Title: Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVI, Heft 3–6
Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege
Editor: Landesverein Sächsischer Heimatschutz
Release date: March 22, 2026 [eBook #78267]
Language: German
Original publication: Dresden: Landesverein Sächsischer Heimatschutz, 1927
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/78267
Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist so ausgezeichnet. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist so markiert.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Buches.
Landesverein Sächsischer
Heimatschutz
Dresden
Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege
Band XVI
Inhalt: Geologisches vom Plauenschen Grunde – Der Bergbau des Plauenschen Grundes in alter und neuer Zeit – Die Vorgeschichte des Plauenschen Grundes – Geschichtliches und Kulturgeschichtliches aus dem Plauenschen Grunde – Das Tal der Arbeit – Eine untergehende Pflanzenwelt – Von der Vogelwelt des Plauenschen Grundes – Über die Säuger sowie die Kriechtiere und Lurche des Plauenschen Grundes – Ausklang – Schrifttum über den Plauenschen Grund bei Dresden – Bücherbesprechungen.
Einzelpreis dieses Heftes 6 Reichsmark
Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24
Dresden 1927
Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz, der sich den Schutz der Naturdenkmäler und besonders der in ihrem Bestande bedrohten, das Landschaftsbild so reizvoll belebenden, aber leider immer seltener werdenden Raubvögel angelegen sein läßt, hat beschlossen, denjenigen Jagdinhabern und Jagdschutzbeamten, durch deren Förderung Bruten von Raubvögeln oder anderen bei uns im Aussterben begriffenen Vogelarten hochgekommen sind, Bücherprämien, Anerkennungsschreiben oder Geldbelohnungen im Betrage von fünf bis dreißig Mark zuzuerkennen. Diese werden nach Anmeldung der hochgebrachten Bruten bis spätestens 15. August und Bestätigung durch den Revierinhaber, wobei sich aber der Landesverein aus sachlichem Interesse in besonderen Fällen eine Prüfung durch seine Vertrauensleute vorbehält, nach Eingang aller Zuschriften Ende August ausgefolgt.
Anmeldungen sind zu richten an den Landesverein Sächsischer Heimatschutz, Abteilung für Naturschutz, zu Händen des Herrn Professor Dr. Koepert, Dresden-A., Schießgasse 24.
Bemerkt sei, daß nach § 37, 17 des Sächsischen Jagdgesetzes vom 1. Juli 1925 die Tagesraubvögel mit Ausnahme von Sperber und Habicht vom 1. Februar bis 31. August Schonzeit haben, ihre Horste daher innerhalb der Schonzeit nicht zerstört und Eier oder Junge nicht ausgenommen werden dürfen. Uhu, Turm- und Wanderfalken genießen sogar das ganze Jahr über Schonzeit, dürfen also ebenso wie die unter dem Vogelschutz stehenden Eulen überhaupt nicht gejagt werden. Prämien werden auch für hochgebrachte Bruten von Eulen und bei uns im steten Rückgange begriffene weiße Störche und Blauracken gezahlt.
Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz wäre den Herren Jagdinhabern, Wald- und Grundstücksbesitzern sehr dankbar, wenn sie seine Bestrebungen auf dem Gebiete des Naturschutzes insbesondere bei der Erhaltung der Naturdenkmäler aus der Vogelwelt unterstützen und ihre Forst- und Jagdschutzbeamten auf diese Bekanntmachung aufmerksam machen würden. Der Landesverein hofft, durch ihre Unterstützung in Sachsen zu gleichguten Ergebnissen zu gelangen, wie sie der Bund für Vogelschutz (Stuttgart) in andern deutschen Ländern zu verzeichnen hatte. Es muß sich immer mehr die Wahrheit durchsetzen: Ein echter Weidmann ist auch ein guter Naturschützer,
Weidwerk und Naturschutz gehören zusammen!
[81]
Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben
Abgeschlossen am 31. Mai 1927
Dem Manne, dessen Name mit der Geschichte des ehemaligen Dorfes Plauen und den Geschicken des Plauenschen Grundes aufs engste verwachsen ist,
Herrn Geheimen Kommerzienrat Theodor Bienert
in Verehrung gewidmet
Von Dr. Johannes Süß, Dresden
Aufnahmen von Studienrat Albert Wiese, Dresden
Der Reisende, der von Chemnitz nach Dresden fährt, genießt einen weiten Blick über die sanft gewellte Landschaft des östlichen Erzgebirges, gleichviel, ob er zur Linken oder zur Rechten hinausschaut. Sobald jedoch der Zug den Bahnhof Klingenberg-Colmnitz durchfahren hat, kündet eine Tafel ein Gefälle 1 : 40 an, und bald läßt auch das starke Rauschen und Rucken der Bremsen uns ahnen, wie sehr es bergab geht. Das Tal des Seerenbaches nimmt uns auf und führt uns hinunter an die Wilde Weißeritz. Links und rechts ist der Ausblick durch die bewaldeten Wände des Tales gehemmt, die während der Fahrt durch Edle Krone und Tharandt immer höher und steiler zu beiden Seiten emporsteigen.
[82]
Zwischen Tharandt und Hainsberg aber eröffnet sich mit einem Male eine neue Welt. Das Tal wird weit (Abb. 1), seine Hänge (zunächst nur zur Rechten) werden sanfter. Für reiche Besiedelung ist Platz. Hier beginnt der Plauensche Grund im weiteren Sinne. Unsere Begleiterin, die Wilde Weißeritz, vereinigt sich bald, bei Hainsberg, mit ihrer roten Schwester. Die Eisenbahn trägt uns im Plauenschen Grunde weiter durch das dicht besiedelte Gebiet von Freital. Dann nimmt uns noch einmal ein tiefes, enges, mehrfach gewundenes Tal mit schroffen Felswänden auf, der Plauensche Grund im engeren Sinne (Abb. Seite 209). Er reicht von der Friedrich-August-Hütte in Potschappel bis zur neuen Haltestelle Dresden-Plauen, wo wir endgültig das Weißeritztal verlassen und in die Weitung des Elbtales eintreten.
Dem Plauenschen Grund im weiteren Sinne, also dem Weißeritztale von seiner Erweiterung zwischen Tharandt und Hainsberg bis zum Austritt ins Elbtal, sind die Betrachtungen des vorliegenden Heftes gewidmet.
Gegenüber der neuen Haltestelle Dresden-Plauen fällt uns der große Ratssteinbruch auf, der recht deutlich zwei verschiedene Gesteinsarten erkennen läßt. Über rötlichbraunem, unregelmäßig zerklüftetem Gestein, dem Syenit, zu dessen Gewinnung der Steinbruch angelegt ist, lagern mit geringem, gleichmäßigem Gefälle nach dem Elbtale zu die ebenen Platten eines hellgelblich grauen Schichtgesteins, das wir Pläner nennen. (Abb. 2.)
[83]
An der Grenze beider Gesteine finden wir unmittelbar auf dem festen Syenit runde und eckige Brocken von Syenit, die durch einen grünlichgrauen Mörtel zusammengekittet sind. In dem Mörtel sind Versteinerungen enthalten, und zwar stellen wir glatte oder gerippte Muschelschalen, schlanke oder keulige Stacheln von Seeigeln, stark glänzende, braune oder schwarze Haifischzähne u. a. fest. Eine kurze Beschreibung und gute Abbildungen bietet K. Wanderer in dem Büchlein Tierversteinerungen aus der Kreide Sachsens, Verlag von Gustav Fischer, Jena, 1909. Über den zusammengekitteten Brocken folgen die gleichmäßig ebenen Schichten des Pläners, bald mehr sandig und körnig, bald völlig dicht, kalk- und tonreich. Auch in diesen höheren Schichten kommen Versteinerungen vor, wenn auch nicht mit der gleichen Häufigkeit.
Meeresmuscheln, Seeigel, Haifische! Da muß hier unzweifelhaft einmal Meer gewesen sein. Ablagerungen dieses Meeres sind alle die Gesteine, in denen wir jetzt die Versteinerungen finden, also zu unterst der graue Mörtel, der die Syenitgerölle zusammenhält, und darüber der ebenschichtige Pläner. Die vorzügliche Abrundung der Gerölle könnte die Vermutung aufkommen lassen, daß ein Fluß von fern her die Blöcke in das Meer gewälzt habe. Es sind aber keine Fremdlinge, es ist bodenständiges Material, dasselbe Gestein, das auch an Ort und Stelle den Untergrund bildet. Darum kann nur die Brandung [84]des Meeres die Syenitstücke bewegt und abgerundet haben. Der Syenit muß einst das Festland gebildet haben, über das dann das Meer hereinbrach. Der Pläner über der Geröllschicht lehrt uns, daß der Strand nicht an derselben Stelle blieb, sondern allmählich weiter schritt, so daß unser Beobachtungspunkt, an dem zuerst die Brandung getobt hatte, zum tiefen, von der Küste weiter entfernten Meeresboden wurde, auf den sich Feinsand und Tonschlamm, vermischt mit den kalkigen Schalenresten sterbender Meerestiere, schichtweise niedersetzten.
Nun nehmen wir geologische Karten zur Hand, um die Verbreitung dieser Meeresabsätze zu verfolgen. Sie besitzen eine weite Ausdehnung, sie stehen mit den Gesteinen der Sächsischen Schweiz in lückenlosem Zusammenhang und erreichen dort als Sandsteine eine Mächtigkeit von mehreren hundert Metern. Aber nicht in allen Teilen dieser Schichtenmassen kommen die gleichen Versteinerungen vor. In verschiedenen Schichten übereinander begegnen wir verschiedenen Tierresten, während wir an verschiedenen Stellen einer Schicht, mögen wir ihr auch meilenweit nach allen Seiten nachgehen, immer die gleichen [85]Versteinerungen antreffen. Die Gleichartigkeit oder Verschiedenheit der organischen Funde erlaubt also eine Gliederung in einzelne Schichten.
Zu den gleichen Beobachtungen kommt man ganz allgemein bei allen geschichteten Gesteinen. In einer Schicht, wo man sie auch immer untersucht, findet man überall die Reste der gleichen Pflanzen und Tiere, während die darüberliegende Schicht stets andere oder wenigstens teilweise neue Versteinerungen führt. So kommen wir zu der Erkenntnis, daß die organische Welt eine allmähliche Aufwärtsentwickelung vom Einfachen und Niedrigstehenden zum Vollkommenen erfahren hat. Wir haben so eine Möglichkeit, die gesamte Entwickelungsgeschichte der Organismen zu verfolgen. Während aber die Natur nur lückenlose Übergänge kennt, hat der Mensch willkürlich Trennungsstriche gezogen und einzelne Entwicklungsstufen der organischen Welt mit Namen belegt. Dieselben Namen hat man auf die Zeitabschnitte übertragen, in denen die Pflanzen und Tiere gelebt haben und auch auf die Gesteinsschichten, in denen wir jetzt ihre Reste finden. Wir merken uns folgende Aufstellung, die die in unserem Gebiet wichtigen Schichten genauer bezeichnet:
| Geol. Neuzeit | Alluvium (= geol. Gegenwart) | |||||||
| Diluvium (= Eiszeit) | ||||||||
| Tertiär (= Braunkohlenzeit) | — | Pliozän Miozän Oligozän Eozän |
||||||
| Geol. Mittelalter | Kreide | — | obere Kreide | — | Senon Turon Cenamon |
|||
| untere Kreide | ||||||||
| Jura | ||||||||
| Trias | ||||||||
| Geol. Altertum | Perm | — | Zechstein Rotliegendes |
|||||
| Karbon (= Steinkohlenzeit) | — | Oberkarbon Unterkarbon |
||||||
| Devon | ||||||||
| Silur | ||||||||
| Kambrium | ||||||||
Wenn wir uns der soeben gewonnenen Ausdrucksweise bedienen, können wir sagen: Mitten in der Kreidezeit, bei Beginn des Cenomans, senkte sich der Boden unserer Heimat, und das bisherige Festland wurde vom Meere überflutet und von den Absätzen des Kreidemeeres bedeckt. Diese Ablagerungen haben eine zusammenhängende Decke gebildet, unter der das ältere Grundgebirge vollständig verborgen war. Wenn wir heute, wie Abbildung 3 lehrt, die Gesteine der Kreide nur am Abhange des Elbtales zu beiden Seiten des Plauenschen Grundes finden, während wir sie nach Westen zuerst außerhalb unseres Arbeitsbereiches wieder antreffen würden, so ist dies auf spätere Zerstörung [86]und Abtragung zurückzuführen. Der Plauensche Grund ist eben ein Talgebiet und das fließende Wasser mußte naturgemäß zuerst die Decke von Kreidegesteinen wegnehmen, bevor es ein tieferes Tal eingraben konnte. (Vergl. auch das Profil Abbildung 16.)
Aus den wichtigsten Versteinerungen, wie wir sie im Pläner des Ratssteinbruches finden, erkennen wir, daß der Pläner dem Cenoman, also der untersten Stufe der oberen Kreide angehört. Auch die nächsthöhere Schicht, das Turon, kommt vor, aber erst außerhalb unseres Gebietes im Elbtale. Es ist sicher ebenfalls als geschlossene Decke in unserer ganzen Gegend vorhanden gewesen, aber es ist noch eher und in noch weiterem Umfange zerstört worden als das unter ihm liegende Cenoman. Das Senon, die oberste Stufe der oberen Kreide, war dagegen niemals da; wir wissen aus den angrenzenden Gebieten, daß mit dem Beginn des Senons infolge einer allgemeinen Hebung das Meer wieder verschwunden ist, so daß auch keine Meeresabsätze zu jener Zeit mehr entstehen konnten.
Der Plauensche Grund weist also von der oberen Kreide nur das Cenoman auf, und zwar haben wir es oben an der Talkante zu beiden Seiten der Weißeritz zwischen Potschappel und Plauen zu suchen. Es zeigt sich uns in Form verschiedener Gesteine, die alle gleichzeitig, aber an verschiedenen Stellen, unter verschiedenen Bedingungen entstanden sind. Diese gleichaltrigen Gesteine enthalten die gleichen Versteinerungen und gehören zumeist auch der gleichen durchlaufenden Schicht an. Der Geologe nennt diese verschiedene Ausprägung gleichaltriger Schichten Faziesbildungen.
Im Ratssteinbruch haben wir bereits die Plänerfazies des sächsischen Cenomans kennen gelernt. Der Name Pläner soll soviel wie »Plauener Stein« bedeuten. Man versteht unter Pläner diejenigen Gesteine der oberen Kreide, die durch plattige Schichtung, durch außerordentliche Feinkörnigkeit und hellgraue Farbe gekennzeichnet sind. Sie enthalten neben vielen winzigen Quarzkörnchen sehr reichlich Kalk und Ton und können als »feinkörnige kalk- und tonreiche Sandsteine« bezeichnet werden. Im Ratssteinbruch wird der Pläner zum größten Teil als Abraum beiseite geschafft, in den Syenitschotter nimmt man ihn nur dann mit, wenn man daraus Beton herstellen will, der nicht allzusehr beansprucht werden soll. An anderen Orten hat man aus dem Pläner Kleinpflastersteine für Fußwege hergestellt. In der gleichen Ausbildung wie im Ratssteinbruch treffen wir den Pläner weiter westlich an der Bergstraße an, die aus dem Grunde hinauf nach Dölzschen führt (siehe Abb. 4).
Wenn wir aber weiter westlich bis in die Gegend von Pesterwitz gehen, offenbart sich uns das Cenoman als Sandstein. Der Übergang aus der Plänerfazies in die Sandsteinfazies vollzieht sich dadurch, daß die Quarzkörnchen größer werden, während gleichzeitig Kalk- und Tongehalt zurücktreten. Auch auf der rechten Seite der Weißeritz liegt der cenomane Sandstein, und zwar ist er bei Coschütz in unmittelbarer Nähe der Heidenschanze durch einen Steinbruch aufgeschlossen. Daß der Sandstein ein geschätzter Baustein ist, braucht kaum erwähnt zu werden. (Abb. Seite 176.)
Der Coschützer Steinbruch enthält aber noch eine andere Fazies des Cenomans, grobe Konglomerate (Abb. 5). Sie bestehen ebenso wie die Geröllschicht, mit der die Kreideablagerungen auf dem Syenit des Ratssteinbruches beginnen, [88]aus großen, gerundeten Syenitblöcken. Zusammengehalten werden sie durch ein sandiges Bindemittel. Auch hier kommt, da es sich nur um Syenitgerölle handelt, eine weite Verfrachtung durch fließendes Wasser nicht in Frage, wir müssen vielmehr, genau wie im Ratssteinbruch, die Geröllmassen als ein Erzeugnis der Brandung deuten. Da hier Sandstein und Konglomerat mehrfach miteinander wechseln, muß durch wiederholtes Heben und Senken des Landes an derselben Stelle bald Küste, bald Meer gewesen sein. Das über das Festland hinwegbrandende Meer hat mehrmals zurückweichen müssen, bis es Sieger blieb. Der Steinbruch an der Heidenschanze ist ein Zeugnis dieses Kampfes zwischen Meer und Festland.
Noch eine vierte Erscheinungsform des Cenomans, die sogenannte Klippenfazies, treffen wir, wenn wir auf der rechten Talkante ostwärts wandern bis zum »Hohen Stein«. Dieser ist ein einzelner Fels auf dem etwa sechzig Meter hohen, fast senkrechten Prallhang bei der Felsenkellerbrauerei und überragt seine nächste Umgebung noch um einige Meter. Er besteht wie der Untergrund aus Syenit und trägt eine kesselförmige Vertiefung, die mit einem plänerähnlichen Gestein ausgefüllt ist (Abb. 6). Dieses Füllgestein ist fast ausschließlich aus Bruchstücken von tierischen Kalkschalen zusammengesetzt. Ein Blick nach der anderen Talseite zeigt uns den Pläner im Ratssteinbruch etwa zwanzig Meter tiefer. Das während der Kreidezeit ins Meer versinkende Grundgebirge hatte keine ebene Oberfläche, es war eine hügelige Landschaft. [89]Während ringsum das Ringen zwischen Land und Meer zugunsten des Meeres bereits entschieden war, ragten hier noch einzelne Felsklippen bis zum Meeresspiegel auf, von der Flut wurden sie bestürmt, und in ihren Vertiefungen wurden die von der Brandung zerbrochenen Tierreste abgelagert. Der Heimatschutz hat den Hohen Stein, diese Klippe im Kreidemeer, als ein Naturdenkmal gekennzeichnet, das besonderen Schutz verdient.
Nun wollen wir wieder zum Ratssteinbruch hinuntersteigen, diesmal mit der Absicht, den Syenit näher zu betrachten. Wir werden uns auch nicht mit den Beobachtungen im Ratssteinbruch zufrieden geben, sondern der Weißeritz entgegenwandern bis zur König-Friedrich-August-Hütte, wobei wir in mehreren großen Steinbrüchen (Abb. 7) Gelegenheit haben, den Syenit kennenzulernen. Das Gestein zeigt keinerlei Schichtung, wohl aber eine ziemlich starke, unregelmäßige Zerklüftung. An jeder Bruchfläche erkennen wir leicht, daß der Syenit aus zweierlei Mineralien zusammengesetzt ist, einem hellrötlichen und einem schwarzen. Beide bilden Kristallkörner von ungefähr gleicher Größe und sind durch ebene, spiegelnde Spaltflächen ausgezeichnet. Das schwarze Mineral ist Hornblende, das hellrötliche Kalifeldspat = Orthoklas. Die Hornblende hat ihre eigene Kristallform, die Feldspatkörner stoßen daran ab, umschließen bisweilen sogar eine kleine Hornblende, gegenseitig begrenzen sie sich in zufälligen, unregelmäßigen Flächen. Vereinzelt kann man auch mitten im Gestein Titanitkristalle sehen, die eine dunkelrotbraune Farbe besitzen und durch ihren starken Glanz auffallen. Immer sind es nach allen Seiten modellscharf ausgebildete Kristalle, die in bezug auf Größe nie die Feldspatkörner erreichen.
Wir schließen aus dem Gesteinsgefüge, daß der Syenit ein erstarrter Schmelzfluß ist, aus dem die Titanitkristalle zuerst, die Hornblendekristalle später und die Feldspatkristalle zuletzt sich ausgeschieden haben. Das Auskristallisieren muß aber außerordentlich langsam vor sich gegangen sein, sonst hätten sich nicht so große Einzelkristalle aus der gleichartigen Schmelzmischung heraus entwickeln können. Die langsame Erstarrung ist aber nur möglich bei langsamer Abkühlung, die ihrerseits nur denkbar ist, wenn die Syenitschmelze nicht an der Erdoberfläche gelegen, sondern, wie der Topf in einer Kochkiste, tief in der Erdrinde gesteckt hat. Der Syenit ist ein Erstarrungsgestein und zwar ein Tiefengestein. Wenn wir sehen, daß der Syenit jetzt einen Teil der Erdoberfläche darstellt, so läßt sich das nur dadurch erklären, daß die Gesteinsmassen, in denen und unter denen der Syenit fest geworden war, nach der Erstarrung beseitigt worden sind. Wäre diese Abtragung nicht erfolgt, so hätten wir von der Existenz des Syenits auch keine Kenntnis. Wollten wir aber glauben, der Pläner sei das Hüllgestein gewesen, unter dem der Syenit entstanden ist, so wäre unsere Meinung falsch. Der Syenit ist älter und war schon einmal bloßgelegt, bevor er im Cenoman vom [91]Pläner zugedeckt wurde. Wo der Syenit mit den ursprünglichen Hüllgesteinen zusammenstößt, können wir im Bereich des Plauenschen Grundes gar nicht unmittelbar beobachten.
Wenn wir uns aber nach dem neunten Lichtloch des tiefen Elbstollns begeben – es befindet sich westlich vom Burgwartsberg in dem Tälchen, das von Pesterwitz nach Potschappel hinunterführt, und verrät sich durch eine Halde –, dann finden wir graue und violette Schiefer mit schwarzen Flecken und Knötchen, die beim Bau des Elbstollns aus der Tiefe herausgeholt worden sind. Diese Schiefer sind silurischen Alters, aber ihr seidenartiger Glanz und die dunklen Knötchen passen nicht zu ihrer ursprünglichen Beschaffenheit, sondern sind Umwandlungserscheinungen, hervorgerufen durch die Hitze des Syenits und durch die von ihm ausgehauchten Gase und Dämpfe. Diese Schiefer haben einst das Dach gebildet, unter dem der Syenit erstarrt ist. Der tiefe Elbstolln hat die Grenze zwischen Syenit und Schiefer durchfahren.
Der Syenit hat nicht immer dieselbe normale Gesteinsbeschaffenheit, wie wir sie oben beschrieben haben. Es gibt auch hier und da im gewöhnlichen Syenit verteilt, so häufig, daß sie kaum in einem Steinbruch fehlen dürften, knollenförmige Ausscheidungen, die entweder heller oder dunkler sind als der normale Syenit. In den dunklen Nestern spielen Glimmer, Hornblende und Augit die Hauptrolle, während in den hellen Knollen und Adern Kalifeldspat und Quarz die wesentlichen Gemengteile sind. An selteneren Mineralien stellen sich z. B. Malakon, Orthit, Turmalin, Apatit, Scheelit, Titaneisen ein. Chlorit und Epidot, die ebenfalls vorkommen, gelten als Verwitterungsprodukte. Von allgemeinerem Interesse sind verschiedene Kupfererze, die auch zu wiederholten bergbaulichen Versuchen Veranlassung gegeben haben. (Vgl. den Aufsatz über den Bergbau im Plauenschen Grunde.)
Der Syenit selbst gehört heute zu den wertvollen Bodenschätzen und wird im Plauenschen Grund in einer ganzen Reihe großer Steinbrüche gewonnen (Abb. 7). Diese Steinbruchindustrie ist bereits etwa hundert Jahre alt. Zum kleinsten Teil nur werden die gebrochenen Steine zu Pflastersteinen verarbeitet, wie auch die ganze Talstraße von Potschappel bis Plauen keinen einzigen Syenitpflasterwürfel aufweist. Meist findet der Syenit als Schotter für Straßen, Eisenbahnen und zur Herstellung von Beton Verwendung. Die großen Steinbrüche sind heute ein wesentlicher Charakterzug des Plauenschen Grundes.
In allen Syenitbrüchen beobachtet man eine starke Zerklüftung des Gesteins. Für diese Erscheinung kann man zweierlei Erklärung geben. Da jeder Körper beim Abkühlen sein Volumen vermindert, können die feinen Spalten als eine Folge der Schrumpfung während der Abkühlung nach der Erstarrung angesprochen werden. Diese Deutung ist aber nicht in allen Fällen stichhaltig. An vielen Stellen findet man das feste Syenitgestein geradezu zermalmt und zerquetscht (Abb. 8), während das unversehrte Nachbargestein bisweilen spiegelblanke Flächen, sogenannte Harnische trägt, in die parallele Schrammen und Riefen eingefurcht sind (Abb. 9). Wir erkennen da das Wirken gewaltiger Kräfte geheimnisvollen Ursprungs, die einzelne Schollen der Erde gegeneinander verschoben haben und denen wir wohl einen Teil der Risse und Klüfte im Syenit zuschreiben müssen.
Eine andere Erscheinung zeigen uns die Abbildungen 10 und 11, Gesteinsgänge verschiedener Farbe. Das Gesteinsgefüge läßt erkennen, daß wir auch hier erstarrte Schmelzflüsse [92]vor uns haben. Da sind also durch Gebirgsdruck und Schollenbewegung die Klüfte zu klaffenden Spalten erweitert und von der Tiefe her mit Schmelzmassen ausgefüllt worden. Bald ist das entstehende Ganggestein dunkler, bald heller als der umgebende Syenit.
Andere Spalten sind dadurch wieder ausgeheilt und ausgefüllt worden, daß Sickerwässer von oben her irgendwelche Minerallösungen mitgebracht und in den Hohlräumen wieder ausgeschieden haben. Derartige »Mineralgänge« sind vom Mineraliensammler sehr geschätzt. Es seien nur die häufigeren Mineralien erwähnt: Kalkspat, Aragonit, Laumontit, Schwerspat. Da die Sickerwässer von oben aus dem kalkigen Pläner kommen, ist das Vorwiegen kalkhaltiger Mineralien nicht verwunderlich.
Mit einem Hinweis auf die Verwitterung wollen wir die Betrachtung des Syenits schließen. Während die staub- und rauchgeschwärzten Felsen beim Felsenkeller den Witterungseinflüssen gar nicht zugänglich zu sein scheinen, beobachten wir beim Ausgang des Engtales nach Potschappel zu in der Nähe der König-Friedrich-August-Hütte und an einigen anderen Punkten eine besondere Art der Verwitterung (Abb. 12). Frost und Sonnenbestrahlung, Regen und Wind, die Tätigkeit der Pflanzenwurzeln und in hervorragendem Maße chemische Vorgänge, die vor allem durch das Kohlenstoffdioxyd der Luft bedingt sind, haben hier zu einem Zerfall des Gesteins in einen sandigen Grus geführt, wobei einzelne abgerundete Felsgebilde stehengeblieben sind. Es ist dies eine Verwitterung, wie man sie sonst besonders beim Granit beobachtet und die man mit dem Namen »Wollsackbildung« bezeichnen kann. Die losgelösten Gesteinsbröckchen können natürlich leicht vom Winde, noch mehr aber vom Wasser fortgeschafft werden. Da jedoch eine solche Verwitterung nicht überall in gleicher Weise, immer aber nur mit außerordentlicher Langsamkeit erfolgt, [93]leistet der Syenit gegen die Abtragung durch das fließende Wasser einen sehr großen Widerstand. Wir erblicken darin die Ursache, daß die Weißeritz zwischen Potschappel und Plauen ein zwar tiefes, aber nur sehr enges und schmales Tal mit steilen, felsigen Wänden hat eingraben können.
Zu dem Engtal des Plauenschen Grundes im Syenit bildet die Talweitung der Weißeritz in Freital einen sehr auffälligen Gegensatz. Diese Weitung reicht, wie schon eingangs gesagt wurde, von der König-Friedrich-August-Hütte talaufwärts bis etwas über den Zusammenfluß der beiden Weißeritzen hinaus. Für den Geologen steht sofort die Gesteinsbeschaffenheit in Verdacht, an der Verschiedenartigkeit der Talform schuld zu sein. Dieser Verdacht erweist sich als begründet. Durchstreifen wir den weiten Raum nach »Aufschlüssen«, so stellen wir zunächst fest, daß unser Suchen nach unverhülltem Gestein viel weniger Erfolg hat als im Syenit. Die besten Aufschlüsse liegen an der Straße Tharandt–Hainsberg und wachsen bei Hainsberg zu hohen, senkrechten Felsen empor, die auch dem ungeübten Auge auffallen und vom Volk einen Namen bekommen haben: »Backofenfelsen«. Die Hauptmasse des Gesteins wird von großen Geröllen gebildet, die durch fein zerriebenen Gesteinsschutt [94]fest zusammengebacken sind. Die Gerölle bestehen zum größeren Teil aus Gneisen, wie wir sie westlich und südlich von hier als Hauptgestein des Erzgebirges finden, und zum kleineren Teil aus Porphyr, der vom Tharandter Wald stammen dürfte. An einigen Stellen fehlen die großen Blöcke und wir finden nur den feinen Gesteinsschutt. Die durch den Wechsel von feinem und grobem Material entstandenen Schichten sind am westlichen Ende der Felswand stark nach Osten geneigt und gehen allmählich in fast wagerechte Stellung über (Abb. 13 bis 15). Durch die Verwitterung werden einige Lagen, vornehmlich solche von feinem Korn, besonders stark zerstört, so daß sich Schichtfugen bilden, die an manchen Stellen zu Nischen und Höhlen erweitert sind. Solche Hohlräume haben sicher zu dem Namen »Backofenfelsen« die Veranlassung gegeben.
An anderen Orten, z. B. am Windberg, bei Schweinsdorf, in einem Einschnitt der Possendorfer Bahn bei Zschiedge, finden wir ein anderes Gestein, das aus lauter Brocken von Porphyr und Porphyrit besteht, die in einem feinkörnigen Grus derselben Art eingebettet sind. Alle Feldspatkörnchen sind vollständig in Kaolin verwandelt. Bisweilen fehlen auch hier die großen Stücke gänzlich, und das Gestein wird zu einem tonreichen Sandstein oder [95]zu einem völlig dichten Tonstein. Alle drei Arten sind als vulkanische Erzeugnisse, als Aschenmassen mit größeren Auswürflingen, anzusprechen und werden in der geologischen Karte als Brekzientuffe bezeichnet. Sie sind durch wiederholte Wechsellagerung mit den zuvor genannten Konglomeraten und Schiefertonen so innig verbunden, daß eine scharfe Abgrenzung gar nicht überall möglich ist.
Bezeichnend ist für alle diese Gesteine, Konglomerate und Brekzientuffe, das starke Hervortreten einer roten Färbung, die durch winzige Flimmerchen von Eisenoxyd (Fe₂ O₃) bedingt ist. Dadurch, daß besonders in den Brekzientuffen und Schiefertonen mit den roten Gesteinslagen solche von grauer, grünlichgrauer, violetter und lavendelblauer Farbe wechseln, erhält das Gestein oftmals ein geradezu buntscheckiges Aussehen.
Braunrote Farbtöne, allerdings mehr ins Grauviolette hinüberspielend, herrschen auch in einem anderen Gesteine, das wir in ein paar großen Steinbrüchen am Eichberg und bei der Friedrich-August-Hütte in Potschappel antreffen und das man als Porphyrit bezeichnet. Nachdem wir bereits festgestellt haben, daß vulkanische Aschenablagerungen vorhanden sind, werden wir keineswegs überrascht sein, in dem Porphyrit eine erstarrte Lava zu finden. Das Gestein zeigt – ähnlich wie der Syenit – keine Schichtung, aber eine sehr [96]starke, unregelmäßige Zerklüftung. Betrachtet man ein Stück davon näher, so erkennt man einzelne Nadeln eines schwarzen Minerals und glasglänzende Täfelchen eines farblosen oder weißlichen Gemengteils. Die schwarzen Leisten sind Hornblendekristalle, und die weißen Körner bestehen aus Kalknatronfeldspat. Beide haben einige Millimeter Durchmesser und ruhen in einer völlig dicht erscheinenden Grundmasse. Diese erweist sich bei der Untersuchung unter dem Mikroskop als ein außerordentlich feinkörniges Gemenge, das ebenfalls aus Hornblende und Feldspat besteht. Ein solches Gesteinsgefüge, [97]dessen Wesenszüge also große Einsprenglinge und dichte Grundmasse sind, bezeichnet man als porphyrische Struktur.
Wie mag dieses Gestein mit der porphyrischen Struktur wohl entstanden sein? Die Einsprenglinge sind groß und haben eigene äußere Kristallform. Sie haben also sehr langsam in der Erdtiefe und freischwebend in einer Schmelzflüssigkeit wachsen können. Die Grundmasse dagegen besteht aus sehr vielen, winzig kleinen Kriställchen. Das deutet auf rasche Erstarrung, also auf schnelle Abkühlung hin. Diese letztere Bedingung wäre erfüllt, wenn wir eine auf der Erdoberfläche ausgebreitete Lava annehmen, der zum Festwerden nur eine kurze Zeit zur Verfügung steht. Die porphyrische Struktur lehrt uns also folgenden Entstehungsvorgang: Ein Schmelzfluß in der Tiefe begann infolge langsamer Abkühlung einzelne wohl ausgebildete, große Kristalle von Hornblende und Feldspat auszuscheiden. Als ein Brei von Schmelze mit einzelnen festen Mineralkörnern kam die Lava zum Ausbruch und ergoß sich als Decke über die Erdoberfläche. Bei der folgenden schnellen Erkaltung bildete sich die dichte Grundmasse. Die weitere Abkühlung, nachdem die Erstarrung beendet war, hat zu einer Volumenverminderung geführt, wobei die schon erwähnten Risse und Klüfte entstanden sein dürften. Für einen Teil der Sprünge können wir aber auch – genau wie beim Syenit – gebirgsbildende Kräfte verantwortlich machen.
Ganz oben auf der Höhe bei Obernaundorf und bei Kleinnaundorf liegt abermals eine Decke von Lavagestein. Die porphyrische Struktur entsteht hier dadurch, daß wenige kleine Quarzkristalle in einer dichten, grauen oder hellrötlichen Grundmasse schwimmen. Das Gestein führt seinem Mineralbestand – Kalifeldspat, Quarz, Glimmer – zufolge den Namen Quarzporphyr. Die gleiche Struktur deutet auf die gleiche Entstehung wie beim Porphyrit.
Bei Schweinsdorf und Niederhäslich, die jetzt beide zu Freital gehören, war früher auch ein Kalkstein aufgeschlossen, der oberirdisch und unterirdisch abgebaut und zur Herstellung von hydraulischem Mörtel verwendet wurde. (Im Profil, Abb. 16 mit K bezeichnet.) Es ist ein körnigkristallines Gestein, das deutlich feine hell- und dunkelgraue Lagen aufweist und zwei weithin verfolgbare Bänke von je etwa einem Meter Mächtigkeit bildet. Diese Kalksteinflöze liegen als gleichmäßige Schichten zwischen Schiefertonen und Sandsteinen. Für uns sind sie von besonderem Interesse, weil in ihnen (meist in dem unteren Lager) zahlreiche Reste von den ältesten vierfüßigen, landbewohnenden Wirbeltieren gefunden worden sind. Nicht weniger als vierzehn verschiedene Arten von diesen Lurchen hat man bestimmen und zum Teil mit ziemlicher Sicherheit aus den Resten rekonstruieren können (vgl. K. Wanderer, die vorgeschichtliche Entwicklung der Stadt Freital und Umgebung. Deutschlands Städtebau, Freital. Schrifttum Nr. 75). Diese Tierwelt gehört der ersten Hälfte der Permzeit an, die man auch das Rotliegende nennt. Die mit dem Kalkstein vergesellschafteten roten Konglomerate, Brekzientuffe, Sandsteine und Schiefertone, rechnet man gleichfalls dem Rotliegenden zu. Der Zusammenhang des Namens mit der Rotfärbung der Gesteine ist klar.
[98]
Die allerbesten Aufschlüsse im Rotliegenden, wenn sie auch der Allgemeinheit nicht zugänglich sind, hat uns der Steinkohlenbergbau gebracht. Durch eine große Zahl von Schächten, die bis zu vierhundertsiebzig Meter Tiefe erreichen und an einigen Punkten auch die Unterlage des Rotliegenden angetroffen haben, besitzen wir genaue Kenntnis von der Beschaffenheit und der Lagerung der Gesteine, die in ihrer Gesamtheit das Rotliegende bilden (Abb. 16). Wir haben von diesen Gesteinen nur eins noch nicht erwähnt, die Steinkohle. Auf eine eingehende Darstellung der geologischen Verhältnisse der Steinkohle kann an dieser Stelle verzichtet werden, da der Steinkohlenbergbau in einem besonderen Aufsatz aus berufener Feder behandelt wird. (Vgl. Seite 103.)
Fassen wir die angedeuteten Beobachtungen zusammen, so können wir sagen, daß zu Beginn der Rotliegendzeit eine flache Mulde vorhanden war, deren Längsachse von Kreischa bis Wilsdruff reichte. Krachend mag die Erdkruste geborsten sein, glühendflüssige Lavamassen ergossen sich in die Mulde, bedeckten einen großen Teil ihres Bodens und erstarrten zu Porphyrit. Von allen Seiten trugen die fließenden Wässer Gerölle und feinen Schutt in die flache Vertiefung. Bei der durchgreifenden Verwitterung der losen Massen, bei den reichlich fließenden Wassermengen und bei dem feuchtwarmen Klima konnten üppige Wälder von riesigen Farnbäumen, Schachtelhalmen und Nadelhölzern gedeihen. Bei Überschwemmungen wurden sie zu Boden geworfen, unter Schutt und Wasser begraben und vor Verwesung geschützt, so daß die Steinkohlen daraus [99]entstehen konnten. Vorübergehend dürfte die ganze Vertiefung von einem Süßwassersee erfüllt gewesen sein, auf dessen Grunde, durch Organismen gebildet, eine Schicht von Kalkstein abgelagert wurde. Neue Schuttmassen von Gebirgsbächen kamen, dazu Bomben und Aschenregen aus feuerspeienden Bergen oder Schlünden, abermals Gerölle und Sande, noch eine Decke glutiger Lava, und die anfängliche Mulde war völlig zugeschüttet, zu einem »Becken« geworden, das von den Geologen das »Döhlener Rotliegendbecken« genannt wird. In späterer Zeit, aber noch vor der Ablagerung der Kreideschichten, die ja eine eingeebnete Landoberfläche vorfanden, ist die ursprünglich einheitliche Beckenlagerung durch die großen Verwerfungsspaltenzüge zerstückelt worden. (Abb. S. 108.)
Nachdem wir in drei Einzelbildern die Decke von Kreidegesteinen, den Syenit und das Rotliegende gekennzeichnet haben, wollen wir versuchen, in kurzen Zügen eine zusammenfassende Entwickelungsgeschichte unserer Heimat zu zeichnen. Wir müssen dabei freilich unseren Blick auch über die Grenzen unseres Gebietes hinausschweifen lassen. Denn wir können unsere engere Heimat nur dann richtig verstehen, wenn wir sie als einen Teil eines größeren Ganzen betrachten.
Vom Kambrium bis zur Mitte der Karbonzeit war Mitteleuropa vom Meere bedeckt. Auf dem Boden dieses Meeres bildeten sich Ablagerungen von Tonschlamm und Sand, zu denen sich kieselige und kalkige Ausscheidungen [101]organischer Herkunft gesellten. Aus den ursprünglich losen Absätzen sind feste Gesteine geworden, die wir jetzt als Tonschiefer, Grauwacken, Kieselschiefer und Kalksteine kennen. Mit diesen Meeresgesteinen zusammen finden wir, besonders im Devon, vulkanische Aschen und Laven, die man Diabastuff und Diabas nennt.
Gegen Mitte der Karbonzeit erfolgte eine allgemeine Hebung, das Meer wich zurück, und die genannten Absätze wurden zum Festland. Durch gewaltige seitliche Schubkräfte wurden die ursprünglich »schwebend« (d. h. wagerecht) abgelagerten Gesteinsschichten zu einem hohen Gebirge zusammengefaltet. Von unten nachdrängende Schmelzmassen wurden zum Teil mit in die Faltung hineingezogen und samt ihren Nachbargesteinen durch den hohen einseitigen Druck umgeprägt zu Gneisen. Spätere Nachschübe von Schmelzmassen, die auch noch im Laufe der Karbonzeit empordrangen, fraßen sich durch Einschmelzen ihren Platz in die steilgestellten Schiefer hinein und erstarrten als Granit und Syenit. Durch den Syenit wurden die Schiefergesteine in ihrer gefalteten Stellung in kontaktmetamorphem Zustande festgehalten. Das Faltengebirge der Karbonzeit verlief von Mittelfrankreich nach Nordosten quer durch Deutschland und bog in Sachsen in die südöstliche Richtung um.
An diesem Gebirge begannen sofort die zerstörenden Kräfte der Natur ihre Tätigkeit, und im Laufe des Oberkarbons und des Rotliegenden erfolgte die völlige Abtragung und Einebnung, so daß von der neuen Landoberfläche im allgemeinen die Schichtgesteine quer durchschnitten wurden. Dabei wurden als letzte Nachklänge der Faltungstätigkeit flache Mulden gebildet, von denen eine das Döhlener Becken ist. Der Bergbau hat an etlichen Stellen unter dem Rotliegenden die Schichtenköpfe der steil gestellten silurischen Schiefer angefahren. Die flachen Mulden wurden, wie wir schon wissen, durch Gebirgsschutt und vulkanische Massen ausgefüllt. Auch die üppigen Kryptogamenwälder hatten an der Ausfüllung ihren sehr wichtigen Anteil, indem sie zur Bildung der Steinkohlen den Stoff lieferten. Mit dem Ablauf der Rotliegendzeit war die Muldenzuschüttung beendet. Damit ist überhaupt ein wesentlicher Abschluß erzielt; das »Grundgebirge« ist fertig.
Es folgte für unsere engere Heimat eine sehr lange Zeit geologischer Ruhe, während im übrigen Deutschland wiederholt flaches Meer und küstennahes [102]Festland miteinander wechselten. Die mäßigen Hebungen und Senkungen, die zu diesem Wechsel führten, ließen in der Mitte der Kreidezeit auch unsere Gegend unter dem Meere verschwinden, so daß die Gesteine der oberen Kreide, Pläner und Sandstein, sich bilden konnten. Nach dem Zurückweichen des Kreidemeeres, also gegen Ende der Kreidezeit, bildeten die Kreidegesteine eine vollkommen ebene Erdoberfläche, während alle Gesteine des Grundgebirges unter diesem »Deckgebirge« versteckt waren. Mit dem Ende der Kreidezeit beginnt erst die Gestaltung unserer Landschaft.
Aus der Tertiärzeit kennen wir im Gebiete des Plauenschen Grundes keine Gesteinsbildungen. Erst als die große Inlandeisdecke von Norden bis in unsere Gegend kam, wurden verschiedene Gesteinsabsätze gebildet, die uns noch heute erhalten sind. Ein schönes Beispiel für eiszeitliche Ablagerungen bietet uns die große Kiesgrube auf der Höhe westlich von Dölzschen. Sie zeigt uns im unteren Teile fast wagerecht geschichtete Flußsande, in denen erzgebirgische Gesteine und solche aus dem Norden mit dem Pläner aus nächster Nähe vermischt sind. Die Absätze stammen also aus jener Zeit, als das fließende Wasser eben erst die Kreidedecke durchschnitten hatte und noch in dieser Höhe floß. Im oberen Teile der Grube sehen wir Kiesmassen, die in steiler Schichtung offenbar von Norden über die senkrechte Sandsteinwand des von West nach Ost verlaufenden Flußtals hereingeschüttet worden sind (Abb. 17). Die Wassermassen, die den Sand hereingetragen haben, sind von Norden gekommen und können nur Schmelzwässer des herannahenden Eises gewesen sein. Über den Kiesen lagert, deren Schichtung abschneidend, ein dicht gepacktes, aber ungeschichtetes Haufwerk, das in der Hauptsache eckige Plänerstücke neben nordischen Fremdlingen aufweist. Es ist die Grundmoräne [103]des Eises, das wenige Meter zuvor beim Herabgleiten in das Tal der »Urweißeritz« die Pläner- und Sandsteindecke abgeschürft hatte. Umfang und Tiefe der Grube geben in gleicher Weise zu erkennen, daß die Sande in großen Mengen gewonnen werden; man verwendet sie zum Straßenbau und zur Mörtelbereitung. Ähnliche Sand- und Schotterablagerungen, allerdings bei weitem nicht in derselben Mächtigkeit, treffen wir auch gegenüber auf dem Rücken des Collmberges und in der Nähe der Heidenschanze an.
Viel weitere Verbreitung haben lehmige Absätze, die wir auf einer tieferen Stufe finden. Zauckerode, Döhlen, der Carolaschacht und der obere Teil von Hainsberg auf dem linken Ufer der Weißeritz und Coßmannsdorf, Niederhäslich und Burgk auf der rechten Seite stehen auf dieser Lehmdecke. Eine noch mächtigere Schicht des gleichen Lehms liegt zu beiden Seiten der Weißeritz nach dem Elbtale zu über dem Pläner. Die Fluren von Dölzschen, Naußlitz und Löbtau einerseits und von Coschütz und Plauen anderseits, sind durch diese Lehmbedeckung ausgezeichnet. Völlig steinfreies, allerfeinstes Gesteinsmaterial setzt den Lehm zusammen, in dem sich stellenweise, aber ohne Zusammenhang eine Andeutung von Schichtung zeigt. Wir haben es teils mit Staubmassen zu tun, die der Wind herangeweht hat, teils mit Feinerde, die vom rieselnden Regenwasser umgelagert und hier angeschwemmt worden ist. Für eine ganze Reihe von Ziegeleien hat der Lehm als wertvoller Rohstoff gedient, für die Ansiedelungen bedeutet er die Grundlage des Ackerbaues. Die Zugehörigkeit dieser Ablagerung zur Eiszeit geht aus Pflanzen- und Tierfunden hervor, die vor unserem Auge das Bild einer baumlosen nordischen Tundra mit Riedgräsern und Moosen auftauchen lassen, einer Eissteppe, die im Sommer als Kleintiere Landschnecken und Käfer trug und auf der Mammut, Pferd, Rhinozeros und Renntier sich tummelten. (Vgl. S. 127.)
Zum Schluß seien noch die jüngsten Flußanschwemmungen der Weißeritz und ihrer Zuflüsse erwähnt, Aulehm und Schottermassen, mit denen Unebenheiten im Talboden ausgeglichen werden. Freilich können wir diese Arbeit des Flusses nur an Hochwassertagen beobachten, während sonst der Mensch dem fließenden Wasser durch den Bau von Ufermauern die ihm zukommende geologische Betätigung verwehrt hat.
Von Geh. Bergrat Dr.-Ing. E. h. Emil Treptow,
Prof. i. R. der Bergakademie Freiberg.
Der Plauensche Grund ist reich an natürlichen Hilfsquellen. Die Wasserkräfte der Weißeritz wurden seit Jahrhunderten benutzt, Klima und Boden sind für Obst- und Getreidebau an den flacheren Hängen besonders günstig, die weitere Umgebung ist reich an Nutzholz, dessen Beförderung durch einen wohl eingerichteten Flößereibetrieb erleichtert wurde[1].
[104]
Aber auch das Steinreich liefert vorzügliche Rohstoffe. In ausgedehnten Steinbruchbetrieben im Syenit werden vorzügliche Pflastersteine gewonnen, der Porphyr hat guten Schotter geliefert, Kalksteine wurden an vielen Stellen zur Mörtelbereitung abgebaut. Der größte Schatz aber, die Steinkohle, wurde erst verhältnismäßig spät in größerer Menge gehoben. Die vorhandenen Wasserkräfte und der Überfluß an Holz wirkten hier verzögernd.
Der Erzbergbau hat im Plauenschen Grunde nicht festen Fuß fassen können. Echte, denen von Freiberg ähnliche Erzgänge sind zwar in der Umgebung von Edle Krone und weiter südwestlich nachgewiesen und auch gebaut worden, im Plauenschen Grunde fehlen sie vollständig.
Die Veranlassung zu Bergbauversuchen auf Erze haben einerseits die im Syenit örtlich, aber immer nur spärlich auftretenden Kupfermineralien, gediegenes Kupfer, Kupferglanz, Kupferkies, der durch seine sattgrüne Farbe auffallende Malachit und die mit ihm vergesellschaftete blaue Kupferlasur gegeben. Es treten aber auch im Syenit Mineralgänge auf, die neben Kalkspat, Aragonit, Quarz, Zeolithen und Baryt vereinzelt Bleiglanz und Schwefelkies führen. Mancher Bergbaulustige mag auch durch die phantastischen Berichte von Wahlen[2] (Wälsche, venetianische Händler) über das Vorkommen von Gold und Silber an den dortigen Hängen oder auch von Edelsteinen in der Weißeritz zu einem Schurfversuche angeregt worden sein. Endlich haben auch die mancherlei Sagen von verborgenen Schätzen Veranlassung zu Grabungen gegeben, die später als Bergbauversuche angesprochen worden sind. Andererseits hat wohl auch hier und da ein alter Schurf zur Sagenbildung beigetragen. Übrigens dürfte mancher alte Stolln durch Straßen- und Eisenbahnbau, auch durch den ausgedehnten Steinbruchbetrieb verschwunden sein.
Es sei hier bemerkt, daß der Lauf der Weißeritz im Plauenschen Grunde die Grenze zwischen dem rechtsseitig gelegenen Altenberger und dem linksseitig gelegenen Freiberger Bergamtsrevier bildet. Die Akten des Altenberger Reviers sind durch mehrere Stadtbrände zum Teil vernichtet worden[3]. Damit könnten auch Hinweise auf Bergbauversuche verloren gegangen sein.
Fangen wir mit der Aufzählung der näher bekannten Bergbauversuche am rechten Gehänge oberhalb Plauen an: Im Jahre 1768 wurde von zwei Gebrüdern Lehmann[4] ein Huthaus an der Stelle erbaut, an der jetzt das Gasthaus der Felsenkellerbrauerei steht. In dem kleinen Grunde ist heute noch ein vermauertes Stollnmundloch vorhanden. Da das Bergwerk keine Ausbeute gab, wurde das Gebäude 1772 zur Villa umgewandelt. Wenig talaufwärts von der Felsenkellerbrauerei liegt in einem Seitentale, das nach Coschütz hinaufweist, die Villa Cosel (Abb. 1). An ihrer Stelle stand früher das zum Neuen Segen-Gottes-Stolln[5] gehörige Huthaus. Herr [105]Lehrer Schumann, der mich auch sonst durch Beschaffung älterer Literatur über die dortigen Bergbauversuche unterstützt hat, untersuchte mit Herrn Lehrer Haupt den Stolln am 10. September 1925 und stellte etwa das Folgende fest: Durch eine Falltür und über sechs Stufen gelangt man auf die Stollnsohle, der Stolln verläuft südlich unter der Villa und konnte auf etwa sechzehn Meter Länge befahren werden. Wasser hinderte das weitere Vordringen. Im Kontraktbuche vom Jahre 1767, Fol. 111 des Dresdner Hospitalamtes St. Materni[6] findet sich der Kaufkontrakt zwischen dem Reichsgrafen v. Cosel, dem Sohne der Gräfin und Augusts des Starken, mit dem Hufener Andreas Rühle zu Coschütz, betreffend das Feld zur Anlegung eines Bergwerkes nebst Haldensturz und zum Bau eines Huthauses. Damit stimmt überein, daß sich etwa sieben Meter vom jetzigen Stollneingange entfernt ein Portal mit der durch anschließendes Tonnengewölbe zum Teil verdeckten Inschrift
17 DER NEUE SEGEN GOTTES 67
vorfindet; auch die Türangeln sind noch vorhanden.
[106]
In Potschappel befindet sich im Keller des heutigen Bauhofes (ehemaliges Rittergut) ein vermauerter Stolln, der früher begangen werden konnte. Näheres ist nicht bekannt[7].
Nach Weingart[8] befanden sich an den Wiesen bei Potschappel übereinander zwei Stollnmundlöcher, von diesen war das untere verfallen. In den weiter oben gelegenen, nach Süden getriebenen und mit Türstöcken ausgezimmerten Stolln konnte man einfahren. Das Stollnmundloch steht in Sandstein, dann findet man einen braunen Talk, aus dem Italiener durch eine Art des »Amalgamierens« drei Quentlein geschmeidiges Kupfer herausgebracht haben sollen.
