaltes.« »Gut, rufe Er ihn!« Die lichte Stunde verschattete sich tiefer. Verhaßter Tabakdunst drängte sich an Goethe. Ein breiter, derbknochiger Kerl verbeugte sich ehrfürchtiger als nötig und ließ dann ein demütiges, grinsendes, ein wenig ängstliches Gesicht sehen, in dessen Augenwinkeln doch gedrängt eine plump-freche Vertraulichkeit saß, die nur lauerte vorzuschnellen und sich zu verbreiten. »Euer Exzellenz tiefgehorsamster Diener empfiehlt sich dero Geneigtheit!« Er hatte in der ersten Befangenheit die Türe schlecht geschlossen. In die Stille der folgenden Augenblicke drang aus der Halle jappendes, trappelndes Geräusch, mit unterdrückten Rufen des Dieners vermengt. Der Türflügel schnellte auf, und über die Schwelle sprang ein Hund, dessen lebhafte Gebärde in der bändigenden Stille des Raumes erstarb. Reglos saß er, sah an seinem Herrn vorüber zu Goethe auf aus großen, geweiteten Augen. »Wie kommt dieses Tier in mein Haus?« rief Goethe, ergriff die Glocke, schellte, der Diener taumelte herein in keuchender, stammelnder Verwirrtheit. Der Schauspieler, der noch eben mit einer lächelnden Geste den Pudel hatte präsentieren wollen, stürzte sich nun mit einem Fluch auf ihn, trieb ihn mit Fußtritten hinaus, hob ihn hoch und warf ihn die Treppe hinunter, daß er wehheulend sich nach der Straße schleppte. Des Tieres letzter hilfesuchender Blick hatte Goethe gesucht. »Schließe Er das Tor!« befahl der Geheimrat dem Diener. »Und sei Er das nächste Mal achtsamer! Der Hund gehört Ihm?« wandte er sich an den Besuch. Die gestaute Vertraulichkeit in des Schauspielers Augen hatte sich verkrochen, nur Angst hockte nun darin. »Zu dienen, Exzellenz, leider, das heißt, es ist mir nicht erklärlich, wie das verhagelte Biest ...« »Fluche Er nicht! Er hätte nicht so roh sein müssen. Das unvernünftige Tier trägt nicht Schuld an Seiner Lässigkeit!« Eine abschließende Handbewegung. »Was will Er von mir?« Der Schauspieler fühlte, daß das Gewitter vergrollte, richtete sich ein wenig auf, die Angst löste sich aus seinen Zügen: »Halten zu Gnaden, Exzellenz! Ich war so unglücklich darüber, Eurer Exzellenz zu mißfallen, daß ich meinen Hund ein wenig zu derb anfaßte. Es ist sonst nicht meine Art, gewiß nicht, ich bin ein guter Mensch!« »Rede Er nicht! Setzen wir den Fall beiseite! Komme Er zur Sache!« »Die Sache,« fuhr der Schauspieler, nun ganz seiner Sicherheit zurückgegeben, fort, »geht, ich muß leider sagen, im ersten Punkte meinen Hund an. Eure Exzellenz haben einen Horreur vor diesen Tieren, ich verstehe es, sie sind oft dumm und schmutzig. Aber mein Pudel ist eine Ausnahme. Herausgesagt,« die Vertraulichkeit schoß aus den Augenwinkeln, überfloß für einen Herzschlag fettig das ganze Gesicht, »herausgesagt, er ist ein Kollege, ein Akteur. Und deshalb habe ich mir untertänigst die Freiheit genommen, bei Eurer Exzellenz in Audienz zu erscheinen.« Nun floß die Rede ungehemmt weiter. »Vielleicht darf ich mir schmeicheln, Eurer Exzellenz nicht ganz unbekannt zu sein. Bei dem regen Interesse, daß Sie allem bezeugen, was das deutsche Theater angeht, ist es vielleicht nicht allzu vermessen. Ganz gewißlich aber haben Sie von dem berühmten Stücke ›Der Hund des Aubry‹ Kenntnis erlangt. Es war in Dessau, in Hamburg, in Wien sogar ein großer Sukzeß. Ein Sukzeß, der wohl, ohne mich über Gebühr zu rühmen, fürs allererste mir zu danken ist. Die Hauptrolle in diesem Stücke agiert nämlich neben dem sagenhaften Ritter Aubry, den darzustellen ich selbst die Ehre habe, ein Hund. Ja, ein wirklicher Hund! Deshalb hat man das vortreffliche Werk solange nicht vorstellen können. Erst ich habe es durch meine Wunderdressur dahingebracht. Und so wage ich es denn, durch den bisherigen Erfolg ermutigt, die gehorsamste Bitte zu stellen, Eure Exzellenz möchten anbefehlen, daß dieses Drama auch auf der höchstberühmten Bühne zu Weimar möge ins Licht treten! O bitte, ich weiß, daß ich kein so hohes Honorar werde fordern dürfen, wie etwa in Wien oder im reichen Hamburg, ich bescheide mich, ich will überhaupt kein Geld, die Ehre, hier an dem trotz seiner Kleinheit famösesten Theater Deutschlands, unter den Augen seines größten Dichters, meine Kunst zeigen zu dürfen, ist für mich von so unschätzbarem, idealem Werte, daß der schnöde Mammon damit nicht im geringsten den Vergleich hält. Ich bitte Eure Exzellenz auf das Untertänigste, Sie möchten mit einem mächtigen Wort ...« Das plumpe Lächeln erstarrte, schrumpfte ein, verkroch sich, der Schauspieler sah vorerst auf Goethes, verfinsterte, von fremden Falten durchfurchte Stirne, dann duckte er sich vor dem olympischen Zorne, der auf ihn niederdröhnte. »Was kommt Ihm bei! Ich soll erlauben, daß an der Stelle, da der ›Wallenstein‹ vorgestellt wurde, ein Harlekin wie Er mit einem Hund seine Possen treibt?!« Die Glocke schrillte wie der Ruf des jüngsten Gerichts. Zum zweiten Male erschien erblassend der Diener. »Dieser Herr verläßt sofort das Haus!« Christoph Karsten taumelte die Treppe nieder, das Licht des Frühlingstages umtanzte ihn in tausend schillernden Ringen. Schwankend durchschwamm er das Sonnenmeer des Frauenplanes. Dann schrak er auf, vermißte den Hund. Er quälte ein Pfeifen von den vertrockneten Lippen, sah mit lichtgewohnterem Auge rundum. Der Pudel saß vor Goethes Haustor, unverwandt zu den Fenstern aufblickend. Christoph Karsten rannte auf ihn los und zog das widerstrebende Tier würgend hinter sich her, durch das lachende Volk, bis der Gasthof zum Erbprinzen ihn dem Hohne verschloß ... Die vornehme Lauterkeit des Raumes trübte ein dumpfer Schatten. Das häßliche grinsende Gesicht schwand nicht, zwängte sich frech und breit zwischen Goethes Blick und alles, was sonst stark und anmutig seine Seele erquickte. Hartnäckiger Tabakdunst umbeizte ihn, er stieß das Fenster auf, auch die reine Lenzluft war machtlos. Sehnsucht erwachte in ihm, jener vergleichbar, die ihn nach seiner Rückkehr aus Italien gequält hatte im grauen Land. Eine lange Zeit letzten Sichfindens, Jahrzehnte kraftvoller schaffender und genießender Ruhe hatten sie besiegt. Heute wuchs sie wieder auf, seiner verhaltenen Reife fremd und unheimlich. Mit rascher, fast unbeherrschter Bewegung griff er nach der Glocke. »Gehe Er nach dem Theater,« befahl er dem Diener, »und bestelle Er dort, ich ließe Herrn Wilhelm Neander, merke er sich den Namen wohl! aufs dringlichste zu mir bescheiden. Ich hätte ihm etwas von Bedeutung mitzuteilen. Spute Er sich!« In seiner gewohnten Haltung, aber rascheren Schrittes als sonst, durchmaß Goethe das Zimmer, hielt zuweilen am Fenster, sah über den Frauenplan die enge Gasse fort, soweit der freie Ausblick reichte. Dann schoß warme Freude aus seinem Herzen auf, er trat zurück, ließ sich in den Armstuhl nieder und erhob sich erst, als der junge Schauspieler, sich tief verneigend, eintrat. »Es war sehr freundlich von Ihnen, meinem Ersuchen so rasch zu entsprechen.« Die Stimme trug den alten königlichen Klang und auch die Geste, die zum Platznehmen einlud, war wieder voll harmonischer Ruhe. Nur in dem großen unverändert machtvollen Auge lag ein wärmeres Leuchten. Der Blick des schönen Jünglings begegnete ihm. Die Züge der beiden Gesichter wiesen wahrhaftig dem äußerlich Vergleichenden manches Ähnliche. Ja, die des Schauspielers waren vielleicht noch schöner und ebenmäßiger, seine Gestalt noch bezwingender, als die des Alten in jungen Jahren gewesen sein mochte. Freilich, dem tiefer Schauenden blieb nicht verhüllt, daß die Lippen sich gewöhnlicher rundeten, daß die Stirne niederer und voll äußerlicher Glätte war und daß die Augen allzuwillig ein Leuchten verströmten, das nur der Oberfläche erwuchs und nicht das Zeichen der Seele trug. Aber dem sonst so scharf Sehenden, dem nichts Menschliches mehr ein Rätsel schien, war heute der Blick getrübt; er sah sich selbst vor sich in schönerer Jugend, von allen guten Göttern reinsten Griechentums gesegnet. »Sie haben wohl nun auch ein Anrecht, aufs schleunigste zu erfahren, warum ich Sie aus vielleicht angenehmerer und Ihrer Jugend schicklicherer Gesellschaft riß. Nicht nur infolge mancherlei Arbeiten und Obliegenheiten anderer Art, sondern auch durch die widrige Zufälligkeit, daß sich eben nicht die geeignete Person finden wollte, gehindert, habe ich die Zeit her von der Ausführung meines Planes, meine ›Iphigenie‹ neu auf die Bretter zu stellen, Abstand nehmen müssen. Jetzt aber scheint mir, wenn mich nicht alles trügen will, ein recht freundliches Geschick die Verwirklichung bescheren zu wollen. Nun sind Sie wohl noch jung und auch an der rechten Erfahrung, deren Ihr Stand wie jeder andere auch nötig hat, wird es Ihnen noch ein wenig gebrechen. Aber Sie bringen vieles mit, welches dieses Gebrechen genugsam aufwiegt, und es steht zu hoffen, daß Sie mit ehestem gar manchem Älteren den Schritt abgewinnen und den Rang abtrutzen werden. All dies bedenkend, habe ich mich entschlossen, Ihnen, mein Bester, die Rolle des Orest zuzuteilen, dafern Sie dafür eine Anmutung haben sollten, wodurch mir eine besondere Freude geschehen würde.« Ein mildes Lächeln erweichte das statuenstarke Gesicht. Innerlicher leuchtete das große Auge. Aber aus dem Jungen schoß nun nach einem Augenblick erstarrten Staunens raketengrell die Flamme des Triumphs. Sie duckte sich, Klugheit zwang den Blick zu dankbarer Bescheidenheit. »Ich bin im Tiefsten gerührt, Eure Exzellenz, wie soll ich danken für diese gnädige Güte!« Er beugte sich nach blitzschnellem Überlegen nieder, Goethes Hand zu küssen. Der entzog sie ihm, ließ sie auf seiner Schulter ruhen. »Wollen Sie mir beim Mittagstisch noch ein wenig Gesellschaft leisten, so würde mich dies vergnügen. Wir mögen dabei in Ruhe die Sache umständlicher zu Ende sprechen.« * * * * * Christoph Karsten hatte in dumpfer Wut und Scham sein freudloses Mahl verzehrt, nun lauschte er auf. Am Nachbartische sprach eine Gesellschaft in gedämpftem Tone, aber deutlich artikuliert, wie es Schauspieler zu tun pflegen. Christoph Karstens geübtes Ohr verstand jedes Wort. Gierig trank er die unerwartete Kunde in sich wie einen süßen Wein. Die Jagemann, die herrliche Heroine, von deren Kunst und Schönheit er auf seinen Wanderfahrten schon mancherlei gehört hatte, sei nun endlich sozusagen =Maitresse en titre= des Großherzogs geworden, darnach sie lange gestrebt hätte. Daß sie seit Jahren Goethes erbitterte Feindin wäre, sei wohl in Weimar allgemein bekannt. Nun werde er also trotz seines Ruhmes nicht mehr lange der Allmächtige bei hierortigem Theater sein und für die Favoriten des neuen Sterns würden recht gute Tage kommen. Ach, wer doch auch unter diesen wäre! Der Ausruf klang in dem Schauspieler nach. Wer doch auch ein Günstling der großen Göttin wäre! Christoph Karstens Stirne furchte sich. Konnte man nicht auch ein solcher werden, wenn man's schlau anstellte? Er verspann sich in angestrengtes Überlegen. Bis die Falten sich glätteten, ein hoffnungsvolles Lächeln sein breites Gesicht überfloß. Er trat, den widerstrebenden Pudel aufs engste führend, in einen Laden und wählte bedächtig das schönste Spitzenjabot, das eben gestern, wie der Verkäufer versicherte, als letzte Neuheit aus Leipzig eingetroffen war. * * * * * Frau Karoline Jagemann hatte, wie dies in letzter Zeit nicht selten vorkam, die Probe verschlafen, war eben erst mit der Grande-Toilette zu Ende gekommen und trank ihre Schokolade, als Christoph Karsten gemeldet wurde. Sie wollte schon, ihrer Gewohnheit folgend, ihn abweisen lassen, da erinnerte sie sich, daß Serenissimus' Besuch erst für die vierte Stunde angesagt sei. Sie war heute nicht in der Laune, zu lesen oder gar eine neue Rolle zu memorieren, und so lagen drei Stunden vor ihr, deren graue Eintönigkeit sie schreckte. Darum wandelte sich ihr verneinendes Kopfschütteln in ein gnädiges Nicken, und bald stand der Schauspieler vor ihr, ganz Demut, Ehrfurcht und Bewunderung. Die Primadonna hob das Stielglas und musterte ihn unverhohlen, wie eine ihr zum Kaufe gebotene Ware. Die Lorgnette fiel, die gesenkten Mundwinkel sagten deutlich ihr Mißfallen. »Was will der scheußliche Kerl?« fragten die Augen. Christoph Karsten verlor seine Fassung nicht. Er war solchen Empfang bei schönen Frauen gewohnt. Er panzerte sich mit noch tieferer Devotion, duckte den Kopf, der Ungnädigen für einen Augenblick den Anblick seines Gesichtes zu ersparen, und zwang seine Stimme zu sanftestem Tone: »Die hochverehrte Madame wolle gütigst verzeihen, daß ich, einer der geringsten Knechte in Thespis' Tempel, es wage, der hochgefeierten größten Künstlerin unserer Tage unter die schönen Augen zu treten!« Die Miene der Jagemann erhellte sich langsam. Ihr Künstlerohr war für jeden Wohllaut empfänglich. Sie senkte die Lider, um nichts zu sehen, nur zu hören. Behutsam berichtete Christoph Karsten, setzte seine Worte mit klugem Vorbedacht, auf daß sie sich dem Sinne der Frau anschmiegen möchten, dessen Wandlungen sich in dem bewegten Gesichte erkennen ließen. Nun aber entspannte es sich. Ein Stück wollte er anbringen? Das wollte jeder, das war langweilig! »Ist zum Wenigsten eine Rolle darin, an der sich meine Kunst erquicken kann, eine ...« die Augen flammten jäh geöffnet, eine reißende Geste: »Königin, die alles beherrscht, die den Fuß auf den Nacken ihrer Sklaven setzt?« Christoph Karsten hob die Schultern so hoch, daß er fast bucklig schien: »Zu meinem tiefsten Leidwesen, das hat der Dichter verabsäumt. Es agiert nur eine zarte, sanfte Dulderin in dem Stücke, die wohl ...« Abwehrend hob sie die Hand, daß die kostbaren Ringe blitzten, die erst ein paar Tage lang ihre gepflegten Finger schmückten: »Halte Er ein! Mir wird übel, wenn ich von diesen ennuyanten Weiberchens höre, wie sie unsere Poeten preferieren! Ich habe mir an der Iphigenie und dem unerträglichen Gretchen den Magen verdorben! Wenn Er nichts anderes weiß, dann ist wohl ...« Sie kehrte sich nach dem Fenster, als sei sie schon allein. Über des Schauspielers Gesicht zuckte ein sicheres Lächeln. Er hielt seine Trümpfe fest, die nahm ihm keiner! Aber er wiederholte in kläglichem Tone seine Bitte. Die Frau wandte sich wild, fuhr ihm in die Rede: »Was steht Er noch da? Was schiert mich überhaupt Seine Sache. Bin ich Theaterleiter? Gehe Er zu Herrn Goethe und lasse Er mich in Frieden!« »Ach meine allerbeste, liebste Madame, rauben Sie mir doch nicht meine letzte Hoffnung! Ich komme ja soeben von Seiner Exzellenz ...« »Wie? Er war bei ihm? Ja, warum kommt Er denn nicht zuerst ...« »Wie hätte ich es wagen dürfen! Ich könnte mich ja selbst ins Gesicht schlagen, daß ich mich jetzt dieser Kühnheit unterfing, da ich sehe, wie meine demütige Bitte meine großgünstige Gönnerin erzürnt!« »Ich zürne Ihm nicht, vielmehr ich zürne Ihm fast, daß Er den dort mir vorangestellt hat!« »Aber, höchstverehrte Meisterin, wie mögen Sie dies nur sagen! Ich ihn einer Jagemann voranstellen! Die ganze Welt würde mich darob verlachen! =Au contraire!= Man geht doch immer zuerst zur niederen und dann zur höheren Instanz.« Er hielt ihren forschenden Blick aus, ohne die Miene zu ändern. Sie nickte zufrieden: »Und mit welchem Erfolg? ...« »Ach, lassen Sie mich davon schweigen, Edelste! Es fehlte nicht viel, er hätte mich die Treppe hinabgeworfen. Aber, mich selbst beiseite gesetzt, eines werde ich ihm nie vergessen! Daß er mein armes, kluges, kunstreiches Hündchen, das eine gütige Seele hat, wie ein Mensch, mit Fußtritten bedachte!« Ein Schluchzen erstickte seine Rede. »O, des Abscheulichen, o, des Rohen!« schrie die Jagemann. »Das durfte man von ihm erwarten! Er hat keine Seele! Er trägt einen Panzer! Alles gleitet nieder an ihm! O, wenn ich ihn treffen könnte, diesen Panzer durchbohren, mitten ins Herz! O, welche Wollust wäre das, welche ...« Sie besann sich jäh, ein schnellender Blick traf den Schauspieler, der unbewegt in der alten Stellung hielt, als hätte er nichts gehört. »Das arme, arme Tierchen! Wo ist es? Bringe Er mir's im Augenblick, ich will es streicheln und liebkosen, daß es aller Unbill vergessen soll! Wo ist es?« »Mit Verlaub, ich habe das Hündchen unten an den Torpfosten gebunden.« »Er ist ja auch ein herzloser Mensch! Rasch, bringe Er's mir! Rasch, rasch!« Als Christoph Karsten die Treppe hinablief, brach das zurückgedämmte Triumphlächeln sich für einen Augenblick Bahn. Dann versiegte es, denn er mußte alle Kraft aufwenden, des widerstrebenden Hundes Herr zu werden. In wildester Erregung durchmaß die Jagemann den Raum, ihr Atem keuchte, ihre Füße traten wie die eines Mannes. Gleich einem warmen Sturzbad überströmte sie die Erkenntnis dieser Stunde. Daß jetzt endlich, endlich, sie wagte kaum, es zu denken, der Augenblick da sei, den sie jahrelang fiebernd ersehnt hatte! Ihre heiße Verwirrung löste sich in wilden Liebkosungen. Sie preßte den Hund an sich, küßte ihn, wühlte sich in sein Haar. Reglos, in leiser, stummer Abwehr hielt der Pudel. Nur seine Augen suchten in seltsamer angstvoller Sehnsucht eine unbestimmte Ferne. Mit jähem Ruck ließ die Jagemann den Hund auf das Kanapee niederfallen, streckte dem Schauspieler beide Hände entgegen: »Verlaß Er sich darauf, Sein Stück wird vorgestellt werden! Ich, ich bürge Ihm dafür!« * * * * * Als Goethe das Theater betrat, überreichte der Leibjäger ihm ein Billet des Großherzogs, darin dieser den befehlenden Wunsch aussprach, das Schauspiel »Der Hund des Aubry« mit dem pp. Karsten und dessen Pudel als Hauptakteurs mit ehestem im Spielplan zu sehen, und zwar setze man hiefür als Termin den achten Mai, da man willens sei, am neunten schon für dieses Jahr Frühlings-sejour in Ettersburg zu nehmen. Goethe zwang den aufkeimenden Ärger nieder und diktierte alsogleich seine Antwort. Er gebe Seiner Hoheit zu bedenken, daß es nicht angehe, auf jener Bühne, darauf die größten dramatischen Meisterwerke dargestellt würden, einen dressierten Hund vorzuführen, daß er, in aller Ehrfurcht gesagt, solange er die Theaterleitung innehabe, nie und nimmer darein willigen werde, daß er für den achten Mai als Vorfeier zu Schillers Todestag den »Don Carlos« angesetzt habe und seinen hochfürstlichen Herrn in aller Devotion hiezu einlade. Die Gesellschaft des jungen Neander tilgte den letzten Unmut in ihm. »Ich habe eine neue große Aufgabe für Sie«, kündigte er dem Jüngling an. »Sie haben doch den Posa studiert, nicht wahr? Halten Sie sich bereit! Gerät es Ihnen zum besten, wie ich es Ihrer vortrefflichen Begabung wohl zutraue, dann haben Sie das letzte Hindernis genommen. Ich selbst werde die Rolle mit Ihnen durchnehmen. Besuchen Sie mich des Nachmittags gegen die fünfte Stunde, wann immer Sie wollen. Es steht zu hoffen, daß wir etwas Fruchtbares und Ersprießliches vorbringen werden.« Wenn auch Goethe die innere Erregung über den lästigen Vorfall schon überwunden hatte, so war doch sein ganzes Wesen noch von dem Erinnern daran wie von einem Schleier verhüllt, der auch seinen unbeirrbar starken Blick trübte. So fiel ihm nicht auf, daß des jungen Schauspielers Gehaben sich heute ein wenig gewandelt hatte. Sein Blick war nicht so frei, seine Stimme klang nicht so unbekümmert hell wie stets, doch lag noch dieselbe Ehrfurcht in seinem Verhalten, ja mehr als sonst, allzuviel vielleicht. Und die Verbeugung, mit der er von Goethe Abschied nahm, war tiefer als ziemlich, da er bestrebt war, dem großen ihm heute unheimlichen Auge nicht zu begegnen. * * * * * Der Großherzog wiederholte in noch bestimmterer Form seinen Befehl, die Einwände Goethes nicht beachtend. Nun wußte dieser, daß ihm nur mehr ein Mittel blieb, das Unerhörte zu verhindern. Er hatte schon einmal bei einem ähnlichen Anlaß sich dessen mit Erfolg bedient. Wenn er heute wieder seine ganze Person ins Spiel warf, dann war es gewonnen. Ihn selbst würde trotz allem der gnädige und verstehende Herr nicht opfern, einer Laune wegen. Torheit, daran nur zu denken! Goethe erbat seine Entlassung. * * * * * Am nächsten Tage sandte der Theaterdiener dem Dichter einen halb scheuen, halb frechen Blick nach, wie einem verwundeten Tier, dessen Kraft man noch immer zu fürchten hat. Erst als die aufrechte Gestalt ihn nicht mehr schreckte, gerann der Blick zu einem schmutzig-giftigen Lächeln. In den Korridoren standen und lümmelten Schauspieler und Aktricen. Ihr Schnattern verstummte, aber ihr Gruß war heute weniger ehrfürchtig als sonst. Aber jeder, auf dem eben für einen Herzschlag das große Auge ruhte, duckte sich, als zwänge ihm eine Faust den Nacken nieder. Auch der jugendliche Held Wilhelm Neander war in der Menge gewesen. In dem Augenblicke jedoch, da er Goethes ansichtig wurde, war er in einen Seitengang gehuscht, der in eine Nottüre mündete. Als der Dichter ihn rufen ließ, war er nicht mehr zu finden. Ein seltsames Gefühl ließ Goethe an der Türe seiner Kanzlei zögern. Er kämpfte es nieder, betrat den Raum. Roch es nicht modrig hier? Waren die Wände nicht kahler als sonst? Hockte nicht in den Ecken kalte Fremdheit, kroch näher über Kanapee, Sessel und Schreibtisch? Ein Brief mit dem großherzoglichen Siegel. Goethe griff nach dem Falzbein, umpreßte es, mit einem zwanghaften Ruck, seiner gemessenen Art fremd, öffnete er das Schreiben: Man sah sich genötigt, seinem berechtigten Wunsche nach Schaffensmuße nicht entgegenzustehen, enthebe ihn in Gnaden vom Amte eines Theaterleiters und sage ihm huldvollsten Dank für seine unschätzbaren Dienste. Er war entlassen. Still, ganz still saß Goethe. Starr geweitet sahen seine Augen ins Unsichtbare. Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt, das er an der Seite seines Fürsten verlebt, zog an ihm vorüber, jede helle Stunde, jedes warme Wort. Wohl eingefügt in Goethes geordnete Welt, hatte der Herr seinen Ehrenplatz behauptet in unerschütterter Gesetzmäßigkeit, war ein Pfeiler gewesen, der des Dichters irdisches Dach getragen. Der Pfeiler fiel, nun wankte das Haus. Der Brief entglitt Goethes Hand, seine Wangen erschlafften, müde war er, müde und alt. Als er sich dessen bewußt wurde, schrak er auf. Das durfte nicht sein! Einen Baum mußte er finden, einen kraftvollen, jungen Stamm, sein erschüttertes Haus zu festigen. Das Bild des Jünglings erstand vor ihm. Der war's, der! Der ihm ähnlich, der seine Jugend war! Eine neue Jugend! Goethe erhob sich, rasch durchschritt er das Haus, achtete nicht der dummfrechen Blicke, die ihn umschnellten, suchte, suchte. Er fand ihn nicht. Er trat auf die Straße. Kämpfte den Schwindel nieder, den das jähe Sonnenlicht ihm ins Auge schoß, sah klar. Sah eine Karosse, die an ihm vorüberfuhr. Die Jagemann saß darin. Und ihr zur Seite der, den er suchte mit aller Sehnsuchtskraft. Goethes Blick faßte den Jüngling. Wollte ihn zwingen, ihm zu stehen, ihm frei zu begegnen. Keine Antwort. Der Schauspieler blickte vorbei, nicht einmal ein Gruß, das tiefrote Gesicht beugte sich krampfhaft nieder zu der lachenden Frau. Christoph Karsten aber holte alle Frechheit hervor, die in seinen Augen gespeichert lag, und grinste dem Großen entgegen. Der Hund riß sich mit einem Jubelschrei los und sprang an Goethe hoch. Da wich die Beherrschung von diesem, mit einem groben Schlag schleuderte er den Pudel fort, den nun der Schauspieler fluchend an sich schnürte. * * * * * Die weißen Wolken segelten über den seidenblauen Himmel, die weißen Blütenbäume in den Gärten schienen ihr irdisches Spiegelbild. Unmerklich, durch eine liebliche Dämmerung verglitt der goldene Tag in eine milde Nacht. Goethe saß daheim, öffnete das Fenster, im Frühling Trost zu finden, schloß es wieder. Was ihm seine große Ruhe gegeben, war, daß er immer eins gewesen mit Himmel und All. Nur so hatte er, was keiner verstand, ohne Verlust seine kostbaren Jahre auf diesem kleinen Erdenfleck verbringen können, weil auch hier aus den Blumen Gottes Freude lächelte, aus den Wolken Sein großes Werden, Vergehen und Werden sprach und aus dem Sternenhimmel das Gesetz Seiner Ewigkeit. Und weil der Dichter, in diesem Glauben mit allem Schöpferwerke tief verbunden, ewig an Gottes Herzen ruhte. Heute lauschte er vergebens dessen Schlag. Er war gelöst aus der großen Welt des Herrn, taumelte, ein Mensch wie Tausende, ohne Halt zwischen Himmel und Erde. Eisige Angst stieg in ihm auf. Er selbst, der Ruhelose, Friedensferne, erwuchs vor ihm, ein Gespenst, das mit kalten Schattenhänden ihn umschlang, seine Kehle schnürte, daß sie stumm blieb, daß auch der letzte jämmerliche Trost, der Wehschrei gequälter Kreatur, ihm versagt war. Horch! Schrie sein Schmerz aus dem Unsichtbaren? Durch die gebettete Stille schnitt ein Laut. Ein klagendes Heulen voll zager Angst und doch voll letzten, tiefsten Verlangens. Schweigen. -- Aber der Nachhall erfüllte des Einsamen Brust. -- Verebbte. -- Nun ersehnte er den Laut. Als könnte er sich daran halten, als sei dieser mißtönige Schrei das Einzige, das ihn mit der grausam verstummten Welt verband. Mit innerem Jubel begrüßte er den wiederanhebenden Klageton. Dessen unsichtbare Macht zog ihn langsam an, näher, wie ein Traumwandler schritt Goethe die Treppe nieder, öffnete das Tor, schneeweiß erglänzte der Pudel im Mondlicht, schwieg, kroch heran, rankte sich demütig an dem Menschen hoch, leckte ihm die kalte Hand, die ihn nun umfaßte, emporhob, trug, ihn sanft niedergleiten ließ. Ein leises, halbersticktes Wimmern ließ der Hund noch hören, das in der Fülle des jähen Glückes verging. Vertraulicher schmiegte er sich an Goethes Fuß. Wohlig empfand der Dichter die Wärme, die aufwärts strömte in sein Herz, das wieder im gewohnten Maße pochte. Er beugte sich nieder, seine Hand ruhte am Herzen des Tiers, fühlte dessen Leben wie ein Wunder. Sanfter faßte er den Hund, bettete ihn an seiner Brust. In seltsamem Gleichklang schlugen die Herzen. Goethe hob das befreite Haupt, sah geklärten Auges in den Sternenhimmel. Und war mit seiner Ruhe, mit der atmend-bewegten Erde, mit Gottes Drang und Stille wieder eins. Das Wunder von Lauchstädt Der Studiosus medicinae Christian Wittebold hatte stets sein dröhnendstes Lachen aufgeschlagen, wenn die Theologen seiner Landsmannschaft eine Disputation über die Wunder Christi und der Apostel angestellt hatten. Und doch sollte auch ihm ein Wunder widerfahren, das jedem, der ihn kannte, zumindest so groß erschien, wie die Erweckung des toten Jünglings. Nicht weit von Jena im Bade Lauchstädt spielte die Weimarer Truppe, seitdem die schöne Jahreszeit die vornehmen Gäste in großer Menge angelockt hatte, an jedem Sonnabend zum nötigen Ergötzen der Gesellschaft ein schönes Stück. Und da mit den Komödianten auch die Hofgesellschaft und Celebritäten der Residenz sich einfanden, hatten die Neugierigen ein doppeltes und dreifaches Schauspiel. In den frühesten Vormittagsstunden füllten sich die Straßen, die von Jena, Halle und Leipzig dem aufblühenden Orte zustrebten, mit Studenten. Die Leipziger Stutzer fuhren in feinen Karossen oder ließen sich von Sänften tragen, die Hallischen Waisenhäusler trabten bescheiden zu Fuße, indes die Jenaer Burschen auf allen Gäulen der Pferdeverleiher peitschenknallend und sporenklirrend aus den Toren ritten. Die zierlichen Herrchen fügten sich aufs beste in das zartbunte Bild der gemessenen Badepromenade, die armen Stipendisten drückten sich scheugeduckt durch die unheimliche Pracht, die Jenenser aber stießen die galanten Kavaliere zur Seite, als rempelten sie den Breiten Stein lang, und es gab gar oft einen unliebsamen Zwischenfall, wenn einer ihrer riesigen Hunde sich in dem Reifrock einer Dame verfing. An solchen Abenden saß Christian Wittebold allein in der Kneipe zum »Halben Mond« und fluchte über die Zierbengels, die ihm des dummen Affenplaisirs wegen echappiert seien, aber mitzuhalten, dazu war er nie zu bewegen gewesen. Heute kündigten die Komödianten die »Räuber« des Hofrates Friedrich Schiller an. Die Generation, die ihn noch vom Katheder her gekannt, hatte längst die Akademie verlassen, und nach Weimar war Christian nie gekommen, denn seine Weltsehnsucht war mit Ziegenhain, Kospoda und Liechtenhain, wo er die Würde eines Bierherzogs bekleidete, vollauf gestillt. Von dem Schauspiele aber hatte er schon manches gehört. Schon der Titel hatte ihm stets zugesagt: Räuber! ... das schien ihm zuweilen wenn die Manichäer ihn härter als ziemlich bedrängten, ein besserer Beruf zu sein, als ein Studiosus der Heilkunde, und gar ihr Hauptmann zu heißen, rühmlicher als Thus X., der statt des Schwertes nur eine Kanne trübflüssigen Bieres schwang. So kam's, daß Christian Wittebold an einem Maimorgen mit den anderen auf dem wuchtigsten Klepper Jenas Lauchstädt entgegenritt. Verschiedene Zwischenfälle füllten den Tag. Der Hund Pandur biß einem armen Favoritpudel zum Zeitvertreib den Schweif ab, sein Herr schalt einen Kammerherrn einen ramassierten Pomadenhengst und brachte es endlich dahin, daß alles flüchtete und die Jenenser allein die Promenade behaupteten, bis es ihnen zu langweilig wurde und sie sich für den Nachmittag hinters Weinglas setzten. So gelangte man endlich in die rechte Theaterzeit. Des Christian Wittebold wilder Baß durchdröhnte unbekümmert das Haus, bis die Vorstellung anhub. Wohl sprach er noch laut in die ersten Worte hinein, aber allmählich fesselte ihn das Geschehen droben immer mehr und mehr, daß er verstummte. Dumpf empfand er, daß auf der Bühne etwas geschah, das von der Göttin seines Lebens geformt war, der Kraft. Hie und da ein halblauter Ausruf: »Wetten wir, das ist ein Schweinekerl, dem man sollte den Schädel einschlagen!« knurrte er, als Franz seine süßen Heuchelworte sprach. Und als der alte Moor seine zitternde Klage keuchte, da rührte leichter erweichender Erinnerungswind die harte Fläche seines dunklen Seelenteiches, denn er dachte an seinen eigenen Vater, der noch immer hart ersparte Taler nach Jena sandte. Mit dem Beginn von Karl Moors Donnerrede brodelte in ihm ein wilder Widerhall hoch, bei jedem Kraftwort schlug er auf die Sessellehne und im höchsten Entzücken suchte er mit dem Hieber Feuer aus dem Boden zu wetzen, bis er merkte, daß dieser aus bescheidenem Holze sei, und die Freunde ihn mühsam zur Ruhe mahnten. In den böhmischen Wäldern lösten schlummernde Urinstinkte sich in einem wilden Entzücken, ein gröhlendes Lachen dankte jedem Keulensatz der Libertiner, sein kantiger Baß stimmte in das Räuberlied ein, seine Fäuste krampften sich um den Hieber über Franzens Schurkerei, und in seiner heißen Begeisterung überhörte er das moralische Ende, das die Gutgesinnten mit der erschreckenden Wildheit des Ganzen versöhnte. Kraft! Kraft! jubelte es in dem Wittebold, ließ ihn die Hände zusammenschlagen wie Wetter, brach aus ihm als wilder ›Vivat‹-Schrei: »Das ist ein Kerl!« brüllte er in das Getöse. »Wo ist er, der Hofrat Schiller, den muß ich sehn, das muß ein Haupthahn sein, gegen den wir alle ein Dreck sind! Ran muß er! Runda ziehn muß er mit mir! Ein Schmollis sauf ich ihm an! Wo ist er! Raus mit ihm! Raus mit ihm!« Die letzten Worte schrie der Begeisterte in jähe Stille. Rauh standen sie, allein, widerhallten, ihr Widerhall duckte sich, ertrank. In einer Loge stand ein Mann. Kerzenlicht überfloß ihn. Zeigte die kalkfahle Farbe seines Gesichtes, jede Furche der schmerzhaft gepreßten Züge. Lang und jammervoll dürr wuchs der Hals aus der schmalen, gehöhlten Brust, wie kraftlose Fänge eines sterbenden Vogels umpreßten die Hände die Brüstung. Aber die Augen leuchteten, leuchteten in unfaßbarem Glanz. Tiefere, tiefste Stille ... Nur das leise Wehen eines unsichtbaren schwarzen Flügels über dem blassen Haupt. -- -- -- Als die Landsmannschafter noch einmal in die Weinschänke traten, die sie vor dem Schauspiel verlassen hatten, stahl sich der Wittebold von ihnen fort und ritt allein nach Jena zurück. Seine Peitsche schwieg, der Hufhall dünkte ihn zu laut, ihm war, es müßte alles verstummen in dieser Nacht. Er mühte sich in dumpfer Qual, einen Blick in sein eigenes Herz zu tun, der Blick verglitt im unendlichen Dunkel, er war sich selbst ein Rätsel in dieser Rätselnacht. Nichts sah er, als das bleiche, wehe Antlitz, daraus die Augen leuchteten, machtvoller als die Sterne des stillen Himmels, aber ihnen doch geheimnisschwer verwandt. Des Christian Wittebold Seele kroch in sich, duckte sich klein in schwingenlahmer Scheu. Bis eine Hand sie zart umfaßte und emporhob zum ersten scheuen Flug ins Licht der Sterne. Das liebliche Fest Der Leutnant Leopold von Tappeiner wäre noch zur Zeit des unseligen Feldzuges anno fünf eine im österreichischen Heere unmögliche Gestalt gewesen. Jetzt, da die romantische Welle auch Wien überrauschte und ein wirklicher Dichter im Hauptquartier saß, um recht schwungvolle Armeebefehle zu verfassen, mußte auch der Oberst, wenn auch ungern, ein Auge zudrücken, wenn etwas von den seltsamen Neigungen seines jüngsten Offiziers ihm zu Ohren kam. Er konnte dies um so leichter, als Leopold von Tappeiners Dienstfreude unter seinen poetischen Neigungen in keiner Weise litt. Seit der Leutnant wußte, daß es neben dem Leben, das aus Exerzieren, Waffenkunde, dem Studium der Taktik und gelegentlichen Liebesmahlen bestand, noch ein zweites gab, eines, das oft gar unscheinbar in fleckiges Papier und ein schlichtes Leinenkleid gebannt war, und daß neben der Sonne, die des Morgens über den Donauauen aufstieg, und des Abends über dem Schönbrunner Schloß zur Ruhe ging, eine andere in Deutschland leuchtete, die keine Nacht mehr würde vernichten können, hatte er an jedem Pfingstmorgen aus einem wunderschönen, in frühlingsgrüne Seide gebundenen Büchlein, dafür er seine ganze Wochengage ausgegeben, den ersten Gesang aus dem »Reineke Fuchs« des Herrn Johann Wolfgang von Goethe gelesen. Erst aus diesen Worten war ihm die ganze Schönheit des begnadigten Festes kund geworden, an dem der heilige Geist in tausendfacher Blütengestalt zur Erde niederflutet und die Vögel mit tausend feurigen Zungen allen Völkern des Ewigen Ehre verkünden. Auch an dem Pfingstmorgen des Jahres neun hatte er es so halten wollen, und nun war das alles anders gekommen. Er hatte keinen Vogel gehört, denn der Kanonendonner hatte jede Kreatur überdröhnt, er hatte keine Sonne gesehen im Pulvernebel von Aspern, und nun, da der Sieg errungen war und er in der Stille eines Bauernhauses seinen Tornister auspackte, beim kargen Talglicht seine versäumte Andacht nachzuholen, wurde er mit Bestürzung inne, daß der grüne Seidenband, den er sorgsamer als Feldflasche und Strümpfe verpackt hatte, fehlte. Er hatte ihn wohl in dem furchtbaren Getümmel des heißen Tages verloren. An diesem Tage hatte er mehr des Grauenvollen gesehen, als in seinem ganzen Leben, ein Freund war an seiner Seite gefallen, seltsam, furchtbar, das alles war an ihm, dem Stumpfgewordenen, vorübergeglitten, der Verlust des Büchleins traf ihn als tiefer Schmerz. Er sann ihm beim schwelenden Schein des nun zwecklos gewordenen Kerzenlichtes nach, bis er ihn in seiner ganzen Bitterkeit ausgekostet hatte und seinem Geiste der Weg in andere Bereiche frei war. An seiner endlich zu einem Nachbeben geweckten Seele vorüber zog der Tag: Banges Warten, näher rückender Donner, Salvenknattern, Befehle, Degenblitzen, Roßgestampf, irrsinniges Hurragebrüll, wut- und angstverrissene Fratzen, Blut, Aufheulen der Getroffenen, und darüber, nur geahnt, mit letzter Kraft der Weichheit ersehnt, die verhüllte, geschändete Sonne des heiligen Festes. Aber mit einem Male wußte er, daß all das nicht das Furchtbarste gewesen, das es verblaßte, verklang vor einem Antlitz, einem Wort. Beides war seinen betäubten Sinnen im Lärm der Schlacht nicht so gegenwärtig geworden wie jetzt, da er das Wort hörte, als dröhne es ein Mund an sein Ohr, das Antlich sah, als beuge es sich zu ihm nieder. Blond war der feindliche Offizier gewesen, blaue Augen hatten Tappeiner Haß entgegengesprüht, blau, blau wie die seinen. Ein deutsches Kommandowort. In der Mitte zerfetzt, war es gellend im Todesschrei verklungen. Er, sein Degen hatte es erschlagen. Und über ihnen hatte die verborgene Sonne des Pfingsttages geleuchtet, wie über jenem Tage, da der Große die herrlichen Verse geschrieben, er, dessen Licht über allen leuchtete, denen eine deutsche Mutter das erste Wort der heiligen Sprache vorgesprochen. Der Schmerz tiefster Hoffnungslosigkeit überfiel den Leutnant. Wozu, wozu strahlte die Sonne über ihnen, wenn niemand sie sah? Wozu goß ein Ewiger die Harmonie seines großen Herzens in die Musik seines Wortes, wenn niemand sie hörte? Wozu ließ Gott immer und immer wieder einen heiligen Pfingsttag erstehen, wenn das verblendete Volk seinen Ruf überdröhnte mit dem Mißklang wahnsinnigen Brudermordes? Wozu? Wozu? Zum erstenmal in seinem jungen Leben erstand diese Frage vor dem Leutnant, wie ein schattenhaftes, jedem Griff entgleitendes, sich im Dunkel lösendes, von neuem sich ballendes, vergehendes, werdendes, ewig rätselhaftes Untier der Nacht. Stimmen schrecken Leopold von Tappeiner auf; die Kameraden des Regiments waren's, sie riefen ihn, er sollte mit ihnen kommen, den Sieg zu feiern. Von einer jähen, atemschnürenden Furcht erfaßt, löschte er das Licht, tastete sich durch den Flur, unerkannt an den lärmenden Offizieren vorüber, ins Dunkel. Die Wolken, die der Abend über den Himmel gebreitet hatte, teilten sich, da und dort zitterte ein Stern. Immer freier erwachte der Glanz der Nacht. Und nun streifte der Mond den letzten silbernen Flußnebelschleier von sich und wies dem Jüngling, das Verborgenste grausam enthüllend, das stöhnende, fiebernde oder in letzte Stummheit versinkende Schlachtfeld. Der Leutnant hastete durch das Grauen, das er nicht bannen, durch die tausendfache Qual, die er nicht lindern konnte, von einem suchenden Drang erfüllt, etwas ersehnend, darin er Frieden und Ruhe finden könnte. An einer seltsam geformten Baumgruppe erkannte er die Stelle: Hier waren sie heute morgens eingesetzt worden, hier hatten sie den Angriff des feindlichen Regiments abgeschlagen. Hier, hier ... eine kalte Hand umpreßt sein Herz, läßt es frei, daß es wildpochend die Dämme der armen Brust zerreißen will: Hier, im vollen Mondschein liegt der deutsche Offizier. Weit geöffnet zu stummer Frage, zum fühllosen Himmel aufstarrend das gebrochene Auge, frei fließt das blonde Haar über die Stirne. Des Oesterreichers Hand tastet nach dem eigenen Haupt, als wäre es nicht mehr sein, als gehöre es dem Stummen, er greift nach seinem pochenden Herzen, fühlt den eigenen Degen, der die Brust des andern durchbohrt hat, dem er verbunden ist, dessen Sein er von dem eigenen kaum mehr zu lösen vermag. Er kniet nieder, beugt sich über den Toten, streicht mit der Hand, die eben noch das Pulsen seines Herzens gefühlt hat, über das blutgetränkte Kleid, als könnte er des Anderen Herz zu gleichem Leben erwecken. Immer wieder gleitet die Hand, die ganze gestaute Sehnsucht seines erschütterten Seins liegt in dem Streicheln. Die Hand fühlt etwas Hartes, das ihr den Weg zu dem armen durchbohrten Herzen sperrt. Behutsam löst er es aus der Brusttasche des Toten, zieht es langsam frei, es ist ein Buch. Blutbefleckt, von seinem Degen durchbohrt. Ehrfürchtig hebt er es ins Mondlicht, ein grünseidener Band, fiebernde Hände öffnen es, durch halberstarrtes Blut wirren die Buchstaben, formen sich zu jenen herrlichen, Musik gewordenen Worten, die ihn den ganzen furchtbaren Tag dumpf und weh durchklungen haben: »Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen, es grünten und blühten Feld und Wald ...« So tönt es ihm, zum erstenmal von klarer Melodie getragen, durch Hirn und Seele. Er versucht aus dem Buche zu lesen. Die Verse sind verstümmelt, sein Degen hat die Worte »Pfingsten, das liebliche Fest ...« durchbohrt. Die Sinne schwinden ihm, er bricht nieder, liegt neben dem Toten. Ein Klang weckt ihn, ein Vogelruf. Noch ist es Nacht, noch zittern die Sterne, noch trägt der Mond silbernen Schein. Aber die Seele des verborgenen Tieres ahnt schon den Morgen. Morgenreinheit kühlt des Lebenden Sinn. Er sieht den Toten in schmerzender Klarheit, er weiß, dieser wird heute noch sich in Erde lösen, indes er atmen wird, solange es Gott gefällt. Aber er weiß auch, daß er dem Toten, über dessen wildem Leben dieselbe Sonne geleuchtet wie über dem seinen, untrennbar verbunden sein wird für alle Zeit. Noch immer singt der Vogel, ein zweiter, ein dritter, unzählbare Stimmen einen sich zu einem rauschenden Jubelchoral, der das Erwachen des heiligen Gestirns vorahnend kündet. Der Lebende aber kniet nieder an des toten Bruders Seite und spricht an seinem Ohr die Worte des geliebten Liedes in den Lobgesang der Kreatur. Die Schwingen dieses Sanges tragen das Lied auf zu Gott. Und die Seele des Toten, Gott, Welt, Leben und Tod sind ein Großes, untrennbares Herrliches in dieser aus dem Schoße der Ewigkeit strömenden Stunde. Legende vom heiligen Mörike (Herrn Geheimrat Dr. Rudolf Krauß!) Über Cleversulzbach drohte das erste Gewitter des Jahres. Der Pfarrherr hatte es schon in allen Nerven gefühlt, als er noch unter blauem Himmel durch die von keinem Winde geschreckten kindlichen Ährenfelder seinem Hause zuschritt. Früher als die fleißige Amsel ahnte er es, die noch immer im blühenden Apfelbaum sang. Des Pfarrherrn Blick hing an dem unbegreiflich sorglosen Vogel. Jähe Einsamkeit schüttelte ihn. Niemand, niemand bangte mit ihm. Er sog den Duft des Baumes, fühlte die kühle Flut, tiefer verwühlte er sich darein, Schutz suchend vor der Welt. Blüten lösten sich, sanken wie Tränen. Eduard Mörike sah nieder auf die armen zarten Blättchen, die bald ein achtloser Fuß zertreten würde. Heimat war ihnen der Baum, Fremde die fühllose Erde. Gab es Furchtbareres, als der Heimat fern zu sein? All das Heimweh, das er in seinem Leben gelitten hatte, überfiel ihn, mehrte seine rätselhafte Trauer. Über den Dingen seiner Arbeitsstube lag der letzte Sonnenschein, über den Blumenstöcken im Fenster, dem Pult und den Seiten des Evangeliums, dem großen, heute zwecklosen Ofen, den Bildern mit den vertrauten Szenen aus dem heiligen Buch. Seltsam verwirrend gemengter Hauch füllte den Raum, der Duft des Apfelbaumes kämpfte sich durchs Fenster, die bedächtigen Topfblumen stritten dawider, der unvergängliche Moderduft der Möbel, der im Winter Heimlichkeit gewesen, war jetzt der mächtigen Frühlingssüße so fremd wie der vorwitzige Tabaksruch, der untilgbare Rest freudloser Arbeit. Noch immer hing der Ton des Amselliedes in der Luft. Nun verstummte er jäh. Der Pfarrherr beugte sich durchs Fenster. Der Vogel strich schweren Flugs an ihm vorüber, versank im dichter fließenden Dämmerschleier. Die Blütenflut erblich zu mattem Perlenglanz, zu tieferer Fahlheit, verfloß im großen Grau, das die Welt erfüllte. Still war's. Ein dunkles lauerndes Tier der Himmel. Still blieb's. Tückisch zögerte das Gewitter. Immer schwerer lastete sein gebanntes Drohen. Als qualvolles Leben, von lähmender Müdigkeit geduckt, bangte die geahnte Schrecknis in des Pfarrherrn Nerven. Und mit einem Male schien ihm, das Bangen hätte sie und seine Seele stets mit einem Zittern erfüllt, das nur die ereignislose Stille des dörflichen Alltags gefesselt hatte. Eine jähe, unbestimmt nach allen Winden drängende Sehnsucht überfiel ihn. Was hatte er erlebt in den letzten Jahren? Nichts, nichts. Im Rückschauen schrumpften sie zur Armseligkeit einer einzigen leeren Stunde. Darum, darum gelang ihm kein großes Werk, darum sank sein Geist immer wieder flügellahm nieder in den Abgrund des Alltags. Weiter zurück, in verklungene Zeit glitt sein Blick. Tübingen. Das Stift. Ein paar kindische Studentenstreiche. Aber da, aus dem matten Erinnerungsglanz leuchtete es, zwei Augen, voll des rätselhaftesten Glanzes. Süß und furchtbar waren sie, stießen ihn ab und zogen ihn an sich mit geheimer Gewalt, als wären sie seinem Sehnsuchtslande erblüht, in dem Königinnen und Nixen den seligen Verirrten alle Schönheit himmlischer Erde und sündhaften Himmels schenken. Klarer stieg Peregrinas Gestalt aus den Nebeln: das undeutbar lächelnde Antlitz, der wundervolle Hals, der Nacken, die schimmernde Brust. Eduard Mörike schloß die Augen, dem Zauber nicht zu verfallen. Aber mit immer leuchtenderen Farben schmückte sich das Traumbild. Barg denselben süßen Schrecken wie einst. Warum war er damals geflohen? Warum hatte er sich nicht in die lockende Flut dieses Märchens gestürzt, all dessen Schönheit getrunken, den Schatz vom Grunde gehoben? Nun würde er seine fahlen Tage erleuchten mit sicherem Glanz! Feige war er gewesen, ein Krieger, der aus der Schlacht gewichen und der nun ewig in der Stille eines verhaßten Friedens den verscherzten Siegespreis fruchtlos ersehnen mußte. Wilder wuchs die Unrast seines Herzens. Die ganze Welt hätte er an sich reißen mögen, aber wenn er nur den Arm heben wollte, sank er zurück in den lähmenden Bann, der noch immer alles umfangen hielt, den bleiernen Himmel, den fahlen Blütenbaum, das hilfloser verdunkelnde Land. Von der Dorfstraße her drangen Schritte überlaut in die dumpfe Stille. Mörike spähte durchs Fenster. Die Gestalt des Wanderers hatte sich ins schwere Dunkel gelöst, wesenlos klang der nahende Schritt. Schwieg vor dem Tor, hallte stärker von den Fliesen, suchend den Gang auf und nieder, nun pochte es an der Tür, etwas, das stärker war als er, antwortete aus Mörike mit einer ihm selbst fremden Stimme. In verschwimmenden Umrissen nur stand die Gestalt in der Stube, die nun eine Frauenstimme erfüllte. Sie ergriff Besitz von dem Raum. Mörike wich zurück, dicht an die Wand, fühlte dankbar den stützenden Halt, vermochte der Stimme zu lauschen. Ein herbsüßer Klang lag darin, neu, wunderbar neu in der Stille, schreckhaft neu fast, aber doch auch vertraut, als bärge sie den Zauberhauch eines Märchens, das er einmal ersonnen, erlebt, erträumt; sein Denken versiegte, er lauschte nur und trank die Stimme wie ein Lied. »Verzeihen Sie, Herr Pfarrer, den Überfall! Ich verließ bei Nürtingen im hellsten Sonnenschein den Postwagen, um mir ein bißchen Bewegung zu machen. Das jähe Dunkel überraschte mich, ich verlor den Weg, ein Bauer wies mir das Pfarrhaus. Und da es ja doch Ihr Amt ist, allen zu helfen, die in Not sind, so machte ich mir kein Gewissen daraus, Sie zu stören. Nein, ich mache mir keins daraus, gewiß nicht!« Die Kadenz eines Lachens perlte, nur eine kleine, kaum merkbare Dissonanz bebte darin, des Pfarrherrn feines Ohr fühlte sie. Die Wirrnis der Klänge umflocht den Stummen. »Nun keine Antwort? Soll ich wieder gehen? Jeden Augenblick kann das Unwetter beginnen! Stoßen Sie mich hinaus? Soll mich ein Blitz erschlagen?« Eduard Mörike sah durch's Fenster. Schwer lag die drohende Nacht. So schwer und doch von geheimem Beben erfüllt, wie die Einsamkeit seiner letzten Jahre. Ja, jetzt wußte er's, immer, immer hatte auf ihrem Grunde ein Drohen geruht, jeden Augenblick bereit, ihn anzuspringen. Ob er durch die reinen Felder schritt oder auf der Kanzel stand, ob er den Vögeln gelauscht oder Gott in den Sternen gesucht hatte, am reinsten, heiligsten Morgen hatte es in einem Winkel seiner Seele gelauert. Die Stimme, die da unbekümmert durch die bleierne Stille klang, die tilgte das Drohen, nein, sie tilgte es nicht, sie nahm es auf, erfüllte es mit ihrer Süße, daß es kein Drohen mehr war, sondern nur ein berauschendes Bangen. »Gehen Sie nicht fort,« bat er, »bleiben Sie! Setzen Sie sich, warten Sie, ich will nur Licht machen.