The Project Gutenberg EBook of Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Erster Band., by Julius von Voß This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have to check the laws of the country where you are located before using this ebook. Title: Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Erster Band. Author: Julius von Voß Release Date: May 10, 2015 [EBook #48917] Language: German Character set encoding: ISO-8859-1 *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FLORENS ABENTHEUER IN AFRIKA, ERSTER *** Produced by the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was produced from public domain images generously made available by the University and City Library of Cologne (Digital Collection Westerholt). Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Romantisches Seitenstück zu den Begebenheiten des Herrn von Jalonsky, von Julius von Voß. Erster Band. Mit Kupfern und Vignetten. Berlin, 1809. Bei Johann Wilhelm Schmidt. Erstes Buch. Erstes Capitel. Wohin? Nichts ist geheimnißvoller, wie eine Seefahrt, bei der man das Reiseziel nicht kennt. Da sammelten sich im Frühjahr 1798, Fahrzeuge, Piloten, Truppen, Gelehrte, in Toulon. Jeder hatte nur den Befehl empfangen, sich einzufinden, einen der allgemeinsten die es giebt. Aber vergebens zerbrach man auf Caffeehäusern, oder Lustwandlungen am Seegestade den Kopf, wohin Steuer und Seegel lenken würden. Nur dem großen Haupte war das Geheimniß bekannt. Das Ohr der Neugier hing an jedem Munde, doch die Lippen, von denen Befriedigung ertönen konnte, schwiegen. Der Matros wünschte, es mögte nach Jamaika gehn, weil es dort den besten Rum giebt. Dem Krieger wäre die Fahrt nach den Brittischen Küsten, die willkommenste gewesen, um seine Uniform aus dem besten Tuche der Welt gefertigt, und ihre Taschen mit Guineen gefüllt zu sehn. Nach Peru wäre lieber der Geometer gesegelt, dort einen Meridian zu messen. Der Mineralog sehnte sich nach Ländern voller Ur- Gang- Flötz- und vulkanischen Gebürge, um erdige, salzige, metallische und gemengte Fossilien zu sammeln, und noch neue zu entdecken. Dem Botaniker konnte der Zug nicht weit genug gehn, denn er wollte die Mooshirse in Afrika, die Schaukelpflanze auf den Südseeinseln, den Kannenträger in Zeilon, den Asant in Persien, die Mimose in Amerika, und den Bonanapas-Giftbaum in Java suchen. So dachte der Zoolog, denn der Macacco in Angola, wie der Ai in Guiana, der fliegende Hund in Polinesien, und Vampyr in Chili, der Springhase in der Barbarei, und die Genethkatze in Syrien, die Hyäne, der Taguar, der Löwe, Känguruh, Purna, Schakal, Zobel, Zebra, Bison, Cingalo, dann die Schwimm- Sumpf- Strausartigen- Hühnerartigen- Sperlingartigen- Rabenartigen- Spechtartigen- Geier- und Aarartigen Vögelgeschlechter, die denkwürdigen Amphibien, die Insektenheere mit und ohne Fittig, die seltsamen Conchilien, die Würmlein, Mikroscopthiere, Petrefakten, mußten sie ihm nicht von gleichem Interesse seyn? Gab es nicht viele noch unerforschte Gegenden, wo sich vielleicht, fast gewiß ein noch nie gefundenes Geschlecht ausmitteln ließ. Auch schwamm er gleich willig auf dem Oceane umher, da die Ichtyologie dort ihre reichen Entdeckungsgefilde fand. Die Alterthumskenner sehnten sich nach Inscriptionen und Gemmen, die Architekten nach Tempelruinen, die Geographen wollten um den Erdball, die Sternkundigen weit an den Südpol, die Chemiker überall hin, um überall die Dinge mit Elementarkräften in einfache Stoffe zu zerlegen. Wer die Begebenheiten des Herrn von Jalonski las, und guten Gedächtnisses ist, muß sich erinnern, daß Ring und Flore durch die Wirbelstrudel des Geschicks, auch nach Toulon geworfen wurden, und die Unternehmung zu theilen dachten. Sie vertrauten sich muthig dem Lebensgestirn, mogte es sie führen. Ring machte die Bemerkung: es sei höchst befremdend, daß ein Feldherr gegen Hundert Gelehrte in seinem Gefolge zählte. Deutsche Helden hätten gegen Niemand eine größere Abneigung. * * * * * Man schiffte sich ein, lichtete die Anker, und mied den Hafen. Die blaue Küste schwand, das helle Meer küßte überall den ätherischen Saum. Gen Südost wendet sich der Cours, die Nauten erblicken die kleinen Hierischen Eilande, bald darauf des Gebieters bergigte Heimath, dann gings an die Königsinsel vorüber, deren Herrscher den Stolz der beleidigten Republik schwer empfand. Nach einigen Tagen nahte man den fruchtreichen Gestaden, wo des tiefen Alterthums Legende die Polyphem hausen ließ. Aus ihrer Mitte stieg der drohende Vulkan zur Höhe. Werden wir hier landen, finden wir der Orangen die Fülle. Nein, es geht vorbei. Sollen vielleicht die Raubstaaten Afrikas der Neufranken Besuch empfangen? Nein, dem heiterem Morgenlande zu, steuert der Pilot. Gilt vielleicht dem Großherrn in Stambul der Besuch? Doch man stationirt vor Malta. Eine Convoy von sechzig Segeln aus Civitavecchia vereint sich mit der Flotte. Der Felsen, den Priestern von altem Adel gehörig, wird angegriffen. Hilf Himmel, wie erschraken die Ritter da droben, als die Kanonade begann. Der warf die Pücelle, welche er eben las, in einen Winkel, jener stieß seine Mätresse unsanft von sich. Alles lief durcheinander. Man hörte Flüche in allen Zungen. Sie hatten Recht. Eine Kanonade, lustig anzuhören im Theater oder bei Musterungen, gellt unerträglich ins Ohr, wenn die scharfgeladenen Schlünde uns zugekehrt sind. Capitulation! ruft alles, in Bombenfesten Klüften versteckt. Die Fahne des heiligen Johann galt nicht mehr, die weiße Fahne. O ihr Rhodiser, die ihr einst euch so tapfer wehrtet, was sagt ihr im Himmel droben, zu den Stiefenkeln? Doch tröstet euch! Der Zorn tapfrer Ahnen im Todtenreich über die untapfre Nachkommenschaft ist nicht selten. Nach zwei Tagen waren die Unterschriften vollzogen, die Franzosen liefen in den Hafen, und organisirten das Land. Wie weinten die Kinder der Ritter! Flore und Ring stiegen, wie der Schiffer spricht, auch an den Wall, und besahen allerhand Merkwürdigkeiten. Rings Phantasie schwebte wonnig in die Tiefen der Vorzeit zurück, als er die kirchlichen, griechischen, ja phönicischen Alterthümer erblickte, die man hier vorzeigt; Flore hätte aber lieber einen neuen Anzug aus dem Palais-Royal gesehn, und war oft der Frage nahe, welche ein naiver Knabe, den sein Hofmeister unter herrlichen Versprechungen nach Rom geleitet hatte, im Museum des Vatikans that: ^Est ce que je m'amuse?^ Die unkriegerischen Ritter hatten, wie man weiß, ewigen Krieg beschworen, und mußten also dem Pflichteide nach, ein wenig gegen die Türken kreuzen. Da hatte man denn hie und da über Kauffahrer einen stolzen Sieg getragen, und Gefangne gemacht, die sich zur Sklaverei auf Maltha bequemen mußten. Man fand deren einige Hundert vor, und nahm sie an Bord, um ihnen die Freiheit da zu geben, wo sie ihnen nützlich seyn konnte. Nicht wenig befremdete die armen Teufel eine wohl nie erwartete Großmuth. Unter ihnen befand sich ein junger Muselmann Namens Coraim, von freundlichem gutmüthigem Ansehn, und aufgewecktem Sinn. Er hatte in La Valette etwas italienisch und französisch reden gelernt, und unterhielt die Gesellschaft des Schiffes, auf welches er gebracht worden war, das nämliche, wo sich Ring und Flore befanden, mit mancherlei Erzählungen. Man erfuhr auch bald, daß er ein Mährchenerzähler war, deren es im ganzen Morgenlande giebt, und welche die Stelle der Bücher vertreten. In Deutschland hat bekanntlich vor einigen Jahren ein großes Genie das Wort Kindlichkeit ausgesprochen, und wie gewöhnlich, wird ein so ausgesprochenes Wort von Tausend kleinen Genies nachgesprochen. Wohlan, man könnte wohl behaupten, daß die muselmännische Kindlichkeit in dem Behagen an Mährchen, keine geringe Nahrung finde, und von da bis zu dem Vorschlag einen solchen Gebrauch auch unter uns einzuführen, ist nur ein kurzer Schritt. Auch leuchtet ein, daß eine Mährchenerzählung bequem in derselben Stunde in Hundert Ohren zu tragen ist, wogegen das Buch, wenn es nicht in vielen Abdrücken gekauft wird, eine langsame Wanderung machen muß. Der Wind blies nicht erwünscht, die Flotte wurde ziemlich im Meere aufgehalten. Desto mehr gab es der Langeweile, und jeder suchte einen Zeitvertreib. Denn der Blick ins Meer hinaus empfindet bald Einförmigkeit. Flore lag dann meistens den Coraim um eine Erzählung an, und fand ihn immer willfährig, es mogte Tag oder Nacht seyn. Er glich darin nicht dem Verfasser der Tausend und Einen Nacht, bei dem die anmuthige Scheherazade immer angeredet wird: Wenn sie nicht schlafen, so erzählen sie uns doch eine von ihren allerliebsten Historien. Da aber einige junge Pariser noch spät an seinem Hause vorübergingen und riefen: Herr Galland, wenn sie nicht schlafen, so erzählen sie uns doch eine von ihren allerliebsten Historien, war der Mann sehr aufgebracht. Zweites Capitel. Coraims Erzählung. Nachdem der Sklave einen ziemlichen Vorrath unglaublicher Berichte erschöpft, und seiner Hörer Einbildung mit Geistern, Riesen, Zauberern, Derwischen überfüllt hatte, theilte er auch die wahre Geschichte einer schönen Europäerin mit, die sich vor einiger Zeit in Cairo zugetragen hatte. Ein Spanier segelte von Barzellona nach Egypten, weil er zu Cairo als Consul seiner Nation wohnen sollte. Man hatte nicht Frieden mit Algier, ein Corsar griff das spanische Schiff an, und ward Sieger. Die gefangene Mannschaft wurde nach seiner Heimath geführt, und auf dem Sklavenmarkte feil geboten. Der Spanier wäre gefaßt gewesen, da er überzeugt seyn durfte, bald von seiner reichen Familie losgekauft zu werden, aber er führte seine neunjährige Tochter mit sich, und hatte schon auf dem Raubschiffe gefleht, sie nicht von ihm zu trennen. Dies war aber umsonst gewesen, wie das Winseln der ihn umklammernden Isabelle; der Corsar hatte Weiber und Männer theilend, sie im Hafen auf zwei verschiedene Chaluppen gesetzt, die nicht weit von einander dem Strande zuruderten. Isabelle, so kühn wie zärtlich, hatte sich aber in einem Augenblicke, wo beide Fahrzeuge fast mit den Borden zusammenstießen, aufgerafft und einen Sprung gewagt, um zu ihrem Vater zu gelangen. Indem aber waren die Boote wieder nach zwei Seiten gewichen, und die Unglückliche in die Wogen gesunken. Das Bestreben, sie zu retten, blieb unbelohnt, um so mehr, als die Dunkelheit des hereinbrechenden Abends, und die Strömung der See hinderlich waren. Der trostlose Vater hörte nichts mehr von der geliebten Isabelle. Nach einem halben Jahre langte die Ranzionsumme an, und frei, doch traurig und gebeugt begab sich der Spanier an den Ort seiner Bestimmung. -- Sechs Jahre darauf langte eine Caravane von Fezzan zu Cairo an. Unter vielen mitgebrachten verkäuflichen Gegenständen, sah man auch den Sklavenmarkt durch diese Caravane gefüllt. Man fand dort Eunuchen und glänzende Negerinnen, mit perlweissen Zähnen. Doch vor allen fesselte ein funfzehnjähriges europäisches Mädchen, die Aufmerksamkeit der Käufer. Wuchs, Auge, Haar, alles bezauberte an ihr, wie sich von selbst versteht, und gegen die Sitte, war sie bekleidet, weil sie dem Sklavenhändler erklärt hatte, daß sie sich den ersten gelegenen Tod geben würde, wenn er sie, gleich den andern Mädchen, ohne Hülle ausstellte. Die Beis waren grade in Krieg verwickelt, und dachten nicht an den Harem, die reichen Muselmänner versteckten ihr Geld, deshalb konnten sich Europäer auf dem Bazar einfinden. Unter andern befand sich eben ein Italiener zu Cairo, der egyptische Seltenheiten einkaufte, Namens Signor Perotti. Alte Münzen von den Ptolemäern, kleine Götzenbilder aus der Pharaonenzeit, Steine mit Hieroglyphen, hatte er schon in Menge zusammengebracht. Schon öfter hatte er vordem eine solche Handelsreise gethan, war denn mit seinen Waaren nach Neapel, Rom und Venedig gegangen, wo er sie meistens an reiche reisende Britten, mit unerhörtem Vortheil abgesetzt hatte. Signor Perotti erschien auch auf dem Bazar, das lüsterne Auge an den Reizen der enthüllten Mädchen zu weiden. Da er aber Isabellen sah, deren Verhüllung grade die lieblichsten Ahnungen erweckte, ward ihm der glühende Wunsch nach Besitz rege, und er fragte zitternd um den Preis. Es wurden Tausend Piaster gefordert. Viel für einen Geitzhals, doch überwand die Leidenschaft, und da der Verkäufer nichts ablassen wollte, so zahlte Signor Perotti. Isabelle rang weinend die Hände, da sie ihren Käufer betrachtete. Sie redete ihn an, er verstand sie aber nicht. Wohl hatte sie erst gewünscht, ein Europäer mogte sie erstehn, dem sie sich entdecken, und ihn bewegen mögte, an ihre Familie zu schreiben, allein das ganze Wesen dieses Pantalons deutete ihr nichts Gutes. Eben aber, da der Handel abgeschlossen wurde, trat auch ein junger Franzose hinzu, wurde plötzlich von des holden Mädchens Schönheit bewegt, und fragte den Welschen mit Ungestüm, ob er sie mit hohem Vortheil ihm überlassen wollte? Nein, versetzte Jener, und so ich zehntausend Piaster gewönne. Das Mädchen blickte vielsagend nach dem Franzosen, und er begriff, daß sie sich lieber in seinen Händen befinden würde. Eine Entdeckung, die das Feuer seiner Liebe natürlich noch um so mehr anfachte. Er schlich dem Italiener nach, seine Wohnung zu erkunden, holte dann eine bedeutende Summe, und begab sich wieder zu ihm. Dieser schlug aber alles fest ab, und der Franzose ward, da er wieder erschien, nicht ins Haus gelassen. Trostlos berathete dieser mit seinem Diener, was hier anzufangen sei. Das Haus hatte nach morgenländischer Sitte keine Wohnzimmer vorne heraus, es bestand also nicht einmal die Hoffnung, die Schöne im Vorübergehn zu erblicken, weit weniger ihr ein Billet zuzuwenden. Ins Haus zu gelangen, das war ein Problem, welches er vollends nicht zu lösen wußte. Wie die Eifersucht ihn unter solchen Umständen quälte, fühlt auch jedermann. Indessen hatte man sich genau um das Treiben des Signor Perotti erkundigt, und Michelet, des Franzosen verschlagener Diener, entwarf einen Plan, seinen Herrn zu dem Mädchen zu bringen, es koste was es wolle. Er begab sich nach des Italieners Wohnung, und pochte an. Der Herr erschien vor der Thür, nachdem er das Haus vorsichtig wieder geschlossen hatte, und fragte nach des Fremden Begehren. Dieser vertraute ihm geheimnißvoll, er habe sich in eine der Pyramiden von Gizah gewagt, und sei mittelst der mühvollen Hinwegwälzung eines großen Steines tiefer eingedrungen als wohl noch jemand zuvor. Hier habe er eine kostbare ganz unversehrte Mumie gefunden, und sie bei Nacht, und unter vielen Gefahren nach Cairo geschafft. Wenn Signor Perotti Lust habe, könne er sie kaufen. Dieser war gleich dazu geneigt, und fragte: wo er die Seltenheit sehen könne? Bei mir nicht, antwortete Michelet, da würde es Verdacht erwecken, und ich würde um die Entwendung bestraft. Da aber in eurer Wohnung kein Eingeborner lebt, so können wir dort alles ordnen, und ich bin bereit, diesen Abend die Mumie in ihrem Sarge zu euch zu bringen. Zwei vertraute Landsleute sind mir behülflich. Der Italiener, in Hoffnung großer Vortheile, war es zufrieden, und erklärte, daß er ihn am Abend erwarten werde. Nun ward ein Mumiensarg, deren es in Cairo viele giebt, angeschafft, und wie der Leser wohl schon erwarten mag, der junge Franzose hineingepackt. Liebe, und Intriguengeist ermannten ihn, das Abentheuer zu bestehn, und die Qual der beengten Lage zu dulden. Viele Luftlöcher sicherten ihn gegen Erstickung. Es war Abend, Michelet und einige Bekannten trugen die Last an den Ort ihrer Bestimmung. Signor Perotti, ließ nur den Ersteren mit ein, und trug sammt ihm den schweren Sarg in eine Kammer mit Gitterfenstern. Eben sollte er nun geöffnet, und die Mumie geprüft werden, als es draußen mit großem Getöse an die Hausthür pochte. Der Italiener ging mit Michelet aus der Kammer, verschloß sie, und fragte: wer sich am Hause befände? Diener vom Bei des Quartiers, lautete die Antwort. Man mußte öffnen. Zwei Mamelucken standen da, und forderten, daß der Frank unverzüglich zu ihrem Herrn käme. Gegen solchen Befehl gilt im Morgenlande keine Einwendung, Signor Perotti beschied also den Mumienverkäufer nach einigen Stunden wieder, schärfte seinem Bedienten Wachsamkeit ein, versah die Hausthür noch mit einem überflüssigen Vorhängeschloß, und folgte den Mammelucken. Der junge Franzos öffnete nun sein ängstliches Behälter, und stieg leise hinaus. Dunkel war die Kammer, das Fenster wohl verwahrt. Aber Liebesritter versehn sich auf solche Fälle. Eine Quantität Scheidewasser und eine scharfe Feile setzten ihn in Stand, durchs Fenster sich Raum zu verschaffen. Freilich konnte das nicht ohne Geräusch vollzogen werden. Doch jener Bediente des Signor Perotti, der einen Sarg hatte ins Haus tragen sehn, und nun das Bewegen und Klirren vernahm, ward furchtsam, und wagte nicht nach dem Fenster zu eilen. Er wollte aus dem Hause, hinter seinen Herrn laufen, und diesem berichten, was vorging, doch die Thür war zu. In dieser Angst schloß er das Zimmer Isabellens auf, (gegen ihn, da er alt war, argwohnte der Italiener nicht) und begehrte von ihr, sie sollte mit ihm in den Hof kommen, damit er jemand bei sich hätte, und Muth behielt. Natürlich fragte Isabelle: was es gäbe? Entweder ward die Mumie lebendig, oder in dem Sarge steckt ein Dieb, erwiederte Antonio. Es war, als ob Isabellen etwas ahnte, und sie ging um so williger nach, als ihr die Freiheit willkommen war, ihr Zimmer verlassen zu können, denn bisher war sie immer eng eingesperrt gewesen. Man kam in den Hof, und hörte die Feile. Isabelle nahte dem Fenster, weil Antonio noch nicht dazu sich bewegen ließ. Der Franzose inwendig, indem er wahrnahm, daß von Außen jemand heranschlich, sah sich verrathen, und versuchte, was eine Geldsumme bewirken mögte. Er sagte leis: Hundert Piaster sind zu gewinnen, so ihr mich zu der Sklavin lasset. Isabelle erkannte augenblicklich die Stimme des liebenswürdigen jungen Mannes wieder, der so theilnehmend herangetreten war, als sie neulich verhandelt worden. Besonnen flüsterte sie dem bebenden Diener zu: Hier ist ein Räuber, eile auf mein Zimmer, da wirst du einen Dolch finden, bringe ihn schnell hieher. Antonio stolperte davon, kaum war er aber auf des Mädchens Zimmer angelangt, als dieses hinter ihm verriegelt wurde, denn Isabelle war nachgeeilt. Jetzt kam sie wieder vor jenem Gitter an, und fragte: was das heimliche Beginnen deute? Der Franzos hörte die Mädchenstimme froh überrascht, und vernahm auch bald, daß die, welche sein leidenschaftlicher Ungestüm suchte, ihm nahe sei. Er malte ihr mit den glühendsten Farben, seine Liebe, und bat sie, mit ihm davon zu eilen. Eben hatte er auch einige Eisenstäbe weggebracht, und konnte sich in den Hof hinausschwingen. In starrer Verwunderung weilte das Mädchen; ihr Abscheu vor dem Italiener siegte aber gleich über die Bedenklichkeiten, und sie fragte schon, wie eine Flucht möglich sei? Zugleich berichtete sie, daß der einzig im Hause vorhandne Diener in ihrem Zimmer verriegelt wäre. Die Beiden hatten nun immer Spielraum gewonnen; die Treppe nach dem Dache ward gesucht, das Schloß daran mit Gewalt zerstört, und der Franzos stieg mit Isabellen hinauf. Es war platt, wie in ganz Cairo der Gebrauch besteht. Nun gab er ein Zeichen, das unten von der Gasse beantwortet wurde. Eine Strickleiter ward mit einer Stange dargereicht, der Franzos befestigte sie, und ließ mit Hülfe Michelets, Isabellen und sich hinab. Zuvor hatte er aber noch Tausend Piaster auf den Mumiensarg gelegt, und daneben geschrieben: Französische Intrigue. Signor Perotti war unterdessen den Mammelucken gefolgt, die ihn aber unter allerlei Vorwand auf der Gasse aufhielten. Bald gab es dies bald jenes zu sehn, und es verging um so viel mehr Zeit, da in Cairo die Straßen mit Thoren versehen sind, die erst geöffnet werden müssen. Endlich aber gingen sie nach dem großen Canal hinab, und gaben dem Signor Perotti auf, nur ihrer am Ufer droben zu harren, da sie einen ihrer Kameraden, der unten die Wache bei den Barken des Beis hätte, zu sprechen hätten. Allein sie kamen nicht zurück, und nur nach einer ungeduldig ausgeharrten Stunde, wagte der zaghafte Italiener hinabzusteigen, wo er denn keine Barke und keinen Mammelucken mehr gewahrte. Zitternd schlich er nach des Beis ihm wohlbekannter Wohnung, allein die Dienerschaft wußte von keinem solchen Befehl, und er lief was er konnte nach Hause, denn ihm leuchtete nun wohl ein, er hätte es mit vermummten Betrügern zu thun gehabt. Zuerst ward er die noch herabhängende Strickleiter inne. Grausenhaftes Zeichen! Im Hof rief er den Antonio vergebens, und fand ihn endlich statt Isabellen auf ihrem Zimmer. Heulend verkündigte er das Auferstehn der Mumie, und empfing Mißhandlungen seiner unvorsichtigen Furcht wegen. Endlich schlug Signor Perotti neben dem Sarge die Hände über den Kopf. Sein Schmerz war ernstlich, und die Tausend Piaster trösteten ihn nicht. Er hatte durch seinen Handel nach der Levante während zwanzig Jahren etwas namhaftes erworben, und wollte sich nun auch einmal gütlich thun. Der junge Franzos, Coutances war sein Name, war unterdessen mit der reizenden Beute in seiner Wohnung angekommen, und Michelet bereitete ein Mahl. Der Mann besaß eben keine Reichthümer, sondern fing meistens mit aufgenommenem Capital eine Kaufmannschaft an. Die Tausend Piaster, im Rausch der Liebe hingezahlt, konnte er eigentlich nur schwer missen. Isabelle warf sich, wie sie sich allein befanden, zu seinen Füßen hin, und bat um Schonung. Zugleich sagte sie ihm: ich gehöre einem reichen Geschlechte in Spanien, und wurde von Corsaren geraubt. Suchen sie Erkundigungen einzuziehn, ob mein Vater vielleicht losgekauft, und nach Cairo gekommen ist. Wo nicht, so lassen sie uns nach Spanien reisen, und empfangen dort meine Hand mit einem ansehnlichen Vermögen. Das sei der Lohn ihrer Großmuth. Die Versicherung, daß mein Herz schon im ersten Augenblicke für sie sprach, das Vertrauen, womit ich ihnen folgte, gnüge bis dahin ihrer Liebe. Coutances hörte ihr mit Befremdung zu, empfand Ehrfurcht für Isabellen, und schwur ihr Begehren zu heiligen. Er fragte noch: warum in Algier keine Anstalten zu ihrer Befreiung getroffen worden, und erfuhr: nachdem sie durch Fischer aus dem Meere gerettet wäre, hätten sie diese nach einem Landhause gebracht, und einer alten Dame verkauft, die große Anhänglichkeit für sie gefaßt habe, und sich durchaus nicht hätte von ihr trennen wollen. Bei einem innerlichen Kriege sei sie aber aufs Neue geraubt, und endlich in die Gewalt des Sklavenhändlers gekommen, der sie nach Cairo gebracht. Der Geliebte ging am folgenden Morgen zu einem Bekannten, und fragte nach den Lebensumständen des spanischen Consuls. Zu seinem größtem Vergnügen hörte er, daß der Mann sich beinahe sechs Jahr in Egypten befände, und auf der Reise den Unfall erlebt habe, Algierischer Sklave geworden zu seyn. Kein Zweifel weiter. Auf der Stelle eilt er zu ihm, und theilt schon im Geiste das Entzücken Isabellens. Vor der Hausthür steht ein Mann, den Coutances fragt: ob der Consul daheim wäre? Nein, ist die Antwort, er bringt einige Zeit in seinem Garten zu, da er an der Augenkrankheit leidet, und hier so viel Staub ist. Wißt ihr den Garten Freund? Könnt ihr mich auf der Stelle dahin führen? -- Warum nicht. Jetzt kömmt ein Diener mit zwei gesattelten Eseln die Gasse her. Sie gehören dem Consul, sagt jener Mann, besteigen wir sie, der Herr würde es übel nehmen, wenn man einem Fremden den weiten Weg zu Fuße machen ließe. Coutances läßt sich das gefallen, nimmt das eine Thier, der Andere das zweite, und so trabt man fort. Ein kleiner artiger Garten nimmt den Franzosen auf, der nun in den Pavillon geführt wird. Die Fenster sind grün verhangen, ein Augenkranker sitzt, das Gesicht umschirmt, auf dem Sopha. Sind sie der spanische Consul, mein Herr? -- Zu Dienst. -- Besaßen sie eine Tochter? -- O Gott, warum mahnen sie mich daran? Sie ertrank im Hafen von Algier. Sie lebt, glücklicher Vater, sie ist in Cairo! Der rasche Ungestüm der freudigen Ankündigung bringt ihn einer Ohnmacht nahe. Coutances unterstützt ihn, muß nun erzählen, wieder erzählen, soll hin zu ihr -- noch bleiben -- dann wieder eilen, da der Spanier den glücklichen Moment nicht erwarten kann. Der Franzose wird eingeladen, auch seine Wohnung in dem Garten aufzuschlagen, was ihm allerdings nicht unwillkommen ist. Der Alte drängt. Eine Sänfte soll sogleich Isabellen holen, Coutances seine Habseligkeiten ohne Zaudern mitbringen. Man giebt ihm deshalb noch einige Packesel mit, und er eilt von dannen. Wer ist froher wie Isabelle bei so freudiger Botschaft! Sie fliegt zur Sänfte, kaum kann der Geliebte die Träger zurückhalten, die sie so heftig antreibt. Er und Michelet laden alle Sachen, so schnell es thunlich ist, auf, und folgen der Sänfte. Man kömmt wieder in dem Garten an, Coutances führt Isabellen in den Saal, die entzückt vor dem Alten niederfällt. Indem ruft der Mann draußen, die Eseltreiber hätten einige Stücke von dem Gepäcke verloren. Coutances, der Isabellen beim Vater weiß, springt zurück, denn an dem Umstand ist ihm gelegen. Die Eseltreiber sind mit den Thieren zurückgeeilt, auch der Mann. Coutances und Michelet folgen zu Fuße, denn ihre Reitesel sind bei Seite geführt. An einer Ecke hatte man jene im Getümmel aus dem Gesichte verloren. Höchst verdrießlicher Umstand. Man eilt aus einer Gasse in die andere. Umsonst! Man erreicht zuletzt die alte Wohnung. Da stehen die Eseltreiber mit dem Gepäcke. Es fehlt nichts wie jener Mann. Die Kerle erklären, er habe ihnen angedeutet zurückzukehren. Sonderbar! Seid ihr denn nicht im Dienste des Consuls? Nein, wir wurden gedungen. Coutances übergiebt sie seinem Diener, und eilt wieder nach jenem Garten. Darüber aber sind bei der weiten Entfernung, und manchem hinderlichen Aufhalt, einige Stunden vergangen. Der Pavillon ist leer. Er fragt nach dem spanischen Consul. Den kennt der Wirth dieses öffentlichen Gartens nicht. Einige Unbekannte haben ihn nur auf heute gemiethet. Er eilt zur Wohnung des Consuls in der Stadt. Der Mann, durch den er neulich in der Thür Bescheid erhielt, findet sich nicht mehr vor; dagegen erfährt er im Hause von der Dienerschaft, der Consul sei weder krank, noch in einem Garten gewesen. Schnell fliegt der Franzos wieder zu Signor Perotti. Der ist heute ausgezogen, man weiß nicht wohin? Ein Mütterchen, die jenen von oben bis unten besieht, spricht: ja es trifft zu, und führt ihn in die Kammer wo der Mumiensarg noch steht. Er ist versiegelt, und hat auf dem Deckel eine Aufschrift an Coutances. Eröffnet findet sich darin ein Beutel mit Tausend Piastern, und auf einem Papiere die Worte: Italienische Intrigue. Wer malt den Zorn des Betrogenen! Er konnte sich alles deuten, da Isabelle ihm gesagt hatte, sie habe dem Perotti ihre Geschichte vertrauen wollen, weil er aber das Spanische nicht verstanden, so habe sie alles zu Papier gebracht, und jener sich es wollen übersetzen lassen. Coutances lief nun abermals zum Consul, und erbat sich abermals eine Unterredung. Nachdem es sich erwiesen hatte, daß Isabelle vollkommen wahr geredet, und Entzücken über den wahren Vater kam, berichtete er nun weiter, wie er so planmäßig durch den Italiener gefoppt sei. Alle Mühe, die eben sowohl der Spanier wie Coutances anwandten, Signor Perotti und Isabellen zu entdecken, blieb mehrere Tage unbelohnt. Dann aber empfing der Vater durch einen Unbekannten ein Schreiben ohne Anzeige des Aufenthaltes. In demselben zeigte Perotti an, wie er durch seltsamen Zufall, Isabellen aus der Sklaverei gekauft habe. Er setzte hinzu: Die Landessitte gäbe ihm ein unbestrittenes Recht auf das Mädchen, und dies würde er auch üben, und sie auf seinen weiteren Reisen mitnehmen, ohne daß der Vater sie zu Gesicht bekäme, es sei denn, dieser wolle ihn zu seinem Eidam machen. Wäre dies etwa sein Entschluß, so mögte er ihn mittelst eines Anschlags an eine gewisse Mauer in italienischer oder französischer Sprache kund thun. Hierdurch fand sich der alte Mann ziemlich gepreßt. Wie konnte er einem Unbekannten, von dem dazu des Franzosen Schilderung sehr unvortheilhaft war, so rasch sein einzig Kind zusagen. Gleichwohl besaß dieser dieses Kind in seiner Gewalt, und ein andres Mittel, ihn zur Auslieferung zu bewegen, entdeckte sich so leicht nicht. Doch wurde zuvor ein Anschlag versucht, in welchem der Spanier erklärte: Wenn Isabelle es zufrieden sei, würde er auch seine Einwilligung nicht zurückhalten; wäre das aber nicht, so hoffte man von dem Zartgefühl des Italieners, er werde von selbst keinen Zwang begehren, und ein reicher Lohn andrer Art wäre immer für ihn bereit. Es wurden dringende Bitten angefügt, des Vaters zärtliche Wünsche schnell zu befriedigen. Signor Perotti wollte das aber nicht eingehn. Er verlangte in einem anderweitigen Briefe, die runde nette Erklärung. Sonst, hieß es weiter, reisete er ab, und nimmer würde der Spanier sein Kind an die Brust drücken. Was blieb letzterm nun übrig, wie eine bestimmte Zusage? Er bat zugleich Coutances, zur Erhaltung des Friedens, sein Haus zu meiden, denn letzterer hatte in der Erzählung wohl entdeckt, wie er sich schmeichele, von Isabellen geliebt zu seyn. Dieser schwur aber, das Mädchen um jeden Preis dem Italiener zu entwinden, denn er konnte den Gedanken nicht tragen, auf sie Verzicht zu thun. Ein Kaufmann seiner Landsmannschaft versprach ihm Gelddarlehne, um weitschichtige Anstalten zu treffen, und Michelet bot, ein anderer Scapin, allen Erfindungsgeist der List auf. Das Haus des Spaniers wurde vorerst durch tiefvermummte Beobachter von allen Seiten umlagert. Nicht lange so kam Signor Perotti, wiewohl noch alleine, an. Er ließ sich nun noch von dem Spanier eine förmliche Handschrift aushändigen, und nach dieser neuen und festen Sicherheit versprach er das Mädchen zu bringen. Es war aber schon gegen Abend; in der Dunkelheit sollte nichts geschehn, am andern Morgen erst, setzte er hinzu, dürfte der Consul die Tochter erwarten. Eine Marter für seine väterliche Sehnsucht. Am andern Morgen kam Signor Perotti die Gasse daher. In einer wohlverschlossenen Sänfte wurde Isabelle getragen, und um ja keinem Unfall blosgestellt zu seyn, hatte er sich von dem Bei seines Distriktes sechs Soldaten zur Wache erbeten, und diese gut bezahlt. Er traute dem Franzosen nicht, und fürchtete, dieser mögte ihm seine Beute allenfalls mit Gewalt entreissen. Ein etwas schmaler Canal lief queer durch diese Gasse. Eben als die Sänfte auf der hölzernen Brücke angelangt war, entstand vor derselben ein dickes Gedränge von Franken und Egyptern, die über einen Kameelhandel in Zank gerathen waren. Das streitige Thier stand so, daß in der schmalen Gasse fast kein Raum mehr blieb, vorüber zu kommen, um so mehr, als so viele Menschen hinderlich waren, es in eine andere Richtung zu bringen. Dem Italiener war das aufs Aeußerste verdrießlich; er ließ die Sänfte niedersetzen, stand an einer Seite derselben, Antonio an der anderen, die Soldaten mußten einen dichten Kreis um ihn ziehn, und ins Volk rufen, damit bald Raum gemacht wurde. Bald schwand eine Viertelstunde hin. Dann aber konnte man vorwärts dringen. Der Consul stand voller Erwartung an seiner Thür. Endlich kam die Sänfte, wurde durchs Haus in den Hof getragen, und Signor Perotti eilte aufzuschließen. Mit offnen Armen stand der Vater da, wollte nun die Langentbehrte glühend umfassen, doch die Thür öffnete sich, und zeigte eine leere Sänfte. Auf dem Sitze lagen Tausend Piaster, und ein Zettelchen, mit den Worten: Französische Intrigue. Signor Perotti tobte wie unsinnig, der Alte sank bleich zurück. Ersterer versicherte Isabellen in den Tragsessel gehoben, mit eigner Hand die Thüren verschlossen zu haben, das wurde von Antonio, den Soldaten, und Trägern bezeugt, wie auch, daß unterwegs an keine Oeffnung derselben zu gedenken gewesen wäre. Man lief zurück, tobte, lärmte, setzte Prämien aus, nichtig. Endlich gerieth der Consul in Zorn wider den Italiener, und verbat seine ferneren Besuche. Nach einiger Zeit schrieb Coutances, daß er sich im Stande fühle, ihm Vaterglück zu bereiten, doch würde er denselben Punkt feststellen, der vorhin dem Italiener bewilligt sei. Froh war der Vater, daß sein Kind sich in des Franzosen Händen befand, er schlug gern ein. Es muß nun erzählt werden, welche Mittel Coutances angewandt hatte. Die Späher waren dem Italiener nachgeschlichen, und hatten so seine Wohnung entdeckt. Dieser ließ sich auf keine Weise beikommen, denn hohe Mauern waren zu übersteigen, die in ein Gehöft führten, unter dessen vielen Häuschen, denn bei Nacht das rechte sich nicht erkennen ließ. Dagegen berathete man, daß ohne Zweifel am Morgen eine Sänfte für Isabellen würde gemiethet werden, und besah den Weg, der zu nehmen war. Weil nun viele Sänften an einem nahen Eckplatze standen, so begab sich Michelet mit einigen Handwerkern in Holz, während der Nacht dorthin, und an der einen wurde der Fußboden losgemacht, unten aber mit einem Schieber versehn. Zugleich wurde ein Mechanismus angebracht, nach welchem von unten ein kleiner Zettel in die Sänfte zu bringen war, des Inhalts: Isabelle mögte nichts befürchten, wenn die Sänfte still stände, und der Boden sich nach unten öffnete, sondern sich muthig der Liebe vertrauen. Ihr Vater hätte sie dem Perotti als Gattin zugesagt, besser, sie erblickte jenen um einige Tage später, wie unter einer so schnöden Bedingung. Nun hatte man sich zu der Brücke begeben, und mit so wenigem Geräusch als möglich, eine Fallthür gezimmert, die von Außen mit Staub beworfen, aber sehr genau bezeichnet ward. Als nun die Sänfte auf der Brücke anlangte, war das hindernde Getümmel durch bestochene Leute aus dem Pöbel erregt, bereit; und der verkleidete Michelet, mit einigen Landsleuten ruhte nicht, bis die Sänfte auf den rechten Punkt gedrängt war. Da wurde es nun das Werk einiger Minuten, Isabellen durch die Fallthür in die unter der Brücke harrende Gondel, in welcher sich Coutances mit zwei Freunden befand, zu schaffen. Allerdings hatte man auch alle übrigen Sänften weggemiethet, daß nur die rechte noch für Signor Perotti übrig blieb. -- Dieser schnob nun Wuth und Rache. Nimmer schwur er, soll der Franzose das Mädchen besitzen, und sollt ich mein halbes Vermögen aufwenden. Auch er that das seinige, den Aufenthalt desselben zu erspähn, wie dieser wieder keine Maasregeln versäumte, um das Mädchen zu sichern. Er schlief keine Nacht, sondern wachte mit Michelet auf das Sorgsamste. Da ihm des Consuls Antwort, Isabellens Besitz verhießen hatte, traf er Anstalten, sie ungefährdet in das väterliche Haus zu bringen. Man baute eigens eine geräumigere Sänfte, in welche er sich neben Isabellen setzen konnte. Michelet umgab sie mit mehr als zwölf Wächtern, und so trat man den Weg durch entlegene Gassen an. So kam denn Isabelle zwar zu ihrem hocherfreuten Vater, und die Liebenden glaubten, in dem gutverwahrten Hause, und bei der zahlreichen Dienerschaft des Spaniers, nichts befürchten zu dürfen, demungeachtet war aber Isabelle am andern Tage wieder aus dem mit starken Gittern gesicherten Zimmer verschwunden, ohne daß jene oder die Thüren im mindesten zerstört gewesen wären. -- _Land_, _Land_, rief es hier, und die kleine Gesellschaft, die der Erzählung Coraims mit großer Theilnahme gehorcht hatte, sprang eiligst zum Verdeck hinauf. Seitdem man die Spitze der Insel Candia vor einigen Tagen erblickt hatte, und der Cours immer wieder nach Südost ging, war die Vermuthung allgemein geworden, Egypten sei das Reiseziel des französischen Heeres. Um desto reger hatte auch die Einbildungskraft gearbeitet, während der Türke erzählte. Nun vergaß man ihn und Isabellen. Der Anblick jener weißen Küste, zog unwiderstehlich an. Von allen Seiten her schimmerten die Seegel, und die Fahrzeuge sammelten sich vor dem Thurm der Araber, unweit Alexandrien. Da man die Engländer vermuthete, nahmen die Kriegsschiffe eine Vertheidigungsstellung, während dessen bald vier bis fünftausend Mann gelandet wurden, die nach der Pompejussäule vormarschirten. Der Feldherr, treu der Maxime des Tacitus: »Bei einer Entschließung, die erst _vollführt_ Lob verdient, findet keine Bedenklichkeit statt!« marschirte sogleich nach Alexandrien, nahm es mit Sturm ein, und verjagte die Mammelucken und Araber. Dadurch gewann man hinterwärts Sicherheit, und alle Truppen, und was zum Heere gehörte, konnten nun ans Land treten. Wie war Ring bezaubert, wie er den alten urklassischen Boden unter seinen Füßen fühlte. Er erklärte Floren das Alterthum dieser Erdgegend, und bereitete sie vor, des Merkwürdigen unendlich viel zu sehen, ob sie gleich mit etwas offnen Munde dastand, und sich höher erfreute, den Meerstürmen, und den Gefahren einer immer erwarteten Seeschlacht glücklich entgangen zu seyn. Drittes Kapitel. Reminiscensen. Da sind also unsre Reisenden in dem lieblichen Lande, dessen Bild schon tausend Erinnrungen weckt. Der hellsten von allen dachte Ring unter einen Dattelbaum hingestreckt nach. Es ist die Reise jener Cleopatra, die Shakespear wohl mit Unrecht eine Zigeunerin nannte, da sie von dem griechischen Königsstamme, nach Alexanders Tode gepflanzt, war. Gleichwohl beschrieb der so lebendig malende Britte, die Fahrt dem Cydnus bezaubernd: Cydnus Wogen trugen sie, die Gondel Brannt' ein Feuerthron auf Lazurfluthen, Und die Purpurwimpel Sidons hauchten Sabas edlen Zauberduft, daß Eurus Nur mit ihnen, nicht um Flora buhlte. Silberruder schlugen nach dem Takte, Süßer Flöten, die verwandten Wellen, Deren Perlschaum ihnen tanzend folgte. Aber sie, die Charitin Canopens, Unter ihres Baldachins Gewölbe, Die Anmuthge höhnte Pinsel, Lyra, Und zur Bettlerin wird die Beschreibung; Ein Gemäld', ein Bildniß, dem getroffnen Blicke, das Protogenes Cythere, Wo Natur der Dichtung Kraft erlegen, Selbst verdunkelte. Mit Wangengrübchen Lächelten den Amorn gleich, zur Seite Schöne Knaben, die mit bunten Fächern Kühlung ihrem Rosenantlitz wehten, Und doch nur die Glut erhöhten, Feuer Schürten, das ihr Hauch vernichten sollte. Gleich den Nymphen und den Töchtern Nereus Harreten der Göttin Wink verschämte Zarte Mägdlein, wurden reizender Wenn sie sich vor ihr gewärtig beugten. Eine liebliche Syrene steurte, Leicht erblähten seidne Seegelthaue, Vom Berühren Blumumwundner Hände, Der geschäftgen holden Schifferinnen. Unsichtbarer Himmelswohlgeruch, Strömte weit auf die beblümten Ufer -- Auf sie goß die weite Stadt ihr Volk, Die Bewunderung sank froh zu Füssen, Und die Luft verwundete ihr Jubel, Die, wenn sie nicht ewig Leere haßte, Weggezogen wär aus ödem Raume, Freudig vor Cleopatra zu staunen. -- Ha, nun tritt die Zauberin ans Land, Und der stolze Held der sieben Hügel Schmachtet ewig in der Feindin Kette. -- Er wurde bald unterbrochen, von dem lustigen Gewimmel rund umher. Alles drängte sich zu der nahen Pompejussäule, einer maaß, einer erklärte ihre Geschichte, ein andrer wollte hinauf, von dort weit umher die Gegend zu erspähen. Das ging aber nicht leicht, da die Steinmasse achtundachtzig Fuß hoch, und mit keiner Treppe versehn war. Demungeachtet erzählte ein Matros, der schon ehedem Egypten besucht hatte, tranken Engländer oben eine Bowle Punsch. Zugleich theilte er mit, wie sie das, ohne ein Gerüst zu fertigen, vollbracht hätten. Man machte nämlich einen Drachen aus Papier, wie ihn die Kinder steigen lassen. An einem langen dünnen Strang wurde er hoch in die Luft gefördert, und der Wind so genommen, daß der Lenker die Säule zwischen sich und den Drachen brachte, ihn nun niedersinken ließ, worauf der Strang an dem Capital hing. Nun wurde ein dicker Schiffstau an den Strang geknüpft, hinübergezogen, worauf ein Seemann sich an das Ende band, und sich auf die Säule bringen ließ. Dieser traf nun Anstalten, eine förmliche Winde zu befestigen, und die das Seltsame liebenden Britten übten ihren Willen. Viertes Capitel. Alexandrien. Nun ging es nach dieser großen Stadt mit platten Dächern und runden Moscheen. Nicht wenig waren die Bürger ob des unerwarteten Einspruches der Europäer bestürzt. Sonst hatten sie sie wohl auch in ihrer Mitte gesehn, doch in geringer Zahl, demüthig entweder auf den Handel, oder Notizen zu Reisebeschreibungen ausgehend, in morgenländische Kleider gesteckt, und den Namen Christenhund, ohne eben die Justiz zu überlaufen, hinnehmend. Nun brachten sie aber Waffen, und da ist der Europäer allen Nationen überlegen. Und das macht allein die Cultur, die zu einer glücklichen Schwäche führt, in welcher es nothwendig wird, sich so lange nach Kraft in der Kunst umzusehn, bis man sie findet. Die Soldaten lagen in Alexandrien auf den Straßen umher, ein sehr beschwerlicher Zustand, wo man eine Hitze von 26 Graden duldet. Der Stab und die mitgenommenen Gelehrten wurden blos in die Häuser mehrerer Europäer gelegt. Ring traf jenes Loos, und er wünschte daher sehnlich, daß man bald tiefer ins Land dringen mögte. Eines Tages wanderte er mit Floren eine Gasse hinauf, um den großen Obelisk zu sehen. Plötzlich rief sie ein sehr wohlgekleideter junger Muselmann. Verwundert sehen sie auf, und entdecken in der schönen Kleidung den Sklaven Coraim aus Malta, der ihnen erzählte: wie er an der Küste freigelassen worden, und seinen Vater, der bei seiner Abreise ein Wasserträger gewesen, als einen Richter der höheren Klasse angetroffen hätte. Ein nicht seltener Gebrauch im Morgenlande, plötzlich aus dem Staube zu erheben, den man wenigstens bisweilen auch in der Christenheit nachahmen sollte. Es käme so der nüchterne Sinn in die hohen Regionen, der dort oft ganz ausstirbt. Coraim blieb aber nicht bei den nackten Freudenbezeugungen stehen, sondern nöthigte sie in das elterliche Haus. Die Truppen wurden bei keinen Türken einquartirt, daher auch das Innere ihrer Haushaltung nicht gefährdet war. Coraims Vater, indem er hörte, der Frank und die Frankin hätten seinem Sohne auf dem Schiffe Gutes erwiesen, zeigte sich sehr bereit zur Erwiederung, und ließ dabei vielen orientalischen Luxus schimmern von welchem beide nicht wenig eingenommen waren, und in manchem Stücke, den europäischen ihm nachsetzten. Man trennte nach der Landessitte Ring und Floren. Letztre wurde in den Harem zu den Weibern des Ali (so hieß Coraims Vater) geführt. Ring wurde zuförderst durch ein Bad gelabt, das ihm an und für sich nach vielen Beschwerden würde höchst willkommen gewesen seyn, wie vielmehr bei einem Raffinement, das London und Paris nicht kennen. Das Badgebäude bestand aus drei hintereinandergelegenen großen Zimmern. Das erste, _Burani_ genannt, war prachtvoll und mit Marmor gepflastert. An der Mauer lief eine Erhöhung hin, mit kostbaren Teppichen bedeckt. In der Mitte stand ein Brunnen. Die Diener luden den Gast ein, hier die Kleider abzuwerfen. Aus diesem Zimmer oder Saale gelangte er in ein zweites, das _Wustami_ hieß. Hier fanden sich viele Becken von Stein, rund und länglich, etwa zwei Schuh im Durchmesser, in welchen sich zwei Röhren mit messingnen Hähnen zu warmen und kaltem Wasser öffneten. Am Fuße derselben standen metallene Becher, um das Wasser auf die Badenden zu gießen. Schöne Blumen dufteten aus artig gearbeiteten Vasen. Von diesem mittleren Gemache, wurde Ring in das innerste, das in dem Morgenlande den Namen Dschuani führt, gebracht. Es war durch eine Kuppel von oben erleuchtet. Ein dämmerndes Licht brach durch gemalte Fensterscheiben in die heitre Rotunde. Sie war geheizt, um den Badenden in Schweis zu bringen, doch merkte man das bei dem allmähligen Uebergange nicht. Auch sind die Oefen in solchen Bädern theils unter dem Fußboden angebracht, theils ihre Röhren in die Wände vertheilt. Das Thermometer pflegt etwa in dem ersten Gemache auf 60, im zweiten auf 80 und 90, und im letzten gegen 100 Grad zu stehen. Wohlriechende Dünste umgaben ihn, während er in der wollüstigsten Hingebung auf einem Kissen ruhete. Der Badeknecht erschien nach dortigem Gebrauch, und fing seine Glieder gleichsam an, zu kneten. Nachdem sie durch dies Drücken und Streichen erweicht waren, zog jener einen wollnen Handschuh an, und reinigte die Haut völlig. Die Fußsohlen rieb er mit Bimsstein ab. Hierauf führte er Ring in ein Cabinet, goß ihm parfümirten Seifenschaum über das Haar, wickelte ihn dann in gewärmte Tücher, und führte ihn durch einen Seitengang, in welchem die Hitze nach und nach abnahm, in das erste Zimmer. Hier fühlte er sich wie zu einem neuen Leben erwacht. Alle Sinnen schienen ihm feiner, alle Empfindungen süßer geworden. Floren brachten junge Mädchen während der Zeit in das Weiberbad, einen sehr niedlich ausgezierten Saal, in dessen Mitte ein ziemlich großes Marmorbassin befindlich war, rund mit köstlichen Blumen und Spezereigesträuchen umstanden, deren Töpfe so in den Boden verborgen waren, daß es schien, hier wäre alles gewachsen. Kristallhelles Wasser rieselte in dem Bassin, und der Sand des Grundes schien übersilbert, wie Caligula die Gerste übergolden ließ, welche sein Leibpferd bekam. Nachdem Flore entkleidet, und mit Essenzen parfümirt war, erschienen die türkischen Weiber, alle jung, schlank und reizend, denn die älteren ziehen sich meistens von solchen Parthien zurück. Alles stieg nun in das Bassin hinab, und kostete die Fülle der Erfrischung. Wie viel enthüllte Schönheiten! Welche Freiheit! Wie glücklich müßte sich der Mann fühlen, dem es vergönnt wäre, in das Heiligthum zu dringen! Aber nach Florens Behauptung ging es nicht ganz unschuldig zu, und sie, obwohl einst in dem berühmten Pallaste wohnhaft, den der Herzog von Orleans erbauen ließ, fand doch manche Szene anstößig. Nachher ging es zur Tafel. Ring wurde in einen Saal des Gartenhauses gebracht, der nach Norden zu offen war, um die abkühlende Luft von daher zu genießen. Er war mit prächtigen Stoffen tapezirt. Längs den Mauern waren kleine Nischen angebracht, in denen porzellanene und silberne Gefäße standen. Auf dem Boden lagen Teppiche von Brokat. Am anderen Ende des Saales sahe man ein Kabinet, das auf mehreren Seiten offen war, in welchem zwei große Springbrunnen Kühle verbreiteten. Der Tisch war mit Brokatstücken von mehreren Farben bedeckt. Am Ende desselben prangte ein silberner Schenkstuhl mit schönen kristallenen Flaschen und Silbergeschirr angefüllt. Sorbet fand sich hier für die Muselmänner, und Cyper und andre hitzige Weine für die Christen. Flüssige und trockne Confituren machten das erste Gericht, als Ingwer, Muskatnüsse, Orangen in Geleen, Marzipan. In viereckigen Schüsseln von lakirtem und vergoldetem Holze, wurden diese Leckereien aufgetragen, die immer ein Dutzend kleiner Tellerchen enthielten. Jeder Gast bekam eine dieser Schüsseln vor sich zur Auswahl, und treffliche Liqueure wurden dazu herumgereicht. Nach diesem Gerichte nahm man die Brokatdecken ab, und legte Tischtücher von feinem Musselin auf. Die Europäer bekamen Messer, Löffel und Gabel. Befremdend war es diesen (denn ohne Ring hatte Coraim noch mehrere Franzosen geladen) nun eine Menge Salate erscheinen zu sehn. Sie bestanden aus Rosinen, Aepfeln und andern Früchten von feinem Geschmack, mit Weinessig und Zucker. Rettige und Zwiebeln lagen darum, eine sonderbare Mischung, die aber gegen das Erwarten nicht widerlich schmeckte. Das Brot bestand aus ganz dünnen Reiskuchen. Jetzt folgten zwei große silberne Schüsseln mit harten Eiern und Lämmernieren, über welche eine scharfe Sauce gegossen war. Ferner zwei andere große Schüsseln mit zwei Dutzend gebratnen Tauben, und noch zwei andre mit zwölf Schöpskeulen. Bald nachher kamen gebratene Capaunen, Fische, Eier, Geflügel, Consommees, Bouillons, Ragouts, gefüllte Gurken, in außerordentlicher Mannigfaltigkeit. Zugleich wurden vor jeden Gast zwei porzellanene Schaalen mit Sorbet gesetzt, der beinahe einen Punschgeschmack hatte. Zuletzt kam endlich der Pilau, das bekannte morgenländische Gericht, in zehn großen Schüsseln auf mehrere Art zubereitet. Man sah weissen, rothen, gelben und veilchenblauen, mit Limonen, Zucker, Safran, Granaten, Maulbeeren, Orangen u. s. w. Während der ganzen Mahlzeit wurde eine Tafelmusick aufgeführt, die allein den Europäern nicht gefiel. Nachdem die Tafel etwa drei Stunden angehalten hatte, und jedermann gesättigt schien, gab endlich der Wirth das Zeichen zum Aufstehen, und führte die Gäste in das luftige Nebenkabinet. Hier fanden sie ein herrliches Desert von Konfekturen, trockenen und frischen Früchten, Caviar, Pasteten u. s. w. Sie hatten unter andern fünf Sorten von Weintrauben, und Melonen von grüner, rother, gelber und blauer Farbe. Hierzu wurden süße und äußerst starke Weine gegeben, welche freilich nur allein für den Gaumen der Europäer hatten bestimmt seyn sollen, allein in der Freude nahm auch ein Moslem nach dem andern ein dargebotenes Glas. Desto munterer wurde die ganze Gesellschaft. Zwerge, Taschenspieler und Mährchenerzähler traten nunmehr auf, die Gäste durch allerhand Spiele und Erzählungen zu belustigen. Coraim erinnerte Ring an jenen Tag, wo er ihm die Geschichte der Isabelle mitgetheilt hatte. Hier dachte Ring erst wieder daran zurück, und fragte, ob man denn keine Nachricht von dem Mädchen erhalten hätte? Potpourri. als Zugabe zum ersten Buche. Polemon, ein griechischer ausschweifender Elegant, kehrte von einem Saus und Braus zurück, und ging an der ernsten Schule des Xenokrates vorüber. Die Thür stand offen, der junge Herr, glühend vom Chiosweine, den Blumenkranz in den Locken, betrat den Saal, nicht der Weisheit zu horchen, sondern ihrer zu spotten. Den Lehrer entrüste dies Betragen nicht, er umwandelte nur seinen Vortrag, und hielt, die Völlerei strafend, der Mäßigkeit eine Lobrede. So mächtig trafen seine Worte Polemons Gefühl, daß er den weichlichen Hauptschmuck von sich warf, das Antlitz beschämt in den Mantel hüllete, und völlig gebessert, das rohe Leben, von Stunde an, einstellte. -- Warum sehen wir keine solche Erscheinungen mehr? Antwort: die Weisheit verschmäht Rekruten, wie sie unter uns zu werben wären. -- Wie kömmt es doch, daß die weisen Deutschen so wenig über die klugen Franzosen vermögen, und wieder die weisesten im Nord Germaniens bei weitem weniger, als die minder weisen gen Rhätium? Antwort: Die Bücher überbilden bei uns die Gebildeten, und dringen nicht bis zu den Ungebildeten hin. Die ersten sind durch das viele Wissen zum Nichtwissen gedrungen, leiden nun an einer indirekten Hirnschwäche (durch Ueberreitz) die andern machten sich mit keinem Wissen vertraut, kranken demnach an dem direkten Uebel (Reitzmangel.) Nicht also in Frankreich. Dort hielt man die Klassiker seit Hundert oder Hundertfunfzig Jahren fest. Es giebt immer wieder neue Ausgaben derselben. Einige höchst wohlfeil, auf schlechtem Papier, mit schlechten Lettern, wo ein Trauerspiel von Racine um vier fünf Sous zu geben ist, Rousseau Emil um zehn oder zwölf Sous. Alte Mütterchen sitzen in den Städten und haben dergleichen an den Ecken feil. Der Bauer nimmt gelegentlich einen Candide mit, der kleinstädtische Bürger, der schon seinen Vater über den ^Esprit des loix^ reden hörte, welcher seit Grosvaters Zeit auf dem Schranke liegt, kann ihn fast auswendig. Was seht ihr bei uns in den Zimmern geringer Leute? An der Thür den Haussegen, hinterm Ofen, neben einigen staubigen Familiengesangbüchern, Eulenspiegel oder eine Parthie in diesem Jahr gedruckter Lieder. -- Ein alter Berliner, der beim Glase Medok immer viel zuhört, und wenig spricht, wurde neulich redselig, da die Unterhaltung auf das jetzt viel abgehandelte Thema der Vaterlandsliebe kam. Seit zwanzig Jahren, hub er an, beobachtete ich zwei patriotische Männer in unserm Staate. Der eine mag X der andere Y heißen. Als 1788 das Religionsedikt erschien, besuchte Herr X, früherhin ein lustiger Dogmenspötter, sogleich die Kirchen, und hörte die Vorträge der Herren Woltersdorf, Brumbei, Ambrosius mit Andacht. Herr Y fragte aber wohl im vertraulichen Gespräch: Wo schadete denn das von Friedrich angezündete Licht, daß wir es schon wieder auslöschen wollen? -- Da 1790 die friedliche Ausgleichung mit Oesterreich erfolgte, pries Herr X die lieblichen Blüthen des Oelzweigs, Herr Y aber weinte. -- 1792 war Herr X heftig wider die Franzosen ergrimmt, nannte seinen Zorn Patriotismus, Herr Y fürchtete die Folgen eines solchen Krieges. -- 1793 jubelte Herr X bei der Staatsvergrößerung durch Südpreußen, Herr Y rechnete bedenklich nach, wie viel mehr Land Oesterreich und Rußland gewonnen hatten, und wie viel gefährlicher nun ihre Gränzlage geworden war. -- 1795 pries Herr X den Baseler Frieden, und lachte, daß Oesterreich stecken blieb. Herr Y erinnerte sich zurück, daß es früherhin bei einem ernsten Verein Deutschlands gegen Frankreich sehr schwer geworden war, etwas auszurichten, und besorgte viel von dem getrennten Bunde. -- 1799 und 1800 wußte Herr X abermals viel poetisches über das friedliche System zu sagen, Herr Y aber meinte, es dürfte die höchste Zeit seyn, den militärischen Charakter in einer großen Kraftäußerung, und demjenigen Bunde, den der Augenschein empföhle, zu zeigen. Herr X war für das System der sogenannten Physiokraten, Herr Y meinte, der Ackerbau sey die Wurzel, aber doch nicht der ganze Stamm. -- 1805 erhob Herr X den Grafen Haugwitz bis in die Wolken, daß er unter so kritischen Verhältnissen dennoch den Krieg zu vermeiden gewußt habe, Herr Y erkrankte vor Schmerz, daß das Schwert noch nicht ergriffen worden sei. -- 1806 weissagte Herr X lauter Triumphe, Herr Y konnte seine Thränen nicht zurückhalten. Herr X las Kriegslieder vor, Herr Y entwarf Plane für den Feldzug, die der Zeit angemessen waren, und suchte ihnen, aber vergeblich, Gehör zu verschaffen. Als der Feind sich der Residenz näherte, eilte Herr X nach Königsberg, Herr Y bot sich an, als Freiwilliger die Waffen zu nehmen, und trug dann die Bürde des Kriegs gleich den andern Mitbürgern. Wer war der redlichste Patriot? fragte hier der Erzähler. Ein Anwesender meinte: hm, man muß den Willen der Regierung vollziehn. -- O das that Herr Y auch überall gewissenhaft. Hier ist von seinen Gefühlen und Ideen die Rede. -- Ein Dritter rief: o wäre der brave Mann gehört worden. -- Ein Vierter: _Ich entscheide nicht wer der beste Patriot war, aber ich verwette Kopf und Kragen, Herr X ward korpulent und Herr Y blieb mager!