Einen eigenartigen Beleg für die Art und Weise, in der Versuche auf Erzbergbau ausgeführt wurden, gibt der im Rißarchiv des Oberbergamtes befindliche Riß des »Näuen Glück-Topff-Stollns«. Er trägt die Nummer 1. G. h. 1. Der Aufriß soll eine Ansicht des Windberges geben. Der Grundriß zeigt die Weißeritz, die Stollnhalde und den Stolln bis zum Endpunkt A. Wie bei manchen alten Rissen greifen Grundriß und Aufriß ineinander über. Abbildung 2 gibt den Riß in einviertel Größe wieder. Die Überschrift lautet: Abriß des Näuen / Glück Topffs am Windberge über Potzschapffel gelegen unters Ambt Grüllenburgk gehörig. Ähnlich lautet die Unterschrift. Das Beachtlichste ist die rechts ersichtliche Bemerkung des Markscheiders Martin Hörnigk: Anno 1679 den 8. Dezember ist dieser / orthen abgezogen und befunden, daß mit dem Stolln A so weits zur / rechten Hand gefahren ist, auch wenn also wie angefangen forts / gebauet wehre worden, so würde mann mit dem Stollnorthe an / der Weißritz wieder herausgefahren und also / alle angewendeten Kosten vergeblich gewesen sein / welches hiermit zum Bericht.
Bei A ist bemerkt: »Hier wendet (endet) der Stolln den 8. Decembris Anno 1679, bringet seiger tieff vom Rassen ein 5¼ Lachter 6 Zoll.«
Welches Mineralvorkommen die Veranlassung zu diesem Bergbauversuch gegeben hat, ist nicht bekannt. Es findet sich aber noch der Vermerk: Haubt Linie deß ganges uff welchen der Stolln hatt sollen getrieben werden uff 6¼ Uhr.
Wenden wir uns nun auf das linke Ufer der Weißeritz. Ein letzter Versuch, einen Erzbergbau ins Leben zu rufen, wurde von dem Dresdner C. F. Engler unternommen, der das Grubenfeld Engler Fundgrube bei Dölzschen im Jahre 1888 auf alle verleihbaren Mineralien mutete. Er beabsichtigte, einen im Steinbruche von Steinmann gegenüber der Heidenschanze auftretenden Gang zu untersuchen. Eine Einigung mit dem Steinbruchbesitzer wegen des Betriebes kam aber nicht zu stande. Daher wurde das Bergbaurecht im April 1894 wieder losgesagt. An Zubußen sind etwa zweihundert Mark eingezahlt worden[9].
[107]
Die Sage von einer im Burgwartsberge (Abb. S. 146) – auf der Ingenieurkarte Burckartsberg – vergrabenen Braupfanne voll Gold führte zu einem »Bergbauversuch«. Mitte der vierziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts begannen Bergleute aus Nieder-Pesterwitz heimlich nur des Nachts einen Stolln in den Berg zu treiben. Der Ansatzpunkt ist heute noch erkennbar. Die Braupfanne und das Gold haben die abergläubischen Schatzgräber nicht gefunden, aber reichlichen Spott mußten sie über sich ergehen lassen, als die Sache bekannt wurde[10].
Mehrfach wird das Bergwerk Gersteners im Plauischen Grunde, die Grüne Hoffnung, erwähnt[11]. Es lag zwischen Pesterwitz und Potschappel in der Nähe des alten Eisenhammers, jedoch ist die genaue Lage nicht bekannt. Einer dieser Stölln soll früher das Silberloch genannt worden sein. Hasches Magazin enthält ein unbedeutendes Gedicht auf diese mit viel Hoffnung in Betrieb genommene Grüne Hoffnung; v. Weingart berichtet, daß Proben der Erze im Zentner 12 bis 18 Loth Silber und 20 Pfund Kupfer ergaben und daß die Kuxe in den Jahren 1748 und 1749 mit dreißig und [108]sechzig Thalern bewertet wurden. Der Betrieb wurde aber bald wieder eingestellt.
Im übrigen finden wir nur spärliche Nachrichten. In dem unweit des alten Kupferhammers gelegenen Jungfernsprung genannten Felsen auf der linken Talseite ist auf einer Kluft ein Stolln getrieben worden[12]. Ein heute noch erhaltenes Stollnmundloch, dessen Herkunft und Zweck unbekannt ist, befindet sich am linken Ufer der Weißeritz unterhalb der Brücke nahe der alten Haltestelle Plauen. Es wird von Becker, 2. Teil, Seite 13, erwähnt. Auch ein Betrieb des Freiherrn von Burgk auf Kupfererze wird erwähnt[13], doch wurde er bald wegen Verarmung der Erze eingestellt. Im dortigen Archive sind Nachrichten darüber nicht zu finden. – Nach alledem sind lediglich recht unbedeutende Ansätze zum Erzbergbau zu verzeichnen.
Dagegen ist der Steinkohlenbergbau[14] nicht nur für den Plauenschen Grund, sondern auch für die weitere Umgebung von der weittragendsten Bedeutung geworden.
Wenn wir von Kohlsdorf im Nordwesten der Karte über Niederhermsdorf, dann weiter östlich von Saalhausen und Oberdöhlen über Deuben, am Windberg vorbei durch das Poisental bis nach Hänichen (östlich vom Marien- und Glückaufschacht gelegen), dann nordwestlich über Cunnersdorf und Nieder-Pesterwitz zurück bis Kohlsdorf wandern, haben wir etwa die Grenzen des Kohlenbeckens verfolgt. Durch Porphyrdurchbrüche und die mit diesen in Zusammenhang stehende Hauptverwerfung des Roten Ochsen[15] – staffelförmig, dreihundertfünfzig Meter Gesamtsprunghöhe (Abb. 3) – wird von der südwestlichen Hauptmulde die nordwestliche Seitenmulde von Kohlsdorf, Nieder-Pesterwitz und Birkigt abgetrennt. Hier hat an den nördlichen Ausstrichen bei Kohlsdorf [109]und Nieder-Pesterwitz der Kohlenabbau im Kleinbetriebe begonnen (vgl. die Karte Seite 114).
Außerdem zerstückeln noch zwei weitere Hauptverwerfungen das Kohlenfeld, nämlich die Beckerschachter Verwerfung – mit bis neunzig Meter Sprunghöhe –, die sich im südlichen Feldteile in zwei Zweige teilt, und die Carolaschachter Verwerfung mit bis siebzig Meter Sprunghöhe.
Die Kohlenflöze des Plauenschen Grundes, auch Döhlener Becken[16] genannt, gehören dem unteren Rotliegenden an, sie sind in eine bis zu zwanzig Meter mächtige Stufe von Kohlensandsteinen und Schiefertonen eingelagert. Man unterscheidet ein Hauptflöz und zwei bis drei schwache, größtenteils nicht abbauwürdige untere Flöze.
Das Hauptflöz wird durch sechs gut gekennzeichnete Lettenzwischenmittel in mehrere Bänke gegliedert (Abb. 4). Die Kohle ist vorwiegend Pech- und Glanzkohle, nur untergeordnet tritt Faser- oder Rußkohle auf. Durch dünnschichtige Wechsellagerung dieser Kohlenarten wird die Schieferkohle gebildet. Durch Einmengung von Tonschlamm, durch Verkieselung, zum Teil auch durch Einschaltung feiner Lamellen von Schieferton zwischen die Lagen der reinen Kohle entstehen unreine Kohlen, die als Kohlenschiefer oder Brandschiefer, und wegen ihrer Verwendung zur Dampfkesselfeuerung auch Maschinenkohle genannt werden. Stärker verunreinigte Kohle wird zum Kalkbrennen benutzt und daher Kalkkohle genannt.
Ferner beeinträchtigen linsenförmige, der Schichtung des Flözes parallel eingeschaltete Gesteinsmassen, Bergschüsse genannt, und noch häufiger gangförmig das Flöz durchsetzende Massen, von denen die schmäleren Kämme, die breiteren Rücken genannt werden, die Güte der Kohle und stören die Regelmäßigkeit des Abbaues (Abb. 4). Die Kohle dürfte sich zunächst in einem [110]moorigen Zustande befunden haben, bei der Austrocknung bildeten sich Schwindklüfte, diese wurden durch Einspülung von Ton und Sand ausgefüllt und bildeten die Kämme, während die Rücken Ausspülungen durch länger dauernde Einwirkung fließender Gewässer sein dürften, die später ebenfalls vollgeschlämmt wurden.
Die Mächtigkeit des Hauptflözes schwankt im größten Teile des Revieres zwischen zweieinhalb und vier Meter; in der nordwestlichen Hälfte des Pesterwitzer Nebenrevieres, in dem jetzt kein Betrieb mehr stattfindet, betrug sie bei Kohlsdorf bis zu fünf und neun Meter. An den Flözrändern tritt häufig mit der Verminderung der Flözmächtigkeit auch eine Beeinträchtigung der Güte der Kohle ein. Aber auch die bessere Rohkohle ist mit bis zu zwölf Prozent Asche immer noch verhältnismäßig aschenreich. Durch Waschen kann der Aschengehalt erheblich herabgesetzt werden. Übrigens ist das Verhalten des Flözes auch in Hinsicht des Gasgehaltes recht verschieden. Während auf dem linken Ufer der Weißeritz Schlagwetter kaum vorkommen, ist hier, namentlich im Felde der Carolaschächte, Kohlensäureentwickelung häufig. Dagegen treten auf dem rechten Weißeritzufer, dort, wo Gaskohle vorwaltet, zuweilen Schlagwetter auf, die leider einige schwere Unglücksfälle veranlaßt haben (vgl. Seite 119).
An fremden Mineralien werden auf Klüften im Flöz und in den Kämmen gelegentlich, jedoch immer nur in kleinen Mengen, als spätere Bildungen Schwefelkies, Bleiglanz und Zinkblende, auch Kalkspat, Gips und Schwerspat, zum Teil in schönen Kristallen gefunden. Im südlichen Teile des Revieres kommt auch das sonst seltene Mineral Whewellit (sprich Juellit) vor. Es besteht aus wasserhaltigem oxalsaurem Kalk und tritt in schönen, durchsichtigen, stark glänzenden Kristallen, meistens nur bis zu etwa zehn Millimeter Größe auf. Die Abbildung 5 zeigt eine schöne Stufe aus der Sammlung der Bergakademie, die Abbildung 6 stellt die häufigsten Formen der Zwillingskristalle dar[17]. Weisbach beschrieb einen ausnahmsweis großen Kristall von dreiunddreißig Millimeter Länge[18]. Noch gegenwärtig bilden sich in alten Grubenbauen durch Zersetzung des Schwefelkieses Eisenvitriol und Keramohalit, die an den Streckenstößen als haarförmiger Überzug ausblühen.
Geschichtliches. Der Sage nach sollen die Steinkohlen von einem Hirten entdeckt worden sein, der bei dem heutigen Kohlsdorf auf dem Felde Feuer anmachte. Die erste Urkunde ist die Konzession, die Herzog Moritz im Jahre 1542 dem Münzmeister Hans Bienert in Plauen erteilte, vom Dorf Plauen bis nach Tharandt eine Meile lang und breit nach Steinkohlen zu bauen unter der Bedingung, den Grundbesitzern alle Schäden zu ersetzen. Trotzdem gruben später andere auf ihrem Grund und Boden unter Abgabe des Zehnten an den Landesherren nach Kohlen.
Durch kurfürstlichen Befehl vom 16. September 1577 wurden aber alle Kohlen zwischen Freiberg und Dresden für den Landesherren in Anspruch genommen [111]und noch in demselben Jahre bei Döhlen ein kurfürstliches Werk errichtet. Das mußte zu Auseinandersetzungen mit den Grundbesitzern führen und schließlich kaufte Ende 1578 der Kurfürst vier Potschappeler Kohlenwerksbesitzern ihre Kohlenfelder ab. Das Werk nahm einen gewissen Aufschwung, im Jahre 1586 wurden über siebentausend Scheffel Kohlen gefördert. Trotzdem hat der Betrieb nicht lange gedauert.
Daneben bauten aber Ende des sechzehnten Jahrhunderts wieder mehrere Grundbesitzer auf ihrem Grund und Boden Kohlen ab. Auch einige Vitriol- und Alaunsiedereien entstanden seit 1582, die schwefelkiesreichen Kohlenschiefer verarbeiteten. Ja, eine dieser Anlagen war so bedeutend, daß das Dörfchen Schurfenberg seit 1604 die Siedige oder Schiedige genannt wurde, woraus dann [112]der heutige Name Zschiedge entstanden ist[19]. Zwischen Potschappel und dem Windberge sind in Abbrandhalden mehrere schlanke, tulpenförmige, etwa vierzig Zentimeter hohe Tongefäße gefunden worden, die in diesen Betrieben als Kolben und Vorlagen Verwendung fanden[20].
Auch Albinus[21] erwähnt die Steinkohlen des Grundes und die mit ihnen auftretenden Alaunsteine.
Die Unsicherheit in der rechtlichen Stellung des Steinkohlenbergbaues dauerte auch im siebzehnten Jahrhundert an, denn obgleich der Freiberger Berg-Schöppenstuhl[22] auf Erfordern des Churfürsten Johann Georg dessen Frage, ob die Steinkohlen zu den Regalien gehörig seien, im Jahre 1612 verneinte, verfügten die Berghauptleute Georg und Wolf von Schönberg im Jahre 1629, daß alle Abbauberechtigungen auf Steinkohlen beim Bergamte einzuholen seien. Auch der Dreißigjährige Krieg störte den Bergbau. Trotz mehrfacher Versuche der Freiberger Hütten, die Steinkohlen zu verwenden, fehlte bis gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts größerer Absatz.
Erst im Beginn des achtzehnten Jahrhunderts änderte sich das. Die erschwerte Wasserhaltung der Gruben nötigte zur Anlage von Stölln, die zunächst im Wiederitztale angesetzt wurden, und zu den ersten Versuchen mit Kunstgezeugen. Da die Stölln eine größere Anzahl Gruben entwässerten, kam es dann aber wieder zu Streitigkeiten zwischen den einzelnen Besitzern über ihren Anteil an den Kosten des Stollnbetriebes.
Entscheidend für die weitere Entwickelung des Kohlenbergbaues war es, daß Frau Magdalena Isabella von Polenz, geborene von Schönberg, im Jahre 1718 die Rittergüter Zauckeroda und Döhlen käuflich erwarb und 1741 mit den dortigen Werksbesitzern Verträge schloß, die ihr das alleinige Abbaurecht unter ihrem Grund und Boden sicherten. 1745 gründete sie dann die Döhlische Steinkohlengewerkschaft, um über größere Betriebsmittel zu verfügen. Inzwischen war auch das Kohlenmandat vom 19. August 1743 erschienen, das die Zugehörigkeit der Kohlen zum Grundbesitz anerkannte, aber auch jedermann gestattete, auf fremdem Grund und Boden Kohlen aufzusuchen und abzubauen, falls der Grundbesitzer selbst dies innerhalb Jahresfrist nicht tat. Allerdings mußte der Fremde dem Besitzer den Zehnten gewähren.
Als wichtigeres Unternehmen ist noch zu nennen, daß der rührige Besitzer des Freigutes Kohlsdorf Burckhardt zur Entwässerung des Steinkohlengebietes von Wurgwitz, Potschappel, Zauckerode und Niederhermsdorf im Jahre 1747 einen Stolln am linken Wiederitzufer ansetzte und bis 1772 auf sechshundertachtundvierzig Lachter = eintausendzweihundertsechsundneunzig Meter Länge, [113]forttrieb. Auch erwarb er im Jahre 1763 die allerhöchste Konzession[23], einundzwanzig Lachter auf jeder Seite des Stollns, als ein Gevierdt Feld, die Kohlen abzubauen, während die außerhalb dieses Feldes liegenden Kohlen als freies Feld angesehen wurden. Der Siebenjährige Krieg und Streitigkeiten mit den anderen Kohlenwerksbesitzern hinderten aber auch hier die Entwickelung, daher verkaufte Burckhardt im Jahre 1773 den Stolln an den damaligen Besitzer der Rittergüter Döhlen und Zauckeroda Alexander Christoph von Schönberg, der damit den größten Teil der auf dem linken Weißeritzufer liegenden Kohlenfelder in seiner Hand vereinigte.
Zu gleicher Zeit begann der Kohlenbergbau auch auf dem rechten Weißeritzufer und zwar an den im Kohlgraben, am Fuße des Eichberges gelegenen Flözausstrichen. Zu größerer Bedeutung gelangte dieser Bergbau durch den Besitzer des Gutes Burgk, den Sekretär Carl Gottlieb Dathe und seine Besitznachfolger seit 1767. Außerdem hatte auch der Besitzer des Potschappeler Rittergutes, Graf von Hagen, den Kohlenabbau nachdrücklicher betrieben.
Dadurch, daß der Absatz der Kohlen sich immer mehr erweiterte, indem die Freiberger Schmelzhütten anfingen, sie zu verwenden und auch auf der Elbe Kohlen nach Preußen versandt wurden, war auch die staatliche Verwaltung auf den Kohlenbergbau im Grunde aufmerksam geworden, sie erwarb den von den Gebrüdern Hermsdorf im Jahre 1786 in Niederhermsdorf begonnenen Leopold-Erbstolln, zu dessen Betrieb das Freiberger Bergamt Mittel aus der Gnadengroschenkasse bereitgestellt hatte, im Jahre 1799.
Der Kohlenabsatz hatte sich allmählich derart gesteigert, daß im Jahre 1805 vierhundertneun Mann auf den Werken des Plauenschen Grundes beschäftigt wurden. Der Scheffel Kohlen wurde damals mit zwölf Groschen bezahlt.
Trotzdem hat die Einführung des Steinkohlenbrandes in die Häuslichkeiten noch sehr erhebliche Schwierigkeiten gemacht, wie recht deutlich aus den beiden im Anhange wiedergegebenen obrigkeitlichen Verfügungen hervorgeht.
Über die Ausbreitung des Steinkohlenbergbaues gegen Ende des achtzehnten und am Beginne des neunzehnten Jahrhunderts gibt uns die Ingenieur-Karte zuverlässige Auskunft. Blatt XXIII umfaßt den Plauenschen Grund, es ist im Jahre 1785 aufgenommen und im Jahre 1826 in Schwarz gezeichnet[24]. Auf dem im Oberbergamte Freiberg befindlichen Stücke sind Nachträge bis etwa 1860 in roter Farbe vorhanden. Die alten, kleinen Schachtanlagen liegen gruppenweise am Ausstrich der Nebenmulde und zwar bei Kohlsdorf elf und weiter östlich zwischen Pesterwitz und Burckartsberg[25] [115]sechs; dann von Kohlsdorf südlich nach Zauckeroda zu dreizehn und weiter, dem Ausstrich der Hauptmulde entlang östlich von Zauckeroda am Westhange des Burckartsberges zwölf. Bei Birkigt im östlichen Teile der Nebenmulde fehlen Schachtanlagen. Das wären also zweiundvierzig Schachtanlagen, die man als am Ausstriche gelegen bezeichnen kann. An tieferen Schächten sind fünf eingetragen und zwar drei östlich von Zauckeroda und südlich von der nach Potschappel führenden Kohlenstraße, hiervon ist einer in der Nähe des Wiederitzbaches als Kunstschacht bezeichnet, und je einer westlich und östlich von Burgk.
Das an der Straße nach Dresden gelegene Gasthaus »Der Steiger«, ist auf der Karte bereits mit diesem Namen bezeichnet. In dem Grundstück befindet sich übrigens das Mundloch des »Tiefen Weißeritz-Stollns«. Das im Jahre 1806 mit Benutzung des Weißeritzgefälles der Roten Mühle erbaute Kunstrad und das zugehörige vierhundertvierundzwanzig Meter lange Feldgestänge[26], welches die Wasserhebung in einem neuen vierundvierzig Meter tiefen Kunstschachte vermittelte, ist in schwarzer Farbe, aber ersichtlich von fremder Hand später nachgetragen. Die Abb. 8 zeigt diese Anlage nach einem älteren Stiche, den ich der Freundlichkeit des Herrn G. Petzsch in Pesterwitz verdanke. Die Anlage war bis 1883 im Betriebe. Nördlich von Burg und südlich von Zschietge ist das Vitriolwerk vermerkt (vgl. Seite 111).
Das neunzehnte Jahrhundert brachte den Gipfelpunkt der Entwickelung des Steinkohlenbergbaues. Der sächsische Staat übernahm im Jahre 1806 den gesamten von Schönbergschen Besitz, der 1810 durch den Ankauf des Potschappeler Rittergutes noch vergrößert wurde. Der Betrieb des 1800 begonnenen Tiefen Weißeritzstollns wurde von 1806 ab unter Zuhilfenahme von [116]acht Lichtlöchern wesentlich beschleunigt und im Jahre 1817 der tiefste mögliche Stolln vom Elbtale bei Cotta aus in Angriff genommen. Im November 1836 wurde er vollendet. Der Hauptstolln bis zum Zauckerodaer Kunstschachte hat eine Länge von sechstausendvierundvierzig Metern und ist noch heute für die Wasserhaltung von großer Wichtigkeit (Abb. 9).
Das Burgker Werk erlangte größere Bedeutung, nachdem im Jahre 1819 der tatkräftige Carl Friedrich August Freiherr von Burgk den Besitz angetreten hatte, den fortzuführen ihm bis 1872 vergönnt war.
Neben diesen beiden großen Werken treten die übrigen Unternehmungen zurück. Als die wichtigeren seien gleich hier genannt: der Potschappeler Aktienverein 1836 bis 1876, der Gitterseer Aktienbauverein 1836 bis 1859 und der Hänichener Steinkohlenbauverein 1849 bis 1906. Das Kohlenfeld des letzteren liegt schon außerhalb des Plauenschen Grundes.
Inzwischen war erneut durch das Mandat vom 10. September 1822 die Zugehörigkeit der Kohle zum Grundbesitz ausgesprochen und dadurch jeder Zweifel an der rechtlichen Stellung des Kohlenbergbaus beseitigt worden.
Die beiden großen Werke, das Königliche und das Burgker, wetteiferten in der Vervollkommnung der Betriebsmittel. Schon im Jahre 1820 wurde beim neuen Zauckerodaer Kunstschachte die erste Dampfmaschine beim sächsischen Steinkohlenbergbau überhaupt in Betrieb gesetzt, 1821 folgte eine zweite beim Burgker Wilhelminenschachte. Dort wurde auch im Jahre 1828 eine Gasanstalt errichtet, übrigens die zweite in Deutschland; die erste hatte der Freiberger Professor Lampadius im Jahre 1816 auf dem Amalgamierwerk der Freiberger Hütten zu Halsbrücke in Betrieb gesetzt. Der Freiherr v. Burgk betrieb in den Jahren 1828 bis 1862 auch in der Nebenmulde auf dem linken Weißeritzufer unter den Fluren Pesterwitz und Kohlsdorf Kohlenbergbau.
Eine wesentliche Erleichterung für den Absatz der Kohlen brachte der im Jahre 1854 begonnene Bau der Albertbahn von Dresden nach Tharandt und die schon im Jahre 1856 vollendete Herstellung von Anschlußgleisen für die wichtigsten Kohlenschächte. Die auf dem rechten Ufer der Weißeritz mit großen Steigungen erbaute Windbergbahn mußte damals als ein Meisterwerk der Technik gelten. 1869 folgte die Eröffnung der Bahnstrecke Tharandt–Freiberg (Abb. S. 195).
Von späteren Neuerungen beim Steinkohlenbergbau sei die Anlage von Kohlenwäschen und das Verkoken und Brikettieren der Kohlen erwähnt. Beim Grubenbetriebe wurde 1875 die Preßluft unter Tage verwendet, 1882 lief beim Oppelschachte des königlichen Werkes die erste unterirdische, elektrische Lokomotive. Die Kohlengewinnung mittels Bohr- und Schrämmaschinen, ferner mit Abbauhämmern, verdrängt immer mehr die Handarbeit.
Das Gesetz über das staatliche Kohlenbergbaurecht vom 14. Juni 1918 hat auf den Bergbau des Grundes keinen Einfluß gehabt, da das überhaupt noch in Frage kommende Kohlenunterirdische sich im Besitz der beiden zurzeit noch in Förderung stehenden Werke des staatlichen Steinkohlenwerkes und des Burgker Werkes befindet. Das erstere ist seit März 1924 der Aktien-Gesellschaft [118]der Sächsischen Werke angegliedert, es fördert jetzt noch aus den Anlagen Oppelschacht und Carolaschächte (Abb. 10), der König-Georg-Schacht ist seit dem Frühjahr 1925 vorläufig stillgelegt. Bei den Burgker Werken sind noch der Glückaufschacht und der Marienschacht (Abb. 11) in Betrieb.
Auch auf die Bestrebungen für die Arbeiterwohlfahrt sei hingewiesen. Schon 1808 wurde beim Königlichen Werke die erste Knappschaftskasse mit Werksbeihilfe ins Leben gerufen. Arbeiterwohnungen wurden von den beiden großen Werken gebaut, Badeanstalten (zuerst 1843 beim Oppelschachte) und Werkskrankenhäuser wurden errichtet. Seit 1896 besteht beim Oppelschachte ein Dampf- und Heißluftbad nebst Massageraum für Arbeiter.
| Jahr | Zahl der Werke |
Förderung | Wert je Tonne in Mark |
Im Betriebe Beschäftigte |
|
| in Tonnen | Wert in M. | ||||
| 1853 | 7 | 366 635 | 2 435 718 | 6,64 | 3636 |
| 1854 | 7 | 403 496 | 2 634 822 | 6,53 | 3725 |
| 1855 | 7 | 419 044 | 2 769 807 | 6,61 | 3955 |
| 1856 | 8 | 444 637 | 2 999 250 | 6,75 | 4358 |
| 1857 | 8 | 467 230 | 3 204 702 | 6,86 | 4426 |
| 1858 | 7 | 491 576 | 3 703 304 | 7,59 | 4340 |
| 1859 | 6 | 455 958 | 3 265 536 | 7,16 | 4237 |
| 1860 | 8 | 452 933 | 3 181 239 | 7,02 | 4398 |
| 1861 | 7 | 488 877 | 3 368 982 | 6,82 | 4413 |
| 1862 | 7 | 479 529 | 3 319 830 | 6,92 | 4554 |
| 1863 | 7 | 515 130 | 3 367 197 | 6,53 | 4509 |
| 1864 | 9 | 544 113 | 3 799 068 | 6,98 | 4460 |
| 1865 | 9 | 566 255 | 4 110 426 | 7,26 | 4254 |
| 1866 | 12 | 553 643 | 4 205 970 | 7,59 | 4321 |
| 1867 | 12 | 571 446 | 4 335 532 | 7,59 | 4354 |
| 1868 | 10 | 586 893 | 4 754 664 | 8,10 | 4275 |
| 1869 | 12 | 506 545 | 4 099 302 | 8,09 | 3804 |
| 1870 | 8 | 532 322 | 4 523 343 | 8,50 | 3539 |
| 1871 | 9 | 606 321 | 6 584 949 | 10,86 | 3850 |
| 1872 | 8 | 614 143 | 7 018 404 | 11,43 | 3757 |
| 1873 | 8 | 605 380 | 7 415 799 | 12,25 | 3608 |
| 1874 | 9 | 640 765 | 8 125 032 | 12,68 | 3710 |
| 1875 | 10 | 597 688 | 6 854 448 | 11,47 | 3490 |
| 1876 | 10 | 568 917 | 6 034 143 | 10,61 | 3440 |
| 1877 | 10 | 543 363 | 5 168 500 | 9,51 | 3277 |
| 1878 | 10 | 544 394 | 4 801 864 | 8,82 | 3216 |
| 1879 | 10 | 539 812 | 4 571 002 | 8,47 | 3073 |
| 1880 | 10 | 594 519 | 4 941 163 | 8,31 | 3268 |
| 1881 | 8 | 541 999 | 4 791 722 | 8,84 | 3152 |
| 1882 | 9 | 551 400 | 4 462 236 | 8,09 | 3140 |
| 1883 | 8 | 568 862 | 4 202 327 | 7,39 | 3002 |
| 1884 | 6 | 558 308 | 4 248 228 | 7,61 | 2996 |
| 1885 | 6 | 560 317 | 4 183 239 | 7,47 | 2868 |
| 1886 | 6 | 583 716 | 4 608 842 | 7,90 | 2866 |
| 1887 | 5 | 602 974 | 5 084 541 | 8,43 | 2939 |
| 1888 | 4 | 582 953 | 5 134 359 | 8,81 | 2767 |
| 1889 | 4 | 592 706 | 5 246 943 | 8,86 | 2880 |
| 1890 | 4 | 593 485 | 5 778 239 | 9,75 | 2906 |
| 1891 | 4 | 609 567 | 6 007 900 | 10,12 | 2907 |
| 1892 | 4 | 586 367 | 5 614 491 | 9,89 | 2825 |
| 1893 | 4 | 548 921 | 5 353 324 | 9,75 | 2701 |
| 1894 | 4 | 526 389 | 4 982 644 | 9,47 | 2638 |
| 1895 | 4 | 544 736 | 5 173 510 | 9,52 | 2819 |
| 1896 | 4 | 550 489 | 5 290 932 | 9,61 | 2803 |
| 1897 | 4 | 551 153 | 5 285 553 | 9,59 | 2775 |
| 1898 | 4 | 551 347 | 5 441 493 | 9,69 | 2755 |
| 1899 | 4 | 553 027 | 5 578 907 | 10,10 | 2802 |
| 1900 | 4 | 660 972 | 7 675 250 | 11,44 | 2968 |
| 1901 | 3 | 616 378 | 7 546 158 | 12,24 | 2994 |
| 1902 | 3 | 550 899 | 6 368 594 | 11,56 | 2831 |
| 1903 | 3 | 533 002 | 5 784 799 | 10,04 | 2705 |
| 1904 | 3 | 519 864 | 5 380 787 | 9,57 | 2624 |
| 1905 | 3 | 513 190 | 5 012 191 | 9,50 | 2526 |
| 1906 | 3 | 533 740 | 5 563 204 | 9,92 | 2470 |
| 1907 | 2 | 543 293 | 6 285 723 | 10,08 | 2417 |
| 1908 | 2 | 543 718 | 6 646 410 | 12,23 | 2482 |
| 1909 | 2 | 533 753 | 6 313 297 | 11,83 | 2436 |
| 1910 | 2 | 494 778 | 5 613 987 | 11,35 | 2374 |
| 1911 | 2 | 505 759 | 5 518 548 | 10,91 | 2302 |
| 1912 | 2 | 537 767 | 6 063 082 | 11,27 | 2277 |
| 1913 | 2 | 536 386 | 6 387 758 | 11,91 | 2324 |
| 1914 | 2 | 462 327 | 5 435 043 | 11,76 | 2092 |
| 1915 | 2 | 391 425 | 5 177 211 | 13,23 | 1663 |
| 1916 | 2 | 387 337 | 5 871 024 | 15,16 | 1590 |
| 1917 | 2 | 449 403 | 8 624 817 | 19,19 | 1917 |
| 1918 | 2 | 414 003 | 10 230 558 | 24,71 | 2062 |
| 1919 | 2 | 381 256 | 19 431 736 | 50,97 | 2296 |
| 1920 | 2 | 378 742 | 67 324 281 | 177,76 | 2451 |
| 1921 | 2 | 406 859 | 95 107 996 | 233,76 | 2497 |
| 1922 | 2 | 391 844 | 1 277 220 | 3260,– | 2523 |
| Reichsmark | |||||
| 1923 | 2 | 346 909 | 7 272 629 | 20,96 | 2589 |
| 1924 | 2 | 325 039 | 5 490 708 | 16,89 | 2485 |
| 1925 | 2 | 321 729 | 5 356 652 | 16,65 | 1965 |
Die Zahlentafel wurde nach Bähr für die Jahre 1853 bis 1914 zusammengestellt. Jedoch wurde die von Bähr für die Jahre 1853 bis 1870 in Scheffeln angegebene Förderung in Tonnen umgerechnet (1 Scheffel = 89,3 Kilogramm) und der durchschnittliche Wert der Tonne ermittelt. Die Zahlen für 1914 bis 1925 wurden nach dem Sächsischen Jahrbuche eingesetzt.
[119]
Außerdem wurde aber die jährliche Förderung in 1000 Tonnen und der Wert je Tonne durch Schaulinien (Abb. 12 und 13) dargestellt, weil hierdurch deutlicher als durch die Zahlenreihen die Schwankungen zuzeiten guten und schlechten Geschäftsganges hervortreten. Die Jahre 1858, 1871 bis 1875, 1890 bis 1893, dann 1900 bis 1903 treten als Spitzen besonders deutlich hervor. Die Schaulinie für die Förderung zeigt überdies klar die allmähliche Zunahme in den Jahren bis 1874 und dann das Fallen von 1900 ab. Auf die Darstellung des Wertes je Tonne von 1916 ab mußte wegen der außerordentlich großen Schwankungen verzichtet werden.
Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten! Wer sich mit dem Kohlenbergbau des Plauenschen Grundes beschäftigt, der darf an den Unfällen, die ihn betroffen haben, nicht achtlos vorübergehen. Das größte Unglück, das den [120]sächsischen Steinkohlenbergbau überhaupt betroffen hat, ereignete sich am Montag, den 2. August 1869 auf dem Windberg und Hoffnungsschachte der Freiherrlich von Burgker Steinkohlenwerke[27].
Zur Frühschicht waren zweihunderteinundachtzig Mann angefahren, von ihnen konnten sich nur fünf retten, die übrigen zweihundertsechsundsiebzig, darunter zwei Obersteiger und vier Untersteiger, wurden das Opfer einer schweren Schlagwetterexplosion, deren verheerende Wirkung durch die Entzündung von Kohlenstaub noch verstärkt wurde. Ein großer Teil der Leute wurde durch die weithin durch die Strecken fortgetragene Explosionsflamme getötet, viele wurden durch zusammenbrechende Grubenbaue verschüttet, der größte Teil erstickte in den unatembaren giftigen Nachschwaden. Trotzdem schnell Hilfe zur Stelle war, gelang ein Eindringen in die Grubenbaue erst, nachdem der Tod seine Ernte gehalten hatte. Welche Verwüstungen die Explosion angerichtet hatte, geht am besten daraus hervor, daß, obgleich täglich bis zweihundert Mann an der Aufgewältigung der Grubenbaue arbeiteten, die letzten Leichen doch erst nach vier Wochen geborgen werden konnten.
Sofort nach dem Unglück setzte ein Hilfswerk zur Linderung der Not der etwa zwölfhundert Hinterbliebenen ein. Nachdem sogleich Geldbeträge verteilt worden waren, konnten der Altersrentenbank zur laufenden Unterstützung nahezu vierhunderttausend Taler überwiesen werden. Der Freiherr [121]von Burgk ehrte überdies das Andenken seiner verunglückten Beamten und Arbeiter, indem er über der gemeinsamen Ruhestätte des größten Teiles derselben in der Nähe des Segen-Gottes-Schachtes ein eindrucksvolles Denkmal errichten ließ, auf dem die sämtlichen Namen verzeichnet sind (Abb. 14).
Besonders erfreulich ist es, daß die behördlichen Erörterungen[28] ergeben haben, daß an dem schweren Unglücke niemand ein Verschulden trifft.
Auch heute, nachdem eine große Zahl neuer Hilfsmittel zur Bekämpfung der Schlagwettergefahr ersonnen worden sind, fordert dieser grimme Feind des Bergbaus leider von Zeit zu Zeit immer noch seine Opfer.
Doch ein Rückblick auf die Entwickelung des Plauenschen Grundes zeigt, wieviel Segen der Kohlenbergbau verbreitet hat, auch für die weitere Umgebung. [122]Die alte Sage, daß die Kohlen sich in Gold verwandelt hätten, die ein Berggeist dem Rotkopf Görge schenkte, nachdem er in dem Schlosse im Windberge zum Tanze aufgespielt hatte, ist, wenngleich in anderer Weise, wahr geworden. Die blühende Industrie des Grundes ist der beste Beweis hierfür. Eine Gruppe im Park des Schlosses zu Burgk hat diese Sage verkörpert (Abbildung 15).
Der Schatz an Kohlen, der dem Grunde geschenkt wurde, wird aber in etwa zwanzig Jahren völlig gehoben sein! Was dann? An ihre Stelle wird eine noch vollkommenere Ausnutzung der Wasserkräfte des Weißeritzgebietes treten, und in elektrischen Strom verwandelt, werden sie reichlich Energie spenden als Licht und Kraft und vielleicht auch als Wärme!
An Herrn Martin Weigeln Churf. S. Ober Bergkmeister Alhier Zu Freybergk[29]
Unsere Willige Dienste zuuorn Ehrenvehster, Erbarer Und Ehrenwohlgeachteter besonders günstiger Herr und Freund. Das der durchlauchtigste hochgeborene Fürst und Herr, Herr Johannes Georg Herzogk zu Sachsen Gülich, Cleve und Bergk, des heiligen römischen Reiches Erzmarschall und Churfürst Landgraf in Düringen, Marggeraf zu Meißen, Burggraf zu Magdeburgk, Graff zu der Margk und Rauensburgk, Herr zu Rauenstein, [125]unser genädigster Herr, demherr gnädigst anbevohlen, Weill in seiner Churf. Gn. Landen an etzlichen Ortten Steinkohl Bergwergk sich ereignet, das er sich durch unseren Rahtsspruch erlernen solle: Ob anebliche Steinkohl vor ein Metal oder Mineral zu achten und zu S. Churf. Gn. Regalien gehörig, desgleichen, wessen man sich uf künftigefälle der Muthung Aufnehmung bestettigung und zehendens wegen zu verhalten haben möchte: Und was der Herr darauf an uns fürder gelangen lassen, haben auf desselben uns überschickter Frage wir mit mehreren zuvernehmen gehabt:
Erachten nach vleißiger erwegung dieser Sachen zu Bergkrecht zu erkennen zu sein: Obwohl die Steinkohlen res fossiles seint, das sie dennoch für kein Metal zu achten, alldieweill sie nichts so zu Nutz zu bringen mit sich führen, sondern wan sie von den Schmieden und sonsten zu Ersparung Holzes und anderer Kohlen zu ihrer Arbeit gebrauchet werden und durchs Feuer gehen nichts Fügliches hinder sich lassen. Dannenhero sie dann auch von unsern lieben Vorfahren dieser Bergstatt unter die Metalla nicht mitgerechnet noch (soviel uns Wissent) zu den Regalien gehörig gezogen und darumb weder gemuthet, aufgenommen noch bestetiget, noch auf ichtwas in Churf. S. Zehenten darum gereichet oder entrichtet worden. Wie dann auch weder in Churf. S. Bergkordenung einige Nachrichtung hiervon befindtlich noch in üblichen Bergkgebräuchen diesses Ortes bießhero dießfalß niemalßen einige Gewißheit herbracht. Bey welchen alten Herkommen es dann auch nochmalßen unseres ermeßens billich verbleibet von Bergkrechtswegen. Zu Urkund haben wir gemeinerstatt Secret wißentlich zurück dießes aufgedrückt.
Abschrift aus der Sammlung der in Dresden geltenden Polizei-Bestimmungen nebst verschiedenen Regulativen als Anhang. Herausgegeben von Carl Eduard Flath, Stadtrath in Dresden.
Dresden und Leipzig, in der Arnoldischen Buchhandlung 1842.
II. Capitel. Von der Gewerbs- und Handelspolizei. Seite 217.
CLXIV. Publicandum.
Ihro Königl. Majestät von Sachsen etc. etc. etc. haben mittels allerhöchsten Rescripts vom 13. jetzigen Monats dem Stadtpolizei-Collegio anbefohlen, wegen der immer beschwerlicher werdenden Versorgung Allerhöchstdero Residenz mit dem erforderlichen Brennholze den hiesigen Einwohnern Nachstehendes zur Nachricht und Befolgung bekannt zu machen:
1. Kein Hausbesitzer soll hinführo berechtigt sein, seinen Miethleuten und Inwohnern den Gebrauch der Holzsurrogate zur Feuerung zu verwehren, oder sie an den zur Torf- und Steinkohlen-Feuerung nöthigen Vorrichtungen der Oefen und Heerde zu behindern.
Alle diesfalls in die Mieth- oder andere Contracte zeither etwa eingeflossene oder künftig einzurückende Clauseln sollen für ungiltig geachtet werden.
2. Man versieht sich daher zu den hiesigen Hausbesitzern, daß sie zur Erreichung der auf Beförderung der Torf- und Steinkohlenfeuerung in hiesiger Residenz und Verminderung der Holz-Consumtion gerichteten allerhöchsten Absicht das Ihrige nach ihren Kräften beizutragen sich von selbst geneigt finden lassen, und daher auf Ansuchen ihrer Miethleute sowohl, als aus eigenem Antrieb die in den ihnen zugehörigen Häusern zu diesem Zweck erforderlichen, jedenfalls nur unbedeutenden Verbesserungen der Oefen und Feuerungsstellen veranstalten werden.
[126]
Wie nun wegen dieser Vorschriften das Amt und der Stadtrath allhier mittels der aus der königl. sächs. Landesregierung unterm 13. jetzigen Monats ergangenen Rescripte bereits mit der erforderlichen Anweisung versehen worden sind, als ist, damit sich Niemand mit der Unwissenheit entschuldigen möge, gegenwärtiges Publicandum an öffentlichen Orten gewöhnlichermaßen ausgehangen worden. Es wird auch ein Exemplar davon in jedes Haus abgegeben werden.
Die Hausbesitzer haben selbiges einem jeden ihrer Miethleute zum Durchlesen zuzustellen, nicht minder bei Veränderung der Miethen den neuen Miethleuten zur Einsicht vorzulegen und, daß solches geschehen, von Jedem mittels Namensunterschrift darunter bescheinigen zu lassen.
Dresden, den 20. Februar 1817.
Das Stadt-Polizei-Collegium.
Allergnädigst bewilligte Freiberger gemeinnützige Nachrichten für das Königlich Sächsische Erzgebirge.
Redigiert, verlegt und gedruckt bei F. C. Gerlach in Freiberg.
Mittwoch, den 21. April 1847, S. 220.
Bekanntmachung.
Die immer mehr in die Höhe gehenden Preise des Brennholzes und der damit verbundene, namentlich für die ärmere bergmännische Bevölkerung der hiesigen Gegend, sehr drückende Aufwand haben den Wunsch hervorgerufen, durch eine mehrere Einführung von Steinkohlenfeuerung für den häuslichen Bedarf den in der hiesigen Gegend wohnenden Bergmannsfamilien eine denselben sehr nötige Erleichterung zu verschaffen.
Wenn nun aber eine ausgebreitetere Anwendung dieses wohlfeilen Brennmaterials zum Teil dadurch schwierig wird, daß die fast nur auf Holzfeuerung eingerichteten Öfen dieser Familien nicht zur Steinkohlenfeuerung tauglich und auch die gewöhnlichen Steinkohlenstubenöfen zum Gebrauch in einer beschränkten Haushaltung nicht passend sind: so ist Seiten des Königlichen hohen Oberbergamtes beschlossen worden, für die, namentlich hinsichtlich der Wärmeerzeugung, beste Construction eines derartigen, mit den nothwendigen Vorrichtungen zum Kochen und Wasserwärmen versehenen und sowohl in Anschaffung und Speisung wohlfeilen, als auch leicht zu behandelnden, Stubenofens
eine Prämie von 50 Thalern
auszusetzen und alle Diejenigen, denen Kenntniß und Erfahrung hierüber beiwohnt, zu dießfallsigen Mitteilungen aufzufordern.
Indem daher das unterzeichnete Bergamt Solches hiermit zur öffentlichen Kenntniß bringt, bemerkt dasselbe, daß alle die, welche sich um diese Prämie bewerben wollen, spätestens bis Ende August dieses Jahres sowohl einen Anschlag, als auch einen Riß eines solchen Ofens, an dasselbe einzusenden haben, und daß, wenn über die Brauchbarkeit der vorgeschlagenen Ofen während des nächsten Winters nähere Versuche angestellt worden sein werden, dann dem Einsender der in den obbemerkten Beziehungen am Besten befundenen Construction obgedachte Prämie zugestellt, übrigens aber das Ergebniß veröffentlicht werden wird.
[127]
Die einzusendenden Risse und Anschläge müssen mit einem Motto versehen und von einem versiegelten Zettel begleitet sein, der unter demselben Motto den Namen und Wohnort des Einsenders enthält.
Freiberg, den 14. April 1847.
Fußnoten:
[1] Vgl. den Aufsatz des Herrn Rektor Dr. Schmidt, S. 156.
[2] Schrifttum Nr. 2, S. 249 bis 252.
[3] Meißner, M. Christoph. Umständliche Nachricht von der Churfl. Sächß. Schriftsäßigen freien Zien-Bergstadt Altenberg usw. 1747. S. 415, ff.
[5] Bei Petzholdt, Schrifttum Nr. 28, heißt dieser Stolln: Gottes Hilf in der Höhe.
[7] Schrifttum Nr. 15, Teil II, S. 12 bis 14.
[8] Schrifttum Nr. 11, S. 10. – Weingarts Nachrichten sind mit vieler Vorsicht zu betrachten, denn er glaubt, daß die Wahlen am Windberge Silber und Gold und in der Weißeritz außer Jaspis auch Türkise gefunden hätten. Letzterer kommt wegen seiner geringen Härte überhaupt nicht als Geschiebe in Flüssen vor.
[9] Jahrbuch 1889 bis 1895. – Akten des Bergamtes Freiberg 7657 u. 7669.
[10] Gefällige Mitteilung des Herrn G. Petzsch.
[11] Hasches Magazin, Bd. V, 1788, S. 276 bis 288. – v. Weingart, S. 16. (Abb. S. 181).
[12] Becker. Der Plauische Grund, 1799, Bd. I, S. 119.
[13] Erläuterungen zur Geologischen Karte, Blatt Dresden, 2. Aufl., S. 13.
[14] Hartung, Heinrich. Schrifttum Nr. 58, S. 3 bis 128. – Bähr, S. H. E. Desgl. Nr. 69. – Hoyer. Manuskript. Freiherrlich von Burgker Steinkohlenwerke, 11 Blatt, 1924.
[15] Das Rot erklärt sich leicht aus der rotbraunen Färbung der Ausfüllungsmasse. Ochse könnte eine Verstümmelung aus Ocher sein. Andererseits sollen nach Bergdirektor Hoyer die dortigen Bergleute ein hartes Ort als Ochsen bezeichnen.
[16] Schrifttum Nr. 70, 1, und Nr. 47.
[17] Nach Kolbeck, Goldschmidt und Schröder, Beiträge zur Kristallographie und Mineralogie, Bd. I, Heft 4 u. 5, 1918.
[18] Sächsisches Jahrbuch 1886, S. 88.
[20] Gefällige Mitteilung des Herrn G. Petzsch in Pesterwitz. – Lampadius beschreibt im Supplement zum Handbuche der allgemeinen Hüttenkunde, 1826, Bd. II, S. 262, einen solchen Ofen. Abbildung auf Tfl. VII.
[21] Meißnische Land- und Bergchronica, 1590, S. 189.
[22] Dieses Bergurteil ist wegen der Wichtigkeit, welche es für den Steinkohlenbergbau in Sachsen erlangte, im Anhange wiedergegeben worden.
[23] Bähr, S. 130.
[24] Abb. 7 gibt einen Ausschnitt aus dieser Karte, den nordwestlichen Teil des Kohlenbeckens umfassend. – Durch Resolution des Churfürsten Friedrich August vom 16. März 1787 wurde die Abgabe von Kopien der Blätter der Ingenieurkarte, betr. das Bergamt Altenberg samt Berggießhübel und Glashütte, vor allen anderen aber des Plauischen Grundes an das Oberbergamt Freyberg angeordnet. Akten des Oberbergamtes zu Freyberg de anno 1786, Nr. 8808, Vol. I, Fol. 4.
[25] Ich habe die Namen hier geschrieben, wie sie auf der Karte stehen.
[26] Hartung, S. 15.
[27] Königsheim, Schrifttum Nr. 39.
[29] Berg-Urthel Buch vom Jahre 1550 bis 1654. Fol. 75 bis 76. Freiberger Rathsbücherei III, 3. – Span. Sechshundert Bergk Urthel, 1636. S. 8 b.
Von Dr. Georg Bierbaum, Dresden
Aufnahmen des Archivs urgeschichtlicher Funde aus Sachsen
Wir haben im geologischen Teil von der Eiszeit gehört. In die Eiszeit fällt das erste Auftreten des Menschen, und zwar des Menschen der Altsteinzeit. So nennen wir, kulturgeschichtlich gesprochen, die erdgeschichtlich als Eiszeit (Diluvium) bezeichnete Epoche. Eiszeitliche Menschenreste sind in Sachsen bisher noch nicht aufgefunden worden. Es ist jedoch durchaus möglich, daß wir eines Tages auf solche stoßen bei der großen Ausdehnung, welche der während der letzten Eiszeit gebildete fruchtbare Lößboden (z. B. Lommatzscher Pflege!) im Lande hat. Wir können die Anwesenheit des Menschen also nicht direkt aus seinen körperlichen Überresten erschließen, sondern nur aus der Hinterlassenschaft seiner Werkzeuge, welche vorwiegend aus Feuerstein angefertigt waren. Bis zum heutigen Tage sind altsteinzeitliche Feuerstein-Werkzeuge aus unserem Gebiet nicht bekannt geworden. Wir haben aber zahlreiche Funde der in diesen frühen Zeitläuften anderwärts als gemeinsam mit dem Eiszeitmenschen lebend festgestellten Tierwelt auch aus dem Plauenschen Grunde, so den Moschusochsen (vom »Schusterhaus« in Dresden-Cotta bei Anlage des neuen Weißeritzbettes), das Mammut, den »König« unter der eiszeitlichen Tierwelt (Dresden-Briesnitz, Dresden-Plauen – hier erst im letzten Jahre noch bei der Anlage der neuen Straße, die den Plauenschen Ring über die Westendstraße nach Südost verlängern soll), das wollhaarige Nashorn (Dresden-Löbtau: Brauerei Reisewitz; Dresden-Plauen: Felsenkeller-Brauerei, Eisenbahneinschnitt zwischen Dresden-Plauen und Forsthaus, unterhalb der Begerburg, Dölzschen und Freital-Deuben), das Renntier (Dresden-Plauen: Felsenkeller-Brauerei), das Wildpferd (Dresden-Plauen: Felsenkeller-Brauerei, Waitzmannsche Ziegelei und Begerburg) und den Wisent (unterhalb der Begerburg). Und wir kennen aus unserem Gebiet auch die Überreste eiszeitlicher Pflanzen, und zwar aus der aufgelassenen Ziegeleigrube von Zechel und Hänsel in Freital-Deuben, wo 1888 und 1894 z. T. arktisch-alpine Laubmoose, Riedgräser (Segge und Wollgras), Miere, Hahnenfuß, verschiedene Steinbrecharten, Knollenknöterich und verschiedene Zwergweiden aufgefunden wurden. Diese Tundrenflora war von mehreren Käferarten begleitet.
Ebenso fehlen bis heute in unserem Gebiet noch alle Anzeichen für die Anwesenheit des Menschen der mittleren Steinzeit, welche wir etwa in die Jahre 13 000 bis 5000 v. Chr. verlegen, in der, nach Funden in den sogenannten Küchenabfallhaufen des Nordens zu urteilen, die erste Töpferware und das erste Haustier des Menschen, der Hund, auftritt.
[128]
Erst mit dem Seßhaftwerden des Menschen in der sogenannten jüngeren Steinzeit, welche in unserem Sachsenlande wohl in die Jahre 5000 bis 2500 v. Chr. angesetzt werden muß, beginnt vom Elbtal her die Besiedlung der Nachbarschaft des Plauenschen Grundes. Gewaltige kulturelle Fortschritte charakterisieren die Menschheit der jüngeren Steinzeit: die Kenntnis der Herstellung von Töpferwaren und die Anfertigung von Steinbeilen (anfangs Flachbeile) aus anderem Material als nur aus Feuerstein; später das Polieren und sehr oft auch die Durchbohrung solcher Beile. In der Hauptsache finden wir den Hornblendeschiefer zu Beilen verarbeitet. Er war wegen seiner Zähigkeit sehr geschätzt und zweckmäßig und wird deshalb als der »Stahl« der jüngeren Steinzeit bezeichnet. Geräte aus Diabas, Basalt oder anderem Gesteinsmaterial finden sich weit seltener.
