Title: Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (1/10)
Erster Band: Aphorismen. Parabeln, Märchen und Gedichte.
Author: Marie von Ebner-Eschenbach
Release date: February 8, 2026 [eBook #77889]
Language: German
Original publication: Berlin: Verlag von Gebrüder Paetel, 1893
Credits: Richard Illner and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive)
Aphorismen.
Parabeln, Märchen und Gedichte.
Berlin.
Verlag von Gebrüder Paetel.
1893.
Alle Rechte vorbehalten.
Ein Aphorismus ist der letzte Ring einer langen Gedankenkette.
Ein zum Tode verurtheilter Verbrecher entsprang seiner Haft kurz vor dem Tage, an welchem er hingerichtet werden sollte, und gelangte auf der Flucht in ein wildes Bergland, dessen Geklüfte ihm Schutz vor den verfolgenden Häschern bot. Als der Hunger ihn zwang, seinen Schlupfwinkel zu verlassen und einen wirthlicheren Aufenthalt zu suchen, führte ihn sein Weg zu der Hütte eines alten Ziegenhirten, der dem halb Verschmachteten Gastfreundschaft gewährte. Der Alte wurde gesprächig, und erzählte unter Anderem von einem merkwürdigen Lande, in welchem er viele Jahre seines Lebens zugebracht hatte. — In diesem Lande, sagte er, herrsche der Glaube an die Unfreiheit des menschlichen Willens. Dort maße sich Keiner das Recht an, seinen Nächsten zur Verantwortung zu ziehen; Niemand schreibe sich ein Verdienst zu; Niemand zeihe sich einer Schuld; den Begriff von gut und böse gebe es nicht; es gebe kein Thun, sondern nur ein Geschehen; die Handlungen der Menschen werden genau so betrachtet, wie Naturereignisse, als die nothwendigen Folgen unabsehbarer, von Ewigkeit her wirkender Ursachen.
»So giebt es in dem Lande weder Gesetz noch Richter?« fragte der Verbrecher.
»Weder Gesetz noch Richter,« antwortete der Hirt.
»Und Mord und Raub, wie werden sie beurtheilt?«
»Nicht anders, als wie man Sturm und Wetterschlag beurtheilt.«
Da hatte der Verbrecher eine große Freude und rief: »Das ist ein Land für mich, in dem hätte ich geboren werden sollen. Dahin will ich gehen.«
Sofort erkundigte er sich nach dem Weg, den er einzuschlagen habe, trat die Wanderung an und erreichte nach vielen Abenteuern und Fährlichkeiten eines schönen Sommermorgens glücklich sein Ziel.
Er betrat ein blühendes, sorgfältig bebautes Land. In der Nähe eines freundlichen Dorfes waren viele Leute mit dem Mähen einer herrlichen Wiese beschäftigt. Die Männer führten die Sense, die Frauen den Rechen, Alle arbeiteten eifrig und mit sichtbarem Vergnügen.
Wie merkwürdig! dachte der Verbrecher, und fragte einen der Mäher: »Freund, warum plagst Du Dich?«
»Weil ich muß,« antwortete Jener.
»So? und wer zwingt Dich?«
»Wer? Du meinst wohl, was mich zwingt. Mich zwingt das angeerbte Bedürfniß des Fleißes, mich zwingt die Einsicht, daß ich arbeiten muß, da ich leben muß.«
»Habt Ihr denn hier zu Lande keine reichen Leute, denen Ihr wegnehmen könntet, was Ihr braucht um zu leben, und noch etwas darüber?«
»Da würden wir,« erhielt er zur Antwort, »dem Thoren gleichen, der seiner goldene Eier legenden Henne den Hals abschnitt. So unvernünftig müssen nur Halbwilde handeln; wir sind ein uraltes Culturvolk und müssen das Vernünftige thun.«
Kaum waren diese Worte gesprochen, als sich plötzlich ein Geschrei erhob, das durchaus nichts Cultivirtes hatte. Eine kleine hübsche Frau war mit ihrem Mann in Streit gerathen und drosch mit den Fäusten, so stark und so schnell sie konnte, auf ihn los. Er wehrte sich nicht.
»Alle Wetter,« sagte der Verbrecher, »diese Frau hagelt ja.«
»Zu Zeiten. Die Motive, von denen sie veranlaßt wurde, als immerwährender Sonnenschein an unserem Ehehimmel zu prangen, wirken leider noch nicht permanent,« entschuldigte der Geprügelte und machte ein sehr trauriges Gesicht, als jetzt ein hochgewachsenes Weib auf die kleine Frau zutrat, ihr trotz ihres Sträubens die Hände auf den Rücken band und sie wegführte.
Der Verbrecher allein hatte diesem Vorgang mit Neugier und Schadenfreude zugesehen; alle Uebrigen schenkten ihm nur geringe und unlustige Aufmerksamkeit.
Die Raststunde war gekommen; die Mäher ließen sich ins Gras nieder und begannen das Mittagessen, das Frauen und Kinder aus dem Dorfe herbeigebracht hatten, gemeinsam zu verzehren. Der Verbrecher setzte sich zu dem betrübten Ehemann, der nicht aufhören konnte, von seiner Gattin zu sprechen.
»Sie hat ihre Mutter früh verloren,« erzählte er, »und ist vom Vater aus schwer belastet mit ererbtem moralischen Siechthum. Der Einfluß unserer Schule, dieses herrlichen Gartens, in welchem junge Menschenblumen unter der Leitung großer Künstler und Denker zur Entfaltung des schönsten Müssens herangebildet werden, hat sich als unzureichend zur Besiegung des Uebels meiner armen kleinen Frau erwiesen.«
»Deine männliche Oberherrlichkeit desgleichen,« spottete der Verbrecher. »O, Du Starker, Du Langmüthiger! wie geduldig hast Du Dich mißhandeln lassen von einem schwachen Weiblein! Welchen Lohn giebt es bei Euch für solche Tugend?«
»Lohn? Tugend?« erwiderte man ihm; »haben die Bewohner Deines Landes nichts gelernt in der Flucht der Jahrtausende? Klebt man bei Euch noch an so kindischen Begriffen? Wir sind ein uraltes Culturvolk und wissen von ihnen längst nichts mehr.«
Diese Entgegnung ergötzte den Verbrecher, und er sprach nun den Wunsch aus, zu erfahren, wohin die kleine Frau, die so hübsch hageln konnte, geführt, und wer Diejenige gewesen, von der sie abgeholt worden.
»Eine Krankenwärterin,« antwortete der Mann, »und sie hat meine Frau ins Spital bringen müssen.«
»Ist sie denn krank?«
»Gewiß. Hast Du nicht gesehen, daß sie eine Krankheit hat, durch die sie gezwungen wird, mich zu schlagen?«
»Krankheit nennt Ihr das?« rief der Verbrecher; »nun, wenn sie eine Krankheit hat, die sie zwingt, zu schlagen, habe ich eine Gesundheit, die mich zwingt, zu essen. So nehm' ich denn ungeladen an Eurem Mahle Theil.«
Damit griff er in die Schüsseln, langte nach den Gläsern und aß und trank für Zehn.
Die Mußmenschen schienen erstaunt, ließen ihn jedoch gewähren. Als die Raststunde zu Ende war, gaben sie ihm eine Sense in die Hand und sagten: »Du hast gegessen, jetzt arbeite!«
Aber davon wollte er nichts hören. Er behauptete, sich fortwährend ausruhen zu müssen, bis zu dem Augenblick, in dem eine ihm zusagende Thätigkeit sich ihm eröffne.
Die Arbeiter gingen wieder an ihre Beschäftigung, er blieb bei den Mädchen und Frauen zurück, die das Ordnen des Eßzeuges besorgten, fing an mit ihnen zu schäkern, machte einem jungen Weibe Liebesanträge und wollte, als dieselben abgewiesen wurden, sofort Gewalt brauchen.
Die Frauen riefen nach Hülfe; einige Männer stürzten herbei und entrissen dem Verbrecher sein Opfer. Da gerieth er in Wuth, zog sein Messer und konnte erst nach heftigem Kampfe niedergeworfen und gebändigt werden.
Je wilder er gerast hatte, desto schonender war man mit ihm umgegangen. Alle bedauerten ihn: »Glücklich, die eines heilsamen Müssens sind,« sprachen sie. »Du bist es nicht; Dein Benehmen ist gemeinschädlich und macht Dich reif für das große Spital.«
Und wirklich wurde er nicht in das kleine Dorfspital, sondern nach dem Hauptspital in die Stadt gebracht.
Dort übernahm ihn ein Krankenwärter und führte ihn eine breite Treppe empor durch einen langen Gang, auf den viele Thüren mündeten. An jeder Thür hing ein Rähmchen, und in jedem Rähmchen stak ein Recept. Hinter den Thüren hörte man jämmerlich klagen und stöhnen.
Dem Verbrecher wurde unheimlich zu Muthe, und kleinlaut erkundigte er sich, was denn da geschehe?
»Es werden Erinnerungszeichen gepflanzt, lies nur die Recepte.«
Und er las: Dreimal täglich fünf Ruthenstreiche. — Allabendlich zwölf Stockprügel. — Vierzehn Tage bei Wasser und Brot ... u. s. w.
»Wie nennt Ihr das?« rief er »Erinnerungszeichen pflanzen? ... Hol' Euch der Teufel!«
»Ich kenne die Wurzel nicht, aus der ihm ein zureichender Grund dazu erwüchse,« versetzte der Wärter. »Die Erinnerungszeichen, die hier gepflanzt werden, verfehlen ihre Wirkung selten. Sie treiben so zwingende gesunde Motive, daß diese fast regelmäßig genügen, die ungesunden, die etwa in dem Reconvalescenten wieder auftauchen möchten, zu überwinden.«
»Wenn sie aber nicht genügen?«
»Dann wird die Kur wiederholt, so oft wiederholt, bis der Eintritt der gesunden Motive das Selbstverständliche wird und die ungesunden, immer weiter zurückgedrängten, sich endlich gar nicht mehr melden.«
»Wenn sie sich aber durchaus nicht zurückdrängen lassen?«
»Dann geht der Kranke den Weg der Unheilbaren.«
»Was ist das für ein Weg?«
»Das ist der Weg zum Richtplatz.«
»Pfui!« sagte der Verbrecher, »pfui! einen Richtplatz habt Ihr auch?« Er sprach seinen Abscheu gegen dieses letzte Mittel und gegen die ganze Motiv treibende Behandlung aus; der Wärter jedoch zuckte die Achseln und versetzte:
»Was ist zu thun? Wir Menschen sind einmal angewiesen, in Gesellschaft zu leben, und da wir es sind, müssen wir suchen, dieses Zusammenleben möglichst gedeihlich zu gestalten. Nun hat die Erfahrung uns gelehrt, das geschähe am besten, wenn Frieden, gegenseitige Rücksicht und Hülfbereitschaft unter uns herrschen. So haben wir denn die ganze Kraft unseres Müssens auf die Erfüllung jener Bedingungen der allgemeinen Wohlfahrt gestellt. Giebt sich bei Einzelnen ein ihr widerstrebendes Müssen kund, können wir es nur als ein krankhaftes ansehen, und müssen suchen, es zu kuriren.«
»Durch Prügel und Fasten?« rief der Verbrecher.
Der Wärter bemühte sich, ihn zu beruhigen. »Wir befinden uns in der Abtheilung der Schwerkranken«, sprach er. »So scharfe Mittel wie hier werden nur ausnahmsweise angewandt. Bei unserer weit vorgeschrittenen Cultur genügt meistens eine leichte Behandlung zum Aufpflanzen eines dauernden Erinnerungszeichens und zur Heilung eines ungesunden Müssens.«
»Ach, sprächst Du wahr!« fiel ihm ein Mann ins Wort, der sich genähert und den letzten Satz seiner Rede mit angehört hatte. »An mir ist Eure Kunst gescheitert. Ihr habt mich vor einem Jahre als geheilt von meiner Hochmuthskrankheit entlassen, und heute schon habe ich in einem Zeitungsartikel mein eigenes philosophisches System auf Kosten aller bisher aufgestellten gelobt, und jene schmählich heruntergemacht. Gebt mir mein Geld zurück, oder nehmt mich von Neuem in die Kur.«
Der Wärter lud ihn ein, ihm ins Ordinationszimmer zu folgen, wohin er eben einen Fremden, der sehr krank sei, führen müsse. — Da brach der Verbrecher jedoch in helle Empörung aus. »Geht ohne mich!« schrie er, »ich habe des Spaßes genug.« Er wandte sich und wollte entfliehen. Der Wärter lief ihm nach, hielt ihn fest; ein furchtbares Ringen entstand, und ehe die aus allen Zellen heraneilenden Kranken es hindern konnten, hatte der Verbrecher den Wärter erdrosselt.
Das war die letzte seiner Thaten.
Nachdem die Spittler ihr wärmstes Mitleid mit seinem hochgefährlichen Zustand geäußert hatten, überwältigten sie ihn und schleppten ihn vor die Doctoren.
Einen Augenblick war dem Verbrecher seine Frechheit abhanden gekommen; angesichts der Sanftmuth und Ruhe, mit welcher die Aerzte sich gegen ihn benahmen, kehrte sie wieder zurück, und er beantwortete voll Hohn die an ihn gestellten Fragen.
Die Doctoren erklärten seinen Fall als einen unerhört schweren und dictirten eine allerdings schreckliche Behandlung. Er ließ sie ausreden und schlug dann ein tolles Gelächter auf.
»Ihr habt Euch umsonst bemüht,« spottete er; »ich lasse mir Eure Behandlung nicht gefallen, weil ich Euren Anordnungen nicht unterstehe, weil ich ein freier Mensch bin.«
Die Doctoren sahen einander erstaunt an: »Ein freier Mensch? was heißt das?« fragten sie.
»Das heißt, Ihr Automaten, daß Ihr Eure Tractirungen an mir nicht versuchen dürft, weil ich nichts gemein mit Euch habe, weil ich kein Mußmensch bin. Was ich gethan habe, habe ich thun wollen und hätte auch ganz anders handeln können.«
Bei diesen Worten bemächtigte sich der Versammlung ein maßloses Entsetzen.
»Weh über Dich!« riefen die Doctoren; »Du hättest das Ungesunde und Gemeinschädliche nicht thun müssen, und hast es dennoch gethan? Ungeheuer! scheußliche Ausnahme des allweisen, allherrschenden Gesetzes! ... Für Dich haben wir keine Behandlung, Du mußt den Weg der Unheilbaren gehen.«
Der Verbrecher gerieth außer sich, als dieses Verdict über ihn gefällt wurde. »Da bin ich schön angekommen«, sprach er. »Vermaledeites Mußpack! Thut man bei Euch, was man muß, wird man geprügelt; thut man, was man will, wird man gerichtet.«
Noch vor dem Blocke schimpfte er fort.
»Hochmüthige Culturaffen, Ihr seid ebenso dumm, wie bei uns die Leute sind. Euer Müssen und unser Wollen, Eure Receptschreiber und unsere Richter, es kommt auf eins heraus.«
»Ja,« erwiderte der Henker, »es kommt eigentlich auf eins heraus,« und waltete seines Amtes.
Der Maulwurfshügel sprach zum Vulkan: »Du Weichling! Was tobst Du und machst die Welt zum Zeugen Deiner inneren Kämpfe? Auch ich habe die meinen, — wer aber hat mich jemals Feuer speien sehen?«
In ein Massengrab, das eben geschlossen werden sollte, wurde ganz zuletzt noch ein schmales Särglein gesenkt, und Leute, die der Arbeit zusahen, fragten: »Wer war der, der so wenig Platz beansprucht in der Mutter Erde?«
»Ja,« antwortete ein Handlanger, »das war der Zeisi. Taglöhner seines Zeichens, haben ihn aber nirgends behalten. Ist dann herumgezogen mit der Guitarre und hat in den Höfen der Häuser gesungen, um ein Stück Brot, um ein Paar Stiefel, sehr oft umsonst.«
Wie der Mann so erzählte, trat eine verhüllte Gestalt heran, warf Blumen auf den schmalen Sarg und blickte lange wehmüthig zu ihm nieder.
In ehrfurchtsvoller Scheu wichen die Anderen zurück; ein überirdisches Wesen erschien sie ihnen; Niemand wagte sie anzureden. Sie selbst aber sprach: »Hier ward ein Poet begraben.«
Eine Stunde später kam, von einer unabsehbaren Menge begleitet, ein prachtvoller Leichenzug auf dem Friedhofe an. Der kostbare Sarg, ganz bedeckt mit Lorbeerkränzen, barg einen gefeierten Schriftsteller. Er wurde in die Gruft gesenkt, und der berühmteste Redner der Stadt weihte dem Dahingeschiedenen einen Nachruf voll dithyrambischen Schwunges.
Plötzlich hielt er inne ... Er hatte die Herrliche erblickt, die noch immer an der Ruhestätte der Armen stand.
»Gebt Raum,« rief er ins Gedränge. »Die hohe Göttin, deren Gunst unsern großen Todten beglückte, naht heran, mit uns um ihn zu trauern. Gebt Raum der hohen Göttin!«
Die Anwesenden gehorchten, und sofort öffnete sich für die nächste, die edelste Leidtragende ein Weg zur Gruft.
Sie betrat ihn nicht — sie schüttelte das Haupt; über ihr schimmerndes Antlitz flog ein Lächeln himmlischer Verachtung, und sie sprach: »Der Todte war mir fremd; Ihr habt einen Taglöhner begraben.«
Als Prometheus nach langer Qual entfesselt vor den Beherrscher der Welten trat, nahm dieser ihn gnädig auf und hieß ihn fortan mit den Göttern hausen. Weil aber der Eid, den Zeus einst geschworen: Ewig solle der Titane an den Kaukasus geschmiedet bleiben, nicht gebrochen werden durfte, mußte Prometheus einen Fingerreif tragen, in welchem ein Steinchen aus dem Felsen gefaßt war, an dem er sein Märtyrerthum erduldet hatte.
Lächelnd nahm er die leichte Bürde hin, — kein Leiden mehr, nur noch des Leidens Symbol. Aber schwerer von Tag zu Tag wurde die anfangs kaum spürbare Last, und drückte endlich so schwer, wie Vulkans eherne Spangen gethan.
Prometheus saß im Rathe der Götter, und sie lauschten den Sprüchen der Weisheit, die von seinen Lippen kamen. Ehrfurcht und Liebe umgaben ihn: mit den Unsterblichen wohnte er im Reiche der Freiheit, des Lichtes, der Schönheit. Aber ein Blick auf den Ring an seiner Hand, und wieder lag er an den Felsen geschmiedet, und über seinem Haupte rauschte ein grauser Flügelschlag, und er fühlte den Griff der Geierklauen und das grausame Haken des Geierschnabels in seinem Fleische.
Und aufschrie der Titane zum Weltenbeherrscher »Ohnmächtiger Gott, der nur begnadigen und nicht entsühnen kann! Die Erinnerung an meine Schmach und Buße spottet Deiner Huld!«
Der Hochmuth ging eines schönen Tages spazieren. Er trug eine Krone aus Seifenblasen auf dem Kopf, und sie schillerten bunt und prächtig im Sonnenschein. An seinem purpurfarbigen Gewand hingen zahllose vergoldete Glaskugeln; die Plattfüße hatte er in Schuhe mit ungeheuren Hacken gesteckt und schritt auf ihnen so majestätisch einher, wie ein hölzerner König in der Puppenkomödie. Sein breites Gesicht strahlte von Selbstzufriedenheit, seine rothen, fingerdicken Lippen waren verächtlich verzogen; aus halbgeschlossenen Lidern blickte er um sich, als ob nichts da wäre, der Mühe werth, ihm einen ganzen Blick zu gönnen.