« Wieder hallten die Schritte auf, näher tönte die Stimme: »Lassen Sie das, bitte! Ich will's nicht!« Des Pfarrherrn Hand, die schon nach Stahl und Stein griff, sank nieder unter dem sanften Zwang der Worte. »Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir!« Er gehorchte. Alles, alles würde er tun, was diese Stimme ihn hieß. Nichts mehr in ihm bäumte sich dawider auf. Süße Wollust war es, den armen Willen in Schlummer zu betten, nur mehr zu fühlen, wie eine Pflanze im Windhauch der Sommernacht. Leiser tönte die Stimme. Eduard Mörike verstand nicht den Sinn der Worte, nur eine fein sich fortspinnende Melodie waren sie, die er nicht deuten durfte, der er sich ergab, in deren Rhythmus er atmete. Er versank im Traum. -- Fernher murrte der erste Donner. Der Pfarrherr hörte ihn nicht, höher erhob sich das Drohen des Unsichtbaren, dem er diente. An seinem Ohr glitt es vorüber, das trank den Hall der Stimme, deren gleichmäßig fließende Süße stärker war als die wachsende Gewalt. Sie sprach vom Leben. Vom großen Leben, davon kein Hall in die entrückte Einsamkeit drang. Gierig trank Mörikes Seele den Klang. Unbewußte betäubte Sehnsucht hatte in ihm gelebt, all die stummen Jahre lang. Nun erwachte sie zu schmerzend wildem Leben. Eine unerträgliche Spannung füllte seinen Leib. Das Blut schlug an die Adernwände, dröhnte an sein berauschtes Hirn. Das Wetterleuchten geisterte nicht mehr über den Hügeln. Noch eine kurze atempressende Stille, dann riß jäher Wind die arme gelähmte Welt zu irrsinnigem Tanz. In ächzender Scham beugten sich die Bäume, die manneshohe Faust riß ihnen den jungfräulichen Blütenschmuck vom Haupt in den Staub der Straße, wirbelte die fahle Masse hoch, daß alles in Unreinheit erstickte. Bis das teuflische Spiel verstummte vor der Stimme des Herrn. Seines Blickes Zornblitz steckte die Erde in Brand. Vor Eduard Mörike schoß grell aus dem Dunkel das Antlitz der Frau. So wie es manchmal aus dem Dunkel des Erinnerns erwacht war in schmerzender Gewalt. So wie es damals in Tübingen dem Jüngling geleuchtet hatte, furchtbar und süß, voll tiefster Qual, voll höchsten Entzückens. Zum andern, zum dritten Male schoß das Bild auf. Der tückische Gott gab und nahm, nahm und gab im wirren Wechsel. Furcht weckte das grelle Bild, Sehnsucht das Dunkel. »Peregrina,« stammelte Mörike, »Peregrina!« Aber der Donner verschlang den Laut, er erstarrte im schmetternden Blitz. Im wechselnd erneuten Licht stand die Frau, dem Blitze verwandt, voll Urgewalt wie er. Der Donner dämpfte sich, matter leuchtete das Licht des Blitzes. Nieder rauschte, alles ertränkend, die himmlische Flut. In der Flut der Worte ertrank Mörikes Herz. »Warum bist du damals vor mir geflohen? Immer, immer habe ich dich gesucht, die ganze lange Zeit. Und ich weiß, du hast es bereut, denn ich war dein Glück. Ich bin dein Glück! Hast du das Große geschaffen, das du erträumtest? Du kannst es nicht ohne mich! Ich bin dir bestimmt von Gott und Schicksal, du gehörst mir!« Eduard Mörike fühlte den Hauch ihres Atems. Es war der Atem der durchwühlten Welt. Er nahm den Verstummten auf seine Schwingen, sie trugen ihn über Enge und Dumpfheit in die schwindelnde Weite. Und dann riß er ihn nieder in die Flut eines süßen, warmen Stromes. Machtvoll rauschte der Regen. Sanfter tönte sich das Rauschen, ward leises Raunen, schwieg. Die letzten Wolken versanken, gute Sterne leuchteten. Der Mond wanderte. Langsam glitt er die gottbestimmte Bahn. Bis er im Fenster stand. Still, unbeirrt durchfloß sein keusches Licht die Stube. Wieder wuchs das Antlitz der Frau hell aus dem versunkenen Dunkel. Anders, ganz anders war es nun im sicheren Licht. Fremd, fremd, in kaltem Feuer leuchtend das Auge, üppig schwellend der Mund, aber von einer harten, bösen Falte umgrenzt, ein ruhelos feindliches Zucken überspielte das Gesicht, ein wildes Suchen, das zu dem freundlichen, stillen Licht in schmerzvollen Gegensatz trat. Mörike wich vor dem Antlitz, vor den zwanghaft gebreiteten Armen. Freundlich leuchteten die gewohnten Geräte im Mondlicht, in lieber Heimlichkeit, blickten Mörike an und fragten: Was will die Fremde hier? Weiter wich der Pfarrherr nach dem Fenster, selig lächelte das Land nach der Prüfung des Wettersturms, die festen Blüten des Baumes, die hellen Wiesen, die Häuser, die vertraute Straße, die hütenden Berge. Und auch sie fragten: Was will die Fremde hier? Mörikes Seele tauchte in den Segen der lichten Reinheit, trank die schützende Sicherheit in sich, bis er von ihr tief und stark erfüllt war. Tastend, sicherer dann kehrte sein Blick zurück zu der Frau. Qualvolle Wirrnis lag auf ihren Zügen. Ihre Arme regten sich, als wollten sie gegen die Stille kämpfen, sanken gelähmt nieder. Allein war ihr zerrissenes, suchendes, dumpfes Wesen inmitten der erlösten Welt. Fest und still schritt er auf die Frau zu, neigte sich zu ihr, streichelte ihr Haar, Stirn und Wangen, bis die zuckenden Wellen sich glätteten unter der Güte seiner Hand. In jäher, dumpfer Müdigkeit überließ sie sich seiner reinen Kraft. Er bettete sie, saß an ihrem Lager. Heller, satter floß das Licht. Weckte unerbittlich die Betäubte. Sie sah in das unergründlich lächelnde Antlitz des Mondes. Barg das Gesicht in den Händen. Ein Schluchzen schüttelte sie. Wieder tröstete des Pfarrherrn Hand. Das ferne Licht des Mondes lag darin, der Glanz der Blüten, der hellen Wiesen, die Sicherheit der befreiten Berge. Zu stillerem Weinen verfloß ihr Schmerz. »Wenn ich nur einmal, einmal im Leben eine Hand, eine so gute Hand ...« Das Flüstern verglitt in stummen Hauch. Ihr Schlummer fügte sich in die Erlöstheit der Welt. -- -- Er trat ins Freie. Die erste silberne Ahnung stand über den Höhen. Gedämpften Schrittes ging er in das große Geheimnis. Es war, als sei ihm Macht gegeben von Gott, die Welt zu erwecken. Aus dem Dämmern wuchs die Himmelsrose des Morgens. Einen Abglanz ihrer Reinheit trug Mörikes Herz. Samiels Ende Karl Maria von Weber trat in das Vorzimmer des königlichen Audienzsaales und sah im großen Wandspiegel sein Bild. Der grüne, goldgestickte Staatsfrack und die alabasterweiße Weste grellten in seine kurzsichtigen Augen, daß er sie schloß. Als er sie öffnete, trat ein von wehem Spott gezeugtes Lächeln in sein blasses Gesicht. Wie eine Wachspuppe, urteilte er, die man zu einem Fastnachtsscherz verdammt hat. Der Schneider hatte all seine Kunst aufgewendet, es war vergebens. Das Feierkleid wollte sich der eckigen Brust nicht bequemen, die dünnen Beine staken jämmerlich in den Eskarpins und Seidenstrümpfen. Das Lächeln schärfte sich zu verbissener Wut. Wie er dieses Kleid haßte, wie ihm die unbarmherzig kühle Luft, das Halbdunkel der hohen Hallen den Atem preßte, wie, ach Gott, wie er sich sehnte nach seiner sonnigen Stube daheim, wie ein lebendig Begrabener sich nach dem Leben sehnt! Und wieder stieg die alte Frage in ihm auf: Warum? Warum trieb er dies unwürdige Spiel? Warum katzbuckelte er in diesem lächerlichen Aufzug vor einem Fürsten, der ihn ja doch nicht liebte, der ihm bei jedem Anlaß zu verstehen gab, daß der Italiener und seine Kunst an die erste Stelle gehörten? Warum? Damit die Seinen, die Frau und das eben ihnen geschenkte Kind nicht Not leiden müßten? Vielleicht; aber doch, nein, das allein war's nicht. Sie könnten in einem kleinen Hause mitten im Walde leben, soviel, daß sie nicht verhungerten, würde seine Arbeit schon einbringen. Und ein Dasein, fern von Staub und Lärm, seinem Leben sicher ein paar arbeitsreiche Jahre zulegen. Wieder schloß Weber die Augen, hörte den Wald rauschen über seinem Haupt, den deutschen Wald. Noch eins war's, das ihn hielt, jetzt wußte er's klar. Wie hatte der Intendant Graf Vitztum gesagt, als er ihn berief, damit er eine deutsche Oper schaffe, all den Feinden zum Trotz? »Wir stehen hier auf einsamem Posten, wir zwei, mein lieber Weber, den dürfen wir nicht verlassen!« Er durfte nicht. Zähne zusammenbeißen. Bleiben bis zum letzten! Es war nicht leicht. Er war kein Kämpfer. Wie sehnte er sich nach Stille und Frieden! Fort mit der Weichheit! Wieviele wohl, die ihr Leben in furchtbarem Kampfe hingegeben, hatten dieselbe weiche Sehnsucht in sich getragen! »Pfui über dich Buben hinter dem Ofen ...« Er hatte diesen unbarmherzigen Worten klingende Töne geliehen. Nun mußte er in ihrem Sinne leben, sonst würde die starke harmonische Sicherheit, die er als sein Bestes in sich trug, zerbrechen und mit ihr er selbst, der Mann, der er bisher gewesen und der er weiter sein wollte mit Gottes Hilfe. Weber schrak auf. Ein Blitz fegte durch den Raum, pfeilschnell, dann ruhte der Wandspiegel wieder. Aber er trug ein anderes Gesicht. Webers Bild war daraus gelöscht, die flackernden Gesten eines Mannes füllten die Fläche, der eben aus dem Audienzsaal getreten war. Als er Webers ansichtig wurde, stürzte er auf ihn zu, drückte ihm beide Hände und überschüttete ihn mit einem Schwalle italienischer Worte: Wie er sich freue, den teuren Amtsbruder hier zu sehen! Wie sehr er bedaure, daß dies so selten geschehe! Was er denn dem lieben Freunde getan habe, daß er ihm ausweiche, ja, ausweiche! Gewiß Zwischenträgereien, Verleumdungen, oh, an den Hals wolle er den Schurken, die ihn seinem hochverehrten Kollegen entfremden wollten! Nichts, kein Wort solle er glauben! Alles Verleumdung, pure Verleumdung! Da sie doch so viel Gemeinsames verbinde, die Liebe zur Kunst, ihrer Göttin vor allem! Und die Verehrung für den gnädigsten Fürsten, der einmal neben dem Gönner Tassos würde genannt werden! Und jetzt gar noch das schöne Zusammentreffen! Daß sie fast auf den gleichen Tag Vater geworden seien! Seinen innigsten Glückwunsch sage er! Wie es der hochzuverehrenden Wöchnerin gehe? Seiner Frau gehe es ausgezeichnet! Und auch seiner Kleinen. Da nun dem verehrten Meister ein Sohn geschenkt sei, könnte er dereinst seine Tochter heiraten. Als Sinnbild der Versöhnung, ach was, Versöhnung, der unwandelbaren, eisenfesten Freundschaft, die sie immer verbunden habe! Weber hatte bald seinen ruhigen Widerstand gefunden, der Phrasenschwall glitt über ihn hinweg, und er hatte Muße, den Italiener zu mustern. Ein bitteres Gefühl stieg aus seinem Herzen auf. Schön war der Kerl, das konnte niemand bestreiten! Welche Figur er machte! Wie ihm der Staatsfrack saß, wie die Strümpfe sich um die gemeißelten Waden spannten! Kein Wunder, daß er bei Hofe, wo es ums Äußere ging, mehr Glück hatte als er mit seiner dürren, armseligen Gestalt! Wie die Augen leuchteten, wie die Locke malerisch in das bewegte Gesicht sank! Der kurzsichtige Weber sah scharf, das Mienenspiel verwirrte ihn nicht. Deutlich nahm er wahr, wie der andere, indes er von warmen Freundschaftsworten überfloß, den Gegner kühl beobachtend abschätzte und triumphierend seine bezaubernde Persönlichkeit mit Webers schlechter Gestalt verglich. Es war, als töne sich mit einem Schlage das Dämmerdunkel in freundliches Licht, als schrumpfe der schlanke Italiener in sich zusammen vor einem großen, breiten Mann. Auch er trug ein Staatskleid, reicher geziert noch als das des Künstlers, aber es engte und beschwerte ihn nicht, man fühlte, er war Herr darüber in seiner aus dem Innersten leuchtenden Kraft, wie über all den düsteren Prunk ringsum. Unbekümmert um Morlacchi, dessen Gruß er nur mit leichtem Nicken dankte, schritt er auf Weber zu, schüttelte ihm beide Hände und sprach mit einer Stimme, die so reich und licht war, wie sein ganzes Wesen: »Schon lange antichambriert?« »Ich weiß nicht, Exzellenz, ich hab's nicht wahrgenommen. Zuerst hing ich meinen Gedanken nach, und dann hat mein verehrter Amtsgenosse mir die Zeit verkürzt.« Der Generalintendant wandte den Kopf; sein helles Gesicht verdunkelte sich: »Sie waren in Audienz, Herr Kapellmeister?« »Zu dienen, Herr Graf, Ihre Majestät haben mir viel =favore= bezeugt.« »Darum fragte ich Sie nicht, das ist Ihre Affäre allein.« Er maß den Fremden mit einem Blick, der die Abneigung nicht verhehlte. Der Italiener errötete, aber er hielt stand. Er wußte, Graf Vitztum wollte mit seinem Günstling noch vor dessen Audienz ungestört sprechen. Das mußte er verhindern. Jeden Augenblick konnte der König den Gegner rufen lassen. »Sie werden an Ihre Arbeit gehen wollen, Herr Kapellmeister! Es wäre mir ein Vorwurf, die Geburt eines ewigen Werkes zu verzögern. Ihre Verehrer würden mir das nie vergeben!« In des Italieners Gesicht trat ein gefrorenes Lächeln, den Zorn über des Verhaßten Spott verdeckend: »=Mille Grazie=, Exzellenz, für so große Gunst, die ich nicht meritiere. Ich habe mir heute einen freien Tag gemacht.« Frecher schärfte sich das Lächeln. Eine Blutwelle schoß in des Grafen Gesicht, ein wildes Funkeln trat in die sonst so guten Augen. Mit einem Ruck warf er alle Rücksicht von sich. »Dann muß ich Ihm's auf deutsche Art sagen, daß Er hier zu viel ist! Daß ich mit dem Herrn Kapellmeister Weber einige Dinge zu besprechen habe, die nur sein Ressort angehen!« Der Italiener duckte sich unter dem niederprasselnden Zorn. Erst als der Deutsche ihm den breiten Rücken wandte, richtete er sich langsam auf, und Blick und Geste des Abgehenden glichen jäh einem Bravo, der meuchlerisch den Dolch zückt. »Ich muß Ihnen rasch noch einiges mitteilen, lieber Weber, Sie können jeden Augenblick gerufen werden. Also fürs erste, die Majestäten nehmen die Patenstelle an. Es ist gut, daß Sie die Bitte stellen, jeder vom Hofe tut's, Sie hätten Anstoß erregt, umsomehr, als der Kerl, der Morlacchi ... lassen wir ihn, freuen wir uns, daß wir ihn los sind. Und zum Zweiten und noch Wichtigeren. Sie wissen doch, daß die Hochzeit der Prinzessin auf den Juni festgesetzt ist. Es war kein leichtes Stück Arbeit, gegen die ganze italienische Bande aufzukommen, aber es ist mir doch geglückt. Sie sollen, man wird Ihnen ...« Wieder fegte der kühle Blitz durch den Raum. In der Tür stand ein Lakai, statuensteif, mit vereisten Zügen, als lade er zum letzten Gericht. Ein Händedruck noch, ein Griff nach dem Spitzenjabot, den Degen militärisch gefaßt, wieder lag die Antichambre still. Graf Vitztum sah noch eine Weile nach der geschlossenen Türe, dann ging er mit unhöfisch lautem Schritt die Marmortreppe nieder, trat in die mäßig bewegte Straße und dankte freundlich den Grüßen der Bürger als ein Mann, der mit seinem Tagwerk zufrieden schien. * * * * * Frau Karoline Weber strich dem eifrig Erzählenden über das noch immer unverletzt glatte Haar: »Es ist ja sehr erfreulich, daß unser Junge so vornehme Patenschaft bekommt, aber war nicht der Einsatz zu groß? Ist's dir nicht recht schwer gefallen, so demütig, wie's einmal bei Hofe nicht anders geht, darum zu bitten? Du unterdrückst es ja immer mir zu Liebe, aber ich spür's doch, wie schwer es dir fällt, was du Tag um Tag hinunterwürgen mußt, unsertwegen! Wie viele Zeit bringst du auf so lästige Weise hin, die kostbar für deine Arbeit wäre! Besonders jetzt, da du ganz erfüllt bist von deinem neuen Plan!« Weber blickte ins Unbestimmte an der sorgenden Frau vorüber. »Es hat alles zwei Seiten«, sagte er dann still. »Manchmal freilich, da möchte ich am liebsten den Taktstock in den Ofen werfen und auf und davon laufen, weiß Gott wohin. Aber dann, wenn's vorüber ist, wenn ich wieder mir gehöre für ein paar Stunden, lieber Gott, immerfort =C=-Dur, das wäre doch langweilig, muß schon manchmal ein Moll oder gar eine kleine Dissonanz dabei sein. Und demütig? Ich bin's nicht. Zumindest kommt's mir nicht zu Sinn. Denn schließlich, der König ist ja doch mein Herr.« »Das denkt sich der Morlacchi sicher nicht, obwohl der dir nicht das Wasser reicht und dir doch in jeder Art vorgezogen wird, daß es manchmal nicht mehr zum Ausdenken ist.« Still strich Weber über die erregte Hand der Frau. »Der Morlacchi ist ein Italiener, der kann das nicht fühlen. Ich aber bin ein Deutscher. Das liegt im Blut, ich kann nichts dafür. Ich bin nicht blind und weiß und sehe alles. Aber das ist ja das Wandelbare, das heute so und morgen anders sein kann. Schau, warum haben denn unsere alten Baumeister so hohe Türme gebaut, warum gehen denn die Fugen vom alten Bach so hoch hinauf, daß es ihm selber oft geschwindelt haben muß? Weil wir aufschauen wollen. Und,« fuhr er lebhafter fort, »es wird besser, viel besser! Ich hab dir ja noch das Wichtigste nicht erzählt« -- nun stürmten die lange gedämmten Worte vor, wie ein Sprudelquell: »Ich hab einen Auftrag! Ich soll die Festkantate schreiben für die Hochzeit im Juni! Majestät selbst haben mir's anbefohlen! Ich! Nicht der Morlacchi! Nicht der Italiener, der Deutsche! Lina, weißt du, was das bedeutet? Das bedeutet, daß endlich, endlich jetzt das kommt, wofür ich mich geschunden, wofür ich alles hinuntergefressen habe! Der Sieg ist da, Lina, der Sieg!« Karoline Weber sah halb beglückt, halb bangend in das blasse Gesicht, das jähe rote Flecken trug. »Wann wirst du denn mit der Festkantate fertig sein?« »Wie kann ich das wissen? Ich werde jedenfalls nichts zusammenhudeln, sondern mich bestreben, das Beste zu geben. Das muß was werden, das den Morlacchi, das die ganze italienische Musik aus dem Feld schlägt!« »Und der ›Freischütz‹?« Weber griff sich an die Stirne, wie erwachend. Blaß waren wieder die Wangen: »Der Freischütz. -- Der Freischütz? ... Ja, den muß ich jetzt natürlich aufschieben. Das geht nicht anders.« Karoline rückte näher: »Karl, täusch dich nicht! Glaub mir's, der wird dein Sieg werden, nicht die aufgezwungene Arbeit! Jede Stunde, die du ihm wegnimmst, ist ein Verbrechen! Schau, mach dich frei, wirf das alles hin, ziehen wir ganz nach Hosterwitz in die Stille. Ich kann sparen, schränken wir uns ein, bis du gewonnen hast! Wenn der Freischütz fertig ist, brauchst du keinen Menschen mehr!« Starr saß Weber, eine tiefe, steile Falte in der Stirne: »Glaubst du wirklich? Mir ist's ja manchmal auch so!« Ein Ruck straffte die zarte Gestalt, die Stirne glättete sich zu stiller Entschlossenheit: »Nein. Zuerst muß das fertig werden. Lina, glaubst du, wenn unsere Soldaten an der Katzbach davongelaufen wären, sie hätten Leipzig schlagen können? Und meinst du, ich könnte noch eine Note schreiben, so recht aus dem Herzen heraus, wenn ich hier den Platz, auf den mich Gott gestellt hat, verlassen würde? Es wäre was zerbrochen in mir, das nicht mehr zu heilen ist.« Still küßte er ihre Stirne, schritt nach seinem Arbeitszimmer, schichtete Notenpapier auf dem Schreibtisch, öffnete das Klavier. Karoline Weber blieb. Eine seltsame Scheu hielt sie, ihr war, sie dürfe ihm nicht nahen in dieser Stunde. Wie hatte er gesagt: Aufschauen. Ja, das durfte sie. Aufschauen. Sie trat ans Fenster. Im sanften Mondlicht lag ein altes Giebelhaus. Es glich einem Antlitz, das fromm in den Himmel blickt. * * * * * Die große Glocke blieb stumm, als der kleine Zug, der den Eltern und ihrem Täufling das Geleite gab, durch ein Seitenportal die Schloßkirche betrat. Nur ein paar ganz nahe Freunde waren's, und am Altar erwartete Graf Vitztum die Feiernden. Der im tiefsten weiche Weber, der würdigen Andacht der Stunde völlig hingegeben, sah nicht, daß des Gönners sonst so unerschüttert helles Gesicht heute von einem tieferen Schatten getönt war, als der dämmerdunkle, heilig-bannende Raum dies rechtfertigen konnte. Der Priester kam, alles war bereitet, nur die hohen Paten fehlten. Warten, warten, warten. Langsam verglitt die Hoheit des Gotteshauses in Starrheit, die Himmelskühle in Frösteln, die Unendlichkeit in Endlosigkeit. Zuweilen tat Graf Vitztum einen Schritt nach Weber, trat überlegend wieder zurück. Endlich fuhr ein Wagen vor. Fremd drang der Alltagslaut in die Stille. Nun kehrte Allen rasche Sammlung und Spannung zurück, ihre Blicke wandten sich nach dem Haupttore. Feierliche Schritte, näher, näher, alles steht in ehrfürchtiger Straffheit, bereit, die Majestäten dankbar zu grüßen. Nun schreiten sie hinter der deckenden Säule vor, das Licht eines Fensters übergießt sie mit Buntheit, daß ihre Kleider noch greller erstrahlen ... jetzt sehen es die Gäste, diese Kleider sind Livree, ein Kammerdiener und eine Zofe. In mehr als fürstlichem Hochmut gehen sie an den Bürgern vorüber, stehen vor dem Grafen, melden ihm mit leiser, aber umso selbstbewußterer Stimme, sie hätten Befehl erhalten, das Königspaar bei der Taufe zu vertreten. Graf Vitztum mißt sie mit einem wilden Herrenblick, vor dem sie sich ducken, ballt die Fäuste, hebt sie hoch, sie weichen, er besinnt sich, läßt die Arme sinken, wendet sich zum Gehen, blickt zurück, sieht in Webers verzerrtes Gesicht, stellt sich an seine Seite, dicht neben ihn, bis die Zeremonie vorüber ist und die Paten, sich wieder nur vor dem Grafen neigend, die Kirche verlassen haben. Die Gäste treten ins Freie, stehen verwirrt im plötzlichen Licht, atmen auf, als fiele ein dumpfer Traum von ihnen. Das bescheidene Wägelchen fährt vor, Kind und Eltern nach dem kleinen Landhause Hosterwitz, zwei Stunden von der Stadt, zu bringen, dem stillen, alljährlichen Sommeraufenthalt der Familie. Die Lust zum Taufschmaus ist Allen vergangen. Schon will Weber die Kalesche besteigen, da zieht ihn Graf Vitztum beiseite. »Ich muß mit Ihnen allein sprechen,« stößt er vor, »heute noch, auf der Stelle. Es ist ein Opfer, ja,« fügt er langsamer bei, »Frau und Kind eben nach dem, was sich hier abgespielt hat, alleinzulassen, aber es geht nicht anders. Nur eine Stunde! Am Abend sind Sie wieder daheim.« Weber sagt Karoline ein paar erklärende Worte, sie verbeißt tapfer die Enttäuschung, die Pferde ziehen an, biegen um die Ecke, und so bleibt der Frau ein Anblick erspart, der sich vor den beiden Männern grell enthüllt: Zwei Hofwagen, in dem einen Morlacchi, Signorina und Kind, im andern das höchste Paar des Landes. Alle Glocken der Schloßkirche dröhnen Triumph. Das neugierig drängende Volk bildet eine Gasse, und durch diese trägt der König den respektlos schreienden Säugling zur heiligen Handlung in die weit und golden aufgetane Kirche. Schweigend schreiten Graf Vitztum und Weber durch die Gassen. Stocksteif gehen sie. Einmal hebt der Graf die Hand, sie Weber tröstend auf die Schulter zu legen, zieht sie zurück, sie ballt sich zur Faust. Vor einer in Giebelenge versponnenen Weinschenke hält er: »Gehen wird da hinein. Um diese Stunde ist niemand drinnen.« Wortlos sitzen sie in einer dunklen Ecke. Gierig nach Betäubung stürzt Graf Vitztum das erste Glas in sich, und als der Römer frischgefüllt vor ihm leuchtet, sagt er endlich: »Das hat noch gefehlt. Das war das Letzte. Nun steht's fest.« Wieder trinkt er in langen Zügen, setzt zum Reden an, schüttelt den Kopf, trinkt, schlägt mit der Faust auf den Tisch, daß Weber auffährt, erfaßt dessen Hand, umspannt sie mit schmerzendem Druck. »Einmal muß es heraus«, keucht er. »Ich war daran, es Ihnen schon in der Kirche zu sagen, hab's mir überlegt, wollt Ihnen das schöne Fest nicht verhunzen. Schönes Fest! Wär schon einerlei gewesen! 's ist wirklich schon einerlei, nach dem, was heute geschehen ist. Nach dieser, ja, eine Hundsfötterei war's,« schreit er, »eine Hundsfötterei, und wenn's nicht der wär, dem, dem man nicht ankann, Herrgott, der alles tun darf und keinem Rechenschaft geben muß, er müßt mir,« zum Flüstern sank die Stimme, »vor den Degen.« Der Graf wischte sich die Tropfen von der breiten Stirn. »So weit kommt man. So weit. Wie viele von meinen Ahnen haben sich zusammenhauen lassen für das Haus. Auch ich hätt's getan, bei Gott. Immer war ich ihm treu, auch wie's am schwersten war. Als ich in der verfluchten irrsinnigen Zeit, die, Gott sei Dank, vorüber ist, mit den Franzosen zusammen gegen Deutsche ritt. Ja, das hab ich getan und 's ist mir damals gar nicht aufgegangen, was ich tat. Der König hat's befohlen, gut. Bis zu dem einen Tag. Weiß nicht mehr, wo's war, ist alles im roten Nebel, auch im Erinnern noch. Führte eine Schwadron Kürassiere. Uns gegenüber preußische Landwehr. Rannten wie die Teufel gegen uns an, brüllten was allesamt, das ich im Lärm und Wirbel nicht verstand. Und dann ging's los. 