_ -- Ein Rezept zu unfehlbarer baldigen Sittenverderbniß eines Volkes ist: Leitet Kunsttheurung ein! Sie bringt große Reichthümer in wenige Hände. So werden Einige Vornehmen glänzenden Luxus zeigen. Der Mittelmann gereizt, und nicht vermögend auf rechtem Wege nachzuahmen, wird betrügen, der Arme, der das Brot nicht mehr bezahlen kann, stehlen. -- Als Eduard III von England, mit einer großen Macht in Frankreich eingedrungen war, rückte er vor Calais, welches ihm die Thore nicht öffnen wollte. Nach einer langen Belagerung, schickte er sich zum Sturme an. Nun begehrten die Einwohner zu unterhandeln, was er aber nur auf eine Bedingung eingehen wollte, über die sie noch dazu nur drei Stunden Bedenkzeit erhielten. Die Bedingung hieß: Die Stadt sollte dem Könige Sechs der vornehmsten Bürger ausliefern, ein Hemd, einen Strang um den Hals, die man sogleich an den Thoren aufknüpfen würde. Durch ein so schauderhaftes Beispiel wollte er alle Städte erschüttern, die er ohnehin im Gesichtspunkt rebellischer Unterthanen betrachtete, und sich daher herbe Strenge erlaubte. Verzweifelnd liefen die Bürger der Stadt umher, niemand wollte eine so verhaßte Wahl treffen, als Sechs der angesehensten Männer aus eigenem Antriebe hervortraten, und sich als Opfer stellten. Dank und Freudenthränen folgten ihnen aus den heimatlichen Mauern, der schreckliche Feind konnte seine Bewunderung ihnen nicht versagen. Eduards Gemahlin erflehte ihre Gnade. -- Half, ein alter Norwegischer König, machte sich durch glückliche Züge zur See berühmt. Kein Krieger ward in seinem Heere aufgenommen, er hätte denn zuvor gültige Beweise von Kraft und Tapferkeit abgelegt. Bei ihm fanden sie nun erst eine Schule, wo alles dahin strebte, ihnen Todesverachtung zu erziehn. Viele Jahre waren im Kriegsgetümmel dahin gewichen, und nun beschloß Half in die Heimath zurück zu segeln. Unterwegs traf ihn ein heftiger Sturm. Sein Schiff war mit Menschen überladen und drohte zu sinken. Kein anderes Mittel blieb, als einige über Bord zu werfen, um die andern zu retten. Half that also den Vorschlag, daß man loosen wollte, und schloß sich selbst nicht aus. Aber kaum hatte er ausgeredet, als sich ein jeder ohne Loos anbot. Es sprangen um die Wette so viele über Bord, bis das Fahrzeug die gehörige Leichtigkeit hatte. Wenn man staunend diese Geschichten der Vorwelt liest und dann auf die nächsten Zeitgenossen hinblickt, scheint es, eine ganz entartete Menschheit bewohne nunmehr den Erdball. Entartet ist sie nun freilich, doch der Stoff der Kraft keinesweges erstorben. Langes Unheil des Krieges, und die Menschen werden wieder groß. Ende des ersten Buches. Zweites Buch. Erstes Capitel. Coraims weitere Erzählung. Ring bat Coraim nunmehr, die Neugier nicht auf dem halben Wege der Geschichte stehn zu lassen. Der Türk theilte ihm also in kurzem mit, was ihm selbst weiter von der schönen Isabelle bekannt war. Die Bestürzung in des Spaniers Hause ergriff alle. Der Vater raufte das graue Haar, Coutances schwur dem Räuber furchtbare Rache, das Gesinde weinte, da Isabelle jedermanns Liebe gewonnen hatte. Doch keiner von ihnen konnte das unbegreifliche Räthsel lösen. Jeder Eisenstab der Fenstergitter hatte die alte Festigkeit, die Thür zeigte keine Spur von gewaltsamer oder listiger Oeffnung, auf beide hatte auch um so weniger etwas unternommen werden können, als im Hofe sowohl, wie im Hausflur Wache gehalten worden war. Untersuchung über Untersuchung. Endlich fiel es jemand bei, den Kasten einer Flötenuhr zu öffnen, die der Consul vor einiger Zeit aus Europa bekommen hatte. Ein lauter Schrei! Was ist das: Alles stürzt hinzu. Man ward mit Schrecken inne, daß das Uhrwerk aus dem Kasten genommen war, daß sein Boden fehlte, und ein Ausbruch des Fußbodens in den Keller hinabging. Alles eilte jetzt zu der Stiege, die in den Keller führte. Mit mühsamer bewundernswerther Kunst, waren sowohl Stützen wie andere Geräthschaften angebracht worden, um die Oeffnung in das Gewölbe zu brechen, nächstdem die Cederplatten, womit der Zimmerboden getäfelt war, zu durchschneiden, und so in den Kasten der Uhr zu gelangen. Die Hauptarbeit mußte immer bei Tage vollendet worden sein, wo Isabelle sich nicht auf diesem Zimmer befunden hatte, der Platz unter der Uhr war gewählt, daß man nicht etwa etwas von Verletzung des Bodens zu früh wahrnähme, (der, wie sich deutlich zeigte, mit breiten glühenden Messern durchschnitten war.) Das Herausnehmen des Uhrbodens und Räderwerks hatte man zum Geschäft der letzten Nacht aufgespart, dann das unglückliche Mädchen im, trauriger Weise, grade so tiefen Schlaf überfallen, durch Knebel ihren Hülferuf gehindert, und sie so in den Keller gebracht, wo sicher ein Ausweg weiter führte. Dieser wurde auch sogleich entdeckt. Nach dem Keller des Nachbars fand sich ein gewaltsamer Durchbruch. Indem die Versammelten wehklagten, tobten, Verwünschungen ausstießen und jeder der Meinung war, es müsse ein Schelm im Hause stecken, der Mittwisser sei, da Fremden die Gelegenheit nicht so kundig hätte sein können -- vernahm man in einem Winkel ein leises schmerzliches Aechzen. Eine Fackel in der Hand eilt Coutances nach der Stelle. Wer malt sein Erstaunen, da er -- Signor Perotti erblickt! Der Italiener liegt am Boden mit gebundenen Händen und Füßen, ein dickes Tuch in den Mund gewürgt. Seine ersten Worte, da man ihm die Sprache befreit hat, sind: Erstecht mich! Schlagt mich todt, ich will nicht leben! Auch Wuth und Rache erfüllen solche Forderung nicht. Wie konnte sie hier aber gehört werden, wo es vor allen Dingen ja die Entschleierung eines ganz unerklärlichen Geheimnisses galt, die von Niemand als dem Italiener erwartet werden konnte? Du sollst meinem Zorn nicht entfliehen, rief Coutances, erst aber erkläre: wohin Isabelle kam? Es fiel schwer, Signor Perotti zu andern Worten zu bringen, als: Ich will sterben. Er schien ganz von Verzweiflung zerrissen, durch seine peinliche körperliche Lage sowohl, als durch gequälten Seelenzustand höchst entkräftet. Er bedurfte Erfrischungen, mit Gewalt sogar ihm eingeflößt, denn er weigerte sich, sie zu nehmen. Endlich entschloß er sich zur Erklärung. Wohl hab ich Isabellen rauben wollen, hub er an, sie ist meine Sklavin, und mir auf widerrechtlichem Wege entrissen. Ich übte daran kein Unrecht. Doch sollte sie dem Vater nicht vorenthalten bleiben. Um den Preis ihrer Hand, den er mir zusagte, der mir gebührt, um den des Franzosen Hinterlist mich bringen will, sah er sein Kind gleich wieder im Hause. Nur versichern wollte ich mich ihrer Person, um meine gerechten Bedingungen von Neuem aufstellen zu können. Coutances machte eine Bewegung der Wuth gegen ihn, die Alonzo (der Spanier) zurückhielt, und Signor Perotti aufforderte, fortzufahren. Es geschah. Mit großer Mühe, und mehr als Dreihundert Piastern Aufwand, setzte ich meinen Entschluß ins Werk. Bei dem nebenan wohnenden Kopten miethete ich den Keller. Der Mann, meistens nach dem Gebrauch von Cairo, in seinem Arbeitsladen vor der Thür, bemerkte nicht, was in dem Keller vorging. Meine Leute löseten aber einander ab, Tag und Nacht wurde die emsige behutsame Arbeit fortgesetzt. Ich selbst befand mich einst als verkleideter Araber in Isabellens Zimmer, wo ich Spezereien feil bot, und alles erspähte. Unvermerkt ging ich darin umher, und maß mit Schritten die Abstände, wobei ich über meine Erwartung richtig verfahren war, denn es gelang vollkommen, von unten her die Stelle der Uhr zu treffen. Im Ganzen hat mich ja mein Nebenbuhler, durch den Streich, welchen er mir auf jener Brücke spielte, selbst an diesen Gedanken gemahnt. Weiter, weiter! rief Coutances schäumend. Auch Isabelle mußte so fest schlummern, daß es leicht fiel, sie durch ein, übrigens in der artigsten Weise vorgehaltenes Tuch, zum Schweigen zu bewegen, und die liebenswürdige Beute wurde unter Beistand einiger Helfershelfer, glücklich in den Keller gebracht. Welch ein Schrecken aber befiel mich, als ich nun plötzlich durch einige Unbekannte, die hinter den Waarenkisten, welche der Kopte noch im Keller liegen hatte, hervorsprangen, gepackt und gebunden in den Winkel geworfen wurde! Man ließ mich, den Hülflosen, liegen, und entfernte sich schnell mit Isabellen. Nichts anderes konnte ich denken, als dem Vater und Geliebten sei mein Beginnen kund geworden, und von ihnen nun das Gegenabentheuer bereitet. Da dies doch aber ein Irrthum zu sein scheint, so haben ohne Zweifel meine Arbeiter hie und da geplaudert; ein reicher Muselmann, durch das entworfene Bild von Isabellen hingerissen, und von der Unternehmung benachrichtigt, hat beschlossen, das schöne Mädchen dem glücklichen Entführer zu entführen. Welch ein Fall könnte noch sein? Die Arbeiter sind alle davon. Antonio bracht ich nicht mit, da er krank, und überhaupt bei solchen Gelegenheiten wenig zu brauchen ist. Du sollst das Mädchen zur Stelle schaffen, oder es gilt dein Leben! rief Coutances. Eile, suche, bring sie mir zurück, fiel der bekümmerte Vater ein, und mein gegebenes Versprechen sei dir gehalten. So fürchterlich die Drohung klingt, so süß der Lohn schmeichelt, ich vermag nichts, erwiederte Perotti. Macht euch auf, selbst zu forschen, gern will ich behülflich sein. Doch was läßt sich hoffen, in der großen nicht polizeilich geordneten Stadt? Alonzo fragte händeringend: wo denn die Arbeiter zu finden wären, die ihm geholfen hätten? Jener zeigte den Platz an, wo er sie ausgewählt, und auf acht Tage in seinen Dienst gedungen habe, setzte aber gleich hinzu, daß er fürchte, sie würden sich jetzt nicht mehr dort sehen lassen. Er mußte aber, von Coutances und dem Spanier begleitet, augenblicklich dahin. Man durchkroch alle Ecken, weilte eine Stunde umsonst. Jetzt wollte man dennoch Rache an ihn nehmen, und führte ihn zu dem Bei des Bezirks. Dieser ergötzte sich höchlich, wie ihm die Klage vorgetragen wurde. Sein Urtheil fiel aber dahin aus, daß sich Coutances zu einer Abfindung wegen des erlittenen Ungemachs zu verstehen hätte; denn da er die Jungfrauräuberei begonnen, sei er auch Schuld, daß der Italiener billiger Weise gesucht habe, wieder zu seinem Eigenthum zu gelangen, und folglich auch Ursache, daß der Italiener bei dieser Gelegenheit gemißhandelt worden. Uebrigens solle man letzteren sogleich freilassen. War Signor Perotti mit dieser Entscheidung zufrieden, so entrüstete sie die andern nicht wenig. Was war aber zu thun? Eine Instanz, an welche vom Bei zu appelliren gewesen wäre, fand sich in Cairo nicht. Man mußte sich beruhigen. Gebeugt schlich Alonzo, der Verzweiflung nahe, Coutances davon. Der Italiener raufte die Haare, verzichtete aber mit Stolz auf die Strafsumme, welche der Richter ihm zugesprochen hatte. Ueberall gab man Aufträge, Isabellen zu suchen, verhieß Belohnungen in öffentlichen Anschlägen, Coutances durchirrte jeden Winkel der winklichten Stadt. Alles das war aber vergeblich, und man mußte sich endlich in das Unabänderliche finden. Der alte Vater legte aus Gram alle Amtsgeschäfte nieder, übergab sie einem andern, und zog sich in das engste Privatleben zurück. Von Cairo wollte er sich dennoch nicht entfernen, da die süße Hoffnung, seine Tochter noch einmal wieder zu erblicken, nur in seinem Grabe enden sollte. So verstrichen nun schon mehr als zwei Jahre. Der Franzos hat den Schwur, nimmer zu heirathen, wenn Isabelle nicht die seinige werden könnte, treu gehalten, führt einen kleinen Handel, und träumt seinen Lieblingsgedanken ohne Zweifel noch. Hier war Coraims Erzählung zu Ende, wiewohl sich niemand befriedigt fand, weil man eine freudige Entwicklung des Schicksals der jedem interessant gewordenen Isabelle geahnt hatte. Die Gesellschaft verließ nun das Haus des gastlichen Ali, und jedermann begab sich wieder an den Ort seiner Bestimmung. Flore erfuhr unterwegs von Ring das Weitere über Isabellen, denn sie war bei der Erzählung nicht gegenwärtig gewesen, und erneute den lebendigen Antheil an dem spanischen Mädchen, den sie schon auf dem Schiffe gefühlt hatte. Es ist vergessen worden, zu sagen, daß Flore sich gewöhnlich der Mannskleider bediente, und für Rings Schreiber galt, allein da man ihr Geschlecht dennoch erkannte, so gab das zu vielem Scherz Anlaß, und sie läugnete vor der näheren Umgebung die Wahrheit nicht. In Alexandrien legte sie aber mehrmals den weiblichen Anzug an, um so ihre Neugier über die Verhältnisse mahomedanischer Weiber besser befriedigen zu können. Es wurde nunmehr Anstalt zu einem etwas bequemeren Bivuak getroffen, und Dattelzweige beschatteten der Soldaten Hütten. Die Commissairs, zu denen Ring gehörte, traten in einen ausgedehnten Wirkungskreis und wurden zur Herbeischaffung der nöthigen Vorräthe gebraucht. Bald trafen in Alexandrien die frohen Siegesnachrichten ein: wie die unterdessen vorgerückten Truppenabtheilungen Raschid genommen, sich Cairo bemeistert, und Murat Bei, unter Anführung ihres unbezwinglichen Helden, in der ewig denkbaren Schlacht bei den Pyramiden überwältigt hatten. Eine große That war der andern auf den Fuß gefolgt, und Schwierigkeiten, vor denen die Einbildung schon zurückbebt, waren mit Leichtigkeit hinweggeräumt worden. Wie aber Mavor auf dem Lande lächelte, zürnte Poseidon. Er hatte das Schicksal noch Einmal für seine alten Lieblinge gewonnen. Mehrere Couriere vom Obergeneral gesandt, waren von Beduinen in der Wüste aufgefangen worden, daher kamen dem Admiral der Flotte, nicht die nöthigen Befehle zu. Immer noch lag er mit den Kriegsschiffen auf der Rheede, die Transportfahrzeuge waren in den alten Hafen der Stadt gelaufen. Nach dem Willen des Feldherrn sollten jene nun auch in Sicherheit gebracht werden, und wäre es thunlich, der Admiral mit der Flotte nach Malta gehn. Da er aber keine Depeschen erhielt, blieb er in der gefährlichen Stellung. Man wußte, daß eine beträchtliche, an Zahl überlegene englische Armade sich in See befand, sie war sogar vor Ankunft der Franzosen bei Alexandrien gewesen, hatte sich aber nach dem Archipel gewandt, wohin sie vermuthete, daß die Toulonner Flotte gesegelt wäre. Wo der Neufrankenheld war, da weilte auch das Glück, darum mußte seine Landung während der Abwesenheit jener Britten vor sich gehn. Doch: Es sollen Land und Meer nicht Einem dienen! sagt Wrangel in Wallenstein. Wie der Liebling des Glücks Lorbeern brach, wo seit Saladins Zeiten man keine europäische Waffen gefürchtet hatte, thürmte sich des Geschicks Ungewitter über die Schiffe, wenn schon kein Orkan drohte. Man konnte von den platten Häusern in Alexandrien hinaus ins Meer, und die Ordnung der Fahrzeuge übersehn. Täglich ahnte man eine große Begebenheit, doch blieb wider Vermuthen lange alles ruhig, und kein fremdes Seegel ließ sich in den egyptischen Gewässern sehn. Aber am bedeutungsvollen 23ten Juli bemerkte man eine englische Fregatte, welche die Stellung der Flotte untersuchte, und dann wieder verschwand. Nun konnte man desto sicherer auf einen nahen Besuch des Admiral Nelson zählen, denn jene Fregatte hatte ohne Zweifel den Gebieter aufgesucht, und den Zustand der Dinge vor Alexandrien gemeldet. Zweites Kapitel. Die Seeschlacht. Am ersten August, Nachmittags, erblickte man den furchtbaren Wald besegelter Masten. Näher und immer näher trieb ein günstiger Wind die schwimmenden Kasteele. Es war vorauszusehen, daß eine Schlacht beginnen werde, und der Admiral Bruyes hielt seine Flotte in tapferer Bereitschaft. Nirgend wirkt der Gott der Heerscharen so unwiderstehlich mit ein, wie bei den Kämpfen auf Poseidons Flur, da so viel Erfolge an dem Luftstrom hangen. Auf dem Lande, wählt sich der Feldherr lange vor dem Zusammentreffen der Streitenden, die Schlachtgegend. Klugheit kann die natürlichen Hindernisse vermeiden, und nur ihre Säumniß, läßt ihn eine Stellung eingehn, wo Gebirge, Flüsse oder Moräste ihm nachtheilig werden. Ein anderes auf der See. Admiral Bruyes hätte von einem plötzlich eintretenden Südwinde ein unzuberechnendes Heil erfahren, er hätte den englischen Angriff gelähmt, und ihn dagegen in Stand gesetzt, mit vollkräftiger Bewegung vorwärts zu dringen. So mußte er sich gefährlich leidend verhalten, und der kühne Nelson konnte jedes beliebige Manöver vollziehn. Wer will die despotische Gewalt der Zufälle ableugnen? Welche Gesetze befolgt der Wind? Wie viel hing hier an einer Drehung des Wimpels? Ja, langte nur ein Courier richtig an, so fanden die Britten diese Flotte nicht mehr im Meere. Sie lag in der Sicherheit des Hafens, und Landbatterien wehrten jede Annäherung zu diesem ab. Die Engländer umsegelten die französische Flotte, und die Schlacht, die mörderische, begann. Von allen Decken her spien die Feuerkrater ihre vernichtenden Bälle. Nichts blieben die Neufranken schuldig. Die Gestade Egyptens, die Mauern von Alexandrien und Abukir dröhnten wie vom Erdbeben bewegt, die nur leiswogende See empörte sich, wie im wilden Orkan, Gebirge von Dampf verhüllten die Atmosphäre. Kecke Verwegenheit lenkte die Steuer, auf Nähen, wo fast kein Schuß fehlen konnte, rückten die Gallionen an einander heran. Der Konstabler keuchte bei der immer fortgesetzten Mordarbeit, nur die rothe Glut der Stücke konnte sie auf Minuten einstellen. Der Matros hing im Tauwerk, von Kugeln umsaust, und mußte auf der leichten Chaluppe ins Meer, von außen seinem Schiffe Hülfe zu leisten. Der Flintenschütz feuerte über den Bord, und harrte wuthschäumend des Befehls zum Entern. Ermuthigend, der Signale gewärtig, aufmerksam, jedem schlimmen Ereigniß kräftig zu begegnen, standen die Offiziere an ihren Posten, Hüte und Kleider durchlöchert, nicht achtend leichter Wunden, im Sterben noch gebietend, mit starrer eiserner Kälte die Britten, in heißer Glut enthusiastischer Tapferkeit, die Söhne Frankreichs. Hier krachte ein getroffner Mast aufs hohe Verdeck nieder, und zerschellte das menschliche Gebein, dort drangen Kugeln durch die Bohlenmauern der Meerfesten, und das nachstürzende Wasser überschwemmte ihren Raum. Kein Schrecken lähmte den Seekrieger. Taue wurden gekappt, die Trümmer hinüber geschleudert, neue Seegel an den übrigen Masten emporgezogen, und das Fahrzeug wieder mächtig regiert. Pfropfen verbanden, Wunden gleich, den gefährlichen Leck, rüstig befreite die strömende Pumpe den überfüllten Bauch von den drohenden Fluten. Hier schlug eine Kartätschenlage in das Linnen und gleich Vögeln im Strauchwerk, die des Jägers verstreutes Schrot traf, sturzten die Arbeiter aus Mastkörben, und von Strickleitern. Dort eine neue Lage, und Verwundete und Todte deckten den obern Boden. Kein Entsetzen hemmte der vorgezählten Ordnung Lauf. Auf den Wink flogen andere Söhne des Neptun wieder zur Höhe, Aerzte harrten mit eiliger Hülfe der Verwundeten; was kein Leben mehr hatte, wanderte ins feuchte Grab. Hier warf eine Chaluppe, von einem mächtigen Steuer oder fallenden Baum berührt, um, und sendete ihre Lenker in den Meeresgrund, dort fiel ein wichtiger Befehlshaber, ein jähling Opfer der Schlacht. Keine Verwirrung im regen Gang des erhabnen Verderbens. Andere Boote senkten sich in die Wellen, der Hintermann sprang an des Entseelten Platz, und weiter kämpften die ungeheuren Kräfte. Alles nur geringe Vorboten riesenhaft gräßlicherer Szenen. Bald eilten hie und da Fregatten und Hundertstücker, Brust an Brust zusammen, und ketteten durch Hacken und Taue die Borde aneinander. Mit Furienungestüm sprang die wilde, sich durch Schlachtruf begeisternde Mannschaft hinüber auf die feindlichen Bretter, und die enge fluchtgehemmte Metzelei wüthete ein. Es galt jede Waffe, doch gebrach in kurzer Zeit selbst dem Flintenkolben und dem Säbel Spielraum. Geballte Fäuste boxten mörderisch auf den Gegner, nervigte Arme umrankten ihn, strebten ihn ins Meer zu schleudern, ihn in des Schiffraums Balken hinab zu stürzen. In Kajüten und Magazinen dauerte das Gewürge, bis den Offizieren der Obermacht gelang, einer kleinen übrigen Zahl, noch Leben von den ergrimmten Würgern zu erflehen. Linienschiffe hatte der Kugeln zu dichter Haufe durchwühlt. Zu Ende ging die Hülfe der Kunst, die Geistesgegenwart fand keine Rettungsmittel mehr. Durch Hundert Risse drängten sich die Wogen, gleich Wasserfällen stürzten sie in die Tiefe hinab. Umsonst der Versuch, noch zu stopfen. Die erschöpfendste Anstrengung der Pumpen verrieth ihre Ohnmacht, da in schauderhafter Langsamkeit das Gebäude sich hinabsenkte. Immer höher kam der Seerand, immer schmäler ward der Bord, eine Kanonenreihe nach der andern verbarg sich dem Auge. -- Was vermag noch der Mensch? Die Chaluppen sind ausgesetzt, weggedrängt, verloren! Wären sie auch da, wie mögten sie die Hunderte auffassen, die die Hände jammernd ausstrecken? Die andern Schiffe sind in Arbeit. Rauch deckt den Zwischenraum. Auch zu spät, wenn sie schon Hülfewinkend nahten, denn der Schwere Gesetz eilt zur Vollziehung! Schon bis zum Rand ist die See gestiegen! Der Befehl hört auf, bereitet euch zum Tode, hallt des Gebieters letztes Wort. Stiere bleiche verzerrte Gesichter wenden den gräßlich trockenen Blick gen Himmel, sie verlängern ihre Gestalt, wie sie schon die Nasse fühlen; noch ein Gedanke an die Lieben daheim, eine Frage an den Tod -- die Arche ist verschwunden, ihre meisten Bewohner, hie und da noch ein Kampf der Schwimmkundigen, von denen es nur Einzelnen gelingt, ein ander Fahrzeug zu erreichen. Dort hat die Flamme die betheerten Planken, die trockenen Stangen, das dürre Werg ergriffen. Sie trotzt dem Verein zur Tilgung, bricht aus dieser, aus jener Kammer, und lodert durch die Region der Seegel empor. Schon fallen Erstickte nieder, der rauchende Gestank hemmt den Athem. Noch hoffen die gern Lebenden, Todesangst verdoppelt die Kraft. Es gelingt an einem, an dem andern Ende, die brennenden Balken loszubrechen, fortzuwälzen, zu löschen die höllische Glut. Nur nicht zum Pulvervorrath! heißt aller Gedanke. Aber zu den Kanonen dringt die Flamme an vielen Orten heran, auch dort liegt die Schwarzische Mischung Pulver, die Stücke lösen sich von selbst, ihre Kisten fahren gleich entzündeten Minen auseinander, verletzen, zerbrechen, stecken in Brand. Die Verheerung spottet endlich jeder Ermannung. Vorn, hinten, auf der Seite, überall Flammentod, die Kleider brennen schon, lieber untergegangen in dem feuchten Element, die meisten stürzen sich verzweifelt hinab, während in Pracht des Orkus, den bretternen Pallast Gluten auflösen. Nach halb sieben Uhr hatte die Schlacht begonnen, schon währte sie anderthalb Stunden, aber trotz der so vortheilhaften Stellung der Engländer, und der nachtheiligen ihrer Feinde, war noch nichts entschieden. Doch um acht Uhr wurde der französische Admiral verwundet, und die Signale erfolgten unregelmäßiger. Noch eine Stunde des erbitterten Kampfes, und die Waage neigte sich wenig. Aber um neun Uhr ward Bruyes durch eine Kanonenkugel zerrissen, und die Unordnung im Commando begann, während dessen Nelson unverletzt blieb, und das große Werk fortregieren konnte. Hätte die Parze ihm das Loos geworfen, würde vielleicht der Ausgang ganz verändert gewesen sein. Um halb zehn Uhr genossen die Engländer den Triumph, das Admiralschiff der Franzosen in Brand gerathen, und eine Viertelstunde darauf es in die Luft fliegen zu sehn. Dies feurige Schauspiel, das Lärmen und Prasseln in der Höhe, das Herabfallen vieler umhergeschleuderten Gegenstände, machten, daß des Streites Hitze eine Viertelstunde lang nachließ; dann erneute sich aber das rasende Getümmel bis zur Morgenröthe hin, und von dem Augenblicke an, wo Bruyes gefallen war, lächelte die Siegesgöttin der brittannischen Flagge. Neun ihrer Schiffe waren entmastet, mehrere hart beschädigt, aber die meisten französischen genommen, oder zerstört. Beider Nationen Tapferkeit war sich gleich gewesen, Nelson hatte mehr Erfahrungsgeschicklichkeit gezeigt, wie Bruyes, aber überall hatte jenen das zufällige Glück auch wie einen erwählten Liebling umarmt. Ihm gebührt der Nachwelt Ruhm, doch dürfen jene Umstände nicht dabei verschwiegen werden, eben so wenig wie die so hartnäckige kräftige muthige Gegenwehr der Franzosen, fast zwölf Stunden lang. Wer kann sich wohl der ernsthaftesten Bemerkungen bei dieser Schlacht enthalten? Sie war viel mörderischer wie die von Actium, wo Cleopatra gleich davon segelte, und Antonius bald der Geliebten folgte. Jene entschied die Herrschaft der Welt unter Individuen sehr schnell, aber eine Geschichtsübersicht nach hundert Jahren wird vielleicht erst entscheiden können, ob die Schlacht bei Abukir nicht noch wichtigeren Ausschlag im Allgemeinen gab. Nimmt man an, des Feldherrn Eilboten hätten den Seeherrn glücklich erreicht, und Bruyes die Flotte in den Hafen von Alexandrien geborgen, so gewann die egyptische Expedition ein anderes Ansehn. Die Franzosen blieben wenigstens stärker an Mannschaft und wie auch die Britten sich vor den Hafen stationirten, so konnten sie doch schwerlich durchaus hinderlich sein, daß nicht von den zahlreichen Schiffen der französischen Flotte hin und wieder bei guter Gelegenheit des Windes einige nach Frankreich ausgelaufen wären, und neue Hülfe an Truppen und Kampfmitteln zu den Ufern des Nils geschafft hätten. Das wäre um so eher der Fall gewesen, wenn Bruyes die Flotte vorerst nach Corfu oder Malta geführt hätte. Wäre aber der Strom des Windes bei jener Schlacht den Franzosen freundlich gewesen, hätte die tödliche Kugel statt Bruyes Nelson erreicht, so liegt die Vermuthung nicht weit, daß jene den Lorbeer des Kampfes würden davon getragen haben. Dann spielten sie die Meisterrollen in den mittelländischen Gewässern, das egyptische Heer konnte leicht verdoppelt werden, Gizzar Pascha, späterhin so nachdrücklich von Sidney Smith unterstützt, wurde leicht überwunden, und die Hindernisse, welche man im Orient vorfand, verringerten sich. Die Pforte war gezwungen, einen Bund mit Frankreich einzugehen, Egypten, das reiche Land, eine Kolonie der neuen Republik, über welche sie ihr Domingo immerhin vergessen konnte. Allein der große Mann, der die hochromantische, weitberechnete, im Charakter antiker Heldenzüge entworfene Unternehmung nach Egypten leitete, würde gehörig verstärkt, vielleicht die Angelegenheiten in Paris mit einiger Gleichgültigkeit behandelt haben, wenn sein Blick schon mehr wie einen Welttheil umfaßt. Er hätte Europens Kultur nach Afrika verpflanzt, die Zeiten der Ptolemäer in großen Unternehmungen wieder zurückgerufen, den Kanal von Suez hergestellt und den alten Handel durchs rothe Meer geleitet, den stolzen Britten in Bengalen angegriffen, ein Alexander am Ganges. England hätte nur einen schwächeren Einfluß auf die europäischen Kabinette üben können, die Kriege wider Frankreich würden eingestellt worden seyn. Das in Gefahr schwache Direktorium hätte in unbedrängten Zeiten noch lange an der Geschäfte Spitze weilen können. Doch die _verlorene_ Schlacht von Abukir rief endlich den Helden zurück. Er ging nach Europa und ward Cäsar. Im Erdtheil der Kultur sollte er zuvor den Herrscherstab erheben, denn konnte er ihn mächtiger einst über die Meere tragen. Also ließ sein cäsarisch Glück die Armade von Egypten untergehn. Ist es recht, in einem Roman von dem Helden zu reden? Wer kann aber von _ihm_ schweigen, der die Bewunderung der Welt durch immer erneute Großthaten auf sich lenkt? Drittes Kapitel. Einlenken von der Abschweifung. Die Franzosen, welche von den Häuserzinnen ihrer Brüder tragisches Loos beobachtet hatten, geriethen in tiefe Trauer, und fürchteten grauenvoll für das eigne Schicksal. Getrennt, abgeschnitten vom Vaterlande, wenige Hoffnung, neue Verbindungsmittel bald wieder erscheinen zu sehen, und in einem Lande eingeengt, wo man der Feinde viel, und der Anhänger wenige zählte, konnten ihre Aussichten wohl nicht beruhigend sein. Dazu ließ sich fürchten, daß die Engländer nunmehr auch landen und einen Angriff auf Alexandrien machen würden, während des Heeres größter Theil tiefer eingedrungen war, um die Mammelukken zu bekämpfen; mindestens konnten sie in den Hafen dringen und die dort noch liegenden Transportfahrzeuge, von großer Wichtigkeit für den Augenblick, zerstören. Aber der heroische Geist offenbart sich am edelsten, in den feindlichsten Anfällen der Gefahr. Wenn ihn Verzweiflung umgiebt, tritt er mit neuer Thatkraft hervor, und erbaut den Rettungstempel aus Ruinen. Der muthige Kleber ließ plötzlich am Gestade Batterien emporsteigen. Ueberall kreuzte sich ihr Feuer. Der Eingang in den Hafen ward unzugänglich, kein Landungspunkt blieb unbewacht von der zeitigen Vorkehrung, worin der denkende Held furchtsam, aber der unverständige Praler sorglos ist. Der hohe Feldherr, nachdem er erfuhr, was vorgegangen war, rief aus: Wohlan, so sind wir denn zu desto größeren Thaten gezwungen! Es giebt eine Menge Gründe, womit sich der Mensch über die hereingebrochenen Unglücksfälle zu trösten sucht. Aber mag sie Philosophie oder Religion liefern, Leichtsinn thut dennoch mehr. Dieser glückliche Gemüthszug ward dem Franzosen vor allen Erdensöhnen, darum ist er auch mehr wie alle geeignet, das Widerwärtige zu bestehn. -- Nach einiger Zeit brach eine Truppenabtheilung nach Cairo auf, mit der Ring und Flore zogen. Sie bedienten sich der Esel, Postkutschen kennt man in Egypten noch nicht, wo man in vielen Bequemlichkeiten des Lebens nur wenige Schritte vorrückte. Bei dem allen brachte es der Europäer im angenehm Reisen eben auch noch nicht weit. Nur in Frankreich und England giebt es erträgliche Wege, Rußland und Schweden haben mindestens Anstalten, schnell fortzukommen. Doch in späteren Jahrhunderten wird man kleine Häuschen auf Räder stellen, deren Zimmer nach Art der holländischen Gondeln eingerichtet sind, und worin man sitzen und gehn, schlafen und lesen, schreiben und Clavier spielen kann. Oefen für den Winter, und chemische Küchen dürfen nicht fehlen. Ein lebhaftes Vergnügen wohnt schon in der Vorstellung einer solchen Reise, von einigen hundert Meilen; nichts wird sie übertreffen, als die noch später angelegte Luftpost, die auch das leiseste Stuckern vermeidet. Es ging durch die Wüste. Die Natur hat die Laune gehabt, in Egypten viele Landstriche mit einer hundertfältigen Fruchtbarkeit auszustatten, dagegen öde, ewig unwirthliche, brennende Sandmeere zwischen die kleinen Elysäen hingeschlängelt. Es scheint, sie fürchtet aus ihrem Charakter zu fallen, wenn sie des Guten zu viel thut, denn die Weltregel will des Schlechten überall daneben. Ein ganz neuer, sonderbar ergreifender Anblick, solche Wüste, dies berichten alle, welche sie sahen. So weit das Auge reicht, eine starre weiße Fläche ohne anmuthigen Wechsel der Gegenstände, ohne erquickende Vegetation, ohne Zeugen des Lebens. Tief ist der heiße Sand, und qualvoll zu durchschreiten. Stürme, dort besonders die südlichen, wirbeln oft ungeheure Staubsäulen empor, die sich, dicken Nebeln gleich, über die geängsteten Pilger breiten. Dann unterscheidet man kaum das Nächste, gleich dem Schnee des Nordens hängt der Sand an den Kleidern, dringt aber weit feiner noch durch. Man athmet Sand, genießt Sand mit den Speisen, muß unaufhörlich die Augen davon reinigen. In einigen seltenen Fällen soll er sogar Caravanen begraben haben. Peinigt nun grimmiger Durst die Pilger, und sind die auf Kameelen fortgeführten Vorräthe erschöpft, so werden sie oft grausam getäuscht, da der Wüste ferner Horizont, mittelst salpetriger Ausdünstungen das vollkommene Bild eines klaren Sees darstellt. Hoffnungsvoll eilen nun die Lechzenden weiter, träumen das süße Labsal der Erfrischung, wie sie dort schöpfen, trinken, die Schläuche wieder füllen, die Glieder im stärkenden Bade erfreuen wollen. Doch sie reisen, und reisen, und erreichen des Sees Ufer nicht. Immer in dem alten Abstand glänzen sie vor ihren Augen. Sie sind schon lange in dem vermeinten Gewässer, da Nähe die Täuschung vernichtet, und sehen es doch immer wieder vor sich, bis sie endlich die Gränze der Wüste erreicht haben, und ein wirklicher Quell, zwischen blumigen Auen ihnen rieselt. Ring und Flore unterhielten sich viel über ihre Zukunft und die Schicksale, welche sie erwarten dürften. Jener freute sich auf alle die hohen Seltenheiten, die es weiterhin zu sehen gäbe, sprach mit Begeisterung von den alten Königsgräbern, von Thebens Ruinen, die er in Kupfer gesehen, von denen er im Strabo und Herodot gelesen hatte; diese fürchtete die Wuth der Mammelukken, und bezeugte, wie Lessings Just, kein Verlangen, sich von einem Säbel den Kopf spalten zu lassen, wäre er auch mit Diamanten besetzt. Jener meinte, es würde ihm willkommen sein, lebenslang in dem warmen Klima zu wohnen, diese wünschte nur Gelderwerb im Handel, um einst in Frankreich im Wohlstande zu frieren. Sie gelangten nach einer vierzigstündigen Reise zu jenen zauberischen Gefilden bei Raschid, im Contrast gegen die durchwanderte Oede, um so reicher an entzückender Anmuth. Die Reisfluren wogten üppig, die Reihne dufteten von Blumen, Jasminen rankten sich am Wege hin, die Häuser der Dörfer waren durch Akazien, Datteln und Sykomoren verdeckt, nur die Tempelartigen Moscheen ragten aus dem frischen Grün empor. Die Gärten prangten mit Orangen- Feigen- und Granatbäumen. Fette Heerden weideten im hohen Gras und auf dem majestätischen Nyl wimmelte es von bunten Fahrzeugen. Ueberall rege Geschäftigkeit. In Raschid ergötzte Floren ein egyptischer Postmeister höchlich. Der Mann hatte einige kleine Briefe zur Bestellung nach mehreren Orten empfangen, und nun stieg er auf seinen Taubenboden, hing verschiedenen der geflügelten Boten die Papierchen um den Hals, und ließ sie durch die Luft ihre Straße ziehn. Es langten auch einige andere an, die Billetdoux, oder was es sein mogte, überbrachten. Warum sucht man das nicht auch in Europa nachzuahmen? Die Geschwindigkeit der Beförderung ist doch angenehm. Jetzt schifften sich die Reisenden auf dem Nil ein, und fuhren mit einem günstigen Winde gegen den eben nicht reissenden Strom. Flore hatte viel von den Krokodilen im Nil gehört, und wagte daher keinen Finger ins Wasser zu stecken, aus Furcht, eine dieser Rieseneidechsen mögte Appetit darnach verspüren. Man beruhigte sie aber durch den Bericht, daß seit dem Gebrauch des Feuergewehrs die Krokodile sich immer höher hinauf nach Oberegypten zurückgezogen hätten, wie sich überhaupt die gefährlichen Thiere des Landes immer mehr verminderten. Ein befremdendes Schauspiel zog aller Augen auf sich. Viele Wasservögel schwammen ruhig auf der Fläche dahin. Nicht weit von ihnen wurde man aber mehrere große Kürbisse gewahr, die in den Strom geworfen zu sein schienen. Mancher Vogel nahte unbesorgt der Frucht. Eh man sichs aber versah war er gepackt. In den Kürbissen steckten nemlich Menschenköpfe, die Tauchern gehörten, welche sich dieses listigen Mittels bedienten, die Thiere unter dem Wasser an den Beinen zu erhaschen. Schöne Landschaft im morgenländischen Charakter zu beiden Seiten der Ufer. Angebaute Terrassen, Kanäle zum Bewässern gegraben, viel Spuren des Fleisses aus dem hohen Alterthum, und merkwürdige Ruinen. Ueberall hing das Auge des Reisenden an ihm neuen Gegenständen. Doch die Menschen waren zurückstossend. Schmutzige sonnenverbrannte Bauern, arabischer Herkunft, schwärzliche Kopten mit mißgestalteten Gesichtern und struppig krausem Haar. Der Stolz des Europäers regt sich auf, je weiter er gegen Süden reist, weil sich ihm die Bemerkung immerhin lebendiger wieder aufdrängt: nur im Norden habe die Natur menschliche Schönheit erzogen. Das erkennt auch der reiche Afrikaner an, und läßt Mädchen in Georgien und Cirkassien kaufen. Bei dem allen ist dem wahren Neger, eine Schönheit eigner Art nicht streitig zu machen; und in den indischen Kolonien (auch wohl zu London und Paris) zeigt der Weissen Lüsternheit ebenfalls eine Vorliebe gegen eine Haut, welche Poesie mit dem Ebenholz gleichen kann; doch was zwischen den Extremen liegt, kann nur dem rohen eingebornen Sinn gefallen. Unter der Fortsetzung dieser Fahrt entdeckte man die Pyramiden von Gizah, wiewohl in einer Entfernung mehrerer Meilen. Bergen gleich ragten die Steinmassen empor. Die Sehnsucht, sie in der Nähe zu betrachten, konnte aber noch keine Befriedigung finden. Endlich erreichte man Cairo, die größte der Städte in Afrika, es sei denn, daß dieses Welttheils noch unbekannte Mitte Oerter von weiterem Umfange birgt. Viertes Kapitel. Cairo. Zu Bulak stieg man aus. Es ist eine an den Stromhafen gebaute Vorstadt. Schöner, könnte sie vielleicht mit den Umgebungen des alten Pyräus bei Athen verglichen werden, doch in der vorhandenen Häßlichkeit gebührt ihr eine solche Ehre nicht. Dagegen mögte das Gewühl vom Pyräus nach der Hauptstadt Griechenlands, wenn schon anständiger, doch nicht so bunt und mannigfach gewesen sein, wie das, was man auf dem Wege von Bulak nach Cairo antrifft, am meisten in der Art, wie unsere Reisenden es sahen. Erst im Hafen ein Wald von Masten, schon lange zuvor erblickt, und von den Domen und Minarets des afrikanischen Paris überragt. Dann die zerstreuten Hütten, zwischen den Werften, Plätze mit Schiffbauholz, Waarenvorräthe und auf nebenliegenden Ebenen die bunten Gezelte der Araber. Handelsthätigkeit überall. Auf den Häusern dichte Schwärme Tauben, das am meisten geschätzte, und am zahlreichsten gehaltene Hausthier, die unaufhörlich ab und zuflattern, am Boden eben solche Haufen von Gabelgeiern und Krähen, die bald sich auf, bald niederschwingen, bei der wenigen Verfolgung die ihnen widerfährt, höchst dreist sind, und die Luft mit ihrem Geschrei füllen. Ebenfalls Tausende von Hunden, die in allen großen Städten des Orients, wie man zu reden pflegt, auf ihre eigene Hand leben, und von den, gegen Thiere sanftmüthigen Muselmännern, keine Störung fürchten dürfen. Nun ein unabläßiges Wogen zur Stadt und von der Stadt her, ein Drängen, Stossen, Zanken, Waaren schleppen, Kameeltreiben, Eselführen, Reiten auf stattlichen Barbarhengsten, Platzmachen durch stolze Diener der Polizei, mit langen Stöcken -- die Menschenmenge, zusammengesetzt aus Türken, Kopten, Griechen, Syrern, Arabern, Negern, Juden, und Europäern, die unter den gegenwärtigen Umständen in ihrer Tracht erscheinen konnten, und das Schauspiel noch bunter ausschmückten. Und nun unter all dem Gewimmel hier einen französischen Grenadierkapitän, dort eine reitende Jägerpatroll, hier eine vorbeiziehende Infanteriewache, den wirbelnden Tambour an der Spitze, dort einen Ingenieur, der die Straßen aufnimmt, ein anderer der den Strom nivellirt, wieder ein Gelehrter, der die Inschrift eines alten Steines prüft, ein zweiter, der den Fang der Nilfischer naturhistorisch untersucht, ein dritter, der mit einer egiptischen Bajadere (die so zahlreich vorhanden sind, wie zu Wien auf dem Graben oder zu Hamburg auf dem Jungfernsteig die europäischen) scherzt -- und jedermann muß bekennen, daß das Bild davon schon sehr anziehend ist, und daß ein ähnlicher Anblick durch ganz Europa vergebens gesucht wird. Weite Reisen müssen aber auch entschädigen, wer würde sich sonst zu ihren Beschwerlichkeiten verstehn wollen. Wo möglich fand man dies Gewühl in den Hauptstraßen von Cairo noch vermehrt, wiewohl andere Gegenden der Stadt öde und menschenleer erschienen. Sie hatte überhaupt durch die Ankunft der Franzosen manches an ihrem eigenthümlichen Glanz und ihrer Menschenzahl eingebüßt. Jener bestand in der üppigen Pracht der Beis und ihrer hohen Beamten, diese in den Mammelukken, welche sich im Gefolge ihrer Herren entfernten, und wider die Europäer in den Streit zogen. Jetzt wurde Cairo nach allen Richtungen durcheilt, um die Merkwürdigkeiten in Augenschein zu nehmen. Die Freiheit, mit welcher das jetzt geschehen konnte, war seit Jahrhunderten keinem Franken geworden. Denn vor Ankunft des europäischen Heeres waren sie großen Beschränkungen und quälenden Demüthigungen blosgestellt. Sie mußten morgenländische Kleidungen tragen, doch mit einem Abzeichen, welches in den Augen des Pöbels Verächtlichkeit hatte. Jedem Mammelukken, Priester oder Beamten, waren sie schuldig, eine tiefe Ehrenbezeugung zu machen, indem sie von den Eseln stiegen, sich neigten, und die Hand auf die Brust legten. Selten würdigte man diese Höflichkeit eines Dankes. Wurde sie vergessen, so brachten sie unsanfte Stockschläge der begleitenden Diener in Erinnrung, wobei gar nicht die Frage war: ob der Europäer vom ältesten Adel stammte, oder nicht? In entferntern Quartieren lief man leicht Gefahr, ermordet oder geplündert zu werden. Durch willkührliche Abgaben, Avanien genannt, mußten Sicherheit und Befugniß zum Handel von den oft wechselnden Herrschern, immer wieder aufs Neue erkauft werden. Man mögte glauben, unter solchen Umständen hätte jeder Europäer einen so gehässigen Aufenthalt geflohn, allein was thut die Liebe zum Gewinn nicht? Man konnte in einem Jahre oder in noch kürzerer Zeit dort reich werden. Man durfte nur Marseiller Tücher und Turbane, schweizerische Uhren, englische Eisenwaaren und dergleichen dahin bringen, nun für den gelöseten Preis Moccakaffee einhandeln, und das Glück haben, daß das Schiff, worauf sich die Ladung befand, seinen Hafen erreichte. Und welch einen freundlichen Wink giebt der Reichthum nicht? Man frage die allerehrenvollsten armen Männer, ob sie sich, wenn sie reich zu werden hoffen dürfen nicht der Gefahr einiger türkischen Stockschläge preisgeben wollen, und sie werden sogleich zu erwägen anfangen, daß in dem morgenländischen Stock die Beschimpfung nicht liegt, die der mystische europäische in sich enthält. Ring, der Berlin, Manheim, Carlsruhe gesehen hatte, fand die Gassen in Cairo unleidlich, in ihrer engen finsteren Krümme, und verwünschte besonders die quer über, von Haus zu Haus gelegten Bretter, die vollends jeden architektonischen Prospekt hemmten. Flore aber war seiner Meinung nicht. Sie behauptete, der allgemeine Baldachin sei da vortrefflich, wo eine unmäßige Sonnenhitze dadurch abgehalten wird, und eine herrliche Facade bratend anzuschaun, mache ihr nicht das mindeste Vergnügen. Wie billig verwies er ihren geringen ästhetischen Sinn. Diese Ueberdachung der Straßen findet sich auch in Tripolis, Algier u. s. w. und man muß doch eingestehn, daß, wie sehr die Bewohner dieser Städte uns in Erfindung anderer Bequemlichkeiten nachstehn, sie hier doch auf eine fielen, die wieder manche der unsrigen überwiegt. In Europa, besonders in seiner nordischen Hälfte drückt zwar die Hitze nur während einer kurzen Zeit, aber wären solche Hülfsmittel gegen unsere häufigen Regen, gegen unsern Schnee nicht willkommen? Einen hohen Grad von Vollkommenheit würden sie erreichen, wenn sie, (bei nicht zu breiten und mit Häusern von gleicher Höhe besetzten Straßen) Zugbrücken gleich, von den Dächern gegen einander herabgelassen werden könnten, unter der Neigung eines erhöhten Winkels, und mit Röhren zum Abzuge des Wassers versehn. Dichtigkeit und Zusammenpassen aller wäre eine unerlässige Bedingung. So könnten sie wider Sonnenhitze und nasse Witterung wohlthätig seyn, und bei sonst angenehmer Luft aufgezogen werden. Einige Fenster müßten die zu große Dunkelheit mindern. Sollten die Plätze auch den Nutzen theilen, so könnte es freilich nicht anders geschehn, als mittelst gewaltiger Schirme an hohen Masten. Eine ausschweifende Einbildungskraft hat sich sogar für Zeiten des größeren Unternehmungsgeistes die Möglichkeit eines Regen- und Wärmeschirms gedacht, der ganz Paris decken und nach Belieben entfaltet und zugefügt werden könnte; auch die Höhe des Thurms berechnet, woran er zu befestigen wäre, die Natur der Mittelstäbe erträumt (durch Hängewerke aneinander befestigt, durch Taue von der Thurmspitze aus getragen, von Mastbäumen gefertigt) und des Zeuges, (einem Gewebe von Strängen nach Bedürfniß mit Harz getränkt). Doch Scherz bei Seite! So viel wir uns auf den Vorsprung in Wissenschaften und Künsten zu Gute thun, so giebts doch in Europa keine Stadt, der nur eine mäßige Bewunderung zu schenken ist, wenn man zugleich an das, zu erhabenen Conceptionen so aufgelegte und im Ausführen so beharrliche Alterthum zurückdenkt. Kleinlichen Flitterstaat zeigen unsere Hauptstädte gegen die Pracht von Theben, Memphis, Palmyra, Babilon, oder des _römischen_ Roms. Stände Semiramis wieder auf, sie würde die Peterskirche im _päbstlichen_ Rom allenfalls noch werth halten, wie ein kleiner Lustpavillon in einem ihrer Gärten zu stehn, viel weiter würde sich ihre Achtung nicht erstrecken. Wem fällt es denn wohl ein, einen Thurm aufzurichten, wie der Tempel des Bel in Babilon, einer war. Wer will Gärten in der Höhe schweben lassen, wer Schiffe zwischen den Schenkeln einer Bildsäule durchführen wem sind Strecken von zwanzig Meilen, durch Berge, die es zu trennen gilt, nicht zu weit, um nur besseres Wasser daherzuleiten? Wir erschrecken vor den Gedanken, Hunderttausende von Arbeitern bei einem Bau anzustellen[1], wüßten nicht die Menschen, die Summen aufzutreiben. Dagegen erschlugen wir seit mehreren Jahrhunderten, oft um die albernsten Zwecke Hunderttausende in Kriegen, und manches Volk hob dieserhalb schon der Kindeskinder Einkünfte, wälzte den noch späteren Enkeln Schulden auf. Erst wenn die irreligiösen unnützen Fehden werden geendet haben, wenn die Christenheit einen Staat bildet, und eine Völkerjustiz der Völker Zwiste entscheidet, wird die Zeit nahen, wo auch die gegenwärtige Menschheit der folgenden in wahrhaft hohen Denkmälern sich verkündigen kann. [Fußnote 1: Da Salomo seinen Tempel bauen wollte, sandte er Achtzigtausend Zimmerer nach dem Libanon, Zedern zu bereiten, und Siebenzigtausend Steinhauer aus, (1. B. der Könige Kap. 5. V. 15-18) was freilich um so unglaublicher klingt, als hernach (1. B. der Könige Kap. 6) gemeldet wird, der Tempel sey nur sechzig Ellen lang, zwanzig breit, und dreißig hoch gewesen.] In Einzelheiten legten wir allerdings vor den Ahnen große Strecken Weges zurück. Jene Memphis, jene Babilon entbehrten an ihren Marmortempeln und Pallästen der Glasfenster. Metastasio, indem er den Garten von Schönbrunn besang, wollte poetisch komplimentiren, und verglich ihn mit dem des Alkynous. Das war aber eine ziemlich prosaische Herabsetzung, denn bei aller prachtvollen Beschreibung des Homer[2], tauschte doch kaum ein wohlhabender Pachter mit dem seinigen. Allein desto wundervoller, wenn jetzt der Geist des Großen einmal große Kräfte zu einem solchen Zweck vereinen wird. Man kann fragen: aber wozu das am Ende? Darauf weiß ich keine Antwort. Denn wollt ich sagen: Damit der Eindruck die Gemüther erhebe, so kann man das gewaltig zu Boden schlage, da in einer Stadt, welche das neue Palmyra genannt wird, und für die jetzigen Zeiten, doch schon ein Erhebliches an architektonischen Prospekten Tempeln, Pallästen, zeigt, die Gemüther -- -- -- -- -- doch Stille Stille! [Fußnote 2: Außer dem Hof erstreckt ein Garten sich, nahe der Pforte; Einen Huf ins Geviert', und rings umläuft ihn die Mauer. Dort sind ragende Bäume gepflanzt mit laubigen Wipfeln, Voll der balsamischen Birne, der süßen Feig und Granate, Auch gelbgrüner Oliven, und wohlgesprenkelter Aepfel. Diese tragen beständig im Jahr, nie mangelnd des Obstes, Nicht im Sommer, noch Winter, vom athmenden Weste gefächelt Knospen sie hier und blühen, dort zeitigen schwellende Früchte. Birn reift auf Birn, es röthen