Steinbeile als Einzelfunde sind aber kein unbedingt zuverlässiges Merkmal für die Besiedlung einer Gegend, selbst dann nicht, wenn sie in Formen auftreten, welche in ihrer Zugehörigkeit zu ganz bestimmten Abschnitten der Vorzeit einwandfrei festgestellt worden sind, wie z. B. der »Schuhleistenkeil« der Bandkeramik, die vielkantige Streitaxt der Schnurkeramik eigen ist. Man hat mit diesen Werkzeugen, sogar in noch nicht sehr lange zurückliegender Zeit, allerhand Aberglauben verbunden, welcher soweit gegangen ist, daß Nachbildungen solcher – meist aus Serpentin, von dem aber auch echte Stücke vorkommen – in den Apotheken verkauft worden sind. Als Zaubermittel gegen allerhand Krankheiten und Gebrechen des Viehs und des Menschen sollten sie dienen, sowie als Schutzmittel vor Blitz- und Hagelschlag in Haus, Hof und Feld (vgl. dazu »Über Berg und Tal«, 29. Jg., Nr. 4 vom 15. April 1906, S. 38 mit Angaben über einen Fall dieses eigentümlichen Aberglaubens von Kreischa). »Donnerkeile« nannte man sie ja auch. Als Talisman trug man sie bei sich. Ja, man vergrub sie sogar auf den Feldern, weil man dadurch eine gute Ernte zu erzielen gedachte, sah in ihnen also Fruchtbarkeitsbringer.
Erst in Verbindung mit jungsteinzeitlichen Siedlungsplätzen gewinnen Steinbeile die rechte Bedeutung. So könnten die Steinbeilfunde von Dresden-Cotta (ein durchbohrter Schuhleistenkeil aus Hornblende-Grünschiefer von der Ockerwitzer Straße, früher Brauerstraße 5, 1899 gefunden) und Dresden-Löbtau (ein durchbohrter Hammer von der Tharandter, früher Plauenschen Straße Nr. 32, 1878 gefunden, und ein durchbohrter Amphibolit-Hammer von der Kronprinzenstraße, 1909 gefunden) sehr wohl zu der bandkeramischen Siedlung in Dresden-Cotta oder Dresden-Löbtau Beziehung haben. Fraglich ist es dagegen für einen Amphibolit-Flachbeilfund von der Flur Roßthal, der von einem Lesesteinhaufen SO des Dorfes stammt, ferner für einen am Schaftloch abgebrochenen Diabashammer (1902 im Abraum des Steinbruchs S von Obergorbitz gefunden), sowie für eine ebenfalls am Schaftloch abgebrochene, jedoch von neuem durchbohrte vielkantige Streitaxt aus Nephelinbasalt, welche im Tharandter Forstgarten beim Vorrichten des Platzes, auf welchem 1855 die Königseichen gepflanzt wurden, zutage kam. Da dies Tharandter Stück zeitlich der Schnurkeramik zugehört, welche bisher aus dem Plauenschen Grund noch nicht bekannt geworden ist – aus dem Forstgarten stammen nur die später noch zu erwähnenden bronzezeitlichen Schatzfunde – werden wir wohl an eine Verschleppung des Stückes durch die Bronzezeitmenschen zu denken haben. Genau wie auf dem Pfaffenstein, wo in [129]einer bronzezeitlichen Siedlung plötzlich ein Schuhleistenkeil der Bandkeramik auftauchte, welche für den Pfaffenstein durch Scherbenfunde bisher noch nicht belegt ist. Übrigens ein gutes Beispiel für die Vorsicht, die solchen Steinbeilfunden gegenüber stets am Platze ist.
Unsicher ist auch der 1919 oder 1920 unter anderen Geröllen an der Zahnradbahn vom Oppelschacht in Zauckerode nach Freital-Döhlen zu aufgefundene Klopfstein aus einem Gerölle von rotem, kieseligem Sandstein. Er ist von elliptischer Form und besitzt eine dellenförmige Vertiefung auf der einen Oberfläche. Für die Besiedlung zu einer bestimmten Zeit beweist er nichts, weil solche zum Zerkleinern des Getreides verwendeten Steine in den verschiedensten vorgeschichtlichen Abschnitten auftreten.
Sichere Besiedlung einer Flur liegt dort vor, wo Gefäßscherben auf Wohnplätzen angetroffen oder Gräber gefunden werden. Denn zu den Stellen, auf denen man die Toten der Erde übergab, gehört in der Nähe irgendwo stets auch eine Wohnstätte. Sie kann bisweilen auf der Nachbarflur liegen. Fehlt sie einmal, dann ist sie nur noch nicht aufgefunden worden und kommt sicher eines Tages zum Vorschein.
Wir unterscheiden an jungsteinzeitlicher Töpferware (Keramik) in Sachsen bisher drei Gruppen: 1. die Bandkeramik (entweder in der Form der Linienband- oder als Stichband-Keramik, je nach der Art, in welcher das schmückende Ornament angebracht worden ist; beide Formen kommen übrigens gern miteinander vergesellschaftet vor), 2. die Kugelamphoren-Keramik und 3. die Schnurkeramik (vgl. dazu Bierbaum, G., »Nordsächsisches Wanderbuch« (Mittleres Nordsachsen), Verlag v. Kommerstädt & Schobloch, Dresden-Wachwitz, 1925, Taf. I, Figg. 1, 3, 6 bis 8). Das Zentrum der Bandkeramik liegt in den mittleren Donauländern (Niederösterreich, Mähren und Böhmen); von dem lateinischen Wort für die Donau (Danubius) hat man die Träger dieser Kultur auch mit dem rein geographischen Namen als »Danubiner« bezeichnet. Die Kultur kam wohl aus dem Westen ins Land, nicht etwa direkt aus Böhmen entlang der Elbe. Denn das Elbsandsteingebirge war dazumal noch ein unbezwingliches Verkehrshindernis. Im Osten des Landes fehlt diese Kultur ganz; sie hat zwar die Elbe überschritten, aber ihre rechtselbischen Siedlungen liegen alle in unmittelbarer Flußnähe. Daher kann diese Kultur nicht aus dem Osten zu uns gekommen sein.
In diese Bandkeramik gehören die Siedlungen von Dresden-Cotta (1. an der heutigen Weißeritzmündung am »Schusterhaus«, 1892 erste Funde; 2. an der Ecke der Warthaer und Cossebauder Straße, 1893 bis 1894 und 3. an der Hamburger Straße) und Dresden-Löbtau (SW-Ecke des Nostitz-Wallwitzplatzes, zu beiden Seiten der Reisewitzer Straße).
Die beigegebene Abbildung 1 zeigt in OW-Orientierung das Profil längs der an der Südseite der Hamburger Straße in Dresden-Cotta im Juni 1906 angeschnittenen Lehmwand mit den jungsteinzeitlichen Herdgruben. Unter der Oberfläche zog sich der ganzen Länge nach eine 0,7 bis 0,8 Meter mächtige gleichmäßig dunkel gefärbte Schicht hin, in welcher vereinzelt Kulturreste verteilt waren. Diese humusreiche Schicht verdankte ihre Entstehung dem Ackerbau wie der dadurch bewirkten Zerstörung der oberen Teile der Herdgruben und Beimengung des dunkelfarbigen, holzkohlereichen Inhaltes derselben [130]unter die Ackererde. Unter dieser Schicht traten dann die unverletzten tieferen Teile der Herdgruben deutlich begrenzt in dem gelben Lehm zutage.
Linienband- und Stichbandkeramik fanden sich vereinigt in den Cottaer wie in den Löbtauer Herdstellen; dazu Reste von Steinbeilen, auch ganze Stücke (Cotta), messerartige Späne und Schaber aus Feuerstein (Cotta), Hüttenbewurfstücke (Cotta), Mahlsteine und Schleifsteine (Cotta), Knochen und Zähne von Rind, Pferd und Hirsch (?) (Cotta) und eine zylindrische, längsdurchbohrte Tonperle (Cotta).
Die Abbildung 2 zeigt einen typischen bombenförmigen Napf der Linienbandkeramik von Dresden-Cotta (Hamburger Straße), die Abbildung 3 Gefäßscherben der Linienbandkeramik (ebendaher), die Abbildung 4 Gefäßscherben der Stichbandkeramik (ebendaher). – Das Material für diese Töpferware ist ein ziemlich sorgsam geschlämmter Ton.
Kugelamphorenleute und Schnurkeramiker sind nicht in den Plauenschen Grund gekommen; die nächsten Fundplätze dieser Kulturen [132]sind Cossebaude (Kugelamphoren-Gräber) und das heute zu Radebeul gehörige Serkowitz (Schnurkeramik). Die Kugelamphorenleute kamen vom Norden, die Schnurkeramiker vom Westen – Zentrum in Thüringen – ins Land. Während die Kugelamphorenleute nur westelbisch lebten, überschritten die Schnurkeramiker die Elbe und drangen weiter nach Osten vor, wo wir ihre Gräber in Klotzsche und dann weiter vor allem auf dem Lößboden in der Umgebung von Bautzen finden.
Bereits in den Übergang zur Bronzezeit gehört die Kultur der Glockenbecherleute (2500 bis 2400 v. Chr.), die von Böhmen her den Westen des Landes besiedelten.
Die unserem Gebiet am nächsten gelegene Fundstelle dieser Keramik liegt in der Flur Dresden-Leuben (Parzelle 95; November 1926).
Die Menschen der jüngeren Steinzeit wohnten in Hütten, welche sie über dem Herd in der Art errichteten, daß sie Stangen ins Erdreich steckten, welche oben zusammengefaßt wurden. Diese Stangen wurden mit Ruten und Reisig durchflochten und das ganze dann mit Lehm überzogen. Diese Hütten ähneln ganz auffallend den Köhlerköten, wie sie sich noch heute in dem deutschen Mittelgebirge erhalten haben. Die Herdgrube ist also nichts weiter als der Rest des in die Erde eingetieften Kellerloches und die von Cotta erwähnten Hüttenbewurfstücke sind Stücke gebrannten Lehms, welcher zum Teil noch die Spuren der Hölzer erkennen läßt.
Die Kleidung bestand neben Fellen wohl bereits in einfachsten leinwandbindigen Geweben aus Wolle und Flachs. Anderen Orts in solchen Herdstellen aufgefundene Spinnwirtel und sogenannte Webstuhlgewichte, ferner Scherben von Lockwitz und von Draschwitz bei Leisnig, die deutlich ein Gewebe erkennen lassen, zeigen, daß die Kenntnis der Flechterei und Weberei unseren Steinzeitleuten bekannt war.
An Getreide baute man Weizen, Gerste und Hirse, wie Funde von anderen Stellen verraten, die meist aus dem Hüttenbewurf stammen; an Haustieren hatte man außer dem von Cotta bereits erwähnten Rind das Schaf, die Ziege, das Schwein und den Hund.
Die Toten bestattete man unverbrannt – nur in ganz seltenen Fällen ist Leichenbrand während der Jungsteinzeit in Sachsen bisher beobachtet worden – in der Form des meist »liegenden Hockers«. Man band die Unterschenkel gegen die Oberschenkel, die Unterarme gegen die Brust und beerdigte den so paketartig verschnürten Toten, um seine Wiederkehr und eine Belästigung der Überlebenden zu verhindern.
Diese Art der Totenbestattung besteht auch noch während der nun anschließenden frühen Bronzezeit (2400 bis 1700 v. Chr.) bei uns weiter. Wir bezeichnen die frühbronzezeitliche Kultur nach einem böhmischen Fundorte als »Aunjetitzer« Kultur. Sie ist in geschlossenen Siedlungsgruppen verbreitet über Niederösterreich, Böhmen, Schlesien, Sachsen und Thüringen, hat aber von da aus nach allen Richtungen hin ihre Ausläufer entsandt. Nach Sachsen gelangte sie von Böhmen wohl direkt über den Lückendorfer Paß bei Zittau (Schatzfund von Olbersdorf bei Zittau vom Jahre 1778). [133]Der Plauensche Grund ist nicht davon berührt worden. Nur in der unmittelbaren Nachbarschaft desselben, in Dresden-Briesnitz, sind einige Funde von Bronzen dieser Zeit in der Max Nötzoldschen Ziegelei gemacht worden. Die Abbildung 5 zeigt ein Randbeil vom »sächsischen« Typus (1892 gefunden), die Abbildung 6 einen dreieckigen Dolch aus Bronze mit vollgegossenem Griff mit geradlinig geführten Dreieckverzierungen (1900 gefunden). Diese Form hat sich vielleicht in Oberitalien entwickelt und von da aus weit über West-, Mittel- und Nordeuropa verbreitet (vgl. Bierbaum, G., a. a. O., Taf. I, Figg. 10 bis 14).
Wir sind heute noch nicht in der Lage, zu entscheiden, ob die Aunjetitzer nicht etwa ausschließlich aus den Danubinern hervorgegangen sind; immerhin wird man annehmen dürfen, daß in der Aunjetitzer Bevölkerung ein starker Prozentsatz der alten Danubiner steckt.
Hinsichtlich der Wohnungsform und Kleidung gilt das für die jüngere Steinzeit bereits Erwähnte. Zu den bisher angebauten Getreidearten ist vielleicht schon in dieser Zeit der Hafer hinzugekommen; in der älteren und mittleren Bronzezeit (1700 bis 1200 v. Chr.) war er in Mitteldeutschland jedenfalls bekannt. Der Roggen dagegen ist erst seit dem Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit angebaut worden.
Nach den heute besonders für Schlesien vorliegenden Untersuchungen scheint die Entwicklung der Kultur der älteren und mittleren Bronzezeit aus der Aunjetitzer Kultur ziemlich sicher zu sein. Wir haben also keine ganz neue Bevölkerung uns, wenn wir jetzt in diese eintreten. Für die ältere Bronzezeit (1700 bis 1400 v. Chr.) kennen wir freilich aus Sachsen bisher keine sicheren Grabfunde. Nur Einzel- und Schatzfunde kommen vor. Sie betreffen aber nicht unser Gebiet.
Anders liegen die Verhältnisse in der mittleren Bronzezeit (1400 bis 1200 v. Chr.), in der die Besiedlung des Landes immer mehr ihrer stärksten Dichte während der Vorzeit entgegengeht. Südlich von Obergorbitz fand man 1902 das Bruchstück eines Gefäßes der für diese Zeit charakteristischen Keramik vom sogenannten »älteren Lausitzer Typus«. Auch das N des »Kohlenweges« gelegene Gräberfeld von der Flur Kleinpestitz gehört mit seinen ältesten Bestattungen in diese Zeit. Die Funde sind hier 1903 bis 1906 gemacht worden. Und neuerdings ist von dem sogenannten Ternickel in der Flur Freital (Potschappel) ein Lesefund dieser Zeit in das Städtische Museum Freital eingeliefert worden.
Wir haben damit einen Wendepunkt in der Bestattungsform erreicht, welche vielleicht der letzten Folgerung entspricht, die man aus der Furcht vor einer Behelligung der Überlebenden durch den Toten zog: die bisherige Skelettbestattung –[135] unsere Unkenntnis für die Zeit von 1700 bis 1400 v. Chr. auf diesem Gebiet infolge mangelnder Funde habe ich oben bereits erwähnt – in der Form des Hockers wurde aufgegeben. Man verbrannte die Verstorbenen auf dem Scheiterhaufen; die Knochenreste setzte man in Urnen bei (meist auf sogenannten Urnenfeldern, seltener in Hügelgräbern), denen man Beigefäße mitgab. Diese Beigefäße enthielten wohl ehedem Speise und Trank als Wegzehrung für die Reise des Toten ins Jenseits. Diese Sitte der Leichenverbrennung wird nun von 1400 v. Chr. ununterbrochen bis 400 n. Chr. im Lande ausgeübt.
Wahrscheinlich gehören in diese Zeit auch die Funde (1909 und 1925) vom Ostabhang des Collm-Berges, welcher auf dem Oberreitschen Atlas noch als Spittel-Berg (er gehörte einmal dem Dresdner Maternihospitale) bezeichnet ist. Die oberflächlich aufgesammelten Scherben sind im Besitz der heimatgeschichtlichen Sammlung für den Plauenschen Grund und seine Umgebung in Oberpesterwitz, gestatten aber ohne planmäßige Untersuchung der Fundstelle keine Entscheidung darüber, ob sie von einem Wohnplatz oder einem Gräberfelde herrühren.
Vor allem aber fällt in die mittlere Bronzezeit die erste Besiedlung der »Heidenschanze« von Altcoschütz, die in Dresdens Umgebung einen der wenigen, wenn auch leider nur unvollkommen erhaltenen sichtbaren Zeugen aus den Tagen der Vorzeit darstellt. Da systematische Grabungen dort bis heute bedauerlicherweise nicht haben vorgenommen werden können, kann nicht vollkommen sicher entschieden werden, ob dieser Abschnittswall bereits damals angelegt worden ist, wie man vielleicht annehmen darf. Jedenfalls ist das Gebiet der Heidenschanze von 1400 ab ununterbrochen bis 500 v. Chr. besiedelt gewesen; denn auch die jüngere Bronzezeit ist mit Funden von Gefäßscherben aus der Riefenkeramik, dem sogenannten »jüngeren Lausitzer Typus« (1200 bis 1000 v. Chr.) vertreten und auch die jüngste Bronzezeit mit der Töpferware aus dem Aurither Kreise (1000 bis 800 v. Chr.). Weiterhin aber ist auch die ältere vorrömische Eisenzeit mit der Keramik vom »Billendorfer Typus« (800 bis 400 v. Chr.) von hier bekannt geworden.
Wir können die Bronzezeit nicht verlassen, ohne der bronzenen Schatzfunde zu gedenken, welche im akademischen Forstgarten zu Tharandt entdeckt worden sind. Die Abbildung 7 gibt die gefundenen Gegenstände wieder. Sie stammen von drei ziemlich nahe beieinander gelegenen Stellen.
1876 zu 1877 ist beim Rigolen die bronzene Lanzenspitze in zirka 0,50 Meter Tiefe gefunden worden; sie stellt den letzten Überrest eines nur aus Lanzenspitzen bestehenden Fundes dar, dessen andere Stücke leider als verschollen gelten müssen.
Am 20. Oktober 1898 entdeckte man am östlichen Hange unter den »Königseichen« zwischen den Wurzeln einer Birke die fünf Knopfsicheln (vier gerundet, bei einem Exemplar fehlt die Spitze; eine mit hochgeschweifter Spitze) und den kleinen nicht völlig geschlossenen Bronzering von linsenförmigem Querschnitt (in der Abbildung unter den Sicheln gelegen).
Am 5. November 1898 stieß man am östlichen Hange unter den »Königseichen«, vier Meter SO von der Fundstelle der Sicheln und des Ringes, auf die unverzierte, wenig gewölbte Bronzescheibe mit mittlerer Unteröse. Ihr Durchmesser beträgt elf Zentimeter; ihre Oberseite ist glänzend hellgrün patiniert, der Rand schmal abgesetzt vertieft.
Am 3. Dezember 1898 kam, in einer Tiefe von nur 0,25 Meter und nur etwa 0,25 Meter vom Fundplatze der Sicheln und des kleinen Ringes entfernt, folgendes [136]zutage: eine breitbandige Armspirale von fast zwölf Windungen, welche in der geraden Mittellinie senkrecht gestrichelt ist und deren glatte Enden nur je eine Windung haben (Abbildung oben links); eine kleine Armspirale von sieben Windungen mit glatten runden Enden und im Zickzack verlaufender Schrägstrichelung (die Entscheidung ist bei dem stark abgeriebenen Muster nicht vollkommen sicher; Abbildung links unter der eben genannten); zwei große stark verschlungene und dadurch zum Teil zerbrochene Armspiralen, im Zickzack einfach senkrecht gestrichelt, mit quergekerbten runden Enden (die beiden Stücke oben rechts in der Abbildung); zwei vierkantige, übergreifende, niedrige Kinderarmbänder (Abbildung links, Mitte); ein dicker, rundstabiger, glatter, offener Armring (Abbildung links, darunter); ein ziemlich weit gedrehter, mit Stempelenden versehener, vierkantiger Beinring vom sogenannten »illyrischen« Typus (Abbildung Mitte, unten) und das Bruchstück eines solchen (Abbildung links neben dem eben erwähnten Stück).
1908 endlich fand man, etwa zehn Meter von der Stelle des Fundes vom 20. Oktober 1898 entfernt nach den Königseichen zu, die beiden Beile mit mittelständigen Lappen und gerader Bahn (Abbildung rechts unten).
Die Funde gehören wegen der vierkantigen Beinringe vom »illyrischen« Typus und der mittelständigen Lappenbeile in den Übergang von der mittleren zur jüngeren Bronzezeit, d. h. etwa in die Jahre 1300 bis 1100 v. Chr.
Wir haben deutliche Beweise dafür, daß solche Bronzegeräte auch in unserem Gebiet hergestellt worden sind, wenn auch das Rohmaterial im Handel bezogen werden mußte. Von der Heidenschanze in Altcoschütz und aus ihrer nächsten Umgebung stammen verschiedene Gußformen, von [137]denen hier nur die schönste Erwähnung finden soll. Sie ist aus Gneis hergestellt und war zum gleichzeitigen Guß von zwei Bronzesicheln geeignet (vgl. Bierbaum, G., Zur Vorgeschichte Freitals, in: Freital, Deutschlands Städtebau, Schrifttum Nr. 75, S. 17, Abb. 4 oben).
Es würde zu weit führen, wollte ich hier auf die Keramik der über ganz Sachsen, abgesehen vom Erz- und Elbsandsteingebirge, stark verbreiteten Bronzezeit näher eingehen. Zur Orientierung darüber verweise ich auf die in diesen Mitteilungen Bd. XII, 1923, S. 148 bis 156 erschienene Arbeit J. V. Deichmüllers über »die sächsischen Urnenfelder«, wo in den Figg. 5 bis 13 die Töpferware von 1400 bis 1200 v. Chr. dargestellt ist, während die Figg. 14 bis 25 die Riefenkeramik von 1200 bis 1000 v. Chr. wiedergeben (vgl. auch Bierbaum, G., Nordsächsisches Wanderbuch, 1925, Taf. I, Figg. 15 bis 20 und 22 bis 26). Eine Bearbeitung der Keramik des Aurither Kreises (1000 bis 800 v. Chr.) für Sachsen fehlt leider bis heute noch vollständig.
Wir verlassen damit die Bronzezeit und treten um 800 v. Chr. in die ältere vorrömische Eisenzeit ein, deren Töpferware nach dem Gräberfelde von Billendorf im Kreise Sorau (Schlesien) als Keramik vom »Billendorfer« Typus bezeichnet wird (vgl. dazu Deichmüller a. a. O., S. 152, Figg. 39 bis 51 und Bierbaum, a. a. O., Taf. I, Figg. 29 bis 33).
In dieser Zeit, in der nach den heute darüber vorliegenden Untersuchungen eine erhebliche Verschlechterung des Klimas die Bevölkerungsdichte mehr und mehr zurückgehen ließ, in der im sonnigen Süden die »ewige Stadt« gegründet wurde, kam eine neue Kultur zu uns vom Osten ins Land, die Kultur des Eisens. Entgegen neueren, erst in letzter Zeit aufgetauchten Meinungen, unter Annahme eines Bevölkerungswechsels Westgermanen als Träger dieser Kultur anzusehen, möchte ich doch noch, solange keine zwingenderen Beweise dafür vorliegen, an der bisherigen Auffassung festhalten, nach welcher die Bevölkerung des Landes auch während der älteren vorrömischen Eisenzeit dieselbe wie in der Bronzezeit, d. h. wenigstens von 1400 v. Chr. ab, geblieben ist, wenn sie auch eine neue Kultur angenommen hatte. Die Weiterbenützung der bronzezeitlichen Urnenfelder und Siedlungsplätze während dieser frühen Eisenzeit spricht meines Erachtens doch sehr stark für diese Ansicht (in unserem Gebiet z. B. in Kleinpestitz und auf der Heidenschanze). Wer waren aber dann die Leute, welche von 1400 bis 400 v. Chr. das Land bewohnten? Ich kann leider hier nicht speziell darauf eingehen. Soviel aber möchte ich doch sagen: Es waren sicher keine Germanen und sicher keine Slawen, wie Tschechen (diese schon vor dem Kriege) und Polen (diese erst nach dem für uns unglücklichen Kriegsende) aus allzu durchsichtigen Gründen (Selbstbestimmungsrecht der Völker übertragen auf die Verhältnisse der Vorzeit!) in ihrer stark tendenziös und nationalistisch eingestellten Vorgeschichtsforschung so gerne glauben machen möchten. Sondern es war ein ursprünglich im Süden wohnender Volksstamm, vielleicht der der Illyrier, da diese Vermutung heute wissenschaftlich durch die Angaben des Tacitus im 43. Kapitel seiner Germania vom Jahre 98 n. Chr. (betrifft Ost) und durch die bekannte Karte des griechischen Astronomen und [138]Geographen Ptolemäus vom Jahre 150 n. Chr. am besten gestützt ist. Soviel nur davon (vgl. dazu Bierbaum, G., Mitteilungen der Vereinigung Sächsischer Höherer Staatsbeamter e. V., 6. Jg., Nr. 2, Dresden, Februar 1927, S. 6 bis 8: Zur Frage des Volkstums der Bewohner Sachsens in der Vorzeit).
Außer den in diese Zeit gehörigen, bereits erwähnten Grabfunden von der Flur Kleinpestitz (Gräberfeld N des Kohlenweges) und den Siedlungsresten von der Heidenschanze sind hier aufzuführen das ebenfalls bereits in der Bronzezeit beginnende Gräberfeld an der Waltherstraße (am alten »Berliner Bahnhof«) in Dresden-Friedrichstadt, aus welchem ich hier in der Abbildung 8 (links) ein Kännchen mit durchbohrter Wandung, oft »Tränenkrüglein« genannt (speziell für diese Form ist dieser Ausdruck geprägt worden, vor allem für solche Gefäße ohne Standfläche! – Deichmüller, a. a. O., S. 152, Fig. 43 –) aus einem Kindergrabe wiedergebe. Weiter das in den Jahren 1893 bis 1895 beim Abgraben der Erdmassen zur Planierung des Nostitz-Wallwitz-Platzes in Dresden-Löbtau entdeckte Urnenfeld (Abbildung 8, rechts: ebenfalls ein Kännchen mit durchbohrter Wandung) und ein Gefäßfund von 1900 oder 1901, S vom Wirtshause des »Hohen Steines« bei Dresden-Plauen erhoben. – Eine Wohngrube dieser Billendorfer Kultur entdeckte man im Sommer 1913 vor der 39. Volksschule in der Schleiermacherstraße in Dresden-Plauen beim Schleusenbau. Die Fundstelle gehört damit vielleicht noch in den Bereich des ehemaligen Plauener Tännichts.
[139]
Um 400 v. Chr. beginnt die volle Eisenzeit, die bis Christi Geburt dauert. Als Latène-Zeit wird sie nach einer wichtigen Fundstelle im Neuenburger See in der Westschweiz bezeichnet. Die Illyrier sind aus dem Lande verschwunden – ihr Verbleib von da ab ist heute noch nicht aufgeklärt. Vielleicht sind sie, zum Teil wenigstens, mit der germanischen Bevölkerung der Folgezeit verschmolzen. Irminonische Elbgermanen suebischer Stammeszugehörigkeit haben nunmehr das Land besiedelt. Unter der von ihnen verwendeten Töpferware (vgl. Deichmüller, a. a. O., S. 153, Figg. 65 bis 76 und Bierbaum, a. a. O., Taf. II, Figg. 36 bis 39) begegnen uns zum ersten Male auf der Drehscheibe hergestellte Gefäße. Bis dahin waren alle Töpferwaren, wohl von den Frauen, vollkommen aus freier Hand geformt worden. Durch die Beziehungen zu den um 500 v. Chr. vom Westen Deutschlands bis zur Saale hin vorgestoßenen Kelten hatten die Elbgermanen diesen technischen Fortschritt kennengelernt. Aus dem Plauenschen Grunde sind bisher keine Funde bekannt geworden, nur aus dem nicht allzuweit entfernten Dresden-Briesnitz liegen gleichzeitige vor.
Die ersten vier Jahrhunderte n. Chr. bezeichnen wir als römische Kaiserzeit. Die in der Zeit bis 200 n. Chr. links und rechts der Elbe (rechtselbisch vermutlich nur in den nördlicheren Gebieten, obwohl der Nachweis durch Funde hier bisher nicht geführt ist!) sitzenden westgermanischen Hermunduren werden von den aus der Lausitz kommenden ostgermanischen Burgunden über die Elbe zurückgedrängt. Von 200 bis 400 n. Chr. ist die Elbe der Grenzstrom zwischen Ost- und Westgermanen (vgl. dazu Deichmüller, a. a. O., S. 155, Figg. 87 bis 110 und Bierbaum, a. a. O., Taf. II, Figg. 43 bis 52). Für unser Gebiet fehlen bisher Funde von Gräbern oder Siedlungen aus diesem Zeitabschnitt.
Nur einige Münzfunde kommen in Betracht: eine Bronzemünze (As), geprägt nach dem Tode des Kaisers Augustus († 14 n. Chr.), am 20. August 1892 beim Bau des Alberthafens im Ostragehege in Dresden-Friedrichstadt ausgebaggert (Abbildung 9). Vorderseite: Kopf des Kaisers nach links, DIVVS AVGVSTVS PATER; Rückseite: Großer Altar, zu den Seiten S[enatus] C[onsulto]; darunter PROVIDENT[ia]. Sie ist in Privatbesitz. Verschollen ist eine Münze des Kaisers Diocletian (284 bis 305), welche [140]im Baugrunde der neuen Schule in Dresden-Cotta zutage kam. Ebenfalls in Privatbesitz befinden sich die übrigen Münzen: eine ägyptische Bronzemünze von Ptolemäus X. Soter II. (117 bis 81 v. Chr.) mit Cleopatra III. (117 bis 111 v. Chr.), 1922 in Spatenstichtiefe beim Umgraben in einem Garten, wohl gegenüber dem Gasthofe, in der Flur Niederhermsdorf gefunden; eine Bronzemünze (Sesterz?) des Königs Antiochus IV. (Epiphanes), der 38 bis 72 n. Chr. das Königreich Kommagene in Nordsyrien beherrschte, wie die vorige mit griechischer Aufschrift versehen (1896 auf der Flur Großopitz beim Pflügen auf dem Felde des Herrn Albert Donath ausgeackert); eine Bronzemünze (Dupondius = 2 As-Stück) des Kaisers Augustus (27 v. bis 14 n. Chr.), durch den Gegenstempel TI A/ (Tiberius Augustus) auf der Rückseite für die Provinz für die Regierungszeit des Tiberius (14 bis 37 n. Chr.) kursfähig gemacht. Das Stück stammt von Tharandt; es wurde 1860 beim Umgraben eines Beetes im Garten der jetzigen Pfarre – das Grundstück gehörte damals dem Professor an der Forstakademie Hofrat Robert Preßler – entdeckt.
Alle diese Münzen sind aber nicht etwa als Zahlungsmittel im Sinne unseres heutigen Metallgeldes zu uns gekommen – der Handel war damals ja noch ausschließlich Warentausch – sondern sie bildeten vielmehr Schmuckstücke oder Amulette, die man bei sich trug.
Die Völkerwanderungszeit von 400 bis 600 n. Chr. ist bisher durch Funde im Lande nur schwach vertreten. Die um 800 v. Chr. erwähnte Klimaverschlechterung mochte wohl in ihrer Auswirkung auf die Besiedlungsdichte ihr Höchstmaß erreicht haben. Wir kennen aus Sachsen nur das große Skelettgräberfeld (den Wechsel in der Bestattungsform für diese Zeit hatte ich oben bereits erwähnt) von der Flur Elstertrebnitz bei Pegau, welches den Warnen zugeschrieben wird, ferner aus dem Elbtale ein offenbar langobardisches Frauen- und ein Männergrab von Nickern bei Dresden und neuere, noch nicht weiter bekannt gewordene Funde von Riesa a. E. Der Plauensche Grund ist unbesiedelt gewesen.
Im Jahre 531 wurde bei Burgscheidungen an der Unstrut die große Entscheidungsschlacht geschlagen, in welcher das Thüringerreich durch die Franken und Sachsen zertrümmert wurde. Wahrscheinlich hatte das eine weitere Entvölkerung des nur noch schwach besiedelten Landes zur Folge, sodaß es den von Osten her ins Land eindringenden Slawen ein leichtes war, das Land ziemlich kampflos im Anfang des siebenten Jahrhunderts zu besetzen.
Die dichte Besiedlung des Landes zur Slawenzeit (600 bis 1000 n. Chr.) beweist, daß es sich um erhebliche Volksmassen gehandelt haben muß. Auch unser Gebiet wurde wieder besiedelt. Von der Flur Dresden-Cotta stammen slawische Lesefunde. Ein Gefäß mit dem für diese Zeit typischen Wellenlinien-Ornament, dem sogenannten »Burgwall«-Ornament (Bierbaum a. a. O., Taf. II, Figg. 53 bis 58), und darunterliegenden horizontalen Furchen fand man um 1900 in Dresden-Löbtau in der Nähe des Dorfplatzes. Da es sich um einen Einzelfund handelt, der wohl nur mangelhaft beobachtet worden ist, kann nicht entschieden werden, ob es sich um eine Siedlung handelt, was das wahrscheinlichere ist (zumal auch in anderen Teilen der Ortsflur slawische Lesefunde gemacht worden sind), oder um ein Grab. Die Slawen haben anfangs ihre Toten verbrannt; erst später, vermutlich mit der [141]zunehmenden Ausbreitung des Christentums, sind sie zur Skelettbestattung übergegangen.
Die am Forsthaus in Dresden-Plauen unter dem »Hohen Stein« 1922 beim Erweiterungsbau der Reichseisenbahn angeschnittene slawische Kulturschicht deutet auf eine in der Nähe gelegene Siedlung hin. Auch diese Stelle könnte noch im Bereich des früheren Plauener Tännichts gelegen haben.
Die Kulturschicht enthielt slawische Gefäßreste und Tierknochen, welche vielleicht von einer früher am »Hohen Stein« befindlichen, jetzt völlig zerstörten Schanze stammen könnten. Um so mehr, als man den Eindruck hat, daß die Gegenstände von oberhalb herabgeworfen worden sind. Die Abbildung 10 zeigt Randstücke und einige andere Scherben, welche fast alle das mit einem schmalen Kamm bewirkte Wellenlinien-Ornament erkennen lassen. Unter den Knochen fanden sich solche von Ziege, Schwein, Rind, Hirsch, Bär, Wisent (?), Wildschwein, einem nicht näher bestimmbaren Nager und von Vögeln. Manche Röhrenknochen sind zur Gewinnung des Markes aufgeschlagen worden, das man als Leckerbissen schätzte.
Auch die Heidenschanze von Altcoschütz ist nach reichlich tausendjähriger Pause zur Slawenzeit wieder besiedelt. Die nach den gemachten Angaben aus der slawischen Kulturschicht stammenden Knochenpfriemen (Abbildung 11), der Meißel (Abbildung 11, vorletztes Stück der unteren Reihe rechts) und das Falzbein aus einer Rippe (Abbildung 11, letztes Stück der unteren Reihe) mögen zugleich als Beweis dafür dienen, daß die Kultur der [142]Slawen nicht eben eine besonders hohe war. Man muß schon bis zu jungsteinzeitlichen Kulturen zurückgehen, um Vergleichsmaterial für solche Dinge zu finden, denen andere: Hacken, Nadeln, ja sogar Pfeilspitzen aus Hirschgeweih oder Knochen zugesellt werden können. Besonders interessant ist die Auffindung eines sogenannten Schlittknochens aus dem rechten Speichenknochen des Hirsches, der als Vorläufer unseres Schlittschuhs oder der Schlittenkufe anzusehen ist. Solche Schlittknochen sind auch auf anderen slawischen Wällen Sachsens gefunden worden (Bierbaum, a. a. O., Taf. II, Fig. 58).
Ein Vergleich dieser Funde mit den prächtigen Stücken des Tharandter Forstgartens läßt wohl nur folgenden Schluß zu: die Menschen der Bronzezeit waren keine Slawen, sie müßten denn im Verlauf von etwa 2000 Jahren von der damaligen Kulturhöhe zu dieser primitiven Kulturstufe herabgesunken sein, wie wir sie in allen slawischen Siedlungen antreffen. Die Bewohner Sachsens zur Bronzezeit können gar keine Slawen gewesen sein, da die Slawen nach dem heutigen Stande der Sprachforschung wie der Ortsnamenforschung, der Archäologie wie der Pflanzengeographie in den Jahren 400 v. bis 400 n. Chr. noch in ihrer südrussischen Urheimat, und zwar in Wolhynien in der Gegend zwischen Pinsk und Kiew hausten, als Sachsen bereits von germanischen Stämmen besiedelt war. Das Zurücktreten aller Metallfunde während der [143]slawischen Besetzung des Landes bestätigt nur das eben über die Höhe slawischer Kultur Ausgesprochene. Eisen findet sich nur zu Messern, Sicheln, Beilen (?) und Pferdegeschirr verwendet; Bronze bisweilen in den sogenannten »Schläfenringen«, wie sie uns in slawischen Skelettgräbern entgegentreten. Und Silber kommt außer in der Form der Schläfenringe nur in Gestalt von Münzen vor. Diese sind allem Anschein nach barbarische Nachbildungen der kaiserlichen, und zwar speziell Magdeburger Denare Ottos III. (983 bis 1002) oder Heinrichs II. (1002 bis 1024). Sie sind charakterisiert durch einen erhabenen, d. h. beiderseits vorstehenden, reifenartigen Rand und verwirrte Schrift und werden als »Wendenpfennige« bezeichnet. Vier Stück solcher Wendenpfennige, welche die Besiedlung der Heidenschanze bis ins elfte Jahrhundert hinein beweisen, sind bisher von Altcoschütz bekannt geworden. Zwei davon zeigt die Abbildung 12.
Mit diesen Funden ist der Endpunkt der Besiedlung der Heidenschanze erreicht. Jüngere Funde liegen nicht vor. Wir müssen daher annehmen, daß der Wall, welcher nach den dort reichlich vorhandenen Stücken gebrannten Lehmes, des Hüttenbewurfes, zum mindesten in der Slawenzeit ein befestigter Wohnplatz gewesen ist, im Anfang des zweiten nachchristlichen Jahrtausends als solcher, wohl infolge eines kriegerischen Ereignisses, durch Feuer vernichtet und aufgegeben worden ist. Vielleicht geschah dies zugunsten des Burgwartberges von Nieder-Pesterwitz (Abb. S. 146), dessen deutsche Burgwarte Buistrizi (daher »Weißeritz!«) Kaiser Heinrich IV. in einer Urkunde vom Jahre 1068 nennt. Trotz jeder auch von dieser Stelle bisher fehlenden systematischen Ausgrabung beweisen doch vereinzelte Scherbenfunde durch die verwendete Masse, die Verzierung und ihren harten Brand die frühdeutsche Besiedlung dieses Platzes im Gau Nisan.
Nur der Vollständigkeit halber möchte ich hier erwähnen, daß in der Gegend der heutigen Hahnebergstraße in Dresden für die vorchristlichen Zeiten ein heiliger Hain vermutet worden ist. Da aber aus diesem Bezirk bisher keinerlei Funde bekannt geworden sind, handelt es sich bei dieser Vermutung wohl nur um eine in die Zeiten der Romantik zurückreichende Gleichsetzung von Hahn mit Hain, wie sie des öfteren mit derselben Grundlosigkeit stattgefunden hat. Die Zeiten für romantische Phantasien im Bereich vorgeschichtlicher Forschungsarbeit sind aber für die ernste Wissenschaft endgültig vorbei.
Wir stehen damit bereits im Morgenrot der Geschichte und könnten daher das Wort für alles weitere dem Geschichtsschreiber getrost überlassen. Und doch möchte ich hier noch etwas anschließen zur Klärung einer Frage, welche sich dem aufmerksamen Leser wahrscheinlich ganz von selbst aufgedrängt haben wird: Wie kommt es, daß, namentlich von der Habsburger Straße ab weißeritzaufwärts gerechnet, alle die erwähnten Fundstellen auf den Höhen beiderseits der Weißeritz [144]liegen, während der eigentliche Grund (abgesehen von dem chronologisch unbrauchbaren Klopfsteinfund vom Oppelschacht in Zauckerode) fundleer ist?
Die Orts- und Flurnamen des Grundes und seiner Umgebung geben uns hier Aufklärung. Sie beweisen, daß der Plauensche Grund noch zur Slawenzeit sumpfig und waldig war, für eine Besiedlung in noch früherer Zeit also gar nicht in Frage kam, weil da infolge der Unmöglichkeit einer gründlichen Rodung nur waldfreies Gebiet bewohnt werden konnte.
Döhlen bedeutet die »Niederung«. »Die Sumpf-Wiesen« kommen als Flurname in Altcoschütz noch auf dem Flurkroki von 1835 am SW-Abhange des Collm-Berges nach der Weißeritz zu vor. Deuben ist das »Eichendorf«; der Ortsteil von Potschappel rechts der Weißeritz heißt noch heute Leißnitz, das zu Deutsch etwa soviel wie »Walddorf« ist (vom slawischen les = Wald; vgl. auch Lößnitz!). In Burgk haben wir ein kleines Kieferngehölz (altwendisch: boriku); Birkigt ist das Birkenland und Niederhäslich erzählt uns von Haselbestand. Die Höhen vom Windberg bis zur Lockwitz trugen Heide. Waldstücke am Abhange des Windberges auf der Flur Niederhäslich hießen noch im sechzehnten Jahrhundert die Kolicka, »die kleine Heide«; die Goldene Höhe ist noch auf dem Oberreitschen Atlas vom Jahre 1821 als »Gohlig-Berg« – auch Golig geschrieben – bezeichnet. Ihr Name leitet sich also auch von »Heide« ab. Genau wie der Name des Ortes Golberode = Heidefurt (vgl. Trautmann, O.: Zur Geschichte der Besiedlung der Dresdner Gegend, Mitteilungen des Vereins für Dresdner Geschichte 1912, Heft 22, S. 11). Auf den Wildreichtum weisen die Ortsnamen Schweinsdorf und Zauckerode hin. Letzteres hat mit »roden« nichts zu tun. Der Zauckeroder Bach ist 1206 als »rivulus Zuchewidre« bezeichnet, was in seiner Ableitung aus dem Slawischen zu Deutsch etwa »der dürre, austrocknende Otternbach« bedeutet. Die Fischotter ist ja durch Funde aus dem Knochenmaterial von der Heidenschanze belegt.
Sumpfige und waldreiche Wildnis war also das Tal der Weißeritz in slawischer Zeit – und wohl noch weit in die historischen Zeiten hinein –; in dieses Tal führte vielleicht erst seit 1560 (Leßke, Beiträge zur Geschichte und Beschreibung des Plauenschen Grundes, III, Seite 19) eine Straßenverbindung, wenn man an den Begriff der Straße nicht gerade einen allzu modernen Maßstab legt. Erst 1745 wurde vom Staat die »Tharandter« Landstraße durch den Grund gebaut (siehe S. 161). Auf der Höhe liefen die alten Verkehrswege; namentlich über Altcoschütz, Birkigt und Niederhäslich gelangte man in das abgeschiedene Weißeritztal. Auf demselben Wege führte man nach der Entdeckung der Kohlen in Zauckerode diese dem Elbtal nach Leubnitz zu.
Von Prof. Dr. Otto Eduard Schmidt, Dresden
Aufnahmen des Heimatschutzes
Daß König Heinrich I. im Jahre 928 seine deutschen Reiter und sein deutsches Bauernfußvolk gegen die Slawen über die Saale zur Elbe führte, war nicht ein vom Zaune gebrochener Raubkrieg, sondern eine lang ersehnte und lang vorbereitete Unternehmung zur Rückeroberung von Ländern, die [145]deutsche Stämme zwischen dem vierten vorchristlichen und dem fünften nachchristlichen Jahrhundert schon fast ein Jahrtausend besessen und besiedelt hatten. Die deutschen Sieger fanden in den Landstrichen östlich der Saale die vor vier Jahrhunderten geräuschlos eingedrungenen Slawen im Besitze einer auf den Gebieten des Ackerbaus und der Technik noch recht rückständigen Kultur, daneben aber fanden sie mancherlei aus alter Zeit, was deutschen Ursprungs war, so die Namen für den großen Grenzwald zwischen Sorben und Tschechen: Miriquidi und Fergunna und die deutschen Namen der Flüsse: Elbe, Mulde, Elster, Spree, ferner einen zwar slawisch sprechenden, aber aus deutschen Werinern des östlichen Thüringerreichs entstandenen kriegerischen Adel, die Withasi, die in Verbindung mit der gleichfalls nach deutschem Muster entwickelten Bezirkseinteilung der Supanien die wichtigste Stütze waren, auf die eine Art von Landesverwaltung aufgebaut werden konnte und aufgebaut worden ist[30]. Denn die Deutschen haben die slawischen Bezirksrichter (Supane, Saupen) und Withasen (Witsezen), einen bäuerlichen Reiterstand, nicht nur als Vorsteher der slawischen Weiler bestehen lassen, sondern haben ihnen vererbbare Lehnsgüter von ein bis drei Hufen Umfang überwiesen und die Supane sogar am deutschen Landding als Schöppen teilnehmen lassen. Diese eine Tatsache wäre schon genügend, um die von unsern Gegnern immer wieder verbreitete Lüge zu zerstören, daß die Deutschen bei der Rückeroberung des Landes rücksichtslos alles Slawische mit Stumpf und Stiel ausgerottet hätten.
Infolge von Aufständen der Wenden und polnischen Einfällen dauerte es eine ziemliche Zeit, ehe die deutsche Herrschaft im Daleminzierland und seinen Nachbargauen Nisani und Milsca sich befestigte und überall durchgreifen konnte. Naturgemäß wurden die ersten deutschen Stützpunkte um die deutsche Hauptburg Meißen im Elbtal und auf dem gesegneten Hügelgelände der Lommatzscher Pflege angelegt; erst später auf den untersten Vorhöhen des Erzgebirges. So kommt es, daß wir erst aus dem Jahre 1068 einen Ortsnamen aus dem Plauenschen Grund urkundlich belegen können: das ist der Burgward »Buistrizi« (Pesterwitz auf dem Höhenzuge der linken Talseite der Weißeritz [Abb. 1.]). Der Name ist abgeleitet von dem Flußnamen »bystrica« (der reißende) und bedeutet »die Leute an der bystrica«; dieser Name ist uns in einer Urkunde von 1206 in der Form Bistrice erhalten. So hat also auch hier der Fluß den Namen für den Ort und die Landschaft geliefert, wie Meißen nach dem kleinen an seiner Granitplatte vorüberfließenden Bache Meisa benannt ist. Zu dem Burgward Buistrizi treten 1144 in einer Urkunde des Königs Konrad III. das Dorf Dölzschen (Deltsan), das zwischen Pesterwitz und Plauen gelegen ist und (Klein-)Naundorf auf dem rechten Talrande. Weit reicher ist die Besiedlung mit deutschen Dörfern 1206: in einer Urkunde vom 31. März dieses Jahres wird dem Burggrafen Heinrich von Dohna seitens des [146]Bischofs von Meißen und des Markgrafen untersagt, ein castellum Thorun (»Dornhag«) wiederaufzurichten, worunter vielleicht eine ältere Bezeichnung derselben Befestigung zu verstehen ist, die 1068 burgwardus Buistrizi genannt wird; unter den Zeugen dieser Urkunde aber erscheinen die ritterlichen Schutzherrn der Dörfer Plauen, Potschappel, Döhlen, Wurgwitz und Gompitz. Dazu treten noch 1235 villa quae dicitur Wizoch (Weißig, südwestlich von Döhlen), ein deutsches Bauerndorf von vierzehn Hufen, und 1350 Zauckerode, Burgk 1363 und einige andere Dörfer, die zufällig keine Erwähnung in älteren Urkunden hinterlassen haben. Als solche aus älterer Zeit darf man wohl Coschütz (Abb. 2), Gittersee, Birkigt, Zschiedge, Niederhäslich (1445) auf dem rechten Ufer, Hainsberg (1420) auf dem linken ansehen. Aus etwas jüngerer Zeit scheint das Dorf Klein-Burgk (»Beszerung« = Neue Rodung, 1671) zu stammen.
Die in den genannten Dörfern angesiedelten deutschen Bauern und Edelinge stammen zum Teil aus den schon früher besiedelten Gebieten der Mark Meißen, teils wohl auch aus Thüringen, worauf der Dorfname Zauckerode deuten könnte, wenn er nicht mit dem Bachnamen »Zuchewidre« (Urkunde 1206) gleichbedeutend wäre. Die ritterlichen Herren, die die Bauern herbeiführten und ihnen nach der Ansiedlung Schutz gewährten, dafür aber auch ihren Garbenzins und einige Dienste genossen, nannten sich nach dem Namen ihres neugegründeten [147]Rittersitzes, so Bercholdus et Tidericus de Potshapel, Arnoldus de Dohlen (Döhlen, Abb. 3), Hermanus de Worganewitz (Wurgwitz), Hildebrandus de Gonpitz (Gompitz), Johannes de Plawen, die als Zeugen schon unter dem Schiedsspruch vom 31. März 1206 stehen. Drei der genannten Dörfer: Pesterwitz, Döhlen und Plauen sind zugleich Sitze der ältesten Kirchen der Gegend, während Potschappel nebst Saalhausen, Zauckerode, Altfranken und Roßthal in Pesterwitz eingepfarrt waren, ehe es 1894 eine selbständige Parochie wurde. Zur Kirchfahrt von Plauen gehörte seit 1670 Cunnersdorf, zur Kirchfahrt Döhlen im Jahre 1555: Weißig, Leißnitz, Opitz, Deuben, Schweinsdorf, Weitzschen, Niederhäslich, Burgk, Birkigt und Gittersee. Doch wird 1541 eine Kapelle in Deuben erwähnt. Selbständige Parochie ist Deuben seit 1874.
Welche von den genannten Dörfern aus slawischen Weilern entwickelt und welche »aus wilder Wurzel«, d. h. erst nach vorausgegangener Rodung des Waldes neu gegründet worden sind, läßt sich mit völliger Sicherheit nicht sagen. Aber soviel läßt sich sagen, daß auch von den annähernd in ihrer ursprünglichen Form und Flurteilung erhaltenen Dörfern des Plauenschen Grundes kein einziges mehr die slawische Form besitzt oder überhaupt nur an die slawische Form erinnert. Denn wir kennen nur eine slawische [148]Dorfform: den regellos um eine Quelle oder einen Teich angelegten Quellweiler, wie er in mehreren kleinen Höhendörfern der Lommatzscher Pflege, z. B. in Seebschütz, noch erkennbar ist. Was man bisher für die eigentliche slawische Dorfform hielt: den Rundling und seine Abwandlungen, z. B. den sackförmigen Rundling, das hat sich durch die neuesten Forschungen als deutsch erwiesen. Der Rundling kommt in rein slawischen Siedlungsgebieten überhaupt nicht vor, sondern ist etwas Kerndeutsches. Er ist die aus der Wagenburg der Wanderzeit entwickelte, festungsartig geschlossene Dorfform der [149]deutschen Kolonisationszeit[31]. Demnach ist das Dorf Coschütz (Abb. 4 und 5), noch heute als ausgesprochener Rundling erhalten, ein durchaus deutsches, von deutschen Bauern angelegtes Dorf, dessen wendischer Name von einem an seiner Stelle oder in der Nähe gelegenen Wendenweiler entlehnt ist, Schweinsdorf ist ein am oberen Ende geschlossener sackförmiger Rundling und Niederhäslich ein zweireihiges Straßendorf deutschen Ursprungs. Eine deutsche Anlage war auch das Dorf Potschappel, wie es sich auf der Lithographie Seite 202 darstellt, und zwar entweder ein deutsches Zeilendorf oder ein sackförmiger Rundling, dessen gegenüberliegende Seite hinter dem gewissermaßen den Anger ersetzenden, von der Weißeritz durchflossenen Sumpfwald zu suchen ist. (Vgl. den Kupferstich von C. G. Nestler (1778) in Weingart, Schrifttum Nr. 11.)
Als das ursprünglichste Gewerbe, das im Plauenschen Grunde betrieben worden sei, wird die Holzflößerei hingestellt (Meiche, Freital Seite 19 f.), sie reiche noch in die wendische Zeit zurück; denn der Name des Dorfes Plauen (altslawisch Plava) bedeute den Flößort. Diese Ansicht ist unhaltbar. Denn in der Wendenzeit, als fast das ganze untere Weißeritztal von Sumpfwald erfüllt war, war Flößerei schon aus technischen Gründen unmöglich, außerdem aber lag in diesen holzreichen Gebieten vor der Gründung Dresdens gar kein Bedürfnis [150]für Flößerei vor. Der Name des Dorfes Plauen ist ebenso zu deuten wie der gleichlautende Name der Hauptstadt des Vogtlandes: Schwemmland, Flußaue, eine sehr passende Bezeichnung für die Stelle, bei der die Weißeritz sich anschickt, aus der Klamm des engen Felsentals ins freie Land hinauszutreten (Abb. 6).
Die in den Tälern des Grundes angesiedelten deutschen Bauern haben natürlich wie die slawischen Mitbewohner der Gegend Fischfang und Viehzucht, vor allem aber auf den wasserfreien Teilen der Flußaue und auf den benachbarten Anhöhen Ackerbau getrieben, zu dem sich spätestens im sechzehnten Jahrhundert Weinbau und der Anbau edlen Obstes gesellten (Abb. 7 und 8). Die Zuckeradenbirnen sollen ihren Namen von Zauckerode führen (s. Seite 211).