Da kam ein Wesen ihm entgegen, bei dessen Erscheinen er stutzte. Ein Wesen von schlichtem Aussehen; bescheiden sein Gang, seine Haltung, seine Gebärde; schön sein Angesicht, auf dem ein edler Ernst und tiefinnerlichster Frieden sich malten.
»Weiche mir aus!« rief der Hochmuth ihm zu.
»Gern,« erwiderte der Andere lächelnd, und gab Raum.
Dennoch fühlte der Hochmuth sich verletzt: »Du lächelst? wie darfst Du es wagen, zu lächeln in meiner Gegenwart?« schnaubte er und warf sich wüthend auf den Beleidiger.
Dieser wehrte ihn nicht ab, regte sich nicht einmal, stand nur ruhig und fest. Der Hochmuth aber stürzte zur Erde, und alle seine Seifenblasen zerplatzten, und alle seine Glaskugeln lagen in Scherben — er war an das Verdienst angerannt.
Durch die Straßen einer großen Stadt wallte eine majestätische, dicht verhüllte Gestalt. Sie war zum ersten Male zur Erde gekommen, sah zum ersten Male eine Ansiedlung der Menschen und irrte planlos auf der unbekannten Stätte umher. Plötzlich machte sie Halt vor einem Palaste, über dessen mächtigem Portal eine marmorne Statue sich erhob. Das Bildwerk stellte eine Frau in griechischer Gewandung vor. Ihre Augen waren verbunden, in der Rechten hielt sie eine Wage. Eine Inschrift auf dem Sockel der Statue hatte die Aufmerksamkeit der Fremden erweckt. Sie sah abwechselnd deren goldene Lettern und das steinerne Gebilde an, und je länger sie es that, je mehr wuchs ihr Staunen.
Ein Mann, der athemlos daher gerannt kam, riß sie aus ihren Betrachtungen. Es war ein Beamter, der sich verspätet hatte, und der nun die Stufen zum Palaste schleunigst hinaneilen wollte.
Die Fremde hielt ihn zurück. »Wessen Bildniß ist dieses?« fragte sie und deutete nach der Statue auf dem Portal.
Den Beamten durchfröstelte es. Die Stimme, mit welcher die Verhüllte gesprochen, klang unsagbar hart und schauerlich und war mit keiner Stimme zu vergleichen, die jemals an sein Ohr getönt hatte. Er vergaß die vorgerückte Stunde; seine Angst vor der Strenge seines Hofraths war verschwunden. Stehenbleibend starrte er die Geheimnißvolle an und antwortete: »Es ist das Bildniß der Gerechtigkeit.«
Ein Lachen erscholl, das ihm das Blut in den Adern gefrieren machte; doch fuhr er fort: »Unter ihrem Zeichen wird hier gewaltet.«
»Von wem? — Wohnen Götter in diesem Hause?«
Der Beamte dachte an seine Vorgesetzten und an seine Collegen, und mußte lächeln: »Nur Menschen,« erwiderte er.
»Wie?« rief die Fremde, »Menschen walten im Namen Einer, die auf Erden nie war und nie sein wird? Menschen, blinde, irrende, üben das Amt der Allsehenden und Unfehlbaren?«
Wieder erklang das gräßliche Lachen. Durch den Schleier der Verhüllten hindurch drang der Strahl eines Feuerauges, vor dem der arme Beamte wie vom Blitz getroffen niederstürzte.
Als er zur Besinnung kam, war die Erscheinung verschwunden, und ein Wunder war geschehen. Die Statue über dem Portal hatte ihre Form verändert. Sie stellte nicht mehr die Gerechtigkeit dar; aber was denn?
—Die Beamten zerbrachen sich vergeblich die Köpfe darüber. Endlich wurden Gelehrte befragt. Sie hielten eine lange Berathung und erklärten sodann einstimmig, die Statue sei nichts anderes als eine symbolische Darstellung der Nothwehr, umgeben mit einer wunderlichen Mischung von Emblemen der Grausamkeit und der Barmherzigkeit.
Vom Winde getrieben flog ein welkes Blatt neben einem Vogel durch die Luft.
»Sieh,« raschelte es triumphirend, »ich kann fliegen wie Du.«
»Wenn Du fliegen kannst, so mache mir das nach!« antwortete der Vogel, wandte sich und steuerte mit kräftigem Flügel gegen den Wind.
Das Blatt aber wirbelte ohnmächtig dahin, bis sein Träger plötzlich den Athem anhielt und es in ein Bächlein fallen ließ, das klar und munter durch den Wiesengrund jagte. Nun segelte das Blatt auf den Wellen und gluckste den Fischen zu: »Seht mich an, ich kann schwimmen, wie Ihr!«
Die stummen Fische widersprachen ihm nicht; da blähte es sich auf und meinte: »Das sind anständige Creaturen, die lassen einen doch gelten!«
Weiter glitt es, und merkte nicht, wie es dabei aufquoll und schon faul war durch und durch.
Es kam einst zu einem ungeheuern, einem echten Titanenkampf. Alle Tugenden und alle Laster rangen mit einander auf Leben und Tod. Furchtbare Wunden klafften, in Strömen floß das Blut. Hinterlist und Tücke hatten die Gerechtigkeit überwältigt und ihr den Arm gelähmt. Zerfleischt von den Zähnen und Klauen des Hasses und der Eifersucht erstarb die Liebe; die Großmuth röchelte unter den würgenden Händen der Habgier. Vielen Tugenden erging es schlecht an dem Tage, aber auch viele Laster meinten den Rest bekommen zu haben.
In der ganzen großen Heerschar blieb nur Eine unversehrt; es war eine der Tugenden; es war die Güte.
Mit Steinen beworfen, von den Pfeilen des Undanks durchbohrt, hundert Mal niedergezwungen, erhob sie sich immer wieder unverwundbar, unüberwindlich, und trat von Neuem in den wüthenden Kampf.
Es wurde Abend und Nacht; der Streit blieb unentschieden, die Streiter lagen erschöpft. Die Güte allein wandelte über die Wahlstatt, munter wie ein sprudelnder Quell, lieblich wie das Morgenroth, und labte die Leidenden, und in dem Augenblick ließen sogar ihre Feinde es gelten: Die Stärkste bist Du!
Vor Jahren lebte in einer großen Handelsstadt ein Mann, dem alles, was er unternahm, gelang, den niemals ein Mißgeschick traf, der von Jugend an bis ins reife Alter nur Freude und Erfolg erlebte und nur Dankbarkeit und Treue erfuhr. Plötzlich verwandelte sich sein Loos; er sank ins Elend; er lernte den Undank und die Bosheit kennen, und allem, was er liebte, drohte Gefahr. Eben so rasch jedoch, als es sich von ihm gekehrt, kam das Glück ihm zurück, ersetzte ihm zehnfach, was er verloren hatte, überschüttete ihn und Die, die ihm theuer waren, von Neuem mit seinen reichsten Gaben.
»Nun,« fragte Jemand, »bist Du zufrieden? Du hast es wieder, Dein Glück.«
»Ach,« antwortete er, »wo ist meine Zuversicht! Ich habe ein Glück wieder, das mich schon einmal verlassen hat.«
Es war einmal ein reicher Mann, der am Wohlthun eine so große Freude fand, daß er ihretwegen jede andere Freude, ja sogar jedes eigene Behagen aufgab. Er wohnte in einer Dachstube, nährte und kleidete sich ärmlich, und galt in Folge dessen bei allen seinen Bekannten für einen abscheulichen Geizhals. Obwohl er das wußte, brachte er es doch nicht über sich, irgend Jemandem einen Einblick in seine Vermögensverwaltung zu gestatten. Sich selbst gab er von derselben genaue Rechenschaft in einem Buche, das er sorgfältig führte, und das er Denen zu hinterlassen gedachte, deren Tadel ihn am meisten verdrossen hatte.
Er wurde alt, und am Ende seiner Tage und seines Reichthums angelangt, blieb das Buch sein Glück, seine Erquickung. Wenn er darin las, stiegen beseligende Erinnerungen vor ihm empor; er sah Verzweifelte wieder hoffen, sah gebrochene Menschen sich aufrichten an seiner Hand. Und die todten Buchstaben belebten sich, und aus den stummen Blättern klang es wie leises Jauchzen heraus, wie hold geflüsterter Segen.
Die Sterbestunde des Greises kam; zum letzten Male griff er nach seinem Buch und dachte: ich gehe, aber du bleibst und wirst von mir erzählen. —
Da durchblitzte ihn plötzlich die Frage: und was? — daß mir unrecht geschehen ... den Einen gleichgültig, den Andern ein ewiger Stachel? Wem zum Nutzen? Keinem. Nur mir zum Nachruhm ...
Beschämt senkte er sein Haupt. Angesichts der großen Stunde, wie klein erschien ihm, womit er sich vertröstet hatte, viele Jahre hindurch! Wie klein, wie eitel!
Und nun verbrannte er das Buch und freute sich, daß seine erlahmenden Hände noch die Kraft dazu fanden; und mit den verglimmenden Blättern zugleich erloschen seine Augen.
Vor langer Zeit lebte in einem deutschen Gau ein gewaltiger Ritter. Er hatte eine herrliche Burg; er hatte kühne und wehrhafte Knechte; er hatte weite Ländereien, die er alle selbst erobert, und große Reichthümer, die er alle selbst zusammengeraubt. Er hatte auch eine schöne und tugendsame Frau. Sie hieß Dina, die Erhabene, hätte aber eigentlich die Demüthige heißen sollen. Still und fleißig waltete sie tagsüber am Herd und am Webstuhl, und wenn der Abend einbrach, stieg sie zum Söller empor und lugte aus nach ihrem reisigen Herrn.
Sobald sie ihn erblickte, ließ sie ihr goldgesticktes Taschen-Fähnlein wehen und eilte ihm entgegen in den Burghof. Dann geleiteten sie und ihr Page den Ritter in sein Gemach, wo er sich auf das mit einem Bärenfell bedeckte Lager warf, seinem holden Weibe die Beine entgegenstreckte und sprach: »Stiefel!«
Und sie nahte in liebevoller Dienstbeflissenheit und zog ihrem Gemahl die, je nach der Jahreszeit, mit Staub, Koth oder Schnee bedeckten Stiefel aus.
Müßig (bis auf einiges Zähneknirschen) stand der Page, ein Jüngling, voll zarter Empfindung daneben und dachte: deß sollte sie sich doch nicht unterwinden, trotz aller Weibesgüte und Tugend, deß doch nicht! Und mehrmals, hingerissen von seinen Gefühlen, wagte er's und erhob seine Stimme zu wohlgesetzter Rede:
»Ueberlasse mir, o Herrin, hochgemuthe, des Stiefel-Ausziehens unrühmlich Bemühen.«
Aber sein Flehen verhallte unbeachtet, und was er darüber empfand, war ein tiefer Gram. Seine Heiterkeit verschwand; er wandelte dahin, wie er nie geahnt hatte, daß man wandeln könne — in Gedanken.
Und sein Sinnen war kein todtes, vielmehr ein mit reichen Keimen belebtes, die nach Entfaltung rangen, wuchsen und endlich aus ihrem Schattenreiche hinaus in die wirkliche Welt gelangten, als die gereifte Frucht eines erfinderischen Geistes, als ein Werk!
Man hatte ihn gesehen, kleine Klötze zuhauen und in den sogenannten Pagenthurm hinauftragen, und hatte ihn die Nächte hindurch bis zum frühen Morgen sägen, hobeln, raspeln gehört. Sein Thun blieb ein geheimnißvolles; er verweigerte jegliche Auskunft darüber, wurde sehr mager, und aus seinen Augen leuchtete jene Seligkeit, die durch das Bewußtsein eines von Erfolg gekrönten Strebens hervorgerufen wird.
Ein schöner Sommertag ging zur Rüste; schon brach der Abend herein, als Hörnerklang ertönte; der Herr an der Spitze seiner Mannen kehrte heim. Er hatte sich erkältet, war ganz heiser und sprach, vom Pferde springend, zu der ihm Willkomm bietenden Gattin: »Würzwein!«
Sie eilte, das Verlangte zu bereiten; er, von dem Pagen allein gefolgt, ging auf sein Zimmer. Als er sich dem Lager näherte, fiel ihm ein seltsames Ding auf, das davor stand. Wie eine kleine Bucht zwischen vorgestreckten Landzungen war es gestaltet und ruhte schräg, aber fest, auf kurzen Füßen.
»Wer hat mir das gebracht, was ist das?« fragte er.
»Ich habe es gebracht und gemacht,« erwiderte der Page, und seine Wangen erglühten in freudigem Schöpferstolz: »O Herr, es ist ein Stiefelknecht.«
Er unterwies den Ritter im Gebrauche des neuen Hausgeräthes, und der Ritter freute sich sehr darüber und zog zum puren Vergnügen die Stiefel gleich zwei Mal nach einander aus und an.
Er war eben im Begriff, die Vortrefflichkeit der Erfindung zum dritten Male zu erproben, als seine Hausfrau eintrat, den Würzwein in goldenem Becher auf silberner Platte tragend. Beinahe wäre ihr beides entsunken.
»Was thut mein Herr?« fragte sie, und ihre schönen Augen füllten sich mit Thränen. »Sind meine Dienste meinem Herrn entbehrlich geworden? Vermag ein Stück Holz mich bei meinem Herrn zu ersetzen?«
Der Ritter entgegnete: »Nicht alleweil, nur in dem einen Fall.«
Aber dieser Trost tröstete sie keineswegs. »Wer hat die frevelige Erfindung ausgeheckt, die mich in irgend einem Falle meinem Herrn entbehrlich macht?« forschte sie mit Bangen.
»Der treueste Diener Dein, — ich!« stammelte der Page und warf sich ihr zu Füßen. Er bat um Gnade und Verzeihung und betheuerte die Lauterkeit seiner Absicht. Habe sie ihren Zweck verfehlt, so trage daran einzig und allein der Begriff schuld, den er von Frauenwürde hege.
Half alles nichts. Die Herrin blieb dabei, er habe sie um die Ausübung eines ihr werthen Rechtes betrügen wollen, und befahl ihm, das Werkzeug, welches arglistig dazu hatte dienen sollen, ins Feuer zu werfen.
Dieser Befehl war von einem Blick begleitet, der dem armen Jüngling das Herz zerschnitt und ihm verkündete, daß er die Huld seiner Herrin unwiederbringlich verloren hatte. Der bittere Schmerz, von dem nur die grausam Verkannten wissen, ergriff ihn, zugleich aber auch eine mächtige Liebe für sein Werk. Er trug es empor in seine Thurmkammer, schrieb dem guten Stiefelknecht eine genaue Gebrauchs-Anweisung auf den Rücken und verbarg ihn in einer Vertiefung der Mauer, die er mit Steinen verlegte. Dann weihte er ihn tiefbewegt dem Verständniß kommender Geschlechter und entfloh beim ersten Morgengrauen.
Nie wieder hat man von ihm gehört; er ist vergessen und verschollen, ein Märtyrer seiner Erfindung.
Hundert Jahre später hauste der Ururenkel des gewaltigen Ritters auf der Burg. Er war ein friedfertiger Herr, der sich der Gelehrsamkeit befliß, und besaß eine kleine lebhafte Frau und zwei schöne Kinder. Die spielten dereinst Verstecken im halb verfallenen Pagenthurm, fanden dort im Schutte den Stiefelknecht und brachten ihn ihrer Mutter.
Die kleine Frau wunderte sich über das seltsame Ding, und da sie vor lauter Neugier lesen gelernt hatte, machte sie sich gleich daran, die Schriftzüge, mit denen es bedeckt war, zu entziffern. Dabei wurde ihr Gesicht immer freundlicher; plötzlich lachte sie laut auf, und ihre Kinder lachten mit; sie hüpfte und tanzte mit dem Stiefelknecht im Zimmer herum, und die Kinder tanzten und sprangen wie Böcklein und jubelten über den Jubel ihrer Mutter.
Der Freudentaumel hatte seinen höchsten Grad erreicht, da kam der Herr Vater von der Gesundheits-Promenade, die er täglich zu unternehmen pflegte, nach Hause. Er steckte den Kopf zur Thür herein und sagte:
»Unziemlich ist es zu jubeln und zu tanzen am Wochentage. Weichet hinweg zur Schulstube, ihr Kinder, und Du, Thusnelda, Geliebte, zieh' mir die Stiefel aus.«
»Schwerlich, schwerlich«, sprach die kleine Frau und machte dazu einen complicirten mittelalterlichen Knix, »für die Stiefel meines Herrn hat sich ein Knecht gefunden, die Magd kündigt den Dienst,« und sie stellte den Stiefelknecht dem Gatten vor die Füße.
»Thuschen, wonnevolle,« war Alles, was er im ersten Augenblick hervorbrachte.
Er mußte sich auf einen Sessel niederlassen, denn ihm schwindelte.
Vor seinem ahnungsvollen Geiste stieg ein neues Capitel der damals noch völlig unbekannten Culturgeschichte auf. Er sah alle Frauen dem Beispiel der seinen folgen, und alle Männer darauf angewiesen, sich ihrer Stiefel von einem fühllosen Instrumente entledigen zu lassen statt von liebender Hand.
»Mein armer Sproß,« sprach er nach einer langen Pause und legte die Rechte auf seines siebenjährigen Söhnleins Haupt. »Die gefüge Magd kündigt den Dienst. Hast Du's gehört und wird Dir schlimm wie mir? Unfroher Zukunft reift mein Sproß entgegen; verschoben zwischen Mann und Frau ist das Verhältniß.«
»Nur ein wenig zurechtgerückt,« versetzte Thusnelda und streichelte ihres Töchterchens Locken.
»Mich jammert Deines Irrwahns,« klagte der Gatte; »hinweggetilgt mit der minniglichen Frauen Demuth wird des Hauses Eintracht sein.«
»Ja, ja,« erwiderte sie, »die Eintracht zwischen Unterwürfigkeit und Gewalthaberei wird wohl hinweggetilgt sein.«
Er sah sie mit großen, runden, bestürzten Augen an.
»Sollen wir hinkünftig auch die Kindlein in die Welt setzen und ihrer warten?« fragte er.
Die Frau schlug die Hände zusammen: »Gott steh' mir bei! von den Lippen meines Hochgelahrten entfleucht Unsinn.«
Und er wurde böse und sprach: »Wer hat Dir solche Rede zu mir erlaubet? Meine Zornwuth weckst Du. Törichte Weiber! Preis zu erjagen gedenket Ihr, und werdet sinken im Preise und sitzen bleiben Alle! Kein mannlicher Mann wird werben um ein Gespons, das sein nicht magdlich pflegen will. Unweise und untergeordnet in allen Stücken dem Manne seid Ihr Weiber. Was an Euch ehren soll er, wenn nicht die Ehre, so Ihr ihm bietet; was lieben an Euch, wenn nicht die Liebe, so Ihr zu ihm traget? ...«
Er wollte noch weiter reden, aber Thusnelda unterbrach ihn durch ein lautes Gelächter. »Schön Dank für dieses Geständniß, o Du mein trauter, aufrichtiger Geselle!« sagte sie und schlang ihre Arme um seinen Hals.