's ist mir, wie gesagt, nur wie ein roter Traum heute. Nur eines seh ich vor mir: Ein junges, blasses Gesicht, irre Augen, ein verrissener Mund, der wieder etwas schreien will, gerade in diesen Mund fetz ich hinein mit meinem Pallasch. Vornüber fällt er, am Pferderücken vorbei, auf mich, die zerfetzten Lippen sagen noch das Wort, ganz leise, aber nun verstand ich's deutlich, in den Ohren gellt's mir, ins Herz krallt sich's mir ein: Vaterland.« Des Grafen Haupt sank, die Augen starrten. Es war, als lausche er. Dann riß er sich auf, trank und sprach still weiter: »Ich habe auf der Stelle meinen Abschied genommen. Aber ein paar Jahre später, nach Leipzig, hab ich mich wieder gemeldet. Bei Ligny hab ich gut gemacht, was möglich war. Aber es war noch nicht genug. Immer wieder ist das blasse Gesicht vor mir aufgeschienen, immer und immer hab ich das Wort gehört. Es ist eine verflucht tote Zeit, in der man's nicht mit dem Säbel übertäuben kann, eine ekelhafte Zeit für unsereinen. Da hab ich hier einmal die wälsche Oper gehört, das heißt, einen Akt, dann bin ich davon. Der Ekel ist mir hochgestiegen, hab mir gedacht, haben wir's nötig, die wir die ganze Welt geschlagen haben? Gibt's keine deutsche Kunst? Und dann hab ich angefangen, kein Mittel war mir zu schlecht, was hab ich alles getan! Weiß selber nicht, wie's mir gelungen ist. Denn, daß ich nicht sehr beliebt bin droben seit damals, wissen Sie ja. Aber es ist doch gegangen. Nur einer hat noch gefehlt, der Mann, der deutsche Künstler. Der Mozart ist tot, der Beethoven ist verrückt. Also wer? Da hab ich, weiß auch nicht mehr wo und wann, ihre Körnerschen Lieder gehört. Und hab's gewußt, der Mann muß her. Und so haben denn wir zwei ...« Ein neuer Trunk gab der Stimme Festigkeit. »Ich rede da alles mögliche herum, und hab noch immer nicht das Wichtigste und Schwerste heraus, daß heute alles aus ist und alles umsonst war. Ja, 's ist so.« Schwer, stoßweise rangen sich die Worte vor: »Mein lieber Weber, Sie brauchen an Ihrer Festkantate nicht weiterzuarbeiten. Ihre Majestät haben anders verfügt. Ich muß wohl nicht sagen, wer Ihr Ersatzmann sein wird.« Eine Uhr schlug in die grausame Stille. Starr saß Weber, eine bleiche Maske das Gesicht, bis endlich langsam aus seinen Augen die Tränen schlichen. In jähem, wildem Aufbäumen verhüllte er das Haupt. Graf Vitztum sprang auf, daß das Glas fiel und der Wein über den Tisch rann, umfing den Gebrochenen. »Aber, Weber, Mensch, Meister, Freund! Ich hab's ungeschickt und roh herausgesagt, zum Diplomaten war ich immer verdorben! Aber ich mußt' es doch sagen! Und es ist doch auch einerlei. Ein solcher Kerl wie Sie, der die Unsterblichkeit in der Tasche trägt, ist doch nicht von der Laune eines undeutschen Narren abhängig! Ein paar Leute kenn ich schon noch, die was für mich tun, in Berlin, in Kassel! Dort wird man Sie besser einschätzen, auch in punkto Dukatens, mein Lieber! Kopf hoch! Vielleicht gehe ich sogar mit, ja, hab hier nichts mehr verloren. Hab's ihm heute schon vor die Füße geschmissen! Bin frei, mir kann keiner mehr was sagen!« Er hielt inne. Die Tränen in Webers Auge waren versiegt, klar ruhte sein Blick auf dem Grafen. »Sie gehen? Wahrhaftig, Sie gehen?« »Was soll ich denn tun? Das, was man Ihnen antut, ist doch mir vermeint! Man haßt mich doch bei Hof, man will mich draußen haben!« Webers Stimme zitterte: »Um Vergebung, wenn ich jetzt etwas sage, was mir wohl nicht zukommt, aber es muß gesagt sein und ich weiß nicht, wie anders ich's auch ausdrücken soll. Sie waren doch Soldat, Herr Graf. Haben Sie je einen Posten verlassen, auf den Sie gestellt waren?« »Damals, als ich meinen Abschied nahm. Ich erzählte 's Ihnen ja eben.« »Da zwang Sie Ihre Überzeugung, das meine ich nicht. Aber jetzt ist's doch eben das Gegenteil!« »Ich kann doch nichts mehr nützen hier! Ist ja alles verloren!« »Das ist nicht wahr,« sagte Weber stark, »solange wir bleiben, nicht!« Wieder ein Schweigen. Graf Vitztum saß tiefgesenkten Kopfes, als forsche er in sich hinein. Endlich begann er, langsam, unsicher tastend: »Ich hab nie viel über mich nachgedacht, hab nur immer getan, was ich tun mußte. Jetzt aber ist mir wieder ein Erinnern gekommen, das hat mir mit einemmal manches in mir klar gemacht. Es war, glaub ich, auch bei Ligny. Wir waren Reserve und warteten. Aber die Franzosen hatten uns irgendwie entdeckt, und ihre Artillerie nahm uns unter Feuer. Eine Stunde um die andere verging, bis endlich der Befehl zum Angriff kam. Ich habe nie mehr im Leben solch ein Gefühl der Befreiung gehabt. Und heute weiß ich, wenn der Befehl nicht gekommen wäre, ich wäre ausgerissen, jawohl, ausgerissen, nach vorne oder rückwärts, gleichviel. Das steckt mir im Blut. Alle meine Ahnen haben immer nur dreingehauen, ducken und ertragen hat keiner von ihnen gelernt. Sehen Sie, so ist's heute wieder. Geben Sie mir freie Bahn! Lassen Sie mich kämpfen, ob mit dem Säbel oder dem Maul, einerlei! Nur hocken und warten und all diese Kübel von Gemeinheit auf mich niedergehen lassen, das kann ich nicht. So sag ich Ihnen noch einmal, gehen wir fort, wir beide, nach Preußen, nach Hessen, einerlei, irgend wohin, wo wir atmen und schaffen können!« Still saß Weber, sein großes Auge sah an dem Grafen vorbei. Noch einmal zuckte es weich über das feine Gesicht, noch einmal formte sich der Mund zu einem ungesprochenen Sehnsuchtswort, dann schloß er sich herb, die Züge festigten, versteinten sich, die Blicke fanden ein Ziel. »Ich trag zwar ein ›von‹ bei meinem Namen, aber damit ist's nicht weit her«, sagte er leise. »Meine Ahnen zählten, das fühl ich in mir, zu den Tausenden, die nicht führten und kämpften, die unter harter Fron standen und tausend Bitternisse ertragen mußten. Aber sie haben's ausgehalten. Sie sind auf der Scholle geblieben. Wenn ich auch heute ein unstäter Wanderer geworden bin, das habe ich von ihnen geerbt. Ich bleibe.« Ein fassungsloses Staunen trat in des Grafen Auge. Scheu blickte er zu dem bleichen Antlitz auf, über dessen vielfältigem bunten Seelenspiel der Panzer des Willens lag. Dann senkte der Vornehme das Haupt, als beuge er sich vor dem Kleinen, Unscheinbaren, der nicht wußte, woher er kam. Und mit ihm beugte sich ein starkes Geschlecht der Erwählten vor der Kraft eines Volkes. * * * * * Weber hatte den Wagen des Grafen abgelehnt und wanderte nun durchs Tor, die Landstraße fort, in den späten Tag hinein. Hinter ihm im Glanz des Westens lag die gleißende Stadt, vor ihm der sich immer dunkler tönende östliche Himmel. Aber all dies sah Weber nicht. Er fühlte auch nicht die in melodischen Linien vorübergleitende Landschaft, die wallende Elbe, die lichten Häuslein, die sanften Weinberge, die weiße und rosige Blütenflut. Dies alles hatte sich ihm sonst in Tönen gedeutet, wie alles Schöne ihm zu Klang wurde. Heute blieb es stumm. Denn in ihm wallte es regellos, von keiner Harmonie geklärt. Dem Grafen gegenüber hatte ihn die Kraft seines Entschlusses aufrecht gehalten, nun aber, allein in der heute fremden, verständnislosen Weite, wurde er ein Raub der dunklen Gedanken, die stärker waren als die lösende, ersehnte Kraft des Wanderns. Dunkler, dunkler wurde es über ihm. Die schwarze Wolke blähte sich, kroch, tückisch vorerst, dann rascher und herrischer, den Himmel auf, drängte das letzte ängstlich-fahle Licht zurück, blendete das machtlos erlöschende Auge. Die Gegend wurde einsam. Kein Haus mehr, die Felder verloren sich in zweckloses Gelände. Dann trat Weber in die Nacht des Waldes. Das jähe, noch tiefere Dunkel weckte ihn, bannte seinen Fuß, riß seinen Blick hoch. Nun überfiel ihn mit doppelter Gewalt die Angst der Stunde. Weiter, weiter! Schwer war der Fuß, der ermüdende Leib. Die Erde hielt ihn, die Äste hemmten ihm den Weg, aber in ihm war, stärker als in allem ringsum, von der eisernen Gewalt umzwängt, die zitternde Ruhelosigkeit. Nun erfaßten Webers schmerzhaft geschärfte Sinne die Umwelt: da war der Wald, der sich mehr als eine Stunde weit hinzog, seitab ein paar Schritte von hier die Schlucht. Sie ist verrufen im Volk, der wilde Jäger spukt darin in entfesselter Nacht, zuweilen gar der Teufel. Wie oft hatte er mit Karoline der ängstlichen Leute gelacht. Heute sprang ihm das Fabelwort an die geschnürte Kehle, griff mit kalter Hand an sein Herz. Nun ging ein Wehen durch die Stille, ein banges Flüstern. Langsam lösen sich die Schatten aus dem Dunkel, flattern, umhuschen des Wanderers Haupt. Riesige Vögel; sie schließen einen Kreis um ihn, begleiten ihn, lautlos hüpfend und flatternd, sehen ihn an aus großen, höhnenden Augen. Quer über den Weg läuft es, steht höllengrell im Schein des ersten fernen Blitzes, Feuer bricht aus Rachen und Nüstern. Höher an schwillt das Wehen, schweigt, setzt ein mit stärkerer Wucht, zerrt die Äste, beugt die Bäume, den, jenen, wächst auf zum Brausen, eine Wolkenhand faßt den Wald, beugt ihn nieder, reißt ihn wieder auf, fetzt Äste, hebt Wurzeln hoch, schmettert Wipfel und Stämme. Schutzsuchend verkrampften sich die bleibenden, vermengen sich zu einem ächzenden, heulenden, krachenden, dröhnenden Gemenge. Wolken, Bäume, Erde sind ein sinnloses Wirrsal. Aber nun lösen sich Laute daraus, Wiehern, Peitschenknallen, Pferdegetrapp, heulender Hussahruf, Blitze schnellen aus teuflischen Büchsen, jeder Schuß trifft, ein Baum verdröhnt, eines Tieres Todesschrei ertrinkt im höhnenden Brausen. Immer wieder werden sie sichtbar im blauen Licht, schattenhaft und doch voll furchtbarer Gewalt. Hunde fletschen den Höllenrachen, feuernde Pferdehufe über des Wanderers Haupt, zauberische Hirsche senken drohend ihr Gehörn, teuflische Jäger zücken den Dolch nach seiner Brust. Vorüber. Tiefschwarze Nacht. Einen Augenblick Stille, das Furchtbarste erwartend, das nun kommen muß, dann Blitz auf Blitz, Blitz auf Blitz, hieher, dorther, immer näher rücken die zwei Gewalten aus Ost und West, nun ein Anprall, ein Feuerschwert spaltet die Welt, im Urweltdonner versinkt sie ins Nichts, die Hölle gellt ihr schrillstes Lachen, tausend Teufel schnellen blaue Freudenlichter durch die schwarze Leere. Und dann stürzen die Wasser der Sündflut nieder, das letzte Leben zu vernichten. * * * * * Immer noch rollen die Donner, züngeln die Blitze vor des Überwachen Ohr und Auge, als er schon längst im warmen Bett liegt. Aber Karolinens sanfte Hand und der beruhigt rauschende Regen streicheln die glühenden Lider zur Ruhe. Noch in den ersten Schlaf grellen und donnern die Schrecken der Nacht. Aber Gott und die Liebe, segnendes Rauschen und gütige Frauenhand finden auch den Weg in den Traum. Mildern und glätten das Grellen zum strahlenden Licht, das Donnern und Brausen zu gewaltigem Klang. Und der teuflische Wirrwarr, den er durchlebt hat, löst sich zur Himmelsharmonie der Musik. * * * * * Noch schläft alles im Hause, noch ruht das Land im ungewissen Silbergrau, da sitzt Weber, aus erquickendem Schlummer erwacht, am Arbeitstisch, und der freundliche Gott, der ihm auf den leisen Füßen des Morgens naht, führt ihm die Feder und segnet das neue Werden seines Werkes, dem er nun wieder ganz gehören darf. Aber auch der Gott des Zornes, der sich ihm gestern geoffenbart, birgt keinen Schrecken mehr. Der sanfte Herr des Morgens streicht über des Schaffenden klare Stirne: »Mußte ich dir nicht im Wettern erscheinen, auf daß du mich erkennst?« fragte er lächelnd. Einen Abglanz trägt nun Webers helles Gesicht. Und im dankbaren Erschauern fühlt er in sanfter, verklärender, gnadenvoller Macht, wie selig er über den Dingen der Erde schwebt, wie nahe er dem Herrn ist in dieser Stunde. Jubelnd ruft ihn der Tag. Er folgt ihm in die reine Luft, in das starke Leuchten des Lebens. Die jungen Felder wehen, die Blütenbäume leuchten, ein Spiegelbild der guten Wolken, in ernster Freude steht unerschüttert der Wald. Eine Glocke singt ihr ungestörtes Lied, Mädchenkleider flattern blumenhell, Kranzjungfern holen die Braut ein. Und Webers Arme breiten sich, als wollte er die ganze liebe deutsche Welt umfangen. * * * * * Erst nach der zweiundvierzigsten Probe sagte Gasparo Spontini, der Generalissimus der Berliner Musik, den Sängern, Musikanten und Regisseuren seine allerhöchste Zufriedenheit und meldete dem Könige, daß nun der Aufführung kein Hindernis mehr im Wege stehe. Immer größere Wellen zogen die Gerüchte von der nun zu erwartenden Herrlichkeit. Friedrich Wilhelm ›der Sparsame‹ hatte 20000 Taler aus der Privatschatulle bewilligt, das Orchester war verdreifacht worden, der Chor agierte in zehnfacher Stärke. Es ging die Sage, daß sogar leibhafte Barone und Hofdamen der guten Sache zu Liebe mitten unter den Plebejern so niederen Dienst taten. Und einige Stunden vor Beginn der Oper verließen ein paar würdevolle Elefanten ihre Ställe und trabten, vom Jubel des Volkes begleitet, durch die Gassen, bis das Tor des Opernhauses sich hinter ihnen schloß. Zum Schluß erließ der Präsident des Zensurbeirates das strenge Verbot an alle Berliner Blätter, die Musik des Herrn Spontini in irgendwelcher Weise zu tadeln. Fürst und Hof, Generalität und Beamtenschaft beugten sich vor ihm, und indes der Hohenzoller in einer bescheidenen Karosse nach dem Theater fuhr, zogen den Großen, der heute wahrhaft König war, sechs blumengeschmückte Rappen nach der Stätte des unbestreitbaren Triumphs. Ihm folgte der endlose Zug der Wagen, mit allem was Namen, Rang und Ahnen besaß, und füllte das Theater mit gezierten Galafräcken, goldüberhäuften Uniformen, Juwelen und kostbaren Frauenkleidern. Aber sie waren nur ein Auftakt zu dem unerhörten Gepränge, das die Bühne den Überraschten bot. Und mit diesem Glanz einte sich die aus prunkender Sicherheit geborene, sieghaft-dröhnende wälsche Musik, einer Schönen gleich, die gewohnt ist, die Welt vor sich demütig im Staube zu sehen. Nach jedem Aktschluß gab der König das Zeichen zum Applaus, in den das ganze vornehme Berlin einstimmte. Freilich, die Herzen schlugen nicht so laut wie die beifallspendenden Hände, und auch die Augen leuchteten nicht heller, als des Königs Beispiel dies vorschrieb. Sie Alle trugen nicht mehr davon, als den Nachhall eines Dröhnens und den Abglanz einer fast schmerzenden Pracht. Der Widerhall dieses Triumphs aber posaunte aus allen Gazetten der großen Stadt. Auf Befehl des Königs wurde die Oper »Olympia« vierzehn Tage lang =ensuite= angesetzt. Der »Freischütz« des Herrn Karl Maria von Weber, den sich der Intendant Graf Brühl hatte unbegreiflicher Weise aufschwätzen lassen, wurde auf den achtzehnten Juni verschoben. Den Mut der deutschen Partei hatte der rauschende Erfolg niedergedröhnt. Gedrückt schlichen die Vaterlandsfreunde durch die vom Lobe des Maëstro widerhallenden Gassen. Nur ein einstiger Landwehroffizier schwenkte das Zeitungsblatt mit der bösen Post so hoch, als es sein halblahmer Arm erlaubte, und sagte: »Ausgezeichnet! Der achtzehnte Juni ist der Tag von Belle-Alliance!« Die zweite und dritte Aufführung der großen Oper war noch vom neuen Reichtum gefüllt, der es dem Hof und Adel nachtun wollte, die vierte und fünfte von Neugierigen aller Art, denen es vornehmlich auf das niegesehene Prunkwerk ankam, die sechste und siebente wiesen Lücken, und am achten Tage liefen die Theaterdiener in alle Kaffeehäuser und Bierstuben und boten Freikarten aus. Hochauf reckten sich die Jahnschen Turner, die alten Lützower, die jungen Studenten, wenn sie von oben her das Geschenk ablehnen und beifügen konnten, sie hätten die Elefanten schon in Herrn Schulzens Tierbude auf der Hasenheide gesehen. Der Jahrestag von Belle-Alliance brach an. Nur wenige Wagen hielten heute vor dem Theater. Aber der Strom der Fußgänger nahm kein Ende. Aus dem Gewirre stach das Turnerkleid, glänzten die frischgeputzten Knöpfe alter Lützower- und Landwehruniformen, und aus der Menge der biederen Hüte ragte da und dort ein junger Kopf, der sein altdeutsch-langes Haar frei im Sommerwinde wehen ließ. In schwerer Erwartung atmete das Haus. Brach los im ersten grüßenden Sturm, als Weber an das mit Rosen bekränzte Pult trat. Dreimal senkte er den Taktstock, dem immer wieder einsetzenden Willkomm zu danken. Dann spann der Wohllaut der Ouvertüre seinen Duft durch den Raum. Die Anhänger Spontinis, mit denen von einer geschickten Regie das ganze Theater durchsetzt war, hatten strengen Befehl, das Zeichen des Führers, der allen sichtbar in einer Proszeniumsloge stand, abzuwarten. Neben dem feinen, zarten Herrn saß ein uralter Student, der seine Blüchersche Uniform trug und böse nach Knaster und Juchten stank. Eben in dem Augenblick, da der letzte Ton des Vorspiels verklang, zog der Italiener das parfümierte Taschentuch, die Attacke auf seine empfindliche Nase abzuwehren. Das hielt ein Übereifriger für das verabredete Signal, brach los, ein zweiter, dritter, alle stimmten ein, dröhnten ihr Pfeifkonzert in den anhebenden Beifall, der verzweifelten Gesten des Generals nicht achtend, der vergeblich bemüht war, den verdorbenen Schlachtplan einzurenken. Bis er eine wilde Pranke am Nacken fühlte, ein tabakduftender Mund ihm Soldatenflüche ins schreckensbleiche Gesicht schrie und er mit einem Male im Freien stand, in der lächelnden deutschen Juninacht. Er war nicht lange allein. Rasch sammelten sich seine Getreuen. Nun zischte die ganze in Angst erstarrte Wut aus ihm nieder auf die Sünder, die nun wieder, da ihr Amt zu Ende war, seine Herrschaft nicht mehr anerkannten, und bald füllte jener ohrenzerreißende Lärm nutzlos die Gasse, der eigentlich bestimmt gewesen, zur größeren Ehre des göttlichen Spontini die verhaßte deutsche Oper zu erdrosseln, die nun drinnen ihren nicht mehr gestörten Fortgang nahm. Zuerst verdoppelter Beifallssturm, und dann =dacapo=-Rufe aus allen Ecken, die sich zum Unisono einten. Noch einmal genossen sie die Musik des Vorspiels. Zuerst fühlten sie nur den Zauber des Klangs. Aber schon als der Vorhang aufging, flüsterte eine Frau dem Gatten zu: »Ach, sieh mal, sieht das nich aus wie die Waldschenke bei Köpenick?« Und ein Nachbar nickte gewichtig: »'n Schützenfest. Ich bin ooch mal linker Ritter jewesen in Lichterfelde.« Aber dann verstummten sie vor dem zwingenden Wohllaut in Maxens Wälderlied. »Jetzt ist wohl ihr Fenster offen ...« Wie vielen Jünglingen war's, als sänge es ihr eigenes Herz! »Meinst du nich, daß unsere Rieke ein wenig dem Ännchen gleicht? Sie ist doch immer so munter vorne weg wie jene?« »Da haben Sie's gut. Meine Jette, die hat 'ne schwere Hand wie die andere, die Agathe, sie bringt's fertig und sieht 'n janzen Abend lang egal in 'n Mond!« Dann aber verstummten auch diese. Denn sie erschraken vor einer plötzlichen Erkenntnis. Was da droben vor sich ging, das waren sie, das war ihr eigenes Leben. Manches alten Burschen Herz tanzte Kaspars höllisches Trinklied mit, manches Jungen, Langgelockten unbestimmte Sehnsucht ließ sich wohlig tragen von des liebenden Jägers zarten Melodien. Sie alle, auch die Mutigsten, hatten bangend die Schauer einer Wetternacht im wilden Walde durchbebt, sie alle die Traulichkeit des deutschen Heims empfunden, die ihnen hier aus schlichten Tönen entgegenklang. All das Widerspruchsvolle ihres Wesens, Liebe zur Heimat und Drang in die Ferne, Friedenverlangen und Rausch der Kampflust, das alles sahen sie vor sich, gedeutet, erhöht, verklärt. Und sie, die oft gedrückt und am eigenen Lande verzweifelnd zur Fremde aufgeblickt, erkannten befreit ihres Wesens Wert, das, mündig geworden, allein bestehen konnte. Denn da droben war jeder Widerspruch zur Harmonie gelöst, in den Klängen pulste ihr eigenes Herz. Tief ein drangen die Melodien ihnen in Seele und Blut. Erfüllt davon traten sie dann in die weiche Nacht. Die Linden rauschten über ihnen wie der ewige deutsche Wald. Eines Landwehrhauptmanns Sporen klirrten im Takt von Kaspars Trinklied, ein junger Student sang Maxens und sein eigenes Sehnen in den wohlgefällig niederschauenden Mond, ein paar Mädchen summten das Lied vom Jungfernkranz. Sie alle trugen träumend die Siegeskunde durch die bewegte Stadt ... »Sieg.« Auf den Wangen der Kämpfer von einst glühte er, aus den schwarz-rot-goldenen Bändern, die heute seit Jahren zum ersten Male dem Verbote trotzten, leuchtete er, mit den Fackeln flammte er zu dem Gefeierten auf, der im Fenster des Beerschen Hauses stand, von den Getreuesten umgeben. Und dann stieg das große kaum geglaubte Wort aus seinem Werk, aus »Lützows Jagd«, aus »Männer und Buben«, aus dem »Schwertlied«. Immer mehr Stimmen fielen ein, es war, als dröhnte die Stadt, das Land, das ganze beglückte Volk. Dann Stille. Einer tritt vor, dem zuerst der Schauer des großen Augenblicks die Stimme bricht, die sich aber dann an der Herrlichkeit der Stunde aufrankt zu desto stärkerem Klang: »... Zum zweiten Male wurde heute Belle-Alliance geschlagen! Ein Lebehoch dem Blücher der deutschen Kunst!