sich Aepfel auf Aepfel; Traub auf Traube verdunkelt, und Feigen schrumpfen auf Feigen. Dort auch prangt ein Gefilde von edlem Weine beschattet, Einige Trauben umher auf der Ebene hingeleitet, Dorren am Sonnenstrahl; und andere schneidet der Winzer. Andere keltert man schon; hier stehn die Herlinge in Reihen; Hier entblühn sie zuerst; hier bräunen sich leise die Beeren, Reich an Gewächs, und stets von Blumen umduftet. Auch sind dort zwo Quellen, die eine fließt durch den Garten, Schlängelnd umher, und die andere ergießt sich unter des Hofes Schwell' an dem hohen Pallast, woher sich schöpfen die Bürger. Odyssee 2ter Gesang. V. 112--131. nach Voß Uebersetzung.] Fünftes Kapitel. Fortsetzung. Was werden die Kritiker des Morgenblattes sagen, die sublimen Männer, welche nur eine mäßige Zahl von Alltagsköpfen in ihre Mitte treten ließen, daß dies Buch bis hieher noch so wenig That, so viel Betrachtung enthielt, daß die Kunst auszustellen, zu spannen, einzuleiten, mit so weniger Sorge gepflegt wurde? Geduld! es wird der Handlung Fülle erscheinen, ja der Verfasser wird es dahin bringen, daß man sich noch über Quantität und Qualität der Handlung ereifern soll. Unser Paar lebte nun eine gute Zeit wohlbehalten in Cairo. Ring hatte seine Geschäfte beim Commissariat zu versehen, Flore, die immer wieder Mannskleider trug, suchte hie und da einen erlaubten Gewinn zu erzielen. Nach ihrer bekannten Aufgewecktheit, Gefügigkeit, nach ihrem schnellen Auffassungsvermögen, lernte sie bald etwas von der Einwohner Sprache, und verstand es auch, sich zu ihren sittlichen Ansichten zu bequemen. Daneben hatte sie bald eine Kenntniß von Dingen, nach denen die französischen Gelehrten begierig waren, als da sind aufgefundene alte Münzen, Mumienfragmente und andere Seltenheiten. Oft schwatzte sie dergleichen den Egyptern um ein Geringes ab, und veräußerte es gut. Gegenstände der Lieferung, die ihr Mann aufzutreiben hatte, schaffte sie so herbei, daß ein billiger und nicht unbeträchtlicher Vortheil daran hing. So gedieh es den beiden Leuten, doch sey es zu Florens Ehre gesagt, sie trieb es in allen Ehren. Weltbekannt ist, wie viele treffliche Einrichtungen von den Franzosen in Egipten gemacht wurden. Man untersagte den Sklavenhandel, stiftete überall eine geordnete Polizei. Eine Versammlung der Scheiks aus verschiedenen Provinzen wurde zu Cairo ausgeschrieben, wo man die Verbesserungen der Gesetzpflege und Finanzverwaltung berathete. Den bürgerlichen Gewerben und dem Ackerbau ward der nöthige Schutz, und die Egypter hätten sich nur auf ihren wahren Vortheil verstehn müssen, um sich auf immer von der rohen Mammelukkentirannei befreit zu sehn. Allein sie begriffen diesen Vortheil nicht, und unterstützten die gute Sache nur mit halben Willen. Englischer Einfluß, die Schritte, welche die Pforte gethan hatte, und Sinn für die alten Gewohnheiten verkehrten diese Gemüther, und während die französischen Waffen gegen alles, was in den Provinzen noch Widerstand leistete, glücklich waren, zettelte sich in der Hauptstadt ein gefährlicher Aufruhr an. Sechstes Kapitel. Aufruhr. Ring hatte die Pyramiden von Gizah immer noch nicht in der Nähe gesehn. Allein war keine Wallfahrt dahin zu unternehmen, da Räuber in der Gegend umherschwärmten, die des Landes kundig, zu viele Schlupfwinkel fanden, um den Truppen erreichbar zu seyn. Nur mit Bedeckung waren Offiziere und Gelehrten dahin gegangen, Ring hatte aber dann immer der Zeit ermangelt. Nun fand sich eine Gelegenheit, er konnte einige Tage abkommen, und wollte nicht säumen, den Gipfel der Spitzsäulen zu erklimmen, und die alten Pharaonskammern zu durchspähn. Flore aber hatte keine Lust ihn zu begleiten, ohnehin war sie eben in einer Handelsverrichtung begriffen, und blieb in Cairo zurück. Grade nun begab sich aber jener bekannte fürchterliche Aufruhr vom 21. Oktober, dessen Plan ziemlich von weitem angelegt zu seyn schien, da an dem nämlichen Tage auch Bewegungen in Alexandrien, und selbst vor dem Hafen dieser Stadt, sichtbar wurden. Wie einst in Warschau, war es darauf angelegt, alle fremde Truppen zu morden, die Franzosen entgingen aber durch größere Wachsamkeit dem Geschick der Russen. Früh um acht Uhr sah man verschiedene Volkshaufen, deren Vorhaben nicht zweideutig schien. Der General _Dupuis_, Befehlshaber zu Cairo begab sich nach dem Platze _Berquetfil_, die Empörer durch gütige Mahnung zu zerstreuen, wurde aber mit seinen wenigen Begleitern getödtet. Nun griffen die Franzosen zu den Waffen, pflanzten Kanonen in den Straßen auf, und brachten die Aufrührer bald dahin, daß sie sich in die Moscheen retteten, und dort verschanzen mußten. Ihnen wurde auf die Bedingung Gnade zugesagt, daß sie ihre Oberhäupter auslieferten. Bei ihrer trotzigen Weigerung war ihre Strafe angemessen. Sie lernten die Macht europäischer Kriegsführung kennen, und um so befestigter ward der letzteren Gewalt. Gleichwohl waren in den Häusern und einzeln auf den Gassen viele Franzosen umgebracht worden. Einige Gefangenen schleppten fliehende Araber mit aus der Stadt fort. Ein solches Schicksal erfuhr auch die gute Flore. Neugier anfangs, und hernach der Vorsatz, bei einer Truppenabtheilung Sicherheit zu suchen, hatten sie aus ihrer Wohnung getrieben. Nun sprengten aber einige Reuter vorüber, von welchen der Vorderste eine Lanze, wiewohl ohne Erfolg nach ihr warf, mehrere andere Fehlschüsse mit Pistolen nach ihr thaten, der Hinterste sie aber um den schlanken Leib ergriff, sie vor sich auf das Pferd hob, und so mit der Beute davon eilte. Wie die tödtlich Erschrockene flehte, es war umsonst; auch die Hoffnung, Franzosen würden dem Zuge begegnen, und sie befreien, blieb eitel. Immer im vollen Sprunge eilten die Reuter durch abgelegene Gegenden, und durch Lücken der verfallnen Stadtmauer ins Freie. Man kann sich den Zustand der Armen denken. Der Sitz auf dem Halse des Gaules höchst unsanft, und am wenigsten freundlich, die Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Sie verstand so viel von der Sprache, um ihre wiederholten Bitten um Freiheit vorzutragen, und auch die Reden der wilden Muselmänner deuten zu können; auf jene wurde aber nicht gemerkt, und diese weissagten nichts Gutes. Eine Strecke von etwa dreitausend Schritten von den letzten Häusern der Vorstadt hielten die Reuter an, und beratheten hinter Buschwerk, das sie versteckte. Sie wollten Nachricht abwarten, ob der Versuch, die Franken umzubringen, nicht etwa noch eine günstige Wendung genommen habe, in diesem Fall waren sie entschlossen, wieder nach Cairo zurückzukehren. Sonst hielten sie eine Flucht ins innere Land nöthig, um der Rache zu entweichen. Gleich fragten aber die Uebrigen den Ali (so hieß der Entführer Florens) was er doch mit dem Franken beginnen wolle? Zwei oder drei alte Männer wollten ihn niedergestoßen wissen, zuckten auch schon die Lanzen, einige jüngere traten aber mit lüsternem Blick näher, wehrten ab, und liebkoseten Floren. Das letzte wollte Ali nicht dulden, und man gerieth in einen hitzigen Streit. Da aber eben wieder zwei Araber daher sprengten, mit der Verkündigung, alles sei für die Aufrührer verloren, und die Franken Sieger, dachte man nur an eine weitere Flucht; die Arme wurde abermals auf das Pferd geschwungen, und es ging im schnellsten Galopp querfeldein. Nur am späten Abend, wie die Thiere vor Ermüdung nicht weiter konnten, wurde Halt gemacht, und der alte Streit erneuete sich augenblicklich, und mit größerer Frechheit, da weniger Furcht die Unholde plagte. Flore wurde dem Ali streitig gemacht, der ihren Besitz lebhaft vertheidigte, die Alten schrien: was sie vorhätten, sey gegen den Koran, und bald fiel man mit Säbeln und Dolchen übereinander her. Während dieses Getümmels benutzte Flore einen günstigen Augenblick, und sprang davon. Die Dunkelheit unterstützte ihr Beginnen, sie erreichte ein Gebüsch voller felsigten Schlüfte, wo sie hoffen durfte, nicht so leicht entdeckt zu werden. Zwar hörte sie bald, daß die Araber wieder aufgesessen waren, und sie mit vielem Geschrei nach allen Richtungen aufsuchten, allein in ihre Nähe kamen sie nicht, und bald vernahm sie kein Geräusch mehr. Tiefe Nacht brach herein, und schien die Furcht vor den Arabern verschwunden, so kam bald eine andere über sie, die vor den Thieren der Wildniß. Sie kroch also, so tief es immer möglich war, in eine Höhle, und erwartete dort schlaflos den Morgen. Die einzige Hoffnung, welche ihr aufging, war, vielleicht auf Franzosen oder gutsinnige Griechen zu treffen, die sie wieder nach Cairo bringen konnten, und dadurch einigermaßen beseelt, wagte sie sich aus ihrem Schlupfwinkel hervor. Siebentes Kapitel. Eitle Wünsche. Wie sie aus dem Dattelhölzchen trat, erblickte sie auf einer Seite grauenvolle unabsehliche Wüste, auf der anderen zwar angebauet Land, doch kein Dorf, noch weniger Menschen, an welche sie es hätte unternehmen mögen, sich zu wenden. Indessen konnte sie nicht bleiben wo sie war, schon überaus entkräftet, würde sie bald dem Hunger erlegen haben. Sie schritt also in das angebaute Land, traf auch bald eine Quelle, ihren Durst zu löschen, und fand Früchte mancher Art, um den Hunger zu sättigen. Bald sah sie die Moschee eines geringen Städtchens, und weiterhin mehrere Dörfer. Unschlüssig, ob sie sich hier oder dorthin wenden sollte, bestieg sie eben einen Hügel, der eine weitere Aussicht darbot, und entdeckte, daß der Nil etwa eine Meile davon, seine majestätischen Fluthen vorüberwälzte. Gleich war nun der Entschluß genommen, so unbemerkt als möglich seinen Ufern zu nahn, weil es bei weitem nicht so glaublich war, in jenen geringen Ortschaften Truppen zu finden, wie dort. Nicht ohne Gefahr setzte sie ihren Weg fort, und stieß auf manche Arbeiter im Felde, deren Ansehen bösartig genug war. Doch ihre freundliche Natur, die mit zutraulichem Gruß an ihnen hinging, machte, daß jene nicht zu der Besonnenheit gelangten, ihr Leid zuzufügen. Eine köstliche Himmelsgabe, die freundliche Natur. Sie entwindet ohne Mühe Verlegenheiten, ist eine der ersten Lebensadressen an das Glück. Unter den Emporkömmlingen sieht man wenig herbe Gesichter, und ein lebensmüder Soldat, der einstmals ein Verbrechen beschloß, um den Tod zu leiden, setzte den schon gespannten Hahn wieder in Ruh, weil der erste Vorübergehende ihm einen heitern guten Tag bot, und tödtete dagegen den zweiten. Endlich kam Flore an dem Nil an. Aus den umherliegenden Hütten hatten sich viele Mädchen versammelt, hier Linnen zu reinigen. Nach Landessitte war ihr leichtes Gewand bis zum Gürtel aufgeschürzt, dagegen das Gesicht schamhaft verdeckt. Ein seltsamer Kontrast gegen europäische Meinungen. Flore nahte lachend, und erkundigte sich, ob keine französische Soldaten hier herum gesehn worden. Die Mädchen sagten aus: eben wären deren wohl Hundert des Weges gezogen, die Getreide eintrieben. Flore sah noch in der Entfernung den Staub, und eilte, alle Kräfte anzustrengen, um das Kommando zu erreichen. Es war aber ziemlich weit voraus, Flore sehr ermüdet. Sie keuchte athemlos, doch spornte sie die Hoffnung der Sicherheit, der Gelegenheit wieder nach Cairo zu ihrem Gatten zu kehren. Denn wenn gleich das Commando von der Hauptstadt gekommen schien, da es seinen Weg in der Richtung nach Oberegypten südlich fortsetzte, so ließ sich doch erwarten, es würde nach vollzogenem Auftrag wieder dahingehn. Hätte sie nun keinen Abweg eingeschlagen, so würde der erste sie gewiß an ihr Ziel geleitet haben. Und vielleicht rasteten auch die Soldaten bald einmal, desto eher wurden sie eingeholt. Doch die Abwege! Wären sie nicht auf dem Erdboden! Und die falschen Lockungen! Wohnte uns nicht eine so leichte Neigung bei, ihnen zu folgen! Flore blickte von Ungefähr -- ein Ungefähr, an welchem ach! so Viel hing, nach dem Strome. Sie gewahrte ein Fahrzeug, das ihn hinaufsegelte. An der Spitze saß ein Mann in französischer Soldatenuniform, die Kokarde am Hut. Sehr natürlich war der Gedanke, daß sie vielleicht auf dieser Barke auch Sicherheit finden könne, und die Sehnsucht, ein wenig Schutz gegen die Sonnenhitze, die in Egyptenland auch im Oktober drückend genug ist, zu finden, gab jenem Gedanken destomehr Lebhaftigkeit. Ich will den Landsleuten winken, dachte sie, daß sie ans Ufer steuern, um mich aufzunehmen. Vielleicht gehören sie selbst zu dem Commando, bringen etwa Lebensmittel nach. Desto eher wird mein Wunsch erreicht. Sie nahm ein weisses Tuch heraus, und gab Zeichen. Bald wurden sie verstanden, das Fahrzeug nahte, und legte an. Froh saß die Wartende am Strande. Der Mann in der Uniform steigt aus. Mit Schrecken sieht Flore ein schwarzbraunes Gesicht, und morgenländische Unterkleider. Der Hut ist auf einen häßlichen geschornen Kopf gedrückt. Nun will sie fliehn, der Schwarzbraune hat sie aber bereits mit starkem Arm ergriffen, und sie wird in die Barke getragen, wo einige Ruderknechte, und lumpigte bewaffnete Kerle sie mit wildem Lachen empfangen. Die Eigenthümer waren Flußräuber, deren es auf dem Nil viele giebt, und welche die neue Polizei bei aller Wachsamkeit noch nicht hatte vertilgen können. Von einem ermordeten Europäer waren jene Kleider genommen, und das Oberhaupt der Bösewichter hatte sie angelegt, um Fremde, die man etwa plündern konnte, sicher zu machen. Man durchsuchte ihre Taschen nach Geld. Es fand sich wenig. Nun ward sie entkleidet, um zu untersuchen, ob irgendwo Goldstücke eingenäht wären. Man fand deren nicht, aber entdeckte mit großer Befremdung und üppigem Jubel ihr Geschlecht. Flore stockt, wenn sie hier weiter zu erzählen pflegt, und es ist daher billig, daß auch manches übergangen werde. Die Hauptsache ist, daß sie mit fort mußte, und die bittere Kränkung erfuhr, den Truppenhaufen bald darauf am Ufer gelagert zu sehn, während die Räuber auf der Mitte des Stromes vorübersegelten. Man hatte ihr die Hände gebunden und den Mund verstopft, so lange die Soldaten sichtbar waren, damit sie auf keine Art ihre Gegenwart ankündigen konnte. Dann wurde sie aber von dieser Unbequemlichkeit befreit, und die Räuber wiesen sie an, ihnen das Essen zu bereiten. Die Nothwendigkeit gebot, sie mußte aus dem Mehlvorrath egyptische Polenta fertigen, und die gefangenen Nilfische auf dem kleinen Heerd der Barke rösten. Achtes Kapitel. Fernere Abentheuer mit den Flußräubern. Daß Flehen und Weinen umsonst war, ergiebt sich von selbst. Auch blieb es ohne Wirkung, daß Flore dem Gesindel eine Loskaufungssumme verhieß, wenn man sie nach Cairo bringen wollte. Sie fand keinen Glauben, und die Räuber, denen ihre Kost schmeckte, gewöhnten sich nur mehr an sie. So mußte Flore sie auf ihren ruchlosen Zügen begleiten, und Zeugin mancher Unthat sein. Schlau wußten sie drohenden Gefahren zu begegnen, denn erblickten sie etwa von Weitem ein Fahrzeug, worauf bewaffnete Mannschaft seyn konnte, so gab es entweder eine Bucht, oder einen Kanal, wo sie sich verbargen, oder sie fischten ruhig in einiger Entfernung und wurden dann nicht gestört. Schiffe aber, die ihnen nur geringen Widerstand leisten konnten, griffen sie mit schneller Gewalt an, oder überlisteten. In aller Hast wurde dann das Eigenthum geraubt, und nicht selten die Besitzer ermordet. Bis ein guter Vorrath von Beute gesammelt war, blieben sie immer auf der Mitte des Stroms. Hatten sie aber Raub genug erlangt, begaben sie sich nach _Scheik Abade_, ihren Schlupfwinkel, wo sie die Gegenstände bis auf thunliche Veräußerungen einscharrten. Nachdem Flore etwa acht Tage bei ihnen gewesen war, geschah eine solche Landung. In den Hütten des Oertleins hauseten ihre Gefährten und Weiber. Zwischen den weitläuftigen Ruinen umher, den Ueberbleibseln der alten Stadt Antinoe, wurden die Gruben ausgehöhlt. Flore sah es mit an, daß unter andern hier reicher Schmuck, und eine gute Zahl von Goldstücken, verborgen wurden. Sie hatte, da sonst sich keine Hülfe darbot, gute Miene zum bösen Spiel gemacht, und sich mit verstelltem Wohlbehagen, in den Willen des Taugenichtse gefügt, auch erklärt: sie wünsche für ihr ganzes Leben kein glücklicher Loos. Das hatte ihr den besondern Schutz des Oberhauptes erworben, doch gab man nichtsdestoweniger genaue Acht auf sie, und benahm ihr jede Möglichkeit der Flucht. Bei Tage mußte sie unter strenger Aufsicht arbeiten, bei Nacht wurde sie zu den Weibern gesperrt. Bald schifften sich die Räuber wieder ein, und Flore war ihre Begleiterin. Man schwamm mehrere Wochen auf dem Nil herum, war aber diesmal nicht so glücklich wie vorher, und es herrschte dieserhalb großer Unwille auf dem Fahrzeuge. Flore suchte ihn möglichst zu bekämpfen, indem sie sich die Bereitung der Polenta, und das Braten der Fische noch sorgsamer angelegen seyn ließ. Desto mehr gewann sie die Herzen. Jeder Sterbliche, wäre es der roheste, entartetste, ist auf irgend eine Weise einzunehmen. Die Mehlkiste war aber ziemlich aufgezehrt, es mangelte an Hanfgetränk, womit der Pöbel in jenen Gegenden sich zu berauschen pflegt, man beschloß also, nach dem Raubneste zurückzukehren, um neue Vorräthe zu holen. Etwa eine Meile war die Barke noch davon entfernt, als die Nacht hereinbrach. Der Wind blies zudem nicht günstig, der Morgen sollte daher erwartet werden, die Reise zu vollenden. Wie gewöhnlich wurde der Anker mitten im Strome geworfen, die Unholde legten sich bis auf Einen schlafen, der Wache hielt. Flore hatte sich auch unter dem Mattenbaldachin hingestreckt, aber kein Schlummer wollte sie erquicken. Sie dachte ernsthafter als je dem traurigen Geschicke nach, das sie in eine so verwünschte Innung geführt hatte, und die entsetzliche Aussicht, vielleicht nimmer von hinnen zu kommen, brachte sie der Verzweiflung nahe. Denn wie man denken mag, hatte sich ihre Einbildungskraft fast mit nichts, als den Mitteln in Freiheit zu kommen, beschäftigt. Doch unüberwindlich erschienen ihr die Hindernisse, da die Räuber verschlagen genug waren, sich vor jeder obrigkeitlichen Hand verborgen zu halten. Die Liebe zu Ring erwachte unter diesen Umständen desto lebhafter. Was mag er thun, der Gute? Wie bestürzt wird er gewesen sein, da er seine Flore bei der Rückkehr von jener Reise nicht mehr gefunden hat! Ich seh ihn erbleichen, wüthen, suchend umher irren, den Freunden klagen, sich abhärmen. Aber wenn der erste Sturm des Grams vorüber ist, wird er mich nicht todt, wenigstens verloren achten? Ach, und dann giebts andere Mädchen. Er liebt das Sonderbare. Schon um deswillen kann eine Coptin, eine Griechin, eine Araberin -- o ich mögte in Wahnsinn sinken, bei der Reihe von Vorstellungen, die dieser folgt! Nein es gelte das Leben, die nächste Gelegenheit, und wäre sie noch so dornenvoll, werde muthig ergriffen! Schon manches führt ich Unternehmende aus, wovor das Alltagsweib schaudern würde, sollte mir denn keine glückliche Flucht aus Diebeshänden gelingen? Indem sie sich auf diese Weise mit düsteren Vorstellungen quälte, und so gern die Gewölke, die das Innere ihrer Seele trübten, durch einen freudigen Hoffnungsstrahl erhellen wollte, blickte sie unter dem Ueberhang nach dem Wächter hin, der zu ihrer Befremdung fest eingeschlafen schien. Auch die übrigen Räuber schnarchten. Es war grade in der Regenzeit, und das Getöse, indem das Wasser auf die Decke, auf die Bretter und in die Wogen niederschlug, vermehrte sich eben, da sich dichtere Ströme niedergossen. Hinter der Barke war ein kleiner leichter Floß angebunden, der nur aus einer Bohle bestand, welche durch zwei Reihen ausgehöhlter Kürbisse gehalten wurde, eine Erfindung, auf welche der Occident noch nicht fiel. Dem Wetterleuchten in der Ferne gleich, stieg Floren ein rascher heller Gedanke auf, dem sie aber aus heftiger Furcht kaum Raum zu geben wagte. Diese Furcht kämpfte mit jenem Gedanken ziemlich lange, endlich aber verlor sie ihr Spiel, und Flore ermannte sich zu seiner Verfolgung. »Wie wenn ich beim Geräusch des Regens, mich aufmachte, mich auf das Floß niederließ; schwerlich würde der Araber erwachen. Unbemerkt knüpfte ich den leichten Kahn los, und ruderte mich zum Strande.« »Aber wenn er nun erwachte, dann fiel ich ohne Zweifel ein Todesopfer des Jähzorns!« »Das Erwachen steht dahin, mein jetziges Leben ist nicht viel besser, wie Tod, an die Freiheit muß man es kühn setzen.« »Gleichwohl, wenn ich nun das Land erreicht habe, was wird dann aus mir werden? Ich bin ohne Geld, ohne Freund, nach dieser entlegenen Gegend kommen meine Landsleute selten, was hier herum wohnt, haßt alles, was nicht an Mahomed glaubt, tödlich. Ich werde immer dem Verderben nicht entrinnen.« »Geld wirkt viel, ich wüßte wohl Geld zu finden, und ein Raub an Räubern verübt, die mir Freiheit und Wohlfahrt entrissen, kann kein Verbrechen sein. Aber man wird mir folgen, dort mich vielleicht am ersten aufsuchen, da den Buben ihr Schatz am Herzen liegt, und sie bald argwöhnen könnten -- -- aber ists am Ende Frevel, Mörder zu morden? Zur Rettung des eigenen Lebens sie zu morden? Wie manchen Schuldlosen sah ich nicht schon von ihren Dolchen getroffen, sinken? -- Aber ohnmächtige Thörin, was sinnst du über das Unmögliche?« Sie sann gleichwohl länger und länger. Endlich stand der Entschluß fest vor ihr da, zu ihrer Rettung das Ungeheure zu wagen, führe es auch wohin es wolle. Sie empfahl sich den freundlichen Gestirnen, und stand auf. Leise tappte sie nach dem Steuer zu, hob eine Flinte, einen Mannsanzug, und einen Bohrer von beträchtlicher Größe, deren Plätze sie in der Dunkelheit zu finden wußte, so behutsam als es thunlich war, auf, und ließ sie auf das Floß nieder. Nun folgte sie selbst nach, mit einem Ruder versehn. Wie gewaltig pochte ihr Herz da draußen, und da beim ersten Schritt in die Gefahr, oft eine Anwandlung von Kleinmuth und Reue über das Herz kömmt, so fehlte nicht viel, sie wäre wieder in die Barke zurückgestiegen. Doch wurde die Bangigkeit niedergekämpft, und verwegen setzte die Französin den Bohrer an, das Räuberschiff leck zu machen. Auf diese Art nur konnte sie sich bei ihrem Vorhaben der nächsten Verfolgung entziehen. Sie setzte das Instrument unter dem Wasser an, und arbeitete frisch. Nach einer Viertelstunde fühlte sie, daß die Bohle durchdrungen sei, und ging an eine zweite Oeffnung. Diese wurde aber nicht vollendet, da das Sinken des Fahrzeuges den Fleck, wo sie angefangen hatte, schon zu tief niederdrückte. O bange Augenblicke! Sie mußte immer erwarten, daß die einlaufende Nässe die Schlafenden wecken würde. Dennoch bohrte sie noch an einer höheren Stelle mit aller Macht, und konnte bald das ganze Werkzeug durchschieben. Jetzt erst schnitt sie den Strang ihres Bootes los, entfernte sich aber aus guten Gründen nicht von der Barke. Was sie befürchtet hatte, geschah gleich darauf. Mehrere der Buben schrien zugleich auf, und mahnten den Wächter, das Regenwasser auszuschöpfen. Denn nur daran dachten sie. Dieser taumelte schlaftrunken umher, die Schaufel zu suchen, plätscherte aber schon sehr tief. Nun mehrte sich aber die Kraft des Sinkens jähling, und nur zwei waren im Stande, sich noch unter der Decke hervorzuarbeiten. Die andern erhuben ein gräßliches Geschrei, das aber schon nach einigen Augenblicken verstummte, denn sie waren mit dem Fahrzeuge schon unter dem Wasser. Jene zwei, gute Schwimmer, wollten sich ans Ufer retten, aber Flore ruderte behende hinzu, gewahrte im ersten Grauen des Morgenscheins ihre Köpfe, und schlug mit desto geringerer Schonung mit der Flintenkolbe auf sie zu, als sie diese Bösewichter vorzüglich unter der Menge haßte. Denn sie hatten noch einige Tage zuvor einen coptischen Christen, blos aus Grimm, weil sie nichts zu rauben bei ihm fanden, mit Marterstreichen umgebracht. Sie riefen kaum noch ein _Allah Kerim_, da gingen sie unter in ihr feuchtes Grab, und über Floren kam ein Gefühl, wie es Ulysses gehabt haben mag, da keiner seiner übermüthigen Nebenbuhler mehr athmete. Noch blieb sie eine Weile an der Stelle, durch den ein wenig hervorragenden Mast der Barke bezeichnet, aus Sorge, es mögte einer noch aus der Tiefe hervortauchen. Sie nahm aber nichts wahr, und begriff auch, daß jeder, der nicht bei Zeiten sich unter der Matte hervor hatte machen können, nothwendig umgekommen sein müsse. Jetzt fuhr sie dem Strande zu, küßte ihn unter frommen Empfindungen, und dachte nun erst schaudernd zurück, an die grausenhaft kekke That. Achtes Kapitel. Reichthum. Vernunft und Kühnheit, sind eine nervenschwache Matrone und ein junger Alcid. Was jene mit allen Berechnungen verloren geben würde, er wagt es, triumphirt -- wenn nämlich das Glück zur Seite stehn will. Im Frühling der Jahre straucheln wir oft, es geschieht mancher Fall, der noch im Alter schmerzt, bei dem allen aber setzen wir in dieser Periode Dinge ins Werk, vor denen die bedächtige Verstandesreife feig erzittern muß. Und dennoch gelangen sie. Warum trennen wir uns denn späterhin von dem kekken frischen Lebensmuth? Er, gepaart mit dem Vortheil der Erfahrung, müßte uns ja durchaus die Gipfel der Wohlfahrt erreichen lassen. Auch sehen wir, daß der klug gewordene Mann mit _ersparter_ Jünglingskühnheit oft hoch steht. Mit ersparter, recht! die Mehrheit hat sie vergeudet, und hinkt hernach feig umher. -- Zur Geschichte: Die Heldin legte am Ufer das türkische Gewand an, und eilte, die Flinte im Arm, dem Raubneste zu. Noch schlief dort alles in den Hütten, und unbemerkt konnte sie dem Platze nahen, wo das Oberhaupt der Flußräuber neulich seine Kostbarkeiten verscharrt hatte. Da sie jedoch eines Spatens ermangelte, und es ihr sauer ankam, die über die Stelle gewälzten Steine wegzuschaffen, so verging viele Zeit, der Morgen war in aller Fülle da, und man sah hie und dort Einwohner des Ortes umhergehn. Da schrieb die Nothwendigkeit vor, von der begonnenen Arbeit zu lassen, und Flore verbarg sich zwischen dem Gemäuer eines alten Jupitertempels, entschlossen, nur erst in der folgenden Nacht wieder hervorzutreten. Eine schauderhafte Einsamkeit! Unaufhörlich schwebte die Phantasie zurück, und sah immer aufs Neue jene Barke sinken. Mit Recht oder ohne Recht, Flore zitterte, nunmehr eine Mörderin zu sein. Gleichwohl ließ sich das Geschehene nicht mehr ändern, sie mußte die Gewissenssprache nun wieder stumm zu kämpfen suchen. So sind fast immer im Menschen zwei streitende Stimmen laut, und sie zu versöhnen, ist eigentlich die moralische Lebenskunst. Der Abend nahete endlich, und Echo gab des Schakals trauriges Geheul von den Trümmerwänden zurück. Flore mußte nun wieder an ihre Arbeit. Auch der Mangel an Nahrung mahnte sie, bald sich in den Besitz von Geld zu setzen. Mit den Händen grub sie den Sand auf, nachdem die Felsstücke sie nicht mehr hinderten, und zog bald mit vieler Mühe eine Kiste zur Höhe. Sie war bald geöffnet, und volle Beutel mit Goldstücken, mehrere Schachteln mit Korallen, Perlen und Edelsteinen gefüllt, standen der Abentheurerin zu Gebot. Ach, dies wohlbehalten in Cairo, in Paris! dachte sie. Sie konnte aus Ermattung und Furcht wenig tragen, und hätte doch gern viel mitgenommen. Doch theilte sie weislich ein. In den Turban wurden Juweelen verborgen, der Gürtel enthielt eine starke Wulst Dukaten, sie vergaß die Taschen nicht. So ging sie doch mit einem ziemlichen Reichthum von dannen, nachdem sie das Uebrige von Schätzen an einen andern Ort bewahrt und ein Zeichen, mittelst in eine gewisse Figur gelegter Steine, gemacht hatte. Vielleicht, dachte sie, giebt es einst Gelegenheit, den Rest abzuholen. Noch in der Nacht wanderte sie von dannen, denn um alles in der Welt durfte sie den Bewohnern von _Scheik Abade_ nicht sichtbar werden. Sie tappte im Dunkel zwischen die Ruinen hin, stieß bald an einen zerbrochenen Obelisk, der im Sande lag, bald fand sie ihren Weg durch aufgethürmte Säulenstücke gehemmt. Der Vorwelt Geist redete sie schaurig aus den Trümmern an, das Geheul von wilden Thieren, die es in der Gegend gab, sträubten ihr das Haar. Das Bild der untergegangenen Unholde war nicht vom Gedankenspiel zu trennen. Aber die Nothwendigkeit, die ja auch den entschiedensten Feigling beherzt machen kann, wenn sie nur hinter ihn eine noch größere Gefahr stellt, wie vorne zu bekämpfen ist, beflügelte ihre Tritte durch Nacht und Graus. Wäre sie geschichtskundig gewesen, so hätte sie sich die Langeweile durch Bemerkungen über die Ruinen der verheerten Stadt tödten können. Wären sie gleich nicht so tief und sinnig, und dazu so weitschweifig ausgefallen, wie jene, welche von Palmyras Resten umgeben der König aller Ketzer, _Volney_, zusammenstellte, so hätten sie doch ein eigenes Interesse haben können. Die Ruinen von _Antinoe_! Welch ein Stoff zu der mannigfachesten Verarbeitung, für den Historiker, den Moralisten, den Dichter! _Hadrian_, dessen Tugenden in Frieden und Krieg den Ruhm ganz und gar nicht müßig ließen, besaß -- -- übrigens aber -- einen jungen Freund, _Antinous_ genannt, dessen Bildsäulen uns noch bis auf diese artistische Stunde, so der menschlichen Schönheit Ideal versinnlichen, wie die des Apollon, Göttlichkeit aussprechen. Der Kaiser befand sich eben in Egypten, und -- was ihm die allerneusten Philosophen nicht verübeln können, da sie es selbst geschmackvoll finden, zur Veränderung einmal wieder abergläubisch zu sein, -- fand für gut, die Wahrsager des Landes, deren Weisheit im Ruf stand, über die Zukunft seines Lebens zu fragen, was nun freilich in unsrer Zeit nicht geschieht. Die Antwort klang: dem Weltherrscher drohe nahe schlimme Gefahr. Nur wenn sich Jemand, der ihm theuer sei, der ihn liebe, für ihn den Opfertod wählte, würde sich das Schicksal versöhnen. Große Bestürzung, Wehklage und Trauer am Hofe und im Heere. Es gab Tausende, die recht gern patriotisch schrieben, patriotisch redeten, wenn sich die Aussicht öffnete, das Vaterland würde sie lohnen; eben so viele waren bereit das Knie zu beugen, dem Kaiser zu klatschen, wenn er im Theater erschien, weil sie hofften, diese Zeichen hoher Anhänglichkeit würden gelegentlich zu Ehrenämtern oder Landgütern helfen; doch ein Opfertod schien ihnen zu sehr im Charakter der ersten fabelhaft romantischen Zeiten Roms zu sein, als daß Männer, die aufgeklärt über Jupiter lachten, noch hätten daran denken können. Demungeachtet war jeder bereit, dem, der sich dennoch entschließen wollte, ein Erbtheil von Unsterblichkeit zuzugestehn. Ueberhaupt giebt es kein besser Mittel, das Verdienst anerkannt zu machen, hätte man zuvor auch dem Neide und der Afterrede unterlegen, als daß man stirbt. Der schöne hochherzige _Antinous_ bot sich allein dar. Daß sein Imperator -- und Freund sich die edle Großmuth (oder den edlen Großmuth, da man gar nicht einsieht, weshalb das Prädikat Groß den männlichen Muth in den Harem stoßen soll, um so mehr als Kleinmuth bei dem alten Geschlechte bleibt) gefallen ließ, mag ein andrer Lobredner erheben. Genug Antinous stürzte sich von einer Felsenzinne in den Nil, und die Propheten erklärten das Unheil abgewendet. Hoch wurde nun aber der Liebling und Retter geehrt. An der Stelle baute Hadrian eine große, mit allem Kostbaren, was die Kunst aufbringen kann, geschmückte Stadt, und nannte sie _Antinoe_. Tempel wurden erhöht, die Bildsäulen des schönen Selbstmörders geheiligt. Opfer und jährliche Spiele wurden angeordnet, der Kaiser schrieb den Cultus seiner Verehrung in den kleinsten Umständen vor. So lohnte die Vorzeit. Schlimm daß ein gehäßiger Nebenbegriff einen sonst schönen historischen Moment, so in Schatten setzt. Kann denn aber der Nebenbegriff nicht ein Kind der Verläumdung sein? Dann gäbe es einen gar artigen Stoff zum Trauerspiele mehr. Ende des zweiten Buchs. Zweiter Potpourri. Antinous, Trauerspiel in einem Akt. Personen. Hadrian, Kaiser. Antinous, sein Liebling. Ein Krieger. Ein Höfling. Ein Diener. Egyptische Priester und Volk. Die Scene in Egypten in einem Garten am Nil. Erster Auftritt. Hadrian. Antinous. (kommen Arm in Arm durch den Garten.) Hadrian. Laß in die holde Einsamkeit mich retten, Vor kniender Völker huldigendem Gruß Und Jubelruf, der mir das Ohr betäubt. Hier darf ich nicht durch Kränze Pfad mir bahnen, Nicht Lied und Blume sinken lastend nieder, Doch in des Freundes Arme sinkt der Freund. Antinous. O bin ichs werth? Erwählt aus Millionen Hob der Quiriten hoher Cäsar mich, Der neben Jupiter den Erdkreis lenkt -- Hadrian. Auch du, auch du? Entweihn soll diese Lippe, So zart wie Sidons purpurnes Gewebe, So strahlend wie der Morgenhelle Licht, Der ecklen Schmeichelei verworfne Rede? Im Staube laß den Sklavenchor ertönen, Wohl ziemet er Prometheus niedrer Brut, Du stammst von Göttern, die Gestalt verkündet Der seligen Olimpier Geschlecht; Doch mehr des Herzens reine Himmelsschöne, Wenn dich der Sterbliche zu sich erhöht, Was thut er, als im Göttlichen sich ehren. Antinous. Erhabener, es ist dein Machtgebot, Und so erkühn ich mich, der Ehrfurcht Und der Bewunderung Hymnos zu verschweigen. Hadrian. Mein Machtgebot? Und nicht die innre Stimme? Dir unter Allen will ich nicht befehlen, Frei mag ich Dich von des Gesetzes Banden, Sei wie Otan der Perser, was du willst. Nur laß mich dann, ein Gut, ein Gut erflehen, Das mein gehört, und nicht dem Diadem. Antinous. Ich bin Dein Freund, Dein Freund, o Hadrian. Hadrian. Nun endlich -- Tönt mir des Wortes schöne Melodie. Und lohnen will ich dir des Glückes Wonne, Wie es dem edlen Tugendsinn gebührt. Den Feldherrn, der Trophäen mir erhöhet, Trägt der Triumph zum Capitolium, Den treuen Bundgenossen schmücken Kronen, Du sollst das Recht der Bitte bei mir üben Für den Verbrecher, für verwaiste Frauen Und vaterlose Kinder -- O, das macht Dich froh! Antinous. Wie aber deut ich Dir des Wunsches Kraft, Des Strebens Feuer dieser Göttermilde, Mich aus der Ferne nur zu würdigen, Ein armer Jüngling, den nicht Weisheit schmückt, Im Rathe Deine Winke vorzutragen, Den nicht des Feldherrn Genius erhebt, Noch unbekannte Völker zu besiegen Nichts nenn ich mein, als wie ein dürftig Leben, Viel zu gering, wie Dir ein werthes Opfer. Hadrian. Schon die Gefühle wägen jede That. Mein bleibe, bis der Parze Faden bricht; Die Barke des letheischen Piloten Soll dann vereint die stillen Schatten tragen, Zusammen gehn wir Minos dunkle Straße. Zweiter Auftritt. Bedienter. Vorige. Bedienter. Verzeihe Herr, daß ich Dir störend nahe -- Hadrian. Mein will ich einen Augenblick nur nennen, Gleich raubt ihn neidisch mir die Herrscherpflicht. Bedienter. Die Priester langten des Osiris an, Die erst vor kurzem Dein Gebot empfingen, Nach alt egyptischer geheimer Kunst Die Sterne um Dein künftig Loos zu fragen. Hadrian. Ein andermal, heut gnügt mir Gegenwart. Bedienter. Durchwandelt sind sie schon das Heiligthum Der graubemoosten spitzerhöhten Säulen, Und alter Tempel Hieroglyphenschrift Verglichen sie mit himmlischer Erscheinung. Hadrian. Wohlan, sie mögen tiefer nur erforschen -- Bedienter. Schon bringen sie Dir wichtig schwere Kunde, Es leidet keinen Aufschub was sie melden, Ein Unheil sei Dir nah, doch abzuwenden -- Hadrian. Ein Unheil -- warum nennt man jetzt mir Unheil, Da mich beseligend das Glück umarmt. Antinous, ob ich die Träumer höre? Antinous. O eile Herr, oft senden gute Götter Dem Sterblichen getreue Warnung zu. Hadrian. Zu froh bin ich, der Grille Raum zu geben, Und wahrlich so ein Glaube ziemt mir nicht. Antinous. Im Glücke, lehrt die Klugheit, rufe Furcht! Denk an Polikrates, dem alles froh gelang, Der nur ein Glück ins Auge durfte fassen, Um auch schon triumphirend ihm zu nahn. Ihm rieth der Freund, in Willkühr zu entrathen, Was köstlich theuer seinem Leben sei, Daß er den bösen Mächten im Avernus, Die dauernd Wohl am Sterblichen nicht dulden, Ein reiches Opfer der Versöhnung bringe. Und Samos König warf ein Edelstein Von unschätzbarem Werth in Thetis Wogen. Bald aber zog der Fischer schweres Netz Ein selten Seethier aus dem tiefen Grunde, Dem Herrn des Eilands zum Geschenk gebracht; Kaum trennt das Messer ihm die Eingeweide, Als das Juweel des Königes sich zeigt. Zu hohes Glück, rief nun Amasis aus, Des Königs königlicher Freund in Theben, Entsagen will ich deinem treuen Bund, Daß nicht zu tief der Schmerz mich einst verwunde, Wenn dem geliebten Manne Schrecken naht. Polykrates bringt nicht ein neues Opfer Und sinket bald durch schmählichen Verrath. Hadrian. So meinst Du sollt ich auch das Theure meiden, Des Unglücks schwarze Regel zu erfüllen? Antinous. O ja mein Freund, mein Kaiser. Hadrian. Eines nur Behalt ich vor -- das andre kann ich missen. So hören wir die mythischen Propheten. (beide ab) Dritter Auftritt. Höfling. Officier. Höfling. Da geht der Kaiser mit Antinous, Schon öfter traf ich sie allein beisammen, O, diesen Jüngling muß man täglich grüßen, Geschenk' ihm bringen, kleine, angenehme, Daß es dem schlauen Geber größre trage, Ihm huldigen, bis seine Gunst zerfällt. Officier. So leichten Grundsatz kann ich nimmer loben. Höfling. Doch fasse ihn, wer sich erhalten will. -- Wie aber soll man jene Bande deuten Des Kaisers und der schönen Jugend Blüthe? -- Hm -- was von Jupiter sie wohl erzählen -- Officier. Wer glaubt an Jupiter, in kluger Zeit Ein Mährchen rohen Altern vorgesungen. Höfling. Auch glaub ich nicht, nur mögt ich, Du verständest Mir der Vermuthung leis' geahnten Sinn -- Gedenke nur des Göttervaters Schenken. Officier. Pfui, Argwohn keimet nur in Herzens Tiefen, Wo des gewähnten Lasters Zunder glimmt. Höfling. Doch spricht man viel von dieser Heimlichkeit. Officier. Weil Dein Gelichter leis sie sich verkündet, Warum soll nicht der Pulse gleicher Schlag Des Urtheils Aehnlichkeit und der Gefühle, Zwei edle Wesen ohne Laster nahn? Vierter Auftritt. Diener des Kaisers. Vorige. Diener. Weh, Wehe! mußt ich diesen Tag erleben! Officier. So bleiche Stirn, Was trug sich Schlimmes zu? Höfling. O nennt es, daß ichs weiter mag verkünden! Diener. Die Priesterschaar, von Hadrian befragt, Wie die Geschicke noch sein Leben wenden? Ach offenbart: es muß der Kaiser sterben, In naher Frist Wenn nicht ein Wesen ist Ihm theuer, das ihn liebt, und frei sich hin zum Todesopfer giebt. Officier. Wie? -- In die offne Schlacht den Muth zu wagen, Das thut der Krieger gern, der Kriegsgott lenkt, Davon kann er das süße Leben tragen, Und büßt ers ein, starb er in dem Beruf, Der Lorbeer sinkt auf seinen Rasen nieder. Doch grade hin in sichern Tod zu gehn, Das wollen nicht des Lebens milde Götter. Höfling. Ihm soll er theuer sein, der für ihn stirbt, O warum muß ich seine Kälte tragen? So darf ich nicht, wozu das Herz mich ruft. Officier. Nicht wahr, jetzt wäre selbst dir Haß willkommen? Diener. Auch mich, mich Armen liebt der Kaiser nicht. Höfling. Wahrsagern glauben, welche eitle Schwäche! Officier. Der gute Kaiser ist nicht frei davon, So würd es immer Ruhe ihm erziehn, Wenn jener Priester Spruch gesühnet wäre, Und immer Anlaß für die große That. Gleich Curtius würd er in der Nachwelt leben, Gleich Cokles, Scävola und Regulus, Der hin es würfe, das geliebte Leben. Höfling. Und wähnest du, daß jene Männer waren? Nur Fabel sind sie, die den Bürgersinn Des Römers übermächtig reitzen sollten. Ach armer Hadrian, du findst ihn nicht, Der hier des Busens Zagen heilen könnte. Officier. Wohl glaub ichs euch, todt ist die alte Zeit. Diener. Gern giebt man viel, will nicht der Freund das Leben, und braucht der Kaiser seiner Stärke Macht, So ist es nimmer der Geschicke Sühne Zur Seite, Freunde, unser Imperator. Fünfter Auftritt. Hadrian. (allein) So trübt ein Augenblick den klaren Aether, Und trauernde Gewölke decken ihn. Wer war zufriedener, war hochbeglückter, Wie noch vor einer Stunde Hadrian? Und diese Priester warfen ihn zu Boden. Wie, kann der Geist nicht muthig sich ermannen? Ists Aberglaube nicht, was mich erschreckt? Die Götter blicken nicht auf Menschen hin, Zu niedrig gilt den Hohen irdisch Spiel, Kein Priester mag wohl in die Zukunft schauen, Entreiße dich der kleinlich feigen Angst! Was dir geschehn soll, wahrlich wird geschehen, Es opfere sich auch ein ganzes Volk. Den Schleier will ich von dem Auge reißen Und Ruhe kehrt dem Glücklichen zurück. Wie, wenn ich sie der Folter übergäbe, Die Seher, würden sie nicht rasch bekennen: Sie wissen mehr nicht von der Zukunft Loos, Wie jeder Weibessohn? -- Wohlan es gelte -- Doch -- Wenns nun wäre -- schwerer, schwerer Frevel, Den nicht Ixions Rad im Orkus büßt, Die freundlich Gottgesandten schmählig martern. Hinweg Gedanke! Nein ich schone sie. Hier aber wahrlich kann die Probe gelten, Wer nur den Kaiser, wer den Menschen liebt? -- Von Tausend Schmeichlern bin ich stets umwunden, Ein jeder beut das Leben täglich dar, Vielleicht, weil er wohl weiß, nicht kann ichs brauchen, Der, dem es Ernst ist, mit dem lauten Willen, Wär mir ein köstlich Gut in schlimmen Zeiten, Was gilts, ich prüfe was ich noch nicht weiß. He! Niemand da? Sechster Auftritt. Diener. Hadrian. Diener. Ich warte des Befehls, erhabner Kaiser! Hadrian. In tiefe Noth preßt mich des Schicksals Zorn. Es legt mir Sterben auf, wenn Niemand mir sich opfert, Der mich liebt und ich ihn. Dich lieb ich Freund, Schon lange Jahre dienst Du meinem Hause -- Diener. (zitternd) Ach Herr -- wie ängstet mich der grimme Spruch! O Du des Volkes Heil, des Reiches Zier, Dem Göttertempel prangend einst sich heben -- Hadrian. Gern sänk ich hin, doch meine ich, das Volk Wird nicht so bald den treuen Hirten finden -- Diener. Beglückte Kinder -- Herr verzeihe meinem Alter, Ich fühle -- Krankheit naht dem regen Leben, Gestatte, daß ich eilig mich entferne. (ab) (Officier und Höfling schleichen leise weg.) Hadrian. Von dem darf ich den Rettersinn nicht hoffen, Hinweg! nichts geb ich mehr auf jenes Wort. (ab) Siebenter Auftritt. Antinous. (allein) Der Kaiser stirbt in naher Frist, Wenn nicht ein Wesen ist, Ihm theuer, das ihn liebt, Und frei sich hin zum Todesopfer giebt. Wen liebt der Kaiser? Dich Antinous, Und ihm wallt dieser Busen treue Liebe An mich ergeht des Schicksals ernster Spruch Und bei den Göttern, ja, ich will ihn lösen! -- Doch sprach auch Wahrheit dieser Priester Mund? Die Weisheit schilt den frommen Aberglauben. Nicht Aberglauben, nein, ihm trauet Hadrian, Und seiner Seele folget meine Seele, Wärs auch nur Ruhe froh ihm zu bereiten, So schenke ich der Welt den heitern König, Den keine bange Laune niederbeugt! -- Doch süß ist wohl der frohen Jugend Leben, Wie furchtbar schreckt der grause nahe Tod! -- Wie muthig in der Ferne, hier erbeben -- O wenn ich dieses Bild mir lange prüfe, Dann sinkt der Wille, sinkt die hohe Kraft. Noch flammt mir in dem kühnen Vorsatz Wärme, Von dieser Klippe in den wilden Nil, Nicht wird die tiefe Fluth mich wiedergeben. Hadrian. (in Entfernung) Antinous? Antinous. Mein edler Freund, ich sterbe für dein Leben! (stürzt sich in den Nil.) Drittes Buch. Erstes Kapitel. Der grüne Turban. Flore dankte dem Himmel, als endlich der Tag herannahte. Zwar verkündigte ihn Eunomia nicht freundlich, da Regenwolken den Himmel umzogen, aber immer mindert das Licht doch die Bangigkeit. Sie sahe zurück, und ward nichts mehr von dem Raubnest und den Ruinen gewahr. Desto wohlgemutheter schritt sie weiter. Den Durst hatte sie in einem Kanale gelöscht, und mancherlei Früchte des Feldes, die sie in der Helle entdeckte, tilgten ihren Hunger. Gegen Mittag, versuchte sie zum Erstenmale in ihrem Leben, die Flinte auf einen dichten Trupp von Wachteln, deren es in Egypten um die Jahreszeit so viele giebt, abzudrücken, und sieheda, Viere davon stürzen herab. Ohnehin ermüdet, suchte sie eine abgelegene Stelle, rupfte die Vögel, und bratete sie, an einen Zweig gesteckt. Wie viel auch an Zuthat abging, hatte ihr nimmer ein Mahl so köstlich geschmeckt. Dann ging sie weiter, fand wieder Früchte und Quellen, die Begegnenden ließen sie unangefochten vorbei. Schon träumte sich Flore heitern Fortgang des wiedergekehrten Glücks. Der Nil, dachte sie, dient mir zum Wegweiser nach Cairo. So darf ich nicht fragen, und durch meine unvollkommene Sprache die Fremdheit verrathen. Ich sehe Mittel vor mir, mich unbemerkt zu nähren, das Uebernachten in der Oede ward ich gewohnt. Wider ein reissend Thier oder einen einzelnen Räuber muß mich allenfalls meine Flinte schützen, nahen mehrere, rettet mich vielleicht Gold. Es kann aber auch das gute Gestirn wollen, daß mir dergleichen nicht in den Weg kömmt, und ich bald Landsleute ansichtig werde. Dann seh ich froh den Gatten wieder. O welche Lust: Wie wird er sich freuen, zu Floren! zu den mitgebrachten Reichthum, und gar bald die Nebenbuhlerin -- wenn er schon eine umarmte, entfernen. Es ist aber ein mißlich Ding um die Theorien der Zukunft. Das praktische Verhängniß durchkreuzt sie jeden Augenblick, und gemeinhin auf störende Weise. Nur den darauf folgenden Tag fand sich die gehoffte Nahrung, dann mußte Flore längs Kanälen ausweichen, und kam bald von der fruchtbaren Niederung des Stromes ab. Der Natur hat es überhaupt gefallen, in jenen Gegenden paradiesische Fragmente mit Sandhöllen zu untermengen. So traf denn die Reisende auch dürre Unwirthlichkeit, und ob sie gleich ihre Richtung noch nicht verlor, und seitwärts Dörfer im Auge behielt, so gebrach es doch an den Lebensnothwendigkeiten. Kein Zweig mit winkender Last, selbst kein Wachtelzug mehr in der Schußlinie. Einen Tag über wurde gefastet, am anderen fiel es, nach so schweren Anstrengungen, unmöglich. Sie mußte sich also entschließen, in ein Dorf zu gehn, um den Ankauf des Nothwendigen zu versuchen. Das Dorf hatte keine Karavanserei, wo man sonst im Morgenlande Lebensmittel antrifft, Flore nahte also dem Hause, wo das Aeußere von einigem Wohlstande sprach, und fragte ein altes Frauenzimmer, das an der Thüre stand: ob man ihr nicht gegen Bezahlung, Sesamkuchen und Früchte ablassen wolle? Die Alte war sehr höflich, nöthigte Floren herein, und rief den Eigenthümer des Hauses. Das machte Jene sehr verlegen, denn hatte sie ihre Bitte ziemlich unverdächtig vorgebracht, so ließ sich doch befürchten, eine ausführliche Unterredung könne sie blosstellen. Indessen erschien der Mann, begrüßte Floren, ohne sie viel anzusehn, ließ sie auf den Teppich niedersitzen, und ihr eine Pfeife Moccataback reichen. Flore schlug die Beine über Kreuz und rauchte, wie sauer es ihr auch anging. Es wurde nun Kaffe gebracht, und zu ihrer größten Freude redete der Wirth weiter keine Silbe, sondern betrachtete stumm den Kopf seiner Pfeife. Bald gab er der Alten ein Zeichen, und nun wurde wohlriechend Holz in einem Rauchbecken verbrannt, den Gast durch den lieblichen Duft zu vergnügen. Eine Stunde währte die verschwiegene Unterhaltung, dann brachte das Frauenzimmer nicht nur das Verlangte, sondern noch Speisen mancher Art, in ein Körbchen gepackt, den sie ihr einhändigte. Da Flore einige Zechinen auf den Tisch legte, verbat man das mit verbindlichem Unwillen, und entfernte sich. Die Abentheurerin war entzückt über die Patriarchensitte, am meisten über die wortkarge Einfalt. Eben wollte sie froh das Haus verlassen, als ein Imam hereintrat, um von dem Landmanne die Pacht für den Acker der Moschee zu holen. Denn die mahomedanischen Tempel sehen sich auch mit zeitlichen Gütern vor. Er grüßte Floren, die nicht vergaß, mit auf der Brust gelegter Hand zu danken. Doch einen Anlaß, Frömmigkeit blicken zu lassen, nicht aufzugeben, fragte er: Junger Gläubiger, bist du vom Stamme des großen Propheten, oder warst du schon dreimal in Mecca, daß dein Turban von der heiligen Farbe ist? Flore entfärbte sich, denn sie hatte wohl gehört, daß das Recht, sich grün zu tragen, bei den Mahommedanern durch gewisse Vorzüge erworben werden muß, aber wie sie jenen Turban aufsetzte, eben nicht daran gedacht, daß seine Farbe ihr Gefahr bringen könne. Allenfalls hatte sie auch gemeint: obschon eine Pariserin, und einst im Palais Royal wohnhaft, mögte sie doch immer heiliger sein, wie dieser Kopfzierde früherer Besitzer. Bei dem allen suchte sie sich zu fassen, und erklärte: sie wäre dreimal in Mecca gewesen. In welcher Karavanserei wohntet ihr? fragte der Hauswirth. Die Erinnrung an eine Wallfahrt, die er auch vollbracht hatte, überwand sein Pflegma, wie zwei Künstler, die in Rom waren, nicht umhinkönnen, ein Gespräch über die Hallen des Vatikan, den Corso oder die Polichinelle einzuleiten. Nun war guter Rath theuer. Flore hatte nie etwas von den Karavansereien in Arabien gehört. Doch forderte sie ihr Glück heraus, und antwortete: In der, wo das Bild des Engel Gabriel an der Thür hängt. Ein gewaltiger Verstoß. Die Türken ehren den Engel Gabriel, aber dürfen kein Bild von ihm malen. Schon die gebrochene Sprache hatte Argwohn erregt, jetzt stieg er doppelt auf. Flore, die das sah, fing lachend an, ich habe beschlossen meinen Wirth nie zu nennen, denn loben kann ich ihn nicht, und tadeln mag ich nichts, was mir auf der frommen Reise zu Gesicht kam. Lebt wohl ihr Herren! Nun kann aber kein Ordensritter, wärs auch einer des St. Joachim, entrüsteter seyn, wenn ein Ungeweihter die Zeichen trägt, wie ein muselmännischer Geistlicher, dem die grüne Farbe mit Unrecht getragen, aufstößt. Nicht ganz sanft, zog er Floren am Arm zurück, faßte dann an den Turban, und rief: Du sollst zur Stelle bekennen, ob du dieses Hauptschmuckes würdig bist! Der Turban war etwas weit, und fiel herunter. Die langen, mit Mühe unter ihm verborgenen Haare fielen in wallenden Locken nieder. Hätte sie die Vorsicht gehabt, den Kopf nach Landesgebrauch zu scheeren, so wäre es vielleicht noch möglich gewesen, dem Ungemach zu entfliehn. Ein glücklicher Einfall, kecke Gewandtheit, und die Muselmänner wären gefoppt zurück geblieben. Aber wer kann von einem Frauenzimmer, das sich schöner Haare bewußt ist, so ein Opfer erwarten! Das Haar war entscheidend. Ein Frank, ein Ungläubiger trägt einen grünen Turban! Rächt den Propheten, ihr frommen Männer! schrie der Imam Einmal über das andere, und bald war das Haus mit Leuten erfüllt. Man schleppte Floren zum Kiaschef. Dieser ließ sogleich eine Bank hersetzen, und gebot zwei mit kleinen Stäben versehenen Dienern, dem Hunde vorerst Tausend Streiche auf die Fußsohlen zu geben. Flore schauderte, drängte sich aber an den Imam heran, und flisterte ihm ins Ohr: ich schenke deiner Moschee alle Edelsteine, die der Turban enthält, rette mich aus der Noth! Der Imam griff nach dem Turban, den Flore in der Hand mit fortgetragen hatte, und seine Schwere bewegte ihn. So du gleich versprichst, ein Moslem zu werden, rief er, soll das Vergehen der Unwissenheit dir erlassen seyn. Der Richter stimmte bei, denn dem Geistlichen gebührt in Religionsangelegenheiten das entscheidente Worte, und Flore, vor der Bank und den Stäben zitternd, schrie: Gern gern! Darum eben kam ich nach Egyptenland. Zweites Kapitel. Der Derwisch im Gebürge. Sie wurde nun noch über manche Dinge verhört, und reihte ihre Nothlügen so geschickt aneinander, daß die Männer