Die Ehegatten umarmten einander, während ihre Kinder sich in der entgegengesetzten Ecke des Gemaches prügelten, weil das Bübchen gesagt hatte, es werde nie eine Frau nehmen, die sich weigere, ihm die Stiefel auszuziehen, und das Schwesterchen ihm dafür eine Ohrfeige versetzt hatte.
»Laßt ab vom Kampfe, Ihr Kinder,« befahl der Vater. »Vernunft angenommen hat die reine Süße, Eure Mutter.«
»O weh!« jammerte sie, ihr hübsches Köpfchen zur Achsel neigend. »Wie thut das Herz mir weh, daß ich eine Frau nur bin, und demnach unweise, demnach unfähig, Vernunft anzunehmen. So hat mein gelahrter Herr gesagt, und seinem Worte darf ich nicht zuwider handeln.«
»Nicht zuwider handeln,« murmelte der Gatte und versank in tiefes Sinnen. »O liebe Frau, die Folgen sind unabsehbar,« sprach er endlich, seufzte und — bediente sich des Stiefelknechts.
Ein junger Fürst, der Liebling vieler Götter, übernahm, nach Jahren der Vorbereitung zu dem wichtigen Amte, die Regierung seines Reiches.
Von den Göttern geladen, fanden viele herrliche Gäste sich bei der Krönungsfeier ein, nur eine der Gerufenen blieb aus — die alte, gute Mutter Erfahrung. Sie behauptete, erst später kommen zu können.
Nachdem die Festlichkeiten vorüber waren, versprachen die Götter dem Fürsten noch die Gewährung der drei ersten Wünsche, die er zu ihnen emporsenden werde, und nahmen Abschied von ihm.
Er aber, wohl erkennend, worin seine Aufgabe bestand, ging freudig an ihre Erfüllung. Besser wollte er die Menschen machen und dadurch glücklicher. Zur Liebe wollte er sie erziehen, zum Mitleid; er wollte in jedem Einzelnen einen Feuereifer, für fremdes Wohl, eine freudige Achtung für fremdes Verdienst erwecken. Ein edles Beispiel alles Vortrefflichen leuchtete er seinem Volke voran und suchte es zu bewegen, ihm nachzufolgen. — Umsonst! Außer der kleinen Schar, die ihn von allem Anfang an begleitet hatte, schlug Niemand seine Pfade ein.
Nach einem Jahr nutzlosen Strebens rief er zu den Göttern:
»Unüberwindlich böse Mächte vergiften mir mein Volk und lassen es nicht genesen von Unrecht und Leid. Nehmt die unheilbare Krankheit hinweg, die an ihm zehrt. Nehmt die unverbesserlichen hinweg, nehmt Jeden, der keiner einzigen guten Regung fähig, Jeden, dessen Dasein nur Unheil und Uebel für seinen Nebenmenschen ist.«
Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als er sie bereute, meinend ein Todesurtheil über viele Hunderte gefällt zu haben. Er lag bis zum Morgen auf den Knieen und weinte vor den Bildern seiner Götter. Dann begab er sich auf die Reise und fragte angstvoll in den Städten und Dörfern umher: »Sind heute Nacht viele Leute gestorben?«
Und allenthalben hieß es: »Nicht mehr als gewöhnlich,« und er wußte nicht, was er davon denken sollte.
Erst bei der Heimkehr in seinen Palast wurde er mit der Nachricht empfangen, daß einer seiner vertrautesten Räthe plötzlich dahingeschieden sei.
Zwei Jahre verflossen; so fern wie je stand der König von seinen Zielen.
Und abermals betete er zu den Göttern:
»Ich seh' es ein, nicht an den ganz Verderbten scheitert der Fortschritt im Guten, dazu giebt es ihrer zu wenige. Seine wahrhaft unüberwindlichen Feinde sind die Lauen, die Gleichgültigen, die Selbstsüchtigen, diese tilgt hinweg, ihr Allmächtigen!«
Am nächsten Morgen begab er sich wieder auf die Reise und nahm seinen jüngeren Bruder mit, der ihm das Theuerste auf Erden war.
Das goldgeschirrte königliche Gespann flog schimmernd durch die Gefilde des reichsten und schönsten Landes, und auf allen Wegen und Straßen kamen lange Leichenzüge ihm entgegen und alle Todtenglocken schallten, und kein Kirchhof, noch so groß, war groß genug, um alle Särge zu fassen, die ihm zugeführt wurden.
Wo der König sich zeigte, allerorten rief man ihm entgegen:
»O Herr, Dein Reich ist entvölkert!«
»Es ist gereinigt!« dachte er, »das Unkraut ist ausgerottet, nun sollen goldene Saaten reifen ...«
»Eines nur noch, das letzte, gewährt mir, Ihr Götter! Gleichen Sinnes mit mir laßt die Ueberlebenden sein, ein Streben beseele sie und mich ... Hab' ich noch einen Widersacher unter ihnen, giebt es einen, der mir je den Tod gewünscht hat — er sterbe!«
Laut sprach's der König, und wie vom Blitze des Himmels getroffen, stürzte der blühende Jüngling an seiner Seite zusammen. Ein gräßlicher Schrei ertönte: »Du? — mein Bruder — Du?«
Der Wagenlenker wandte sich entsetzt — Wahnsinn dräute ihm entgegen aus dem Antlitz seines Herrn, und wahnsinnig war, was sein Herr beging. Die Zügel riß er an sich und schleuderte sie über die feurigen, mühsam nur gebändigten Rosse hin und rief: »Lenkt ihr! lenkt Euch selbst und mich!«
»Ins Verderben!« jammerte sein Diener in bleicher Todesangst, und den König ergriff ein Erbarmen, er hob den Zitternden empor und warf ihn hinaus aus dem Gefährt, ins hohe Wiesengras.
Er selbst jedoch, der Willkür der jagenden Rosse überlassen, stürmte dahin mit fliegenden Locken, den Fuß auf die Leiche des Bruders gesetzt. Stürmte vorbei an den Wohnungen der Menschen, über rasselnde Brücken, über Niederungen und Höhen, durch wogende Felder, durch die schweigende Oede. Endlich sausten die Rosse einen jähen breiten Waldweg hinab und brachen in der Tiefe nieder, ein wilder, lebendiger Knäuel. Neben ihnen, besinnungslos, lag der König.
Als er zum Bewußtsein erwachte, war es Nacht, der Mond schien hell und leuchtend in den Thalkessel hinein. Im Scheine seines weißen Lichtes entwirrte der König die Zügel und Stränge, in denen die Pferde sich verwickelt hatten, half ihnen auf und gab ihnen die Freiheit. Dann begrub er seinen Bruder unter den hohen Bäumen und wanderte fort; wanderte bei Nacht, verbarg sich bei Tag und gelangte bis an die äußerste Grenze seines Landes. In einem Dorfe tauschte er seine Kleider mit denen eines Hirten und lebte jahrelang unerkannt bald da, bald dort, pflegte die Kranken, betreute die Greise und die Kinder und wunderte sich, wenn er bei diesen Kindern Fehler wiederfand, die er meinte aus der Welt geschafft zu haben. Und er verwies sie ihnen theils mit Strenge, theils mit Sanftmuth und stand ihnen liebreich bei im Kampfe menschlicher Schwäche mit menschlichem Vervollkommnungstrieb.
Er war ein reifer Mann geworden und ruhte eines Abends nach angestrengtem Tagewerk vor der Hütte, die er bewohnte, aus. Da näherte sich ihm ein Weib, steinalt, aber rüstig, mit ernsten, klaren Augen, und wollte bei ihm bleiben und ihm dienen.
Und er, statt ihr zu danken, sprach vorwurfsvoll:
»Erfahrung, verläßlichste, unentbehrlichste Führerin, warum hast Du Dich fern von mir gehalten in den Tagen meiner Macht? — jetzt kommst Du zu spät!«
Seufzend antwortete die alte Mutter:
»Das ist mein schweres, mein gewohntes Loos.«
Im Urwalde tief verborgen befand sich ein großartiger Ameisenbau. Das Völkchen, das ihn bewohnte, war fleißig und weise; es hatte sich im Laufe der Jahrhunderte eine vortreffliche Verfassung und ebensolche Gesetze gegeben. Die Wissenschaften wurden in Ehren gehalten, die Künste gepflegt; so blühten sie denn auch und trieben reiche Früchte. Fortwährend entdeckten die Gelehrten ewige Wahrheiten, und die Künstler hörten nicht auf, unsterbliche Werke zu schaffen. »Eine Civilisation wie die unsere,« sagten die Ameisen, »kann nicht mehr untergehen. Künftige Geschlechter werden das Erbe antreten, es vermehren und in unaufhaltsamem Fortschritt zu einer Vollendung gelangen, von der sogar das ameisliche Ahnungsvermögen sich keinen Begriff machen kann.«
In diesem Hochgefühle schwelgte die Nation, und es begeisterte sie zu immer neuen und edleren Bestrebungen.
Da ereignete es sich, daß eines Tages ein Löwe des Weges kam. Er bemerkte den Ameisenbau nicht und schritt gemächlich mit breiten Tatzen über ihn hinweg. Dabei wedelte er mit dem Schwanze, denn ihm war heiß, und wedelte den ganzen Bau sammt seiner Cultur und den ewigen Wahrheiten und den unsterblichen Kunstwerken so gründlich fort, daß keine Spur von ihnen übrig blieb.
»Schau',« sagte ein Kolibri zu seinem Weibchen, das neben ihm auf einer Lianenblüthe saß, »da hat ein großer Erdentreter eine Menge kleiner Erdentreter vernichtet.«
Das Weibchen zwitscherte: »Schade! Diese kleinen Klümpchen sind so nett hin und her gerollt um ihren großen Klumpen; es schien fast, als ob sie es wären, die ihn wachsen machten. Ich habe mich manchmal gefragt,« setzte sie nach einer Pause hinzu und bemühte sich, geistreich auszusehen, »ob sie sich nicht am Ende doch absichtlich bewegen und einen Willen und sogar einen Ansatz von Seele haben.«
»Gerade soviel als die Blätter der Bäume. Die rühren sich auch zeitweise; sind deshalb sie die Ursache seines Wachsthums?« spöttelte das Männchen. »Nein, geliebte Einfalt, schreibe ihnen nicht zu, was das alleinige Erbtheil der ersten unter den geflügelten Lebewesen ist — der Vögel, und ganz besonders der Kolibri, weil sie die Feinsten, die Schönsten sind, und weil die Geschwindigkeit ihres Fluges mit der Geschwindigkeit des Schalles wetteifern kann. Für uns scheint die Sonne, für uns bringt die Scholle, das Wasser, die Luft Nahrung in tausendfältiger Gestalt hervor. Wir sind der Mittelpunkt alles Seienden, vollendete Vögel, angefangene Engel; denn als solche schweben die seligen Geister unserer Vorfahren um das Nest des höchsten Engels, nach dessen Vorbild wir geschaffen sind, der Himmel und Erde und das Schicksal jedes einzelnen Kolibris in seinen mächtigen Fängen hält.«
Das Weibchen verstand ihn zwar nicht, bewunderte ihn aber doch sehr, beeilte sich auch, ihm Recht zu geben, denn sie befanden sich noch in den Flitterwochen.
Es war einmal ein Märchenprinz, der edelste, schönste, liebenswertheste von allen, die es je gegeben hat. Als er sechsundzwanzig Jahre alt geworden, ließ die Königin, seine Mutter, ihn rufen und sprach zu ihm:
»Die Zeit ist gekommen, in welcher Du eine Lebensgefährtin wählen und einen Hausstand gründen sollst. Bekanntermaßen findet man die besten Frauen, die es heutzutage giebt, auf dem Planeten Erde. Dort lebt auch die holde, Dir bestimmte Braut, ein Wesen, lieber Sohn, Dir gleich an Seelenadel.«
Der Prinz erröthete aus Bescheidenheit, und die Königin fuhr fort:
»Aber nicht ohne Weiteres kann ein so köstliches Gut Dir zu Theil werden, Du mußt es Dir verdienen.«
»Wodurch, o Mutter?«
»Durch rastloses Suchen, o Sohn.«
»In welcher Gegend der Erde?«
»In Europa.«
»Auf dem Lande; in den Städten?«
»In einer Hauptstadt, unter den Töchtern des höchsten Adels. Du weißt genug; nun gehe, mein Sohn.«
Aber dieser rief: »Und das Erkennungszeichen? ... Nur das noch sage mir, woran erkenn' ich sie?«
Die Königin stieg von ihrem Throne nieder und flüsterte ihrem Sohne einige Worte ins Ohr.
In den vornehmsten Gesellschaftskreisen einer großen Stadt war plötzlich ein junger Mann aufgetaucht, der allenthalben Liebe und Bewunderung erweckte. Alle historischen Namen wurden von dem seinen, der dem Mythus angehörte, verdunkelt. Sein Stammbaum war so lang, daß er nicht einmal in der längsten Straße der Stadt ganz aufgerollt werden konnte; sein Reichthum schien unermeßlich, seine Großmuth war es. Hochgeboren, edel und reich, was brauchte er außerdem noch zu sein, um die Herzen der Töchter und die Zustimmung der Eltern im Sturme zu erobern? So ritterlich und bescheiden wie er hatte noch nie ein Mann den jungen Damen den Hof gemacht. Was sie aber am meisten an ihm entzückte, das war seine Heiterkeit und sein Witz. Daß er den letzteren stets auf Kosten des lieben Nächsten übte, daß der himmlische Prinz ein Spötter war, hatten sie bald entdeckt und bemühten sich aus vollen Kräften, diesen fadendünnen Spalt an dem Panzer seiner Vollkommenheit zu erweitern.
Dies geschah aus weiblichem Instinkt.
Jedes Edelfräulein, mit dem er gelacht und gescherzt, war überzeugt, seiner Schwäche am geschicktesten geschmeichelt und damit sein Herz gewonnen zu haben. Doch keine dieser Hoffnungen erfüllte sich, und eines schönen Tages war der Prinz ebenso plötzlich wie er gekommen — verschwunden.
Dasselbe wiederholte sich in vielen anderen Städten. Der Prinz begann seine Freudigkeit einzubüßen; sein Witz wurde immer schonungsloser; er spottete nicht mehr, er lästerte. Sein Erdenwallen, das fühlte er wohl, machte ihn nicht besser, und am meisten kränkte ihn, daß er nur in seinen eigenen Augen an Werth verlor. Die Väter, die Mütter, die Töchter trieben nach wie vor Abgötterei mit ihm und verehrten jedes seiner Worte.
»Ewiges Einerlei!« sagte er oft laut vor seinem ganzen Gefolge. »Ich werde heimkehren zu meiner königlichen Mutter als alter Junggeselle.«
Und wirklich begann er zu versauern als ein solcher.
Endlich ergriff ihn ein ungeheurer Ekel. »Laß satteln! Unsere Wolken vor! Die schwärzeste für mich!« befahl er seinem Oberstallmeister. »Wir reiten!«
»Heute, Eure Hoheit?« versetzte der Würdenträger. »Ist heute nicht Hofball, den Eure Hoheit besuchen müssen?«
Der Prinz gab das zu und ging auf den Ball. Aber er tanzte nicht, schwatzte nicht, lachte nicht. Er stand in einer Ecke, sah den schönen, jungen Damen, die im Tact an ihm vorüber schwebten, traurig nach und seufzte: »Keine, keine Einzige!«
Die Melancholie des Prinzen war aufs Höchste gestiegen, als er plötzlich am anderen Ende des Saales ein liebliches Mädchen erblickte, das ruhig dasaß und, wie er, dem Tanze zusah. Sie jedoch that es mit heller Zufriedenheit und schien seelenvergnügt.
»O Seele!« dachte der Prinz, »wie schön mußt Du sein, um Dich so zu vergnügen am Vergnügen der Andern!« Sanft, aber unwiderstehlich angezogen, trat er vor das liebliche Mädchen hin, verbeugte sich und fragte: »Sie tanzen nicht, mein Fräulein?«
Sie stand auf, erwiderte seine Höflichkeit und, nachdem sie sich wieder gesetzt hatte, auch seine Frage: »Nein, mein Herr.«
»Und warum nicht!«
»Weil ich keinen Tänzer bekommen habe«, antwortete sie voll heiterer Gleichgültigkeit; und wie sie den Prinzen dabei mit ihren unschuldigen Augen anblickte, wurde ihm wohler, als ihm noch je auf Erden geworden war.
»Keinen Tänzer heute?«
»Heute nicht und nie,« und sie lachte so hell, daß er meinte, die goldenen Zauberglöcklein auf dem Thurme seines heimathlichen Schlosses den Morgen begrüßen zu hören.
Er sah nieder zu ihren wunderschönen Füßchen, betrachtete sie mit großer Aufmerksamkeit, und sagte: »Sie tanzen gewiß gern und ausgezeichnet?«
»Sehr gern, o ja, und nicht schlechter als eine Andere.«
»Und dennoch werden Sie nicht aufgefordert? Warum, warum?« rief der Prinz, immer mehr in Feuer gerathend, und ergriff ihre Hand.
Die Kleine erschrak, senkte die Augen und murmelte so undeutlich, daß nur Einer, der im Begriff ist, sich zu verlieben, es verstehen konnte: »Weil ich langweilig bin.«
»Langweilig? ... O, mein Fräulein! ...« Flammende Röthe brannte auf seinen Wangen, ein unterdrücktes Jauchzen drang aus seiner Brust: »O, mein Fräulein, dann erlauben Sie mir, an Ihrer Seite Platz zu nehmen.«
Man ließ sie nicht lange in Ruhe plaudern. Eine junge Dame nach der andern kam heran und verrieth auf mehr oder minder feine Weise ihr Erstaunen darüber, daß der Vielumworbene, dem die Wahl unter Adler- und Schwanenjungfrauen freistand, sich mit einem Gänschen beschäftigen mochte.
Wie auf Verabredung ließen sie ihren Witz sprühen, daß es nur so prasselte. Die Funken stoben, fielen über manchen guten Namen her und vernichteten ihn.
Und der Prinz, ach, der Prinz stimmte ein. Er sah die Stirne seiner lieblichen Nachbarin sich verfinstern, aber er stimmte ein. Ja, er fand ein teuflisches Gefallen daran, jede geistreich vorgebrachte Bosheit zu überbieten. Es gelang ihm beispiellos. Der Genius der Verleumdung schien über ihn gekommen, und er brachte dessen grausamste Eingebungen mit unbändigem Uebermuthe vor. Seine Zuhörerinnen stutzten, kicherten, errötheten. Viele gaben sich Mühe, eine leise Schadenfreude zu verbergen; das waren die Pfiffigen, die Klugen, die hatten längst »so etwas« bemerkt. Einige fühlten Mitleid und Bedauern, Andere waren erstaunt.
Ein Zweifel an dem Schlechten, das er aussagte, stieg in Keiner auf, in keiner Einzigen.
Und doch! — in Einer doch — in der Lieblichen, die der Prinz, so lange er sprach, kaum anzusehen gewagt hatte. Sie erhob sich klopfenden Herzens, Thränen des Zornes standen in ihren Augen. —
»Von Allem, was Sie da behaupten,« sagte sie kühn und laut, »glaube ich nichts!«
»Nichts? ... von Allem nichts?« ... Er stieß einen Schrei aus, der an den Wänden des Saales widerhallte wie himmlische Musik, warf sich auf die Kniee vor seiner anmuthigen Gegnerin und umfaßte mit beiden Armen ihre zarte Gestalt.
»Du bist es!« rief er. »O Mutter — die ist's — die gab mir das Erkennungszeichen!«
Im selben Augenblick öffnete sich die Decke, und auf ihrem mit Feuervögeln bespannten Sonnenwagen kam die Märchenkönigin herbeigeflogen.