Die zunächst dem eigenen Bedürfnis der Ansiedler entsprechende Gründung von Mühlen längs des ungestümen Laufs der Weißeritz und ihrer Nebenbäche wurde in demselben Maße immer notwendiger, je mehr die Bevölkerung der vor dem Ausgang des Plauenschen Grundes aufblühenden Stadt Dresden wuchs. Aus diesem Grunde nahmen auch die Landesfürsten an der Errichtung und dem Betriebe der Mühlen im Plauenschen Grunde einen lebhaften Anteil und suchten die bestgelegenen für den Fiskus zu erwerben, geringere zugunsten [151]der Amtsmühlen stillzulegen. Kurfürst August und nach ihm August der Starke haben weitgehende Ziele dieser Art verfolgt, wie die Geschichte der »Hofmühle«, der »Königsmühle«, der »Neumühle« und anderer Mühlen zeigt. Die jetzt dem Kommerzienrat Bienert gehörende »Hofmühle« ist bereits am 25. Dezember 1568 (Bienertsche Sammlung) vom Kurfürsten August durch Kauf erworben und vom 12. März 1569 bis ins Jahr 1571 mit einem Aufwande von 8336 Gulden »in fürstlicher Pracht« zu einem stattlichen Mühlwerk von sechzehn Mahlgängen umgebaut worden. Diese Angaben werden durch steinerne Urkunden bestätigt. In der Hofwand des jetzigen neuen Mühlgebäudes ist aus dem Bau des Kurfürsten August ein von einer schönen, schlichten Renaissancefassade umrahmtes Doppelwappen eingemauert, dessen linke Hälfte die gekreuzten Kurschwerter und die sächsische Raute zeigt, auf dem rechten Wappen sieht man drei nach links laufende Löwen mit doppelquastigen Schwänzen, darunter den Kopf des Mühlmeisters (Abb. 9). Den doppeltgeschwänzten Löwen hat die Bienertsche Hofmühle neben dem Bienenstock und über dem Müllerzeichen in ihre Fabrikmarke aufgenommen.
Außerdem ist ganz oben im Giebel des Hauses mit der Jahreszahl 1570 ein anmutiger, geflügelter Engel in einem mächtigen Steinrahmen dargestellt, [153]der auf einem Wappenschild unter einem kreuzförmigen Zeichen ein Z und das Bild einer Sense trägt, vielleicht die Hausmarke des ersten Mühlmeisters Zacharias Zimmermann. Über dem Engel steht die Inschrift:
E (alle) ERLOST.
Unter dem Engel steht die Bauinschrift, die mit den Worten beginnt: DIESE MUL … und schließt: DER DIESE MUL NEGST [GOTTES GNAD UND BARMHERZIGKEIT] ERBAUET HAT. Die eingeklammerten Worte habe ich zu ergänzen versucht, das zwischen Anfang und Ende Stehende ist so zerstört, daß ich es nicht lesen konnte (Abb. 10).
Das Engelsbild mit dem frommen Spruch steht wohl nicht zufällig an der Stelle, an der man in alter Zeit manchmal ein Bild des Mühlgötzen Pumphut anbrachte, um ihn für die Mühle günstig zu stimmen. Hier hat ein frommer Sinn den alten Aberglauben überwunden.
Überdies hat der Kurfürst auch dafür gesorgt, daß seine Mühle Kunden hatte: schon am 6. April 1569 wurde für das neue Unternehmen der Mahlzwang von 32 Ortschaften mit 210 »Mahlgästen« festgelegt. Die neue Mahlordnung von 1661 stellte 66 Orte unter den Mahlzwang der Hofmühle.
Ganz klar liegen die Verhältnisse des Baus bei der jüngeren König-Friedrich-August-Mühle, die an Stelle der sogenannten Neumühle trat. Die wohlerhaltene Inschrift unter dem Sächsisch-Polnischen Wappen meldet: »Unter der Allerglorwürdigsten Herrschaft und Regierung des Allerdurchlauchtigsten Großmächtigsten Königs in Polen und Churfürstens zu Sachsen Herrn Friedrich [154]August Königl. Majest. und Churfürstl. Durchl. ist gegenwärtiges Mühlwergk angelegt von Grund aus neue erhoben und der Anfang zum Baue den 3. August 1726 gemacht und den 30. May 1728 vollendet worden. Durch Johann Caspar Richtern der Zeit Mühlen Voigt in Dresden.« Diese König-Friedrich-August-Mühle ging 1874 aus fiskalischem Besitz an den Hofbäcker Braune über.
Auch viele andere Orte des Plauenschen Grundes hatten Mühlen. In Deuben wird 1465 »Die moele uff dem Anger«, zu Döhlen werden 1566 zwei Mühlen erwähnt, außer der zum Rittergut gehörigen Winkelmühle, an der Weißeritz liegt etwas oberhalb die »Rothe Mühle« (1592), die »Zauckeroder Mühle« kaufte 1683 der Kurfürst, zwei Mühlen wurden um 1600 in Niederhäslich genannt. Dazu kommen später auf Coschützer Flur die aus einem Kupferhammer hervorgegangene Pulvermühle (1770), die 1775 in die Luft flog, 1804 abermals, 1830 in eine Mahlmühle verwandelt, in der [155]von 1885 bis zur Vollendung der großen Militärbäckerei in Dresden-N. das gesamte Kommißbrot für die Dresdner Garnison gebacken wurde. Jetzt gehört der Rest der Gebäude (Abb. 11) der Braunschen Weizenmühle, die dicht dabei ihren weithin sichtbaren in süddeutschem Geschmack erbauten Getreidesilo besitzt.
Diese Mühlen des Plauenschen Grundes waren aber keineswegs nur als gewerbliche Einrichtungen und für die Volksernährung, sondern manche unter ihnen auch als Träger einer höheren Kultur von Wichtigkeit, so z. B. der gediegene Bau der vom Kurfürsten August errichteten Hofmühle. Wie durch ein Wunder ist mitten unter neuzeitlichen Bauwerken die alte »Rothe Mühle« etwas flußaufwärts von Potschappel erhalten geblieben (Abb. 12). Sie enthält im Erdgeschoß sehr lehrreiche, auch künstlerisch anziehende Reste einer Mühleneinrichtung von 1773 (am schön geschnitzten Balken die Inschrift A. C. [156]v. S(chönberg) 1773) (Abb. 13), aber weit ältere Flur- und Treppenanlagen (Abb. 14) und im Dachgeschoß ein mit gemaltem Gebälk und ornamentierter Holzverkleidung (grüne Akanthusranken) ausgestattetes herrschaftliches Zimmer im Geschmack der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts, hier und da auch noch kleinere Reste von Bemalung (Abb. 15). Ohne Zweifel haben diese Zimmer nicht dem Mühlverwalter, sondern der adeligen, auf Döhlen sitzenden Herrschaft gedient.
Im Gegensatz zu der uralten Mühlenindustrie beginnt die Holzflößerei durch den Plauenschen Grund nach der Anordnung Herzogs Georg des Bärtigen erst 1521. Ein Floßgraben, von der Weißeritz zwischen Plauen und Dresden abgezweigt, führte alljährlich bis zu fünfzehntausend Klaftern Holz, die aus den Altenberger, Bärenfelser und Grillenburger Revieren in das Frühjahrshochwasser der Weißeritz geworfen wurden, auf die Floßplätze der Stadt Dresden, das letztemal im April 1875. Reste des Floßrechens sind heute noch etwas oberhalb der Bienertschen Hofmühle erkennbar (Schrifttum Nr. 17).
Früher als anderwärts begann im Plauenschen Grunde der Wettstreit der Heizkraft des Holzes mit der Steinkohle. Schon im Jahre 1542 erhält der Münzmeister Hans Biener das Mutungs- und Abbaurecht für Steinkohlen zwischen Plauen und Tharandt, und bald darauf schließen die Gewerken einen Abbauvertrag mit zwei Brüdern von Zeutzsch auf Burgk für deren Gemarkung. [157]Aber es dauerte noch lange, ehe man das »schwarze Gold«, die kostbarste Mitgift des Plauenschen Grundes, in seinem wahren Wert erkannte (Seite 110).
Weniger als andere an den großen Heerstraßen gelegene Gegenden Sachsens haben die Bauern, Müller und Bergknappen des Plauenschen Grundes unter den Verwüstungen des Hussitenkrieges und des Dreißigjährigen Krieges gelitten. Es war für kleinere Abteilungen und Marodeure gefährlich, durch dieses teils enge, teils von Sümpfen und Wasserläufen durchzogene Felsental zu marschieren, und größere Heere mieden ohnehin solche Défilés. Mag hie und da einmal ein Dorf in jenen Zeiten zur Wüstung geworden sein, wie das obengenannte Weitzschen, oder eine Kirche in Flammen aufgegangen sein, wie die des Dorfes Plauen im Hussitenkriege (1429), im allgemeinen konnte sich hier die Wirtschaft und Kultur wegen der Art der Landschaft und der Nähe der starken Festung Dresden ruhig und ungestört entwickeln.
Erst kurz vor Beginn des achtzehnten Jahrhunderts tritt der Plauensche Grund mehr und mehr aus seiner Stille und Abgeschiedenheit hinaus in das Gesichtsfeld der großen Welt und zwar zunächst durch die sächsischen Fürsten, die ihm eine ganz bestimmte Rolle in ihren Veranstaltungen zuwiesen und dann auch durch die Geschmacksrichtung der Gebildeten überhaupt.
[158]
Im Jahre 1698 veranstaltete August der Starke zu Ehren des Zaren Peter von Rußland in der Nähe der Buschmühle im Plauenschen Grunde einen Festzug sächsischer Bergknappen. Dieser Gedanke wurde in weit größerem Stile wieder aufgenommen, als 1719 die Vermählung des Kurprinzen mit der Kaisertochter Marie Josepha von Österreich durch ein Saturnfest im Plauenschen Grunde gefeiert wurde, das durch seine Eigenart und Pracht das größte Aufsehen erregte. Der Kurfürst wünschte, den fürstlichen Hochzeitsgästen einen möglichst imposanten Begriff von dem Reichtum seines Landes an Bodenschätzen zu geben. Das eigentliche Erzgebirge war zu weit, um es in das Fest mit hineinzuziehen, aber seine Schätze und Kräfte zog der Fürst herbei, und der Gott Saturnus mußte unmittelbar vor den Toren von Dresden die kostbarsten Saturnalien veranstalten, um das hohe Brautpaar und die fürstlichen Gäste zu vergnügen. [159]Noch führte keine Straße durch den Grund, noch standen die grotesken Schluchten und Felswände in ihrer unberührten Schönheit und Großartigkeit da. Konnte es einen wirksameren Hintergrund geben für das eigenartige Schauspiel, das der große Zaubermeister mit erlesenem Geschmack und fast unerschöpflichen Mitteln hier entfaltete? Wir sehen den geheimnisvollen Saturntempel eng an die Felswand geschmiegt, als ob er den Eingang bilde zu den Schatzgewölben, die der Kurfürst-König im Inneren der Berge besaß. Der Fluß ist zu einem anmutigen Wasserbecken angestaut, über das man auf zierlichen Booten zum Tempel hinüberfährt. In seinem Inneren waltet der Münzmeister Cupido und läßt vor den Augen der Gäste goldene und silberne Münzen prägen, die unter die Gäste verteilt werden. Draußen ist Nacht. Aber sie wird erhellt durch die von den Felsen flammenden Feuer und durch die Fackeln von sechzehnhundert Bergleuten, die mit ihren Steigern, Schichtmeistern und Offizieren in schmucken Uniformen, Erzstufen und Kristalle tragend, aus allen Teilen des Erzgebirges herbeigeeilt sind, die Hochzeit des Fürstensohnes zu verherrlichen (Abb. 16). Eingeleitet wurde das Fest durch eine große Treibjagd, in deren Verlauf sich Hirsche und Rehe und auch ein Bär nach der grausamen Sitte der Zeit von den Felsen des Hohen Steins herunterstürzen mußten, und durch eine italienische Komödie (Abb. 17). Auch 1727 bei Anwesenheit [161]der Kaiserinwitwe Amalie »am 1. September ward hinter Plauen im Grunde ein großes Jagen und Ausschießen gehalten und etliche hundert Stück Wild, Rehe, Hirsche und Hasen, die einige Tage vorher zusammengetrieben worden, gefällt«.
Aber verhältnismäßig früh (1733) nahm der Tod dem königlichen Regisseur solcher Feerien den Zauberstab aus der Hand. Unter seinem Sohne hat der Plauensche Grund nie wieder eine solche Rolle gespielt; dessen allmächtiger Minister Graf Brühl war ein Sohn der Ebene, ohne Neigung für die felsigen Berge; er begnügte sich damit, seinem Herrn 1745 zur Befriedigung seiner Jagdlust eine bequeme Fahrstraße durch den Grund zunächst von Plauen bis Döhlen bauen zu lassen, die später bis nach Tharandt fortgesetzt wurde. Aber der Schauplatz war doch eröffnet und wurde nicht wieder leer von Schaulustigen aller Art. An einer Stelle, wo schon 1591 auf Plauenscher Flur längs der Weißeritz im Anschluß an ein größeres Gut eine bemerkenswerte Gartenanlage bestanden hatte (siehe Koch, Seite 20), legte der Bergdirektor Wratislaw von Reisewitz (1702 bis 1709 Besitzer) den nach ihm benannten, durch alten Baumbestand und Wasserkünste hervorragenden »Reisewitzer Garten« an (Abb. 18), in dem Kurfürst Johann Georg IV. für seine Geliebte Sibylle von Neitzschütz um 1692 das »Wasserpalais« erbaut hatte (Abb. 19). Später (seit 1843) gehörte dieses so anmutig an dem von einer Steinbrücke überspannten Wehr der Weißeritz gelegene Haus der Gräfin Kielmannsegge, einer geborenen [162]von Schönberg, von der das Volk erzählt, sie habe, eines Giftmordes verdächtig, zeitlebens eine schwarze Seidenschnur um den Hals tragen müssen und sei eine Geliebte Napoleons I. gewesen. Sicher ist es, daß sie ihm als diplomatische Agentin diente und daß die schöne und hochbegabte Frau, durch den Glanz des fremden Eroberers und durch sein eindrucksvolles Auftreten geblendet, allmählich zu einer heimatfremden Spionin und Verräterin am eigenen Volke herabsank. Gemieden von allen, mit denen sie einst verkehrt hatte, ist sie hochbetagt (1863) in quälender Unrast verstorben. Die »Memoiren«, die sie der Nachwelt hinterlassen hat (Schrifttum Nr. 80) sind für den Urteilsfähigen ein durchsichtiges Gewebe von Vorurteilen, Lüge und Verstellung und sind als Geschichtsquelle ebenso niedrig zu bewerten wie die ihres Meisters Napoleon. Leider ist ihr eindrucksvolles Haus bis auf eine hohe Pappel, die seinen Standort [163]bezeichnet, und mit ihm der Reisewitzer Park, der viele Jahrzehnte lang ein beliebter Ausflugsort der Dresdner war, um 1890, bei der Erbauung der Schokoladenfabrik von Petzold und Aulhorn, abgebrochen worden. Auch Bauwerke, die ursprünglich der Erhaltung der »Wildbahn« dienten, sind allmählich zu Erholungsorten für das Volk geworden. So hatte August der Starke ungefähr an der Stelle, wo er mit Peter dem Großen die Bergknappen gemustert hatte, 1722 das Hegereiter-Haus erbaut, in dem gelegentlich auch die fürstlichen Herrschaften von der Jagd zu rasten pflegten. Später erhielt der Hegereiter die Schankgerechtigkeit, die namentlich zur Zeit der Baumblüte von den Dresdnern ausgiebig benutzt wurde. Jetzt dient das »alte Plauensche Forsthaus« (am Westende des Bienertschen Gartens gelegen) nur noch für Wohnzwecke.
Gegen die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts beginnt als Gegenwirkung gegen die höfische und großstädtische Überfeinerung der gesamten Kultur eine Sehnsucht nach den einfachen und natürlichen Formen des Landlebens. Die Träger der Rokokokultur jener Zeit wollen im Gegensatz zu der Überfeinerung und Unnatur des Daseins, unter der sie leiden, das allgemein Menschliche, was unter der Schminke doch immerhin noch in ihnen steckt, wenigstens spielend zum Ausdruck bringen und betätigen (Konrad Lange, Das Wesen der Kunst, 1891). Daher das Bedürfnis, wenigstens dann und wann ins Landleben zu flüchten und den Schäfer und die Schäferin zu spielen. Diese Lebensrichtung mußte den Wert des Plauenschen Grundes für die Dresdner Gesellschaft nur noch erhöhen. Der wichtigste Träger dieser idyllischen Richtung ist Carl von Nimptsch, sächsisch-polnischer Kammerherr und Kammerrat, Erb- und Lehnsherr auf Dölzschen und Roßthal. Er errichtete auf einer Felskuppe nahe am Dorfe, von der aus man ebenso die fernen Höhen des Elbtals, wie die Schluchten, Gründe und Felsen des oberen Weißeritztales erblickte, ein hölzernes Lusthaus, die »Karlsburg«, das bald von den Naturfreunden der Gegend eifrig besucht wurde.
In die Literatur wird die Karlsburg eingeführt durch das Schriftchen: »Flüchtige Gedanken, entworfen auf dem angenehmen Nimptschischen Lust-Altan auf denen steilen Felsen in der Gegend des Plauenschen Grundes bey Dölzschen, als sich zwey gute Freunde des werthen Nimptschischen Hauses daselbst an einem schönen Morgen und Abend in stillen Vergnügen belustigten d. 14. August anno 1742, Johann Wilhelm Prinz zu Sachsen Coburg und Carl Dietrich von Bölau«. Dieses Schriftchen findet sich in einem Sammelbande der Sächsischen Landesbibliothek unter dem Titel »Pesterwitz«, in dem unter anderem auch ein »Einladungsschreiben an seinen Freund zum angenehmen Landleben« von Pastor Müller in Pesterwitz (1739) enthalten ist. Später hat auch Carl von Nimptsch selbst in dieser Sache das Wort ergriffen in seiner »Poetischen Beschreibung des vergnügten Landlebens, auf denen Ritter- und Erb-Güthern auch Dörfern Roßthal, Pesterwitz und Döltschen, mitgeteilt von dem Besitzer dererselben den 31. Octbr. 1769 an seinem erlebten Drey und Siebenzigsten Geburts-Tage«. (Schrifttum Nr. 8.)
[164]
Von ihm selbst oder einem ihm nahestehenden Manne ist auch das anmutige Gedicht, das im Jahre 1756 die Dresdner gelehrten Anzeigen veröffentlichten »Gedanken über eine schöne Gegend im Plauischen Gebirge«, in dem die »Karlsburg« folgendermaßen gepriesen wird:
Schon vor dem 14. August 1742 hatte ein Sturm das Häuschen vernichtet (31. Juli 1742), aber Nimptsch hat es 1743 durch einen teilweise steinernen Aufbau »zur Ergötzung des Auges und Erfrischung des Leibes« ersetzt. Wir wissen das durch eine jetzt verlorene steinerne Inschriftentafel, deren Wortlaut uns der genannte Sammelband »Pesterwitz« bewahrt hat. Aber auch der zweite Bau hatte keinen Bestand. Denn eine zweite Inschrift meldet, daß auch der steinerne Altan (scena) gegen Ende Dezember 1745 (nach der Kesselsdorfer Schlacht) der Gewalttätigkeit preußischer Soldaten zum Opfer fiel, die das Holzwerk verbrannten, die behauenen Steine aber verstümmelten und in die Tiefe stürzten. So ließ Nimptsch 1747 als Geheimer Rat das Bauwerk zum dritten Male errichten und »durch diese Inschrift eine Tat, die für einen so großen Namen (Preußen) nicht löblich ist, der späteren Nachwelt überliefern«. Im Siebenjährigen Kriege verschwand der Altan abermals (1759). Nun ließ der unermüdliche Gutsherr wenigstens steinerne Tische und Bänke anbringen, umkränzte den Platz mit Linden und nannte ihn »Belvedere«. So war er beschaffen, als ihn Weingart 1781 beschrieb. Aber auch diese sind verschwunden, doch lebte die Anlage unter dem Namen das »Canapé« (Abb. 20) im Gedächtnis der Menschen weiter, bis endlich im Jahre 1852 ein Gutsbesitzer Beger die noch jetzt kühn auf dem Felsen thronende »Begerburg« an Stelle der Karlsburg erbaute.
Auf der gegenüberliegenden, sogenannten Coschützer Talseite war der bekannteste Vertreter der Freude an einer bedeutenden Natur der Sohn Augusts des Starken und der schönen Gräfin Cosel, der Reichsgraf Friedrich August von Cosel, also derselbe Mann, dem wir die Wiederherstellung und Ergänzung [165]des schönen Knöffelschen Hauses hinter der Dresdner Frauenkirche, des nach ihm genannten Coselpalais, verdanken. Er kaufte 1767 die aus dem Weißeritztal nach Coschütz hinaufführende Schlucht, und als der hier zunächst geplante Kupferbergbau keinen Gewinn ergab, baute er in der Mittelachse der Schlucht das aus vielen Abbildungen bekannte Coselschlößchen mit seinem reizvollen Vorbau unter dem gewalmten Ziegeldach (Abb. S. 105). Was der Graf Cosel hier suchte und fand, sagt uns v. Weingart Seite 18: »Daß dabey befindliche Gebüsche, welches durch eine Menge singender Vögel belebt wird, ist weit anmuthiger als der schönste und gezierteste Lustgarten. Dieses läßt sich überhaupt von der ganzen Gegend des Thals sagen, wo man selbst in den heißesten Tagen des Augusts eine erfrischende und erquickende Luft genießt.« Aber zu dieser hellgestimmten Daseinsfreude tritt noch etwas anderes, was Weingart an anderer Stelle (Seite 17) berührt: das Geräusch der Weißeritz erregt »eine melancholische Empfindung, welche in gewissen Lagen der Seele nicht unangenehm ist. Die weiteren Spaziergänge in diesem Thale zeigen ländliche und unschuldige Gegenstände, welche einer die Natur liebenden Seele weit angenehmer sind, als alle durch Kunst hervorgebrachte Sachen.« Diese Sätze beweisen uns, daß wir mit dem Grafen Cosel und seinem Interpreten aus dem Zeitalter der reinen Freude am ländlichen Idyll durch Rousseaus Weckruf: [166]»Retournons à la nature« hindurch ins Zeitalter der »Empfindsamkeit« eingetreten sind. Wie den Zeitgenossen die Landschaft und die ländlichen Siedlungen gerade des Plauenschen Grundes als ein Ausdruck dieser Stimmung gelten konnten – ähnlich wie das von der Röder durchströmte und von Stätten der Freundschaft und Erinnerungsstätten an große Geister der Menschheit belebte Seifersdorfer Tal –, das ersehen wir am deutlichsten aus dem 1780 erschienenen Roman »Herrmann und Ulrike« von Johann Carl Wezel. Eine Probe daraus muß uns genügen. Der Dichter läßt seinen Helden »an einem heiteren sonnigten Nachmittage« zum ersten Male den Plauenschen Grund durchwandern: »ringsum betäubte ihn das Konzert rauschender Wasserstürze, klappernder Mühlen und des herabschießenden Flößholzes, das in den schäumenden Strudel mit hohlem Getöse hineinstürzte, verschwand, weit jenseit des Schaumes wieder langsam emporkam und sanft dahinschwamm … Er trat auf die zweite Brücke, und vor ihm stand ein Amphitheater, das in der Schöpfung nur einmal wurde. Auf der linken Seite dunkelbraune glattgeschnittne Felsenwände, schief, wie Kulissen einer Schaubühne, hintereinander gestellt, aus dem Flusse, der sich an ihrem Fuße in wirbelnden Wallungen bricht, zu den Wolken gerade emporsteigend; rechts am Flusse der phantastisch geschlungene Weg mit strauchichten rauhen Bergen, die mit den Felswänden sich zu vereinigen scheinen, um die Szene zu schließen; in der Mitte das ausgespannte Wasser; im Rücken und vorwärts Brausen und Getöse … er staunte, mit melancholischem Schauer verweilte er bei dem herrlichen Anblicke, in tiefer Empfindung verloren, und nur mit Mühe riß er sich los … izt stiegen jenseit des sprudelnden Stroms zween waldichte Berge empor, boten sich freundschaftlich die Arme und ließen unter ihnen eine breite aufsteigende Kluft – er sah in ihr hinauf und erblickte Gebäude: bald lehnte zur Rechten ein öder unfruchtbarer zerrissener Bergrücken mit fauler Bequemlichkeit da und trug auf seinen Schultern ein Dorf, von welchem Häuser, Leimwände (Lehmwände) und Strohdächer einzeln und in Gruppen über die Bergkrümmungen herabschielten … längs am Wasser hin (stunden) versilberte Weiden, in künstlichen Reihen gepflanzt, hinter ihnen im aufsteigenden Gebüsche herrschte die völlige Unordnung der Natur: dort lehnte am Fuß einer Steinklippe ein Gärtchen voll junger Obstbäume, in weiße blinkende Stäbe eingezäunt, dort hing eins, vom zerrißnen Dornzaune umgeben, mitten an einem schroffichten dürren Berge, und mühsam schwebte dort zwischen Steinen ein arbeitsames Weib und behackte mit weitausgeholtem Schlage, der Natur zum Trotz, ein Beetchen für die kleinen Bedürfnisse ihrer Tafel«. Doch wir kehren nach dieser Abschweifung zum Coselschlößchen zurück. Es hat vielfältige Schicksale erlebt und ist noch vorhanden. Aber in welchem Zustande! Um 1900, also noch ehe der Heimatschutz seine schützende Hand darüber halten konnte, wurde es in ein Mietshaus verwandelt, indem das zierliche Dachgeschoß zu einer plumpen Etage ausgebaut und das feingegliederte Dach des Vorbaus durch eine Plattform ersetzt wurde. Immerhin erinnert das Oberzimmer dieses Vorbaus noch ein wenig an die ehemalige Schönheit.
[167]
Der Geist Rousseaus, der jedes Sondereigen als Diebstahl an der Menschheit bezeichnete, begnügte sich schließlich nicht damit, in weicher Empfindsamkeit und Naturschwärmerei gegen die Verderbtheit der Regierenden Einspruch zu erheben, er weckte vielmehr die Hyäne der großen französischen Revolution, und diese gebar das Kaiserreich Napoleons I. und die Versklavung des ehemaligen deutschen Reiches an Frankreich. Aber ehe es so weit kam, entstand noch vor dem Abschluß des achtzehnten Jahrhunderts auch in Deutschland und zwar gerade in den östlichen, erst durch Kolonisation deutsch gewordenen Landschaften Sachsen, Brandenburg, Schlesien ein neuer Geist, der geeignet war, den Kampf mit den wälschen Unterdrückern aufzunehmen. Das war der Geist der Romantik, der, nachdem das deutsche Volk so lange in weichlichen Empfindungen und kosmopolitischen Unmöglichkeiten geschwelgt hatte, darauf ausging, dieses Volk wieder zur Selbstbesinnung auf seine deutsche Eigenart zurückzuführen. Gerade unter dem Druck der französischen Fremdherrschaft begann der neue Geist zu erstarken und sich zu betätigen in der Schaffung der neuen Naturphilosophie, eines vertieften religiösen Lebens, eines neuen Kunstgeschmacks, einer neuen volkstümlichen deutschen Dichtung und in dem politischen Ideal einer großzügigen nationalen Sonderexistenz des deutschen Volkes. Männer dieser Richtung traten auch in Dresden hervor und fanden im Plauenschen Grunde, dessen Begriff sich jetzt noch weiter westwärts über Hainsberg bis Tharandt erstreckte, eine Landschaft ihres Geschmacks. Damals – 1796 und 1797 – wurde »durch öffentliche Wohltätigkeit« ein mit Denkmälern geschmückter »Spaziergang«, damals die »Heiligen Hallen«, die Holztempel, Strohhütten in den schönsten Waldstücken um Tharandt fertiggestellt. Ein lebendiges Echo der Wirkung tönt uns aus den Reisebriefen des großen Romantikers Heinrich von Kleist entgegen. Am 3. September 1800 schreibt er an seine Braut Wilhelmine von Zenge: »Der Weg nach Tharandt geht durch den schönen plauenschen Grund. Man fährt an der Weißeritz entlang, die dem Reisenden entgegenrauscht. Mehr Abwechselung wird man selten in einem Thale finden. Die Schlucht ist bald eng, bald breit, bald flach, bald felsig, bald grün, bald ganz roh, bald auf das Fruchtbarste bebaut. So hat man das Ende der Fahrt erreicht, ehe man es wünscht,« und am 4. September: »In der Mitte des plauenschen Grundes krümmt sich das Thal und bildet da einen tiefen Einschnitt. Die Weißeritz stürzt sich gegen die Wand eines vorspringenden Felsens und will ihn gleichsam durchbohren. Aber der Felsen ist stärker, wankt nicht und beugt ihren stürmischen Lauf.
Da hangt an dem Einschnitt des Thales, zwischen Felsen und Strom, ein Haus, eng und einfältig gebaut, wie für einen Weisen. Der hintere Felsen gibt dem Örtchen Sicherheit, Schatten winken ihm die überhangenden Zweige zu, Kühlung führt ihm die Welle der Weißeritz entgegen. Höher hinauf in das Thal ist die Aussicht schauerlich, tiefer hinab in die Ebene von Dresden heiter. Die Weißeritz trennt die Welt von diesem Örtchen, und nur ein schmaler Steg führt in seinen Eingang. – Eng, sagte ich, wäre das Häuschen? Ja freilich, für [168]Assembleen und Redouten. Aber für zwei Menschen und die Liebe weit genug, weit hinlänglich genug[32].«
Der hier so ganz im Idyllischen schwelgende Kleist ist derselbe, der neun Jahre später (1809) bei der Erhebung Österreichs gegen Napoleon in seinem glühenden Aufruf »Germania an ihre Kinder« diesen zurufen läßt:
Chor:
Diese »Schlacht«, die Kleist leider nicht mehr erlebte, aber vorgeahnt hat, ich meine die letzte Phase des in der Leipziger Schlacht gipfelnden Freiheitskrieges, hat sich vor den Toren Dresdens angebahnt (25. bis 27. August 1813). Ihr hat die vielgerühmte stille Schönheit und Beschaulichkeit des Plauenschen Grundes nicht standgehalten. Diesmal bekam er sein reichliches Teil von den Stürmen und Verwüstungen des Krieges zu sehen und zu spüren, Stürme und Verwüstungen, die alles Schlimme, was diese Landschaft etwa im Dreißigjährigen, Nordischen oder Siebenjährigen Kriege erlebt hatte, gründlich in den Schatten stellten. Seitdem am 24. August die Kolonnen der Russen, Österreicher und Preußen von Dippoldiswalde und Freiberg her auf den grundlosen, vom Regen erweichten Wegen auf der von Räcknitz nach Plauen zu abfallenden Lehne und jenseits des Grundes auf dem Felsplateau von Dölzschen und Pesterwitz sich sammelten, war in allen Dörfern des Plauenschen Grundes des Fouragierens und der Gewalttätigkeiten gegen die Einwohner kein Ende. Aber [169]erst am 25. August abends sieben Uhr kamen die leichten Reiter Klenaus bis in die Mitte des Dorfes Plauen und ruhten dort von den furchtbaren Strapazen des Anritts aus, nur durch die Dorfstraße von den Franzosen getrennt. Am 26. August zog sich das Gefecht, da die Franzosen Plauen geräumt hatten, mehr nach der Stadt zu, nachmittags vier Uhr erfolgte von allen Seiten ein allgemeiner Angriff auf die Stadt, aber nach langem unentschiedenen Ringen warf Napoleons Gegenstoß etwa um sechs Uhr nachmittags die Verbündeten fast auf allen Punkten des Halbkreises, in dem sie Dresden umklammert hatten, zurück. Der 27. August verschlimmerte ihre Lage, da sich die geschlagenen Verbündeten noch nicht hatten zum Rückzuge entschließen können. Napoleon sagte schon am Morgen des Tages zum sächsischen General von Gersdorf: »Ich glaube, daß die Verbündeten eine Dummheit begingen, hier zu bleiben. Der König von Neapel läßt mir melden, daß er noch Österreicher am Kragen hat. Das kann ihnen teuer zu stehen kommen. Der König wird ihnen an den Steilhängen von Plauen den Hals brechen.« Und so geschah es. Schon am Vormittag zog Murat alle verfügbare Reiterei der Franzosen zusammen und begann mit ihr von dem Schusterhaus bei Briesnitz aus auf verschiedenen Wegen zu dem Plateau emporzusteigen, auf dem die Österreicher die Dörfer Dölzschen, Naußlitz, Wölfnitz, Burgstädtel, Omsewitz, mit den Reserven auch Altfranken und Pesterwitz besetzt hielten, und drängte die Österreicher, die wegen des strömenden Regens nicht feuern konnten, immer mehr nach den Steilrändern des Plauenschen Grundes zurück. Tausende wurden erschlagen, Tausende gefangen, der Rest suchte auf steilen Pfaden oder an den Felsen hinabkletternd die Sohle des Grundes zu erreichen, wobei viele in die Tiefe stürzten. Gleichzeitig wurde das Dorf Plauen in Brand geschossen, und aus den Mühlen unterhielten die österreichischen Schützen ein ununterbrochenes Gewehrfeuer gegen die von beiden Talrändern herandrängenden französischen Tirailleure. Noch am Nachmittage des 27. August begann der leidensvolle Rückzug der Verbündeten auf den Straßen über Dohna und Dippoldiswalde nach Böhmen. Das Dorf Plauen, in dem die Österreicher die Brücke beim Wasserpalais und den Reisewitzer Garten bis zuletzt besetzt hielten, war am 28. August früh fünf Uhr wieder in den Händen der Franzosen. Es war menschenleer und völlig verwüstet, ebenso wie Döhlen und Zauckerode. Allein im Reisewitzer Garten lagen gegen dreißig Leichen. Auch nach der Schlacht dauerten die Plünderungen fort. Noch Ende September lagen fünfhundert Mann französische Garde im Reisewitzer Garten im Bivac und zogen jeden Morgen mit Wagen, Sensen und Beilen aus »und raubten von Feldern und aus Scheunen, was noch zu rauben war.« Noch nach dem endlichen Siege der Verbündeten bei Leipzig war das Elend in Plauen so groß, daß es zu den Gemeinden gehörte, die mit englischen Hilfsgeldern unterstützt wurden. Aber Verlust und Ersatz standen natürlich bei dem kleinen Ausmaß der vorhandenen Mittel in einem unnatürlichen Verhältnis. Der Dreihufengutsbesitzer Kobisch, der sechs Pferde, siebzehn Kühe, sein Getreide, Schiff und Geschirr verloren und zur Wiederherstellung der ruinierten Gebäude achthundertzweiundfünfzig Taler brauchte, erhielt eine Kuh und später auf [170]erneutes Bitten zehn Taler. So mußte entsagensvoller Fleiß und äußerste Sparsamkeit beim Wiederaufbau der Wirtschaft das meiste leisten. Und es war vielleicht gut so. Denn ein Jahrzehnt später war der Plauensche Grund wieder eine blühende und wegen ihrer Schönheit vielbesuchte und gefeierte Landschaft. Ihre schönste dichterische Verherrlichung stammt aus dieser Zeit und ist an die beiden Namen Wilhelm Müller, den Dichter der »Müllerlieder« und Joseph Grassi geknüpft. Joseph Grassi, geboren zu Wien (1757), gestorben zu Dresden (7. Januar 1838), seit 1799 Professor der Malerei an der Dresdner Akademie[33], 1816 bis 1821 Studiendirektor der Königlich Sächsischen Pensionäre in Rom, hatte vom Oberlandbaumeister Hauptmann ein 1768 als Huthaus errichtetes, später aber als Wohnhaus benutztes Gebäude gemietet. Das Haus lag im Schutze eines hohen Felsens ungefähr an der Stelle, wo jetzt das Gasthaus der Felsenkellerbrauerei steht. Es war von mäßiger Größe, hatte aber einen sehr schönen Garten, der sich zu beiden Seiten einer Freitreppe in Terrassen zum Wehr der Weißeritz niedersenkte. Ihm gegenüber auf der linken Talseite lag die Königsmühle (Abb. 21). Grassi hatte im oberen Teile der Schlucht einen Aussichtstempel erbaut, und nachdem in der Schlucht eine Mineralquelle entdeckt worden war, auch ein Badehaus. Aber beide Anlagen und die ganze Schönheit des Gartens waren unter den Folgen der Dresdner Schlacht verschwunden; Grassi selbst war 1816 nach Italien gegangen. Darnach hatte das Landhaus in dem Grafen Friedrich von Kalckreuth einen neuen Besitzer oder Mieter gefunden, der dem Hause und dem Garten die frühere Schönheit wiedergab. Kalckreuth aber war durch gemeinsame Kriegserlebnisse, Wanderungen in Italien und dichterische Arbeiten mit Wilhelm Müller eng verbunden; dieser hatte ihm »zum Denkmal der glücklichen Begegnung in Rom« den ersten Band des Werkes »Rom, Römer und Römerinnen« gewidmet. Als dann Müller in Dessau als Gymnasiallehrer sich einen eigenen Herd gegründet hatte, folgte er dreimal dem Rufe des Freundes zum Besuche in Dresden, wo er, wie auch Kalckreuth, zu Ludwig Tieck, Karl Maria von Weber, dem Intendanten von Könneritz, der Dichterin Wilhelmine von Chezzy u. a. in genußreiche Verbindung trat. Den längsten Aufenthalt aber, vom 29. Mai bis 13. Juli 1824, verbrachte er in Kalckreuths Villa Grassi, und dieser Aufenthalt begeisterte ihn so, daß er uns als echter Dichter in seinem »Frühlingskranz aus dem Plauenschen Grunde bei Dresden« nicht nur ein getreues Bild seiner selbst, sondern auch die anmutigste Schilderung des Plauenschen Grundes, wie er einst war, hinterlassen hat.
[171]
[172]
Die graziösen Schlußverse »Xenion« widmet seine Muse dem Gastfreunde:
Alles andere aber in dem Liederkranze ist ein hohes Lied auf die »Frühlingsschönheit« des Tales, jedes einzelne aus einem kleinen Erlebnis geschöpft und eben deshalb von einem Echo in der menschlichen Brust, das nie ersterben wird.
Er tritt bei sinkender Nacht ins Zimmer. Es ist lange nicht bewohnt gewesen. Er öffnet die Fenster. Da entströmt seiner Seele das Lied:
Am Morgen wandelt er im Garten zur Laube, noch liegen einige dürre Blätter auf der Bank. Da singt er:
Und nach einer Gewitternacht, die die rotschimmernde Apfelblüte aufschloß:
[173]
Am 31. Mai schreibt er an seine Frau: »Du kennst die reizende Villa, in der ich wohne. Jeder, der auf der Landstraße nach Tharandt vorübergeht oder fährt, schauet, wenn er kein Klotz ist, herüber und denkt: ›Wer da wohnen könnte!‹ Und ich wohne da. – Meine Stube liegt an der Felsenseite im zweiten Stock, auf der einen Seite lehnt sich das Haus aber an den Berg, so daß ein Fenster meiner Stube eine Glastüre ist, aus der man gleich auf die schöne Felsenterrasse tritt, auf der wir frühstücken. Auf den Bergen rechts und links bin ich schon gestern und heute viel herumgeklettert, und es ist mir ein großer Genuß, mir selbst die schönsten Punkte auszusuchen. Könnt’ ich dich nur auf einen Moment hierher versetzen; wie die Zweige an meine Fenster schlagen und die Weißeritz in beständigem Rauschen über die Steine und die Mühlendämme läuft und die Vögel draußen und drinnen, denn auch meine Stube hängt voll Vögel in Käfigen.« Aus dieser Stimmung ist das herrliche Morgenlied entsprossen:
Wenn er zur Weißeritz niederstieg, die den Rand des Gartens säumte, konnte ihm die Forelle nicht entgehen, die dort um die glatten Steine spielte:
Alle die lieblichen und erfrischenden Eindrücke, die Müllers dichterische Seele aus seiner idyllischen Umgebung sog, flossen in ihm zu einer einzigen starken Empfindungswelle des Dankes gegen Gott und der Ehrfurcht vor der Natur zusammen, als das liebliche Pfingsten in die Täler des Grundes niederstieg:
[174]
Um dieselbe Zeit übten die Schönheiten des unteren Weißeritztales eine sehr starke Anziehungskraft auf die Dresdner Landschaftsmaler aus: zu seinen Stimmungslandschaften hat sich Kaspar David Friedrich, zu ihren großen Kupferstichen haben sich Wizani, Johann Gottfried Jentzsch, Carl Gottfried Hammer und andere, zu ihren Radierungen und Zeichnungen Carl August Richter und sein Sohn Ludwig Richter vielfach die Stoffe aus dem Plauenschen Grunde geholt.
Achtzehn Jahre später, im Jahre 1842, trat die Weiterentwicklung des Plauenschen Grundes in die schon länger vorbereitete Krisis ein, die darüber entscheiden mußte, ob er seine natürliche Schönheit behaupten oder in ein dienendes Glied der mächtig aufblühenden Industrie verwandelt werden sollte. Zwei Schriften, beide in demselben Jahre 1842 erschienen, zeigen klar und deutlich, daß unser Talgrund an einer Scheidelinie angekommen war. Die Schrift von Julius Petzoldt, dem Bibliothekar des Königs Johann, »Der Plauensche Grund« zollt den Bodenschätzen des Tales, namentlich der Steinkohle und den Bruchsteinen, aber auch den ersten ansehnlichen industriellen Anlagen, wie der Freiherrlich von Burgkschen Eisengießerei und der König-Friedrich-August-Hütte, der Friedrichshütte (Glas), der Reichardschen Fabrik pharmazeutischer und technisch-chemischer Präparate und anderen industriellen Werken volle Beachtung, aber im ganzen steht doch die schöne Natur des Grundes und seine Geschichte durchaus im Vordergrunde der Teilnahme. Dagegen atmet man in dem »Spaziergang durch den Plauenschen Grund«, einer Vorlesung, die Gottfried Reichard am Stiftungsfeste des Dresdner Gewerb-Vereines (19. Februar 1842) gehalten hat, eine ganz andere, durchaus neuzeitliche Luft, in der die großen technischen Aufgaben der Zukunft schon mehr oder weniger fest umrissen vor unser geistiges Auge treten. Hören wir zur Probe nur einige Sätze: »Aus der Steinkohle, diesem finsterem Grabe früher blühenden Lebens, keimte der Wohlstand der Jetztwelt. Wir wissen, jenes Grab zu sprengen, und rüstig, vielleicht nur gar zu rüstig, beuten wir es aus. So will es der Geist der Zeit, der unablässig mahnt: »Heraus mit dem Todten, auf daß es das Leben gewinne!« … Wodurch ist aber die bergmännische Thätigkeit so feurig ermuntert und entwickelt? Theils durch die Einsicht und Anerkennung des Guten, theils und besonders durch das Gebot der Nothwendigkeit schwanden die Vorurtheile gegen Verwendung der Kohle als häuslichen Feuerungsmateriales dahin. Die in- und ausländische Industrie hat ungeheuere, von Jahr zu Jahr vergrößerte Kohlenmassen in Anspruch genommen, und da dem Kohlenbaue doch nicht gar zu schnell die nöthige Ausdehnung gegeben werden konnte, so trat nicht gerade eine Zeit des Mangels, doch aber ein Gesuchtsein der Kohle ein. Nichts konnte geeigneter sein, zu lebhafter Konkurrenz anzuspornen. Die Bauberechtigten betraten den industriellen Kampfplatz, und die Ergebnisse liegen vor.« Das Programm des Professors Reichard hat im Laufe des letzten Jahrhunderts einen vollen Sieg erfochten. Das Opfer, durch das dieser Sieg erkauft wurde, war die Zerstörung eines großen Teils der Schönheit der herrlichen Landschaft. Mit Wehmut sieht der [175]Heimatfreund, wie sich an vielen Stellen das reinliche, stille und harmonische Nebeneinander von Wasser und Wiese, von Wald und Feld, von felsigen Hängen und lauschigen Gründen, von Blumenflor und wogendem Ährenfeld, von Vogelruf und Menschenstimme in ein rastloses, staub- und rußerfülltes, von zeternden Geräuschen gefoltertes Durcheinander von eng gepreßten Wohnhäusern und Fabriken, rauchenden Schloten und häßlichen Schachtanlagen, dürren Halden und nagenden Steinbrüchen verwandelt hat. Aber der Heimatfreund weiß ebensogut wie die anderen, daß der vermehrte Abbau der Kohle und ihre Umwandlung in industrielle Energien eine Notwendigkeit ist, gegen die niemand Einspruch erheben kann. Aber deswegen legt er nicht die Hände in den Schoß, sondern sucht zu retten, was noch zu retten ist. Und glücklicherweise ist ja, zumal an den Rändern unseres Gebietes, aber auch mitten in dem Getriebe der neuzeitlichen Industriestadt Freital manches Schöne erhalten geblieben, das nur die vorsichtig bessernde und pflegende Hand verlangt, um wieder als ein Ganzes zu wirken, als ein Vermächtnis aus schöner, alter Zeit. Wer in der Mitte des vom Dölzschener Gasthof zur Begerburg herabführenden Weges an der niedrigen Steinmauer stehen bleibt, der genießt auch heute noch ein Bild, das des Anschauens und Bewunderns würdig ist. Hinter ihm liegt das altväterische Dorf, vor ihm in schwindelnder Tiefe schlängelt sich der Fluß durch die Felsengasse, von links drüben starrt die gewaltige Plattform der Coschützer Heidenschanze herüber und zur Rechten erheben sich aus der Tiefe in malerischen Sprüngen glatte oder grünübersponnene Felsterrassen, aus der Mitte des Tals aber strebt der Silo der Braunschen Mühle wie ein starker Bergfried empor und bringt in das ganze Bild einen Zug, der an die Umgebung von Rothenburg ob der Tauber erinnert.
Das Wichtigste bleibt, daß alle Bewohner des Plauenschen Grundes durch Wort und Schrift einen Begriff davon erhalten, welche Schönheitswerte einst ihre Wohn- und Arbeitsstätten besaßen und zum Teil noch besitzen. Denn erst, wenn das alle wissen, können alle von dem Wunsche beseelt werden, uns bei unseren Rettungsarbeiten zu helfen. Da gilt es z. B. den halbverfallenen »Schluchtweg« oberhalb der Villa Cosel, den vom Schluchtweg abzweigenden Pfad zur »Heidenschanze« und vor allem den »wunderbaren Schlehenweg« von der Heidenschanze nach Potschappel wieder herzustellen. Dann muß dafür gesorgt werden, daß das uralte Dorf Coschütz (Abb. 22), das uns noch heute in seiner Anlage das ganze Wesen der Kolonisationszeit offenbart, samt dem alten, an einem Gehöft eingemauerten Grabstein (?) des gelehrten Bauern Johann Georg Palitzsch,ferner das für die Kulturgeschichte unentbehrliche Kleinod der »Roten Mühle« (S. 155 f.) mit jedem Balken und Brettstück der inneren Einrichtung, ebenso jedes alte Steinbild und jede alte Inschrift, wie z. B. die an der Hofmühle und an der König-Friedrich-August-Mühle, das Weinbergshaus am Berghange über Döhlen (Abb. 23), die ritterlichen Grabsteine in der Halle neben der Döhlener Kirche, der reizvolle Rundtempel über dem Grabe des Alexander Christoph von Schönberg, das alte Pfarrhaus in Döhlen mit seiner stimmungsvollen Umgebung, die Reste des Coselschlößchens, [176]die alte Pulvermühle neben dem Getreidesilo der Braunschen Mühle und manches andere sorgfältigst geschont und erhalten werden. Die rührige und einsichtige Verwaltung der Stadt Freital, die ihre innerliche Teilnahme an der Vergangenheit des Plauenschen Grundes schon bei der Ausstattung des Stadtbuches »Freital« und bei der Schaffung und dem Ausbau des Heimatmuseums bewiesen hat, wird gewiß dabei behilflich sein, ein mit Sachverständigen vereinbartes Verzeichnis der zu schonenden und zu erhaltenden alten Kulturgüter aufzustellen. Kirche und Schule werden dabei behilflich sein, denn ein solches Rettungswerk liegt durchaus innerhalb des Kreises ihrer Aufgaben. In diesem Zusammenhange möchte ich noch einmal die Gestalt Wilhelm Müllers, des [177]Dichters des Plauenschen Grundes, vor die Augen aller derer stellen, die es angeht. Das sind aber alle Einwohner des Tales. Alle müssen diesen einzigartigen »Frühlingskranz« von Liedern, der ihre Geburts- und Wohnstätte in ihren wesentlichen Zügen so anschaulich und herzbewegend schildert, in Händen halten und müssen ihn tief und immer tiefer in ihrem Gemütsleben Wurzel fassen lassen. Deshalb schließe ich meine Darlegungen mit dem herzlichen Wunsche: es möge ein großzügig und edeldenkender Mitbürger des Plauenschen Grundes oder eine Genossenschaft von solchen die Mittel stiften, diesen »Frühlingskranz« in einer würdigen und haltbaren Ausstattung in mehreren Tausenden von Stücken herzustellen, so daß jeder Sohn und jede Tochter des Plauenschen Grundes bei der Schulentlassung dieses Schönheitsbuch der Heimat kostenlos als Mitgabe für den Lebensweg in die Hand bekommt.
[178]
Fußnoten:
[30] Vgl. hierüber und überhaupt über die Beziehungen zwischen den Deutschen und den Sorben-Wenden in unserer Landschaft von der ältesten Zeit bis zur Gegenwart mein Buch »Die Wenden« (Dresden, 1926, Verlag der Buchdruckerei der Baensch-Stiftung).
[31] S. mein Buch »Die Wenden«, S. 27.
[32] Die Ortsbeschreibung Kleists macht es wahrscheinlich, daß das von ihm gemeinte »eng und einfältig« gebaute Haus die sogenannte Villa Grassi war, s. S. 170. Aus dieser Übereinstimmung hat sich hie und da in Plauen die Legende gebildet, Kleist sei Grassis Gast in der Villa gewesen. Doch habe ich dafür in der literarischen Überlieferung auch nicht die leiseste Andeutung finden können. – Um die Zeit, in der Kleist vom Plauenschen Grunde schwärmte, erhielt dieser einen neuen Anziehungspunkt in dem Einkehrhause »Zum Steiger«, das südlich von Potschappel auf dem linken Weißeritzufer an einer waldigen Anhöhe gelegen ist. Der Obersteiger Halm hatte das Grundstück im Jahre 1801 von Karl Albrecht von Nimptsch auf Pesterwitz und Roßthal gekauft und darauf einen vielbesuchten Erholungsort eingerichtet, dessen Gäste namentlich gern zu dem 1794 vom Herrn von Nimptsch erbauten »Juchhehschlößchen« auf der aussichtsreichen »Jochhöhe« emporstiegen. Am 9. Mai 1849 kam Richard Wagner, wegen seiner Teilnahme an der Revolution vor den in Dresden eingerückten Preußen flüchtend, in das Gasthaus »Zum Steiger« und wurde vor den Verfolgern durch den dreizehnjährigen Sohn der Wirtin auf Waldwegen über Kesselsdorf nach Freiberg gerettet.
[33] Grassi war um 1806 besonders als Porträtmaler gefeiert. In einem Briefe des Geheimen Finanzrats Hans Georg von Carlowitz an seinen Bruder Carl Adolf von Carlowitz vom 16. März 1806 wird die damalige Dresdner Kunstausstellung gerühmt und dabei wird Grassi neben Anton Graff gestellt: »Über Dir hängt der alte Graff, von sich selbst gemahlt. Er sieht aus, wie ein alter Gewürzkrämer … und der Cammerherr Lubinintzky, letzterer von Grassi. D. Gall von Grassi ist ein herrliches Blatt und – Schiller von Tischbein!« Auch das Bild der Gräfin Kielmannsegg in der Sammlung des Grafen zu Lynar-Lübeck ist von Grassi. Die Dresdner Gemäldegalerie besitzt von ihm zwei Apostelbilder.
Von Gewerbeoberlehrer Karl Söhnel, Freital
Tausendfältig sind die Reize, die unser Tal aufweist in seinem natürlichen Aufbau, seinen von Sagen umwobenen, von Bergknappen durchwühlten Höhen, seinen schicksalsreichen Herrensitzen und seinen viele Jahrhunderte alten Siedlungen. Und doch stellen sie nur die eine Hälfte des gewaltigen Eindrucks dar, der heute vom Plauenschen Grund ausgeht. Denn was ihm in unseren Tagen das entscheidende Gepräge gibt, gipfelt in der Tatsache, daß hier ein Revier von hoher landschaftlicher Schönheit zugleich erfüllt ist mit unablässiger, Werte schaffender Arbeit.