beruhigt wurden. Der Priester setzte endlich fest: der ungläubige Jüngling sollte zu einem Derwisch im Gebürge, der ihn in der allein reinen Religion unterrichten würde. Er übernahm es sogar selbst, ihn nach der einsamen Wohnung des Mannes zu geleiten. Jetzt begegnete man Floren nicht mehr feindlich. Ihr wurden einige Erfrischungen gereicht, und dann mußte sie mit zum Imam, der zwei Esel satteln ließ. Nachdem sie eine schlichte Mütze, wie nur die Juden im Morgenlande tragen dürfen, bekommen hatte, mußte sie das eine Thier besteigen, und dem Priester folgen. Man hatte etwa zwei französische Meilen bis zum Aufenthalt des Einsiedlers. Oft fiel Floren unterwegs bei: könnte ich nur auf die Schnelligkeit des Thieres bauen, ich wagte eine Flucht. Aber es war gewohnt, neben dem anderen einherzuschreiten, und wenn sie nur eine Lenkung versuchte, gab es Schwierigkeit. An ein solches Vorhaben war also nicht zu denken. Sie mußte in den Bergwald. Durch enges Gesträuch wand sich ein steiniger Pfad, der zu einer sehr dürftigen hölzernen Hütte führte. Ein Greis mit langem Silberbart trat heraus. Mit tiefer Ehrerbietung nahte ihm der Imam, unterrichtete ihn über den Zweck des Besuchs, und fragte: ob der Derwisch gemeint sei, den jungen Franken in die hohen Lehren der Religion zu weihen? Wer wird nicht gern eine Seele retten, klang die Antwort. Nun sagte der Imam: mein Sohn, was du noch an Gelde bei dir führest, liefere in meine Verwahrung. Wie Du ein Muselmann bist, sollst du es treulich zurückerhalten. Flore warf einen Blick des Unwillens auf ihn, als wollte sie sagen: Hast Du nicht genug? Laß mir das Uebrige. Er wiederholte die Frage. Ich besitze nichts mehr, war die Antwort. Und dennoch ist dein Gürtel so dick. Laß sehn! -- Er nahm den Gürtel ab, und schüttelte die Goldstücke heraus. Flore gab noch gern den Rest her, nur damit sie bei einer Untersuchung nicht entdeckt würde. Dahin waren die Reichthümer. Der Imam sprach: Dem Ungläubigen sei die Lüge noch verziehn, und entfernte sich. Für Lebensmittel werde ich sorgen, rief er zurück. Der Greis nahm Floren nun in die Hütte, trug einige Wurzeln auf, und setzte ein Gefäß mit Wasser daneben. Die Proselitin gegen ihren Willen, war zu tief vom Schmerz über ihren Verlust erfüllt, daß sie hätte Eßlust spüren sollen, wenn man sie auch an eine Prunktafel geladen hätte, wie jene zu Alexandrien. Und nun gar diese Frugalität. Das ernste Amt des Mannes wurde gleich begonnen. Mein Sohn, hub er an, danke dem Propheten im Staube, daß er dich diesen Weg geleitet hat. Du wirst nun der Erwählten einer, täglich durch fünf Gebete die Sünde tilgen, und dereinst das frohe Paradies grüssen. Flore hörte mit einem Gesichte zu, wie es die Judenkinder in Rom zu ziehn pflegen, wenn sie gemüßigt sind, eine christliche Predigt zu hören, gegen deren Ueberredung zum Glaubenwechsel, die Eltern sie daheim erst mit tausend Verwünschungen waffneten. Der alte Derwisch fuhr fort: Es giebt sieben Himmel, mein Sohn. Mahomed stieg auf den Alboral, schwang sich zur Höhe, und sahe sie alle. Der erste ist von feinem Silber, der zweite von reinem Gold. Aus edlen Steinen ward der dritte erbaut, und ein Engel liest hier heilige Blätter, von dessen einer Hand zur andern, Sechzigtausend Tagereisen sind. Der vierte glänzt von Smaragdwänden. Nur Christal wird im fünften sichtbar. Der sechste ist ein Feuer, das nicht verletzt. Ein reizender Garten der siebente, wo die Springbrunnen Milch zur Höhe treiben, Wein in perlenden Bächen umherschäumt, und Sümpfe von Scheibenhonig einladen, sich bis an den Gürtel zu versenken. Hier blühen liebliche Bäume, voll saftiger Aepfel. So du einen brichst, verwandeln sich die Kerne der Frucht, in süße zarte Mädchen, so fein, so hold, so engelhaft, daß wenn eine nur einen Tropfen Feuchtigkeit von ihren Lippen ins Weltmeer fallen ließe, es gleich aufhören würde, salzig zu seyn. Hier wird Allah von Seraphimen gelobt, die Siebzigtausend Lippenpaare haben, und in jedem Mund Siebzigtausend Zungen, und wo jede Zunge in Siebzigtausend verschiedenen Sprachen, täglich Siebzigtausendmal den Herrn der Himmel und Welten preist. Vor seinem Thron, der hier prangt, brennen vierzehn Kerzen, deren Flamme funfzig Tagereisen hoch emporlodert. Alles was die Seligen nur begehren, wird ihnen da werden, in unaussprechlich reicher Fülle. Dort dürfen sie Wein trinken, und einen Wein, im Feuerparadiese gepflanzt und gekeltert, so stark, daß von einem Tröpflein die ganze Menschheit trunken wäre. Dort wirst du so viele Mädchen umarmen als du willst, alle ewig jung, ewig schön, und ewige Jungfrauen. O welche Gnade wird dem Seligen! Heil dir, mein Sohn! Flore konnte sich nicht der Frage erwehren: Und die Weiber, frommer Derwisch, werden sie auch so viele Männer nehmen, ewig jung, ewig schön, ewig -- -- Ei, unterbrach sie der Einsiedler, so fremd noch bist du in Geheimnissen des Glaubens. Kein irdisch Weib darf dem Paradiese nahn, doch von fern werden sie der Männer Entzückungen schauen. Man kann die Bemerkung nicht umgehen, daß Mahomed unter allen mythologischen Dichtern die üppigste Phantasie zeigte. Hätte er aber mehr seinen Geschmack, und weniger arabische Märchenträumerei in seine Religionsgebräuche aufgenommen, dabei nicht den Künsten den Eingang versperrt, so würde er noch zahllose Anhänger mehr geworden haben. Wie hätten die Bildner streben können, die Lehre reizend zu versinnlichen! Giebt es nirgends in der Christenheit ein Gemälde der Houris? Da die Christen- und Griechen-Mythen so erschöpft sind, könnte die Kunst sich immer auch an jenen Vorwürfen üben. Es giebt aber noch eine Götterlehre, die sich für den Pinsel oder Meissel auszeichnet, die teutonische. Welch ein malerischer Stoff, die himmlischen Valkyren! Wer weiß, ob Thuiskons Enkel so entartet wären, hätte jene alte Religion fortbestanden, und sich der Zeiten Läuterung erfreut? -- Genug, Flore sollte an den Propheten glauben, so wenig Lust sie dazu fühlte, und so übergroß ihre Verlegenheit anwuchs. Denn was sollte doch werden, wenn der Religionsunterricht weit genug vorgerückt war? Gegen den Alten ergriffen sie aber ganz eigene Empfindungen. Sie liebte ihn nicht, haßte ihn nicht, hatte Lust seine entsagende rauhe Lebensweise Thorheit zu nennen, aber bewundern mußte sie die große Kraft dieser Thorheit. Mehr in den Sieben Paradiesen, wie in der Wirklichkeit lebte dieser Derwisch. Immer umgaben ihn die Bilder davon, und die Lebendigkeit seiner Vorstellungen war so stark, daß er oft im süßen Wahn nach den Gestalten faßte. Ein morgenländischer Swedenborgianer. Der Imam fand sich von Zeit zu Zeit ein, fragte über die Gelehrigkeit des Schülers nach, und brachte Lebensvorräthe. Florens gutes Gedächtniß setzte sie bald in den Stand, das Gehörte wieder herzusagen, und so fand sie denn ein Lob, nach welchem eben kein Geitz in ihr wohnte. Desto schlimmer, denn man sprach mehr von dem Tage, wo das islamitische Sakrament den Proselyten weihen sollte. Dieser Tag durfte nicht nahn, wie ließ sich ihm aber ausweichen? Eine verstellte Ungelehrigkeit, wozu könnte sie auch führen, als zur Verlängerung eines gar beschwerlichen hoffnungslosen Aufenthalts? Peinliche Verlegenheit! Flore hätte gern eine Rettung durch die Flucht versucht, aber der Gedanke an ihre Goldstücke fesselte sie immer noch, obgleich nur ein geringer Anschein vorhanden war, sie könne je wieder zu ihrem Besitz gelangen. Sie hegte noch die Absicht, unter dem Vorwande ihr Geld vom Imam loszuschwatzen, daß sie sich für die Feier des hohen Tages mit schönen Ehrenkleidern versehn wollte. Im Besitz des Geldes, wenigstens eines Theils davon, hatte sie dann Lust ihr Heil weiter zu versuchen. Aber der Priester war zäh, und erklärte: es sei bei der Ceremonie kein Prunken von Nöthen. Morgen schon war der Tag, welcher etwas -- nicht Vorhandenes rauben sollte, und in der Nacht zuvor, stand Flore leise aus der Hütte auf, um sich dem guten Geschicke fliehend in die Arme zu werfen. Der Derwisch schlief nicht, und hörte unter seinem Gebete das Getöse. Er wollte die Flüchtige ergreifen, die sich ihm aber schnell entwand. Nun tappte er vergebens im Dunkeln umher, und hörte aus der Ferne die Worte: »Frommer Derwisch, ihr habt unter eurem Hüttendache ein Weib geherbergt.« Doppeltt dreifach übel war der Zustand der Armen nun. Kein Geld, um irgend ein Bedürfniß zu kaufen, kein Gewehr, um sich im Nothfall zu vertheidigen. Wie verwünschte sie den grünen Turban, der sie um beides gebracht hatte! Drittes Capitel. Das Gefecht. Sie wußte selbst nicht, wohin sie ihren Weg nahm, und dachte erst am Morgen mittelst der Niederung des Stromes ihre Richtung zu finden. Dann wollte sie zurück nach Scheik Abade gehn, um aus den Trümmern eine andere Ladung Kostbarkeiten zu holen. Gegen Morgen aber vernahm sie einige einzelne Schüsse, denen gleich mehrere folgten. Bald nahm das Feuer beträchtlich zu. Mit horchendem Ohr lauschte die Pariserin, und dachte entzückt, hier müßten die Europäer nahe sein. Sie hatte ohnehin gehört, daß ein geschlagener Bei in diesen Gegenden nach und nach wieder einige Truppen gesammelt habe, um die einzelnen Posten der Franzosen anzufallen. Den Schweitzer entzückt in der Fremde des Kuhreigens Melodie, den Venetianer ein Gondoliererlied, Floren der Knall französischer Flinten. Gleich war ihr Entschluß gefaßt, um jeden Preis die Landsleute aufzusuchen. Sie beflügelte die Schritte nach der Gegend zu, wo das Kampfgetöse sich vernehmen ließ. Doch befand sie sich auf der Seite, wo die Mammelukken schwärmten, die auch einige Schützen zu Fuße im Gebirge fechten ließen. Sie wollte die Stellung umgehn, wurde aber bald bemerkt und angehalten. »Gebt mir Waffen«, rief sie, »gebt mir Waffen, daß ich wider die Ungläubigen streiten helfe!« Die türkischen Schützen nahmen das wohl auf, brachten das Gewehr und den Pulvervorrath eines Getödteten herbei, und stellten sie neben sich in eine Felsschluft, die vertheidigt wurde. Drüben rückten hitzig kleine Jägertrupps an, in der wohlbekannten Uniform. Florens Herz klopfte. Hoch richtete sie ihre Schüsse, um keinen davon zu verletzen. Dagegen flogen jener Kugeln dicht bei ihr vorbei, das einzige landsmännische, was ihr nicht gefiel. Nicht lange aber, so liefen die Jäger Sturm auf den engen Weg, und die Morgenländer fanden für gut, sich auf die Flucht zu begeben. Nun warf sich ihr junger Rekrut nieder, als ob er getödtet sei, und sie bekümmerten sich weiter nicht um ihn. Kaum waren sie Hundert Schritte entfernt, als den Verfolgern auf französisch zugerufen ward, sie mögten ja nicht in der Uebereilung französisches Blut vergießen. Sie waren nicht wenig befremdet, Flore aber fuhr fort: Laßt nur nicht ab, die Feinde zu verfolgen, ich helfe wakker, meinen Roman sollt ihr gelegentlich hören. Sie machte nun tapfer, wie eine Jeanne d'Arc oder d'Eon das Gefecht mit, und traf mehrere Feinde. Der Tag gehörte, wie gewöhnlich, den Franzosen. Zu Florens größter Freude hatte der Kampf sich nach der Gegend des Dorfes gewendet, wo die Moschee stand, zu welcher jener Imam gehörte. Es kostete wenig Mühe, einige Jäger zu bereden, daß sie Floren zu dem Priester begleiteten. Er wollte eben entfliehen, wurde aber noch ergriffen. Mein Geld, edler Eiferer für den wahren Glauben! rief Flore. Der Imam gerieth außer sich vor Schrecken und Befremdung. Er leugnete den Besitz, gab vor, alles entfernt zu haben, da aber im Kriege noch nicht die peinliche Frage ganz abgeschafft ist, so fand man bald Mittel, ihn zum Geständniß zu bringen. Er zeigte einen Fleck des Gartens an, aus welchem man den Gürtel mit allen Goldstücken, und den mit Edelsteinen gefüllten Turban grub. Um das Aufhören gewisser körperlicher Schmerzen, giebt man viel, viel hin, und die Kräftigen sind selten, die da widerstehn. Doch giebt es auch Ausnahmen. Zum Beispiel folgende: Ein junger preußischer Soldat, von vortheilhafter Gestalt, und wegen seines untadelhaften Betragens bei den Vorgesetzten beliebt, gab während des Krieges in Polen, da man in einer namhaften Stadt kantonnirte, mehr Geld aus, wie seine geringen Einnahmen zulassen konnten. Das wurde dem Offizier hinterbracht, der nun den Tornister des Soldaten untersuchen ließ, worin man zwanzig bis dreißig Dukaten entdeckte. Der Soldat wurde sogleich eingekerkert, und sollte sagen, wie er in den Besitz dieser Summe gelangt sei? Er gab vor, sie auf der Gasse gefunden zu haben. Dies wurde umso weniger geglaubt, als hie und da in derselben Zeit Diebstähle begangen worden. Sehr bekümmert war sein Hauptmann über diesen Vorfall, denn er hatte den Soldaten grade zum Korporal erheben wollen. Die Regimentsgerichte verfuhren mit Strenge, und nachdrückliche Züchtigung wurde angewandt, ein Geständniß der Wahrheit zu erpressen. Nach manchen Ausflüchten, deren Grundlosigkeit am Tage lag, bekannte endlich der Soldat: er sei Urheber jenes Diebstahls, der neulich an der Kirche eines gewissen Klosters verübt worden sei. Das geraubte Silberzeug habe er, ihm unbekannten Juden verkauft, und auf diese Weise das Geld erhalten. Etwa zehn Dukaten wären bereits verzehrt. Man stellte nun die gefundenen Dukaten dem Kloster zu, und verhängte über den Kirchendieb ein zwanzigmaliges Gassenlaufen durch Zweihundert Mann. Standhaft duldete er die Pein, und wie er endlich die Doppelreihe, der ihn strafenden Kameraden verlassen hatte, rief er lachend: Ich bin doch ein ehrlicher Kerl! Eine Behauptung, der Niemand Glauben beimessen wollte. Groß war aber die Befremdung beim ganzen Regimente, da nach einiger Zeit ein anderer Soldat ertappt wurde, wie er zusammengeschlagenes Silber einem Goldschmiede um geringen Preis anbot. Man erkannte es für einen ehmaligen Kelch, suchte scharf bei dem Manne nach, und fand noch die Monstranz und sämmtliche Gegenstände, welche der Kirche gefehlt hatten. Also war jener Soldat unschuldig, und hatte sich fälschlich angeklagt. Allerdings wurde er wieder vernommen. Aus Angst, rief er, hab ich die Lüge gesagt. Zwanzigmal Spießruthen oder im Verhör halb todt geschlagen werden, kömmt es nicht auf eins heraus? Ich wählte das erste, wo doch ein Ende abzusehn war. Aber woher bekamst du denn jene Dukaten? Sagt ichs nicht im Anfang? Ich habe sie auf der Gasse gefunden. Das ist durchaus unglaublich, weil der Verlierer sich öffentlich würde gemeldet haben. Nun gut, fuhr der Soldat fort, so gebe man mir aufs Neue tausend Hiebe, ich kann doch keine andere Aussage thun. Er sprach mit so freier Ergebung, und einem so von Schändlichkeit entfernten Gesicht, daß der Verhör haltende Offizier sich beim Obersten einlegte, die Untersuchung aufzuheben. Denn, setzte er hinzu, mag es immer ein Raub sein, so ist der Mensch ja schon sehr hart dafür bestraft worden. Der Oberst ließ ihn also aus dem Gefängniße und öffentlich anzeigen: es wolle ein Soldat Geld gefunden haben, wer sich zum Verlust legitimire, könne es bei den Regimentsgerichten in Empfang nehmen. Denn das Kloster hatte nun jene Summe zurückgeschickt. Niemand meldete sich aber, und das Geld blieb bei der Kasse liegen. Nach mehreren Monaten befand sich das Regiment von jenem Orte entfernt, auf dem Marsche. Man durchzog eben einen Wald. Der Offizier, welcher jenes Verhör gehalten hatte, führte die Seitenpatroullen an, der junge Soldat gehörte auch zu der Mannschaft. So neben ihm herreitend, und unter mitleidigen Blicken, auf das noch durch jene harte Strafe entfärbte Gesicht, fing der Offizier an: Höre, du magst sagen was du willst, gefunden hast du die Dukaten dennoch nicht. Der Soldat blickte auf. Herr Lieutenant, ich habe wohl noch mehrere, sie sind aber eingenäht. Ei, ei, das sagst du mir? Ich will ihnen noch mehr sagen, nur Alles nicht. Einmal kam ich zu *** in ein Haus, um Kameraden zu sprechen, die dort im Quartier lagen. Eine Dame rief mich in ihr Zimmer, und ich wurde beim Weggehen mit Sechs Dukaten beschenkt. Oefter mußt ich wiederkommen, und man war immer freigebig. Da nun das Geld bei mir entdeckt wurde, konnte ich doch eine so vornehme und brave Dame nicht verrathen. Eh hätt ich mich todtschlagen lassen. Wo sie gewohnt hat, sage ich auch jetzt Niemals. Der Offizier forschte auch nicht weiter, empfand alle Achtung vor dem Märtyrer der Galanterie, und brachte es beim Obersten dahin, daß ihm das bei der Kasse noch vorhandene Geld verabfolgt wurde. Fünftes Capitel. Böser Geitz. Flore theilte den Jägern reichlich mit, und eilte nun, mit ihnen zu dem großen Haufen zu kommen. Froh erzählte sie unterwegs einen Theil ihrer Geschichte, gab sich übrigens aber doch für den Diener eines Commissärs aus. Wie hüpfte ihr Puls, da sie vernahm, das Commando, wobei sie sich gegenwärtig befände, werde nächstens abgelöset werden, und nach Cairo zurückgehn. Wie viele Umarmungen wurden Ring im Geiste! Aber nur wenigen Sterblichen ist es gegeben, die Sonnenblicke Fortunens zu tragen. Wie sie zu glänzen beginnen, so will man auch schon mehr Helle, noch mehr Helle, kein übrig Wölkchen soll den Schein trüben, obgleich man vorhin in dem Uebel des Mißgeschicks nur nach einem erquickenden Strahl seufzte. Flore hätte nun ihrem Gestirn danken sollen, so weit gekommen zu sein, darneben ruhig bei den Soldaten weilen, und den Tag erwarten, wo man den Weg nach Cairo anträte. Das geschah aber nicht, und so stürzte sie sich wieder in tiefes Leid und unermeßliche Verwirrung. Sie pflog, während man noch in der Gegend im Bivuac lag, mit den Jägern enge Freundschaft, die sie zum Imam begleitet hatten, und theilte das Obdach ihrer Hütte. Besonders aber gefiel ihr die Entschlossenheit des einen darunter: _Antoine_ genannt. Diesem entdeckte sie eines Abends: Freund, zwei bis drei Tagereisen von hier, weiß ich einen Ort, wo ansehnliche Schätze verborgen liegen. -- Holen wir sie! erwiederte Antoine. Das wäre auch wohl mein Gedanke, fuhr die Verkleidete fort, aber es giebt manches dabei zu bedenken. Sagen wir vielen davon, so zertheilt sich der Reichthum zu sehr. In zwei oder drei Portionen bleibt er ansehnlicher. Sollen aber nur wenige den Gang dahin unternehmen, wird die Gefahr für sie zu groß. Wo liegt der Ort? fragte Antoine wieder. »Am Nil, aufwärts von hier.« Dann sehe ich keine Gefahr. Die Mammelukken des verfolgten Bei sind in die Wüste getrieben. Am Nil hinauf stehen noch weithin Posten. Was die arabischen Bauern oder Nilfischer anlangt, auf die wir stoßen können, so nehmen es doch wohl drei Franzosen mit ihrer zwanzig oder dreißig auf. »Meinest du?« Warum nicht. Das Volk ist in Furcht gesetzt. Zudem giebt es manche unsrer Anhänger darunter. Floren lüstete es so sehr nach Vermehrung ihrer schon ansehnlichen Habe, daß sie den nur zu unternehmenden Antoine noch lebhafter anreizte. Es wurde bald ein kurzer Plan verabredet. Der Jäger suchte noch einen handfesten muthigen Kameraden aus, dem das Vorhaben mitgetheilt wurde, und der sich so bereitwillig zeigte, wie jener. Nun erbat man auf einige Tage Urlaub, um in einem nahen Orte kranke Soldaten zu besuchen. Da alles wieder ruhig war, fand die Bitte Gewährung. Flore kaufte unter der Hand von ihrem Gelde drei Esel zum Reiten, und noch einen, welcher das reiche Gepäck auf dem Heimwege tragen sollte. Wie alles bereit war, nahm sie, die unter keiner besonderen Aufsicht stand, mit den Thieren einen verabredeten Weg, und erwartete die Jäger, welche den ihrigen ändern, und zwischen den Schildwachen hindurch zu ihr schleichen sollten. Das ging erwünscht von statten, man fand sich bald zusammen, und brach nach _Scheik Abade_ auf. Daß neben zwei Soldaten ein Mann in der Landestracht ritt, erweckte vielleicht noch ein gewisses Vertrauen. Ueberall waren Lebensmittel um Geld zu finden, bei Nacht blieb man unter freiem Himmel, und ließ die Esel weiden, während einer von den Dreien Wache hielt. Am dritten Tage gegen Abend erblickten sie die Ruinen, und machten Halt, denn Flore hatte den Gefährten nicht verhehlt, daß sie wider das dort wohnende kekke Raubgesindel nichts vermögten, und nur unter dem günstigen Einfluß des nächtlichen Dunkels etwas auszurichten sei. Man erwartete also die Nacht, und zog nun leise weiter. Da die Schatzlustigen bis nahe an den Ort gekommen waren, ging Flore voraus, die Sicherheit zu erspähn, kam bald zurück, und hieß Antoine folgen. Der dritte Gefährte mußte mit den Eseln in einiger Entfernung harren, und den Thieren wurden die Mäuler verbunden, daß ihr Geschrei kein Unheil stiftete. Wenn der Golddurst die Columbe uns den Weg durch unbekannte Meere entdecken ließ, so konnte ja wohl Flore eine Reichthum bergende Stelle in tiefer Nacht wiederfinden, hatte sie doch der Versuch schon einmal gekrönt. Es kostete nichts, wie den Ort am Nil erst zu suchen, wo sich die Räuber ein- und auszuschiffen pflegten, von da an trügten Florens Merkmale nicht mehr. Sie stand nun mit Antoine bei den Trümmern. Die Steine, welche das Goldgrab schlossen, waren hinweggewälzt. Beider mitgenommene Spaten wühlten lustig in den Sand, und der Gräber Pulse flogen von Hoffnung. O Schrecken! da ertönt nahe bei ihnen eine helle Pfeife. Sie halten bestürzt an, die Pfeife läßt sich wieder hören, abermals. Beide ergreifen ihre Pistolen, und wenden sich nach der Stelle, wo der Klang herkömmt, dem unwillkommenen Virtuosen eine Pause aufzuerlegen. O weh, da hört man zwei, drei, zehn andere Pfeifen von den Hütten her. Irrlichtern gleich schimmern bald viele kleine Fackeln, aus Schilfrohr, im Umkreise, weichen aber nicht wie jene, sondern nahen eilig. Flore war einer Ohnmacht nahe. Wir sind verrathen, rief Antoine leise, und müssen auf Rettung denken. Von einem Orte, wo Gold liegt, entfernt man sich mit Mühe, sollte auch der Schrecken neben dem Mammon wohnen. Dazu kamen die vielen Hindernisse. Die Flüchtlinge stolperten über Gestein, was sowohl ihr Fortkommen hinderte, als zugleich ihren Weg kund machte; bald waren die Fakkeln da und die gräßlichen schwarzgelben Träger wurden sichtbar. Antoine schoß sogleich einen davon nieder, bekam aber in dem Augenblicke den Todesstoß einer Lanze in die Brust. Fangt sie lebend! schrien einige Stimmen, und Flore, die diesmal nicht so muthig war wie sonst, wagte sogar keine Pistole loszudrücken, ward umklammert, entwaffnet, gebunden. Entsetzlicher Wechsel! Der Muth ist sich nicht gleich, hängt an vielen Umständen, die es schwer wird, zu verfolgen. Man hat spiellustige Krieger bemerkt, die, wenn grade die Würfel schlecht gefallen waren, Löwentapfer auf ihren Feind losgingen, dagegen wenn ihnen das Glück eine reiche Börse gefüllt hatte, eine sehr mäßige Lust bezeigten, zu sterben. Es ist aber keine allgemeine Regel, und ganz im Gegentheil ist bisweilen verfahren worden, wo das Gold Kraftgefühl und Vertrauen auf guten Ausgang weckte, und der Mangel daran, nur Kleinmuth über den Mann kommen ließ. Genug, Flore erwies sich feig, und beiden war wohl Mangel an gehöriger Disposition vorzurücken. Der Gefährte mußte näher seyn, die Thiere irgendwo angebunden. Die drei konnten unter abwechselndem gut gezieltem Feuer dann wohl den zehn Räubern widerstehn. Zu wenig wäre es noch gewesen, sich nur mit Ordnung zu den Thieren zu retten, und dann schnell zu fliehn, man hätte die Feinde erlegen, in die Flucht treiben, und die Schätze mit Gewalt heben müssen. Doch es war versehn, der tapfere Antoine lag, Flore wurde fortgeschleppt, und auch der dritte Gefährte büßte noch das Leben ein. Denn, nachdem er schießen gehört hatte, wollte er den Uebrigen helfen, kam näher, wurde umringt, vertheidigte sich hartnäckig, und blieb. Der Leser hat gewiß schon errathen, woran die Wachsamkeit jener Räuber eigentlich hing. Sie nahmen wahr, daß Jemand an dem Orte, wo die Kostbarkeiten verborgen lagen, gewühlt hatte. Wer konnte das sein? Aus ihrer Mitte Niemand, denn so gut Lessing die Räubertreue seines Angelo rühmt, der doch wirkliche Vorbilder in Italien haben mußte, so gewissenhaft die Diebe in großen deutschen Städten über dass gemeine Aerar halten, so verdienen egyptische Bösewichter wegen ihres ^Esprit de corps^ Lob. Man fiel also gleich auf das verwünschte ungläubige Weibsbild, das ihre Kameraden bei sich hatten. Wie aber war diese vom Schiffe entkommen? Schlimme Ahnung! vermehrt durch das Ausbleiben, erfüllt durch die schreckliche Entdeckung des aus dem Nil hervorragenden Mastbaumes, da man die Kameraden zu suchen ging. Nur die näheren Umstände blieben dunkel. Wer weiß aber, beratheten die traurigen Unholde, ob die Sehnsucht, unsre Schätze zu plündern, die Verrätherin nicht wieder nach Scheik Abade führt, ob sie nicht Hülfe von den ihrigen mitbringt? Wir wollen jede Nacht eine Wache ausstellen, daß wir für das Unsrige gesichert sind, und vielleicht Nachrichten von den unglücklichen Brüdern, und Rache erlangen. Flore wurde in eine Hütte gebracht, und mit der schrecklichsten Folter bedroht, wenn sie nicht sogleich aussagte, was mit den Kameraden geschehen sey. Man machte zugleich Anstalt, ihr Splitter unter die Nägel zu stecken, und sie anzuzünden. Es bedurfte so viel nicht. So nahe am Hafen gestrandet, war alle ihre Besonnenheit dahin, sie ergab sich in ihren Untergang, und berichtete alles genau. Die Räuber staunten, sprachen aber einmüthig aus: die Mörderin ihrer Brüder müsse zur Strafe des Spießes verurtheilt werden; und drohten ihr: daß sie drei Tage lang an dieser Marter hinsterben sollte. Man war mit einer solchen Geräthschaft versehn, und richtete sie mit angrauendem Tage schon auf, so große Eile hatte die Mordlust. Nach dem Entwandten wurde weiter nicht geforscht, in der Voraussetzung, es würde in ferner Verwahrung liegen; man untersuchte eben so wenig Florens Kleidung, sonst würde sich noch ein guter Theil davon wiedergefunden haben. Flore wüthete Tausendmal gegen die unselige Gier, sich mehr zu bereichern, die zwei braven Männern schon das Leben gekostet hatte, und ihr nun mit dem schmählichsten Martertode drohte, aber es ließ sich nichts mehr ändern. Sie hörte das Hämmern in der Nähe. Zwischen versteckten Wänden wurde der ungeheure Spieß auf einen Pfahl befestigt. Jedermann wird glauben, daß ihr Haar sich gesträubt habe. In einer Stunde war alles bereit, auch heller Tag. Nun rissen die wuthschnaubenden Buben sie hinaus. Ha, riefen sie, sie stahl Mustaphas Turban, und seinen Doliman, beides soll sie auch auf dem Spieße tragen. Sechstes Kapitel. Der Bei. Jede Lebenskraft abgespannt, ließ sich Flore hinschleppen. Schon erblickte sie zwischen den Mauern das schauerhafte Todeswerkzeug, als plötzlich eine fremde Stimme fragte: _was habt ihr mit dem Jüngling vor_? Flore hatte keinen Muth aufzublicken, woher die Stimme schon durch ihren sanften Klang hier fremd bezeichnet, kam, aber sie bemerkte doch, daß alle ihre Begleiter mit einem bangen Ausruf, zur Erde aufs Knie stürzten. _Was habt ihr mit dem Jüngling vor_? erneuete sich die Frage. Keine Antwort. Die Stimme äußerte nun Zorn, aber einen Zorn, der hier Trost und Erquickung wurde, einen Zorn, der des Vertrauens Fülle in den Busen goß. Leiser zagend hob die bestürzte Verurtheilte das Auge empor, und gewahrte einen hochgestalteten glänzend gekleideten Mann, auf einem muthigen Araberhengst, umringt von stattlich bewaffneten Reisigen in reicher morgenländischer Tracht. So tobend, so besinnungraubend war der Bösewichter Grimm gewesen, daß sie die Ankunft eines zahlreichen Reutertrupps durchaus überhört hatten. Daß Flore damals nicht bemerkte, was weiter um sie vorging, bedarf keiner Erklärung. Isaaks Sohn, (kein Jenaischer Philosoph zweifelt mehr an der Legende Wahrheit, höchstens noch lutherische Landprediger, und schon einige Kapuziner) da das Opfermesser sich erhoben hatte, vor dem lodernden Scheiterhaufen, fühlte aber nicht viel mehr Wonne, bei des Seraph Einspruch, wie Flore im Anblick des edelgestalteten Mannes, denn der Gedanke: _er wird mein Retter seyn!_ dämmerte ihr gleich auf. Ein Vertrauen, als hätte sie den Mann seit Jahren gekannt, folgte dem Gedanken, und der Muth, statt der im Staube sich krümmenden Räuber zu antworten, folgte dem Vertrauen. Flore nahm ihre Sprachkunde zusammen, und rief: Edler Pascha, erhabner Bei, oder wer ihr seid, die Männer wollen mich schmählich ermorden. Dort ragt schon der Spieß empor. Mit Wohlgefallen und Milde blickte der Angeredete auf Floren nieder, mit heftigem Unmuth nach den Räubern. Fürchte nichts, sprach er zu der Ersten gewendet, dann schalt er die Andern mit Nachdruck. »Wenn euch dieser Jüngling Leides that, wie durftet ihr euch vermessen, selbst Richter zu seyn? Warum bringt ihr ihn nicht zum Kiaschef, und der ihn zu einem Richteramte, das über Leben und Tod aussprechen darf? Aber ich sehe aus dieser sträflichen Wildheit, ihr gehört zu dem Raubgesindel, das den Nil unsicher macht. Fischer nennt ihr euch, und plündert die Schiffe. Jetzt hab ich die Zeit nicht, euer Treiben untersuchen zu lassen, aber ein Andermal. Damit ihr hier keine längere Zuflucht habt, so steckt selbst gleich alle die Hütten in Brand. Gehorcht, oder ich lasse euch niederhauen.« Des Befehls Donner wirkte so mächtig, daß alles gleich aufsprang, und in zwei Minuten loderte schon das Dorf empor. Während dessen fuhr der Muselmann fort: Den jungen Menschen nehme ich mit, seine Miene zeugt von Unschuld. Wie froh sprang Flore auf. Die vier Esel liefen, die Zügel ineinandergeschlungen, noch in der Nähe herum. Sie machte sie los, befreite die Mäuler von den Tüchern, und schwang sich auf den besten. Die drei andern schenk' ich euch großmüthig, rief sie den Räubern noch zu, und mischte sich nun unter das Gefolge von Mammelukken, das dem Nile zueilte. Hier standen verschiedene Fahrzeuge in Bereitschaft, und die Ueberfahrt wurde so schnell es immer anging, ins Werk gebracht. Flore erfuhr, sie habe den Bei gesprochen, den die Europäer in die Wüste gedrängt hätten, der nun aber über den Strom zu seiner Famille wollte, die weit nach Oberegypten hin, in Sicherheit gebracht sei. Desto unentdeckter zu bleiben, war der Weg durch die Ruinen genommen worden. Die Schiffe zur Ueberfahrt an Ort und Stelle zu finden, fiel ihm bei seinem Anhang und seiner Kundschaft des Landes, nicht schwer. Die Mammelukken erzählten das alles willig an Floren, und redseliger als sie gewohnt zu seyn pflegen. Aber man darf kühn auf der Diener Artigkeit zählen, wenn das Oberhaupt freundlich war, wie auch der umgekehrte Fall statt hat. Das mit dramatischer Kraft zu zeichnen, ging Schiller einen Anachronismus von zwanzig Jahren ein. Denn der Admiral Medina Sidonia erschien in seinem Carlos, und jammerte über die zerstörte unüberwindliche Flotte. Diese Armade ging aber 1588 verloren, und Prinz Carlos starb schon 1568. Auch liegt es im Menschen, daß er sich freudig an seinen Retter schließt, mag dieser immer einer feindlichen Nation zugehören. Drum befand sich Flore überaus wohl unter diesen Leuten, und sie zog getrost mehrere Meilen jenseits des Nils mit fort, ehe sie einmal recht daran dachte, was nun für sie zu thun sey? Es zerstreute dazu sie so Manches unter dem Haufen, und fesselte ihre Aufmerksamkeit. Nun wurde gelagert, denn man hatte auch Gepäck bei sich. Nicht lange so stand ein Dörfchen von bunten Zelten auf der Ebene. Hammel steckten an Spießen, Reis dampfte aus Casserollen. Flore, als ob sie dazu gehöre, ließ den Esel im hohen Grase weiden, kaufte von einer Art Marketenderin das Benöthigte, und richtete sich einen Pilau zu. Der Hunger war, wie man denken kann, seine köstliche Würze. Allein sie hätte diese Mühe sparen können. Denn kaum hatte sie angefangen, ihr klein Gericht zu verzehren, als der gütige Bei, der sie nicht vergaß, einen seiner Diener schickte. Dieser brachte eine Lammskeule mit Knoblauch, einen Salat von Oliven, eine Art Wachtelpastete, und eine Schaale Sorbet. Flore wies das nicht zurück, sondern erquickte sich gar behaglich. Man braucht noch nicht einmal ein Nicolai an kunstrichterlicher Strenge und Wissenschaft zu seyn, sogar ein literarischer ^Chévalier d'industrie^ aus Berlin, der sich beim Morgenblatte oder der allgemeinen Zeitung zum Nachrichtgeben versteht, und daneben bisweilen eine Haßkritik einstreuen darf, kann sagen: daß es gar nichts Erzählungswerthes ist, wenn irgendwo geschmauset und getrunken wurde. Aber was erzählt denn selbst der göttliche Homer (nach Fichte freilich kein Dichter) am liebsten? Streicht in der Ilias und Odyssee, alle Ochsenbraten und was noch dazu gehört, wieviel bleibt übrig? Am Ende kehrt ja die geistige Ausflucht immer wieder zur Sinnlichkeit, und die feinere Sinnlichkeit zur unfeineren. Der Libertin, welcher dreißig Jahre lang, die liebsten Schönheiten verfolgte, und darüber oft die Tafelfreuden übersah, blickt am Ende doch mit festerem Ernst nach einer guten ^Table d'hôte^ hin, oder knüpft eine Ehe ^propter opem^[3]. Welcher treffliche neue Morgen der französischen Literatur brach mit jener Staatsumwälzung an! Gleichwohl ist die Gastronomie unter den neuesten Werken zu Paris, dasjenige, welches die meisten Auflagen erlebte. _Hästia_ allein, spricht Platon, die häusliche, wartet des Heerdes, wenn der Vater der Götter und Menschen auf dem geflügelten Wagen allwaltend dahinfährt, und dem Führer des himmlischen Zuges die übrigen Götter folgen. Und ist nun der Zug vollendet, sehnen sich die Ermüdeten alle nach Hästia. Wenn die Deutschen, überall philosophirend, noch keine Philosophie der Kochkunst aufweisen, so kömmt es blos daher, weil sie nicht reich sind, und es auch nicht werden dürften, da, was zum Reichthum führt, List, Thätigkeit und Gewalt, ihnen fehlen. [Fußnote 3: Ein Rechtsgelehrter, der drei Weiber während seines Lebens heirathete, pflegte zu sagen: er habe die eine ^propter opus^, die andre ^propter opes^, und die dritte, ^propter opem^ genommen.] Siebentes Kapitel. Fortsetzung. Nach der Mahlzeit erschien wieder ein Diener des Bei, und lud Floren zu ihm. Sie nahte sittsam, unterwürfig, dankbar, doch mit naivem Vertrauen. Jener fragte: Woher bist du Knabe? _Flore._ Herr, vor einem andern würd ich beben, vor Dir nicht. Ich bin ein Frank. _Bei._ Immerhin! Doch ein Renegat? _Flore._ Nein, ein Nazaräer. _Bei._ Immerhin! Wie kömmst du aber zu dem grünen Turban? _Flore._ Ein Kopte hat ihn mir verkauft -- _Bei._ Den darfst du nicht tragen. _Flore._ Verzeihe meiner Unwissenheit! Schon erfuhr ich, daß es der Brauch nicht sei, fand aber noch keine Gelegenheit, einen andern zu kaufen. _Bei._ Er steht dir wohl, aber ich schenke dir dennoch einen anderen. Hier entließ er sie, und ein Diener brachte gleich darauf eine artige Mütze, wie sie die Franken im Lande tragen dürfen. Flore händigte den Turban dafür aus, nachdem die Steine auf die Seite geschafft waren. Gleich danach wurden die Zelte abgebrochen, und Reise ging weiter. Flore machte sich nun Vorwürfe, daß sie nicht des milden Augenblicks gewahrend, den Bei um Erlaubniß gebeten hatte, den Weg nach Cairo nehmen zu dürfen. Indessen, dachte sie, findet sich dazu wohl eine andere Gelegenheit. Wer weiß, ob er mir nicht ein Paar Mammelukken zur Bedeckung bis an die ersten unsrer Posten mitgiebt, denen ich gern reichlich lohnen will. Sie folgte also dem Zuge, denn heimlich davonschleichen, das wollte sie nicht, auch schien das aus manchen Gründen nicht rathsam. Man reisete schnell, und mit ängstlicher Vorsicht, immer noch einen Ueberfall der Europäer fürchtend. In der folgenden Nacht wurden Schildwachen in weiter Ferne ausgestellt, und die Hälfte der Mammelukken mußte angekleidet bei den Pferden bleiben, während die Uebrigen in den Zelten ruhten. Flore wurde in das Zelt der Itschoglans des Bei geladen, wo sie bequem übernachtete. Ihren Esel mußte ein Mammelukkenknecht versehn. Sie war entzückt von so vieler Güte, doch entbrannten ihre Wünsche nach Cairo lebendiger. Am andern Tage wieder schneller Marsch, gegen Mittag Rast. Flore bereitete sich schon keine Speise, in Erwartung, der gute Bei werde sorgen. Das geschah auch, und sie wurde reichlich aus seiner Feldküche versehn. Nachher mußte sie abermals vor ihm erscheinen, und er sagte ihr, daß die Frankenmütze sie vortheilhafter wie jener Turban kleide. Sie dankte auf das verbindlichste für sein Geschenk, brachte nun aber mit Offenheit und Muth die Bitte an, sie ziehn zu lassen. Hierauf wurde nichts erwiedert. Dagegen gebot der freigebige Muselmann, dem jungen Franken einen schönen Säbel zu reichen. Es ging weiter. Flore war verdrießlich auf einer Seite, auf der andern aber fand sie doch, daß man ganz ausnehmend artig gegen sie sey. Vielleicht hat er mich in der Geschäftszerstreuung nicht verstanden, meinte sie, ich bitte wieder, und der gute schöne Mann erhört mich gewiß. Wieder gute Bewirthung im Lager, und in der Nacht Bequemlichkeit auf den Teppichen der Itschoglans. Am folgenden Tage vergaß Flore nicht, ihr Anliegen zu erneuen, da der Bei sie wieder vor sich lud. Sie empfing keine Antwort, dagegen einen weissen Kaftan mit schwarzem Fuchspelz verbrämt. Wieder ein Tag, wo ihr alle Milde widerfuhr, nur hatte man kein Gehör für die Bitte. Statt allem Bescheid darauf, wurde ihr ein Pferd mit stattlichem Sattel und Zeuge vorgeführt. Jetzt befand man sich schon in einer Wüste. An Flucht war um so weniger zu denken. Die Pariserin wußte gar nicht, was sie über das Betragen des Muselmannes denken sollte, und weil Dankbarkeit ohnehin eine Grundlinie ihres Charakters zog, fand sie den Bei mit jedem Geschenke liebenswürdiger, ja auch schöner wie ihren Ring, dessen körperliche Vorzüge ohnehin das letzte waren, was sie an ihm liebte. Zudem befand sie sich so außerordentlich behaglich in dem Lager, daß die Trennung davon nicht ohne Schmerz mehr vollzogen werden konnte. Wohlleben im Ueberfluß, allenthalben dienstbare Huldigung, denn nach jeder neuen Gabe des Oberherrn wurden die Diener unterwürfiger und schmeichelnder, ja es nahten bereits Itschoglans oder Mammelukken mit kleinen Geschenken, um ihrer in Gutem zu gedenken, oder etwas für sie durchzusetzen. Endlich war die nicht breite Wüste durchzogen, und ein Bezirk erreicht, wohin noch keine fremde Waffe drang. Eine Landschaft, die mit ihren zauberischen Reizen alles bei weitem übertraf, was Flore an Naturschönheit in Niederegypten gesehen hatte, die überall den Gedanken an die fabelhaften glückseligen Inseln der Dichter rief. Freilich auch ein häßliches Sumsen der Mosquiten in der Luft, und ihr quälender Stich; freilich Skorpionen in den Ritzen der Gebäude; freilich hier schon Krokodille genug im Nil, aber die Fülle des Angenehmen ließ das alles vergessen. Hier lag das Landhaus, wohin der Bei seine Schätze und Weiber geflüchtet hatte, wie der fremde Besuch nach Egypten kam. Ein nicht großes, aber sehr niedliches Gebäude, dessen plattes Dach mit Erde überworfen, mit den lieblichsten Blumen bepflanzt, und mit einem buntgewirkten Zelthimmel überbreitet war. Es lag mitten im Garten, die Ställe, Soldatenwohnungen in einiger Entfernung. Der Garten war mit einer Mauer umgeben, so breit, daß man oben nicht nur spazieren gehn, sondern auch reiten konnte. Eine Allee von Orangen befand sich oben, was einen überaus lachenden Anblick gewährte. Die Lustteiche, mit ihren kleinen Gondeln; die heiteren Pavillons, auf Hügeln gebaut, die eine weite Aussicht eröffneten; die leis murmelnden Wasserfälle; die Bäche mit seltsam bunten Fischen; das glänzende hold singende Gefieder auf dem lieblichen Strauchwerk, dem der herannahende Winter keine Schönheit raubte, nur die Frische des Grünes, von den Sonnenstrahlen erst gedörrt, zurückgab; alles das vollendete die wunderähnliche Wirkung dieses, mit Recht vom Bei erhobenen, Asyls. Nur ein Umstand konnte einen europäischen Baukünstler dort zur Verzweiflung bringen. Zum Portal des Landhauses führte nehmlich ein schöner Säulengang. Der weisseste Marmor, im Alterthum die Zierde eines herrlichen Tempels zu Memphis. Die Säulen hatten aber unter den Ruinen umgestürzt gelegen, der neue egyptische Architekt gemeint: es sei immer gleichviel; und so standen die Kapitäler unten, während die Piedestale stolz emporragten. Flore verstand zwar nicht das mindeste vom Bauwesen, aber doch hatte sie oft in Paris, vom Pont-neuf herkommend, die gepriesene Kolonade am Louvre betrachtet, und so konnte es nicht anders seyn, der Uebelstand mußte ihr einleuchten. Sie lachte ganz dreist, über den verkehrten Prunk, eine Unart, die ein empfindlicher Bei mit dem Kopfe würde habe büssen lassen, dieser aber gab Befehl, die Säulen umzudrehn. Seine Großmuth verringerte sich hier nicht. Kaum hatte man sich von den Beschwerlichkeiten erholt, als Flore vorgefordert wurde. Schöner Frank, sagte der Bei, ich mache dich zum Itschoglan, du kannst zur Religion Mahomeds übertreten, du darfst Nazaräer bleiben, nach Gefallen. Auch Christus predigte das Wort. Du sollst aber nicht bei den andern Edelknaben wohnen, sie sind wild und roh, hier im Landhause ist dein Zimmer. Komm, du sollst Fatmen, mein Weib, kennen. Flore wunderte sich höchlich, da der vornehme morgenländische Herr, gegen alle Landessitte, den vermeinten Jüngling in den Harem führte, ja ihm die Erlaubniß gab, ihn mit aller Freiheit zu besuchen, so oft er nur wollte. Fatme war eine sehr schöne Frau, von einer Weisse und Feinheit der Haut, wie man sie auch in den höchsten Ständen der Christenheit nicht erblickt, da hier die Damen sich unfreundlichen Einflüssen der Witterung immer häufiger blosstellen, und nicht im Besitz einer gewissen Salbe sind, deren man sich dort mit großem Erfolg bedient. Nur einen zu hohen Grad der Formenfülle, hätte man, an Mittelverhältnisse gewöhnt, der Schönheit dieser Fatme zum Vorwurf machen können. Sie gab ihrem Gemahl nichts an Güte nach, und der neue Itschoglan wurde von ihr mit einem gestickten Gürtel von hohem Werthe beschenkt. Flore fing schon an, bei sich zu denken: Wenn dies Leben so fortgeht, werde ich alle Mühe anzuwenden haben, um Ring nicht ganz und gar zu vergessen. Der Bei war noch in den ersten Tagen mit vielen Boten beschäftigt, die Briefe da und dorthin fördern sollten, und sprach daher Floren nur wenig, dagegen blieb letztere zu ganzen Stunden im Harem, wo ihrer immer die köstlichsten Erfrischungen warteten. Fatme lustwandelte auch häufig mit ihr im Garten, doch trug sie dann den Schleier, und einige Sklavinnen folgten unterwürfig. Immer in der Sprache geübter, und erfüllt vom Vertrauen, wagte Flore bald, mit der Gattin des Bei über ihre Lebensverhältnisse zu reden. Sie pries das beneidenswerthe Glück, einen so liebevollen Gemahl zu besitzen. Da seufzte Fatme aber. Der vermeinte Itschoglan fuhr fort: Und wie ausgezeichnet bist du vor allen Muselmänninnen! Gleicht sonst der Großen Harem den Kerkern, der deinige ist ein Tempel der Freiheit. Doch setzte sie mit etwas stockendem Tone hinzu, kann das auch nur ein so liebenswürdiger Mann, wie der Bei, wagen. Hier weinte Fatme. Flore war befremdet. Jene brach aus: O warum bewacht er mich nicht strenger? Es würde mir ein Zeichen der Liebe gelten. Nur Kälte öffnet des Harems Thüren. Ich bin freilich sein einzig Weib, aber -- Tränen unterbrachen sie, und Flore schwieg traurig. Von jetzt an, ruhten die Blicke der Mahomedanerin länger und fester auf Floren, auch mußte sie öfter in dem Harem erscheinen. Ganz allein befand sie sich übrigens dort nie mit ihr, sondern einige aufwartende Sklavinnen waren gewöhnlich noch im Gemach. Auch die Geschenke mehrten sich, und selten verließ die Verkleidete den Harem, ohne irgend eine Kostbarkeit mitzunehmen. Von nun an lebte der Bei sich auch mehr selbst. Vor den Europäern war er in der Entlegenheit gesichert, sonst fürchtete er Niemand, viele seiner Soldaten wurden also entlassen, und Waffengetöse störte weniger des Landsitzes Ruhe. Er hatte Schätze genug hierher geflüchtet, und bedurfte vor der Hand keiner Einnahmen, um den Ausgang der Begebenheiten abzuwarten. Oefter sah er nun auch Floren, die noch mehr wie vorher mit Huld überhäuft wurde. Die zärtlichen Blicke, sogar das Erröthen seiner Wange, wenn Flore ihn ansah, hätten sie fast den Argwohn schöpfen lassen, er ahne ihr Geschlecht und wirklich fürchtete sie diese Ahnung nicht sehr; allein das ließ sich doch wieder nicht glauben, da Flore immer die Dienste eines Itschoglan verrichten, und den Bei zu Pferde beim Spazierritt begleiten mußte. Wie lange wird es wohl möglich sein, fragte sie sich oft, das Geheimniß zu bewahren? Nach einigen Tagen wurde ihr Schlafgemach verändert, und ihr eins ganz nahe bei dem Zimmern des Herrn angewiesen. Die erste Nacht, welche sie dort zubrachte, wurde sie durch ein leises Zupfen an der Bettdecke geweckt. Sie fuhr auf. Eine Sklavin stand da. Folge mir Itschoglan! sprach sie. Flore warf Kleider über und gehorchte. Man schlich durch den Gang, welcher nach Fatmens Schlafzimmer führte. Floren pochte das Herz gewaltig. Die Thür öffnete sich. Die Sklavin blieb zurück. Die Fenster des Zimmers waren tief verhängt, aber eine kleine Lampe verbreitete inwendig eine magische Helle. Ausgewählte Confituren und Früchte trug ein kleiner mit Goldbrokat bedeckter Tisch. Aus Vasen von chinesischem Porcellan dufteten die edelsten Blumengattungen, besonders das liebliche afrikanische Gewächs _El Henne_ genannt, das aus seinen traubenartig verbundenen Blüthen einen so balsamischen Ausfluß haucht. Alles lud ein, dem kühnsten Wunsch nach hohen Genüssen Raum zu geben. Im Schlafgewand, weiß wie eine Jasminblüthe, weich wie der innre Kelch einer Aurikel, und beinahe so durchsichtig wie das Ballkleid einer Berlinerin, nahte Fatme. Die süße Verlegenheit auf der gespannten Stirn, auf ihren farbewechselnden Wangen, würde einen Faublas vor Entzücken außer sich gesetzt haben, aber Flore war doch kein Faublas. Wäre ihr etwas Aehnliches mit dem Bei begegnet, so würde sie sich fest vorgestellt haben, daß Ring in Cairo bei ihrer Abwesenheit unfehlbar strauchle, aber was gab es hier sich vorzustellen? Fatme ließ sich auf die indischen Teppiche des Sophas nieder, und zog Floren mit sanfter Gewalt zu sich. Die leisen fast unhörbaren Laute ihrer ersten Worte gingen nach und nach in ein vernehmliches Flistern über, und Flore hatte die Frage zu beantworten: Hast du die Sprache der Blumen nicht verstanden, die ich dir sandte, holder Itschoglan? Sie erwiederte: Nein edle Frau. »Also reden die Blumen in Europa nicht?« Ich wage nicht, euch zu deuten, sonst -- -- »O deute, deute! Alles ist dir verziehn, wie verwegen du auch deutest.« Von redenden Blumen las ich in mehr als einem Roman. Der Selam spricht durch die Fügung der -- »Selam, Selam! Du kennst den Namen, dann ist dir mehr bekannt.