The Project Gutenberg eBook of Römische Geschichte — Buch 3

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Title: Römische Geschichte — Buch 3

Author: Theodor Mommsen

Release date: February 1, 2002 [eBook #3062]
Most recently updated: February 3, 2020

Language: German

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE — BUCH 3 ***

Römische Geschichte

Drittes Buch
Von der Einigung Italiens bis auf die Unterwerfung Karthagos und der griechischen Staaten

von Theodor Mommsen


The following e-text of Mommsen’s Roemische Geschichte contains some (ancient) Greek quotations. The character set used for those quotations is a modern Greek character set. Therefore, aspirations are not marked in Greek words, nor is there any differentiation between the different accents of ancient Greek and the subscript iotas are missing as well.

Contents

Drittes Buch—Von der Einigung Italiens bis auf die Unterwerfung Karthagos und der griechischen Staaten
KAPITEL I. Karthago
KAPITEL II. Der Krieg um Sizilien zwischen Rom und Karthago
KAPITEL III. Die Ausdehnung Italiens bis an seine natürlichen Grenzen
KAPITEL IV. Hamilkar und Hannibal
KAPITEL V. Der Hannibalische Krieg bis zur Schlacht bei Cannae
KAPITEL VI. Der Hannibalische Krieg von Cannae bis Zama
KAPITEL VII. Der Westen vom Hannibalischen Frieden bis zum Ende der dritten Periode
KAPITEL VIII. Die östlichen Staaten und der Zweite Makedonische Krieg
KAPITEL IX. Der Krieg gegen Antiochos von Asien
KAPITEL X. Der Dritte Makedonische Krieg
KAPITEL XI. Regiment und Regierte
KAPITEL XII. Boden- und Geldwirtschaft
KAPITEL XIII. Glaube und Sitte
KAPITEL XIV. Literatur und Kunst

Drittes Buch
Von der Einigung Italiens bis auf die Unterwerfung Karthagos und der griechischen Staaten

arduum res gestas scribere

arg beschwerlich ist es, Geschichte zu schreiben

Sallust

KAPITEL I.
Karthago

Der semitische Stamm steht inmitten und doch auch ausserhalb der Voelker der alten klassischen Welt. Der Schwerpunkt liegt fuer jenen im Osten, fuer diese am Mittelmeer, und wie auch Krieg und Wanderung die Grenze verschoben und die Staemme durcheinanderwarfen, immer schied und scheidet ein tiefes Gefuehl der Fremdartigkeit die indogermanischen Voelker von den syrischen, israelitischen, arabischen Nationen. Dies gilt auch von demjenigen semitischen Volke, das mehr als irgendein anderes gegen Westen sich ausgebreitet hat, von den Phoenikern. Ihre Heimat ist der schmale Kuestenstreif zwischen Kleinasien, dem syrischen Hochland und Aegypten, die Ebene genannt, das heisst Kanaan. Nur mit diesem Namen hat die Nation sich selber genannt - noch in der christlichen Zeit nannte der afrikanische Bauer sich einen Kanaaniter; den Hellenen aber hiess Kanaan das “Purpurland” oder auch das “Land der roten Maenner”, Phoenike, und Punier pflegten auch die Italiker, Phoeniker oder Punier pflegen wir noch die Kanaaniter zu heissen. Das Land ist wohl geeignet zum Ackerbau; aber vor allen Dingen sind die vortrefflichen Haefen und der Reichtum an Holz und Metallen dem Handel guenstig, der hier, wo das ueberreiche oestliche Festland hinantritt an die weithin sich ausbreitende insel- und hafenreiche Mittellaendische See, vielleicht zuerst in seiner ganzen Grossartigkeit dem Menschen aufgegangen ist. Was Mut, Scharfsinn und Begeisterung vermoegen, haben die Phoeniker aufgeboten, um dem Handel und was aus ihm folgt, der Schiffahrt, Fabrikation, Kolonisierung, die volle Entwicklung zu geben und Osten und Westen zu vermitteln. In unglaublich frueher Zeit finden wir sie in Kypros und Aegypten, in Griechenland und Sizilien, in Afrika und Spanien, ja sogar auf dem Atlantischen Meer und der Nordsee. Ihr Handelsgebiet reicht von Sierra Leone und Cornwall im Westen bis oestlich zur malabarischen Kueste; durch ihre Haende gehen das Gold und die Perlen des Ostens, der tyrische Purpur, die Sklaven, das Elfenbein, die Loewen- und Pardelfelle aus dem inneren Afrika, der arabische Weihrauch, das Linnen Aegyptens, Griechenlands Tongeschirr und edle Weine, das kyprische Kupfer, das spanische Silber, das englische Zinn, das Eisen von Elba. Jedem Volke bringen die phoenikischen Schiffer, was es brauchen kann oder doch kaufen mag, und ueberall kommen sie herum, um immer wieder zurueckzukehren zu der engen Heimat, an der ihr Herz haengt. Die Phoeniker haben wohl ein Recht, in der Geschichte genannt zu werden neben der hellenischen und der latinischen Nation; aber auch an ihnen und vielleicht an ihnen am meisten bewaehrt es sich, dass das Altertum die Kraefte der Voelker einseitig entwickelte. Die grossartigen und dauernden Schoepfungen, welche auf dem geistigen Gebiete innerhalb des aramaeischen Stammes entstanden sind, gehoeren nicht zunaechst den Phoenikern an; wenn Glauben und Wissen in gewissem Sinn den aramaeischen Nationen vor allen anderen eigen und den Indogermanen erst aus dem Osten zugekommen sind, so hat doch weder die phoenikische Religion noch die phoenikische Wissenschaft und Kunst, soviel wir sehen, jemals unter den aramaeischen einen selbstaendigen Rang eingenommen. Die religioesen Vorstellungen der Phoeniker sind formlos und unschoen, und ihr Gottesdienst schien Luesternheit und Grausamkeit mehr zu naehren als zu baendigen bestimmt; von einer besonderen Einwirkung phoenikischer Religion auf andere Voelker wird wenigstens in der geschichtlich klaren Zeit nichts wahrgenommen. Ebensowenig begegnet eine auch nur der italischen, geschweige denn derjenigen der Mutterlaender der Kunst vergleichbare phoenikische Tektonik oder Plastik. Die aelteste Heimat der wissenschaftlichen Beobachtung und ihrer praktischen Verwertung ist Babylon oder doch das Euphratland gewesen: hier wahrscheinlich folgte man zuerst dem Lauf der Sterne; hier schied und schrieb man zuerst die Laute der Sprache; hier begann der Mensch ueber Zeit und Raum und ueber die in der Natur wirkenden Kraefte zu denken; hierhin fuehren die aeltesten Spuren der Astronomie und Chronologie, des Alphabets, der Masse und Gewichte. Die Phoeniker haben wohl von den kunstreichen und hoch entwickelten babylonischen Gewerken fuer ihre Industrie, von der Sternbeobachtung fuer ihre Schiffahrt, von der Lautschrift und der Ordnung der Masse fuer ihren Handel Vorteil gezogen und manchen wichtigen Keim der Zivilisation mit ihren Waren vertrieben; aber dass das Alphabet oder irgendein anderes jener genialen Erzeugnisse des Menschengeistes ihnen eigentuemlich angehoere, laesst sich nicht erweisen, und was durch sie von religioesen und wissenschaftlichen Gedanken den Hellenen zukam, das haben sie mehr wie der Vogel das Samenkorn als wie der Ackersmann die Saat ausgestreut. Die Kraft die bildungsfaehigen Voelker, mit denen sie sich beruehrten, zu zivilisieren und sich zu assimilieren, wie sie die Hellenen und selbst die Italiker besitzen, fehlte den Phoenikern gaenzlich. Im Eroberungsgebiet der Roemer sind vor der romanischen Zunge die iberischen und die keltischen Sprachen verschollen; die Berber Afrikas reden heute noch dieselbe Sprache wie zu den Zeiten der Hannos und der Barkiden. Aber vor allem mangelt den Phoenikern, wie allen aramaeischen Nationen im Gegensatz zu den indogermanischen, der staatenbildende Trieb, der geniale Gedanke der sich selber regierenden Freiheit. Waehrend der hoechsten Bluete von Sidon und Tyros ist das phoenikische Land der ewige Zankapfel der am Euphrat und am Nil herrschenden Maechte und bald den Assyrern, bald den Aegyptern untertan. Mit der halben Macht haetten hellenische Staedte sich unabhaengig gemacht; aber die vorsichtigen sidonischen Maenner, berechnend, dass die Sperrung der Karawanenstrassen nach dem Osten oder der aegyptischen Haefen ihnen weit hoeher zu stehen komme als der schwerste Tribut, zahlten lieber puenktlich ihre Steuern, wie es fiel nach Ninive oder nach Memphis, und fochten sogar, wenn es nicht anders sein konnte, mit ihren Schiffen die Schlachten der Koenige mit. Und wie die Phoeniker daheim den Druck der Herren gelassen ertrugen, waren sie auch draussen keineswegs geneigt, die friedlichen Bahnen der kaufmaennischen mit der erobernden Politik zu vertauschen. Ihre Niederlassungen sind Faktoreien; es liegt ihnen mehr daran, den Eingeborenen Waren abzunehmen und zuzubringen, als weite Gebiete in fernen Laendern zu erwerben und daselbst die schwere und langsame Arbeit der Kolonisierung durchzufuehren. Selbst mit ihren Konkurrenten vermeiden sie den Krieg; aus Aegypten, Griechenland, Italien, dem oestlichen Sizilien lassen sie fast ohne Widerstand sich verdraengen und in den grossen Seeschlachten, die in frueher Zeit um die Herrschaft im westlichen Mittelmeer geliefert worden sind, bei Alalia (217 537) und Kyme (280 474), sind es die Etrusker, nicht die Phoeniker, die die Schwere des Kampfes gegen die Griechen tragen. Ist die Konkurrenz einmal nicht zu vermeiden, so gleicht man sich aus, so gut es gehen will; es ist nie von den Phoenikern ein Versuch gemacht worden, Caere oder Massalia zu erobern. Noch weniger natuerlich sind die Phoeniker zum Angriffskrieg geneigt. Das einzige Mal, wo sie in der aelteren Zeit offensiv auf dem Kampfplatze erscheinen, in der grossen sizilischen Expedition der afrikanischen Phoeniker, welche mit der Niederlage bei Himera durch Gelon von Syrakus endigte (274 480), sind sie nur als gehorsame Untertanen des Grosskoenigs und um der Teilnahme an dem Feldzug gegen die oestlichen Hellenen auszuweichen, gegen die Hellepen des Westens ausgerueckt; wie denn ihre syrischen Stammgenossen in der Tat in demselben Jahr sich mit den Persern bei Salamis mussten schlagen lassen.

Es ist das nicht Feigheit; die Seefahrt in unbekannten Gewaessern und mit bewaffneten Schiffen fordert tapfere Herzen, und dass diese unter den Phoenikern zu finden waren, haben sie oft bewiesen. Es ist noch weniger Mangel an Zaehigkeit und Eigenartigkeit des Nationalgefuehls; vielmehr haben die Aramaeer mit einer Hartnaeckigkeit, welche kein indogermanisches Volk je erreicht hat und welche uns Okzidentalen bald mehr, bald weniger als menschlich zu sein duenkt, ihre Nationalitaet gegen alle Lockungen der griechischen Zivilisation wie gegen alle Zwangsmittel der orientalischen und okzidentalischen Despoten mit den Waffen des Geistes wie mit ihrem Blute verteidigt. Es ist der Mangel an staatlichem Sinn, der bei dem lebendigsten Stammgefuehl, bei der treuesten Anhaenglichkeit an die Vaterstadt doch das eigenste Wesen der Phoeniker bezeichnet. Die Freiheit lockte sie nicht und es geluestete sie nicht nach der Herrschaft; “ruhig lebten sie”, sagt das Buch der Richter, “nach der Weise der Sidonier, sicher und wohlgemut und im Besitz von Reichtum”.

Unter allen phoenikischen Ansiedlungen gediehen keine schneller und sicherer als die von den Tyriern und Sidoniern an der Suedkueste Spaniens und an der nordafrikanischen gegruendeten, in welche Gegenden weder der Arm des Grosskoenigs noch die gefaehrliche Rivalitaet der griechischen Seefahrer reichte, die Eingeborenen aber den Fremdlingen gegenueberstanden wie in Amerika die Indianer den Europaeern. Unter den zahlreichen und bluehenden phoenikischen Staedten an diesen Gestaden ragte vor allem hervor die “Neustadt”, Karthada oder, wie die Okzidentalen sie nennen, Karchedon oder Karthago. Nicht die frueheste Niederlassung der Phoeniker in dieser Gegend und urspruenglich vielleicht schutzbefohlene Stadt des nahen Utica, der aeltesten Phoenikerstadt in Libyen, ueberfluegelte sie bald ihre Nachbarn, ja die Heimat selbst durch die unvergleichlich guenstige Lage und die rege Taetigkeit ihrer Bewohner. Gelegen unfern der (ehemaligen) Muendung des Bagradas (Medscherda), der die reichste Getreidelandschaft Nordafrikas durchstroemt, auf einer fruchtbaren noch heute mit Landhaeusern besetzten und mit Oliven- und Orangenwaeldern bedeckten Anschwellung des Bodens, der gegen die Ebene sanft sich abdacht und an der Seeseite als meerumflossenes Vorgebirg endigt, inmitten des grossen Hafens von Nordafrika, des Golfes von Tunis, da wo dies schoene Bassin den besten Ankergrund fuer groessere Schiffe und hart am Strande trinkbares Quellwasser darbietet, ist dieser Platz fuer Ackerbau und Handel und die Vermittlung beider so einzig guenstig, dass nicht bloss die tyrische Ansiedlung daselbst die erste phoenikische Kaufstadt ward, sondern auch in der roemischen Zeit Karthago, kaum wiederhergestellt, die dritte Stadt des Kaiserreichs wurde und noch heute unter nicht guenstigen Verhaeltnissen und an einer weit weniger gut gewaehlten Stelle dort eine Stadt von hunderttausend Einwohnern besteht und gedeiht. Die agrikole, merkantile, industrielle Bluete einer Stadt in solcher Lage und mit solchen Bewohnern erklaert sich selbst; wohl aber fordert die Frage eine Antwort, auf welchem Weg diese Ansiedlung zu einer politischen Machtentwicklung gelangte, wie sie keine andere phoenikische Stadt besessen hat.

Dass der phoenikische Stamm seine politische Passivitaet auch in Karthago nicht verleugnet hat, dafuer fehlt es keineswegs an Beweisen. Karthago bezahlte bis in die Zeiten seiner Bluete hinab fuer den Boden, den die Stadt einnahm, Grundzins an die einheimischen Berber, den Stamm der Maxyer oder Maxitaner; und obwohl das Meer und die Wueste die Stadt hinreichend schuetzten vor jedem Angriff der oestlichen Maechte, scheint Karthago doch die Herrschaft des Grosskoenigs wenn auch nur dem Namen nach anerkannt und ihm gelegentlich gezinst zu haben, um sich die Handelsverbindungen mit Tyros und dem Osten zu sichern.

Aber bei allem guten Willen, sich zu fuegen und zu schmiegen, traten doch Verhaeltnisse ein, die diese Phoeniker in eine energischere Politik draengten. Vor dem Strom der hellenischen Wanderung, der sich unaufhaltsam gegen Westen ergoss, der die Phoeniker schon aus dem eigentlichen Griechenland und von Italien verdraengt hatte und eben sich anschickte, in Sizilien, in Spanien, ja in Libyen selbst das gleiche zu tun, mussten die Phoeniker doch irgendwo standhalten, wenn sie nicht gaenzlich sich wollten erdruecken lassen. Hier, wo sie mit griechischen Kaufleuten und nicht mit dem Grosskoenig zu tun hatten, genuegte es nicht, sich zu unterwerfen, um gegen Schoss und Zins Handel und Industrie in alter Weise fortzufuehren. Schon waren Massalia und Kyrene gegruendet; schon das ganze oestliche Sizilien in den Haenden der Griechen; es war fuer die Phoeniker die hoechste Zeit zu ernstlicher Gegenwehr. Die Karthager nahmen sie auf; in langen und hartnaeckigen Kriegen setzten sie dem Vordringen der Kyrenaeer eine Grenze und der Hellenismus vermochte nicht sich westwaerts der Wueste von Tripolis festzusetzen. Mit karthagischer Hilfe erwehrten ferner die phoenikischen Ansiedler auf der westlichen Spitze Siziliens sich der Griechen und begaben sich gern und freiwillig in die Klientel der maechtigen stammverwandten Stadt. Diese wichtigen Erfolge, die ins zweite Jahrhundert Roms fallen und die den suedwestlichen Teil des Mittelmeers den Phoenikern retteten, gaben der Stadt, die sie erfochten hatte, von selbst die Hegemonie der Nation und zugleich eine veraenderte politische Stellung. Karthago war nicht mehr eine blosse Kaufstadt; sie zielte nach der Herrschaft ueber Libyen und ueber einen Teil des Mittelmeers, weil sie es musste. Wesentlich trug wahrscheinlich bei zu diesen Erfolgen das Aufkommen der Soeldnerei, die in Griechenland etwa um die Mitte des vierten Jahrhunderts der Stadt in Uebung kam, bei den Orientalen aber, namentlich bei den Karern weit aelter ist und vielleicht eben durch die Phoeniker emporkam. Durch das auslaendische Werbesystem ward der Krieg zu einer grossartigen Geldspekulation, die eben recht im Sinn des phoenikischen Wesens ist.

Es war wohl erst die Rueckwirkung dieser auswaertigen Erfolge, welche die Karthager veranlasste, in Afrika von Miet- und Bitt- zum Eigenbesitz und zur Eroberung ueberzugehen. Erst um 300 Roms (450) scheinen die karthagischen Kaufleute sich des Bodenzinses entledigt zu haben, den sie bisher den Einheimischen hatten entrichten muessen. Dadurch ward eine eigene Ackerwirtschaft im grossen moeglich. Von jeher hatten die Phoeniker es sich angelegen sein lassen, ihre Kapitalien auch als Grundbesitzer zu nutzen und den Feldbau im grossen Massstab zu betreiben durch Sklaven oder gedungene Arbeiter; wie denn ein grosser Teil der Juden in dieser Art den tyrischen Kaufherren um Tagelohn dienstbar war. Jetzt konnten die Karthager unbeschraenkt den reichen libyschen Boden ausbeuten durch ein System, das dem der heutigen Plantagenbesitzer verwandt ist: gefesselte Sklaven bestellten das Land - wir finden, dass einzelne Buerger deren bis zwanzigtausend besassen. Man ging weiter. Die ackerbauenden Doerfer der Umgegend - der Ackerbau scheint bei den Libyern sehr frueh und wahrscheinlich schon vor der phoenikischen Ansiedlung, vermutlich von Aegypten aus, eingefuehrt zu sein - wurden mit Waffengewalt unterworfen und die freien libyschen Bauern umgewandelt in Fellahs, die ihren Herren den vierten Teil der Bodenfruechte als Tribut entrichteten und zur Bildung eines eigenen karthagischen Heeres einem regelmaessigen Rekrutierungssystem unterworfen wurden. Mit den schweifenden Hirtenstaemmen (νομάδες) an den Grenzen waehrten die Fehden bestaendig; indes sicherte eine verschanzte Postenkette das befriedete Gebiet und langsam wurden jene zurueckgedraengt in die Wuesten und Berge oder gezwungen, die karthagische Oberherrschaft anzuerkennen, Tribut zu zahlen und Zuzug zu stellen. Um die Zeit des Ersten Punischen Krieges ward ihre grosse Stadt Theveste (Tebessa, an den Quellen des Medscherda) von den Karthagern erobert. Dies sind die “Staedte und Staemme (έθνη) der Untertanen”, die in den karthagischen Staatsvertraegen erscheinen; jenes die unfreien libyschen Doerfer, dieses die untertaenigen Nomaden.

Hierzu kam endlich die Herrschaft Karthagos ueber die uebrigen Phoeniker in Afrika oder die sogenannten Libyphoeniker. Es gehoerten zu diesen teils die von Karthago aus an die ganze afrikanische Nord- und einen Teil der Nordwestkueste gefuehrten kleineren Ansiedelungen, die nicht unbedeutend gewesen sein koennen, da allein am Atlantischen Meer auf einmal 30000 solcher Kolonisten sesshaft gemacht wurden, teils die besonders an der Kueste der heutigen Provinz Constantine und des Beylik von Tunis zahlreichen altphoenikischen Niederlassungen, zum Beispiel Hippo, spaeter regius zugenannt (Bona), Hadrumetum (Susa), Klein-Leptis (suedlich von Susa) - die zweite Stadt der afrikanischen Phoeniker -, Thapsus (ebendaselbst), Gross-Leptis (Lebda westlich von Tripolis). Wie es gekommen ist, dass sich all diese Staedte unter karthagische Botmaessigkeit begaben, ob freiwillig, etwa um sich zu schirmen vor den Angriffen der Kyrenaeer und Numidier, oder gezwungen, ist nicht mehr nachzuweisen; sicher aber ist es, dass sie als Untertanen der Karthager selbst in offiziellen Aktenstuecken bezeichnet werden, ihre Mauern hatten niederreissen muessen und Steuer und Zuzug nach Karthago zu leisten hatten. Indes waren sie weder der Rekrutierung noch der Grundsteuer unterworfen, sondern leisteten ein Bestimmtes an Mannschaft und Geld, Klein-Leptis zum Beispiel jaehrlich die ungeheure Summe von 465 Talenten (574000 Taler); ferner lebten sie nach gleichem Recht mit den Karthagern und konnten mit ihnen in gleiche Ehe treten ^1. Einzig Utica war, wohl weniger durch seine Macht als durch die Pietaet der Karthager gegen ihre alten Beschuetzer, dem gleichen Schicksal entgangen und hatte seine Mauern und seine Selbstaendigkeit bewahrt; wie denn die Phoeniker fuer solche Verhaeltnisse eine merkwuerdige, von der griechischen Gleichgueltigkeit wesentlich abstechende Ehrfurcht hegten. Selbst im auswaertigen Verkehr sind es stets “Karthago und Utica”, die zusammen festsetzen und versprechen; was natuerlich nicht ausschliesst, dass die weit groessere Neustadt der Tat nach auch ueber Utica die Hegemonie behauptete. So ward aus der tyrischen Faktorei die Hauptstadt eines maechtigen nordafrikanischen Reiches, das von der tripolitanischen Wueste sich erstreckte bis zum Atlantischen Meer, im westlichen Teil (Marokko und Algier) zwar mit zum Teil oberflaechlicher Besetzung der Kuestensaeume sich begnuegend, aber in dem reicheren oestlichen, den heutigen Distrikten von Constantine und Tunis, auch das Binnenland beherrschend und seine Grenze bestaendig weiter gegen Sueden vorschiebend; die Karthager waren, wie ein alter Schriftsteller bezeichnend sagt, aus Tyriern Libyer geworden. Die phoenikische Zivilisation herrschte in Libyen aehnlich wie in Kleinasien und Syrien die griechische nach den Zuegen Alexanders, wenn auch nicht mit gleicher Gewalt. An den Hoefen der Nomadenscheichs ward phoenikisch gesprochen und geschrieben und die zivilisierteren einheimischen Staemme nahmen fuer ihre Sprache das phoenikische Alphabet an ^2; sie vollstaendig zu phoenikisieren lag indes weder im Geiste der Nation noch in der Politik Karthagos.

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^1 Die schaerfste Bezeichnung dieser wichtigen Klasse findet sich in dem karthagischen Staatsvertrag (Polyb. 7, 9), wo sie im Gegensatz einerseits zu den Uticensern, anderseits zu den libyschen Untertanen heissen: οι Καρχ ηδονίων ύπαρχη όσοι τοίς αυτοίς νόμοις χρώνται. Sonst heissen sie auch Bundes- συμμαχίδες πόλεις Diod. 20, 10) oder steuerpflichtige Staedte (Liv. 34, 62; Iust. 22, 7, 3). Ihr Conubium mit den Karthagern erwaehnt Diodoros 20, 55; das Commercium folgt aus den “gleichen Gesetzen”. Dass die altphoenikischen Kolonien zu den Libyphoenikern gehoeren, beweist die Bezeichnung Hippos als einer libyphoenikischen Stadt (Liv. 25, 40); anderseits heisst es hinsichtlich der von Karthago aus gegruendeten Ansiedlungen zum Beispiel im Periplus des Hanno: “Es beschlossen die Karthager, dass Hanno jenseits der Saeulen des Herkules schiffe und Staedte der Libyphoeniker gruende”. Im wesentlichen bezeichnen die Libyphoeniker bei den Karthagern nicht eine nationale, sondern eine staatsrechtliche Kategorie. Damit kann es recht wohl bestehen, dass der Name grammatisch die mit Libyern gemischten Phoeniker bezeichnet (Liv. 21, 22, Zusatz zum Text des Polybios); wie denn in der Tat wenigstens bei der Anlage sehr exponierter Kolonien den Phoenikern haeufig Libyer beigegeben wurden (Diod. 13, 79; Cic. Scaur. 42). Die Analogie im Namen und im Rechtsverhaeltnis zwischen den Latinern Roms und den Libyphoenikern Karthagos ist unverkennbar.

^2 Das libysche oder numidische Alphabet, das heisst dasjenige, womit die Berber ihre nichtsemitische Sprache schrieben und schreiben, eines der zahllosen aus dem aramaeischen Uralphabet abgeleiteten, scheint allerdings diesem in einzelnen Formen naeher zu stehen als das phoenikische; aber es folgt daraus noch keineswegs, dass die Libyer die Schrift nicht von den Phoenikern, sondern von aelteren Einwanderern erhielten, so wenig als die teilweise aelteren Formen der italischen Alphabete diese aus dem griechischen abzuleiten verbieten. Vielmehr wird die Ableitung des libyschen Alphabets aus dem phoenikischen einer Periode des letzteren angehoeren, welche aelter ist als die, in der die auf uns gekommenen Denkmaeler der phoenikischen Sprache geschrieben wurden.

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Die Epoche, in der diese Umwandlung Karthagos in die Hauptstadt von Libyen stattgefunden hat, laesst sich um so weniger bestimmen, als die Veraenderung ohne Zweifel stufenweise erfolgt ist. Der eben erwaehnte Schriftsteller nennt als den Reformator der Nation den Hanno; wenn dies derselbe ist, der zur Zeit des ersten Krieges mit Rom lebte, so kann er nur als Vollender des neuen Systems angesehen werden, dessen Durchfuehrung vermutlich das vierte und fuenfte Jahrhundert Roms ausgefuellt hat.

Mit dem Aufbluehen Karthagos Hand in Hand ging das Sinken der grossen phoenikischen Staedte in der Heimat, von Sidon und besonders von Tyros, dessen Bluete teils infolge innerer Bewegungen, teils durch die Drangsale von aussen, namentlich die Belagerungen durch Salmanassar im ersten, Nabukodrossor im zweiten, Alexander im fuenften Jahrhundert Roms zugrunde gerichtet ward. Die edlen Geschlechter und die alten Firmen von Tyros siedelten groesstenteils ueber nach der gesicherten und bluehenden Tochterstadt und brachten dorthin ihre Intelligenz, ihre Kapitalien und ihre Traditionen. Als die Phoeniker mit Rom in Beruehrung kamen, war Karthago ebenso entschieden die erste kanaanitische Stadt wie Rom die erste der latinischen Gemeinden.

Aber die Herrschaft ueber Libyen war nur die eine Haelfte der karthagischen Macht; ihre See- und Kolonialherrschaft hatte gleichzeitig nicht minder gewaltig sich entwickelt.

In Spanien war der Hauptplatz der Phoeniker die uralte tyrische Ansiedlung in Gades (Cadiz); ausserdem besassen sie westlich und oestlich davon eine Kette von Faktoreien und im Innern das Gebiet der Silbergruben, so dass sie etwa das heutige Andalusien und Granada oder doch wenigstens die Kueste davon innehatten. Das Binnenland den einheimischen kriegerischen Nationen abzugewinnen war man nicht bemueht; man begnuegte sich mit dem Besitz der Bergwerke und der Stationen fuer den Handel und fuer den Fisch- und Muschelfang und hatte Muehe auch nur hier sich gegen die anwohnenden Staemme zu behaupten. Es ist wahrscheinlich, dass diese Besitzungen nicht eigentlich karthagisch waren, sondern tyrisch, und Gades nicht mitzaehlte unter den tributpflichtigen Staedten Karthagos; doch stand es wie alle westlichen Phoeniker tatsaechlich unter karthagischer Hegemonie, wie die von Karthago den Gaditanern gegen die Eingeborenen gesandte Hilfe und die Anlegung karthagischer Handelsniederlassungen westlich von Gades beweist. Ebusus und die Balearen wurden dagegen von den Karthagern selbst in frueher Zeit besetzt, teils der Fischereien wegen, teils als Vorposten gegen die Massalioten, mit denen von hier aus die heftigsten Kaempfe gefuehrt wurden.

Ebenso setzten die Karthager schon am Ende des zweiten Jahrhunderts Roms sich fest auf Sardinien, welches ganz in derselben Art wie Libyen von ihnen ausgebeutet ward. Waehrend die Eingeborenen sich in dem gebirgigen Innern der Insel der Verknechtung zur Feldsklaverei entzogen wie die Numidier in Afrika an dem Saum der Wueste, wurden nach Karalis (Cagliari) und anderen wichtigen Punkten phoenikische Kolonien gefuehrt und die fruchtbaren Kuestenlandschaften durch eingefuehrte libysche Ackerbauern verwertet.

In Sizilien endlich war zwar die Strasse von Messana und die groessere oestliche Haelfte der Insel in frueher Zeit den Griechen in die Haende gefallen; allein den Phoenikern blieben unter dem Beistand der Karthager teils die kleineren Inseln in der Naehe, die Aegaten, Melite, Gaulos, Kossyra, unter denen namentlich die Ansiedlung auf Malta reich und bluehend war, teils die West- und Nordwestkueste Siziliens, wo sie von Motye, spaeter von Lilybaeon aus die Verbindung mit Afrika, von Panormos und Soloeis aus die mit Sardinien unterhielten. Das Innere der Insel blieb in dem Besitz der Eingeborenen, der Elymer, Sikaner, Sikeler. Es hatte sich in Sizilien, nachdem das weitere Vordringen der Griechen gebrochen war, ein verhaeltnismaessig friedlicher Zustand hergestellt, den selbst die von den Persern veranlasste Heerfahrt der Karthager gegen ihre griechischen Nachbarn auf der Insel (274 480) nicht auf die Dauer unterbrach und der im ganzen fortbestand bis auf die attische Expedition nach Sizilien (339-341 415-413). Die beiden rivalisierenden Nationen bequemten sich, einander zu dulden, und beschraenkten sich im wesentlichen jede auf ihr Gebiet.

Alle diese Niederlassungen und Besitzungen waren an sich wichtig genug; allein noch von weit groesserer Bedeutung insofern, als sie die Pfeiler der karthagischen Seeherrschaft wurden. Durch den Besitz Suedspaniens, der Balearen, Sardiniens, des westlichen Sizilien und Melites in Verbindung mit der Verhinderung hellenischer Kolonisierung, sowohl an der spanischen Ostkueste als auf Korsika und in der Gegend der Syrten machten die Herren der nordafrikanischen Kueste ihre See zu einer geschlossenen und monopolisierten die westliche Meerenge. Nur das Tyrrhenische und gallische Meer mussten die Phoeniker mit andern Nationen teilen. Es war dies allenfalls zu ertragen, solange die Etrusker und die Griechen sich hier das Gleichgewicht hielten; mit den ersteren als den minder gefaehrlichen Nebenbuhlern trat Karthago sogar gegen die Griechen in Buendnis. Indes als nach dem Sturz der etruskischen Macht, den, wie es zu gehen pflegt bei derartigen Notbuendnissen, Karthago wohl schwerlich mit aller Macht abzuwenden bestrebt gewesen war, und nach der Vereitelung der grossen Entwuerfe des Alkibiades Syrakus unbestritten dastand als die erste griechische Seemacht, fingen begreiflicherweise nicht nur die Herren von Syrakus an, nach der Herrschaft ueber Sizilien und Unteritalien und zugleich ueber das Tyrrhenische und Adriatische Meer zu streben, sondern wurden auch die Karthager gewaltsam in eine energischere Politik gedraengt. Das naechste Ergebnis der langen und hartnaeckigen Kaempfe zwischen ihnen und ihrem ebenso maechtigen als schaendlichen Gegner Dionysios von Syrakus (348-389 406-365) war die Vernichtung oder Schwaechung der sizilischen Mittelstaaten, die im Interesse beider Parteien lag und die Teilung der Insel zwischen den Syrakusanern und den Karthagern. Die bluehendsten Staedte der Insel: Selinus, Himera, Akragas, Gela, Messana, wurden im Verlauf dieser heillosen Kaempfe von den Karthagern von Grund aus zerstoert; nicht ungern sah Dionysios, wie das Hellenentum hier zugrunde ging oder doch geknickt ward, um sodann, gestuetzt auf die fremden, aus Italien, Gallien und Spanien angeworbenen Soeldner, die veroedeten oder mit Militaerkolonien belegten Landschaften desto sicherer zu beherrschen. Der Friede, der nach des karthagischen Feldherrn Mago Sieg bei Kronion 371 (383) abgeschlossen ward und den Karthagern die griechischen Staedte Thermae (das alte Himera), Egesta, Herakleia Minoa, Selinus und einen Teil des Gebietes von Akragas bis an den Halykos unterwarf, galt den beiden um den Besitz der Insel ringenden Maechten nur als vorlaeufiges Abkommen; immer von neuem wiederholten sich beiderseits die Versuche, den Nebenbuhler ganz zu verdraengen. Viermal - zur Zeit des aelteren Dionysios 360 (394), in der Timoleons 410 (344), in der des Agathokles 445 (309), in der pyrrhischen 476 (278) - waren die Karthager Herren von ganz Sizilien bis auf Syrakus und scheiterten an dessen festen Mauern; fast ebenso oft schienen die Syrakusaner unter tuechtigen Fuehrern, wie der aeltere Dionysios, Agathokles und Pyrrhos waren, ihrerseits ebenso nahe daran, die Afrikaner von der Insel zu verdraengen. Mehr und mehr aber neigte sich das Uebergewicht auf die Seite der Karthager, von denen regelmaessig der Angriff ausging und die, wenn sie auch nicht mit roemischer Stetigkeit ihr Ziel verfolgten, doch mit weit groesserer Planmaessigkeit und Energie den Angriff betrieben als die von Parteien zerrissene und abgehetzte Griechenstadt die Verteidigung. Mit Recht durften die Phoeniker erwarten, dass nicht immer eine Pest oder ein fremder Condottiere die Beute ihnen entreissen wuerde; und vorlaeufig war wenigstens zur See der Kampf schon entschieden: Pyrrhos’ Versuch, die syrakusanische Flotte wiederherzustellen, war der letzte. Nachdem dieser gescheitert war, beherrschte die karthagische Flotte ohne Nebenbuhler das ganze westliche Mittelmeer; und ihre Versuche, Syrakus, Rhegion, Tarent zu besetzen, zeigten, was man vermochte und wohin man zielte. Hand in Hand damit ging das Bestreben, den Seehandel dieser Gegend immer mehr sowohl dem Ausland wie den eigenen Untertanen gegenueber zu monopolisieren; und es war nicht karthagische Art, vor irgendeiner zum Zwecke fuehrenden Gewaltsamkeit zurueckzuscheuen. Ein Zeitgenosse der Punischen Kriege, der Vater der Geographie Eratosthenes (479-560 275-194), bezeugt es, dass jeder fremde Schiffer, welcher nach Sardinien oder nach der Gaditanischen Strasse fuhr, wenn er den Karthagern in die Haende fiel, von ihnen ins Meer gestuerzt ward; und damit stimmt es voellig ueberein, dass Karthago den roemischen Handelsschiffen die spanischen, sardinischen und libyschen Haefen durch den Vertrag vom Jahre 406 (348) freigab, dagegen durch den vom Jahre 448 (306) sie ihnen mit Ausnahme des eigenen karthagischen saemtlich schloss.

Die Verfassung Karthagos bezeichnet Aristoteles, der etwa fuenfzig Jahre vor dein Anfang des Ersten Punischen Krieges starb, als uebergegangen aus der monarchischen in eine Aristokratie oder in eine zur Oligarchie sich neigende Demokratie; denn mit beiden Namen benennt er sie. Die Leitung der Geschaefte stand zunaechst bei dem Rat der Alten, welcher gleich der spartanischen Gerusia bestand aus den beiden jaehrlich von der Buergerschaft ernannten Koenigen und achtundzwanzig Gerusiasten, die auch, wie es scheint, Jahr fuer Jahr von der Buergerschaft erwaehlt wurden. Dieser Rat ist es, der im wesentlichen die Staatsgeschaefte erledigt, zum Beispiel die Einleitungen zum Kriege trifft, die Aushebungen und Werbungen anordnet, den Feldherrn ernennt und ihm eine Anzahl Gerusiasten beiordnet, aus denen dann regelmaessig die Unterbefehlshaber genommen werden; an ihn werden die Depeschen adressiert. Ob neben diesem kleinen Rat noch ein grosser stand, ist zweifelhaft; auf keinen Fall hatte er viel zu bedeuten. Ebensowenig scheint den Koenigen ein besonderer Einfluss zugestanden zu haben; hauptsaechlich funktionierten sie als Oberrichter, wie sie nicht selten auch heissen (Schofeten, praetores). Groesser war die Gewalt des Feldherrn; Isokrates, Aristoteles’ aelterer Zeitgenosse, sagt, dass die Karthager sich daheim oligarchisch, im Felde aber monarchisch regierten und so mag das Amt des karthagischen Feldherrn mit Recht von roemischen Schriftstellern als Diktatur bezeichnet werden, obgleich die ihm beigegebenen Gerusiasten tatsaechlich wenigstens seine Macht beschraenken mussten, und ebenso nach Niederlegung des Amtes ihn eine den Roemern unbekannte ordentliche Rechenschaftslegung erwartete. Eine feste Zeitgrenze bestand fuer das Amt des Feldherrn nicht, und es ist derselbe also schon deshalb vom Jahrkoenig unzweifelhaft verschieden gewesen, von dem ihn auch Aristoteles ausdruecklich unterscheidet; doch war die Vereinigung mehrerer Aemter in einer Person bei den Karthagern ueblich, und so kann es nicht befremden, dass oft derselbe Mann zugleich als Feldherr und als Schofet erscheint.

Aber ueber der Gerusia und ueber den Beamten stand die Koerperschaft der Hundertvier-, kuerzer Hundertmaenner oder der Richter, das Hauptbollwerk der karthagischen Oligarchie. In der urspruenglichen karthagischen Verfassung fand sie sich nicht, sondern sie war gleich dem spartanischen Ephorat hervorgegangen aus der aristokratischen Opposition gegen die monarchischen Elemente derselben. Bei der Kaeuflichkeit der Aemter und der geringen Mitgliederzahl der hoechsten Behoerde drohte eine einzige durch Reichtum und Kriegsruhm vor allen hervorleuchtende karthagische Familie, das Geschlecht des Mago, die Verwaltung in Krieg und Frieden und die Rechtspflege in ihren Haenden zu vereinigen; dies fuehrte ungefaehr um die Zeit der Dezemvirn zu einer Aenderung der Verfassung und zur Einsetzung dieser neuen Behoerde. Wir wissen, dass die Bekleidung der Quaestur ein Anrecht gab zum Eintritt in die Richterschaft, dass aber dennoch der Kandidat einer Wahl unterlag durch gewisse sich selbst ergaenzende Fuenfmaennerschaften; ferner dass die Richter, obwohl sie rechtlich vermutlich von Jahr zu Jahr gewaehlt wurden, doch tatsaechlich laengere Zeit, ja lebenslaenglich im Amt blieben, weshalb sie bei den Roemern und Griechen gewoehnlich Senatoren genannt werden. So dunkel das einzelne ist, so klar erkennt man das Wesen der Behoerde als einer aus aristokratischer Kooptation hervorgehenden oligarchischen; wovon eine vereinzelte, aber charakteristische Spur ist, dass in Karthago neben dem gemeinen Buerger- ein eigenes Richterbad bestand. Zunaechst waren sie bestimmt zu fungieren als politische Geschworene, die namentlich die Feldherren, aber ohne Zweifel vorkommendenfalls auch die Schofeten und Gerusiasten nach Niederlegung ihres Amtes zur Verantwortung zogen und nach Gutduenken, oft in ruecksichtslos grausamer Weise, selbst mit dem Tode bestraften. Natuerlich ging hier wie ueberall, wo die Verwaltungsbehoerden unter Kontrolle einer anderen Koerperschaft gestellt werden, der Schwerpunkt der Macht ueber von der kontrollierten auf die kontrollierende Behoerde; und es begreift sich leicht, teils dass die letztere allenthalben in die Verwaltung eingriff, wie denn zum Beispiel die Gerusia wichtige Depeschen erst den Richtern vorlegt und dann dem Volke, teils dass die Furcht vor der regelmaessig nach dem Erfolg abgemessenen Kontrolle daheim den karthagischen Staatsmann wie den Feldherrn in Rat und Tat laehmte.

Die karthagische Buergerschaft scheint, wenn auch nicht wie in Sparta ausdruecklich auf die passive Assistenz bei den Staatshandlungen beschraenkt, doch tatsaechlich dabei nur in einem sehr geringen Grade von Einfluss gewesen zu sein. Bei den Wahlen in die Gerusia war ein offenkundiges Bestechungssystem Regel; bei der Ernennung eines Feldherrn wurde das Volk zwar befragt, aber wohl erst, wenn durch Vorschlag der Gerusia der Sache nach die Ernennung erfolgt war; und in anderen Faellen ging man nur an das Volk, wenn die Gerusia es fuer gut fand oder sich nicht einigen konnte. Volksgerichte kannte man in Karthago nicht. Die Machtlosigkeit der Buergerschaft ward wahrscheinlich wesentlich durch ihre politische Organisierung bedingt; die karthagischen Tischgenossenschaften, die hierbei genannt und den spartanischen Pheiditien verglichen werden, moegen oligarchisch geleitete Zuenfte gewesen sein. Sogar ein Gegensatz zwischen “Stadtbuergern” und “Handarbeitern” wird erwaehnt, der auf eine sehr niedrige, vielleicht rechtlose Stellung der letzteren schliessen laesst.

Fassen wir die einzelnen Momente zusammen, so erscheint die karthagische Verfassung als ein Kapitalistenregiment, wie es begreiflich ist bei einer Buergergemeinde ohne wohlhabende Mittelklasse und bestehend einerseits aus einer besitzlosen, von der Hand in den Mund lebenden staedtischen Menge, anderseits aus Grosshaendlern, Plantagenbesitzern und vornehmen Voegten. Das System, die heruntergekommenen Herren auf Kosten der Untertanen wieder zu Vermoegen zu bringen, indem sie als Schatzungsbeamte und Fronvoegte in die abhaengigen Gemeinden ausgesendet werden, dieses unfehlbare Kennzeichen einer verrotteten staedtischen Oligarchie, fehlt auch in Karthago nicht; Aristoteles bezeichnet es als die wesentliche Ursache der erprobten Dauerhaftigkeit der karthagischen Verfassung. Bis auf seine Zeit hatte in Karthago weder von oben noch von unten eine nennenswerte Revolution stattgefunden; die Menge blieb fuehrerlos infolge der materiellen Vorteile, welche die regierende Oligarchie allen ehrgeizigen oder bedraengten Vornehmen zu bieten imstande war und ward abgefunden mit den Brosamen, die in Form der Wahlbestechung oder sonst von dem Herrentisch fuer sie abfielen. Eine demokratische Opposition konnte freilich bei solchem Regiment nicht mangeln; aber noch zur Zeit des Ersten Punischen Krieges war dieselbe voellig machtlos. Spaeterhin, zum Teil unter dem Einfluss der erlittenen Niederlagen, erscheint ihr politischer Einfluss im Steigen und in weit rascherem, als gleichzeitig der der gleichartigen roemischen Partei: die Volksversammlungen begannen in politischen Fragen die letzte Entscheidung zu geben und brachen die Allmacht der karthagischen Oligarchie. Nach Beendigung des Hannibalischen Krieges ward auf Hannibals Vorschlag sogar durchgesetzt, dass kein Mitglied des Rates der Hundert zwei Jahre nacheinander im Amte sein koenne und damit die volle Demokratie eingefuehrt, welche allerdings nach der Lage der Dinge allein Karthago zu retten vermochte, wenn es dazu ueberhaupt noch Zeit war. In dieser Opposition herrschte ein maechtiger patriotischer und reformierender Schwung; doch darf darueber nicht uebersehen werden, auf wie fauler und morscher Grundlage sie ruhte. Die karthagische Buergerschaft, die von kundigen Griechen der alexandrinischen verglichen wird, war so zuchtlos, dass sie insofern es wohl verdient hatte, machtlos zu sein; und wohl durfte gefragt werden, was da aus Revolutionen fuer Heil kommen solle, wo, wie in Karthago, die Buben sie machen halfen.

In finanzieller Hinsicht behauptet Karthago in jeder Beziehung unter den Staaten des Altertums den ersten Platz. Zur Zeit des Peloponnesischen Krieges war diese phoenikische Stadt nach dem Zeugnis des ersten Geschichtschreibers der Griechen allen griechischen Staaten finanziell ueberlegen und werden ihre Einkuenfte denen des Grosskoenigs verglichen; Polybios nennt sie die reichste Stadt der Welt. Von der Intelligenz der karthagischen Landwirtschaft, welche Feldherren und Staatsmaenner dort wie spaeter in Rom wissenschaftlich zu betreiben und zu lehren nicht verschmaehten, legt ein Zeugnis ab die agronomische Schrift des Karthagers Mago, welche von den spaeteren griechischen und roemischen Landwirten durchaus als der Grundkodex der rationellen Ackerwirtschaft betrachtet und nicht bloss ins Griechische uebersetzt, sondern auch auf Befehl des roemischen Senats lateinisch bearbeitet und den italischen Gutsbesitzern offiziell anempfohlen ward. Charakteristisch ist die enge Verbindung dieser phoenikischen Acker- mit der Kapitalwirtschaft; es wird als eine Hauptmaxime der phoenikischen Landwirtschaft angefuehrt, nie mehr Land zu erwerben, als man intensiv zu bewirtschaften vermoege. Auch der Reichtum des Landes an Pferden, Rindern, Schafen und Ziegen, worin Libyen infolge seiner Nomadenwirtschaft es nach Polybios’ Zeugnis vielleicht allen uebrigen Laendern der Erde damals zuvortat, kam den Karthagern zugute. Wie in der Ausnutzung des Bodens die Karthager die Lehrmeister der Roemer waren, wurden sie es auch in der Ausbeutung der Untertanen; durch diese floss nach Karthago mittelbar die Grundrente “des besten Teils von Europa” und der reichen, zum Teil, zum Beispiel in der Byzakitis und an der Kleinen Syrte, ueberschwenglich gesegneten nordafrikanischen Landschaft. Der Handel, der in Karthago von jeher als ehrenhaftes Gewerbe galt, und die auf Grund des Handels aufbluehende Reederei und Fabrikation brachten schon im natuerlichen Laufe der Dinge den dortigen Ansiedlern jaehrlich goldene Ernten, und es ist frueher schon bezeichnet worden, wie man durch ausgedehnte und immer gesteigerte Monopolisierung nicht bloss aus dem Aus-, sondern auch aus dem Inland allen Handel des westlichen Mittelmeeres und den ganzen Zwischenhandel zwischen dem Westen und Osten mehr und mehr in diesem einzigen Hafen zu konzentrieren verstand. Wissenschaft und Kunst scheinen in Karthago, wie spaeterhin in Rom, zwar wesentlich durch hellenischen Einfluss bestimmt, aber nicht vernachlaessigt worden zu sein; es gab eine ansehnliche phoenikische Literatur und bei Eroberung der Stadt fanden sich reiche, freilich nicht in Karthago geschaffene, sondern aus den sizilischen Tempeln weggefuehrte Kunstschaetze und betraechtliche Bibliotheken vor. Aber auch der Geist stand hier im Dienste des Kapitals; was von der Literatur hervorgehoben wird, sind vornehmlich die agronomischen und geographischen Schriften, wie das schon erwaehnte Werk des Mago und der noch in Uebersetzung vorhandene, urspruenglich in einem der karthagischen Tempel oeffentlich aufgestellte Bericht des Admirals Hanno von seiner Beschiffung der westafrikanischen Kueste. Selbst die allgemeine Verbreitung gewisser Kenntnisse und besonders der Kunde fremder Sprachen ^3, worin das Karthago dieser Zeit ungefaehr mit dem kaiserlichen Rom auf einer Linie gestanden haben mag, zeugt von der durchaus praktischen Richtung, welche der hellenischen Bildung in Karthago gegeben ward. Wenn es schlechterdings unmoeglich ist, von der Kapitalmasse sich eine Vorstellung zu machen, die in diesem London des Altertums zusammenstroemte, so kann wenigstens von den oeffentlichen Einnahmequellen einigermassen einen Begriff geben, dass trotz des kostspieligen Systems, nach dem Karthago sein Kriegswesen organisiert hatte, und trotz der sorg- und treulosen Verwaltung des Staatsguts dennoch die Beisteuern der Untertanen und die Zollgefaelle die Ausgaben vollstaendig deckten und von den Buergern direkte Steuern nicht erhoben wurden; ja dass noch nach dem Zweiten Punischen Kriege, als die Macht des Staates schon gebrochen war, die laufenden Ausgaben und eine jaehrliche Abschlagszahlung nach Rom von 340000 Talern ohne Steuerausschreibung bloss durch eine einigermassen geregelte Finanzwirtschaft gedeckt werden konnten und vierzehn Jahre nach dem Frieden der Staat zur sofortigen Erlegung der noch uebrigen sechsunddreissig Termine sich erbot. Aber es ist nicht bloss die Summe der Einkuenfte, in der sich die Ueberlegenheit der karthagischen Finanzwirtschaft ausspricht; auch die oekonomischen Grundsaetze einer spaeteren und vorgeschritteneren Zeit finden wir hier allein unter allen bedeutenderen Staaten des Altertums: es ist von auslaendischen Staatsanleihen die Rede, und im Geldsystem finden wir neben Gold- und Silber- ein dem Stoff nach wertloses Zeichengeld erwaehnt, welches in dieser Weise sonst dem Altertum fremd ist. In der Tat, wenn der Staat eine Spekulation waere, nie haette einer glaenzender seine Aufgabe geloest als Karthago.

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^3 Der Wirtschafter auf dem Landgut, obwohl Sklave, muss dennoch, nach der Vorschrift des karthagischen Agronomen Mago (bei Varro rast. 1, 17), lesen koennen und einige Bildung besitzen. Im Prolog des Plautinischen ‘Poeners’ heisst es von dem Titelhelden:

Die Sprachen alle kann er, aber tut, als koenn’

Er keine - ein Poener ist es durchaus; was wollt ihr mehr?

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Vergleichen wir die Macht der Karthager und der Roemer. Beide waren Acker- und Kaufstaedte und lediglich dieses; die durchaus untergeordnete und durchaus praktische Stellung von Kunst und Wissenschaft war in beiden wesentlich dieselbe, nur dass in dieser Hinsicht Karthago weiter vorgeschritten war als Rom. Aber in Karthago hatte die Geld- ueber die Grundwirtschaft, in Rom damals noch die Grund- ueber die Geldwirtschaft das Uebergewicht, und wenn die karthagischen Ackerwirte durchgaengig grosse Guts- und Sklavenbesitzer waren, bebaute in dem Rom dieser Zeit die grosse Masse der Buergerschaft noch selber das Feld. Die Mehrzahl der Bevoelkerung war in Rom besitzend, das ist konservativ, in Karthago besitzlos und dem Golde der Reichen wie dem Reformruf der Demokraten zugaenglich. In Karthago herrschte schon die ganze, maechtigen Handelsstaedten eigene Opulenz, waehrend Sitte und Polizei in Rom wenigstens aeusserlich noch altvaeterische Strenge und Sparsamkeit aufrecht erhielten. Als die karthagischen Gesandten von Rom zurueckkamen, erzaehlten sie ihren Kollegen, dass das innige Verhaeltnis der roemischen Ratsherren zueinander alle Vorstellung uebersteige; ein einziges silbernes Tafelgeschirr reiche aus fuer den ganzen Rat und sei in jedem Haus, wo man sie zu Gaste geladen, ihnen wieder begegnet. Der Spott ist bezeichnend fuer die beiderseitigen wirtschaftlichen Zustaende.

Beider Verfassung war aristokratisch; wie der Senat in Rom regierten die Richter in Karthago und beide nach dem gleichen Polizeisystem. Die strenge Abhaengigkeit, in welcher die karthagische Regierungsbehoerde den einzelnen Beamten hielt, der Befehl derselben an die Buerger, sich des Erlernens der griechischen Sprache unbedingt zu enthalten und mit einem Griechen nur vermittels des oeffentlichen Dolmetschers zu verkehren, sind aus demselben Geiste geflossen wie das roemische Regierungssystem; aber gegen die grausame Haerte und die ans Alberne streifende Unbedingtheit solcher karthagischen Staatsbevormundung erscheint das roemische Bruechen- und Ruegesystem mild und verstaendig. Der roemische Senat, welcher der eminenten Tuechtigkeit sich oeffnete und im besten Sinn die Nation vertrat, durfte ihr auch vertrauen und brauchte die Beamten nicht zu fuerchten. Der karthagische Senat dagegen beruhte auf einer eifersuechtigen Kontrolle der Verwaltung durch die Regierung und vertrat ausschliesslich die vornehmen Familien; sein Wesen war das Misstrauen noch oben wie nach unten und darum konnte er weder sicher sein, dass das Volk ihm folgte, wohin er fuehrte, noch unbesorgt vor Usurpationen der Beamten. Daher der feste Gang der roemischen Politik, die im Unglueck keinen Schritt zurueckwich und die Gunst des Glueckes nicht verscherzte durch Fahrlaessigkeit und Halbheit; waehrend die Karthager vom Kampf abstanden, wo eine letzte Anstrengung vielleicht alles gerettet haette, und, der grossen nationalen Aufgaben ueberdruessig oder vergessen, den halbfertigen Bau einstuerzen liessen, um nach wenigen Jahren von vorn zu beginnen. Daher ist der tuechtige Beamte in Rom regelmaessig im Einverstaendnis mit seiner Regierung, in Karthago haeufig in entschiedener Fehde mit den Herren daheim und gedraengt, sich ihnen verfassungswidrig zu widersetzen und mit der opponierenden Reformpartei gemeinschaftliche Sache zu machen.

Karthago wie Rom beherrschten ihre Stammgenossen und zahlreiche stammfremde Gemeinden. Aber Rom hatte einen Distrikt nach dem andern in sein Buergerrecht aufgenommen und den latinischen Gemeinden selbst gesetzlich Zugaenge zu demselben eroeffnet; Karthago schloss von Haus aus sich ab und liess den abhaengigen Distrikten nicht einmal die Hoffnung auf dereinstige Gleichstellung. Rom goennte den stammverwandten Gemeinden Anteil an den Fruechten des Sieges, namentlich an den gewonnenen Domaenen, und suchte in den uebrigen untertaenigen Staaten durch materielle Beguenstigung der Vornehmen und Reichen wenigstens eine Partei in das Interesse Roms zu ziehen; Karthago behielt nicht bloss fuer sich, was die Siege einbrachten, sondern entriss sogar den Staedten besten Rechts die Handelsfreiheit. Rom nahm der Regel nach nicht einmal den unterworfenen Gemeinden die Selbstaendigkeit ganz und legte keiner eine feste Steuer auf; Karthago sandte seine Voegte ueberall hin und belastete selbst die altphoenikischen Staedte mit schwerem Zins, waehrend die unterworfenen Staemme faktisch als Staatssklaven behandelt wurden. So war im karthagisch-afrikanischen Staatsverband nicht eine einzige Gemeinde mit Ausnahme von Utica, die nicht durch den Sturz Karthagos politisch und materiell sich verbessert haben wuerde; in dem roemisch-italischen nicht eine einzige, die bei der Auflehnung gegen ein Regiment, das die materiellen Interessen sorgfaeltig schonte und die politische Opposition wenigstens nirgend durch aeusserste Massregeln zum Kampf herausforderte, nicht noch mehr zu verlieren gehabt haette als zu gewinnen. Wenn die karthagischen Staatsmaenner meinten, die phoenikischen Untertanen durch die groessere Furcht vor den empoerten Libyern, die saemtlichen Besitzenden durch das Zeichengeld an das karthagische Interesse geknuepft zu haben, so uebertrugen sie einen kaufmaennischen Kalkuel dahin, wo er nicht hingehoert; die Erfahrung bewies, dass die roemische Symmachie trotz ihrer scheinbar loseren Fuegung gegen Pyrrhos zusammenhielt wie eine Mauer aus Felsenstuecken, die karthagische dagegen wie Spinneweben zerriss, sowie ein feindliches Heer den afrikanischen Boden betrat. So geschah es bei den Landungen. von Agathokles und von Regulus und ebenso im Soeldnerkrieg; von dem Geiste, der in Afrika herrschte, zeugt zum Beispiel, dass die libyschen Frauen den Soeldnern freiwillig ihren Schmuck steuerten zum Kriege gegen Karthago. Nur in Sizilien scheinen die Karthager milder aufgetreten zu sein und darum auch bessere Ergebnisse erlangt zu haben. Sie gestatteten ihren Untertanen hier verhaeltnismaessige Freiheit im Handel mit dem Ausland und liessen sie ihren inneren Verkehr wohl von Anfang an und ausschliesslich mit Metallgeld treiben, ueberhaupt bei weitem freier sich bewegen, als dies den Sarden und Libyern erlaubt ward. Waere Syrakus in ihre Haende gefallen, so haette sich freilich dies bald geaendert; indes dazu kam es nicht, und so bestand, bei der wohlberechneten Milde des karthagischen Regiments und bei der unseligen Zerrissenheit der sizilischen Griechen, in Sizilien in der Tat eine ernstlich phoenikisch gesinnte Partei - wie denn zum Beispiel noch nach dem Verlust der Insel an die Roemer Philinos von Akragas die Geschichte des grossen Krieges durchaus im phoenikischen Sinne schrieb. Aber im ganzen mussten doch auch die Sizilianer als Untertanen wie als Hellenen ihren phoenikischen Herren wenigstens ebenso abgeneigt sein wie den Roemern die Samniten und Tarentiner.

Finanziell ueberstiegen die karthagischen Staatseinkuenfte ohne Zweifel um vieles die roemischen; allein dies glich zum Teil sich wieder dadurch aus, dass die Quellen der karthagischen Finanzen, Tribute und Zoelle weit eher und eben, wenn man sie am noetigsten brauchte, versiegten als die roemischen, und dass die karthagische Kriegfuehrung bei weitem kostspieliger war als die roemische.

Die militaerischen Hilfsmittel der Roemer und Karthager waren sehr verschieden, jedoch in vieler Beziehung nicht ungleich abgewogen. Die karthagische Buergerschaft betrug noch bei Eroberung der Stadt 700000 Koepfe mit Einschluss der Frauen und Kinder ^4 und mochte am Ende des fuenften Jahrhunderts wenigstens ebenso zahlreich sein; sie vermochte im fuenften Jahrhundert im Notfall ein Buergerheer von 40 000 Hopliten auf die Beine zu bringen. Ein ebenso starkes Buergerheer hatte Rom schon im Anfang des fuenften Jahrhunderts unter gleichen Verhaeltnissen ins Feld geschickt; seit den grossen Erweiterungen des Buergergebiets im Laufe des fuenften Jahrhunderts musste die Zahl der waffenfaehigen Vollbuerger mindestens sich verdoppelt haben. Aber weit mehr noch als der Zahl der Waffenfaehigen nach war Rom in dem Effektivstand des Buergermilitaers ueberlegen. So sehr die karthagische Regierung auch es sich angelegen sein liess, die Buerger zum Waffendienst zu bestimmen, so konnte sie doch weder dem Handwerker und Fabrikarbeiter den kraeftigen Koerper des Landmanns geben noch den angeborenen Widerwillen der Phoeniker vor dem Kriegswerk ueberwinden. Im fuenften Jahrhundert focht in den sizilischen Heeren noch eine “heilige Schar” von 2500 Karthagern als Garde des Feldherrn; im sechsten findet sich in den karthagischen Heeren, zum Beispiel in dem spanischen, mit Ausnahme der Offiziere nicht ein einziger Karthager. Dagegen standen die roemischen Bauern keineswegs bloss in den Musterrollen, sondern auch auf den Schlachtfeldern. Aehnlich verhielt es sich mit den Stammverwandten der beiden Gemeinden; waehrend die Latiner den Roemern nicht mindere Dienste leisteten als ihre Buergertruppen, waren die Libyphoeniker ebensowenig kriegstuechtig wie die Karthager und begreiflicherweise noch weit weniger kriegslustig, und so verschwinden auch sie aus den Heeren, indem die zuzugspflichtigen Staedte ihre Verbindlichkeit vermutlich mit Geld abkauften. In dem eben erwaehnten spanischen Heer von etwa 15000 Mann bestand nur eine einzige Reiterschar von 450 Mann und auch diese nur zum Teil aus Libyphoenikern. Den Kern der karthagischen Armeen bildeten die libyscher. Untertanen, aus deren Rekruten sich unter tuechtigen Offizieren ein gutes Fussvolk bilden liess und deren leichte Reiterei in ihrer Art unuebertroffen war. Dazu kamen die Mannschaften der mehr oder minder abhaengigen Voelkerschaften Libyens und Spaniens und die beruehmten Schleuderer von den Balearen, deren Stellung zwischen Bundeskontingenten und Soeldnerscharen die Mitte gehalten zu haben scheint; endlich im Notfall die im Ausland angeworbene Soldateska. Ein solches Heer konnte der Zahl nach ohne Muehe fast auf jede beliebige Staerke gebracht werden und auch an Tuechtigkeit der Offiziere, an Waffenkunde und Mut faehig sein, mit dem roemischen sich zu messen; allein nicht bloss verstrich, wenn Soeldner angenommen werden mussten, ehe dieselben bereit standen, eine gefaehrlich lange Zeit, waehrend die roemische Miliz jeden Augenblick auszuruecken imstande war, sondern, was die Hauptsache ist, waehrend die karthagischen Heere nichts zusammenhielt als die Fahnenehre und der Vorteil, fanden sich die roemischen durch alles vereinigt, was sie an das gemeinsame Vaterland band. Dem karthagischen Offizier gewoehnlichen Schlages galten seine Soeldner, ja selbst die libyschen Bauern ungefaehr soviel wie heute im Krieg die Kanonenkugeln; daher Schaendlichkeiten, wie zum Beispiel der Verrat der libyschen Truppen durch ihren Feldherrn Himilko 358 (396), der einen gefaehrlichen Aufstand der Libyer zur Folge hatte, und daher jener zum Sprichwort gewordene Ruf der “punischen Treue”, der den Karthagern nicht wenig geschadet hat. Alles Unheil, welches Fellah- und Soeldnerheere ueber einen Staat bringen koennen, hat Karthago in vollem Masse erfahren und mehr als einmal seine bezahlten Knechte gefaehrlicher erfunden als seine Feinde.

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^4 Man hat an der Richtigkeit dieser Zahl gezweifelt und mit Ruecksicht auf den Raum die moegliche Einwohnerzahl auf hoechstens 250000 Koepfe berechnet. Abgesehen von der Unsicherheit derartiger Berechnungen, namentlich in einer Handelsstadt mit sechsstoeckigen Haeusern, ist dagegen zu erinnern, dass die Zaehlung wohl politisch zu verstehen ist, nicht staedtisch, ebenso wie die roemischen Zensuszahlen, und dass dabei also alle Karthager gezaehlt sind, mochten sie in der Stadt oder in der Umgegend wohnen oder im untertaenigen Gebiet oder im Ausland sich aufhalten. Solcher Abwesenden gab es natuerlich eine grosse Zahl in Karthago; wie denn ausdruecklich berichtet wird, dass in Gades aus gleichem Grunde die Buergerliste stets eine weit hoehere Ziffer wies als die der in Gades ansaessigen Buerger war.

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Die Maengel dieses Heerwesens konnte die karthagische Regierung nicht verkennen und suchte sie allerdings auf jede Weise wieder einzubringen. Man hielt auf gefuellte Kassen und gefuellte Zeughaeuser, um jederzeit Soeldner ausstatten zu koennen. Man wandte grosse Sorgfalt auf das, was bei den Alten die heutige Artillerie vertrat: den Maschinenbau, in welcher Waffe wir die Karthager den Sikelioten regelmaessig ueberlegen finden, und die Elefanten, seit diese im Kriegswesen die aelteren Streitwagen verdraengt hatten; in den Kasematten Karthagos befanden sich Stallungen fuer 300 Elefanten. Die abhaengigen Staedte zu befestigen, konnte man freilich nicht wagen und musste es geschehen lassen, dass jedes in Afrika gelandete feindliche Heer mit dem offenen Lande auch die Staedte und Flecken gewann; recht im Gegensatz zu Italien, wo die meisten unterworfenen Staedte ihre Mauern behalten hatten und eine Kette roemischer Festungen die ganze Halbinsel beherrschte. Dagegen fuer die Befestigung der Hauptstadt bot man auf, was Geld und Kunst vermochten; und mehrere Male rettete den Staat nichts als die Staerke der karthagischen Mauern, waehrend Rom politisch und militaerisch so gesichert war, dass es eine foermliche Belagerung niemals erfahren hat. Endlich das Hauptbollwerk des Staats war die Kriegsmarine, auf die man die groesste Sorgfalt verwandte. Im Bau wie in der Fuehrung der Schiffe waren die Karthager den Griechen ueberlegen; in Karthago zuerst baute man Schiffe mit mehr als drei Ruderverdecken, und die karthagischen Kriegsfahrzeuge, in dieser Zeit meistens Fuenfdecker, waren in der Regel bessere Segler als die griechischen, die Ruderer, saemtlich Staatssklaven, die nicht von den Galeeren kamen, vortrefflich eingeschult und die Kapitaene gewandt und furchtlos. In dieser Beziehung war Karthago entschieden den Roemern ueberlegen, die mit den wenigen Schiffen der verbuendeten Griechen und den wenigeren eigenen nicht imstande waren, sich in der offenen See auch nur zu zeigen gegen die Flotte, die damals unbestritten das westliche Meer beherrschte.

Fassen wir schliesslich zusammen, was die Vergleichung der Mittel der beiden grossen Maechte ergibt, so rechtfertigt sich wohl das Urteil eines einsichtigen und unparteiischen Griechen, dass Karthago und Rom, da der Kampf zwischen ihnen begann, im allgemeinen einander gewachsen waren. Allein wir koennen nicht unterlassen hinzuzufuegen, dass Karthago wohl aufgeboten hatte, was Geist und Reichtum vermochten, um kuenstliche Mittel zum Angriff und zur Verteidigung sich zu erschaffen, aber dass es nicht imstande gewesen war, die Grundmaengel des fehlenden eigenen Landheers und der nicht auf eigenen Fuessen stehenden Symmachie in irgend ausreichender Weise zu ersetzen. Dass Rom nur in Italien, Karthago nur in Libyen ernstlich angegriffen werden konnte, liess sich nicht verkennen; und ebensowenig, dass Karthago auf die Dauer einem solchen Angriff nicht entgehen konnte. Die Flotten waren in jener Zeit der Kindheit der Schiffahrt noch nicht bleibendes Erbgut der Nationen, sondern liessen sich herstellen, wo es Baeume, Eisen und Wasser gab; dass selbst maechtige Seestaaten nicht imstande waren, den zur See schwaecheren Feinden die Landung zu wehren, war einleuchtend und in Afrika selbst mehrfach erprobt worden. Seit Agathokles den Weg dahin gezeigt hatte, konnte auch ein roemischer General ihn finden, und waehrend in Italien mit dem Einruecken einer Invasionsarmee der Krieg begann, war er in Libyen im gleichen Fall zu Ende und verwandelte sich in eine Belagerung, in der, wenn nicht besondere Zufaelle eintraten, auch der hartnaeckigste Heldenmut endlich unterliegen musste.

KAPITEL II.
Der Krieg um Sizilien zwischen Rom und Karthago

Seit mehr als einem Jahrhundert verheerte die Fehde zwischen den Karthagern und den syrakusanischen Herren die schoene sizilische Insel. Von beiden Seiten ward der Krieg gefuehrt einerseits mit politischem Propagandismus, indem Karthago Verbindungen unterhielt mit der aristokratisch-republikanischen Opposition in Syrakus, die syrakusanischen Dynasten mit der Nationalpartei in den Karthago zinspflichtig gewordenen Griechenstaedten; anderseits mit Soeldnerheeren, mit welchen Timoleon und Agathokles ebensowohl ihre Schlachten schlugen wie die phoenikischen Feldherren. Und wie man auf beiden Seiten mit gleichen Mitteln focht, ward auch auf beiden Seiten mit gleicher, in der okzidentalischen Geschichte beispielloser Ehr- und Treulosigkeit gestritten. Die unterliegende Partei waren die Syrakusier. Noch im Frieden von 440 (314) hatte Karthago sich beschraenkt auf das Drittel der Insel westlich von Herakleia, Minoa und Himera und hatte ausdruecklich die Hegemonie der Syrakusier ueber saemtliche oestliche Staedte anerkannt. Pyrrhos’ Vertreibung aus Sizilien und Italien (479 275) liess die bei weitem groessere Haelfte der Insel und vor allem das wichtige Akragas in Karthagos Haenden; den Syrakusiern blieb nichts als Tauromenion und der Suedosten der Insel. In der zweiten grossen Stadt an der Ostkueste, in Messana, hatte eine fremdlaendische Soldatenschar sich festgesetzt und behauptete die Stadt, unabhaengig von den Syrakusiern wie von den Karthagern. Es waren kampanische Landsknechte, die in Messana geboten. Das bei den in und um Capua angesiedelten Sabellern eingerissene wueste Wesen (I, 368) hatte im vierten und fuenften Jahrhundert aus Kampanien gemacht, was spaeter Aetolien, Kreta, Lakonien waren: den allgemeinen Werbeplatz fuer die soeldnersuchenden Fuersten und Staedte. Die von den kampanischen Griechen dort ins Leben gerufene Halbkultur, die barbarische Ueppigkeit des Lebens in Capua und den uebrigen kampanischen Staedten, die politische Ohnmacht, zu der die roemische Hegemonie sie verurteilte, ohne ihnen doch durch ein straffes Regiment die Verfuegung ueber sich selbst vollstaendig zu entziehen - alles dies trieb die kampanische Jugend scharenweise unter die Fahnen der Werbeoffiziere; und es versteht sich, dass der leichtsinnige und gewissenlose Selbstverkauf hier wie ueberall die Entfremdung von der Heimat, die Gewoehnung an Gewalttaetigkeit und Soldatenunfug und die Gleichgueltigkeit gegen den Treuebruch im Gefolge hatte. Warum eine Soeldnerschar sich der ihrer Hut anvertrauten Stadt nicht fuer sich selbst bemaechtigen solle, vorausgesetzt nur, dass sie dieselbe zu behaupten imstande sei, leuchtete diesen Kampanern nicht ein - hatten doch die Samniten in Capua selbst, die Lucaner in einer Reihe griechischer Staedte ihre Herrschaft in nicht viel ehrenhafterer Weise begruendet. Nirgend luden die politischen Verhaeltnisse mehr zu solchen Unternehmungen ein als in Sizilien; schon die waehrend des Peloponnesischen Krieges nach Sizilien gelangten kampanischen Hauptleute hatten in Entella und Aetna in solcher Art sich eingenistet. Etwa um das Jahr 470 (284) setzte ein kampanischer Trupp, der frueher unter Agathokles gedient hatte und nach dessen Tode (465 289) das Raeuberhandwerk auf eigene Rechnung trieb, sich fest in Messana, der zweiten Stadt des griechischen Siziliens und dem Hauptsitz der antisyrakusanischen Partei in dem noch von Griechen beherrschten Teile der Insel. Die Buerger wurden erschlagen oder vertrieben, die Frauen und Kinder und die Haeuser derselben unter die Soldaten verteilt und die neuen Herren der Stadt, die “Marsmaenner”, wie sie sich nannten, oder die Mamertiner wurden bald die dritte Macht der Insel, deren nordoestlichen Teil sie in den wuesten Zeiten nach Agathokles’ Tode sich unterwarfen. Die Karthager sahen nicht ungern diese Vorgaenge, durch welche die Syrakusier anstatt einer stammverwandten und in der Regel ihnen verbuendeten oder untertaenigen Stadt einen neuen und maechtigen Gegner in naechster Naehe erhielten; mit karthagischer Hilfe behaupteten die Mamertiner sich gegen Pyrrhos und der unzeitige Abzug des Koenigs gab ihnen ihre ganze Macht zurueck.

Es ziemt der Historie weder, den treulosen Frevel zu entschuldigen, durch den sie der Herrschaft sich bemaechtigten, noch zu vergessen, dass der Gott, der die Suende der Vaeter straft bis ins vierte Glied, nicht der Gott der Geschichte ist. Wer sich berufen fuehlt, die Suenden anderer zu richten, mag die Menschen verdammen; fuer Sizilien konnte es heilbringend sein, dass hier eine streitkraeftige und der Insel eigene Macht sich zu bilden anfing, die schon bis achttausend Mann ins Feld zu stellen vermochte und die allmaehlich sich in den Stand setzte, den Kampf, welchem die trotz der ewigen Kriege sich immer mehr der Waffen entwoehnenden Hellenen nicht mehr gewachsen waren, zu rechter Zeit gegen die Auslaender mit eigenen Kraeften aufzunehmen.

Zunaechst indes kam es anders. Ein junger syrakusanischer Offizier, der durch seine Abstammung aus dem Geschlechte Gelons und durch seine engen verwandtschaftlichen Beziehungen zum Koenig Pyrrhos ebenso sehr wie durch die Auszeichnung, mit der er in dessen Feldzuegen gefochten hatte, die Blicke seiner Mitbuerger wie die der syrakusanischen Soldateska auf sich gelenkt hatte, Hieron, des Hierokles Sohn, ward durch eine militaerische Wahl an die Spitze des mit den Buergern hadernden Heeres gerufen (479/80 275/74). Durch seine kluge Verwaltung, sein adliges Wesen und seinen maessigen Sinn gewann er schnell sich die Herzen der syrakusanischen, des schaendlichsten Despotenunfugs gewohnten Buergerschaft und ueberhaupt der sizilischen Griechen. Er entledigte sich, freilich auf treulose Weise, des unbotmaessigen Soeldnerheeres, regenerierte die Buergermiliz und versuchte, anfangs mit dem Titel als Feldherr, spaeter als Koenig, mit den Buergertruppen und frischen und lenksameren Geworbenen die tiefgesunkene hellenische Macht wiederherzustellen. Mit den Karthagern, die im Einverstaendnis mit den Griechen den Koenig Pyrrhos von der Insel vertrieben hatten, war damals Friede; die naechsten Feinde der Syrakusier waren die Mamertiner, die Stammgenossen der verhassten, vor kurzem ausgerotteten Soeldner, die Moerder ihrer griechischen Wirte, die Schmaelerer des syrakusanischen Gebiets, die Zwingherren und Brandschatzer einer Menge kleinerer griechischer Staedte. Im Bunde mit den Roemern, die eben um diese Zeit gegen die Bundes-, Stamm- und Frevelgenossen der Mamertiner, die Kampaner in Rhegion, ihre Legionen schickten, wandte Hieron sich gegen Messana. Durch einen grossen Sieg, nach welchem Hieron zum Koenig der Sikelioten ausgerufen ward (484 270), gelang es, die Mamertiner in ihre Staedte einzuschliessen, und nachdem die Belagerung einige Jahre gewaehrt hatte, sahen die Mamertiner sich aufs aeusserste gebracht und ausserstande, die Stadt gegen Hieron laenger mit eigenen Kraeften zu behaupten. Dass eine Uebergabe auf Bedingungen nicht moeglich war und das Henkerbeil, das die rheginischen Kampaner in Rom getroffen hatte, ebenso sicher in Syrakus der messanischen wartete, leuchtete ein; die einzige Rettung war die Auslieferung der Stadt entweder an die Karthager oder an die Roemer, denen beiden hinreichend gelegen sein musste an der Eroberung des wichtigen Platzes, um ueber alle anderen Bedenken hinwegzusehen. Ob es vorteilhafter sei, den Herren Afrikas oder den Herren Italiens sich zu ergeben, war zweifelhaft; nach langem Schwanken entschied sich endlich die Majoritaet der kampanischen Buergerschaft, den Besitz der meerbeherrschenden Festung den Roemern anzutragen.

Es war ein weltgeschichtlicher Moment von der tiefsten Bedeutung, als die Boten der Mamertiner im roemischen Senat erschienen. Zwar was alles an dem ueberschreiten des schmalen Meerarms hing, konnte damals niemand ahnen; aber dass an diese Entscheidung, wie sie immer ausfiel, ganz andere und wichtigere Folgen sich knuepfen wuerden als an irgendeinen der bisher vom Senat gefassten Beschluesse, musste jedem der ratschlagenden Vaeter der Stadt offenbar sein. Streng rechtliche Maenner freilich mochten fragen, wie es moeglich sei, ueberhaupt zu ratschlagen; wie man daran denken koenne, nicht bloss das Buendnis mit Hieron zu brechen, sondern, nachdem eben erst die rheginischen Kampaner mit gerechter Haerte von den Roemern bestraft worden waren, jetzt ihre nicht weniger schuldigen sizilischen Spiessgesellen zum Buendnis und zur Freundschaft von Staats wegen zuzulassen und sie der verdienten Strafe zu entziehen. Man gab damit ein Aergernis, das nicht bloss den Gegnern Stoff zu Deklamationen liefern, sondern auch sittliche Gemueter ernstlich empoeren musste. Allein wohl mochte auch der Staatsmann, dem die politische Moral keineswegs bloss eine Phrase war, zurueckfragen, wie man roemische Buerger, die den Fahneneid gebrochen und roemische Bundesgenossen hinterlistig gemordet hatten, gleichstellen koenne mit Fremden, die gegen Fremde gefrevelt haetten, wo jenen zu Richtern, diesen zu Raechern die Roemer niemand bestellt habe. Haette es sich nur darum gehandelt, ob die Syrakusaner oder die Mamertiner in Messana geboten, so konnte Rom allerdings sich diese wie jene gefallen lassen. Rom strebte nach dem Besitz Italiens, wie Karthago nach dem Siziliens; schwerlich gingen beider Maechte Plaene damals weiter. Allein eben darin lag es begruendet, dass jede an ihrer Grenze eine Mittelmacht zu haben und zu halten wuenschte - so die Karthager Tarent, die Roemer Syrakus und Messana - und dass sie, als dies unmoeglich geworden war, die Grenzplaetze lieber sich goennten als der anderen Grossmacht. Wie Karthago in Italien versucht hatte, als Rhegion und Tarent von den Roemern in Besitz genommen werden sollten, diese Staedte fuer sich zu gewinnen und nur durch Zufall daran gehindert worden war, so bot jetzt in Sizilien sich fuer Rom die Gelegenheit dar, die Stadt Messana in seine Symmachie zu ziehen; schlug man sie aus, so durfte man nicht erwarten, dass die Stadt selbstaendig blieb oder syrakusanisch ward, sondern man warf sie selbst den Phoenikern in die Arme. War es gerechtfertigt, die Gelegenheit entschluepfen zu lassen, die sicher so nicht wiederkehrte, sich des natuerlichen Brueckenkopfs zwischen Italien und Sizilien zu bemaechtigen und ihn durch eine tapfere und aus guten Gruenden zuverlaessige Besatzung zu sichern? gerechtfertigt, mit dem Verzicht auf Messana die Herrschaft ueber den letzten freien Pass zwischen der Ost- und Westsee und die Handelsfreiheit Italiens aufzuopfern? Zwar liessen sich gegen die Besetzung Messanas auch Bedenken anderer Art geltend machen, als die der Gefuehls- und Rechtlichkeitspolitik waren. Dass sie zu einem Kriege mit Karthago fuehren musste, war das geringste derselben; so ernst ein solcher war, Rom hatte ihn nicht zu fuerchten. Aber wichtiger war es, dass man mit dem Ueberschreiten der See abwich von der bisherigen rein italischen und rein kontinentalen Politik; man gab das System auf, durch welches die Vaeter Roms Groesse gegruendet hatten, um ein anderes zu erwaehlen, dessen Ergebnisse vorherzusagen niemand vermochte. Es war einer der Augenblicke, wo die Berechnung aufhoert und wo der Glaube an den eigenen Stern und an den Stern des Vaterlandes allein den Mut gibt, die Hand zu fassen, die aus dem Dunkel der Zukunft winkt, und ihr zu folgen, es weiss keiner wohin. Lange und ernst beriet der Senat ueber den Antrag der Konsuln, die Legionen den Mamertinern zu Hilfe zu fuehren; er kam zu keinem entscheidenden Beschluss. Aber in der Buergerschaft, an welche die Sache verwiesen ward, lebte das frische Gefuehl der durch eigene Kraft gegruendeten Grossmacht. Die Eroberung Italiens gab den Roemern, wie die Griechenlands den Makedoniern, wie die Schlesiens den Preussen, den Mut, eine neue politische Bahn zu betreten; formell motiviert war die Unterstuetzung der Mamertiner durch die Schutzherrschaft, die Rom ueber saemtliche Italiker ansprach. Die ueberseeischen Italiker wurden in die italische Eidgenossenschaft aufgenommen ^1 und auf Antrag der Konsuln von der Buergerschaft beschlossen, ihnen Hilfe zu senden (489 265).

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^1 Die Mamertiner traten voellig in dieselbe Stellung zu Rom wie die italischen Gemeinden, verpflichteten sich, Schiffe zu stellen (Cic. Verr. 5, 19, 50) und besassen, wie die Muenzen beweisen, das Recht der Silberpraegung nicht.

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Es kam darauf an, wie die beiden durch diese Intervention der Roemer in die Angelegenheiten der Insel zunaechst betroffenen und beide bisher dem Namen nach mit Rom verbuendeten sizilischen Maechte dieselbe aufnehmen wuerden. Hieron hatte Grund genug, die an ihn ergangene Aufforderung der Roemer, gegen ihre neuen Bundesgenossen in Messana die Feindseligkeiten einzustellen, ebenso zu behandeln, wie die Samniten und die Lucaner in gleichem Fall die Besetzung von Capua und Thurii aufgenommen hatten und den Roemern mit einer Kriegserklaerung zu antworten; blieb er indes allein, so war ein solcher Krieg eine Torheit und von seiner vorsichtigen und gemaessigten Politik konnte man erwarten, dass er in das Unvermeidliche sich fuegen werde, wenn Karthago sich ruhig verhielt. Unmoeglich schien dies nicht. Eine roemische Gesandtschaft ging jetzt (489 265), sieben Jahre nach dem Versuch der phoenikischen Flotte, sich Tarents zu bemaechtigen, nach Karthago, um Aufklaerung wegen dieser Vorgaenge zu verlangen; die nicht unbegruendeten, aber halb vergessenen Beschwerden tauchten auf einmal wieder auf - es schien nicht ueberfluessig, unter anderen Kriegsvorbereitungen auch die diplomatische Ruestkammer mit Kriegsgruenden zu fuellen und fuer die kuenftigen Manifeste sich, wie die Roemer es pflegten, die Rolle des angegriffenen Teils zu reservieren. Wenigstens das konnte man mit vollem Rechte sagen, dass die beiderseitigen Unternehmungen auf Tarent und auf Messana der Absicht und dem Rechtsgrund nach vollkommen gleichstanden und nur der zufaellige Erfolg den Unterschied machte. Karthago vermied den offenen Bruch. Die Gesandten brachten nach Rom die Desavouierung des karthagischen Admirals zurueck, der den Versuch auf Tarent gemacht hatte, nebst den erforderlichen falschen Eiden; auch die karthagischen Gegenbeschuldigungen, die natuerlich nicht fehlten, waren gemaessigt gehalten und unterliessen es, die beabsichtigte Invasion Siziliens als Kriegsgrund zu bezeichnen. Sie war es indes; denn wie Rom die italischen, so betrachtete Karthago die sizilischen Angelegenheiten als innere, in die eine unabhaengige Macht keinen Eingriff gestatten kann, und war entschlossen, hiernach zu handeln. Nur ging die phoenikische Politik einen leiseren Gang, als der der offenen Kriegsdrohung war. Als die Vorbereitungen zu der roemischen Hilfesendung an die Mamertiner endlich so weit gediehen waren, dass die Flotte, gebildet aus den Kriegsschiffen von Neapel, Tarent, Velia und Lokri, und die Vorhut des roemischen Landheeres unter dem Kriegstribun Gaius Claudius in Rhegion erschienen (Fruehling 490 264), kam ihnen von Messana die unerwartete Botschaft, dass die Karthager im Einverstaendnis mit der antiroemischen Partei in Messana, als neutrale Macht einen Frieden zwischen Hieron und den Mamertinern vermittelt haetten; dass die Belagerung also aufgehoben sei und dass im Hafen von Messana eine karthagische Flotte, in der Burg karthagische Besatzung liege, beide unter dem Befehl des Admirals Hanno. Die jetzt vom karthagischen Einfluss beherrschte mamertinische Buergerschaft liess, unter verbindlichem Dank fuer die schleunig gewaehrte Bundeshilfe, den roemischen Befehlshabern anzeigen, dass man sich freue, derselben nicht mehr zu beduerfen. Der gewandte und verwegene Offizier, der die roemische Vorhut befehligte, ging nichtsdestoweniger mit seinen Truppen unter Segel. Die Karthager wiesen die roemischen Schiffe zurueck und brachten sogar einige derselben auf; doch sandte der karthagische Admiral, eingedenk der strengen Befehle, keine Veranlassung zum Ausbruch der Feindseligkeiten zugeben, den guten Freunden jenseits der Meerenge dieselben zurueck. Es schien fast, als haetten die Roemer vor Messana sich ebenso nutzlos kompromittiert wie die Karthager vor Tarent. Aber Claudius liess sich nicht abschrecken, und bei einem zweiten Versuch gelang die Landung. Kaum angelangt, berief er die Buergerschaft zur Versammlung, und auf seinen Wunsch erschien in derselben gleichfalls der karthagische Admiral, noch immer waehnend, den offenen Bruch vermeiden zu koennen. Allein in der Versammlung selbst bemaechtigten die Roemer sich seiner Person, und Hanno sowie die schwache und fuehrerlose phoenikische Besatzung auf der Burg waren kleinmuetig genug, jener, seinen Truppen den Befehl zum Abzug zu geben, diese, dem Befehl des gefangenen Feldherrn nachzukommen und mit ihm die Stadt zu raeumen. So war der Brueckenkopf der Insel in den Haenden der Roemer.

Die karthagischen Behoerden, mit Recht erzuernt ueber die Torheit und Schwaeche ihres Feldherrn, liessen ihn hinrichten und erklaerten den Roemern den Krieg. Vor allem galt es, den verlorenen Platz wiederzugewinnen. Eine starke karthagische Flotte, gefuehrt von Hanno, Hannibals Sohn, erschien auf der Hoehe von Messana. Waehrend sie selber die Meerenge sperrte, begann die von ihr ans Land gesetzte karthagische Armee die Belagerung von der Nordseite; Hieron, der nur auf das Losschlagen der Karthager gewartet hatte, um den Krieg gegen Rom zu beginnen, fuehrte sein kaum zurueckgezogenes Heer wieder gegen Messana und uebernahm den Angriff auf die Suedseite der Stadt.

Allein mittlerweile war auch der roemische Konsul Appius Claudius Caudex mit dem Hauptheer in Rhegion erschienen, und in einer dunklen Nacht gelang die Ueberfahrt trotz der karthagischen Flotte. Kuehnheit und Glueck waren mit den Roemern; die Verbuendeten, nicht gefasst auf einen Angriff des gesamten roemischen Heeres und daher nicht vereinigt, wurden von den aus der Stadt ausrueckenden roemischen Legionen einzeln geschlagen und damit die Belagerung aufgehoben. Den Sommer ueber behauptete das roemische Heer das Feld und machte sogar einen Versuch auf Syrakus; allein nachdem dieser gescheitert war und auch die Belagerung von Echetla (an der Grenze der Gebiete von Syrakus und Karthago) mit Verlust hatte aufgegeben werden muessen, kehrte das roemische Heer zurueck nach Messana und von da unter Zuruecklassung einer starken Besatzung nach Italien. Die Erfolge dieses ersten ausseritalischen Feldzugs der Roemer moegen daheim der Erwartung nicht ganz entsprochen haben, da der Konsul nicht triumphierte; indes konnte das kraeftige Auftreten der Roemer in Sizilien nicht verfehlen, auf die Griechen daselbst grossen Eindruck zu machen. Im folgenden Jahre betraten beide Konsuln und ein doppelt so starkes Heer ungehindert die Insel. Der eine derselben, Marcus Valerius Maximus, seitdem von diesem Feldzug “der von Messana” (Messalla) genannt, erfocht einen glaenzenden Sieg ueber die verbuendeten Karthager und Syrakusaner; und als nach dieser Schlacht das phoenikische Heer nicht mehr gegen die Roemer das Feld zu halten wagte, da fielen nicht bloss Alaesa, Kentoripa und ueberhaupt die kleineren griechischen Staedte den Roemern zu, sondern Hieron selbst verliess die karthagische Partei und machte Frieden und Buendnis mit den Roemern (491 263). Er folgte einer richtigen Politik, indem er, sowie sich gezeigt hatte, dass es den Roemern mit dem Einschreiten in Sizilien Ernst war, sich sofort ihnen anschloss, als es noch Zeit war, den Frieden ohne Abtretungen und Opfer zu erkaufen. Die sizilischen Mittelstaaten, Syrakus und Messana, die eine eigene Politik nicht durchfuehren konnten und nur zwischen roemischer und karthagischer Hegemonie zu waehlen hatten, mussten jedenfalls die erstere vorziehen, da die Roemer damals sehr wahrscheinlich noch nicht die Insel fuer sich zu erobern beabsichtigten, sondern nur sie nicht von Karthago erobern zu lassen, und auf alle Faelle anstatt des karthagischen Tyrannisier- und Monopolisiersystems von Rom eine leidlichere Behandlung und Schutz der Handelsfreiheit zu erwarten war. Hieron blieb seitdem der wichtigste, standhafteste und geachtetste Bundesgenosse der Roemer auf der Insel.

Fuer die Roemer war hiermit das naechste Ziel erreicht. Durch das Doppelbuendnis mit Messana und Syrakus und den festen Besitz der ganzen Ostkueste war die Landung auf der Insel und die bis dahin sehr schwierige Unterhaltung der Heere gesichert und verlor der bisher bedenkliche und unberechenbare Krieg einen grossen Teil seines waglichen Charakters. Man machte denn auch fuer denselben nicht groessere Anstrengungen als fuer die Kriege in Samnium und Etrurien; die zwei Legionen, die man fuer das naechste Jahr (492 262) nach der Insel hinuebersandte, reichten aus, um im Einverstaendnis mit den sizilischen Griechen die Karthager ueberall in die Festungen zurueckzutreiben. Der Oberbefehlshaber der Karthager, Hannibal, Gisgons Sohn, warf mit dem Kern seiner Truppen sich in Akragas, um diese wichtigste karthagische Landstadt aufs aeusserste zu verteidigen. Unfaehig, die feste Stadt zu stuermen, blockierten die Roemer sie mit verschanzten Linien und einem doppelten Lager; die Eingeschlossenen, die bis 50000 Koepfe zaehlten, litten bald Mangel am Notwendigen. Zum Entsatz landete der karthagische Admiral Hanno bei Herakleia und schnitt seinerseits der roemischen Belagerungsarmee die Zufuhr ab. Auf beiden Seiten war die Not gross; man entschloss sich endlich zu einer Schlacht, um aus den Bedraengnissen und der Ungewissheit herauszukommen. In dieser zeigte sich die numidische Reiterei ebensosehr der roemischen ueberlegen wie der phoenikischen Infanterie das roemische Fussvolk; das letztere entschied den Sieg, allein die Verluste auch der Roemer waren sehr betraechtlich. Der Erfolg der gewonnenen Schlacht ward zum Teil dadurch verscherzt, dass es nach der Schlacht waehrend der Verwirrung und der Ermuedung der Sieger der belagerten Armee gelang, aus der Stadt zu entkommen und die Flotte zu erreichen; dennoch war der Sieg von Bedeutung. Akragas fiel dadurch in die Haende der Roemer und damit war die ganze Insel in ihrer Gewalt mit Ausnahme der Seefestungen, in denen der karthagische Feldherr Hamilkar, Hannos Nachfolger im Oberbefehl, sich bis an die Zaehne verschanzte und weder durch Gewalt noch durch Hunger zu vertreiben war. Der Krieg spann von da an sich nur fort durch die Ausfaelle der Karthager aus den sizilischen Festungen und durch ihre Landungen an den italischen Kuesten.

In der Tat empfanden die Roemer erst jetzt die wirklichen Schwierigkeiten des Krieges. Wenn die karthagischen Diplomaten, wie erzaehlt wird, vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten die Roemer warnten, es nicht bis zum Bruche zu treiben, denn wider ihren Willen koenne kein Roemer auch nur die Haende sich im Meer waschen, so war diese Drohung wohl begruendet. Die karthagische Flotte beherrschte ohne Nebenbuhler die See und hielt nicht bloss die sizilischen Kuestenstaedte im Gehorsam und mit allem Notwendigen versehen, sondern bedrohte auch Italien mit einer Landung, weswegen schon 492 (262) dort eine konsularische Armee hatte zurueckbleiben muessen. Zwar zu einer groesseren Invasion kam es nicht; allein wohl landeten kleinere karthagische Abteilungen an den italischen Kuesten und brandschatzten die Bundesgenossen und, was schlimmer als alles Uebrige war, der Handel Roms und seiner Bundesgenossen war voellig gelaehmt; es brauchte nicht lange so fortzugehen, um Caere, Ostia, Neapel, Tarent, Syrakus vollstaendig zugrunde zu richten, waehrend die Karthager ueber die Kontributionssummen und den reichen Kaperfang die ausbleibenden sizilischen Tribute leicht verschmerzten. Die Roemer erfuhren jetzt, was Dionysios, Agathokles und Pyrrhos erfahren hatten, dass es ebenso leicht war, die Karthager aus dem Felde zu schlagen, als schwierig, sie zu ueberwinden. Man sah es ein, dass alles darauf ankam, eine Flotte zu schaffen und beschloss eine solche von zwanzig Drei- und hundert Fuenfdeckern herzustellen. Die Ausfuehrung indes dieses energischen Beschlusses war nicht leicht. Zwar die aus den Rhetorschulen stammende Darstellung, die glauben machen moechte, als haetten damals zuerst die Roemer die Ruder ins Wasser getaucht, ist eine kindische Phrase; Italiens Handelsmarine musste um diese Zeit sehr ausgedehnt sein, und auch an italischen Kriegsschiffen fehlte es keineswegs. Aber es waren dies Kriegsbarken und Dreidecker, wie sie in frueherer Zeit ueblich gewesen waren; Fuenfdecker, die nach dem neueren, besonders von Karthago ausgehenden System des Seekrieges fast ausschliesslich in der Linie verwendet wurden, hatte man in Italien noch nicht gebaut. Die Massregel der Roemer war also ungefaehr derart, wie wenn jetzt ein Seestaat von Fregatten und Kuttern uebergehen wollte zum Bau von Linienschiffen; und eben wie man heute in solchem Fall womoeglich ein fremdes Linienschiff zum Muster nehmen wuerde, ueberwiesen auch die Roemer ihren Schiffsbaumeistern eine gestrandete karthagische Pentere als Modell. Ohne Zweifel haetten die Roemer, wenn sie gewollt haetten, mit Hilfe der Syrakusaner und Massalioten schneller zum Ziele gelangen koennen; allein ihre Staatsmaenner waren zu einsichtig, um Italien durch eine nichtitalische Flotte verteidigen zu wollen. Dagegen wurden die italischen Bundesgenossen stark angezogen sowohl fuer die Schiffsoffiziere, die man groesstenteils aus der italischen Handelsmarine genommen haben wird, als fuer die Matrosen, deren Name (socii navales) beweist, dass sie eine Zeitlang ausschliesslich von den Bundesgenossen gestellt wurden; daneben wurden spaeter Sklaven, die der Staat und die reicheren Familien lieferten, und bald auch die aermere Klasse der Buerger verwandt. Unter solchen Verhaeltnissen, und wenn man teils den damaligen, verhaeltnismaessig niedrigen Stand des Schiffsbaus, teils die roemische Energie wie billig in Anschlag bringt, wird es begreiflich, dass die Roemer die Aufgabe, an der Napoleon gescheitert ist, eine Kontinental- in eine Seemacht umzuwandeln, innerhalb eines Jahres loesten und ihre Flotte von hundertundzwanzig Segeln in der Tat im Fruehjahr 494 (260) vom Stapel lief. Freilich kam dieselbe der karthagischen an Zahl und Segeltuechtigkeit keineswegs gleich; und es fiel dies um so mehr ins Gewicht, als die Seetaktik dieser Zeit vorwiegend im Manoevrieren bestand. Dass Schwergeruestete und Bogenschuetzen vom Verdeck herab fochten, oder dass Wurfmaschinen von demselben aus arbeiteten, gehoerte zwar auch zum Seegefecht dieser Zeit; allein der gewoehnliche und eigentlich entscheidende Kampf bestand im Niedersegeln der feindlichen Schiffe, zu welchem Zwecke die Vorderteile mit schweren Eisenschnaebeln versehen waren; die kaempfenden Schiffe pflegten einander zu umkreisen, bis dem einen oder dem andern der Stoss gelang, der gewoehnlich entschied. Deshalb befanden sich unter der Bemannung eines gewoehnlichen griechischen Dreideckers von etwa 200 Mann nur etwa zehn Soldaten, dagegen 170 Ruderer, 50 bis 60 fuer jedes Deck; die des Fuenfdeckers zaehlte etwa 300 Ruderer, und Soldaten nach Verhaeltnis.

Man kam auf den gluecklichen Gedanken, das, was den roemischen Schiffen bei ihren ungeuebten Schiffsoffizieren und Rudermannschaften an Manoevrierfaehigkeit notwendig abgehen musste, dadurch zu ersetzen, dass man den Soldaten im Seegefecht wiederum eine bedeutendere Rolle zuteilte. Man brachte auf dem Vorderteil des Schiffes eine fliegende Bruecke an, welche nach vorn wie nach beiden Seiten hin niedergelassen werden konnte; sie war zu beiden Seiten mit Brustwehren versehen und hatte Raum fuer zwei Mann in der Front. Wenn das feindliche Schiff zum Stoss auf das roemische heransegelte oder, nachdem der Stoss vermieden war, demselben zur Seite lag, schlug diese Bruecke auf dessen Verdeck nieder und mittels eines eisernen Stachels in dasselbe ein; wodurch nicht bloss das Niedersegeln verhindert, sondern es auch den roemischen Schiffssoldaten moeglich ward, ueber die Bruecke auf das feindliche Verdeck hinueberzugehen und dasselbe wie im Landgefecht zu erstuermen. Eine eigene Schiffsmiliz ward nicht gebildet, sondern nach Beduerfnis die Landtruppen zu diesem Schiffsdienst verwandt; es kommt vor, dass in einer grossen Seeschlacht, wo freilich die roemische Flotte zugleich die Landungsarmee an Bord hat, bis 120 Legionarier auf den einzelnen Schiffen fechten.

So schufen sich die Roemer eine Flotte, die der karthagischen gewachsen war. Diejenigen irren, die aus dem roemischen Flottenbau ein Feenmaerchen machen, und verfehlen ueberdies ihren Zweck; man muss begreifen um zu bewundern. Der Flottenbau der Roemer war eben gar nichts als ein grossartiges Nationalwerk, wo durch Einsicht in das Noetige und Moegliche, durch geniale Erfindsamkeit, durch Energie in Entschluss und Ausfuehrung das Vaterland aus einer Lage gerissen ward, die uebler war, als sie zunaechst schien.

Der Anfang indes war den Roemern nicht guenstig. Der roemische Admiral, der Konsul Gnaeus Cornelius Scipio, der mit den ersten siebzehn segelfertigen Fahrzeugen nach Messana in See gegangen war (494 260), meinte auf der Fahrt Lipara durch einen Handstreich wegnehmen zu koennen. Allein eine Abteilung der bei Panormos stationierten karthagischen Flotte sperrte den Hafen der Insel, in dem die roemischen Schiffe vor Anker gegangen waren, und nahm die ganze Eskadre mit dem Konsul ohne Kampf gefangen. Indes dies schreckte die Hauptflotte nicht ab, sowie die Vorbereitungen beendigt waren, gleichfalls nach Messana unter Segel zu gehen. Auf der Fahrt laengs der italischen Kueste traf sie auf ein schwaecheres karthagisches Rekognoszierungsgeschwader, dem sie das Glueck hatte, einen den ersten roemischen mehr als aufwiegenden Verlust zuzufuegen, und traf also gluecklich und siegreich im Hafen von Messana ein, wo der zweite Konsul Gaius Duilius das Kommando an der Stelle seines gefangenen Kollegen uebernahm. An der Landspitze von Mylae, nordwestlich von Messana, traf die karthagische Flotte, die unter Hannibal von Panormos herankam, auf die roemische, welche hier ihre erste groessere Probe bestand. Die Karthager, in den schlecht segelnden und unbehilflichen roemischen Schiffen eine leichte Beute erblickend, stuerzten sich in aufgeloester Linie auf dieselben; aber die neu erfundenen Enterbruecken bewaehrten sich vollkommen. Die roemischen Schiffe fesselten und stuermten die feindlichen, wie sie einzeln heransegelten; es war ihnen weder von vorn, noch von den Seiten beizukommen, ohne dass die gefaehrliche Bruecke sich niedersenkte auf das feindliche Verdeck. Als die Schlacht zu Ende war, waren gegen fuenfzig karthagische Schiffe, fast die Haelfte der Flotte, von den Roemern versenkt oder genommen, unter den letzteren das Admiralsschiff Hannibals, einst das des Koenigs Pyrrhos. Der Gewinn war gross; noch groesser der moralische Eindruck. Rom war ploetzlich eine Seemacht geworden und hatte das Mittel in der Hand, den Krieg, der endlos sich hinauszuspinnen und dem italischen Handel den Ruin zu drohen schien, energisch zu Ende zu fuehren.

Es gab dazu einen doppelten Weg. Man konnte entweder Karthago auf den italischen Inseln angreifen und ihm die Kuestenfestungen Siziliens und Sardiniens eine nach der andern entreissen, was vielleicht durch gut kombinierte Operationen zu Lande und zur See ausfuehrbar war; war dies durchgesetzt, so konnte entweder mit Karthago auf Grund der Abtretung dieser Inseln Friede geschlossen, oder, wenn dies misslang oder nicht genuegte, der zweite Akt des Krieges nach Afrika verlegt werden. Oder man konnte die Inseln vernachlaessigen und sich gleich mit aller Macht auf Afrika werfen, nicht in Agathokles’ abenteuernder Art die Schiffe hinter sich verbrennend und alles setzend auf den Sieg eines verzweifelten Haufens, sondern durch eine starke Flotte die Verbindungen der afrikanischen Invasionsarmee mit Italien deckend; in diesem Falle liess sich entweder von der Bestuerzung der Feinde nach den ersten Erfolgen ein maessiger Friede erwarten oder, wenn man wollte, mit aeusserster Gewalt den Feind zu vollstaendiger Ergebung noetigen.

Man waehlte zunaechst den ersten Operationsplan. Im Jahre nach der Schlacht von Mylae (495 259) erstuermte der Konsul Lucius Scipio den Hafen Aleria auf Korsika - wir besitzen noch den Grabstein des Feldherrn, der dieser Tat gedenkt - und machte aus Korsika eine Seestation gegen Sardinien. Ein Versuch, sich auf der Nordkueste dieser Insel in Ulbia festzusetzen, misslang, da es der Flotte an Landungstruppen fehlte. Im folgenden Jahre (496 258) ward er zwar mit besserem Erfolg wiederholt und die offenen Flecken an der Kueste gepluendert; aber zu einer bleibenden Festsetzung der Roemer kam es nicht. Ebensowenig kam man in Sizilien vorwaerts. Hamilkar fuehrte energisch und geschickt den Krieg nicht bloss mit Waffen zu Lande und zur See, sondern auch mit der politischen Propaganda; von den zahllosen kleinen Landstaedten fielen jaehrlich einige von den Roemern ab und mussten den Phoenikern muehsam wieder entrissen werden, und in den Kuestenfestungen behaupteten die Karthager sich unangefochten, namentlich in ihrem Hauptquartier Panormos und in ihrem neuen Waffenplatz Drepana, wohin der leichteren Seeverteidigung wegen Hamilkar die Bewohner des Eryx uebergesiedelt hatte. Ein zweites grosses Seetreffen am Tyndarischen Vorgebirg (497 257), in dem beide Teile sich den Sieg zuschrieben, aenderte nichts an der Lage der Dinge. In dieser Weise kam man nicht vom Fleck, mochte die Schuld nun an dem geteilten und schnell wechselnden Oberbefehl der roemischen Truppen liegen, der die konzentrierte Gesamtleitung einer Reihe kleinerer Operationen ungemein erschwerte, oder auch an den allgemeinen strategischen Verhaeltnissen, welche allerdings in einem solchen Fall nach dem damaligen Stande der Kriegswissenschaft sich fuer den Angreifer ueberhaupt (I, 426) und ganz besonders fuer die noch im Anfang der wissenschaftlichen Kriegskunst stehenden Roemer unguenstig stellten. Mittlerweile litt, wenn auch die Brandschatzung der italischen Kuesten aufgehoert hatte, doch der italische Handel nicht viel weniger als vor dem Flottenbau. Muede des erfolglosen Ganges der Operationen und ungeduldig, dem Kriege ein Ziel zu setzen, beschloss der Senat, das System zu aendern und Karthago in Afrika anzugreifen. Im Fruehjahr 498 (256) ging eine Flotte von 330 Linienschiffen unter Segel nach der libyschen Kueste; an der Muendung des Himeraflusses am suedlichen Ufer Siziliens nahm sie das Landungsheer an Bord: es waren vier Legionen unter der Fuehrung der beiden Konsuln Marcus Atilius Regulus und Lucius Manlius Volso, beides erprobte Generale. Der karthagische Admiral liess es geschehen, dass die feindlichen Truppen sich einschifften; aber auf der weiteren Fahrt nach Afrika fanden die Roemer die feindliche Flotte auf der Hoehe von Eknomos in Schlachtordnung aufgestellt, um die Heimat vor der Invasion zu decken. Nicht leicht haben groessere Massen zur See gefochten als in dieser Schlacht gegeneinander standen. Die roemische Flotte von 330 Segeln zaehlte mindestens 100000 Mann an Schiffsbemannung ausser der etwa 40000 Mann starken Landungsarmee; die karthagische von 350 Schiffen trug an Bemannung mindestens die gleiche Zahl, so dass gegen dreimalhunderttausend Menschen an diesem Tage aufgeboten waren, um zwischen den beiden maechtigen Buergerschaften zu entscheiden. Die Phoeniker standen in einfacher weitausgedehnter Linie, mit dem linken Fluegel gelehnt an die sizilische Kueste. Die Roemer ordneten sich ins Dreieck, die Admiralschiffe der beiden Konsuln an der Spitze, in schraeger Linie rechts und links neben ihnen das erste und zweite Geschwader, endlich das dritte mit den zum Transport der Reiterei gebauten Fahrzeugen im Schlepptau in der Linie, die das Dreieck schloss. Also segelten sie dichtgeschlossen auf den Feind. Langsamer folgte ein viertes in Reserve gestelltes Geschwader. Der keilfoermige Angriff durchbrach ohne Muehe die karthagische Linie, da das zunaechst angegriffene Zentrum derselben absichtlich zurueckwich, und die Schlacht loeste sich auf in drei gesonderte Treffen. Waehrend die Admirale mit den beiden auf den Fluegeln aufgestellten Geschwadern dem karthagischen Zentrum nachsetzten und mit ihm handgemein wurden, schwenkte der linke, an der Kueste aufgestellte Fluegel der Karthager auf das dritte roemische Geschwader ein, welches durch die Schleppschiffe gehindert ward, den beiden vorderen zu folgen, und draengte dasselbe in heftigem und ueberlegenem Angriff gegen das Ufer; gleichzeitig wurde die roemische Reserve von dem rechten karthagischen Fluegel auf der hohen See umgangen und von hinten angefallen. Das erste dieser drei Treffen war bald zu Ende: die Schiffe des karthagischen Mitteltreffens, offenbar viel schwaecher als die beiden gegen sie fechtenden roemischen Geschwader, wandten sich zur Flucht. Mittlerweile hatten die beiden anderen Abteilungen der Roemer einen harten Stand gegen den ueberlegenen Feind; allein im Nahgefecht kamen die gefuerchteten Enterbruecken ihnen zustatten, und mit deren Hilfe gelang es, sich so lange zu halten, bis die beiden Admirale mit ihren Schiffen herankommen konnten. Dadurch erhielt die roemische Reserve Luft, und die karthagischen Schiffe des rechten Fluegels suchten vor der Uebermacht das Weite. Nun, nachdem auch dieser Kampf zum Vorteil der Roemer entschieden, fielen alle noch seefaehigen roemischen Schiffe dem hartnaeckig seinen Vorteil verfolgenden karthagischen linken Fluegel in den Ruecken, so dass dieser umzingelt und fast alle Schiffe desselben genommen wurden. Der uebrige Verlust war ungefaehr gleich. Von der roemischen Flotte waren 24 Segel versenkt, von der karthagischen 30 versenkt, 64 genommen. Die karthagische Flotte gab trotz des betraechtlichen Verlustes es nicht auf, Afrika zu decken und ging zu diesem Ende zurueck an den Golf von Karthago, wo sie die Landung erwartete und eine zweite Schlacht zu liefern gedachte. Allein die Roemer landeten statt an der westlichen Seite der Halbinsel, die den Golf bilden hilft, vielmehr an der oestlichen, wo die Bai von Clupea ihnen einen fast bei allen Winden Schutz bietenden geraeumigen Hafen und die Stadt, hart am Meere auf einem schildfoermig aus der Ebene aufsteigenden Huegel gelegen, eine vortreffliche Hafenfestung darbot. Ungehindert vom Feinde schifften sie die Truppen aus und setzten sich auf dem Huegel fest; in kurzer Zeit war ein verschanztes Schiffslager errichtet, und das Landheer konnte seine Operationen beginnen. Die roemischen Truppen durchstreiften und brandschatzten das Land; bis 20000 Sklaven konnten nach Rom gefuehrt werden. Durch die ungeheuersten Gluecksfaelle war der kuehne Plan auf den ersten Wurf und mit geringen Opfern gelungen; man schien am Ziele zu stehen. Wie sicher die Roemer sich fuehlten, beweist der Beschluss des Senats, den groessten Teil der Flotte und die Haelfte der Armee nach Italien zurueckzuschicken; Marcus Regulus blieb allein in Afrika mit 40 Schiffen, 15000 Mann zu Fuss und 500 Reitern. Es schien indes die Zuversicht nicht uebertrieben. Die karthagische Armee, die entmutigt sich in die Ebene nicht wagte, erlitt erst recht eine Schlappe in den waldigen Defileen, in denen sie ihre beiden besten Waffen, die Reiterei und die Elefanten nicht verwenden konnte. Die Staedte ergaben sich in Masse, die Numidier standen auf und ueberschwemmten weithin das offene Land. Regulus konnte hoffen, den naechsten Feldzug zu beginnen mit der Belagerung der Hauptstadt, zu welchem Ende er dicht bei derselben, in Tunes sein Winterlager aufschlug.

Der Karthager Mut war gebrochen; sie baten um Frieden. Allein die Bedingungen, die der Konsul stellte: nicht bloss Abtretung von Sizilien und Sardinien, sondern Eingehung eines ungleichen Buendnisses mit Rom, welches die Karthager verpflichtet haette, auf eine eigene Kriegsmarine zu verzichten und zu den roemischen Kriegen Schiffe zu stellen - diese Bedingungen, welche Karthago mit Neapel und Tarent gleichgestellt haben wuerden, konnten nicht angenommen werden, solange noch ein karthagisches Heer im Felde, eine karthagische Flotte auf der See, und die Hauptstadt unerschuettert stand. Die gewaltige Begeisterung, wie sie in den orientalischen Voelkern, auch den tief gesunkenen, bei dem Herannahen aeusserster Gefahren grossartig aufzuflammen pflegt, diese Energie der hoechsten Not trieb die Karthager zu Anstrengungen, wie man sie den Budenleuten nicht zugetraut haben mochte. Hamilkar, der in Sizilien den kleinen Krieg gegen die Roemer so erfolgreich gefuehrt hatte, erschien in Libyen mit der Elite der sizilischen Truppen, die fuer die neuausgehobene Mannschaft einen trefflichen Kern abgab; die Verbindungen und das Gold der Karthager fuehrten ihnen ferner die trefflichen numidischen Reiter scharenweise zu und ebenso zahlreiche griechische Soeldner, darunter den gefeierten Hauptmann Xanthippos von Sparta, dessen Organisierungstalent und strategische Einsicht seinen neuen Dienstherren von grossem Nutzen war ^2. Waehrend also im Lauf des Winters die Karthager ihre Vorbereitungen trafen, stand der roemische Feldherr untaetig bei Tunes. Mochte er nicht ahnen, welcher Sturm sich ueber seinem Haupt zusammenzog, oder mochte militaerisches Ehrgefuehl ihm zu tun verbieten, was seine Lage erheischte - statt zu verzichten auf eine Belagerung, die er doch nicht imstande war, auch nur zu versuchen, und sich einzuschliessen in die Burg von Clupea, blieb er mit einer Handvoll Leute vor den Mauern der feindlichen Hauptstadt stehen, sogar seine Rueckzugslinie zu dem Schiffslager zu sichern versaeumend, und versaeumend sich zu schaffen, was ihm vor allen Dingen fehlte und was durch Verhandlungen mit den aufstaendischen Staemmen der Numidier so leicht zu erreichen war, eine gute leichte Reiterei. Mutwillig brachte er sich und sein Heer also in dieselbe Lage, in der einst Agathokles auf seinem verzweifelten Abenteurerzug sich befunden hatte. Als das Fruehjahr kam (499 255), hatten sich die Dinge schon so veraendert, dass jetzt die Karthager es waren, die zuerst ins Feld rueckten und den Roemern eine Schlacht anboten; natuerlich, denn es lag alles daran, mit dem Heer des Regulus fertig zu werden, ehe von Italien Verstaerkung kommen konnte. Aus demselben Grunde haetten die Roemer zoegern sollen; allein im Vertrauen auf ihre Unueberwindlichkeit im offenen Felde nahmen sie sofort die Schlacht an trotz ihrer geringeren Staerke - denn obwohl die Zahl des Fussvolks auf beiden Seiten ungefaehr dieselbe war, gaben doch den Karthagern die 4000 Reiter und 100 Elefanten ein entschiedenes Uebergewicht - und trotz des unguenstigen Terrains - die Karthager hatten sich auf einem weiten Blachfeld, vermutlich unweit Tunes, aufgestellt. Xanthippos, der an diesem Tage die Karthager kommandierte, warf zunaechst seine Reiterei auf die feindliche, die wie gewoehnlich auf den beiden Fluegeln der Schlachtlinie stand; die wenigen roemischen Schwadronen zerstoben im Nu vor den feindlichen Kavalleriemassen und das roemische Fussvolk sah sich von demselben ueberfluegelt und umschwaermt. Die Legionen, hierdurch nicht erschuettert, gingen zum Angriff vor gegen die feindliche Linie; und obwohl die zur Deckung vor derselben aufgestellte Elefantenreihe den rechten Fluegel und das Zentrum der Roemer hemmte, fasste wenigstens der linke roemische Fluegel, an den Elefanten vorbeimarschierend, die Soeldnerinfanterie auf dem rechten feindlichen und warf sie vollstaendig. Allein eben dieser Erfolg zerriss die roemischen Reihen. Die Hauptmasse, vorn von den Elefanten, an den Seiten und im Ruecken von der Reiterei angegriffen, formierte sich zwar ins Viereck und verteidigte sich heldenmuetig, allein endlich wurden doch die geschlossenen Massen gesprengt und aufgerieben. Der siegreiche linke Fluegel traf auf das noch frische karthagische Zentrum, wo die libysche Infanterie ihm gleiches Schicksal bereitete. Bei der Beschaffenheit des Terrains und der Ueberzahl der feindlichen Reiterei ward niedergehauen oder gefangen, was in diesen Massen gefochten hatte; nur zweitausend Mann, vermutlich vorzugsweise die zu Anfang zersprengten leichten Truppen und Reiter, gewannen, waehrend die roemischen Legionen sich niedermachen liessen, soviel Vorsprung, um mit Not Clupea zu erreichen. Unter den wenigen Gefangenen war der Konsul selbst, der spaeter in Karthago starb; seine Familie, in der Meinung, dass er von den Karthagern nicht nach Kriegsgebrauch behandelt worden sei, nahm an zwei edlen karthagischen Gefangenen die empoerendste Rache, bis es selbst die Sklaven erbarmte und auf deren Anzeige die Tribune der Schaendlichkeit steuerten ^3.

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^2 Der Bericht, dass zunaechst Xanthippos’ militaerisches Talent Karthago gerettet habe, ist wahrscheinlich gefaerbt; die karthagischen Offiziere werden schwerlich auf den Fremden gewartet haben, um zu lernen, dass die leichte afrikanische Kavallerie zweckmaessiger auf der Ebene verwandt werde als in Huegeln und Waeldern. Von solchen Wendungen, dem Echo der griechischen Wachtstubengespraeche, ist selbst Polybios nicht frei. Dass Xanthippos nach dem Siege von den Karthagern ermordet worden sei, ist eine Erfindung; er ging freiwillig fort, vielleicht in aegyptische Dienste.

^3 Weiter ist ueber Regulus’ Ende nichts mit Sicherheit bekannt; selbst seine Sendung nach Rom, die bald 503 (251), bald 513 (241) gesetzt wird, ist sehr schlecht beglaubigt, Die spaetere Zeit, die in dem Glueck und Unglueck der Vorfahren nur nach Stoffen suchte fuer Schulakte, hat aus Regulus den Prototyp des ungluecklichen wie aus Fabricius das des duerftigen Helden gemacht und eine Menge obligat erfundener Anekdoten auf seinen Namen in Umlauf gesetzt; widerwaertige Flitter, die uebel kontrastieren mit der ernsten und schlichten Geschichte.

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Wie die Schreckenspost nach Rom gelangte, war die erste Sorge natuerlich gerichtet auf die Rettung der in Clupea eingeschlossenen Mannschaft. Eine roemische Flotte von 350 Segeln lief sofort aus, und nach einem schoenen Sieg am Hermaeischen Vorgebirg, bei welchem die Karthager 114 Schiffe einbuessten, gelangte sie nach Clupea eben zur rechten Zeit, um die dort verschanzten Truemmer der geschlagenen Armee aus ihrer Bedraengnis zu befreien. Waere sie gesandt worden, ehe die Katastrophe eintrat, so haette sie die Niederlage in einen Sieg verwandeln moegen, der wahrscheinlich den phoenikischen Kriegen ein Ende gemacht haben wuerde. So vollstaendig aber hatten jetzt die Roemer den Kopf verloren, dass sie nach einem gluecklichen Gefecht vor Clupea saemtliche Truppen auf die Schiffe setzten und heimsegelten, freiwillig den wichtigen und leicht zu verteidigenden Platz raeumend, der ihnen die Moeglichkeit der Landung in Afrika sicherte, und der Rache der Karthager ihre zahlreichen afrikanischen Bundesgenossen schutzlos preisgebend. Die Karthager versaeumten die Gelegenheit nicht, ihre leeren Kassen zu fuellen und den Untertanen die Folgen der Untreue deutlich zu machen. Eine ausserordentliche Kontribution von 1000 Talenten Silber (1740000 Taler) und 20000 Rindern ward ausgeschrieben und in saemtlichen abgefallenen Gemeinden die Scheiche ans Kreuz geschlagen - es sollen ihrer dreitausend gewesen sein und dieses entsetzliche Wueten der karthagischen Beamten wesentlich den Grund gelegt haben zu der Revolution, welche einige Jahre spaeter in Afrika ausbrach. Endlich, als wollte wie frueher das Glueck, so jetzt das Unglueck den Roemern das Mass fuellen, gingen auf der Rueckfahrt der Flotte in einem schweren Sturm drei Vierteile der roemischen Schiffe mit der Mannschaft zugrunde; nur achtzig gelangten in den Hafen (Juli 499 255). Die Kapitaene hatten das Unheil wohl vorausgesagt, aber die improvisierten roemischen Admirale die Fahrt einmal also befohlen.

Nach so ungeheuren Erfolgen konnten die Karthager die lange eingestellte Offensive wiederum ergreifen. Hasdrubal, Hannos Sohn, landete in Lilybaeon mit einem starken Heer, das besonders durch die gewaltige Elefantenmasse - es waren ihrer 140 - in den Stand gesetzt wurde, gegen die Roemer das Feld zu halten; die letzte Schlacht hatte gezeigt, wie es moeglich war, den Mangel eines guten Fussvolks durch Elefanten und Reiterei einigermassen zu ersetzen. Auch die Roemer nahmen den sizilischen Krieg von neuem auf: die Vernichtung des Landungsheeres hatte, wie die freiwillige Raeumung von Clupea beweist, im roemischen Senat sofort wieder der Partei die Oberhand gegeben, die den afrikanischen Krieg nicht wollte und sich begnuegte, die Inseln allmaehlich zu unterwerfen. Allein auch hierzu bedurfte man einer Flotte; und da diejenige zerstoert war, mit der man bei Mylae, bei Eknomos und am Hermaeischen Vorgebirge gesiegt hatte, baute man eine neue. Zu zweihundertundzwanzig neuen Kriegsschiffen wurde auf einmal der Kiel gelegt - nie hatte man bisher gleichzeitig so viele zu bauen unternommen -, und in der unglaublich kurzen Zeit von drei Monaten standen sie saemtlich segelfertig. Im Fruehjahr 500 (254) erschien die roemische Flotte, dreihundert groesstenteils neue Schiffe zaehlend, an der sizilischen Nordkueste. Durch einen gluecklichen Angriff von der Seeseite ward die bedeutendste Stadt des karthagischen Siziliens, Panormos, erobert, und ebenso fielen hier die kleineren Plaetze Solus, Kephaloedion, Tyndaris den Roemern in die Haende, so dass am ganzen noerdlichen Gestade der Insel nur noch Thermae den Karthagern verblieb. Panormos ward seitdem eine der Hauptstationen der Roemer auf Sizilien. Der Landkrieg daselbst stockte indes; die beiden Armeen standen vor Lilybaeon einander gegenueber, ohne dass die roemischen Befehlshaber, die der Elefantenmasse nicht beizukommen wussten, eine Hauptschlacht zu erzwingen versucht haetten.

Im folgenden Jahre (501 253) zogen die Konsuln es vor, statt die sicheren Vorteile in Sizilien zu verfolgen, eine Expedition nach Afrika zu machen, nicht um zu landen, sondern um die Kuestenstaedte zu pluendern. Ungehindert kamen sie damit zustande; allein nachdem sie schon in den schwierigen und ihren Piloten unbekannten Gewaessern der Kleinen Syrte auf die Untiefen aufgelaufen und mit Muehe wieder losgekommen waren, traf die Flotte zwischen Sizilien und Italien ein Sturm, der ueber 150 roemische Schiffe kostete; auch diesmal hatten die Piloten, trotz ihrer Vorstellungen und Bitten, den Weg laengs der Kueste zu waehlen, auf Befehl der Konsuln von Panormos gerades Weges durch das offene Meer nach Ostia zu steuern muessen.

Da ergriff Kleinmut die Vaeter der Stadt; sie beschlossen, die Kriegsflotte abzuschaffen bis auf 60 Segel und den Seekrieg auf die Kuestenverteidigung und die Geleitung der Transporte zu beschraenken. Zum Glueck nahm eben jetzt der stockende Landkrieg auf Sizilien eine guenstigere Wendung. Nachdem im Jahre 502 (252) Thermae, der letzte Punkt, den die Karthager an der Nordkueste besassen, und die wichtige Insel Lipara den Roemern in die Haende gefallen waren, erfocht im Jahre darauf der Konsul Lucius Caecilius Metellus unter den Mauern von Panormos einen glaenzenden Sieg ueber das Elefantenheer (Sommer 503 251). Die unvorsichtig vorgefuehrten Tiere wurden von den im Stadtgraben aufgestellten leichten Truppen der Roemer geworfen und stuerzten teils in den Graben hinab, teils zurueck auf ihre eigenen Leute, die in wilder Verwirrung mit den Elefanten zugleich sich zum Strande draengten, um von den phoenikischen Schiffen aufgenommen zu werden. 120 Elefanten wurden gefangen, und das karthagische Heer, dessen Staerke auf den Tieren beruhte, musste sich wiederum in die Festungen einschliessen. Es blieb, nachdem auch noch der Eryx den Roemern in die Haende gefallen war (505 249), auf der Insel den Karthagern nichts mehr als Drepana und Lilybaeon. Karthago bot zum zweitenmal den Frieden an; allein der Sieg des Metellus und die Ermattung des Feindes gab der energischeren Partei im Senat die Oberhand. Der Friede ward zurueckgewiesen und beschlossen, die Belagerung der beiden sizilischen Staedte ernsthaft anzugreifen und zu diesem Ende wiederum eine Flotte von 200 Segeln in See gehen zu lassen. Die Belagerung von Lilybaeon, die erste grosse und regelrechte, die Rom unternahm, und eine der hartnaeckigsten, die die Geschichte kennt, wurde von den Roemern mit einem wichtigen Erfolg eroeffnet: ihrer Flotte gelang es, sich in den Hafen der Stadt zu legen und dieselbe von der Seeseite zu blockieren. Indes vollstaendig die See zu sperren, vermochten die Belagerer nicht. Trotz ihrer Versenkungen und Palisaden und trotz der sorgfaeltigsten Bewachung unterhielten gewandte und der Untiefen und Fahrwaesser genau kundige Schnellsegler eine regelmaessige Verbindung zwischen den Belagerten in der Stadt und der karthagischen Flotte im Hafen von Drepana; ja nach einiger Zeit glueckte es einem karthagischen Geschwader von 50 Segeln, in den Hafen einzufahren, Lebensmittel in Menge und Verstaerkung von 10000 Mann in die Stadt zu werfen und unangefochten wieder heimzukehren. Nicht viel gluecklicher war die belagernde Landarmee. Man begann mit regelrechtem Angriff; die Maschinen wurden errichtet, und in kurzer Zeit hatten die Batterien sechs Mauertuerme eingeworfen; die Bresche schien bald gangbar. Allein der tuechtige karthagische Befehlshaber Himilko wehrte diesen Angriff ab, indem auf seine Anordnung hinter der Bresche sich ein zweiter Wall erhob. Ein Versuch der Roemer, mit der Besatzung ein Einverstaendnis anzuknuepfen, ward ebenso noch zur rechten Zeit vereitelt. Ja es gelang den Karthagern, nachdem ein erster, zu diesem Zwecke gemachter Ausfall abgeschlagen worden war, waehrend einer stuermischen Nacht die roemische Maschinenreihe zu verbrennen. Die Roemer gaben hierauf die Vorbereitungen zum Sturm auf und begnuegten sich, die Mauer zu Wasser und zu Lande zu blockieren. Freilich waren dabei die Aussichten auf Erfolg sehr fern, solange man nicht imstande war, den feindlichen Schiffen den Zugang gaenzlich zu verlegen; und einen nicht viel leichteren Stand als in der Stadt die Belagerten hatte das Landheer der Belagerer, welchem die Zufuhren durch die starke und verwegene leichte Reiterei der Karthager haeufig abgefangen wurden und das die Seuchen, die in der ungesunden Gegend einheimisch sind, zu dezimieren begannen. Die Eroberung Lilybaeons war nichtsdestoweniger wichtig genug, um geduldig bei der muehseligen Arbeit auszuharren, die denn doch mit der Zeit der. gewuenschten Erfolg verhiess. Allein dem neuen Konsul Publius Claudius schien die Aufgabe, Lilybaeon eingeschlossen zu halten, allzu gering; es gefiel ihm besser, wieder einmal den Operationsplan zu aendern und mit seinen zahlreichen neu bemannten Schiffen die karthagische in dem nahen Hafen von Drepana verweilende Flotte unversehens zu ueberfallen. Mit dem ganzen Blockadegeschwader, das Freiwillige aus den Legionen an Bord genommen hatte, fuhr er um Mitternacht ab und erreichte, in guter Ordnung segelnd, den rechten Fluegel am Lande, den linken in der hohen See, gluecklich mit Sonnenaufgang den Hafen von Drepana. Hier kommandierte der phoenikische Admiral Atarbas. Obwohl ueberrascht, verlor er die Besonnenheit nicht und liess sich nicht in den Hafen einschliessen, sondern wie die roemischen Schiffe in den nach Sueden sichelfoermig sich oeffnenden Hafen an der Landseite einfuhren, zog er an der noch freien Seeseite seine Schiffe aus dem Hafen heraus und stellte sich ausserhalb desselben in Linie. Dem roemischen Admiral blieb nichts uebrig, als die vordersten Schiffe moeglichst schnell aus dem Hafen zurueckzunehmen und sich gleichfalls vor demselben zur Schlacht zu ordnen; allein ueber dieser rueckgaengigen Bewegung verlor er die freie Wahl seiner Aufstellung und musste die Schlacht annehmen in einer Linie, die teils von der feindlichen um fuenf Schiffe ueberfluegelt ward, da es an Zeit gebrach, die Schiffe wieder aus dem Hafen vollstaendig zu entwickeln, teils so dicht an die Kueste gedraengt war, dass seine Fahrzeuge weder zurueckweichen noch hinter der Linie hinsegelnd sich untereinander zu Hilfe kommen konnten. Die Schlacht war nicht bloss verloren, ehe sie begann, sondern die roemische Flotte so vollstaendig umstrickt, dass sie fast ganz den Feinden in die Haende fiel. Zwar der Konsul entkam, indem er zuerst davonfloh; aber 93 roemische Schiffe, mehr als drei Viertel der Blockadeflotte, mit dem Kern der roemischen Legionen an Bord, fielen den Phoenikern in die Haende. Es war der erste und einzige grosse Seesieg, den die Karthager ueber die Roemer erfochten haben. Lilybaeon war der Tat nach von der Seeseite entsetzt, denn wenn auch die Truemmer der roemischen Flotte in ihre fruehere Stellung zurueckkehrten, so war diese doch jetzt viel zu schwach, um den nie ganz geschlossenen Hafen ernstlich zu versperren, und konnte vor dem Angriff der karthagischen Schiffe sich selbst nur retten durch den Beistand des Landheers. Die eine Unvorsichtigkeit eines unerfahrenen und frevelhaft leichtsinnigen Offiziers hatte alles vereitelt, was in dem langen und aufreibenden Festungskrieg muehsam erreicht worden war; und was dessen Uebermut noch an Kriegsschiffen den Roemern gelassen hatte, ging kurz darauf durch den Unverstand seines Kollegen zugrunde. Der zweite Konsul, Lucius Iunius Pullus, der den Auftrag erhalten hatte, die fuer das Heer in Lilybaeon bestimmten Zufuhren in Syrakus zu verladen und die Transportflotte laengs der suedlichen Kueste der Insel mit der zweiten roemischen Flotte von 120 Kriegsschiffen zu geleiten, beging, statt seine Schiffe zusammenzuhalten, den Fehler, den ersten Transport allein abgehen zu lassen und erst spaeter mit dem zweiten zu folgen. Als der karthagische Unterbefehlshaber Karthalo, der mit hundert auserlesenen Schiffen die roemische Flotte im Hafen von Lilybaeon blockierte, davon Nachricht erhielt, wandte er sich nach der Suedkueste der Insel, schnitt die beiden roemischen Geschwader, sich zwischen sie legend, voneinander ab und zwang sie, an den unwirtlichen Gestaden von Gela und Kamarina in zwei Nothaefen sich zu bergen. Die Angriffe der Karthager wurden freilich von den Roemern tapfer zurueckgewiesen mit Hilfe der hier wie ueberall an der Kueste schon seit laengerer Zeit errichteten Strandbatterien; allein da an Vereinigung und Fortsetzung der Fahrt fuer die Roemer nicht zudenken war, konnte Karthago die Vollendung seines Werkes den Elementen ueberlassen. Der naechste grosse Sturm vernichtete denn auch beide roemische Flotten auf ihren schlechten Reeden vollstaendig, waehrend der phoenikische Admiral auf der hohen See mit seinen unbeschwerten und gut gefuehrten Schiffen ihm leicht entging. Die Mannschaft und die Ladung gelang es den Roemern indes groesstenteils zu retten (505 249).

Der roemische Senat war ratlos. Der Krieg waehrte nun ins sechzehnte Jahr, und von dem Ziele schien man im sechzehnten weiter ab zu sein als im ersten. Vier grosse Flotten waren in diesem Kriege zugrunde gegangen, drei davon mit roemischen Heeren an Bord; ein viertes ausgesuchtes Landheer hatte der Feind in Libyen vernichtet, ungerechnet die zahllosen Opfer, die die kleinen Gefechte zur See, die in Sizilien die Schlachten und mehr noch der Postenkrieg und die Seuchen gefordert hatten. Welche Zahl von Menschenleben der Krieg wegraffte, ist daraus zuerkennen, dass die Buergerrolle bloss von 502 (252) auf 507 (247) um etwa 40000 Koepfe, den sechsten Teil der Gesamtzahl, sank; wobei die Verluste der Bundesgenossen, die die ganze Schwere des Seekriegs und daneben der Landkrieg mindestens in gleichem Verhaeltnis wie die Roemer traf, noch nicht mit eingerechnet sind. Von der finanziellen Einbusse ist es nicht moeglich, sich eine Vorstellung zu machen; aber sowohl der unmittelbare Schaden an Schiffen und Material als der mittelbare durch die Laehmung des Handels muessen ungeheuer gewesen sein. Allein schlimmer als dies alles war die Abnutzung aller Mittel, durch die man den Krieg hatte endigen wollen. Man hatte eine Landung in Afrika mit frischen Kraeften, im vollen Siegeslauf versucht und war gaenzlich gescheitert. Man hatte Sizilien Stadt um Stadt zu erstuermen unternommen; die geringeren Plaetze waren gefallen, aber die beiden gewaltigen Seeburgen Lilybaeon und Drepana standen unbezwinglicher als je zuvor. Was sollte man beginnen? In der Tat, der Kleinmut behielt gewissermassen Recht. Die Vaeter der Stadt verzagten; sie liessen die Sachen eben gehen, wie sie gehen mochten, wohl wissend, dass ein ziel- und endlos sich hinspinnender Krieg fuer Italien verderblicher war als die Anstrengung des letzten Mannes und des letzten Silberstuecks, aber ohne den Mut und die Zuversicht zu dem Volk und zu dem Glueck, um zu den alten, nutzlos vergeudeten neue Opfer zu fordern. Man schaffte die Flotte ab; hoechstens foerderte man die Kaperei und stellte den Kapitaenen, die auf ihre eigene Hand den Korsarenkrieg zu beginnen bereit waren, zu diesem Behuf Kriegsschiffe des Staates zur Verfuegung. Der Landkrieg ward dem Namen nach fortgefuehrt, weil man eben nicht anders konnte; allein man begnuegte sich, die sizilischen Festungen zu beobachten, und was man besass, notduerftig zu behaupten, was dennoch, seit die Flotte fehlte, ein sehr zahlreiches Heer und aeusserst kostspielige Anstalten erforderte.

Wenn jemals, so war jetzt die Zeit gekommen, wo Karthago den gewaltigen Gegner zu demuetigen imstande war. Dass auch dort die Erschoepfung der Kraefte gefuehlt ward, versteht sich; indes wie die Sachen standen, konnten die phoenikischen Finanzen unmoeglich so im Verfall sein, dass die Karthager den Krieg, der ihnen hauptsaechlich nur Geld kostete, nicht haetten offensiv und nachdruecklich fortfuehren koennen. Allein die karthagische Regierung war eben nicht energisch, sondern schwach und laessig, wenn nicht ein leichter und sicherer Gewinn oder die aeusserste Not sie trieb. Froh, der roemischen Flotte los zu sein, liess man toericht auch die eigene verfallen und fing an, nach dem Beispiel der Feinde sich zu Lande und zur See auf den kleinen Krieg in und um Sizilien zu beschraenken.

So folgten sechs tatenlose Kriegsjahre (506-511 248-243), die ruhmlosesten, welche die roemische Geschichte dieses Jahrhunderts kennt, und ruhmlos auch fuer das Volk der Karthager. Indes ein Mann von diesen dachte und handelte anders als seine Nation. Hamilkar, genannt Barak oder Barkas, das ist der Blitz, ein junger, vielversprechender Offizier, uebernahm im Jahre 507 (247) den Oberbefehl in Sizilien. Es fehlte in seiner Armee wie in jeder karthagischen an einer zuverlaessigen und kriegsgeuebten Infanterie; und die Regierung, obwohl sie vielleicht eine solche zu schaffen imstande und auf jeden Fall es zu versuchen verpflichtet gewesen waere, begnuegte sich, den Niederlagen zuzusehen und hoechstens die geschlagenen Feldherren ans Kreuz heften zu lassen. Hamilkar beschloss, sich selber zu helfen. Er wusste es wohl, dass seinen Soeldnern Karthago so gleichgueltig war wie Rom, und dass er von seiner Regierung nicht phoenikische oder libysche Konskribierte, sondern im besten Fall die Erlaubnis zu erwarten hatte, mit seinen Leuten das Vaterland auf eigene Faust zu retten, vorausgesetzt, dass es nichts koste. Allein er kannte auch sich und die Menschen. An Karthago lag seinen Soeldnern freilich nichts; aber der echte Feldherr vermag es, den Soldaten an die Stelle des Vaterlandes seine eigene Persoenlichkeit zu setzen, und ein solcher war der junge General. Nachdem er die Seinigen im Postenkrieg vor Drepana und Lilybaeon gewoehnt hatte, dem Legionaer ins Auge zu sehen, setzte er auf dem Berge Eirkte (Monte Pellegrino bei Palermo), der gleich einer Festung das umliegende Land beherrscht, sich mit seinen Leuten fest und liess sie hier haeuslich mit ihren Frauen und Kindern sich einrichten und das platte Land durchstreifen, waehrend phoenikische Kaper die italische Kueste bis Cumae brandschatzten. So ernaehrte er seine Leute reichlich, ohne von den Karthagern Geld zu begehren, und bedrohte, mit Drepana die Verbindung zur See unterhaltend, das wichtige Panormos in naechster Naehe mit Ueberrumpelung. Nicht bloss vermochten die Roemer nicht, ihn von seinem Felsen zu vertreiben, sondern nachdem an der Eirkte der Kampf eine Weile gedauert hatte, schuf sich Hamilkar eine zweite aehnliche Stellung am Eryx. Diesen Berg, der auf der halben Hoehe die gleichnamige Stadt, auf der Spitze den Tempel der Aphrodite trug, hatten bis dahin die Roemer in Haenden gehabt und von da aus Drepana beunruhigt. Hamilkar nahm die Stadt weg und belagerte das Heiligtum, waehrend die Roemer von der Ebene her ihn ihrerseits blockierten. Die von den Roemern auf den verlorenen Posten des Tempels gestellten keltischen Ueberlaeufer aus dem karthagischen Heer, ein schlimmes Raubgesindel, das waehrend dieser Belagerung den Tempel pluenderte und Schaendlichkeiten aller Art veruebte, verteidigten die Felsenspitze mit verzweifeltem Mut; aber auch Hamilkar liess sich nicht wieder aus der Stadt verdraengen und hielt mit der Flotte und der Besatzung von Drepana stets sich zur See die Verbindung offen. Der sizilische Krieg schien eine immer unguenstigere Wendung fuer die Roemer zu nehmen. Der roemische Staat kam in demselben um sein Geld und seine Soldaten und die roemischen Feldherren um ihr Ansehen: es war schon klar, dass dem Hamilkar kein roemischer General gewachsen war, und die Zeit liess sich berechnen, wo auch der karthagische Soeldner sich dreist wuerde messen koennen mit dem Legionaer. Immer verwegener zeigten sich die Kaper Hamilkars an der italischen Kueste - schon hatte gegen eine dort gelandete karthagische Streifpartei ein Praetor ausruecken muessen. Noch einige Jahre, so tat Hamilkar von Sizilien aus mit der Flotte, was spaeter auf dem Landweg von Spanien aus sein Sohn unternahm.

Indes der roemische Senat verharrte in seiner Untaetigkeit; die Partei der Kleinmuetigen hatte einmal in ihm die Mehrzahl. Da entschlossen sich eine Anzahl einsichtiger und hochherziger Maenner, den Staat auch ohne Regierungsbeschluss zu retten und dem heillosen Sizilischen Krieg ein Ende zu machen. Die gluecklichen Korsarenfahrten hatten wenn nicht den Mut der Nation gehoben, doch in engeren Kreisen die Energie und die Hoffnung geweckt; man hatte sich schon in Geschwader zusammengetan, Hippo an der afrikanischen Kueste niedergebrannt, den Karthagern vor Panormos ein glueckliches Seegefecht geliefert. Durch Privatunterzeichnung, wie sie auch wohl in Athen, aber nie in so grossartiger Weise vorgekommen ist, stellten die vermoegenden und patriotisch gesinnten Roemer eine Kriegsflotte her, deren Kern die fuer den Kaperdienst gebauten Schiffe und die darin geuebten Mannschaften abgaben und die ueberhaupt weit sorgfaeltiger hergestellt wurde, als dies bisher bei dem Staatsbau geschehen war. Diese Tatsache, dass eine Anzahl Buerger im dreiundzwanzigsten Jahre eines schweren Krieges zweihundert Linienschiffe mit einer Bemannung von 60000 Matrosen freiwillig dem Staate darboten, steht vielleicht ohne Beispiel da in den Annalen der Geschichte. Der Konsul Gaius Lutatius Catulus, dem die Ehre zuteil ward, diese Flotte in die sizilische See zu fuehren, fand dort kaum einen Gegner; die paar karthagischen Schiffe, mit denen Hamilkar seine Korsarenzuege gemacht, verschwanden vor der Uebermacht, und fast ohne Widerstand besetzten die Roemer die Haefen von Lilybaeon und Drepana, deren Belagerung zu Wasser und zu Lande jetzt energisch begonnen ward. Karthago war vollstaendig ueberrumpelt; selbst die beiden Festungen, schwach verproviantiert, schwebten in grosser Gefahr. Man ruestete daheim an einer Flotte, aber so eilig man tat, ging das Jahr zu Ende, ohne dass in Sizilien karthagische Segel sich gezeigt haetten; und als endlich im Fruehjahr 513 (241) die zusammengerafften Schiffe auf der Hoehe von Drepana erschienen, war es doch mehr eine Transport- als eine schlagfertige Kriegsflotte zu nennen. Die Phoeniker hatten gehofft, ungestoert landen, die Vorraete ausschiffen und die fuer ein Seegefecht erforderlichen Truppen an Bord nehmen zu koennen; allein die roemischen Schiffe verlegten ihnen den Weg und zwangen sie, da sie von der heiligen Insel (jetzt Maritima) nach Drepana segeln wollten, bei der kleinen Insel Aegusa (Favignana), die Schlacht anzunehmen (10. Maerz 513 241). Der Ausgang war keinen Augenblick zweifelhaft, die roemische Flotte, gut gebaut und bemannt und, da die vor Drepana erhaltene Wunde den Konsul Catulus noch an das Lager fesselte, von dem tuechtigen Praetor Publius Valerius Falto vortrefflich gefuehrt, warf im ersten Augenblick die schwer beladenen, schlecht und schwach bemannten Schiffe der Feinde; fuenfzig wurden versenkt, mit siebzig eroberten fuhren die Sieger ein in den Hafen von Lilybaeon. Die letzte grosse Anstrengung der roemischen Patrioten hatte Frucht getragen; sie brachte den Sieg und mit ihm den Frieden.

Die Karthager kreuzigten zunaechst den ungluecklichen Admiral, was die Sache nicht anders machte, und schickten alsdann dem sizilischen Feldherrn unbeschraenkte Vollmacht, den Frieden zu schliessen. Hamilkar, der, seine siebenjaehrige Heldenarbeit durch fremde Fehler vernichtet sah, fuegte hochherzig sich in das Unvermeidliche, ohne darum weder seine Soldatenehre noch sein Volk noch seine Entwuerfe aufzugeben. Sizilien freilich war nicht zu halten, seit die Roemer die See beherrschten, und dass die karthagische Regierung, die ihre leere Kasse vergeblich durch ein Staatsanlehen in Aegypten zu fuellen versucht hatte, auch nur einen Versuch noch machen wuerde, die roemische Flotte zu ueberwaeltigen, liess sich nicht erwarten. Er gab also die Insel auf. Dagegen ward die Selbstaendigkeit und Integritaet des karthagischen Staats und Gebiets ausdruecklich anerkannt in der ueblichen Form, dass Rom sich verpflichtete, nicht mit der karthagischen, Karthago, nicht mit der roemischen Bundesgenossenschaft, das heisst mit den beiderseitigen untertaenigen und abhaengigen Gemeinden, in Sonderbuendnis zu treten oder Krieg zu beginnen oder in diesem Gebiet Hoheitsrechte auszuueben oder Werbungen vorzunehmen ^4. Was die Nebenbedingungen anlangt, so verstand sich die unentgeltliche Rueckgabe der roemischen Gefangenen und die Zahlung einer Kriegskontribution von selbst; dagegen die Forderung des Catulus, dass Hamilkar die Waffen und die roemischen Ueberlaeufer ausliefern solle, wies der Karthager entschlossen zurueck, und mit Erfolg. Catulus verzichtete auf das zweite Begehren und gewaehrte den Phoenikern freien Abzug aus Sizilien gegen das maessige Loesegeld von 18 Denaren (4 Taler) fuer den Mann.

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^4 Dass die Karthager versprechen mussten, keine Kriegsschiffe in das Gebiet der roemischen Symmachie - also auch nicht nach Syrakus, vielleicht selbst nicht nach Massalia - zu senden (Zon. 8, 17), klingt glaublich genug; allein der Text des Vertrages schweigt davon (Polyb. 3, 27).

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Wenn den Karthagern die Fortfuehrung des Krieges nicht wuenschenswert erschien, so hatten sie Ursache, mit diesen Bedingungen zufrieden zu sein. Es kann sein, dass das natuerliche Verlangen, dem Vaterland mit dem Triumph auch den Frieden zu bringen, die Erinnerung an Regulus und den wechselvollen Gang des Krieges, die Erwaegung, dass ein patriotischer Aufschwung, wie er zuletzt den Sieg entschieden hatte, sich nicht gebieten noch wiederholen laesst, vielleicht selbst Hamilkars Persoenlichkeit mithalfen, den roemischen Feldherrn zu solcher Nachgiebigkeit zu bestimmen. Gewiss ist es, dass man in Rom mit dem Friedensentwurf unzufrieden war und die Volksversammlung, ohne Zweifel unter dem Einfluss der Patrioten, die die letzte Schiffsruestung durchgesetzt hatten, anfaenglich die Ratifikation verweigerte. In welchem Sinne dies geschah, wissen wir nicht und vermoegen also nicht zu entscheiden, ob die Opponenten den Frieden nur verwarfen, um dem Feinde noch einige Konzessionen mehr abzudringen, oder ob sie sich erinnerten, dass Regulus von Karthago den Verzicht auf die politische Unabhaengigkeit gefordert hatte, und entschlossen waren, den Krieg fortzufuehren, bis man an diesem Ziel stand und es sich nicht mehr um Frieden handelte, sondern um Unterwerfung. Erfolgte die Weigerung in dem ersten Sinne, so war sie vermutlich fehlerhaft; gegen den Gewinn Siziliens verschwand jedes andere Zugestaendnis, und es war bei Hamilkars Entschlossenheit und erfinderischem Geist sehr gewagt, die Sicherung des Hauptgewinns an Nebenzwecke zu setzen. Wenn dagegen die gegen den Frieden opponierende Partei in der vollstaendigen politischen Vernichtung Karthagos das einzige fuer die roemische Gemeinde genuegende Ende des Kampfes erblickte, so zeigte sie politischen Takt und Ahnung der kommenden Dinge; ob aber auch Roms Kraefte noch ausreichten, um den Zug des Regulus zu erneuern und soviel nachzusetzen, als erforderlich war, um nicht bloss den Mut, sondern die Mauern der maechtigen Phoenikerstadt zu brechen, ist eine andere Frage, welche in dem einen oder dem andern Sinn zu beantworten jetzt niemand wagen kann.

Schliesslich uebertrug man die Erledigung der wichtigen Frage einer Kommission, die in Sizilien an Ort und Stelle entscheiden sollte. Sie bestaetigte im wesentlichen den Entwurf; nur ward die fuer die Kriegskosten von Karthago zu zahlende Summe erhoeht auf 3200 Talente (5½ Mill. Taler), davon ein Drittel gleich, der Rest in zehn Jahreszielern zu entrichten. Wenn ausser der Abtretung von Sizilien auch noch die der Inseln zwischen Italien und Sizilien in den definitiven Traktat aufgenommen ward, so kann hierin nur eine redaktionelle Veraenderung gefunden werden; denn dass Karthago, wenn es Sizilien hingab, sich die laengst von der roemischen Flotte besetzte Insel Lipara nicht konnte vorbehalten wollen, versteht sich von selbst, und dass man mit Ruecksicht auf Sardinien und Korsika absichtlich eine zweideutige Bestimmung in den Vertrag gesetzt habe, ist ein unwuerdiger und unwahrscheinlicher Verdacht.

So war man endlich einig. Der unbesiegte Feldherr einer ueberwundenen Nation stieg herab von seinen langverteidigten Bergen und uebergab den neuen Herren der Insel die Festungen, die die Phoeniker seit wenigstens vierhundert Jahren in ununterbrochenem Besitz gehabt hatten und von deren Mauern alle Stuerme der Hellenen erfolglos abgeprallt waren. Der Westen hatte Frieden (513 241).

Verweilen wir noch einen Augenblick bei dem Kampfe, welcher die roemische Grenze vorrueckte ueber den Meeresring, der die Halbinsel einfasst. Es ist einer der laengsten und schwersten, welchen die Roemer gefuehrt haben; die Soldaten, welche die entscheidende Schlacht schlugen, waren, als er begann, zum guten Teil noch nicht geboren. Dennoch und trotz der unvergleichlich grossartigen Momente, die er darbietet, ist kaum ein anderer Krieg zu nennen, den die Roemer militaerisch sowohl wie politisch so schlecht und so unsicher gefuehrt haben. Es konnte das kaum anders sein; er steht inmitten eines Wechsels der politischen Systeme, zwischen der nicht mehr ausreichenden italischen Politik und der noch nicht gefundenen des Grossstaats. Der roemische Senat und das roemische Kriegswesen waren unuebertrefflich organisiert fuer die rein italische Politik. Die Kriege, welche diese hervorrief, waren reine Kontinentalkriege und ruhten stets auf der in der Mitte der Halbinsel gelegenen Hauptstadt als der letzten Operationsbasis und demnaechst auf der roemischen Festungskette. Die Aufgaben waren vorzugsweise taktisch, nicht strategisch; Maersche und Operationen zaehlten nur an zweiter Stelle, an erster die Schlachten; der Festungskrieg war in der Kindheit; die See und der Seekrieg kamen kaum einmal beilaeufig in Betracht. Es ist begreiflich, zumal wenn man nicht vergisst, dass in den damaligen Schlachten bei dem Vorherrschen der blanken Waffe wesentlich das Handgemenge entschied, dass eine Ratsversammlung diese Operationen zu dirigieren und wer eben Buergermeister war, die Truppen zu befehligen imstande war. Auf einen Schlag war das alles umgewandelt. Das Schlachtfeld dehnte sich aus in unabsehbare Ferne, in unbekannte Landstriche eines andern Erdteils hinein und hinaus ueber weite Meeresflaechen; jede Welle war dem Feinde eine Strasse, von jedem Hafen konnte man seinen Anmarsch erwarten. Die Belagerung der festen Plaetze, namentlich der Kuestenfestungen, an der die ersten Taktiker Griechenlands gescheitert waren, hatten die Roemer jetzt zum erstenmal zu versuchen. Man kam nicht mehr aus mit dem Landheer und mit dem Buergermilizwesen. Es galt, eine Flotte zu schaffen und, was schwieriger war, sie zu gebrauchen, es galt, die wahren Angriffs- und Verteidigungspunkte zu finden, die Massen zu vereinigen und zu richten, auf lange Zeit und weite Ferne die Zuege zu berechnen und ineinanderzupassen; geschah dies nicht, so konnte auch der taktisch weit schwaechere Feind leicht den staerkeren Gegner besiegen. Ist es ein Wunder, dass die Zuegel eines solchen Regiments der Ratversammlung und den kommandierenden Buergermeistern entschluepften?

Offenbar wusste man beim Beginn des Krieges nicht, was man begann; erst im Laufe des Kampfes draengten die Unzulaenglichkeiten des roemischen Systems eine nach der anderen sich auf: der Mangel einer Seemacht, das Fehlen einer festen militaerischen Leitung, die Unzulaenglichkeit der Feldherren, die vollstaendige Unbrauchbarkeit der Admirale. Zum Teil half man ihnen ab durch Energie und durch Glueck; so dem Mangel einer Flotte. Aber auch diese gewaltige Schoepfung war ein grossartiger Notbehelf und ist es zu allen Zeiten geblieben. Man bildete eine roemische Flotte, aber man nationalisierte sie nur dem Namen nach und behandelte sie stets stiefmuetterlich: der Schiffsdienst blieb gering geschaetzt neben dem hochgeehrten Dienst in den Legionen, die Seeoffiziere waren grossenteils italische Griechen, die Bemannung Untertanen oder gar Sklaven und Gesindel. Der italische Bauer war und blieb wasserscheu; unter den drei Dingen, die Cato in seinem Leben bereute, war das eine, dass er einmal zu Schiff gefahren sei, wo er zu Fuss habe gehen koennen. Es lag dies zum Teil wohl in der Natur der Sache, da die Schiffe Rudergaleeren waren und der Ruderdienst kaum geadelt werden kann; allein, eigene Seelegionen wenigstens haette man bilden und auf die Errichtung eines roemischen Seeoffizierstandes hinwirken koennen. Man haette, den Impuls der Nation benutzend, allmaehlich darauf ausgehen sollen, eine nicht bloss durch die Zahl, sondern durch Segelfaehigkeit und Routine bedeutende Seemacht herzustellen, wozu in dem waehrend des langen Krieges entwickelten Kaperwesen ein wichtiger Anfang schon gemacht war; allein es geschah nichts derart von der Regierung. Dennoch ist das roemische Flottenwesen in seiner unbehilflichen Grossartigkeit noch die genialste Schoepfung dieses Krieges und hat wie im Anfang so zuletzt fuer Rom den Ausschlag gegeben. Viel schwieriger zu ueberwinden waren diejenigen Maengel, die sich ohne Aenderung der Verfassung nicht beseitigen liessen. Dass der Senat je nach dem Stande der in ihm streitenden Parteien von einem System der Kriegfuehrung zum andern absprang und so unglaubliche Fehler beging, wie die Raeumung von Clupea und die mehrmalige Einziehung der Flotte waren; dass der Feldherr des einen Jahres sizilische Staedte belagerte und sein Nachfolger, statt dieselben zur Uebergabe zu zwingen, die afrikanische Kueste brandschatzte oder ein Seetreffen zu liefern fuer gut fand; dass ueberhaupt der Oberbefehl jaehrlich von Rechts wegen wechselte - das alles liess sich nicht abstellen, ohne Verfassungsfragen anzuregen, deren Loesung schwieriger war als der Bau einer Flotte, aber freilich ebensowenig zu vereinigen mit den Forderungen eines solchen Krieges. Vor allen Dingen aber wusste niemand noch in die neue Kriegfuehrung sich zu finden, weder der Senat noch die Feldherren. Regulus’ Feldzug ist ein Beispiel davon, wie seltsam man in dem Gedanken befangen war, dass die taktische Ueberlegenheit alles entscheide. Es gibt nicht leicht einen Feldherrn, dem das Glueck so wie ihm die Erfolge in den Schoss geworfen hat; er stand im Jahr 498 (256) genau da, wo fuenfzig Jahre spaeter Scipio, nur dass ihm kein Hannibal und keine erprobte feindliche Armee gegenueberstand. Allein der Senat zog die halbe Armee zurueck, sowie man sich von der taktischen Ueberlegenheit der Roemer ueberzeugt hatte; im blinden Vertrauen auf diese blieb der Feldherr stehen, wo er eben stand, um strategisch, und nahm er die Schlacht an, wo man sie ihm anbot, um auch taktisch sich ueberwinden zu lassen. Es war dies um so bezeichnender, als Regulus in seiner Art ein tuechtiger und erprobter Feldherr war. Eben die Bauernmanier, durch die Etrurien und Samnium genommen worden waren, war die Ursache der Niederlage in der Ebene von Tunes. Der in seinem Bereiche ganz richtige Satz, dass jeder rechte Buergersmann zum General tauge, war irrig geworden; in dem neuen Kriegssystem konnte man nur Feldherren von militaerischer Schule und militaerischem Blicke brauchen, und das freilich war nicht jeder Buergermeister. Noch viel aerger aber war es, dass man das Oberkommando der Flotte als eine Dependenz des Oberbefehls der Landarmee behandelte und der erste beste Stadtvorsteher meinte, nicht bloss General, sondern auch Admiral spielen zu koennen. An den schlimmsten Niederlagen, die Rom in diesem Krieg erlitten hat, sind nicht die Stuerme schuld und noch weniger die Karthager, sondern der anmassliche Unverstand seiner Buergeradmirale.

Rom hat endlich gesiegt; aber das Bescheiden mit einem weit geringeren Gewinn, als er zu Anfang gefordert, ja geboten worden war, sowie die energische Opposition, auf welche in Rom der Friede stiess, bezeichnen sehr deutlich die Halbheit und die Oberflaechlichkeit des Sieges wie des Friedens; und wenn Rom gesiegt hat, so verdankt es diesen Sieg zwar auch der Gunst der Goetter und der Energie seiner Buerger, aber mehr als beiden den die Maengel der roemischen Kriegfuehrung noch weit uebertreffenden Fehlern seiner Feinde.

KAPITEL III.
Die Ausdehnung Italiens bis an seine natürlichen Grenzen

Die italische Eidgenossenschaft, wie sie aus den Krisen des fuenften Jahrhunderts hervorgegangen war, oder der Staat Italien vereinigte unter roemischer Hegemonie die Stadt- und Gaugemeinden vom Apennin bis an das Ionische Meer. Allein bevor noch das fuenfte Jahrhundert zu Ende ging, waren diese Grenzen bereits nach beiden Seiten hin ueberschritten, waren jenseits des Apennin wie jenseits des Meeres italische, der Eidgenossenschaft angehoerige Gemeinden entstanden. Im Norden hatte die Republik, alte und neue Unbill zu raechen, bereits im Jahre 471 (283) die keltischen Senonen vernichtet, im Sueden in dem grossen Kriege 490-513 (264-241) die Phoeniker von der sizilischen Insel verdraengt. Dort gehoerte ausser der Buergeransiedlung Sena namentlich die latinische Stadt Ariminum, hier die Mamertinergemeinde in Messana zu der von Rom geleiteten Verbindung, und wie beide national italischen Ursprungs waren, so hatten auch beide teil an den gemeinen Rechten und Pflichten der italischen Eidgenossenschaft. Es mochten mehr die augenblicklich draengenden Ereignisse als eine umfassende politische Berechnung diese Erweiterungen hervorgerufen haben; aber begreiflicherweise brach wenigstens jetzt, nach den grossen, gegen Karthago erstrittenen Erfolgen, bei der roemischen Regierung eine neue und weitere politische Idee sich Bahn, welche die natuerliche Beschaffenheit der Halbinsel ohnehin schon nahe genug legte. Politisch und militaerisch war es wohl gerechtfertigt, die Nordgrenze von dem niedrigen und leicht zu ueberschreitenden Apennin an die maechtige Scheidewand Nord- und Suedeuropas, die Alpen, zu verlegen und mit der Herrschaft ueber Italien die ueber die Meere und Inseln im Westen und Osten der Halbinsel zu vereinigen; und nachdem durch die Vertreibung der Phoeniker aus Sizilien der schwerste Teil getan war, vereinigten sich mancherlei Umstaende, um der roemischen Regierung die Vollendung des Werkes zu erleichtern.

In der Westsee, die fuer Italien bei weitem mehr in Betracht kam als das Adriatische Meer, war die wichtigste Stellung, die grosse fruchtbare und hafenreiche Insel Sizilien, durch den karthagischen Frieden zum groesseren Teil in den Besitz der Roemer uebergegangen. Koenig Hieron von Syrakus, der in den letzten zweiundzwanzig Kriegsjahren unerschuetterlich an dem roemischen Buendnis festgehalten hatte, haette auf eine Gebietserweiterung billigen Anspruch gehabt; allein wenn die roemische Politik den Krieg in dem Entschluss begonnen hatte, nur sekundaere Staaten auf der Insel zu dulden, so ging bei Beendigung desselben ihre Absicht entschieden schon auf den Eigenbesitz Siziliens. Hieron mochte zufrieden sein, dass ihm sein Gebiet - das heisst ausser dem unmittelbaren Bezirk von Syrakus die Feldmarken von Eloros, Neeton, Akrae, Leontini, Megara und Tauromenion - und seine Selbstaendigkeit gegen das Ausland, in Ermangelung jeder Veranlassung, ihm diese zu schmaelern, beides im bisherigen Umfang gelassen ward, und dass der Krieg der beiden Grossmaechte nicht mit dem voelligen Sturz der einen oder der anderen geendigt hatte und also fuer die sizilische Mittelmacht wenigstens noch die Moeglichkeit des Bestehens blieb. In dem uebrigen bei weitem groesseren Teile Siziliens, in Panormos, Lilybaeon, Akragas, Messana, richteten die Roemer sich haeuslich ein. Sie bedauerten nur, dass der Besitz des schoenen Eilandes doch nicht ausreichte, um die westliche See in ein roemisches Binnenmeer zu verwandeln, solange noch Sardinien karthagisch blieb. Da eroeffnete sich bald nach dem Friedensschluss eine unerwartete Aussicht, auch diese zweite Insel des Mittelmeeres den Karthagern zu entreissen. In Afrika hatten unmittelbar nach dem Abschluss des Friedens mit Rom die Soeldner und die Untertanen gemeinschaftlich gegen die Phoeniker sich empoert. Die Schuld der gefaehrlichen Insurrektion trug wesentlich die karthagische Regierung. Hamilkar hatte in den letzten Kriegsjahren seinen sizilischen Soeldnern den Sold nicht wie frueher aus eigenen Mitteln auszahlen koennen und vergeblich Geldsendungen von daheim erbeten; er moege, hiess es, die Mannschaft nur zur Abloehnung nach Afrika senden. Er gehorchte, aber da er die Leute kannte, schiffte er sie vorsichtig in kleineren Abteilungen ein, damit man sie truppweise abloehnen oder mindestens auseinanderlegen koenne, und legte selber hierauf den Oberbefehl nieder. Allein alle Vorsicht scheiterte, nicht so sehr an den leeren Kassen als an dem kollegialischen Geschaeftsgang und dem Unverstand der Buerokratie. Man wartete, bis das gesamte Heer wieder in Libyen vereinigt stand und versuchte dann, den Leuten an dem versprochenen Solde zu kuerzen. Natuerlich entstand eine Meuterei unter den Truppen, und das unsichere und feige Benehmen der Behoerden zeigte den Meuterern, was sie wagen konnten. Die meisten von ihnen waren gebuertig aus den von Karthago beherrschten oder abhaengigen Distrikten; sie kannten die Stimmung, welche die von der Regierung dekretierte Schlaechterei nach dem Zuge des Regulus und der fuerchterliche Steuerdruck dort ueberall hervorgerufen hatten, und kannten auch ihre Regierung, die nie Wort hielt und nie verzieh: sie wussten, was ihrer wartete, wenn sie mit dem meuterisch erpressten Solde sich nach Hause zerstreuten. Seit langem hatte man in Karthago sich die Mine gegraben und bestellte jetzt selbst die Leute, die nicht anders konnten, als sie anzuenden. Wie ein Lauffeuer ergriff die Revolution Besatzung um Besatzung, Dorf um Dorf; die libyschen Frauen trugen ihren Schmuck herbei, um den Soeldnern die Loehnung zu zahlen; eine Menge karthagischer Buerger, darunter einige der ausgezeichnetsten Offiziere des sizilischen Heeres, wurden das Opfer der erbitterten Menge; schon war Karthago von zwei Seiten belagert und das aus der Stadt ausrueckende karthagische Heer durch die Verkehrtheit des ungeschickten Fuehrers gaenzlich geschlagen.