Vor ihrer blendenden Erscheinung senkten sich alle Augen, nur die des Brautpaares nicht. Der Prinz führte seiner Mutter die Erwählte zu, und die Königin küßte sie dreimal und sprach:
»Ich wußte wohl, daß es eine lange Trennung von meinem Sohne galt, als ich ihn zur Erde sandte, eine Gemahlin zu suchen, die an Verleumdung nicht glaubt. Sei mir gegrüßt, Du holde Seltenheit!«
Die Königin hieß ihre Kinder einsteigen, die Feuervögel entfalteten ihre Schwingen und trugen die Glücklichen in das schöne Feenland, aus dem die Verleumdung verbannt ist, und wo sogar die jungen Damen schweigen, wenn sie von ihrem Nächsten nichts Gutes zu sagen wissen.
In einen mit Kreuzern gefüllten Sack gerieth zufällig einmal ein Dukaten. Nachdem er einige Zeit bei ihnen geweilt hatte, sagten sie: »Wir müssen unserem Gastfreunde einen Rang anweisen, laßt uns denn zuvor seinen Werth bestimmen.«
Die alten, die Patinirten, traten zusammen, beriethen lange und brachten es endlich zu dem Vorschlage:
»Der gelbe Bursche ist zwar schwächlich, doch beantragen wir, ihn um seines hellen Klanges und seiner feinen Legirung willen ebenso viel gelten zu lassen, wie Unsereinen.«
»Von Meinesgleichen werde ich höher gehalten,« wagte der Dukaten einzuwenden, und sogleich brachen die neuen, blanken Kreuzer, die schon über den Vorschlag der alten gemurrt hatten, in einen Sturm des Unwillens aus.
»Was geht uns an, wie Deinesgleichen Dich schätzen,« riefen sie. »Im Kupferlande gilt das Gold ein für allemal — nichts.«
Das wurde zum Gesetz erhoben.
Der Glauben und die Liebe waren einst ein Paar und führten die glücklichste Ehe. Eines Tages sprach der Glauben: »Ich muß wandern, ich muß mich über die Erde verbreiten,« und die Liebe bat: »Nimm mich mit.« Er aber erwiderte: »Das kann nicht sein. Ohne Dich bin ich stärker; allein ist der Held.«
Er ging und verirrte sich unterweges in Nacht und Finsterniß, und als er heimkam, erkannte die Liebe ihn kaum wieder, so sehr hatte er sich verändert — auch gegen sie. Sie hatte ihre Macht über ihn verloren.
Seitdem wendet er sich gar oft von ihr ab. Finden sie sich flüchtig zusammen, geschieht es nur, um sich bald wieder zu trennen.
Ihr Bund war Segen, ihre Uneinigkeit ist Fluch, und die Menschenkinder fühlen ihn schwer.
Einige Künstler und Kunstfreunde standen vor dem Moses des Michel Angelo. Die Einen liehen ihrer Begeisterung Worte, die Andern schwiegen von Ehrfurcht übermannt. Es war auch ein Drechsler aus der Vorstadt da, der blinzelte zu dem mächtigen Bildwerk empor, musterte es eine Weile und sprach dann mit Gönnermiene: »Recht nett!«
Ein Jüngling hatte ein schönes, treues Liebchen, strebte aber der Gunst einer Göttin nach. Diese wies ihn ab und sagte:
»Wie kannst Du glauben, daß ich mich einem Menschen huldreich erweisen werde, dessen Herz ich theilen müßte mit einem irdischen Weibe?«
Da verstieß er seine Geliebte, rief die Göttin wieder an und fragte: »Wirst Du mich belohnen für das Opfer, das ich Dir gebracht habe?«
»Schon deshalb nicht, weil Du Lohn erwartest,« erwiderte sie. »Ein Recht auf mich läßt sich nie und durch nichts erwerben.«
»Ich spreche auch nicht von Recht,« versetzte der Jüngling, »ich flehe um Deine Gnade.«
Die Göttin ließ ihr heiteres Lachen erschallen: »Behilf Dich einstweilen ohne sie. Du hast genug andere Güter; Du hast theure Eltern, Geschwister, Freunde, ein schmuckes Heim, Reichthum, Jugend, Gesundheit.«
Nun verschenkte er Alles, was er besaß, nahm auf Nimmerwiedersehen Abschied von den Seinen und folgte der Göttin nach — aus weiter, weiter Entfernung.
Weil er nichts Anderes mehr zu opfern hatte, opferte er ihr den Schlaf seiner Nächte und das Roth seiner Wangen, wachte und sang vor den Altären der Unsterblichen, verkündete ihren Ruhm und rief die Welt zum Zeugen seiner Anbetung und seiner ringenden Qual.
Aber seine Lobpreisungen und seine Klagen blieben ohne Widerhall, denn die Göttin hatte die Lippen, denen sie entströmten, nicht geküßt. Das Alter kam, zehrte an seiner Kraft, bleichte ihm die Locken, seine Sehnsucht blieb jung und heiß, und sie, deren Schrei die Ruhe des Himmels stört, zwang die Unsterbliche einmal wieder zu ihrem treuesten Diener herab.
Er warf sich ihr zu Füßen und flehte:
»Einen freundlichen Blick gewähre mir, ein holdes Lächeln, damit mein Leben nicht ganz verloren sei!«
»Wenn verloren, ist's meine Schuld?« fragte sie. »Warum wandelst Du auf meinen Spuren? — Wann rief ich Dich? — Laß ab von meinem Dienste, unberufener Knecht!«
Zürnend schritt sie hinweg, und er stand auf und folgte ihr.
Der Blonde und der Braune waren Nachbarn; Jeder von ihnen stand an der Spitze eines gutmüthigen Hirtenvolkes. Sie tauschten nach Bedarf die Producte ihrer Ländereien und blieben einander stets hülfreich in Noth und Gefahr.
Niemand hätte bestimmen können, welchem von Beiden ihr Bündniß mehr Nutzen brachte.
Eines Tages, im Herbste, begab es sich, daß ein heftiger Sturm großen Schaden anrichtete im Walde des Braunen. Viele junge Bäume wurden entwurzelt oder gebrochen, viele alte Bäume verloren mächtige Aeste.
Der Herr rief seine Knechte; sie sammelten die dürren Reiser und schichteten sie in Bündel.
Aus dem frischen Holze aber wurden Stöcke zugehauen. Im Frühjahr sollten sie verwendet werden zu einem neuen Zaune für den Hühnerhof der braunen Herrin.
Nun wollte der Zufall, daß ein Diener des Blonden die Stöcke in die Scheune bringen sah. Ihre Anzahl schien seinen etwas blöden Augen ungeheuer. Von Angst ergriffen lief er heim und sprach zu seinem Gebieter: »Ein Verräther will ich sein, wenn der Nachbar nicht Böses wider uns im Schilde führt!«
Er und andere ängstliche Leute, — es waren auch Weise darunter, — schürten so lange das Mißtrauen, das sie ihrem Herrn gegen den Freund eingeflößt hatten, bis jener sich entschloß, zu rüsten gegen die vermeintlich Gerüsteten.
Eine Scheune voll von Stöcken hatte der Braune; der Blonde wollte drei Scheunen voll von Stöcken haben.
Holzknechte wurden in den Wald geschickt. Was lag ihnen an seiner hohen Cultur? Ihnen that es nicht leid, einen jungen Baum zu fällen, ihm die aufstrebende Krone abzuhauen und die lichtsuchenden Aeste und die Zweige mit den athmenden Blättern.
Nach kurzer Zeit war der Wald verwüstet, aber der Blonde hatte viele tausend Stöcke.
Wie es ihm ergangen war, erging es nun seinem ehemaligen Freunde. Die Klugen und die Thörichten, die Verwegenen und die Zaghaften im Lande, Alle schrieen: »Es ist Deine Pflicht, Herr, dafür zu sorgen, daß uns der Tag des Kampfes reich an Stöcken finde!«
Und der Braune und der Blonde überboten einander in der Anschaffung von Vertheidigungsmitteln, und bedachten nicht, daß sie endlich nichts mehr zu vertheidigen hatten, als Armuth und Elend. Weit und breit war kein Baum zu erblicken, die Felder waren unbebaut; nicht Pflug noch Egge, noch Spaten gab es mehr: Alles war in Stöcke verwandelt.
Es kam so weit, daß die größte Menge des Volkes zu Gott betete: »Laß den Kampf ausbrechen, laß den Feind über uns kommen; wir würden leichter zu Grunde gehen unter seinen Stöcken, als unter den Qualen des Hungers!« —
Der Blonde und der Braune waren alt und müde geworden, und auch sie sehnten sich im Stillen nach dem Tode. Ihre Freude am Leben und Herrschen war abgestorben mit dem Glücke ihrer Unterthanen.
Und einmal wieder trieb der Zufall sein Spiel.
Die beiden Nachbarn stiegen zugleich auf einen Berg, der die Grenze zwischen ihren Besitzungen bildete.
Jeder von ihnen dachte: Ich will mein armes, verwüstetes Reich noch einmal überschauen.
Sie kletterten mühsam empor, kamen zugleich auf dem Grate des Berges an, standen plötzlich einander gegenüber und taumelten zurück ... Aber nur einen Augenblick. Ihre abwehrend ausgestreckten Hände sanken herab und ließen die Stöcke fallen, auf welche sie sich gestützt hatten.
Die ein halbes Jahrhundert in Haß verkehrte Liebe trat in ihr altes Recht. Mit schmerzvoller Rührung betrachtete der Freund den Freund aus halb erloschenen Augen. Nicht mehr der Blonde, nicht mehr der Braune! Wie aus einem Munde riefen sie: »O, Du Weißer!« und lagen Brust an Brust.
Wer zuerst die Arme ausgebreitet, wußten sie ebenso wenig, als sie sich besinnen konnten, wer dereinst die ersten Stöcke aufgestellt wider den Anderen. Sie begriffen nicht, wie das Mißtrauen hatte entstehen können, dem Alles zum Opfer gefallen war, was ihr Dasein, und das der Ihren lebenswerth gemacht hatte.
Eines nur stand ihnen fest: die niederdrückende Ueberzeugung, daß nichts auf Erden ihnen ersetzen konnte, was die Furcht vor dem Verlust ihrer Erdengüter ihnen geraubt hatte.
Der verkörperte Tadel — übrigens ein ehrlicher Bursche — begegnete einem jungen Poeten, erhob sofort seinen Knüttel und bläute den ahnungslos Dahinschreitenden tüchtig durch. Wenn aber der Tadel nichts weniger als ein Höfling war, so war der Poet nichts weniger als ein Weichling. — Jetzt weiß ich, dachte er, wo ich zu treffen bin, und will mir die Lehre zu Nutze machen.
Er kühlte seine brennenden Striemen an der nächsten frischen Quelle und schritt unverdrossen weiter.
Nach langer Zeit stieß er einmal auf das verkörperte Lob. Das hatte leider seinen unentbehrlichen Halt, den Tact, zu Hause gelassen und ergoß sich so lawinenartig über den Dichter, daß er sein Gleichgewicht verlor. Nicht genug. Immer in der besten Absicht, und beeifert, der Welt zu zeigen, mit welcher Berechtigung sein Hymnus ertöne, nahm das Lob ein Secirmesser und öffnete dem Poeten das Herz.
Der Sterbende aber rief: — »O Tadel, mein guter Feind, singe Du meinen Grabgesang!«
Ein Töpfer hatte zwei faule Söhne, die das väterliche Handwerk durchaus nicht erlernen wollten. Sein Nachbar, ein Schuster, dem er sein Leid klagte, tröstete ihn: »— Schickt sie mir. Vielleicht haben sie zu meinem Handwerk mehr Lust als zu dem Euren.«
Der Töpfer folgte diesem Rathe; aber seine faulen Söhne sträubten sich auch gegen den Unterricht, den sie beim Schuster und ebenso bei einem Sattler, einem Schneider, einem Schlosser, einem Glaser nehmen sollten, zu denen sie nach und nach in die Lehre kamen. Sie hielten es nirgends aus; sie blieben dabei, wir wollen keinen anderen Beruf ergreifen, als einen, zu dem man nichts zu lernen braucht.
Endlich sagte der Vater in seiner Verzweiflung: »Auf dem Dorfe finde ich nimmermehr, was ihnen paßt, ich will mich in der Stadt umsehen.«
Er ging mit seinen beiden Söhnen und kam bald darauf allein zurück.
»Habt Ihr sie untergebracht?« fragten die Nachbarn, und er antwortete: »Ja wohl.« — »Und in welcher Art? Was ist das für ein Beruf, zu dem man nichts zu lernen braucht? Doch wenigstens einer, der Euch ein großes Anlagecapital wird gekostet haben?«
»Je nun,« erwiderte der Töpfer, »meinem Peter habe im Papier, Federn und Tinte kaufen, und meinem Paul einen schwarzen Anzug machen lassen müssen. Der Peter ist nämlich Schriftsteller, und der Paul Landtags-Abgeordneter geworden.«
Palemon, der Maler, hatte ein Bild vollendet, welches er »Die Königin des Orients« nannte.
Es stellte Zenobia dar, wie sie, umringt von ihren Feldherren, Magiern, Wahrsagern, Künstlern und Gelehrten, die Huldigung der ihr unterworfenen Völker empfing. Das Gemälde erweckte Entzücken bei Laien und bei Kennern. Die letzteren lobten besonders die Charakteristik.
»Wenn man,« sagten sie, »die ganzen Figuren sammt Gewändern und Kopfschmuck verdecken, und nur die Gesichter unverhüllt lassen würde, jeder Kenner der ruhmvollen Vergangenheit unseres Vaterlandes müßte ausrufen: Diese ehernen Züge können nur die des Kriegshauptmanns Phuhl, und Jener kann nur Kalassar der Fürst sein, von dessen Thaten unsere Geschichte erzählt, und Dieser Divonibar, der unfehlbare Magier. Und dort — o, das ist sie, Zenobia die Große, die Einzige, deren Anblick uns auf die Kniee niederzwingt. An den Stufen ihres Thrones steht Longinus, der Rhetor. Seht um seine Lippen den Genius der Beredtsamkeit schweben!«
Palemon lächelte zu diesem Lobe: »Wäret Ihr doch in meine Werkstatt gekommen und hättet meine Modelle gesehen,« sprach er. »Wisset, jener Kopf, von dem Ihr meint, er müsse der des berühmten Redners sein, ist der Kopf meines stummen Pferdelenkers; zum Vorbilde der keuschen Zenobia, vor der Ihr in Anbetung versinkt, hat mir die Tänzerin Myra gedient; zu dem des Magiers ...«
Die Kritiker fielen ihm ins Wort: »Um so höher preisen wir Dich, Du Maler des Unsichtbaren. Zweiter Prometheus, der die Gebilde seiner Hand zu beseelen versteht mit Funken himmlischen Feuers. Seht sie leuchten aus der niederen irdischen Form! Seht auf vergänglichen Stirnen unsterbliche Schönheit thronen. Aus den Augen einer Hetäre grüßt uns der Geist der großen reinen Zenobia, der Mund eines stummen Knechtes spricht Worte des Lebens.«
Ein fremder Kunsthistoriker, der von weither gekommen war, um das Bild Palemons zu sehen, erhob seine Stimme: »Thoren, veraltete Schwärmer!« rief er, »wo bleibt bei dieser Auffassung die Wirklichkeit, die Natur? Glaubt nur: Der Maler, unter dessen Pinsel eine Zenobia zur Hetäre und ein feiner Denker zum rohen Tölpel wird, steht der Wahrheit näher als Ihr.«
Die einheimischen Kritiker wollten den Fremden sofort steinigen; aber Palemon hielt sie davon ab:
»Das wäre das Rechte — todtmachen, den man nicht widerlegen kann. Nicht kann!« donnerte er die Einwendungen seiner Anhänger nieder, »es sei denn, Ihr wüßtet, was vorherrscht auf Erden: Licht oder Schatten, Blüthe oder Fäulniß, das Gute oder das Böse. Aber Ihr und der und ich, wir wissen es nicht, wir glauben nur, und die Jünger dieses Fremden thun wie die meinen: sie schaffen im Sinne ihres Glaubens. Ihr großer Irrthum jedoch ist, daß sie sich für die einzigen Vertreter der Wahrheit in der Kunst halten, weil sie malen und bilden, was Jeder, auch der Gemeinste, sieht. Ich erhebe denselben Anspruch auf treue Wiedergabe der Natur, wie sie, wenn es mir gelingt, überzeugend darzustellen, was ich allein gesehen habe: einen edlen Zug im Angesicht der Verworfenen, einen Blitz des Geistes im Auge des Einfältigen. Unsere alte und das, was sie die neue Kunst nennen, können übrigens nebeneinander bestehen und sind, wie mich dünkt, Schwingungen desselben Pendels.«
Zu dem Erdgeist Gaeus war das Mondwesen Elanuh zu Besuch gekommen. Sie flogen zusammen durch die herrlichsten Gegenden der Erde, und Elanuh, entzückt von dem Anblick der Wiesen, der Wälder, der Flüsse und Seen, rief aus: »Sie haben einen schönen Wohnplatz, die Menschen, es muß sich gut auf ihm leben lassen.«
»Ja wohl,« erwiderte der Erdgeist mit Stolz, »besonders dann, wenn sie, die athmen in dieser reichen Natur, mit ihrer höchsten Kraft begnadet und fähig sind, das Beste, das es giebt, zu empfinden.«
»Was ist das Beste?« fragte Elanuh.
»Die Liebe,« entgegnete der Erdgeist.
Während ihres Gespräches schwebten sie über den Dächern einer großen Stadt. Auf einem Hügel, das Häusermeer beherrschend, erhob sich ein fürstlicher Palast, von einem goldenen Gitter umgeben. Elanuh flog hinüber, ließ sich an eines der Fenster gleiten und guckte voll Neugier in ein prunkhaft eingerichtetes Schlafgemach.
Da sah er ein Weib auf dem Boden liegen, ein reizvolles Weib, in der Fülle des Lebens. Sie raufte ihr Haar und rang verzweiflungsvoll die Hände vor einem Christusbilde an der Wand, und betete:
»Gieb es nicht zu, o Herr! Errette mich! Laß mich nicht unterliegen in Schmach. Nimm mich zu Dir, eh' ich verderbe! .... Denn ich verderbe, Herr — ich bin verloren. Ich war eine treue Frau, eine gute Mutter, und bin nun verloren. — Herr! Herr! ... Der Du für uns geblutet hast, sieh meinen Undank ... Laß Deine Blitze auf mich niedersinken — ich frevle, indem ich zu Dir bete, denn während des Gebets denk' ich nur Sünde. ... Tödte mich, retten kannst Du mich nicht mehr!«
Sie zerriß ihre prächtigen Gewänder und raste in Verzweiflung gegen sich selbst.
Elanuh wandte sich ab und sprach zu Gaeus: »Die Unselige ringt wie in den Krallen eines wilden Thieres. Was ist die Ursache ihrer Leiden?«
Gaeus, etwas verlegen, antwortete: »Die Liebe.«
Er flog weiter mit seinem Gaste, bis dieser vor einer Dachkammer Halt machte, die, trotz der vorgerückten Nachtstunde, noch erleuchtet war. Wieder sah er durch das Fenster und überblickte einen kleinen Raum, eine Stätte der Armuth. Auf einem Bänkchen, an der Wand, saß ein greises Ehepaar Schulter an Schulter, und Elanuh hörte die Alten jammern und wehklagen.
