The Project Gutenberg eBook of Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVI, Heft 7–8

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Title: Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVI, Heft 7–8

Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege

Editor: Landesverein Sächsischer Heimatschutz


Release date: March 23, 2026 [eBook #78277]

Language: German

Original publication: Dresden: Landesverein Sächsischer Heimatschutz, 1927

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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LANDESVEREIN SÄCHSISCHER HEIMATSCHUTZ — MITTEILUNGEN BAND XVI, HEFT 7–8 ***

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Landesverein Sächsischer
Heimatschutz
Dresden

Mitteilungen
Heft
7 bis 8

Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege

Band XVI

Inhalt: Luftbild und HeimatschutzErzgebirgische BergmannsfrommheitDas VolksliedDas Ende einer RiesinEin von Louis Riedel in hochdeutscher Sprache abgefaßtes GedichtDie Karte des Vogtlandes im Maßstab 1 : 100 000Volkskunde im Unterricht!Eine Heimatschutzstimme vor fünfzig JahrenNeue Brücken in der Dresdner HeideZwei Grabdenkmäler vom Friedhof in Lichtenberg bei FreibergDas stille TalSeit wann die Herren von Einsiedel auf den Burgen Gnandstein und Wolkenburg sitzenDer Kampf gegen die Straßenreklame in den Vereinigten StaatenDas Wittichkreuz bei GlashütteEine HolzschnitzerinDas ErzgebirgsliedJosef Ostermaiers Leben und WirkenUnsere eingegangenen DörferDie Pillnitzer StaatsgondelnBücherbesprechungen

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Dresden 1927


Ziehung bestimmt am 8. und 10. Oktober 1927

4. Geldlotterie

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Landesverein Sächsischer Heimatschutz

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[257]

Band XVI Heft 7/8
1927
Landesverein Sächsischer⏎Heimatschutz⏎Dresden

Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben

Abgeschlossen am 31. August 1927


Luftbild und Heimatschutz

Was uns das Luftbild von der deutschen Stadt erzählt

Von Oberleutnant Tschoeltsch

Wir leben heute im Zeitalter des Luftverkehrs. Was früher ein frommer Wunsch bleiben mußte: fliegen, sich die Welt von oben anzusehen, ist heute zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Anders aber als dem Erdenmenschen malt sich dem Flieger die Welt. Er sieht aus seiner Höhe herab auf das ganze Land, nicht auf einzelne Teile, und wenn er versteht, etwas herauszulesen aus dem, was das unter ihm liegende Land erzählt, dann wird das Fliegen erst zu einem Genuß. Es ist heute leicht, die Entwicklungsgeschichte der deutschen Stadt, die einen Zeitraum von tausend Jahren umfaßt, vom Flugzeug aus zu verfolgen. An einigen Aufnahmen soll das gezeigt werden.

Unsere Städte sind nicht ohne bestimmten Plan entstanden. Eine ganze Reihe von Faktoren waren für ihre Anlage maßgebend: völkische Einflüsse, politische Strömungen, wirtschaftliche Verhältnisse, Handel, Verkehr, Geländebeschaffenheit. Das Vorherrschen bestimmter Mächtegruppierungen beeinflußte die Anlage einer Stadt, im Mittelalter waren es Kaiser und Kirche, in der Gotik das Bürgertum, in der Renaissance Fürstentum und Bürgertum, in der Barockzeit das absolute Fürstentum. Maßgebend bei allem aber war der [258]Grundsatz, daß die Neuanlage dem Leben und Schaffen der Menschen zu dienen hatte.

So waren z. B. die ersten deutschen Städte, die im zehnten Jahrhundert durch Heinrich I. erbaut wurden, zur Abwehr feindlicher Einfälle angelegt. Die Lösung dieses Problems sah man in der Anlage einer starken Burg. Diese legte man auf dem höchsten Punkte der Gegend in gesicherter Lage an, im Kriegsfalle gewährte die Burg den in ihrer Nähe angesiedelten Kolonisten Schutz, als Gegenleistung hatten die Kolonisten an der Verteidigung der Burg teilzunehmen. Aus dieser Ansiedlung heraus entwickelte sich die Stadt, in deren Verteidigungssystem von Wällen, Gräben, Mauern und Türmen die Burg in irgendeiner Form mit einbezogen wurde.

Abb. 1. Torgau mit Schloß Hartenfels

Bild 1 zeigt das sich hoch über die Elbe erhebende Schloß Hartenfels in Torgau. Wir sehen eine starke, wehrhafte Anlage, unregelmäßig gebaut, d. h. nach keinem bestimmten von der Natur vorgeschriebenen Schema. Die Stadt lehnt sich an die Burg an. Die Burg bildet den Kern der Siedlung, die zur und über die Elbe führende Straße ist zwangsläufig so um die Burg herumgelegt, daß der Verkehr auf dieser Straße jederzeit gesperrt oder kontrolliert werden konnte.

Die Ausbreitung des Christentums führte zur Errichtung von Bistümern und Klöstern. Beide wurden Kulturzentren, die nun als solche den Kern zu Siedlungen gaben. Auch die Siedlungen der Kirche mußten verteidigungsfähig sein. Das ersehen wir aus Bild 2, das uns die Stadt Quedlinburg zeigt. Schloß [259]und Stiftskirche liegen hoch oben auf dem Felsen, die Häuser der Siedlung liegen in loser Anordnung um die Baulichkeiten von Schloß und Kirche herum. Die eigentliche Bürgersiedlung hat sich nach Norden zu, abgesondert von der Klostersiedlung, entwickelt.

Im ausgehenden Mittelalter wird das Bürgertum an Stelle von Kaiser und Kirche Träger des deutschen Gedankens. Die Städte entwickeln sich mit Macht zur Macht und schließen sich zu Städtebünden zusammen. Sie verbreiten deutsche Kultur nach den Küsten der Nordsee und nach den Ostseeprovinzen hinauf (Hansa).

Abb. 2. Quedlinburg

Der Kern einer derartigen Bürgersiedlung ist der Markt. Ursprünglich wird der »Markt« an der Kreuzung wichtiger Handelsstraßen oder an Flußübergängen abgehalten, er stand unter dem Schutze des Königs oder eines von ihm ernannten Vertreters. Ansiedler, Kaufleute, Handwerker lassen sich an solchen Punkten nieder, Gasthäuser entstehen. Handel und Gewerbe blühen auf. Der Markt wird bestimmend für die Anlage der sich hier entwickelnden Stadt. Nicht weniger maßgebend ist der Wehrgedanke, bestimmend für die Siedlung ist die Anlage der Gräben, Wälle, Mauern und Türme. Die Straßen werden von Anfang an in Wohn- und Verkehrsstraßen gegliedert, die weiten Verkehrsstraßen dienen den Bedürfnissen des Verkehrs, sie führen zum Markt, dem Kern der Stadt. Die wesentlich engeren Wohnstraßen haben lediglich den Verkehr mit den Anwohnern zu vermitteln. Beide aber, Wohn- und Verkehrsstraßen, [260]haben eins gemeinsam, von ihnen aus können die Befestigungsanlagen der Stadt jederzeit leicht erreicht werden.

Hierfür zwei Beispiele, Bild 3 Großenhain, Bild 4 Leisnig.

In Großenhain erkennt man auf den ersten Blick die Form der alten Stadt. An Stelle der früheren Befestigungsanlagen führt eine breite Promenade um sie herum. Die einmündenden Handelsstraßen führen zum Markt, sie sind leicht zu unterscheiden. Für die Gliederung des Stadtgrundrisses sind sie maßgebend gewesen. Der Markt mit dem Rathaus liegt im Mittelpunkt der Stadt, etwas abseits vom Markt liegt die Kirche. Diese Lage der Kirche finden wir oft in alten Städten, die Kirche liegt abseits vom Verkehr auf einem stillen Fleck für sich.

Abb. 3. Großenhain

Durch Leisnig führt eine große Handelsstraße. Diese weitet sich im nördlichen Teil zu einem großen breiten Markt aus. Der Verkehr kreuzt den Markt nicht, er geht an der Seite vorbei. Ein sehr wesentlicher Vorteil, denn nur diese Führung der Hauptverkehrsstraße macht einen ungestörten Handel auf dem Markt möglich. Im nördlichen Teil des Ortes, von Häusern umgeben, liegt die Kirche, sie bildet anscheinend den ältesten Teil der Stadt. Auf einem Felsen über der Stadt liegt das Schloß Mildenstein, von diesem aus ist, wie bei Schloß Hartenfels in Torgau, der Verkehr auf der Handelsstraße jederzeit zu beherrschen.

[261]

Abb. 4. Leisnig

Wie schon aus diesen Bildern hervorgeht, waren im Mittelalter für Gestaltung des Stadtgrundrisses praktische, nicht künstlerische Erwägungen maßgebend. Die Forderungen des Handels, des Verkehrs, der militärischen Verteidigung bedingten ihn. In der Renaissancezeit traten Gedanken des künstlerischen Städtebaues in den Vordergrund. Das Landesfürstentum erstarkte, die Städte gewannen an Macht. Hieraus entsteht das Bestreben, die Stärke der Macht auch nach außen hin zu zeigen. Der Wohnsitz des Fürsten entwickelt sich zur Burg oder zum Schloß.

Die Erfindung des Schießpulvers, die die Verwendung der Feuerwaffen (Flinten, Kanonen) zur Folge hat, zwingt zur Anlage einer andern Art von Befestigungen. Die Stadtbefestigung muß weiter nach außen verlegt werden, um zu verhindern, daß Geschosse in die Stadt geschleudert werden können. Bastionen entstehen, die Stadtbefestigung wird sternförmig, Erdwerke zum Aufstellen von Geschützen werden geschaffen. Man legt Wert auf flankierende Feuerwirkung. Wassergräben umgeben die nun entstehenden Festungswerke.

Bild 5 zeigt diese Entwicklung in sehr anschaulicher Form (vgl. auch Bild 1). Auf dem östlichen Elbufer von Torgau ist ein Werk zur Sicherung der Elbebrücke, ein Brückenkopf, angelegt. Die Form stimmt mit dem oben gesagten überein. Die Straße, am Schatten der Bäume sehr gut erkennbar, ist zwangsläufig um das Festungswerk herumgelegt. Eine Sperrung ist ohne [262]weiteres möglich. Oben auf dem Bilde ist noch ein zweites Festungswerk erkennbar: eine Sicherung der hier oben über die Elbe führenden Eisenbahnbrücke. Beide Anlagen sind heute militärisch vollkommen wertlos. Trotzdem hat der Versailler Vertrag die Schleifung verlangt.

Abb. 5. Festungswerke Torgau

Der Dreißigjährige Krieg hat der oben geschilderten Entwicklung ein Ende gemacht. Weit und breit war das Land verwüstet, die Landwirtschaft vernichtet, Handel und Wandel stockten, das Bauern- und Bürgertum lag kraftlos am Boden. Woher sollten da die Mittel zu solch kostspieligen Verteidigungsanlagen kommen? Zwei Mächte waren aus diesem Kriege siegreich hervorgegangen: die Fürsten und die Kirche. Das absolute Fürstentum kam hoch. In diesem verkörperte sich jetzt das Staatswesen. Zwei Auffassungen treten sich dabei gegenüber, in Frankreich der Grundsatz des Fürsten l’état c’est moi, in Preußen: ich bin der erste Diener meines Staates. Es ist folgerichtig, daß der Wohnsitz der Repräsentanten des ganzen Staates diese Würde nach außen kennzeichnet. Das beweisen uns die Ansichten von Schloßanlagen aus dem 18. Jahrhundert. Es handelt sich nicht mehr um den Bau einzelner Gebäude, sondern um Bauten und Anlagen in größtem Umfang und breitester Ausdehnung. Diese Anlagen gaben den Grundgedanken für den Ausbau der Residenzstädte, in deren Mittelpunkt das Schloß des Fürsten liegt.

[263]

Daß dem so ist, zeigt uns am deutlichsten Dresden, Sachsens Landeshauptstadt. (Bild 6.) Die alte (innere) Stadt ist an dem um sie herumlaufenden Straßenzug (Ring) deutlich zu erkennen. Verkehrszentrum ist der Altmarkt, zu dessen Entlastung der Neumarkt angelegt ist. Seine unregelmäßige und unschöne Form verdankt der Neumarkt dem Umstand, daß hier das alte Wachtgebäude, das vor der Frauenkirche stand, abgerissen worden ist. Der Blick auf die Frauenkirche sollte dadurch freigelegt werden.

Abb. 6. Dresden, Stadtkern, aus 3000 Meter Höhe

Die innere Stadt ist nach einem ganz bestimmten Schema angelegt, über dieses Schema ist bei Großenhain (Wohn- und Verkehrsstraßen) bereits gesprochen. An der Elbe liegt das Schloß, eine feste, geschlossene Anlage mit einem hohen Turm, der noch an den burgmäßigen Charakter erinnert. In großartiger Weise findet die wuchtige Schloßanlage ihre Fortführung in die Barockzeit durch die Anlage des »Zwingers«. Eine wunderbare Schöpfung, durch die der Landesfürst seine Macht repräsentierte. Angelehnt an die alte Stadt sehen wir dann die schematischen Linien moderner Stadtteile.

Die erneute Änderung der politischen Verhältnisse blieb nicht ohne Einfluß auf die weitere Gestaltung des Stadtbildes. Eine ganz andere Zeit kam. Das Volk wurde mit verantwortlich am Staatswesen. Es wird nunmehr Wert darauf gelegt, Gebäude, die dem öffentlichen Leben dienen, imponierend zu bauen: Parlamente, Ministerien, Verwaltungsgebäude, Schulen, Kasernen, Bahnhöfe.

[264]

Abb. 7. Leipzig. Reichsgericht

Das sehen wir am Leipziger Reichsgericht (Bild 7). Der repräsentative Charakter des aus sehr niedriger Höhe aufgenommenen Gebäudes kann deutlicher nicht zutage treten als durch die große Kuppel über der mächtigen Eingangshalle.

Abb. 8. Dresden-Albertstadt

Bild 8 zeigt uns die ehemaligen militärischen Gebäude von Dresden-Albertstadt. Wir sehen das Arsenal, das Bekleidungsamt, das Traindepot, das Proviantamt, das Festungsgefängnis usw., alles Gebäude, die heute friedlichen Zwecken dienen. Der Vertrag von Versailles hat ihrer militärischen Verwendung ein Ziel gesetzt. Aber es war großzügige Arbeit, die in einer vergangenen Zeit hier vom sächsischen Staat geleistet worden war, auch ein Dokument für den Ausdruck der Macht, die wir einst hatten.

Abb. 9. Lauchhammerwerk bei Riesa

Und schließlich gestaltete die Erfindung und Entwicklung der Maschine alles um. Wir selbst erleben eine Entwicklung ins Große: Großverkehr, Großgewerbe. Die Bodenschätze werden im weitesten Umfang ausgenützt, die Industrie verlangt Schaffung von Verkehrsanlagen, die rasche Absatzmöglichkeiten gewährleisten. Eine einwandfreie Übersicht über diese modernen Anlagen gibt uns weder Karte noch Skizze, sondern nur das Luftbild.

Abb. 10. Bahnhof Dresden-Friedrichstadt

Ein großes neuzeitliches Industrieunternehmen erblicken wir auf Bild 9: Das Lauchhammerwerk in Riesa. Mächtige Fabrikhallen liegen unter uns, [267]zahlreiche Schornsteine ragen aus dem riesigen Komplex heraus. Das Werk liegt sehr günstig. Auf der einen Seite hat es unmittelbaren Gleisanschluß, denn ihm gegenüber liegt der Bahnhof Riesa, auf der anderen Seite fließt die Elbe, so daß der billigste Weg, der Wasserweg, zum Transport der Rohstoffe oder der Fertigfabrikate verwendet werden kann.

Abb. 11. Dresden-A. Hauptbahnhof

Den meisten Raum auf der Erde beanspruchen natürlich die modernen Verkehrsanlagen.

Abb. 12. Leipzig. Hauptbahnhof

Von der gewaltigen Ausdehnung dieser Anlagen geben die Bilder 10, 11 und 12 Kunde, die uns den Rangierbahnhof Dresden-Friedrichstadt, den Hauptbahnhof Dresden und den Hauptbahnhof Leipzig zeigen. Besonders durch die Personenbahnhöfe ergießt sich täglich ein gewaltiger Verkehrsstrom. Morgens kommen die in der Stadt beschäftigten Arbeiter und Angestellten hereingeströmt, abends strömt alles zurück, einen gewaltigen Ansturm haben diese Bahnhöfe täglich auszuhalten.

Aus den drei Bahnhofsbildern kann man aber noch etwas ersehen: wie eng es in unseren Großstädten schon geworden ist und wie sich hohe Häuserblocks auf jedem freien Fleckchen Erde erheben. Die Raumnot in unseren Städten ist ungeheuer geworden. Wie sie sich – von oben gesehen – auswirkt, zeigt ein Bild aus Dresden, das die Gegend um die Annenkirche wiedergibt. (Bild 13.)

Abb. 13. Dresden-A. Freiberger Platz und Annenkirche

Wir sehen fast senkrecht in das Häusermeer. Hochgebaute Häuser (man beachte die Schattenwirkung), verbaute Höfe, enge, winklige Straßen und [269]Gassen – wo soll hier Sonnenschein hineinkommen, wie soll ein frisches Lüftchen seinen Weg hier herein finden? Durch diese Straßen braust der staub- und lärmerregende Verkehr: Straßenbahnen, Wagen, Autos, Krafträder. Es ist dies der Boden, auf dem die vom Maler Ziller so meisterhaft und doch so tragisch gezeichneten Großstadtkinder und Großstadtmenschen gedeihen, die, dem Heimatboden entfremdet, den Begriff der Vaterlandsliebe kaum kennen können.

Abb. 14. Plauen (Vogtland)

Das Häusermeer der Großstadt Plauen (Vogtland) macht rein äußerlich zwar einen regelmäßigeren Eindruck, innerlich ist es wie mit dem Bild von Dresden-Altstadt (Bild 13). Wie wir aus Bild 14 (Plauen, Vogtland) entnehmen können, ist Abhilfe im Städtebau unbedingt erforderlich.

Wie überaus wichtig die Schaffung von Heimstätten ist, die nicht abhängig von der Spekulation mit Grund und Boden sind, geht aus diesen Bildern hervor. Der Eintritt stabiler Geldverhältnisse läßt den Bau von Wohnungen ja glücklicherweise nicht mehr als Utopie erscheinen.

Mit diesen Bildern sei die Arbeit abgeschlossen, die in kurzen Stichworten einen Zeitraum von tausend Jahren umfaßt. Die Fülle von Eindrücken, die das Luftbild vermittelt, die Menge von Anregungen, die es gibt, genügen, um ganze Bücher zu schreiben. Das Luftbild ist keine Spielerei mehr, es ist zur Wissenschaft geworden. Auch die Behörden erkennen seinen Wert an, das preußische Handelsministerium hat eine besondere Luftbildabteilung eingerichtet, die von dem bekannten Doktor Ewald, dem ersten, der das Luftbild in den Dienst der Wissenschaft stellte, geleitet wird. Seiner Initiative ist es auch zu verdanken, daß das Luftbild zum modernen Unterrichtsmittel in den Schulen geworden ist.

Für uns erfüllt das Luftbild seinen Zweck, wenn es uns zeigt, wie wichtig die Probleme der modernen Zeit: Siedlung und Verkehr geworden sind und wenn es mehr als Karten geeignet ist, dem Laien sichtbar zu machen, wie diese Probleme im Rahmen der gegebenen Verhältnisse zu lösen sind.


Erzgebirgische Bergmannsfrommheit

Bilder aus einer versunkenen Welt

Von Gustav Rieß, Freiberg

Die Abendschatten sinken auf Freiberg hernieder. Auf tiefblauem Grunde steht die dunkle Umrißlinie der malerischen Türme der Peterskirche (Abb. 1). Steil stoßen die Dächer in den Duft und Dunst des vergehenden Tages. Der Marktbrunnen rauscht und plätschert, rauscht und plätschert, und seine ehernen Löwen schauen und speien, schauen und speien ruhevoll und unbeweglich in das unruhige Leben des Marktes der alten Bergstadt. Da hebt die Rathausuhr mit mächtigem Schlage aus. Siebenmal hallt es vom Glockenmund dort oben. Siebenmal klingt es dann vom hohen Petersturm mit der vollen tiefen Stimme von Erz. Dann aber schwingt es mit hellen Tönen von dort oben her, klingend [271]und singend, rufend und mahnend über die Dächer und Giebel bis hinaus in Feld und Flur zu den alten Halden und Gruben vergangener Zeit und Bergherrlichkeit:

»Auf, auf zur Grube ruf ich euch, ich, die ich oben steh,
So oft ihr in die Tiefe fahrt, so denket in die Höh!«

Das Bergglöckchen ist es, das schon zwei Jahrhunderte dem Bergmanne seine mahnende Stimme erhob, und zur lebendigen Stimme der Heimat ward, das Bergglöckchen, das heute die Stimme der Erinnerung ist und Worte tauscht mit der Vergangenheit und doch mit seinem Ruf in manche Tiefen der Gegenwart dringt, wenn man recht auf ihren besonderen Sinn nur lauschen will: Mag deine Fahrt noch so sehr in die Tiefe gehen, denke in die Höhe, dann wird das Dunkel überwunden.

Abb. 1. Petrikirche in Freiberg

Bergmannsfrömmigkeit hat dieses Bergglöckchen hoch oben zwischen Himmel und Erde gehängt, daß sie zur Schicht viermal des Tages mahnend ihre Stimme erhebe, und heute noch im modernen Straßengewühl ist ihre Stimme lebendig von alter Bergmannsfrömmigkeit.

Bergmannsfrömmigkeit ist weit von Frömmelei entfernt. Fest stand er mit beiden Beinen auf der Erde und wußte des Lebens Freuden gar wohl zu schätzen. Der Beruf, der ihn in die dunkle geheimnisvolle Tiefe seiner Schächte und Stolln führte, mit mannigfachen Schrecken und Gefahren ihn täglich bedrohte und doch wieder manches Wunder der Tiefe ihn erkennen ließ, zwang jedoch mehr als in irgendeinem anderen Stande den Sinner und Träumer, den nachdenksamen stillen Geist in der Abgeschlossenheit der Tiefe in sich hineinzulauschen und in die Höhe zu denken, wie das Glöcklein es mit heller Stimme immer wieder rief.

Das ganze Leben des Bergmannes ist wie kein anderer Stand von diesen Gedanken durchtränkt und man spürt es, daß daraus eine Kraft strömte, die die Schwere des Berufes überwinden ließ, Arbeitsfreude gab und mit frohem Sinn auch das karge Brot schmackhaft machte.

Ein Ausdruck dieser fest im Berufsleben ruhenden Frommheit ist es, daß die Gotteshäuser in den Bergstädten ihren Bergaltar für die besonderen gottesdienstlichen Feiern der Bergknappschaft hatten.

Aus einer frommen Altarbruderschaft hat sich ja erst in Freiberg der gewerkschaftliche Zusammenschluß der Bergknappschaft entwickelt. Als glänzendes Beispiel ist der herrliche Bergaltar in der Annenkirche in Annaberg erhalten, der gleichzeitig mit dem Bau der Kirche im Jahre 1521 durch die Bergknappschaft errichtet wurde. Die Formen der Frührenaissance sind bei diesem Altarwerk in wunderbarer Frische und Selbständigkeit verwendet. Der Mittelschrein zeigt die Geburt des Herrn in einer perspektivischen Renaissancehalle. Je sechs köstlich gearbeitete heilige Figuren auf zierlichen Postamenten rechts und links und ein frohlockender Chor von musizierenden Engeln darüber bilden den lebendigen Rahmen des Werkes. Annaberg war in jenen Tagen die Wiege der Frührenaissance in Sachsen. Wenn das [272]Sebaldusgrab von Peter Vischer, diese Großtat deutscher Kunst in der alten Reichsstadt Nürnberg als das erste Werk der Renaissance (1508 bis 1519) auf deutschem Boden bezeichnet wird, so dürfen die Werke in Annaberg die vom Meister H. W. und aus dem Geiste des Meisters der Freiberger Apostel geschaffen sind, mit Stolz sich daneben stellen als gleichzeitige Schöpfungen aus deutscher Seele im Geiste der neuen Kunst voll innerer Freiheit und ausdrucksvoller Schönheit, Schöpfungen, bewundernswert, weil sie nicht aus altem Kulturboden mit jahrhundertealter Kunsttradition, wie in Nürnberg, sondern aus dem rohen Kolonialboden einer jungen Industriesiedlung, Bergmannssiedlung, hervorgesprossen sind. Der Bergmannsfrömmigkeit entspricht es, wenn am Bergaltar neben der Darstellung des Todes der Maria Bergmannsfiguren anbetend knien und klagend die Hände erheben, wenn in der Bekrönung der Schutzpatron des Bergbaus mit einem flehenden Bergmann steht, und links und rechts Bergmannsgestalten Schilde mit den Bergmannszeichen halten und auf zierlichen Renaissancesäulchen daneben Bergmannsfigürchen den oberen krönenden Abschluß bilden. Ja, das ganze Arbeitsleben trägt hier der Bergmann in das Heiligtum und stellt es unter den Schutz und die Weihe des Altars: Auf der Rückseite des Altarwerkes ist in Leimfarbe die Entstehung des Annaberger Bergbaues und die Tätigkeit des Bergmannes beim Schürfen und Fündigwerden der Erze, Arbeiten vor Ort, Fördern, Stürzen, Schlagen, Pochen, Waschen, Schmelzen und Prägen des Silbererzes dargestellt. Man fühlt es, wie sehr der Bergmann sein ganzes Leben mehr als andere im Licht der Sonne schaffende Berufe von höherer geheimnisvoller unerforschlicher Macht abhängig weiß, und wie durch die körperliche Verbindung in Gestalt und Sinnbild mit dem heiligen Ort Hilfe und Schutz in den Gefahren der dunklen Tiefe er sich erfleht und mit froher Gewißheit glaubt.

Auch in der Bergkirche in Annaberg, die 1511 vollendet, später durch Brand zerstört und neu aufgebaut, 1616 wieder geweiht wurde, sind am Altar zwei Bergmannsfiguren angeordnet, die das sächsische Haus- und Kurwappen halten; als Abschluß des Altarwerkes war ehemals das große sächsische Wappen mit zwei geschnitzten Bergmannsfiguren als Wappenhalter angebracht. Drei kleine zinnerne Altarleuchter stellten Bergmannsfiguren dar, wie auch in anderen erzgebirgischen Kirchen, z. B. in Zöblitz und Marienberg Bergmannsfiguren als Lichtträger auf dem Altare ihren Platz finden. Auch im Freiberger Altertumsmuseum befinden sich derartige Altarleuchter aus Zinn in Form von die starken Altarkerzen hoch tragenden Bergmännern. Doch nicht nur mit dem Altare, sondern auch an der Kanzel, Taufstein und anderen Stellen des Gotteshauses hat das religiöse Gefühl des Bergmannes die Darstellung seiner Gestalt als Vertreter seines Standes mit der heiligen Stätte und ihren Segnungen und Verheißungen verbunden wissen wollen. An der Kanzel in der Annenkirche in Annaberg, die im April des Jahres 1516 aufgestellt wurde, ist er im untersten Feld der Brüstung der Kanzeltreppe bei der Arbeit vor Ort dargestellt. Mit Schlägel und Eisen arbeitet er im festen Gestein. Seine Hose ist auf dem linken Oberschenkel bei der rauhen Arbeit im Schachte zerrissen. [273]Ein Bündel Eisen an der Schnur liegt zu seinen Füßen. Man fühlt, wie die Schwere und der Ernst der Arbeit vom Künstler mit großem Wirklichkeitssinn betont wird, vielleicht aber auch eine sinnbildliche Bedeutung hineingelegt ist. Die Arbeit des Bergmannes ist ja besonders reich an Sinnbildern und Gleichnissen für das tägliche Leben und nicht minder für geistliche Beziehungen, religiöse Gedanken und innere Erkenntnisse. Dieser Bergmann im Arbeitskittel bei schwerer Häuerarbeit »in der Strosse« an heiliger Stätte dargestellt, ist jedenfalls ein besonders eigenartiges Zeugnis vom Geiste des Bergmannes und vom Geiste der Zeit, welcher von der Kirche der Priester zur Kirche der Gemeinde, von der Lebensfremdheit priesterlichen Altardienstes zu der Lebensnähe der deutschen Predigtkanzel schon vor der Reformation strebte und die Keime der Reformation und einer neuen Welt- und Lebensauffassung in sich trug.

Auch an der Bergmannskanzel im Dom zu Freiberg ist der Bergmann dargestellt (Abb. 2). In der schwersten Zeit des Dreißigjährigen Krieges, im Jahre 1638 wurde sie durch den Bürgermeister Jonas Schönlebe gestiftet, ein Friedensdenkmal aus grimmigster Kriegsnot, ein stilles Denkmal der Kunst aus der Zeit der Zerstörung und des Unterganges alter Kunst und blühender Kultur. Den Rumpf der Kanzel trägt ein Bergmann auf seinem Haupte und stützt sie mit seinen Händen in geschlossener ruhiger Haltung. Die Kanzeltreppe wird von einem kauernden Bergknappen (Abb. 3) mit starkem Nacken und muskulösen Armen getragen. In dem furchtbarsten Glaubenskriege um die Errungenschaften der Reformation und deutsche Geistesfreiheit war diese Kanzel ein Symbol, daß die Predigt des Wortes und die Freiheit des Denkens sich stützen muß auf die Kraft und Treue des Volkes der Arbeit, des Volkes, das Felsen zerbricht und Finsternis und unwegsame Tiefe nicht fürchtet, um edles Erz zum Lichte zu fördern. Der Bergknappe unter der Treppe hat ähnlich wie der Bergmann von der Annaberger Kanzel bei der rauhen Arbeit sein Arbeitskleid zerrissen, und die Muskeln und Adern des kräftigen Unterarms schauen durch das gähnende Loch des zerfetzten Ärmels.

Abb. 2. Bergmann als Kanzelträger an der Bergmannskanzel (1638) im Dom zu Freiberg

Auch in der Kirche zu Erbisdorf bei Freiberg, mitten im alten Bergbaugebiet gelegen, war die lebensgroße Gestalt eines Bergmannes, der Zeit des Dreißigjährigen Krieges vermutlich entstammend, Kanzelträger und bestätigt den Gedanken, wie stark das Bergvolk, als Träger des Wortes, aus der Not der Zeit nach höherer Geistigkeit sich streckte und als glaubenstreue Stütze freier Verkündigung fühlte.

Dieser bergmännische Kanzelträger befindet sich jetzt im Freiberger Altertumsmuseum. Die Rechte stützt er auf ein Wappen, dessen Zeichen ein Herz ist, das auf Schlägel und Eisen ruht und aus dem drei Rosen sprießen, ein sinniges Symbol dafür, wie das rechte Bergmannsherz an seinem Berufe hängt und Rosen ihm daraus erblühen.