Wir treten aus Wald und Busch heraus und blicken ins Tal. Überall Leben und Tätigkeit! Die Luft zittert vom Stampfen der Maschinen, vom Rattern der Aufzüge, vom Pfeifen der Lokomotiven und Heulen der Fabriksirenen. Neben den hochgetürmten Bergkulissen und Halden hebt sich ein Wald von Schornsteinen zum Himmel. – Allein bei der Gußstahlhütte in Freital-Döhlen zählen wir über fünfzehn Fabrikessen. (Abb. 2.) – Mit wenigen Unterbrechungen reiht sich von Hainsberg bis Dresden-Plauen Fabrik an Fabrik. Dazu zieht sich durch das Tal, durch enge Felsschluchten und um die Hügel und Hänge nach allen Richtungen hin ein ausgebautes Netz von Verkehrswegen. [179]In seiner gesamten Ausdehnung kennt das Gebiet kein gemächliches Ausruhen.
So strahlt von dem Namen des Plauenschen Grundes nicht mehr der idyllische Klang eines wildromantischen Weltwinkels aus.
Was der Plauensche Grund einst war und was er heute ist, ist der Gegensatz zweier Welten, der fast keine Brücke kennt. Aus der ehemals so anmutig-landschaftlich reizvollen Talaue wurde eine Stätte ernster und harter Industrie-Arbeit, und das in wenigen Jahrzehnten!
Eingebettet zwischen den weicheren Talformen und umkränzt von Busch und Feld liegen die größten industriellen Anlagen auf Freitaler Stadtgebiet. In der hundert Meter breiten, schluchtenreichen Talfurche des Plauenschen Grundes lehnen sich die Fabriken hart an die Felsen an oder nagen sich in das Felsgestein hinein. Die ersten Vorposten der Industrie ergreifen schon Besitz von den sanften Talhängen. Oft verstecken sich ausgedehnte Werkanlagen hinter die hohen Mietkasernen, die seit den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts manches kleine und stille Arbeiterhäuschen verdrängt haben oder es heute so unscheinbar machen, daß das flüchtige Auge nichts mehr von ihm gewahr wird. Wo Industrieburg und kleinfenstriges Fachwerkhäuschen, Bauerngut und vielstöckige Mietkaserne friedlich nebeneinander stehen geblieben sind, reden sie zu uns in ihren Kontrasten eine gewaltige Sprache von [180]dem Arbeitswillen, der im Plauenschen Grunde viele Tausende zu einer Einheit bindet.
Die neue Zeit forderte ihre Rechte. Das Wachstum des Handels, die Entwicklung der Technik, die Bevölkerungszunahme und die damit zusammenhängende Kompliziertheit des wirtschaftlichen Lebens drängten immer mehr zur Entfaltung und Nutzbarmachung aller wirtschaftlichen Möglichkeiten. Infolgedessen lösten diese Faktoren die mächtigste, fast an amerikanische Verhältnisse erinnernde Bewegung der Scholle und die vollständige Umwälzung aller überkommenen Wirtschaftsverhältnisse aus. Die sächsische Industrie konnte nicht die Wasserkraft der Weißeritz brach liegen lassen oder seit Erfindung der Dampfmaschine auf den Kohlenreichtum des Plauenschen Grundes verzichten. Von Dresden nach Südwesten zu war der Plauensche Grund das einzige Tor, das sich der Verkehr zunutze machen mußte. (Abb. 16.) Wegen der überaus beachtlichen Produktionsbedingungen galt der Plauensche Grund vor hundert Jahren den Männern der Technik und des Handels bereits als aussichtsvolles Zukunftsgebiet, das das Emporkommen und Entstehen neuer Industrien begünstigte. Das kleine, bodenständige Handwerk als früher einzig hier herrschende Betriebsform war lediglich auf den heimischen Wirtschaftsmarkt eingestellt. Die Innungen hatten sich nicht zu solcher Macht emporgearbeitet, wie es in den alten Kulturstädten Sachsens der Fall war. Das gewaltige Neuaufbauen auf heimatlicher Scholle gewann besonders dadurch an Umfang und Stärke, daß sich die damaligen wirtschaftlichen Reformen insonderheit auf die Befreiung von der Erbuntertänigkeit und die Einführung der Gewerbefreiheit erstreckten.
Angesichts der volkswirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung einer achtunggebietenden Industrie begünstigte außerdem der sächsische Staat in besonderem Maße das Emporkommen der Industrie. Z. B. erhielt Kammerrat Karl Friedrich August, Freiherr Dathe von Burgk, der 1827 den Eisenhammer – die spätere König-Friedrich-August-Hütte – kaufte, für den erstmaligen Abstich des ersten Kokshochofen Sachsens von der Regierung eine hohe Prämie ausgezahlt.
Aus der unter dem 3. Februar 1832 erwirkten Konzessionsurkunde geht hervor, daß Baron von Burgk die damals erst im Entstehen begriffene Eisenindustrie Sachsens in großzügiger Weise im Plauenschen Grunde betreiben wollte. Die Ausführung der Pläne ließen trotz der unverkennbaren Schwierigkeiten nicht lange auf sich warten. In der König-Friedrich-August-Hütte, die noch heute im Volksmunde »der Eisenhammer« heißt, erhielt der Plauensche Grund frühzeitig ein stattliches und angesehenes Werk der sächsischen Eisenindustrie. (Abb. 3.)
Becker erwähnt in seinem Werke »Der Plauische Grund« bereits den Eisenhammer und schildert seine Umgebung besonders lebhaft und begeistert. Leider ist von den Wasserrädern, die in einem Werkgraben angelegt waren, und den mechanischen Hebelhämmern, die 1792 das erstemal ihre lauten Klänge im stillen Tale ertönen ließen, nichts mehr vorhanden. Neben der sogenannten [181]Hüttenschänke, dem ehemaligen Wohnhaus des Erbauers des Hammers, sollten nur wenige Gebäudeteile der alten Zeugschmiede, in der einst die Feuer prasselten und die Blasebälge unheimlich stöhnten, das erste Jahrhundert überdauern. Die wuchtigen und massigen Wände sind noch vom Rauch geschwärzt; ungepflastert und nur festgestampft ist der Boden. Durch Einbau eines hochgewölbten und quadergefügten Bogens, der ein charakteristischer Zeuge der damaligen Bauweise geworden ist, war es in jener Zeit nur möglich, den Werkraum so zu weiten, daß in ihm neben der Triebwelle und den langgestielten Hebelhämmern auch reichlich Platz blieb für die Arbeit am Schmiedefeuer und Amboß. Das schwerfällige Gebälk und Sparrenwerk zeigt noch handgeschmiedete Zugbänder und Eisenbolzen mit handgeschnittenem Gewinde und zwar von einer Stärke, wie wir sie im Plauenschen Grunde nicht mehr finden. Von den Kunstgüssen, wodurch sich die Friedrich-August-Hütte in der Mitte des vorigen Jahrhunderts auszeichnete, legen noch jetzt vorhandene Modelle und zahlreiche Ausführungen beredtes Zeugnis ab. (Abb. 4 und 5.) Darunter befinden sich auch einige aus jenen Übergangszeiten der technischen Entwicklung, in der man es für nötig hielt, Dampfmaschinen in Form von griechischen Tempeln zu bauen oder gußeiserne Wendeltreppenstufen mit gotischen Verzierungen zu versehen. Heute weiß man, daß vorbildliche Werke der Technik sich nicht mit den Requisiten vergangener Kunstepochen verschönern lassen.
[182]
Als eine Besonderheit der damaligen Zeit, die noch nicht so hart und rastlos war wie heute, sind die Knappschaftsfeste und die regelmäßigen Kirchenparaden zu nennen, die Baron von Burgk veranstaltete und bei denen seine in Kompagnien eingeteilten Leute gleich ihm in schmucker Uniform erschienen. 1846 trugen gegen tausend Mann seiner Bergwerks- und Hüttenbelegschaft die von ihm im Jahre 1828 eingeführte Paradeuniform. Dadurch, daß auch die Männer vom Leder der Paradeuniform nicht entbehrten, gingen Romantik und altehrwürdige Traditionen des sächsischen Erz- und Kohlenbergbaues auf den industriellen Hüttenbetrieb, der ja erst eine Schöpfung des neunzehnten Jahrhunderts war, über. Infolgedessen hatten sich heimische Werkmänner im Gegensatz zu den westfälischen und oberschlesischen manche bergmännischen Sitten und Gebräuche angeeignet.
Infolge des damals schon im Aufschwunge befindlichen Kohlenbergbaues und der vielseitigen industriellen Entfaltung erfreuten sich die sämtlichen Betriebe [183]des Hüttenwerkes einer stetig fortschreitenden Entwicklung. Naturgemäß mußten erst die maschinentechnischen Bedürfnisse des Bergbaues befriedigt werden. Doch bald wandte man sich dem Bau von Dampfmaschinen, Dampfkesseln, Mühleneinrichtungen und neuzeitlichen Bearbeitungsmaschinen zu und zwar mit dem Erfolge, daß die Fabrikate der König-Friedrich-August-Hütte sehr bald mit den Firmen Westdeutschlands und Englands in Konkurrenz traten.
Baron von Burgk richtete mit als erster in ganz Sachsen eine eigene Gießerei für Maschinenguß ein und setzte sie in Betrieb. Damit führte er die englische und westfälische Produktionsform, das Rohmaterial in eigner Hütte zu gewinnen, auch im Plauenschen Grunde ein.
Wir können heute der Bedeutung dieses Mannes nicht bloß dadurch gerecht werden, daß er als der Begründer der heimischen Eisen- und Maschinenindustrie bezeichnet wird, sondern er zeigte sich auch als sozialer Reformator großen Stils und eilte in dieser Eigenschaft seiner Zeit um Jahrzehnte voraus. Schon die beschauliche, im welligen Einschnitt eines abgelegenen Seitentales befindliche Arbeitersiedlung Klein-Burgk, die durch ihren Grundsatz des Einfamilienhäuschens mit Gartenland der neuzeitlichen Heimstätten-Bewegung nahe kommt, legt dafür das beste Zeugnis ab.
Das aufmerksame Auge vergißt über der geschickten Ausnützung von Grund und Boden in so bergigem Gelände schnell die Unregelmäßigkeit, Flüchtigkeit und Beschränktheit der spitzgiebligen Bauten und der immer in halber Dämmerung liegenden Wege. Wer seinen Schritt durch die schmalen und winkligen Burgker Gäßchen lenkt, fühlt, daß einstmals der einfache Mann hier in seiner Wohnstätte ein Stück seiner Seele wiedergab. (Abb. 6.)
Das Freitaler Becken, das sich unserem Blick in seiner ganzen Ausdehnung vom Burgker Revier aus erschließt, glich ehemals einer weiten grünen Aue. Bild 7, das in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstanden ist, hält ein letztes Mal noch die Merkmale ihres ursprünglichen Antlitzes fest. Im Rahmen dieser Abhandlung interessieren insonderheit die eingezeichneten Industrieanlagen, die sich in diesem Teile des Plauenschen Grundes, wo sich die Talwände freier zurücklegen, bereits vorfanden. So sehen wir in ihrer damaligen Größe die Gußstahl- und die Siemens-Glasfabrik, die heute als die beiden größten industriellen Unternehmungen des Plauenschen Grundes anzusprechen sind. Besonders seit jener Zeit, als sie durch Zweiggleise an das sächsische Bahnnetz angeschlossen wurden, haben sie sich gewaltig entwickelt.
Die Grundstücke der Gußstahlfabrik, die sich auf Döhlener und Deubener Flur befinden, umfaßten 1911 über 312 000 Quadratmeter Fläche gegenüber 90 000 Quadratmeter bei der Gründung im Jahre 1855.
Die Entstehung des Glashüttenwerkes zu Freital-Döhlen reicht bis ins Jahr 1801 zurück. 1802 wurde es mit fünfzehn Arbeitern in Gang gesetzt und mit so gutem Erfolg betrieben, daß bis zum Monat September desselben Jahres über sechzigtausend Stück Bouteillen und mehrere tausend Medizingläser darin verfertigt worden sind.
[184]
Nach mehrfachem Besitzwechsel kaufte 1871 Friedrich Siemens, der berühmte Konstrukteur der Gas-Regenerativ-Feuerung und Erfinder der Wannenschmelzöfen, die »Friedrichs-Hütte«. Sein Dresdener Werk konnte bei einer jährlichen Flaschenproduktion von vierundzwanzig Millionen der Nachfrage nicht entsprechen. Nach dem Einbau von Wannenöfen in größerem Maßstabe ergab die Glashütte in Freital-Döhlen ebenfalls bald nennenswerte Zahlen, die jedoch in neuester Zeit durch Inbetriebnahme von mehreren Owenschen Flaschenblasmaschinen, die Flaschen automatisch herstellen, wieder weit in den Schatten gestellt wurden.
Die gute Verkehrslage an der wichtigsten Eisenbahnlinie Sachsens und die Nähe der Elbe, die eine billige Verbindung auf dem Wasserwege über Hamburg nach Übersee ermöglichten, begünstigten ebenfalls die Niederlassung von [185]mehreren anderen Glashütten im Plauenschen Grunde. Der wachsende Bedarf an Glasformen und -maschinen wiederum veranlaßte Gründungen von einschlägigen Fabriken, unter denen die Firma »Fr. W. Kutzscher« Weltruf genießt.
Kurz möchte ich der schweren Arbeit unseres heimischen Glasbläsers gedenken. Er braucht Arme und Beine, Lippen- und Backenmuskel und beansprucht ständig seine Lungen. Nicht in der kühlen Werkstatt, sondern im Strahl der Ofenhitze – 1200° bis 1600° – übt er seine hastige und bewegliche Berufstätigkeit aus. Vom Vater vererbte sich der Beruf auf den Sohn und auch der Enkel geht wieder als sogenannter »Motzer« ins Werk.
Heute besteht freilich ein großer Unterschied in der Bedienung der Owenschen Flaschenblasmaschine gegenüber dem aufreibenden Blasen mittels der Glaspfeife und dem Drehen und Drücken mit den Händen. Nach über hundertjähriger Glasherstellung im Plauenschen Grunde befinden wir uns jetzt wieder einmal am Anfang einer neuen arbeitsgeschichtlichen Entwicklungsstufe, die von der Technik unserer Großväter nichts mehr wissen will und zielbewußt dahingeht, die Werktätigen von der schweren körperlichen Arbeit zu befreien. Die Fördertechnik hatte ja dem Bergmann schon Jahrzehnte zuvor den drückenden Korb, den erschütternden Karren oder den muskeldehnenden Haspel abgenommen! Eindringlich spricht sich dieser neue Zeitgeist in der einfachen und klaren Architektur der neuerbauten Siemenshallen aus. Mathematische Harmonie [186]und statische Ausgeglichenheit der konstruktiven Form offenbaren Zweckmäßigkeit und Geschmack. Im lichtdurchfluteten Innern übernehmen mit unvergleichlicher Sicherheit und Ruhe elektrisch angetriebene Krane die gefährliche Transportarbeit. Versöhnt betrachten die älteren Hüttenleute diesen technischen Fortschritt, der einem Kranführer alles überläßt, was vorher nur vereinte menschliche Kräfte leisten konnten. Freilich läßt sich die Menschenkraft nicht völlig durch mechanische Kräfte ersetzen. Es handelt sich bei dem Wandel der Arbeitsweise nur um eine andere Verteilung der Arbeitskräfte. Da der ganze Arbeitsgang bewußt aufgeteilt wird und damit einen anderen Aufbau erhält, werden die Arbeiter einer anderen, vielfach gehobeneren Beschäftigung zugeteilt.
Sämtliche Werke des Plauenschen Grundes mußten ähnliche Wege beschreiten. Um konkurrenzfähig zu bleiben, wurde den neuesten Errungenschaften der Technik besondere Beachtung zuteil. Durchgängig mußten die Arbeitsmethoden eingeführt werden, die auf ausgesprochen wirtschaftliches Arbeiten hinzielen.
Besonders aus der glanzvollen Geschichte der Gußstahlhütte in Freital-Döhlen ließen sich zahlreiche Beispiele dieser fortschrittlichen Arbeit anführen.
Die Gründungsjahre dieses Werkes fallen in jene bedeutungsvolle Zeit der Umstellung des gesamten heimischen Verkehrswesens durch Erbauung der Albertbahn. 1855 unternahm Oberhüttenmeister Trautscholdt, dessen Scharfblick die große Bedeutung eines solchen Werkes für Sachsen erkannte, den Versuch, Gußstahl fabrikmäßig herzustellen. Persönliche Geschicklichkeit und reiche Erfahrungen mußten zu einem Gelingen des Planes führen. Den ersten wirtschaftlichen Erfolg erreichte die Gußstahlfabrik durch die Einführung ihrer Spiralfedern im Jahre 1861. Dank ihrer vorzüglichen Qualität übertrafen sie die englischen. Der nach dem französischen Kriege eintretende allgemeine Aufschwung kam auch der Gußstahlfabrik in hohem Maße zugute. In diese Jahre fiel die Erbauung der Bessemerei, die 1914 wieder stillgelegt wurde. Außerdem wurde ein neues Grobwalzwerk errichtet und Anfang der achtziger Jahre die Walzung von Schienen aufgenommen.
Unvergeßlich bleibt dem Alteingesessenen das nächtliche Bild der Stahlhütte mit dem lodernden Feuerschein und dem heftigen Funkenregen, der aus den Bessemerbirnen hervorsprühte.
Heute werden in den gewaltigen Herden zahlreicher Siemens-Martinbatterien mehrere Tonnen Roheisen auf einmal eingeschmolzen. Das Preßwerk verarbeitet auf einer dampfhydraulischen Schmiedepresse mit 1 250 000 Kilogramm Druck Blöcke bis 25 000 Kilogramm Gewicht zu Maschinen- und Schiffsteilen aller Art. In der Stahlgießerei werden Gußstücke bis zu 20 000 Kilogramm Einzelgewicht, in der Federschmiede Trag-, Stoß- und Zugfedern für Eisenbahnbedarf und alle möglichen technischen Zwecke hergestellt.
Berufene Männer haben das Werk gefördert und auf eine Stufe der Entwicklung gebracht, die ihm jetzt eine anerkannte Stelle über die Grenzen des engeren Vaterlandes hinaus in der gesamten deutschen Montanindustrie sichert.
[187]
Im Vordergrund von Bild 7 fallen noch zwei größere Werke besonders auf: Die Römersche Schmelztiegelfabrik und die Thodesche Papierfabrik in Hainsberg. Die Gebäude der ersteren dienten zunächst einer Rotgarn-Färberei. Bereits 1810 wurden im sächsischen Erzgebirge Versuche mit der Errichtung von zwei Türkischrot-Garnfärbereien gemacht, allein beide gingen nach kurzer Zeit wieder ein. 1814 wurde abermals ein derartiges »Etablissement« von den Gebrüdern Römer, welche von Elberfeld nach Sachsen eingewandert waren, in Frankenberg bei Chemnitz gegründet und dieses ist als Muttergeschäft der Hainsberger Türkischrot-Garnfärberei anzusehen. 1836 wurde das Werk wegen der hier wohlfeileren Kohle nach Hainsberg verlegt. Die Garne wurden meist aus England bezogen und teils im Lande selbst wieder verkauft, teils nach Bayern, Böhmen und Schlesien versandt. Professor G. Reichardt schreibt 1842: »Schönere und glänzendere Garne werden wohl in keinem anderen Lande gefärbt werden, denn der sächsische Gewerbefleiß duldet keinen Nebenbuhler in Beziehung auf Güte und Preiswürdigkeit seiner Erzeugnisse«. Erst in den achtziger Jahren wurde die Färberei in eine Schmelztiegelhütte umgewandelt.
Grundsätzlich hat sich die ehemalige Anlage erhalten. Form und Linie der sich um einen Hof gruppierenden Gebäude fügen sich in jeder Einzelheit harmonisch zu einem Ganzen zusammen. Das hohe und geräumige Dach des Färbereigebäudes, unter dem einstmals die Garne zum Trocknen ausgelegt wurden, erinnert uns mit den zahlreichen Fensterluken an die Mansardendächer erzgebirgischer Fabriken, deren ländliche Bauart auch hier Wurzel faßte. Neben dem zweistöckigen Färbereigebäude nimmt der Fabrikhof mit seinen Seitengebäuden, deren vorspringende Dächer an längst vergessene Bilder erinnern und die noch von werktätiger Beschaulichkeit erzählen können, unseren Blick gefangen. (Abb. 8 und 9.) In der einladenden Friedlichkeit des Hofes liegt etwas Wurzelechtes. Seine für die damalige Zeit beachtlichen Ausmaße führen unsere Gedanken in die Gutshöfe der sächsischen Heimat, deren Anlage hier unzweifelhaft Modell stehen mußte. (Abb. 10.) Uns ist erfreulicherweise in dieser Fabrikanlage ein Denkmal erhalten geblieben, das noch das erste handwerksmäßige Suchen nach einem Fabrikbaustil im Plauenschen Grunde widerspiegelt. Solche seltene Stätten schweigen und träumen in unendlicher Zeitlosigkeit, sagen zugleich aber auch dem sinnenden Beschauer, wie kreuz und quer wir auf diesem Gebiete in den folgenden Jahrzehnten gelaufen sind.
Dicht neben der Römerschen Schmelztiegelhütte liegen die Gebäude der Thodeschen Papierfabrik. Infolge der zahlreichen Feuerbrünste, die das Werk heimsuchten, dürfen wir uns nicht wundern, daß diese Fabrikanlagen gänzlich modernisiert sind. Die »Papiermanufaktur« hatte seit dem neunzehnten Jahrhundert bedeutende Veränderungen erfahren. In Sachsen gab es damals etwa sechzig Papiermühlen, von denen fünf Maschinenpapierfabriken waren. Die Hainsberger Papierfabrik wird neben der in Dresden, Bautzen, Sebnitz und Penig bereits mit an erster Stelle genannt.
[188]
Zu Anfang des Jahres 1838 wurde von den Herren G. F. Thode und E. Michael die dem letzteren gehörige Stärkefabrik in eine Maschinenpapierfabrik umgewandelt. Sie wurde anfangs durch zwei große Wasserräder betrieben. Diese setzten mehrere Holländer, Haderschneide- und verschiedene andere Hilfsmaschinen in Bewegung. Die Holländer verbrauchten sehr viel Wasser. Zu diesem Zwecke nützte das Werk den in seiner Nähe vorhandenen Teich, den »schwarzen Tump«, aus. Dieser wurde von der Weißeritz gespeist und war zugleich Wasserreservoir. Das Werk hatte infolgedessen im Sommer stets Wasser, was in dieser Jahreszeit sehr oft den weiter unten im Tale gelegenen Wasserwerken der Mühlen und Fabriken fehlte. Die Maschine, auf welcher das Papier »ohne Ende« gefertigt wurde, erhielt ihre Triebkraft durch ein oberschlächtiges Rad. Das Papier wurde durch zwei Zylinder, die mit Dämpfen geheizt wurden, getrocknet, erhielt seinen Längenschnitt und wurde endlich auf Weifen gewickelt.
Jährlich folgten wesentliche Veränderungen, um sich stets die neuesten technischen Errungenschaften zunutze zu machen. Als die Möglichkeit der Verwendung des Strohes für die Erzeugung feiner weißer Papiere in den sechziger Jahren immer mehr faßbare Gestalt annahm, war es die Thodesche Papierfabrik, welche ein auf ganz neuen Grundsätzen basierendes Verfahren der Herstellung gebleichten Strohstoffes zuerst heranbildete. Das der Fabrik patentierte [189]Verfahren führte sich von Hainsberg aus schnell in vielen Fabriken Deutschlands und der Schweiz, Österreichs und Frankreichs ein.
Von den älteren Unternehmungen, die ebenfalls eng mit der Geschichte der heimischen Arbeit im Plauenschen Grunde verknüpft sind, seien neben den zahlreichen Mühlenwerken, deren Anfänge freilich mehrere Jahrhunderte weit zurückreichen und deren sogenannte »Hochmühlen« heute mit allen modernen Müllereimaschinen ausgestattet sind, noch die Samtfabrik der Gebrüder Berndt, Freital-Deuben, die Knielingsche Schamottefabrik und die chemische Fabrik von Professor Reichardt, Freital-Döhlen, erwähnt.
Die Gebrüder Berndt stammten aus Seifhennersdorf in der Oberlausitz, wo sie sich der Weberei widmeten und in den vierziger Jahren mechanische Webstühle aufstellen ließen. Es waren dies zugleich die ersten mechanischen Webstühle für Baumwollsamte (Manchester) in der Oberlausitz, die durch eine der ersten Dampfmaschinen in diesem Landesteile betrieben wurden. Infolge der Aufstellung solcher Webstühle glaubte sich die Weberbevölkerung in ihrem Erwerb beeinträchtigt. Anläßlich eines Brandes des Fabrikdaches wurden [190]darum die im Jahre 1842 in Betrieb genommenen Webstühle vom Pöbel in Stücke zerschlagen. Diese schmerzhaften Erfahrungen bewogen die Besitzer, nach dem Plauenschen Grunde zu übersiedeln und daselbst eine Samtfabrik zu gründen. Sie ließen sich deren Entwicklung auch besonders angelegen sein, so daß sie in guten Jahren über dreihundert Arbeiter beschäftigen konnten. Das Werk war auch eines der ersten im Plauenschen Grunde, welches eine Krankenkasse für die Arbeiter errichtete. Nach einem Verlaufe von nahezu fünfzig arbeitsreichen Jahren mußte das Unternehmen aus wirtschaftlichen Gründen stillgelegt werden.
1893 bauten die Brüder Sohre die Räume der früheren Samtfabrik in eine Lederfabrik um. Die Gerberfamilie Sohre stammt aus Lommatzsch, wo sie alteingesessen war und schon in der Reformationszeit als Weißgerber genannt wurde. 1868 gründete Friedrich Gottlieb Sohre in der Schössergasse in Dresden eine Lederhandlung, die Schuhmacher- und Buchbinderleder, besonders aber auch Sattlerleder jeder Art führte. Mannigfache Wünsche der Kundschaft ließen es zweckmäßig erscheinen, daß die Firma auch selbst Leder erzeugte. In der ersten Zeit wurden im Deubener Werk wöchentlich nur gegen fünfzig Rindshäute verarbeitet, während nach Errichtung des Neubaues der wöchentliche [191]Verbrauch auf eintausendzweihundert schwere Rindshäute stieg. Heute gehört die Firma, die noch eine zweite Fabrik in Ostritz in Sachsen hat und in Dresden und Berlin große Handelshäuser unterhält, zu den führenden deutschen Lederfabriken.
Die Lederbearbeitung war von jeher ein alter Beschäftigungszweig der Bewohner im Weißeritztale. Becker erwähnt neben zahlreichen anderen Handwerkern auch bereits den »Gerber und Landschuhmacher«. Die Nähe des Waldes war für den Gerber der guten Lohe wegen von Wichtigkeit, auch eignete sich das fließende Wasser der Weißeritz vorzüglich zur Lederbearbeitung.
Heute ist die heimische Gerberei als Handwerk völlig verschwunden. An die Stelle der Handarbeit ist die Maschine getreten, die das Enthaaren, Entfleischen, Spalten und Veredeln des Leders übernimmt. Neben der Rinde verschiedener Holzarten finden in den Leder- und Treibriemenfabriken des Plauenschen Grundes unzählige Gerbstoffe, die aus aller Welt herbeigeholt werden, zum Gerben der Tierhäute Verwendung. Wenn auch hier die alten Erfahrungen des Handwerkes immer noch maßgebend sind, so muß doch heute jeder Gerber ein guter Chemiker sein.
Das im Plauenschen Grunde alteingesessene Tonwarengewerbe paßte sich in seinem Arbeitsverfahren ebenfalls der fortschreitenden Entwicklung an. Infolge der lebhaften Bautätigkeit, die mit der industriellen Ansiedlung einsetzte, löste sich von der eigentlichen Töpferei frühzeitig die Ofenfabrikation als selbständiger und fabrikmäßig betriebener Zweig ab. In ihr galt es, den wachsenden, oft wechselnden Anforderungen des Geschmacks, welche das letzte Jahrhundert an die Erzeugnisse dieser Industrie stellte, in besonderem Maße Rechnung zu tragen.
Schon 1807 wurde an der Zauckerodaer Kohlenstraße unmittelbar in der Nähe des ehemaligen Kunstschachtes, wo sich heute die Steinholzplattenfabrik Otto Senning & Co. befindet, auf Staatskosten eine Töpferei zur Fertigung von Steingutwaren angelegt und längere Zeit benützt. Die Höhe nach Freital-Döhlen zu heißt nach ihr heute noch der »Töpferberg«. 1829 verlegte Kaufmann Günther die »Poterie« an die Obere Dresdner Straße, gegenüber der Siemens-Glasfabrik. Wegen Benützung der »disponiblen Wasserquanti der alten Wasserkunst zu Döhlen« wurden zwischen den Besitzern der Töpferei und der benachbarten Glashütte genaue Regelungen getroffen, zumal der Wassermangel in den Sommermonaten oft störend auf den Fortgang der Arbeit wirkte.
In den vierziger Jahren betrug in den verschiedensten Werken der Arbeitslohn wöchentlich zwei Taler im Durchschnitt und die Arbeitszeit dauerte allgemein von früh sieben Uhr bis abends sieben Uhr mit Unterbrechung von je einer halben Stunde für drei Mahlzeiten. War auch der Lohn gering, die Arbeitsstätte eng und rauchig und die Arbeit selbst schwer und mühselig, trotzdem blieben die Arbeiter ihr und ihrem Heimattale treu. Nicht jeder Arbeitsuchende konnte damals im Bergbau Beschäftigung finden. Dazu herrschte im allgemeinen zu jener Zeit ein fast mittelalterliches Wirtschaftssystem im Plauenschen [192]Grunde. An die Niederlassung von Handwerkern und Gewerbetreibenden knüpften sich teilweise erschwerende Bedingungen. Die Erbuntertänigkeit brachte noch eine ganze Reihe von Pflichten gegen die Herrschaft mit sich. Kümmerlich und ärmlich mußten sich manche Landarbeiterfamilien während der strengen und harten Wintermonate durchhelfen. Dann saßen sie meistens in dumpfer Stube zusammengepfercht, flochten Körbe und banden Besen. Mit der Kiepe auf dem Rücken wanderten die Männer nach Dresden, wo sie sich schon eine Stammkundschaft für ihre Heimarbeiten geschaffen hatten. Manche Familie bewahrte sich dadurch vor größter Not. Ihre Hoffnung, einmal das ganze Jahr hindurch einer geregelten Arbeit nachgehen zu können, ging sozusagen erst durch die industrielle Erschließung der Heimat in Erfüllung.
Die Erkenntnis des Wertes der regelmäßigen Beschäftigung von jung und alt übte auf Charakter und Lebenswandel einen trefflichen und segensreichen Einfluß aus. Der größere Teil der Jugend konnte bereits mit dem vierzehnten Lebensjahre ein Arbeitsverhältnis eingehen. Die in den Werken eingeführte Dienstordnung, die jeder beachten mußte, setzte die Gewöhnung an Gesetz und Ordnung durch das ganze Leben hindurch fort.
Einerseits die Freude am Gelingen der Arbeit, andererseits die Eigentümlichkeit der Lebensweise und des gemeinsam abgeschlossenen Berufs verband sehr bald alle zu einer treuen und ehrlichen Kameradschaft, die ihnen ihren Beruf nicht nur lieb und wert machte, sondern auch den Gemeingeist und das gemeinnützige Handeln pflegte. Mancher junge Arbeiter nützte seine Zeit, um sich in seinem Fache weiterzubilden oder auch auf anderen Gebieten vollkommenere Geistesmündigkeit zu erreichen. – Es ist leider nicht möglich, namentlich aller der Männer zu gedenken, die sich aus »eigener Kraft« zu hervorragenden Pionieren des heimischen Wirtschaftslebens emporgearbeitet haben. –
Handel und Verkehr waren bis zur Erbauung der Eisenbahn unbedeutend, weil der Plauensche Grund abseits der damaligen großen Handelsstraßen lag.
Der Holzhandel mit seiner Flößerei auf der Weißeritz hielt sich in engen Grenzen. Nur im Frühjahr gestaltete er sich infolge der reichen Wasserführung lebhafter. Mit Beginn des Kohlenbergbaus im Plauenschen Grunde ließ die Brennholzabfuhr aus dem Gebirge merklich nach. Von den vier Dresdner Holzhöfen wurde der Löbtauer Holzhof, der zwischen der Pulvermühle und der Freiberger Straße lag, bis 1875 erhalten. Im April und Mai gleichen Jahres fand die letzte Weißeritz-Flöße statt.
Von Jahr zu Jahr büßte nun der Weißeritzlauf seine Urwüchsigkeit ein. Besonders das große Hochwasserunglück von 1897 lenkte das Augenmerk nachdrücklich auf die Weißeritz. Die Forderung, die Mängel ihres Flußbettes – wechselnde Breite und Tiefe, schlechte Sicherung der Ufer – zu beseitigen, machte sich gebieterisch geltend. Auch hatte man unterlassen, die Geröllmassen von Zeit zu Zeit zu beseitigen, wodurch das Bett der Weißeritz für die Aufnahme größerer Wassermengen mehr und mehr untauglich wurde. Erst durch Erbauung der beiden Talsperren und durch die Regelung des Weißeritzlaufes in [193]unserem Wirtschaftsgebiete sind für absehbare Zeiten die gesicherten Entfaltungsgrundlagen für die weitere bauliche und industrielle Erschließung unseres Heimattales geschaffen worden.
Selbstverständlich mußte sich mit seiner stärkeren Besiedlung auch das unseren Großeltern liebgewordene Bild der Straßen und Wege vollständig ändern. Dem Rückschau haltenden Beobachter offenbart sich schon darin mancherlei über den Aufschwung des heimischen Verkehrswesens. (Abb. 11).
Ungefähr zweihundert Jahre ist die Talstraße alt (Abb. S. 203), die dem Fluß entgegen von Dresden durch den Plauenschen Grund nach Tharandt führt und bis zur Erbauung der Eisenbahn allein den gesamten Verkehr der Frachtfuhrwerke und Kohlenwagen zu bewältigen hatte. Noch am Anfang der neunziger Jahre zogen sich von alten Obstbäumen und hohen Pappeln bestandene, breite und tiefe Gräben rechts und links der Staatsstraße hin. Kleine Übergänge führten zu den an der Straße liegenden Häusern, von denen manches über hundert Jahre alt ist und dem Kundigen viel aus den so wechselvollen Tagen der Vergangenheit erzählen kann. Um die störenden Gräben zu beseitigen, machte sich die Beschleusung der Straße notwendig. Die alten Straßengräben wurden zugeschüttet, Fußsteige angelegt, die Straße verbreitert und sonst reguliert. Besonders wohltätig für die Bewohner und Fußgänger erwies sich die Pflasterung der Hauptstraße. Wurde doch hierdurch die Staubplage, welche durch den wachsenden Verkehr, besonders durch Fuhrwerke, Straßenbahn und Autos [194]schier unerträglich geworden war, erheblich eingeschränkt. Heute ist die Grundstraße die verkehrsreichste des Landes, auf der täglich viele hundert Kraftfahrzeuge und Geschirre aller Art dahinrollen.
Von besonderem Einfluß für das Wachstum der zwei größten Freitaler Stadtteile war auch deren Lage: in Freital-Potschappel münden die Wilsdruffer und Birkigt–Gitterseer Straße, in das noch größere Freital-Deuben die Poisentalstraße ein.
Die zu starke und stetig wachsende Inanspruchnahme der Staatsstraße infolge der Entwicklung des Kraftfahrwesens fordert schon heute die zweckentsprechendste Entlastung durch eine Parallelführung, ähnlich wie Güter- und Personenverkehr bereits dazu zwingen, ein drittes und viertes Bahngleis zwischen Dresden und Tharandt zu legen.
Sicher ist, daß die bedeutsamste Entwicklung von Bergbau und Industrie, Handel und Verkehr des Plauenschen Grundes erst nach Erstellung des Bahnnetzes, das vom Freitaler Becken nach fünf Seiten ausstrahlt, einsetzte. Das wird jedem sofort klar, der sich in die Heimatbilder der sechziger Jahre hineinliest und die ersten Bahn- und Industrieanlagen mit den heutigen vergleicht und die hinzugekommenen zahlenmäßig überschlägt.
Vor ungefähr zweiundsiebzig Jahren wurde der erste Spatenstich zur Erbauung der Albertbahn getan. Die damals angelegte Trasse ist nunmehr durch die Anlage eines gewaltigen Hochdammes, der mit einigen Unterbrechungen von Dresden bis nach Hainsberg führt, verändert worden, nachdem sie bis zum ersten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts nur ganz unwesentlichen Veränderungen unterworfen war. Da die Albertbahn in erster Linie dem Kohlentransport dienen sollte, erhielten gleichzeitig einige Schächte Gleisanschluß. (Abb. 12.) Auch die meisten Fabriken sicherten sich denselben frühzeitig, damit bei den verhältnismäßig niedrigen Frachtsätzen die Rohstoffe bis auf den Fabrikhof herangebracht und die Fertigfabrikate schneller und billiger exportiert werden konnten. Vom damaligen Hauptbahnhof führte außerdem ein Schienenstrang an die Elbe und verband dadurch die Albertbahn mit den Schiffsverladestellen, was der heimischen Industrie zum besonderen Vorteil gereichte. Die Albertbahn war anfangs eine Privatbahn. Mit der Zunahme des Verkehrs interessierte sich jedoch die sächsische Regierung mehr und mehr für diese neuerbaute Linie. Nachdem sie 1868 in staatlichen Besitz übergegangen war, bildete sie sozusagen das erste Glied unseres erzgebirgischen Eisenbahnnetzes.
Die Windbergbahn – »Sächsische Semmeringbahn« –, die in kurzer Fahrt bis über zweihundert Meter Steigung zu überwinden hat und hinsichtlich ihrer Anlage anderen Bergbahnen nichts nachsteht, wurde im Jahre 1856 eröffnet. Bis 1907 diente die Strecke wochentags nur dem Kohlenverkehr. Allsonntäglich jedoch fuhren Extrazüge, bei denen das Publikum in den gesäuberten Kohlenwagen Platz fand. Gewöhnlich wurde eine Musikkapelle mitgenommen, so daß die Ausflüge eines besonderen Reizes nicht entbehrten. Unwillkürlich fallen heute die Aussichtswagen jedem Fremden, der sich dem Tiefbahngleis 7 [195]des Dresdner Hauptbahnhofes nähert, besonders auf. Die herrliche Bergfahrt bietet dem Naturfreund die schönsten Ausblicke über Dresden, das Elbtal und den Plauenschen Grund und erschließt somit ein heimisches Wandergebiet von seltener Schönheit.
Mit der Neubelebung des veralteten Verkehrswesens und der dadurch erzielten Annäherung der Länder bahnten sich zwischen Industrie und Verkehr in ungeahnter Weise vorteilhafte Wechselbeziehungen an, so daß es heute oft schwer zu sagen ist, was Ursache und was Wirkung war. Die bequemen Gleisanschlüsse gaben den Firmen Gelegenheit zur Ausdehnung und zur Ausbreitung ihrer Geschäftsbeziehungen. Die Errichtung verkehrstechnischer Neuerungen veranlaßte andere Werke zur Neugründung und Niederlassung. Das Anwachsen des Verkehrs wiederum verlangte nach Ausbau der bestehenden Anlagen.
Daher ist auch der heimische Spezialmaschinenbau verhältnismäßig jungen Ursprungs; seine Anfänge fallen in der Hauptsache in die letzten Jahrzehnte des neunzehnten Jahrhunderts.
Der Charakter, der sich bei ihm immer schärfer entwickelt hat, zeichnet sich besonders durch zwei Hauptzüge aus: 1. durch das Streben nach größerer Vollkommenheit der Maschinen, damit diese mit möglichst geringen Mitteln möglichst viel leisten, und 2. durch die Sorgfalt, ich möchte sagen, durch den Spürsinn, mit welchem man der Industrie und auch den anderen Wirtschafts- [196]und Gewerbegruppen bis in ihre letzte Verzweigung nachgeht, um überall die Stelle zu finden, bei welcher man mit der Darbietung einer neuen Maschine oder mit der Anpassung einer vorhandenen an die besonderen Bedürfnisse und Verhältnisse einsetzen kann. Die ununterbrochenen baulichen Veränderungen und Erweiterungen der Betriebe haben ihre Wurzeln letzten Endes in diesem fortschrittlichen Schaffen und Wirken.
Namentlich seien von den Neugründungen der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts angeführt: die Maschinenfabriken J. S. Petzoldt, Heitzig & Co., W. Michalk & Sohn, Bernhard Mehlhose, Friedrich Müller, Schmirgelfabrik G. Voß, Möbelfabrik H. Fickler, Felsenkeller- und die Gerlachsche Brauerei, Porzellanfabrik von C. Thieme, die Blumenfabrik Engelmann & Co. und Spinnerei Coßmannsdorf.
In die Gründerjahre fällt auch die Errichtung des Elektrizitätswerkes, das überall dort das Getriebe der vielgestaltigen Produktion speist, wo man von vornherein von der Schaffung einer eigenen Kraftanlage absah oder mit der vorhandenen nicht mehr auskam. In wirtschaftlicher Beziehung wirkte sich die Schöpfung des Elektrizitätswerkes segensreich für die künftige Gestaltung des gesamten heimischen Wirtschaftslebens aus. Dem aufmerksamen Beobachter wird es schon aufgefallen sein, daß infolge der Umstellung auf den elektrischen Kraftantrieb der Essenwald nicht in dem Maße gewachsen ist, als neue Fabrikbauten errichtet worden sind. Im Interesse der Volksgesundheit ist diese Entwicklung nur zu begrüßen.
Auf der Suche nach neuen Energiequellen ist gerade der Plauensche Grund, der ja auch nur wieder ein Teil der »feinmechanischen Werkstatt Sachsen« ist, stets vorbildlich vorangeschritten. Es darf uns darum nicht wundern, daß sein wirtschaftliches Gefüge heute so charakteristisch für die vielgestaltige und überwiegend verarbeitende Industrie unseres Vaterlandes geworden ist. Bei ihr spielt eben der Großbetrieb nicht die Rolle wie z. B. im Rhein-Ruhr-Gebiet. Mittel- und Kleinbetriebe herrschen in der weiterverarbeitenden Industrie durchaus vor. Leider wirken sich bei dieser für ihre Arbeiterschaft und deren Wohnsitzgemeinden jede Belastung, Wirtschaftskrise und die gesundheitliche Schädigung – bereits drei Generationen gehen in die Fabrik – schwerer aus als bei der Urproduktion. Es wäre falsch, achtlos an diesen Dingen vorüberzugehen. Staat und Wirtschaft müssen es in Zukunft als eine ihrer vornehmsten Aufgaben betrachten, dieser Entwicklung die Beachtung zuteil werden zu lassen, die ihr im Rahmen des gesunden Fortschrittes entspricht. Städte, deren Einwohner bis zu achtzig Prozent in die Fabriken gehen, müssen für deren Gesunderhaltung mehr aufzubringen in der Lage sein, als solche anderer Struktur, wenn nicht ein Kräfteverfall eintreten soll. Grundsätzlich unterscheiden sich in ihrer Entwicklung die heimischen Schmelzhüttenwerke von den ehemaligen im sächsischen Erzgebirge. Während diese sich ursprünglich auf den Rohstoffen – Holz und Erz – aufbauten, die ihnen das Gebirge lieferte, gründeten sich jene ausgesprochen auf den heimischen Kohlen- und Wasserreichtum und die günstige Verkehrslage im sächsischen Wirtschaftsgebiet. Die Heimarbeit [197]hat im Plauenschen Grunde eigentlich nie größere Beachtung gefunden, höchstens in der Tabaks- und Blumenfabrikation und dem Bekleidungsgewerbe.
Mit dem stärkeren Hervortreten der Industrie prägte sich auch im Plauenschen Grunde jener eigentümliche Rhythmus der Entwicklung allmählich deutlicher aus, der bezeichnend ist für die jetzigen Industriegegenden: gewaltige Arbeitermassen, die zu bestimmten Zeiten zur Fabrik eilen, soziale Schichtung der Bevölkerung, schlechte und ungesunde Wohnviertel inmitten der Fabriken und ihrer rauchenden Essen. Aus den einst so friedlichen und kleinen Bauerndörfern wurden ausgesprochene Arbeiterwohnsitzgemeinden mit stattlichen Einwohnerzahlen. Die Häuserzeilen der größten Grundgemeinden rückten so nahe aneinander, daß schon deshalb deren Verschmelzung zur Stadt Freital notwendig wurde. – Denjenigen, die sich für die Vergangenheit und das Wachstum der einzelnen Gemeinden näher interessieren, kann nicht warm genug der Besuch des Heimatmuseums der Stadt Freital empfohlen werden. –
Die industrielle Erschließung des Plauenschen Grundes nahm auch im zwanzigsten Jahrhundert mit Riesenschritten ihren Fortgang. Als richtungsgebenden Eckpfeiler der neuen Zeit setzte sich die moderne Technik und Baukunst [198]gleichsam ein Denkmal in dem allbekannten, wuchtigen Siloturm der König-Friedrich-August-Mühlenwerke A.-G., der überall Anerkennung findet. (Abb. 13.) Nicht bodenfremd und traditionslos hebt sich dieses gewaltige Lagerhaus über das von den Vätern Ererbte hinweg, sondern man ist überrascht von seiner eigenartigen Schönheit, aus der eine im Boden der Scholle wurzelnden Heimatkunst spricht. Der wuchtige Siloturm erbringt den Beweis, daß sich technische Gebilde sehr wohl ohne Mißklang in eine schöne Landschaft eingliedern und einfügen lassen und deren Gesamteindruck erheblich zu steigern vermögen.
Die Menschheitsgeschichte lehrt zu deutlich, daß sich nur an einer einheitlich großen Baukunst ein einheitlich großer Kulturstil zu wahrer Höhe emporranken kann. Auch im kleinsten, unscheinbarsten Erzeugnis muß unter Einwirkung echter Kunst das Höchste geleistet werden! (Abb. 14.) Das Verständnis für gewerbliche Wertarbeit führt uns wiederum zur erstrebten Qualitätsarbeit und hebt uns über den grauen Alltag hinaus. Es wäre tief bedauerlich, wenn infolge der modernen Maschinenarbeit alter, gut handwerklicher Kern vollkommen verloren gehen sollte. Die städtischen Körperschaften von Freital unter der Führung des Herrn Oberbürgermeister Dr. Wedderkopf legten darum auch immer Wert darauf, daß die rein handwerkliche Kunst, z. B. Kunstschlosserarbeiten in Neubauten – siehe die städtische Gewerbeschule –, [199]wieder zu Ehren kommt. Auch Privatleute und einzelne Industriezweige bringen mehr und mehr dem heimischen Kunstgewerbe Interesse entgegen. So scheint in der Gegenwart an dem über hundert Jahre alten Stamm heimischen Gewerbefleißes ein bedeutungsvolles Reis emporzublühen.
Wir haben damit dem letzten Jahrzehnt schon etwas vorgegriffen. Die Kriegsindustrie der Jahre 1914 bis 1918 hatte die Entfaltung der wirtschaftlichen Kräfte in unserer Gegend verdoppelt und Industrieanlagen entstehen lassen, die immer weiteren Raum einnahmen und vor allem ein Heer von Arbeitern und Angestellten zur Siedlung anlockten. Erstaunlich schnell vollzog sich die völlige Umstellung auf die Friedensarbeit, nachdem die heimische Industrie während des Krieges als ein Teil der großen sächsischen Kriegswaffenschmiede vollkommen ihre Schuldigkeit getan hatte. Trotz der wirtschaftlichen Wellenbewegung der Nachkriegszeit hielt sie Schritt und ließ sich nicht entmutigen im Glauben an die eigene Kraft, ohne den eine Festigung des Willens zum Aufstieg nicht möglich ist. So keimten, wuchsen und erblühten neue Industrie- und Gewerbezweige auf heimatlicher Scholle, früher vorhandene wurden weiter ausgebildet. Unmöglich ist eine vollständige Aufzählung der Unternehmungen, die die jüngste Vergangenheit ins Leben rief. Erwähnt seien nur noch die Elisabethhütte (Abb. 15), die Maschinenfabriken [200]Max & Ernst Hartmann, Fritz Enke, Vogel & Schlegel, Grafe, Fischer & Co., Gebr. Bindler, Otto Hänsel, Hainsberger Fahrradwerke, Saxonia-Stuhlfabrik, Rumboseifen- und Voltolwerke, mehrere Kamerawerke und Möbelfabriken. Die Produkte der zahlreichen Fabriken des Plauenschen Grundes sind dem Einheimischen oft weniger bekannt als den Männern des Welthandels und der ausländischen Industrie, obwohl, wie aus den bisherigen Darlegungen hervorgeht, viele heimische Werke mit zu den ältesten unserer vaterländischen Industrie gehören.
Wohl ist das Erbe, das wir von dem durch fleißige und ernste Arbeit Geleisteten angetreten haben, überaus reich ausgefallen, wohl hat es nie an hohen Auszeichnungen und Anerkennungen gefehlt. Doch heute heißt es wie überall in deutschen Landen, den gefährlichen wirtschaftlichen Vorsprung der vom Krieg unberührt gebliebenen Länder wieder wettzumachen. Als ein Zeichen zuversichtlichen Aufschwungs sah der Einwohner des Plauenschen Grundes den neuesten und bedeutsamsten Erfolg einer seiner Spezial-Industrien an: Z. R. III benützte zu seiner die ganze Welt in Spannung haltenden Amerikafahrt für seine Motore das in den Voltolwerken, Freital-Potschappel, elektrisch veredelte Flugmotorenöl (Abb. S. 209).
Vor uns steht als Schicksal die Arbeit.
Im Strudel des wilden Gegenwartslebens muß uns die Zeit bleiben, zu den tiefsten Wurzeln wahrer Schaffensfreude hinabzusteigen, darüber nachzudenken und darnach zu handeln.
Von Rudolf Schumann, Dresden-Plauen
Mit Bildern nach Aufnahmen des Verfassers
Zwei klare, rauschende Gebirgsbäche verlassen bei Coßmannsdorf die engen Gneistäler, um von hier an gemeinsam den Weg durch das Tal zu nehmen, das bis zu seiner Öffnung in die Elbtalwanne als Plauenscher Grund im weiteren Sinne bezeichnet werden kann. Rasch trübt sich das Angesicht des Gebirgswassers, und sein Jugendübermut wird eingedämmt durch steinerne Ufermauern und dienstbar gemacht der Arbeit der Menschen. Fast möchte es müßig erscheinen, in einem Gebiet, das nur noch Technik und Industrie zu gehören scheint, heute den Kindern Floras nachzuspüren, die seit fast 1½ Jahrhundert immer und immer wieder Botaniker in die wildromantische und daneben wieder liebliche Landschaft zogen. Sachsens botanisierender König Friedrich August II. weilte oft auf den Felsen des Hohen Steines, um hier »die seltene Steinnelke und das noch seltenere Bernsteinkraut zu suchen«. Reichenbach erlebte hier Entdeckerfreuden, und nicht nur einmal ist die Pflanzenwelt des Plauenschen Grundes Gegenstand von Abhandlungen [201]gewesen, die freilich meist nur in Aufzählungen bestanden. Eine findet sich in dem Beckerschen Werke von einem jungen Botaniker F. T. Pursch und zählt über siebenhundert Arten auf, wobei allerdings das Gebiet bis Tharandt und Grillenburg berücksichtigt worden ist. Auch in der Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum der Forstakademie Tharandt 1866 findet sich eine wertvolle Zusammenstellung der in unserem Gebiete und seiner Umgebung wachsenden Pflanzen.