« Nichts weiter. Die -- Liebenden hört ich nur, lassen im Morgenlande die Blumen reden. Fatme wurde erwärmter, kühner. Sie erklärte ohne Umschweif, ihr Eheverhältniß sei freudenlos, ihr Gemahl bei aller Hülle der Liebenswürdigkeit, liebe nicht. Eine nur zu deutliche Erklärung folgte. Flore am ganzen Leibe bebend, hub nun an, der Türkin eine Moralpredigt, über die Pflichten der Treue, zu halten. Die Andere entschuldigte sich wortreich durch des Gemahls Vernachlässigung. Flore suchte nur kräftiger mit Tugendsprüchen einzudringen, und citirte sogar Stellen aus dem Coran, noch von den Lehren des Derwisch im Gedächtniß. Doch die Kraft der Liebe überwältigt Coran, Evangelium, Talmud und Sanscritt; nur Fatmens Ungestüm antwortete, und der vermeinte Edelknabe wurde mit flammendem Trieb an der Türkin Busen gepreßt. Im höchsten Moment der Verlegenheit, hörte man aber ein Geräusch, die Sklavin stürzte warnend ins Zimmer, und auf dem Fuße folgte ihr -- der Bei. Noch hörte Fatme nicht, wohl aber Flore, die sich in der fürchterlichsten Bestürzung losriß. Der sonst so schonende Muselmann wüthete. Verwünschungen stieß er gegen seinen Itschoglan aus, Verwünschungen gegen Fatme, und rief: der Tod sollte ihn an beiden rächen. Ein Dolch der an der Wand hing, war bald ergriffen. Flore warf sich nieder. Verzeihe Herr, daß mein Geschlecht dir heimlich blieb. Sie riß ihr Oberkleid auf, eine Gesticulation, die wohl zu rechtfertigen ist, wo es Leben und Tod gilt. Siehe, wie kannst du eifersüchtig gegen die schuldlose Fatme wüthen? Die plötzliche Erscheinung des Gatten zu begreifen, muß aufgeklärt werden, daß all die bisher seinem Pagen erwiesene Huld -- unlauteren Ursprungs war. In derselben Nacht, wo Fatme die durch reiche Geschenke bestochene Sklavin sandte, hatte auch er einen Besuch in Florens Schlafzimmer beschlossen. Er langt an, findet Niemand, argwohnt, und eilt zu seiner Gemahlin. Der Dolch entsank seiner starren Hand, wie Flore ihr Geheimniß verrieth. Fatme sprang erstaunt zurück, heftete aber noch, und ohne den Bei zu fürchten, die entbrannten Strahlen ihres dunklen Auges auf die Entschleierte; der Bei blieb in liebender Stellung angewurzelt. Fatme ließ den Gemahl Vorwürfe hören, die sein Recht zur Eifersucht streitig machten, und schloß mit der Bitte: ihr die Europäerin zur Sklavin zu geben. Erhöre mich, war ihr letztes entschlossenes Wort, oder brauche den Dolch wider mein Leben. Sei mein Weib, mein Weib! flehte der Bei mit schmachtender Lippe. Siebentes Kapitel. Flore im hohen Glanz der Tugend. Die Tugend ist kein Erbtheil der Ahnen, wiewohl das ächte Beispiel sie erzeugt, sie kann ein Kind der Erziehung und Grundsätze sein, aber bisweilen ist sie so gut eine zufällige Erscheinung, wie tausend andre Dinge in der Welt, und unter andern auch das Laster. Sagt Schiller im Prolog zu seinem Wallenstein, der Gerechtigkeit der Kunst das Wort redend, mit Recht: Sie sieht den Menschen in des Lebens Drang, Und wälzt die größte Hälfte seiner Schuld, Den unglückseligen Gestirnen zu, So müsse man denn auch bei Tugendgemälden der Kunst, behaupten können: Sie sieht des Menschen hohe Edelthat, Und wälzt die größte Hälfte ihres Ruhms, Den freundlich waltenden Gestirnen zu. Wir werden Floren hier sehr tugendhaft sehn. Durch beider Theile Zuneigung fand ihr weiblicher Stolz süße Nahrung, das Andenken an beider Güte konnte auch nicht schweigen, wenn gleich das Bild der entdeckten sittlichen Verderbniß abschreckend war. Sie hatte, wie sie sich oft gestehen mußte, in dem Bei nicht allein den großmüthigen, sondern auch den schönen Mann gesehn, und wir hätten für nichts einstehen mögen, wäre jener von ihrem Geschlechte unterrichtet, liebend im Boudoir erschienen. So aber konnte doch kein Schimmer von Liebe übrig bleiben, und der Gattin Anblick, mahnte um so mehr, Bekehrung und Versöhnung zu erstreben. Sie sammelte also alle ihre bekannten Worte der Landessprache, fügte sie so rednerisch wie es ihr möglich ward, legte allen oratorischen Nachdruck auf den Ton der Stimme, und ließ die Geberde mit aller Rührung, die sie hervorzubringen wußte, die Apostrophen begleiten. Sie hielt ihnen so die schmählichen Verirrungen vom Pfade der Natur vor, machte einen Theil auf die Vorzüge des Anderen aufmerksam; dann schilderte sie das Glück einträchtiger Ehen, und wies auf die Nähe desselben, auf die Leichtigkeit, sich es zuzueignen. Alles wurde mit bildlichen Wendungen ausgeführt. Endlich langte sie noch den Dolch vom Boden auf, faßte den Griff mit voller Hand, lenkte die Spitze gegen ihren Busen, und betheuerte sich eher durchstechen zu wollen, ehe in irgend etwas zu willigen, das die Zufriedenheit eines ihr so theuren Paares stören könne. Beide sahen Einander erst vor Beschämung nicht an, dann huben sie scheue Blicke empor, nun wurde Bewegung der Gefühle sichtbar, der Dolch endlich wirkte heroisch, und die innre Seelengüte gewann vollkommen den Ausschlag, da Flore beider Hände in einander wand, und beider Busen zusammenpreßte. Sie umarmten sich weinend, und sagten treue Liebe zu. Was konnte Flore aber anders thun? Ihre Tugend warf ihr den Preis hoher Achtung ab, und noch bei weitem reichere Geschenke wurden ihr nun von beiden Theilen, aber das Geschick hatte es so gestellt, daß sie vortrefflich handeln mußte. So geräth bisweilen ein mittelmäßiger Feldherr in eine Lage, wo er den Lorbeer erringen muß; ein Minister kann dem Segen seiner Nation, wie die Umstände vorhanden sind, auch mit dem übelsten Willen nicht ausweichen; und eine Lukretia _soll_ ein Meteor der Keuschheit sein, weil sie den Gemahl laut ihrer Empfindung mehr liebt, wie das Leben, und den Entehrer tiefer haßt, wie den Tod. Mancher wird der genauen Haushaltung wegen gerühmt, und hat in seiner kalten Seele keinen einzigen Anreitz zur kostspieligen Freude. Die Redlichkeit eines Staatsdieners lohnen Auszeichnungen, und sein gutes Auskommen ließ ihn in keine Gefahren der Geldnoth sinken, sein Thun wurde genau bewacht. Phaon preiset Agathen, die ihm Hymen diese Nacht in die Arme warf, daß sie trotz der Zeiten Verderb, unentheiligte Ehre in das bräutliche Bett trug, aber Agathe wurde von einem Vater, von einer Mutter erzogen, deren Aufsicht sie nie verließ, und nimmer kam ein übermächtiger Verführungsreiz in ihre Nähe. Und das Blut, die mehr kühle oder hitzigere Mischung der Säfte, die höher oder tiefer gespannte Erregbarkeit unserer Affekte, die das Verhältniß bestimmen, in welches wir gegen die äußeren Eindrücke, (deren Gebieter wir noch weniger sind) treten werden, sind sie eigne Schöpfung? Die durchaus leutselige Natur des Bei, welche ihr sittlich sträfliches Aggregat nur im frühen Umgange verwilderter Soldaten angenommen hatte, konnte nicht anders, wie sich in der Versöhnung mit der Gattin höchst zufrieden fühlen, und noch weniger der Urheberin des neuen Glückes, Dank schuldig bleiben. Er bot Floren an, sie mit einem Emir seiner Bekanntschaft zu verheirathen, wenn sie zum Glauben Mahomeds übertreten wollte. Mir wäre das gleich, setzte er hinzu, aber dem Emir vielleicht, der Menge gewiß nicht. Uebrigens ist es ein wackrer wohlhabender Mann, und ich übernehme es, dich noch reich auszustatten. Du wirst hier glücklicher sein, wie auf der Halbinsel Europa, wo, wie man allgemein hört, so viele Narrheiten herrschen. Eine Sage, der auch schon jeder Glauben beimißt, der nur Eure lächerliche Kleidung, und eure affenmäßigen Manieren zu sehen Gelegenheit hatte. Die Narrheiten, erwiederte Flore, räume ich ein, aber unsere Kleidung lasse ich nicht tadeln. Wir haben Modeschneider und Putzmacherinnen in Paris, die an ihrem Platze sind, was Racine, Montesquieu und Voltaire an dem ihrigen waren, die türkische Kleidung bleibt dagegen immer auf derselben Stufe. Nur das Talent zum Erlernen, nicht das Genie zur Erfindung kann da glänzen. Was übrigens den Vorschlag belangt, mich an den Emir zu vermählen, so danke ich gar sehr. Ich besitze schon einen Mann, und die einzige höchste Gunst würde mir gewährt, wenn ich wieder zu ihm eilen dürfte. Das Unglück eines Augenblicks hat mich nur zu lange schon von ihm getrennt. Ich weiß, du bist großmüthig genug, mich ziehen zu lassen. Der Bei runzelte die Stirn ein wenig. -- Dich ziehn zu lassen? Gewiß, fuhr Flore fort, und damit ich keine Gefahr laufe, giebst du mir einige Soldaten mit, die mich bis an die ersten Wachen meiner Landsleute geleiten. »Du forderst viel, beim Propheten; viel! Einem Franken Schutz und Milde erweisen, die Dienste, welche er uns gethan, reich belohnen, das geht wohl an, aber daß ein Muselmann den Franken wieder mit Geleit heimsende, wer darf das fordern? Er hätte ihm keine Gutthat erwiesen, wenn er ihm nicht lieb geworden wäre. Wer giebt gern das Liebgewonnene weg? Und wer wird es gar in die arge Welt der Franken zurückschicken?« Edler Herr, ich bin mit der argen Welt zufrieden. »Sahest du je, daß ein Muselmann etwas Aehnliches that?« Flore besann sich ein wenig, und rief dann schnell: O ja, ich sahe einen Pascha, der einem Spanier Freiheit, Erlaubniß zur Heimkehr, und sichere Pässe gab. Und obenein hatte ihn einst des Spaniers Vater schwer beleidigt, ja der Jüngling des Paschas Geliebte entführt. »Ist das gewiß, kannst du es beschwören?« Ich kann es, antwortete Flore, und legte die Hand auf ihr Herz. Nun rief der Bei, so will ich dem Pascha an Edelmuth nicht weichen. Du magst ziehn! Achtes Kapitel. Florens Trennung vom Bei. Man schöpfe nicht den Verdacht, unsre Heldin habe einen falschen Schwur abgelegt. Sie hatte in der That einen so hochherzigen Pascha gesehn, nämlich -- im Singspiel. Der renommirte Beobachter an der Spree, schon eher wohl die Quelle namhafter Autoren, erzählt auch: es sei Jemand zu Berlin in eine Abendgesellschaft geladen worden, aber späte erschienen. Mit freundlichen Vorwürfen über das lange Weilen empfängt man ihn. Er erwiedert: man wird geneigt seyn, mich zu entschuldigen, wenn ich den Anlaß kund mache. Ich sahe einen Juden, der in den Kreis einer unglücklichen Familie trat, und mit einem Geschenke von mehr als zwanzigtausend Thalern, ihr Retter wurde. Zwanzigtausend, mehr als zwanzigtausend Thaler! rief alles höchst befremdet. Wer war der Jude? -- _Iffland_! Florens Reisegepäck wurde eilig in Stand gesetzt. Sie bat, noch in Mannskleidern bleiben zu dürfen, um so mehr, als von den Hausgenossen, nach ihrem Wissen, Niemanden außer zwei Sklavinnen die Entwicklung von neulich bekannt geworden war. Und diese versicherten, das Geheimniß bewahrt zu haben. Sie bat darneben um die ältesten Mammelukken zu ihrer Begleitung. Es wurde gewährt. Ibrahim, ein sechzigjähriger grämlicher Kerl mit schneeweissem Bart, erhielt den Befehl über vier andere auch ältliche Mammelukken, und zwei Kameeltreiber. O hätte sie doch eine jugendliche Escorte genommen! Schwankt die Wange zwischen Wollust und Geitz, nur selten wird die Wahl des Geitzes zu empfehlen sein. Flore ritt das ihr vom Bei geschenkte Pferd, die Mammelukken die ihrigen, ein Kameel trug Wasser und Lebensmittel für die nur einige Tagereisen breite Wüste, das andre Florens Habseligkeiten. Sie waren von Belang, denn außer den Geschenken, die sie bisher empfing, wurde ihr noch ein bedeutender Vorrath an Stoffen und afrikanischen Seltenheiten mitgegeben. Sie schied mit tiefer Rührung, unter Tausend Thränen. Da sie auch den Bei und Fatmen weinen sah, fehlte nicht viel, sie hätte den Vorsatz geändert, und wäre geblieben. Wenigstens dürfte das unfehlbar geschehen seyn, wenn ihr in dem Augenblicke jemand hätte beweisen können, Ring sei in Cairo mit einer anderen verheirathet. So aber ermannte sie sich doch (erweibte, ist ein ungebräuchlich Wort, aber sagt oft viel) und sprengte davon. Im Schritt hinweg zu reiten wäre zu gefährlich gewesen, wegen des Umsehens, und der Anlockung, das Roß zu wenden. Bin ich nicht eine Thörin, fragte sie sich unterwegs, den Aufenthalt des Wohlwollens, der Freundschaft zu fliehn? Wer weiß, ob mir das Leben je wieder so lächelt? Aber, setzte sie hinzu, Liebe und Vaterland winken dort, und was wär ich, wenn der Bei und Fatme einst stürben. Innig freute sie die Erinnrung, die Stifterin eines schönen Vereins gewesen zu seyn, und ein gewisser moralischer Stolz erfüllte sie sogar, wie sie sich als Bekehrerin von schnöden Sünden betrachtete. Dabei dachte sie manches nach, über die unbegreifliche menschliche Schwäche, die oft neben den herrlichsten Charakterzügen wohnt, und zog sich Erfahrungssätze ab, die nicht zu verachten waren. Dem alten Ibrahim erklärte sie: er würde von ihr nicht vergessen werden, wenn die Reise glücklich vollendet sei. Nicht er, nicht seine Kameraden. Allein nicht er, nicht seine Kameraden waren noch so zuvorkommend, noch so unterwürfig wie daheim. Dort hatte Ehrfurcht vor dem Bei, (der bei aller Güte, bisweilen auch so strenge war, wie es bei dieser Menschenart Nothwendigkeit erheischte) alle schlimme Leidenschaften niedergehalten, nun war das anders, und sie ließen den Wechsel ihrer Gesinnungen in dem Maaße des weiteren Abstandes sichtbarer werden. Schon von Anfang her, hatte den Rohen der besondere Schutz nicht gefallen, welcher einem Ungläubigen in des Beis Hause wurde. Und nie hatten sie die Ungläubigen mehr gehaßt, als seitdem sie einen unglücklichen Krieg mit ihnen führten. Ihrer Meinung nach, hätte jeder Frank, der ihnen in die Hände gerieth, unter Martern sterben müssen, und sie rühmten den Bei Murat und den Pascha Gizzar wegen ihrer harten Gesinnungen. Die Floren gewordnen Geschenke regten vollends ihre neidische Mißgunst auf. Ihre einsilbigen Antworten, ihre unwilligen Blicke, und ihr Heimlichthun, fingen an, Florens Aufmerksamkeit zu wecken. Es stand ihr indessen kein Hülfsmittel zu Gebot, als der Versuch, ihre Begleiter durch Freundlichkeit, kleine Geschenke, und wiederholte Verheißung größerer, zu gewinnen. Der Versuch bewirkte aber nicht viel. Auf gute Worte gaben sie nichts, und was sie empfingen, schien ihnen immer noch nicht genug, und mit heißer Gier schauten sie nach dem Kameele hin, das Florens Habe trug. Letztre sah wohl ein, daß ein treuloses Vorhaben gegen sie nur zu leicht auszuführen sei, sie bot also ihre ganze Erfindungsgabe auf, einem Verein entgegen zu wirken. Erstens kramte sie alles aus, was sie noch vom Coran behalten hatte, redete von nichts als dem Propheten, und seinen Geboten der Frömmigkeit, um den Sinn der Religion lebendig zu erhalten. Dann schloß sie sich an jeden Einzelnen insbesondre, nahm ihn auf dem Wege bei Seite, that als wenn sie für ihn ausgezeichnete Achtung empfände, und sagte ihm die meiste Freigebigkeit zu. Bei Nacht ordnete sie an, daß alles schlief, bis auf einen Wächter, so konnte sie den ihr gefährlichen Abreden entgehn, denn bei Tage hinderte sie sie ohnehin, und bei Nacht blieb sie bei dem Wächter auf. Allenfalls dachte sie, muß das schon sechs oder Acht Tage der Reise ertragen werden. So erheiterte die Hoffnung sie wenig. Furcht warf ihre süßen Träume über den Haufen, und was das Schlimmste war, so half ihre Vorsicht auf keine Weise, denn der tükkische Plan war entworfen, ehe noch Florens Argwohn keimte. Das steckte ihr einer der Kameeltreiber, da sie sich mit ihm unterhielt, und ihn durch einen Spruch aus dem Coran gewissenhaft gemacht hatte. Sie mußte ihm erst Heimlichkeit versprechen, und dann sprach er: Sieh zu deiner Sicherheit. Es ist verabredet, dich zu ermorden, und dein Gut zu plündern. Schon wäre es geschehn, wenn der Bei nicht Todesstrafe darauf gesetzt hätte, wenn wir kein Zeichen von den Franken brächten, dem er glauben könnte, du seist ihnen richtig übergeben. Wie sie dazu kommen sollen, berathen sie nur noch. Ich will um solchen Preis nicht gewinnen, sieh wie du den Vorsatz hintertreibest. Flore gerieth in keine geringe Bestürzung, doch der Umstand mit dem Zeichen, beruhigte sie in Etwas. Das mußte doch immer eine Certifikation seyn, in französischer Sprache abgefaßt, und gehörig besiegelt. Der Bei hatte einen Syrer um sich, welcher französisch mit einiger Fertigkeit dolmetschte; mit einem Betrug durften sie nicht kommen. Und dies Certifikat war immer doch nur bei einer Truppenabtheilung zu erlangen, die einem Offizier, wenigstens einem Sergeanten gehorchte. Sie redete nun auch oft davon, wie sie, wenn sich europäische Soldaten vorfinden würden, wohlthäten, sich vorher in einem Orte nach einem Trompeter umzusehn, der das friedliche Zeichen verlangter Unterhandlung gäbe. Denn sie müßten durch die ersten Posten, bis zu einem andern, wo ihnen der Schein für den Bei würde, ohne welchen sie ja, wie ihnen bekannt sei, daheim in großes Unglück gerathen könnten. Dabei sagte sie: es dürfte wohl noch vierzehn Tage währen, bis man ihre Landsleute ansichtig würde, ob sie schon der Hoffnung war, es könne schon in wenigen Tagen geschehn, oder wohl gar weit hinausgeschickte Streifpartheien ihr schon jetzt begegnen. Denn sie meinte, desto weniger fassen sie einen eiligen Entschluß, und werden vielleicht vor Ausführung des Frevels überrascht. Jetzt fand man sich am Ausgange der Wüste. Hohe Staubwolken zeigten sich in der Ferne, und im Strahl der heissen Sonne blickte hie und da ein Waffenblitz auf. Welches frohe, sehnsüchtige, hoffende Gefühl in Florens Brust! O wären es die, wo ich mich der Sicherheit erfreuen kann, wie wollte ich Glückliche dem Schicksal danken, wie schnell in die Arme des Gatten eilen! Mögten die Bösewichter ziehn, wurde doch nicht zur Reife gebracht, was sie heillos zu säen beschlossen. Sie konnte die Zeit nicht erwarten, und trieb ihr Roß mächtig an. Die Mammelukken blieben zurück. Muthig sprengte sie auf die Staubwolke zu, froh erwartend, es werde bald eine rothe Feder oder eine dreifarbige Kokarde darin sichtbar werden. Doch näher erblickte sie die langen Hälse brauner Dromedare, und hielt den Zügel etwas kürzer. Dann kamen ihr schwarze Führer zu Gesicht, ihr Roß trabte nur noch. Endlich ward sie eine lange Reihe solcher Lastthiere inne, und nichts wie Negergesichter. Sie hielt ihr Roß an, die Begleitung abzuwarten. Verdrießliche traurige Täuschung! Was sie für einen Soldatenzug angesehn hatte, war eine Caravane von Sklavenhändlern. Sie hatte Neger aus Darfur, Sennar, und Bornu nach Egypten zum Verkauf bringen, und weisse Mädchen nach ihren Märkten zurücknehmen wollen. Sie fand aber den Menschenhandel durch menschliche Verordnungen, die die Franzosen erlassen hatten, untersagt, und mußte an der Gränze unverrichteter Sache wieder abziehn. Darüber, zürnten die Kaufleute sowohl, wie die Waare selbst, denn man muß wissen, daß die Sklaverei den Negern nur in den christlichen Colonieen furchtbar ist. Bei den Muselmännern versuchen sie es ganz willig, denn harte Behandlung erwartet sie dort nicht, und fände ein Einzelner Ursache, mit seinem Gebieter unzufrieden zu seyn, so steht ihm das Recht zu, ihm zu sagen: führe mich auf den Markt! was denn geschehn muß, und die Aussicht eröffnet sich, einem gelinderen Herrn zu gehorchen. Oft machen die Sklaven ihr Glück, da sie frei gelassen, und zum Betreiben einer eigenen Handthierung unterstützt werden. Auch ist ihnen der Weg zu einträglichen Aemtern nicht verschlossen. Weisse Sklaven werden auch in der Türkei feilgeboten, alle Mammelukken sind verkauft, und steigen durch die Gunst der Beis zu bedeutenden Stellen, selbst zum Range eines Beis empor. Der durch Grausamkeit berüchtigte Gizzar Pascha war aus Bosnien gebürtig, wurde daheim, wegen einer Gewaltthat verklagt, die er an seiner Schwägerin hatte verüben wollen, und floh. In Constantinopel verkaufte er sich selbst als Sklave nach Egypten. Hier lächelte ihm das Glück bald, weil er sich geschmeidig in die Launen seines Obern, des bekannten Ali Bei zu fügen wußte. Dieser brauchte ihn besonders, wo etwas Gefährliches ausgeführt werden sollte. So stieg er. Die Kaufleute bei dieser Caravane gingen fast nakkend, einen schürzenartigen Gürtel ausgenommen. Wer ein graues oder blaues Hemd, dessen Aermel bis um die Achseln aufgerollt waren, trug, kündigte sich schon wie einen dem Luxus ergebenen Mann an. Ein ledern Futteral hing jedem an der Krümme des linken Armes, worin sie Geld, Toback und andere nahe Bedürfnisse verwahrten; bewaffnet zogen alle einher, entweder mit Lanzen oder auch nur mit Säbeln. Feuergewehr war selten. Florens Begleiter waren herangekommen, und man machte Halt, um die Caravane vorüber zu lassen. Gegen das Ende des Zuges bemerkte Flore, daß Ibrahim fehle, und fragte nach ihm. Man gab ihr keine gnügende Antwort. Der Umstand kam ihr bedenklich vor, und sie überlegte, sollte man den Mammelukken erwarten oder nicht. Endlich wurden von dem Handelszuge nur noch einige Kameele sichtbar, mit denen die Führer sich verspätet zu haben schienen. Da sie aber heran waren, befand sich Ibrahim dabei. Er hatte also unbemerkt einen raschen Umweg gemacht, um diese Schwarzen zu sprechen. Floren ahnete viel Schlimmes, und sie betrog sich nicht. Ein häßlicher Neger im blauen Hemd und mit langen goldnen Berlokken im Ohr, kam mit Ibrahim auf sie zu. Die Bösewichter scheuten sich gar nicht, laut von ihrer Absicht zu reden. Ich kaufe sie, sprach der Neger, und folgt mir, laßt einen von euch nach Assiut schleichen. Dort findet ihr Dollmetscher, welche die französische Sprache verstehn, und euch eine Schrift, wie ihr sie wünschet, verschaffen. Bringt sie nicht um, ihr könnt ja das Geld für sie einstreichen. Flore hörte die Schrekkensworte, und fragte mit dem Muthe, den die Nothwendigkeit als einen letzten Versuch zur Rettung auferlegt: Ihr Bösewichter was habt ihr vor? Das wirst du bald sehn, donnerte Ibrahims trotzige Stimme. Aber wo ist sie denn? fragte der Neger. Hier hier, vor dir, schrie Ibrahim, in den Mannskleidern. Sie meint wir halten sie für kein Weib, und wußten es schon lange daheim. Flore hatte ihre Edelsteine aus Vorsorge wieder in der Mütze verwahrt, und den Gürtel mit den in Scheik Abade gefundenen Dukaten gefüllt. Mag das Kameel mit seiner Ladung verloren gehn, dachte sie, die Wüste ist zu Ende, ich versuche die Flucht. Aus allen Kräften trieb sie daher, mit der Schärfe des breiten Steigbügels, die von den Morgenländern als Sporn gebraucht wird, ihr Pferd an, und eilte vorwärts. Allein die Mammelukken machten förmlich Jagd auf sie. Einer setzte in grader Richtung, noch zweie rechts und links, um sie, wenn sie den Weg veränderte, zu haschen, sie waren dazu bessere Reuter, und so hatten sie die Arme nach Tausend Schritten bereits eingeholt. Man bemächtigte sich ihrer Zügel, und brachte sie mit schadenfrohem Gelächter zu dem Dschelab (Kaufmann) zurück. Der Bei wird euch Hunde würgen lassen, schrie die halb Ohnmächtige vergebens. Musa, so hieß der Neger, besah sie aufmerksam, und setzte ihre Schönheit herab, während die Verkäufer sie erhoben. Man gab ihr den Befehl, sich zu entkleiden und legte auf ihre Weigerung selbst Hand an. Nun, dachte sie, vielleicht erhalte ich mir Mütze und Gürtel, wenn sie nicht berührt werden, und entschloß sich zu der demüthigenden Handlung. Musa konnte nichts weiter tadeln, und man war bald um den Preis einig. Die Mammelukken wollten ihr noch die Kleider nehmen. Wie, rief sie, gnügt euch nicht an dem Kameele, dem Pferde, ehe ich entblößt die Reise mache, sterbe ich den Hungertod. Laßt ihr was sie trägt, sprach Musa, und der Handel war geschlossen. So trauerte Joseph einst unter seinen verrätherischen Brüdern, wie jetzt Flore. Sie mußte ein Dromedar besteigen, zwischen dessen beiden Erhöhungen des Rükkens, Musa ihr einen bequemen Sitz bereitete. Die Mammelukken setzten den Weg nach ihren Absichten fort. Neuntes Kapitel. Flora unter den Sklavenhändlern. Musa eilte nun, den großen Zug wieder zu erreichen, und das unbeholfene Traben des plumpen Dromedars fügte zu den Seelenleiden unsrer unglücklichen Abentheurerin noch körperliche. Wer beschreibt ihre Qual, ihre Angst, ihre Verzweiflung! Musa erwies sich aber, wie die Mammelukken entfernt waren, ganz artig gegen sie, und trug Sorge, sie mit Nahrung zu versehn. Diese Sorge hatte freilich nicht mehr moralischen Werth, wie der Geitz eines Kaufmanns, der seine Waare nicht will verderben sehn, aber doch empfand Flore den augenblicklichen Vortheil davon. Und gab es einen Trost in dieser neuen peinlichen Lage, so war es der, daß Musa ein wenig arabisch sprach, Flore sich also mit ihm unterreden konnte. Daß ihre Hauptfrage war: was er denn mit ihr zu beginnen gedächte? versteht sich von selbst. Musa erwiederte: An Niemand verkauf ich dich, wie an einen Sultan, und ich denke, du sollst mir meine vergebliche Reise bezahlt machen. Flora schwamm in Thränen. Musa wunderte sich gar sehr, und verhieß ihr goldne Berge. Ich weiß nicht, sprach er, ob der Sultan von Darfur dich kaufen wird, er besitzt schon viele weisse Frauen, aber der Sultan von Darkulla nimmt dich gewiß. Er hat neulich seine weisse Frauen alle ermordet, und nun braucht er deren wieder, und ließ schon bei den Dschelabs nachfragen. Preise dich, wenn du in den Pallast dieses großmüthigen Königs kömmst. Die Nachricht konnte wenig freudige Hoffnung erwecken. Indessen, sollte es einmal Sklaverei sein, so war es immer als Sultansfavorite die bessere. Während der ersten Tage dieser Reise, entwarf Flore noch manchen Plan zur Flucht. Sie sah wohl ein, daß sie gegen den Kaufmann sich nichts von ihren Juweelen und ihrem Gelde dürfe merken lassen, wenn sie nicht sogleich wollte beraubt sein. Es war sogar wie ein seltenes Glück anzusehn, daß noch keine Entdekkung statt gefunden hatte. Dagegen aber hielt es Flore für möglich, einen der Kameeltreiber zu bestechen. Sie meinte, ein solcher könne ihr wohl in der Nacht, wenn Musa schliefe, behülflich werden, davon zu kommen. Doch sah sie auch bald die Nichtigkeit dieses Gedankens ein. Denn der Dschelab war nicht nur sehr vorsichtig, sondern sie konnte auch mit keinem der Leute ein Gespräch anknüpfen, da jeder von ihnen nur seine Negersprache verstand. Es galt also vollkommene Ergebung. Flore dachte, bin ich denn einmal zu den seltsamsten Begebenheiten ausersehn, so treffe mich was da wolle. Standhaftigkeit trägt alles, und Verstand lindert wenigstens viele Uebel, wenn er sie auch nicht zu heben weiß. Von großer Wichtigkeit schien es ihr, etwas von der Sprache dieser Neger zu erlernen. Die raschen Fortschritte, welche sie vor kurzem in Cairo gemacht hatte, gaben ihr Muth, die neue Schwierigkeit zu bekämpfen, und die Langeweile in der Wüste wurde sowohl getödtet, wie ihr Schmerz übertäubt, wenn sie die meiste Zeit auf diese Beschäftigung verwandte. Musa zeigte sich willig, ihr alle Worte, die sie auf arabisch nannte, in seine Mundart zu übersetzen. Sie schrieb sie in ihr Taschenbuch, und behielt bei ihrem glücklichen Gedächtniß bald eine Menge derselben. Dann merkte sie genau auf die Reden der Fremden, um die Wendungen und Fügungen aufzufassen und erbeutete sich so eine kleine Grammatik. Nicht lange, so versuchte sie selbst mehr und mehr Antheil an der Unterhaltung. Die Caravane zog nun in der großen Wüste, durch die der Weg nach dem Negerkönigreiche Darfur geht. Gewöhnlich lagerte man in einem großen Haufen. Das gab dann ein Schauspiel bunter Art. Hunderte von Kameelen und Dromedaren, ihrer Ladung entbürdet, die sich in den Sand niedergelegt hatten, und ihr dürftig Futter käuten. Einige wenige aufgeschlagene Zelte, desto mehr auf die Erde gebreitete Teppiche. Die Dschelabs gravitätisch ihre Pfeifen schmauchend, die Sklaven mit Steinen in der Hand, auf welchen sie etwas Getreide zerrieben, um sich eine Art Kuchen daraus zu bereiten. Auch die Kaufleute führten nur schlechte Lebensmittel bei sich, und Musa legte einen Werth darauf, daß Flore mit etwas Caffee bewirthet wurde. Oft dachte sie an die Fülle in jenem Mammelukkenlager, noch öfter an die Villa ihres reichen Beis zurück. Bei dem allen gewährten ihr die vielen neuen Gegenstände Unterhaltung, und sie dachte: überstände ich das alles nur, und könnte einst meinen Freunden in Paris davon erzählen, so würde mir es dann gewiß lieb sein, so Vielerlei gesehn zu haben. Denselben Gedanken hat ein Passagier, der zum Erstenmale über See fährt, und gefährlichen Sturm erlebt. Bin ich nur erst wieder an der heimathlichen Küste, will ich mich der Erinnerung an diese Schrecken wohl erfreun. Bei einer solchen Rast erblickte Flore, mächtig befremdet, unter dem schwarzen Gewimmel, ein bräunliches und ein weißes Antlitz. Das letztere fesselte um so mehr ihre Aufmerksamkeit, weil sie einen Landsmann vermuthete. In der Tiefe Afrikas ist der Europäer schon ein willkommener Landsmann. Und einen solchen glaubte sie im Betragen des Weissen zu erkennen. Sie bat Musa, ihn doch zu sich zu rufen. Er versagte es nicht, und der Weisse kam. In französischer Sprache wurde er angeredet, und antwortete auch darin. Flore fragte: ob er auch so unglücklich wäre, zur Sklaverei verkauft zu sein? Keineswegs, entgegnete der Andere, ich reise mit guten Pässen, und kräftigen Empfehlungen. Um des Himmels Willen, rief Flore, wie kann sich ein Europäer entschließen, freiwillig diese Gegenden zu durchziehn? Dazu spornen mich viele Ursachen, war die Antwort. »Die wär ich in der That begierig zu hören. Theilt sie mir mit, ihr sollt wieder mit meinen Lebensverkettungen bekannt werden.« Warum nicht? Erstens ist mir meine Geliebte entrissen worden, und wie ich sicher weiß, durch Oberegypten gebracht. Diese muß ich wieder finden, und hausete sie am Ende der Welt. Dann läßt sich vielleicht bei der Gelegenheit durch Handel etwas erwerben. Und einmal auf diesem Wege kann ich mich ja auch wohl in der kultivirten Welt berühmt machen, wenn ich endlich das Innre von Afrika besuche. Bruce, Sonnini, Mungo Parc, und wer weiß wie viele Andere versuchten es umsonst. Mir soll es nicht mißlingen, denn ich füge mich in die Weise jeder Nation. Vor allen Dingen hab ich den muselmännischen Glauben angenommen, sonst gäbe es keine Sicherheit für mich. Komme ich zu einem Heidenvolk, weiß ich was ich thue, und was geschehen wird, wenn ich einst in die Christenheit heimgekehrt bin, läßt sich errathen. Der thörigte Eigensinn jener Reisenden, sich nicht einer Ceremonie unterziehn, nicht einen unbedeutenden Schmerz dulden zu wollen, hat ihre Pläne rückgängig gemacht. Flore versetzte: Am meisten interessirt mich euer Handel. Werdet ihr auch Geschäfte mit Sklaven machen? »Eher mit Seltenheiten des Landes. Doch winkte ein ansehnlicher Gewinn, warum nicht?« Wie wäre es, wenn ich euch einen Vorschlag machte? Kaufet mich von meinem Sklavenhändler. Bringt mich nach Cairo, und ich verspreche euch Tausend Piaster über das Kaufgeld. »Auf meiner Rückreise begriffen, würde ich vielleicht einschlagen, wenn Sicherheit wegen der Summe nachgewiesen werden könnte.« Unfehlbar, rief Flore, und stand schon im Begriff, ihm zu sagen, sie trage weit mehr bei sich, doch die Physiognomie des Mannes war nicht geeignet, Vertrauen einzuflößen, sie hörte daher erst, was er weiter sagen wollte. Er fuhr fort: Jetzt kann ich mich aber nicht damit einlassen, und mögten auch Zehntausend Piaster die Prämie sein. Ich muß vorwärts, die Zeit ist kostbar. Flore überlegte, daß sie ihn ja wohl auf seiner Reise begleiten könnte. Wie lange sie auch währte, so bestände doch eher Hoffnung, einst wieder nach Egypten zu kommen, als wenn sie erst in einem Harem eingekerkert wäre. Sie sprach auch davon, fand aber kein geneigt Ohr. Auf einer anderen Reise, wurde ihr erwiedert, dürfte mir eine solche Gesellschaft ganz angenehm sein, (hier maaß sein Blick Floren vom Scheitel niederwärts) allein jetzt muß ich, außer meinem Diener dort, dem Araber, allein gehn. Habe ich aber meine Geliebte erst entdeckt, und führe sie zurück, dann ist eher daran zu denken. Sucht mich in dem Fall auf. Dies war eine Aussicht ins Weite. Flore unzufrieden mit dem Fremden, sagte etwas spöttisch: Eure Geliebte muß die Anhänglichkeit rühmen. In einem Alter, das der Weisheit nur geheiligt sein sollte, unternehmet ihr, was sonst der romantische Frühling nur wagt. »Ob ich achtzehn Jahre, oder funfzig zähle, das Mädchen ist mein, denn ich kaufte sie in Cairo auf dem Markte, und habe ich sie nur erst wiedergefunden, werde ich mir durch Strenge Liebe zu verschaffen wissen. Sicher steckt sie in einem der Harems. Ich besuche alle Höfe der afrikanischen Könige, da wird sie ja wohl auszumitteln sein. Und dann darf ich meiner Verschlagenheit zutrauen, daß sie das Unmögliche geglaubte möglich macht.« Flore wurde aufmerksamer während dieser Rede. Schnell fiel sie ein: Sagt mir aus welchem Lande in Europa ihr seid? »Italien ist meine Heimath.« Italien, Italien? Und eure Geliebte, ist sie nicht -- eine Spanierin? Eine Spanierin, versetzte der Andere mit staunendem Blick. Wollt ihr wetten, ich nenne euren Namen? »Das wäre drollig genug.« Signor Perotti. »Ists möglich? Ich entsinne mich doch nicht, euch jemals gesehn zu haben.« O ich sah euch auch nie. »Sicher kennt ihr Isabellen, wißt ihren Aufenthalt. Entdeckt mir alles, ich beschwöre euch. und zählt auf Erkenntlichkeit.« So wenig als euch, sah ich Isabellen, nur eure Geschichte kam mir zu Ohren. Sagt mir doch, ob ihr nie erfuhrt, wer euch in dem Keller ergriff und binden ließ, da ihr Isabellen aus des Consuls Hause so listig gebracht hattet. »Mich ergriff? Mich binden ließ? ha ha ha!« Und dann Isabellen wegführte. »Isabellen wegführte? ha ha ha! Das that ich selbst.« Wie, ihr? »Oder mein Diener. Es war beschlossen, Isabellen nicht wieder zum Vater zu lassen, weil der Franzose mir doch alles verdarb. Sie sollte gleich von Cairo hinweg. Um aber wenigstens vierundzwanzig Stunden voraus zu haben, und außer der Stadt nicht mehr verfolgt zu sein, ließ ich mich binden, und in den Keller legen. Man glaubte das Mährchen, war überzeugt, Isabelle stekke in Cairo, und forschte dort, so viel es möglich war nach. Unterdessen war mein Diener schon mit dem Mädchen nach Damiette unterwegs, und alle Anstalten waren so getroffen, daß nichts verrathen werden konnte. Ich wurde auf einem Landhause zwei Meilen von jenem Orte erwartet, kam bald da an, und setzte meinen Weg fort.« Ich bin auch nicht ohne Intrigue, merkte Flore an, doch wahrlich diese List hätte ich nicht geargwohnt. Was half sie mir bei dem allen, sprach Perotti seufzend, List muß der Gewalt weichen. Nur noch eine Meile von Damiette entfernt, fiel ein Trupp Beduinen uns an, raubte die Spanierin, prügelte mich tüchtig durch, und schwand wieder aus dem Gesichte. Seltsam war es, daß mir sonst nichts entwandt wurde. Nun verstrichen schon einige Jahre, während welchen ich mich kein Suchen verdrießen ließ, ich machte sogar eine Reise nach Mecca, weil es möglich war, daß die Beduinen Isabellen nach Arabien geschleppt hatten, umsonst. Erst seit kurzem weiß ich nun, daß sie diesen Weg genommen hat, und destoweniger gebe ich mein Vorhaben auf. »Man nahm euch sonst nichts, sagt ihr, das klingt, als ob Coutances bei den Beduinen im Spiel gewesen wäre.« Das kann nicht sein, denn ich sahe ihn noch ein Jahr darauf in Cairo, von Gram gebeugt mit Isabellens Vater gehn. Flore war ausnehmend verwundert über alles was sie gehört hatte, und im weiteren Nachdenken über die Geschichte Isabellens verlor sie einen Theil ihrer Leiden aus dem Auge. Mögt ich doch diese Isabelle einmal sehn, das war nur ein erneueter, schon früher empfundener Wunsch. Perotti ging nun zurück, zu seinen Kameelen, versprach öfter bei Floren zu sein, und empfahl ihr, dem Sklavenhändler von ihm zu sagen: er sei ein Arzt aus Constantinopel, vom Großherrn einem kranken Sultan in Afrika zugeschickt. Zehntes Kapitel. Fortsetzung. Musa fragte Floren gleich, wer der Kaffer[4] sei, (denn wie im Orient jeder Europäer ein Frank heißt, nennt man wieder unter den Negern jeden Weissen Kaffer.) und sie antwortete, wie Perotti es gewünscht hatte. Flore fragte den Neger Musa: Wie, wenn Jemand mich zu kaufen begehrte, und dir den Preis, den du für mich zahltest, verdoppelte, würdest du losschlagen? Er besann sich einen Augenblick, und erwiederte dann: Nein, ich hoffe, du sollst einem der Sultane besonders gefallen, da kann ich nicht nur eine größere Summe hoffen, sondern mir werden auch wohl noch wichtige Freiheiten bewilligt. [Fußnote 4: Die Unrichtigkeit, mit welcher der Name Europäer auch unterscheidend gebraucht wird, wenn die Rede von der europäischen Türkei ist, scheint ernst darauf hinzuwinken, daß die Türken nicht nach Europa gehören. Die Christen, welche es schon seit 1453 ansehen müssen, daß das reizend gelegene Constantinopel ihre Hauptstadt ist, könnten die Theorie des Herrn von Bülow wohl gegen sie prüfen. Die Türken müssen gegen das Abendland alle Kriege exzentrisch führen, und werden, wie daraus folgt, conzentrisch angegriffen. Sie haben (immer die Sprache der Bülowschen Lehre zu reden) die erbärmlichste Basis, und ihren Feinden stehn überall basirende Gegenstände zu Gebot. Nach der Theorie müssen die Türken fallen. Nach einer Erfahrung von Vierhundert Jahren fallen sie aber nicht.] »Und welche etwa?« In Darfur muß ich von zehn Sklaven, die ich durchführe, zwei als Abgabe an den Regenten erlegen, in Darkulla drei; so ich einem der Sultane durch dich eine Freude mache, erläßt er mir wohl den Zoll. »Aber sage mir nur, warum ließ der Sultan von Darkulla die weissen Weiber morden, wie du vorhin erzähltest?« Er hatte Krieg mit einem Fürsten in Habesch, der ein Nazaräer ist. Seine Krieger wurden geschlagen, und der Feind nahte der Hauptstadt. Damit nun ein ungläubiger Hund sich nicht seiner Weiber erfreuen sollte, ließ er sie sterben. Kurz darauf aber wurden die von Habesch zurückgedrängt, und dem Sultan reute, was er gethan. »O weh, giebt es in dem Lande oft Krieg?« Immer. Mit einem Nachbar hört er auf, mit dem andern fängt er an. »Verkaufe mich wohin du willst; nur nicht nach Darkulla.« Das wird sich finden. Signor Perotti ließ nun seine Kameele dicht hinter Musas Zuge folgen, und ging oft neben dem Dromedare her, worauf Flore saß. Da gabs nun Unterredung genug über das herrliche Vaterland Europa. Perotti forderte die Französin auf, überall wo sie hinkäme, nach Isabellen zu forschen. Sollte sie etwas von ihr in Erfahrung bringen, so mögte sie nach einer von den Städten, wohin Caravanen gehen, Nachricht davon geben, er werde sodann durch Kaufleute es schon wieder erfahren. Flore sagte: Heucheln kann ich nicht. Gesetzt ich träfe Isabellen, und ich, eine eingekerkerte Sklavin vermögte etwas, so sollte Coutances sie zurück erhalten, aber nicht ihr. Perotti rollte die Augen. Warum nicht ich? Flore sagte: Weil Coutances einmal Franzos ist, und ihr ein Italiener. Zweitens, weil er nach allem was ich erfuhr, ein liebenswürdiger junger Mann sein soll, ich aber in euch einen närrischen alten Pantalon sehe. Perotti schäumte vor Zorn, ballte die rechte Faust, murmelte ein paar italienische Flüche, und schwur, den Schimpf wolle er rächen. Doch that er gleich darauf wieder freundlich, und unsre Heldin meinte, er würde ihre Offenheit wieder vergessen haben. Das thut aber ein Italiener so leicht nicht. Man kam nun dem Königreiche Darfur näher, und Florens Furcht ward größer. Sie beschwur den Italiener aufs Neue sie loszukaufen. In Mannskleidern, setzte sie hinzu, werde ich euch begleiten, vielleicht auch in euren Absichten nützlich seyn, und was ich verhieß, soll euch in Cairo werden. Sie bot mehr wie vorher, aber konnte ihn nicht erweichen. Endlich, da man an der Gränze des Landes war, vertraute sie sich ihm in der Angst näher. Ich will euch selbst das Geld zu meiner Loskaufung geben, sagte sie. »Wie, ihr besitzet Geld?« In den Kleidungsstücken verborgen, Geld und Edelsteine, aber verrathet mich nicht. Um des Himmels Willen, versetzte Perotti, steckt mir alles zu, was ihr habt. Denn auf dem Markte müßt ihr alle eure Habseligkeiten in des Kaufmanns Händen zurücklassen, wenn ihr verkauft werdet. Nackt übergiebt man euch dem Käufer. So ist die Sitte. Dankt dem Glücke, das mich hieher führte, ich kann das Eure retten und aufbewahren. Flore würde in Europa dem Signor Perotti vielleicht nicht gern einen Dukaten anvertraut haben, aber hier war es ein anderes. Bei dem Sklavenhändler ging ihr Habe gewiß verloren. Daß sie sie noch besaß, war blos der Vermuthung Musas zuzuschreiben, jene Mammelukken würden sie durchsucht, und geplündert haben. Gab sie dagegen die Kostbarkeiten und das Geld dem Italiener, so konnte er doch nur in einem Anfalle der schwärzesten Bosheit etwas davon veruntreuen, und die glaubt man in der Fremde um so weniger von einem Landsmanne, als man sich selbst wärmer zu ihm hingezogen fühlt. In einem Augenblicke also, wo Musa schlief, und die Kameeltreiber ihr Mahl zurichteten, übergab Flore dem Italiener ihr Vermögen. Gern, sagte er, stellte ich darüber eine Handschrift aus, aber ich habe keine Schreiberfordernisse zur Hand. Hier ist ein Taschenbuch und ein Bleistift. Um Leben und Todes Willen -- Perotti bescheinigte den Empfang und Flore fragte nun: wann denkt ihr um mich zu feilschen? Perotti erwiederte: Wenn wir in die Residenz des Sultans von Darfur kommen. Dort findet der Handel Schutz. Wer steht dafür, wenn ich euch unterwegs kaufte, daß nicht ein anderer Neger euch wieder gewaltsam entriß. Welche Hülfe könnten wir anflehen? Flore fand die Bedenklichkeit gegründet, forderte aber, Perotti sollte sich ja beim Eintritt in die Stadt einfinden, auf dem Markte könne sonst der Sultan den Vorkauf haben. Dem Sklavenhändler sagte sie: Der Arzt aus Constantinopel würde sie vielleicht kaufen, denn er kenne ihre Verwandten in Europa, und wisse, sein Geld werde nicht verloren sein. Sie bat, doch diesem Vorhaben nicht zu widerstreben, und setzte hinzu: der Arzt brächte treffliche Empfehlungen an den Sultan mit, und so könnte er ihm vielleicht auch dort nützlich seyn. Musa erwiederte: Giebt man mir den dreifachen Kaufpreis, und zahlt die Lebensmittel, womit ich dich auf der Reise ernährte, so gehe ich alles ein. Schon wieder zogen bei Floren, am Horizont der Wünsche und Hoffnungen, die lieblichsten Gebilde herauf. Die Caravane erreichte das Land Darfur. Ein Melek (Offizier des Monarchen), der die Gränze zu bewachen hatte, untersuchte die Caravane, und erhob den Zoll der Dschelabs. Flore galt, wie sich von selbst versteht, eine Waare. Signor Perotti wurde nach dem Zweck seiner Reise befragt. Er führte als Mahomedaner den Namen _Mehemed_, und nannte sich Eswan el Sultan[5], ein Titel, unter welchem Sonnini und Brown auch reiseten und von dem man gestehen muß, daß selbst im Herzogthume *** in Deutschland kein ähnlicher besteht. Seine Pässe wurden richtig befunden, und die Reise ging weiter. [Fußnote 5: Fremder des Sultans.] Elftes Kapitel. Flore in Darfur. Das Land war mit Gesträuchen und Früchten bedeckt, die unsrer Heldin noch weit fremder waren, wie jene in Egypten. Rechts sah man eine große Ebne, aber die Dörfer und Städtchen wurden blos durch die um sie gepflanzten Bäume bezeichnet, die die niedrigen Häuser versteckten. Von höheren hervorragenden Gebäuden, wie in der Christenheit die Kirchthürme, in der kultivirten Türkei (es giebt auch eine unkultivirte) die Moscheen mit Domen und Minarets, die einer Landschaft den Charakter des Lebens und der Kunst geben, war die Rede nicht. Dagegen gab es Gegenstände anderer Art, die wahrlich auch imponirten. Denn links hin dehnte sich ein Gebürgsrücken, aus dessen Gebüschen wiederholentlich das majestätische Brüllen der Löwen ertönte, nicht selten ließ sich auch wohl ein bunter Panther oder gesprenkelter Leopard sehen, der mit weniger Furcht nach Beute umherschaute, denn so furchtsam wie in Europa, sind die Thiere dort noch nicht durch Menschengrausamkeit gemacht worden. Wir nennen es Weisheit, die schädlichen Bestien auszurotten, und wirklich sind die Bären und Wölfe schon mit vielem Glücke aus Gegenden vertrieben, wo sie zu den Zeiten des Tacitus noch fröhlich hausten, aber in Vertilgung moralischer Schädlichkeiten, gegen die Bär und Wolf Lämmer wären, treten wir mit sehr unvollkommener Weisheit auf. -- Noch sehnswürdiger erschienen im Lande Darfur die Elephantenheerden, welche auf den Ebenen umherschwärmten. Diese Giganten unter den Thieren laufen dort in Rudeln von mehreren Hunderten zusammen, und die Einwohner fangen sie entweder lebendig in Fallgruben, oder tödten sie mit der Wurflanze. Auf ihren Gebrauch im Kriege fiel man aber noch nicht, und sie werden überhaupt nicht zur Dienstbarkeit bei dem Menschengeschlechte angehalten, wie in Indien. Die Städte fand unsre Pariserin elend, nach heimathlichem Maasstabe, denn die Baukunst beschränkte sich auf Lehmwände und platte Dächer, mit Kameeldünger überworfen, doch nach den Bedürfnissen des Klimas leisteten diese Häuser was man fordern konnte. Mit den darum gepflanzten Bäumen viel Schutz gegen die Sonne, und gegen die Kälte wenig, da überall absichtlich Zuglöcher zur Erfrischung gelassen worden. Bei dem allen gab es in denselben eine Art Fabriken, die wohl in Europa zu wünschen wären, die eine Art lederner Säcke für Mehl und Wasser verfertigten, welche beides vollkommen dicht bewahrten. Letztere sind auf den Reisen durch die Wüsten unentbehrlich. Verstände man bei uns diese Bereitung des Leders, so wäre es rathsam, den Soldaten statt der Feldflaschen aus Blech, solche kleine lederne Schläuche zu geben. Eine Hauptstadt hat das Reich Darfur nicht. Der Sultan hält bald hier bald da Hof, wie Carl der Große es zu thun pflegte. An mehreren Orten stehen aber Palläste, die ihn mit seinem Gefolge erwarten. Mit Versailles oder Caserta werden sie aber nicht wetteifern wollen. Gegenwärtig wohnte der Sultan _Abdelrachmann_ zu Ril. Es war der Lieblingsaufenthalt seines Vorgängers _Teraub_ gewesen, doch Abdelrachmann, ein Usurpator, fürchtete dort für sein Leben, und brachte mehrere Zeit in anderen Orten zu. Endlich hatte ihn aber der bequeme Wohnsitz, von _Teraub_ erbaut, wieder für ein Jahr nach Ril gelockt. Musa kannte den Melek der Dschelabs, d. i. das Oberhaupt der Kaufleute, und trat in dessen Wohnung ab. Perotti wohnte bei einem Copten, der ihm Gastfreiheit angeboten hatte, denn von einem ^Hôtel garni^ weiß man dort noch nichts. Er ließ sich gleich bei des Sultans Hofbedienten anmelden, und gelangte zur Audienz. Abdelrachmann war froh, einen Arzt aus Constantinopel bei sich zu sehn, und erklärte die seinigen für Unwissende. Perotti hatte es gleich gescheuter angefangen, wie andere Reisende vor ihm, die zur Unzeit Stolz zeigten, ein Fehler, durch welchen auch Lord Macartney die Angelegenheiten der Engländer in China bekanntlich schlecht förderte. Nicht so der geschmeidige Italiener. Wie sich des Oberhaupts Unterthanen, auch zitternd, gekrümmt, und den Staub küssend, auf den Boden warfen, sein Gruß ließ jene noch um ein weites zurück, und ein Liebhaber neuer Worte, hätte dies Heranwinden auf Händen und Füssen _Hündigkeit_ nennen können. Natürlich fanden die Höflinge dies das Muster feiner Lebensart, und Abdelrachmanns Gnade war auf der Stelle gewonnen. Noch höher stieg Perotti in seiner Gunst, da er sicher zusagte, ihn von seinem Uebel zu befreien, dafern der gewaltige unüberwindliche Sohn des Propheten, es nur entdecken wollte. Ein dornichtes Unternehmen, da afrikanische Fürsten, einen Heilkünstler der nicht heilt, von allen Schmerzen der Erde heilen, weshalb sogar der Scharfrichter schon dabei stehn muß, wenn die Majestät den verordneten Trank nimmt. Abdelrachmann, ein Siebzigjähriger etwa, entdeckte dem Italiener, wie er Zweihundert Weiber besäße, aber sie alle überflüssig fände, was ganz gegen seinen Willen sei. Perotti sagte: Um zu untersuchen, ob vielleicht Zauberei an den Sultaninnen hafte, müsse er bitten, sie sämmtlich sehn zu dürfen. Er wollte ohne Zweifel spähen, ob vielleicht Isabelle in diesem Harem verborgen sey. Der Monarch willigte ein, und sechs Eunuchen mußten den vermeintlichen Arzt begleiten. Er kam zurück, und erklärte, aller Zauber sei getilgt. Nun reichte er aber dem gekrönten Alten eine überaus hitzige Arzenei, von lauter Dingen zusammengemischt, die Feuer im Blute entzündeten. Der Leidende spürte davon große Wirkungen, und war herzlich froh. Perotti hingegen, der vorher sich schon mit neuen Pässen versehen hatte, eilte sogleich davon. Flore wartete unterdessen vergebens auf den Loskauf, und gerieth außer sich vor Zorn und Bestürzung, da sie von Perottis Abreise hörte. Ihr schien es nunmehro ausgemacht, daß das Schicksal überall Unfälle für sie bestimmt habe. Bald meldete das Gerücht in der Stadt: der Sultan habe einen Heiltrank empfangen, der sich ihm zwar anfänglich vollkommen hülfreich erwiesen hätte, doch unmittelbar darauf sei er in einen Zustand von Kraftlosigkeit gesunken, der für sein Leben fürchten ließ. Musa schüttelte den Kopf bei dieser Nachricht, und schöpfte wenig Hoffnung, hier loszuschlagen. Indessen putzte er Floren niedlich heraus, das heißt ziemlich in dem Geschmack, wie Eva mag gegangen sein, da sie eben den paradiesischen Garten verlassen hatte. Bei einer öffentlichen Audienz, wo Verkäufer auch Zutritt hatten, führte er nun Floren nach dem Pallast. Dieser war in mehrere Höfe abgetheilt. Im ersten standen die gesattelten Pferde des Sultans und seiner Begleitung, denn nach der Audienz wollte er ausreiten. Im zweiten wurde man einen Theil der Leibwache gewahr. Die Uniform war Nacktheit, bis auf eine rothe Schürze, und eine Pikkelhaube. Die Kerle waren bei gutem Humor, soffen viel von dem Hanfabsud, der hier verkauft wird, und gewaltig rauscht, und spielten mit einigen Löwen, die zum Vergnügen des Sultans gezähmt worden waren. Im dritten Hof befanden sich die Minister im Gallaanzug, der in einem wollnen Hemd bestand. Mit gesenktem Haupte weilten sie um den Sitz des Monarchen, während dieser Klagen schlichtete. Er selbst trug, ein bewundertes Zeichen der Größe, Hosen, sonst war er den anderen Männern in allem gleich ausgerüstet. Während er geschäftig war, rief der Hofredner (eine Charge, deren es in Europa nicht bedarf, da wir Poeten und Historiographen besitzen) mit lauter Stimme: _Seht den Büffel, den Sohn eines Büffels, den Stier der Stiere, den Elephanten von gewaltiger Stärke, den mächtigen Sultan Abdelrachmannelraschid! Gott verleihe dir langes Leben! O Herr! Gott stehe dir bei, und mache dich siegreich!_[6] Es störte die Bescheidenheit des schwarzen Königs gar nicht, diesen Hymnus immer wiederholen zu hören, und er machte während der Zeit seine Regierungsgeschäfte ab, die hauptsächlich darin bestanden, die Geschenke seiner Unterthanen und der Fremden im Empfang zu nehmen; denn niemand durfte seinem Throne mit leeren Händen nahn, und diese direkten Einkünfte verdienen doch vor den gepriesenen indirekten, darum den Vorzug, weil sie keine Erhebungskosten schmälern. [Fußnote 6: S. Browne's Reisen in Afrika, Aegypten und Syrien, in den Jahren 1792 bis 1798. Aus dem Englischen. Leipzig und Gera bei Heinsius 1800.] Nachdem Musa an die Reihe kam, vorgelassen zu werden, rutschte er nach Gebühr auf den Knien gegen den Regenten, übergab einem Melek sein Geschenk, und hörte dafür die gnädigen Worte _Barak ulla fi_! (Gott segne ihn.) Hierauf senkte er das Antlitz tief in den Staub, und nachdem es reichlich damit bedeckt, wieder emporgehoben war, berichtete er: wie eine Cafferin, glänzend wie die Sonne, lieblich wie der Mond, und freundlich wie die Sterne, durch ihn nach Ril gebracht worden sey, um dem unüberwindlichen, weisen, tugendhaften, tapferen Büffel, dem Sohn eines Büffels, dem Stier der Stiere, dem Elephanten von gewaltiger Stärke, dem mächtigen Sultan Abdelrachmannelraschid zum Kauf ausgestellt zu werden. Der Sultan rümpfte die kohlenfarbene Nase, strich mit der Hand über die dem Ebenholz gleichende Stirn, und kämmte den dicken rothgebeizten Bart mit den Fingern durch. Gähnend fragte er: wo die Sklavin sey? Auf den Wink Musas wurde Flore, die ein langer Schleier bedeckte, vorgeführt, auf einen andern sank dieser Schleier, und Sultan Abdelrachmann prüfte die enthüllten Reize mit Kennermiene. Doch einem Kritiker gleich, der sich überlas, dem Gefühl und Einbildungsflug nicht mehr erregt werden können, und der daher überall nur zu tadeln weiß, breitete er sich über die Schönheiten der Cafferin aus. Nichts war ihm recht. Das Auge nicht munter genug, die Nase zu klein, die Lippen zu dünn, der Busen zu voll und so weiter. Flore schon außer sich, vor einer Versammlung von mehr als Tausend Menschen dastehn zu müssen, wie Sklavinnen in Afrika dastehn, ärgerte sich um so mehr bei einer Kritik, die im eigentlichen Verstande voll Persönlichkeiten war. Herr Sultan, sagte sie keck, die Schönheit ist in eurem innern Auge nicht mehr zu finden. Daran gebrach es euch! Getroffen drehte sich der König um, und sagte: die Freche würde alle Weiber meines Harems verderben. Hinweg mit ihr! Der Schleier sank wieder über Floren, und Musa kehrte mit ihr zurück nach seiner Wohnung. Wo geht es nun hin? fragte sie. Nach Darkulla, war die Antwort. »O weh, wo der grausame Fürst hauset.« Er ist der zärtlichste unter allen schwarzen Königen, nirgends führen die Weiber ein so köstliches Leben, die liebste unter ihnen theilt seine Macht. Juble wenn er dich kauft, ich werde mich dann freuen, daß hier nichts aus dem Handel wurde. Nun immerhin, rief Flore, ich bin ein Ball des Schicksals, seitdem der ruchlose Mehemed mich um mein Vermögen betrog, ist mir alles gleich. Um dein Vermögen? Wisse ich hatte Edelsteine im Turban, und, Goldmünzen im Gürtel. Ich wurde nicht durchsucht, und vertraute ihm alles, mich loszukaufen. Musa wüthete. Das hätte mir gehört! Flore sprach: Wer kann mir verargen, wenn ich mein Eigenthum nicht entdeckte. Musa versetzte wieder: Hättest du mir die Hälfte gegeben, wärst du frei gewesen, und sicher nach Cairo geleitet. O weh, ich Unglückliche! Nein laß mich nicht glauben, daß du so großmüthig gewesen wärest, ich müßte ganz und gar verzweifeln, und das will ich nun einmal nicht, vielmehr künftig jedes Unglück mit Lachen ansehn. »Ich will ihm nach, ihm den Raub wieder abzunehmen.« Wahrlich ich gönnte dir ihn lieber. Und willst du mich dann freigeben? »Nun nicht, du mußt nach Darkulla, zur Strafe. Ich muß auch zuvor entschädigt sein. -- Wer weiß wann ich Mehemed finde.« Das gelingt dir wohl nie. Er ist gewandt wie eine Schlange, voll List und Tükke. Er hat auch den Sultan von Darfur betrogen, und sich aus dem Staube gemacht. Brachten seine Späher ihn nicht zurück, was werden die deinigen ausrichten? »Der Sultan von Darfur kennt nur sein Land, meine Knechte Hundert Länder.« O ich mögte ihn gern durch dich gestraft sehn, denn wakker hast du mich gehalten Sklavenhändler. Noch Eins. Er sucht ein europäisches Mädchen, Isabelle genannt. Hörst du je von dieser, so laß sie vor den Mehemed warnen, und thue ihr kund, Mehemed heisse auch Perotti. »Wohl, so sende ich einige Getreuen aus, und eile dann mit dir nach Darkulla.