Wie man also in Rom den gehassten und immer noch gefuerchteten Feindin groesserer Gefahr schweben sah, als je die roemischen Kriege ueber ihn gebracht hatten, fing man an, mehr und mehr den Friedensschluss von 513 (241) zu bereuen, der, wenn er nicht wirklich voreilig war, jetzt wenigstens allen voreilig erschien, und zu vergessen, wie erschoepft damals der eigene Staat gewesen war, wie maechtig der karthagische damals dagestanden hatte. Die Scham verbot zwar, mit den karthagischen Rebellen offen in Verbindung zu treten, ja man gestattete den Karthagern ausnahmsweise, zu diesem Krieg in Italien Werbungen zu veranstalten, und untersagte den italischen Schiffern, mit den Libyern zu verkehren. Indes darf bezweifelt werden, ob es der Regierung von Rom mit diesen bundesfreundlichen Verfuegungen sehr ernst war. Denn als nichtsdestoweniger der Verkehr der afrikanischen Insurgenten mit den roemischen Schiffern fortging und Hamilkar, den die aeusserste Gefahr wieder an die Spitze der karthagischen Armee zurueckgefuehrt hatte, eine Anzahl dabei betroffener italischer Kapitaene aufgriff und einsteckte, verwandte sich der Senat fuer dieselben bei der karthagischen Regierung und bewirkte ihre Freigebung. Auch die Insurgenten selbst schienen in den Roemern ihre natuerlichen Bundesgenossen zu erkennen; die sardinischen Besatzungen, welche gleich der uebrigen karthagischen Armee sich fuer die Aufstaendischen erklaert hatten, boten, als sie sich ausserstande sahen, die Insel gegen die Angriffe der unbezwungenen Gebirgsbewohner aus dem Innern zu halten, den Besitz derselben den Roemern an (um 515 239); und aehnliche Anerbietungen kamen sogar von der Gemeinde Utica, welche ebenfalls an dem Aufstand teilgenommen hatte und nun durch die Waffen Hamilkars aufs aeusserste bedraengt ward. Das letztere Anerbieten wies man in Rom zurueck, hauptsaechlich wohl, weil es ueber die natuerlichen Grenzen Italiens hinaus und also weitergefuehrt haben wuerde, als die roemische Regierung damals zu gehen gedachte; dagegen ging sie auf die Anerbietungen der sardinischen Meuterer ein und uebernahm von ihnen, was von Sardinien in den Haenden der Karthager gewesen war (516 238). Mit schwererem Gewicht als in der Angelegenheit der Mamertiner trifft die Roemer hier der Tadel, dass die grosse und siegreiche Buergerschaft es nicht verschmaehte, mit dem feilen Soeldnergesindel Bruederschaft zu machen und den Raub zu teilen, und es nicht ueber sich gewann, dem Gebote des Rechtes und der Ehre den augenblicklichen Gewinn nachzusetzen. Die Karthager, deren Bedraengnis eben um die Zeit der Besetzung Sardiniens aufs hoechste gestiegen war, schwiegen vorlaeufig ueber die unbefugte Vergewaltigung; nachdem indes diese Gefahr wider Erwarten und wahrscheinlich wider Verhoffen der Roemer durch Hamilkars Genie abgewendet und Karthago in Afrika wieder in seine volle Herrschaft eingesetzt worden war (517 237), erschienen sofort in Rom karthagische Gesandte, um die Rueckgabe Sardiniens zu fordern. Allein die Roemer, nicht geneigt, den Raub wieder herauszugeben, antworteten mit nichtigen oder doch nicht hierher gehoerenden Beschwerden ueber allerlei Unbill, die die Karthager roemischen Handelsleuten zugefuegt haben sollten, und eilten, den Krieg zu erklaeren ^1; der Satz, dass in der Politik jeder darf, was er kann, trat hervor in seiner unverhuellten Schamlosigkeit. Die gerechte Erbitterung hiess die Karthager, den gebotenen Krieg annehmen; haette Catulus fuenf Jahre zuvor auf Sardiniens Abtretung bestanden, der Krieg wuerde wahrscheinlich seinen Fortgang gehabt haben. Allein jetzt, wo beide Inseln verloren, Libyen in Gaerung, der Staat durch den vierundzwanzigjaehrigen Krieg mit Rom und den fast fuenfjaehrigen entsetzlichen Buergerkrieg aufs aeusserste geschwaecht war, musste man wohl sich fuegen. Nur auf wiederholte flehentliche Bitten und nachdem die Phoeniker sich verpflichtet hatten, fuer die mutwillig veranlassten Kriegsruestungen eine Entschaedigung von 1200 Talenten (2 Mill. Taler) nach Rom zu zahlen, standen die Roemer widerwillig vom Kriege ab. So erwarb Rom fast ohne Kampf Sardinien, wozu man Korsika fuegte, die alte etruskische Besitzung, in der vielleicht noch vom letzten Kriege her einzelne roemische Besatzungen standen. Indes beschraenkten die Roemer, eben wie es die Phoeniker getan hatten, sich in Sardinien und mehr noch in dem rauhen Korsika auf die Besetzung der Kuesten. Mit den Eingeborenen im Innern fuehrte man bestaendige Kriege, oder vielmehr man trieb dort die Menschenjagd: man hetzte sie mit Hunden und fuehrte die gefangene Ware auf den Sklavenmarkt, aber an eine ernstliche Unterwerfung ging man nicht. Nicht um ihrer selbst willen hatte man die Inseln besetzt, sondern zur Sicherung Italiens. Seit sie die drei grossen Eilande besass, konnte die Eidgenossenschaft das Tyrrhenische Meer das ihrige nennen.

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^1 Dass die Abtretung der zwischen Sizilien und Italien liegenden Inseln, die der Friede von 513 (241) den Karthagern vorschrieb, die Abtretung Sardiniens nicht einschloss, ist ausgemacht (vgl. 2, 60); es ist aber auch schlecht beglaubigt, dass die Roemer die Besetzung der Insel drei Jahre nach dem Frieden damit motivierten. Haetten sie es getan, so wuerden sie bloss der politischen Schamlosigkeit eine diplomatische Albernheit hinzugefuegt haben.

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Die Gewinnung der Inseln in der italischen Westsee fuehrte in das roemische Staatswesen einen Gegensatz ein, der zwar allem Anschein nach aus blossen Zweckmaessigkeitsruecksichten und fast zufaellig entstanden, aber darum nicht minder fuer die ganze Folgezeit von der tiefsten Bedeutung geworden ist; den Gegensatz der festlaendischen und der ueberseeischen Verwaltungsform oder, um die spaeter gelaeufigen Bezeichnungen zu brauchen, den Gegensatz Italiens und der Provinzen. Bis dahin hatten die beiden hoechsten Beamten der Gemeinde, die Konsuln, einen gesetzlich abgegrenzten Sprengel nicht gehabt, sondern ihr Amtsbezirk sich soweit erstreckt wie ueberhaupt das roemische Regiment; wobei es sich natuerlich von selbst versteht, dass sie faktisch sich in das Amtsgebiet teilten, und ebenso sich von selbst versteht, dass sie in jedem einzelnen Bezirk ihres Sprengels durch die dafuer bestehenden Bestimmungen gebunden waren, also zum Beispiel die Gerichtsbarkeit ueber roemische Buerger ueberall dem Praetor zu ueberlassen und in den latinischen und sonst autonomen Gemeinden die bestehenden Vertraege einzuhalten hatten. Die seit 487 (267) durch Italien verteilten vier Quaestoren beschraenkten die konsularische Amtsgewalt formell wenigstens nicht, indem sie in Italien ebenso wie in Rom lediglich als von den Konsuln abhaengige Hilfsbeamte betrachtet wurden. Man scheint diese Verwaltungsweise anfaenglich auch auf die Karthago abgenommenen Gebiete erstreckt und Sizilien wie Sardinien einige Jahre durch Quaestoren unter Oberaufsicht der Konsuln regiert zu haben; allein sehr bald wusste man sich praktisch von der Unentbehrlichkeit eigener Oberbehoerden fuer die ueberseeischen Landschaften ueberzeugen. Wie man die Konzentrierung der roemischen Jurisdiktion in der Person des Praetors bei der Erweiterung der Gemeinde hatte aufgeben und in die entfernteren Bezirke stellvertretende Gerichtsherren hatte senden muessen, ebenso masste jetzt (527 227) auch die administrativ-militaerische Konzentration in der Person der Konsuln aufgegeben werden. Fuer jedes der neuen ueberseeischen Gebiete, sowohl fuer Sizilien wie fuer Sardinien nebst Korsika, ward ein besonderer Nebenkonsul eingesetzt, welcher an Rang und Titel dem Konsul nach- und dem Praetor gleichstand, uebrigens aber, gleich dem Konsul der aelteren Zeit vor Einsetzung der Praetur, in seinem Sprengel zugleich Oberfeldherr, Oberamtmann und Oberrichter war. Nur die unmittelbare Kassenverwaltung ward wie von Haus aus den Konsuln, so auch diesen neuen Oberbeamten entzogen und ihnen ein oder mehrere Quaestoren zugegeben, die zwar in alle Wege ihnen untergeordnet und in der Rechtspflege wie im Kommando ihre Gehilfen waren, aber doch die Kassenverwaltung zu fuehren und darueber nach Niederlegung ihres Amtes dem Senat Rechnung zu legen hatten.

Diese Verschiedenheit in der Oberverwaltung schied wesentlich die ueberseeischen Besitzungen Roms von den festlaendischen. Die Grundsaetze, nach denen Rom die abhaengigen Landschaften in Italien organisiert hatte, wurden grossenteils auch auf die ausseritalischen Besitzungen uebertragen. Dass die Gemeinden ohne Ausnahme die Selbstaendigkeit dem Auslands gegenueber verloren, versteht sich von selbst. Was den inneren Verkehr anlangt, so durfte fortan kein Provinziale ausserhalb seiner eigenen Gemeinde in der Provinz rechtes Eigentum erwerben, vielleicht auch nicht eine rechte Ehe schliessen. Dagegen gestattete die roemische Regierung wenigstens den sizilischen Staedten, die man nicht zu fuerchten hatte, eine gewisse foederative Organisation und wohl selbst allgemeine sikeliotische Landtage mit einem unschaedlichen Petitions- und Beschwerderecht ^2. Im Muenzwesen war es zwar nicht wohl moeglich, das roemische Courant sofort auch auf den Inseln zum allein gueltigen zu erklaeren; aber gesetzlichen Kurs scheint dasselbe doch von vornherein erhalten zu haben und ebenso, wenigstens in der Regel, den Staedten im roemischen Sizilien das Recht, in edlen Metallen, zu muenzen, entzogen worden zu sein ^3. Dagegen blieb nicht bloss das Grundeigentum in ganz Sizilien unangetastet - der Satz, dass das ausseritalische Land durch Kriegsrecht den Roemern zu Privateigentum verfallen sei, war diesem Jahrhundert noch unbekannt -, sondern es behielten auch die saemtlichen sizilischen und sardinischen Gemeinden die Selbstverwaltung und eine gewisse Autonomie, die freilich nicht in rechtsverbindlicher Weise ihnen zugesichert, sondern provisorisch zugelassen ward. Wenn die demokratischen Gemeindeverfassungen ueberall beseitigt und in jeder Stadt die Macht in die Haende des die staedtische Aristokratie repraesentierenden Gemeinderates gelegt ward; wenn ferner wenigstens die sizilischen Gemeinden angewiesen wurden, jedes fuenfte Jahr dem roemischen Zensus korrespondierend eine Gemeindeschaetzung zu veranstalten, so war beides nur eine notwendige Folge der Unterordnung unter den roemischen Senat, welcher mit griechischen Ekklesien und ohne Uebersicht der finanziellen und militaerischen Hilfsmittel einer jeden abhaengigen Gemeinde in der Tat nicht regieren konnte; und auch in den italischen Landschaften war in dieser wie in jener Hinsicht das gleiche geschehen.

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^2 Dahin fuehren teils das Auftretender “Siculer” gegen Marcellus (Liv. 26, 26 f.), teils die “Gesamteingaben aller sizilischen Gemeinden” (Cic. Verr. 2, 42, 102; 45, 114; 50,146; 3, 88, 204), teils bekannte Analogien (Marquardt, Landbuch Bd. 3 1, S. 267). Aus dem mangelnden commercium zwischen den einzelnen Staedten folgt der Mangel des concilium noch keineswegs.

^3 So streng wie in Italien ward das Gold- und Silbermuenzrecht in den Provinzen nicht von Rom monopolisiert, offenbar weil auf das nicht auf roemischen Fuss geschlagene Gold- und Silbergeld es weniger ankam. Doch sind unzweifelhaft auch hier die Praegstaetten in der Regel auf Kupfer- oder hoechstens silberne Kleinmuenze beschraenkt worden; eben die am besten gestellten Gemeinden des roemischen Sizilien, wie die Mamertiner, die Kentoripiner, die Halaesiner, die Segestaner, wesentlich auch die Panormitaner haben nur Kupfer geschlagen.

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Aber neben dieser wesentlichen Rechtsgleichheit stellte sich zwischen den italischen einer- und den ueberseeischen Gemeinden andererseits ein folgenreicher Unterschied fest. Waehrend die mit den italischen Staedten abgeschlossenen Vertraege denselben ein festes Kontingent zu dem Heer oder der Flotte der Roemer auferlegten, wurden den ueberseeischen Gemeinden, mit denen eine bindende Paktierung ueberhaupt nicht eingegangen ward, dergleichen Zuzug nicht auferlegt, sondern sie verloren das Waffenrecht ^4, nur dass sie nach Aufgebot des roemischen Praetors zur Verteidigung ihrer eigenen Heimat verwendet werden konnten. Die roemische Regierung sandte regelmaessig italische Truppen in der von ihr festgesetzten Staerke auf die Inseln; dafuer wurde der Zehnte der sizilischen Feldfruechte und ein Zoll von fuenf Prozent des Wertes aller in den sizilischen Haefen aus- und eingehenden Handelsartikel nach Rom entrichtet. Den Insulanern waren diese Abgaben nichts Neues. Die Abgaben, welche die karthagische Republik und der persische Grosskoenig sich zahlen liessen, waren jenem Zehnten wesentlich gleichartig; und auch in Griechenland war eine solche Besteuerung nach orientalischem Muster von jeher mit der Tyrannis und oft auch mit der Hegemonie verknuepft gewesen. Die Sizilianer hatten laengst in dieser Weise den Zehnten entweder nach Syrakus oder nach Karthago entrichtet und laengst auch die Hafenzoelle nicht mehr fuer eigene Rechnung erhoben. “Wir haben”, sagt Cicero, “die sizilischen Gemeinden also in unsere Klientel und in unseren Schutz aufgenommen, dass sie bei dem Rechte blieben, nach welchem sie bisher gelebt hatten, und unter denselben Verhaeltnissen der roemischen Gemeinde gehorchten, wie sie bisher ihren eigenen Herren gehorcht hatten.” Es ist billig, dies nicht zu vergessen; aber im Unrecht fortfahren heisst auch Unrecht tun. Nicht fuer die Untertanen, die nur den Herrn wechselten, aber wohl fuer ihre neuen Herren war das Aufgeben des ebenso weisen wie grossherzigen Grundsatzes der roemischen Staatsordnung, von den Untertanen nur Kriegshilfe und nie statt derselben Geldentschaedigung anzunehmen, von verhaengnisvoller Bedeutung, gegen die alle Milderungen in den Ansaetzen und der Erhebungsweise sowie alle Ausnahmen im einzelnen verschwanden. Solche Ausnahmen wurden allerdings mehrfach gemacht. Messana trat geradezu in die Eidgenossenschaft der Togamaenner ein und stellte wie die griechischen Staedte in Italien sein Kontingent zu der roemischen Flotte. Einer Reihe anderer Staedte wurde zwar nicht der Eintritt in die italische Wehrgenossenschaft, aber ausser anderen Beguenstigungen Freiheit von Steuer und Zehnten zugestanden, so dass ihre Stellung in finanzieller Hinsicht selbst noch guenstiger war als die der italischen Gemeinden. Es waren dies Egesta und Halikyae, welche zuerst unter den Staedten des karthagischen Sizilien zum roemischen Buendnis uebergetreten waren; Kentoripa im oestlichen Binnenland, das bestimmt war, das syrakusanische Gebiet in naechster Naehe zu ueberwachen ^5; an der Nordkueste Halaesa, das zuerst von den freien griechischen Staedten den Roemern sich angeschlossen hatte; und vor allem Panormos, bisher die Hauptstadt des karthagischen Sizilien und jetzt bestimmt, die des roemischen zu werden. Den alten Grundsatz ihrer Politik, die abhaengigen Gemeinden in sorgfaeltig abgestufte Klassen verschiedenen Rechts zu gliedern, wandten die Roemer also auch auf Sizilien an; aber durchschnittlich standen die sizilischen und sardinischen Gemeinden nicht im bundesgenoessischen, sondern in dem offenkundigen Verhaeltnis steuerpflichtiger Untertaenigkeit.

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^4 Darauf geht Hierons Aeusserung (Liv. 22, 37): es sei ihm bekannt, dass die Roemer sich keiner anderen Infanterie und Reiterei als roemischer oder latinischer bedienten und “Auslaender” nur hoechstens unter den Leichtbewaffneten verwendeten.

^5 Das zeigt schon ein Blick auf die Karte, aber ebenso die merkwuerdige Bestimmung, dass es den Kentoripinern ausnahmsweise gestattet blieb, sich in ganz Sizilien anzukaufen. Sie bedurften als roemische Aufpasser der freiesten Bewegung. Uebrigens scheint Kentoripa auch unter den ersten zu Rom uebergetretenen Staedten gewesen zu sein (Diod. 1, 23 p. 501).

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Allerdings fiel dieser tiefgreifende Gegensatz zwischen den zuzug- und den steuer- oder doch wenigstens nicht zuzugpflichtigen Gemeinden mit dem Gegensatz zwischen Italien und den Provinzen nicht in rechtlich notwendiger Weise zusammen. Es konnten auch ueberseeische Gemeinden der italischen Eidgenossenschaft angehoeren, wie denn die Mamertiner mit den italischen Sabellern wesentlich auf einer Linie standen, und selbst der Neugruendung von Gemeinden latinischen Rechts stand in Sizilien und Sardinien rechtlich so wenig etwas im Wege wie in dem Lande jenseits des Apennin. Es konnten auch festlaendische Gemeinden des Waffenrechts entbehren und tributaer sein, wie dies fuer einzelne keltische Distrikte am Po wohl schon jetzt galt und spaeter in ziemlich ausgedehntem Umfange eingefuehrt ward. Allein der Sache nach ueberwogen die zuzugpflichtigen Gemeinden ebenso entschieden auf dem Festlande wie die steuerpflichtigen auf den Inseln; und waehrend weder in dem hellenisch zivilisierten Sizilien noch auf Sardinien italische Ansiedelungen roemischerseits beabsichtigt wurden, stand es bei der roemischen Regierung ohne Zweifel schon jetzt fest, das barbarische Land zwischen Apennin und Alpen nicht bloss sich zu unterwerfen, sondern auch, wie die Eroberung fortschritt, dort neue Gemeinden italischen Ursprungs und italischen Rechts zu konstituieren. Also wurden die ueberseeischen Besitzungen nicht bloss Untertanenland, sondern sie waren auch bestimmt, es fuer alle Zukunft zu bleiben; dagegen der neu abgegrenzte gesetzliche Amtsbezirk der Konsuln oder, was dasselbe ist, das festlaendische roemische Gebiet sollte ein neues und weiteres Italien werden, das von den Alpen bis zum Ionischen Meere reichte. Vorerst freilich fiel dies Italien als wesentlich geographischer Begriff mit dem politischen der italischen Eidgenossenschaft nicht durchaus zusammen und war teils weiter, teils enger. Aber schon jetzt betrachtete man den ganzen Raum bis zur Alpengrenze als Italia, das heisst als gegenwaertiges oder kuenftiges Gebiet der Togatraeger und steckte, aehnlich wie es in Nordamerika geschah und geschieht, die Grenze vorlaeufig geographisch ab, um sie mit der weiter vorschreitenden Kolonisierung allmaehlich auch politisch vorzuschieben ^6.

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^6 Dieser Gegensatz zwischen Italien als dem roemischen Festland oder dem konsularischen Sprengel einer- und dem ueberseeischen Gebiet oder den Praetorensprengeln andererseits erscheint schon im sechsten Jahrhundert in mehrfachen Anwendungen. Die Religionsvorschrift, dass gewisse Priester Rom nicht verlassen durften (Val. Max. 1, 1, 2), ward dahin ausgelegt, dass es ihnen nicht gestattet sei, das Meer zu ueberschreiten (Liv. ep. 19; 36; 51; Tac. ann. 3, 58; 71; Cic. Phil. 11, 8; 18; vgl. Liv. 28, 38; 44; ep. 59). Bestimmter noch gehoert hierher die Auslegung, welche von der alten Vorschrift, dass der Konsul nur “auf roemischem Boden” den Diktator ernennen duerfe, im Jahre 544 vorgetragen wird: der roemische Boden begreife ganz Italien in sich (Liv. 27, 5). Die Einrichtung des keltischen Landes zwischen den Alpen und dem Apennin zu einem eigenen, vom konsularischen verschiedenen und einem besonderen staendigen Oberbeamten unterworfenen Sprengel gehoert erst Sulla an. Es wird natuerlich dagegen niemand geltend machen, dass schon im sechsten Jahrhundert sehr haeufig Gallia oder Ariminum als “Amtsbezirk” (provincia) gewoehnlich eines der Konsuln genannt wird. Provincia ist bekanntlich in der aelteren Sprache nicht, was es spaeter allein bedeutet, ein raeumlich abgegrenzter, einem staendigen Oberbeamten unterstellter Sprengel, sondern die fuer den einzelnen Konsul zunaechst durch Uebereinkommen mit seinem Kollegen unter Mitwirkung des Senats festgestellte Kompetenz; und in diesem Sinn sind haeufig einzelne norditalische Landschaften oder auch Norditalien ueberhaupt einzelnen Konsuln als provincia ueberwiesen worden.

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Im Adriatischen Meer, an dessen Eingang die wichtige und laengst vorbereitete Kolonie Brundisium endlich noch waehrend des Krieges mit Karthago gegruendet worden war (510 244), war Roms Suprematie von vornherein entschieden. In der Westsee hatte Rom den Rivalen beseitigen muessen; in der oestlichen sorgte schon die hellenische Zwietracht dafuer, dass alle Staaten auf der griechischen Halbinsel ohnmaechtig blieben oder wurden. Der bedeutendste derselben, der makedonische, war unter dem Einfluss Aegyptens vom oberen Adriatischen Meer durch die Aetoler wie aus dem Peloponnes durch die Achaeer verdraengt worden und kaum noch imstande, die Nordgrenze gegen die Barbaren zu schuetzen. Wie sehr den Roemern daran gelegen war, Makedonien und dessen natuerlichen Verbuendeten, den syrischen Koenig, niederzuhalten, und wie eng sie sich anschlossen an die eben darauf gerichtete aegyptische Politik, beweist das merkwuerdige Anerbieten, das sie nach dem Ende des Krieges mit Karthago dem Koenig Ptolemaeos III. Euergetes machten, ihn in dem Kriege zu unterstuetzen, den er wegen Berenikes Ermordung gegen Seleukos II. Kallinikos von Syrien (reg. 507-529 247-225) fuehrte und bei dem wahrscheinlich Makedonien fuer den letztern Partei genommen hatte. Ueberhaupt werden die Beziehungen Roms zu den hellenistischen Staaten enger; auch mit Syrien verhandelte der Senat schon und verwandte sich bei dem ebengenannten Seleukos fuer die stammverwandten Ilier.

Einer unmittelbaren Einmischung in die Angelegenheiten der oestlichen Maechte bedurfte es zunaechst nicht. Die achaeische Eidgenossenschaft, die im Aufbluehen geknickt ward durch die engherzige Coteriepolitik des Aratos, die aetolische Landsknechtrepublik, das verfallene Makedonierreich hielten selber einer den andern nieder; und ueberseeischen Laendergewinn vermied man damals eher in Rom, als dass man ihn suchte. Als die Akarnanen, sich darauf berufend, dass sie allein unter allen Griechen nicht teilgenommen haetten an der Zerstoerung Ilions, die Nachkommen des Aeneas um Hilfe baten gegen die Aetoler, versuchte der Senat zwar eine diplomatische Verwendung; allein da die Aetoler darauf eine nach ihrer Weise abgefasste, das heisst unverschaemte Antwort erteilten, ging das antiquarische Interesse der roemischen Herren doch keineswegs so weit, um dafuer einen Krieg anzufangen, durch den sie die Makedonier von ihrem Erbfeind befreit haben wuerden (um 515 239).

Selbst den Unfug der Piraterie, die bei solcher Lage der Dinge begreiflicherweise das einzige Gewerbe war, das an der adriatischen Kueste bluehte und vor der auch der italische Handel viel zu leiden hatte, liessen sich die Roemer mit einer Geduld, die mit ihrer gruendlichen Abneigung gegen den Seekrieg und ihrem schlechten Flottenwesen eng zusammenhing, laenger als billig gefallen. Allein endlich ward es doch zu arg. Unter Beguenstigung Makedoniens, das keine Veranlassung mehr fand, sein altes Geschaeft der Beschirmung des hellenischen Handels vor den adriatischen Korsaren zu Gunsten seiner Feinde fortzufuehren, hatten die Herren von Skodra die illyrischen Voelkerschaften, etwa die heutigen Dalmatiner, Montenegriner und Nordalbanesen, zu gemeinschaftlichen Piratenzuegen im grossen Stil vereinigt; mit ganzen Geschwadern ihrer schnellsegelnden Zweidecker, der bekannten “liburnischen” Schiffe, fuehrten die Illyrier den Krieg gegen jedermann zur See und an den Kuesten. Die griechischen Ansiedlungen in diesen Gegenden, die Inselstaedte Issa (Lissa) und Pharos (Lesina), die wichtigen Kuestenplaetze Epidamnos (Durazzo) und Apollonia (noerdlich von Avlona am Aoos), hatten natuerlich vor allem zu leiden und sahen sich wiederholt von den Barbaren belagert. Aber noch weiter suedlich, in Phoenike, der bluehendsten Stadt von Epeiros, setzten die Korsaren sich fest; halb gezwungen, halb freiwillig traten die Epeiroten und Akarnanen mit den fremden Raeubern in eine unnatuerliche Symmachie; bis nach Elis und Messene hin waren die Kuesten unsicher. Vergeblich vereinigten die Aetoler und Achaeer, was sie an Schiffen hatten, um dem Unwesen zu steuern; in offener Seeschlacht wurden sie von den Seeraeubern und deren griechischen Bundesgenossen geschlagen; die Korsarenflotte vermochte endlich sogar die reiche und wichtige Insel Kerkyra (Korfu) einzunehmen. Die Klagen der italischen Schiffer, die Hilfsgesuche der altverbuendeten Apolloniaten, die flehenden Bitten der belagerten Issaer noetigten endlich den roemischen Senat, wenigstens Gesandte nach Skodra zu schicken. Die Brueder Gaius und Lucius Coruncanius kamen, um von dem Koenig Agron Abstellung des Unwesens zu fordern. Der Koenig gab zur Antwort, dass nach illyrischem Landrecht der Seeraub ein erlaubtes Gewerbe sei und die Regierung nicht das Recht habe, der Privatkaperei zu wehren; worauf Lucius Coruncanius erwiderte, dass dann Rom es sich angelegen sein lassen werde, den Illyriern ein besseres Landrecht beizubringen. Wegen dieser, allerdings nicht sehr diplomatischen Replik wurde, wie die Roemer behaupteten, auf Geheiss des Koenigs, einer der Gesandten auf der Heimkehr ermordet und die Auslieferung der Moerder verweigert. Der Senat hatte jetzt keine Wahl mehr. Mit dem Fruehjahr 525 (229) erschien vor Apollonia eine Flotte von 200 Linienschiffen mit einer Landungsarmee an Bord; vor jener zerstoben die Korsarenboote, waehrend diese die Raubburgen brach; die Koenigin Teuta, die nach ihres Gemahls Agron Tode die Regierung fuer ihren unmuendigen Sohn Pinnes fuehrte, musste, in ihrem letzten Zufluchtsort belagert, die Bedingungen annehmen, die Rom diktierte. Die Herren von Skodra wurden wieder im Norden wie im Sueden auf ihr urspruengliches engbegrenztes Gebiet beschraenkt und hatten nicht bloss alle griechischen Staedte, sondern auch die Ardiaeer in Dalmatien, die Parthiner um Epidamnos, die Atintanen im noerdlichen Epeiros aus ihrer Botmaessigkeit zu entlassen; suedlich von Lissos (Alessio zwischen Scutari und Durazzo) sollten kuenftig illyrische Kriegsfahrzeuge ueberhaupt nicht und nicht armierte nicht ueber zwei zusammen fahren duerfen. Roms Seeherrschaft auf dem Adriatischen Meer war in der loeblichsten und dauerhaftesten Weise zur vollen Anerkennung gebracht durch die rasche und energische Unterdrueckung des Piratenunfugs. Allein man ging weiter und setzte sich zugleich an der Ostkueste fest. Die Illyrier von Skodra wurden tributpflichtig nach Rom; auf den dalmatinischen Inseln und Kuesten wurde Demetrios von Pharos, der aus den Diensten der Teuta in roemische getreten war, als abhaengiger Dynast und roemischer Bundesgenosse eingesetzt; die griechischen Staedte Kerkyra, Apollonia, Epidamnos und die Gemeinden der Atintanen und Parthiner wurden in milden Formen der Symmachie an Rom geknuepft. Diese Erwerbungen an der Ostkueste des Adriatischen Meeres waren nicht ausgedehnt genug, um einen eigenen Nebenkonsul fuer sie einzusetzen: nach Kerkyra und vielleicht auch nach anderen Plaetzen scheinen Statthalter untergeordneten Ranges gesandt und die Oberaufsicht ueber diese Besitzungen den Oberbeamten, welche Italien verwalteten, mit uebertragen worden zu sein ^7. Also traten gleich Sizilien und Sardinien auch die wichtigsten Seestationen im Adriatischen Meer in die roemische Botmaessigkeit ein. Wie haette es auch anders kommen sollen? Rom brauchte eine gute Seestation im oberen Adriatischen Meere, welche ihm seine Besitzungen an dem italischen Ufer nicht gewaehrten; die neuen Bundesgenossen, namentlich die griechischen Handelsstaedte, sahen in den Roemern ihre Retter und taten ohne Zweifel, was sie konnten, sich des maechtigen Schutzes dauernd zu versichern; im eigentlichen Griechenland, war nicht bloss niemand imstande zu widersprechen, sondern das Lob der Befreier auf allen Lippen. Man kann fragen, ob der Jubel in Hellas groesser war oder die Scham, als statt der zehn Linienschiffe der Achaeischen Eidgenossenschaft, der streitbarsten Macht Griechenlands, jetzt zweihundert Segel der Barbaren in ihre Haefen einliefen und mit einem Schlage die Aufgabe loesten, die den Griechen zukam und an der diese so klaeglich gescheitert waren. Aber wenn man sich schaemte, dass die Rettung den bedraengten Landsleuten vom Ausland hatte kommen muessen, so geschah es wenigstens mit guter Manier; man saeumte nicht, die Roemer durch Zulassung zu den Isthmischen Spielen und den Eleusinischen Mysterien feierlich in den hellenischen Nationalverband aufzunehmen.

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^7 Ein stehender roemischer Kommandant von Kerkyra scheint bei Polyb. 22,15, 6 (falsch uebersetzt von Liv. 38, 11; vgl. 42, 37), ein solcher von Issa bei Liv. 43, 9 vorzukommen. Dazu kommt die Analogie des Praefectus pro legato insularem Baliarum (Orelli 732) und des Statthalters von Pandataria (IRN 3528). Es scheint danach ueberhaupt in der roemischen Verwaltung Regel gewesen zu sein, fuer die entfernteren Inseln nicht senatorische praefecti zu bestellen. Diese “Stellvertreter” aber setzen ihrem Wesen nach einen Oberbeamten voraus, der sie ernennt und beaufsichtigt; und dies koennen in dieser Zeit nur die Konsuln gewesen sein. Spaeter, seit Einrichtung der Provinzen Makedonien und Gallia Cisalpina, kam die Oberverwaltung an den einen dieser beiden Statthalter; wie denn das hier in Rede stehende Gebiet, der Kern des spaeteren roemischen Illyricum, bekanntlich zum Teil zu Caesars Verwaltungssprengel mit gehoerte.

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Makedonien schwieg; es war nicht in der Verfassung, mit den Waffen zu protestieren, und verschmaehte, es mit Worten zu tun. Auf Widerstand traf man nirgend; aber nichtsdestoweniger hatte Rom, indem es die Schluessel zum Hause des Nachbarn an sich nahm, in diesem sich einen Gegner geschaffen, von dem, wenn er wieder zu Kraeften oder eine guenstige Gelegenheit ihm vorkam, sich erwarten liess, dass er sein Schweigen zu brechen wissen werde. Haette der kraeftige und besonnene Koenig Antigonos Doson laenger gelebt, so wuerde wohl er schon den hingeworfenen Handschuh aufgehoben haben; denn als einige Jahre spaeter der Dynast Demetrios von Pharos sich der roemischen, Hegemonie entzog, im Einverstaendnis mit den Istriern vertragswidrig Seeraub trieb und die von den Roemern fuer unabhaengig erklaerten Atintanen sich unterwarf, machte Antigonos Buendnis mit ihm, und Demetrios’ Truppen fochten mit in Antigonos’ Heer in der Schlacht bei Sellasia (532 222). Allein Antigonos starb (Winter 533/34 221/20); sein Nachfolger Philippos, noch ein Knabe, liess es geschehen, dass der Konsul Lucius Aemilius Paullus den Verbuendeten Makedoniens angriff, seine Hauptstadt zerstoerte und ihn landfluechtig aus seinem Reiche trieb (535 219).

Auf dem Festland des eigentlichen Italien suedlich vom Apennin war tiefer Friede seit dem Fall von Tarent; der sechstaegige Krieg mit Falerii (513 241) ist kaum etwas mehr als eine Kuriositaet. Aber gegen Norden dehnte zwischen dem Gebiet der Eidgenossenschaft und der Naturgrenze Italiens, der Alpenkette, noch eine weite Strecke sich aus, die den Roemern nicht botmaessig war. Als Grenze Italiens galt an der adriatischen Kueste der Aesisfluss, unmittelbar oberhalb Ancona. Jenseits dieser Grenze gehoerte die naechstliegende, eigentlich gallische Landschaft bis Ravenna einschliesslich in aehnlicher Weise wie das eigentliche Italien zu dem roemischen Reichsverband; die Senonen, die hier ehemals gesessen hatten, waren in dem Kriege 471/72 (283/82) ausgerottet und die einzelnen Ortschaften entweder als Buergerkolonien, wie Sena gallica, oder als Bundesstaedte, sei es latinischen Rechts, wie Ariminum, sei es italischen, wie Ravenna, mit Rom verknuepft worden. Auf dem weiten Gebiet jenseits Ravenna bis zu der Alpengrenze sassen nichtitalische Voelkerschaften. Suedlich vom Po behauptete sich noch der maechtige Keltenstamm der Boier (von Parma bis Bologna), neben denen oestlich die Lingonen, westlich (im Gebiet von Parma) die Anaren, zwei kleinere, vermutlich in der Klientel der Boier stehende keltische Kantone die Ebene ausfuellten. Wo diese aufhoert, begannen die Ligurer, die mit einzelnen keltischen Staemmen gemischt auf dem Apennin von oberhalb Arezzo und Pisa an sitzend, das Quellgebiet des Po innehatten. Von der Ebene nordwaerts vom Po hatten die Veneter, verschiedenen Stammes von den Kelten und wohl illyrischer Abkunft, den oestlichen Teil etwa von Verona bis zur Kueste im Besitz; zwischen ihnen und den westlichen Gebirgen sassen die Cenomanen (um Brescia und Cremona), die selten mit der keltischen Nation hielten und wohl stark mit Venetern gemischt waren, und die Insubrer (um Mailand), dieser der bedeutendste der italischen Keltengaue und in stetiger Verbindung nicht bloss mit den kleineren, in den Alpentaelern zerstreuten Gemeinden teils keltischer, teils anderer Abkunft, sondern auch mit den Keltengauen jenseits der Alpen. Die Pforten der Alpen, der maechtige, auf fuenfzig deutsche Meilen schiffbare Strom, die groesste und fruchtbarste Ebene des damaligen zivilisierten Europas, waren nach wie vor in den Haenden der Erbfeinde des italischen Namens, die, wohl gedemuetigt und geschwaecht, doch immer noch kaum dem Namen nach abhaengig und immer noch unbequeme Nachbarn, in ihrer Barbarei verharrten und duenngesaet in den weiten Flaechen ihre Herden- und Plunderwirtschaft fortfuehrten. Man durfte erwarten, dass die Roemer eilen wuerden, sich dieser Gebiete zu bemaechtigen; um so mehr als die Kelten allmaehlich anfingen, ihrer Niederlagen in den Feldzuegen von 471 und 472 (283 282) zu vergessen und sich wieder zu regen, ja was noch bedenklicher war, die transalpinischen Kelten aufs neue begannen, diesseits der Alpen sich zu zeigen. In der Tat hatten bereits im Jahre 516 (238) die Boier den Krieg erneuert und deren Herren Atis und Galatas, freilich ohne Auftrag der Landesgemeinde, die Transalpiner aufgefordert, mit ihnen gemeinschaftliche Sache zu machen; zahlreich waren diese dem Ruf gefolgt und im Jahre 518 (236) lagerte ein Keltenheer vor Ariminum, wie Italien es lange nicht gesehen hatte. Die Roemer, fuer den Augenblick viel zu schwach, um die Schlacht zu versuchen, schlossen Waffenstillstand und liessen, um Zeit zu gewinnen, Boten der Kelten nach Rom gehen, die im Senat die Abtretung von Ariminum zu fordern wagten - es schien, als seien die Zeiten des Brennus wiedergekehrt. Aber ein unvermuteter Zwischenfall machte dem Krieg ein Ende, bevor er noch recht begonnen hatte. Die Boier, unzufrieden mit den ungebetenen Bundesgenossen und wohl fuer ihr eigenes Gebiet fuerchtend, gerieten in Haendel mit den Transalpinern; es kam zwischen den beiden Keltenheeren zu offener Feldschlacht, und nachdem die boischen Haeuptlinge von ihren eigenen Leuten erschlagen waren, kehrten die Transalpiner heim. Damit waren die Boier den Roemern in die Haende gegeben, und es hing nur von diesen ab, sie gleich den Senonen auszutreiben und wenigstens bis an den Po vorzudringen; allein es ward vielmehr denselben gegen die Abtretung einiger Landstriche der Friede gewaehrt (518 236). Das mag damals geschehen sein, weil man eben den Wiederausbruch des Kriegs mit Karthago erwartete; aber nachdem dieser durch die Abtretung Sardiniens abgewandt worden war, forderte es die richtige Politik der roemischen Regierung, das Land bis an die Alpen so rasch und so vollstaendig wie moeglich in Besitz zu nehmen. Die bestaendigen Besorgnisse der Kelten vor einer solchen roemischen Invasion sind darum hinreichend gerechtfertigt; indes die Roemer beeilten sich eben nicht. So begannen denn die Kelten ihrerseits den Krieg, sei es, dass die roemischen Ackerverteilungen an der Ostkueste (522 232), obwohl zunaechst nicht gegen sie gerichtet, sie besorgt gemacht hatten, sei es, dass sie die Unvermeidlichkeit eines Krieges mit Rom um den Besitz der Lombardei begriffen, sei es, was vielleicht das Wahrscheinlichste ist, dass das ungeduldige Kelterwolk wieder einmal des Sitzens muede war und eine neue Heerfahrt zu ruesten beliebte. Mit Ausschluss der Cenomanen, die mit den Venetern hielten und sich fuer die Roemer erklaerten, traten dazu saemtliche italische Kelten zusammen, und ihnen schlossen sich unter den Fuehrern Concolitanus und Aneroestus zahlreich die Kelten des oberen Rhonetals oder vielmehr deren Reislaeufer an ^8. Mit 50000 zu Fuss und 20000 zu Ross oder zu Wagen kaempfenden Streitern rueckten die Fuehrer der Kelten auf den Apennin zu (529 225). Von dieser Seite hatte man in Rom sich des Angriffs nicht versehen und nicht erwartet, dass die Kelten mit Vernachlaessigung der roemischen Festungen an der Ostkueste und des Schutzes der eigenen Stammesgenossen geradeswegs gegen die Hauptstadt vorzugehen wagen wuerden. Nicht gar lange vorher hatte ein aehnlicher Keltenschwarm in ganz gleicher Weise Griechenland ueberschwemmt; die Gefahr war ernst und schien noch ernster, als sie war. Der Glaube, dass Roms Untergang diesmal unvermeidlich und der roemische Boden vom Verhaengnis gallisch zu werden bestimmt sei, war selbst in Rom unter der Menge so allgemein verbreitet, dass sogar die Regierung es nicht unter ihrer Wuerde hielt, den krassen Aberglauben des Poebels durch einen noch krasseren zu bannen und zur Erfuellung des Schicksalspruchs einen gallischen Mann und eine gallische Frau auf dem roemischen Markt lebendig begraben zu lassen. Daneben traf man ernstlichere Anstalten. Von den beiden konsularischen Heeren, deren jedes etwa 25000 Mann zu Fuss und 1100 Reiter zaehlte, stand das eine unter Gaius Atilius Regulus in Sardinien, das zweite unter Lucius Aemilius Papus bei Ariminum; beide erhielten Befehl, sich so schnell wie moeglich nach dem zunaechst bedrohten Etrurien zu begeben. Schon hatten gegen die mit Rom verbuendeten Cenomanen und Veneter die Kelten eine Besatzung in der Heimat zuruecklassen muessen; jetzt ward auch der Landsturm der Umbrer angewiesen, von den heimischen Bergen herab in die Ebene der Boier einzuruecken und dem Feinde auf seinen eigenen Aeckern jeden erdenklichen Schaden zuzufuegen. Die Landwehr der Etrusker und Sabiner sollte den Apennin besetzen und womoeglich sperren, bis die regulaeren Truppen eintreffen koennten. In Rom bildete sich eine Reserve von 50000 Mann; durch ganz Italien, das diesmal in Rom seinen rechten Vorkaempfer sah, wurde die dienstfaehige Mannschaft verzeichnet, Vorraete und Kriegsmaterial zusammengebracht.

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^8 Dieselben, die Polybios bezeichnet als “die Kelten in den Alpen und an der Rhone, die man wegen ihrer Reislaeuferei Gaesaten (Landsknechte) nenne”, werden in den kapitolinischen Fasten Germani genannt. Moeglich ist es, dass die gleichzeitige Geschichtschreibung hier nur Kelten genannt und erst die historische Spekulation der caesarischen und augustischen Zeit die Redaktoren jener Fasten bewogen hat, daraus “Germanen” zu machen. Wofern dagegen die Nennung der Germanen in den Fasten auf gleichzeitige Aufzeichnungen zurueckgeht - in welchem Falle dies die aelteste Erwaehnung dieses Namens ist -, wird man hier doch nicht an die spaeter so genannten deutschen Staemme denken duerfen, sondern an einen keltischen Schwarm.

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Indes alles das forderte Zeit; man hatte einmal sich ueberrumpeln lassen, und wenigstens Etrurien zu retten, war es zu spaet. Die Kelten fanden den Apennin kaum verteidigt und pluenderten unangefochten die reichen Ebenen des tuskischen Gebietes, das lange keinen Feind gesehen. Schon standen sie bei Clusium, drei Tagemaersche von Rom, als das Heer von Ariminum unter dem Konsul Papus ihnen in der Flanke erschien, waehrend die etruskische Landwehr, die sich nach der Ueberschreitung des Apennin im Ruecken der Gallier zusammengezogen hatte, dem Marsch der Feinde folgte. Eines Abends, nachdem bereits beide Heere sich gelagert und die Biwakfeuer angezuendet hatten, brach das keltische Fussvolk ploetzlich wieder auf und zog in rueckwaertiger Richtung ab auf der Strasse gegen Faesulae (Fiesole); die Reiterei besetzte die Nacht hindurch die Vorposten und folgte am andern Morgen der Hauptmacht. Als die tuskische Landwehr, die dicht am Feinde lagerte, seines Abzugs inneward, meinte sie, dass der Schwarm anfange sich zu verlaufen und brach auf zu eiligem Nachsetzen. Eben darauf hatten die Gallier gerechnet; ihr ausgeruhtes und geordnetes Fussvolk empfing auf dem wohl gewaehlten Schlachtfeld die roemische Miliz, die ermattet und aufgeloest von dem Gewaltmarsch herankam. 6000 Mann fielen nach heftigem Kampf, und auch der Rest des Landsturms, der notduerftig auf einem Huegel Zuflucht gefunden, waere verloren gewesen, wenn nicht rechtzeitig das konsularische Heer erschienen waere. Dies bewog die Gallier, sich nach der Heimat zurueckzuwenden. Ihr geschickt angelegter Plan, die Vereinigung der beiden roemischen Heere zu hindern und das schwaechere einzeln zu vernichten, war nur halb gelungen; fuer jetzt schien es ihnen geraten, zunaechst die betraechtliche Beute in Sicherheit zu bringen. Des bequemeren Marsches wegen zogen sie sich aus der Gegend von Chiusi, wo sie standen, an die ebene Kueste und marschierten am Strande hin, als sie unvermutet hier sich den Weg verlegt fanden. Es waren die sardinischen Legionen, die bei Pisae gelandet waren und, da sie zu spaet kamen, um den Apennin zu sperren, sich sofort auf demselben Kuestenweg, den die Gallier verfolgten, in der entgegengesetzten Richtung in Bewegung gesetzt hatten. Bei Telamon (an der Muendung des Ombrone) trafen sie auf den Feind. Waehrend das roemische Fussvolk in geschlossener Front auf der grossen Strasse vorrueckte, ging die Reiterei, vom Konsul Gaius Atilius Regulus selber gefuehrt, seitwaerts vor, um den Galliern in die Flanke zu kommen und so bald wie moeglich dem anderen roemischen Heer unter Papus Kunde von ihrem Eintreffen zu geben. Es entspann sich ein heftiges Reitergefecht, in dem mit vielen tapferen Roemern auch Regulus fiel; aber nicht umsonst hatte er sein Leben aufgeopfert: sein Zweck war erreicht. Papus gewahrte das Gefecht und ahnte den Zusammenhang; schleunig ordnete er seine Scharen und von beiden Seiten drangen nun roemische Legionen auf das Keltenheer ein. Mutig stellte dieses sich zum Doppelkampf, die Transalpiner und Insubrer gegen die Truppen des Papus, die alpinischen Taurisker und die Boier gegen das sardinische Fussvolk; das Reitergefecht ging davon gesondert auf dem Fluegel seinen Gang. Die Kraefte waren der Zahl nach nicht ungleich gemessen, und die verzweifelte Lage der Gallier zwang sie zur hartnaeckigsten Gegenwehr. Aber die Transalpiner, nur des Nahkampfes gewohnt, wichen vor den Geschossen der roemischen Plaenkler; im Handgemenge setzte die bessere Staehlung der roemischen Waffen die Gallier in Nachteil; endlich entschied der Flankenangriff der siegreichen roemischen Reiterei den Tag. Die keltischen Berittenen entrannen; fuer das Fussvolk, das zwischen dem Meere und den drei roemischen Heeren eingekeilt war, gab es keine Flucht. 10000 Kelten mit dem Koenig Concolitanus wurden gefangen; 40000 andere lagen tot auf dem Schlachtfeld; Aneroestus und sein Gefolge hatten sich nach keltischer Sitte selber den Tod gegeben.

Der Sieg war vollstaendig und die Roemer fest entschlossen, die Wiederholung solcher Einfaelle durch die voellige Ueberwaeltigung der Kelten diesseits der Alpen unmoeglich zu machen. Ohne Widerstand ergaben im folgenden Jahr (530 224) sich die Boier nebst den Lingonen, das Jahr darauf (531 223) die Anaren; damit war das Flachland bis zum Padus in roemischen Haenden. Ernstlichere Kaempfe kostete die Eroberung des noerdlichen Ufers. Gaius Flaminius ueberschritt in dem neugewonnenen anarischen Gebiet (etwa bei Piacenza) den Fluss (531 223); allein bei dem Uebergang und mehr noch bei der Festsetzung am anderen Ufer erlitt er so schwere Verluste und fand sich, den Fluss im Ruecken, in einer so gefaehrlichen Lage, dass er mit dem Feind um freien Abzug kapitulierte, den die Insubrer toerichterweise zugestanden. Kaum war er indes entronnen, als er vom Gebiet der Cenomanen aus und mit diesen vereinigt von Norden her in den Gau der Insubrer zum zweitenmal einrueckte. Zu spaet begriffen diese, um was es sich jetzt handle; sie nahmen aus dem Tempel ihrer Goettin die goldenen Feldzeichen, “die unbeweglichen” genannt, und mit ihrem ganzen Aufgebot, 50000 Mann stark, boten sie den Roemern die Schlacht. Die Lage dieser war gefaehrlich: sie standen mit dem Ruecken an einem Fluss (vielleicht dem Oglio), von der Heimat getrennt durch das feindliche Gebiet und fuer den Beistand im Kampf wie fuer die Rueckzugslinie angewiesen auf die unsichere Freundschaft der Cenomanen. Indes es gab keine Wahl. Man zog die in den roemischen Reihen fechtenden Gallier auf das linke Ufer des Flusses; auf dem rechten, den Insubrern gegenueber, stellte man die Legionen auf und brach die Bruecken ab, um von den unsicheren Bundesgenossen wenigstens nicht im Ruecken angefallen zu werden.

Freilich schnitt also der Fluss den Rueckzug ab und ging der Weg zur Heimat durch das feindliche Heer. Aber die Ueberlegenheit der roemischen Waffen und der roemischen Disziplin erfocht den Sieg und das Heer schlug sich durch; wieder einmal hatte die roemische Taktik die strategischen Fehler gutgemacht. Der Sieg gehoerte den Soldaten und Offizieren, nicht den Feldherren, die gegen den gerechten Beschluss des Senats nur durch Volksgunst triumphierten. Gern haetten die Insubrer Frieden gemacht; aber Rom forderte unbedingte Unterwerfung, und so weit war man noch nicht. Sie versuchten, sich mit Hilfe der noerdlichen Stammgenossen zu halten, und mit 30000 von ihnen geworbenen Soeldnern derselben und ihrer eigenen Landwehr empfingen sie die beiden im folgenden Jahr (532 222) abermals aus dem cenomanischen Gebiet in das ihrige einrueckenden konsularischen Heere. Es gab noch manches harte Gefecht; bei einer Diversion, welche die Insubrer gegen die roemische Festung Clastidium (Casteggio, unterhalb Pavia) am rechten Poufer versuchten, fiel der gallische Koenig Virdumarus von der Hand des Konsuls Marcus Marcellus. Allein nach einer halb von den Kelten schon gewonnenen, aber endlich doch fuer die Roemer entschiedenen Schlacht erstuermte der Konsul Gnaeus Scipio die Hauptstadt der Insubrer, Mediolanum, und die Einnahme dieser und der Stadt Comum machte der Gegenwehr ein Ende. Damit waren die italischen Kelten vollstaendig besiegt, und wie eben vorher die Roemer den Hellenen im Piratenkrieg den Unterschied zwischen roemischer und griechischer Seebeherrschung gezeigt, so hatten sie jetzt glaenzend bewiesen, dass Rom Italiens Pforten anders gegen den Landraub zu wahren wusste als Makedonien die Tore Griechenlands und dass trotz allen inneren Haders Italien dem Nationalfeinde gegenueber ebenso einig wie Griechenland zerrissen dastand.

Die Alpengrenze war erreicht, insofern als das ganze Flachland am Po entweder den Roemern untertaenig oder, wie das cenomanische und venetische Gebiet, von abhaengigen Bundesgenossen besessen war; es bedurfte indes der Zeit, um die Konsequenzen dieses Sieges zu ziehen und die Landschaft zu romanisieren. Man verfuhr dabei nicht in derselben Weise. In dem gebirgigen Nordwesten Italiens und in den entfernteren Distrikten zwischen den Alpen und dem Po duldete man im ganzen die bisherigen Bewohner; die zahlreichen sogenannten Kriege, die namentlich gegen die Ligurer gefuehrt wurden (zuerst 516 238), scheinen mehr Sklavenjagden gewesen zu sein, und wie oft auch die Gaue und Taeler den Roemern sich unterwarfen, war die roemische Herrschaft doch hier kaum mehr als ein Name. Auch die Expedition nach Istrien (533 221) scheint nicht viel mehr bezweckt zu haben, als die letzten Schlupfwinkel der adriatischen Piraten zu vernichten und laengs der Kueste zwischen den italischen Eroberungen und den Erwerbungen an dem anderen Ufer eine Kontinentalverbindung herzustellen. Dagegen die Kelten in den Landschaften suedlich vom Po waren der Vernichtung rettungslos verfallen; denn bei dem losen Zusammenhang der keltischen Nation nahm keiner der noerdlichen Kettengaue ausser fuer Geld sich der italischen Stammgenossen an, und die Roemer sahen in denselben nicht bloss ihre Nationalfeinde, sondern auch die Usurpatoren ihres natuerlichen Erbes. Die ausgedehnte Ackerverteilung von 522 (332) hatte schon das gesamte Gebiet zwischen Ancona und Ariminum mit roemischen Kolonisten gefuellt, die ohne kommunale Organisation in Marktflecken und Doerfern hier sich ansiedelten. Auf diesem Wege ging man weiter, und es war nicht schwer, eine halbbarbarische, dem Ackerbau nur nebenher obliegende und ummauerter Staedte entbehrende Bevoelkerung, wie die keltische war, zu verdraengen und auszurotten. Die grosse Nordchaussee, die wahrscheinlich schon achtzig Jahre frueher ueber Otricoli nach Narni gefuehrt und kurz vorher bis an die neubegruendete Festung Spoletium (514 240) verlaengert worden war, wurde jetzt (534 220) unter dem Namen der Flaminischen Strasse ueber den neu angelegten Marktflecken Forum Flaminii (bei Foligno) durch den Furlopass an die Kueste und an dieser entlang von Fanum (Fano) bis nach Ariminum gefuehrt; es war die erste Kunststrasse, die den Apennin ueberschritt und die beiden italischen Meere verband. Man war eifrig beschaeftigt, das neugewonnene fruchtbare Gebiet mit roemischen Ortschaften zu bedecken. Schon war zur Deckung des Uebergangs ueber den Po auf dem rechten Ufer die starke Festung Placentia (Piacenza) gegruendet, nicht weit davon am linken Cremona angelegt, ferner auf dem den Boiern abgenommenen Gebiet der Mauerbau von Mutina (Modena) weit vorgeschritten; schon bereitete man weitere Landanweisungen und die Fortfuehrung der Chaussee vor, als ein ploetzliches Ereignis die Roemer in der Ausbeutung ihrer Erfolge unterbrach.

KAPITEL IV.
Hamilkar und Hannibal

Der Vertrag mit Rom von 513 (241) gab den Karthagern Frieden, aber um einen teuren Preis. Dass die Tribute des groessten Teils von Sizilien jetzt in den Schatz des Feindes flossen statt in die karthagische Staatskasse, war der geringste Verlust. Viel empfindlicher war es, dass man nicht bloss die Hoffnung hatte aufgeben muessen, deren Erfuellung so nahe geschienen, die saemtlichen Seestrassen aus dem oestlichen in das westliche Mittelmeer zu monopolisieren, sondern dass das ganze handelspolitische System gesprengt, das bisher ausschliesslich beherrschte suedwestliche Becken des Mittelmeers seit Siziliens Verlust fuer alle Nationen ein offenes Fahrwasser, Italiens Handel von dem phoenikischen vollstaendig unabhaengig geworden war. Indes die ruhigen sidonischen Maenner haetten auch darueber vielleicht sich zu beruhigen vermocht. Man hatte schon aehnliche Schlaege erfahren; man hatte mit den Massalioten, den Etruskern, den sizilischen Griechen teilen muessen, was man frueher allein besessen; auch das, was man jetzt noch hatte, Afrika, Spanien, die Pforten des Atlantischen Meeres, reichte aus, um maechtig und wohlgemut zu leben. Aber freilich, wer buergte dafuer, dass wenigstens dies blieb?

Was Regulus gefordert und wie wenig ihm gefehlt hatte, um das, was er forderte, zu erreichen, konnte nur vergessen, wer vergessen wollte; und wenn Rom den Versuch, den es von Italien aus mit so grossem Erfolg unternommen hatte, jetzt von Lilybaeon aus erneuerte, so war Karthago, wenn nicht die Verkehrtheit des Feindes oder ein besonderer Gluecksfall dazwischen trat, unzweifelhaft verloren. Zwar man hatte jetzt Frieden; aber es hatte an einem Haar gehangen, dass dem Frieden die Ratifikation verweigert ward, und man wusste, wie die oeffentliche Meinung in Rom diesen Friedensschluss beurteilte. Es mochte sein, dass Rom an die Eroberung Afrikas jetzt noch nicht dachte und noch Italien ihm genuegte; aber wenn die Existenz des karthagischen Staats an dieser Genuegsamkeit hing, so sah es uebel damit aus, und wer buergte dafuer, dass die Roemer nicht eben ihrer italischen Politik es angemessen fanden, den afrikanischen Nachbar zwar nicht sich zu unterwerfen, aber doch zu vertilgen?

Kurz, Karthago durfte den Frieden von 513 (241) nur als einen Waffenstillstand betrachten und musste ihn benutzen zur Vorbereitung fuer die unvermeidliche Erneuerung des Krieges; nicht, um die erlittene Niederlage zu raechen, nicht einmal zunaechst, um das Verlorene zurueckzugewinnen, sondern um sich eine nicht von dem Gutfinden des Landesfeindes abhaengige Existenz zu erfechten. Allein wenn einem schwaecheren Staat ein gewisser, aber der Zeit nach unbestimmter Vernichtungskrieg bevorsteht, werden die kluegeren, entschlosseneren, hingebenderen Maenner, die zu dem unvermeidlichen Kampf sich sogleich fertig machen, ihn zur guenstigen Stunde aufnehmen und so die politische Defensive durch die strategische Offensive verdecken moechten, ueberall sich gehemmt sehen durch die traege und feige Masse der Geldesknechte, der Altersschwachen, der Gedankenlosen, welche nur Zeit zu gewinnen, nur in Frieden zu leben und zu sterben, nur den letzten Kampf um jeden Preis hinauszuschieben bedacht sind. So gab es auch in Karthago eine Friedens- und eine Kriegspartei, die beide wie natuerlich sich anschlossen an den schon zwischen den Konservativen und den Reformisten bestehenden politischen Gegensatz: jene fand ihre Stuetze in den Regierungsbehoerden, dem Rat der Alten und der Hundertmaenner, an deren Spitze Hanno, der sogenannte Grosse, stand, diese in den Leitern der Menge, namentlich dem angesehenen Hasdrubal, und in den Offizieren des sizilischen Heeres, dessen grosse Erfolge unter Hamilkars Fuehrung, wenn sie auch sonst vergeblich gewesen waren, doch den Patrioten einen Weg gezeigt hatten, der Rettung aus der ungeheuren Gefahr zu versprechen schien. Schon lange mochte zwischen diesen Parteien heftige Fehde bestehen, als der libysche Krieg zwischen sie hineinschlug. Wie er entstand, ist schon erzaehlt worden. Nachdem die Regierungspartei die Meuterei durch die unfaehige, alle Vorsichtsmassregeln der sizilischen Offiziere vereitelnde Verwaltung angezettelt hatte, durch die Nachwirkung ihres unmenschlichen Regierungssystems diese Meuterei in eine Revolution umgeschlagen und endlich durch ihre und namentlich ihres Fuehrers, des Heerverderbers Hanno militaerische Unfaehigkeit das Land an den Rand des Abgrundes gebracht worden war, ward der Held von der Eirkte, Hamilkar Barkas, in der hoechsten Not von der Regierung selbst ersucht, sie von den Folgen ihrer Fehler und Verbrechen zu retten. Er nahm das Kommando an und dachte hochsinnig genug, es selbst dann nicht niederzulegen, als man ihm den Hanno zum Kollegen gab; ja als die erbitterte Armee denselben heimschickte, vermochte er es ueber sich, ihm auf die flehentliche Bitte der Regierung zum zweitenmal den Mitoberbefehl einzuraeumen und trotz der Feinde wie trotz des Kollegen durch seinen Einfluss bei den Aufstaendischen, seine geschickte Behandlung der numidischen Scheichs, sein unvergleichliches Organisatoren- und Feldherrngenie in unglaublich kurzer Zeit den Aufstand voellig niederzuwerfen und das empoerte Afrika zum Gehorsam zurueckzubringen (Ende 517 237).

Die Patriotenpartei hatte waehrend dieses Krieges geschwiegen; jetzt sprach sie um so lauter. Einerseits war bei dieser Katastrophe die ganze Verderbtheit und Verderblichkeit der herrschenden Oligarchie an den Tag gekommen, ihre Unfaehigkeit, ihre Coteriepolitik, ihre Hinneigung zu den Roemern; anderseits zeigte die Wegnahme Sardiniens und die drohende Stellung, welche Rom dabei einnahm, deutlich auch dem geringsten Mann, dass das Damoklesschwert der roemischen Kriegserklaerung stets ueber Karthago hing, und dass, wenn Karthago unter den gegenwaertigen Verhaeltnissen mit Rom zum Kriege kam, dieser notwendig den Untergang der phoenikischen Herrschaft in Libyen zur Folge haben muesse. Es mochte in Karthago nicht wenige geben, die, an der Zukunft des Vaterlandes verzweifelnd, die Auswanderung nach den Inseln des Atlantischen Meeres anrieten; wer durfte sie schelten? Aber edlere Gemueter verschmaehen es, ohne die Nation sich selber zu bergen, und grosse Naturen geniessen das Vorrecht, aus dem, worueber die Menge der Guten verzweifelt, Begeisterung zu schoepfen. Man nahm die neuen Bedingungen an, wie sie Rom eben diktierte; es blieb nichts uebrig, als sich zu fuegen und den neuen Hass zu dem alten schlagend ihn sorgfaeltig zu sammeln und zu sparen, dieses letzte Kapitel einer gemisshandelten Nation. Dann aber schritt man zu einer politischen Reform ^1. Von der Unverbesserlichkeit der Regimentspartei hatte man sich hinreichend ueberzeugt; dass die regierenden Herren auch im letzten Krieg weder ihren Groll vergessen noch groessere Weisheit gelernt hatten, zeigte zum Beispiel die ans Naive grenzende Unverschaemtheit, dass sie jetzt dem Hamilkar den Prozess machten als dem Urheber des Soeldnerkrieges, insofern er ohne Vollmacht der Regierung seinen sizilischen Soldaten Geldversprechungen gemacht habe. Wenn der Klub der Offiziere und Volksfuehrer die morschen Stuehle dieses Missregiments haette umstossen wollen, so wuerde er in Karthago selbst schwerlich auf grosse Schwierigkeiten gestossen sein; allein auf desto groessere in Rom, mit dem die regierenden Herren von Karthago schon in Verbindungen standen, die an Landesverrat grenzten. Zu allen uebrigen Schwierigkeiten der Lage kam noch die hinzu, dass die Mittel zur Rettung des Vaterlandes geschaffen werden mussten, ohne dass weder die Roemer noch die eigene roemisch gesinnte Regierung recht darum gewahr wurden.

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^1 Wir sind ueber diese Vorgaenge nicht bloss unvollkommen berichtet, sondern auch einseitig, da natuerlich die Version der karthagischen Friedenspartei die der roemischen Annalisten wurde. Indes selbst in unsern zertruemmerten und getruebten Berichten - die wichtigsten sind Fabius bei Polyb. 3, 8; App. Hisp. 4 und Diod. 25 p. 567 - erscheinen die Verhaeltnisse der Parteien deutlich genug. Von dem gemeinen Klatsch, mit dem die “revolutionaere Verbindung” (εταιρεία τών πονηροτάτων ανθρώπων) von ihren Gegnern beschmutzt ward, kann man bei Nepos (Ham. 3) Proben lesen, die ihresgleichen suchen, vielleicht auch finden.

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So liess man die Verfassung unangetastet und die regierenden Herren im vollen Genuss ihrer Sonderrechte und des gemeinen Gutes. Es ward bloss beantragt und durchgesetzt, von den beiden Oberfeldherren, die am Ende des libyschen Krieges an der Spitze der karthagischen Truppen standen, Hanno und Hamilkar, den ersteren abzurufen und den letzteren zum Oberfeldherrn fuer ganz Afrika auf unbestimmte Zeit in der Art zu ernennen, dass er eine von den Regierungskollegien unabhaengige Stellung - eine verfassungswidrige monarchische Gewalt nannten es die Gegner, Cato eine Diktatur - erhielt und er nur von der Volksversammlung abberufen und zur Verantwortung gezogen werden durfte ^2. Selbst die Wahl eines Nachfolgers ging nicht von den Behoerden der Hauptstadt aus, sondern vom Heere, das heisst von den im Heere als Gerusiasten oder Offiziere dienenden Karthagern, die auch bei Vertraegen neben dem Feldherrn genannt werden; natuerlich blieb der Volksversammlung daheim das Bestaetigungsrecht. Mag dies Usurpation sein oder nicht, es bezeichnet deutlich, wie die Kriegspartei das Heer als ihre Domaene ansah und behandelte.

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^2 Die Barkas schliessen die wichtigsten Staatsvertraege ab und die Ratifikation der Behoerde ist eine Formalitaet (Polyb. 3, 21); Rom protestiert bei ihnen und beim Senat (Polyb. 3, 15). Die Stellung der Barkas zu Karthago hat manche Aehnlichkeit mit der der Oranier gegen die Generalstaaten.

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Der Auftrag, den Hamilkar also empfing, klang nicht eben verfaenglich. Die Kriege mit den numidischen Staemmen ruhten an der Grenze nie; vor kurzem erst war im Binnenland die “Stadt der hundert Tore” Theveste (Tebessa) von den Karthagern besetzt worden. Die Fortfuehrung dieser Grenzfehden, die dem neuen Oberfeldherrn von Afrika zufiel, war an sich nicht von solcher Bedeutung, dass nicht die karthagische Regierung, die man ja in ihrem naechsten Kreise gewaehren liess, zu den darueber von der Volksversammlung getroffenen Beliebungen haette stillschweigen koennen, waehrend die Roemer die Tragweite derselben vielleicht nicht einmal erkannten.

So stand an der Spitze des Heeres der eine Mann, der im sizilischen und im libyschen Kriege es bewaehrt hatte, dass die Geschicke ihn oder keinen zum Retter des Vaterlandes bestimmten. Grossartiger als von ihm ist vielleicht niemals der grossartige Kampf des Menschen gegen das Schicksal gefuehrt worden. Das Heer sollte den Staat retten; aber was fuer ein Heer? Die karthagische Buergerwehr hatte unter Hamilkars Fuehrung im libyschen Kriege sich nicht schlecht geschlagen; allein er wusste wohl, dass es ein anderes ist, die Kaufleute und Fabrikanten einer Stadt, die in der hoechsten Gefahr schwebt, einmal zum Kampf hinauszufuehren, und ein anderes, Soldaten aus ihnen zu bilden. Die karthagische Patriotenpartei lieferte ihm vortreffliche Offiziere, aber in ihr war natuerlich fast ausschliesslich die gebildete Klasse vertreten - Buergermiliz hatte er nicht, hoechstens einige libyphoenikische Reiterschwadronen. Es galt ein Heer zu schaffen aus den libyschen Zwangsrekruten und aus Soeldnern; was einem Feldherrn wie Hamilkar moeglich war, allein auch ihm nur, wenn er seinen Leuten puenktlich und reichlich den Sold zu zahlen vermochte. Aber dass die karthagischen Staatseinkuenfte in Karthago selbst zu viel noetigeren Dingen gebraucht wurden als fuer die gegen den Feind fechtenden Heere, hatte er in Sizilien erfahren. Es musste also dieser Krieg sich selber ernaehren und im grossen ausgefuehrt werden, was auf dem Monte Pellegrino im kleinen versucht worden war. Aber noch mehr. Hamilkar war nicht bloss Militaer-, er war auch Parteichef; gegen die unversoehnliche und der Gelegenheit, ihn zu stuerzen, begierig und geduldig harrende Regierungspartei musste er auf die Buergerschaft sich stuetzen, und mochten deren Fuehrer noch so rein und edel sein, die Masse war tief verdorben und durch das unselige Korruptionssystem gewoehnt, nichts fuer nichts zu geben. In einzelnen Momenten schlug wohl die Not oder die Begeisterung einmal durch, wie das ueberall selbst in den feilsten Koerperschaften vorkommt; wollte aber Hamilkar fuer seinen im besten Fall erst nach einer Reihe von Jahren durchfuehrbaren Plan die Unterstuetzung der karthagischen Gemeinde dauernd sich sichern, so musste er seinen Freunden in der Heimat durch regelmaessige Geldsendungen die Mittel geben, den Poebel bei guter Laune zu erhalten. So genoetigt, von der lauen und feilen Menge die Erlaubnis, sie zu retten, zu erbetteln oder zu erkaufen; genoetigt, dem Uebermut der Verhassten seines Volkes, der stets von ihm Besiegten durch Demut und Schweigsamkeit die unentbehrliche Gnadenfrist abzudingen; genoetigt, den verachteten Vaterlandsverraetern, die sich die Herren seiner Stadt nannten, mit seinen Plaenen seine Verachtung zu bergen - so stand der hohe Mann mit wenigen gleichgesinnten Freunden zwischen den Feinden von aussen und den Feinden von innen, auf die Unentschlossenheit der einen und der andern bauend, zugleich beide taeuschend und beiden trotzend, um nur erst die Mittel, Geld und Soldaten zu gewinnen zum Kampf gegen ein Land, das, selbst wenn das Heer schlagfertig dastand, mit diesem zu erreichen schwierig, zu ueberwinden kaum moeglich schien. Er war noch ein junger Mann, wenig hinaus ueber die Dreissig; aber er schien zu ahnen, als er sich anschickte zu seinem Zuge, dass es ihm nicht vergoennt sein werde, das Ziel seiner Arbeit zu erreichen und das Land der Erfuellung anders als von weitem zu schauen. Seinen neunjaehrigen Sohn Hannibal hiess er, da er Karthago verliess, am Altar des hoechsten Gottes dem roemischen Namen ewigen Hass schwoeren, und zog ihn und die juengeren Soehne Hasdrubal und Mago, die “Loewenbrut”, wie er sie nannte, im Feldlager auf als die Erben seiner Entwuerfe, seines Genies und seines Hasses.

Der neue Oberfeldherr von Libyen brach unmittelbar nach der Beendigung des Soeldnerkrieges von Karthago auf (etwa im Fruehjahr 518 236). Er schien einen Zug gegen die freien Libyer im Westen zu beabsichtigen; sein Heer, das besonders an Elefanten stark war, zog an der Kueste hin, neben ihm segelte die Flotte, gefuehrt von seinem treuen Bundesgenossen Hasdrubal. Ploetzlich vernahm man, er sei bei den Saeulen des Herkules ueber das Meer gegangen und in Spanien gelandet, wo er Krieg fuehre mit den Eingeborenen; mit Leuten, die ihm nichts zuleide getan und ohne Auftrag seiner Regierung, klagten die karthagischen Behoerden. Sie konnten wenigstens nicht klagen, dass er die afrikanischen Angelegenheiten vernachlaessige; als die Numidier wieder einmal aufstanden, trieb sein Unterfeldherr Hasdrubal sie so nachdruecklich zu Paaren, dass auf lange Zeit an der Grenze Ruhe war und mehrere bisher unabhaengige Staemme sich bequemten, Tribut zu zahlen. Was er selbst in Spanien getan, koennen wir im einzelnen nicht mehr verfolgen; dem alten Cato, der ein Menschenalter nach Hamilkars Tode in Spanien die noch frischen Spuren seines Wirkens sah, zwangen sie trotz allem Poenerhass den Ausruf ab, dass kein Koenig wert sei, neben Hamilkar Barkas genannt zu werden. In den Erfolgen liegt auch uns wenigstens im allgemeinen noch vor, was von Hamilkar als Militaer und als Staatsmann in den neun letzten Jahren seines Lebens (518-526 236-228) geleistet worden ist, bis er im besten Mannesalter in offener Feldschlacht tapfer kaempfend den Tod fand, wie Scharnhorst, eben als seine Plaene zu reifen begannen, und was alsdann waehrend der naechsten acht Jahre (527-534 227-220) der Erbe seines Amtes und seiner Plaene, sein Tochtermann Hasdrubal an dem angefangenen Werke im Sinne des Meisters weiter geschaffen hat. Statt der kleinen Entrepôts fuer den Handel, die nebst dem Schutzrecht ueber Gades bis dahin Karthago an der spanischen Kueste allein besessen und als Dependenz von Libyen behandelt hatte, ward ein karthagisches Reich in Spanien durch Hamilkars Feldherrnkunst begruendet und durch Hasdrubals staatsmaennische Gewandtheit befestigt. Die schoensten Landschaften Spaniens, die Sued- und Ostkueste wurden phoenikisches Provinzialgebiet; Staedte wurden gegruendet, vor allem an dem einzigen guten Hafen der Suedkueste Spanisch-Karthago (Cartagena) von Hasdrubal angelegt, mit des Gruenders praechtiger “Koenigsburg”; der Ackerbau bluehte auf und mehr noch die Grubenwirtschaft in den gluecklich aufgefundenen Silberminen von Cartagena, die ein Jahrhundert spaeter ueber 2½ Mill. Taler (36 Mill. Sesterzen) jaehrlich eintrugen. Die meisten Gemeinden bis zum Ebro wurden abhaengig von Karthago und zahlten ihm Zins; Hasdrubal verstand es, die Haeuptlinge auf alle Weise, selbst durch Zwischenheiraten in das karthagische Interesse zu ziehen. So erhielt Karthago hier fuer seinen Handel und seine Fabriken eine reiche Absatzquelle, und die Einnahmen der Provinz naehrten nicht bloss das Heer, sondern es blieb noch uebrig, nach Hause zu senden und fuer die Zukunft zurueckzulegen. Aber die Provinz bildete und schulte zugleich die Armee. In dem Karthago unterworfenen Gebiet fanden regelmaessige Aushebungen statt; die Kriegsgefangenen wurden untergesteckt in die karthagischen Korps; von den abhaengigen Gemeinden kam Zuzug und kamen Soeldner, soviel man begehrte. In dem langen Kriegsleben fand der Soldat im Lager eine zweite Heimat und als Ersatz fuer den Patriotismus den Fahnensinn und die begeisterte Anhaenglichkeit an seine grossen Fuehrer; die ewigen Kaempfe mit den tapferen Iberern und Kelten schufen zu der vorzueglichen numidischen Reiterei ein brauchbares Fussvolk.

Von Karthago aus liess man die Barkas machen. Da der Buergerschaft regelmaessige Leistungen nicht abverlangt wurden, sondern vielmehr fuer sie noch etwas abfiel, auch der Handel in Spanien wiederfand, was er in Sizilien und Sardinien verloren, wurde der spanische Krieg und das spanische Heer mit seinen glaenzenden Siegen und wichtigen Erfolgen bald so populaer, dass es sogar moeglich ward, in einzelnen Krisen, zum Beispiel nach Hamilkars Fall, bedeutende Nachsendungen afrikanischer Truppen nach Spanien durchzusetzen, und die Regierungspartei wohl oder uebel dazu schweigen oder doch sich begnuegen musste, unter sich und gegen die Freunde in Rom auf die demagogischen Offiziere und den Poebel zu schelten.

Auch von Rom aus geschah nichts, um den spanischen Angelegenheiten ernstlich eine andere Wendung zu geben. Die erste und vornehmste Ursache der Untaetigkeit der Roemer war unzweifelhaft eben ihre Unbekanntschaft mit den Verhaeltnissen der entlegenen Halbinsel, welche sicher auch die Hauptursache gewesen ist, weshalb Hamilkar zur Ausfuehrung seines Planes Spanien und nicht, wie es sonst wohl auch moeglich gewesen waere, Afrika selbst erwaehlte. Zwar die Erklaerungen, mit denen die karthagischen Feldherren den roemischen, um Erkundigungen an Ort und Stelle einzuziehen nach Spanien gesandten Kommissarien entgegenkamen, die Versicherungen, dass alles dies nur geschehe, um die roemischen Kriegskontributionen prompt zahlen zu koennen, konnten im Senat unmoeglich Glauben finden; allein man erkannte wahrscheinlich von Hamilkars Plaenen nur den naechsten Zweck: fuer die Tribute und den Handel der verlorenen Inseln in Spanien Ersatz zu schaffen, und hielt einen Angriffskrieg der Karthager, und namentlich eine Invasion Italiens von Spanien aus, wie das sowohl ausdrueckliche Angaben als die ganze Lage der Sache bezeugen, fuer schlechterdings unmoeglich. Dass unter der Friedenspartei in Karthago manche weiter sahen, versteht sich; allein wie sie dachten, konnten sie schwerlich sehr geneigt sein, ueber den drohenden Sturm, den zu beschwoeren die karthagischen Behoerden laengst ausserstande waren, ihre roemischen Freunde aufzuklaeren und damit die Krise nicht abzuwenden, sondern zu beschleunigen; und wenn es dennoch geschah, so mochte man in Rom solche Parteidenunziationen mit Fug sehr vorsichtig aufnehmen. Allmaehlich allerdings musste die unbegreiflich rasche und gewaltige Ausbreitung der karthagischen Macht in Spanien die Aufmerksamkeit und die Besorgnisse der Roemer erwecken; wie sie ihr denn auch in den letzten Jahren vor dem Ausbruch des Krieges in der Tat Schranken zu setzen versuchten. Um das Jahr 528 (226) schlossen sie, ihres jungen Hellenentums eingedenk, mit den beiden griechischen oder halbgriechischen Staedten an der spanischen Ostkueste, Zakynthos oder Saguntum (Murviedro unweit Valencia) und Emporiae (Ampurias) Buendnis, und indem sie den karthagischen Feldherrn Hasdrubal davon in Kenntnis setzten, wiesen sie ihn zugleich an, den Ebro nicht erobernd zu ueberschreiten, was auch zugesagt ward. Es geschah dies keineswegs, um einen Einfall in Italien auf dem Landweg zu hindern - den Feldherrn, der diesen unternahm, konnte ein Vertrag nicht fesseln -, sondern teils um der materiellen Macht der spanischen Karthager, die gefaehrlich zu werden begann, eine Grenze zu stecken, teils um sich an den freien Gemeinden zwischen dem Ebro und den Pyrenaeen, die Rom damit unter seinen Schutz nahm, einen sicheren Anhalt zu bereiten fuer den Fall, dass eine Landung und ein Krieg in Spanien notwendig werden sollte. Fuer den bevorstehenden Krieg mit Karthago, ueber dessen Unvermeidlichkeit der Senat sich nie getaeuscht hat, besorgte man von den spanischen Ereignissen schwerlich groessere Nachteile, als dass man genoetigt werden koenne, einige Legionen nach Spanien zu senden, und dass der Feind mit Geld und Soldaten etwas besser versehen sein werde, als er ohne Spanien es gewesen waere - war man doch fest entschlossen, wie der Feldzugsplan von 536 (218) beweist und wie es auch gar nicht anders sein konnte, den naechsten Krieg in Afrika zu beginnen und zu beendigen, womit dann ueber Spanien zugleich entschieden war. Dazu kamen in den ersten Jahren die karthagischen Kontributionen, welche die Kriegserklaerung abgeschnitten haette, alsdann der Tod Hamilkars, von dem Freunde und Feinde urteilen mochten, dass seine Entwuerfe mit ihm gestorben seien, endlich in den letzten Jahren, wo der Senat allerdings zu begreifen anfing, dass es nicht weise sei, mit der Erneuerung des Krieges noch lange zu zoegern, der sehr erklaerliche Wunsch, zuvor mit den Galliern im Potal fertig zu werden, da diese, mit der Ausrottung bedroht, voraussichtlich jeden ernstlichen Krieg, den Rom unternahm, benutzt haben wuerden, um die transalpinischen Voelkerschaften aufs neue nach Italien zu locken und die immer noch aeusserst gefaehrlichen Keltenzuege zu erneuern. Dass weder Ruecksichten auf die karthagische Friedenspartei noch auf die bestehenden Vertraege die Roemer abhielten, versteht sich; ueberdies boten, wenn man den Krieg wollte, die spanischen Fehden jeden Augenblick einen Vorwand dazu dar. Unbegreiflich ist das Verhalten Roms demnach keineswegs; aber ebensowenig laesst sich leugnen, dass der roemische Senat diese Verhaeltnisse kurzsichtig und schlaff behandelt hat - Fehler, wie sie seine Fuehrung der gallischen Angelegenheiten in der gleichen Zeit noch viel unverzeihlicher aufweist. Ueberall ist die roemische Staatskunst mehr ausgezeichnet durch Zaehigkeit, Schlauheit und Konsequenz, als durch eine grossartige Auffassung und rasche Ordnung der Dinge, worin ihr vielmehr die Feinde Roms von Pyrrhos bis auf Mithradates oft ueberlegen gewesen sind.

So gab dem genialen Entwurf Hamilkars das Glueck die Weihe. Die Mittel zum Kriege waren gewonnen, ein starkes kampf- und sieggewohntes Heer und eine stetig sich fuellende Kasse; aber wie fuer den Kampf der rechte Augenblick, die rechte Richtung gefunden werden sollte, fehlte der Fuehrer. Der Mann, dessen Kopf und Herz in verzweifelter Lage unter einem verzweifelnden Volke den Weg zur Rettung gebahnt hatte, war nicht mehr, als es moeglich ward, ihn zu betreten. Ob sein Nachfolger Hasdrubal den Angriff unterliess, weil ihm der Zeitpunkt noch nicht gekommen schien, oder ob er, mehr Staatsmann als Feldherr, sich der Oberleitung des Unternehmens nicht gewachsen glaubte, vermoegen wir nicht zu entscheiden. Als er im Anfang des Jahres 534 (220) von Moerderhand gefallen war, beriefen die karthagischen Offiziere des spanischen Heeres an seine Stelle Hamilkars aeltesten Sohn, den Hannibal. Er war noch ein junger Mann - geboren 505 (249), also damals im neunundzwanzigsten Lebensjahr; aber er hatte schon viel gelebt. Seine ersten Erinnerungen zeigten ihm den Vater im entlegenen Lande fechtend und siegend auf der Eirkte; er hatte den Frieden des Catulus, die bittere Heimkehr des unbesiegten Vaters, die Greuel des libyschen Krieges mit durchempfunden. Noch ein Knabe, war er dem Vater ins Lager gefolgt; bald zeichnete er sich aus. Sein leichter und festgebauter Koerper machte aus ihm einen vortrefflichen Laeufer und Fechter und einen verwegenen Galoppreiter; sich den Schlaf zu versagen, griff ihn nicht an und Speise wusste er nach Soldatenart zu geniessen und zu entbehren. Trotz seiner im Lager verflossenen Jugend besass er die Bildung der vornehmen Phoeniker jener Zeit; im Griechischen brachte er, wie es scheint, erst als Feldherr, unter der Leitung seines Vertrauten Sosilos von Sparta, es weit genug, um Staatsschriften in dieser Sprache selber abfassen zu koennen. Wie er heranwuchs, trat er in das Heer seines Vaters ein, um unter dessen Augen seinen ersten Waffendienst zu tun, um ihn in der Schlacht neben sich fallen zu sehen. Nachher hatte er unter seiner Schwester Gemahl Hasdrubal die Reiterei befehligt und durch glaenzende persoenliche Tapferkeit wie durch sein Fuehrertalent sich ausgezeichnet. Jetzt rief ihn, den erprobten jugendlichen General, die Stimme seiner Kameraden an ihre Spitze und er konnte nun ausfuehren, wofuer sein Vater und sein Schwager gelebt und gestorben. Er trat die Erbschaft an, und er durfte es. Seine Zeitgenossen haben auf seinen Charakter Makel mancherlei Art zu werfen versucht: den Roemern hiess er grausam, den Karthagern habsuechtig; freilich hasste er, wie nur orientalische Naturen zu hassen verstehen, und ein Feldherr, dem niemals Geld und Vorraete ausgegangen sind, musste wohl suchen zu haben. Indes, wenn auch Zorn, Neid und Gemeinheit seine Geschichte geschrieben haben, sie haben das reine und grosse Bild nicht zu trueben vermocht. Von schlechten Erfindungen, die sich selber richten, und von dem abgesehen, was durch Schuld seiner Unterfeldherren, namentlich des Hannibal Monomachos und Mago des Samniten, in seinem Namen geschehen ist, liegt in den Berichten ueber ihn nichts vor, was nicht unter den damaligen Verhaeltnissen und nach dem damaligen Voelkerrecht zu verantworten waere; und darin stimmen sie alle zusammen, dass er wie kaum ein anderer Besonnenheit und Begeisterung, Vorsicht und Tatkraft miteinander zu vereinigen verstanden hat. Eigentuemlich ist ihm die erfinderische Verschmitztheit, die einen der Grundzuege des phoenikischen Charakters bildet; er ging gern eigentuemliche und ungeahnte Wege, Hinterhalte und Kriegslisten aller Art waren ihm gelaeufig, und den Charakter der Gegner studierte er mit beispielloser Sorgfalt. Durch eine Spionage ohnegleichen - er hatte stehende Kundschafter sogar in Rom - hielt er von den Vornahmen des Feindes sich unterrichtet; ihn selbst sah man haeufig in Verkleidungen und mit falschem Haar, dies oder jenes auskundschaftend. Von seinem strategischen Genie zeugt jedes Blatt der Geschichte dieser Zeit und nicht minder von seiner staatsmaennischen Begabung, die er noch nach dem Frieden mit Rom durch seine Reform der karthagischen Verfassung und durch den beispiellosen Einfluss bekundete, den er als Iandfluechtiger Fremdling in den Kabinetten der oestlichen Maechte ausuebte. Welche Macht ueber die Menschen er besass, beweist seine unvergleichliche Gewalt ueber ein buntgemischtes und vielsprachiges Heer, das in den schlimmsten Zeiten niemals gegen ihn gemeutert hat. Er war ein grosser Mann; wohin er kam, ruhten auf ihm die Blicke aller.

Hannibal beschloss sofort nach seiner Ernennung (Fruehling 534 220) den Beginn des Krieges. Er hatte gute Gruende, jetzt, da das Keltenland noch in Gaerung war und ein Krieg zwischen Rom und Makedonien vor der Tuer schien, ungesaeumt loszuschlagen und den Krieg dahin zu tragen, wohin es ihm beliebte, bevor die Roemer ihn begannen, wie es ihnen bequem war, mit einer Landung in Afrika. Sein Heer war bald marschfertig, die Kasse durch einige Razzias in grossem Massstab gefuellt; allein die karthagische Regierung zeigte nichts weniger als Lust, die Kriegserklaerung nach Rom abgehen zu lassen. Hasdrubals, des patriotischer Volksfuehrers Platz war in Karthago schwerer zu ersetzen als der Platz des Feldherrn Hasdrubal in Spanien; die Partei des Friedens hatte jetzt daheim die Oberhand und verfolgte die Fuehrer der Kriegspartei mit politischen Prozessen. Sie, die schon Hamilkars Plaene beschnitten und bemaengelt hatte, war keineswegs gemeint, den unbekannten jungen Mann, der jetzt in Spanien befehligte, auf Staatskosten jugendlichen Patriotismus treiben zu lassen; und Hannibal scheute doch davor zurueck, den Krieg in offener Widersetzlichkeit gegen die legitimen Behoerden selber zu erklaeren; er versuchte die Saguntiner zum Friedensbruch zu reizen; allein sie begnuegten sich, in Rom Klage zu fuehren. Er versuchte, als darauf von Rom eine Kommission erschien, nun diese durch schnoede Behandlung zur Kriegserklaerung zu treiben; allein die Kommissarien sahen, wie die Dinge standen; sie schwiegen in Spanien, um in Karthago Beschwerde zu fuehren und daheim zu berichten, dass Hannibal schlagfertig stehe und der Krieg vor der Tuer sei. So verfloss die Zeit; schon traf die Nachricht ein von dem Tode des Antigonos Doson, der etwa gleichzeitig mit Hasdrubal ploetzlich gestorben war; im italischen Kettenland ward die Gruendung der Festungen mit verdoppelter Schnelligkeit und Energie von den Roemern betrieben; der Schilderhebung in Illyrien schickte man in Rom sich an, im naechsten Fruehjahr ein rasches Ende zu bereiten. Jeder Tag war kostbar; Hannibal entschloss sich. Er meldete kurz und gut nach Karthago, dass die Saguntiner karthagischen Untertanen, den Torboleten, zu nahe traeten und er sie darum angreifen muesse; und ohne die Antwort abzuwarten, begann er im Fruehjahr 535 (219) die Belagerung der mit Rom verbuendeten Stadt, das heisst den Krieg gegen Rom. Was man in Karthago dachte und beriet, mag man sich etwa vorstellen nach dem Eindruck, den Yorks Kapitulation in gewissen Kreisen machte. Alle “angesehenen Maenner”, heisst es, missbilligten den “ohne Auftrag” geschehenen Angriff; es war die Rede von Desavouierung, von Auslieferung des dreisten Offiziers. Aber sei es, dass im karthagischen Rat die naehere Furcht vor dem Heer und der Menge die vor Rom ueberwog; sei es, dass man die Unmoeglichkeit begriff, einen solchen Schritt, einmal getan, zurueckzutun; sei es, dass die blosse Macht der Traegheit ein bestimmtes Auftreten hinderte - man entschloss sich endlich, sich zu nichts zu entschliessen und den Krieg, wenn nicht zu fuehren, doch fuehren zu lassen. Sagunt verteidigte sich, wie nur spanische Staedte sich zu verteidigen verstehen; haetten die Roemer nur einen geringen Teil der Energie ihrer Schutzbefohlenen entwickelt und nicht waehrend der achtmonatlichen Belagerung Sagunts mit dem elenden illyrischen Raeuberkrieg die Zeit verdorben, so haetten sie, Herren der See und geeigneter Landungsplaetze, sich die Schande des zugesagten und nicht gewaehrten Schutzes ersparen und dem Krieg vielleicht eine andere Wendung geben koennen. Indes sie saeumten, und die Stadt ward endlich erstuermt. Wie Hannibal die Beute nach Karthago zur Verteilung sandte, ward der Patriotismus und die Kriegslust bei vielen rege, die davon bisher nichts gespuert hatten, und die Austeilung schnitt jede Versoehnung mit Rom ab. Als daher nach der Zerstoerung Sagunts eine roemische Gesandtschaft in Karthago erschien und die Auslieferung des Feldherrn und der im Lager anwesenden Gerusiasten forderte, und als der roemische Sprecher, die versuchte Rechtfertigung unterbrechend, die Diskussion abschnitt und, sein Gewand zusammenfassend, sprach, dass er darin Frieden und Krieg halte und dass die Gerusia waehlen moege, da ermannten sich die Gerusiasten zu der Antwort, dass man es ankommen lasse auf die Wahl des Roemers; und als dieser den Krieg bot, nahm man ihn an (Fruehling 536 218). Hannibal, der durch den hartnaeckigen Widerstand der Saguntiner ein volles Jahr verloren hatte, war fuer den Winter 535/36 (219/18) wie gewoehnlich zurueckgegangen nach Cartagena, um alles teils zum Angriff vorzubereiten, teils zur Verteidigung von Spanien und Afrika; denn da er wie sein Vater und sein Schwager den Oberbefehl in beiden Gebieten fuehrte, lag es ihm ob, auch zum Schutz der Heimat die Anstalten zu treffen. Die gesamte Masse seiner Streitkraefte betrug ungefaehr 120000 Mann zu Fuss, 16000 zu Pferd; ferner 58 Elefanten und 32 bemannte, achtzehn unbemannte Fuenfdecker ausser den in der Hauptstadt befindlichen Elefanten und Schiffen. Mit Ausnahme weniger Ligurer unter den leichten Truppen gab es in diesem karthagischen Heere Soeldner gar nicht; die Truppen bestanden ausser einigen phoenikischen Schwadronen im wesentlichen aus den zum Dienst ausgehobenen karthagischen Untertanen, Libyern und Spaniern. Der Treue der letzteren sich zu versichern gab der menschenkundige Feldherr ihnen ein Zeichen des Vertrauens, allgemeinen Urlaub waehrend des ganzen Winters; den Libyern versprach der Feldherr, der den engherzigen phoenikischen Sonderpatriotismus nicht teilte, eidlich das karthagische Buergerrecht, wenn sie als Sieger nach Afrika zurueckkehren wuerden. Indes war diese Truppenmasse nur zum Teil fuer die italische Expedition bestimmt. Etwa 20000 Mann kamen nach Afrika, der kleinere Teil nach der Hauptstadt und dem eigentlich phoenikischen Gebiet, der groessere an die westliche Spitze von Afrika. Zur Deckung von Spanien blieben 12000 Mann zu Fuss zurueck nebst 2500 Pferden und fast der Haelfte der Elefanten, ausserdem die dort stationierte Flotte; den Oberbefehl und das Regiment uebernahm hier Hannibals juengerer Bruder Hasdrubal. Das unmittelbar karthagische Gebiet ward verhaeltnismaessig schwach besetzt, da die Hauptstadt im Notfall Hilfsmittel genug bot; ebenso genuegte in Spanien, wo neue Aushebungen sich mit Leichtigkeit veranstalten liessen, fuer jetzt eine maessige Zahl von Fusssoldaten, waehrend dagegen ein verhaeltnismaessig starker Teil der eigentlich afrikanischen Waffen, der Pferde und Elefanten dort zurueckblieb. Die Hauptsorgfalt wurde darauf gewendet, die Verbindungen zwischen Spanien und Afrika zu sichern, weshalb in Spanien die Flotte blieb und Westafrika von einer sehr starken Truppenmasse gehuetet ward. Fuer die Treue der Truppen buergte, ausser den in dem festen Sagunt versammelten Geiseln der spanischen Gemeinden, die Verlegung der Soldaten ausserhalb ihrer Aushebungsbezirke, indem die ostafrikanische Landwehr vorwiegend nach Spanien, die spanische nach Westafrika, die westafrikanische nach Karthago kamen. So war fuer die Verteidigung hinreichend gesorgt. Was den Angriff anlangt, so sollte von Karthago aus ein Geschwader von 20 Fuenfdeckern mit 1000 Soldaten an Bord nach der italischen Westkueste segeln und diese verheeren, ein zweites von 25 Segeln womoeglich sich wieder in Lilybaeon festsetzen; dieses bescheidene Mass von Anstrengungen glaubte Hannibal seiner Regierung zumuten zu koennen. Mit der Hauptarmee beschloss er selbst in Italien einzuruecken, wie das ohne Zweifel schon in Hamilkars urspruenglichem Plan lag. Ein entscheidender Angriff auf Rom war nur in Italien moeglich wie auf Karthago nur in Libyen; so gewiss Rom seinen naechsten Feldzug mit dem letzteren begann, so gewiss durfte auch Karthago sich nicht von vornherein entweder auf ein sekundaeres Operationsobjekt, wie zum Beispiel Sizilien, oder gar auf die Verteidigung beschraenken - die Niederlagen brachten in all diesen Faellen das gleiche Verderben, nicht aber der Sieg die gleiche Frucht.

Aber wie konnte Italien angegriffen werden? Es mochte gelingen, die Halbinsel zu Wasser oder zu Lande zu erreichen; aber sollte der Zug nicht ein verzweifeltes Abenteuer sein, sondern eine militaerische Expedition mit strategischem Ziel, so bedurfte man dort einer naeheren Operationsbasis, als Spanien oder Afrika waren. Auf eine Flotte und eine Hafenfestung konnte Hannibal sich nicht stuetzen, da jetzt Rom das Meer beherrschte. Aber ebensowenig bot sich in dem Gebiet der italischen Eidgenossenschaft irgendein haltbarer Stuetzpunkt. Hatte sie zu ganz anderen Zeiten und trotz der hellenischen Sympathien dem Stoss des Pyrrhos gestanden, so war nicht zu erwarten, dass sie jetzt auf das Erscheinen des phoenikischen Feldherrn hin zusammenbrechen werde; zwischen dem roemischen Festungsnetz und der festgeschlossenen Bundesgenossenschaft ward das Invasionsheer ohne Zweifel erdrueckt. Einzig das Ligurer- und Keltenland konnte fuer Hannibal sein, was fuer Napoleon in seinen sehr aehnlichen russischen Feldzuegen Polen gewesen ist; diese, noch von dem kaum beendigten Unabhaengigkeitskampf gaerenden Voelkerschaften, den Italikern stammfremd und in ihrer Existenz bedroht, um die eben jetzt sich die ersten Ringe der roemischen Festungs- und Chausseenkette legten, mussten in dem phoenikischen Heere, das zahlreiche spanische Kelten in seinen Reihen zaehlte, ihre Retter erkennen und ihm als erster Rueckhalt, als Verpflegungs- und Rekrutierungsbezirk dienen. Schon waren foermliche Vertraege mit den Boiern und Insubrern abgeschlossen, wodurch sie sich anheischig machten, dem karthagischen Heer Wegweiser entgegenzusenden, ihnen gute Aufnahme bei ihren Stammgenossen und Zufuhr unterwegs auszuwirken und gegen die Roemer sich zu erheben, sowie das karthagische Heer auf italischem Boden stehe. Eben in diese Gegend fuehrten endlich die Beziehungen zum Osten. Makedonien, das durch den Sieg von Sellasia seine Herrschaft im Peloponnes neu befestigt hatte, stand mit Rom in gespannten Verhaeltnissen; Demetrios von Pharos, der das roemische Buendnis mit dem makedonischen vertauscht hatte und von den Roemern vertrieben worden war, lebte als Fluechtling am makedonischen Hof, und dieser hatte den Roemern die begehrte Auslieferung verweigert. Wenn es moeglich war, die Heere vom Guadalquivir und vom Karasu irgendwo zu vereinigen gegen den gemeinschaftlichen Feind, so konnte das nur am Po geschehen. So wies alles nach Norditalien; und dass schon des Vaters Blick dahin gerichtet gewesen, zeigt die karthagische Streifpartei, der die Roemer zu ihrer grossen Verwunderung im Jahre 524 (230) in Ligurien begegnet waren.

Weniger deutlich ist, warum Hannibal dem Land- vor dem Seeweg den Vorzug gab; denn dass weder die Seeherrschaft der Roemer noch ihr Bund mit Massalia eine Landung in Genua unmoeglich machte, leuchtet ein und hat die Folge bewiesen. In unserer Ueberlieferung fehlen, um diese Frage genuegend zu entscheiden, nicht wenige Faktoren, auf die es ankommen wuerde und die sich nicht durch Vermutung ergaenzen lassen. Hannibal hatte unter zwei Uebeln zu waehlen. Statt den ihm unbekannten und weniger zu berechnenden Wechselfaellen der Seefahrt und des Seekrieges sich auszusetzen, muss es ihm geratener erschienen sein, lieber die unzweifelhaft ernstlich gemeinten Zusicherungen der Boier und Insubrer anzunehmen, um so mehr, als auch das bei Genua gelandete Heer noch die Berge haette ueberschreiten muessen; schwerlich konnte er genau wissen, wie viel geringere Schwierigkeiten der Apennin bei Genua darbietet als die Hauptkette der Alpen. War doch der Weg, den er einschlug, die uralte Keltenstrasse, auf der viel groessere Schwaerme die Alpen ueberstiegen hatten; der Verbuendete und Erretter des Keltenvolkes durfte ohne Verwegenheit diesen betreten.

So vereinigte Hannibal die fuer die grosse Armee bestimmten Truppen mit dem Anfang der guten Jahreszeit in Cartagena; es waren ihrer 90000 Mann zu Fuss und 12000 Reiter, darunter etwa zwei Drittel Afrikaner und ein Drittel Spanier - die mitgefuehrten 37 Elefanten mochten mehr bestimmt sein, den Galliern zu imponieren, als zum ernstlichen Krieg. Hannibals Fussvolk war nicht mehr wie das, welches Xanthippos fuehrte, genoetigt, sich hinter einen Vorhang von Elefanten zu verbergen, und der Feldherr einsichtig genug, um dieser zweischneidigen Waffe, die ebenso oft die Niederlage des eigenen wie die des feindlichen Heeres herbeigefuehrt hatte, sich nur sparsam und vorsichtig zu bedienen. Mit diesem Heere brach Hannibal im Fruehling 536 (218) von Cartagena auf gegen den Ebro. Von den getroffenen Massregeln, namentlich den mit den Kelten angeknuepften Verbindungen, von den Mitteln und dem Ziel des Zuges liess er die Soldaten soviel erfahren, dass auch der Gemeine, dessen militaerischen Instinkt der lange Krieg entwickelt haette, den klaren Blick und die sichere Hand des Fuehrers ahnte und mit festem Vertrauen ihm in die unbekannte Weite folgte; und die feurige Rede, in der er die Lage des Vaterlandes und die Forderungen der Roemer vor ihnen darlegte, die gewisse Knechtung der teuren Heimat, das schmachvolle Ansinnen der Auslieferung des geliebten Feldherrn und seines Stabes, entflammte den Soldaten- und den Buergersinn in den Herzen aller.

Der roemische Staat war in einer Verfassung, wie sie auch in festgegruendeten und einsichtigen Aristokratien wohl eintritt. Was man wollte, wusste man wohl; es geschah auch manches, aber nichts recht noch zur rechten Zeit. Laengst haette man Herr der Alpentore und mit den Kelten fertig sein koennen; noch waren diese furchtbar und jene offen. Man haette mit Karthago entweder Freundschaft haben koennen, wenn man den Frieden von 513 (241) ehrlich einhielt, oder, wenn man das nicht wollte, konnte Karthago laengst unterworfen sein; jener Friede ward durch die Wegnahme Sardiniens tatsaechlich gebrochen und Karthagos Macht liess man zwanzig Jahre hindurch sich ungestoert regenerieren. Mit Makedonien Frieden zu halten war nicht schwer; um geringen Gewinn hatte man diese Freundschaft verscherzt. An einem leitenden, die Verhaeltnisse im Zusammenhang beherrschenden Staatsmann muss es gefehlt haben; ueberall war entweder zu wenig geschehen oder zu viel. Nun begann der Krieg, zu dem man Zeit und Ort den Feind hatte bestimmen lassen; und im wohlbegruendeten Vollgefuehl militaerischer Ueberlegenheit war man ratlos ueber Ziel und Gang der naechsten Operationen. Man disponierte ueber eine halbe Million brauchbarer Soldaten - nur die roemische Reiterei war minder gut und verhaeltnismaessig minder zahlreich als die karthagische, jene etwa ein Zehntel, diese ein Achtel der Gesamtzahl der ausrueckenden Truppen. Der roemischen Flotte von 220 Fuenfdeckern, die eben aus dem Adriatischen Meere in die Westsee zurueckfuhr, hatte keiner der von diesem Kriege beruehrten Staaten eine entsprechende entgegenzustellen. Die natuerliche und richtige Verwendung dieser erdrueckenden Uebermacht ergab sich von selbst. Seit langem stand es fest, dass der Krieg eroeffnet werden sollte mit einer Landung in Afrika; die spaetere Wendung der Ereignisse hatte die Roemer gezwungen, eine gleichzeitige Landung in Spanien in den Kriegsplan aufzunehmen, vornehmlich, um nicht die spanische Armee vor den Mauern von Karthago zu finden. Nach diesem Plan wusste man, als der Krieg durch Hannibals Angriff auf Sagunt zu Anfang 535 (219) tatsaechlich eroeffnet war, vor allen Dingen ein roemisches Heer nach Spanien werfen, ehe die Stadt fiel; allein man versaeumte das Gebot des Vorteils nicht minder wie der Ehre. Acht Monate lang hielt Sagunt sich umsonst - als die Stadt ueberging, hatte Rom zur Landung in Spanien nicht einmal geruestet. Indes noch war das Land zwischen dem Ebro und den Pyrenaeen frei, dessen Voelkerschaften nicht bloss die natuerlichen Verbuendeten der Roemer waren, sondern auch von roemischen Emissaeren gleich den Saguntinern Versprechungen schleunigen Beistandes empfangen hatten. Nach Katalonien gelangt man zu Schiff von Italien nicht viel weniger rasch wie von Cartagena zu Lande; wenn nach der inzwischen erfolgten foermlichen Kriegserklaerung die Roemer wie die Phoeniker im April aufbrachen, konnte Hannibal den roemischen Legionen an der Ebrolinie begegnen.

Allerdings wurde denn auch der groessere Teil des Heeres und der Flotte fuer den Zug nach Afrika verfuegbar gemacht und der zweite Konsul Publius Cornelius Scipio an den Ebro beordert; allein er nahm sich Zeit, und als am Po ein Aufstand ausbrach, liess er das zur Einschiffung bereitstehende Heer dort verwenden und bildete fuer die spanische Expedition neue Legionen. So fand Hannibal am Ebro zwar den heftigsten Widerstand, aber nur von den Eingeborenen; mit diesen ward er, dem unter den obwaltenden Umstaenden die Zeit noch kostbarer war als das Blut seiner Leute, mit Verlust des vierten Teiles seiner Armee in einigen Monaten fertig und erreichte die Linie der Pyrenaeen. Dass durch jene Zoegerung die spanischen Bundesgenossen Roms zum zweitenmal aufgeopfert wurden, konnte man ebenso sicher vorhersehen, als die Zoegerung selbst sich leicht vermeiden liess; wahrscheinlich aber waere selbst der Zug nach Italien, den man in Rom noch im Fruehling 536 (218) nicht geahnt haben muss, durch zeitiges Erscheinen der Roemer in Spanien abgewendet worden. Hannibal hatte keineswegs die Absicht, sein spanisches “Koenigreich” aufgebend, sich wie ein Verzweifelter nach Italien zu werfen; die Zeit, die er an Sagunts Erstuermung und an die Unterwerfung Kataloniens gewandt hatte, das betraechtliche Korps, das er zur Besetzung des neugewonnenen Gebiets zwischen dem Ebro und den Pyrenaeen zurueckliess, beweisen zur Genuege, dass, wenn ein roemisches Heer ihm den Besitz Spaniens streitig gemacht haette, er sich nicht begnuegt haben wuerde, sich demselben zu entziehen; und was die Hauptsache war, wenn die Roemer seinen Abmarsch aus Spanien auch nur um einige Wochen zu verzoegern imstande waren, so schloss der Winter die Alpenpaesse, ehe Hannibal sie erreichte, und die afrikanische Expedition ging ungehindert nach ihrem Ziele ab.

An den Pyrenaeen angelangt, entliess Hannibal einen Teil seiner Truppen in die Heimat; eine von Anfang an beschlossene Massregel, die den Feldherrn den Soldaten gegenueber des Erfolges sicher zeigen und dem Gefuehl steuern sollte, dass sein Unternehmen eines von denen sei, von welchen man nicht heimkehrt. Mit einem Heer von 50000 Mann zu Fuss und 9000 zu Pferd, lauter alten Soldaten, ward das Gebirg ohne Schwierigkeit ueberschritten und alsdann der Kuestenweg ueber Narbonne und Nîmes eingeschlagen durch das keltische Gebiet, das teils die frueher angeknuepften Verbindungen, teils das karthagische Gold, teils die Waffen dem Heere oeffneten. Erst als dieses Ende Juli Avignon gegenueber an die Rhone gelangte, schien seiner hier ein ernstlicher Widerstand zu warten. Der Konsul Scipio, der auf seiner Fahrt nach Spanien in Massalia angelegt hatte (etwa Ende Juni), war dort berichtet worden, dass er zu spaet komme und Hannibal schon nicht bloss den Ebro, sondern auch die Pyrenaeen passiert habe. Auf diese Nachrichten, welche zuerst die Roemer ueber die Richtung und das Ziel Hannibals aufgeklaert zu haben scheinen, hatte der Konsul seine spanische Expedition vorlaeufig aufgegeben und sich entschlossen, in Verbindung mit den keltischen Voelkerschaften dieser Gegend, welche unter dem Einfluss der Massalioten und dadurch unter dem roemischen standen, die Phoeniker an der Rhone zu empfangen und ihnen den Uebergang ueber den Fluss und den Einmarsch in Italien zu verwehren. Zum Glueck fuer Hannibal stand gegenueber dem Punkte, wo er ueberzugehen gedachte, fuer jetzt nur der keltische Landsturm, waehrend der Konsul selbst mit seinem Heer von 22000 Mann zu Fuss und 2000 Reitern noch in Massalia selbst vier Tagemaersche stromabwaerts davon sich befand. Die Boten des gallischen Landsturms eilten, ihn zu benachrichtigen. Hannibal sollte das Heer mit der starken Reiterei und den Elefanten unter den Augen des Feindes und bevor Scipio eintraf ueber den reissenden Strom fuehren; und er besass nicht einen Nachen. Sogleich wurden auf seinen Befehl von den zahlreichen Rhoneschiffern in der Umgegend alle ihre Barken zu jedem Preise aufgekauft und was an Kaehnen noch fehlte, aus gefaellten Baeumen gezimmert; und in der Tat konnte die ganze zahlreiche Armee an einem Tage uebergesetzt werden. Waehrend dies geschah, marschierte eine starke Abteilung unter Hanno, Bomilkars Sohn, in Gewaltmaerschen stromaufwaerts bis zu einem zwei kleine Tagemaersche oberhalb Avignon gelegenen Uebergangspunkt, den sie unverteidigt fanden. Hier ueberschritten sie auf schleunig zusammengeschlagenen Floessen den Fluss, um dann stromabwaerts sich wendend die Gallier in den Ruecken zu fassen, die dem Hauptheer den Uebergang verwehrten. Schon am Morgen des fuenften Tages nach der Ankunft an der Rhone, des dritten nach Hannos Abmarsch, stiegen die Rauchsignale der entsandten Abteilung am gegenueberliegenden Ufer auf, fuer Hannibal das sehnlich erwartete Zeichen zum Uebergang: Eben als die Gallier, sehend, dass die feindliche Kahnflotte in Bewegung kam, das Ufer zu besetzen eilten, loderte ploetzlich ihr Lager hinter ihnen in Flammen auf; ueberrascht und geteilt, vermochten sie weder dem Angriff zu stehen noch dem Uebergang zu wehren und zerstreuten sich in eiliger Flucht.

Scipio hielt waehrenddessen in Massalia Kriegsratsitzungen ueber die geeignete Besetzung der Rhôneuebergaenge und liess sich nicht einmal durch die dringenden Botschaften der Keltenfuehrer zum Aufbruch bestimmen. Er traute ihren Nachrichten nicht und begnuegte sich, eine schwache roemische Reiterabteilung zur Rekognoszierung auf dem linken Rhoneufer zu entsenden. Diese traf bereits die gesamte feindliche Armee auf dies Ufer uebergegangen und beschaeftigt, die allein noch am rechten Ufer zurueckgebliebenen Elefanten nachzuholen; nachdem sie in der Gegend von Avignon, um nur die Rekognoszierung beendigen zu koennen, einigen karthagischen Schwadronen ein hitziges Gefecht geliefert hatte - das erste, in dem die Roemer und Phoeniker in diesem Krieg aufeinandertrafen -, machte sie sich eiligst auf den Rueckweg, um im Hauptquartier Bericht zu erstatten. Scipio brach nun Hals ueber Kopf mit all seinen Truppen gegen Avignon auf; allein als er dort eintraf, war selbst die zur Deckung des Uebergangs der Elefanten zurueckgelassene karthagische Reiterei bereits seit drei Tagen abmarschiert, und es blieb dem Konsul nichts uebrig, als mit ermuedeten Truppen und geringem Ruhm nach Massalia heimzukehren und auf die “feige Flucht” des Puniers zu schmaelen. So hatte man erstens zum drittenmal durch reine Laessigkeit die Bundesgenossen und eine wichtige Verteidigungslinie preisgegeben, zweitens, indem man nach diesem ersten Fehler vom verkehrten Rasten zu verkehrtem Hasten ueberging und ohne irgendeine Aussicht auf Erfolg nun doch noch tat, was mit so sicherer einige Tage zuvor geschehen konnte, eben dadurch das wirkliche Mittel, den Fehler wiedergutzumachen, aus den Haenden gegeben. Seit Hannibal diesseits der Rhone im Keltenland stand, war es nicht mehr zu hindern, dass er an die Alpen gelangte; allein wenn sich Scipio auf die erste Kunde hin mit seinem ganzen Heer nach Italien wandte - in sieben Tagen war ueber Genua der Po zu erreichen - und mit seinem Korps die schwachen Abteilungen im Potal vereinigte, so konnte er wenigstens dort dem Feind einen gefaehrlichen Empfang bereiten. Allein nicht bloss verlor er die kostbare Zeit mit dem Marsch nach Avignon, sondern es fehlte sogar dem sonst tuechtigen Manne, sei es der politische Mut, sei es die militaerische Einsicht, die Bestimmung seines Korps den Umstaenden gemaess zu veraendern; er sandte das Gros desselben unter seinem Bruder Gnaeus nach Spanien und ging selbst mit weniger Mannschaft zurueck nach Pisae.

Hannibal, der nach dem Uebergang ueber die Rhone in einer grossen Heeresversammlung den Truppen das Ziel seines Zuges auseinandergesetzt und den aus dem Potal angelangten Keltenhaeuptling Magilus selbst durch den Dolmetsch hatte zu dem Heere sprechen lassen, setzte inzwischen ungehindert seinen Marsch nach den Alpenpaessen fort. Welchen derselben er waehlte, darueber konnte weder die Kuerze des Weges noch die Gesinnung der Einwohner zunaechst entscheiden, wenngleich er weder mit Umwegen noch mit Gefechten Zeit zu verlieren hatte. Den Weg musste er einschlagen, der fuer seine Bagage, seine starke Reiterei und die Elefanten praktikabel war und in dem ein Heer hinreichende Subsistenzmittel, sei es im guten oder mit Gewalt, sich verschaffen konnte - denn obwohl Hannibal Anstalten getroffen hatte, Lebensmittel auf Saumtieren sich nachzufuehren, so konnten bei einem Heere, das immer noch trotz starker Verluste gegen 50000 Mann zaehlte, diese doch notwendig nur fuer einige Tage ausreichen. Abgesehen von dem Kuestenweg, den Hannibal nicht einschlug, nicht weil die Roemer ihn sperrten, sondern weil er ihn von seinem Ziel abgefuehrt haben wuerde, fuehrten in alter Zeit ^3 von Gallien nach Italien nur zwei namhafte Alpenuebergaenge: der Pass ueber die Kottische Alpe (Mont Genèvre) in das Gebiet der Tauriner (ueber Susa oder Fenestrelles nach Turin) und der ueber die Graische (Kleiner St. Bernhard) in das der Salasser (nach Aosta und Ivrea). Der erstere Weg ist der kuerzere; allein von da an, wo er das Rhonetal verlaesst, fuehrt er in den unwegsamen und unfruchtbaren Flusstaelern des Drak, der Romanche und der oberen Durance durch ein schwieriges und armes Bergland und erfordert einen mindestens sieben- bis achttaegigen Gebirgsmarsch; eine Heerstrasse hat erst Pompeius hier angelegt, um zwischen der dies- und der jenseitigen gallischen Provinz eine kuerzere Verbindung herzustellen.

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^3 Der Weg ueber den Mont Cenis ist erst im Mittelalter eine Heerstrasse geworden. Die oestlichen Paesse, wie zum Beispiel der ueber die Poeninische Alpe oder den Grossen St. Bernhard, der uebrigens auch erst durch Caesar und Augustus Militaerstrasse ward, kommen natuerlich hier nicht in Betracht.

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Der Weg ueber den Kleinen St. Bernhard ist etwas laenger; allein nachdem er die erste, das Rhonetal oestlich begrenzende Alpenwand ueberstiegen hat, haelt er sich in dem Tale der oberen Isère, das von Grenoble ueber Chambéry bis hart an den Fuss des Kleinen St. Bernhard, das heisst der Hochalpenkette sich hinzieht und unter allen Alpentaelern das breiteste, fruchtbarste und bevoelkertste ist. Es ist ferner der Weg ueber den Kleinen St. Bernhard unter allen natuerlichen Alpenpassagen zwar nicht die niedrigste, aber bei weitem die bequemste; obwohl dort keine Kunststrasse angelegt ist, ueberschritt auf ihr noch im Jahre 1815 ein oesterreichisches Korps mit Artillerie die Alpen. Dieser Weg, der bloss ueber zwei Bergkaemme fuehrt, ist endlich von den aeltesten Zeiten an die grosse Heerstrasse aus dem keltischen in das italische Land gewesen. Die karthagische Armee hatte also in der Tat keine Wahl; es war ein glueckliches Zusammentreffen, aber kein bestimmendes Motiv fuer Hannibal, dass die ihm verbuendeten keltischen Staemme in Italien bis an den Kleinen St. Bernhard wohnten, waehrend ihn der Weg ueber den Mont Genèvre zunaechst in das Gebiet der Tauriner gefuehrt haben wuerde, die seit alten Zeiten mit den Insubrern in Fehde lagen.

So marschierte das karthagische Heer zunaechst an der Rhone hinauf gegen das Tal der oberen Isère zu, nicht, wie man vermuten koennte, auf dem naechsten Weg, an dem linken Ufer der unteren Isère hinauf, von Valence nach Grenoble, sondern durch die “Insel” der Allobrogen, die reiche und damals schon dichtbevoelkerte Niederung, die noerdlich und westlich von der Rhone, suedlich von der Isère, oestlich von den Alpen umfasst wird. Es geschah dies wieder deshalb, weil die naechste Strasse durch ein unwegsames und armes Bergland gefuehrt haette, waehrend die Insel eben und aeusserst fruchtbar ist und nur eine einfache Bergwand sie von dem oberen Isèretal scheidet. Der Marsch an der Rhone in und quer durch die Insel bis an den Fuss der Alpenwand war in sechzehn Tagen vollendet; er bot geringe Schwierigkeit und auf der Insel selbst wusste Hannibal durch geschickte Benutzung einer zwischen zwei allobrogischen Haeuptlingen ausgebrochenen Fehde sich einen der bedeutendsten derselben zu verpflichten, dass derselbe den Karthagern nicht bloss durch die ganze Ebene das Geleit gab, sondern auch ihnen die Vorraete ergaenzte und die Soldaten mit Waffen, Kleidung und Schuhzeug versah. Allein an dem Uebergang ueber die erste Alpenkette, die steil und wandartig emporsteigt und ueber die nur ein einziger gangbarer Pfad (ueber den Mont du Chat beim Dorfe Chevelu) fuehrt, waere fast der Zug gescheitert. Die allobrogische Bevoelkerung hatte den Pass stark besetzt. Hannibal erfuhr es frueh genug, um einen Ueberfall zu vermeiden, und lagerte am Fuss, bis nach Sonnenuntergang die Kelten sich in die Haeuser der naechsten Stadt zerstreuten, worauf er in der Nacht den Pass einnahm. So war die Hoehe gewonnen; allein auf dem aeusserst steilen Weg, der von der Hoehe nach dem See von Bourget hinabfuehrt, glitten und stuerzten die Maultiere und die Pferde. Die Angriffe, die an geeigneten Stellen von den Kelten auf die marschierende Armee gemacht wurden, waren weniger an sich als durch das in Folge derselben entstehende Getuemmel sehr unbequem; und als Hannibal sich mit seinen leichten Truppen von oben herab auf die Allobrogen warf, wurden diese zwar ohne Muehe und mit starkem Verlust den Berg hinuntergejagt, allein die Verwirrung, besonders in dem Train, ward noch erhoeht durch den Laerm des Gefechts. So nach starkem Verlust in der Ebene angelangt, ueberfiel Hannibal sofort die naechste Stadt, um die Barbaren zu zuechtigen und zu schrecken und zugleich seinen Verlust an Saumtieren und Pferden moeglichst wieder zu ersetzen. Nach einem Rasttag in dem anmutigen Tal von Chambéry setzte die Armee an der Isère hinauf ihren Marsch fort, ohne in dem breiten und reichen Grund durch Mangel oder Angriffe aufgehalten zu werden. Erst als man am vierten Tage eintrat in das Gebiet der Ceutronen (die heutige Tarantaise), wo allmaehlich das Tal sich verengt, hatte man wiederum mehr Veranlassung, auf seiner Hut zu sein. Die Ceutronen empfingen das Heer an der Landesgrenze (etwa bei Conflans) mit Zweigen und Kraenzen, stellten Schlachtvieh, Fuehrer und Geiseln, und wie durch Freundesland zog man durch ihr Gebiet. Als jedoch die Truppen unmittelbar am Fuss der Alpen angelangt waren, da wo der Weg die Isère verlaesst und durch ein enges und schwieriges Defilee an den Bach Reclus hinauf sich zu dem Gipfel des Bernhard emporwindet, erschien auf einmal die Landwehr der Ceutronen teils im Ruecken der Armee, teils auf den rechts und links den Pass einschliessenden Bergraendern, in der Hoffnung, den Tross und das Gepaeck abzuschneiden. Allein Hannibal, dessen sicherer Takt in all jenem Entgegenkommen der Ceutronen nichts gesehen hatte als die Absicht, zugleich Schonung ihres Gebiets und die reiche Beute zu gewinnen, hatte in Erwartung eines solchen Angriffs den Tross und die Reiterei voraufgeschickt und deckte den Marsch mit dem gesamten Fussvolk; die Absicht der Feinde wurde dadurch vereitelt, obwohl er nicht verhindern konnte, dass sie, auf den Bergabhaengen den Marsch des Fussvolks begleitend, ihm durch geschleuderte oder herabgerollte Steine sehr betraechtlichen Verlust zufuegten. An dem “weissen Stein” (noch jetzt la roche blanche), einem hohen, am Fusse des Bernhard einzeln stehenden und den Aufweg auf denselben beherrschenden Kreidefels, lagerte Hannibal mit seinem Fussvolk, den Abzug der die ganze Nacht hindurch muehsam hinaufklimmenden Pferde und Saumtiere zu decken, und erreichte unter bestaendigen, sehr blutigen Gefechten endlich am folgenden Tage die Passhoehe. Hier, auf der geschuetzten Hochebene, die sich um einen kleinen See, die Quelle der Doria, in einer Ausdehnung von etwa 2½ Miglien ausbreitet, liess er die Armee rasten. Die Entmutigung hatte angefangen, sich der Gemueter der Soldaten zu bemaechtigen. Die immer schwieriger werdenden Wege, die zu Ende gehenden Vorraete, die Defileenmaersche unter bestaendigen Angriffen des unerreichbaren Feindes, die arg gelichteten Reihen, die hoffnungslose Lage der Versprengten und Verwundeten, das nur der Begeisterung des Fuehrers und seiner Naechsten nicht chimaerisch erscheinende Ziel, fingen an, auch auf die afrikanischen und spanischen Veteranen zu wirken. Indes die Zuversicht des Feldherrn blieb sich immer gleich; zahlreiche Versprengte fanden sich wieder ein; die befreundeten Gallier waren nah, die Wasserscheide erreicht und der dem Bergwanderer so erfreuliche Blick auf den absteigenden Pfad eroeffnet; nach kurzer Rast schickte man mit erneutem Mute zu dem letzten und schwierigsten Unternehmen, dem Hinabmarsch sich an. Von Feinden ward das Heer dabei nicht wesentlich beunruhigt; aber die vorgerueckte Jahreszeit - man war schon im Anfang September - vertrat bei dem Niederweg das Ungemach, das bei dem Aufweg die Ueberfaelle der Anwohner bereitet hatten. Auf dem steilen und schluepfrigen Berghang laengs der Doria, wo der frischgefallene Schnee die Pfade verborgen und verdorben hatte, verirrten und glitten Menschen und Tiere und stuerzten in die Abgruende; ja gegen das Ende des ersten Tagemarsches gelangte man an eine Wegstrecke von etwa 200 Schritt Laenge, auf welche von den steil darueber haengenden Felsen des Cramont bestaendig Lawinen hinabstuerzen und wo in kalten Sommern der Schnee das ganze Jahr liegt. Das Fussvolk kam hinueber; aber Pferde und Elefanten vermochten die glatten Eismassen, ueber welche nur eine duenne Decke frischgefallenen Schnees sich hinzog, nicht zu passieren und mit dem Trosse, der Reiterei und den Elefanten nahm der Feldherr oberhalb der schwierigen Stelle das Lager. Am folgenden Tag bahnten die Reiter durch angestrengtes Schanzen den Weg fuer Pferde und Saumtiere; allein erst nach einer ferneren dreitaegigen Arbeit mit bestaendiger Abloesung der Haende konnten endlich die halbverhungerten Elefanten hinuebergefuehrt werden. So war nach viertaegigem Aufenthalt die ganze Armee wieder vereinigt und nach einem weiteren dreitaegigen Marsch durch das immer breiter und fruchtbarer sich entwickelnde Tal der Doria, dessen Einwohner, die Salasser, Klienten der Insubrer, in den Karthagern ihre Verbuendeten und ihre Befreier begruessten, gelangte die Armee um die Mitte des September in die Ebene von Ivrea, wo die erschoepften Truppen in den Doerfern einquartiert wurden, um durch gute Verpflegung und eine vierzehntaegige Rast von den beispiellosen Strapazen sich zu erholen. Haetten die Roemer, wie sie es konnten, ein Korps von 30000 ausgeruhten und kampffertigen Leuten etwa bei Turin gehabt und die Schlacht sofort erzwungen, so haette es misslich ausgesehen um Hannibals grossen Plan; zum Glueck fuer ihn waren sie wieder einmal nicht, wo sie sein sollten, und stoerten die feindlichen Truppen nicht in der Ruhe, deren sie so sehr bedurften ^4.

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^4 Die vielbestrittenen topographischen Fragen, die an diese beruehmte Expedition sich knuepfen, koennen als erledigt und im wesentlichen als geloest gelten durch die musterhaft gefuehrte Untersuchung der Herren Wickham und Gramer. Ueber die chronologischen, die gleichfalls Schwierigkeiten darbieten, moegen hier ausnahmsweise einige Bemerkungen stehen.

Als Hannibal auf den Gipfel des Bernhard gelangte, “fingen die Spitzen schon an, sich dicht mit Schnee zu bedecken” (Polyb. 3, 54); auf dem Wege lag Schnee (Polyb. 3, 55), aber vielleicht groesstenteils nicht frisch gefallener, sondern Schnee von herabgestuerzten Lawinen. Auf dem Bernhard beginnt der Winter um Michaelis, der Schneefall im September; als Ende August die genannten Englaender den Berg ueberstiegen, fanden sie fast gar keinen Schnee auf ihrem Wege, aber zu beiden Seiten die Bergabhaenge davon bedeckt. Hiernach scheint Hannibal Anfang September auf dem Pass angelangt zu sein; womit auch wohl vereinbar ist, dass er dort eintraf, “als schon der Winter herannahte” - denn mehr ist ςυνάπτειν τήν τής πλειάδος δύσιν (Polyb. 3, 54) nicht, am wenigsten der Tag des Fruehuntergangs der Plejaden (etwa 26. Oktober); vgl. C. L. Ideler, Lehrbuch der Chronologie. Berlin 1831. Bd. 1, S. 241.

Kam Hannibal neun Tage spaeter, also Mitte September in Italien an, so ist auch Platz fuer die von da bis zur Schlacht an der Trebia gegen Ende Dezember (περί χειμερινάς τροπάς Polyb. 3, 72) eingetretenen Ereignisse, namentlich die Translokation des nach Afrika bestimmten Heeres von Lilybaeon nach Placentia. Es passt dazu ferner, dass in einer Heerversammlung υπό τήν εαρινήν ώραν (Polyb. 3, 34), also gegen Ende Maerz, der Tag des Abmarsches bekannt gemacht ward und der Marsch fuenf (oder nach App. Hisp. 7, 4 sechs) Monate waehrte. Wenn also Hannibal Anfang September auf dem Bernhard war, so war er, da er von der Rhone bis dahin 30 Tage gebraucht, an der Rhône Anfang August eingetroffen, wo denn freilich Scipio, der im Anfang des Sommers (Polyb. 3, 41), also spaetestens Anfang Juni sich einschiffte unterwegs sich sehr verweilt oder in Massalia in seltsamer Untaetigkeit laengere Zeit gesessen haben muss.

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Das Ziel war erreicht, aber mit schweren Opfern. Von den 50000 zu Fuss, den 9000 zu Ross dienenden alten Soldaten, welche die Armee nach dem Pyrenaeenuebergang zaehlte, waren mehr als die Haelfte das Opfer der Gefechte, der Maersche und der Flussuebergaenge geworden; Hannibal zaehlte nach seiner eigenen Angabe jetzt nicht mehr als 20000 zu Fuss - davon drei Fuenftel Libyer, zwei Fuenftel Spanier - und 6000 zum Teil wohl demontierte Reiter, deren verhaeltnismaessig geringer Verlust nicht minder fuer die Trefflichkeit der numidischen Kavallerie spricht wie fuer die wohlueberlegte Schonung, mit der der Feldherr diese ausgesuchte Truppe verwandte. Ein Marsch von 526 Miglien oder etwa 33 maessigen Tagemaerschen, dessen Fortsetzung und Beendigung durch keinen besonderen, nicht vorherzusehenden groesseren Unfall gestoert, vielmehr nur durch unberechenbare Gluecksfaelle und noch unberechenbarere Fehler des Feindes moeglich ward und der dennoch nicht bloss solche Opfer kostete, sondern die Armee so strapazierte und demoralisierte, dass sie einer laengeren Rast bedurfte, um wieder kampffaehig zu werden, ist eine militaerische Operation von zweifelhaftem Werte, und es darf in Frage gestellt werden, ob Hannibal sie selber als gelungen betrachtete. Nur duerfen wir daran nicht unbedingt einen Tadel des Feldherrn knuepfen; wir sehen wohl die Maengel des von ihm befolgten Operationsplans, koennen aber nicht entscheiden, ob er imstande war, sie vorherzusehen - fuehrte doch sein Weg durch unbekanntes Barbarenland -, und ob ein anderer Plan, etwa die Kuestenstrasse einzuschlagen oder in Cartagena oder Karthago sich einzuschiffen, ihn geringeren Gefahren ausgesetzt haben wuerde. Die umsichtige und meisterhafte Ausfuehrung des Planes im einzelnen ist auf jeden Fall bewundernswert, und worauf am Ende alles ankam - sei es nun mehr durch die Gunst des Schicksals oder sei es mehr durch die Kunst des Feldherrn, Hamilkars grosser Gedanke, in Italien den Kampf mit Rom aufzunehmen, war jetzt zur Tat geworden. Sein Geist ist es, der diesen Zug entwarf; und wie Steins und Scharnhorsts Aufgabe schwieriger und grossartiger war als die von York und Bluecher, so hat auch der sichere Takt geschichtlicher Erinnerung das letzte Glied der grossen Kette von vorbereitenden Taten, den Uebergang ueber die Alpen, stets mit groesserer Bewunderung genannt als die Schlachten am Trasimenischen See und auf der Ebene von Cannae.

KAPITEL V.
Der Hannibalische Krieg bis zur Schlacht bei Cannae

Durch das Erscheinen der karthagischen Armee diesseits der Alpen war mit einem Schlag die Lage der Dinge verwandelt und der roemische Kriegsplan gesprengt. Von den beiden roemischen Hauptarmeen war die eine in Spanien gelandet und dort schon mit dem Feinde handgemein; sie zurueckzuziehen, war nicht mehr moeglich. Die zweite, die unter dem Oberbefehl des Konsuls Tiberius Sempronius nach Afrika bestimmt war, stand gluecklicherweise noch in Sizilien; die roemische Zauderei bewies sich hier einmal von Nutzen. Von den beiden karthagischen nach Italien und Sizilien bestimmten Geschwadern war das erste durch den Sturm zerstreut und einige der Schiffe desselben bei Messana von den syrakusanischen aufgebracht worden; das zweite hatte vergeblich versucht, Lilybaeon zu ueberrumpeln und darauf in einem Seegefecht vor diesem Hafen den kuerzeren gezogen. Doch war das Verweilen der feindlichen Geschwader in den italischen Gewaessern so unbequem, dass der Konsul beschloss, bevor er nach Afrika ueberfuhr, die kleinen Inseln um Sizilien zu besetzen und die gegen Italien operierende karthagische Flotte zu vertreiben. Mit der Eroberung von Melite und dem Aufsuchen des feindlichen Geschwaders, das er bei den Liparischen Inseln vermutete, waehrend es bei Vibo (Monteleone) gelandet die brettische Kueste brandschatzte, endlich mit der Erkundung eines geeigneten Landungsplatzes an der afrikanischen Kueste war ihm der Sommer vergangen, und so traf der Befehl des Senats, so schleunig wie moeglich zur Verteidigung der Heimat zurueckzukehren, Heer und Flotte noch in Lilybaeon.

Waehrend also die beiden grossen, jede fuer sich der Armee Hannibals an Zahl gleichen roemischen Armeen in weiter Ferne von dem Potal verweilten, war man hier auf einen Angriff schlechterdings nicht gefasst. Zwar stand dort ein roemisches Heer infolge der unter den Kelten schon vor Ankunft der karthagischen Armee ausgebrochenen Insurrektion. Die Gruendung der beiden roemischen Zwingburgen Placentia und Cremona, von denen jede 6000 Kolonisten erhielt, und namentlich die Vorbereitungen zur Gruendung von Mutina im boischen Lande hatten schon im Fruehling 536 (218), vor der mit Hannibal verabredeten Zeit, die Boier zum Aufstand getrieben, dem sich die Insubrer sofort anschlossen. Die schon auf dem mutinensischen Gebiet angesiedelten Kolonisten, ploetzlich ueberfallen, fluechteten sich in die Stadt. Der Praetor Lucius Manlius, der in Ariminum den Oberbefehl fuehrte, eilte schleunig mit seiner einzigen Legion herbei, um die blockierten Kolonisten zu entsetzen; allein in den Waeldern ueberrascht, blieb ihm nach starkem Verlust nichts anderes uebrig, als sich auf einem Huegel festzusetzen und hiervon den Boiern sich gleichfalls belagern zu lassen, bis eine zweite von Rom gesandte Legion unter dem Praetor Lucius Atilius Heer und Stadt gluecklich befreite und den gallischen Aufstand fuer den Augenblick daempfte. Dieser voreilige Aufstand der Boier, der einerseits, insofern er Scipios Abfahrt nach Spanien verzoegerte, Hannibals Plan wesentlich gefoerdert hatte, war anderseits die Ursache, dass er das Potal nicht bis auf die Festungen voellig unbesetzt fand. Allein das roemische Korps, dessen zwei stark dezimierte Legionen keine 20000 Soldaten zaehlten, hatte genug zu tun, die Kelten im Zaum zu halten, und dachte nicht daran, die Alpenpaesse zu besetzen, deren Bedrohung man auch in Rom erst erfuhr, als im August der Konsul Publius Scipio ohne sein Heer von Massalia nach Italien zurueckkam, und vielleicht selbst damals wenig beachtete, da ja das tollkuehne Beginnen allein an den Alpen scheitern werde. Also stand in der entscheidenden Stunde an dem entscheidenden Platz nicht einmal ein roemischer Vorposten; Hannibal hatte volle Zeit, sein Heer auszuruhen, die Hauptstadt der Tauriner, die ihm die Tore verschloss, nach dreitaegiger Belagerung zu erstuermen und alle ligurischen und keltischen Gemeinden im oberen Potal zum Buendnis zu bewegen oder zu schrecken, bevor Scipio, der das Kommando im Potal uebernommen hatte, ihm in den Weg trat. Dieser, dem die schwierige Aufgabe zufiel, mit einem bedeutend geringeren, namentlich an Reiterei sehr schwachen Heer das Vordringen der ueberlegenen feindlichen Armee auf- und die ueberall sich regende keltische Insurrektion niederzuhalten, war, vermutlich bei Placentia, ueber den Po gegangen und rueckte an diesem hinauf dem Feind entgegen, waehrend Hannibal nach der Einnahme von Turin flussabwaerts marschierte, um den Insubrern und Boiern Luft zu machen. In der Ebene zwischen dem Ticino und der Sesia unweit Vercellae traf die roemische Reiterei, die mit dem leichten Fussvolk zu einer forcierten Rekognoszierung vorgegangen war, auf die zu gleichem Zwecke ausgesendete phoenikische, beide gefuehrt von den Feldherren in Person. Scipio nahm das angebotene Gefecht trotz der Ueberlegenheit des Feindes an; allein sein leichtes Fussvolk, das vor der Front der Reiter aufgestellt war, riss vor dem Stoss der feindlichen schweren Reiterei aus und waehrend diese von vorn die roemischen Reitermassen engagierte, nahm die leichte numidische Kavallerie, nachdem sie die zersprengten Scharen des feindlichen Fussvolks beiseite gedraengt hatte, die roemischen Reiter in die Flanken und den Ruecken. Dies entschied das Gefecht. Der Verlust der Roemer war sehr betraechtlich; der Konsul selbst, der als Soldat gutmachte, was er als Feldherr gefehlt hatte, empfing eine gefaehrliche Wunde und verdankte seine Rettung nur der Hingebung seines siebzehnjaehrigen Sohnes, der mutig in die Feinde hineinsprengend seine Schwadron zwang, ihm zu folgen und den Vater heraushieb. Scipio, durch dies Gefecht aufgeklaert ueber die Staerke des Feindes, begriff den Fehler, den er gemacht hatte, mit einer schwaecheren Armee sich in der Ebene mit dem Ruecken gegen den Fluss aufzustellen und entschloss sich, unter den Augen des Gegners auf das rechte Poufer zurueckzukehren. Wie die Operationen sich auf einen engeren Raum zusammenzogen und die Illusionen der roemischen Unwiderstehlichkeit von ihm wichen, fand er sein bedeutendes militaerisches Talent wieder, das der bis zur Abenteuerlichkeit verwegene Plan seines jugendlichen Gegners auf einen Augenblick paralysiert hatte. Waehrend Hannibal sich zur Feldschlacht bereit machte, gelangte Scipio durch einen rasch entworfenen und sicher ausgefuehrten Marsch gluecklich auf das zur Unzeit verlassene rechte Ufer des Flusses und brach die Pobruecke hinter dem Heere ab, wobei freilich das mit der Deckung des Abbruchs beauftragte roemische Detachement von 600 Mann abgeschnitten und gefangen wurde. Indes konnte, da der obere Lauf des Flusses in Hannibals Haenden war, es diesem nicht verwehrt werden, dass er stromaufwaerts marschierend auf einer Schiffbruecke uebersetzte und in wenigen Tagen auf dem rechten Ufer dem roemischen Heere gegenuebertrat. Dies hatte in der Ebene vorwaerts von Placentia Stellung genommen; allein die Meuterei einer keltischen Abteilung im roemischen Lager und die ringsum aufs neue ausbrechende gallische Insurrektion zwang den Konsul, die Ebene zu raeumen und sich auf den Huegeln hinter der Trebia festzusetzen, was ohne namhaften Verlust bewerkstelligt ward, da die nachsetzenden numidischen Reiter mit dem Pluendern und Anzuenden des verlassenen Lagers die Zeit verdarben. In dieser starken Stellung, den linken Fluegel gelehnt an den Apennin, den rechten an den Po und die Festung Placentia, von vorn gedeckt durch die in dieser Jahreszeit nicht unbedeutende Trebia, vermochte er zwar die reichen Magazine von Clastidium (Casteggio), von dem ihn in dieser Stellung die feindliche Armee abschnitt, nicht zu retten und die insurrektionelle Bewegung fast aller gallischen Kantone mit Ausnahme der roemisch gesinnten Cenomanen nicht abzuwenden. Aber Hannibals Weitermarsch war voellig gehemmt und derselbe genoetigt, sein Lager dem roemischen gegenueber zu schlagen; ferner hinderte die von Scipio genommene Stellung sowie die Bedrohung der insubrischen Grenzen durch die Cenomanen die Hauptmasse der gallischen Insurgenten, sich unmittelbar dem Feinde anzuschliessen, und gab dem zweiten roemischen Heer, das mittlerweile von Lilybaeon in Ariminum eingetroffen war, Gelegenheit, mitten durch das insurgierte Land ohne wesentliche Hinderung Placentia zu erreichen und mit der Poarmee sich zu vereinigen. Scipio hatte also seine schwierige Aufgabe vollstaendig und glaenzend geloest. Das roemische Heer, jetzt nahe an 40000 Mann stark und dem Gegner wenn auch an Reiterei nicht gewachsen, doch an Fussvolk wenigstens gleich, brauchte bloss da stehen zu bleiben, wo es stand, um den Feind entweder zu noetigen, in der winterlichen Jahreszeit den Flussuebergang und den Angriff auf das roemische Lager zu versuchen oder sein Vorruecken einzustellen und den Wankelmut der Gallier durch die laestigen Winterquartiere auf die Probe zu setzen. Indes so einleuchtend dies war, so war es nicht minder unzweifelhaft, dass man schon im Dezember stand und bei jenem Verfahren zwar vielleicht Rom den Sieg gewann, aber nicht der Konsul Tiberius Sempronius, der infolge von Scipios Verwundung den Oberbefehl allein fuehrte und dessen Amtsjahr in wenigen Monaten ablief. Hannibal kannte den Mann und versaeumte nichts, ihn zum Kampf zu reizen; die den Roemern treugebliebenen keltischen Doerfer wurden grausam verheert und als darueber ein Reitergefecht sich entspann, gestattete Hannibal den Gegnern, sich des Sieges zu ruehmen. Bald darauf, an einem rauhen regnerischen Tage, kam es, den Roemern unvermutet, zu der Hauptschlacht. Vom fruehesten Morgen an hatten die roemischen leichten Truppen herumgeplaenkelt mit der leichten Reiterei der Feinde; diese wich langsam, und hitzig eilten die Roemer ihr nach durch die hochangeschwollene Trebia, den errungenen Vorteil zu verfolgen. Ploetzlich standen die Reiter; die roemische Vorhut fand sich auf dem von Hannibal gewaehlten Schlachtfeld seiner zur Schlacht geordneten Armee gegenueber - sie war verloren, wenn nicht das Gros der Armee schleunigst ueber den Bach folgte. Hungrig, ermuedet und durchnaesst kamen die Roemer an und eilten sich, in Reihe und Glied zu stellen; die Reiter wie immer auf den Fluegeln, das Fussvolk im Mitteltreffen. Die leichten Truppen, die auf beiden Seiten die Vorhut bildeten, begannen das Gefecht; allein die roemischen hatten fast schon gegen die Reiterei sich verschossen und wichen sofort, ebenso auf den Fluegeln die Reiterei, welche die Elefanten von vorn bedraengten und die weit zahlreicheren karthagischen Reiter links und rechts ueberfluegelten. Aber das roemische Fussvolk bewies sich seines Namens wert; es focht zu Anfang der Schlacht mit der entschiedensten Ueberlegenheit gegen die feindliche Infanterie, und selbst als die Zurueckdraengung der roemischen Reiter der feindlichen Kavallerie und den Leichtbewaffneten gestattete, ihre Angriffe gegen das roemische Fussvolk zu kehren, stand dasselbe zwar vom Vordringen ab, aber zum Weichen war es nicht zu bringen. Da ploetzlich erschien eine auserlesene karthagische Schar, 1000 Mann zu Fuss und ebensoviele zu Pferd unter der Fuehrung von Mago, Hannibals juengstem Bruder, aus einem Hinterhalt in dem Ruecken der roemischen Armee und hieb ein in die dicht verwickelten Massen. Die Fluegel der Armee und die letzten Glieder des roemischen Zentrums wurden durch diesen Angriff aufgeloest und zersprengt. Das erste Treffen, 10000 Mann stark, durchbrach, sich eng zusammenschliessend, die karthagische Linie und bahnte mitten durch die Feinde sich seitwaerts einen Ausweg, der der feindlichen Infanterie, namentlich den gallischen Insurgenten teuer zu stehen kam; diese tapfere Truppe gelangte also, nur schwach verfolgt, nach Placentia. Die uebrige Masse ward zum groessten Teil bei dem Versuch, den Fluss zu ueberschreiten, von den Elefanten und den leichten Truppen des Feindes niedergemacht; nur ein Teil der Reiterei und einige Abteilungen des Fussvolks vermochten den Fluss durchwatend das Lager zu gewinnen, wohin ihnen die Karthager nicht folgten, und erreichten von da gleichfalls Placentia ^1. Wenige Schlachten machen dem roemischen Soldaten mehr Ehre als diese an der Trebia und wenige zugleich sind eine schwerere Anklage gegen den Feldherrn, der sie schlug; obwohl der billig Urteilende nicht vergessen wird, dass die an einem bestimmten Tage ablaufende Feldhauptmannschaft eine unmilitaerische Institution war und von Dornen sich einmal keine Feigen ernten lassen. Auch den Siegern kam der Sieg teuer zu stehen. Wenngleich der Verlust im Kampfe hauptsaechlich auf die keltischen Insurgenten gefallen war, so erlagen doch nachher den infolge des rauhen und nassen Wintertages entstandenen Krankheiten eine Menge von Hannibals alten Soldaten und saemtliche Elefanten bis auf einen einzigen.

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^1 Polybios’ Bericht ueber die Schlacht an der Trebia ist vollkommen klar. Wenn Placentia auf dem rechten Ufer der Trebia an deren Muendung in den Po lag, und wenn die Schlacht auf dem linken Ufer geliefert ward, waehrend das roemische Lager auf dem rechten geschlagen war - was beides wohl bestritten worden, aber nichtsdestoweniger unbestreitbar ist -, so mussten allerdings die roemischen Soldaten, ebensogut um Placentia wie um das Lager zu gewinnen, die Trebia passieren. Allein bei dem Uebergang in das Lager haetten sie durch die aufgeloesten Teile der eigenen Armee und durch das feindliche Umgehungskorps sich den Weg bahnen und dann fast im Handgemenge mit dem Feinde den Fluss ueberschreiten muessen. Dagegen ward der Uebergang bei Placentia bewerkstelligt, nachdem die Verfolgung nachgelassen hatte, das Korps mehrere Meilen vom Schlachtfeld entfernt und im Bereiche einer roemischen Festung angelangt war; es kann sogar sein, obwohl es sich nicht beweisen laesst, dass hier eine Bruecke ueber die Trebia fuehrte und der Brueckenkopf am anderen Ufer von der placentinischen Garnison besetzt war. Es ist einleuchtend, dass die erste Passage ebenso schwierig wie die zweite leicht war und Polybios also, Militaer wie er war, mit gutem Grunde von dem Korps der Zehntausend bloss sagt, dass es in geschlossenen Kolonnen nach Placentia sich durchschlug (3, 74, 6), ohne des hier gleichgueltigen Uebergangs ueber den Fluss zu gedenken.

Die Verkehrtheit der Livianischen Darstellung, welche das phoenikische Lager auf das rechte, das roemische auf das linke Ufer der Trebia verlegt, ist neuerdings mehrfach hervorgehoben worden. Es mag nur noch daran erinnert werden, dass die Lage von Clastidium bei dem heutigen Casteggio jetzt durch Inschriften festgestellt ist (Orelli-Henzen 5117).

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Die Folge dieses ersten Sieges der Invasionsarmee war, dass die nationale Insurrektion sich nun im ganzen Kettenland ungestoert erhob und organisierte. Die Ueberreste der roemische Poarmee warfen sich in die Festungen Placentia und Cremona; vollstaendig abgeschnitten von der Heimat, mussten sie ihre Zufuhren auf dem Fluss zu Wasser beziehen. Nur wie durch ein Wunder entging der Konsul Tiberius Sempronius der Gefangenschaft, als er mit einem schwachen Reitertrupp der Wahlen wegen nach Rom ging. Hannibal, der nicht durch weitere Maersche in der rauben Jahreszeit die Gesundheit seiner Truppen aufs Spiel setzen wollte, bezog, wo er war, das Winterbiwak und begnuegte sich, da ein ernstlicher Versuch auf die groesseren Festungen zu nichts gefuehrt haben wuerde, durch Angriffe auf den Flusshafen von Placentia und andere kleinere roemische Positionen den Feind zu necken. Hauptsaechlich beschaeftigte er sich damit, den gallischen Aufstand zu organisieren; ueber 60000 Fusssoldaten und 4000 Berittene sollen von den Kelten sich seinem Heer angeschlossen haben.

Fuer den Feldzug des Jahres 537 (217) wurden in Rom keine ausserordentlichen Anstrengungen gemacht; der Senat betrachtete, und nicht mit Unrecht, trotz der verlorenen Schlacht die Lage noch keineswegs als ernstlich gefahrvoll. Ausser den Kuestenbesatzungen, die nach Sardinien, Sizilien und Tarent, und den Verstaerkungen, die nach Spanien abgingen, erhielten die beiden neuen Konsuln Gaius Flaminius und Gnaeus Servilius nur soviel Mannschaft, als noetig war, um die vier Legionen wieder vollzaehlig zu machen; einzig die Reiterei wurde verstaerkt. Sie sollten die Nordgrenze decken und stellten sich deshalb an den beiden Kunststrassen auf, die von Rom nach Norden fuehrten, und von denen die westliche damals bei Arretium, die oestliche bei Ariminum endigte; jene besetzte Gaius Flaminius, diese Gnaeus Servilius. Hier zogen sie die Truppen aus den Pofestungen, wahrscheinlich zu Wasser, wieder an sich und erwarteten den Beginn der besseren Jahreszeit, um in der Defensive die Apenninpaesse zu besetzen und, zur Offensive uebergehend, in das Potal hinabzusteigen und etwa bei Placentia sich die Hand zu reichen. Allein Hannibal hatte keineswegs die Absicht, das Potal zu verteidigen. Er kannte Rom besser vielleicht, als die Roemer selbst es kannten, und wusste sehr genau, wie entschieden er der Schwaechere war und es blieb trotz der glaenzenden Schlacht an der Trebia; er wusste auch, dass sein letztes Ziel, die Demuetigung Roms, von dem zaehen roemischen Trotz weder durch Schreck noch durch Ueberraschung zu erreichen sei, sondern nur durch die tatsaechliche Ueberwaeltigung der stolzen Stadt. Es lag klar am Tage, wie unendlich ihm, dem von daheim nur unsichere und unregelmaessige Unterstuetzung zukam und der in Italien zunaechst nur auf das schwankende und latinische Kelterwolk sich zu lehnen vermochte, die italische Eidgenossenschaft an politischer Festigkeit und an militaerischen Hilfsmitteln ueberlegen war; und wie tief trotz aller angewandten Muehe der phoenikische Fusssoldat unter dem Legionaer taktisch stand, hatte die Defensive Scipios und der glaenzende Rueckzug der geschlagenen Infanterie an der Trebia vollkommen erwiesen. Aus dieser Einsicht flossen die beiden Grundgedanken, die Hannibals ganze Handlungsweise in Italien bestimmt haben: den Krieg mit stetem Wechsel des Operationsplans und des Schauplatzes, gewissermassen abenteuernd zu fuehren, die Beendigung desselben aber nicht von den militaerischen Erfolgen, sondern von den politischen, von der allmaehlichen Lockerung und der endlichen Sprengung der italischen Eidgenossenschaft zu erwarten. Jene Fuehrung war notwendig, weil das einzige, was Hannibal gegen so viele Nachteile in die Waagschale zu werfen hatte, sein militaerisches Genie nur dann vollstaendig ins Gewicht fiel, wenn er seine Gegner stets durch unvermutete Kombinationen deroutierte, und er verloren war, sowie der Krieg zum Stehen kam. Dieses Ziel war das von der richtigen Politik ihm gebotene, weil er, der gewaltige Schlachtensieger, sehr deutlich einsah, dass er jedesmal die Generale ueberwand und nicht die Stadt, und nach jeder neuen Schlacht die Roemer den Karthagern ebenso ueberlegen blieben, wie er den roemischen Feldherren. Dass Hannibal selbst auf dem Gipfel des Gluecks sich nie hierueber getaeuscht hat, ist bewunderungswuerdiger als seine bewundertsten Schlachten.

Dies und nicht die Bitten der Gallier um Schonung ihres Landes, die ihn nicht bestimmen durften, ist auch die Ursache, warum Hannibal seine neugewonnene Operationsbasis gegen Italien jetzt gleichsam fallen liess und den Kriegsschauplatz nach Italien selbst verlegte. Vorher hiess er alle Gefangenen sich vorfuehren. Die Roemer liess er aussondern und mit Sklavenfesseln belasten - dass Hannibal alle waffenfaehigen Roemer, die ihm hier und sonst in die Haende fielen, habe niedermachen lassen, ist ohne Zweifel mindestens stark uebertrieben; dagegen wurden die saemtlichen italischen Bundesgenossen ohne Loesegeld entlassen, um daheim zu berichten, dass Hannibal nicht gegen Italien Krieg fuehre, sondern gegen Rom; dass er jeder italischen Gemeinde die alte Unabhaengigkeit und die alten Grenzen wieder zusichere und dass den Befreiten der Befreier auf dem Fusse folge als Retter und als Raecher. In der Tat bracher, da der Winter zu Ende ging, aus dem Potal auf, um sich einen Weg durch die schwierigen Defileen des Apennin zu suchen. Gaius Flaminius mit der etruskischen Armee stand vorlaeufig noch bei Arezzo, um von hier aus zur Deckung des Arnotales und der Apenninpaesse etwa nach Lucca abzuruecken, sowie es die Jahreszeit erlaubte. Allein Hannibal kam ihm zuvor. Der Apenninuebergang ward in moeglichst westlicher Richtung, das heisst moeglichst weit vom Feinde, ohne grosse Schwierigkeit bewerkstelligt; allein die sumpfigen Niederungen zwischen dem Serchio und dem Arno waren durch die Schneeschmelze und die Fruehlingsregen so ueberstaut, dass die Armee vier Tage im Wasser zu marschieren hatte, ohne auch nur zur naechtlichen Rast einen anderen trockenen Platz zu finden, als den das zusammengehaeufte Gepaeck und die gefallenen Saumtiere darboten. Die Truppen litten unsaeglich, namentlich das gallische Fussvolk, das hinter dem karthagischen in den schon grundlosen Wegen marschierte; es murrte laut und waere ohne Zweifel in Masse ausgerissen, wenn nicht die karthagische Reiterei unter Mago, die den Zug beschloss, ihm die Flucht unmoeglich gemacht haette. Die Pferde, unter denen die Klauenseuche ausbrach, fielen haufenweise; andere Seuchen dezimierten die Soldaten; Hannibal selbst verlor infolge einer Entzuendung das eine Auge. Indes das Ziel ward erreicht; Hannibal lagerte bei Fiesole, waehrend Gaius Flaminius noch bei Arezzo abwartete, dass die Wege gangbar wuerden, um sie zu sperren. Nachdem die roemische Defensivstellung somit umgangen war, konnte der Konsul, der vielleicht stark genug gewesen waere, um die Bergpaesse zu verteidigen, aber sicher nicht imstande war, Hannibal jetzt im offenen Felde zu stehen, nichts Besseres tun als warten, bis das zweite, nun bei Ariminum voellig ueberfluessig gewordene Heer herankam. Indes er selber urteilte anders. Er war ein politischer Parteifuehrer, durch seine Bemuehungen, die Macht des Senats zu beschraenken, in die Hoehe gekommen, durch die gegen ihn waehrend seiner Konsulate gesponnenen aristokratischen Intrigen auf die Regierung erbittert, durch die wohl gerechtfertigte Opposition gegen deren parteilichen Schlendrian fortgerissen zu trotziger Ueberhebung ueber Herkommen und Sitte, berauscht zugleich von der blinden Liebe des gemeinen Mannes und ebenso sehr von dem bitteren Hass der Herrenpartei, und ueber alles dies mit der fixen Idee behaftet, dass er ein militaerisches Genie sei. Sein Feldzug gegen die Insubrer von 531 (223), der fuer unbefangene Urteiler nur bewies, dass tuechtige Soldaten oefters gutmachen, was schlechte Generale verderben, galt ihm und seinen Anhaengern als der unumstoessliche Beweis, dass man nur den Gaius Flaminius an die Spitze des Heeres zu stellen brauche, um dem Hannibal ein schnelles Ende zu bereiten. Solche Reden hatten ihm das zweite Konsulat verschafft, und solche Hoffnungen hatten jetzt eine derartige Menge von unbewaffneten Beutelustigen in sein Lager gefuehrt, dass deren Zahl nach der Versicherung nuechterner Geschichtschreiber die der Legionarier ueberstieg. Zum Teil hierauf gruendete Hannibal seinen Plan. Weit entfernt, ihn anzugreifen, marschierte er an ihm vorbei und liess durch die Kelten, die das Pluendern gruendlich verstanden, und die zahlreiche Reiterei die Landschaft rings umher brandschatzen. Die Klagen und die Erbitterung der Menge, die sich musste auspluendern lassen unter den Augen des Helden, der sie zu bereichern versprochen; das Bezeigen des Feindes, dass er ihm weder die Macht noch den Entschluss zutraue, vor der Ankunft seines Kollegen etwas zu unternehmen, mussten einen solchen Mann bestimmen, sein strategisches Genie zu entwickeln und dem unbesonnenen hochmuetigen Feind eine derbe Lektion zu erteilen. Nie ist ein Plan vollstaendiger gelungen. Eilig folgte der Konsul dem Marsch des Feindes, der an Arezzo vorueber langsam durch das reiche Chianatal gegen Perugia zog; er erreichte ihn in der Gegend von Cortona, wo Hannibal, genau unterrichtet von dem Marsch seines Gegners, volle Zeit gehabt hatte, sein Schlachtfeld zu waehlen, ein enges Defilee zwischen zwei steilen Bergwaenden, das am Ausgang ein hoher Huegel, am Eingang der Trasimenische See schloss. Mit dem Kern seiner Infanterie verlegte er den Ausweg; die leichten Truppen und die Reiterei stellten zu beiden Seiten verdeckt sich auf. Unbedenklich rueckten die roemischen Kolonnen in den unbesetzten Pass; der dichte Morgennebel verbarg ihnen die Stellung des Feindes. Wie die Spitze des roemischen Zuges sich dein Huegel naeherte, gab Hannibal das Zeichen zur Schlacht; zugleich schloss die Reiterei, hinter den Huegeln vorrueckend, den Eingang des Passes und auf den Raendern rechts und links zeigten die verziehenden Nebel ueberall phoenikische Waffen. Es war kein Treffen, sondern nur eine Niederlage. Was ausserhalb des Defilees geblieben war, wurde von den Reitern in den See gesprengt, der Hauptzug in dem Passe selbst fast ohne Gegenwehr vernichtet und die meisten, darunter der Konsul selbst, in der Marschordnung niedergehauen. Die Spitze der roemischen Heersaeule, 6000 Mann zu Fuss schlugen sich zwar durch das feindliche Fussvolk durch und bewiesen wiederum die unwiderstehliche Gewalt der Legionen; allein abgeschnitten und ohne Kunde von dem uebrigen Heer, marschierten sie aufs Geratewohl weiter, wurden am folgenden Tag auf einem Huegel, den sie besetzt hatten, von einem karthagischen Reiterkorps umzingelt und da die Kapitulation, die ihnen freien Abzug versprach, von Hannibal verworfen ward, saemtlich als kriegsgefangen behandelt. 15000 Roemer waren gefallen, ebenso viele gefangen, das heisst das Heer war vernichtet; der geringe karthagische Verlust - 1500 Mann - traf wieder vorwiegend die Gallier ^2. Und als waere dies nicht genug, so ward gleich nach der Schlacht am Trasimenischen See die Reiterei des ariminensischen Heeres unter Gaius Centenius, 4000 Mann stark, die Gnaeus Servilius, selber langsam nachrueckend, vorlaeufig seinem Kollegen zu Hilfe sandte, gleichfalls von dem phoenikischen Heer umzingelt und teils niedergemacht, teils gefangen. Ganz Etrurien war verloren und ungehindert konnte Hannibal auf Rom marschieren. Dort machte man sich auf das Aeusserste gefasst; man brach die Tiberbruecken ab und ernannte den Quintus Fabius Maximus zum Diktator, um die Mauern instand zu setzen und die Verteidigung zu leiten, fuer welche ein Reserveheer gebildet ward. Zugleich wurden zwei neue Legionen anstatt der vernichteten unter die Waffen gerufen und die Flotte, die im Fall einer Belagerung wichtig werden konnte, instand gesetzt.

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^2 Das Datum der Schlacht, 23. Juni nach dem unberichtigten Kalender, muss nach dem berichtigten etwa in den April fallen, da Quintus Fabius seine Diktatur nach sechs Monaten in der Mitte des Herbstes (Liv. 22, 31, 7; 32, 1) niederlegte, also sie etwa Anfang Mai antrat. Die Kalenderverwirrung war schon in dieser Zeit in Rom sehr arg.

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Allein Hannibal sah weiter als Koenig Pyrrhos. Er marschierte nicht auf Rom; auch nicht gegen Gnaeus Servilius, der, ein tuechtiger Feldherr, seine Armee mit Hilfe der Festungen an der Nordstrasse auch jetzt unversehrt erhalten und vielleicht den Gegner sich gegenueber festgehalten haben wuerde. Es geschah wieder einmal etwas ganz Unerwartetes. An der Festung Spoletium vorbei, deren Ueberrumpelung fehlschlug, marschierte Hannibal durch Umbrien, verheerte entsetzlich das ganz mit roemischen Bauernhoefen bedeckte picenische Gebiet und machte Halt an den Ufern des Adriatischen Meeres. Menschen und Pferde in seinem Heer hatten noch die Nachwehen der Fruehlingskampagne nicht verwunden; hier hielt er eine laengere Rast, um in der anmutigen Gegend und der schoenen Jahreszeit sein Heer sich erholen zu lassen und sein libysches Fussvolk in roemischer Weise zu reorganisieren, wozu die Masse der erbeuteten roemischen Waffen ihm die Mittel darbot. Von hier aus knuepfte er ferner die lange unterbrochenen Verbindungen mit der Heimat wieder an, indem er zu Wasser seine Siegesbotschaften nach Karthago sandte. Endlich, als sein Heer hinreichend sich wiederhergestellt hatte und der neue Waffendienst genugsam geuebt war, brach er auf und marschierte langsam an der Kueste hinab in das suedliche Italien hinein.

Er hatte richtig gerechnet, als er zu dieser Umgestaltung der Infanterie sich jetzt entschloss; die Ueberraschung der bestaendig eines Angriffs auf die Hauptstadt gewaertigen Gegner liess ihm mindestens vier Wochen ungestoerter Musse zur Verwirklichung des beispiellos verwegenen Experiments, im Herzen des feindlichen Landes mit einer noch immer verhaeltnismaessig geringen Armee sein militaerisches System vollstaendig zu aendern und den Versuch zu machen, den unbesiegbaren italischen afrikanische Legionen gegenueberzustellen. Allein seine Hoffnung, dass die Eidgenossenschaft nun anfangen werde, sich zu lockern, erfuellte sich nicht. Auf die Etrusker, die schon ihre letzten Unabhaengigkeitskriege vorzugsweise mit gallischen Soeldnern gefuehrt hatten, kam es hierbei am wenigsten an; der Kern der Eidgenossenschaft, namentlich in militaerischer Hinsicht, waren naechst den latinischen die sabellischen Gemeinden, und mit gutem Grund hatte Hannibal jetzt diesen sich genaehert. Allein eine Stadt nach der andern schloss ihre Tore; nicht eine einzige italische Gemeinde machte Buendnis mit dem Phoeniker. Damit war fuer die Roemer viel, ja alles gewonnen; indes man begriff in der Hauptstadt, wie unvorsichtig es sein wuerde, die Treue der Bundesgenossen auf eine solche Probe zu stellen, ohne dass ein roemisches Heer das Feld hielt. Der Diktator Quintus Fabius zog die beiden in Rom gebildeten Ersatzlegionen und das Heer von Ariminum zusammen, und als Hannibal an der roemischen Festung Luceria vorbei gegen Arpi marschierte, zeigten sich in seiner rechten Flanke bei Aeca die roemischen Feldzeichen. Ihr Fuehrer indes verfuhr anders als seine Vorgaenger. Quintus Fabius war ein hochbejahrter Mann, von einer Bedachtsamkeit und Festigkeit, die nicht wenigen als Zauderei und Eigensinn erschien; ein eifriger Verehrer der guten alten Zeit, der politischen Allmacht des Senats und des Buergermeisterkommandos erwartete er das Heil des Staates naechst Opfern und Gebeten von der methodischen Kriegfuehrung. Politischer Gegner des Gaius Flaminius und durch die Reaktion gegen dessen toerichte Kriegsdemagogie an die Spitze der Geschaefte gerufen, ging er ins Lager ab, ebenso fest entschlossen, um jeden Preis eine Hauptschlacht zu vermeiden, wie sein Vorgaenger, um jeden Preis eine solche zu liefern, und ohne Zweifel ueberzeugt, dass die ersten Elemente der Strategik Hannibal verbieten wuerden vorzuruecken, solange das roemische Heer intakt ihm gegenueberstehe, und dass es also nicht schwer halten werde, die auf das Fouragieren angewiesene feindliche Armee im kleinen Gefecht zu schwaechen und allmaehlich auszuhungern. Hannibal, wohlbedient von seinen Spionen in Rom und im roemischen Heer, erfuhr den Stand der Dinge sofort und richtete wie immer seinen Feldzugsplan ein nach der Individualitaet des feindlichen Anfuehrers. An dem roemischen Heer vorbei marschierte er ueber den Apennin in das Herz von Italien nach Benevent, nahm die offene Stadt Telesia an der Grenze von Samnium und Kampanien und wandte sich von da gegen Capua, das als die bedeutendste unter allen von Rom abhaengigen italischen Staedten und die einzige Rom einigermassen ebenbuertige darum den Druck des roemischen Regiments schwerer als irgendeine andere empfand. Er hatte dort Verbindungen angeknuepft, die den Abfall der Kampaner vom roemischen Buendnis hoffen liessen: allein diese Hoffnung schlug ihm fehl. So wieder rueckwaerts sich wendend schlug er die Strasse nach Apulien ein. Der Diktator war waehrend dieses ganzen Zuges der karthagischen Armee auf die Hoehen gefolgt und hatte seine Soldaten zu der traurigen Rolle verurteilt, mit den Waffen in der Hand zuzusehen, wie die numidischen Reiter weit und breit die treuen Bundesgenossen pluenderten und in der ganzen Ebene die Doerfer in Flammen aufgingen. Endlich eroeffnete er der erbitterten roemischen Armee die sehnlich herbeigewuenschte Gelegenheit, an den Feind zu kommen. Wie Hannibal den Rueckmarsch angetreten, sperrte ihm Fabius den Weg bei Casilinum (dem heutigen Capua), indem er auf dem linken Ufer des Volturnus diese Stadt stark besetzte und auf dem rechten die kroenenden Hoehen mit seiner Hauptarmee einnahm, waehrend eine Abteilung von 4000 Mann auf der am Fluss hinfuehrenden Strasse selbst sich lagerte. Allein Hannibal hiess seine Leichtbewaffneten die Anhoehen, die unmittelbar neben der Strasse sich erhoben, erklimmen und von hier aus eine Anzahl Ochsen mit angezuendeten Reisbuendeln auf den Hoernern vortreiben, so dass es schien, als zoege dort die karthagische Armee in naechtlicher Weile bei Fackelschein ab. Die roemische Abteilung, die die Strasse sperrte, sich umgangen und die fernere Deckung der Strasse ueberfluessig waehnend, zog sich seitwaerts auf dieselben Anhoehen; auf der dadurch freigewordenen Strasse zog Hannibal dann mit dem Gros seiner Armee ab, ohne dem Feind zu begegnen, worauf er am anderen Morgen ohne Muehe und mit starkem Verlust fuer die Roemer seine leichten Truppen degagierte und zuruecknahm. Ungehindert setzte Hannibal darauf seinen Marsch in nordoestlicher Richtung fort und kam auf weiten Umwegen, nachdem er die Landschaften der Hirpiner, Kampaner, Samniten, Paeligner und Frentaner ohne Widerstand durchzogen und gebrandschatzt hatte, mit reicher Beute und voller Kasse wieder in der Gegend von Luceria an, als dort eben die Ernte beginnen sollte. Nirgend auf dem weiten Marsch hatte er taetigen Widerstand, aber nirgend auch Bundesgenossen gefunden. Wohl erkennend, dass ihm nichts uebrig blieb, als sich auf Winterquartiere im offenen Felde einzurichten, begann er die schwierige Operation, den Winterbedarf des Heeres durch dieses selbst von den Feldern der Feinde einbringen zu lassen. Die weite, groesstenteils flache nordapulische Landschaft, die Getreide und Futter im Ueberfluss darbot und von seiner ueberlegenen Reiterei gaenzlich beherrscht werden konnte, hatte er hierzu sich ausersehen. Bei Gerunium, fuenf deutsche Meilen noerdlich von Luceria, ward ein verschanztes Lager angelegt, aus dem zwei Drittel des Heeres taeglich zum Einbringen der Vorraete ausgesendet wurden, waehrend Hannibal mit dem Rest Stellung nahm, um das Lager und die ausgesendeten Detachements zu decken. Der Reiterfuehrer Marcus Minucius, der im roemischen Lager in Abwesenheit des Diktators den Oberbefehl stellvertretend fuehrte, hielt die Gelegenheit geeignet, um naeher an den Feind heranzuruecken und bezog ein Lager im larinatischen Gebiet, wo er auch teils durch seine blosse Anwesenheit die Detachierungen und dadurch die Verproviantierung des feindlichen Heeres hinderte, teils in einer Reihe gluecklicher Gefechte, die seine Truppen gegen einzelne phoenikische Abteilungen und sogar gegen Hannibal selbst bestanden, die Feinde aus ihren vorgeschobenen Stellungen verdraengte und sie noetigte, sich bei Gerunium zu konzentrieren. Auf die Nachricht von diesen Erfolgen, die begreiflich bei der Darstellung nicht verloren, brach in der Hauptstadt der Sturm gegen Quintus Fabius los. Er war nicht ganz ungerechtfertigt. So weise es war, sich roemischerseits verteidigend zu verhalten und den Haupterfolg von dem Abschneiden der Subsistenzmittel des Feindes zu erwarten, so war es doch ein seltsames Verteidigungs- und Aushungerungssystem, das dem Feind gestattete, unter den Augen einer an Zahl gleichen roemischen Armee ganz Mittelitalien ungehindert zu verwuesten und durch eine geordnete Fouragierung im groessten Massstab sich fuer den Winter hinreichend zu verproviantieren. So hatte Publius Scipio, als er im Potal kommandierte, die defensive Haltung nicht verstanden, und der Versuch seines Nachfolgers, ihn nachzuahmen, war bei Casilinum auf eine Weise gescheitert, die den staedtischen Spottvoegeln reichlichen Stoff gab. Es war bewundernswert, dass die italischen Gemeinden nicht wankten, als ihnen Hannibal die Ueberlegenheit der Phoeniker, die Nichtigkeit der roemischen Hilfe so fuehlbar dartat; allein wie lange konnte man ihnen zumuten, die zwiefache Kriegslast zu ertragen und sich unter den Augen der roemischen Truppen und ihrer eigenen Kontingente auspluendern zu lassen? Endlich, was das roemische Heer anlangte, so konnte man nicht sagen, dass es den Feldherrn zu dieser Kriegfuehrung noetigte; es bestand seinem Kerne nach aus den tuechtigen Legionen von Ariminum und daneben aus einberufener, groesstenteils ebenfalls dienstgewohnter Landwehr, und weit entfernt, durch die letzten Niederlagen entmutigt zu sein, war es erbittert ueber die wenig ehrenvolle Aufgabe, die sein Feldherr, “Hannibals Lakai”, ihm zuwies, und verlangte mit lauter Stimme, gegen den Feind gefuehrt zu werden. Es kam zu den heftigsten Auftritten in den Buergerversammlungen gegen den eigensinnigen alten Mann; seine politischen Gegner, an ihrer Spitze der gewesene Praetor Gaius Terentius Varro, bemaechtigten sich des Haders - wobei man nicht vergessen darf, dass der Diktator tatsaechlich vom Senat ernannt ward, und dies Amt galt als das Palladium der konservativen Partei - und setzten im Verein mit den unmutigen Soldaten und den Besitzern der gepluenderten Gueter den verfassungs- und sinnwidrigen Volksbeschluss durch: die Diktatur, die dazu bestimmt war, in Zeiten der Gefahr die Uebelstaende des geteilten Oberbefehls zu beseitigen, in gleicher Weise wie dem Quintus Fabius auch dessen bisherigem Unterfeldherrn Marcus Minucius zu erteilen ^3. So wurde die roemische Armee, nachdem ihre gefaehrliche Spaltung in zwei abgesonderte Korps eben erst zweckmaessig beseitigt worden war, nicht bloss wiederum geteilt, sondern auch an die Spitze der beiden Haelften Fuehrer gestellt, welche offenkundig geradezu entgegengesetzte Kriegsplaene befolgten. Quintus Fabius blieb natuerlich mehr als je bei seinem methodischen Nichtstun; Marcus Minucius, genoetigt, seinen Diktatortitel auf dem Schlachtfelde zu rechtfertigen, griff uebereilt und mit geringen Streitkraeften an und waere vernichtet worden, wenn nicht hier sein Kollege durch das rechtzeitige Erscheinen eines frischen Korps groesseres Unglueck abgewandt haette. Diese letzte Wendung der Dinge gab dem System des passiven Widerstandes gewissermassen Recht. Allein in der Tat hatte Hannibal in diesem Feldzug vollstaendig erreicht, was mit den Waffen erreicht werden konnte: nicht eine einzige wesentliche Operation hatten weder der stuermische noch der bedaechtige Gegner ihm vereitelt, und seine Verproviantierung war, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit, doch im wesentlichen so vollstaendig gelungen, dass dem Heer in dem Lager bei Gerunium der Winter ohne Beschwerde vorueberging. Nicht der Zauderer hat Rom gerettet, sondern das feste Gefuege seiner Eidgenossenschaft und vielleicht nicht minder der Nationalhass der Okzidentalen gegen den phoenikischen Mann.