Abb. 3. Bergmann unter der Treppe der Bergmannskanzel (1638) im Dom zu Freiberg

In den alten Tagen vererbte sich der Beruf von den Vätern auf die Söhne. Ein Segen lag darin, aber oft auch ein bitterer Zwang und schweres Menschenschicksal. Da lag es nahe, daß der Bergmann auch am Taufstein schon dem [276]jungen Erdenbürger, dem einstigen Bergmann, etwas vom Bergmannsgeiste und dem Segen der Berufsfreude mitgeben wollte. Der Taufstein im Dome zu Freiberg, den im Jahre 1531 Herzog Heinrich der Fromme und seine Gemahlin Katharina gestiftet haben, ist solch ein Bergmannstaufstein. Auf dem in schwerfälligen Frührenaissanceformen gehaltenen Sockel sind zwischen aufrollenden Voluten vier anbetende Knaben angebracht. Ihre Kleidung ist das Wams mit Kapuze, wie es der Bergmann trägt, und wie es als Kleidung der Gnomen und Zwerge, der Bergleute des Märchens und der Sagen, auch heute noch in allen Kinderbüchern lebendig ist. Auch der Taufstein in Annaberg, der einem kostbaren Goldschmiedepokal gleicht, mit seinen reizenden Kindergestalten im Kapuzenwämschen, und auch der Taufstein der Jakobikirche zu Freiberg aus dem Jahre 1555, eines der kunstreichsten Werke seiner Zeit im Lande, sind aus gleichem Bergmannsgeiste geschaffen.

Diese Verbundenheit des Bergmannes mit dem Gotteshause machte es auch selbstverständlich, daß die Bergbeamten ihren eigenen Knappschaftsstuhl hatten, der ihnen für den Gottesdienst vorbehalten und bezeichnet war. Der Knappschaftsstuhl im Freiberger Dom trägt in der reichen Schnitzerei des oberen Abschlusses die Gestalten von drei Bergleuten in altertümlicher Tracht. Die beiden äußeren halten ein Wappenschild mit Schlägel und Eisen, der Jahreszahl 1546 und den Buchstaben K. S. (Knappschafts-Stuhl). Der mittlere ist ein Meisterwerk der Holzschnitzkunst mit einem prächtigen Apostelkopf, eine Gestalt, die vielleicht der Meisterwerkstatt oder der Hand des Künstlers der zwölf Apostel des Freiberger Domes aus der Zeit um 1520 entstammt. In der Linken trägt er eine Erzstufe, in der Rechten eine Bergbarte, diese uralte Waffe des freien stolzen Bergknappen. Alles an diesen drei Gestalten weist darauf hin, daß der Bergmann, stolz auf seinen Beruf, auch im Gotteshause alle Zeichen seines Standes, Schlägel und Eisen, Bergbarte, das große charakteristische Bergleder und die Erzstufe für kirchenfähig und Gott wohlgefällig und damit seinen Stand selbst für besonders mit dem Heiligtum und seinem Segen verbunden fühlte. An dem Messingkronleuchter aus dem Anfang des siebzehnten Jahrhunderts im Dom steht: »Wer will Bergwergk bauen, der mus Gott vertrauen«, »An Gottes Segen ist alles gelegen«. Dies ist der Geist, aus dem ihm die Freude und der Stolz auf seinen schweren Beruf entsprang. Ein naives Zeugnis dieser Gesinnung ist das sogenannte »Bergmännische Gedächtnis« in der Kirche zu St. Michaelis bei Freiberg, wo im achtzehnten Jahrhundert ein biederer Bergmann, ein »Eigenlöhner« namens Johann Morgenstern, seinen Dank für guten Anbruch durch Aufstellung einer Bergmannsfigur in der Kirche ausdrückte mit der Inschrift: »Reicher Gott vor diese Gaben sei dir herzlich Dank gesagt. Was wir zugebuset haben und von längern Zeit, das ist nun gottlob gefunden, weil der Anbruch ist gemacht. Anno 1714.« Dieses Denkmal ist 1848 erneuert worden. (Abb. 4.)

Abb. 4. »Bergmännisches Gedächtnis« (1714) in der Kirche von St. Michaelis bei Freiberg

Bei dieser kirchlichen Sinnesart ist es kein Wunder, daß die Bergleute auch ihren besonderen kirchlichen Feiertag mit ihrer besonderen »Bergpredigt« hatten, an dem sie in festlicher Bergparade mit den prächtigen [278]Knappschaftsfahnen und allem bergmännischen Gepränge in den Dom zogen. Als man im Jahre 1737 diesen Tag bergmännischen Stolzes aber auch bergmännischer Lust und Freiheit – es ist der 22. Juli, der Tag Mariae Magdalenae – aufheben wollte, weil viel Mißbrauch mit der Freiheit getrieben war, da rotteten sich die Bergleute zusammen, bedrohten den Superintendenten und Amtsprediger Dr. Christian Friedrich Wilisch, und »erstritten« sich diesen Festtag wieder, der seitdem »Streittag« genannt und bis in die letzten Jahre des Bergbaues festlich begangen wurde. Diese Vorgänge sind, wie das ganze Leben und Treiben, Sitten und Gebräuche des Bergmannes ein Beweis für das Wort des Freiberger Chronisten Möller in seiner Chronik vom Jahre 1653 »Man hat die alten Gebräuche / so viel möglich gewesen / fleißig in acht genommen«, und ferner für das Wort des Schneeberger Chronisten Meltzer vom Jahre 1716, daß die Bergleute »eines freyen Gemütes sind, aber wenn diese Gemüths- und andere Freyheit hat wollen gekräncket / disputieret oder sonst verletzet werden / seynd sie zum Aufstehen geneigt gewesen«. Diese »Freyheit des Gemütes« und vielleicht auch der natürliche Ausgleich zu dem schweren Arbeitsleben im tiefen dunklen Schacht hat freilich auch oft zur Leichtlebigkeit, Üppigkeit und mancher Zuchtlosigkeit geführt. Untaten und Verstöße gegen die guten Sitten, »unehrlich, mißtätige, verbotene Stücke« wurden jedoch, wie Möller berichtet, streng gerügt, und »es ist Keiner unter der Fahne und dieser ehrlichen untadelhaften und reinen Zunft gelitten worden, bis so lange er sich der Unthaten, Verdachtes und bösen Geschreis genugsam entbrochen und seine Sache gebührlich ausgeführt hat.« In die »reine Zunft« der Bergknappschaft durfte ja »kein unehelich Geborener oder wer unehrlich gehandelt, auch nicht die Handwerker alle zugelassen werden«.

Wie Beruf und Arbeitsleben mit den heiligen Räumen der Kirche, mit Altar, Kanzel und Taufstein, mit kirchlichen Gebräuchen und Sitten verbunden waren und in das feierliche Leben und Wesen der Kirche hineingetragen wurde, so wurde auch umgekehrt kirchlicher Brauch in das schwere Alltagsleben des Berufes hineingetragen. So besteht die alte schöne Einrichtung der gemeinsamen Andacht vor Antritt der Schicht, vor der Fahrt in die dunkle Gruft des Schachtes, wo der Tod lauern kann, ein Brauch, der seit 1595 bis heute lebendig geblieben ist. Möller sagt 1653 in seiner Chronik: »Es hat aber dieses Gebet Paul Steiger der Bergwerksverwalter anno 1595 angeordnet / und müssen noch heute zu Tage die Steiger und Hewer auff den Zechen / ehe sie an die Arbeit gehen / eine Viertelstunde zuvor beten und singen.« Was würde wohl Paul Steiger und Andreas Möller sagen, daß »auch noch heute zu Tage die Steiger und Hewer« auf der letzten Zeche des einst so stolzen und reichen Freiberger Bergbaues, auf der Grube Alte Hoffnung Gottes zu Kleinvoigtsberg heute noch nach dreihundertzweiunddreißig Jahren diesen uralten Brauch halten!

Die bergmännischen »Betstuben«, die für diesen Brauch eingerichtet waren, sind charakteristische Denkmäler bergmännischer Kultur und Geistes. (Abb. 5.) Auf rauhen Bänken saßen dort die hageren von der Arbeit in [279]sonnenloser Tiefe gezeichneten Männer und lauschten den kurzen Worten der Schrift, die einer der Ihren las, sangen mit kräftigem Ton zur Orgel, die einer der Ihren spielte, das Gezähe zur Hand, und fuhren dann mit einem Glückauf und dem Gruß »Helf Gott, fahrt gesund durch miteinander!« in die geheimnisvolle Tiefe.

Abb. 5. Bergmännische Betstube auf dem Elisabethschacht in Freiberg

»Wer will Bergwergk bauen, der muß Gott vertrauen!«, und »Mein Grubenlicht soll Jesus sein, mit ihm fahr ich aus und ein!« Solche Sprüche sind zahlreich aus dem bergmännischen Leben als volkstümliche Spruchweisheit hervorgewachsen, sind mit allen möglichen Ausprägungen des täglichen und beruflichen Lebens verbunden und zeigen deutlich, wie religiöses Denken und Fühlen zu den seelischen Grundlagen des bergmännischen Daseins gehörte. Es ist daher kein Zufall, daß auch im kirchlichen Gesangbuche, im Kirchenliede, der Beruf des Bergmanns seine besondere eigene Stellung einnimmt. Kein anderer Beruf, vielleicht der des Landmannes ausgenommen, ist mit Berufsliedern im Gesangbuche vertreten. Im neuen Gesangbuch der evangelisch-lutherischen Landeskirche vom Landeskonsistorium im Jahre 1910 herausgegeben, sind vier »Bergwerkslieder« in einem besonderen Abschnitt zusammengestellt. Vor der Einfahrt: »Mit dir, Allmächtger, fahr ich an und voll Vertraun auf dich; nicht schreckend ist die dunkle Bahn, wenn du begleitest mich« [280]und drei Lieder nach der Ausfahrt, darunter das altertümliche kurz nach dem Dreißigjährigen Kriege um 1658 von Matthäus Wieser verfaßte »Mit Freuden will ich heben an und einen Bergreihn klingen lan dem höchsten Gott zu Ehren. Auf, auf ihr christlichen Bergleut, rühmt Gottes groß Allmächtigkeit, helft mir sein Lob vermehren« mit der treuherzigen Bitte im Schlußverse: »Tu auf dein reiche milde Hand und segne unser ganzes Land, all Bergwerk und Schmelzhütten«. In dem alten Freiberger Gesangbuch aus dem Jahre 1781 sind fünf Bergwerkslieder im Hauptteil, ferner drei Lieder »Bey Begräbnis eines Bergmanns«, und zwei im Anhang enthalten. Der Inhalt ist immer wieder die Bitte um Bewahrung in der dunklen Tiefe, Dank für gnädigen Schutz und vor allem auch oft das anbetende Staunen vor den Wundern der Tiefe.

Von diesen Bergwerksliedern möge ein besonders bezeichnendes Lied der siebziger oder sechziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts der Vergessenheit entrissen werden. Im Jahre 1766 war die Bergakademie Freiberg gegründet worden und erfüllte mit ihrem Ruhme die ganze wissenschaftliche Welt. Zu dem Lehrstuhle ihres berühmten Professors der Mineralogie und Geologie Abraham Gottlob Werner drängten sich Hörer und Studenten aus allen Nationen, um die wissenschaftlichen Erkenntnisse dieses genialen Neuschöpfers der Mineralogie und Geologie aus seinem Munde zu hören und die Geheimnisse des Werdens und Seins der Gesteine unter seiner Führung zu ergründen. Die Begeisterung für die Wunder der Tiefe war durch den überragenden Geist Werners in seine Hörerschaft, in die Freiberger Gesellschaft, in die breite Bevölkerung und nicht zum wenigsten in die Herzen der Männer im Bergmannskleide, der Bezwinger der dunklen Tiefe, selbst tief eingedrungen. Das neue Licht der Wissenschaft, das in das Dunkel der Schächte hinableuchtete, füllte vor allem auch das Bergmannsherz mit neuem Berufsstolz und Berufsfreude. Als Verfasser des Liedes ist C. C. G. genannt, und ich vermute als Dichter den Bruder des Dichters Christian Fürchtegott Gellerts, der als höherer Bergbeamter und Professor 1466 bis 1490 in Freiberg tätig war. Dieses »Kirchenlied« ist gleichsam ein empfindsam poetisches Kolleg, das ein mineralogisch frisch begeisterter Bergmann beim Befahren seiner geliebten Gruben hält, oder wie es der berufsfrohe Bergmann Gellert vielleicht seinem tiefreligiösen Bruder, dem Professor Gellert in Leipzig, dem bekannten Dichter vieler Fabeln und Lieder, hätte schreiben können und von dem neuentdeckten Boden seiner Heimat als Heimatgruß singen würde. Gellert stammt aus Hainichen bei Freiberg, wo sein ehernes Denkmal den Marktplatz ziert. Das Lied lautet:

Nicht, daß mich glänzend Gold ergötzt, und tönend Silber rühre,
wird jetzt mein Geist in Lust versetzt; Nein! darum, daß ich spüre:
Er, der die Himmel ausgestreckt, hab in der Tiefe auch verdeckt
den Reichtum seiner Schätze.
Versenket in den tiefen Schlund der unermessnen Weiten,
bemerk ich Schöpfer! jenen Fund, den vor verjährten Zeiten,
du in die Klüfte hast versenkt, durch Macht, die Welt und Zeit umschränkt
von mancherley Metallen.
[281]
Es steigt der stolzen Berge Haupt, bis an der Wolken Decke,
von außen alles Schmucks beraubt, in aufgethürmter Strecke;
doch machst du, HERR! in ihrem Schoos, den Reichthum deiner Wunder groß
in Stöcken, Gäng und Flötzen.
In Horn, in Quarz, in Gems und Spat, in Glimmer, Gneis und Schiefer,
bricht blättrigt, wollig, und wie Draht, in Nest und Nieren tiefer,
vor sich, und von Natur gezeugt, oft reiner denn die Kunst erreicht,
gediegen Gold und Silber.
Die Kupferblume trotzt der Pracht der buntesten Gesticke;
Glanz, Wismuth, Zinn, und Kobald macht, durch Vielheit der Geschicke,
HERR! deiner Wunder Menge kund, und öfnet unser Herz und Mund,
dich jauchzend zu erhöhen.
Zinnober, Spiesglas, Eisenstein, der Kiese schön Gemenge,
grubst du in harten Felsen ein, mit spielendem Gepränge;
derb, strahlich, rund und würfelweis, weit über Kunst und Menschenfleiß
gesprengt, gezackt, getroffen.
Auf einer Mutter zeigt sich oft so mancherley Geschicke;
Wie sonderbar und unverhofft ist nicht des Bergmanns Glücke!
Zum Anbruch, den man überfuhr, eröffnet sich dereinst die Spur,
durch deiner Weisung Leiten.
Nicht mächtig, derb und fest allein stehn solche deine Gaben;
in Mulm und Letten, wie in Stein; hast du sie auch gegraben.
In Gilben, Bräunen, Schwärz und Sand, in Früchten auch und aus dem Land
kann Gold und Silber wachsen.
Der Gänge Schweben, Fallen, Stehn, ihr Stürzen und Verschieben,
ihr Rammlen und ihr Schaaren stehn im Gegenbuch verschrieben;
als deine Vorsicht einst vermaß, und auch im Kleinsten nicht vergaß,
sich wunderbar zu zeigen.
Erstaunend thu ich einen Blick auf Fahrung, Schacht und Strecken,
Gesenk und Stroßen denn zurück, mich wieder zu erwecken,
vor Ort und überall zeigt er mir als vom Fund und Vater her,
sich unser GOTT, der Schöpfer.
Auch ohne Grauen seh ich nicht die aufgeräumten Weiten;
doch kann ein schwaches Grubenlicht mich durch dieselben leiten.
Das Schwebende macht mich bestürzt, und, von dem Hangenden verkürzt,
das Liegende mir bange.
Wie schüchtern merk ich die Gefahr an Haspel, Kübel, Seile!
und gleichwohl werd ich auch gewahr, indem ich mutig eile,
was sich von allen Seiten zeigt, und, Höchster! dir zum Preis gereicht
den Schutz, du Menschenhüter!
Der Kaue flüchtiges Gebäud, der Halte kühn Geschütte
macht, daß mein Sinn, noch halb zerstreut, verdoppelt meine Schritte.
Doch werf ich ja noch einen Blick aufs Ausgestürzte hier zurück,
so find ich neue Wunder.
Es strahlt und blitzt, wie Edelstein, manch taub und grob Geschicke,
verschiedner Blenden falscher Schein stellt uns das eitle Glücke
der Thoren aller Zeiten klar, in seinem falschen Schimmer, dar,
zerfallen und verstürzet.
[282]
Thu, Höchster, Klüft und Gänge auf, damit sie reichlich schütten;
auf Gruben und Gebäuden steh es höfflich; und in Hütten
erfreu, vom haltigen Geschick, uns ferner mancher Silberblick,
zu Herrn und Landes Besten.
Dein Segen, nicht der Überfluß, macht glückliche Gewerken;
das laß bei dankbarem Genuß uns alle wohl bemerken.
Erfreu uns mit Zufriedenheit, und laß bey Treu und Redlichkeit
noch manch Glück auf! erschallen.

C. G. G.

Dieses lange, fromme, mineralogische Bergmannslied ist besonders deshalb noch bemerkenswert, weil es eine ganze Reihe echt deutscher Fachausdrücke, altes Sprachgut, aufweist, die uralter Freiberger Bergmannssprache entstammend vielleicht durch Werner dem wissenschaftlichen Gebrauche und in ihrer bildhaften Anschaulichkeit der Schriftsprache zugeführt sind. Fast jeder Vers enthält solche »Vielheit der Geschicke«, solche »Nieren und Nester«, solche »Stöcke«, »Anbrüche« und »Gänge« bildhaft sprachlicher Ausdruckskraft. Solches kostbare Sprachgut zu bewahren, aus dem untergehenden Erzbergbau zu retten und für unsere immer mehr verflachende und versandende Sprache wie edles Gold zu retten, das ist auch Heimatschutzarbeit.

Dieses alte Bergmannslied beweist aber auch weiter, daß schon vor der »Entdeckung der Landschaft und Naturempfindung« in der klassischen Dichterperiode und Romantik bei den Bergleuten ein tiefes Empfinden für die Schönheit und Romantik der unterirdischen Welt lebendig war, und »Herz und Mund jauchzend der Wunder Menge erhöhte«, daß aus der Naturbetrachtung auch kleinster Dinge durch die Wissenschaft die Bewunderung und Freude und tief empfundener, bewußter, ästhetischer Genuß entsprang.

Auch die Lieder »Bey Begräbnis eines Bergmannes« sind besonders charakteristisch und echt bergmännisch in ihren Gedanken und Fassung. Es handelt sich ja um »die letzte Schicht« des Bergmanns. Da beginnen und schließen zwei der Begräbnislieder jeden Vers mit dem Gruße »Glück auf!«. Er preist sich selig, daß er die schweren Schichten verfahren hat und es keine »Leidensknauer« mehr gibt. Er ist in die »himmlische Gewerkschaft« aufgenommen, wo ihn die »Knappschaft der Engel« grüßt. Wenn auch der Leib »zerstufft« wird, die Gruft macht ihn »recht gediegen«, wenn Jesus ruft »Der Geist soll auf den edlen Gängen des Himmels sich indes auslängen«. Sein »Schlägel« werden die »Friedenspalmen« sein und sein »Berglied« »Jubelpsalmen«.

Aus echtem bergmännischen Geiste sind besonders folgende Verse aus einem Begräbnisliede von C. G. G.:

Der Glaube ist mein Grubenlicht, mich recht zu leiten,
Der löschet auch im Tode nicht; keine Zeiten,
weder Grab noch Ewigkeit, kann mich von Jesu scheiden.
Verstürzt, verzimmert und versetzt nur diese Glieder,
gesäubert giebt er sie zuletzt mir doch wieder;
wenn er einst erscheinen wird, und Hauptbefahrung halten.
Denn öffnet sich auch diese Kluft, und alle Pingen,
wenn er mit Macht die Toten ruft, sie zu bringen
[283]
auf die rechte Scheidebank, das Beste auszuhalten.
Auf diesen Anschnitt freu ich mich, am letzten Tage;
so werft den Schurf nur über mich; alle Plage
Mühe, Schrecken und Gefahr sind nun, Glück auf! verfahren.

Bei allen diesen echt bergmännischen Kirchenliedern ist bezeichnend, wie für tiefreligiöse Dinge, Begriffe und Vorstellungen, für Leben, Sterben und Ewigkeit Bilder aus der Berufstätigkeit als tiefsinnige Symbole auftreten. Das Berufsleben dient der sinnigen grübelnden Betrachtung als Gleichnis für inneres Erleben und die übersinnlichen Dinge des Glaubens und erhält einen geheimnisvollen, deutungsreichen, mystischen, zu des Bergmannes Tun und Denken so gut passenden Schimmer. Das Grab ist die Kluft, der Himmel ein »schöner Anbruch«, der Leib eine Erzstufe, das jüngste Gericht ist »die rechte Scheidebank«.

Die Frommheit des Bergmannes baut sich ihren eigenen Himmel so, wie z. B. auch der alte bergmännische Holzschnitzer Kaltofen die Geburt des Heilandes als bergmännisches Erleben mit seinem Schnitzmesser empfand: Das Kindlein ist vor einsamer Kaue in einem »Hund« statt der Krippe gebettet, und statt der Hirten wollen die zur Schicht ziehenden Bergleute den Heiland anbeten. – Echt deutsche Poesie und Gemütstiefe vereinen sich mit kindlich gläubiger Einfalt und machen das Hohe und Heilige dem tief empfindenden Herzen nah und vertraut und geben ihm einen Heimatklang, damit das suchende, fragende Herz auch dort ein Zuhause findet.

In der Betstube auf der Grube standen die alten dicken Gesangbücher mit ihren etwa eintausendfünfhundert Liedern im schlichten Schränkchen und zeugen für fleißigen Gebrauch. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts erschien dann aus der Zeit der Empfindsamkeit hervorsprießend ein besonderes »Gesangbuch für Grube und Haus«, genannt »Evangelischer Berg- und Haus-Altar« mit fünfundachtzig Bergmannsliedern außer den vielgesungenen Kirchenliedern.

Diesen handlicheren und nach ihrem Titel besonders dem Bergmanne bestimmten Büchern sieht man es besonders an, daß sie mit Vorliebe benutzt wurden. Der Griff der rauhen Arbeitshände und die braunen Zeichen des Schaffens in den feuchten Schlüften und Klüften der Grube sind unverwischbar den Blättern eingeprägt, namentlich da, wo die »Lieder vor der Schicht« den täglichen Gebrauch beweisen.

Ein Lied, das an einer solchen durch die Arbeitshand besonders geadelten Stelle steht, mag zeigen, mit welchem Ernst dieses »Gebet vor der Schicht« aufgefaßt wurde, und welche Gedanken den in die Grube fahrenden Bergmann in seinem schwarzen Grubenkittel bewegten:

Wer weiß, wie nahe mir mein Ende! Ein Grubenkleid – ein Todtenkleid.
Drum falt ich betend meine Hände und flehe um Barmherzigkeit.
O Herr, du meine Zuversicht: verlaß, verlaß den Bergmann nicht!
Wer weiß, wie nahe mir mein Ende! Ein Grubenschacht – des Todes Schacht,
Wohin ich meine Augen wende, nur schweres Graun, nur tiefe Nacht.
Mein Heil, mein Licht, Immanuel, komm, mache du mein Dunkel hell!
[284]
Wer weiß, wie nahe mir mein Ende! Ein Grubenlicht – mein Lebenslicht.
Ein Tropfen löscht es gar behende, wie bald verwehts der Zugwind nicht.
Herr Gott! in Noth und in Gefahr nimm meines Lebens gnädig wahr!
Gieb mir, o Herr, zum selgen Ende ein wachend und ein betend Herz,
dein Wort als Leuchte in die Hände zur Fahrt hinauf- und niederwärts.
Kommt dann die allerletzte Schicht, dann zag ich nicht, dann klag ich nicht.
Still leg ich dann am selgen Ende das schwarze Kleid der Grube ab;
man legt die ausgelöschte Blende und mein Gezähe mir aufs Grab;
mir reicht der Herr das weiße Kleid der himmlischen Gerechtigkeit.
Einst fahr ich dann am selgen Ende herauf aus meines Grabes Schacht;
hell leuchten alle Bergeswände; des Himmels Glanz durchbricht die Nacht;
es steigt die Gnadensonne auf, und Alles jauchzt: Glückauf! Glückauf!

Die bergmännische Betstube im Freiberger Stadtmuseum ist bis in alle Einzelheiten hinein, wie hier die alten Gesangbücher durch ihren Inhalt und die Spuren ihres Gebrauches beweisen, ein Kulturdenkmal, wie nur wenige in dieser Eigenart und inneren Bedeutung im Lande vorhanden sind.

Bergmännische Frömmigkeit, die so ihre tägliche Arbeit unter den Schutz des Allerhöchsten stellt, hat namentlich in den früheren Jahrhunderten den Gruben und Berggebäuden Namen von religiöser Bedeutung gegeben. Es sind uns viele Namen überliefert, welche das deutlichste und oft eigentümlichste Gepräge ihrer längst vergangenen Zeit an sich tragen.

Den Berggebäuden einen besonderen Namen zu geben, entspricht nicht nur einer alten guten Sitte, sondern verdankt auch gesetzlichen Vorschriften ihren Ursprung. Noch die neueren Berggesetze besagen ausdrücklich, daß die althergebrachten Namen der Berggebäude nur mit besonderer Genehmigung der Bergbehörden abgeändert werden dürfen. Beim Auftun einer Grube herrschte aber völlige Freiheit, und dieser ist es zuzuschreiben, daß bei der Wahl der Namen die mannigfaltigsten Umstände mitwirkten, und eine Zusammenstellung ein gar buntes Bild bergmännischen Sinnes aus sieben Jahrhunderten ergeben würde. Überwiegend jedoch, wenn nicht an Zahl, so doch sicher an Bedeutung der Gruben mit den dazugehörigen Berggebäuden und Aufbereitungsanlagen sind die religiöser Gesinnung entspringenden Namen.

Wie feierlich fromm klingt es doch, wenn hunderte von »Lachtern« tief, dort, wo zwei Gänge sich kreuzen, als Ortsbezeichnung im kargen Schein des Grubenlichts z. B. aufleuchtet: »Kreuz des Neue Hoffnung Gottes Stehenden mit Gottlob Morgengang!«.

Die im folgenden einer Zusammenstellung im Freiberger Bergkalender vom Jahre 1864 entnommenen Namen entstammen sämtlich dem Freiberger Bergbau, ohne Vollständigkeit zu beanspruchen. Im Vertrauen auf den Schutz Gottes, des obersten Bergherrn, der Mutter Maria, des Sohnes und heiligen Geistes, besonders aber der Heiligen der katholischen Kirche, verlieh man den Berggebäuden unter anderem die Namen: Heilige Dreifaltigkeit, Aller Welt Heiland, Kindlein Jesus, Christus Schlangentreter, Himmelsfürst, Schöne Marie, Unsere liebe Frau am Weg, Sct. Johannes am Jordan, Sct. Anna, (Sct. Anna Geschlecht, Sct. Anna und Altväter), Sct. Apollonia, Sct. Barbara [285](Reiche Sct. Barbara), Großer Christoph, Sct. Donat, Sct. Elisabeth, Sct. Erasmus, Sct. Gregorius, Heilige drei Könige, Pflegevater Joseph, Sct. Seligen, Sct. Wolfgang.

Gleich religiösen Ursprungs, der Bibel entlehnt und auch im nahen Zusammenhang mit den genannten erscheinen folgende Namen, bei deren ursprünglicher Wahl zum Teil vielleicht der Reichtum der aufgefundenen Erze mit einwirkte: Abraham, Arche Noah, Himmlischer Austheiler, Christbescherung, Got vertrauter Daniel, Elias, Emanuel, Engelsberg, Engelschar, Erhörung Gottes, Erzengel Michael, Freude Gottes, Gottes Gabe, Gnade Gottes, Hülfe Gottes, Milde Hand Gottes, Reiche Hand Gottes, Hoffnung Gottes, Vorsehung Gottes, Himmlisch Heer, Himmelfahrt, Himmelskrone, Himmelsfürst, Himmlische Musika, Himmlische Kantorei, Himmelspforte Isaak, Neu Jerusalem, König Ahasverus, König David, König Manasse, König Salomo, Heilig Kreuz, Gelobt Land, Armer Leichnam, Moses, Osterlamm, Prophet Jonas, Rose von Jericho, Junger Tobias, Reicher Trost.

Sogar Sprüche mit religiösen Grundgedanken kommen als Grubennamen vor: z. B. Im Namen Gottes fahren wir ein, Wills Gott, so hauen wir Erz, Ich wags, Gott vermags, Gott segne anderweit, Gelobt sei Gott, Gott allein die Ehre, Trau und bau auf Gott, Gott wird helfen, Gott giebt, Gott nimmt, Gott gebe Beständigkeit, Gott hilft gewiß, Bergmännischer Gott, thue die Klüfte auf.

Dieser religiöse Sinn, der den einzelnen Gruben fromme Namen gab, war auch bei den Gründungen der neuen Bergstädte um die Wende des sechzehnten Jahrhunderts zur Namengebung lebendig, alter guter Sitte folgend, und um das neue große Werk besonders unter den Schutz und die Gnade himmlischer Mächte zu stellen. Die Städte der heiligen Sippe bilden so im Erzgebirge eine eigenartige Stadtfamilie. Es ist zu bewundern, wie der vorausschauende Unternehmergeist jener Jahrzehnte seine Städte gründete und planmäßig benannte in der sicheren Erwartung des dauernden himmlischen Bergsegens für alle jüngeren oder älteren Angehörigen in der Reihe der heiligen Sippenstädte: Joachimstal und Annaberg, Marienberg und Jöhstadt (Josephsstadt). Ihnen schließt sich als Bergstadt mit einem Heiligennamen, Sebastiansberg an. In Schneeberg, dieser durch den Erzbergbau entstehenden und emporblühenden Bergstadt, erhielt die gewaltige, das Land mit ihrem Turm weithin beherrschende Pfarrkirche ihren Namen nach dem Schutzpatrone des Bergbaus St. Wolfgang. Unter seinem Schutze sollten Stadt und Grubenbezirk wohl gedeihen.

Und wo hoch das Haupt und die Krone des Erzgebirges, der Fichtelberg, sich stolz in den Himmel reckt, da klingt als ständige Mahnung ein frommer Bergstadtname »Gottesgab« wie ein Weihespruch und Dankgebet beim Fündigwerden neuen Bergsegens in die dumpfen Täler hernieder. Dieser aus bergmännischem Geiste gewachsene Name ist wie eine Predigt: Auf sturmumbrauster Hochebene über eintausend Meter hoch liegt dieses alte Bergstädtchen. Sommerfreude und Sonnenschein ist kurz, Nebelsorge und Wintersnot ist rauh und lang, die Frucht und Nahrung in Feld und Garten, der Erwerb in bescheidener [286]Hantierung mühselig und dürftig, der Boden widerwillig und karg. »Eine Wohltat für den Ort ist das Armenhaus!« sagt Berlet. Entsagung, Bedürfnislosigkeit, Armut, Mühsal und Lebensnot, und dennoch »Gottesgabe«, dennoch oder vielleicht darum die Heimat Anton Günthers, des Sängers der Heimatfreude, des Glückes der Genügsamkeit, des Sonntagskindes von Gottesgab, dessen Leben und Dichten ein Symbol seiner Heimat und ihres Namens ist, das Gottes Gaben und seine Größe auch im Kleinen und Geringen erkennt, dem die Berge und die Täler, der Wald und seine Geschöpfe ebenso wie der schlichte Mensch seiner Heimat Offenbarungen seines Reichtums, seiner Güte und seiner Herrlichkeit sind, dem die arme Heimat doch ein Königreich ist, »weil dort drubn mei Heisl schtieht!« – – –

Abb. 6. Die drei Kreuze bei Freiberg

Die bergmännische Frömmigkeit, die im Gotteshause in allerlei Formen ihren Ausdruck suchte, die in Liedern und Namen ihre betenden Hände nach oben streckte, hat auch durch sichtbare Symbole das Denken von der täglichen schweren Arbeit in der Grube nach oben zu lenken und himmlischen Schutz und Bergsegen sich zu sichern gesucht.