« Zwölftes Kapitel. Das Glück beginnt zu lächeln. Man muß nicht glauben, daß eines Frauenzimmers Ehre bei Sklavenhändlern Gefahr laufe. Einmal ist jeder Kaufmann befleißigt, seine Waare in dem möglichst vorzüglichen Zustande zu erhalten, dann reitzen Lekkereien auch den Appetit eines Conditors am wenigsten, weil dieser sie immer vor Augen hat. Musa brach am folgenden Morgen mit Floren auf, und konnte gar nicht aufhören, den Arzt von Constantinopel zu schmähen. Doch tröstete er sich, daß die Schwarzen, welche er auf verschiedenen Wegen ihm nachgeschickt habe, nicht ruhen würden, bis er gefunden sei. Der Weg ging durch rauhe Gebirge an der Gränze von Darfur. Dann mußte man, wie gewöhnlich, öde Wüsten durchziehn. Endlich aber zeigte sich wieder eine der lustigsten Landschaften. Bald ein Gefild voll von süßen saftigen Melonen, erquikkend in der glühenden Luft, bald ein Wäldchen voll Feigenbäume, auf deren Zweigen buntgefiederte Papagoyen von possierlichen Affen geneckt wurden. Gewürzstauden, deren Duft dem Wandrer zuathmete, ehe er sie noch sah. Eine der Bananas ähnliche Frucht, die wild wuchs, eine besonders edle Aprikosengattung, und was sonst dem reichen Füllhorn der südlichen Ceres entströmte. Aber auch unerträgliche Insekten, garstige und tükkische Paviane, Tyger in Heerden und giftige Ungeheuer aus dem Schlangengeschlecht. Die Natur bleibt einmal bei ihrer Regel, das Gute und Böse zu gleichen Theilen zu mischen, und an den Ausnahmen entdeckt die genauere Betrachtung das Scheinbare immer mehr. Auf der Gränze von Darkulla schrie die Wache vor Freude laut auf, da sie hörte, eine weisse Cafferin sollte dem Sultan Kuku gebracht werden. Flore erfuhr, Sultan Kuku sey seit der Zeit, wo seine weissen Weiber ermordet wurden, trostlos vor Schmerz gewesen, und habe seine gewohnten Vergnügungen, z. B. des Morgens ein zehn oder zwanzig Sklaven zu enthaupten, oder mit dem Pfeilbogen nach ihren Augen zu schießen, wo er mit wundernswürdiger Geschicklichkeit getroffen hätte, zur größten Bestürzung, aufgegeben. Das Volk hoffte nun täglich und stündlich auf eine weisse Schönheit, daß des Königs Gemüth erheitert würde, und der Hof seinen alten Glanz zurückerhielte. Flore schauderte, dachte aber: vielleicht gelingt es mir, das zärtliche Ungeheuer zum Menschen zu machen. Von der Gränze wurden gleich Eilboten in die Residenz geschickt, den Sklavenhändler Musa anzumelden. Sie ritten ihre Rosse todt, es Einer dem Andern zuvorzuthun, und das Geschenk zu erhaschen, welches des Sultans frohe Laune gewiß dem frühesten Zeitungsbringer reichen ließ. Mit Befremdung heftete Flore ihren Blick auf den Gränzpaß. Eine hohe Felsenkette dehnte sich so weit hin, wie das Auge reichte. Unzugangbare Steile bezeichnete die Berge alle. Zwischen zweien der höchsten wand sich ein Pfad hin, daß ein Kameel mit Mühe durchgehn konnte. Dieser Pfad, wohl eine französische Meile lang, führte auch über verschiedene jähe und tiefe Abgründe, die mit hölzernen Brücken überdeckt waren, und jenseits der Brücken fand sich immer ein schanzenartiger Abschnitt, und nebenan waren in die Felsen Höhlungen gearbeitet, aus welchen man Steine von unerhörter Größe wälzen konnte. Musa erklärte Floren, wie diese Felsenkette ein Land dicht umgäbe, von etwa funfzig Meilen in die Länge und einer gleichen Breite. Nur der eine Weg führe hinein, und sey so angethan, daß ihn Hundert Männer gegen Hunderttausende vertheidigen könnten, und das, ohne die mindeste Gefahr zu laufen. Denn man dürfe die Brücken über die jähen Abgründe nur wegnehmen, und die, welche daran dächten, sie wieder zu erbauen, aus den hohlen Felsen zerschmettern. Eben so könne man von der Höhe den ganzen Weg mit Steinen bedecken, die alles unter sich begrüben. So habe einer der verstorbenen Könige die Einrichtung getroffen, und mögten auch selbst die Franken mit ihren vielen feuerspeienden Röhren kommen, hier richteten sie dennoch nichts aus. Du erzähltest mir aber, entgegnete Flore, daß der Sultan Kriege führe, und neulich über einen Andrang der Feinde in Noth gerathen sey; konnte er in dem felsenumschlossenen Lande denn nicht allen Gegnern trotzen? Musa erwiederte: Sultan Kuku besitzt weit mehr Land, und seine Hauptstadt lag weit mehr rechts gen Habesch zu. In dem Kriege ging ein streifender Haufen nach dem Eingange der festen Provinz, und verschloß sie ihm, sonst hätte er sich zurückgezogen, oder wenigstens Weiber und Schätze hinter die Felsen geflüchtet. Nach dem Kriege hat er aber hier eine Hauptstadt erbaut, um sicherer zu seyn, und alles Land, was außer der Bergkette liegt, seinem Bruder _Tata_ zur Regierung übergeben. Man kam jetzt auf der inwendigen Seite zu der Bergkette hinaus. So viel schöne Natur Flore auch bisher da und dort gesehen hatte, der Anblick dieses Landes übertraf jede Vorstellung, und hätte die ächteste unter den poetischen Poesien, die Farben dazu gerieben. Blumen, Früchte, Thiere, alles von bezaubernder Form. Silberhelle Teiche mit Marmorfelsen am Rande, von denen kleine Bäche niederrieselten; lieblich verschlungene Bäche, die hundert kleine Blumeninseln bildeten, zu denen hinüber zu rudern, man sich nur in eine von den Muschelschaalen zu setzen brauchte, die silberweiß und von so ausnehmender Größe am Ufer lagen. Man hatte keine andere Häuser, wie aus Laubwänden mit Blumen durchflochten. Nur in der Regenzeit wurden die breiten Blätter eines dort wachsenden Baums darübergedeckt, sonst waren sie der Kühle wegen offen. Des Königs Pallast aber hatte nur Wände von eitel Blumen, die in außerordentlicher Höhe wuchsen. Flore war bezaubert, wie man in die Hauptstadt zog, und der Pallast ihr in die Augen fiel, und sie mit einem Meere von Wohlgerüchen umfloß. Alles Volk war auf die Gasse gestürzt, tanzte frohlockend, und betrank sich in dem Thau, der hier von einer gewissen Gattung Rosen gesammelt, und in christallenen Fässern aufbewahrt wird. Der Rausch dieses Thaues bringt die allerlieblichsten Träume zuwege, jeder Greis wähnt wieder in die Jünglingsjahre zurückgeflohn zu seyn, und der ersten Geliebten den ersten Kuß auf die Lippe zu drücken. Welch Land der Götter! rief Flore, und so teuflische Menschen! denn sie sah schon auf dem Pallastvorhofe das Gräuelvergnügen Seiner schwarzen Majestät, das zum Entzücken aller Treuen wieder angehoben hatte, seitdem die Nachricht von Musa's Ankunft da war. Wohl Hundert scheusliche vom Rumpf getrennte Negerköpfe lagen umher, und bei jedem gelungenen Streiche, erfüllte der Höflinge Jubel die Luft. Doch wurde alles eingestellt, wie Musa's Kameele angekommen waren. Flore konnte nicht erst, wie es der Sklavenhändler wünschte, in ein Haus, sich zu salben, sie mußte in den Kreis der Höflinge. In diesem Lande wurde Kleidung durchaus verspottet, und es wäre die gröbste Beleidigung des guten Anstandes gewesen, sich auch nur mit einem Feigenblatte vor dem Sultan zu zeigen. Ländlich, sittlich! Flore mußte, sich bequemen, und konnte nicht schnell genug die Toilette von Darkulla machen, indem Sultan Kuku schon daherschritt. Welch ein Empfang gegen den in Darfur. Die Freude spannte jede Muskel, jede Fiber des Sultans Kuku. Der Jüngling (denn er zählte kaum zwanzig Jahre) sprang mit fast wahnsinnigem Wonnetaumel umher. Eine Stirn wie die Marmorfelsen am See des Pallastgartens! zwei Augen wie die Schlünde der Feuerberge in Bornu! Die Wölbungen drüben wie Himmelsbogen in der Regenzeit wenn sich die Gewölke verziehn! Ein Mund wie der Abendhimmel, wenn der Feinde Städte in Feuer aufgehn. Ein Busen wie zwei Kreideberge, die sich aus dem Silbersande der Wüste erheben, und was er nicht noch für Vergleiche ersann. Nur meine Gigi war schöner aber die Treulose wollte nicht sterben, ich vergesse sie. Gigi ist mir wiedergegeben. Tausend Sklaven her. Kaufmann, zücke den Säbel, und haue ihnen die Köpfe herunter. Ich will dich lohnen, wie kein Sultan in Afrika. Ein wilder Freudenruf durchtönte die Lüfte. Lange lebe der Esel, der Sohn eines Esels, der Tausend Esel zeugen wird, der schöne, weise und mächtige Sultan Kuku! Denn wie in Darfur der Büffel für das Ideal der Vollkommenheit galt, so widerfuhr diese Ehre hier dem Esel. Da auch der Mahomedanismus noch nicht vollkommen eingedrungen war, und die alte Religion, welche Thiere anzubeten gebot, noch zum Theil vorhanden war, so gab es auch mehrere Tempel, wo der Esel angebetet wurde. Man mußte aber auch gestehn, daß dies Thier in Darkulla von ganz anderem Kolorit, und viel vollkommenerer Zeichnung war, wie in Europa. Meistens sah man eine milchweisse Haut, und die feinsten Verhältnisse aller Formen. Die Esel von Darkulla konnten ästhetische Esel heißen. Kuku sprang wieder auf Floren los. Sultanin, rief er, wie mache ich Darkulla meine Lust kund, daß du angekommen bist. Soll die Residenz zum Freudenfeuer brennen? Gebiete, und Tausend Pechfackeln lodern. Sollen meine Soldaten eine Lustschlacht liefern, wobei die Hälfte fällt, die Hälfte verwundet wird? Befiehl, du bist neben mir Herrscherin! Flore fand das glühende Feuer des jungen Sultans gar nicht verwerflich, und sie hätte nur nicht an Ring denken dürfen, um auf der Stelle verliebt zu seyn. Was half es denn aber auch, wenn sie an Ring dachte, der Tausend Meilen von ihr entfernt war. Sie mußte eine Antwort geben, auch blickte das ganze Volk auf sie, und jedes Ohr horchte, um die Töne von den Lippen zu stehlen. Nach einem kurzen Nachdenken hub sie also an: Esel der Esel, Sohn eines Esels, Vater von Eseln, hoher Sultan Kuku! Ich bin eine Geraubte, und habe mein Herz im Vaterlande verschenkt. Dennoch fühle ich die große Ehre, die mir widerfahren soll, des ersten aller Esel Gemahlin zu werden, wie sichs gebührt. Nur muß ich erst überlegen dürfen, wie weit die neuen Umständen meine alte Pflicht aufheben. Aber ich sage dir es zuvor, Sultan Kuku, soll ich dein seyn, geschieht es nur unter zwei Bedingungen. Nenne sie, nenne sie! rief Kuku. Erstens mußt du die gräßliche Kurzweil einstellen, deine Sklaven zu tödten. Allgemeine Stille und mißmüthiges Gemurmel folgte. Der König senkte den Blick zur Erde. Gern, sprach er, schöne Sultanin, will ich dein Begehren erfüllen, dir fortan alle meine Freuden hinschlachten, da du doch die Freude der Freuden bist, aber denke an mein armes, an dein armes Volk. Es wird in Gram und Kummer versinken, wenn Niemand aus seiner Mitte mehr den Ruhm hoffen darf, von dem Esel der Esel niedergesäbelt zu werden. Hilf Himmel! rief Flore, so steht es hier um eure Aufklärung? Nun, wenn ich bleibe, werde ich mich schon ins Mittel schlagen. Musa warf sich auf das Antlitz nieder, küßte zärtlich den Staub, und sagte mit furchtbebender Stimme: Esel, Eselssohn, Eselsvater, mächtiger Sultan Kuku, wenn du es gestattest, nehme ich die Tausend Mann lebendig, und verkaufe sie auf dem Markt in Fezzan. Musa hatte nämlich für jene Weltgegend schon etwas geläuterte Begriffe. Er verhielt sich gegen einen Darkullaner etwa, wie ein Bürger aus dem schlesischen Städtchen Polkwitz, gegen einen Bürger aus dem meklenburgischen Städtchen Teterow. Der Sultan sprach: ich will es mit meinem Divan berathen. Es mögte darum seyn, aber ich muß eine Empörung fürchten. Und was ist die andere Bedingung? Nenne sie! Flore schlug die Augen, (die sie ohnehin noch wenig erhoben hatte,) tief nieder, bedeckte sie noch mit der Hand und sprach: Daß ich ein Kleid tragen darf, daß auch in deinem ganzen Reiche geboten wird, einen breiten Schurz um die Hüften zu tragen. Du bist schön, Sultan, dennoch weiß ich es nur vom Hörensagen, denn nie werde ich mich überwinden, dich, so wie du dastehst, anzublicken. Die Bewegung im Volke nahm zu. Die bisher so frohen begeisterten bewundernden Blicke, die auf Floren fielen, wurden düster und kühl. Der Sultan rief: Hört ihr nicht Gigi wieder? So groß war meine Liebe zu ihr, daß ich einwilligen wollte, mein ganzes Volk zu schänden, aber der Aufruhr brach in hellen Flammen aus. Ihr findet also in Zucht und Sitte, Schande? entgegnete Flore. Nun, ich sehe wohl ein, daß Volksmeinungen ausrotten nicht das Werk eines Augenblickes ist, aber du, der Herrscher, mußt im Huldigen der edlen Gewohnheiten vorangehn, zähle nie auf die leiseste Gegenliebe, bis du gekleidet vor mir erscheinst. Und auch da muß ich noch Mondenlang Bedenkfrist nehmen. Denn ein Schmerz der Trennung wohnt in meiner Brust, den zu überwältigen, die Zeit erst mit mir im Bunde treten muß. Der galante Sultan ließ sich das gefallen, Flore wurde in den Pallast begleitet, bekam dreihundert schwarze Frauen zur Aufwartung, dreihundert Eunuchen zur Leibwache, und zwölf dienende Kammerherrn denen außer gewissen Organen auch die Zungen fehlten. Letztere hat sie nachher oft gerühmt, und sie immer den europäischen, welche sie kennen lernte, vorgezogen. Vierzehntes Kapitel. Sultan Kuku zieht in den Krieg. Vierzehn Tage währten die Hoffeierlichkeiten. Sie übertrafen an Glanz alles, was man je in Darkulla erlebt hatte. Ganze Wälder von wohlriechendem Holze wurden verduftet, Springbrunnen von Rosenthau strömten für das Volk, und jeden Morgen wurden ihm Tausend Papageibraten ausgetheilt. Demungeachtet war man schlecht zufrieden, denn die Hauptergötzlichkeit mangelte. Die Wiener härmten sich nicht mehr, da die Bühne der Thierhetze niederbrannte, wie Darkullas Bürger, als das Fest des Sklavenköpfens eingestellt ward. Flore ließ Musa zu sich rufen. Kaufmann, sprach sie, ich belohne dich reich, wenn du mir einen Dienst erweisest. Jener kroch auf Händen und Füssen näher. Gebietet, erhabene Sultanin, Gemahlin des Esels aller Esel! Schmeichelte Floren die Unterwürfigkeit des Mannes, dem sie vor kurzem, eine Sklavin, hatte gehorchen müssen, so war ihr dagegen die Courtoisie von Darkulla höchst zuwider, und sie beschloß nächstens ihren Einfluß anzuwenden, daß der ganze Canzleistyl des Reiches verbessert werde. Schweres Unternehmen, wie man denken kann. Wollte es sich doch vor einigen Jahren, in Berlin nicht zu Stande bringen lassen, die Briefhöflichkeiten abzukürzen, ob man gleich damals in Wien schon mit der Sache aufs Reine war. Musa, sprach Flore weiter, könntest du wohl eine Reise nach Misr übernehmen? (Cairo wird meistens Misr genannt.) Der Schwarze entgegnete: Soll ich dir da Sklaven verkaufen, so ist es unmöglich, die Caffern, die von weither angekommen sind, verboten den Handel damit. Doch lasse eine Treibjagd halten, ich bringe sie nach _Murzuk_ oder Tripoli. Keineswegs, Schwarzer, war Florens Antwort, du sollst dich allein dahin begeben, und einen Mann ausfindig machen, dessen Name und Geschäft auf diesem Papiere stehn. Hörst du, er sey umgekommen, oder auch, verstehe mich recht, er sey verheirathet, oder habe eine Geliebte, so bringst du mir davon Nachricht, ohne in den letzten Fällen mit ihm selbst zu reden. Finden diese aber nicht statt, und er lebt, so sollst du suchen ihn nach Darkulla zu bringen. Hier dieses Briefchen, ihm übergeben, wird ihn bewegen, dir zu folgen. Der Leser ahnet richtig. Sie meinte keinen andern wie Ring. Entweder wollte sie in den Umständen Befugniß finden, ihrem dargebotenen Glücke entgegen zu gehn, oder der Gatte sollte kommen, ihr zur Flucht zu helfen, oder -- eine Ministerstelle einzunehmen. Musa bedachte sich ein wenig. Leicht ist es nicht, sprach er, was du gebietest, und eben geht keine Caravane nach Egypten, doch ich will suchen was ich möglich mache. Reich mir die Papiere. Er verließ Darkulla, nachdem Flore bewirkt hatte, daß ihm statt der Tausend Sklaven Goldstaub gereicht wurde, denn sie wollte sich nicht mit Freiheit bezahlt sehn. Musa sagte noch zuvor: er würde bei dem allem das Vorhaben nicht aufgeben, Mehemed suchen zu lassen, dem er seinen Raub nicht gönne. Flore billigte das vollkommen. -- Plötzlich aber steckten die Mitglieder des Divans die Köpfe zusammen, die Kuku oft noch in der Nacht berufen ließ. Das Volk sammelte sich vor dem Pallast in kleinen Haufen, und that geheimnißvoll und neugierig. Flore wollte einen Kammerherrn fragen, was das bedeute, Stumme aber geben keine Antwort. Die Weiber wußten selbst nichts, und hätten gern von der Sultanin was erfahren. Der Oberst der Eunuchen murmelte das Wort Krieg zwischen den Zähnen, und Flore erschrak. Sie schickte die Unterkammerfrau zur Oberkammerfrau, diese mußte der Unterhofmeisterin auftragen zu der Oberhofmeisterin zu gehn, und dieser Namens der Sultanin zu befehlen: daß sie sich zum Unterpagen des Sultans begäbe, welcher den Oberpagen anzuweisen hätte, den untern Kammerjunker an den Obern zu schicken, bis endlich dem Sultan zu melden sey, die neue Sultanin wünsche ihn zu sprechen. Denn Etiquette war an diesem Hofe, wenn man schon keine Beinkleider trug! Der Sultan verstieß diesmal gegen seine gewöhnliche Artigkeit, die Staatsgeschäfte fesselten ihn zu dringend. Er ließ zurücksagen: wenn er Dreihundert Marschdispositionen für Fußvolk und Reuterei unterschrieben hätte, würde er gleich erscheinen. Das währte Floren zu lange, sie ließ den Minister der auswärtigen Affären rufen. Um des Himmels Willen, fragte sie, bekömmt der Sultan Krieg? Er wird doch nicht aus dem Gebirgsbezirk ziehen. Innen hat ihm ja keine Macht etwas an, wenn er den Paß vertheidigen läßt. Dieser Minister war einer von ganz besonderm Schlage, er hatte viel Verstand. Der Sultanin ward bedeutet, daß es wohl Fälle geben könne, wo es nöthig sey, die Felsenmauer hinter sich zu lassen, wenn nämlich ein Bruder draußen vorhanden sey, der Hülfe verlange. Flore hätte nimmer geglaubt, daß sie um den Sultan Kuku besorgt werden könnte, gleichwohl machte sie dem Staatsmanne viele Einwendungen, behauptete, ein Feldherr, dem Bruder zur Hülfe gesandt, gnüge auch schon. Jener erwiederte: der Sultan sey es einmal gewohnt, seine Truppen selbst anzuführen, und er liebte zudem seinen Bruder zu sehr, als daß irgend etwas den ergriffenen Entschluß ändern könne. Nun bat Flore, der Minister mögte doch durch Depeschen Friede machen. Er erwiederte aber: in diesem Kriege wäre keine gütliche Verhandlung möglich, die Feindin müsse vernichtet werden. Die Feindin? fragte die neue Sultanin befremdet. Ja, ein Frauenzimmer führt die Heere an, die des Sultans Bruder bekämpfen. »O so wird der Sultan desto eher siegen.« Das folgt nicht. Die Heere der Weiber sind oft siegreich. »Gott! erlitte er aber Unglück, würde er nicht wieder den grausamen Befehl ertheilen, seine Weiber zu morden? Zwar, noch bin ich sein Weib nicht, und eine andere außer mir ist nicht vorhanden, was ich auch nimmer dulden werde.« In dem felsenumfangenen Lande kann alles sicher seyn, was daheim bleibt. Bald kam Kuku. Gemahlin der Esel aller Esel, sprach er, ich ziehe ins Feld. »Und ich beschwöre dich um Frieden.« Hier gehöre ich der Ehre, und darf keine andre Stimme vernehmen. Doch ich lasse dich zurück als Reichsverweserin. Herrsche in Kukus Namen. Schon sind die Befehle nach allen Winkeln des Landes geschickt, dir, wie mir selbst Gehorsam zu leisten. Draußen lärmten schon die Trommeln, und eine ganz andere Art wie die in Europa. Von Hirnschädeln erschlagener Feinde werden sie gefertigt, mit der Haut vom Herzen überzogen. Ein Schlag auf eine solche Trommel klingt nicht laut, aber er flößt eine so kriegerische Begeisterung ein, daß jeder, der nur einen solchen Trommelschlag hörte, gewiß bei den Kriegsliedern der Deutschen einschläft, so unvergleichlich sie auch sind. Vom König Erich von Dänemark erzählt die Legende: ein Tonkünstler von seltnem Rufe sei an seinen Hof gekommen, und jener habe ein kriegerisches Tonstück verlangt. Der Virtuos habe nun seinem Willen ein Genüge geleistet, und zwar auf eine so kräftige und hinreissende Art, daß Erich aufgesprungen sey, das Schwerdt eines Kriegers genommen, und vier Mann der Leibwache damit erstochen habe. Auch sey eher an keine Pause der kriegerischen Wuth zu denken gewesen, bis von Seiten des Virtuosen eine Pause gemacht wäre. Grade so flog Kuku hinaus, wie die Trommeln aus Todtenköpfen sich vernehmen ließen. Mit einem Hieb lag der Feldherr, der nach ihm befehligte, zu Boden, und hätte ihn Flore nicht in den Arm gefaßt, wer weiß wie viele Offiziere in der Garnison hätten bluten müssen. Zu allem Glück stand aber der General wieder auf, er hatte nur eine leichte Verwundung bekommen. Daß nach Ziskas Tode, die Haut desselben auch eine Trommel bekleidete, und die Hussiten ganz tollkühn waren, sobald sie diese Trommel hörten, ist eine Geschichtsthatsache, die den meisten der Leser dieses Buchs bekannt seyn muß, und die nur für die angeführt wird, welche noch nichts davon erfahren haben. Nun mußten die Trommeln aufhören, und Sultan Kuku hielt eine Rede an sein Volk. Man lese sie, und wird finden, daß viel romantischer Geist der Chevallerie darin geathmet wurde. Volk von Darkulla! Der Esel aller Esel zieht ins Feld, so gebieten es Ehre und Rache. Ich erblicke bestürzte Mienen und thränenvolle Augen, aber vergelte die Liebe. Meine schöne Cafferin bleibt zurück, während des Kampfes hier das friedliche Ruder zu führen. Noch ist sie meine Gemahlin nicht, noch konnte Kuku sich ihrer nicht würdig zeigen. Wenn ich ihr aber Tausend Köpfe der Erschlagenen sandte, und Tausend Gefangene, denen sie zur Lust Nase, Ohren, Hände und Beine abhacken lassen kann, dann erkennt sie den mächtigen Helden, ich fliege zurück, und die Festlichkeiten des Beilagers werden vollzogen. Ihr wißt schon um meinen Willen, der Cafferin zu gehorchen, wie mir. Sie empfange einen Namen in der Landesmundart, und heiße künftig Sultanin Nene. Das Volk tanzte lustig umher, und rief der Sultanin Nene ein Lebehoch, nach darkullanischem Geschmack, dann setzte Kuku sich an der Truppen Spitze, und ließ den Generalmarsch schlagen. Wäre er in einer Carosse von dannen gefahren, würden sich Hundert Schwarze eingespannt haben, ihn bis an die Gränze zu ziehn, so duldete man aber nicht, daß er ein Roß bestieg, sondern ein heißer Patriot bog sich unter ihm nieder, und galloppirte mit dem Esel aller Esel davon. Flore ging niedergeschlagen in den Blumenpallast zurück. Ende des dritten Buchs. Potpurri. Ueber die Wohlfahrten in die Tiefe von Afrika, und ein Vorschlag, sich durch eine unerhörte Reise berühmt zu machen. Viele gern nachsinnende Männer haben sich schon oft gewundert, daß unsere Vorältern, statt in den entfernten beiden Indien Niederlassungen anzulegen, nicht lieber das nahe Afrika kolonisirten. Es scheint aber, der alte Respekt, den einst die Mauren einzuflößen wußten, sey noch in zu frischem Andenken gewesen, und wem ist nicht bekannt, daß es nur an einigen Umständen, an den, vielleicht zufälligen, Wendungen von ein Paar Gefechten hing, sonst wäre ganz Europa mit Moscheen bedeckt worden. Jubelt Wissenschaften und Künste, daß der Kelch vorüberging oder vielmehr blieb. Gleichwohl darf nur erst Gibraltar in gewissen Händen seyn, und wir werden ganz andere Dinge erleben. Noch viel mehr unsre Kinder, denn ihnen muß der große Gang der Weltereignisse doch auch einen Stoff zum Erstaunen aufsparen. Nur einmal Hunderttausend Mann bei Zeuta ans Land gesetzt, und man wird Caffee und Gewürze auf näheren Wegen beziehen. Das Innere des ganzen Welttheils wird auch nicht lange mehr ein Geheimniß bleiben. Die Auswanderungen nach einem neuen Carthago können so frequent werden, wie einst die nach dem reichen Lande, das Columbus entdeckt hatte. Bis dahin ist anzurathen, daß Einzelne sich der Züge nach den Quellen des Nils und zu den Ufern des Niger enthalten. Sie dürften ohnehin gefährlicher wie jemals seyn. Da übrigens der Einzelne immer den Ruhm ärndten will, der Erste an einem Punkt der Erde gewesen zu seyn, wohin noch kein Europäer drang, so mag hier ein Vorschlag Platz finden, nach welchem der Ruhmlustige an einen Ort gelangen kann, wohin noch kein Sterblicher den Fuß setzte. Wir meinen eine Reise zum Nordpol. Ob dort Reichthümer zu finden seyn mögten, kann man billig in Zweifel ziehn, ob die Physik dort erhebliche Entdeckungen machen würde, steht dahin, daß aber die Geographie sich einen neuen, dem Anfertiger von Globen und Charten wichtigen Gewinn, zählte, läugnet doch wohl niemand. Welch ein originell astronomischer Genuß daneben, auf dem Achsenpunkte zu stehn, und die Himmelskörper eine vollkommene Runde um sich beschreiben zu lassen. Endlich wird die Weltannale, die Schreibekunst müßte denn verloren gehn, sicher nicht vergessen, immerfort den Geschlechtern zu erzählen: ^N.N.^ war der Erste der den Pol besuchte, und die Unsterblichkeit ist die Hauptsache. Wer weiß ob diese Unsterblichkeit, gegen die sich der Neid gar nicht erheben, oder die er nur mit Ohnmacht bekämpfen würde, nicht ziemlich leicht zu erringen ist, dafern nur richtige Maasregeln getroffen werden. Aber die furchtbaren Schollen des Eismeeres! fällt Jedermann ein, und beruft sich auf die Seefahrer, welche bei aller Kühnheit des Willens nicht über die Bollwerke vordringen konnten. Wohl möglich, daß im Sommer an eine solche Unternehmung ganz und gar nicht zu denken seyn wird, aber wohl möglich wieder, daß die Mitte des Winters sich dazu eignet. Man starre nicht schon in dem Gedanken an den Frost unter dem neunzigsten Grade, ermäßige den Schauer vor der halbjährigen Nacht, und höre erst weiter. Entweder, von den letzten Wohnplätzen in Nordamerika aus, (oder in Grönland, was damit zusammenhängen mag) geht ein Strich Landes bis zur Erdachse, oder man trifft auf das Meer. Jenes wird im Anfang des Winters mit hohem Schnee überdeckt, dessen Rinde späterhin der starke und regelmäßig fortwährende Frost härtet, dieses friert durchaus, und trägt auch eine Decke von Schnee, die jener ähnlich ist. Auf Land oder Meer zu reisen, wird gleich seyn, außer wo Gebirge die Fläche unterbrechen, deren es aber gegen den Pol zu, wahrscheinlich keine hohe, und mächtige Hindernisse legende, giebt. Mit Rennthieren ist die Reise über Land und Meer schnell zu machen. Denken wir uns nun einen beherzten jungen Mann, dem Zeit und Vermögen nicht fehlen, und der die kekke Unternehmung wagen mag, oder besser eine Gesellschaft solcher Männer, so hätte die Theorie ihrer Reise ausfindig zu machen: Erstens: den dienlichen Schutz gegen die Einwirkung der Kälte. Zweitens: den Nahrungsvorrath. Drittens: die Vertheidigung wider reissende Thiere. Viertens: Die Mittel, auch in fortwährender Dunkelheit, die wahre Richtung nicht zu verlieren. Was den ersten Punkt anlangt, so wäre nöthig, bei Zeiten nach Grönland zu gehn, und sich vorerst so viel als möglich an heftige Kälte zu gewöhnen. Der Grad davon, welchen der Mensch ertragen kann, wurde noch nicht ausgemittelt; daß man aber in jugendlicher Gesundheit lange bei einer Temperatur von 20 Grad unter 0 Reaumur ausdauert, und sich mehr und mehr dazu gewöhnt, leidet keinen Zweifel. _Blagden_ hielt in einer Hitze von 92 Grad Reaum. folglich 12 Grad über den Siedepunkt des Wassers aus. Zwar nur sieben Minuten, aber fortgesetzte Proben würden den Zeitraum verlängert haben, und sein Versuch beweiset nur, zu welchen Ertragungen außer der Regel, unser Körper geeignet ist. Nach Verhältniß müssen mit der Kälte eben solche Extreme zu erreichen sein. Und man denke nur an die holländischen Matrosen, die auf Spitzbergen Schiffbruch gelitten hatten, und dort mehrere Jahre, aller Bequemlichkeit ermangelnd, zubrachten. Es ist kein Grund vorhanden, daß man annehmen sollte, es würde in der Nähe des Polpunktes, ein ganz und gar mit allem Leben unverträglicher Kältegrad herrschen. Die nämliche Kälte, welche im äußersten Lappland fühlbar ist, wird bisweilen auch in Petersburg empfunden, die von Petersburg nimmt man auch in Berlin wahr, nur was höher gegen die gemäßigte Zone hin, seltener wird, ist dort beständiger. Der Kältegrad, welchen man auf hohen Bergen, selbst im Süden empfindet, ist dem im Norden gleich, die Mönche auf dem großen St. Bernard leben acht Monate im Jahr, wie im nördlichen Canada, oder im Samojedenland, und eine strengere Temperatur wie auf den schweitzerischen Gletschern ist wohl auch auf der Erdachse nicht vorauszusetzen. In Grönland kleiden sich die Einwohner vom Haupte bis zum Fuß, in Seehundsfelle, die vor allem Pelzwerk die Kälte abwehren sollen, folglich vorzüglich schlechte Wärmeableiter sind. Wer aber dreißig bis vierzig Tage (so lange kann die Reise dauern, wie wir weiterhin sehen werden) in jener Region bleiben will, ohne unter dichtes Obdach zu kommen, muß noch mehrere Pelze hinzufügen, und wäre anzurathen, sich nach Fußsäkken und Wildschuren von weissen Bären umzusehn. Denn da die Natur dieses Thier bestimmt hat, im höchsten Norden zu leben, so wird seine Haut auch am vollkommensten den thierischen Wärmestoff eindichten. Das Rennthier bleibt, wo es einheimisch ist, unter freiem Himmel, und die Gewalt des Frostes kann ihm nichts anhaben, warum sollte es nicht einen Schlitten bis zum Eispole ziehen können. Was hindert aber die Reisenden, es noch mit einer Pelzdekke zu versehn, ja wohl selbst mit einer Art Bekleidung, die ihm mindestens wohlthätig wird, wenn man Rast hält? Man denke sich nun einen Schlitten von leichtem Holz, aber geräumig und dauerhaft. Inwendig mit dikken Pelzgattungen gefüttert, und von Aussen mit einem Baldachin von Seehundshäuten versehn. Unter diesem dichten Ueberwurf steht ein Ofen von dünnem Blech, eingerichtet wie die neuerfundenen chemischen Küchen, in denen man bei der Glut eines -- Bogens Papier ein Essen zubereitet. Es ist zu vermuthen, daß man bald kein Holz mehr antreffen wird, um es zu einer Feuerung zu gebrauchen, doch einige Rieß Papier sind auf den Schlitten zu laden. Erhält man das Blech des Ofens nun immer mäßig warm, was in Vierundzwanzig Stunden vielleicht zwei bis drei Buch Papier erfordert, so geschieht bei der übrigen Verhüllung genug. Der lächerliche Anschein der papiernen Heitzung verschwindet, wenn der enge Raum des Schlittens beachtet wird, und wenn man sich dagegen ein großes Seeschiff denkt, das, wenn gleich das Meer offen ist, doch in einer Kälte von 12 oder 16 Grad unter 0 umherschwimmt, ohne daß die Matrosen ein ander Feuer erwärmt, wie die sparsamen Kohlen des nur bei den Mahlzeiten lodernden Küchenheerdes. Wer auf dem Verdekke arbeitet, muß so aushalten, wobei ihm freilich die Bewegung nützlich ist. Die Bewegung muß sich aber der Polarpilgrim geben, wenn angehalten wird, und mit Fleiß und Anstrengung, da regen sich die inneren Lebenskräfte, und mit ihnen der thierische Wärmestoff auf, und desto eher wird er hernach in ruhiger Lage zwischen seinen Pelzen und neben seinem kleinen Blechofen aushalten. Es wäre vielleicht auch durch die Spirituslampe etwas auszurichten, aber die dazu nöthige Materie ist zu schwer. Uebrigens wird man, so lange der Landstrich währt, doch etwas Gesträuch finden, und dann bisweilen sich eines glühenderen Feuers erfreuen können, in dem äußersten Falle muß nur der chemische Blechofen Hülfe leisten. Vielleicht schmilzt sich durch ihn auch Schnee in Wärmeflaschen, wodurch die Hülfe vermehrt wird. Ob leichte brennbare Fossilien anwendbar wären, als Schwefel, Erdpech, bituminöses Holz, wagt man nicht zu entscheiden. Warum aber nicht? Die Vorrichtung müßte nur ihre Wärme spärlich sammeln, und den schädlichen Dampf abführen. Eine Maske vor dem Gesichte, die aber die Dünste beim Athmen nicht verschlösse, ein großer Muff über jede an sich schon verwahrte Hand, in welchen die Zügel des Rennthiers gingen, die ganz besondere Vorsorge für den Untertheil des Leibes, wären noch zu empfehlen. In allen diesen Hülfsmitteln, könnte der Reisende dann aber vollkommenen Schutz gegen die Polkälte finden. Der Punkt der Nahrung ist aber schwieriger. Proviant für einen Mann und ein Rennthier auf dreißig bis vierzig Tage. Und in so geringer Masse, daß er in den (freilich auf der harten Schneerinde leicht hingleitenden) Schlitten geladen werden kann. Gewiß keine unbedeutende Aufgabe. Daß auf Tafelfreuden verzichtet werden muß, liegt wohl am Tage. Erhaltung der Lebenskraft ist alles woran man zu denken hat. Der ^vin cuite^ in der Provence, der eingekochte spanische Wein, und der in ähnlicher Art auf einigen Inseln des Archipelagus zubereitete, sind sehr nährend. Vom Safte des Palmbaums wird behauptet, ein Löffel davon soll (freilich in seinem Clima) den Menschen auf einen Tag erhalten können. Dem sei wie ihm wolle, ein konzentrirtes geistiges Getränk wird vor allen Dingen nöthig. Gute Rhein- oder spanische Weine durch Sieden auf den sechsten, zehnten, zwölften Theil gebracht, mit kräftigen Gewürzen versetzt, werden dem Zwekke entsprechen. Eben so ist guter Rum möglichst einzukochen. Ein mäßig Glas von jenem Getränke muß für den Tag ausreichen, von diesem schon ein Theelöffel den gehörigen Anreiz bewirken. Fünf bis sechs Quart bringen sich denn wohl fort. Gallerte würde die passendste Speise liefern. Einen wohlbeleibten Ochsen geschlachtet, das Fleisch zerschnitten, die Knochen zermalmt, und die ganze animalische Essenz in Gallerte oder Suppentafeln gebracht, so werden vielleicht kaum Sechs Pfunde bleiben. Davon drei vier Loth in Schneewasser gethan, auf dem chemischen Ofen gekocht, und die Kraftsuppe ist da. Statt Brot gepülverten Schiffzwieback, zum Genusse angefeuchtet. Sucht man auch bei der Medizin noch Rath, und legt etwa ein Hundert Gran Opium zu dem Vorrath, so wird der Lebensprozeß flüchtig und anhaltend zu erregen seyn. Das Opium wird auch vorzüglich die Kälte bekämpfen helfen, und noch mehr, wenn ein Zusatz der ^Tinctura aromatica^ nicht fehlt. Der ganze Proviant für den Mann, sammt den Papieren zur Feuerung, muß nicht viel über hundert Pfund wiegen. Doch die Rationen des Rennthieres, was fangen wir damit an? Es ist zwar sehr genügsam, und sucht sich in der Regel nur ein wenig Moos, aber das kann unterwegs fehlen. Da wird es also nöthig, auszumitteln, wieviel von dem Moose das Thier täglich bedarf, und ob bei der Leichtigkeit dieser Nahrung daran zu denken seyn mag, sie auf eine solche Zeit mitzuführen. Bedenkt man, daß wohl drei vier Lappländer von einem Rennthiere gezogen werden, so bringt das seine Kraft in einen ziemlichen Anschlag, oder noch mehr die wenig schwierige Fortbewegung einer ziemlichen Last, unter solchen Umständen. Scherzlustige könnten anmerken, daß die Lappländer von Person sehr klein, folglich leicht sind, aber es ist ihnen zu erwiedern, daß ja auch eben kein Pendant zum verstorbenen Rath Schmidts in Berlin, die Polarwallfahrt anzutreten braucht. Genug, man erprobt, ob das Moos, (wenigstens zum Theil, da doch unterwegs etwas davon anzutreffen seyn wird) mitgeführt werden kann. Das ausgesuchte Rennthier wird daneben auch an anderes und nahrhafteres Futter gewöhnt. Kraftmehl, gepulvert Brot, würden sich vielleicht eignen, und diese Dinge nehmen dann wenig Raum ein. Vielleicht versteht sich das Thier auch dazu, etwas von dem zubereiteten Rum im Schneewasser zu schlürfen. Mögten aber die Künsteleien bei dem Thiere nicht zusagen, so genießt es doch nach allem, was die Naturgeschichte davon sagt, schwerlich mehr wie zwei bis drei Pfund Moos. Gut, so nehme man Hundertundfunfzig Pfund mit, die in und um den Schlitten noch die Kälte abwehren helfen. Dazu Hundert Pfund für den Mann, der mit seinen Pelzen Hundertfunfzig wiegen mag, so hat man Vierhundert Pfund, die ein Rennthier bequem ziehet, wobei nicht außer Acht zu lassen ist, daß im Verfolg der Reise das Gewicht sich täglich mindert. Die als nöthig angenommene Zeit von dreißig bis vierzig Tagen beruht auf folgender Rechnung. Bis zum 80sten Grade Norder Breite ist man gekommen. Nova Zembla reicht ziemlich dahin, und ein Theil des durchwanderten Grönlands, wenn gleich keinen Grad über den arktischen Polar-Zirkel hinaus menschenbewohnte Ortschaften zu finden sind. Es wird hier aber vorausgesetzt, daß die Reise vom 80sten Grade angetreten werden müsse. Auf dieser Station (in Grönland oder Canada, wo man es am bequemsten findet[7]), muß schon im Sommer vorher ein Haus erbaut werden, wohin man die Nothwendigkeiten, und noch Lebensunterhalt für die Zeit bis zum folgenden Sommer, in dem Hause selbst, schafft. Denn zu wohlfeil ist die Unsterblichkeit auch nicht zu verlangen. An diesem Orte richtet der Reisende, und seine Freunde oder Dienerschaft, alles ein, stählt seinen Körper gegen die Kälte, und wartet den entschiedenen Winter ab. Nach diesem Orte kehrt er vom Pole wieder zurück, und findet Erholung. [Fußnote 7: Wäre es mit Verjüngung der Massen von Lebensnahrung noch weiter zu treiben, daß man auf sechzig siebzig Tage versorgt seyn könnte, so dürfte es räthlich werden, von der Mündung des Jenisei oder des Lena aus, über das Eismeer zu reisen. Desto weniger hätte man das Fortkommen erschwerende, oder gar hemmende Gebirge zu befürchten, vielleicht die wesentlichste Schwierigkeit. Und in Siberien wären die Erfordernisse immer noch mehr auf der Nähe, wie in Grönland oder auch in Canada.] Man hat dann noch zehn Grade oder Hundertundfunfzig geographische Meilen zurückzulegen. Ein Rennthier läuft zwölf Meilen hintereinander, die Lappländer machen oft zwanzig an einem Tage mit diesem schnellen Thiere. Doch wollen wir nur zehn Meilen in vierundzwanzig Stunden hoffen, um den Schein der Uebertreibung zu vermeiden. Das giebt also funfzehn Tage bis zum Pol, und zehne mögen zugegeben seyn, nicht als Aufenthalt an Ort und Stelle, wozu wohl Achtundvierzig Stunden ausreichen, (späteren Reisenden, die das Werk vervollkommnen, mag die längere Frist, zu vollständigern Beobachtungen, vorbehalten bleiben) sondern für unerwartete Hindernisse. Das giebt zusammen vierzig Tage. Laufen aber die Thiere schneller, und es giebt keinen Kampf mit besondern Schwierigkeiten, kann man wohl schon nach dreißig oder gar nach zwanzig Tagen wieder unter dem 80sten Grade anlangen. Von reissenden Thieren ist der weisse Bär zu zu fürchten, den die Beschreibung sehr keck macht, es müßten denn weiterhin noch ganz unbekannte Ungeheuer wohnen. Im Feuergewehr giebt es ja aber ein fast immer bewährtes Mittel, gegen die ungeschliffene Bestialität. Trifft der Schütze nicht, so schreckt er wenigstens. Zum Ueberfluß noch einige Knallraketen, um sie desto gewisser scheu zu machen, und davon zu jagen, denn allerdings müßte das Rennthier mit vertheidigt werden. Weil sich nun aber von selbst versteht, daß nicht Ein Reisender sich auf den Weg machen wird, sondern zwei, drei, vier Schlitten, wenn nicht von Freunden, von seinen Dienern nachgeführt werden, so giebt das neben anderweitig wechselseitiger Unterstützung, auch desto kräftigern Widerstand bei solchen Angriffen, wovon wir eben redeten. Nun kömmt das richtige Treffen des Weges, und das in lauter Nächten von vierundzwanzig Stunden Länge. Indessen hat es je höher hinauf, je weniger mit der Dunkelheit zu sagen. Der Himmel ist meistens klar, die Luft rein, das Sternenlicht fällt auf den leuchtenden Schnee, wenn wir es auch übersehn, daß sich häufige Nordlichter ins Mittel schlagen, die fast Tageshelle niederglänzen. Die Einrichtung muß übrigens so getroffen werden, daß man einige Tage vor dem Neumond abreiset, so daß ohngefähr für die Tage, wo man an der Achse ist, auf den Vollmond gerechnet wird. So hat man denn die Fülle des Scheins, und bei der Mondhöhe im Winter, ihn überdem immer am Himmel. Die beste unfehlbare Richtung giebt der angelfeste Polarstern, und wenn je der Horizont umwölkt wäre, nützt der Magnet. Doch ist es freilich nicht zu wissen, welche Veränderungen er am Pol erleiden wird, daher müssen besonders gegen das Ende der Reise, die der perpendikuläre Stand des Polarsternes angiebt, mancherlei Vorsorgen genommen werden, daß vom Anfang an die Spur des Rückweges kenntlich sey. Denn gesetzt man schritte um den Mittelpunkt des Pols, und die Nadel des Compasses drehte sich mit, so könnte die Orientirung verloren gehn. Vom Polarstern abwärts wäre es überall südlich, und statt wieder nach Grönland umzukehren, ginge es auf die aleutischen Eilande. Aber einige aufgethürmte Schneehaufen und präcis gehende Uhren, die den Stand der Gestirne als richtiges Merkmal zulassen, und nur erst eine mäßige Strecke in der nöthigen Richtung gefunden, so ist der Compaß wieder ein untrüglicher Wegweiser. Soweit die Theorie der Polreise; an die Ausführung mag ein wohlhabender kräftiger sehensneugieriger und löblich eitler Jüngling denken. Viele opfern Tausende auf eine unwürdige Art hin, andre wenden Vermögen auf, stürzen sich in Gefahren zu Wasser und Lande, um die Cordilleras zu besuchen. Der Pol ist gewiß interessanter für den Ruhm, und wenn es gleich nicht den Schein hat, so könnten doch unerwarteter Weise ganz unschätzbare Entdeckungen dort gemacht werden. Schwerfällige schwunglose Gemüther haben nicht nur Recht, wenn sie den Vorschlag tapfer bespötteln, sondern dies wird dem Urheber auch das Criterium seines Werthes seyn. Nachdem der Leser aus dem heissen Aethiopien willig sein Einbildungsvermögen in die kälteste der kalten Regionen gesendet hat, wird er wieder zu der muthwilligen Pariserin zurückgeführt. Viertes Buch. Erstes Kapitel. Flore tritt die Reichsverwesung an. Man hat Bücher verfertigt, in denen die Kunst gelehrt wird, ^ad libitum^ einen Sohn oder eine Tochter zu zeugen. Bei einst höherer Vollkommenheit derselben, wird es auch vielleicht Unterweisungen geben, wie gleich dies oder jene Schädelorgan mit anzubringen ist. Dies kann den Genuß der Vaterfreuden nicht wenig erhöhen, und jeder wird nach seinen Geschlechtsverhältnissen, und den Zeitumständen handeln. Die, deren Kinder einst weit reisen dürften, thun gewiß wohl, ihnen einen tüchtigen Sprachsinn zu besorgen. Die Vortheile davon sind in der Fremde unermeßlich, und ehe die Welt so klug wird, Ueberall eine und dieselbe Sprache zu reden, vergehn gewiß noch Zehn Napoleonsepochen, oder Zehntausend Jahre, denn alle Tausend Jahre bringt die Natur nur ein Genie hervor, das die Gestalt der Welt zu ändern vermag. Wie wohl befand sich Flore in Darkulla mit dem köstlichen Sprachsinn! Unterwegs hatte sie spielend das Idiom der Neger begriffen, das überdem an Worten keinen Ueberfluß zählt. Die abweichende Mundart in Darkulla hatte wenig Belang, und Flore konnte nach einigen Wochen nicht nur vollständige Unterredungen, sondern auch vollständige Reden halten. Die ersten Tage nach Kukus Abreise stellte sie sich geflissentlich krank, es schien ihr, der Gram müsse sie zieren, dann wollte sie auch selbst erst recht zur Besonnenheit kommen, und endlich trieb sie in dieser Zeit noch Tag und Nacht das emsigste Sprachstudium. Während dessen hatte der Divan die innern Geschäfte zu besorgen. Wie sich Flore wieder gesund machte, ließ sie von allen Räthen zuerst den Minister der auswärtigen Affären, Lolo genannt, rufen. Noch wußte sie die eigentliche Ursache des Krieges nicht, welche den Sultan bewogen hätte, sogar die Liebe zu fliehen, und als gute Landesmutter wollte sie sich doch so gut davon, wie über alle Angelegenheiten in Darkulla unterrichten. Lolo befriedigte sie auf folgende Weise: Eselin aller Eselinnen, mächtige Sultanin Nene! Es ist etwa ein Jahr vergangen, seitdem der vorige Sultan Tilili in das Land ging, wo die gläubigen Seelen auf lauter goldenen Eseln reiten werden. Flore unterbrach ihn hier: es gefällt mir gar nicht, daß ihr so vielen Aberglauben unter Mahomeds Lehre mengt. Haltet euch an den Coran, oder vielmehr reinigt selbst den Coran noch, und laßt Vernunft und Moral eure höchsten Göttinnen sein. Doch fahre nur fort. Lolo runzelte die Stirn und berichtete weiter: Nach einem uralten weisen Gesetze, greifen die Söhne des Sultans in dem Augenblicke seines Todes zu den Waffen, und der so glücklich ist, die andern zu erschlagen, besteigt den Thron. So ist kein innerer Krieg zu befürchten, und der neue Regent erspart die Unterhaltung der Prinzen. Pfui welche Barbarei! fiel Flore abermals ein. Jener nahm wieder das Wort. Statt sonst die Könige bei uns zwanzig, dreißig Söhne zu haben pflegen, hinterließ Tilili nur zwei, Kuku und Tata. Tata sprach, ich will nicht um die Regierung kämpfen, lasse sie Kuku freiwillig. Kuku ließ ihn aus Dankbarkeit leben, und setzte ihm einen Jahrgehalt aus, obgleich die alten Räthe darauf drangen, ihm wenigstens die Augen oder Hände zu rauben. »Gesegnet sei Kuku. O ich sehe, ihr seid schon reif, der Barbarei entzogen zu werden. Nur ein alter Rest von Vorurtheil pflegt ihrer noch, doch ich hoffe ihn zu tilgen. Weiter!« Kuku ließ nun den Sklavenhändlern in allen Landen entbieten, er sei gewilligt, Weiber für seinen Harem zu kaufen. Man mögte also die schönsten von den Märkten in seine Hauptstadt liefern. Dazu suchte er selbst Hundert der lieblichsten Mädchen in Darkulla aus. Die Dschelabs fanden sich ein, mit schwarzen, dunkelbraunen und gelben Schönheiten, und Kuku gab bald zweihunderten von ihnen die frohe Hoffnung, Mutter zu werden. Flore hustete hier. Allein immer war er noch nicht zufrieden mit seinem Harem. Er hatte gehört, daß es weit hinaus über Darfur an einem fernen Lande, Egypten genannt, ein breites Meer gäbe, und drüben über dem breiten Meere sollten Mädchen wohnen, weiß wie die Milch einer jungen Eselin, und roth wie der Blutstrom eines Enthaupteten. »Welche abscheuliche Bilder! Euch umgiebt eine so schöne Natur, und doch so roher Sinn. Aber Kuku verglich doch schon mit mehrerem Geschmack. Kannst du nicht sagen, Mädchen, weiß wie das Gefieder der Turteltauben, und roth wie die frühen Boten der Morgensonne?« Von solchen wollte er die Blumensäle des Weiberpallastes gefüllt sehn. Lange aber währte es, bis seine Wünsche erfüllt wurden. Die Sklavenhändler mußten durch viele Königreiche ziehn, eh sie nach Darkulla gelangten. Allen Königen wurden ihre Schätze ausgestellt und sie lasen das Beste aus. Am meisten Abdelrachmann, Sultan in Darfur. »O es scheint, er wird die Kaufgier wohl ablegen.« Kuku sammelte zwar gegen Hundert weisse Weiber, doch sie waren meistens alt oder ungestaltet. Endlich aber wurde ihm eine Schönheit zugeführt, die er mit dem halben Reiche bezahlt hätte, wenn der Dschelab sie nicht anders hätte losschlagen wollen. Dies war die reitzende Gigi. Ihr Fuß hinterließ keine Spur im Sande, man konnte eher in die Sonne sehen, wie in ihr Auge, und wenn sie lächelte, schossen neue Blüthen aus den Zweigen des Mandelbaumes empor. »So! Du besserst deinen Vortrag.« Der Sultan rief: Eh ich diese Blume berühre, muß mein Ruhm bis hinter Monomotapa ertönen. Er hatte grade Krieg, mit einem Fürsten von Habesch, um das Land Darmi, was in der Mitte von Darkulla und Habesch liegt. Er zog ihm entgegen, aber traurig beim Abschied, denn Gigi, die Strahlende im Harem, wie die leuchtenden Wangen des Mondes unter den Sternen, die sich meistens schamhaft verbergen, wenn er am blauen Himmel heraufzieht; hatte ihm verwegen erklärt: Und so du auch siegreich heimkehrst aus deinem Kriege, und so dein Ruhm bis hinter Monomotapa ertönt, ich werde dennoch deine Sultanin nicht. Du bist nur Herr meines Lebens, nicht meiner Liebe. Sieh diesen Ring, den mir eine Zauberin in Senimar schenkte. Ein einziger Tropfen Gift, fließt in seinem hohlen Diamanten, aber so wirksam, daß ich, wie er die Lippe berührt, todt hinsinke; ja wer noch meinem Leichnam naht, muß plötzlich sterben. Diesen Ring entwindet mir keine Kraft, denn schon früher werde ich den Tropfen schlürfen. Kuku hoffte aber, Gigi würde den Sinn noch ändern, und schrieb ihr aus dem Lager: Sie sollte künftig gegen den Landesgebrauch nur die einzige Sultanin sein, wenn sie ihn liebte. O, unterbrach Flore den schwarzen Minister wieder, dieser Kuku ist zur Hälfte schon gut, und die andre Hälfte kann gut werden. Zu strenge Gigi! Den Sultan traf Unglück, fuhr Lolo fort. Er wurde geschlagen und ein streifender Trupp Beduinen, der denen von Habesch beistand, schlich in seinem Rükken durch, um den Paß des Felsenlandes zu besetzen, der von den Vätern zu einer Zuflucht in Kriegsnoth eingerichtet war. Kuku fürchtete, seine Weiber mögten den Feinden in die Hände fallen, und sandte Befehl, sie sollten lieber alle sterben. »O von der grausamen Geschichte vernahm ich schon.« Die schwarzen Weiber kamen tanzend und reichten das Haupt dar, denn der geliebte Sultan hatte geboten. Die braunen und gelben erschienen auch, doch zitternd und leisklagend. Die Weissen erhuben ein lautes Jammergeschrei, und Gewalt mußte sie nach dem Richtplatz führen. Doch Gigi -- »Nun Gigi?« Gigi fand unbegreiflicher Weise Mittel zu fliehn. Ein Beduine hatte sich bei Nacht durch die Wachen des Pallastes geschlichen, und sie gerettet. Bald führte Gigi selbst ein Heer von Beduinen an, und half Kuku bekriegen, der sie hatte morden lassen wollen. Kuku schlug die von Habesch, aber jene Beduinen vermogte er nicht zu überwinden. Er ließ Gigi Friedensvorschläge thun, die Stolze verwarf sie. Es gab endlich keinen Ausweg, als der tapfern Cafferin das streitige Land zu überlassen, was die von Habesch und die von Darkulla zufrieden waren. Sie wurde nun selbst Herrscherin. »Also ist es doch nicht ohne Beispiel, daß Weiber in diesen Gegenden regieren?« Kuku war des Krieges müde, und beschloß in das feste Land zu ziehn. Seinem Bruder Tata übergab er alle Provinzen, die außer der Felsenkette lagen, und dachte nur daran, andre Weiber zu kaufen. Viele wurden nach Darkulla gebracht, doch alle entließ er wieder. Er hatte Gigi gesehn, und keine andre Schönheit konnte ihn mehr rühren. In Gram und Trübsinn schwanden seine Tage. Endlich kamst du Eselin der Eselinnen, erhabene Sultanin Nene, seine Heiterkeit kehrte zurück, und bald wird er auch Gigi vergessen. Flore dachte einen Augenblick darüber nach, wie doch ihre Schönheit, einst vielleicht mit Recht gepriesen, aber dann die Wonne so vieler Glücklichen, noch in der Tiefe von Afrika die wundervolle Wirkung hervorbringen könne? Sie war aber keineswegs unzufrieden damit, und erinnerte Lolo fortzufahren. Ein Jahr ist es nun bald, seitdem Gigi den Thron in Darmir bestieg. Viele schöne und edelgebürtige arabische Jünglinge langten an, zeigten sich auf Rossen, die die älteste Ahnentafel aufweisen konnten, suchten Gigis Herz zu gewinnen, und den Thron mit ihr zu theilen. Nie sah man gewaltigere Kraft, kühnere Geschicklichkeit. Einer stritt siegreich mit Löwen und Tigern, ein anderer setzte in Ströme, und bekämpfte das Krokodill, noch ein anderer schwamm mit seinem Hengste einen Wasserfall hinunter. Umsonst! Gigi ließ ihnen Geschenke reichen, und gab ihnen sicheres Geleit in die Heimath. »Beim Himmel! ich mögte diese Gigi kennen!« Die Häupter des Volks baten sie, sich zu vermählen. Sie sprach: Nur noch einige Geduld, und ich schenke euch einen König. Einstweilen ließ sie Kanäle graben, Städte bauen, Wüsten in Gärten umwandeln. »Sicher ist Gigi aus Europa, einer Türkin Trägheit würde nicht so schöne Plane entwerfen.« Wie man spricht, soll sie aus dem kleinen Ländchen stammen, das du nanntest. Die Beduinen wunderten sich um so mehr, Gigi so gut zu sehn, da ganz Afrika weiß, daß die Caffern aus dem Ländchen Europa boshaft, geizig und treulos sind. »O es giebt viele Ausnahmen, glaube mir.