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^3 Die Inschrift des von dem neuen Diktator wegen seines Sieges bei Gerunium dem Hercules Sieger errichteten Weihgeschenkes: Hercolei sacrom M. Minuci(us) C. f. dictator vovit ist im Jahre 1862 in Rom bei S. Lorenzo aufgefunden worden.

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Trotz aller Unfaelle stand der roemische Stolz nicht minder aufrecht als die roemische Symmachie. Die Geschenke, welche der Koenig Hieron von Syrakus und die griechischen Staedte in Italien fuer den naechsten Feldzug anboten - die letzteren traf der Krieg minder schwer als die uebrigen italischen Bundesgenossen Roms, da sie nicht zum Landheer stellten -, wurden mit Dank abgelehnt; den illyrischen Haeuptlingen zeigte man an, dass sie nicht saeumen moechten mit Entrichtung des Tributs; ja man beschickte den Koenig von Makedonien abermals um die Auslieferung des Demetrios von Pharos. Die Majoritaet des Senats war trotz der Quasilegitimation, welche die letzten Ereignisse dem Zaudersystem des Fabius gegeben hatten, doch fest entschlossen, von dieser den Staat zwar langsam, aber sicher zugrunde richtenden Kriegfuehrung abzugehen; wenn der Volksdiktator mit seiner energischeren Kriegfuehrung gescheitert war, so schob man, und nicht mit Unrecht, die Ursache darauf, dass man eine halbe Massregel getroffen und ihm zu wenig Truppen gegeben habe. Diesen Fehler beschloss man zu vermeiden und ein Heer aufzustellen, wie Rom noch keines ausgesandt hatte: acht Legionen, jede um ein Fuenftel ueber die Normalzahl verstaerkt, und die entsprechende Anzahl Bundesgenossen, genug, um den nicht halb so starken Gegner zu erdruecken. Ausserdem ward eine Legion unter dem Praetor Lucius Postumius nach dem Potal bestimmt, um womoeglich die in Hannibals Heer dienenden Kelten nach der Heimat zurueckzuziehen. Diese Beschluesse waren verstaendig; es kam nur darauf an, auch ueber den Oberbefehl angemessen zu bestimmen. Das starre Auftreten des Quintus Fabius und die daran sich anspinnenden demagogischen Hetzereien hatten die Diktatur und ueberhaupt den Senat unpopulaerer gemacht als je; im Volke ging, wohl nicht ohne Schuld seiner Fuehrer, die toerichte Rede, dass der Senat den Krieg absichtlich in die Laenge ziehe. Da also an die Ernennung eines Diktators nicht zu denken war, versuchte der Senat die Wahl der Konsuln angemessen zu leiten, was indes den Verdacht und den Eigensinn erst recht rege machte. Mit Muehe brachte der Senat den einen seiner Kandidaten durch, den Lucius Aemilius Paullus, der im Jahre 535 (219) den Illyrischen Krieg verstaendig gefuehrt hatte; die ungeheure Majoritaet der Buerger gab ihm zum Kollegen den Kandidaten der Volkspartei Gaius Terentius Varro, einen unfaehigen Mann, der nur durch seine verbissene Opposition gegen den Senat und namentlich als Haupturheber der Wahl des Marcus Minucius zum Mitdiktator bekannt war, und den nichts der Menge empfahl als seine niedrige Geburt und seine rohe Unverschaemtheit.

Waehrend diese Vorbereitungen zu dem naechsten Feldzug in Rom getroffen wurden, hatte der Krieg bereits in Apulien wieder begonnen. Sowie die Jahreszeit es gestattete, die Winterquartiere zu verlassen, brach Hannibal, wie immer den Krieg bestimmend und die Offensive fuer sich nehmend, von Gerunium in der Richtung nach Sueden auf, ueberschritt an Luceria vorbeimarschierend den Aufidus und nahm das Kastell von Cannae (zwischen Canosa und Barletta), das die canusinische Ebene beherrschte und den Roemern bis dahin als Hauptmagazin gedient hatte. Die roemische Armee, welche, nachdem Fabius in der Mitte des Herbstes verfassungsmaessig seine Diktatur niedergelegt hatte, jetzt von Gnaeus Servilius und Marcus Regulus zuerst als Konsuln; dann als Prokonsuln kommandiert wurde, hatte den empfindlichen Verlust nicht abzuwenden gewusst; aus militaerischen wie aus politischen Ruecksichten ward es immer notwendiger, den Fortschritten Hannibals durch eine Feldschlacht zu begegnen. Mit diesem bestimmten Auftrag des Senats trafen denn auch die beiden neuen Oberbefehlshaber Paullus und Varro im Anfang des Sommers 538 (216) in Apulien ein. Mit den vier neuen Legionen und dem entsprechenden Kontingent der Italiker, die sie heranfuehrten, stieg die roemische Armee auf 80000 Mann zu Fuss, halb Buerger, halb Bundesgenossen, und 6000 Reiter, wovon ein Drittel Buerger, zwei Drittel Bundesgenossen waren; wogegen Hannibals Armee zwar 10000 Reiter, aber nur etwa 40000 Mann zu Fuss zaehlte. Hannibal wuenschte nichts mehr als eine Schlacht, nicht bloss aus den allgemeinen, frueher eroerterten Gruenden, sondern auch besonders deshalb, weil das weite apulische Blachfeld ihm gestattete, die ganze Ueberlegenheit seiner Reiterei zu entwickeln und weil die Verpflegung seiner zahlreichen Armee, hart an dem doppelt so starken und auf eine Reihe von Festungen gestuetzten Feind, trotz seiner ueberlegenen Reiterei sehr bald ungemein schwierig zu werden drohte. Auch die Fuehrer der roemischen Streitmacht waren, wie gesagt, im allgemeinen entschlossen zu schlagen und naeherten in dieser Absicht sich dem Feinde; allein die einsichtigeren unter ihnen erkannten Hannibals Lage und beabsichtigten daher, zunaechst zu warten und nur nahe am Feinde sich aufzustellen, um ihn zum Abzug und zur Annahme der Schlacht auf einem ihm minder guenstigen Terrain zu noetigen. Hannibal lagerte bei Cannae am rechten Ufer des Aufidus. Paullus schlug sein Lager an beiden Ufern des Flusses auf, so dass die Hauptmacht am linken Ufer zu stehen kam, ein starkes Korps aber am rechten unmittelbar dem Feind gegenueber Stellung nahm, um ihm die Zufuhren zu erschweren, vielleicht auch Cannae zu bedrohen. Hannibal, dem alles daran lag, bald zum Schlagen zu kommen, ueberschritt mit dem Gros seiner Truppen den Strom und bot auf dem linken Ufer die Schlacht an, die Paullus nicht annahm. Allein dem demokratischen Konsul missfiel dergleichen militaerische Pedanterie; es war so viel davon geredet worden, dass man ausziehe, nicht um Posten zu stehen, sondern um die Schwerter zu gebrauchen; er befahl, auf den Feind zu gehen, wo und wie man ihn eben fand. Nach der alten toerichterweise beibehaltenen Sitte wechselte die entscheidende Stimme im Kriegsrat zwischen dem Oberfeldherren Tag um Tag; man musste also am folgenden Tage sich fuegen und dem Helden von der Gasse seinen Willen tun. Auf dem linken Ufer, wo das weite Blachfeld der ueberlegenen Reiterei des Feindes vollen Spielraum bot, wollte allerdings auch er nicht schlagen; aber er beschloss, die gesamten roemischen Streitkraefte auf dem rechten zu vereinigen und hier, zwischen den karthagischen Lager und Cannae Stellung nehmend und dieses ernstlich bedrohend, die Schlacht anzubieten. Eine Abteilung von 10000 Mann blieb in dem roemischen Hauptlager zurueck mit dem Auftrag, das karthagische waehrend des Gefechts wegzunehmen und damit dem feindlichen Heere den Rueckzug ueber den Fluss abzuschneiden; das Gros der roemischen Armee ueberschritt mit dem grauenden Morgen des 2. August nach dem unberichtigten, etwa im Juni nach dem richtigen Kalender, den in dieser Jahreszeit seichten und die Bewegungen der Truppen nicht wesentlich hindernden Fluss und stellte bei dem kleineren roemischen Lager westlich von Cannae sich in Linie auf. Die karthagische Armee folgte und ueberschritt gleichfalls den Strom, an den der rechte roemische wie der linke karthagische Fluegel sich lehnten. Die roemische Reiterei stand auf den Fluegeln, die schwaechere der Buergerwehr auf dem rechten am Fluss, gefuehrt von Paullus, die staerkere bundesgenoessische auf dem linken gegen die Ebene, gefuehrt von Varro. Im Mitteltreffen stand das Fussvolk in ungewoehnlich tiefen Gliedern unter dem Befehl des Konsuls des Vorjahrs, Gnaeus Servilius. Diesem gegenueber ordnete Hannibal sein Fussvolk in halbmondfoermiger Stellung, so dass die keltischen und iberischen Truppen in ihrer nationalen Ruestung die vorgeschobene Mitte, die roemisch geruesteten Libyer auf beiden Seiten die zurueckgenommenen Fluegel bildeten. An der Flussseite stellte die gesamte schwere Reiterei unter Hasdrubal sich auf, an der Seite nach der Ebene hinaus die leichten numidischen Reiter. Nach kurzem Vorpostengefecht der leichten Truppen war bald die ganze Linie im Gefecht. Wo die leichte Reiterei der Karthager gegen Varros schwere Kavallerie focht, zog das Gefecht unter stetigen Chargen der Numidier ohne Entscheidung sich hin. Dagegen im Mitteltreffen warfen die Legionen die ihnen zuerst begegnenden spanischen und gallischen Truppen vollstaendig; eilig draengten die Sieger nach und verfolgten ihren Vorteil. Allein mittlerweile hatte auf dem rechten Fluegel das Glueck sich gegen die Roemer gewandt. Hannibal hatte den linken Reiterfluegel der Feinde bloss beschaeftigen lassen, um Hasdrubal mit der ganzen regulaeren Reiterei gegen den schwaecheren rechten zu verwenden und diesen zuerst zu werfen. Nach tapferer Gegenwehr wichen die roemischen Reiter und was nicht niedergehauen ward, wurde den Fluss hinaufgejagt und in die Ebene versprengt; verwundert ritt Paullus zu dem Mitteltreffen, das Schicksal der Legionen zu wenden oder doch zu teilen. Diese hatten, um den Sieg ueber die vorgeschobene feindliche Infanterie besser zu verfolgen, ihre Frontstellung in eine Angriffskolonne verwandelt, die keilfoermig eindrang in das feindliche Zentrum. In dieser Stellung wurden sie von dem rechts und links einschwenkenden libyschen Fussvolk von beiden Seiten heftig angegriffen und ein Teil von ihnen gezwungen, Halt zu machen, um gegen die Flankenangriffe sich zu verteidigen, wodurch das Vorruecken ins Stocken kam und die ohnehin schon uebermaessig dicht gereihte Infanteriemasse nun gar nicht mehr Raum fand, sich zu entwickeln. Inzwischen hatte Hasdrubal, nachdem er mit dem Fluegel des Paullus fertig war, seine Reiter aufs neue gesammelt und geordnet und sie hinter dem feindlichen Mitteltreffen weg gegen den Fluegel des Varro gefuehrt. Dessen italische Reiterei, schon mit den Numidiern hinreichend beschaeftigt, stob vor dem doppelten Angriff schnell auseinander. Hasdrubal, die Verfolgung der Fluechtigen den Numidiern ueberlassend, ordnete zum drittenmal seine Schwadronen, um sie dem roemischen Fussvolk in den Ruecken zu fuehren. Dieser letzte Stoss entschied. Flucht war nicht moeglich und Quartier ward nicht gegeben; es ist vielleicht nie ein Heer von dieser Groesse so vollstaendig und mit so geringem Verlust des Gegners auf dem Schlachtfeld selbst vernichtet worden wie das roemische bei Cannae. Hannibal hatte nicht ganz 6000 Mann eingebuesst, wovon zwei Drittel auf die Kelten kamen, die der erste Stoss der Legionen traf. Dagegen von den 76000 Roemern, die in der Schlachtlinie gestanden hatten, deckten 70000 das Feld, darunter der Konsul Lucius Paullus, der Altkonsul Gnaeus Servilius, zwei Drittel der Stabsoffiziere, achtzig Maenner senatorischen Ranges. Nur den Konsul Marcus Varro rettete sein rascher Entschluss und sein gutes Pferd nach Venusia, und er ertrug es zu leben. Auch die Besatzung des roemischen Lagers, 10000 Mann stark, ward groesstenteils kriegsgefangen; nur einige tausend Mann, teils aus diesen Truppen, teils aus der Linie, entkamen nach Canusium. Ja als sollte in diesem Jahre durchaus mit Rom ein Ende gemacht werden, fiel noch vor Ablauf desselben die nach Gallien gesandte Legion in einen Hinterhalt und wurde mit ihrem Feldherrn Lucius Postumius, dem fuer das naechste Jahr ernannten Konsul, von den Galliern gaenzlich vernichtet.

Dieser beispiellose Erfolg schien nun endlich die grosse politische Kombination zu reifen, um derentwillen Hannibal nach Italien gegangen war. Er hatte seinen Plan wohl zunaechst auf sein Heer gebaut; allein in richtiger Erkenntnis der ihm entgegenstehenden Macht sollte dies in seinem Sinn nur die Vorhut sein, mit der die Kraefte des Westens und Ostens allmaehlich sich vereinigen wuerden, um der stolzen Stadt den Untergang zu bereiten. Zwar diejenige Unterstuetzung, die die gesichertste schien, die Nachsendungen von Spanien her, hatte das kuehne und feste Auftreten des dorthin gesandten roemischen Feldherrn Gnaeus Scipio ihm vereitelt. Nach Hannibals Uebergang ueber die Rhone war dieser nach Emporiae gesegelt und hatte sich zuerst der Kueste zwischen den Pyrenaeen und dem Ebro, dann nach Besiegung des Hanno auch des Binnenlandes bemaechtigt (536 218). Er hatte im folgenden Jahr (537 217) die karthagische Flotte an der Ebromuendung voellig geschlagen, hatte, nachdem sein Bruder Publius, der tapfere Verteidiger des Potals, mit Verstaerkung von 8000 Mann zu ihm gestossen war, sogar den Ebro ueberschritten und war vorgedrungen bis gegen Sagunt. Zwar hatte Hasdrubal das Jahr darauf (538 216), nachdem er aus Afrika Verstaerkungen erhalten, den Versuch gemacht, den Befehl seines Bruders gemaess eine Armee ueber die Pyrenaeen zu fuehren; allein die Scipionen verlegten ihm den Uebergang ueber den Ebro und schlugen ihn vollstaendig, etwa um dieselbe Zeit, wo in Italien Hannibal bei Cannae siegte. Die maechtige Voelkerschaft der Keltiberer und zahlreiche andere spanische Staemme hatten den Scipionen sich zugewandt; diese beherrschten das Meer und die Pyrenaeenpaesse und durch die zuverlaessigen Massalioten auch die gallische Kueste. So war von Spanien aus fuer Hannibal jetzt weniger als je Unterstuetzung zu erwarten.

Von Karthago war bisher zur Unterstuetzung des Feldherrn in Italien so viel geschehen, wie man erwarten konnte: phoenikische Geschwader bedrohten die Kuesten Italiens und der roemischen Inseln und hueteten Afrika vor einer roemischen Landung, und dabei blieb es. Ernstlicheren Beistand verhinderte nicht sowohl die Ungewissheit, wo Hannibal zu finden sei, und der Mangel eines Landeplatzes in Italien, als die langjaehrige Gewohnheit, dass das spanische Heer sich selbst genuege, vor allem aber die grollende Friedenspartei. Hannibal empfand schwer die Folgen dieser unverzeihlichen Untaetigkeit; trotz allen Sparens des Geldes und der mitgebrachten Soldaten wurden seine Kassen allmaehlich leer, der Sold kam in Rueckstand und die Reihen seiner Veteranen fingen an sich zu lichten. Jetzt aber brachte die Siegesbotschaft von Cannae selbst die faktioese Opposition daheim zum Schweigen. Der karthagische Senat beschloss dem Feldherrn betraechtliche Unterstuetzungen an Geld und Mannschaft, teils aus Afrika, teils aus Spanien, unter anderm 4000 numidische Reiter und 40 Elefanten zur Verfuegung zu stellen und in Spanien wie in Italien den Krieg energisch zu betreiben.

Die laengstbesprochene Offensivallianz zwischen Karthago und Makedonien war anfangs durch Antigonos’ ploetzlichen Tod, dann durch seines Nachfolgers Philippos Unentschlossenheit und dessen und seiner hellenischen Bundesgenossen unzeitigen Krieg gegen die Aetoler (534-537 220-217) verzoegert worden. Erst jetzt, nach der Cannensischen Schlacht, fand Demetrios von Pharos Gehoer bei Philippos mit dem Antrag, seine illyrischen Besitzungen an Makedonien abzutreten - sie massten freilich erst den Roemern entrissen werden -, und erst jetzt schloss der Hof von Pella ab mit Karthago. Makedonien uebernahm es, eine Landungsarmee an die italische Ostkueste zu werfen, wogegen ihm die Rueckgabe der roemischen Besitzungen in Epeiros zugesichert ward.

In Sizilien hatte Koenig Hieron zwar waehrend der Friedensjahre, soweit es mit Sicherheit geschehen konnte, eine Neutralitaetspolitik eingehalten, und auch den Karthagern waehrend der gefaehrlichen Krisen nach dem Frieden mit Rom namentlich durch Kornsendungen sich gefaellig erwiesen. Es ist kein Zweifel, dass er den abermaligen Bruch zwischen Karthago und Rom hoechst ungern sah; aber ihn abzuwenden vermochte er nicht, und als er eintrat, hielt er mit wohlberechneter Treue fest an Rom. Allein bald darauf (Herbst 538 216) rief der Tod den alten Mann nach vierundfuenfzigjaehriger Regierung ab. Der Enkel und Nachfolger des klugen Greises, der junge unfaehige Hieronymus, liess sich sogleich mit den karthagischen Diplomaten ein; und da diese keine Schwierigkeit machten, ihm zuerst Sizilien bis an die alte karthagisch-sizilische Grenze, dann sogar, da sein Uebermut stieg, den Besitz der ganzen Insel vertragsmaessig zuzusichern, trat er in Buendnis mit Karthago und liess mit der karthagischen Flotte, die gekommen war, um Syrakus zu bedrohen, die syrakusanische sich vereinigen. Die Lage der roemischen Flotte bei Lilybaeon, die schon mit dem zweiten, bei den aegatischen Inseln postierten karthagischen Geschwader zu tun gehabt hatte, ward auf einmal sehr bedenklich, waehrend zugleich die in Rom zur Einschiffung nach Sizilien bereitstehende Mannschaft infolge der Cannensischen Niederlage fuer andere und dringendere Erfordernisse verwendet werden musste.

Was aber vor allem entscheidend war, jetzt endlich begann das Gebaeude der roemischen Eidgenossenschaft aus den Fugen zu weichen, nachdem es die Stoesse zweier schwerer Kriegsjahre unerschuettert ueberstanden hatte. Es traten auf Hannibals Seite Arpi in Apulien und Uzentum in Messapien, zwei alte, durch die roemischen Kolonien Luceria und Brundisium schwer beeintraechtigte Staedte; die saemtlichen Staedte der Brettier - diese zuerst von allen - mit Ausnahme der Peteliner und der Consentiner, die erst belagert werden mussten; die Lucaner groesstenteils; die in die Gegend von Salernum verpflanzten Picenter; die Hirpiner; die Samniten mit Ausnahme der Pentrer; endlich und vornehmlich Capua, die zweite Stadt Italiens, die 30000 Mann zu Fuss und 4000 Berittene ins Feld zu stellen vermochte und deren Uebertritt den der Nachbarstaedte Atella und Calatia entschied. Freilich widersetzte sich die vielfach an das roemische Interesse gefesselte Adelspartei ueberall und namentlich in Capua dem Parteiwechsel sehr ernstlich, und die hartnaeckigen inneren Kaempfe, die hierueber entstanden, minderten nicht wenig den Vorteil, den Hannibal von diesen Uebertritten zog. Er sah sich zum Beispiel genoetigt, in Capua einen der Fuehrer der Adelspartei, den Decius Magius, der noch nach dem Einruecken der Phoeniker hartnaeckig das roemische Buendnis verfocht, festnehmen und nach Karthago abfuehren zu lassen, um so den ihm selbst sehr ungelegenen Beweis zu liefern, was es auf sich habe mit der von dem karthagischen Feldherrn soeben den Kampanern feierlich zugesicherten Freiheit und Souveraenitaet. Dagegen hielten die sueditalischen Griechen fest am roemischen Buendnis, wobei die roemischen Besatzungen freilich auch das Ihrige taten, aber mehr noch der sehr entschiedene Widerwille der Hellenen gegen die Phoeniker selbst und deren neue lucanische und brettische Bundesgenossen, und ihre Anhaenglichkeit an Rom, das jede Gelegenheit, seinen Hellenismus zu betaetigen, eifrig benutzt und gegen die Griechen in Italien eine ungewohnte Milde gezeigt hatte. So widerstanden die kampanischen Griechen, namentlich Neapel, mutig Hannibals eigenem Angriff; dasselbe taten in Grossgriechenland trotz ihrer sehr gefaehrdeten Stellung Rhegion, Thurii, Metapont und Tarent. Kroton und Lokri dagegen wurden von den vereinigten Brettiern und Phoenikern teils erstuermt, teils zur Kapitulation gezwungen und die Krotoniaten nach Lokri gefuehrt, worauf brettische Kolonisten jene wichtige Seestation besetzten. Dass die sueditalischen Latiner, wie Brundisium, Venusia, Paestum, Cosa, Cales, unerschuettert mit Rom hielten, versteht sich von selbst. Waren sie doch die Zwingburgen der Eroberer im fremden Land, angesiedelt auf dem Acker der Umwohner, mit ihren Nachbarn verfehdet; traf es doch sie zunaechst, wenn Hannibal sein Wort wahr machte und jeder italischen Gemeinde die alten Grenzen zurueckgab. In gleicher Weise gilt dies von ganz Mittelitalien, dem. aeltesten Sitz der roemischen Herrschaft, wo latinische Sitte und Sprache schon ueberall vorwog und man sich als Genosse der Herrscher, nicht als Untertan fuehlte. Hannibals Gegner im karthagischen Senat unterliessen nicht, daran zu erinnern, dass nicht ein roemischer Buerger, nicht eine latinische Gemeinde sich Karthago in die Arme geworfen habe. Dieses Grundwerk der roemischen Macht konnte gleich der kyklopischen Mauer nur Stein um Stein zertruemmert werden.

Das waren die Folgen des Tages von Cannae, an dem die Bluete der Soldaten und Offiziere der Eidgenossenschaft, ein Siebentel der gesamten Zahl der kampffaehigen Italiker zugrunde ging. Es war eine grausame, aber gerechte Strafe der schweren politischen Versuendigungen, die sich nicht etwa bloss einzelne toerichte oder elende Maenner, sondern die roemische Buergerschaft selbst hatte zu Schulden kommen lassen. Die fuer die kleine Landstadt zugeschnittene Verfassung passte der Grossmacht nirgend mehr; es war eben nicht moeglich, ueber die Frage, wer die Heere der Stadt in einem solchen Kriege fuehren solle, Jahr fuer Jahr die Pandorabuechse des Stimmkastens entscheiden zu lassen. Da eine gruendliche Verfassungsrevision, wenn sie ueberhaupt ausfuehrbar war, jetzt wenigstens nicht begonnen werden durfte, so haette zunaechst der einzigen Behoerde, die dazu imstande war, dem Senat die tatsaechliche Oberleitung des Krieges und namentlich die Vergebung und Verlaengerung des Kommandos ueberlassen werden und den Komitien nur die formelle Bestaetigung verbleiben sollen. Die glaenzenden Erfolge der Scipionen auf dem schwierigen spanischen Kriegsschauplatz zeigten, was auf diesem Wege sich erreichen liess. Allein die politische Demagogie, die bereits an dem aristokratischen Grundbau der Verfassung nagte, hatte sich der italischen Kriegfuehrung bemaechtigt; die unvernuenftige Beschuldigung, dass die Vornehmen mit dem auswaertigen Feinde konspirierten, hatte auf das “Volk” Eindruck gemacht. Die Heilande des politischen Koehlerglaubens, die Gaius Flaminius und Gaius Varro, beide “neue Maenner” und Volksfreunde vom reinsten Wasser, waren demnach zur Ausfuehrung ihrer unter dem Beifall der Menge auf dem Markt entwickelten Operationsplaene von eben dieser Menge beauftragt worden, und die Ergebnisse waren die Schlachten am Trasimenischen See und bei Cannae. Dass der Senat, der begreiflicherweise seine Aufgabe jetzt besser fasste, als da er des Regulus halbe Armee aus Afrika zurueckberief, die Leitung der Angelegenheiten fuer sich begehrte und jenem Unwesen sich widersetzte, war pflichtgemaess; allein auch er hatte, als die erste jener beiden Niederlagen ihm fuer den Augenblick das Ruder in die Hand gab, gleichfalls nicht unbefangen von Parteiinteressen gehandelt. So wenig Quintus Fabius mit jenen roemischen Kleonen verglichen werden darf, so hatte doch auch er den Krieg nicht bloss als Militaer gefuehrt, sondern seine starre Defensive vor allem als politischer Gegner des Gaius Flaminius festgehalten und in der Behandlung des Zerwuerfnisses mit seinem Unterfeldherrn getan, was an ihm lag, um in einer Zeit, die Einigkeit forderte, zu erbittern. Die Folge war erstlich, dass das wichtigste Instrument, das eben fuer solche Faelle die Weisheit der Vorfahren dem Senat in die Hand gegeben hatte, die Diktatur ihm unter den Haenden zerbrach; und zweitens mittelbar wenigstens die Cannensische Schlacht. Den jaehen Sturz der roemischen Macht verschuldeten aber weder Quintus Fabius noch Gaius Varro, sondern das Misstrauen zwischen dem Regiment und den Regierten, die Spaltung zwischen Rat und Buergerschaft. Wenn noch Rettung und Wiedererhebung des Staates moeglich war, musste sie daheim beginnen mit Wiederherstellung der Einigkeit und des Vertrauens. Dies begriffen und, was schwerer wiegt, dies getan zu haben, getan mit Unterdrueckung aller an sich gerechten Rekriminationen, ist die herrliche und unvergaengliche Ehre des roemischen Senats. Als Varro - allein von allen Generalen, die in der Schlacht kommandiert hatten - nach Rom zurueckkehrte, und die roemischen Senatoren bis an das Tor ihm entgegengingen und ihm dankten, dass er an der Rettung des Vaterlandes nicht verzweifelt habe, waren dies weder leere Reden, um mit grossen Worten das Unheil zu verhuellen, noch bitterer Spott ueber einen Armseligen; es war der Friedensschluss zwischen dem Regiment und den Regierten. Vor dem Ernst der Zeit und dem Ernst eines solchen Aufrufs verstummte das demagogische Geklatsch; fortan gedachte man in Rom nur, wie man gemeinsam die Not zu wenden vermoege. Quintus Fabius, dessen zaeher Mut in diesem entscheidenden Augenblick dem Staat mehr genuetzt hat als all seine Kriegstaten, und die anderen angesehenen Senatoren gingen dabei in allem voran und gaben den Buergern das Vertrauen auf sich und auf die Zukunft zurueck. Der Senat bewahrte seine feste und strenge Haltung, waehrend die Boten von allen Seiten nach Rom eilten, um die verlorenen Schlachten, den Uebertritt der Bundesgenossen, die Aufhebung von Posten und Magazinen zu berichten, um Verstaerkung zu begehren fuer das Potal und fuer Sizilien, da doch Italien preisgegeben und Rom selbst fast unbesetzt war. Das Zusammenstroemen der Menge an den Toren ward untersagt, die Gaffer und die Weiber in die Haeuser gewiesen, die Trauerzeit um die Gefallenen auf dreissig Tage beschraenkt, damit der Dienst der freudigen Goetter, von dem das Trauergewand ausschloss, nicht allzulange unterbrochen werde - denn so gross war die Zahl der Gefallenen, dass fast in keiner Familie die Totenklage fehlte. Was vom Schlachtfeld sich gerettet hatte, war indes durch zwei tuechtige Kriegstribune, Appius Claudius und Publius Scipio den Sohn, in Canusium gesammelt worden; der letztere verstand es, durch seine stolze Begeisterung und durch die drohend erhobenen Schwerter seiner Getreuen, diejenigen vornehmen jungen Herren auf andere Gedanken zu bringen, die in bequemer Verzweiflung an die Rettung des Vaterlandes ueber das Meer zu entweichen gedachten. Zu ihnen begab sich mit einer Handvoll Leute der Konsul Gaius Varro; allmaehlich fanden sich dort etwa zwei Legionen zusammen, die der Senat zu reorganisieren und zu schimpflichem und unbesoldetem Kriegsdienst zu degradieren befahl. Der unfaehige Feldherr ward unter einem schicklichen Vorwand nach Rom zurueckberufen; der in den gallischen Kriegen erprobte Praetor Marcus Claudius Marcellus, der bestimmt gewesen war, mit der Flotte von Ostia nach Sizilien abzugehen, uebernahm den Oberbefehl. Die aeussersten Kraefte wurden angestrengt, um eine kampffaehige Armee zu organisieren. Die Latiner wurden beschickt um Hilfe in der gemeinschaftlichen Gefahr; Rom selbst ging mit dem Beispiel voran und rief die ganze Mannschaft bis ins Knabenalter unter die Waffen, bewaffnete die Schuldknechte und die Verbrecher, ja stellte sogar achttausend vom Staate angekaufte Sklaven in das Heer ein. Da es an Waffen fehlte, nahm man die alten Beutestuecke aus den Tempeln und setzte Fabriken und Gewerbe ueberall in Taetigkeit. Der Senat ward ergaenzt - nicht, wie aengstliche Patrioten forderten, aus den Latinern, sondern aus den naechstberechtigten roemischen Buergern. Hannibal bot die Loesung der Gefangenen auf Kosten des roemischen Staatsschatzes an; man lehnte sie ab und liess den mit der Abordnung der Gefangenen angelangten karthagischen Boten nicht in die Stadt; es durfte nicht scheinen, als denke der Senat an Frieden. Nicht bloss die Bundesgenossen sollten nicht glauben, dass Rom sich anschicke zu transigieren, sondern es musste auch dem letzten Buerger begreiflich gemacht werden, dass fuer ihn wie fuer alle es keinen Frieden gebe und Rettung nur im Siege sei.

KAPITEL VI.
Der Hannibalische Krieg von Cannae bis Zama

Hannibals Ziel bei seinem Zug nach Italien war die Sprengung der italischen Eidgenossenschaft gewesen; nach drei Feldzuegen war dasselbe erreicht, soweit es ueberhaupt erreichbar war. Dass die griechischen und die latinischen oder latinisierten Gemeinden Italiens, nachdem sie durch den Tag von Cannae nicht irre geworden waren, ueberhaupt nicht dem Schreck, sondern nur der Gewalt weichen wuerden, lag am Tage, und der verzweifelte Mut, mit dem selbst in Sueditalien einzelne kleine und rettungslos verlorene Landstaedte, wie das brettische Petelia, gegen den Phoeniker sich wehrten, zeigte sehr klar, was seiner bei den Marsern und Latinern warte. Wenn Hannibal gemeint hatte, auf diesem Wege mehr erreichen und auch die Latiner gegen Rom fuehren zu koennen, so hatten diese Hoffnungen sich als eitel erwiesen. Aber es scheint, als habe auch sonst die italische Koalition keineswegs die gehofften Resultate fuer Hannibal geliefert. Capua hatte sofort sich ausbedungen, dass Hannibal das Recht nicht haben solle, kampanische Buerger zwangsweise unter die Waffen zu rufen; die Staedter hatten nicht vergessen, wie Pyrrhos in Tarent aufgetreten war, und meinten toerichterweise, zugleich der roemischen und der phoenikischen Herrschaft sich entziehen zu koennen. Samnium und Lucanien waren nicht mehr, was sie gewesen, als Koenig Pyrrhos gedacht hatte, an der Spitze der sabellischen Jugend in Rom einzuziehen. Nicht bloss zerschnitt das roemische Festungsnetz ueberall den Landschaften Sehnen und Nerven, sondern es hatte auch die vieljaehrige roemische Herrschaft die Einwohner der Waffen entwoehnt - nur maessiger Zuzug kam von hier zu den roemischen Heeren -, den alten Hass beschwichtigt, ueberall eine Menge einzelner in das Interesse der herrschenden Gemeinde gezogen. Man schloss sich wohl dem Ueberwinder der Roemer an, nachdem Roms Sache einmal verloren schien; allein man fuehlte doch, dass es jetzt nicht mehr um die Freiheit sich handle, sondern um die Vertauschung des italischen mit dem phoenikischen Herrn, und nicht Begeisterung, sondern Kleinmut warf die sabellischen Gemeinden dem Sieger in die Arme. Unter solchen Umstaenden stockte in Italien der Krieg. Hannibal, der den suedlichen Teil der Halbinsel beherrschte bis hinauf zum Volturnus und zum Garganus und diese Landschaften nicht wie das Keltenland einfach wieder aufgeben konnte, hatte jetzt gleichfalls eine Grenze zu decken, die nicht ungestraft entbloesst ward; und, um die gewonnenen Landschaften gegen die ueberall ihm trotzenden Festungen und die von Norden her anrueckenden Heere zu verteidigen und gleichzeitig die schwierige Offensive gegen Mittelitalien zu ergreifen, reichten seine Streitkraefte, ein Heer von etwa 40000 Mann, ohne die italischen Zuzuege zu rechnen, bei weitem nicht aus. Vor allen Dingen aber fand er andere Gegner sich gegenueber. Durch furchtbare Erfahrungen belehrt, gingen die Roemer ueber zu einem verstaendigeren System der Kriegfuehrung, stellten nur erprobte Offiziere an die Spitze ihrer Armeen und liessen dieselben, wenigstens wo es not tat, auf laengere Zeit bei dem Kommando. Diese Feldherren sahen weder den feindlichen Bewegungen noch den Bergen herab zu, noch warfen sie sich auf den Gegner, wo sie ihn eben fanden, sondern, die rechte Mitte zwischen Zauderei und Vorschnelligkeit haltend, stellten sie in verschanzten Lagern, unter den Mauern der Festungen sich auf und nahmen den Kampf da an, wo der Sieg zu Resultaten, die Niederlage nicht zur Vernichtung fuehrte. Die Seele dieser neuen Kriegfuehrung war Marcus Claudius Marcellus. Mit richtigem Instinkt hatten nach dem unheilvollen Tag von Cannae Senat und Volk auf diesen tapferen und krieggewohnten Mann die Blicke gewandt und ihm zunaechst den faktischen Oberbefehl uebertragen. Er hatte in dem schwierigen Sizilischen Kriege gegen Hamilkar seine Schule gemacht und in den letzten Feldzuegen gegen die Kelten sein Fuehrertalent wie seine persoenliche Tapferkeit glaenzend bewaehrt. Obwohl ein hoher Fuenfziger, brannte er doch vom jugendlichsten Soldatenfeuer und hatte erst wenige Jahre zuvor als Feldherr den feindlichen Feldherrn vom Pferde gehauen - der erste und einzige roemische Konsul, dem eine solche Waffentat gelang. Sein Leben war den beiden Gottheiten geweiht, denen er den glaenzenden Doppeltempel am Capenischen Tore errichtete, der Ehre und der Tapferkeit; und wenn die Rettung Roms aus dieser hoechsten Gefahr nicht das Verdienst eines einzelnen ist, sondern der roemischen Buergerschaft insgemein und vorzugsweise dem Senat gebuehrt, so hat doch kein einzelner Mann bei dem gemeinsamen Bau mehr geschafft als Marcus Marcellus.

Vom Schlachtfeld hatte Hannibal sich nach Kampanien gewandt. Er kannte Rom besser als die naiven Leute, die in alter und neuer Zeit gemeint haben, dass er mit einem Marsch auf die feindliche Hauptstadt den Kampf haette beendigen koennen. Die heutige Kriegskunst zwar entscheidet den Krieg auf dem Schlachtfeld; allein in der alten Zeit, wo der Angriffskrieg gegen die Festungen weit minder entwickelt war als das Verteidigungssystem, ist unzaehlige Male der vollstaendigste Erfolg im Feld an den Mauern der Hauptstaedte zerschellt. Rat und Buergerschaft in Karthago waren weitaus nicht zu vergleichen mit Senat und Volk in Rom, Karthagos Gefahr nach Regulus’ erstem Feldzug unendlich dringender als die Roms nach der Schlacht bei Cannae; und Karthago hatte standgehalten und vollstaendig gesiegt. Mit welchem Schein konnte man meinen, dass Rom jetzt dem Sieger die Schluessel entgegentragen oder auch nur einen billigen Frieden annehmen werde? Statt also ueber solche leeren Demonstrationen moegliche und wichtige Erfolge zu verscherzen oder die Zeit zu verlieren mit der Belagerung der paar tausend roemischer Fluechtlinge in den Mauern von Canusium, hatte sich Hannibal sofort nach Capua begeben, bevor die Roemer Besatzung hineinwerfen konnten, und hatte durch sein Anruecken diese zweite Stadt Italiens nach langem Schwanken zum Uebertritt bestimmt. Er durfte hoffen, von Capua aus sich eines der kampanischen Haefen bemaechtigen zu koennen, um dort die Verstaerkungen an sich zu ziehen, welche seine grossartigen Siege der Opposition daheim abgerungen hatten. Als die Roemer erfuhren, wohin Hannibal sich gewendet habe, verliessen auch sie Apulien, wo nur eine schwache Abteilung zurueckblieb und sammelten die ihnen gebliebenen Streitkraefte auf dem rechten Ufer des Volturnus. Mit den zwei cannensischen Legionen marschierte Marcus Marcellus nach Teanum Sidicinum, wo er von Rom und Ostia die zunaechst verfuegbaren Truppen an sich zog, und ging, waehrend der Diktator Marcus Junius mit der schleunigst neu gebildeten Hauptarmee langsam nachfolgte, bis an den Volturnus nach Casilinum vor, um womoeglich Capua zu retten. Dies zwar fand er schon in der Gewalt des Feindes; dagegen waren dessen Versuche auf Neapel an dem mutigen Widerstand der Buergerschaft gescheitert, und die Roemer konnten noch rechtzeitig in den wichtigen Hafenplatz eine Besatzung werfen. Ebenso treu hielten zu Rom die beiden anderen groesseren Kuestenstaedte, Cumae und Nuceria. In Nola schwankte der Kampf zwischen der Volks- und der Senatspartei wegen des Anschlusses an die Karthager oder an die Roemer. Benachrichtigt, dass die erstere die Oberhand gewinne, ging Marcellus bei Caiatia ueber den Fluss und, an den Hoehen von Suessula hin um die feindliche Armee herum marschierend, erreichte er Nola frueh genug, um es gegen die aeusseren und die inneren Feinde zu behaupten. Ja bei einem Ausfall schlug er Hannibal selber mit namhaftem Verlust zurueck; ein Erfolg, der als die erste Niederlage, die Hannibal erlitt, moralisch von weit groesserer Bedeutung war als durch seine materiellen Resultate. Zwar wurden in Kampanien Nuceria, Acerrae und nach einer hartnaeckigen, bis ins folgende Jahr (539 215) sich hinziehenden Belagerung auch der Schluessel der Volturnuslinie, Casilinum, von Hannibal erobert und ueber die Senate dieser Staedte, die zu Rom gehalten hatten, die schwersten Blutgerichte verhaengt. Aber das Entsetzen macht schlechte Propaganda; es gelang den Roemern, mit verhaeltnismaessig geringer Einbusse den gefaehrlichen Moment der ersten Schwaeche zu ueberwinden. Der Krieg kam in Kampanien zum Stehen, bis der Winter einbrach und Hannibal in Capua Quartier nahm, durch dessen Ueppigkeit seine seit drei Jahren nicht unter Dach gekommenen Truppen keineswegs gewannen. Im naechsten Jahre (539 215) erhielt der Krieg schon ein anderes Ansehen. Der bewaehrte Feldherr Marcus Marcellus und Tiberius Sempronius Gracchus, der sich im vorjaehrigen Feldzug als Reiterfuehrer des Diktators ausgezeichnet hatte, ferner der alte Quintus Fabius Maximus traten, Marcellus als Prokonsul, die beiden andern als Konsuln, an die Spitze der drei roemische Heere, welche bestimmt waren, Capua und Hannibal zu umringen; Marcellus auf Nola und Suessula gestuetzt, Maximus am rechten Ufer des Volturnus bei Cales sich aufstellend, Gracchus an der Kueste, wo er Neapel und Cumae deckend bei Liternum Stellung nahm. Die Kampaner, welche nach Hamae, drei Miglien von Cumae, ausrueckten, um die Cumaner zu ueberrumpeln, wurden von Gracchus nachdruecklich geschlagen; Hannibal, der, um die Scharte auszuwetzen, vor Cumae erschienen war, zog selbst in einem Gefecht den kuerzeren, und kehrte, da die von ihm angebotene Hauptschlacht verweigert ward, unmutig nach Capua zurueck. Waehrend so die Roemer in Kampanien nicht bloss behaupteten, was sie besassen, sondern auch Compulteria und andere kleinere Plaetze wieder gewannen, erschollen von Hannibals oestlichen Verbuendeten laute Klagen. Ein roemisches Heer unter dem Praetor Marcus Valerius hatte bei Luceria sich aufgestellt, teils um in Gemeinschaft mit der roemischen Flotte die Ostkueste und die Bewegungen der Makedonier zu beobachten, teils um in Verbindung mit der Armee von Nola die aufstaendigen Samniten, Lucaner und Hirpiner zu brandschatzen. Um diesen Luft zu machen, wandte Hannibal zunaechst sich gegen seinen taetigsten Gegner Marcus Marcellus; allein derselbe erfocht unter den Mauern von Nola einen nicht unbedeutenden Sieg ueber die phoenikische Armee, und diese musste, ohne die Scharte wieder ausgewetzt zu haben, um den Fortschritten des feindlichen Heeres in Apulien endlich zu steuern, von Kampanien nach Arpi aufbrechen. Ihr folgte Tiberius Gracchus mit seinem Korps, waehrend die beiden anderen roemischen Heere in Kampanien sich anschickten, mit dem naechsten Fruehjahr zum Angriff auf Capua ueberzugehen.

Hannibals klaren Blick hatten die Siege nicht geblendet. Es ward immer deutlicher, dass er so nicht zum Ziele kam. Jene raschen Maersche, jenes fast abenteuerliche Hin- und Herwerfen des Krieges, denen Hannibal im wesentlichen seine Erfolge verdankte, waren zu Ende, der Feind gewitzigt, weitere Unternehmungen durch die unumgaengliche Verteidigung des Gewonnenen selbst fast unmoeglich gemacht. An die Offensive liess sich nicht denken, die Defensive war schwierig und drohte jaehrlich es mehr zu werden; er konnte es sich nicht verleugnen, dass die zweite Haelfte seines grossen Tagwerks, die Unterwerfung der Latiner und die Eroberung Roms, nicht mit seinen und der italischen Bundesgenossen Kraeften allein beendigt werden konnte. Die Vollendung stand bei dem Rat von Karthago, bei dem Hauptquartier in Cartagena, bei den Hoefen von Pella und Syrakus. Wenn in Afrika, Spanien, Sizilien, Makedonien jetzt alle Kraefte gemeinschaftlich angestrengt wurden gegen den gemeinschaftlichen Feind; wenn Unteritalien der grosse Sammelplatz ward fuer die Heere und Flotten von Westen, Sueden und Osten, so konnte er hoffen, gluecklich zu Ende zu fuehren, was die Vorhut unter seiner Leitung so glaenzend begonnen hatte. Das Natuerlichste und Leichteste waere gewesen, ihm von daheim genuegende Unterstuetzung zuzusenden; und der karthagische Staat, der vom Kriege fast unberuehrt geblieben und von einer auf eigene Rechnung und Gefahr handelnden kleinen Zahl entschlossener Patrioten aus tiefem Verfall dem vollen Sieg so nahe gefuehrt war, haette dies ohne Zweifel vermocht. Dass es moeglich gewesen waere, eine phoenikische Flotte von jeder beliebigen Staerke bei Lokri oder Kroton landen zu lassen, zumal solange, als der Hafen von Syrakus den Karthagern offenstand und durch Makedonien die brundisinische Flotte in Schach gehalten ward, beweist die ungehinderte Ausschiffung von 4000 Afrikanern, die Bomilkar dem Hannibal um diese Zeit von Karthago zufuehrte, in Lokri, und mehr noch Hannibals ungestoerte Ueberfahrt, als schon jenes alles verloren gegangen war. Allein nachdem der erste Eindruck des Sieges von Cannae sich verwischt hatte, wies die karthagische Friedenspartei, die zu allen Zeiten bereit war, den Sturz der politischen Gegner mit dem des Vaterlandes zu erkaufen, und die in der Kurzsichtigkeit und Laessigkeit der Buergerschaft treue Verbuendete fand, die Bitten des Feldherrn um nachdruecklichere Unterstuetzung ab mit der halb einfaeltigen, halb tueckischen Antwort, dass er ja keine Hilfe brauche, wofern er wirklich Sieger sei, und half so nicht viel weniger als der roemische Senat Rom erretten. Hannibal, im Lager erzogen und dem staedtischen Parteigetriebe fremd, fand keinen Volksfuehrer, auf den er sich haette stuetzen koennen wie sein Vater auf Hasdrubal, und musste die Mittel zur Rettung der Heimat, die diese selbst in reicher Fuelle besass, im Ausland suchen.

Hier durfte er, und wenigstens mit mehr Aussicht auf Erfolg, rechnen auf die Fuehrer des spanischen Patriotenheeres, auf die in Syrakus angeknuepften Verbindungen und auf Philippos’ Intervention. Es kam alles darauf an, von Spanien, Syrakus oder Makedonien neue Streitkraefte gegen Rom auf den italischen Kampfplatz zu fuehren; und um dies zu erreichen oder zu hindern, sind die Kriege in Spanien, Sizilien und Griechenland gefuehrt worden. Sie sind alle nur Mittel zum Zweck, und sehr mit Unrecht hat man sie oft hoeher angeschlagen. Fuer die Roemer sind es wesentlich Defensivkriege, deren eigentliche Aufgabe ist, die Pyrenaeenpaesse zu behaupten, die makedonische Armee in Griechenland festzuhalten, Messana zu verteidigen und die Verbindung zwischen Italien und Sizilien zu sperren; es versteht sich, dass diese Defensive womoeglich offensiv gefuehrt wird und im guenstigen Fall sich entwickelt zur Verdraengung der Phoeniker aus Spanien und Sizilien und zur Sprengung der Buendnisse Hannibals mit Syrakus und mit Philippos. Der italische Krieg an sich tritt zunaechst in den Hintergrund und loest sich auf in Festungskaempfe und Razzias, die in der Hauptsache nichts entscheiden. Allein Italien bleibt dennoch, solange die Phoeniker ueberhaupt die Offensive festhalten, stets das Ziel der Operationen, und alle Anstrengung wie alles Interesse knuepft sich daran, die Isolierung Hannibals im suedlichen Italien aufzuheben oder zu verewigen.

Waere es moeglich gewesen, unmittelbar nach der Cannensischen Schlacht alle die Hilfsmittel heranzuziehen, auf die Hannibal sich Rechnung machen durfte, so konnte er des Erfolges ziemlich gewiss sein. Allein in Spanien war Hasdrubals Lage eben damals nach der Schlacht am Ebro so bedenklich, dass die Leistungen von Geld und Mannschaft, zu denen der cannensische Sieg die karthagische Buergerschaft angespannt hatte, groesstenteils fuer Spanien verwendet wurden, ohne dass doch die Lage der Dinge dort dadurch viel besser geworden waere. Die Scipionen verlegten den Kriegsschauplatz im folgenden Feldzug (539 215) vom Ebro an den Guadalquivir und erfochten in Andalusien, mitten im eigentlich karthagischen Gebiet, bei Illiturgi und Intibili zwei glaenzende Siege. In Sardinien mit den Eingeborenen angeknuepfte Verbindungen liessen die Karthager hoffen, dass sie sich der Insel wuerden bemaechtigen koennen, die als Zwischenstation zwischen Spanien und Italien von Wichtigkeit gewesen waere. Indes Titus Manlius Torquatus, der mit einem roemischen Heer nach Sardinien gesendet ward, vernichtete die karthagische Landungsarmee vollstaendig und sicherte den Roemern aufs neue den unbestrittenen Besitz der Insel (539 215). Die nach Sizilien geschickten cannensischen Legionen behaupteten im Norden und Osten der Insel sich mutig und gluecklich gegen die Karthager und Hieronymos, welcher letztere schon gegen Ende des Jahres 539 (215) durch Moerderhand seinen Tod fand. Selbst mit Makedonien verzoegerte sich die Ratifikation des Buendnisses, hauptsaechlich weil die makedonischen an Hannibal gesendeten Boten auf der Rueckreise von den roemischen Kriegsschiffen aufgefangen wurden. So unterblieb vorlaeufig die gefuerchtete Invasion der Ostkueste, und die Roemer gewannen Zeit, die wichtigste Station Brundisium zuerst mit der Flotte, alsdann auch mit dem vor der Ankunft des Gracchus zur Deckung von Apulien verwendeten Landheer zu sichern und fuer den Fall der Kriegserklaerung einen Einfall in Makedonien selbst vorzubereiten. Waehrend also in Italien der Kampf zum Stehen und Stocken kam, war ausserhalb Italien karthagischerseits nichts geschehen, was neue Heere oder Flotten rasch nach Italien gefoerdert haette. Roemischerseits hatte man sich dagegen mit der groessten Energie ueberall in Verteidigungszustand gesetzt und in dieser Abwehr da, wo Hannibals Genie fehlte, groesstenteils mit Erfolg gefochten. Darueber verrauchte der kurzlebige Patriotismus, den der Cannensische Sieg in Karthago erweckt hatte; die nicht unbedeutenden Streitkraefte, welche man dort disponibel gemacht hatte, waren, sei es durch faktioese Opposition, sei es bloss durch ungeschickte Ausgleichung der verschiedenen, im Rat laut gewordenen Meinungen, so zersplittert worden, dass sie nirgend wesentlich foerderten und da, wo sie am nuetzlichsten gewesen waeren, eben der kleinste Teil hinkam. Am Ende des Jahres 539 (215) durfte auch der besonnene roemische Staatsmann sich sagen, dass die dringende Gefahr vorueber sei und die heldenmuetig begonnene Gegenwehr nur auf saemtlichen Punkten mit Anspannung aller Kraefte auszuharren habe, um zum Ziel zu gelangen.

Am ersten ging der Krieg in Sizilien zu Ende. Es hatte nicht zunaechst in Hannibals Plan gelegen, auf der Insel einen Kampf anzuspinnen, sondern halb zufaellig, hauptsaechlich durch die knabenhafte Eitelkeit des unverstaendigen Hieronymos war hier ein Landkrieg ausgebrochen, dessen, ohne Zweifel eben aus diesem Grunde, der karthagische Rat mit besonderem Eifer sich annahm. Nachdem Hieronymos zu Ende 539 (215) getoetet war, schien es mehr als zweifelhaft, ob die Buergerschaft bei der von ihm befolgten Politik verbleiben werde. Wenn irgend eine Stadt, so hatte Syrakus Ursache an Rom festzuhalten, da der Sieg der Karthager ueber die Roemer unzweifelhaft jenen wenigstens die Herrschaft ueber ganz Sizilien geben musste und an eine wirkliche Einhaltung der von Karthago den Syrakusanern gemachten Zusagen kein ernsthafter Mann glauben konnte. Teils hierdurch bewogen, teils geschreckt durch die drohenden Anstalten der Roemer, die alles aufboten, um die wichtige Insel, die Bruecke zwischen Italien und Afrika, wieder vollstaendig in ihre Gewalt zu bringen, und jetzt fuer den Feldzug 540 (214) ihren besten Feldherrn, den Marcus Marcellus nach Sizilien gesandt hatten, zeigte die syrakusanische Buergerschaft sich geneigt, durch rechtzeitige Rueckkehr zum roemischen Buendnis das Geschehene vergessen zu machen. Allein bei der entsetzlichen Verwirrung in der Stadt, wo nach Hieronymos’ Tode die Versuche zur Wiederherstellung der alten Volksfreiheit und die Handstreiche der zahlreichen Praetendenten auf den erledigten Thron wild durcheinander wogten, die Hauptleute der fremden Soeldnerscharen aber die eigentlichen Herren der Stadt waren, fanden Hannibals gewandte Emissaere Hippokrates und Epikydes Gelegenheit, die Friedensversuche zu vereiteln. Durch den Namen der Freiheit regten sie die Masse auf; masslos uebertriebene Schilderungen von der fuerchterlichen Bestrafung, die den soeben wieder unterworfenen Leontinern von den Roemern zuteil geworden sein sollte, erweckten auch in dem bessern Teil der Buergerschaft den Zweifel, ob es nicht zu spaet sei, um das alte Verhaeltnis mit Rom wiederherzustellen; unter den Soeldnern endlich wurden die zahlreichen roemischen Ueberlaeufer, meistens durchgegangene Ruderer von der Flotte, leicht ueberzeugt, dass der Friede der Buergerschaft mit Rom ihr Todesurteil sei. So wurden die Vorsteher der Buergerschaft erschlagen, der Waffenstillstand gebrochen und Hippokrates und Epikydes uebernahmen das Regiment der Stadt. Es blieb dem Konsul nichts uebrig, als zur Belagerung zu schreiten; indes die geschickte Leitung der Verteidigung, wobei der als gelehrter Mathematiker beruehmte syrakusanische Ingenieur Archimedes sich besonders hervortat, zwang die Roemer nach achtmonatlicher Belagerung, dieselbe in eine Blockade zu Wasser und zu Lande umzuwandeln. Mittlerweile war von Karthago aus, das bisher nur mit seinen Flotten die Syrakusaner unterstuetzt hatte, auf die Nachricht von der abermaligen Schilderhebung derselben gegen die Roemer ein starkes Landheer unter Himilko nach Sizilien gesendet worden, das ungehindert bei Herakleia Minoa landete und sofort die wichtige Stadt Akragas besetzte. Um dem Himilko die Hand zu reichen, rueckte der kuehne und faehige Hippokrates aus Syrakus mit einer Armee aus; Marcellus’ Lage zwischen der Besatzung von Syrakus und den beiden feindlichen Heeren fing an bedenklich zu werden. Indes mit Hilfe einiger Verstaerkungen, die von Italien eintrafen, behauptete er seine Stellung auf der Insel und setzte die Blockade von Syrakus fort. Dagegen trieb mehr noch als die feindlichen Armeen die fuerchterliche Strenge, mit der die Roemer auf der Insel verfuhren, namentlich die Niedermetzelung der des Abfalls verdaechtigen Buergerschaft von Enna durch die roemische Besatzung daselbst, den groessten Teil der kleinen Landstaedte den Karthagern in die Arme. Im Jahre 542 (212) gelang es den Belagerern von Syrakus waehrend eines Festes in der Stadt, einen von den Wachen verlassenen Teil der weitlaeuftigen Aussenmauern zu ersteigen und in die Vorstaedte einzudringen, die von der Insel und der eigentlichen Stadt am Strande (Achradina) sich gegen das innere Land hin erstreckten. Die Festung Euryalos, die, am aeussersten westlichen Ende der Vorstaedte gelegen, diese und die vom Binnenland nach Syrakus fuehrende Hauptstrasse deckte, war hiermit abgeschnitten und fiel nicht lange nachher. Als so die Belagerung der Stadt eine den Roemern guenstige Wendung zu nehmen begann, rueckten die beiden Heere unter Himilko und Hippokrates zum Entsatz heran und versuchten einen gleichzeitigen, ueberdies noch mit einem Landungsversuch der karthagischen Flotte und einem Ausfall der syrakusanischen Besatzung kombinierten Angriff auf die roemischen Stellungen; allein er ward allerseits abgeschlagen, und die beiden Entsatzheere mussten sich begnuegen, vor der Stadt ihr Lager aufzuschlagen, in den sumpfigen Niederringen des Anapos, die im Hochsommer und im Herbst den darin Verweilenden toedliche Seuchen erzeugen. Oft hatten diese die Stadt gerettet, oefter als die Tapferkeit der Buerger; zu den Zeiten des ersten Dionys waren zwei phoenikische Heere, damals die Stadt belagernd, unter ihren Mauern durch diese Seuchen vernichtet worden. Jetzt wendete der Stadt das Schicksal die eigene Schutzwehr zum Verderben; waehrend Marcellus’ Heer, in den Vorstaedten einquartiert, nur wenig litt, veroedeten die Fieber die phoenikischen und syrakusanischen Biwaks. Hippokrates starb, desgleichen Himilko und die meisten Afrikaner; die Ueberbleibsel der beiden Heere, groesstenteils eingeborene Sikeler, verliefen sich in die benachbarten Staedte. Noch machten die Karthager einen Versuch, die Stadt von der Seeseite zu retten; allein der Admiral Bomilkar entwich, als die roemische Flotte ihm die Schlacht anbot. Jetzt gab selbst Epikydes, der in der Stadt befehligte, dieselbe verloren und entrann nach Akragas. Gern haette Syrakus sich den Roemern ergeben; die Verhandlungen hatten schon begonnen. Allein zum zweitenmal scheiterten sie an den Ueberlaeufern; in einer abermaligen Meuterei der Soldaten wurden die Vorsteher der Buergerschaft und eine Anzahl angesehener Buerger erschlagen und das Regiment und die Verteidigung der Stadt von den fremden Truppen ihren Hauptleuten uebertragen. Nun knuepfte Marcellus mit einem von diesen eine Unterhandlung an, die ihm den einen der beiden noch freien Stadtteile, die Insel, in die Haende lieferte; worauf die Buergerschaft ihm freiwillig auch die Tore von Achradina auftat (Herbst 542 212). Wenn irgendwo, haette gegen diese Stadt, die offenbar nicht in ihrer eigenen Gewalt gewesen war und mehrfach die ernstlichsten Versuche gemacht hatte, sich der Tyrannei des fremden Militaers zu entziehen, selbst nach den nicht loeblichen Grundsaetzen des roemischen Staatsrechts ueber die Behandlung bundbruechiger Gemeinden die Gnade walten koennen. Allein nicht bloss beflecke Marcellus seine Kriegerehre durch die Gestattung einer allgemeinen Pluenderung der reichen Kaufstadt, bei der mit zahlreichen anderen Buergern auch Archimedes den Tod fand, sondern es hatte auch der roemische Senat kein Ohr fuer die verspaeteten Beschwerden der Syrakusaner ueber den gefeierten Feldherrn und gab weder den einzelnen die Beute zurueck noch der Stadt ihre Freiheit. Syrakus und die frueher von ihm abhaengigen Staedte traten unter die den Roemern steuerpflichtigen Gemeinden ein - nur Tauromenion und Neeton erhielten das Recht von Messana, waehrend die leontinische Mark roemische Domaene und die bisherigen Eigentuemer roemische Paechter wurden -, und in dem den Hafen beherrschenden Stadtteil, der “Insel”, durfte fortan kein syrakusanischer Buerger wohnen.

Sizilien schien also fuer die Karthager verloren; allein Hannibals Genie war auch hier aus der Ferne taetig. Er sandte zu dem karthagischen Heer, das unter Hanno und Epikydes rat- und tatlos bei Akragas stand, einen libyschen Reiteroffizier, den Muttines, der den Befehl der numidischen Reiterei uebernahm und mit seinen fluechtigen Scharen den bitteren Hass, den die roemische Zwingherrschaft auf der ganzen Insel gesaet hatte, zu offener Flamme anfachend, einen Guerillakrieg in der weitesten Ausdehnung und mit dem gluecklichsten Erfolg begann, ja sogar, als am Himerafluss die karthagische und roemische Armee aufeinandertrafen, gegen Marcellus selbst mit Glueck einige Gefechte bestand. Indes das Verhaeltnis, das zwischen Hannibal und dem karthagischen Rat obwaltete, wiederholte hier sich im kleinen. Der vom Rat bestellte Feldherr verfolgte mit eifersuechtigem Neid den von Hannibal gesandten Offizier und bestand darauf, dem Prokonsul eine Schlacht zu liefern ohne Muttines und die Numidier. Hannos Wille geschah und er ward vollstaendig geschlagen. Muttines liess sich dadurch nicht irren; er behauptete sich im Innern des Landes, besetzte mehrere kleine Staedte und konnte, da von Karthago nicht unbetraechtliche Verstaerkungen ihm zukamen, seine Operationen allmaehlich ausdehnen. Seine Erfolge waren so glaenzend, dass endlich der Oberfeldherr, da er den Reiteroffizier nicht anders hindern konnte, ihn zu verdunkeln, demselben kurzweg das Kommando ueber die leichte Reiterei abnahm und es seinem Sohn uebertrug. Der Numidier, der nun seit zwei Jahren seinen phoenikischen Herren die Insel erhalten hatte, fand hiermit das Mass seiner Geduld erschoepft; er und seine Reiter, die dem juengeren Hanno zu folgen sich weigerten, traten in Unterhandlungen mit dem roemischen Feldherrn Marcus Valerius Laevinus und lieferten ihm Akragas aus. Hanno entwich in einem Nachen und ging nach Karthago, um den schaendlichen Vaterlandsverrat des hannibalischen Offiziers den Seinen zu berichten; die phoenikische Besatzung in der Stadt ward von den Roemern niedergemacht und die Buergerschaft in die Sklaverei verkauft (544 210). Zur Sicherung der Insel vor aehnlichen Ueberfaellen, wie die Landung von 540 (214) gewesen war, erhielt die Stadt eine neue, aus den roemisch gesinnten Sizilianern ausgelesene Einwohnerschaft; die alte herrliche Akragas war gewesen. Nachdem also ganz Sizilien unterworfen war, ward roemischerseits dafuer gesorgt, dass einige Ruhe und Ordnung auf die zerruettete Insel zurueckkehrte. Man trieb das Raeubergesindel, das im Innern hauste, in Masse zusammen und schaffte es hinueber nach Italien, um von Rhegion aus in Hannibals Bundesgenossengebiet zu sengen und zu brennen; die Regierung tat ihr Moegliches, um den gaenzlich darniederliegenden Ackerbau wieder auf der Insel in Aufnahme zu bringen. Im karthagischen Rat war wohl noch oefter die Rede davon, eine Flotte nach Sizilien zu senden und den Krieg zu erneuern; allein es blieb bei Entwuerfen.

Entscheidender als Syrakus haette Makedonien in den Gang der Ereignisse eingreifen koennen. Von den oestlichen Maechten war fuer den Augenblick weder Foerderung noch Hinderung zu erwarten. Antiochos der Grosse, Philippos’ natuerlicher Bundesgenosse, hatte nach dem entscheidenden Siege der Aegypter bei Raphia 537 (217) sich gluecklich schaetzen muessen, von dem schlaffen Philopator Frieden auf Basis des Status quo ante zu erhalten; teils die Rivalitaet der Lagiden und der stets drohende Wiederausbruch des Krieges, teils Praetendentenaufstaende im Innern und Unternehmungen aller Art in Kleinasien, Baktrien und den oestlichen Satrapien hinderten ihn, jener grossen antiroemische Allianz sich anzuschliessen, wie Hannibal sie im Sinne trug. Der aegyptische Hof stand entschieden auf der Seite Roms, mit dem er das Buendnis 544 (210) erneuerte; allein es war von Ptolemaeos Philopator nicht zu erwarten, dass er Rom anders als durch Kornschiffe unterstuetzen werde. In den grossen italischen Kampf ein entscheidendes Gewicht zu werfen, waren somit Makedonien und Griechenland durch nichts gehindert als durch die eigene Zwietracht; sie konnten den hellenischen Namen retten, wenn sie es ueber sich gewannen, nur fuer wenige Jahre gegen den gemeinschaftlichen Feind zusammenzustehen. Wohl gingen solche Stimmungen durch Griechenland. Des Agelaos von Naupaktos prophetisches Wort, dass er fuerchte, es moege mit den Kampfspielen, die jetzt die Hellenen unter sich auffuehrten, demnaechst vorbei sein; seine ernste Mahnung, nach Westen die Blicke zu richten und nicht zuzulassen, dass eine staerkere Macht allen jetzt streitenden Parteien den Frieden des gleichen Joches bringe - diese Reden hatten wesentlich dazu beigetragen, den Frieden zwischen Philippos und den Aetolern herbeizufuehren (537 217), und fuer dessen Tendenz war es bezeichnend, dass der aetolische Bund sofort eben den Agelaos zu seinem Strategen ernannte. Der nationale Patriotismus regte sich in Griechenland wie in Karthago; einen Augenblick schien es moeglich, einen hellenischen Volkskrieg gegen Rom zu entfachen. Allein der Feldherr eines solchen Heerzuges konnte nur Philippos von Makedonien sein und ihm fehlte die Begeisterung und der Glaube an die Nation, womit ein solcher Krieg allein gefuehrt werden konnte. Er verstand die schwierige Aufgabe nicht, sich aus dem Unterdruecker in den Vorfechter Griechenlands umzuwandeln. Schon sein Zaudern bei dem Abschluss des Buendnisses mit Hannibal verdarb den ersten und besten Eifer der griechischen Patrioten; und als er dann in den Kampf gegen Rom eintrat, war die Art der Kriegfuehrung noch weniger geeignet, Sympathie und Zuversicht zu erwecken. Gleich der erste Versuch, der schon im Jahre der cannensischen Schlacht (538 216) gemacht ward, sich der Stadt Apollonia zu bemaechtigen, scheiterte in einer fast laecherlichen Weise, indem Philippos schleunigst umkehrte auf das gaenzlich unbegruendete Geruecht, dass eine roemische Flotte in das Adriatische Meer steuere. Dies geschah, noch ehe es zum foermlichen Bruch mit Rom kam; als dieser endlich erfolgt war, erwarteten Freund und Feind eine makedonische Landung in Unteritalien. Seit 539 (215) standen bei Brundisium eine roemische Flotte und ein roemisches Heer, um derselben zu begegnen; Philippos, der ohne Kriegsschiffe war, zimmerte an einer Flottille von leichten illyrischen Barken, um sein Heer hinueberzufuehren. Allein als es Ernst werden sollte, entsank ihm der Mut, den gefuerchteten Fuenfdeckern zur See zu begegnen; er brach das seinem Bundesgenossen Hannibal gegebene Versprechen, einen Landungsversuch zu machen, und um doch etwas zu tun, entschloss er sich, auf seinen Teil der Beute, die roemischen Besitzungen in Epeiros, einen Angriff zu machen (540 214). Im besten Falle waere dabei nichts herausgekommen; allein die Roemer, die wohl wussten, dass die offensive Deckung vorzueglicher ist als die defensive, begnuegten sich keineswegs, wie Philippos gehofft haben mochte, dem Angriff vom andern Ufer her zuzusehen. Die roemische Flotte fuehrte eine Heerabteilung von Brundisium nach Epeiros; Orikon ward dem Koenig wieder abgenommen, nach Apollonia Besatzung geworfen und das makedonische Lager erstuermt, worauf Philippos vom halben Tun zur voelligen Untaetigkeit ueberging und einige Jahre in tatenlosem Kriegszustand verstreichen liess, trotz aller Beschwerden Hannibals, der umsonst solcher Lahmheit und Kurzsichtigkeit sein Feuer und seine Klarheit einzuhauchen versuchte. Auch war es nicht Philippos, der dann die Feindseligkeiten erneuerte. Der Fall von Tarent (542 212), womit Hannibal einen vortrefflichen Hafen an denjenigen Kuesten gewann, die zunaechst sich zur Landung eines makedonischen Heeres eigneten, veranlasste die Roemer, den Schlag von weitem zu parieren und den Makedoniern daheim so viel zu schaffen zu machen, dass sie an einen Versuch auf Italien nicht denken konnten. In Griechenland war der nationale Aufschwung natuerlich laengst verraucht. Mit Hilfe der alten Opposition gegen Makedonien und der neuen Unvorsichtigkeiten und Ungerechtigkeiten, die Philippos sich hatte zu Schulden kommen lassen, fiel es dem roemischen Admiral Laevinus nicht schwer, gegen Makedonien eine Koalition der Mittel- und Kleinmaechte unter roemischem Schutz zustande zu bringen. An der Spitze derselben standen die Aetoler, auf deren Landtag Laevinus selber erschienen war und sie durch Zusicherung des seit langem von ihnen begehrten akarnanischen Gebiets gewonnen hatte. Sie schlossen mit Rom den ehrbaren Vertrag die uebrigen Hellenen auf gemeinschaftliche Rechnung an Land und Leuten zu pluendern, so dass das Land den Aetolern, die Leute und die fahrende Habe den Roemern gehoeren sollten. Ihnen schlossen sich im eigentlichen Griechenland die antimakedonisch oder vielmehr zunaechst antiachaeisch gesinnten Staaten an: in Attika Athen, im Peloponnes Elis und Messene, besonders aber Sparta, dessen altersschwache Verfassung eben um diese Zeit ein dreister Soldat Machanidas ueber den Haufen geworfen hatte, um unter dem Namen des unmuendigen Koenigs Pelops selbst despotisch zu regieren und ein auf gedungene Soeldnerscharen gestuetztes Abenteurerregiment zu begruenden. Es traten ferner hinzu die ewigen Gegner Makedoniens, die Haeuptlinge der halb wilden thrakischen und illyrischen Staemme und endlich Koenig Attalos von Pergamon, der in dem Ruin der beiden griechischen Grossstaaten, die ihn einschlossen, den eigenen Vorteil mit Einsicht und Energie verfolgte und scharfsichtig genug war, sich der roemischen Klientel schon jetzt anzuschliessen, wo seine Teilnahme noch etwas wert war. Es ist weder erfreulich noch erforderlich, den Wechselfaellen dieses ziellosen Kampfes zu folgen. Philippos, obwohl er jedem einzelnen seiner Gegner ueberlegen war und nach allen Seiten hin die Angriffe mit Energie und persoenlicher Tapferkeit zurueckwies, rieb sich dennoch auf in dieser heillosen Defensive. Bald galt es, sich gegen die Aetoler zu wenden, die in Gemeinschaft mit der roemischen Flotte die ungluecklichen Akarnanen vernichteten und Lokris und Thessalien bedrohten; bald rief ihn ein Einfall der Barbaren in die noerdlichen Landschaften; bald sandten die Achaeer um Hilfe gegen die aetolischen und spartanischen Raubzuege; bald bedrohten Koenig Attalos von Pergamon und der roemische Admiral Publius Sulpicius mit ihren vereinigten Flotten die oestliche Kueste oder setzten Truppen ans Land in Euboea. Der Mangel einer Kriegsflotte laehmte Philippos in allen seinen Bewegungen; es kam so weit, dass er von seinem Bundesgenossen Prusias in Bithymen, ja von Hannibal Kriegsschiffe erbat. Erst gegen das Ende des Krieges entschloss er sich zu dem, womit er haette anfangen muessen, hundert Kriegsschiffe bauen zu lassen; Gebrauch ist indes von denselben nicht mehr gemacht worden, wenn ueberhaupt der Befehl zur Ausfuehrung kam. Alle, die Griechenlands Lage begriffen und ein Herz dafuer hatten, beklagten den unseligen Krieg, in dem Griechenlands letzte Kraefte sich selbst zerfleischten und der Wohlstand des Landes zugrunde ging; wiederholt hatten die Handelsstaaten Rhodos, Chios, Mytilene, Byzanz, Athen, ja selbst Aegypten versucht zu vermitteln. In der Tat lag es beiden Parteien nahe genug, sich zu vertragen. Wie die Makedonier hatten auch die Aetoler, auf die es von den roemischen Bundesgenossen hauptsaechlich ankam, viel unter dem Krieg zu leiden; besonders seit der kleine Koenig der Athamanen von Philippos gewonnen worden und dadurch das innere Aetolien den makedonischen Einfaellen geoeffnet war. Auch von ihnen gingen allmaehlich manchem die Augen auf ueber die ehrlose und verderbliche Rolle, zu der sie das roemische Buendnis verurteilte; es ging ein Schrei der Empoerung durch die ganze griechische Nation, als die Aetoler in Gemeinschaft mit den Roemern hellenische Buergerschaften, wie die von Antikyra, Oreos, Dyme, Aegina, in Masse in die Sklaverei verkauften. Allein die Aetoler waren schon nicht mehr frei: sie wagten viel, wenn sie auf eigene Hand mit Philippos Frieden schlossen, und fanden die Roemer keineswegs geneigt, zumal bei der guenstigen Wendung der Dinge in Spanien und in Italien, von einem Kriege abzustehen, den sie ihrerseits bloss mit einigen Schiffen fuehrten und dessen Last und Nachteil wesentlich auf die Aetoler fiel. Endlich entschlossen diese sich doch, den vermittelnden Staedten Gehoer zu geben; trotz der Gegenbestrebungen der Roemer kam im Winter 548/49 (206/05) ein Friede zwischen den griechischen Maechten zustande. Aetolien hatte einen uebermaechtigen Bundesgenossen in einen gefaehrlichen Feind verwandelt; indes es schien dem roemischen Senat, der eben damals die Kraefte des erschoepften Staates zu der entscheidenden afrikanischen Expedition aufbot, nicht der geeignete Augenblick, den Bruch des Buendnisses zu ahnden. Selbst den Krieg mit Philippos, den nach dem Ruecktritt der Aetoler die Roemer nicht ohne bedeutende eigene Anstrengungen haetten fuehren koennen, erschien es zweckmaessig, durch einen Frieden zu beendigen, durch den der Zustand vor dem Kriege im wesentlichen wiederhergestellt ward und namentlich Rom mit Ausnahme des wertlosen atintanischen Gebiets seine saemtlichen Besitzungen an der epeirotischen Kueste behielt. Unter den Umstaenden musste Philippos sich noch gluecklich schaetzen, solche Bedingungen zu erhalten; allein es war damit ausgesprochen, was sich freilich nicht laenger verbergen liess, dass all das unsaegliche Elend, welches die zehn Jahre eines mit widerwaertiger Unmenschlichkeit gefuehrten Krieges ueber Griechenland gebracht hatten, nutzlos erduldet, und dass die grossartige und richtige Kombination, die Hannibal entworfen und ganz Griechenland einen Augenblick geteilt hatte, unwiederbringlich gescheitert war.

In Spanien, wo der Geist Hamilkars und Hannibals maechtig war, war der Kampf ernster. Er bewegt sich in seltsamen Wechselfaellen, wie die eigentuemliche Beschaffenheit des Landes und die Sitte des Volkes sie mit sich bringen. Die Bauern und Hirten, die in dem schoenen Ebrotal und dem ueppig fruchtbaren Andalusien wie in dem rauhen von zahlreichen Waldgebirgen durchschnittenen Hochland zwischen jenem und diesem wohnten, waren ebenso leicht als bewaffneter Landsturm zusammenzutreiben wie schwer gegen den Feind zu fuehren und ueberhaupt nur zusammenzuhalten. Die Staedte waren ebensowenig zu festem und gemeinschaftlichem Handeln zu vereinigen, so hartnaeckig jede einzelne Buergerschaft hinter ihren Waellen dem Draenger Trotz bot. Sie alle scheinen zwischen den Roemern und den Karthagern wenig Unterschied gemacht zu haben; ob die laestigen Gaeste, die sich im Ebrotal, oder die, welche am Guadalquivir sich festgesetzt hatten, ein groesseres oder kleineres Stueck der Halbinsel besassen, mag den Eingeborenen ziemlich gleichgueltig gewesen sein, weshalb von der eigentuemlich spanischen Zaehigkeit im Parteinehmen mit einzelnen Ausnahmen, wie Sagunt auf roemischer, Astapa auf karthagischer Seite, in diesem Krieg wenig hervortritt. Dennoch ward der Krieg von beiden Seiten, da weder die Roemer noch die Afrikaner hinreichende eigene Mannschaft mit sich gefuehrt hatten, notwendig zum Propagandakrieg, in dem selten festgegruendete Anhaenglichkeit, gewoehnlich Furcht, Geld oder Zufall entschied, und der, wenn er zu Ende schien, sich in einen endlosen Festungs- und Guerillakrieg aufloeste, um bald aus der Asche wieder aufzulodern. Die Armeen erscheinen und verschwinden wie die Duenen am Strand; wo gestern ein Berg stand, findet man heute seine Spur nicht mehr. Im allgemeinen ist das Uebergewicht auf Seiten der Roemer, teils weil sie in Spanien zunaechst wohl auftraten als Befreier des Landes von der phoenikischen Zwingherrschaft, teils durch die glueckliche Wahl ihrer Fuehrer und durch den staerkeren Kern mitgebrachter zuverlaessiger Truppen; doch ist es bei unserer sehr unvollkommenen und namentlich in der Zeitrechnung tiefzerruetteten Ueberlieferung nicht wohl moeglich, von einem also gefuehrten Kriege eine befriedigende Darstellung zu geben.

Die beiden Statthalter der Roemer auf der Halbinsel, Gnaeus und Publius Scipio, beide, namentlich Gnaeus, gute Generale und vortreffliche Verwalter, vollzogen ihre Aufgabe mit dem glaenzendsten Erfolg. Nicht bloss war der Riegel der Pyrenaeen durchstehend behauptet und der Versuch, die gesprengte Landverbindung zwischen dem feindlichen Oberfeldherrn und seinem Hauptquartier wiederherzustellen, blutig zurueckgewiesen worden, nicht bloss in Tarraco durch umfassende Festungswerke und Hafenanlagen nach dem Muster des spanischen Neukarthago ein spanisches Neurom erschaffen, sondern es hatten auch die roemischen Heere schon 539 (215) in Andalusien mit Glueck gefochten. Der Zug dorthin ward das Jahr darauf (540 214) mit noch groesserem Erfolg wiederholt; die Roemer trugen ihre Waffen fast bis zu den Saeulen des Herakles, breiteten ihre Klientel im suedlichen Spanien aus und sicherten endlich durch die Wiedergewinnung und Wiederherstellung von Sagunt sich eine wichtige Station auf der Linie vom Ebro nach Cartagena, indem sie zugleich eine alte Schuld der Nation soweit moeglich bezahlten. Waehrend die Scipionen so die Karthager aus Spanien fast verdraengten, wussten sie ihnen im westlichen Afrika selbst einen gefaehrlichen Feind zu erwecken an dem maechtigen westafrikanischen Fuersten Syphax in den heutigen Provinzen Oran und Algier, welcher mit den Roemern in Verbindung trat (um 541 213). Waere es moeglich gewesen, ein roemisches Heer ihm zuzufuehren, so haette man auf grosse Erfolge hoffen duerfen; allein in Italien konnte man eben damals keinen Mann entbehren und das spanische Heer war zu schwach, um sich zu teilen. Indes schon Syphax’ eigene Truppen, geschult und gefuehrt von roemischen Offizieren, erregten unter den libyschen Untertanen Karthagos so ernstliche Gaerung, dass der stellvertretende Oberkommandant von Spanien und Afrika, Hasdrubal Barkas, selbst mit dem Kern der spanischen Truppen nach Afrika ging. Vermutlich durch ihn trat dort eine Wendung ein; der Koenig Gala in der heutigen Provinz Constantine, seit langem der Rival des Syphax, erklaerte sich fuer Karthago, und sein tapferer Sohn Massinissa schlug den Syphax und noetigte ihn zum Frieden. Ueberliefert ist uebrigens von diesem libyschen Krieg wenig mehr als die Erzaehlung der grausamen Rache, die Karthago, wie es pflegte, nach Massinissas Siege an den Aufstaendischen nahm.

Diese Wendung der Dinge in Afrika ward auch folgenreich fuer den spanischen Krieg. Hasdrubal konnte abermals nach Spanien sich wenden (543 211), wohin bald betraechtliche Verstaerkungen und Massinissa selbst ihm folgten. Die Scipionen, die waehrend der Abwesenheit des feindlichen Oberfeldherrn (541 542 213 212) im karthagischen Gebiet Beute und Propaganda zu machen fortgefahren hatten, sahen sich unerwartet von so ueberlegenen Streitkraeften angegriffen, dass sie entweder hinter den Ebro zurueckweichen oder die Spanier aufbieten mussten. Sie waehlten das letztere und nahmen 20000 Keltiberer in Sold, worauf sie dann, um den drei feindlichen Armeen unter Hasdrubal Barkas, Hasdrubal Gisgons Sohn, und Mago besser zu begegnen, ihr Heer teilten und nicht einmal ihre roemischen Truppen zusammenhielten. Damit bereiteten sie sich den Untergang. Waehrend Gnaeus mit seinem Korps, einem Drittel der roemischen und den saemtlichen spanischen Truppen, Hasdrubal Barkas gegenueber lagerte, bestimmte dieser ohne Muehe durch eine Summe Geldes die Spanier im roemischen Heere zum Abzuge, was ihnen nach ihrer Landsknechtmoral vielleicht nicht einmal als Treubruch erschien, da sie ja nicht zu den Feinden ihres Soldherrn ueberliefen. Dem roemischen Feldherrn blieb nichts uebrig, als in moeglichster Eile seinen Rueckzug zu beginnen, wobei der Feind ihm auf dem Fusse folgte. Mittlerweile sah sich das zweite roemische Korps unter Publius von den beiden anderen phoenikischen Armeen unter Hasdrubal Gisgons Sohn und Mago lebhaft angegriffen, und Massinissas kecke Reiterscharen setzten die Karthager in entschiedenen Vorteil. Schon war das roemische Lager fast eingeschlossen; wenn noch die bereits im Anzuge begriffenen spanischen Hilfstruppen eintrafen, waren die Roemer vollstaendig umzingelt. Der kuehne Entschluss des Prokonsuls, mit seinen besten Truppen den Spaniern entgegenzugehen, bevor deren Erscheinen die Luecke in der Blockade fuellte, endigte nicht gluecklich. Die Roemer waren wohl anfangs im Vorteil; allein die numidischen Reiter, die den Ausfallenden rasch waren nachgesandt worden, erreichten sie bald und hemmten sowohl die Verfolgung des halb schon erfochtenen Sieges, als auch den Rueckmarsch, bis dass die phoenikische Infanterie herankam und endlich der Fall des Feldherrn die verlorene Schlacht in eine Niederlage verwandelte. Nachdem Publius also erlegen war, fand Gnaeus, der langsam zurueckweichend sich des einen karthagischen Heeres muehsam erwehrt hatte, ploetzlich von dreien zugleich sich angefallen und durch die numidische Reiterei jeden Rueckzug sich abgeschnitten. Auf einen nackten Huegel gedraengt, der nicht einmal die Moeglichkeit bot, ein Lager zu schlagen, wurde das ganze Korps niedergehauen oder kriegsgefangen; von dem Feldherrn selbst ward nie wieder sichere Kunde vernommen. Eine kleine Abteilung allein rettete ein trefflicher Offizier aus Gnaeus’ Schule, Gaius Marcius, hinueber auf das andere Ufer des Ebro und ebendahin gelang es dem Legaten Titus Fonteius, den von dem Korps des Publius im Lager gebliebenen Teil in Sicherheit zu bringen; sogar die meisten im suedlichen Spanien zerstreuten roemischen Besatzungen vermochten sich dorthin zu fluechten. Bis zum Ebro herrschten die Phoeniker in ganz Spanien ungestoert und der Augenblick schien nicht fern, wo der Fluss ueberschritten, die Pyrenaeen frei und die Verbindung mit Italien hergestellt sein wuerde. Da fuehrte die Not im roemischen Lager den rechten Mann an die Spitze. Die Wahl der Soldaten berief mit Umgehung aelterer, nicht untuechtiger Offiziere zum Fuehrer des Heeres jenen Gaius Marcius, und seine gewandte Leitung und vielleicht ebenso sehr der Neid und Hader unter den drei karthagischen Feldherren entrissen diesen die weiteren Fruechte des wichtigen Sieges. Was von den Karthagern den Fluss ueberschritten, wurde zurueckgeworfen und zunaechst die Ebrolinie behauptet, bis Rom Zeit gewann, ein neues Heer und einen neuen Feldherrn zu senden. Zum Glueck gestattete dies die Wendung des Krieges in Italien, wo soeben Capua gefallen war; es kam eine starke Legion - 12000 Mann - unter dem Propraetor Gaius Claudius Nero, die das Gleichgewicht der Waffen wieder herstellte. Eine Expedition nach Andalusien im folgenden Jahr (544 210) hatte den besten Erfolg; Hasdrubal Barkas ward umstellt und eingeschlossen und entrann der Kapitulation nur durch unfeine List und offenen Wortbruch. Allein Nero war der rechte Feldherr nicht fuer den Spanischen Krieg. Er war ein tuechtiger Offizier, aber ein harter auffahrender unpopulaerer Mann, wenig geschickt, die alten Verbindungen wieder anzuknuepfen und neue einzuleiten und Vorteil zu ziehen aus der Unbill und dem Uebermut, womit die Punier nach dem Tode der Scipionen Freund und Feind im Jenseitigen Spanien behandelt und alle gegen sich erbittert hatten. Der Senat, der die Bedeutung und die Eigentuemlichkeit des Spanischen Krieges richtig beurteilte und durch die von der roemischen Flotte gefangen eingebrachten Uticenser von den grossen Anstrengungen erfahren hatte, die man in Karthago machte, um Hasdrubal und Massinissa mit einem starken Heer ueber die Pyrenaeen zu senden, beschloss, nach Spanien neue Verstaerkungen zu schicken und einen ausserordentlichen Feldherrn hoeheren Ranges, dessen Ernennung man dem Volke anheimzugeben fuer gut fand. Lange Zeit - so lautet der Bericht - meldete sich niemand zur Uebernahme des verwickelten und gefaehrlichen Geschaefts, bis endlich ein junger siebenundzwanzigjaehriger Offizier, Publius Scipio, der Sohn des in Spanien gefallenen gleichnamigen Generals, gewesener Kriegstribun und Aedil, als Bewerber auftrat. Es ist ebenso unglaublich, dass der roemische Senat in diesen von ihm veranlassten Komitien eine Wahl von solchem Belang dem Zufall anheimgestellt haben sollte, als dass Ehrgeiz und Vaterlandsliebe in Rom so ausgestorben gewesen, dass fuer den wichtigen Posten kein versuchter Offizier sich angeboten haette. Wenn dagegen die Blicke des Senats sich wandten auf den jungen talentvollen und erprobten Offizier, der in den heissen Tagen am Ticinus und bei Cannae sich glaenzend ausgezeichnet hatte, dem aber noch der erforderliche Rang abging, um als Nachfolger von gewesenen Praetoren und Konsuln aufzutreten, so war es sehr natuerlich, diesen Weg einzuschlagen, der das Volk auf gute Art noetigte, den einzigen Bewerber trotz seiner mangelnden Qualifikation zuzulassen und zugleich ihn und die ohne Zweifel sehr unpopulaere spanische Expedition bei der Menge beliebt machen musste. War der Effekt dieser angeblich improvisierten Kandidatur berechnet, so gelang er vollstaendig. Der Sohn, der den Tod des Vaters zu raechen ging, dem er neun Jahre zuvor am Ticinus das Leben gerettet hatte, der maennlich schoene junge Mann mit den langen Locken, der bescheiden erroetend in Ermangelung eines Besseren sich darbot fuer den Posten der Gefahr, der einfache Kriegstribun, den nun auf einmal die Stimmen der Zenturien zu der hoechsten Amtstaffel erhoben - das alles machte auf die roemischen Buerger und Bauern einen wunderbaren und unausloeschlichen Eindruck. Und in der Tat, Publius Scipio war eine begeisterte und begeisternde Natur. Er ist keiner jener wenigen, die mit ihrem eisernen Willen die Welt auf Jahrhunderte hinaus durch Menschenkraft in neue Gleise zwingen; oder die doch auf Jahre dem Schicksal in die Zuegel fallen, bis die Raeder ueber sie hinrollen. Publius Scipio hat im Auftrag des Senats Schlachten gewonnen und Laender eroberter hat mit Hilfe seiner militaerischen Lorbeeren auch als Staatsmann in Rom eine hervorragende Stellung eingenommen; aber es ist weit von da bis zu Alexander und Caesar. Als Offizier ist er seinem Vaterlande wenigstens nicht mehr gewesen als Marcus Marcellus, und politisch hat er, wenn auch vielleicht ohne seiner unpatriotischen und persoenlichen Politik sich deutlich bewusst zu sein, seinem Lande mindestens ebensoviel geschadet, als er ihm durch seine Feldherrngaben genutzt hat. Dennoch ruht ein besonderer Zauber auf dieser anmutigen Heldengestalt; von der heiteren und sicheren Begeisterung, die Scipio halb glaeubig halb geschickt vor sich hertrug, ist sie durchaus wie von einer blendenden Aureole umflossen. Mit gerade genug Schwaermerei, um die Herzen zu erwaermen, und genug Berechnung, um das Verstaendige ueberall entscheiden und das Gemeine nicht aus dem Ansatz wegzulassen; nicht naiv genug, um den Glauben der Menge an seine goettlichen Inspirationen zu teilen, noch schlicht genug, ihn zu beseitigen, und doch im stillen innig ueberzeugt, ein Mann vom Gottes besonderen Gnaden zu sein - mit einem Wort eine echte Prophetennatur; ueber dem Volke stehend und nicht minder ausser dem Volke; ein Mann felsenfesten Worts und koeniglichen Sinns, der durch Annahme des gemeinen Koenigtitels sich zu erniedrigen meinte, aber ebensowenig begreifen konnte, dass die Verfassung der Republik auch ihn band; seiner Groesse so sicher, dass er nichts wusste von Neid und Hass und fremdes Verdienst leutselig anerkannte, fremde Fehler mitleidig verzieh; ein vorzueglicher Offizier und feingebildeter Diplomat, ohne das abstossende Sondergepraege dieses oder jenes Berufs, hellenische Bildung einigend mit dem vollsten roemischen Nationalgefuehl, redegewandt und anmutiger Sitte, gewann Publius Scipio die Herzen der Soldaten und der Frauen, seiner Landsleute und der Spanier, seiner Nebenbuhler im Senat und seines groesseren karthagischen Gegners. Bald war sein Name auf allen Lippen und er der Stern, der seinem Lande Sieg und Frieden zu bringen bestimmt schien.

Publius Scipio ging nach Spanien 544/45 (210/09) ab, begleitet von dem Propraetor Marcus Silanus, der an Neros Stelle treten und dem jungen Oberfeldherrn als Beistand und Rat dienen sollte, und von seinem Flottenfuehrer und Vertrauten Gaius Laelius, ausgeruestet abermals mit einer ueberzaehlig starken Legion und einer wohlgefuellten Kasse. Gleich sein erstes Auftreten bezeichnet einer der kuehnsten und gluecklichsten Handstreiche, die die Geschichte kennt. Die drei karthagischen Heerfuehrer standen Hasdrubal Barkas an den Quellen, Hasdrubal Gisgons Sohn an der Muendung des Tajo, Mago an den Saeulen des Herakles; der naechste von ihnen um zehn Tagemaersche entfernt von der phoenikischen Hauptstadt Neukarthago. Ploetzlich im Fruehjahr 545 (209), ehe noch die feindlichen Heere sich in Bewegung setzten, brach Scipio gegen diese Stadt, die er von der Ebromuendung aus in wenigen Tagen auf dem Kuestenweg erreichen konnte, mit seiner ganzen Armee von ungefaehr 30000 Mann und der Flotte auf und ueberraschte die nicht ueber 1000 Mann starke phoenikische Besatzung mit einem kombinierten Angriff zu Wasser und zu Lande. Die Stadt, auf einer in den Hafen hinein vorspringenden Landspitze gelegen, sah sich zugleich auf drei Seiten von der roemischen Flotte, auf der vierten von den Legionen bedroht und jede Hilfe war weit entfernt; aber der Kommandant Mago wehrte sich mit Entschlossenheit und bewaffnete die Buergerschaft, da die Soldaten nicht ausreichten, um die Mauern zu besetzen. Es ward ein Ausfall versucht, welchen indes die Roemer ohne Muehe zurueckschlugen und ihrerseits, ohne zu der Eroeffnung einer regelmaessigen Belagerung sich die Zeit zu nehmen, den Sturm auf der Landseite begannen. Heftig draengten die Stuermenden auf dem schmalen Landweg gegen die Stadt; immer neue Kolonnen loesten die ermuedeten ab; die schwache Besatzung war aufs aeusserste erschoepft, aber einen Erfolg hatten die Roemer nicht gewonnen. Scipio hatte auch keinen erwartet; der Sturm hatte bloss den Zweck, die Besatzung von der Hafenseite wegzuziehen, wo er, unterrichtet davon, dass ein Teil des Hafens zur Ebbezeit trocken liege, einen zweiten Angriff beabsichtigte. Waehrend an der Landseite der Sturm tobte, sandte Scipio eine Abteilung mit Leitern ueber das Watt, “wo Neptun ihnen selbst den Weg zeige”, und sie hatte in der Tat das Glueck, die Mauern hier unverteidigt zu finden. So war am ersten Tage die Stadt gewonnen, worauf Mago in der Burg kapitulierte. Mit der karthagischen Hauptstadt fielen achtzehn abgetakelte Kriegs- und 63 Lastschiffe, das gesamte Kriegsmaterial, bedeutende Getreidevorraete, die Kriegskasse von 600 Talenten (ueber 1 Million Taler), zehntausend Gefangene, darunter achtzehn karthagische Gerusiasten oder Richter, und die Geiseln der saemtlichen spanischen Bundesgenossen Karthagos in die Gewalt der Roemer. Scipio verhiess den Geiseln die Erlaubnis zur Heimkehr, sowie die Gemeinde eines jeden mit Rom in Buendnis getreten sein wuerde, und nutzte die Hilfsmittel, die die Stadt ihm darbot, sein Heer zu verstaerken und in besseren Stand zu bringen, indem er die neukarthagischen Handwerker, zweitausend an der Zahl, fuer das roemische Heer arbeiten hiess gegen das Versprechen der Freiheit bei der Beendigung des Krieges, und aus der uebrigen Menge die faehigen Leute zum Ruderdienst auf den Schiffen auslas. Die Stadtbuerger aber wurden geschont und ihnen die Freiheit und die bisherige Stellung gelassen; Scipio kannte die Phoeniker und wusste, dass sie gehorchen wuerden, und es war wichtig, die Stadt mit dem einzigen vortrefflichen Hafen an der Ostkueste und den reichen Silberbergwerken nicht bloss durch eine Besatzung zu sichern.

So war die verwegene Unternehmung gelungen, verwegen deshalb, weil es Scipio nicht unbekannt war, dass Hasdrubal Barkas von seiner Regierung den Befehl erhalten hatte, nach Gallien vorzudringen, und diesen auszufuehren beschaeftigt war, und weil die schwache, am Ebro zurueckgelassene Abteilung unmoeglich imstande war, ihm dies ernstlich zu wehren, wenn Scipios Rueckkehr sich auch nur verzoegerte. Indes er war zurueck in Tarraco, ehe Hasdrubal sich am Ebro gezeigt hatte; das gefaehrliche Spiel, das der junge Feldherr spielte, als er seine naechste Aufgabe im Stich liess, um einen lockenden Streich auszufuehren, ward verdeckt durch den fabelhaften Erfolg, den Neptunus und Scipio gemeinschaftlich gewonnen hatten. Die wunderhafte Einnahme der phoenikischen Hauptstadt rechtfertigte so ueber die Massen alles, was man daheim von dem wunderbaren Juengling sich versprochen hatte, dass jedes andere Urteil verstummen musste. Scipios Kommando wurde auf unbestimmte Zeit verlaengert; er selber beschloss, sich nicht mehr auf die duerftige Aufgabe zu beschraenken, der Hueter der Pyrenaeenpaesse zu sein. Schon hatten infolge des Falles von Neukarthago nicht bloss die diesseitigen Spanier sich voellig unterworfen, sondern auch jenseits des Ebro die maechtigsten Fuersten die karthagische Klientel mit der roemischen vertauscht. Scipio nutzte den Winter 545/46 (209/08) dazu, seine Flotte aufzuloesen und mit den dadurch gewonnenen Leuten sein Landheer so zu vermehren, dass er zugleich den Norden bewachen und im Sueden die Offensive nachdruecklicher als bisher ergreifen koenne, und marschierte im Jahre 546 (208) nach Andalusien. Hier traf er auf Hasdrubal Barkas, der in Ausfuehrung des lange gehegten Planes, dem Bruder zu Hilfe zu kommen, nordwaerts zog. Bei Baecula kam es zur Schlacht, in der sich die Roemer den Sieg zuschrieben und 10000 Gefangene gemacht haben sollen; aber Hasdrubal erreichte, wenn auch mit Aufopferung eines Teils seiner Armee, im wesentlichen seinen Zweck. Mit seiner Kasse, seinen Elefanten und dem besten Teil seiner Truppen schlug er sich durch an die spanische Nordkueste, erreichte am Ozean hinziehend die westlichen, wie es scheint, nicht besetzten Pyrenaeenpaesse und stand noch vor dem Eintritt der schlechten Jahreszeit in Gallien, wo er Winterquartier nahm. Es zeigte sich, dass Scipios Entschluss, mit der ihm aufgetragenen Defensive die Offensive zu verbinden, unueberlegt und unweise gewesen war; der naechsten Aufgabe des spanischen Heeres, die nicht bloss Scipios Vater und Oheim, sondern selbst Gaius Marcius und Gaius Nero mit viel geringeren Mitteln geloest hatten, hatte der siegreiche Feldherr an der Spitze einer starken Armee in seinem Uebermut nicht genuegt, und wesentlich er verschuldete die aeusserst gefaehrliche Lage Roms im Sommer 547 (207), als Hannibals Plan eines kombinierten Angriffs auf die Roemer endlich dennoch sich realisierte. Indes die Goetter deckten die Fehler ihres Lieblings mit Lorbeeren zu. In Italien ging die Gefahr gluecklich vorueber; man liess sich das Bulletin des zweideutigen Sieges von Baecula gefallen und gedachte, als neue Siegesberichte aus Spanien einliefen, nicht weiter des Umstandes, dass man den faehigsten Feldherrn und den Kern der spanisch-phoenikischen Armee in Italien zu bekaempfen gehabt hatte.

Nach Hasdrubal Barkas’ Entfernung beschlossen die beiden in Spanien zurueckbleibenden Feldherren, vorlaeufig zurueckzuweichen, Hasdrubal Gisgons Sohn nach Lusitanien, Mago gar auf die Balearen, und bis neue Verstaerkungen aus Afrika anlangten, nur Massinissas leichte Reiterei in Spanien streifen zu lassen, aehnlich wie es Muttines in Sizilien mit so grossem Erfolge getan. So geriet die ganze Ostkueste in die Gewalt der Roemer. Im folgenden Jahre (547 207) erschien wirklich aus Afrika Hanno mit einem dritten Heere, worauf auch Mago und Hasdrubal sich wieder nach Andalusien wandten. Allein Marcus Silanus schlug Magos und Hannos vereinigte Heere und nahm den letzteren selbst gefangen. Hasdrubal gab darauf die Behauptung des offenen Feldes auf und verteilte seine Truppen in die andalusischen Staedte, von denen Scipio in diesem Jahr nur noch eine, Oringis, erstuermen konnte. Die Phoeniker schienen ueberwaeltigt; aber dennoch vermochten sie das Jahr darauf (548 206) wieder ein gewaltiges Heer ins Feld zu senden, 32 Elefanten, 4000 Mann zu Pferde, 70000 zu Fuss, freilich zum allergroessten Teil zusammengeraffte spanische Landwehr. Wieder bei Baecula kam es zur Schlacht. Das roemische Heer zaehlte wenig mehr als die Haelfte des feindlichen und auch von ihm war ein guter Teil Spanier. Scipio stellte, wie Wellington in gleichem Fall, seine Spanier so auf, dass sie nicht zum Schlagen kamen - die einzige Moeglichkeit, ihr Ausreissen zu verhindern -, waehrend er umgekehrt seine roemischen Truppen zuerst auf die Spanier warf. Der Tag war dennoch hart bestritten; doch siegten endlich die Roemer, und wie sich von selbst versteht, war die Niederlage eines solchen Heeres gleichbedeutend mit der voelligen Aufloesung desselben - einzeln retteten sich Hasdrubal und Mago nach Gades. Die Roemer standen jetzt ohne Nebenbuhler auf der Halbinsel; die wenigen nicht gutwillig sich fuegenden Staedte wurden einzeln bezwungen und zum Teil mit grausamer Haerte bestraft. Scipio konnte sogar auf der afrikanischen Kueste dem Syphax einen Besuch abstatten und mit ihm, ja selbst mit Massinissa fuer den Fall einer Expedition nach Afrika Verbindungen einleiten - ein tollkuehnes Wagstueck, das durch keinen entsprechenden Zweck gerechtfertigt ward, so sehr auch der Bericht davon den neugierigen Hauptstaedtern daheim behagen mochte. Nur Gades, wo Mago den Befehl fuehrte, war noch phoenikisch. Einen Augenblick schien es, als ob, nachdem die Roemer die karthagische Erbschaft angetreten und die hier und da in Spanien genaehrte Hoffnung nach Beendigung des phoenikischen Regiments auch der roemischen Gaeste loszuwerden und die alte Freiheit wieder zu erlangen, hinreichend widerlegt hatten, in Spanien eine allgemeine Insurrektion gegen die Roemer ausbrechen wuerde, bei welcher die bisherigen Verbuendeten Roms vorangingen. Die Erkrankung des roemischen Feldherrn und die Meuterei eines seiner Korps, veranlasst durch den seit vielen Jahren rueckstaendigen Sold, beguenstigten den Aufstand. Indes Scipio genas schneller als man gemeint hatte und daempfte mit Gewandtheit den Soldatentumult; worauf auch die Gemeinden, die bei der Nationalerhebung vorangegangen waren, alsbald niedergeworfen wurden, ehe die Insurrektion Boden gewann. Da es also auch damit nichts und Gades doch auf die Laenge nicht zu halten war, befahl die karthagische Regierung dem Mago zusammenzuraffen, was dort an Schiffen, Truppen und Geld sich vorfinde, und damit womoeglich dem Krieg in Italien eine andere Wendung zu geben. Scipio konnte dies nicht wehren - es raechte sich jetzt, dass er seine Flotte aufgeloest hatte - und musste zum zweitenmal die ihm anvertraute Beschirmung der Heimat gegen neue Invasion seinen Goettern anheimstellen. Unbehindert verliess der letzte von Hamilkars Soehnen die Halbinsel. Nach seinem Abzug ergab sich auch Gades, die aelteste und letzte Besitzung der Phoeniker auf spanischem Boden, unter guenstigen Bedingungen den neuen Herren. Spanien war nach dreizehnjaehrigem Kampfe aus einer karthagischen in eine roemische Provinz verwandelt worden, in der zwar noch jahrhundertelang die stets besiegte und nie ueberwundene Insurrektion den Kampf gegen die Roemer fortfuehrte, aber doch im Augenblick kein Feind den Roemern gegenueberstand. Scipio ergriff den ersten Moment der Scheinruhe, um sein Kommando abzugeben (Ende 548 206) und in Rom persoenlich von den erfochtenen Siegen und den gewonnenen Landschaften zu berichten.

Waehrend also Marcellus in Sizilien, Publius Sulpicius in Griechenland, Scipio in Spanien den Krieg beendigten, ging auf der italischen Halbinsel der gewaltige Kampf ununterbrochen weiter. Hier standen, nachdem die Cannensische Schlacht geschlagen war und deren Folgen an Verlust und Gewinn sich allmaehlich uebersehen liessen, im Anfang des Jahres 540 (214), des fuenften Kriegsjahres, die Roemer und Phoeniker folgendermassen sich gegenueber. Norditalien hatten die Roemer nach Hannibals Abzug wieder besetzt und deckten es mit drei Legionen, wovon zwei im Keltenlande standen, die dritte als Rueckhalt in Picenum. Unteritalien bis zum Garganus und Volturnus war mit Ausnahme der Festungen und der meisten Haefen in Hannibals Haenden. Er stand mit der Hauptarmee bei Arpi, ihm in Apulien gegenueber, gestuetzt auf die Festungen Luceria und Benevent, Tiberius Gracchus mit vier Legionen. Im brettischen Lande, dessen Einwohner sich Hannibal gaenzlich in die Arme geworfen hatten und wo auch die Haefen, mit Ausnahme von Rhegion, das die Roemer von Messana aus schuetzten, von den Phoenikern besetzt worden waren, stand ein zweites karthagisches Heer unter Hanno, ohne zunaechst einen Feind sich gegenueber zu sehen. Die roemische Hauptarmee von vier Legionen unter den beiden Konsuln Quintus Fabius und Marcus Marcellus war im Begriff, die Wiedergewinnung Capuas zu versuchen. Dazu kam roemischerseits die Reserve von zwei Legionen in der Hauptstadt, die in alle Seehaefen gelegte Besatzung, welche in Tarent und Brundisium wegen der dort befuerchteten makedonischen Landung durch eine Legion verstaerkt worden war, endlich die starke, das Meer ohne Widerstreit beherrschende Flotte. Rechnet man dazu die roemischen Heere in Sizilien, Sardinien und Spanien, so laesst sich die Gesamtzahl der roemischen Streitkraefte, auch abgesehen von dem Besatzungsdienst, den in den unteritalischen Festungen die dort angesiedelte Buergerschaft zu versehen hatte, nicht unter 200000 Mann anschlagen, darunter ein Drittel fuer dies Jahr neu einberufene Leute und etwa die Haelfte roemische Buerger. Man darf annehmen, dass die gesamte dienstfaehige Mannschaft vom 17. bis zum 46. Jahre unter den Waffen stand und die Felder, wo der Krieg sie zu bearbeiten erlaubte, von den Sklaven, den Alten, den Kindern und Weibern bestellt wurden. Dass unter solchen Verhaeltnissen auch die Finanzen in der peinlichsten Verlegenheit waren, ist begreiflich; die Grundsteuer, auf die man hauptsaechlich angewiesen war, ging natuerlich nur sehr unregelmaessig ein. Aber trotz dieser Not um Mannschaft und Geld vermochten die Roemer dennoch, das rasch Verlorene zwar langsam und mit Anspannung aller Kraefte, aber doch zurueckzuerobern; ihre Heere jaehrlich zu vermehren, waehrend die phoenikischen zusammenschwanden; gegen Hannibals italische Bundesgenossen, die Kampaner, Apuler, Samniten, Brettier, die weder wie die roemischen Festungen in Unteritalien sich selber genuegten noch von Hannibals schwachem Heer hinreichend gedeckt werden konnten, jaehrlich Boden zu gewinnen; endlich mittels der von Marcus Marcellus begruendeten Kriegsweise das Talent der Offiziere zu entwickeln und die Ueberlegenheit des roemischen Fussvolks in vollem Umfange ins Spiel zu bringen. Hannibal durfte wohl noch auf Siege hoffen, aber nicht mehr auf Siege wie am Trasimenischen See und am Aufidus; die Zeiten der Buergergenerale waren vorbei. Es blieb ihm nichts uebrig, als abzuwarten, bis entweder Philippos die laengst versprochene Landung ausfuehren oder die Brueder aus Spanien ihm die Hand reichen wuerden, und mittlerweile sich, seine Armee und seine Klientel soweit moeglich unversehrt und bei guter Laune zu erhalten. Man erkennt in der zaehen Defensive, die jetzt beginnt, mit Muehe den Feldherrn wieder, der wie kaum ein anderer stuermisch und verwegen die Offensive gefuehrt hat; es ist psychologisch wie militaerisch bewundernswert, dass derselbe Mann die beiden ihm gestellten Aufgaben ganz entgegengesetzter Art in gleicher Vollkommenheit geloest hat.

Zunaechst zog der Krieg sich vornehmlich nach Kampanien. Hannibal erschien rechtzeitig zum Schutz der Hauptstadt, deren Einschliessung er hinderte; allein weder vermochte er irgendeine der kampanischen Staedte, die die Roemer besassen, den starken roemischen Besatzungen zu entreissen, noch konnte er wehren, dass ausser einer Menge minder wichtiger Landstaedte auch Casilinum, das ihm den Uebergang ueber den Volturnus sicherte, von den beiden Konsularheeren nach hartnaeckiger Gegenwehr genommen ward. Ein Versuch Hannibals Tarent zu gewinnen, wobei es namentlich auf einen sicheren Landungsplatz fuer die makedonische Armee abgesehen war, schlug ihm fehl. Das brettische Heer der Karthager unter Hanno schlug sich inzwischen in Lucanien mit der roemischen Armee von Apulien herum; Tiberius Gracchus bestand hier mit Erfolg den Kampf und gab nach einem gluecklichen Gefecht unweit Benevent, bei dem die zum Dienst gepressten Sklavenlegionen sich ausgezeichnet hatten, den Sklavensoldaten im Namen des Volks die Freiheit und das Buergerrecht.

Im folgenden Jahr (541 213) gewannen die Roemer das reiche und wichtige Arpi zurueck, dessen Buergerschaft, nachdem die roemischen Soldaten sich in die Stadt eingeschlichen hatten, mit ihnen gegen die karthagische Besatzung gemeinschaftliche Sache machte. Ueberhaupt lockerten sich die Bande der Hannibalischen Symmachie; eine Anzahl der vornehmsten Capuaner und mehrere brettische Staedte gingen ueber zu Rom; sogar eine spanische Abteilung des phoenikischen Heeres trat, durch spanische Emissaere von dem Gang der Ereignisse in der Heimat in Kenntnis gesetzt, aus karthagischen in roemische Dienste.

Unguenstiger war fuer die Roemer das Jahr 542 (212) durch neue politische und militaerische Fehler, die Hannibal auszubeuten nicht unterliess. Die Verbindungen, welche Hannibal in den grossgriechischen Staedten unterhielt, hatten zu keinem ernstlichen Resultat gefuehrt; nur die in Rom befindlichen tarentinischen und thurinischen Geiseln liessen sich durch seine Emissaere zu einem tollen Fluchtversuch bestimmen, wobei sie schleunig von den roemischen Posten wieder aufgegriffen wurden. Allein die unverstaendige Rachsucht der Roemer foerderte Hannibal mehr als seine Intrigen; die Hinrichtung der saemtlichen entwichenen Geiseln beraubte sie eines kostbaren Unterpfandes, und die erbitterten Griechen sannen seitdem, wie sie Hannibal die Tore oeffnen moechten. Wirklich ward Tarent durch Einverstaendnis mit der Buergerschaft und durch die Nachlaessigkeit des roemischen Kommandanten von den Karthagern besetzt; kaum dass die roemische Besatzung sich in der Burg behauptete. Dem Beispiel Tarents folgten Herakleia, Thurii und Metapont, aus welcher Stadt zur Rettung der Tarentiner Akropolis die Besatzung hatte weggezogen werden muessen. Damit war die Gefahr einer makedonischen Landung so nahe gerueckt, dass Rom sich genoetigt sah, dem fast gaenzlich vernachlaessigten griechischen Krieg neue Aufmerksamkeit und neue Anstrengungen zuzuwenden, wozu gluecklicherweise die Einnahme von Syrakus und der guenstige Stand des spanischen Krieges die Moeglichkeit gewaehrte. Auf dem Hauptkriegsschauplatz, in Kampanien, ward mit sehr abwechselndem Erfolge gefochten. Die in der Naehe von Capua postierten Legionen hatten zwar die Stadt noch nicht eigentlich eingeschlossen, aber doch die Bestellung des Ackers und die Einbringung der Ernte so sehr gehindert, dass die volkreiche Stadt auswaertiger Zufuhr dringend bedurfte. Hannibal brachte also einen betraechtlichen Getreidetransport zusammen und wies die Kampaner an, ihn bei Benevent in Empfang zu nehmen; allein deren Saumseligkeit gab den Konsuln Quintus Flaccus und Appius Claudius Zeit herbeizukommen, dem Hanno, der den Transport deckte, eine schwere Niederlage beizubringen und sich seines Lagers und der gesamten Vorraete zu bemaechtigen. Die beiden Konsuln schlossen darauf die Stadt ein, waehrend Tiberius Gracchus sich auf der Appischen Strasse aufstellte, um Hannibal den Weg zum Entsatz zu verlegen. Aber der tapfere Mann fiel durch die schaendliche List eines treulosen Lucaners, und sein Tod kam einer voelligen Niederlage gleich, da sein Heer, groesstenteils bestehend aus jenen von ihm freigesprochenen Sklaven, nach dem Tode des geliebten Fuehrers auseinanderlief. So fand Hannibal die Strasse nach Capua offen und noetigte durch sein unvermutetes Erscheinen die beiden Konsuln, die kaum begonnene Einschliessung wieder aufzuheben, nachdem noch vor Hannibals Eintreffen ihre Reiterei von der phoenikischen, die unter Hanno und Bostar als Besatzung in Capua lag, und der ebenso vorzueglichen kampanischen nachdruecklich geschlagen worden war. Die totale Vernichtung der von Marcus Centenius, einem vom Unteroffizier zum Feldherrn unvorsichtig befoerderten Mann, angefuehrten regulaeren Truppen und Freischaren in Lucanien, und die nicht viel weniger vollstaendige Niederlage des nachlaessigen und uebermuetigen Praetors Gnaeus Fulvius Flaccus in Apulien beschlossen die lange Reihe der Unfaelle dieses Jahres. Aber das zaehe Ausharren der Roemer machte wenigstens an dem entscheidenden Punkte den raschen Erfolg Hannibals doch wieder zunichte. Sowie Hannibal Capua den Ruecken wandte, um sich nach Apulien zu begeben, zogen die roemischen Heere sich abermals um Capua zusammen, bei Puteoli und Volturnum unter Appius Claudius, bei Casilinum unter Quintus Fulvius, auf der Nolanischen Strasse unter dem Praetor Gaius Claudius Nero; die drei wohlverschanzten und durch befestigte Linien miteinander verbundenen Lager sperrten jeden Zugang, und die grosse, ungenuegend verproviantierte Stadt musste durch blosse Umstellung in nicht entfernter Zeit sich zur Kapitulation gezwungen sehen, wenn kein Entsatz kam. Wie der Winter 542/43 (212/11) zu Ende ging, waren auch die Vorraete fast erschoepft, und dringende Boten, die kaum imstande waren, durch die wohlbewachten roemischen Linien sich durchzuschleichen, begehrten schleunige Hilfe von Hannibal, der, mit der Belagerung der Burg beschaeftigt, in Tarent stand. In Eilmaerschen brach er mit 33 Elefanten und seinen besten Truppen von Tarent nach Kampanien auf, hob den roemischen Posten in Calatia auf und nahm sein Lager am Berge Tifata unmittelbar bei Capua, in der sicheren Erwartung, dass die roemischen Feldherren eben wie im vorigen Jahre daraufhin die Belagerung aufheben wuerden. Allein die Roemer, die Zeit gehabt hatten, ihre Lager und ihre Linien festungsartig zu verschanzen, ruehrten sich nicht und sahen unbeweglich von den Waellen aus zu, wie auf der einen Seite die kampanischen Reiter, auf der anderen die numidischen Schwaerme an ihre Linien anprallten. An einen ernstlichen Sturm durfte Hannibal nicht denken; er konnte voraussehen, dass sein Anruecken bald die anderen roemischen Heere nach Kampanien nachziehen wuerde, wenn nicht schon frueher der Mangel an Futter in dem systematisch ausfouragierten Lande ihn aus Kampanien vertrieb. Dagegen liess sich nichts machen. Hannibal versuchte noch einen Ausweg, den letzten, der seinem erfinderischen Geist sich darbot, um die wichtige Stadt zu retten. Er brach mit dem Entsatzheer, nachdem er den Kampanern von seinem Vorhaben Nachricht gegeben und sie zum Ausharren ermahnt hatte, von Capua auf und schlug die Strasse nach Rom ein. Mit derselben gewandten Kuehnheit wie in seinen ersten italischen Feldzuegen warf er sich mit einem schwachen Heer zwischen die feindlichen Armeen und Festungen und fuehrte seine Truppen durch Samnium und auf der Valerischen Strasse an Tibur vorbei bis zur Aniobruecke, die er passierte und auf dem anderen Ufer ein Lager nahm, eine deutsche Meile von der Stadt. Den Schreck empfanden noch die Enkel der Enkel, wenn ihnen erzaehlt ward von “Hannibal vor dem Tor”; eine ernstliche Gefahr war nicht vorhanden. Die Landhaeuser und Aecker in der Naehe der Stadt wurden von den Feinden verheert; die beiden Legionen in der Stadt, die gegen sie ausrueckten, verhinderten die Berennung der Mauern. Durch einen Handstreich, wie ihn Scipio bald nachher gegen Neukarthago ausfuehrte, Rom zu ueberrumpeln, hatte Hannibal uebrigens nie gemeint und noch weniger an eine ernstliche Belagerung gedacht; seine Hoffnung war einzig darauf gestellt, dass im ersten Schreck ein Teil des Belagerungsheeres von Capua nach Rom marschieren und ihm also Gelegenheit geben werde, die Blockade zu sprengen. Darum brach er nach kurzem Verweilen wieder auf. Die Roemer sahen in seiner Umkehr ein Wunder der goettlichen Gnade, die durch Zeichen und Gesichte den argen Mann zum Abzug bestimmt habe, wozu ihn die roemischen Legionen freilich zu noetigen nicht vermochten; an der Stelle, wo Hannibal der Stadt am naechsten gekommen war, von dem Capenischen Tor an dem zweiten Miglienstein der Appischen Strasse, errichteten die dankbaren Glaeubigen dem Gott “Rueckwender Beschuetzer” (Rediculus Tutanus) einen Altar. In der Tat zog Hannibal ab, weil es so in seinem Plane lag, und schlug die Richtung nach Capua ein. Allein die roemischen Feldherren hatten den Fehler nicht begangen, auf den ihr Gegner gerechnet hatte; unbeweglich standen die Legionen in den Linien um Capua und nur ein schwaches Korps war auf die Kunde von Hannibals Marsch nach Rom detachiert worden. Wie Hannibal dies erfuhr, wandte er sich ploetzlich um gegen den Konsul Publius Galba, der ihm von Rom her unbesonnen gefolgt war, und mit dem er bisher vermieden hatte zu schlagen, ueberwand ihn und erstuermte sein Lager; aber es war das ein geringer Ersatz fuer Capuas jetzt unvermeidlichen Fall. Lange schon hatte die Buergerschaft daselbst, namentlich die besseren Klassen derselben, mit bangen Ahnungen der Zukunft entgegengesehen; den Fuehrern der Rom feindlichen Volkspartei blieb das Rathaus und die staedtische Verwaltung fast ausschliesslich ueberlassen. Jetzt ergriff die Verzweiflung Vornehme und Geringe, Kampaner und Phoeniker ohne Unterschied. Achtundzwanzig vom Rat waehlten den freiwilligen Tod; die uebrigen uebergaben die Stadt dem Gutfinden eines unversoehnlich erbitterten Feindes. Dass Blutgerichte folgen mussten, verstand sich von selbst; man stritt nur ueber langen oder kurzen Prozess: ob es klueger und zweckmaessiger sei, die weiteren Verzweigungen des Hochverrats auch ausserhalb Capuas gruendlich zu ermitteln oder durch rasche Exekution der Sache ein Ende zu machen. Ersteres wollten Appius Claudius und der roemische Senat; die letztere Meinung, vielleicht die weniger unmenschliche, siegte ob. Dreiundfuenfzig capuanische Offiziere und Beamte wurden auf den Marktplaetzen von Cales und Teanum auf Befehl und vor den Augen des Prokonsuls Quintus Flaccus ausgepeitscht und enthauptet, der Rest des Rates eingekerkert, ein zahlreicher Teil der Buergerschaft in die Sklaverei verkauft, das Vermoegen der Wohlhabenderen konfisziert. Aehnliche Gerichte ergingen ueber Atella und Calatia. Diese Strafen waren hart; allein mit Ruecksicht auf das, was Capuas Abfall fuer Rom bedeutet, und auf das, was der Kriegsgebrauch jener Zeit wenn nicht recht, doch ueblich gemacht hatte, sind sie begreiflich. Und hatte nicht durch den Mord der saemtlichen in Capua zur Zeit des Abfalls anwesenden roemischen Buerger unmittelbar nach dem uebertritt die Buergerschaft sich selber ihr Urteil gesprochen? Arg aber war es, dass Rom diese Gelegenheit benutzte, um die stille Rivalitaet, die lange zwischen den beiden groessten Staedten Italiens bestanden hatte, zu befriedigen und durch die Aufhebung der kampanischen Stadtverfassung die gehasste und beneidete Nebenbuhlerin vollstaendig politisch zu vernichten.

Ungeheuer war der Eindruck von Capuas Fall, und nur um so mehr, weil er nicht durch Ueberraschung, sondern durch eine zweijaehrige, allen Anstrengungen Hannibals zum Trotze durchgefuehrte Belagerung herbeigefuehrt worden war. Er war ebenso sehr das Signal der den Roemern wiedergewonnenen Oberhand in Italien, wie sechs Jahre zuvor der Uebertritt Capuas zu Hannibal das Signal der verlorenen gewesen war. Vergeblich hatte Hannibal versucht, dem Eindruck dieser Nachricht auf die Bundesgenossen entgegenzuarbeiten durch die Einnahme von Rhegion oder der tarentinischen Burg. Sein Gewaltmarsch, um Rhegion zu ueberraschen, hatte nichts gefruchtet und in der Burg von Tarent war der Mangel zwar gross, seit das tarentinisch-karthagische Geschwader den Hafen sperrte, aber da die Roemer mit ihrer weit staerkeren Flotte jenem Geschwader selbst die Zufuhr abzuschneiden vermochten, und das Gebiet, das Hannibal beherrschte, kaum genuegte, sein Heer zu ernaehren, so litten die Belagerer auf der Seeseite nicht viel weniger als die Belagerten in der Burg und verliessen endlich den Hafen. Es gelang nichts mehr; das Glueck selbst schien von dem Karthager gewichen. Diese Folgen von Capuas Fall, die tiefe Erschuetterung des Ansehens und Vertrauens, das Hannibal bisher bei den italischen Verbuendeten genossen, und die Versuche jeder nicht allzusehr kompromittierten Gemeinde, auf leidliche Bedingungen in die roemische Symmachie wieder zurueckzutreten, waren noch weit empfindlicher fuer Hannibal als der unmittelbare Verlust. Er hatte die Wahl, in die schwankenden Staedte entweder Besatzung zu werfen, wodurch er sein schon zu schwaches Heer noch mehr schwaechte und seine zuverlaessigen Truppen der Aufreibung in kleinen Abteilungen und dem Verrat preisgab - so wurden ihm im Jahre 544 (210) bei dem Abfall der Stadt Salapia 500 auserlesene numidische Reiter niedergemacht; oder die unsicheren Staedte zu schleifen und anzuzuenden, um sie dem Feind zu entziehen, was denn auch die Stimmung unter seiner italischen Klientel nicht heben konnte. Mit Capuas Fall fuehlten die Roemer des endlichen Ausganges des Krieges in Italien sich wiederum sicher; sie entsandten betraechtliche Verstaerkungen nach Spanien, wo durch den Fall der beiden Scipionen die Existenz der roemischen Armee gefaehrdet war, und gestatteten zum erstenmal seit dem Beginn des Krieges sich eine Verminderung der Gesamtzahl der Truppen, die bisher trotz der jaehrlich steigenden Schwierigkeit der Aushebung jaehrlich vermehrt worden und zuletzt bis auf 23 Legionen gestiegen war. Darum ward denn auch im naechsten Jahr (544 210 ) der italische Krieg laessiger als bisher von den Roemern gefuehrt, obwohl Marcus Marcellus nach Beendigung des sizilischen Krieges wieder den Oberbefehl der Hauptarmee uebernommen hatte; er betrieb in den inneren Landschaften den Festungskrieg und lieferte den Karthagern unentschiedene Gefechte. Auch der Kampf um die tarentinische Akropole blieb ohne entscheidendes Resultat. In Apulien gelang Hannibal die Besiegung des Prokonsuls Gnaeus Fulvius Centumalus bei Herdoneae. Das Jahr darauf (545 209) schritten die Roemer dazu, der zweiten Grossstadt, die zu Hannibal uebergetreten war, der Stadt Tarent sich wieder zu bemaechtigen. Waehrend Marcus Marcellus den Kampf gegen Hannibal selbst mit gewohnter Zaehigkeit und Energie fortsetzte - in einer zweitaegigen Schlacht erfocht er, am ersten Tage geschlagen, am zweiten einen schweren und blutigen Sieg; waehrend der Konsul Quintus Fulvius die schon schwankenden Lucaner und Hirpiner zum Wechsel der Partei und zur Auslieferung der phoenikischen Besatzungen bestimmte; waehrend gut geleitete Razzias von Rhegion aus Hannibal noetigten, den bedraengten Brettiern zu Hilfe zu eilen, setzte der alte Quintus Fabius, der noch einmal - zum fuenftenmal - das Konsulat und damit den Auftrag, Tarent wieder zu erobern, angenommen hatte, sich fest in dem nahen messapischen Gebiet, und der Verrat einer brettischen Abteilung der Besatzung ueberlieferte ihm die Stadt, in der von den erbitterten Siegern fuerchterlich gehaust ward. Was von der Besatzung oder von der Buergerschaft ihnen vorkam, wurde niedergemacht und die Haeuser gepluendert. Es sollen 30000 Tarentiner als Sklaven verkauft, 3000 Talente (5 Mill. Taler) in den Staatsschatz geflossen sein. Es war die letzte Waffentat des achtzigjaehrigen Feldherrn; Hannibal kam zum Entsatz, als alles vorbei war, und zog sich zurueck nach Metapont.

Nachdem also Hannibal seine wichtigsten Eroberungen eingebuesst

hatte und allmaehlich sich auf die suedwestliche Spitze der Halbinsel beschraenkt sah, hoffte Marcus Marcellus, der fuer das naechste Jahr (546 208) zum Konsul gewaehlt worden war, in Verbindung mit seinem tuechtigen Kollegen Titus Quinctius Crispinus dem Krieg durch einen entscheidenden Angriff ein Ende zu machen. Den alten Soldaten fochten seine sechzig Jahre nicht an; wachend und traeumend verfolgte ihn der eine Gedanke, Hannibal zu schlagen und Italien zu befreien. Allein das Schicksal sparte diesen Kranz fuer ein juengeres Haupt. Bei einer unbedeutenden Rekognoszierung wurden beide Konsuln in der Gegend von Venusia von einer Abteilung afrikanischer Reiter ueberfallen. Marcellus focht den ungleichen Kampf, wie er vor vierzig Jahren gegen Hamilkar, vor vierzehn bei Clastidium gefochten hatte, bis er sterbend vom Pferde sank; Crispinus entkam, starb aber an den im Gefecht empfangenen Wunden (546 208).

Man stand jetzt im elften Kriegsjahr. Die Gefahr schien geschwunden, die einige Jahre zuvor die Existenz des Staates bedroht hatte; aber nur um so mehr fuehlte man den schweren und jaehrlich schwerer werdenden Druck des endlosen Krieges. Die Staatsfinanzen litten unsaeglich. Man hatte nach der Schlacht von Cannae (538 216) eine eigene Bankkommission (tres viri mensarii) aus den angesehensten Maennern niedergesetzt, um fuer die oeffentlichen Finanzen in diesen schweren Zeiten eine dauernde und umsichtige Oberbehoerde zu haben; sie mag getan haben, was moeglich war, aber die Verhaeltnisse waren von der Art, dass alle Finanzweisheit daran zuschanden ward. Gleich zu Anfang des Krieges hatte man die Silber- und die Kupfermuenze verringert, den Legalkurs des Silberstueckes um mehr als ein Drittel erhoeht und eine Goldmuenze weit ueber den Metallwert ausgegeben. Sehr bald reichte dies nicht aus; man musste von den Lieferanten auf Kredit nehmen und sah ihnen durch die Finger, weil man sie brauchte, bis der arge Unterschleif zuletzt die Aedilen veranlasste, durch Anklage vor dem Volk an einigen der schlimmsten ein Exempel zu statuieren. Man nahm den Patriotismus der Vermoegenden, die freilich verhaeltnismaessig eben am meisten litten, oft in Anspruch und nicht umsonst. Die Soldaten aus den besseren Klassen und die Unteroffiziere und Reiter insgesamt schlugen, freiwillig oder durch den Geist der Korps gezwungen, die Annahme des Soldes aus. Die Eigentuemer der von der Gemeinde bewaffneten und nach dem Treffen bei Benevent freigesprochenen Sklaven erwiderten der Bankkommission, die ihnen Zahlung anbot, dass sie dieselbe bis zum Ende des Krieges anstehen lassen wollten (540 214). Als fuer die Ausrichtung der Volksfeste und die Instandhaltung der oeffentlichen Gebaeude kein Geld mehr in der Staatskasse war, erklaerten die Gesellschaften, die diese Geschaefte bisher in Akkord gehabt hatten, sich bereit, dieselben vorlaeufig unentgeltlich fortzufuehren (540 214). Es ward sogar, ganz wie im Ersten Punischen Kriege, mittels einer freiwilligen Anleihe bei den Reichen eine Flotte ausgeruestet und bemannt (544 210). Man verbrauchte die Muendelgelder, ja man griff endlich im Jahre der Eroberung von Tarent den letzten, lange gesparten Notpfennig (1144000 Taler) an. Dennoch genuegte der Staat seinen notwendigsten Zahlungen nicht; die Entrichtung des Soldes stockte namentlich in den entfernteren Landschaften in besorglicher Weise. Aber die Bedraengnis des Staats war nicht der schlimmste Teil des materiellen Notstandes. ueberall lagen die Felder brach; selbst wo der Krieg nicht hauste, fehlte es an Haenden fuer die Hacke und die Sichel. Der Preis des Medimnos (1 preussischer Scheffel) war gestiegen bis auf 15 Denare (3 1/3 Taler), mindestens das Dreifache des hauptstaedtischen Mittelpreises, und viele waeren geradezu Hungers gestorben, wenn nicht aus Aegypten Zufuhr gekommen waere und nicht vor allem der in Sizilien wieder aufbluehende Feldbau der aergsten Not gesteuert haette. Wie aber solche Zustaende die kleinen Bauernwirtschaften zerstoeren, den sauer zurueckgelegten Sparschatz verzehren, die bluehenden Doerfer in Bettler- und Raeubernester verwandeln, das lehren aehnliche Kriege, aus denen sich anschaulichere Berichte erhalten haben.

Bedenklicher noch als diese materielle Not war die steigende Abneigung der Bundesgenossen gegen den roemischen Krieg, der ihnen Gut und Blut frass. Zwar auf die nichtlatinischen Gemeinden kam es dabei weniger an. Der Krieg selber bewies es, dass sie nichts vermochten, solange die latinische Nation zu Rom stand; an ihrer groesseren oder geringeren Widerwilligkeit war nicht viel gelegen. Jetzt indes fing auch Latium an zu schwanken. Die meisten latinischen Kommunen in Etrurien, Latium, dem Marsergebiet und dem noerdlichen Kampanien, also eben in denjenigen latinischen Landschaften, die unmittelbar am wenigsten von dem Kriege gelitten hatten, erklaerten im Jahre 545 (209) dem roemischen Senat, dass sie von jetzt an weder Kontingente noch Steuern mehr schicken und es den Roemern ueberlassen wuerden, den in ihrem Interesse gefuehrten Krieg selber zu bestreiten. Die Bestuerzung in Rom war gross; allein fuer den Augenblick gab es kein Mittel, die Widerspenstigen zu zwingen. Zum Glueck handelten nicht alle latinischen Gemeinden so. Die gallischen, picenischen und sueditalischen Kolonien, an ihrer Spitze das maechtige und patriotische Fregellae, erklaerten im Gegenteil, dass sie um so enger und treulicher an Rom sich anschloessen - freilich war es diesen allen sehr deutlich dargetan, dass bei dem gegenwaertigen Kriege ihre Existenz womoeglich noch mehr auf dem Spiele stand als die der Hauptstadt und dass dieser Krieg wahrlich nicht bloss fuer Rom, sondern fuer die latinische Hegemonie in Italien, ja fuer Italiens nationale Unabhaengigkeit gefuehrt ward. Auch jener halbe Abfall war sicherlich nicht Landesverrat, sondern Kurzsichtigkeit und Erschoepfung; ohne Zweifel wuerden dieselben Staedte ein Buendnis mit den Phoenikern mit Abscheu zurueckgewiesen haben. Allein immer war es eine Spaltung zwischen Roemern und Latinern, und der Rueckschlag auf die unterworfene Bevoelkerung der Landschaften blieb nicht aus. In Arretium zeigte sich sogleich eine bedenkliche Gaerung; eine im Interesse Hannibals unter den Etruskern angestiftete Verschwoerung ward entdeckt und schien so gefaehrlich, dass man deswegen roemische Truppen marschieren liess. Militaer und Polizei unterdrueckten diese Bewegung zwar ohne Muehe; allein sie war ein ernstes Zeichen, was in jenen Landschaften kommen koenne, seit die latinischen Zwingburgen nicht mehr schreckten.

In diese schwierigen und gespannten Verhaeltnisse schlug ploetzlich die Nachricht hinein, dass Hasdrubal im Herbst des Jahres 546 (208) die Pyrenaeen ueberschritten habe und man sich darauf gefasst machen muesse, im naechsten Jahr in Italien den Krieg mit den beiden Soehnen Hamilkars zu fuehren. Nicht umsonst hatte Hannibal die langen schweren Jahre hindurch auf seinem Posten ausgeharrt; was die faktioese Opposition daheim, was der kurzsichtige Philippos ihm versagt hatte, das fuehrte endlich der Bruder ihm heran, in dem wie in ihm selbst Hamilkars Geist maechtig war. Schon standen achttausend Ligurer, durch phoenikisches Gold geworben, bereit, sich mit Hasdrubal zu vereinigen; wenn er die erste Schlacht gewann, so durfte er hoffen, gleich dem Bruder die Gallier, vielleicht die Etrusker gegen Rom unter die Waffen zu bringen. Italien war aber nicht mehr, was es vor elf Jahren gewesen; der Staat und die einzelnen waren erschoepft, der latinische Bund gelockert, der beste Feldherr soeben auf dem Schlachtfeld gefallen und Hannibal nicht bezwungen. In der Tat, Scipio mochte die Gunst seines Genius preisen, wenn er die Folgen seines unverzeihlichen Fehlers von ihm und dem Lande abwandte.

Wie in den Zeiten der schwersten Gefahr bot Rom wieder dreiundzwanzig Legionen auf; man rief Freiwillige zu den Waffen und zog die gesetzlich vom Kriegsdienst Befreiten zur Aushebung mit heran. Dennoch wurde man ueberrascht. Freunden und Feinden ueber alle Erwartung frueh stand Hasdrubal diesseits der Alpen (547 207); die Gallier, der Durchmaersche jetzt gewohnt, oeffneten fuer gutes Geld willig ihre Paesse und lieferten, was das Heer bedurfte. Wenn man in Rom beabsichtigt hatte, die Ausgaenge der Alpenpaesse zu besetzen, so kam man damit wieder zu spaet; schon vernahm man, dass Hasdrubal am Padus stehe, dass er die Gallier mit gleichem Erfolge wie einst sein Bruder zu den Waffen rufe, dass Placentia berannt werde. Schleunigst begab der Konsul Marcus Livius sich zu der Nordarmee; und es war hohe Zeit, dass er erschien. Etrurien und Umbrien waren in dumpfer Gaerung; Freiwillige von dort verstaerkten das phoenikische Heer. Sein Kollege Gaius Nero zog aus Venusia den Praetor Gaius Hostilius Tubulus an sich und eilte mit einem Heere von 40000 Mann, Hannibal den Weg nach Norden zu verlegen. Dieser sammelte seine ganze Macht im brettischen Gebiet, und auf der grossen, von Rhegion nach Apulien fuehrenden Strasse vorrueckend traf er bei Grumentum auf den Konsul. Es kam zu einem hartnaeckigen Gefecht, in welchem Nero sich den Sieg zuschrieb; allein Hannibal vermochte wenigstens, wenn auch mit Verlust, durch einen seiner gewoehnlichen geschickten Seitenmaersche sich dem Feinde zu entziehen und ungehindert Apulien zu erreichen. Hier blieb er stehen und lagerte anfangs bei Venusia, alsdann bei Canusium, Nero, der ihm auf dem Fuss gefolgt war, dort wie hier ihm gegenueber. Dass Hannibal freiwillig stehenblieb und nicht von der roemischen Armee am Vorruecken gehindert ward, scheint nicht zu bezweifeln; der Grund, warum er gerade hier und nicht weiter noerdlich sich aufstellte, muss gelegen haben in Verabredungen Hannibals mit Hasdrubal oder in Mutmassungen ueber dessen Marschroute, die wir nicht kennen. Waehrend also hier die beiden Heere sich untaetig gegenueberstanden, ward die im Hannibalischen Lager sehnlich erwartete Depesche Hasdrubals von Neros Posten aufgefangen; sie ergab, dass Hasdrubal beabsichtigte, die Flaminische Strasse einzuschlagen, also zunaechst sich an der Kueste zu halten und dann bei Fanum ueber den Apennin gegen Narnia sich zu wenden, an welchem Orte er Hannibal zu treffen gedenke. Sofort liess Nero nach Narnia als dem zur Vereinigung der beiden phoenikischen Heere ausersehenen Punkt die hauptstaedtische Reserve vorgehen, wogegen die bei Capua stehende Abteilung nach der Hauptstadt kam und dort eine neue Reserve gebildet ward. Ueberzeugt, dass Hannibal die Absicht des Bruders nicht kenne und fortfahren werde, ihn in Apulien zu erwarten, entschloss sich Nero zu dem kuehnen Wagnis, mit einem kleinen, aber auserlesenen Korps von 7000 Mann in Gewaltmaerschen nordwaerts zu eilen und womoeglich in Gemeinschaft mit dem Kollegen den Hasdrubal zur Schlacht zu zwingen; er konnte es, denn das roemische Heer, das er zurueckliess, blieb immer stark genug, um Hannibal entweder standzuhalten, wenn er angriff, oder ihn zu geleiten und mit ihm zugleich an dem Orte der Entscheidung einzutreffen, wenn er abzog. Nero fand den Kollegen Marcus Livius bei Sena gallica, den Feind erwartend. Sofort rueckten beide Konsuln aus gegen Hasdrubal, den sie beschaeftigt fanden, den Metaurus zu ueberschreiten. Hasdrubal wuenschte die Schlacht zu vermeiden und sich seitwaerts den Roemern zu entziehen; allein seine Fuehrer liessen ihn im Stich, er verirrte sich auf dem ihm fremden Terrain und wurde endlich auf dem Marsch von der roemischen Reiterei angegriffen und so lange festgehalten, bis auch das roemische Fussvolk eintraf und die Schlacht unvermeidlich ward. Hasdrubal stellte die Spanier auf den rechten Fluegel, davor seine zehn Elefanten, die Gallier auf den linken, den er versagte. Lange schwankte das Gefecht auf dem rechten Fluegel und der Konsul Livius, der hier befehligte, ward hart gedraengt, bis Nero, seine strategische Operation taktisch wiederholend, den ihm unbeweglich gegenueberstehenden Feind stehen liess und, um die eigene Armee herum marschierend, den Spaniern in die Flanke fiel. Dies entschied. Der schwer erkaempfte und sehr blutige Sieg war vollstaendig; das Heer, das keinen Rueckzug hatte, ward vernichtet, das Lager erstuermt, Hasdrubal, da er die vortrefflich geleitete Schlacht verloren sah, suchte und fand gleich seinem Vater einen ehrlichen Reitertod. Als Offizier und als Mann war er wert, Hannibals Bruder zu sein.

Am Tage nach der Schlacht brach Nero wieder auf und stand nach kaum vierzehntaegiger Abwesenheit abermals in Apulien Hannibal gegenueber, den keine Botschaft erreicht und der sich nicht geruehrt hatte. Die Botschaft brachte ihm der Konsul mit; es war der Kopf des Bruders, den der Roemer den feindlichen Posten hinwerfen liess, also dem grossen Gegner, der den Krieg mit Toten verschmaehte, die ehrenvolle Bestattung des Paullus, Gracchus und Marcellus vergeltend. Hannibal erkannte, dass er umsonst gehofft hatte und dass alles vorbei war. Er gab Apulien und Lucanien, sogar Metapont auf und zog mit seinen Truppen zurueck in das brettische Land, dessen Haefen sein einziger Rueckzug waren. Durch die Energie der roemischen Feldherren und mehr noch durch eine beispiellos glueckliche Fuegung war eine Gefahr von Rom abgewandt, deren Groesse Hannibals zaehes Ausharren in Italien rechtfertigt und die mit der Groesse der cannensischen den Vergleich vollkommen aushaelt. Der Jubel in Rom war grenzenlos; die Geschaefte begannen wieder wie in Friedenszeit; jeder fuehlte, dass die Gefahr des Krieges verschwunden sei.

Indes ein Ende zu machen beeilte man sich in Rom eben nicht. Der Staat und die Buerger waren erschoepft durch die uebermaessige moralische und materielle Anspannung aller Kraefte; gern gab man der Sorglosigkeit und der Ruhe sich hin. Heer und Flotte wurden vermindert, die roemischen und latinischen Bauern auf ihre veroedeten Hoefe zurueckgefuehrt, die Kasse durch den Verkauf eines Teils der kampanischen Domaene gefuellt. Die Staatsverwaltung wurde neu geregelt und die eingerissenen Unordnungen abgestellt; man fing an, das freiwillige Kriegsanlehen zurueckzuzahlen, und zwang die im Rueckstand gebliebenen latinischen Gemeinden, ihren versaeumten Pflichten mit schweren Zinsen zu genuegen.

Der Krieg in Italien stockte. Es war ein glaenzender Beweis von Hannibals strategischem Talent sowie freilich auch von der Unfaehigkeit der jetzt ihm gegenueberstehenden roemischen Feldherren, dass er von da an noch durch vier Jahre im brettischen Lande das Feld behaupten und von dem weit ueberlegenen Gegner weder gezwungen werden konnte, sich in die Festungen einzuschliessen noch sich einzuschiffen. Freilich musste er immer weiter zurueckweichen, weniger in Folge der ihm von den Roemern gelieferten, nichts entscheidenden Gefechte, als weil seine brettischen Bundesgenossen immer schwieriger wurden und er zuletzt nur auf die Staedte noch zaehlen konnte, die sein Heer besetzt hielt. So gab er Thurii freiwillig auf; Lokri ward auf Publius Scipios Veranstaltung von Rhegion aus wieder eingenommen (549 205). Als sollten seine Entwuerfe noch schliesslich von den karthagischen Behoerden, die sie ihm verdorben hatten, selbst eine glaenzende Rechtfertigung erhalten, suchten diese in der Angst vor der erwarteten Landung der Roemer jene Plaene nun selbst wieder hervor (548, 549 206, 205) und sandten an Hannibal nach Italien, an Mago nach Spanien Verstaerkung und Subsidien mit dem Befehl, den Krieg in Italien aufs neue zu entflammen und den zitternden Besitzern der libyschen Landhaeuser und der karthagischen Buden noch einige Frist zu erfechten. Ebenso ging eine Gesandtschaft nach Makedonien, um Philippos zur Erneuerung des Buendnisses und zur Landung in Italien zu bestimmen (549 205). Allein es war zu spaet. Philippos hatte wenige Monate zuvor mit Rom Frieden geschlossen; die bevorstehende politische Vernichtung Karthagos war ihm zwar unbequem, aber er tat oeffentlich wenigstens nichts gegen Rom. Es ging ein kleines makedonisches Korps nach Afrika, das nach der Behauptung der Roemer Philippos aus seiner Tasche bezahlte; begreiflich waere es, allein Beweise wenigstens hatten, wie der spaetere Verlauf der Ereignisse zeigt, die Roemer dafuer nicht. An eine makedonische Landung in Italien ward nicht gedacht.

Ernstlicher griff Mago, Hamilkars juengster Sohn, seine Aufgabe an. Mit den Truemmern der spanischen Armee, die er zunaechst nach Minorca gefuehrt hatte, landete er im Jahre 549 (205) bei Genua, zerstoerte die Stadt und rief die Ligurer und Gallier zu den Waffen, die das Gold und die Neuheit des Unternehmens wie immer scharenweise herbeizog; seine Verbindungen gingen sogar durch ganz Etrurien, wo die politischen Prozesse nicht ruhten. Allein was er an Truppen mitgebracht, war zu wenig fuer eine ernstliche Unternehmung gegen das eigentliche Italien, und Hannibal war gleichfalls viel zu schwach und sein Einfluss in Unteritalien viel zu sehr gesunken, als dass er mit Erfolg haette vorgehen koennen. Die karthagischen Herren hatten die Rettung der Heimat nicht gewollt, da sie moeglich war; jetzt, da sie sie wollten, war sie nicht mehr moeglich.

Wohl niemand zweifelte im roemischen Senat, weder daran, dass der Krieg Karthagos gegen Rom zu Ende sei, noch daran, dass nun der Krieg Roms gegen Karthago begonnen werden muesse; allein die afrikanische Expedition, so unvermeidlich sie war, scheute man sich anzuordnen. Man bedurfte dazu vor allem eines faehigen und beliebten Fuehrers; und man hatte keinen. Die besten Generale waren entweder auf dem Schlachtfeld gefallen oder sie waren, wie Quintus Fabius und Quintus Fulvius, fuer einen solchen ganz neuen und wahrscheinlich langwierigen Krieg zu alt. Die Sieger von Sena, Gaius Nero und Marcus Livius, waeren der Aufgabe schon gewachsen gewesen, allein sie waren beide im hoechsten Grade unpopulaere Aristokraten; es war zweifelhaft, ob es gelingen wuerde, ihnen das Kommando zu verschaffen - so weit war man ja schon, dass die Tuechtigkeit allein nur in den Zeiten der Angst die Wahlen entschied -, und mehr als zweifelhaft, ob dies die Maenner waren, die dem erschoepften Volke neue Anstrengungen ansinnen durften. Da kam Publius Scipio aus Spanien zurueck, und der Liebling der Menge, der seine von ihr empfangene Aufgabe so glaenzend erfuellt hatte oder doch erfuellt zu haben schien, ward sogleich fuer das naechste Jahr zum Konsul gewaehlt. Er trat sein Amt an (549 205) mit dem festen Entschluss, die schon in Spanien entworfene afrikanische Expedition jetzt zu verwirklichen. Indes im Senat wollte nicht bloss die Partei der methodischen Kriegfuehrung von einer afrikanischen Expedition so lange nichts wissen, als Hannibal noch in Italien stand, sondern es war auch die Majoritaet dem jungen Feldherrn selbst keineswegs guenstig gesinnt. Seine griechische Eleganz und moderne Bildung und Gesinnung sagte den strengen und etwas baeurischen Vaetern der Stadt sehr wenig zu und gegen seine Kriegfuehrung in Spanien bestanden ebenso ernste Bedenken wie gegen seine Soldatenzucht. Wie begruendet der Vorwurf war, dass er gegen seine Korpschefs allzugrosse Nachsicht zeige, bewiesen sehr bald die Schaendlichkeiten, die Gaius Pleminius in Lokri veruebte, und die Scipio allerdings durch seine fahrlaessige Beaufsichtigung in der aergerlichsten Weise mittelbar mit verschuldet hatte. Dass bei den Verhandlungen im Senat ueber die Anordnung des afrikanischen Feldzugs und die Bestellung des Feldherrn dafuer der neue Konsul nicht uebel Lust bezeigte, wo immer Brauch und Verfassung mit seinen Privatabsichten in Konflikt gerieten, solche Hemmnisse beiseite zu schieben, und dass er sehr deutlich zu verstehen gab, wie er sich aeussersten Falls der Regierungsbehoerde gegenueber auf seinen Ruhm und seine Popularitaet bei dem Volke zu stuetzen gedenke, musste den Senat nicht bloss kraenken, sondern auch die ernstliche Besorgnis erwecken, ob ein solcher Oberfeldherr bei dem bevorstehenden Entscheidungskrieg und den etwaigen Friedensverhandlungen mit Karthago sich an die ihm gewordenen Instruktionen binden werde; eine Besorgnis, welche die eigenmaechtige Fuehrung der spanischen Expedition keineswegs zu beschwichtigen geeignet war. Indes bewies man auf beiden Seiten Einsicht genug, um es nicht zum Aeussersten kommen zu lassen. Auch der Senat konnte nicht verkennen, dass die afrikanische Expedition notwendig und es nicht weise war, dieselbe ins Unbestimmte hinauszuschieben; nicht verkennen, dass Scipio ein aeusserst faehiger Offizier und insofern zum Fuehrer eines solchen Krieges wohl geeignet war und dass, wenn einer, er es vermochte, vom Volke die Verlaengerung seines Oberbefehls so lange als noetig und die Aufbietung der letzten Kraefte zu erlangen. Die Majoritaet kam zu dem Entschluss, Scipio den gewuenschten Auftrag nicht zu versagen, nachdem derselbe zuvor die der hoechsten Regierungsbehoerde schuldige Ruecksicht wenigstens der Form nach beobachtet und im Voraus sich dem Beschluss des Senats unterworfen hatte. Scipio sollte dies Jahr nach Sizilien gehen, um den Bau der Flotte, die Herstellung des Belagerungsmaterials und die Bildung der Expeditionsarmee zu betreiben, und dann im naechsten Jahr in Afrika landen. Es ward ihm hierzu die sizilische Armee - noch immer jene beiden aus den Truemmern des cannensischen Heeres gebildeten Legionen - zur Disposition gestellt, da zur Deckung der Insel eine schwache Besatzung und die Flotte vollstaendig ausreichten, und ausserdem ihm gestattet, in Italien Freiwillige aufzubieten. Es war augenscheinlich, dass der Senat die Expedition nicht anordnete, sondern vielmehr geschehen liess; Scipio erhielt nicht die Haelfte der Mittel, die man einst Regulus zu Gebot gestellt hatte, und ueberdies eben dasjenige Korps, das seit Jahren vom Senat mit berechneter Zuruecksetzung behandelt worden war. Die afrikanische Armee war im Sinne der Majoritaet des Senats ein verlorener Posten von Strafkompanien und Volontaers, deren Untergang der Staat allenfalls verschmerzen konnte.

Ein anderer Mann als Scipio haette vielleicht erklaert, dass die afrikanische Expedition entweder mit anderen Mitteln oder gar nicht unternommen werden muesse; allein Scipios Zuversicht ging auf die Bedingungen ein, wie sie immer waren, um nur zu dem heissersehnten Kommando zu gelangen. Sorgfaeltig vermied er, soweit es anging, das Volk unmittelbar zu belaestigen, um nicht der Popularitaet der Expedition zu schaden. Die Kosten derselben, namentlich die betraechtlichen des Flottenbaus, wurden teils beigeschafft durch eine sogenannte freiwillige Kontribution der etruskischen Staedte, das heisst durch eine den Arretinern und den sonstigen phoenikisch gesinnten Gemeinden zur Strafe auferlegte Kriegssteuer, teils auf die sizilischen Staedte gelegt; in vierzig Tagen war die Flotte segelfertig. Die Mannschaft verstaerkten Freiwillige, deren bis siebentausend aus allen Teilen Italiens dem Rufe des geliebten Offiziers folgten. So ging Scipio im Fruehjahr 550 (204) mit zwei starken Veteranenlegionen (etwa 30000 Mann), 40 Kriegs- und 400 Transportschiffen nach Afrika unter Segel und landete gluecklich, ohne den geringsten Widerstand zu finden, am Schoenen Vorgebirge in der Naehe von Utica.

Die Karthager, die seit langem erwarteten, dass auf die Pluenderungszuege, welche die roemischen Geschwader in den letzten Jahren haeufig nach der afrikanischen Kueste gemacht hatten, ein ernstlicher Einfall folgen werde, hatten, um dessen sich zu erwehren, nicht bloss den italisch-makedonischen Krieg aufs neue in Gang zu bringen versucht, sondern auch daheim geruestet, um die Roemer zu empfangen. Es war gelungen, von den beiden rivalisierenden Berberkoenigen, Massinissa von Cirta (Constantine), dem Herrn der Massyler, und Syphax von Siga (an der Tafnamuendung, westlich von Oran), dem Herrn der Massaesyler, den letzteren, den bei weitem maechtigeren und bisher den Roemern befreundeten, durch Vertrag und Verschwaegerung eng an Karthago zu knuepfen, indem man den anderen, den alten Nebenbuhler des Syphax und Bundesgenossen der Karthager, fallen liess. Massinissa war nach verzweifelter Gegenwehr der vereinigten Macht der Karthager und des Syphax erlegen und hatte seine Laender dem letzteren zur Beute lassen muessen; er selbst irrte mit wenigen Reitern in der Wueste. Ausser dem Zuzug, der von Syphax zu erwarten war, stand ein karthagisches Heer von 20000 Mann zu Fuss, 6000 Reitern und 140 Elefanten - Hanno war eigens deshalb auf Elefantenjagd ausgeschickt worden - schlagfertig zum Schutz der Hauptstadt, unter der Fuehrung des in Spanien erprobten Feldherrn Hasdrubal, Gisgons Sohn; im Hafen lag eine starke Flotte. Ein makedonisches Korps unter Sopater und eine Sendung keltiberischer Soeldner wurden demnaechst erwartet.

Auf das Geruecht von Scipios Landung traf Massinissa sofort in dem Lager des Feldherrn ein, dem er vor nicht langem in Spanien als Feind gegenuebergestanden hatte; allein der laenderlose Fuerst brachte zunaechst den Roemern nichts als seine persoenliche Tuechtigkeit, und die Libyer, obwohl der Aushebungen und Steuern herzlich muede, hatten doch in aehnlichen Faellen zu bittere Erfahrungen gemacht, um sich sofort fuer die Roemer zu erklaeren. So begann Scipio den Feldzug. Solange er nur die schwaechere karthagische Armee gegen sich hatte, war er im Vorteil und konnte nach einigen gluecklichen Reitergefechten zur Belagerung von Utica schreiten; allein als Syphax eintraf, angeblich mit 50000 Mann zu Fuss und 10000 Reitern, musste die Belagerung aufgehoben und auf einem leicht zu verschanzenden Vorgebirg zwischen Utica und Karthago ein befestigtes Schiffslager geschlagen werden. Hier verging dem roemischen General der Winter 550/51 (204/03). Aus der ziemlich unbequemen Lage, in der das Fruehjahr ihn fand, befreite er sich durch einen gluecklichen Handstreich. Die Afrikaner, eingeschlaefert durch die von Scipio mehr listig als ehrlich angesponnenen Friedensverhandlungen, liessen sich in einer und derselben Nacht in ihren beiden Lagern ueberfallen: die Rohrhuetten der Numidier loderten in Flammen auf, und als die Karthager eilten zu helfen, traf ihr eigenes Lager dasselbe Schicksal; wehrlos wurden die Fluechtenden von den roemischen Abteilungen niedergemacht. Dieser naechtliche Ueberfall war verderblicher als manche Schlacht. Indes die Karthager liessen den Mut nicht sinken und verwarfen sogar den Rat der Furchtsamen, oder vielmehr der Verstaendigen, Mago und Hannibal zurueckzurufen. Eben jetzt waren die erwarteten keltiberischen und makedonischen Hilfstruppen angelangt; man beschloss, auf den “grossen Feldern”, fuenf Tagemaersche von Utica, noch einmal die offene Feldschlacht zu versuchen. Scipio eilte, sie anzunehmen; mit leichter Muehe zerstreuten seine Veteranen und Freiwilligen die zusammengerafften karthagischen und numidischen Schwaerme und auch die Keltiberer, die bei Scipio auf Gnade nicht rechnen durften, wurden nach hartnaeckiger Gegenwehr zusammengehauen. Die Afrikaner konnten nach dieser doppelten Niederlage nirgend mehr das Feld halten. Ein Angriff auf das roemische Schiffslager, den die karthagische Flotte versuchte, lieferte zwar kein unguenstiges, aber doch auch kein entscheidendes Resultat und ward weit aufgewogen durch die Gefangennahme des Syphax, die dem Scipio sein beispielloser Gluecksstern zuwarf und durch welche Massinissa das fuer die Roemer ward, was anfangs Syphax den Karthagern gewesen war.

Nach solchen Niederlagen konnte die karthagische Friedenspartei, die seit sechzehn Jahren hatte schweigen muessen, wiederum ihr Haupt erheben und sich offen auflehnen gegen das Regiment der Barkas und der Patrioten. Hasdrubal, Gisgons Sohn, ward abwesend von der Regierung zum Tode verurteilt und ein Versuch gemacht, von Scipio Waffenstillstand und Frieden zu erlangen. Er forderte Abtretung der spanischen Besitzungen und der Inseln des Mittelmeeres, Uebergabe des Reiches des Syphax an Massinissa, Auslieferung der Kriegsschiffe bis auf zwanzig und eine Kriegskontribution von 4000 Talenten (fast 7 Mill. Taler) - Bedingungen, die fuer Karthago so beispiellos guenstig erscheinen, dass die Frage sich aufdraengt, ob sie Scipio mehr in seinem oder mehr in Roms Interesse anbot. Die karthagischen Bevollmaechtigten nahmen dieselben an unter Vorbehalt der Ratifikation ihrer Behoerden, und es ging eine karthagische Gesandtschaft deshalb nach Rom ab. Allein die karthagische Patriotenpartei war nicht gemeint, so leichten Kaufs auf den Kampf zu verzichten; der Glaube an die edle Sache, das Vertrauen auf den grossen Feldherrn, selbst das Beispiel, das Rom gegeben hatte, feuerten sie an auszuharren, auch davon abgesehen, dass der Friede notwendig die Gegenpartei ans Ruder und damit ihnen selbst den Untergang bringen musste. In der Buergerschaft hatte die Patriotenpartei das Uebergewicht; man beschloss, die Opposition ueber den Frieden verhandeln zu lassen und mittlerweile sich zu einer letzten und entscheidenden Anstrengung vorzubereiten. An Mago und an Hannibal erging der Befehl, schleunigst nach Afrika heimzukehren. Mago, der seit drei Jahren (459-551 205-203) daran arbeitete, in Norditalien eine Koalition gegen Rom ins Leben zu rufen, war eben damals im Gebiet der Insubrer (um Mailand) dem weit ueberlegenen roemischen Doppelheer unterlegen. Die roemische Reiterei war zum Weichen und das Fussvolk ins Gedraenge gebracht worden und der Sieg schien sich fuer die Karthager zu erklaeren, als der kuehne Angriff eines roemischen Trupps auf die feindlichen Elefanten und vor allem die schwere Verwundung des geliebten und faehigen Fuehrers das Glueck der Schlacht wandte: das phoenikische Heer musste an die ligurische Kueste zurueckweichen. Hier erhielt es den Befehl zur Einschiffung und vollzog ihn; Mago aber starb waehrend der Ueberfahrt an seiner Wunde. Hannibal waere dem Befehl wahrscheinlich zuvorgekommen, wenn nicht die letzten Verhandlungen mit Philipp ihm eine neue Aussicht dargeboten haetten, seinem Vaterland in Italien nuetzlicher sein zu koennen als in Libyen; als er in Kroton, wo er in der letzten Zeit gestanden hatte, ihn empfing, saeumte er nicht, ihm nachzukommen. Er liess seine Pferde niederstossen sowie die italischen Soldaten, die sich weigerten, ihm ueber das Meer zu folgen, und bestieg die auf der Rede von Kroton laengst in Bereitschaft stehenden Transportschiffe. Die roemischen Buerger atmeten auf, da der gewaltige libysche Loewe, den zum Abzug zu zwingen selbst jetzt noch niemand sich getraute, also freiwillig dem italischen Boden den Ruecken wandte; bei diesem Anlass ward dem einzigen ueberlebenden unter den roemischen Feldherren, welche die schwere Zeit mit Ehren bestanden hatten, dem fast neunzigjaehrigen Quintus Fabius von Rat und Buergerschaft der Graskranz verehrt. Dieser Kranz, welchen nach roemischer Sitte das durch den Feldherrn gerettete Heer seinem Retter darbrachte, von der ganzen Gemeinde zu empfangen, war die hoechste Auszeichnung, die einem roemischen Buerger je zuteil geworden ist, und der letzte Ehrenschmuck des alten Feldherrn, der noch in demselben Jahre aus dem Leben schied (551 203). Hannibal aber gelangte, ohne Zweifel nicht unter dem Schutz des Waffenstillstandes, sondern allein durch seine Schnelligkeit und sein Glueck, ungehindert nach Leptis und betrat, der letzte von Hamilkars “Loewenbrut”, hier abermals nach sechsunddreissigjaehriger Abwesenheit den Boden der Heimat, die er, fast noch ein Knabe, verlassen hatte, um seine grossartige und doch so durchaus vergebliche Heldenlaufbahn zu beginnen und westwaerts ausziehend von Osten her heimzukehren, rings um die karthagische See einen weiten Siegeskreis beschreibend. Jetzt, wo geschehen war, was er hatte verhueten wollen und was er verhuetet haette, wenn er gedurft, jetzt sollte er, wenn moeglich, retten und helfen; und er tat es, ohne zu klagen und zu schelten. Mit seiner Ankunft trat die Patriotenpartei offen auf; das schaendliche Urteil gegen Hasdrubal ward kassiert, neue Verbindungen mit den numidischen Scheichs durch Hannibals Gewandtheit angeknuepft und nicht bloss dem tatsaechlich abgeschlossenen Frieden in der Volksversammlung die Bestaetigung verweigert, sondern auch durch die Pluenderung einer an der afrikanischen Kueste gestrandeten roemischen Transportflotte, ja sogar durch den ueberfall eines roemische Gesandte fuehrenden roemischen Kriegsschiffs der Waffenstillstand gebrochen. In gerechter Erbitterung brach Scipio aus seinem Lager bei Tunis auf (552 202) und durchzog das reiche Tal des Bagradas (Medscherda), indem er den Ortschaften keine Kapitulation mehr gewaehrte, sondern die Einwohnerschaften der Flecken und Staedte in Masse aufgreifen und verkaufen liess. Schon war er tief ins Binnenland eingedrungen und stand bei Naraggara (westlich von Sicca, jetzt el Kef, an der Grenze von Tunis und Algier), als Hannibal, der ihm von Hadrumetum aus entgegengezogen war, mit ihm zusammentraf. Der karthagische Feldherr versuchte von dem roemischen in einer persoenlichen Zusammenkunft bessere Bedingungen zu erlangen; allein Scipio, der schon bis an die aeusserste Grenze der Zugestaendnisse gegangen war, konnte nach dem Bruch des Waffenstillstandes unmoeglich zu weiterer Nachgiebigkeit sich verstehen, und es ist nicht glaublich, dass Hannibal bei diesem Schritt etwas anderes bezweckte, als der Menge zu zeigen, dass die Patrioten keineswegs unbedingt gegen den Frieden seien. Die Konferenz fuehrte zu keinem Ergebnis und so kam es zu der Entscheidungsschlacht bei Zama (vermutlich unweit Sicca) ^1. In drei Linien ordnete Hannibal sein Fussvolk: in das erste Glied die karthagischen Mietstruppen, in das zweite die afrikanische Land- und die phoenikische Buergerwehr nebst dem makedonischen Korps, in das dritte die Veteranen, die ihm aus Italien gefolgt waren. Vor der Linie standen die achtzig Elefanten, die Reiter auf den Fluegeln. Scipio stellte gleichfalls seine Legionen in drei Glieder, wie die Roemer pflegten, und ordnete sie so, dass die Elefanten durch und neben der Linie weg ausbrechen konnten, ohne sie zu sprengen. Dies gelang nicht bloss vollstaendig, sondern die seitwaerts ausweichenden Elefanten brachten auch die karthagischen Reiterfluegel in Unordnung, so dass gegen diese Scipios Reiterei, die ueberdies durch das Eintreffen von Massinissas Scharen dem Feinde weit ueberlegen war, leichtes Spiel hatte und bald in vollem Nachsetzen begriffen war. Ernster war der Kampf des Fussvolks. Lange stand das Gefecht zwischen den beiderseitigen ersten Gliedern; in dem aeusserst blutigen Handgemenge gerieten endlich beide Teile in Verwirrung und mussten an den zweiten Gliedern einen Halt suchen. Die Roemer fanden ihn; die karthagische Miliz aber zeigte sich so unsicher und schwankend, dass sich die Soeldner verraten glaubten und es zwischen ihnen und der karthagischen Buergerwehr zum Handgemenge kam. Indes Hannibal zog eilig, was von den beiden ersten Linien noch uebrig war, auf die Fluegel zurueck und schob seine italischen Kerntruppen auf der ganzen Linie vor. Scipio draengte dagegen in der Mitte zusammen, was von der ersten Linie noch kampffaehig war und liess das zweite und dritte Glied rechts und links an das erste sich anschliessen. Abermals begann auf derselben Walstatt ein zweites, noch fuerchterlicheres Gemetzel; Hannibals alte Soldaten wankten nicht trotz der Ueberzahl der Feinde, bis die Reiterei der Roemer und des Massinissa, von der Verfolgung der geschlagenen feindlichen zurueckkehrend, sie von allen Seiten umringte. Damit war nicht bloss der Kampf zu Ende, sondern das phoenikische Heer vernichtet; dieselben Soldaten, die vierzehn Jahre zuvor bei Cannae gewichen waren, hatten ihren Ueberwindern bei Zama vergolten. Mit einer Handvoll Leute gelangte Hannibal fluechtig nach Hadrumetum.