An einem uralten Häuersteg zwischen Freiberg und Brand steht als Wahrzeichen seit Jahrhunderten die Gruppe der »Drei Kreuze«. Weithin sichtbar ragt sie empor und grüßt mit schwerem Ernst den Bergmann auf seinem Weg zur oder von der Schicht. (Abb. 6.) Jetzt sind es nur noch die leeren Kreuze, die vielleicht noch manchmal eine fromme Hand mit einem Kranze schmückt. Die überlebensgroßen Gestalten des Heilandes und der [287]Schächer sind verschwunden – die Figur des Heilandes und der Kopf eines Schächers, wertvolle Schnitzwerke, werden im Freiberger Altertumsmuseum aufbewahrt – aber dennoch wirken die Kreuze als einziges Symbol dieser Art in der Freiberger Gegend in ihrer Einsamkeit auf stiller Halde eindringlich und stimmungsvoll. Sagen haben sich um diese drei Kreuze gerankt. Mag es ein Sühnezeichen sein für die Ermordung dreier Ratsherren durch Feindeshand, mag es fromme Stiftung sein vielleicht von Bergmannshand, die Phantasie des Volkes raunt um dieses eigenartige stumme Denkmal mit Fragen und Denken tiefe Geheimnisse und webt ihren unergründlichen Zauber. Jahrhunderte lang bis zur Abrüstung des Bergbaus hat die Bergknappschaft vornehmlich aus Beiträgen benachbarter Gruben die drei Kreuze unterhalten. Jetzt hat die Stadt Freiberg pietätvoll diese Aufgabe übernommen.

Dieser Gedanke der drei Kreuze begleitet den Bergmann zu seiner Arbeit in der Grube. Die Grubenlampe, die Froschlampe, welche ihm auf seiner mühseligen Fahrt in die Tiefe, auf dem finsteren engen Pfad durch Stolln und Gänge, bei der gefahrbringenden Arbeit vor Ort ihr tröstendes Licht spendet, trägt an dem Bügel über der Flamme an einem metallenen Schildchen das Symbol der drei Kreuze. Mag hie und da das Kreuz zur Kreuzblume als Schmuckform entartet sein, die bei weitem größte Zahl der seit etwa Anfang des sechzehnten Jahrhunderts aus Metall gefertigten Froschlampen trug dieses klare Symbol durch das Arbeitsleben des Bergmannes. Der Glaube an eine bewahrende, glückspendende Wirkung der durch das Bild der drei Kreuze geweihten Lampe, ohne deren Licht ja der Bergmann im Schacht verloren wäre, der Glaube an den heiligen Talisman der drei Kreuze an der Lampe mag dieses sinnvolle Symbol durch vier Jahrhunderte bis in die letzten Tage des Bergbaues unverändert erhalten haben.

In der bergmännischen Sammlung des Freiberger Altertumsvereins befindet sich eine kupferne Froschlampe (Abb. 7) mit dem Datum 1643, dem Jahre der schweren, siegreich überstandenen Belagerung Freibergs durch die Schweden unter Torstensohn, mit dem eigenartigen Namen des alten Besitzers: »Schriddo Feisiner« und dem Spruche: »Also hat Got die Welt gelibed das er seinen / einigen / gebornen Sohn gab auf das alle die an ihn gleuben nicht verlorn werden sondern das ewige Leben haben /«. Das Talismanschildchen an dem Bügel über der Flamme, dort, wo der Schein am hellsten ist, trägt die drei Kreuze und unter dem mittelsten das mit kunstlosen Linien eingegrabene Bild des Gekreuzigten mit den Buchstaben I. N. R. I. Diese Lampe ist die lebendige praktische Illustration des alten Bergmannsspruches: »Mein Grubenlicht soll Jesus sein. Mit ihm fahr ich aus und ein«. Diese Lampe ist somit ein kostbares, lebendiges, redendes Zeugnis davon, wie tiefen Sinn und welche ernste Bedeutung der Bergmann diesem scheinbar so nebensächlichen und überflüssigen Schmuck seiner Grubenlampe, seines hilfreichen, tröstenden Gefährten in der Finsternis, beilegte. In dem zwei Jahrhunderte jüngeren Liede dort aus dem Bergmannsgesangbuche der Betstube klingt es wieder aus jenem Geiste wie eine Erklärung:

[289]

Wer weiß, wie nahe mir mein Ende! Ein Grubenlicht – mein Lebenslicht.
Ein Tropfen löscht es gar behende, wie bald verwehts der Zugwind nicht.
Herr Gott! in Not und in Gefahr nimm meines Lebens gnädig wahr!
Gieb mir, o Herr, zum selgen Ende ein wachend und ein betend Herz,
Dein Wort als Leuchte in die Hände zur Fahrt hinauf- und niederwärts.
Abb. 7. Froschlampe (1643) mit drei Kreuzen und Inschrift

Der fromme Gedanke des heilbringenden Kreuzes, unter den der Schacht und die Häuer sich stellen, fand auch gelegentlich in der Grube selbst Verkörperung, sei es als Nachklang aus ferner katholischer Zeit, sei es als frommes Zeichen der Weihe und Talisman. Die Freiberger bergmännische Sammlung bewahrt ein kleines Kruzifix aus Messing auf, das mittels Holzplatte im Tiefen Fürstenstolln im Schachte Hohe Birke untere sechs Maaß (in der Nähe des Stollnhauses in Zug, dem alten Bergmannsdörfchen bei Freiberg) ins Gestein eingesetzt gewesen war. Mehrere Bergmannsnamen sind neben dem Kreuz in das Holz geritzt. Es stammt aus dem Jahre 1596 und ist ein Zeugnis für die Gefühlswelt des in weltabgeschiedener dunkler Tiefe in einsamer gefährlicher Arbeit schaffenden Bergmannes.

Das Symbol des Kreuzes in freibergisch-bergmännischer Auffassung findet sich auch an Kleinkunstwerken, mit denen das tägliche Leben, sei es daheim, sei es im Beruf, geschmückt wurde. In der Freiberger Sammlung befindet sich z. B. ein als Werk alter bergmännischer Volkskunst unschätzbares Schreibzeug etwa aus der Zeit um 1710 (Abb. 8), vielleicht aus dem Besitze eines alten Bergbeamten. Es baut sich in vier Stufen auf, die den Sockel bilden für ein großes Kruzifix. Am Schaft des Kreuzes ist das Bergmannswappen angebracht und zwei Bergleute halten rechts und links Wache. Die unterste Stufe des Sockels enthält die Schubkästchen für Tintenfaß und Streusand. Die Stufe darüber stellt in zierlichen Figürchen die Arbeit unter Tage in der Grube dar. Die nächste Stufe zeigt in der Mitte die kegelförmige Kaue, links Pochwerk und Erzwäsche, rechts Hochöfen. Die oberste Stufe zeigt die Bergverwaltung, vielleicht gar das Oberbergamt selbst in altertümlicher Amtstracht hinter den Schreibtischen sitzend. Auf diesem allen, wie auf hoher Halde stehend, ragt das Kreuz mit den beiden bergmännischen Wächtern als Hauptmotiv des ganzen Aufbaues: Das Ganze ein Symbol, daß die bergmännische Arbeit vom Häuer zum Schmelzer bis hinauf zum federgewaltigen Manne der Bergwissenschaft oder Verwaltung unter dem Kreuze steht.

Ein weiteres ähnliches Schnitzwerk (Abb. 9) aus gleichem Zeitalter in der Sammlung ist die Darstellung der drei Kreuze. Die drei Kreuze sind offenbar den drei Kreuzen bei Zug naturgetreu nachgebildet und von einem gemeinsamen Dache überdeckt, wie es viele Jahrzehnte des achtzehnten Jahrhunderts dort zum Schutze diente. Sie stehen auf einer aus Erzstufen und Kristallen aufgebauten Halde. Ein großes Bergmannswappen schmückt das mittlere Kreuz, an dem zwei Bergleute Wache halten. Bergleute in verschiedenen Gruppen besetzen die Halde. Auch dieses kleine aus echtem, rechtem Volksempfinden hervorgegangene Kunstwerk ist ein Zeuge, wie innig [290]das Kreuz, insbesondere die Gruppe der drei Kreuze als frommes Wahrzeichen und Heilszeichen im Glauben und Gefühlsleben des Bergmannes fest gegründet ist.

Abb. 8. Bergmännisches Schreibzeug. (Um 1710)

Aus dieser Gesinnung heraus erklärt es sich, daß auch das Hauptprunkstück, der Stolz des in feierlicher Bergparade einherschreitenden Bergmannes, [291]die reichverzierte Bergbarte als ersten geheiligten notwendigen Schmuck als oberste der auf Bein eingeritzten Schildereien die Darstellung des Gekreuzigten zeigt. Das Kruzifix oben am »Helm«, dem eigenartig geformten Griff, auf dem »Nacken« des Helms, dicht unter der Öse des eisernen Blattes der Barte, ist zu fester frommer Überlieferung der Jahrhunderte geworden. Der Körper des Gekreuzigten reicht mit den Kreuzesarmen auf die Seiten des Helmes rechts und links, wo anbetende Bergleute knien oder auch schwebende Engel zu frommem Schmucke dienen.

Abb. 9. Modell der drei Kreuze aus dem achtzehnten Jahrhundert mit bergmännischer Staffage

Auch sonst findet sich manche fromm-religiöse Darstellung oder Spruch mit Beziehungen auf das Bergmannsleben unter den Schildereien und der Spruchweisheit an den altehrwürdigen Barten. Wenn die Schächte und Gruben durch [292]die Namengebung gleichsam in das Eigentum und den besonderen Schutz und Segen von allerlei Nothelfern aus der Schar der Heiligen oder der Männer der biblischen Geschichte gestellt werden, bei den Barten, die nur ganz persönliches Eigentum des einzelnen Bergmannes sind, findet sich kein Stellvertreter oder Nothelfer, sondern Jesus allein soll Schutz und persönlicher Beistand sein: »Mein Grubenlicht soll Jesus sein, so fahr ich fröhlich aus und ein«. Dieser schöne Bergmannsspruch und Gedanke, dem wir bei dem Kirchenliede und der Froschlampe begegneten, findet sich mit dem Bilde des Gekreuzigten und zweier betender Bergleute geritzt in Bein an einer alten Barte. Das Persönliche der Beziehung zu Jesus spricht sich besonders in einer Darstellung aus, wo Jesus unten im Schacht die Hand auf die aufwärtsführende »Fahrt« legt, als ob er den Schacht verlassen wolle, während ein Bergknappe ihn aufhalten will. »Halt Jesum, laß ihn nicht heraus, hilf ziehen, so schont Gott dein Haus«, so ist der Ruf des in der Verlassenheit der Tiefe um göttlichen Schutz bangenden Bergmannsherzens, der hier in so sprechender, naiver Weise eine Barte schmückt. Auf einer anderen Barte steht Jesus wie ein Freund unter den Bergleuten, als Schutz und Hilfe, denn: »Wer sein Gesprech mit Jesu hält, zu dem sich Jesus auch gesellt«, sagt der Mahn- und Verheißungsspruch. Noch manche Sprüche klingen aus dem Geiste dieser alten treuherzigen Bergmannsfrömmigkeit und finden entsprechende Darstellung auf der Barte: »Der rechte Gang wird hier entblößt, mein Jesus hat mich abgelöst«, wo in einer Darstellung mit Schlägel und Eisen arbeitender und ausfahrender Bergleute nach glücklich verfahrener Schicht die Ablösung als Jesu Führung gepriesen wird, oder, wo Bergsänger einen Lobgesang anheben: »Lobet, lobet Gott mit großem Schall, Auf, auf, auf, o ihr Bergleute all!« oder, wo der Bergmann an der Hängebank sich zur Einfahrt mit dem Stoßgebet rüstet: »Mit Gott fahr ein, in Schacht hinein«.

Alle diese Bartensprüche geben einen tiefen Einblick in das Seelenleben und die persönlichste Gedankenwelt des Bergmannes, der sein Leben auf schlichter Pflichterfüllung, Berufsfreude und echter Religiosität aufbaute. Diese für Volkskunst und Volkskunde und die deutsche Kulturgeschichte so wichtigen Barten sind ja eine besondere Eigenart des erzgebirgischen Erzbergbaues, wie sie in keinem anderen Bergbaugebiet weiter vorkommt, aus frühem Mittelalter überliefert und bis in die Neuzeit mit den alten frommen Gedanken und Gebräuchen treu bewahrt und hoch gehalten, treu bis zum Tode der Mutter aller dieser alten Bergherrlichkeit, des erzgebirgischen Erzbergbaues selbst. –

Abb. 10. Gebet des Bergmanns nach der Schicht

Nachdem wir nun das weite Gebiet bergmännischer Frommheit durchwandert und ihre verschiedenen Äußerungen betrachtet haben, erkennen wir, daß diese Frommheit sich mit betenden Händen nach oben streckt, aber dabei mit festen Schuhen mitten im praktischen Leben steht, fern von Frömmelei und Muckertum. Treu an alten Sitten und Gebräuchen hängend hielten sie das hoch und heilig, was ihnen einen inneren Halt und eine Stütze gab in der Not und Drangsal des Lebens, in der Gefahr und Mühsal ihres Berufes. Es war eine Frommheit der tätigen Hände und des staubigen Arbeitsrockes, eine Frommheit des innigen, sinnigen Gemütes, die die höchsten Dinge mit schlichtem [293]Glauben und Vertrauen mit dem täglichen Leben und Beruf zu verbinden wußte, diese dadurch adelte und sich innere Werte schuf. So war die Frommheit dem rechten Bergmann nicht bloß eine äußere Zutat, ein Ornament, sondern ein Fundament des Lebens, ohne das er in den vielen ihn bedrohenden Gefahren nicht hätte bestehen können. Nichts Menschliches war ihm fremd, aber auch dem Göttlichen und Unerforschlichen fühlte er sich nahe, näher als andere Berufe verbunden. Seinen Beruf trug er darum ins Gotteshaus, heiligte ihn durch die Gottesnähe. Gottesweihe gab er auch seinem Berufe dadurch, daß er seine frommen Gedanken, Gebräuche und Symbole als helles Licht in das werktätige Leben der Schicht hineinstrahlen ließ. Der betende Bergmann vor der Kaue (Abb. 10), der im schlichten Bergkittel einsam auf freier Halde seine Hände faltet nach glücklich verfahrener Schicht, ist ein altes Bild, das die Wand in gar manchem Bergmannsstübchen schmückte: Es ist das Bild des Bergmannswesens selbst in seiner Tüchtigkeit, Schlichtheit und Frommheit echt deutscher Art. – Vorüber! Die letzte Schicht ist längst verfahren, die Schächte verfallen, und die Halden sind einsam geworden – – – Vorüber! – aber

»Mir ist um Menschen und Bergwerk leid«.

[294]

Das Volkslied

Schattenrisse von Max Zeibig

Manchmal ist es ein Wandersmann. Braun verbrannt und hat leuchtende Augen. Kräftig. Mit derbem Stock in der Hand und schreitet singsangselig über Berg und Tal. Einmal durch grasgrünen Wald. Dann an Korn und Mohn vorbei. Hört den Brunnen rauschen in der Stadt. Verweilt bei den Schönen, scherzt und küßt und singt und liebt und lacht. Wenn er wieder weiterzieht, schauen ihm die Mädchen so eigen nach. Winken, lächeln und gehen still beiseite … Im Dorfkrug kehrt er abends ein. Trinkt und trinkt und treibt es toll. Und bezahlt keine Schulden. Keinen Batzen und keinen Gulden.


Manchmal ist es ein wunderfeines Königskind mit lichtem Haar und schönen Händen und silbernen Schuhen. Wenn die schneeweißen Füße durch die Wiesen laufen, bitten alle Blumen: Heb mich auf! Aber das Königskind läuft weiter, immer weiter bis an den Fluß. Dort setzt es sich auf eine Birkenbank und wartet auf den Abend, auf die Sterne und den Mond. Und dann weht der weiche Wind ein Lied und ein Leid vom anderen Ufer herüber, und das Wasser rauscht einen dunklen Akkord dazu.


Manchmal ist es ein wilder Reiter. Die Rosse wiehern und stampfen. Trense und Kandare klirren und klingeln leise. Trompeten tönen feurig. Säbel blitzen im Sonnenschein. Und hoiho! Vorwärts stürmt es im Galopp! Batterie und Eskadron. Vorwärts, immer vorwärts! Voran die fliegenden Fahnen! Abends aber leuchten lodernde Feuer am Himmel und werfen ihre traurigen Sonnen in die Nacht. Blut und Tränen tropfen auf die Erde.


Manchmal ist es ein fröhlicher Ringelreihen. Lauter liebe blonde und braune Kinder fassen sich an den Händen, drehen den Kopf nach der Seite und spielen und tanzen und springen und machen husch! husch! husch! Der liebe alte weiße Herr Dorfkantor steht dicht dabei und guckt verträumt in dieses Kinderparadies. Ihre Augen blitzen wie blankgeputzte Fensterscheiben. Die Blumenkränze aber auf den Köpfen sind die allerschönsten Königskronen der Welt.


Und manchmal ist es ein wildes Heckenrosenkind. Du gehst den Weg durch das grüne Sommergelände. Auf einmal werfen sich dir lauter Heckenrosen, wilde, wilde, blaßrote Heckenrosen an deine Brust. Mit Kuß und Dorn! Und du weißt nicht, ob du lachen sollst oder weinen. Du stürzest dich zur Erde. Du jauchzt in dem grünen Meer und schaust durch das tiefe, tiefe Himmelsblau in die große Ewigkeit. Und alles blüht und duftet, singt und klingt, daß du die ganze Welt vergißt. Du wirst trunken vor Freude, Glück und Seligkeit, und du meinst, du fliegst mit tausend goldenen Schmetterlingen und jubelnden Lerchenchören geradeswegs in den Himmel hinein …


[295]

Das Ende einer Riesin

Von M. Kretschmar, Revierförster.

Nun ist auch sie den Weg alles Irdischen gegangen, die »große Eiche« im Grillenburger Walde. Als eines der imposantesten Naturdenkmäler in näherer und weiterer Umgebung der hiesigen Gegend bekannt, wurde die Gigantin von Alt und Jung gern aufgesucht, angestaunt und bewundert.

In Abteilung dreiundfünfzig des Grillenburger Forstreviers, unweit des »Sausteiges«, führte sie inmitten eines schützenden Fichten-Altbestandes ein beschauliches Dasein. Schon seit Jahren zierte kein Blattgrün mehr ihre gewaltigen Äste. Einem aufrechtstehenden Leichname gleich, rindenentblößt der Leib und bedeckt mit zahllosen Runen stand sie da als stummer Zeuge aus dem dunkelsten Mittelalter. Manchem Wanderer und Naturfreund habe ich den Weg zu ihr gewiesen und immer wieder gern habe ich an ihrem Fuße geweilt und ehrfurchtsvoll zu ihr aufgeschaut. –

Nur schweren Herzens entschloß sich die Forstverwaltung sie zu fällen. Doch da die Fäulnis und innere Aushöhlung soweit vorgeschritten war, daß nur noch ein schmaler Rand der Eiche geringen Halt gab, war die Niederlegung nur ein Gebot der Vorsicht. Wie leicht hätte da ein großes Unglück geschehen können, wenn bei einem plötzlich ausbrechenden Gewittersturm Menschen in ihrem offenen Hohlraum Zuflucht gesucht hätten. Wie recht man gehandelt, bewies die Tatsache, daß nach wenigen Beilhieben und Sägeschnitten die Eiche bereits nach einer halben Stunde am Boden lag.

Nun noch einiges über ihre Größenverhältnisse. Am Fuße maß sie zwei Meter im Durchmesser. Der Rand, der ihr noch Halt gebot, war nur noch fünfzehn Zentimeter stark und z. T. schon recht morsch. Die Stärke des Stammes von zwei Metern setzte sich bis zur Höhe von sieben Metern fort, dann gabelte sich dieser in zwei ein Meter starke Äste. Die ganze Höhe der Eiche betrug fünfundzwanzig Meter. Ihr Alter wird auf siebenhundert Jahre geschätzt.

Das gesunde Holz im oberen Teile war eisenfest, brauchten doch zwei Waldarbeiter zirka fünf Stunden um einen Ast von ein Meter Stärke zu durchsägen. Im ganzen waren einhundertfünfundsechzig Arbeitsstunden erforderlich, um das Holz verkaufsfertig aufzubereiten. Der Rauminhalt der Eiche, den Hohlraum eingerechnet – es hatten etwa vier bis fünf Mann stehend Platz darinnen – betrug etwa einunddreißig Kubikmeter. Nimmt man den Kubikmeter trockenen Eichenholzes mit sechzehn Zentner an, so würde das Gewicht der Eiche rund fünfhundert Zentner betragen. –

Unmittelbar am Fuße der Eiche auf der nördlichen Seite des Stumpfes wurzelt eine bereits wieder mannsstarke Buche. Angesichts dieses frischen, grünen Baumes wird man unwillkürlich an das Dichterwort erinnert:

»Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten
und neues Leben blüht aus den Ruinen.«

[296]

Ein von Louis Riedel
in hochdeutscher Sprache abgefaßtes Gedicht

Mitgeteilt von Emil Zeißig in Oschatz

Louis Riedel in Meßbach im Vogtland ist weithin als vogtländischer Dialektdichter bekannt. Von ihm stammt auch ein Poem in hochdeutscher Sprache, das wert ist, dem Vergessen entzogen zu werden.

Am 5. und 6. Oktober 1907 versammelten sich in Annaberg viele der früheren Schüler des dortigen Lehrerseminars, die vor vierzig, fünfzig und noch mehr Jahren ihre Bildungsstätte verlassen hatten. Den Festaktus in der Aula des neuen Seminars eröffnete Riedel als einer der alten Annaberger Seminaristen mit folgendem wirkungsvoll vorgetragenem Prolog:

Vor vierzig Jahren war es – bei dem einen
Mag’s etwas länger, beim andern kürzer sein –
Da zogen wir mit mut’gem, stolzem Meinen
Von hier hinaus ins erste Amt hinein.
Wie da die jungen Herzen freudig schlugen,
Von bangen, frohen Hoffnungen geschwellt!
Manch hohes Ideal im Herzen trugen
Wir froh hinaus in eine neue Welt.
Wie wollten wir die kleinen Kinderherden
Getreulich führen, die man uns vertraut!
Ein Pestalozzi wollte jeder werden,
Den großen Meister jeder in sich schaut’.
Und was das Leben weiter bringen würde
An reichlichem Erfolg, an Ehr’ und Glück –
Leicht schien daneben jede Lebensbürde. –
Ach, sehnend denken wir der Zeit zurück!
Denn unser Wissen, das so groß uns deuchte;
Und unser Können und was drum und dran,
Zu unserm Schrecken merkten wir, es reichte
Nicht aus, das Lernen hub von neuem an.
Und eine Kinderherde sorglich weiden
War doch viel schwerer, als wie man gedacht,
Was mußt man schelten, strafen, dulden, leiden!
Wie manche bange, gramdurchwachte Nacht
Nicht folgte auf des heißen Tags Beschwerden!
Nicht enden wollten Ärger und Verdruß,
Und ließ uns an uns selber irre werden.
Auch gab’s zu knacken manche harte Nuß!
Und mächt’ge Zweifel wurden in uns rege:
Ist denn auch, was du lehrest, alles wahr?
Befindest du dich auf dem rechten Wege
Als Führer deiner lieben kleinen Schar? –
Doch was wir auch gefehlt, wie wir gelitten
Beim ems’gen Suchen nach des Amtes Glück,
Allmählich haben Ruh wir uns erstritten
Und schauen lächelnd auf die Zeit zurück.
[297]
Gefestigt stehen wir da, zwar grau an Haaren,
Im innern Herzen aber frisch und jung
Und hängen wie vor vierzig und mehr Jahren
An unserm Stande mit Begeisterung. –
Und heut’, wo wir zusammen uns gefunden
Vielleicht zum allerletzten Wiedersehn,
Gedenken dankend wir der frohen Stunden,
Die einst wir hier verlebt – und gehn
Die lieben, teuren Gräber zu besuchen
Der alten Lehrer, die durch Wort und Tat,
Indem sie uns in warmem Herzen trugen,
In uns gestreut so manche reiche Saat.
Und manches Samenkorn ist aufgegangen,
Und ständen heut die alten Herren hier;
Sie würden uns mit Freundesgruß empfangen.
Dankbar, dankbar gedenken ihrer wir.
Und da sie selbst uns nicht mehr können hören,
So richten unsre Dankesworte wir
An die, so jetzt an ihrer Stelle lehren:
Dank, tausend Dank, euch lieben Lehrern hier! –
Und wenn wir nun zum Schluß das Fazit ziehen:
Was brachte uns das lange Leben ein?
Ach, es war reich an Sorgen und an Mühen
Und nicht im Amte etwa nur allein,
Oft klopfte gar die Not an unsre Türen
Und Schmalhans unser Küchenmeister war,
Doch ließ noch stets sich die Behörde rühren
Und bracht zur rechten Zeit uns Hilfe dar.
Auch fehlte sonst es nicht an Tagen, Stunden,
Wo uns die Freude in die Arme zog:
Wenn Freunde sich bei Freunden eingefunden
Und heitres Scherzwort hin und wieder flog;
Wenn an uns unsrer Kinder Augen hingen
Beim Unterrichte heiß und weltentrückt,
Und wenn sie freundlich kamen, freundlich gingen,
Hat uns das nicht unzähl’ge Mal beglückt!
Und bot uns nicht oft erst nach langen Jahren
Manch einer seine Hand noch dankbar dar,
Nachdem er es im Lauf der Welt erfahren,
Wie gutgemeint selbst unser Strafen war!
Drum kurz und gut: Hat uns das Lehrerleben
Auch aufgehalset manches schwere Joch,
Bracht es auch Glück und Freude viel daneben,
Ein reich, ein köstlich Leben war es doch!

Über die »Wiedersehnsfeier alter Annaberger«, der ich beiwohnte, berichtete ich ausführlich in der Sächsischen Schulzeitung 1907, wo ebenfalls das Riedelsche Gedicht steht.


[298]

Die Karte des Vogtlandes im Maßstab 1 : 100 000

Von Dr. A. Schmidt

Diese vom Reichsamt für Landesaufnahme hergestellte Karte umfaßt jenes Stück deutschen Landes, das geologisch, volks- und landeskundlich zu den interessantesten Gegenden Deutschlands gehört. Geologisch ist es ein in sich geschlossenes Gebiet, das im Westen von der Blankenberg–Bergaer Sattellinie und der großen Verwerfung, die von Gräfental über Lobenstein verläuft, begrenzt wird. Im Osten bilden das Kirchberger und Eibenstocker Granitmassiv und im Südosten der böhmische Absturz die Grenze. Das Vogtland gehört zur mitteldeutschen Schwelle, die das norddeutsche Flachland von den Beckenlandschaften im Süden trennt. Ihre Uroberfläche ist die germanische Rumpfebene der älteren Tertiärzeit. Gegenüber den Erhebungen des Fichtel- und Erzgebirges erscheint das Vogtland als eine weit ausgedehnte Hochfläche, die sich nach Norden allmählich bis zur sächsischen Bucht hinabsenkt. Seit dem jüngeren Tertiär haben sich Aufwölbungen, Bruchbildungen und vulkanische Vorgänge ereignet. Darauf deuten auch noch die Mineralquellen, die im Vogtland häufig anzutreffen sind, und auf die Fortdauer der Bewegungen weisen die häufigen Erdbeben in dieser Landschaft. Die südwestlich-nordöstlich laufende erzgebirgische und die südöstlich-nordwestlich serzynische oder sudetische Richtung im deutschen Gebirgsaufbau kreuzen sich im Fichtelgebirge und Vogtland. Sie machen den Aufbau des Bodens mannigfaltig und stellen der geologischen Kartierung große Schwierigkeiten entgegen. Nur durch diese verwickelte Tektonik kann man sich die im einzelnen auftretenden Regellosigkeiten erklären. Eine natürliche orographische Gliederung zeigt ein östlich, ein südlich und ein westlich vom Elsterknie gelegenes Gebiet. Die Täler sind tief und scharf eingeschnitten, soweit sie in hartem Gestein verlaufen, besonders das Elstertal unterhalb Plauen. Vom Haupttal des ganzen Landes, dem Bett der weißen Elster, erhielt das Vogtland, das Land der früheren kaiserlichen Vögte, auch den Namen »Elsterbergland«. Den schönsten Teil des Landes hat die Touristenwelt »Vogtländische Schweiz« getauft. Zwei Hauptquellengebiete, der Schönecker Wald und die Gegend von Mißlareuth-Tanna, sind deutlich erkennbar.

Die Grundlinien im Bau des Bodens sind zugleich die Hauptwege des Verkehrs. Das Vogtland ist von jeher ein Durchgangsland gewesen; vier Hauptpässe führen über die südlichen und westlichen Grenzkämme nach Böhmen und Süddeutschland. Die orographischen Verhältnisse nötigten dazu, Straßen und Siedlungen vorwiegend auf die Hochfläche zu legen und den Dörfern eine meist ringförmige Form zu geben. Ursprünglich waren die tiefer liegenden Täler durch ihre Form und die höher gelegenen durch die starke Bewaldung auf nassem Boden siedlungsfeindlich. Nur die Hochflächen boten zunächst Raum für zahlreiche slawische Siedlungen. Später aber drang in den Tälern und Waldungen des Südens die Besiedlung der Deutschen vor. Die verschiedenen Perioden der Rodetätigkeit und die völkische Herkunft der Siedler haben ihre Spuren hinterlassen [299]in den Waldhufen- und Runddörfern; letztere erweiterten sich später zu Straßendörfern. Auch die Namensendungen der Dörfer erinnern an diese Zeit, und die Karte hält die Überreste jenes Siedlungswettstreites im Bilde fest.

Die neuzeitliche Verkehrsentwicklung führt eine Expreßzuglinie durch das alte Durchgangsland und verbindet Norddeutschland mit dem Süden, ein Ersatz für die fehlende Wasserverkehrsader. Denn wenn auch die Täler tief eingeschnitten sind, so findet sich doch nirgends ein Durchbruchstal wie das der Elbe im Elbsandsteingebiet. Diese Expreßzuglinie und eine andere wichtige Eisenbahn des Landes überschreiten auf mächtigen Brücken die Flüsse Göltzsch, Elster und Syra. Man hat das Vogtland deshalb mit Recht auch das Land der hohen Brücken genannt.

Die alte Straße Zwickau–Plauen–Hof spielte in der Weiterentwicklung der Ortschaften eine große Rolle und machte Plauen zum Verkehrs- und Verwaltungsmittelpunkt. Die Entwicklung der Textilindustrie erweiterte es zur bedeutenden Stadt. Das Zusammentreffen von Bodenschätzen, günstiger Verkehrslage und einem guten Arbeiterstamm förderten die industrielle Entwicklung des Vogtlandes, wovon Reichenbach und seine Umgebung ein lebendiges Beispiel bieten. Aus der ursprünglichen natürlichen Landschaft schuf ein arbeitgewohntes Volk eine Kulturlandschaft, die zu den dichtbevölkertsten der Erde gehört.


Volkskunde im Unterricht!

Zur Förderung der Volkskunde im Unterricht hat der Verband deutscher Vereine für Volkskunde nachfolgende Eingabe, die hauptsächlich preußische Verhältnisse berücksichtigt, den zuständigen Stellen übermittelt:

Bei der Neuregelung der Lehrerbildung in ganz Deutschland hält sich der Verband deutscher Vereine für Volkskunde, der die volkskundlich interessierten Vereine und Museen Deutschlands zu einer Arbeitsorganisation zusammenfaßt, als sachverständige Körperschaft für verpflichtet, mit allem Nachdruck dafür einzutreten, daß bei der Erteilung des Unterrichts in der Volksschule wie in den höheren Schulen und demgemäß auch bei der Lehrerbildung die Volkskunde in weit höherem Maße berücksichtigt werde als bisher. Er faßt die im Interesse des Unterrichts zu stellenden notwendigen Forderungen in die folgenden Leitsätze zusammen und gibt in der anschließenden Denkschrift ihre ausführliche Begründung:

I.