»Sie hat uns verlassen, sie hat uns dem Elend preisgegeben. Was bleibt uns noch übrig, als zu sterben, da sie fort ist, unsere Erhalterin, unsere Trösterin, unsere Einzige!«
»Fluch ihm, der unser Kind verleitet hat,« sprach der Greis, und hob die geballte, zitternde Faust gen Himmel. — Und die Greisin, mit dem Aufblitzen des Wahnsinns in ihren trüben Augen, wiederholte: »Fluch ihm!«
»Komm näher Gaeus,« sprach Elanuh, — »sieh diese Armen, und sage mir, welche Macht konnte eine gute Tochter bewegen, ihre Eltern, die hülflosen, — die sterbenden, in solchem Elend zurückzulassen?«
Gaeus senkte das Haupt und murmelte: »Die Liebe.«
Abermals nahmen sie ihren Flug, und plötzlich schoß Elanuh aus seiner Höhe zu einem kleinen, ebenerdigen Hause herab. Er schmiegte sich an das Fenster einer einfachen, weiß getünchten Stube, und erblickte ein liebliches Mädchen, das halb ausgekleidet an ihrem Bette lehnte. Mit dem Ausdruck der Todesangst ruhten ihre Augen auf einem jungen Manne, der vor ihr stand, verstört und bleich.
»Geh,« beschwor sie ihn — »der Vater erwacht. — Geh — was willst Du von mir?«
»Dich fragen: Ist morgen Deine Hochzeit?«
Sie brach in Thränen aus: »Quäle mich nicht — frage nicht, was Du weißt.«
»So ist Deine Hochzeit?« sprach er knirschend.
Das Mädchen schluchzte: »Du weißt es ja, und wem mein Herz gehört, das weißt Du auch.«
Wild und glühend sah er sie an: »Wenn Du nicht lügst, einen Kuß denn! — den ersten, den letzten: Ich will's!«
Verstohlen zog er mit der Rechten ein Messer hervor, riß mit dem linken Arme die Widerstrebende an sich, küßte sie und stieß ihr den Stahl in die Brust.
»Alle guten Geister! ... Was hat diesen Mann zum Mörder gemacht?« fragte Elanuh.
Gaeus verhüllte sein Antlitz und antwortete: »Die Liebe.«
»Und das ist das Beste, was es auf Erden giebt?« rief sein Gastfreund entsetzt. »Der gnädige Schöpfer steh' mir bei. Ich wünsche nichts mehr von Eurem Besten zu sehen. Lebe wohl.«
»Verweile,« bat Gaeus. »Ein unglücklicher Zufall hat uns geführt. Ich zeige Dir andere Bilder.«
»Sei bedankt, Du vermagst mir keine zu zeigen, welche mich diese vergessen machen könnten.«
Und ehe Gaeus ihn zurückhalten konnte, war Elanuh entflohen nach seiner kühlen Heimath.
In einer armseligen Hütte kam ein Knäblein zur Welt. Blaß und schmächtig lag es in den Armen seiner Mutter. Diese fühlte sich sterben und jammerte: »Was wird aus meinem hülflosen Kinde werden?«
Da trat ein Engel an ihr Lager: — »Ein Glücklicher!« sprach er, die Hand auf das Haupt des Neugeborenen legend.
»Willst Du ihn groß und geehrt machen?« rief die Mutter aufleuchtenden Blickes. »Willst Du ihn schmücken mit Schönheit ohne Makel, mit Weisheit ohne Fehl? Willst Du ihm den Genuß der Reichthümer dieser Erde schenken, ungetrübt durch die Angriffe der Mißgunst und des Neides?«
Der Engel erwiderte: »Das kann ich nicht; dem Loos der Sterblichen kann ich ihn nicht entziehen; wie alle seine Brüder muß er beides erfahren — Gutes und Böses. Aber einen Segen sprech' ich über ihn bei seinem Eintritt ins Leben. Er soll kein blind vertrauender Thor, und dennoch ohne Gedächtniß für das Böse sein, das die Menschen ihm anthun werden. Die Erinnerung an das Gute jedoch, das er sie vollbringen sehen und selbst durch sie genießen wird, soll sich unauslöschlich in seine Seele prägen. Stirb in Frieden, Du hast einen Glücklichen geboren.«
Ein Gottesleugner starb. Drüben im Jenseits traf er zu seiner entsetzensvollen Ueberraschung Den, dessen Spur ihm auf Erden unfindbar gewesen, den Schöpfer, den Erhalter, den Urquell alles Lebens.
Da warf er sich auf sein Angesicht nieder und rief: »O Herr, Du bist, und ich blinder Wurm habe Dein Dasein verneint. Nun richte und verdamme mich!«
Aber unendlich mild und gnädig neigte sich ihm der Herr. »Sei getrost,« sprach er. »Du hast Deinen Nächsten geliebt und ihn gelten lassen; Du hast Deine eigene Ueberzeugung nicht für die allein richtige gehalten und die nicht gehaßt, verachtet, verleumdet, die sie nicht theilten. Ob ein armes Menschlein wie Du an mich glaubt oder nicht, trübt das meines Namens Glanz? erfülle ich darum weniger das All? — Die aber, die ohne Güte und Duldung sind, denen die Liebe fehlt, und die sich doch berühmen, in meinem Dienst und zu meiner Ehre zu handeln, die freveln, die versündigen sich an meiner Majestät, sie werde ich zur Rechenschaft ziehen. Dich, Du harmloser Thor, nehme ich auf in mein Himmelreich.«
Wenn die Freuden Versammlung halten, findet so mancher verlotterte Gesell sich ein. Die hohen, die reinen gehen an ihm vorbei, zürnend, gleichgültig, wohl auch mit einem mitleidigen Lächeln.
Eine Freude nur wird immer hinausgeworfen, weil sie gar so gemein ist — die Schadenfreude.
Ein Schneckenmännchen, voll von Ehrgeiz und großen Ideen, — mit gutem Recht der Stolz seiner Nation, — unternahm es, an einer hochpolirten, steinernen Gartenbank emporzuklimmen. Dort oben, meinte er, müsse ein weiter Ausblick und eine ganz neue Weltanschauung zu gewinnen sein.
Nach langem mühe- und gefahrvollen Ringen gelang es ihm endlich, die Kante der Banklehne zu erreichen.
Behaglich sah er sich um und dachte: Am Ziele seiner Wünsche zu stehen, ist doch wunderschön; es giebt der Schnecke ein äußerst wohlthuendes Selbstbewußtsein. Uebrigens habe ich mich umsonst geplagt, denn die Welt nimmt sich von dieser hohen Warte nicht anders aus, als von meiner alten Wohnung im Felsenspalt.
Das sagte er auch seinen zahlreichen Anhängern, die sich ringsum im Grase versammelt hatten, um ihn zu bewundern. Aber sie erwiderten: »Verzeih', das können wir nicht glauben. Dein Haus badet im Azur, Deine Hörner reichen ans Himmelsgewölbe. Bei Tag kannst Du schwelgen in Sonnennähe, bei Nacht Fangball spielen mit den Sternen. O, Du Großer, sei auch großmüthig, gönne Deinen treuen Anhängern Antheil an Deinem Glücke! Hilf Deinem Nebenthier, hilf ihm zu Dir hinauf!«
Immer hartnäckiger bestürmten sie ihn, und begannen schon, ihm von allen Seiten nachzukriechen. Da er einsah, daß sie Vernunft nicht annehmen wollten oder vielleicht nicht — konnten, wohl auch geschmeichelt durch ihr Vertrauen, that er, was sie verlangten. Er kam den Tollkühnen entgegen, beschützte die Zagenden, bugsirte den, schob jenen vorwärts ... Alles vergeblich. Die Schnecken waren ungeschickt, und als sich zuletzt gar zu viele von ihnen auf einmal an den Herrn Patron ankletteten, verließ ihn die Kraft, und er plumpste sammt seinen Clienten auf die Erde nieder.
Da schämte und grämte er sich sehr und verlor seinen ganzen Anhang. Alle seine ehemaligen Verehrer aber erklärten einstimmig: Die Leute an sich reißen und sie dann ohne Weiteres fallen lassen, ist doch gar zu schnöde!
Eine Köchin wollte Vanille kaufen und trat in einen Laden, den sie seiner Ausstattung nach für einen Gewürzkram hielt. Die Wände waren bis zur Decke hinauf mit Schränken verkleidet, und jeder Schrank hatte Abtheilungen und Unterabtheilungen, und diese wieder hatten Fächer und Fächerchen, Laden und Lädchen, und bis zur kleinsten waren alle etiquettirt und numerirt. In der Mitte des Saales befand sich ein Tisch, an dem viele bebrillte Herren von ernstem und gelehrtem Aussehen saßen. Sie beschäftigten sich damit, Püppchen anzufertigen nach Vorlagen der Bilder berühmter, bekannter, halbbekannter oder auch vergessener Dichter und Schriftsteller.
Wenn die Püppchen vollendet waren, verglich Jeder die seinen mit denen der Anderen, und nun begannen Verhandlungen über die Aehnlichkeiten und Unähnlichkeiten dieser Nachbildungen und über den Platz, der ihnen anzuweisen sei. Jeder einzelnen wurden Buchstaben und Nummern auf den Rücken gemalt, und die Sortirung begann, und jedes Püppchen wurde in das ihm zukommende Fach gethan.
— Man erlebt doch alle Tage etwas Neues an Ausstattung der Waare, dachte die Köchin und wollte schon eine Stange Vanille im Goethe-Kostüm verlangen, als die Gesichter der Herren am Tische sich beängstigend verdüsterten.
»Wir müssen endlich zum Beschluß über die Gefangenen kommen,« sagten sie, und winkten einem Saaldiener, der eine Hühnersteige vor sie hinstellte, in welcher sich ein halbes Dutzend lebendiger Gestalten, Männlein und Weiblein, befand. Sie trugen theils ländliche, theils städtische Tracht und verbreiteten einen frischen Harz- und Erdgeruch, der den Herren so unangenehm war, daß sie sich die Nasen zuhielten. Dann entnahmen sie dem Käfig eines der zierlichen Wesen nach dem anderen. Ein Messen begann, ein Wägen, ein Versuchen, sie unterzubringen in das richtige Behältniß.
Aber sie paßten nirgends hin; Fächer und Lädchen, so viele ihrer waren, erwiesen sich als zu groß oder zu klein, als zu breit oder zu schmal für die eigenthümlichen Erscheinungen. Die Herren waren rathlos und fragten: »Was soll man anfangen mit solchen Mißgebilden, die sich in gar keine Kategorie eintheilen lassen?«
Da trat die Köchin vor, stellte ihren Korb auf den Tisch und sprach: »Gebt sie mir da herein, ich bringe sie meinen Kindern zum Spielen mit.« Gern wurde ihr willfahrt; auf ihre Bemerkung jedoch, sie glaube einen Gewürzladen betreten zu haben, mit Strenge geantwortet: »Würzig sei hier nichts, und sie befände sich in einem Taxirungs-Bureau.«
Sogleich sagte sie, daß sie nicht länger stören wolle, und ging hinweg. In ihrem Korbe aber erhob sich plötzlich ein wunderlieblicher Gesang. Von selbst öffnete sich der Deckel, und die Gestalten schwebten heraus. Sie hatten Flügel bekommen, wuchsen und wuchsen in der frischen Luft und schwirrten umher wie Lerchen. Ihre Lieder weckten ein Echo in den nahen Bergen.
Die Köchin glaubte sie für immer entschwunden, fand aber ihre Gesänge wieder auf den Lippen der Kinder, in den Herzen der Menschen und in ihrer eigenen Brust.
Die Göttin des Glückes verließ einen ihrer Lieblinge. Weil sie ihm aber noch im Scheiden einen Rest von Huld bewahrte, sprach sie zu ihm: »Einen Schein von mir sollst Du behalten. Er sichert Dir bis an Dein Ende Einfluß, Macht, die Gunst und das Vertrauen der Menschen.«
Dabei nahm sie einen Strahl aus ihrem Sonnendiadem und warf ihn dem einst Geliebten zu.
Er wich aus.
»Was thust Du?« fragte die Göttin; »ein Schein von Glück gilt auch für Glück.«
»Dem nicht, der Dich ganz besessen hat«, sprach er, und wandte sich ab. »Elend sein und glücklich scheinen, ist die größte Qual.«
Ein Prophet, eine Leuchte der Welt, war fern von seiner Heimath hochbetagt gestorben. Tausende hatten ihm das letzte Geleite gegeben und sich dann zerstreut. Seine Jünger jedoch blieben trauernd an seinem Grabe stehen, und Einer von ihnen sprach:
»Wie gern wüßte ich, ob sich auch an diesem Großen, diesem Weisen und Guten, an diesem Wohlthäter der Menschheit das gewöhnliche Propheten-Loos erfüllt! Wie gern wüßte ich, ob auch er daheim nichts gegolten hat!«
»Ueberzeugen wir uns davon an Ort und Stelle,« versetzte ein Zweiter. »Ich sehne mich sehr, die heilige Stätte kennen zu lernen, an welcher er geboren ward und seine besten Mannesjahre verlebt hat.«
Die Beiden traten die Wanderung an, und feierliche Wehmuth ergriff ihre Herzen, als sie in der Nähe ihres Reisezieles anlangten, eines hübschen Städtchens, das zwischen grünen Hügeln und wohlbebauten Feldern dalag und in der Morgensonne schimmerte.
Die Jünglinge begaben sich nach dem Martktplatze, wo das Rathhaus stand, und wollten eben an die Thür pochen, als sie sich öffnete und der Bürgermeister, begleitet von einem Dutzend Räthen, heraustrat. Er ließ einen flüchtigen Blick über die Fremden gleiten und schien unangenehm verwundert, als diese es wagten, ihn ohne weiters anzureden.
Mit halbem Ohre hörte er ihre Mittheilung an, daß sie die Ueberbringer einer erschütternden Botschaft seien, sagte: »Bedaure, bedaure,« und wollte vorübergehen. Aber einer der Jünglinge hielt ihn am Aermel fest, und der andere sagte:
»Der größte Mann, den Eure Stadt je hervorgebracht hat, ist in unserer Weltstadt verschieden.«
Bei diesen Worten verbreitete sich ein patziges Lächeln über die Züge des Bürgermeisters und über die aller seiner Beamten. Dreizehn Gesichter nahmen plötzlich denselben Ausdruck an, in dreizehn Köpfen stieg ein und derselbe Gedanke auf: Der größte Mann ist nicht gestorben, denn ich lebe!
Nun riefen die Jünglinge der stumpfen Gilde den Namen des Verehrten zu; er brachte nicht den geringsten Eindruck hervor. Die Räthe zuckten die Achseln, und der Bürgermeister sprach:
»Von seiner Berühmtheit ist hier nichts bekannt. Uebrigens, seht die alte Frau, die daher kommt, die gehört zu seiner Familie, die wird Euch bessere Auskunft über ihn geben können als wir. Sprecht aber laut, denn sie ist halb taub.«
Voll Ehrfurcht gingen die Jünglinge der Greisin entgegen, die eines Blutes mit dem geliebten Meister war, meldeten ihr in schonender Weise seinen Tod und beklagten, daß er in seiner Vaterstadt nichts gegolten habe.
»Nichts gegolten?« wiederholte die Alte, die von der ganzen Rede nur die letzten Worte und den Namen des Verewigten verstanden hatte. Und sehr geschmeichelt durch die Aufmerksamkeit, welche die Fremden ihr erwiesen, und durch die Spannung, mit welcher sie ihrer Antwort harrten, setzte sie mit vertraulichem Schmunzeln hinzu: »In seiner Familie hat er wohl für etwas gegolten, nämlich für einen armen Tropf.«
Eine kluge Prinzessin wurde von einem beschränkten, aber sehr mächtigen König geliebt und schenkte seinen Werbungen kein Gehör. Als er immer dringender und in Folge dessen lästiger wurde, beschloß sie, ihn für immer aus ihrer Nähe zu entfernen. Dies mußte jedoch in Güte geschehen, denn die Feindschaft des starken Nachbarn wollte die Prinzessin ihrem Lande nicht zuziehen.
So sprach sie denn eines Tages zu ihm: »Deine Treue hat mich gerührt, und ich will sie belohnen. Du sollst mein Gemahl werden, wofern es Dir gelingt, die Aufgabe zu lösen, welche ich Dir stellen will.«
Der König rief: »Nenne sie; wenn es im Bereiche menschlicher Kraft liegt, werde ich sie erfüllen.«
»Zieh hin,« erwiderte die Prinzessin, »und suche mir die folgenden drei Dinge ausfindig zu machen:«
»Ein Vorurtheil, das durch Vernunft besiegt wurde.«
»Eine Thorheit, die so groß ist, daß noch kein Mensch sie begangen hat.«
»Eine Lästerung, so schamlos, daß sich keine Zunge findet, um sie zu wiederholen.«
Der König lachte und gab Befehl, die Hochzeitsfeier zu bereiten, denn er meinte, in wenigen Tagen schon seine Braut heimzuführen. Dann begab er sich auf die Reise.
Dies geschah vor tausend Jahren, und bis heute ist er noch nicht zurückgekommen.
Unter den Göttern war ein Streit entstanden, und in Folge dessen erschien eines Tages im olympischen Staatsanzeiger die Kundmachung:
»Der Urheber des dichterischen Genies wird gesucht. Wer sich dafür hält, Mann oder Weib, trete hervor. Apollo und die Musen haben beschlossen, ihm eine in ihrer Nähe leer gewordene Wohnung anzuweisen.«
Schon am nächsten Morgen kam durch die Lüfte hergeflogen ein unabsehbarer Schwarm. An seiner Spitze schwebte auf mächtigen, kühn ausgebreiteten Flügeln, in thaufrischer Schöne blumenumkränzt, eine reizumflossene Gestalt.
Ein goldenes Füllhorn ruhte ihr im Arme, und mit überströmender Großmuth ausgestreute Segensspenden bezeichneten ihren Weg. Ihr Gefolge schloß ganze Welten in sich: Verkörperungen des Herrlichsten und Höchsten, wie des Furchtbarsten und Scheußlichsten; in nicht unterbrochener Reihe alle Abstufungen vom Wunderbaren bis zum Wunderlichen, lebendig gewordene Spiegelbilder aller Thaten und Unthaten aller Leidenschaften, Hoffnungen, Enttäuschungen und Träume. Die edelsten unter den unendlich mannigfachen Gebilden erschienen in hehrer Einfachheit, die anderen, unermeßlich reich geschmückt, schimmerten wie der neugeborene Tag. Ihnen auf den Fersen folgte, das Kainszeichen auf der Stirn, Brandfackeln schwingend, eine dunkle Schar. Blitzähnlich schossen diese Dämonen hin und her, und bei jedem Flügelschlage theilte und verdoppelte sich jede der grauenhaften Ausgeburten; eine riesige schwarze, mit furchtbarer Geschwindigkeit wachsende Wetterwolke rollten sie, Verderben verbreitend, durch den Raum.