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^1 Von den beiden diesen Namen fuehrenden Orten ist wahrscheinlich der westlichere, etwa 60 Miglien westlich von Hadrumetum gelegene, derjenige der Schlacht (vgl. Hermes 20, 1885, S. 144, 318). Die Zeit ist der Fruehling oder Sommer des Jahres 552 (202); die Bestimmung des Tages auf den 19. Oktober wegen der angeblichen Sonnenfinsternis ist nichtig.

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Nach diesem Tage konnte auf karthagischer Seite nur der Unverstand zur Fortsetzung des Krieges raten. Dagegen lag es in der Hand des roemischen Feldherrn, sofort die Belagerung der Hauptstadt zu beginnen, die weder gedeckt noch verproviantiert war, und, wenn nicht unberechenbare Zwischenfaelle eintraten, das Schicksal, welches Hannibal ueber Rom hatte bringen wollen, jetzt ueber Karthago walten zu lassen. Scipio hat es nicht getan; er gewaehrte den Frieden (553 201), freilich nicht mehr auf die frueheren Bedingungen. Ausser den Abtretungen, die schon bei den letzen Verhandlungen fuer Rom wie fuer Massinissa gefordert worden waren, wurde den Karthagern auf fuenfzig Jahre eine jaehrliche Kontribution von 200 Talenten (340000 Taler) aufgelegt und mussten sie sich anheischig machen, nicht gegen Rom oder seine Verbuendeten und ueberhaupt ausserhalb Afrika gar nicht, in Afrika ausserhalb ihres eigenen Gebietes nur nach eingeholter Erlaubnis Roms Krieg zu fuehren; was tatsaechlich darauf hinauslief, dass Karthago tributpflichtig ward und seine politische Selbstaendigkeit verlor. Es scheint sogar, dass die Karthager unter Umstaenden verpflichtet waren, Kriegsschiffe zu der roemischen Flotte zu stellen.

Man hat Scipio beschuldigt, dass er, um die Ehre der Beendigung des schwersten Krieges, den Rom gefuehrt hat, nicht mit dem Oberbefehl an einen Nachfolger abgeben zu muessen, dem Feinde zu guenstige Bedingungen gewaehrte. Die Anklage moechte gegruendet sein, wenn der erste Entwurf zustande gekommen waere; gegen den zweiten scheint sie nicht gerechtfertigt. Weder standen in Rom die Verhaeltnisse so, dass der Guenstling des Volkes nach dem Siege bei Zama die Abberufung ernstlich zu fuerchten gehabt haette - war doch schon vor dem Siege ein Versuch, ihn abzuloesen, vom Senat an die Buergerschaft und von dieser entschieden zurueckgewiesen worden; noch rechtfertigen die Bedingungen selbst diese Beschuldigung. Die Karthagerstadt hat, nachdem ihr also die Haende gebunden und ein maechtiger Nachbar ihr zur Seite gestellt war, nie auch nur einen Versuch gemacht, sich der roemischen Suprematie zu entziehen, geschweige denn, mit Rom zu rivalisieren; es wusste ueberdies jeder, der es wissen wollte, dass der soeben beendigte Krieg viel mehr von Hannibal unternommen worden war als von Karthago und dass der Riesenplan der Patriotenpartei sich schlechterdings nicht erneuern liess. Es mochte den rachsuechtigen Italienern wenig duenken, dass nur die fuenfhundert ausgelieferten Kriegsschiffe in Flammen aufloderten und nicht auch die verhasste Stadt; Verbissenheit und Dorfschulzenverstand mochten die Meinung verfechten, dass nur der vernichtete Gegner wirklich besiegt sei, und den schelten, der das Verbrechen, die Roemer zittern gemacht zu haben, verschmaeht hatte, gruendlicher zu bestrafen. Scipio dachte anders und wir haben keinen Grund und also kein Recht anzunehmen, dass in diesem Fall die gemeinen Motive den Roemer bestimmten, und nicht die adligen und hochsinnigen, die auch in seinem Charakter lagen. Nicht das Bedenken der etwaigen Abberufung oder des moeglichen Glueckswechsels noch die allerdings nicht fernliegende Besorgnis vor dem Ausbruch des Makedonischen Krieges haben den sicheren und zuversichtlichen Mann, dem bisher noch alles unbegreiflich gelungen war, abgehalten, die Exekution an der ungluecklichen Stadt zu vollziehen, die fuenfzig Jahre spaeter seinem Adoptivenkel aufgetragen wurde und die freilich wohl jetzt gleich schon vollzogen werde konnte. Es ist viel wahrscheinlicher, dass die beiden grossen Feldherren, bei denen jetzt auch die politische Entscheidung stand, den Frieden wie er war boten und annahmen, um dort der ungestuemen Rachsucht der Sieger, hier der Hartnaeckigkeit und dem Unverstand der Ueberwundenen gerechte und verstaendige Schranken zu setzen; der Seelenadel und die staatsmaennische Begabung der hohen Gegner zeigt sich nicht minder in Hannibals grossartiger Fuegung in das Unvermeidliche als in Scipios weisem Zuruecktreten von dem Ueberfluessigen und Schmaehlichen des Sieges. Sollte er, der hochherzige und freiblickende Mann, sich nicht gefragt haben, was es denn dem Vaterlande nuetzte, nachdem die politische Macht der Karthagerstadt vernichtet war, diesen uralten Sitz des Handels und Ackerbaus voellig zu verderben und einen der Grundpfeiler der damaligen Zivilisation frevelhaft niederzuwerfen? Die Zeit war noch nicht gekommen, wo die ersten Maenner Roms sich hergaben zu Henkern der Zivilisation der Nachbarn und die ewige Schande der Nation leichtfertig glaubten von sich mit einer muessigen Traene abzuwaschen.

So war der Zweite Punische Krieg, oder wie die Roemer ihn richtiger nennen, der Hannibalische Krieg beendigt, nachdem er siebzehn Jahre vom Hellespont bis zu den Saeulen des Herkules die Inseln und Landschaften verheert hatte. Vor diesem Krieg hatte Rom sein politisches Ziel nicht hoeher gesteckt als bis zu der Beherrschung des Festlandes der italischen Halbinsel innerhalb ihrer natuerlichen Grenzen und der italischen Inseln und Meere. Dass man den Krieg auch beendigte mit dem Gedanken, nicht die Herrschaft ueber die Staaten am Mittelmeer oder die sogenannte Weltmonarchie begruendet, sondern einen gefaehrlichen Nebenbuhler unschaedlich gemacht und Italien bequeme Nachbarn gegeben zu haben, wird durch die Behandlung Afrikas beim Friedensschluss deutlich bewiesen. Es ist wohl richtig, dass andere Ergebnisse des Krieges, namentlich die Eroberung von Spanien, diesem Gedanken wenig entsprachen; aber die Erfolge fuehrten eben ueber die eigentliche Absicht hinaus, und zu dem Besitz von Spanien sind die Roemer in der Tat man moechte sagen zufaellig gelangt. Die Herrschaft ueber Italien haben die Roemer errungen, weil sie sie erstrebt haben; die Hegemonie und die daraus entwickelte Herrschaft ueber das Mittelmeergebiet ist ihnen gewissermassen ohne ihre Absicht durch die Verhaeltnisse zugeworfen worden.

Die unmittelbaren Resultate des Krieges waren ausserhalb Italien die Verwandlung Spaniens in eine roemische, freilich in ewiger Auflehnung begriffene Doppelprovinz; die Vereinigung des bis dahin abhaengigen syrakusanischen Reiches mit der roemischen Provinz Sizilien; die Begruendung des roemischen statt des karthagischen Patronats ueber die bedeutendsten numidischen Haeuptlinge; endlich die Verwandlung Karthagos aus einem maechtigen Handelsstaat in eine wehrlose Kaufstadt; mit einem Worte Roms unbestrittene Hegemonie ueber den Westen des Mittelmeergebiets, in weiterer Entwicklung das notwendige Ineinandergreifen des oestlichen und des westlichen Staatensystems, das im Ersten Punischen Krieg sich nur erst angedeutet hatte, und damit das demnaechst bevorstehende entscheidende Eingreifen Roms in die Konflikte der alexandrischen Monarchien. In Italien wurde dadurch zunaechst das Keltenvolk, wenn nicht schon vorher, doch jetzt sicher zum Untergang bestimmt, und es war nur noch eine Zeitfrage, wann die Exekution vollzogen werden wuerde. Innerhalb der roemischen Eidgenossenschaft war die Folge des Krieges das schaerfere Hervortreten der herrschenden latinischen Nation, deren inneren Zusammenhang die trotz einzelner Schwankungen doch im ganzen in treuer Gemeinschaft ueberstandene Gefahr geprueft und bewaehrt hatte, und die steigende Unterdrueckung der nicht latinischen oder nicht latinisierten Italiker, namentlich der Etrusker und der unteritalischen Sabeller. Am schwersten traf die Strafe oder vielmehr die Rache teils den maechtigsten teils den zugleich ersten und letzten Bundesgenossen Hannibals, die Gemeinde Capua und die Landschaft der Brettier. Die capuanische Verfassung ward vernichtet und Capua aus der zweiten Stadt in das erste Dorf Italiens umgewandelt; es war sogar die Rede davon, die Stadt zu schleifen und dem Boden gleichzumachen. Den gesamten Grund und Boden mit Ausnahme weniger Besitzungen Auswaertiger oder roemisch gesinnter Kampaner erklaerte der Senat zur oeffentlichen Domaene und gab ihn seitdem an kleine Leute parzellenweise in Zeitpacht. Aehnlich wurden die Picenter am Silarus behandelt; ihre Hauptstadt wurde geschleift und die Bewohner zerstreut in die umliegenden Doerfer. Der Brettier Los war noch haerter; sie wurden in Masse gewissermassen zu Leibeigenen der Roemer gemacht und fuer ewige Zeiten vom Waffenrecht ausgeschlossen. Aber auch die uebrigen Verbuendeten Hannibals buessten schwer, so die griechischen Staedte mit Ausnahme der wenigen, die bestaendig zu Rom gehalten hatten, wie die kampanischen Griechen und die Rheginer. Nicht viel weniger litten die Arpaner und eine Menge anderer apulischer, lucanischer, samnitischer Gemeinden, die grossenteils Stuecke ihrer Mark verloren. Auf einem Teile der also gewonnenen Aecker wurden neue Kolonien angelegt; so im Jahre 560 (194) eine ganze Reihe Buergerkolonien an den besten Haefen Unteritaliens, unter denen Sipontum (bei Manfredonia) und Kroton zu nennen sind, ferner Salernum in dem ehemaligen Gebiet der suedlichen Picenter und diesen zur Zwingburg bestimmt, vor allem aber Puteoli, das bald der Sitz der vornehmen Villeggiatur und des asiatisch-aegyptischen Luxushandels ward. Ferner ward Thurii latinische Festung unter dem neuen Namen Copia (560 194), ebenso die reiche brettische Stadt Vibo unter dem Namen Valentia (562 192). Auf anderen Grundstuecken in Samnium und Apulien wurden die Veteranen der siegreichen Armee von Afrika einzeln angesiedelt; der Rest blieb Gemeinland und die Weideplaetze der vornehmen Herren in Rom ersetzten die Gaerten und Ackerfelder der Bauern. Es versteht sich, dass ausserdem in allen Gemeinden der Halbinsel die namhaften, nicht gut roemisch gesinnten Leute soweit beseitigt wurden, als dies durch politische Prozesse und Gueterkonfiskationen durchzusetzen war. Ueberall in Italien fuehlten die nichtlatinischen Bundesgenossen, dass ihr Name eitel und dass sie fortan Untertanen Roms seien; die Besiegung Hannibals ward als eine zweite Unterjochung Italiens empfunden und alle Erbitterung wie aller Uebermut des Siegers vornehmlich an den italischen, nichtlatinischen Bundesgenossen ausgelassen. Selbst die farblose und wohlpolizierte roemische Komoedie dieser Zeit traegt davon die Spuren; wenn die niedergeworfenen Staedte Capua und Atella dem zuegellosen Witz der roemischen Posse polizeilich freigegeben und die letztere geradezu deren Schildburg wurde, wenn andere Lustspieldichter darueber spassten, dass in der todbringenden Luft, wo selbst die ausdauerndste Rasse der Sklaven, das Syrervolk, verkomme, die kampanische Sklavenschaft schon gelernt habe auszuhalten, so hallt aus solchen gefuehllosen Spoettereien der Hohn der Sieger, freilich auch der Jammerlaut der zertretenen Nationen wieder. Wie die Dinge standen, zeigt die aengstliche Sorgfalt, womit waehrend des folgenden Makedonischen Krieges die Bewachung Italiens vom Senat betrieben ward, und die Verstaerkungen, die den wichtigsten Kolonien - so Venusia 554 (200), Narnia 555 (199), Cosa 557 (197), Cales kurz vor 570 (184) - von Rom aus zugesandt wurden.

Welche Luecken Krieg und Hunger in die Reihen der italischen Bevoelkerung gerissen hatten, zeigt das Beispiel der roemischen Buergerschaft, deren Zahl waehrend des Krieges fast um den vierten Teil geschwunden war; die Angabe der Gesamtzahl der im Hannibalischen Krieg gefallenen Italiker auf 300000 Koepfe scheint danach durchaus nicht uebertrieben. Natuerlich fiel dieser Verlust vorwiegend auf den Kern der Buergerschaft, die ja auch den Kern wie die Masse der Streiter stellte; wie furchtbar namentlich der Senat sich lichtete, zeigt die Ergaenzung desselben nach der Schlacht bei Cannae, wo derselbe auf 123 Koepfe geschwunden war und mit Muehe und Not durch eine ausserordentliche Ernennung von 177 Senatoren wieder auf seinen Normalstand gebracht ward. Dass endlich der siebzehnjaehrige Krieg, der zugleich in allen Landschaften Italiens und nach allen vier Weltgegenden im Ausland gefuehrt worden war, die Volkswirtschaft im tiefsten Grund erschuettert haben muss, ist im allgemeinen klar; zur Ausfuehrung im einzelnen reicht die Ueberlieferung nicht hin. Zwar der Staat gewann durch die Konfiskationen, und namentlich das kampanische Gebiet blieb seitdem eine unversiegliche Quelle der Staatsfinanzen; allein durch diese Ausdehnung der Domaenenwirtschaft ging natuerlich der Volkswohlstand um ebenso viel zurueck, als er in anderen Zeiten gewonnen hatte durch die Zerschlagung der Staatslaendereien. Eine Menge bluehender Ortschaften - man rechnet vierhundert - war vernichtet und verderbt, das muehsam gesparte Kapital aufgezehrt, die Bevoelkerung durch das Lagerleben demoralisiert, die alte gute Tradition buergerlicher und baeuerlicher Sitte von der Hauptstadt an bis in das letzte Dorf untergraben. Sklaven und verzweifelte Leute taten sich in Raeuberbanden zusammen, von deren Gefaehrlichkeit es einen Begriff gibt, dass in einem einzigen Jahre (569 185) allein in Apulien 7000 Menschen wegen Strassenraubs verurteilt werden mussten; die sich ausdehnenden Weiden mit den halb wilden Hirtensklaven beguenstigten diese heillose Verwilderung des Landes. Der italische Ackerbau sah sich in seiner Existenz bedroht durch das zuerst in diesem Kriege aufgestellte Beispiel, dass das roemische Volk statt von selbst geerntetem auch von sizilischem und aegyptischem Getreide ernaehrt werden koenne. Dennoch durfte der Roemer, dem die Goetter beschieden hatten, das Ende dieses Riesenkampfes zu erleben, stolz in die Vergangenheit und zuversichtlich in die Zukunft blicken. Es war viel verschuldet, aber auch viel erduldet worden; das Volk, dessen gesamte dienstfaehige Jugend fast zehn Jahre hindurch Schild und Schwert nicht abgelegt hatte, durfte manches sich verzeihen. Jenes wenn auch durch wechselseitige Befehdung unterhaltene, doch im ganzen friedliche und freundliche Zusammenleben der verschiedenen Nationen, wie es das Ziel der neueren Voelkerentwicklungen zu sein scheint, ist dem Altertum fremd: damals galt es Amboss zu sein oder Hammer; und in dem Wettkampf der Sieger war der Sieg den Roemern geblieben. Ob man verstehen werde ihn zu benutzen, die latinische Nation immer fester an Rom zu ketten, Italien allmaehlich zu latinisieren, die Unterworfenen in den Provinzen als Untertanen zu beherrschen, nicht als Knechte auszunutzen, die Verfassung zu reformieren, den schwankenden Mittelstand neu zu befestigen und zu erweitern - das mochte mancher fragen; wenn man es verstand, so durfte Italien gluecklichen Zeiten entgegensehen, in denen der auf eigene Arbeit unter guenstigen Verhaeltnissen gegruendete Wohlstand und die entschiedenste politische Suprematie ueber die damalige zivilisierte Welt jedem Gliede des grossen Ganzen ein gerechtes Selbstgefuehl, jedem Stolz ein wuerdiges Ziel, jedem Talent eine offene Bahn geschaffen haben wuerden. Freilich wenn nicht, nicht. Fuer den Augenblick aber schwiegen die bedenklichen Stimmen und die trueben Besorgnisse, als von allen Seiten die Krieger und Sieger in ihre Haeuser zurueckkehrten, als Dankfeste und Lustbarkeiten, Geschenke an Soldaten und Buerger an der Tagesordnung waren, die geloesten Gefangenen heimgesandt wurden aus Gallien, Afrika, Griechenland und endlich der jugendliche Sieger im glaenzenden Zuge durch die geschmueckten Strassen der Hauptstadt zog, um seine Palme in dem Haus des Gottes niederzulegen, von dem, wie sich die Glaeubigen zufluesterten, er zu Rat und Tat unmittelbar die Eingebungen empfangen hatte.

KAPITEL VII.
Der Westen vom Hannibalischen Frieden bis zum Ende der dritten Periode

In der Erstreckung der roemischen Herrschaft bis an die Alpen- oder, wie man jetzt schon sagte, bis an die italische Grenze und in der Ordnung und Kolonisierung der keltischen Landschaften war Rom durch den Hannibalischen Krieg unterbrochen worden. Es verstand sich von selbst, dass man jetzt da fortfahren wuerde, wo man aufgehoert hatte, und die Kelten begriffen es wohl. Schon im Jahre des Friedensschlusses mit Karthago (553 201) hatten im Gebiet der zunaechst bedrohten Boier die Kaempfe wieder begonnen; und ein erster Erfolg, der ihnen gegen den eilig aufgebotenen roemischen Landsturm gelang, sowie das Zureden eines karthagischen Offiziers Hamilkar, der von Magos Expedition her in Norditalien zurueckgeblieben war, veranlassten im folgenden Jahr (554 200) eine allgemeine Schilderhebung nicht bloss der beiden zunaechst bedrohten Staemme, der Boier und Insubrer; auch die Ligurer trieb die naeherrueckende Gefahr in die Waffen, und selbst die cenomanische Jugend hoerte diesmal weniger auf die Stimme ihrer vorsichtigen Behoerden als auf den Notruf der bedrohten Stammgenossen. Von “den beiden Riegeln gegen die gallischen Zuege”, Placentia und Cremona, ward der erste niedergeworfen - von der placentinischen Einwohnerschaft retteten nicht mehr als 2000 das Leben -, der zweite berannt. Eilig marschierten die Legionen heran, um zu retten, was noch zu retten war. Vor Cremona kam es zu einer grossen Schlacht. Die geschickte und kriegsmaessige Leistung derselben von seiten des phoenikischen Fuehrers vermochte es nicht, die Mangelhaftigkeit seiner Truppen zu ersetzen; dem Andrang der Legionen hielten die Gallier nicht stand und unter den Toten, welche zahlreich das Schlachtfeld bedeckten, war auch der karthagische Offizier. Indes setzten die Kelten den Kampf fort; dasselbe roemische Heer, welches bei Cremona gesiegt, wurde das naechste Jahr (555 199), hauptsaechlich durch die Schuld des sorglosen Fuehrers, von den Insubrern fast aufgerieben und erst 556 (198) konnte Placentia notduerftig wiederhergestellt werden. Aber der Bund der zu dem Verzweiflungskampf vereinigten Kantone ward in sich uneins; die Boier und die Insubrer gerieten in Zwist, und die Cenomanen traten nicht bloss zurueck von dem Nationalbunde, sondern erkauften sich auch Verzeihung von den Roemern durch schimpflichen Verrat der Landsleute, indem sie waehrend einer Schlacht, die die Insubrer den Roemern am Mincius lieferten, ihre Bundes- und Kampfgenossen von hinten angriffen und aufreiben halfen (557 197). So gedemuetigt und im Stich gelassen, bequemten sich die Insubrer nach dem Fall von Comum gleichfalls zu einem Sonderfrieden (558 196). Die Bedingungen, welche Rom den Cenomanen und Insubrern vorschrieb, waren allerdings haerter, als sie den Gliedern der italischen Eidgenossenschaft gewaehrt zu werden pflegten; namentlich vergass man nicht, die Scheidewand zwischen Italikern und Kelten gesetzlich zu befestigen und zu verordnen, dass nie ein Buerger dieser beiden Keltenstaemme das roemische Buergerrecht solle gewinnen koennen. Indes liess man diesen transpadanischen Keltendistrikten ihre Existenz und ihre nationale Verfassung, so dass sie nicht Stadtgebiete, sondern Voelkergaue bildeten, und legte ihnen auch wie es scheint keinen Tribut auf; sie sollten den roemischen Ansiedlungen suedlich vom Po als Bollwerk dienen und die nachrueckenden Nordlaender wie die raeuberischen Alpenbewohner, welche regelmaessige Razzias in diese Gegenden zu unternehmen pflegten, von Italien abhalten. Uebrigens griff auch in diesen Landschaften die Latinisierung mit grosser Schnelligkeit um sich; die keltische Nationalitaet vermochte offenbar bei weitem nicht den Widerstand zu leisten wie die der zivilisierten Sabeller und Etrusker. Der gefeierte lateinische Lustspieldichter Statius Caecilius, der im Jahre 586 (168) starb, war ein freigelassener Insubrer; und Polybios, der gegen Ausgang des sechsten Jahrhunderts diese Gegenden bereiste, versichert, vielleicht nicht ohne eigene Uebertreibung, dass daselbst nur noch wenige Doerfer unter den Alpen keltisch geblieben seien. Die Veneter dagegen scheinen ihre Nationalitaet laenger behauptet zu haben.

Das hauptsaechliche Bestreben der Roemer war in diesen Landschaften begreiflicherweise darauf gerichtet, dem Nachruecken der transalpinischen Kelten zu steuern und die natuerliche Scheidewand der Halbinsel und des inneren Kontinents auch zur politischen Grenze zu machen. Dass die Furcht vor dem roemischen Namen schon zu den naechstliegenden keltischen Kantonen jenseits der Alpen gedrungen war, zeigt nicht bloss die vollstaendige Untaetigkeit, mit der dieselben der Vernichtung oder Unterjochung ihrer diesseitigen Landsleute zusahen, sondern mehr noch die offizielle Missbilligung und Desavouierung, welche die transalpinischen Kantone - man wird zunaechst an die Helvetier (zwischen dem Genfer See und dem Main) und an die Karner oder Taurisker (in Kaernten und Steiermark) zu denken haben - gegen die beschwerdefuehrenden roemischen Gesandten aussprachen ueber die Versuche einzelner keltischer Haufen, sich diesseits der Alpen in friedlicher Weise anzusiedeln, nicht minder die demuetige Art, in welcher diese Auswandererhaufen selbst zuerst bei dem roemischen Senat um Landanweisung bittend einkamen, alsdann aber dem strengen Gebot, ueber die Alpen zurueckzugehen, ohne Widerrede sich fuegten (568 f., 575 186, 179) und die Stadt, die sie unweit des spaeteren Aquileia schon angelegt hatten, wieder zerstoeren liessen. Mit weiser Strenge gestattete der Senat keinerlei Ausnahme von dem Grundsatz, dass die Alpentore fuer die keltische Nation fortan geschlossen seien, und schritt mit schweren Strafen gegen diejenigen roemischen Untertanen ein, die solche Uebersiedlungsversuche von Italien aus veranlasst hatten. Ein Versuch dieser Art, welcher auf einer bis dahin den Roemern wenig bekannten Strasse im innersten Winkel des Adriatischen Meeres stattfand, mehr aber noch, wie es scheint, der Plan Philipps von Makedonien, wie Hannibal von Westen so seinerseits von Osten her in Italien einzufallen, veranlassten die Gruendung einer Festung in dem aeussersten nordoestlichen Winkel Italien, der noerdlichsten italischen Kolonie Aquileia (571-573 183-181), die nicht bloss diesen Weg den Fremden fuer immer zu verlegen, sondern auch die fuer die dortige Schiffahrt vorzueglich bequem gelegene Meeresbucht zu sichern und der immer noch nicht ganz ausgerotteten Piraterie in diesen Gewaessern zu steuern bestimmt war. Die Anlage Aquileias veranlasste einen Krieg gegen die Istrier (576, 577 178, 177), der mit der Erstuermung einiger Kastelle und dem Fall des Koenigs Aepulo schnell beendigt war und durch nichts merkwuerdig ist als durch den panischen Schreck, den die Kunde von der Ueberrumpelung des roemischen Lagers durch eine Handvoll Barbaren bei der Flotte und sodann in ganz Italien hervorrief.

Anders verfuhr man in der Landschaft diesseits des Padus, die der roemische Senat beschlossen hatte Italien einzuverleiben. Die Boier, die dies zunaechst traf, wehrten sich mit verzweifelter Entschlossenheit. Es ward sogar der Padus von ihnen ueberschritten und ein Versuch gemacht, die Insubrer wieder unter die Waffen zu bringen (560 194); ein Konsul ward in seinem Lager von ihnen blockiert und wenig fehlte, dass er unterlag; Placentia hielt sich muehsam gegen die ewigen Angriffe der erbitterten Eingeborenen. Bei Mutina endlich ward die letzte Schlacht geliefert; sie war lang und blutig, aber die Roemer siegten (561 193), und seitdem war der Kampf kein Krieg mehr, sondern eine Sklavenhetze. Die einzige Freistatt im boischen Gebiet war bald das roemische Lager, in das der noch uebrige bessere Teil der Bevoelkerung sich zu fluechten begann; die Sieger konnten nach Rom berichten, ohne sehr zu uebertreiben, dass von der Nation der Boier nichts mehr uebrig sei als Kinder und Greise. So freilich musste sie sich ergeben in das Schicksal, das ihr bestimmt war. Die Roemer forderten Abtretung des halben Gebiets (563 191); sie konnte nicht verweigert werden, aber auch auf dem geschmaelerten Bezirk, der den Boiern blieb, verschwanden sie bald und verschmolzen mit ihren Besiegern ^1.

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^1 Nach Strabons Bericht waeren diese italischen Boier von den Roemern ueber die Alpen verstossen worden und aus ihnen die boische Ansiedlung im heutigen Ungarn um Steinamanger und Oedenburg hervorgegangen, welche in der augustischen Zeit von den ueber die Donau gegangenen Geten angegriffen und vernichtet wurde, dieser Landschaft aber den Namen der boischen Einoede hinterliess. Dieser Bericht passt sehr wenig zu der wohlbeglaubigten Darstellung der roemischen Jahrbuecher, nach der man sich roemischerseits begnuegte mit der Abtretung des halben Gebietes; und um das Verschwinden der italischen Boier zu erklaeren, bedarf es in der Tat der Annahme einer gewaltsamen Vertreibung nicht - verschwinden doch auch die uebrigen keltischen Voelkerschaften, obwohl von Krieg und Kolonisierung in weit minderem Grade heimgesucht, nicht viel weniger rasch und vollstaendig aus der Reihe der italischen Nationen. Anderseits fuehren andere Berichte vielmehr darauf, jene Boier am Neusiedler See herzuleiten von dem Hauptstock der Nation, der ehemals in Bayern und Boehmen sass, bis deutsche Staemme ihn suedwaerts draengten. Ueberall aber ist es sehr zweifelhaft, ob die Boier, die man bei Bordeaux, am Po, in Boehmen findet, wirklich auseinandergesprengte Zweige eines Stammes sind und nicht bloss eine Namensgleichheit obwaltet. Strabons Annahme duerfte auf nichts anderem beruhen als auf einem Rueckschluss aus der Namensgleichheit, wie die Alten ihn bei den Kimbern, Venetern und sonst oft unueberlegt anwandten.

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Nachdem die Roemer also sich reinen Boden geschaffen hatten, wurden die Festungen Placentia und Cremona, deren Kolonisten die letzten unruhigen Jahre grossenteils hingerafft oder zerstreut hatten, wieder organisiert und neue Ansiedler dorthin gesandt; neu gegruendet wurden in und bei dem ehemaligen senonischen Gebiet Potentia (bei Recanati unweit Ancona; 570 184) und Pisaurum (Pesaro; 570 184), ferner in der neu gewonnenen boischen Landschaft die Festungen Bonoma (565 189), Mutina (571 183) und Parma (571 183), von denen die Kolonie Mutina schon vor dem Hannibalischen Krieg angelegt und nur der Abschluss der Gruendung durch diesen unterbrochen worden war. Wie immer verband sich mit der Anlage der Festungen auch die von Militaerchausseen. Es wurde die Flaminische Strasse von ihrem noerdlichen Endpunkt Ariminum unter dem Namen der Aemilischen bis Placentia verlaengert (567 187). Ferner ward die Strasse von Rom nach Arretium oder die Cassische, die wohl schon laengst Munizipalchaussee gewesen war, wahrscheinlich im Jahre 583 (171) von der roemischen Gemeinde uebernommen und neu angelegt, schon 567 (187) aber die Strecke von Arretium ueber den Apennin nach Bononia bis an die neue Aemilische Strasse hergestellt, wodurch man eine kuerzere Verbindung zwischen Rom und den Pofestungen erhielt. Durch diese durchgreifenden Massnahmen wurde der Apennin als die Grenze des keltischen und des italischen Gebiets tatsaechlich beseitigt und ersetzt durch den Po. Diesseits des Po herrschte fortan wesentlich die italische Stadt-, jenseits desselben wesentlich die keltische Gauverfassung, und es war ein leerer Name, wenn auch jetzt noch das Gebiet zwischen Apennin und Po zur keltischen Landschaft gerechnet ward.

In dem nordwestlichen italischen Gebirgsland, dessen Taeler und Huegel hauptsaechlich von dem vielgeteilten ligurischen Stamm eingenommen waren, verfuhren die Roemer in aehnlicher Weise. Was zunaechst nordwaerts vom Arno wohnte, ward vertilgt. Es traf dies hauptsaechlich die Apuaner, die, auf dem Apennin zwischen dem Arno und der Magra wohnend, einerseits das Gebiet von Pisae, anderseits das von Bononia und Mutina unaufhoerlich pluenderten. Was hier nicht dem Schwert der Roemer erlag, ward nach Unteritalien in die Gegend von Benevent uebergesiedelt (574 180), und durch energische Massregeln die ligurische Nation, weicher man noch im Jahre 578 (175) die von ihr eroberte Kolonie Mutina wieder abnehmen musste, in den Bergen, die das Potal von dem des Arno scheiden, vollstaendig unterdrueckt. Die 577 (177) auf dem ehemals apuanischen Gebiet angelegte Festung Luna unweit Spezzia deckte die Grenze gegen die Ligurer aehnlich wie Aquileia gegen die Transalpiner und gab zugleich den Roemern einen vortrefflichen Hafen, der seitdem fuer die Ueberfahrt nach Massalia und nach Spanien die gewoehnliche Station ward. Die Chaussierung der Kuesten- oder Aurelischen Strasse von Rom nach Luna und der von Luca ueber Florenz nach Arretium gefuehrten Querstrasse zwischen der Aurelischen und Cassischen gehoert wahrscheinlich in dieselbe Zeit.

Gegen die westlicheren ligurischen Staemme, die die genuesischen Apenninen und die Seealpen innehatten, ruhten die Kaempfe nie. Es waren unbequeme Nachbarn, die zu Lande und zur See zu pluendern pflegten; die Pisaner und die Massalioten hatten von ihren Einfaellen und ihren Korsarenschiffen nicht wenig zu leiden. Bleibende Ergebnisse wurden indes bei den ewigen Fehden nicht gewonnen, vielleicht auch nicht bezweckt; ausser dass man, wie es scheint, um mit dem transalpinischen Gallien und Spanien neben der regelmaessigen See- auch eine Landverbindung zu haben, bemueht war, die grosse Kuestenstrasse von Luna ueber Massalia nach Emporiae wenigstens bis an die Alpen freizumachen - jenseits der Alpen lag es dann den Massalioten ob, den roemischen Schiffen die Kuestenfahrt und den Landreisenden die Uferstrasse offen zu halten. Das Binnenland mit seinen unwegsamen Taelern und seinen Felsennestern, mit seinen armen, aber gewandten und verschlagenen Bewohnern diente den Roemern hauptsaechlich als Kriegsschule zur Uebung und Abhaertung der Soldaten wie der Offiziere.

Aehnliche sogenannte Kriege wie gegen die Ligurer fuehrte man gegen die Korsen und mehr noch gegen die Bewohner des inneren Sardinien, welche die gegen sie gerichteten Raubzuege durch Ueberfaelle der Kuestenstriche vergalten. Im Andenken geblieben ist die Expedition des Tiberius Gracchus gegen die Sarden 577 (177) nicht so sehr, weil er der Provinz den “Frieden” gab, sondern weil er bis 80000 der Insulaner erschlagen oder gefangen zu haben behauptete und Sklaven von dort in solcher Masse nach Rom schleppte, dass es Sprichwort ward: “spottwohlfeil wie ein Sarde”.

In Afrika ging die roemische Politik wesentlich auf in dem einen, ebenso kurzsichtigen wie engherzigen Gedanken, das Wiederaufkommen der karthagischen Macht zu verhindern und deshalb die unglueckliche Stadt bestaendig unter dem Druck und unter dem Damoklesschwert einer roemischen Kriegserklaerung zu erhalten. Schon die Bestimmung des Friedensvertrags, dass den Karthagern zwar ihr Gebiet ungeschmaelert bleiben, aber ihrem Nachbarn Massinissa alle diejenigen Besitzungen garantiert sein sollten, die er oder sein Vorweser innerhalb der karthagischen Grenzen besessen haetten, sieht fast so aus, als waere sie hineingesetzt, um Streitigkeiten nicht zu beseitigen, sondern zu erwecken. Dasselbe gilt von der durch den roemischen Friedenstraktat den Karthagern auferlegten Verpflichtung, nicht gegen roemische Bundesgenossen Krieg zu fuehren, so dass nach dem Wortlaut des Vertrags sie nicht einmal befugt waren, aus ihrem eigenen und unbestrittenen Gebiet den numidischen Nachbarn zu vertreiben. Bei solchen Vertraegen und bei der Unsicherheit der afrikanischen Grenzverhaeltnisse ueberhaupt konnte Karthagos Lage gegenueber einem ebenso maechtigen wie ruecksichtslosen Nachbarn einem Oberherrn, der zugleich Schiedsrichter und Partei war, nicht anders als peinlich sein; aber die Wirklichkeit war aerger als die aergsten Erwartungen. Schon 561 (193) sah Karthago sich unter nichtigen Vorwaenden ueberfallen und den reichsten Teil seines Gebiets, die Landschaft Emporiae an der Kleinen Syrte, teils von den Numidiern gepluendert, teils sogar von ihnen in Besitz genommen. So gingen die Uebergriffe bestaendig weiter; das platte Land kam in die Haende der Numidier, und mit Muehe behaupteten die Karthager sich in den groesseren Ortschaften. Bloss in den letzten zwei Jahren, erklaerten die Karthager im Jahre 582 (172), seien ihnen wieder siebzig Doerfer vertragswidrig entrissen worden. Botschaft ueber Botschaft ging nach Rom; die Karthager beschworen den roemischen Senat, ihnen entweder zu gestatten, sich mit den Waffen zu verteidigen, oder ein Schiedsgericht mit Spruchgewalt zu bestellen, oder die Grenze neu zu regulieren, damit sie wenigstens ein- fuer allemal erfuehren, wieviel sie einbuessen sollten; besser sei es sonst, sie geradezu zu roemischen Untertanen zumachen, als sie so allmaehlich den Libyern auszuliefern. Aber die roemische Regierung, die schon 554 (200) ihrem Klienten geradezu Gebietserweiterungen, natuerlich auf Kosten Karthagos, in Aussicht gestellt hatte, schien wenig dagegen zuhaben, dass er die ihm bestimmte Beute sich selber nahm; sie maessigte wohl zuweilen das allzugrosse Ungestuem der Libyer, die ihren alten Peinigern jetzt das Erlittene reichlich vergalten, aber im Grunde war ja eben dieser Quaelerei wegen Massinissa von den Roemern Karthago zum Nachbar gesetzt worden. Alle Bitten und Beschwerden hatten nur den Erfolg, dass entweder roemische Kommissionen in Afrika erschienen, die nach gruendlicher Untersuchung zu keiner Entscheidung kamen, oder bei den Verhandlungen in Rom Massinissas Beauftragte Mangel an Instruktionen vorschuetzten und die Sache vertagt ward. Nur phoenikische Geduld war imstande, sich in eine solche Lage mit Ergebung zu schicken, ja dabei den Machthabern jeden Dienst und jede Artigkeit, die sie begehrten und nicht begehrten, mit unermuedlicher Beharrlichkeit zu erweisen und namentlich durch Kornsendungen um die roemische Gunst zu buhlen.

Indes war diese Fuegsamkeit der Besiegten doch nicht bloss Geduld und Ergebung. Es gab noch in Karthago eine Patriotenpartei und an ihrer Spitze stand der Mann, der, wo immer das Schicksal ihn hinstellte, den Roemern furchtbar blieb. Sie hatte es nicht aufgegeben, unter Benutzung der leicht vorauszusehenden Verwicklungen zwischen Rom und den oestlichen Maechten noch einmal den Kampf aufzunehmen und, nachdem der grossartige Plan Hamilkars und seiner Soehne wesentlich an der karthagischen Oligarchie gescheitert war, fuer diesen neuen Kampf vor allem das Vaterland innerlich zu erneuern. Die bessernde Macht der Not und wohl auch Hannibals klarer, grossartiger und der Menschen maechtiger Geist bewirkten politische und finanzielle Reformen. Die Oligarchie, die durch Erhebung der Kriminaluntersuchung gegen den grossen Feldherrn wegen absichtlich unterlassener Einnahme Roms und Unterschlagung der italischen Beute das Mass ihrer verbrecherischen Torheiten voll gemacht hatte - diese verfaulte Oligarchie wurde auf Hannibals Antrag ueber den Haufen geworfen und ein demokratisches Regiment eingefuehrt, wie es den Verhaeltnissen der Buergerschaft angemessen war (vor 559 195). Die Finanzen wurden durch Beitreibung der rueckstaendigen und unterschlagenen Gelder und durch Einfuehrung einer besseren Kontrolle so schnell wieder geordnet, dass die roemische Kontribution gezahlt werden konnte, ohne die Buerger irgendwie mit ausserordentlichen Steuern zu belasten. Die roemische Regierung, eben damals im Begriff, den bedenklichen Krieg mit dem Grosskoenig von Asien zu beginnen, folgte diesen Vorgaengen mit begreiflicher Besorgnis; es war keine eingebildete Gefahr, dass die karthagische Flotte in Italien landen und ein zweiter Hannibalischer Krieg dort sich entspinnen koenne, waehrend die roemischen Legionen in Kleinasien fochten. Man kann darum die Roemer kaum tadeln, wenn sie eine Gesandtschaft nach Karthago schickten (559 195), die vermutlich beauftragt war, Hannibals Auslieferung zu fordern. Die grollenden karthagischen Oligarchen, die Briefe ueber Briefe nach Rom sandten, um den Mann, der sie gestuerzt, wegen geheimer Verbindungen mit den antiroemisch gesinnten Maechten dem Landesfeind zu denunzieren, sind veraechtlich, aber ihre Meldungen waren wahrscheinlich richtig; und so wahr es auch ist, dass in jener Gesandtschaft ein demuetigendes Eingestaendnis der Furcht des maechtigen Volkes vor dem einfachen Schofeten von Karthago lag, so begreiflich und ehrenwert es ist, dass der stolze Sieger von Zama im Senat Einspruch tat gegen diesen erniedrigenden Schritt, so war doch jenes Eingestaendnis eben nichts anderes als die schlichte Wahrheit, und Hannibal eine so ausserordentliche Natur, dass nur roemische Gefuehlspolitiker ihn laenger an der Spitze des karthagischen Staats dulden konnten. Die eigentuemliche Anerkennung, die er bei der feindlichen Regierung fand, kam ihm selbst schwerlich ueberraschend. Wie Hannibal und nicht Karthago den letzten Krieg gefuehrt hatte, so hatte auch Hannibal das zu tragen, was den Besiegten trifft. Die Karthager konnten nichts tun als sich fuegen und ihrem Stern danken, dass Hannibal, durch seine rasche und besonnene Flucht nach dem Orient die groessere Schande ihnen ersparend, seiner Vaterstadt bloss die mindere liess, ihren groessten Buerger auf ewige Zeiten aus der Heimat verbannt, sein Vermoegen eingezogen und sein Haus geschleift zu haben. Das tiefsinnige Wort aber, dass diejenigen die Lieblinge der Goetter sind, denen sie die unendlichen Freuden und die unendlichen Leiden ganz verleihen, hat also an Hannibal in vollem Masse sich bewaehrt.

Schwerer als das Einschreiten gegen Hannibal laesst es sich verantworten, dass die roemische Regierung nach dessen Entfernung nicht aufhoerte, die Stadt zu beargwohnen und zu plagen. Zwar gaerten dort die Parteien nach wie vor; allein nach der Entfernung des ausserordentlichen Mannes, der fast die Geschicke der Welt gewendet haette, bedeutete die Patriotenpartei nicht viel mehr in Karthago als in Aetolien und in Achaia. Die verstaendigste Idee unter denen, welche damals die unglueckliche Stadt bewegten, war ohne Zweifel die, sich an Massinissa anzuschliessen und aus dem Draenger den Schutzherrn der Phoeniker zu machen. Allein weder die nationale noch die libysch gesinnte Faktion der Patrioten gelangte an das Ruder, sondern es blieb das Regiment bei den roemisch gesinnten Oligarchen, welche, soweit sie nicht ueberhaupt aller Gedanken an die Zukunft sich begaben, einzig die Idee festhielten, die materielle Wohlfahrt und die Kommunalfreiheit Karthagos unter dem Schutze Roms zu retten. Hierbei haette man in Rom wohl sich beruhigen koennen. Allein weder die Menge noch selbst die regierenden Herren vom gewoehnlichen Schlag vermochten sich der gruendlichen Angst vom Hannibalischen Kriege her zu entschlagen; die roemischen Kaufleute aber sahen mit neidischen Augen die Stadt auch jetzt, wo ihre politische Macht dahin war, im Besitz einer ausgedehnten Handelsklientel und eines festgegruendeten, durch nichts zu erschuetternden Reichtums. Schon im Jahre 567 (187) erbot sich die karthagische Regierung die saemtlichen im Frieden von 553 (201) stipulierten Terminzahlungen sofort zu entrichten, was die Roemer, denen an der Tributpflichtigkeit Karthagos weit mehr gelegen war als an den Geldsummen selbst, begreiflicherweise ablehnten und daraus nur die Ueberzeugung gewannen, dass aller angewandten Muehe ungeachtet die Stadt nicht ruiniert und nicht zu ruinieren sei. Immer aufs neue liefen Geruechte ueber die Umtriebe der treulosen Phoeniker durch Rom. Bald hatte ein Emissaer Hannibals, Ariston von Tyros, sich in Karthago blicken lassen, um die Buergerschaft auf die Landung einer asiatischen Kriegsflotte vorzubereiten (561 193); bald hatte der Rat in geheimer nächtlicher Sitzung im Tempel des Heilgottes den Gesandten des Perseus Audienz gegeben (581 173); bald sprach man von der gewaltigen Flotte, die in Karthago fuer den Makedonischen Krieg geruestet werde (583 171). Es ist nicht wahrscheinlich, dass diesen und aehnlichen Dingen mehr als hoechstens die Unbesonnenheiten einzelner zugrunde lagen; immer aber waren sie das Signal zu neuen diplomatischen Misshandlungen von roemischer, zu neuen Uebergriffen von Massinissas Seite, und die Meinung stellte immer mehr sich fest, je weniger Sinn und Verstand in ihr war, dass ohne einen dritten punischen Krieg mit Karthago nicht fertig zu werden sei.

Waehrend also die Macht der Phoeniker in dem Lande ihrer Wahl ebenso dahinsank wie sie laengst in ihrer Heimat erlegen war, erwuchs neben ihnen ein neuer Staat. Seit unvordenklichen Zeiten wie noch heutzutage ist das nordafrikanische Kuestenland bewohnt von dem Volke, das sich selber Schilah oder Tamazigt heisst und welches die Griechen und Roemer die Nomaden oder Numidier, das ist das Weidevolk, die Araber Berber nennen, obwohl auch sie dieselben wohl als “Hirten” (Schâwie) bezeichnen, und das wir Berber oder Kabylen zu nennen gewohnt sind. Dasselbe ist, soweit seine Sprache bis jetzt erforscht ist, keiner anderen bekannten Nation verwandt. In der karthagischen Zeit hatten diese Staemme mit Ausnahme der unmittelbar um Karthago oder unmittelbar an der Kueste hausenden wohl im ganzen ihre Unabhaengigkeit behauptet, aber auch bei ihrem Hirten- und Reiterleben, wie es noch jetzt die Bewohner des Atlas fuehren, im wesentlichen beharrt, obwohl das phoenikische Alphabet und ueberhaupt die phoenikische Zivilisation ihnen nicht fremd blieb und es wohl vorkam, dass die Berberscheichs ihre Soehne in Karthago erziehen liessen und mit phoenikischen Adelsfamilien sich verschwaegerten. Die roemische Politik wollte unmittelbare Besitzungen in Afrika nicht haben und zog es vor, einen Staat dort grosszuziehen, der nicht genug bedeutete, um Roms Schutz entbehren zu koennen und doch genug, um Karthagos Macht, nachdem dieselbe auf Afrika beschraenkt war, auch hier niederzuhalten und der gequaelten Stadt jede freie Bewegung unmoeglich zu machen. Was man suchte, fand man bei den eingeborenen Fuersten. Um die Zeit des Hannibalischen Krieges standen die nordafrikanischen Eingeborenen unter drei Oberkoenigen, deren jedem nach dortiger Art eine Menge Fuersten gefolgspflichtig waren: dem Koenig der Mauren, Bocchar, der, vom Atlantischen Meer bis zum Fluss Molochath (jetzt Mluia an der marokkanisch-franzoesischen Grenze), dem Koenig der Massaesyler, Syphax, der von da bis an das sogenannte Durchbohrte Vorgebirge (Siebenkap zwischen Djidjeli und Bona) in den heutigen Provinzen Oran und Algier, und dem Koenig der Massyler, Massinissa, der von dem Durchbohrten Vorgebirge bis an die karthagische Grenze in der heutigen Provinz Constantine gebot. Der maechtigste von diesen, der Koenig von Siga, Syphax, war in dem letzten Krieg zwischen Rom und Karthago ueberwunden und gefangen nach Italien abgefuehrt worden, wo er in der Haft starb; sein weites Gebiet kam im wesentlichen an Massinissa - der Sohn des Syphax, Vermina, obwohl er durch demuetiges Bitten von den Roemern einen kleinen Teil des vaeterlichen Besitzes zurueckerlangte (554 200), vermochte doch den aelteren roemischen Bundesgenossen nicht um die Stellung des bevorzugten Draengens von Karthago zu bringen. Massinissa ward der Gruender des Numidischen Reiches; und nicht oft hat Wahl oder Zufall so den rechten Mann an die rechte Stelle gesetzt. Koerperlich gesund und gelenkig bis in das hoechste Greisenalter, maessig und nuechtern wie ein Araber, faehig, jede Strapaze zu ertragen, vom Morgen bis zum Abend auf demselben Flecke zu stehen und vierundzwanzig Stunden zu Pferde zu sitzen, in den abenteuerlichen Glueckswechseln seiner Jugend wie auf den Schlachtfeldern Spaniens als Soldat und als Feldherr gleich erprobt, und ebenso ein Meister der schwereren Kunst, in seinem zahlreichen Hause Zucht und in seinem Lande Ordnung zu erhalten, gleich bereit, sich dem maechtigen Beschuetzer ruecksichtslos zu Fuessen zu werfen wie den schwaecheren Nachbar ruecksichtslos unter die Fuesse zu treten und zu alledem mit den Verhaeltnissen Karthagos, wo er erzogen und in den vornehmsten Haeusern aus- und eingegangen war, ebenso genau bekannt wie von afrikanisch bitterem Hasse gegen seine und seiner Nation Bedraengen erfuellt, ward dieser merkwuerdige Mann die Seele des Aufschwungs seiner, wie es schien, im Verkommen begriffenen Nation, deren Tugenden und Fehler in ihm gleichsam verkoerpert erschienen. Das Glueck beguenstigte ihn wie in allem so auch darin, dass es ihm zu seinem Werke die Zeit liess. Er starb im neunzigsten Jahr seines Lebens (516-605 238-149), im sechzigsten seiner Regierung, bis an sein Lebensende im vollen Besitz seiner koerperlichen und geistigen Kraefte, und hinterliess einen einjaehrigen Sohn und den Ruf, der staerkste Mann und der beste und gluecklichste Koenig seiner Zeit gewesen zu sein. Es ist schon erzaehlt worden, mit welcher berechneten Deutlichkeit die Roemer in ihrer Oberleitung der afrikanischen Angelegenheiten ihre Parteinahme fuer Massinissa hervortreten liessen, und wie dieser die stillschweigende Erlaubnis, auf Kosten Karthagos sein Gebiet zu vergroessern, eifrig und stetig benutzte. Das ganze Binnenland bis an den Wuestensaum fiel dem einheimischen Herrscher gleichsam von selber zu, und selbst das obere Tal des Bagradas (Medscherda) mit der reichen Stadt Vaga ward dem Koenig untertan; aber auch an der Kueste oestlich von Karthago besetzte er die alte Sidonierstadt Gross-Leptis und andere Strecken, so dass sein Reich sich von der mauretanischen bis zur kyrenaeischen Grenze erstreckte, das karthagische Gebiet zu Lande von allen Seiten umfasste und ueberall in naechster Naehe auf die Phoeniker drueckte. Es leidet keinen Zweifel, dass er in Karthago seine kuenftige Hauptstadt sah; die libysche Partei daselbst ist bezeichnend. Aber nicht allein durch die Schmaelerung des Gebiets geschah Karthagos Eintrag. Die schweifenden Hirten wurden durch ihren grossen Koenig ein anderes Volk. Nach dem Beispiel des Koenigs, der weithin die Felder urbar machte und jedem seiner Soehne bedeutende Ackergueter hinterliess, fingen auch seine Untertanen an, sich ansaessig zu machen und Ackerbau zu treiben. Wie seine Hirten in Buerger, verwandelte er seine Plunderhorden in Soldaten, die von Rom neben den Legionen zu fechten gewuerdigt wurden, und hinterliess seinen Nachfolgern eine reich gefuellte Schatzkammer, ein wohldiszipliniertes Heer und sogar eine Flotte. Seine Residenz Cirta (Constantine) ward die lebhafte Hauptstadt eines maechtigen Staates und ein Hauptsitz der phoenikischen Zivilisation, die an dem Hofe des Berberkoenigs eifrige und wohl auch auf das kuenftige karthagisch-numidische Reich berechnete Pflege fand. Die bisher unterdrueckte libysche Nationalitaet hob sich dadurch in ihren eigenen Augen, und selbst in die altphoenikischen Staedte, wie Gross-Leptis, drang einheimische Sitte und Sprache ein. Der Berber fing an, unter der Aegide Roms sich dem Phoeniker gleich, ja ueberlegen zu fuehlen; die karthagischen Gesandten mussten in Rom es hoeren, dass sie in Afrika Fremdlinge seien und das Land den Libyern gehoere. Die selbst in der nivellierenden Kaiserzeit noch lebensfaehig und kraeftig dastehende phoenikisch-nationale Zivilisation Nordafrikas ist bei weitem weniger das Werk der Karthager als das des Massinissa.

In Spanien fuegten die griechischen und phoenikischen Staedte an der Kueste, wie Emporiae, Saguntum, Neukarthago, Malaca, Gades, sich um so bereitwilliger der roemischen Herrschaft, als sie sich selber ueberlassen, kaum imstande gewesen waeren, sich gegen die Eingeborenen zu schuetzen; wie aus gleichen Gruenden Massalia, obwohl bei weitem bedeutender und wehrhafter als jene Staedte, es doch nicht versaeumte, durch engen Anschluss an die Roemer, denen Massalia wieder als Zwischenstation zwischen Italien und Spanien vielfach nuetzlich wurde, sich einen maechtigen Rueckhalt zu sichern. Die Eingeborenen dagegen machten den Roemern unsaeglich zu schaffen. Zwar fehlte es keineswegs an Ansaetzen zu einer national-iberischen Zivilisation, von deren Eigentuemlichkeit freilich es uns nicht wohl moeglich ist, eine deutliche Vorstellung zu gewinnen. Wir finden bei den Iberern eine weitverbreitete nationale Schrift, die sich in zwei Hauptarten, die des Ebrotals und die andalusische, und jede von diesen vermutlich wieder in mannigfache Verzweigungen spaltet und deren Ursprung in sehr fruehe Zeit hinaufzureichen und eher auf das altgriechische als auf das phoenikische Alphabet zurueckzugehen scheint. Von den Turdetanern (um Sevilla) ist sogar ueberliefert, dass sie Lieder aus uralter Zeit, ein metrisches Gesetzbuch von 6000 Verszeilen, ja sogar geschichtliche Aufzeichnungen besassen; allerdings wird diese Voelkerschaft die zivilisierteste unter allen spanischen genannt und zugleich die am wenigsten kriegerische, wie sie denn auch ihre Kriege regelmaessig mit fremden Soeldnern fuehrte. Auf dieselbe Gegend werden wohl auch Polybios’ Schilderungen zu beziehen sein von dem bluehenden Stand des Ackerbaus und der Viehzucht in Spanien, weshalb bei dem Mangel an Ausfuhrgelegenheit Korn und Fleisch dort um Spottpreise zu haben war, und von den praechtigen Koenigspalaesten mit den goldenen und silbernen Kruegen voll “Gerstenwein”. Auch die Kulturelemente, die die Roemer mitbrachten, fasste wenigstens ein Teil der Spanier eifrig auf, so dass frueher als irgendwo sonst in den ueberseeischen Provinzen sich in Spanien die Latinisierung vorbereitete. So kam zum Beispiel schon in dieser Epoche der Gebrauch der warmen Baeder nach italischer Weise bei den Eingeborenen auf. Auch das roemische Geld ist allem Anschein nach weit frueher als irgendwo sonst ausserhalb Italien in Spanien nicht bloss gangbar, sondern auch nachgemuenzt worden; was durch die reichen Silberbergwerke des Landes einigermassen begreiflich wird. Das sogenannte “Silber von Osca” (jetzt Huesca in Aragonien), das heisst spanische Denare mit iberischen Aufschriften, wird schon 559 (195) erwaehnt, und viel spaeter kann der Anfang der Praegung schon deshalb nicht gesetzt werden, weil das Gepraege dem der aeltesten roemischen Denare nachgeahmt ist. Allein mochte auch in den suedlichen und oestlichen Landschaften die Gesittung der Eingeborenen der roemischen Zivilisation und der roemischen Herrschaft soweit vorgearbeitet haben, dass diese dort nirgend auf ernstliche Schwierigkeiten stiessen, so war dagegen der Westen und Norden und das ganze Binnenland besetzt von zahlreichen, mehr oder minder rohen Voelkerschaften, die von keinerlei Zivilisation viel wussten - in Intercatia zum Beispiel war noch um 600 (154) der Gebrauch des Goldes und Silbers unbekannt - und sich ebensowenig untereinander wie mit den Roemern vertrugen. Charakteristisch ist fuer diese freien Spanier der ritterliche Sinn der Maenner und wenigstens ebenso sehr der Frauen. Wenn die Mutter den Sohn in die Schlacht entliess, begeisterte sie ihn durch die Erzaehlung von den Taten seiner Ahnen, und dem tapfersten Mann reichte die schoenste Jungfrau unaufgefordert als Braut die Hand. Zweikaempfe waren gewoehnlich, sowohl um den Preis der Tapferkeit wie zur Ausmachung von Rechtshaendeln - selbst Erbstreitigkeiten zwischen fuerstlichen Vettern wurden auf diesem Wege erledigt. Es kam auch nicht selten vor, dass ein bekannter Krieger vor die feindlichen Reihen trat und sich einen Gegner bei Namen herausforderte; der Besiegte uebergab dann dem Gegner Mantel und Schwert und machte auch wohl noch mit ihm Gastfreundschaft. Zwanzig Jahre nach dem Ende des Hannibalischen Krieges sandte die kleine keltiberische Gemeinde von Complega (in der Gegend der Tajoquellen) dem roemischen Feldherrn Botschaft zu, dass er ihnen fuer jeden gefallenen Mann ein Pferd, einen Mantel und ein Schwert senden moege, sonst werde es ihm uebel ergehen. Stolz auf ihre Waffenehre, so dass sie haeufig es nicht ertrugen, die Schmach der Entwaffnung zu ueberleben, waren die Spanier dennoch geneigt, jedem Werber zu folgen und fuer jeden fremden Span ihr Leben einzusetzen - bezeichnend ist die Botschaft, die ein der Landessitte wohl kundiger roemischer Feldherr einem keltiberischen, im Solde der Turdetaner gegen die Roemer fechtenden Schwarm zusandte: entweder nach Hause zu kehren, oder fuer doppelten Sold in roemische Dienste zu treten, oder Tag und Ort zur Schlacht zu bestimmen. Zeigte sich kein Werbeoffizier, so trat man auch wohl auf eigene Hand zu Freischaren zusammen, um die friedlicheren Landschaften zu brandschatzen, ja sogar die Staedte einzunehmen und zu besetzen, ganz in kampanischer Weise. Wie wild und unsicher das Binnenland war, davon zeugt zum Beispiel, dass die Internierung westlich von Cartagena bei den Roemern als schwere Strafe galt, und dass in einigermassen aufgeregten Zeiten die roemischen Kommandanten des jenseitigen Spaniens Eskorten bis zu 6000 Mann mit sich nahmen. Deutlicher noch zeigt es der seltsame Verkehr, den in der griechisch-spanischen Doppelstadt Emporiae an der oestlichen Spitze der Pyrenaeen die Griechen mit ihren spanischen Nachbarn pflogen. Die griechischen Ansiedler, die auf der Spitze der Halbinsel, von dem spanischen Stadtteil durch eine Mauer getrennt wohnten, liessen diese jede Nacht durch den dritten Teil ihrer Buergerwehr besetzen und an dem einzigen Tor einen hoeheren Beamten bestaendig die Wache versehen; kein Spanier durfte die griechische Stadt betreten und die Griechen brachten den Eingeborenen die Waren nur zu in starken und wohleskortierten Abteilungen. Diese Eingeborenen voll Unruhe und Kriegslust, voll von dem Geiste des Cid wie des Don Quixote sollten denn nun von den Roemern gebaendigt und womoeglich gesittigt werden. Militaerisch war die Aufgabe nicht schwer. Zwar bewiesen die Spanier nicht bloss hinter den Mauern ihrer Staedte oder unter Hannibals Fuehrung, sondern selbst allein und in offener Feldschlacht sich als nicht veraechtliche Gegner; mit ihrem kurzen zweischneidigen Schwert, welches spaeter die Roemer von ihnen annahmen, und ihren gefuerchteten Sturmkolonnen brachten sie nicht selten selbst die roemischen Legionen zum Wanken. Haetten sie es vermocht, sich militaerisch zu disziplinieren und politisch zusammenzuschliessen, so haetten sie vielleicht der aufgedrungenen Fremdherrschaft sich entledigen koennen; aber ihre Tapferkeit war mehr die des Guerillas als des Soldaten und es mangelte ihr voellig der politische Verstand. So kam es in Spanien zu keinem ernsten Krieg, aber ebensowenig zu einem ernstlichen Frieden; die Spanier haben sich, wie Caesar spaeter ganz richtig ihnen vorhielt, nie im Frieden ruhig und nie im Kriege tapfer erwiesen. So leicht der roemische Feldherr mit den Insurgentenhaufen fertig ward, so schwer war es dem roemischen Staatsmanne, ein geeignetes Mittel zu bezeichnen, um Spanien wirklich zu beruhigen und zu zivilisieren: in der Tat konnte er, da das einzige wirklich genuegende, eine umfassende latinische Kolonisierung, dem allgemeinen Ziel der roemischen Politik dieser Epoche zuwiderlief, hier nur mit Palliativen verfahren.

Das Gebiet, welches die Roemer im Laufe des Hannibalischen Krieges in Spanien erwarben, zerfiel von Haus aus in zwei Massen; die ehemals karthagische Provinz, die zunaechst die heutigen Landschaften Andalusien, Granada, Murcia und Valencia umfasste, und die Ebrolandschaft oder das heutige Aragonien und Katalonien, das Standquartier des roemischen Heeres waehrend des letzten Krieges; aus welchen Gebieten die beiden roemischen Provinzen des Jen- und Diesseitigen Spaniens hervorgingen. Das Binnenland, ungefaehr den beiden Kastilien entsprechend, das die Roemer unter dem Namen Keltiberien zusammenfassten, suchte man allmaehlich unter roemische Botmaessigkeit zu bringen, waehrend man die Bewohner der westlichen Landschaften, namentlich die Lusitaner im heutigen Portugal und dem spanischen Estremadura, von Einfaellen in das roemische Gebiet abzuhalten sich begnuegte und mit den Staemmen an der Nordkueste, den Callaekern, Asturern und Kantabrern ueberhaupt noch gar nicht sich beruehrte. Die Behauptung und Befestigung der gewonnenen Erfolge war indes nicht durchzufuehren ohne eine stehende Besatzung, indem dem Vorsteher des diesseitigen Spaniens namentlich die Baendigung der Keltiberer und dem des jenseitigen die Zurueckweisung der Lusitaner jaehrlich zu schaffen machten. Es ward somit noetig, in Spanien ein roemisches Heer von vier starken Legionen oder etwa 40000 Mann Jahr aus Jahr ein auf den Beinen zu halten; wobei dennoch sehr haeufig zur Verstaerkung der Truppen in den von Rom besetzten Landschaften der Landsturm aufgeboten werden musste. Es war dies in doppelter Weise von grosser Wichtigkeit, indem hier zuerst, wenigstens zuerst in groesserem Umfang, die militaerische Besetzung des Landes bleibend und infolgedessen auch der Dienst anfaengt dauernd zu werden. Die alte roemische Weise, nur dahin Truppen zu senden, wohin das augenblickliche Kriegsbeduerfnis sie rief, und ausser in sehr schweren und wichtigen Kriegen die einberufenen Leute nicht ueber ein Jahr bei der Fahne zu halten, erwies sich als unvertraeglich mit der Behauptung der unruhigen, fernen und ueberseeischen spanischen Aemter; es war schlechterdings unmoeglich, die Truppen von da wegzuziehen, und sehr gefaehrlich, sie auch nur in Masse abzuloesen. Die roemische Buergerschaft fing an innezuwerden, dass die Herrschaft ueber ein fremdes Volk nicht bloss fuer den Knecht eine Plage ist, sondern auch fuer den Herrn, und murrte laut ueber den verhassten spanischen Kriegsdienst. Waehrend die neuen Feldherren mit gutem Grund sich weigerten, die Gesamtabloesung der bestehenden Korps zu gestatten, meuterten diese und drohten, wenn man ihnen den Abschied nicht gebe, ihn sich selber zu nehmen.

Den Kriegen selbst, die in Spanien von den Roemern gefuehrt wurden, kommt nur eine untergeordnete Bedeutung zu. Sie begannen schon mit Scipios Abreise und waehrten, solange der Hannibalische Krieg dauerte. Nach dem Frieden mit Karthago (553 201) ruhten auch auf der Halbinsel die Waffen, jedoch nur auf kurze Zeit. Im Jahre 557 (197) brach in beiden Provinzen eine allgemeine Insurrektion aus; der Befehlshaber der Jenseitigen ward hart gedraengt, der der Diesseitigen voellig ueberwunden und selber erschlagen. Es ward noetig, den Krieg mit Ernst anzugreifen, und obwohl inzwischen der tuechtige Praetor Quintus Minucius ueber die erste Gefahr Herr geworden war, beschloss doch der Senat im Jahre 559 (195), den Konsul Marcus Cato selbst nach Spanien zu senden. Er fand auch in der Tat bei der Landung in Emporiae das ganze Diesseitige Spanien von den Insurgenten ueberschwemmt; kaum dass diese Hafenstadt und im inneren Land ein paar Burgen noch fuer Rom behauptet wurden. Es kam zur offenen Feldschlacht zwischen den Insurgenten und dem konsularischen Heer, in der nach hartem Kampf Mann gegen Mann endlich die roemische Kriegskunst mit der gesparten Reserve den Tag entschied. Das ganze Diesseitige Spanien sandte darauf seine Unterwerfung ein; indes es war mit derselben so wenig ernstlich gemeint, dass auf das Geruecht von der Heimkehr des Konsuls nach Rom sofort der Aufstand abermals begann. Allein das Geruecht war falsch, und nachdem Cato die Gemeinden, die zum zweitenmal sich aufgelehnt hatten, schnell bezwungen und in Masse in die Sklaverei verkauft hatte, ordnete er eine allgemeine Entwaffnung der Spanier in der diesseitigen Provinz an und erliess an die saemtlichen Staedte der Eingeborenen von den Pyrenaeen bis zum Guadalquivir den Befehl, ihre Mauern an einem und demselben Tage niederzureissen. Niemand wusste, wie weit das Gebot sich erstreckte, und es war keine Zeit sich zu verstaendigen; die meisten Gemeinden gehorchten und auch von den wenigen widerspenstigen wagten es nicht viele, als das roemische Heer demnaechst vor ihren Mauern erschien, es auf den Sturm ankommen zu lassen.

Diese energischen Massregeln waren allerdings nicht ohne nachhaltigen Erfolg. Allein nichtsdestoweniger hatte man fast jaehrlich in der “friedlichen Provinz” ein Gebirgstal oder ein Bergkastell zum Gehorsam zu bringen, und die stetigen Einfaelle der Lusitaner in die jenseitige Provinz fuehrten gelegentlich zu derben Niederlagen der Roemer; wie zum Beispiel 563 (191) ein roemisches Heer nach starkem Verlust sein Lager im Stich lassen und in Eilmaerschen in die ruhigeren Landschaften zurueckkehren musste. Erst ein Sieg, den der Praetor Lucius Aemilius Paullus 565 (189) ^2, und ein zweiter noch bedeutenderer, den der tapfere Praetor Gaius Calpurnius jenseits des Tagus 569 (185) ueber die Lusitaner erfocht, schafften auf einige Zeit Ruhe. Im diesseitigen Spanien ward die bis dahin fast nominelle Herrschaft der Roemer ueber die keltiberischen Voelkerschaften fester begruendet durch Quintus Fulvius Flaccus, der nach einem grossen Siege ueber dieselben 573 (181) wenigstens die naechstliegenden Kantone zur Unterwerfung zwang, und besonders durch seinen Nachfolger Tiberius Gracchus (575, 576 179, 178), welcher mehr noch als durch die Waffen, mit denen er dreihundert spanische Ortschaften sich unterwarf, durch sein geschicktes Eingehen auf die Weise der schlichten und stolzen Nation dauernde Erfolge erreichte. Indem er angesehene Keltiberer bestimmte, im roemischen Heer Dienste zu nehmen, schuf er sich eine Klientel; indem er den schweifenden Leuten Land anwies und sie in Staedten zusammenzog - die spanische Stadt Graccurris bewahrte des Roemers Namen -, ward dem Freibeuterwesen ernstlich gesteuert; indem er die Verhaeltnisse der einzelnen Voelkerschaften zu den Roemern durch gerechte und weise Vertraege regelte, verstopfte er soweit moeglich die Quelle kuenftiger Empoerungen. Sein Name blieb bei den Spaniern in gesegnetem Andenken, und es trat in dem Lande seitdem, wenn auch die Keltiberer noch manches Mal unter dem Joch zuckten, doch vergleichungsweise Ruhe ein.

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^2 Von diesem Statthalter ist kuerzlich das folgende Dekret auf einer in der Naehe von Gibraltar aufgefundenen, jetzt im Pariser Museum aufbewahrten Kupfertafel zum Vorschein gekommen: “L. Aimilius, des Lucius Sohn, Imperator, hat verfuegt, dass die in dem Turm von Laskuta [durch Muenzen und Plin. 3, 1, 15 bekannt, aber ungewisser Lage] wohnhaften Sklaven der Hastenser [Hasta regia, unweit Jerez de la Frontera] frei sein sollen. Den Boden und die Ortschaft, die sie zur Zeit besitzen, sollen sie auch ferner besitzen und haben, so lange es dem Volk und dem Rat der Roemer belieben wird. Verhandelt im Lager am 12. Januar [564 oder 565 der Stadt]. “ (L. Aimilius L. f. inpeirator decreivit, utei quei Hastensium seruei in turri Lascutana habitarent, leiberei essent. Agrum oppidumqu[eJ, quod ea tempestate posedisent, item possidere habereque iousit, dum poplus senatusque Romanus vellet. Act. in castreis a. d. XII k. Febr.) Es ist dies die aelteste roemische Urkunde, die wir im Original besitzen, drei Jahre frueher abgefasst als der bekannte Erlass der Konsuln des Jahres 568 (186) in der Bacchanalienangelegenheit.

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Das Verwaltungssystem der beiden spanischen Provinzen war dem sizilisch-sardinischen aehnlich, aber nicht gleich. Die Oberverwaltung ward wie hier so dort in die Haende zweier Nebenkonsuln gelegt, die zuerst im Jahr 557 (197) ernannt wurden, in welches Jahr auch die Grenzregulierung und die definitive Organisierung der neuen Provinzen faellt. Die verstaendige Anordnung des Baebischen Gesetzes (573 181), dass die spanischen Praetoren immer auf zwei Jahre ernannt werden sollten, kam infolge des steigenden Zudrangs zu den hoechsten Beamtenstellen und mehr noch infolge der eifersuechtigen Ueberwachung der Beamtengewalt durch den Senat nicht ernstlich zur Ausfuehrung, und es blieb, soweit nicht in ausserordentlichem Wege Abweichungen eintraten, auch hier bei dem fuer diese entfernten und schwer kennenzulernenden Provinzen besonders unvernuenftigen jaehrlichen Wechsel der roemischen Statthalter. Die abhaengigen Gemeinden wurden durchgaengig zinspflichtig; allein statt der sizilischen und sardinischen Zehnten und Zoelle wurden in Spanien vielmehr von den Roemern, eben wie frueher hier von den Karthagern, den einzelnen Staedten und Staemmen feste Abgaben an Geld oder sonstigen Leistungen auferlegt, welche auf militaerischere Wege beizutreiben der Senat infolge der Beschwerdefuehrung der spanischen Gemeinden im Jahr 583 (171) untersagte. Getreidelieferungen wurden hier nicht anders als gegen Entschaedigung geleistet, und auch hierbei durfte der Statthalter nicht mehr als das zwanzigste Korn erheben und ueberdies gemaess der eben erwaehnten Vorschrift der Oberbehoerde den Taxpreis nicht einseitig feststellen. Dagegen hatte die Verpflichtung der spanischen Untertanen, zu den roemischen Heeren Zuzug zu leisten, hier eine ganz andere Wichtigkeit als wenigstens in dem friedlichen Sizilien, und es ward dieselbe auch in den einzelnen Vertraegen genau geordnet. Auch das Recht der Praegung von Silbermuenzen roemischer Waehrung scheint den spanischen Staedten sehr haeufig zugestanden und das Muenzmonopol hier keineswegs so wie in Sizilien von der roemischen Regierung in Anspruch genommen worden zu sein. Ueberall bedurfte man in Spanien zu sehr der Untertanen, um hier nicht die Provinzialverfassung in moeglichst schonender Weise einzufuehren und zu handhaben. Zu den besonders von Rom beguenstigten Gemeinden zaehlten namentlich die grossen Kuestenplaetze griechischer, phoenikischer oder roemischer Gruendung, wie Saguntum, Gades, Tarraco, die als die natuerlichen Pfeiler der roemischen Herrschaft auf der Halbinsel zum Buendnis mit Rom zugelassen wurden. Im ganzen war Spanien fuer die roemische Gemeinde militaerisch sowohl wie finanziell mehr eine Last als ein Gewinn; und die Frage liegt nahe, weshalb die roemische Regierung, in deren damaliger Politik der ueberseeische Laendererwerb offenbar noch nicht lag, sich dieser beschwerlichen Besitzungen nicht entledigt hat. Die nicht unbedeutenden Handelsverbindungen, die wichtigen Eisen- und die noch wichtigeren, selbst im fernen Orient seit alter Zeit beruehmten Silbergruben ^3, welche Rom wie Karthago fuer sich nahm und deren Bewirtschaftung namentlich Marcus Cato regulierte (559 195), werden dabei ohne Zweifel mitbestimmend gewesen sein; allein die Hauptursache, weshalb man die Halbinsel in unmittelbarem Besitz behielt, war die, dass es dort an Staaten mangelte, wie im Keltenland die massaliotische Republik, in Libyen das numidische Koenigreich waren, und dass man Spanien nicht loslassen konnte, ohne die Erneuerung des spanischen Koenigreichs der Barleiden jedem unternehmenden Kriegsmann freizugeben.

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^3 1. Makk. 8, 3: “Und Judas hoerte, was die Roemer getan hatten im Lande Hispanien, um Herren zu werden der Silber- und Goldgruben daselbst.”

KAPITEL VIII.
Die östlichen Staaten und der Zweite Makedonische Krieg

Das Werk, welches Koenig Alexander von Makedonien begonnen hatte, ein Jahrhundert zuvor, ehe die Roemer in dem Gebiet, das er sein genannt, den ersten Fussbreit Landes gewonnen, dies Werk hatte im Verlauf der Zeit, bei wesentlicher Festhaltung des grossen Grundgedankens, den Orient zu hellenisieren, sich veraendert und erweitert zu dem Aufbau eines hellenisch-asiatischen Staatensystems. Die unbezwingliche Wander- und Siedellust der griechischen Nation, die einst ihre Handelsleute nach Massalia und Kyrene, an den Nil und in das Schwarze Meer gefuehrt hatte, hielt jetzt fest, was der Koenig gewonnen hatte, und ueberall in dem alten Reich der Achaemeniden liess unter dem Schutz der Sarissen griechische Zivilisation sich friedlich nieder. Die Offiziere, die den grossen Feldherrn beerbten, vertrugen allmaehlich sich untereinander und es stellte ein Gleichgewichtssystem sich her, dessen Schwankungen selbst eine gewisse Regelmaessigkeit zeigen. Von den drei Staaten ersten Ranges, die demselben angehoeren, Makedonien, Asien und Aegypten, war Makedonien unter Philippos dem Fuenften, der seit 534 (220) dort den Koenigsthron einnahm, im ganzen, aeusserlich wenigstens, was es gewesen war unter dem zweiten Philippos, dem Vater Alexanders: ein gut arrondierter Militaerstaat mit wohlgeordneten Finanzen. An der Nordgrenze hatten die ehemaligen Verhaeltnisse sich wiederhergestellt, nachdem die Fluten der gallischen Ueberschwemmung verlaufen waren; die Grenzwache hielt die illyrischen Barbaren wenigstens in gewoehnlichen Zeiten ohne Muehe im Zaum. Im Sueden war Griechenland nicht bloss ueberhaupt von Makedonien abhaengig, sondern ein grosser Teil desselben: ganz Thessalien im weitesten Sinn von Olympos bis zum Spercheios und der Halbinsel Magnesia, die grosse und wichtige Insel Euboea, die Landschaften Lokris, Doris und Phokis, endlich in Attika und im Peloponnes eine Anzahl einzelner Plaetze, wie das Vorgebirge Sunion, Korinth, Orchomenos, Heraea, das triphylische Gebiet - alle diese Land- und Ortschaften waren Makedonien geradezu untertaenig und empfingen makedonische Besatzung, vor allen Dingen die drei wichtigen Festungen Demetrias in Magnesia, Chalkis auf Euboea und Korinth, “die drei Fesseln der Hellenen”. Die Macht des Staates aber lag vor allem in dem Stammland, in der makedonischen Landschaft. Zwar die Bevoelkerung dieses weiten Gebiets war auffallend duenn; mit Anstrengung aller Kraefte vermochte Makedonien kaum soviel Mannschaft aufzubringen als ein gewoehnliches konsularisches Heer von zwei Legionen zaehlte, und es ist unverkennbar, dass in dieser Hinsicht sich das Land noch nicht von der durch die Zuege Alexanders und den gallischen Einfall hervorgebrachten Entvoelkerung erholt hatte. Aber waehrend im eigentlichen Griechenland die sittliche und staatliche Kraft der Nation zerruettet war und dort, da es mit dem Volke doch vorbei und das Leben kaum mehr der Muehe wert schien, selbst von den Besseren der eine ueber dem Becher, der andere mit dem Rapier, der dritte bei der Studierlampe den Tag verdarb, waehrend im Orient und in Alexandreia die Griechen unter die dichte einheimische Bevoelkerung wohl befruchtende Elemente aussaeen und ihre Sprache wie ihre Maulfertigkeit, ihre Wissenschaft und Afterwissenschaft dort ausbreiten konnten, aber ihre Zahl kaum genuegte, um den Nationen die Offiziere, die Staatsmaenner und die Schulmeister zu liefern, und viel zu gering war, um einen Mittelstand rein griechischen Schlages auch nur in den Staedten zu bilden, bestand dagegen im noerdlichen Griechenland noch ein guter Teil der alten kernigen Nationalitaet, aus der die Marathonkaempfer hervorgegangen waren. Daher ruehrt die Zuversicht, mit der die Makedonier, die Aetoler, die Akarnanen, ueberall wo sie im Osten auftreten, als ein besserer Schlag sich geben und genommen werden, und die ueberlegene Rolle, welche sie deswegen an den Hoefen von Alexandreia und Antiocheia spielen. Die Erzaehlung ist bezeichnend von dem Alexandriner, der laengere Zeit in Makedonien gelebt und dort Landessitte und Landestracht angenommen hat, und nun, da er in seine Vaterstadt heimkehrt, sich selber einen Mann und die Alexandriner gleich Sklaven achtet. Diese derbe Tuechtigkeit und der ungeschwaechte Nationalsinn kamen vor allem dem makedonischen als dem maechtigsten und geordnetsten der nordgriechischen Staaten zugute. Wohl ist auch hier der Absolutismus emporgekommen gegen die alte gewissermassen staendische Verfassung; allein Herr und Untertanen stehen doch in Makedonien keineswegs zueinander wie in Asien und Aegypten, und das Volk fuehlt sich noch selbstaendig und frei. In festem Mut gegen den Landesfeind, wie er auch heisse, in unerschuetterlicher Treue gegen die Heimat und die angestammte Regierung, in mutigem Ausharren unter den schwersten Bedraengnissen steht unter allen Voelkern der alten Geschichte keines dem roemischen so nah wie das makedonische, und die an das Wunderbare grenzende Regeneration des Staates nach der gallischen Invasion gereicht den leitenden Maennern wie dem Volke, das sie leiteten, zu unvergaenglicher Ehre.

Der zweite von den Grossstaaten, Asien, war nichts als das oberflaechlich umgestaltete und hellenisierte Persien, das Reich des “Koenigs der Koenige”, wie sein Herr sich, bezeichnend fuer seine Anmassung wie fuer seine Schwaeche, zu nennen pflegte, mit denselben Anspruechen von Hellespont bis zum Pandschab zu gebieten und mit derselben kernlosen Organisation, ein Buendel von mehr oder minder abhaengigen Dependenzstaaten, unbotmaessigen Satrapien und halbfreien griechischen Staedten. Von Kleinasien namentlich, das nominell zum Reich der Seleukiden gezaehlt ward, war tatsaechlich die ganze Nordkueste und der groessere Teil des oestlichen Binnenlandes in den Haenden einheimischer Dynastien oder der aus Europa eingedrungenen Keltenhaufen, von dem Westen ein guter Teil im Besitz der Koenige von Pergamon, und die Inseln und Kuestenstaedte teils aegyptisch, teils frei, so dass dem Grosskoenig hier wenig mehr blieb als das innere Kilikien, Phrygien und Lydien und eine grosse Anzahl nicht wohl zu realisierender Rechtstitel gegen freie Staedte und Fuersten - ganz und gar wie seiner Zeit die Herrschaft des deutschen Kaisers ausser seinem Hausgebiet bestellt war. Das Reich verzehrte sich in den vergeblichen Versuchen, die Aegypter aus den Kuestenlandschaften zu verdraengen, in dem Grenzhader mit den oestlichen Voelkern, den Parthern und Baktriern, in den Fehden mit den zum Unheil Kleinasiens daselbst ansaessig gewordenen Kelten, in den bestaendigen Bestrebungen, den Emanzipationsversuchen der oestlichen Satrapen und der kleinasiatischen Griechen zu steuern, und in den Familienzwisten und Praetendentenaufstaenden, an denen es zwar in keinem der Diadochenstaaten fehlt, wie ueberhaupt an keinem der Greuel, welche die absolute Monarchie in entarteter Zeit in ihrem Gefolge fuehrt, allein die in dem Staate Asien deshalb verderblicher waren als anderswo, weil sie hier bei der losen Zusammenfuegung des Reiches zu der Abtrennung einzelner Landesteile auf kuerzere oder laengere Zeit zu fuehren pflegten.

Im entschiedensten Gegensatz gegen Asien war Aegypten ein festgeschlossener Einheitsstaat, in dem die intelligente Staatskunst der ersten Lagiden unter geschickter Benutzung des alten nationalen und religioesen Herkommens eine vollkommen absolute Kabinettsherrschaft begruendet hatte und wo selbst das schlimmste Missregiment weder Emanzipations- noch Zerspaltungsversuche herbeizufuehren vermochte. Sehr verschieden von dem nationalen Royalismus der Makedonier, der auf ihrem Selbstgefuehl ruhte und dessen politischer Ausdruck war, war in Aegypten das Land vollstaendig passiv, die Hauptstadt dagegen alles und diese Hauptstadt Dependenz des Hofes; weshalb hier mehr noch als in Makedonien und Asien die Schlaffheit und Traegheit der Herrscher den Staat laehmte, waehrend umgekehrt in den Haenden von Maennern, wie der erste Ptolemaeos und Ptolemaeos Euergetes, diese Staatsmaschine sich aeusserst brauchbar erwies. Zu den eigentuemlichen Vorzuegen Aegyptens vor den beiden grossen Rivalen gehoert es, dass die aegyptische Politik nicht nach Schatten griff, sondern klare und erreichbare Zwecke verfolgte. Makedonien, die Heimat Alexanders; Asien, das Land, in dem Alexander seinen Thron gegruendet hatte, hoerten nicht auf, sich als unmittelbare Fortsetzungen der alexandrischen Monarchie zu betrachten und lauter oder leiser den Anspruch zu erheben, dieselbe wenn nicht her-, so doch wenigstens darzustellen. Die Lagiden haben nie eine Weltmonarchie zu gruenden versucht und nie von Indiens Eroberung getraeumt; dafuer aber zogen sie den ganzen Verkehr zwischen Indien und dem Mittelmeer von den phoenikischen Haefen nach Alexandreia und machten Aegypten zu dem ersten Handels- und Seestaat dieser Epoche und zum Herrn des oestlichen Mittelmeeres und seiner Kuesten und Inseln. Es ist bezeichnend, dass Ptolemaeos III. Euergetes alle seine Eroberungen freiwillig an Seleukos Kallinikos zurueckgab bis auf die Hafenstadt von Antiocheia. Teils hierdurch, teils durch die guenstige geographische Lage kam Aegypten den beiden Kontinentalmaechten gegenueber in eine vortreffliche militaerische Stellung zur Verteidigung wie zum Angriff. Waehrend der Gegner selbst nach gluecklichen Erfolgen kaum imstande war, das ringsum fuer Landheere fast unzugaengliche Aegypten ernstlich zu bedrohen, konnten die Aegypter von der See aus nicht bloss in Kyrene sich festsetzen, sondern auch auf Kypros und den Kykladen, auf der phoenikisch-syrischen und auf der ganzen Sued- und Westkueste von Kleinasien, ja sogar in Europa auf dem thrakischen Chersonesos. Durch die beispiellose Ausbeutung des fruchtbaren Niltals zum unmittelbaren Besten der Staatskasse und durch eine die materiellen Interessen ernstlich und geschickt foerdernde und ebenso ruecksichtslose wie einsichtige Finanzwirtschaft war der alexandrinische Hof seinen Gegner auch als Geldmacht bestaendig ueberlegen. Endlich die intelligente Munifizenz, mit der die Lagiden der Tendenz des Zeitalters nach ernster Forschung in allen Gebieten des Koennens und Wissens entgegenkamen und diese Forschungen in die Schranken der absoluten Monarchie einzuhegen und in die Interessen derselben zu verflechten verstanden, nuetzte nicht bloss unmittelbar dem Staat, dessen Schiff- und Maschinenbau den Einfluss der alexandrinischen Mathematik zu ihrem Frommen verspuerten, sondern machte auch diese neue geistige Macht, die bedeutendste und grossartigste, welche das hellenische Volk nach seiner politischen Zersplitterung in sich hegte, soweit sie sich ueberhaupt zur Dienstbarkeit bequemen wollte, zur Dienerin des alexandrinischen Hofes. Waere Alexanders Reich stehengeblieben, so haette die griechische Kunst und Wissenschaft einen Staat gefunden, wuerdig und faehig, sie zu fassen; jetzt wo die Nation in Truemmer gefallen war, wucherte in ihr der gelehrte Kosmopolitismus, und sehr bald ward dessen Magnet Alexandreia, wo die wissenschaftlichen Mittel und Sammlungen unerschoepflich waren, die Koenige Tragoedien und die Minister Kommentare dazu schrieben und die Pensionen und Akademien florierten.

Das Verhaeltnis der drei Grossstaaten zueinander ergibt sich aus dem Gesagten. Die Seemacht, welche die Kuesten beherrschte und das Meer monopolisierte, musste nach dem ersten grossen Erfolg, der politischen Trennung des europaeischen Kontinents von dem asiatischen, weiter hinarbeiten auf die Schwaechung der beiden Grossstaaten des Festlandes und also auf die Beschuetzung der saemtlichen kleineren Staaten, waehrend umgekehrt Makedonien und Asien zwar auch untereinander rivalisierten, aber doch vor allen Dingen in Aegypten ihren gemeinschaftlichen Gegner fanden und ihm gegenueber zusammenhielten oder doch haetten zusammenhalten sollen.

Unter den Staaten zweiten Ranges ist fuer die Beruehrungen des Ostens mit dem Westen zunaechst nur mittelbar von Bedeutung die Staatenreihe, welche vom suedlichen Ende des Kaspischen Meeres zum Hellespont sich hinziehend das Innere und die Nordkueste Kleinasiens ausfuellt: Atropatene (im heutigen Aserbeidschan suedwestlich vom Kaspischen Meer), daneben Armenien, Kappadokien im kleinasiatischen Binnenland, Pontos am suedoestlichen, Bithynien am suedwestlichen Ufer des Schwarzen Meeres - sie alle Splitter des grossen Perserreiches und beherrscht von morgenlaendischen, meistens altpersischen Dynastien, die entlegene Berglandschaft Atropatene namentlich die rechte Zufluchtsstaette des alten Persertums, an der selbst Alexanders Zug spurlos voruebergebraust war, und alle auch in derselben zeitweiligen und oberflaechlichen Abhaengigkeit von der griechischen Dynastie, die in Asien an die Stelle der Grosskoenige getreten war oder sein wollte.

Von groesserer Wichtigkeit fuer die allgemeinen Verhaeltnisse ist der Keltenstaat in dem kleinasiatischen Binnenland. Hier mitten inne zwischen Bithynien, Paphlagonien, Kappadokien und Phrygien hatten drei keltische Voelkerschaften, die Tolistoager, Tectosagen und Trocmer sich ansaessig gemacht, ohne darum weder von der heimischen Sprache und Sitte noch von ihrer Verfassung und ihrem Freibeuterhandwerk zu lassen. Die zwoelf Vierfuersten, jeder einem der vier Kantone eines der drei Staemme vorgesetzt, bildeten mit ihrem Rate von dreihundert Maennern die hoechste Autoritaet der Nation und traten auf der “heiligen Staette” (Drunemetum) namentlich zur Faellung von Bluturteilen zusammen. Seltsam wie diese keltische Gauverfassung den Asiaten erschien, ebenso fremdartig duenkte ihnen der Wagemut und die Landsknechtsitte der nordischen Eindringlinge, welche teils ihren unkriegerischen Nachbarn die Soeldner zu jedem Krieg lieferten, teils die umliegenden Landschaften auf eigene Faust pluenderten oder brandschatzten. Diese rohen aber kraeftigen Barbaren waren der allgemeine Schreck der verweichlichten umwohnenden Nationen, ja der asiatischen Grosskoenige selbst, welche, nachdem manches asiatische Heer von den Kelten war aufgerieben worden, und Koenig Antiochos I. Soter sogar im Kampf gegen sie sein Leben verloren hatte (493 261) zuletzt selber zur Zinszahlung sich verstanden.

Dem kuehnen und gluecklichen Auftreten gegen diese gallischen Horden verdankte es ein reicher Buerger von Pergamon, Attalos, dass er von seiner Vaterstadt den Koenigstitel empfing und ihn auf seine Nachkommen vererbte. Dieser neue Hof war im kleinen was der alexandrinische im grossen; auch hier war die Foerderung der materiellen Interessen, die Pflege von Kunst und Literatur an der Tagesordnung und das Regiment eine umsichtige und nuechterne Kabinettspolitik, deren wesentlicher Zweck war, teils die Macht der beiden gefaehrlichen festlaendischen Nachbarn zu schwaechen, teils einen selbstaendigen Griechenstaat im westlichen Kleinasien zu begruenden. Der wohlgefuellte Schatz trug viel zu der Bedeutung dieser pergamenischen Herren bei; sie schossen den syrischen Koenigen bedeutende Summen vor, deren Rueckzahlung spaeter unter den roemischen Friedensbedingungen eine Rolle spielte, und selbst Gebietserwerbungen gelangen auf diesem Wege, wie zum Beispiel Aegina, das die verbuendeten Roemer und Aetoler im letzten Krieg den Bundesgenossen Philipps, den Achaeern, entrissen hatten, von den Aetolern, denen es vertragsmaessig zufiel, um 30 Talente (51000 Taler) an Attalos verkauft ward. Indes trotz des Hofglanzes und des Koenigstitels behielt das pergamenische Gemeinwesen immer etwas vom staedtischen Charakter, wie es denn auch in seiner Politik gewoehnlich mit den Freistaedten zusammenging. Attalos selbst, der Lorenzo de’ Medici des Altertums, blieb sein lebelang ein reicher Buergersmann, und das Familienleben der Attaliden, aus deren Hause ungeachtet des Koenigstitels die Eintracht und Innigkeit nicht gewichen war, stach sehr ab gegen die wueste Schandwirtschaft der adligeren Dynastien.

In dem europaeischen Griechenland waren ausser den roemischen Besitzungen an der Ostkueste, von denen in den wichtigsten, namentlich in Kerkyra roemische Beamte residiert zu haben scheinen, und dem unmittelbar makedonischen Gebiet noch mehr oder minder imstande, eine eigene Politik zu verfolgen, die Epeiroten, Akarnanen und Aetoler im noerdlichen, die Boeoter und Athener im mittleren Griechenland und die Achaeer, Lakedaemonier, Messenier und Eleer im Peloponnes. Unter diesen waren die Republiken der Epeiroten, Akarnanen und Boeoter in vielfacher Weise eng an Makedonien geknuepft, namentlich die Akarnanen, weil sie der von den Aetolern drohenden Unterdrueckung einzig durch makedonischen Schutz zu entgehen vermochten; von Bedeutung war keine von ihnen. Die inneren Zustaende waren sehr verschieden; wie es zum Teil aussah, dafuer mag als Beispiel dienen, dass bei den Boeotern, wo es freilich am aergsten zuging, es Sitte geworden war, jedes Vermoegen, das nicht in gerader Linie vererbte, an die Kneipgesellschaften zu vermachen, und es fuer die Bewerber um die Staatsaemter manches Jahrzehnt die erste Wahlbedingung war, dass sie sich verpflichteten, keinem Glaeubiger, am wenigsten einem Auslaender, die Ausklagung seiner Schuldner zu gestatten.

Die Athener pflegten von Alexandreia aus gegen Makedonien unterstuetzt zu werden und standen im engen Bunde mit den Aetolern; auch sie indes waren voellig machtlos, und fast nur der Nimbus attischer Kunst und Poesie hob diese unwuerdigen Nachfolger einer herrlichen Vorzeit unter einer Reihe von Kleinstaedten gleichen Schlages hervor.

Nachhaltiger war die Macht der aetolischen Eidgenossenschaft; das kraeftige Nordgriechentum war hier noch ungebrochen, aber freilich ausgeartet in wueste Zucht- und Regimentlosigkeit - es war Staatsgesetz, dass der aetolische Mann gegen jeden, selbst gegen den mit den Aetolern verbuendeten Staat als Reislaeufer dienen koenne, und auf die dringenden Bitten der uebrigen Griechen, dies Unwesen abzustellen, erklaerte die aetolische Tagsatzung, eher koenne man Aetolien aus Aetolien wegschaffen als diesen Grundsatz aus ihrem Landrecht. Die Aetoler haetten dem griechischen Volke von grossem Nutzen sein koennen, wenn sie ihm nicht durch diese organisierte Raeuberwirtschaft, durch ihre gruendliche Verfeindung mit der achaeischen Eidgenossenschaft und durch die unselige Opposition gegen den makedonischen Grossstaat noch viel mehr geschadet haetten.

Im Peloponnes hatte der Achaeische Bund die besten Elemente des eigentlichen Griechenlands zusammengefasst zu einer auf Gesittung, Nationalsinn und friedliche Schlagfertigkeit gegruendeten Eidgenossenschaft. Indes die Bluete und namentlich die Wehrhaftigkeit derselben war trotz der aeusserlichen Erweiterung geknickt worden durch Aratos’ diplomatischen Egoismus, welcher den Achaeischen Bund durch die leidigen Verwicklungen mit Sparta und die noch leidigere Anrufung makedonischer Intervention im Peloponnes der makedonischen Suprematie so vollstaendig unterworfen hatte, dass die Hauptfestungen der Landschaft seitdem makedonische Besatzungen empfingen und dort jaehrlich Philippos der Eid der Treue geschworen wurde. Die schwaecheren Staaten im Peloponnes, Elis, Messene und Sparta, wurden durch ihre alte, namentlich durch Grenzstreitigkeiten genaehrte Verfeindung mit der achaeischen Eidgenossenschaft in ihrer Politik bestimmt und waren aetolisch und antimakedonisch gesinnt, weil die Achaeer es mit Philippos hielten. Einige Bedeutung unter diesen Staaten hatte einzig das spartanische Soldatenkoenigtum, das nach dem Tode des Machanidas an einen gewissen Nabis gekommen war; er stuetzte sich immer dreister auf die Vagabunden und fahrenden Soeldner, denen er nicht bloss die Haeuser und Aecker, sondern auch die Frauen und Kinder der Buerger ueberwies, und unterhielt emsig Verbindungen, ja schloss geradezu eine Assoziation zum Seeraub auf gemeinschaftliche Rechnung mit der grossen Soeldner- und Piratenherberge, der Insel Kreta, wo er auch einige Ortschaften besass. Seine Raubzuege zu Lande wie seine Piratenschiffe am Vorgebirge Malea waren weit und breit gefuerchtet, er selbst als niedrig und grausam verhasst; aber seine Herrschaft breitete sich aus, und um die Zeit der Schlacht bei Zama war es ihm sogar gelungen, sich in den Besitz von Messene zu setzen.

Endlich die unabhaengigste Stellung unter den Mittelstaaten hatten die freien griechischen Kaufstaedte an dem europaeischen Ufer der Propontis sowie auf der ganzen kleinasiatischen Kueste und auf den Inseln des Aegaeischen Meeres; sie sind zugleich die lichteste Seite in dieser trueben Mannigfaltigkeit des hellenischen Staatensystems, namentlich drei unter ihnen, die seit Alexanders Tode wieder volle Freiheit genossen und durch ihren taetigen Seehandel auch zu einer achtbaren politischen Macht und selbst zu bedeutendem Landgebiet gelangt waren: Byzantion, die Herrin des Bosporos, reich und maechtig durch die Sundzoelle und den wichtigen Kornhandel nach dem Schwarzen Meer; Kyzikos an der asiatischen Propontis, die Tochterstadt und die Erbin Milets, in engsten Beziehungen zu dem Hofe von Pergamon, und endlich und vor allen Rhodos. Die Rhodier, die gleich nach Alexanders Tode die makedonische Besatzung vertrieben hatten, waren durch ihre glueckliche Lage fuer Handel und Schiffahrt Vermittler des Verkehrs in dem ganzen oestlichen Mittelmeer geworden und die tuechtige Flotte wie der in der beruehmten Belagerung von 450 (304) bewaehrte Mut der Buerger setzten sie in den Stand, in jener Zeit ewiger Fehden aller gegen alle vorsichtig und energisch eine neutrale Handelspolitik zu vertreten und wenn es galt zu verfechten; wie sie denn zum Beispiel die Byzantier mit den Waffen zwangen, den rhodischen Schiffen Zollfreiheit im Bosporos zu gestatten, und ebensowenig den pergamenischen Dynasten das Schwarze Meer zu sperren erlaubten. Vom Landkrieg hielten sie sich dagegen womoeglich fern, obwohl sie an der gegenueberliegenden karischen Kueste nicht unbetraechtliche Besitzungen erworben hatten, und fuehrten ihn, wenn es nicht anders sein konnte, mit Soeldnern. Nach allen Seiten hin, mit Syrakus, Makedonien und Syrien, vor allem aber mit Aegypten standen sie in freundschaftlichen Beziehungen und genossen hoher Achtung bei den Hoefen, so dass nicht selten in den Kriegen der Grossstaaten ihre Vermittlung angerufen ward. Ganz besonders aber nahmen sie sich der griechischen Seestaedte an, deren es an den Gestaden des Pontischen, Bithynischen und Pergamenischen Reiches wie auf den von Aegypten den Seleukiden entrissenen kleinasiatischen Kuesten und Inseln unzaehlige gab, wie zum Beispiel Sinope, Herakleia Pontike, Kios, Lampsakos, Abydos, Mytilene, Chios, Smyrna, Samos, Halikarnassos und andere mehr. Alle diese waren im wesentlichen frei und hatten mit ihren Grundherren nichts zu schaffen, als die Bestaetigung ihrer Privilegien von ihnen zu erbitten und hoechstens ihnen einen maessigen Zins zu entrichten; gegen etwaige Uebergriffe der Dynasten wusste man bald schmiegsam, bald energisch sich zu wehren. Hauptsaechlich hilfreich hierbei waren die Rhodier, welche zum Beispiel Sinope gegen Mithradates von Pontos nachdruecklich unterstuetzten. Wie fest sich unter dem Hader und eben durch die Zwiste der Monarchen die Freiheiten dieser kleinasiatischen Staedte gegruendet hatten, beweist zum Beispiel, dass einige Jahre nachher zwischen Antiochos und den Roemern nicht ueber die Freiheit der Staedte selbst gestritten ward, sondern darueber, ob sie die Bestaetigung ihrer Freibriefe vom Koenig nachzusuchen haetten oder nicht. Dieser Staedtebund war wie in allem so auch in dieser eigentuemlichen Stellung zu den Landesherren eine foermliche Hansa, sein Haupt Rhodos, das in Vertraegen fuer sich und seine Bundesgenossen verhandelte und stipulierte. Hier ward die staedtische Freiheit gegen die monarchischen Interessen vertreten, und waehrend um die Mauern herum die Kriege tobten, blieb hier in verhaeltnismaessiger Ruhe Buergersinn und buergerlicher Wohlstand heimisch, und es gediehen hier Kunst und Wissenschaft, ohne durch wueste Soldatenwirtschaft zertreten oder von der Hofluft korrumpiert zu werden.

Also standen die Dinge im Osten, als die politische Scheidewand zwischen dem Orient und dem Okzident fiel und die oestlichen Maechte, zunaechst Philippos von Makedonien, veranlasst wurden, in die Verhaeltnisse des Westens einzugreifen. Wie es geschah und wie der Erste Makedonische Krieg (540-549 214-205) verlief, ist zum Teil schon erzaehlt und angedeutet worden, was Philippos im Hannibalischen Kriege haette tun koennen und wie wenig von dem geschah, was Hannibal hatte erwarten und berechnen duerfen. Es hatte wieder einmal sich gezeigt, dass unter allen Wuerfelspielen keines verderblicher ist als die absolute Erbmonarchie. Philippos war nicht der Mann, dessen Makedonien damals bedurfte; indes eine unbedeutende Natur war er nicht. Er war ein rechter Koenig, in dem besten und dem schlimmsten Sinne des Wortes. Das lebhafte Gefuehl, selbst und allein zu herrschen, war der Grundzug seines Wesens; er war stolz auf seinen Purpur, aber nicht bloss auf ihn, und er durfte stolz sein. Er bewies nicht allein die Tapferkeit des Soldaten und den Blick des Feldherrn, sondern auch einen hohen Sinn in der Leitung der oeffentlichen Angelegenheiten, wo immer sein makedonisches Ehrgefuehl verletzt ward. Voll Verstand und Witz gewann er, wen er gewinnen wollte, vor allem eben die faehigsten und gebildetsten Maenner, so zum Beispiel Flamininus und Scipio; er war ein guter Gesell beim Becher und den Frauen nicht bloss durch seinen Rang gefaehrlich. Allein er war zugleich eine der uebermuetigsten und frevelhaftesten Naturen, die jenes freche Zeitalter erzeugt hat. Er pflegte zu sagen, dass er niemand fuerchte als die Goetter; aber es schien fast, als seien diese Goetter dieselben, denen sein Flottenfuehrer Dikaearchos regelmaessige Opfer darbrachte, die Gottlosigkeit (Asebeia) und der Frevel (Paranomia). Weder das Leben seiner Ratgeber und der Beguenstiger seiner Plaene war ihm heilig, noch verschmaehte er es, seine Erbitterung gegen die Athener und Attalos durch Zerstoerung ehrwuerdiger Denkmaeler und namhafter Kunstwerke zu befriedigen; es wird als Staatsmaxime von ihm angefuehrt, dass, wer den Vater ermorden lasse, auch die Soehne toeten muesse. Es mag sein, dass ihm nicht eigentlich die Grausamkeit eine Wollust war; allein fremdes Leben und Leiden war ihm gleichgueltig, und die Inkonsequenz, die den Menschen allein ertraeglich macht, fand nicht Raum in seinem starren und harten Herzen. Er hat den Satz, dass fuer den absoluten Koenig kein Versprechen und kein Moralgebot bindend sei, so schroff und grell zur Schau getragen, dass er eben dadurch seinen Plaenen die wesentlichsten Hindernisse in den Weg legte. Einsicht und Entschlossenheit kann niemand ihm absprechen; aber es ist damit in seltsamer Weise Zauderei und Fahrigkeit vereinigt; was vielleicht zum Teil dadurch sich erklaert, dass er schon im achtzehnten Jahr zum absoluten Herrscher berufen ward und dass sein unbaendiges Wueten gegen jeden, der durch Widerreden und Widerraten ihn in seinem Selbstregieren stoerte, alle selbstaendigen Ratgeber von ihm verscheuchte. Was alles in seiner Seele mitgewirkt haben mag, um die schwache und schmaehliche Fuehrung des Ersten Makedonischen Krieges hervorzurufen, laesst sich nicht sagen - vielleicht jene Laessigkeit der Hoffart, die erst gegen die nahegerueckte Gefahr ihre volle Kraft entwickelt, vielleicht selbst Gleichgueltigkeit gegen den nicht von ihm entworfenen Plan und Eifersucht auf Hannibals ihn beschaemende Groesse. Gewiss ist, dass sein spaeteres Benehmen nicht den Philippos wiedererkennen laesst, an dessen Saumseligkeit Hannibals Plan scheiterte.

Philippos schloss den Vertrag mit den Aetolern und den Roemern 548/49 (206/05) in der ernsten Absicht, mit Rom einen dauernden Frieden zu machen und sich kuenftig ausschliesslich den Angelegenheiten des Ostens zu widmen. Es leidet keinen Zweifel, dass er Karthagos rasche Ueberwaeltigung ungern sah; es kann auch sein, dass Hannibal auf eine zweite makedonische Kriegserklaerung hoffte und dass Philippos im stillen das letzte karthagische Heer mit Soeldnern verstaerkte. Allein sowohl die weitschichtigen Dinge, in die er mittlerweile im Osten sich einliess, als auch die Art der Unterstuetzung und besonders das voellige Stillschweigen der Roemer ueber diesen Friedensbruch, da sie doch nach Kriegsgruenden suchten, setzen es ausser Zweifel, dass Philippos keineswegs im Jahre 551 (203) nachholen wollte, was er zehn Jahre zuvor haette tun sollen.

Er hatte sein Auge nach einer ganz anderen Seite gewendet. Ptolemaeos Philopator von Aegypten war 549 (205) gestorben. Gegen seinen Nachfolger Ptolemaeos Epiphanes, ein fuenfjaehriges Kind, hatten die Koenige von Makedonien und Asien Philippos und Antiochos sich vereinigt, um den alten Groll der Kontinentalmonarchien gegen den Seestaat gruendlich zu saettigen. Der aegyptische Staat sollte aufgeloest werden, Aegypten und Kypros an Antiochos, Kyrene, Ionien und die Kykladen an Philippos fallen. Recht in Philippos’ Art, der ueber solche Ruecksichten lachte, begannen die Koenige den Krieg, nicht bloss ohne Ursache, sondern selbst ohne Vorwand, “eben wie die grossen Fische die kleinen auffressen”. Die Verbuendeten hatten uebrigens richtig gerechnet, besonders Philippos. Aegypten hatte genug zu tun, sich des naeheren Feindes in Syrien zu erwehren, und musste die kleinasiatischen Besitzungen und die Kykladen unverteidigt preisgeben, als Philippos auf diese als auf seinen Anteil an der Beute sich warf. In dem Jahr, wo Karthago mit Rom den Frieden abschloss (553 201), liess derselbe eine von den ihm untertaenigen Staedten ausgeruestete Flotte Truppen an Bord nehmen und an der thrakischen Kueste hinauf segeln. Hier ward Lysimacheia der aetolischen Besatzung entrissen, und Perinthos, das zu Byzanz im Klientelverhaeltnis stand, gleichfalls besetzt. So war mit den Byzantiern der Friede gebrochen, mit den Aetolern, die soeben mit Philippos Frieden gemacht, wenigstens das gute Einvernehmen gestoert. Die Ueberfahrt nach Asien stiess auf keine Schwierigkeiten, da Koenig Prusias von Bithynien mit Makedonien im Bunde war; zur Vergeltung half Philippos ihm die griechischen Kaufstaedte in seinem Gebiet bezwingen. Kalchedon unterwarf sich. Kios, das widerstand, wurde erstuermt und dem Boden gleich, ja die Einwohner zu Sklaven gemacht - eine zwecklose Barbarei, ueber die Prusias selbst, der die Stadt unbeschaedigt zu besitzen wuenschte, verdriesslich war und die die ganze hellenische Welt aufs tiefste erbitterte. Besonders verletzt noch waren abermals die Aetoler, deren Strateg in Kios kommandiert hatte, und die Rhodier, deren Vermittlungsversuche von dem Koenig schnoede und arglistig vereitelt worden waren. Aber waere auch dies nicht gewesen, es standen die Interessen aller griechischen Kaufstaedte auf dem Spiel. Unmoeglich konnte man zugeben, dass die milde und fast nur nominelle aegyptische Herrschaft verdraengt ward durch das makedonische Zwingherrentum, mit dem die staedtische Selbstregierung und der freie Handelsverkehr sich nimmermehr vertrug; und die furchtbare Behandlung der Kianer zeigte, dass es hier sich nicht um das Bestaetigungsrecht der staedtischen Freibriefe handelte, sondern um Tod und Leben fuer einen und fuer alle. Schon war Lampsakos gefallen und Thasos behandelt worden wie Kios; man musste sich eilen. Der wackere Strateg von Rhodos, Theophiliskos, ermahnte seine Buerger der gemeinsamen Gefahr durch gemeinsame Abwehr zu begegnen und nicht geschehen zu lassen, dass die Staedte und Inseln einzeln dem Feinde zur Beute wuerden. Rhodos entschloss sich und erklaerte Philippos den Krieg. Byzanz schloss sich an; ebenso der hochbejahrte Koenig Attalos von Pergamon, Philippos’ persoenlicher und politischer Feind. Waehrend die Flotte der Verbuendeten sich an der aeolischen Kueste sammelte, liess Philippos durch einen Teil der seinigen Chios und Samos wegnehmen. Mit dem anderen erschien er selbst vor Pergamon, das er indes vergeblich berannte; er musste sich begnuegen, das platte Land zu durchstreifen und an den weit und breit zerstoerten Tempeln die Spuren makedonischer Tapferkeit zurueckzulassen. Ploetzlich brach er auf und ging wieder zu Schiff, um sich mit seinem Geschwader, das bei Samos stand, zu vereinigen. Allein die rhodisch-pergamenische Flotte folgte ihm und zwang ihn zur Schlacht in der Meerenge von Chios. Die Zahl der makedonischen Deckschiffe war geringer, allein die Menge ihrer offenen Kaehne glich dies wieder aus und Philippos’ Soldaten fochten mit grossem Mute; doch unterlag. er endlich. Fast die Haelfte seiner Deckschiffe, vierundzwanzig Segel, wurden versenkt oder genommen, 6000 makedonische Matrosen, 3000 Soldaten kamen um, darunter der Admiral Demokrates, 2000 wurden gefangen. Den Bundesgenossen kostete der Sieg nicht mehr als 800 Mann und sechs Segel. Aber von den Fuehrern der Verbuendeten war Attalos von seiner Flotte abgeschnitten und gezwungen worden, sein Admiralschiff bei Erythrae auf den Strand laufen zu lassen; und Theophiliskos von Rhodos, dessen Buergermut den Krieg und dessen Tapferkeit die Schlacht entschieden hatte, starb den Tag nach derselben an seinen Wunden. So konnte, waehrend Attalos’ Flotte in die Heimat ging und die rhodische vorlaeufig bei Chios blieb, Philippos, der faelschlich sich den Sieg zuschrieb, seine Fahrt weiter fortsetzen und sich nach Samos wenden, um die karischen Staedte zu besetzen. An der karischen Kueste lieferten die Rhodier, diesmal von Attalos nicht unterstuetzt, der makedonischen Flotte unter Herakleides ein zweites Treffen bei der kleinen Insel Lade vor dem Hafen von Milet. Der Sieg, den wieder beide Teile sich zuschrieben, scheint hier von den Makedoniern gewonnen zu sein, denn waehrend die Rhodier nach Myndos und von da nach Kos zurueckwichen, besetzten jene Milet und ein Geschwader unter dem Aetoler Dikaearchos die Kykladen. Philippos inzwischen verfolgte auf dem karischen Festland die Eroberung der rhodischen Besitzungen daselbst und der griechischen Staedte; haette er Ptolemaeos selbst angreifen wollen und es nicht vorgezogen, sich auf die Gewinnung seines Beuteanteils zu beschraenken, so wuerde er jetzt selbst an einen Zug nach Aegypten haben denken koennen. In Karien stand zwar kein Heer den Makedoniern gegenueber, und Philippos durchzog ungehindert die Gegend von Magnesia bis Mylasa; aber jede Stadt in dieser Landschaft war eine Festung, und der Belagerungskrieg zog sich in die Laenge, ohne erhebliche Resultate zu geben oder zu versprechen. Der Satrap von Lydien, Zeuxis, unterstuetzte den Bundesgenossen seines Herren ebenso lau, wie Philippos sich lau in der Foerderung der Interessen des syrischen Koenigs bewiesen hatte, und die griechischen Staedte gaben Unterstuetzung nur aus Furcht oder Zwang. Die Verproviantierung des Heeres ward immer schwieriger; Philippos musste heute den pluendern, der ihm gestern freiwillig gegeben hatte, und dann wieder gegen seine Natur sich bequemen zu bitten. So ging allmaehlich die gute Jahreszeit zu Ende, und in der Zwischenzeit hatten die Rhodier ihre Flotte verstaerkt und auch die des Attalos wieder an sich gezogen, so dass sie zur See entschieden ueberlegen waren. Es schien fast, als koennten sie dem Koenig den Rueckzug abschneiden und ihn zwingen, Winterquartier in Karien zu nehmen, waehrend doch die Angelegenheiten daheim, namentlich die drohende Intervention der Aetoler und der Roemer, seine Rueckkehr dringend erheischten. Philippos sah die Gefahr; er liess Besatzungen, zusammen bis 3000 Mann, teils in Myrina, um Pergamon in Schach zu halten, teils in den kleinen Staedten um Mylasa: Iassos, Bargylia, Euromos, Pedasa, um den trefflichen Hafen und einen Landungsplatz in Karien sich zu sichern; mit der Flotte gelang es ihm bei der Nachlaessigkeit, mit welcher die Bundesgenossen das Meer bewachten, gluecklich die thrakische Kueste zu erreichen und noch vor dem Winter 553/54 (201/00) zu Hause zu sein.

In der Tat zog sich gegen Philipp im Westen ein Gewitter zusammen, welches ihm nicht laenger gestattete, die Pluenderung des wehrlosen Aegyptens fortzusetzen. Die Roemer, die in demselben Jahre endlich den Frieden mit Karthago auf ihre Bedingungen abgeschlossen hatten, fingen an, sich ernstlich um diese Verwicklungen im Osten zu bekuemmern. Es ist oft gesagt worden, dass sie nach der Eroberung des Westens sofort daran gegangen seien, den Osten sich zu unterwerfen; eine ernstliche Erwaegung wird zu einem gerechteren Urteil fuehren. Nur die stumpfe Unbilligkeit kann es verkennen, dass Rom in dieser Zeit noch keineswegs nach der Herrschaft ueber die Mittelmeerstaaten griff, sondern nichts weiter begehrte, als in Afrika und in Griechenland ungefaehrliche Nachbarn zu haben; und eigentlich gefaehrlich fuer Rom war Makedonien nicht. Seine Macht war allerdings nicht gering und es ist augenscheinlich, dass der roemische Senat den Frieden von 548/49 (206/05), der sie ganz in ihrer Integritaet beliess, nur ungern gewaehrte; allein wie wenig man ernstliche Besorgnisse vor Makedonien in Rom hegte und hegen durfte, beweist am besten die geringe und doch nie gegen Uebermacht zu fechten genoetigte Truppenzahl, mit welcher Rom den naechsten Krieg gefuehrt hat. Der Senat haette wohl eine Demuetigung Makedoniens gern gesehen; allein um den Preis eines in Makedonien mit roemischen Truppen gefuehrten Landkrieges war sie ihm zu teuer, und darum machte er nach dem Ruecktritt der Aetoler sofort freiwillig Frieden auf Grundlage des Status quo. Es ist darum auch nichts weniger als ausgemacht, dass die roemische Regierung diesen Frieden in der bestimmten Absicht schloss, den Krieg bei gelegenerer Zeit wieder zu beginnen, und sehr gewiss, dass augenblicklich bei der gruendlichen Erschoepfung des Staats und der aeussersten Unlust der Buergerschaft auf einen zweiten ueberseeischen Krieg sich einzulassen, der Makedonische Krieg den Roemern in hohem Grade unbequem kam. Aber jetzt war er unvermeidlich. Den makedonischen Staat, wie er im Jahre 549 (205) war, konnte man sich als Nachbar gefallen lassen; allein unmoeglich durfte man gestatten, dass derselbe den besten Teil des kleinasiatischen Griechenlands und das wichtige Kyrene hinzuerwarb, die neutralen Handelsstaaten erdrueckte und damit seine Macht verdoppelte. Es kam hinzu, dass der Sturz Aegyptens, die Demuetigung, vielleicht die Ueberwaeltigung von Rhodos auch dem sizilischen und italischen Handel tiefe Wunden geschlagen haben wuerden; und konnte man ueberhaupt ruhig zusehen, wie der italische Verkehr mit dem Osten von den beiden grossen Kontinentalmaechten abhaengig ward? Gegen Attalos, den treuen Bundesgenossen aus dem Ersten Makedonischen Krieg, hatte Rom ueberdies die Ehrenpflicht zu wahren und zu hindern, dass Philippos, der ihn schon in seiner Hauptstadt belagert hatte, ihn nicht von Land und Leuten vertrieb. Endlich war der Anspruch Roms, den schuetzenden Arm ueber alle Hellenen auszustrecken, keineswegs bloss Phrase; die Neapolitaner, Rheginer, Massalioten und Emporiten konnten bezeugen, dass dieser Schutz sehr ernst gemeint war, und gar keine Frage ist es, dass in dieser Zeit die Roemer den Griechen naeher standen als jede andere Nation und wenig ferner als die hellenisierten Makedonier. Es ist seltsam, den Roemern das Recht zu bestreiten, ueber die frevelhafte Behandlung der Kianer und Thasier in ihren menschlichen wie in ihren hellenischen Sympathien sich empoert zu fuehlen. So vereinigten sich in der Tat alle politischen, kommerziellen und sittlichen Motive, um Rom zu dem zweiten Kriege gegen Philippos zu bestimmen, einem der gerechtesten, die die Stadt je gefuehrt hat. Es gereicht dem Senat zur hohen Ehre, dass er sofort sich entschloss und sich weder durch die Erschoepfung des Staates noch durch die Impopularitaet einer solchen Kriegserklaerung abhalten liess, seine Anstalten zu treffen - schon 553 (201) erschien der Propraetor Marcus Valerius Laevinus mit der sizilischen Flotte von 38 Segeln in der oestlichen See. Indes war die Regierung in Verlegenheit, einen ostensibeln Kriegsgrund ausfindig zu machen, dessen sie dem Volk gegenueber notwendig bedurfte, auch wenn sie nicht ueberhaupt viel zu einsichtig gewesen waere, um die rechtliche Motivierung des Krieges in Philippos’ Art gering zu schaetzen. Die Unterstuetzung, die Philippos nach dem Frieden mit Rom den Karthagern gewaehrt haben sollte, war offenbar nicht erweislich. Die roemischen Untertanen in der illyrischen Landschaft beschwerten sich zwar schon seit laengerer Zeit ueber die makedonischen Obergriffe. Schon 551 (203) hatte ein roemischer Gesandter an der Spitze des illyrischen Aufgebots Philippos’ Scharen aus dem illyrischen Gebiet hinausgeschlagen und der Senat deswegen den Gesandten des Koenigs 552 (202) erklaert, wenn er Krieg suche, werde er ihn frueher finden, als ihm lieb sei. Allein diese Uebergriffe waren eben nichts als die gewoehnlichen Frevel, wie Philippos sie gegen seine Nachbarn uebte; eine Verhandlung darueber haette im gegenwaertigen Augenblick zur Demuetigung und Suehnung, aber nicht zum Kriege gefuehrt. Mit den saemtlichen kriegfuehrenden Maechten im Osten stand die roemische Gemeinde dem Namen nach in Freundschaft und haette ihnen Beistand gegen den Angriff gewaehren koennen. Allein Rhodos und Pergamon, die begreiflicherweise nicht saeumten, die roemische Hilfe zu erbitten, waren formell die Angreifer, und Aegypten, wenn auch alexandrinische Gesandte den roemischen Senat ersuchten, die Vormundschaft ueber das koenigliche Kind zu uebernehmen, scheint doch auch nicht eben sich beeilt zu haben, durch Anrufung unmittelbarer roemischer Intervention zwar die augenblickliche Bedraengnis zu beendigen, aber zugleich der grossen westlichen Macht das Ostmeer zu oeffnen. Vor allen Dingen aber haette die Hilfe fuer Aegypten zunaechst in Syrien geleistet werden muessen und wuerde Rom in einen Krieg mit Asien und Makedonien zugleich verwickelt haben, was man natuerlich um so mehr zu vermeiden wuenschte, als man fest entschlossen war, wenigstens in die asiatischen Angelegenheiten sich nicht zu mischen. Es blieb nichts uebrig, als vorlaeufig eine Gesandtschaft nach dem Osten abzuordnen, um teils von Aegypten zu erlangen, was den Umstaenden nach nicht schwer war, dass es die Einmischung der Roemer in die griechischen Angelegenheiten geschehen liess, teils den Koenig Antiochos zu beschwichtigen, indem man ihm Syrien preisgab, teils endlich den Bruch mit Philippos moeglichst zu beschleunigen und die Koalition der griechisch-asiatischen Kleinstaaten gegen ihn zu foerdern (Ende 553 201). In Alexandreia erreichte man ohne Muehe, was man wuenschte; der Hof hatte keine Wahl und musste dankbar den Marcus Aemilius Lepidus aufnehmen, den der Senat abgesandt hatte, um als “Vormund des Koenigs” dessen Interessen zu vertreten, soweit dies ohne eigentliche Intervention moeglich war. Antiochos loeste zwar seinen Bund mit Philipp nicht auf und gab den Roemern nicht die bestimmten Erklaerungen, welche sie wuenschten; uebrigens aber, sei es aus Schlaffheit, sei es bestimmt durch die Erklaerung der Roemer, in Syrien nicht intervenieren zu wollen, verfolgte er seine Plaene daselbst und liess die Dinge in Griechenland und Kleinasien gehen.

Darueber war das Fruehjahr 554 (200) herangekommen, und der Krieg hatte aufs neue begonnen. Philippos warf sich zunaechst wieder auf Thrakien, wo er die saemtlichen Kuestenplaetze, namentlich Maroneia, Aenos, Elaeos, Sestos besetzte; er wollte seine europaeischen Besitzungen vor einer roemischen Landung gesichert wissen. Alsdann griff er an der asiatischen Kueste Abydos an, an dessen Gewinn ihm gelegen sein musste, da er durch den Besitz von Sestos und Abydos mit seinem Bundesgenossen Antiochos in festere Verbindung kam und nicht mehr zu fuerchten brauchte, dass die Flotte der Bundesgenossen ihm den Weg nach oder aus Kleinasien sperre. Diese beherrschte das Aegaeische Meer, nachdem das schwaechere makedonische Geschwader sich zurueckgezogen hatte; Philippos beschraenkte zur See sich darauf, auf dreien der Kykladen, Andros, Kythnos und Paros, Besatzungen zu unterhalten und Kaperschiffe auszuruesten. Die Rhodier gingen nach Chios und von da nach Tenedos, wo Attalos, der den Winter ueber bei Aegina gestanden und mit den Deklamationen der Athener sich die Zeit vertrieben hatte, mit seinem Geschwader zu ihnen stiess. Es waere wohl moeglich gewesen, den Abydenern, die sich heldenmuetig verteidigten, zu Hilfe zu kommen; allein die Verbuendeten ruehrten sich nicht, und so ergab sich endlich die Stadt, nachdem fast alle Waffenfaehigen im Kampf vor den Mauern und nach der Kapitulation ein grosser Teil der Einwohner durch eigene Hand gefallen waren, der Gnade des Siegers; sie bestand darin, dass den Abydenern drei Tage Frist gegeben wurden, um freiwillig zu sterben. Hier im Lager von Abydos traf die roemische Gesandtschaft, die nach Beendigung ihrer Geschaefte in Syrien und Aegypten die griechischen Kleinstaaten besucht und bearbeitet hatte, mit dem Koenig zusammen und entledigte sich ihrer vom Senat erhaltenen Auftraege: der Koenig solle gegen keinen griechischen Staat einen Angriffskrieg fuehren, die dem Ptolemaeos entrissenen Besitzungen zurueckgeben und wegen der den Pergamenern und Rhodiern zugefuegten Schaedigung sich ein Schiedsgericht gefallen lassen. Die Absicht des Senats, den Koenig zur foermlichen Kriegserklaerung zu reizen, ward nicht erreicht; der roemische Gesandte Marcus Aemilius erhielt vom Koenig nichts als die feine Antwort, dass er dem jungen schoenen roemischen Mann wegen dieser seiner drei Eigenschaften das Gesagte zugute halten wolle.

Indes war mittlerweile die von Rom gewuenschte Veranlassung von einer anderen Seite her gekommen. Die Athener hatten in ihrer albernen und grausamen Eitelkeit zwei unglueckliche Akarnanen hinrichten lassen, weil dieselben sich zufaellig in ihre Mysterien verirrt hatten. Als die Akarnanen in begreiflicher Erbitterung von Philippos begehrten, dass er ihnen Genugtuung verschaffe, konnte dieser das gerechte Begehren seiner treuesten Bundesgenossen nicht weigern und gestattete ihnen, in Makedonien Mannschaft auszuheben und damit und mit ihren eigenen Leuten ohne foermliche Kriegserklaerung in Attika einzufallen. Zwar war dies nicht bloss kein eigentlicher Krieg, sondern es liess auch der Fuehrer der makedonischen Schar, Nikanor, auf die drohenden Worte der gerade in Athen anwesenden roemischen Gesandten sofort seine Truppen den Rueckmarsch antreten (Ende 553 201). Aber es war zu spaet. Eine athenische Gesandtschaft ging nach Rom, um ueber den Angriff Philipps auf einen alten Bundesgenossen Roms zu berichten, und aus der Art, wie der Senat sie empfing, sah Philippos deutlich, was ihm bevorstand; weshalb er zunaechst, gleich im Fruehling 554 (200) seinen Oberbefehlshaber in Griechenland, Philokles, anwies, das attische Gebiet zu verwuesten und die Stadt moeglichst zu bedraengen.

Der Senat hatte jetzt, was er bedurfte, und konnte im Sommer 554 (200) die Kriegserklaerung “wegen Angriffs auf einen mit Rom verbuendeten Staat” vor die Volksversammlung bringen. Sie wurde das erstemal fast einstimmig verworfen; toerichte oder tueckische Volkstribunen querulierten ueber den Rat, der den Buergern keine Ruhe goennen wolle; aber der Krieg war einmal notwendig und genau genommen schon begonnen, so dass der Senat unmoeglich zuruecktreten konnte. Die Buergerschaft ward durch Vorstellungen und Konzessionen zum Nachgeben bewogen. Es ist bemerkenswert, dass diese Konzessionen wesentlich auf Kosten der Bundesgenossen erfolgten. Aus ihren im aktiven Dienst befindlichen Kontingenten wurden - ganz entgegen den sonstigen roemischen Maximen - die Besatzungen von Gallien, Unteritalien, Sizilien und Sardinien, zusammen 20000 Mann, ausschliesslich genommen, die saemtlichen vom Hannibalischen Krieg her unter Waffen stehenden Buergertruppen aber entlassen; nur Freiwillige sollten daraus zum Makedonischen Krieg aufgeboten werden duerfen, welches denn freilich, wie sich nachher fand, meistens gezwungene Freiwillige waren - es rief dies spaeter im Herbst 555 (199) einen bedenklichen Militaeraufstand im Lager von Apollonia hervor. Aus neu einberufenen Leuten wurden sechs Legionen gebildet, von denen je zwei in Rom und in Etrurien blieben und nur zwei in Brundisium nach Makedonien eingeschifft wurden, gefuehrt von dem Konsul Publius Sulpicius Galba.

So hatte sich wieder einmal recht deutlich gezeigt, dass fuer die weitlaeufigen und schwierigen Verhaeltnisse, in welche Rom durch seine Siege gebracht war, die souveraenen Buergerversammlungen mit ihren kurzsichtigen und vom Zufall abhaengigen Beschluessen schlechterdings nicht mehr passten und dass deren verkehrtes Eingreifen in die Staatsmaschine zu gefaehrlichen Modifikationen der militaerisch notwendigen Massregeln und zu noch gefaehrlicherer Zuruecksetzung der latinischen Bundesgenossen fuehrte.

Philippos’ Lage war sehr uebel. Die oestlichen Staaten, die gegen jede Einmischung Roms haetten zusammenstehen muessen und unter anderen Umstaenden auch vielleicht zusammengestanden waeren, waren hauptsaechlich durch seine Schuld so untereinander verhetzt, dass sie die roemische Invasion entweder nicht zu hindern oder sogar zu foerdern geneigt waren. Asien, Philipps natuerlicher und wichtiger Bundesgenosse, war von ihm vernachlaessigt worden und ueberdies zunaechst durch die Verwicklung mit Aegypten und den syrischen Krieg an taetigem Eingreifen gehindert. Aegypten hatte ein dringendes Interesse daran, dass die roemische Flotte dem Ostmeer fern blieb; selbst jetzt noch gab eine aegyptische Gesandtschaft in Rom sehr deutlich zu verstehen, wie bereit der alexandrinische Hof sei, den Roemern die Muehe abzunehmen, in Attika zu intervenieren. Allein der zwischen Asien und Makedonien abgeschlossene Teilungsvertrag ueber Aegypten warf diesen wichtigen Staat geradezu den Roemern in die Arme und erzwang die Erklaerung des Kabinetts von Alexandreia, dass es in die Angelegenheiten des europaeischen Griechenlands sich nur mit Einwilligung der Roemer mischen werde. Aehnlich, aber noch bedraengter gestellt waren die griechischen Handelsstaedte, an ihrer Spitze Rhodos, Pergamon, Byzanz; sie haetten unter anderen Umstaenden ohne Zweifel das Ihrige getan, um den Roemern das Ostmeer zu verschliessen, aber Philippos’ grausame und vernichtende Eroberungspolitik hatte sie zu einem ungleichen Kampf gezwungen, in den sie ihrer Selbsterhaltung wegen alles anwenden mussten, die italische Grossmacht zu verwickeln. Im eigentlichen Griechenland fanden die roemischen Gesandten, die dort eine zweite Ligue gegen Philippos zu stiften beauftragt waren, gleichfalls vom Feinde wesentlich vorgearbeitet. Von der antimakedonischen Partei, den Spartanern, Eleern, Athenern und Aetolern, haette Philippos die letzten vielleicht zu gewinnen vermocht, da der Friede von 548 (206) in ihren Freundschaftsbund mit Rom einen tiefen und keineswegs aufgeheilten Riss gemacht hatte; allein abgesehen von den alten Differenzen, die wegen der von Makedonien der aetolischen Eidgenossenschaft entzogenen thessalischen Staedte Echinos, Larissa Kremaste, Pharsalos und des phthiotischen Thebae zwischen den beiden Staaten bestanden, hatte die Vertreibung der aetolischen Besatzungen aus Lysimacheia und Kios bei den Aetolern neue Erbitterung gegen Philippos hervorgerufen. Wenn sie zauderten, sich der Ligue gegen ihn anzuschliessen, so lag der Grund wohl hauptsaechlich in der fortwirkenden Verstimmung zwischen ihnen und den Roemern.

Bedenklicher noch war es, dass selbst unter den fest an das makedonische Interesse geknuepften griechischen Staaten, den Epeiroten, Akarnanen, Boeotern und Achaeern, nur die Akarnanen und Boeoter unerschuettert zu Philippos standen. Mit den Epeiroten verhandelten die roemischen Gesandten nicht ohne Erfolg und namentlich der Koenig der Athamanen, Amynander, schloss an Rom sich fest an. Sogar von den Achaeern hatte Philippos durch die Ermordung des Aratos teils viele verletzt, teils ueberhaupt einer freieren Entwicklung der Eidgenossenschaft wieder Raum gegeben; sie hatte unter Philopoemens (502-571 252-183, Strateg zuerst 546 208) Leitung ihr Heerwesen regeneriert, in gluecklichen Kaempfen gegen Sparta das Zutrauen zu sich selber wiedergefunden und folgte nicht mehr, wie zu Aratos’ Zeit, blind der makedonischen Politik. Einzig in ganz Hellas sah die achaeische Eidgenossenschaft, die von Philippos’ Vergroesserungssucht weder Nutzen noch zunaechst Nachteil zu erwarten hatte, diesen Krieg vom unparteiischen und nationalhellenischen Gesichtspunkte an; sie begriff, was zu begreifen nicht schwer war, dass die hellenische Nation damit den Roemern selber sich auslieferte, sogar ehe diese es wuenschten und begehrten, und versuchte darum, zwischen Philippos und den Rhodiern zu vermitteln; allein es war zu spaet. Der nationale Patriotismus, der einst den Bundesgenossenkrieg beendigt und der. ersten Krieg zwischen Makedonien und Rom wesentlich mit herbeigefuehrt hatte, war erloschen; die achaeische Vermittlung blieb ohne Erfolg, und vergeblich bereiste Philippos die Staedte und Inseln, um die Nation wieder zu entflammen - es war das die Nemesis fuer Kios und Abydos. Die Achaeer, da sie nicht aendern konnten und nicht helfen mochten, blieben neutral.

Im Herbst des Jahres 554 (200) landete der Konsul Publius Sulpicius Galba mit seinen beiden Legionen und 1000 numidischen Reitern, ja sogar mit Elefanten, die aus der karthagischen Beute herruehrten, bei Apollonia; auf welche Nachricht der Koenig eilig vom Hellespont nach Thessalien zurueckkehrte. Indes teils die schon weit vorgerueckte Jahreszeit, teils die Erkrankung des roemischen Feldherrn bewirkten, dass zu Lande dies Jahr nichts weiter vorgenommen ward als eine starke Rekognoszierung, bei der die naechstliegenden Ortschaften, namentlich die makedonische Kolonie Antipatreia, von den Roemern besetzt wurden. Fuer das naechste Jahr ward mit den noerdlichen Barbaren, namentlich mit Pleuratos, dem damaligen Herrn von Skodra, und dem Dardanerfuersten Bato, die selbstverstaendlich eilten, die gute Gelegenheit zu nutzen, ein gemeinschaftlicher Angriff auf Makedonien verabredet.

Wichtiger waren die Unternehmungen der roemischen Flotte, die 100 Deck- und 80 leichte Schiffe zaehlte. Waehrend die uebrigen Schiffe bei Kerkyra fuer den Winter Station nahmen, ging eine Abteilung unter Gaius Claudius Cento nach dem Peiraeeus, um den bedraengten Athenern Beistand zu leisten. Da Cento indes die attische Landschaft gegen die Streifereien der korinthischen Besatzung und die makedonischen Korsaren schon hinreichend gedeckt fand, segelte er weiter und erschien ploetzlich vor Chalkis auf Euboea, dem Hauptwaffenplatz Philipps in Griechenland, wo die Magazine, die Waffenvorraete und die Gefangenen aufbewahrt wurden und der Kommandant Sopater nichts weniger als einen roemischen Angriff erwartete. Die unverteidigte Mauer ward erstiegen, die Besatzung niedergemacht, die Gefangenen befreit und die Vorraete verbrannt; leider fehlte es an Truppen, um die wichtige Position zu halten. Auf die Kunde von diesem ueberfall brach Philippos in ungestuemer Erbitterung sofort von Demetrias in Thessalien auf nach Chalkis, und da er hier nichts von dem Feind mehr fand als die Brandstaette, weiter nach Athen, um Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Allein die Ueberrumpelung misslang und auch der Sturm war vergeblich, so sehr der Koenig sein Leben preisgab; das Herannahen von Gaius Claudius vom Peiraeeus, des Attalos von Aegina her zwangen ihn zum Abzug. Philippos verweilte indes noch einige Zeit in Griechenland; aber politisch und militaerisch waren seine Erfolge gleich gering. Umsonst versuchte er die Achaeer fuer sich in Waffen zu bringen; und ebenso vergeblich waren seine Angriffe auf Eleusis und den Peiraeeus sowie ein zweiter auf Athen selbst. Es blieb ihm nichts uebrig, als seine begreifliche Erbitterung in unwuerdiger Weise durch Verwuestung der Landschaft und Zerstoerung, der Baeume des Akademos zu befriedigen und nach dem Norden zurueckzukehren. So verging der Winter. Mit dem Fruehjahr 555 (199) brach der Prokonsul Publius Sulpicius aus seinem Winterlager auf, entschlossen, seine Legionen von Apollonia auf der kuerzesten Linie in das eigentliche Makedonien zu fuehren. Diesen Hauptangriff von Westen her sollten drei Nebenangriffe unterstuetzen: in noerdlicher Richtung der Einfall der Dardaner und Illyrier, in oestlicher ein Angriff der kombinierten Flotte der Roemer und der Bundesgenossen, die bei Aegina sich sammelte; endlich von Sueden her sollten die Athamanen vordringen und, wenn es gelang, sie zur Teilnahme am Kampfe zu bestimmen, zugleich die Aetoler. Nachdem Galba die Berge, die der Apsos (jetzt Beratinó) durchschneidet, ueberschritten hatte und durch die fruchtbare dassaretische Ebene gezogen war, gelangte er an die Gebirgskette, die Illyrien und Makedonien scheidet und betrat, diese uebersteigend, das eigentliche makedonische Gebiet. Philippos war ihm entgegengegangen; allein in den ausgedehnten und schwach bevoelkerten Landschaften Makedoniens suchten sich die Gegner einige Zeit vergeblich, bis sie endlich in der lynkestischen Provinz, einer fruchtbaren aber sumpfigen Ebene, unweit der nordwestlichen Landesgrenze aufeinandertrafen und keine 1000 Schritt voneinander die Lager schlugen. Philippos’ Heer zaehlte, nachdem er das zur Besetzung der noerdlichen Paesse detachierte Korps an sich gezogen hatte, etwa 20000 Mann zu Fuss und 2000 Reiter; das roemische war ungefaehr ebenso stark. Indes die Makedonier hatten den grossen Vorteil, dass sie, in der Heimat fechtend und mit Weg und Steg bekannt, mit leichter Muehe den Proviant zugefuehrt erhielten, waehrend sie sich so dicht an die Roemer gelagert hatten, dass diese es nicht wagen konnten, zu ausgedehnter Fouragierung sich zu zerstreuen. Der Konsul bot die Schlacht wiederholt an, allein der Koenig versagte sie beharrlich und die Gefechte zwischen den leichten Truppen, wenn auch die Roemer darin einige Vorteile erfochten, aenderten in der Hauptsache nichts. Galba war genoetigt, sein Lager abzubrechen und anderthalb Meilen weiter bei Oktolophos ein anderes aufzuschlagen, von wo er leichter sich verproviantieren zu koennen meinte. Aber auch hier wurden die ausgeschickten Abteilungen von den leichten Truppen und der Reiterei der Makedonier vernichtet; die Legionen mussten zu Hilfe kommen und trieben dann freilich die makedonische Vorhut, die zu weit vorgegangen war, mit starkem Verlust in das Lager zurueck, wobei der Koenig selbst das Pferd verlor und nur durch die hochherzige Hingebung eines seiner Reiter das Leben rettete. Aus dieser gefaehrlichen Lage befreite die Roemer der bessere Erfolg der von Galba veranlassten Nebenangriffe der Bundesgenossen oder vielmehr die Schwaeche der makedonischen Streitkraefte. Obwohl Philippos in seinem Gebiet moeglichst starke Aushebungen vorgenommen und roemische Ueberlaeufer und andere Soeldner hinzugeworben hatte, hatte er doch nicht vermocht, ausser den Besatzungen in Kleinasien und Thrakien, mehr als das Heer, womit er selbst dem Konsul gegenueberstand, auf die Beine zu bringen, und ueberdies noch, um dieses zu bilden, die Nordpaesse in der pelagonischen Landschaft entbloessen muessen. Fuer die Deckung der Ostkueste verliess er sich teils auf die von ihm angeordnete Verwuestung der Inseln Skiathos und Peparethos, die der feindlichen Flotte eine Station haetten bieten koennen, teils auf die Besatzung von Thasos und der Kueste und auf die unter Herakleides bei Demetrias aufgestellte Flotte. Fuer die Suedgrenze hatte er gar auf die mehr als zweifelhafte Neutralitaet der Aetoler rechnen muessen. Jetzt traten diese ploetzlich dem Bunde gegen Makedonien bei und drangen sofort mit den Athamanen vereinigt in Thessalien ein, waehrend zugleich die Dardaner und Illyrier die noerdlichen Landschaften ueberschwemmten und die roemische Flotte unter Lucius Apustius, von Kerkyra aufbrechend, in den oestlichen Gewaessern erschien, wo die Schiffe des Attalos, der Rhodier und der Istrier sich mit ihr vereinigten.

Philippos gab hiernach freiwillig seine Stellung auf und wich in oestlicher Richtung zurueck: ob es geschah, um den wahrscheinlich unvermuteten Einfall der Aetoler zurueckzuschlagen oder um das roemische Heer sich nach und ins Verderben zu ziehen oder um je nach den Umstaenden das eine oder das andere zu tun, ist nicht wohl zu entscheiden. Er bewerkstelligte seinen Rueckzug so geschickt, dass Galba, der den verwegenen Entschluss fasste, ihm zu folgen, seine Spur verlor und es Philippos moeglich ward, den Engpass, der die Landschaften Lynkestis und Eordaea scheidet, auf Seitenwegen zu erreichen und zu besetzen, um die Roemer hier zu erwarten und ihnen einen heissen Empfang zu bereiten. Es kam an der von ihm gewaehlten Stelle zur Schlacht. Aber die langen makedonischen Speere erwiesen sich unbrauchbar auf dem waldigen und ungleichen Terrain; die Makedonier wurden teils umgangen, teils durchbrochen und verloren viele Leute. Indes wenn auch Philippos’ Heer nach diesem ungluecklichen Treffen nicht laenger imstande war, den Roemern das weitere Vordringen zu wehren, so scheuten sich doch diese selber in dem unwegsamen und feindlichen Land, weiteren unbekannten Gefahren entgegenzuziehen, und kehrten zurueck nach Apollonia, nachdem sie die fruchtbaren Landschaften Hochmakedoniens Eordaea, Elimea, Orestis verwuestet und die bedeutendste Stadt von Orestis, Keletron (jetzt Kastoria auf einer Halbinsel in dem gleichnamigen See), sich ihnen ergeben hatte - es war die einzige makedonische Stadt, die den Roemern ihre Tore oeffnete. Im illyrischen Land ward die Stadt der Dassaretier, Pelion, an den oberen Zufluessen des Apsos, erstuermt und stark besetzt, um auf einem aehnlichen Zug kuenftig als Basis zu dienen.

Philippos stoerte die roemische Hauptarmee auf ihrem Rueckzug nicht, sondern wandte sich in Gewaltmaerschen gegen die Aetoler und Athamanen, die in der Meinung, dass die Legionen den Koenig beschaeftigten, das reiche Tal des Peneios furcht- und ruecksichtslos pluenderten, schlug sie vollstaendig und noetigte, was nicht fiel, sich einzeln auf den wohlbekannten Bergpfaden zu, retten. Durch diese Niederlage und ebenso sehr durch die starken Werbungen, die in Aetolien fuer aegyptische Rechnung stattfanden, schwand die Streitkraft der Eidgenossenschaft nicht wenig zusammen. Die Dardaner wurden von dem Fuehrer der leichten Truppen Philipps, Athenagoras, ohne Muehe und mit starkem Verlust ueber die Berge zurueckgejagt. Die roemische Flotte richtete auch nicht viel aus; sie vertrieb die makedonische Besatzung von Andros, suchte Euboea und Skiathos heim und machte dann Versuche auf die chalkidische Halbinsel, die aber die makedonische Besatzung bei Mende kraeftig zurueckwies. Der Rest des Sommers verging mit der Einnahme von Oreos auf Euboea, welche durch die entschlossene Verteidigung der makedonischen Besatzung lange verzoegert ward. Die schwache makedonische Flotte unter Herakleides stand untaetig bei Herakleia und wagte nicht den Feinden das Meer streitig zu machen. Fruehzeitig gingen diese in die Winterquartiere, die Roemer nach dem Peiraeeus und Kerkyra, die Rhodier und Pergamener in die Heimat.

Im ganzen konnte Philipp zu den Ereignissen dieses Feldzuges sich Glueck wuenschen. Die roemischen Truppen standen nach einem aeusserst beschwerlichen Feldzug im Herbst genau da, von wo sie im Fruehling aufgebrochen waren, und ohne das rechtzeitige Dareinschlagen der Aetoler und die unerwartet glueckliche Schlacht am Pass von Eordaea haette von der gesamten Macht vielleicht kein Mann das roemische Gebiet wiedergesehen. Die vierfache Offensive hatte ueberall ihren Zweck verfehlt und Philippos sah im Herbste nicht bloss sein ganzes Gebiet vom Feind gereinigt, sondern er konnte noch einen, freilich vergeblichen, Versuch machen, die an der aetolisch-thessalischen Grenze gelegene und die Peneiosebene beherrschende feste Stadt Thaumakoi den Aetolern zu entreissen. Wenn Antiochos, um dessen Kommen Philippos vergeblich zu den Goettern flehte, sich im naechsten Feldzug mit ihm vereinigte, so durfte er grosse Erfolge erwarten. Es schien einen Augenblick, als schicke dieser sich dazu an; sein Heer erschien in Kleinasien und besetzte einige Ortschaften des Koenigs Attalos, der von den Roemern militaerischen Schutz erbat. Diese indes beeilten sich nicht, den Grosskoenig jetzt zum Bruch zu draengen; sie schickten Gesandte, die in der Tat es erreichten, dass Attalos’ Gebiet geraeumt ward. Von daher hatte Philippos nichts zu hoffen.

Indes der glueckliche Ausgang des letzten Feldzugs hatte Philipps Mut oder Uebermut so gehoben, dass, nachdem er der Neutralitaet der Achaeer und der Treue der Makedonier sich durch die Aufopferung einiger festen Plaetze und des verabscheuten Admirals Herakleides aufs neue versichert hatte, im naechsten Fruehling 556 (198) er es war, der die Offensive ergriff und in die atintanische Landschaft einrueckte, um in dem engen Pass, wo sich der Aoos (Viosa) zwischen den Bergen Aeropos und Asmaos durchwindet, ein wohlverschanztes Lager zu beziehen. Ihm gegenueber lagerte das durch neue Truppensendungen verstaerkte roemische Heer, ueber das zuerst der Konsul des vorigen Jahres, Publius Villius, sodann seit dem Sommer 556 (198) der diesjaehrige Konsul Titus Quinctius Flamininus den Oberbefehl fuehrte. Flamininus, ein talentvoller, erst dreissigjaehriger Mann, gehoerte zu der juengeren Generation, welche mit dem altvaeterischen Wesen auch den altvaeterischen Patriotismus von sich abzutun anfing und zwar auch noch an das Vaterland, aber mehr an sich und an das Hellenentum dachte. Ein geschickter Offizier und besserer Diplomat, war er in vieler Hinsicht fuer die Behandlung der schwierigen griechischen Verhaeltnisse vortrefflich geeignet; dennoch waere es vielleicht fuer Rom wie fuer Griechenland besser gewesen, wenn die Wahl auf einen minder von hellenischen Sympathien erfuellten Mann gefallen und ein Feldherr dorthin gesandt worden waere, den weder feine Schmeichelei bestochen noch beissende Spottrede verletzt haette, der die Erbaermlichkeit der hellenischen Staatsverfassungen nicht ueber literarischen und kuenstlerischen Reminiszenzen vergessen und der Hellas nach Verdienst behandelt, den Roemern aber es erspart haette, unausfuehrbaren Idealen nachzustreben.

Der neue Oberbefehlshaber hatte mit dem Koenig sogleich eine Zusammenkunft, waehrend die beiden Heere untaetig sich gegenueberstanden. Philippos machte Friedensvorschlaege; er erbot sich, alle eigenen Eroberungen zurueckzugeben und wegen des den griechischen Staedten zugefuegten Schadens sich einem billigen Austrag zu unterwerfen; aber an dem Begehren, altmakedonische Besitzungen, namentlich Thessalien, aufzugeben, scheiterten die Verhandlungen. Vierzig Tage standen die beiden Heere in dem Engpass des Aoos, ohne dass Philippos wich oder Flamininus sich entschliessen konnte, entweder den Sturm anzuordnen oder den Koenig stehenzulassen und die vorjaehrige Expedition wieder zu versuchen. Da half dem roemischen General die Verraeterei einiger Vornehmer unter den sonst gut makedonisch gesinnten Epeiroten, namentlich des Charops, aus der Verlegenheit. Sie fuehrten auf Bergpfaden ein roemisches Korps von 4000 Mann zu Fuss und 300 Reitern auf die Hoehen oberhalb des makedonischen Lagers und wie alsdann der Konsul das feindliche Herr von vorn angriff, entschied das Anruecken jener unvermutet von den beherrschenden Bergen herabsteigenden roemischen Abteilung die Schlacht. Philippos verlor Lager und Verschanzung und gegen 2000 Mann und wich eilig zurueck bis an den Pass Tempel die Pforte des eigentlichen Makedoniens. Allen anderen Besitz gab er auf bis auf die Festungen; die thessalischen Staedte, die er nicht verteidigen konnte, zerstoerte er selbst - nur Pherae schloss ihm die Tore und entging dadurch dem Verderben. Teils durch diese Erfolge der roemischen Waffen, teils durch Flamininus’ geschickte Milde bestimmt, traten zunaechst die Epeiroten vom makedonischen Buendnis ab. In Thessalien waren auf die erste Nachricht vom Siege der Roemer sogleich die Athamanen und Aetoler eingebrochen, und die Roemer folgten bald; das platte Land war leicht ueberschwemmt, allein die festen Staedte, die gut makedonisch gesinnt waren und von Philippos Unterstuetzung empfingen, fielen nur nach tapferem Widerstand oder widerstanden sogar dem ueberlegenen Feind; so vor allem Atrax am linken Ufer des Peneios, wo in der Bresche die Phalanx statt der Mauer stand. Bis auf diese thessalischen Festungen und das Gebiet der treuen Akarnanen war somit ganz Nordgriechenland in den Haenden der Koalition.

Dagegen war der Sueden durch die Festungen Chalkis und Korinth, die durch das Gebiet der makedonisch gesinnten Boeoter miteinander die Verbindung unterhielten, und durch die achaeische Neutralitaet noch immer wesentlich in makedonischer Gewalt, und Flamininus entschloss sich, da es doch zu spaet war, um dies Jahr noch in Makedonien einzudringen, zunaechst Landheer und Flotte gegen Korinth und die Achaeer zu wenden. Die Flotte, die wieder die rhodischen und pergamenischen Schiffe an sich gezogen hatte, war bisher damit beschaeftigt gewesen, zwei kleinere Staedte auf Euboea, Eretria und Karystos, einzunehmen und daselbst Beute zu machen; worauf beide indes ebenso wie Oreos wieder aufgegeben und von dem makedonischen Kommandanten von Chalkis, Philokles, aufs neue besetzt wurden. Die vereinigte Flotte wandte sich von da nach Kenchreae, dem oestlichen Hafen von Korinth, um diese starke Festung zu bedrohen. Von der anderen Seite rueckte Flamininus in Phokis ein und besetzte die Landschaft, in der nur Elateia eine laengere Belagerung aushielt; diese Gegend, namentlich Antikyra am Korinthischen Meerbusen, war zum Winterquartier ausersehen. Die Achaeer, die also auf der einen Seite die roemischen Legionen sich naehern, auf der anderen die roemische Flotte schon an ihrem eigenen Gestade sahen, verzichteten auf ihre sittlich ehrenwerte, aber politisch unhaltbare Neutralitaet; nachdem die Gesandten der am engsten an Makedonien geknuepften Staedte Dyme, Megalopolis und Argos die Tagsatzung verlassen hatten, beschloss dieselbe den Beitritt zu der Koalition gegen Philippos. Kykliades und andere Fuehrer der makedonischen Partei verliessen die Heimat; die Truppen der Achaeer vereinigten sich sofort mit der roemischen Flotte und eilten, Korinth zu Lande einzuschliessen, welche Stadt, die Zwingburg Philipps gegen die Achaeer, ihnen roemischerseits fuer ihren Beitritt zu dem Bunde zugesichert worden war. Die makedonische Besatzung indes, die 1300 Mann stark war und grossenteils aus italischen Ueberlaeufern bestand, verteidigte entschlossen die fast uneinnehmbare Stadt; ueberdies kam von Chalkis Philokles herbei mit einer Abteilung von 1500 Mann, die nicht bloss Korinth entsetzte, sondern auch in das Gebiet der Achaeer eindrang und im Einverstaendnis mit der makedonisch gesinnten Buergerschaft ihnen Argos entriss. Allein der Lohn solcher Hingebung war, dass der Koenig die treuen Argeier der Schreckensherrschaft des Nabis von Sparta auslieferte. Diesen, den bisherigen Bundesgenossen der Roemer, hoffte er nach dem Beitritt der Achaeer zu der roemischen Koalition zu sich hinueberzuziehen; denn er war hauptsaechlich nur deshalb roemischer Bundesgenosse geworden, weil er in Opposition zu den Achaeern und seit 550 (204) sogar in offenem Kriege mit ihnen sich befand. Allein Philippos’ Angelegenheiten standen zu verzweifelt, als dass irgend jemand jetzt sich auf seine Seite zu schlagen Lust verspuert haette. Nabis nahm zwar Argos von Philippos an, allein er verriet den Verraeter und blieb im Buendnis mit Flamininus, welcher in der Verlegenheit, jetzt mit zwei untereinander im Krieg begriffenen Maechten verbuendet zu sein, vorlaeufig zwischen den Spartanern und Achaeern einen Waffenstillstand auf vier Monate vermittelte.

So kam der Winter heran. Philippos benutzte ihn abermals, um womoeglich einen billigen Frieden zu erhalten. Auf einer Konferenz, die in Nikaea am Malischen Meerbusen abgehalten ward, erschien der Koenig persoenlich und versuchte, mit Flamininus zu einer Verstaendigung zu gelangen, indem er den petulanten Uebermut der kleinen Herren mit Stolz und Feinheit zurueckwies und durch markierte Deferenz gegen die Roemer als die einzigen ihm ebenbuertigen Gegner von diesen ertraegliche Bedingungen zu erhalten suchte. Flamininus war gebildet genug, um durch die Urbanitaet des Besiegten gegen ihn und die Hoffart gegen die Bundesgenossen, welche der Roemer wie der Koenig gleich verachten gelernt hatten, sich geschmeichelt zu fuehlen; allein seine Vollmacht ging nicht so weit wie das Begehren des Koenigs: er gestand ihm gegen Einraeumung von Phokis und Lokris einen zweimonatlichen Waffenstillstand zu und wies ihn in der Hauptsache an seine Regierung. Im roemischen Senat war man sich laengst einig, dass Makedonien alle seine auswaertigen Besitzungen aufgeben muesse; als daher Philippos’ Gesandte in Rom erschienen, begnuegte man sich zu fragen, ob sie Vollmacht haetten, auf ganz Griechenland, namentlich auf Korinth, Chalkis und Demetrias zu verzichten, und da sie dies verneinten, brach man sofort die Unterhandlungen ab und beschloss die energische Fortsetzung des Krieges. Mit Hilfe der Volkstribunen gelang es dem Senat, den so nachteiligen Wechsel des Oberbefehls zu verhindern und Flamininus das Kommando zu verlaengern; er erhielt bedeutende Verstaerkung, und die beiden frueheren Oberbefehlshaber Publius Galba und Publius Villius wurden angewiesen, sich ihm zur Verfuegung zu stellen. Auch Philippos entschloss sich, noch eine Feldschlacht zu wagen. Um Griechenland zu sichern, wo jetzt alle Staaten mit Ausnahme der Akarnanen und Boeoter gegen ihn in Waffen standen, wurde die Besatzung von Korinth bis auf 6000 Mann verstaerkt, waehrend er selbst, die letzten Kraefte des erschoepften Makedoniens anstrengend und Kinder und Greise in die Phalanx einreihend, ein Heer von etwa 26000 Mann, darunter 16000 makedonische Phalangiten, auf die Beine brachte. So begann der vierte Feldzug 557 (197). Flamininus schickte einen Teil der Flotte gegen die Akarnanen, die in Leukas belagert wurden; im eigentlichen Griechenland bemaechtigte er sich durch List der boeotischen Hauptstadt Thebae, wodurch sich die Boeoter gezwungen sahen, dem Buendnis gegen Makedonien wenigstens dem Namen nach beizutreten. Zufrieden, hierdurch die Verbindung zwischen Korinth und Chalkis gesprengt zu haben, wandte er sich nach Norden, wo allein die Entscheidung fallen konnte. Die grossen Schwierigkeiten der Verpflegung des Heeres in dem feindlichen und grossenteils oeden Lande, die schon oft die Operationen gehemmt hatten, sollte jetzt die Flotte beseitigen, indem sie das Heer laengs der Kueste begleitete und ihm die aus Afrika, Sizilien und Sardinien gesandten Vorraete nachfuehrte. Indes die Entscheidung kam frueher, als Flamininus gehofft hatte. Philippos, ungeduldig und zuversichtlich wie er war, konnte es nicht aushalten, den Feind an der makedonischen Grenze zu erwarten; nachdem er bei Dion sein Heer gesammelt hatte, rueckte er durch den Tempepass in Thessalien ein und traf mit dem ihm entgegenrueckenden feindlichen Heer in der Gegend von Skotussa zusammen. Beide Heere, das makedonische und das roemische, das durch Zuzuege der Apolloniaten und Athamanen und die von Nabis gesandten Kretenser, besonders aber durch einen ansehnlichen aetolischen Haufen verstaerkt worden war, zaehlten ungefaehr gleich viel Streiter, jedes etwa 26000 Mann; doch waren die Roemer an Reiterei dem Gegner ueberlegen. Vorwaerts Skotussa, auf dem Plateau des Karadagh, traf waehrend eines trueben Regentages der roemische Vortrab unvermutet auf den feindlichen, der einen zwischen beiden Lagern gelegenen, hohen und steilen Huegel, die Kynoskephalae genannt, besetzt hielt. Zurueckgetrieben in die Ebene, erhielten die Roemer Verstaerkung aus dem Lager von den leichten Truppen und dem trefflichen Korps der aetolischen Reiterei und draengten nun ihrerseits den makedonischen Vortrab auf und ueber die Hoehe zurueck. Hier aber fanden wiederum die Makedonier Unterstuetzung an ihrer gesamten Reiterei und dem groessten Teil der leichten Infantrie; die Roemer, die unvorsichtig sich vorgewagt hatten, wurden mit grossem Verlust bis hart an ihr Lager zurueckgejagt und haetten sich voellig zur Flucht gewandt, wenn nicht die aetolischen Ritter in der Ebene den Kampf so lange hingehalten haetten, bis Flamininus die schnell geordneten Legionen herbeifuehrte. Dem ungestuemen Ruf der siegreichen, die Fortsetzung des Kampfes fordernden Truppen gab der Koenig nach und ordnete auch seine Schwerbewaffneten eilig zu der Schlacht, die weder Feldherr noch Soldaten an diesem Tage erwartet hatten. Es galt, den Huegel zu besetzen, der augenblicklich von Truppen ganz entbloesst war. Der rechte Fluegel der Phalanx unter des Koenigs eigener Fuehrung kam frueh genug dort an, um sich ungestoert auf der Hoehe in Schlachtordnung zu stellen; der linke aber war noch zurueck, als schon die leichten Truppen der Makedonier, von den Legionen gescheucht, den Huegel heraufstuermten. Philipp schob die fluechtigen Haufen rasch an der Phalanx vorbei in das Mitteltreffen, und ohne zu erwarten, bis auf dem linken Fluegel Nikanor mit der anderen, langsamer folgenden Haelfte der Phalanx eingetroffen war, hiess er die rechte Phalanx mit gesenkten Speeren den Huegel hinab sich auf die Legionen stuerzen und gleichzeitig die wieder geordnete leichte Infanterie sie umgehen und ihnen in die Flanke fallen. Der am guenstigen Orte unwiderstehliche Angriff der Phalanx zersprengte das roemische Fussvolk, und der linke Fluegel der Roemer ward voellig geschlagen. Auf dem anderen Fluegel liess Nikanor, als er den Koenig angreifen sah, die andere Haelfte der Phalanx schleunig nachruecken; sie geriet dabei auseinander, und waehrend die ersten Reihen schon den Berg hinab eilig dem siegreichen rechten Fluegel folgten und durch das ungleiche Terrain noch mehr in Unordnung kamen, gewannen die letzten Glieder eben erst die Hoehe. Der rechte Fluegel der Roemer ward unter diesen Umstaenden leicht mit dem feindlichen linken fertig; die Elefanten allein, die auf diesem Fluegel standen, vernichteten die aufgeloesten makedonischen Scharen. Waehrend hier ein fuerchterliches Gemetzel entstand, nahm ein entschlossener roemischer Offizier zwanzig Faehnlein zusammen und warf sich mit diesen auf den siegreichen makedonischen Fluegel, der, den roemischen linken verfolgend, so weit vorgedrungen war, dass der roemische rechte ihm im Ruecken stand. Gegen den Angriff von hinten war die Phalanx wehrlos und mit dieser Bewegung die Schlacht zu Ende. Bei der vollstaendigen Aufloesung der beiden Phalangen ist es begreiflich, dass man 13000 teils gefangene, teils gefallene Makedonier zaehlte, meistens gefallene, weil die roemischen Soldaten das makedonische Zeichen der Ergebung, das Aufheben der Sarissen, nicht kannten; der Verlust der Sieger war gering. Philippos entkam nach Larissa und nachdem er alle seine Papiere verbrannt hatte, um niemanden zu kompromittieren, raeumte er Thessalien und ging in seine Heimat zurueck.

Gleichzeitig mit dieser grossen Niederlage erlitten die Makedonier noch andere Nachteile auf allen Punkten, die sie noch besetzt hielten: in Karien schlugen die rhodischen Soeldner das dort stehende makedonische Korps und zwangen dasselbe, sich in Stratonikeia einzuschliessen; die korinthische Besatzung ward von Nikostratos und seinen Achaeern mit starkem Verlust geschlagen, das akarnanische Leukas nach heldenmuetiger Gegenwehr erstuermt. Philippos war vollstaendig ueberwunden; seine letzten Verbuendeten, die Akarnanen, ergaben sich auf die Nachricht von der Schlacht bei Kynoskephalae.

Es lag vollstaendig in der Hand der Roemer, den Frieden zu diktieren: sie nutzten ihre Macht, ohne sie zu missbrauchen. Man konnte das Reich Alexanders vernichten; auf der Konferenz der Bundesgenossen ward dies Begehren von aetolischer Seite ausdruecklich gestellt. Allein was hiess das anders als den Wall hellenischer Bildung gegen Thraker und Kelten niederreissen? Schon war waehrend des eben beendigten Krieges das bluehende Lysimacheia auf dem Thrakischen Chersonesos von den Thrakern gaenzlich zerstoert worden - eine ernste Warnung fuer die Zukunft. Flamininus, der tiefe Blicke in die widerwaertigen Verfehdungen der griechischen Staaten getan hatte, konnte nicht die Hand dazu bieten, dass die roemische Grossmacht fuer den Groll der aetolischen Eidgenossenschaft die Exekution uebernahm, auch wenn nicht seine hellenischen Sympathien fuer den feinen und ritterlichen Koenig ebenso sehr gewonnen gewesen waeren wie sein roemisches Nationalgefuehl verletzt war durch die Prahlerei der Aetoler, der “Sieger von Kynoskephalae”, wie sie sich nannten. Den Aetolern erwiderte er, dass es nicht roemische Sitte sei, Besiegte zu vernichten, uebrigens seien sie ja ihre eigenen Herren und stehe es ihnen frei, mit Makedonien ein Ende zu machen, wenn sie koennten. Der Koenig ward mit aller moeglichen Ruecksicht behandelt, und nachdem er sich bereit erklaert hatte, auf die frueher gestellten Forderungen jetzt einzugehen, ihm von Flamininus gegen Zahlung einer Geldsumme und Stellung von Geiseln, darunter seines Sohnes Demetrios, ein laengerer Waffenstillstand bewilligt, den Philippos hoechst noetig brauchte, um die Dardaner aus Makedonien hinauszuschlagen.