Der Verband deutscher Vereine für Volkskunde begrüßt die von Preußen in den »Richtlinien für die Lehrpläne der höheren Schulen« durchgeführte Einbeziehung der deutschen Volkskunde in den lehrplanmäßigen Unterricht dieser Anstalten, wodurch eine schon seit langer Zeit von ihm erhobene Forderung erfüllt wird. Der Verband gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die anderen Länder des Reiches, soweit es noch nicht geschehen ist, dem von Preußen gegebenen Beispiele folgen werden. Er weist aber gleichzeitig mit allem Nachdruck darauf hin, daß bei dem Mangel an geeignet vorgebildeten Lehrkräften die wirkliche Durchführung der Richtlinien im Unterricht nur möglich ist, wenn durch besondere volkskundliche Kurse die jetzt im Amte befindliche Lehrerschaft über den in Frage kommenden Wissensstoff orientiert wird und wenn die gründliche Ausbildung der künftigen Lehrer an den höheren Schulen in der Volkskunde dadurch gesichert wird, daß an den Universitäten besondere Lehraufträge für Volkskunde erteilt werden und in der Prüfungsordnung Volkskunde in geeigneter Weise berücksichtigt wird.

[300]

II.

Der Verband deutscher Vereine für Volkskunde bedauert, daß bei der Neuordnung der Volksschullehrerbildung, soweit von den einzelnen Ländern Pläne dazu vorliegen, die deutsche Volkskunde in durchaus ungenügendem Ausmaße oder gar nicht berücksichtigt worden ist, zumal gerade in der Volksschule Volks- und Heimatkunde die Grundlage des gesamten Unterrichts darstellen sollte. Insbesondere hebt der Verband hervor, daß in der soeben erschienenen Denkschrift des Preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung über die »Neuordnung der Volksschullehrerbildung in Preußen« die Volkskunde weder in der Unterrichtsverteilung (s. Stundentafel) noch bei der Zusammensetzung des Lehrkörpers berücksichtigt ist. Demgegenüber hält der Verband unbedingt an der Forderung fest, daß die deutsche Volkskunde nicht nur in den wahlfreien Arbeitsgemeinschaften, wie es in der Denkschrift geschehen ist, sondern auch in den wissenschaftlichen Vorlesungen und Übungen den ihr gebührenden Platz einnehmen muß und daß dieser Unterricht nur von solchen Dozenten erteilt werden darf, die auf Grund einer besonderen fachlichen Ausbildung in der Volkskunde dazu in der Lage und befähigt sind. In der Abschlußprüfung der pädagogischen Akademien ist Volkskunde als Prüfungsfach entsprechend zu bewerten.

Für die zu treffenden vorläufigen Maßnahmen (Einrichtung von Kursen zur Unterweisung der im Amte befindlichen Lehrerschaft in der Volkskunde) und für die endgültige Ausbildung der künftigen Dozenten an den pädagogischen Akademien oder Lehrerbildungsanstalten (sofortige Erteilung einer hinreichenden Anzahl von Lehraufträgen für Volkskunde an den Universitäten) gilt das oben unter I über die höheren Schulen Gesagte.

Verband deutscher Vereine für Volkskunde

Denkschrift

über die Notwendigkeit, die Volkskunde im Schulunterricht
und bei der Lehrerausbildung in angemessener Weise zu berücksichtigen

Die seit langem erhobene Forderung, den Unterricht an den höheren Schulen wie den Volksschulen mehr national und heimatlich zu durchdringen, hat sich mit Recht immer stärker durchgesetzt. Die Heimatkunde, deren wichtigsten Teil die Volkskunde bildet, ist in der Tat in hohem Maße geeignet, das soziale Verständnis der einzelnen Volksschichten füreinander zu fördern und dadurch der Zerrissenheit unseres Volkes wirksam entgegenzutreten. Andererseits vermag die Volkskunde, ohne daß sie beansprucht, ein besonderes Fach zu bilden, alle anderen Fächer so zu durchdringen, daß die Lebendigkeit des Unterrichts gesteigert und zugleich fremder Wissensstoff dem Verständnis durch ähnliche Erscheinungen in der Heimat nahegebracht wird. Durch die tiefer gegründete Kenntnis der eigenen Volksart und ihrer geistigen Schöpfungen wird die Heimatliebe aus der Unsicherheit des Gefühlsmäßigen herausgehoben und bewußter gefestigt. Auch die Forderung, daß die führenden Persönlichkeiten des Volkes (Verwaltungsbeamte, Richter, Pfarrer, Ärzte) der Art des Volkes, seinem Glauben, Fühlen und Meinen mehr Verständnis entgegenbringen müssen, kann nur durch die Aneignung der durch die Volkskunde vermittelten Erkenntnisse, sei es im Unterricht, sei es später in geeigneten Vorlesungen an der Universität, erfüllt werden. Nur so vermag der oft mit Recht erhobene Vorwurf der Volksfremdheit und Lebensferne dieser Kreise entkräftet zu werden.

Bedauerlicherweise sind diese Erkenntnisse immer noch nicht in Tat umgesetzt worden. Nur ein Teil ist von einzelnen Ländern verwirklicht worden, aber auch von ihnen nicht in zureichendem Maße, wie die folgenden Bemerkungen deutlich zeigen.

1. Höhere Schulen.

Noch 1901 wurde z. B. in den »Lehrplänen und Lehraufgaben für die höheren Schulen in Preußen« die Volkskunde weder namentlich noch inhaltlich erwähnt. Hier brachte dann [301]1924 die in der Denkschrift des preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung zur Neuordnung des höheren Schulwesens geforderte »stärkere Betonung der spezifisch nationalen Bildungsstoffe« einen unverkennbaren Wandel zu Gunsten der Volkskunde. Die in den »Richtlinien für den deutschen Unterricht« des gleichen Ministeriums enthaltenen methodischen Bemerkungen kennzeichnen unter Absatz II zunächst das Wesen der Volkskunde im allgemeinen und weisen dann den Weg, wie durch einen lebensvollen Unterricht die Schüler von einer volkskundlich eingestellten Heimat- und Stammeskunde bis zur Einsicht in die hinter allem Wechsel der Geschlechter und Lebensformen sich offenbarende, einheitliche Volksgemeinschaft zu leiten seien. Auch für andere Untergruppen des deutschen Unterrichts wie Kunstbetrachtung, für die »freien Arbeitsgemeinschaften«, sowie für gewisse andere Unterrichtsfächer, wie Musik und Nadelarbeit, wird auf die volkskundlichen Anknüpfungspunkte hingewiesen. In den »Lehraufgaben« wird der volkskundliche Stoff von der untersten Stufe an auf den Lehrplan der einzelnen Klassen verteilt; auch hier gibt der Deutschunterricht in erster Linie den Rahmen, doch verlangen auch die spezielleren Bestimmungen über Religion, Geschichte, Erdkunde, Musik und Zeichnen an verschiedenen Stellen Eingehen auf volkskundliche Erscheinungen.

Diese Art, wie der preußische Reformlehrplan die Volkskunde in den Unterricht an den höheren Schulen eingliedert, dürfte in der Hauptsache den Erwartungen sachkundiger Beurteiler entsprechen und ist daher im allgemeinen von den Vertretern der wissenschaftlichen Volkskunde mit Befriedigung begrüßt worden. Er sieht davon ab, die Volkskunde als besonderes Unterrichtsfach einzuführen, fordert aber eine volkskundliche Durchdringung weiterer Unterrichtsgebiete und beschränkt sich hierbei nicht auf allgemeine Empfehlungen, sondern entwirft den Plan einer systematisch aufgebauten, mit dem Gesamtunterricht in lebendiger Wechselbeziehung stehenden volkskundlichen Durchdringung des Schülers. Als notwendige Erweiterung ist aber die Aufstellung des Grundsatzes zu bezeichnen, daß die Erarbeitung gewisser, näher zu bezeichnender volkskundlicher Grundkenntnisse als verbindliches Lehrziel der einzelnen Klassen zu gelten habe, das unbeschadet der individuellen Lehrfreiheit der Unterrichtenden unbedingt zu erreichen sei. Die Erreichung dieses Lehrziels durch die Schüler ist bei den Prüfungen festzustellen.

Angesichts des hohen nationalen und sozialen Berufes der Volkskunde ist es außerordentlich tief zu bedauern, daß bisher allein Preußen die erforderlichen Schritte zu ihrer Einführung getan hat. Es ist aber im Interesse einer fruchtbaren und allen Parteihader überbrückenden deutschen Volksgemeinschaft unbedingt zu verlangen, daß die anderen Länder des Reiches dem Beispiel Preußens folgen. Wenige Unterrichtsfächer dürfte es geben, die bei gleich hoher Bedeutung die gleiche Möglichkeit einer einhelligen Anerkennung und Wertung finden könnten wie die Volkskunde. Aus diesem Grunde könnten bei der Aufstellung entsprechender Lehrpläne unbedenklich die preußischen Richtlinien, unter Berücksichtigung der oben erhobenen Forderung, als Muster zugrunde gelegt werden.

Bei aller Anerkennung der grundsätzlichen Einführung der Volkskunde in den Lehrplan der höheren Schulen Preußens darf man sich jedoch nicht verhehlen, daß der Erreichung des in den Richtlinien gesteckten Zieles noch große Schwierigkeiten entgegenstehen. Diese liegen nicht etwa auf der Seite der Schüler; vielmehr stimmen alle Lehrer, die die Volkskunde schon vor ihrer amtlichen Anerkennung in ihrem Unterricht nach Möglichkeit berücksichtigt haben, darin überein, daß die Schüler im allgemeinen jede volkskundliche Unterweisung und Anregung mit großem Interesse entgegennehmen. Zumal durch die bewußt auf das Volkstümliche eingestellte Jugendbewegung ist dies Interesse in den letzten Jahren stark vermehrt worden; ihm nicht entgegenzukommen, hieße eine der fruchtbarsten Möglichkeiten einer wahren Arbeitsgemeinschaft von Lehrer und Schülern verpassen. Jene Schwierigkeiten liegen vielmehr auf seiten der Lehrenden. Gerade der Lehrer, der sich seiner amtlichen Pflichten und seiner wissenschaftlichen Verantwortung bewußt ist, wird in den meisten Fällen den Forderungen, die die Unterrichtsbehörde an seine volkskundliche Lehrbefähigung stellt, mit einer gewissen Mut- und Ratlosigkeit gegenüberstehen. Denn [302]nur eine verschwindend kleine Zahl von Studienräten besitzt die Vorkenntnisse, um einen wissenschaftlich begründeten volkskundlichen Unterricht zu erteilen, und Dilettantismus ist auf diesem Gebiete, wenn irgendwo, von den übelsten Folgen begleitet. Zwar fehlt es nicht an Hand- und Lehrbüchern der Volkskunde (s. u. a. die Literaturangaben in der Richertschen Ausgabe der preußischen Richtlinien, Berlin, Weidmann 1925), doch ist es eine alte und nicht einfach durch Bequemlichkeit zu begründende Erfahrung, daß sich nur wenige Lehrer in gereifterem Alter in Wissenschaftsgebiete hineinarbeiten, für die sie in ihrer Universitätszeit in keiner Weise durch Vorlesungen, Übungen oder wenigstens durch gelegentliche Hinweise angeregt worden sind. In den meisten Fällen hindern die Bürden und Sorgen des Amtes und der Familie, sich selbständig die Wege in bisher unbekannte Gebiete zu bahnen, was angesichts der zurzeit bestehenden Pflichtstundenzahl vollends erklärlich wird.

Es rächt sich hier die leider auch noch heute geltende Vernachlässigung der Volkskunde auf den deutschen Universitäten. Durch eine hauptamtliche selbständige Professur ist die Volkskunde auf keiner deutschen Universität vertreten (in Hamburg besteht ein ordentlicher Lehrstuhl für deutsche Altertums- und Volkskunde), und im allgemeinen sind nur an einzelnen Universitäten Lehraufträge für Volkskunde erteilt worden, meist auch nur als Nebenfach neben anderen Hauptaufgaben⁠[1]. Erst wenn diesem Mangel gründlich abgeholfen ist, wird die Voraussetzung gegeben sein für die sachlich erforderliche Aufnahme der Volkskunde in die Prüfungsordnung für das höhere Lehramt. Ohne diese Grundlage an der Universität geschaffen zu haben, hat Bayern bereits in der Prüfungsordnung vom 23. Juni 1923 für die mündliche »Prüfung für den Unterricht in der deutschen Sprache, der Geschichte und der Geographie« die »Bekanntschaft mit der deutschen Volks- und Altertumskunde …« gefordert (§ 57). Mit größerem Recht verlangt Hamburg, das, wie oben erwähnt, allein von deutschen Ländern ein Ordinariat für deutsche Altertums- und Volkskunde besitzt, im § 32 seiner Prüfungsordnung von den Kandidaten, »welche germanische und deutsche Altertumskunde als Zusatzfach wählen«, neben anderem die »Kenntnis der volkstümlichen Erscheinungen in Sprache und Dichtung, Glaube und Brauch, sowie der äußeren Formen des volkstümlichen deutschen Lebens in Wohnbau, Tracht und Gerät« und weiter einen »Überblick über die Geschichte der germanischen und deutschen Altertums- und Volkskunde«. Auch Preußen wird sich den Forderungen, die sich für die Errichtung von Lehrstühlen an den Universitäten und für die Aufnahme der Volkskunde in die Prüfungsordnung ganz von selbst aus den »Richtlinien« ergeben, nicht entziehen können.

Wenn nun, wie zu hoffen steht, in diesem Punkte auch bald eine Änderung eintritt, so wird es im besten Falle doch geraume Zeit dauern, bis die höheren Schulen über eine genügend große Anzahl von Lehrern verfügen, die auf der Universität für die volkskundlichen Anforderungen der Lehrpläne vorgebildet worden sind. Deshalb empfiehlt der Verband deutscher Vereine für Volkskunde für die Zwischenzeit als Übergangsmaßnahme die regelmäßige Veranstaltung volkskundlicher Kurse zur Einführung der zur Zeit im Amt befindlichen Lehrerschaft in das Wesen, die Einzelaufgaben und die Methode der Volkskunde. Die Kurse müßten planmäßig über die einzelnen Länder des Reiches, bezw. deren Provinzen verteilt werden und wären am besten an solchen Orten abzuhalten, die zugleich über das nötige museale Anschauungsmaterial verfügen. Sie wären in bestimmten Zwischenabständen zu wiederholen, um einer möglichst großen Anzahl von Lehrern die Gelegenheit zu volkskundlicher Vor- und Fortbildung zu geben. Als Lehrer an derartigen Kursen kämen neben Universitätsdozenten auch geeignete Vertreter der Schulpraxis in Frage.

2. Volksschule.

Wesentlich ungünstiger steht es bisher mit der Berücksichtigung der Volkskunde im Volksschulunterricht. Das Fach der Heimatkunde dient hier in der Hauptsache den erdkundlichen [303]und geschichtlichen Verhältnissen der nächsten Heimat, und auch die am weitesten vorgeschrittene Denkschrift über »Die Neuordnung der Volksschullehrerbildung in Preußen« (Berlin 1925) sieht eine Heranziehung der Volkskunde im Lehrplan der Pädagogischen Akademien nur für die freien »Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaften« vor. Hier ist vor allem Wandel zu schaffen und die Volkskunde sowohl in den Volksschulunterricht wie in die Ausbildung der Volksschullehrer hereinzubeziehen.

Die Volksschule hat vornehmlich die Aufgabe, Heimatkunde zu vermitteln, nicht so sehr um des Wissens willen, sondern zur Grundlegung eines starken Heimatgefühles, aus dem die Liebe zur Heimat und über sie zum Gesamtstaate sich entwickeln muß. Den wesentlichsten, bis jetzt leider gänzlich übergangenen Teil der Heimatkunde bilden nun gerade solche Gebiete der Volkskunde, die, wie Brauch, Sitte, Volksdichtung, Mundart, Flurnamen usw., dem erdkundlichen und geschichtlichen Teil der Heimatkunde erst Belebung, Farbe und innere Wärme geben.

Die Schüler, zum Teil selbst Träger dieser Überlieferungen, merken, daß der Lehrer mit Freude und Verständnis dem Volksgute gegenübersteht und daß es nicht verächtliche Dinge sind, deren man sich zu schämen hat. Sie erkennen, daß hinter diesen Äußerungen des Volksgeistes oft hohe Auffassungen und sittliche Werte stecken, daß sie es verdienen, Gegenstand froher Schulstunden zu sein. Es ist nicht zweifelhaft, daß gerade diese Stunden den Schülern am lebhaftesten im Gedächtnis haften werden als freudige Erinnerung; und die Erkenntnis vom Werte dieser Dinge und diese freudige Erinnerung an ihre Behandlung im Unterricht schaffen weiter Gefühlswerte, die über die Schule hinausreichen und die Heimat interessant und lehrreich gestalten. Ein solcher Unterricht wird auch dazu beitragen, diese Äußerungen der Volksseele zu bewahren und so eine Poesie des Lebens frisch zu halten, die dem materiellen Zug der Zeit entgegenwirken kann.

Der Unterricht soll Arbeitsgemeinschaft sein. Wir wüßten aber kein Gebiet der Gesinnungsfächer, auf dem dies besser durchgeführt werden könnte als gerade auf dem Gebiet der Volkskunde. Ja, der Lehrer ist hier in der Tat auf die Schüler als Herbeischaffer des Stoffes angewiesen. Zudem werden die Eltern als Zubringer notwendig mit herangezogen, und dadurch wird eine Verbindung zwischen Schule und Elternhaus in idealer Weise geschaffen. Jeder Schüler wird hier Baumeister sein, jeder wird etwas Neues, vom anderen Nichtbeachtetes herbeibringen können. Ein Wetteifer entsteht, und wenn schließlich alle Bausteine in der Schulchronik zusammengestellt sind, sehen die Schüler, was sie in gemeinsamer Arbeit geleistet haben, einer Arbeit, deren Wert der Lehrer zu unterstreichen und zu erläutern hat. Der Lehrer ist hier der erläuternde Empfänger, die Schüler sind die Geber.

Es ist nun eine bedauerliche, nicht zu bestreitende Tatsache, daß heute nur wenige Lehrer solchen Unterrichtsstunden Verständnis oder Wissen entgegenbringen, da es ihnen nicht möglich war, weder auf der Schule noch später auf dem Seminar sich das nötige wissenschaftliche Rüstzeug zu erwerben. Wenn bisher ein großer Teil der Lehrer durch seine Herkunft aus ländlichen Kreisen wenigstens mit dem Stofflichen vertraut war, so wird auch dies in Zukunft mehr oder weniger wegfallen, denn im Gegensatz zu den heutigen Verhältnissen wird der künftige Volksschullehrer zumeist städtischen Kreisen entstammen und ihm somit das Verständnis für bäuerliche Kultur und Anschauungsweise vollständig abgehen. Soll aber die so wesentliche Vertiefung der Heimatkunde im Arbeitsunterricht der Volksschule erfolgen, so muß der Lehrer einen inneren Trieb zur lebensvollen Gestaltung dieses Unterrichts verspüren. Gibt ihm dieser nicht eigenes Erleben und Wissen, so kann nur die Begeisterung für die Wissenschaft der Volkskunde ihm diesen Antrieb geben, denn alles hängt bei diesem Unterricht zuletzt von dem Interesse des Lehrers ab.

So steht fest, daß in Zukunft, mehr als früher in den Lehrerseminaren geschah, der junge Lehrer in die Wissenschaft der Volkskunde eingeführt werden muß, nicht nur um des Unterrichts willen, sondern auch, damit er, ein Kind der Stadt oder nichtbäuerlicher Kreise, [304]nicht ratlos stehe vor ihm unverständlichen Denkrichtungen des Landvolkes und er keinen Anstoß errege.

Andererseits wird kein Gebiet dem Lehrer auf dem Lande, der durch die neue Vorbildung wissenschaftlich interessiert ist, die Gelegenheit verschaffen, so in Sammlung und Verarbeitung des Stoffes sich wissenschaftlich zu betätigen, wie gerade das Gebiet der Volkskunde. Die geistige Beschäftigung mit Dingen, die er wirklich beherrscht, wird der inneren Vereinsamung und der daraus folgenden Verbitterung vorbeugen, ihn geistig frisch erhalten und davor bewahren, einer öden Routine anheimzufallen.

Er wird durch diese Betätigung auf dem Gebiete der Volks- und Heimatkunde sich in seinem Dorfe, wie in weiteren wissenschaftlichen Kreisen Anerkennung verschaffen, ein gesundes Selbstbewußtsein erringen und seine soziale und geistige Stellung auf dem Dorfe heben, was seinem Lehramte und seiner weiteren Aufgabe zugute kommt, neben dem Pfarrer im Dorfe als einer der geistigen Führer zu wirken.

Daß weiterhin die Wissenschaft der Volks- und Heimatkunde, der Wirtschafts- und Besiedelungsgeschichte wie der Lokalhistorie auf die Kleinarbeit wissenschaftlich vorgebildeter Kräfte auf dem platten Lande angewiesen ist, selbst wenn sie nur zuverlässige Beobachter sind, unterliegt keinem Zweifel, wenn dies hier auch nur als wichtige Nebenwirkung in Betracht kommt.

Fassen wir zusammen, so liegt es also ebenso im Interesse der Volksschule wie der Volksschullehrer, daß diese mit dem vollen Rüstzeug wissenschaftlicher Volkskunde an ihre Aufgabe herantreten. Da die jetzige höhere Schule, künftig die allgemeine Vorbereitungsschule der Lehrer, diese Aufgabe nie bewältigen kann, weil bei der bedrängenden Fülle der Unterrichtsstoffe die Zeit dazu mangelt, so muß an den besonderen Bildungsanstalten der Volksschullehrer – nenne man sie pädagogische Akademien oder anders – die Gelegenheit geschaffen werden, dem künftigen Lehrer eine systematische Ausbildung in der Wissenschaft der Volkskunde, die allein die Grundlage des Unterrichts sein kann, zu vermitteln. Deshalb muß es als durchaus unbefriedigend bezeichnet werden, wenn nur für die wahlfreien Arbeitsgemeinschaften die Volkskunde herangezogen wird. Es sind vielmehr in den Lehrplan volkskundliche Pflichtvorlesungen und Pflichtübungen aufzunehmen, denen jeder beiwohnen muß, so daß dann (eine weitere notwendige Folgerung) die erworbenen Kenntnisse in diesem Fach bei der Abschlußprüfung festgestellt und bewertet werden können. Die Heranbildung der für das Fach der Volkskunde an den Lehrerbildungsanstalten nötigen, zahlreichen Dozenten wird nur an der Universität erfolgen können, so daß auch von diesem Gesichtspunkte aus sich die unbedingte Notwendigkeit herausstellt, die Wissenschaft der Volkskunde an den Universitäten durch eigene Lehrkräfte vertreten zu lassen. – Bis die geforderten Maßnahmen sich wirksam erweisen können, wird es notwendig sein, Übergangsmaßnahmen zu treffen, ähnlich denen, die oben für die höheren Lehrer gefordert wurden.

Fußnoten:

[1] Das Ausland ist uns hier erheblich voran: zählt doch, um nur ein Beispiel zu nennen, die finnische Universität Helsingfors (3000 Hörer) nicht weniger als 4 beamtete Professoren der Volkskunde (2 Ordinarien und 2 Extraordinarien), neben denen noch 2 Dozenten tätig sind.


Eine Heimatschutzstimme vor fünfzig Jahren

Von Th. Leuschner, Dresden-Loschwitz

Während der Jahre 1851–1853 hatte sich der Bildhauer Josef Herrmann in Loschwitz an der heutigen Schillerstraße vom Architekten und Baumeister C. Th. Lehnert die Villa »Thorwald« bauen lassen. Sie gefällt auch heute noch den Spaziergängern, nachdem der jetzige Besitzer das Grundstück mit dem herrlichen Baumbestand aus seinem verwahrlosten Zustand unter Aufwendung reichster Mittel zu neuer Schönheit hat auferstehen lassen.

Von demselben Baumeister ließ Herrmann im unteren Dorf an dem Bachlauf einen kleinen Rundbau errichten, der ein Relief aus weißem Marmor [305]aufnehmen sollte, das er zum Andenken an eine gute Tat seines Vaters in den beiden Wintern 1868 und 1869 in Rom geschaffen hatte.

Es ist ein Unrecht gewesen, inmitten der schlichten, kleinen Dorfhäuser, der stattlichen Nußbäume am Bachlaufe den Fremdkörper eines Rundbaues zu stellen, wie wir ihn heute noch sehen können. Seine Umgebung hat sich im Laufe der Jahrzehnte ganz wesentlich verändert, so daß wir heute den damaligen Gegensatz von dörflicher Elbsiedelung und römischem Altertum nicht mehr in voller Schärfe zu empfinden vermögen. Ob sich die Einwohner und Nachbarn gegen dieses ausländische und unzeitliche Geschenk des vermögenden Künstlers geweigert haben, ist uns nicht überliefert worden. Doch darf wohl die Entstehung des spöttischen Namens »Die Senfbüchse«, mit dem heute noch die Loschwitzer das Josef-Herrmann-Denkmal bezeichnen, auf die Zeit seiner Gründung zurückgeführt werden. Es mag auch nicht an einzelnen Stimmen gefehlt haben, welche auf die Verschandelung des einfachen Dorfbildes hingewiesen haben. Einen Beweis dafür haben wir in den bitteren, stark höhnischen Worten, mit denen der Berliner Hofkapellmeister Heinrich Dorn 1872 in einem Aufsatz über Loschwitz seinem Groll und Zorn Luft machte. Er ist ein treuer und begeisterter Sommergast von Loschwitz gewesen.

Aus dem Anfange seines Aufsatzes seien zunächst zwei Sätze hervorgehoben: »Zum zwölften Male seit 1856 habe ich das freundliche Elbdorf besucht und mich immer wieder von seinen Vorzügen überzeugt, an seinen Reizen ergötzt … Für mich, der ich ein leidenschaftlicher Spaziergänger bin, gibt es in und um Loschwitz wohl keinen Talgrund und keinen Bergeshang, den ich nicht von allen Seiten durchwandert oder erstiegen hätte.«

Und nun der längere Abschnitt, mit dem er uns zu einem Vorläufer des damals noch so wenig gefühlten Heimatschutzes werden muß:

»Eine kleine Schwenkung nach links, und wir stehen mitten in dem freundlichen Dorfe, dessen Hauptstraße vom Bach durchschnitten, nach der Elbe führt. Ehe wir aber dorthin und ans Ende unsrer Pilgerfahrt gelangen, beben wir noch entsetzt zurück vor jenem monumentalen Bauwerk, das in der geschmacklosen Form einer Riesenkochbutterbüchse, welcher selbst der Deckelknopf nicht fehlt, den schönen Grasplan verschimpfiert, nachdem vier der ältesten Nußbäume dem Moloch der Architektur zum Opfer gefallen sind. Wer selber, wie ich, im Besitz mehrerer Kinder ist, wird gewiß gegen den Ausdruck rührender Pietät nichts einzuwenden haben; alles aber hat seine Zeit und, setzen wir hinzu, auch seinen Ort.

Der Vater des bereits erwähnten verstorbenen Professor Herrmann soll nämlich, so lautet die Sage, vor langen Jahren in Petersburg beim Eisgang der Newa einem russischen Knesenjüngling das Leben gerettet haben. Zum Andenken an diese Begebenheit ließ nun der Sohn questionierten Vor- und Eisgang in Marmor verewigen und erkaufte sich von der Gemeinde Loschwitz die Erlaubnis, mitten im Dorfe das teure Monument in die oben bezeichnete Hünengrabsenfdose, welcher selbst der Deckelknopf nicht fehlt, einhüllen zu dürfen, vor welcher aber jeder Wanderer schaudernd stehen bleibt, [306]und in deren Schlund sich noch kein Mensch gewagt hat, obwohl der Schlüssel gleich dahinter bei einem Böttchermeister für zwei Neugroschen parat liegt. Nicht der Verkauf des idyllischen Plätzchens, wofür die arme Kommune anständig bezahlt worden, sondern der Ankauf desselben, um dort in solcher Weise die kindliche Liebe an den Tag zu legen, ist eine leider nicht mehr zu sühnende Barbarei. Erleben wir aber früher oder später in Loschwitz Gasbeleuchtung, dann ließe sich die Straßburger Gänseleberpastetenterrine, welcher selbst der Deckelknopf nicht fehlt, vielleicht noch nutzbringend verwerten, sollten auch die in dem Laboratorium zu erzeugenden Dämpfe dem haut relief einigen Dampf antun.«

Gewiß ist es eine absichtliche, vom Unmut eingegebene Verschleierung des Tatbestandes, wenn Dorn von der sagenhaften Errettung eines russischen Knesenjünglings redet. In Wahrheit war die Sache so, daß Dominik Josef Herrmann am 24. Februar 1799 zwei Schiffer, die im Eisgang der Elbe von Prossen bei Schandau auf ihrem Kahn abgetrieben worden waren, bei Kaditz ans Ufer gerettet hatte. Wir wollen Heinrich Dorn diese Fälschung nicht übel auslegen; er soll – wie sich heute noch seiner alte Loschwitzer erinnern – ein sehr scharfer und offener Herr gewesen sein, dem es bei seinem Musikantenblut gleich dem befreundeten Fr. Wieck auf eine Übertreibung mehr oder weniger nicht ankam, wenn es galt, an einer Sache Kritik zu üben. –

Wohl hoffte der Sohn, daß von seinem künstlerischen Werke dieselbe moralische Wirkung zugunsten seines Vaters auf den Beschauer ausgehen möchte, wie sie G. Bürger in seinem Gedicht »Hoch klingt das Lied vom braven Mann« erreicht. Sein Wollen können wir verstehen und nur gutheißen. Daß er aber die Schöpfung, mit der er eine sittliche Einwirkung erzielen will, in ein Gebäude eingliedert, das ein freundliches Straßenbild zerstört, war ein arger Mißgriff, den wir einem Künstler nicht verzeihen können. Er erschwert doch einem denkenden und empfindenden Menschen schon von vornherein die Freudigkeit, einen höheren Gedanken aufzunehmen. Wir verlangen von einem Künstler, daß er eben mehr ist als ein Kind seiner Zeit. –

Diesen uns selbstverständlichen Heimatschutzgedanken hat lange vor unsrer Gegenwart Heinrich Dorn in einer klaren, wenn auch spöttischen Form seiner Zeit gesagt. Mit Erfolg? Wir wollen uns seinen Namen merken. Ist er doch auch der Kapellmeister gewesen, der Beethovens Missa solemnis zum ersten Male in vollem Umfange aufgeführt hat, 1847 auf dem sechsundzwanzigsten Niederrheinischen Musikfest; seinem Dirigentenstab gehorchten rund sechshundert Ausführende. Er ist 1892 in einem Alter von achtundachtzig Jahren gestorben.