Aber sie hatten ihre Meister. Unscheinbare Wesen, still und mild und dennoch heldenhaft, demüthig und dennoch unüberwindlich, wiesen die Unholde in ihre Schranken; und ein Schauspiel boten diese Kämpfe, so voll hinreißenden Schwunges, unerschöpflicher Abwechslung und Neuheit, so voll Gefahr und Triumph, so voll Jubel und Leid, daß die Götter ihm zusahen und horchten in athemloser Spannung. Was jedoch ihre größte Neugier erregte, das war eine kleine, bunte Menge, die inmitten des Gewühles auf einem grünen, blühenden Eilande, wie auf einem rettenden Schifflein segelte. Die schärfsten Contraste prägten sich in diesen Kleinen aus; Anmuth beseelte die meisten von ihnen; das zweischneidige Schwert, das Einige führten, traf, ohne zu verwunden. Sie spielten, waren aber nicht blind für die großen Schicksale, die sich um sie her vollzogen; mit Thränen in den Augen lachten sie, und ihr Lachen glich dem fröhlichen Gesang der Drossel und erheiterte den Olymp.
Momus, der zu den Füßen Melpomene's saß, sprach zu ihr: »Wer sind Die? Ich sollte sie kennen, ich kenne sie aber nicht.«
Die Muse erwiderte: »Ein nachgeborenes Völkchen — humoristisches Pack.«
Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Führerin des Schwarmes, die nun vor den Himmlischen stand. Ein Zauber ohne Gleichen ging von ihr aus; sie schüttelte ihr seidenweiches, welliges Haar und sagte mit wonniger Zuversicht:
»Mir und den Gaben, die ich verleihe, verdankt der Dichter den Antrieb zu all seinem Können und Thun. Ich bin die Phantasie.«
Die Götter schwiegen, sannen nach und erwogen noch die Berechtigung dieses Anspruches, als ein Mann, ganz in Eisen gepanzert, sich wuchtigen Schrittes näherte, neben die Phantasie hintrat und seine Stimme erhob:
»Diese Dame prahlt. Ohne mich wird aus dem Können, das sie ihrem Liebling in die Wiege legt, nie ein Thun; ohne mich bleiben seine Hervorbringungen eitel Anfänge und vergehen wie Schaum. Ich bin der Fleiß.«
Ein heiteres Lachen folgte dieser Erklärung, und alle Augen suchten den, der es ausgestoßen hatte.
Es war ein schlichter, kräftig gebauter Bursche, mit hellen Augen und rothen Wangen. »Meine himmlischen Herrschaften,« sagte er, »nur ungern wage ich mich in Eure wolkenüberragenden Höhen; doch zwingt mich dazu mein gutes Recht, das ich zu wahren habe. Du, Genie-Mutter,« — so wandte er sich ohne Umstände an die Phantasie, die bei seinem Anblick die schönen Lippen kaum merklich verzogen hatte, — »was würde aus Deinen Kindern, wenn ich nicht zu Gevatter bei ihnen stände? Elend müßten sie zu Grunde gehen, erdrückt unter den berauschenden Blumen, mit denen Du sie überschüttest, irre geführt durch Deine webenden Träume, toll gehetzt auf der Jagd nach Deinen lockenden Früchten, verzehrt von Deinen rastlos keimenden Gedanken. Und Du,« sprach er noch strenger zum Fleiße, »Du setzest den Sorgen, die mir diese gute Mutter und schlechte Erzieherin macht, die Krone auf. Du Maulwurf, Du! Den Eifer, den Du ihren Kindern in alle Adern spritzest, tausendmal verwünscht hab' ich ihn. Er zwingt mich, auf Tritt und Schritt hinter den von Dir besessenen Genies her zu sein, um sie zu leiten, um sie zu hindern, Deinem blinden Triebe folgend, sich todt zu arbeiten in einem todten Schachte. Ja, rühmt Euch nur, Ihr Zwei! Ohne mich wird das Beste, das Ihr zu spenden habt, Euren Auserkorenen zum Unheil und zum Fluch.«
Die Phantasie und der Fleiß senkten die Augen und widersprachen nicht. Apollo jedoch fragte:
»Wer bist Du, Einfacher und Schlichter, daß Du eine so selbstbewußte Sprache führen darfst?«
Die Antwort lautete: »Ich bin der Verstand.«
Da blickten die Götter einander an, einige von ihnen errötheten, besonders Venus und ihr Sohn. Sie senkten die olympischen Häupter und zogen sich zu einer Berathung zurück.
Der Beschluß, der in derselben gefaßt und durch Mercur verkündet wurde, war folgender:
»Wir anerkennen die Ansprüche eines Jeden von Euch auf die in unserem Erlasse ausgeschriebene Wohnung. Doch haben wir nur diese eine zu vergeben und können, da unser Reich ohnehin täglich an Boden verliert, nicht Raum schaffen für Euch Alle. Einen aber auf Kosten der beiden Anderen zu bevorzugen, widerstrebt unserer ewigen Gerechtigkeit. So nehmt unsern Dank für Euer Erscheinen und kehrt zur Erde zurück.«
Die Phantasie winkte ihrem Gefolge und flog davon; der Fleiß und der Verstand traten zu Fuße den Heimweg an. Der Erstere, ohne sich umzusehen; der Andere jedoch warf, am Himmelsthor angelangt, mehr zufällig, als mit Absicht, einen Blick zurück nach den Gefilden der Unsterblichen. Da sah er Minerva stehen, kampfbereit in ihrem Frieden, ruhig und gerüstet. Er beugte sich voll Ehrfurcht; und die Göttin der Weisheit, mit freundlicher Gebärde, ein holdes Lächeln um den ernsten Mund, grüßte ihn.
Es lebten einst zwei Brüder, denen die Fähigkeit gegeben war, Macht auszuüben über die Gemüther der Menschen.
Der Aeltere suchte die Darbenden auf und sprach ihnen von ihrem Rechte auf Genuß. Er ließ die Arbeitenden die Wonnen des Müßigganges kosten und entflammte die Besitzlosen zum Kampfe gegen die Besitzenden. Verherrlichung aller Handlungen der Armen und Elenden, Verhöhnung und Verdächtigung jeder That der Kinder des Glückes war das zweischneidige Schwert, das er mit glühender Ueberzeugung führte und das ihm einen blind ergebenen Anhang erwarb.
Der Jüngere predigte durch Wort und Beispiel nicht einer bestimmten Klasse, sondern allen Menschen. Er pries die Hochgeborenen und Reichen nicht als die besonders Begünstigten und bejammerte die Niedrigen und Armen nicht als die Enterbten des Geschickes. Er forderte von Allen gleiche Strenge gegen sich, das gleiche Mitleid mit dem Nächsten, die gleiche Gerechtigkeit gegen den Feind, und von Allen Arbeit. Vom Armen, weil sie Brot ist für Weib und Kind, vom Reichen, weil sie die freiwillige Armuth ist.
Seine Stimme konnte grollen wie der Donner, und seine Augen konnten dräuen wie der Blitz. Schonungslos schwang er die Geißel über Die, die er am meisten liebte, und heischte von ihnen fast ebenso viel Selbstverleugnung, wie von sich selbst.
Einmal geschah es, daß die getrennten Wege der Brüder sich kreuzten, und sie einander gegenüber standen.
»Wie viele Anhänger hast Du?« fragte der Aeltere den Jüngeren.
»Ich habe zehn gewonnen,« lautete die Antwort, und der ältere Bruder versetzte:
»Und ich zehntausend.«
In der folgenden Nacht hatte jeder von ihnen einen Traum, der ihm die Zukunft zeigte. Der Aeltere sah sich im Sarge liegen, umtobt von dem Streite Derer, die das Erbe seiner Macht antreten wollten. Um die Redegewandten waren kleine Scharen versammelt, lauschten ihren Schmeicheleien und Verheißungen und schenkten ihnen Glauben. In Fähnlein zerstückelt, stob das große Heer auseinander.
Der Führer keuchte und stöhnte im Schlafe; sein Lebenswerk, die Partei, die er gegründet, endete mit ihm.
Der Jüngere sah im Traume Wallerzüge durch die Fluren schreiten. Singend, Blumen und Palmen tragend, pilgerten sie zu einem grünen Hügel, der sich außerhalb der Mauer eines Dorfkirchhofs erhob. Sie kamen aus allen Weltgegenden, fremd in der Sprache, im Aussehen, im Gehaben. Aber am gemeinsamen Ziel angelangt, erkannten sie, daß sie Brüder waren. Sie reichten einander die Hände über dem Grabe und riefen in den verschiedensten Sprachen einen ihnen heiligen Namen.
Es war der des Träumenden — er hatte eine Religion gestiftet.
Ein kleines Lied, wie geht's nur an,
Daß man so lieb es haben kann,
Was liegt darin? erzähle!
Es liegt darin ein wenig Klang,
Ein wenig Wohllaut und Gesang
Und eine ganze Seele.
O du des himmlischen Reiches Kind,
Du Fremdling im nordischen Moose,
Von Düften umhüllet lieblich und lind,
Des Ostens holdeste Rose.
Dir gab der leuchtende Sonnenschein
Der Farbe Schimmern und Prunken,
Vom Urquell des Lichtes in dich hinein
Die Strahlen hast du getrunken.
Zunächst dem Kelch entfaltest du
Die Blätter wie goldene Schwingen,
In deines Herzens träumende Ruh'
Vermag kein Auge zu dringen.
Die würzigen Lüfte nur flüstern
ringsum,
Daß hier ein Geheimniß sich hehle,
Doch hüllt sich in Schatten das Heiligthum
Der schüchternen Blumenseele.
Auf Bergeshöhen schneebedeckt,
Auf grünen Hügeln weitgestreckt
Erglänzt die Morgensonne;
Die thauerfrischten Zweige hebt
Der junge Buchenwald und bebt
Und bebt in Daseinswonne.
Es stürzt in ungestümer Lust
Herab aus dunkler Felsenbrust
Der Gießbach mit Getose,
Und blühend Leben weckt sein Hauch
Im stolzen Baum, im nied'ren Strauch,
In jedem zarten Moose.
Und drüben wo die Wiese liegt
Im Blüthenschmuck, da schwirrt und fliegt
Der Mücken Schwarm und Immen.
Wie sich's im hohen Grase regt
Und froh geschäftig sich bewegt,
Und summt mit feinen Stimmen!
Es steigt die junge Lerche frei
Empor gleich einem Jubelschrei
Im Wirbel ihrer Lieder.
Im nahen Holz der Kuckuck ruft,
Die Amsel segelt durch die Luft
Auf goldenem Gefieder.
O Welt voll Glanz und Sonnenschein,
O rastlos Werden, holdes Sein,
O höchsten Reichthums Fülle!
Und dennoch, ach — vergänglich nur
Und todtgeweiht, und die Natur
Ist Schmerz in Schönheitshülle.
Es ist die allergrößte Pein,
Ein Halbpoet geboren sein,
Zu tragen in sich unerhellt
Das Chaos einer ganzen Welt,
Aus dessen Gähren, dessen Ringen
Kein ganzes Leben will entspringen.
Zu steh'n in heißen Durstesqualen
Am Zauberborn des Idealen,
Das Schöne liebend zu begreifen,
Heran zur höchsten Klarheit reifen,
Im Reinen wandeln und im Wahren —
Ohnmächtig es zu offenbaren.
In dir ein Schaffen unbewußt,
Ein lautlos Schrei'n in deiner Brust,
Ein Wogen, Keimen, Knospensprengen,
Ein ruheloses Vorwärtsdrängen,
Und dennoch keiner Blüthe Prangen,
Und dennoch kein Zumzielgelangen!
— Es ist die allergrößte Pein,
Ein Halbpoet geboren sein.
Bin ihr begegnet in allen Gestalten,
Sah sie gehüllt in jedwedes Gewand,
Heut in des Mantels purpurnen Falten,
Gestern in Lumpen wallend durchs Land.
Schwerer besiegt als Helden in
Waffen,
Leichter verletzt als ein hülfloses Kind,
Rastlos in ihrem nichtigen Schaffen,
Thöricht und klug, allsehend und blind.
Heimisch im Tempel, heimisch im
frechen
Hause der Sünde, in Hütte und Schloß,
Weiß sie in jeder Zunge zu sprechen,
— Bist du ein Mensch, du bist ihr Genoß.
Räthselhaft Wesen, dem alle wir
dienen,
Das uns beherrscht, ob wir groß oder klein,
Keiner ist noch auf Erden erschienen,
Der es gestand, dein Sklave zu sein.
Hältst du am engsten ein Opfer
umsponnen,
Trägt dir's gewiß den bittersten Haß.
Und dich verleugnet, den du gewonnen,
Schimmernde Lügnerin —: Vanitas!
Das eilende Schiff, es kommt durch die
Wogen
Wie Sturmwind geflogen.
Voll Jubel ertönt's vom Mast und vom
Kiele:
»Wir nahen dem Ziele.«
Der Fährmann am Steuer spricht traurig und
leise:
»Wir segeln im Kreise.«
Hülflos in die Welt gebannt,
Selbst ein Räthsel mir,
In dem schalen Unbestand,
Ach, was soll ich hier?
— Leiden, armes Menschenkind,
Jede Erdennoth,
Ringen, armes Menschenkind,
Ringen um den Tod.
Im Schatten dieser Weide ruht
Ein armer Mensch, nicht schlimm noch gut,
Er hat gefühlt mehr als gedacht,
Hat mehr geweint als er gelacht,
Er hat geliebt und viel gelitten,
Hat schwer gekämpft und — nichts erstritten.
Nun liegt er endlich sanft gestreckt,
Wünscht nicht zu werden auferweckt.
Wollt' Gott an ihm das Wunder thun,
Er bäte: Herr, o laß mich ruh'n!
Ein Weiblein klopft ans Himmelsthor,
Sankt Peter öffnet, guckt hervor:
— »Wer bist denn Du?« — »Ein Strumpf, o Herr« ...
Sie stockt, und milde mahnet er:
»Mein Kind, erkläre Dich genauer,
Was für ein Strumpf?« »Vergieb — ein blauer.«
Er aber grollt: »Man trifft die Sorte
Nicht häufig hier an unsrer Pforte.
Seid sammt und sonders freie Geister,
Der Teufel ist gar oft nicht dreister,
Geh hin! er dürfte von Dir wissen,
Der liebe Herrgott kann Dich missen.«
— »Das glaub' ich wohl, — doch ich nicht Ihn,
O Heil'ger, wolle noch verziehn!«
Sie wagt es, sein Gewand zu fassen,
Hat auf die Knie sich sinken lassen.
»Du starker Hort, verstoß' mich nicht,
Laß blicken mich ins Angesicht
Des Ew'gen, den ich stets gesucht.«
»In welcher Weise, ward gebucht.
Man strebt ihm nach wie's vorgeschrieben,
Du bist uns fern und fremd geblieben.«
Das Weib blickt flehend zu ihm auf:
»Wär' Dir bekannt mein Lebenslauf,
Du wüßtest, daß in sel'gen Stunden
Ich meinen Herrn und Gott gefunden.«
Der Pförtner stutzt: »Allwo? — Sprich klar!«
— »Daselbst, wo ich zu Hause war,
(Mein Handwerk brachte das mit sich)
Im Menschenherzen. Wunderlich
War dort der Höchste wohl umgeben;
Oft blieb von Seines Lichtes Weben
Ein glimmend Fünklein übrig nur,
Und führte doch auf Gottes Spur.
Ob er sich nun auf dem Altare
Den Frommen reicher offenbare —
Das zu entscheiden ist Dein Amt.
Bin ich erlöst? bin ich verdammt?«
Sankt Peter zu derselben Frist
Etwas verlegen worden ist,
Dacht' eine gute Weile nach,
Nahm endlich doch das Wort. Er sprach
Und rückt dabei den Heil'genschein:
»Besprich es drin. — Ich lass' Dich ein.«
Du Vielgeliebte, Dich hab' ich
geliebt
Von Deinem ersten Lebensstündlein an,
Als kaum entwunden Du dem Schoß der Mutter,
Dalagst auf ihrem Bette klein und roth,
Die Wangen voll von Fältchen und die Stirn,
Und auch die winz'gen, unbeholfnen Hände.
O, welch' ein Glück, an Deiner Wiege
stehn,
Bewundern still, wie schön Du schlafen kannst,
Und Dein Erwachen jubelnd zu begrüßen. —
Was immer meine Nichte that und ließ,
Ich fand es einzig, fand es genial;
So weint' und lachte niemals noch ein Kind,
So kroch noch keins dahin auf allen Vieren
Und sprach: »Tata« mit solchem Nachdruck aus.
Indessen leider! meine gute Meinung
—
Weiß Gott, wie's kam — gar viele theilten sie
Und machten sich höchst ungenirt zu eigen,
Was ich entdeckt in angestammter Weisheit.
Allmälig wuchsen hundert Toggenburgen
Empor am Strande Deiner wilden Petsch,
Und in den Burgen wohnten hundert Schmachter
Und Schmachterinnen treu bis in den Tod;
Das war ein Werben um klein Stutzis Gunst,
Von Jung und Alt ein Loben, Lieben, Staunen,
Solch' einen Heerbann überzeugter Schmeichler
Besaß nur noch die Königin von Saba.
Wie sie den ihren lenkte, weiß ich
nicht,
Doch um so besser denn, wie kurz und stramm
Der Deine ward gehalten. — Keine Faxen!
Die Losung galt, Du gabst sie unbewußt,
Eh' sprechen Du, geschweige denken lerntest.
So trugen wir es heuchlerisch
gelassen,
Als Du Dein Herz in feste Hände gabst ...
Was sag' ich, Hände? Pfoten sind's gewesen,
Die langen gelben der verehrten Lady.
Doch hatt' auch sie Rivalen,
vielgehaßte:
Kaninchen, Katzen, allerlei Gethier,
In erster Reih' die Ponies. Weißt Du noch,
Wie denen sie mißgönnte Deine Huld?
Und wie bestürzt, wenn ihnen Du geschmeichelt,
Die Alte floh, sich auf die Rampe setzte,
Den Kopf erhob und laut zum Himmel heulte.
Nur eines war mit ihrem Schmerz
vergleichbar,
Und ihrem Grimm — der Deine, Kind, als Du
Zu Jahren schon gekommen (ihrer fünf)
»Mémoires d'un âne«, von
Comtesse Ségur
Zur Kenntniß nahmst. Die Bonne las Dir vor,
Du stricktest stumm, mit ernstem Pflichtgefühl,
An Deinem ersten Strumpfe. Noch erreichten
Den Boden Deine Beinchen nicht, sie wiegten
Sich leise ... Wie Du horchtest, athemlos,
Durchglüht von Freude, Mitleid oder Zorn
Vom Wirbel bis zur Sohle — je nachdem
Des braven Esels Schicksal sich gestaltet.
Und wenn es rührend wurde, flossen Thränen
In hellen Strömen auf die Stickerei,
Die soviel Nässe gar nicht schlucken konnte.
Es war ein Anblick — ich vergeß ihn nie!
Und niemals auch, wie Du vor jenem Kitzlein,
Das einst der Jäger aus dem Wald Dir brachte,
Auf Deine beiden Kniee niedersankst,
Es anzufleh'n unendlich liebevoll:
»O fürcht Dich nicht — ich bin ja Deine Mutter!«
Und später dann, als Deine Herren
Brüder
Erschienen waren und so redlich halfen
Des Hauses kleinen Abgott anzubeten,
Was für Geschichten gäb's da zu erzählen,
Von einer wilden Hummel stets voran
In jeder Fährlichkeit, und ihren blind
Ergebenen Satelliten. — Doch genug,
Sonst heißt es gleich: das Alter ist geschwätzig.
Nur eins noch höre. Als nach langer Trennung
Du heute kamst mit Deinem schwarzen Jungen
Und seiner blonden Schwester, die kaum zählt
Der Jahre zwei und just so ernsthaft schaut
Wie einstens Du — da fiel mir Alles, Alles
Urplötzlich ein, vom Größten zum Geringsten,
Was wir durchlebt in Treuen ... Ich gedachte,
Wie mit der Zeit sich stets der Kreis erweitert,
In dem ich sucht' und fand mein reinstes Glück:
Wie manches neue, kleine Wesen kam,
Das einen Platz erstrebte zwischen uns
Und ihn erhielt und jedes obendrein
Bei seinem Eintritt auch mein ganzes Herz.