Die definitive Regulierung der verwickelten griechischen Angelegenheiten ward vom Senat einer Kommission von zehn Personen uebertragen, deren Haupt und Seele wieder Flamininus war. Philippos erhielt von ihr aehnliche Bedingungen, wie sie Karthago gestellt worden waren. Er verlor alle auswaertigen Besitzungen in Kleinasien, Thrakien, Griechenland und auf den Inseln des Aegaeischen Meeres; dagegen blieb das eigentliche Makedonien ungeschmaelert bis auf einige unbedeutende Grenzstriche und die Landschaft Orestis, welche frei erklaert ward - eine Bestimmung, die Philippos aeusserst empfindlich fiel, allein die die Roemer nicht umhin konnten, ihm vorzuschreiben, da bei seinem Charakter es unmoeglich war, ihm die freie Verfuegung ueber einmal von ihm abgefallene Untertanen zu lassen. Makedonien wurde ferner verpflichtet, keine auswaertigen Buendnisse ohne Vorwissen Roms abzuschliessen noch nach auswaerts Besatzungen zu schicken; ferner nicht ausserhalb Makedoniens gegen zivilisierte Staaten noch ueberhaupt gegen roemische Bundesgenossen Krieg zu fuehren und kein Heer ueber 5000 Mann, keine Elefanten und nicht ueber fuenf Deckschiffe zu unterhalten, die uebrigen an die Roemer auszuliefern. Endlich trat Philippos mit den Roemern in Symmachie, die ihn verpflichtete, auf Verlangen Zuzug zu senden, wie denn gleich nachher die makedonischen Truppen mit den Legionen zusammen fochten. Ausserdem zahlte er eine Kontribution von 1000 Talenten (1700000 Taler).

Nachdem Makedonien also zu vollstaendiger politischer Nullitaet herabgedrueckt und ihm nur so viel Macht gelassen war, als es bedurfte, um die Grenze von Hellas gegen die Barbaren zu hueten, schritt man dazu, ueber die vom Koenig abgetretenen Besitzungen zu verfuegen. Die Roemer, die eben damals in Spanien erfuhren, dass ueberseeische Provinzen ein sehr zweifelhafter Gewinn seien, und die ueberhaupt keineswegs des Laendererwerbes wegen den Krieg begonnen hatten, nahmen nichts von der Beute fuer sich und zwangen dadurch auch ihre Bundesgenossen zur Maessigung. Sie beschlossen, saemtliche Staaten Griechenlands, die bisher unter Philippos gestanden, frei zu erklaeren; und Flamininus erhielt den Auftrag, das desfaellige Dekret den zu den Isthmischen Spielen versammelten Griechen zu verlesen (558 196). Ernsthafte Maenner freilich mochten fragen, ob denn die Freiheit ein verschenkbares Gut sei und was Freiheit ohne Einigkeit und Einheit der Nation bedeute; doch war der Jubel gross und aufrichtig, wie die Absicht aufrichtig war, in der der Senat die Freiheit verlieh ^1.

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^1 Wir haben noch Goldstater mit dem Kopf des Flamininus und der Inschrift “T. Quincti(us)”, unter dem Regiment des Befreiers der Hellenen in Griechenland geschlagen. Der Gebrauch der lateinischen Sprache ist eine bezeichnende Artigkeit.

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Ausgenommen waren von dieser gemeinen Massregel nur die illyrischen Landschaften oestlich von Epidamnos, die an den Herrn von Skodra, Pleuratos, fielen und diesen, ein Menschenalter zuvor von den Roemern gedemuetigten Land- und Seeraeuberstaat wieder zu der maechtigsten unter all den kleinen Herrschaften in diesen Strichen machten; ferner einige Ortschaften im westlichen Thessalien, die Amynander besetzt hatte und die man ihm liess, und die drei Inseln Paros, Skyros und Imbros, welche Athen fuer seine vielen Drangsale und seine noch zahlreicheren Dankadressen und Hoeflichkeiten aller Art zum Geschenk erhielt. Dass die Rhodier ihre karischen Besitzungen behielten und Aegina den Pergamenern blieb, versteht sich. Sonst ward den Bundesgenossen nur mittelbar gelohnt durch den Zutritt der neu befreiten Staedte zu den verschiedenen Eidgenossenschaften. Am besten wurden die Achaeer bedacht, die doch am spaetesten der Koalition gegen Philippos beigetreten waren; wie es scheint, aus dem ehrenwerten Grunde, dass dieser Bundesstaat unter allen griechischen der geordnetste und ehrbarste war. Die saemtlichen Besitzungen Philipps auf dem Peloponnes und dem Isthmos, also namentlich Korinth, wurden ihrem Bunde einverleibt. Mit den Aetolern dagegen machte man wenig Umstaende; sie durften die phokischen und lokrischen Staedte in ihre Symmachie aufnehmen, allein ihre Versuche, dieselbe auch auf Akarnanien und Thessalien auszudehnen, wurden teils entschieden zurueckgewiesen, teils in die Ferne geschoben, und die thessalischen Staedte vielmehr in vier kleine selbstaendige Eidgenossenschaften geordnet. Dem Rhodischen Staedtebund kam die Befreiung von Thasos und Lemnos, der thrakischen und kleinasiatischen Staedte zugute.

Schwierigkeit machte die Ordnung der inneren Verhaeltnisse Griechenlands, sowohl der Staaten zueinander, als der einzelnen Staaten in sich. Die dringendste Angelegenheit war der zwischen den Spartanern und Achaeern seit 550 (204) gefuehrte Krieg, dessen Vermittlung den Roemern notwendig zufiel. Allein nach vielfachen Versuchen, Nabis zum Nachgeben, namentlich zur Herausgabe der von Philippos ihm ausgelieferten achaeischen Bundesstadt Argos zu bestimmen, blieb Flamininus doch zuletzt nichts uebrig, als dem eigensinnigen kleinen Raubherrn, der auf den offenkundigen Groll der Aetoler gegen die Roemer und auf Antiochos’ Einruecken in Europa rechnete und die Rueckstellung von Argos beharrlich weigerte, endlich von den saemtlichen Hellenen auf einer grossen Tagfahrt in Korinth den Krieg erklaeren zu lassen und mit der Flotte und dem roemisch-bundesgenoessischen Heere, darunter auch einem von Philippos gesandten Kontingent und einer Abteilung lakedaemonischer Emigranten unter dem legitimen Koenig von Sparta, Agesipolis, in den Peloponnes einzuruecken (559 195). Um den Gegner durch die ueberwaeltigende Uebermacht sogleich zu erdruecken, wurden nicht weniger als 50000 Mann auf die Beine gebracht und mit Vernachlaessigung der uebrigen Staedte sogleich die Hauptstadt selbst umstellt; allein der gewuenschte Erfolg ward dennoch nicht erreicht. Nabis hatte eine betraechtliche Armee, bis 15000 Mann, darunter 5000 Soeldner, ins Feld gestellt und seine Herrschaft durch ein vollstaendiges Schreckensregiment, die Hinrichtung in Masse der ihm verdaechtigen Offiziere und Bewohner der Landschaft, aufs neue befestigt. Sogar als er selber nach den ersten Erfolgen der roemischen Armee und Flotte sich entschloss, nachzugeben und die von Flamininus ihm gestellten verhaeltnismaessig sehr guenstigen Bedingungen anzunehmen, verwarf “das Volk”, das heisst das von Nabis in Sparta angesiedelte Raubgesindel, nicht mit Unrecht die Rechenschaft nach dem Siege fuerchtend und getaeuscht durch obligate Luegen ueber die Beschaffenheit der Friedensbedingungen und das Heranruecken der Aetoler und der Asiaten, den von dem roemischen Feldherrn gebotenen Frieden, und der Kampf begann aufs neue. Es kam zu einer Schlacht vor den Mauern und zu einem Sturm auf dieselben; schon waren sie von den Roemern erstiegen, als das Anzuenden der genommenen Strassen die Stuermenden wieder zur Umkehr zwang. Endlich nahm denn doch der eigensinnige Widerstand ein Ende. Sparta behielt seine Selbstaendigkeit und ward weder gezwungen, die Emigranten wieder aufzunehmen, noch dem Achaeischen Bunde beizutreten; sogar die bestehende monarchische Verfassung und Nabis selbst blieben unangetastet. Dagegen musste Nabis seine auswaertigen Besitzungen, Argos, Messene, die kretischen Staedte und ueberdies noch die ganze Kueste, abtreten, sich verpflichten, weder auswaertige Buendnisse zu schliessen noch Krieg zu fuehren und keine anderen Schiffe zu halten als zwei offene Kaehne, endlich alles Raubgut wieder abzuliefern, den Roemern Geiseln zu stellen und eine Kriegskontribution zu zahlen. Den spartanischen Emigranten wurden die Staedte an der lakonischen Kueste gegeben und diese neue Volksgemeinde, die im Gegensatz zu den monarchisch regierten Spartanern sich die der “freien Lakonen” nannte, angewiesen, in den Achaeischen Bund einzutreten. Ihr Vermoegen erhielten die Emigrierten nicht zurueck, indem die ihnen angewiesene Landschaft dafuer als Ersatz angesehen ward; wogegen verfuegt wurde, dass ihre Weiber und Kinder nicht wider deren Willen in Sparta zurueckgehalten werden sollten. Die Achaeer, obwohl sie durch diese Verfuegung ausser Argos noch die freien Lakonen erhielten, waren dennoch wenig zufrieden; sie hatten die Beseitigung des gefuerchteten und gehassten Nabis, die Rueckfuehrung der Emigrierten und die Ausdehnung der achaeischen Symmachie auf den ganzen Peloponnes erwartet. Der Unbefangene wird indes nicht verkennen, dass Flamininus diese schwierigen Angelegenheiten so billig und gerecht regelte, wie es moeglich ist, wo zwei beiderseits unbillige und ungerechte politische Parteien sich gegenueberstehen. Bei der alten und tiefen Verfeindung zwischen den Spartanern und Achaeern waere die Einverleibung Spartas in den Achaeischen Bund einer Unterwerfung Spartas unter die Achaeer gleichgekommen, was der Billigkeit nicht minder zuwiderlief als der Klugheit. Die Rueckfuehrung der Emigranten und die vollstaendige Restauration eines seit zwanzig Jahren beseitigten Regiments wuerde nur ein Schreckensregiment an die Stelle eines anderen gesetzt haben; der Ausweg, den Flamininus ergriff, war eben darum der rechte, weil er beide extreme Parteien nicht befriedigte. Endlich schien dafuer gruendlich gesorgt, dass es mit dem spartanischen See- und Landraub ein Ende hatte und das Regiment daselbst, wie es nun eben war, nur der eigenen Gemeinde unbequem fallen konnte. Es ist moeglich, dass Flamininus, der den Nabis kannte und wissen musste, wie wuenschenswert dessen persoenliche Beseitigung war, davon abstand, um nur einmal zu Ende zu kommen und nicht durch unabsehbar sich fortspinnende Verwicklungen den reinen Eindruck seiner Erfolge zu trueben; moeglich auch, dass er ueberdies an Sparta ein Gegengewicht gegen die Macht der Achaeischen Eidgenossenschaft im Peloponnes zu konservieren suchte. Indes der erste Vorwurf trifft einen Nebenpunkt und in letzterer Hinsicht ist es wenig wahrscheinlich, dass die Roemer sich herabliessen, die Achaeer zu fuerchten.

Aeusserlich wenigstens war somit zwischen den kleinen griechischen Staaten Friede gestiftet. Aber auch die inneren Verhaeltnisse der einzelnen Gemeinden gaben dem roemischen Schiedsrichter zu tun. Die Boeoter trugen ihre makedonische Gesinnung selbst noch nach der Verdraengung der Makedonier aus Griechenland offen zur Schau; nachdem Flamininus auf ihre Bitten ihren in Philippos’ Diensten gestandenen Landsleuten die Rueckkehr verstattet hatte, ward der entschiedenste der makedonischen Parteigaenger, Brachyllas, zum Vorstand der Boeotischen Genossenschaft erwaehlt und auch sonst Flamininus auf alle Weise gereizt. Er ertrug es mit beispielloser Geduld: indes die roemisch gesinnten Boeoter, die wussten, was nach dem Abzug der Roemer ihrer warte, beschlossen den Tod des Brachyllas, und Flamininus, dessen Erlaubnis sie sich dazu erbitten zu muessen glaubten, sagte wenigstens nicht nein. Brachyllas ward demnach ermordet; worauf die Boeoter sich nicht begnuegten, die Moerder zu verfolgen, sondern auch den einzeln durch ihr Gebiet passierenden roemischen Soldaten auflauerten und deren an 500 erschlugen. Dies war denn doch zu arg; Flamininus legte ihnen eine Busse von einem Talent fuer jeden Soldaten auf, und da sie diese nicht zahlten, nahm er die naechstliegenden Truppen zusammen und belagerte Koroneia (558 196). Nun verlegte man sich auf Bitten; in der Tat liess Flamininus auf die Verwendung der Achaeer und Athener gegen eine sehr maessige Busse von den Schuldigen ab, und obwohl die makedonische Partei fortwaehrend in der kleinen Landschaft am Ruder blieb, setzten die Roemer ihrer knabenhaften Opposition nichts entgegen als die Langmut der Uebermacht. Auch im uebrigen Griechenland begnuegte sich Flamininus, soweit es ohne Gewalttaetigkeit anging, auf die inneren Verhaeltnisse namentlich der neubefreiten Gemeinden einzuwirken, den Rat und die Gerichte in die Haende der Reicheren und die antimakedonisch gesinnte Partei ans Ruder zu bringen und die staedtischen Gemeinwesen dadurch, dass er das, was in jeder Gemeinde nach Kriegsrecht an die Roemer gefallen war, zu dem Gemeindegut der betreffenden Stadt schlug, moeglichst an das roemische Interesse zu knuepfen. Im Fruehjahr 560 (194) war die Arbeit beendigt: Flamininus versammelte noch einmal in Korinth die Abgeordneten der saemtlichen griechischen Gemeinden, ermahnte sie zu verstaendigem und maessigem Gebrauch der ihnen verliehenen Freiheit und erbat sich als einzige Gegengabe fuer die Roemer, dass man die italischen Gefangenen, die waehrend des Hannibalischen Krieges nach Griechenland verkauft worden waren, binnen dreissig Tagen ihm zusende. Darauf raeumte er die letzten Festungen, in denen noch roemische Besatzung stand, Demetrias, Chalkis nebst den davon abhaengigen kleineren Forts auf Euboea, und Akrokorinth, also die Rede der Aetoler, dass Rom die Fesseln Griechenlands von Philippos geerbt, tatsaechlich Luege strafend, und zog mit den saemtlichen roemischen Truppen und den befreiten Gefangenen in die Heimat.

Nur von der veraechtlichen Unredlichkeit oder der schwaechlichen Sentimentalitaet kann es verkannt werden, dass es mit der Befreiung Griechenlands den Roemern vollkommen ernst war, und die Ursache, weshalb der grossartig angelegte Plan ein so kuemmerliches Gebaeude lieferte, einzig zu suchen ist in der vollstaendigen sittlichen und staatlichen Aufloesung der hellenischen Nation. Es war nichts Geringes, dass eine maechtige Nation das Land, welches sie sich gewoehnt hatte, als ihre Urheimat und als das Heiligtum ihrer geistigen und hoeheren Interessen zu betrachten, mit ihrem maechtigen Arm ploetzlich zur vollen Freiheit fuehrte und jeder Gemeinde desselben die Befreiung von fremder Schatzung und fremder Besatzung und die unbeschraenkte Selbstregierung verlieh; bloss die Jaemmerlichkeit sieht hierin nichts als politische Berechnung. Der politische Kalkuel machte den Roemern die Befreiung Griechenlands moeglich, zur Wirklichkeit wurde sie durch die eben damals in Rom und vor allem in Flamininus selbst unbeschreiblich maechtigen hellenischen Sympathien. Wenn ein Vorwurf die Roemer trifft, so ist es der, dass sie alle und vor allem den Flamininus, der die wohlbegruendeten Bedenken des Senats ueberwand, der Zauber des hellenischen Namens hinderte, die Erbaermlichkeit des damaligen griechischen Staatenwesens in ihrem ganzen Umfang zu erkennen, und dass sie all den Gemeinden, die mit ihren in sich und gegeneinander gaerenden ohnmaechtigen Antipathien weder zu handeln noch sich ruhig zu halten verstanden, ihr Treiben auch ferner gestatteten. Wie die Dinge einmal standen, war es vielmehr noetig, dieser ebenso kuemmerlichen als schaedlichen Freiheit durch eine an Ort und Stelle dauernd anwesende Uebermacht ein- fuer allemal ein Ende zu machen; die schwaechliche Gefuehlspolitik war bei all ihrer scheinbaren Humanitaet weit grausamer, als die strengste Okkupation gewesen sein wuerde. In Boeotien zum Beispiel musste Rom einen politischen Mord, wenn nicht veranlassen, doch zulassen, weil man sich einmal entschlossen hatte, die roemischen Truppen aus Griechenland wegzuziehen und somit den roemisch gesinnten Griechen nicht wehren konnte, dass sie landueblicher Weise sich selber halfen. Aber auch Rom selbst litt unter den Folgen dieser Halbheit. Der Krieg mit Antiochos waere nicht entstanden ohne den politischen Fehler der Befreiung Griechenlands, und er waere ungefaehrlich geblieben ohne den militaerischen Fehler, aus den Hauptfestungen an der europaeischen Grenze die Besatzungen wegzuziehen. Die Geschichte hat eine Nemesis fuer jede Suende, fuer den impotenten Freiheitsdrang wie fuer den unverstaendigen Edelmut.

KAPITEL IX.
Der Krieg gegen Antiochos von Asien

In dem Reiche Asien trug das Diadem der Seleukiden seit dem Jahre 531 (223) der Koenig Antiochos der Dritte, der Urenkel des Begruenders der Dynastie. Auch er war gleich Philippos mit neunzehn Jahren zur Regierung gekommen und hatte Taetigkeit und Unternehmungsgeist genug namentlich in seinen ersten Feldzuegen im Osten entwickelt, um ohne allzu arge Laecherlichkeit im Hofstil der Grosse zu heissen. Mehr indes durch die Schlaffheit seiner Gegner, namentlich des aegyptischen Philopator, als durch seine eigene Tuechtigkeit war es ihm gelungen, die Integritaet der Monarchie einigermassen wiederherzustellen und zuerst die oestlichen Satrapien Medien und Parthyene, dann auch den von Achaeos diesseits des Tauros in Kleinasien begruendeten Sonderstaat wieder mit der Krone zu vereinigen. Ein erster Versuch, das schmerzlich entbehrte syrische Kuestenland den Aegyptern zu entreissen, war im Jahre der Trasimenischen Schlacht von Philopator bei Raphia blutig zurueckgewiesen worden, und Antiochos hatte sich wohl gehuetet, mit Aegypten den Streit wieder aufzunehmen, solange dort ein Mann, wenn auch ein schlaffer, auf dem Thron sass. Aber nach Philopators Tode (549 205) schien der rechte Augenblick gekommen, mit Aegypten ein Ende zu machen; Antiochos verband sich zu diesem Zweck mit Philippos und hatte sich auf Koilesyrien geworfen, waehrend dieser die kleinasiatischen Staedte angriff. Als die Roemer hier intervenierten, schien es einen Augenblick, als werde Antiochos gegen sie mit Philippos gemeinschaftliche Sache machen, wie die Lage der Dinge und der Buendnisvertrag es mit sich brachten. Allein nicht weitsichtig genug, um ueberhaupt die Einmischung der Roemer in die Angelegenheiten des Ostens sofort mit aller Energie zurueckzuweisen, glaubte Antiochos seinen Vorteil am besten zu wahren, wenn er Philippos’ leicht vorauszusehende Ueberwaeltigung durch die Roemer dazu nutzte, um das Aegyptische Reich, das er mit Philippos hatte teilen wollen, nun fuer sich allein zu gewinnen. Trotz der engen Beziehungen Roms zu dem alexandrinischen Hof und dem koeniglichen Muendel hatte doch der Senat keineswegs die Absicht, wirklich, wie er sich nannte, dessen “Beschuetzer” zu sein; fest entschlossen, sich um die asiatischen Angelegenheiten nicht anders als im aeussersten Notfall zu bekuemmern und den Kreis der roemischen Macht mit den Saeulen des Herakles und dem Hellespont zu begrenzen, liess er den Grosskoenig machen. Mit der Eroberung des eigentlichen Aegypten, die leichter gesagt als getan war, mochte es freilich diesem selbst nicht recht ernst sein; dagegen ging er daran, die auswaertigen Besitzungen Aegyptens eine nach der andern zu unterwerfen und griff zunaechst die kilikischen sowie die syrischen und palaestinensischen an. Der grosse Sieg, den er im Jahre 556 (198) am Berge Panion bei den Jordanquellen ueber den aegyptischen Feldherrn Skopas erfocht, gab ihm nicht bloss den vollstaendigen Besitz dieses Gebiets bis an die Grenze des eigentlichen Aegypten, sondern schreckte die aegyptischen Vormuender des jungen Koenigs so sehr, dass dieselben, um Antiochos vom Einruecken in Aegypten abzuhalten, sich zum Frieden bequemten und durch das Verloebnis ihres Muendels mit der Tochter des Antiochos, Kleopatra, den Frieden besiegelten. Nachdem also das naechste Ziel erreicht war, ging Antiochos in dem folgenden Jahr, dem der Schlacht von Kynoskephalae, mit einer starken Flotte von 100 Deck- und 100 offenen Schiffen nach Kleinasien, um die ehemals aegyptischen Besitzungen an der Sued- und Westkueste Kleinasiens in Besitz zu nehmen - wahrscheinlich hatte die aegyptische Regierung diese Distrikte, die faktisch in Philippos’ Haenden waren, im Frieden an Antiochos abgetreten und ueberhaupt auf die saemtlichen auswaertigen Besitzungen zu dessen Gunsten verzichtet - und um ueberhaupt die kleinasiatischen Griechen wieder zum Reiche zu bringen. Zugleich sammelte sich ein starkes syrisches Landheer in Sardes.

Dieses Beginnen war mittelbar gegen die Roemer gerichtet, welche von Anfang an Philippos die Bedingung gestellt hatten, seine Besatzungen aus Kleinasien wegzuziehen und den Rhodiern und Pergamenern ihr Gebiet, den Freistaedten die bisherige Verfassung ungekraenkt zu lassen, und nun an Philippos’ Stelle sich Antiochos derselben bemaechtigen sehen mussten. Unmittelbar aber sahen sich Attalos und die Rhodier jetzt von Antiochos durchaus mit derselben Gefahr bedroht, die sie wenige Jahre zuvor zum Kriege gegen Philippos getrieben hatte; und natuerlich suchten sie die Roemer in diesen Krieg ebenso wie in den eben beendigten zu verwickeln. Schon 555/56 (199/98) hatte Attalos von den Roemern militaerische Hilfe begehrt gegen Antiochos, der sein Gebiet besetzt habe, waehrend Attalos’ Truppen in dem roemischen Kriege beschaeftigt seien. Die energischeren Rhodier erklaerten sogar dem Koenig Antiochos, als im Fruehjahr 557 (197) dessen Flotte an der kleinasiatischen Kueste hinauf segelte, dass sie die Ueberschreitung der Chelidonischen Inseln (an der lykischen Kueste) als Kriegserklaerung betrachten wuerden, und als Antiochos sich hieran nicht kehrte, hatten sie, ermutigt durch die eben eintreffende Kunde von der Schlacht bei Kynoskephalae, sofort den Krieg begonnen und die wichtigsten karischen Staedte Kaunos, Halikarnassos, Myndos, ferner die Insel Samos in der Tat vor dem Koenig geschuetzt. Auch von den halbfreien Staedten hatten zwar die meisten sich demselben gefuegt, allein einige derselben, namentlich die wichtigen Staedte Smyrna, Alexandreia, Trogs und Lampsakos hatten auf die Kunde von der Ueberwaeltigung Philipps gleichfalls Mut bekommen, sich dem Syrer zu widersetzen, und ihre dringenden Bitten vereinigten sich mit denen der Rhodier. Es ist nicht zu bezweifeln, dass Antiochos, soweit er ueberhaupt faehig war, einen Entschluss zu fassen und festzuhalten, schon jetzt es bei sich festgestellt hatte, nicht bloss die aegyptischen Besitzungen in Asien an sich zu bringen, sondern auch in Europa fuer sich zu erobern und einen Krieg deswegen mit Rom wo nicht zu suchen, doch es darauf ankommen zu lassen. Die Roemer hatten insofern alle Ursache, jenem Ansuchen ihrer Bundesgenossen zu willfahren und in Asien unmittelbar zu intervenieren; aber sie bezeigten sich dazu wenig geneigt. Nicht bloss zauderte man, solange der Makedonische Krieg waehrte, und gab dem Attalos nichts als den Schutz diplomatischer Verwendung, die uebrigens zunaechst sich wirksam erwies; sondern auch nach dem Siege sprach man wohl es aus, dass die Staedte, die Ptolemaeos und Philippos in Haenden gehabt, nicht von Antiochos sollten in Besitz genommen werden, und die Freiheit der asiatischen Staedte Myrina, Abydos, Lampsakos ^1, Kios figurierte in den roemischen Aktenstuecken, allein man tat nicht das Geringste, um sie durchzusetzen und liess es geschehen, dass Koenig Antiochos die gute Gelegenheit des Abzugs der makedonischen Besatzungen aus denselben benutzte, um die seinigen hineinzulegen. Ja man ging so weit, sich selbst dessen Landung in Europa im Fruehjahr 557 (197) und sein Einruecken in den Thrakischen Chersonesos gefallen zu lassen, wo er Sestos und Madytos in Besitz nahm und laengere Zeit verwandte auf die Zuechtigung der thrakischen Barbaren und die Wiederherstellung des zerstoerten Lysimacheia, das er zu seinem Hauptwaffenplatz und zur Hauptstadt der neugegruendeten Satrapie Thrakien ausersehen hatte. Flamininus, in dessen Haenden die Leitung dieser Angelegenheiten sich befand, schickte wohl nach Lysimacheia an den Koenig Gesandte, die von der Integritaet des aegyptischen Gebiets und von der Freiheit der saemtlichen Hellenen redeten; allein es kam dabei nichts heraus. Der Koenig redete wiederum von seinen unzweifelhaften Rechtstiteln auf das alte, von seinem Ahnherrn Seleukos eroberte Reich des Lysimachos, setzte auseinander, dass er nicht beschaeftigt sei, Land zu erobern, sondern einzig die Integritaet seines angestammten Gebiets zu wahren, und lehnte die roemische Vermittlung in seinen Streitigkeiten mit den ihm untertaenigen Staedten in Kleinasien ab. Mit Recht konnte er hinzufuegen, dass mit Aegypten bereits Friede geschlossen sei und es den Roemern insofern an einem formellen Grund fehle zu intervenieren ^2. Die ploetzliche Heimkehr des Koenigs nach Asien, veranlasst durch die falsche Nachricht von dem Tode des jungen Koenigs von Aegypten und die dadurch hervorgerufenen Projekte einer Landung auf Kypros oder gar in Alexandreia, beendigte die Konferenzen, ohne dass man auch nur zu einem Abschluss, geschweige denn zu einem Resultat gekommen waere. Das folgende Jahr 559 (195) kam Antiochos wieder nach Lysimacheia mit verstaerkter Flotte und Armee und beschaeftigte sich mit der Einrichtung der neuen Satrapie, die er seinem Sohne Seleukos bestimmte; in Ephesos kam Hannibal zu ihm, der von Karthago hatte landfluechtig werden muessen, und der ungemein ehrenvolle Empfang, der ihm zuteil ward, war so gut wie eine Kriegserklaerung gegen Rom. Nichtsdestoweniger zog noch im Fruehjahr 560 (194) Flamininus saemtliche roemische Besatzungen aus Griechenland heraus. Es war dies unter den obwaltenden Verhaeltnissen wenigstens eine arge Verkehrtheit, wenn nicht ein straefliches Handeln wider das eigene bessere Wissen; denn der Gedanke laesst sich nicht abweisen, dass Flamininus, um nur den Ruhm des gaenzlich beendigten Krieges und des befreiten Hellas ungeschmaelert heimzubringen, sich begnuegte, das glimmende Feuer des Aufstandes und des Krieges vorlaeufig oberflaechlich zu verschuetten. Der roemische Staatsmann mochte vielleicht recht haben, wenn er jeden Versuch, Griechenland unmittelbar in roemische Botmaessigkeit zu bringen und jede Intervention der Roemer in die asiatischen Angelegenheiten fuer einen politischen Fehler erklaerte; aber die gaerende Opposition in Griechenland, der schwaechliche Uebermut des Asiaten, das Verweilen des erbitterten Roemerfeindes, der schon den Westen gegen Rom in Waffen gebracht hatte, im syrischen Hauptquartier, alles dies waren deutliche Anzeichen des Herannahens einer neuen Schilderhebung des hellenischen Ostens, deren Ziel mindestens sein musste, Griechenland aus der roemischen Klientel in die der antiroemisch gesinnten Staaten zu bringen und, wenn dies erreicht worden waere, sofort sich weiter gesteckt haben wuerde. Es ist einleuchtend, dass Rom dies nicht geschehen lassen konnte. Indem Flamininus, all jene sicheren Kriegsanzeichen ignorierend, aus Griechenland die Besatzungen wegzog und gleichzeitig dennoch an den Koenig von Asien Forderungen stellte, fuer die marschieren zu lassen er nicht gesonnen war, tat er in Worten zu viel, was in Taten zu wenig und vergass seiner Feldherrn- und Buergerpflicht ueber der eigenen Eitelkeit, die Rom den Frieden und den Griechen in beiden Weltteilen die Freiheit geschenkt zu haben wuenschte und waehnte.

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^1 Nach einem kuerzlich aufgefundenen Dekret der Stadt Lampsakos (AM 6, 1891, S. 95) schickten die Lampsakener nach der Niederlage Philipps Gesandte an den roemischen Senat mit der Bitte, dass die Stadt in den zwischen Rom und dem Koenig (Philippos) abgeschlossenen Vertrag mit einbezogen werden moege (όπως συμπεριληφθώμεν [εν ταίς συνθήκαις] ταίς γενομέναις Ρωμαίοις πρός τόν [βασιλέα]), welche der Senat, wenigstens nach der Auffassung der Bittsteller, denselben gewaehrte und sie im uebrigen an Flamininus und die zehn Gesandten wies. Von diesem erbitten dann dieselben in Korinth Garantie ihrer Verfassung und Briefe an die Koenige. Flamininus gibt ihnen auch dergleichen Schreiben; ueber den Inhalt erfahren wir nichts Genaueres, als dass in dem Dekret die Gesandtschaft als erfolgreich bezeichnet wird. Aber wenn der Senat und Flamininus die Autonomie und Demokratie der Lampsakener formell und positiv garantiert haetten, wuerde das Dekret schwerlich so ausfuehrlich bei den hoeflichen Antworten verweilen, welche die unterwegs um Verwendung bei dem Senat angesprochenen roemischen Befehlshaber den Gesandten erteilten.

Bemerkenswert ist in dieser Urkunde noch die gewiss auf die troische Legende zurueckgehende “Bruederschaft” der Lampsakener und der Roemer und die von jenen mit Erfolg angerufene Vermittlung der Bundesgenossen und Freunde Roms, der Massalioten, welche mit den Lampsakenern durch die gemeinsame Mutterstadt Phokaea verbunden waren.

^2 Das bestimmte Zeugnis des Hieronymos, welcher das Verloebnis der syrischen Kleopatra mit Ptolemaeos Epiphanes in das Jahr 556 (198) setzt, in Verbindung mit den Andeutungen bei Livius (33, 40) und Appian (Syr. 3) und mit dem wirklichen Vollzug der Vermaehlung im Jahre 561 (193) setzen es ausser Zweifel dass die Einmischung der Roemer in die aegyptischen Angelegenheiten in diesem Fall eine formell unberufene war.

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Antiochos nuetzte die unerwartete Frist, um im Innern und mit seinen Nachbarn die Verhaeltnisse zu befestigen, bevor er den Krieg beginnen wuerde, zu dem er seinerseits entschlossen war und immer mehr es ward, je mehr der Feind zu zoegern schien. Er vermaehlte jetzt (561 193) dem jungen Koenig von Aegypten dessen Verlobte, seine Tochter Kleopatra; dass er zugleich seinem Schwiegersohn die Rueckgabe der ihm entrissenen Provinzen versprochen habe, ward zwar spaeter aegyptischerseits behauptet, allein wahrscheinlich mit Unrecht, und jedenfalls blieb faktisch das Land bei dem Syrischen Reiche ^3. Er bot dem Eumenes, der im Jahre 557 (197) seinem Vater Attalos auf dem Thron von Pergamon gefolgt war, die Zurueckgabe der ihm abgenommenen Staedte und gleichfalls eine seiner Toechter zur Gemahlin, wenn er von dem roemischen Buendnis lassen wolle. Ebenso vermaehlte er eine Tochter dem Koenig Ariarathes von Kappadokien und gewann die Galater durch Geschenke, waehrend er die stets aufruehrerischen Pisidier und andere kleine Voelkerschaften mit den Waffen bezwang. Den Byzantiern wurden ausgedehnte Privilegien bewilligt; in Hinsicht der kleinasiatischen Staedte erklaerte der Koenig, dass er die Unabhaengigkeit der alten Freistaedte wie Rhodos und Kyzikos, zugestehen und hinsichtlich der uebrigen sich begnuegen wolle mit einer bloss formellen Anerkennung seiner landesherrlichen Gewalt; er gab sogar zu verstehen, dass er bereit sei, sich dem Schiedsspruch der Rhodier zu unterwerfen. Im europaeischen Griechenland war er der Aetoler gewiss und hoffte auch Philippos wieder unter die Waffen zu bringen. Ja es erhielt ein Plan Hannibals die koenigliche Genehmigung, wonach dieser von Antiochos eine Flotte von 100 Segeln und ein Landheer von 10000 Mann zu Fuss und 1000 Reitern erhalten und damit zuerst in Karthago den Dritten Punischen und sodann in Italien den Zweiten Hannibalischen Krieg erwecken sollte; tyrische Emissaere gingen nach Karthago, um die Schilderhebung daselbst einzuleiten. Man hoffte endlich auf Erfolge der spanischen Insurrektion, die eben als Hannibal Karthago verliess auf ihrem Hoehepunkt stand.

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^3 Wir haben dafuer das Zeugnis des Polybios (28, 1), das die weitere Geschichte Judaeas vollkommen bestaetigt; Eusebios (chron. p. 117 Mai) irrt, wenn er Philometor zum Herrn von Syrien macht. Allerdings finden wir, dass um 567 (187) syrische Steuerpaechter ihre Abgaben nach Alexandreia zahlen (Ios. ant. Iud. 12, 4, 7); allein ohne Zweifel geschah dies unbeschadet der Souveraenitaetsrechte nur deswegen, weil die Mitgift der Kleopatra auf diese Stadtgefaelle angewiesen war; und eben daher entsprang spaeter vermutlich der Streit.

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Waehrend also von langer Hand und im weitesten Umfang der Sturm gegen Rom vorbereitet ward, waren es wie immer die in diese Unternehmung verwickelten Hellenen, die am wenigsten bedeuteten und am wichtigsten und ungeduldigsten taten. Die erbitterten und uebermuetigen Aetoler fingen nachgerade selber an zu glauben, dass Philippos von ihnen und nicht von den Roemern ueberwunden worden sei, und konnten es gar nicht erwarten, dass Antiochos in Griechenland einruecke. Ihre Politik ist charakterisiert durch die Antwort, die ihr Strateg bald darauf dem Flamininus gab, da derselbe eine Abschrift der Kriegserklaerung gegen Rom begehrte: die werde er selber ihm ueberbringen, wenn das aetolische Heer am Tiber lagern werde. Die Aetoler machten die Geschaeftstraeger des syrischen Koenigs fuer Griechenland und taeuschten beide Teile, indem sie dem Koenig vorspiegelten, dass alle Hellenen die Arme nach ihm als ihrem rechten Erloeser, ausstreckten, und denen, die in Griechenland auf sie hoeren wollten, dass die Landung des Koenigs naeher sei, als sie wirklich war. So gelang es ihnen in der Tat, den einfaeltigen Eigensinn des Nabis zum Losschlagen zu bestimmen und damit in Griechenland das Kriegsfeuer zwei Jahre nach Flamininus’ Entfernung, im Fruehling 562 (192) wieder anzufachen; allein sie verfehlten damit ihren Zweck. Nabis warf sich auf Gythion, eine der durch den letzten Vertrag an die Achaeer gekommenen Staedte der freien Lakonen und nahm sie ein, allein der kriegserfahrene Strateg, der Achaeer Philopoemen, schlug ihn an den Barbosthenischen Bergen und kaum den vierten Teil seines Heeres brachte der Tyrann wieder in seine Hauptstadt zurueck, in der Philopoemen ihn einschloss. Da ein solcher Anfang freilich nicht genuegte, um Antiochos nach Europa zufuehren, beschlossen die Aetoler, sich selber in den Besitz von Sparta, Chalkis und Demetrias zu setzen und durch den Gewinn dieser wichtigen Staedte den Koenig zur Einschiffung zu bestimmen. Zunaechst gedachte man sich Spartas dadurch zu bemaechtigen, dass der Aetoler Alexamenos, unter dem Vorgeben, bundesmaessigen Zuzug zu bringen, mit 1000 Mann in die Stadt einrueckend, bei dieser Gelegenheit den Nabis aus dem Wege raeume und die Stadt besetze. Es geschah so und Nabis ward bei einer Heerschau erschlagen; allein als die Aetoler darauf, um die Stadt zu pluendern, sich zerstreuten, fanden die Lakedaemonier Zeit sich zu sammeln und machten sie bis auf den letzten Mann nieder. Die Stadt liess darauf von Philopoemen sich bestimmen, in den Achaeischen Bund einzutreten. Nachdem den Aetolern dies loebliche Projekt also verdientermassen nicht bloss gescheitert war, sondern gerade den entgegengesetzten Erfolg gehabt hatte, fast den ganzen Peloponnes in den Haenden der Gegenpartei zu einigen, ging es ihnen auch in Chalkis wenig besser, indem die roemische Partei daselbst gegen die Aetoler und die chalkidischen Verbannten die roemisch gesinnten Buergerschaften von Eretria und Karystos auf Euboea rechtzeitig herbeirief. Dagegen glueckte die Besetzung von Demetrias, da die Magneten, denen die Stadt zugefallen war, nicht ohne Grund fuerchteten, dass sie von den Roemern dem Philippos als Preis fuer die Hilfe gegen Antiochos versprochen sei; es kam hinzu, dass mehrere Schwadronen aetolischer Reiter unter dem Vorwende, dem Eurylochos, dem zurueckgerufenen Haupt der Opposition gegen Rom, das Geleite zu geben, sich in die Stadt einzuschleichen wussten. So traten die Magneten halb freiwillig, halb gezwungen auf die Seite der Aetoler, und man saeumte nicht, dies bei dem Seleukiden geltend zu machen.

Antiochos entschloss sich. Der Bruch mit Rom, so sehr man auch bemueht war, ihn durch das diplomatische Palliativ der Gesandtschaften hinauszuschieben, liess sich nicht laenger vermeiden. Schon im Fruehling 561 (193) hatte Flamininus, der fortfuhr, im Senat in den oestlichen Angelegenheiten das entscheidende Wort zu haben, gegen die Boten des Koenigs Menippos und Hegesianax das roemische Ultimatum ausgesprochen: entweder aus Europa zu weichen und in Asien nach seinem Gutduenken zu schalten, oder Thrakien zu behalten und das Schutzrecht der Roemer ueber Smyrna, Lampsakos und Alexandreia Troas sich gefallen zu lassen. Dieselben Forderungen waren in Ephesos, dem Hauptwaffenplatz und Standquartier des Koenigs in Kleinasien, im Fruehling 562 (192) noch einmal zwischen Antiochos und den Gesandten des Senats Publius Sulpicius und Publius Villius, verhandelt worden, und von beiden Seiten hatte man sich getrennt mit der Ueberzeugung, dass eine friedliche Einigung nicht mehr moeglich sei. In Rom war seitdem der Krieg beschlossen. Schon im Sommer 562 (192) erschien eine roemische Flotte von 30 Segeln mit 3000 Soldaten an Bord unter Aulus Atilius Serranus vor Gythion, wo ihr Eintreffen den Abschluss des Vertrags zwischen den Achaeern und Spartanern beschleunigte; die sizilische und italische Ostkueste wurde stark besetzt, um gegen etwaige Landungsversuche gesichert zu sein; fuer den Herbst ward in Griechenland ein Landheer erwartet. Flamininus bereiste im Auftrag des Senats seit dem Fruehjahr 562 (192) Griechenland, um die Intrigen der Gegenpartei zu hintertreiben und soweit moeglich die unzeitige Raeumung Griechenlands wiedergutzumachen. Bei den Aetolern war es schon so weit gekommen, dass die Tagsatzung foermlich den Krieg gegen Rom beschloss. Dagegen gelang es dem Flamininus, Chalkis fuer die Roemer zu retten, indem er eine Besatzung von 500 Achaeern und 500 Pergamenern hineinwarf. Er machte ferner einen Versuch, Demetrias wieder zu gewinnen; und die Magneten schwankten. Wenn auch einige kleinasiatische Staedte, die Antiochos vor dem Beginn des grossen Krieges zu bezwingen sich vorgenommen, noch widerstanden, er durfte jetzt nicht laenger mit der Landung zoegern, wofern er nicht die Roemer all die Vorteile wiedergewinnen lassen wollte, die sie durch die Wegziehung ihrer Besatzungen aus Griechenland zwei Jahre zuvor aufgegeben hatten. Antiochos nahm die Schiffe und Truppen zusammen, die er eben unter der Hand hatte - es waren nur 40 Deckschiffe und 10000 Mann zu Fuss nebst 500 Pferden und sechs Elefanten - und brach vom thrakischen Chersonesos nach Griechenland auf, wo er im Herbst 562 (192) bei Pteleon am Pagasaeischen Meerbusen an das Land stieg und sofort das nahe Demetrias besetzte. Ungefaehr um dieselbe Zeit landete auch ein roemisches Heer von etwa 25000 Mann unter dem Praetor Marcus Baebius bei Apollonia. Also war von beiden Seiten der Krieg begonnen.

Es kam darauf an, wie weit jene umfassend angelegte Koalition gegen Rom, als deren Haupt Antiochos auftrat, sich realisieren werde. Was zunaechst den Plan betraf, in Karthago und Italien den Roemern Feinde zu erwecken, so traf Hannibal wie ueberall so auch am Hof zu Ephesos das Los, seine grossartigen und hochherzigen Plaene fuer kleinkraemerischer und niedriger Leute Rechnung entworfen zu haben. Zu ihrer Ausfuehrung geschah nichts, als dass man einige karthagische Patrioten kompromittierte; den Karthagern blieb keine andere Wahl, als sich den Roemern unbedingt botmaessig zu erweisen. Die Kamarilla wollte eben den Hannibal nicht - der Mann war der Hofkabale zu unbequem gross, und nachdem sie allerlei abgeschmackte Mittel versucht hatte, zum Beispiel den Feldherrn, mit dessen Namen die Roemer ihre Kinder schreckten, des Einverstaendnisses mit den roemischen Gesandten zu bezichtigen, gelang es ihr, den grossen Antiochos, der wie alle unbedeutenden Monarchen auf seine Selbstaendigkeit sich viel zugute tat und mit nichts so leicht zu beherrschen war wie mit der Furcht, beherrscht zu werden, auf den weisen Gedanken zu bringen, dass er sich nicht durch den vielgenannten Mann duerfe verdunkeln lassen; worauf denn im hohen Rat beschlossen ward, den Phoeniker kuenftig nur fuer untergeordnete Aufgaben und zum Ratgeben zu verwenden, vorbehaltlich natuerlich den Rat nie zu befolgen. Hannibal raechte sich an dem Gesindel, indem er jeden Auftrag annahm und jeden glaenzend ausfuehrte.

In Asien hielt Kappadokien zu dem Grosskoenig; dagegen trat Prusias von Bithynien wie immer auf die Seite des Maechtigeren. Koenig Eumenes blieb der alten Politik seines Hauses getreu, die ihm erst jetzt die rechte Frucht tragen sollte. Er hatte Antiochos’ Anerbietungen nicht bloss beharrlich zurueckgewiesen, sondern auch die Roemer bestaendig zu einem Kriege gedraengt, von dem er die Vergroesserung seines Reiches erwartete. Ebenso schlossen die Rhodier und die Byzantier sich ihren alten Bundesgenossen an. Auch Aegypten trat auf die Seite Roms und bot Unterstuetzung an Zufuhr und Mannschaft an, welche man indes roemischerseits nicht annahm.

In Europa kam es vor allem an auf die Stellung, die Philippos von Makedonien einnehmen wuerde. Vielleicht waere es die richtige Politik fuer ihn gewesen, sich, alles Geschehenen und nicht Geschehenen ungeachtet, mit Antiochos zu vereinigen; allein Philippos ward in der Regel nicht durch solche Ruecksichten bestimmt, sondern durch Neigung und Abneigung, und begreiflicherweise traf sein Hass viel mehr den treulosen Bundesgenossen, der ihn gegen den gemeinschaftlichen Feind im Stich gelassen hatte, um dafuer auch seinen Anteil an der Beute einzuziehen und ihm in Thrakien ein laestiger Nachbar zu werden, als seinen Besieger, der ihn ruecksichts- und ehrenvoll behandelt hatte. Es kam hinzu, dass Antiochos durch Aufstellung abgeschmackter Praetendenten auf die makedonische Krone und durch die prunkvolle Bestattung der bei Kynoskephalae bleichenden makedonischen Gebeine den leidenschaftlichen Mann tief verletzte. Er stellte seine ganze Streitmacht mit aufrichtigem Eifer den Roemern zur Verfuegung. Ebenso entschieden wie die erste Macht Griechenlands hielt die zweite, die Achaeische Eidgenossenschaft fest am roemischen Buendnis; von den kleineren Gemeinden blieben ausserdem dabei die Thessaler und die Athener, bei welchen letzteren eine von Flamininus in die Burg gelegte achaeische Besatzung die ziemlich starke Patriotenpartei zur Vernunft brachte. Die Epeiroten gaben sich Muehe, es womoeglich beiden Teilen recht zu machen. Sonach traten auf Antiochos’ Seite ausser den Aetolern und den Magneten, denen ein Teil der benachbarten Perrhaeber sich anschloss, nur der schwache Koenig der Athamanen, Amynander, der sich durch toerichte Aussichten auf die makedonische Koenigskrone blenden liess, die Boeoter, bei denen die Opposition gegen Rom noch immer am Ruder war, und im Peloponnes die Eleer und Messenier, gewohnt, mit den Aetolern gegen die Achaeer zu stehen. Das war denn freilich ein erbaulicher Anfang; und der Oberfeldherrntitel mit unumschraenkter Gewalt, den die Aetoler dem Grosskoenig dekretierten, schien zu dem Schaden der Spott. Man hatte sich eben wie gewoehnlich beiderseits belogen: statt der unzaehlbaren Scharen Asiens fuehrte der Koenig eine Armee heran, kaum halb so stark wie ein gewoehnliches konsularisches Heer, und statt der offenen Arme, die saemtliche Hellenen ihrem Befreier vom roemischen Joch entgegenstrecken sollten, trugen ein paar Klephtenhaufen und einige verliederlichte Buergerschaften dem Koenig Waffenbruederschaft an.

Fuer den Augenblick freilich war Antiochos den Roemern im eigentlichen Griechenland zuvorgekommen. Chalkis hatte Besatzung von den griechischen Verbuendeten der Roemer und wies die erste Aufforderung zurueck; allein die Festung ergab sich, als Antiochos mit seiner ganzen Macht davorrueckte, und eine roemische Abteilung, die zu spaet kam, um sie zu besetzen, wurde beim Delion von Antiochos vernichtet. Euboea also war fuer die Roemer verloren. Noch machte schon im Winter Antiochos in Verbindung mit den Aetolern und Athamanen einen Versuch, Thessalien zu gewinnen; die Thermopylen wurden auch besetzt, Pherae und andere Staedte genommen, aber Appius Claudius kam mit 2000 Mann von Apollonia heran, entsetzte Larisa und nahm hier Stellung. Antiochos, des Winterfeldzugs muede, zog es vor, in sein lustiges Quartier nach Chalkis zurueckzugehen, wo es hoch herging und der Koenig sogar trotz seiner fuenfzig Jahre und seiner kriegerischen Plaene mit einer huebschen Chalkidierin Hochzeit machte. So verstrich der Winter 562/63 (192/91), ohne dass Antiochos viel mehr getan haette als in Griechenland hin- und herschreiben - er fuehre den Krieg mit Tinte und Feder, sagte ein roemischer Offizier. Mit dem ersten Fruehjahr 563 (191) traf der roemische Stab bei Apollonia ein, der Oberfeldherr Manius Acilius Glabrio, ein Mann von geringer Herkunft, aber ein tuechtiger, von den Feinden wie von seinen Soldaten gefuerchteter Feldherr, der Admiral Gaius Livius, unter den Kriegstribunen Marcus Porcius Cato, der Ueberwinder Spaniens, und Lucius Valerius Flaccus, die nach altroemischer Weise es nicht verschmaehten, obwohl gewesene Konsuln, wieder als einfache Kriegstribune in das Heer einzutreten. Mit sich brachten sie Verstaerkungen an Schiffen und Mannschaft, darunter numidische Reiter und libysche Elefanten, von Massinissa gesendet, und die Erlaubnis des Senats, von den ausseritalischen Verbuendeten bis zu 5000 Mann Hilfstruppen anzunehmen, wodurch die Gesamtzahl der roemischen Streitkraefte auf etwa 40000 Mann stieg. Der Koenig, der im Anfang des Fruehjahrs sich zu den Aetolern begeben und von da aus eine zwecklose Expedition nach Akarnanien gemacht hatte, kehrte auf die Nachricht von Glabrios Landung in sein Hauptquartier zurueck, um nun in allem Ernst den Feldzug zu beginnen. Allein durch seine und seiner Stellvertreter in Asien Saumseligkeit waren unbegreiflicherweise ihm alle Verstaerkungen ausgeblieben, so dass er nichts hatte als das schwache und nun noch durch Krankheit und Desertion in den liederlichen Winterquartieren dezimierte Heer, womit er im Herbst des vorigen Jahres bei Pteleon gelandet war. Auch die Aetoler, die so ungeheure Massen hatten ins Feld stellen wollen, fuehrten jetzt, da es galt, ihrem Oberfeldherrn nicht mehr als 4000 Mann zu. Die roemischen Truppen hatten bereits die Operationen in Thessalien begonnen, wo die Vorhut in Verbindung mit dem makedonischen Heer die Besatzungen des Antiochos aus den thessalischen Staedten hinausschlug und das Gebiet der Athamanen besetzte. Der Konsul mit der Hauptarmee folgte nach; die Gesamtmacht der Roemer sammelte sich in Larisa. Statt eilig nach Asien zurueckzukehren und vor dem in jeder Hinsicht ueberlegenen Feind das Feld zu raeumen, beschloss Antiochos, sich in den von ihm besetzten Thermopylen zu verschanzen und dort die Ankunft des grossen Heeres aus Asien abzuwarten. Er selbst stellte in dem Hauptpass sich auf und befahl den Aetolern, den Hochpfad zu besetzen, auf welchem es einst Xerxes gelungen war, die Spartaner zu umgehen. Allein nur der Haelfte des aetolischen Zuzugs gefiel es, diesem Befehl des Oberfeldherrn nachzukommen; die uebrigen 2000 Mann warfen sich in die nahe Stadt Herakleia, wo sie an der Schlacht keinen andern Teil nahmen, als dass sie versuchten, waehrend derselben das roemische Lager zu ueberfallen und auszurauben. Auch die auf dem Gebirg postierten Aetoler betrieben den Wachdienst laessig und widerwillig; ihr Posten auf dem Kallidromos liess sich von Cato ueberrumpeln, und die asiatische Phalanx, die der Konsul mittlerweile von vorn angegriffen hatte, stob auseinander, als ihr die Roemer den Berg hinabeilend in die Flanke fielen. Da Antiochos fuer nichts gesorgt und an den Rueckzug nicht gedacht hatte, so ward das Heer teils auf dem Schlachtfeld, teils auf der Flucht vernichtet; kaum dass ein kleiner Haufen Demetrias, und der Koenig selbst mit 500 Mann Chalkis erreichte. Eilig schiffte er sich nach Ephesos ein; Europa war bis auf die thrakischen Besitzungen ihm verloren und nicht einmal die Festungen laenger zu verteidigen. Chalkis ergab sich an die Roemer, Demetrias an Philippos, dem als Entschaedigung fuer die fast schon von ihm vollendete und dann auf Befehl des Konsuls aufgegebene Eroberung der Stadt Lamia in Achaia Phthiotis die Erlaubnis ward, sich der saemtlichen zu Antiochos uebergetretenen Gemeinden im eigentlichen Thessalien und selbst des aetolischen Grenzgebiets, der dolopischen und aperantischen Landschaften, zu bemaechtigen. Was sich in Griechenland fuer Antiochos ausgesprochen hatte, eilte, seinen Frieden zu machen: die Epeiroten baten demuetig um Verzeihung fuer ihr zweideutiges Benehmen, die Boeoter ergaben sich auf Gnade und Ungnade, die Eleer und Messenier fuegten, die letzteren nach einigem Straeuben, sich den Achaeern. Es erfuellte sich, was Hannibal dem Koenig vorhergesagt hatte, dass auf die Griechen, die jedem Sieger sich unterwerfen wuerden, schlechterdings gar nichts ankomme. Selbst die Aetoler versuchten, nachdem ihr in Herakleia eingeschlossenes Korps nach hartnaeckiger Gegenwehr zur Kapitulation gezwungen worden war, mit den schwer gereizten Roemern ihren Frieden zu machen; indes die strengen Forderungen des roemischen Konsuls und eine rechtzeitig von Antiochos einlaufende Geldsendung gaben ihnen den Mut, die Verhandlungen noch einmal abzubrechen und waehrend zwei ganzer Monate die Belagerung in Naupaktos auszuhalten. Schon war die Stadt aufs Aeusserste gebracht und die Erstuermung oder die Kapitulation nicht mehr fern, als Flamininus, fortwaehrend bemueht, jede hellenische Gemeinde vor den aergsten Folgen ihres eigenen Unverstandes und vor der Strenge seiner rauheren Kollegen zu bewahren, sich ins Mittel schlug und zunaechst einen leidlichen Waffenstillstand zustande brachte. Damit ruhten in ganz Griechenland, vorlaeufig wenigstens, die Waffen.

Ein ernsterer Krieg stand in Asien bevor, den nicht so sehr der Feind, als die weite Entfernung und die unsichere Verbindung mit der Heimat in sehr bedenklichem Licht erscheinen liessen, waehrend doch bei Antiochos’ kurzsichtigem Eigensinn der Krieg nicht wohl anders als durch einen Angriff im eigenen Lande des Feindes beendet werden konnte. Es galt zunaechst, sich der See zu versichern. Die roemische Flotte, die waehrend des Feldzugs in Griechenland die Aufgabe gehabt hatte, die Verbindung zwischen Griechenland und Kleinasien zu unterbrechen, und der es auch gelungen war, um die Zeit der Schlacht bei den Thermopylen einen starken asiatischen Transport bei Andros aufzugreifen, war seitdem beschaeftigt, den Uebergang der Roemer nach Asien fuer das naechste Jahr vorzubereiten und zunaechst die feindliche Flotte aus dem Aegaeischen Meer zu vertreiben. Dieselbe lag im Hafen von Kyssus auf dem suedlichen Ufer der gegen Chios auslaufenden Landzunge Ioniens; dort suchte die roemische sie auf, bestehend aus 75 roemischen, 23 pergamenischen und sechs karthagischen Deckschiffen unter der Fuehrung des Gaius Livius. Der syrische Admiral Polyxenidas, ein rhodischer Emigrierter, hatte nur 70 Deckschiffe entgegenzustellen; allein da die roemische Flotte noch die rhodischen Schiffe erwartete und Polyxenidas auf die ueberlegene Seetuechtigkeit namentlich der tyrischen und sidonischen Schiffe vertraute, nahm er den Kampf sogleich an. Zu Anfang zwar gelang es den Asiaten, eines der karthagischen Schiffe zu versenken; allein sowie es zum Entern kam, siegte die roemische Tapferkeit und nur der Schnelligkeit ihrer Ruder und Segel verdankten es die Gegner, dass sie nicht mehr als 23 Schiffe verloren. Noch waehrend des Nachsetzens stiessen zu der roemischen Flotte 25 rhodische Schiffe und die Ueberlegenheit der Roemer in diesen Gewaessern war nun zwiefach entschieden. Die feindliche Flotte verhielt sich seitdem ruhig im Hafen von Ephesos, und da es nicht gelang, sie zu einer zweiten Schlacht zu bestimmen, loeste die roemisch-bundesgenoessische Flotte fuer den Winter sich auf; die roemischen Kriegsschiffe gingen nach dem Hafen von Kane in der Naehe von Pergamon. Beiderseits war man waehrend des Winters fuer den naechsten Feldzug Vorbereitungen zu treffen bemueht. Die Roemer suchten die kleinasiatischen Griechen auf ihre Seite zu bringen: Smyrna, das alle Versuche des Koenigs, der Stadt sich zu bemaechtigen, beharrlich zurueckgewiesen hatte, nahm die Roemer mit offenen Armen auf und auch in Samos, Chios, Erythrae, Klazomenae, Phokaea, Kyme und sonst gewann die roemische Partei die Oberhand. Antiochos war entschlossen, den Roemern womoeglich den Uebergang nach Asien zu wehren, weshalb er eifrig zur See ruestete und teils durch Polyxenidas die bei Ephesos stationierende Flotte herstellen und vermehren, teils durch Hannibal in Lykien, Syrien und Phoenikien eine neue Flotte ausruesten liess, ausserdem aber ein gewaltiges Landheer aus allen Gegenden seines weitlaeufigen Reiches in Kleinasien zusammentrieb. Frueh im naechsten Jahre (564 190) nahm die roemische Flotte ihre Operationen wieder auf. Gaius Livius liess durch die rhodische Flotte, die diesmal, 36 Segel stark, rechtzeitig erschienen war, die feindliche auf der Hoehe von Ephesos beobachten und ging mit dem groessten Teil der roemischen und den pergamenischen Schiffen nach dem Hellespont, um seinem Auftrag gemaess durch die Wegnahme der Festungen daselbst den Uebergang des Landheeres vorzubereiten. Schon war Sestos besetzt und Abydos aufs Aeusserste gebracht, als ihn die Kunde von der Niederlage der rhodischen Flotte zurueckrief. Der rhodische Admiral Pausistratos, eingeschlaefert durch die Vorspiegelungen seines Landsmannes, von Antiochos abfallen zu wollen, hatte sich im Hafen von Samos ueberrumpeln lassen, er selbst war gefallen, seine saemtlichen Schiffe bis auf fuenf rhodische und zwei troische Segel waren vernichtet, Samos, Phokaea, Kyme auf diese Botschaft zu Seleukos uebergetreten, der in diesen Gegenden fuer seinen Vater den Oberbefehl zu Lande fuehrte. Indes als die roemische Flotte teils von Kane, teils vom Hellespont herbeikam und nach einiger Zeit zwanzig neue Schiffe der Rhodier bei Samos sich mit ihr vereinigten, ward Polyxenidas abermals genoetigt, sich in den Hafen von Ephesos einzuschliessen. Da er die angebotene Seeschlacht verweigerte und bei der geringen Zahl der roemischen Mannschaften an einen Angriff von der Landseite nicht zu denken war, blieb auch der roemischen Flotte nichts uebrig, als gleichfalls sich bei Samos aufzustellen. Eine Abteilung ging inzwischen nach Patara an die lykische Kueste, um teils den Rhodiern gegen die sehr beschwerlichen, von dorther auf sie gerichteten Angriffe Ruhe zu verschaffen, teils und vornehmlich, um die feindliche Flotte, die Hannibal heranfuehren sollte, vom Aegaeischen Meer abzusperren. Als dieses Geschwader gegen Patara nichts ausrichtete, erzuernte der neue Admiral Lucius Aemilius Regillus, der mit 20 Kriegsschiffen von Rom angelangt war und bei Samos den Gaius Livius abgeloest hatte, sich darueber so sehr, dass er mit der ganzen Flotte dorthin aufbrach; kaum gelang es seinen Offizieren, ihm unterwegs begreiflich zu machen, dass es zunaechst nicht auf die Eroberung von Patara ankomme, sondern auf die Beherrschung des Aegaeischen Meeres, und ihn zur Umkehr nach Samos zu bestimmen. Auf dem kleinasiatischen Festland hatte mittlerweile Seleukos die Belagerung von Pergamon begonnen, waehrend Antiochos mit dem Hauptheer das pergamenische Gebiet und die Besitzungen der Mytilenaeer auf dem Festland verwuestete; man hoffte, mit den verhassten Attaliden fertig zu werden, bevor die roemische Hilfe erschien. Die roemische Flotte ging nach Elaea und dem Hafen von Adramyttion, um den Bundesgenossen zu helfen; allein da es dem Admiral an Truppen fehlte, richtete er nichts aus. Pergamon schien verloren; aber die schlaff und nachlaessig geleitete Belagerung gestattete dem Eumenes, achaeische Hilfstruppen unter Diophanes in die Stadt zu werfen, deren kuehne und glueckliche Ausfaelle die mit der Belagerung beauftragten gallischen Soeldner des Antiochos dieselbe aufzuheben zwangen. Auch in den suedlichen Gewaessern wurden die Entwuerfe des Antiochos vereitelt. Die von Hannibal geruestete und gefuehrte Flotte versuchte, nachdem sie lange durch die stehenden Westwinde zurueckgehalten worden war, endlich in das Aegaeische Meer zu gelangen; allein an der Muendung des Eurymedon vor Aspendos in Pamphylien traf sie auf ein rhodisches Geschwader unter Eudamos, und in der Schlacht, die die beiden Flotten sich hier lieferten, trug ueber Hannibals Taktik und ueber die numerische Ueberzahl die Vorzueglichkeit der rhodischen Schiffe und Seeoffiziere den Sieg davon - es war dies die erste Seeschlacht und die letzte Schlacht gegen Rom, die der grosse Karthager schlug. Die siegreiche rhodische Flotte stellte darauf sich bei Patara auf und hemmte hier die beabsichtigte Vereinigung der beiden asiatischen Flotten. Im Aegaeischen Meer ward die roemisch-rhodische Flotte bei Samos, nachdem sie durch die Entsendung der pergamenischen Schiffe in den Hellespont zur Unterstuetzung des dort eben anlangenden Landheers sich geschwaecht hatte, nun ihrerseits von der des Polyxenidas angegriffen, der jetzt neun Segel mehr zaehlte als der Gegner. Am 23. Dezember des unberichtigten Kalenders, nach dem berichtigten etwa Ende August 564 (190), kam es zur Schlacht am Vorgebirg Myonnesos zwischen Teos und Kolophon; die Roemer durchbrachen die feindliche Schlachtlinie und umzingelten den linken Fluegel gaenzlich, so dass 42 Schiffe von ihnen genommen wurden oder sanken. Viele Jahrhunderte nachher verkuendigte den Roemern die Inschrift in saturnischem Mass ueber dem Tempel der Seegeister, der zum Andenken dieses Sieges auf dem Marsfeld erbaut ward, wie vor den Augen des Koenigs Antiochos und seines ganzen Landheers die Flotte der Asiaten geschlagen worden und die Roemer also “den grossen Zwist schlichteten und die Koenige bezwangen”. Seitdem wagten die feindlichen Schiffe nicht mehr, sich auf der offenen See zu zeigen und versuchten nicht weiter, den Uebergang des roemischen Landheers zu erschweren.

Zur Fuehrung des Krieges auf dem asiatischen Kontinent war in Rom der Sieger von Zama ausersehen worden, der in der Tat den Oberbefehl fuehrte fuer den nominellen Hoechstkommandierenden, seinen geistig unbedeutenden und militaerisch unfaehigen Bruder Lucius Scipio. Die bisher in Unteritalien stehende Reserve ward nach Griechenland, das Heer des Glabrio nach Asien bestimmt; als es bekannt ward, wer dasselbe befehligen werde, meldeten sich freiwillig 5000 Veteranen aus dem Hannibalischen Krieg, um noch einmal unter ihrem geliebten Fuehrer zu fechten. Im roemischen Juli, nach der richtigen Zeit im Maerz fanden die Scipionen sich bei dem Heere ein, um den asiatischen Feldzug zu beginnen; allein man war unangenehm ueberrascht, als man statt dessen sich zunaechst in einen endlosen Kampf mit den verzweifelnden Aetolern verwickelt fand. Der Senat, der Flamininus’ grenzenlose Ruecksichten gegen die Hellenen uebertrieben fand, hatte den Aetolern die Wahl gelassen zwischen Zahlung einer voellig unerschwinglichen Kriegskontribution und unbedingter Ergebung, was sie aufs neue unter die Waffen getrieben hatte; es war nicht abzusehen, wann dieser Gebirgs- und Festungskrieg zu Ende gehen werde. Scipio beseitigte das unbequeme Hindernis durch Verabredung eines sechsmonatlichen Waffenstillstandes und trat darauf den Marsch nach Asien an. Da die eine feindliche Flotte in dem Aegaeischen Meere nur blockiert war und die zweite, die aus dem Suedmeer herankam, trotz des mit ihrer Fernhaltung beauftragten Geschwaders taeglich dort eintreffen konnte, schien es ratsam, den Landweg durch Makedonien und Thrakien einzuschlagen und ueber den Hellespont zu gehen; hier waren keine wesentlichen Hindernisse zu erwarten, da Koenig Philippos von Makedonien vollstaendig zuverlaessig, auch Koenig Prusias von Bithynien mit den Roemern in Buendnis war und die roemische Flotte leicht sich in der Meerenge festzusetzen vermochte. Der lange und muehselige Weg laengs der makedonischen und thrakischen Kueste ward ohne wesentlichen Verlust zurueckgelegt; Philippos sorgte teils fuer Zufuhr, teils fuer freundliche Aufnahme bei den thrakischen Wilden. Indes hatte man teils mit den Aetolern, teils auf dem Marsch soviel Zeit verloren, dass das Heer erst etwa um die Zeit der Schlacht von Myonnesos an dem Thrakischen Chersonesos anlangte. Aber Scipios wunderbares Glueck raeumte wie einst in Spanien und Afrika so jetzt in Asien alle Schwierigkeiten vor ihm aus dem Wege. Auf die Kunde von der Schlacht bei Myonnesos verlor Antiochos so vollstaendig den Kopf, dass er in Europa die starkbesetzte und verproviantierte Festung Lysimacheia von der Besatzung und der dem Wiederhersteller ihrer Stadt treu ergebenen Einwohnerschaft raeumen liess und dabei sogar vergass, die Besatzungen aus Aenos und Maroneia gleichfalls herauszuziehen, ja die reichen Magazine zu vernichten, am asiatischen Ufer aber der Landung der Roemer nicht den geringsten Widerstand entgegensetzte, sondern waehrend derselben sich in Sardes damit die Zeit vertrieb, auf das Schicksal zu schelten. Es ist kaum zweifelhaft, dass, wenn er nur bis zu dem nicht mehr fernen Ende des Sommers Lysimacheia haette verteidigen und sein grosses Heer an den Hellespont vorruecken lassen, Scipio genoetigt worden waere, auf dem europaeischen Ufer Winterquartier zu nehmen, in einer militaerisch wie politisch keineswegs gesicherten Lage.

Waehrend die Roemer, am asiatischen Ufer ausgeschifft, einige Tage stillstanden, um sich zu erholen und ihren durch religioese Pflichten zurueckgehaltenen Fuehrer zu erwarten, trafen in ihrem Lager Gesandte des Grosskoenigs ein, um ueber den Frieden zu unterhandeln. Antiochos bot die Haelfte der Kriegskosten und die Abtretung seiner europaeischen Besitzungen sowie der saemtlichen in Kleinasien zu Rom uebergetretenen griechischen Staedte; allein Scipio forderte Kriegskosten und die Aufgebung von ganz Kleinasien. Jene Bedingungen, erklaerte er, waeren annehmbar gewesen, wenn das Heer noch vor Lysimacheia oder auch diesseits des Hellespont staende; jetzt aber reichten sie nicht, wo das Ross schon den Zaum, ja den Reiter fuehle. Die Versuche des Grosskoenigs, von dem feindlichen Feldherrn in morgenlaendischer Art den Frieden durch Geldsummen zu erkaufen - er bot die Haelfte seiner Jahreseinkuenfte! -, scheiterten wie billig; fuer die unentgeltliche Rueckgabe seines in Gefangenschaft geratenen Sohnes gab der stolze Buerger dem Grosskoenig als Lohn den Freundesrat, auf jede Bedingung Frieden zu schliessen. In der Tat stand es nicht so; haette der Koenig sich zu entschliessen vermocht, den Krieg in die Laenge und in das innere Asien zurueckweichend den Feind sich nachzuziehen, so war ein guenstiger Ausgang noch keineswegs unmoeglich. Allein Antiochos, gereizt durch den vermutlich berechneten Uebermut des Gegners und fuer jede dauernde und konsequente Kriegfuehrung zu schlaff, eilte, seine ungeheure, aber ungleiche und undisziplinierte Heermasse je eher desto lieber dem Stoss der roemischen Legionen darzubieten. Im Tale des Hermos bei Magnesia am Sipylos unweit Smyrna trafen im Spaetherbst 564 (190) die roemischen Truppen auf den Feind. Er zaehlte nahe an 80000 Mann, darunter 12000 Reiter; die Roemer, die von Achaeern, Pergamenern und makedonischen Freiwilligen etwa 5000 Mann bei sich hatten, bei weitem nicht die Haelfte; allein sie waren des Sieges so gewiss, dass sie nicht einmal die Genesung ihres krank in Elaea zurueckgebliebenen Feldherrn abwarteten, an dessen Stelle Gnaeus Domitius das Kommando uebernahm. Um nur seine ungeheure Truppenzahl aufstellen zu koennen, bildete Antiochos zwei Treffen; im ersten stand die Masse der leichten Truppen, die Peltasten, Bogentraeger, Schleuderer, die berittenen Schuetzen der Myser, Daher und Elymaeer, die Araber auf ihren Dromedaren und die Sichelwagen; im zweiten hielt auf den beiden Fluegeln die schwere Kavallerie (die Kataphrakten, eine Art Kuerassiere), neben ihnen im Mitteltreffen das gallische und kappadokische Fussvolk und im Zentrum die makedonisch bewaffnete Phalanx, 16000 Mann stark, der Kern des Heeres, die aber auf dem engen Raum nicht Platz fand und sich in Doppelgliedern 32 Mann tief aufstellen musste. In dem Zwischenraum der beiden Treffen standen 54 Elefanten, zwischen die Haufen der Phalanx und der schweren Reiterei verteilt. Die Roemer stellten auf den linken Fluegel, wo der Fluss Deckung gab, nur wenige Schwadronen, die Masse der Reiterei und die saemtlichen Leichtbewaffneten kamen auf den rechten, den Eumenes fuehrte; die Legionen standen im Mitteltreffen. Eumenes begann die Schlacht damit, dass er seine Schuetzen und Schleuderer gegen die Sichelwagen schickte mit dem Befehl, auf die Bespannung zu halten; in kurzer Zeit waren nicht bloss diese zersprengt, sondern auch die naechststehenden Kamelreiter mit fortgerissen; schon geriet sogar im zweiten Treffen der dahinterstehende linke Fluegel der schweren Reiterei in Verwirrung. Nun warf sich Eumenes mit der ganzen roemischen Reiterei, die 3000 Pferde zaehlte, auf die Soeldnerinfanterie, die im zweiten Treffen zwischen der Phalanx und dem linken Fluegel der schweren Reiterei stand, und da diese wich, flohen auch die schon in Unordnung geratenen Kuerassiere. Die Phalanx, die eben die leichten Truppen durchgelassen hatte und sich fertig machte, gegen die roemischen Legionen vorzugehen, wurde durch den Angriff der Reiterei in der Flanke gehemmt und genoetigt, stehenzubleiben und nach beiden Seiten Front zu machen, wobei die tiefe Aufstellung ihr wohl zustatten kam. Waere die schwere asiatische Reiterei zur Hand gewesen, so haette die Schlacht wiederhergestellt werden koennen, aber der linke Fluegel war zersprengt, und der rechte, den Antiochos selber anfuehrte, hatte, die kleine, ihm gegenueberstehende roemische Reiterabteilung vor sich hertreibend, das roemische Lager erreicht, wo man des Angriffs sich mit grosser Muehe erwehrte. Darueber fehlten auf der Walstatt jetzt im entscheidenden Augenblick die Reiter. Die Roemer hueteten sich wohl, die Phalanx mit den Legionen anzugreifen, sondern sandten gegen sie die Schuetzen und Schleuderer, denen in der dichtgedraengten Masse kein Geschoss fehlging. Die Phalanx zog sich nichtsdestoweniger langsam und geordnet zurueck, bis die in den Zwischenraeumen stehenden Elefanten scheu wurden und die Glieder zerrissen. Damit loeste das ganze Heer sich auf in wilder Flucht; ein Versuch, das Lager zu halten, misslang und mehrte nur die Zahl der Toten und Gefangenen. Die Schaetzung des Verlustes des Antiochos auf 50000 Mann ist bei der grenzenlosen Verwirrung nicht unglaublich; den Roemern, deren Legionen gar nicht zum Schlagen gekommen waren, kostete der Sieg, der ihnen den dritten Weltteil ueberlieferte, 24 Reiter und 300 Fusssoldaten. Kleinasien unterwarf sich, selbst Ephesos, von wo der Admiral die Flotte eilig fluechten musste, und die Residenzstadt Sardes. Der Koenig bat um Frieden und ging ein auf die von den Roemern gestellten Bedingungen, die, wie gewoehnlich, keine anderen waren als die vor der Schlacht gebotenen, als namentlich die Abtretung Kleinasiens enthielten. Bis zu deren Ratifikation blieb das Heer in Kleinasien auf Kosten des Koenigs, was ihm auf nicht weniger als 3000 Talente (5 Mill. Taler) zu stehen kam. Antiochos selber nach seiner liederlichen Art verschmerzte bald den Verlust der Haelfte seines Reiches; es sieht ihm gleich, dass er den Roemern fuer die Abnahme der Muehe, ein allzugrosses Reich zu regieren, dankbar zu sein behauptete. Aber Asien war mit dem Tage. von Magnesia aus der Reihe der Grossstaaten gestrichen; und wohl niemals ist eine Grossmacht so rasch, so voellig und so schmaehlich zugrunde gegangen wie das Seleukidenreich unter diesem Antiochos dem Grossen. Er selbst ward bald darauf (567 187) in Elymais oberhalb des Persischen Meerbusens bei der Pluenderung des Beltempels, mit dessen Schaetzen er seine leeren Kassen zu fuellen gekommen war, von den erbitterten Einwohnern erschlagen.

Die roemische Regierung hatte, nachdem der Sieg erfochten war, die Angelegenheiten Kleinasiens und Griechenlands zu ordnen. Sollte hier die roemische Herrschaft auf fester Grundlage errichtet werden, so genuegte dazu keineswegs, dass Antiochos der Oberherrschaft in Vorderasien entsagt hatte. Die politischen Verhaeltnisse daselbst sind oben dargelegt worden. Die griechischen Freistaedte an der ionischen und aeolischen Kueste sowie das ihnen wesentlich gleichartige pergamenische Koenigreich waren allerdings die natuerlichen Traeger der neuen roemischen Obergewalt, die auch hier wesentlich auftrat als Schirmherr der stammverwandten Hellenen. Aber die Dynasten im inneren Kleinasien und an der Nordkueste des Schwarzen Meeres hatten den Koenigen von Asien laengst kaum noch ernstlich gehorcht, und der Vertrag mit Antiochos allein gab den Roemern keine Gewalt ueber das Binnenland. Es war unabweislich eine gewisse Grenze zu ziehen, innerhalb deren der roemische Einfluss fortan massgebend sein sollte. Dabei fiel vor allem ins Gewicht das Verhaeltnis der asiatischen Hellenen zu den seit einem Jahrhundert daselbst angesiedelten Kelten. Diese hatten die kleinasiatischen Landschaften foermlich unter sich verteilt und ein jeder der drei Gaue erhob in seinem Brandschatzungsgebiet die festgesetzten Tribute. Wohl hatte die Buergerschaft von Pergamon unter der kraeftigen Fuehrung ihrer dadurch zu erblichem Fuerstentum gelangten Vorsteher sich des unwuerdigen Joches entledigt, und die schoene Nachbluete der hellenischen Kunst, welche kuerzlich der Erde wieder entstiegen ist, ist erwachsen aus diesen letzten, von nationalem Buergersinn getragenen hellenischen Kriegen. Aber es war ein kraeftiger Gegenschlag, kein entscheidender Erfolg; wieder und wieder hatten die Pergamener ihren staedtischen Frieden gegen die Einfaelle der wilden Horden aus den oestlichen Gebirgen mit den Waffen zu vertreten gehabt, und die grosse Mehrzahl der uebrigen Griechenstaedte ist wahrscheinlich in der alten Abhaengigkeit verblieben ^4. Wenn Roms Schirmherrschaft ueber die Hellenen auch in Asien mehr als ein Name sein sollte, so musste dieser Tributpflichtigkeit ihrer neuen Klienten ein Ziel gesetzt werden; und da die roemische Politik den Eigenbesitz und die damit verknuepfte stehende Besetzung des Landes zur Zeit in Asien noch viel mehr als auf der griechisch-makedonischen Halbinsel ablehnte, so blieb in der Tat nichts anderes uebrig, als bis zu der Grenze, welche Roms Machtgebiet gesteckt werden sollte, auch Roms Waffen zu tragen und bei den Kleinasiaten ueberhaupt, vor allem aber in den Keltengauen die neue Oberherrlichkeit mit der Tat einzusetzen.

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^4 Aus dem erwaehnten Dekret von Lampsakos geht mit ziemlicher Sicherheit hervor, dass die Lampsakener bei den Massalioten nicht bloss Verwendung in Rom erbaten, sondern auch Verwendung bei den Tolistoagiern (so heissen die sonst Tolistoboger genannten Kelten in dieser Urkunde und in der pergamenischen Inschrift CIG 3536, den aeltesten Denkmaelern, die sie erwaehnen). Danach sind wahrscheinlich die Lampsakener noch um die Zeit des Philippischen Krieges diesem Gau zinsbar gewesen (vgl. Liv. 38, 16).

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Dies hat der neue roemische Oberfeldherr Gnaeus Manlius Volso getan, der den Lucius Scipio in Kleinasien abloeste. Es ist ihm dies zum schweren Vorwurf gemacht worden; die der neuen Wendung der Politik abgeneigten Maenner im Senat vermissten bei dem Kriege den Zweck wie den Grund. Den ersteren Tadel gegen diesen Zug insbesondere zu erheben, ist nicht gerechtfertigt; derselbe war vielmehr, nachdem der roemische Staat sich in die hellenischen Verhaeltnisse, so, wie es geschehen war, eingemischt hatte, eine notwendige Konsequenz dieser Politik. Ob das hellenische Gesamtpatronat fuer Rom das richtige war, kann gewiss in Zweifel gezogen werden; aber von dem Standpunkt aus betrachtet, den Flamininus und die von ihm gefuehrte Majoritaet nun einmal genommen hatten, war die Niederwerfung der Galater in der Tat eine Pflicht der Klugheit wie der Ehre. Besser begruendet ist der Vorwurf, dass es zur Zeit an einem rechten Kriegsgrund gegen dieselben fehlte; denn eigentlich im Bunde mit Antiochos hatten sie nicht gestanden, sondern ihn nur nach ihrem Brauch in ihrem Lande Mietstruppen anwerben lassen. Aber dagegen fiel entscheidend ins Gewicht, dass die Sendung einer roemischen Truppenmacht nach Asien der roemischen Buergerschaft nur unter ganz ausserordentlichen Verhaeltnissen angesonnen werden konnte und, wenn einmal eine derartige Expedition notwendig war, alles dafuer sprach, sie sogleich und mit dem einmal in Asien stehenden siegreichen Heere auszufuehren. So wurde, ohne Zweifel unter dem Einfluss des Flamininus und seiner Gesinnungsgenossen im Senat, im Fruehjahr 565 (189) der Feldzug in das innere Kleinasien unternommen. Der Konsul brach von Ephesos auf, brandschatzte die Staedte und Fuersten am oberen Maeander und in Pamphylien ohne Mass und wandte sich darauf nordwaerts gegen die Kelten. Der westliche Kanton derselben, die Tolistoager, hatte sich auf den Berg Olympos, der mittlere, die Tectosagen, auf den Berg Magaba mit Hab und Gut zurueckgezogen, in der Hoffnung, dass sie sich hier wuerden verteidigen koennen, bis der Winter die Fremden zum Abzug zwaenge. Allein die Geschosse der roemischen Schleuderer und Schuetzen, die gegen die damit unbekannten Kelten so oft den Ausschlag gaben, fast wie in neuerer Zeit das Feuergewehr gegen die wilden Voelker, erzwangen die Hoehen, und die Kelten unterlagen in einer jener Schlachten, wie sie gar oft frueher und spaeter am Po und an der Seine geliefert worden sind, die aber hier so seltsam erscheint wie das ganze Auftreten des nordischen Stammes unter den griechischen und phrygischen Nationen. Die Zahl der Erschlagenen und mehr noch die der Gefangenen war an beiden Stellen ungeheuer. Was uebrig blieb, rettete sich ueber den Halys zu dem dritten keltischen Gau der Trocmer, welche der Konsul nicht angriff. Dieser Fluss war die Grenze, an welcher die damaligen Leiter der roemischen Politik beschlossen hatten innezuhalten. Phrygien, Bithynien, Paphlagonien sollten von Rom abhaengig werden; die weiter oestlich gelegenen Landschaften ueberliess man sich selber.

Die Regulierung der kleinasiatischen Verhaeltnisse erfolgte teils durch den Frieden mit Antiochos (565 189), teils durch die Festsetzungen einer roemischen Kommission, der der Konsul Volso vorstand. Ausser der Stellung von Geiseln, darunter seines juengeren gleichnamigen Sohnes, und einer nach dem Mass der Schaetze Asiens bemessenen Kriegskontribution von 15000 euboeischen Talenten (25½ Mill. Taler), davon der fuenfte Teil sogleich, der Rest in zwoelf Jahreszielern zu entrichten war, wurde Antiochos auferlegt die Abtretung seines gesamten europaeischen Laenderbesitzes und in Kleinasien aller seiner Besitzungen und Rechtsansprueche noerdlich vom Taurusgebirge und westlich von der Muendung des Kestros zwischen Aspendos und Perge in Pamphylien, so dass ihm in Vorderasien nichts blieb als das oestliche Pamphylien und Kilikien. Mit dem Patronat ueber die vorderasiatischen Koenigreiche und Herrschaften war es natuerlich vorbei. Asien oder, wie das Reich der Seleukiden von da an gewoehnlich und angemessener genannt wird, Syrien verlor das Recht, gegen die westlichen Staaten Angriffskriege zu fuehren und im Fall eines Verteidigungskrieges von ihnen beim Frieden Land zu gewinnen, das Recht, das Meer westlich von der Kalykadnosmuendung in Kilikien mit Kriegsschiffen zu befahren, ausser um Gesandte, Geiseln oder Tribut zu bringen, ueberhaupt Deckschiffe ueber zehn zu halten, ausser im Fall eines Verteidigungskrieges, und Kriegselefanten zu zaehmen, endlich das Recht, in den westlichen Staaten Werbungen zu veranstalten oder politische Fluechtlinge und Ausreisser daraus bei sich aufzunehmen. Die Kriegsschiffe, die er ueber die bestimmte Zahl besass, die Elefanten und die politischen Fluechtlinge, welche bei ihm sich befanden, lieferte er aus. Zur Entschaedigung erhielt der Grosskoenig den Titel eines Freundes der roemischen Buergergemeinde. Der Staat Syrien war hiermit zu Lande und auf dem Meer vollstaendig aus dem Westen verdraengt und fuer immer; es ist bezeichnend fuer die kraft- und zusammenhanglose Organisation des Seleukidenreichs, dass dasselbe allein unter allen von Rom ueberwundenen Grossstaaten nach der ersten Ueberwindung niemals eine zweite Entscheidung durch die Waffen begehrt hat.

Die beiden Armenien, bisher wenigstens dem Namen nach asiatische Satrapien, verwandelten sich, wenn nicht gerade in Gemaessheit des roemischen Friedensvertrages, doch unter dessen Einfluss in selbstaendige Koenigreiche und ihre Inhaber Artaxias und Zariadris wurden Gruender neuer Dynastien.

Koenig Ariarathes von Kappadokien kam, da sein Land ausserhalb der von den Roemern bezeichneten Grenze ihrer Klientel lag, mit einer Geldbusse von 600 Talenten (1 Mill. Taler) davon, die dann noch auf die Fuerbitte seines Schwiegersohnes Eumenes auf die Haelfte herabgesetzt ward.

Koenig Prusias von Bithynien behielt sein Gebiet, wie es war, ebenso die Kelten; doch mussten diese geloben, nicht ferner bewaffnete Haufen ueber die Grenze zu senden, und die schimpflichen Tribute der kleinasiatischen Staedte hatten ein Ende. Die asiatischen Griechen ermangelten nicht, diese allerdings allgemein und nachhaltig empfundene Wohltat mit goldenen Kraenzen und den transzendentalsten Lobreden zu vergelten.

In Vorderasien war die Besitzregulierung nicht ohne Schwierigkeit, zumal da hier die dynastische Politik des Eumenes mit der der griechischen Hansa kollidierte; endlich gelang es, sich in folgender Art zu verstaendigen. Allen griechischen Staedten, die am Tage der Schlacht von Magnesia frei und den Roemern beigetreten waren, wurde ihre Freiheit bestaetigt und sie alle mit Ausnahme der bisher dem Eumenes zinspflichtigen der Tributzahlung an die verschiedenen Dynasten fuer die Zukunft enthoben. So wurden namentlich frei die Staedte Dardanos und Ilion, die alten Stammgenossen der Roemer von Aeneas’ Zeiten her, ferner Kyme, Smyrna, Klazomenae, Erythrae, Chios, Kolophon, Miletos und andere altberuehmte Namen. Phokaea, das gegen die Kapitulation von den roemischen Flottensoldaten gepluendert worden war, erhielt zum Ersatz dafuer, obwohl es nicht unter die im Vertrag bezeichnete Kategorie fiel, ausnahmsweise gleichfalls seine Mark zurueck und die Freiheit. Den meisten Staedten der griechisch-asiatischen Hansa wurden ueberdies Gebietserweiterungen und andere Vorteile zuteil. Am besten ward natuerlich Rhodos bedacht, das Lykien mit Ausschluss von Telmissos und den groesseren Teil von Karien suedlich vom Maeander empfing; ausserdem garantierte Antiochos in seinem Reiche den Rhodiern ihr Eigentum und ihre Forderungen sowie die bisher genossene Zollfreiheit.

Alles uebrige, also bei weitem der groesste Teil der Beute, fiel an die Attaliden, deren alte Treue gegen Rom sowie die von Eumenes in diesem Kriege bestandene Drangsal und sein persoenliches Verdienst um den Ausfall der entscheidenden Schlacht von Rom so belohnt ward, wie nie ein Koenig seinen Verbuendeten gelohnt hat. Eumenes empfing in Europa den Chersonesos mit Lysimacheia; in Asien ausser Mysien, das er schon besass, die Provinzen Phrygien am Hellespont, Lydien mit Ephesos und Sardes, den noerdlichen Streif von Karien bis zum Maeander mit Tralles und Magnesia, Grossphrygien und Lykaonien nebst einem Stueck von Kilikien, die milysche Landschaft zwischen Phrygien und Lykien und als Hafenplatz am suedlichen Meer die lykische Stadt Telmissos; ueber Pamphylien ward spaeter zwischen Eumenes und Antiochos gestritten, inwieweit es dies- oder jenseits der gesteckten Grenze liege und also jenem oder diesem zukomme. Ausserdem erhielt er die Schutzherrschaft und das Zinsrecht ueber diejenigen griechischen Staedte, die nicht unbeschraenkt die Freiheit empfingen; doch wurde auch hier bestimmt, dass den Staedten ihre Freibriefe bleiben und die Abgabe nicht erhoeht werden solle. Ferner musste Antiochos sich anheischig machen, die 350 Talente (600000 Taler), die er dem Vater Attalos schuldig geworden war, dem Eumenes zu entrichten, ebenso ihn mit 127 Talenten (218000 Taler) fuer die rueckstaendigen Getreidelieferungen zu entschaedigen. Endlich erhielt Eumenes die koeniglichen Forsten und die von Antiochos abgelieferten Elefanten, nicht aber die Kriegsschiffe, die verbrannt wurden; eine Seemacht litten die Roemer nicht neben sich. Hierdurch war das Reich der Attaliden in Osteuropa und Asien das geworden, was Numidien in Afrika war, ein von Rom abhaengiger maechtiger Staat mit absoluter Verfassung, bestimmt und faehig, sowohl Makedonien als Syrien in Schranken zu halten, ohne anders als in ausserordentlichen Faellen roemischer Unterstuetzung zu beduerfen. Mit dieser durch die roemische Politik gebotenen Schoepfung hatte man die durch republikanische und nationale Sympathie und Eitelkeit gebotene Befreiung der asiatischen Griechen soweit moeglich vereinigt. Um die Angelegenheiten des ferneren Ostens jenseits des Tauros und Halys war man fest entschlossen, sich nicht zu bekuemmern; es zeigen dies sehr deutlich die Bedingungen des Friedens mit Antiochos und noch entschiedener die bestimmte Weigerung des Senats, der Stadt Soloi in Kilikien die von den Rhodiern fuer sie erbetene Freiheit zu gewaehren. Ebenso getreu blieb man dem festgestellten Grundsatz, keine unmittelbaren ueberseeischen Besitzungen zu erwerben. Nachdem die roemische Flotte noch eine Expedition nach Kreta gemacht und die Freigebung der dorthin in die Sklaverei verkauften Roemer durchgesetzt hatte, verliessen Flotte und Landheer im Nachsommer 566 (188) Asien, wobei das Landheer, das wieder durch Thrakien zog, durch die Nachlaessigkeit des Feldherrn unterwegs von den Ueberfaellen der Wilden viel zu leiden hatte. Die Roemer brachten nichts heim aus dem Osten als Ehre und Gold, die in dieser Zeit sich schon beide in der praktischen Form der Dankadresse, dem goldenen Kranze, zusammenzufinden pflegten.

Auch das europaeische Griechenland war von diesem asiatischen Krieg erschuettert worden und bedurfte neuer Ordnung. Die Aetoler, die immer noch nicht gelernt hatten, sich in ihre Nichtigkeit zu finden, hatten nach dem im Fruehling 564 (190) mit Scipio abgeschlossenen Waffenstillstand nicht bloss durch ihre kephallenischen Korsaren den Verkehr zwischen Italien und Griechenland schwierig und unsicher gemacht, sondern vielleicht noch waehrend des Waffenstillstandes, getaeuscht durch falsche Nachrichten ueber den Stand der Dinge in Asien, die Tollheit begangen, den Amynander wieder auf seinen athamanischen Thron zu setzen und mit Philippos in den von diesem besetzten aetolischen und thessalischen Grenzlandschaften sich herumzuschlagen, wobei der Koenig mehrere Nachteile erlitt. Es versteht sich, dass hiernach Rom ihre Bitte um Frieden mit der Landung des Konsuls Marcus Fulvius Nobilior beantwortete. Er traf im Fruehling 565 (189) bei den Legionen ein und nahm nach fuenfzehntaegiger Belagerung durch eine fuer die Besatzung ehrenvolle Kapitulation Ambrakia, waehrend zugleich die Makedonier, die Illyrier, die Epeiroten, die Akarnanen und Achaeer ueber die Aetoler herfielen. Von eigentlichem Widerstand konnte nicht die Rede sein; auf die wiederholten Friedensgesuche der Aetoler standen denn auch die Roemer vom Kriege ab und gewaehrten Bedingungen, welche solchen erbaermlichen und tueckischen Gegnern gegenueber billig genannt werden muessen. Die Aetoler verloren alle Staedte und Gebiete, die in den Haenden ihrer Gegner waren, namentlich Ambrakia, welches infolge einer gegen Marcus Fulvius in Rom gesponnenen Intrige spaeter frei und selbstaendig ward, ferner Oinia, das den Akarnanen gegeben wurde; ebenso traten sie Kephallenia ab. Sie verloren das Recht, Krieg und Frieden zu schliessen und wurden in dieser Hinsicht von den auswaertigen Beziehungen Roms abhaengig; endlich zahlten sie eine starke Geldsumme. Kephallenia setzte sich auf eigene Hand gegen diesen Vertrag und fuegte sich erst, als Marcus Fulvius auf der Insel landete; ja die Einwohner von Same, die befuerchteten, aus ihrer wohlgelegenen Stadt durch eine roemische Kolonie ausgetrieben zu werden, fielen nach der ersten Unterwerfung wieder ab und hielten eine viermonatliche Belagerung aus, worauf die Stadt endlich genommen und die Einwohner saemtlich in die Sklaverei verkauft wurden.

Rom blieb auch hier dabei, sich grundsaetzlich auf Italien und die italischen Inseln zu beschraenken. Es nahm von der Beute nichts fuer sich als die beiden Inseln Kephallenia und Zakynthos, welche den Besitz von Kerkyra und anderen Seestationen am Adriatischen Meer wuenschenswert ergaenzten. Der uebrige Laendererwerb kam an die Verbuendeten Roms; indes die beiden bedeutendsten derselben, Philippos und die Achaeer, waren keineswegs befriedigt durch den ihnen an der Beute gegoennten Anteil. Philippos fuehlte sich nicht ohne Grund verletzt. Er durfte sagen, dass in dem letzten Krieg die eigentlichen Schwierigkeiten, die nicht in dem Feinde, sondern in der Entfernung und der Unsicherheit der Verbindungen lagen, wesentlich durch seinen loyalen Beistand ueberwunden waren. Der Senat erkannte dies auch an, indem er ihm den noch rueckstaendigen Tribut erliess und seine Geiseln ihm zuruecksandte; allein Gebietserweiterungen, wie er sie gehofft, empfing er nicht. Er erhielt das magnetische Gebiet mit Demetrias, das er den Aetolern abgenommen hatte; ausserdem blieben tatsaechlich in seinen Haenden die dolopische und athamanische Landschaft und ein Teil von Thessalien, aus denen gleichfalls die Aetoler von ihm vertrieben worden waren. In Thrakien blieb zwar das Binnenland in makedonischer Klientel, aber ueber die Kuestenstaedte und die Inseln Thasos und Lemnos, die faktisch in Philipps Haenden waren, ward nichts bestimmt, der Chersonesos sogar ausdruecklich an Eumenes gegeben; und es war nicht schwer zu erkennen, dass Eumenes nur deshalb auch Besitzungen in Europa empfing, um nicht bloss Asien, sondern auch Makedonien im Notfall niederzuhalten. Die Erbitterung des stolzen und in vieler Hinsicht ritterlichen Mannes ist natuerlich; allein es war nicht Schikane, was die Roemer bestimmte, sondern eine unabweisliche politische Notwendigkeit. Makedonien buesste dafuer, dass es einmal eine Macht ersten Ranges gewesen war und mit Rom auf gleichem Fuss Krieg gefuehrt hatte: man hatte hier, und hier mit viel besserem Grund als gegen Karthago, sich vorzusehen, dass die alte Machtstellung nicht wiederkehre.

Anders stand es mit den Achaeern. Sie hatten im Laufe des Krieges gegen Antiochos ihren lange genaehrten Wunsch befriedigt, den Peloponnes ganz in ihre Eidgenossenschaft zu bringen, indem zuerst Sparta, dann, nach der Vertreibung der Asiaten aus Griechenland, auch Elis und Messene mehr oder weniger gezwungen beigetreten waren. Die Roemer hatten dies geschehen lassen und es sogar geduldet, dass man dabei mit absichtlicher Ruecksichtslosigkeit gegen Rom verfuhr. Flamininus hatte, als Messene erklaerte, sich den Roemern zu unterwerfen, aber nicht in die Eidgenossenschaft eintreten zu wollen und diese darauf Gewalt brauchte, zwar nicht unterlassen, den Achaeern zu Gemuete zu fuehren, dass solche Sonderverfuegungen ueber einen Teil der Beute an sich unrecht und in dem Verhaeltnis der Achaeer zu den Roemern mehr als unpassend seien, aber denn doch in seiner sehr unpolitischen Nachgiebigkeit gegen die Hellenen im wesentlichen den Achaeern ihren Willen getan. Allein damit hatte die Sache kein Ende. Die Achaeer, von ihrer zwerghaften Vergroesserungssucht gepeinigt, liessen die Stadt Pleuron in Aetolien, die sie waehrend des Krieges besetzt hatten, nicht fahren, machten sie vielmehr zum unfreiwilligen Mitgliede ihrer Eidgenossenschaft; sie kauften Zakynthos von dem Statthalter des letzten Besitzers Amynander und haetten gern noch Aegina dazu gehabt. Nur widerwillig gaben sie jene Insel an Rom heraus und hoerten sehr unmutig Flamininus’ guten Ratschlag, sich mit ihrem Peloponnes zu begnuegen. Sie glaubten es sich schuldig zu sein, die Unabhaengigkeit ihres Staates um so mehr zur Schau zu tragen, je weniger daran war; man sprach von Kriegsrecht, von der treuen Beihilfe der Achaeer in den Kriegen der Roemer; man fragte die roemischen Gesandten auf der achaeischen Tagsatzung, warum Rom sich um Messene bekuemmere, da Achaia ja nicht nach Capua frage, und der hochherzige Patriot, der also gesprochen, wurde beklatscht und war der Stimmen bei den Wahlen sicher. Das alles wuerde sehr recht und sehr erhaben gewesen sein, wenn es nicht noch viel laecherlicher gewesen waere. Es lag wohl eine tiefe Gerechtigkeit und ein noch tieferer Jammer darin, dass Rom, so ernstlich es die Freiheit der Hellenen zu gruenden und den Dank der Hellenen zu verdienen bemueht war, dennoch ihnen nichts gab als die Anarchie und nichts erntete als den Undank. Es lagen auch den hellenischen Antipathien gegen die Schutzmacht sicher sehr edle Gefuehle zugrunde, und die persoenliche Bravheit einzelner tonangebender Maenner ist ausser Zweifel. Aber darum bleibt dieser achaeische Patriotismus nicht minder eine Torheit und eine wahre historische Fratze. Bei all jenem Ehrgeiz und all jener nationalen Empfindlichkeit geht durch die ganze Nation vom ersten bis zum letzten Mann das gruendlichste Gefuehl der Ohnmacht. Stets horcht jeder nach Rom, der liberale Mann nicht weniger wie der servile; man dankt dem Himmel, wenn das gefuerchtete Dekret ausbleibt; man mault, wenn der Senat zu verstehen gibt, dass man wohl tun werde, freiwillig nachzugeben, um es nicht gezwungen zu tun; man tut, was man muss womoeglich in einer fuer die Roemer verletzenden Weise, “um die Formen zu retten”; man berichtet, erlaeutert, verschiebt, weicht aus, und wenn das endlich alles nicht mehr gehen will, so wird mit einem patriotischen Seufzer nachgegeben. Das Treiben haette Anspruch wo nicht auf Billigung doch auf Nachsicht, wenn die Fuehrer zum Kampf entschlossen gewesen waeren und den Untergang der Nation der Knechtschaft vorgezogen haetten; aber weder Philopoemen noch Lykortas dachten an einen solchen politischen Selbstmord - man wollte womoeglich frei sein, aber denn doch vor allem leben. Zu allem diesem aber sind es niemals die Roemer, die die gefuerchtete roemische Intervention in die inneren Angelegenheiten Griechenlands hervorrufen, sondern stets die Griechen selbst, die wie die Knaben den Stock, den sie fuerchten, selber einer ueber den andern bringen. Der von dem gelehrten Poebel hellenischer und nachhellenischer Zeit bis zum Ekel wiederholte Vorwurf, dass die Roemer bestrebt gewesen waeren, inneren Zwist in Griechenland zu stiften, ist eine der tollsten Abgeschmacktheiten, welche politisierende Philologen nur je ausgesonnen haben. Nicht die Roemer trugen den Hader nach Griechenland - wahrlich Eulen nach Athen -, sondern die Griechen ihre Zwistigkeiten nach Rom. Namentlich die Achaeer, die ueber ihren Arrondierungsgeluesten gaenzlich uebersahen, wie sehr zu ihrem eigenen Besten es gewesen, dass Flamininus die aetolisch gesinnten Staedte nicht der Eidgenossenschaft einverleibt hatte, erwarben in Lakedaemon und Messene sich eine wahre Hydra inneren Zwistes. Unaufhoerlich baten und flehten Mitglieder dieser Gemeinden in Rom, sie aus der verhassten Gemeinschaft zu loesen, darunter charakteristisch genug selbst diejenigen, die die Rueckkehr in die Heimat den Achaeern verdankten. Unaufhoerlich ward von dem Achaeischen Bunde in Sparta und Messene regeneriert und restauriert: die wuetendsten Emigrierten von dort bestimmten die Massregeln der Tagsatzung. Vier Jahre nach dem nominellen Eintritt Spartas in die Eidgenossenschaft kam es sogar zum offenen Kriege und zu einer bis zum Wahnsinn vollstaendigen Restauration, wobei die saemtlichen von Nabis mit dem Buergerrecht beschenkten Sklaven wieder in die Knechtschaft verkauft und aus dem Erloes ein Saeulengang in der Achaeerstadt Megalopolis gebaut, ferner die alten Gueterverhaeltnisse in Sparta wiederhergestellt, die Lykurgischen Gesetze durch die achaeischen ersetzt, die Mauern niedergerissen wurden (566 188). Ueber alle diese Wirtschaft ward dann zuletzt von allen Seiten der roemische Senat zum Schiedsspruch aufgefordert - eine Belaestigung, die die gerechte Strafe fuer die befolgte sentimentale Politik war. Weit entfernt, sich zu viel in diese Angelegenheiten zu mischen, ertrug der Senat nicht bloss die Nadelstiche der achaeischen Gesinnungstuechtigkeit mit musterhafter Indifferenz, sondern liess selbst die aergsten Dinge mit straeflicher Gleichgueltigkeit geschehen. Man freute sich herzlich in Achaia, als nach jener Restauration die Nachricht von Rom einlief, dass der Senat darueber zwar gescholten, aber nichts kassiert habe. Fuer die Lakedaemonier geschah von Rom aus nichts, als dass der Senat, empoert ueber den von den Achaeern verfuegten Justizmord von beilaeufig sechzig bis achtzig Spartanern, der Tagsatzung die Kriminaljustiz ueber die Spartaner nahm - freilich ein empoerender Eingriff in die inneren Angelegenheiten eines unabhaengigen Staates! Die roemischen Staatsmaenner kuemmerten sich so wenig wie moeglich um diese Suendflut in der Nussschale, wie am besten die vielfachen Klagen beweisen ueber die oberflaechlichen, widersprechenden und unklaren Entscheidungen des Senats; freilich, wie sollte er klar antworten, wenn auf einmal vier Parteien aus Sparta zugleich im Senat gegeneinander redeten! Dazu kam der persoenliche Eindruck, den die meisten dieser peloponnesischen Staatsmaenner in Rom machten; selbst Flamininus schuettelte den Kopf, als ihm einer derselben heute etwas vortanzte und den andern Tag ihn von Staatsgeschaeften unterhielt. Es kam so weit, dass dem Senat zuletzt die Geduld voellig ausging und er die Peloponnesier dahin beschied, dass er sie nicht mehr bescheiden werde und sie machen koennten, was sie wollten (572 182). Begreiflich ist dies, aber nicht recht; wie die Roemer einmal standen, hatten sie die sittliche und politische Verpflichtung, hier mit Ernst und Konsequenz einen leidlichen Zustand herzustellen. Jener Achaeer Kallikrates, der im Jahre 575 (179) an den Senat ging, um ihn ueber die Zustaende im Peloponnes aufzuklaeren und eine folgerechte und gehaltene Intervention zu fordern, mag als Mensch noch etwas weniger getaugt haben als sein Landsmann Philopoemen, der jene Patriotenpolitik wesentlich begruendet hat; aber er hatte recht.

So umfasste die Klientel der roemischen Gemeinde jetzt die saemtlichen Staaten von dem oestlichen zu dem westlichen Ende des Mittelmeeres; nirgend bestand ein Staat, den man der Muehe wert gehalten haette zu fuerchten. Aber noch lebte ein Mann, dem Rom diese seltene Ehre erwies: der heimatlose Karthager, der erst den ganzen Westen, alsdann den ganzen Osten gegen Rom in Waffen gebracht hatte und der vielleicht nur gescheitert war, dort an der ehrlosen Aristokraten-, hier an der kopflosen Hofpolitik. Antiochos hatte sich im Frieden verpflichten muessen, den Hannibal auszuliefern; allein derselbe war zuerst nach Kreta, dann nach Bithynien entronnen ^5 und lebte jetzt am Hof des Koenigs Prusias, beschaeftigt, diesen in seinen Kriegen gegen Eumenes zu unterstuetzen und wie immer siegreich zu Wasser und zu Lande. Es wird behauptet, dass er auch den Prusias zum Kriege gegen Rom habe reizen wollen; eine Torheit, die so, wie sie erzaehlt wird, sehr wenig glaublich klingt. Gewisser ist es, dass zwar der roemische Senat es unter seiner Wuerde hielt, den Greis in seinem letzten Asyl aufjagen zu lassen - denn die Ueberlieferung, die auch den Senat beschuldigt, scheint keinen Glauben zu verdienen -, dass aber Flamininus, der in seiner unruhigen Eitelkeit nach neuen Zielen fuer grosse Taten suchte, auf seine eigene Hand es unternahm, wie die Griechen von ihren Ketten, so Rom von Hannibal zu befreien und gegen den groessten Mann seiner Zeit den Dolch zwar nicht zu fuehren, was nicht diplomatisch ist, aber ihn zu schleifen und zu richten. Prusias, der jaemmerlichste unter den Jammerprinzen Asiens, machte sich ein Vergnuegen daraus, dem roemischen Gesandten die kleine Gefaelligkeit zu erweisen, die derselbe mit halben Worten erbat, und da Hannibal sein Haus von Moerdern umstellt sah, nahm er Gift. Er war seit langem gefasst darauf, fuegt ein Roemer hinzu, denn er kannte die Roemer und das Wort der Koenige. Sein Todesjahr ist nicht gewiss; wahrscheinlich starb er in der zweiten Haelfte des Jahres 571 (183), siebenundsechzig Jahre alt. Als er geboren ward, stritt Rom mit zweifelhaftem Erfolg um den Besitz von Sizilien; er hatte gerade genug gelebt, um den Westen vollstaendig unterworfen zu sehen, um noch selber seine letzte Roemerschlacht gegen die Schiffe seiner roemisch gewordenen Vaterstadt zu schlagen, um dann zuschauen zu muessen, wie Rom auch den Osten ueberwand gleichwie der Sturm das fuehrerlose Schiff, und zu fuehlen, dass er allein imstande war, es zu lenken. Es konnte ihm keine Hoffnung weiter fehlschlagen, als er starb; aber redlich hatte er in fuenfzigjaehrigem Kampfe den Knabenschwur gehalten.

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^5 Dass er auch nach Armenien gekommen sei und auf Bitten des Koenigs Artaxias die Stadt Artaxata am Araxes erbaut habe (Strab. 11 p. 528; Plut. Luc. 31), ist sicher Erfindung; aber es ist bezeichnend, wie Hannibal, fast wie Alexander, mit den orientalischen Fabeln verwachsen ist.

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Um dieselbe Zeit, wahrscheinlich in demselben Jahre, starb auch der Mann, den die Roemer seinen Ueberwinder zu nennen pflegten, Publius Scipio. Ihn hatte das Glueck mit allen den Erfolgen ueberschuettet, die seinem Gegner versagt blieben, mit Erfolgen, die ihm gehoerten und nicht gehoerten. Spanien, Afrika, Asien hatte er zum Reiche gebracht und Rom, das er als die erste Gemeinde Italiens gefunden, war bei seinem Tode die Gebieterin der zivilisierten Welt. Er selbst hatte der Siegestitel so viele, dass deren ueberblieben fuer seinen Bruder und seinen Vetter ^6. Und doch verzehrte auch ihn durch seine letzten Jahre bitterer Gram, und er starb, wenig ueber fuenfzig Jahre alt, in freiwilliger Verbannung, mit dem Befehl an die Seinigen, seine Leiche nicht in der Vaterstadt beizusetzen, fuer die er gelebt hatte und in der seine Ahnen ruhten. Es ist nicht genau bekannt, was ihn aus der Stadt trieb. Die Anschuldigungen wegen Bestechung und unterschlagener Gelder, die gegen ihn und mehr noch gegen seinen Bruder Lucius gerichtet wurden, waren ohne Zweifel nichtige Verleumdungen, die solche Verbitterung nicht hinreichend erklaeren; obwohl es charakteristisch fuer den Mann ist, dass er seine Rechnungsbuecher, statt sich einfach aus ihnen zu rechtfertigen, im Angesicht des Volks und der Anklaeger zerriss und die Roemer aufforderte, ihn zum Tempel des Jupiter zu begleiten und den Jahrestag seines Sieges bei Zama zu feiern. Das Volk liess den Anklaeger stehen und folgte dem Scipio auf das Kapitol; aber es war dies der letzte schoene Tag des hohen Mannes. Sein stolzer Sinn, seine Meinung, ein anderer und besserer zu sein als die uebrigen Menschen, seine sehr entschiedene Familienpolitik, die namentlich in seinem Bruder Lucius den widerwaertigen Strohmann eines Helden grosszog, verletzten viele und nicht ohne Grund. Wie der echte Stolz das Herz beschirmt, so legt es die Hoffart jedem Schlag und jedem Nadelstich bloss und zerfrisst auch den urspruenglichen Hochsinn. Ueberall aber gehoert es zur Eigentuemlichkeit solcher, aus echtem Gold und schimmerndem Flitter seltsam gemischter Naturen, wie Scipio eine war, dass sie des Glueckes und des Glanzes der Jugend beduerfen, um ihren Zauber zu ueben, und dass, wenn dieser Zauber zu schwinden anfaengt, unter allen am schmerzlichsten der Zauberer selbst erwacht.

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^6 Africanus, Asiagenus, Hispallus.

KAPITEL X.
Der Dritte Makedonische Krieg

Philippos von Makedonien war empfindlich gekraenkt durch die Behandlung, die er nach dem Frieden mit Antiochos von den Roemern erfahren hatte; und der weitere Verlauf der Dinge war nicht geeignet, seinen Groll zu beschwichtigen. Seine Nachbarn in Griechenland und Thrakien, grossenteils Gemeinden, die einst vor dem makedonischen Namen nicht minder gezittert hatten wie jetzt vor dem roemischen, machten es sich wie billig zum Geschaeft, der gefallenen Grossmacht all die Tritte zurueckzugeben, die sie seit Philippos’ des Zweiten Zeiten von Makedonien empfangen hatten; der nichtige Hochmut und der wohlfeile antimakedonische Patriotismus der Hellenen dieser Zeit machte sich Luft auf den Tagsatzungen der verschiedenen Eidgenossenschaften und in unaufhoerlichen Beschwerden bei dem roemischen Senat. Philippos war von den Roemern zugestanden worden, was er den Aetolern abgenommen habe; allein foermlich an die Aetoler angeschlossen hatte sich in Thessalien nur die Eidgenossenschaft der Magneten, wogegen diejenigen Staedte, die Philippos in zwei anderen der thessalischen Eidgenossenschaften, der thessalischen im engeren Sinn und der perrhaebischen, den Aetolern entrissen hatte, von ihren Buenden zurueckverlangt wurden aus dem Grunde, dass Philippos diese Staedte nur befreit, nicht erobert habe. Auch die Athamanen glaubten ihre Freiheit begehren zu koennen; auch Eumenes forderte die Seestaedte, die Antiochos im eigentlichen Thrakien besessen hatte, namentlich Aenos und Maroneia, obwohl ihm im Frieden mit Antiochos nur der Thrakische Chersonesos ausdruecklich zugesprochen war. All diese Beschwerden und zahllose geringere seiner saemtlichen Nachbarn, ueber Unterstuetzung des Koenigs Prusias gegen Eumenes, ueber Handelskonkurrenz, ueber verletzte Kontrakte und geraubtes Vieh stroemten nach Rom; vor dem roemischen Senat musste der Koenig von Makedonien von dem souveraenen Gesindel sich verklagen lassen und Recht nehmen oder Unrecht, wie es fiel; er musste sehen, dass das Urteil stets gegen ihn ausfiel, musste knirschend von der thrakischen Kueste, aus den thessalischen und perrhaebischen Staedten die Besatzungen wegziehen und die roemischen Kommissare hoeflich empfangen, welche nachzusehen kamen, ob auch alles vorschriftsmaessig ausgefuehrt sei. Man war in Rom nicht so erbittert gegen Philippos wie gegen Karthago, ja in vieler Hinsicht dem makedonischen Herrn sogar geneigt; man verletzte hier nicht so ruecksichtslos wie in Libyen die Formen, aber im Grunde war die Lage Makedoniens wesentlich dieselbe wie die von Karthago. Indes Philippos war keineswegs der Mann, diese Pein mit phoenikischer Geduld ueber sich ergehen zu lassen. Leidenschaftlich wie er war, hatte er nach seiner Niederlage mehr dem treulosen Bundesgenossen gezuernt als dem ehrenwerten Gegner, und seit langem gewohnt, nicht makedonische, sondern persoenliche Politik zu treiben, hatte er in dem Kriege mit Antiochos nichts gesehen als eine vortreffliche Gelegenheit, sich an dem Alliierten, der ihn schmaehlich im Stich gelassen und verraten hatte, augenblicklich zu raechen. Dies Ziel hatte er erreicht; allein die Roemer, die sehr gut begriffen, dass den Makedonier nicht die Freundschaft fuer Rom, sondern die Feindschaft gegen Antiochos bestimmte, und die ueberdies keineswegs nach solchen Stimmungen der Neigung und Abneigung ihre Politik zu regeln pflegten, hatten sich wohl gehuetet, irgend etwas Wesentliches zu Philippos’ Gunsten zu tun, und hatten vielmehr die Attaliden, die von ihrer ersten Erhebung an mit Makedonien in heftiger Fehde lagen und von dem Koenig Philippos politisch und persoenlich aufs bitterste gehasst wurden, die Attaliden, die unter allen oestlichen Maechten am meisten dazu beigetragen hatten, Makedonien und Syrien zu zertruemmern und die roemische Klientel auf den Osten auszudehnen, die Attaliden, die in dem letzten Krieg, wo Philippos es freiwillig und loyal mit Rom gehalten, um ihrer eigenen Existenz willen wohl mit Rom hatten halten muessen, hatten diese Attaliden dazu benutzt, um im wesentlichen das Reich des Lysimachos wieder aufzubauen, dessen Vernichtung der wichtigste Erfolg der makedonischen Herrscher nach Alexander gewesen war, und Makedonien einen Staat an die Seite zu stellen, der zugleich ihm an Macht ebenbuertig und Roms Klient war.

Dennoch haette vielleicht, wie die Verhaeltnisse einmal standen, ein weiser und sein Volk mit Hingebung beherrschender Regent sich entschlossen, den ungleichen Kampf gegen Rom nicht wieder aufzunehmen; allein Philippos, in dessen Charakter von allen edlen Motiven das Ehrgefuehl, von allen unedlen die Rachsucht am maechtigsten waren, war taub fuer die Stimme sei es der Feigheit, sei es der Resignation, und naehrte tief im Herzen den Entschluss, abermals die Wuerfel zu werfen. Als ihm wieder einmal Schmaehungen hinterbracht wurden, wie sie auf den thessalischen Tagsatzungen gegen Makedonien zu fallen pflegten, antwortete er mit der Theokritischen Zeile, dass noch die letzte Sonne nicht untergegangen sei ^1.

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^1 Ηδη γάρ φράσδη πάνθ' άλιον άμμι δεδύκειν. (1, 102).

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Philippos bewies bei der Vorbereitung und der Verbergung seiner Entschluesse eine Ruhe, einen Ernst und eine Konsequenz, die, wenn er in besseren Zeiten sie bewaehrt haette, vielleicht den Geschicken der Welt eine andere Richtung gegeben haben wuerden. Namentlich die Fuegsamkeit gegen die Roemer, mit der er sich die unentbehrliche Frist erkaufte, war fuer den harten und stolzen Mann eine schwere Pruefung, die er doch mutig ertrug - seine Untertanen freilich und die unschuldigen Gegenstaende des Haders, wie das unglueckliche Maroneia, buessten schwer den verhaltenen Groll. Schon im Jahre 571 (183) schien der Krieg ausbrechen zu muessen; aber auf Philippos’ Geheiss bewirkte sein juengerer Sohn Demetrios eine Ausgleichung des Vaters mit Rom, wo er einige Jahre als Geisel gelebt hatte und sehr beliebt war. Der Senat, namentlich Flamininus, der die griechischen Angelegenheiten leitete, suchte in Makedonien eine roemische Partei zu bilden, die Philippos’ natuerlich den Roemern nicht unbekannte Bestrebungen zu paralysieren imstande waere, und hatte zu deren Haupt, ja vielleicht zum kuenftigen Koenig Makedoniens, den juengeren, leidenschaftlich an Rom haengenden Prinzen ausersehen. Man gab mit absichtlicher Deutlichkeit zu verstehen, dass der Senat dem Vater um des Sohnes willen verzeihe; wovon natuerlich die Folge war, dass im koeniglichen Hause selbst Zwistigkeiten entstanden und namentlich des Koenigs aelterer und vom Vater zum Nachfolger bestimmter, aber in ungleicher Ehe erzeugter Sohn Perseus in seinem Bruder den kuenftigen Nebenbuhler zu verderben suchte. Es scheint nicht, dass Demetrios sich in die roemischen Intrigen einliess; erst der falsche Verdacht des Verbrechens zwang ihn, schuldig zu werden, und auch da beabsichtigte er, wie es scheint, nichts weiter als die Flucht nach Rom. Indes Perseus sorgte dafuer, dass der Vater diese Absicht auf die rechte Weise erfuhr; ein untergeschobener Brief von Flamininus an Demetrios tat das uebrige und lockte dem Vater den Befehl ab, den Sohn aus dem Wege zu raeumen. Zu spaet erfuhr Philippos die Raenke, die Perseus gesponnen hatte, und der Tod ereilte ihn ueber der Absicht, den Brudermoerder zu strafen und von der Thronfolge auszuschliessen. Er starb im Jahre 575 (179) in Demetrias, im neunundfuenfzigsten Lebensjahre. Das Reich hinterliess er zerschmettert, das Haus zerruettet, und gebrochenen Herzens gestand er sich ein, dass all seine Muehsal und all seine Frevel vergeblich gewesen waren.

Sein Sohn Perseus trat darauf die Regierung an, ohne in Makedonien oder bei dem roemischen Senat Widerspruch zu finden. Er war ein stattlicher Mann, in allen Leibesuebungen wohl erfahren, im Lager aufgewachsen und des Befehlens gewohnt, gleich seinem Vater herrisch und nicht bedenklich in der Wahl seiner Mittel. Ihn reizten nicht der Wein und die Frauen, ueber die Philippos seines Regiments nur zu oft vergass; er war stetig und beharrlich wie sein Vater leichtsinnig und leidenschaftlich. Philippos, schon als Knabe Koenig und in den ersten zwanzig Jahren seiner Herrschaft vom Glueck begleitet, war vom Schicksal verwoehnt und verdorben worden; Perseus bestieg den Thron in seinem einunddreissigsten Jahr, und wie er schon als Knabe mitgenommen worden war in den ungluecklichen roemischen Krieg, wie er aufgewachsen war im Druck der Erniedrigung und in dem Gedanken einer nahen Wiedergeburt des Staates, so erbte er von seinem Vater mit dem Reich seine Drangsale, seine Erbitterung und seine Hoffnungen. In der Tat griff er mit aller Entschlossenheit die Fortsetzung des vaeterlichen Werkes an und ruestete eifriger, als es vorher geschehen war, zum Kriege gegen Rom; kam doch fuer ihn noch hinzu, dass es wahrlich nicht die Schuld der Roemer war, wenn er das makedonische Diadem trug. Mit Stolz sah die stolze makedonische Nation auf den Prinzen, den sie an der Spitze ihrer Jugend stehen und fechten zu sehen gewohnt war; seine Landsleute und viele Hellenen aller Staemme meinten in ihm den rechten Feldherrn fuer den nahen Befreiungskrieg gefunden zu haben. Aber er war nicht, was er schien; ihm fehlte Philipps Genialitaet und Philipps Spannkraft, die wahrhaft koeniglichen Eigenschaften, die das Glueck verdunkelt und geschaendet, aber die reinigende Macht der Not wieder zu Ehren gebracht hatte. Philippos liess sich und die Dinge gehen; aber wenn es galt, fand er in sich die Kraft zu raschem und ernstlichem Handeln. Perseus spann weite und feine Plaene und verfolgte sie mit unermuedlicher Beharrlichkeit; aber wenn die Stunde schlug und das, was er angelegt und vorbereitet hatte, ihm in der lebendigen Wirklichkeit entgegentrat, erschrak er vor seinem eigenen Werke. Wie es beschraenkten Naturen eigen ist, ward ihm das Mittel zum Zweck; er haeufte Schaetze auf Schaetze fuer den Roemerkrieg und als die Roemer im Lande standen, vermochte er nicht von seinen Goldstuecken sich zu trennen. Es ist bezeichnend, dass nach der Niederlage der Vater zuerst eilte, die kompromittierenden Papiere in seinem Kabinett zu vernichten, der Sohn dagegen seine Kassen nahm und sich einschiffte. In gewoehnlichen Zeiten haette er einen Koenig vom Dutzendschlag so gut und besser wie mancher andere abgeben koennen; aber er war nicht geschaffen, ein Unternehmen zu leiten, das von Haus aus verloren war, wenn nicht ein ausserordentlicher Mann es beseelte.

Makedoniens Macht war nicht gering. Die Ergebenheit des Landes gegen das Haus der Antigoniden war ungebrochen, das Nationalgefuehl hier allein nicht durch den Hader politischer Parteien paralysiert. Den grossen Vorteil der monarchischen Verfassung, dass jeder Regierungswechsel den alten Groll und Zank beseitigt und eine neue Aera anderer Menschen und frischer Hoffnungen herauffuehrt, hatte der Koenig verstaendig benutzt und seine Regierung begonnen mit allgemeiner Amnestie, mit Zurueckberufung der fluechtigen Bankerottierer und Erlass der rueckstaendigen Steuern. Die gehaessige Haerte des Vaters brachte also dem Sohn nicht bloss Vorteil, sondern auch Liebe. Sechsundzwanzig Friedensjahre hatten die Luecken in der makedonischen Bevoelkerung teils von selbst ausgefuellt, teils der Regierung gestattet, hierfuer als fuer den eigentlichen wunden Fleck des Landes ernstliche Fuersorge zu treffen. Philippos hielt die Makedonier an zur Ehe und Kinderzeugung; er besetzte die Kuestenstaedte, aus denen er die Einwohner in das Innere zog, mit thrakischen Kolonisten von zuverlaessiger Wehrhaftigkeit und Treue; er zog, um die verheerenden Einfaelle der Dardaner ein fuer allemal abzuwehren, gegen Norden eine Scheidewand, indem er das Zwischenland jenseits der Landesgrenze bis an das barbarische Gebiet zu Einoede machte, und gruendete neue Staedte in den noerdlichen Provinzen. Kurz, er tat Zug fuer Zug dasselbe fuer Makedonien, wodurch spaeter Augustus das Roemische Reich zum zweitenmal gruendete. Die Armee war zahlreich - 30 000 Mann, ohne die Zuzuege und die Mietstruppen zu rechnen - und die junge Mannschaft geuebt durch den bestaendigen Grenzkrieg gegen die thrakischen Barbaren. Seltsam ist es, dass Philippos nicht wie Hannibal es versuchte, sein Heer roemisch zu organisieren; allein es begreift sich, wenn man sich erinnert, was den Makedoniern ihre zwar oft ueberwundene, aber doch noch immer unueberwindlich geglaubte Phalanx galt. Durch die neuen Finanzquellen, die Philippos in Bergwerken, Zoellen und Zehnten sich geschaffen hatte, und den aufbluehenden Ackerbau und Handel war es gelungen, den Schatz, die Speicher und die Arsenale zu fuellen; als der Krieg begann, lag im makedonischen Staatsschatz Geld genug, um fuer das dermalige Heer und fuer 10000 Mann Mietstruppen auf zehn Jahre den Sold zu zahlen und fanden sich in den oeffentlichen Magazinen Getreidevorraete auf ebenso lange Zeit (18 Mill. Medimnen oder preussische Scheffel) und Waffen fuer ein dreifach so starkes Heer, als das gegenwaertige war. In der Tat war Makedonien ein ganz anderer Staat geworden, als da es durch den Ausbruch des zweiten Krieges mit Rom ueberrascht ward; die Macht des Reiches war in allen Beziehungen mindestens verdoppelt - mit einer in jeder Hinsicht weit geringeren hatte Hannibal es vermocht, Rom bis in seine Grundfesten zu erschuettern.

Nicht so guenstig standen die aeusseren Verhaeltnisse. Es lag in der Natur der Sache, dass Makedonien jetzt die Plaene von Hannibal und von Antiochos wieder aufnehmen und versuchen musste, sich an die Spitze einer Koalition aller unterdrueckten Staaten gegen Roms Suprematie zu stellen; und allerdings gingen die Faeden vom Hofe zu Pydna nach allen Seiten. Indes der Erfolg war gering. Dass die Treue der Italiker schwankte, ward wohl behauptet; allein es konnte weder Freund noch Feind entgehen, dass zunaechst die Wiederaufnahme der Samnitenkriege nicht gerade wahrscheinlich sei. Die naechtlichen Konferenzen makedonischer Abgeordneter mit dem karthagischen Senat, die Massinissa in Rom denunzierte, konnten gleichfalls ernsthafte und einsichtige Maenner nicht erschrecken, selbst wenn sie nicht, wie es sehr moeglich ist, voellig erfunden waren. Die Koenige von Syrien und Bithynien suchte der makedonische Hof durch Zwischenheiraten in das makedonische Interesse zu ziehen; allein es kam dabei weiter nichts heraus, als dass die unsterbliche Naivitaet der Diplomatie, die Laender mit Liebschaften erobern zu wollen, sich einmal mehr prostituierte. Den Eumenes, den gewinnen zu wollen laecherlich gewesen waere, haetten Perseus’ Agenten gern beseitigt; er sollte auf der Rueckkehr von Rom, wo er gegen Makedonien gewirkt hatte, bei Delphi ermordet werden, allein der saubere Plan misslang.

Von groesserer Bedeutung waren die Bestrebungen, die noerdlichen Barbaren und die Hellenen gegen Rom aufzuwiegeln. Philippos hatte den Plan entworfen, die alten Feinde Makedoniens, die Dardaner in dem heutigen Serbien, zu erdruecken durch einen anderen, vom linken Ufer der Donau herbeigezogenen, noch wilderen Schwarm deutscher Abstammung, den der Bastarner, sodann mit diesen und der ganzen dadurch in Bewegung gesetzten Voelkerlawine selbst nach Italien auf dem Landweg zu ziehen und in die Lombardei einzufallen, wohin er die Alpenpaesse bereits erkunden liess - ein grossartiger, Hannibals wuerdiger Entwurf, welchen auch ohne Zweifel Hannibals Alpenuebergang unmittelbar angeregt hat. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass hiermit die Gruendung der roemischen Festung Aquileia zusammenhaengt, die eben in Philippos’ letzte Zeit faellt (573 181) und nicht passt zu dem sonst von den Roemern bei ihren italischen Festungsanlagen befolgten System. Der Plan scheiterte indes an dem verzweifelten Widerstand der Dardaner und der mitbetroffenen naechstwohnenden Voelkerschaften; die Bastarner mussten wieder abziehen und der ganze Haufen ertrank auf der Heimkehr unter dem einbrechenden Eise der Donau. Der Koenig suchte nun wenigstens unter den Haeuptlingen des illyrischen Landes, des heutigen Dalmatiens und des noerdlichen Albaniens, seine Klientel auszubreiten. Nicht ohne Perseus’ Vorwissen kam einer derselben, der treulich zu Rom hielt, Arthetauros, durch Moerderhand um. Der bedeutendste von allen, Genthios, der Sohn und Erbe des Pleuratos, stand zwar dem Namen nach gleich seinem Vater in Buendnis mit Rom, allein die Boten von Issa, einer griechischen Stadt auf einer der dalmatinischen Inseln, berichteten dem Senat, dass Koenig Perseus mit dem jungen, schwachen, trunkfaelligen Menschen in heimlichem Einverstaendnis stehe und Genthios’ Gesandte in Rom dem Perseus als Spione dienten.

In den Landschaften oestlich von Makedonien gegen die untere Donau zu stand der maechtigste unter den thrakischen Haeuptlingen, der Fuerst der Orysen und Herr des ganzen oestlichen Thrakiens von der makedonischen Grenze am Hebros (Maritza) bis an den mit griechischen Staedten bedeckten Kuestensaum, der kluge und tapfere Kotys, mit Perseus im engsten Buendnis; von den anderen kleineren Haeuptlingen, die es hier mit Rom hielten, ward einer, der Fuerst der Sagaeer, Abrupolis, infolge eines gegen Amphipolis am Strymon gerichteten Raubzugs von Perseus geschlagen und aus dem Lande getrieben. Von hierher hatte Philipp zahlreiche Kolonisten gezogen und standen Soeldner zu jeder Zeit in beliebiger Zahl zu Gebot.

Unter der ungluecklichen hellenischen Nation ward von Philippos und Perseus lange vor der Kriegserklaerung gegen Rom ein zwiefacher Propagandakrieg lebhaft gefuehrt, indem man teils die nationale, teils - man gestatte den Ausdruck - die kommunistische Partei auf die Seite Makedoniens zu bringen versuchte. Dass alle national Gesinnten unter den asiatischen wie unter den europaeischen Griechen jetzt im Herzen makedonisch waren, versteht sich von selbst; nicht wegen einzelner Ungerechtigkeiten der roemischen Befreier, sondern weil die Herstellung der hellenischen Nationalitaet durch eine fremde den Widerspruch in sich selbst trug, und jetzt, wo es freilich zu spaet war, jeder es begriff, dass die abscheulichste makedonische Regierung minder unheilvoll fuer Griechenland war als die aus den edelsten Absichten ehrenhafter Auslaender hervorgegangene freie Verfassung. Dass die tuechtigsten und rechtschaffensten Leute in ganz Griechenland gegen Rom Partei ergriffen, war in der Ordnung; roemisch gesinnt war nur die feile Aristokratie und hier und da ein einzelner ehrlicher Mann, der ausnahmsweise sich ueber den Zustand und die Zukunft der Nation nicht taeuschte. Am schmerzlichsten empfand dies Eumenes von Pergamon, der Traeger jener fremdlaendischen Freiheit unter den Griechen. Vergeblich behandelte er die ihm unterworfenen Staedte mit Ruecksichten aller Art; vergeblich buhlte er um die Gunst der Gemeinden und der Tagsatzungen mit wohlklingenden Worten und noch besser klingendem Golde - er musste vernehmen, dass man seine Geschenke zurueckgewiesen, ja dass man eines schoenen Tages im ganzen Peloponnes nach Tagsatzungsbeschluss alle frueher ihm errichteten Statuen zerschlagen und die Ehrentafeln eingeschmolzen habe (584 170), waehrend Perseus’ Name auf allen Lippen war; waehrend selbst die ehemals am entschiedensten antimakedonisch gesinnten Staaten, wie die Achaeer, ueber die Aufhebung der gegen Makedonien gerichteten Gesetze berieten; waehrend Byzantion, obwohl innerhalb des Pergamenischen Reiches gelegen, nicht von Eumenes, sondern von Perseus Schutz und Besatzung gegen die Thraker erbat und empfing, und ebenso Lampsakos am Hellespont sich dem Makedonier anschloss; waehrend die maechtigen und besonnenen Rhodier dem Koenig Perseus seine syrische Braut, da die syrischen Kriegsschiffe im Aegaeischen Meer sich nicht zeigen durften, mit ihrer ganzen praechtigen Kriegsflotte von Antiocheia her zufuehrten und hochgeehrt und reich beschenkt, namentlich mit Holz zum Schiffbau, wieder heimkehrten; waehrend Beauftragte der asiatischen Staedte, also der Untertanen des Eumenes, in Samothrake mit makedonischen Abgeordneten geheime Konferenzen hielten. Jene Sendung der rhodischen Kriegsflotte schien wenigstens eine Demonstration; und sicher war es eine, dass der Koenig Perseus unter dem Vorwand einer gottesdienstlichen Handlung bei Delphi den Hellenen sich und seine ganze Armee zur Schau stellte. Dass der Koenig sich auf diese nationale Propaganda bei dem bevorstehenden Kriege zu stuetzen gedachte, war in der Ordnung. Arg aber war es, dass er die fuerchterliche oekonomische Zerruettung Griechenlands benutzte, um alle diejenigen, die eine Umwaelzung der Eigentums- und Schuldverhaeltnisse wuenschten, an Makedonien zu ketten. Von der beispiellosen Ueberschuldung der Gemeinden wie der einzelnen im europaeischen Griechenland, mit Ausnahme des in dieser Hinsicht etwas besser geordneten Peloponnes, ist es schwer, sich einen hinreichenden Begriff zu machen; es kam vor, dass eine Stadt die andere ueberfiel und auspluenderte, bloss um Geld zu machen, so zum Beispiel die Athener Oropos, und bei den Aetolern, den Perrhaebern, den Thessalern lieferten die Besitzenden und die Nichtbesitzenden sich foermliche Schlachten. Die aergsten Greueltaten verstehen sich bei solchen Zustaenden von selbst; so wurde bei den Aetolern eine allgemeine Versoehnung verkuendet und ein neuer Landfriede gemacht, einzig zu dem Zweck, eine Anzahl von Emigranten ins Garn zu locken und zu ermorden. Die Roemer versuchten zu vermitteln; aber ihre Gesandten kehrten unverrichteter Sache zurueck und meldeten, dass beide Parteien gleich schlecht und die Erbitterung nicht zu bezaehmen sei. Hier half in der Tat nichts anderes mehr als der Offizier und der Scharfrichter; der sentimentale Hellenismus fing an, ebenso grauenvoll zu werden, wie er von Anfang an laecherlich gewesen war. Koenig Perseus aber bemaechtigte sich dieser Partei, wenn sie den Namen verdient, der Leute, die nichts, am wenigsten einen ehrlichen Namen zu verlieren hatten, und erliess nicht bloss Verfuegungen zu Gunsten der makedonischen Bankerottierer, sondern liess auch in Larisa, Delphi und Delos Plakate anschlagen, welche saemtliche wegen politischer oder anderer Verbrechen oder ihrer Schulden wegen landfluechtig gewordene Griechen aufforderten, nach Makedonien zu kommen und volle Einsetzung in ihre ehemaligen Ehren und Gueter zu gewaertigen. Dass sie kamen, kann man sich denken; ebenso dass in ganz Nordgriechenland die glimmende soziale Revolution nun in offene Flammen ausschlug und die national-soziale Partei daselbst um Hilfe zu Perseus sandte. Wenn die hellenische Nationalitaet nur mit solchen Mitteln zu retten war, so durfte bei aller Verehrung fuer Sophokles und Pheidias man sich die Frage erlauben, ob das Ziel des Preises wert sei.

Der Senat begriff, dass er schon zu lange gezoegert habe und dass es Zeit sei, dem Treiben ein Ende zu machen. Die Vertreibung des thrakischen Haeuptlings Abrupolis, der mit den Roemern in Buendnis stand, die Buendnisse Makedoniens mit den Byzantiern, Aetolern und einem Teil der boeotischen Staedte waren ebensoviel Verletzungen des Friedens von 557 (197) und genuegten fuer das offizielle Kriegsmanifest; der wahre Grund des Krieges war, dass Makedonien im Begriff stand, seine formelle Souveraenitaet in eine reelle zu verwandeln und Rom aus dem Patronat ueber die Hellenen zu verdraengen. Schon 581 (173) sprachen die roemischen Gesandten auf der achaeischen Tagsatzung es ziemlich unumwunden aus, dass ein Buendnis mit Perseus mit dem Abfall von dem roemischen gleichbedeutend sei. Im Jahr 582 (172) kam Koenig Eumenes persoenlich nach Rom mit einem langen Beschwerdenregister und deckte die ganze Lage der Dinge im Senat auf, worauf dieser wider Erwarten in geheimer Sitzung sofort die Kriegserklaerung beschloss und die Landungsplaetze in Epeiros mit Besatzungen versah. Der Form wegen ging noch eine Gesandtschaft nach Makedonien, deren Botschaft aber derart war, dass Perseus, erkennend, dass er nicht zurueck koenne, die Antwort gab, er sei bereit, ein neues wirklich gleiches Buendnis mit Rom zu schliessen, allein den Vertrag von 557 (197) sehe er als aufgehoben an, und die Gesandten anwies, binnen drei Tagen das Reich zu verlassen. Damit war der Krieg tatsaechlich erklaert. Es war im Herbst 582 (172); wenn Perseus wollte, konnte er ganz Griechenland besetzen und die makedonische Partei ueberall ans Regiment bringen, ja vielleicht die bei Apollonia stehende roemische Division von 5000 Mann unter Gnaeus Sicinius erdruecken und den Roemern die Landung streitig machen. Allein der Koenig, dem schon vor dem Ernst der Dinge zu grauen begann, liess sich mit seinem Gastfreund, dem Konsular Quintus Marcius Philippus, ueber die Frivolitaet der roemischen Kriegserklaerung in Verhandlungen ein und sich durch diese bestimmen, den Angriff zu verschieben und noch einmal einen Friedensversuch in Rom zu machen, den, wie begreiflich, der Senat nur beantwortete mit der Ausweisung saemtlicher Makedonier aus Italien und der Einschiffung der Legionen. Zwar tadelten die Senatoren der aelteren Schule die “neue Weisheit” ihres Kollegen und die unroemische List; allein der Zweck war erreicht und der Winter verfloss, ohne dass Perseus sich ruehrte. Desto eifriger nutzten die roemischen Diplomaten die Zwischenzeit, um Perseus eines jeden Anhaltes in Griechenland zu berauben. Der Achaeer war man sicher. Nicht einmal die Patriotenpartei daselbst, die weder mit jenen sozialen Bewegungen einverstanden war noch ueberhaupt sich weiter verstieg als zu der Sehnsucht nach einer weisen Neutralitaet, dachte daran, sich Perseus in die Arme zu werfen; und ueberdies war dort jetzt durch roemischen Einfluss die Gegenpartei ans Ruder gekommen, die unbedingt sich an Rom anschloss. Der Aetolische Bund hatte zwar in seinen inneren Unruhen von Perseus Hilfe erbeten; aber der unter den Augen der roemischen Gesandten gewaehlte neue Strateg Lykiskos war roemischer gesinnt als die Roemer selbst. Auch bei den Thessalern behielt die roemische Partei die Oberhand. Sogar die von Alters her makedonisch gesinnten und oekonomisch aufs tiefste zerruetteten Boeoter hatten in ihrer Gesamtheit sich nicht offen fuer Perseus erklaert; doch liessen wenigstens drei ihrer Staedte, Thisbae, Haliartos und Koroneia auf eigene Hand sich mit Perseus ein. Da auf die Beschwerde des roemischen Gesandten die Regierung der boeotischen Eidgenossenschaft ihm den Stand der Dinge mitteilte, erklaerte jener, dass sich am besten zeigen werde, welche Stadt es mit Rom halte und welche nicht, wenn jede sich einzeln ihm gegenueber ausspreche; und daraufhin lief die Boeotische Eidgenossenschaft geradezu auseinander. Es ist nicht wahr, dass Epaminondas’ grosser Bau von den Roemern zerstoert worden ist; er fiel tatsaechlich zusammen, ehe sie daran ruehrten, und ward also freilich das Vorspiel fuer die Aufloesung der uebrigen, noch fester geschlossenen griechischen Staedtebuende ^2. Mit der Mannschaft der roemisch gesinnten boeotischen Staedte belagerte der roemische Gesandte Publius Lentulus Haliartos, noch ehe die roemische Flotte im Aegaeischen Meer erschien.

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^2 Die rechtliche Aufloesung der Boeotischen Eidgenossenschaft erfolgte uebrigens wohl noch nicht jetzt, sondern erst nach der Zerstoerung Korinths (Paus. 7, 14, 4; 16, 6.)

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Chalkis ward mit achaeischer, die orestische Landschaft mit epeirotischer Mannschaft, die dassaretischen und illyrischen Kastelle an der makedonischen Westgrenze von den Truppen des Gnaeus Sicinius besetzt, und sowie die Schiffahrt wieder begann, erhielt Larisa eine Besatzung von 2000 Mann. Perseus sah dem allem untaetig zu und hatte keinen Fussbreit Landes ausserhalb seines eigenen Gebietes inne, als im Fruehling oder nach dem offiziellen Kalender im Juni 583 (171) die roemischen Legionen an der Westkueste landeten. Es ist zweifelhaft, ob Perseus namhafte Bundesgenossen gefunden haben wuerde, auch wenn er soviel Energie gezeigt haette, als er Schlaffheit bewies; unter diesen Umstaenden blieb er natuerlich voellig allein, und jene weitlaeufigen Propagandaversuche fuehrten vorlaeufig wenigstens zu gar nichts. Karthago, Genthios von Illyrien, Rhodos und die kleinasiatischen Freistaedte, selbst das mit Perseus bisher so eng befreundete Byzanz, boten den Roemern Kriegsschiffe an, welche diese indes ablehnten. Eumenes machte sein Landheer und seine Schiffe mobil. Koenig Ariarathes von Kappadokien schickte ungeheissen Geiseln nach Rom. Perseus’ Schwager, Koenig Prusias II. von Bithynien, blieb neutral. In ganz Griechenland ruehrte sich niemand. Koenig Antiochos IV. von Syrien, im Kurialstil “der Gott, der glaenzende Siegbringer” genannt zur Unterscheidung von seinem Vater, dem “Grossen”, ruehrte sich zwar, aber nur um dem ganz ohnmaechtigen Aegypten waehrend dieses Krieges das syrische Kuestenland zu entreissen.

Indes wenn Perseus auch fast allein stand, so war er doch ein nicht veraechtlicher Gegner. Sein Heer zaehlte 43000 Mann, darunter 21000 Phalangiten und 4000 makedonische und thrakische Reiter, der Rest groesstenteils Soeldner. Die Gesamtmacht der Roemer in Griechenland betrug zwischen 30- und 40000 Mann italischer Truppen, ausserdem ueber 10000 Mann numidischen, ligurischen, griechischen, kretischen und besonders pergamenischen Zuzugs. Dazu kam die Flotte, die nur 40 Deckschiffe zaehlte, da ihr keine feindliche gegenueberstand - Perseus, dem der Vertrag mit Rom Kriegsschiffe zu bauen verboten hatte, richtete erst jetzt Werften in Thessalonike ein -, die aber bis 10000 Mann Truppen an Bord hatte, da sie hauptsaechlich bei Belagerungen mitzuwirken bestimmt war. Die Flotte fuehrte Gaius Lucretius, das Landheer der Konsul Publius Licinius Crassus. Derselbe liess eine starke Abteilung in Illyrien, um von Westen aus Makedonien zu beunruhigen, waehrend er mit der Hauptmacht wie gewoehnlich von Apollonia nach Thessalien aufbrach. Perseus dachte nicht daran, den schwierigen Marsch zu stoeren, sondern begnuegte sich, in Perrhaebien einzuruecken und die naechsten Festungen zu besetzen. Am Ossa erwartete er den Feind und unweit Larisa erfolgte das erste Gefecht zwischen den beiderseitigen Reitern und leichten Truppen. Die Roemer wurden entschieden geschlagen. Kotys mit der thrakischen Reiterei hatte die italische, Perseus mit der makedonischen die griechische geworfen und zersprengt; die Roemer hatten 2000 Mann zu Fuss, 2000 Reiter an Toten, 600 Reiter an Gefangenen verloren und mussten sich gluecklich schaetzen, unbehindert den Peneios ueberschreiten zu koennen. Perseus benutzte den Sieg, um auf dieselben Bedingungen, die Philippos erhalten hatte, den Frieden zu erbitten; sogar dieselbe Summe zu zahlen war er bereit. Die Roemer schlugen die Forderung ab; sie schlossen nie Frieden nach einer Niederlage, und hier haette der Friedensschluss allerdings folgeweise den Verlust Griechenlands nach sich gezogen. Indes anzugreifen verstand der elende roemische Feldherr auch nicht; man zog hin und her in Thessalien, ohne dass etwas von Bedeutung geschah. Perseus konnte die Offensive ergreifen; er sah die Roemer schlecht gefuehrt und zaudernd; wie ein Lauffeuer war die Nachricht durch Griechenland gegangen, dass das griechische Heer im ersten Treffen glaenzend gesiegt habe - ein zweiter Sieg konnte zur allgemeinen Insurrektion der Patriotenpartei fuehren und durch die Eroeffnung eines Guerillakrieges unberechenbare Erfolge bewirken. Allein Perseus war ein guter Soldat, aber kein Feldherr wie sein Vater; er hatte sich auf einen Verteidigungskrieg gefasst gemacht, und wie die Dinge anders gingen, fand er sich wie gelaehmt. Einen unbedeutenden Erfolg, den die Roemer in einem zweiten Reitergefecht bei Phalanna davontrugen, nahm er zum Vorwand, um nun doch, wie es beschraenkten und eigensinnigen Naturen eigen ist, zu dem ersten Plan zurueckzukehren und Thessalien zu raeumen. Das hiess natuerlich soviel, als auf jeden Gedanken einer hellenischen Insurrektion verzichten; was sonst sich haette erreichen lassen, zeigt der dennoch erfolgte Parteiwechsel der Epeiroten. Von beiden Seiten geschah seitdem nichts Ernstliches mehr; Perseus ueberwand den Koenig Genthios, zuechtigte die Dardaner und liess durch Kotys die roemisch gesinnten Thraker und die pergamenischen Truppen aus Thrakien hinausschlagen. Dagegen nahm die roemische Westarmee einige illyrische Staedte, und der Konsul beschaeftigte sich damit, Thessalien von den makedonischen Besatzungen zu reinigen und sich der unruhigen Aetoler und Akarnanen durch Besetzung von Ambrakia zu versichern. Am schwersten aber empfanden den roemischen Heldenmut die ungluecklichen boeotischen Staedte, die mit Perseus hielten; die Einwohner sowohl von Thisbae, das sich ohne Widerstand ergab, sowie der roemische Admiral Gaius Lucretius vor der Stadt erschien, wie von Haliartos, das ihm die Tore schloss und erstuermt werden musste, wurden von ihm in die Sklaverei verkauft, Koroneia von dem Konsul Crassus gar der Kapitulation zuwider ebenso behandelt. Noch nie hatte ein roemisches Heer so schlechte Mannszucht gehalten wie unter diesen Befehlshabern. Sie hatten das Heer so zerruettet, dass auch im naechsten Feldzug 584 (170) der neue Konsul Aulus Hostilius an ernstliche Unternehmungen nicht denken konnte, zumal da der neue Admiral Lucius Hortensius sich ebenso unfaehig und gewissenlos erwies wie sein Vorgaenger. Die Flotte lief ohne allen Erfolg in den thrakischen Kuestenplaetzen an. Die Westarmee unter Appius Claudius, dessen Hauptquartier in Lychnidos im dassaretischen Gebiet war, erlitt eine Schlappe ueber die andere; nachdem eine Expedition nach Makedonien hinein voellig verunglueckt war, griff gegen Anfang des Winters der Koenig mit den an der Suedgrenze durch den tiefen, alle Paesse sperrenden Schnee entbehrlich gewordenen Truppen den Appius seinerseits an, nahm ihm zahlreiche Ortschaften und eine Menge Gefangene ab und knuepfte Verbindungen mit dem Koenig Genthios an; ja er konnte einen Versuch machen, in Aetolien einzufallen, waehrend Appius sich in Epeiros von der Besatzung einer Festung, die er vergeblich belagert hatte, noch einmal schlagen liess. Die roemische Hauptarmee machte ein paar Versuche, erst ueber die Kambunischen Berge, dann durch die thessalischen Paesse in Makedonien einzudringen, aber sie wurden schlaff angestellt und beide von Perseus zurueckgewiesen. Hauptsaechlich beschaeftigte der Konsul sich mit der Reorganisierung des Heeres, die freilich auch vor allen Dingen noetig war, aber einen strengeren Mann und einen namhafteren Offizier erforderte. Abschied und Urlaub waren kaeuflich geworden, die Abteilungen daher niemals vollzaehlig; die Mannschaft ward im Sommer einquartiert, und wie die Offiziere im grossen Stil, stahlen die Gemeinen im kleinen; die befreundeten Voelkerschaften wurden in schmaehlicher Weise beargwohnt - so waelzte man die Schuld der schimpflichen Niederlage bei Larisa auf die angebliche Verraeterei der aetolischen Reiterei und sandte unerhoerterweise deren Offiziere zur Kriminaluntersuchung nach Rom; so draengte man die Molotter in Epeiros. durch falschen Verdacht zum wirklichen Abfall; die verbuendeten Staedte wurden, als waeren sie erobert, mit Kriegskontributionen belegt, und wenn sie auf den roemischen Senat provozierten, die Buerger hingerichtet oder zu Sklaven verkauft - so in Abdera und aehnlich in Chalkis. Der Senat schritt sehr ernstlich ein ^3: er befahl die Befreiung der ungluecklichen Koroneier und Abderiten und verbot den roemischen Beamten, ohne Erlaubnis des Senats Leistungen von den Bundesgenossen zu verlangen. Gaius Lucretius ward von der Buergerschaft einstimmig verurteilt. Allein das konnte nicht aendern, dass das Ergebnis dieser beiden ersten Feldzuege militaerisch null, politisch ein Schandfleck fuer die Roemer war, deren ungemeine Erfolge im Osten nicht zum wenigsten darauf beruhten, dass sie der hellenischen Suendenwirtschaft gegenueber sittlich rein und tuechtig auftraten. Haette an Perseus’ Stelle Philippos kommandiert, so wuerde dieser Krieg vermutlich mit der Vernichtung des roemischen Heeres und dem Abfall der meisten Hellenen begonnen haben; allein Rom war so gluecklich, in den Fehlern stets von seinen Gegnern ueberboten zu werden. Perseus begnuegte sich in Makedonien, das nach Sueden und Westen eine wahre Bergfestung ist, gleichwie in einer belagerten Stadt sich zu verschanzen.

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^3 Der kuerzlich aufgefundene Senatsbeschluss vom 9. Oktober 584 (170), der die Rechtsverhaeltnisse von Thisbae regelt (Eph. epigr. 1872, S. 278 f.; AM 4, 1889, S. 235f.), gibt einen deutlichen Einblick in diese Verhaeltnisse.

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Auch der dritte Oberfeldherr, den Rom 585 (169) nach Makedonien sandte, Quintus Marcius Philippus, jener schon erwaehnte ehrliche Gastfreund des Koenigs, war seiner keineswegs leichten Aufgabe durchaus nicht gewachsen. Er war ehrgeizig und unternehmend, aber ein schlechter Offizier. Sein Wagestueck, durch den Pass Lapathus westlich von Tempe den Uebergang ueber den Olympos in der Art zu gewinnen, dass er gegen die Besatzung des Passes eine Abteilung zurueckliess und mit der Hauptmacht durch unwegsame Abhaenge nach Herakleion zu den Weg sich bahnte, wird dadurch nicht entschuldigt, dass es gelang. Nicht bloss konnte eine Handvoll entschlossener Leute ihm den Weg verlegen, wo dann an keinen Rueckzug zu denken war, sondern noch nach dem Uebergang stand er mit der makedonischen Hauptmacht vor sich, hinter sich die stark befestigten Bergfestungen Tempe und Lapathus, eingekeilt in eine schmale Strandebene und ohne Zufuhr wie ohne Moeglichkeit zu fouragieren, in einer nicht minder verzweifelten Lage, als da er in seinem ersten Konsulat in den ligurischen Engpaessen, die seitdem seinen Namen behielten, sich gleichfalls hatte umzingeln lassen. Allein wie damals ihn ein Zufall rettete, so jetzt Perseus’ Unfaehigkeit. Als ob er den Gedanken nicht fassen koenne, gegen die Roemer anders als durch Sperrung der Paesse sich zu verteidigen, gab er sich seltsamerweise verloren, sowie er die Roemer diesseits derselben erblickte, fluechtete eiligst nach Pydna und befahl, seine Schiffe zu verbrennen und seine Schaetze zu versenken. Aber selbst dieser freiwillige Abzug der makedonischen Armee befreite den Konsul noch nicht aus seiner peinlichen Lage. Er ging zwar ungehindert vor, musste aber nach vier Tagemaerschen wegen Mangels an Lebensmitteln sich wieder rueckwaerts wenden; und da auch der Koenig zur Besinnung kam und schleunigst umkehrte, um in die verlassene Position wieder einzuruecken, so waere das roemische Heer in grosse Gefahr geraten, wenn nicht zur rechten Zeit das unueberwindliche Tempe kapituliert und seine reichen Vorraete dem Feind ueberliefert haette. Die Verbindung mit dem Sueden war nun zwar dadurch dem roemischen Heere gesichert; aber auch Perseus hatte sich in seiner frueheren wohlgewaehlten Stellung an dem Ufer des kleinen Flusses Elpios stark verbarrikadiert und hemmte hier den weiteren Vormarsch der Roemer. So verblieb das roemische Heer den Rest des Sommers und den Winter eingeklemmt in den aeussersten Winkel Thessaliens; und wenn die Ueberschreitung der Paesse allerdings ein Erfolg und der erste wesentliche in diesem Krieg war, so verdankte man ihn doch nicht der Tuechtigkeit des roemischen, sondern der Verkehrtheit des feindlichen Feldherrn. Die roemische Flotte versuchte vergebens Demetrias zu nehmen und richtete ueberhaupt gar nichts aus. Perseus’ leichte Schiffe streiften kuehn zwischen den Kykladen, beschuetzten die nach Makedonien bestimmten Kornschiffe und griffen die feindlichen Transporte auf. Bei der Westarmee stand es noch weniger gut; Appius Claudius konnte mit seiner geschwaechten Abteilung nichts ausrichten, und der von ihm begehrte Zuzug aus Achaia ward durch die Eifersucht des Konsuls abgehalten zu kommen. Dazu kam, dass Genthios sich von Perseus durch das Versprechen einer grossen Geldsumme hatte erkaufen lassen, mit Rom zu brechen, und die roemischen Gesandten einkerkern liess; worauf uebrigens der sparsame Koenig es ueberfluessig fand, die zugesicherten Gelder zu zahlen, da Genthios nun allerdings ohnehin gezwungen war, statt der bisherigen zweideutigen eine entschieden feindliche Stellung gegen Rom einzunehmen. So hatte man also einen kleinen Krieg mehr neben dem grossen, der nun schon drei Jahre sich hinzog. Ja haette Perseus sich von seinem Golde zu trennen vermocht, er haette den Roemern noch gefaehrlichere Feinde erwecken koennen. Ein Keltenschwarm unter Clondicus, 10000 Mann zu Pferde und ebenso viele zu Fuss, bot in Makedonien selbst sich an, bei ihm Dienste zu nehmen; allein man konnte sich ueber den Sold nicht einigen. Auch in Hellas gaerte es so, dass ein Guerillakrieg sich mit einiger Geschicklichkeit und einer vollen Kasse leicht haette entzuenden lassen; allein da Perseus nicht Lust hatte zu geben und die Griechen nichts umsonst taten, blieb das Land ruhig.

Endlich entschloss man sich in Rom, den rechten Mann nach Griechenland zu senden. Es war Lucius Aemilius Paullus, der Sohn des gleichnamigen Konsuls, der bei Cannae fiel; ein Mann von altem Adel, aber geringem Vermoegen und deshalb auf dem Wahlplatz nicht so gluecklich wie auf dem Schlachtfeld, wo er in Spanien und mehr noch in Ligurien sich ungewoehnlich hervorgetan. Ihn waehlte das Volk fuer das Jahr 586 (168) zum zweitenmal zum Konsul seiner Verdienste wegen, was damals schon eine seltene Ausnahme war. Er war in jeder Beziehung der rechte: ein vorzueglicher Feldherr von der alten Schule, streng gegen sich und seine Leute und trotz seiner sechzig Jahre noch frisch und kraeftig, ein unbestechlicher Beamter - “einer der wenigen Roemer jener Zeit, denen man kein Geld bieten konnte”, sagt ein Zeitgenosse von ihm - und ein Mann von hellenischer Bildung, der noch als Oberfeldherr die Gelegenheit benutzte, um Griechenland der Kunstwerke wegen zu bereisen.

Sowie der neue Feldherr im Lager bei Herakleion eingetroffen war, liess er, waehrend Vorpostengefechte im Flussbett des Elpios die Makedonier beschaeftigten, den schlecht bewachten Pass bei Pythion durch Publius Nasica ueberrumpeln; der Feind war dadurch umgangen und musste nach Pydna zurueckweichen. Hier, am roemischen 4. September 586 (168) oder am 22. Juni des Julianischen Kalenders - eine Mondfinsternis, die ein kundiger roemischer Offizier dem Heer voraussagte, damit kein boeses Anzeichen darin gefunden werde, gestattet hier die genaue Zeitbestimmung - wurden beim Traenken der Rosse nach Mittag zufaellig die Vorposten handgemein, und beide Teile entschlossen sich, die eigentlich erst auf den naechsten Tag angesetzte Schlacht sofort zu liefern. Ohne Helm und Panzer durch die Reihen schreitend ordnete der greise Feldherr der Roemer selber seine Leute. Kaum standen sie, so stuermte die furchtbare Phalanx auf sie ein; der Feldherr selber, der doch manchen harten Kampf gesehen hatte, gestand spaeter ein, dass er gezittert habe. Die roemische Vorhut zerstob, eine paelignische Kohorte ward niedergerannt und fast vernichtet, die Legionen selbst wichen eilig zurueck, bis sie einen Huegel erreicht hatten, bis hart an das roemische Lager. Hier wandte sich das Glueck. Das unebene Terrain und die eilige Verfolgung hatte die Glieder der Phalanx geloest; in einzelnen Kohorten drangen die Roemer in jede Luecke ein, griffen von der Seite und von hinten an, und da die makedonische Reiterei, die allein noch haette Hilfe bringen koennen, ruhig zusah und bald sich in Massen davonmachte, mit ihr unter den ersten der Koenig, so war in weniger als einer Stunde das Geschick Makedoniens entschieden. Die 3000 erlesenen Phalangiten liessen sich niederhauen bis auf den letzten Mann; es war, als wolle die Phalanx, die ihre letzte grosse Schlacht bei Pydna schlug, hier selber untergehen. Die Niederlage war furchtbar; 20000 Makedonier lagen auf dem Schlachtfeld, 11000 wurden gefangen. Der Krieg war zu Ende, am fuenfzehnten Tage nachdem Paullus den Oberbefehl uebernommen hatte; ganz Makedonien unterwarf sich in zwei Tagen. Der Koenig fluechtete mit seinem Golde - noch hatte er ueber 6000 Talente (10 Mill. Taler) in seiner Kasse - nach Samothrake, begleitet von wenigen Getreuen. Allein da er selbst von diesen noch einen ermordete, den Euandros von Kreta, der als Anstifter des gegen Eumenes versuchten Mordes zur Rechenschaft gezogen werden sollte, verliessen ihn auch die koeniglichen Pagen und die letzten Gefaehrten. Einen Augenblick hoffte er, dass das Asylrecht ihn schuetzen werde; allein selbst er begriff, dass er sich an einen Strohhalm halte. Ein Versuch, zu Kotys zu fluechten, misslang. So schrieb er an den Konsul; allein der Brief ward nicht angenommen, da er sich darin Koenig genannt hatte. Er erkannte sein Schicksal und lieferte auf Gnade und Ungnade den Roemern sich aus mit seinen Kindern und seinen Schaetzen, kleinmuetig und weinend, den Siegern selbst zum Ekel. Mit ernster Freude und mehr der Wandelbarkeit der Geschicke als dem gegenwaertigen Erfolg nachsinnend empfing der Konsul den vornehmsten Gefangenen, den je ein roemischer Feldherr heimgebracht hat. Perseus starb wenige Jahre darauf als Staatsgefangener in Alba am Fuciner See ^4; sein Sohn lebte in spaeteren Jahren in derselben italischen Landstadt als Schreiber.

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^4 Dass die Roemer, um zugleich ihm das Wort zu halten, das ihm sein Leben verbuergte, und Rache an ihm zu nehmen, ihn durch Entziehung des Schlafs getoetet, ist sicher eine Fabel.

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So ging das Reich Alexanders des Grossen, das den Osten bezwungen und hellenisiert hatte, 144 Jahre nach seinem Tode zugrunde.

Damit aber zu dem Trauerspiel die Posse nicht fehlte, ward gleichzeitig auch der Krieg gegen den “Koenig” Genthios von Illyrien von dem Praetor Lucius Anicius binnen dreissig Tagen begonnen und beendet, die Piratenflotte genommen, die Hauptstadt Skodra erobert, und die beiden Koenige, der Erbe des grossen Alexander und der des Pleuratos, zogen nebeneinander gefangen in Rom ein.

Es war im Senat beschlossen worden, dass die Gefahr nicht wiederkehren duerfe, die Flamininus’ unzeitige Milde ueber Rom gebracht hatte. Makedonien ward vernichtet. Auf der Konferenz zu Amphipolis am Strymon verfuegte die roemische Kommission die Aufloesung des festgeschlossenen, durch und durch monarchischen Einheitsstaates in vier, nach dem Schema der griechischen Eidgenossenschaften zugeschnittene republikanisch-foederative Gemeindebuende, den von Amphipolis in den oestlichen Landschaften, den von Thessalonike mit der chalkidischen Halbinsel, den von Pella an der thessalischen Grenze und den von Pelagonia im Binnenland. Zwischenheiraten unter den Angehoerigen der verschiedenen Eidgenossenschaften waren ungueltig, und keiner durfte in mehr als einer derselben ansaessig sein. Alle koeniglichen Beamten sowie deren erwachsene Soehne mussten das Land verlassen und sich nach Italien begeben, bei Todesstrafe - man fuerchtete noch immer, und mit Recht, die Zuckungen der alten Loyalitaet. Das Landrecht und die bisherige Verfassung blieb uebrigens bestehen; die Beamten wurden natuerlich durch Gemeindewahlen ernannt und innerhalb der Gemeinden wie der Buende die Macht in die Haende der Vornehmen gelegt. Die koeniglichen Domaenen und die Regalien wurden den Eidgenossenschaften nicht zugestanden, namentlich die Gold- und Silbergruben, ein Hauptreichtum des Landes, zu bearbeiten untersagt; doch ward 596 (138) wenigstens die Ausbeutung der Silbergruben wieder gestattet ^5. Die Einfuhr von Salz, die Ausfuhr von Schiffbauholz wurden verboten. Die bisher an den Koenig gezahlte Grundsteuer fiel weg, und es blieb den Eidgenossenschaften und den Gemeinden ueberlassen, sich selber zu besteuern; doch hatten diese die Haelfte der bisherigen Grundsteuer nach einem ein fuer allemal festgestellten Satz, zusammen jaehrlich 100 Talente (170000 Taler), nach Rom zu entrichten ^6. Das ganze Land ward fuer ewige Zeiten entwaffnet, die Festung Demetrias geschleift; nur an der Nordgrenze sollte eine Postenkette gegen die Einfaelle der Barbaren bestehen bleiben. Von den abgelieferten Waffen wurden die kupfernen Schilde nach Rom gesandt, der Rest verbrannt.

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^5 Die Angabe Cassiodors, dass im Jahre 596 (158) die makedonischen Bergwerke wieder eroeffnet wurden, erhaelt ihre naehere Bestimmung durch die Muenzen. Goldmuenzen der vier Makedonien sind nicht vorhanden; die Goldgruben also blieben entweder geschlossen oder es wurde das gewonnene Gold als Barren verwertet. Dagegen finden sich allerdings Silbermuenzen des ersten Makedoniens (Amphipolis), in welchem Bezirk die Silbergruben belegen sind; fuer die kurze Zeit in der sie geschlagen sein muessen (596-608 158-146) ist die Zahl derselben auffallend gross und zeugt entweder von einem sehr energischen Betrieb der Gruben oder von massenhafter Umpraegung des alten Koeniggeldes.

^6 Wenn das makedonische Gemeinwesen durch die Roemer der “herrschaftlichen Auflagen und Abgaben entlastet ward” (Polyb. 37, 4), so braucht deshalb noch nicht notwendig ein spaeterer Erlass dieser Steuer angenommen zu werden; es genuegt zur Erklaerung von Polybios’ Worten, dass die bisher herrschaftliche jetzt Gemeindesteuer ward. Der Fortbestand der der Provinz Makedonien von Paullus gegebenen Verfassung bis wenigstens in die augustische Zeit (Liv. 45, 32; Iust. 33, 2) wuerde freilich sich auch mit dem Erlass der Steuer vereinigen lassen.

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Man erreichte seinen Zweck. Das makedonische Land hat zweimal noch auf den Ruf von Prinzen aus dem alten Herrscherhause zu den Waffen gegriffen, und ist uebrigens von jener Zeit bis auf den heutigen Tag ohne Geschichte geblieben.

Aehnlich ward Illyrien behandelt. Das Reich des Genthios ward in drei kleine Freistaaten zerschnitten; auch hier zahlten die Ansaessigen die Haelfte der bisherigen Grundsteuer an ihre neuen Herren, mit Ausnahme der Staedte, die es mit den Roemern gehalten hatten und dafuer Grundsteuerfreiheit erhielten - eine Ausnahme, die zu machen Makedonien keine Veranlassung bot. Die illyrische Piratenflotte ward konfisziert und den angeseheneren griechischen Gemeinden an dieser Kueste geschenkt. Die ewigen Quaelereien, welche die Illyrier den Nachbarn namentlich durch ihre Korsaren zufuegten, hatten hiermit wenigstens auf lange hinaus ein Ende.

Kotys in Thrakien, der schwer zu erreichen und gelegentlich gegen Eumenes zu brauchen war, erhielt Verzeihung und seinen gefangenen Sohn zurueck.

So waren die noerdlichen Verhaeltnisse geordnet und auch Makedonien endlich von dem Joch der Monarchie erloest - in der Tat, Griechenland war freier als je, ein Koenig nirgend mehr vorhanden.