[307]

Neue Brücken in der Dresdner Heide

Von Oskar Pusch, Dresden

Ein Wolkenbruch in Ullersdorf bei Dresden in einer Julinacht 1926 zerstörte durch die Menge des abflutenden Wassers mehrere schöne alte Brücken des Prießnitzgrundes in der Dresdner Heide. Sie stammten aus der Zeit von 1840, als der Prießnitzgrundweg, die alte Gelte, zur Straße ausgebaut wurde. Aus forstwirtschaftlichen Gründen war die schnellste Wiederherstellung der Brücken dringend geboten. Wiewohl einfache Betonbalkenbrücken am wohlfeilsten gewesen wären, entschloß sich die Regierung doch, den Bitten des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz entsprechend, die alten Bogenformen mit größerer Durchflußöffnung wieder erstehen zu lassen. Neu errichtet wurden die Gänsefußbrücke an der Heidemühle, die Kuhschwanz- und Kannenhenkel- und Wettinbrücke (neuerdings vom Volksmund so benannt). Sie wurden teils aus den vorhandenen Sandsteinstücken, teils aus Granit, der in der Heide ansteht, erbaut.

Abb. 1. Wettinbrücke

Die Zinnenform der Brüstung der eingestürzten Brücken wurde nicht wieder übernommen. Als Vorbild galt die alte Kuhschwanzbrücke und die Totenbrücke bei Klotzsche. Den Revierverwaltungen von Klotzsche und Langebrück und dem Straßen- und Wasserbauamt Dresden ist es vor allem zu danken, wenn die neuen Brücken schöner als zuvor aus den Trümmern erstanden sind.

[308]

Abb. 2. Kuhschwanzbrücke

[309]

Es dürfte vielleicht bei dieser Gelegenheit erwünscht sein, etwas über die eigenartigen Namen der Brücken zu erfahren. Namen wie Gelte, Kuhschwanzweg, Kannenhenkelweg hat der Volksmund nach den in die Bäume eingeschnittenen Wegzeichen im 18. Jahrhundert gebildet. Im Mittelalter erhielten die Hauptwege der Heide als Wegzeichen einen Buchstaben, z. B. K = Klotzscher Straße, L = Langebrücker Straße, Y = Radeberger Straße, X = Stolpische Straße. Der Kannenhenkelweg hatte ein P mit Punkt (ähnlich einem Kannenhenkel) und Kuhschwanzweg ein Q mit Punkt und Schwanz. Zur Zeit des Vater August, [310]da Math. Oeder die Heide vermaß, hieß der Kannenhenkelweg der Kolmische Weg, noch früher der Köllnische Weg. Es sind nun zwei Deutungen möglich: entweder man kommt zum »Bergweg« (colm, culm, Colm saigurn, holmen [englisch] = Berg) oder nach Dr. Schmidt auf den »Knüppelweg« (auf der colne = sumpfiges Gelände, später gleichbedeutend mit Knüppeldamm, Cöln bei Meißen). Das Letzte entspräche auch nach Gude (Radeberg) dem Wendischen. Dort heißt der Knüppel Kij (mundartlich Kill). Damit wäre auch der Küh- oder Kienbruch an der Ullersdorfer Straße ein Kijbruch = Knüppelbruch (siehe auch Kynast).

Abb. 3. Gänsefußbrücke

Der Kuhschwanzweg heißt 1570 der Tarische Weg, d. i. ebenfalls »Bergweg« (siehe Tharandt und Thorwalder Wände).

Der Gänsefußweg führt seinen Namen auf sein Waldzeichen zurück. Das Mittelalter kannte den Weg schon, nicht aber als Gänsefuß.

Abb. 4. Schwedenbrücke (altes Bauwerk, das das Hochwasser aushielt)

Es wäre eine überaus dankeswerte Aufgabe, den oft wunderlich klingenden Namen der Dresdner Heide nachzuspüren, wobei man aber des Slavischen bzw. Wendischen nicht entbehren kann (Brodberg [brudo = Hügel], Mordgrund [mokru = feucht], Schotengrund [Zschorte = schwarz, sumpfig]) usw.


Zwei Grabdenkmäler vom Friedhof in Lichtenberg bei Freiberg

Von Dr.-Ing. Hubert Georg Ermisch

Über die künstlerischen Eisengußwerke von Lauchhammer ist 1925 schon in diesen Mitteilungen eingehend berichtet worden. In diesem Heft (XIV. Heft 5/6, Abb. 7) ist auch das Grabdenkmal zweier Kinder des Pfarrers Brause auf dem Kirchhofe in Lichtenberg bei Freiberg aus dem Jahre 1839 abgebildet (Abb. 1). Eine Kindergruppe voller Lieblichkeit. Wie die beiden Schwesterchen sich aneinander schmiegen, ist so schön der Kindernatur abgelauscht. Gerade dieses Denkmal zeigt anschaulich die Möglichkeiten des Eisengusses, zeigt, wie wundervoll der Künstler das derbe Material zu meistern verstanden hat, wie er durch schlichte Einzelformen die Harmonie geschaffen hat zwischen dem zierlichen Liebreiz der Kinder und der Derbheit des Eisens. Leider ist der Künstler bis heute unbekannt geblieben.

Abb. 1. Erneuerte Kindergruppe (Lauchhammerguß) auf dem Friedhofe in Lichtenberg

Dieses Denkmal hatte Schaden gelitten. Die Fußplatte lag in Stücken und ein Füßchen war abgebrochen. Durch die oben erwähnte Abbildung in den Mitteilungen des Heimatschutzes war die Gemeinde aufmerksam auf dieses Kunstwerk geworden, hatte sich an den Landesverein gewandt und im Winter 1926/27 wanderte das Werk nach Dresden, um hier sachgemäß wieder hergestellt zu werden.

Abb. 2. Grabkreuz der Familie Wolf auf dem Friedhofe in Lichtenberg

Jeder, der mit Denkmalpflege sich beschäftigen muß, wird allen Fragen der Wiederherstellung und des Schutzes zunächst die Frage entgegensetzen: Warum ist das Kunstwerk schutz- bzw. erneuerungsbedürftig geworden. Die Antworten auf diese Frage sind oft nicht so leicht zu geben. An dem Lichtenberger Denkmal meinte man, allein der Rost sei schuld daran, man hätte den Schutzanstrich [313]öfters erneuern sollen. Dem kann nur teilweise zugestimmt werden. Das Zersprengende war hier nicht der Rost allein, sondern ursprünglich wohl der Umstand, daß die gußeiserne Platte mit schmiedeeisernen Schrauben überstraff angezogen worden war. So entstanden Sprünge, und erst als das Wasser dort hineindringen konnte, konnte es sein Zerstörungswerk ausführen. Aus diesem Befunde ergab sich die Art der Wiederherstellung. Sie wurde dadurch erleichtert, daß heute mit Hilfe des autogenen Schweißverfahrens das Füßchen leicht wieder angefügt werden konnte. Die Fußplatte wurde vollkommen neu gegossen. Ein guter Graphitfarbenanstrich gibt der ganzen Gruppe Schutz ohne den Eisencharakter zu verwischen.

Abb. 3. Verfallenes Grabkreuz der Familie Wolf auf dem Friedhofe in Lichtenberg

Wie die Besichtigung dieses Lauchhammergußwerkes im Winter 1926/27 stattfinden sollte, wurde es zunächst auf dem Friedhof vergeblich gesucht. Man hatte eine schützende Hülle darüber gedeckt. Bei dem Suchen wurde aber noch ein weiteres eisernes Grabdenkmal entdeckt, das seither wenig beachtet worden war, und das gleichfalls dem Verfall geweiht zu sein schien, das Grabkreuz der Familie Wolf aus dem Jahre 1834 (Abb. 2). Eigenartig wirkt an dem Grabkreuz die naturalistische Darstellung des Mohnes, die fast an den Jugendstil erinnert, eigenartig die verschließbaren Schriftplatten. Der oberste Abschluß, wohl ein kleines Kreuz, fehlt, kann aber ohne Bedenken fortgelassen werden, zumal seine ursprüngliche Form unbekannt ist. Auch dieses Grabkreuz wurde nach Dresden gebracht und wieder hergestellt. Die Schriftplatten waren nur schwer noch zu entziffern (Abb. 3). Herr Pfarrer Wiese in Lichtenberg hat Text und Sprüche auf Grund der Photographien und der Kirchenbücher wieder [314]zusammengestellt. Herr Kunstmaler Richard Morgenthal malte die Schrift darnach auf die dunkelblau getönten Platten in Gold (Abb. 4). Das übrige Grabkreuz wurde mit Graphitfarbe gestrichen, die den Eisencharakter des Kunstwerkes schön betont.

Abb. 4. Schrifttafeln des erneuerten Wolfschen Grabkreuzes

Noch von einer kleinen Episode soll erzählt werden, die sich bei der Wiederherstellung dieses Grabkreuzes ereignete, und die beweist, daß oft auch ein tüchtiger Handwerker einem solchen Kunstwerk seines Faches verständnislos gegenübersteht. Die kleinen Scharnierbänder der Schriftplatten mußten erneuert werden, sicher doch keine schwierige Aufgabe. Wie dies zunächst von dem modernen Schlosser gelöst wurde, mag das Bild zeigen (Abb. 5). Worte sind wohl nicht nötig. Man mag aber daraus ermessen, wie schwierig es oft ist, den richtigen Handwerker für Arbeiten der Denkmalpflege zu wählen, und wie wichtig eine ständige Beaufsichtigung derartiger Arbeiten ist.

Mit den Lichtenberger Grabdenkmälern wurden zwei Werke aus der Zeit um 1830, die für ihre Zeit besonders bezeichnend in ihrer Auffassung und Form sind, für die Nachwelt auf Kosten des Heimatschutzes erhalten. Sie wurden erhalten, damit sie auf ihrem stimmungsvollen ursprünglichen Standplatz wieder aufgestellt werden. Nur dort in der schönen Umgebung, neben der [315]prächtigen alten Kirche, werden sie wirklich zur vollen Geltung kommen. Sie in ein Ortsmuseum zu verbannen, wäre ganz verfehlt. Man würde dem Friedhof seine schönsten Denkmäler nehmen und im Ortsmuseum würden sie in ihrer Schönheit niemals zur Wirkung kommen können. Sie würden damit künstlerisch entwertet werden.

Abb. 5. Schlechte Scharnierbänder

Das stille Tal

Im schönsten Wiesengrunde
Ist meiner Heimat Haus,
Da zog ich manche Stunde
Ins Tal hinaus.
Dich, mein stilles Tal,
Grüß ich tausendmal!
Muß aus dem Tal jetzt scheiden,
Wo alles Luft und Klang,
Das ist mein herbstes Leiden,
Mein letzter Gang.
Dich, mein stilles Tal,
Grüß ich tausendmal!
Sterb’ ich, in Tales Grunde
Will ich begraben sein;
Singt mir zur letzten Stunde
Beim Abendschein:
Dich, mein stilles Tal,
Grüß ich tausendmal!

Wilhelm Ganzhorn.


[316]

Seit wann die Herren von Einsiedel
auf den Burgen Gnandstein und Wolkenburg sitzen

Ein Nachtrag zum Aufsatz »Burg Gnandstein« im XV. Bande, S. 361–388.

Von Otto Eduard Schmidt

Mein Aufsatz über die Burg Gnandstein im letzten Heft des XV. Bandes der Mitteilungen enthält insofern eine empfindliche Lücke, als ich dort Seite 366 f. zwar verschiedene unbeglaubigte Nachrichten über die Zeit, in der die Herren von Einsiedel die Burg besessen haben sollten, bekämpfen mußte, aber die wünschenswerte Lösung dieser Frage aus Mangel an urkundlichem Stoff nicht zu bieten vermochte, obwohl ich zuletzt auch in Gnandstein selbst hierüber Aufklärung gesucht hatte. Nunmehr aber haben erneute Nachforschungen in den Originalurkunden, Copialien und Lehnsregistern des Dresdener Hauptstaatsarchivs ergeben, daß doch die Burg Gnandstein schon weit eher im Besitze der Herren von Einsiedel gewesen ist, als ich in meinem Aufsatze angegeben hatte. Das Kopialbuch 1303 fol. 99b bis 100a enthält die Abschrift der Urkunde, durch die Burggraf Albrecht von Leisnig die Burg an Klaus von Einsiedels eheliche Wirtin Ilse verleiht. Diese Urkunde ist datiert vom Mittwoch »vor circumcisionis domini ut supra«, d. h. aus demselben Jahre, wie die vorhergehende Urkunde. Da diese aber vom Jahre 1414 stammt, so ist auch die Verleihung des Gnandsteins an Ilse von Einsiedel am Mittwoch »vor dem Tage der Beschneidung des Herrn Christus« im Jahre 1414, also am 27. Dezember 1414 erfolgt. Aber auch schon eine Reihe von Jahren vorher muß Gnandstein – und ebenso Schloß Wolkenburg – in den Händen der Einsiedel gewesen sein. Denn die Originalurkunde des Hauptstaatsarchivs vom 9. Juli 1409 mit zwei wohlerhaltenen Einsiedelschen Siegeln: »gegeben … czu lipck (Leipzig) nach gotis geburde vierzehnhundert Jar darnach in dem nuynden (neunten) Jahre am nesten (nächsten) dienstage vor Sente Margarethentage« meldet, daß Heinrich und Klaus von Einsiedel »den hochgeborn Fürsten herrn friderich und Herrn Wilhellm lantgraffen in doringen (Thüringen) und marcgraffen von Missen (Meißen) … die Slosse gnanstein und Wolkenberg geoffnet haben.«

Endlich hat Herr Oberarchivrat Dr. Klocke am Westfälischen Adelsarchiv in München, der das Urkundenbuch der Familie von Einsiedel bearbeitet, wie mir Herr Dr. Hohlfeld, Vorsteher der Zentralstelle für Familienforschung in Leipzig, freundlichst mitteilen läßt, urkundlich festgestellt, daß Gnandstein jedenfalls als Lehen des Burggrafen von Leisnig noch im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts an das Geschlecht von Einsiedel gekommen sei. Als Jahre, in denen ihnen von den genannten Burggrafen die Anwartschaft auf die Güter des Heinrich Marschall (s. meinen Aufsatz S. 366) verliehen worden sei, werden 1377 bzw. 1384 genannt.

So hätten also die Herren von Einsiedel auf Gnandstein und die Grafen von Einsiedel auf Wolkenburg schon im Jahre 1884 oder bald darauf das Erinnerungsfest an den halbtausendjährigen Besitz ihrer Burgen feiern können.


[317]

Der Kampf gegen die Straßenreklame
in den Vereinigten Staaten

Ein lebhafter Kampf spielt sich zur Zeit in Amerika ab, der zur Einschränkung der Straßenreklame, dessen, was man dort die Out-Door Advertising, der Ankündigung vor der Türe, nennt. Er geht aus von der öffentlichen Meinung, die sich in der Presse, wie in den großen nationalen Verbänden vielfach mit der Frage beschäftigt. Sie sieht in der Reklame weniger einen Vorteil für die Gesamtproduktion und den Anreiz zum Warenkauf als den Kampf der einzelnen Geschäfte untereinander, der volkswirtschaftlich nachteilig wirkt, da er zweifellos die Waren verteuert. Man ging so weit, öffentlich aufzufordern in Geschäften, die viel Reklame machen, nicht zu kaufen.

Die Frage hat vielfach bereits die Gesetzgebung beschäftigt, als deren Zweck man die Durchführung des allgemeinen Willens erkennt. Eine Druckschrift der Municipal Art Society in Neuyork, geschrieben von einem der Führer der Städtebaubewegung in den Vereinigten Staaten, Frank B. Williams, gibt klaren Einblick in den Sachstand. Die größeren und kleineren Kaufleute und Industriellen, sagt er, haben erkannt, daß die Kunden Anzeigen außerhalb der Geschäftsviertel nicht lieben und diese Abneigung auf die angekündigten Waren übertragen, daher genüge es, wenn sie auf diese nur in den Geschäftsvierteln hingewiesen werden. Die Geschäftsinhaber aber können auf eine weitergreifende Reklame nicht verzichten, wenn dadurch ihren Konkurrenten ein unbilliger Vorteil entsteht. Vielfach haben daher die Geschäftsinhaber selbst im Sinn dieser Bewegung gewirkt, damit die Unkosten herabgemindert würden. Aber dennoch sah man sich genötigt, die Staaten zur gesetzlichen Regelung der Frage aufzurufen und zwar durch Anwendung der Polizeigewalt der Gemeinden.

Hauptsächlich gilt der Kampf der Reklame in freier Natur, an den Verkehrsstraßen. Wer eine solche durchfahren hat, kennt die langen Reihen von Bretterzäunen, die mit Anzeigen überfüllt sind, so daß die dem Autoführer geltenden polizeilichen Anschläge schwer erkennbar werden. Man sieht also in dieser Reklame eine Verkehrsgefahr. Dazu verdeckt sie die Aussicht, behindert also den Spazierenfahrenden am Zweck, die schöne Gegend zu besehen. Geschäftsgewandterweise befinden sich nämlich diese Reklamewände zumeist gerade an den beliebtesten Aussichtspunkten. Die neueren Verfügungen verbieten deshalb die Reklame an Landstraßen, in Parks, an öffentlichen Bauten, in öffentlichen Anlagen, an den Haltestellen und Brücken der Bahnen, an der Außenseite von Omnibussen und Bahnwagen und anderem öffentlichen Eigentum. Da Straßen und Parks den Gemeinden gehören, haben diese das Recht zu solchem Verbot. Vergehen gegen diese Bestimmungen werden bestraft. An Bauten im Privatbesitz dürfen Ankündigungen nur gegen schriftliche Erlaubnis des Besitzers angebracht werden.

Die meisten amerikanischen Städte haben ein Zonengesetz angenommen, durch das nach deutschem Vorgang für das Bauwesen abgegrenzte Gebiete je [318]andere Bestimmungen über Haushöhe, Bauart, Zweck der Bauten festgelegt sind. Da gibt es u. a. Geschäftsviertel und Wohnviertel. Letztere sind nur für Wohnzwecke bestimmt, Geschäfte dürfen in die bestehenden oder zu bauenden Häuser nicht gelegt werden. Selbst der kleinste Laden ist verboten. In diesen, wie in ländlichen Bezirken, wurde der Anschlag von Reklame glatt untersagt. Aber auch den Grundbesitzern sind in der Ausnutzung ihres Besitzes Schranken auferlegt. Vielfach haben sie für in ihrem Grundstück angebrachte Reklame eine beträchtliche vom Hausbesitzer zu verlegende Steuer zu zahlen. Wenngleich die Bundesgerichte die ästhetische Seite des Bauwesens als nicht der Polizeigewalt unterliegend ansehen, ist doch der Kampf gegen diese dem Reklamewesen günstige Anschauung so lebhaft, daß man an eine baldige Änderung der Grundsätze der Gerichte nicht zweifeln kann, durch die, wie Williams schreibt, das Auge ebenso vor Unbill geschützt werden muß, wie dies durch die bestehenden Gesetze hinsichtlich der Nase und das Ohr schon geschieht.

In Deutschland hat die Verarmung dahin geführt, daß Vieles, was jenseits des Ozeans bekämpft wird, bei uns von den Behörden selbst angeordnet wurde. Auch gewann ich in Amerika den Eindruck, als wenn die deutsche Reklame künstlerisch höher stehe, als jene drüben, trotz einiger sehr eindrucksvoller Schöpfungen.

Aber es ist immerhin bei dem in Deutschland allgemeinen Bestreben, amerikanische Gedanken als »zeitgemäß« aufzunehmen, beachtenswert, daß bereits dreißig Staaten im oben geschilderten Sinne gehaltene Gesetze aufgestellt haben.

Cornelius Gurlitt.

Anmerkung der Schriftleitung: Hoffentlich lernen bei uns in Deutschland die Betriebsstoff-Reklame-Veranstalter, diese Verschmierer so manch schöner Landschaft, von diesem Vorgehen in Amerika, ehe wir es als »zeitgemäß« nachahmen.


Das Wittichkreuz bei Glashütte

Ein Beitrag zur Steinkreuzforschung

Von Erich Glänzel, Luchau in Sa.

Wenn man von dem Bergstädtchen Glashütte an der Müglitz die Staatsstraße nach Dippoldiswalde wandert, zweigt etwa fünfhundert Meter hinter der Stadt rechter Hand ein kleines Wiesental ab. Ein Feldweg steigt darin anfangs leicht, bald aber steil aufwärts und dort, wo das Tal sich weitend in den Hang ausläuft, steht am Rande jungen Fichtenwaldes, von Hecken malerisch umrahmt, ein altes Steinkreuz. Der Volksmund nennt es Wittichkreuz nach dem darauf eingeritzten Namen und den Gerüchten über einen Räuber Wittich, der hier getötet worden sei. Es soll auch nicht ganz geheuer sein an diesem Ort und wer zur mitternächtlichen Stunde hier vorübergeht, dem könne wohl der Geist Wittichs erscheinen. Was hat man aber nun von alledem zu halten?

Der Chronist Laurentius Peccenstein berichtet in seinem Theatrum Saxonicum⁠[2] vom Jahre 1608 im zehnten Kapitel über diesen Wittich, über Wittichschloß und Wittichkreuz. [319]Er hat als Quelle eine Handschrift des Reinerus Reineccius⁠[3] vom Jahre 1569 fast wörtlich verwendet. Nach beiden Quellen sei das folgende berichtet:

Auf dem Rittersitz Lochaw (heute Erbgericht Luchau bei Glashütte) saß einst der Ritter Weigold von Bärenstein. Er war in der Jagd und im Kriegshandwerk wohl geübt, und der letzte Umstand mag vor allem der Grund gewesen sein, daß ihn der Räuber Wittich besonders fürchtete, der »seyn auffenthalt in einem starken Felse, gelegen unter der itzigen Berkstadt Glasehütte« gehabt haben soll. Wittich, der noch »allerley böse Buben« zu sich gezogen, wurde vom Markgrafen von Meißen öffentlich ausgekündigt und auf seine Ergreifung, ob tot oder lebendig, eine hohe »vergunstigung« ausgesetzt. Da er sich am meisten um den »von Bernstein« sorgte, der seiner »Tugent halben ihm vordechtig war«, beschloß er »ihn hinderlistiglich hinwegzureumen, in meynunge durch solch Exempell andere abscheuig zu machen, sich an Ihme zuvorgreiffenn.«

Eines Morgens begab er sich mit einigen Knechten »vor des von Bernsteins behausunge gegen der Lochaw, begeret ein Gespreche mit ihme«, das ihm Weigold ohne Argwohn gewährte. Kaum war dieser vors Haus getreten, tat der Bösewicht mit seiner Armbrust drei Schüsse auf ihn, doch ohne Schaden. Weigold setzte mit seinen Reißigen den Fliehenden »auff dem Fuße nach« und holte sie ein. Er hielt Wittich zuerst »seine Untreue und sein verräterisch Gemüt« vor und griff dann zur Wehr. Auch der Räuber war »in solchenn sachenn wol geübet«, aber Weigold behielt die Oberhand und tötete ihn. Sein Raubhaus wurde eingenommen und zerstört. »Über dem Ryttorsitz Reinharts Grymme« aber wurde wegen dieses Todschlages »das Kreuz aufgerichtet, das bis heute geblieben. Voll biederen und ehrsamen Gemütes lehnte Weigold allen Lohn und Dank des Markgrafen ab; doch da man in ihn drang, sich eine Belohnung auszubitten, stellte er ein höchst eigenartiges Begehren: man solle einen guten Hirsch, den er auf seinem Gebiete gehetzt und gefangen, wegführen und in Dresden über die steinerne Brücke, die über die Elbe gebaut war, laufen lassen.«

Die oben geschilderte Begebenheit erwähnt Dr. Kuhfahl in Band VI, Heft 11 und 12 der Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz. Er berichtet nach Valentin Königs Adelshistorie (Leipzig 1707, Band I, Seite 22), die ich noch nicht daraufhin durchsehen konnte, ob König Näheres über seine Quelle angibt. Sicher scheint mir aber zu sein, daß die angeführte Zahl 1430 nur auf Schätzung beruhen kann. Über die älteste Geschichte der Bärensteins sind fast keine Urkunden mehr vorhanden, da sie zum größten Teile bei einem Brande des Rittergutes Ottendorf bei Pirna, daß der genannte Weigold von Bärenstein oder seine Nachkommen käuflich erwarben, verbrannt sind⁠[4][5]. Erwähnt sei nur, daß der Großvater Weigolds, Reinhold von Bärenstein, 1315 starb⁠[3]. Geht man von dieser Zahl aus, so dürfte sich der geschilderte Vorgang sicher wesentlich eher als 1430 abgespielt haben.

Über die richtige Bestimmung des Ortes macht Dr. Kuhfahl Zweifel im Hinblick auf die oben angeführte Stelle geltend, daß dies Kreuz über dem Rittersitz Reinhardtsgrimma (siehe oben) errichtet worden sei. Neuere Feststellungen haben ergeben, daß der heutige Standort nicht der ursprüngliche ist. Die von Dr. Kuhfahl angeführte Notiz Bösigks⁠[6], das Kreuz sei einmal umgefallen und wieder aufgestellt worden, läßt sich dahin erweitern, daß man Ende der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts das Kreuz von seinem alten Standort entfernte und nach Glashütte brachte, wo es bei einem Hausbau verwendet werden sollte. Mag nun bei dem Bauherrn damals ein Funken heimatkundlichen Gewissens aufgeglüht sein oder kam auch ihn die Furcht an, die die Mordkreuze allenthalben im Volke verbreiteten, sicher ist, man lud das Kreuz wieder auf und beabsichtigte wohl, es an seinen Standort zurückzubringen. Dem Fuhrmann mag die Last zu groß geworden sein. Er warf den Stein auf halbem Wege ab, und so kam dieser an seinen jetzigen Standort. [320]Nach den Angaben eines alten Einwohners von Luchau, der sich auf die eben geschilderten Ereignisse noch genau besinnen kann und auch die daran beteiligten Personen mit Namen zu nennen weiß, lag der ursprüngliche Standort des Kreuzes auf Glashütter Boden, nur wenige Schritte von dem Punkte entfernt, wo Cunnersdorfer, Luchauer und Glashütter Flur zusammentreffen. Nun läßt sich nachweisen, daß die Besitzer der hier angrenzenden Cunnersdorfer Fluren dem Rittergute Reinhardtsgrimma fronpflichtig waren, ja daß ein großer Teil dieser Fluren lange Zeit mit Reinhardtsgrimma in gleichen Händen war. Dieser Rittersitz hatte demnach damals eine größere Ausdehnung als heute, und der alte Standort des Kreuzes lag also dicht »über dem Ryttorsitz Reinharts Grymme«, sofern man dabei die Besitzung als Ganzes, nicht nur das Rittergut, versteht.

Reinhardtsgrimma muß in hiesiger Gegend eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben; denn außer den beiden erwähnten Chronisten zieht zum Beispiel auch der »Pirnische Mönch« diesen Rittersitz zu näherer Ortsbestimmung heran. Er schreibt von: »Clasehutte in Meißen bey Reinartsgrimme«⁠[7].

Mag der geschilderte Vorgang auch eine sagenhafte Umkleidung haben, man kann ihm doch einen historischen Kern nicht absprechen. Konnte sich bessere Gelegenheit zur Anlegung eines Raubnestes bieten, als sie das unterhalb Glashütte besonders felsige und wilde Müglitztal bot? Daß das Erzgebirge manchem Raubritter, als den man Wittich sicher betrachten kann, Schlupfwinkel bot, wird in der sächsischen Geschichte auch anderorts erwähnt.

Als Wittich den Mißerfolg seines Anschlages erkannte, wird er ganz gewiß versucht haben, nach seinem Raubnest zu entkommen, das ihm sicheren Versteck bot und wo er vielleicht auch noch Helfershelfer hatte. Dahin führte der kürzeste Weg über jenen Ort, an dem das Kreuz früher stand. Es ist doch ganz unwahrscheinlich, daß er in Richtung auf das Schloß Reinhardtsgrimma floh, wo er nur auf neue Feinde treffen mußte. Das Steinkreuz, das im Dorfe Reinhardtsgrimma steht, sowie das verschwundene Kreuz am Wege von Luchau nach diesem Orte⁠[8] läßt sich also kaum mit dem Ereignis in Verbindung bringen.

An der Echtheit der Inschrift auf Wittichkreuz ist, wie Dr. Kuhfahl bereits sagt, mit Sicherheit zu zweifeln⁠[9], die geschichtliche Echtheit des Kreuzes glaube ich aber nach meinen Ausführungen als sehr wahrscheinlich dargestellt zu haben.

Fußnoten:

[2] Laurentius Peccensteinius, Theatrum Saxonicum, 1608 (Sächs. Landes-Bibliothek zu Dresden).

[3] Ankunfts u. Geburts Stam d. Geschlechtes der von Bernsteyn usw. v. Chr. Reynerum Reyneck Steinhemium, Ao. 1569. (Handschrift i. d. Sächs. Landesbibliothek zu Dresden).

[4] Umständliche Nachrichten von Altenberg, von Chr. Meißner, 1747, S. 532.

[5] Peccensteinius, Theatrum Saxonicum, 1608.

[6] F. L. Bösigk »über Mordkreuze« (Mitteilungen d. Kgl. Sächs. Altertumsvereins zu Dresden, 1857, 10. Heft, S. 31 ff.).

[7] Christoph Meißner, Umständliche Nachrichten von Altenberg, 1747, S. 585.

[8] Dr. Kuhfahl, Mitteilungen des Landesvereins Sächs. Heimatschutz, Bd. VI, Heft 11/12, S. 281.

[9] derselbe, Mitteilungen des Landesvereins Sächs. Heimatschutz, Bd. V, Heft 1. S. 36.


Eine Holzschnitzerin

Zu ihrem achtzigjährigen Geburtstag

Von O. Seyffert

In meinen Jugendjahren war mir das Studieren des Lebenslaufes berühmter Männer die Quelle hohen Genusses. Ich habe aber mit der Zeit das Gebiet wesentlich erweitert und dadurch auch meine Freude. Heute will ich von einem Menschenkinde erzählen, das weit entfernt ist von Berühmtheit, dessen Leben mir aber in seiner rührenden Schlichtheit und in seiner Auswirkung beachtenswert erscheint. Auguste Müller wurde am 22. August 1847 in Seiffen im Erzgebirge geboren. Sie ist auch immer hier geblieben, nur einmal kann als stolze, unternehmungslustige Tat eine Reise nach Dresden verzeichnet werden. Sie ist zu Fuß dorthin getrippelt, hat sich unterwegs aber Seiffner [321]Jahrmarktsleuten angeschlossen. Diese weite Wanderung hat starke Erinnerungen geschaffen, und die Müllerin erzählt gern davon.

Zu Abbildung 1 (siehe Seite 325)

Hans ruft, die Mutter komt schon aus dem Busch, sie nur mal Mutter wir haben alle viel. Kretel hatte viel Beere Und Hans hatte 3 große Pilze gefunden, Kretel hatte immer gesungen; Heidelbeere, Heidelbeere, wer kann mir daß Dink verwehren, Ich hab mein Topf voll Beeren Wer sein Topf nur halb voll hatt, der ist eine faule Mähre! Die Mutter sagt nun Komt meine Kinder, wir wollen machen, daß wir heme kum da haben wir Holz und Pilze und Beere nu wollen wir kochen, Hans spricht, Mutter wir machen die Pilze heute Omt, Kretel will die Beere einmachen.

Elend und Kummer hat sie genug kennen gelernt, aber auch die Freude ist dann und wann bei ihr eingekehrt: Menschenschicksal. Verlobt ist sie gewesen, ihr Herzallerliebster starb aber kurz vor der Hochzeit. Dann kamen lange Jahre der Krankheit, seit den vierziger Jahren ist sie gottlob wieder gesund und munter.