« Aufrecht, aus seinem Wesen gelöst, über sich selbst erhoben, steht Karl Maria von Weber. Der Gattin überselig-kalte Hand ruht in der seinen. Er fühlt es nicht. Ihm ist, er halte ein Schwert. Der Berg Seit Peter Cornelius den Brief erhalten hatte, der ihn zu Richard Wagner rief, war sein Handeln traumhaft und das eines Menschen gewesen, der, seines eigenen Wesens kaum bewußt, unter einem übermächtigen Zwange steht. Erst der Ruck des anfahrenden Zuges hatte sein Ich wieder über die Bewußtseinsschwelle geschleudert. Nun wachte es hilflos, verwirrt und mußte der zwingenden Macht ins unerschütterte Auge sehen. Diese Augen, diese furchtbaren Augen! Furchtbar. Waren sie furchtbar? Konnte nicht vollste Liebe aus ihnen leuchten? Freundschaftliche Sorgsamkeit? War ihr Zauber nicht oft zart, weich, süßtönend, wie die Betörung des Preisliedes? Ja, ja, tausendmal ja! Unwiderstehlich, herrlich war das alles! Aber warum dann diese steil wie eine Flamme schnellende oder heimlich wie ein Eisschauer aufkriechende Angst, dieses Atemschnüren und Herzpressen, als ging es ums Leben? Das war das Rätsel, das Zwiespältig-Verzehrende. Peter Cornelius sann ihm nach im ewigen Gleiten des Zuges. Das ungestört sich fortwebende Geräusch beruhigte ihn. Das Gerüst des Rhythmus umkleidete sich allmählich mit Musik. Eine Melodie. Ein Lied, dessen Keim ihm gestern auf einem einsamen Spazierweg aus gestilltem Herzen erwachsen war, bis der Brief, der Ruf aus der Ferne, es wieder ins dunkle Nichts gestoßen hatte. Der Zug fuhr schneller. Das Lied verklang. Die wilder sich drehenden Räder zermalmten den zarten Leib. Eine andere Musik sprach aus dem wühlenden, dröhnenden Takt. Groß, gewaltig, stark, überreich, wie das Lächeln, die Sorge, die Güte, wie alles, alles, das an dem Andern war, ihm angehörte, aus ihm wurde. Peter Cornelius sank in sich, fühlte das Rauschen, fühlte es mit der Angst des Erstickenden. Und doch war eine Sehnsucht in ihm, den letzten Rest des Lebens in die machtvolle Flut zu senken, ganz in ihr zu vergehen. Der Zug hielt mit hartem Ruck, die Musik schwieg, wieder wurde Peter Cornelius sich seines Wesens bewußt. Am Nachbargeleise hielt der Gegenzug. Die Rettung! Rettung. Nichts anderes dachte er, nichts anderes durchzuckte sein Hirn, als dies grelle Wort. Er riß den Koffer aus dem Netz, stieß die Wagentüre auf, stand auf dem Stufenbrett. Sein Schritt stockte. Der Ruf aus der Ferne klang auf. Übermächtig, seine Angst, sein Ich übertäubend. Der Nachbarzug zog an. Entglitt. Der Schrei des Schaffners trieb Peter Cornelius auf seinen Platz zurück wie ein aus der Herde gebrochenes Tier. Wieder der Rhythmus der Räder. Der Einsame versank in der dumpfen Unabänderlichkeit. Er hatte den Freund nicht von seinem Kommen verständigt, um sich nicht den letzten tröstenden Trug der Freiheit des Handelns zu rauben. Niemand erwartete ihn. Er stellte den Koffer auf dem Bahnhofe ein, fragte nach dem Weg und ging dann langsam, jeden Schritt als ein letztes süßes Geschenk genießend, die stille Dorfstraße fort. Hinter dem letzten Hause zweigte der Feldweg ab, den man ihm bezeichnet hatte. Er führte durch eine Blumenwiese voll ungemessener bunter aber doch schlichter Pracht. Noch lag trotz der späten Tagesstunde über ihr ungestört die süße Last der duft- und sonnenschweren Luft, noch spannen die Honigträger ihre vielstimmige, nie erlahmende Musik. Tiefatmend trank Peter Cornelius den Zauber. Noch einmal rief die ferne Stimme. Aber die süße Gewalt der Stunde stärkte ihn. Er durfte verweilen, niemand erwartete ihn, noch war er frei. Er sank nieder in die bunte Flut. Fühlte sein Herz, fühlte die Blumen, fühlte wie das Herz ihnen verwandt war. Blühen und stille sein, gab es ein schöneres, Gott näheres Los? Traumhaft wuchs aus ihm sein Lied, fand seinen Orgelpunkt im Sang der Käfer und Bienen und fühlte sich so der Gotteswelt in unerschütterlicher Sicherheit verbunden. In den Duft des Tages strich erster Abendhauch. Die Musik verstummte. Die warme Luft verhauchte, kühl atmeten die Blüten und Gräser. Peter Cornelius' Herz erwachte. Langsam erhob er sich, fremdgeworden schien die Welt. Er schritt gesenkten Blicks den Weg weiter, kaum des Ziels bewußt. Scharf bog der Weg, fühllos kalt wehte die Luft, Peter Cornelius sah auf, sah in das unbewegte schneebleiche, streng gefurchte Antlitz eines hohen Berges. Der Rest des vielfältigen kleinen Taglebens verstummte, ertrank im Dunkel, das dichter aus der Tiefe quoll. Selbst die Halme, die noch im Abendwind vor dem kommenden Ewig-Unfaßbaren gebebt, ergaben sich dem großen Willen der Nacht, der starr aus dem Antlitz des Berges niedersah auf die unterjochte Welt. Peter Cornelius schritt rascher aus, die Wärme seines Lebens zu fühlen, den Laut seines Schrittes zu hören, aber sein Blick haftete an dem Berge. Immer wenn er versuchte, ihn zu lösen, erfaßte ihn die stille, kalte Macht und gab ihn nicht frei. Am Fuße des Berges, von der Flut seines Geisterlichtes übergossen, als sei es ein Teil von ihm, lag ein Haus. Aus ihm drang Musik. Aber sie war kaum als Äußerung einer anderen Wesenheit erfühlbar, groß, klar, unerbittlich, erhaben über allem Lieblich-Kleinen, war sie die Stimme des Berges, die Stimme der Nacht. Peter Cornelius stand still. Sein Schritt hatte nicht die Kraft, gegen die tönende Macht, sich aufzulehnen, der Wanderer ergab sich ihr. Allmählich gelang es dem Musiker, sie aus der bannenden Umwelt zu lösen; er versuchte, nach den Regeln der Zunft sie zu teilen und zu gliedern, umsonst, die Teile fügten sich wieder zum ungeheuren Ganzen, nur dieses blieb, übermächtig, Ergebung fordernd. Wagners freudiger Willkommschrei klang nach in den überfeinen Nerven des Gastes, als ein Fremdes, Unbegreifliches. Ein warmes, stilles Wort, ein stummer Händedruck, das hätte ihm wohlgetan. Sein Verstand sagte ihm, daß er Unrecht tat. Daß er, den das große Ich des andern quälte, nun sich selbst zum Maß aller Dinge machte. Umsonst, noch immer schmerzte der Nachhall des Schreis. Kaum verstanden rauschte Wagners Rede über ihn fort. Das Kommen des Gastes hatte jäh die Schleusen, damit der Einsame seine Seele fesselte, durchrissen, nun brauste die lange gestaute Flut. Er sprach von sich, nur von sich. Und dann wandelte sich die Rede zum Klang. Kaum merkbar floß sie über in jene Musik, aus der das Antlitz des Berges starrte und die erdferne Gewalt der stummen Nacht. Über Peter Cornelius floß Müdigkeit. Das Bild des Berges verblaßte, die Musik wogte an ihm vorüber, ohne in seinem Fühlen und Begreifen zu haften. Dankbar empfand er, wie seine gespannten Nerven sich lösten. Die Musik schwieg jäh, die Stille riß Peter Cornelius zu schmerzender Überwachheit. »Du bist müde«, sagte Wagner. »Du folgst mir nicht!« Die beteuernde Geste des Gastes erstarb in der Macht der Stimme. »Ja, du bist müde!« Mit ein paar hastigen Schritten zwang der Meister die Enttäuschung nieder und fand zur Besinnung. »Du mußt ja müde sein und hungrig, nicht wahr?« Peter Cornelius ergab sich. Er hatte den ganzen Tag nichts gegessen, jetzt kam's ihm erst zu Sinn. Mit einem Schlag wandelte sich Wagner und war nichts als sorgender Gastgeber. Er läutete gellend, er schrie nach dem Flur, rannte die Treppe nieder, seine scheltenden, beschwörenden Worte tönten aus der Küche auf, er hastete zurück, riß selbst das Tischtuch aus der Lade, lachte überlaut, weil Cornelius helfen wollte und sich recht ungeschickt anstellte, warf Gabeln und Messer, klirrte mit Gläsern und Flaschen, entkorkte sie, prüfte die Blume des Weines und war so ganz dieser Tätigkeit hingegeben, als sei sie die seiner Neigung entsprechendste. Staunende Blicke folgten ihm schwerfällig, ohne Begreifen. Wie konnte man jäh ein so ganz anderer sein! Wenn der Gast eine fremde Musik gespielt hatte -- vom eigenen Schaffen zu schweigen -- umhüllte sie ihn noch lange wie ein Schleier, der ihm Hirn, Schritt und Hand lähmte. Und der Freund? Ewig ein andrer. Wo faßte er ihn zum Beharren, damit er einmal ihm zu ruhig-prüfendem Blick sich böte, damit die hundert verwirrenden Bilder zu einer klarlinigen Gestalt sich formten! Aber indes er dies dachte, bot sich schon wieder ein neues Bild. Der Freund saß ihm gegenüber und hob den Römer, wie der konsekrierende Priester den Kelch, ruhig, voll klarer Würde. »Du kommst an einem bedeutungsvollen Tage. Das Werk ist vollendet, ich schrieb heute die letzte Note, deshalb rief ich dich«. Die Gläser klangen, Peter Cornelius stammelte seinen Glückwunsch. Wagner hörte es nicht mehr. Während vordem in seiner Rede nur die Wasser der Oberfläche gerauscht hatten, brach es jetzt aus den Tiefen, dem Grundquell des Seins. Wie das Werk geformt, wie es gewachsen und sich zum Wesen gebildet, geheimnisschwer im Menschlichen, ätherleicht im Bewußtsein der Verbindung mit Gott und den Sternen, wie er darum gebangt und gelitten in schwerer Krankheit und daran genesen zu herrlicherem Lebensgefühl, das breitete er aus vor dem Freunde, sich davon befreiend, Raum schaffend im Herzen für neues Glück und neuen Schmerz. Der Diener trat ein, der Zugwind löschte die Kerzen. Im plötzlichen Dunkel des Fensterbildes stand der Berg, dunkelschwer in seinen Grundquadern, mit dem monderhellten Gipfel schon dem Himmel gehörend. Wieder flammten die Lichter auf, Peter Cornelius' Sinne hielten das Bild. Das verband sich den Worten des Freundes, wuchs auf hinter dessen Gestalt, erhellte sein Gesicht mit geisterklarem, undurchdringlich-abwehrendem Schein. Aber nun fühlte Peter Cornelius sich von fiebernden Menschenhänden umschlossen. Die Stimme warb. »Freust du dich mit mir, Peter? Ich hab's nicht mehr allein tragen können! Ich wäre daran zu Grunde gegangen! Ich mußte dich haben! Freust du dich?« Die erste Frage war abgeglitten an Peter Cornelius' Herz, die zweite bohrte sich darein. Freute er sich? Freute er sich? Ja. Lüge! Nein, nein, tausendmal nein! Worüber sollte er sich freuen? Daß der Berg vor ihm wuchs, höher, im kalten Prunklicht, daß er im eisigen Schatten erfrieren würde, wie alles kleine Leben, das sich dem Furchtbaren töricht nahte? Ein kleiner Nachtfalter huschte durchs Fenster, umtaumelte das Licht, landete auf Peter Cornelius' hilfreich gebotener Hand. Der Blick des Mannes klammerte sich an das schmucklose Wesen, fühlte das Beben der Zitterfüße, das Wehen der Fühler, den Hauch des Farbenstaubes, versank in Andacht vor dem Wunder dieser lieblichen Kleinheit, die er wärmend an sein Herz betten konnte, die seinem Herzen den Trost ihrer Wärme gab. Indessen sprach Wagner, an seinen Worten sich zu immer freudigerer Glut entzündend, die starken, durchnervten Hände agierten, die Kerzenflammen duckten sich immer wieder vor dieser Macht. Die Motte flog auf von des Gastes Hand, umhuschte die Lichter, streifte trunken Wagners Stirn, er griff darnach, das zarte Wesen verging. Ein jäh stechender Schmerz durchriß Peter Cornelius' Brust, als hätte eben sein Herz den Druck jener Hand gefühlt, die sich nun wieder hob, als dirigierte sie mit einem Zauberstabe das Orchester der Welt. Keinem gönnte sie sein schlichtes Eigenlied, er mußte einstimmen in den ungeheuren die Erde überschattenden, in den Himmel wachsenden Klang. »Du bist müde, Peter, nicht wahr?« Gedämpft, zart klang die Stimme. Müde? Nein. Er wollte nicht müde sein, es wäre völliges Ergeben gewesen. Noch lebte etwas in ihm, das sein Leben fühlte, das sich auflehnte gegen das Ungeheure. »Ich bin nicht müde, nein, wirklich nicht.« »Du sollst ganz aufrichtig sein. Es hat keinen Zweck. Wenn du das Neue hörst, mußt du frisch sein, es aufnehmen mit allen Sinnen. Es ist nur Nervosität von mir, am ersten Abend deinen Widerhall hören zu wollen. Wir werden ja noch so viele Abende gemeinsam haben.« »Das wohl kaum. Ich werde bald wieder heimfahren müssen.« Heimfahren. In die Freiheit, in die Stille! Tief auf atmete Peter Cornelius. »Warum? Was zwingt dich dazu?« »Ich habe eine Arbeit begonnen.« Arbeit, war es nicht lächerlich? Was lag dem Gott, dem Dämon da drüben, an seiner Arbeit, die aus kleinem Menschenglück und -leid keimte!?« »Arbeiten kannst du hier auch. Du bist ganz ungestört in deiner Stube. Wir hören nichts voneinander. Nur am Abend, dann spielst du mir's vor.« Ein Peitschenhieb. Ein Almosen. Warum demütigte er ihn immer bitterer? Stand er nicht schon tief genug? »Schön wird das sein, wunderschön,« fuhr Wagner lebhafter fort, »wir beide hier! Herrlich wird das sein! Einen Menschen haben, einen Menschen, in den man all das gießen kann, was einem sonst die Brust zersprengt!« Er sprang auf, faßte des Freundes Hände. »Peter, ich wollt's diplomatisch machen, es geht nicht, es muß heraus! Du darfst überhaupt nicht mehr fort! Du bleibst bei mir!« Nun überstürzten sich die Worte, »Alles ist vorbereitet! Der König gewonnen, ein Amt in München wartet auf dich, nur pro forma, es wird dich nicht drücken, du wirst immer bei mir sein, wirst alle Phasen meines Schaffens begleiten und wirst selbst schaffen können, ruhig, ungestört, viel ruhiger als jetzt! Peter, sag ja, heute noch ja, du mußt ja sagen!« Ein dichter schwarzer Vorhang sank nieder vor Peter Cornelius' Blick, eine dunkle Gewalt umschnürte ihm Hals und Brust. Vor ihr starb Denken und Begreifen. Er mühte sich, den Sinn der Frage zu verstehen, eine Antwort zu formen. »Sag' ja, Peter, du ahnst nicht, welche Freude du mir machen würdest, ich wäre ganz glücklich! Sag ja, heute noch! Ich brauche dich! Du mußt bei mir bleiben!« Bleiben, hier bleiben. Aufgehen in der fremden, ungeheuren Macht, mit des andern Hirn denken, mit seinem Herzen fühlen, das würde das Ende sein. Und die eigene kleine, zarte Welt würde zerstäuben wie der arme Leib der Motte. »Ich kann nicht! Ich kann nicht!« keuchte er. »Warum? Es hält dich doch nichts! Und ich sagte dir doch, ich habe alles vorbereitet. Warum willst du nicht?« Peter Cornelius hörte nicht das Bangen, das in der befehlsgewohnten Stimme mitschwang. Nichts hörte er, als das Brausen der Flut, die ihn erstickte. Er schrie: »Weil, weil du mich erschlägst, weil ich an dir zu Grunde gehe! Laß mich doch leben! Leben, leben will ich!« Die Worte verglitten. Ein flehender Klang zitterte nach. Wildes Schluchzen warf den Leib. Wagner war zurückgeprallt vor dem Ausbruch, den er nicht faßte. Nun, da der Freund in doppelte Schwachheit sank, regte sich das Mitleid des Starken. »Aber, Peter, was sprichst du denn! Ich will dich erdrücken? Wodurch hab ich den Vorwurf verdient? Bist du nicht der Einzige gewesen, dem ich mich ohne Rückhalt erschlossen habe? Hast du nicht jedes Werk von seinem ersten Keim an wachsen sehen? Hab ich nicht teilgenommen an deinem Schaffen? Peter!« Peter Cornelius fühlte die Liebe, die aus diesen Fragen sprach, fühlte die gewaltige Hand, von dieser Liebe zur Zartheit gemildert, auf seinem Haupte. Fühlte, daß diese mitleidige Liebe ihn nicht emporhob, sondern in immer qualvollere Tiefen zwang. Aber er hatte nicht mehr die Kraft, sich dagegen zu stemmen. Sehnsucht ergriff ihn, nach dem Ende dieser Qual, nach dem Nichts. Ganz vergehen, sich nicht mehr fühlen, seinen ringenden, armen Atem verhauchen in des Großen die Welt erfüllenden Sturm! »Verzeih, ich weiß nicht mehr, was ich sage! Eine augenblickliche Verwirrung, meine Nerven sind ein wenig mitgenommen. Jetzt hab ich mich wieder in der Hand.« »Ist schon gut, weiß alles. Und jetzt gehst du schlafen; komm, ich führe dich in dein Reich, das du hoffentlich recht lange, vielleicht für immer, beherrschen wirst!« »Nein, bitte, nicht schlafen gehen!« bat Peter Cornelius wie ein Kind. »Bitte, spiel mir vor! Ich sehne mich nach deiner Musik! Spiele, Richard, meinetwegen! Jetzt brauch ich dich!« Peter Cornelius löschte die Lichter. Ins Fenster trat der Berg. Um das bleiche Tyrannenhaupt schlangen kalte Sterne ein Diadem. In wollüstiger Gier nach Vergehen trank Peter Cornelius das Bild in sich. Und dann türmte sich ein zweiter Berg, auf den Grundmauern der Bässe wuchs das strahlende Gletscherlicht des Melos in den Himmel auf, Sterne umkreisten sein Haupt, das furchtlos in Gottes Antlitz sah. Einmal noch zuckte des Hörers Lebensflamme in letzter Angst, dann ertrank sie im ungeheuren rauschenden Licht. Schon eine geraume Weile schwieg die Musik, als Peter Cornelius sich dieses Schweigens bewußt wurde. Aus den Wassern der Betäubung auftauchend, fühlte er sich staunend neu, dem Dunkel der letzten Stunden nur durch ein zartes, schmerzloses Erinnern verbunden. Er erhob sich, jeder Schritt, jedes Regen der Hand war eine Äußerung dieses neuen Lebenswillens. Das erste Traumgrau des Morgens durchwob den Raum, unhörbar der Atem der Welt. In ihm verfloß der Atem des Schlummernden. Wagner lag, von schwerer Müdigkeit gefällt, zurückgeworfen im Sessel, die Glieder erschlafft und verkrümmt. Im ungewissen Nebellicht schwamm das Antlitz. Leise trat Peter Cornelius zu ihm. Sah die verfallenen Wangen, die spitze Nase, die zerquälte Stirne im Banne tödlicher Erschöpfung. Tief grub sich dies Bild in des Schauenden Sinn, verdrängte alle Erinnerungen an den Übermächtigen, schmerzvoll Umworbenen, Geflohenen, fast Gehaßten. Das letzte Dunkle des Ich überwindend, wuchs ein Mitleid aus dem Erschütterten, das sich ganz zu übermächtiger Liebe wandelte. In unendlicher Zartheit streichelte er die bleigrauen Wangen, die erschlafften Hände, rückte den Sessel an das Ruhebett, bettete den Müden, hüllte ihn in Decken, ein dankbares Aufatmen, ein Entspannen der Züge zur Erlösung segnenden Schlafs. Reglos saß Peter Cornelius an dem Lager, dem Wesen des Andern hingegeben, nichts als selig wachende Sorge. Ihm war, als sei diese Stunde befreit vom Gesetz des Vergehens, der Ewigkeit gegeben. Heller tönte sich das Gespinst des Morgengraus. Der erste Vogel rief. Der Wachende hörte ihn nicht. Es rief zum andern, zum drittenmal. Nun drang der Urlaut in das erschlossene Herz. Das Herz verstand ihn. Der Vogel rief, warnte. Brangänens Wächterruf. Die Stunde war nicht ewig. Ein Morgen kam. Die Liebe verbrannte in seinem Schein. Qual, vergebliches Ringen, Vergehen und Haß. Unerbittlich klar klang der Ruf des Vogels. Peter Cornelius wußte, er mußte gehen. Auf immer. In dieser Stunde, die voll Liebe war. Noch einmal umfing sein Blick den Schlafenden. Seine Lippen rührten ehrfürchtig die Stirne, das Tor, das Qual und Glück seines verklungenen Lebens verschloß, und folgte dem Ruf, der immer wieder aus dem Märchen des Morgens drang. Nichts als der Sang des Vogels und der Schritt des Menschen. Unsichtbar, von Nebeln verhüllt, der Berg. Nun drangen Bäume freundlich nah aus dem Schleiermeer, wehten grüßend, sangen mit der Stimme unsichtbarer Vögel. Nun fühlte des Wanderers Fuß die Weichheit der Wiese. Nun schwiegen auch die Vögel in der letzten tagnahen Stille. Ehrfürchtig erstarb des Wanderers Schritt, dankbar zog ihn die Erde an sich, in die kühle, grüne Weichheit. Eins mit allem, fühlte er das klare verkündende Wehen, das erste warme Gold floß über seine Lider, wie über die Blumen und Halme. Mit dem süßen Sonnenduft erwachte die Musik der Bienen. Aus der treuen Sicherheit ihres unabänderlichen Summens erblühte dem Beglückten eine Melodie, nur ihm zu Eigen und dem kleinen Stücklein Welt, das sein war und dem er angehörte. Nichts wollte er hören, als dieses Lied und den von keinem Geschehen gestörten zarten Orgelton, nichts fühlen, als den eng gebannten Hauch des Windes und die Gräser und Blumen, dieses Hauches selig ergebenes Spiel. All das verschloß er andächtig in seinem Herzen zu dauerndem Besitz. Und wußte, daß nun Gott darin lebte, der aus dem Wehen des kargsten Halmes spricht, wie aus dem Glanz der Sterne. Der Gott in Flammen Anton Bruckner war der seligste aller Menschen. Im letzten Lichtschein des Februartages hatte er die letzte Note seiner neuen Symphonie geschrieben, und nun mit dem sanft einsinkenden Dämmern, auf den Purpurwolken seiner verklingenden Vision schwebte Gott selbst in den kargen Arbeitsraum nieder, Gott, dem ja jeder Klang in Bruckners Seele geweiht war, Gott, um den er gerungen hatte im Auf und Nieder des Schöpferglücks und -leids. Nun, da das Werk vollendet, kam Er ungerufen, aus freiem herrlichen Willen, segnete ihn und verkündete ihm mit einer Stimme, die süßer und mächtiger klang als die Wunderorgel von Sankt Florian, daß Er ein Wohlgefallen habe an Seinem Knecht und daß dessen Werk Friede und Erlösung spenden werde Allen, die eines guten Willens sind. Erwählt! erwählt! widerklang es in dem Verzückten, vor Allen erwählt, Gottes Liebe zu künden, die Menschen zu erhöhen, ihnen das Brot des ewigen Lebens zu schenken! Vorschmack des Himmels, unnennbares, kaum in Tönen zu formendes Glück! Anton Bruckners übermächtige Seelenkraft ermattete ins Irdische zurück, Gottes Bild löste sich ins immer tiefere Dunkel. Ein Geräusch vom Hausflur scheuchte den letzten berauschenden Himmelsklang. Näher rückten die Wände, umzwängten Bruckners Brust und Herz gleich drohenden Höllengestalten. Er griff nach Kerze und Zündholz, das Flackerlicht formte huschende Reflexe und Schatten über die Mauern hin. Im Abendwind, der durch die Fensterritzen strich, hob und senkte sich die Flamme. Leckte wie ein gieriges Tier nach den hochgeschichteten Bogen des Manuskriptes. Bruckner erschauerte. Furchtbarer Gedanke, daß die Flamme, die stumpfe, tierisch-blöde Flamme, Macht gewänne über Gottes Geist! Er löschte die Kerze, sah starrgebannt auf den niederglimmenden Docht. War nicht ein Funke übergesprungen? Die zitternde Hand tastete, strich über die Blätter. Nein. Kühle, reine Gotteskühle lag darüber ergossen. Wieder nahten die Wände, engten ihm den Atem, Sehnsucht nach reiner Luft überfiel ihn. Nach dem Wind, der nun über die schneeverwehten Felder Sankt Florians strich, nach der weiten Schau über das Heimatland, bis zu den Bergen des Salzkammergutes. Fern war die Heimat. Aber die große Heimat, der Himmel, der wölbte sich auch über dem feindlichen Steinmeer der großen Stadt. Die ersten Sterne traten tröstend ins Fenster. Noch einmal witterten Bruckners Nüstern nach tückischem Brandgeruch. Nichts, nichts, er konnte gehen. Sein von Gott geschenktes Kind lag wohl behütet, engelrein auf seinem Arbeitstisch. * * * * * Gedränge füllte die Heßgasse. Eine Weile trieb der Einsame im Strom. Das Ringtheater prangte im Lichterschmuck. Ein wenig Bitterkeit stieg auf in Bruckner. Er dachte an das kleine Häuflein Getreuer, das seine Konzerte füllte. Ja, zu der neuen Oper, in deren zweitem Akt -- das hatten ihm seine Schüler erzählt -- es von halbnackten Weibern nur so wimmelte, da rannten die Leute wie besessen und prügelten sich um die Karten! Der ahnungsschwere den nahen Vorfrühling kündende Wind rührte ihn wie eine mahnende Hand. Aber, aber, was waren denn das für Gedanken! Heute, da Gott selbst ihn gesegnet, heute dachte er an Menschengunst und irdischen Ruhm! Heimlich schlug er die Brust, die Lippen murmelten ein Stoßgebet, erbaten Vergebung für die Sünde der Weltlichkeit. Der Menschenschwall ließ ab von ihm, befreit ging er die stiller werdende Ringstraße nieder, immer weiter, weiter, bog nach dem Kai ein. Der Donaukanal rauschte ihm zu Füßen wie ein sicherer Orgelpunkt, und über ihm leuchtete Gottes unendliches, in tausend Akkorden klingendes Melos, der Sternenhimmel. Seine Symphonie klang aus den Wellen, leuchtete in den Sternen. Ihre Töne füllten die Welt, hoben Anton Bruckner auf ihre erzenen Flügel, trugen ihn, immer höher, höher zu Gott empor. Nahe, ganz nahe war er dem Herrn. Erwählt, erwählt vor Allen, den Menschen ein sichtbares Zeichen der Güte Gottes zu bringen, sie zu beglücken, von irdischen Fesseln zu befreien, emporzuführen zu Gott! Gottes Güte durchwogte wie ein warmer Strom sein Herz. Er war gut! Beseligender Gedanke: Er war gut! -- -- -- Ein Purpurschein im lieblich weichen Gegensatz zu den scharf gezackten dunklen Dächern floß über den Himmelsrand. Bruckners seliges Auge trank die milde Glut. War es der Bogen des Friedens, das Zeichen des Bundes, den Gott mit ihm geschlossen? Da schlägt es hoch. Ein jäher Blitz, Flammen über den Giebeln, Lärm braust auf, Feuersignale aus der Ferne, näher, näher, Wagen rasseln, Fenster öffnen sich wie erschreckte Augen, Türen, wie Lippen zu entsetzter Frage. Starr steht Bruckner. Um ihn beginnt ein Fluten, hin und wider. Erst allmählich faßt er Worte und Rufe: »Feuer, Feuer!« »Wo, wo?« »In der Wipplingerstraßen!« »Nein, beim Burgtor!« »Nein, die Museen brennen!« »Die Oper!« »Das Rathaus!« »Die Votivkirchen!« Aber nun wälzt es sich anschwellend heran, ein Wort, das bleibt, das schwillt, alles übertönt, Schreckensschrei der Tausende wird: »Ringtheater, Ringtheater, Ringtheater!« Für Bruckners schwerfällig arbeitendes Hirn ist es vorerst ein Schall ohne Sinn. Langsam wird er zum Begriff. Theater. Hundert, aberhundert Menschen. Aber: Ringtheater, Ringtheater! Gegenüber sein Haus! Sein Arbeitszimmer. Sein Klavier, die Zimmerorgel. Alles versinkt. Nur eines bleibt: Auf dem Tische ein Stoß weißer engbeschriebener Blätter. Sein Manuskript! Manuskript. Die Füße versagen. Bunter Schwindel blendet sein Auge. Der alte Herr umklammert einen Laternenpfahl, von der Menschenwoge umbraust. Dann aber durchreißt ein ungeheurer Wille seinen Leib. Retten, retten! Das eine nur! Der Strom treibt ihn, schwemmt ihn fort als kleine Welle. Weiter, weiter! Nun biegt die Flut, ergießt sich in den Ring. Ein Aufschrei. Ein gelbrotes brüllendes Untier. Das brennende Haus. Aber inmitten von Brüllen, Johlen, Kreischen, Heulen, inmitten ziellosen Irrsinns ein Wille. Der wächst, wächst auf zu immer höherer Kraft. Die trockenen Lippen beben: »Lieber Gott, du lieber Gott, Vater unser, der du bist im Himmel, dös kannst net wollen, dös kannst net wollen, na, dös net!