Aber man beschraenkte sich nicht darauf, Makedonien Sehnen und Nerven zu zerschneiden. Es war im Senat beschlossen, die saemtlichen hellenischen Staaten, Freund und Feind, ein fuer allemal unschaedlich zu machen und sie miteinander in dieselbe demuetige Klientel hinabzudruecken. Die Sache selbst mag sich rechtfertigen lassen; allein die Art der Ausfuehrung namentlich gegen die maechtigeren unter den griechischen Klientelstaaten ist einer Grossmacht nicht wuerdig und zeigt, dass die Epoche der Fabier und Scipionen zu Ende ist. Am schwersten traf dieser Rollenwechsel denjenigen Staat, der von Rom geschaffen und grossgezogen war, um Makedonien im Zaum zu halten, und dessen man jetzt nach Makedoniens Vernichtung freilich nicht mehr bedurfte, das Reich der Attaliden. Es war nicht leicht, gegen den klugen und besonnenen Eumenes einen ertraeglichen Vorwand zu finden, um ihn aus seiner bevorzugten Stellung zu verdraengen und ihn in Ungnade fallen zu lassen. Auf einmal kamen um die Zeit, da die Roemer im Lager bei Herakleion standen, seltsame Geruechte ueber ihn in Umlauf; er stehe mit Perseus im heimlichen Verkehr; ploetzlich sei seine Flotte wie weggeweht gewesen; fuer seine Nichtteilnahme am Feldzug seien ihm 500, fuer die Vermittlung des Friedens 1500 Talente geboten worden, und nur an Perseus’ Geiz habe sich der Vertrag zerschlagen. Was die pergamenische Flotte anlangt, so ging der Koenig mit ihr, als die roemische sich ins Winterquartier begab, gleichfalls heim, nachdem er dem Konsul seine Aufwartung gemacht hatte. Die Bestechungsgeschichte ist so sicher ein Maerchen wie nur irgendeine heutige Zeitungsente; denn dass der reiche, schlaue und konsequente Attalide, der den Bruch zwischen Rom und Makedonien durch seine Reise 582 (172) zunaechst veranlasst hatte, und fast deswegen von Perseus’ Banditen ermordet worden waere, in dem Augenblick, wo die wesentlichen Schwierigkeiten eines Krieges ueberwunden waren, an dessen endlichem Ausgang er ueberdies nie ernstlich gezweifelt haben konnte, dass er seinen Anteil an der Beute seinem Moerder um einige Talente verkauft und das Werk langer Jahre an eine solche Erbaermlichkeit gesetzt haben sollte, ist denn doch nicht bloss gelogen, sondern sehr albern gelogen. Dass kein Beweis weder in Perseus’ Papieren noch sonst sich vorfand, ist sicher genug; denn selbst die Roemer wagten nicht, jene Verdaechtigungen laut auszusprechen. Aber sie hatten ihren Zweck. Was man wollte, zeigt das Benehmen der roemischen Grossen gegen Attalos, Eumenes’ Bruder, der die pergamenischen Hilfstruppen in Griechenland befehligt hatte. Mit offenen Armen ward der wackere und treue Kamerad in Rom empfangen und aufgefordert, nicht fuer seinen Bruder, sondern fuer sich zu bitten - gern werde der Senat ihm ein eigenes Reich gewaehren, Attalos erbat nichts als Aenos und Maroneia. Der Senat meinte, dass dies nur eine vorlaeufige Bitte sei und gestand sie mit grosser Artigkeit zu. Als er aber abreiste, ohne weitere Forderungen gestellt zu haben, und der Senat zu der Einsicht kam, dass die pergamenische Regentenfamilie unter sich nicht so lebe, wie es in den fuerstlichen Haeusern hergebracht war, wurden Aenos und Maroneia zu Freistaedten erklaert. Nicht einen Fussbreit Landes erhielten die Pergamener von der makedonischen Beute; hatte man nach Antiochos’ Besiegung Philippos gegenueber noch die Formen geschont, so wollte man jetzt verletzen und demuetigen. Um diese Zeit scheint der Senat Pamphylien, ueber dessen Besitz Eumenes und Antiochos bisher gestritten, unabhaengig erklaert zu haben. Wichtiger war es, dass die Galater, bisher im wesentlichen in der Gewalt des Eumenes, nachdem derselbe den pontischen Koenig mit Waffengewalt aus Galatien vertrieben und im Frieden ihm die Zusage abgenoetigt hatte, mit den galatischen Fuersten keine Verbindung ferner unterhalten zu wollen, jetzt, ohne Zweifel rechnend auf die zwischen Eumenes und den Roemern eingetretene Spannung, wenn nicht geradezu von diesen veranlasst, sich gegen Eumenes erhoben, sein Reich ueberschwemmten und ihn in grosse Gefahr brachten. Eumenes erbat die roemische Vermittlung; der roemische Gesandte war dazu bereit, meinte aber, dass Attalos, der das pergamenische Heer befehligte, besser nicht mitgehe, um die Wilden nicht zu verstimmen, und merkwuerdigerweise richtete er gar nichts aus, ja er erzaehlte bei der Rueckkehr, dass seine Vermittlung die Wilden erst recht erbittert habe. Es waehrte nicht lange, so ward die Unabhaengigkeit der Galater von dem Senat ausdruecklich anerkannt und gewaehrleistet. Eumenes entschloss sich, persoenlich nach Rom zu gehen und im Senat seine Sache zu fuehren. Da beschloss dieser ploetzlich, wie vom boesen Gewissen geplagt, dass Koenige kuenftig nicht mehr nach Rom sollten kommen duerfen, und schickte ihm nach Brundisium einen Quaestor entgegen, ihm diesen Senatsbeschluss vorzulegen, ihn zu fragen, was er wolle, und ihm anzudeuten, dass man seine schleunige Abreise gern sehen werde. Der Koenig schwieg lange; er begehre, sagte er endlich, weiter nichts und schiffte sich wieder ein. Er sah, wie es stand: die Epoche der halbmaechtigen und halbfreien Bundesgenossenschaft war zu Ende; es begann die der ohnmaechtigen Untertaenigkeit.

Aehnlich erging es den Rhodiern. Ihre Stellung war ungemein bevorzugt; sie standen mit Rom nicht in eigentlicher Symmachie, sondern in einem gleichen Freundschaftsverhaeltnis, das sie nicht hinderte, Buendnisse jeder Art einzugehen und nicht noetigte, den Roemern auf Verlangen Zuzug zu leisten. Vermutlich war eben dies die letzte Ursache, weshalb ihr Einverstaendnis mit Rom schon seit einiger Zeit getruebt war. Die ersten Zerwuerfnisse mit Rom hatten stattgefunden infolge des Aufstandes der nach Antiochos’ Ueberwindung ihnen zugeteilten Lykier gegen ihre Zwingherren, die sie (576 178) als abtruennige Untertanen in grausamer Weise knechteten; diese aber behaupteten, nicht Untertanen, sondern Bundesgenossen der Rhodier zu sein und drangen damit im roemischen Senat durch, als derselbe aufgefordert war, den zweifelhaften Sinn des Friedensinstruments festzustellen. Hierbei hatte indes ein gerechtfertigtes Mitleid mit den, arg gedrueckten Leuten wohl das meiste getan; wenigstens geschah von Rom nichts weiter, und man liess diesen wie anderen hellenischen Hader gehen. Als der Krieg mit Perseus ausbrach, sahen ihn die Rhodier zwar wie alle uebrigen verstaendigen Griechen ungern, und namentlich Eumenes als Anstifter desselben war uebel berufen, so dass sogar seine Festgesandtschaft bei der Heliosfeier in Rhodos abgewiesen ward. Allein dies hinderte sie nicht, fest an Rom zu halten und die makedonische Partei, die es wie allerorts so auch in Rhodos gab, nicht an das Ruder zu lassen; die noch 585 (169) ihnen erteilte Erlaubnis, Getreide aus Sizilien auszufuehren, beweist die Fortdauer des guten Vernehmens mit Rom. Ploetzlich erschienen kurz vor der Schlacht bei Pydna rhodische Gesandte im roemischen Hauptquartier und im roemischen Senat mit der Erklaerung, dass die Rhodier nicht laenger diesen Krieg dulden wuerden, der auf ihren makedonischen Handel und auf die Hafeneinnahme druecke, und dass sie der Partei, die sich weigere, Frieden zu schliessen, selbst den Krieg zu erklaeren gesonnen seien, auch zu diesem Ende bereits mit Kreta und mit den asiatischen Staedten ein Buendnis abgeschlossen haetten. In einer Republik mit Urversammlungen ist vieles moeglich; aber diese wahnsinnige Intervention einer Handelsstadt, die erst beschlossen sein kann, als man in Rhodos den Fall des Tempepasses kannte, verlangt eine naehere Erklaerung. Den Schluessel gibt die wohl beglaubigte Nachricht, dass der Konsul Quintus Marcius, jener Meister der “neumodischen Diplomatie”, im Lager bei Herakleion, also nach Besetzung des Tempepasses, den rhodischen Gesandten Agepolis mit Artigkeiten ueberhaeuft und ihn unter der Hand ersucht hatte, den Frieden zu vermitteln. Republikanische Verkehrtheit und Eitelkeit taten das uebrige; man meinte, die Roemer gaeben sich verloren, man haette gern zwischen vier Grossmaechten zugleich den Vermittler gespielt - Verbindungen mit Perseus spannen sich an; rhodische Gesandte von makedonischer Gesinnung sagten mehr, als sie sagen sollten; und man war gefangen. Der Senat, der ohne Zweifel groesstenteils selbst von jenen Intrigen nichts wusste, vernahm die wundersame Botschaft mit begreiflicher Indignation und war erfreut ueber die gute Gelegenheit zur Demuetigung der uebermuetigen Kaufstadt. Ein kriegslustiger Praetor ging gar so weit, bei dem Volk die Kriegserklaerung gegen Rhodos zu beantragen. Umsonst beschworen die rhodischen Gesandten einmal ueber das andere kniefaellig den Senat, der hundertundvierzigjaehrigen Freundschaft mehr als des einen Verstosses zu gedenken; umsonst schickten sie die Haeupter der makedonischen Partei auf das Schafott oder nach Rom; umsonst sandten sie einen schweren Goldkranz zum Dank fuer die unterbliebene Kriegserklaerung. Der ehrliche Cato bewies zwar, dass die Rhodier eigentlich gar nichts verbrochen haetten und fragte, ob man anfangen wolle, Wuensche und Gedanken zu strafen und ob man den Voelkern die Besorgnis verargen koenne, dass die Roemer sich alles erlauben moechten, wenn sie niemanden mehr fuerchten wuerden. Seine Worte und Warnungen waren vergeblich. Der Senat nahm den Rhodiern ihre Besitzungen auf dem Festland, die einen jaehrlichen Ertrag von 120 Talenten (200000 Taler) abwarfen. Schwerer noch fielen die Schlaege gegen den rhodischen Handel. Schon die Verbote der Salzeinfuhr nach und der Ausfuhr von Schiffbauholz aus Makedonien scheinen gegen Rhodos gerichtet. Unmittelbarer noch traf den rhodischen Handel die Errichtung des delischen Freihafens; der rhodische Hafenzoll, der bis dahin jaehrlich 1 Mill. Drachmen (286000 Taler) abgeworfen hatte, sank in kuerzester Zeit auf 150000 Drachmen (43000 Taler). Ueberhaupt aber waren die Rhodier in ihrer Freiheit und dadurch in ihrer freien und kuehnen Handelspolitik gelaehmt, und der Staat fing an zu siechen. Selbst das erbetene Buendnis ward anfangs abgeschlagen und erst 590 (164) nach wiederholten Bitten erneuert. Die gleich schuldigen, aber machtlosen Kreter kamen mit einem derben Verweis davon.

Mit Syrien und Aegypten konnte man kuerzer zu Werke gehen. Zwischen beiden war Krieg ausgebrochen, wieder einmal ueber Koilesyrien und Palaestina. Nach der Behauptung der Aegypter waren diese Provinzen bei der Vermaehlung der syrischen Kleopatra an Aegypten abgetreten worden; was der Hof von Babylon indes, der sich im faktischen Besitz befand, in Abrede stellte. Wie es scheint, gab die Anweisung der Mitgift auf die Steuern der koilesyrischen Staedte die Veranlassung zu dem Hader und war das Recht auf syrischer Seite; den Ausbruch des Krieges veranlasste der Tod der Kleopatra im Jahr 581 (173), mit dem spaetestens die Rentenzahlungen aufhoerten. Der Krieg scheint von Aegypten begonnen zu sein; allein auch Koenig Antiochos Epiphanes ergriff die Gelegenheit gern, um das traditionelle Ziel der Seleukidenpolitik, die Erwerbung Aegyptens, waehrend der Beschaeftigung der Roemer in Makedonien noch einmal - es sollte das letzte Mal sein - anzustreben. Das Glueck schien ihm guenstig. Der damalige Koenig von Aegypten, Ptolemaeos VI. Philometor, der Sohn jener Kleopatra, hatte kaum das Knabenalter ueberschritten und war schlecht beraten; nach einem grossen Sieg an der syrisch-aegyptischen Grenze konnte Antiochos in demselben Jahr, in welchem die Legionen in Griechenland landeten (583 171), in das Gebiet seines Neffen einruecken und bald war dieser selbst in seiner Gewalt. Es gewann den Anschein, als gedenke Antiochos unter Philometors Namen, sich in den Besitz von ganz Aegypten zu setzen; Alexandreia schloss ihm deshalb die Tore, setzte den Philometor ab und ernannte an seiner Stelle den juengeren Bruder, Euergetes II. oder der Dicke genannt, zum Koenig. Unruhen in seinem Reiche riefen den syrischen Koenig aus Aegypten ab; als er zurueckkam, hatten in seiner Abwesenheit die Brueder sich miteinander vertragen, und er setzte nun gegen beide den Krieg fort. Wie er eben vor Alexandreia stand, nicht lange nach der Schlacht von Pydna (586 168), traf ihn der roemische Gesandte Gaius Popillius, ein harter, barscher Mann, und insinuierte ihm den Befehl des Senats, alles Eroberte zurueckzugeben und Aegypten in einer bestimmten Frist zu raeumen. Der Koenig erbat sich Bedenkzeit; aber der Konsular zog mit dem Stabe einen Kreis um ihn und hiess ihn sich erklaeren, bevor er den Kreis ueberschreite. Antiochos erwiderte, dass er gehorche und zog ab nach seiner Residenz, um dort als der Gott, der glaenzende Siegbringer, der er war, die Bezwingung Aegyptens nach roemischer Sitte zu feiern und den Triumph des Paullus zu parodieren.

Aegypten fuegte sich freiwillig in die roemische Klientel; aber auch die Koenige von Babylon standen hiermit ab von dem letzten Versuch, ihre Unabhaengigkeit gegen Rom zu behaupten. Wie Makedonien im Krieg des Perseus, so machten die Seleukiden im koilesyrischen den gleichen und gleich letzten Versuch, sich ihre ehemalige Macht wiederzugewinnen; aber es ist bezeichnend fuer den Unterschied der beiden Reiche, dass dort die Legionen, hier das barsche Wort eines Diplomaten entschied.

In Griechenland selbst waren als Verbuendete des Perseus, nachdem die boeotischen Staedte schon mehr als genug gebuesst hatten, nur noch die Molotter zu strafen. Auf geheimen Befehl des Senats gab Paullus an einem Tage siebzig Ortschaften in Epeiros der Pluenderung preis und verkaufte die Einwohner, 150000 an der Zahl, in die Sklaverei. Die Aetoler verloren Amphipolis, die Akarnanen Leukas wegen ihres zweideutigen Benehmens; wogegen die Athener, die fortfuhren, den bettelnden Poeten ihres Aristophanes zu spielen, nicht bloss Delos und Lemnos geschenkt erhielten, sondern sogar sich nicht schaemten, um die oede Staette von Haliartos zu petitionieren, die ihnen denn auch zuteil ward. So war etwas fuer die Musen geschehen, aber mehr war zu tun fuer die Justiz. Eine makedonische Partei gab es in jeder Stadt und also begannen durch ganz Griechenland die Hochverratsprozesse. Wer in Perseus’ Heer gedient hatte, ward sofort hingerichtet; nach Rom ward beschieden, wen die Papiere des Koenigs oder die Angabe der zum Denunzieren herbeistroemenden politischen Gegner konpromittierten - der Achaeer Kallikrates und der Aetoler Lykiskos zeichneten sich aus in diesem Gewerbe. So wurden die namhafteren Patrioten unter den Thessalern, Aetolern, Akarnanen, Lesbiern und so weiter aus der Heimat entfernt; namentlich aber ueber tausend Achaeer, wobei man nicht so sehr den Zweck verfolgte, den weggefuehrten Leuten den Prozess, als die kindische Opposition der Hellenen mundtot zu machen. Den Achaeern, die wie gewoehnlich sich nicht zufrieden gaben, bis sie die Antwort hatten, die sie ahnten, erklaerte der Senat, ermuedet durch die ewigen Bitten um Einleitung der Untersuchung, endlich rundheraus, dass bis auf weiter die Leute in Italien bleiben wuerden. Sie wurden hier in den Landstaedten interniert und leidlich gehalten, Fluchtversuche indes mit dem Tode bestraft; aehnlich wird die Lage der aus Makedonien weggefuehrten ehemaligen Beamten gewesen sein. Wie die Dinge einmal standen, war dieser Ausweg, so gewaltsam er war, noch der ertraeglichste und die enragierten Griechen der Roemerpartei sehr wenig zufrieden damit, dass man nicht haeufiger koepfte. Lykiskos hatte es deshalb zweckmaessig gefunden, in der Ratsversammlung vorlaeufig 500 der vornehmsten Maenner der aetolischen Patriotenpartei niederstossen zu lassen; die roemische Kommission, die den Menschen brauchte, liess es hingehen und tadelte nur, dass man diesen hellenischen Landesgebrauch durch roemische Soldaten habe vollstrecken lassen. Aber man darf glauben, dass sie zum Teil, um solche Greuel abzuschneiden, jenes italische Internierungssystem aufstellte. Da ueberhaupt im eigentlichen Griechenland keine Macht auch nur von der Bedeutung von Rhodos oder Pergamon bestand, so bedurfte es hier einer Demuetigung weiter nicht, sondern was man tat, geschah nur, um Gerechtigkeit, freilich im roemischen Sinne, zu ueben und die aergerlichsten Ausbrueche des Parteihaders zu beseitigen.

Es waren hiermit die hellenistischen Staaten saemtlich der roemischen Klientel vollstaendig untertan geworden und das gesamte Reich Alexanders des Grossen, gleich als waere die Stadt seiner Erben Erbe geworden, an die roemische Buergergemeinde gefallen. Von allen Seiten stroemten die Koenige und die Gesandten nach Rom, um Glueck zu wuenschen, und es zeigte sich, dass niemals kriechender geschmeichelt wird, als wenn Koenige antichambrieren. Koenig Massinissa, der nur auf ausdruecklichen Befehl davon abgestanden war, selber zu erscheinen, liess durch seinen Sohn erklaeren, dass er sich nur als den Nutzniesser, die Roemer aber als die wahren Eigentuemer seines Reiches betrachte und dass er stets mit dem zufrieden sein werde, was sie ihm uebrig lassen wuerden. Darin war wenigstens Wahrheit. Koenig Prusias von Bithynien aber, der seine Neutralitaet abzubuessen hatte, trug die Palme in diesem Wettkampf davon; er fiel auf sein Antlitz nieder, als er in den Senat gefuehrt ward, und huldigte den “rettenden Goettern”. Da er so sehr veraechtlich war, sagt Polybios, gab man ihm eine artige Antwort und schenkte ihm die Flotte des Perseus.

Der Augenblick wenigstens fuer solche Huldigungen war wohlgewaehlt. Von der Schlacht von Pydna rechnet Polybios die Vollendung der roemischen Weltherrschaft. Sie ist in der Tat die letzte Schlacht, in der ein zivilisierter Staat als ebenbuertige Grossmacht Rom auf der Walstatt gegenuebergetreten ist; alle spaeteren Kaempfe sind Rebellionen oder Kriege gegen Voelker, die ausserhalb des Kreises der roemisch-griechischen Zivilisation stehen, gegen sogenannte Barbaren. Die ganze zivilisierte Welt erkennt fortan in dem roemischen Senat den obersten Gerichtshof, dessen Kommissionen in letzter Instanz zwischen Koenigen und Voelkern entscheiden, um dessen Sprache und Sitte sich anzueignen fremde Prinzen und vornehme junge Maenner in Rom verweilen. Ein klarer und ernstlicher Versuch, sich dieser Herrschaft zu entledigen, ist in der Tat nur ein einziges Mal gemacht worden, von dem grossen Mithradates von Pontos. Die Schlacht bei Pydna bezeichnet aber auch zugleich den letzten Moment, wo der Senat noch festhaelt an der Staatsmaxime, wo irgend moeglich jenseits der italischen Meere keine Besitzungen und keine Besatzungen zu uebernehmen, sondern jene zahllosen Klientelstaaten durch die blosse politische Suprematie in Ordnung zu halten. Dieselben durften also weder sich in voellige Schwaeche und Anarchie aufloesen, wie es dennoch in Griechenland geschah, noch aus ihrer halbfreien Stellung sich zur vollen Unabhaengigkeit entwickeln, wie es doch nicht ohne Erfolg Makedonien versuchte. Kein Staat durfte ganz zugrunde gehen, aber auch keiner sich auf eigene Fuesse stellen; weshalb der besiegte Feind wenigstens die gleiche, oft eine bessere Stellung bei den roemischen Diplomaten hatte als der treue Bundesgenosse, und der Geschlagene zwar aufgerichtet, aber wer selber sich aufrichtete, erniedrigt ward - die Aetoler, Makedonien nach dem Asiatischen Krieg, Rhodos, Pergamon machten die Erfahrung. Aber diese Beschuetzerrolle ward nicht bloss bald den Herren ebenso unleidlich wie den Dienern, sondern es erwies sich auch das roemische Protektorat mit seiner undankbaren, stets von vorn wieder beginnenden Sisyphusarbeit als innerlich unhaltbar. Die Anfaenge eines Systemwechsels und der steigenden Abneigung Roms, auch nur Mittelstaaten in der ihnen moeglichen Unabhaengigkeit neben sich zu dulden, zeigen sich schon deutlich nach der Schlacht von Pydna in der Vernichtung der makedonischen Monarchie. Die immer haeufigere und immer unvermeidlichere Intervention in die inneren Angelegenheiten der griechischen Kleinstaaten mit ihrer Missregierung und ihrer politischen wie sozialen Anarchie, die Entwaffnung Makedoniens, wo doch die Nordgrenze notwendig einer anderen Wehr als blosser Posten bedurfte, endlich die beginnende Grundsteuerentrichtung nach Rom aus Makedonien und Illyrien sind ebensoviel Anfaenge der nahenden Verwandlung der Klientelstaaten in Untertanen Roms.

Werfen wir zum Schluss einen Blick zurueck auf den von Rom seit der Einigung Italiens bis auf Makedoniens Zertruemmerung durchmessenen Lauf, so erscheint die roemische Weltherrschaft keineswegs als ein von unersaettlicher Laendergier entworfener und durchgefuehrter Riesenplan, sondern als ein Ergebnis, das der roemischen Regierung sich ohne, ja wider ihren Willen aufgedrungen hat. Freilich liegt jene Auffassung nahe genug - mit Recht laesst Sallustius den Mithradates sagen, dass die Kriege Roms mit Staemmen, Buergerschaften und Koenigen aus einer und derselben uralten Ursache, aus der nie zu stillenden Begierde nach Herrschaft und Reichtum hervorgegangen seien; aber mit Unrecht hat man dieses durch die Leidenschaft und den Erfolg bestimmte Urteil als eine geschichtliche Tatsache in Umlauf gesetzt. Es ist offenbar fuer jede nicht oberflaechliche Betrachtung, dass die roemische Regierung waehrend dieses ganzen Zeitraums nichts wollte und begehrte als die Herrschaft ueber Italien, dass sie bloss wuenschte, nicht uebermaechtige Nachbarn neben sich zu haben, und dass sie, nicht aus Humanitaet gegen die Besiegten, sondern in dem sehr richtigen Gefuehl, den Kern des Reiches nicht von der Umlage erdruecken zu lassen, sich ernstlich dagegen stemmte, erst Afrika, dann Griechenland, endlich Asien in den Kreis der roemischen Klientel hineinzuziehen, bis die Umstaende jedesmal die Erweiterung des Kreises erzwangen oder wenigstens mit unwiderstehlicher Gewalt nahelegten. Die Roemer haben stets behauptet, dass sie nicht Eroberungspolitik trieben und stets die Angegriffenen gewesen seien; es ist dies doch etwas mehr als eine Redensart. Zu allen grossen Kriegen mit Ausnahme des Krieges um Sizilien, zu dem Hannibalischen und dem Antiochischen nicht minder als zu denen mit Philippos und Perseus, sind sie in der Tat entweder durch einen unmittelbaren Angriff oder durch eine unerhoerte Stoerung der bestehenden politischen Verhaeltnisse genoetigt und daher auch in der Regel von ihrem Ausbruch ueberrascht worden. Dass sie nach dem Sieg sich nicht so gemaessigt haben, wie sie vor allem im eigenen Interesse Italiens es haette tun sollen, dass zum Beispiel die Festhaltung Spaniens, die Uebernahme der Vormundschaft ueber Afrika, vor allem der halb phantastische Plan, den Griechen ueberall die Freiheit zu bringen, schwere Fehler waren gegen die italische Politik, ist deutlich genug. Allein die Ursachen davon sind teils die blinde Furcht vor Karthago, teils der noch viel blindere hellenische Freiheitsschwindel; Eroberungslust haben die Roemer in dieser Epoche so wenig bewiesen, dass sie vielmehr eine sehr verstaendige Eroberungsfurcht zeigen. Ueberall ist die roemische Politik nicht entworfen von einem einzigen gewaltigen Kopfe und traditionell auf die folgenden Geschlechter vererbt, sondern die Politik einer sehr tuechtigen, aber etwas beschraenkten Ratsherrenversammlung die, um Plaene in Caesars oder Napoleons Sinn zu entwerfen, der grossartigen Kombination viel zu wenig und des richtigen Instinkts fuer die Erhaltung des eigenen Gemeinwesens viel zu viel gehabt hat. Die roemische Weltherrschaft beruht in ihrem letzten Grunde auf der staatlichen Entwicklung des Altertums ueberhaupt. Die alte Welt kannte das Gleichgewicht der Nationen nicht und deshalb war jede Nation, die sich im Innern geeinigt hatte, ihre Nachbarn entweder geradezu zu unterwerfen bestrebt, wie die hellenischen Staaten, oder doch unschaedlich zu machen, wie Rom, was denn freilich schliesslich auch auf die Unterwerfung hinauslief. Aegypten ist vielleicht die einzige Grossmacht des Altertums, die ernstlich ein System des Gleichgewichts verfolgt hat; in dem entgegengesetzten trafen Seleukos und Antigonos, Hannibal und Scipio zusammen, und wenn es uns jammervoll erscheint, dass all die andern reich begabten und hochentwickelten Nationen des Altertums haben vergehen muessen, um eine unter allen zu bereichern, und dass alle am letzten Ende nur entstanden scheinen, um bauen zu helfen an Italiens Groesse und, was dasselbe ist, an Italiens Verfall, so muss doch die geschichtliche Gerechtigkeit es anerkennen, dass hierin nicht die militaerische Ueberlegenheit der Legion ueber die Phalanx, sondern die notwendige Entwicklung der Voelkerverhaeltnisse des Altertums ueberhaupt gewaltet, also nicht der peinliche Zufall entschieden, sondern das unabaenderliche und darum ertraegliche Verhaengnis sich erfuellt hat.

KAPITEL XI.
Regiment und Regierte

Der Sturz des Junkertums nahm dem roemischen Gemeinwesen seinen aristokratischen Charakter keineswegs. Es ist schon frueher darauf hingewiesen worden, dass die Plebejerpartei von Haus aus denselben gleichfalls, ja in gewissem Sinne noch entschiedener an sich trug als das Patriziat; denn wenn innerhalb des alten Buergertums die unbedingte Gleichberechtigung gegolten hatte, so ging die neue Verfassung von Anfang an aus von dem Gegensatz der in den buergerlichen Rechten wie in den buergerlichen Nutzungen bevorzugten senatorischen Haeuser zu der Masse der uebrigen Buerger. Unmittelbar mit der Beseitigung des Junkertums und mit der formellen Feststellung der buergerlichen Gleichheit bildeten sich also eine neue Aristokratie und die derselben entsprechende Opposition; und es ist frueher dargestellt worden, wie jene dem gestuerzten Junkertum sich gleichsam aufpfropfte und darum auch die ersten Regungen der neuen Fortschrittspartei sich mit den letzten der alten staendischen Opposition verschlangen. Die Anfaenge dieser Parteibildung gehoeren also dem fuenften, ihre bestimmte Auspraegung erst dem folgenden Jahrhundert an. Aber es wird diese innere Entwicklung nicht bloss von dem Waffenlaerm der grossen Kriege und Siege gleichsam uebertaeubt, sondern es entzieht sich auch ihr Bildungsprozess mehr als irgendein anderer in der roemischen Geschichte dem Auge. Wie eine Eisdecke unvermerkt ueber den Strom sich legt und unvermerkt denselben mehr und mehr einengt, so entsteht diese neue roemische Aristokratie; und ebenso unvermerkt tritt ihr die neue Fortschrittspartei gegenueber gleich der im Grunde sich verbergenden und langsam sich wieder ausdehnenden Stroemung. Die einzelnen jede fuer sich geringen Spuren dieser zwiefachen und entgegengesetzten Bewegung, deren historisches Fazit fuer jetzt noch in keiner eigentlichen Katastrophe tatsaechlich vor Augen tritt, zur allgemeinen geschichtlichen Anschauung zusammenzufassen, ist sehr schwer. Aber der Untergang der bisherigen Gemeindefreiheit und die Grundlegung zu den kuenftigen Revolutionen fallen in diese Epoche; und die Schilderung derselben sowie der Entwicklung Roms ueberhaupt bleibt unvollstaendig, wenn es nicht gelingt, die Maechtigkeit jener Eisdecke sowohl wie die Zunahme der Unterstroemung anschaulich darzulegen und in dem furchtbaren Droehnen und Krachen die Gewalt des kommenden Bruches ahnen zu lassen.

Die roemische Nobilitaet knuepfte auch formell an aeltere, noch der Zeit des Patriziats angehoerende Institutionen an. Die gewesenen ordentlichen hoechsten Gemeindebeamten genossen nicht bloss, wie selbstverstaendlich, von jeher tatsaechlich hoeherer Ehre, sondern es knuepften sich daran schon frueh gewisse Ehrenvorrechte. Das aelteste derselben war wohl, dass den Nachkommen solcher Beamten gestattet ward, im Familiensaal an der Wand, wo der Stammbaum gemalt war, die Wachsmasken dieser ihrer erlauchten Ahnen nach dem Tode derselben aufzustellen und diese Bilder bei Todesfaellen von Familiengliedern im Leichenkondukt aufzufuehren; wobei man sich erinnern muss, dass die Verehrung des Bildes nach italisch-hellenischer Anschauung als unrepublikanisch galt, und die roemische Staatspolizei darum die Ausstellung der Bilder von Lebenden ueberall nicht duldete und die der Bilder Verstorbener streng ueberwachte. Hieran schlossen mancherlei aeussere, solchen Beamten und ihren Nachkommen durch Gesetz oder Gebrauch reservierte Abzeichen sich an: der goldene Fingerring der Maenner, der silberbeschlagene Pferdeschmuck der Juenglinge, der Purpurbesatz des Oberkleides und die goldene Amulettkapsel der Knaben ^1 - geringe Dinge, aber dennoch wichtige in einer Gemeinde, wo die buergerliche Gleichheit auch im aeusseren Auftreten so streng festgehalten und noch waehrend des Hannibalischen Krieges ein Buerger eingesperrt und jahrelang im Gefaengnis gehalten ward, weil er unerlaubter Weise mit einem Rosenkranz auf dem Haupte oeffentlich erschienen war ^2. Diese Auszeichnungen moegen teilweise schon in der Zeit des Patrizierregiments bestanden und, solange innerhalb des Patriziats noch vornehme und geringe Familien unterschieden wurden, den ersteren als aeussere Abzeichen gedient haben; politische Wichtigkeit erhielten sie sicher erst durch die Verfassungsaenderung vom Jahre 387 (367), wo durch zu den jetzt wohl schon durchgaengig Ahnenbilder fuehrenden patrizischen die zum Konsulat gelangenden plebejischen Familien mit der gleichen Berechtigung hinzutraten. Jetzt stellte ferner sich fest, dass zu den Gemeindeaemtern, woran diese erblichen Ehrenrechte geknuepft waren, weder die niederen noch die ausserordentlichen noch die Vorstandschaft der Plebs gehoere, sondern lediglich das Konsulat, die diesem gleichstehende Praetur und die an der gemeinen Rechtspflege, also an der Ausuebung der Gemeindeherrlichkeit teilnehmende kurulische Aedilitaet ^3. Obwohl diese plebejische Nobilitaet im strengen Sinne des Wortes sich erst hat bilden koennen, seit die kurulischen Aemter sich den Plebejern geoeffnet hatten, steht sie doch in kurzer Zeit, um nicht zu sagen von vornherein, in einer gewissen Geschlossenheit da - ohne Zweifel weil laengst in den altsenatorischen Plebejerfamilien sich eine solche Adelschaft vorgebildet hatte. Das Ergebnis der Licinischen Gesetze kommt also der Sache nach nahezu hinaus auf das, was man jetzt einen Pairsschub nennen wuerde. Wie die durch ihre kurulischen Ahnen geadelten plebejischen Familien mit den patrizischen sich koerperschaftlich zusammenschlossen und eine gesonderte Stellung und ausgezeichnete Macht im Gemeinwesen errangen, war man wieder auf dem Punkte angelangt, von wo man ausgegangen war, gab es wieder nicht bloss eine regierende Aristokratie und einen erblichen Adel, welche beide in der Tat nie verschwunden waren, sondern einen regierenden Erbadel, und musste die Fehde zwischen den die Herrschaft okkupierenden Geschlechtern und den gegen die Geschlechter sich auflehnenden Gemeinen abermals beginnen. Und so weit war man sehr bald. Die Nobilitaet begnuegte sich nicht mit ihren gleichgueltigen Ehrenrechten, sondern rang nach politischer Sonder- und Alleinmacht und suchte die wichtigsten Institutionen des Staats, den Senat und die Ritterschaft, aus Organen des Gemeinwesens in Organe des altneuen Adels zu verwandeln.

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^1 All diese Abzeichen kommen, seit sie ueberhaupt aufkommen, zunaechst wahrscheinlich nur der eigentlichen Nobilitaet, d. h. den agnatischen Deszendenten kurulischer Beamten zu, obwohl sie nach der Art solcher Dekorationen im Laufe der Zeit alle auf einen weiteren Kreis ausgedehnt worden sind. Bestimmt nachzuweisen ist dies fuer den goldenen Fingerring, den im fuenften Jahrhundert nur die Nobilitaet (Plin. nat. 33, 1, 18), im sechsten schon jeder Senator und Senatorensohn (Liv. 26, 36), im siebenten jeder von Ritterzensus, in der Kaiserzeit jeder Freigeborene traegt; ferner von dem silbernen Pferdeschmuck, der noch im Hannibalischen Kriege nur der Nobilitaet zukommt (Liv. 26, 37); von dem Purpurbesatz der Knabentoga, der anfangs nur den Soehnen der kurulischen Magistrate, dann auch denen der Ritter, spaeterhin denen aller Freigeborenen endlich, aber doch schon zur Zeit des Hannibalischen Krieges, selbst den Soehnen der Freigelassenen gestattet ward (Macr. Sat. 1, 6). Die goldene Amulettkapsel (bulla) war Abzeichen der Senatorenkinder in der Zeit des Hannibalischen Krieges (Macr. Sat. a.a.O.; Liv. 26, 36), in der ciceronischen der Kinder von Ritterzensus (Cic. Verr. 1, 58, 152), wogegen die Geringeren das Lederamulett (lorum) tragen.

Der Purpurstreif (clavus) an der Tunika ist Abzeichen der Senatoren und der Ritter, so dass wenigstens in spaeterer Zeit ihn jene breit, diese schmal trugen; mit der Nobilitaet hat der Clavus nichts zu schaffen.

^2 Plin. nat. 21, 3, 6. Das Recht, oeffentlich bekraenzt zu erscheinen, ward durch Auszeichnung im Kriege erworben (Polyb. 6, 39, 9; Liv. 10, 41), das unbefugte Kranztragen war also ein aehnliches Vergehen, wie wenn heute jemand ohne Berechtigung einen Militaerverdienstorden anlegen wuerde.

^3 Ausgeschlossen bleiben also das Kriegstribunat mit konsularischer Gewalt, das Prokonsulat, die Quaestur, das Volkstribunat und andere mehr. Was die Zensur anlangt, so scheint sie trotz des kurulischen Sessels der Zensoren (Liv. 40, 45 ; vergl. 27, 8) nicht als kurulisches Amt gegolten zu haben; fuer die spaetere Zeit indes, wo nur der Konsular Zensor werden kann, ist die Frage ohne praktischen Wert. Die plebejische Aedilitaet hat urspruenglich sicher nicht zu den kurulischen Magistraturen gezaehlt (Liv. 23, 23); doch kann es sein, dass sie spaeter mit in den Kreis derselben hineingezogen ward.

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Die rechtliche Abhaengigkeit des roemischen Senats der Republik, namentlich des weiteren patrizisch-plebejischen, von der Magistratur, hatte sich rasch gelockert, ja in das Gegenteil verwandelt. Die durch die Revolution von 244 (510) eingeleitete Unterwerfung der Gemeindeaemter unter den Gemeinderat, die Uebertragung der Berufung in den Rat vom Konsul auf den Zensor, endlich und vor allem die gesetzliche Feststellung des Anrechts gewesener kurulischer Beamten auf Sitz und Stimme im Senat hatten den Senat aus einer, von den Beamten berufenen und in vieler Hinsicht von ihnen abhaengigen Ratsmannschaft in ein so gut wie unabhaengiges und in gewissem Sinn sich selber ergaenzendes Regierungskollegium umgewandelt; denn die beiden Wege, durch welche man in den Senat gelangte: die Wahl zu einem kurulischen Amte und die Berufung durch den Zensor, standen der Sache nach beide bei der Regierungsbehoerde selbst. Zwar war in dieser Epoche die Buergerschaft noch zu unabhaengig, um die Nichtadligen aus dem Senat vollstaendig ausschliessen zu lassen, auch wohl die Adelschaft noch zu verstaendig, um dies auch nur zu wollen; allein bei der streng aristokratischen Gliederung des Senats in sich selbst, der scharfen Unterscheidung sowohl der gewesenen kurulischen Beamten nach ihren drei Rangklassen der Konsulare, Praetorier und Aedilizier, als auch namentlich der nicht durch ein kurulisches Amt in den Senat gelangten und darum von der Debatte ausgeschlossenen Senatoren, wurden doch die Nichtadligen, obgleich sie wohl in ziemlicher Anzahl im Senate sassen, zu einer unbedeutenden und verhaeltnismaessig einflusslosen Stellung in demselben herabgedrueckt und ward der Senat wesentlich Traeger der Nobilitaet.

Zu einem zweiten, zwar minder wichtigen, aber darum nicht unwichtigen Organ der Nobilitaet wurde das Institut der Ritterschaft entwickelt. Dem neuen Erbadel musste, da er nicht die Macht hatte, sich des Alleinbesitzes der Komitien anzumassen, es in hohem Grade wuenschenswert sein, wenigstens eine Sonderstellung innerhalb der Gemeindevertretung zu erhalten. In der Quartierversammlung fehlte dazu jede Handhabe; dagegen schienen die Ritterzenturien in der Servianischen Ordnung fuer diesen Zweck wie geschaffen. Die achtzehnhundert Pferde, welche die Gemeinde lieferte ^4, wurden verfassungsmaessig ebenfalls von den Zensoren vergeben. Zwar sollten diese die Ritter nach militaerischen Ruecksichten erlesen und bei den Musterungen alle durch Alter oder sonst unfaehigen oder ueberhaupt unbrauchbaren Reiter anhalten, ihr Staatspferd abzugeben; aber dass die Ritterpferde vorzugsweise den Vermoegenden gegeben wurden, lag im Wesen der Einrichtung selbst, und ueberall war den Zensoren nicht leicht zu wehren, dass sie mehr auf vornehme Geburt sahen als auf Tuechtigkeit und den einmal aufgenommenen ansehnlichen Leuten, namentlich den Senatoren, auch ueber die Zeit ihr Pferd liessen. Vielleicht ist es sogar gesetzlich festgestellt worden, dass der Senator dasselbe behalten konnte, so lange er wollte. So wurde es denn wenigstens tatsaechlich Regel, dass die Senatoren in den achtzehn Ritterzenturien stimmten und die uebrigen Plaetze in denselben vorwiegend an die jungen Maenner der Nobilitaet kamen. Das Kriegswesen litt natuerlich darunter, weniger noch durch die effektive Dienstunfaehigkeit eines nicht ganz geringen Teils der Legionarreiterei, als durch die dadurch herbeigefuehrte Vernichtung der militaerischen Gleichheit, indem die vornehme Jugend sich von dem Dienst im Fussvolk mehr und mehr zurueckzog. Das geschlossene adlige Korps der eigentlichen Ritterschaft wurde tonangebend fuer die gesamte, den durch Herkunft und Vermoegen hoechstgestellten Buergern entnommene Legionarreiterei. Man wird es danach ungefaehr verstehen, weshalb die Ritter schon waehrend des Sizilischen Krieges dem Befehl des Konsuls Gaius Aurelius Cotta, mit den Legionariern zu schanzen, den Gehorsam verweigerten (502 252), und weshalb Cato als Oberfeldherr des spanischen Heeres seiner Reiterei eine ernste Strafrede zu halten sich veranlasst fand. Aber diese Umwandlung der Buergerreiterei in eine berittene Nobelgarde gereichte dem Gemeinwesen nicht entschiedener zum Nachteil als zum Vorteil der Nobilitaet, welche in den achtzehn Ritterzenturien nicht bloss ein gesondertes, sondern auch das tonangebende Stimmrecht erwarb.

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^4 Die gangbare Annahme, wonach die sechs Adelszenturien allein 1200 die gesamte Reiterei also 3600 Pferde gezaehlt haben soll, ist nicht haltbar. Die Zahl der Ritter nach der Anzahl der von den Annalisten aufgefuehrten Verdoppelungen zu bestimmen, ist ein methodischer Fehler; jede dieser Erzaehlungen ist vielmehr fuer sich entstanden und zu erklaeren. Bezeugt aber ist weder die erste Zahl, die nur in der selbst von den Verfechtern dieser Meinung als verschrieben anerkannten Stelle Ciceros (rep. 2, 20), noch die zweite, die ueberhaupt nirgend bei den Alten erscheint. Dagegen spricht fuer die im Text vorgetragene Annahme einmal und vor allem die nicht durch Zeugnisse, sondern durch die Institutionen selbst angezeigte Zahl; denn es ist gewiss, dass die Zenturie 100 Mann zaehlt und es urspruenglich drei, dann sechs, endlich seit der Servianischen Reform achtzehn Ritterzenturien gab. Die Zeugnisse gehen nur scheinbar davon ab. Die alte, in sich zusammenhaengende Tradition, die W. A. Becker (Handbuch, Bd. 2,1, S. 243) entwickelt hat, setzt nicht die achtzehn patrizisch-plebejischen, sondern die sechs patrizischen Zenturien auf 1800 Koepfe an: und dieser sind Livius (1, 36, nach der handschriftlich allein beglaubigten und durchaus nicht nach Livius’ Einzelansaetzen zu korrigierenden Lesung) und Cicero a.a.O. (nach der grammatisch allein zulaessigen Lesung MDCCC, s. Becker, a.a.O., S. 244) offenbar gefolgt. Allein eben. Cicero deutet zugleich sehr verstaendlich an, dass hiermit der damalige Bestand der roemischen Ritterschaft ueberhaupt bezeichnet werden soll. Es ist also die Zahl der Gesamtheit auf den hervorragendsten Teil uebertragen worden durch eine Prolepsis, wie sie den alten nicht allzu nachdenklichen Annalisten gelaeufig ist - ganz in gleicher Art werden ja auch schon der Stammgemeinde, mit Antizipation des Kontingents der Titier und der Lucerer, 300 Reiter statt 100 beigelegt (Becker, a.a.O., S. 238). Endlich ist der Antrag Catos (p. 66 Jordan), die Zahl der Ritterpferde auf 2200 zu erhoehen, eine ebenso bestimmte Bestaetigung der oben vorgetragenen wie Widerlegung der entgegengesetzten Ansicht. Die geschlossene Zahl der Ritterschaft hat wahrscheinlich fortbestanden bis auf Sulla, wo mit dem faktischen Wegfall der Zensur die Grundlage derselben wegfiel und allem Anschein nach an die Stelle der zensorischen Erteilung des Ritterpferdes die Erwerbung desselben durch Erbrecht trat: fortan ist der Senatorensohn geborener Ritter. Indes neben dieser geschlossenen Ritterschaft, den equites equo publico, stehen seit fruehrepublikanischer Zeit die zum Rossdienst auf eigenem Pferd pflichtigen Buerger, welche nichts sind als die hoechste Zensusklasse; sie stimmen nicht in den Ritterzenturien, aber gelten sonst als Ritter und nehmen die Ehrenrechte der Ritterschaft ebenfalls in Anspruch.

In der Augustischen Ordnung bleibt den senatorischen Haeusern das erbliche Ritterrecht; daneben aber wird die zensorische Verleihung des Ritterpferdes als Kaiserrecht und ohne Beschraenkung auf eine bestimmte Zahl erneuert und faellt damit fuer die erste Zensusklasse als solche die Ritterbenennung weg.

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Verwandter Art ist die foermliche Trennung der Plaetze des senatorischen Standes von denjenigen, von welchen aus die uebrige Menge den Volksfesten zuschaute. Es war der grosse Scipio, der in seinem zweiten Konsulat 560 (194) sie bewirkte. Auch das Volksfest war eine Volksversammlung so gut wie die zur Abstimmung berufene der Zenturien; und dass jene nichts zu beschliessen hatte, machte die hierin liegende offizielle Ankuendigung der Scheidung von Herrenstand und Untertanenschaft nur um so praegnanter. Die Neuerung fand darum auch auf Seiten der Regierung vielfachen Tadel, weil sie nur gehaessig und nicht nuetzlich war und dem Bestreben des kluegeren Teiles der Aristokratie ihr Sonderregiment unter den Formen der buergerlichen Gleichheit zu verstecken, ein sehr offenkundiges Dementi gab. Hieraus erklaert es sich, weshalb die Zensur der Angelpunkt der spaeteren republikanischen Verfassung ward; warum dieses urspruenglich keineswegs in erster Reihe stehende Amt sich allmaehlich mit einem ihm an sich durchaus nicht zukommenden aeusseren Ehrenschmuck und einer ganz einzigen aristokratisch-republikanischen Glorie umgab und als der Gipfelpunkt und die Erfuellung einer wohlgefuehrten oeffentlichen Laufbahn erschien; warum die Regierung jeden Versuch der Opposition, ihre Maenner in dieses Amt zu bringen oder gar den Zensor waehrend oder nach seiner Amtsfuehrung wegen derselben vor dem Volke zur Verantwortung zu ziehen, als einen Angriff auf ihr Palladium ansah und gegen jedes derartige Beginnen wie ein Mann in die Schranken trat - es genuegt in dieser Beziehung an den Sturm zu erinnern, den die Bewerbung Catos um die Zensur hervorrief und an die ungewoehnlich ruecksichtslosen und formverletzenden Massregeln, wodurch der Senat die gerichtliche Verfolgung der beiden unbeliebten Zensoren des Jahres 550 (204) verhinderte. Dabei verbindet mit dieser Glorifizierung der Zensur sich ein charakteristisches Misstrauen der Regierung gegen dieses ihr wichtigstes und eben darum gefaehrlichstes Werkzeug. Es war durchaus notwendig, den Zensoren das unbedingte Schalten ueber das Senatoren- und Ritterpersonal zu belassen, da das Ausschliessungs- von dem Berufungsrecht nicht wohl getrennt und auch jenes nicht wohl entbehrt werden konnte, weniger um oppositionelle Kapazitaeten aus dem Senat zu beseitigen, was das leisetretende Regiment dieser Zeit vorsichtig vermied, als um der Aristokratie ihren sittlichen Nimbus zu bewahren, ohne den sie rasch eine Beute der Opposition werden musste. Das Ausstossungsrecht blieb; aber man brauchte hauptsaechlich den Glanz der blanken Waffe - die Schneide, die man fuerchtete, stumpfte man ab. Ausser der Schranke, welche in dem Amte selbst lag, insofern die Mitgliederlisten der adligen Koerperschaften nur von fuenf zu fuenf Jahren der Revision unterlagen, und ausser den in dem Interzessionsrecht des Kollegen und dem Kassationsrecht des Nachfolgers gegebenen Beschraenkungen trat noch eine weitere sehr fuehlbare hinzu, indem eine dem Gesetz gleichstehende Observanz es dem Zensor zur Pflicht machte, keinen Senator und keinen Ritter ohne Angabe schriftlicher Entscheidungsgruende und in der Regel nicht ohne ein gleichsam gerichtliches Verfahren von der Liste zu streichen.

In dieser hauptsaechlich auf den Senat, die Ritterschaft und die Zensur gestuetzten politischen Stellung riss die Nobilitaet nicht bloss das Regiment wesentlich an sich, sondern gestaltete auch die Verfassung in ihrem Sinne um. Es gehoert schon hierher, dass man, um die Gemeindeaemter im Preise zu halten, die Zahl derselben so wenig wie irgend moeglich und keineswegs in dem Grade vermehrte, wie die Erweiterung der Grenzen und die Vermehrung der Geschaefte es erfordert haetten. Nur dem allerdringlichsten Beduerfnis ward notduerftig abgeholfen durch die Teilung der bisher von dem einzigen Praetor verwalteten Gerichtsgeschaefte unter zwei Gerichtsherren, von denen der eine die Rechtssachen unter roemischen Buergern, der andere diejenigen unter Nichtbuergern oder zwischen Buergern und Nichtbuergern uebernahm, im Jahre 511 (243), und durch die Ernennung von vier Nebenkonsuln fuer die vier ueberseeischen Aemter Sizilien (527 227), Sardinien und Korsika (527 227), das Dies- und das Jenseitige Spanien (557 197). Die allzu summarische Art der roemischen Prozesseinleitung sowie der steigende Einfluss des Bueropersonals gehen wohl zum grossen Teil zurueck auf die materielle Unzulaenglichkeit der roemischen Magistratur.

Unter den von der Regierung veranlassten Neuerungen, die darum, weil sie fast durchgaengig nicht den Buchstaben, sondern nur die Uebung der bestehenden Verfassung aendern, nicht weniger Neuerungen sind, treten am bestimmtesten die Massregeln hervor, wodurch die Bekleidung der Offiziersstellen wie der buergerlichen Aemter nicht, wie der Buchstabe der Verfassung es gestattete und deren Geist es forderte, lediglich von Verdienst und Tuechtigkeit, sondern mehr und mehr von Geburt und Anciennetaet abhaengig gemacht ward. Bei der Ernennung der Stabsoffiziere geschah dies nicht der Form, um so mehr aber der Sache nach. Sie war schon im Laufe der vorigen Periode grossenteils vom Feldherrn auf die Buergerschaft uebergegangen; in dieser Zeit kam es weiter auf, dass die saemtlichen Stabsoffiziere der regelmaessigen jaehrlichen Aushebung, die vierundzwanzig Kriegstribune der vier ordentlichen Legionen, in den Quartierversammlungen ernannt wurden. Immer unuebersteiglicher zog sich also die Schranke zwischen den Subalternen, die ihre Posten durch puenktlichen und tapferen Dienst vom Feldherrn, und dem Stab, der seine bevorzugte Stelle durch Bewerbung von der Buergerschaft sich erwarb. Um nur den aergsten Missbraeuchen dabei zu steuern und ganz ungepruefte junge Menschen von diesen wichtigen Posten fernzuhalten, wurde es noetig, die Vergebung der Stabsoffiziersstellen an den Nachweis einer gewissen Zahl von Dienstjahren zu knuepfen. Nichtsdestoweniger wurde, seit das Kriegstribunat, die rechte Saeule des roemischen Heerwesens, den jungen Adligen als erster Schrittstein auf ihrer politischen Laufbahn hingestellt war, die Dienstpflicht unvermeidlich sehr haeufig eludiert und die Offizierswahl abhaengig von allen Uebelstaenden des demokratischen Aemterbettels und der aristokratischen Junkerexklusivitaet. Es war eine schneidende Kritik der neuen Institution, dass bei ernsthaften Kriegen (zum Beispiel 583 171) es notwendig befunden ward, diese demokratische Offizierswahl zu suspendieren und die Ernennung des Stabes wieder dem Feldherrn zu ueberlassen.

Bei den buergerlichen Aemtern ward zunaechst und vor allem die Wiederwahl zu den hoechsten Gemeindestellen beschraenkt. Es war dies allerdings notwendig, wenn das Jahrkoenigtum nicht ein leerer Name werden sollte; und schon in der vorigen Periode war die abermalige Wahl zum Konsulat erst nach Ablauf von zehn Jahren gestattet und die zur Zensur ueberhaupt untersagt worden. Gesetzlich ging man in dieser Epoche nicht weiter; wohl aber lag eine fuehlbare Steigerung darin, dass das Gesetz hinsichtlich des zehnjaehrigen Intervalls zwar im Jahre 537 (217) fuer die Dauer des Krieges in Italien suspendiert, nachher aber davon nicht weiter dispensiert, ja gegen das Ende dieses Zeitabschnitts die Wiederwahl ueberhaupt schon selten ward. Weiter erging gegen das Ende dieser Periode (574 180) ein Gemeindebeschluss, der die Bewerber um Gemeindeaemter verpflichtete, dieselben in einer festen Stufenfolge zu uebernehmen und bei jedem gewisse Zwischenzeiten und Altersgrenzen einzuhalten. Die Sitte freilich hatte beides laengst vorgeschrieben; aber es war doch eine empfindliche Beschraenkung der Wahlfreiheit, dass die uebliche Qualifikation zur rechtlichen erhoben und der Waehlerschaft das Recht entzogen ward, in ausserordentlichen Faellen sich ueber jene Erfordernisse wegzusetzen. Ueberhaupt wurde den Angehoerigen der regierenden Familien ohne Unterschied der Tuechtigkeit der Eintritt in den Senat eroeffnet, waehrend nicht bloss der aermeren und geringeren Schichten der Bevoelkerung der Eintritt in die regierenden Behoerden sich voellig verschloss, sondern auch alle nicht zu der erblichen Aristokratie gehoerenden roemischen Buerger zwar nicht gerade aus der Kurie, aber wohl von den beiden hoechsten Gemeindeaemtern, dem Konsulat und der Zensur, tatsaechlich ferngehalten wurden. Nach Manius Curius und Gaius Fabricius ist kein nicht der sozialen Aristokratie angehoeriger Konsul nachzuweisen und wahrscheinlich ueberhaupt kein einziger derartiger Fall vorgekommen. Aber auch die Zahl der Geschlechter, die in dem halben Jahrhundert vom Anfang des Hannibalischen bis zum Ende des Perseischen Krieges zum ersten Male in den Konsular- und Zensorenlisten erscheinen, ist aeusserst beschraenkt; und bei weitem die meisten derselben, wie zum Beispiel die Flaminier, Terentier, Porcier, Acilier, Laelier lassen sich auf Oppositionswahlen zurueckfuehren oder gehen zurueck auf besondere aristokratische Konnexionen, wie denn die Wahl des Gaius Laelius 564 (190) offenbar durch die Scipionen gemacht worden ist. Die Ausschliessung der Aermeren vom Regiment war freilich durch die Verhaeltnisse geboten. Seit Rom ein rein italischer Staat zu sein aufgehoert und die hellenische Bildung adoptiert hatte, war es nicht laenger moeglich, einen kleinen Bauersmann vom Pfluge weg an die Spitze der Gemeinde zu stellen. Aber das war nicht notwendig und nicht wohlgetan, dass die Wahlen fast ohne Ausnahme in dem engen Kreis der kurulischen Haeuser sich bewegten und ein “neuer Mensch” nur durch eine Art Usurpation in denselben einzudringen vermochte ^5. Wohl lag eine gewisse Erblichkeit nicht bloss in dem Wesen des senatorischen Instituts, insofern dasselbe von Haus aus auf einer Vertretung der Geschlechter beruhte, sondern in dem Wesen der Aristokratie ueberhaupt, insofern staatsmaennische Weisheit und staatsmaennische Erfahrung von dem tuechtigen Vater auf den tuechtigen Sohn sich vererben und der Anhauch des Geistes hoher Ahnen jeden edlen Funken in der Menschenbrust rascher und herrlicher zur Flamme entfacht. In diesem Sinne war die roemische Aristokratie zu allen Zeiten erblich gewesen, ja sie hatte in der alten Sitte, dass der Senator seine Soehne mit sich in den Rat nahm und der Gemeindebeamte mit den Abzeichen der hoechsten Amtsehre, dem konsularischen Purpurstreif und der goldenen Amulettkapsel des Triumphators, seine Soehne gleichsam vorweisend schmueckte, ihre Erblichkeit mit grosser Naivitaet zur Schau getragen. Aber wenn in der aelteren Zeit die Erblichkeit der aeusseren Wuerde bis zu einem gewissen Grade durch die Vererbung der inneren Wuerdigkeit bedingt gewesen war und die senatorische Aristokratie den Staat nicht zunaechst kraft Erbrechts gelenkt hatte, sondern kraft des hoechsten aller Vertretungsrechte, des Rechtes der trefflichen gegenueber den gewoehnlichen Maennern, so sank sie in dieser Epoche, und namentlich mit reissender Schnelligkeit seit dem Ende des Hannibalischen Krieges, von ihrer urspruenglichen hohen Stellung als dem Inbegriff der in Rat und Tat erprobtesten Maenner der Gemeinde herab zu einem durch Erbfolge sich ergaenzenden und kollegialisch missregierenden Herrenstand. Ja, so weit war es in dieser Zeit bereits gekommen, dass aus dem schlimmen Uebel der Oligarchie das noch schlimmere der Usurpation der Gewalt durch einzelne Familien sich entwickelte. Von der widerwaertigen Hauspolitik des Siegers von Zama und von seinem leider erfolgreichen Bestreben, mit den eigenen Lorbeeren die Unfaehigkeit und Jaemmerlichkeit des Bruders zuzudecken, ist schon die Rede gewesen; und der Nepotismus der Flaminine war womoeglich noch unverschaemter und aergerlicher als der der Scipionen. Die unbedingte Wahlfreiheit gereichte in der Tat weit mehr solchen Koterien zum Vorteil als der Waehlerschaft. Dass Marcus Valerius Corvus mit dreiundzwanzig Jahren Konsul geworden war, war ohne Zweifel zum Besten der Gemeinde gewesen; aber wenn jetzt Scipio mit dreiundzwanzig Jahren zur Aedilitaet, mit dreissig zum Konsulat gelangte, wenn Flamininus noch nicht dreissig Jahre alt von der Quaestur zum Konsulat emporstieg, so lag darin eine ernste Gefahr fuer die Republik. Man war schon dahin gelangt, den einzigen wirksamen Damm gegen die Familienregierung und ihre Konsequenzen in einem streng oligarchischen Regiment finden zu muessen; und das ist der Grund, weshalb auch diejenige Partei, die sonst der Oligarchie opponierte, zu der Beschraenkung der Wahlfreiheit die Hand bot.

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5 Die Stabilitaet des roemischen Adels kann man namentlich fuer die patrizischen Geschlechter in den konsularischen und aedilizischen Fasten deutlich verfolgen. Bekanntlich haben in den Jahren 388-581 (366-173) (mit Ausnahme der Jahre 399, 400, 401, 403, 405, 409, 411, in denen beide Konsuln Patrizier waren) je ein Patrizier und ein Plebejer das Konsulat bekleidet. Ferner sind die Kollegien der kurulischen Aedilen in den varronisch ungeraden Jahren wenigstens bis zum Ausgang des sechsten Jahrhunderts ausschliesslich aus den Patriziern gewaehlt worden und sind fuer die sechzehn Jahre 541, 545, 547, 549, 551, 553, 555, 557, 561, 565, 567, 575, 585, 589, 591, 593 bekannt. Diese patrizischen Konsuln und Aedilen verteilen sich folgendermassen nach den Geschlechtern:

Konsuln 388-500 Konsuln 501-581 Kurulische Aedilen jener

             (366-254): (253-173): 16 patrizische Kollegien

Cornelier 15 15 14

Valerier 10 8 4

Claudier 4 8 2

Aemilier 9 6 2

Fabier 6 6 1

Manlier 4 6 1

Postumier 2 6 2

Servilier 3 4 2

Quinctier 2 3 1

Furier 2 3 -

Sulpicier 6 2 2

Veturier - 2 -

Papirier 3 1 -

Nautier 2 - -

Julier 1 - 1

Foslier 1 - -

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70 70 32

Also die fuenfzehn bis sechzehn hohen Adelsgeschlechter, die zur Zeit der Licinischen Gesetze in der Gemeinde maechtig waren, haben ohne wesentliche Aenderung des Bestandes, freilich zum Teil wohl durch Adoption aufrecht erhalten, die naechsten zwei Jahrhunderte, ja bis zum Ende der Republik sich behauptet. Zu dem Kreise der plebejischen Nobilitaet treten zwar von Zeit zu Zeit neue Geschlechter hinzu; indes auch die alten plebejischen Haeuser, wie die Licinier, Fulvier, Atilier, Domitier, Marcier, Junier, herrschen in den Fasten in der entschiedensten Weise durch drei Jahrhunderte vor.

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Von diesem allmaehlich sich veraendernden Geiste der Regierung trug den Stempel das Regiment. Zwar in der Verwaltung der aeusseren Angelegenheiten ueberwog in dieser Zeit noch diejenige Folgerichtigkeit und Energie, durch welche die Herrschaft der roemischen Gemeinde ueber Italien gegruendet worden war. In der schweren Lehrzeit des Krieges um Sizilien hatte die roemische Aristokratie sich allmaehlich auf die Hoehe ihrer neuen Stellung erhoben; und wenn sie das von Rechts wegen lediglich zwischen den Gemeindebeamten und der Gemeindeversammlung geteilte Regiment verfassungswidrig fuer den Gemeinderat usurpierte, so legitimierte sie sich dazu durch ihre zwar nichts weniger als geniale, aber klare und feste Steuerung des Staats waehrend des hannibalischen Sturmes und der daraus sich entspinnenden weiteren Verwicklungen, und bewies es der Welt, dass den weiten Kreis der italisch-hellenischen Staaten zu beherrschen einzig der roemische Senat vermochte und in vieler Hinsicht einzig verdiente: Allein ueber dem grossartigen und mit den grossartigsten Erfolgen gekroenten Auftreten des regierenden roemischen Gemeinderats gegen den aeusseren Feind darf es nicht uebersehen werden, dass in der minder scheinbaren und doch weit wichtigeren und weit schwereren Verwaltung der inneren Angelegenheiten des Staates sowohl die Handhabung der bestehenden Ordnungen wie die neuen Einrichtungen einen fast entgegengesetzten Geist offenbaren, oder, richtiger gesagt, die entgegengesetzte Richtung hier bereits das Uebergewicht gewonnen hat.

Vor allem dem einzelnen Buerger gegenueber ist das Regiment nicht mehr, was es gewesen. Magistrat heisst der Mann, der mehr ist als die andern; und wenn er der Diener der Gemeinde ist, so ist er eben darum der Herr eines jeden Buergers. Aber diese straffe Haltung laesst jetzt sichtlich nach. Wo das Koteriewesen und der Aemterbettel so in Bluete steht wie in dem damaligen Rom, huetet man sich, die Gegendienste der Standesgenossen und die Gunst der Menge durch strenge Worte und ruecksichtslose Amtspflege zu verscherzen. Wo einmal ein Beamter mit altem Ernst und alter Strenge auftritt, da sind es in der Regel, wie zum Beispiel Cotta (502 252) und Cato, neue, nicht aus dem Schosse des Herrenstandes hervorgegangene Maenner. Es war schon etwas, dass Paullus, als er zum Oberfeldherrn gegen Perseus ernannt worden war, statt nach beliebter Art sich bei der Buergerschaft zu bedanken, derselben erklaerte, er setze voraus, dass sie ihn zum Feldherrn gewaehlt haetten, weil sie ihn fuer den faehigsten zum Kommando gehalten, und ersuche sie deshalb, ihm nun nicht kommandieren zu helfen, sondern stillzuschweigen und zu gehorchen. Roms Suprematie und Hegemonie im Mittelmeergebiet ruhte nicht zum wenigsten auf der Strenge seiner Kriegszucht und seiner Rechtspflege. Unzweifelhaft war es auch, im grossen und ganzen genommen, den ohne Ausnahme tief zerruetteten hellenischen, phoenikischen und orientalischen Staaten in diesen Beziehungen damals noch unendlich ueberlegen; dennoch kamen schon arge Dinge auch in Rom vor. Wie die Erbaermlichkeit der Oberfeldherren, und zwar nicht etwa von der Opposition gewaehlter Demagogen, wie Gaius Flaminius und Gaius Varro, sondern gut aristokratischer Maenner, bereits im dritten Makedonischen Krieg das Wohl des Staates auf das Spiel gesetzt hatte, ist frueher erzaehlt worden. Und in welcher Art die Rechtspflege schon hin und wieder gehandhabt ward, das zeigt der Auftritt im Lager des Konsuls Lucius Quinctius Flamininus bei Placentia (562 192) - um seinen Buhlknaben fuer die ihm zuliebe versaeumten Fechterspiele in der Hauptstadt zu entschaedigen, hatte der hohe Herr einen in das roemische Lager gefluechteten, vornehmen Boier herbeirufen lassen und ihn mit eigener Hand beim Gelage niedergestossen. Schlimmer als der Vorgang selber, dem mancher aehnliche sich an die Seite stellen liesse, war es noch, dass der Taeter nicht bloss nicht vor Gericht gestellt ward, sondern, als ihn der Zensor Cato deswegen aus der Liste der Senatoren strich, seine Standesgenossen den Ausgestossenen im Theater einluden, seinen Senatorenplatz wieder einzunehmen - freilich war er der Bruder des Befreiers der Griechen und eines der maechtigsten Koteriehaeupter des Senats.

Auch das Finanzwesen der roemischen Gemeinde ging in dieser Epoche eher zurueck als vorwaerts. Zwar der Betrag der Einnahmen war zusehends im Wachsen. Die indirekten Abgaben - direkte gab es in Rom nicht - stiegen infolge der erweiterten Ausdehnung des roemischen Gebietes, welche es zum Beispiel noetig machte, in den Jahren 555, 575 (199, 179) an der kampanischen und brettischen Kueste neue Zollbueros in Puteoli, Castra (Squillace) und anderswo einzurichten. Auf demselben Grunde beruht der neue, die Salzverkaufspreise nach den verschiedenen Distrikten Italiens abstufende Salztarif vom Jahre 550 (204), indem es nicht laenger moeglich war, den jetzt durch ganz Italien zerstreuten roemischen Buergern das Salz zu einem und demselben Preise abzugeben; da indes die roemische Regierung wahrscheinlich den Buergern dasselbe zum Produktionspreis, wenn nicht darunter abgab, so ergab diese Finanzmassregel fuer den Staat keinen Gewinn. Noch ansehnlicher war die Steigerung des Ertrages der Domaenen. Die Abgabe freilich, welche von dem zur Okkupation verstatteten italischen Domanialland dem Aerar von Rechts wegen zukam, ward zum allergroessten Teil wohl weder gefordert noch geleistet. Dagegen blieb nicht bloss das Hutgeld bestehen, sondern es wurden auch die infolge des Hannibalischen Krieges neu gewonnenen Domaenen, namentlich der groessere Teil des Gebiets von Capua und das von Leontini, nicht zum Okkupieren hingegeben, sondern parzelliert und an kleine Zeitpaechter ausgetan und der auch hier versuchten Okkupation von der Regierung mit mehr Nachdruck als gewoehnlich entgegengetreten; wodurch dem Staate eine betraechtliche und sichere Einnahmequelle entstand. Auch die Bergwerke des Staats, namentlich die wichtigen spanischen, wurden durch Verpachtung verwertet. Endlich traten zu den Einnahmen die Abgaben der ueberseeischen Untertanen hinzu. Ausserordentlicherweise flossen waehrend dieser Epoche sehr bedeutende Summen in den Staatsschatz, namentlich an Beutegeld aus dem Antiochischen Kriege 200 (14500000 Taler), aus dem Perseischen 210 Mill. Sesterzen (15 Mill. Taler) - letzteres die groesste Barsumme, die je auf einmal in die roemische Kasse gelangt ist.

Indes ward diese Zunahme der Einnahme durch die steigenden Ausgaben groesstenteils wieder ausgeglichen. Die Provinzen, etwa mit Ausnahme Siziliens, kosteten wohl ungefaehr ebensoviel als sie eintrugen; die Ausgaben fuer Wege- und andere Bauten stiegen im Verhaeltnis mit der Ausdehnung des Gebiets; auch die Rueckzahlung der von den ansaessigen Buergern waehrend der schweren Kriegszeiten erhobenen Vorschuesse (tributa) lastete noch manches Jahr nachher auf dem roemischen Aerar. Dazu kamen die durch die verkehrte Wirtschaft und die schlaffe Nachsicht der Oberbehoerden dem gemeinen Wesen verursachten sehr namhaften Verluste. Von dem Verhalten der Beamten in den Provinzen, von ihrer ueppigen Wirtschaft aus gemeinem Saeckel, von den Unterschleifen namentlich am Beutegut, von dem beginnenden Bestechungs- und Erpressungssystem wird unten noch die Rede sein. Wie der Staat bei den Verpachtungen seiner Gefaelle und den Akkorden ueber Lieferungen und Bauten im allgemeinen wegkam, kann man ungefaehr danach ermessen, dass der Senat im Jahre 587 (167) beschloss, von dem Betrieb der an Rom gefallenen makedonischen Bergwerke abzusehen, weil die Grubenpaechter doch entweder die Untertanen pluendern oder die Kasse bestehlen wuerden - freilich ein naives Armutszeugnis, das die kontrollierende Behoerde sich selber ausstellte. Man liess nicht bloss, wie schon gesagt ward, die Abgabe von dem okkupierten Domanialland stillschweigend fallen, sondern man litt es auch, dass bei Privatanlagen in der Hauptstadt und sonst auf oeffentlichen Grund und Boden uebergegriffen und das Wasser aus den oeffentlichen Leitungen zu Privatzwecken abgeleitet ward; es machte sehr boeses Blut, wenn einmal ein Zensor gegen solche Kontravenienten ernstlich einschritt und sie zwang, entweder auf die Sondernutzung des gemeinen Gutes zu verzichten oder dafuer das gesetzliche Boden- und Wassergeld zu zahlen. Der Gemeinde gegenueber bewies das sonst so peinliche oekonomische Gewissen der Roemer eine merkwuerdige Weite. “Wer einen Buerger bestiehlt”, sagt Cato, “beschliesst sein Leben in Ketten und Banden; in Gold und Purpur aber, wer die Gemeinde bestiehlt.” Wenn trotz dessen, dass das oeffentliche Gut der roemischen Gemeinde ungestraft und ungescheut von Beamten und Spekulanten gepluendert ward, noch Polybios es hervorhebt, wie selten in Rom der Unterschleif sei, waehrend man in Griechenland kaum hier und da einen Beamten finde, der nicht in die Kasse greife; wie der roemische Kommissar und Beamte auf sein einfaches Treuwort hin ungeheure Summen redlich verwalte, waehrend in Griechenland der kleinsten Summe wegen zehn Briefe besiegelt und zwanzig Zeugen aufgeboten wuerden und doch jedermann betruege, so liegt hierin nur, dass die soziale und oekonomische Demoralisation in Griechenland noch viel weiter vorgeschritten war als in Rom und namentlich hier noch nicht wie dort der unmittelbare und offenbare Kassendefekt florierte. Das allgemeine finanzielle Resultat spricht sich fuer uns am deutlichsten in dem Stand der oeffentlichen Bauten und in dem Barbestand des Staatsschatzes aus. Fuer das oeffentliche Bauwesen finden wir in Friedenszeiten ein Fuenftel, in Kriegszeiten ein Zehntel der Einkuenfte verwendet, was den Umstaenden nach nicht gerade reichlich gewesen zu sein scheint. Es geschah mit diesen Summen sowie mit den nicht in die Staatskasse unmittelbar fallenden Bruchgeldern wohl manches fuer die Pflasterung der Wege in und vor der Hauptstadt, fuer die Chaussierung der italischen Hauptstrassen ^6, fuer die Anlage oeffentlicher Gebaeude. Wohl die bedeutendste unter den aus dieser Periode bekannten hauptstaedtischen Bauten war die wahrscheinlich im Jahre 570 (184) verdungene grosse Reparatur und Erweiterung des hauptstaedtischen Kloakennetzes, wofuer auf einmal 1700000 Taler (24 Mill. Sesterzen) angewiesen wurden und der vermutlich der Hauptsache nach angehoert, was von den Kloaken heute noch vorhanden ist. Aber allem Anschein nach stand in dem oeffentlichen Bauwesen, auch abgesehen von den schweren Kriegszeiten, diese Periode hinter dem letzten Abschnitt der vorigen zurueck; zwischen 482 und 607 (272 und 147) ist in Rom keine neue Wasserleitung angelegt worden. Der Staatsschatz nahm freilich zu: die letzte Reserve betrug im Jahre 545 (209), wo man sich genoetigt sah, sie anzugreifen, nur 1144000 Taler (4000 Pfund Gold; 2, 171), wogegen kurze Zeit nach dem Schluss dieser Periode (597 157) nahe an 6 Mill. Taler in edlen Metallen in der Staatskasse vorraetig waren. Allein bei den ungeheuren ausserordentlichen Einnahmen, welche in dem Menschenalter nach dem Ende des Hannibalischen Krieges der roemischen Staatskasse zuflossen, befremdet die letztere Summe mehr durch ihre Niedrigkeit als durch ihre Hoehe. Soweit bei den vorliegenden, mehr als duerftigen Angaben es zulaessig ist, hier von Resultaten zu sprechen, zeigen die roemischen Staatsfinanzen wohl einen Ueberschuss der Einnahme ueber die Ausgabe, aber darum doch nichts weniger als ein glaenzendes Gesamtergebnis.

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^6 Die Kosten von diesen sind indes wohl grossenteils auf die Anlieger geworfen worden. Das alte System, Fronen anzusagen, war nicht abgeschafft; es muss nicht selten vorgekommen sein, dass man den Gutsbesitzern die Sklaven wegnahm, um sie beim Strassenbau zu verwenden (Cato agr. 2).

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Am bestimmtesten tritt der veraenderte Geist der Regierung hervor in der Behandlung der italischen und ausseritalischen Untertanen der roemischen Gemeinde. Man hatte sonst in Italien unterschieden die gewoehnlichen und die latinischen bundesgenoessischen Gemeinden, die roemischen Passiv- und die roemischen Vollbuerger. Von diesen vier Klassen wurde die dritte im Laufe dieser Periode so gut wie vollstaendig beseitigt, indem das, was frueher schon fuer die Passivbuergergemeinden in Latium und in der Sabina geschehen war, jetzt auch auf die des ehemaligen volskischen Gebiets Anwendung fand und diese allmaehlich, zuletzt vielleicht im Jahre 566 (188) Arpinum, Fundi und Formiae, das volle Buergerrecht empfingen. In Kampanien wurde Capua nebst einer Anzahl benachbarter kleinerer Gemeinden infolge seines Abfalls von Rom im Hannibalischen Kriege aufgeloest. Wenn auch einige wenige Gemeinden, wie Velitrae im Volskergebiet, Teanum und Cumae in Kampanien, in dem frueheren Rechtsverhaeltnis verblieben sein moegen, so darf doch, im grossen und ganzen betrachtet, dies Buergerrecht zweiter Klasse jetzt als beseitigt gelten.

Dagegen trat neu hinzu eine besonders zurueckgesetzte, der Kommunalfreiheit und des Waffenrechts entbehrende und zum Teil fast den Gemeindesklaven gleich behandelte Klasse (peregrini dediticii), wozu namentlich die Angehoerigen der ehemaligen, mit Hannibal verbuendet gewesenen kampanischen, suedlichen picentischen und brettischen Gemeinden gehoerten. Ihnen schlossen sich die diesseits der Alpen geduldeten Kettenstaemme an, deren Stellung zu der italischen Eidgenossenschaft zwar nur unvollkommen bekannt ist, aber doch durch die in ihre Bundesvertraege mit Rom aufgenommene Klausel, dass keiner aus diesen Gemeinden je das roemische Buergerrecht solle gewinnen duerfen, hinreichend als eine zurueckgesetzte charakterisiert wird.

Die Stellung der nichtlatinischen Bundesgenossen hatte, wie schon frueher angedeutet ward, durch den Hannibalischen Krieg sich sehr zu ihrem Nachteil veraendert. Nur wenige Gemeinden dieser Kategorie, wie zum Beispiel Neapel, Nola, Rhegion, Herakleia, hatten waehrend aller Wechselfaelle dieses Krieges unveraendert auf der Seite Roms gestanden und darum ihr bisheriges Bundesrecht unveraendert behalten; bei weitem die meisten mussten infolge ihres Parteiwechsels sich eine nachteilige Revision der bestehenden Vertraege gefallen lassen. Von der gedrueckten Stellung der nichtlatinischen Bundesgenossen zeugt die Auswanderung aus ihren Gemeinden in die latinischen; als im Jahre 577 (177) die Samniten und Paeligner bei dem Senat um Herabsetzung ihrer Kontingente einkamen, wurde dies damit motiviert, dass waehrend der letzten Jahre 4000 samnitische und paelignische Familien nach der latinischen Kolonie Fregellae uebergesiedelt seien.

Dass die Latiner, das heisst jetzt die wenigen noch ausserhalb des roemischen Buergerverbandes stehenden Staedte im alten Latium wie Tibur und Praeneste, die ihnen rechtlich gleichgestellten Bundesstaedte, wie namentlich einzelne der Herniker, und die durch ganz Italien zerstreuten latinischen Kolonien auch jetzt noch besser gestellt waren, ist hierin enthalten; doch hatten auch sie im Verhaeltnis kaum weniger sich verschlechtert. Die ihnen auferlegten Lasten wurden unbillig gesteigert und der Druck des Kriegsdienstes mehr und mehr von der Buergerschaft ab auf sie und die anderen italischen Bundesgenossen gewaelzt. So wurden zum Beispiel 536 (218) fast doppelt soviel Bundesgenossen aufgeboten als Buerger; so nach dem Ende des Hannibalischen Krieges die Buerger alle, nicht aber die Bundesgenossen verabschiedet; so die letzteren vorzugsweise fuer den Besatzungs- und den verhassten spanischen Dienst verwandt; so bei dem Triumphalgeschenk 577 (177) den Bundesgenossen nicht wie sonst die gleiche Verehrung mit den Buergern, sondern nur die Haelfte gegeben, so dass inmitten des ausgelassenen Jubels dieses Soldatenkarnevals die zurueckgesetzten Abteilungen stumm dem Siegeswagen folgten: so erhielten bei Landanweisungen in Norditalien die Buerger je zehn, die Nichtbuerger je drei Morgen Ackerlandes. Die unbeschraenkte Freizuegigkeit war den latinischen Gemeinden bereits frueher (486 268) genommen und ihnen die Auswanderung nach Rom nur dann gestattet worden, wenn sie leibliche Kinder und einen Teil ihres Vermoegens in der Heimatgemeinde zurueckliessen. Indes diese laestigen Vorschriften wurden auf vielfache Weise umgangen oder uebertreten, und der massenhafte Zudrang der Buerger der latinischen Ortschaften nach Rom und die Klagen ihrer Behoerden ueber die zunehmende Entvoelkerung der Staedte und die Unmoeglichkeit, unter solchen Umstaenden das festgesetzte Kontingent zu leisten, veranlassten die roemische Regierung, polizeiliche Ausweisungen aus der Hauptstadt in grossem Umfang zu veranstalten (567, 577 187, 177). Die Massregel mochte unvermeidlich sein, ward aber darum nicht weniger schwer empfunden. Weiter fingen die von Rom im italischen Binnenland angelegten Staedte gegen das Ende dieser Periode an, statt des latinischen, das volle Buergerrecht zu empfangen, was bis dahin nur hinsichtlich der Seekolonien geschehen war, und die bisher fast regelmaessige Erweiterung der Latinerschaft durch neu hinzutretende Gemeinden hatte damit ein Ende. Aquileia, dessen Gruendung 571 (183) begann, ist die juengste der italischen Kolonien Roms geblieben, welche mit latinischem Recht beliehen wurden; den ungefaehr gleichzeitig ausgefuehrten Kolonien Potentia, Pisaurum, Mutina, Parma, Luna (570-577 184-177) ward schon das volle Buergerrecht gegeben. Die Ursache war offenbar das Sinken des latinischen im Vergleich mit dem roemischen Buergerrecht. Die in die neuen Pflanzstaedte ausgefuehrten Kolonisten wurden von jeher und jetzt mehr als je vorwiegend aus der roemischen Buergerschaft ausgewaehlt, und es fehlten selbst unter dem aermeren Teile derselben die Leute, die willig gewesen waeren, auch mit Erwerbung bedeutender materieller Verteile ihr Buerger- gegen latinisches Recht zu vertauschen.

Endlich ward den Nichtbuergern, Gemeinden wie Einzelnen, der Eintritt in das roemische Buergerrecht fast vollstaendig gesperrt. Das aeltere Verfahren, die unterworfenen Gemeinden der roemischen einzuverleiben, hatte man um 400 (350) fallenlassen, um nicht durch uebermaessige Ausdehnung der roemischen Buergerschaft dieselbe allzusehr zu dezentralisieren, und deshalb die Halbbuergergemeinden eingerichtet. Jetzt gab man die Zentralisation der Gemeinde auf, indem teils die Halbbuergergemeinden das Vollbuergerrecht empfingen, teils zahlreiche entferntere Buergerkolonien zu der Gemeinde hinzutraten; aber auf das aeltere Inkorporationssystem kam man den verbuendeten Gemeinden gegenueber nicht zurueck. Dass nach der vollendeten Unterwerfung Italiens auch nur eine einzige italische Gemeinde das bundesgenoessische mit dem roemischen Buergerrecht vertauscht haette, laesst sich nicht nachweisen; wahrscheinlich hat in der Tat seitdem keine mehr dieses erhalten. Auch der Uebertritt einzelner Italiker in das roemische Buergerrecht fand fast allein noch statt fuer die latinischen Gemeindebeamten und durch besondere Beguenstigung fuer einzelne der bei Gruendung von Buergerkolonien mit zugelassenen Nichtbuerger ^7.

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^7 So wurde bekanntlich dem Rudiner Ennius bei Gelegenheit der Gruendung der Buergerkolonien Potentia und Pisaurum von einem der Triumvirn, Q. Fulvius Nobilior, das Buergerrecht geschenkt (Cic. Brut. 20, 79); worauf er denn auch nach bekannter Sitte dessen Vornamen annahm. Von Rechts wegen erwarben, wenigstens in dieser Epoche, die in die Buergerkolonie mit deduzierten Nichtbuerger dadurch die roemische Civitaet keineswegs, wenn sie auch haeufig dieselbe sich anmassten (Liv. 34, 42); es wurde aber den mit der Gruendung einer Kolonie beauftragten Beamten durch eine Klausel in dem jedesmaligen Volksschluss die Verleihung des Buergerrechts an eine beschraenkte Anzahl von Personen gestattet (Cic. Balb. 21, 48).

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Diesen tatsaechlichen und rechtlichen Umgestaltungen der Verhaeltnisse der italischen Untertanen kann wenigstens innerer Zusammenhang und Folgerichtigkeit nicht abgesprochen wer den. Die Lage der Untertanenklassen wurde im Verhaeltnis ihrer bisherigen Abstufung durchgaengig verschlechtert und, waehrend die Regierung sonst die Gegensaetze zu mildern und durch Uebergaenge zu vermitteln bemueht gewesen war, wuerden jetzt ueberall die Mittelglieder beseitigt und die verbindenden Bruecken abgebrochen. Wie innerhalb der roemischen Buergerschaft der Herrenstand von dem Volke sich absonderte, den oeffentlichen Lasten durchgaengig sich entzog und die Ehren und Vorteile durchgaengig fuer sich nahm, so trat die Buergerschaft ihrerseits der italischen Eidgenossenschaft gegenueber und schloss diese mehr und mehr von dem Mitgenuss der Herrschaft aus, waehrend sie an den gemeinen Lasten doppelten und dreifachen Anteil ueberkam. Wie die Nobilitaet gegenueber den Plebejern, so lenkte die Buergerschaft gegenueber den Nichtbuergern zurueck in die Abgeschlossenheit des verfallenen Patriziats; das Plebejat, das durch die Liberalitaet seiner Institutionen grossgeworden war, schnuerte jetzt selbst sich ein in die starren Satzungen des Junkertums. Die Aufhebung der Passivbuergerschaften kann an sich nicht getadelt werden und gehoert auch ihrem Motiv nach vermutlich in einen anderen, spaeter noch zu eroerternden Zusammenhang; dennoch ging schon dadurch ein vermittelndes Zwischenglied verloren. Bei weitem bedenklicher aber war das Schwinden des Unterschieds zwischen den latinischen und den uebrigen italischen Gemeinden. Die Grundlage der roemischen Macht war die bevorzugte Stellung der latinischen Nation innerhalb Italiens; sie wich unter den Fuessen, seit die latinischen Staedte anfingen, sich nicht mehr als die bevorzugten Teilhaber an der Herrschaft der maechtigen stammverwandten Gemeinde, sondern wesentlich gleich den uebrigen als Untertanen Roms zu empfinden und alle Italiker ihre Lage gleich unertraeglich zu finden begannen. Denn dass die Brettier und ihre Leidensgenossen schon voellig wie Sklaven behandelt wurden und voellig wie Sklaven sich verhielten, zum Beispiel von der Flotte, auf der sie als Ruderknechte dienten, ausrissen, wo sie konnten und gern gegen Rom Dienste nahmen; dass ferner in den keltischen und vor allem den ueberseeischen Untertanen eine noch gedruecktere und von der Regierung in berechneter Absicht der Verachtung und Misshandlung durch die Italiker preisgegebene Klasse den Italikern zur Seite gestellt ward, schloss freilich auch eine Abstufung innerhalb der Untertanenschaft in sich, konnte aber doch fuer den frueheren Gegensatz zwischen den stammverwandten und den stammfremden italischen Untertanen nicht entfernt einen Ersatz gewaehren. Eine tiefe Verstimmung bemaechtigte sich der gesamten italischen Eidgenossenschaft, und nur die Furcht hielt sie ab, laut sich zu aeussern. Der Vorschlag, der nach der Schlacht bei Cannae im Senat gemacht ward, aus jeder latinischen Gemeinde zwei Maennern das roemische Buergerrecht und Sitz im Senat zu gewaehren, war freilich zur Unzeit gestellt und ward mit Recht abgelehnt; aber er zeigt doch, mit welcher Besorgnis man schon damals in der herrschenden Gemeinde auf das Verhaeltnis zwischen Latium und Rom blickte. Wenn jetzt ein zweiter Hannibal den Krieg nach Italien getragen haette, so durfte man zweifeln, ob auch er an dem felsenfesten Widerstand des latinischen Namens gegen die Fremdherrschaft gescheitert sein wuerde.

Aber bei weitem die wichtigste Institution, welche diese Epoche in das roemische Gemeinwesen eingefuehrt hat, und zugleich diejenige, welche am entschiedensten und verhaengnisvollsten aus der bisher eingehaltenen Bahn wich, waren die neuen Vogteien. Das aeltere roemische Staatsrecht kannte zinspflichtige Untertanen nicht; die ueberwundenen Buergerschaften wurden entweder in die Sklaverei verkauft oder in der roemischen aufgehoben oder endlich zu einem Buendnis zugelassen, das ihnen wenigstens die kommunale Selbstaendigkeit und die Steuerfreiheit sicherte. Allein die karthagischen Besitzungen in Sizilien, Sardinien und Spanien sowie Hierons Reich hatten ihren frueheren Herren gesteuert und gezinst; wenn Rom diese Besitzungen einmal behalten wollte, war es nach dem Urteil der Kurzsichtigen das Verstaendigste und unzweifelhaft das Bequemste, die neuen Gebiete lediglich nach den bisherigen Normen zu verwalten. Man behielt also die karthagisch-hieronische Provinzialverfassung einfach bei und organisierte nach derselben auch diejenigen Landschaften, die man, wie das Diesseitige Spanien, den Barbaren entriss. Es war das Hemd des Nessos, das man vom Feind erbte. Ohne Zweifel war es anfaenglich die Absicht der roemischen Regierung, durch die Abgaben der Untertanen nicht eigentlich sich zu bereichern, sondern nur die Kosten der Verwaltung und Verteidigung damit zu decken; doch wich man auch hiervon schon ab, als man Makedonien und Illyrien tributpflichtig machte, ohne daselbst die Regierung und die Grenzbesetzung zu uebernehmen. Ueberhaupt aber kam es weit weniger darauf an, dass man noch in der Belastung Mass hielt, als darauf, dass man ueberhaupt die Herrschaft in ein nutzbares Recht verwandelte; fuer den Suendenfall ist es gleich, ob man nur den Apfel nimmt oder gleich den Baum pluendert. Die Strafe folgte dem Unrecht auf dem Fuss. Das neue Provinzialregiment noetigte zu der Einsetzung von Voegten, deren Stellung nicht bloss mit der Wohlfahrt der Vogteien, sondern auch mit der roemischen Verfassung schlechthin unvertraeglich war. Wie die roemische Gemeinde in den Provinzen an die Stelle des frueheren Landesherrn trat, so war ihr Vogt daselbst an Koenigs Statt; wie denn auch zum Beispiel der sizilische Praetor in dem Hieronischen Palast zu Syrakus residierte. Von Rechts wegen sollte nun zwar der Vogt nichtsdestoweniger sein Amt mit republikanischer Ehrbarkeit und Sparsamkeit verwalten. Cato erschien als Statthalter von Sardinien in den ihm untergebenen Staedten zu Fuss und von einem einzigen Diener begleitet, welcher ihm den Rock und die Opferschale nachtrug, und als er von seiner spanischen Statthalterschaft heimkehrte, verkaufte er vorher sein Schlachtross, weil er sich nicht befugt hielt, die Transportkosten desselben dem Staate in Rechnung zu bringen. Es ist auch keine Frage, dass die roemischen Statthalter, obgleich sicherlich nur wenige von ihnen die Gewissenhaftigkeit so wie Cato bis an die Grenze der Knauserei und Laecherlichkeit trieben, doch zum guten Teil durch ihre altvaeterliche Froemmigkeit, durch die bei ihren Mahlzeiten herrschende ehrbare Stille, durch die verhaeltnismaessig rechtschaffene Amts- und Rechtspflege, namentlich die angemessene Strenge gegen die schlimmsten unter den Blutsaugern der Provinzialen, die roemischen Steuerpaechter und Bankiers, ueberhaupt durch den Ernst und die Wuerde ihres Auftretens den Untertanen, vor allen den leichtfertigen und haltungslosen Griechen nachdruecklich imponierten. Auch die Provinzialen befanden sich unter ihnen verhaeltnismaessig leidlich. Man war durch die karthagischen Voegte und syrakusanischen Herren nicht verwoehnt und sollte bald Gelegenheit finden, im Vergleich mit den nachkommenden Skorpionen der gegenwaertigen Ruten sich dankbar zu erinnern; es ist wohl erklaerlich, wie spaeterhin das sechste Jahrhundert der Stadt als die goldene Zeit der Provinzialherrschaft erschien. Aber es war auf die Laenge nicht durchfuehrbar, zugleich Republikaner und Koenig zu sein. Das Landvogtspielen demoralisierte mit furchtbarer Geschwindigkeit den roemischen Herrenstand. Hoffart und Uebermut gegen die Provinzialen lagen so sehr in der Rolle, dass daraus dem einzelnen Beamten kaum ein Vorwurf gemacht werden darf. Aber schon war es selten, und um so seltener, als die Regierung mit Strenge an dem alten Grundsatz festhielt, die Gemeindebeamten nicht zu besolden, dass der Vogt ganz reine Haende aus der Provinz wieder mitbrachte; dass Paullus, der Sieger von Pydna, kein Geld nahm, wird bereits als etwas Besonderes angemerkt. Die ueble Sitte, dem Amtmann “Ehrenwein” und andere “freiwillige” Gaben zu verabreichen, scheint so alt wie die Provinzialverfassung selbst und mag wohl auch ein karthagisches Erbstueck sein; schon Cato musste in seiner Verwaltung Sardiniens 556 (198) sich begnuegen, diese Hebungen zu regulieren und zu ermaessigen. Das Recht der Beamten und ueberhaupt der in Staatsgeschaeften Reisenden auf freies Quartier und freie Befoerderung ward schon als Vorwand zu Erpressungen benutzt. Das wichtigere Recht des Beamten, Getreidelieferungen teils zu seinem und seiner Leute Unterhalt (in cellam), teils im Kriegsfall zur Ernaehrung des Heeres oder bei anderen besonderen Anlaessen gegen einen billigen Taxpreis in seiner Provinz auszuschreiben, wurde schon so arg gemissbraucht, dass auf die Klagen der Spanier der Senat im Jahre 583 (171) die Feststellung des Taxpreises fuer beiderlei Lieferungen den Amtsleuten zu entziehen sich veranlasst fand. Selbst fuer die Volksfeste in Rom fing schon an bei den Untertanen requiriert zu werden; die masslosen Tribulationen, die der Aedil Tiberius Sempronius Gracchus fuer die von ihm auszurichtende Festlichkeit ueber italische wie ausseritalische Gemeinden ergehen liess, veranlassten den Senat, offiziell dagegen einzuschreiten (572 182). Was ueberhaupt der roemische Beamte sich am Schlusse dieser Periode nicht bloss gegen die ungluecklichen Untertanen, sondern selbst gegen die abhaengigen Freistaaten und Koenigreiche herausnahm, das zeigen die Raubzuege des Gnaeus Volso in Kleinasien und vor allem die heillose Wirtschaft in Griechenland waehrend des Krieges gegen Perseus. Die Regierung hatte kein Recht, sich darueber zu verwundern, da sie es an jeder ernstlichen Schranke gegen die uebergriffe dieses militaerischen Willkuerregiments fehlen liess. Zwar die gerichtliche Kontrolle mangelte nicht ganz. Konnte auch der roemische Vogt nach dem allgemeinen und mehr als bedenklichen Grundsatz: gegen den Oberfeldherrn waehrend der Amtsverwaltung keine Beschwerdefuehrung zu gestatten, regelmaessig erst dann zur Rechenschaft gezogen werden, wenn das Uebel geschehen war, so war doch an sich sowohl eine Kriminal- als eine Zivilverfolgung gegen ihn moeglich. Um jene einzuleiten, musste ein Volkstribun kraft der ihm zustehenden richterlichen Gewalt die Sache in die Hand nehmen und sie an das Volksgericht bringen; die Zivilklage wurde von dem Senator, der die betreffende Praetur verwaltete, an eine nach der damaligen Gerichtsverfassung aus dem Schosse des Senats bestellte Jury gewiesen. Dort wie hier lag also die Kontrolle in den Haenden des Herrenstandes, und obwohl dieser noch rechtlich und ehrenhaft genug war, um gegruendete Beschwerden nicht unbedingt beiseite zu legen, der Senat sogar verschiedene Male auf Anrufen der Geschaedigten die Einleitung eines Zivilverfahrens selber zu veranlassen sich herbeiliess, so konnten doch Klagen von Niedrigen und Fremden gegen maechtige Glieder der regierenden Aristokratie vor weit entfernten und wenn nicht in gleicher Schuld befangenen, doch mindestens dem gleichen Stande angehoerigen Richtern und Geschworenen von Anfang an nur dann auf Erfolg rechnen, wenn das Unrecht klar und schreiend war; und vergeblich zu klagen, war fast gewisses Verderben. Einen gewissen Anhalt fanden die Geschaedigten freilich in den erblichen Klientelverhaeltnissen, welche die Staedte und Landschaften der Untertanen mit ihren Besiegern und andern ihnen naeher getretenen Roemern verknuepften. Die spanischen Statthalter empfanden es, dass an Catos Schutzbefohlenen sich niemand ungestraft vergriff; und dass die Vertreter der drei von Paullus ueberwundenen Nationen, der Spanier, Ligurer und Makedonier, sich es nicht nehmen liessen, seine Bahre zum Scheiterhaufen zu tragen, war die schoenste Totenklage um den edlen Mann. Allein dieser Sonderschutz gab nicht bloss den Griechen Gelegenheit, ihr ganzes Talent, sich ihren Herren gegenueber wegzuwerfen, in Rom zu entfalten und durch ihre bereitwillige Servilitaet auch ihre Herren zu demoralisieren - die Beschluesse der Syrakusaner zu Ehren des Marcellus, nachdem er ihre Stadt zerstoert und gepluendert und sie ihn vergeblich deshalb beim Senat verklagt hatten, sind eines der schandbarsten Blaetter in den wenig ehrbaren Annalen von Syrakus -, sondern es hatte auch bei der schon gefaehrlichen Familienpolitik dieses Hauspatronat seine politisch bedenkliche Seite. Immer wurde auf diesem Wege wohl bewirkt, dass die roemischen Beamten die Goetter und den Senat einigermassen fuerchteten und im Stehlen meistenteils Mass hielten, allein man stahl denn doch, und ungestraft, wenn man mit Bescheidenheit stahl. Die heillose Regel stellte sich fest, dass bei geringen Erpressungen und maessiger Gewalttaetigkeit der roemische Beamte gewissermassen in seiner Kompetenz und von Rechts wegen straffrei sei, die Beschaedigten also zu schweigen haetten; woraus denn die Folgezeit die verhaengnisvollen Konsequenzen zu ziehen nicht unterlassen hat. Indes waeren auch die Gerichte so streng gewesen, wie sie schlaff waren, es konnte doch die gerichtliche Rechenschaft nur den aergsten Uebelstaenden steuern. Die wahre Buergschaft einer guten Verwaltung liegt in der strengen und gleichmaessigen Oberaufsicht der hoechsten Verwaltungsbehoerde; und hieran liess der Senat es vollstaendig mangeln. Hier am fruehesten machte die Schlaffheit und Unbeholfenheit des kollegialischen Regiments sich geltend. Von Rechts wegen haetten die Voegte einer weit strengeren und spezielleren Aufsicht unterworfen werden sollen, als sie fuer die italischen Munizipalverwaltungen ausgereicht hatte, und mussten jetzt, wo das Reich grosse ueberseeische Gebiete umfasste, die Anstalten gesteigert werden, durch welche die Regierung sich die Uebersicht ueber das Ganze bewahrte. Von beidem geschah das Umgekehrte. Die Voegte herrschten so gut wie souveraen, und das wichtigste der fuer den letzteren Zweck dienenden Institute, die Reichsschatzung, wurde noch auf Sizilien, aber auf keine der spaeter erworbenen Provinzen mehr erstreckt. Diese Emanzipation der obersten Verwaltungsbeamten von der Zentralgewalt war mehr als bedenklich. Der roemische Vogt, an der Spitze der Heere des Staats und im Besitz bedeutender Finanzmittel, dazu einer schlaffen gerichtlichen Kontrolle unterworfen und von der Oberverwaltung tatsaechlich unabhaengig, endlich mit einer gewissen Notwendigkeit dahin gefuehrt, sein und seiner Administrierten Interesse von dem der roemischen Gemeinde zu scheiden und ihm entgegenzustellen, glich weit mehr einem persischen Satrapen als einem der Mandatare des roemischen Senats in der Zeit der Samnitischen Kriege, und kaum konnte der Mann, der eben im Auslande eine gesetzliche Militaertyrannis gefuehrt hatte, von da den Weg wieder zurueck in die buergerliche Gemeinschaft finden, die wohl Befehlende und Gehorchende, aber nicht Herren und Knechte unterschied. Auch die Regierung empfand es, dass die beiden fundamentalen Saetze die Gleichheit innerhalb der Aristokratie und die Unterordnung der Beamtengewalt unter das Senatskollegium, ihr hier unter den Haenden zu schwinden begannen. Aus der Abneigung der Regierung gegen Erwerbung neuer Vogteien und gegen das ganze Vogteiwesen, der Einrichtung der Provinzialquaesturen, die wenigstens die Finanzgewalt den Voegten aus den Haenden zu nehmen bestimmt waren, der Beseitigung der an sich so zweckmaessigen Einrichtung laengerer Statthalterschaften leuchtet sehr deutlich die Besorgnis hervor, welche die weiterblickenden roemischen Staatsmaenner vor der hier gesaeten Saat empfanden. Aber Diagnose ist nicht Heilung. Das innere Regiment der Nobilitaet entwickelte sich weiter in der einmal angegebenen Richtung, und der Verfall der Verwaltung und des Finanzwesens, die Vorbereitung kuenftiger Revolutionen und Usurpationen hatten ihren wenn nicht unbemerkten, doch ungehemmten stetigen Fortgang.

Wenn die neue Nobilitaet weniger scharf als die alte Geschlechtsaristokratie formuliert war und wenn diese gesetzlich, jene nur tatsaechlich die uebrige Buergerschaft im Mitgenuss der politischen Rechte beeintraechtigte, so war eben darum die zweite Zuruecksetzung nur schwerer zu ertragen und schwerer zu sprengen als die erste. An Versuchen zu dem letzteren fehlte es natuerlich nicht. Die Opposition ruhte auf der Gemeindeversammlung wie die Nobilitaet auf dem Senat; um jene zu verstehen, ist zunaechst die damalige roemische Buergerschaft nach ihrem Geist und ihrer Stellung im Gemeinwesen zu schildern.

Was von einer Buergerversammlung wie die roemische war, nicht dem bewegenden Triebrad, sondern dem festen Grund des Ganzen, gefordert werden kann: ein sicherer Blick fuer das gemeine Beste, eine einsichtige Folgsamkeit gegenueber dem richtigen Fuehrer, ein festes Herz in guten und boesen Tagen und vor allem die Aufopferungsfaehigkeit des Einzelnen fuer das Ganze, des gegenwaertigen Wohlbehagens fuer das Glueck der Zukunft - das alles hat die roemische Gemeinde in so hohem Grade geleistet, dass, wo der Blick auf das Ganze sich richtet, jede Bemaekelung in bewundernder Ehrfurcht verstummt. Auch jetzt war der gute und verstaendige Sinn noch durchaus in ihr vorwiegend. Das ganze Verhalten der Buergerschaft der Regierung wie der Opposition gegenueber beweist mit vollkommener Deutlichkeit, dass dasselbe gewaltige Buergertum, vor dem selbst Hannibals Genie das Feld raeumen musste, auch in den roemischen Komitien entschied; die Buergerschaft hat wohl oft geirrt, jedoch nicht geirrt in Poebeltuecke, sondern in buergerlicher und baeuerlicher Beschraenktheit. Aber allerdings wurde die Maschinerie, mittels welcher die Buergerschaft in den Gang der oeffentlichen Angelegenheiten eingriff, immer unbehilflicher und wuchsen ihr durch ihre eigenen Grosstaten die Verhaeltnisse vollstaendig ueber den Kopf. Dass im Laufe dieser Epoche teils die meisten bisherigen Passivbuergergemeinden, teils eine betraechtliche Anzahl neuangelegter Pflanzstaedte das volle roemische Buergerrecht empfingen, ist schon angegeben worden. Am Ende derselben erfuellte die roemische Buergerschaft in ziemlich geschlossener Masse Latium im weitesten Sinn, die Sabina und einen Teil Kampaniens, so dass sie an der Westkueste noerdlich bis Caere, suedlich bis Cumae reichte; innerhalb dieses Gebiets standen nur wenige Staedte, wie Tibur, Praeneste, Signia, Norba, Ferentinum ausser derselben. Dazu kamen die Seekolonien an den italischen Kuesten, welche durchgaengig das roemische Vollbuergerrecht besassen, die picenischen und transapenninischen Kolonien der juengsten Zeit, denen das Buergerrecht hatte eingeraeumt werden muessen, und eine sehr betraechtliche Anzahl roemischer Buerger, die, ohne eigentliche, gesonderte Gemeinwesen zu bilden, in Marktflecken und Doerfern (fora et conciliabula) durch ganz Italien zerstreut lebten. Wenn man der Unbehilflichkeit einer also beschaffenen Stadtgemeinde auch fuer die Zwecke der Rechtspflege ^8 und der Verwaltung teils durch die frueher schon erwaehnten stellvertretenden Gerichtsherren einigermassen abhalf, teils wohl auch schon, namentlich in den See- und den neuen picenischen und transapenninischen Kolonien, zu der spaeteren Organisation kleinerer staedtischer Gemeinwesen innerhalb der grossen roemischen Stadtgemeinde wenigstens die ersten Grundlinien zog, so blieb doch in allen politischen Fragen die Urversammlung auf dem roemischen Marktplatz allein berechtigt; und es springt in die Augen, dass diese in ihrer Zusammensetzung wie in ihrem Zusammenhandeln jetzt nicht mehr war, was sie gewesen, als die saemtlichen Stimmberechtigten ihre buergerliche Berechtigung in der Art ausuebten, dass sie am Morgen von ihren Hoefen weggehen und an demselben Abend wieder zurueck sein konnten. Es kam hinzu, dass die Regierung - ob aus Unverstand, Schlaffheit oder boeser Absicht, laesst sich nicht sagen - die nach dem Jahre 513 (241) in den Buergerverband eintretenden Gemeinden nicht mehr wie frueher in neuerrichtete Wahlbezirke, sondern in die alten mit einschrieb; so dass allmaehlich jeder Bezirk aus verschiedenen, ueber das ganze roemische Gebiet zerstreuten Ortschaften sich zusammensetzte. Wahlbezirke wie diese, von durchschnittlich 8000, die staedtischen natuerlich von mehr, die laendlichen von weniger Stimmberechtigten, und ohne oertlichen Zusammenhang und innere Einheit, liessen schon keine bestimmte Leitung und keine genuegende Vorbesprechung mehr zu; was um so mehr vermisst werden musste, als den Abstimmungen selbst keine freie Debatte voranging. Wenn ferner die Buergerschaft vollkommen die Faehigkeit. hatte, ihre Gemeindeinteressen wahrzunehmen, so war es doch sinnlos und geradezu laecherlich, in den hoechsten und schwierigsten Fragen, welche die herrschende Weltmacht zu loesen ueberkam, einem wohlgesinnten, aber zufaellig zusammengetriebenen Haufen italischer Bauern das entscheidende Wort einzuraeumen und ueber Feldherrnernennungen und Staatsvertraege in letzter Instanz Leute urteilen zu lassen, die weder die Gruende noch die Folgen ihrer Beschluesse begriffen. In allen ueber eigentliche Gemeindesachen hinausgehenden Dingen haben denn auch die roemischen Urversammlungen eine unmuendige und selbst alberne Rolle gespielt. In der Regel standen die Leute da und sagten ja zu allen Dingen; und wenn sie ausnahmsweise aus eigenem Antrieb nein sagten, wie zum Beispiel bei der Kriegserklaerung gegen Makedonien 554 (200), so machte sicher die Kirchturms- der Staatspolitik eine kuemmerliche und kuemmerlich auslaufende Opposition.

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^8 In der bekanntlich zunaechst auf ein Landgut in der Gegend von Venafrum sich beziehenden landwirtschaftlichen Anweisung Catos wird die rechtliche Eroerterung der etwa entstehenden Prozesse nur fuer einen bestimmten Fall nach Rom gewiesen: wenn naemlich der Gutsherr die Winterweide an den Besitzer einer Schafherde verpachtet, also mit einem in der Regel nicht in der Gegend domizilierten Paechter zu tun hat (agr. 149). Es laesst sich daraus schliessen. dass in dem gewoehnlichen Fall, wo mit einem in der Gegend domizilierten Manne kontrahiert ward, die etwa entspringenden Prozesse schon zu Catos Zeit nicht in Rom, sondern vor den Ortsrichtern entschieden wurden.

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Endlich stellte dem unabhaengigen Buergerstand sich der Klientenpoebel formell gleichberechtigt und tatsaechlich oft schon uebermaechtig zur Seite. Die Institutionen, aus denen er hervorging, waren uralt. Seit unvordenklicher Zeit uebte der vornehme Roemer auch ueber seine Freigelassenen und Zugewandten eine Art Regiment aus und ward von denselben bei allen ihren wichtigeren Angelegenheiten zu Rate gezogen, wie denn zum Beispiel ein solcher Klient nicht leicht seine Kinder verheiratete, ohne die Billigung seines Patrons erlangt zu haben, und sehr oft dieser die Partien geradezu machte. Aber wie aus der Aristokratie ein eigener Herrenstand ward, der in seiner Hand nicht bloss die Macht, sondern auch den Reichtum vereinigte, so wurden aus den Schutzbefohlenen Guenstlinge und Bettler; und der neue Anhang der Reichen unterhoehlte aeusserlich und innerlich den Buergerstand. Die Aristokratie duldete nicht bloss diese Klientel, sondern beutete finanziell und politisch sie aus. So zum Beispiel wurden die alten Pfennigkollekten, welche bisher hauptsaechlich nur zu religioesen Zwecken und bei der Bestattung verdienter Maenner stattgefunden hatten, jetzt von angesehenen Herren - zuerst 568 (186) von Lucius Scipio in Veranlassung eines von ihm beabsichtigten Volksfestes - benutzt, um bei ausserordentlichen Gelegenheiten vom Publikum eine Beisteuer zu erheben. Die Schenkungen wurden besonders deshalb gesetzlich beschraenkt (550 204), weil die Senatoren anfingen, unter diesem Namen von ihren Klienten regelmaessigen Tribut zu nehmen. Aber vor allen Dingen diente der Schweif dem Herrenstande dazu, die Komitien zu beherrschen; und der Ausfall der Wahlen zeigt es deutlich, welche maechtige Konkurrenz der abhaengige Poebel bereits in dieser Zeit dem selbstaendigen Mittelstand machte.

Die reissend schnelle Zunahme des Gesindels, namentlich in der Hauptstadt, welche hierdurch vorausgesetzt wird, ist auch sonst nachweisbar. Die steigende Zahl und Bedeutung der Freigelassenen beweisen die schon im vorigen Jahrhundert gepflogenen und in diesem sich fortsetzenden, sehr ernsten Eroerterungen ueber ihr Stimmrecht in den Gemeindeversammlungen, und der waehrend des Hannibalischen Krieges vom Senat gefasste merkwuerdige Beschluss, die ehrbaren freigelassenen Frauen zur Beteiligung bei den oeffentlichen Kollekten zuzulassen und den rechten Kindern freigelassener Vaeter die bisher nur den Kindern der Freigeborenen zukommenden Ehrenzeichen zu gestatten. Wenig besser als die Freigelassenen mochte die Majoritaet der nach Rom uebersiedelnden Hellenen und Orientalen sein, denen die nationale Servilitaet ebenso unvertilgbar wie jenen die rechtliche anhaftete.

Aber es wirkten nicht bloss diese natuerlichen Ursachen mit zu dem Aufkommen eines hauptstaedtischen Poebels, sondern es kann auch weder die Nobilitaet noch die Demagogie von dem Vorwurf freigesprochen werden, systematisch denselben grossgezogen und durch Volksschmeichelei und noch schlimmere Dinge den alten Buergersinn, soviel an ihnen war, unterwuehlt zu haben. Noch war die Waehlerschaft durchgaengig zu achtbar, als dass unmittelbare Wahlbestechung im grossen sich haette zeigen duerfen; aber indirekt ward schon in unloeblichster Weise um die Gunst der Stimmberechtigten geworben. Die alte Verpflichtung der Beamten, namentlich der Aedilen, fuer billige Kornpreise zu sorgen und die Spiele zu beaufsichtigen, fing an, in das auszuarten, woraus endlich die entsetzliche Parole des kaiserlichen Stadtpoebels hervorging: Brot umsonst und ewiges Volksfest. Grosse Kornsendungen, welche entweder die Provinzialstatthalter zur Verfuegung der roemischen Marktbehoerde stellten oder auch wohl die Provinzen selbst, um sich bei einzelnen roemischen Beamten in Gunst zu setzen, unentgeltlich nach Rom lieferten, machten es seit der Mitte des sechsten Jahrhunderts den Aedilen moeglich, an die hauptstaedtische Buergerbevoelkerung das Getreide zu Schleuderpreisen abzugeben. Es sei kein Wunder, meinte Cato, dass die Buergerschaft nicht mehr auf guten Rat hoere - der Bauch habe eben keine Ohren. Die Volkslustbarkeiten nahmen in erschreckender Weise zu. Fuenfhundert Jahre hatte die Gemeinde sich mit einem Volksfest im Jahr und mit einem Spielplatz begnuegt; der erste roemische Demagoge von Profession, Gaius Flaminius, fuegte ein zweites Volksfest und einen zweiten Spielplatz hinzu (534 220) ^9, und mag sich mit diesen Einrichtungen, deren Tendenz schon der Name des neuen Festes: “plebejische Spiele” hinreichend bezeichnet, die Erlaubnis erkauft haben, die Schlacht am Trasimenischen See zu liefern. Rasch ging man weiter in der einmal eroeffneten Bahn. Das Fest zu Ehren der Ceres, der Schutzgottheit des Plebejertums, kann, wenn ueberhaupt, doch nur wenig juenger sein als das plebejische. Weiter ward nach Anleitung der Sibyllinischen und Marcischen Weissagungen schon 542 (212) ein viertes Volksfest zu Ehren Apollons, 550 (204) ein fuenftes zu Ehren der neu aus Phrygien nach Rom uebergesiedelten Grossen Mutter hinzugefuegt. Es waren dies die schweren Jahre des Hannibalischen Krieges - bei der ersten Feier der Apollospiele ward die Buergerschaft von dem Spielplatz weg zu den Waffen gerufen; die eigentuemlich italische Deisidaemonie war fieberhaft aufgeregt, und es fehlte nicht an solchen, welche sie nutzten, um Sibyllen- und Prophetenorakel in Umlauf zu setzen und durch deren Inhalt und Vertretung sich der Menge zu empfehlen; kaum darf man es tadeln, dass die Regierung, welche der Buergerschaft so ungeheure Opfer zumuten musste, in solchen Dingen nachgab. Was man aber einmal nachgegeben, blieb bestehen; ja selbst in ruhigeren Zeiten (581 173) kam noch ein freilich geringeres Volksfest, die Spiele zu Ehren der Flora hinzu. Die Kosten dieser neuen Festlichkeiten bestritten die mit der Ausrichtung der einzelnen Feste beauftragten Beamten aus eigenen Mitteln - so die kurulischen Aedilen zu dem alten Volksfest noch das Fest der Goettermutter und das der Flora, die plebejischen das Plebejer- und das Ceresfest, der staedtische Praetor die Apollinarischen Spiele. Man mag damit, dass die neuen Volksfeste wenigstens dem gemeinen Saeckel nicht zur Last fielen, sich vor sich selber entschuldigt haben; in der Tat waere es weit weniger nachteilig gewesen, das Gemeindebudget mit einer Anzahl unnuetzer Ausgaben zu belasten, als zu gestatten, dass die Ausrichtung einer Volkslustbarkeit tatsaechlich zur Qualifikation fuer die Bekleidung des hoechsten Gemeindeamtes ward. Die kuenftigen Konsularkandidaten machten bald in dem Aufwande fuer diese Spiele einander eine Konkurrenz, die die Kosten derselben ins Unglaubliche steigerte; und es schadete begreiflicherweise nicht, wenn der Konsul in Hoffnung noch ausser dieser gleichsam gesetzlichen eine freiwillige “Leistung” (munus), ein Fechterspiel auf seine Kosten zum besten gab. Die Pracht der Spiele wurde allmaehlich der Massstab, nach dem die Waehlerschaft die Tuechtigkeit der Konsulatsbewerber bemass. Die Nobilitaet hatte freilich schwer zu zahlen - ein anstaendiges Fechterspiel kostete 750000 Sesterzen (50000 Taler); allein sie zahlte gern, da sie ja damit den unvermoegenden Leuten die politische Laufbahn verschloss. Aber die Korruption beschraenkte sich nicht auf den Markt, sondern uebertrug sich auch schon auf das Lager. Die alte Buergerwehr hatte sich gluecklich geschaetzt, eine Entschaedigung fuer die Kriegsarbeit und im gluecklichen Fall eine geringe Siegesgabe heimzubringen; die neuen Feldherren, an ihrer Spitze Scipio Africanus, warfen das roemische wie das Beutegeld mit vollen Haenden unter sie aus - es war darueber, dass Cato waehrend der letzten Feldzuege gegen Hannibal in Afrika mit Scipio brach. Die Veteranen aus dem Zweiten Makedonischen und dem kleinasiatischen Krieg kehrten bereits durchgaengig als wohlhabende Leute heim; schon fing der Feldherr an, auch von den Besseren gepriesen zu werden, der die Gaben der Provinzialen und den Kriegsgewinn nicht bloss fuer sich und sein unmittelbares Gefolge nahm und aus dessen Lager nicht wenige Maenner mit Golde, sondern viele mit Silber in den Taschen zurueckkamen - dass auch die bewegliche Beute des Staates sei, fing an in Vergessenheit zu geraten. Als Lucius Paullus wieder in alter Weise mit derselben verfuhr, da fehlte wenig, dass seine eigenen Soldaten, namentlich die durch die Aussicht auf reichen Raub zahlreich herbeigelockten Freiwilligen, nicht durch Volksbeschluss dem Sieger von Pydna die Ehre des Triumphes aberkannt haetten, die man schon an jeden Bezwinger von drei ligurischen Doerfern wegwarf.

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^9 Die Anlage des Circus ist bezeugt. Ueber die Entstehung der plebejischen Spiele gibt es keine alte Ueberlieferung, denn was der falsche Asconius (p. 143 Orelli) sagt, ist keine; aber da sie in dem Flaminischen Circus gefeiert wurden (Val. Max. 1, 7, 4) und zuerst sicher im Jahre 538 (216), vier Jahre nach dessen Erbauung, vorkommen (Liv. 23, 30), so wird das oben Gesagte dadurch hinreichend bewiesen.

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Wie sehr die Kriegszucht und der kriegerische Geist der Buergerschaft unter diesem Uebergang der Kriegs- in das Raubhandwerk litten, kann man an den Feldzuegen gegen Perseus verfolgen; und fast in skurriler Weise offenbarte die einreissende Feigheit der unbedeutende Istrische Krieg (576 178), wo ueber ein geringes, vom Geruechte lawinenhaft vergroessertes Scharmuetzel das Landheer und die Seemacht der Roemer, ja die Italiker daheim ins Weglaufen kamen und Cato seinen Landsleuten ueber ihre Feigheit eine eigene Strafpredigt zu halten noetig fand. Auch hier ging die vornehme Jugend voran. Schon waehrend des Hannibalischen Krieges (545 200) sahen die Zensoren sich veranlasst, gegen die Laessigkeit der Militaerpflichtigen von Ritterschatzung mit ernsten Strafen einzuschreiten. Gegen das Ende dieser Periode (574 ? 180) stellte ein Buergerschaftsbeschluss den Nachweis von zehn Dienstjahren als Qualifikation fuer die Bekleidung eines jeden Gemeindeamtes fest, um die Soehne der Nobilitaet dadurch zum Eintritt in das Heer zu noetigen.

Aber wohl nichts spricht so deutlich fuer den Verfall des rechten Stolzes und der rechten Ehre bei Hohen wie bei Geringen als das Jagen nach Abzeichen und Titeln, das im Ausdruck verschieden, aber im Wesen gleichartig bei allen Staenden und Klassen erscheint. Zu der Ehre des Triumphes draengte man sich so, dass es kaum gelang, die alte Regel aufrecht zu erhalten, welche nur dem die Macht der Gemeinde in offener Feldschlacht mehrenden, ordentlichen hoechsten Gemeindebeamten verstattete zu triumphieren und dadurch allerdings nicht selten eben die Urheber der wichtigsten Erfolge von dieser Ehre ausschloss. Man musste es schon sich gefallen lassen, dass diejenigen Feldherren, welche vergeblich versucht oder keine Aussicht hatten, den Triumph vom Senat oder der Buergerschaft zu erlangen, auf eigene Hand wenigstens auf dem Albanischen Berg triumphierend aufzogen (zuerst 523 231). Schon war kein Gefecht mit einem ligurischen oder korsischen Haufen zu unbedeutend, um nicht daraufhin den Triumph zu erbitten. Um den friedlichen Triumphatoren, wie zum Beispiel die Konsuln des Jahres 570 (184) gewesen waren, das Handwerk zu legen, wurde die Gestattung des Triumphes an den Nachweis einer Feldschlacht geknuepft, die wenigstens 5000 Feinden das Leben gekostet; aber auch dieser Nachweis ward oefter durch falsche Bulletins umgangen - sah man doch auch schon in den vornehmen Haeusern manche feindliche Ruestung prangen, die keineswegs vom Schlachtfeld dahin kam. Wenn sonst der Oberfeldherr des einen Jahres es sich zur Ehre gerechnet hatte, das naechste Jahr in den Stab seines Nachfolgers einzutreten, so war es jetzt eine Demonstration gegen die neumodische Hoffart, dass der Konsular Cato unter Tiberius Sempronius Longus (560 194) und Manius Glabrio (563 191; 2, 258) als Kriegstribun Dienste nahm. Sonst hatte fuer den der Gemeinde erwiesenen Dienst der Dank der Gemeinde ein- fuer allemal genuegt; jetzt schien jedes Verdienst eine bleibende Auszeichnung zu fordern. Bereits der Sieger von Mylae (494 260) Gaius Duilius hatte es durchgesetzt, dass ihm, wenn er abends durch die Strassen der Hauptstadt ging, ausnahmsweise ein Fackeltraeger und ein Pfeifer voraufzog. Statuen und Denkmaeler, sehr oft auf Kosten des Geehrten errichtet, wurden so gemein, dass man es spoettisch fuer eine Auszeichnung erklaeren konnte, ihrer zu entbehren. Aber nicht lange genuegten derartige bloss persoenliche Ehren. Es kam auf, aus den gewonnenen Siegen dem Sieger und seinen Nachkommen einen bleibenden Zunamen zu schoepfen; welchen Gebrauch vornehmlich der Sieger von Zama begruendet hat, indem er sich selber den Mann von Afrika, seinen Bruder den von Asien, seinen Vetter den von Spanien nennen liess ^10. Dem Beispiel der Hohen folgten die Niederen nach. Wenn der Herrenstand es nicht verschmaehte, die Rangklassen der Leichenordnung festzustellen und dem gewesenen Zensor ein purpurnes Sterbekleid zu dekretieren, so konnte man es den Freigelassenen nicht veruebeln, dass auch sie verlangten, wenigstens ihre Soehne mit dem vielbeneideten Purpurstreif schmuecken zu duerfen. Der Rock, der Ring und die Amulettkapsel unterschieden nicht bloss den Buerger und die Buergerin von dem Fremden und dem Sklaven, sondern auch den Freigeborenen von dem gewesenen Knecht, den Sohn freigeborener von dem freigelassener Eltern, den Ritter- und den Senatorensohn von dem gemeinen Buerger, den Sproessling eines kurulischen Hauses von dem gemeinen Senator - und das in derjenigen Gemeinde, in der alles, was gut und gross, das Werk der buergerlichen Gleichheit war!

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^10 2, 276. Das erste sichere Beispiel eines solchen Beinamens ist das des Manius Valerius Maximus, Konsul 491 (263), der als Sieger von Messana den Namen Messala annahm; dass der Konsul von 419 (335) in aehnlicher Weise Calenus genannt worden sei, ist falsch. Die Beinamen Maximus im Valerischen und Fabischen Geschlecht sind nicht durchaus gleichartig.

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Die Zwiespaeltigkeit innerhalb der Gemeinde wiederholt sich in der Opposition. Gestuetzt auf die Bauernschaft erheben die Patrioten den lauten Ruf nach Reform; gestuetzt auf die hauptstaedtische Menge beginnt die Demagogie ihr Werk. Obwohl die beiden Richtungen sich nicht voellig trennen lassen, sondern mehrfach Hand in Hand gehen, wird es doch notwendig sein, sie in der Betrachtung voneinander zu sondern.

Die Reformpartei tritt uns gleichsam verkoerpert entgegen in der Person des Marcus Porcius Cato (520-605 234-149). Cato, der letzte namhafte Staatsmann des aelteren, noch auf Italien sich beschraenkenden und dem Weltregiment abgeneigten Systems, galt darum spaeterhin als das Muster des echten Roemers von altem Schrot und Korn; mit groesserem Recht wird man ihn betrachten als den Vertreter der Opposition des roemischen Mittelstandes gegen die neue hellenisch-kosmopolitische Nobilitaet. Beim Pfluge hergekommen, ward er durch seinen Gutsnachbarn, einen der wenigen dem Zuge der Zeit abholden Adligen, Lucius Valerius Flaccus, in die politische Laufbahn gezogen; der derbe sabinische Bauer schien dem rechtschaffenen Patrizier der rechte Mann, um dem Strom der Zeit sich entgegenzustemmen; und er hatte in ihm sich nicht getaeuscht. Unter Flaccus’ Aegide und nach guter alter Sitte mit Rat und Tat den Mitbuergern und dem Gemeinwesen dienend, focht er sich empor bis zum Konsulat und zum Triumph, ja sogar bis zur Zensur. Mit dem siebzehnten Jahre eingetreten in die Buergerwehr, hatte er den ganzen Hannibalischen Krieg von der Schlacht am Trasimenischen See bis zu der bei Zama durchgemacht, unter Marcellus und Fabius, unter Nero und Scipio gedient und bei Tarent und Sena, in Afrika, Sardinien, Spanien, Makedonien sich als Soldat, als Stabsoffizier und als Feldherr gleich tuechtig bewaehrt. Wie auf der Walstatt stand er auf dem Marktplatz. Seine furchtlose und schlagfertige Rede, sein derber treffender Bauernwitz, seine Kenntnis des roemischen Rechts und der roemischen Verhaeltnisse, seine unglaubliche Ruehrigkeit und sein eiserner Koerper machten ihn zuerst in den Nachbarstaedten angesehen, alsdann, nachdem er auf dem Markt und in der Kurie der Hauptstadt auf einen groesseren Schauplatz getreten war, zu dem einflussreichsten Sachwalter und Staatsredner seiner Zeit. Er nahm den Ton auf, den zuerst Manius Curius, unter den roemischen Staatsmaennern sein Ideal, angeschlagen hatte; sein langes Leben hat er daran gesetzt, dem einreissenden Verfall redlich, wie er es verstand, nach allen Seiten hin zu begegnen, und noch in seinem fuenfundachtzigsten Jahre auf dem Marktplatz dem neuen Zeitgeist Schlachten geliefert. Er war nichts weniger als schoen - gruene Augen habe er, behaupteten seine Feinde, und rote Haare - und kein grosser Mann, am wenigsten ein weitblickender Staatsmann. Politisch und sittlich gruendlich borniert und stets das Ideal der guten alten Zeit vor den Augen und auf den Lippen, verachtete er eigensinnig alles Neue. Durch seine Strenge gegen sich vor sich selber legitimiert zu mitleidloser Schaerfe und Haerte gegen alles und alle, rechtschaffen und ehrbar, aber ohne Ahnung einer jenseits der polizeilichen Ordnung und der kaufmaennischen Redlichkeit liegenden Pflicht, ein Feind aller Bueberei und Gemeinheit wie aller Eleganz und Genialitaet und vor allen Dingen der Feind seiner Feinde, hat er nie einen Versuch gemacht, die Quellen des Uebels zu verstopfen, und sein Leben lang gegen nichts gefochten als gegen Symptome und namentlich gegen Personen. Die regierenden Herren sahen zwar auf den ahnenlosen Beller vornehm herab und glaubten nicht mit Unrecht, ihn weit zu uebersehen; aber die elegante Korruption in und ausser dem Senat zitterte doch im geheimen vor dem alten Sittenmeisterer von stolzer republikanischer Haltung, vor dem narbenbedeckten Veteranen aus dem Hannibalischen Krieg, vor dem hoechst einflussreichen Senator und dem Abgott der roemischen Bauernschaft. Einem nach dem andern seiner vornehmen Kollegen hielt er oeffentlich sein Suendenregister vor, allerdings ohne es mit den Beweisen sonderlich genau zu nehmen, und allerdings auch mit besonderem Genuss denjenigen, die ihn persoenlich gekreuzt oder gereizt hatten. Ebenso ungescheut verwies und beschalt er oeffentlich auch der Buergerschaft jede neue Unrechtfertigkeit und jeden neuen Unfug. Seine bitterboesen Angriffe erweckten ihm zahllose Feinde und mit den maechtigsten Adelskoterien der Zeit, namentlich den Scipionen und den Flamininen, lebte er in ausgesprochener unversoehnlicher Fehde; vierundvierzigmal ist er oeffentlich angeklagt worden. Aber die Bauernschaft - und es ist dies bezeichnend dafuer, wie maechtig noch in dieser Zeit in dem roemischen Mittelstand derjenige Geist war, der den Tag von Cannae hatte uebertragen machen - liess den ruecksichtslosen Verfechter der Reform in ihren Abstimmungen niemals fallen; ja als im Jahre 570 (184) Cato mit seinem adligen Gesinnungsgenossen Lucius Flaccus sich um die Zensur bewarb und im voraus ankuendigte, dass sie in diesem Amte eine durchgreifende Reinigung der Buergerschaft an Haupt und Gliedern vorzunehmen beabsichtigten, wurden die beiden gefuerchteten Maenner von der Buergerschaft gewaehlt ungeachtet aller Anstrengungen des Adels, und derselbe musste es hinnehmen, dass in der Tat das grosse Fegefest stattfand und dabei unter anderen der Bruder des Afrikaners von der Ritter-, der Bruder des Befreiers der Griechen von der Senatorenliste gestrichen wurden.

Dieser Krieg gegen die Personen und die vielfachen Versuche, mit Justiz und Polizei den Geist der Zeit zu bannen, wie achtungswert auch die Gesinnung war, aus der sie hervorgingen, konnten doch hoechstens den Strom der Korruption auf eine kurze Weile zurueckstauen; und wenn es bemerkenswert ist, dass Cato dem zum Trotz oder vielmehr dadurch seine politische Rolle zu spielen vermocht hat, so ist es ebenso bezeichnend, dass es so wenig ihm gelang, die Koryphaeen der Gegenpartei wie diesen ihn zu beseitigen, und die von ihm und seinem Gesinnungsgenossen vor der Buergerschaft angestellten Rechenschaftsprozesse wenigstens in den politisch wichtigen Faellen durchgaengig ganz ebenso erfolglos geblieben sind wie die gegen Cato gerichteten Anklagen. Nicht viel mehr als diese Anklagen haben die Polizeigesetze gewirkt, welche namentlich zur Beschraenkung des Luxus und zur Herbeifuehrung eines sparsamen und ordentlichen Haushaltes in dieser Epoche in ungemeiner Anzahl erlassen wurden und die zum Teil in der Darstellung der Volkswirtschaft noch zu beruehren sein werden.

Bei weitem praktischer und nuetzlicher waren die Versuche, dem einreissenden Verfall mittelbar zu steuern, unter denen die Ausweisungen von neuen Bauernhufen aus dem Domanialland ohne Zweifel den ersten Platz einnehmen. Dieselben haben in der Zeit zwischen dem ersten und zweiten Kriege mit Karthago und wieder vom Ende des letzteren bis gegen den Schluss dieses Zeitabschnitts in grosser Anzahl und in bedeutendem Umfange stattgefunden; die wichtigsten darunter sind die Aufteilung der picenischen Possessionen durch Gaius Flaminius im Jahre 522 (232),die Anlage von acht neuen Seekolonien im Jahre 560 (194) und vor allem die umfassende Kolonisation der Landschaft zwischen dem Apennin und dem Po durch die Anlage der latinischen Pflanzstaedte Placentia, Cremona, Bononia und Aquileia und der Buergerkolonien Potentia, Pisaurum, Mutina, Parma und Luna in den Jahren 536 (218) und 565-577 (189-177). Bei weitem die meisten dieser segensreichen Gruendungen duerfen der Reformpartei zugeschrieben werden. Hinweisend einerseits auf die Verwuestung Italiens durch den Hannibalischen Krieg und das erschreckende Hinschwindender Bauernstellen und ueberhaupt der freien italischen Bevoelkerung, anderseits auf die weit ausgedehnten, neben und gleich Eigentum besessenen Possessionen der Vornehmen im Cisalpinischen Gallien, in Samnium, in der apulischen und brettischen Landschaft haben Cato und seine Gesinnungsgenossen sie gefordert; und obwohl die roemische Regierung diesen Forderungen wahrscheinlich nicht in dem Massstab nachkam, wie sie es gekonnt und gesollt haette, so blieb sie doch nicht taub gegen die warnende Stimme des verstaendigen Mannes.

Verwandter Art ist der Vorschlag, den Cato im Senat stellte, dem Verfall der Buergerreiterei durch Errichtung von vierhundert neuen Reiterstellen Einhalt zu tun. An den Mitteln dazu kann es der Staatskasse nicht gefehlt haben; doch scheint der Vorschlag an dem exklusiven Geiste der Nobilitaet und ihrem Bestreben, diejenigen, die nur Reiter und nicht Ritter waren, aus der Buergerreiterei zu verdraengen, gescheitert zu sein. Dagegen erzwangen die schweren Kriegslaeufte, welche ja sogar die roemische Regierung zu dem gluecklicherweise verunglueckenden Versuch bestimmten, ihre Heere nach orientalischer Art vom Sklavenmarkt zu rekrutieren, die Milderung der fuer den Dienst im Buergerheer bisher geforderten Qualifikationen: des Minimalzensus von 11000 Assen (300 Taler) und der Freigeborenheit. Abgesehen davon, dass man die zwischen 4000 (115 Taler) und 1500 Assen (43 Taler) geschaetzten Freigeborenen und saemtliche Freigelassene zum Flottendienst anzog, wurde der Minimalzensus fuer den Legionaer auf 4000 Asse (115 Taler) ermaessigt und wurden im Notfall auch sowohl die Flottendienstpflichtigen als sogar die zwischen 1500 (43 Taler) und 375 Asse (11 Taler) geschaetzten Freigeborenen in das Buergerfussvolk miteingestellt. Diese vermutlich dem Ende der vorigen oder dem Anfang dieser Epoche angehoerenden Neuerungen sind ohne Zweifel ebensowenig wie die servianische Militaerreform aus Parteibestrebungen hervorgegangen; allein sie taten doch der demokratischen Partei insofern wesentlichen Vorschub, als mit den buergerlichen Belastungen zuerst die buergerlichen Ansprueche und sodann auch die buergerlichen Rechte sich notwendig ins Gleichgewicht setzten. Die Armen und Freigelassenen fingen an in dem Gemeinwesen etwas zu bedeuten, seit sie ihm dienten; und hauptsaechlich daraus entsprang eine der wichtigsten Verfassungsaenderungen dieser Zeit, die Umgestaltung der Zenturiatkomitien, welche hoechst wahrscheinlich in demselben Jahre erfolgte, in welchem der Krieg um Sizilien zu Ende ging (513 241).

Nach der bisherigen Stimmordnung hatten in den Zenturiatkomitien wenn auch nicht mehr, wie bis auf die Reform des Appius Claudius, allein die Ansaessigen gestimmt, aber doch die Vermoegenden ueberwogen: es hatten zuerst die Ritter gestimmt, das heisst der patrizisch-plebejische Adel, sodann die Hoechstbesteuerten, das heisst diejenigen, die ein Vermoegen von mindestens 100000 Assen (2900 Taler) dem Zensor nachgewiesen hatten ^11; und diese beiden Abteilungen hatten, wenn sie zusammenhielten, jede Abstimmung entschieden. Das Stimmrecht der Steuerpflichtigen der vier folgenden Klassen war von zweifelhaftem Gewicht, das derjenigen, deren Schaetzung unter dem niedrigsten Klassensatz von 11000 Assen (300 Taler) geblieben war, wesentlich illusorisch gewesen. Nach der neuen Ordnung wurde der Ritterschaft, obwohl sie ihre gesonderten Abteilungen behielt, das Vorstimmrecht entzogen und dasselbe auf eine aus der ersten Klasse durch das Los erwaehlte Stimmabteilung uebertragen. Die Wichtigkeit jenes adligen Vorstimmrechts kann nicht hoch genug angeschlagen werden, zumal in einer Epoche, in der tatsaechlich der Einfluss des Adels auf die Gesamtbuergerschaft in stetigem Steigen war. War doch selbst der eigentliche Junkerstand noch in dieser Zeit maechtig genug, um die gesetzlich den Patriziern wie den Plebejern offenstehende zweite Konsul- und zweite Zensorstelle, jene bis an den Schluss dieser Periode (bis 582 172), diese noch ein Menschenalter darueber hinaus (bis 623 131), lediglich aus den Seinigen zu besetzen, ja in dem gefaehrlichsten Moment, den die roemische Republik erlebt hat, in der Krise nach der Cannensischen Schlacht, die vollkommen gesetzlich erfolgte Wahl des nach aller Ansicht faehigsten Offiziers, des Plebejers Marcellus, zu der durch des Patriziers Paullus Tod erledigten Konsulstelle einzig seines Plebejertums wegen rueckgaengig zu machen. Dabei ist es freilich charakteristisch fuer das Wesen auch dieser Reform, dass das Vorstimmrecht nur dem Adel, nicht aber den Hoechstbesteuerten entzogen ward, das den Ritterzenturien entzogene Vorstimmrecht nicht auf eine etwa durch das Los aus der ganzen Buergerschaft erwaehlte Abteilung, sondern ausschliesslich auf die erste Klasse ueberging. Diese sowie ueberhaupt die fuenf Stufen blieben wie sie waren; nur die Grenze nach unter, wurde wahrscheinlich in der Weise verschoben, dass der Minimalzensus wie fuer den Dienst in der Legion so auch fuer das Stimmrecht in den Zenturien von 11000 auf 4000 Asse herabgesetzt ward. Ueberdies lag schon in der formeller Beibehaltung der frueheren Saetze bei dem allgemeinen Steigen des Vermoegensstandes gewissermassen eine Ausdehnung des Stimmrechts im demokratischen Sinn. Die Gesamtzahl der Abteilungen blieb gleichfalls unveraendert; aber wenn bis dahin, wie gesagt, die achtzehn Ritterzenturien und die 80 der ersten Klasse in den 193 Stimmzenturien allein die Majoritaet gehabt hatten, so wurden in der reformierten Ordnung die Stimmen der ersten Klasse auf 70 herabgesetzt und dadurch bewirkt, dass unter allen Umstaenden wenigstens die zweite Stufe zur Abstimmung gelangte. Wichtiger noch und der eigentliche Schwerpunkt der Reform war die Verbindung, in welche die neuen Stimmabteilungen mit der Tribusordnung gesetzt wurden. Von jeher sind die Zenturien aus den Tribus in der Weise hervorgegangen, dass wer einer Tribus angehoerte, von dem Zensor in eine der Zenturien eingeschrieben werden musste. Seitdem die nicht ansaessigen Buerger in die Tribus eingeschrieben worden waren, gelangten also auch sie in die Zenturien, und waehrend sie in den Tribusversammlungen selbst auf die vier staedtischen Abteilungen beschraenkt waren, hatten sie in denen der Zenturien mit den ansaessigen Buergern formell das gleiche Recht, wenngleich wahrscheinlich die zensorische Willkuer in der Zusammensetzung der Zenturien dazwischen trat und den in die Landtribus eingeschriebenen Buergern das Uebergewicht auch in der Zenturienversammlung gewaehrte. Dieses Uebergewicht wurde durch die reformierte Ordnung rechtlich in der Weise festgestellt, dass von den 70 Zenturien der ersten Klasse jeder Tribus zwei zugewiesen wurden, demnach die nicht ansaessigen Buerger davon nur acht erhielten; in aehnlicher Weise muss auch in den vier anderen Stufen den ansaessigen Buergern das Uebergewicht eingeraeumt worden sein. Im gleichen Sinne wurde die bisherige Gleichstellung der Freigelassenen mit den Freigeborenen im Stimmrecht in dieser Zeit beseitigt und wurden auch die ansaessigen Freigelassenen in die vier staedtischen Tribus gewiesen. Dies geschah im Jahre 534 (220) durch einen der namhaftesten Maenner der Reformpartei, den Zensor Gaius Flaminius, und wurde dann von dem Zensor Tiberius Sempronius Gracchus, dem Vater der beiden Urheber der roemischen Revolution, fuenfzig Jahre spaeter (585 169) wiederholt und verschaerft. Diese Reform der Zenturien, die vielleicht in ihrer Gesamtheit ebenfalls von Flaminius ausgegangen ist, war die erste wichtige Verfassungsaenderung, die die neue Opposition der Nobilitaet abgewann, der erste Sieg der eigentlichen Demokratie. Der Kern derselben besteht teils in der Beschraenkung des zensorischen Willkuerregiments, teils in der Beschraenkung des Einflusses einerseits der Nobilitaet, anderseits der Nichtansaessigen und der Freigelassenen, also in der Umgestaltung der Zenturiatkomitien nach dem fuer die Tributkomitien schon geltenden Prinzip; was sich schon dadurch empfahl, dass Wahlen, Gesetzvorschlaege, Kriminalanklagen und ueberhaupt alle die Mitwirkung der Buergerschaft erfordernde Angelegenheiten durchgaengig an die Tributkomitien gebracht und die schwerfaelligeren Zenturien nicht leicht anders zusammengerufen wurden, als wo es verfassungsmaessig notwendig oder doch ueblich war, um die Zensoren, Konsuln und Praetoren zu waehlen und um einen Angriffskrieg zu beschliessen. Es ward also durch diese Reform nicht ein neues Prinzip in die Verfassung hinein, sondern ein laengst in der praktisch haeufigeren und wichtigeren Kategorie der Buergerschaftsversammlungen massgebendes zu allgemeiner Geltung gebracht. Ihre wohl demokratische, aber keineswegs demagogische Tendenz zeigt sich deutlich in ihrer Stellungnahme zu den eigentlichen Stuetzen jeder wirklich revolutionaeren Partei, dem Proletariat und der Freigelassenschaft. Darum darf denn auch die praktische Bedeutung dieser Abaenderung der fuer die Urversammlungen massgebenden Stimmordnung nicht allzu hoch angeschlagen werden. Das neue Wahlgesetz hat die gleichzeitige Bildung eines neuen politisch privilegierten Standes nicht verhindert und vielleicht nicht einmal wesentlich erschwert. Es ist sicher nicht bloss Schuld der allerdings mangelhaften Ueberlieferung, dass wir nirgend eine tatsaechliche Einwirkung der vielbesprochenen Reform auf den politischen Verlauf der Dinge nachzuweisen vermoegen. Innerlich haengt uebrigens mit dieser Reform noch die frueher schon erwaehnte Beseitigung der nicht stimmberechtigten roemischen Buergergemeinden und deren allmaehliches Aufgehen in die Vollbuergergemeinde zusammen. Es lag in dem nivellierenden Geiste der Fortschrittspartei, die Gegensaetze innerhalb des Mittelstandes zu beseitigen, waehrend die Kluft zwischen Buergern und Nichtbuergern sich gleichzeitig breiter und tiefer zog.

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^11 Ueber die urspruenglichen roemischen Zensussaetze ist es schwierig, etwas Bestimmtes aufzustellen. Spaeterhin galten bekanntlich als Minimalzensus der ersten Klasse 100000 As, wozu die Zensus der vier uebrigen Klassen in dem (wenigstens ungefaehren) Verhaeltnis von ¾, ½, ¼, 1/9 stehen. Diese Saetze aber versteht bereits Polybios und verstehen alle spaeteren Schriftsteller von dem leichten As (zu 1/10 Denar), und es scheint hieran festgehalten werden zu muessen, wenn auch in Beziehung auf das Voconische Gesetz dieselben Summen als schwere Asse (zu ¼ Denar) in Ansatz gebracht werden (Geschichte des Roemischen Muenzwesens, S. 302). Appius Claudius aber, der zuerst im Jahre 442 (312) die Zensussaetze in Geld statt in Grundbesitz ausdrueckte, kann sich dabei nicht des leichten As bedient haben, der erst 485 (269) aufkam. Entweder also hat er dieselben Betraege in schweren Assen ausgedrueckt und sind diese bei der Muenzreduktion in leichte umgesetzt worden, oder er stellte die spaeteren Ziffern auf, und es blieben dieselben trotz der Muenzreduktion, welche in diesem Falle eine Herabsetzung der Klassensaetze um mehr als die Haelfte enthalten haben wuerde. Gegen beide Annahmen lassen sich gueltige Bedenken erheben; doch scheint die erstere glaublicher, da ein so exorbitanter Fortschritt in der demokratischen Entwicklung weder fuer das Ende des fuenften Jahrhunderts noch als beilaeufige Konsequenz einer bloss administrativen Massregel wahrscheinlich ist, auch wohl schwerlich ganz aus der Ueberlieferung verschwunden sein wuerde. 100000 leichte As oder 40000 Sesterzen koennen uebrigens fueglich als Aequivalent der urspruenglichen roemischen Vollhufe von vielleicht 20 Morgen angesehen werden; so dass danach die Schatzungssaetze ueberhaupt nur im Ausdruck, nicht aber im Wert gewechselt haben wuerden.

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Fasst man zusammen, was von der Reformpartei dieser Zeit gewollt und erreicht ward, so hat sie dem einreissenden Verfall, vor allem dem Einschwinden des Bauernstandes und der Lockerung der alten, strengen und sparsamen Sitte, aber auch dem uebermaechtigen politischen Einfluss der neuen Nobilitaet unzweifelhaft patriotisch und energisch zu steuern sich bemueht und bis zu einem gewissen Grade auch gesteuert. Allein man vermisst ein hoeheres politisches Ziel. Das Missbehagen der Menge, der sittliche Unwille der Besseren fanden wohl in dieser Opposition ihren angemessenen und kraeftigen Ausdruck; aber man sieht weder eine deutliche Einsicht in die Quelle des Uebels noch einen festen Plan, im grossen und ganzen zu bessern. Eine gewisse Gedankenlosigkeit geht hindurch durch all diese sonst so ehrenwerten Bestrebungen, und die rein defensive Haltung der Verteidiger weissagt wenig Gutes fuer den Erfolg. Ob die Krankheit ueberhaupt durch Menschenwitz geheilt werden konnte, bleibt billig dahingestellt; die roemischen Reformatoren dieser Zeit aber scheinen mehr gute Buerger als gute Staatsmaenner gewesen zu sein und den grossen Kampf des alten Buergertums gegen den neuen Kosmopolitismus auf ihrer Seite einigermassen unzulaenglich und spiessbuergerlich gefuehrt zu haben.

Aber wie neben der Buergerschaft der Poebel in dieser Zeit emporkam, so trat auch schon neben die achtbare und nuetzliche Oppositionspartei die volksschmeichelnde Demagogie. Bereits Cato kennt das Gewerbe der Leute, die an der Redesucht kranken wie andere an der Trink- und der Schlafsucht; die sich Zuhoerer mieten, wenn sich keine freiwillig einfinden, und die man wie den Marktschreier anhoert, ohne auf sie zu hoeren, geschweige denn, wenn man Hilfe braucht, sich ihnen anzuvertrauen. In seiner derben Art schildert der Alte diese nach dem Muster der griechischen Schwaetzer des Marktes gebildeten spassigen und witzelnden, singenden und tanzenden, allezeit bereiten Herrchen; zu nichts, meint er, ist so einer zu brauchen, als um sich im Zuge als Hanswurst zu produzieren und mit dem Publikum Reden zu wechseln - fuer ein Stueck Brot ist ihm ja das Reden wie das Schweigen feil. In der Tat, diese Demagogen waren die schlimmsten Feinde der Reform. Wie diese vor allen Dingen und nach allen Seiten hin auf sittliche Besserung drang, so hielt die Demagogie vielmehr hin auf Beschraenkung der Regierungs- und Erweiterung der Buergerschaftskompetenz. In ersterer Beziehung ist die wichtigste Neuerung die tatsaechliche Abschaffung der Diktatur. Die durch Quintus Fabius und seine populaeren Gegner 537 (217) hervorgerufene Krise gab diesem von Haus aus unpopulaeren Institut den Todesstoss. Obwohl die Regierung einmal nachher noch (538 216) unter dem unmittelbaren Eindruck der Schlacht von Cannae einen mit aktivem Kommando ausgestatteten Diktator ernannt hat, so durfte sie dies doch in ruhigeren Zeiten nicht wieder wagen, und nachdem noch ein paar Male (zuletzt 552 202), zuweilen nach vorgaengiger Bezeichnung der zu ernennenden Person durch die Buergerschaft, ein Diktator fuer staedtische Geschaefte eingesetzt worden war, kam dieses Amt, ohne foermlich abgeschafft zu werden, tatsaechlich ausser Gebrauch. Damit ging dem kuenstlich ineinander gefugten roemischen Verfassungssystem ein fuer dessen eigentuemliche Beamtenkollegialitaet sehr wuenschenswertes Korrektiv verloren und buesste die Regierung, von der das Eintreten der Diktatur, das heisst die Suspension der Konsuln, durchaus und in der Regel auch die Bezeichnung des zu ernennenden Diktators abgehangen hatte, eines ihrer wichtigsten Werkzeuge ein - nur unvollkommen ward dasselbe ersetzt durch die vom Senat seitdem in Anspruch genommene Befugnis, in ausserordentlichen Faellen, namentlich bei ploetzlich ausbrechendem Aufstand oder Krieg, den zeitigen hoechsten Beamten gleichsam diktatorische Gewalt zu verleihen durch die Instruktion: nach Ermessen fuer das gemeine Wohl Massregeln zu treffen, und damit einen dem heutigen Standrecht aehnlichen Zustand herbeizufuehren. Daneben dehnte die formelle Kompetenz des Volkes in der Beamtenernennung wie in Regierungs-, Verwaltungs- und Finanzfragen in bedenklicher Weise sich aus. Die Priesterschaften, namentlich die politisch wichtigsten Kollegien der Sachverstaendigen, ergaenzten sich nach altem Herkommen selber und ernannten selber ihre Vorsteher, soweit diese Koerperschaften ueberhaupt Vorsteher hatten; und in der Tat war fuer diese zur Ueberlieferung der Kunde goettlicher Dinge von Geschlecht zu Geschlecht bestimmten Institute die einzige ihrem Geist entsprechende Wahlform die Kooptation. Es ist darum zwar nicht von grossem politischen Gewicht, aber bezeichnend fuer die beginnende Desorganisation der republikanischen Ordnungen, dass in dieser Zeit (vor 542 212) zwar noch nicht die Wahl in die Kollegien selbst, aber wohl die Bezeichnung der Vorstaende der Curionen und der Pontifices aus dem Schosse dieser Koerperschatten von den Kollegien auf die Gemeinde ueberging; wobei ueberdies noch, mit echt roemischer formaler Goetterfurcht, um ja nichts zu versehen, nur die kleinere Haelfte der Bezirke, also nicht das “Volk” den Wahlakt vollzog. Von groesserer Bedeutung war das zunehmende Eingreifen der Buergerschaft in persoenliche und sachliche Fragen aus dem Kreise der Militaerverwaltung und der aeusseren Politik. Hierher gehoert der Uebergang der Ernennung der ordentlichen Stabsoffiziere vom Feldherrn auf die Buergerschaft, dessen schon gedacht ward; hierher die Wahlen der Fuehrer der Opposition zu Oberfeldherren gegen Hannibal; hierher der verfassungs- und vernunftwidrige Buergerschaftsbeschluss von 537 (217), wodurch das hoechste Kommando zwischen dem unpopulaeren Generalissimus und seinem populaeren und ihm im Lager wie daheim opponierenden Unterfeldherrn geteilt ward; hierher das gegen einen Offizier wie Marcellus vor der Buergerschaft verfuehrte tribunizische Gequengel wegen unverstaendiger und unredlicher Kriegfuehrung (545 209), welches denselben doch schon noetigte, aus dem Lager nach der Hauptstadt zu kommen und sich wegen seiner militaerischen Befaehigung vor dem Publikum der Hauptstadt auszuweisen; hierher die noch skandaloeseren Versuche, dem Sieger von Pydna durch Buergerschaftsbeschluss den Triumph abzuerkennen; hierher die allerdings wohl vom Senat veranlasste Bekleidung eines Privatmanns mit ausserordentlicher konsularischer Amtsgewalt (544 210); hierher die bedenkliche Drohung Scipios, den Oberbefehl in Afrika, wenn der Senat ihm denselben verweigere, sich von der Buergerschaft bewilligen zu lassen (549 205); hierher der Versuch eines vor Ehrgeiz. halb naerrischen Menschen, der Buergerschaft wider Willen der Regierung eine in jeder Hinsicht ungerechtfertigte Kriegserklaerung gegen die Rhodier zu entreissen (587 167); hierher das neue staatsrechtliche Axiom, dass jeder Staatsvertrag erst durch Ratifikation der Gemeinde vollgueltig werde. Dieses Mitregieren und Mitkommandieren der Buergerschaft war in hohem Grade bedenklich, aber weit bedenklicher noch ihr Eingreifen in das Finanzwesen der Gemeinde; nicht bloss, weil die Macht des Senats in der Wurzel getroffen wurde durch jeden Angriff auf das aelteste und wichtigste Recht der Regierung: die ausschliessliche Verwaltung des Gemeindevermoegens, sondern weil die Unterstellung der wichtigsten hierher gehoerigen Angelegenheit, der Aufteilung der Gemeindedomaenen, unter die Urversammlungen der Buergerschaft mit Notwendigkeit der Republik ihr Grab grub. Die Urversammlung aus dem Gemeingut unbeschraenkt in den eigenen Beutel hineindekretieren zu lassen, ist reicht bloss verkehrt, sondern der Anfang vom Ende; es demoralisiert die bestgesinnte Buergerschaft und gibt dem Antragsteller eine mit keinem freien Gemeinwesen vertraegliche Macht. Wie heilsam auch die Aufteilung des Gemeinlandes und wie zwiefachen Tadels darum der Senat wert war, indem er es unterliess, durch freiwillige Aufteilung des okkupierten Landes dies gefaehrlichste aller Agitationsmittel abzuschneiden, so hat doch Gaius Flaminius, indem er mit dem Antrag auf Aufteilung der picenischen Domaenen im Jahre 522 (232) an die Buergerschaft ging, durch das Mittel ohne Zweifel dem Gemeinwesen mehr geschadet, als durch den Zweck ihm genuetzt. Wohl hatte zweihundertundfuenfzig Jahre zuvor Spurius Cassius dasselbe beantragt; aber die beiden Massregeln, wie genau sie auch dem Buchstaben nach zusammenstimmten, waren dennoch insofern voellig verschieden, als Cassius eine Gemeindesache an die lebendige und noch sich selber regierende Gemeinde, Flaminius eine Staatsfrage an die Urversammlung eines grossen Staates brachte. Mit vollem Recht betrachtete nicht etwa bloss die Regierungs-, sondern auch die Reformpartei das militaerische, administrative und finanzielle Regiment als legitime Domaene des Senats und huetete sie sich wohl, von der formellen Macht der innerlich in unabwendbarer Aufloesung begriffenen Urversammlungen vollen Gebrauch zu machen, geschweige denn sie zu steigern. Wenn nie, selbst nicht in der beschraenktesten Monarchie, dem Monarchen eine so voellig nichtige Rolle zugefallen ist, wie sie dem souveraenen roemischen Volke zugeteilt ward, so war dies zwar in mehr als einer Hinsicht zu bedauern, aber bei dem dermaligen Stande der Komitialmaschine auch nach der Ansicht der Reformfreunde eine Notwendigkeit. Darum haben Cato und seine Gesinnungsgenossen nie eine Frage an die Buergerschaft gebracht, welche in das eigentliche Regiment eingegriffen haette, niemals die von ihnen gewuenschten politischen oder finanziellen Massregeln, wie zum Beispiel die Kriegserklaerung gegen Karthago und die Ackerauslegungen, mittelbar oder unmittelbar durch Buergerschaftsbeschluss dem Senat abgezwungen. Die Regierung des Senats mochte schlecht sein; die Urversammlungen konnten nicht regieren. Nicht als haette in ihnen eine boeswillige Majoritaet vorgeherrscht; im Gegenteil fand das Wort eines angesehenen Mannes, fand der laute Ruf der Ehre und der lautere der Not in der Regel in den Komitien noch Gehoer und wendete die aeussersten Schaedigungen und Schaendlichkeiten ab - die Buergerschaft, vor der Marcellus sich verantwortete, liess den Anklaeger schimpflich durchfallen und waehlte den Angeklagten zum Konsul fuer das folgende Jahr; auch von der Notwendigkeit des Krieges gegen Philippos liess die Versammlung sich ueberzeugen, endigte den Krieg gegen Perseus durch die Wahl des Paullus und bewilligte diesem den wohlverdienten Triumph. Aber zu solchen Wahlen und solchen Beschluessen bedurfte es doch schon eines besonderen Aufschwungs; durchgaengig folgte die Masse willenlos dem naechsten Impulse, und Unverstand und Zufall entschieden.

Im Staate wie in jedem Organismus ist das Organ, welches nicht mehr wirkt, schon auch schaedlich; auch die Nichtigkeit der souveraenen Volksversammlung schloss keine geringe Gefahr ein. Jede Minoritaet im Senat konnte der Majoritaet gegenueber verfassungsmaessig an die Komitien appellieren. Jedem einzelnen Manne, der die leichte Kunst besass, unmuendigen Ohren zu predigen oder auch nur Geld wegzuwerfen, war ein Weg eroeffnet, um sich eine Stellung zu verschaffen oder einen Beschluss zu erwirken, denen gegenueber Beamte und Regierung formell gehalten waren zu gehorchen. Daher denn jene Buergergenerale, gewohnt, im Weinhaus Schlachtplaene auf den Tisch zu zeichnen und kraft ihres angeborenen strategischen Genies mitleidig auf den Gamaschendienst herabzusehen; daher jene Stabsoffiziere, die ihr Kommando dem hauptstaedtischen Aemterbettel verdankten und, wenn es einmal Ernst galt, vor allen Dingen in Masse verabschiedet werden mussten - und daher die Schlachten am Trasimenischen See und bei Cannae und die schimpfliche Kriegfuehrung gegen Perseus. Auf Schritt und Tritt ward die Regierung durch jene unberechenbaren Buergerschaftsbeschluesse gekreuzt und beirrt, und begreiflicherweise eben da am meisten, wo sie am meisten in ihrem guten Recht war.

Aber die Schwaechung der Regierung und der Gemeinde selbst waren noch die geringere unter den aus dieser Demagogie sich entwickelnden Gefahren. Unmittelbarer noch draengte unter der Aegide der verfassungsmaessigen Rechte der Buergerschaft die faktioese Gewalt der einzelnen Ehrgeizigen sich empor. Was formell als Wille der hoechsten Autoritaet im Staate auftrat, war der Sache nach sehr oft nichts als das persoenliche Belieben des Antragstellers; und was sollte werden aus einem Gemeinwesen, in welchem Krieg und Frieden, Ernennung und Absetzung des Feldherrn und der Offiziere, die gemeine Kasse und das gemeine Gut von den Launen der Menge und ihrer zufaelligen Fuehrer abhingen? Das Gewitter war noch nicht ausgebrochen; aber dicht und dichter ballten die Wolken sich zusammen und einzelne Donnerschlaege rollten bereits durch die schwuele Luft. Dabei trafen in zwiefach bedenklicher Weise die scheinbar entgegengesetztesten Richtungen in ihren aeussersten Spitzen sowohl hinsichtlich der Zwecke wie hinsichtlich der Mittel zusammen. In der Poebelklientel und dem Poebelkultus machten Familienpolitik und Demagogie sich eine gleichartige und gleich gefaehrliche Konkurrenz. Gaius Flaminius galt den Staatsmaennern der folgenden Generation als der Eroeffner derjenigen Bahn, aus welcher die Gracchischen Reformen und - setzen wir hinzu - weiterhin die demokratisch-monarchische Revolution hervorging. Aber auch Publius Scipio, obwohl tonangebend in der Hoffart, der Titeljagd, der Klientelmacherei der Nobilitaet, stuetzte sich in seiner persoenlichen und fast dynastischen Politik gegen den Senat auf die Menge, die er nicht bloss durch den Schimmer seiner Individualitaet bezauberte, sondern auch durch seine Kornsendungen bestach, auf die Legionen, deren Gunst er durch rechte und unrechte Mittel sich erwarb, und vor allen Dingen auf die ihm persoenlich anhaengende hohe und niedere Klientel - nur die traeumerische Unklarheit, auf welcher der Reiz wie die Schwaeche dieses merkwuerdigen Mannes grossenteils beruht, liessen ihn aus dem Glauben: nichts zu sein noch sein zu wollen als der erste Buerger von Rom, nicht oder doch nicht voellig erwachen.

Die Moeglichkeit einer Reform zu behaupten, wuerde ebenso verwegen sein, wie sie zu leugnen; dass eine durchgreifende Verbesserung des Staats an Haupt und Gliedern dringendes Beduerfnis war und dass von keiner Seite dazu ein ernstlicher Versuch gemacht ward, ist gewiss. Zwar im einzelnen geschah von seiten des Senats wie von seiten der buergerschaftlichen Opposition mancherlei. Dort wie hier waren die Majoritaeten noch wohlgesinnt und boten ueber den Riss weg, der die Parteien trennte, noch haeufig sich die Haende, um gemeinschaftlich die schlimmsten Uebelstaende zu beseitigen. Aber da man die Quellen nicht verstopfte, so half es wenig, dass die besseren Maenner mit Besorgnis auf das dumpfe Tosen der anschwellenden Flut lauschten und an Deichen und Daemmen arbeiteten. Indem auch sie sich mit Palliativen begnuegten und selbst diese, namentlich eben die wichtigsten, wie die Verbesserung der Justiz und die Aufteilung des Domaniallandes, nicht rechtzeitig und umfaenglich genug anwandten, halfen sie mit dazu, den Nachkommen eine boese Zukunft zu bereiten. Indem sie versaeumten, den Acker umzubrechen waehrend es Zeit war, zeitigten Unkraut auch, die es nicht saeten. Den spaeteren Geschlechtern, die die Stuerme der Revolution erlebten, erschien die Zeit nach dem Hannibalischen Kriege als die goldene Roms und Cato als das Muster des roemischen Staatsmanns. Es war vielmehr die Windstille vor dem Sturm und die Epoche der politischen Mittelmaessigkeiten, eine Zeit wie die des Walpoleschen Regiments in England; und kein Chatham fand sich in Rom, der die stockenden Adern der Nation wieder in frische Wallung gebracht haette. Wo man den Blick hinwendet, klaffen in dem alten Bau Risse und Spalten; man sieht die Arbeiter geschaeftig, bald sie zu verstreichen, bald sie zu erweitern; von Vorbereitungen aber zu einem ernstlichen Um- oder Neubau gewahrt man nirgend eine Spur, und es fragt sich nicht mehr, ob, sondern nur noch, wann das Gebaeude einstuerzen wird. In keiner Epoche ist die roemische Verfassung formell so stabil geblieben wie in der vom Sizilischen Kriege bis auf den Dritten Makedonischen und noch ein Menschenalter darueber hinaus; aber die Stabilitaet der Verfassung war hier wie ueberall nicht ein Zeichen der Gesundheit des Staats, sondern der beginnenden Erkrankung und der Vorbote der Revolution.

KAPITEL XII.
Boden- und Geldwirtschaft

Wie mit dem sechsten Jahrhundert der Stadt zuerst eine einigermassen pragmatisch zusammenhaengende Geschichte derselben moeglich wird, so treten auch in dieser Zeit zuerst die oekonomischen Zustaende mit groesserer Bestimmtheit und Anschaulichkeit hervor. Zugleich stellt die Grosswirtschaft im Ackerbau wie im Geldwesen in ihrer spaeteren Weise und Ausdehnung jetzt zuerst sich fest, ohne dass sich genau scheiden liesse, was darin auf aelteres Herkommen, was auf Nachahmung der Boden- und Geldwirtschaft der frueher zivilisierten Nationen, namentlich der Phoeniker, was auf die steigende Kapitalmasse und die steigende Intelligenz der Nation zurueckgeht. Zur richtigen Einsicht in die innere Geschichte Roms wird es beitragen, diese wirtschaftlichen Verhaeltnisse hier zusammenfassend zu schildern.

Die Bodenwirtschaft ^1 war entweder Guts- oder Weide- oder Kleinwirtschaft, wovon die erste in der von Cato entworfenen Schilderung uns mit grosser Anschaulichkeit entgegentritt.

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^1 Um uebrigens von dem alten Italien ein richtiges Bild zu gewinnen, ist es notwendig, sich zu erinnern, welche grossen Veraenderungen auch hier durch die neuere Kultur entstanden sind. Von den Getreidearten ward im Altertum Roggen nicht gebaut und des als Unkraut wohlbekannten Hafers sah man in der Kaiserzeit mit Verwunderung die Deutschen sich zum Brei bedienen. Der Reis ward in Italien zuerst am Ende des fuenfzehnten, der Mais daselbst zuerst am Anfang des siebzehnten Jahrhunderts kultiviert. Die Kartoffeln und Tomaten stammen aus Amerika; die Artischocken scheinen nichts als eine durch Kultur entstandene Varietaet der den Roemern bekannten Cardonen, aber doch in ihrer Eigentuemlichkeit neueren Ursprungs zu sein. Die Mandel dagegen oder die “griechische Nuss”, der Pfirsich oder die “persische”, auch die “weiche Nuss” (nux mollusca) sind zwar Italien urspruenglich fremd, aber begegnen wenigstens schon hundertfuenfzig Jahre vor Christus. Die Dattelpalme, in Italien aus Griechenland, wie in Griechenland aus dem Orient eingefuehrt und ein lebendiger Zeuge des uralten kommerziell-religioesen Verkehrs des Okzidents mit den Orientalen, ward in Italien bereits dreihundert Jahre vor Christus gezogen (Liv. 10, 47; Pallad. 5, 5, 2; 11, 12, 1), nicht der Fruechte wegen (Plin. nat. 13, 4, 26), sondern eben wie heutzutage, als Prachtgewaechs und um der Blaetter bei oeffentlichen Festlichkeiten sich zu bedienen. Juenger ist die Kirsche oder die Frucht von Kerasus am Schwarzen Meer, die erst in der ciceronischen Zeit in Italien gepflanzt zu werden anfing, obwohl der wilde Kirschbaum daselbst einheimisch ist; noch juenger vielleicht die Aprikose oder die “armenische Pflaume”. Der Zitronenbaum ward erst in der spaeteren Kaiserzeit in Italien kultiviert; die Orange kam gar erst durch die Mauren im zwoelften oder dreizehnten Jahrhundert dahin, ebenso erst im sechzehnten von Amerika die Aloe (Agave americana). Die Baumwolle ist in Europa zuerst von Arabern gebaut worden. Auch der Bueffel und der Seidenwurm sind nur dem neuen, nicht dem alten Italien eigen.

Wie man sieht, sind die mangelnden grossenteils eben diejenigen Produkte, die uns recht “italienisch” scheinen; und wenn das heutige Deutschland, verglichen mit demjenigen, welches Caesar betrat, ein suedliches Land genannt werden kann, so ist auch Italien in nicht minderem Grade seitdem “suedlicher” geworden.