Zu Abbildung 2 (links)
Die kleine Anna und daß Reh

Als Anna zehn Jahre alt war sah sie im Wald ein kleines Reh, daß lag da und lief nicht fort, als sie nahe zu ihm kam, da war es lahm, daß Tier tat Anna leit. Sie hob es auf und trug es heim, zu Hauße gab sie Milch, und machte ein Lager und hatte es gepflegt und daß arme Tier schlief, und als es schön ausgeruht hatt, da war daß Bein wieder gut geworden und konte nun springen. Anna hatte daß Reh sehr lieb, zu Hause bei ihrem Vater hatte sie ein Garten, und führte es hinein, da ist ein schöner Baum, da frist es die Blätter ab: Anna hatte es mit den Kühen mit auf das Feld genomen, daß Reh sprang hin und her.

Zu Abbildung 2 (rechts)

Der Nero bast auf, in seiner Hütte sind drei Ratten, Und die Mietze Katze diese wird wohl auch eine oder alle drei bekommen, da wird Nero müssen abkratzen, und muß froh sein daß seine Hütte wieder leer wird, daß er sich kann wieder rein legen, und schlafen.

Schon in ihrer Kindheit schnitzte und bästelte sie. Sie ist Volkskünstlerin in des Wortes wahrster Bedeutung. Ich habe sie dann und wann in ihrer kleinen Stube aufgesucht. Sie gehört zu den Menschen, die wir zumal auf dem [322]Lande antreffen, welche die gute Luft »draußen« lassen. Am verschlossenen Fenster steht der Tisch. Der ist ihre Werkstatt. Auf ihm siehts kunterbunt aus. Aber sie erklärt dies in philosophischer Ruhe. Die angefangenen oder fast vollendeten Schnitzereien dürfen »der Ordnung halber« nicht weggeräumt werden, bis sie fix und fertig sind. Das währt immerhin einige Wochen. Aber der Tisch ist auch für anderes, z. B. für das Essen und Kaffeetrinken, für das Lesen vorhanden.

Zu Abbildung 3 (links)

Der große Sultan tat niemand was zu leite. August und Karl setzten sich auf Sultans sein Rücken. Diese Jungen sind ein großes Stück gelaufen. Die Mutter rief ihr Jungens kommt rein, der Sultan sollte zum Fleischer gehen. Hier ist der Korb, liegt ein Zettel drin soll 1 Pfund Kalbfleisch holen als er zum Fleischer kam, da kratzte Sultan an der Tiere, der Fleischer gab ihn daß Fleisch er hatte auch einen Knochen bekommen weil er sehr brav war.

Zu Abbildung 3 (rechts)

Aber Fritz: Geh doch nicht bei mir in die Wäsche, da kanst du dich nicht waschen? Du must doch erst warten bis ich gewaschen habe, nu ja Liesel, da hättest du könen erst zu mir sagen.

Sie schnitzt allerhand kleine Figurenzusammenstellungen aus Holzstückeln, Ästeln genannt, die sie aus dem Feuerholz herausliest. Ihre Anregungen holt sie sich aus Büchern und Bildern, am liebsten aber aus sich selbst. Und sie spintisiert zu gerne und hat ja auch Zeit dazu. Manchmal porträtiert sie bekannte Leute des Ortes. Mich hat sie auch einmal unter dem Messer gehabt. Ich bin sehr stattlich ausgefallen. Meine Frau aber hat mich nicht erkannt. Die Pinsel, die sie zum Bemalen ihrer Arbeiten gebraucht, verfertigt sie sich selbst. Sie verwendet dazu die Haare ihrer Verwandtschaft. Die besten Pinsel – das muß man ehrlich gestehen – liefert ihr Neffe. Das ist der Krippenfigurenschnitzer Carl Müller, der ihr weitgehend entgegenkommt und ihr alle [324]Abfälle beim Haarschnitt zuträgt. An mich, ich bin freilich auch nicht verwandt mit ihr, hat sie sich in dieser haarigen Angelegenheit noch nicht herangewagt.

Zu Abbildung 4 (links)

Wenn die Liesel die Gänse heim treibt, da singt sie das Liedchen Hule, hule, Gänschen, wackelt mit dem Schwänzchen. Da schreit die alte Gans Gick, gack, juch!

Zu Abbildung 4 (rechts)

Die Mutter sagt! Liesel, dreib die Gänse naus auf die Hafelstoppel, Und paß hübsch auf, daß sie nicht ins Kraut gehn, Liesel schlägt nicht zu, wenn sie mit der Rute winkt, da folgen sie auch gleich, hinter den Jungen gehn die Alten her, und sie schreien sehr: gak, gak, gak, die kleinen hören gar nicht darauf: Sie denken, wo sie könen Fliegen fangen?

Auguste Müller, die Einsame, war bis in die letzte Zeit nicht ganz allein. Die graue Mietze, ihre Katze, teilte mit ihr des Lebens Ungemach und Freude. Man muß es Lieschen, so hieß sie, lassen, sie war eine treue, genügsame Freundin. Auch sie war von Glück nicht bevorzugt. Auf einem Streifzug war sie in eine Falle geraten und hatte die Freiheit nur wieder gewinnen können, daß sie ein Bein opferte. So hinkte, hüpfte und rannte sie nur auf drei Beinen durch das Jammertal, die Erde. Kürzlich ist sie nun von einem übelgesinnten Hunde getötet worden, und ein altes Menschenkind wurde wieder an Freuden ärmer. Die Katze ging ihrer Besitzerin über alles.

Zu Abbildung 5

Kurt Bellmann 20 Jahre Waltarbeiter gewesen in Burschensteiner Waltung. Frau Bellmann. Ich habe meinen Mann viel in seiner Arbeit beigestanden

[325]

Nun will ich noch einiges zu den Abbildungen reden. Wie wir sehen, verfertigt Auguste Müller kein eigentliches Spielzeug. Sie arbeitet auch deshalb für keinen Verleger, für kein Geschäft. Sommergäste besuchen die Alte dann und wann, und ihnen verkauft sie einige Stücke. Du lieber Gott! sie braucht für ihren Lebensunterhalt herzlich wenig.

Zu Abbildung 6

Lasset die Kindlein zu mir kommen, und wehret ihnen nicht, den solgen ist daß Reich Gottes: Spricht der Herr und Heiland

Die abgebildeten Proben sind Eigentum unseres Museums. Auf die Unterseite des Brettes, das ihre Schnitzereien trägt, klebt sie einen weißen [326]Zettel. Und darauf schreibt sie mit Bleistift die Erklärung des Schnitzwerkes. Fast stolz schließt das Ganze mit dem Vermerk: Verfertigt von A. Müller, Schnitzerin und Malerin in Seiffen. Und diese Schreiben klingen wie kleine Märchen, die ganz kleine Kinder gerne hören, Märchen, denen sie viele, viele Male lauschen können. Der Stil und die Rechtschreibung sind individuell. Gestrenge Kritiker und Intellektuelle werden die Ausführungen gewiß nicht richtig einschätzen. Ich aber freue mich so sehr darüber, daß ich einige hier veröffentliche, und nun mag der Leser sich selber beurteilen, zu welcher Klasse von Menschen er sich rechnet.


Das Erzgebirgslied

O ihr Berge meiner Väter,
Träumerisch und tannengrün,
Dran die braunen Hütten kleben
Und die Abendlichter glühn!
O ihr Hänge meiner Heimat!
Tief in Holz und Heidekraut
Hat bei euch sich meine Seele,
Ach, ein kleines Nest gebaut!
Hoch um eure dunklen Stirnen
Kreist die Wolke wie ein Traum.
Sagenhaft in euren Klüften
Wächst der edle Silberbaum,
Und das Grubenlämpchen zittert
Um verwunschenes Gestein.
O ihr Märchen meiner Heimat,
Stillt mein Herz und singt es ein!
O ihr Berge meiner Väter,
Tannengrün und träumerisch!
O ihr schlichten Hochlandleute,
Liederfroh und lebensfrisch!
O ihr Hänge meiner Heimat!
Tief in Holz und Heidekraut
Hat bei euch sich meine Seele,
Ach, ein kleines Nest gebaut.

Kurt Arnold Findeisen


[327]

Josef Ostermaiers Leben und Wirken

Ein Erinnerungsblatt

von Prof. Dr. A. Naumann

Einer unserer treuesten Mitarbeiter an den hohen Zielen unseres Landesvereins »Sächsischer Heimatschutz« ist am 22. Juli von uns gegangen, und es ist uns eine gern erfüllte Pflicht, auch in unseren Mitteilungen seiner Person und seines Wirkens zu gedenken; hat er uns doch allen aus seinem Bilderschatz und aus seinem Wissen allzeit reichlich gespendet.

Diese von allen, die ihn kannten, gern gesehene bayrische Kraftnatur wurde am 9. Januar 1864 zu München geboren und von den erfreuten Eltern nach dem Großvater mütterlicherseits, Herrn Deuringer, am 17. Januar auf den Namen Josef getauft. Er besuchte 1871 bis 1875 die katholische, später simultane Münchener Volksschule. Die Sommermonate wurden meist auf dem Landgute des Großvaters in Untersendling verbracht, und dort schon fühlte er Liebe und Begeisterung für die Natur, eine Begeisterung, die sich bei ferneren [328]Besuchen von Verwandten in Reitenhaslach, bekannt durch das alte Zisterzienserkloster, nur vertiefte.

Nach seiner Firmung im Jahre 1875 besuchte er die städtische Handelsschule bis 1877 und, nach lateinischem Privatunterricht, die Garniersche Lehr- und Erziehungsanstalt in Friedrichsdorf bei Homburg v. d. Höhe, wo er laut seiner Selbstbiographie⁠[10] »gar viel Botanik trieb«. Im Jahre 1881 erwarb er sich das Einjährigfreiwilligen-Zeugnis und unterzog sich einer dreijährigen Lehrzeit in dem Medizinaldrogengeschäft von Joseph Kleiber in München, die nach seinen eigenen Aufzeichnungen »vornehmlich im Abwischen der Standgläser, im Aufräumen und aus Botengängen bestand«, die aber doch seiner Neigung für Botanik Vorschub leistete. War Josef schon durch seinen Vater Georg, Inhaber eines Kolonial- und Farbwarengeschäftes, zur Beobachtung der Natur angehalten worden, so erhielt seine Liebe zur Botanik einen besonderen Ansporn durch einen Freund des Vaters, Herrn Privatus Hiendlmayer, der ihn auch zu wissenschaftlicher Betätigung anleitete. Dieser Herr, von dem er mir oft und gern erzählte, und der ihn auch zur Anlegung seines später so wertvollen Herbariums bestimmte, nahm ihn am 22. April mit zu einer Exkursion in die damals noch botanisch rühmenswerte Garchinger Heide. Er schreibt selbst darüber: »Von diesem Ausfluge her datiert eigentlich meine Vorliebe für die botanische Wissenschaft, die mich in den folgenden Jahren – manchmal vielleicht mehr als gut war – stark in Anspruch genommen hat, aber mir auch unendlich viele Stunden der Freude und reinen Naturgenusses gebracht hat und mir jetzt in meinem Berufe sehr zu statten kommt.« Hatte er von so manchem Ausflug in Münchens Umgebung (Rote Wand, Reiterspitz u. a. m.) reiche botanische Ausbeute heimgebracht, so wurde sein botanischer Eifer durch seine erste größere Reise in die Dolomiten im Jahre 1882 mächtig angeregt nach einer Besteigung des Schlern und Andelao. Er erwarb sich infolgedessen die Mitgliedschaft im Landshuter botanischen Verein und im D. Ö. Alpenverein. Nach abgeleisteter militärischer einjähriger Dienstzeit im Kgl. bayr. Cheveauxlegers-Regiment zu München, ging er als Volontär in eine Speditionsfirma zu Hamburg und trat 1886 als Korrespondent in die Weltfirma Gehe & Co., Dresden, ein. Seine Freizeit verwendete er zu botanischen Ausflügen in unser schönes Sachsenland, dem er in der Liebe zur Pflanzenwelt bis zu seinem Tode treu blieb. Im Jahre 1889 bei einer achtwöchentlichen Reserveübung im Großenhainer Husarenregiment begannen seine ersten photographischen Versuche, die ihn später zu photographischer Meisterschaft führen sollten. Im Jahre 1892 vermählte er sich mit einer kunstsinnigen Dresdnerin Fräulein Gabriele Albert, die das Kunstempfinden Josefs durch Rat und kritisches Eingehen vielfach unterstützte. Die Hochzeitsreise führte ihn über Wien, Triest, Venedig nach dem deutschen Bozen, dessen herrliche Umgebung ihm auch späterhin in landschaftlicher und floristischer Beziehung wertvolle Anregung [329]gab und ihn mit der Kunsthandlung von Ammon in Geschäftsverbindung brachte, die sich im Laufe der Jahre zu echter Freundschaft auswuchs.

In den ersten Jahren seiner Ehe reiste er für seines Schwiegervaters Geschäft in Kunstdünger. Dabei lernte er auf köstlichen Wanderungen die blütenschöne Flora des herrlichen Nordböhmen kennen, und sein Herbarium zeugt von dem Sammeleifer, den er im schönen Böhmerland, trotz der geschäftlichen Aufgaben, entwickelte. Im Jahre 1894 trat er aus dem schwiegerväterlichen Geschäft, um, wie er sich ausdrückt, »den Kunstdünger mit der Kunst« zu vertauschen.

Er tat sich mit seinem Freunde Nenke zusammen und gründete die graphische Kunstanstalt, welche unter der Firma Nenke und Ostermaier so viele erfreuen und der heimischen und alpinen Pflanzenwelt so zahlreiche Freunde zuführen sollte, weit über Deutschlands Grenzen hinaus. Kamen auch sorgenvolle Zeiten, so brachte doch die unermüdliche Tätigkeit Nenkes, verbunden mit dem botanischen und photographischen Können Ostermaiers, das Geschäft allmählich zu erfreulicher Höhe. Der Aufstieg der Firma begann mit dem Auftrage eines Neudruckes vom »Atlas der Alpenflora«, welcher ihr im Jahre 1895 durch den D. Ö. Alpenverein wurde. Ostermaier selbst erzählte mir, wie er sich um die Ausführung bewarb. Er reiste, impulsiv wie er war, mit einigen seiner Herbar-Faszikeln und Bildproben nach München und Graz, konferierte mit dem Universitätsdozenten Dr. Palla und erhielt den Auftrag. Zu diesem Erfolg kam für Josef noch in dem gleichen Jahre die Freude über die Geburt eines Zwillingspärchens »Hans und Grete«, die beide zu des Heimgegangenen Genugtuung an der Fortführung der Firma beteiligt sind: Dr. Hans Ostermaier mit seinem Spezialstudium wissenschaftlicher Photographie, Margarethe Ostermaier durch die Verheiratung mit dem kaufmännischen Leiter, Herrn Hartung.

Im Jahre 1898 begann die Firma mit der Herausgabe von Postkarten, hergestellt nach dem Photochrom-Verfahren. Wir alle haben seit Jahrzehnten die herrlichen Künstlerpostkarten geschätzt, welche vornehmlich die Herbst- und Frühlingsstimmung der Heimatlandschaft so treulich widerspiegeln. Daneben aber hatten es unserem Ostermaier die Alpen angetan. Von den Postkarten mit Alpenblumensträußchen ging er über zu den Pflanzenaufnahmen am natürlichen Standort, die ebenso viel botanisch-systematisches Wissen als pflanzengeographisches Empfinden bekunden. Was er mit der Flora der Alpenwelt begann, übertrug er auf unsere heimische Pflanzenwelt.

Wie Meerwarth als Bahnbrecher auf dem Gebiete zoologischer Natururkunden gilt, so war für Sachsen Ostermaier der erste auf dem Gebiete botanischer Naturaufnahmen, die für unseren Heimatschutzverein eine Quelle wurden, welche nie zu versiegen schien. Neben alpinen und heimatlichen Bildern finden sich unter den 10 000 Photographien seiner Hinterlassenschaft, die durch eine sorgfältige Kartothek leicht erschlossen werden kann, auch solche aus allen Teilen Mitteleuropas, aus dem Mittelmeer [330]und aus England. Letzteres bereiste er im Herbst des Jahres 1912. Bei der Aufnahme der Sheakspeare-Cliffs wurde er in Dover als Spion verhaftet. Schon am nächsten Tage war dieses Ereignis in allen Zeitungen der Welt zu lesen. Er selbst tut dies Erlebnis in seinem Tagebuche mit den Worten ab: »Ich möchte nur das Geld haben, das in der Nacht vom 16./17. September vertelegraphiert wurde«.

Es erfüllt mich mit Stolz, daß Ostermaier mich seiner Freundschaft würdigte, so daß ich mit ihm manch liebe Heimatwanderung und manch größere Auslandsreise unternehmen konnte. Hierbei erst lernte ich seine Hingabe an die botanische Wissenschaft und seine vortreffliche Kenntnis der Hochgebirgspflanzen recht schätzen. Kein Weg war ihm zu weit und steil, kein Berg zu hoch und schroff, mochte Sturm wüten, Regen prasseln oder Sonne glühen – alles wurde, dank seiner körperlichen Rüstigkeit, wohlgemut überwunden. Geduldig konnte er – der oft so Ungeduldige – vor einer als photographisches Ziel erwählten Pflanzengruppe stundenlang ausharren, bis die vom Winde schwankenden botanischen Lieblinge sich eines ruhigen Augenblickes erfreuten. Was waren es doch für herrliche sonnendurchflutete Tage an den blauschimmernden Küsten der beiden Rivieren und in den ginsterdurchdufteten mit blühender Baumheide geschmückten Pinienwäldern Viareggios (1911). Welch’ pflanzenreiche Wanderungen boten sich uns in dem nahen Riesengebirge, in dem Juralabyrinth der fränkischen Schweiz (1921), in den orchideenreichen Jenenser Bergen (1924)! Vor allem war er bis auf Süß- und Rietgräser – die er wohl wegen ihrer steten zitternden Bewegung auch als Photograph nicht schätzte – ein vortrefflicher Kenner der alpinen Pflanzenwelt und ein zuverlässiger Beobachter ihrer Verbreitungsgrenzen, so daß er mir beim Entwerfen meiner zur Jubiläums-Gartenbau-Ausstellung gebotenen Verbreitungstafeln von Campanula und Primula wertvolle Winke geben konnte. Gerade seine Freude an der Alpenpflanzenwelt, die sich in den vortrefflichen großen farbigen »alpinen Vegetationsbildern nach Naturaufnahmen von Josef Ostermaier« ausdrückt, lernte ich kennen gelegentlich unserer Wanderung von und zu der Zufallhütte (1913), noch mehr aber schon früher, während eines gemeinsamen unvergeßlichen dreitägigen Aufenthaltes auf der Franz-Schlüter-Hütte 1909. Dort trieben wir gar ernste floristische Studien, aus denen ja auch eine entsprechende botanische Arbeit in den Isisabhandlungen hervorging.

Aufnahme von J. Ostermaier, Blasewitz
Lüneburger Heide: Wacholder-Formation am Totengrund bei Wilsede

Kehrte Ostermaier von seinen Lichtbildreisen – sei es vom Hochgebirge oder dem Lüneburger Heideland, sei es von den Oldenburger Brüchen oder den Spessartbergen zurück, er hatte seinen Bekannten immer etwas »Schönes« mitgebracht. Um ihn saßen seine Alpenvereinsfreunde im Ratskeller »zu traulicher Runde geschart« und ließen die neuesten Aufnahmen bewundernd von Hand zu Hand gehen. Manch freudeglänzendes Auge, manch froher Zutrunk dankten dem Lichtbild-Meister. Auch Mitglieder unserer Naturschutz-Kommission durften immer frohen Anteil nehmen an seinen neuesten Natur-Aufnahmen. Manch schöne gesellige Stunde vereinigte uns dabei in seinem Garten oder in dem gemütlichen vom Vater geschenkten Bauernstübchen, das [332]sein neues schönes 1908 bezogenes Heim am Barteldesplatz 4 so anziehend machte. Aber nicht bloß im Kreise seiner Bekannten und Freunde wurde seine Lichtbildkunst anerkannt. Alles was er schuf, trug einen botanischen oder heimatlichen Einschlag; und so war er mit seinen lebenswahren Natururkunden ein weithin bekannter Meister, welcher sich rühmen durfte, vollste Anerkennung zu finden, nicht bloß für das gebotene Bild sondern auch für die naturgeschulte Auffassung des botanischen Objektes. Alle namhaften Zeitschriften und illustrierten botanischen Neuerscheinungen (Hegis Flora, Schmeils Lehrbücher, Koralle u. a. m.) haben sich der Ostermaierschen Pflanzenaufnahmen bedient, und noch immer neue Werte können aus der reichen Hinterlassenschaft Ostermaiers der Wissenschaft zufließen. Auf der internationalen photographischen Ausstellung zu Dresden im Jahre 1909 erhielt er die einzige zu vergebende goldene Medaille der wissenschaftlichen Abteilung, und bei der Freigebigkeit, mit welcher er seine Pflanzenbilder der Wissenschaft darbot, wäre in gerechteren Zeiten eine Ernennung zum Ehrendoktor wohl möglich gewesen. Zu unser aller Freude wurde ihm auch die Ehrenmitgliedschaft beim »Vereine zum Schutze der Alpenpflanzen« zuteil. Diese Mitgliedschaft zeitigte aus Ostermaiers Feder eine Anzahl netter Aufsätze, unter denen die interessante Arbeit: »Beobachtungen über die Vegetationsverhältnisse und deren Veränderungen auf der südtiroler Kampffront« besonders hervorgehoben sei.

Es ist selbstverständlich, daß Ostermaiers botanische Einstellung auch dem Geschäfte das Siegel aufdrückte. Neben den Alpenvegetationsbildern bot die Firma Nenke und Ostermaier mehrere Serien von Gehes Arzneipflanzenkarten, die für Schulen ein wertvolles Lehrmittel bedeuten. Außer dem erwähnten fünfbändigen Atlas der Alpenflora erschienen in der gleichen Kunstanstalt die Tafeln zu einer Sudetenflora, und auch die prächtig ausgeführten Tafeln zu der mehrbändigen Flora of South-Africa by R. Marloth gingen aus ihr hervor; im Gefolge derselben auch 10 Tafeln kapländischer Vegetationsansichten (Cape flowers at home).

Gar manch schmeichelhafte Äußerungen über sein Wirken durfte ich an behaglichen, humorgewürzten Abenden in seinem Heim lesen, denn er stand mit namhaften Botanikern des In- und Auslandes in regem Briefwechsel.

Als Heimatschutzmitglied war er ein allezeit freudiger Geber, ein wackrer Kämpfer und trauter Wandergenoß, an welchen wir von der Naturschutzkommission noch oft zurückdenken werden.

In oft herzerquickender bajuvarischer Offenheit machte er manch kritischen Auseinandersetzungen ein Ende, und ganz besonders der marktschreierischen naturschändenden Reklame hatte er, allem Scheinwesen abhold, den Kampf angesagt.

So knorrig auch seine bajuvarische Natur hie und da hervorbrach, so feinfühlig und zart war Ostermaier im Empfinden der Schönheit von Natur und Landschaft, die aus seinen zahlreichen Lichtbildvorträgen sprach. Kein [334]Wunder, daß sie sich unseren Mitgliedern ins Herz schrieben. Ich erinnere nur an die Heimatschutzvorträge: »Das Riesengebirge und seine Flora« und »Auf Blumenpfaden durch die Alpenwelt« mit dem von ihm verfaßten humorvollen Schlußgedicht.

Aufnahme von J. Ostermaier, Blasewitz
Erzgebirgshochmoor mit fruchtendem Wollgras (Eriophorum vaginatum)

Auf der Leipziger Baufachausstellung waren auf meine Anregung farbige Vergrößerungen von Ostermaiers Pflanzenaufnahmen aus Sachsens Gauen ausgestellt, die Vielen Anregung boten, jetzt (zum kleineren Teil) die Diele unseres Bienhofheims zieren und dort, bei Stunden froher Einkehr, die Erinnerung an Ostermaiers Wirken wach erhalten. Neben seinen mit künstlerischen Abbildungen geschmückten Aufsätzen in unseren Mitteilungen: Vom Märzenbecher (IV S. 367), die Elbinsel bei Pillnitz (VIII S. 162), Der Trebnitzgrund (VII S. 1) hat er uns auch die 18 farbigen Tafeln der durch die sächsische Landesbehörde unter Schutz gestellten Pflanzen geschaffen. Sein letzter Heimatschutz-Aufsatz betraf den »Schellerhauer Pflanzengarten« (XV. S. 161). Hier erfreuen uns wohlgelungene Aufnahmen besonders der Primeln, von denen er »jederzeit besonders entzückt war«. Er war auch ein stets belebendes Element unserer botanischen Kommissionsausflüge, an denen er bis kurz vor seinem Tode teilnahm.

Auch in seinem Geschäft, dessen 25. Gründungsfeier 1919 in Anbetracht der schweren Zeiten nur in engem Kreise abgehalten wurde, war er bis zu seinem Tode tätig.

Als er im Herbst 1925 an der Brust operiert wurde, zeigten sich Spuren der Zuckerkrankheit, doch befand er sich körperlich noch so wohl, daß er 1926 nach Oldenburg und dem Spessart reisen konnte. Aber nach seiner Rückkehr trat das tückische Krebsleiden, welches ihn schließlich dahinraffte, ernstlich in die Erscheinung und verzehrte, trotz Josefs heldenhaften Widerstandes, nur zu rasch seine Kräfte. 1926 wurde ihm noch eine besondere Freude durch die Geburt eines Stammhalters der Familie Ostermaier, eines Sonntagskindes, zuteil. Möchte dieser nebst den beiden anderen Enkelkindern der Erbe seines herzlichen Wesens, seiner Treue und seiner Naturliebe werden.

In seinem letzten Willen hat Josef Ostermaier dem Landesverein Sächsischer Heimatschutz 5000 Mark vermacht zum Ankauf von Naturschutzgebieten. Wir nehmen das Vermächtnis dankend an und werden im Sinne des verewigten Freundes ein Stück ursprünglicher Natur unseres Sachsenlandes erwerben, das dauernd mit dem Namen Josef Ostermaier verbunden sein soll. So mögen auch künftige Geschlechter für alle Zeiten an den Mann erinnert werden, welcher der sächsischen Heimatschutzbewegung ein begeisterter, selbstloser Förderer war.

In dem nunmehr Dahingeschiedenen hatten sich Menschliches, Künstlerisches und Wissenschaftliches zu wohltuender Harmonie verbunden, und in dieser Dreiheit wird er im dankbaren Gedächtnis unseres Landesvereines weiterleben: als treuer selbstloser Freund, als feinfühliger Schöpfer unersetzlicher Natururkunden, als begeisterter und werktätiger Botaniker unserer sächsischen Heimat. Möge er nach seinem schweren Leiden in Gottes Frieden ruhen!

Fußnoten:

[10] Dieselbe wurde mir durch Herrn Dr. Hans Ostermaier gütig zur Verfügung gestellt.

[335]


Unsere eingegangenen Dörfer

Von Oberstaatsarchivar Dr. Hans Beschorner, Dresden

Zunächst ein paar Worte über die Zahl der eingegangenen Dörfer oder Wüstungen. Sie ist weit größer als gemeinhin angenommen wird. In dem nassauischen Oberlahnkreise z. B. stehen 30 bisher festgestellte Wüstungen 61 bestehenden Ortschaften gegenüber. Im Weimarer Kreise ist das Verhältnis 173 : 309, in Anhalt 274: 351, in Hessen (ehemaliges Großherzogtum und preußische Provinz zusammengenommen) 2800 : 3300, in den (besonders gut untersuchten) provinzialsächsischen Kreisen Bitterfeld und Delitzsch 307 : 259, in der Altmark 875 : 726, auf dem Eichsfelde 526 : 288, im Nordthüringgau (Landstrich zwischen Magdeburg und dem Harze) 500 : 230 bis 240, in Braunschweig 900 : 460, in dem heutigen Kreise Grafschaft Wernigerode 43 : 14. Aus diesen Beispielen, die vielfach noch auf alten, unvollständigen Forschungsergebnissen beruhen, ersieht man, daß in Mitteldeutschland auf einen bestehenden Ort selten weniger als eine Wüstung kommt, meist aber mehr, häufig zwei, ja sogar drei. Eine genaue Statistik wird dadurch sehr erschwert, daß sowohl der Begriff Dorf oder Ort sehr verschieden gefaßt wird, als auch namentlich der Begriff Wüstung. Zu letzterem sind vielfach zerstörte Burgen, Warttürme, aufgegebene Einzelgüter, Förstereien, Mühlen, alte Ding-, Gerichts-, Richtstätten und dergleichen, die eigene Namen haben, gerechnet worden, ferner solche Siedlungen, die nur zeitweise wüst lagen, später aber wieder auflebten, sei es mit demselben, sei es mit einem anderen Namen oder in anderer Form. Endlich sind gelegentlich auch Gemeinden einbezogen, die im Laufe der Zeit umgetauft oder die mit anderen Gemeinden vereinigt wurden. Umtaufungen sind immer schon vorgekommen. Markneukirchen z. B. hieß ursprünglich Nothaft, wohl weil es eine Gründung der gleichnamigen egerländer Familie war; 1274 taucht zum ersten Male der Name Neuenkirchen für den Ort auf (s. O. Wild, Geschichte von Markneukirchen, 1925, S. 45). Bärenklause südöstlich Dresden hieß Goltschau bis 1554, wo der Besitzer des Ritterguts Hans Christoph v. Bernstein die Änderung des Namens beantragte und bewilligt erhielt (s. Lippert-Beschorner, Das Lehnbuch Friedrichs des Strengen, S. 45 Anm. 34), Augustusberg südlich Nossen Käseberg (Umtaufung durch Johann Adolf v. Haugwitz, seit 1705 Besitzer des Guts; s. Postlexikon XIV, 1827, S. 220), Jahnishausen südwestlich Riesa Watzschwitz (Umtaufung durch Jan v. Schleinitz um 1500; s. Postlexikon XVII, 1830, S. 38, Kirchengallerie III, 1840, S. 43 und VII, o. J., S. 96), Klipphausen nördlich Wilsdruff bis 1528 Klein-Röhrsdorf (s. Postlexikon V, 1817, S. 694), Spreewiese bis 1911 Leichnam (s. Sächs. Jahrbücher 1920), Wiesenau im Kreise Guben bis 1919 Krebsjauche (s. Niederlausitzer Mitteilungen XIV, 1918, S. 232 f.; Gubener Zeitung 1919 Nr. 182 vom 6. 8.). Vereinigungen von Gemeinden fanden aber viel häufiger statt. Dabei ist die Erscheinung zu beobachten, daß sich zwar die alten Namen noch eine Zeit lang als Bezeichnungen von Ortsteilen halten, allmählich aber doch aus dem Gedächtnisse der Menschen [336]schwinden. Deshalb sind die zahlreichen Vereinigungen von Gemeinden, wie sie während der letzten Jahrzehnte in Sachsen aus Verwaltungsgründen vorgenommen worden sind, vom geschichtlich-geographischen Standpunkt aus zu bedauern. Welchen Umfang sie angenommen haben, lehren die Übersichten in den Sächsischen Kanzlei- und Termin- oder Expeditions-Kalendern für Justiz-, Verwaltungs- und Gemeindebehörden und in den Sächsischen Jahrbüchern 1920 bis 1926 (bearbeitet von A. Reichel, Dresden, M. Dittert & Co.). Nur um einen Begriff von den einschneidenden Veränderungen zu geben, seien die in dem Jahrgange 1920 aufgeführten Eingemeindungen 1900 bis 1919 zusammengestellt, ohne die vielen Ergänzungen dazu in Jahrgang 1921. Es wurden vereinigt 1900 Chrieschwitz mit Plauen, Rößgen mit Mittweida, 1901 Cölln mit Meißen, Gruna mit Dresden, Löbenhain mit Röhrsdorf, 1902 Kottewitz mit Lorenzkirchen, Marienthal mit Zwickau, Räcknitz, Seidnitz und Zschertnitz mit Dresden, 1903 Cotta, Kaditz, Löbtau, Mickten, Naußlitz, Plauen, Trachau und Übigau mit Dresden, Reusa mit Plauen, Spittel mit Kamenz, 1904 Groß- und Klein-Wiederitzsch als Wiederitzsch, Hilbersdorf mit Chemnitz, Messa mit Lommatzsch, 1905 Burgstädtel mit Omsewitz, Domselwitz mit Lommatzsch, Eckersberg mit Zwickau, Ober- und Nieder-Langenau zu Langenau, Richzenhain zum Teil mit Waldheim, zum Teil mit Hartha, Serkowitz mit Radebeul, 1906 Leitelshain mit Crimmitschau, 1907 Bernsdorf mit Chemnitz, Freibergsdorf mit Freiberg, Josephdorf mit Ober- und Nieder-Leutersdorf zu Leutersdorf, 1908 Friedeburg mit Freiberg, Niederspaar mit Meißen, Ober-Reichenbach mit Reichenbach, 1909 Mittel-Herwigsdorf, Gampenstein und Hainewalde zu einer Gemeinde, Mittweida und Tännicht mit Schwarzenberg, 1910 Alt- und Neu-Tanneberg als Tanneberg, Dölitz, Dösen, Möckern, Probstheida, Stötteritz, Stünz mit Leipzig, Klein-Prausitz mit Porschnitz, Mittel-Oderwitz mit Oderwitz, Rosenthal mit Nieder-Haßlau, 1911 Neudörfchen mit Mittweida, 1912 Alt- und Neu-Hörnitz als Hörnitz, Brand mit Erbisdorf, Groß- und Klein-Burgk zu Burgk, Klein-Rückerswalde mit Annaberg, Mühlgrün mit Auerbach, Oberspaar und Zaschendorf mit Meißen, Tolkewitz mit Dresden, 1913 Borna und Furth mit Chemnitz, Deila mit Planitz, Eckersdorf mit Coßmannsdorf, Mülbitz mit Großenhain, Obersachsenfeld mit Schwarzenberg, Reick mit Dresden, Seitendorf klösterlicher und Zittauer Anteil zu einer Gemeinde, Strehla mit Bautzen, 1914 Bohnitzsch, Neudörfchen und Zscheila mit Meißen, Flemmingen mit Hartha, Lausa mit Friedersdorf, Weixdorf und Gomlitz zu Lausa, Nieder- und Ober-Wiesa als Wiesa, Ober-Reußen mit Gröba, Scharre mit Hirschfelde, 1915 Eutschütz mit Bannewitz, Groß- und Klein-Dölzig zu Dölzig, Mockau und Schönefeld mit Leipzig, Nieder-Pesterwitz mit Potschappel, Ötzsch mit Markkleeberg, Zschiedge mit Burgk, 1918 Albertsthal mit Rothenbach, Klein-Struppen mit Struppen, Neunimptsch mit Roßthal, 1919 Neustruppen mit Struppen, Unter-Weißig mit Weißig bei Döhlen, Voigtsberg mit Ölsnitz, Wilschwitz mit Staucha.