« Um aber ihre Städte, ihre Gärten schneller emporsteigen, emporblühen zu sehn, begehrte sie hundert Caffersklaven zu kaufen, die künstlich Geräth zu fertigen wüßten. Sie sollten in Darmi freie Leute seyn und geehrt. Da die Sklavenhändler aber nicht verstanden, solche Sklaven auszuwählen, und ihrer überhaupt wenige fanden, so empfingen zwei Kaufleute in Egypten durch die Königin Gigi den Auftrag, freie Männer der Art zu werben, die sich mit Weib und Kind bei ihr ansiedelten. Die Kaufleute sollten sie selbst bringen, und mit Reichthum gesegnet werden. Es fanden sich auch zwei Egypter willig, ein alter und ein junger Mann. Mit einer Caravane kamen sie samt den geschickten Männern bis Darfur, dessen Sultan sie bis zur Gränze geleiten ließ, denn Gigi hatte deshalb unterhandelt, und viel Gold dafür erlegt. Nun langten sie in Tatas Reich an, meldeten sich bei dem Melek, und sagten: Königin Gigi habe ihnen hier auch den Durchzug bewirkt, wie sie wohl wüßten. Tata war auch dieserhalb angegangen worden, hatte aber der alten Feindin wenig Gehör geliehn, sie drohte darauf heftig, und meinte dann, Tatas Furcht vor ihren Waffen werde nicht zugeben, daß er die Männer zurückhielt. Tata aber verdrossen die Drohworte der Nachbarin. Er überlegte auch mit seinen Räthen, ob es gut gethan sey, Gigi die Männer zukommen zu lassen. Es sind ihrer Hundert nur, hieß es, aber sie führen Kinder mit sich, die wieder deren zeugen, wozu sollen wir behülflich seyn, daß unsre Feinde sich mehren, und die Nachkommen mit zahlreicheren Heeren zu kämpfen haben. Lassen wir diese durch, werden noch mehrere nachziehen. Sie bringen Gigi Freude und Nutzen, das zu fördern, verdiente sie um Darkulla nicht. Kurz, die weisesten Weisen Darkullas entschieden, daß es unumgängliche Klugheit sey, jene Männer samt ihren Geschlechtern zu vertilgen. Tata meinte auch, daß es keine glänzendere Antwort auf Gigis vermessene Drohworte gäbe, als wenn ihr die Köpfe allein zugeschickt würden. »O pfui, pfui! Gräßliche Politik von Afrika! Und ich kann mir denken, daß diese Weisen sich so patriotisch dünkten, als hätten sie in einem gewissen Parlament gesessen. Weiter!« Bei dem allen dachte aber Tata doch auch an den Krieg, der ihm über den Hals kommen könne, und er wollte sich auf alle Fälle der Hülfe des Bruders versichern. Deshalb lief eine Anfrage bei dem Esel aller Esel ein, was man zu thun hätte? »Nenne ihn Sultan Kuku, wenn du mit mir redest. Ich erlasse die überflüssige Artigkeit. Und welchen Rath empfing Tata?« Sultan Kuku erwiederte: Wenn jene Caffern wirklich einem Lande Nutzen bringen könnten, so sey es zwar ein Thorenstreich, sie der Feindin zu überlassen, doch noch ein größerer, ihnen die Gurgeln zu durchschneiden. Man könne sie ja anhalten, im Lande selbst ihr kunstreich Gewerb zu üben. »O ich sehe es, Kuku ist nicht nur gut, er hat auch Verstand, der nur seiner Bildung harret. Geduld, nur Geduld!« Die Männer durften also nicht nach Darmi, wurden aber in Schutz genommen. »Immer treulos gegen Gigi. Sie gehörten ihr an, man mußte sie ziehn lassen, dann einer so verständigen Monarchin Beispiel folgen, und sich auch geschickte Caffern verschreiben. Geduld, nur Geduld!« Aber grimmig wie die Leopardin, die des Jägers Pfeil streifte, stand die Sultanin von Darmi auf. Viel waren der Gründe ihres Zornes, denn sie war selbst bis an die Gränze gekommen, die Caffern einzuholen, so viel lag ihr an dem Schmuck der Städte und Gärten; getäuscht mußte sie sich sehn, ihre Bitte mit Hohn, ihre Drohung mit Schmach vergolten, und schnell sammelte sie ein Heer, in des Nachbars Staaten zu brechen. Flore fielen die Opern ein, die sie in Paris gesehn hatte, und sie rief: Eine Semiramis, eine Zenobia! Lolo fuhr fort: So warm legte sich Gigi für das Schicksal der Männer ein, daß sie einen Fehdebrief erließ, verkündend: daß für jeden Kopf, der von ihren Caffern fehlen würde, Tausend Köpfe aus Darkulla auf Darmischen Spießen getragen werden sollten, und würde den Kaufleuten, welche ihre Caffern führten, nur ein Blick des Zornes, so sollten Flamme und Schwert eine ganze Provinz um dieses Blickes Willen verwüsten. »Großherzige schreckliche Königin!« Das alles wurde nun dem Sultan Kuku gemeldet, und er mußte dem Bruder beistehn. Vielleicht hätte er gar bei seinem friedlichen Herzen dem Bruder gerathen, die Caffern ziehn zu lassen, aber die beleidigende Sprache Gigis empörte ihn und jeden Darkullaner. Doch in so gerechtem Krieg wird die gute Sache nicht unterliegen. Gigi steht allein, die von Habesch sind ihre Verbündete nicht mehr, Kuku und Tata stellen ein mächtig Heer ins Feld. »Gerechter Krieg, gute Sache, meinst du das?« Ich meine wegen des kränkenden Fehdebriefes. »Hätte man gleich das Rechte gethan, würde man weder den Zorn über den Fehdebrief gefühlt, noch den harten Kampf zu kämpfen gehabt haben. Ich schlage mich ins Mittel. Gleich einen Eilboten. Der Sultan wird meinen Rath, meine Bitte hören, und der Friede kehrt zurück.« Sie entließ nun den Minister, und fertigte einen Courier an Kuku ab. In der Depesche beschwur sie ihn, sogleich die Männer an Gigi zu senden. Zweites Kapitel. Versuche mit der Entwicklung zu Darkulla. Am andern Tag ward der Divan berufen. Als sich alle hohe Staatsbeamten eingefunden hatten, erschien die Sultanin ohne weitere Anmeldung. Nur einige Mann der Eunuchengarde und wenige Frauen begleiteten sie. Darüber steckten die vornehmen Neger die Wollköpfe nicht wenig zusammen. Eine Sultanin, und umgiebt sich nicht mehr mit Schimmer? Was muß das Volk denken. Es wird sich erfrechen zu glauben, sie sei vom gewöhnlichen Geschlecht der Menschen. Flore stieg nicht die Stufen zum Throne hinauf, deren Hundert vorhanden waren, sondern blieb auf der zweiten oder dritten stehn. Hier glaubte sie von allen gesehn und verstanden zu werden, und darum war es ihr zu thun. Auch dies gab Anlaß zum Kopfschütteln. Wenn sich sonst die Sultaninen von Darkulla öffentlich zeigten, so waren sie so dicht von Garden und Höflingen umringt, daß man sie nicht sah und auf dem Hundert Stufen hohen Thron verkleinerten sie sich so, daß sie wie Kinder erschienen. Flore, die ein leises Gehör hatte, vernahm das Geflüster, und sagte: Darkullaner, wer faßt euch? Den unnützesten Prunk wollt ihr an euren Monarchen glänzen sehn, und doch tragt ihr, wie er, keine Kleidung. Doch hört nur, was ich euch alles zu sagen habe. Hier auf der Erhöhung wurde sie erst der Menge recht sichtbar, und nie hatte man wohl den Divan von Darkulla so bewegt gesehn, wie in diesem Augenblick. Denn konnte die allgemeine Befremdung größer sein? Flore trug ein Hemd von Musselin. Bisher hatte sie sich, wie wir schon gesehen haben, zwar durchaus der Landessitte anbequemen müssen, allein da sie immer ein Schweistuch und einen Sonnenfächer in den Händen führte, so wußte sie einen so geschickten Gebrauch davon zu machen, daß ihr europäisches Gefühl wenigstens einigermaßen beruhigt war. Wie aber Kuku abreisete, ließ sie sogleich von einer wollartigen Pflanze ein Gewebe fertigen, und schnitt es sich selbst zu einer Chemise zu. Es ließ sich sonst in Darkulla auch nicht das geringste von einer Ellenwaare finden. Man muß glauben, daß wenn Flore nicht so schön gewesen wäre, und durch die Anmuth in ihrem Betragen, schon Nachsicht geboten und Unmuth getilgt hätte, der Divan auf der Stelle würde auseinander geflohn seyn. Denn grade den Eindruck, den es machen würde, wenn eine vornehme Dame, in Europa nach der Mode von Darkulla erschien, brachte dort der europäische Gebrauch hervor. Aber Flore fing an zu reden, man hörte, wunderte sich, daß man nicht aufhörte zu hören, und hörte dennoch. Weise Männer von Darkulla, hub Flore an: Der Sultan euer Beherrscher hat mir das Regiment während seiner Abwesenheit übertragen. Je weniger ich hoffen kann, einer so unerwarteten Ehre würdig zu sein, je mehr wird es mir Pflicht, den Erwartungen, welche Kuku von mir hegt, nach aller Kraft zu entsprechen, daß nimmer ihn seine Wahl reuen möge, und Freude bei der Wiederkehr sein Herz durchglühe. Darkullaner, ich bin in einem Lande geboren, wo die Menschen weiter in Künsten und Erfahrungen sind, wie ihr. Auch was Recht und Sitte als das Beste empfehlen, wurde dort genauer ausgemittelt wie hier. Fern sei es von mir, wegen dieses Zurückbleibens auf dem Pfade der Bildung, ein ganzes Volk zu tadeln. Vieles, was der Einzelne thut, hängt von Zufälligkeiten ab, und das gilt auch bei Nationen. Wären eure Väter durch solche Weltereignisse berührt worden, wie die unsrigen, ihr ständet heute auf der Stufe, welche meine Landsleute ehrt. Und hätten unsere Voreltern nur einen Lebenskampf gefunden, wie die eurigen, so besteht gar kein Zweifel, ihre Kinder würden nicht weiter vorgerückt sein, wie ihr. Dies schicke ich voran, um jeden Verdacht der Anmaßung von mir zu entfernen. Allein ich glaube, ich kann gegen das Vertrauen eines Königs, der mir liebend entgegen kam, und mich neben sich stellte, gegen den freundlichen Empfang und willigen Gehorsam eines guten Volkes, nicht dankbarer mich beweisen, als wenn ich von den Vortheilen, die mein Vaterland vor euch genießt, Darkulla so viel zuzuwenden strebe, als es selbst schon aufzunehmen fähig ist. Und da bring ich eure Empfänglichkeit für das Gute in keinen geringen Anschlag, denn ich habe bereits Zeichen wahrgenommen, die den Morgen der Hoffnung lieblich rötheten. Es ist der schönste Traum dieser Tage gewesen, den Sultan Kuku bei seiner Wiederkehr mit Einrichtungen zu überraschen, die ihm, wie dem Volke, Segen und Wonne bringen könnten, und mein Herz drängt mich, dem Traume Wirklichkeit zu geben. Euer Beistand ist es, worauf ich dabei zähle, und weiser Sinn, wie das lebendige Gefühl für das Bessere, werden mir ihn nicht versagen. Es sind vorerst drei Gesetze, die ich zu erlassen gedenke, nachdem sie eurer reiflichen Prüfung vorgelegt sind. Das erste betrifft die Kleidung. Anstößig, eckelhaft, anstößig ist es, Darkullaner, daß ihr die Sitte auch der letzten unter den gebildeten Nationen nicht nachahmt, und ärgerlich eure Blöße zur Schau tragt. Wohl muß ich erkennen, daß euer Himmelsstrich hierin andere Gewohnheiten vorschreibt, wie Zonen, in denen das Wasser in Flüssen zum Stein erstarrt, und aus den Gewölken zu Staub gefroren niedersinkt. Allein was nicht die Nothwendigkeit der Erwärmung fordert, ist man der guten Sitte schuldig. Gewöhnt euch daran, ein dünnes Gewand zu tragen, und bald werdet ihr empfinden, daß das Achtungsgefühl für jeden Einzelnen zunimmt, es wird euch Freude sein, auch andern es wieder zuzugestehn, und ein wichtiger Schritt der Veredlung ist gethan. Ich spräche nicht davon, um nicht die Zurückhaltung aufzugeben, die der Weiblichkeit immer wohl steht, aber ich muß euch doch alles sagen, was zur Sache gehört, so darf ich um so eher hoffen, euch zu bewegen. Wisset, dasjenige Entzükken, wodurch die Natur der Menschen Herzen am innigsten rühren wollte, ich meine die Liebe, wird euch mit reinerem, hellerem Stralenschein umfließen, wenn ihr dem Geheimnisse Tempel erbaut, und es gab vielleicht weniger das Bedürfniß, wie der Liebe Sehnsucht nach ausgewählten Genüssen, Gelegenheit zu Erfindung des Kleides. Denkt nach über diese wichtige Angelegenheit, Männer von Darkulla, nennt mir eure Bemerkungen darüber und helft dann redlich und eilig das Gesetz vollziehn, indem ihr die Ersten seid, die dem Willen der Regentin mit Unterwürfigkeit begegnen. Ferner komme ich auf die widernatürliche, grausame, unerhörte Gewohnheit, manchen aus Kurzweil zu morden, zu verstümmeln. Der Vornehme unter euch, der sich, wie er es nennt, eine heilsame Bewegung machen, oder sich am Gräßlichen eine Augenweide verschaffen will, ruft nur seinen Sklaven hervor, wenn er will, und stillt sein wildes Vergnügen. Der Sultan, dessen Sklaven ihr alle seid, kann auch den, der ihm am nächsten steht, zum Opfer auswählen. Hier, Darkullaner, vertheidigt euch auch der Väter Beispiel nicht. Jeder Erdensohn muß nach dem Triebe, das seinige zu erhalten, den Werth des fremden Lebens wägen. Es muß ihm heilig sein, damit ihn selbst nicht grause Furcht quäle. Eine unerbittliche Satzung, daß des Blutvergießers Blut die Schuld sühnen solle, wird bald ein so freventliches Gelüst austilgen. Die Menschen sind sich gleich, und welche bürgerliche Abstufungen auch in eurem Lande vorhanden sind, so darf auch der Niedrigste nicht so erniedrigt werden, daß sein Leben von der Willkühr abhängig sei. Begebt euch aus guter Ueberzeugung eines schändlichen Rechtes, und ich verheiße euch, den Sultan Kuku zu einem gleichen Entschlusse zu vermögen. Auch Mahomeds Religion verbietet solche ungemessene Greuelthat. Aber ihr versteht wenig mehr davon, wie die Erlaubniß, viele Weiber zu frein, und die Aussicht auf ein phantastisches Paradies, das ihr noch mit Heidenaberglauben schmückt. Davon künftig mehr, vorerst macht nur dem ärgsten Mißbrauch, der je eine Völkerschaft entehrte, ein Ende. Noch muß ich über den Titel reden, den ihr euren Oberhäuptern beilegt. Durch manches Land kam ich auf meinen Reisen, aber einen so lächerlichen Verstoß gegen Ehrfurcht und Schicklichkeit nahm ich an keinem Orte wahr. In Darfur grüßt das Volk seinen König: Büffel der Büffel, in Darkulla gar Esel der Esel. Wie nützlich, kräftig oder stattlich euch ein Thier erscheinen mag, so ist es unwürdig, nur den geringsten Menschen damit zu vergleichen, da er an Schönheit der Gestalt, Vortheil der Glieder, und dem entwickelten Geist so weit emporragt. Der Mensch ist so trefflich dargestellt, daß man eher ihn mit dem Göttlichen vergleichen mögte. Dies ziemte aber wieder nicht. Also kein Vergleich, eine Benennung nur, die Liebe, Vertrauen und Gehorsam ausdrückt, aber durchaus menschlich ist. Hier endete Flore. Es war ihr keineswegs entgangen, daß während ihrer ganzen Rede, viele leidenschaftliche Aufwallungen ihre Hörer bewegt hatten. Zugleich war ihr aber auch der Kampf sichtbar geworden, den die Mitglieder des Divans im Innern gegen ihren erregten Unwillen bestanden, und sie schrieb diese Erscheinung der eindringenden siegreichen Kraft ihrer Gründe zu. Irthum! Man hatte sich nur angefeuert, die verderblichen Grundsätze der Liebenswürdigkeit der Rednerin zu verzeihen. Der älteste unter den Räthen bat um die Erlaubniß, seine bescheidenen Anmerkungen über die weise Rede an den Tag zu legen, und sie wurde ihm gewährt, so wie jedem, der etwas darüber zu sagen hatte. Eselin der Eselinnen, Tochter einer Eselin, und Mutter vieler Esel, erhabene Sultanin Nene, höre mich. Hier biß Flore vor Aerger in die Lippen, der gute Alte fuhr aber fort: Laß dich einen Greis beschwören, der der Grube zuwankt, und das Bewußtsein mit keiner Falschheit beladen wird, laß dich beschwören, deine Irthümer zu meiden. Dein Tadel straft das Volk von Darkulla, weil es nicht den Leib mit eitlem Gewande überhängt, und du nennest diese Sitte unanständig und sündlich. Sprich, wie kann es unanständig sein, den Leib, den Gott so schön, so kunstvoll bildete, frei zu zeigen. Ließ er nicht das Kind in Nacktheit geboren werden? Mißfiel ihm der Mensch ohne Hülle, würde er ihn nicht gleich mit einer Bedekkung versehn haben? Aber nicht einmal Schaalen, wie der Schildkröte, oder dem Krebse, nicht einmal ein Haus, wie der Schnecke und Muschel gab er ihm, und winkt also deutlich genug seinen Willen herab. Klüger müßten wir uns dünken, wie der Weiseste, tugendhafter wie der Vollkommenste, wenn wir besser verstehn wollten, wie der Mensch das Leben zu durchwandeln hat. Nein, glaube mir, du hegst Irrthümer, noch mehr, du sündigst gegen den Herrn der Himmel, und wirst seinen Zorn auf dich laden. Wirf sie weg, diese frechen Gewebe, die die Schönheit, welche dir gegeben ward, den Blicken entziehn, ja selbst verkündigen du schämest dich der Glieder, die der Herr schuf. Eben darum nehmen wir nicht alle Lehren Mahomeds an, weil sie gebieten, das Weib zu verschleiern, ein Frevel, zu dem sich unsre Ehrfurcht vor Gott nie verstehn wird. Schreibe in dein Herz, was ich dir sagte, ich bin zu bewegt, und muß schweigen. Ein andrer stand nun auf, und nach der gewöhnlichen Höflichkeitsanrede, kam er zur Sache: Wie, Königinn, wir sollten der leichten, freien Bewegung unseres Leibes ein Hinderniß setzen, uns steif und ungelenk machen? Wir sollten die Glieder verwöhnen, von der Luft gestärkt und erfrischet, die jedem Sonnenstrahl trotzten, und mit einer empfindlichen Haut, die Krankheiten auf uns laden, von denen man in Egypten so viel hört, wie die Gereiseten sagen? Sind Gelenkigkeit und Kraft nicht schätzbarere Güter, wie einige bunte Lappen, die, hätte sie auch der erste Künstler unter den kunstreichen Caffern gefertigt, doch nimmer dem Gefieder eines Papagoyen gleichen. Darum, wenn wir uns ja mit etwas schmücken, so sind es Federn im Haar, oder Muscheln am Halse, beides von dem höchsten Künstler hervorgebracht. Noch ein andrer setzte hinzu: Und woher sollten wir doch Kleider bekommen? gesetzt wir wären auch so ruchlos, deren anlegen zu wollen? In Darkulla giebt es dazu kein Werkzeug, keine Arbeiter. Sollen wir den Fremden dafür von unserm Reichthum geben, wird Darkulla bald arm seyn. Sollen die Männer von Darkulla selbst die verdrießliche mühvolle Arbeit unternehmen, den nichtigen Tand zu bereiten, so müssen sie einer der holdesten Süssigkeiten des Lebens entsagen, der lieblichen Geschäftlosigkeit. Diese Gewerbe würden die Arbeiter verkrüppeln, man würde bald Siechlinge erblicken, wo jetzt nur nervigte Kernmänner vorhanden sind. Bald würde auch eitler Stolz einreissen, jeder sein Kleid besser wollen, wie der Nachbar. Neid und Mißgunst, Abhängigkeit und Hundert andre Uebel, die wir zum Glück unsrer Unschuld noch gar nicht kennen, von denen wir nur hier und da reden hörten, würden im Gefolge der Kleider nahen. Der Alte hatte sich in etwas erholt, und fügte noch einige Worte hinzu. Sultanin, sprach er, du nanntest auch eine Erhöhung der Freude im Liebesgenuß, zu den Vortheilen, welche mit den Kleidern über Darkulla kommen würden. Wie, ist man in deinem Vaterlande so entmarkt, daß es erkünstelte Reize gilt, um Reiz zu empfinden, davon weiß Darkulla noch nichts, und seine starke Bevölkerung mag für mich zeugen. Soll aber Zügellosigkeit an die Stelle der Freude treten, o dann flehen unsere Väter, flehen unsere Mütter: Erbarme dich der Kinder, und lasse die Kleider weg! Ferner, o Eselin der Eselinnen! verwirfst du das Recht über Leben und Tod, das bei uns dem Herrn gegen seine Knechte zusteht, wie die Pflicht der letzteren, freudig der Lust des Herrn, Kopf und Brust darzubieten. Bedachtest du aber auch, wie dadurch bei uns eine Herrschaft über die Gemüther, eine Leichtigkeit der Ordnung entstehn, die man vergebens bei allen Völkern der Erde suchen würde? Wie tief ist die Liebe zu einem Herrn, für den man jeden Augenblick bereit ist, zu sterben. Was kann ein Herr, den die Knechte so lieben, nicht unter dem Werth des Lebens fordern. Wie gewiß, wie willig werden nicht alle seine Winke erfüllt? Statt anderwärts mit großer Mühe, und dennoch lückenhaft und unvollkommen die Gesetze erlassen werden, bedarf es deren bei uns gar nicht, der Geist des unbedingten Gehorchens geht schon in den Knaben über, wenn der Säugling entwöhnt wird, und stirbt erst mit dem Greise. Denkst du eine so herrliche Zusammenstimmung des Willens zu stören? Ein andrer nahm das Wort. Wir sind ein Volk von Kriegern. Zwar dürften wir in der felsenbewachten Provinz ruhig gegen alle Angriffe seyn, und eine geringe Zahl ausgenommen, die den Eingang zu vertheidigen hätte, die Schwerter zerbrechen, aber die Darkullaner, welche draußen wohnen, sind auch unsere Brüder, wir wollen sie nicht der Feinde Sklaverei preisgeben, oder schimpflich große Lande meiden. Und einem Kerker gliche dann das Darkulla zwischen den Bergen, Niemand dürfte es mehr verlassen. Wo kann es aber wohl furchtbarere Krieger geben, wie da, wo niemand das Leben achtet? Das haben unsere Feinde oft gefühlt. Daß auch der Anblick des Blutes, der Todesmartern, nach langem Frieden, nicht den Anführern, nicht den geringen Kriegern ungewohnt sey, und Muth und Besonnenheit störe, ist es vortrefflich, von Zeit zu Zeit das Schauspiel des Mordes zu wiederholen. Männlicher Sinn, Gleichgültigkeit gegen fremde und eigne Qual, weichen so nimmer aus unsern Gemüthern. Ein Dritter fügte noch hinzu: Wir hassen Anstrengung, Mühe, Fleiß, die doch, wie jeder gesteht, den Menschen peinigen. Anderwärts müssen die Feldherrn den Krieg wie eine beschwerliche Kunst erlernen. Einen großen Theil seiner Zeit ängstet sich der Bei in Egypten ab, wie er am besten begreife, die Truppen gegen den Feind zu stellen, mit Vortheil auf Feindes Reihen zu führen. Der arabische Reuter tummelt sich und sein Roß bis zum Ermatten, der Fußkrieger übt im Schweis des Angesichts, das Zielen seines Geschosses. Das alles darf der kühne Sohn Darkullas nicht. In dichten Haufen, mit Keulen oder Schwerdt gewaffnet, wälzt sich Darkullas Heer vorwärts. Zurück begehrt Niemand mehr, der im Tode kein Uebel zu sehn gewohnt ist. Mögen sie kunstreich schießen, nur Tausend Mann darauf losgestürmt. Was nicht fiel, erwürgt die Feinde. Stolze Gegner haben uns mit abgerichteten Elephanten bekriegt. Da warfen sich gleich ein zwanzig Mann in den Staub, ließen sich lachend zerstampfen, während andere dem Thier die Speere in den Leib senkten, oder hinaufklimmten, die Führer herabzuschleudern. Sogar einen der ehernen Feuerrachen, wie man sie im fernsten Caffernlande hat, wo gewiß die Menschen ihre eigne Kraft schon lange einbüßten, hat der Sultan von Darfur gegen uns gebraucht. Wie spotteten Darkullas Krieger der eitlen Bosheit! Es kostete einen Anlauf. Kaum hundert wurden zerrissen, da gehörte das plumpe Werkzeug uns, wir zwangen seine Schützen, ihre eigenen Brüder damit zu erlegen, und bewahren es noch auf. Soll diese Heldengewalt unserer Krieger, die seit Jahrtausenden unsre Haabe, unsre Freiheit so kräftig beschützt, in Darkulla untergehn? Nein, erhabne Sultanin, das wirst du nicht wollen. Jetzt bat jener Alte wieder um das Wort: Eselin der Eselinnen! am tiefsten hast du unsere treuedurchglühten Herzen verwundet, da das Verlangen laut wurde, unsern uralten ehrwürdigen Königstitel zu ändern. Ich flehe dich an, erhabene Sultanin, erwäge, welchen schlimmen Eindruck es auf die Menge hervorbringen würde, wenn ihr gestattet seyn sollte, dem Oberhaupte, die ihm von den weisen Vätern erzeigte, ihm immer gebührende, von dem Vater auf den Sohn fortgepflanzte, Ehrenbezeugung zu entziehn. Alterthum allein heiligt schon Gebräuche, man darf nur mit Vorsicht daran rühren. Viel gewöhnlicher, viel leichter würde der Darkullaner von seinem Könige denken, über ihn fühlen, das Verhältniß der Unterthanen zu dem Gewalthaber betrachten, wenn es ein so wenig bedeutender Gegenstand wäre, das Bild, wodurch er die Herzen rührt, zu zerschlagen. Es wäre der erste Schritt einer gefährlichen Verminderung des ehrfürchtend, zutraulichen, kindlichen Sinnes. Der zweite Rath warf ein: Du sagtest, erhabene Sultanin Nene, wohl mit dem Göttlichen wäre eher der Mensch zu vergleichen, als mit dem Thier. Nach dem Ebenbilde Gottes sei er gemacht. Verzeihe mir, ich begreife nicht, wie irgend eine Religion sich vermessen kann, einen so anmaßenden Stolz zu lehren. Was würde gar aus dem Sultan werden, dessen Macht auf Erden so groß ist, so groß sein muß, wenn ihn seine Diener einen Gott nennten? Grade, weil sie ihn so hoch stellten, muß er sich fleißiger erinnern, daß er bei aller Erdengewalt dennoch nur ein Wurm im Staube ist. Nein, Sultanin, laß uns das Herz unserer Könige nicht verderben, indem Wahn der göttlichen Natur über die Betrogenen kömmt. Der dritte trug noch folgende Einwendungen vor: In Afrika ist es Gewohnheit, die Rede mit Bildern zu schmücken. Der Vergleich ist anmuthig, übt spielend den Scharfsinn. Oft enthält er eine Lehre, die sich ohne Mühe einprägt. Vergleichen wir nun unsern König mit einem Esel, so wird nicht nur der Scharfsinn dadurch aufgefordert, die Aehnlichkeiten zu suchen, sondern auch heilsam an die in dem Witze enthaltene Lehre gemahnt, was grade dem Könige selbst am nützlichsten werden kann. Andre Völker haben Thiere gewählt, die in ihrem Lande vielleicht vortheilhafter zu brauchen waren, bei uns ist aber der Esel Alles in Allem. In Darfur nennen sie den Sultan: Büffel der Büffel, Elephanten von gewaltiger Stärke; in Bornu: Löwen der Löwen, Tyger von wüthendem Grimm. Sollte unsre Wahl nicht edler sein? Jene Thiere fürchtet der Mensch mehr, als er sie liebt, sie machen von ihrer Kraft häufig einen schlimmen Gebrauch, und derjenige, dem man ihre Namen zutheilt, kann auch leicht zu einem ähnlichen Mißgriff verführt werden. Aber man blicke auf die Esel in Darkulla. Wie zart gebaut, wie reinlich, weich, und von glänzender Haut sind sie. Wie sicher ihr leichter Tritt. Mit welcher Geduld tragen sie große Lasten. Von dem reichsten Vorrath an Sesam oder Mais umgeben, schwelgen sie nimmer, genießen nur das Nöthige; beim Mangel der Wüste behelfen sie sich mit schlechter karger Kost. Sie sind sanftmüthig, greifen niemand an, nur heftig gereizt beißen sie, oder schlagen hinten aus. Nun sage selbst, o Sultanin, mit welchem Thiere wäre Darkullas Sultan sinnvoller zu gleichen? Mögte nicht jedes Reich gern einem durch die äußere Form schon einnehmenden Herrscher gehorchen? Sind es nicht köstliche Tugenden am Thron, leicht und doch sicher die Geschäfte der Regierung zu treiben, die Last des Ruders mit Geduld zu tragen, mitten im Ueberflusse wirthlich zu sein, und im Nothfalle sich auch schlecht begnügen zu können? Die friedliche sanfte Gemüthsart des Landesvaters, welch eine Schutz und Wehr der Unterthanen gegen Gewaltthat im Innern; denn dem Beispiele von oben werden alle Gewaltige des Landes folgen. Wird der Sultan nur zornig, wenn ihn Beleidigung reitzt, so hat sein Reich keine unnütze Kriege zu besorgen. Darkulla, das sich mehr vertheidigen als erobern will, kann durchaus keinen rührenderen Vergleich wählen, wovon dich gewiß meine Gründe überzeugten, und du wirst fortan freundlich lächeln, wenn dir das schöne Ehrenwort: Eselin der Eselinnen, ertönt. Ob wir gleich nicht glauben, es bedürfe bei deinen Vollkommenheiten, noch einer Mahnung, an die Tugenden des sanften Thieres zu denken, so nennten wir dich doch ungern Krokodill der Krokodille, aus Furcht, du mögtest bei den öfteren Erinnerungen etwas von der Natur des Ungeheuers in dich aufnehmen. Drittes Kapitel. Fortsetzung. Flore war abwechselnd bleich und roth geworden, während die Opponenten redeten. Hätte sie wieder gewußt, jene in die Enge zu treiben, so wäre wenigstens der Vortheil auf der Schwarzen Seite gewesen, daß ihre Farbe sich nicht änderte. Doch sie war wohl auf rohen Eigensinn, starres Vorurtheil gefaßt, nicht aber auf Gründe, und so war ihre Verlegenheit in der That nicht klein. Die Kernsprüche der französischen Literatur von der allgemeinen Art, (sie hat deren weit mehr, wie die sich gern über sie erhebende deutsche) sind fast Jedermann in Frankreich bekannt, darum fiel auch Fontenelle's Wort: ^Chacun a raison^, Floren mehr als Einmal in dieser Verlegenheit bei. Doch ließ ihr feiner Takt sie zugleich begreifen, daß sie ohne Gefahr des Ansehens, nichts einräumen dürfe; und mogte gleich ein geheimer Verdruß in ihr erwachen, die Hand an die Aufklärung von Darkulla gelegt zu haben, so meinte sie nun doch, der eingeschlagene Pfad sei nicht mehr zu verlassen. Eine solche Festigkeit des Regierungssistems ist schon oft von der Menschenkunde empfohlen worden. Giebt man im Gefühl des Unrechtes nach, wird auch nächstens bei vollem Recht der Geist der Schwierigkeit aufwachen. Flore sagte nichts, als: Ich werde in meinem Cabinette weiter beschließen, und entfernte sich mit einer etwas kühlen Verbeugung. Die Glieder des Divans sahen einander bei diesem Zeichen von Unzufriedenheit bekümmert an, doch das Bewußtsein, der Pflichten Stimme gehorcht zu haben, richtete sie wieder auf. Man kann vermuthen, daß der Rath gefügiger erfunden wäre, hätte er Jünglinge in seiner Mitte gezählt. Allein es durfte in Darkulla Niemand vor dem sechzigsten Jahre in den Divan treten, und das ist freilich eine vortreffliche Einrichtung, wo man nicht von der Stelle will. Da nun aber Flore nach ihrem Kabinette ging, sahe sie zu ihrer großen Verwunderung, daß alle ihre zurückgebliebenen Dienerinnen sich mit mächtigen Feigenblättern versehn hatten. Der Ruf von dem Willen der Sultanin war schon zu ihnen gedrungen, und mit höchster Eile hatte man zu gefallen gesucht. Die Kammerherren staken vom Haupt bis zum Fuß in Ziegenhäuten, etwas andres war so schnell nicht herbeizuschaffen gewesen. Man kann also denken, wie diese Kammerherren nicht erst Floren würden wegen ihrer weisen Befehle geschmeichelt haben, wenn die Darkullanische Weisheit ihnen nicht die Zungen genommen hätte. Der Eunuchoberst fragte gehorsam an: ob seine Soldaten auch gekleidet erscheinen sollten? ohne besondre Ordre that der pünktliche Mann nichts. Flore glaubte Ja antworten zu müssen, und nun richtete er für sich ein Tygerfell, und für die übrigen Schaafshäute zu, doch alle von Einer Farbe, der Geist der Uniform fuhr wunderbarlich in ihn. Flore überlegte hin und her. Lasse ich, dachte sie, die Geheimschreiber kommen, Edikte ausfertigen, und an die Ecken schlagen, so muß das Volk thun, was ich begehre. Daß nicht überall Neigung zum Widerstande vorhanden ist, beweisen die Hofleute, die gefällig erfüllen, was die grämlichen Räthe mit weitläuftiger, schwülstiger Beredsamkeit umwerfen wollen. Aber wenn ich bedenkliche Gährungen ins Leben rief? Nun da könnte sich Entschlossenheit bewähren. Doch zu rasch ist so was nicht zu wagen, aber man darf jenen Räthen auch keine Schwäche verrathen. Die letzte Betrachtung überwog, Flore gerieth in eine edle muthige Hitze, die Geheimschreiber erhielten sogleich Befehl, in den Pallast zu kommen. Noch aber waren die ausgefertigten Edikte nicht unterschrieben, als sich der älteste von den Räthen melden ließ, und nochmals, Treue und Liebe in Blick, Sprache und Geberde, warnte. Er hatte die Berufung der Geheimschreiber erfahren, und dies ihn zu dem gegenwärtigen Schritte bewogen. Flore war sehr verdrießlich, gab ihm bald zu verstehn, er sei die überzählige Person im Cabinette, zauderte aber dennoch mit der Unterschrift. Es ging ihr wie Elisabeth von England, mit dem Unterschiede, daß jene bei einem grausamen Befehl nicht zum Entschluß gelangen konnte, Flore aber nicht, wo sie von der Trefflichkeit desselben überzeugt war. Viertes Kapitel. Nachrichten aus dem Felde. Es waren einige Wochen hingegangen, und in der Zeit hatte Flore auch wohl zuweilen bedacht: Was geht mich die Aufklärung der Darkullaner wohl an? Wenn ich des Volkes Meinungen nicht feindlich berühre, welch herrlich Loos erwartet hier die Sultanin? Ich ärnte keinen Dank für meinen Willen, die Unwissenheit auf eine höhere Stufe der Bildung zu erheben. Darüber verzog sich die Unterschrift je länger und länger. Aber Flore zeigte sich nicht wieder im Divan, sie wollte nicht als die Nachgiebige dastehn. Jetzt langte aber ein Eilbote vom Heere an, und überbrachte Briefe von Kuku. Die Sultanin zitterte bei ihrer Erbrechung, als wenn sie den feurigen Schwarzen schon liebte, und es keinen Ring mehr in der Welt gäbe. Der erste Brief bestand in Herzensergießungen. Nach einem Eingange voll Schwüre der Liebe, so heiß, und mit Bildersprache und Dichtung verwebt, wie ihn je eine Prinzessin Afrikas empfangen hat, schrieb Kuku auch: er müsse wahrlich den ihm ertheilten Rath, Gigi die Männer von Caffernland auszuliefern, wohl überlegt finden. Auch würde er ihn vielleicht noch befolgt, und sogar über der Beduinenkönigin Fehdebrief hinweggesehen haben, wenn sich unterdessen die Umstände nicht noch beträchtlich geändert hätten. Aber bei seiner Ankunft im Lager sei Tatas Vortrab bereits durch Gigi aufs Haupt geschlagen gewesen, und da unglücklicher Weise das empörte Volk in des Bruders Hauptstadt, die Männer mit lauten Schmähworten gekränkt hätte, und das der zornigen Feindin hinterbracht worden sey, habe sie einen Theil ihrer Drohungen fürchterlich erfüllt, und den besetzten Landstrich mit Feuer und Waffen verwüstet. Das fordre nun Rache, und der Krieg müsse auf das nachdrücklichste fortgesetzt werden. Er sey auch schon so glücklich gewesen, mehrere Truppenabtheilungen der Beduinen aufzureiben, und die großen Heere rückten nunmehr gegen Einander. Eine Hauptschlacht müsse entscheiden, doch schien diese noch nicht so nahe zu sein, da die Regenzeit Hindernisse lege, und beide Theile auf reiche Vorräthe an Lebensmitteln Bedacht nehmen müßten, um mit den großen Heeren durch die Wüste zu ziehn, die sie noch zwischen sich hätten. Nun kamen wieder Zärtlichkeiten an die Reihe, und zwar im ächten altdarkullanischen Geschmack. Kuku meldete: er habe bereits Tausend Köpfe von Erschlagenen gesammelt, die er ihr in Säkken von Kameelhaut schicke. Sie wären schon unterwegs, nur würde der Eilbote allerdings früher eintreffen. Nächstdem würden Tausend lebendige Gefangene anlangen. So sei er ihrer werth, und nach der Heimkehr sollte ganz Darkulla des Beilagers wegen, vier Wochen lang trunken sein, ob es gleich Mahomed untersagte, dem bei diesem Verbot, sein Volk noch nicht zu gehorchen erlernt habe. Hier ließ Flore den Brief auf ihren Schooß sinken, und dachte nach: -- Sultanin, nun wirkliche Sultanin? Darf ich es, wie auch Hoheit und Freude mich anlocken? Wenn nun Ring lebt, und was sollte er nicht? Muß ich nicht wie Gigi handeln, die Kräftige? Aber ich besitze den Trank nicht, und Ring selbst würde es verdammen, wenn ich den Trank schlürfte. O daß mir doch eine Nachricht über ihn zukäme, nun, da sich Kukus Krieg in die Länge ziehn wird, erscheint Musa vielleicht eher wieder. Sie las fort, warf aber den Brief unwillig zur Erde, denn was noch folgte, empörte sie mehr, als das ihr zugedachte gräßliche Geschenk. Kuku endete den Brief damit, daß er die Hoffnung äußerte, die Feindin werde durch die Tapferkeit der Söhne Darkullas völlig überwunden werden, ja selbst gefangen in seine Hände gerathen. Ist ihr dann das Kleinod zu rechter Zeit zu entwinden, welches das geheime Gift verbirgt, o dann soll die, welche ich zur Sultanin, zur einzigen Sultanin von Darkulla erheben wollte, mir fröhnen wie die gemeinste Buhldirne, und wenn meine Lust gebüßt wurde, den Knechten preisgegeben werden. -- »Das werd ich verbitten, unzarter Afrikaner!« rief Flore bei dieser Stelle aus. -- Und, hieß es schauderhaft weiter, mordet sie ihr Trank, soll auch ihr Leichnam der Entweihung nicht entgehn, und sollte der Tod viele Knechte -- -- -- Den Rest las Flore gar nicht, sondern rief Abscheu über den Sultan. Doch setzte sie hinzu: die Hoffnung ihn zu bessern, geb ich immer nicht auf. Der zweite Brief wurde erbrochen. Er war offiziell, und so angethan, daß die Sultanin ihn im Divan vorlesen sollte. Erst fand man eine Reihe von Berichten, über die Kriegsvorfälle, welche schon Statt gehabt hatten, Listen von Todten und Verwundeten, ehrenvolle Erwähnungen muthiger Thaten, Angaben über den Verlust der Feinde, und was sonst aus dem Kriege berichtet zu werden pflegt. Worin aber Sultan Kuku von der vielbefolgten Regel abwich, das war der Punkt der Richtigkeit. Noch mehr: Sultan Kuku konnte die ungemeine Tapferkeit und Geschicklichkeit der Beduinen nicht genug erheben, die alle, welche schon mit ihnen im Kampf gewesen waren, ihm bezeugt hätten. Er schrieb, es wären gar die ältern Beduinen nicht mehr. Ihre Sultanin hätte einen Kriegesgeist, eine Kunstfertigkeit ihnen anzueignen gewußt, welche Afrika noch nimmer gesehen habe, und sollte die Tapferkeit der Darkullaner, (welche er zwar nicht aufhörte, als die erste in der Welt zu erkennen) Gigis Heer überwinden, so schiene es durchaus nöthig, einige der Stellungskünste und Angriffskünste von drüben nachzuahmen. Tata wäre ganz mit ihm hier einverstanden, und die Truppen würden in dem Betrachte schon geübt. Er empföhle also dem Divan die Verstärkung, welche er auszuheben hätte, auch bald auf diese Weise zu unterrichten. Zu dem Ende lagen genaue Beschreibungen jener Bewegungen bei, und es würden auch Offiziere ankommen, die sich dem Geschäfte widmen sollten. Besonders war dabei der Sultanin empfohlen, ernst durchzugreifen, wenn etwa die Graubärte im Divan, nach ihrer gewohnten Art mit veralteter Weisheit widerständen. Das Nothwendige müsse geschehn, und der Einwurf verstummen. Die letzten Weisungen enthielten gleichsam einen Triumph für Floren. Sie war entzückt über Kukus Klugheit, das Gute auch vom Feinde lernen zu wollen. Die Weisungen des Divans halber, berechtigten sie zu Schritten, die jenen Widerspruch rächen konnten. Hatte sie schon oft über die romanhafte gefürchtete Gigi nachgedacht, ja wohl eine Sehnsucht empfunden, die Heroin einmal zu sehn, so versank sie daneben in Bewunderung. Wie, rief sie aus, diese Gigi stellt sich an die Spitze eines rohen Haufens, macht sich zur Herrin, lenkt ihn nach Gefallen, und legt ihm sogar schnelle Riesenschritte der Entwicklung auf? Und ich, hier mit Ansehn gerüstet, muß, da ich das Gute will, Ausflüchte hören, die zwar im ersten Augenblick manches für sich zu haben scheinen, aber von der Höhe des Strebens angesehen, doch elend sind. Aber mein Wille ist nicht heftig genug. Ich zaudre klügelnd, wo die That vorangehn sollte. Nein, nicht länger! Kuku soll eine andere Gigi anstaunen. Die Palmblätter, rief sie (in Darkulla baut der Kunstfleiß noch keine Papiermühlen) den Griffel! und im Nu waren die Unterschriften fertig. Die Boten mußten fort. Fünftes Kapitel. Gährung. Der Divan wurde berufen, Kukus Brief gelesen. Mit niedergesenktem Blick hörten die Räthe. Endlich stand der vorsitzende Greis auf, legte die Hände auf die Brust, und sprach: Erhabene Sultanin, wir _dürfen_ rathen, aber _müssen_ gehorchen. Den Ausgang zum besten kehren, das _wollen_ wir, für ihn einstehn, das _können_ wir nicht. Flore hatte wohl eine andre Antwort gewünscht, doch allenfalls ließ sich mit dieser schon zufrieden seyn, und sie beurlaubte die Räthe. Jetzt schrieb sie dem Sultan. Nichts weniger als Zärtlichkeit, nichts weniger als Kälte, viel aufmunterndes Lob, und eine räthselhafte Hoffnung auf Glück bei der Heimkehr, die Kuku vielleicht beim Empfang anders gedeutet hat, wie Flore es meinte. Denn sie hatte nur ihre Umwandlung des Volkes von Darkulla im Auge. Flore gab den alten Kammerherrn ihr inniges Bedauern über ihre unglückliche Verstümmung zu erkennen, äußerte aber aber dabei, daß eine Bedienung von stummen Männern, sowohl freudenlose Eindrücke auf sie mache, als ihr abgeschmackt dünke. Sie bekamen doppelt Gnadengehalt, und statt ihrer wurden andre mit gesunder Sprache angenommen. In diese fuhr sogleich die Kammerherrn-Natur. Sie erhuben die Weisheit der neuen Einrichtungen über die letzten Sterne des siebenten Wonnehimmels, und schwuren: ganz Darkulla sey aus Entzücken über die letzten Befehle ohnmächtig geworden. -- Das beruhigte Floren, wiewohl es anders klang, wie der ehrliche Eunuchenoberst gemeldet hatte. Dieser war, gleich nachdem das Militär die Uniform von Thierhäuten angelegt hatte, von der Sultanin befragt worden: wie das Volk sich bei dieser Erscheinung äußere, und seine Antwort gewesen: ältere Männer pflegten bei dem Anblick sich still umzuwenden, jüngere aber liefen im Scherz, wie vor dem Thiere, von dessen Haut das Soldatenkleid gemacht sey. Im Pallast wurde aber eine Manufakturenkommission niedergesetzt, die über die Mittel zu berichten hatte, auf das schnellste allerhand Zeuge fertigen zu lassen. Der Divan fragte durch eine Sendung an: wie er sich für die nächste Versammlung zu kleiden habe? Die Sultanin wollte den alten Männern keine peinliche Beschwerde auferlegen, sie stellte es also in dem Belieben eines jeden, und setzte hinzu: wegen des noch bestehenden Mangels an Stoffen, sei es vorerst an einem Feigenblatte genug. Da sie nun am folgenden Tage die Räthe über den Pallasthof zur Sitzung gehen sah, bemerkte sie, daß alle das Feigenblatt in der Hand trugen, gleichsam als spielten sie nur damit, oder wollten sich seiner als eines Schirms bedienen, oben im Saale war es aber durch die Ranken einer Epheu befestigt. Dies Betragen verdroß Floren, doch war ihre Meinung: dem hohen Alter sei einiges zu übersehn. Uebrigens hatte die Sultanin manche Genugthuung. Viele Palmblätter wurden eingesandt, auf denen Danksagungen der Knechte eingegraben waren, vor dem Pallaste ließen sich viele Menschen sehn, die artige geflochtene Schürzen trugen, und Niemand brauchte die verhaßte Anrede mehr. Alles das war jedoch Schein, durch die Plane der Schmeichelei veranstaltet. Falsch waren die Danksagungsschreiben, die Leute, welche sich gekleidet zeigten, erkauft, während heimlich ausgestellte Wachen keinen dem Pallast nahen ließen, der an der Nationalnacktheit noch mit Vorliebe hing. Adressen, welche mit der Courtoisie: Eselin! anhuben, und deren manche einlief, wurden unterschlagen. In der Wirklichkeit stand es nur zu bedenklich. Das Volk sah Schande, Beschwerde und Noth in der gebotenen Kleidung. Die Vornehmen geriethen außer sich, daß die Willkühr über der Knechte Leben verfallen sollte, diese wurden trotzig und nun schlechter genährt, durch die Herren, daß sie dennoch den alten Zustand zurückwünschten. In Verächtlichkeit sank eine Sultanin, ohne den edlen Ehrgeiz, den Titel der Landeshoheit führen zu wollen. Doch die Ausbrüche heilloser Szenen wurden noch durch Vermittlung des Divan niedergehalten. Auch war bei der tiefen Ehrfurcht, womit man in Darkulla sonst den Gebietern und ihren Gemahlinnen huldigte, nimmer die Stimme der Verläumdung gehört worden. Man hätte Afterrede über den Hof, gleich nach der Gotteslästerung gestellt. Jetzt ward das anders. Man flüsterte sich so manches über Nene ins Ohr. Ihr freies Betragen erweckte Muthmassungen, die man freilich noch nicht aussprach, aber einander auf den Gesichtern las. Auch kam, was in Darkulla, wo blindes Gehorchen mit Sitte und Gefühl so genau zusammenhing, unerhört war, die Fremdheit der Sultanin, unter mißbilligenden Wendungen zur Sprache, und im Verdruß, über das, was sie that, wollte sich immer schon die Frage hervorwagen: Ist es recht, dieser Sultanin, die Schändliches und Ungerechtes will, Folge zu leisten? Sechstes Kapitel. Die Köpfe und Gefangenen. Nun langte die vom Sultan abgeschickte Bedeckung an, und brachte sowohl afrikanische Trophäen, nehmlich Köpfe, als auch lebendige Gegenstände der Volkskurzweil, nehmlich Gefangene. Unter kriegerischer Musik, von den Einwohnern mit tausendfachem Jubelschrei empfangen, nahte der Zug dem Stadtthore. Hier wurden die Köpfe aus den kameelhäutenen Säcken genommen, und auf Lanzen gesteckt; die Gefangenen je zwei und zwei zusammengeschlossen, die Hände auf den Rücken gebunden folgten, vom Pöbel verhöhnt, beschimpft, mit Steinen geworfen, oder mit Stäben gequält, woran spitzige Fischgräten hervorragten. Nach alter Sitte von Darkulla, wurde von den Köpfen, am Eingang des Pallastes, eine Pyramide aufgerichtet, um welche die trunknen Darkullaner tanzten, wohl in phrenetischer Raserei oft ihr Fleisch herunter rissen, und verschlangen. Dann gab man die Feinde Preis, welche das Kriegsglück lebend in der Sieger Hände geliefert hatte. Nationalhaß und Rache wegen gebliebener Verwandten in diesem Kriege, machten sich schrecklich Luft, und es ist zu ärgerlich grausend, um es nachzuerzählen, was dann alles geschah. Nicht wich die Menge von dem Platze, bis auch der letzte zerrissen war. Flore hatte den Divan berufen lassen, da der Zug eintraf. Ich erfahre, sprach sie, welchen kannibalischen Lusttaumel sich heute der Pöbel verspricht. Aber eher wollte ich gleich die mir anvertraute Gewalt hinwerfen, ehe ich die Menschheit unter meinen Augen so niedrig entweihen ließ. Gleich sammle man die Reste der Getödteten, und lasse sie in der Stille zur Erde bestatten, denn unwürdig ist hier jedes frohlokkende Spiel. Die Gefangenen sind nicht mehr unsere Feinde; die Geburt in ihrem Vaterlande, ihre Pflicht gab ihnen das Schwert wider Darkulla in die Hand, wir konnten sie entwaffnen und sind versöhnt. Man gebe ihnen unter Aufsicht Beschäftigung, und reiche ihnen den Sold unserer Krieger. Alle Glieder des Divans fingen zugleich an zu reden. Wie nöthig es sein würde, hier nachzugeben; von der Gefahr, das Volk zum Aufstand zu bringen, u. s. w., aber Flore entließ sie mit einem kurzen: Ihr wißt meinen Befehl. Es wurde vollzogen, was Flore geboten hatte. Das Volk lief mit Wehgeheul durch die Straßen, raufte das Haar aus, geberdete sich fast wahnsinnig, daß seine Lust untergraben wurde; nahe drohte die Meuterei, doch noch gelang es dem Divan die Leidenschaften niederzuhalten. Die Kammerherrn erklärten der Sultanin, die das Wehgeheul vernahm, sie höre Freudenruf über die Abschaffung der Mißbräuche. Auch redeten sie sehr laut von angenehmen Gegenständen, und bestellten in aller Eile ein Concert, daß Nene ja nicht der Wahrheit auf die Spur käme. Es ist eine große Gefahr, der die Vornehmen blosgestellt sind, die, daß man ihnen die Gefahr verhehlt. Viele Zügellosigkeiten wurden in Darkulla begangen, von denen Flore nichts erfuhr. Man grub die verscharrten Köpfe wieder aus, die Gefangenen, welche bauen, Gärten pflanzen, und bei den neuen Zeugfabriken arbeiten sollten, mordete der Pöbel, wo sie sich vereinzelt zeigten. Flore dagegen meinte auf dem Wege zu sein, alle Genugthuung für ihre Plane zu umarmen. Sie beging den Fehler, nicht genug mit eignen Augen zu sehn, und entfernte sich wenig von ihrem Pallaste. Geschah es einmal, so erblickte sie, was sie wünschte. Das Lebehoch ward gerufen durch geschürzte Darkullaner, die selbst nichts eiligers zu thun hatten, als die Bürde von sich zu werfen, sobald nur Nene vorüber war. So machte einst eine hohe Fürstin der Christenheit Reisen in noch unangebaute Provinzen. Wie erfreute es sie, in einem der entlegensten Winkel durch schöne junge Alleen zu fahren, Dörfer und Städte voll fröhlicher Menschen zu finden. Aber die Alleen waren nur eingesteckte Baumzweige, nach einigen Tagen dürr, die Dörfer Dekorationen, in den Städten nur die Straße, wodurch man zog, mit Vorderfacaden geschmückt, und Menschen weit und breit herbeigetrieben, Bevölkerung zu lügen. Mit dem Divan berathete Flore wenig mehr, da seine Schwierigkeiten sie längst ermüdeten, dagegen bildeten ihre Kammerherrn einen engeren Cabinetsrath, wo kein Widerspruch, wohl aber die angenehmsten Hymnen gehört wurden. Siebentes Kapitel. Wieder Nachrichten von Kuku. Durch Eilboten, welche vom Heere kamen, erfuhr Flore, wie sich die beiderseitige Hauptmacht nun Einander beträchtlich genähert habe, und in einiger Zeit der Wurf einer entscheidenden Schlacht fallen werde. Kuku schrieb ihr dabei, nach den gewöhnlichen afrikanischen Galanterien, viel Rohes und Gescheutes. Darin blieb er sich gleich. Hauptsächlich ließ er sich über die Caffern aus, um welche sich der Krieg entsponnen hatte. Gigi, schrieb er, hat das Verwüsten eingestellt, sogar Schadenersatz angeboten, und noch einen ziemlichen Landstrich, den sie Tata abtreten wollen, dafern ihr die Caffern ausgeliefert würden. Es wäre also ein leichter und vortheilhafter Friede zu erringen. Allein die Verwüstung muß schmachvoller gerächt seyn, so will es Darkullas Ehre. Dann scheint auch die Veränderung im Betragen, auf einen Unfall zu deuten, der ihr widerfuhr, oder droht. Vielleicht will auch ein anderer Nachbar ihr Land mit Krieg überziehn. Das Gerücht sagt ohnehin lange: Habesch sei mit ihr zerfallen, und schon vor meiner Ankunft beim Heere hatte Tata sich um ein Bündnis mit diesem Reiche bemüht, wozu sich jetzt einige Hoffnungen zeigten. Es wäre also thörigt, um ein wenig Land den Frieden einzugehn, wenn es vielleicht ganz wieder zu erobern ist. Und dann fällt auch Gigi lebend oder todt in meine Hände, eine Lust, die hunderttausend Köpfe spottwohlfeil erkaufen. Der Caffern wegen habe ich einen Entschluß genommen, mit dem du Eselin der Eselinnen, (Kuku hatte Wichtigeres zu thun, als die Titulaturen zu verbessern) zufrieden seyn wirst. Schon oft blitzte der Säbel über die Häupter derselben, doch aus den Gründen, die dir schon bekannt sind, wurden sie immer noch der Volkswuth entzogen. Jetzt sind sie aber auf dem Wege zur Hauptstadt des Felsenlandes. Bald werden sie bei dir ankommen, Sonne von Darkulla, liebliche Sultanin Nene. Lasse sie in engen Gewahrsam bringen. Gewinnt mein Schwert in dem großem Kampfe, der uns bevorsteht, so mögen sie leben, und ihre Geschicklichkeit Darkulla Nutzen bringen. Und etwas Erhebliches muß es ja darum seyn, weil Gigi sogar um den Besitz der Männer sich demüthigt. Ein Bote, dessen Esel mit Mandelblüthe geschmückt ist, wird dir den Sieg verkündigen. Verliere ich aber die Schlacht, dann lasse mir gleich die Caffern tödten. Besiegt zeig ich Gigi den grimmigsten Trotz. So ziemt es dem Sultan von Darkulla. Desto eher wird sie auch den Krieg enden, und hab ich doch das Felsenland, wohin ich mich mit Tata zurückziehe, das jetzt klüger bewacht wird, wie im vorigen Kriege. Die Köpfe der egyptischen Kaufleute sende mir, ich will sie Gigi übermachen. Dieser beiden Männer wegen, unterhandelte Gigi am eifrigsten. Den Verlust der Schlacht meldet dir ein Bote auf einem Esel ohne Schweif. Das ist das Zeichen der Klage, des Trotzes und der Caffern Todesspruch. Du kannst die Kaufleute erst über manches befragen. Diese Köpfe werde ich nicht senden, dachte Flore bei sich, wenn sie schon empfand, daß einige Größe in der Barbarei lag. So stand Claudius Nero, dem listigen und kräftigen Punier gegenüber, der so oft Roms Legionen überwunden hatte. Asdrubal kam über die Alpen gezogen, den Bruder zu verstärken, und nur eine geringe Macht konnte ihm unter dem Consul Livius Salinator entgegenrücken. Da entschlich Claudius mit des Heeres größter Hälfte, während täuschende Zeichen Hannibal seine fortdauernde Gegenwart vermuthen ließen. Mit Eilmärschen erreichte er den andern Feldherrn, ihm Hülfe zu leisten. Vereint griffen die Helden an, funfzigtausend Feinde sanken. Nach sechs Tagen war Claudius schon zurückgekehrt, und in Hannibals Lager flog -- Asdrubals Haupt. Achtes Kapitel. Die Caffern langen an. Einige Wochen darauf brachte ein starker Trupp Soldaten, die Caffern mit ihren Weibern und Kindern. Die Sultanin ging selbst hinunter, da sie vor dem Pallaste angekommen waren. Sie fragte gleich nach den Kaufleuten aus Egypten, und man stellte ihr einen Greis mit bekümmertem Antlitze, und einen jugendlich blühenden, sehr lebhaften Mann vor. Letzterer trug auch Spuren des Grams auf seinem