Die roemischen Landgueter waren, als groesserer Grundbesitz betrachtet, durchgaengig von beschraenktem Umfang. Das von Cato beschriebene hatte ein Areal von 240 Morgen; ein sehr gewoehnliches Mass war die sogenannte Centuria von 200 Morgen. Wo die muehsame Rebenzucht betrieben ward, wurde die Wirtschaftseinheit noch kleiner gemacht; Cato setzt fuer diesen Fall einen Flaecheninhalt von 100 Morgen voraus. Wer mehr Kapital in die Landwirtschaft stecken wollte, vergroesserte nicht sein Gut, sondern erwarb mehrere Gueter; wie denn wohl schon der Maximalsatz des Okkupationsbesitzes von 500 Morgen als Inbegriff von zwei oder drei Landguetern gedacht worden ist.

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Vererbpachtung ist der italischen Privat- wie der roemischen Gemeindewirtschaft fremd; nur bei den abhaengigen Gemeinden kam sie vor. Verpachtung auf kuerzere Zeit, sowohl gegen eine feste Geldsumme als auch in der Art, dass der Paechter alle Betriebskosten trug und dafuer einen Anteil, in der Regel wohl die Haelfte der Fruechte, empfing ^2, war nicht unbekannt, aber Ausnahme und Notbehelf; ein eigener Paechterstand hat sich deshalb in Italien nicht gebildet ^3. Regelmaessig leitete also der Eigentuemer selber den Betrieb seiner Gueter; indes wirtschaftete er nicht eigentlich selbst, sondern erschien nur von Zeit zu Zeit auf dem Gute, um den Wirtschaftsplan festzustellen, die Ausfuehrung zu beaufsichtigen und seinen Leuten die Rechnung abzunehmen, wodurch es ihm moeglich ward, teils eine Anzahl Gueter gleichzeitig zu nutzen, teils sich nach Umstaenden den Staatsgeschaeften zu widmen.

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^2 Nach Cato (agr. 137, vgl. 16) wird bei der Teilpacht der Bruttoertrag des Gutes, nach Abzug des fuer die Pflugstiere benoetigten Futters, zwischen Verpaechter und Paechter (colonus partiarius) zu den zwischen ihnen ausgemachten Teilen geteilt. Dass die Teile in der Regel gleich waren, laesst die Analogie des franzoesischen bail à cheptel und der aehnlichen italienischen Pachtung auf halb und halb sowie die Abwesenheit jeder Spur anderer Quotenteilung vermuten. Denn unrichtig hat man den politor, der das fuenfte Korn, oder, wenn vor dem Dreschen geteilt wird, den sechsten bis neunten Aehrenkorb erhaelt (Cato agr. 136, vgl. 5), hierher gezogen; er ist nicht Teilpaechter, sondern ein in der Erntezeit angenommener Arbeiter, der seinen Tagelohn durch jenen Gesellschaftsvertrag erhaelt.

^3 Eigentliche Bedeutung hat die Pacht erst gewonnen, als die roemischen Kapitalisten anfingen, ueberseeische Besitzungen in grossem Umfang zu erwerben; wo man es denn auch zu schaetzen wusste, wenn eine Zeitpacht durch mehrere Generationen fortging (Colum. 1, 7, 3).

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Von Getreide wurden namentlich Spelt und Weizen, auch Gerste und Hirse gebaut; daneben Rueben, Rettiche, Knoblauch, Mohn und, besonders zum Viehfutter, Lupinen, Bohnen, Erbsen, Wicken und andere Futterkraeuter. In der Regel ward im Herbst, nur ausnahmsweise im Fruehjahr gesaet. Fuer die Bewaesserung und Entwaesserung war man sehr taetig und zum Beispiel die Drainage durch geblendete Graeben frueh im Gebrauch. Auch Wiesen zur Heugewinnung fehlten nicht und schon zu Catos Zeit wurden sie haeufig kuenstlich berieselt. Von gleicher, wo nicht von groesserer wirtschaftlicher Bedeutung als Korn und Kraut waren der Oelbaum und der Rebstock, von denen jener zwischen die Saaten, dieser fuer sich auf eigenen Weinbergen gepflanzt ward ^4. Auch Feigen-, Apfel-, Birn- und andere Fruchtbaeume wurden gezogen und ebenso, teils zum Holzschlag, teils wegen des zur Streu und zum Viehfutter nuetzlichen Laubes, Ulmen, Pappeln und andere Laubbaeume und Buesche. Dagegen hat bei den Italikern, bei denen durchgaengig Vegetabilien, Fleischspeisen nur ausnahmsweise und dann fast nur Schweine- und Lammfleisch auf den Tisch kamen, die Viehzucht eine weit geringere Rolle gespielt als in der heutigen Oekonomie. Obwohl man den oekonomischen Zusammenhang des Ackerbaus und der Viehzucht und namentlich die Wichtigkeit der Duengerproduktion nicht verkannte, so war doch die heutige Verbindung von Acker- und Viehwirtschaft dem Altertum fremd. An Grossvieh ward nur gehalten, was zur Bestellung des Ackers erforderlich war, und dasselbe nicht auf eigenem Weideland, sondern im Sommer durchaus und meistens auch im Winter im Stall gefuettert. Dagegen wurden auf die Stoppelweide Schafe aufgetrieben, von denen Cato 100 Stueck auf 240 Morgen rechnet; haeufig indes zog der Eigentuemer es vor, die Winterweide an einen grossen Herdenbesitzer in Pacht zu geben oder auch seine Schafherde einem Teilpaechter gegen Ablieferung einer bestimmten Anzahl von Laemmern und eines gewissen Masses von Kaese und Milch zu ueberlassen. Schweine - Cato rechnet auf das groessere Landgut zehn Staelle -, Huehner, Tauben wurden auf dem Hofe gehalten und nach Beduerfnis gemaestet, auch, wo Gelegenheit dazu war, eine kleine Hasenschonung und ein Fischkasten eingerichtet - die bescheidenen Anfaenge der spaeter so unermesslich sich ausdehnenden Wild- und Fischhegung und Zuechtung.

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^4 Dass zwischen den Rebstoecken kein Getreide gebaut ward, sondern hoechstens leicht im Schatten fortkommende Futterkraeuter, geht aus Cato (agr. 33, vgl. 137) hervor; und darum rechnet auch Columella (3, 3) bei dem Weinberg keinen anderen Nebengewinn als den Ertrag der verkauften Ableger. Dagegen die Baumpflanzung (arbustum) wird wie jedes Getreidefeld besaet (Colum. 2, 9, 6). Nur wo der Wein an lebendigen Baeumen gezogen wird, baut man auch zwischen diesen Getreide.

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Die Feldarbeit ward beschafft mit Ochsen, die zum Pfluegen, und Eseln, die besonders zum Duengerschleppen und zum Treiben der Muehle verwandt wurden; auch ward wohl noch, wie es scheint fuer den Herrn, ein Pferd gehalten. Man zog diese Tiere nicht auf dem Gut, sondern kaufte sie; durchgaengig waren wenigstens Ochsen und Pferde verschnitten. Auf das Gut von 100 Morgen rechnet Cato ein, auf das von 240 drei Joch Ochsen, ein juengerer Landwirt Saserna auf 200 Morgen zwei Joch; Esel wurden nach Catos Anschlag fuer das kleinere Grundstueck drei, fuer das groessere vier erfordert.

Die Menschenarbeit ward regelmaessig durch Sklaven beschafft. An der Spitze der Gutssklavenschaft (familia rustica) stand der Wirtschafter (vilicus, von villa), der einnimmt und ausgibt, kauft und verkauft, die Instruktionen des Herrn entgegennimmt und in dessen Abwesenheit anordnet und straft. Unter ihm stehen die Wirtschafterin (vilica), die Haus, Kueche und Speisekammer, Huehnerhof und Taubenschlag besorgt; eine Anzahl Pflueger (bubulci) und gemeiner Knechte, ein Eseltreiber, ein Schweine- und, wo es eine Schafherde gab, ein Schafhirt. Die Zahl schwankte natuerlich je nach der Bewirtschaftungsweise. Auf ein Ackergut von 200 Morgen ohne Baumpflanzungen werden zwei Pflueger und sechs Knechte, auf ein gleiches mit Baumpflanzungen zwei Pflueger und neun Knechte, auf ein Gut von 240 Morgen mit Olivenpflanzungen und Schafherde drei Pflueger, fuenf Knechte und drei Hirten gerechnet. Fuer den Weinberg brauchte man natuerlich mehr Arbeitskraefte: auf ein Gut von 100 Morgen mit Rebpflanzungen kommen ein Pflueger, elf Knechte und zwei Hirten. Der Wirtschafter stand natuerlich freier als die uebrigen Knechte; die Magonischen Buecher rieten, ihm Ehe, Kinderzeugung und eigene Kasse zu gestatten, und Cato, ihn mit der Wirtschafterin zu verheiraten; er allein wird auch Aussicht gehabt haben, im Fall des Wohlverhaltens von dem Herrn die Freiheit zu erlangen. Im uebrigen bildeten alle einen gemeinschaftlichen Hausstand. Die Knechte wurden eben wie das Grossvieh nicht auf dem Gut gezogen, sondern in arbeitsfaehigem Alter auf dem Sklavenmarkt gekauft, auch wohl, wenn sie durch Alter oder Krankheit arbeitsunfaehig geworden waren, mit anderem Ausschuss wieder auf den Markt geschickt ^5. Das Wirtschaftsgebaeude (villa rustica) war zugleich Stallung fuer das Vieh, Speicher fuer die Fruechte und Wohnung des Wirtschafters wie der Knechte; wogegen fuer den Herrn haeufig auf dem Gut ein abgesondertes Landhaus (villa urbana) eingerichtet war. Ein jeder Sklave, auch der Wirtschafter selbst, erhielt seine Beduerfnisse auf Rechnung des Herrn in gewissen Fristen nach festen Saetzen geliefert, womit er dann auszukommen hatte; so Kleider und Schuhzeug, die auf dem Markte gekauft wurden und von denen die Empfaenger nur die Instandhaltung selber beschafften; so monatlich eine Quantitaet Weizen, die jeder selbst zu mahlen hatte, ferner Salz, Zukost - Oliven oder Salzfisch -, Wein und Oel. Die Quantitaet richtete sich nach der Arbeit, weshalb zum Beispiel der Wirtschafter, der leichtere Arbeit hat als die Knechte, knapperes Mass als diese empfing. Alles Backen und Kochen besorgte die Wirtschafterin und alle assen gemeinschaftlich dieselbe Kost. Es war nicht Regel, die Sklaven zu fesseln; wer aber Strafe verwirkt hatte oder einen Entweichungsversuch befuerchten liess, ward angeschlossen auf die Arbeit geschickt und des Nachts in den Sklavenkerker gesperrt ^6. Regelmaessig reichten diese Gutssklaven hin; im Notfall halfen, wie sich von selbst versteht, die Nachbarn mit ihren Sklaven gegen Tagelohn einer dem andern aus. Fremde Arbeiter wurden sonst fuer gewoehnlich nicht verwandt, ausser in besonders ungesunden Gegenden, wo man es vorteilhaft fand, den Sklavenstand zu beschraenken und dafuer gemietete Leute zu verwenden, und zur Einbringung der Ernte, fuer welche die stehenden Arbeitskraefte nirgend genuegten. Bei der Korn- und Heuernte nahm man gedungene Schnitter hinzu, die oft an Lohnes Statt von ihrem Eingebrachten die sechste bis neunte Garbe oder, wenn sie auch droschen, das fuenfte Korn empfingen - so zum Beispiel gingen jaehrlich umbrische Arbeiter in grosser Zahl in das Tal von Rieti, um hier die Ernte einbringen zu helfen. Die Trauben- und Olivenernte ward in der Regel einem Unternehmer in Akkord gegeben, welcher durch seine Mannschaften, gedungene Freie oder auch fremde oder eigene Sklaven, unter Aufsicht einiger vom Gutsbesitzer dazu angestellter Leute das Lesen und Pressen besorgte und den Ertrag an den Herrn ablieferte ^7; sehr haeufig verkaufte auch der Gutsbesitzer die Ernte auf dem Stock oder Zweig und liess den Kaeufer die Einbringung besorgen.

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^5 Mago oder sein Uebersetzer (bei Varro tust. 1, 17, 3) raet, die Sklaven nicht zu zuechten, sondern nicht juenger als zweiundzwanzigjaehrig zu kaufen; und ein aehnliches Verfahren muss auch Cato im Sinn gehabt haben, wie der Personalbestand seiner Musterwirtschaft deutlich beweist, obwohl er es nicht geradezu sagt. Den Verkauf der alten und kranken Sklaven raet Cato (agr. 2) ausdruecklich an. Die Sklavenzuechtung, wie sie Columella (1, 8) beschreibt, wobei die Sklavinnen, welche drei Soehne haben, von der Arbeit befreit, die Muetter von vier Soehnen sogar freigelassen werden, ist wohl mehr eine selbstaendige Spekulation als ein Teil des regelmaessigen Gutsbetriebes, aehnlich wie das von Cato selbst betriebene Geschaeft, Sklaven zur Abrichtung und zum Wiederverkauf aufzukaufen (Plut. Cato mai. 21). Die ebendaselbst erwaehnte charakteristische Besteuerung bezieht sich wohl auf die eigentliche Dienerschaft (familia urbana).

^6 In dieser Beschraenkung ist die Fesselung der Sklaven und selbst der Haussoehne (Dion. Hal. 2, 26) uralt; und also als Ausnahme erscheinen auch bei Cato die gefesselten Feldarbeiter, denen, da sie nicht selbst mahlen koennen, statt des Kornes Brot verabreicht werden muss (56). Sogar in der Kaiserzeit tritt die Fesselung der Sklaven durchgaengig noch auf als eine definitiv von dem Herrn, provisorisch von dem Wirtschafter zuerkannte Bestrafung (Colum. 1, 8; Gaius inst. 1, 13; Ulp. reg. 1, 11). Wenn dennoch die Bestellung der Felder durch gefesselte Sklaven in spaeterer Zeit als eigenes Wirtschaftssystem vorkommt und der Arbeiterzwinger (ergastulum), ein Kellergeschoss mit vielen aber schmalen und nicht vom Boden aus mit der Hand zu erreichenden Fensteroeffnungen (Colum. 1, 6), ein notwendiges Stueck des Wirtschaftsgebaeudes wird, so vermittelt sich dies dadurch, dass die Lage der Gutssklaven haerter war als die der uebrigen Knechte und darum vorwiegend diejenigen Sklaven dazu genommen wurden, welche sich vergangen hatten oder zu haben schienen. Dass grausame Herren uebrigens auch ohne jeden Anlass die Fesselung eintreten liessen, soll damit nicht geleugnet werden und liegt auch klar darin angedeutet, dass die Rechtsbuecher die den Verbrechersklaven treffenden Nachteile nicht ueber die Gefesselten, sondern die Strafe halber Gefesselten verhaengen. Ganz ebenso stand es mit der Brandmarkung; sie sollte eigentlich Strafe sein; aber es wurde auch wohl die ganze Herde gezeichnet (Diod. 35, 5; J. Bernays, Ueber das Phokylideische Gedicht. Berlin 1856, S. XXXI).

^7 Von der Weinlese sagt dies Cato nicht ausdruecklich wohl aber Varro (rust. 1, 17), und es liegt auch in der Sache. Es waere oekonomisch fehlerhaft gewesen, den Stand der Gutssklavenschaft nach dem Mass der Erntearbeiten einzurichten, und am wenigsten wuerde man, wenn es dennoch geschehen waere, die Trauben auf dem Stock verkauft haben, was doch haeufig vorkam (Cato agr. 147).

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Die ganze Wirtschaft ist durchdrungen von der unbedingten Ruecksichtslosigkeit der Kapitalmacht. Knecht und Vieh stehen auf einer Linie; ein guter Kettenhund, heisst es bei einem roemischen Landwirt, muss nicht zu freundlich gegen seine “Mitsklaven” sein. Man naehrt gehoerig den Knecht wie den Stier, solange sie arbeiten koennen, weil es nicht wirtschaftlich waere, sie hungern zu lassen; und man verkauft sie wie die abgaengige Pflugschar, wenn sie arbeitsunfaehig geworden sind, weil es ebenfalls nicht wirtschaftlich waere, sie laenger zu behalten. In aelterer Zeit hatten religioese Ruecksichten auch hier mildernd eingegriffen und den Knecht wie den Pflugstier an den gebotenen Fest- und Rasttagen ^8 von der Arbeit entbunden; nichts ist bezeichnender fuer den Geist Catos und seiner Gesinnungsgenossen als die Art, wie sie die Heiligung des Feiertags dem Buchstaben nach einschaerften und der Sache nach umgingen, naemlich anrieten, den Pflug an jenen Tagen allerdings ruhen zu lassen, aber mit anderen nicht ausdruecklich verpoenten Arbeiten auch an diesen Tagen die Sklavenschaft rastlos zu beschaeftigen. Grundsaetzlich ward ihr keinerlei freie Regung gestattet - der Sklave, lautet einer von Catos Wahrspruechen, muss entweder arbeiten oder schlafen -, und durch menschliche Beziehungen die Knechte an das Gut oder an den Herrn zu knuepfen, ward nicht einmal versucht. Der Rechtsbuchstabe waltete in unverhuellter Scheusslichkeit, und man machte sich keine Illusionen ueber die Folgen. “Soviel Sklaven, soviel Feinde”, sagt ein roemisches Sprichwort. Es war ein oekonomischer Grundsatz, Spaltungen innerhalb der Sklavenschaft eher zu hegen als zu unterdruecken; in demselben Sinne warnten schon Platon und Aristoteles und nicht minder das Orakel der Ackerwirte, der Karthager Mago, davor, Sklaven gleicher Nationalitaet zusammenzubringen, um nicht landsmannschaftliche Verbindungen und vielleicht Komplotte herbeizufuehren. Es ward, wie schon gesagt, die Sklavenschaft von den Gutsherren ganz ebenso regiert, wie die roemische Gemeinde die Untertanenschaften regierte in den “Landguetern des roemischen Volkes”, den Provinzen; und die Welt hat es empfunden, dass der herrschende Staat sein neues Regierungs- nach dem Sklavenhaltersystem entwickelte. Wenn man uebrigens sich zu jener wenig beneidenswerten Hoehe des Denkens emporgeschwungen hat, wo in der Wirtschaft durchaus nichts gilt als das darin steckende Kapital, so kann man der roemischen Gutswirtschaft das Lob der Folgerichtigkeit, Taetigkeit, Puenktlichkeit, Sparsamkeit und Soliditaet nicht versagen. Der kernige, praktische Landmann spiegelt sich in der Catonischen Schilderung des Wirtschafters, wie er sein soll, der zuerst im Hofe auf und zuletzt im Bette ist, der streng gegen sich ist wie gegen seine Leute und vor allem die Wirtschafterin in Respekt zu halten weiss, aber auch die Arbeiter und das Vieh, insbesondere den Pflugstier wohl versorgt, der oft und bei jeder Arbeit mit anfasst, aber sich nie wie ein Knecht muede arbeitet, der stets zu Hause ist, nicht borgt noch verborgt, keine Gastereien gibt, um keinen anderen Gottesdienst als um den der eignen Haus- und Feldgoetter sich kuemmert und als rechter Sklave allen Verkehr mit den Goettern wie mit den Menschen dem Herrn anheimstellt, der endlich vor allen Dingen demselben bescheiden begegnet und den von ihm empfangenen Instruktionen, ohne zu wenig und ohne zu viel zu denken, getreulich und einfach nachlebt. Der ist ein schlechter Landmann, heisst es anderswo, der das kauft, was er auf seinem Gute erzeugen kann; ein schlechter Hausvater, welcher bei Tage vornimmt, was bei Licht sich beschaffen laesst, es sei denn, dass das Wetter schlecht ist; ein noch schlechterer, welcher am Werkeltag tut, was am Feiertag getan werden kann; der schlechteste von allen aber der, welcher bei gutem Wetter zu Hause statt im Freien arbeiten laesst. Auch die charakteristische Duengerbegeisterung mangelt nicht; und wohl sind es goldene Regeln, dass fuer den Landmann der Boden nicht da ist zum Scheuern und Fegen, sondern zum Saeen und Ernten, dass man also zuvor Reben und Oelbaeume pflanzen und erst nachher und nicht in allzu frueher Jugend ein Landhaus sich einrichten soll. Eine gewisse Bauernhaftigkeit ist der Wirtschaft freilich eigen und anstatt der rationellen Ermittlung der Ursachen und Wirkungen treten durchgaengig die bekannten baeurischen Erfahrungssaetze auf; doch ist man sichtbar bestrebt, sich fremde Erfahrungen und auslaendische Produkte anzueignen, wie denn schon in Catos Verzeichnis der Fruchtbaumsorten griechische, afrikanische und spanische erscheinen.

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^8 Columella (2, 12, 9) rechnet auf das Jahr durchschnittlich 45 Regen- und Feiertage; und damit stimmt ueberein, dass nach Tertullian (idol. 14) die Zahl der heidnischen Festtage noch nicht die fuenfzig Tage der christlichen Freudenzeit von Ostern bis Pfingsten erreicht. Dazu kommt dann die Rastzeit des Mittwinters nach vollbrachter Herbstsaat, welche Columella auf dreissig Tage anschlaegt. In diese fiel ohne Zweifel durchgaengig das wandelbare “Saatfest” (feriae sementivae; vgl. 1, 201 und Ov. fast. 1, 661). Mit den Gerichtsferien in der Ernte (Plin. epist. 8, 21, 2 und sonst) und Weinlesezeit darf dieser Rastmonat nicht verwechselt werden.

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Die Bauernwirtschaft war von der des Gutsbesitzers hauptsaechlich nur verschieden durch den kleineren Massstab. Der Eigentuemer selbst und seine Kinder arbeiteten hier mit den Sklaven oder auch an deren Statt. Der Viehstand zog sich zusammen, und wo das Gut nicht laenger die Kosten des Pfluges und seiner Bespannung deckte, trat dafuer die Hacke ein. Oel- und Weinbau traten zurueck oder fielen ganz weg. In der Naehe Roms oder eines anderen groesseren Absatzplatzes bestanden auch sorgfaeltig berieselte Blumen- und Gemuesegaerten, aehnlich etwa wie man sie jetzt um Neapel sieht, und gaben sehr reichlichen Ertrag.

Die Weidewirtschaft ward bei weitem mehr ins Grosse getrieben als der Feldbau. Das Weidelandgut (saltus) musste auf jeden Fall betraechtlich mehr Flaechenraum haben als das Ackergut - man rechnete mindestens 800 Morgen - und konnte mit Vorteil fuer das Geschaeft fast ins Unendliche ausgedehnt werden. Nach den klimatischen Verhaeltnissen Italiens ergaenzen sich daselbst gegenseitig die Sommerweide in den Bergen und die Winterweide in den Ebenen; schon in jener Zeit wurden, eben wie jetzt noch und grossenteils wohl auf denselben Pfaden, die Herden im Fruehjahr von Apulien nach Samnium und im Herbst wieder zurueck von da nach Apulien getrieben. Die Winterweide indes fand, wie schon bemerkt ist, nicht durchaus auf besonderem Weideland statt, sondern war zum Teil Stoppelweide. Man zog Pferde, Rinder, Esel Maulesel, hauptsaechlich um den Gutsbesitzern, Frachtfuehrern, Soldaten und so weiter die benoetigten Tiere zu liefern; auch Schweine- und Ziegenherden fehlten nicht. Weit selbstaendiger aber und weit hoeher entwickelt war infolge des fast durchgaengigen Tragens von Wollstoffen die Schafzucht. Der Betrieb ward durch Sklaven beschafft und war im ganzen dem Gutsbetrieb aehnlich, so dass der Viehmeister (magister pecoris) an die Stelle des Wirtschafters trat. Den Sommer ueber kamen die Hirtensklaven meistenteils nicht unter Dach, sondern hausten, oft meilenweit von menschlichen Wohnungen entfernt, unter Schuppen und Huerden; es lag also in den Verhaeltnissen, dass man die kraeftigsten Maenner dazu auslas, ihnen Pferde und Waffen gab und ihnen eine bei weitem freiere Bewegung gestattete, als dies bei der Gutsmannschaft geschah.

Um die oekonomischen Resultate dieser Bodenwirtschaft einigermassen zu wuerdigen, sind die Preisverhaeltnisse und namentlich die Kornpreise dieser Zeit zu erwaegen. Durchschnittlich sind dieselben zum Erschrecken gering, und zum guten Teil durch Schuld der roemischen Regierung, welche in dieser wichtigen Frage, nicht so sehr durch ihre Kurzsichtigkeit, als durch eine unverzeihliche Beguenstigung des hauptstaedtischen Proletariats auf Kosten der italischen Bauernschaft, zu den furchtbarsten Fehlgriffen gefuehrt worden ist. Es handelt sich hier vor allem um den Konflikt des ueberseeischen und des italischen Korns. Das Getreide, das von den Provinzialen teils unentgeltlich, teils gegen eine maessige Verguetigung der roemischen Regierung geliefert ward, wurde von dieser teils an Ort und Stelle zur Verpflegung des roemischen Beamtenpersonals und der roemischen Heere verwandt, teils an die Zehntpaechter in der Art abgetreten, dass diese dafuer entweder Geldzahlung leisteten oder auch es uebernahmen, gewisse Quantitaeten Getreide nach Rom oder wohin es sonst erforderlich war zu liefern. Seit dem Zweiten Makedonischen Kriege wurden die roemischen Heere durchgaengig mit ueberseeischem Korne unterhalten, und wenn dies auch der roemischen Staatskasse zum Vorteil gereichte, so verschloss sich doch damit eine wichtige Absatzquelle fuer den italischen Landmann. Indes dies war das geringste. Der Regierung, welche laengst wie billig auf die Kornpreise ein wachsames Auge gehabt hatte und bei drohenden Teuerungen durch rechtzeitigen Einkauf im Ausland eingeschritten war, lag es nahe, seit die Kornlieferungen der Untertanen ihr alljaehrlich grosse Getreidemassen und wahrscheinlich groessere, als man in Friedenszeiten brauchte, in die Haende fuehrten, und seit ihr ueberdies die Gelegenheit geboten war, auslaendisches Getreide in fast unbegrenzter Quantitaet zu maessigen Preisen zu erwerben, mit solchem Getreide die hauptstaedtischen Maerkte zu ueberfuehren und dasselbe zu Saetzen abzugeben, die entweder an sich oder doch verglichen mit den italischen Schleuderpreise waren. Schon in den Jahren 551-554 (203-200) und, wie es scheint, zunaechst auf Veranstaltung Scipios, wurde in Rom der preussische Scheffel (sechs Modii) spanischen und afrikanischen Weizens von Gemeinde wegen an die Buerger zu 24, ja zu 12 Assen (17-8½ Groschen) abgegeben; einige Jahre nachher (558 196) kamen ueber 160000 Scheffel sizilischen Getreides zu dem letzteren Spottpreis in der Hauptstadt zur Verteilung. Umsonst eiferte Cato gegen diese kurzsichtige Politik; die beginnende Demagogie mischte sich hinein, und diese ausserordentlichen, aber vermutlich sehr haeufigen Austeilungen von Korn unter dem Marktpreis durch die Regierung oder einzelne Beamte, sind der Keim der spaeteren Getreidegesetze geworden. Aber auch wenn das ueberseeische Korn nicht auf diesem ausserordentlichen Wege an die Konsumenten gelangte, drueckte es auf den italischen Ackerbau. Nicht bloss wurden die Getreidemassen, die der Staat an die Zehntpaechter losschlug, ohne Zweifel in der Regel von diesen so billig erworben, dass sie beim Wiederverkauf unter dem Produktionspreis weggegeben werden konnten; sondern wahrscheinlich war auch in den. Provinzen, namentlich in Sizilien, teils infolge der guenstigen Bodenverhaeltnisse, teils der ausgedehnten Gross- und Sklavenwirtschaft nach karthagischem System der Produktionspreis ueberhaupt betraechtlich niedriger als in Italien, der Transport aber des sizilischen und sardinischen Getreides nach Latium wenigstens ebenso billig, wenn nicht billiger wie der Transport dahin aus Etrurien, Kampanien oder gar Norditalien. Es musste also schon im natuerlichen Laufe der Dinge das ueberseeische Korn nach der Halbinsel stroemen und das dort erzeugte im Preise herabdruecken. Unter diesen durch die leidige Sklavenwirtschaft unnatuerlich verschobenen Verhaeltnissen waere es vielleicht gerechtfertigt gewesen, zu Gunsten des italischen Getreides auf das ueberseeische einen Schutzzoll zu legen; aber es scheint vielmehr das Umgekehrte geschehen und zu Gunsten der Einfuhr des ueberseeischen Korns nach Italien in den Provinzen ein Prohibitivsystem in Anwendung gebracht zu sein - denn wenn die Ausfuhr einer Quantitaet Getreide aus Sizilien den Rhodiern als besondere Verguenstigung gestattet ward, so muss wohl der Regel nach die Kornausfuhr aus den Provinzen nur nach Italien hin frei gewesen und also das ueberseeische Korn fuer das Mutterland monopolisiert worden sein. Die Wirkungen dieser Wirtschaft liegen deutlich vor. Ein Jahr ausserordentlicher Fruchtbarkeit wie 504 (250), wo man in der Hauptstadt fuer 6 roemische Modii (= 1 preuss. Scheffel) Spelt nicht mehr als 3/5 Denar (4 Groschen) zahlte und zu demselben Preise 180 roemische Pfund (zu 22 Lot preussisch) trockene Feigen, 60 Pfund Oel, 72 Pfund Fleisch und 6 Congii (= 17 preuss. Quart) Wein verkauft wurden, kommt freilich eben seiner Ausserordentlichkeit wegen wenig in Betracht; aber bestimmter sprechen andere Tatsachen. Schon zu Catos Zeit heisst Sizilien die Kornkammer Roms. In fruchtbaren Jahren wurde in den italischen Haefen das sizilische und sardinische Korn um die Fracht losgeschlagen. In den reichsten Kornlandschaften der Halbinsel, in der heutigen Romagna und Lombardei zahlte man zu Polybios’ Zeit fuer Kost und Nachtquartier im Wirtshaus durchschnittlich den Tag einen halben As (1/3 Groschen); der preussische Scheffel Weizen galt hier einen halben Denar (3½ Groschen). Der letztere Durchschnittspreis, etwa der zwoelfte Teil des sonstigen Normalpreises ^9, zeigt mit unwidersprechlicher Deutlichkeit, dass es der italischen Getreideproduktion an Absatzquellen voellig mangelte und infolgedessen das Korn wie das Kornland daselbst so gut wie entwertet war.

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^9 Als hauptstaedtischer Mittelpreis des Getreides kann wenigstens fuer das siebente und achte Jahrhundert Roms angenommen werden 1 Denar fuer den roemischen Modius oder 1/3 Taler fuer den preussischen Scheffel Weizen, wofuer heutzutage (nach dem Durchschnitt der Preise in den Provinzen Brandenburg und Pommern von 1816- 1841) ungefaehr 1 Taler 24 Silbergroschen gezahlt wird. Ob diese nicht sehr bedeutende Differenz der roemischen und der heutigen Preise auf dem Steigen des Korn- oder dem Sinken des Silberwertes beruht, laesst sich schwerlich entscheiden.

Uebrigens duerfte es sehr zweifelhaft sein, ob in dem Rom dieser und der spaeteren Zeit die Kornpreise wirklich staerker geschwankt haben, als dies heutzutage der Fall ist. Vergleicht man Preise wie die oben angefuehrten von 4 und 7 Groschen den preussischen Scheffel mit denen der aergsten Kriegsteuerung und Hungersnot, wo zum Beispiel im Hannibalischen Kriege der preussische Scheffel auf 99 (1 Medimnos = 15 Drachmen: Polyb. 9, 44), im Buergerkriege auf 198 (1 Modius = 5 Denare: Cic. Verr. E, 92; 214), in der grossen Teuerung unter Augustus gar auf 218 Groschen (5 Modii = 27; Denare: Euseb. chron. p. Chr. 7 Scal.) stieg, so ist der Abstand freilich ungeheuer; allein solche Extreme sind wenig belehrend und koennten nach beiden Seiten hin unter gleichen Bedingungen auch heute noch sich wiederholen.

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In einem grossen Industriestaat, dessen Ackerbau die Bevoelkerung nicht zu ernaehren vermag, haette ein solches Ergebnis als nuetzlich oder doch nicht unbedingt als nachteilig betrachtet werden moegen; ein Land wie Italien, wo die Industrie unbedeutend, die Landwirtschaft durchaus Hauptsache war, ward auf diesem Wege systematisch ruiniert und den Interessen der wesentlich unproduktiven hauptstaedtischen Bevoelkerung, der freilich das Brot nicht billig genug werden konnte, das Wohl des Ganzen auf die schmaehlichste Weise geopfert. Nirgend vielleicht liegt es so deutlich wie hier zutage, wie schlecht die Verfassung und wie unfaehig die Verwaltung dieser sogenannten goldenen Zeit der Republik war. Das duerftigste Repraesentativsystem haette wenigstens zu ernstlichen Beschwerden und zur Einsicht in den Sitz des Uebels gefuehrt; aber in jenen Urversammlungen der Buergerschaft machte alles andere eher sich geltend als die warnende Stimme des vorahnenden Patrioten. Jede Regierung, die diesen Namen verdiente, wuerde von selber eingeschritten sein; aber die Masse des roemischen Senats mag in gutem Koehlerglauben in den niedrigen Kornpreisen das wahre Glueck des Volkes gesehen haben, und die Scipionen und Flaminine hatten ja wichtigere Dinge zu tun, die Griechen zu emanzipieren und die republikanische Koenigskontrolle zu besorgen - so trieb das Schiff ungehindert in die Brandung hinein.

Seit der kleine Grundbesitz keinen wesentlichen Reinertrag mehr lieferte, war die Bauernschaft rettungslos verloren, und um so mehr, als allmaehlich auch aus ihr, wenngleich langsamer als aus den uebrigen Staenden, die sittliche Haltung und sparsame Wirtschaft der frueheren republikanischen Zeit entwich. Es war nur noch eine Zeitfrage, wie rasch die italischen Bauernhufen durch Aufkaufen und Niederlegen in den groesseren Grundbesitz aufgehen wuerden.

Eher als der Bauer war der Gutsbesitzer imstande, sich zu behaupten. Derselbe produzierte an sich schon billiger als jener, wenn er sein Land nicht nach dem aelteren System an kleinere Zeitpaechter abgab, sondern es nach dem neueren durch seine Knechte bewirtschaften liess; wo dies also nicht schon frueher geschehen war, zwang die Konkurrenz des sizilischen Sklavenkorns den italischen Gutsherrn, zu folgen und anstatt mit freien Arbeiterfamilien mit Sklaven ohne Weib und Kind zu wirtschaften. Es konnte der Gutsbesitzer ferner sich eher durch Steigerung oder auch durch Aenderung der Kultur den Konkurrenten gegenueber halten und eher auch mit einer geringeren Bodenrente sich begnuegen als der Bauer, dem Kapital wie Intelligenz mangelten und der nur eben hatte, was er brauchte, um zu leben. Hierauf beruht in der roemischen Gutswirtschaft das Zuruecktreten des Getreidebaus, der vielfach sich auf die Gewinnung der fuer das Arbeiterpersonal erforderlichen Quantitaet beschraenkt zu haben scheint ^10, und die Steigerung der Oel- und Weinproduktion sowie der Viehzucht. Diese hatten bei den guenstigen klimatischen Verhaeltnissen Italiens die auslaendische Konkurrenz nicht zu fuerchten: der italische Wein, das italische Oel, die italische Wolle beherrschten nicht bloss die eigenen Maerkte, sondern gingen bald auch ins Ausland; das Potal, das sein Getreide nicht abzusetzen vermochte, versorgte halb Italien mit Schweinen und Schinken. Dazu stimmt recht wohl, was uns ueber die oekonomischen Resultate der roemischen Bodenwirtschaft berichtet wird. Es ist einiger Grund zu der Annahme vorhanden, dass das in Grundstuecken angelegte Kapital mit sechs Prozent sich gut zu verzinsen schien; was auch der damaligen, um das Doppelte hoeheren durchschnittlichen Kapitalrente angemessen erscheint. Die Viehzucht lieferte im ganzen bessere Ergebnisse als die Feldwirtschaft; in dieser rentierte am besten der Weinberg, demnaechst der Gemuesegarten und die Olivenpflanzung, am wenigsten Wiese und Kornfeld ^11. Natuerlich wird die Betreibung einer jeden Wirtschaftsgattung unter den ihr angemessenen Verhaeltnissen und auf ihrem naturgemaessen Boden vorausgesetzt. Diese Verhaeltnisse reichten an sich schon aus, um allmaehlich an die Stelle der Bauernwirtschaft ueberall die Grosswirtschaft zu setzen; und auf dem Wege der Gesetzgebung ihnen entgegenzuwirken war schwer. Aber arg war es, dass man durch das spaeter noch zu erwaehnende Claudische Gesetz (kurz vor 536 218) die senatorischen Haeuser von der Spekulation ausschloss und dadurch deren ungeheure Kapitalien kuenstlich zwang, vorzugsweise in Grund und Boden sich anzulegen, das heisst die alten Bauernstellen durch Meierhoefe und Viehweiden zu ersetzen. Es kamen ferner der dem Staat weit nachteiligeren Viehwirtschaft, gegenueber dem Gutsbetrieb, noch besondere Foerderungen zustatten. Einmal entsprach sie als die einzige Art der Bodennutzung, welche in der Tat den Betrieb im grossen erheischte und lohnte, allein der Kapitalienmasse und dem Kapitalistensinn dieser Zeit. Die Gutswirtschaft forderte zwar nicht die dauernde Anwesenheit des Herrn auf dem Gut, aber doch sein haeufiges Erscheinen daselbst und gestattete die Erweiterung der Gueter nicht wohl und die Vervielfaeltigung des Besitzes nur in beschraenkten Grenzen; wogegen das Weidegut sich unbegrenzt ausdehnen liess und den Eigentuemer wenig in Anspruch nahm. Aus diesem Grunde fing man schon an, gutes Ackerland selbst mit oekonomischem Verlust in Weide zu verwandeln - was die Gesetzgebung freilich, wir wissen nicht wann, vielleicht um diese Zeit, aber schwerlich mit Erfolg, untersagte. Dazu kamen die Folgen der Domaenenokkupation. Durch dieselbe entstanden nicht bloss, da regelmaessig in groesseren Stuecken okkupiert ward, ausschliesslich grosse Gueter, sondern es scheuten sich auch die Besitzer, in diesen auf beliebigen Widerruf stehenden und rechtlich immer unsicheren Besitz bedeutende Bestellungskosten zu stecken, namentlich Reben und Oelbaeume zu pflanzen; wovon denn die Folge war, dass man diese Laendereien vorwiegend als Viehweide nutzte.

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^10 Darum nennt Cato die beiden Gueter, die er schildert, kurzweg Olivenpflanzung (olivetum) und Weinberg (vinea), obwohl darauf keineswegs bloss Wein und Oel, sondern auch Getreide und anderes mehr gebaut ward. Waeren freilich die 800 culei, auf die der Besitzer des Weinbergs angewiesen wird, sich mit Faessern zu versehen (11), das Maximum einer Jahresernte, so muessten alle 100 Morgen mit Reben bepflanzt gewesen sein, da der Ertrag von 8 culei fuer den Morgen schon ein fast unerhoerter war (Colum. 3, 3); allein Varro (rust. 1, 22) verstand, und offenbar mit Recht, die Angabe, dass der Weinbergbesitzer in den Fall kommen kann, die neue Lese eintun zu muessen, bevor die alte verkauft ist.

^11 Dass der roemische Landwirt von seinem Kapital durchschnittlich sechs Prozent machte, laesst Columella (3, 3, 9) schliessen. Einen genaueren Anschlag fuer Kosten und Ertrag haben wir nur fuer den Weinberg, wofuer Columella auf den Morgen folgende Kostenberechnung aufstellt:

Kaufpreis des Bodens 1000 Sesterzen

Kaufpreis der Arbeitssklaven

auf den Morgen repartiert 1143 Sesterzen

Reben und Pfaehle 2000 Sesterzen

Verlorene Zinsen waehrend

der ersten zwei Jahre 497 Sesterzen

Zusammen 4640 Sesterzen

                                             = 336 Taler.

Den Ertrag berechnet er auf wenigstens 60 Amphoren von mindestens 900 Sesterzen (65 Taler) Wert, was also eine Rente von 17 Prozent darstellen wuerde. Indes ist dieselbe zum Teil illusorisch, da, auch von Missernten abgesehen, die Kosten der Einbringung und die fuer Instandhaltung der Reben, Pfaehle und Sklaven. aus dem Ansatz gelassen worden sind.

Den Bruttoertrag von Wiese, Weide und Wald berechnet derselbe Landwirt auf hoechstens 100 Sesterzen den Morgen und den des Getreidefeldes eher auf weniger als auf mehr; wie denn ja auch der Durchschnittsertrag von 25 roemischen Scheffeln Weizen auf den Morgen schon nach dem hauptstaedtischen Durchschnittspreis von 1 Denar den Scheffel nicht mehr als 100 Sesterzen Bruttoertrag gibt und am Produktionsplatz der Preis noch niedriger gestanden haben muss. Varro (3, 2) rechnet als gewoehnlichen guten Bruttoertrag eines groesseren Gutes 150 Sesterzen vom Morgen. Entsprechende Kostenanschlaege sind hierfuer nicht ueberliefert; dass die Bewirtschaftung hier bei weitem weniger Kosten machte als bei dem Weinberg, versteht sich von selbst.

Alle diese Angaben fallen uebrigens ein Jahrhundert und laenger nach Catos Tod. Von ihm haben wir nur die allgemeine Angabe, dass sich Viehwirtschaft besser rentiere als Ackerbau (bei Cic. off. 2,25; 89; Colum. 6 praef. 4, vgl. 2, 16, 2; Plin. nat. 18, 5, 30; Plut. Cato mai. 21); was natuerlich nicht heissen soll, dass es ueberall raetlich ist, Ackerland in Weide zu verwandeln, sondern relativ zu verstehen ist dahin, dass das fuer die Herdenwirtschaft auf Bergweiden und sonst geeignetem Weideland angelegte Kapital, verglichen mit dem in die Feldwirtschaft auf geeignetem Kornland gesteckten, hoehere Zinsen trage. Vielleicht ist dabei auch noch darauf Ruecksicht genommen, dass die mangelnde Taetigkeit und Intelligenz des Grundherrn bei Weideland weniger nachteilig wirkt als bei der hoch gesteigerten Reben- und Olivenkultur. Innerhalb des Ackergutes stellt sich nach Cato die Bodenrente folgendermassen in absteigender Reihe: 1. Weinberg; 2. Gemuesegarten; 3. Weidenbusch, der infolge der Rebenkultur hohen Ertrag abwarf; 4. Olivenpflanzung; 5. Wiese zur Heugewinnung; 6. Kornfeld; 7. Busch; 8. Schlagforst; 9. Eichenwald zur Viehfuetterung - welche neun Bestandteile in dem Wirtschaftsplan der catonischen Mustergueter saemtlich wiederkehren.

Von dem hoeheren Reinertrag des Weinbaues gegenueber dem Kornbau zeugt auch, dass nach dem im Jahre 637 (117) zwischen der Stadt Genua und den ihr zinspflichtigen Doerfern ausgefaellten Schiedsspruch die Stadt von dem Wein den Sechsten, von dem Getreide den Zwanzigsten als Erbzins empfaengt.

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Von der roemischen Geldwirtschaft in aehnlicher Weise eine zusammenfassende Darstellung zu geben, verbietet teils der Mangel von Fachschriften aus dem roemischen Altertum ueber dieselbe, teils ihre Natur selbst, die bei weitem mannigfaltiger und vielseitiger ist als die Bodennutzung. Was sich ermitteln laesst, gehoert seinen Grundzuegen nach vielleicht weniger noch als die Bodenwirtschaft den Roemern eigentuemlich an, sondern ist vielmehr Gemeingut der gesamten antiken Zivilisation, deren Grosswirtschaft begreiflicherweise eben wie die heutige ueberall zusammenfiel. Im Geldwesen namentlich scheint das kaufmaennische Schema zunaechst von den Griechen festgestellt und von den Roemern nur aufgenommen worden zu sein. Dennoch sind die Schaerfe der Durchfuehrung und die Weite des Massstabes eben hier so eigentuemlich roemisch, dass der Geist der roemischen Oekonomie und ihre Grossartigkeit im Guten wie im Schlimmen vor allem in der Geldwirtschaft sich offenbart.

Der Ausgangspunkt der roemischen Geldwirtschaft war natuerlich das Leihgeschaeft, und kein Zweig der kommerziellen Industrie ist von den Roemern eifriger gepflegt worden als das Geschaeft des gewerbmaessigen Geldverleihers (fenerator) und des Geldhaendlers oder des Bankiers (argentarius). Das Kennzeichen einer entwickelten Geldwirtschaft, der Uebergang der groesseren Kassefuehrung von den einzelnen Kapitalisten auf den vermittelnden Bankier, der fuer seine Kunden Zahlung empfaengt und leistet, Gelder belegt und aufnimmt und im In- und Ausland ihre Geldgeschaefte vermittelt, ist schon in der catonischen Zeit vollstaendig entwickelt. Aber die Bankiers machten nicht bloss die Kassierer der Reichen in Rom, sondern drangen schon ueberall in die kleinen Geschaefte ein und liessen immer haeufiger in den Provinzen und Klientelstaaten sich nieder. Den Geldsuchenden vorzuschiessen fing schon im ganzen Umfange des Reiches an sozusagen Monopol der Roemer zu werden.

Eng damit verwandt war das unermessliche Gebiet der Entreprise. Das System der mittelbaren Geschaeftsfuehrung durchdrang den ganzen roemischen Verkehr. Der Staat ging voran, indem er all seine komplizierteren Hebungen, alle Lieferungen, Leistungen und Bauten gegen eine feste zu empfangende oder zu zahlende Summe an Kapitalisten oder Kapitalistengesellschaften abgab. Aber auch Private gaben durchgaengig in Akkord, was irgend in Akkord sich geben liess: die Bauten und die Einbringung der Ernte und sogar die Regulierung der Erbschafts- und der Konkursmasse, wobei der Unternehmer - gewoehnlich ein Bankier - die saemtlichen Aktiva erhielt und dagegen sich verpflichtete, die Passiva vollstaendig oder bis zu einem gewissen Prozentsatz zu berichtigen und nach Umstaenden noch daraufzuzahlen.

Welche hervorragende Rolle in der roemischen Volkswirtschaft der ueberseeische Handel bereits frueh gespielt hatte, ist seinerzeit gezeigt worden; von dem weiteren Aufschwung, den derselbe in dieser Periode nahm, zeugt die steigende Bedeutung der italischen Hafenzoelle in der roemischen Finanzwirtschaft. Ausser den keiner weiteren Auseinandersetzung beduerfenden Ursachen, durch die die Bedeutung des ueberseeischen Handels stieg, ward derselbe noch kuenstlich gesteigert durch die bevorrechtete Stellung, die die herrschende italische Nation in den Provinzen einnahm, und durch die wohl jetzt schon in vielen Klientelstaaten den Roemern und Latinern vertragsmaessig zustehende Zollfreiheit.

Dagegen blieb die Industrie verhaeltnismaessig zurueck. Die Gewerke waren freilich unentbehrlich, und es zeigen sich wohl auch Spuren, dass sie bis zu einem gewissen Grade in Rom sich konzentrierten, wie denn Cato dem kampanischen Landwirt anraet, seinen Bedarf an Sklavenkleidung und Schuhzeug, an Pfluegen, Faessern und Schloessern in Rom zu kaufen. Auch kann bei dem starken Verbrauch von Wollstoffen die Ausdehnung und Eintraeglichkeit der Tuchfabrikation nicht bezweifelt werden ^12. Doch zeigen sich keine Versuche, die gewerbsmaessige Industrie, wie sie in Aegypten und Syrien bestand, nach Italien zu verpflanzen oder auch nur sie im Auslande mit italischem Kapital zu betreiben. Zwar wurde auch in Italien Flachs gebaut und Purpur bereitet, aber wenigstens die letztere Industrie gehoerte wesentlich dem griechischen Tarent an, und ueberall ueberwog hier wohl schon jetzt die Einfuhr von aegyptischem Linnen und milesischem oder tyrischem Purpur die einheimische Fabrikation.

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^12 Die industrielle Bedeutung des roemischen Tuchgewerks ergibt sich schon aus der merkwuerdigen Rolle, die die Walker in der roemischen Komoedie spielen. Die Eintraeglichkeit der Walkergruben bezeugt Cato (bei Plut. Cato mai. 21).

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Dagegen gehoert gewissermassen hierher die Pachtung oder der Kauf ausseritalischer Laendereien durch roemische Kapitalisten, um daselbst den Kornbau und die Viehzucht im grossen zu betreiben. Die Anfaenge dieser spaeterhin in so enormen Verhaeltnissen sich entwickelnden Spekulation fallen, namentlich auf Sizilien, wahrscheinlich schon in diese Zeit; zumal da die den Sikelioten auferlegten Verkehrsbeschraenkungen, wenn sie nicht dazu eingefuehrt waren, doch wenigstens dahin wirken mussten, den davon befreiten roemischen Spekulanten eine Art von Monopol fuer den Grundbesitzerwerb in die Haende zu geben.

Der Geschaeftsbetrieb in all diesen verschiedenen Zweigen erfolgte durchgaengig durch Sklaven. Der Geldverleiher und der Bankier richteten, soweit ihr Geschaeftskreis reichte, Nebenkontore und Zweigbanken unter Direktion ihrer Sklaven und Freigelassenen ein. Die Gesellschaft, die vom Staate Hafenzoelle gepachtet hatte, stellte fuer das Hebegeschaeft in jedem Bureau hauptsaechlich ihre Sklaven und Freigelassenen an. Wer in Bauunternehmungen machte, kaufte sich Architektensklaven; wer sich damit abgab, die Schauspiele oder Fechterspiele fuer Rechnung der Beikommenden zu besorgen, erhandelte oder erzog sich eine spielkundige Sklaventruppe oder eine Bande zum Fechthandwerk abgerichteter Knechte. Der Kaufmann liess sich seine Waren auf eigenen Schiffen unter der Fuehrung von Sklaven oder Freigelassenen kommen und vertrieb sie wieder in derselben Weise im Gross- oder Kleinverkehr. Dass der Betrieb der Bergwerke und der Fabriken lediglich durch Sklaven erfolgte, braucht danach kaum gesagt zu werden. Die Lage dieser Sklaven war freilich auch nicht beneidenswert und durchgaengig unguenstiger als die der griechischen; dennoch befanden, wenn von den letzten Klassen abgesehen wird, die Industriesklaven sich im ganzen ertraeglicher als die Gutsknechte. Sie hatten haeufiger Familie und faktisch selbstaendige Wirtschaft und die Moeglichkeit, Freiheit und eigenes Vermoegen zu erwerben, lag ihnen nicht fern. Daher waren diese Verhaeltnisse die rechte Pflanzschule der Emporkoemmlinge aus dem Sklavenstand, welche durch Bediententugend und oft durch Bedientenlaster in die Reihen der roemischen Buerger und nicht selten zu grossem Wohlstand gelangten und sittlich, oekonomisch und politisch wenigstens ebensoviel wie die Sklaven selbst zum Ruin des roemischen Gemeinwesens beigetragen haben.

Der roemische Geschaeftsverkehr dieser Epoche ist der gleichzeitigen politischen Machtentwicklung vollkommen ebenbuertig und in seiner Art nicht minder grossartig. Wer ein anschauliches Bild von der Lebendigkeit des Verkehrs mit dem Ausland zu haben wuenscht, braucht nur die Literatur, namentlich die Lustspiele dieser Zeit aufzuschlagen, in denen der phoenikische Handelsmann phoenikisch redend auf die Buehne gebracht wird und der Dialog von griechischen und halbgriechischen Worten und Phrasen wimmelt. Am bestimmtesten aber laesst sich die Ausdehnung und Intensitaet des roemischen Geschaeftsverkehrs in den Muenz- und Geldverhaeltnissen verfolgen. Der roemische Denar hielt voellig Schritt mit den roemischen Legionen. Dass die sizilischen Muenzstaetten, zuletzt im Jahre 542 (212) die syrakusanische, infolge der roemischen Eroberung geschlossen oder doch auf Kleinmuenze beschraenkt wurden und in Sizilien und Sardinien der Denar wenigstens neben dem aelteren Silbercourant und wahrscheinlich sehr bald ausschliesslich gesetzlichen Kurs erhielt, wurde schon gesagt. Ebenso rasch, wo nicht noch rascher, drang die roemische Silbermuenze in Spanien ein, wo die grossen Silbergruben bestanden und eine aeltere Landesmuenze so gut wie nicht vorhanden war; sehr frueh haben die spanischen Staedte sogar angefangen, auf roemischen Fuss zu muenzen. Ueberhaupt bestand, da Karthago nur in beschraenktem Umfang muenzte, ausser der roemischen keine einzige bedeutende Muenzstaette im westlichen Mittelmeergebiet mit Ausnahme derjenigen von Massalia und etwa noch der Muenzstaetten der illyrischen Griechen in Apollonia und Dyrrhachion. Diese wurden demnach, als die Roemer anfingen sich im Pogebiet festzusetzen, um 525 (229) dem roemischen Fuss in der Art unterworfen, dass ihnen zwar die Silberpraegung blieb, sie aber durchgaengig, namentlich die Massalioten, veranlasst wurden, ihre Drachme auf das Gewicht des roemischen Dreivierteldenars zu regulieren, den denn auch die roemische Regierung ihrerseits unter dem Namen der Victoriamuenze (victoriatus) zunaechst fuer Oberitalien zu praegen begann. Dieses neue von dem roemischen abhaengige System beherrschte nicht bloss das massaliotische, oberitalische und illyrische Gebiet, sondern es gingen auch diese Muenzen in die noerdlichen Barbarenlandschaften, namentlich die massaliotischen in die Alpengegenden das ganze Rhonegebiet hinauf und die illyrischen bis hinein in das heutige Siebenbuergen. Auf die oestliche Haelfte des Mittelmeergebiets erstreckte in dieser Epoche wie die unmittelbare roemische Herrschaft so auch die roemische Muenze sich noch nicht; dafuer aber trat hier der rechte und naturgemaesse Vermittler des internationalen und ueberseeischen Handels, das Gold, ein. Zwar die roemische Regierung hielt in ihrer streng konservativen Art, abgesehen von einer voruebergehenden, durch die Finanzbedraengnis waehrend des Hannibalischen Krieges veranlassten Goldpraegung, unwandelbar daran fest, ausser dem national-italischen Kupfer nichts als Silber zu schlagen; aber der Verkehr hatte bereits solche Verhaeltnisse angenommen, dass er auch ohne Muenze mit dem Golde nach dem Gewicht auszukommen vermochte. Von dem Barbestande, der im Jahre 597 (157) in der roemischen Staatskasse lag, war kaum ein Sechstel gepraegtes oder ungepraegtes Silber, fuenf Sechstel Gold in Barren ^13, und ohne Zweifel fanden sich in allen Kassen der groesseren roemischen Kapitalisten die edlen Metalle wesentlich in dem gleichen Verhaeltnisse. Bereits damals also nahm das Gold im Grossverkehr die erste Stelle ein und ueberwog, wie hieraus weiter geschlossen werden darf, im allgemeinen Verkehr derjenige mit dem Ausland und namentlich mit dem seit Philipp und Alexander dem Grossen zum Goldcourant uebergegangenen Osten.

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^13 Es lagen in der Kasse 17410 roemische Pfund Gold, 22070 Pfund ungepraegten, 18230 Pfund gepraegten Silbers. Das Legalverhaeltnis des Goldes zum Silber war 1 Pfund Gold = 4000 Sesterzen oder 1:11,91.

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Der Gesamtgewinn aus diesem ungeheuren Geschaeftsverkehr der roemischen Kapitalisten floss ueber kurz oder lang in Rom zusammen; denn soviel dieselben auch ins Ausland gingen, siedelten sie doch sich dort nicht leicht dauernd an, sondern kehrten frueher oder spaeter zurueck nach Rom, indem sie ihr gewonnenes Vermoegen entweder realisierten und in Italien anlegten oder auch mit den erworbenen Kapitalien und Verbindungen den Geschaeftsbetrieb von Rom aus fortsetzten. Die Gelduebermacht Roms gegen die uebrige zivilisierte Welt war denn auch vollkommen ebenso entschieden wie seine politische und militaerische. Rom stand in dieser Beziehung den uebrigen Laendern aehnlich gegenueber wie heutzutage England dem Kontinent - wie denn ein Grieche von dem juengeren Scipio Africanus sagt, dass er “fuer einen Roemer” nicht reich gewesen sei. Was man in dem damaligen Rom unter Reichtum verstand, kann man ungefaehr danach abnehmen, dass Lucius Paullus bei einem Vermoegen von 100000 Talern (60 Talente) nicht fuer einen reichen Senator galt, und dass eine Mitgift, wie jede der Toechter des aelteren Scipio Africanus sie erhielt, von 90000 Talern (50 Talente) als angemessene Aussteuer eines vornehmen Maedchens angesehen ward, waehrend der reichste Grieche dieses Jahrhunderts nicht mehr als eine halbe Million Taler (300 Talente) im Vermoegen hatte.

Es war denn auch kein Wunder, dass der kaufmaennische Geist sich der Nation bemaechtigte, oder vielmehr - denn er war nicht neu in Rom -, dass daselbst das Kapitalistentum jetzt alle uebrigen Richtungen und Stellungen des Lebens durchdrang und verschlang und der Ackerbau wie das Staatsregiment anfingen, Kapitalistenentreprisen zu werden. Die Erhaltung und Mehrung des Vermoegens war durchaus ein Teil der oeffentlichen und der Privatmoral. “Einer Witwe Habe mag sich mindern”, schrieb Cato in dem fuer seinen Sohn aufgesetzten Lebenskatechismus, “der Mann muss sein Vermoegen mehren, und derjenige ist ruhmwuerdig und goettlichen Geistes voll, dessen Rechnungsbuecher bei seinem Tode nachweisen, dass er mehr hinzuerworben als ererbt hat”. Wo darum Leistung und Gegenleistung sich gegenueberstehen, wird jedes auch ohne irgendwelche Foermlichkeit abgeschlossene Geschaeft respektiert, und wenn nicht durch das Gesetz, doch durch kaufmaennische Gewohnheit und Gerichtsgebrauch erforderlichenfalls dem verletzten Teil das Klagerecht zugestanden ^14; aber das formlose Schenkungsversprechen ist nichtig in der rechtlichen Theorie wie in der Praxis. In Rom, sagt Polybios, schenkt keiner keinem, wenn er nicht muss, und niemand zahlt einen Pfennig vor dem Verfalltag, auch unter nahen Angehoerigen nicht. Sogar die Gesetzgebung ging ein auf diese kaufmaennische Moral, die in allem Weggeben ohne Entgelt eine Verschleuderung findet; das Geben von Geschenken und Vermaechtnissen, die Uebernahme von Buergschaften wurden in dieser Zeit durch Buergerschaftsschluss beschraenkt, die Erbschaften, wenn sie nicht an die naechsten Verwandten fielen, wenigstens besteuert. Im engsten Zusammenhang damit durchdrang die kaufmaennische Puenktlichkeit, Ehrlichkeit und Respektabilitaet das ganze roemische Leben. Buch ueber seine Ausgabe und Einnahme zu fuehren, ist jeder ordentliche Mann sittlich verpflichtet - wie es denn auch in jedem wohleingerichteten Hause ein besonderes Rechnungszimmer (tablinum) gab -, und jeder traegt Sorge, dass er nicht ohne letzten Willen aus der Welt scheide; es gehoerte zu den drei Dingen, die Cato in seinem Leben bereut zu haben bekennt, dass er einen Tag ohne Testament gewesen sei. Die gerichtliche Beweiskraft, ungefaehr wie wir sie den kaufmaennischen Buechern beizulegen pflegen, kam nach roemischer Uebung jenen Hausbuechern durchgaengig zu. Das Wort des unbescholtenen Mannes galt nicht bloss gegen ihn, sondern auch zu seinen eigenen Gunsten: bei Differenzen unter rechtschaffenen Leuten war nichts gewoehnlicher als sie durch einen, von der einen Partei geforderten und von der anderen geleisteten Eid zu schlichten, womit sie sogar rechtlich als erledigt galten; und den Geschworenen schrieb eine traditionelle Regel vor, in Ermangelung von Beweisen zunaechst fuer den unbescholtenen gegen den bescholtenen Mann und nur bei gleicher Reputierlichkeit beider Parteien fuer den Beklagten zu sprechen ^15. Die konventionelle Respektabilitaet tritt namentlich in der scharfen und immer schaerferen Auspraegung des Satzes hervor, dass kein anstaendiger Mann sich fuer persoenliche Dienstleistungen bezahlen lassen duerfe. Darum erhielten denn nicht bloss Beamte, Offiziere, Geschworene, Vormuender und ueberhaupt alle mit oeffentlichen Verrichtungen beauftragten anstaendigen Maenner keine andere Verguetung fuer ihre Dienstleistungen als hoechstens den Ersatz ihrer Auslagen, sondern es wurden auch die Dienste, welche Bekannte (amici) sich untereinander leisten: Verbuergung, Vertretung im Prozess, Aufbewahrung (depositum), Gebrauchsueberlassung der nicht zum Vermieten bestimmten Gegenstaende (commodatum), ueberhaupt Geschaeftsverwaltung und Besorgung (procuratio) nach demselben Grundsatz behandelt, so dass es unschicklich war, dafuer eine Verguetung zu empfangen, und eine Klage selbst auf die versprochene nicht gestattet ward. Wie vollstaendig der Mensch im Kaufmann aufging, zeigt wohl am schaerfsten die Ersetzung des Duells, auch des politischen, in dem roemischen Leben dieser Zeit durch die Geldwette und den Prozess. Die gewoehnliche Form, um persoenliche Ehrenfragen zu erledigen, war die, dass zwischen dem Beleidiger und dem Beleidigten um die Wahrheit oder Falschheit der beleidigenden Behauptung gewettet und im Wege der Einklagung der Wettsumme die Tatfrage in aller Form rechtens vor die Geschworenen gebracht ward; die Annahme einer solchen, von dem Beleidigten oder dem Beleidiger angebotenen Wette war, ganz wie heutzutage die der Ausforderung zum Zweikampf rechtlich freigestellt, aber ehrenhafterweise oft nicht zu vermeiden.

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^14 Darauf beruht die Klagbarkeit des Kauf-, Miet-, Gesellschaftsvertrags und ueberhaupt die ganze Lehre von den nicht formalen klagbaren Vertraegen.

^15 Die Hauptstelle darueber ist das Fragment Catos bei Gell. 14, 2. Auch fuer den Literalkontrakt, das heisst die lediglich auf die Eintragung des Schuldpostens in das Rechnungsbuch des Glaeubigers basierte Forderung, gibt diese rechtliche Beruecksichtigung der persoenlichen Glaubwuerdigkeit der Partei, selbst wo es sich um ihr Zeugnis in eigener Sache handelt, den Schluessel; und daher ist auch, als spaeter diese kaufmaennische Reputierlichkeit aus dem roemischen Leben entwich, der Literalkontrakt nicht gerade abgeschafft worden, aber von selber verschwunden.

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Eine der wichtigsten Folgen dieses mit einer dem Nichtgeschaeftsmann schwer fasslichen Intensitaet auftretenden Kaufmannstums war die ungemeine Steigerung des Assoziationswesens. In Rom erhielt dasselbe noch besondere Nahrung durch das schon oft erwaehnte System der Regierung, ihre Geschaefte durch Mittelsmaenner beschaffen zu lassen; denn bei dem Umfang dieser Verrichtungen war es natuerlich und wohl auch der groesseren Sicherheit wegen oft vom Staate vorgeschrieben, dass nicht einzelne Kapitalisten, sondern Kapitalistengesellschaften diese Pachtungen und Lieferungen uebernahmen. Nach dem Muster dieser Unternehmungen organisierte sich der gesamte Grossverkehr. Es finden sogar sich Spuren, dass fuer das Assoziationswesen so charakteristische Zusammentreten der konkurrierenden Gesellschaften zur gemeinschaftlichen Aufstellung von Monopolpreisen auch bei den Roemern vorgekommen ist ^16. Namentlich in den ueberseeischen und den sonst mit bedeutendem Risiko verbundenen Geschaeften nahm das Assoziationswesen eine solche Ausdehnung an, dass es praktisch an die Stelle der dem Altertum unbekannten Assekuranzen trat. Nichts war gewoehnlicher als das sogenannte Seedarlehen, das heutige Grossaventurgeschaeft, wodurch Gefahr und Gewinn des ueberseeischen Handels sich auf die Eigentuemer von Schiff und Ladung und die saemtlichen fuer diese Fahrt kreditierenden Kapitalisten verhaeltnismaessig verteilt. Es war aber ueberhaupt roemische Wirtschaftsregel, sich lieber bei vielen Spekulationen mit kleinen Parten zu beteiligen, als selbstaendig zu spekulieren; Cato riet dem Kapitalisten, nicht ein einzelnes Schiff mit seinem Gelde auszuruesten, sondern mit neunundvierzig andern Kapitalisten zusammen fuenfzig Schiffe auszusenden und an jedem zum fuenfzigsten Teil sich zu interessieren. Die hierdurch herbeigefuehrte groessere Verwicklung der Geschaeftsfuehrung uebertrug der roemische Kaufmann durch seine puenktliche Arbeitsamkeit und seine - vom reinen Kapitalistenstandpunkt aus freilich unserem Kontorwesen bei weitem vorzuziehende - Sklaven- und Freigelassenenwirtschaft. So griffen diese kaufmaennischen Assoziationen mit hundertfachen Faeden in die Oekonomie eines jeden angesehenen Roemers ein. Es gab nach Polybios’ Zeugnis kaum einen vermoegenden Mann in Rom, der nicht als offener oder stiller Gesellschafter bei den Staatspachtungen beteiligt gewesen waere; und um soviel mehr wird ein jeder durchschnittlich einen ansehnlichen Teil seines Kapitals in den kaufmaennischen Assoziationen ueberhaupt stecken gehabt haben.

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^16 In dem merkwuerdigen Musterkontrakt Catos (agr. 144) fuer den wegen der Olivenlese abzuschliessenden Akkord findet sich folgender Paragraph: “Es soll [bei der Lizitation von den Unternehmungslustigen] niemand zuruecktreten, um zu bewirken, dass die Olivenlese und Presse teurer verdungen werde; ausser wenn [der Mitbieter den andern Bieter] sofort als seinen Kompagnon namhaft macht. Wenn dagegen gefehlt zu sein scheint, so sollen auf Verlangen des Gutsherrn oder des von ihm bestellten Aufsehers alle Kompagnons [derjenigen Assoziation, mit welcher der Akkord abgeschlossen worden ist,] beschwoeren, [nicht zu jener Beseitigung der Konkurrenz mitgewirkt zu haben]. Wenn sie den Eid nicht schwoeren, wird der Akkordpreis nicht gezahlt.” Dass der Unternehmer eine Gesellschaft, nicht ein einzelner Kapitalist ist, wird stillschweigend vorausgesetzt.

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Auf allem diesem aber beruht die Dauer der roemischen Vermoegen, die vielleicht noch merkwuerdiger ist als deren Groesse. Die frueher hervorgehobene, in dieser Art vielleicht einzige Erscheinung, dass der Bestand der grossen Geschlechter durch mehrere Jahrhunderte sich fast gleich bleibt, findet hier, in den einigermassen engen, aber soliden Grundsaetzen der kaufmaennischen Vermoegensverwaltung ihre Erklaerung.

Bei der einseitigen Hervorhebung des Kapitals in der roemischen Oekonomie konnten die von der reinen Kapitalistenwirtschaft unzertrennlichen Uebelstaende nicht ausbleiben. Die buergerliche Gleichheit, welche bereits durch das Emporkommen des regierenden Herrenstandes eine toedliche Wunde empfangen hatte, erlitt einen gleich schweren Schlag durch die scharf und immer schaerfer sich zeichnende soziale Abgrenzung der Reichen und der Armen. Fuer die Scheidung nach unten hin ist nichts folgenreicher geworden als der schon erwaehnte, anscheinend gleichgueltige, in der Tat einen Abgrund von Kapitalistenuebermut und Kapitalistenfrevel in sich schliessende Satz, dass es schimpflich sei, fuer die Arbeit Geld zu nehmen - es zog sich damit die Scheidewand nicht bloss zwischen dem gemeinen Tageloehner und Handwerker und dem respektablen Guts- und Fabrikbesitzer, sondern ebenso auch zwischen dem Soldaten und Unteroffizier und dem Kriegstribun, zwischen dem Schreiber und Boten und dem Beamten. Nach oben hin zog eine aehnliche Schranke das von Gaius Flaminius veranlasste Claudische Gesetz (kurz vor 536 218), welches Senatoren und Senatorensoehnen untersagte, Seeschiffe ausser zum Transport des Ertrags ihrer Landgueter zu besitzen und wahrscheinlich auch sich bei den oeffentlichen Lizitationen zu beteiligen, ueberhaupt ihnen alles das zu betreiben verbot, was die Roemer unter “Spekulation” (quaestus) verstanden ^17. Zwar ward diese Bestimmung nicht von den Senatoren hervorgerufen, sondern war ein Werk der demokratischen Opposition, welche damit zunaechst wohl nur den Uebelstand beseitigen wollte, dass Regierungsmitglieder mit der Regierung selbst Geschaefte machten; es kann auch sein, dass die Kapitalisten hier schon, wie spaeter so oft, mit der demokratischen Partei gemeinschaftliche Sache gemacht und die Gelegenheit wahrgenommen haben, durch den Ausschluss der Senatoren die Konkurrenz zu vermindern. Jener Zweck ward natuerlich nur sehr unvollkommen erreicht, da das Assoziationswesen den Senatoren Wege genug eroeffnete, im stillen weiter zu spekulieren; aber wohl hat dieser Volksschluss eine gesetzliche Grenze zwischen den nicht oder doch nicht offen spekulierenden und den spekulierenden Vornehmen gezogen und der zunaechst politischen eine reine Finanzaristokratie an die Seite gestellt, den spaeter so genannten Ritterstand, dessen Rivalitaeten mit dem Herrenstand die Geschichte des folgenden Jahrhunderts erfuellen.

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^17 Liv. 21, 63 (vgl. Cic. Verr. 5, 18, 45) spricht nur von der Verordnung ueber die Seeschiffe; aber dass auch die Staatsentreprisen (redemptiones) dem Senator gesetzlich untersagt waren, sagen Asconius (tog. cand. p. 94 Orelli) und Dio Cassius (55, 10, 5), und da nach Livius “jede Spekulation fuer den Senator unschicklich gefunden ward”, so hat das Claudische Gesetz wahrscheinlich weiter gereicht.

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Eine weitere Folge der einseitigen Kapitalmacht war das unverhaeltnismaessige Hervortreten eben der sterilsten und fuer die Volkswirtschaft im ganzen und grossen am wenigsten produktiven Verkehrszweige. Die Industrie, die in erster Stelle haette erscheinen sollen, stand vielmehr an der letzten. Der Handel bluehte; aber er war durchgaengig passiv. Nicht einmal an der Nordgrenze scheint man imstande gewesen zu sein, fuer die Sklaven, welche aus den keltischen und wohl auch schon aus den deutschen Laendern nach Ariminum und den anderen norditalischen Maerkten stroemten, mit Waren Deckung zu geben; wenigstens wurde schon 523 (231) die Ausfuhr des Silbergeldes in das Keltenland von der roemischen Regierung untersagt. In dem Verkehr nun gar mit Griechenland, Syrien, Aegypten, Kyrene, Karthago musste die Bilanz notwendig zum Nachteil Italiens sich stellen. Rom fing an, die Hauptstadt der Mittelmeerstaaten und Italien Roms Weichbild zu werden; mehr wollte man eben auch nicht sein und liess den Passivhandel, wie jede Stadt, die nichts weiter als Hauptstadt ist, notwendig ihn fuehrt, mit opulenter Gleichgueltigkeit sich gefallen - besass man doch Geld genug, um damit alles zu bezahlen, was man brauchte und nicht brauchte. Dagegen die unproduktivsten aller Geschaefte, der Geldhandel und das Hebungswesen, waren der rechte Sitz und die feste Burg der roemischen Oekonomie. Was endlich in dieser noch an Elementen zur Emporbringung eines wohlhabenden Mittel- und auskoemmlichen Kleinstandes enthalten war, verkuemmerte unter dem unseligen Sklavenbetrieb oder steuerte im besten Fall zur Vermehrung des leidigen Freigelassenenstandes bei.

Aber vor allem zehrte die tiefe Unsittlichkeit, welche der reinen Kapitalwirtschaft inwohnt, an dem Marke der Gesellschaft und des Gemeinwesens und ersetzte die Menschen- und die Vaterlandsliebe durch den unbedingten Egoismus. Der bessere Teil der Nation empfand es sehr lebendig, welche Saat des Verderbens in jenem Spekulantentreiben lag; und vor allem richteten sich der instinktmaessige Hass des grossen Haufens wie die Abneigung des wohlgesinnten Staatsmanns gegen das seit langem von den Gesetzen verfolgte und dem Buchstaben des Rechtes nach immer noch verpoente gewerbsmaessige Leihgeschaeft. Es heisst in einem Lustspiel dieser Zeit:

Wahrhaftig gleich eracht’ ich ganz die Kuppler und euch Wuchrer;

Wenn jene feilstehn insgeheim, tut ihr’s auf offnem Markte.

Mit Kneipen die, mit Zinsen ihr, schindet die Leut’ ihr beide.

Gesetze gnug hat eurethalb die Buergerschaft erlassen;

Ihr bracht’ sie, wie man sie erliess; ein Schlupf ist stets gefunden.

Wie heisses Wasser, das verkuehlt, so achtet das Gesetz ihr.

Energischer noch als der Lustspieldichter sprach der Fuehrer der Reformpartei Cato sich aus. “Es hat manches fuer sich”, heisst es in der Vorrede seiner Anweisung zum Ackerbau, “Geld auf Zinsen zu leihen; aber es ist nicht ehrenhaft. Unsere Vorfahren haben also geordnet und in dem Gesetze geschrieben, dass der Dieb zwiefachen, der Zinsnehmer vierfachen Ersatz zu leisten schuldig sei; woraus man abnehmen kann, ein wieviel schlechterer Buerger als der Dieb der Zinsnehmer von ihnen erachtet ward”. Der Unterschied, meint er anderswo, zwischen einem Geldverleiher und einem Moerder sei nicht gross; und man muss es ihm lassen, dass er in seinen Handlungen nicht hinter seinen Reden zurueckblieb - als Statthalter in Sardinien hat er durch seine strenge Rechtspflege die roemischen Bankiers geradezu zum Lande hinausgetrieben. Der regierende Herrenstand betrachtete ueberhaupt seiner ueberwiegenden Majoritaet nach die Wirtschaft der Spekulanten mit Widerwillen und fuehrte sich nicht bloss durchschnittlich rechtschaffener und ehrbarer in den Provinzen als diese Geldleute, sondern tat auch oefter ihnen Einhalt; nur brachen der haeufige Wechsel der roemischen Oberbeamten und die unvermeidliche Ungleichheit ihrer Gesetzhandhabung dem Bemuehen, jenem Treiben zu steuern, notwendig die Spitze ab. Man begriff es auch wohl, was zu begreifen nicht schwer war, dass es weit weniger darauf ankam, die Spekulation polizeilich zu ueberwachen, als der ganzen Volkswirtschaft eine veraenderte Richtung zu geben; hauptsaechlich in diesem Sinne wurde von Maennern, wie Cato war, durch Lehre und Beispiel der Ackerbau gepredigt. “Wenn unsere Vorfahren”, faehrt Cato in der eben angefuehrten Vorrede fort, “einem tuechtigen Mann die Lobrede hielten, so lobten sie ihn als einen tuechtigen Bauern und einen tuechtigen Landwirt; wer also gelobt ward, schien das hoechste Lob erhalten zu haben. Den Kaufmann halte ich fuer wacker und erwerbsfleissig; aber sein Geschaeft ist Gefahren und Ungluecksfaellen allzusehr ausgesetzt. Dagegen die Bauern geben die tapfersten Leute und die tuechtigsten Soldaten; kein Erwerb ist wie dieser ehrbar, sicher und niemandem gehaessig, und die damit sich abgeben, kommen am wenigsten auf boese Gedanken”. Von sich selber pflegte er zu sagen, dass sein Vermoegen lediglich aus zwei Erwerbsquellen herstamme: aus dem Ackerbau und aus der Sparsamkeit; und wenn das auch weder sehr logisch gedacht noch genau der Wahrheit gemaess war ^18, so hat er doch nicht mit Unrecht seinen Zeitgenossen wie der Nachwelt als das Muster eines roemischen Gutsbesitzers gegolten. Leider ist es eine ebenso merkwuerdige wie schmerzliche Wahrheit, dass dieses soviel und sicher im besten Glauben gepriesene Heilmittel der Landwirtschaft selber durchdrungen war von dem Gifte der Kapitalistenwirtschaft. Bei der Weidewirtschaft liegt dies auf der Hand; sie war darum auch bei dem Publikum am meisten beliebt und bei der Partei der sittlichen Reform am wenigsten gut angeschrieben. Aber wie war es denn mit dem Ackerbau selbst? Der Krieg, den vom dritten bis zum fuenften Jahrhundert der Stadt das Kapital gegen die Arbeit in der Art gefuehrt hatte, dass es mittels des Schuldzinses die Bodenrente den arbeitenden Bauern entzog und den muessig zehrenden Rentiers in die Haende fuehrte, war ausgeglichen worden hauptsaechlich durch die Erweiterung der roemischen Oekonomie und das Hinueberwerfen des in Latium vorhandenen Kapitals auf die in dem ganzen Mittelmeergebiet taetige Spekulation. Jetzt vermochte auch das ausgedehnte Geschaeftsgebiet die gesteigerte Kapitalmasse nicht mehr zu fassen; und eine wahnwitzige Gesetzgebung arbeitete zugleich daran, teils die senatorischen Kapitalien auf kuenstlichem Wege zur Anlage in italischem Grundbesitz zu draengen, teils durch die Einwirkung auf die Kornpreise das italische Ackerland systematisch zu entwerten. So begann denn der zweite Feldzug des Kapitals gegen die freie Arbeit oder, was im Altertum wesentlich dasselbe ist, gegen die Bauernwirtschaft; und war der erste arg gewesen, so schien er mit dem zweiten verglichen milde und menschlich. Die Kapitalisten liehen nicht mehr an den Bauern auf Zinsen aus, was an sich schon nicht anging, da der Kleinbesitzer keinen Ueberschuss von Belang mehr erzielte, und auch nicht einfach und nicht radikal genug war, sondern sie kauften die Bauernstellen auf und verwandelten sie im besten Fall in Meierhoefe mit Sklavenwirtschaft. Man nannte das ebenfalls Ackerbau; in der Tat war es wesentlich die Anwendung der Kapitalwirtschaft auf die Erzeugung der Bodenfruechte. Die Schilderung der Ackerbauer, die Cato gibt, ist vortrefflich und vollkommen richtig; aber wie passt sie auf die Wirtschaft selbst, die er schildert und anraet? Wenn ein roemischer Senator, wie das nicht selten gewesen sein kann, solcher Landgueter wie das von Cato beschriebene vier besass, so lebten auf dem gleichen Raum, der zur Zeit der alten Kleinherrschaft hundert bis hundertundfuenfzig Bauernfamilien ernaehrt hatte, jetzt eine Familie freier Leute und etwa fuenfzig groesstenteils unverheiratete Sklaven. Wenn dies das Heilmittel war, um die sinkende Volkswirtschaft zu bessern, so sah es leider der Krankheit selber bis zum Verwechseln aehnlich.

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^18 Einen Teil seines Vermoegens steckte Cato wie jeder andere Roemer in Viehzucht und Handels- und andere Unternehmungen. Aber es war nicht seine Art, geradezu die Gesetze zu verletzen; er hat weder in Staatspachtungen spekuliert, was er als Senator nicht durfte, noch Zinsgeschaefte betrieben. Man tut ihm Unrecht, wenn man ihm in letzter Beziehung eine von seiner Theorie abweichende Praxis vorwirft: das Seedarlehen, mit dem er allerdings sich abgab, ist vor dem Gesetz kein verbotener Zinsbetrieb und gehoert auch der Sache nach wesentlich zu den Reederei- und Befrachtungsgeschaeften.

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Das Gesamtergebnis dieser Wirtschaft liegt in den veraenderten Bevoelkerungsverhaeltnissen nur zu deutlich vor Augen. Freilich war der Zustand der italischen Landschaften sehr ungleich und zum Teil sogar gut. Die bei der Kolonisation des Gebietes zwischen den Apenninen und dem Po in grosser Anzahl daselbst gegruendeten Bauernstellen verschwanden nicht so schnell. Polybios, der nicht lange nach dem Ende dieser Periode die Gegend bereiste, ruehmt ihre zahlreiche, schoene und kraeftige Bevoelkerung; bei einer richtigen Korngesetzgebung waere es wohl moeglich gewesen, nicht Sizilien, sondern die Polandschaft zur Kornkammer der Hauptstadt zu machen. Aehnlich hatte Picenum und der sogenannte “gallische Acker” durch die Aufteilungen des Domaniallandes in Gemaessheit des Flaminischen Gesetzes 522 (232) eine zahlreiche Bauernschaft erhalten, welche freilich im Hannibalischen Krieg arg mitgenommen ward. In Etrurien und wohl auch in Umbrien waren die inneren Verhaeltnisse der untertaenigen Gemeinden dem Gedeihen eines freien Bauernstandes unguenstig. Besser stand es in Latium, dem die Vorteile des hauptstaedtischen Marktes doch nicht ganz entzogen werden konnten und das der Hannibalische Krieg im ganzen verschont hatte, sowie in den abgeschlossenen Bergtaelern der Marser und Sabeller. Sueditalien dagegen hatte der Hannibalische Krieg furchtbar heimgesucht und ausser einer Menge kleinerer Ortschaften die beiden groessten Staedte, Capua und Tarent, beide einst imstande, Heere von 30000 Mann ins Feld zu stellen, zugrunde gerichtet. Samnium hatte von den schweren Kriegen des fuenften Jahrhunderts sich wieder erholt; nach der Zaehlung von 529 (225) war es imstande, halb soviel Waffenfaehige zu stellen als die saemtlichen latinischen Staedte und wahrscheinlich damals nach dem roemischen Buergerdistrikt die bluehendste Landschaft der Halbinsel. Allein der Hannibalische Krieg hatte das Land aufs neue veroedet und die Ackeranweisungen daselbst an die Soldaten des Scipionischen Heeres, obwohl bedeutend, deckten doch wahrscheinlich nicht den Verlust. Noch uebler waren in demselben Kriege Kampanien und Apulien, beides bis dahin wohlbevoelkerte Landschaften, von Freund und Feind zugerichtet worden. In Apulien fanden spaeter zwar Ackeranweisungen statt, allein die hier angelegten Kolonien wollten nicht gedeihen. Bevoelkerter blieb die schoene kampanische Ebene; doch ward die Mark von Capua und der anderen, im Hannibalischen Kriege aufgeloesten Gemeinden Staatsbesitz und waren die Inhaber derselben durchgaengig nicht Eigentuemer, sondern kleine Zeitpaechter. Endlich in dem weiten lucanischen und brettischen Gebiet ward die schon vor dem Hannibalischen Krieg sehr duenne Bevoelkerung von der ganzen Schwere des Krieges selbst und der daran sich reihenden Strafexekutionen getroffen; und auch von Rom aus geschah nicht viel, um hier den Ackerbau wieder in die Hoehe zu bringen - mit Ausnahme etwa von Valentia (Vibo, jetzt Monteleone) kam keine der dort angelegten Kolonien recht in Aufnahme. Bei aller Ungleichheit der politischen und oekonomischen Verhaeltnisse der verschiedenen Landschaften und dem verhaeltnismaessig bluehenden Zustand einzelner derselben ist im ganzen doch der Rueckgang unverkennbar, und er wird durch die unverwerflichsten Zeugnisse ueber den allgemeinen Zustand Italiens bestaetigt. Cato und Polybios stimmen darin ueberein, dass Italien am Ende des sechsten Jahrhunderts weit schwaecher als am Ende des fuenften bevoelkert und keineswegs mehr imstande war, Heermassen aufzubringen wie im Ersten Punischen Kriege. Die steigende Schwierigkeit der Aushebung, die Notwendigkeit, die Qualifikation zum Dienst in den Legionen herabzusetzen, die Klagen der Bundesgenossen ueber die Hoehe der von ihnen zu stellenden Kontingente bestaetigen diese Angaben; und was die roemische Buergerschaft anlangt, so reden die Zahlen. Sie zaehlte im Jahre 502 (252), kurz nach Regulus’ Zug nach Afrika, 298000 waffenfaehige Maenner; dreissig Jahre spaeter, kurz vor dem Anfang des Hannibalischen Krieges (534 220), war sie auf 270000 Koepfe, also um ein Zehntel, wieder zwanzig Jahre weiter, kurz vor dem Ende desselben Krieges (550 204) auf 214000 Koepfe, also um ein Viertel gesunken; und ein Menschenalter nachher, waehrend dessen keine ausserordentlichen Verluste eingetreten waren, wohl aber die Anlage besonders der grossen Buergerkolonien in der norditalischen Ebene einen fuehlbaren ausserordentlichen Zuwachs gebracht hatte, war dennoch kaum die Ziffer wieder erreicht, auf der die Buergerschaft zu Anfang dieser Periode gestanden hatte. Haetten wir aehnliche Ziffern fuer die italische Bevoelkerung ueberhaupt, so wuerden sie ohne allen Zweifel ein verhaeltnismaessig noch ansehnlicheres Defizit aufweisen. Das Sinken der Volkskraft laesst sich weniger belegen, doch ist es von landwirtschaftlichen Schriftstellern bezeugt, dass Fleisch und Milch aus der Nahrung des gemeinen Mannes mehr und mehr verschwanden. Daneben wuchs die Sklavenbevoelkerung, wie die freie sank. In Apulien, Lucanien und dem Brettierland muss schon zu Catos Zeit die Viehwirtschaft den Ackerbau ueberwogen haben; die halbwilden Hirtensklaven waren hier recht eigentlich die Herren im Hause. Apulien ward durch sie so unsicher gemacht, dass starke Besatzung dorthin gelegt werden musste; im Jahre 569 (185) wurde daselbst eine im groessten Massstab angelegte, auch mit dem Bacchanalienwesen sich verzweigende Sklavenverschwoerung entdeckt und gegen 7000 Menschen kriminell verurteilt. Aber auch in Etrurien mussten roemische Truppen gegen eine Sklavenbande marschieren (558 196, und sogar in Latium kam es vor, dass Staedte wie Setia und Praeneste Gefahr liefen, von einer Bande entlaufener Knechte ueberrumpelt zu werden (556 198). Zusehends schwand die Nation zusammen und loeste die Gemeinschaft der freien Buerger sich auf in eine Herren- und Sklavenschaft; und obwohl es zunaechst die beiden langjaehrigen Kriege mit Karthago waren, welche die Buerger- wie die Bundesgenossenschaft dezimierten und ruinierten, so haben zu dem Sinken der italischen Volkskraft und Volkszahl die roemischen Kapitalisten ohne Zweifel ebensoviel beigetragen wie Hamilkar und Hannibal. Es kann niemand sagen, ob die Regierung haette helfen koennen; aber erschreckend und beschaemend ist es, dass in den doch grossenteils wohlmeinenden und tatkraeftigen Kreisen der roemischen Aristokratie nicht einmal die Einsicht in den ganzen Ernst der Situation und die Ahnung von der ganzen Hoehe der Gefahr sich offenbart. Als eine roemische Dame vom hohen Adel, die Schwester eines der zahlreichen Buergeradmirale, die im Ersten Punischen Krieg die Flotten der Gemeinde zugrunde gerichtet hatten, eines Tages auf dem roemischen Markt ins Gedraenge geriet, sprach sie es laut vor den Umstehenden aus, dass es hohe Zeit sei, ihren Bruder wieder an die Spitze einer Flotte zu stellen und durch einen neuen Aderlass der Buergerschaft auf dem Markte Luft zu machen (508 246). So dachten und sprachen freilich die wenigsten; aber es war diese frevelhafte Rede doch nichts als der schneidende Ausdruck der straeflichen Gleichgueltigkeit, womit die gesamte hohe und reiche Welt auf die gemeine Buerger- und Bauernschaft herabsah. Man wollte nicht gerade ihr Verderben, aber man liess es geschehen; und so kam denn ueber das eben noch in maessiger und verdienter Wohlfahrt unzaehliger freier und froehlicher Menschen bluehende italische Land mit Riesenschnelle die Veroedung.

KAPITEL XIII.
Glaube und Sitte

In strenger Bedingtheit verfloss dem Roemer das Leben und je vornehmer er war, desto weniger war er ein freier Mann. Die allmaechtige Sitte bannte ihn in einen engen Kreis des Denkens und Handelns und streng und ernst oder, um die bezeichnenden lateinischen Ausdruecke zu brauchen, traurig und schwer gelebt zu haben, war sein Ruhm. Keiner hatte mehr und keiner weniger zu tun, als sein Haus in guter Zucht zu halten und in Gemeideangelegenheiten mit Tat und Rat seinen Mann zu stehen. Indem aber der einzelne nichts sein wollte noch sein konnte als ein Glied der Gemeinde, ward der Ruhm und die Macht der Gemeinde auch von jedem einzelnen Buerger als persoenlicher Besitz empfunden und ging zugleich mit dem Namen und dern Hof auf die Nachfahren ueber; und wie also ein Geschlecht nach dem anderen in die Gruft gelegt. ward und jedes folgende zu dem alten Ehrenbestande neuen Erwerb haeufte, schwoll das Gesamtgefuehl der edlen roemischen Familien zu jenem gewaltigen Buergerstolz an, dessengleichen die Erde wohl nicht wieder gesehen hat und dessen so fremd- wie grossartige Spuren, wo wir ihnen begegnen, uns gleichsam einer anderen Welt anzugehoeren scheinen. Zwar gehoerte zu dem eigentuemlichen Gepraege dieses maechtigen Buergersinnes auch dies, dass er durch die starre buergerliche Einfachheit und Gleichheit waehrend des Lebens nicht unterdrueckt, aber gezwungen ward, sich in die schweigende Brust zu verschliessen und dass er erst nach dem Tode sich aeussern durfte; dann aber trat er auch in dem Leichenbegaengnis des angesehenen Mannes mit einer sinnlichen Gewaltigkeit hervor, die mehr als jede andere Erscheinung im roemischen Leben geeignet ist, uns Spaeteren von diesem wunderbaren Roemergeist eine Ahnung zu geben. Es war ein seltsamer Zug, dem beizuwohnen die Buergerschaft geladen ward durch den Ruf des Weibels der Gemeinde: “Jener Wehrmann ist Todes verblichen; wer da kann, der komme, dem Lucius Aemilius das Geleite zu geben; er wird weggetragen aus seinem Hause”. Es eroeffneten ihn die Scharen der Klageweiber, der Musikanten und der Taenzer, von welchen letzteren einer in Kleidung und Maske als des Verstorbenen Konterfei erschien, auch wohl gestikulierend und agierend den wohlbekannten Mann noch einmal der Menge vergegenwaertigte. Sodann folgte der grossartigste und eigentuemlichste Teil dieser Feierlichkeit, die Ahnenprozession, gegen die alles uebrige Gepraenge so verschwand, dass wahrhaft vornehme roemische Maenner wohl ihren Erben vorschrieben, die Leichenfeier lediglich darauf zu beschraenken. Es ist schon frueher gesagt worden, dass von denjenigen Ahnen, die die kurulische Aedilitaet oder ein hoeheres ordentliches Amt bekleidet hatten, die in Wachs getriebenen und bemalten Gesichtsmasken, soweit moeglich nach dem Leben gefertigt, aber auch fuer die fruehere Zeit bis in und ueber die der Koenige hinauf nicht mangelnd, an den Waenden des Familiensaales in hoelzernen Schreinen aufgestellt zu werden pflegten und als der hoechste Schmuck des Hauses galten. Wenn ein Todesfall in der Familie eintrat, so wurden mit diesen Gesichtsmasken und der entsprechenden Amtstracht geeignete Leute, namentlich Schauspieler, fuer das Leichenbegaengnis staffiert, so dass die Vorfahren, jeder in dem bei Lebzeiten von ihm gefuehrten vornehmsten Schmuck, der Triumphator im goldgestickten, der Zensor im purpurnen, der Konsul im purpurgesaeumten Mantel, mit ihren Liktoren und den sonstigen Abzeichen ihres Amtes, alle zu Wagen dem Toten das letzte Geleite gaben. Auf der mit schweren purpurnen und goldgestickten Decken und feinen Leintuechern ueberspreiteten Bahre lag dieser selbst, gleichfalls in dem vollen Schmuck des hoechsten von ihm bekleideten Amtes und umgeben von den Ruestungen der von ihm erlegten Feinde und den in Scherz und Ernst ihm gewonnenen Kraenzen. Hinter der Bahre kamen die Leidtragenden, alle in schwarzem Gewande und ohne Schmuck, die Soehne des Verstorbenen mit verhuelltem Haupt, die Toechter ohne Schleier, die Verwandter. und Geschlechtsgenossen, die Freunde, Klienten: und Freigelassenen. So ging der Zug auf den Markt. Hier wurde die Leiche in die Hoehe gerichtet; die Ahnen stiegen von den Wagen herab und liessen auf den kurulischen Stuehlen sich nieder, und des verstorbenen Sohn oder der naechste Geschlechtsgenosse betrat die Rednerbuehne, um in schlichter Aufzaehlung die Namen und Taten eines jeden der im Kreise herumsitzenden Maenner und zuletzt die des juengst Verstorbenen der versammelten Menge zu verlautbaren.

Man mag das Barbarensitte nennen, und eine kuenstlerisch empfindende Nation haette freilich diese wunderliche Auferstehung der Toter, sicherlich nicht bis in die Epoche der voll entwickelten Zivilisation hinein ertragen; aber selbst sehr kuehle und sehr wenig ehrfuerchtig geartete Griechen, wie zum Beispiel Polybios, liessen doch durch die grandiose Naivitaet dieser Totenfeier sich imponieren. Zu der ernsten Feierlichkeit, zu dem gleichfoermigen Zuge, zu der stolzen Wuerdigkeit des roemischen Lebens gehoerte es notwendig mit, dass die abgeschiedenen Geschlechter fortfuhren, gleichsam koerperlich unter dem gegenwaertigen zu wandeln und dass, wenn ein Buerger, der Muehsal und der Ehren satt, zu seinen Vaetern versammelt ward, diese Vaeter selbst auf dem Markte erschienen, um ihn in ihrer Mitte zu empfangen.

Aber man war jetzt an einem Wendepunkt angelangt. Soweit Roms Macht sich nicht mehr auf Italien beschraenkte, sondern weithin nach Osten und Westen uebergriff, war es auch mit der alten italischen Eigenartigkeit vorbei und trat an deren Stelle die hellenisierende Zivilisation. Zwar unter griechischem Einfluss hatte Italien gestanden, seit es ueberhaupt eine Geschichte hatte. Es ist frueher dargestellt worden, wie das jugendliche Griechenland und das jugendliche Italien, beide mit einer gewissen Naivitaet und Originalitaet, geistige Anregungen gaben und empfingen; wie in spaeterer Zeit in mehr aeusserlicher Weise Rom sich die Sprache und die Erfindungen der Griechen zum praktischen Gebrauche anzueignen bemueht war. Aber der Hellenismus der Roemer dieser Zeit war dennoch in seinen Ursachen wie in seinen Folgen etwas wesentlich Neues. Man fing an, das Beduerfnis nach einem reicheren Geistesleben zu empfinden und vor der eigenen geistigen Nichtigkeit gleichsam zu erschrecken; und wenn selbst kuenstlerisch begabte Nationen, wie die englische und die deutsche, in den Pausen ihrer Produktivitaet es nicht verschmaeht haben, sich der armseligen franzoesischen Kultur als Lueckenbuesser zu bedienen, so kann es nicht befremden, dass die italische jetzt sich mit brennendem Eifer auf die herrlichen Schaetze wie auf den wuesten Unflat der geistigen Entwicklung von Hellas warf. Aber es war doch noch etwas Tieferes und Innerlicheres, was die Roemer unwiderstehlich in den hellenischen Strudel hineinriss. Die hellenische Zivilisation nannte wohl noch sich hellenisch, aber sie war es nicht mehr, sondern vielmehr humanistisch und kosmopolitisch. Sie hatte auf dem geistigen Gebiete vollstaendig und bis zu einem gewissen Grade auch politisch das Problem geloest, aus einer Masse verschiedener Nationen ein Ganzes zu gestalten; und indem dieselbe Aufgabe in weiteren Grenzen jetzt auf Rom ueberging, uebernahm es mit der anderen Erbschaft Alexanders des Grossen auch den Hellenismus. Darum ist derselbe jetzt weder bloss Anregung mehr noch Nebensache, sondern durchdringt das innerste Mark der italischen Nation. Natuerlich straeubte die lebenskraeftige italische Eigenartigkeit sich gegen das fremde Element. Erst nach dem heftigsten Kampfe raeumte der italische Bauer dem weltbuergerlichen Grossstaedter das Feld; und wie bei uns der franzoesische Frack den germanischen Deutschrock ins Leben gerufen hat, so hat auch der Rueckschlag des Hellenismus in Rom eine Richtung erweckt, die sich in einer den frueheren Jahrhunderten durchaus fremden Weise dem griechischen Einfluss prinzipiell opponierte und dabei ziemlich haeufig in derbe Albernheiten und Laecherlichkeiten verfiel.

Es gab kein Gebiet des menschlichen Tuns und Sinnens, auf dem dieser Kampf der alten und der neuen Weise nicht gefuehrt worden waere. Selbst die politischen Verhaeltnisse wurden davon beherrscht. Das wunderliche Projekt, die Hellenen zu emanzipieren, dessen wohlverdienter Schiffbruch frueher dargestellt ward; der verwandte gleichfalls hellenische Gedanke der Solidaritaet der Republiken den Koenigen gegenueber und die Propaganda hellenischer Politie gegen orientalische Despotie, welche beide zum Beispiel fuer die Behandlung Makedoniens mit massgebend gewesen sind, sind die fixen Ideen der neuen Schule, eben wie die Karthagerfurcht die fixe Idee der alten war; und wenn Cato die letztere bis zur Laecherlichkeit gepredigt hat, so ward auch mit dem Philhellenentum hier und da wenigstens ebenso albern kokettiert - so zum Beispiel liess der Besieger des Koenigs Antiochos nicht bloss sich in griechischer Tracht seine Bildsaeule auf dem Kapitol errichten, sondern legte auch, statt auf gut lateinisch sich Asiaticus zu nennen, den freilich sinn- und sprachwidrigen, aber doch praechtigen und beinahe griechischen Beinamen Asiagenus sich zu ^1. Eine wichtigere Konsequenz dieser Stellung der herrschenden Nation zu dem Hellenentum war es, dass die Latinisierung in Italien ueberall, nur nicht den Hellenen gegenueber Boden gewann. Die Griechenstaedte in Italien, soweit der Krieg sie nicht zernichtete, blieben griechisch. In Apulien, um das die Roemer sich freilich wenig bekuemmerten, scheint eben in dieser Epoche der Hellenismus vollstaendig durchgedrungen zu sein und die dortige lokale Zivilisation mit der verbluehenden hellenischen sich ins Niveau gesetzt zu haben. Die Ueberlieferung schweigt zwar davon; aber die zahlreichen, durchgaengig mit griechischer Aufschrift versehenen Stadtmuenzen und die hier allein in Italien mehr schwunghaft und praechtig als geschmackvoll betriebene Fabrikation bemalter Tongefaesse nach griechischer Art zeigen uns Apulien vollstaendig eingegangen in griechische Art und griechische Kunst.

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^1 Dass Asiagenus die urspruengliche Titulatur des Helden von Magnesia und seiner Deszendenten war, ist durch Muenzen und Inschriften festgestellt; wenn die kapitolinischen Fasten ihn Asiaticus nennen, so stellt sich dies zu den mehrfach vorkommenden Spuren nicht gleichzeitiger Redaktion. Es kann jener Beiname nichts sein als eine Korruption von Ασιαγένης. wie auch spaetere Schriftsteller wohl dafuer schreiben, was aber nicht den Sieger von Asia bezeichnet, sondern den geborenen Asiaten.

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Aber der eigentliche Kampfplatz des Hellenismus und seiner nationalen Antagonisten war in der gegenwaertigen Periode das Gebiet des Glaubens und der Sitte und der Kunst und Literatur; und es darf nicht unterlassen werden, von dieser freilich in tausenderlei Richtungen zugleich sich bewegenden und schwer zu einer Anschauung zusammenzufassenden grossen Prinzipienfehde eine Darstellung zu versuchen.

Wie der alte einfache Glaube noch jetzt in den Italikern lebendig war, zeigt am deutlichsten die Bewunderung oder Verwunderung, welche dies Problem der italischen Froemmigkeit bei den hellenischen Zeitgenossen erregte. Bei dem Zwiste mit den Aetolern bekam es der roemische Oberfeldherr zu hoeren, dass er waehrend der Schlacht nichts getan habe als wie ein Pfaffe beten und opfern; wogegen Polybios mit seiner etwas platten Gescheitheit seine Landsleute auf die politische Nuetzlichkeit dieser Gottesfurcht aufmerksam macht und sie belehrt, dass der Staat nun einmal nicht aus lauter klugen Leuten bestehen koenne und dergleichen Zeremonien um der Menge willen sehr zweckmaessig seien.

Aber wenn man in Italien noch besass, was in Hellas laengst eine Antiquitaet war, eine nationale Religion, so fing sie doch schon sichtlich an, sich zur Theologie zu verknoechern. In nichts vielleicht tritt die beginnende Erstarrung des Glaubens so bestimmt hervor wie in den veraenderten oekonomischen Verhaeltnissen des Gottesdienstes und der Priesterschaft. Der oeffentliche Gottesdienst wurde nicht bloss immer weitschichtiger, sondern vor allem auch immer kostspieliger. Lediglich zu dem wichtigen Zweck, die Ausrichtung der Goetterschmaeuse zu beaufsichtigen, wurde im Jahre 558 (196) zu den drei alten Kollegien der Augurn, Pontifices und Orakelbewahrer ein viertes der drei Schmausherren (tres viri epulones) hinzugefuegt. Billig schmausen nicht bloss die Goetter, sondern auch ihre Priester; neuer Stiftungen indes bedurfte es hierfuer nicht, da ein jedes Kollegium sich seiner Schmausangelegenheiten mit Eifer und Andacht befliss. Neben den klerikalen Gelagen fehlt auch die klerikale Immunitaet nicht. Die Priester nahmen selbst in Zeiten schwerer Bedraengnis es als ihr Recht in Anspruch, zu den oeffentlichen Abgaben nicht beizutragen und liessen erst nach sehr aergerlichen Kontroversen sich zur Nachzahlung der rueckstaendigen Steuern zwingen (558 196). Wie fuer die Gemeinde wurde auch fuer den einzelnen Mann die Froemmigkeit mehr und mehr ein kostspieliger Artikel. Die Sitte der Stiftungen und ueberhaupt der Uebernahme dauernder pekuniaerer Verpflichtungen zu religioesen Zwecken war bei den Roemern in aehnlicher Weise wie heutzutage in den katholischen Laendern verbreitet; diese Stiftungen, namentlich seit sie von der hoechsten geistlichen und zugleich hoechsten Rechtsautoritaet der Gemeinde, den Pontifices, als eine auf jeden Erben und sonstigen Erwerber des Gutes von Rechts wegen uebergehende Reallast betrachtet wurden, fingen an, eine hoechst drueckende Vermoegenslast zu werden - “Erbschaft ohne Opferschuld” ward bei den Roemern sprichwoertlich gesagt, etwa wie bei uns “Rose ohne Dornen”. Das Geluebde des Zehnten der Habe wurde so gemein, dass jeden Monat ein paar Male infolgedessen auf dem Rindermarkt in Rom oeffentliches Gastgebot abgehalten ward. Mit dem orientalischen Kult der Goettermutter gelangten unter anderem gottseligen Unfug auch die jaehrlich an festen Tagen wiederkehrenden, von Haus zu Haus geheischten Pfennigkollekten (stipem cogere) nach Rom. Endlich die untergeordnete Priester- und Prophetenschaft gab wie billig nichts fuer nichts; und es ist ohne Zweifel aus dem Leben gegriffen, wenn auf der roemischen Buehne in der ehelichen Gardinenkonversation neben der Kuechen-, Hebammen- und Praesentenrechnung auch das fromme Konto mit erscheint:

Gleichfalls, Mann, muss ich was haben auf den naechsten Feiertag

Fuer die Kuesterin, fuer die Wahrsagerin, fuer die Traum- und die kluge Frau;

Saehst du nur, wie die mich anguckt! Eine Schand’ ist’s, schick’ ich nichts.

Auch der Opferfrau durchaus mal geben muss ich ordentlich.

Man schuf zwar in dieser Zeit in Rom nicht wie frueher einen Silber- so jetzt einen Goldgott; aber in der Tat regierte er dennoch in den hoechsten wie in den niedrigsten Kreisen des religioesen Lebens. Der alte Stolz der latinischen Landesreligion, die Billigkeit ihrer oekonomischen Anforderungen, war unwiederbringlich dahin. Aber gleichzeitig war es auch mit der alten Einfachheit aus. Das Bastardkind von Vernunft und Glauben, die Theologie, war bereits geschaeftig, die ihr eigene beschwerliche Weitlaeufigkeit und feierliche Gedankenlosigkeit in den alten Landesglauben hinein und dessen Geist damit auszutreiben. Der Katalog der Verpflichtungen und Vorrechte des Jupiterpriesters zum Beispiel koennte fueglich im Talmud stehen. Mit der natuerlichen Regel, dass nur die fehlerlos verrichtete religioese Pflicht den Goettern genehm sei, trieb man es praktisch so weit, dass ein einzelnes Opfer wegen wieder und wieder begangener Versehen bis dreissigmal hintereinander wiederholt wird, dass die Spiele, die ja auch Gottesdienst waren, wenn der leitende Beamte sich versprochen oder vergriffen oder die Musik einmal eine unrichtige Pause gemacht hatte, als nicht geschehen galten und von vorne, oft mehrere, ja bis zu sieben Malen hintereinander wieder begonnen werden massten. In dieser Uebertreibung der Gewissenhaftigkeit liegt an sich schon ihre Erstarrung; und die Reaktion dagegen, die Gleichgueltigkeit und der Unglaube liessen auch nicht auf sich warten. Schon im Ersten Punischen Kriege (505 249) kam es vor, dass mit den vor der Schlacht zu befragenden Auspizien der Konsul selber offenkundigen Spott trieb - freilich ein Konsul aus dem absonderlichen und im Guten und Boesen der Zeit voraneilenden Geschlecht der Claudier. Gegen das Ende dieser Epoche werden schon Klagen laut, dass die Augurallehre vernachlaessigt werde und dass, mit Cato zu reden, eine Menge alter Vogelkunden und Vogelschauungen durch die Traegheit des Kollegiums in Vergessenheit geraten sei. Ein Augur wie Lucius Paullus, der in dem Priestertum eine Wissenschaft und nicht einen Titel sah, war bereits eine seltene Ausnahme und musste es auch wohl sein, wenn die Regierung immer offener und ungescheuter die Auspizien zur Durchsetzung ihrer politischen Absichten benutzte, das heisst die Landesreligion nach Polybios’ Auffassung als einen zur Prellung des grossen Publikums brauchbaren Aberglauben behandelte. Wo also vorgearbeitet war, fand die hellenistische Irreligiositaet offene Bahn. Mit der beginnenden Kunstliebhaberei fingen schon zu Catos Zeit die heiligen Bildnisse der Goetter an, die Zimmer der Reichen gleich anderem Hausgeraet zu schmuecken. Gefaehrlichere Wunden schlug der Religion die beginnende Literatur. Zwar offene Angriffe durfte sie nicht wagen, und was geradezu durch sie zu den religioesen Vorstellungen hinzukam, wie zum Beispiel durch Ennius, der in Nachbildung des griechischen Uranos dem roemischen Saturnus geschoepfte Vater Caelus, war wohl auch hellenistisch, aber nicht von grosser Bedeutung. Folgenreich dagegen war die Verbreitung der Epicharmischen und Euhemeristischen Lehren in Rom. Die poetische Philosophie, welche die spaeteren Pythagoreer aus den Schriften des alten sizilischen Lustspieldichters Epicharmos von Megara (um 280 470) ausgezogen oder vielmehr, wenigstens groesstenteils, ihm untergeschoben hatten, sah in den griechischen Goettern Natursubstanzen, in Zeus die Luft, in der Seele ein Sonnenstaeubchen und so weiter; insofern diese Naturphilosophie, aehnlich wie in spaeterer Zeit die stoische Lehre, in ihren allgemeinsten Grundzuegen der roemischen Religion wahlverwandt war, war sie geeignet, die allegorisierende Aufloesung der Landesreligion einzuleiten. Eine historisierende Zersetzung der Religion lieferten die “heiligen Memoiren” des Euhemeros von Messene (um 450 300), die in Form von Berichten ueber die von dem Verfasser in das wunderbare Ausland getanen Reisen die von den sogenannten Goettern umlaufenden Nachrichten gruendlich und urkundlich sichteten und im Resultat darauf hinausliefen, dass es Goetter weder gegeben habe noch gebe. Zur Charakteristik des Buches mag das eine genuegen, dass die Geschichte von Kronos’ Kinderverschlingung erklaert wird aus der in aeltester Zeit bestehenden und durch Koenig Zeus abgeschafften Menschenfresserei. Trotz oder auch durch seine Plattheit und Tendenzmacherei machte das Produkt in Griechenland ein unverdientes Glueck und half in Gemeinschaft mit den gangbaren Philosophien dort die tote Religion begraben. Es ist ein merkwuerdiges Zeichen des ausgesprochenen und wohlbewussten Antagonismus zwischen der Religion und der neuen Literatur, dass bereits Ennius diese notorisch destruktiven Epicharmischen und Euhemeristischen Schriften ins Lateinische uebertrug. Die Uebersetzer moegen vor der roemischen Polizei sich damit gerechtfertigt haben, dass die Angriffe sich nur gegen die griechischen und nicht gegen die latinischen Goetter wandten; aber die Ausrede war ziemlich durchsichtig. In seinem Sinne hatte Cato ganz recht, diese Tendenzen, wo immer sie ihm vorkamen, ohne Unterschied mit der ihm eigenen Bitterkeit zu verfolgen und auch den Sokrates einen Sittenverderber und Religionsfrevler zu heissen.

So ging es mit der alten Landesreligion zusehends auf die Neige; und wie man die maechtigen Staemme des Urwaldes rodete, bedeckte sich der Boden mit wucherndem Domgestruepp und bis dahin nicht gesehenem Unkraut. Inlaendischer Aberglaube und auslaendische Afterweisheit gingen buntscheckig durch-, neben- und gegeneinander. Kein italischer Stamm blieb frei von der Umwandlung alten Glaubens in neuen Aberglauben. Wie bei den Etruskern die Gedaerme- und Blitzweisheit, so stand bei den Sabellern, besonders den Marsern, die freie Kunst des Vogelguckens und Schlangenbeschwoerens in ueppigem Flor. Sogar bei der latinischen Nation, ja in Rom selbst begegnen, obwohl hier verhaeltnismaessig am wenigsten, doch auch aehnliche Erscheinungen - so die praenestinischen Spruchlose und in Rom im Jahre 573 (181) die merkwuerdige Entdeckung des Grabes und der hinterlassenen Schriften des Koenigs Numa, welche ganz unerhoerten und seltsamen Gottesdienst vorgeschrieben haben sollen. Mehr als dies und dass die Buecher sehr neu ausgesehen haetten, erfuhren die Glaubensdurstigen zu ihrem Leidwesen nicht; denn der Senat legte die Hand auf den Schatz und liess die Rollen kurzweg ins Feuer werfen. Die inlaendische Fabrikation reichte also vollkommen aus, um jeden billigerweise zu verlangenden Bedarf von Unsinn zu decken; allein man war weit entfernt, sich daran genuegen zu lassen. Der damalige, bereits denationalisierte und von orientalischer Mystik durchdrungene Hellenismus brachte wie den Unglauben so auch den Aberglauben in seinen aergerlichsten und gefaehrlichsten Gestaltungen nach Italien, und eben als auslaendischer hatte dieser Schwindel noch einen ganz besonderen Reiz. Die chaldaeischen Astrologen und Nativitaetensteller waren schon im sechsten Jahrhundert durch ganz Italien verbreitet; noch weit bedeutender aber, ja weltgeschichtlich epochemachend war die Aufnahme der phrygischen Goettermutter unter die oeffentlich anerkannten Goetter der roemischen Gemeinde, zu der die Regierung waehrend der letzten bangen Jahre des Hannibalischen Krieges (550 204) sich hatte verstehen muessen. Es ging deswegen eine eigene Gesandtschaft nach Pessinus, einer Stadt des kleinasiatischen Keltenlandes, und der raube Feldstein, den die dortige Priesterschaft als die richtige Mutter Kybele den Fremden freigebig verehrte, ward mit unerhoertem Gepraenge von der Gemeinde eingeholt, ja es wurden zur ewigen Erinnerung an das froehliche Ereignis unter den hoeheren Staenden Klubgesellschaften mit umgehender Bewirtung der Mitglieder untereinander gestiftet, welche das beginnende Cliquentreiben wesentlich gefoerdert zu haben scheinen. Mit der Konzessionierung dieses Kybelekultes fusste die Gottesverehrung der Orientalen offiziell Fuss in Rom, und wenn auch die Regierung noch streng darauf hielt, dass die Kastratenpriester der neuen Goetter Kelten (Galli), wie sie hiessen, auch blieben und noch kein roemischer Buerger zu diesem frommen Eunuchentum sich hergab, so musste dennoch der wueste Apparat der “Grossen Mutter”, diese, mit dem Obereunuchen an der Spitze unter fremdlaendischer Musik von Pfeifen und Pauken in orientalischer Kleiderpracht durch die Gassen aufziehende und von Haus zu Haus bettelnde Priesterschaft und das ganze sinnlich-moenchische Treiben vom wesentlichsten Einfluss auf die Stimmung und Anschauung des Volkes sein. Wohin das fuehrte, zeigte sich nur zu rasch und nur zu schrecklich. Wenige Jahre spaeter (568 186) kam eine Muckerwirtschaft der scheusslichsten Art bei den roemischen Behoerden zur Anzeige, eine geheime naechtliche Feier zu Ehren des Gottes Bakchos, die durch einen griechischen Pfaffen zuerst nach Etrurien gekommen war und, wie ein Krebsschaden um sich fressend, sich rasch nach Rom und ueber ganz Italien verbreitet, ueberall die Familien zerruettet und die aergsten Verbrechen, unerhoerte Unzucht, Testamentsfaelschungen, Giftmorde hervorgerufen hatte. Ueber 7000 Menschen wurden deswegen kriminell, grossenteils mit dem Tode bestraft und strenge Vorschriften fuer die Zukunft erlassen; dennoch gelang es nicht, der Wirtschaft Herr zu werden, und sechs Jahre spaeter (574 180) klagte der betreffende Beamte, dass wieder 3000 Menschen verurteilt seien und noch kein Ende sich absehen lasse.

Natuerlich waren in der Verdammung dieser ebenso unsinnigen wie gemeinschaedlichen Afterfroemmigkeit alle vernuenftigen Leute sich einig; die altglaeubigen Frommen wie die Angehoerigen der hellenischen Aufklaerung trafen hier im Spott wie im Aerger zusammen. Cato setzte seinem Wirtschafter in die Instruktion, “dass er ohne Vorwissen und Auftrag des Herrn kein Opfer darbringen noch fuer sich darbringen lassen solle ausser an dem Hausherd und am Flurfest auf dem Fluraltar, und dass er nicht sich Rats erholen duerfe weder bei einem Eingeweidebeschauer noch bei einem klugen Mann noch bei einem Chaldaeer”. Auch die bekannte Frage, wie nur der Priester es anfange, das Lachen zu verbeissen, wenn er seinem Kollegen begegne, ist ein Catonisches Wort und urspruenglich auf den etruskischen Gedaermebetrachter angewandt worden. Ziemlich in demselben Sinn schilt Ennius in echt euripideischem Stil auf die Bettelpropheten und ihren Anhang:

Diese aberglaeubischen Pfaffen, dieses freche Prophetenpack,

Die verrueckt und die aus Faulheit, die gedraengt von Hungerpein,

Wollen andern Wege weisen, die sie sich nicht finden aus,

Schenken Schaetze dem, bei dem sie selbst den Pfennig betteln gehn.

Aber in solchen Zeiten hat die Vernunft von vornherein gegen die Unvernunft verlorenes Spiel. Die Regierung schritt freilich ein; die frommen Preller wurden polizeilich gestraft und ausgewiesen, jede auslaendische nicht besonders konzessionierte Gottesverehrung untersagt, selbst die Befragung des verhaeltnismaessig unschuldigen Spruchorakels in Praeneste noch 512 (242) von Amts wegen verhindert und, wie schon gesagt ward, das Muckerwesen streng verfolgt. Aber wenn die Koepfe einmal gruendlich verrueckt sind, so setzt auch der hoehere Befehl sie nicht wieder in die Richte. Wieviel die Regierung dennoch nachgeben musste oder wenigstens nachgab, geht gleichfalls aus dem Gesagten hervor. Die roemische Sitte, die etruskischen Weisen in vorkommenden Faellen von Staats wegen zu befragen und deshalb auch auf die Fortpflanzung der etruskischen Wissenschaft in den vornehmen etruskischen Familien von Regierungs wegen hinzuwirken, sowie die Gestattung des nicht unsittlichen und auf die Frauen beschraenkten Geheimdienstes der Demeter moegen wohl noch der aelteren, unschuldigen und verhaeltnismaessig gleichgueltigen Uebernahme auslaendischer Satzungen beizuzaehlen sein. Aber die Zulassung des Goettermutterdienstes ist ein arges Zeichen davon, wie schwach dem neuen Aberglauben gegenueber sich die Regierung fuehlte, vielleicht auch davon, wie tief er in sie selber eingedrungen war; und ebenso ist es entweder eine unverzeihliche Nachlaessigkeit oder etwas noch Schlimmeres, dass gegen eine Wirtschaft, wie die Bacchanalien waren, erst so spaet und auch da noch auf eine zufaellige Anzeige hin von den Behoerden eingeschritten ward.

Wie nach der Vorstellung der achtbaren Buergerschaft dieser Zeit das roemische Privatleben beschaffen sein sollte, laesst sich im wesentlichen abnehmen aus dem Bilde, das uns von dem des aelteren Cato ueberliefert worden ist. Wie taetig Cato als Staatsmann, Sachwalter, Schriftsteller und Spekulant auch war, so war und blieb das Familienleben der Mittelpunkt seiner Existenz - besser ein guter Ehemann sein, meinte er, als ein grosser Senator. Die haeusliche Zucht war streng. Die Dienerschaft durfte nicht ohne Befehl das Haus verlassen noch ueber die haeuslichen Vorgaenge mit Fremden schwatzen. Schwerere Strafen wurden nicht mutwillig auferlegt, sondern nach einer gleichsam gerichtlichen Verhandlung zuerkannt und vollzogen; wie scharf es dabei herging, kann man daraus abnehmen, dass einer seiner Sklaven wegen eines ohne Auftrag von ihm abgeschlossenen und dem Herrn zu Ohren gekommenen Kaufhandels sich erhing. Wegen leichter Vergehen, zum Beispiel bei Beschickung der Tafel vorgekommener Versehen, pflegte der Konsular dem Fehlbaren die verwirkten Hiebe nach Tische eigenhaendig mit dem Riemen aufzuzaehlen. Nicht minder streng hielt er Frau und Kinder in Zucht, aber in anderer Art; denn an die erwachsenen Kinder und an die Frau Hand anzulegen wie an die Sklaven, erklaerte er fuer suendhaft. Bei der Wahl der Frau missbilligte er die Geldheiraten und empfahl, auf gute Herkunft zu sehen, heiratete uebrigens selbst im Alter die Tochter eines seiner armen Klienten. Uebrigens nahm er es mit der Enthaltsamkeit auf Seiten des Mannes so, wie man es damit ueberall in Sklavenlaendern nimmt; auch galt ihm die Ehefrau durchaus nur als ein notwendiges Uebel. Seine Schriften fliessen ueber von Scheltreden gegen das schwatzhafte, putzsuechtige, unregierliche schoene Geschlecht; “ueberlaestig und hoffaertig sind die Frauen alle” - meinte der alte Herr - und “waeren die Menschen der Weiber los, so moechte unser Leben wohl minder gottlos sein”. Dagegen war die Erziehung der ehelichen Kinder ihm Herzens- und Ehrensache und die Frau in seinen Augen eigentlich nur der Kinder wegen da. Sie naehrte in der Regel selbst, und wenn sie ihre Kinder an der Brust von Sklavinnen saugen liess, so legte sie dafuer auch wohl selbst deren Kinder an die eigene Brust - einer der wenigen Zuege, worin das Bestreben hervortritt, durch menschliche Beziehungen, Muttergemeinschaft und Milchbruederschaft die Institution der Sklaverei zu mildern. Bei dem Waschen und Wickeln der Kinder war der alte Feldherr, wenn irgend moeglich, selber zugegen. Mit Ehrfurcht wachte er ueber die kindliche Unschuld; wie in Gegenwart der vestalischen Jungfrauen, versichert er, habe er in Gegenwart seiner Kinder sich gehuetet, ein schaendliches Wort in den Mund zu nehmen und nie vor den Augen seiner Tochter die Mutter umfasst, ausser wenn diese bei einem Gewitter in Angst geraten sei. Die Erziehung seines Sohnes ist wohl der schoenste Teil seiner mannigfaltigen und vielfach ehrenwerten Taetigkeit. Seinem Grundsatz getreu, dass der rotbackige Bube besser tauge als der blasse, leitete der alte Soldat seinen Knaben selbst zu allen Leibesuebungen an und lehrte ihn ringen, reiten, schwimmen und fechten und Hitze und Frost ertragen. Aber er empfand auch sehr richtig, dass die Zeit vorbei war, wo der Roemer damit auskam, ein tuechtiger Bauer und Soldat zu sein, und ebenso den nachteiligen Einfluss, den es auf das Gemuet des Knaben haben musste, wenn er in dem Lehrer, der ihn gescholten und gestraft und ihm Ehrerbietung abgewonnen hatte, spaeterhin einen Sklaven erkannte. Darum lehrte er selbst den Knaben, was der Roemer zu lernen pflegte, lesen und schreiben und das Landrecht kennen; ja er arbeitete noch in spaeten Jahren sich in die allgemeine Bildung der Hellenen soweit hinein, dass er imstande war, das, was er daraus dem Roemer brauchbar erachtete, seinem Sohn in der Muttersprache zu ueberliefern. Auch seine ganze Schriftstellerei war zunaechst auf den Sohn berechnet, und sein Geschichtswerk schrieb er fuer diesen mit grossen deutlichen Buchstaben eigenhaendig ab. Er lebte schlicht und sparsam. Seine strenge Wirtschaftlichkeit litt keine Luxusausgaben. Kein Sklave durfte ihn mehr kosten als 1500 (460 Taler), kein Kleid mehr als 100 Denare (30 Taler); in seinem Haus sah man keinen Teppich und lange Zeit an den Zimmerwaenden keine Tuenche. Fuer gewoehnlich ass und trank er dieselbe Kost mit seinem Gesinde und litt nicht, dass die Mahlzeit ueber 30 Asse (21 Groschen) an baren Auslagen zu stehen kam; im Kriege war sogar der Wein durchgaengig von seinem Tisch verbannt und trank er Wasser oder nach Umstaenden Wasser mit Essig gemischt. Dagegen war er kein Feind von Gastereien; sowohl mit seiner Klubgesellschaft in der Stadt als auch auf dem Lande mit seinen Gutsnachbarn sass er gern und lange bei Tafel, und wie seine mannigfaltige Erfahrung und sein schlagfertiger Witz ihn zu einem beliebten Gesellschafter machten, so verschmaehte er auch weder die Wuerfel noch die Flasche, teilte sogar in seinem Wirtschaftsbuch unter anderen Rezepten ein erprobtes Hausmittel mit fuer den Fall, dass man eine ungewoehnlich starke Mahlzeit und einen allzutiefen Trunk getan. Sein ganzes Sein bis ins hoechste Alter hinauf war Taetigkeit. Jeder Augenblick war eingeteilt und ausgefuellt, und jeden Abend pflegte er bei sich zu rekapitulieren, was er den Tag ueber gehoert, gesagt und getan hatte. So blieb denn Zeit fuer die eigenen Geschaefte wie fuer die der Bekannten und der Gemeinde und nicht minder fuer Gespraech und Vergnuegen; alles ward rasch und ohne viel Reden abgetan, und in echtem Taetigkeitsinn war ihm nichts so verhasst als die Vielgeschaeftigkeit und die Wichtigtuerei mit Kleinigkeiten.

So lebte der Mann, der den Zeitgenossen und den Nachkommen als der rechte roemische Musterbuerger galt und in dem, gegenueber dem griechischen Muessiggang und der griechischen Sittenlosigkeit, die roemische, allerdings etwas grobdraehtige Taetigkeit und Bravheit gleichsam verkoerpert erschienen - wie denn ein spaeter roemischer Dichter sagt:

Nichts ist an der fremden Sitt’ als tausendfache Schwindelei;

Besser als der roemische Buerger fuehrt sich keiner auf der Welt;

Mehr als hundert Sokratesse gilt der eine Cato mir.

Solche Urteile wird die Geschichte nicht unbedingt sich aneignen; aber wer die Revolution ins Auge fasst, welche der entartete Hellenismus dieser Zeit in dem Leben und Denken der Roemer vollzog, wird geneigt sein, die Verurteilung der fremden Sitte eher zu schaerfen als zu mildern.

Die Bande der Familie lockerten sich mit grauenvoller Geschwindigkeit. Pestartig griff die Grisetten- und Buhlknabenwirtschaft um sich, und wie die Verhaeltnisse lagen, war es nicht einmal moeglich, gesetzlich dagegen. etwas Wesentliches zu tun - die hohe Steuer, welche Cato als Zensor (570 184) auf diese abscheulichste Gattung der Luxussklaven legte, wollte nicht viel bedeuten und ging ueberdies ein paar Jahre darauf mit der Vermoegenssteuer ueberhaupt tatsaechlich ein. Die Ehelosigkeit, ueber die schon zum Beispiel im Jahre 520 (234) schwere Klage gefuehrt ward, und die Ehescheidungen nahmen natuerlich im Verhaeltnis zu. Im Schosse der vornehmsten Familien kamen grauenvolle Verbrechen vor, wie zum Beispiel der Konsul Gaius Calpurnius Piso von seiner Gemahlin und seinem Stiefsohn vergiftet ward, um eine Nachwahl zum Konsulat herbeizufuehren und dadurch dem letzeren das hoechste Amt zu verschaffen, was auch gelang (574 180). Es beginnt ferner die Emanzipation der Frauen. Nach alter Sitte stand die verheiratete Frau von Rechts wegen unter der eheherrlichen, mit der vaeterlichen gleichstehenden Gewalt, die unverheiratete unter der Vormundschaft ihrer naechsten maennlichen Agnaten, die der vaeterlichen Gewalt wenig nachgab; eigenes Vermoegen hatte die Ehefrau nicht, die vaterlose Jungfrau und die Witwe wenigstens nicht dessen Verwaltung. Aber jetzt fingen die Frauen an, nach vermoegensrechtlicher Selbstaendigkeit zu streben und teils auf Advokatenschleichwegen, namentlich durch Scheinehen, sich der agnatischen Vormundschaft entledigend die Verwaltung ihres Vermoegens selbst in die Hand zu nehmen, teils bei der Verheiratung sich auf nicht viel bessere Weise der nach der Strenge des Rechts notwendigen eheherrlichen Gewalt zu entziehen. Die Masse von Kapital, die in den Haenden der Frauen sich zusammenfand, schien den Staatsmaennern der Zeit so bedenklich, dass man zu dem exorbitanten Mittel griff, die testamentarische Erbeseinsetzung der Frauen gesetzlich zu untersagen (585 169), ja sogar durch eine hoechst willkuerliche Praxis auch die ohne Testament auf Frauen fallenden Kollateralerbschaften denselben groesstenteils zu entziehen. Ebenso wurden die Familiengerichte ueber die Frau, die an jene eheherrliche und vormundschaftliche Gewalt anknuepften, praktisch mehr und mehr zur Antiquitaet. Aber auch in oeffentlichen Dingen fingen die Frauen schon an, einen Willen zu haben und gelegentlich, wie Cato meinte, “die Herrscher der Welt zu beherrschen”; in der Buergerschaftsversammlung war ihr Einfluss zu spueren, ja es erhoben sich bereits in den Provinzen Statuen roemischer Damen.

Die Ueppigkeit stieg in Tracht, Schmuck und Geraet, in den Bauten und in der Tafel; namentlich seit der Expedition nach Kleinasien im Jahre 564 (190) trug der asiatisch-hellenische Luxus, wie er in Ephesos und Alexandreia herrschte, sein leeres Raffinement und seine geld-, tag- und freudenverderbende Kleinkraemerei ueber nach Rom. Auch hier waren die Frauen voran; sie setzten es trotz Catos eifrigem Schelten durch, dass der bald nach der Schlacht von Cannae (539 215) gefasste Buergerschaftsbeschluss, welcher ihnen den Goldschmuck, die bunten Gewaender und die Wagen untersagte, nach dem Frieden mit Karthago (559 195) wieder aufgehoben ward; ihrem eifrigen Gegner blieb nichts uebrig, als auf diese Artikel eine hohe Steuer zu legen (570 184). Eine Masse neuer und groesstenteils frivoler Gegenstaende, zierlich figuriertes Silbergeschirr, Tafelsofas mit Bronzebeschlag, die sogenannten attalischen Gewaender und Teppiche von schwerem Goldbrokat fanden jetzt ihren Weg nach Rom. Vor allem war es die Tafel, um die dieser neue Luxus sich drehte. Bisher hatte man ohne Ausnahme nur einmal am Tage warm gegessen; jetzt wurden auch bei dem zweiten Fruehstueck (prandium) nicht selten warme Speisen aufgetragen, und fuer die Hauptmahlzeit reichten die bisherigen zwei Gaenge nicht mehr aus. Bisher hatten die Frauen im Hause das Brotbacken und die Kueche selber beschafft und nur bei Gastereien hatte man einen Koch von Profession besonders gedungen, der dann Speisen wie Gebaeck gleichmaessig besorgte. Jetzt dagegen begann die wissenschaftliche Kochkunst. In den guten Haeusern ward ein eigener Koch gehalten. Die Arbeitsteilung ward notwendig, und aus dem Kuechenhandwerk zweigte das des Brot- und Kuchenbackens sich ab - um 583 (171) entstanden die ersten Baeckerlaeden in Rom. Gedichte ueber die Kunst, gut zu essen, mit langen Verzeichnissen der essenswertesten Seefische und Meerfruechte fanden ihr Publikum; und es blieb nicht bei der Theorie. Auslaendische Delikatessen, pontische Sardellen, griechischer Wein fingen an, in Rom geschaetzt zu werden, und Catos Rezept, dem gewoehnlichen Landwein mittels Salzlake den Geschmack des koischen zu geben, wird den roemischen Weinhaendlern schwerlich erheblichen Abbruch getan haben. Das alte ehrbare Singen und Sagen der Gaeste und ihrer Knaben wurde verdraengt durch die asiatischen Harfenistinnen. Bis dahin hatte man in Rom wohl bei der Mahlzeit tapfer getrunken, aber eigentliche Trinkgelage nicht gekannt; jetzt kam das foermliche Kneipen in Schwung, wobei der Wein wenig oder gar nicht gemischt und aus grossen Bechern getrunken ward und das Vortrinken mit obligater Nachfolge regierte, das “griechisch Trinken” (Graeco more bibere) oder “griechen” (pergraecari, congraecare), wie die Roemer es nennen. Im Gefolge dieser Zechwirtschaft nahm das Wuerfelspiel, das freilich bei den Roemern laengst ueblich war, solche Verhaeltnisse an, dass die Gesetzgebung es noetig fand, dagegen einzuschreiten. Die Arbeitsscheu und das Herumlungern griffen zusehends um sich ^2. Cato schlug vor, den Markt mit spitzen Steinen pflastern zu lassen, um den Tagedieben das Handwerk zu legen; man lachte ueber den Spass und kam der Lust zu lottern und zu gaffen von allen Seher. her entgegen. Der erschreckenden Ausdehnung der Volkslustbarkeiten waehrend dieser Epoche wurde bereits gedacht. Zu Anfang derselben ward, abgesehen von einigen unbedeutenden, mehr den religioesen Zeremonien beizuzaehlenden Wettrennen und Wettfahrten, nur im Monat September ein einziges allgemeines Volksfest von viertaegiger Dauer und mit einem fest bestimmten Kostenmaximum abgehalten; am Schlusse derselben hatte dieses Volksfest wenigstens schon sechstaegige Dauer und wurden ueberdies daneben zu Anfang April das Fest der Goettermutter oder die sogenannten megalensischen, gegen Ende April das Ceres- und das Flora-, im Juni das Apollo-, im November das Plebejerfest und wahrscheinlich alle diese bereits mehrtaegig gefeiert. Dazu kamen die zahlreichen Instaurationen, bei denen die fromme Skrupulositaet vermutlich oft bloss als Vorwand diente, und die unaufhoerlichen ausserordentlichen Volksfeste, unter denen die schon erwaehnten Schmaeuse von den Geloebniszehnten (2., 391), die Goetterschmaeuse, die Triumphal- und die Leichenfeste und vor allem die Festlichkeiten hervortreten, welche nach dem Abschluss eines der laengeren, durch die etruskisch-roemische Religion abgegrenzten Zeitraeume, der sogenannten Saecula, zuerst im Jahre 505 (249), gefeiert wurden. Gleichzeitig mehrten sich die Hausfeste. Waehrend des Zweiten Punischen Krieges kamen unter den Vornehmen die schon erwaehnten Schmausereien an dem Einzugstag der Goettermutter auf (seit 550 204), unter den geringeren Leuten die aehnlichen Saturnalien (seit 537 217); beide unter dem Einfluss der fortan festverbuendeten Gewalten des fremden Pfaffen und des fremden Kochs. Man war ganz nahe an dem idealen Zustand, dass jeder Tagedieb wusste, wo er jeden Tag verderben konnte; und das in einer Gemeinde, wo sonst fuer jeden einzelnen wie fuer alle zusammen die Taetigkeit Lebenszweck und das muessige Geniefeen von der Sitte wie vom Gesetz geaechtet gewesen war! Dabei machten innerhalb dieser Festlichkeiten die schlechten und demoralisierenden Elemente mehr und mehr sich geltend. Den Glanz- und Schlusspunkt der Volksfeste bildeten freilich nach wie vor noch die Wettfahrten; und ein Dichter dieser Zeit schildert sehr anschaulich die Spannung, womit die Augen der Menge an dem Konsul hingen, wenn er den Wagen das Zeichen zum Abfahren zu geben im Begriff war. Aber die bisherigen Lustbarkeiten genuegten doch schon nicht mehr; man verlangte nach neuen und mannigfaltigeren. Neben den einheimischen Ringern und Kaempfern treten jetzt (zuerst 568 186) auch griechische Athleten auf. Von den dramatischen Auffuehrungen wird spaeter die Rede sein; es war wohl auch ein Gewinn von zweifelhaftem Wert, aber doch auf jeden Fall der beste bei dieser Gelegenheit gemachte Erwerb, dass die griechische Komoedie und Tragoedie nach Rom verpflanzt ward. Den Spass, Hasen und Fuechse vor dem Publikum laufen und hetzen zu lassen, mochte man schon lange sich gemacht haben; jetzt wurden aus diesen unschuldigen Jagden foermliche Tierhetzen, und die wilden Bestien Afrikas, Loewen und Panther, wurden (zuerst nachweislich 568 186) mit grossen Kosten nach Rom transportiert, um toetend oder sterbend den hauptstaedtischen Gaffern zur Augenweide zu dienen. Die noch abscheulicheren Fechterspiele, wie sie in Etrurien und Kampanien gangbar waren, fanden jetzt auch in Rom Eingang; zuerst im Jahre 490 (264) wurde auf dem roemischen Markt Menschenblut zum Spasse vergossen. Natuerlich trafen diese entsittlichenden Belustigungen auch auf strengen Tadel; der Konsul des Jahres 476 (268), Publius Sempronius Sophus, sandte seiner Frau den Scheidebrief zu, weil sie einem Leichenspiel beigewohnt hatte; die Regierung setzte es durch, dass die Ueberfuehrung der auslaendischen Bestien nach Rom durch Buergerbeschluss untersagt ward und hielt mit Strenge darauf, dass bei den Gemeindefesten keine Gladiatoren erschienen. Allein auch hier fehlte ihr doch sei es die rechte Macht oder die rechte Energie; es gelang zwar, wie es scheint, die Tierhetzen niederzuhalten, aber das Auftreten von Fechterpaaren bei Privatfesten, namentlich bei Leichenfeiern, ward nicht unterdrueckt. Noch weniger war es zu verhindern, dass das Publikum dem Tragoeden den Komoedianten, dem Komoedianten den Seiltaenzer, dem Seiltaenzer den Fechter vorzog und die Schaubuehne sich mit Vorliebe in dem Schmutze des hellenischen Lebens herumtrieb. Was von bildenden Elementen in den szenischen und musischen Spielen enthalten war, gab man von vornherein preis; die Absicht der roemischen Festgeber ging ganz und gar nicht darauf, durch die Macht der Poesie die gesamte Zuschauerschaft wenn auch nur voruebergehend auf die Hoehe der Empfindung der Besten zu erheben, wie es die griechische Buehne in ihrer Bluetezeit tat, oder einem ausgewaehlten Kreise einen Kunstgenuss zu bereiten, wie unsere Theater es versuchen. Wie in Rom Direktion und Zuschauer beschaffen waren, zeigt der Auftritt bei den Triumphalspielen 587 (167), wo die ersten griechischen Floetenspieler, da sie mit ihren Melodien durchfielen, vom Regisseur angewiesen wurden, statt zu musizieren miteinander zu boxen, worauf denn der Jubel kein Ende nehmen wollte.

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^2 Eine Art Parabase in dem Plautinischen ‘Curculio’ schildert das derzeitige Treiben auf dem hauptstaedtischen Markte, zwar mit wenig Witz, aber mit grosser Anschaulichkeit:

Lasst euch weisen, welchen Orts ihr welche Menschen finden moegt,

Dass nicht seine Zeit verliere, wer von euch zu sprechen wuenscht

Einen rechten oder schlechten, guten oder schlimmen Mann.

Suchst Du einen Eidesfaelscher? auf die Dingstatt schick’ ich Dich.

Einen Luegensack und Prahlhans? geh zur Cluacina hin.

[Reiche wueste Ehemaenner sind zu haben im Bazar;

Auch der Lustknab’ ist zu Haus dort und wer auf Geschaeftchen passt.]

Doch am Fischmarkt sind, die gehen kneipen aus gemeinem Topf.

Brave Maenner, gute Zahler wandeln auf dem untern Markt,

In der Mitt’ am Graben aber die, die nichts als Schwindler sind.

Dreiste Schwaetzer, boese Buben stehn zusammen am Bassin;

Mit der frechen Zunge schimpfen sie um nichts die Leute aus

Und doch liefern wahrlich selber gnug, das man ruegen mag.

Unter den alten Buden sitzen, welche Geld auf Zinsen leihn;

Unterm Kastortempel, denen rasch zu borgen schlecht bekommt;

Auf der Tuskergasse sind die Leute, die sich bieten feil;

Im Velabrum hat es Baecker, Fleischer, Opferpfaffen auch,

Schuldner den Termin verlaengernd, Wuchrer verhelfend zum Ganttermin:

Reiche wueste Ehemaenner bei Leucadia Oppia.

Die eingeklammerten Verse sind ein spaeterer, erst nach Erbauung des ersten roemischen Basars (570 184) eingelegter Zusatz.

Mit dem Geschaeft des Baeckers (pistor, woertlich Mueller) war in dieser Zeit Delikatessenverkauf und Kneipgelegenheit verbunden (Fest. v. alicariae p. 7 Mueller; Plaut. Capt. 160; Poen. 1, 2, 54; Trin. 407). Dasselbe gilt von den Fleischern. Leucadia Oppia mag ein schlechtes Haus gehalten haben.

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Schon verdarb nicht mehr bloss die hellenische Ansteckung die roemischen Sitten, sondern umgekehrt fingen die Schueler an, die Lehrmeister zu demoralisieren. Die Fechterspiele, die in Griechenland unbekannt waren, fuehrte Koenig Antiochos Epiphanes (579-590 175-164), der Roemeraffe von Profession, zuerst am syrischen Hofe ein, und obwohl sie dem menschlicheren und kunstsinnigeren griechischen Publikum anfangs mehr Abscheu als Freude erregten, so hielten sie sich doch dort ebenfalls und kamen allmaehlich in weiteren Kreisen in Gebrauch.

Selbstverstaendlich hatte diese Revolution in Leben und Sitte auch eine oekonomische Revolution in ihrem Gefolge. Die Existenz in der Hauptstadt ward immer begehrter wie immer kostspieliger. Die Mieten stiegen zu unerhoerter Hoehe. Die neuen Luxusartikel wurden mit Schwindelpreisen bezahlt; das Faesschen Sardellen aus dem Schwarzen Meer mit 1600 Sesterzen (120 Taler) hoeher als ein Ackerknecht, ein huebscher Knabe mit 24000 Sesterzen (1800 Taler) hoeher als mancher Bauernhof. Geld also und nichts als Geld war die Losung fuer hoch und niedrig. Schon lange tat in Griechenland niemand etwas umsonst, wie die Griechen selber mit unloeblicher Naivitaet einraeumten; seit dem Zweiten Makedonischen Krieg fingen die Roemer an, auch in dieser Hinsicht zu hellenisieren. Die Respektabilitaet musste mit gesetzlichen Notstuetzen versehen und zum Beispiel durch Volksschluss den Sachwaltern untersagt werden, fuer ihre Dienste Geld zu nehmen; eine schoene Ausnahme machten nur die Rechtsverstaendigen, die bei ihrer ehrbaren Sitte, guten Rat umsonst zu geben, nicht durch Buergerbeschluss festgehalten zu werden brauchten. Man stahl womoeglich nicht geradezu; aber alle krummen Wege, zu schnellem Reichtum zu gelangen, schienen erlaubt: Pluenderung und Bettel, Lieferantenbetrug und Spekulantenschwindel, Zins- und Kornwucher, selbst die oekonomische Ausnutzung rein sittlicher Verhaeltnisse wie der Freundschaft und der Ehe. Vor allem die letztere wurde auf beiden Seiten Gegenstand der Spekulation; Geldheiraten waren gewoehnlich und es zeigte sich noetig, den Schenkungen, welche die Ehegatten sich untereinander machten, die rechtliche Gueltigkeit abzuerkennen. Dass unter Verhaeltnissen dieser Art Plaene zur Anzeige kamen, die Hauptstadt an allen Ecken anzuzuenden, kann nicht befremden. Wenn der Mensch keinen Genuss mehr in der Arbeit findet und bloss arbeitet, um so schnell wie moeglich zum Genuss zu gelangen, so ist es nur ein Zufall, wenn er kein Verbrecher wird. Alle Herrlichkeiten der Macht und des Reichtums hatte das Schicksal ueber die Roemer mit voller Hand ausgeschuettet; aber wahrlich, die Pandorabuechse war eine Gabe von zweifelhaftem Wert.

KAPITEL XIV.
Literatur und Kunst

Die roemische Literatur beruht auf ganz eigentuemlichen, in dieser Art kaum bei einer anderen Nation wiederkehrenden Anregungen. Um sie richtig zu wuerdigen, ist es notwendig, zuvoerderst den Volksunterricht und die Volksbelustigungen dieser Zeit ins Auge zu fassen.

Alle geistige Bildung geht aus von der Sprache; und es gilt dies vor allem fuer Rom. In einer Gemeinde, wo die Rede und die Urkunde so viel bedeutete, wo der Buerger in einem Alter, in welchem man nach heutigen Begriffen noch Knabe ist, bereits ein Vermoegen zu unbeschraenkter Verwaltung ueberkam und in den Fall kommen konnte, vor der versammelten Gemeinde Standreden halten zu muessen, hat man nicht bloss auf den freien und feinen Gebrauch der Muttersprache von jeher grossen Wert gelegt, sondern auch frueh sich bemueht, denselben in den Knabenjahren sich anzueignen. Auch die griechische Sprache war bereits in der hannibalischen Zeit in Italien allgemein verbreitet. In den hoeheren Kreisen war die Kunde der allgemein vermittelnden Sprache der alten Zivilisation laengst haeufig gewesen und jetzt, bei dem durch die veraenderte Weltstellung ungeheuer gesteigerten roemischen Verkehr mit Auslaendern und im Auslande, dem Kaufmann wie dem Staatsmann wo nicht notwendig, doch vermutlich schon sehr wesentlich. Durch die italische Sklaven- und Freigelassenschaft aber, die zu einem sehr grossen Teil aus geborenen Griechen oder Halbgriechen bestand, drang griechische Sprache und griechisches Wissen bis zu einem gewissen Grade ein auch in die unteren Schichten namentlich der hauptstaedtischen Bevoelkerung. Aus den Lustspielen dieser Zeit kann man sich ueberzeugen, dass eben der nicht vornehmen hauptstaedtischen Menge ein Latein mundgerecht war, welches zum rechten Verstaendnis das Griechische so notwendig voraussetzt wie Sternes Englisch und Wielands Deutsch das Franzoesische ^1. Die Maenner der senatorischen Familien aber redeten nicht bloss griechisch vor einem griechischen Publikum, sondern machten auch diese Reden bekannt - so Tiberius Gracchus (Konsul 577, 591 177,163) eine von ihm auf Rhodos gehaltene - und schrieben in der hannibalischen Zeit ihre Chroniken griechisch, von welcher Schriftstellerei spaeter noch zu sprechen sein wird. Einzelne gingen noch weiter. Den Flamininus ehrten die Griechen durch Huldigungen in roemischer Sprache; aber auch er erwiderte das Kompliment: der “grosse Feldherr der Aeneiaden” brachte den griechischen Goettern nach griechischer Sitte mit griechischen Distichen seine Weihgeschenke dar ^2. Einem anderen Senator rueckte Cato es vor, dass er bei griechischen Trinkgelagen griechische Rezitative mit der gehoerigen Modulation vorzutragen sich nicht geschaemt habe.

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^1 Ein bestimmter Kreis griechischer Ausdruecke, wie stratioticus, machaera, nauclerus, trapezita, danista, drapeta, oenopolium, bolus, malacus, morus, graphicus, logus, apologus, techna, schema, gehoert durchaus zum Charakter der Plautinischen Sprache; Uebersetzungen werden selten dazu gefuegt und nur bei Woertern, die ausserhalb des durch jene Anfuehrungen bezeichneten Ideenkreises stehen, wie zum Beispiel es im ‘Wilden’ (1, 1, 60), freilich in einem vielleicht erst spaeter eingefuegten Verse heisst: φρόνησις est sapientia [Edelmut ist Weisheit]. Auch griechische Brocken sind gemein, zum Beispiel in der ‘Casina’ (3, 6, 9):

πράγματά μοι παρέχεις - Dabo μέγα κακόν, ut opinor;

ebenso griechische Wortspiele, zum Beispiel in ‘Die beiden Bacchis’ (240):

opus est chryso Chrysalo;

wie denn auch Ennius die etymologische Bedeutung von Alexandros, Andromache als den Zuschauern bekannt voraussetzt (Varro ling. 7, 82). Am bezeichnendsten sind die halbgriechischen Bildungen wie ferritribax, plagipatida, pugilice oder im ‘Bramarbas’ (213):

euge! euscheme hercle astitit sic dulice et comoedice!

Ei die Tenuere! Holla, seht mir den Farceur da, den Akteur!

^2 Eines dieser im Namen des Flamininus gedichteten Epigramme lautet also: Dioskuren, o hoert, ihr freudigen Tummler der Rosse!

Knaben des Zeus, o hoert, Spartas tyndarische Herrn!

Titus der Aeneiade verehrt euch die herrliche Gabe,

Als Freiheit verliehn er dem hellenischen Stamm.

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Unter dem Einfluss dieser Verhaeltnisse entwickelte sich der roemische Unterricht. Es ist ein Vorurteil, dass in der allgemeinen Verbreitung der elementaren Kenntnisse das Altertum hinter unserer Zeit wesentlich zurueckgestanden habe. Auch unter den niederen Klassen und den Sklaven wurde viel gelesen, geschrieben und gerechnet; bei dem Wirtschaftersklaven zum Beispiel setzt Cato nach Magos Vorgang die Faehigkeit zu lesen und zu schreiben voraus. Der Elementarunterricht sowie der Unterricht im Griechischen muessen lange vor dieser Zeit in sehr ausgedehntem Umfang in Rom erteilt worden sein. Dieser Epoche aber gehoeren die Anfaenge eines Unterrichts an, der statt einer bloss aeusserlichen Abrichtung eine wirkliche Geistesbildung bezweckt. Bisher hatte in Rom die Kenntnis des Griechischen im buergerlichen und geselligen Leben so wenig einen Vorzug gegeben, wie etwa heutzutage in einem Dorfe der deutschen Schweiz die Kenntnis des Franzoesischen ihn gibt; und die aeltesten Schreiber griechischer Chroniken mochten unter den uebrigen Senatoren stehen wie in den holsteinischen Marschen der Bauer, welcher studiert hat und des Abends, wenn er vom Pfluge nach Hause kommt, den Virgilius vom Schranke nimmt. Wer mit seinem Griechisch mehr vorstellen wollte, galt als schlechter Patriot und als Geck; und gewiss konnte noch in Catos Zeit auch wer schlecht oder gar nicht griechisch sprach, ein vornehmer Mann sein und Senator oder Konsul werden. Aber es ward doch schon anders. Der innerliche Zersetzungsprozess der italischen Nationalitaet war bereits, namentlich in der Aristokratie, weit genug gediehen, um das Surrogat der Nationalitaet, die allgemein humane Bildung, auch fuer Italien unvermeidlich zu machen; und auch der Drang nach einer gesteigerten Zivilisation regte bereits sich maechtig. Diesem kam der griechische Sprachunterricht gleichsam von selber entgegen. Von jeher ward dabei die klassische Literatur, namentlich die ‘Ilias’ und mehr noch die ‘Odyssee’ zu Grunde gelegt; die ueberschwenglichen Schaetze hellenischer Kunst und Wissenschaft lagen damit bereits ausgebreitet vor den Augen der Italiker da. Ohne eigentlich aeusserliche Umwandlung des Unterrichts ergab es sich von selbst, dass aus dem empirischen Sprach- ein hoeherer Literaturunterricht wurde, dass die an die Literatur sich knuepfende allgemeine Bildung den Schuelern in gesteigertem Mass ueberliefert, dass die erlangte Kunde von diesen benutzt ward, um einzudringen in die den Geist der Zeit beherrschende griechische Literatur, die Euripideischen Tragoedien und die Lustspiele Menanders.

In aehnlicher Weise gewann auch der lateinische Unterricht ein groesseres Schwergewicht. Man fing an, in der hoeheren Gesellschaft Roms das Beduerfnis zu empfinden, die Muttersprache wo nicht mit der griechischen zu vertauschen, doch wenigstens zu veredeln und dem veraenderten Kulturstand anzuschmiegen; und auch hierfuer sah man in jeder Beziehung sich angewiesen auf die Griechen. Die oekonomische Gliederung der roemischen Wirtschaft legte, wie jedes andere geringe und um Lohn geleistete Geschaeft, so auch den Elementarunterricht in der Muttersprache vorwiegend in die Haende von Sklaven, Freigelassenen oder Fremden, das heisst vorwiegend von Griechen oder Halbgriechen ^3; es hatte dies um so weniger Schwierigkeit, als das lateinische Alphabet dem griechischen fast gleich, die beiden Sprachen nahe und auffaellig verwandt waren. Aber dies war das wenigste; weit tiefer griff die formelle Bedeutung des griechischen Unterrichts in den lateinischen ein. Wer da weiss, wie unsaeglich schwer es ist, fuer die hoehere geistige Bildung der Jugend geeignete Stoffe und geeignete Formen zu finden und wie noch viel schwieriger man von den einmal gefundenen Stoffen und Formen sich losmacht, wird es begreifen, dass man dem Beduerfnis eines gesteigerten lateinischen Unterrichts nicht anders zu genuegen wusste, als indem man diejenige Loesung dieses Problems, welche der griechische Sprach- und Literaturunterricht darstellte, auf den Unterricht im Lateinischen einfach uebertrug - geht doch heutzutage in der Uebertragung der Unterrichtsmethode von den toten auf die lebenden Sprachen ein ganz aehnlicher Prozess unter unseren Augen vor.

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^3 Ein solcher war zum Beispiel der Sklave des aelteren Cato, Chilon, der als Kinderlehrer fuer seinen Herrn Geld erwarb (Plut. Cato mai. 20).

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Aber leider fehlte es zu einer solchen Uebertragung eben am Besten. Lateinisch lesen und schreiben konnte man freilich an den Zwoelf Tafeln lernen; aber eine lateinische Bildung setzte eine Literatur voraus und eine solche war in Rom nicht vorhanden.

Hierzu kam ein Zweites. Die Ausdehnung der roemischen Volkslustbarkeit ist frueher dargestellt worden. Laengst spielte bei denselben die Buehne eine bedeutende Rolle; die Wagenrennen waren wohl bei allen die eigentliche Hauptbelustigung, fanden aber doch durchgaengig nur einmal, am Schlusstage statt, waehrend die ersten Tage wesentlich dem Buehnenspiel anheimfielen. Allein lange Zeit bestanden diese Buehnenvorstellungen hauptsaechlich in Taenzen und Gaukelspiel; die improvisierten Lieder, die bei denselben auch vorgetragen wurden, waren ohne Dialog und ohne Handlung. Jetzt erst sah man fuer sie sich nach einem wirklichen Schauspiel um. Die roemischen Volksfestlichkeiten standen durchaus unter der Herrschaft der Griechen, die ihr Talent des Zeitvertreibs und Tageverderbes von selber den Roemern zu Plaesiermeistern bestellte. Keine Volksbelustigung aber war in Griechenland beliebter und keine mannigfaltiger als das Theater; dasselbe musste bald die Blicke der roemischen Festgeber und ihres Hilfspersonals auf sich ziehen. Wohl lag nun in dem aelteren roemischen Buehnenlied ein dramatischer, der Entwicklung vielleicht faehiger Keim; allein daraus das Drama herauszubilden, forderte vom Dichter wie vom Publikum eine Genialitaet im Geben und Empfangen, wie sie bei den Roemern ueberhaupt nicht und am wenigsten in dieser Zeit zu finden war; und waere sie zu finden gewesen, so wuerde die Hastigkeit der mit dem Amuesement der Menge betrauten Leute schwerlich der edlen Frucht Ruhe und Weile zur Zeitigung gegoennt haben. Auch hier war ein aeusserliches Beduerfnis vorhanden, dem die Nation nicht zu genuegen vermochte; man wuenschte sich ein Theater und es mangelten die Stuecke.

Auf diesen Elementen beruht die roemische Literatur; und ihre Mangelhaftigkeit war damit von vornherein und notwendig gegeben. Alle wirkliche Kunst beruht auf der individuellen Freiheit und dem froehlichen Lebensgenuss, und die Keime zu einer solchen hatten in Italien nicht gefehlt; allein indem die roemische Entwicklung die Freiheit und Froehlichkeit durch das Gemeingefuehl und das Pflichtbewusstsein ersetzte, ward die Kunst von ihr erdrueckt und musste statt sich zu entwickelt. verkuemmern. Der Hoehepunkt der roemischen Entwicklung ist die literaturlose Zeit. Erst als die roemische Nationalitaet sich aufzuloesen und die hellenisch-kosmopolitischen Tendenzen sich geltend zu machen anfingen, stellte im Gefolge derselben die Literatur in Rom sich ein; und darum steht sie von Haus aus und mit zwingender innerlicher Noetigung auf griechischem Boden und in schroffem Gegensatz gegen den spezifisch roemischen Nationalsinn. Vor allem die roemische Poesie ging. zunaechst gar nicht aus dem innerlichen Dichtertriebe hervor, sondern aus den aeusserlichen Anforderungen der Schule, welche lateinische Lehrbuecher, und der Buehne, die lateinische Schauspiele brauchte. Beide Institutionen aber, die Schule wie die Buehne, waren durch und durch antiroemisch und revolutionaer. Der gaffende Theatermuessiggang war dem Philisterernst wie dem Taetigkeitssinn der Roemer alten Schlags ein Greuel; und wenn es der tiefste und grossartigste Gedanke in dem roemischen Gemeinwesen war, dass es innerhalb der roemischen Buergerschaft keinen Herrn und keinen Knecht, keinen Millionaer und keinen Bettler geben, vor allem aber der gleiche Glaube und die gleiche Bildung alle Roemer umfassen sollte, so war die Schule und die notwendig exklusive Schulbildung noch bei weitem gefaehrlicher, ja fuer das Gleichheitsgefuehl geradezu zerstoerend. Schule und Theater wurden die wirksamsten Hebel des neuen Geistes der Zeit und nur um so mehr, weil sie lateinisch redeten. Man konnte vielleicht griechisch sprechen und schreiben, ohne darum aufzuhoeren, ein Roemer zu sein; hier aber gewoehnte man sich, mit roemischen Worten zu reden, waehrend das ganze innere Sein und Leben griechisch ward. Es ist nicht eine der erfreulichsten Tatsachen in diesem glaenzenden Saeculum des roemischen Konservativismus, aber wohl eine der merkwuerdigsten und geschichtlich belehrendsten, wie waehrend desselben in dem gesamten nicht unmittelbar politischen geistigen Gebiet der Hellenismus Wurzel geschlagen und wie der Maître de Plaisir des grossen Publikums und der Kinderlehrer im engen Bunde miteinander eine roemische Literatur erschaffen haben.

Gleich in dem aeltesten roemischen Schriftsteller erscheint die spaetere Entwicklung gleichsam in der Nuss. Der Grieche Andronikos (vor 482 bis nach 547 272-207), spaeter als roemischer Buerger Lucius ^4 Livius Andronicus genannt, kam in fruehem Alter im Jahre 482 (272) unter den anderen tarentinischen Gefangenen nach Rom in den Besitz des Siegers von Sena, Marcus Livius Salinator (Konsul 535, 547 219, 207). Sein Sklavengewerbe war teils die Schauspielerei und Textschreiberei, teils der Unterricht in der lateinischen und griechischen Sprache, welchen er sowohl den Kindern seines Herrn als auch anderen Knaben vermoegender Maenner in und ausser dem Hause erteilte; er zeichnete sich dabei so aus, dass sein Herr ihn freigab, und selbst die Behoerde, die sich seiner nicht selten bedient, zum Beispiel nach der gluecklichen Wendung des Hannibalischen Krieges 547 (207) ihm die Verfertigung des Dankliedes uebertragen hatte, aus Ruecksicht fuer ihn der Poeten- und Schauspielerzunft einen Platz fuer ihren gemeinsamen Gottesdienst im Minervatempel auf dem Aventin einraeumte. Seine Schriftstellerei ging hervor aus seinem zwiefachen Gewerbe. Als Schulmeister uebersetzte er die Odyssee ins Lateinische, um den lateinischen Text ebenso bei seinem lateinischen wie den griechischen bei seinem griechischen Unterricht zu Grunde zu legen; und es hat dieses aelteste roemische Schulbuch seinen Platz im Unterricht durch Jahrhunderte behauptet. Als Schauspieler schrieb er nicht bloss wie jeder andere sich die Texte selbst, sondern er machte sie auch als Buecher bekannt, das heisst, er las sie oeffentlich vor und verbreitete sie durch Abschriften. Was aber noch wichtiger war, er setzte an die Stelle des alten wesentlich lyrischen Buehnengedichts das griechische Drama. Es war im Jahre 514 (240), ein Jahr nach dem Ende des Ersten Punischen Krieges, dass das erste Schauspiel auf der roemischen Buehne aufgefuehrt ward. Diese Schoepfung eines Epos, einer Tragoedie, einer Komoedie in roemischer Sprache und von einem Mann, der mehr Roemer als Grieche war, war geschichtlich ein Ereignis; von einem kuenstlerischen Wert der Arbeiten kann nicht die Rede sein. Sie verzichten auf jeden Anspruch an Originalitaet; als Uebersetzungen aber betrachtet, sind sie von einer Barbarei, die nur um so empfindlicher ist, als diese Poesie nicht naiv ihre eigene Einfalt vortraegt, sondern die hohe Kunstbildung des Nachbarvolkes schulmeisterhaft nachstammelt. Die starken Abweichungen vom Original sind nicht aus der Freiheit, sondern aus der Roheit der Nachdichtung hervorgegangen; die Behandlung ist bald platt, bald schwuelstig, die Sprache hart und verzwickt ^5. Man glaubt es ohne Muehe, was die alten Kunstrichter versichern, dass, von den Zwangslesern in der Schule abgesehen, keiner die Livischen Gedichte zum zweiten Male in die Hand nahm. Dennoch wurden diese Arbeiten in mehrfacher Hinsicht massgebend fuer die Folgezeit. Sie eroeffneten die roemische Uebersetzungsliteratur und buergerten die griechischen Versmasse in Latium ein. Wenn dies nur hinsichtlich der Dramen geschah und die Livische ‘Odyssee’ vielmehr in dem nationalen saturnischen Masse geschrieben ward, so war der Grund offenbar, dass die Jamben und Trochaeen der Tragoedie und Komoedie weit leichter sich im Lateinischen nachbilden liessen als die epischen Daktylen.

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^4 Die spaetere Regel, dass der Freigelassene notwendig den Vornamen des Patrons fuehrt, gilt fuer das republikanische Rom noch nicht.

^5 In einem der Trauerspiele des Livius hiess es:

quem ego néfrendem álui lácteam immulgéns opem.

Milchfuell’ ein Zahnlosem melkend ihm aufnaehrt’ ich ihn.

Die Homerischen Verse (Od. 12, 16)

Ούδ' άρα Κίρκην

εξ Αίδεω ελθόντες ελήθομεν, αλλά μάλ' 'ωκα

ηλθ' εντυναμένη. άμα δ΄ αμφίπολοι φέρον αυτή

σίτον καί κρέα πολλά καί αίθοπα οίνον ερυθρον.

aber verborgen

Kehrten der Kirke wir nicht vom Hades, sondern gar hurtig

Kam sie gewaertig herbei; es trugen die dienenden Jungfraun

Brot ihr und Fleisch in Fuell’ und den tiefrot funkelnden Wein her.

werden also verdolmetscht:

tópper cíti ad aédis - vénimús Círcae:

simúl dúona córam (?) - pórtant ád návis.

mília ália in ísdem - ínserínúntur.

In Eil’ geschwinde kaemmen - wir zu Kirkes Hause.

Zugleich vor uns die Gueter - bringt man zu den Schiffen

Auch wurden aufgeladen - tausend andere Dinge.

Am merkwuerdigsten ist nicht so sehr die Barbarei als die Gedankenlosigkeit des Uebersetzers, der statt Kirke zum Odysseus vielmehr den Odysseus zur Kirke schickt. Ein zweites, noch laecherlicheres Quiproquo ist die Uebersetzung von αιδοίοιςιν έδωκα (Od. 15, 373) durch lusi (Fest. v. affatim p. 11). Dergleichen ist auch geschichtlich nicht gleichgueltig; man erkennt darin die Stufe der Geistesbildung, auf der diese aeltesten roemischen versezimmernden Schulmeister standen; und nebenbei auch, dass dem Andronikos, wenn er gleich in Tarent geboren war, doch das Griechische nicht eigentlich Muttersprache gewesen sein kann.

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Indes diese Vorstufe der literarischen Entwicklung ward bald ueberschritten. Die Livischen Epen und Dramen galten den Spaeteren, und ohne Zweifel mit gutem Recht, gleich den daedalischen Statuen von bewegungs- und ausdrucksloser Starrheit mehr als Kuriositaeten denn als Kunstwerke. In der folgenden Generation aber baute auf den einmal festgestellten Grundlagen eine lyrische, epische und dramatische Kunst sich auf; und auch geschichtlich ist es von hoher Wichtigkeit, dieser poetischen Entwicklung zu folgen.

Sowohl dem Umfang der Produktion nach wie in der Wirkung auf das Publikum stand an der Spitze der poetischen Entwicklung das Drama. Ein stehendes Theater mit festem Eintrittsgeld gab es im Altertum nicht; in Griechenland wie in Rom trat das Schauspiel nur als Bestandteil der jaehrlich wiederkehrenden oder auch ausserordentlichen buergerlichen Lustbarkeiten auf. Zu den Massregeln, wodurch die Regierung der mit Recht besorglich erscheinenden Ausdehnung der Volksfeste entgegenwirkte oder entgegenzuwirken sich einbildete, gehoerte es mit, dass sie die Errichtung eines steinernen Theatergebaeudes nicht zugab ^6. Statt dessen wurde fuer jedes Fest ein Brettergeruest mit einer Buehne fuer die Akteure (proscaenium, pulpitum) und einem dekorierten Hintergrund (scaena) aufgeschlagen und im Halbzirkel vor derselben der Zuschauerplatz (cavea) abgesteckt, welcher ohne Stufen und Sitze bloss abgeschraegt ward, so dass die Zuschauer, soweit sie nicht Sessel sich mitbringen liessen, kauerten, lagen oder standen ^7. Die Frauen moegen frueh abgesondert und auf die obersten und schlechtesten Plaetze beschraenkt worden sein; sonst waren gesetzlich die Plaetze nicht geschieden, bis man seit dem Jahre 560 (194), wie schon gesagt ward, den Senatoren die untersten und besten Plaetze reservierte.

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^6 Zwar wurde schon 575 (179) ein solches fuer die Apollinarischen Spiele am Flaminischen Rennplatz erbaut (Liv. 40, 51; W. A. Becker, Topographie der Stadt Rom, S. 605), aber wahrscheinlich bald darauf wieder niedergerissen.

^7 Noch 599 (155) gab es Sitzplaetze im Theater nicht (F. W. Ritschl, Parerga zu Plautus und Terentius. Bd. 1. Leipzig 1845, S. XVII, XX, 214; vgl. O. Ribbeck, Die roemische Tragoedie im Zeitalter der Republik. Leipzig 1875, S. 285); wenn dennoch nicht bloss die Verfasser der plautinischen Prologe, sondern schon Plautus selbst mehrfach auf ein sitzendes Publikum hindeutet (Mil. 82; 83; Aul. 4, 9, 6; Truc. a. E.; Epid. a. E.), so muessen wohl die meisten Zuschauer sich Stuehle mitgebracht oder sich auf den Boden gesetzt haben.