Um den gerühmten Pflanzenreichtum des Plauenschen Grundes verständlich zu finden, ist es erforderlich, das frühere Bild des Tales auf Grund der mannigfaltigen Aufzeichnungen vor unserem geistigen Auge wieder erstehen zu lassen. Schon dessen felsige Natur von Plauen bis Potschappel machte ein Betreten in früheren Zeiten mühevoll. Bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts galt der Grund dadurch und infolge des dichten Gestrüpps (Abb. 1) für Wagen als völlig unpassierbar, so daß auch die Dörfer im weiten Freitaler Becken ein weltfernes, unberührtes Dasein fristeten. Das belebende Element war wie noch heute die Weißeritz. Auenwald säumte ihre Ufer, in dessen Schatten wasserliebende Pflanzen ihre Lebensbedingungen fanden (Abb. 2 u. 3). Die Abhänge des Tales waren zum Teil mit dichtem Buschwerk bestanden, hier und da in zusammenhängenden Wald übergehend, der aber im Siebenjährigen [202]Kriege größenteils fiel, so das Plauener Tännicht hinter der Kirche und die dichten Bestände der Dölzschener Hänge. Noch erinnern Ortsnamen an den ursprünglichen Waldbestand (siehe Arbeit von Dr. Bierbaum). Die einer rechtwinkligen Sonnenbestrahlung ausgesetzten Südhänge und die felsigen Klippen wiesen lockeres, sich verlierendes Buschwerk auf, hitzegewohnten Florenkindern pontischer Herkunft Raum zur Besiedlung bietend. Die meist nur schmale Talsohle im unteren Teile des Grundes trug blumenreiche Wiesen. Vom Rotliegendenbecken zwischen Potschappel und Hainsberg hatte die Landwirtschaft schon Besitz ergriffen, die von den Bewohnern der idyllischen, kleinen Dörfer betrieben wurde, die heute im großen Gemeinwesen Freital vollkommen aufgegangen sind. Die Lehnen des Freitaler Beckens trugen damals ausgedehnte Obstgärten, deren Anlage auf den 1568 verstorbenen geisteraustreibenden Pfarrer Künzelmann zu Döhlen zurückgeführt wurde, der sich für seine ärztliche Tätigkeit gern mit Pfropfreisern neuer Sorten belohnen ließ. Die Sorte der Zuckeradenbirnen soll von Zauckerode stammen. In Gittersee, wo Künzelmann zwei Güter erbaut hatte, wurden im Siebenjährigen Kriege 2500 Obstbäume für den Schanzenbau gefällt.
Die Wiesen dieser Talweitung (Abb. S. 185) trugen stellenweise sumpfigen Charakter. Hier entwickelte sich eine heute verschwundene Sumpfflora. Schilf und Rohrkolben besiedelten neben Seggen, Binsen und Simsen das nasse Land, [203]auf den sauren Wiesen nickten die weißen Fruchtköpfe des Wollgrases im Winde, der seltene Sumpfdreizack (Triglochin palustre) und die Schnabelbinse (Rhynchospora alba) fanden sich neben dem Meerampfer (Rumex maritimus) und der graugrünen Miere (Stellaria glauca). Sumpfherzblatt (Parnassia palustris), Fieberklee (Menyanthes trifoliata) und Sumpfveilchen (Viola palustris) brachten zu den verschiedenen Zeiten des Jahres Abwechslung und Farbe, der Sonnentau (Drosera rotundifolia) lockte Insekten. Beide Arten des Läusekrautes (Pedicularis) und das vierkantige Weidenröschen (Epilobium adnatum) mischten ihr Rosa im Sommer unter das Gelb des Flohkrautes (Pulicaria dysenterica). Das leuchtende Gold der Sumpfdotterblume bezeichnete die nassen Gräben, später abgelöst durch den bleicheren geflammten Hahnenfuß. Dort erhoben sich auch der stolze Wasserliesch (Butomus umbellatus) und später die gebrechliche Pferdesaat (Oenanthe fistulosa).
Diese Pracht ist der rationellen Bewirtschaftung des Bodens und der Siedlung und Industrie zum Opfer gefallen. Aber auch die anderen im Plauenschen Grunde vertretenen Formationen haben an Artenreichtum und vor allem an Menge der Vertreter eingebüßt. Steinbrüche und Industrie haben vernichtend gewirkt. Dazu werden seit Jahrzehnten die noch vorhandenen Felsenhänge aus Gründen der Verkehrssicherheit von der Eisenbahnverwaltung [204]und den anliegenden Industrieunternehmungen regelmäßig geräumt, ohne daß die natürliche Ausbreitung der Felsenpflanzen damit Schritt halten kann. Da der Grund auch immer mehr von Kindern durchwildert wurde und botanisierende Schüler ihn weidlich geplündert haben, kann man heute von einer Flora des Plauenschen Grundes nur noch mit Einschränkung sprechen. Nur ihre Reste sind noch vorhanden, hier und da breiten sie sich an verhältnismäßig wenig berührten Stellen fetzenartig aus.
Aber noch vermag man aus ihnen das Bild des ehemaligen Reichtums sich wieder zusammenzustellen, und noch erkennt man deutlich die Abhängigkeit des Florenbildes von den verschiedenen Einflüssen, die eingewirkt haben und heute noch einwirken. Zum Teil ist es der so verschiedene geologische Untergrund, aus dem sich vor allem die Abgrenzung der kalkliebenden Pflanzen erklärt, der aber auch floristischen Reichtum mit Artenarmut abwechseln läßt. Hervorragenden Anteil an der Verteilung der Arten haben ferner die Bestrahlung des Bodens durch die Sonne und dessen Wasserführung. Das Erzgebirge läßt vor allem im Freitaler Becken seinen Einfluß spüren. Schließlich hat auch der Mensch mit seiner Kultur das Pflanzenkleid verändert und zwar bereichert durch Kulturpflanzen und mit diesen eingeschleppte Unkräuter, besonders durch die Mühlenindustrie.
Bei meinen botanischen Streifen durch den Plauenschen Grund berührte es mich immer eigenartig, wie die technische und industrielle Auswertung des Tales an den in der Natur gegebenen Hindernissen Halt macht und dicht daneben die Urflora als Zeuge einer vergangenen oder noch vergehenden Zeit sich darstellt und in zähem Kampfe sich zu erhalten sucht. Manche Entdeckerfreude konnte ich genießen, während dicht unter mir Fabrikschlote rauchten, (Abb. 15) und die harten und sausenden Geräusche aus dem arbeitenden Tale zu mir drangen. Zwei einander fremde Welten berühren sich an solchen Stellen, und man wird die Wehmut verständlich finden, die den Naturfreund ergreift, wenn er Zeuge dieses stillen Kampfes sein muß.
Einen nicht zu unterschätzenden Vorteil in diesem Kampfe besitzen Bett und Ufer der Weißeritz durch die Möglichkeit der dauernden Auffrischung vom Gebirge her, und wenn auch eine deutliche Abnahme der Flora in bezug auf Üppigkeit und Mannigfaltigkeit von Hainsberg nach Dresden festzustellen ist, so zeigt sich doch der Einfluß des Gebirges bis nach Löbtau hinein, vor allem durch die von der Wilden Weißeritz stammende Gauklerblume (Mimulus guttatus). Zögernder folgt die rote Pestwurz (Petasites hybridus) bis zur Begerburg, während gemeineres Volk ständiger Begleiter des vereinigten Baches ist, so Bärenklau und Wasserdost, die oft die stattliche Höhe von 2½ m erreichen, Engelwurz, Zweizahn, mannshohe Kohldistel, die sich mit Acker- und auch Sumpfdistel gekreuzt hat, kleinblütiges und rauhhaariges Weidenröschen, von denen besonders das zweite recht schmückend wirkt. Knäuelampfer, Glanzgras (Phalaris arundinacea) und Mannaschwaden (Glyceria fluitans) bilden in Plauen große Bestände. Im Uferschlamm finden sich Brunnen- und Wasserkresse, Wasserpfeffer, Sumpfmiere, Goldfelberich, Wasserdarm, Wolfstrapp [205]und Helmkraut neben Sumpfstorchschnabel und Vergißmeinnicht, während die ufersäumende Dotterblume fast verloren gegangen ist wie auch der früher an der Neumühle häufige Johanniswedel. Überragt wird diese Uferflora von Igelkolben, Froschlöffel und vereinzelt von Rohrkolben. Gewürzhafter Kälberkropf, Pfennigkraut, Minzen und Mädesüß leiten zu den Uferwiesen. Stellenweise findet sich noch Heilbeinwell (Symphitum officinale), während die knollige (S. tuberosum) auch aus den kleinen Nebenschluchten gänzlich verschwunden ist. Ebenso weicht das große Springkraut immer weiter nach Süden, auf dem Fuße gefolgt von den riesenhaften Beständen seines kleineren Bruders, der erst seit knapp 90 Jahren in der Dresdner Gegend ansässig ist. Die Rasenflächen der Talsohle sind überall zu Kulturwiesen geworden. Nur selten finden sich noch der Wiesenknöterich, der Wiesenbocksbart und eine Sommerwurzart. Bachbunge und kleine Bestände von Hexenkraut fristen in einigen Seitentälchen ein kümmerliches Dasein. In einem breiteren Nebentale halten sich noch Teufelsabbiß und Herbstzeitlose. Die lieblichen Schlüsselblumen sind fast gänzlich ausgerottet worden. Auch nur noch in Resten ist der Auenwald vorhanden, vertreten durch Bruch-, Mandel-, Sahl-, Korbweide und einige stattliche Erlen (Abb. 4). Früher gab es bei Plauen so viel Erlen, daß man diese im 16. Jahrhundert als Nutzholz für Teichgeländer, Bänke unter der Pfarrlinde, [206]Mühlgrabenschützen, Türschwellen, Wegebelag, sowie als Brennholz verwandte (Schrifttum Nr. 42).
Erwähnt sei in diesem Zusammenhange die Ufermauer und -böschung des Ratssteinbruches, wo neben Flechten und Moosen Schutt- und Dürrlandgewächse auftreten, von denen besonders genannt sein sollen: wilde Salbei (Salvia silvestris), Schutt- und Steinkresse (Lepidium ruderale und draba), Graukresse (Berteroa incana), Resede (Reseda lutea), Sichelluzerne, Wermut (Artemisia Absinthium), Stachelsegge (Carex muricata). Als Gartenflüchtlinge sind aufzufassen ein großer Busch japanischer Knöterich (Polygonum cuspidatum) und die reizende italienische Waldrebe (Clematis viticella).
Arg gelichtet ist der Waldbestand der Talhänge. Bei Hainsberg und Döhlen reichen die letzten Ausläufer des Tharandter Forstes in das Gebiet, die neben reinen Fichtenbeständen recht schönen Mischwald (Abb. S. 233) aufweisen, der Lärche, Kiefer, Fichte, Eiche, Birke, Eberesche, Aspe, Ahorn, Weißbuche, Faulbaum, Holunder und vereinzelt Edelkastanien enthält und in dem Heidekraut, Hainwachtelweizen, Heidelbeere, Rasenschmiele, doldiges Habichtskraut (Hieracium umbellatum) und Besenginster eine dürftige Unterflora schaffen. Dreiblättrige und rauhe Gebirgsbrombeere (Rubus Bellardii und hirtus) wachsen als Erzgebirgler am Waldrande neben Himbeere, der rauhstengeligen (R. villicaulis) und der im ganzen Tale verbreiteten straußblütigen Brombeere (R. thyrsoideus). Gesäumt ist der Waldbestand von Haselbüschen. Ursprünglicher wirken noch einige Stellen, wo das Rotliegende als Felsen zutage tritt (Abb. S. 100) und Linde und Schneeball als Holzgewächse dazukommen, als bedeutendere Bestandteile der Unterflora aber Maiglöckchen, Bingelkraut, beide Arten des Fingerhuts – der rote auf Aussaat zurückgehend – Salomonssiegel (Polygonatum officinale) (Abb. 5) und ein letzter kleiner Bestand von Silberblatt (Lunaria rediviva), freundlichst unter Schutz genommen von einem Herrn der Industrie. Die Felsen selbst sind besiedelt von kleinem Ampfer, nickendem Leimkraut, Blasenfarn, nördlichem Streifenfarn (Asplenium septentrionale) (Abb. 6). Aus kleineren und größeren Höhlungen leuchten die hellvioletten Blüten des efeublättrigen Leinkrautes (Linaria cymbalaria). Aus den Felsritzen wuchert der Schafschwingel in seiner graugrünen Abart (Festuca ovina ssp. glauca), wie er auch an den Syenitfelsen des unteren Grundes als Charakterpflanze auftritt. Einige Felswände erhalten ein eigenartiges Gepräge durch ein grünsamtnes Moos (Coscinodon cribrosus) und den Überzug durch die Nabelflechte (Umbilicaria pustulata) und zwei Schüsselflechten (Parmelia saxatilis und conspersa). Der unfruchtbare Verwitterungsschutt des Rotliegenden trägt an Bäumen vor allem Kiefern in den verschiedensten Formen. Von unzugänglichen Klippen leuchtet im Juni die Pracht wilder Rosen. Im Gegensatz dazu wirken einige »gepflegte« Waldstücke in der Nähe von Siedlungen geradezu trostlos, vor allem der Nadelwald beim Weißiger Georgschacht.
Einen neuen Charakter in das Florenbild bringt der Rotbuchenbestand des Windbergwaldes. Verfehlt dieser sagenumwobene Rücken auf einen [207]»empfindsamen« Wanderer sowieso schon nicht einen gewissen Eindruck, so wird dieser noch erhöht durch die silbergrauen Pfeiler dieses stillen Domes. Untergeordnet treten hier fast alle vom Forstmann gepflegten Laub- und Nadelhölzer auf außer der Tanne. Reiche Bestände von Wurm- und Frauenfarn bedecken den Waldboden. Das große Springkraut ist hier noch häufig neben Waldmeister, Maiglöckchen, vielblütiger Weißwurz, Hainsauerklee, Lungenkraut, grüner Sitter (Epipactis latifolia) und Anemone. An feucht-schattigen Stellen spannt das Hexenkraut seinen zarten, weißen Schleier über den Boden. Am Waldrande blühen noch vereinzelt Akelei und Christophskraut (Actaea spicata). Versteckt hält sich die Tollkirsche (Atropa Belladonna), und wohl ist es auch möglich, daß die früher hier ansässige Nestwurz (Neottia nidus avis) noch einzelne Standorte besitzt, während die duftende Nachtzauke (Platanthera bifolia) gänzlich verschwunden sein dürfte. In der Nähe ist noch ein reicher Standort von Sanikel (Sanicula europaea) beobachtet worden. Den Fuß des von Erdspalten durchsetzten Waldberges säumen im Süden der Färbeginster (Genista tinctoria), die dornige Hauhechel (Ononis spinosa), die kleine Eberwurz (Carlina vulgaris) und ausgedehnte Rosenhecken, als ob sie dem vordringenden Kulturlande den Weg verlegen wollten zur Höhe.
Einer geregelten Bewirtschaftung unzugänglicher ist der Burgwartsberg mit seinen umfangreichen Geröllhalden (Abb. S. 146), die im Herbst durch das [208]Fahlgelb der Schwalbenwurz wenigstens einen schwachen Schimmer von dem Golde zeigen, das der Schatzgräber dort zu heben hoffte. Kiefern, Weißdorn, Schlehe, Pfaffenhütchen, Hasel, Birke, schwarzer und Hirschholunder, Weißbuche, Holzapfel und alte sehr starke Rosensträucher bilden einen sich mancherorts lockernden oder sich ganz auflösenden Busch, in dem gelber Geißklee (Cytisus nigricans), deutscher und Färbeginster (Genista germanica und tinctoria), kleiner Ampfer, Natterkopf, Silberfingerkraut, Jasione, behaarte Wicke, rundblättrige Glockenblume, bunter Hohlzahn, Weidenröschen, kleine Königskerze (Verbascum Thapsus) und Schwalbenwurz die Unterflora bilden. Auf völlig kahlen Stellen tritt in riesigen Mengen der echte Ehrenpreis (Veronica officinalis) auf. Am Fuße des Berges bilden Brombeeren und der bis 5 m hoch in den Linden kletternde Hopfen eine Dornröschenhecke, in der im Lenz Veilchen, Anemonen und Feigwurz blühen. Von einem buschigen Hügel in der Nähe bietet der Burgwartsberg im Herbstschmuck einen prächtigen Anblick, da die Verschiedenartigkeit seiner Besiedlung die buntesten Farben bedingt. Auf dem Hügelchen selbst kommen zu den genannten Pflanzen noch pfirsichblättrige Glockenblume (Campanula persicifolia), Savoyer Habichtskraut (Hieracium sabaudum), Deltanelke, die hier auch weiß blühende Skabiosenflockenblume (Centaurea scabiosa) und spärliches Heidekraut.
Eine ähnliche Flora mögen der Oster- oder Eich- und der Colmberg (Abb. 7) getragen haben. Der Osterberg weist heute eintönigen Eichenkulturwald auf. Die landwirtschaftlich ausgenützten Höhen von Zschiedge und Birkigt sind auch botanisch arm und bringen als einzig Bemerkenswertes eine Abart der Wiesenflockenblume mit zerfransten Hüllblattanhängseln (Centaurea jacea var. decipiens), die z. B. auch auf der Schönfelder Hochfläche [209]vorkommt. Der Collm – heute als Günthers Busch bekannter – beweist durch niedrigen Baumwuchs und seine Kräuterflora, daß er vor noch nicht allzulanger Zeit seine Waldbedeckung verloren hat. Birke, Hasel, Eiche, Weißbuche, Vogelbeere, Holzbirne, Weißdorn, Hartriegel und Holunder ziehen sich in mannshohem Wuchse über den nordwestlichen Abhang hin und scheinen nicht recht zu wissen, ob sie den ursprünglichen Waldbestand wieder aufbauen wollen oder nicht. Eine Kolonie Robinie bringt einen fremden Zug hinein. Die Zittersegge (Carex brizoides) wogt dazwischen, Schattenblümchen (Majanthemum bifolium) und Maiglöckchen, Bärenschote (Astragalus glycyphyllus), Heidelbeere, Wiesenwachtelweizen und Himbeere sind die Reste der Hain- und Waldbesiedler. Die Felshänge daselbst sind derartig abgeräumt und zerstört worden, daß auch nichts mehr gefunden werden kann von ursprünglicher Besiedlung.
Weniger verändert ist ein Mengwaldbestand am Schattenhang des Syenitgrundes, der sich durch seine Besiedlung als zur unteren Waldbachformation gehörig darstellt. An Baumgestalten wechseln hier miteinander ab: schöne, alte Ulmen, Linde, Esche, Weißbuche, Spitz- und Bergahorn, Weißdorn, Eberesche. An vielen dieser Bäume sind die Wirkungen gelegentlichen Steinschlages zu beobachten. Roter Hartriegel, schwarzer und vor allem Hirschholunder, Hasel, Stachelbeere und als Vertreter des Berglandes die Alpenjohannisbeere (Ribes alpinum) – leider nur noch recht kümmerlich – bilden stellenweise dichtes [210]Unterholz, aus dem im Frühjahr die weißen Blüten der Vogelkirsche leuchten. Auffällig ist das völlige Fehlen von Nadelbäumen. Als Unterflora treten auf: Silbermarbel (Luzula nemorosa), Lerchensporn, weißes Buschwindröschen, Feigwurz, Hainsauerklee, Lungenkraut, gefleckte und gelbe Taubnessel, das zierliche Schattenblümchen neben dem Maiglöckchen und der vielblütigen Weißwurz (Polygonatum multiflorum), Nabelmiere (Moehringia trinervia), Bingelkraut, wolliger Hahnenfuß (Ranunculus lanuginosus), süße Wolfsmilch (Euphorbia dulcis) und auf Kalkuntergrund ein Restbestand von Haselwurz (Asarum europaeum) neben folgenden Gräsern: Flattergras (Milium effusum), nickendes Perlgras (Melica nutans), Knäuelgras, Hainrispengras (Poa nemoralis), rauhe Trespe (Bromus asper), Hainreitgras (Calamagrostis Halleri) und die Schmiele (Aira flexuosa). An einer letzten Stelle finden sich auch – bedroht von einer wachsenden Schutthalde – das Moschuskraut (Adoxa moschatellina), Goldmilz und etwa zehn Pflanzen des Aronstabs (Arum maculatum). Die bleiche Schuppenwurz (Lathraea squamaria) kriecht dort aus moderndem Laube heraus. Später blühen dann das hier seltener gewordene große Springkraut, aber nur außerhalb des Schleiers, den das kleine in riesiger Ausdehnung über den Abhang spannt, Bergweidenröschen (Epilobium montanum), der Waldziest (Stachys silvatica), die Braunwurz (Scrophularia), Teufelskralle (Phyteuma spicatum), Bittersüß und vereinzelt beide Arten von Fingerhut, von denen nur der gelbe Heimatberechtigung hat. Lianenhaft schlingen sich durch das Gebüsch Hopfen und Brombeeren. An lichteren Stellen ist der lose Syenitschutt besiedelt von tausenden der Lichtnelke (Melandrium rubrum), deren Rot stellenweise vom Gelb des Schöllkrautes abgelöst wird. In einer tief eingeschnittenen Schlucht findet sich eine Quellmulde, in der ein großes Polster von Lebermoos (Fegadella conica) sich ausbreitet.
Die Seltenheiten und auffälligen Schönheiten dieser Laubwaldflora sind freilich verschwunden in Herbarien und Gärten. Nicht mehr wird das Laub des Vorjahres verschönt vom Blau des Leberblümchens, nicht mehr verkünden die schmucken Trauben der Frühlingsplatterbse (Orobus vernus) den Lenz. Der Seidelbast grenzt nicht mehr den Busch gegen das Feld ab, die Einbeere (Paris quadrifolia) fehlt den schattig-feuchten Stellen. Der Türkenbund – merkwürdigerweise von Hasse erst von 1802 an datiert, ohne daß man annehmen kann, daß Pursch diese auffällige Pflanze entgangen ist – war zu schön für die Nähe der Menschen. Die Tollkirsche vernichtete man wohl aus kindischer Furcht vor Vergiftung. Auch Waldwicke (Vicia silvatica) und Bergplattererbse (Orobus montanus) sucht man heute vergeblich. All diese Pflanzen sind aber durch Literaturangaben bestätigt.
Der dem Schattenhang gegenüberliegende Sonnenhang läßt seine Eigenart infolge der sich immer tiefer einfressenden Steinbrüche schwerer erkennen. 1781 beschreibt von Weingart diese Seite als »kahl und steinigt und mit Rasen bedeckt«. Dies trifft für die wenigen erhaltenen Stellen heute noch zu, aber fast nirgends kommt es zu einer ausgesprochenen Entwicklung der sonnenliebenden Hügelformation, da der Mensch die Hänge schon lange für [211]den Obstbau ausgenutzt hat. So gut wie verschwunden ist freilich der Plauener Kirschberg, an den noch der Name eines Gasthauses erinnert. Daß aber hier der Obstbau einst eine große Rolle gespielt haben muß, erhellt daraus, daß die Gemeinde Plauen im Jahre 1801 110 Thlr. Prämie vom Staate für ihre erfolgreichen Bestrebungen um Beförderung der Obstkultur erhielt (Schrifttum Nr. 42). Der Weinbau ist ganz verschwunden. Bei Dölzschen legte man seit dem guten Weinjahr 1783 viel Gewicht auf den Rebanbau (Lang 1812 und Petzholdt 1842), der vor allem auf dem Mergelflöz des Bornberges gut gedieh. Man findet dort noch verwilderte Reben. Meist erzeugte man Traubenwein, doch 1842 läßt Reichard das Gewächs alle Witzworte über den sächsischen (Trink-)Wein der Vergessenheit überliefern. Auch in Coschütz hat man Wein angebaut. Es erinnert daran noch ein schöner Torschlußstein (Abb. S. 152).
Die früher sicher weiter verbreitete Fels- und Hügelflora konnte sich infolge der vielen auf engem Raume liegenden Dörfer nur an solchen Stellen halten, die einer landwirtschaftlichen Ausnützung den stärksten Widerstand entgegensetzten, d. h. an den fast senkrecht zur Weißeritz abstürzenden Syenitfelsen und auf einigen Schotterhängen. Hier und da deckt diesen harten Untergrund eine dünne Verwitterungsschicht oder eine spärliche Grasnarbe.
Auf solchen steilen Hängen zeigen sich unter dem Einfluß der kräftiger wirkenden Sonnenstrahlen hitzegewohnte Pflanzen, die in verschiedener Weise gegen die Gefahr der Verdunstung geschützt sind. Diese Pflanzen machten den Plauenschen Grund zu einem Lieblingsziel der Botaniker. Leider ist der ausgesprochenste Südhang fast gänzlich einem Steinbruche zum Opfer gefallen (Abb. S. 90) und nur noch in engen Grenzen kann sich der suchende Blick bewegen.
Der Hangwinkel beträgt hier über 30°, und die Sonnenstrahlen bilden im Juni mit dem Boden längere Zeit einen Winkel von etwa 90°. Dabei ist nur die durchschnittliche Steigung berechnet. Nach Aussage des alten Steinbrechers Günther war der stellenweise noch steilere Hang unterbrochen von Felszacken. Hier fanden Vertreter der südlichen und südöstlichen Florengebiete ihre Lebensbedingungen wieder.
Schon im April erscheinen der Gänsekreßling (Arabidopsis Thaliana) und das Hasenbrot in großen Mengen, wenig später auch das Frühlingsfingerkraut (Potentilla verna) neben seiner Kreuzung mit dem Sandfingerkraut (P. arenaria), ohne daß dieses selbst noch anzutreffen ist. Das Weiß der Erdbeere mischt sich unter das Gelb. Im Sommer finden wir dann das nickende Leimkraut (Silene nutans), das sich erst nach Sonnenuntergang zu voller Pracht für die Nachtfalter öffnet und auch dann erst duftet, Wolfsmilch (Euphorbia cyparissias), den schlanken Weinbergslauch (Allium vineale), Sichelluzerne (Medicago falcata), die Kronwicke (Coronilla varia), echtes Labkraut (Galium verum), Hasenklee, Sandglöckchen (Jasione montana), Skabiosenflockenblume, kleines Habichtskraut (Hieracium pilosella), kleinen Kölbel (Sanguisorba minor), pfirsichblättrige und rundblättrige Glockenblume (Campanula persicifolia und rotundifolia), Jakobskreuzkraut (Senecio Jacobaea), Feld- und echten Beifuß (Artemisia campestris und vulgaris), kleinen Ampfer, [213]Turmkraut (Turritis glabra), Felsensedum (Sedum rupestre), Färbeginster, wilde Karde (Dipsacus silvester). Die gelben Fluren des Rainfarns (Tanacetum vulgare) grenzen überall diese ursprünglichen Bestände gegen das Kulturland ab, in dem sich kräftige Eselsdisteln (Onopordum acanthium) und blauer Natterkopf (Echium vulgare) in ihrer stachligen und rauhen Schönheit zeigen. Einen ganz besonderen Schmuck bildet das aufrechte Fingerkraut (Potentilla recta) mit seinen vornehm geschnittenen Blättern und den hellgelben, großen Blüten (Abb. 8). Würdig stehen ihm zur Seite die schlanken Trauben des breitblättrigen Ehrenpreises (Veronica Teucrium), die den Hang zeitweise himmelblau färben, und die prächtigen, gelben Scheinquirle des Triftziests (Stachys recta). Wenige Wochen später erblühen dann die reichen Bestände des dünnstengligen Friesleins (Tunica prolifera) und ein einziger, engbegrenzter Bestand des deutschen Ziests (Stachys germanica) (Abb. 9). Dieser Reichtum auf so begrenztem Raume läßt ahnen, welche Schätze durch den Bruchbetrieb verloren gegangen sind.
Die Aufzeichnungen über diese Stelle lassen die Ergänzung nicht schwer fallen. Die Grasnarbe bestand aus Bartgras (Andropogon Ischaemum), gewimpertem Perlgras (Melica ciliata), Ruchgras, Flaumhafer (Avena pubescens), Windhalm (Apera spica venti), Schafschwingel (Festuca ovina) und rotem Schwingel (F. rubra), tauber Trespe (Bromus sterilis), der Kammschmiele [214](Koeleria cristata), zu denen sich als Scheingräser neben Hasenbrot verschiedene Seggen gesellten (Carex praecox und humilis). Zu den oben angeführten Gewächsen kamen noch hinzu: das rauhe Veilchen (Viola hirta), Federträubel (Muscari comosum), Mannstreu (Eryngium campestre), Sonnenröschen (Helianthemum chamaecistus), Königskerzen, die hier auch schon seltener geworden sind, Skabiose (Scabiosa columbaria). Im Juni leuchteten vom jähen Hange die tiefroten Blüten der Essigrose (Rosa gallica).
Man stelle sich die Freuden eines Naturfreundes vor, der hier fern von lautem Getriebe die Hänge durchstreifte, wenn die Sonne über den Mittag hinweggewandert war. Aus dem Tale klang das Rauschen des Flusses. Quendelduft lag überall. Das Heer der Grillen – der Erdschwarm alter Leute – zirpte und sang in sommerlicher Lust ohne Aufhören. Die Eidechse huschte vor den Füßen weg. Am späten Nachmittag jagten die Schwalben in großen Kreisen am Himmel, und ihr leidenschaftlicher Schrei klang an und verklang, die Sehnsucht in die Ferne mit sich reißend. Da sah das Auge nach Westen, wo die Sonne hinter dem herrschaftlichen Schlößchen sich zur Neige rüstete und im Scheiden noch die Abendwolken mit flüssigem Gold umrandete. Bis zu den dunklen Toren des Erzgebirges, die in der Dämmerung schon verschwammen, trug die Sehnsucht und wollte nicht zur Ruhe kommen, wenn auf dem Heimweg in den Büschen des Tales die Nachtigall schlug.
Andere einer starken Sonnenbestrahlung ausgesetzten Hänge tragen lockeres Buschwerk, das aus Weißbuche, Hasel, Birke, verkrüppelten Eichen, wilden Birn- und Apfelbäumen (Abb. 10), Weißdorn, Faulbaum, Pfaffenhütchen, Vogelkirsche, Schlehe gebildet wird und in dem Adlerfarn (Pteris aquilina), Heidelbeere und Besenginster (Sarothamnus scoparius) als Freunde trockner Wälder auftreten. Der Weißdorn bildet hinter dem Steiger einen recht auffallenden Schmuck des Berges, während die Schlehe an anderer Stelle einen einzigartigen Standort besitzt, der zur Blütezeit einem Zaubergarten gleicht (Abb. 11). Als beachtenswerter Bestandteil dieser Formation tritt die deutsche Mispel (Mespilus germanicus) auf. Pech- und Karthäusernelke (Viscaria vulgaris und Dianthus carthusianorum) in erfreulicher Menge, der sparrige Alant (Inula conyza), große Fetthenne (Sedum maximum), Hauhechel, Heckenwicke (Vicia dumetorum), Königskerze (Verbascum lychnitis), Savoyer Habichtskraut, Grasnelke, Goldrute (Solidago Virga aurea), Blutwurz (Potentilla tormentilla), Heidekraut, behaarter Günsel (Ajuga genevensis) bilden die Unterflora. Das Silberfingerkraut (Potentilla argentea) findet sich überall und zwar in der nur unterseits filzigen Form (var. typica) als auch in der mit beiderseitig stark behaarten Blättern (var. incanescens). Auch die Färberkamille (Anthemis tinctoria) trifft man hier sehr häufig an, vor allem ist sie zu einer Charakterpflanze der Steinbrüche geworden. Besondere Erwähnung verdient ein schöner Bestand der Zaunlilie (Anthericum Liliago), wiederum bereitwilligst unter Schutz genommen von einem Herrn der Industrie (Abb. 12). Verschwunden sind aus den Büschen die Prachtnelke (Dianthus superbus), die feinblättrige Wicke (Vicia tenuifolia), die Knäuel- und die Borstenglockenblume (Campanula [215]glomerata und Cervicaria) und das 1799 als »gemein« bezeichnete Theehimmelschlüssel (Primula officinalis), während sich traubiger Rainfarn (Chrysanthemum corymbosum) noch vereinzelt erhalten hat.
Die Felsenflora hat sich dank ihrer unzugänglichen Standorte noch an solchen Stellen ziemlich unberührt erhalten können, wo die Syenitwände unmittelbar in die Weißeritz abfallen und die schmalen Felssimse die Anhäufung von Humusmengen gestatten. Der Rand dieser Wände trägt Rosenbestände (Rosa canina und glauca und beider Bastard), Schlehen, Weißdorn und Vogelkirsche. Das rauhe Gewand des blauährigen Natterkopfes [217]und die festen, bewehrten Blätter der Wegedistel und der großpurpurblütigen nickenden Distel (Carduus acanthoides und nutans), sowie die schmalen Blattflächen der Grasnelke und die wasserspeichernden Blätter des Mauerpfeffers (Sedum acre) lassen auf die an Sonnentagen vom Gestein aufgenommene Hitze schließen. Niederliegender Klee (Trifolium procumbens) und Kölbel gesellen sich zu den genannten Pflanzen und als Kalkliebhaber der Labmeister (Asperula glauca), der sich durch seine am Rande umgerollten Blätter und deren graugrünen Überzug auch als hitzegewohnt ausweist. An den Felswänden selbst finden sich nun die Edelsteine dieser Flora. Es werden mir immer die Tage unvergessen bleiben, an denen es mir dank des liebenswürdigen Entgegenkommens der betreffenden Behörden und Industrieunternehmungen möglich war, auf schmalem Felsband in die ursprünglichen Bestände einzudringen. Von senkrechter Wand duften dort die niedrigen Polster der Pfingstnelke (Dianthus caesius) (Abb. 13). Blasses Habichtskraut (Hieracium Schmidtii), durch Milchsaft gegen übermäßige Verdunstung geschützt, zeichnet sein helles Gold auf die schwarzen Steine, der Triftziest (Stachys recta) erhebt auf schrägeren Stellen seine gelben, schlanken Ähren (Abb. 14) neben der dunklen Glut der Pechnelke. Aus zerrissenem Gestein hängt die rote Heckenkirsche (Lonicera Xylosteum). Dazu die zarte Filigranarbeit der [218]weißen Blüten des Labmeisters, der zierliche Blasenfarn (Cystopteris fragilis) an schattigen Stellen, und überall der blaugrün bereifte Schafschwingel (Festuca glauca). Wo die Felsbänder sich verbreitern, hat die Steinmispel (Cotoneaster integerrima) in dichten Beständen Fuß gefaßt (Abb. 15). Zu deren Blütezeit im April findet sich der rötliche Verwitterungsschutt wie mit Schneeflöckchen bedeckt von den kleinen Blüten des Frühlingssparks (Spergula Morisonii). Nach dem Abblühen der Pfingstnelke übernehmen es der gelbe Geißklee (Cytisus nigricans), die Skabiosenflockenblume und der Truglauch (Allium fallax), noch Farbe in die Felsen zu bringen. In den steilen, schmalen Schluchten spannt der Efeu sich über die Steinblöcke, unter denen Bergmannshoffnungen begraben liegen[34]. Zu bedauern ist es, daß die Bergaster (Aster amellus) im Spätsommer in diesen Felsen nicht mehr zu finden ist.
Der Steinbruchbetrieb hat uns viele der felsigen Abhänge geraubt, und manche botanische Seltenheit ist dabei verschwunden, und noch läßt sich nicht ahnen, ob und wo das Brechen einmal Halt machen wird. Wohl besiedeln sich verlassene Brüche langsam wieder, aber die Edelflora kommt in ihnen nur ganz vereinzelt wieder auf. Immerhin findet man hier und da manches [219]Bemerkenswerte. Die harten Bruchsohlen sind stellenweise bedeckt von einer ganz kümmerlichen Zwerg- und Hungerflora, in der besonders die Kamille (Matricaria chamomilla) in zwei bis fünf Zentimeter großen Pflanzen auftritt. Neben der schon erwähnten Färberkamille und anderen genannten Ruderalpflanzen fallen uns auf Bergquendel (Satureja acinos), der wilde Dost (Origanum vulgare), wilde Möhre (Daucus carota), mannshoher Schierling (Conium maculatum), verwildertes Seifenkraut (Saponaria officinalis), das bogige Barbarakraut (Barbaraea arcuata), Knoblauchsrauke (Alliaria officinalis), sparriger Alant. An Wasseradern im Gestein zeigt sich massenhaft das Kunigundenkraut (Eupatorium cannabinum) bis hoch an der Bruchwand, daneben Sumpfziest (Stachys palustris), die sehr häufige Karde, Zweizahn, die stachlige Nachtkerze (Oenothera muricata), Blutweiderich (Lythrum salicaria), großblütiges Weidenröschen (Epilobium hirsutum). Auf dem feuchten Boden kriechen zwei Fingerkräuter (Potentilla procumbens und reptans). Im Begerbruch bildet eine Fetthenne (Sedum oppositifolium) dichte Polster neben Beständen von Bastardklee (Trifolium hybridum). Das kleine Leinkraut (Linaria minor) an anderer Stelle ist erst 1925 mit weggebrochen worden. Taubenstorchschnabel (Geranium columbinum) und die Sandluzerne (Medicago varia) mit ihren gelben, grünen und violetten Blüten verdienen noch erwähnt zu werden. An einigen Stellen finden sich auch wieder neue Polster der Pfingstnelke. [220]Verschwunden ist ein Standort des Edelgamanders (Teucrium Chamaedrys) in einem Steinbruche.
Ein interessantes Bild der Neubesiedlung bieten die Halden verlassener Kohlenschächte. Noch nimmt man den Schwefelgeruch deutlich wahr, aber schon beginnt die Birke ihren Siegeszug von der Sohle des Poisentales zur Höhe. Immer dünner und niedriger werden nach oben ihre Bestände in den lockeren Schuttmassen (Abb. 16). Eine eigentümliche physiologische Beobachtung läßt sich hier machen. Die Wurzeln verlaufen nicht senkrecht nach unten, sondern schräg in die Halde hinein, so daß sie mit deren Böschungsfläche einen rechten Winkel bilden und so festeren Halt gewinnen. Der Übergang vom Stamm in die Wurzel ist stets knieförmig gebogen. An sämtlichen untersuchten krautartigen Pflanzen der Halde des Segen-Gottes-Schachtes konnte ich dasselbe feststellen. Es treten auf: Nachtkerze, Natterkopf, sparriger Alant, Speerdistel (Cirsium lanceolatum), klebriges Greiskraut (Senecio viscosus), kleine Königskerze (Verbascum Thapsus), Schwalbenwurz, Jasione, Rainfarn, Borstenquendel (Satureja vulgaris). Auffällig ist, daß auf älteren Halden das Unterholz fehlt, so auf der um 1880 angepflanzten Halde des Windbergschachtes. Dafür wächst dort in großen Massen unter den hohen Waldbäumen die kalkliebende Feldkresse (Lepidium campestre).
[221]
Einige floristische Neuerscheinungen hat die Kulturarbeit des Menschen bedingt. Verschiedene Unkräuter sind mit fremdem Getreide eingeschleppt worden. In nächster Nähe des Tales, bei Naußlitz, findet sich das auffallende Kuhkraut (Vaccaria pyramidata), ein Nelkengewächs mit selten schöner Teilung des Blütenstandes. Bei Plauen wächst noch auf kalkhaltigem Boden die knollige Platterbse (Lathyrus tuberosus), obwohl die Felder dort verschwunden sind, mit diesen auch das scharlachrote Adonisröschen (Adonis aestivalis). Durch die Mühlenindustrie fanden verschiedene Ausländer den Weg in den Plauenschen Grund. Man hat folgende beobachtet: aus Südeuropa französisches Leimkraut (Silene gallica), Saatrauke (Eruca sativa), kleinblütigen Honigklee (Melilotus indicus), aus Südosteuropa und dem Orient die Schleierblume (Gypsophila paniculata), lange Rauke (Brassica elongata), römischen Beifuß (Artemisia pontica), kleine Flockenblume (Centaurea diffusa), aus Nordamerika virginische Kresse (Lepidium virginicum), Traubenkraut (Ambrosia trifida). Als Bienenfutter wurde bei Mohorn die südeuropäische Kugeldistel (Echinops sphaerocephalus) angebaut, die verwildernd die Grenze des Gebiets bei Kesselsdorf schon überschritten hat.
Bei einer floristischen Bearbeitung des Tales möchte auch der Baumgestalten gedacht werden, die uns noch aus alter Zeit grüßen, vor allem der Pesterwitzer Pesteiche und einer mehrhundertjährigen Linde in Saalhausen. [222]Die alte Dorflinde in Dölzschen ist Ende des vorigen Jahrhunderts einem Sturme zum Opfer gefallen, nachdem sie angeblich 600 Jahre alt geworden war. Bei schönem Wetter sind unter ihr Gemeinderatssitzungen abgehalten worden. Im Gemeindesiegel bewahrt man ihr Andenken. Auch die Gemeinde Wurgwitz führt eine Linde im Siegel. Ein Naturdenkmal könnte einmal die Linde auf der Heidenschanze werden, wenn sie nicht durch die Unkultur vieler ihrer Besucher zu leiden hätte. Vom Reisewitzischen Garten sind noch einige ehrwürdige Bäume geblieben, und eine letzte Pappel am Eingang des Grundes kündet die Stelle, wo das Kielmannseggschlößchen gestanden hat.
Zurückblickend erkennen wir, daß der Plauensche Grund eins der botanisch wertvollsten und interessantesten Gebiete Sachsens gewesen ist. Wenn man Gelegenheit hat, sich einmal längere Zeit in die überaus zahlreichen Stiche und Gemälde dieser Gegend aus dem 18. und dem Anfang des 19. Jahrhunderts zu vertiefen, dann erkennt man deutlich, wie die zweite Hälfte des 19. und der Anfang des 20. Jahrhunderts gewaltig verändernd in die natürlichen Verhältnisse eingegriffen haben. Darunter mußten auch die Pflanzenbestände leiden, und es ist eigentlich zu verwundern, daß es heute noch möglich ist, die Florenreste in verhältnismäßig großer Zahl aufzufinden. Ich konnte bisher über 400 Arten zwischen Gut Heilsberg und Vorstadt Plauen buchen.
Wie wird nun die Zukunft der Florenreste sein? Es wird dies davon abhängen, bis zu welchem Grade der Mensch die Hänge, die die bedeutenderen Arten tragen, noch angreift, um Steine zu gewinnen und Raum zu schaffen. Beläßt man aber einige Felsen mit ihren schönen Aussichtspunkten als kärgliche Erinnerung an vergangene Tage, so dürfte sich auch die dortige Flora infolge ihrer Unzugänglichkeit wenigstens in kleinen Beständen erhalten, und damit würde ein ungewolltes Naturschutzgebiet geschaffen inmitten der Industrie, in dem der heimatliebende Botaniker alten Schätzen nachspüren kann, zu dem aber auch der heimkehrende, müde Arbeitsmann die Blicke richten würde, wenn ihm von dort die Polster der blühenden Pfingstnelke entgegenleuchten.
Fußnoten:
[34] Wenn mich die Anzeichen nicht trügen, haben hier Wahlen an zwei Stellen geschürft.
Von Professor Dr. Bernh. Hoffmann
Als die Einladung an mich erging, zu einer großen, vielseitigen Arbeit über den Plauenschen Grund ein Scherflein beizusteuern, habe ich gern zugesagt, weckte doch die der Lösung harrende Aufgabe in mir manch’ schöne Erinnerung an dieses und jenes ornithologische Erlebnis meiner Jugendzeit. Meine Eltern wohnten Mitte der siebziger Jahre in der Ammonstraße, und so wanderte ich oft einmal hinaus, teils um Pflanzen zu sammeln, teils um am Hohen Stein zu »pickern«; denn Natur- und Heimatschutz kannte man damals noch nicht; am wenigsten wurde der Gedanke daran in den Schulen gepflegt.
[223]
Besonders sind mir zwei Erlebnisse scharf in der Erinnerung haften geblieben: Eines schönen Nachmittags kam ich hinterm Hohen Stein an eine breite, steinerne Brücke, die über einen kleinen Graben führte[35]. Als ich meine jugendliche Nase unter die Brücke steckte, saß dort ein stattlicher Uhu, der mich mit seinen großen Augen, über die von Zeit zu Zeit die Nickhaut weghuschte, unverwandt anblickte. Er blieb auch ruhig sitzen, als ich einen kleinen Annäherungsversuch machte. Unvergeßlich sind mir die Federbüsche über den Augen und die Größe des Vogels, der die Lichtung nahezu ganz ausfüllte. Mehrmals habe ich später dem Uhu einen Nachmittagsbesuch abgestattet. Eines schönen Tages aber war mein Freund verschwunden. Hatte er sich ein andres Plätzchen gesucht, war er abgewandert oder gar dem mörderischen Blei eines Nimrods zum Opfer gefallen? – Ungefähr um dieselbe Zeit machte ich im Plauenschen Grund die angenehme Bekanntschaft mit »Frau Nachtigall«. In einer kleinen Mulde, die heute dem Ratssteinbruch zum Opfer gefallen ist, kam ein Wässerchen herab und hier sang sie – es war in einem der Jahre 1874 bis 1876 – wochenlang zur Freude aller derer, denen der Sinn für die Natur und das Empfinden für ihre unendlichen Schönheiten zu eigen war. Dann war auch diese Nachtigall plötzlich verschwunden. Ob ein Raubvogel sie geholt hatte, oder ob sie verendet oder einem Vogelsteller zum Opfer gefallen war? Das blieb ebenfalls für immer in tiefstes Dunkel gehüllt. Fast ist das letztere zu befürchten. Denn hinter Nachtigallen war das Geschlecht derer, die Vogelstellerei betrieben und heute noch betreiben, immer ganz besonders her. Und im Plauenschen Grund müssen die Vogelsteller seit alters her stets sehr tätig gewesen sein. Noch heute wird z. B. im Döhlener Wald eine Stelle als »Der Vogelherd« bezeichnet. Der Weg dorthin heißt der Vogelherdweg[36]. Ein paar andere Stellen führen den Namen »Zeisigbusch«, während ein paar Höhen in der Nachbarschaft des Plauenschen Grundes noch heute Stieglitz- und Wachtelberg genannt werden. Im übrigen boten die mancherlei von den Höhen in kleinen Mulden herabkommenden Bächlein, die oft von lichterem Gehölz umstanden waren, willkommene Gelegenheit, der Vogelstellerei obzuliegen. Man fing besonders Zeisige, Hänflinge, Rotkehlchen und womöglich Nachtigallen. Aber auch andere Vögel wurden mitgenommen. Meist bediente man sich bei der Vogelstellerei der Leimruten mit in Käfigen eingesperrten Lockvögeln. Sehr beliebt waren daneben die Sprenkel. Manche Orte des Plauenschen Grundes waren als Heimstätten von Vogelfängern allgemein bekannt, so z. B. Häslich. Aber wohl an allen Orten des Grundes und seiner Umgebung hat es jederzeit einzelne Vogelsteller gegeben. Natürlich mußte man zu dieser Tätigkeit die nötige Zeit haben. Das war aber häufig bei den Bergleuten der Fall, die ja schichtweise arbeiten; sie verwendeten gern diesen oder jenen freien Morgen oder Vormittag in der angegebenen Weise. Die Vögel behielt man teils selbst, teils verkaufte man sie unmittelbar an Vogelliebhaber, [224]oder man schaffte sie in die nahe Großstadt, wodurch manch schöner Groschen nebenher verdient wurde. Am meisten stellte man den Vögeln während der Zugzeit im Frühjahr und besonders im Herbst nach, was ja die sichersten Erfolge versprach. Auch heute noch wird im Plauenschen Grunde gevogelstellert, wovon ich mich selbst auf diesem oder jenem meiner oft in abgelegene Gebiete führenden Streifzüge überzeugt habe[37]. Wundern darf uns das nicht, wagen doch diese oder jene Vogelsteller selbst den Großen Garten in Dresden als Feld ihrer Tätigkeit mit Leimruten und Schlagnetzen auszuwählen. Auf der andern Seite dürfen wir nicht vergessen, daß der Plauensche Grund das letzte gemeinsame Ende zweier Täler ist, die sich weit nach dem Erzgebirge hinauf erstrecken, wo ja die Vogelstellerei noch in unseren Tagen allgemein verbreitet ist. Von dort ist sie bis in den Plauenschen Grund, der gleichsam ein Anhängsel des Erzgebirges bildet, herabgestiegen. Wahrscheinlich haben hierbei die von auswärts in den Plauenschen Grund eingewanderten Bergleute nicht unwesentlich mitgewirkt.
Daß es anderseits in früheren Zeiten im Plauenschen Grunde viel jagdbare Vögel gegeben hat, geht aus der häufigen Anführung von sogenannten Krähenhütten hervor, aus denen heraus man mittels Uhus auf größere Vogelarten, wie z. B. Krähen, Raubvögel usw. Jagd machte. An dieser Stelle sei gleich des »Adlers« gedacht, der am 17. November 1739 im Plauenschen Grunde gefangen worden ist. Das Geschehnis ist durch folgendes Gedicht Micranders der Nachwelt überliefert worden[38]:
Micranders Poetische Gedanken auf den am 17. November 1739 im Plauischen Grunde gefangenen Adler[39].
[225]
Leider erfahren wir nichts über die Art, welcher der Vogel zugehört hat. Die Tagesangabe (17. November) weist jedoch darauf hin, daß wir es wohl mit einem Durchzügler zu tun haben, der ein Schell-, ein Schrei-, ein Fisch- oder gar ein Seeadler gewesen sein kann.
Nach alledem aber sehen wir, daß uns weder die Vogelstellerei noch die Jagd betreffs unsrer Kenntnis der Vogelwelt des Plauenschen Grundes wesentlich fördert. Wollen wir mehr erfahren, so müssen wir zu dem Büchlein »Die Weisseritzthäler und ihre Umgebung« greifen, dem ein »Verzeichniß der selteneren in den Weisseritzthälern vorkommenden Thiere und Pflanzen« beigegeben ist. Dieses umfaßt unter anderen 43 Vogelarten; darunter befinden sich mehrere, welche heute wohl nicht mehr hier angetroffen werden. Es sind die Gabelweihe, der Uhu, die Wald- und die Zwerg-Ohreule, die Sperber- und die Schleier-Eule, der Raubwürger, der schwarzstirnige Würger, der Eisvogel, die Mantelkrähe, der Wiedehopf, die Waldschnepfe (»nistet«), die Bekassine (»auf dem Zuge«), der Auerhahn und das Birkhuhn, das Blaukehlchen und die Nachtschwalbe. Das wären ja an sich sehr beachtenswerte Feststellungen. Aber leider weiß ich nicht recht, wie hoch ich das Verzeichnis bewerten darf. Als »seltenere« Vögel werden z. B. auch die Amsel, der Buchfink, der Zaunkönig und die Blau- und die Sumpfmeise genannt.
Ähnliche Unsicherheit in der Bewertung empfinde ich auch betreffs der Beobachtungen, welche Johst (Gittersee) in den Jahren 1886 bis 1894 gemacht hat und die in den im Laufe der Jahre 1887 bis 1896 von A. B. Meyer und F. Helm herausgegebenen »Jahresberichten der ornithologischen Beobachtungsstationen im Königreich Sachsen« veröffentlicht worden sind. Das Beobachtungsgebiet von Johst umfaßt außer der näheren Umgebung von Gittersee und Coschütz und dem Plauenschen Grund auch den Cunnersdorfer Grund und den Poisenwald, welche letzteren aber – wie weiter unten näher dargelegt werden wird – hier nicht in Betracht kommen. Da nun Johst leider recht oft von dieser und jener Vogelart nur bemerkt: »Kam vor«, ohne daß nähere Ortsangaben gemacht werden, so sind solche Bemerkungen zu unbestimmt, als daß sie hier, wo es sich in der Hauptsache nur ums Tal der Weißeritz handelt, verwertet werden könnten. Dazu sind Johsts Beobachtungen wohl nicht immer unbedingt sicher. Schließlich kommt hinzu, daß Johsts Beobachtungen bis annähernd vierzig Jahre zurückliegen. Das ist beim Plauenschen Grunde, der seither so manchen Wandel erlebt hat, doch zuviel, als daß die Angaben Johsts ohne weiteres bei einer Übersicht über die heutige Vogelwelt des genannten Gebietes verwertet werden könnten.
Aus dem Anfang unsres Jahrhunderts stammen[41] nur noch wenige Angaben von W. Baer über das Vorkommen einzelner Arten im Plauenschen [226]Grunde und zwar des Waldkauzes, des dünnschnäbeligen Tannenhähers, des Wintergoldhähnchens, des Weidenlaubsängers, der Gartengrasmücke, der Heckenbraunelle, der Kohl- und Blaumeise, des Baumpiepers und der Rabenkrähe, während Bäßler neuerdings die Gartenammer bei dem Juchheberg hat feststellen können. – –
Hiernach blieb mir, um zu einem halbwegs umfassenden und sicheren Ergebnis betreffs der jetzigen Vogelwelt des Plauenschen Grundes zu gelangen, nichts anderes übrig, als mir selbst durch eigene Ausflüge und Beobachtungen in diesem Gebiete die tatsächlichen Unterlagen zu verschaffen, auf Grund deren ich trotz mancherlei Hemmnisse hoffe, im Nachstehenden ein befriedigendes Bild der Vogelwelt des Plauenschen Grundes entrollen zu können.