Es liegt natürlich sehr nahe, die erstaunlich große Zahl von Wüstungen den vielen Kriegen früherer Jahrhunderte zur Last zu legen. Selbst Leute, [337]die in der Geschichte Bescheid zu wissen meinen, glauben unentwegt daran. Nichts aber ist irriger und unbegründeter. Gewiß kommen vereinzelte Fälle vor, namentlich im frühen Mittelalter. So ist urkundlich bezeugt, daß der Ort Grun-Praschütz, der ungefähr an der Stelle des heutigen Neu-Gruna (westlich vom Tolkewitzer Friedhofe bei Dresden) zu suchen ist, 1310 von Räubern völlig zerstört und nicht wieder aufgebaut wurde. Die Bewohner siedelten nach Zschachwitz über; in die Flur, von der noch weiter unten einiges gesagt werden soll, teilten sich die Nachbarn. Aber solche nachweisbare Fälle des dauernden Eingehens von Ortschaften in Fehde- und Kriegszeiten stehen bei uns in Sachsen ganz vereinzelt da und sind auch in dem übrigen Deutschland nicht eben häufig. Geradezu aber Seltenheiten müssen Wüstungen aus Kriegen des 15., 16. und 17. Jahrhunderts (Hussitenkriege, Bruder-, Schmalkaldischer, Dreißigjähriger Krieg usw.) oder gar aus noch späteren Zeiten genannt werden. Von den 56 Wüstungen des Kreises Eckartsberga z. B., den 500 des Nordthüringgaus, den 2800 in Hessen rührt nicht eine aus dem Dreißigjährigen Kriege her! Ebenso wenig läßt sich bei uns in Sachsen mit Bestimmtheit nachweisen, daß von den Hussiten niedergebrannte Dörfer dauernd in Schutt und Asche liegen blieben, bis nichts mehr von ihnen übrig war. Wenn E. Herzog bei den meisten der von ihm im Neuen Archiv für sächsische Geschichte II (1864) S. 59 bis 110, 193 bis 218, V (1867) S. 319 bis 325, X (1872) S. 77 bis 85 und XII (1874) S. 90 bis 96 verzeichneten Wüstungen die Hussiten oder den Dreißigjährigen Krieg als Entstehungsursache anführt, so entbehren diese Angaben aller quellenmäßigen Begründung. So schlecht es vielen Orten und ihren Bewohnern durch die Hussiten, im Dreißigjährigen Kriege, bei dem Schwedeneinfall unter August dem Starken, im Siebenjährigen Kriege usw. erging, sie wurden doch allmählich wieder aufgebaut. Ein Beispiel statt vieler: Pennrich bei Dresden wurde 1631 von den Kaiserlichen völlig verwüstet und sechzehn Jahre lang von seinen Bewohnern gemieden. Allmählich aber fanden sich diese doch wieder zu ihrer heimatlichen Scholle zurück. Langsam erstand das Dorf wieder aus den Ruinen. Manchmal dauerte es freilich auch etwas länger, aber namentlich die Regierung Augusts des Starken begünstigte, trotz aller Schwierigkeiten, die gemacht wurden, den Wiederaufbau vieler Dörfer, um den Wohlstand des Landes zu heben und der Staatskasse neue Steuereinkünfte zuzuführen. Wer sich genauer darüber unterrichten will, nehme die 1909 in dem Studium Lipsiense (Ehrengabe für Karl Lamprecht) veröffentlichte Arbeit »Über den Wiederaufbau der meisten im Dreißigjährigen Kriege zerstörten Dörfer« (Berlin, Weidmann), das darin berücksichtigte Buch von A. H. Königsdörffer »Verwüstung der Kirchfahrt Langhennersdorf bei Freiberg im Dreißigjährigen Kriege und ihre Wiederherstellung« (Freiberg, H. Gerlach, 1879) und als Ergänzung Pinders »Pegauer Kriegsdrangsale 1633, 1637 und 1644« (Weitere Beiträge zur Heimatskunde von Pegau VII bis IX, 1905) zur Hand. Die Geschichte jedes einzelnen Hauses aktenmäßig verfolgend, weist Königsdörffer nach, daß die vier Dörfer der genannten Kirchfahrt Langhennersdorf-Obergemeinde, Langhennersdorf-Niedergemeinde, [338]Reichenbach und Bräunsdorf entweder ganz oder bis auf wenige Häuser verwüstet, allmählich aber doch wiederhergestellt wurden. Ähnlich geht aus Pinders Darstellung hervor, daß die Schweden 1644 Pegau und die Dörfer Carsdorf, Weideroda und Klein-Storkwitz völlig niederbrannten. Dennoch ist keines davon Wüstung geworden!

Wenn aber Hussiten und Dreißigjähriger Krieg keine oder nur geringe Schuld an den Wüstungen tragen, wo um alles in der Welt kommen dann (so werden alle Uneingeweihten fragen) die massenhaft eingegangenen Dörfer her?

Sie sind bei uns zum größten Teile, um es kurz und bündig zu sagen, eine ausgesprochene Eigentümlichkeit der Kolonisationszeit, d. h. der mit dem 10. Jahrhundert beginnenden Zeit, wo unser bis dahin von den Slaven besetztes Land von den Deutschen besiedelt wurde. Es war eine große Zeit, wie sie größer, erfolgreicher die deutsche Geschichte kaum wieder aufzuweisen hat, als sich erst die deutschen Rittergeschlechter, dann die Bauern vom Rhein, vom Main und von den Gestaden der Nordsee in immer stärkeren Strömen über unser Land ergossen und sich teils neben den Slaven, teils aber in ganz neu gerodeten oder erst noch zu rodenden Gebieten festsetzten. Manch kleiner Slavenweiler ging dabei schon zugrunde, wurde zur Wüstung. Dafür erstanden hunderte von neuen Ortschaften in der Ebene, an den Flußläufen, auf bewaldeten Höhen und schließlich auch im Gebirge. Von ihnen erwies sich aber auf die Dauer nur etwa die Hälfte als bestandfähig. Im ersten Eifer wurden doch viele der Neusiedlungen an Stellen angelegt, die sich später als ungünstig erwiesen, obwohl wir im allgemeinen den sicheren Blick der Siedler für die günstigste Lage bewundern müssen. Manches Dorf war zu nahe an einem Flusse angelegt und konnte sich nicht dauernd gegen die Hochwassergefahr halten. Schon daß die Fluren fast regelmäßig im Frühjahr und auch gelegentlich sonst noch zum größten Teile überschwemmt wurden, war unerträglich. Anderwärts wieder fehlte es an Wasser, namentlich an ergiebigen Quellen. Auch erwies sich der Boden oft als für den Ackerbau ungeeignet, während ganz in der Nähe günstigere Bedingungen zu finden waren. In waldigen Gegenden litten nicht selten die Äcker unter dem Wilde, die auf den Wiesen weidenden Herden unter Raubtieren. In allen solchen und ähnlichen Fällen brach man schnell entschlossen das erst vor kurzem gegründete Dorf wieder ab und zog weiter. Es war das mit nicht zu großen Schwierigkeiten verbunden, da die Dörfer nur klein waren und zunächst aus Blockhäusern bestanden, die schnell abgetragen und an einer anderen Stelle wieder aufgebaut waren. Häufig handelte es sich bei der Verlegung nur um kleine Entfernungen. Oft hatte man anfänglich die Felder in der sumpfigen Niederung angelegt, das Dorf aber aus Gesundheitsrücksichten auf einer benachbarten Höhe errichtet. Mit zunehmender Kultur wurde das Gelände entwässert. Warum sollte man jetzt das Dorf nicht in die Ebene verlegen und sich die Möglichkeit bequemerer Bewirtschaftung der Flur [339]verschaffen? Man wechselte also einfach den Standort des Dorfes. Häufig gab man dem verlegten Dorfe einen anderen, dem neuen Gelände angepaßten Namen. Häufig behielt man aber auch den alten bei. So erklärt es sich, daß man oft in der Nähe eines heutigen Ortes eine Wüstung gleichen Namens findet, in der Torgauer Gegend z. B. bei Pülswerda eine Wüstung Pülswerda, bei Klingenhain eine Wüstung Klingenhain, bei Treptitz eine Wüstung Treptitz. So erklärt sich ferner der häufig anzutreffende Flurname »Das alte Dorf«.

Rührt schon von diesen Vorgängen und Zuständen eine sehr große Zahl derjenigen Wüstungen her, von denen die Quellen des 13., 14. und 15. Jahrhunderts wissen, so fallen doch auch noch zwei andere Dinge schwer ins Gewicht: die Zusammenlegung mehrerer kleiner zu einem großen Gemeinwesen in früheren und frühesten Jahrhunderten und die Aufsaugung vieler Dörfer durch die Städte, Klöster und weltlichen Großgrundbesitzer. Die Zusammenlegung von Dörfern geschah vornehmlich wohl aus Sicherheitsgründen. Da es bei den mittelalterlichen Kriegen und Fehden weniger auf große Schlachten als darauf ankam, den Gegner durch Plündern und Sengen möglichst an seinem Besitztum zu schädigen, so entschlossen sich viele kleine Dörfer, die auf offenem Felde dem Feinde wehrlos preisgegeben lagen, ihre Selbständigkeit aufzugeben und unter den Schutz eines in der Nähe gelegenen, vielleicht befestigten oder wenigstens durch eine Landwehr gesicherten Ortes zu begeben. Aus freiem Willen, durch böse Erfahrungen gewitzigt, vielleicht auch durch den Grund- oder Landesherrn veranlaßt, zogen die Bewohner mit Hab und Gut dorthin. War die Zuflucht nicht zu weit entfernt, so brauchten sie ihre Selbständigkeit nicht ganz aufzugeben; von dem neuen Wohnorte aus bewirtschafteten sie ihre Felder weiter und blieben dort auch eine Sondergemeinde in der größeren Gemeinde. Solche Wüstungsgemeinden, die ihre eigenen Schulzen hatten und unter deren Vorsitze jährlich Feld- oder Rügegerichte, meist auf den Wüstmarken selbst, abhielten, treffen wir, und zwar bis in die Gegenwart hinein, häufig in allen Gegenden Deutschlands und auch bei uns in Sachsen an; z. B. waltete in den Dörfern Holzhausen und Zuckelhausen südöstlich Leipzig der Kolmenrichter für die Wüstung Kolmen, die in der Geschichte der Universität Leipzig eine Rolle spielt, seines Amtes, für die Wehrbruch-Gemeinde östlich Leipzig der Vogt des Leipziger Thomasklosters, dem die Wehrbruchmark zustand. Jedes Jahr einmal hielt er auf ihren Feldern unter Zelten Gericht ab, zu dem die Bewohner von Zweenfurth, Panitzsch und Sommerfeld die Schöffen zu stellen hatten und diese hinterher bewirten mußten⁠[11].

[340]

Nicht nur heute, auch schon im Mittelalter übten die Städte große Anziehungskraft auf die Bewohner des umliegenden platten Landes aus. Hinter den Stadtmauern war man sicher vor den Unbilden des Krieges und Überfällen durch Räuberbanden. Stadtluft machte außerdem frei, wie der bekannte mittelalterliche Rechtsgrundsatz lautete. Ledig der lästigen Hörigkeit, konnte hier der Bauer sein Leben in Selbständigkeit genießen und sich aller der Vorzüge erfreuen, die die Stadt sonst noch bot. Viele Gemeinden gaben also ihre Dörfer auf und wanderten nach der nahen Stadt aus, indem sie einer Vorstadt, einem Stadtteile oder einer Straße den Namen ihres bisherigen Dorfes liehen. Von hier aus bewirtschafteten sie ihre Felder weiter, wenn diese nicht gar zu entfernt lagen, und bildeten ebenfalls in dem städtischen Gemeinwesen ihre Sondergemeinde weiter unter eigenem Richter oder Schulzen. Es läßt sich aber auch beobachten, daß die Bewohner eines Ortes allmählich nach der Stadt abwanderten, bis das Dorf leer stand und allmählich verfiel. Um alle älteren Städte legt sich daher ein Kranz von Wüstungsfluren, oft bis zu einem Dutzend und mehr. In der Stadtflur Dresden z. B. sind außer Drezde die Wüstungsfluren Auswick, Fischersdorf, Lonnßewitz, Ostra, Poppitz und vielleicht noch zwei andere Wüstungen unbekannten Namens (die eine zwischen Hauptbahnhof und Zschertnitz, die andere etwa an der Stelle des Striesener Platzes) aufgegangen⁠[12], in Leipzig außer Lipzc Debeschütz (bei Connewitz), Deutschendorf (Reudnitz), Groß- und Klein-Parthau, Lusitz, Miltzschen, Naundorf, Ölschwitz, Petsch, Pfaffendorf und Übelessen, in Chemnitz außer Kamenicz Borstendorf und Streitdorf, in Döbeln außer Dobelin Mannsdorf, Staupitz und Thulschitz, in Leisnig außer Lisnig Delen (Döhlen) und Moschwitz, in Grimma Borensdorf, Harth, Neschwitz, Papperzan und Rappenberg (Vorwerk), in Rochlitz außer Rochlici Koselitz, Poppitz, Weidschitz und Zaßnitz, in Borna Abtsdorf (zum Teil), Altstadt Borna, Bockwitz (jetzt Vorwerk), Gnandorf, Hartzdorf, Haulwitz, Tummlitz (zum Teil) und Wenigen-Borna, in Geithain Altdorf, Bogin, Ober-Geithain, Oberstadt, Ottenhain und Unterstadt, in Oschatz Cunnersdorf, Blumenberg, Gorau, Groß-Neußlitz und Praschwitz (aus der die Stadt Oschatz wie herausgeschnitten erscheint. – Es muß genügen, hier auf die zahlreichen Wüstungen, die sich in unmittelbarer Nähe der meisten Städte finden, und auf die ganz besonderen Aufgaben, die der Wüstungsforschung daraus erwachsen, hinzuweisen. Bei uns in Sachsen hat man diesen Dingen noch auffallend wenig Beachtung geschenkt. Anderwärts ist man ihnen vielfach mit größerem Eifer nachgegangen. Vor allem sei auf J. Lappes Rechtsgeschichte der Wüsten Marken (Münster i. W., 1916), das die Einleitung zu dem geplanten Sammelwerke »Die Wüstungen der Provinz Westfalen« sein soll, aufmerksam gemacht. Das Buch enthält auch ein umfängliches, allerdings für Sachsen so gut wie [341]nicht in Betracht kommendes Verzeichnis von Arbeiten, die sich mit Wüstungen in Deutschland beschäftigen⁠[13].

Ähnlich wie die Städte wirkten die Klöster und großen Gutswirtschaften aufsaugend auf die Nachbarorte und Nachbarfluren ein, nur daß hier die Bauern nicht freiwillig ihre Besitzungen aufgaben, sondern (wenn auch wohl meist gegen Entschädigungen) dazu gezwungen wurden. Hatte aber ein Kloster alle Bewohner eines Nachbarortes »gelegt« (wie man den Vorgang nannte), so riß es die Häuser nieder und erbaute an ihrer Stelle ein Klostervorwerk. Mit den Klöstern wetteiferten die großen Grundherren im »Bauernlegen«. Die Fürsten veranlaßte dazu in vielen Fällen ihre Jagdleidenschaft. Bei uns in Sachsen z. B. bewog Kurfürst August die Bewohner des im Friedewalde (westlich Moritzburg) gelegenen Dorfes Kreyern, nach Coswig auszuwandern, wo sie mit Land und zeitweisem Steuererlaß entschädigt wurden. Dafür ließ er die Häuser abtragen und in der Nähe das Forsthaus gleichen Namens errichten. Ebenso verfuhr er mit dem Orte Benken südlich Torgau. Einem allerdings bisher unverbürgten Gerüchte zufolge soll er sogar daran gedacht haben, alle Dörfer der Sächsischen Schweiz aus dem Bereiche seiner Wildbahn wegverlegen zu lassen.

Mögen endlich noch der aufblühende Bergbau in Sachsen, der große Volksmassen in das Erzgebirge abwandern ließ, die Pest oder andere seuchenartige Krankheiten, wie sie besonders im Gefolge von verheerenden Kriegen auftraten, und Naturereignisse manchem Orte bei uns in früheren Jahrhunderten verderblich geworden sein, so dürften wir die Hauptursachen für das massenhafte Wiederverschwinden von Siedlungen kennengelernt haben. Die wellenförmige Bewegung, die wir überall in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit beobachten können, zeigt sich auch hier. Auf die von einem bewundernswerten Geiste getragene Kolonisationsbewegung folgte ein gewaltiger Rückschlag, der seine sichtbaren Spuren in zahllosen Wüstungen zurückgelassen hat. Man hat geradezu von einer Zeit der »Entsiedlung« und der »Zusammensiedlung« gesprochen. Ihre Wirkungen wurden noch verstärkt durch den wirtschaftlichen Niedergang vieler Gegenden Deutschlands schon vor dem Dreißigjährigen Kriege, wie ihn A. Grund (Veränderung der Topographie im Wiener Walde und Wiener Becken: Geographische Abhandlungen, herausgegeben von A. Penck, VIII 1, Leipzig, 1901), R. Hoeniger (Der Dreißigjährige Krieg und die deutsche Kultur: Preußische Jahrbücher 1909 S. 402 bis 450. – Die Legende von der kulturvernichtenden Wirkung des Dreißigjährigen Krieges: Korrespondenzblatt des Gesamtvereins LX, 1912, Spalten 162 bis 164) und F. Kaphahn (Der Zusammenbruch der deutschen Kreditwirtschaft im 17. Jahrhundert und der Dreißigjährige Krieg: Deutsche Geschichtsblätter XVIII, 1912, S. 139 bis 162) nachgewiesen haben.

[342]

Da das Wüstwerden meist in sehr frühen Zeiten erfolgte, wo noch nicht jeder Vorgang, namentlich wenn er als selbstverständlich erschien, aufgeschrieben wurde, so dürfen wir nicht beanspruchen, auf das Jahr oder Jahrzehnt genau das Eingehen und seine Ursachen im einzelnen festlegen zu können. Wir müssen uns damit begnügen, in erster Linie festzustellen, wann die Orte zuerst als Wüstungen (villae desolatae, villae desertae und dergleichen) auftauchen und wo die Orte gelegen haben. Dafür gibt es vielerlei Merkmale. Am leichtesten ist die Sache, wenn von den ehemaligen Dörfern noch einzelne Gebäude übrig geblieben sind, Vorwerke, Mühlen, Wirtshäuser, Bauernhöfe oder gar Kirchen; denn unter den eingegangenen Orten befindet sich auch gar manches alte Kirchdorf. Bekannte Beispiele von Wüstungskirchen in Sachsen sind die Theklaer Kirche nordöstlich Leipzig und die Kirche von Witro bei Paschwitz nördlich Wurzen an der preußischen Grenze. Wo solche weithin sichtbare Zeugnisse für Wüstungen fehlen, muß Vertrautheit mit der Örtlichkeit andere Spuren aufdecken. Oft wissen die Leute der Gegend noch von Mauerwerk, das sich da und dort an verborgenen Stellen findet oder früher beim Umackern des Bodens gefunden hat, von alten gemauerten Brunnen, gefaßten Quellen, verfallenen Kellern. Spuk- und sonstige Sagen sind nicht selten mit solchen Stellen verknüpft. Selbst geschichtliche Erinnerungen haben sich von Geschlecht zu Geschlecht bis in unsere Tage fortgepflanzt. Es gilt nur, sich an die richtigen Leute zu wenden und geschickt aus ihnen herauszuholen, was sie noch anzugeben wissen. Auch die Flurnamen sprechen meist eine deutliche Sprache. Von der Bezeichnung »Das alte Dorf« war schon oben die Rede. Die Bezeichnung »Die Höfchen«, die man nicht minder oft antrifft, zeigt ebenso genau die Lage eines ehemaligen Dorfes an, ferner Namen wie der Friedhof, der Dorfplan, der Anger, Wüste Kirche und andere mehr. Wo solche Namen fehlen, erinnert doch vielleicht der noch erhaltene Dorfteich, der nunmehr im freien Felde oder im Walde liegt, an den alten Dorfplatz, um den sich einst die Gehöfte scharten. Auch die Pflanzenwelt hilft uns, den Standort ehemaliger Dörfer festzustellen; man muß nur die Augen aufmachen und wissen, daß gewisse Pflanzen, vor allem der kleinblättrige Efeu, der Holunder, die Brennnessel und das Schellkraut als sogenannte Kulturrelikte auf ehemalige Bebauung einer Stelle im Gelände hinweisen. Das Gras aber zeigt an Stellen, wo sich Mauerwerk im Boden verbirgt, eine andere Farbe und verdorrt schneller, so daß man gelegentlich von einem erhöhten Standpunkt aus deutlich den Grundriß der alten, vom Erdboden verschwundenen Häuser sich vom Wiesengrunde abheben sieht. Wer untergegangene Dörfer aufstöbern will, muß aber nicht nur auf die genannten Dinge achten, sondern sein Augenmerk auch darauf richten, ob sich nicht im Walde Zeichen früheren Feldbaues bemerkbar machen. Die Hochraine, die man früher der vorgeschichtlichen Zeit zuschrieb, sind meist nichts anderes, als die Überreste von Feldbau auf Fluren, die aufgegeben wurden und sich später wieder mit Wald [343]bedeckten. – Und zu alledem kommen noch die Wege, die uns oft mit geradezu verblüffender Sicherheit zu Stellen führen, wo vormals ein Dorf gestanden haben muß. Strahlenförmig laufen sie nach einem solchen Punkte im Gelände zusammen. Freilich sind gerade in neuerer und neuester Zeit die Wege vielfach anders gelegt worden, namentlich in bereinigten Fluren. Deshalb muß man, um hier richtig zu gehen, gute ältere Karten zu Hilfe nehmen. Sie bieten auch, wenn sie den Flurgrenzverlauf deutlich erkennen lassen, weitere Möglichkeiten, Wüstungen oder richtiger gesagt Wüstungsfluren ahnen zu lassen. Fluren z. B., die sich durch ihre auffallende Größe von den Nachbarfluren unterscheiden, erscheinen von vornherein verdächtig, durch Aufnahme von Wüstungsfluren (oder wenigstens von Stücken solcher) so umfänglich geworden zu sein. Ähnlich sieht es um Fluren aus, die besondere Zipfel, Ausbuchtungen oder andere, sonst unbegreifliche Unregelmäßigkeiten aufweisen. Machen sich bei den Nachbarfluren ähnliche Erscheinungen nach derselben Richtung hin bemerkbar, so kann ein geübter Kartenleser schon in vielen Fällen lediglich aus der Karte Wüstungsfluren ablesen, die sich dann durch Urkunden, Restfunde und die anderen Anzeichen, wie sie eben besprochen wurden, bestätigen. Das Studium der Flurkarten ist auch wichtig; ergibt sich doch oft aus der Aufteilung der Fluren ein geschlossener Fremdkörper, der sich als eine ganze oder teilweise Wüstungsflur kennzeichnet. Einiges Weitere hierüber später.