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Das Publikum war nichts weniger als vornehm. Allerdings zogen die besseren Staende sich nicht von den allgemeinen Volkslustbarkeiten zurueck; die Vaeter der Stadt scheinen sogar anstandshalber verpflichtet gewesen zu sein, sich bei denselben zu zeigen. Aber wie es im Wesen eines Buergerfestes liegt, wurden zwar Sklaven und wohl auch Auslaender ausgeschlossen, aber jedem Buerger mit Frau und Kindern der Zutritt unentgeltlich verstattet ^8, und es kann darum die Zuschauerschaft nicht viel anders gewesen sein, als wie man sie heutzutage bei oeffentlichen Feuerwerken und Gratisvorstellungen sieht. Natuerlich ging es denn auch nicht allzu ordentlich her: Kinder schrien, Frauen schwatzten und kreischten, hier und da machte eine Dirne Anstalt, sich auf die Buehne zu draengen; die Gerichtsdiener hatten an diesen Festtagen nichts weniger als Feiertag und Gelegenheit genug hier einen Mantel abzupfaenden und da mit der Rute zu wirken.

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^8 Frauen und Kinder scheinen zu allen Zeiten im roemischen Theater zugelassen worden zu sein (Val. Man.. 6, 3, 12; Plut. Quaest. conv. 14; Cic. har. resp. 12, 24; Vitr. 5, 3, 1; Suet. Aug. 44 usw.); aber Sklaven waren von Rechts wegen ausgeschlossen (Cic, har. resp. 12, 26; Ritschl, Parerga, Bd. 1, S. XIX, 223) und dasselbe muss wohl von den Fremden gelten, abgesehen natuerlich von den Gaesten der Gemeinde, die unter oder neben den Senatoren Platz nahmen (Varro 5, 155; Tust. 43, 5, 10; Suet. Aug. 44).

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Durch die Einfuehrung des griechischen Dramas steigerten sich wohl die Anforderungen an das Buehnenpersonal und es scheint an faehigen Leuten kein Oberfluss gewesen zu sein - ein Stueck des Naevius musste einmal in Ermangelung von Schauspielern durch Dilettanten aufgefuehrt werden. Allein. in der Stellung des Kuenstlers aenderte sich dadurch nichts; der Poet oder, wie er in dieser Zeit genannt ward, der “Schreiber”, der Schauspieler und der Komponist gehoerten nach wie vor nicht bloss zu der an sich gering geachteten Klasse der Lohnarbeiter, sondern wurden auch vor wie nach in der oeffentlichen Meinung auf die markierteste Weise zurueckgesetzt und polizeilich misshandelt (l, 475). Natuerlich hielten sich alle reputierlichen Leute von diesem Gewerbe fern - der Direktor der Truppe (dominus gregis, factionis, auch choragus), in der Regel zugleich der Hauptschauspieler, war meist ein Freigelassener, ihre Glieder in der Regel seine Sklaven; die Komponisten, die uns genannt werden, sind saemtlich Unfreie. Der Lohn war nicht bloss gering - ein Buehnendichterhonorar von 8000 Sesterzen (600 Taler) wird kurz nach dem Ende dieser Periode als ein ungewoehnlich hohes bezeichnet -, sondern ward ueberdies von den festgebenden Beamten nur gezahlt, wenn das Stueck nicht durchfiel. Mit der Bezahlung war alles abgetan: von Dichterkonkurrenz und Ehrenpreisen, wie sie in Attika vorkamen, war in Rom noch nicht die Rede - man scheint daselbst in dieser Zeit, wie bei uns, nur geklatscht oder ausgepfiffen, auch an jedem Tage nur ein einziges Stueck zur Auffuehrung gebracht zu haben ^9. Unter solchen Verhaeltnissen, wo die Kunst um Tagelohn ging und es statt der Kuenstlerehre nur eine Kuenstlerschande gab, konnte das neue roemische Nationaltheater weder originell noch ueberhaupt nur kuenstlerisch sich entwickeln; und wenn der edle Wetteifer der edelsten Athener die attische Buehne ins Leben gerufen hatte, so konnte die roemische, im ganzen genommen, nichts werden als eine Sudelkopie davon, bei der man nur sich wundert, dass sie im einzelnen noch so viel Anmut und Witz zu entfalten vermocht hat.

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^9 Aus den plautinischen Prologen (Cas. 17; Amph. 65) darf auf eine Preisverteilung nicht geschlossen werden (Ritschl, Parerga, Bd. 1, S. 229); aber auch Trin. 706 kann sehr wohl dem griechischen Original, nicht dem Uebersetzer angehoeren, und das voellige Stillschweigen der Didaskalien und Prologe sowie der gesamten Ueberlieferung ueber Preisgerichte und Preise ist entscheidend.

Dass an jedem Tage nur ein Stueck gegeben wird, folgt daraus, dass die Zuschauer am Beginn des Stuecks von Hause kommen (Poen. 10) und nach dem Ende nach Hause gehen (Epid. Pseud. Rud. Stich. Truc. a. E.). Man kam, wie dieselben Stellen zeigen, nach dem zweiten Fruehstueck ins Theater und war zur Mittagszeit wieder zu Hause; es waehrte das Schauspiel also nach unserer Rechnung etwa von Mittag bis halb drei Uhr, und so lange mag ein Plautinisches Stueck mit der Musik in den Zwischenakten auch ungefaehr spielen (vgl. Hor. epist. 2, 1. 1891. Wenn Tacitus (arm. 14 20) die Zuschauer “ganze Tage” im Theater zubringen laesst, so sind dies Zustaende einer spaeteren Zeit.

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In der Buehnenwelt ward das Trauerspiel bei weitem durch die Komoedie ueberwogen; die Stirnen der Zuschauer runzelten sich, wenn statt des gehofften Lustspiels ein Trauerspiel begann. So ist es gekommen, dass diese Zeit wohl eigene Komoediendichter, wie Plautus und Caecilius, aufweist, eigene Tragoediendichter aber nicht begegnen, und dass unter den dem Namen nach uns bekannten Dramen dieser Epoche auf ein Trauerspiel drei Lustspiele kommen. Natuerlich griffen die roemischen I.ustspieldichter oder vielmehr Uebersetzer zunaechst nach den Stuecken, welche die hellenische Schaubuehne der Zeit beherrschten; und damit fanden sie sich ausschliesslich ^10 gebannt in den Kreis der neueren attischen Komoedie und zunaechst ihrer namhaftesten Dichter Philemon von Soioi in Kilikien (394? - 492 360 - 262) und Menandros von Athen (412-462 342-292). Dieses Lustspiel ist nicht bloss fuer die roemische Literatur-, sondern selbst fuer die ganze Volksentwicklung so wichtig geworden, dass auch die Geschichte Ursache hat, dabei zu verweilen.

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^10 Die sparsame Benutzung der sogenannten mittleren Komoedie der Attiker kommt geschichtlich nicht in Betracht, da diese nichts war als das minder entwickelte menandrische Lustspiel. Vor. einer Benutzung der aelteren Komoedie mangelt jede Spur. Die roemische Hilarotragoedie, die Gattung des Plautinischen Amphitryon, heisst zwar den roemischen Literarhistorikern die Rhinthonische; aber auch die neueren Attiker dichteten dergleichen Parodien und es ist nicht abzusehen, warum die Roemer fuer ihre Uebersetzungen, statt auf diese naechstliegenden Dichter, vielmehr auf Rinthon und die aelteren zurueckgegriffen haben sollten.

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Die Stuecke sind von ermuedender Einfoermigkeit. Fast ohne Ausnahme drehen sie sich darum, einem jungen Menschen auf Kosten entweder seines Vaters oder auch des Bordellhalters zum Besitze eines Liebchens von unzweifelhafter Anmut und sehr zweifelhafter Sittlichkeit zu verhelfen. Der Weg zum Liebesglueck geht regelmaessig durch irgendeine Geldprellerei, und der verschmitzte Bediente, der die benoetigte Summe und die erforderliche Schwindelei liefert, waehrend der Liebhaber ueber seine Liebes- und Geldnot jammert, ist das eigentliche Triebrad des Stueckes. Es ist kein Mangel an obligaten Betrachtungen ueber Freude und Leid der Liebe, an traenenreichen Abschiedsszenen, an Liebhabern, die vor Herzenspein sich ein Leides anzutun drohen; die Liebe oder vielmehr die Verliebtheit war, wie die alten Kunstrichter sagen, der eigentliche Lebenshauch der Menandrischen Poesie. Den Schluss macht die wenigstens bei Menander unvermeidliche Hochzeit; wobei noch zu mehrerer Erbauung und Befriedigung der Zuschauer die Tugend des Maedchens sich herauszustellen pflegt als wenn nicht ganz, doch so gut wie unbeschaedigt und das Maedchen selbst als die abhanden gekommene Tochter eines reichen Mannes, demnach als eine in jeder Hinsicht gute Partie. Neben diesen liebes- finden sich auch Ruehrstuecke; wie denn zum Beispiel unter den Plautinischen Komoedien der ‘Strick’ sich um Schiffbruch und Asylrecht bewegt, das ‘Dreitalerstueck’ und ‘Die Gefangenen’ gar keine Maedchenintrige enthalten, sondern die edelmuetige Aufopferung des Freundes fuer den Freund, des Sklaven fuer den Herrn schildern. Personen und Situationen wiederholen sich dabei wie auf einer Tapete bis ins einzelne herab, wie man denn gar nicht herauskommt aus den Apartes ungesehener Horcher, aus dem Anpochen an die Haustueren, aus den mit irgendeinem Gewerbe durch die Strassen fegenden Sklaven; die stehenden Masken, deren es eine gewisse feste Zahl, zum Beispiel acht Greisen-, sieben Bedientenmasken gab, aus denen, in der Regel wenigstens, der Dichter nur auszuwaehlen hatte, beguenstigten weiter die schablonenartige Behandlung. Eine solche Komoedie musste wohl das lyrische Element in der aelteren, den Chor, wegwerfen und sich von Haus aus auf Gespraech und hoechstens Rezitation beschraenken - mangelte ihr doch nicht bloss das politische Element, sondern ueberhaupt jede wahre Leidenschaft und jede poetische Hebung. Auf eine grossartige und eigentlich poetische Wirkung legten es die Stuecke auch verstaendigerweise gar nicht an; ihr Reiz bestand zunaechst in der Verstandesbeschaeftigung durch den Stoff sowohl, wobei die neuere Komoedie sich von der aelteren ebenso sehr durch die groessere innerliche Leere wie durch die groessere aeusserliche Verschlungenheit der Fabel unterschied, als besonders durch die Ausfuehrung im Detail, wobei namentlich die fein zugespitzte Konversation der Triumph des Dichters und das Entzuecken des Publikums war. Verwirrungen und Verwechslungen, womit sich ein Hinuebergreifen in den tollen, oft zuegellosen Schwank sehr gut vertraegt - wie denn zum Beispiel die Casina mit dem Abzug der beiden Braeutigame und des als Braut aufgeputzten Soldaten echt falstaffisch schliesst -, Scherze, Schnurren und Raetsel, welche ja auch an der attischen Tafel dieser Zeit in Ermangelung eines wirklichen Gespraechs die stehenden Unterhaltungstoffe hergaben, fuellen zum guten Teil diese Komoedien aus. Die Dichter derselben schrieben nicht wie Eupolis und Aristophanes fuer eine grosse Nation, sondern vielmehr fuer eine gebildete und, wie andere geistreiche und in tatenloser Geistreichigkeit verkommende Zirkel, in Rebusraten und Scharadenspiel aufgehende Gesellschaft. Sie geben darum auch kein Bild ihrer Zeit - von der grossen geschichtlichen und geistigen Bewegung derselben ist in diesen Komoedien nichts zu spueren, und man muss erst daran erinnert werden, dass Philemon und Menander wirklich Zeitgenossen von Alexander und Aristoteles gewesen sind -, aber wohl ein ebenso elegantes wie treues Bild der gebildeten attischen Gesellschaft, aus deren Kreisen die Komoedie auch niemals heraustritt. Noch in dem getruebten lateinischen Abbild, aus dem wir sie hauptsaechlich kennen, ist die Anmut des Originals nicht voellig verwischt und namentlich in den Stuecken, die dem talentvollsten unter diesen Dichtern, dem Menander, nachgebildet sind, das Leben, das der Dichter leben sah und selber lebte, nicht so sehr in seinen Verirrungen und Verzerrungen, als in seiner liebenswuerdigen Alltaeglichkeit artig widergespiegelt. Die freundlichen haeuslichen Verhaeltnisse zwischen Vater und Tochter, Mann und Frau, Herrn und Diener, mit ihren Liebschaften und sonstigen kleinen Krisen sind so allgemeingueltig abkonterfeit, dass sie noch heute ihre Wirkung nicht verfehlen; der Bedientenschmaus zum Beispiel, womit der ‘Stichus’ schliesst, ist in der Beschraenktheit seiner Verhaeltnisse und der Eintracht der beiden Liebhaber und des einen Schaetzchens in seiner Art von unuebertrefflicher Zierlichkeit. Von grosser Wirkung sind die eleganten Grisetten, die gesalbt und geschmueckt, mit modischem Haarputz und im bunten goldgestickten Schleppgewande erscheinen oder besser noch auf der Buehne Toilette machen. In ihrem Gefolge stellen die Gelegenheitsmacherinnen sich ein, bald von der gemeinsten Sorte, wie deren eine im ‘Curculio’ auftritt, bald Duennen gleich Goethes alter Barbara, wie die Scapha in der Wunderkomoedie; auch an hilfreichen Bruedern und Kumpanen ist kein Mangel. Sehr reichlich und mannigfaltig besetzt sind die alten Rollen; es erscheinen umeinander der strenge und geizige, der zaertliche und weichmuetige, der nachsichtige gelegenheitsmachende Papa, der verliebte Greis, der alte bequeme Junggesell, die eifersuechtige bejahrte Hausehre mit ihrer alten, gegen den Herrn mit der Frau haltenden Magd; wogegen die Juenglingsrollen zuruecktreten und weder der erste Liebhaber noch der hie und da begegnende tugendhafte Mustersohn viel bedeuten wollen. Die Bedientenwelt: der verschmitzte Kammerdiener, der strenge Hausmeister, der alte wackere Erzieher, der knoblauchduftende Ackerknecht, das impertinente Juengelchen - leitet schon hinueber zu den sehr zahlreichen Gewerberollen. Eine stehende Figur darunter ist der Spassmacher (parasitus), welcher fuer die Erlaubnis, an der Tafel des Reichen mitzuschmausen, die Gaeste mit Schnurren und Scharaden zu belustigen, auch nach Umstaenden sich die Scherben an den Kopf werfen zu lassen hat - es war dies damals in Athen ein foermliches Gewerbe, und sicher ist es auch keine poetische Fiktion, wenn ein solcher Schmarotzer auftritt, aus seinen Witz- und Anekdotenbuechern sich eigens praeparierend. Beliebte Rollen sind ferner der Koch, der nicht bloss mit unerhoerten Saucen zu renommieren versteht, sondern auch wie ein gelernter Dieb zu stipitzen; der freche, zu jedem Laster sich mit Vergnuegen bekennende Bordellwirt, wovon der Ballio im ‘Luegenbold’ ein Musterexemplar ist; der militaerische Bramarbas, in dem die Landsknechtwirtschaft der Diadochenzeit sehr bestimmt anklingt; der gewerbsmaessige Industrieritter oder der Sykophant, der schuftige Wechsler, der feierlich alberne Arzt, der Priester, Schiffer, Fischer und dergleichen mehr. Dazu kommen endlich die eigentlichen Charakterrollen, wie der Aberglaeubige Menanders, der Geizige in der Plautinischen Topfkomoedie. Die nationalhellenische Poesie hat auch in dieser ihrer letzten Schoepfung ihre unverwuestliche plastische Kraft noch bewaehrt; aber die Seelenmalerei ist hier doch schon mehr aeusserlich kopiert als innerlich nachempfunden und um so mehr, je mehr die Aufgabe sich den wahrhaft poetischen naehert - es ist bezeichnend, dass in den eben angefuehrten Charakterrollen die psychologische Wahrheit grossenteils durch die abstrakte Begriffsentwicklung vertreten wird, der Geizige hier die Nagelschnitze sammelt und die vergossene Traene als verschwendetes Wasser beklagt. Indes dieser Mangel an tiefer Charakteristik und ueberhaupt die ganze poetische und sittliche Hohlheit dieser neueren Komoedie faellt weniger den Lustspieldichtern zur Last als der gesamten Nation. Das spezifische Griechentum war im Verscheiden; Vaterland, Volksglaube, Haeuslichkeit, alles edle Tun und Sinnen war gewichen, Poesie, Historie und Philosophie innerlich erschoepft und dem Athener nichts uebrig geblieben, als die Schule, der Fischmarkt und das Bordell - es ist kein Wunder und kaum ein Tadel, wenn die Poesie, die die menschliche Existenz zu verklaeren bestimmt ist, aus einem solchen Leben nichts weiter machen konnte, als was das Menandrische Lustspiel uns darstellt. Sehr merkwuerdig ist dabei, wie die Poesie dieser Zeit, wo immer sie dem zerruetteten attischen Leben einigermassen den Ruecken zu wenden vermochte, ohne doch in. schulmaessige Nachdichtung zu verfallen, sofort sich am Ideal staerkt und erfrischt. In dem einzigen Ueberrest des parodisch-heroischen Lustspiels dieser Zeit, in Plautus’ ‘Amphitryon’ weht durchaus eine reinere und poetischere Luft als in allen uebrigen Truemmern der gleichzeitigen Schaubuehne; die gutmuetigen, leise ironisch gehaltenen Goetter, die edlen Gestalten aus der Heroenwelt, die possierlich feigen Sklaven machen zueinander den wundervollsten Gegensatz und nach dem drolligen Verlauf der Handlung die Geburt des Goettersohnes unter Donner und Blitz eine beinahe grossartige Schlusswirkung. Diese Aufgabe der Mythenironisierung war aber auch verhaeltnismaessig unschuldig und poetisch, verglichen mit der des gewoehnlichen das attische Leben der Zeit schildernden Lustspiels. Eine besondere Anklage darf vom geschichtlich-sittlichen Standpunkt aus gegen die Poeten keineswegs erhoben und dem einzelnen Dichter kein individueller Vorwurf daraus gemacht werden, dass er im Niveau seiner Epoche steht; die Komoedie war nicht Ursache, sondern Wirkung der in dem Volksleben waltenden Verdorbenheit. Aber wohl ist es, namentlich um den Einfluss dieser Lustspiele auf das roemische Volksleben richtig zu beurteilen, notwendig, auf den Abgrund hinzuweisen, der unter all jener Feinheit und Zierlichkeit sich auftut. Die Flegeleien und Zoten, welche zwar Menander einigermassen vermied, an denen aber bei den anderen Poeten kein Mangel ist, sind das wenigste; weit schlimmer ist die grauenvolle Lebensoede, deren einzige Oasen die Verliebtheit und der Rausch sind, die fuerchterliche Prosa, worin was einigermassen wie Enthusiasmus aussieht allein bei den Gaunern zu finden ist, denen der eigene Schwindel den Kopf verdreht hat und die das Prellergewerbe mit einer gewissen Begeisterung treiben, und vor allem jene unsittliche Sittlichkeit, mit welcher namentlich die menandrischen Stuecke staffiert sind. Das Laster wird abgestraft, die Tugend belohnt und etwaige Peccadillos durch Bekehrung bei oder nach der Hochzeit zugedeckt. Es gibt Stuecke, wie die Plautinische ‘Dreitalerkomoedie’ und mehrere Terenzische, in denen allen Personen bis auf die Sklaven hinab eine Portion Tugendhaftigkeit beigemischt ist; alle wimmeln von ehrlichen Leuten, die fuer sich betruegen lassen, von Maedchentugend womoeglich, von gleich beguenstigten und Kompagnie machenden Liebhabern; moralische Gemeinplaetze und wohl gedrechselte Sittensprueche sind gemein wie die Brombeeren. In einem versoehnenden Finale, wie das in ‘Die beiden Bacchis’ ist, wo die prellenden Soehne und die geprellten Vaeter zu guter Letzt alle miteinander ins Bordell kneipen gehen, steckt eine voellig Kotzebuesche Sittenfaeulnis.

Auf diesen Grundlagen und aus diesen Elementen erwuchs das roemische Lustspiel. Originalitaet ward bei demselben nicht bloss durch aesthetische, sondern wahrscheinlich zunaechst durch polizeiliche Unfreiheit ausgeschlossen. Unter der betraechtlichen Masse der lateinischen Lustspiele dieser Gattung, die uns bekannt sind, findet sich nicht ein einziges, das sich nicht als Nachbildung eines bestimmten griechischen ankuendigte; es gehoert zum vollstaendigen Titel, dass der Name des griechischen Stueckes und Verfassers mit genannt wird, und wenn, wie das wohl vorkam, ueber die “Neuheit” eines Stueckes gestritten ward, so handelte es sich darum, ob dasselbe schon frueher uebersetzt worden sei. Die Komoedie spielt nicht etwa bloss haeufig im Ausland, sondern es ist eine zwingende Notwendigkeit und die ganze Kunstgattung (fabula palliata) danach benannt, dass der Schauplatz ausserhalb Roms, gewoehnlich in Athen ist und dass die handelnden Personen Griechen oder doch Nichtroemer sind. Selbst im einzelnen wird, besonders in denjenigen Dingen, worin auch der ungebildete Roemer den Gegensatz bestimmt empfand, das auslaendische Kostuem streng durchgefuehrt. So wird der Name Roms und der Roemer vermieden und wo ihrer gedacht wird, heissen sie auf gut griechisch “Auslaender” (barbari); ebenso erscheint unter den unzaehlige Male vorkommenden Geld- und Muenzbezeichnungen auch nicht ein einziges Mal die roemische Muenze. Man macht sich von so grossen und so gewandten Talenten, wie Naevius und Plautus waren, eine seltsame Vorstellung, wenn man dergleichen auf ihre freie Wahl zurueckfuehrt; diese krasse und sonderbare Exterritorialitaet der roemischen Komoedie war ohne Zweifel durch ganz andere als aesthetische Ruecksichten bedingt. Die Verlegung solcher gesellschaftlicher Verhaeltnisse, wie sie die neuattische Komoedie durchgaengig zeichnet, nach dem Rom der hannibalischen Epoche wuerde geradezu ein Attentat auf dessen buergerliche Ordnung und Sitte gewesen sein. Da aber die Schauspiele in dieser Zeit regelmaessig von den Aedilen und Praetoren gegeben wurden, die gaenzlich vom Senat abhingen, und selbst die ausserordentlichen Festlichkeiten, zum Beispiel die Leichenspiele, nicht ohne Regierungserlaubnis stattfanden, und da ferner die roemische Polizei ueberall nicht und am wenigsten mit den Komoedianten Umstaende zu machen gewohnt war, so ergibt es sich von selbst, weshalb diese Komoedie, selbst nachdem sie unter die roemischen Volkslustbarkeiten aufgenommen war, doch noch keinen Roemer auf die Buehne bringen durfte und gleichsam in das Ausland verbannt blieb.

Noch viel entschiedener ward den Bearbeitern das Recht, einen Lebenden lobend oder tadelnd zu nennen, sowie jede verfaengliche Anspielung auf die Zeitverhaeltnisse untersagt. In dem ganzen plautinischen und nachplautinischen Komoedienrepertoire ist, soweit wir es kennen, nicht zu einer einzigen Injurienklage Stoff. Ebenso begegnet uns von den bei dem lebhaften Munizipalsinn der Italiker besonders bedenklichen Invektiven gegen Gemeinden - wenn von einigen ganz unschuldigen Scherzen abgesehen wird - kaum eine andere Spur als der bezeichnende Hohn auf die ungluecklichen Capuaner und Atellaner und merkwuerdigerweise verschiedene Spottreden ueber die Hoffart wie ueber das schlechte Latein der Praenestiner ^11. Ueberhaupt findet sich in den Plautinischen Stuecken von Beziehungen auf die Ereignisse und Verhaeltnisse der Gegenwart nichts als Glueckwuensche fuer die Kriegfuehrung ^12 oder zu den friedlichen Zeiten; allgemeine Ausfaelle gegen Korn- und Zinswucher, gegen Verschwendung, gegen Kandidatenbestechung, gegen die allzu haeufigen Triumphe, gegen die gewerbsmaessigen Beitreiber verwirkter Geldbussen, gegen pfaendende Steuerpaechter, gegen die teuren Preise der Oelhaendler, ein einziges Mal - im ‘Curculio’ - eine an die Parabasen der aelteren attischen Komoedie erinnernde, uebrigens wenig verfaengliche laengere Diatribe ueber das Treiben auf dem roemischen Markt. Aber selbst in solchen hoechst polizeilich normal patriotischen Bestrebungen unterbricht sich wohl der Dichter:

Doch bin ich nicht naerrisch, mich zu kuemmern um den Staat,

Da die Obrigkeit da ist, die sich hat zu kuemmern drum?

und im ganzen genommen ist kaum ein politisch zahmeres Lustspiel zu denken, als das roemische des sechsten Jahrhunderts gewesen ist ^13. Eine merkwuerdige Ausnahme macht allein der aelteste namhafte roemische Lustspieldichter Gnaeus Naevius. Wenn er auch nicht gerade roemische Originallustspiele schrieb, so sind doch noch die wenigen Truemmer, die wir von ihm besitzen, voll von Beziehungen auf roemische Zustaende und Personen. Er nahm es unter anderm sich heraus, nicht bloss einen gewissen Maler Theodotos mit Namen zu verhoehnen, sondern selbst an den Sieger von Zama folgende Verse zu richten, deren Aristophanes sich nicht haette schaemen duerfen:

Jenen selbst, der grosse Dinge ruhmvoll oft zu Ende fuehrte,

Dessen Taten lebendig leben, der bei den Voelkern allen allein gilt,

Den hat nach Haus der eigene Vater von dem Liebchen geholt im Hemde.

Wie in den Worten:

Heute wollen freie Worte reden wir am Freiheitsfest,

so mag er oefter polizeiwidrig angesetzt und bedenkliche Fragen getan haben, wie zum Beispiel:

Wie ward ein so gewaltiger Staat nur so geschwind euch ruiniert?

worauf denn mit einem politischen Suendenregister geantwortet ward, zum Beispiel:

Es taten neue Redner sich, einfaeltige junge Menschen auf.

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^11 Bacch. 24; Trin. 609; Truc. 3, 2, 23. Auch Naevius, der es freilich ueberall nicht so genau nahm, spottet ueber Praenestiner und Lanuviner (com. 21 R.) Eine gewisse Spannung zwischen Praenestinern und Roemern tritt oefter hervor (Liv. 23, 20, 42, 1); und die Exekutionen in der pyrrhischen sowie die Katastrophe der sullanischen Zeit stehen sicher damit im Zusammenhang. Unschuldige Scherze wie Capt. 160; 881 passierten natuerlich die Zensur. Bemerkenswert ist auch das Kompliment fuer Massalia (Cas. 5, 4, 1).

^12 So schliesst der Prolog der Kaestchenkomoedie mit folgenden Worten, die hier stehen moegen als die einzige gleichzeitige Erwaehnung des Hannibalischen Krieges in der auf uns gekommenen Literatur:

Also verhaelt sich dieses. Lebet wohl und siegt

Mit Maennermut, so wie ihr dies bisher getan.

Bewahret eure Verbuendeten alten und neuen Bunds,

Zuleget Zuzug ihnen, eurem rechten Schluss gemaess,

Verderbt die Verhassten, wirket Lorbeer euch und Lob,

Damit besiegt gewaehre der Poener euch die Poen.

Die vierte Zeile (augete auxilia vostris iustis legibus) geht auf die den saeumigen latinischen Kolonien im Jahre 550 (204) auferlegten Nachleistungen (Liv. 29, 15; oben 2, 175).

^13 Man kann darum auch bei Plautus kaum mit der Annahme von Anspielungen auf Zeitereignisse vorsichtig genug sein. Vielen verkehrten Scharfsinn dieser Art hat die neueste Untersuchung beseitigt; aber sollte nicht auch die Beziehung auf die Bacchanalien, welche im Cas. 5, 4, 11 gefunden wird (Ritschl, Parerga, Bd. 1, S. 192), zensurwidrig sein? Man koennte sogar die Sache umkehren und aus den Erwaehnungen des Bacchusfestes in der ‘Casina’ und einigen anderen Stuecken (Amph. 703; Aul. 3, 1, 3; Bacch. 53, 371; Mil. 1016 und besonders Men. 836) den Schluss ziehen, dass dieselben zu einer Zeit geschrieben sind, wo es noch nicht verfaenglich war, von Bacchanalien zu reden.

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Allein die roemische Polizei war nicht gemeint, gleich der attischen die Buehneninvektiven und politischen Diatriben zu privilegieren oder auch nur zu dulden. Naevius ward wegen solcher und aehnlicher Ausfaelle in den Block geschlossen und musste sitzen, bis er in anderen Komoedien oeffentlich Busse und Abbitte getan hatte. Ihn trieben diese Haendel, wie es scheint, aus. der Heimat; seine Nachfolger aber liessen durch sein Beispiel sich warnen - einer derselben deutet sehr verstaendlich an, dass er ganz und gar nicht Lust habe, gleich dem Kollegen Naevius der unfreiwilligen Maulsperre zu unterliegen. So ward es durchgesetzt, was in seiner Art nicht viel weniger einzig ist als die Besiegung Hannibals, dass in einer Epoche der fieberhaftesten Volksaufregung eine volkstuemliche Schaubuehne von der vollstaendigsten politischen Farblosigkeit entstand.

Aber innerhalb dieser von Sitte und Polizei eng und peinlich gezogenen Schranken ging der Poesie der Atem aus. Nicht mit Unrecht mochte Naevius die Lage des Dichters unter dem Szepter der Lagiden und Seleukiden, verglichen mit derjenigen in dem freien Rom, beneidenswert nennen ^14. Der Erfolg im einzelnen ward natuerlich bestimmt durch die Beschaffenheit des eben vorliegenden Originals und das Talent des einzelnen Bearbeiters; doch muss bei aller individuellen Verschiedenheit dies ganze Uebersetzungsrepertoire in gewissen Grundzuegen uebereingestimmt haben, insofern saemtliche Lustspiele denselben Bedingungen der Auffuehrung und demselben Publikum angepasst wurden. Durchgaengig war die Behandlung im ganzen wie im einzelnen im hoechsten Grade frei; und sie musste es wohl sein. Wenn die Originalstuecke vor derselben Gesellschaft spielten, die sie kopierten, und eben hierin ihr hauptsaechlichster Reiz lag, so war das roemische Publikum dieser Zeit von dem attischen so verschieden, dass es jene auslaendische Welt nicht einmal imstande war recht zu verstehen. Von dem haeuslichen Leben der Hellenen fasste der Roemer weder die Anmut und Humanitaet noch die Sentimentalitaet und die uebertuenchte Leere. Die Sklavenwelt war eine voellig andere; der roemische Sklave war ein Stueck Hausrat, der attische ein Bedienter - wo Sklavenehen vorkommen, oder der Herr mit dem Sklaven ein humanes Gespraech fuehrt, erinnern die roemischen Uebersetzer ihr Publikum daran, sich an dergleichen in Athen gewoehnliche Dinge nicht zu stossen ^15; und als man spaeter Lustspiele in roemischem Kostuem zu schreiben anfing, musste die Rolle des pfiffigen Bedienten herausgeworfen werden, weil das roemische Publikum solche, ihre Herren uebersehende und gaengelnde Sklaven nicht vertrug. Eher als die feinen Alltagsfiguren hielten die an sich derber und possenhafter zugeschnittenen Staende- und Charakterbilder die Uebertragung aus; aber auch von diesen musste doch der roemische Bearbeiter manche und wahrscheinlich eben die feinsten und originellsten, wie zum Beispiel die Thais, die Hochzeitskoechin, die Mondbeschwoererin, den Bettelpfaffen Menanders, ganz liegen lassen und sich vorwiegend an diejenigen auslaendischen Gewerbe halten, mit welchen der bereits sehr allgemein in Rom verbreitete griechische Tafelluxus sein Publikum vertraut gemacht hatte. Wenn der Kochkuenstler und der Spassmacher in dem Plautinischen Lustspiel mit so auffallender Vorliebe und Lebendigkeit geschildert sind, so liegt der Schluessel dazu darin, dass griechische Koeche ihre Dienste schon damals auf dem roemischen Markt taeglich ausboten und dass Cato das Verbot, einen Spassmacher zu halten, sogar seinem Wirtschafter in die Instruktion zu setzen noetig fand. In gleicher Weise konnte der Uebersetzer von der eleganten attischen Konversation seiner Originale einen sehr grossen Teil nicht brauchen. Zu der raffinierten Kneip- und Bordellwirtschaft Athens stand der roemische Buerger- und Bauersmann ungefaehr wie der deutsche Kleinstaedter zu den Mysterien des Palais Royal. Die eigentliche Kuechengelehrsamkeit ging nicht in seinen Kopf; die Esspartien blieben freilich auch in der roemischen Nachbildung sehr zahlreich, aber ueberall dominiert ueber die mannigfaltige Baeckerei und die raffinierten Saucen und Fischgerichte der derbe roemische Schweinebraten. Von den Raetselreden und Trinkliedern, von der griechischen Rhetorik und Philosophie, die in den Originalen eine so grosse Rolle spielten, begegnet in der Bearbeitung nur hier und da eine verlorene Spur.

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^14 Etwas anderes kann die merkwuerdige Stelle in dem ‘Maedel von Tarent’ nicht bedeuten:

Was im Theater hier mir gerechten Beifall fand,

Dass das kein Koenig irgend anzufechten wagt -

Wie viel besser als hier der Freie hat’s darin der Knecht!

^15 Wie das moderne Hellas ueber Sklaventum dachte, kann man zum Beispiel bei Euripides (Ion. 854; vgl. Hel. 728) sehen:

Dem Sklaven bringt das eine einzig Schande nur:

Der Name; in allem andern ist nicht schlechter als

Der freie Mann der Sklave, welcher brav sich fuehrt.

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Die Verwuestung, welche die roemischen Bearbeiter durch die Ruecksicht auf ihr Publikum in den Originalen anzurichten genoetigt waren, draengte sie unvermeidlich in eine Weise des Zusammenstreichens und Durcheinanderwerfens hinein, mit der keine kuenstlerische Komposition sich vertrug. Es war gewoehnlich, nicht bloss ganze Rollen des Originals herauszuwerfen, sondern auch dafuer andere aus anderen Lustspielen desselben oder auch eines anderen Dichters wieder einzustuecken; was freilich bei der aeusserlich rationellen Komposition der Originale und ihren stehenden Figuren und Motiven nicht voellig so arg war, wie es scheint. Es gestatteten ferner wenigstens in der aelteren Zeit sich die Dichter hinsichtlich der Komposition die seltsamsten Lizenzen. Die Handlung des sonst so vortrefflichen ‘Stichus’ (aufgefuehrt 554 200) besteht darin, dass zwei Schwestern, welche der Vater veranlassen moechte, sich von ihren abwesenden Ehemaennern zu scheiden, die Penelopen spielen, bis die Maenner mit reichem Kaufmannsgewinn und als Praesent fuer den Schwiegervater mit einem huebschen Maedchen wieder nach Hause kommen. In der ‘Casina’, die bei dem Publikum ganz besonders Glueck machte, kommt die Braut, von der das Stueck heisst und um die es sich dreht, gar nicht zum Vorschein, und die Aufloesung wird ganz naiv als “spaeter drinnen vor sich gehend” vom Epilog erzaehlt. Ueberhaupt wird sehr oft die Verwicklung ueber das Knie gebrochen, ein angesponnener Faden fallengelassen und was dergleichen Zeichen einer unfertigen Kunst mehr sind. Die Ursache hiervon ist wahrscheinlich weit weniger in der Ungeschicklichkeit der roemischen Bearbeiter zu suchen als in der Gleichgueltigkeit des roemischen Publikums gegen die aesthetischen Gesetze. Allmaehlich indes bildete sich der Geschmack. In den spaeteren Stuecken hat Plautus offenbar mehr Sorgfalt auf die Komposition gewendet und ‘Die Gefangenen’ zum Beispiel, der ‘Luegenbold’, ‘Die beiden Bacchis’ sind in ihrer Art meisterhaft gefuehrt; seinem Nachfolger Caecilius, von dem wir keine Stuecke mehr besitzen, wird es nachgeruehmt, dass er sich vorzugsweise durch die kunstmaessigere Behandlung des Sujets auszeichnete.

In der Behandlung des einzelnen fuehren das Bestreben des Poeten, seinen roemischen Zuhoerern die Dinge moeglichst vor die Augen zu bringen, und die Vorschrift der Polizei, die Stuecke auslaendisch zu halten, die wunderlichsten Kontraste herbei. Die roemischen Goetter, die sakralen, militaerischen, juristischen Ausdruecke der Roemer, nehmen sich seltsam aus in der griechischen Welt; bunt durcheinander gehen die roemischen Aedilen und Dreiherren mit den Agoranomen und Demarchen; in Aetolien oder Epidamnos spielende Stuecke schicken den Zuschauer ohne Bedenken nach dem Velabrum und dem Kapitol. Schon eine solche klecksartige Aufsetzung der roemischen Lokaltoene auf den griechischen Grund ist eine Barbarisierung; aber diese in ihrer naiven Art oft sehr spasshaften Interpolationen sind weit ertraeglicher als die durchgaengige Umstimmung der Stuecke ins Rohe, welche bei der keineswegs attischen Bildung des Publikums den Bearbeitern notwendig schien. Freilich mochten schon von den neuattischen Poeten manche in der Ruepelhaftigkeit keiner Nachhilfe beduerfen; Stuecke wie die Plautinische ‘Eselskomoedie’ werden ihre unuebertreffliche Plattheit und Gemeinheit nicht erst dem Uebersetzer verdanken. Aber es walten doch in den roemischen Komoedien die rohen Motive in einer Weise vor, dass die Uebersetzer hierin entweder interpoliert oder mindestens sehr einseitig kompiliert haben muessen. In der unendlichen Pruegelfuelle und der stets ueber dem Ruecken der Sklaven schwebenden Peitsche erkennt man deutlich das catonische Hausregiment, sowie die catonische Opposition gegen die Frauen in dem nimmer endenden Heruntermachen der Weiber. Unter den Spaessen eigener Erfindung, mit welchen die roemischen Bearbeiter die elegante attische Konversation zu wuerzen fuer gut befunden haben, finden sich manche von einer kaum glaublichen Gedankenlosigkeit und Roheit ^16.

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^16 So ist zum Beispiel in das sonst sehr artige Examen, welches in dem Plautinischen ‘Stichus’ der Vater mit seinen Toechtern ueber die Eigenschaften einer guten Ehefrau anstellt, die ungehoerige Frage eingelegt, ob es besser sei, eine Jungfrau oder eine Witwe zu heiraten, bloss um darauf mit einem nicht minder ungehoerigen und im Munde der Sprecherin geradezu unsinnigen Gemeinplatz gegen die Frauen zu antworten. Aber das ist Kleinigkeit gegen den folgenden Fall. In Menanders ‘Halsband’ klagt ein Ehemann dem Freunde seine Not:

A: Ich freite die reiche Erbin Lamia, du weisst

Es doch? - B: Ja freilich. - A: Sie, der dieses Haus gehoert

Und die Felder und alles andre hier umher. Sie duenkt,

Gott weiss es! von allem Ungemach das aergste uns;

Zur Last ist sie all’ und jedem, nicht bloss mir allein,

Dem Sohn auch und gar der Tochter. - B: Allerdings, ich weiss,

So ist es.

In der lateinischen Bearbeitung des Caecilius ist aus diesem, in seiner grossen Einfachheit eleganten Gespraech der folgende Flegeldialog geworden:

B: Deine Frau ist also zaenkisch, nicht? - A: Ei schweig davon! -

B: Wieso? - A: Ich mag nichts davon hoeren. Komm’ ich etwa dir

Nach Haus und setze mich, augenblicks versetzt sie mir

Einen nuechternen Kuss. - B: Ei nun, mit dem Kusse trifft sie’s schon;

Ausspeien sollst du, meint sie, was du auswaerts trankst.

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Was dagegen die metrische Behandlung anlangt, so macht im ganzen der geschmeidige und klingende Vers den Bearbeitern alle Ehre. Wenn die jambischen Trimeter, die in den Originalen vorherrschten und ihrem maessigen Konversationston allein angemessen waren, in der lateinischen Bearbeitung sehr haeufig durch jambische oder trochaeische Tetrameter ersetzt worden sind, so wird auch hiervon die Ursache weniger in der Ungeschicklichkeit der Bearbeiter zu suchen sein, die den Trimeter gar wohl zu handhaben wussten, als in dem ungebildeten Geschmack des roemischen Publikums, dem der praechtige Vollklang der Langverse auch da gefiel, wo er nicht hingehoerte.

Endlich traegt auch die Inszenierung der Stuecke den gleichen Stempel der Gleichgueltigkeit der Direktion wie des Publikums gegen die aesthetischen Anforderungen. Die griechische Schaubuehne, welche schon wegen des Umfangs des Theaters und des Spielens bei Tage auf ein eigentliches Gebaerdenspiel verzichtete, die Frauenrollen mit Maennern besetzte und einer kuenstlichen Verstaerkung der Stimme des Schauspielers notwendig bedurfte, ruhte in szenischer wie in akustischer Hinsicht durchaus auf dem Gebrauch der Gesichts- und Schallmasken. Diese waren auch in Rom wohlbekannt; bei den Dilettantenauffuehrungen erschienen die Spieler ohne Ausnahme maskiert. Dennoch wurden den Schauspielern, welche die griechischen Lustspiele in Rom auffuehren sollten, die dafuer notwendigen, freilich ohne Zweifel viel kuenstlicheren Masken nicht gegeben; was denn, von allem andern abgesehen, in Verbindung mit der mangelhaften akustischen Einrichtung der Buehne ^17 den Schauspieler nicht bloss noetigte seine Stimme ueber die Gebuehr anzustrengen, sondern schon den Livius zu dem hoechst unkuenstlerischen, aber unvermeidlichen Ausweg zwang, die Gesangstuecke durch einen ausserhalb des Spielerpersonals stehenden Saenger vortragen und von dem Schauspieler, in dessen Rolle sie fielen, nur durch stummes Spiel darstellen zu lassen. Ebensowenig fanden die roemischen Festgeber ihre Rechnung dabei, sich fuer Dekorationen und Maschinerie in wesentliche Kosten zu setzen. Auch die attische Buehne stellte regelmaessig eine Strasse mit Haeusern im Hintergrunde vor und hatte keine wandelbaren Dekorationen; allein man besass doch ausser anderem mannigfaltigen Apparat namentlich eine Vorrichtung, um eine kleinere, das Innere eines Hauses vorstellende Buehne auf die Hauptszene hinauszuschieben. Das roemische Theater aber ward damit nicht versehen, und man kann es darum dem Poeten kaum zum Vorwurf machen, wenn alles, sogar das Wochenbett auf der Strasse abgehalten wird.

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^17 Selbst als man steinerne Theater baute, mangelten diesen die Schallgefaesse, wodurch die griechischen Baumeister die Schauspieler unterstuetzten (Vitr. 5, 5, 8).

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So war das roemische Lustspiel des sechsten Jahrhunderts beschaffen. Die Art und Weise, wie man die griechischen Schauspiele nach Rom uebertrug, gewaehrt von dem verschiedenartigen Kulturstand ein geschichtlich unschaetzbares Bild; in aesthetischer wie in sittlicher Hinsicht aber stand das Original nicht hoch und das Nachbild noch tiefer. Die Welt bettelhaften Gesindels, wie sehr auch die roemischen Bearbeiter sie unter der Wohltat des Inventars antraten, erschien doch in Rom verschlagen und fremdartig, die feine Charakteristik gleichsam weggeworfen; die Komoedie stand nicht mehr auf dem Boden der Wirklichkeit, sondern die Personen und Situationen schienen wie ein Kartenspiel, willkuerlich und gleichgueltig gemischt; im Original ein Lebens-, ward sie in der Bearbeitung ein Zerrbild. Bei einer Direktion, die imstande war, einen griechischen Agon mit Floetenspiel, Taenzerchoeren, Tragoeden und Athleten anzukuendigen und schliesslich denselben in eine Pruegelei zu verwandeln, vor einem Publikum, welches, wie noch spaetere Dichter klagen, in Masse aus dem Schauspiel weglief, wenn es Faustkaempfer oder Seiltaenzer oder gar Fechter zu sehen gab, mussten Dichter, wie die roemischen waren, Lohnarbeiter von gesellschaftlich niedriger Stellung, wohl selbst wider die eigene bessere Einsicht und den eigenen besseren Geschmack sich der herrschenden Frivolitaet und Roheit mehr oder minder fuegen. Es ist alles Moegliche, dass nichtsdestoweniger einzelne lebende und frische Talente unter ihnen aufstanden, die das Fremdlaendische und Gemachte in der Poesie wenigstens zurueckzudraengen und in den einmal gewiesenen Bahnen zu erfreulichen und selbst bedeutenden Schoepfungen zu gelangen vermochten. An ihrer Spitze steht Gnaeus Naevius, der erste Roemer, der es verdient, ein Dichter zu heissen und, soweit die ueber ihn erhaltenen Berichte und die geringen Bruchstuecke seiner Werke uns ein Urteil gestatten, allem Anschein nach eines der merkwuerdigsten und bedeutendsten Talente in der roemischen Literatur ueberhaupt. Er war des Andronicus juengerer Zeitgenosse - seine poetische Taetigkeit begann bedeutend vor und endigte wahrscheinlich erst nach dem Hannibalischen Kriege - und im allgemeinen von ihm abhaengig; auch er war, wie das in gemachten Literaturen zu sein pflegt, in allen von seinem Vorgaenger aufgebrachten Kunstgattungen, im Epos, im Trauer- und Lustspiel, zugleich taetig und schloss auch im Metrischen sich eng an ihn an. Nichtsdestoweniger trennt die Dichter wie die Dichtungen eine ungeheure Kluft. Naevius war kein Freigelassener, kein Schulmeister und kein Schauspieler, sondern ein zwar nicht vornehmer, aber unbescholtener Buerger, wahrscheinlich einer der latinischen Gemeinden Kampaniens, und Soldat im Ersten Punischen Kriege ^18. Recht im Gegensatz zu Livius ist Naevius’ Sprache bequem und klar, frei von aller Steifheit und von aller Affektion und scheint selbst im Trauerspiel dem Pathos gleichsam absichtlich aus dem Wege zu gehen; die Verse, trotz des nicht seltenen Hiatus und mancher anderen, spaeterhin beseitigten Lizenzen, fliessen leicht und schoen ^19. Wenn die Quasipoesie des Livius etwa wie bei uns die Gottschedische aus rein aeusserlichen Impulsen hervor- und durchaus am Gaengelbande der Griechen ging, so emanzipierte sein Nachfolger die roemische Poesie und traf mit der wahren Wuenschelrute des Dichters diejenigen Quellen, aus denen allein in Italien eine volkstuemliche Dichtung entspringen konnte: die Nationalgeschichte und die Komik. Die epische Dichtung lieferte nicht mehr bloss dem Schulmeister ein Lesebuch, sondern wandte sich selbstaendig an das hoerende und lesende Publikum. Die Buehnendichtung war bisher, gleich der Kostuemverfertigung, ein Nebengeschaeft des Schauspielers oder eine Handlangerei fuer denselben gewesen; mit Naevius wandte das Verhaeltnis sich um und der Schauspieler ward nun der Diener des Dichters. Durchaus bezeichnet seine poetische Taetigkeit ein volkstuemliches Gepraege. Es tritt am bestimmtesten hervor in seinem ernsten Nationalschauspiel und in seinem Nationalepos, wovon spaeter noch die Rede sein wird; aber auch in den Lustspielen, die unter allen seinen poetischen Leistungen die seinem Talent am meisten zusagenden und erfolgreichsten gewesen zu sein scheinen, haben, wie schon gesagt ward, wahrscheinlich nur aeussere Ruecksichten den Dichter bestimmt, sich so, wie er es tat, den griechischen Originalen anzuschliessen und dennoch ihn nicht gehindert, in frischer Lustigkeit und im vollen Leben in der Gegenwart seine Nachfolger und wahrscheinlich selbst die matten Originale weit hinter sich zurueckzulassen, ja in gewissem Sinne in die Bahnen des Aristophanischen Lustspiels einzulenken. Er hat es wohl empfunden und in seiner Grabschrift auch ausgesprochen, was er seiner Nation gewesen ist:

Wenn Goettern um den Menschen - Totentrauer ziemte,

Den Dichter Naevius klagten - goettliche Camenen;

Dieweil, seit er hinunter - zu den Schatten abschied,

Verschollen ist in Rom der - Ruhm der roemischen Rede.

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^18 Die Personalnotizen ueber Naevius sind arg verwirrt. Da er im Ersten Punischen Kriege focht, kann er nicht nach 495 (259) geboren sein. 519 (235) wurden Schauspiele, wahrscheinlich die ersten, von ihm gegeben (Gell. 12, 21, 45). Dass er schon 550 (204) gestorben sei, wie gewoehnlich angegeben wird, bezweifelte Varro (bei Cic. Brut. 15, 60) gewiss mit Recht; waere es wahr, so muesste er waehrend des Hannibalischen Krieges in Feindesland entwichen sein. Auch die Spottverse auf Scipio koennen nicht vor der Schlacht bei Zama geschrieben sein. Man wird sein Leben zwischen 490 (264) und 560 (194) setzen duerfen, so dass er Zeitgenosse der beiden 543 (211) gefallenen Scipionen (Cic. rep. 4, 10), zehn Jahre juenger als Andronicus und vielleicht zehn Jahre aelter als Plautus war. Seine kampanische Herkunft deutet Gellius, seine latinische Nationalitaet, wenn es dafuer der Beweise beduerfte, er selbst in der Grabschrift an. wenn er nicht roemischer Buerger, sondern etwa Buerger von Cales oder einer anderen latinischen Stadt Kampaniens war, so erklaert es sich leichter, dass ihn die roemische Polizei so ruecksichtslos behandelte. Schauspieler war er auf keinen Fall, da er im Heere diente.

^19 Man vergleiche zum Beispiel mit den livianischen das Bruchstueck aus Naevius’ Trauerspiel ‘Lycurgus’:

Die ihr des koeniglichen Leibes haltet Wacht,

Sogleich zum laubesreichen Platze macht euch auf,

Wo willig ungepflanzt emporsprosst das Gebuesch.

Oder die beruehmten Worte, die in ‘Hektors Abschied’ Hektor zu Priamos sagt:

Lieblich, Vater, klingt von dir mir Lob, dem vielgelobten Mann.

und den reizenden Vers aus dem ‘Maedel von Tarent’:

Alii adnutat, alii adnictat; alium amat, alium tenet.

Zu diesem nickt sie, nach jenem blickt sie; diesen im Herzen, den im Arm.

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Und solcher Maenner- und Dichterstolz ziemte wohl dem Manne, der die Kaempfe gegen Hamilkar und gegen Hannibal teils miterlebte, teils selber mitfocht, und der fuer die tief bewegte und in gewaltigem Freudenjubel gehobene Zeit nicht gerade den poetisch hoechsten, aber wohl einen tuechtigen, gewandten und volkstuemlichen dichterischen Ausdruck fand. Es ist schon erzaehlt worden, in welche Haendel mit den Behoerden er darueber geriet und wie er, vermutlich dadurch von Rom vertrieben, sein Leben in Utica beschloss. Auch hier ging das individuelle Leben ueber dem gemeinen Besten, das Schoene ueber dem Nuetzlichen zugrunde.

In der aeusseren Stellung wie in der Auffassung seines Dichterberufs scheint ihm sein juengerer Zeitgenosse, Titus Maccius Plautus (500? - 570 254-184). weit nachgestanden zu haben. Gebuertig aus dem kleinen, urspruenglich umbrischen, aber damals, vielleicht schon latinisierten Staedtchen Sassina, lebte er in Rom als Schauspieler und, nachdem er den damit gemachten Gewinn in kaufmaennischen Spekulationen wieder eingebuesst hatte, als Theaterdichter von der Bearbeitung griechischer Lustspiele, ohne in einem anderen Fache der Literatur taetig zu sein und wahrscheinlich ohne Anspruch auf eigentliches Schriftstellertum zu machen. Solcher handwerksmaessigen Komoedienbearbeiter scheint es in Rom damals eine ziemliche Zahl gegeben zu haben; allein ihre Namen sind, zumal da sie wohl durchgaengig ihre Stuecke nicht publizierten ^20, so gut wie verschollen, und was von diesem Repertoire sich erhielt, ging spaeterhin auf den Namen des populaersten unter ihnen, des Plautus. Die Literatoren des folgenden Jahrhunderts zaehlten bis hundertunddreissig solcher “plautinischer Stuecke”, von denen indes auf jeden Fall ein grosser Teil nur von Plautus durchgesehen oder ihm ganz fremd war; der Kern derselben ist noch vorhanden. Ein gegruendetes Urteil ueber die poetische Eigentuemlichkeit des Bearbeiters zu faellen, ist dennoch sehr schwer, wo nicht unmoeglich, da die Originale uns nicht erhalten sind. Dass die Bearbeitung ohne Auswahl gute wie schlechte Stuecke uebertrug, dass sie der Polizei wie dem Publikum gegenueber untertaenig und untergeordnet dastand, dass sie gegen die aesthetischen Anforderungen sich ebenso gleichgueltig verhielt wie ihr Publikum und diesem zuliebe die Originale ins Possenhafte und Gemeine umstimmte, sind Vorwuerfe, die mehr gegen die ganze Uebersetzungsfabrik als gegen den einzelnen Bearbeiter sich richten. Dagegen darf als dem Plautus eigentuemlich gelten die meisterliche Behandlung der Sprache und der mannigfachen Rhythmen, ein seltenes Geschick, die Situation buehnengerecht zu gestalten und zu nutzen, der fast immer gewandte und oft vortreffliche Dialog und vor allen Dingen eine derbe und frische Lustigkeit, die in gluecklichen Spaessen, in einem reichen Schimpfwoerterlexikon, in launigen Wortbildungen, in drastischen, oft mimischen Schilderungen und Situationen unwiderstehlich komisch wirkt - Vorzuege, in denen man den gewesenen Schauspieler zu erkennen meint. Ohne Zweifel hat der Bearbeiter auch hierin mehr das Gelungene der Originale festgehalten als selbstaendig geschaffen - was in den Stuecken sicher auf den Uebersetzer zurueckgefuehrt werden kann, ist milde gesagt mittelmaessig; allein es wird dadurch begreiflich, warum Plautus der eigentliche roemische Volkspoet und der rechte Mittelpunkt der roemischen Buehne geworden und geblieben, ja noch nach dem Untergang der roemischen Welt das Theater mehrfach auf ihn zurueckgekommen ist.

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^20 Diese Annahme scheint deshalb notwendig, weil man sonst unmoeglich in der Art, wie die Alten es tun, ueber die Echtheit oder Unechtheit der Plautinischen Stuecke haette schwanken koennen; bei keinem eigentlichen Schriftsteller des roemischen Altertums begegnet eine auch nur annaehernd aehnliche Ungewissheit ueber das literarische Eigentum. Auch in dieser Hinsicht wie in so vielen anderen aeusserlichen Dingen besteht die merkwuerdigste Analogie zwischen Plautus und Shakespeare.

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Noch weit weniger vermoegen wir zu einem eigenen Urteil ueber den dritten und letzten - denn Ennius schrieb wohl Komoedien, aber durchaus ohne Erfolg - namhaften Lustspieldichter dieser Epoche, Statius Caecilius, zu gelangen. Der Lebensstellung und dem Gewerbe nach stand er mit Plautus gleich. Geboren im Keltenland in der Gegend von Mediolanum kam er unter den insubrischen Kriegsgefangenen nach Rom und lebte dort als Sklave, spaeter als Freigelassener von der Bearbeitung griechischer Komoedien fuer das Theater bis zu seinem wahrscheinlich fruehen Tode (586 168). Dass seine Sprache nicht rein war, ist bei seiner Herkunft begreiflich; dagegen bemuehte er sich, wie schon gesagt ward, um strengere Komposition. Bei den Zeitgenossen fanden seine Stuecke nur schwer Eingang, und auch das spaetere Publikum liess gegen Plautus und Terenz den Caecilius fallen; wenn dennoch die Kritiker der eigentlichen Literaturzeit Roms, der varronischen und augustinischen Epoche, unter den roemischen Bearbeitern griechischer Lustspiele dem Caecilius die erste Stelle eingeraeumt haben, so scheint dies darauf zu beruhen, dass die kunstrichterliche Mittelmaessigkeit gern der geistesverwandten poetischen vor dem einseitig Vortrefflichen den Vorzug gibt. Wahrscheinlich hat jene Kunstkritik den Caecilius nur deshalb unter ihre Fluegel genommen, weil et regelrechter als Plautus und kraeftiger als Terenz war; wobei er immer noch recht wohl weit geringer als beide gewesen sein kann.

Wenn also der Literarhistoriker bei aller Anerkennung des sehr achtbaren Talents der roemischen Lustspieldichter doch in ihrem reinen Uebersetzungsrepertoire weder eine kuenstlerisch bedeutende noch eine kuenstlerisch reine Leistung erkennen kann, so muss das geschichtlich-sittliche Urteil ueber dasselbe notwendig noch bei weitem haerter ausfallen. Das griechische Lustspiel, das demselben zu Grunde liegt, war sittlich insofern gleichgueltig, als es eben nur im Niveau der Korruption seines Publikums stand; die roemische Schaubuehne aber war in dieser zwischen der alten Strenge und der neuen Verderbnis schwankenden Epoche die hohe Schule zugleich des Hellenismus und des Lasters. Dieses attisch-roemische Lustspiel mit seiner in der Frechheit wie in der Sentimentalitaet gleich unsittlichen, den Namen der Liebe usurpierenden Leibes- und Seelenprostitution, mit seiner widerlichen und widernatuerlichen Edelmuetigkeit, mit seiner durchgaengigen Verherrlichung des Kneipenlebens, mit seiner Mischung von Bauernroheit und auslaendischem Raffinement, war eine fortlaufende Predigt roemisch-hellenischer Demoralisation und ward auch als solche empfunden. Ein Zeugnis bewahrt der Epilog der Plautinischen ‘Gefangenen’:

Dieses Lustspiel, da ihr schautet, ist anstaendig ganz und gar:

Nicht wird darin ausgegriffen, Liebeshaendel hat es nicht,

Keine Kinderunterschiebung, keine Geldabschwindelung;

Nicht kauft drin der Sohn sein Maedchen ohne des Vaters Willen frei.

Selten nur ersinnt ein Dichter solcherlei Komoedien,

Die die Guten besser machen. Wenn drum euch dies Stueck gefiel,

Wenn wir Spieler euch gefallen, lasst uns dies das Zeichen sein:

Wer auf Anstand haelt, der klatsche nun zum Lohn uns unserm Spiel.

Man sieht hier, wie die Partei der sittlichen Reform ueber das griechische Lustspiel geurteilt hat; und es kann hinzugesetzt werden, dass auch in jenen weissen Raben, den moralischen Lustspielen, die Moralitaet von derjenigen Art ist, die nur dazu taugt, die Unschuld gewisser zu betoeren. Wer kann es bezweifeln, dass diese Schauspiele der Korruption praktischen Vorschub getan haben? Als Koenig Alexander an einem Lustspiel dieser Art, das der Verfasser ihm vorlas, keinen Geschmack fand, entschuldigte sich der Dichter, dass das nicht an ihm sondern an dem Koenige liege; um ein solches Stueck zu geniessen, muesse man gewohnt sein, Kneipgelage abzuhalten und eines Maedchens wegen Schlaege auszuteilen und zu empfangen. Der Mann kannte sein Handwerk; wenn also die roemische Buergerschaft allmaehlich an diesen griechischen Komoedien Geschmack fand, so sieht man, um weichen Preis es geschah. Es gereicht der roemischen Regierung zum Vorwurf, nicht, dass sie fuer diese Poesie so wenig tat, sondern dass sie dieselbe ueberhaupt duldete. Das Laster ist zwar auch ohne Kanzel maechtig; aber damit ist es noch nicht entschuldigt, demselben eine Kanzel zu errichten. Es war mehr eine Ausrede als eine ernstliche Verteidigung, dass man das hellenisierende Lustspiel von der unmittelbaren Beruehrung der Personen und Institutionen Roms fernhielt. Vielmehr haette die Komoedie wahrscheinlich sittlich weniger geschadet, wenn man sie freier haette walten, den Beruf des Poeten sich veredeln und eine einigermassen selbstaendige roemische Poesie sich entwickeln lassen; denn die Poesie ist auch eine sittliche Macht, und wenn sie tiefe Wunden schlaegt, so vermag sie auch viel zu heilen. Wie es war, geschah auch auf diesem Gebiet von der Regierung zu wenig und zu viel; die politische Halbheit und die moralische Heuchelei ihrer Buehnenpolizei hat zu der furchtbar raschen Aufloesung der roemischen Nation das Ihrige beigetragen.

Wenn indes die Regierung dem roemischen Lustspieldichter nicht gestattete, die Zustaende seiner Vaterstadt darzustellen und seine Mitbuerger auf die Buehne zu bringen, so war doch dadurch die Entstehung eines lateinischen Nationallustspiels nicht unbedingt abgeschnitten; denn die roemische Buergerschaft war in dieser Zeit noch nicht mit der latinischen Nation zusammengefallen, und es stand dem Dichter frei, seine Stuecke wie in Athen und Massalia, ebenso auch in den italischen Staedten latinischen Rechts spielen zu lassen. In der Tat entstand auf diesem Wege das lateinische Originallustspiel (fabula togata ^21; der nachweislich aelteste Verfasser solcher Stuecke, Titinius, bluehte wahrscheinlich um das Ende dieser Epoche ^22. Auch diese Komoedie ruhte auf der Grundlage des neuattischen Intrigenstuecks; aber sie war nicht Uebersetzung, sondern Nachdichtung: der Schauplatz des Stuecks war in Italien und die Schauspieler erschienen in dem nationalen Gewande, in der Toga. Hier waltet das latinische Leben und Treiben in eigentuemlicher Frische. Die Stuecke bewegen sich in dem buergerlichen Leben der Mittelstaedte Latiums, wie schon die Titel zeigen: ‘Die Harfenistin oder das Maedchen von Ferentinum’, ‘Die Floetenblaeserin’, ‘Die Juristin’, ‘Die Walker’, und manche einzelne Situationen noch weiter bestaetigen, wie zum Beispiel ein Spiessbuerger sich darin seine Schuhe nach dem Muster der albanischen Koenigssandalen machen laesst. In auffallender Weise treten die maennlichen gegen die Frauenrollen zurueck ^23. Mit echt nationalem Stolze gedenkt der Dichter der grossen Zeit des Pyrrhischen Krieges und sieht herab auf die neulatinischen Nachbarn,

Welche oskisch und volskisch reden, denn Latein verstehn sie nicht.

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^21 Togatus bezeichnet in der juristischen und ueberhaupt in der technischen Sprache den Italiker im Gegensatz nicht bloss zu dem Auslaender, sondern auch zu dem roemischen Buerger. So ist vor allen Dingen formula togatorum (CIL I, 200, von 21; 50) das Verzeichnis derjenigen italischen Militaerpflichtigen, die nicht in den Legionen dienen. Auch die Benennung des Cisalpinischen oder Diesseitigen Galliens als Gallia togata, die zuerst bei Hirtius vorkommt und nicht lange nachher aus dem gemeinen Sprachgebrauch wieder verschwindet, bezeichnet diese Landschaft vermutlich nach ihrer rechtlichen Stellung, insofern in der Epoche vom Jahre 665 (89) bis zum Jahre 705 (49) die grosse Mehrzahl ihrer Gemeinden latinisches Recht besass. Virgil (Aen. 1, 282) scheint ebenfalls bei der gens togata, die er neben den Roemern nennt, an die latinische Nation gedacht zu haben.

Danach wird man auch in der fabula togata dasjenige Lustspiel zu erkennen haben, das in Latium spielte wie die fabula palliata in Griechenland; beiden aber ist die Verlegung des Schauplatzes in das Ausland gemeinsam, und die Stadt und die Buergerschaft Roms auf die Buehne zu bringen, bleibt ueberhaupt dem Lustspieldichter untersagt. Dass in der Tat die togata nur in den Staedten latinischen Rechts spielen durfte, zeigt die Tatsache, dass alle Staedte, in denen unseres Wissens Stuecke des Titinius und Afranius spielen, Setia, Ferentinum, Velitrae, Brundisium nachweislich bis auf den Bundesgenossenkrieg latinisches oder doch bundesgenoessisches Recht gehabt haben. Durch die Erstreckung des Buergerrechts auf ganz Italien ging den Lustspieldichtern diese latinische Inszenierung verloren, da das Cisalpinische Gallien, das rechtlich an die Stelle der latinischen Gemeinden gesetzt ward fuer den hauptstaedtischen Buehnendichter zu fern lag, und es scheint damit auch die fabula togata in der Tat verschwunden zu sein. Indes traten die rechtlich untergegangenen Gemeinden Italiens, wie Capua und Atella, in diese Luecke ein, und insofern ist die fabula Atellana gewissermassen die Fortsetzung der togata.

^22 Ueber Titinius fehlt es an allen literarischen Angaben; ausser dass, nach einem Varronischen Fragment zu schliessen, er aelter als Terenz (558-595 196-159) gewesen zu sein scheint (Ritschl, Parerga, Bd. 1, S. 194) - denn mehr moechte freilich auch aus dieser Stelle nicht entnommen werden koennen und, wenn auch von den beiden hier verglichenen Gruppen die zweite (Trabea, Atilius, Caecilius) im ganzen aelter ist als die erste (Titinius, Terentius, Atta), darum noch nicht gerade der aelteste der juengeren Gruppe juenger zu erachten sein als der juengste der aelteren.

^23 Von den fuenfzehn Titinischen Komoedien, die wir kennen, sind sechs nach Maenner- (baratus?, caecus, fullo nes, Hortensius, Quintus, varus), neun nach Frauenrollen benannt (Gemma, iurisperita, prilia?, privigna, psaltria oder Ferentinatis, Setina, tibicina, Veliterna, Ulubrana ?), von denen zwei, die ‘Juristin’ und die ‘Floetenblaeserin’ offenbar Maennergewerbe parodierten. Auch in den Bruchstuecken waltet die Frauenwelt vor.

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Der hauptstaedtischen Buehne gehoert dieses Lustspiel ebenso an wie das griechische; immer aber mag in demselben etwas von der landschaftlichen Opposition gegen das grossstaedtische Wesen und Unwesen geherrscht haben, wie sie gleichzeitig bei Cato und spaeterhin bei Varro hervortritt. Wie in der deutschen Komoedie, die in ganz aehnlicher Weise von der franzoesischen ausgegangen war wie die roemische von der attischen, sehr bald die franzoesische Lisette durch das Frauenzimmerchen Franziska abgeloest ward, so trat, wenn nicht mit gleicher poetischer Gewalt, doch in derselben Richtung und vielleicht mit aehnlichem Erfolg, in Rom neben das hellenisierende das latinische Nationallustspiel.

Wie das griechische Lustspiel kam auch das griechische Trauerspiel im Laufe dieser Epoche nach Rom. Dasselbe war ein wertvollerer und in gewisser Hinsicht auch ein leichterer Erwerb als die Komoedie. Die Grundlage des Trauerspiels, das griechische, namentlich das Homerische Epos, war den Roemern nicht fremd und bereits mit ihrer eigenen Stammsage verflochten; und ueberhaupt ward der empfaengliche Fremde weit leichter heimisch in der idealen Welt der heroischen Mythen als auf dem Fischmarkt von Athen. Dennoch hat auch das Trauerspiel, nur minder schroff und minder gemein, die antinationale und hellenisierende Weise gefoerdert; wobei es von der entscheidendsten Wichtigkeit war, dass die griechische tragische Buehne dieser Zeit vorwiegend von Euripides (274, 348 480, 406) beherrscht ward. Diesen merkwuerdigen Mann und seine noch viel merkwuerdigere Wirkung auf Mit- und Nachwelt erschoepfend darzustellen, ist dieses Ortes nicht; aber die geistige Bewegung der spaeteren griechischen und der griechisch-roemischen Epoche ward so sehr durch ihn bestimmt, dass es unerlaesslich ist, sein Wesen wenigstens in den Grundzuegen zu skizzieren. Euripides gehoert zu denjenigen Dichtern, welche die Poesie zwar auf eine hoehere Stufe heben, aber in diesem Fortschritt bei weitem mehr das richtige Gefuehl dessen, was sein sollte, als die Macht offenbaren, dies poetisch zu erschaffen. Das tiefe Wort, welches sittlich wie poetisch die Summe aller Tragik zieht, dass Handeln Leiden ist, gilt freilich auch fuer die antike Tragoedie; den handelnden Menschen stellt sie dar, aber eigentliche Individualisierung ist ihr fremd. Die unuebertroffene Grossheit, womit der Kampf des Menschen und des Schicksals bei Aeschylos sich vollzieht, beruht wesentlich darauf, dass jede der ringenden Maechte nur im ganzen aufgefasst wird; das wesenhafte Menschliche ist im ‘Prometheus’ und ‘Agamemnon’ nur leicht angehaucht von dichterischer Individualisierung. Sophokles fasst wohl die Menschennatur in ihrer allgemeinen Bedingtheit, den Koenig, den Greis, die Schwester; aber den Mikrokosmos des Menschen in seiner Allseitigkeit, den Charakter bringt keine einzelne seiner Gestalten zu Anschauung. Es ist hier ein hohes Ziel erreicht, aber nicht das hoechste; die Schilderung des Menschen in seiner Ganzheit und die Verflechtung dieser einzelnen, in sich fertigen Gestalten zu einer hoeheren poetischen Totalitaet ist eine Steigerung und darum sind, gegen Shakespeare gehalten, Aeschylos und Sophokles unvollkommene Entwicklungsstufen. Allein wie Euripides es unternimmt, den Menschen darzustellen wie er ist, liegt darin mehr ein logischer und in gewissem Sinn ein geschichtlicher als ein dichterischer Fortschritt. Er hat die antike Tragoedie zu zerstoeren, nicht die moderne zu erschaffen vermocht. Ueberall blieb er auf halbem Wege stehen. Die Masken, durch welche die Aeusserung des Seelenlebens gleichsam aus dem Besonderen ins Allgemeine uebersetzt wird, sind fuer die typische Tragoedie des Altertums ebenso notwendig wie mit dem Charaktertrauerspiel unvertraeglich; Euripides aber behielt sie bei. Mit bewundernswert feinem Gefuehl hatte die aeltere Tragoedie das dramatische Element, das frei walten zu lassen sie nicht vermochte, niemals rein dargestellt, sondern es stets durch die epischen Stoffe aus der Uebermenschenwelt der Goetter und Heroen und durch die lyrischen Choere gewissermassen gebunden. Man fuehlt es, dass Euripides an diesen Ketten riss: er ging mit seinen Stoffen wenigstens bis in die halb historische Zeit hinab und seine Chorlieder traten so zurueck, dass man bei spaeteren Auffuehrungen sie haeufig und wohl kaum zum Nachteil der Stuecke wegliess - aber doch hat er weder seine Gestalten voellig auf den Boden der Wirklichkeit gestellt noch den Chor ganz beiseite geworfen. Durchaus und nach allen Seiten hin ist er der volle Ausdruck einer Zeit einerseits der grossartigsten geschichtlichen und philosophischen Bewegung, anderseits der Truebung des Urquells aller Poesie, der reinen und schlichten Volkstuemlichkeit. Wenn die ehrfuerchtige Froemmigkeit der aelteren Tragiker deren Stuecke gleichsam mit einem Abglanz des Himmels ueberstroemt, wenn die Abgeschlossenheit des engen Horizontes der aelteren Hellenen auch ueber den Hoerer ihre befriedende Macht uebt, so erscheint die Euripideische Welt in dem fahlen Schimmer der Spekulation so entgoettlicht wie durchgeistigt, und truebe Leidenschaften zucken wie die Blitze durch die grauen Wolken hin. Der alte, tiefe innerliche Schicksalsglaube ist verschwunden; das Fatum regiert als aeusserlich despotische Macht, und knirschend tragen die Knechte ihre Fesseln. Derjenige Unglaube, welcher der verzweifelnde Glaube ist, redet aus diesem Dichter mit daemonischer Gewalt. Notwendigerweise gelangt also der Dichter niemals zu einer ihn selber ueberwaeltigenden plastischen Konzeption und niemals zu einer wahrhaft poetischen Wirkung im ganzen; weshalb er auch sich gegen die Komposition seiner Trauerspiele gewissermassen gleichgueltig verhalten, ja hierin nicht selten geradezu gesudelt und seinen Stuecken weder in einer Handlung noch in einer Persoenlichkeit einen Mittelpunkt gegeben hat - die liederliche Manier, den Knoten durch den Prolog zu schuerzen und durch eine Goettererscheinung oder eine aehnliche Plumpheit zu loesen, hat recht eigentlich Euripides aufgebracht. Alle Wirkung liegt bei ihm im Detail, und mit allerdings grosser Kunst ist hierin von allen Seiten alles aufgeboten, um den unersetzlichen Mangel poetischer Totalitaet zu verdecken. Euripides ist Meister in den sogenannten Effekten, welche in der Regel sinnlich sentimental gefaerbt sind und oft noch durch einen besonderen Hautgout, zum Beispiel durch Verwehung von Liebesstoffen mit Mord oder Inzest, die Sinnlichkeit stacheln. Die Schilderungen der willig sterbenden Polyxena, der vor geheimem Liebesgram vergehenden Phaedra, vor allem die prachtvolle der mystisch verzueckten Bakchen sind in ihrer Art von der groessten Schoenheit; aber sie sind weder kuenstlerisch noch sittlich rein und Aristophanes’ Vorwurf, dass der Dichter keine Penelope zu schildern vermoege, vollkommen begruendet. Verwandter Art ist das Hineinziehen des gemeinen Mitleids in die Euripideische Tragoedie. Wenn seine verkuemmerten Heroen, wie der Menelaos in der ‘Helena’, die Andromache, die Elektra als arme Baeuerin, der kranke und ruinierte Kaufmann Telephos, widerwaertig oder laecherlich und in der Regel beides zugleich sind, so machen dagegen diejenigen Stuecke, die mehr in der Atmosphaere der gemeinen Wirklichkeit sich halten und aus dem Trauerspiel in das ruehrende Familienstueck und beinahe schon in die sentimentale Komoedie uebergehen, wie die ‘Iphigenie in Aulis’, der ‘Ion’, die ‘Alkestis’ vielleicht unter all seinen zahlreichen Werken die erfreulichste Wirkung. Ebenso oft, aber mit geringerem Glueck versucht der Dichter das Verstandesinteresse ins Spiel zu bringen. Dahin gehoert die verwickelte Handlung, welche darauf berechnet ist, nicht wie die aeltere Tragoedie das Gemuet zu bewegen, sondern vielmehr die Neugierde zu spannen; dahin der dialektisch zugespitzte, fuer uns Nichtathener oft geradezu unertraegliche Dialog; dahin die Sentenzen, die wie die Blumen im Ziergarten durch die Euripideischen Stuecke ausgestreut sind; dahin vor allem die Euripideische Psychologie, die keineswegs auf unmittelbar menschlicher Nachempfindung, sondern auf rationeller Erwaegung beruht. Seine Medeia ist insofern allerdings nach dem Leben geschildert, als sie vor ihrer Abfahrt gehoerig mit Reisegeld versehen wird; von dem Seelenkampf zwischen Mutterliebe und Eifersucht wird der unbefangene Leser nicht viel bei Euripides finden. Vor allem aber ist in den Euripideischen Tragoedien die poetische Wirkung ersetzt durch die tendenzioese. Ohne eigentlich unmittelbar in die Tagesfragen einzutreten und durchaus mehr die sozialen als die politischen Fragen ins Auge fassend, trifft doch Euripides in seinen innerlichen Konsequenzen zusammen mit dem gleichzeitigen politischen und philosophischen Radikalismus und ist der erste und oberste Apostel der neuen, die alte attische Volkstuemlichkeit aufloesenden kosmopolitischen Humanitaet. Hierauf beruht wie die Opposition, auf die der ungoettliche und unattische Dichter bei seinen Zeitgenossen stiess, so auch der wunderbare Enthusiasmus, mit welchem die juengere Generation und das Ausland dem Dichter der Ruehrung und der Liebe, der Sentenz und der Tendenz, der Philosophie und der Humanitaet sich hingab. Das griechische Trauerspiel schritt mit Euripides ueber sich selber hinaus und brach also zusammen; aber des weltbuergerlichen Dichters Erfolg ward dadurch nur gefoerdert, da gleichzeitig auch die Nation ueber sich hinausschritt und gleichfalls zusammenbrach. Die Aristophanische Kritik mochte sittlich wie poetisch vollkommen das Richtige treffen; aber die Dichtung wirkt nun einmal geschichtlich nicht in dem Masse ihres absoluten Wertes, sondern in dem Masse, wie sie den Geist der Zeit vorzufuehlen vermag, und in dieser Hinsicht ist Euripides unuebertroffen. So ist es denn gekommen, dass Alexander ihn fleissig las, dass Aristoteles den Begriff des tragischen Dichters im Hinblick auf ihn entwickelte, dass die juengste dichtende wie bildende Kunst in Attika aus ihm gleichsam hervorging, das neuattische Lustspiel nichts tat, als den Euripides ins Komische uebertragen, und die in den spaeteren Vasenbildern uns entgegentretende Malerschule ihre Stoffe nicht mehr den alten Epen, sondern der Euripideischen Tragoedie entnahm, dass endlich, je mehr das alte Hellas dem neuen Hellenismus wich, des Dichters Ruhm und Einfluss mehr und mehr stieg und das Griechentum im Auslande, in Aegypten wie in Rom, unmittelbar oder mittelbar wesentlich durch Euripides bestimmt ward.

Der Euripideische Hellenismus ist durch die verschiedenartigsten Kanaele nach Rom geflossen und mag daselbst wohl rascher und tiefer mittelbar gewirkt haben als geradezu in der Form der Uebersetzung. Die tragische Schaubuehne ist in Rom nicht gerade spaeter eroeffnet worden als die komische; allein sowohl die bei weitem groesseren Kosten der tragischen Inszenierung, worauf doch, wenigstens waehrend des Hannibalischen Krieges, ohne Zweifel Ruecksicht genommen worden ist, als auch die Beschaffenheit des Publikums hielten die Entwicklung der Tragoedie zurueck. In den Plautinischen Lustspielen wird auf Tragoedien nicht gerade oft hingedeutet, und die meisten Anfuehrungen der Art moegen aus den Originalen heruebergenommen sein. Der erste und einzig erfolgreiche Tragoediendichter dieser Zeit war des Naevius und Plautus juengerer Zeitgenosse Quintus Ennius (515-585 239-169), dessen Stuecke schon von den gleichzeitigen Lustspieldichtern parodiert und von den Spaeteren bis in die Kaiserzeit hinein geschaut und deklamiert wurden.

Uns ist die tragische Schaubuehne der Roemer weit weniger bekannt als die komische; im ganzen genommen wiederholen dieselben Erscheinungen, die bei dieser wahrgenommen wurden, sich auch bei jener. Das Repertoire ging gleichfalls wesentlich aus Uebersetzungen griechischer Stuecke hervor. Die Stoffe werden mit Vorliebe der Belagerung von Troja und den unmittelbar damit zusammenhaengenden Sagen entnommen, offenbar weil dieser Mythenkreis allein dem roemischen Publikum durch den Schulunterricht gelaeufig war; daneben ueberwiegen die sinnlich-grausamen Motive, der Mutter- oder Kindermord in den ‘Eumeniden’, im ‘Alkmaeon’, im ‘Kresphontes’, in der ‘Melanippe’, in der ‘Medeia’, die Jungfrauenopfer in der ‘Polyxena’, den ‘Erechthiden’, der ‘Andromeda’, der ‘Iphigeneia’ - man kann nicht umhin, sich dabei zu erinnern, dass das Publikum dieser Tragoedien Fechterspielen zuzuschauen gewohnt war. Frauen- und Geisterrollen scheinen den tiefsten Eindruck gemacht zu haben. Die bemerkenswerteste Abweichung der roemischen Bearbeitung von dem Original betrifft ausser dem Wegfall der Masken den Chor. Der roemischen, zunaechst wohl fuer das komische chorlose Spiel eingerichteten Buehne mangelte der besondere Tanzplatz (orchestra) mit dem Altar in der Mitte, auf dem der griechische Chor sich bewegte, oder vielmehr es diente derselbe bei den Roemern als eine Art Parkett; danach muss wenigstens der kunstvoll gegliederte und mit der Musik und der Deklamation verschlungene Chortanz in Rom weggefallen sein, und wenn der Chor auch blieb, so hatte er doch wenig zu bedeuten. Im einzelnen fehlte es natuerlich an Vertauschungen der Masse, an Verkuerzungen und Verunstaltungen nicht; in der lateinischen Bearbeitung der Euripideischen ‘Iphigeneia’ zum Beispiel ist, sei es nach dem Muster einer anderen Tragoedie, sei es nach eigener Erfindung des Bearbeiters, aus dem Frauen- ein Soldatenchor gemacht. Gute Uebersetzungen in unserem Sinn koennen die lateinischen Tragoedien des sechsten Jahrhunderts freilich nicht genannt werden ^24, doch gab wahrscheinlich ein Trauerspiel des Ennius von dem Euripideischen Original ein weit minder getruebtes Bild als ein Plautinisches Lustspiel von dem des Menander.

Die geschichtliche Stellung und Wirkung des griechischen Trauerspiels in Rom ist derjenigen der griechischen Komoedie vollstaendig gleichartig; und wenn, wie das der Unterschied der Dichtgattungen mit sich bringt, in dem Trauerspiel die hellenistische Richtung geistiger und reinlicher auftritt, so trug dagegen die tragische Buehne dieser Zeit und ihr hauptsaechlicher Vertreter Ennius noch weit entschiedener die antinationale und mit Bewusstsein propagandistische Tendenz zur Schau. Ennius, schwerlich der bedeutendste, aber sicher der einflussreichste Dichter des sechsten Jahrhunderts, war kein geborener Latiner, sondern von Haus aus ein Halbgrieche; messapischer Abkunft und hellenischer Bildung, siedelte er in seinem fuenfunddreissigsten Jahre nach Rom ueber und lebte dort, anfangs als Insasse, seit 570 (184) als Buerger in beschraenkten Verhaeltnissen, teils von dem Unterricht im Lateinischen und Griechischen, teils von dem Ertrag seiner Stuecke, teils von den Verehrungen derjenigen roemischen Grossen, welche, wie Publius Scipio, Titus Flaminius, Marcus Fulvius Nobilior, geneigt waren, den modernen Hellenismus zu foerdern und dem Poeten zu lohnen, der ihr eigenes und ihrer Ahnen Lob sang, und auch wohl einzelne von ihnen, gewissermassen als im voraus fuer die zu verrichtenden Grosstaten bestellter Hofpoet, ins Feldlager begleitete. Das Klientennaturell, das fuer einen solchen Beruf erforderlich war, hat er selbst zierlich geschildert ^25. Von Haus aus und seiner ganzen Lebensstellung nach Kosmopolit, verstand er es, die Nationalitaeten, unter denen er lebte, die griechische, launische, ja sogar die oskische sich anzueignen, ohne doch einer von ihnen sich zu eigen zu geben; und wenn bei den frueheren roemischen Poeten der Hellenismus mehr folgeweise aus ihrer dichterischen Wirksamkeit hervorgegangen als ihr deutliches Ziel gewesen war, und sie darum auch mehr oder minder wenigstens versucht hatten, sich auf einen volkstuemlichen Boden zu stellen, so ist sich Ennius vielmehr seiner revolutionaeren Tendenz mit merkwuerdiger Klarheit bewusst und arbeitet sichtlich darauf hin, die neologisch-hellenische Richtung bei den Italikern energisch zur Geltung zu bringen. Sein brauchbarstes Werkzeug war die Tragoedie. Die Truemmer seiner Trauerspiele zeigen, dass ihm das gesamte tragische Repertoire der Griechen und namentlich auch Aeschylos und Sophokles sehr wohl bekannt waren; um so weniger ist es zufaellig, dass er bei weitem die meisten und darunter alle seiner gefeierten Stuecke dem Euripides nachgebildet hat. Bei der Auswahl und Behandlung bestimmten ihn freilich zum Teil aeussere Ruecksichten; aber nicht dadurch allein kann es veranlasst sein, dass er so entschieden den Euripides im Euripides hervorhob, die Choere noch mehr vernachlaessigte als sein Original, die sinnliche Wirkung noch schaerfer als der Grieche akzentuierte, dass er Stuecke aufgriff wie den ‘Thyestes’ und den aus Aristophanes’ unsterblichem Spott so wohlbekannten ‘Telephos’ und deren Prinzenjammer und Jammerprinzen, ja sogar ein Stueck wie ‘Menalippe die Philosophin’, wo die ganze Handlung sich um die Verkehrtheit der Volksreligion dreht und die Tendenz, dieselbe vom naturphilosophischen Standpunkte aus zu befehden, auf der flachen Hand liegt. Gegen den Wunderglauben fliegen ueberall, zum Teil in nachweislich eingelegten Stellen ^26, die schaerfsten Pfeile, und von Tiraden, wie die folgende ist:

Himmelsgoetter freilich gibt es, sagt’ ich sonst und sag’ ich noch;

Doch sie kuemmern keinesweges, mein’ ich, sich um der Menschen Los,

Sonst ging’s gut den Guten, schlecht den Boesen; doch dem ist nicht so.

wundert man sich fast, dass sie die roemische Buehnenzensur passierten. Dass Ennius in einem eigenen Lehrgedicht dieselbe Irreligiositaet wissenschaftlich predigte, ward schon bemerkt; und offenbar ist es ihm mit dieser Aufklaerung Herzenssache gewesen. Dazu stimmt vollkommen die hier und da hervortretende radikal gefaerbte politische Opposition ^27, die Verherrlichung der griechischen Tafelfreuden, vor allem die Vernichtung des letzten nationalen Elements in der lateinischen Poesie, des saturnischen Masses, und dessen Ersetzung durch den griechischen Hexameter. Dass der “vielgestaltige” Poet alle diese Aufgaben mit gleicher Sauberkeit ausfuehrte, dass er der keineswegs daktylisch angelegten Sprache den Hexameter abrang und ohne den natuerlichen Fluss der Rede zu hemmen sich mit Sicherheit und Freiheit in den ungewohnten Massen und Formen bewegte, zeugt von seinem ungemeinen, in der Tat mehr griechischen als roemischen Formtalent ^28; wo man bei ihm anstoesst, verletzt viel haeufiger griechische Sprachdiftelei ^29 als roemische Roheit. Er war kein grosser Dichter, aber ein anmutiges und heiteres Talent, durchaus eine lebhaft anempfindende poetische Natur, die freilich des poetischen Kothurnes bedurfte, um sich als Dichter zu fuehlen, und der die komische Ader vollstaendig abging. Man begreift den Stolz, womit der hellenisierende Poet auf die rauhen Weisen herabsieht, “in denen die Waldgeister und die Barden ehemals sangen”, und die Begeisterung, womit er die eigene Kunstpoesie feiert:

Heil Dichter Ennius! welcher du den Sterblichen

Das Feuerlied kredenzest aus der tiefen Brust.

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^24 Zur Vergleichung stehe hier der Anfang der Euripideischen und der Ennianischen ‘Medeia’:

Είθ' ώφελ' Αργούς διασπάσθαι σκάφος

Κόλχων ες αίαν κυανέας Συπληγάδας

Μήδ' τέν νάπαισι Πηλίου πεσείν ποτε Utinam ne in nemore Pelio securibus

Τμηθείσα πεύκη, μηδ' ερετμώσαι χέρας Caesa accidisset abiegna ad terram

                                        trabes,

                                        Neve inde navis inchoandae exordium

                                        Coepisset, quae nunc nominatur

                                        nomine

Ανδρών αρίστων, οι τό πάγχρυσον θέρος Argo, quia Argivi in ea dilecti

                                       viri

                                       Vecti petebant pellem inauratam

                                       arietis

Πελία μετήλθον. Ου γάρ άν δέσποιν εμή Colchis, imperio regis Peliae, per

                                       dolum.

Μηδεία πύργους γής έπλευσα Ιωλκίας Nam nunquam era errans mea domo

                                       efferret pedem

Έρωτι θυμόν εκπλαγείσ' Ιάσονος. Medea, animo aegra, amore saevo

saucia.

Nie durch die schwarzen Symplegaden

haette hin

Fliegen gesollt ins Kolcherland der

Argo Schiff,

Noch stuerzen in des Pelion O waer’ im Pelionhaine von den

Waldesschlucht jemals Beilen nie

Gefaellt die Fichte, noch berudern Gehaun zur Erde hingestuerzt

sie die Hand der Tannenstamm

                                       Und haette damit der Angriff

                                       angefangen nie

                                       Zum Beginn des Schiffes, das

                                       man jetzt mit Namen nennt

Der Tapfern, die das goldne Vliess Argo weil drin fuhr Argos

dem Pelias auserlesne Schar,

Von Kolchi nach Gebot des

Koenigs Pelias

Zu holen gingen! Nicht die Herrin Mit List zu holen uebergueldetes

waere mir Widdervliess!

Medeia zu des Iolkerlandes Tuermen Vors Haus dann irr den Fuss mir

dann Herrin setzte nie,

Von Iasons Liebe sinnbetoert Medea, krank im Herzen, wund von

hinweggeschifft. Liebespein.

Die Abweichungen der Uebersetzung vom Original sind belehrend, nicht bloss die Tautologien und Periphrasen, sondern auch die Beseitigung oder Erlaeuterung der weniger bekannten mythologischen Namen: der Symplegaden, des Kolcherlandes, der Argo. Eigentliche Missverstaendnisse des Originals aber sind bei Ennius selten.

^25 Ohne Zweifel mit Recht galt den Alten als Selbstcharakteristik des Dichters die Stelle im siebenten Buch der Chronik, wo der Konsul den Vertrauten zu sich ruft,

mit welchem er gern und

Oftmals Tisch und Gespraech und seiner Geschaefte Eroertrung

Teilte, wenn heim er kam, ermuedet von wichtigen Dingen,

Drob er geratschlagt hatte die groessere Haelfte des Tags durch

Auf dem Markte sowohl wie im ehrwuerdigen Stadtrat;

Welchem das Gross’ und das Klein’ und den Scherz auch er mitteilen

Durft’ und alles zugleich, was gut und was uebel man redet,

Schuetten ihm aus, wenn er mocht’, und anvertrauen ihm sorglos;

Welcher geteilt mit ihm viel Freud’ im Hause und draussen;

Den nie schaendlicher Rat aus Leichtsinn oder aus Bosheit

Uebel zu handeln verlockt; ein Mann, unterrichtet, ergeben,

Angenehm, redegewandt und genuegsam froehlichen Herzens,

Redend zur richtigen Zeit und das Passende, klueglich und kuerzlich,

Im Verkehre bequem und bewandert verschollener Dinge,

Denn ihn lehrten die Jahre die Sitten der Zeit und der Vorzeit,

Von vielfaeltigen Sachen der Goetter und Menschen Gesetz auch,

Und ein Gespraech zu berichten verstand er sowie zu verschweigen.

In der vorletzten Zeile ist wohl zu schreiben multarum rerum leges divumque hominumque.

^26 Vgl. 2, 393. Aus der Definition des Wahrsagers bei Euripides (Iph. Aul. 956), dass er ein Mann sei,

Der wenig Wahres unter vielem Falschen sagt

Im besten Fall; und trifft er’s nicht, es geht ihm hin.

hat der lateinische Uebersetzer folgende Diatribe gegen die Horoskopsteller gemacht:

Sterneguckerzeichen sucht er auf am Himmel, passt, ob wo

Jovis Zieg’ oder Krebs ihm aufgeh’ oder einer Bestie Licht.

Nicht vor seine Fuesse schaut man und durchforscht den Himmelsraum.

^27 Im ‘Telephus’ heisst es:

Palam mutire plebeis piaculum est.

Verbrechen ist gemeinem Mann ein lautes Wort.

^28 Die folgenden, in Form und Inhalt vortrefflichen Worte gehoeren der Bearbeitung des Euripideischen ‘Phoenix’ an:

Doch dem Mann mit Mute maechtig ziemt’s zu wirken in der Welt

Und den Schuldigen zu laden tapfer vor den Richterstuhl.

Das ist Freiheit, wo im Busen rein und fest wem schlaegt das Herz;

Sonst in dunkler Nacht verborgen bleibt die frevelhafte Tat.

In dem wahrscheinlich der Sammlung der vermischten Gedichte einverleibten ‘Scipio’ standen die malerischen Zeilen:

— munduscaeli vastus constitit silentio;

Et Neptunus saevus undis asperis pausam dedit,

Sol equis iter repressit ungulis volantibus,

Constitere amnes perennes, arbores vento vacant.

[Iovis winkt’;] es ging ein Schweigen durch des Himmels weiten Raum.

Rasten hiess die Meereswogen streng die grollenden Neptun,

Seiner Rosse fliegende Hufe hielt zurueck der Sonnengott,

Inne haelt der Fluss im Fluten, im Gezweig nicht weht der Wind.

Die letzte Stelle gibt auch einen Einblick in die Art, wie der Dichter seine Originalpoesien arbeitete: sie ist nichts als eine Ausfuehrung der Worte, die in der urspruenglich wohl Sophokleischen Tragoedie ‘Hektors Loesung’ ein dem Kampfe zwischen Hephaestos und dem Skamander Zuschauender spricht:

Constitit Credo Scamander, arbores vento vacant.

Inne haelt, schau! der Skamander, im Gezweig nicht weht der Wind.

und das Motiv ruehrt schliesslich aus der Ilias (21, 381) her.

^29 So heisst es im ‘Phoenix’:

- - stultust, qui cupita cupiens cupienter cupit.

Toericht, wer Begehrtes begehrend ein Begieriger begehrt,

und es ist dies noch nicht das tollste Radschlagen der Art. Auch akrostichische Spielereien kommen vor (Cic. div. 2, 54, 111).

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Der geistreiche Mann war eben sich bewusst, mit vollen Segeln zu fahren; das griechische Trauerspiel ward und blieb fortan ein Besitztum der launischen Nation.

Einsamere Wege und mit minder guenstigem Winde steuerte ein kuehnerer Schiffer nach einem hoeheren Ziel. Naevius bearbeitete nicht bloss gleich Ennius, wenngleich mit weit geringerem Erfolg, griechische Trauerspiele fuer die roemische Buehne, sondern er versuchte auch ein ernstes Nationalschauspiel (fabula praetextata) selbstaendig zu schaffen. Aeusserliche Hindernisse standen hier nicht im Weg; er brachte Stoffe sowohl aus der roemischen Sage als aus der gleichzeitigen Landesgeschichte auf die Buehne seiner Heimat. Derart sind seine ‘Erziehung des Romulus und Remus’ oder der ‘Wolf’, worin der Koenig Amulius von Alba auftrat, und sein ‘Clastidium’, worin der Sieg des Marcellus ueber die Kelten 532 (222) gefeiert ward. Nach seinem Vorgang hat auch Ennius in der ‘Ambrakia’ die Belagerung der Stadt durch seinen Goenner Nobilior 565 (189; 2, 273) nach eigener Anschauung geschildert. Die Zahl dieser Nationalschauspiele blieb indes gering und die Gattung verschwand rasch wieder vom Theater; die duerftige Sage und die farblose Geschichte Roms vermochten mit dem hellenischen Sagenkreis nicht auf die Dauer zu konkurrieren. Ueber den dichterischen Gehalt der Stuecke haben wir kein Urteil mehr; aber wenn die poetische Intention im ganzen in Anschlag kommen darf, so gibt es in der roemischen Literatur wenige Griffe von solcher Genialitaet, wie die Schoepfung eines roemischen Nationalschauspiels war. Nur die griechischen Tragoedien der aeltesten, den Goettern noch sich naeher fuehlenden Zeit, nur Dichter wie Phrynichos und Aeschylos hatten den Mut gehabt, die von ihnen miterlebten und mitverrichteten Grosstaten neben denen der Sagenzeit auf die Buehne zu bringen; und wenn irgendwo es uns lebendig entgegentritt, was die Punischen Kriege waren und wie sie wirkten; so ist es hier, wo ein Dichter, der wie Aeschylos die Schlachten, die er sang, selber geschlagen, die Koenige und Konsuln Roms auf diejenige Buehne fuehrte, auf der man bis dahin einzig Goetter und Heroen zu sehen gewohnt war.

Auch die Lesepoesie beginnt in dieser Epoche in Rom; schon Livius buergerte die Sitte, welche bei den Alten die heutige Publikation vertrat, die Vorlesung neuer Werke durch den Verfasser, auch in Rom wenigstens insofern ein, als er dieselben in seiner Schule vortrug. Da die Dichtkunst hier nicht oder doch nicht geradezu nach Brot ging, ward dieser Zweig derselben nicht so wie die Buehnendichtung von der Ungunst der oeffentlichen Meinung betroffen; gegen das Ende dieser Epoche sind auch schon der eine oder der andere vornehme Roemer in dieser Art als Dichter oeffentlich aufgetreten ^30. Vorwiegend indes ward die rezitative Poesie kultiviert von denselben Dichtern, die mit der szenischen sich abgaben, und ueberhaupt hat jene neben der Buehnendichtung eine untergeordnete Rolle gespielt, wie es denn auch ein eigentliches dichterisches Lesepublikum in dieser Zeit nur noch in sehr beschraenktem Masse in Rom gegeben haben kann. Vor allem schwach vertreten war die lyrische, didaktische, epigrammatische Poesie. Die religioesen Festkantaten, von denen die Jahrbuecher dieser Zeit allerdings bereits den Verfasser namhaft zu machen der Muehe wert halten, sowie die monumentalen Tempel- und Grabinschriften, fuer welche das saturnische Mass das stehende blieb, gehoerten kaum der eigentlichen Literatur an. Soweit ueberhaupt in dieser die kleinere Poesie erscheint, tritt sie in der Regel und schon bei Naevius unter dem Namen der Satura auf - eine Bezeichnung, die urspruenglich dem alten, seit Livius durch das griechische Drama von der Buehne verdraengten handlungslosen Buehnengedicht zukam, nun aber in der rezitativen Poesie einigermassen unseren “vermischten Gedichten” entspricht und gleich diesen nicht eigentlich eine positive Kunstgattung und Kunstweise anzeigt, sondern nur Gedichte nicht epischer und nicht dramatischer Art von beliebigem, meist subjektivem Stoff und beliebiger Form. Ausser Catos spaeter noch zu erwaehnendem ‘Gedicht von den Sitten’, welches vermutlich, anknuepfend an die aelteren Anfaenge volkstuemlich didaktischer Poesie, in saturnischen Versen geschrieben war, gehoeren hierher besonders die kleineren Gedichte des Ennius, welche der auf diesem Gebiet sehr fruchtbare Dichter teils in seiner Saturensammlung, teils abgesondert veroeffentlichte: kuerzere erzaehlende Poesien aus der vaterlaendischen Sagen- oder gleichzeitigen Geschichte, Bearbeitungen des religioesen Romans des Euhemeros, der auf den Namen des Epicharmos laufenden naturphilosophischen Poesien, der Gastronomie des Archestratos von Gela, eines Poeten der hoeheren Kochkunst; ferner einen Dialog zwischen dem Leben und dem Tode, Aesopische Fabeln, eine Sammlung von Sittenspruechen, parodische und epigrammatische Kleinigkeiten - geringe Sachen, aber bezeichnend wie fuer die Mannigfaltigkeit so auch fuer die didaktisch-neologische Tendenz des Dichters, der auf diesem Gebiete, wohin die Zensur nicht reichte, sich offenbar am freiesten gehen liess.

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^30 Ausser Cato werden noch aus dieser Zeit zwei “Konsulare und Poeten” genannt (Suet. vita Ter. 4): Quintus Labeo, Konsul 571 (183), und Marcus Popillius, Konsul 581 (173). Doch bleibt es dahingestellt, ob sie ihre Gedichte auch publizierten. Selbst von Cato duerfte letzteres zweifelhaft sein.

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Groessere dichterische wie geschichtliche Bedeutung nehmen die Versuche in Anspruch, die Landeschronik metrisch zu behandeln. Wieder war es Naevius, der dichterisch formte, was sowohl von der Sagen- als von der gleichzeitigen Geschichte einer zusammenhaengenden Erzaehlung faehig war und namentlich den Ersten Punischen Krieg einfach und klar, so schlecht und recht, wie die Dinge waren, ohne irgend etwas als unpoetisch zu verschmaehen und ohne irgendwie, namentlich in der Schilderung der geschichtlichen Zeit, auf poetische Hebung oder gar Verzierungen auszugehen, durchaus in der gegenwaertigen Zeit berichtend, in dem halb prosaischen saturnischen Nationalversmass heruntererzaehlte ^31. Es gilt von dieser Arbeit wesentlich dasselbe, was von dem Nationalschauspiel desselben Dichters gesagt ward. Die epische Poesie der Griechen bewegt sich wie die tragische voellig und wesentlich in der heroischen Zeit; es war ein durchaus neuer und wenigstens der Anlage nach ein beneidenswert grossartiger Gedanke, mit dem Glanze der Poesie die Gegenwart zu durchleuchten. Mag immerhin in der Ausfuehrung die Naevische Chronik nicht viel mehr gewesen sein als die in mancher Hinsicht verwandten mittelalterlichen Reimchroniken, so hatte doch sicher mit gutem Grund der Dichter sein ganz besonderes Wohlgefallen an diesem seinem Werke. Es war nichts Kleines in einer Zeit, wo es eine historische Literatur ausser den offiziellen Aufzeichnungen noch schlechterdings nicht gab, seinen Landsleuten ueber die Taten der Zeit und der Vorzeit einen zusammenhaengenden Bericht gedichtet und daneben die grossartigsten Momente daraus ihnen dramatisch zur Anschauung gebracht zu haben.

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^31 Den Ton werden folgende Bruchstuecke veranschaulichen. Von der Dido:

Freundlich und kundig fragt sie - welcher Art Aeneas

Von Troia schied.

spaeter:

Die Haende sein zum Himmel - hob empor der Koenig

Amulius, dankt den Goettern -

aus einer Rede, wo die indirekte Fassung bemerkenswert ist:

Doch liessen sie im Stiche - jene tapfren Maenner,

Das wuerde Schmach dem Volk sein - jeglichem Geschlechte.

bezueglich auf die Landung in Malta im Jahre 498 (256):

Nach Meute schifft der Roemer, - ganz und gar die Insel

Brennt ab, verheert, zerstoert er, - macht den Feind zunichte.

endlich von dem Frieden, der den Krieg um Sizilien beendigte:

Bedungen wird es auch durch - Gaben des Lutatius

Zu suehnen; er bedingt noch, - dass sie viel Gefangne

Und aus Sizilien gleichfalls - rueck die Geiseln geben.

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Eben dieselbe Aufgabe wie Naevius stellte sich auch Ennius; aber die Gleichheit des Gegenstandes laesst den politischen und poetischen Gegensatz des nationalen und des antinationalen Dichters nur um so greller hervortreten. Naevius suchte fuer den neuen Stoff eine neue Form; Ennius fuegte oder zwaengte denselben in die Formen des hellenischen Epos. Der Hexameter ersetzt den saturnischen Vers, die aufgeschmueckte, nach plastischer Anschaulichkeit ringende Homeridenmanier die schlichte Geschichtserzaehlung. Wo es irgend angeht, wird geradezu Homer uebertragen, wie zum Beispiel die Bestattung der bei Herakleia Gefallenen nach dem Muster der Bestattung des Patroklos geschildert wird und in der Kappe des mit den Istriern fechtenden Kriegstribuns Marcus Livius Stolo kein anderer steckt als der Homerische Aias - nicht einmal die Homerische Anrufung der Muse wird dem Leser erlassen. Die epische Maschinerie ist vollstaendig im Gange; nach der Schlacht von Cannae zum Beispiel verzeiht Juno in vollem Goetterrat den Roemern und verheisst ihnen Jupiter nach erlangter ehefraeulicher Einwilligung den endlichen Sieg ueber die Karthager. Auch die neologische und hellenistische Tendenz ihres Verfassers verleugnen die ‘Jahrbuecher’ keineswegs. Schon die bloss dekorative Verwendung der Goetterwelt traegt diesen Stempel. In dem merkwuerdigen Traumgesicht, womit das Gedicht sich einfuehrt, wird auf gut pythagoreisch berichtet, dass die jetzt im Quintus Ennius wohnhafte Seele vor diesem in Horneros und noch frueher in einem Pfau sesshaft gewesen sei, und alsdann auf gut naturphilosophisch das Wesen der Dinge und das Verhaeltnis des Koerpers zum Geiste auseinandergesetzt. Selbst die Wahl des Stoffes dient den gleichen Zwecken - haben doch die hellenischen Literaten aller Zeiten eine vorzueglich geeignete Handhabe fuer ihre griechisch-kosmopolitischen Tendenzen eben in der Zurechtmachung der roemischen Geschichte gefunden. Ennius betont es, dass man die Roemer

Griechen ja immer genannt und Graier sie pflege zu heissen.

Der poetische Wert der vielgefeierten Jahrbuecher ist nach den frueheren Bemerkungen ueber die Vorzuege und Maengel des Dichters im allgemeinen leicht abzumessen. Dass durch den Aufschwung, den die grosse Zeit der Punischen Kriege dem italischen Volksgefuehl gab, auch dieser lebhaft mitempfindende Poet sich gehoben fuehlte und er nicht bloss die Homerische Einfachheit oft gluecklich traf, sondern auch noch oefter die roemische Feierlichkeit und Ehrenhaftigkeit aus seinen Zeilen ergreifend widerhallt, ist ebenso natuerlich wie die Mangelhaftigkeit der epischen Komposition, die notwendig sehr lose und gleichgueltig gewesen sein muss, wenn es dem Dichter moeglich war, einem sonst verschollenen Helden und Patron zuliebe ein eigenes Buch nachtraeglich einzufuegen. Im ganzen aber waren die ‘Jahrbuecher’ ohne Frage Ennius’ verfehltestes Werk. Der Plan, eine ‘Ilias’ zu machen, kritisiert sich selbst. Ennius ist es gewesen, welcher mit diesem Gedicht zum erstenmal jenen Wechselbalg von Epos und Geschichte in die Literatur eingefuehrt hat, der von da an bis auf den heutigen Tag als Gespenst, das weder zu leben noch zu sterben vermag, in ihr umgeht. Einen Erfolg aber hat das Gedicht allerdings gehabt. Ennius gab sich mit noch groesserer Unbefangenheit fuer den roemischen Homer als Klopstock fuer den deutschen, und ward von den Zeitgenossen und mehr noch von der Nachwelt dafuer genommen. Die Ehrfurcht vor dem Vater der roemischen Poesie erbte fort von Geschlecht zu Geschlecht: den Ennius, sagt noch der feine Quintilian, wollen wir verehren wie einen altersgrauen heiligen Hain, dessen maechtige tausendjaehrige Eichen mehr ehrwuerdig als schoen sind; und wer darueber sich wundern sollte, der moege an verwandte Erscheinungen, an den Erfolg der Aeneide, der Henriade, der Messiade sich erinnern. Eine maechtige poetische Entwicklung der Nation freilich wuerde jene beinahe komische offizielle Parallelisierung der Homerischen ‘Ilias’ und der Ennianischen ‘Jahrbuecher’ so gut abgeschuettelt haben wie wir die Sappho-Karschin und den Pindar-Willamov; aber eine solche hat in Rom nicht stattgefunden. Bei dem stofflichen Interesse des Gedichts besonders fuer die aristokratischen Kreise und dem grossen Formtalent des Dichters blieben die ‘Jahrbuecher’ das aelteste roemische Originalgedicht, welches den spaeteren gebildeten Generationen lesenswert und lesbar erschien; und so ist es wunderlicherweise gekommen, dass in diesem durchaus antinationalen Epos eines halbgriechischen Literaten die spaetere Zeit das rechte roemische Mustergedicht verehrt hat.

Nicht viel spaeter als die roemische Poesie, aber in sehr verschiedener Weise entstand in Rom eine prosaische Literatur. Es fielen bei dieser sowohl die kuenstlichen Foerderungen hinweg, wodurch die Schule und die Buehne vor der Zeit eine roemische Poesie grosszogen, als auch die kuenstliche Hemmung, worauf namentlich die roemische Komoedie in der strengen und beschraenkten Buehnenzensur traf. Es war ferner diese schriftstellerische Taetigkeit nicht durch den dem “Baenkelsaenger” anhaftenden Makel von vornherein bei der guten Gesellschaft in den Bann getan. Darum ist denn auch die prosaische Schriftstellerei zwar bei weitem weniger ausgedehnt und weniger rege als die gleichzeitige poetische, aber weit naturgemaesser entwickelt; und wenn die Poesie fast voellig in den Haenden der geringen Leute ist und kein einziger vornehmer Roemer unter den gefeierten Dichtern dieser Zeit erscheint, so ist umgekehrt unter den Prosaikern dieser Epoche kaum ein nicht senatorischer Norne und sind es durchaus die Kreise der hoechsten Aristokratie, gewesene Konsuln und Zensoren, die Fabier, die Gracchen, die Scipionen, von denen diese Literatur ausgeht. Dass die konservative und nationale Tendenz sich besser mit dieser Prosaschriftstellerei vertrug als mit der Poesie, liegt in der Sache; doch hat auch hier, und namentlich in dem wichtigsten Zweige dieser Literatur, in der Geschichtschreibung, die hellenistische Richtung auf Stoff und Form maechtig, ja uebermaechtig eingewirkt.

Bis in die Zeit des Hannibalischen Krieges gab es in Rom eine Geschichtschreibung nicht; denn die Anzeichnungen des Stadtbuchs gehoerten zu den Akten, nicht zu der Literatur, und verzichteten von Haus aus auf jede Entwicklung des Zusammenhanges der Dinge. Es ist bezeichnend fuer die Eigentuemlichkeit des roemischen Wesens, dass trotz der weit ueber die Grenzen Italiens ausgedehnten Macht der roemischen Gemeinde und trotz der stetigen Beruehrung der vornehmen roemischen Gesellschaft mit den literarisch so fruchtbaren Griechen dennoch nicht vor der Mitte des sechsten Jahrhunderts das Beduerfnis sich regte, die Taten und Geschicke der roemischen Buergerschaft auf schriftstellerischem Wege zur Kunde der Mit- und Nachwelt zu bringen. Als nun aber dies Beduerfnis endlich empfunden ward, fehlte es fuer die roemische Geschichte an fertigen schriftstellerischem Formen und an einem fertigen Lesepublikum; und grosses Talent und laengere Zeit waren erforderlich, um beide zu erschaffen. Zunaechst wurden daher diese Schwierigkeiten gewissermassen umgangen dadurch, dass man die Landesgeschichte entweder in der Muttersprache, aber in Versen, oder in Prosa, aber griechisch schrieb. Von den metrischen Chroniken des Naevius (geschrieben um 550? 204) und Ennius (geschrieben um 581 173) ist schon die Rede gewesen; sie gehoeren zugleich zu der aeltesten historischen Literatur der Roemer, ja die des Naevius darf als das ueberhaupt aelteste roemische Geschichtswerk angesehen werden. Ungefaehr gleichzeitig entstanden die griechischen Geschichtsbuecher des Quintus Fabius Pictor ^32 (nach 553 201), eines waehrend des Hannibalischen Krieges in Staatsgeschaeften taetigen Mannes aus vornehmem Geschlecht, und des Sohnes des Scipio Africanus, Publius Scipio († um 590 164). Dort also bediente man sich der bis zu einem gewissen Grade bereits entwickelten Dichtkunst und wandte sich an das nicht gaenzlich mangelnde poetische Publikum; hier fand man die fertigen griechischen Formen vor und richtete die Mitteilungen, wie schon das weit hinaus ueber die Grenzen Latiums sich erstreckende stoffliche Interesse derselben es nahelegte, zunaechst an das gebildete Ausland. Den ersten Weg schlugen die plebejischen, den zweiten die vornehmeren Schriftsteller ein; eben wie in der Zeit Friedrichs des Grossen neben der vaterlaendischen Pastoren- und Professorenschriftstellerei eine aristokratische Literatur in franzoesischer Sprache stand und die Gleim und Ramler deutsche Kriegslieder, die Koenige und Feldherren franzoesische Kriegsgeschichten verfassten. Weder die metrischen Chroniken, noch die griechischen roemischer Verfasser waren eine eigentliche lateinische Geschichtschreibung; diese begann erst mit Cato, dessen nicht vor dem Schluss dieser Epoche publizierte ‘Ursprungsgeschichten’ zugleich das aelteste lateinisch geschriebene Geschichts- und das erste bedeutende prosaische Werk der roemischen Literatur sind ^33.

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^32 Die griechische Abfassung dieses aeltesten prosaischen roemischen Geschichtswerkes ist durch Dionys (1, 6) und Cicero (div. 1, 27 , 43) ausser Zweifel gestellt. Ein Problem bleiben die unter demselben Namen von Quintilian und spaeteren Grammatikern angefuehrten lateinischen Annalen, und es wird die Schwierigkeit noch dadurch gesteigert, dass unter demselben Namen auch eine sehr ausfuehrliche Darstellung des pontifizischen Rechts in lateinischer Sprache angefuehrt wird. Indes die letztere Schrift wird von keinem, der die Entwicklung der roemischen Literatur im Zusammenhang verfolgt hat, einem Verfasser aus der Zeit des Hannibalischen Krieges beigelegt werden; und auch lateinische Annalen aus dieser Zeit erscheinen problematisch, obwohl es dahingestellt bleiben muss, ob hier eine Verwechslung mit dem juengeren Annalisten Quintus Fabius Maximus Servilianus (Konsul 612 142) obwaltet, oder ob von den griechischen Annalen des Fabius wie von denen des Acilius und des Albinus eine alte lateinische Bearbeitung existiert, oder ob es zwei Annalisten des Namens Fabius Pictor gegeben hat.

Das dem Lucius Cincius Alimentus, einem Zeitgenossen des Fabius, beigelegte, ebenfalls griechische Geschichtswerk scheint untergeschoben und ein Machwerk aus augustischer Zeit.

^33 Catos gesamte literarische Taetigkeit gehoert erst in sein Greisenalter (Cic. Cat. 11 38; Nep. Cato 3); die Abfassung auch der frueheren Buecher der ‘Ursprungsgeschichten’ faellt nicht vor, aber wahrscheinlich auch nicht lange nach 586 (168) (Plin. nat. 3, 14, 114).

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Alle diese Werke waren freilich nicht im Sinne der Griechen ^34, wohl aber im Gegensatz zu der rein notizenhaften Fassung des Stadtbuchs pragmatische Geschichten von zusammenhaengender Erzaehlung und mehr oder minder geordneter Darstellung. Sie umfassten, soviel wir sehen saemtlich, die Landesgeschichte von der Erbauung Roms bis auf die Zeit des Schreibers, obwohl dem Titel nach das Werk des Naevius nur den ersten Krieg mit Karthago, das Catos nur die Ursprungsgeschichten betraf; danach zerfielen sie von selbst in die drei Abschnitte der Sagenzeit, der Vor- und der Zeitgeschichte. Bei der Sagenzeit war fuer die Entstehungsgeschichte der Stadt Rom, die ueberall mit grosser Ausfuehrlichkeit dargestellt ward, die eigentuemliche Schwierigkeit zu ueberwinden, dass davon, wie frueher ausgefuehrt ward, zwei voellig unvereinbare Fassungen vorlagen: die nationale, welche wenigstens in den Hauptumrissen wahrscheinlich schon im Stadtbuch schriftlich fixiert war, und die griechische des Timaeos, die diesen roemischen Chronikschreibern nicht unbekannt geblieben sein kann. Jene sollte Rom an Alba, diese Rom an Troia anknuepfen; dort ward es also von dem albanischen Koenigssohn Romulus, hier von dem troischen Fuersten Aeneas erbaut. Der gegenwaertigen Epoche, wahrscheinlich entweder dem Naevius oder dem Pictor, gehoert die Verklitterung der beiden Maerchen an. Der albanische Koenigssohn Romulus bleibt der Gruender Roms, aber wird zugleich Aeneas Tochtersohn; Aeneas gruendet Rom nicht, bringt aber dafuer die roemischen Penaten nach Italien und erbaut diesen zum Sitze Lavinium, sein Sohn Ascanius die Mutterstadt von Rom und die alte Metropole Latiums, das Lange Alba. Das alles war recht uebel und ungeschickt erfunden. Dass die urspruenglichen Penaten Roms nicht, wie man bisher geglaubt, in ihrem Tempel am roemischen Markte, sondern in dem zu Lavinium aufbewahrt seien, musste dem Roemer ein Greuel sein, und die griechische Dichtung kam noch schlimmer weg, indem die Goetter erst dem Enkel verliehen, was sie dem Ahn zugeschieden hatten. Indes die Redaktion genuegte ihrem Zweck: ohne geradezu den nationalen Ursprung Roms zu verleugnen, trug sie doch auch der hellenisierenden Tendenz Rechnung und legalisierte einigermassen das in dieser Zeit bereits stark im Schwunge gehende Kokettieren mit dem Aeneadentum; und so wurde dies die stereotype und bald die offizielle Ursprungsgeschichte der maechtigen Gemeinde.

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^34 Offenbar im Gegensatz gegen Fabius hebt Polybios (40, 6, 4) es hervor, dass der Graecomane Albinus sich Muehe gegeben habe, seine Geschichte pragmatisch zu schreiben.

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Von der Ursprungsfabel abgesehen, hatten im uebrigen die griechischen Historiographen sich um die roemische Gemeinde wenig oder gar nicht gekuemmert, so dass die weitere Darstellung der Landesgeschichte vorwiegend aus einheimischen Quellen geflossen sein muss, ohne dass in der uns zugekommenen duerftigen Kunde mit Bestimmtheit auseinander traete, welcherlei Ueberlieferungen ausser dem Stadtbuch den aeltesten Chronisten zu Gebote gestanden und was sie etwa von dem Ihrigen hinzugetan haben. Die aus Herodot eingelegten Anekdoten ^35 sind diesen aeltesten Annalisten wohl noch fremd gewesen und eine unmittelbare Entlehnung griechischen Stoffes in diesem Abschnitt nicht nachweisbar. Um so bemerkenswerter ist die ueberall, selbst bei dem Griechenfeind Cato, mit grosser Bestimmtheit hervortretende Tendenz, nicht bloss Rom an Hellas anzuknuepfen, sondern Italiker und Griechen als ein urspruenglich gleiches Volk darzustellen - hierher gehoeren die aus Griechenland eingewanderten Uritaliker oder Aboriginer sowie die nach Italien wandernden Urgriechen oder Pelasger.

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^35 So ist die Geschichte der Belagerung von Gabii aus Herodotischen Anekdoten von Zopyros und dem Tyrannen Thrasybulos zusammengeschrieben, eine Version der Aussetzungsgeschichte des Romulus, ueber den Leisten der Herodotischen Erzaehlung von Kyros’ Jugend geschlagen.

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Die landlaeufige Erzaehlung fuehrte in einem, wenn auch schwach und lose geknuepften Faden, doch einigermassen zusammenhaengend durch die Koenigszeit bis hinab auf die Einsetzung der Republik; hier aber versiegte die Sage ganz, und es war nicht bloss schwierig, sondern wohl geradezu unmoeglich, aus den Beamtenverzeichnissen und den ihnen angehaengten duerftigen Vermerken eine irgendwie zusammenhaengende und lesbare Erzaehlung zu gestalten. Am meisten empfanden dies die Dichter. Naevius scheint deshalb von der Koenigszeit sogleich auf den Krieg um Sizilien uebergegangen zu sein; Ennius, der im dritten seiner achtzehn Buecher noch die Koenigszeit, im sechsten schon den Krieg mit Pyrrhos beschrieb, kann die ersten zwei Jahrhunderte der Republik hoechstens in den allgemeinsten Umrissen behandelt haben. Wie die griechisch schreibenden Annalisten sich geholfen haben, wissen wir nicht. Einen eigentuemlichen Weg schlug Cato ein. Auch er verspuerte keine Lust, wie er selber sagt, “zu berichten, was auf der Tafel im Hause des Oberpriesters steht: wie oft der Weizen teuer gewesen und wann Mond und Sonne sich verfinstert haetten”; und so bestimmte er denn das zweite und dritte Buch seines Geschichtswerkes fuer die Berichte ueber die Entstehung der uebrigen italischen Gemeinden und deren Eintritt in die roemische Eidgenossenschaft. Er machte sich also los aus den Fesseln der Chronik, welche Jahr fuer Jahr nach Voranstellung der jedesmaligen Beamten die Ereignisse berichtet; namentlich hierher wird die Angabe gehoeren, dass Catos Geschichtswerk die Vorgaenge “abschnittsweise” erzaehlte. Diese in einem roemischen Werke auffallende Beruecksichtigung der uebrigen italischen Gemeinden griff teils in die oppositionelle Stellung des Verfassers ein, welcher gegen das hauptstaedtische Treiben sich durchaus auf das munizipale Italien stuetzte, teils gewaehrte sie einen gewissen Ersatz fuer die mangelnde Geschichte Roms von der Vertreibung des Koenigs Tarquinius bis auf den Pyrrhischen Krieg, indem sie deren wesentliches Ergebnis, die Einigung Italiens unter Rom, in ihrer Art gleichfalls darstellte.

Dagegen die Zeitgeschichte wurde wiederum zusammenhaengend und eingehend behandelt: nach eigener Kunde schilderten Naevius den ersten, Fabius den zweiten Krieg mit Karthago; Ennius widmete wenigstens dreizehn von den achtzehn Buechern seiner Chronik der Epoche von Pyrrhos bis auf den Istrischen Krieg; Cato erzaehlte im vierten und fuenften Buche seines Geschichtswerkes die Kriege vom Ersten Punischen bis auf den mit Perseus und in den beiden letzten, wahrscheinlich anders und ausfuehrlicher angelegten die Ereignisse aus den letzten zwanzig Lebensjahren des Verfassers. Fuer den Pyrrhischen Krieg mag Ennius den Timaeos oder andere griechische Quellen benutzt haben; im ganzen aber beruhten die Berichte teils auf eigener Wahrnehmung oder Mitteilungen von Augenzeugen, teils einer auf dem andern.

Gleichzeitig mit der historischen und gewissermassen als ein Anhang dazu begann die Rede- und Briefliteratur, welche ebenfalls Cato eroeffnet - denn aus der frueheren Zeit besass man nichts als einige, meistenteils wohl erst in spaeterer Zeit aus den Familienarchiven an das Licht gezogene Leichenreden, wie zum Beispiel diejenige, die der alte Quintus Fabius, der Gegner Hannibals, als Greis seinem im besten Mannesalter verstorbenen Sohn gehalten hatte. Cato dagegen zeichnete von den unzaehligen Reden, die er waehrend seiner langen und taetigen oeffentlichen Laufbahn gehalten, die geschichtlich wichtigen in seinem Alter auf, gewissermassen als politische Memoiren, und machte sie teils in seinem Geschichtswerk, teils, wie es scheint, als selbstaendige Nachtraege dazu, bekannt. Auch eine Briefsammlung hat es von ihm schon gegeben.

Mit der nichtroemischen Geschichte befasste man sich wohl insoweit, als eine gewisse Kenntnis derselben dem gebildeten Roemer nicht mangeln durfte; schon von dem alten Fabius heisst es, dass ihm nicht bloss die roemischen, sondern auch die auswaertigen Kriege gelaeufig gewesen, und dass Cato den Thukydides und die griechischen Historiker ueberhaupt fleissig las, ist bestimmt bezeugt. Allein wenn man von der Anekdoten- und Spruchsammlung absieht, welche Cato als Fruechte dieser Lektuere fuer sich zusammenstellte, ist von einer schriftstellerischen Taetigkeit auf diesem Gebiet nichts wahrzunehmen.

Dass durch diese beginnende historische Literatur insgesamt eine harmlose Unkritik durchgeht, versteht sich von selbst; weder Schriftsteller noch Leser nahmen an inneren oder aeusseren Widerspruechen leicht Anstoss. Koenig Tarquinius der Zweite, obwohl bei dem Tode seines Vaters schon erwachsen und neununddreissig Jahre nach demselben zur Regierung gelangend, besteigt nichtsdestoweniger noch als Juengling den Thron. Pythagoras, der etwa ein Menschenalter vor Vertreibung der Koenige nach Italien kam, gilt den roemischen Historikern darum nicht minder als Freund des weisen Numa. Die im Jahre 262 (492) der Stadt nach Syrakus geschickten Staatsboten verhandeln dort mit dem aelteren Dionysios, der sechsundachtzig Jahre nachher (348 406) den Thron bestieg. Vornehmlich tritt diese naive Akrisie hervor in der Behandlung der roemischen Chronologie. Da nach der - wahrscheinlich in ihren Grundzuegen schon in der vorigen Epoche festgestellten - roemischen Zeitrechnung die Gruendung Roms 240 Jahre vor die Einweihung des Kapitolinischen Tempels, 360 Jahre vor den gallischen Brand und das letztere, auch in griechischen Geschichtswerken erwaehnte Ereignis nach diesen in das Jahr des athenischen Archonten Pyrgion 388 v. Chr. (Ol. 98, 1) fiel, so stellt sich hiernach die Erbauung Roms auf Ol. 8, 1. Dieses war, nach der damals bereits als kanonisch geltenden Eratosthenischen Zeitrechnung, das Jahr nach Troias Fall 436; nichtsdestoweniger blieb in der gemeinen Erzaehlung der Gruender Roms der Tochtersohn des troischen Aeneas. Cato, der als guter Finanzmann hier nachrechnete, machte freilich in diesem Fall auf den Widerspruch aufmerksam; eine Aushilfe aber scheint auch er nicht vorgeschlagen zu haben - das spaeter zu diesem Zweck eingeschobene Verzeichnis der albanischen Koenige ruehrt sicher nicht von ihm her.

Dieselbe Unkritik, wie sie hier obwaltet, beherrschte bis zu einem gewissen Grade auch die Darstellung der historischen Zeit. Die Berichte trugen sicher ohne Ausnahme diejenige starke Parteifaerbung, wegen welcher der fabische ueber die Anfaenge des zweiten Krieges mit Karthago von Polybios mit der ihm eigenen kuehlen Bitterkeit durchgezogen wird. Das Misstrauen indes ist hier besser am Platz als der Vorwurf. Es ist einigermassen laecherlich, von den roemischen Zeitgenossen Hannibals ein gerechtes Urteil ueber ihre Gegner zu verlangen; eine bewusste Entstellung der Tatsachen aber, soweit der naive Patriotismus nicht von selber eine solche einschliesst, ist den Vaetern der roemischen Geschichte doch nicht nachgewiesen worden.

Auch von wissenschaftlicher Bildung und selbst von dahin einschlagender Schriftstellerei gehoeren die Anfaenge in diese Epoche. Der bisherige Unterricht hatte sich wesentlich auf Lesen und Schreiben und auf die Kenntnis des Landrechts beschraenkt ^36. Allmaehlich aber ging den Roemern in der innigen Beruehrung mit den Griechen der Begriff einer allgemeineren Bildung auf und regte sich das Bestreben, nicht gerade diese griechische Bildung unmittelbar nach Rom zu verpflanzen, aber doch nach ihr die roemische einigermassen zu modifizieren.

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^36 Plautus sagt (Most. 126) von den Eltern, dass sie die Kinder “lesen und die Rechte und Gesetze kennen lehren”; und dasselbe zeigt Plut. Cato mai. 20.

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Vor allen Dingen fing die Kenntnis der Muttersprache an sich zur lateinischen Grammatik auszubilden; die griechische Sprachwissenschaft uebertrug sich auf das verwandte italische Idiom. Die grammatische Taetigkeit begann ungefaehr gleichzeitig mit der roemischen Schriftstellerei. Schon um 520 (234) scheint ein Schreiblehrer Spurius Carvilius das lateinische Alphabet reguliert und dem ausserhalb desselben stehenden Buchstaben g (I, 487) den Platz des entbehrlich gewordenen z gegeben zu haben, welchen derselbe noch in den heutigen okzidentalischen Alphabeten behauptet. An der Feststellung der Rechtschreibung werden die roemischen Schulmeister fortwaehrend gearbeitet haben; und auch die lateinischen Musen haben ihre schulmeisterliche Hippokrene nie verleugnet und zu allen Zeiten neben der Poesie sich der Orthographie beflissen. Namentlich Ennius hat, auch hierin Klopstock gleich, nicht bloss das anklingende Etymologienspiel schon ganz in alexandrinischer Art geuebt ^37, sondern auch fuer die bis dahin uebliche einfache Bezeichnung der Doppelkonsonanten die genauere griechische Doppelschreibung eingefuehrt. Von Naevius und Plautus freilich ist nichts dergleichen bekannt - die volksmaessigen Poeten werden gegen Rechtschreibung und Etymologie auch in Rom sich so gleichgueltig verhalten haben, wie Dichter es pflegen.

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^37 So heisst ihm in den Epicharmischen Gedichten Jupiter davon quod invat, Ceres davon quod gerit fruges.

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Rhetorik und Philosophie blieben den Roemern dieser Zeit noch fern. Die Rede stand bei ihnen zu entschieden im Mittelpunkt des oeffentlichen Lebens, als dass der fremde Schulmeister ihr haette beikommen koennen; der echte Redner Cato goss ueber das alberne Isokrateische “ewig reden lernen und niemals reden koennen” die ganze Schale seines zornigen Spottes aus. Die griechische Philosophie, obwohl sie durch Vermittlung der lehrhaften und vor allem der tragischen Poesie einen gewissen Einfluss auf die Roemer gewann, wurde doch mit einer aus baeurischer Ignoranz und ahnungsvollem Instinkt gemischten Apprehension betrachtet. Cato nannte den Sokrates unverbluemt einen Schwaetzer und einen als Frevler an dem Glauben und den Gesetzen seiner Heimat mit Recht hingerichteten Revolutionaer; und wie selbst die der Philosophie geneigten Roemer von ihr dachten, moegen wohl die Worte des Ennius aussprechen:

Philosophieren will ich, doch kurz und nicht die ganze Philosophie;

Gut ist’s von ihr nippen, aber sich in sie versenken schlimm.

Dennoch duerfen die poetische Sittenlehre und die Anweisung zur Redekunst, die sich unter den Catonischen Schriften befanden, angesehen werden als die roemische Quintessenz oder, wenn man lieber will, das roemische Caput mortuum der griechischen Philosophie und Rhetorik. Die naechsten Quellen Catos waren fuer das Sittengedicht neben der selbstverstaendlichen Anpreisung der einfachen Vaetersitte vermutlich die Pythagoreischen Moralschriften, fuer das Rednerbuch die Thukydideischen und besonders die Demosthenischen Reden, welche alle Cato eifrig studierte. Von dem Geiste dieser Handbuecher kann man ungefaehr sich eine Vorstellung machen nach der goldenen, von den Nachfahren oefter angefuehrten als befolgten Regel fuer den Redner, “an die Sache zu denken und daraus die Worte sich ergeben zu lassen” ^38.

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^38 Rem tene, verba sequentur.

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Aehnliche allgemein propaedeutische Handbuecher verfasste Cato auch fuer die Heilkunst, die Kriegswissenschaft, die Landwirtschaft und die Rechtswissenschaft, welche Disziplinen alle ebenfalls mehr oder minder unter griechischem Einfluss standen. Wenn nicht die Physik und Mathematik, so fanden doch die damit zusammenhaengenden Nuetzlichkeitswissenschaften bis zu einem gewissen Grade Eingang in Rom. Am meisten gilt dies von der Medizin. Nachdem im Jahre 535 (219) der erste griechische Arzt, der Peloponnesier Archagathos in Rom sich niedergelassen und dort durch seine chirurgischen Operationen solches Ansehen erworben hatte, dass ihm von Staats wegen ein Lokal angewiesen und das roemische Buergerrecht geschenkt ward, stroemten seine Kollegen scharenweise nach Italien. Cato freilich machte nicht bloss die fremden Heilkuenstler mit einem Eifer herunter, der einer besseren Sache wuerdig war, sondern versuchte auch, durch sein aus eigener Erfahrung und daneben wohl auch aus der medizinischen Literatur der Griechen zusammengestelltes medizinisches Hilfsbuechlein die gute alte Sitte wieder emporzubringen, wo der Hausvater zugleich der Hausarzt war. Die Aerzte und das Publikum kuemmerten wie billig sich wenig um dieses eigensinnige Gekeife; doch blieb das Gewerbe, eines der eintraeglichsten, die es in Rom gab, Monopol der Auslaender, und Jahrhunderte lang hat es in Rom nur griechische Aerzte gegeben.

Von der barbarischen Gleichgueltigkeit, womit man bisher in Rom die Zeitmessung behandelt hatte, kam man wenigstens einigermassen zurueck. Mit der Aufstellung der ersten Sonnenuhr auf dem roemischen Markt im Jahre 491 (263) fing die griechische Stunde (ώρα, hora) auch bei den Roemern an gebraucht zu werden; freilich begegnete es dabei, dass man in Rom eine fuer das um vier Grade suedlicher liegende Katane gearbeitete Sonnenuhr aufstellte und ein Jahrhundert lang sich danach richtete. Gegen Ende dieser Epoche erscheinen einzelne vornehme Maenner, die sich fuer mathematische Dinge interessierten. Manius Acilius Glabrio (Konsul 563 191) versuchte der Kalenderverwirrung durch ein Gesetz zu steuern, das dem Pontifikalkollegium gestattete, nach Ermessen Schaltmonate einzulegen und wegzulassen; wenn dies seinen Zweck verfehlte, ja uebel aerger machte, so lag die Ursache davon wohl weniger in dem Unverstand als in der Gewissenlosigkeit der roemischen Theologen. Auch der griechisch gebildete Marcus Fulvius Nobilior (Konsul 565 189) gab sich Muehe wenigstens um allgemeine Kundmachung des roemischen Kalenders. Gaius Sulpicius Gallus (Konsul 588 166), der nicht bloss die Mondfinsternis von 586 (168) vorhergesagt, sondern auch ausgerechnet hatte, wie weit es von der Erde bis zum Monde sei und der selbst als astronomischer Schriftsteller aufgetreten zu sein scheint, wurde deshalb von seinen Zeitgenossen als ein Wunder des Fleisses und des Scharfsinnes angestaunt.

Dass fuer die Landwirtschaft und die Kriegskunst zunaechst die ererbte und die eigene Erfahrung massgebend war, versteht sich von selbst und spricht auch in derjenigen der zwei Catonischen Anleitungen zur Landwirtschaft, die auf unsere Zeit gekommen ist, sehr bestimmt sich aus. Dennoch fielen auch auf diesen untergeordneten eben wie in den hoeheren geistigen Gebieten die Resultate der griechischen und der lateinischen, ja selbst der phoenikischen Kultur zusammen und kann schon darum die einschlagende auslaendische Literatur nicht ganz unberuecksichtigt geblieben sein.

Dagegen gilt dasselbe nur in untergeordnetem Grade von der Rechtswissenschaft. Die Taetigkeit der Rechtsgelehrten dieser Zeit ging noch wesentlich auf in der Bescheidung der anfragenden Parteien und in der Belehrung der juengeren Zuhoerer; doch bildete in dieser muendlichen Unterweisung schon sich ein traditioneller Regelstamm und auch schriftstellerische Taetigkeit mangelt nicht ganz. Wichtiger als Catos kuerzer Abriss wurde fuer die Rechtswissenschaft das von Sextus Aelius Paetus, genannt der “Schlaue” (catus), welcher der erste praktische Jurist seiner Zeit war und infolge dieser seiner gemeinnuetzigen Taetigkeit zum Konsulat (556 198) und zur Zensur (560 194) emporstieg, veroeffentlichte sogenannte “dreiteilige Buch”, das heisst eine Arbeit ueber die Zwoelf Tafeln, welche zu jedem Satze derselben eine Erlaeuterung, hauptsaechlich wohl der veralteten und unverstaendlichen Ausdruecke, und das entsprechende Klagformular hinzufuegte. Wenn dabei in jener Glossierung der Einfluss der griechischen grammatischen Studien unleugbar hervortritt, so knuepfte die Klagformulierung vielmehr an die aeltere Sammlung des Appius und die ganze volkstuemliche und prozessualische Rechtsentwicklung an.

Im allgemeinen tritt der Wissenschaftsbestand dieser Epoche mit grosser Bestimmtheit hervor in der Gesamtheit jener von Cato fuer seinen Sohn aufgesetzten Handbuecher, die als eine Art Enzyklopaedie in kurzen Saetzen darlegen sollten, was ein “tuechtiger Mann” (vir bonus) als Redner, Arzt, Landwirt, Kriegsmann und Rechtskundiger sein muesse. Ein Unterschied zwischen propaedeutischen und Fachwissenschaften wurde noch nicht gemacht, sondern was von der Wissenschaft ueberhaupt notwendig und nuetzlich erschien, von jedem rechten Roemer gefordert. Ausgeschlossen ist dabei teils die lateinische Grammatik, die also damals noch nicht diejenige formale Entwicklung gehabt haben kann, welche der eigentliche wissenschaftliche Sprachunterricht voraussetzt, teils die Musik und der ganze Kreis der mathematischen und physischen Wissenschaften. Durchaus sollte in der Wissenschaft das unmittelbar Praktische, aber auch nichts als dies und dieses moeglichst kurz und schlicht zusammengefasst werden. Die griechische Literatur wurde dabei wohl benutzt, aber nur um aus der Masse von Spreu und Wust einzelne brauchbare Erfahrungssaetze zu gewinnen - “die griechischen Buecher muss man einsehen, aber nicht durchstudieren”, lautet einer von Catos Weidspruechen. So entstanden jene haeuslichen Not- und Hilfsbuecher, die freilich mit der griechischen Spitzfindigkeit und Unklarheit auch den griechischen Scharf- und Tiefsinn austrieben, aber eben dadurch fuer die Stellung der Roemer zu den griechischen Wissenschaften fuer alle Zeiten massgebend geworden sind.

So zog denn mit der Weltherrschaft zugleich Poesie und Literatur in Rom ein, oder, mit einem Dichter der ciceronischen Zeit zu reden:

Als wir Hannibal bezwungen, nahte mit beschwingtem Schritt

Der Quiriten hartem Volke sich die Mus’ im Kriegsgewand.

Auch in den sabellisch und etruskisch redenden Landschaften wird es gleichzeitig an geistiger Bewegung nicht gemangelt haben. Wenn Trauerspiele in etruskischer Sprache erwaehnt werden, wenn Tongefaesse mit oskischen Inschriften Bekanntschaft ihrer Verfertiger mit der griechischen Komoedie verraten, so draengt die Frage sich auf, ob nicht gleichzeitig mit Naevius und Cato auch am Arnus und Volturnus eine gleich der roemischen hellenisierende Literatur in der Bildung begriffen gewesen ist. Indes jede Kunde darueber ist verschollen, und die Geschichte kann hier nur die Luecke bezeichnen.

Die roemische Literatur, ueber die allein uns ein Urteil noch verstattet ist, wie problematisch ihr absoluter Wert dem Aesthetiker erscheinen mag, bleibt dennoch fuer denjenigen, der die Geschichte Roms erkennen will, von einzigem Wert als das Spiegelbild des inneren Geisteslebens Italiens in dem waffenklirrenden und zukunftsvollen sechsten Jahrhundert, in welchem die italische Entwicklung abschloss und das Land anfing einzutreten in die allgemeinere der antiken Zivilisation. Auch in ihr herrscht diejenige Zwiespaeltigkeit, die ueberall in dieser Epoche das Gesamtleben der Nation durchdringt und die Uebergangszeit charakterisiert. Ueber die Mangelhaftigkeit der hellenistisch-roemischen Literatur kann kein unbefangenes und durch den ehrwuerdigen Rost zweier Jahrtausende unbeirrtes Auge sich taeuschen. Die roemische Literatur steht neben der griechischen wie die deutsche Orangerie neben dem sizilischen Orangenwald; man kann an beiden sich erfreuen, aber nebeneinander sie auch nur zu denken, geht nicht an. Womoeglich noch entschiedener als von der roemischen Schriftstellerei in der fremden Sprache gilt dies von derjenigen in der Muttersprache der Latiner; zu einem sehr grossen Teil ist dieselbe gar nicht das Werk von Roemern, sondern von Fremdlingen, von Halbgriechen, Kelten, bald auch Afrikanern, die das Latein sich erst aeusserlich angeeignet hatten - unter denen, die in dieser Zeit als Dichter vor das Publikum traten, ist nicht bloss, wie gesagt, nicht ein nachweislich vornehmer Mann, sondern auch keiner, dessen Heimat erweislich das eigentliche Latium waere. Selbst die Benennung des Dichters ist auslaendisch; schon Ennius nennt sich mit Nachdruck einen Poeten ^39. Aber diese Poesie ist nicht bloss auslaendisch, sondern sie ist auch mit allen denjenigen Maengeln behaftet, welche da sich einfinden, wo die Schulmeister schriftstellern und der grosse Haufe das Publikum ausmacht. Es ist gezeigt worden, wie die Komoedie durch die Ruecksicht auf die Menge kuenstlerisch vergroebert wurde, ja in poebelhafte Roheit verfiel; es ist ferner gezeigt worden, dass zwei der einflussreichsten roemischen Schriftsteller zunaechst Schulmeister und erst folgeweise Poeten waren, und dass, waehrend die griechische erst nach dem Abbluehen der volkstuemlichen Literatur erwachsene Philologie nur am toten Koerper experimentierte, in Latium Begruendung der Grammatik und Grundlegung der Literatur, fast wie bei den heutigen Heidenmissionen, von Haus aus Hand in Hand gegangen sind. In der Tat, wenn man diese hellenistische Literatur des sechsten Jahrhunderts unbefangen ins Auge fasst, jene handwerksmaessige, jeder eigenen Produktivitaet bare Poesie, jene durchgaengige Nachahmung eben der flachsten Kunstgattungen des Auslandes, jenes Uebersetzungsrepertoire, jenen Wechselbalg von Epos, so fuehlt man sich versucht sie rein zu den Krankheitssymptomen dieser Epoche zu rechnen.

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^39 Vgl. 2, 445:

Enni poeta salve, qui mortalibus

Versus propinas flammeos medullitus.

Die Bildung des Namens poeta aus dem vulgar-griechischen ποητής statt ποιητής - wie επόησεν den attischen Toepfern gelaeufig war - ist charakteristisch. Uebrigens bezeichnet poeta technisch nur den Verfasser epischer und rezitativer Gedichte, nicht den Buehnendichter, welcher in dieser Zeit vielmehr scriba heisst (Fest. v. scriba, p. 333 M.).

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Dennoch wuerde ein solches Urteil, wenn nicht ungerecht, doch nur sehr einseitig gerecht sein. Vor allen Dingen ist wohl zu bedenken, dass diese gemachte Literatur in einer Nation emporkam, die nicht bloss keine volkstuemliche Dichtkunst besass, sondern auch nie mehr zu einer solchen gelangen konnte. In dem Altertum, welchem die moderne Poesie des Individuums fremd ist, faellt die schoepferisch poetische Taetigkeit wesentlich in die unbegreifliche Zeit des Werdebangens und der Werdelust der Nation; unbeschadet der Groesse der griechischen Epiker und Tragiker darf man es aussprechen, dass ihr Dichten wesentlich bestand in der Redaktion der uralten Erzaehlungen von menschlichen Goettern und goettlichen Menschen. Diese Grundlage der antiken Poesie mangelte in Latium gaenzlich; wo die Goetterwelt gestaltlos und die Sage nichtig blieb, konnten auch die goldenen Aepfel der Poesie freiwillig nicht gedeihen. Hierzu kommt ein Zweites und Wichtigeres. Die innerliche geistige Entwicklung wie die aeusserliche staatliche Entfaltung Italiens waren gleichmaessig auf einem Punkte angelangt, wo es nicht laenger moeglich war, die auf dem Ausschluss aller hoeheren und individuellen Geistesbildung beruhende roemische Nationalitaet festzuhalten und den Hellenismus von sich abzuwehren. Zunaechst auf dieser allerdings revolutionaeren und denationalisierenden, aber fuer die notwendige geistige Ausgleichung der Nationen unerlaesslichen Propaganda des Hellenismus in Italien beruht die geschichtliche und selbst die dichterische Berechtigung der roemisch-hellenistischen Literatur. Es ist aus ihrer Werkstatt nicht ein einziges neues und echtes Kunstwerk hervorgegangen, aber sie hat den geistigen Horizont von Hellas ueber Italien erstreckt. Schon rein aeusserlich betrachtet setzt die griechische Poesie bei dem Hoerer eine gewisse Summe positiver Kenntnisse voraus. Die voellige Abgeschlossenheit in sich, die zu den wesentlichsten Eigentuemlichkeiten zum Beispiel des Shakespeareschen Dramas gehoert, ist der antiken Dichtung fremd; wem der griechische Sagenkreis nicht bekannt ist, der wird fuer jede Rhapsodie wie fuer jede Tragoedie den Hintergrund und oft selbst das gemeine Verstaendnis vermissen. Wenn dem roemischen Publikum dieser Zeit, wie das die Plautinischen Lustspiele zeigen, die Homerischen Gedichte und die Heraklessagen einigermassen gelaeufig und von den uebrigen Mythen wenigstens die allgemeingueltigen bekannt waren ^40, so wird diese Kunde neben der Schule zunaechst durch die Buehne ins Publikum gedrungen und damit zum Verstaendnis der hellenischen Dichtung wenigstens ein Anfang gemacht sein. Aber weit tiefer noch wirkte, worauf schon die geistreichsten Literatoren des Altertums mit Recht den Ton gelegt haben, die Einbuergerung griechischer Dichtersprache und griechischer Masse in Latium. Wenn “das besiegte Griechenland den rauhen Sieger durch die Kunst ueberwand”, so geschah dies zunaechst dadurch, dass dem ungefuegen lateinischen Idiom eine gebildete und gehobene Dichtersprache abgewonnen ward, dass anstatt der eintoenigen und gehackten Saturnier der Senar floss und der Hexameter rauschte, dass die gewaltigen Tetrameter, die jubelnden Anapaeste, die kunstvoll verschlungenen lyrischen Rhythmen das lateinische Ohr in der Muttersprache trafen. Die Dichtersprache ist der Schluessel zu der idealen Welt der Poesie, das Dichtmass der Schluessel zu der poetischen Empfindung; wem das beredte Beiwort stumm und das lebendige Gleichnis tot ist, wem die Takte der Daktylen und Jamben nicht innerlich erklingen, fuer den haben Homer und Sophokles umsonst gedichtet. Man sage nicht, dass das poetische und rhythmische Gefuehl sich von selber verstehen. Die idealen Empfindungen sind freilich von der Natur in die Menschenbrust gepflanzt, aber um zu keimen brauchen sie guenstigen Sonnenscheins; und vor allem in der poetisch wenig angeregten latinischen Nation bedurften sie auch aeusserlicher Pflege. Man sage auch nicht, dass bei der weitverbreiteten Kenntnis der griechischen Sprache deren Literatur fuer das empfaengliche roemische Publikum ausgereicht haette. Der geheimnisvolle Zauber, den die Sprache ueber den Menschen ausuebt und von dem Dichtersprache und Rhythmus nur Steigerungen sind, haengt nicht jeder zufaellig angelernten, sondern einzig der Muttersprache an. Von diesem Gesichtspunkt aus wird man die hellenistische Literatur und namentlich die Poesie der Roemer dieser Zeit gerechter beurteilen. Wenn ihr Bestreben darauf hinausging, den Euripideischen Radikalismus nach Rom zu verpflanzen, die Goetter entweder in verstorbene Menschen oder in gedachte Begriffe aufzuloesen, ueberhaupt dem denationalisierten Hellas ein denationalisiertes Latium an die Seite zu setzen und alle rein und scharf entwickelten Volkstuemlichkeiten in den problematischen Begriff der allgemeinen Zivilisation aufzuloesen, so steht diese Tendenz erfreulich oder widerwaertig zu finden in eines jeden Belieben, in niemandes aber, ihre historische Notwendigkeit zu bezweifeln. Von diesem Gesichtspunkte aus laesst selbst die Mangelhaftigkeit der roemischen Poesie zwar nimmermehr sich verleugnen, aber sich erklaeren und damit gewissermassen sich rechtfertigen. Wohl geht durch sie hindurch ein Missverhaeltnis zwischen dem geringfuegigen und oft verhunzten Inhalt und der verhaeltnismaessig vollendeten Form, aber die eigentliche Bedeutung dieser Poesie war auch eben formeller und vor allen Dingen sprachlicher und metrischer Art. Es war nicht schoen, dass die Poesie in Rom vorwiegend in den Haenden von Schulmeistern und Auslaendern und vorwiegend Uebersetzung oder Nachdichtung war; aber wenn die Poesie zunaechst nur eine Bruecke von Latium nach Hellas schlagen sollte, so waren Livius und Ennius allerdings berufen zum poetischen Pontifikat in Rom und die Uebersetzungsliteratur das einfachste Mittel zum Ziele. Es war noch weniger schoen, dass die roemische Poesie sich mit Vorliebe auf die verschliffensten und geringhaltigsten Originale warf; aber in diesem Sinne war es zweckgemaess. Niemand wird die Euripideische Poesie der Homerischen an die Seite stellen wollen; aber geschichtlich betrachtet sind Euripides und Menander voellig ebenso die Bibel des kosmopolitischen Hellenismus wie die ‘Ilias’ und die ‘Odyssee’ diejenige des volkstuemlichen Hellenentums, und insofern hatten die Vertreter dieser Richtung guten Grund, ihr Publikum vor allem in diesen Literaturkreis einzufuehren. Zum Teil mag auch das instinktmaessige Gefuehl der beschraenkten poetischen Kraft die roemischen Bearbeiter bewogen haben, sich vorzugsweise an Euripides und Menander zu halten und den Sophokles und gar den Aristophanes beiseite liegen zu lassen; denn waehrend die Poesie wesentlich national und schwer zu verpflanzen ist, so sind Verstand und Witz, auf denen die Euripideische wie die Menandrische Dichtung beruhte, von Haus aus kosmopolitisch. Immer verdient es noch ruehmliche Anerkennung, dass die roemischen Poeten des sechsten Jahrhunderts nicht an die hellenische Tagesliteratur oder den sogenannten Alexandrinismus sich anschlossen, sondern lediglich in der aelteren klassischen Literatur, wenn auch nicht gerade in deren reichsten und reinsten Bereichen, ihre Muster sich suchten. Ueberhaupt, wie unzaehlige falsche Akkommodationen und kunstwidrige Missgriffe man auch denselben nachweisen mag, es sind eben nur diejenigen Versuendigungen an dem Evangelium, welche das nichts weniger als reinliche Missionsgeschaeft mit zwingender Notwendigkeit begleiten; und sie werden geschichtlich und selbst aesthetisch einigermassen aufgewogen durch den von dem Propagandatum ebenso unzertrennlichen Glaubenseifer. Ueber das Evangelium mag man anders urteilen als Ennius getan; aber wenn es bei dem Glauben nicht so sehr darauf ankommt, was, als wie geglaubt wird, so kann auch den roemischen Dichtern des sechsten Jahrhunderts Anerkennung und Bewunderung nicht versagt werden. Ein frisches und maechtiges Gefuehl fuer die Gewalt der hellenischen Weltliteratur, eine heilige Sehnsucht, den Wunderbaum in das fremde Land zu verpflanzen, durchdrangen die gesamte Poesie des sechsten Jahrhunderts und flossen in eigentuemlicher Weise zusammen mit dem durchaus gehobenen Geiste dieser grossen Zeit. Der spaetere gelaeuterte Hellenismus sah auf die poetischen Leistungen derselben mit einer gewissen Verachtung herab; eher vielleicht haette er zu den Dichtern hinaufsehen moegen, die bei aller Unvollkommenheit doch in einem innerlicheren Verhaeltnis zu der griechischen Poesie standen und der echten Dichtkunst naeher kamen als ihre hoeher gebildeten Nachfahren. In der verwegenen Nacheiferung, in den klingenden Rhythmen, selbst in dem maechtigen Dichterstolz der Poeten dieser Zeit ist mehr als in irgendeiner anderen Epoche der roemischen Literatur eine imponierende Grandiositaet, und auch wer ueber die Schwaechen dieser Poesie sich nicht taeuscht, darf das stolze Wort auf sie anwenden, mit dem sie selber sich gefeiert hat, dass sie den Sterblichen

das Feuerlied kredenzt hat aus der tiefen Brust.

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^40 Aus dem troischen und dem Herakles-Kreise kommen selbst untergeordnete Figuren vor, zum Beispiel Talthybios (Stich. 305), Autolykos (Bacch. 275), Parthaon (Men. 745). In den allgemeinsten Umrissen muessen ferner zum Beispiel die thebanische und die Argonautensage, die Geschichten von Bellerophon (Bacch. 810), Pentheus (Merc. 467), Prokne und Philomele (Rud. 604), Sappho und Phaon (Mil. 1247) bekannt gewesen sein.

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Wie die hellenisch-roemische Literatur dieser Zeit wesentlich tendenzioes ist, so beherrscht die Tendenz auch ihr Widerspiel, die gleichzeitige nationale Schriftstellerei. Wenn jene nichts mehr und nichts weniger wollte, als die latinische Nationalitaet durch Schoepfung einer lateinisch redenden, aber in Form und Geist hellenischen Poesie vernichten, so musste eben der beste und reinste Teil der latinischen Nation mit dem Hellenismus selbst die entsprechende Literatur gleichfalls von sich werfen und in Acht und Bann tun. Man stand zu Catos Zeit in Rom der griechischen Literatur gegenueber ungefaehr wie in der Zeit der Caesaren dem Christentum: Freigelassene und Fremde bildeten den Kern der poetischen wie spaeter den Kern der christlichen Gemeinde; der Adel der Nation und vor allem die Regierung sahen in der Poesie wie im Christentum lediglich feindliche Maechte; ungefaehr aus denselben Ursachen sind Plautus und Ennius von der roemischen Aristokratie zum Gesindel gestellt und die Apostel und Bischoefe von der roemischen Regierung hingerichtet worden. Natuerlich war es auch hier vor allem Cato, der die Heimat gegen die Fremde mit Lebhaftigkeit vertrat. Die griechischen Literaten und Aerzte sind ihm der gefaehrlichste Abschaum des grundverdorbenen Griechenvolks ^41, und mit unaussprechlicher Verachtung werden die roemischen Baenkelsaenger von ihm behandelt. Man hat ihn und seine Gesinnungsgenossen deswegen oft und hart getadelt und allerdings sind die Aeusserungen seines Unwillens nicht selten bezeichnet von der ihm eigenen schroffen Borniertheit; bei genauerer Erwaegung indes wird man nicht bloss im einzelnen ihm wesentlich Recht geben, sondern auch anerkennen muessen, dass die nationale Opposition auf diesem Boden mehr als irgendwo sonst ueber die Unzulaenglichkeit der bloss ablehnenden Verteidigung hinausgegangen ist. Wenn sein juengerer Zeitgenosse Aulus Postumius Albinus, der durch sein widerliches Hellenisieren den Hellenen selbst zum Gespoett ward und der zum Beispiel schon griechische Verse zimmerte - wenn dieser Albinus sich in der Vorrede zu seinem Geschichtswerk wegen des mangelhaften Griechisch damit verteidigte, dass er ein geborener Roemer sei, war da die Frage nicht voellig an ihrem Orte, ob er rechtskraeftig verurteilt worden sei, Dinge zu treiben, .die er nicht verstehe? oder waren etwa die Gewerbe des fabrikmaessigen Komoedienuebersetzers und des um Brot und Protektion singenden Heldendichters vor zweitausend Jahren ehrenhafter, als sie es jetzt sind? oder hatte Cato nicht Ursache, es dem Nobilior vorzuruecken, dass er den Ennius, welcher uebrigens in seinen Versen die roemischen Potentaten ohne Ansehen der Person glorifizierte und auch den Cato selbst mit Lob ueberhaeufte, als den Saenger seiner kuenftigen Grosstaten mit sich nach Ambrakia nahm? oder nicht Ursache die Griechen, die er in Rom und Athen kennenlernte, ein unverbesserlich elendes Gesindel zu schelten? Diese Opposition gegen die Bildung der Zeit und den Tageshellenismus war wohl berechtigt; einer Opposition aber gegen die Bildung und das Hellenentum ueberhaupt hat Cato keineswegs sich schuldig gemacht. Vielmehr ist es das hoechste Lob der Nationalpartei, dass auch sie mit grosser Klarheit die Notwendigkeit begriff, eine lateinische Literatur zu erschaffen und dabei die Anregungen des Hellenismus ins Spiel zu bringen; nur sollte ihrer Absicht nach die lateinische Schriftstellerei nicht nach der griechischen abgeklatscht und der roemischen Volkstuemlichkeit aufgezwaengt, sondern unter griechischer Befruchtung der italischen Nationalitaet gemaess entwickelt werden. Mit einem genialen Instinkt, der weniger von der Einsicht der einzelnen als von dem Schwung der Epoche ueberhaupt zeugt, erkannte man, dass fuer Rom bei dem gaenzlichen Mangel der poetischen Vorschoepfung der einzige Stoff zur Entwicklung eines eigenen geistigen Lebens in der Geschichte lag. Rom war, was Griechenland nicht war, ein Staat; und auf dieser gewaltigen Empfindung beruht sowohl der kuehne Versuch, den Naevius machte, mittels der Geschichte zu einem roemischen Epos und einem roemischen Schauspiel zu gelangen, als auch die Schoepfung der lateinischen Prosa durch Cato. Das Beginnen freilich, die Goetter und Heroen der Sage durch Roms Koenige und Konsuln zu ersetzen, gleicht dem Unterfangen der Giganten, mit aufeinander getuermten Bergen den Himmel zu stuermen; ohne eine Goetterwelt gibt es kein antikes Epos und kein antikes Drama, und die Poesie kennt keine Surrogate. Maessiger und verstaendiger ueberliess Cato die eigentliche Poesie als unrettbar verloren der Gegenpartei, obwohl sein Versuch, nach dem Muster der aelteren roemischen, des appischen Sitten- und des Ackerbaugedichts eine didaktische Poesie in nationalem Versmass zu erschaffen, wenn nicht dem Erfolge, doch der Absicht nach bedeutsam und achtungswert bleibt. Einen guenstigeren Boden gewaehrte ihm die Prosa, und er hat denn auch die ganze ihm eigene Vielseitigkeit und Energie daran gesetzt, eine prosaische Literatur in der Muttersprache zu erschaffen. Es ist dies Bestreben nur um so roemischer und nur um so achtbarer, als er sein Publikum zunaechst im Familienkreise erblickte und als er damit in seiner Zeit ziemlich alleinstand. So entstanden seine ‘Ursprungsgeschichten’, seine aufgezeichneten Staatsreden, seine fachwissenschaftlichen Werke. Allerdings sind sie vom nationalen Geiste getragen und bewegen sich in nationalen Stoffen; allein sie sind nichts weniger als antihellenisch, sondern vielmehr wesentlich, nur freilich in anderer Art als die Schriften der Gegenpartei, unter griechischem Einfluss entstanden. Die Idee und selbst der Titel seines Hauptwerkes ist den griechischen “Gruendungsgeschichten” (κτίσεις) entlehnt. Dasselbe gilt von seiner Redeschriftstellerei - er hat den Isokrates verspottet, aber vom Thukydides und Demosthenes zu lernen versucht. Seine ‘Enzyklopaedie’ ist wesentlich das Resultat seines Studiums der griechischen Literatur. Von allem, was der ruehrige und patriotische Mann angegriffen hat, ist nichts folgenreicher und nichts seinem Vaterlande nuetzlicher gewesen als diese von ihm selbst wohl verhaeltnismaessig gering angeschlagene literarische Taetigkeit. Er fand zahlreiche und wuerdige Nachfolger in der Rede- und der wissenschaftlichen Schriftstellerei; und wenn auf seine originellen, in ihrer Art wohl der griechischen Logographie vergleichbaren ‘Ursprungsgeschichten’ auch kein Herodot und Thukydides gefolgt ist, so ward es doch von ihm und durch ihn festgestellt, dass die literarische Beschaeftigung mit den Nuetzlichkeitswissenschaften wie mit der Geschichte fuer den Roemer nicht bloss ehrenhaft, sondern ehrenvoll sei.

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^41 “Von diesen Griechen”, heisst es bei ihm, “werde ich an seinem Orte sagen, mein Sohn Marcus, was ich zu Athen ueber sie in Erfahrung gebracht habe; und will es beweisen, dass es nuetzlich ist, ihre Schriften einzusehen, nicht sie durchzustudieren. Es ist eine grundverdorbene und unregierliche Rasse - glaube mir, das ist wahr wie ein Orakel; und wenn das Volk seine Bildung herbringt, so wird es alles verderben und ganz besonders, wenn es seine Aerzte hierher schickt. Sie haben sich verschworen, alle Barbaren umzubringen mit Arzeneiung, aber sie lassen sich dafuer noch bezahlen, damit man ihnen vertraue und sie uns leicht zugrunde richten moegen. Auch uns nennen sie Barbaren, ja schimpfen uns mit dem noch gemeineren Namen der Opiker. Auf die Heilkuenstler also lege ich dir Acht und Bann.”

Der eifrige Mann wusste nicht, dass der Name der Opiker, der im Lateinischen eine schmutzige Bedeutung hat, im Griechischen ganz unverfaenglich ist, und dass die Griechen auf die unschuldigste Weise dazu gekommen waren, die Italiker mit demselben zu bezeichnen.

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Werfen wir schliesslich noch einen Blick auf den Stand der bauenden und bildenden Kuenste, so macht, was die ersten anlangt, der beginnende Luxus sich weniger in dem oeffentlichen als im Privatbauwesen bemerklich. Erst gegen den Schluss dieser Periode, namentlich mit der Catonischen Zensur (570 184) faengt man in jenem an, neben der gemeinen Notdurft auch die gemeine Bequemlichkeit ins Auge zu fassen, die aus den Wasserleitungen gespeisten Bassins (lacus) mit Stein auszulegen (570 184), Saeulengaenge aufzufuehren (575, 580 179, 174) und vor allem die attischen Gerichts- und Geschaeftshallen, die sogenannten Basiliken nach Rom zu uebertragen. Das erste dieser etwa unseren heutigen Basaren entsprechende Gebaeude, die porcische oder Silberschmiedhalle, wurde von Cato im Jahre 570 (184) neben dem Rathaus errichtet, woran dann rasch andere sich anschlossen, bis allmaehlich an den Langseiten des Marktes die Privatlaeden durch diese glaenzenden saeulengetragenen Hallen ersetzt waren. Tiefer aber griff in das taegliche Leben die Umwandlung des Hausbaues ein, welche spaetestens in diese Epoche gesetzt werden muss: es schieden sich allmaehlich Wohnsaal (atrium), Hof (cavum aedium), Garten und Gartenhallen (peristylium), der Raum zur Aufbewahrung der Papiere (tablinum), Kapelle, Kueche, Schlafzimmer; und in der inneren Einrichtung fing die Saeule an sowohl im Hofe wie im Wohnsaal zur Stuetzung der offenen Decke und auch fuer die Gartenhallen verwandt zu werden - wobei wohl ueberall griechische Muster kopiert oder doch benutzt wurden. Doch blieb das Baumaterial einfach; “unsere Vorfahren”, sagt Varro, “wohnten in Haeusern aus Backsteinen und legten nur, um die Feuchtigkeit abzuwehren, ein maessiges Quaderfundament”.

Von roemischer Plastik begegnet kaum eine andere Spur als etwa die Wachsbossierung der Ahnenbilder. Etwas oefter ist von Malerei und Malern die Rede: Manius Valerius liess den Sieg ueber die Karthager und Hieron, den er im Jahre 491 (263) vor Messana erfochten, auf der Seitenwand des Rathauses abschildern - die ersten historischen Fresken in Rom, denn viele gleichartige folgten und die im Gebiet der bildenden Kunst das sind, was nicht viel spaeter das Nationalepos und das Nationalschauspiel im Gebiet der Poesie wurden. Es werden als Maler genannt, ein gewisser Theodotos, der, wie Naevius spottete,

verschanzt, in Decken sitzend, drinnen im heiligen Raum

die scherzenden Laren malte mit dem Ochsenschwanz.

Marcus Pacuvius von Brundisium, welcher in dem Herkulestempel auf dem Rindermarkt malte - derselbe, der im hoeheren Alter als Bearbeiter griechischer Tragoedien sich einen Namen gemacht hat; der Kleinasiate Marcus Plautius Lyco, dem fuer seine schoenen Malereien im Junotempel zu Ardea diese Gemeinde ihr Buergerrecht verlieh ^42. Aber es tritt doch eben darin sehr deutlich hervor, dass die Kunstuebung in Rom nicht bloss ueberhaupt untergeordnet und mehr Handwerk als Kunst war, sondern dass sie auch, wahrscheinlich noch ausschliesslicher als die Poesie, den Griechen und Halbgriechen anheimfiel.

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^42 Plautius gehoert in diese oder in den Anfang der folgenden Periode, da die Beischrift bei seinen Bildern (Plin. nat. 35, 10, 115) als hexametrisch nicht fueglich aelter sein kann als Ennius und die Schenkung des ardeatischen Buergerrechts notwendig vor dem Bundesgenossenkrieg stattgefunden haben muss, durch den Ardea seine Selbstaendigkeit verlor.

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Dagegen zeigen sich in den vornehmen Kreisen die ersten Spuren des spaeteren dilettantischen und Sammlerinteresses. Man bewunderte schon die Pracht der korinthischen und athenischen Tempel und sah die altmodischen Tonbilder auf den roemischen Tempeldaechern mit Geringschaetzung an; selbst ein Mann wie Lucius Paullus, eher Catos Gesinnungsgenosse als Scipios, betrachtete und beurteilte den Zeus des Pheidias mit Kennerblick. Mit dem Wegfuehren der Kunstschaetze aus den eroberten griechischen Staedten machte in groesserem Massstab den ersten Anfang Marcus Marcellus nach der Einnahme von Syrakus (542 212); und obwohl dies bei den Maennern alter Zucht scharfen Tadel fand und zum Beispiel der alte strenge Quintus Maximus nach der Einnahme von Tarent (545 209) die Bildsaeulen der Tempel nicht anzuruehren, sondern den Tarentinern ihre erzuernten Goetter zu lassen gebot, so wurden doch dergleichen Tempelpluenderungen immer haeufiger. Namentlich durch Titus Flamininus (560 194) und Marcus Fulvius Nobilior (567 187), zwei Hauptvertreter des roemischen Hellenismus, sowie durch Lucius Paullus (587 167) fuellten sich die oeffentlichen Gebaeude Roms mit den Meisterwerken des griechischen Meissels. Auch hier ging den Roemern die Ahnung auf, dass das Kunstinteresse so gut wie das poetische einen wesentlichen Teil der hellenischen Bildung, das heisst der modernen Zivilisation ausmache; allein waehrend die Aneignung der griechischen Poesie ohne eine gewisse poetische Taetigkeit unmoeglich war, schien hier das blosse Beschauen und Herbeischaffen auszureichen, und darum ist eine eigene Literatur in Rom auf kuenstlichem Wege gestaltet, zur Entwicklung einer eigenen Kunst aber nicht einmal ein Versuch gemacht worden.