Zunächst sei einmal die wichtige Frage beantwortet: Wo und wie verlaufen die Grenzen des Beobachtungsgebietes? – Ich habe nur das eigentliche Weißeritztal mit seinen mehr oder weniger steilen Wänden oder sanfter ansteigenden Lehnen und die oben unmittelbar angrenzenden Randflächen ins Auge gefaßt und dementsprechend nach längerem Schwanken schließlich folgende Abgrenzung meines Beobachtungsfeldes gewählt: Bienertbrücke, Chemnitzer Platz, Coschützer Straße, Dresdner Straße, Gittersee, Kohlenstraße, die Windbergstraße hinab nach Niederhäslich; hier beim Rathaus auf der anderen Talseite bergan, einem schmalen Feldweg folgend; wo dieser sich nach links wendet (kurz vor der Höhe) dem nahezu rechtwinklig rechts abbiegenden schmalen Fußweg entlang, der zum oberen Ende des Vorholzes führt. Ein Stück vor demselben an einem schmalen Wiesenstreifen links abwärts durch ein kleines Bachtälchen (die sogenannte Lehmgrube) vor zum Vorholzbach; über diesen rechts hinauf nach Eckersdorf; unterhalb des Gasthofs einen Feldweg links hinab zum Bahnhof Coßmannsdorf. Von der Straße nach Somsdorf am Bergabhang rechts hin, hinter dem Gute Heilsberg hinüber zum Opitzer Weg. Auf der Höhe nach Ober- und Unter-Weißig, Saalhausen, Zauckerode, Ober-Pesterwitz, Dölzschen und wieder zur Bienertbrücke.
Ich glaube, daß diese Umgrenzung der Forderung nach einer auch äußerlich zum Ausdruck kommenden Einheitlichkeit des Gebiets am ehesten gerecht wird, was ja schon durch den ziemlich regelrechten Verlauf der Grenze bewiesen wird. Ich habe unter diesem Gesichtspunkte den Poisenwald weggelassen, weil sein Einbeziehen die Einheitlichkeit des Ganzen mehr oder weniger stört. –
Im Einzelnen stoßen wir allerdings betreffs der landschaftlichen und ökologischen Vorbedingungen für die mehr oder weniger reiche Entfaltung des Vogellebens auf mancherlei Unterschiede. In Ermangelung des genügenden Raums muß ich hier auf die diesbezüglichen Schilderungen in den voranstehenden Arbeiten der Herren Gewerbeschuloberlehrer Söhnel und R. Schumann [227](S. 201 usw.) verweisen. Im allgemeinen ergibt sich starkes Vorhandensein neuer und für die Vogelwelt zwecks ihrer Ansiedlung noch wichtigerer alter Gebäude, zahlreicher Gärtchen und Parkanlagen, das wechselnde Vorkommen von Hecken und Feldgehölzen, von Wiesen und Feldern, von Wald und Gebüsch, von stärker und schwächer fließenden Gewässern, von Felswänden usw. Größere Teiche und Seen fehlen dagegen. Dementsprechend haben wir es im Plauenschen Grunde nur mit Landvögeln zu tun, die wir – je nach ihrem Hauptaufenthalt in Baum-, Strauch- und Bodenvögel einteilen. Ihnen schließen sich die Luftvögel an, die – wie z. B. die Mauersegler – ihr Leben vorwiegend in der Luft fliegend hinbringen. Dazu kommt aber noch ein Gesichtspunkt, nämlich gewisse Beziehungen der Vögel zum Menschen. Es ist bekannt, daß z. B. gerade die Luftvögel trotz ihres freien, ungebundenen Lebens ihr Heim in Mauerlöchern oder gar innerhalb menschlicher Behausungen aufschlagen. Andre Arten halten sich mit Vorliebe in der unmittelbaren Nachbarschaft von Wohngebäuden, in den anstoßenden Gärten und Gärtchen auf, während wieder andre von den Menschen und ihrer Kultur nicht das geringste wissen wollen. Bedenken wir überdies, daß im Winter dieser oder jener Strich- oder Wandervogel unser Gebiet aufsucht, so dürfte die nachfolgende Gliederung unsres Stoffs genügend begründet sein.
Hier kommen, wie schon angedeutet, in erster Linie gewisse Luftvögel in Betracht, die ursprünglich wohl Freibrüter waren und erst nach und nach sich den Menschen angeschlossen haben. Zuerst sei da der Stall- und der Hausschwalbe gedacht. Die erstere bezieht gern Innenräume (wie z. B. Stallungen) in Bauerngütern; seltener treffen wir sie an Orten, die mit der Landwirtschaft nichts zu tun haben. Erwähnenswert scheint mir in dieser Hinsicht, daß zwei Paar Stall-, oder in diesem Falle besser Rauchschwalben, seit Jahren in einem Durchgang des Bahnhofs von Potschappel nisten. Im ganzen ist die Zahl der Stallschwalben nicht bedeutend; noch wesentlich geringer ist die der Hausschwalben, welche bekanntlich meist an der Außenseite der Häuser unter dem vorspringenden Dach usw. ihre erdigen Nester bauen. Ich habe sie – in bescheidener Zahl – besonders im Dorfteile Alt-Coschütz angetroffen (siehe auch Seite 239). Oft tummelten sich Hausschwalben unterhalb des Hohen Steins, und es gewährte einen fesselnden Anblick, wenn die weißen Bürzel der ruhelos nach Nahrung umherjagenden und im übrigen kaum erkennbaren Vögel aus der Tiefe heraufleuchteten. – Mauersegler oder Turmschwalben, die in vielen Städten und Dörfern keine fremde Erscheinung sind, beleben auch im Plauenschen Grunde die Luft mit ihren schnellen Flügen und wenig musikalischen Rufen. Ihr vorwiegend dunkles Gefieder und die sichelförmigen Flügel machen sie im übrigen leicht erkenntlich. Im ganzen sind sie nicht gerade zahlreich. Die größte Zahl (12 bis 15 Stück) beobachtete ich mehrmals über der Weißeritz zwischen Potschappel und Burgk. Sonst sah ich vielfach nur vereinzelte Paare.
[228]
Ein weiterer Mitbewohner menschlicher Bauten ist der Haussperling, der in den Ortschaften des Plauenschen Grundes der zahlreichste Vertreter der Vogelwelt ist und hier und da rudelweise auftritt. Sonderbar ist, daß bei den Häusern auf dem Windberg der Haussperling fehlt.
Als letzter Vertreter der bei den Menschen Unterkommen findenden Vögel sei das Hausrotschwänzchen genannt, dessen Männchen außer am braunroten Schwanze noch an dem weißen Fleck auf den dunklen Flügeln erkennbar ist. Hausrötel nehmen meist mit niedrigeren Nebenbauten, wie z. B. Gartenhäuschen, Geräteschuppen, einer Feldschmiede usw. fürlieb, die im Plauenschen Grunde in genügender Zahl vorhanden sind. Bekanntlich gehört das Hausrötel zu den zeitigsten Frühaufstehern; es fängt schon an zu singen, wenn gewisse Menschen sich erst nach Hause finden. Kein Wunder, daß man dem Morgengesang des Hausrötels die Worte unterlegt: »Kommst du auch schon heim?« – Der Star nistet zwar nicht in den Behausungen oder sonstigen Bauten der Menschen, bezieht aber gern ein Heim, das letztere für ihn aufgehängt haben. Im Park des Gutes Heilsberg nisteten voriges Jahr ein paar Stare in der Höhlung eines Baumes, was Stare gegebenenfalls verhältnismäßig häufig tun. Sehr gern beziehen sie dabei alte ausgehöhlte Parkbäume, wodurch sie den Übergang zur nächsten Vogelgruppe bilden.
Zunächst sei noch einmal hervorgehoben, daß zwar viele Gärten vorhanden, meist aber von geringem Umfang sind, da die Häuser und besonders auch die zahlreichen kleinen Häuschen mit den ebenso kleinen Nebenbauten oft dicht beieinander und teilweise auch durcheinander stehen. Man sieht viele kleine Gras-, Gemüse- und Obstgärtchen. Ziergärten sind seltener. Hier und da finden sich noch schöne, alte Bäume. Vielfach vermißt man dagegen größere Gebüschanpflanzungen. Demgemäß ist die Vogelwelt hier nicht so stark vertreten, als sie es unter Umständen sein könnte. So habe ich z. B. den Gartenlaubvogel oder Gartenspötter verhältnismäßig wenig angetroffen. Häufiger verzeichnete ich den Girlitz, jenen kleinen gelblichgrünen Vogel, der sein kauderwelschendes serridsisidsedserridsizsrrr usw. mit Vorliebe in höherem Geäst oder auf Telegraphenleitungen anstimmt. Am 22. April v. J. sah ich, wie ein gegenüber dem Männchen mehr grau gefärbtes Weibchen zu Neste trug. Es holte sich am Bahndamm Bastfäden von vorjährigen, zusammengebrochenen Pflanzenstengeln, wobei es hohe hinaufgezogene sieb hören ließ, während das Männchen auf einer nahen Telegraphenstange Wache hielt. Es begleitete das Weibchen, ähnlich wie es bei den Hänflingen regelmäßig der Fall ist, andauernd auf seinen Flügen. Wie weit da anstelle der Liebe vielleicht ein gewisser Grad von Eifersucht getreten ist, dürfte schwer zu entscheiden sein. Auf Hänflinge bin ich ebenso selten gestoßen wie auf Stieglitze; ich habe die ersteren nur zwei-, die letzteren dagegen nur einmal während der Brutzeit zu sehen und zu hören bekommen. Mehrfach habe ich dagegen den Wendehals beobachtet. Man hört seine anfangs etwas ansteigende Rufreihe [229]gjähgjäh .·˙˙˙˙˙˙[42] oft in alten Obstgärten, wo er gern in einer Höhlung eines alten Baumes oder gar in einer Starmäste Wohnung bezieht. In den Obstgärten etwas abseits vom großen Verkehr gelegener Dörfer treibt sich hier oder da eine kleine Eule herum: der Steinkauz oder das Käuzchen. So sah ich z. B. ein solches am 13. April 1926 nachmittags ½3 Uhr auf einem alten Birnbaum unterhalb Ober-Pesterwitz an der Straße nach Zauckerode; es hatte dabei die Freundlichkeit, mir nicht nur andauernd zuzublinzeln, sondern begrüßte mich auch mit Rufen, die wie quiejug, quaejug (mit Tönen am Anfang der vierten Oktave) usw. klangen. Den grauen Fliegenschnäpper, der sich anderwärts gern den Menschen zugesellt, indem er sogar unter Veranden oder im Weinspalier am Hause nistet, habe ich nur in geringer Zahl feststellen können. Verhältnismäßig oft vernimmt man dagegen das klappernde Liedchen tjiltjil … der Zaungrasmücke[43] oder des sogenannten Müllerchens. Die kleinen Gebüsche, welche mit der Hand des Gärtners wohl noch nie oder nur selten Bekanntschaft gemacht haben, bieten ihm willkommenen Unterschlupf. Unerwartet geringzählig habe ich den Grünfink bemerkt, den man doch an seinen sogenannten Klingeltouren oder an hinaufgezogenen breiten fühied oder an dem sinkenden bschiejöhb leicht erkennen kann. Am meisten noch stellte ich ihn auf den Friedhöfen fest. Weitaus am zahlreichsten neben dem Haussperling ist in den Ortschaften der Buchfink. Überall schmettert er seine fröhlichen Lieder. Es sind durchweg »Würzgebühr«-Strophen, die nach der Endung der Lieder benannt sind, sofern aus ihr die Silben würdsjibjürrr oder ähnliche Lautgebilde herausklingen. Mit fast in gleichem Maße bekannten Liedchen lassen sich die Kohl- und die Blaumeise oft einmal hören. Jene ruft meist sidsibee, oder vistivistivisti usw., diese dagegen dsidsi-djejejejeje oder trrrrédididid. Nur ganz vereinzelt trifft man auch eine Sumpfmeise, die sich entweder mit kurzen sisdjä und sisidjä oder einer Klapperstrophe djivdjiv… meldet. Das reichlich vorhandene Wasser mag sie mit hereingelockt haben. – Und nun müssen zwei Vogelarten genannt werden, die erst in nicht weit zurückliegender Zeit aus ihrer Heimat, den Wäldern, in die Ortschaften vorgedrungen sind und sich hier teilweise recht breit machen; es sind die Schwarzdrossel oder Amsel und die Singdrossel oder Zippe. Erstere scheint noch etwas zahlreicher zu sein als die Zippe; möglicherweise hängt dies damit zusammen, daß die Schwarzdrossel andere Vögel, besonders die Zippe, verdrängen soll.
Den Schluß dieser Gruppe mag ein in jeder Beziehung, d. h. in Größe, Färbung und Gesang bescheidenes Vögelchen bilden, das sich auch viel in lockeren Baumbeständen, Obstgärten usw. einstellt. Es ist der oft als Baummaus bezeichnete Haus- oder Gartenbaumläufer, der meist an den Stämmen [230]der Bäume hinauf- und herumklettert, dabei Insekten und deren Eier aus den Rindenspalten herausholt und – oben angekommen, einen andern Baum meist weit unten anfliegt und dann absucht. Er ist im Plauenschen Grund ziemlich vereinzelt, aber da und dort hört man doch sein zartes Frühlingsliedchen: dsi … riidsi. – Und nun sei der Königin der befiederten Sänger, der Nachtigall, gedacht, die Anfang Mai 1926 nach vielen Jahren wieder einmal Einzug in den Plauenschen Grund gehalten hat und zwar in dem schönen, an der Nordseite des Tals gelegenen gebüschreichen und fließendes Wasser bietenden Park der Herren Hüttendirektoren Pfeifer und Bervé in Döhlen. Sie war vorwiegend Nachtschläger und begann meist gegen zehn Uhr oder etwas darnach, um erst gegen Morgen ihr süßes Flöten zu beenden. Die Zahl der oft bis zu später Stunde lauschenden Zuhörer war auffallend groß, was ich gern als Beweis dafür betrachte, daß die Freude an der Natur und ein Verständnis ihrer Sprache im Volk noch nicht erloschen, sondern vielleicht wieder im Aufblühen ist. Nachstehend noch ein paar der schönsten Lieder:
Es kommen auch noch andere Vogelarten in das Grün der Ortschaften und Parkanlagen herein, wie z. B. Schwarzmeisen und Kernbeißer; doch bin ich ihnen vorwiegend draußen in Busch und Wald begegnet, so daß ihrer erst später gedacht werden soll.
Es können hier leider nur zwei Arten genannt werden, die weiße und die Gebirgsbachstelze. Beide treten überall auf, trotzdem die Weißeritz und ihre Ufer an vielen Stellen sehr wenig einladend sind und obgleich neben den Bächlein oft kleine Straßen oder Fußwege hinlaufen, auf denen oft reger Verkehr bemerkbar ist. Die weiße Bachstelze überwiegt etwas an der Weißeritz, während an den Bächlein und sonstigen Rinnsalen die Gebirgsbachstelze vorherrscht. – Nicht vorgefunden habe ich, obwohl sie weiter oben an den beiden Weißeritzen zum Teil mehrzählig vorkommen, den Eisvogel und die Wasseramsel. Die vielen Abwässer aus Häusern und Fabriken, die Störungen durch Badende und spielende Kinder usw., die Tatsache, daß das Wasser der Weißeritz oft in Mühlgräben abgeleitet wird, infolgedessen das eigentliche Bett derselben manchmal fast wasserleer wird – alle diese Umstände verhindern das Vorkommen der letztgenannten Arten im Plauenschen Grund.
Hier stoßen wir leicht einmal auf die Dorngrasmücke, welche nirgends fehlt. Sie lebt zwar recht versteckt, macht sich aber oft durch ihren [231]Balzflug und ihre kurzen Balzliedchen bemerkbar. Gern streicht der Kuckuck über Hecken und Feldgehölze hin, um die Eier in fremde Nester zu legen. Im ganzen habe ich aber nur ein Weibchen kichern, dagegen drei Kuckucksmännchen rufen hören. Der am Windberg setzte mit seinen Rufen oft ungewöhnlich tief ein (d₂–h₁), ging aber rasch zur normalen Höhe (e₂–cis₂ oder f₂–d₂) über. An den oben genannten Stellen stieß ich ferner hier und da auf Feldsperlinge, die an der rotbraunen Kopfplatte und an dem schwarzen Fleck in der weißen Wange erkenntlich sind. Meist waren ihrer mehrere zusammen. Der rotrückige Würger hielt sich vorwiegend am Rande der Gehölze oder in kleinen, freigelegenen Dornhecken und -gebüschen auf, so z. B. vor und hinter dem Burgwartsberg, im Döhlener Wald und am oberen Vorholzbach. Sogenannte Spottungen (Nachahmungen der Stimmen anderer Vögel oder sonstiger Töne und Geräusche) konnte ich nur wenig feststellen. Der hinterm Burgwartsberg brachte recht schön das Schmetterlied des Buchfinken. Sehr zahlreich ist die Goldammer, deren einsilbige, fast tonlose Rufe und einfache, schlichte Liedchen man außer in Feldgehölzen auch im Walde und in Obstalleen zwischen den Feldern vernehmen kann. Elstern habe ich nur zweimal schackern hören und zwar hinterm Burgwartsberg und unterhalb Ober-Pesterwitz. Auf Befragen hörte ich, daß Elsternester regelmäßig von der Jugend ausgenommen worden sind; wahrscheinlich nistet diese Art jetzt außerhalb des Plauenschen Grundes.
Natürlich gehören hierher auch manche Arten, die in Gärten und Parken heimisch geworden sind, wie z. B. Kohl- und Blaumeise, Hausbaumläufer usw.; ich werde gelegentlich darauf zurückkommen; aber daneben beherbergt der Wald die weitaus größte Zahl unsrer Vögel; das folgt schon aus der Vergangenheit unsres Landes und überdies ist eben der Wald das natürliche und beste Schutzgebiet der Vögel, soweit er nicht von großen und kleinen Menschen, Katzen, Hunden und anderem Raubzeug durchstöbert wird. Zunächst sei der Vögel an den Waldrändern gedacht. Hier findet sich oft noch eine gewisse Menge von dichtem Unterholz. Da treffen wir vor allem die Garten- und die Mönchsgrasmücke, die von manchen als die herrlichsten Sänger unsrer Vogelwelt gepriesen werden. Sie treten noch ziemlich zahlreich auf; leider wird besonders dem »Schwarzplättel«, wie die Mönchsgrasmücke auch genannt wird, von den Vogelstellern des Plauenschen Grundes sehr nachgestellt. Vorwiegend dem Waldrand gehört ferner der Baumpieper an, der seine mehrteiligen Lieder gern von einer Kiefer oder einer Buche bei schräg aufsteigendem Balzflug anstimmt; meist kehrt er unter Gleitflug mit steil aufgerichtetem Schwänzchen und vorgestreckten Beinen zum Abflugort zurück.
Und nun die Vögel des ausgesprochenen, in erster Linie aus Birken, Buchen, Ahorn, Eschen usw. gebildeten Laubwaldes, der im Plauenschen Grunde die Hauptrolle spielt. Ich nenne zuerst die drei, mit Recht so benannten »Laub«vögel: den Fitis-, Weiden- und Waldlaubvogel, [232]von denen der erste geradezu Charaktervogel des Plauenschen Grundes ist. Er ist neben Haussperling und Buchfink der verbreitetste und zahlreichste Vogel des Gebiets. Einer von ihnen machte mir übrigens wieder einmal sehr deutlich klar, woher die Bezeichnung »Fitis« stammt. Er beschloß nämlich seine Liedchen andauernd mit einigen vitü. Der Weidenlaubvogel beschränkt sich nicht nur auf Weiden, sondern kommt auch auf vielen anderen Laubholzarten vor. Der Waldlaub- oder, wie er nach dem Ende seines Liedchens auch genannt wird, der Waldschwirrvogel, ist wohl der wenigst zahlreiche Vertreter der Gruppe, was damit zusammenhängt, daß er nicht zu alte Buchen mit weit herabreichenden Ästen bevorzugt. In den sehr hochstämmigen, bis hoch hinauf astfreien Buchen am Windberg habe ich dementsprechend seine Stimme nicht vernommen. Dagegen hört man hier die Hohltaube rucksen, die sicherlich in dieser oder jener Stammhöhle nistet. Auch habe ich hier den Schwarzspecht mehrmals seine lauten, anfangs etwas ansteigenden Rufreihen und die breiten kjiäh(g) anstimmen hören; doch scheint er im Gebiet nicht ansässig zu sein. Dagegen nisten hier und da in den alten Buchen noch ein paar Dohlen. Dem gemischten, an Unterholz reichen Laubwald zuzuzählen ist schließlich der Fasan, der sich wohl besonders in den von Burgkschen Besitzungen auf beiden Talseiten eingebürgert hat; seine sehr lauten chahgahk-Rufe künden seine Anwesenheit recht nachdrücklich an. Im Nadelwald finden wir dagegen besonders zwei Meisenarten: die Tannen- und die Haubenmeise. Erstere ist der Kohlmeise noch am ähnlichsten, besitzt aber einen viereckigen weißen Nackenfleck, der übrigens auch bei der Kohlmeise andeutungsweise sichtbar wird, besonders wenn sie den Kopf stark vornüber biegt. Selbst die rhythmisch scharf gegliederten Liedchen erinnern an die Kohlmeise; doch liegen sie etwas höher und man hört leicht die mehrmals wiederholten Silben viedje oder ähnlich heraus. Die Haubenmeise ist entschieden weniger zahlreich. Weiter beschränkt sich in der Hauptsache auf den Nadelwald das sehr kleine Wintergoldhähnchen, so genannt, weil es selbst im Winter bei uns angetroffen wird und auf dem Scheitel des Kopfes einen goldgelben Strich zeigt. Ich habe es auch einmal in den Obstbäumen des vom Walde ziemlich entfernten Ortes Gittersee nahrungsuchend angetroffen. Schließlich möchte ich dem Nadelwald noch den Waldbaumläufer zurechnen, den ich allerdings nur einmal – zwischen Weißig und Saalhausen – beobachtet habe, es war im Hochsommer, so daß ich bestimmt annehme, er ist hier Brutvogel gewesen.
Unter den Vögeln des gemischten Waldes ist einer der zahlreichsten Vertreter der Vogelwelt das Rotkehlchen, das überall, besonders gegen Abend, seine scheinbar etwas melancholisch klingenden Lieder anstimmt. Es liebt die Nähe von Wasser. Noch mehr an kleine Wasserrinnsale hält sich der Zaunkönig, einer der kleinsten der Kleinen, der seine mehrteiligen, teilweise schnurrenden Lieder mit überraschendem Feuer vorträgt. Hier und da durchbricht mit seinen wechselnden Rufen der Kleiber oder die Spechtmeise die Stille des Waldes. Er klettert, ähnlich wie die [233]Baumläufer, an den Stämmen der Bäume herum und bezieht gern verlassene Spechthöhlen, deren Eingang, falls dieser zu groß ist, teilweise mit Erde verklebt wird. Ein schönes Beispiel hierfür gewahrt man rechts von der Einfahrt zum Gute Heilsberg, und ein langer Spalt in einer Robinie an der Tharandter Straße ist bis auf eine kleine runde Öffnung von einem Kleiberpaar verschlossen worden. Mehrmals habe ich die Heckenbraunelle festgestellt, so z. B. am Opitzer Weg (Abb. 1), im Döhlener Wald und in der Nähe von Saalhausen. Sie liebt niedrige gemischte Bestände und singt ihre etwas kauderwelschenden Liedchen von den Spitzen der Bäume, um plötzlich jählings in das Gebüsch am Boden herabzustürzen. Recht breit machen sich vielfach die Eichelhäher, die wohl mehr Schaden als Nutzen stiften und deshalb eine [234]»künstliche« Beschränkung gut vertragen. Sie sind als Spottvögel bekannt; einer am Windberg ahmte einmal den Ruf der Rabenkrähe täuschend nach, während ein andrer am Opitzer Weg wundervoll den Ruf des Pirols pfiff. Hier und da läßt sich der Pirol selbst hören, besonders in hohen, alten Kiefer- und Eichenbeständen. Und nun die Spechte: Der Grünspecht ruft zwar allerorten einmal; doch dürfte er nicht zahlreich sein: er streift viel herum. Ebensowenig zahlreich ist der große Buntspecht: ich hörte seine Stimme mehrfach am Windberg und hinterm Backofenfelsen. Den kleinen Buntspecht stellte ich nur hinterm Felsenkeller und im Gute Heilsberg fest; hier war er sicher Nistvogel. Zahlreich war wieder der Kirschkernbeißer, auch in den Bäumen der Ortschaften. Infolge seiner unbedeutenden Stimme und seines Aufenthalts besonders in den Wipfeln der Bäume entgeht er leicht der Beobachtung. Am 7. Juni 1925 entdeckte ich infolge der Warnrufe der Alten ein Nest des Kirschkernbeißers ungefähr eineinhalb Meter unter der Spitze einer weit hinauf astfreien, rund sechseinhalb Meter hohen Fichte auf dem Rücken des Windbergs. Die Jungen saßen zum Teil schon außerhalb des Nestes. Auf dem Kopfe trugen sie noch lange dünne, haarartige und aufgerichtete Federn, was sehr seltsam wirkte. Oft und deutlich vernimmt man in etwas lichteren gemischten Waldbeständen den Gartenrotschwanz, der ebenfalls zugleich Parkvogel ist. Man erkennt ihn außer am schneeweißen Stirndiadem an der Einleitung seines Liedchens, die meist wie ührviedsedsedse klingt. Hinter der Backofenwand nistete nicht weit von einem Gartenrötel ein Trauerfliegenschnäpper im Stamme einer Kiefer mittleren Alters. Hier machte ich die überraschende Beobachtung, daß beide Vögel einander nachspotteten[44]. Sonst habe ich letztgenannte Art nur noch im Park von Heilsberg angetroffen. In gemischten, aber vorwiegend niedrigen Beständen kommen auch Schwanzmeisen oder wie der Volksmund sie so schön benannt hat, »Pfannenstielchen« vor, die wegen ihres sehr unruhigen Wesens und da ihre Stimmchen meist nur wie schwache dsrrrr klingen, auch sehr leicht dem Beobachter entgehen. Ich stellte gewöhnlich die weißköpfige Form fest, so im Vorholz, am Opitzer Weg, unterhalb Schweinsdorf am bebuschten Abhang usw. Am letztgenannten Orte beobachtete ich am 22. April 1926 ein Pärchen, das treu zusammenhielt. Im allgemeinen sind Männchen und Weibchen von Schwanzmeisen im Freien nicht zu unterscheiden; hier war es mir sehr leicht möglich, bei dem einen Exemplar war nämlich der lange Schwanz stark sichel-, fast hakenartig gekrümmt; das rührt von dem andauernden Aufenthalt in dem kleinen, kugelförmigen Nest während des Brütens her: ich hatte also das Weibchen vor mir! So zahlreich ferner im Walde die Amseln und Singdrosseln sind, so selten ist im Plauenschen Grund die Misteldrossel, die im allgemeinen wohl ausgedehntere, stillere Waldungen vorzieht; aber ihre kurzen kräftigen Lieder, meist mehr oder weniger Varianten eines kleinen [235]Motivs, sind herrliche Bestandteile der Waldmusik; ich hörte sie am Windberg und am oberen Ende des Opitzer Weges. Ob die Vögel hier zur Brut geschritten sind, wage ich nicht bestimmt zu bejahen. Dagegen gehören dem Plauenschen Grunde sicher zwei andere, größere Vögel an: die Ringel- und die Turteltaube; erstere war mehrzählig, letztere mindestens in einem Paar im Döhlener Wald vorhanden. Dieses eine Paar wurde übrigens insofern für mich sehr wichtig, als das Männchen mir eine schon immer gehegte Vermutung zur Sicherheit machte, daß nämlich Turteltauben nicht bloß Rufe (turrr, trrr usw.) hören lassen, sondern auch eine ausgesprochene Balzstrophe besitzen, die ähnlich wie die der Ringeltaube gebaut ist[45]. Vielfach – oft zu mehreren – treiben sich auch Rabenkrähen, seltener Nebelkrähen, besonders in den Randgebieten der Wälder umher. Man hört ihre lauten arrrk, arrrk, arrrk und ähnliche Rufe allerwärts einmal. Sie nisten teilweise am Windberg. Schließlich sei noch erwähnt, daß ich über den Wäldern und überm breiten Tal im ganzen zwei Mäusebussarde, einen Hühnerhabicht und vier Sperber habe kreisen oder rasch hinwegfliegen sehen. Doch bezweifle ich, daß sie im Gebiete selbst zuhause sind. Hierfür kommt wohl der nicht weit entfernte Poisenwald in Frage. Am Windberg hat man (nach freundlicher Mitteilung des Herrn Revierförster Schellig in Burgk) auch mehrfach Wespenbussarde beobachtet und geschossen. Doch dürfte von dieser Art dasselbe gelten wie von den vorher genannten Arten.
Damit verlassen wir den Wald und treten wieder hinaus in freiere Teile des Plauenschen Grundes.
In den höher gelegenen Wiesen am Rande unsres Gebiets hört man, wenn schon ganz vereinzelt, die gedehnten, und oft stundenlang fortgesetzten rrr(ä)rb-rrr(ä)rb-Rufe des Wachtelkönigs oder der Wiesenralle. Aus den Feldern, insbesondere der Lehnen und auf den Höhen steigen zahlreiche Feldlerchen singend empor. Ihnen gegenüber tritt die mehr auf Ödland und Bauplätzen sich aufhaltende Haubenlerche recht zurück. Überall kann man auch Rebhühner beobachten oder verhören. Am 27. Juli 1925 vernahm ich zwischen Dölzschen und Pesterwitz sogar den Schlag einer Wachtel, während in Getreidefeldern beim Juchheschlößchen, oberhalb vom Steiger, ein paar Getreiderohrsänger um die Wette sangen[46]. Auf einzeln stehenden kleinen Bäumen in den Wiesen und Feldern am Fuße der Ober-Pesterwitzer Lehne beobachtete und verhörte ich an zwei weit voneinander liegenden Tagen eine Grauammer, die hier ansässig sein dürfte, während in den Obstalleen zwischen Ober-Pesterwitz und Dölzschen schon früher und jetzt erneut von mir die Gartenammer festgestellt worden ist, deren süße, harmonische, [236]meist in zwei oder drei Tonstufen abfallende Liedchen jeden erfreuen, der mit offenen Ohren auf die Musik in der Natur achtet.
Es handelt sich dabei um die Felsen am Hohen Stein, um die Syenitbrüche bei der Begerburg und um den Backofenfelsen hinter Hainsberg. Zunächst sei da eines Vogels gedacht, der sich an den letztgenannten beiden Stellen in großer Zahl eingenistet hat: es ist die verwilderte Haustaube. Sie benutzt die höheren Felsvor- und -einsprünge nicht nur als eine Art Sommerwohnung, sondern auch als Kinderstube; sie ist also zu der Gewohnheit ihrer Vorfahren in grauer Vorzeit wieder zurückgekehrt. Standesunterschiede werden hier nicht gemacht; die gemeine Haustaube ist in den Felsen ebenso wohnungsberechtigt wie die edelste Rassentaube. Neben den Tauben aber haben sich an allen drei Orten Vertreter eines Herrengeschlechts festgesetzt, nämlich Turmfalken, welche 1926 am Hohen Stein und am Backofenfelsen wahrscheinlich in je zwei Paaren, bei der Begerburg aber nur in einem Paar nisteten. (Abb. 2.) Sehr oft sah ich einen Falken auf eine Taube niederstoßen, ohne daß er sie schlug. Mir scheint, als wollten die Falken auf diese Weise die Tauben nur aus ihrem Wohngebiet verjagen, was um so begreiflicher ist, als z. B. am Backofenfelsen ein Taubenpaar es gewagt hat, den vorjährigen Horst von Falken zu beziehen. Wundern dürfen wir uns hiernach auch nicht, wenn doch einmal eine junge Taube von einem Falken für sich oder seine Kinder geholt wird. Trotzdem bleibt der Turmfalk einer der wenigst schädlichen Raubvögel. Möge er deshalb an den oben genannten Stellen nicht nur geduldet, sondern auch geschützt werden, damit er seines Amtes als »Torwächter des Plauenschen Grundes« auch weiter bis in ferne Zeiten walten und alle wahren Naturfreunde mit seinen herrlichen, das Auge zu Himmelshöhen emporziehenden Flugspielen erfreuen und begeistern kann!
Der Winter 1925/26 war ja zum großen Teil sehr mild und so war von Wintergästen natürlich nicht viel zu merken. Auf ein paar Wanderungen traf ich außer Vertretern einiger schon genannter Arten, wie z. B. der verschiedenen Meisen, Wintergoldhähnchen, Goldammern usw. – von denen diese oder jene Stücke vielleicht von Norden her zugewandert sind –, auf hohen Erlen an der Weißeritz einmal ein Rudel Erlenzeisige; auf Feldern dagegen gewahrte ich hier und da einige Saatkrähen, die ich während der Sommermonate nicht zu Gesicht bekommen habe. –
Hiermit hoffe ich, ein befriedigendes, abgerundetes Bild von der derzeitigen Vogelwelt des Plauenschen Grundes entworfen zu haben, soweit es eben bei der Kürze der Beobachtungsdauer möglich ist. Im ganzen handelt es [237]sich um neunundsiebzig Arten. Siebzig von ihnen dürften bestimmt Brutvögel im Plauenschen Grunde sein, bei weiteren sieben Arten ist es wahrscheinlich oder möglich, während zwei Arten nur Wintergäste sind. Immerhin ist 70 eine verhältnismäßig kleine Zahl, besonders wenn man bedenkt, daß in Sachsen rund 300 Arten und Formen festgestellt worden sind[47], wobei es sich freilich teilweise auch um seltene und sehr seltene Vorkommnisse, Durchzügler, Wintergäste usw. handelt. Anderseits muß in Erwägung gezogen werden, daß wir im Plauenschen Grund ein recht kleines und der Entfaltung einer reichen, vielseitigen Vogelwelt schon an sich nicht gerade sehr günstiges Gebiet vor uns haben; fehlen doch hier ausgedehnte, abgeschlossene Waldungen, größere Seen, Sümpfe, Moore usw., die für viele Vögel allein annehmbare Heimstätten bilden. Noch begreiflicher werden uns die Verhältnisse, wenn wir einmal ein anderes, möglichst benachbartes [238]Gebiet zum Vergleich heranziehen. Der Freundlichkeit des Herrn O. Henker, Kustos am Zoologischen Museum in Chemnitz, verdanke ich ein Verzeichnis der Brutvögel aus der weiten Umgebung der genannten Stadt, d. h. von einem Gebiete, das ungefähr fünfundzwanzigmal so groß ist wie das hier besprochene, das ausgedehnte Wälder und schöne Flußtäler, wie z. B. das der Flöha, der Zschopau, der Chemnitz (mit dem allerdings über die Maßen verunreinigten Wasser) usw. besitzt, das aber ebenfalls an einer gewissen Einseitigkeit leidet, »große Binnengewässer, ausgesprochene Heide, große Moore, Auenwälder fehlen, dafür herrscht dichte Besiedelung und Industrialisierung« sagt Henker in einem Aufsatz »Seltene Vögel der Heimat«, Seite 76. Zwar führt nun Henker trotzdem in dem Verzeichnis 102 Brutvogelarten an, aber 17 davon sind selten und unregelmäßig. Ferner fehlt vielen Vögeln jener Liste im Plauenschen Grunde, jeder, in der Chemnitzer Gegend wenigstens teilweise vorhandene Lebensboden, weshalb hier nicht vorkommen können: Löffelente, Rothalstaucher, Kiebitz, Bekassine, Bläßhuhn, grünfüßiges Teichhuhn, Rohrammer, Teichrohrsänger und Schafstelze, die alle von Henker als regelmäßige Brutvögel des Chemnitzer Gebietes genannt werden.
Zusammenfassend sei hiernach kurz betont, daß im Plauenschen Grunde trotz aller Industrie und starken Besiedelung doch noch eine recht beachtliche Zahl von Vogelarten zuhause ist, von denen allerdings der Hauptteil auf die Busch- und Waldgebiete der Talhänge entfällt.
Anders stellt sich die Sachlage, wenn wir die Frage stellen, ob nicht im Laufe längerer Zeit ein Rückgang in der Vogelwelt des Plauenschen Grundes erfolgt ist. Wir müssen uns bei diesbezüglichen Erörterungen vergegenwärtigen, daß ehemals im Freitaler Becken Sumpf und Wald, der hauptsächlich aus Eichen, Birken, Weiden, Erlen usw. bestand, miteinander abwechselten. Dazu war der Plauensche Grund infolge des Gestrüpps und der Felsen kaum begehbar. Kein Wunder, daß in früheren Zeiten in dem in Rede stehenden Gebiete mancherlei Vögel vorgekommen sind, die heute hier fehlen. Ich erinnere noch einmal an das auf Seite 225 erwähnte Verzeichnis der selteneren Vögel des Plauenschen Grundes. Es kann nicht bezweifelt werden, daß der Uhu und andere Nachtraubvögel ehemals hier gehaust haben. Im Erlen- und Weidengebüsch an der Weißeritz sind Blaukehlchen wahrscheinlich ebenso heimisch gewesen wie heute noch an der Spree und Oder; an moorigen laubbedeckten Stellen ist die Waldschnepfe zur Freude der Jäger eingefallen; im dichten Gebüsch haben regelmäßig zahlreiche Nachtigallen ihre süßen Lieder geflötet, während an andern Stellen Nachtschwalben von niedrigem Geäst ihre langen Schnurrer haben ertönen lassen; Eisvogel und Wasserstar sind ungestört über die reinen, fischreichen Wasser der Weißeritz hingestrichen, wie es heute noch [239]der Wasserstar in größerer Anzahl weiter oben besonders an der wilden Weißeritz tut, usw. Sonach dürfte unbestreitbar sein, daß so manche Vogelart aus dem Plauenschen Grunde verschwunden ist. Bei andern Arten vollzieht sich ein starker Rückgang, der schließlich ebenfalls zum Verschwinden derselben führen muß, noch heute unter unsern Augen. Ich denke da an die beiden Schwalbenarten, von denen ich auch die Stallschwalbe verhältnismäßig zu geringzählig antraf. Tatsächlich nachweisbar ist der Rückgang bei der Hausschwalbe. Noch 1911 sollen an der Scheune von Lohrmanns Gut in Coschütz »hunderte von Schwalbennestern, sogar fünffach untereinander und aufeinander« zu sehen gewesen sein[48]. Und jetzt? – Im ganzen fand ich bei einem Besuche des Gutes Anfang Juni 1926 von ungefähr 75 Nestern nur die letzten Spuren, im übrigen nicht mehr als 11 ganze Nester, von denen nur 6 oder 7 besetzt waren.
Betreffs der Ursachen, welche den Rück- und Abgang so mancher Vogelarten bewirkt haben, darf man natürlich nicht einseitig denken. Die Verfolgungen durch Jäger in alter und neuer Zeit, das Verschwinden der Sümpfe und moorigen Stellen im Talgrund, das Zurückdrängen des Waldes, der Bergbau mit seinen Halden, die Fabriken mit den rauchenden Schloten, die Entwicklung der Dörfer zu Städten und Vorstädten, die außerordentliche Zunahme der Bevölkerung, insbesondere der Kinder und Jugendlichen, die gewaltige Steigerung des Verkehrs und die Trübungen des reinen Gebirgswassers der Weißeritz durch Abwässer aller Art, die Festigung der Ufer durch hohe Mauern usw., die immer noch ausgeübte Vogelstellerei: Alles dies hat in mehr oder weniger hohem Maße den Bestand der Vogelwelt des Plauenschen Grundes in ungünstigem Sinne beeinflußt. Demgegenüber aber wollen wir nicht vergessen, daß mit dem Eindringen der Kultur ins Reich der Natur für manche Verluste Ersatz gebracht worden ist. Mit der Beseitigung eines Teiles des Waldes und dem Urbarmachen des Bodens sind Vögel ins Tal gekommen, die ursprünglich sicher hier gefehlt haben, so z. B. die Feld- und die Haubenlerche, das Rebhuhn und die Wachtel. Den ins Tal immer weiter vordringenden Landleuten haben sich die Stall- und Hausschwalben und die Turmsegler angeschlossen, wie nicht minder der unvermeidliche Haussperling. Und bietet ein nicht nur als Zier-, sondern zugleich im Sinne des Vogelschutzes angelegter Park nicht auch Ersatz für manches, was die Kultur verdrängt hat? Ich erinnere hier nur an die in einem Park des Plauenschen Grundes eingekehrte Nachtigall. Freilich müssen wir hierbei feststellen, daß Gewinn und Verlust sich nicht decken, besonders auch in der Hinsicht, daß wohl die meisten der letztgenannten Vögel überall in größerer Zahl angetroffen werden, indes die vorher aufgeführten verschwundenen Arten selbst im weiten Sachsenlande verhältnismäßig geringzählig oder – wie der Uhu – völlig verschwunden sind! Auch betreffs der Anzahl der verschwundenen und der allmählich ins Tal eingezogenen Arten dürfte das Plus auf seiten der ersteren sein.
[240]
Wird dem Plauenschen Grunde sein jetziger Bestand an Vögeln sowohl betreffs der Arten- als auch der Individuenzahl annähernd erhalten bleiben, oder wird dieser weiter zurückgehen, wie leider in vielen anderen Teilen unsres Sachsenlandes? Da die auf voriger Seite angeführten Gründe des Rückgangs fortbestehen und sich wahrscheinlich noch steigern werden, und Abnahmen, wie wir gesehen haben, tatsächlich zur Zeit stattfinden, so muß ein weiterer Rückgang der Vogelwelt ernstlich befürchtet werden. Wir werden deshalb vor die Frage gestellt: Was kann und muß getan werden, daß dem Plauenschen Grund das lebensfrohe, lebenweckende, reinste und – billigste Freude spendende Volk der befiederten Sänger dauernd erhalten bleibt? – Bei der Beantwortung dieser Frage wollen wir den Plauenschen Grund trennen in die mit Fabrik-, Wohn- und sonstigen Gebäuden reichlich bedeckte Talsohle und in die zum großen Teil mit verschieden zusammengesetztem Wald bewachsenen Lehnen und Wände. Was die allmählich zum Häusermeer sich entwickelnde Talsohle betrifft, so bleibt wünschenswert, daß man nicht nur für die Gesundung des Körpers durch Anlegen von Sportplätzen und Schrebergärten sorgt, sondern auch der Auffrischung von Geist und Gemüt möglichst Vorschub leistet, wozu die sich geradezu selbst aufdrängenden Beobachtungen des Vogellebens mit Auge und Ohr wesentlich beizutragen vermögen. Es ist deshalb eine dankens- und lohnenswerte Aufgabe öffentlicher und nichtöffentlicher Stellen, in möglichst reichem Maße für Anpflanzung von den Vögeln Schutz und Nistgelegenheiten bietenden Gebüschen und Hecken bemüht zu sein, da und dort Nistkästen in noch größerer Zahl als bisher aufzuhängen, der leidigen Katzenfrage näherzutreten, gesicherte Futterplätze zu errichten usw.
Und nun zu den Talwänden. Hier kommen dem Naturfreund mancherlei Wünsche zu Nutz und Frommen der Allgemeinheit: Vor allem unbedingte Erhaltung des Unterholzes der Wälder und Gehölze, wenn möglich sogar Vermehrung desselben, was umsomehr betont sei, als leider in der letzten Zeit an vielen Orten das Unterholz wie Unkraut ausgerodet wird. Sehr wünschenswert bleiben möglichst frühzeitige Versuche, die großen Halden wieder in Grün zu kleiden. Die wenigen alten Überständer sollten nicht gefällt werden, um vor allem manchen Höhlenbrütern Unterkunft zu gewähren. Im Hinblick auf den außerordentlich freien Verkehr der Anwohner innerhalb der Waldungen dürfte eine möglichste Beschränkung desselben auf die vielen Wege und die Weg- und Waldränder besonders mit Rücksicht auf die meist nahe dem Boden brütenden Laubsänger, Rotkehlchen, Heckenbraunellen usw. sehr angebracht sein. Diesbezügliche Aufklärungen in Schule und Haus tragen hoffentlich die gewünschten Früchte. Wäre es nicht möglich, diesen oder jenen Teil als Naturschutzgebiet zu erklären? Der freudigen Zustimmung der auch im Plauenschen Grunde reichlich vorhandenen Naturfreunde würde man von vornherein sicher sein!
[241]
| Name: | Seite |
| Amsel (s. Schwarzdrossel) | |
| Bachstelze, Gebirgs- | 230 |
| Bachstelze, weiße | 230 |
| Baumläufer, Haus- od. Garten- | 229 |
| Baumläufer, Wald- | 232 |
| Baumpieper | 231 |
| Blaumeise | 229 |
| Buchfink | 229 |
| Buntspecht, großer | 234 |
| Buntspecht, kleiner | 234 |
| Dohle | 232 |
| Dorngrasmücke | 230 |
| Eichelhäher | 233 |
| Elster (?) | 231 |
| Erlenzeisig (Wintergast) | 236 |
| Fasan | 232 |
| Feldlerche | 235 |
| Feldsperling | 231 |
| Fitislaubvogel | 231 |
| Fliegenschnäpper, grauer | 229 |
| Fliegenschnäpper, Trauer- | 234 |
| Gartenammer | 235 |
| Gartengrasmücke | 231 |
| Gartenlaubvogel | 228 |
| Gartenrotschwänzchen | 234 |
| Gartenspötter (s. Gartenlaubvogel) | |
| Getreiderohrsänger | 235 |
| Girlitz | 228 |
| Goldammer | 231 |
| Grauammer | 235 |
| Grünfink | 229 |
| Grünspecht | 234 |
| Hänfling | 228 |
| Haubenlerche | 235 |
| Haubenmeise | 232 |
| Hausrotschwänzchen | 228 |
| Hausschwalbe | 227 |
| Haussperling | 228 |
| Haustaube (verwildert) | 236 |
| Heckenbraunelle | 233 |
| Hohltaube | 232 |
| Hühnerhabicht (?) | 233 |
| Kirschkernbeißer | 234 |
| Kleiber | 232 |
| Kohlmeise | 229 |
| Kuckuck | 231 |
| Mauersegler | 227 |
| Mäusebussard | 235 |
| Misteldrossel | 234 |
| Mönchsgrasmücke | 231 |
| Müllerchen (s. Zaungrasmücke) | |
| Nachtigall | 230 |
| Nebelkrähe | 235 |
| Pirol | 234 |
| Rabenkrähe | 235 |
| Rebhuhn | 235 |
| Ringeltaube | 235 |
| Rotkehlchen | 232 |
| Saatkrähe (Wintergast) | 236 |
| Schwanzmeise | 234 |
| Schwarzdrossel | 229 |
| Schwarzspecht (?) | 232 |
| Singdrossel | 229 |
| Spechtmeise (s. Kleiber) | |
| Sperber (?) | 235 |
| Stallschwalbe | 227 |
| Star | 228 |
| Steinkauz | 229 |
| Stieglitz | 228 |
| Sumpfmeise | 229 |
| Tannenmeise | 232 |
| Turmfalk | 236 |
| Turmschwalbe (s. Mauersegler) | |
| Turteltaube | 235 |
| Wachtel | 235 |
| Wachtelkönig (s. Wiesenralle) | |
| Waldlaubvogel = Waldschwirrvogel | 232 |
| Weidenlaubvogel | 232 |
| Wendehals | 228 |
| Wespenbussard (?) | 235 |
| Wiesenralle | 235 |
| Wintergoldhähnchen | 232 |
| Würger, rotrückiger | 231 |
| Zaungrasmücke | 229 |
| Zaunkönig | 232 |
| Zippe (s. Singdrossel) | |
Andre in der vorstehenden Abhandlung erwähnte Vögel:
| Name: | Seite |
| Adler (spec. ?) | 224 |
| Auerhuhn | 225 |
| Bekassine | 225 |
| Birkhuhn | 225 |
| Bläßhuhn | 238 |
| Blaukehlchen | 225 |
| Eisvogel | 225 |
| Gabelweihe | 225 |
| Kiebitz | 238 |
| Löffelente | 238 |
| Mantelkrähe | 225 |
| Nachtschwalbe | 225 |
| Raubwürger | 225 |
| Rohrammer | 238 |
| Schafstelze | 238 |
| Schleiereule | 225 |
| Sperbereule | 225 |
| Tannenhäher, dünnschnäbeliger | 226 |
| Teichhuhn, grünfüßiges | 238 |
| Teichrohrsänger | 238 |
| Uhu | 223 |
| Waldkauz | 226 |
| Waldohreule | 225 |
| Waldschnepfe | 225 |
| Wasseramsel | 230 |
| Wiedehopf | 225 |
| Würger, schwarzstirniger | 225 |
| Zwergohreule | 225 |
[242]
Fußnoten:
[35] Die betreffende Stelle ist jetzt nicht mehr zugänglich.
[36] Auch anderwärts, z. B. beim Windberg und im Poisenwalde soll es Vogelherde gegeben haben.
[37] So scheinen manche Glasbläser den Vogelfang als Sport zu betreiben.
[38] Micrander ist der Deckname des Dichters J. G. Kittel, der im 18. Jahrhundert gelebt und ungezählte Gedichte geschrieben hat. Näheres über ihn ist nicht bekannt.
[39] Veröffentlicht in »Sächsisches Curiositäten-Cabinett auf das Jahr 1740« (Dresden).
[40] »Seine Majestät« war Friedrich August II., als König von Polen August III. (1753 bis 1764). Wer der Enkel oder die Enkelin gewesen ist, die in Sizilien das Licht der Welt erblickt hat, konnte ich selbst bei sorgfältiger Durchsicht von Otto Posses Werk »Die Wettiner« (Genealogie des Gesamthauses Wettin, Leipzig und Berlin 1897) nicht feststellen.
[41] Nach freundlicher dankenswerter Mitteilung des Herrn Heyder in Oederan.
[42] Die Punkte bedeuten Wiederholungen der letzten Silbe; der größere oder geringere Abstand deutet das Tempo an.
[43] Betreffs der Schreibweise »graſmücke« statt »grasmücke« siehe in meinem »Führer durch die Vogelwelt«, 1. Teil, zweite Auflage, S. 134 u. f.
[44] Näheres in meiner größeren Abhandlung »Das Spotten unsrer Vögel« in Verh. Orn. Ges. i. Bay. 1926, S. 277, Separatabzug durch Dultz & Co., München.
[45] Näheres in den Verhandlgn. d. Ornith. Ges. i. Bayern 1927, Heft 3, S. 176 u. ff.
[46] Letztgenannte Art hörte ich auch in mehreren Exemplaren unterhalb von Gittersee.
[47] Heyder, Nachtrag 2 zur Ornis Saxonica im Journ. f. Ornith. 1922, S. 172.
Von Rud. Zimmermann, Dresden
Mit einer vom Verfasser gezeichneten Verbreitungskarte
Zusammenstellungen sowohl der Säuger wie auch der Kriechtiere und Lurche einer Gegend stoßen auf mannigfache Schwierigkeiten, sobald der Bearbeiter dieser Tiergruppen nicht etwa schon auf eine vieljährige eigene Beobachtungstätigkeit in dieser Gegend zurückblicken kann oder ihm nicht wenigstens in den Untersuchungen früherer Beobachter das notwendige Quellenmaterial zur Verfügung steht. Denn bei diesen Tiergruppen handelt es sich zu einem großen Teile um Arten, die sich dem beobachtenden Auge nur selten frei darbieten und die sich auch nicht durch ihnen eigene, charakteristische Stimmlaute verraten. Es sind vielmehr recht schweigsame oder überhaupt völlig stumme Tiere, die ihre sie gut bergenden, vielfach unterirdischen Schlupfwinkel nur zu gewissen Tageszeiten, oft nur während der Nacht, oder bei besonderen Wetterlagen verlassen und dem das Gelände durchstreifenden Menschen gegenüber eine Empfindlichkeit und Scheu bekunden, daß manchesmal schon ein ziemliches Maß von Geschicklichkeit und eine lange Erfahrung dazu gehören, um sie zu Gesicht zu bekommen oder wenigstens auf eine andere Weise ihr Vorhandensein festzustellen.
Ihre Vertreter an einem Orte restlos zu erfassen, erfordert daher, wie bereits angedeutet, eine viel längere Beschäftigung mit ihnen und von der Erforschung anderer Tiergruppen abweichende und oft viel umständlichere Methoden. Aber auch dann noch sind viele Feststellungen stark vom Zufall abhängig. Der Erforscher dieser Tiergruppen ist daher trotz der verhältnismäßig geringen Artenzahl, die in Frage kommt, auf die Mitarbeit weiterer interessierter Kreise und auf die Feststellungen angewiesen, die vielleicht vor ihm andere schon gemacht haben. Kann er das zu untersuchende Gebiet nur mehr gelegentlich besuchen, fehlen ihm die seine Tätigkeit unterstützenden Mitarbeiter und mangelt es schließlich auch noch an Vorarbeiten und älteren Überlieferungen über das in Frage kommende Gebiet, so wird bei allem Bemühen, eine allen Erfordernissen gerecht werdende Darstellung zu liefern, diese doch immer Lücken aufweisen müssen, die meistens nur allmählich und oft auch erst durch andere ausgefüllt werden können.