Die Zeit liegt noch nicht weit zurück, da man sich in der Wüstungsforschung mit der Feststellung, wo ungefähr eine Wüstung lag, zufrieden gab und dabei zwischen Ort und Flur nicht unterschied. Weil man fast ausnahmslos Zerstörung im Kriege annahm, zerbrach man sich auch nicht groß den Kopf über das Schicksal der Einwohner. Sie waren getötet worden, waren an der Pest zugrunde gegangen, waren teilweise auch abgewandert. Wohin? war gleichgültig. Heute, wo man das Wesen der Wüstungen tiefer erfaßt hat, muß man sich natürlich auch darüber Rechenschaft zu geben versuchen, was aus den Bewohnern der eingegangenen oder aufgegebenen Dörfer und namentlich auch, was aus ihren Fluren geworden ist, die wir zum Unterschiede von den eingegangenen Orten oder Wüstungen Wüste Marken (Wüstmarken) nennen. Auf den Meßtischblättern von Sachsen sind folgende Wüste Marken angegeben: Alsdorf nordwestlich Borna, Albersdorf östlich Wermsdorf-Hubertusburg südwestlich Oschatz, *Beyersdorf südwestlich Lampersdorf südwestlich Oschatz, *Blumenberg südlich Oschatz, Boigen oder Bogen südwestlich Röcknitz nördlich Wurzen, Broschwitz (Proschwitz, Breschwitz) zwischen Thallwitz und Collmen nordöstlich Wurzen, Budigaß nordöstlich Zwenkau, *Cunnersdorf westlich Oschatz, Danitz (Dähnitz, Denitz) südlich Collmen nordwestlich Wurzen, Dellnick (Döllnick, Delanichen) südlich Röcknitz nördlich Wurzen, Dittersdorf südwestlich Dahlen, *Drehsa nördlich Brandis östlich Leipzig, *Eckartsberg südwestlich Theusdorf nordöstlich Kohren, *Flickert (Pflicker-Mark) südöstlich Markranstädt, Gaumnitz (Gaunitz) zwischen Rochzahn und Casabra südlich Oschatz, [344]Glade südöstlich Naunhof nordwestlich Grimma, Gohlis südlich Markranstädt, Göhrendorf westlich Wurzen, *Gorau (Gohrau, Gora) östlich Oschatz, Grasdorf südöstlich Markranstädt, *Groß-Neußlitz (Naußlitz, Neißlich, Meuselwitz) nordwestlich Oschatz, *Groß-Wüstalbertitz nordöstlich Lommatzsch, Grune zwischen Kühnitzsch und Dornreichenbach östlich Wurzen, Heinitz südlich Borthen-Burgstädtel westlich Pirna, Hennersdorf westlich Thammenhain nordöstlich Wurzen, *Kaisershain bei Elbisbach südlich Bad Lausick, Klein-Neußlitz (Naußlitz, Neißlich, jetzt Wirtshaus) bei Merkwitz nordwestlich Oschatz, *Klein-Wüstalbertitz nördlich Lommatzsch, *Köllsdorf (Köhlsdorf, Kölzdorf) nordwestlich Bad Lausick, Kolmen südöstlich Holzhausen südöstlich Leipzig, *Krummlampertswalde nordöstlich Falkenhain nordöstlich Wurzen, *Lautzschen nördlich Dögnitz westlich Wurzen, Maschendorf westlich Breunsdorf westlich Borna, *Mehlis (jetzt Wirtshaus) südwestlich Böhlitz-Mutzschen, Miltitz zwischen Heyda und Boritz südöstlich Riesa, Moschütz (Moschitz, Maschütz) nördlich Körlitz östlich Wurzen, *Naundorf (Wüstnaundorf) mit Haideberg zwischen Weida und Ganzig westlich Riesa, *Neblitz (Nebelitz) nördlich Hohenheida nordöstlich Leipzig, Olbersdorf südlich Röhrsdorf südwestlich Gorknitz westlich Pirna, *Ottendorf südwestlich Bennewitz südwestlich Wurzen, Poppeln südwestlich Falkenhain östlich Wurzen, *Pratzschwitz (Praschwitz, Proschwitz) nördlich Oschatz, Recknitz südöstlich Ragewitz südwestlich Mutzschen, Reichsfeldern südwestlich Nieder-Grauschwitz südöstlich Mutzschen, Rosendorf bei Thierbach nördlich Borna, *Rustel-Mark zwischen Klein-Trebnitz und Jacobsthal nordöstlich Strehla, Sahnau (Sahna) nordwestlich Crimmitschau, Sahnsack südlich Wurzen, Schaldau östlich Groß-Böhla nordwestlich Oschatz, Schalitz südwestlich Trebelshain östlich Wurzen, *Schönstädt südöstlich Dornreichenbach südöstlich Wurzen, Siedewitz südöstlich Thallwitz nordwestlich Wurzen, Söllnitz (Sellnitz) zwischen Dehnitz und Oelschütz südlich Wurzen, Staucha (Stauchau) nordöstlich Burkhartshain südöstlich Wurzen, *Stein (Wüstungsstein) zwischen Beucha und Heinersdorf westlich Bad Lausick, *Stolpen (jetzt Vorwerk) südöstlich Heyda östlich Wurzen, Tauchnitz bei Groß-Zschepa und Collmen-Böhlitz nordöstlich Wurzen, Trochau (Trojau, Trojan, Trogan) südöstlich Blumroda östlich Regis, Warthau östlich Wurzen südwestlich Zschorna, Wehrbruch (Querbruch, Berbruch) nordwestlich Zweenfurth östlich Leipzig, Weiße Mark nördlich Zwenkau, *Wenig-Glasten südlich Glasten nordöstlich Ballendorf östlich Bad Lausick, *Wenig-Machern nordöstlich Machern westlich Wurzen, Willebisch nordöstlich Markranstädt, Wilschwitz (Willschütz, Wülschwitz) nordwestlich Trogen nordwestlich Lommatzsch, *Wittendorf nordöstlich Thierfeld nordöstlich Hartenstein, *Zöllsdorf (Zölsdorf, Zielsdorf) südöstlich Kieritzsch nordöstlich Borna, Zschöllau (Zschellau) nördlich Oschatz. Gehen wir diesen 70 auf den Meßtischblättern angegebenen Wüstmarken weiter nach, so ergibt sich, daß die 27 mit einem Sternchen versehenen bis in die Gegenwart als selbständige Flurgebilde fortbestehen, die eigene Flurgrenzen und eigene Flurbücher haben. Bei den meisten Wüstmarken liegen die Verhältnisse anders. Sie wurden aufgeteilt. Hier erwächst der Forschung die reizvolle Aufgabe [345]nachzuweisen, welche Nachbargemeinden sich in die ehemalige Wüstungsflur geteilt haben und in welcher Weise. Meist wird es gelingen, wenn auch nur mit einer bis zu einem gewissen Grade erreichbaren Sicherheit und Genauigkeit, und zwar mit Hilfe genauer Beobachtungen des Grenzverlaufs, richtungweisender Flurnamen und urkundlicher Zeugnisse. Durchgeführte Beispiele mit Kartenskizzen, und zwar der Wüstungen Adelsberg und Altdorf bei Chemnitz, Alte Harth und Wartha ebenfalls bei Chemnitz, Franken südlich Dresden, Hasela (Hasenlaube) westlich Wilsdruff und Thümmel bei Limbach findet man in den Mitteilungen des Vereins für Chemnitzer Geschichte XVI (1913) S. 15 bis 28 (Rudolf Ulbricht), der Wissenschaftlichen Beilage der Allgemeinen Zeitung Chemnitz vom 15. 2. 1912 (derselbe), den Mitteilungen des Vereins für sächsische Volkskunde VI (1912) S. 16 bis 20 (derselbe), VIII (1922) S. 139 bis 146 (Beschorner) und in der Monatsbeilage zum Wilsdruffer Tageblatt »Unsere Heimat« XIII (1924) Nr. 3 S. 13 bis 16, Nr. 4 S. 9 bis 16, Nr. 5 S. 12 bis 16 (derselbe). Da diese Arbeiten aber nicht jedem gleich zur Hand sind, so sei hier noch der Versuch gemacht, die Flur des untergegangenen Dorfes Grun-Praschütz, östlich Dresden, zu bestimmen. Wie schon oben erwähnt, wurde dieses Dorf 1310 von Räubern ausgeplündert und dem Erdboden gleich gemacht. Das Kloster Altzelle, dem es gehörte, verzichtete auf den Wiederaufbau. Es verkaufte den Grund und Boden und erwarb dafür anderen Besitz bei Strehlen, Zschachwitz, Kauscha usw. Für die Lage des einstigen Ortes Grun-Praschütz ist zunächst wichtig, daß es immer zusammen mit Strehlen genannt und außerdem in einer Urkunde vom 26. März 1315 (Hauptstaatsarchiv Dresden Nr. 2034; vgl. Beyer, Altzelle S. 579 Reg. 350) als super fluvium Albee, also »an der Elbe gelegen« bezeichnet wird. Diese beiden urkundlichen Angaben lassen allerdings noch ziemlich viel Spielraum; denn die Elbe, wenigstens wie sie heute fließt, ist ziemlich weit von Strehlen entfernt. Aber das Dresdner Amtserbbuch von 1547 kommt uns zu Hilfe, indem es auf Bl. 646 angibt, daß Seititz (Seidnitz östlich Dresden) und Gruhn-Praschitz (Bl. 654b Grun-Brabschitz genannt) »eine Gemeine« bildeten. Das ehemalige Dorf Grun-Praschütz lag also zweifelsohne bei Seidnitz, es fragt sich nur noch, wo? Da, wie Schiffner und Herzog übereinstimmend angeben, eine halbe Hufe der Dorfflur an einen Grunaer Bauer kam, so könnte man vermuten, es habe nach Gruna zu gelegen; dafür würde vielleicht auch der sonst nicht recht erklärliche Zusatz Grun-Praschütz und die Bezeichnung eines Aktenstückes von 1843 »Gruna mit Grünrabschütz« sprechen. Andererseits aber erwähnen Schiffner und Herzog, daß auch Einwohner von Klein-Zschachwitz Anteil an der Flur hatten und daß die ehemalige Praschützer Gemeinde (also eine Wüstungsgemeinde in obengedachtem Sinne) in Groß-Zschachwitz ihren Sitz hatte. Danach scheint es wieder, als ob sich die Praschützer Flur mehr nach Laubegast zu erstreckt hätte. Die Zweifel wegen der Lage der Wüstung Grun-Praschütz werden zum größten Teil gelöst durch die Flurkrokis, die Grundkarte 417/443 und das Meßtischblatt 66, aus denen die Flurgrenzverhältnisse der Gruna-Blasewitzer Gegend hervorgehen. [347]Die an und für sich regelmäßige Flur von Seidnitz hat im Norden einen ganz merkwürdigen Ausläufer, der bis zur Elbe reicht, zwischen Tolkewitz und Blasewitz. Ein ganz ähnliches Anhängsel hat die sonst auch ziemlich regelmäßige Flur von Gruna; auch dieser langgezogene Zipfel von Gruna, der sich westwärts an den Seidnitzer Zipfel anlehnt, erstreckt sich bis zur Elbe. Es kann keinem Zweifel unterliegen: Diese beiden Flurarme von Seidnitz und Gruna bildeten einst die Flur des im Jahre 1310 untergegangenen Dorfes Grun-Praschütz oder einen wichtigen Teil davon. Vielleicht gehörte noch der östliche Teil der heutigen Flur Striesen dazu, vielleicht auch ein Stückchen der Blasewitzer Flur (vgl. die nebenstehende Kartenskizze). Das Dorf Grun-Praschütz dürfen wir wohl in der Gegend westlich vom Tolkewitzer Johannes-Friedhofe suchen, etwa da, wo sich heute Neu-Gruna gebildet hat.

Lage und Umfang der Wüstung Grun-Praschütz, aus den Flurkrokis, der Grundkarte 417/443 und dem Meßtischblatte 66 erschlossen
***

Was für Gesichter werden viele, die bisher von den Wüstungen so Ungeheuerliches zu berichten wußten, machen, wenn sie das alles lesen? Sie werden gewichtig mit dem Kopfe nicken und in ihrem Innern denken: alles ganz gut und schön, aber im wesentlichen sind es eben doch die bösen Hussiten und Schweden gewesen. Gegen jahrhundertalten Volksglauben ist die Wissenschaft so gut wie, nein schlechterdings machtlos. Vielleicht ließe sich eher als mit Worten mit Taten etwas ausrichten. Auf jeder Wüstmark sollte ein einfaches Mal gesetzt werden mit der kurzen Inschrift: »N. N., schon vor … untergegangenes Dorf«. So absonderlich auch vielen der Gedanke erscheinen mag, neu ist er nicht. Schon 1825 tauchte er, und zwar in amtlichem Gewande, in der Provinz Sachsen auf, blieb allerdings unausgeführt. Dagegen wurden tatsächlich solche Denksteine in der Pfalz errichtet, die sogenannten Rittersteine, weil ein gewisser A. v. Ritter die Anregung dazu gab. Auch im Odenwalde soll man auf ähnliche Steinmarken stoßen. Der Heimatschutz sollte sich bei uns in Sachsen der Sache annehmen. Er würde sich damit keineswegs nur um die Wissenschaft ein Verdienst erwerben. Er würde vielmehr wirklichen, praktischen Heimatschutz treiben, werktätig mitarbeiten an der Erhaltung wichtiger Bestandteile der Heimatkunde unseres sächsischen Vaterlandes.

Fußnoten:

[11] Siehe den Aufsatz »Wüstungsverzeichnisse« in den Deutschen Geschichtsblättern VI (1904) Seiten 1 bis 15. Aus der Provinz Sachsen bringt neuerdings zahlreiche Beispiele selbständiger Wüstungsgemeinden G. Reischel in »Sachsen und Anhalt« (Jahrbuch der Historischen Kommission für die Provinz Sachsen und Anhalt) II (1926) Seiten 222 bis 379 (Die Wüstungen der Provinz Sachsen und des Freistaates Anhalt).

[12] Wegen der Zusammensetzung der Dresdner Flur s. namentlich O. Trautmann »Der Boden Dresdens vor 300 Jahren« (Dresdner Geschichtsblätter XXV, 1916, Seite 176 ff.) und »Ehe Dresden Stadt wurde« (eb. XXVII, 1919, Seite 175 ff.). Für die anderen sächsischen Stadtfluren liegen noch keine zusammenfassenden Veröffentlichungen vor.

[13] Die Wüstungsliteratur für Sachsen findet sich jetzt vollständig zusammengestellt in den Prof. Rudolf Kötzschke zu seinem sechzigsten Geburtstage gewidmeten »Deutschen Siedlungsforschungen« (Leipzig. B. G. Teubner, 1927), S. 141–160.


Die Pillnitzer Staatsgondeln

Von Siegfried Störzner, Dresden

Zu den Prunkstücken des Lustschlosses Pillnitz gehörten einst die im Hafen an der großen Freitreppe liegenden Staatsgondeln. Bei den prächtigen Wasserfesten, die hier besonders unter August dem Starken und später unter Friedrich August I. (1768/1827) durch den allgewaltigen Günstling Grafen Marcolini auf der Elbe inszeniert wurden, spielten diese Fahrzeuge eine große Rolle. Als beispielsweise 1791 in dem Schlosse der Fürstenkonvent tagte, auf dem die bekannte Pillnitzer Konvention geschlossen wurde, errichtete man auf der Insel, dem Elbheger, einen Eintrachtstempel und veranstaltete [348]zu Ehren der anwesenden Herrscher und Fürsten ein mehrtägiges Fest mit glänzenden Illuminationen der drei Schlösser, der Insel, des Hafens und der Staatsgondeln. Allein der Park ward von sechzigtausend Kerzen erhellt. Ein brillantes Feuerwerk auf der Elbe beschloß die Festivität.

Die Pillnitzer Staatsgondeln werden von den zeitgenössischen Schriftstellern mit Recht als die schönsten Fahrzeuge des Landes gepriesen. Höchstens die Prachtschaluppen auf den Moritzburger Teichen konnten sich mit ihnen vergleichen.

Zur Bedienung der Fahrzeuge bildete man aus den Schiffern, Fischern und Schiffsbauern der nahen Elbdörfer eine kleine Marinemannschaft, die vor hundert Jahren unter dem Kommando des Schiffsaufsehers Johann Gottfried Krüger stand. Neben diesem ersten Gondelier waren in Pillnitz zwölf, in Moritzburg zehn und in Dresden vierzehn Gondelführer vorhanden.

Prächtig waren die Monturen. Als solche werden 1830 aufgeführt:

Seidene »Barkarolen-Mützen und -Schärpen«, seidene Westen und Beinkleider, weiße und braune Schuhe mit seidenen Schleifen. (Das italienische Wort Barkarole bezeichnet eine kleine Barke, ein mastloses Fahrzeug, auch ihre Mannschaft und deren Lieder.)

Während die Pillnitzer Monturen weniger abgenutzt wurden, war in Moritzburg »der Verschleiß« sehr groß, besonders an Schuhen und Strümpfen, da die dortige Mannschaft bei den »Teichfahrten und Fischereyen« sehr oft ins Wasser und in den Schlamm waten mußte.

Die Pillnitzer und Moritzburger Staatsgondeln und ihre Mannschaften unterstanden dem Schiffsaufseher und ersten Gondelier. Als solcher wird 1760 in den Akten der Steuermann Christian Kalte genannt. Er hat auch die Aufsicht über die Fliegende Fähre. Als er 1769 stirbt, wird Nachfolger sein Sohn und bisheriger Adjunkt Gottlob Kalte. Sein Gehalt steigt in vierzig Dienstjahren von vierzig auf hundert Taler. Kalte der Jüngere stirbt 1809. Nun wird Schiffszimmermeister Pätzold, Schiffsaufseher bei den Schaluppen der schon genannte Johann Gottfried Krüger.

Wenn der Hof die Gondeliere nicht brauchte, gingen die Leute ihrer gewöhnlichen Beschäftigung nach. Die Fahrzeuge lagen meist im Pillnitzer Hafen, ab und zu das eine auch im Dresdner Gondelhafen neben der alten Festungsmauer unter dem heutigen Belvedere.

In Pillnitz waren 1824 noch drei große Staatsfahrzeuge stationiert und zwar die grüne und die rote Prachtschaluppe für die königliche Familie und eine zweite grüne »oder sogenannte ordinaire Chaluppe« für den Hofstaat. Letztere zeigte an der Spitze »einen Schnörkel mit Festonen«, also geschnitzte Laub- und Blumengewinde. In das Fahrzeug selbst war ein wappengeschmückter »Pavillon« eingebaut.

Ungleich prächtiger war die Ausstattung der beiden anderen Staatsgondeln. Die grüne Schaluppe zeigte an der Spitze einen Drachen, auf dem ein Engel ritt, die rote Schaluppe eine Sirene, die auf einer Seemuschel blies.

[349]

Beide Fahrzeuge waren in der Mitte mit großen Pavillons, wie man damals die Kajüten nannte, versehen. Das Verdeck der Kabine war auf der grünen Schaluppe mit Blech überzogen und grün gestrichen – daher der Name des Fahrzeuges! – und mit Kronen, Blätterwerk, Bändern und Ranken geschmückt. Sechs Schiebfenster, eine Tür mit Flügeln, ein verglastes doppeltes Bogenfenster zum Schieben, zwei festgemachte bretterne Sitzbänke, ein Rücksitz, ein langer Tisch, bleifarben gestrichen, befanden sich in der Kajüte, während im hinteren Teil beim Steuer ein eiserner Aufsatz und ein kleines Behältnis mit Tür und Schloß Platz gefunden hatten.

Weiter gehörten zur Ausrüstung sechs Ruder, sechs Ruderriemen, drei Staken, Flaggenstange, Flagge, fünf Ruderbänke, eine Mastbank, ein Mastbaum, ein Segel und schließlich noch eine Ziehleine von achtzig Klaftern Länge (etwa 160 Meter).

Ganz ähnlich war die Ausrüstung der roten Schaluppe. Auch sie trug in der Mitte einen Pavillon. Ferner zeigte sie am Bug und am Heck je eine Vase mit Festonen, während sie an den Seiten mit den königlichen Wappen dekoriert war.

Wundervoll war die Innenausstattung der beiden Staatsgondeln, die übrigens auch außen mit prächtigen Schnitzereien geziert waren. Auf dem einen Fahrzeug zeigte die Decke der Kabine eine Karte des Elbstroms von der böhmischen Grenze bis nach Dessau. Dazwischen sah man alle Arten der im Strom vorkommenden Fische und allegorische Darstellungen der Elbe, Mulde, Saale und Unstrut. Die Täfelung zwischen den Kajütfenstern zierten Bilder mit Motiven aus den schönsten Elblandschaften, dazu Darstellungen der verschiedenen Arten der Elbfischerei.

In der Kabine des anderen Prachtfahrzeuges erblickte man alle Arten von Schiffen, von der stolzen Galeere und Galeone bis zum kleinsten und primitivsten Fahrzeug der Naturvölker. Weiter eine Darstellung der Fischereigeräte aller Länder. Eine prächtige Windrose zierte die Decke.

Noch ein Wort von den Künstlern, denen diese Ausstattung zu verdanken war. Die Ideen zu den geschmackvollen Verzierungen stammten von dem Freiherrn von Racknitz, der Entwurf der Zeichnungen von dem Hofkondukteur (Bauführer) Schuricht, die »enkaustischen Arbeiten« (eingebrannte Malereien) und Gemälde von den Hofmalern Klinger und Klengel.

Zum Schluß sei noch erwähnt, daß Sachsen einst auch »Kriegsschiffe« besaß. So befuhr um 1800 eine stolze, wohlarmierte Fregatte den seeähnlichen Großteich bei Moritzburg. Sie war von dem Hamburger Schiffszimmermann Petzold erbaut worden und kostete die recht ansehnliche Summe von dreißigtausend Talern. Im Jahre 1790 wurde sie beim »Entenfang« unter großen Festlichkeiten vom Stapel gelassen.

Schließlich sei noch daran erinnert, daß vor zweihundert Jahren zur Zeit Augusts des Starken Übigau der Sitz der sächsischen Marine war. So fuhr Mitte Mai 1728 der prunkliebende Herrscher von hier mit einer Flotte von vier Brigantinen, vier Schaluppen und sechs großen Prahmen, die [350]mit achtzehn Kanonen bestückt waren, stromabwärts nach Torgau und Wittenberg. Gegen hundertfünfzig Matrosen und Steuerleute bildeten die Besatzung. An allen größeren Orten wurde die sächsische Armada mit Musik und Salven begrüßt, was von der Flotte durch Kanonenschüsse erwidert ward.

Anmerkung der Schriftleitung: Die beiden Gondeln sind inzwischen dem Johanneum in Dresden überwiesen worden und haben dort Aufstellung gefunden.


Bücherbesprechungen

Die Dorfkirche und der Heimatschutz

In jedem Dorfe stehen Kirche und Gottesacker oft als einzige Zeugen der älteren Vergangenheit, in vielen Fällen aus historisch nicht mehr erhellbarer Vorzeit auf die Gegenwart gekommen. Wir reden also zunächst von der Dorfkirche als einzigartigem Bau- und Kulturdenkmal. Allerdings kommt daneben in den überwiegenden Fällen auch das Rittergut in Betracht. Was haben manche Dörfer an ihrem Rittergut! Aber wohlgemerkt, wir reden jetzt nicht von den Gutsherrschaften als Persönlichkeiten. Deren tatsächliche oder mögliche Wirksamkeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erheischt eine Würdigung für sich. Jetzt haben wirs nur mit dem Gehäuse, mit den Höfen und Mauern, den Steinwappen, Schlössern und Parks zu tun. Da ist nun zu sagen, daß deren Wirksamkeit als mit der Geschichte versöhnende und verbindende Brücken und Bänder vielfach bis heute durch die Nachwirkung gewisser früherer sozialer Verhältnisse behindert wird. Die Sprache der Vergangenheit redet allgemein eingänglich vielerorts nur das Kirchgebäude. Ja es fehlt heute nicht eine Schicht von Rittergutsbesitzern, die vielleicht erst durch das gegebene Verhältnis zu ihrer Dorfkirche den Weg zu ihren historischen Pflichten findet …

Neben dem Landedelsitz ist die Dorfkirche Betätigungsfeld des Heimatschutzes. So grüßen wir auch von hier aus den »Landesverein Sächsischer Heimatschutz«. Denn ein wesentliches Stück derartiger Bestrebungen ist, zu sorgen und zu schützen, daß im Bild und Charakter der Heimat die Sprache der Vergangenheit nicht überschrien werde. Also immerhin mag gelten: Neben dem Edelsitz die Dorfkirche ein Betätigungsfeld des Heimatschutzes, indem es die Gegenwart auf so verschiedenen Wegen zur Würdigung jener Werte zu erziehen gilt. Aber in viel höherem Maße Bundesgenosse! Denn jene Erbtümer Schloß und Kirche besitzen in sich selbst Traditionskräfte genug, aus denen sie selbst leben und die sie auf die Umwelt wirken lassen können. Und dies gilt von der Dorfkirche in einzigartigem Grade.

Die Dorfkirche mit ihren Altertümern und Archivschätzen, das Gotteshaus mit den Spuren seiner Baugeschichte, der Gottesacker mit seinen Denkmälern und Erbstätten bilden auf dem Dorfe den Ankerpunkt des historischen Heimatsgefühls. Und zwar tatsächlich, nicht etwa nur in unseren wohlmeinenden Wünschen und Voraussetzungen. Das alles lebt im Dorfe. Oder dieses Leben ist leicht zu wecken und wach zu halten. Dieser Schatz ist in Predigt und Unterricht, an der Kirmes und auf Wandergängen, durch Vorträge und im Gemeindeblatt leicht zu heben und auszumünzen. Kenntnis und Schätzung der kirchlichen Altertümer schafft Augen für die Privataltertümer. Heimatsmuseen (die übrigens ein Problem für sich sind) und Heimatsbücher sind ohne die Dorfkirche nicht zu denken. Diese bildet den oft vielleicht unbewußten Untergrund von Heimatsinn und Heimatsfreude. Also ein Element des Volkstums. Wem anders als der Dorfkirche können wir auf dem Lande so willig in die Verwurzelung mit den Jahrhunderten folgen! Vollends wenn die Dorfkirche noch Zeugnisse der katholischen Zeit enthält. Dann entsteht ein Geschichtsgefühl, welches zusammen mit dem lieben Kirchenjahr jenes so wohltätige Bewußtsein der Beheimatung in der einen Christenheit erzeugt. Ja (und das steht mit dem letzten nur [351]scheinbar im Widerspruch) sogar bis in die Seele der germanischen oder sonstigen Vorwelt vermag die Dorfkirche die Wurzeln des jetzigen Volkstums zu senken, wenn sie dem sogenannten Aberglauben des Dorfes nicht pfäffisch oder blasiert jedwede Freundschaft kündigt …

Vorstehende beherzigenswerte Ausführungen bilden einen Abschnitt aus der Schrift des Pfarrers Hans Müller in Röcknitz, Die Dorfkirche der Gegenwart (Verlag von Arwed Strauch in Leipzig 1925, 31 Seiten). Dieses Heft, mit sieben köstlichen Bildern nach Zeichnungen des Verfassers geschmückt, kostet eine Mark, und bietet eine Fülle wertvoller Gedanken und Anregungen, wie vom Bereich der Dorfkirche her Kirche und Kultur sich wieder verbinden und verbünden können zu gegenseitigem Dienst und zu gegenseitiger Belebung. Allen Freunden des Heimatschutzes sei daher diese Schrift warm empfohlen.

Die Baukunst Breslaus. Ein architektonischer Führer, im Auftrage des Schlesischen Bundes für Heimatschutz herausgegeben von Richard Konwiarz. Geschichtliche Einleitung von Bernhard Stephan. 136 Bilder und Zeichnungen, Plan der Altstadt und Plan des zukünftigen Stadtgebietes Breslau 1926. Verlag Graß, Barth u. Co., (W. Friedrich), Breslau 1.

Das Büchlein ist wie selten eines hinsichtlich Ausstattung und Inhalt geeignet praktischen Bedürfnissen zu dienen. Wer Gelegenheit hatte bei der Breslauer Tagung für Heimatschutz und Denkmalpflege an Hand dieses vortrefflichen Führers das alte ungeahnt schöne Breslau zu durchwandern, der wird den Wert des Buches erkennen. Dazu ist allerdings nötig, daß man die geschichtliche Einleitung Bernhard Stephans in einer ruhigen Stunde durchliest bevor man die Stadtwanderung beginnt. Diese Einleitung macht das Buch wertvoll auch für den Laien im weitesten Sinne des Wortes und der Führer bekommt dadurch Wert für alle Kreise, die der Bau- und Kunstgeschichte fernerstehen. Darin liegt wohl auch das Geheimnis, weshalb das Buch überall so freudige Aufnahme gefunden hat. Wer nun dann in der Materie zu Haus ist, sei es als Fachmann, sei es durch das fleißige Studium dieser geschichtlichen Einleitung, der wird mit dem Buch in der Hand eine wahrhaft genußreiche Wanderung durch Breslau antreten können. In knappen Worten – wir lesen ja auf verkehrsreichen Straßen wandernd – werden die wichtigsten Eigenschaften und Daten der einzelnen Gebäude hervorgehoben. In den Kirchen wieder vertieft sich der Verfasser etwas eingehender in alle Einzelheiten, da kannst du ja im Gestühl sitzend dir etwas mehr Muße gönnen. So zieht man vom Stadtkern – der Dominsel – seine Kreise durch die Stadt, und schreitet von Schönheit zu Schönheit. Man vermeint manches Mal Stadtbilder des mittelalterlichen Nürnberg vor sich zu haben, so unberührt und rein tritt uns oft die Baukunst des alten Breslau entgegen. Das Buch bekommt als Führer aber noch besonderen Wert dadurch, daß der Verfasser nicht Kunstgeschichtler sondern praktischer Architekt ist, dessen Name mit den besten und bedeutendsten Bauwerken des modernen Breslau engstens verwoben ist. So kann er auch sprechen über das Breslau von heute und das Breslau der Zukunft.

Der letzte Abschnitt des Buches führt »Bemerkenswerte Bauten in der Nähe von Breslau« an. Ich glaube dem Verfasser ist es nicht leicht geworden, diese »Nähe von Breslau« scharf zu umgrenzen. Die nächsten Auflagen des Buches werden wohl diesen Abschnitt noch etwas ausgestalten, oder es wird vielleicht noch besser ein zweites Bändchen erscheinen, das alle die architektonischen Schönheiten der Umgebung Breslaus zusammenfassend behandelt. Ich glaube, daß auch diesem Bändchen ein guter Erfolg beschieden sein dürfte, wie er dem Buch »Die Baukunst Breslaus« zweifellos sicher ist.

H. G. E.

Kirchgemeindeblätter

Seit einigen Jahren hat sich in unserer Heimat die schöne Gepflogenheit herangebildet, daß die Kirchgemeinden ihren Mitgliedern monatliche Mitteilungen zugehen lassen. Der Wert dieser, meist vom Ortspfarrer herausgegebenen Hefte, ist vom kirchlichen wie vom [352]heimatlichen Gesichtspunkt aus nicht gering zu veranschlagen. Hier bietet sich für den Herausgeber und seine Mitarbeiter treffliche Gelegenheit, in seelsorgerischer, aber auch in heimatlicher Hinsicht auf die Leser zu wirken. Durch solch ein Blatt kann ganz besonders Heimatfreude und Heimatliebe geweckt und zur Blüte gebracht werden. Eine Freude ist es, in diesem Sinne das Monatsheft der Nicolaigemeinde zu Freiberg, das uns gerade vorliegt, zu betrachten. Hier ist es recht erfaßt, wie ein derartiges Kirchenblatt zusammengestellt sein soll. Der Hauptaufsatz, von echtem christlichen Geiste getragen, läßt noch Raum genug für Schilderungen aus der Vergangenheit des Kirchspiels, für fesselnde Auszüge aus alten Kirchenregistern und Erinnerungen mancherlei Art aus der Feder alter Stadtkinder. Prächtige Wiedergaben von Stadt und Kirchenansichten heimischer Meister geben dem Blatt ein festlich frohes Gepräge, und die Rubrik »Zur Gemeindechronik«, in der die Gegenwartsgeschichte des Kirchspiels behandelt wird, ist wohl geeignet, späterer Lokalgeschichtsforschung als Quelle zu dienen.

Wir wünschen dem schönen Blatt und seinen Geschwistern im Lande auf und ab ein fröhlich Gedeihen!

G. P.

Voranzeige

Im Oktober d. J. erscheint in unserem eigenen Verlag die zusammenfassende Steinkreuzveröffentlichung von Sachsen von Dr. G. A. Kuhfahl, Dresden. 238 Seiten mit 128 Abbildungen, Subskriptionspreis bis Ende 1927 RM 6.—, dann RM 9.—, hart gebunden.

Wer aufmerksam durch Feld und Wald, auf Landstraßen und Wiesenpfaden, durch Dörfer und Gehöfte wanderte, wird nahe oder abseits schon verwitterte Steinkreuze bemerkt haben, die an sich schon grob zugehauen und mit eingemeißelten Figuren (Waffen, Kreuz, Stab, Rad, ländlichem Gerät) in ungelenker Manier versehen sind. Wie mancher geht achtlos vorüber und denkt nicht daran, daß man es hier mit Denkmälern längst versunkener Jahrhunderte zu tun hat, an die sich zuweilen wie durch Überlieferung von Geschlecht zu Geschlecht Geschichten und Sagen knüpfen. Direktor Dr. G. A. Kuhfahl hat sich ein großes Verdienst um die Erforschung dieses Heimatschutzgebietes erworben, indem er obiges stattliches Buch unter dem Titel: »Die alten Steinkreuze im Freistaat Sachsen« mit Unterstützung des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz in dessen Verlage herausgegeben hat, das einen erschöpfenden Überblick über die Kreuze Sachsens, eine genaue Schilderung der Arten nach Gestein, Form und Schmuck, Geschichtliches und Geographisches, sowie Untersuchungen im Hinblick auf alle einschlägigen Verhältnisse gibt.

Man liest das Buch mit wachsender Teilnahme, fühlt auf jeder Seite die volle Hingabe des Verfassers an seinen Stoff. Mit Wohlgefallen läßt man das Auge auf den herrlichen Bildern ruhen, die den Künstler verraten, und um dieser künstlerischen Gestaltung willen eine wertvolle Beigabe sind. Die wiederholten Veröffentlichungen Dr. Kuhfahls haben den Sinn für diese uralten Denkmäler unseres Heimatlandes wachgerufen und zweifellos zur Erhaltung dieser ältesten Denkmäler beigetragen. Allüberall sieht man diese kleinen unbeholfenen und dabei doch so charakteristischen Kreuze unter der Obhut der Gemeinde, der Kirchenvorstände an der Straße, im Felde, am Baum, in der Mauer oder sonstwo stehen und nur selten hört man noch, daß irgendeins aus Unverstand vergraben oder beseitigt wird. Durch die Vertiefung des Heimatschutzgedankens im Volke ist die Erhaltung dieser ältesten Denkmäler Sachsens gesichert und das vorliegende Buch wird weiter dazu beitragen; soll aber auch anregen, etwa noch unbekannte solche Steinkreuze dem Landesverein Sächsischer Heimatschutz oder Herrn Direktor Dr. Kuhfahl zu melden, damit auch nach ihrer Geschichte geforscht werden kann und diese auch in einem Nachtrage zu dem vorliegenden prächtigen Werk veröffentlicht werden können.

Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt – Druck: Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden
Photographische Platten »Perutz« – Photographische Aufnahmen: Max Nowak – Auflage 50 000


Dresdner
Heimatschutz-Vorträge

abends 8 Uhr Vereinshaus

Vortragsfolge:

Sonnabend, den 8. Oktober 1927: Franziskus Nagler mit Leisniger Kindern: »’s Klinghäus’l«, ein heimatfrohes, volkstümliches Spiel mit Gesang.

Freitag, den 14. Oktober 1927: Lichtbildervortrag: »Der Dresdner Zwinger und seine Wiederherstellung.« Baurat Dr. Ermisch, Dresden.

Donnerstag, den 20. Oktober 1927: Lichtbildervortrag. »Das deutsche Dach, ein Beitrag zur Architektur der Neuzeit.« Professor Dr. Paul Schultze-Naumburg, Saaleck b. Kösen.

Freitag, den 28. Oktober 1927: Filmvortrag mit Orchester: »Schaffendes Volk – Fröhliches Volk« (neu bearbeitet). Hofrat Professor O. Seyffert, Dresden.

Donnerstag, den 3. November 1927: Volksliederabend: Kammersänger Dr. Waldemar Staegemann, Dresden. Am Blüthnerfügel: Rolf Schroeder, Dresden.

Eintrittskarten – nur für Mitglieder – zu 3.50 RM,
gültig für alle 5 Abende, im Heimatschutz, Dresden-A., Schießgasse 24


Besucht unser

Oskar-Seyffert-Museum

Landesmuseum
für Sächsische Volkskunst

Dresden-N., Asterstraße

(beim Zirkus)

Geöffnet:

Wochentagsvon9–2 Uhr
außerdem Mittwochs und Sonnabends nachm.von4–6 Uhr
Sonntagsvon11–1 Uhr

Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-N.


Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Unterschiedliche Schreibweisen, insbesondere bei Eigennamen, wurden wie im Original beibehalten. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.