Das ganze Jedes — henkt die
Mathematik!
Denn immer noch ein ganzes bleibt mir übrig,
Es zu verschenken, wenn es wieder gilt.
Nicht protzen möcht ich, aber solcher Reichthum
Ist unerhört in meinen hohen Jahren.
Ich dank' ihn Euch, so seid mir denn bedankt,
Ihr Großen und ihr Kleinen, Fernen, Nahen.
Durch meiner Liebe, Eurer Liebe Kraft
Begiebt an mir ein schönes Wunder sich:
»Die Kinderlose hat die meisten Kinder.«
Sie sagen mir: »Das Dichten reibt Dich
auf.
Wir bitten, laß es! thu' das uns zuliebe.«
— »Mir selbst zuliebe thät' ich's, wenn ich könnt'.«
— »Du kannst, sobald Du willst. Doch daran fehlt's,
Am kräftigen Entschluß, sie zu besiegen
Die liebe Eitelkeit. Man lobt uns ja,
Und der an Lob gewöhnt, entbehrt es schwer.«
»Das weiß ich nicht, doch eines weiß ich gut:
Ob tausendmal auch mehr, als sich gebührte,
Mir Schätzung wurde, dennoch, glaubt mir, dennoch
Mein armes Rühmchen wär mir feil, und mit
Entzücken gäb' ich's für die Freiheit hin.
Ich diene ja, seht Ihr, bin willenlos
In meines Dämons Macht ... Wie nenn ich ihn?
Heißt er vielleicht, — daß Gott erbarm'! — Talent?
— Man sagt, die meisten, die von ihm besessen,
Sie wähnten ihn zu lenken, hielten ihn
Für ein Geschenk der gütigen Natur
Und pflegten sein mit stolzer, treuer Liebe.
Doch fass' ich's nicht. Ist's möglich denn, zu lieben
Was Dir das Höchste raubt, die Selbstbestimmung?
Was Dir mißgönnt die unbefang'ne Freude;
Entwerthet Deinen edelsten Genuß
Durch seiner Flüsterstimme rastlos Mahnen:
— Besinne Dich! was machst Du wohl daraus?
Gäb's nicht ein Bild — ein Streiflicht — ein Detail?
Der Dämon nimmt Dein Herz, stiehlt Dir die Seele,
Er füllt allein Dein ganzes Denken aus.
Du hast nur ihn; ja Dein ureignes Leben,
Dein menschlich Irren, jegliches Empfinden,
Dein glühend Mitleid, Haß und Zorn und Schmerz,
Dein stillstes Sehnen, Dein geheimster Traum —
In seinem Dienst wird alles ausgemünzt.
— Und dann? was dann? ... Ach Zweifelsqualen, denn,
Ob auf der Münze auch die Prägung echt,
Und angethan, zu dauern wie das Gute,
Wie nur das Gute dauert und besteht;
—
Das bleibt Dir unbekannt und bleibt es Jedem,
Der mit Dir wandelt noch im Tagesschein.«
Dünkt Euch dies Schicksal so beneidenswerth,
Ertrüg' es Einer, der es wenden könnte?
O Himmel! wenn ich's könnte, ginge mir
Im Alter noch ein neues Leben auf,
Ein Leben voller Ruhe, voller Frieden,
Und abgeschlossen ganz in meiner Liebe
Zu Euch, Ihr Menschenkinder, Brüder, Schwestern.
— So nach wie vor blieb Euer Leid das meine,
Und Euer Glück durchsonnte mir das Herz,
Doch Euch zu schildern hätt' ich aufgehört.
Der Tag ist aus, und nun — wie himmlisch wohl
wird's thun,
Vergessend seine Müh'n in sanftem Schlaf zu ruh'n.
— Es war ein harter Tag. — Vorüber und vorbei!
Gott gebe, daß, der kommt, ein minder harter sei;
Wenn nicht — nun denn, nun denn! — zu leiden und zu streben,
Ob mit, ob ohne Lohn, das nennen wir ja leben.
Die oft ersehnte Stund', sie bleibt nicht aus am Ende,
Da man zu ew'ger Rast darf kreuzen seine Hände.
Erlösungbringer Tod! wer hat nicht dein gedacht,
Als er sich hingestreckt zum Schlaf in stiller Nacht?
Der Schlaf ist kurzer Tod, wir können Probe halten
Vom dunkeln Schicksalsstück, darin als Held zu walten
Jedwedem einst bestimmt. — Wär's Jedem auch beschieden,
Mit sich und mit der Welt dahinzugehn in Frieden.
In sel'gem Frieden ... Ach, braucht ich zu wünschen nur,
Die Menschen hätten ihn, ihn hätte die Natur,
Kein Wesen fühlte Qual, selbst nicht der kleinste Wurm,
Ich schafft auch Ruh dem Meer, der Wolke und dem Sturm ....
Ein sonderbares Wort hab' ich dereinst vernommen
Und konnt' darüber nie zu voller Klarheit kommen.
— Nirwana war das Wort. Das heißt ... o Müdigkeit! —
Nicht denken jetzt, nicht mehr — es ist ja Schlafenszeit,
Willkommen, holde Zeit; sei gnädig mir, entrücke
Mich allem Leid.
Ich wollt', ich fänd' einmal die
Brücke,
Die aus dem wachen uns, dem voll bewußten Sein,
Ins halb bewußte Reich des Traumes führt hinein.
Ein zarter Wunderbau, ein räthselhafter Steg,
Nur das geschloss'ne Aug' entdeckt zu ihm den Weg. —
Ei horch, wie's summt und klingt: — die Spieluhr regt sich wieder
Und bringt ihr Liedchen vor vom muntren Seifensieder ...
Der es so gerne hört, mein ferner Liebling, Du,
Wann endlich kehrst Du heim? wann jauchzst Dein Gruß mir zu?
Viel Zeit muß noch vergehn, und Sommer muß es sein,
Und linde Luft muß wehn durch unsern Fichtenhain ...
Da steht er ja, er selbst — umhaucht von Harzesduft,
Die Wipfel ragen schlank und schimmernd in die Luft —
Ich seh' die Wiesen rings im Frühlingsglanz sich breiten
Und durch das junge Grün ein junges Kindlein schreiten.
So komm! — wo bist Du nun? ... gar nirgends zu entdecken —
Beim ersten Wiedersehn spielt schon das Kind Verstecken — —
Mit ihm entschwand der Tag; schneeweiße Nebel wallen,
Die qualmend sich zerstreu'n, die sich zusammenballen —
Und jetzt — o Seligkeit — o Himmelsblumen: Sterne!
Ich schweb', im Wolkenraum ... aus lichtverklärter Ferne
Erhebt sich's wie Gesang so mild und rein —
Ich schlafe nicht, noch lange nicht — o nein — — —
Was Gutes Du gethan und nicht vergessen hast,
Allmälig wandelt sich's in Unrecht fast.
Begang'ne Schuld, denkst ihrer Du mit Schmerzen,
Verklärt zur Tugend sich in Deinem Herzen.
Die Großen säen,
Die Kleinen mähen,
Die Kleinsten heimsen ein
So war's — so wird es sein.
Ein Mensch — und stolz? O sieh, Dein Thun,
Dein Lassen, Deine Meinung,
Das Alles ist, Du selber bist
Des Scheins Reflexerscheinung.
Verständniß für jedwedes Leid,
Erbarmen mild mit jedem Fehle;
Daran in dieser Zeitlichkeit,
Erkennst Du die erwählte Seele.
Die Eintagsfliege, wie so manche Leute,
Vergönnt sich keine Freude an dem Heute,
Denn ruh- und rastlos immer muß sie sorgen,
arme Eintagsfliege — für das Morgen.
Freundeslob und Feindestadel
Sind von zweifelhaftem Adel.
Es ist noch Jeder leicht durch diese Welt geschritten,
Der gut zu danken wußt', und wußte gut zu bitten.
's ist Alles schon gesagt, man kann nur wiederholen
Der ehrlichste Poet hat unbewußt gestohlen.
Zwei Dinge lern' geduldig tragen:
Dein eigen Leid, der Andern Klagen.
Unsterblich wandelt durch der Zeiten Frist
Das Werk des Denkers, der ein Künstler ist.
Ein Federheld von echtem Muth,
Der greift beherzt nach seinem Gut
Und Alles, was er brauchen kann,
Sieht als sein Eigenthum er an.
Wie lang' hat sich geübt im Täuschen und im Lügen,
Der endlich sagen darf: Mich kann man nicht betrügen?
Das Selbstvertraun, der feste Wille,
Auf die zuletzt kommt Alles an.
»Mein Freund, ins Schwarze zielt ein Jeder,
Doch trifft es nur der rechte Mann.«
Magst den Tadel noch so fein,
Noch so zart bereiten,
Weckt er Widerstreiten.
Lob darf ganz geschmacklos sein,
Hocherfreut und munter
Schlucken sie's hinunter.
Den alten Aposteln
Fast gleichen die jungen,
Nichts fehlt ihnen mehr
Als feurige Zungen.
Sich des Unrechtes wehren
Allezeit bringt Ehren.
Den Menschen, den nur Neider hassen,
Den muß der Neid selbst gelten lassen.
Was noch so fein Philosophie gesponnen,
Das bringt die Poesie ans Licht der Sonnen.
Nur der das Leiden kennt,
Kennt auch ein heiß Erbarmen;
Der selber darbt, der giebt;
Großmüthig sind die Armen.
Die erste Gans im Gänsezug,
Sie schnattert: »Seht, ich führe!«
Die letzte Gans im Gänsezug,
Sie schnattert: »Seht, ich leite!«
Und jede Gans im Gänsezug,
Sie denkt: — Daß ich mich breite
So selbstbewußt, das kommt daher,
Weil ich, ein unumschränkter Herr,
Den Weg mir wähl' nach eignem Sinn,
All meiner Schritte Schreiter bin
Und meine Freiheit spüre!
»A loadi's Erdbeer-Jahr, natürli,
gel'?
Am Benno-Tag, der Frost, der hat's dawischt!« —
Sprach sie mich an und lächelte dazu
Mit welkem Mund und wasserblauen Augen,
So harmlos wie ein Kind, die dürre Alte.
»Recht schlimm für uns, und schlimmer noch für
Euch,«
Erwidert' ich, »Ihr kommt um den Verdienst,
Den besten wohl im Sommer.«
»I? No wiss'ns,
Geit's ihrer weni, wern's halt besser zahlt
Die Erdbeer, gar die schöni, aus'm G'stoan,
Wie ebba selli da!«
Sie rückt hinweg
Den Deckel ihres Korbs, und drinnen lagen
Auf Tannenreislein und auf frischen Blättern
Erdbeeren duftend und so purpurroth,
Daß schon ihr Anblick eine Labung war.
Der Alten bot er wahren Hochgenuß:
»Die wachs'n auf'n Stauf'n, in die Schlucht'n,«
Sagt sie und hebt voll Finderstolz ihr Körbchen.
Ich hätte seinen Inhalt gern
erworben;
Er war verkauft. Vom Berge kam die Frau,
Nach langem Tagewerk, war hungrig jetzt,
Ein wenig müd' und sehnte sich nach Hause.
»Es warten Eurer«, meint' ich, »Eure Kinder
Und kleine Enkel dort.«
»Auf mi' wart' koa's,
I bin alloa,« gab sie zerstreut zurück,
Und mit der Rechten ihre Augen deckend,
Blickt' in die Sonne sie, die goldig fluthend
Soeben hinter Bergeshöh'n versank.
»Da schaug'ns hin, zum Zwisl schaug'ns
hin,
Da bin i morg'n um die Zeit scho' g'west.
Gon Ab'nd hoaßt's zur Alm no auffikrabin,
Im Heubüh drob'n schlaft ma woltern guat
Und fruh um zwoa geht's ani scho' in d'Staud'n.«
Und wieder lag auf ihrem greisen
Antlitz
Das Kinderlächeln, das mich gleich bezwang,
Als sie nun sprach von ihren Wanderungen
Im Morgendämmer und beim Sonnenaufgang,
Durch Waldesdunkel, durch das Felsgeklüft,
Und drob so Müdigkeit vergaß, wie Hunger.
Ein Jäger nur erzählt mit solcher Freude
Von seinen Abenteuern auf der Pirsch,
Wie von den ihren sie »beim Erber'-Brocken.«
Mit stillem Neide horcht' ich. Aus der
Noth
Nicht eine Tugend nur, auch Glück zu machen,
Das ist die allerhöchste Lebenskunst.
Ihr freilich mag sie leicht geworden sein,
Der schlichten, alten Freundin der Natur,
In diesem Dasein, halb im Traum geführt,
Dem Kampf der Welt entrückt, von Leiden frei.
»G'sund bin i, Gott sei Dank!« schloß sie vergnügt,
Und zwinkert' nach den gluthumsäumten Bergen
Voll Liebe hin, »und hon aa' koani Sorg'n.«
»Im Sommer, doch wie sieht's im Winter
aus?
Mit Gottes Gnad', an diem, a bissl wiescht,
Ma hofft halt immer, daß bal' Frühling wird.
An Oaschicks bringt ihm scho' so kloanweis furt.«
»Das ist der Trost der Einsamen,« sagt ich,
Wie Ihr es seid, und wohl von jeher war't?«
Gutmüthig, heit'ren Spotts zuckt sie die Achseln,
Ob meines Irrthums. »Na, von jeher nit,
I hon amal a schön's A'wes'n g'heit,
An braven Mo', fünf Kinder — ja amal!«
»Fünf Kinder? Hab' und Gut? Und steht allein
Und arm jetzt in der Welt? ... Wie ging das zu?«
»No, schiefri ebba. 's Unglück hat uns hoamg'sucht,
Verbrunnen san mer aa'«, gab sie zur Antwort
Und schien zu denken: Ei, was kümmert's Dich?
Doch mählich eines Bessern sich besinnend,
Hob leise seufzend sie von Neuem an:
»Vor dreizehn Jahren, — warten's — na, vor achtzehn,
Ja wirkli, achtzehn — wie die Zeit vergeht!
Da is bei uns das großi Feuer g'west.
In d' Tenna ei'gschlag'n hat der Blitz von Himmi —
Und voll mit Troad wie's war, so is verbrunnen,
Und aa der Mo', sex Küh', zwoa Kinder, all's
Verbrunna.«
»Wie? Verbrannt?!«
»Ja, ja verbrennt.
Mi selba hat der Nachbar no am Zopf
Der damal armsdick war — wer möcht' dees glaub'n? —
Herauszerrt aus die licht'rloh'n Flammen.
Die Gloabiger hon si' den Grund biholten,
Und wiar i gang'n, wiar i g'stand'n bin,
So bin i von der Brandg'stätt weiterzog'n.«
»Mit Euren Kindern?«
»Jo, mit denen drei,
Die übri blieb'n san, zwoa Diendln und
An kloan'n Bueb'n,« entgegnet sie gelassen.
»Und dann? Wie habt Ihr dann Euch
fortgeholfen?«
Sie hob den Kopf empor: »No, ehrli halt.
Viel g'arbeit, viel, und aa' a biß'l' bet',
A biß'l nur, denn damaln, wissen's, Frau,
Da war i bös mit unsern lieben Herrgott,
Und bin's aa' blieben no a lange Weil',
Denn oans vo meini Diendln is schlecht g'rath'n
Und leit da drauß'n vor der
Kirchhofmauer,
I mach en Umweg, mueß i dort vorbi.«
»Die Zweite aber? — die?«
»Die hat an Bauern,
In Hammerau, an reich'n, is versorgt.«
»Und sorgt für ihre Mutter, will ich
hoffen.«
»Für mi? Was denken's denn? Sie hat den
Mo',
Hat ihm ins Haus koan rothi Heller bracht
Und wird aa' koanen 'naustrag'n — dees hoff' i!«
»Und Euer Sohn?«
»Seidat war'r, Schandarm ...
I sag, er war, jetzunder is er todt,
Erschoss'n von die Pascher an der Grenz'.
In letzten Hirgscht hon i die Nachricht kriegt.«
Sie sprach es langsam, leise, unbewegt,
Sann nach ein Weilchen; wie ein Lichtstrahl flog's
Erhellend freudig über ihr Gesicht.
»Der is mit mir gar oft in d' Erdber' ganga
Wier er a Bua no war und später aa',
Der hat die Berg so guot gekennt, wiar i.«
Sie blickte in die Weite, ganz verklärt
Vom sanften Glück des lieblichsten Erinnerns,
Und wandt' zum Gehen sich mit kurzem Gruß.
Doch plötzlich hielt sie an. Die lichten Augen
Erglänzten wild und stoben Zornesfunken.
An uns vorbeigeschritten kam ein Knabe,
Der in der Hand ein Schüßlein voll mit Beeren,
Armselgen, halbgereiften, trug. — »Du Lump,«
Rief ihm die Alte zu, »kanst's nit derwart'n
Daß d' Erber' roth wer'n, muaßt di greani rupf'n?«
Mit hoch erhobner Faust bedroht sie ihn,
Und ein gewaltig Fluchwort flog ihm nah,
Als schleunig er und still die Flucht ergriff.
Dann aber ganz erregt vor Schmerz und Grimm
Sprach sie: »Dees is mei' allerirgster Kumma,
Wenn's d' Erber' brock'n u'reif und kloanleizi,
Ma mirkt's ja deutli, 's thuat der Pflanzen weh.