Das im letzten Satz Gesagte gilt ganz besonders für meine nachfolgende Zusammenstellung der Säugetiere, sowie der Kriechtiere und Lurche des Plauenschen Grundes. Gerade das Gebiet, dem sie gewidmet ist, ist in bezug auf seine höhere Tierwelt auffallend arm an brauchbaren, älteren faunistischen Untersuchungen; die wenigen, zerstreut hier und da im Schrifttum enthaltenen Mitteilungen erstrecken sich entweder auf das dem Grunde ehemals in reichstem Maße eigen gewesene Jagdwild oder sind, wenn sie einmal auch eine andere Tierart nennen, doch so dürftig und vielleicht auch nicht ganz einwandfrei, daß sie mehr als nur bescheidene Einzelzüge für das im nachfolgenden entworfene Bild nicht zu liefern imstande waren.
Das heutige Bild der Tierwelt des Plauenschen Grundes bedingen zwei Faktoren: die Kultursteppe, die die Höhen einnimmt, in die der Grund eingesenkt ist, und die zum Teil auch über die Hänge bis auf den Talboden sich herabzieht, und die Ansiedelungen des Menschen, die in fast lückenloser Folge längs der das Tal durchfließenden Weißeritz sich erstrecken. Der Wald, heute nur noch in spärlichen Resten vorhanden und zudem noch stark vom Menschen beeinflußt und umgestaltet, ist für unser Gebiet von nur noch untergeordneter Bedeutung.
[243]
Ehedem freilich war es anders. Als die Ortschaften des Plauenschen Grundes noch kleine, unbedeutende, kaum gekannte Dörfer waren, nahmen der Wald und die waldähnlichen Formationen einen ganz anderen Raum im Grunde ein und drückten auch der Tierwelt ihren Stempel auf. Die jagdbaren Tiere vor allem waren es, die dem faunistischen Bild des Gebietes das Gepräge verliehen und die dem Grunde schon damals zu einer gewissen Bedeutung verhalfen dadurch, daß sie Ursache zu landesherrlichen, oft von großer Prunkentfaltung begleiteten Jagden wurden. Sorgsam wurden dem Wildstand alle Störungen ferngehalten und seinetwegen sogar 1712 einem geplanten Straßenbau durch den Grund die landesherrliche Genehmigung versagt. Der Rothirsch und das Wildschwein waren die vorherrschenden Vertreter des jagdbaren Wildes; der erstere hat sich im Grunde bis weit ins 19. Jahrhundert hinein gehalten, während das der Feldwirtschaft oft so schädlich werdende Schwarzwild wohl aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus noch vor dem Rotwild ausgerottet wurde. Zusammen mit den beiden eben genannten Jagdtierarten bevölkerten ehedem auch die in ihrem Vorkommen in erster Linie ja vom Großwild abhängigen größeren Raubsäugerarten unser Gebiet. Am ehesten und sehr frühe schon, lange bevor im übrigen Sachsen sie das Schicksal ereilte, mögen von ihnen Bär, Wolf und Luchs verschwunden sein, und ebenfalls früher als in anderen Teilen des Landes dürfte ihnen die sich freilich länger gehaltene Wildkatze nachgefolgt sein[49].
Von dem einstigen Wildreichtum des Plauenschen Grundes ist uns nur im Reh, dem vorwiegend die Feldmarken bevölkernden Hasen und dem bei uns allerdings erst eingeführten Kaninchen ein schwacher Abglanz erhalten geblieben. Auch von den Raubsäugern kenne ich aus dem Grunde nur noch die drei kleinsten Arten: den Iltis, das Hermelin und das Kleine Wiesel, nehme aber an, daß neben ihnen auch noch der Steinmarder vorkommt, während für seinen Vetter, den auch anderwärts bedeutend seltener gewordenen (im Pelze kostbareren) und im Gegensatz zu dem auch die Ortschaften besuchenden Hausmarder auf den Wald beschränkten Baummarder die Existenzbedingungen viel ungünstigere geworden sind. Ob Meister Reinecke, der Fuchs, der dank seiner großen Schlauheit auch in bevölkerten Gegenden noch immer seine Rechte ans Leben zu behaupten vermag, im eigentlichen Grunde selbst noch beheimatet ist – die Möglichkeit hierfür liegt ja in den von den Höhen in den Grund herabreichenden Waldgebieten noch vor –, entzieht sich meiner Kenntnis; daß er aber zum mindesten aus den Waldgebieten [244]der Nachbarschaft in unser Gebiet noch einwechseln und Gastrollen geben kann, sagten mir seine Fährten, die ich an einem Wintermorgen vor einigen Jahren zwischen Deuben und Coßmannsdorf feststellen konnte. Ähnlich wie mit dem Fuchs mögen die Verhältnisse auch in bezug auf den Dachs liegen, von dessen ehemaligen Heimatsrechten im Grunde das bis vor etwa zwanzig Jahren bezeugte Vorkommen am Burgwartsberge redet. Der Dachs wird meistens als eine aussterbende Tierart bezeichnet, ob aber immer mit Recht, wage ich noch zu bezweifeln. Er ist heute noch im ganzen Lande verbreitet, allerdings nirgends häufig, ist dies trotz seines früher stärkeren Bestandes aber auch niemals gewesen oder zum mindesten doch – die auf uns überkommenen Abschußlisten aus früheren Jahrhunderten reden hier wohl die deutlichste Sprache – überall weit spärlicher vorgekommen als z. B. der viel zahlreichere Fuchs. Mit der Feststellung dieser Tatsache soll allerdings durchaus nicht den leider noch recht häufigen und oft überaus rücksichtslosen Nachstellungen des Dachses das Wort geredet werden; sie verurteile auch ich aufs schärfste, zumal sie sich auch kaum aus wirtschaftlichen oder jagdlichen Gründen rechtfertigen lassen. Der Fischotter dürfte wohl endgültig aus dem Plauenschen Grunde verschwunden sein und auch nicht mehr als gelegentlicher Gast in ihm einwechseln; seitdem die Weißeritz Fabrikwasser geworden ist, hat sie aufgehört, für ihn die einst reich spendende Nahrungsquelle zu sein. Sein Vorkommen im Grunde ist bereits aus frühgeschichtlicher Zeit durch Funde aus der Heidenschanze zu Coschütz belegt, die uns übrigens auch einen der wenigen vorgeschichtlichen Biberreste aus Sachsen überliefert hat.
Viel bezeichnender als die eben genannten, der Jagd unterliegenden Tiere, sind für das Bild der Säugetierwelt des Plauenschen Grundes heute eine Anzahl von der Kultur begünstigter und geförderter, allerdings meist kleinerer und sich daher, trotzdem sie meistens recht lästige Kulturschädlinge sind, viel mehr der Aufmerksamkeit der großen Menge entziehender Arten. Das Kulturgelände: die von den Höhen herab ins Tal sich erstreckenden Feldmarken, die dazwischen eingeschobenen und im Tale häufigeren Wiesenflächen sowie die Gärten in ihren verschiedenen Formen bewohnen der Maulwurf, die Feld- und die durch den schwarzen Rückenstreifen gekennzeichnete Brandmaus, sowie die Mollmaus oder Wühlratte, die sich allerdings gleich häufig auch am Wasser einstellt und in unserem Gebiet (vielleicht nicht allzuhäufig) daher auch die Ufer der Weißeritz bewohnt. Hinter ihnen bleiben einige andere Arten, wie z. B. die nach meinen Erfahrungen in Sachsen auch sonst nicht allzuhäufige Feldspitzmaus, an Zahl zurück oder harren noch ihrer zweifelsfreien Feststellung. Das gilt vor allem für die zierliche Zwergmaus, einem Kleinsäugetier, das einmal gern die Riedgrasbestände der (unserem Grunde allerdings fehlenden) Teichgebiete besiedelt und zum anderen ein ganz bezeichnender, nach der Ernte auch in den Scheunen sich einstellender Feldbewohner ist und in dieser Eigenschaft wenigstens auch dem Plauenschen Grunde angehören könnte. Ferner für die Erdmaus, die sich ebenfalls wieder gern an feuchten Stellen: an Teichen und Wassergräben aufhält, [245]aber auch – wie ich es aus Westsachsen kenne – die Felder besiedelt, und für die Kurzohrmaus, einem Tier von ausgesprochen unterirdischer und nächtlicher Lebensweise, das um die Mitte des verflossenen Jahrhunderts zweimal aus unserem Vaterlande erwähnt wurde, seitdem aber verschollen war und erst neuerdings wieder von mir aufgefunden und an verschiedenen Orten Sachsens nachgewiesen werden konnte. Sein Vorkommen auch in unserem Gebiete halte ich für sehr wahrscheinlich. Ein Feldbewohner ist schließlich auch der Hamster und wenigstens für die höher gelegenen Landschaften, in die unser Grund eingesenkt ist, auch keine seltene Erscheinung. Die Südgrenze des Verbreitungsgebietes des Hamsters in Sachsen (siehe Karte) kreuzt den Grund in seinem westlichsten Teile, sie verläuft dann südostwärts nach der Pirnaer Pflege zu und überschreitet dort, sich wieder nördlicher wendend, die Elbe. Der Nager dürfte wohl auch, wie ich im Zusammenhange mit anderen Fragen der Tierverbreitung noch darzulegen gedenke, dem Gebiete (den Talgrund dabei allerdings ausgeschlossen) im Gegensatz zu verschiedenen anderen Teilen Sachsens, seit frühesten Zeiten angehört haben und zu seinen alteingesessenen, wahrscheinlich aus der Steppenzeit des Landes zurückgebliebenen Tieren gehören.
In den Ortschaften des Grundes kommen neben den im Winter das Freie mit dem Aufenthalt in Gebäuden vertauschenden Mäusearten als ständige und dabei wohl immer als lästig empfundene Hausbewohner die Hausmaus, die weit spärlichere Hausspitzmaus und die bitterlich gehaßte Wanderratte vor. Ob die (schwarzgefärbte, langschwänzige und großohrige) Hausratte, die als die eingesessene deutsche Rattenart durch die (kurzschwänzige und kleinohrige, graubräunliche bis rostfarbene) Wanderratte verdrängt worden sein soll, auch im Plauenschen Grunde wieder ihren Einzug gehalten [246]hat, nachdem wir sie seit Kriegsende wieder in zunehmender Häufigkeit zusammen mit der zuerst von mir nachgewiesenen, in den Mittelmeerländern beheimateten Ägyptischen oder Dachratte beobachten, habe ich bisher noch nicht erfahren können; sowohl die Haus- wie auch die Dachratte dürften, wenn dies bisher ja noch nicht der Fall sein sollte, in absehbarer Zeit jedoch ihr Vorkommen auch hierher ausdehnen. – Der ebenfalls dem Plauenschen Grunde angehörende Igel besucht gleichfalls gern die menschenbewohnten Ortschaften von noch nicht geschlossener Bauart; er stellt sich dabei vor allem in den größeren, baum- und gebüschreichen Gärten ein, Scheunen und leerstehende Schuppen als Winterquartiere beziehend, und wird dann durch seine Nachstellungen schädlichen Kleingetieres oft recht nützlich.
Die im Grunde noch vorhandenen, von seinen Hängen sich herabziehenden Wald- und Gebüschpartien endlich bieten dem besonders zur Obstzeit auch die Gärten aufsuchenden Eichhörnchen, der auch auf den Feldern in größerer Zahl sich einstellenden (vom Landmann ihrer weiten Sprünge wegen oft als »Springmaus« bezeichneten) Waldmaus, der Waldwühlmaus und der wiederum spärlicheren Waldspitzmaus, Wohn- und Tummelplätze. Ob auch die Zwergspitzmaus, das kleinste der deutschen und nicht immer ganz leicht festzustellende Säugetier, das ebenfalls ein Waldbewohner ist, unserem Gebiete angehört, bedarf noch der Feststellung, ebenso wie auch das Vorkommen der mir aus dem Grunde noch nicht bekannt gewordenen, ihm wahrscheinlich aber doch angehörenden Wasserspitzmaus. Völlig im Ungewissen sind wir heute über das Vorkommen der Schlafmäuse, jener gewissermaßen das Zwischenglied zwischen den Mäusen und dem Eichhörnchen bildenden, baum- und gebüschbewohnenden Nager. Der Grund wird im Schrifttum als ehemaliger Fundort des Siebenschläfers erwähnt; doch habe ich früher schon an anderer Stelle darauf hingewiesen, daß es sich bei diesen Angaben wahrscheinlich gar nicht um den Genannten, sondern um seinen etwas kleineren Vetter, den Gartenschläfer, handeln dürfte, eine Annahme, die inzwischen bestätigt worden ist durch eine ältere Literaturangabe. In einem 1833 ohne Angabe des Verfassers erschienenen Führer durch den Plauenschen Grund (Schrifttum Nr. 23) nämlich wird als im Grunde vorkommend »Myoxus nitela, die große Haselmaus« (= Gartenschläfer) genannt. Neuere Schlafmausangaben fehlen jedoch völlig, und auch eigene Nachforschungen nach ihrem Vorkommen sind bisher vergebliche gewesen; die Möglichkeit des Vorhandenseins der einen oder anderen Art dieser ja ausgesprochen nächtlich lebenden und sich daher nur allzuleicht der Feststellung entziehenden Tiere, besonders auch der kleinsten Art, der anmutigen Haselmaus, besteht jedoch auch heute noch.
Gering sind endlich auch unsere Kenntnisse über die dem Plauenschen Grunde eigenen Fledermäuse. Sie sind diejenigen der vaterländischen Säuger, über deren Verbreitung im Lande auch sonst die Angaben nur spärlich fließen und die mir daher schon seit Jahren wirkliche Sorgenkinder bei meiner Bearbeitung der sächsischen Säugetierfauna sind. Mitteilungen über sie erhält [247]der Faunist fast gar nicht, und wenn ihm ja einmal einige kurze Angaben zur Verfügung gestellt werden, so beziehen sich diese auf die häufigeren und zu erwartenden Arten, oder sind so ungewiß und dürftig, daß sich kaum etwas aus ihnen entnehmen läßt. Angaben aus dem Plauenschen Grunde über Fledermäuse liegen nirgends vor und auch eigene Erfahrungen über das Vorkommen dieser Tiere stehen mir fast gar nicht zu Gebote. Zieht man die Angaben, die wir aus der Dresdner Umgebung über unsere Tiere besitzen, zu Rate und berücksichtigt man dabei auch ihr Allgemeinvorkommen, so kann man als wohl sicher in unserem engeren Gebiete vorhanden die Spät- und die Frühfliegende, die Großohrige, die Gemeine und die Zwergfledermaus annehmen und mit großer Wahrscheinlichkeit noch auf das Vorkommen einiger anderer Arten, wie der Kleinen Hufeisennase, der Mopsfledermaus, der Zweifarbigen Fledermaus usw. schließen.
Wie die Säugerfauna, so ist auch die Kriechtier- und Lurchfauna des Plauenschen Grundes nur noch ein bescheidener Abglanz eines reicheren Einst; sie ist trotz der Lage des Grundes in einer viel artenreicheren Umgebung nicht nur eine der artenärmsten Sachsens, sondern steht auch hinsichtlich der zahlenmäßigen Häufigkeit der wenigen ihm noch verbliebenen Vertreter aus dem Kriechtier- und Lurchgeschlecht weit hinter den meisten anderen sächsischen Landschaften zurück.
Von insgesamt acht in Sachsen beheimateten Kriechtieren, von denen sieben auch in der weiteren Dresdner Umgebung festgestellt worden sind, und von den fünfzehn, die sächsische Lurchfauna zusammensetzenden Arten, die bis auf nur eine auch der Dresdner Gegend angehören, kenne ich persönlich als sicher im Plauenschen Grunde vorkommend nur drei Kriechtier- und sechs Lurcharten. Es sind dies die Ringelnatter, die Blindschleiche und die Zauneidechse, der Grasfrosch, die Erdkröte und der Laubfrosch, sowie der Kamm-, der Berg- und der Teichmolch. Jedoch halte ich es für recht wahrscheinlich, daß sich diese sehr bescheidene Liste doch noch durch die eine oder andere Art erweitern läßt. Von Schlangen halte ich die in dem oben von mir schon erwähnten Führer genannte Glatte Natter für höchstwahrscheinlich als auch heute noch in unserem Gebiete vorhanden; sie ist in der gesamten Dresdner Umgebung nicht selten und als eine Bewohnerin vorwiegend trockener und steiniger, gut bewachsener Örtlichkeiten vor allem an den Elbtalhängen und der ihrer Nebentäler zuhause und besonders in alten auflässigen Steinbrüchen, in Weinbergen und an ähnlichen Orten anzutreffen. Auch der Plauensche Grund birgt trotz seiner dichten Besiedlung doch hier und da noch Stellen, die unserer Art zusagen würden und an denen man sie finden könnte; ihre Feststellung bei nur gelegentlichen Besuchen des Gebiets ist ja immer nur mehr oder weniger von allerlei Zufällen abhängig. Auch die ebenfalls in dem genannten Führer aufgeführte Kreuzotter, in deren sächsischem Verbreitungsgebiet der Plauensche Grund noch liegt, und die sich von [248]der Südgrenze des Landes an längs der Elbe bis unterhalb Meißen verbreitet, stellenweise aber nur spärlich ist, hätte hier und da an den Talhängen des Grundes noch manchen Platz für ihr Vorkommen, wennschon unter den zahlreicheren neueren Angaben, die ich über das Vorkommen der einzigen Giftschlange unseres Vaterlandes besitze, sich keine einzige aus unserem Gebiete mehr befindet. Wenn sie dem Grunde heute fehlen sollte, so geht ihr Nichtvorhandensein bestimmt auf die ja ungewöhnlich rasch vor sich gegangene Ausdehnung der Ortschaften des Grundes und die starke Inanspruchnahme seines Bodens durch die Kultur zurück. Den eben genannten Vorgängen ist sicher auch die Berg- oder Waldeidechse erlegen, eine die Feuchtigkeit liebende, Sümpfe und Moore, nasse Wiesengründe und feuchte Waldstellen besiedelnde Art, für die ehedem im Grunde alle Bedingungen des Vorkommens gegeben waren. Die Bergeidechse ist eine ganz ausgesprochene Kulturflüchterin und in ihrem heute in Sachsen vielfach in kleine isolierte Einzelvorkommen zerrissenen Verbreitungsgebiet spiegelt sich zweifellos die in unserem Vaterlande ja so intensive kulturelle Inanspruchnahme des Bodens wieder; die Verbreitung des Tieres im Lande ist ohne allen Zweifel in der Vergangenheit eine viel lückenlosere gewesen als heute.
Von den Froschlurchen sind im Plauenschen Grunde heute noch häufig der Grasfrosch und die Erdkröte, während der Laubfrosch weit spärlicher vorkommen dürfte. Für den Wasser- oder Teichfrosch dürften heute die größeren stehenden Gewässer fehlen, und auch der Moorfrosch findet in unserem Gebiet ebenfalls nirgends mehr jene feuchten Stellen, die er verlangt. Vorhanden sein könnte aber noch die prächtige Grüne oder Wechselkröte, die in der gesamten Dresdner Umgebung nicht selten ist, wennschon die Bedingungen für sie im Grunde keine allzu günstigen mehr sein mögen. Bestimmt fehlen dürfte ihm aber die dritte der heimischen Echten Kröten, die Kreuzkröte, deren Vorkommen in der Dresdner Gegend wohl mehr nach dem Osten zu liegen scheint und sich von hier weiter nach der Lausitz zu fortsetzt. Die Knoblauchskröte, ebenfalls in der Dresdner Pflege nicht selten, kenne ich aus dem Grunde nicht, und ebenso ist mir aus ihm auch die Rotbauchunke noch nicht bekannt geworden.
Die Schwanzlurche sind durch drei Arten vertreten, oder mir wenigstens aus der Zeit vor dem Kriege bekannt geworden. Es sind der Kamm-, der Berg- und der Teichmolch, in denen der Plauensche Grund wenigstens für eine Familie deren sämtliche sächsische Vertreter besitzt. Fehlen dürfte ihm heute aber wohl wieder der schöne Feuersalamander, den schon sehr alte Schriftsteller für das Tharandter Waldgebiet aufführen, in dem er ja auch heute noch ebenso wie in einer Anzahl bewaldeter Nebentäler der Elbe verbriefte Heimatsrechte besitzt.
Meine vorstehende Aufzählung der Säuger sowie der Kriechtiere und Lurche des Plauenschen Grundes nennt fast mehr fehlende als ihm eigentümliche, oder doch zum mindesten in ihm noch nicht nachgewiesene Arten, und zeigt damit die Lücken, die unser [249]Wissen vom Vorkommen dieser Tiere im Gebiet noch aufweist. Möchte sie dadurch zu einer Anregung werden, Fehlendes zu ergänzen.
Für die Beurteilung eines Tiervorkommens wichtig ist ja auch die Geschichte dieses Tiervorkommens; über unser Gebiet aber verfügen wir über fast keinerlei ältere Angaben und sind daher in bezug auf das Einst fast nur auf Vermutungen angewiesen. Und auf Vermutungen müßten auch unsere Nachfahren wieder fußen, wenn wir ihnen nicht lückenlosere Bilder, als wie sie auf uns überkommen sind, hinterlassen würden. Und um die Mitarbeit an der Schaffung eines derartigen Bildes bitte ich den Leser meiner bescheidenen Darlegungen; heute vielleicht läßt sich dieses oder jenes Vorkommen noch klarer stellen, schärfer herausarbeiten, was vielleicht schon in wenigen Jahren die fortschreitende Entwicklung des Grundes unmöglich machen würde.
Fußnoten:
[49] Der Bär war auch in den gebirgigen Teilen des Landes, die ihm am längsten Unterschlupf boten, schon zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts sehr selten geworden; der letzte in Sachsen überhaupt dürfte der 1747 bei Stein im Erzgebirge erlegte gewesen sein. In die erste Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts fällt auch die Ausrottung des Wolfes und des Luchses; der letzte in Sachsen 1814 bei Dippoldiswalde erlegte Wolf wie auch der letzte auf Hinterhermsdorfer Revier in der Sächsischen Schweiz geschossene Luchs sind nur Überläufer gewesen. Über ein Jahrhundert länger hat sich die Wildkatze gehalten, deren letzte Vertreter in Sachsen um die Mitte des verflossenen Jahrhunderts erlegt wurden.
Eigenartig und wechselvoll sind die Schicksale des Tales gewesen, dem die vorliegenden Aufsätze gewidmet sind, und wenn jener schlafende Riese, den wir unter dem Namen Windberg kennen, plötzlich aufwachte, möchte er wohl verwundert dreinschauen, was aus der Landschaft geworden ist, die zu seinen Füßen liegt. Eine einsame, wilde Gebirgs- und Waldgegend empfing hier den Wanderer zu einer Zeit, da in der nahen Haupt- und Residenzstadt die Kultur schon gewisse Höhepunkte erreicht hatte. In ärmlichen, strohgedeckten Lehmhütten wohnten kleine Bauern, schmalen Pfaden folgte der Fuß des Jägers, an den schluchtenreichen Talwänden schürften sagenhafte Gestalten nach Erz, und unbeachtet noch hoben in geringen Tiefen einzelne Kohlengräber die schwarzen Edelsteine, die erst viel später dem Tale ihren Stempel aufdrücken sollten. Nur die wenigen Herrensitze zeigten einen schwachen Abglanz des großen Lebens in der Ebene. Aus dieser Vergessenheit wurde das stille Tal gerissen, als es vor etwa einhundertneunzig Jahren von »empfindsamen« Menschen entdeckt wurde. Es wurde Gegenstand einer reichen Literatur. Maler und Zeichner suchten hier ihre Motive. Vorsichtiger Schätzung nach dürften gegen tausend Kupferstiche und Bilder ähnlicher Techniken von dem Gebiete vorhanden sein, die aus der Zeit von etwa 1770 bis 1830 stammen und zum Teil auf Gemälden und Zeichnungen großer und größter Künstler fußen. Der Grund war Weltberühmtheit geworden, zu der Reisende aus aller Herren Länder kamen. Dresden gesehen zu haben, den Plauenschen Grund aber nicht mit, galt als Unmöglichkeit. Aber schon bereitete sich die Änderung vor. Die Dampfmaschine war mitten in dieser empfindsamen Zeit erfunden worden, in England lief die erste Lokomotive, und bald hielten beide ihren Einzug in den Grund – der Auftakt einer neuen Zeit. Jetzt erhielten die Kohlen des Grundes erhöhte Bedeutung, die Dorfbewohner wurden Bergknappen. Das Denken wurde realer. Verschwanden auch nicht mit einem Male die idyllischen Bilder, so waren sie doch nicht mehr Gegenstand künstlerischer Behandlung. Aus dem bekannten Werkchen von Julius Petzholdt 1842 geht das deutlich hervor, und im gleichen Jahre schildert Gottfried Reichard in einem Vortrage [250]im Dresdner Gewerbverein den Plauenschen Grund schon als industriellen Schauplatz, wenn er sich auch in einzelnen Ausdrücken noch nicht ganz von der Romantik frei machen kann. Die Gründerzeit verlieh dem Tale den endgültigen Inhalt der menschlichen Arbeit, dem das erst jüngst entstandene neue Gemeinwesen Freital nur andere Formen zu geben vermag.
Von der Heidenschanze bei Coschütz führt ein Weg durch Schlehengebüsch hinab ins Tal. Ein verwitterter Wegweiser zeigt die Richtung nach dem Dorfe Potschappel. Getragen wird er von einem alten Baum, der wie klagend seine verdorrten Äste ausstreckt. Nur einer noch trägt spärliches Grün und im Frühjahre einige Blüten. Ein Symbol des sterbenden romantischen Tales.
Die Entwicklung des Tales erscheint abgeschlossen, und da war wohl ein Rückblick auf seine Eigenart und seine Schicksale am Platze. Chidher, der ewig junge, aber sprach:
(Rückert.)
Rudolf Schumann.
[251]
Zusammengestellt von den Mitarbeitern an der Sonderarbeit über den Plauenschen Grund.
1. 1685 Schieferbüchlein des Wahlen Johann Beagen. Ob tatsächlich bestehend, ist unbekannt. Es enthält heute lächerlich erscheinende Vorstellungen von dem Gold- und Silberreichtum des Plauenschen Grundes.
2. 1728 Joh. Gottl. Horns, …, Nützlicher Sammlungen zu einer Histor. Handbibliothek Zweyther Theil, worinnen enthalten (u. a.) 6. Joh. Beggens (Beagens) Nachricht von den im Plauischen Grunde und anderwerts befindlichen Gold- Silber- und Kupffer-Ertzten.
3. 1739 P(astor) M(üller) in Pesterwitz. Einladungsschreiben an seinen Freund zum angenehmen Landleben. – Heimatfrohe, idyllische Schilderung der ländlichen Annehmlichkeiten.
4. 1740 Micranders poetische Gedanken auf den am 17. November im Plauenschen Grunde gefangenen Adler. In.: Curiosa Saxonica, S. 15/16.
5. 1752 Grundig, Neue Versuche nützlicher Sammlungen zu der Natur- und Kunstgeschichte, sonderlich von Ober-Sachsen, zweyter Band.
6. 1756 Richter. Gedanken über eine schöne Gegend im Plauischen Gebürge. Ode in: Dreßdener Gelehrte Anzeigen … – Gemeint ist die Karlsburg (heute Begerburg).
7. 1767 Ch. Schulze. Nachricht von den an verschiedenen Orten in Sachsen gefundenen Todtentöpfen usw. – Berichtet über die Coschützer Funde.
8. 1769 v. Nimptsch. Poetische Beschreibung des Vergnügten Landlebens … – Bezieht sich vor allem auf Roßthal.
9. 1769 C. C. Thiele. Schönheiten der Natur in den lustigen Gegenden von Meißen bis Dresden. – Gedicht über Pesterwitz.
10. 1780 Wezel. Herrmann und Ulrike. – Ein Roman, in dem sich Absolutismus und Barock, Philanthropismus und Idylle widerspiegeln. Die beiden Helden treffen einander einmal im Plauenschen Grund, der dabei eine vortreffliche Beschreibung erhält.
11. 1781 (v. Weingart). Beschreibung des Plauischen Grundes bey Dresden. Nebst einer umständlichen Nachricht von den verschiedenen Steinarten, Versteinerungen und anderen Merkwürdigkeiten desselben. Mit Kupfern.
12. 1782 Hofrat Daßdorf. Beschreibung der Churf. Res.-St. Dresden II S. 713 ff. Der Plauensche Grund.
13. 1788 J. C. H(asche). Magazin der Sächsischen Geschichte, Bd. 5. – Enthält ein langes, etwas mäßiges Gedicht über die »Grüne Hoffnung«.
14. 1786 und 1789 Dichterische Schilderungen von den berühmtesten romantischen Lustörtern und malerisch schönen Gegenden in Sachsen, vorzüglich um Dresden, Meißen und Pirna etc. Mit darstellenden Kupfern nach der Natur gezeichnet von Günther. – Treffliche idyllische Schilderungen von Reisewitzens Garten und dem Tale.
15. 1799 W. G. Becker. Der Plauische Grund bei Dresden. Mit Hinsicht auf Naturgeschichte und schöne Gartenkunst. – Umfangreichstes und grundlegendes Werk der älteren Zeit. Als Vorbild dient dem Verfasser das Seifersdorfer Tal.
16. 1802 Malerische Darstellungen aus Sachsen. – Zum Teil märchenhafte Schilderung, wie Sylphiden, Gnomen, Salamander den Wanderer führen und ihm das Tal in seiner schönen Natur und seiner Auswertung durch den Menschen zeigen.
17. Historische Nachrichten von der Sächsischen Holzflößerei, S. 235 Weißeritzflöße.
18. 1807 (Erdmann) Gemälde aus dem Plauenschen Grunde bei Dresden in Unterhaltungen mit einem Nordländer. Gedruckt zum Besten der blessierten Sachsen und der Familien, die durch den Krieg gänzlich verarmt sind. – Schwärmerische Darstellung [252]einem Nordländer gegenüber, der solche Herrlichkeiten in seiner Heimat nicht findet.
19. 1812 C. Lang. Beschreibung des Plauenschen Grundes.
20. 1820 W. A. Lindau. Rundgemählde der Gegend um Dresden Th. II. – Guter geographischer Führer.
21. 1825 Wilhelm Müller. Frühlingskranz aus dem Plauenschen Grunde bei Dresden. Allgemein bekannte Gedichte, die in der Villa Grassi entstanden sind.
22. 1827 A. de Portes. Environs de Dresde. Une Promenade à Plauen. – Liebliches Gedicht, das die Begeisterung des Fremden zeigt.
23. 1833 Die Weißeritz-Thäler. – Eine Art Wanderführer, oft deutlich auf Becker fußend.
24. 1835 B. C(otta). Tharandt und seine Umgebungen.
25. 1837 F. D. Reichel. Standorte der seltneren und ausgezeichneten Pflanzen in der Umgegend von Dresden.
26. 1840 Geinitz. Charakteristik der Schichten und Petrefacten des sächsischen Kreidegebirges, 2. Heft. Das Land zwischen dem Plauenschen Grunde bei Dresden und Dohna.
27. 1841 v. Serra-Oseti. Kurz gefaßte historische und topographische Beschreibung der schönen Plauenschen und Rabenauer Gründe. – Sehr ärmlich. Von Petzholdt (1842) sehr scharf kritisiert.
28. 1842 Julius Petzholdt. Der Plauen’sche Grund. – Enthält eine Zusammenstellung des Schrifttums bis dahin. Gute Nachrichten über die Steinkohlenwerke.
29. 1842 Gottfried Reichard. Spaziergang durch den Plauenschen Grund. Vorlesung im Gewerbverein zu Dresden. – R. ist Industrieller und Besitzer einer chemischen Fabrik. Er ist nicht mehr Romantiker außer in einigen Ausdrücken. Er verkörpert die beginnende neue Zeit.
30. 1852 Zschau. Bemerkungen über ein neues Vorkommen des Orthits im Plauenschen Grunde bei Dresden, mit besonderer Hinsicht auf die Orthit-Fundstätten auf Hitteröe in Norwegen.
31. 1853/54 E. Gottwald. Beschreibung der Albertsbahn. In: Freie Gaben für Geist und Gemüth.
32. 1858 Robert Nitzsche. Der Plauensche Grund und seine Höhen. Ein poetisches Gedenkblatt. –
33. 1865 Oettinger. Gräfin Kielmannsegge und Kaiser Napoleon Buonaparte I. – Roman.
34. 1866 Jahrbuch der Forstakademie Tharandt zum 50jährigen Jubiläum. – Enthält eine sehr gute, vollständige Zusammenstellung der im Gebiete wachsenden Pflanzen.
35. 1869 Lubojatzky. Ausführlicher Bericht der Unglückskatastrophe im Plauenschen Grunde.
36. 1869 Gerlach. Ergebnisse der bergpolizeilichen Erörterungen über den in dem Freiherrlich von Burgkschen Steinkohlenwerke zu Burgk am 2. August 1869 vorgekommenen Unglücksfall. Dresden 1869.
37. 1869 Preußer. Denkschrift des Vereins zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse im Plauenschen Grunde.
38. 1869 Preußer. Der Plauensche Grund. Eine topographisch culturhistorische Skizze.
39. 1869 A. W. Königsheim. Denkschrift über das Hilfswerk im Plauenschen Grunde bei Dresden in folge des Grubenunglücks am 2ten August 1869.
40. 1874 Voigt. Wanderungen durch den Plauenschen Grund.
41. 1878 Märker. Geschichte der Kirche zu Potschappel.
42. 1880 Hantzsch. Geschichte des Dorfes Plauen bei Dresden. – Übersichtliche, zuverlässige historische Darstellung mit anschaulichen Schilderungen aus den Kriegszeiten.
[253]
43. 1882 Der Plauensche Grund bei Dresden. Vortrag, abgedruckt im Jahrbuch des Geb.-Ver. f. d. Sächs. Schweiz.
44. 1884 Biedermann. Heinrich von Kleists Briefe an seine Braut.
45. 1889 Wilsdorf. Gräfin Charlotte von Kielmannsegge.
46. 1892 Wilsdorf. Gräfin Cosel.
47. 1892 R. Hauße. Erläuterungen zur geologischen Spezialkarte des Königreichs Sachsen. Profile durch das Steinkohlenbecken des Plauenschen Grundes (das Döhlener Becken). Leipzig 1892. Mit 3 Tafeln.
48. 1892, 1897, 1903 Leßke. Beiträge zur Geschichte und Beschreibung des Plauenschen Grundes bei Dresden und seiner anliegenden Ortschaften. Bd. I bis III. – Eine bis ins kleinste gehende Zusammenstellung aller, zum Teil auch äußerst unwichtiger Tatsachen, die Material für weitere Bearbeitung liefert.
49. 1886–92, 1896 A. B. Meyer und F. Helm. Jahresberichte der ornithologischen Beobachtungsstationen im Königreiche Sachsen. Enthalten unter anderem mehrfache, aber nicht immer sichere und zuverlässige Beobachtungen aus dem Plauenschen Grunde von H. Johst.
50. 1895 Rudelt. Bericht über den Stand und die Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten in Deuben.
51. 1897 Die große Wassersnot 1897.
52. 1898 Nessig. Geologische Exkursionen in der Umgegend von Dresden. Dresden, C. Heinrich.
53. 1900 Jädicke. Die Kirche zu Plauen bei Dresden.
54. 1901 Festschrift zur 100jährigen Jubelfeier des Steigers.
55. 1904 Geschichte der Gemeinde Coschütz bei Dresden.
56. 1904 C. Gurlitt. Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen. 24. Heft.
57. 1906 Jädicke. Mühlensagen im Plauenschen Grunde. (Elbtalabendpost.)
58. 1906 Hartung. Denkschrift zur Feier des 100jährigen Bestehens des Königlichen Steinkohlenwerkes Zauckerode. Jahrbuch für das Berg- und Hüttenwesen im Königreiche Sachsen. S. 3/128.
59. 1908 Bäckerzwangsinnung zu Deuben (25jähr. Jubiläum).
60. 1908 R. Naumann. Blicke vom Windberge. Coschütz.
61. 1908 Denkschrift über den Neubau der Auferstehungskirche Dresden-Plauen. Herausgegeben vom Kirchenvorstand.
62. 1909 Wanderer. Tierversteinerungen aus der Kreide Sachsens. Jena, Fischer.
63. 1910 Hugo Koch, Sächsische Gartenkunst. Berlin, Verlag der Deutschen Bauzeitung.
64. 1911 Naumann. Merk- und Denkwürdigkeiten von Coschütz.
65. 1912 Trautmann. Zur Geschichte der Besiedlung der Dresdner Gegend. (Mitteilungen des Vereins für Geschichte Dresdens, Heft 22.)
66. 1913 Artur Brabant. In und um Dresden 1813. Dresden, Verlag von Alex. Köhler.
67. 1914 Beck. Dresdner Elbtalgebiet. Berlin, Bornträger, 2. Auflage.
68. 1915 Pietzsch. Der pflanzenführende Glazialton von Luga bei Dresden und die Gliederung des Elbtaldiluviums. Sitzungsberichte der Naturforschenden Gesellschaft zu Leipzig.
69. 1917 Bähr, S. H. E. Der Steinkohlenbergbau im Plauenschen Grunde. Dissertation Leipzig.
70. Geologische Karte von Sachsen 1 : 25 000 mit Erläuterungen.
71. 1922 Dresdner Wanderbuch II. Dresden-Wachwitz, Wittig & Schobloch.
[254]
72. 1923 Dresdner Wanderbuch I. Dresden-Wachwitz, Wittig & Schobloch. 2. Auflage.
73. 1923 Schöne. Die Elbtallandschaft unterhalb Pirna. Meißen, Schlimpert, 2. Auflage.
74. 1924 Wilhelm. Beiträge zur Morphologie des Nordabhanges des östlichen Erzgebirges. Mitteilungen des Vereins für Erdkunde zu Dresden. Jahrheft 1924.
75. 1924 Dr. Wedderkopf. Freital. Stadtbuch.
76. 1926 Wanderer. Altes und Neues von den Sauriern des Plauenschen Grundes. Dresdner Anzeiger 15. 6. 1926.
77. Hofrat Willy Doenges. Historisch-biographische Blätter. Das Königreich Sachsen (Kultur, Industrie, Handel, Gewerbe). Ecksteins biographischer Verlag, Berlin.
78. Allen and Hatfield, Diary and Letters of Wilhelm Müller. Chicago.
79. Erich Schmidt, Heinrich von Kleists Werke, 5. Bd. Briefe, bearbeitet von Minde-Pouet. Leipzig. Verlag des Bibliographischen Instituts.
80. 1926 Memoiren der Gräfin Kielmannsegge, herausgegeben von Gertrude Aretz, Dresden.
Nachtrag:
81. 1719 Das Königliche Denckmahl, Welches Nach geschehener Vermählung Friedrich Augusti Mit Maria Josepha, Bey Dero Hohen Ankunfft In Dresden, 1719, gestifftet worden.
82. 1720 Augustissimus Hymenaeus, inter Serenissimos, Fridericum Augustum, Regium Poloniae, Electoralem Saxoniae Principem, necnon Mariam Josepham, Archi-Ducem Austriae, Favorabili septem Planetarum Aspectu & Conjunctione celebratus. & Descriptione Poëtica ab Equite Polono adumbratus. – Lateinische Hexameter, die u. a. das Saturnusfest beschreiben.
83. 1732 Kaiser Heinrich’s Urkunde über das Burgwardium Buistrizi vom J. 1068. – (Diplomatische und curieuse Nachlese der Historie von Ober-Sachsen, gehalten von Schöttgen und Kreysig.)
84. 1742 Joh. Wilh. Prinz zu Sachsen-Coburg. Les amusements de la vie champêtre. Flüchtige Gedancken Entworffen auf den angenehmen Nimptschischen Lust-Altan usw.
85. 1750 Die wohlgegründete Freude der Traurigen, bey schweren und empfindlichen Unglücksfällen, Wurde der Gemeinde des HErrn zu Pesterwitz, Bey einer am 13. April 1750. daselbst entstandnen hefftigen Feuers-Brunst, aus dem ordentlichen Sonntags-Evangelio vorgestellet, und auf beschehenes Ansuchen dem Druck überlassen von M. Johann Gottlob Opitz, Pfarrer zu Pesterwitz.
86. 1777 Dietmann, Supplementa zu den beyden Kirchspielen, Dresdner Ephorie, plauischen Kreises, zur Chursächß. Priestersch., Döhlen und Pesterwitz.
87. 1801 Handbuch der Erdbeschreibung der Kursächs. Lande nach der Merkel- und Engelhardtischen größeren Erdbeschreibung, besonders zum Gebrauch in Bürger- und Landschulen bearbeitet von Karl August Engelhardt. – Kurze Notizen.
Dazu viele Aufsätze in Presse und Zeitschriften (Mitt. d. Isis, Bergblumen u. a.).
Anmerkung. Die Anregung zur Herausgabe dieser zusammenfassenden Veröffentlichung über den Plauenschen Grund gab Herr Lehrer Rudolf Schumann, der im Einvernehmen mit uns auch die Vorschläge für die Heranziehung der geeignetsten Mitarbeiter machte. Herr Schumann hat sich in mehr als zweijähriger Arbeit in aufopferndster Weise um das Zustandekommen dieses Heftes bemüht. Er hat die Redaktion geleitet und keine Mühe gescheut, eine wirklich zusammenfassende Schilderung des Plauenschen Grundes von einst und heute zustande zu bringen. Wir sagen Herrn Schumann und seinen Mitarbeitern an dieser Stelle für die vielen Bemühungen, für die Überwindung so mancher Schwierigkeiten unseren aufrichtigen Dank. Das vorliegende stattliche Buch sei Allen der beste Lohn.
Landesverein Sächsischer Heimatschutz.
[255]
Im Banne der Scholle. Erzählungen von Oskar Schwär, Verlag v. Kommerstädt u. Schobloch, Dresden-Wachwitz.
Das ist ein gutes Buch. Der Verfasser hat es dem Andenken Wilhelm von Polenz gewidmet. Das ist recht. Beide, Polenz und Schwär, sind sächsische Heimatdichter, auf die wir stolz sein können. Eine jede der zwölf Erzählungen, die das Buch enthält, strömt heißes Leben aus. Oskar Schwär ist kein Vielschreiber. Er malt nicht mit süßen, leichten Farben. Er ringt nach Wahrheit, und seine Schilderungen menschlichen Glückes und menschlichen Elends kommen aus reinem Herzen, das seine Lausitzer Heimat liebt und die Menschen, die ihre Scholle beackern und bebauen, auf ihr wohnen und mit ihr verbunden sind. Aber über die Lausitz hinaus wächst die Liebe zu den Menschen überhaupt. Wir empfehlen das vortreffliche Werk.
Erlebtes und Erlauschtes. Von Hainz Alfred von Byern. Verlag: Richard Eckstein Nachf., G. m. b. H., Leipzig. Ein Buch der Liebe ist es zu Gott, Landschaft, Mensch und Tier. Zu letzterem in ganz absonderlichem Maße; ich habe nicht oft ein Buch gefunden, das so auf das Innenleben des Tieres eingeht. Dabei ein entschiedenes Eintreten für die Heimat! Wir Sachsen besonders dürfen uns darüber freuen, denn ein Kind der sächsischen Scholle, des Oschatzer Landes, ist es, das uns hier in edler Sprache, nicht selten sich zu wahrem Künstlertum erhebend, vom Gesang der Dinge in Wald und Flur erzählt. Daß natürlich die Liebe zum Weidwerk besonders stark in den Seiten pulst, ist kein Wunder. Die von Byern sind als echte und rechte Weidmänner bekannt, nicht bloß im sächsischen Lande. Tierschützler und Jäger – es kann einer gar wohl beides sein. Die beiden Richtungen laufen nicht wider einander, sie gehören zusammen! Es ist ein fundamentaler Irrtum, den Jäger als ein herzloses, nur auf Tötung ausgehendes menschliches Raubtier zu werten. Der rechte Jäger hegt viel mehr, als er jagt! Lies nur einmal, mit welchem Zorn der Verfasser dieses lieben Buches gegen Tellereisen und Giftbrocken zu Feld zieht. Unsre Leser, die jugendlichen besonders, möchten recht zahlreich zu dem Band greifen. Sie werden es nicht bereuen.
Gerhard Platz.
Hausbuch sächsischer Mundartdichtung von Albert Zirkler; 1. Band: Die Volksdichtung; Verlag Dürr, Leipzig 1927.
Das Buch füllt eine zweifellos vorhandene Lücke aus. Fachwerke und Fachaufsätze, die sich mit der sächsischen Mundartdichtung befaßten, hatten wir bereits. Aber sie sind nicht ins Volk gedrungen. Nicht einmal die Mehrzahl der Gebildeten kannte sie. An einer volkstümlich gehaltenen Zusammenstellung, an einem Hausbuch sächsischer Mundartdichtung, fehlte es bis jetzt. Zirkler hat zunächst den 1. Band seines Buches erscheinen lassen, der einen Überblick über die gesamte sächsische Volksdichtung bietet (Volksdichtung im Gegensatze zur volkstümlichen Dichtung und zur mundartlichen Kunstdichtung, die in einem 2. Bande behandelt werden sollen). Dabei hat Zirkler vor den Grenzpfählen nicht immer Halt machen können, da der Geltungsbereich der sächsischen Mundarten über die politische Grenzlinie hinausreicht, und der Übergang zu den Nachbarmundarten sich meist außerhalb Sachsens vollzieht. An Stoff hat es dem Herausgeber nicht gefehlt. Aber Zirkler hat eine weise Auswahl getroffen. Er bringt Kinderdichtung, Spruchdichtung, Volkslieder, Volksreime, Sagen, Märchen und Volksschauspiele, Ausflüsse des Volksempfindens aus ältester, alter, neuer und neuester Zeit. Einführende Worte sind sowohl dem ganzen Bande als auch den einzelnen Abschnitten vorangestellt. Für einige der Lieder ist die Singweise in Noten angegeben. Alfred Meiches Karte der sächsischen Mundarten ist mit abgedruckt. Das Buch kann allen Freunden der Heimat warm empfohlen werden.
B. v. Polenz.
Bau und Leben der Pflanze, eine Botanik des Praktikers. Gemeinverständliches Lehrbuch für gärtnerische und landwirtschaftliche Lehranstalten, für Botaniker, Forstleute und Pflanzenfreunde. Mit besonderer Berücksichtigung der Bodenkunde und Düngerlehre. Von Hofrat Dr. Arno Naumann, a. o. Professor der Botanik, Diplom.-Ing. für Chemie, [256]Studiendirektor an der Höheren Staatslehranstalt für Gartenbau zu Pillnitz. Mit 104 Abbildungen. Stuttgart, Aug. Ulmer, 1926.
Wer die Natur beherrschen will, muß ihre Wege gehen, ihre Gesetze befolgen. Diese Wege zu weisen, diese Gesetze kennen zu lernen, das ist eine Aufgabe, der sich auch eine Botanik des Praktikers, ein Lehrbuch für solche, die sich berufsmäßig oder als Liebhaber mit Pflanzenbau und Pflanzenzucht beschäftigen, nicht entziehen darf. Der Verfasser des vorliegenden Buches hat die Aufgabe vorzüglich gelöst. In klarer Anordnung und gemeinverständlicher Darstellung bietet er die gesicherten Ergebnisse der Pflanzenforschung und der Bodenkunde. Über Forschungen, die noch nicht als abgeschlossen gelten können, urteilt er mit gebotener Vorsicht. Mannigfache Beispiele und Tafeln mit einfachen Zeichnungen beleben und unterstützen die Abschnitte, die dem Nichtbotaniker einige Schwierigkeiten bereiten könnten. An vielen Stellen finden sich Mitteilungen über Beobachtungen und Forschungen des Verfassers, der über eine umfassende Kenntnis der heimischen Pflanzenwelt und der ausländischen Pflanzen unserer Gärten und Gewächshäuser verfügt und in jahrzehntelanger Tätigkeit als Lehrer der Naturwissenschaften bei steter Fühlung mit Gartenbetrieben reiche Erfahrungen gemacht hat. Mit der Lehre verbindet sich an geeigneten Stellen die Anwendung. Dabei kommen alle Tätigkeitsgebiete des Pflanzenbaus und der Pflanzenwelt zu ihrem Rechte. Der Gärtner, der Landmann, der Forstwirt, der Lehrer des Gartenbaus und der Pflanzenkunde, der Schulgartenverwalter: sie alle können aus dem Buche fruchtbare Anregungen schöpfen. Aber auch dem Pflanzenfreund, der nicht Praktiker im Sinne des Buchtitels ist, kann das Buch warm empfohlen werden. Jedes Kapitel bringt Ausführungen, die geeignet sind, den lebhaften Anteil des denkenden und fühlenden Beobachters der Natur zu wecken. Die ausgreifende, auswählend sammelnde Tätigkeit der Wurzel, die vollkommene Gesetzmäßigkeit im Aufbau des Pflanzenleibes, die Lichtkraftanlagen der Blätter, der Wasserhub und die Bereitung und Leitung der Betriebs- und Baustoffe, die Sinneszellen und die Bewegungen der Pflanzen auf Reize verschiedener Art, die Blütengeheimnisse, das Mysterium der Zellteilung, der Vereinigung der Geschlechtszellen und der Vererbung, die Aufspaltung der Bastarde, die Anwendung von Reizmitteln zur Abkürzung der Keimungzeit und zur Förderung des Wachstums, die Impfung der Samen von Hülsenfrüchten mit Bodenbakterien, die Züchtung neuer Eigenschaften an Pflanzen, das Treiben von Pflanzen mit Hilfe des Ätherrauschs und anderer Mittel, die Wiederbelebung erfrorener, die Heilung verschnupfter Pflanzen, die Veranstaltungen des Pflanzenschutzes: hierüber und über vieles andere, was das Buch bietet, sollte sich jeder unterrichten, der der Pflanzenwelt näherkommen will. Möge das treffliche Werk in viele Hände kommen.
Episoden aus der Schmorkauer Chronik. Von Erica Ruß. 1927. Selbstverlag der Verfasserin, Klotzsche, Querallee 18. Preis RM 2.50.
Wer sich gern in alte Zeiten versetzt und von ihren oft wunderlich anmutenden Sitten und Bräuchen, auch von Menschenfreud und -leid, wie es wirklich einst erlebt wurde, erzählen läßt, dem kann das vorliegende Büchlein aufs beste empfohlen werden. Die Verfasserin versteht es, anmutig zu erzählen, alte Akten der Gemeinde und Pfarre von Schmorkau (bei Königsbrück gelegen) zum Reden zu bringen, Personen, auf die sie sich beziehen, lebendig vor unseren Augen erstehen zu lassen, aber auch leblose Dinge zu beseelen. Ein Pfarrer nach dem anderen zieht mit seinen der Zeit eigenen Sorgen und Kämpfen, seinen Tugenden und Schwächen an uns vorüber, von Daniel Pfeiffer i. J. 1550 bis zu ihrem eigenen Vater. Ihnen gegenüber treten hartköpfige, streitlustige Bauern, mit denen sich die geistlichen Herren so oft herumschlagen mußten. Aber auch Personen aus ferneren, höheren Kreisen weiß sie mit feinen Federstrichen zu zeichnen, wie die alte Frau v. Schellendorf oder König August den Starken in seinem »Geheimbden Consilio«. Der Umstand, daß Schmorkau in einen lausitzischen und einen meißnischen Anteil zerfiel, verwickelte die Verhältnisse des Dorfs und trug dazu bei, die ohnehin ehemals so zahlreichen Streitereien um Rechte und Einkünfte der Pfarrherren zu vermehren. Möchte das Büchlein recht viele Käufer finden; es verdient es.
Dr. R. Needon.
Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Rudolf Schumann – Druck: Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden
Photographische Platten »Perutz« – Photographische Aufnahmen: Max Nowak, soweit Aufnahmen des Heimatschutzes
in Frage kommen – Auflage 50 000
Besucht unser
Erholungsheim Bienhof
bei Gottleuba
in herrlichster, nervenberuhigender Lage unweit
unserer Naturschutzgebiete Sattelbergwiesen
Preis für das Bett 25 Pfg. die Nacht / Gute Verpflegung täglich M. 3.50
Einzelzimmer – Kein Massenquartier
Anmeldungen an unsere
Geschäftsstelle, Dresden-A.
Schießgasse 24
Besucht unser
Oskar-Seyffert-Museum
Landesmuseum
für Sächsische Volkskunst
Dresden-N., Asterstraße
(beim Zirkus)
Geöffnet:
| Wochentags | von | 9–2 Uhr |
| außerdem Mittwochs und Sonnabends nachm. | von | 4–6 Uhr |
| Sonntags | von | 11–1 Uhr |
Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-N.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Im Original unterschiedliche Schreibweisen, insbesonde bei Namen, wurden beibehalten. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.