« Aber die Fäuste ballen sich, Bauernfäuste bahnen sich einen Weg, ohne Bedenken, ohne Rücksicht. Die ersten Bahren zwängen sich durchs Gewühl. Bruckner sieht sie nicht. Jammerschreie gellen aus unnennbarer Not. Bruckner hört sie nicht. Er sieht nur sein Haus, sein Fenster. Feuergrell flammt es im furchtbaren Widerschein, nun schlagen rotschwarze Wolken darüber hin, hüllen es ein, geben es wieder frei. »Lieber Gott, Du lieber Gott«, betteln die Lippen, die Fäuste ballen sich zur letzten Kraft. Das Haustor, die Treppe. Immer noch beben die Lippen, immer noch stoßen die Fäuste, taumeln ins Leere, drei-, viermal entgleitet der Schlüssel den zitternden Händen. Endlich! Das Zimmer! Das Klavier, die kleine Orgel, der Tisch. Und darauf, unversehrt, weiß, nur ab und an vom Widerschein der Flammen überhuscht, der Schatz, das Manuskript. Bruckner reißt es an sich, preßt es ans Herz wie ein Kind. »Du lieber Gott, Du lieber Gott«, beben die erschlaffenden Lippen. * * * * * Nachtkälte kriecht in ihm auf, Morgenkälte schon. Erweckt ihn. Dunkel das Zimmer, seltsam fremd die Dinge ringsum. Zuweilen noch leuchten die Fensterscheiben im düstern Rot, das immer matter verbleicht, der Straßenlärm dämpft sich, vergleitet. Bruckner fühlt, sein Werk ist gerettet. Gott hat ihn gehört, Gott liebt ihn. Er ist erwählt, ein Wunder ist an ihm geschehen. Erwählt vor Allen ist er. Behutsam bettet er das Manuskript wieder auf seinen Platz zurück. Kalt, kalt ist's. Fremd die Dinge. Die Wände rücken drohend heran wie schwarze Tiere, als wollten sie seine Brust zerpressen. Gott hat den Raum verlassen. Aber draußen lebt Er. Bald wird Er aufsteigen, groß, gewaltig im neuen Tag. Bruckner tritt in die Gasse. Vor ihm ein dunkles, da und dort noch aus schwälenden Feueraugen glotzendes Tier. Erst jetzt erkennt er ganz das Furchtbare, erst jetzt weiß er, was geschehen ist in dieser Nacht. Die Fäuste umklammern den Torpfosten, die Lippen beben, aber sie sprechen kein Wort, wagen es nicht, Gottes Namen zu formen. Der erste graue Morgenschein gießt seine kalte Hoffnungslosigkeit über das Bild. Ein paar Feuerwehrleute graben noch in den Trümmern, die letzten Toten werden auf Bahren gebettet. Einen stellen sie dicht vor Bruckner nieder. Nur Füße und Leib weisen Wunden, ehe die Flamme das Gesicht ergreifen konnte, hat man den umsonst Geretteten geborgen. Eine niedere, stumpfe Stirne, grobe Züge. Nur die Augen. Man hat sie noch nicht geschlossen. Ungehemmt starren sie Bruckner entgegen. Hart, anklagend, voll von einer zerschmetternden Frage. Die Feuerwehrleute sehen schweigend in das versteinte Antlitz. Endlich sagt einer leise: »Den kenn i, dem armen Teufel hätt i's Leben vergunnt. Sechse hat er aus'm Feuer g'holt, bis's ihn selber derwischt hat!« Dann heben sie ihn auf, tragen ihn fort. Die Augen bleiben. Starren Bruckner entgegen, aus allen Ecken seines morgenfahlen Zimmers. Auf den Bogen des Manuskriptes liegt ihr harter Glanz, wie feurige Weißglut. Die frißt sich in Bruckners Augen, daß er sie schließen muß, ganz fest schließen. Er verwühlt das Gesicht in die Hände, und ist kleiner als der geringste Knecht vor Gott, in dessen Unergründlichkeit der anklagende Blick des Toten versinkt. =Ecce homo!= Meiner Tochter Hanni! Als Tilman Riemenschneider das Fenster der schwülen Schlafstube öffnete, stieß ihm ein Wind entgegen, wie eine Faust, daß er taumelte. Als er, wieder gefaßt, sich weiter hinaus beugte, lag die Gasse, die Stadt, der Himmel still. Kaum merkbar schlichen die Wolken, der Wetterhahn auf dem Eckardsturme regte sich nicht, die Faust stieß nicht zum zweiten Male nach seiner Kehle. Aber er fühlte ihren Druck. Mühsam würgte er im Verein mit Weib und Kindern die Frühstückssuppe. Von einem zum andern ging sein aufgestörter Blick. Das tausendmal Gesehene hatte schon seine Bildkraft verloren und sich längst ins gestaltlose Alltagsgrau gelöst. Heute tauchte es aus dem Nebel, gewann Linie und Form, drängte sich vor zu schmerzender Überdeutlichkeit. Seines Weibes langweilig gedehntes, lebensstumpfes Gesicht, dessen Mund sich im Schlürfen träge, fast widerwillig öffnete, die ältere Tochter, ihr ähnlich, wenn auch noch täuschende Jugend über den Zügen lag, die jüngere, rund, grundlos lächelnd, dumpf-zufrieden, der Sohn nur dem Genuß der Speise verfallen, sie alle aber ihrem Schicksal ergeben, nicht von dem leisesten Willen beseelt, es zu ändern, unter der Macht einer unsichtbaren Faust. Nun fühlte Tilman Riemenschneider, auch er war wie die andern. Auch er löffelte seine Suppe wie alle Tage, brach das Brot mit derselben Geste. Mühsam löste sich sein Blick, quälte sich höher, kroch die Wand hoch zur niederen Decke, da, da schwebte die Faust über ihnen, bildhaft, wie von ihm selbst gemeißelt, mit Poren, Rinnen und Adergeflecht, und doch hoch über ihm, gewaltig, ihn bedrohend, beherrschend, daß er, demütiger als die andern, das Haupt senkte, sich niederduckte ins Grau des unmutig zähe fließenden Lebens. Wieder fühlte er den Druck der Faust an seinem Hals, er warf den Löffel auf den Tisch, sprang auf. Frau und Kinder sahen ihm nach, schüttelten den Kopf. Dann aßen sie weiter. Tilman Riemenschneider betrat seine Werkstatt. Es war noch früh am Tage, ein einziger war schon an der Arbeit, der neue aus dem Schwäbischen zugewanderte Geselle, der erst gestern bei ihm eingestanden war. Er grüßte nur kurz und schnitzte weiter. Tilman Riemenschneiders Blick prüfte ihn heimlich, umfaßte die eifrig aber ruhig arbeitende Hand. Der Meister nickte. Da hatte er einen guten Fang getan! Der verstand das Handwerk! Der setzte nicht zu scharf an, grub nicht zu tief, hatte das Schnitzmesser in festem Griff, das war kein Geselle mehr, ein Meister war's! Nun bot sich die einen Augenblick überlegend rastende Faust deutlicher, bildhaft mit Poren, Rinnen und Adergeflecht. Ein jähes Erschrecken durchschoß Tilman Riemenschneiders Leib. Das war doch, ja und tausendmal ja, die Faust, die er heute morgens schon gesehen, die über allem schwebte, drohend, allmächtig, unerbittlich! Ach, Torheit, eine Hand wie alle andern! Nein, nicht wie alle andern, der Meister verstand sich darauf, sein bildhaftes Sehen konnte nichts trüben, es war dieselbe Hand in allen nur dem kundigen Blick erkennbaren Einzelheiten. Der Geselle wandte sich, nicht hastig, aber stark, mit sicherem Ruck, sah dem Meister ins Gesicht und lächelte. Ein wissendes Lächeln war's, als kenne er jeden Gedanken des andern. Der Meister fühlte heißes Rot in seine Wangen steigen, hub an mit überlauter Stimme die Lehrjungen zu schelten, die sich verspätet hatten, dann trat er an seinen Tisch, riß die Hülle von seinem Arbeitsstück, seine Hand umpreßte das Werkzeug, in der Berührung des vertrauten Dinges Ruhe und Kraft zu finden. Er fand sie nicht. Die Hand zitterte, fühlte das Schnitzmesser, das ihn sonst ein Glied des Leibes dünkte, als etwas Fremdes. Mit aller Kraft zwang er sich, setzte es an das behauene Stück, aus dem die Züge eines Christuskopfes tauchten. Lange hatte der Bildner den Plan zu diesem Werke in sich getragen, ehe er gewagt hatte, es in Angriff zu nehmen. Er wollte in diesem =Ecce homo= sein Bestes und Letztes geben, etwas, das noch keinem vor ihm geglückt war. Das Antlitz des Herrn sollte nicht nur den leiblichen Schmerz des Gepeinigten tragen, aus tiefster Seele sollte er aufblühen, wie eine Passionsblume, ganz Seele werden sollten die Züge des Dulders. Aber nicht nur sein Schmerz sollte daraus sprechen, das Leid Aller, der Menschheit, der Welt, das Leid des Schaffenden und von seiner Schöpfung getäuschten Gottes wollte der Künstler aus dem spröden Holze wecken. Die Hand setzte an, zwang sich zu schürfender Kraft, glitt ohnmächtig nieder. Tilman Riemenschneider starrte auf sein Werk. Nur als Oberfläche bot sich ihm des Heilands Antlitz, als eine erstarrte Maske, die sein Blick nicht durchdrang. Äußerlich alles, kein Zug, der aus dem Innern geformt schien, weltenweit das Erreichte von dem, was dem Meister in seinen vorschaffenden Träumen aus dem brauenden Chaos sich geformt hatte. Ein feiger Trost tauchte auf: Warte auf eine bessere Stunde, morgen schon vielleicht wird es dir gelingen. Der Trost versank vor der unheimlich harten Erkenntnis: Die Stunde wird nicht kommen. Nie wird es dir gelingen. Du stehst am Ende deiner Kraft und Kunst. Tilman Riemenschneider hörte die Mittagsglocke nicht, nicht den Lärm der Gesellen und Lehrjungen, die ihre Arbeit verließen, er saß reglos, selbst einer gemeißelten Statue gleich, das Messer zwecklos in der schlaffen Hand, der Blick im Banne des starren Werkes erstarrt. Er hatte den Schritt nicht gehört, die stille Nähe des Andern aber schlich in seinen Körper, durchfloß ihn als wachsende Unruhe, die ihn endlich zwang, sich zu wenden. Die Unruhe schoß aus allen Adern zum Herzen, ballte sich zu jähem Erschrecken, als er den neuen Gesellen vor sich sah, der allein in der Werkstatt verblieben war. Tilman hatte einst zu seiner und der Seinen harmloser Freude unter den Gestalten eines Altarschnitzwerkes auch sich selbst geformt und seit diesem Tage war ihm sein Antlitz in allen auch den geringsten Zügen gegenwärtig. Nun sah er, was ihm gestern im unsicheren Abendlicht nicht zu Sinn gekommen: der Geselle war ihm ähnlich. Aber diese Ähnlichkeit war nicht vertrauenspendend, sondern furchterweckend, denn an dem Andern war alles ins Scharfe, Unerbittliche gesteigert, was sich in des Meisters Zügen nur in gefälligem Keime bot. Wölbte sich des Meisters Stirne leicht und eigenartig aufwärts, so sprang die des Gesellen vor wie ein drohender Fels; gab die leichtgebogene Nase dem Alten etwas Starkes, Entschiedenes, so krümmte sich die des Jungen wie ein grausamer Adlerschnabel, trug Tilmans Blick leuchtende Festigkeit, so grellte es zuweilen aus Hans Bermeters Auge wie ein pfeilscharfer Blitz. Der schlug in Tilman Riemenschneiders Herz und hielt es fest. »Euch will das Werk heute nicht recht von der Hand gehen, Meister?« Der Bildner wollte auffahren, der Zorn erlosch, tiefer in den Bann vergleitend, nickte der Meister. »Wie langt lebt Ihr in dieser Stadt?« »Wohl die vierzig Jahre.« »Allimmer auf demselben Fleck?« »Nein. War zweimal in Nürnberg, einmal in Frankfurt, in Männerstädt, Greglingen, Rothenburg, als ich die Altare schnitzte ...« Hans Bermeters Mund verzog sich zum Spott, die Hand schlug verächtlich: »Das ist kein' Pfennigs wert. Wart Ihr nie über den Alpen, in Wälschland, in Paris?« Langsam, in müdem Nachsinnen, schüttelte der Alte den Kopf. Ja, diese Länder waren manchmal in der Stille des Morgens oder Abends, wenn die pflichtgebannte Seele sich im verschwimmenden Dämmern lösen durfte, vor ihm über den blauen Grenzbergen erstanden als seltsamer Wolkentraum, der alsbald wieder im Graunebel des Tages ertrunken war. Hans Bermeter ließ ihm nicht Zeit, sich dem Erinnern hinzugeben. »Wie viele Jahre lebt Ihr in Euerm Ehstand?« Tilman Riemenschneider zählte mühsam. Es war eine graue, unbewegte Flut, aus der sich erst allmählich die Jahre aufrangen, wie stumpfe Straßenbäume aus zähem Nebel. »Geht auf fünfunddreißig, vermein' ich.« »Und habt nie in der langen Zeit mit andern Frauen zu schaffen gehabt, seid immer im selben Bette gelegen?« Tilman Riemenschneider riß an der bannenden Fessel. »Wie fragt Ihr? Wißt Ihr nicht, daß ich ein ehrsamer Bürger bin?« Was kam dem Kerl bei? Wer gab ihm das Recht? Wer ihm das Recht gab? Er, er selbst, er selbst fragte ja, kein Fremder stand vor ihm, nur ein seltsames Abbild seines bisher verborgenen Wesens. »Ein ehrsamer Bürger sein, das mag einem Schuster ein hohes Ziel dünken, Ihr seid ein Künstler ...« Ein Künstler. Zuweilen war dies Wort in ihm aufgegaukelt, wie ein bunter Schmetterling. Er hatte den lockenden verscheucht, in Sorge, den Stand auf festem Boden zu gefährden. »Nein, nein,« wehrte er ängstlich, »will nichts sein, als ein ehrlicher Handwerker.« »Das lügt Ihr, Meister, Ihr wollt mehr sein! Wäret Ihr ein Handwerker, Ihr wäret zufrieden mit dem braven Schnitzelwerk da! Ihr seid's nicht! Und werdet's nie sein! Nie werdet Ihr weiter kommen! Da,« er riß den Judaskopf hoch, den er heute in erstaunlich kurzer Zeit zu halber Vollendung gefördert. »Da, seht Ihr das gierige Auge, den lauernd gepreßten Mund? Vermeint Ihr, ich hätte das vermocht, so ich nicht das Leben in mich gefressen hätte? Hört Ihr's nicht, fühlt Ihr's nicht? Um Euch braust es und rauscht es, und Ihr verkriecht Euch davor in eine dumpfe Kammer und ein muffig Bett. Ich mein's Euch gut, Meister, glaubt mir! Kommt heut zu Nacht mit mir, ich weiß Euch einen Ort, zwei Gassen weit von hier, da soll Euch manches offenbar werden, davon keiner der Ehrsamen einen Hauch verspürt hat! Kommt, vertraut mir, Meister, zu Eurem Heil!« Die letzte Mittagsglocke schwang aus, zur Stille. Aus ihr kroch Angst auf. Mit letzter Kraft löste der Alte den Blick frei. »Kommt, sie werden unser schon warten mit dem Mittagbrot!« würgte er, drängte an dem Gesellen vorüber die Treppe nieder. -- -- -- In der tiefen Nacht erwachte Tilman Riemenschneider von einem Ruf. Mochte wohl ein Traumklang gewesen sein, aber der Nachhall hing noch im ungeheuren schwarzen Schweigen, als ein rätselhaftes Tönen. Es rief, rief ins Weite, Ungewisse. Aber die brennende Enge, die stumpfen Atemzüge der Frau, der Kinder hielten ihn fest. Der Ruf verglitt in Farbe, in ein leuchtendes Rot, das den Horizont seines neuen Traumlands umsäumte, wie eine Feuersbrunst. -- -- -- Am andern Morgen mied er Hans Bermeters Blick. Auch nahm er nicht die gestern unterbrochene Arbeit an dem Christuskopfe vor, sondern machte sich da und dort an geringen Dingen zu schaffen. Als er des Nachts im Ehebette lag, ertönte wieder der Ruf. Er brach nicht mehr aus dem Traum. Überwach lauschte der Meister. In unverminderter werbender Kraft klang es fort. Ein purpurnes Licht erhellte den dunklen Raum, wie der Widerschein eines Brandes. Weiten Auges starrte Tilman Riemenschneider in das erschreckende Wunderlicht, in seinem Ohre rauschte der klingende Ruf. Düsterrot tönte sein Blut ihm zu Häupten, sein Denken flog auf in die freie Welt, fiebernd quälte sich der Leib. Bis er dem Geiste folgte, dem Tönen nachschritt durch das rote weisende Licht. -- -- -- Das Licht erlosch. Das Klingen schwieg im dichten Rauchnebel der Kellerschenke. Tilman Riemenschneider hielt in der Türe. Eben wollte er, langsam zur eigenen Entschlußkraft zurückfindend, sich entfernen, da stand Hans Bermeter vor ihm, zog ihn an einen Tisch, an dem zwei Weiber saßen. Des Verwirrten Auge unterschied ihre Züge und Formen nicht, ihm war, als seien sie nur zu seltsamer Dichte geballte Gestalten des alles erfüllenden Dunstes, der ihm die Augen trübte, den Hals schnürte. Bald fühlte er nichts, als das ängstende Würgen, Worte und Lachen der andern verklangen fern, ihm war, als sinke er ins Vergehen. Immer dichter umschnürte der graue Ring den Hals. Die Hände tasteten nach dem Glase, das Hans Bermeter ihm gefüllt hatte, bebten es zum Mund, unter der Kraft des rinnenden Weines weitete sich der schnürende Ring, ließ ab von ihm, verschwebte, löste sich im Grau, das lichtete sich, Nebel im wachsenden Frühschein. Aus dem Weine leuchtete es auf, wie Morgenrot, die Becher klangen feinen Ton, jenem gleich gestimmt, der ihn gerufen, nur zarter, ruhiger, nicht mahnend, sondern ihn umwebend zu ruhigem Beharren. Aus den sinkenden Schleiern wuchsen die Gestalten: Hans Bermeter, vertrauter als sonst, die scharfen Züge hatte das neue Licht erweicht, dann die beiden Frauen, die Lippen rot wie der wachsende Schein, ihr Lachen fügte sich in den fein gestimmten Klang. Der Rhythmus des Klanges durchfloß seinen Leib, löste ihn ins allgemeine weiche Schweben. Seine Hand glitt, fühlte warme, lebendige Form. Strich über einen Arm, eine Schulter, einen schlank aufblühenden Hals, eine fruchtweiche Wange. Gewann langsam darüber Herrschaft. Sein Werk wurde es, von seiner Hand geformt. Er mühte sich nicht wie sonst mit harter, schürfender Qual, göttlich leicht erstand es unter seiner zarten Berührung. Ward im Augenblick so herrlich, wie er es nie im Fernsten erreicht, wie es ihn nur zuweilen in lähmender Weite gehöhnt hatte, erwachend und sterbend im jammervollen Grau. Nun wuchsen die Gestalten seines Schaffens auf, verklärt, ohne Makel, durchblutet mit höchstem Leben, Eva, Maria Magdalena, nicht die büßende, nein die heiße Sünderin, die einer ganzen Welt Freude schenkte, weil in ihr eine Welt voll Freude war. Eine Welt erstand unter ihrem schwesterlich winkenden Arm, liebliche Frauengestalten, in Duft getaucht, ihre Brüste wie Knospen, ihren Schoß wie den dürstenden Blütenkelch ihm bietend. Unter ihrem Fuß wuchsen Blumen, ihnen gleich an Lockung und Lieblichkeit, regten sich im Tanzschritt, verbanden sich zu Kränzen und Girlanden, Bilder der perlenden Töne, die alles erfüllten, der Musik, der alles sich hingab, von ihrem Zauber getragen, schwerelos zu schweben, befreit von Körperlast, Duft und Ton zu sein. Aus dem Weine flammte es, rubinrot, scharlachen, feurig in das zarte Weiß, zu tausendfachem Farbenspiel. Was je eines Menschen, was Gottes, was Satans Auge entzückte, das wies sich überreich dem Auge des trunkenen Künstlers. Und er war zum Herrn darüber gesetzt, seiner Hand, seinem Herzen, seinem Hirn entquoll es, sein Werk war es, sein über alles herrliches Werk. Nein, es sollte nicht sein Werk sein; das Trennende, das zwischen Schöpfer und Geschöpf lag, begann zu schmerzen. Ein Teil des Unfaßbaren werden, ganz darin vergehen, nichts mehr fühlen, als das beglückende, tönende Rauschen und den letztes Besinnen tötenden Duft! Seine Hand gleitet über das atmende Glück, faßt es, die pulsende Stirn verwühlt sich, sein Leib sinkt, taucht auf und nieder im Takt der Musik und ertrinkt im Meer. -- -- -- * * * * * Aus diesem Meere tauchte er auf, als er des Morgens erwachte. Aber das Rauschen umklang, erfüllte ihn, machte seinen ersten Schritt in die gewohnte Umgebung zum trunkenen Taumeln. Fremder noch als in den verflossenen Tagen, unfaßbar fremd war sie ihm heute. Die Wogen seines Blutes schlugen an Wände, Dinge, Menschen, prallten ab von ihrer Stumpfheit, drangen wieder in Tilman Riemenschneiders Wesen zu doppelter Gewalt. Von ihr erfüllt, betrat er, die Werkstatt meidend, die vom alltäglichen Treiben mäßig bewegte Stadt. Weiter greifend schlugen die Wogen aus ihm, aber wieder brachen sie sich, kehrten zurück, füllten, umflossen, schieden ihn von allem, was ihn umgab. Fremd, furchtbar fremd alles, alles: die schlichten Menschen, deren Mienen, die traulichen Häuser, deren Giebel sich zu hölzernen Fratzen verzogen, so unnahbar, ungreifbar, wie das kläglich verlassene Werk seiner ohnmächtigen Hand. Erst als der Hastende das Tor durchschritten hatte, als sein Fuß weichen Wiesenboden und seine Stirne ungehemmten Freiwind fühlte, ruhigte sich das Brausen seines Blutes, fügte sich allmählich in den Rhythmus der windbewegten Welt, der ersten Gräser ihm zu Füßen, der singenden Bäume über seinem Haupt, der stumm ziehenden weißen Wolken, die kündeten, daß der Atem des Windes Macht habe über Erde und Himmel. Lange wanderte er Wege, die er zum ersten Male betrat, bis der Laut des eigenen Schrittes ihn störte. Er hielt, sank nieder, dehnte sich, sein Ohr trank das Lispeln der Gräser, sein Auge suchte durch die sicher bewegten Äste die letzte Unrast lösende gleitende Ruhe des Himmels. Vor dem Ruhenden stieg ein Feld an, dessen Kimmung die Schau schloß. Tilman Riemenschneiders Blick sank nieder aus dem Wolkengleiten auf die braune, zu einem Teile von frischen Furchen durchzogene Erde, fremd schied sich das aufgewühlte Land von dem glatten in herber Verschlossenheit harrenden. Bis auch darein zeugend die Pflugschar schlug. Jäh, aus der Verborgenheit tauchend, blitzte sie auf, ihr Lichterspiel übergrellte den Lenker. Erst als er in den Schatten des nahen Holzes trat, ward er dem Schauenden deutlich. Gebückt schritt er, aber nicht demütig-schlaff, eine unterdrückte lauernde Kraft sprach aus den krampfig-gepreßten Armen, dem breiten, tiefeingrabenden Schritt. Weiter, weiter fraß sich die Furche, wie eine Wunde. Einen Augenblick rastet der Bauer, erweicht sich die qualvollgedrungene Gestalt. Da, eine zweite neben ihr, aus dem Dunkel des Holzes stößt sie auf, eine Geißel schnellt hoch, durchzuckt das weiße Wolkenbild, fällt nieder auf den Rücken des Müden, verschwindet, mit ihr der Fronvogt. Tiefer in sich versunken, gräbt der Pflüger seine Pein in die Erde. Schielt tückisch-spähend, ein lauerndes Tier, seitwärts, bis der Mann mit der Geißel seinem Blicke ganz entschwunden ist. Dann wächst er langsam, mühevoll aus seiner Niedrigkeit, die Arme heben sich, verkrallte Fäuste stoßen in den Himmel. Der Wind verwühlt sich in die gereckte Gestalt, läßt das Hemd flattern, wie eine Fahne, reißt die Haare in seine Macht, daß sie das zerquälte Gesicht umkreisen wie Schlangen, nimmt den aus der Brust wie aus Urwelttiefen brechenden Schrei und wirft ihn über das Land. Tilman Riemenschneider liegt gebannt, der Schrei dröhnt an sein Herz, macht ihn erbeben. Bis in ihm ein leiser Widerhall erklingt, bis er weiß, daß der Keim dieses Schreies auch in ihm geschlummert hat, alle Jahre seines Lebens. Aber als er sich dessen bewußt wird, dringt ein Schauer aus dem Tiefsten seiner Seele, faßt seinen Leib. Furcht jagt ihn auf, er läuft den Weg zurück, den er gekommen ist. Langsam löst sich der Schreck von ihm. Ehe er weiß, daß die Furcht vor sich selbst, vor dem Erwachen des Verborgenen in ihm ihn ergriffen hat, ist sie verweht. Er wirft sich wieder zur Erde, wühlt sich darein und fühlt die verborgene Kraft ihres zum ersten Atmen erweckten Schoßes. -- -- -- * * * * * Die Kellerschenke, darin Tilman Riemenschneider mit Hans Bermeter fast Abend um Abend saß, wies immer stärkeren Besuch auf. Menschen, die der Bildhauer, Angehöriger des Rates, kaum kannte oder zumindest, als tief unter ihm stehend, bisher nicht beachtet hatte, Kleinbürger, die diesen Titel kaum mehr verdienten, Gesellen und Knechte aus der dunkelsten Vorstadt, kurz Menschen ohne Besitz und festen Stand, in deren Kleidern und Körpern der dumpfe Geruch der Armut nistete. Wenn der Ratsbürger die Schenke betrat, engte dieser Dunst ihm den Atem, aber allmählich ließ er von ihm, gebannt von einem neuen Gefühl, das mächtiger war, als Gewohnheit und Vorurteil: Von diesen Menschen, die an nichts hafteten, strömten Schwingungen aus, der quälenden Bewegtheit seines Innern verwandt, die am Tage an starren, harten Mauern und Herzen sich wund stieß. Hier durften die Wellen seiner Seele ungehemmt ausschwingen, sich dem Rauschen der allgemeinen Rede vermengen, in ihr befreit sich lösen. Tief ein sog Tilman Riemenschneider diese Freiheit, Himmelsluft und -weite war ihm der dumpfe Brodem des niederen Raumes. Ein Bild stand jäh vor ihm. Seine Kinder hatten einen Raben gefangen und in einen Käfig gesperrt. Ihn mit Liebe und Sorgfalt überströmt. Aber vergeblich, immer wieder versuchte er die Flügel zu breiten. Auf dem Turm der Franziskanerkirche sammelten sich die Brüder und Schwestern, riefen den Gefangenen. Da hatte Tilman verstohlen den Käfig geöffnet und den Vogel befreit. Und als er sah, wie dieser die Schwingen breitete, wie er sich in den Schwarm der Freien mengte, hatte auch ihn ein unsagbares Wohlgefühl erquickt. In klarer Form und Farbe wie damals schwebte das Tier vor seinem ins Weite träumenden Blick. Wuchs. Die Flügel hoben sich, wurden zu Armen, zu aufdrohenden Fäusten, die Federn zu Haaren, die im Winde wehten, im Sturm, der über die von Gottes Pfluge aufgewühlte Erde zog. Der Rabe öffnete den Schnabel, nein, es war ein Mund, ein qualverrissener Mund, ein Urlaut brach aus ihm, die schwarzen Schwingen des Windes trugen ihn ins Unfaßbare. Zum zweiten Male der Laut in wilderer Wirklichkeit. Er riß den Meister aus dem Traum. Der Traum war Wahrheit, das Bild Leben. Erhobene Fäuste stießen sich an der niedern Decke, schweißnasse Haare, von