Sie wehrt sie drum, was sie nur ko', die Armi,
Just wier a Muatta um ihr liebis Kind,
Do' wenn die Frucht recht zeiti wor'n is,
Geits 's geduldi her; no jo, sie hat
Das ihre redli' tho', und denkt ihm halt:
Jetz' werst der endli aa dein Frieden gunna.«
Da stockte sie und sah mich fragend an,
Bestürzt beinah ob dieser Worte Sinn,
Der dämmernd nur ihr zum Bewußtsein kam,
»Wo wohnen's?« sprach sie hastig. »In Sankt
Zeno.«
»Da kimm i lei' an nächst'n Sunnta hin,
Und Erber' bring' i Ihna, solchi haben's
No niemal koana gsegn. Bfüth' Ihna Gott!«
| I. Aphorismen. | |
| Seite | |
| Aerzte werden | 47 |
| Alberne Leute | 74 |
| Alle Enttäuschungen | 56 |
| Alle historischen | 80 |
| Alle irdische Gewalt | 63 |
| Alles wird uns | 18 |
| Als eine Frau | 61 |
| Alte Diener | 23 |
| Alt werden heißt | 5 |
| Am unbarmherzigsten | 64 |
| Am weitesten in | 85 |
| Am Ziele | 88 |
| An das Gute | 18 |
| An dem Manna | 84 |
| Andere neidlos | 4 |
| An die Stützen | 70 |
| An groß angelegte | 38 |
| Anmuth ist | 5 |
| An Rheumatismen | 46 |
| Anspruchslosigkeit | 80 |
| Arme Leute | 26 |
| Auch das kleinste | 87 |
| Auch der ungewöhnlichste | 83 |
| Auch die Tugend | 12 |
| Auch in ein neues | 26 |
| Auch was wir | 22 |
| Auf angeborne | 47 |
| Ausdauer ist | 59 |
| Aus dem Mitleid | 54 |
| Aus dem Verlangen | 24 |
| Ausnahmen sind | 34 |
| Autoren die | 26 |
| Begeisterung spricht | 82 |
| Begreifen | 60 |
| Bei den Hottentotten | 75 |
| Beim Genie | 71 |
| Beim Tode | 23 |
| Beim Wiedersehen | 42 |
| Besondere Stände | 81 |
| Bewunderung | 41 |
| Bis zu einem | 66 |
| Da zuletzt | 65 |
| Das Alter | 12 |
| Das edle: Ich will | 39 |
| Das Erfundene | 62 |
| Das Feuer läutert | 66 |
| Das Gefühl | 67 |
| Das Gemüth | 59 |
| Das giebt sich | 40 |
| Das Leben | 75 |
| Das Meiste | 71 |
| Das Mitleid | 11 |
| Das Motiv einer | 12 |
| Das Recht des | 41 |
| Das scheinbar | 74 |
| Das Talent | 83 |
| Das Tüttelchen Wahrheit | 37 |
| Das unfehlbare | 57 |
| Das Vernünftige | 55 |
| Das Verständniß | 22 |
| Das Vertrauen | 12 |
| Daß andere Leute | 63 |
| Daß so viel | 78 |
| Dem großen Dichter | 50 |
| Dem Hungrigen | 56 |
| Dem, der uns | 68 |
| Demuth ist | 43 |
| Den Angriffen | 69 |
| Den Feind | 58 |
| Denkfaulheit | 27 |
| Den Menschen | 56 |
| Den Strich | 44 |
| Der alte Satz | 28 |
| Der am unrechten | 18 |
| Der ans Ziel | 57 |
| Der Arbeiter | 75 |
| Der Arme | 9 |
| Der Augenblick | 52 |
| Der Charakter | 33 |
| Der Egoismus | 64 |
| Der eitle, schwache | 26 |
| Der Gedanke | 24 |
| Der Geist einer | 22 |
| Der Geist ist | 15 |
| Der Genius | 49 |
| Der Gescheitere | 6 |
| Der Gläubige | 20 |
| Der größte Feind | 41 |
| Der Hans | 83 |
| Der Haß | 11 |
| Der herbste Tadel | 23 |
| Der Hochmuth | 4 |
| Der Ignorant | 79 |
| Der kleinste Fehler | 51 |
| Der kleinste Hügel | 85 |
| Der Künstler hat | 50 |
| Der Künstler versäume | 39 |
| Der Leichtsinnige | 77 |
| Der Mann | 27 |
| Der Maßstab | 50 |
| Der niemals Ehrfurcht | 45 |
| Der Pfennig | 75 |
| Der Philosoph | 35 |
| Der Platz | 73 |
| Der Ruhm | 80 |
| Der Schmerz | 27 |
| Der Schwächling | 34 |
| Der sich gar | 78 |
| Der sich keine | 30 |
| Der Spott | 56 |
| Der Staat | 44 |
| Der Umgang | 40 |
| Der Verstandesmensch | 6 |
| Der Verstand macht | 66 |
| Der Verstand und | 36 |
| Der Verstand wird | 74 |
| Der völlig vorurtheilslos | 81 |
| Der von Schaffensfreude | 76 |
| Der Weise | 42 |
| Der Weltmann | 62 |
| Der Witzling | 70 |
| Der Wohlwollende | 47 |
| Der Zufall | 4 |
| Die Aenderung | 63 |
| Die allerstillste Liebe | 71 |
| Die Ambrosia | 47 |
| Die Aufgabe | 72 |
| Die bedauernswerthesten | 41 |
| Die Bescheidenheit | 17 |
| Die Consequenzen | 7 |
| Die einfachste | 5 |
| Die eingebildeten | 11 |
| Die einzigen | 69 |
| Die Eitelkeit | 27 |
| Die Empfindung des | 32 |
| Die Erfolge | 74 |
| Die Frau, die | 64 |
| Die Frau verliert | 34 |
| Die Gedankenlosigkeit | 31 |
| Die Gelassenheit | 60 |
| Die Geschichte hat | 70 |
| Die Gleichgültigkeit | 53 |
| Die glücklichen Pessimisten | 4 |
| Die glücklichen Sklaven | 84 |
| Die Grausamkeit | 64 |
| Die größte Gewalt | 51 |
| Die größte Gleichmacherin | 59 |
| Die größte Nachsicht | 5 |
| Die großen Augenblicke | 70 |
| Die Großen schaffen | 35 |
| Die Großmuth | 87 |
| Die Güte | 13 |
| Die Gutmüthigkeit | 8 |
| Die Herrschaft | 39 |
| Die jetzigen | 4 |
| Die Katzen | 75 |
| Die Kleinen | 63 |
| Die kleinsten Sünder | 38 |
| Die Kraft verleiht | 69 |
| Die Kritik | 68 |
| Die Kunst | 67 |
| Die Langweile | 46 |
| Die Laster | 60 |
| Die Leidenschaft | 7 |
| Die Leute | 9 |
| Die Liebe hat | 15 |
| Die Liebe überwindet | 59 |
| Die Litteratur | 73 |
| Die meiste Nachsicht | 10 |
| Die meisten Menschen brauchen | 9 |
| Die meisten Menschen ertragen | 60 |
| Die meisten Nachahmer | 9 |
| Die Menschen, bei | 45 |
| Die Menschen denen | 19 |
| Die Menschen der | 67 |
| Die Menschen die | 49 |
| Die Natur | 51 |
| Die öffentliche Meinung | 78 |
| Die Palme | 60 |
| Die Reue | 74 |
| Die Rücksichten | 66 |
| Die Sitte | 63 |
| Die Sittlichkeit | 25 |
| Die still stehende | 82 |
| Die Summe unserer | 82 |
| Die Thaten | 49 |
| Die Theilnahme | 16 |
| Die Thoren | 14 |
| Die Treue | 84 |
| Die unerträglichsten | 30 |
| Die Unschuld | 61 |
| Die uns gespendete | 48 |
| Die verstehen | 3 |
| Die Vornehmen | 81 |
| Die wahre Ehrfurcht | 58 |
| Die Welt gehört | 52 |
| Die Wortkargen | 32 |
| Die Wunden | 76 |
| Dilettanten | 53 |
| Du kannst so rasch | 21 |
| Du wüßtest | 33 |
| Echte Propheten | 43 |
| Ehen werden | 8 |
| Ein anregendes Buch | 36 |
| Ein armer | 80 |
| Ein böser Mensch | 71 |
| Ein Dichter | 9 |
| Eine gescheite Frau | 28 |
| Ein einziges Wort | 50 |
| Einen Gedanken | 25 |
| Einen Menschen | 76 |
| Einen mit Weisheit | 73 |
| Einer der seltensten | 9 |
| Eine ungeschickte | 83 |
| Eine Vernunftehe | 29 |
| Ein fauler | 39 |
| Ein ganzes Buch | 47 |
| Ein Gedanke kann | 30 |
| Ein guter Witz | 43 |
| Ein Hauptzweck | 83 |
| Ein Held | 81 |
| Ein litterarischer Dieb | 35 |
| Ein Mann, der | 33 |
| Ein Mann mit | 36 |
| Ein Nichts | 45 |
| Ein scheinbarer Widerspruch | 29 |
| Ein Schwachkopf | 28 |
| Ein stolzer Mensch | 41 |
| Ein Streit | 30 |
| Ein Urtheil | 3 |
| Ein wahrer Freund | 35 |
| Ein wirklich guter | 47 |
| Eiserne Ausdauer | 6 |
| Eitelkeit | 61 |
| Eltern verzeihen | 21 |
| Erinnere Dich | 63 |
| Er ist ein guter | 32 |
| Erstritten | 37 |
| Es darf so mancher | 53 |
| Es findet nicht nur | 48 |
| Es gäbe keine | 46 |
| Es gehört immer | 31 |
| Es giebt eine Menge | 31 |
| Es giebt eine nähere | 82 |
| Es giebt eine schöne | 19 |
| Es giebt Fälle | 17 |
| Es giebt Frauen | 8 |
| Es giebt Gelegenheiten | 24 |
| Es giebt keine | 79 |
| Es giebt mehr naive | 42 |
| Es giebt Menschen | 67 |
| Es giebt Menschen mit | 18 |
| Es giebt nichts Böses | 28 |
| Es giebt überall | 42 |
| Es giebt wenig | 76 |
| Es glaube doch | 76 |
| Es hat noch Niemand | 4 |
| Es ist die Frage | 57 |
| Es ist ein Unglück | 13 |
| Es ist schlimm | 51 |
| Es ist schwer | 77 |
| Es kommt alles | 39 |
| Es kommt vor | 69 |
| Es muß sein | 61 |
| Es stände besser | 20 |
| Es steht etwas | 86 |
| Es würde sehr wenig | 18 |
| Etwas sollen wir | 14 |
| Fähigkeit ruhiger | 33 |
| Fortwährendem Entbehren | 24 |
| Freundlichkeit | 72 |
| Frieden kannst Du | 69 |
| Für das Können | 17 |
| Für die Anspruchsvollen | 38 |
| Gebrannte Kinder | 8 |
| Gedanken, die | 61 |
| Geduld mit der | 5 |
| Geistlose Lustigkeit | 76 |
| Gemeinverständlich | 31 |
| Genire Dich | 73 |
| Genug weiß | 65 |
| Glaube Deinen | 85 |
| Grobheit | 68 |
| Gutmüthigkeit | 65 |
| Hab' einen guten | 67 |
| Haben und nichts | 9 |
| Herrschaft behaupten | 66 |
| Hoffnungslose Liebe | 56 |
| Hüte Dich | 10 |
| Im Alter | 64 |
| Im Grunde | 62 |
| Im Laufe des Lebens | 52 |
| Im Laufe des Lebens verliert | 33 |
| Immer wird | 81 |
| Im Unglück | 70 |
| In der großen Welt | 60 |
| In der Jugend | 13 |
| In der Jugend meinen | 65 |
| In einem guten | 13 |
| In jede hohe | 45 |
| In jedem | 15 |
| Jeder Dichter | 49 |
| Jeder Künstler | 69 |
| Jeder Mensch | 85 |
| Jeder Weltmann | 48 |
| Je kleiner das | 54 |
| Je kürzer der | 56 |
| Je mehr Du | 6 |
| Je ungebildeter | 74 |
| Je weiter unsere | 49 |
| Jung sein | 31 |
| Kein Mensch steht | 40 |
| Kein Mensch weiß | 73 |
| Kein Todter ist | 84 |
| Klarheit ist | 77 |
| Künstler haben | 55 |
| Künstler! was Du | 6 |
| Liebe alle Menschen | 46 |
| Liebe ist Qual | 63 |
| Liebhabereien | 44 |
| Macht ist | 16 |
| Man bleibt jung | 64 |
| Manche Leute | 34 |
| Manche Menschen | 78 |
| Manche Tugenden | 43 |
| Man darf anders | 67 |
| Man darf die Phantasie | 40 |
| Man fordre nicht | 18 |
| Man hat einen zu | 33 |
| Man kann den | 84 |
| Man kann nicht allen | 21 |
| Man kann nicht jedes | 24 |
| Man kann sich | 73 |
| Man kann viele | 16 |
| Man muß das | 11 |
| Man muß schon | 60 |
| Manuscripte | 36 |
| Mehr noch als | 36 |
| Menschen, die nach | 25 |
| Menschen, die viel | 42 |
| Merkmal großer | 27 |
| Mißtraue Deinem | 79 |
| Mitleid ist | 8 |
| Muth des Schwachen | 34 |
| Nächstenliebe | 55 |
| Natur ist Wahrheit | 14 |
| Nenne Dich nicht | 87 |
| Nicht jeder große | 48 |
| Nicht jene, die streiten | 15 |
| Nicht leisten können | 44 |
| Nichts Besseres | 80 |
| Nichts bist du | 84 |
| Nichts ist erbärmlicher | 26 |
| Nichts ist weniger | 16 |
| Nichts lernen wir so | 49 |
| Nichts schwerer als | 86 |
| Nichts wird so oft | 7 |
| Nicht tödtlich, aber | 40 |
| Nicht was wir erleben | 46 |
| Niemand ist so | 62 |
| Nur der Denkende | 78 |
| Nur die allergescheitesten | 54 |
| Nur was für | 15 |
| Ob das Werkzeug | 75 |
| Raison annehmen | 10 |
| Respekt vor dem | 38 |
| Rücksichtslosigkeiten | 57 |
| Sag' etwas, das sich | 3 |
| Sagen was man | 42 |
| Schüchterne Dummheit | 7 |
| Schwächliche Grämlichkeit | 20 |
| Sehr geringe | 55 |
| Sei Deines Willens | 14 |
| Sei froh, wenn | 77 |
| Seit dem bekannten | 17 |
| Selbst der bescheidenste | 11 |
| Sich mit Wenigem | 17 |
| Siege aber | 4 |
| Sobald eine Mode | 50 |
| Sogar der edelste | 58 |
| So mancher meint ein Don Juan | 68 |
| So mancher meint ein gutes | 23 |
| So Manches | 82 |
| So manche Wahrheit | 35 |
| So reich unser | 87 |
| So weit Deine | 77 |
| Soweit die Erde | 43 |
| Späte Freuden | 55 |
| Steril ist | 76 |
| Suche immer | 34 |
| Theorie und Praxis | 59 |
| Treue Liebe | 28 |
| Treue üben | 52 |
| Tugend und Gelehrsamkeit | 62 |
| Ueber das Kommen | 29 |
| Ueberlege ein Mal | 50 |
| Ueberlege wohl | 85 |
| Um ein öffentliches | 56 |
| Um in eine | 22 |
| Unbefangenheit | 79 |
| Unbegründeter Tadel | 13 |
| Und ich habe mich | 58 |
| Unerreichbare Wünsche | 15 |
| Unseren schlechten | 37 |
| Unser Stolz | 58 |
| Verlegenheit äußert | 65 |
| Verschmähtes Erbarmen | 24 |
| Verständniß des | 22 |
| Vertrauen ist Muth | 3 |
| Verwöhnte Kinder | 32 |
| Viele Leute glauben | 41 |
| Vieles erfahren haben | 45 |
| Vorurtheil stützt die | 68 |
| Während des | 61 |
| Während ein | 83 |
| Warten lernen wir | 7 |
| Was Dein Wort | 86 |
| Was Du bekrittelst | 77 |
| Was Du wirklich | 37 |
| Was Du zu | 12 |
| Was ein Mensch | 23 |
| Was geschehen ist | 79 |
| Was liegt am | 53 |
| Was liegt dem | 21 |
| Was Menschen und | 47 |
| Was nennen die | 30 |
| Was noch zu | 51 |
| Was uns an | 3 |
| Was wir unserem | 83 |
| Was wissen wir | 84 |
| Weh der Frau | 57 |
| Welch ein Unterschied | 44 |
| Welcher Autor | 72 |
| Wenig Leidenschaft | 29 |
| Wenn alberne | 26 |
| Wenn der Kunst | 11 |
| Wenn die Großmuth | 31 |
| Wenn die Mißgunst | 16 |
| Wenn die Nachtigallen | 70 |
| Wenn die Neugier | 14 |
| Wenn die Zeit | 40 |
| Wenn Du durchaus | 32 |
| Wenn Du einen | 17 |
| Wenn Du sicher | 35 |
| Wenn ein edler | 21 |
| Wenn ein Mensch | 10 |
| Wenn es einen | 7 |
| Wenn ich nicht | 52 |
| Wenn Ihr wüßtet | 78 |
| Wenn Jeder dem | 59 |
| Wenn Jemand etwas | 10 |
| Wenn man das | 20 |
| Wenn man ein | 57 |
| Wenn man nicht | 39 |
| Wenn man nur | 10 |
| Wenn mein Herz | 46 |
| Wenn wir an Freuden | 48 |
| Wenn wir auch | 54 |
| Wenn wir nur das | 79 |
| Wenn wir nur noch | 58 |
| Wenn zwei brave | 16 |
| Wer an die | 8 |
| Wer die materiellen | 52 |
| Wer es versteht | 29 |
| Wer Geduld sagt | 22 |
| Wer hat nicht | 81 |
| Wer in der Gegenwart | 27 |
| Wer in die | 36 |
| Wer nichts weiß | 21 |
| Wer sich mit | 42 |
| Wer sich seiner eigenen | 11 |
| Wie theuer Du | 87 |
| Wie viel Bewegung | 43 |
| Wie weise muß | 5 |
| Wir entschuldigen | 13 |
| Wir hätten wenig | 48 |
| Wir können es | 86 |
| Wir können uns | 68 |
| Wir müssen immer | 88 |
| Wir sind für nichts | 53 |
| Wir sind Herr | 85 |
| Wir sind in | 80 |
| Wir sind leicht | 77 |
| Wir sollen immer | 12 |
| Wir sträuben uns | 87 |
| Wir unterschätzen | 82 |
| Wir verlangen | 6 |
| Wir werden vom | 72 |
| Wisset, die Euch | 72 |
| Wo die Eitelkeit | 22 |
| Wo Geschmacklosigkeit | 66 |
| Wo giebt es noch | 45 |
| Wohlerzogene | 44 |
| Wohl finden wir | 88 |
| Wohl Jedem, der | 38 |
| Wo wäre die | 25 |
| Zu jeder Zeit | 30 |
| Zu späte Erfüllung | 14 |
| Zwei sehr | 23 |
| Zwischen Können | 41 |
| II. Parabeln und Märchen. | |
| Die Mußmenschen | 91 |
| Ein Vergleich | 101 |
| Zwei Gräber | 102 |
| Prometheus | 104 |
| Eine Begegnung | 106 |
| Die Fremde | 108 |
| Das Blatt | 111 |
| Die Siegerin | 112 |
| Verlorene Zuversicht | 114 |
| Am Ziel | 115 |
| Eine dumme Geschichte | 117 |
| Der junge Fürst | 125 |
| Kosmogonie | 130 |
| Brautwahl | 133 |
| Werthbestimmung | 140 |
| Geschieden | 141 |
| Des Kleinen Lob | 142 |
| Besessen | 143 |
| Die Nachbarn | 145 |
| Der gute Feind | 149 |
| Ohne Vorschule | 150 |
| Palemon | 152 |
| Das Beste | 155 |
| Ein Glücklicher | 159 |
| Der Gottesleugner | 161 |
| Die Vervehmte | 162 |
| Die Anhänger | 163 |
| Die Ausgestoßenen | 165 |
| Der Verwöhnte | 168 |
| Propheten-Loos | 169 |
| Ungelöste Aufgaben | 172 |
| Die Untrennbaren | 174 |
| Die Brüder | 179 |
| III. Gedichte. | |
| Ein kleines Lied | 185 |
| Boule d'or | 185 |
| Sommermorgen | 186 |
| Der Halbpoet | 187 |
| Vanitas | 188 |
| Das Schiff | 189 |
| Lebenszweck | 190 |
| Grabschrift | 190 |
| Sankt Peter und der Blaustrumpf | 191 |
| Liebeserklärung | 193 |
| So ist es | 196 |
| Einschlafen | 198 |
| Spruchverse | 201 |
| Gänsezug | 204 |
| Die Erdbeerfrau | 205 |
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»Meuschen« wurde in »Menschen« geändert:
Was nennen die Menschen am liebsten
dumm?
Seite: 134
»Töchter« wurde in »Töchtern« geändert:
...unter den Töchtern des höchsten
Adels.
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»au s?« wurde in »aus?« geändert:
Im Sommer, doch wie sieht's im Winter
aus?