einem verborgenen Wehen geworfen, aus dem verrissenen Mund brach der Schrei. Wieder und wieder. Bis er sich endlich zu ungefügen furchtbaren Worten formte. Tilman Riemenschneider verstand sie nicht, mühte sich nicht, sie zu verstehen. Nur die wilde Musik ihres Sturmes fühlte er. Und wußte, daß es das Brausen seiner Seele war, zu tausendfacher Gewalt erhöht. Erst als er in die freie Kühle der Nacht trat, gerann das Gehörte wie glühendes Erz. Hans Bermeters begleitende Worte meißelten es zur klaren Form: Der Meister habe wohl die wüsten Bauernworte nicht ganz verstanden, das sei begreiflich; er, Hans Bermeter, habe die dumpfe Sprache aufs beste zu deuten gelernt auf seinen Wanderungen durch Deutschland. Aber woher solle ein ehrsamer Bürger sie kennen! Hätten sich doch alle in ihre Mauern verschlossen, seien nur darauf bedacht gewesen, über die Wünsche der großen Ritter und Prälaten vom Schloß Bescheid zu wissen, aber von den armen Tieren, die da draußen das unermeßliche Feld der Gewaltigen bestellten, von denen hätte man nicht mehr gewußt, als daß sie eben Tiere seien, die Joch und Schläge dulden mußten. Tiere, ja, das seien sie gewesen. Aber Tiere hätten eine feine Witterung. Und so hätten die verdreckten Nüstern den anziehenden Sturm schon längst gespürt, indes noch kein Hauch davon in die Paläste oder behaglichen Häuser gedrungen sei. Immer näher käme der Sturm, der Sturm der Zeit; trage auf seinen Flügeln das Wort vom freiem Evangelium, das Wort des Herrn, daß alle Menschen gleich seien vor dem Allmächtigen, daß es keine Knechte gäbe mit krummen Rücken und keine Herren und Vögte mit Stock und Peitsche. Näher, näher, immer näher brause der Sturm. Hätte schon seinen Weg gefunden durch die Lumpen der Armen und rüttle ihren nackten geschundenen Leib, blähe die keuchenden Lungen zu einem Schrei, der einmal werde aufbrechen, über das Land gellen, mit so unfaßbarer Gewalt, daß die Mauern der Zwingburgen, die Wände der Bürgerhäuser einstürzen würden, wie die Mauern von Jericho vor Josuas Trompetenschall. Nichts würde diesem Sturm widerstehen können. Nur eine Rettung gäbe es, ein Teil dieses Sturmes zu werden, mitzubrausen nach dem Willen der allmächtigen Zeit. Jedes Wort vernahm Tilman Riemenschneider, als spräche es sein eigenes Herz. Das sandte ein Verlangen aus, wie einen sehnsuchttrunkenen Vogel. Er flog auf, stieß sich an den Wänden der Häuser, taumelte nieder an den Mauern der hohen Burg. Des Meisters Gestalt reckte sich, die verkrallten Fäuste stießen zum Himmel auf, in seinen Kleidern und Haaren wühlte der Wind. -- -- -- Am andern Morgen brachte ein bischöflicher Bote dem Meister ein Schreiben. Mit diesem ward ihm der Auftrag, eine Marienstatue für den neuen Altar der Schloßkapelle zu schnitzen. Alles war ihm vorgeschrieben, Material, Größe, Himmelskrone und Faltenwurf des Kleides. In herrischem, hochfahrendem Tone. Er war nicht herrischer, nicht verletzender, als er stets gewesen. Nie vorher hatte er den Meister verletzt. Heute stieg ein Würgen hoch in seiner Kehle, die Hand umkrallte den Brief, ballte, zerriß ihn, löste sich befreit. Ein Spiel des Windes, trieben die Fetzen. Ein Spiel des Windes, trieben die Blütenblätter über die Mauergärten. Schwül, fremd war der Wind in den Tagen des Frühlings, der war über Land und Stadt gekommen, nicht allmählich, jungfräulich erblühend, nein, jäh, schwer, berauschend. Der Duft der treibenden Blüten, der sprießenden Blätter mengte sich dem Gassenbrodem zu einem geilen, brünstigen Schwalm. Auch wenn der Tagwind schwieg und, unheimlicher, unfaßbarer noch, die Stummheit der Nacht aufwuchs, lastete der dumpfe Brodem in ihr. Der Tagwind trug lautes Gerücht aus dem Land: In ganz Schwaben seien die Bauern im Aufruhr, die Schlösser zündeten sie an. Die Herren ließen sie durch die Spieße rennen. Immer näher käm's. Auch die um Tauberbischofsheim, um Wertheim, um Rothenburg ständen auf. Bald würden sie vor den Toren sein. Der Bischof sei geflohen, bei Nacht, gegen Heidelberg. Kanonen hätten die Bauern und der Berlichingen Götz sei ihr Führer. All diese Nachrichten schwirrten, ängstlich geflüstert oder gejubelt, je nachdem ein reicher Bürger des Rats oder ein armer Keuschler der Vorstadt sie sprach, durch den Tag. Des Nachts wuchsen sie auf zu albschweren Gespenstern oder zu leichtem, von aller Schwere lösendem Traum. Immer wieder gellte in Tilman Riemenschneiders Fieberschlummer ein Ruf. Jäh erwacht, schlich er ans Fenster, sah in das stumme Dunkel, den Nachklang des Rufes im Ohr. Feuerlicht zuckte da und dort im Süden und Osten aus der Nacht, der Widerschein seines brennenden Herzens. In wachsender Schwüle reihte sich Nacht an Nacht. Im schweren Dunstgewölk drohte der Sommer. -- -- Hatte der Frühling mit der Rätselstimme des dumpfen Windes die langen Tage erfüllt, der Sommer war stumm. Unerbittlich starren, glühenden Auges sah er nieder auf Land und Stadt. Die Ähren flüsterten nicht, die Bäume rauschten nicht, die grellen Häuser senkten ihre schrumpfenden, wachsenden und endlich im schwarzen See der Nacht ertrinkenden Schatten. Im Dunkel erwachte die Stadt, die Schenken trotzten bis weit über Mitternacht dem Verbot des Rates, dessen Macht vor der höher schwälenden Volksglut schrumpfte, wie die Schatten im Mittagslicht. Hochauf mit Waffen gefüllte Wagen fuhren ohne Unterlaß durch die Tore, von den Bauern gesandt. Bald trug der geringste Knecht Speer, Pallasch und Büchse. Wachen sperrten jede Zufuhr zum belagerten Schloß. Die ersten seltenen Kugelgrüße wechselten hinauf, hinab, aber auch sie vermochten nicht, die lähmende Tagesstille zu zerreißen. Auf Tilman Riemenschneiders innerster Unrast lastete sie mit unerträglicher Schwere. Als furchtbaren Schmerz fühlte er die stete Bewegung seiner aufgescheuchten Sinne in Nerven und Blut. Er war nicht mehr fähig zu schaffen, zu denken. Nichts war er als flammender Drang nach etwas, das in ferner zerfließender Unbestimmtheit nur zuweilen für Augenblicke zu halbgehörtem verklingendem Ton oder zu einer rasch geballten und vergehenden Wolke sich formte. Sein schmerzendes Ohr, sein gepeinigtes Auge suchten sie festzuhalten, nichts anderes ernteten sie, als immer neu gefühlte dumpfe drängende Ohnmacht. Nur in den Nächten, wenn er mit Hans Bermeter von Schenke zu Schenke zog, ward ihm Linderung. Da warf er sein Sehnen in den verworrenen Lärm, ins zwecklose Rasseln der neuen Waffen. Seine zitternde Hand umkrampfte den Degen, er preßte die Kugelbüchse an sein glühendes Herz und fand kurze traumhafte Kühlung. In immer wilderer Zahl zuckten brennende Weiler und Burgen auf im Umkreis der Stadt. Näher, näher rückten die Bauern. -- -- -- * * * * * In einer Nacht, da Tilman Riemenschneider seit langem zum ersten Male bleiernen Schlaf gefunden hatte, riß ihn ein Ruf zu schreckvoller Wachheit. Er griff nach den Waffen, taumelte die Treppe nieder. Aus allen Gassen rauschte Lärmen, staute sich an den Wänden, rauschte zurück über die aufgewühlte Stadt. Hans Bermeter, von dessen Zügen die gewohnte ruhige Maskenhülle gefallen war, berichtete mit hastigen, zerfetzten Worten: Das Heer der Bischöflichen sei überraschend herangerückt und rüste zur Schlacht gegen die Bauern. Eben sei ihr Bote gekommen, halbtot vom wahnsinnigen Ritt, Hilfe sei bitter not, alles in der Stadt, was Waffen trage, müsse auf, nur eine kleine Schar solle bleiben zur Bewachung des Schlosses. Ob er vielleicht seines Alters wegen, es werde heiß hergehen draußen ... Tilman Riemenschneider hörte die letzten Stammelworte nicht mehr, er griff aus, mühlos, schwebend, fühlte nicht die Last der Waffen, die Last der Jahre. Noch einmal faßte ihn die alte Unrast, als sie am Tore die aus allen Teilen der Stadt zuströmenden Kämpfer erwarteten. Endlich zogen sie aus. Eine wundervolle Ruhe erfüllte Tilman Riemenschneider. Er sah nicht zurück nach den im Dunkel versinkenden Türmen und Giebeln, er sah nur vorwärts, dem Ziel entgegen, das sich immer klarer seinem gekühlten Auge bot, je tiefer sie in die brauende Ungewißheit des nächtlichen Landes drangen. -- -- -- * * * * * Es war, als trenne eine undurchdringliche lautlos abwehrende Schicht Tilman und seine Welt von dem Geschehen um ihn. Er fühlte es kaum, als sich die Bürger dem unermeßlichen Haufen der Bauern vermengten, er hörte nicht Flüche und Dörperreden, ihn quälte nicht der unerträgliche Schwalm von Schweiß, Wut und Angst, er war gefeit. Auch gegen die eigene Unrast. Sie fiel ihn nicht an, als sie, den Tag und ihr Schicksal erwartend, lagerten, seine Seele schritt ungehemmt weiter den eigenen einsamen Weg. -- -- -- So von ungeheurer ahnungtrunkener Stille war noch kein Morgen erfüllt gewesen in Tilman Riemenschneiders Leben, so groß und königlich ihm noch keine Sonne aufgegangen, wie an diesem Tag. Und doch war er eins mit allem, das Wehen der Stille war sein Atem, und sein herrlich erhöhtes Herz stieg aus Dunst und Wolken die Bahn des Tages. Wie eine purpurne Rose erblühte das Gestirn, darin alle Brunst und Süße des Lebens ruhte, geklärt zu ungetrübtem, tiefem, ruhevoll berauschendem Duft. Sein Leib lag mit den andern im letzten Warten. Seine Füße schritten aus im ungewohnten Marschtakt, seinen Rücken drückte die schwere Waffe, sein Haupt der quälende Helmschutz. Seine Seele fühlte es nicht. Sie stieg mit der Sonne. Und dann stand sie mit ihr in der Scheitelhöhe des Mittags. Das Bauernheer hielt. Stille. Das letzte Wort erstarb. Nichts als Auge wurden sie. Vor ihnen der Feind. Grausam wies ihn das Mittagslicht, die gleißenden Panzer, die wehenden Sturmfedern, Speerspitzen, Klingen, Flintenläufe. Atmen, Atmen, Atmen. Keuchen. Aber noch immer Stille. Da zuckt es himmelwärts. Der Degen des Führers. Durch alle Herzen fegt der Blitz. Durch die betäubten Hirne gellt Kommandowort. Und dann: Aus Urwelttiefen, verschüttet bisher, von einer jäh aus Höllendunkel krallenden Faust aufgerissen in diesem Augenblick, bricht ein Schrei, überdröhnt die Angst der Kreatur. Immer wieder, immer wieder gellt er auf, Schüsse, Salven vermengen sich ihm, Schlag, Stich und Stoß, höherauf schwillt das Brüllen, es muß Röcheln und Todesruf überdröhnen und die Wahnsinnsangst in der eigenen Brust. Dicht neben Tilman Riemenschneider gellt Hans Bermeters Todesschrei. Zu seiner Seele dringt er nicht. Die schreitet weiter, unbeirrt, ins ewig sich Erneuende, was jetzt geschieht, ist im nächsten Augenblick Vergangenheit. Tiefer sinkt die Sonne, zögert schön über dem Dunkel der Berge. Das furchtbare Gewirr liegt in ihrem letzten blutigen Schein. Es erstarrt. Ein paar Herzschläge lang schweigt die Schlacht. Die Bauern und Bürger schweigen, zögern, starren in das Dunkel der feindlichen Flintenläufe, der Feldschlangen, das sie verschlingen will. Wenden sich, weichen, rasen zurück, ins letzte rettende Licht. Nur Tilman Riemenschneider dringt weiter, wie die Sonne. Bis er wie sie in unergründlicher Nacht versinkt. -- -- -- * * * * * Zum ersten Male nach Monden der Betäubung fühlen Tilman Riemenschneiders Sinne die Umwelt. Das Dunkel der Tiefe, das dumpf-sickernde Grau des hohen Gitterfensters, den Herbststurm, der nur ein schwaches Brausen in den Kerker wirft. Tückisch kriecht es durch die matten Glieder. Aber er fühlt es kaum. Nichts fühlt der Erwachende, als seine Seele. Sie wächst auf, breitet sich aus vor ihm, neu, unbegreiflich neu, voll ungeheuren Erlebens. Das erfüllt ihn körperlich, droht ihm die schwache Brust zu sprengen, bläht den mageren Hals und löst sich doch nicht zu befreiendem Laut. Einem Wort, zu den harten Wänden gesprochen, zu dem Stücklein grauen Himmels, das unfaßbar fern im Fenstergitter über ihm schwebt. Er bleibt stumm. Er fragt nicht, als die Knechte eintreten, ihn aufreißen, den dumpfen Gang fortschleppen, in die Qualzelle stoßen, wo rätselhafte Instrumente lauern, im Schein der Flackerfackel zu sehen, wie furchtbare Tiere. Ihre Krallen dringen in seine Stirne, ihre Pranken umpressen seine Hände, ihr Rachen schnappt nach seinem Hals, er soll reden, gestehen, die Schuldigen des Aufstandes nennen, dann ist er frei. Er will sprechen, monatelang hat er geschwiegen, qualvoll erfüllt ihn sein Erleben, zum Bersten geschwellt: nicht einmal ein Stöhnen ringt sich aus ihm. Er bleibt stumm. Mitleidige Ohnmacht rettet ihn. Wieder umfängt ihn der Kerker. Das Brausen des Herbststurms wirbt umsonst um seine gelähmte Seele. * * * * * Im Atlasglanze tiefen Schnees liegt die Stadt. Er mildert die Stöße des jämmerlichen Wagens, der Tilman Riemenschneider in die Freiheit führt. Dreimal hat er die Folter erduldet, ohne Laut und Wort. Nun hat ihn der Bischof begnadigt. Er darf Gnade üben. Die Bürgerschaft liegt ihm demütiger denn je zu Füßen. Das Land ringsum ist still. Die Bauern haben sich in ihre Hütten verkrochen, werden im Frühling stumm den Pflug über fremde Erde führen, keine Faust wird sich zum Himmel recken. Der Gedanke an die Toten, die nutzlos Geopferten wird sie niederziehen zur grausamen Mutter Erde. Der Bischof darf barmherzig sein. Der Gebrochene, der da, die müden Augen vor dem ungewohnten Lichte schließend, auf dem Krümperkarren durch die Gassen fährt, wird ihm nicht mehr schaden. Er öffnet die Augen nicht, als ihn Frau und Kinder vom Wagen heben. Sie klagen nicht, sie haben das laute Wort verlernt in der furchtbaren Zeit. Stumm sitzen sie bei Tische. Der Vater, im Lehnstuhl versinkend, öffnet langsam die Augen, umfängt das einst gewohnte Bild. Ganz wie einst ist es, reglos sitzt die Frau, reglos die Kinder. Wie einst, wie einst, vor, vor ... er weiß es nicht. Ihm ist, als seien hundert Jahre verflossen seit diesen Tagen, daran sein Erinnern hilflos tastet. Stumm sitzen Frau und Kinder. Wie tote Gestalten aus Holz oder Stein. Von seiner Hand geschnitzt. Von seiner ohnmächtigen zerbrochenen Hand. Er hebt die Hand, sie sinkt nieder. Stumm sitzen die Gestalten. Er kann ihnen kein Leben schenken. Obwohl in ihm Leben ist, tausendfach geschwelltes Leben, aber erstarrt in seiner jämmerlichen Hülle, wie Lava, die einst geglüht. Und jetzt Tod ist, nichts als Tod. Weiter, weiter rücken die Menschen, die erstorbenen Dinge in eine verlorene Ferne. Er ist allein. Mit verdoppelter Qual preßt das erstarrte Leben die arme Hülle des Leibes, die arme, keuchende Brust, die zermarterte Stirne, die zerbrochene Hand, in der einst wundervolle Kraft gelebt. Er sieht sich, den, der er einst gewesen, als einen Fremden, den er nicht versteht, der ihm entgleitet, in die Ferne der andern Dinge. Er ist allein. Ganz, ganz allein. Wie nie ein Mensch vorher. Nur einer vielleicht. Einer. Der die Jammerworte rief: »Könnt Ihr nicht eine Stunde mit mir wachen!?« Rief er sie? Nein, nur seine gefolterte Seele hat sie gebebt mit letzter Kraft vor dem großen Verstummen. -- -- -- Der erste graue Winterschein dringt in die Schlafstube. Tiefatmend schlafen Frau und Kinder. Sie leben. Weit, weit fern von ihm liegt dieses Leben. Und doch, es dringt in seine Stille, ein Mißton der Welt, mit der er nichts mehr gemein hat. Er kriecht vom Lager auf, wie ein lahmes Tier. In unendlicher Qual. Aber sie dringt kaum in sein Fühlen. Weiter kriecht er, bis er das Atmen der Menschen nicht mehr hört. Weiter, weiter, bis er auch die Spuren ihres Lebens nicht mehr fühlt. Still wie ein Kirchhof ist seine Werkstatt. Wochen-, monatelang hat sie wohl niemand betreten. Dicker Staub liegt auf den vollendeten Bildwerken, darunter Form und Linie erstorben sind. Tilman Riemenschneider sieht sie kaum. Sie wecken kein Erinnern. Sie sind tot, wie alles, was einst mit ihm gelebt hat. Mit letzter Kraft schleppt er sich an den Werkzeugtisch, bricht nieder auf den Schemel. Eine Weile schwindet ihm das letzte Bewußtsein. Ungefühlt gleitet die Zeit. Der Morgen wächst, sein Licht erweckt ihn. Über den Tisch fließt es. über die Instrumente, Meißel, Hammer, Schnitzmesser. Über ein Stück Holz. Durchdringt die dicke Staubschicht, legt langsam die Züge frei. Sie sind roh, unfertig, aber sie weisen doch deutlich: Es ist der Entwurf eines Christuskopfes, des gemarterten, letzte Qual erduldenden Heilands. Tilman Riemenschneiders dumpfe Augen haften daran, weiten sich zu wachsender Größe im Anblick seines Werkes. Sein Werk, er fühlt es mit jäher Besitzkraft. Er greift darnach, die armen Lungen blasen den Staub fort, die schwachen Hände streichen über das Holz, immer, immer wieder. Es tut wohl. Aus dem Holze strömt es auf ihn über, geheimnisvoll, eine rätselhafte Kraft. Durch die Adern der Hand, des Armes, durch den ganzen Leib, durch Seele und Hirn. Hell sieht er die Stunde, da er zum letzten Male hier gesessen, um sein Werk gerungen. Feindlich, fremd war es ihm damals; heute ist es ihm nahe, eng vertraut. Immer tiefer verbunden ist er dem wunderbaren Holz, seinem wachsenden Segen. Allmählich erweicht sich die starre versteinte Masse, die ihn erfüllt, regt sich, pulst, atmet, lebt, wird Leben, nie gekanntes überreiches Leben durchfließt seinen Leib, sein Hirn, seinen Arm, seine Hand. Kraft, Kraft fühlt er in ihr, so herrlich, so über alles je Genossene herrlich, daß ihn ein Staunen faßt. Aber neue Ströme der Kraft durchrinnen ihn, in deren Zauber auch alles andere vergeht, daß er nur sie fühlt, nur sie fühlen und denken kann. Die Hand greift nach dem Schnitzmesser, sie drückt das Holz an des Meisters Herz, daß dessen Pochen und das geheime Leben der Ringe und Fasern eins werden, sich herrlich lösen im Pulsschlag der gotterfüllten Welt. Und die Hand mit den Malen des Schmerzes formt ihren Schmerz zum Bilde des Ewigen, der alle Qual der Erde uns vorgelitten und in jedem Leide sich wunderbar erneut. Dämon Knopp Wilhelm Busch ging heim. Heim. Das Wort trug zuerst einen zarten, traumhaften Klang. So wie sich's für ein so schönes deutsches Wort gehört. Ofensurren war darin und Lampenknistern. Das Rauschen der Bäume auf eigenem Gartengrund und, ja vielleicht auch ein sorgender Frauenatem. Zu einem gütigen Antlitz wurde das Wort, das den Einsamen anlächelte aus frohen, treuen Augen. Heim. Weiter klang das Wort. Zerriß zur Dissonanz. Böse quäckendes Kinderschreien war darin, mißtöniges Hundegebell, falsches Klavierspiel auf einem mißhandelten Jammerinstrument, der ganze Lärm des Münchener Vorstadthauses, das schon in fernen Umrissen vor ihm erwuchs. Das gütige Gesicht seiner Vision verzerrte sich. Wurde zur kalkweißen Fratze seines nüchternen, freudlosen Zimmers. Mit seinen Mauern, deren Kahlheit nur ab und zu ein schauerlicher Öldruck unterbrach, seinem harten Sofa, das, wie eine kantige, lieblose Frau, allen Versuchen, sich ein wenig warm darein zu schmiegen, kalten Widerstand leistete, den steiflehnigen Sesseln, Herrgott, und auch noch arbeiten sollte man in dieser freudlosen Umwelt! Man mußte leben. Morgen lief der Termin ab. Noch kein Strich, kein Wort davon stand auf dem Papier, ja, schlimmer noch, nicht einmal in des Künstlers Kopf. Leer, leer war's in ihm, leer, wie in dem grauenvollen Zimmer, dessen Fenster nun schon höhnisch auf ihn niederglotzten. Wilhelm Busch zog den Fuß zurück, den er schon auf die erste Stufe gesetzt hatte. Angst vor seinem Zimmer faßte ihn. Die kargen Bäume des Hausgartens rauschten. Armselig waren sie, aber sie trugen doch grünes Laub, daran sich das bescheidene Auge erfreuen durfte. Ein paar Schritte ging Busch in ihrem Schatten auf und nieder. Er hielt, sprang zurück, eine verkrallte, kreischende Masse wälzte sich ihm vor den Füßen. An der Stimme erkannte er die Kinder seines Nachbarn, des dicken glatzköpfigen Rentners. Busch sprang zu, riß die beiden Jungen auseinander. Des einen verkrallte Hand hielt noch ein Büschel Haare, indes des andern erhobene Faust, noch immer zum Schlag geballt, sich nicht lösen wollte. Wilhelm Busch sah entsetzt in die wutverrissenen Gesichter, die Augen, die, bar jedes kindlichen Zuges, nichts waren, als tierisch-wilder Haß. Nun aber ließen ihre Blicke voneinander und einten sich in der Abwehr gegen den Störenden. Es lag wohl nun auch ein wenig geduckte Furcht vor dem starken Erwachsenen darin, aber umso tückischer zwängten sich die harten Kinderaugen. Nun weiteten sie sich frecher unter dem Klang einer fetten Stimme, die aus der Rosenlaube herübertönte: »Aber, Herr Busch, warum stören Sie denn den Kinderchens ihr Vergnügen, sie haben doch eben so nett gespielt!« Die unförmige Frau rührte bei ihren Worten nicht ein Glied, sie hob nicht einmal die stumpfen wasserblauen Augen vom Strickstrumpf. Busch wandte sich ohne Antwort und schritt den Kiesweg zurück, wilder Triumph der Knabenaugen grellte ihm nach. Dann kreisten sie eifrig durch den Garten, nach neuem Zeitvertreib Ausschau haltend. Unweit der Mutter lag ein Hund, ein rasseloses Kötervieh. Halb schlafend jappte er zuweilen nach Fliegen, dann wälzte er sich erwachend im Erdreich. Da schlichen die beiden Jungen heran, packten ihn jäh am Schweif, rissen ihn hoch, wirbelten ihn durch die Luft, die sein Jammergeschrei erfüllte. Mit dumpfem Krach entfiel er den ermüdeten Händen, eben als eine Katze vorbeischlich. Ihre Witterung weckte den Halbbetäubten, der neu erwachte Schmerz paarte sich mit der uralten Jagdlust, die Zähne faßten den Feind im Nacken, ein Biß, ein Zucken der Katzenglieder, dann war's zu Ende. Das alles war so schnell geschehen, daß Wilhelm Busch nicht Zeit gehabt hatte, sich der Verfolgten anzunehmen. Er trat zu dem verendeten Tier, sein Malerauge umfaßte die gestreckten Glieder, ihm selbst unbewußt, überwog die Lust des forschenden Künstlers das Mitleid des Menschen. Nun aber sah er: Die Zähne des kleinen Raubtiers hielten noch immer den Leichnam eines kleinen Vogels fest, wie dieser in seinem Schnabel den letzten Wurm, den ihm das grausame Schicksal nicht mehr zu fressen gegönnt hatte. In Wilhelm Busch's Stirne trat eine tiefe, schwere Falte. In diesem kleinen Spiel bot sich ihm der ganze furchtbare Kreislauf des Lebens. Ein Geschöpf quälte und fraß das andere, das war der Weisheit letzter Schluß. Über allem, was lebte, schwebte etwas Drohendes, Unfaßbares, dem es nicht entrinnen konnte. Und jeder, jeder, ob er nun auf zwei oder vier Beinen schritt, aus Mund, Rachen oder Schnabel pfiff, kannte kein anderes Bestreben, als diesem Drohenden zu entfliehen und dem Schwächeren seine Angst zu vergelten. Ein Grauen faßte Wilhelm Busch. Grauen vor dem ungetrübten Himmel, der sich verlogen über dem wirren qualvoll-gelösten Rätsel wölbte, fühllos lächelnd, wie die dicke Frau, deren wolkenlos unbewegtes Gesicht sich über das stumpfe Spiel des Strickstrumpfs beugte. Ein dunkles Gefühl keimte auf in Wilhelm Busch. Zuerst Ekel, der sich allmählich verdichtete, wuchs und Haß wurde. An die Kehle diesem Weib, es würgen, daß die stumpfen Augen sich zum Entsetzen weiten, das blöde-zufriedene Gesicht sich in Angst verzerren mußte! Unbewußt verkrampften sich des Künstlers Hände. In Gedanken umkrallte er ihren fetten, schwammigen Hals. Der engte und dehnte sich, zog sich zu mehr als schwanenartiger Länge, die Augen traten krebsgleich vor, es war lustig zu sehen. Nun zog der Maler auch an den Füßen, zu unendlicher Länge dehnte sich die Gestalt, das Gesicht, der Mund, die Augen, zum Totlachen die groteske Qual, die daraus sprach ... Wilhelm Busch erwachte, war sich selbst mit einemmal fremd, unheimlich, wie die ganze ihn träge umkreisende Welt. Unverändert beugte sich das wolkenlos unbewegte Gesicht der dicken Frau über den Strickstrumpf. Ein Schlag, Dunkel vor den Augen, mühsam riß Busch den Hut hoch, sah in ein pfiffig-lächelndes kahlköpfiges Männergesicht. Nun ward das Lächeln in einem dröhnend-kollerndem Lachen laut: »Gelt, jetzen hab i's derglengt? Wie's da so ganga san, so ganz langsam und verlurn, hab i glei g'wust, der denkt an was, den müss'mer stören, mach'mer an Spaß mit ihm!« Er hängte sich in den schlaff-abwehrenden Arm des Hausgenossen. »Wissen's, i hab soviel Humor in mir, i waß oft net, wohin damit, dös müssa's doch verstengen, wo Ihre Bildeln doch aa so lustig san! Na, na, nur fei kan falsche Bescheidenheit, dös vertrag i net! Lustig san's, ans wie's andere! Alle ham's g'sagt heut beim Frühschoppen im ›Franziskaner‹. Sogar der Stettner Schorsch. Und der is net aso, dös is a strenger Kritiker, der is in Paris g'wesen und gar in Rom! Ja, ja! Wie i g'sagt hab, daß i Sie kenn, haben's alle g'meunt: bring'n mit! Kemma's nur, Sö sein gern g'sehgn, wirkli! Alle lustigen Leit sehgn mir gern bei uns, nur kane Bazis, kane kopfhängerten könna mir brauchen, kane, kane, was is dös für a Wort, es hört mit Mist auf, i kann mir dös net dermerka ...« Die Knaben sprangen mit wildem Geheul heran, entrissen dem Vater die aus den Taschen starrenden Tüten, liefen davon und balgten sich um den süßen Inhalt. Der fröhliche Herr wälzte sich lachend über den Rasen hin der Strickerin zu, drückte einen langen schmatzenden Kuß auf ihre Lippen und kehrte wieder zu Busch zurück, ehe dieser ins Haus enteilen konnte. »Ja, ja, da schaugn's Sö Junggesell, Sö ausg'schamter, der wo nix für dö Population leista tuat! I muaß Ihna scho saga, i leb fei in aner sehr glücklichen Eh', aber scho in aner sehr glücklich'n! Da ham's kan Vorstellung net davon! I sag, a guada Mensch muaß heurata, ja! Und wer net heurata tuat, der -- Sö verzeihn scho, aber dös is mei Weltanschauung, es is net persönlich g'moint, -- der is ka guada Mensch! Na! Wann ma abends daham sitzt und sein Schlafrock und sein Pantoffeln hat und sein Mütz, Sö, mei guade Frau hat mir oane g'stickt aus rodem Sammet, mit silberne Perlen und Ähren und Weinlaub drauf, a so a guade Haut is', da fühlt ma erscht, wie guat's oam geht. Aber ma waß aa, daß ma sich's verdeant hat. Der Bauch is so schön voll, von dö vier Maß Franziskaner, wo i jeden Abend beim Dämmerschoppen trink, net oans mehr, net oans weniger, so halt i 's scho zwanzig Jahr, i bin für a Ordnung. Also, Sö keman do, net wahr? I sag Eahna«, er faßte den Großen, Schlankgewachsenen am Knopf und zog ihn zu sich nieder, »i sag Ihna, dö Kellnerin dort, dös is scho fei's Höchste! I bin ihr heunt so ganz zart bei'n Zahlen, über die Haxn g'fahra, ja dös is, dös is, a Genuß is dös, a Genuß!« Er lehnte sich zurück, das Gesicht löste sich in einem seligen Lächeln, die Hände falteten sich fromm über dem Bauch ... Als er merkte, daß der Künstler sich entfernen wollte, haschte er wieder nach dem Rockknopf, ein mißtrauisch-böser Blick schnellte hoch! »Is Ihna eppa mein' G'sellschaft net convenable, han? I moan, a jeder kann si gratuliera, wann er mit mir verkehra derf! Es haben si scho andere Leit um mi g'rissa! Wer mi net mag, der muaß blöd sein, aber scho ganz ausg'schamt blöd! Aber na, na, Sö san fei net blöd, Sö san a g'scheita lustiga Mensch! Sö san net so, wie der Trottel da droben,« er zeigte nach einem Fenster, »der hochnasige! Weil er fei a G'studierter is, bin i ihm wohl z'weng? A Dichter soll er sein, a Dichter, a Künschtler. Is es net zum Lacha? Wissa's, so an Künschtler wia Sö, den laß i mir g'falla, da kann ma lacha! Aber so aner, wia der! Nix zum Fressa hat er, rein nix zum Fressa! I bin a guada Mensch, sag i Ihna, a sehr guada, i wünsch koan nix Schlechts, aber dem und seiner Frau, der blöden Gans, a Baronin soll's g'wen sein, dös aa no, denan vergun i's! Ausschau'n tuan's zum ins Grab legen, die Kinder ham Boan wia dö Zaunstecken! Aber auf's hoche Roß setza müssa s'si, dö Hungerleida, dö notigen!« Aus verborgenen Abgründen brach ein grausam-kaltes Licht, trat in die engen, verschwommenen Augen des Dicken. Jäh erschauernd riß Busch sich los und schritt grußlos rasch ins Haus, die Treppe überknarrte den nachhallenden Ruf des Verlassenen. Im letzten Abendschein glänzte das Bild auf der Staffelei. Es war eine norddeutsche Landschaft, in tiefen Gottesfrieden getaucht. Ein paar schlichte Menschen im Vordergrund, in ihrer einfältigen Güte eins mit Getier, Pflanze und Himmel. Voll reinster Harmonie flossen Linien und Farben. Wilhelm Busch riß den alten Malerkittel vom Haken und warf ihn über das Bild. Lüge war die Kleckserei, erbärmlicher Kitsch! Pfui Teufel! Er nahm das nüchterne Reißbrett vor, die Eckigkeit, das schlichte Grauweiß des Zeichenblattes taten ihm wohl, er spitzte den Bleistift zur letzten Schärfe. Wie eine Lanze mußte er sein. Eine Lanze, die man der scheußlichen Welt ins Herz stoßen konnte. Der schlappe Pinsel glitt daran nieder, verkroch sich und malte dann so verlogenes, feiges Zeug, wie dieses Bild da, das, Gott sei Dank, jetzt der alte bekleckste Mantel verhüllte, daß man kein Fleckchen davon sah. Spitz war der Bleistift. Nüchtern leer das Blatt. Sie warteten. Bis morgen mußte eine Zeichnung fertig sein. Etwas Lustiges, darüber die Leute Tränen lachten. Ja, das mußte es sein, dafür bekam man Geld. Lustig, lustig, ja! Weil das Leben so lustig war. Und alle Menschen so gut waren, Ebenbilder Gottes, durch seine Gnade mit Pflanze und Tier verbunden zur himmlischen Harmonie, wie er es auf der dummen Patzerei da hatte darstellen wollen. Nicht daran denken! Arbeiten! Würde ihm schon etwas einfallen. Aus dem Bleistift da würde es kommen, den er nun zur Hand nahm, auf das erwartungsvoll-weiße Blatt setzte. Ein wilder Strich fegte über das Papier, das Reißbrett flog krachend auf den Tisch. Himmelherrgott ging es schon wieder an! Wie allabendlich um dieselbe Stunde. Zuerst das »Gebet der Jungfrau«, dann der Walzer im gleichen Holzhackertempo mit den traditionellen Fehlern an ewig derselben Stelle! Er hatte der Nachbarin doch gestern einen Brief geschrieben, sie in höflichstem Tone gebeten, ihre Klavierübungen auf eine andere Stunde zu verlegen, der Abend sei seine Arbeitszeit, seine mühsam erkaufte, die er brauchte, um sein Brot zu verdienen, um leben, schaffen zu können. Was mußt du leben, schrillte das Instrument, was mußt du schaffen! Wenn nur ich klingen, schrillen, dröhnen kann, das ist die Hauptsache, das ist das einzig Wichtige in der Welt. Alles andere ist mir einerlei, völlig einerlei, verstehst du? Busch trommelte an die Wand, er flehte, schrie, brüllte um Ruhe, unbekümmert weiter knarrte, quiekte, klapperte, stach, bohrte das höllische Instrument in seine Nerven. Still saß Busch. Seine gequälte Phantasie trieb schauerliche Blüten. Er zwängte die Hände der Spielerin in teuflische Daumschrauben, daß sie sich lang zogen wie Spinnenfüße. Er rief den Metzgermeister von nebenan zu Hilfe, den er erst vor kurzem auf einem Bilderbogen verewigt hatte, der zog sein langes Messer, schlitzte der Spielerin den Bauch auf, rollte ihre Därme auf eine Haspel und verknüpfte sie den Saiten des Klaviers, daß sie deren Schwingungen, in Schmerzen sich windend, mitmachen mußte, gezwungen, sich selbst zu foltern. Umsonst, sie schien es gar nicht zu fühlen. Ohne Störung ratterten die Tasten weiter bis ans Ende der üblichen Zeitspanne. Endlich war Stille. Nein, es war nicht Stille. Die Kinder des Rentners wurden zu Bette gebracht. Wütendes Schreien, sanfte Schmeichelworte der Mutter, noch lauteres Gebrüll, das langsam abflaute und endlich nur mehr gedämpft aus dem ferner gelegenen Kinderzimmer die zweifache Wand durchbrach. Dünn, ganz dünn waren die Wände des Zinshauses. Jedes Wort hörte man. Dem Zimmer des Malers benachbart war das eheliche Schlafgemach. Nun war es eine Weile wirklich ruhig. Ganz ruhig. Wilhelm Busch tauchte in diese Ruhe, wie in ein warmes, schmiegsames Bad. Ach, immer so still sein dürfen und allein! Allein mit Gott, Wolken, Wind und Himmel! Hier war ihm der Weg versperrt. Für einen Augenblick erschien ihm der Himmel der Heimat. Gott sah auf ihn nieder, vom Weißhaar der Wolken umflattert, aus herbblauem nordischem Auge. Ein Schatten, Wolken, Himmel, Gott verschwinden, der dicke Rentner und seine Frau verdecken ihn, lassen nicht ein Endchen frei, breit, breit, unendlich breit ihre verschwommenen Gesichter, nichts, nichts sonst, sie füllen die Welt. Eine Stimme dringt durch die dünne Wand. Ja, die Stimme des Dicken ist's. Jedes Wort versteht der Nachbar. Er kennt die Worte. Es ist immer dasselbe. Der dicke Herr wird zärtlich. Busch will's nicht hören. Er verstopft sich die Ohren. Aber die Hand mit den Weißwurstfingern drückt ihm den Arm nieder, faßt ihn am Knopf, zieht ihn dicht an die Wand heran. Zuhören, zuhören! Ich will mein Publikum! Immer süßer, schmalziger werden die Worte, wie ranzigfettes übersüßtes Gebäck fühlt sie Busch auf der Zunge, jetzt ein langer Kuß, und jetzt, jetzt ... Wilhelm Busch will fliehen, die Füße kleben, eine grauenvolle Macht bannt ihn fest. Die Hand, die ihn am Knopf hält, wächst. Ins Riesige wachsen die dicken Leiber der beiden Menschen. Ihre stumpfen Augen glühen auf in giftiger grausamer Lust. Tiere sind's. Furchtbare Urwelttiere, die Arme wachsen zu gebreiteten Flügelflossen, ihr stumpflachender Mund wird zu riesigem Rachen, die Flossen umschlingen, die Rachen verwühlen sich einander im unzähmbaren Trieb, sich zu mehren, nicht zu vergehen, ewig zu sein. Ewig, ewig werden sie arme Tiere und Menschen quälen, ewig werden sie Himmel und Gott verdunkeln dem hungernden Blick. Die Wand fällt. Untrennbar verschlungen stehen sie vor dem Einsamen, von immer neuen Scharen gefolgt. Wachsen, wachsen, umkreisen den Künstler, rücken dichter heran, ihre Flossenarme greifen, ihre Rachen schnappen nach ihm, wehrlos steht er vor ihnen. Einen Schild, eine Waffe, gütiger Gott! Wilhelm Busch's zitternde Linke umkrallt das Reißbrett, stemmt es vor die bedrohte Brust, die Rechte hascht nach dem Bleistift, hebt ihn gegen den Feind, der weicht zurück, wird kleiner, schrumpft ein, die Flossen werden wieder zu dicken Armen, die Rachen zu einem grinsend verrissenen Mund. Nur die Augen blicken tückisch, spähen nach einer Blöße des Gegners. Im dankbaren Gefühl der Befreiung sucht Wilhelm Busch das Himmelslicht im Fenster. Schon will der feindliche Arm schwellen, der Mund wachsen, aber der Bedrohte ist auf der Hut. »Halt« schreit er, hebt die Waffe, läßt sie auf den weißen Schild niedersinken. »Halt! Nicht einen Zoll vor! Ich halt euch fest, ich banne euch, ihr tragt von jetzt ab die Gestalt, die ich euch gebe!« Warme, beglückende Kraft durchfließt den Maler. Von ihr geführt, gleitet der spitze Bleistift über das Papier. Der dicke Dämon will ängstlich den Kopf bewegen, er kann es nicht, er muß ihn so halten, genau so, wie er auf dem Papiere steht, genau so muß er die Augen zwängen, die dicke Hand spreizen, ganz genau so. Er und die Frau an seiner Seite. Nicht einmal ein wenig mit der Cul darf sie wackeln, wenn es der da nicht erlaubt, der Furchtbare, Mächtige, dessen spitzer Zauberstab sie zu willenlosen Sklaven seiner tyrannischen Laune gebannt hat. Je sicherer und eifriger Wilhelm Buschs fleißige Hand sich regt, desto schöner und stärker wächst sein machtvolles Lächeln. Nun taucht es in den hellen Mondglanz, der durchs Fenster fließt. Es ist dasselbe Lächeln, wie es der weise himmlische Nachtwächter trägt, der nun schon unzählbare Jahrhunderte lang diese jämmerliche Erde hütet und ihre geheimsten, dunkelsten Falten mit seinem mitleidlosen Lichte zauberhaft erhellt. ~Von Robert Hohlbaum~ erschienen im gleichen Verlage: ~Unsterbliche~ ~Novellen / 9. Tausend~ ~Leinen Mk. 3.50~ _Himmlisches Orchester_ Der »~Unsterblichen~« neue Folge ~Novellen / 12. Tausend~ ~Leinen Mk. 3.50~ *** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄNGER UND KÖNIGE *** Updated editions will replace the previous one—the old editions will be renamed. Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright law means that no one owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United States without permission and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to copying and distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you charge for an eBook, except by following the terms of the trademark license, including paying royalties for use of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for copies of this eBook, complying with the trademark license is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, performances and research. Project Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away—you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial redistribution. START: FULL LICENSE THE FULL PROJECT GUTENBERG™ LICENSE PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free distribution of electronic works, by using or distributing this work (or any other work associated in any way with the phrase “Project Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg License available with this file or online at www.gutenberg.org/license. Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg electronic works 1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the terms of this license and intellectual property (trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy all copies of Project Gutenberg electronic works in your possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg electronic work and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. 1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be used on or associated in any way with an electronic work by people who agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can do with most Project Gutenberg electronic works even without complying with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project Gutenberg electronic works if you follow the terms of this agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg electronic works. See paragraph 1.E below. 1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (“the Foundation” or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project Gutenberg electronic works. Nearly all the individual works in the collection are in the public domain in the United States. If an individual work is unprotected by copyright law in the United States and you are located in the United States, we do not claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, displaying or creating derivative works based on the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope that you will support the Project Gutenberg mission of promoting free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg works in compliance with the terms of this agreement for keeping the Project Gutenberg name associated with the work. You can easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the same format with its attached full Project Gutenberg License when you share it without charge with others. 1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant state of change. If you are outside the United States, check the laws of your country in addition to the terms of this agreement before downloading, copying, displaying, performing, distributing or creating derivative works based on this work or any other Project Gutenberg work. The Foundation makes no representations concerning the copyright status of any work in any country other than the United States. 1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: 1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate access to, the full Project Gutenberg License must appear prominently whenever any copy of a Project Gutenberg work (any work on which the phrase “Project Gutenberg” appears, or with which the phrase “Project Gutenberg” is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or distributed: This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg™ License included with this eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook. 1.E.2. If an individual Project Gutenberg electronic work is derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not contain a notice indicating that it is posted with permission of the copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in the United States without paying any fees or charges. If you are redistributing or providing access to a work with the phrase “Project Gutenberg” associated with or appearing on the work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. 1.E.3. If an individual Project Gutenberg electronic work is posted with the permission of the copyright holder, your use and distribution must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project Gutenberg License for all works posted with the permission of the copyright holder found at the beginning of this work. 1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg License terms from this work, or any files containing a part of this work or any other work associated with Project Gutenberg. 1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic work, or any part of this electronic work, without prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate access to the full terms of the Project Gutenberg License. 1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word processing or hypertext form. However, if you provide access to or distribute copies of a Project Gutenberg work in a format other than “Plain Vanilla ASCII” or other format used in the official version posted on the official Project Gutenberg website (www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon request, of the work in its original “Plain Vanilla ASCII” or other form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg License as specified in paragraph 1.E.1. 1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing, copying or distributing any Project Gutenberg works unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. 1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or distributing Project Gutenberg electronic works provided that: • You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from the use of Project Gutenberg works calculated using the method you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to the owner of the Project Gutenberg trademark, but he has agreed to donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60 days following each date on which you prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4, “Information about donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation.” • You provide a full refund of any money paid by a user who notifies you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he does not agree to the terms of the full Project Gutenberg™ License. You must require such a user to return or destroy all copies of the works possessed in a physical medium and discontinue all use of and all access to other copies of Project Gutenberg™ works. • You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the electronic work is discovered and reported to you within 90 days of receipt of the work. • You comply with all other terms of this agreement for free distribution of Project Gutenberg™ works. 1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg™ electronic work or group of works on different terms than are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of the Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. 1.F. 1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread works not protected by U.S. copyright law in creating the Project Gutenberg™ collection. Despite these efforts, Project Gutenberg™ electronic works, and the medium on which they may be stored, may contain “Defects,” such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by your equipment. 1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the “Right of Replacement or Refund” described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg™ trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg™ electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH DAMAGE. 1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to the person you received the work from. If you received the work on a physical medium, you must return the medium with your written explanation. The person or entity that provided you with the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the work electronically, the person or entity providing it to you may choose to give you a second opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a refund in writing without further opportunities to fix the problem. 1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth in paragraph 1.F.3, this work is provided to you ‘AS-IS’, WITH NO OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. 1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement shall not void the remaining provisions. 1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of Project Gutenberg™ electronic works in accordance with this agreement, and any volunteers associated with the production, promotion and distribution of Project Gutenberg™ electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any Project Gutenberg work, and (c) any Defect you cause. Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of electronic works in formats readable by the widest variety of computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of life. Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals and ensuring that the Project Gutenberg collection will remain freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure and permanent future for Project Gutenberg and future generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws. The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza #516, Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact links and up to date contact information can be found at the Foundation’s website and official page at www.gutenberg.org/contact Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread public support and donations to carry out its mission of increasing the number of public domain and licensed works that can be freely distributed in machine-readable form accessible by the widest array of equipment including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS. The Foundation is committed to complying with the laws regulating charities and charitable donations in all 50 states of the United States. Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these requirements. We do not solicit donations in locations where we have not received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state visit www.gutenberg.org/donate. While we cannot and do not solicit contributions from states where we have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us with offers to donate. International donations are gratefully accepted, but we cannot make any statements concerning tax treatment of donations received from outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. Please check the Project Gutenberg web pages for current donation methods and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate. Section 5. General Information About Project Gutenberg electronic works Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg concept of a library of electronic works that could be freely shared with anyone. For forty years, he produced and distributed Project Gutenberg eBooks with only a loose network of volunteer support. Project Gutenberg eBooks are often created from several printed editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper edition. Most people start at our website which has the main PG search facility: www.gutenberg.org. This website includes information about Project Gutenberg, including how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.