Gesichte, ein gewisser heiterer Lebensmuth schien sie aber nicht ohne Erfolg zu bekämpfen. Wer durfte sich auch wundern, diese Leute niedergeschlagen zu sehn. Ohne Zweifel hatten die Zusagen jener Königinn, ihnen mit den freundlichsten Erwartungen geschmeichelt, und nun schwebte ein Dolch über ihren Scheiteln. Flore fragte nach ihren Namen, ihren Geburtsorten. Mustapha nannte sich der ältere, der jüngere Osmann. Aus Natolien berichteten sie, sind wir gebürtig, Cairo war zeither unser Wohnplatz. Da Flore von Cairo hörte, ward ihr die Wange heiß, und die Pulse fingen rascher an zu hüpfen. Gern hätte sie gleich gefragt, wie es ihren Landsleuten jetzt in Egypten erginge, sie fürchtete aber, ihr Interesse würde zu sehr hervorleuchten. Weislich unterhielt sie auch in Darkulla den Glauben, sie stamme aus dem türkischen Caffernlande, und sie konnte um so leichter die Muselmännin spielen, als sie bei jenem Derwisch so viele Lehren des Coran aufgefaßt hatte. Als Nazaräerin würde Kuku ihr auch nicht so viel Gewalt in die Hände gegeben haben, und es befestigte ihr Ansehn nicht wenig, daß sie die Priester in Darkulla, welche noch höchst unwissend in Religionssachen waren, zu meistern verstand. Doch nahm sie sich vor, nächstens die Egypter ins Geheim zu sprechen, wo sie denn manches erfahren könne. Osmann zeigte ihr die für Gigi geworbenen Männer und machte sie mit ihren Eigenschaften und Kunstfertigkeiten bekannt. Da gab es Waffenschmiede von Damaskus, Gärtner von Aleppo, Bauverständige aus Smirna, Zeugmacher von Angora, und andre brauchbare Männer, die, wenn ihnen England oder Frankreich wohl nur einen dürftigen Wirkungskreis gegeben hätte, doch geeignet waren, im tiefen Afrika eine neue Schöpfung ins Leben zu rufen. Am meisten freute sich Nene bei dem Anblick der Männer von Angora. Die Zeugmacherei wollte sich in Darkulla bei allen Bemühungen nicht zu Fortschritten bequemen. Daß aber nun keine Sorge sei, das Haar der Kameele und der edlen Ziegengattung, in diesem Lande, wie die zarte Wolle, welche Darkullas Bäume lieferten, bald in artige Stoffe verwandelt zu sehn, lag am Tage. Deshalb bestand auch kein Gedanke daran, diese Leute einzukerkern, vielmehr wurden sie reichlich beschenkt, und Rath über die Mittel gepflogen, ihnen bald Werkstätten anzuweisen. Ihr sollt Gigi nicht vermissen, rief sie ihnen zu, und die Caffern waren vor Freude außer sich, da hartes Gefängniß, vielleicht ein noch schlimmeres Loos, alles war, was sie erwarteten. Die Kammerherren klatschten so viel Beifall, daß ihnen schier die Hände erlahmt wären, und Flore meinte ihr Verfahren schon bei Kuku verantworten zu können. Im schlimmsten Falle athmete ja das Roth ihrer Lippen noch Zauber genug, für einen Prinzen aus Afrika. Zu dem jüngeren Kaufmanne faßte sie viel Vertrauen. Er antwortete so gewandt, so schnell, so verständig über alles was sie ihn fragte, rieth mit so guter Ueberlegung, daß Flore ihm bald erklärte, sie habe noch keinen Muselmann von so vieler Geistesgegenwart gefunden. Diese Artigkeit schien den jungen Osmann zu erschrecken, und er maaß seine Reden etwas langsamer ab. Bald aber wunderten ihn auch die Bemerkungen, die Kenntnisse, die verfeinerten Liebhabereien der Sultanin, und etwas vorlaut sagte er: es schiene unbegreiflich, daß ein Paar georgische oder zirkassische Sklavinnen, wie sie und Gigi, einen in dieser Weltgegend so unerhörten Reichthum an glücklichen Ideen zeigten. Hier gerieth Flore in einige Verlegenheit, und um sich ihr zu entwinden, sagte sie: ein griechischer Priester in Georgien habe ihr in manchen nützlichen Dingen Unterricht ertheilt. Osmann nahm wieder das Wort. Erhabene Sultanin, es scheint die Zeit gekommen, die der Völker Finsterniß erhellen wird. Darum landete auch vom fernen Toulon ein Heer Franken am Nil. Sehr eilig fragte Flore: Und wie ergeht es jetzt diesen Franken? Ich hörte davon. Osmann erwiederte: Heldenmüthig fechten sie gegen der Mehrheit Wahn, indeß nur wenige Kluge des Landes ihnen Heil wünschen. Doch ein Werk der Art kömmt nicht gleich zu Stande. Schon genug, wenn die Bahn kräftig gebrochen wurde, sollte auch nur ein nachfolgendes Geschlecht vollenden. Osmann, rief Flore, der Prophet segne dich. Du bist sein würdiger Anbeter. Ein Mann wie du thut mir Noth, in meinem glänzenden und beschwerlichen Amte. Mein Divan kennt nur Widerspruch. Andere Diener billigen was geschieht, doch ich fürchte, sie schmeicheln und verhehlen mir. Sei du Lenker des Kunstfleißes in Darkulla. Erscheine vor mir so oft du willst, und laß mich deinen Rath hören. Hehle mir nimmer Wahrheit, ich liebe sie, auch wenn sie bitter wäre. Erspähe die Gewohnheiten des Landes, so kannst du meinen Absichten desto mehr frommen. Gerührt und edelsinnig dankte Osmann, und verhieß, mit Gefahr des Lebens ihren Beifall zu suchen. Darkullas Sitte, sprach er, ist mir nicht mehr fremd, da ich eine gute Zeit in Tatas Lager weilte. Auch von deinem Regiment, erhabene Sultanin, vernahm ich schon. Im Lager ging manches Gerücht umher, und die Einwohner deiner Hauptstadt, welche den Soldaten unserer Bedeckung entgegen kamen, sprachen viel davon. Und was? fragte Nene gespannt. Osmann stockte ein wenig. Es ist mir um Wahrheit zu thun. Der egyptische Kaufmann fuhr fort: Dann hätte ich gewünscht, diese Darkullaner mögten sich durch günstigere Urtheile über ihre edle Fürstin geehrt haben. So sagte der berühmte Bülow, als sein Geist des neuen Kriegssystems in der allgemeinen deutschen Bibliothek scharf mitgenommen wurde: Wenn sich dieser Kritiker doch ehrte! Flore drang mit der Miene des guten Bewußtseins weiter in Osmann. Wer entgeht dem Tadel, sagte sie, doch bin ich neugierig, den zu hören, der über mich ergossen wird. Uebrigens sind es weder die Besseren noch die Zahlreicheren im Lande, die ihn theilen, meine neuen Räthe beruhigten mich über jede Sorge, sollten sie auch zur Hälfte geschmeichelt haben. Osmann zog bedenkliche Falten der Stirn. Aus dem, was ich hörte, sprach er, läßt sich auf eine Unzufriedenheit schließen, die größer, viel größer sein mag, wie du fürchtest. Gestatte mir die Meinung zu wagen, du hast gefährlich mit deinen neuen Satzungen geeilt. Die Sultanin fiel ein: Muth gab ihnen vielleicht in den Augen des Volkes einen höheren Werth, und die Sache an sich ist zu gut, als daß der Muth sich nicht gern für sie waffnen sollte. Osmann versetzte: Diesen Gesinnungen ziemet hoher Ruhm, dennoch hätte mich der Himmel in deinen Divan berufen, ich würde -- -- Würdest du mir anders gerathen haben? Treue hätte mich so kühn gemacht, dir zu sagen: Gebiete nichts, überlasse was du willst, der Freiheit. Doch kleide sich dein Hof, nimmer wohne er einem gräßlichen Feste bei, der Titel, den du verachtest, werde dort nimmer gehört. Erst wird man im Volke Unmuth ahnen, er wird auch hie und da laut werden. Merke nicht darauf, aber lasse nicht ab, das Beispiel zu geben. Ueberall werden die Höfe nachgeahmt, denn vornehmer will der Mensch immer erscheinen, wie er ist. Bald werden die Mächtigen des Landes die Sitte des Oberhaupts verehren, und sie sich aneignen. Ihnen folgt der Mittelstand. Gegen diesen werden zuletzt auch die Knechte nicht zurück bleiben wollen. Einige Jahre, und das Ziel wird ohne Unruhe erreicht. Flore dachte bei sich: dieser Moslem urtheilt, als ob er in Paris geboren wäre, doch hütete sie sich, das zu sagen, vertheidigte noch ihren regsameren Gang, und entließ den Kaufmann. Unterdessen aber war, ihr unbewußt, der schon lange glimmende Funke der Empörung furchtbar aufgelodert. Dem Volke war Kukus Wille bekannt, denn er hatte ihn vor den Soldaten nicht geheim gehalten, und diese den Einwohnern wieder davon erzählt. Welch ein allgemeiner Unwille nun, da die, welche in den Kerker sollten, mit Ehre und Geschenken überhäuft wurden! Man haßte sie mehr noch als jene Gefangenen, denen die Sultanin, ungehorsam gegen Kuku, das Leben ließ. Denn man erblickte die Werkzeuge der völligen Unterdrückung der alten Freiheit in ihnen. Fertigen diese erst, rief man, die gehässigen Kleider, müssen wir uns damit peinigen und schänden. Aber noch, als berathet ward, ob man sie rebellisch aufgreifen und einkerkern sollte, trabte der Eilbote auf dem Esel ohne Schweif weinend ins Stadtthor. Kuku ist geschlagen, ihr Bürger! jammerte er. Dann müssen die Caffern sterben, rief alles, sie, um derentwillen das Blut von Darkulla fließt. Ergreift sie, thut des Sultans Willen! Noch fanden sich einige ruhigere Gemüther in der Menge und man war in Darkulla noch mit dem Gedanken an Möglichkeit der Empörung nicht vertraut. Also noch einiges Zaudern. Noch einige Mahnung, zu erwarten, was die Sultanin nun thun würde. Sie stand an einem Pallastfenster, hörte den wilden Lärmen erst in der Ferne, dann wälzte sich hinter den Eilboten her, des Pöbels Gewühl. Sie erschrack bei dem Anblick des Eilboten, und wurde heftig entrüstet durch des Pöbels Betragen. Niemand sah sie darunter, der nur eine geflochtene Schürze getragen hätte. Der Eilbote hatte kein Palmblatt. Zu niedergeworfen berichtete er, sei Kuku gewesen, um schreiben zu können. Er werde das Nähere berichten. Vorerst nur soviel, daß Gigi in einer großen Schlacht Siegerin geblieben sei, Kuku lasse seinen Gruß entbieten, und an sein Verlangen mahnen. Während Flore mit dem Schwarzen sprach, tobte die Menge unten: die Caffern nieder! Mustaphas und Osmanns Köpfe ins Lager! Gehorsam dem Sultan! Nie hatte sie dergleichen gehört. Sie rief einen Kammerherrn, dem die Knie schlotterten und die Hände flogen. Hinaus, sprach sie, und gebiete in meinem Namen dem Volke, schnell auseinander zu fliehn, und demüthig zu erwarten, was ich beschließen werde. Sie rang die Hände. Osmanns Kopf! Der Mann war ihr so lieb geworden, und nun die ganze Abneigung ihres Herzens gegen Grausamkeit! Bedauern des guten Kuku! Hohn des Volkes! Viel lag in diesem Augenblicke auf ihr. Größerer Tumult. Sie eilt ans Fenster. Der Kammerherr will ihren Befehl verkünden, wird aber nicht gehört, oder vielmehr er kann vor Zittern nicht sprechen. Einer der Eunuchen muß hinaus. Dem war zwar die Hälfte seines Muthes genommen, doch aber hatte er mehr übrig, wie der Kammerherr. Er gebot, sich zu zerstreuen, aber die feine Stimme eines Eunuchen imponirt nicht genug. Das Volk gehorchte nicht. Es waren viele vom Divan in den Pallast gekommen. Sie mißbilligten den Auflauf ernst und erinnerten die Sultanin, ihn nicht ungestraft zu lassen. Doch Kukus Befehl muß vollzogen werden, setzten sie hinzu. In dem Augenblicke ward das Geschrei wilder als je. Flore sah, wie viele Caffern, die in den Pallasthof liefen, um dort Rettung zu finden, vor ihren Augen gemißhandelt wurden, ja man brachte Mustapha sammt Osmann bei den Haaren geschleppt, zog einen Henker, der das Schwert bei sich trug, herzu, und forderte einmüthig den Befehl zur Hinrichtung. So viel konnte Flore nicht mehr unthätig ansehn. Ihr ganzer, seitdem sie Sultanin von Darkulla hieß, ziemlich angewachsener Stolz, ihre angeborne, mit einer ganz angemessenen Zugabe von Leichtsinn versehene, Kühnheit erwachte. Sie hörte der Räthe Warnung nicht, lief zur Eunuchenwache, die unter dem Gewehr stand, riß dem Obersten die Lanze aus der Hand, und befahl, ihr zu folgen. So stürmte sie unter die Menge, ließ zu Boden strecken was nicht floh, und drang noch eben bis an die beiden unglücklichen Kaufleute hervor, als der Henker schon auf den einen seinen Streich führen wollte. Erwarte mein Gebot! rief sie, und jagte ihm die Lanze durch die Brust. Etwa Hundert Schwarze waren niedergemacht, als das Volksgewimmel den Platz gereinigt hatte. Nicht die Furcht vor dem Tode wirkte so auf die Darkullaner, wie die unbesiegbare Gewalt des Ansehens, womit Florens Entschlossenheit sich gewaffnet hatte. Die Caffern waren schlimm zugerichtet, doch noch sämmtlich am Leben. Flore trug Sorge für sie. Mustapha und Osmann wurden in den Pallast gebracht. Jenen hatte die Angst seiner Kräfte beraubt, und er mußte getragen werden, dieser aber rief lachend: Schon glaubt ich heute Mahomeds Paradies zu sehn, aber die Thür flog wieder zu. Die muthige Sultanin glaubte noch nicht genug gethan zu haben. Sie wich nicht von dem Hofe, und schickte dem Volke die Eunuchen nach. Die Sultanin hat euch zerstreut, mußten sie entbieten, jetzt befiehlt sie, daß sich der Haufe schnell wieder zurückbegebe, weil der sechste Mann erwürgt werden soll. Es liegt in der Natur der Kühnheit, sie fluthet in der Uebung an, und dem warmen tapferen Herzen gefällt die Erneuung der Gefahr, um die Lust höheren Triumphs zu gewinnen. So hatte sie in Fesseln geschlagen, so unterwürfig war das gebändigte Volk, daß sich gleich der Pallasthof wieder anfüllte. In tiefer Stille, mit gebeugtem Haupte erwartete jeder den Wurf der Loose. Es schien kein Einziger zu fehlen da nicht mehr leerer Raum bestand, als zuvor. Mit Hoheit trat die Sultanin vor den Haufen, und milderte die Strafe der Meuterei. Wer sind die Anstifter? fragte sie. Zwanzig bis dreißig Männer traten hervor. Nicht der Caffern Häupter sende ich dem Sultan, aber die eurigen. Eilt in sein Lager, sie selbst zu überbringen. Die Männer gingen auf der Stelle ab, und die Uebrigen mußten nach Hause. Die Leichname der Getödteten wurden still verscharrt. Herrliche Fassung! Schöner Glaube an Eigenkraft und Glück der Verwegenheit! Wie groß sind eure Triumphe! Nicht in Afrika, aber in einer namhaften deutschen Stadt sahe der Verfasser dieses Büchleins, die recht kecke That eines Befehlshabers, und auch sie errang ihren Preis. Die Gesellen einer sicheren Zunft, weigerten sich bei der zunehmenden Theurung, noch um den auf wohlfeile Zeit gewürdigten Lohn zu arbeiten. Daß viel Recht auf ihrer Seite seyn mogte, fühlt man, ein Jurist beweiset aber: nein! Es giebt da auch das allgemeine Argument: sie müssen ihre Beschwerde dem Richterstuhl vortragen, nicht aber durch Tumult die öffentliche Ordnung stören. Nun liegt zwar am Tage, daß der Richterstuhl nicht wohl helfen kann. (denn den Geldwerth zum Staatsverhältniß im Gleichgewicht zu erhalten, dazu gehört eine höhere Weisheit, wie die der Justiz, wiewohl eigentlich die Justiz diese Weisheit besitzen und üben, vielleicht auch weil, Justiz, Weisheit, Regierung, dasselbe seyn sollte, aber die Nothwendigkeit des zweiten Satzes wird jedermann einräumen.) Genug, diese Gesellen wurden vom Gefühl ihres Rechtes, jugendlichen unüberlegten Eifer für dasselbe angetrieben, statt der Arbeit, das Trinkhaus zu besuchen, um dort in Versammlung aller Glieder Abreden für die gemeine Sache zu nehmen. Hier wurden die Jünglinge noch mehr erhitzt, es kam dahin, daß Soldaten gegen sie gebraucht wurden, sie meinten, sich widersetzen zu müssen, so wurde es schlimmer und mehrere blieben auf dem Platz. Bei dem Tumult, der sich dadurch verbreitete und wobei die größeren Bewegungen nur Neugier oder Furcht zur Ursache hatten, meinte aber ein hoher bürgerlicher Beamter in dem Orte, es liefe auf Staatsumwälzung hinaus, und bat den Befehlshaber der Besatzung dringend, von allen Gewaltmaasregeln abzulassen. Dieser willigte ein. Aber sehr natürlich wurde nun das Uebel größer. Da ließ man denn unterhandeln, gab übereilt mehr nach, als zufolge der Umstände thunlich war, ja bewirthete die jungen Handwerker mehrere Tage auf öffentliche Kosten. Diese erklärten endlich, sie wollten ihre getödteten Brüder ehrenvoll beerdigen. Man ließ es zu, und jene richteten nach ihrer Weise einen stattlichen Pomp an. Endlich forderten sie noch die Erlaubniß, alljährlich am Todestage der Gefallenen, einen Aufzug zu ihrem Andenken halten zu dürfen. Um den Preis der öffentlichen Ruhe fanden sie auch hier keine abschlägige Antwort. Bald darauf ging der Gebieter der Besatzung ab, und ein anderer trat in seine Stelle. Er hatte gehört, was vorgegangen war, und fühlte durchaus verschieden mit seinem Vorgänger. Wird dieser Aufzug künftig gestattet, sagte er, so ist er jedesmal nicht nur Hohn der Obrigkeit, sondern auch neue gefährliche Auftritte sind zu besorgen, die Uebermuth und Trunkenheit erzeugen können, und wie ihn auch der bürgerliche Staatsbeamte anlag, so erklärte er rund und nett, es sey mit seiner Ehre unverträglich, das Vorhaben zuzugeben. Der Tag kam heran, die jungen Leute hatten beschlossen, ihn vom frühen Morgen auf der Herberge zu feiern, und Nachmittag die Prozession zu vollziehn. Es wurde ihnen gesagt, daß es Herkommen sey, dem Befehlshaber des Orts, von allen zahlreichen Versammlungen auf den Gassen Nachricht zu geben. Es wurden also die drei ältesten mit der Meldung beauftragt. Sie langten bei dem General an, und sagten ihm kurz hin: Wir halten heute den Umzug. Kalt erwiederte dieser: Ihr haltet ihn weder heute noch jemals, und nach einer Erklärung seiner Gründe, mahnte er sie freundlich ab. Aber gestützt auf die vorjährige Nachgiebigkeit, versicherten sie mit lachendem Trotz: es würde dennoch geschehn. Nun machte der Befehlshaber Ernst. Wo sind Eure Kameraden? -- Sie nannten das Wirthshaus. -- Gut, jetzt ist es neun Uhr, mit dem Schlag zehne bin ich dort, und sind dann nicht alle an ihre Arbeit, würfelt ihr drei, und der das mindeste zählt, hängt noch Vormittag. Darauf meine Ehre! Er schickte nur gegen die bestimmte Zeit, und man fand leere Zimmer. Neuntes Kapitel. Fortsetzung. Nene eilte auf ihr Cabinet, dem Sultan zu schreiben. Menschlich dein und des Volkes Heil fördernd, will ich gern Dein Reich verwesen. Doch rohe Grausamkeit muthe mir nimmer zu, oder suche Jemand, in dessen Herzen die Stimme des Gefühls, in dessen Verstande das gesunde Urtheil nie gehört wurde. Auch kann nur Unklugheit das rechte Gefühl verleugnen. Es werden Männer zu dir kommen, denen ich gebieten mußte, ihre Köpfe zu deinem Richtplatz zu tragen. Sie werden dir erzählen: warum? doch bitte ich, begnadige sie. -- Dies war des Briefes Hauptinhalt. Da sie den Eilboten abgefertigt hatte, ließ sie Osmann rufen. Er stürzte der großmüthigen hochherzigen Lebensretterin zu Füßen. Jedermann hebt in solchem Falle auf, folglich auch unsre Heldin. Dann sah sie aber den Egyptischen Kaufmann mit einem langen Blicke an, und fragte nach einer Pause: Wie ist dein Name, Egypter? Er nannte den nämlichen, welchen er schon angegeben hatte, doch diesmal mit einigem Stottern. _Flore._ Vorhin, als der Mann den Todesstreich nach dir richten wollte, sanken ergeben deine Knie in den Staub, und von deiner Lippe entfloh ein Name -- ein weiblicher Name -- ein Name, nicht gewöhnlich in der Türkei. _Osmann._ Ich -- wähnte den Augenblick des Sterbens nah. Ohne deine himmelgesandte Rettung -- _Flore._ Osmann, du magst ein Renegat sein, doch ein Türk bist du nicht. Schon die Kraft, mit der du den Tod erwartetest, die leichte Freude hernach -- so sieht man den Muselmann nicht in dem ernsten Momente. Glaube an Bestimmung kann ihm Muth zu sterben geben, doch nennt er Mahomed zuletzt, kein Mädchen. _Osmann._ Sultanin -- du bist keine Cirkasserin, keine Türkin -- _Flore._ Und du wagst -- _Osmann._ Großmüthig, tapfer könnte eine Türkin sein, doch _dieser_ Edelmuth, _diese_ Tugend konnten nur in einer christlichen Europäerin wohnen. _Flore._ Du nanntest den Namen eines Mädchens -- fast mögt ich sagen, einer Spanierin. _Osmann._ Nene -- Nene! Du bist eine Französin! _Flore._ Traf ich es, wackerer -- Coutances? _Osmann._ Aber heldenmüthige -- Flore, woher weißt du, daß ich Coutances bin? Flore taumelte einige Schritte vor Befremdung zurück, dann antwortete sie, die wortarme Negersprache mit der ausdruckreichen französischen wechselnd. Sie nannten Isabelle, ich hatte von ihrem Roman in Cairo gehört, ihre Gewandtheit, ihr schlauer Sinn, ihr Humor trafen mit der Beschreibung zusammen. So errieth ich -- und sie, woher ist ihnen bekannt -- _Osmann._ Ich sah vor kurzem in Cairo einen Commissair der französischen Armee, meine Freude war groß, denn schon auf meiner Reise in Deutschland hatte ich den muntern Ring kennen lernen, und manche Aehnlichkeit in Sinn und Gefühl kettete uns aneinander. _Flore._ Wundervolle unbegreifliche Verkettung. _Osmann._ Er klagte mir das Unglück, seine geliebte Flore, bei jenem Aufstand zu Cairo, da er grade die Pyramiden von Gizah besucht hatte, verloren zu haben. _Flore._ Ich Unglückselige, daß ich ihm nicht zu den Pyramiden folgte? Doch weiter, mein Herr. _Osmann._ Da ich ihm sagte: ich würde eine Reise in entlegene Länder von Afrika antreten, beschwur er mich, überall nach ihnen zu forschen, und beschrieb sie genau -- o Himmel wer hätte gedacht, daß tausend Meilen weit -- _Flore._ Wie geht es Ring? _Osmann._ Da ich abreisete, glaubte er, nächstens den Zug nach Syrien begleiten zu müssen. _Flore._ So ist er doch gesund, wohl -- _Osmann._ Wie man es sein kann, bei einem so theuren Verlust im Schmerz der liebenden Sehnsucht -- Freilich ahnt er ihr Glück, sein Unglück nicht, daß Darkulla Floren seine Sultanin grüßt. _Flore._ Sultanin von Darkulla! Nun ja, man nennt mich so -- bin ichs aber? Wollte der Himmel ich hätte dies Land nimmer gesehn. Alle seine Schönheiten werden durch so viele Plagen -- Doch wie kommen sie hieher, Coutances! Unglücklicher Liebhaber! ohne Zweifel suchen sie Isabellen? Schöne Treue! rühmliches Streben! _Osmann._ Ach Isabelle ist nicht mehr. Hätte ich keine Nachricht von ihrem Tode, würde der meinige mich erschreckt haben. Ich rief Isabelle, im Gedanken an das Wiedersehn, denn ich glaube eine andre Welt. _Flore._ Wenn, wo starb denn Isabelle? _Osmann._ Ich muß weit ausholen, jeden Umstand zu berichten. _Flore._ O das wird mich höchlich freun. Fangen sie auf der Stelle an. _Osmann._ Von Ring weiß ich, daß der Sklave Coraim schon auf der Seefahrt mein Abentheuer erzählte, und daß sie alles wissen, bis auf den Augenblick, wo Isabelle aus dem Hause des Vaters entführt wurde. _Flore._ Auch ist mir wohl bekannt, daß es der Italiener Perotti selbst war, in dessen Besitz nachher das Mädchen gelangte. _Osmann._ Daß sie das wissen, setzt mich in hohe Verwunderung, ich ahnete es selbst nicht, erfuhr es erst spät und auf einem sonderbaren Wege -- _Flore._ Wie es mir zu Ohren kam, sollen sie hernach erfahren. Unterbrechen sie sich nicht. _Osmann._ Aber ehe ich Isabellen sah, gleich nachdem ich des Handels wegen nach Egypten gekommen war, widerfuhr mir folgende Begebenheit. Ich war in Cosseir gewesen, dort ein Geschäft mit Moccakaffee abzuschließen, und kehrte durch die Wüste zurück. Etwa auf der Mitte des Weges treffe ich zwei Beduinen, die in der furchtbaren Sonnenhitze auf den Sand hingestreckt liegen. Bei genauer Besichtigung fand ich beide verwundet. Es waren ein Jüngling und ein Greis. Jener, wiewohl selbst hülflos, hielt diesen sorgsam umfaßt. Ich fragte nach ihrem Unfall, und erhielt die Antwort: streitende Wechabiten hätten sie niedergeworfen, ausgeplündert und gemißhandelt. Ich that, was das natürliche Mitleid gebot, was jeder Europäer würde gethan haben. Die Unglücklichen wurden auf eins meiner Kameele geladen, und so mit nach Cairo geschafft. Da sie dort nicht unterzukommen wußten, fand sich denn leicht ein Kämmerlein bei mir, und ein Arzt, den ich eben wegen eines Augenübels brauchte, versorgte sie mit Arzenei. Daß sie gar nicht begreifen konnten, wie ein Christ, gegen einen fremden Religionsverwandten so zu handeln im Stande war, darum bedauerte ich sie, und hatte zu mancherlei Verrichtungen, mich weiter viel um sie zu bekümmern. Da sie nun hergestellt waren, konnte besonders der Jüngling kein Ende für seinen Dank finden, daß ich ihn und seinen alten Vater -- sie wissen ja wie das ist, ich sagte denn, sie sollten nur machen, daß sie aus dem Hause kämen. Der junge Araber aber rief: Frank, ich heiße Imar, und sollten funfzig Jahre vergehn, ich ruhe nicht, bis ich dir deinen Edelmuth bezahlte. Ich gab natürlich auf diese Rede nichts. Doch nachdem es mir widerfuhr, daß ich mich in Isabellen verliebte, und sie dem Italiener Perotti, von dem sie werden gehört haben, streitig machte, fand sich dieser Imar wieder bei mir ein, Hülfe zu leisten. Er hatte, ohne daß ich es wußte, beobachtet, was mich beschäftigte. Ich brauchte Leute zur Ausführung meines Vorhabens, ließ mir also seinen Beistand gefallen, bot ihm ein Geschenk, wie Isabelle zu ihrem Vater gebracht war, und erklärte, daß ich seiner nicht mehr bedürfe. Wer weiß, rief er, und sprang zur Thür hinaus. Bald darauf verschwand Isabelle wieder, ich fand den Italiener, der sie aus des Consuls Wohnung geraubt hatte, gebunden im Keller, und fühlte selbst Mitleid bei seinem kläglichen Zustand. Die Mühe, Isabellen auszuforschen, war umsonst. Der Gram warf mich und ihren Vater aufs Krankenlager. Wohl ein halbes Jahr darauf kam Imar wieder zu mir. Frank, sagte er, du bist nichtswürdig betrogen worden, ich dachte dir Freude zu bringen, aber der Prophet wollte nicht. Weine! Da ich Erklärung verlangte, fuhr der Araber fort: Der ungläubige Hund, den du gebunden fandest, hat die schöne Sklavin selbst geraubt, ich ließ ihn mit meinen Freunden nicht aus den Augen, und nahm sie ihm bei Raschid wieder ab. Nun wollte ich sie dir bringen, denn immer bezahlte ich dir noch nicht, was, du in der Wüste an mir gethan hast. Aber die Begleiter, welche ich mir zu meiner That gewählt hatte, waren Schurken, sie wollten keinem Franken hold sein, und da ich bei der Rast ein wenig schlummerte, verkauften sie das Mädchen vorüberziehenden Sklavenhändlern. Sie können denken, wie gespannt ich bei dieser Erzählung horchte, und wie gerührt ich bei dem dankbaren Sinn des Arabers war. Er berichtete weiter: Da ich erwachte, waren die Begleiter entflohn, das Mädchen sah ich nicht mehr, wohl aber von fern den Staub von Kameelen. Ich ritt nach, fand eine kleine Caravane von Schwarzen und die Sklavin auf einem Kameele sitzend, hatte aber kein Geld, sie wieder loszukaufen. Ich eilte zum Vater. Du mußt mit der Caravane, sprach ich, verdinge dich als Knecht, damit du siehst, wo die Sklavin bleibt, und in allen Städten lasse bei dem Kiaschef Nachricht von dem Wege. Ich werde folgen, so bald ich Reisende niederwarf, und so viel Geld plünderte, um sie zu meinem Eigenthum zu machen. Der Alte, eingedenk deiner, war willig mitzugehn, und wären es Tausend Meilen. Ich legte mich denn in der Wüste auf die Lauer. Doch das Glück wollte mir nicht. Mehrere Monate vergingen, bis ich einen Wallfahrer, der nach Mecca gedachte, antraf, und der sich von seiner Begleitung entfernt hatte, um in einem Dorfe Früchte zu kaufen. Diesem raubte ich so viel ich brauchte, und schlug nun den Weg über Assiut ein, wo ich in den Ortschaften und bei den streifenden Beduinen immer Kundschaft vom Vater fand. Aber in Darfur hörte ich mit Entsetzen, die Sklavin sei ermordet. Ich kehrte zurück, dir das zu sagen. Weine aber nicht zu viel, denn es ziemt dem Manne nicht, und viel giebt es der schönen Sklavinnen. Baue darauf, ich bringe dir eine noch schönere. Wie sie denken mögen, versank ich in den tiefsten Schmerz, ich verspottete Imars Anerbieten, und die Dankbarkeit eines Straßenräubers verlor mir allen Werth. Er sprang mit den Worten hinaus: so bezahle ich dich auf eine andere Weise. Ich blieb bei Isabellens Vater, dem gebeugten Greis beizustehn. Wir vereinten unsere Handelsgeschäfte, erfuhren aber Unfall auf Unfall. Endlich steckte sein Reichthum sowohl, wie das, was ich an Vermögen erworben hatte, in einem großen Waarenlager, aus dem wir, nach den guten Bestellungen von Marseille, viel abzusetzen hofften. Allein die Engländer nahmen mehrere Schiffe in der mittelländischen See weg, und da die Franzosen nach Egypten kamen, übten die Einwohner Gewaltthat an uns, und der Rest des Magazins ging verloren. So sanken wir denn in Armuth, und es ward ein Glück für mich, den Commissär Ring bei der Armee wiederzufinden, denn er half mir in der tiefsten Verlegenheit mit Vorschüssen. O er war immer brav, unterbrach Flore den Erzähler. Doch vor kurzer Zeit, fuhr jener fort, kam Imar wieder bei mir an. Frank, sagte er, du bist Kaufmann, und unternehmend. Mit der Sklavin konnt ich dir nicht helfen, doch reich machen will ich dich. Etwa durch Räuberei? fragt ich höhnend. Nein, nein, ein Vorschlag, so redlich, daß es ein Sohns des Propheten ausführen könnte. Denke dir, mein alter Vater hat, nachdem die Sklavin ermordet war, auf die er Acht geben sollte, Dienste bei einer Sultanin, weit nach der Sonne zu, gefunden. Die Sultanin ist reich und mächtig. Viele arabische Stämme gehorchen ihr und geben die alte Freiheit auf, denn sie weiß der Herzen Liebe zu gewinnen. Ob sie eine Wechabitin ist, die mit großen Schätzen aus Arabien kam, oder wie manche glauben, eine Gemahlin des reichen Paschas von Bagdad, die ihm entfloh, weiß ich nicht, genug sie herrscht über ein großes Land. Sie baut Städte und pflanzt Gärten; dazu fehlen ihr aber -- Sie können hier einiges übergehn, ich kenne Gigis Absichten, fiel Flore ein. »Gut. Imar sagte: sein Vater habe von der Sultanin Aufträge erhalten, ein Paar Männer in Egypten ausfindig zu machen, die ihre Absichten unterstützen könnten, und mich und den alten Spanier genannt. Mich, aus alter Dankbarkeit, und den Spanier, weil dieser ausgebreitete Kunde vom Lande besitze. So du nun willst, Frank, endete Imar, mache ich dich reich.« Das klingt wie eine Fabel, entgegnete ich. Hätte ich Schätze, würde ich gar meinen, man wolle mich damit in die Falle lokken! Frank, Frank, erinnere dich, was du mir in der Wüste gethan, rief Imar gekränkt. Ein Weib Herrscherin? Das wäre in diesem Welttheil, wo das andere Geschlecht entwürdigt in, ohne Beispiel. Und doch ist dem so, versetzte Imar. Wisse aber, daß höher nach der Sonne hin die Weiber mehr gelten. Ferne Lande, ferne Völker sehn, ist meine Lust, darum kam ich zum Nil, doch wie ließe sich auf dem Wege nach Süden Sicherheit finden. Glaube mir, von Räubern der Wüste sollst du nichts fürchten. Darum begleite ich dich, und jeder Beduin ehrt meinen Stamm. Andere Räuber kommen nur in kleiner Zahl, da vertheidigen wir uns. Die Sultane jenseits Oberegypten sind um Geleit ersucht. Aber wie lasse ich mich nur ein, davon zu reden? Zu bewirken, was die Fürstin verlangt, dazu würden Hundert Beutel und mehr gehören, ich bin ohne Geld, ruinirt, wie mein Handelsfreund. Ei nun, rief Imar, die Männer, welche von der Sultanin hier sind, haben mehr, wie du bedarfst. Es wären Männer hier? Sie hätten -- Hier öffnete Imar schon die Thür, und mehrere stattlichgekleidete Leute, von arabischer Gesichtsfarbe, traten herein, begrüßten mich ehrerbietig, und übergaben mir Papiere, worauf alles verzeichnet war, was an Künstlern und Handwerkern gewünscht wurde. Dann erklärte der ansehnlichste darunter, alle Kosten wären an ihn zu weisen, wobei er ein Kästchen öffnete, das zwei Gefährten trugen, und sowohl Goldstangen als Edelsteine in solcher Menge und Güte enthielt, daß über die Grundlage der Unternehmung kein Zweifel mehr blieb. Der Anblick solcher Gegenstände macht höflich, darum that ich was ich nur konnte, die Araber zu verbinden. Mir wurde erklärt, daß gleich Zehntausend Piaster für mich und den Handelsfreund zu Gebote ständen, unsere Reiseeinrichtungen zu treffen. Der Spanier hatte so wenig noch etwas zu verlieren, wie ich. In dem Falle, wagt man die Gefahr um den Vortheil gern. Die Zerstreuung war uns nach Gram mancherlei Art willkommen. Bald fanden sich die Familien zusammen, die nach dem fernen Reiche ziehen wollten. Sie hatten auch durch die Zeitumstände gelitten, und warfen sich der Hoffnung in den Arm. Wir konnten nicht das nöthige Maas von Ansehen erstreben, wenn nicht Imars Rath befolgt ward, den muselmännischen Glauben anzunehmen. An den Vorbehalt des Herzens hinderte uns ja nichts. So traten wir unsern Weg an, und zogen ohne Unfall bis Darkulla, wo uns aber Tata anhielt, tausend Gefahren über unsre Häupter hereinbrachen, sich ein unseliger Krieg wegen uns entspann, und ich noch heute im Volksaufstande das Leben eingebüßt hätte, wenn diese hohe Wohlthäterin -- meine Landsmännin -- des Freundes Gattin -- Nun nun, unterbrach ihn Flore, davon weiter nichts. Ich rettete ihr Leben, wer weiß aber, wo sie mich wieder dem Tode entziehn. In der That, die Erzählung, welche ich hörte, ergriff mich nicht wenig. Also Isabellens Vater, Don Alonzo, wäre auch hier? »Es ist Mustapha!« Wunderbar! Muß ich mit Leuten, für die mich eine Novelle erwärmte, in so nahe so sonderbare Verbindung kommen. Füge es nur ein freundlich Geschick, daß alle Knoten sich beruhigend lösen. Ich bin der Abentheurerei müde. Für mich mag sie erst recht beginnen, sagte Coutances, mir schon recht. Kommen sie in jenes Zimmer, wo Isabellens Vater ist. Ich hoffe er wird zu sich gekommen seyn -- »Wo nicht, wird ihm diese Freude --« Still, still! Doch noch Eins. Isabelle wäre umgekommen? »Leider!« Und Perotti zieht umher, sie zu suchen. »Perotti?« Nachdem er mich um Kostbarkeiten betrog. »Der Elende! Möge er seine Strafe unter den Barbaren finden!« Strafe genug, wenn er vergebens in der Irre umherzieht. Doch -- wenn die Nachricht falsch wäre, Isabelle noch lebte -- »Mögte sie das lieber nicht, ehe Perotti sie fände. Aber dazu ist keine Hoffnung. Imars Nachrichten waren stets gegründet.« Und wo blieb der wackere Araber? »Kurz nachher, da uns Tata verhaftet hatte, machte er es möglich, zu entfliehn. Vielleicht gelang es ihm eher, wie einem andern, sich zu retten. Er ist des Herumstreifens gewohnt.« Gott, mich überraschte eben ein Gedanke -- nein -- kommen sie zu ihrem Vater! Beide eilten zu Don Alonzo, der ermattet auf einem Teppich saß. Die Diener mußten das Zimmer räumen. Nun sprach Coutances: Die großmüthige Sultanin von Darkulla, Alonzo, wen meinen sie, daß wir in der Heldin verehren? Alonzo hob seine Blicke verwundert empor. Es ist eine Französin. Die Gattin meines Freundes. Sie haben von ihr gehört. Der Alte vernahm außer sich das Weitere, und sank auf die Knie, dem Himmel zu danken. Letztes Kapitel. Wilder Sturm in die Freude. Das Regiment der Sultanin hatte sich seit jener siegreichen That gar sehr befestigt. Hatte Flore einst durch Schönheit gewonnen, so war ihr jetzt das Urtheil zugethan. Kuku hat doch eine gute Wahl getroffen, hieß es, da er der Cafferin den Szepter übergab. Und sie muß doch mit ihm einverstanden seyn, wissen, wie viel sie wagen darf. Freilich war man denn sehr gespannt, wie Kuku die letztere Verweigerung aufnehmen würde, und daran hing allerdings zuletzt Florens Gewalt. Indessen erfreute sie hoch, was sie jetzt wahrnahm, und Schmeicheleien oder angelegte Plane täuschten sie nicht mehr. Mustapha und Osman (unter diesen mahomedanischen Namen blieben Alonzo und Coutances um die Sultanin) mußten alles mit eignen Augen sehn, genau forschen und Bericht erstatten. Nene ritt oft und unverhofft aus, und unterrichtete sich dazu selber. Die Kammerherren bekamen die Aufsicht über die Rosenölfabrik, und durften nichts mehr von Staatsdingen reden. Sie erließ neue Edikte, und folgte darin einem Wink des Landsmannes. Zwar kann ich auch, hieß es darin, mit Gewalt zur Vernunft zwingen, da ihr aber oft zeigtet, daß die Dummheit euch lieber ist, so will ich denn hiermit meinen ersten Befehl widerrufen, und jeden Freund der Dummheit in Darkulla berechtigen, seiner Lieblingsneigung zu folgen. Schon waren die Köpfe im Streit gegen die Neuerung thätig gewesen, aber das giebt grade die Gelegenheit, des Gegners Lichtseite auch zu bemerken. Giebt er nun von selbst nach, so hört der Grund auf, diese Lichtseite zu schmähn, und des Strahles Helle, fängt an zu gefallen. Die Herren konnten nun also wieder der Knechte Köpfe aus Kurzweil abhauen. Es geschah aber nicht mehr. Die Knechte wurden wieder gut genährt, nun gefiel ihnen doch die Sicherheit des Lebens, und sie hätten auch das Gesetz zurückgewünscht. Man durfte nackt gehn, aber am Hofe schimmerten doch die Kleidungen ganz artig. Es wurde schon von nächtlich rauher Luft geredet, von Sicherheit gegen das Ritzen der Dornen. Die Stoffe, welche Osmann anfertigen ließ, waren überaus dünn und leicht, dabei sehr bunt und nett, und -- sie gingen bald reissend im Kauf. Es standen sogar Starkgeister in Darkulla auf, die meinten: die goldnen Eselinnen im Paradiese mögten wohl nur so eine Figur seyn, und wenn die Sultanin den Titel nicht mögte, so liefe es der Religion nicht zuwider, artig zu seyn. Genug, wenn Flore das Volk sah, so wurden der Schürzen immer mehr, und der Zischer beim Klatschen der Menge immer weniger. Und Kammerherrn hatten diese Klatscher gewiß nicht gedungen, denn keiner darunter war parfümirt. Die Glieder vom Divan waren zwar nichts weniger wie ausgesöhnt mit den neuen Erscheinungen. Sie meinten, der Volkscharakter fange an zu knarren und zu knistern, und werde nächstens ganz aus den alten Fugen geschoben seyn. »Ja daß Kuku und Tata eine Schlacht verloren haben, woran wirds liegen, als daß schon beim Heere von den Gesinnungen der Sultanin Nene geredet ward. Der Gedanke an Werth des Lebens folgt. Diesem die Liebe, und wer wirft gern hin was er liebt.« Doch waren die Nachrichten aus dem Felde jetzt etwas beruhigender. Das geschlagene Heer hatte sich in eine gebirgigte Stellung geworfen, worin Gigi so leicht ihm nichts anhatte. Abermals waren Friedensvorschläge eingetroffen, und die Forderung, Mustapha und Osmann auszuliefern. Kuku hatte aber antworten lassen: er erwarte ihre Köpfe, und werde sie richtig übermachen. Damals hatte er von Nenes Botschaft keine Nachricht haben können. Oft sagte Flore zu Alonzo und Coutances: Wie, wenn eure Isabelle noch lebte? Wenn wir erführen, ein Sklavenhändler, oder ein schwarzer Fürst hielt sie versteckt. Wir nähmen Truppen und zögen hin, befreiten sie -- Alonzo hob dann die Hände stumm zur Höhe, Coutances versank in einem Strome von Gefühlen, von denen manche schauderhaft, immer schauderhafter im Verfolgen wurden. Zuletzt entriß er sich, mit der erneuten Ueberzeugung: Imar kann nicht lügen. Bald traf der Eilbote ein, der erwartet wurde. Hof, Stadt und Provinz waren gespannt auf den Inhalt des Palmblattes. Flore las: »Schöne Sonne von Darkulla, liebliche Sultanin Nene! die Männer welche mir auf deinen Befehl ihre Köpfe überbrachten, sind nicht mehr. Ich konnte, wie theuer deine Bitte mir war, nicht verzeihen, denn sie hatten dir Gehorsam verweigert, Aufruhr und Verrath gesponnen, deine Stunden getrübt. Mögte tausend Köpfe tragen, der also thät, und sie sollten alle fallen. Was du mit den Gefangenen, und mit den Caffern beschlossest, ist alles meine Freude. Du glänzest wie ein See von weissem Gefieder, bestreut mit Wölklein Morgenroth, ich bin schwarz wie die Nacht einer Löwenhöle zur Regenzeit; also sinnest du mild wie die neugeborne Taube, ich wüthe dem Panther gleich, den beim Trinken ein Flußungeheuer mit spitzer Kralle verwundete. Es gebührt mir, meiner Liebe zu folgen, und wollte sie, ich sollte in die eigne Lanze fallen. Viel haben sie mir hinterbracht, was meinen Zorn gegen dich waffnen sollte, ich ließ deinen Verläumdern die Zungen ausreißen, und jetzt sind sie stumm worden, wie die Gruft meiner Väter. Für alle Liebe flehe ich jetzt um eine Huld. Diese gewähre mir, und tausend Bitten magst du dann verlachen. Damit ich dann auf dem Teppich meines Zeltes einschlafe, und Darkullas Kinder nicht mehr beben, lasse einmal des Busens Rede schweigen. An Gigi muß ich meine Tausende rächen, meine Ehre soll leuchten vor dem Angesichte der Völker. Eine hundertjährige Prophetin kam um Mitternacht und sprach: _Sultan Kuku, Osmann ins Grab, sonst steigt er auf den Thron von Darkulla. -- Darum Sultanin, darum sende mir sein Haupt!_ Ende des vierten Buchs. Potpurri. Der erfahrne Schriftsteller und der Angehende. Ein Gespräch. A. Und sie wollen die Zahl der deutschen Autoren vermehren. B. Warum sollte ich einem Drange widerstehn, der von dem innigen Antheil an dem Ideenverkehr der Menschheit ausgeht, und den ich, wohl darf ichs sagen, mit einem mehr als gewöhnlichen Fleiß nährte? A. Daß sie sich für die schöne Literatur entscheiden, hörte ich schon. In welcher Gattung aber denken sie sich zu versuchen? B. Werden sie meine aufrichtige Antwort nicht Anmaßung nennen? A. Ich errathe -- Universalität. B. Im ganzen Umfange den Begriff nehmen, hieße Unsinn, man kann ihm aber auch eine bescheidne Gränze ziehn. Ich läugne ihnen nichts. Poesie hat mich von jeher angezogen, und dennoch gewann sie mir keine Vorliebe ab. Von einer Epopee begeistert, frag ich die Geschichte, ob nicht noch unbefangene Helden vorhanden sind, und mit dem Spötter in kurzen Worten, übe ich Fertigkeit in Sinngedichten. Das Schauspiel ergreift mich gewöhnlich lebhaft genug, um bei der Heimkehr von der Bühne, auf neue Cannefasse zu denken; selten lege ich einen Roman aus der Hand, ohne Charaktere und Lebensverkettungen origineller Art, vor den innern Blicken zu sehn; oft überrascht mich die Leichtigkeit, womit ich das Gedankenspiel vom Bestehenden, hinaus ins noch unbekannte Gebiet trage, womit ich mir Philosophie des Geschmacks aneigne, kritische Gebäude aufführe, Lehrplane des Schönheitgesetzes entwerfe, -- doch ich breche ab. Da haben sie mich, wie ich bin. Erheben sie die strafende Stimme. A. Kraftgefühl der Jugend soll man aufmuntern, nicht schelten. Doch wie ich sehe, bedarf es eben der fremden Anreitze bei ihnen nicht. B. Diese Bemerkung mahnt mich dennoch, in meinem Innern den lebendigsten Trieb zu suchen. A. Wohlan! Ihre Zwecke, indem sie als Schriftsteller auftreten wollen, sind doch wohl -- Einmal zu nützen -- B. Sagen sie vor der Hand zu vergnügen, zu rühren -- A. Das kann nützen. Dann wird es ihnen selbst um die Freude unter der Ausarbeitung, um die Wollust des Erfinders, wie Schiller spricht, zu thun seyn. B. Dieser Egoismus -- wäre er zu tadeln? A. Ich wüßte nicht. Ferner wird es ihnen schmeicheln, auf dem Wege der Wissenschaft, in einem größeren Umkreise von Menschen bekannt zu werden, als der enggezogene des gemeinen Lebens. B. Wollte ich das bestreiten, zögen sie meine Wahrheitsliebe in Verdacht. A. Der Gedanke an Bekanntheit, führt zu den an Lob, dieser zu den an Ruhm. B. Ein schwierig vorgestecktes Ziel fordert große Anstrengungen auf. Wird es nicht erreicht, blieben die Kräfte nicht ungeübt. A. Endlich, da Jeder mit seinem Pfunde zu wuchern berechtigt ist, sie ein, wenig einträgliches, Amt bekleiden, und sonst sich keines Vermögens erfreuen, so hoffen sie von ihren Bemühungen -- wäre es auch im Anfang noch gar nicht, und später mit billigen Ansprüchen -- Gewinn. B. Ich läugne es nicht. A. Ihre Geständnisse wird Jedermann vertheidigen. -- Doch machten sie sich auch schon mit den Hindernissen bekannt, die ihnen in dieser Laufbahn begegnen werden? B. Wo gäbe es deren nicht. Das Leben ist ein fortwährender Kampf. Ich hasse ihn aber nicht, da er ja offenbar die Urbestimmung, höhere Entwickelung, fördert. Wer wird die Chimäre von unthätiger Glückseligkeit träumen? Es gilt aber nur den festen Willen zu kämpfen, und das an sich nicht Unbesiegbare, fällt. A. Gute Basis des Lebensmuthes in diesen Grundsätzen. Bei dem allen kämpft der metaphysische Begriff nicht allein. Es gilt Waffen des Alltagslebens. Sie müssen den Widerstand, auf den sie zu zählen haben, seiner Natur nach, kennen. B. Die Gelegenheit dazu, liegt vor mir. A. Erfahrung ist eine kostbare Schule. Sie läßt sogar viele ihrer Lehrlinge untergehn. Wie wäre es, wenn ich sie mit einigen der Feinde, gegen die sie sich werden zu vertheidigen haben, im Voraus bekannt machte? B. Es würde meinen Dank fordern. A. Zuerst stählen sie ihr Gefühl ja gegen eine Beleidigung, die ihnen unfehlbar widerfährt, und die um so tiefer verwundet, als die ersten Erwartungen poetisch sind. B. Die wäre? A. Nichtachtung. Sie vollendeten ein Manuskript und suchen nun einen Verleger, der es der Lesewelt gedruckt in die Hände geben soll. Sie schreiben dem Manne, oder suchen ihn in seinem Comtoir auf. In beiden Fällen wird ihm ihr unbekannter Name ein Anstoß. Er hat sich gewöhnt, den Namen als ein Simbol der geringeren oder besseren Gangbarkeit der Werke anzusehn. Mit dem Neuling hat er nicht gern etwas zu schaffen, da er dann fürchten muß, das Unvollkommene auf den Markt zu bringen. Er liest nun entweder, oder hat einen Literaten seiner Bekanntschaft, der ihn der Mühe überhebt. Auch dieser theilt das Vorurtheil. Haben die in ihrem Werke enthaltenen Gedanken Aehnlichkeit mit schon ausgesprochenen, (was der Vielbelesene bald ausfindig macht), so gelten sie ein Nachahmer, und man erinnert sich, daß schon Horaz da ein Verdammungsurtheil fällte. Weicht der Inhalt ihres Werkes ab, so mißversteht man ihn, oder faßt nicht, wie doch der Anfänger schon eine ganz eigne Bahn zu wandeln, sich vermessen kann. Zweifelhaft in jedem Fall, hält man für das rathsamste, mit einem höflichen Ablehnungsschreiben ihr Produkt zurückzusenden. Das wird sich bei mehreren Versuchen wiederholen. B. Ermüde ich nicht, gelingt doch wohl einer. A. Und wenn das geschieht, dringt das Vorurtheil erst mit der größeren Kraft auf das neue Beginnen ein. Die auf der Messe versammelten Buchhändler gewinnen kein Zutrauen gegen den neuen Autor, nehmen wenig oder nichts, wollen erst Rezensionen abwarten, und thun Recht daran, indem sie wissen, daß von ihren Bekannten niemand gerne das Buch eines Schriftstellers kauft, von dem er noch nichts hörte. Selbst Leihbibliotheken greifen nicht willig zu, weil sie aus Erfahrung wissen, daß ihre Leser nach den Namen wählen. Die kritischen Blätter haben die vorzüglichste Aufmerksamkeit, den Werken gerühmter oder schon früher getadelter Männer zugewendet, es währt lange, bis man über ihr Buch etwas sagt, wenn es nicht ganz übergangen wird. Der Rezensent, dem es in die Hände fällt, wird vielleicht ohne Interesse flüchtig übersehn, wegwerfend absprechen, oder ein frostig Lob, nicht besser als Tadel, hinspenden. Ihr Buch bleibt dem Verleger auf dem Lager, das wird andern bekannt, und das Zweitemal erreichen sie noch schwieriger ihre Absicht. B. Das heißt, mit ihrer Erlaubniß, alles in Schatten stellen. Sollte die Güte des Buches an sich, ihm nicht selbst eine Bahn brechen? A. Glauben sie es meiner Erfahrung, manches gute Werk liegt ungewürdigt in den Buchläden, während Hundert mittelmäßige, frivole, schädliche Ephemeren Leser finden, oft sogar verschlungen werden. B. Wo soll man aber die Ursache dieser befremdenden Erscheinung aufsuchen? A. In den Ansichten der Menge, im Intriguengeist vieler Autoren, in der Partheilichkeit öffentlicher Geschmacksrichter. B. Daß in der Menge nicht auf Einheit der Ansichten zu bauen ist, begreife ich wohl, wie aber kann die Gewandtheit der Autoren auf diese Menge einwirken? A. Daß sie davon nichts wissen, nichts ahnen, verbürgt ihnen eben kein hohes Gedeihen. Ein Schriftsteller höfelt Männern von Bedeutung und Einfluß. Diese lassen sich bewegen, seinen oberflächlichen Blick in ihre Werke zu thun, rühmen, das pflanzt sich weiter, und der Ton will, daß das Werk gelesen werde. Oft wird auf diese Art selbst der Kunstrichter mit bestochen. Ein anderer schickt kritischen Autoren seine Werke mit schmeichelhaften Bitten, ihrer in Güte zu gedenken, ein, und ihm wird ein ^casus pro amico^. Oder auch, was immer gebräuchlicher wird, sie rezensiren unter der Hand selbst, und rühmen die eignen Kinder nicht stiefväterlich. Die prunkenden Anzeigen in den Intelligenzblättern rühren gar oft von den Verfassern her, denen selbst die Kaufmannssprache ihrer Verleger zu kühl ist. Andere wissen irgend etwas vom Zeitgeschmack beizumischen, wodurch schlechte Waare blankgeputzt wird, sie verschmähen nicht sittenlose Wendungen, nicht hämische Ausfälle auf bedeutende Männer, kurz, auch nicht das Verworfene, um nur ihr Ziel zu umarmen. Haben sie Lust diese Wege einzuschlagen, so gebe ich mehr Hoffnung. B. Nicht Einen davon, nicht Einen! Müßt ich mich nicht verachten? -- Nein, doch von fortgesetztem Fleiß, von fester Beharrlichkeit hoffe ich viel. Endlich denke ich durchzudringen, endlich bemerkt zu werden. A. O, wenn sie erst bemerkt werden, dann kömmt ein neuer, und viel schlimmerer Kampf, wie der gegen die Kälte. Ueberall giebt es Blätter, deren Existenz auf Nachrichten aus der gelehrten Welt gebaut ist. Man will gern hohen Ton zeigen, absprechen. Sie haben in ihrer Bekanntschaft Autoren, die keinen eignen Stoff in ihrer Talentarmuth aufzubringen wissen, diese schwängern sich, so zu sagen, aus neuen Werken, und reden über die Erscheinung mit eben daraus geschöpften Ideen. Dies sind besonders die Männer der Journale, weil Zeitungen auszuspähn, ihre Sache ist. Einen im Kaffeehause gehörten Witz bringen sie bei der Gelegenheit selbst an, um witzig zu scheinen, erlangen auch wohl auf diese Art den Zweck, mit der fremden Feder zu glänzen, denn das ganze Lesepublikum konnte doch nicht auf dem Kaffeehause sein. Diese sind zugleich neidisch wie ein gewisses Thier, das man wegen des nicht wohlklingenden Namens, ungern nennt. Sie werden es ihnen nimmer verzeihen, wenn sie ihr Bekannter, und doch geschätzt sind. Von diesen Leuten gilt genau, was der Spötter Swift sagte: Fortuna spende deine Gaben, Mit vollen Händen meinem Feinde, Nur aber meinem Freunde nicht, Das eine ist mir noch erträglich, Das andre macht vor Neid mich bersten. Sind sie gleich nicht ihr Freund, waren sie doch einmal auf dem Kaffeehause mit ihnen. Das Wort Freund ist ja schon lange ein Universaltitel. Zu *** legte ein junger Kunst- und Indüstrie-Komtorist eine Art Bücherkasino an. Er begegnete bei dieser Gelegenheit dem würdigen Kapellmeister *** auf der Treppe in irgend einem Hause. Nach dem gewöhnlichen Complimentenwechsel fragte er ihn höflich: Ob er ihm nicht in musikalischen Angelegenheiten, mit Rath an die Hand zu gehn, die Gewogenheit haben wollte? Herr *** immer artig, erwiederte: mir Vergnügen, so weit ich es im Stande bin. Was würde auch ein gefälliger Mann anders haben antworten können? Nun ließ der Kunst- und Indüstrie-Comtorist neben andern, mit Posaunen, Orgeln, Kanonen und Karthaunen begleiteten Zeitungsankündigungen auch sich vernehmen: »Mein Freund *** wird mich ebenfalls unterstützen.« Genug, diese Männlein werden beginnen, sie zu necken, und oft bitter, unartig, pöbelhaft, denn das gilt manchen Leuten kurz und kräftig. B. Darum bekümmert man sich nicht. A. Ach mit der Großmuth ist hier nichts auszurichten. Eiserne Stirnen fühlen ihre glühenden Kohlen nicht, die Männlein glauben, sie ermangelten der Kraft in ihrer Feder, und witzeln aufs Neue. Wie lachte nicht der neue Herausgeber des Freimüthigen, der gern witzig wäre wie sein Vorgänger, aber von dessen Ader wenig ^in bonis^ hat, als er den braven Schütz (der gar kein Mann ist, wie der Herausgeber des neuen Freimüthigen, sondern ein Gelehrter) der seine Teutona zu einer ungünstigen Zeit begonnen hatte, bescheiden auf seinen lieblosen Sarcasmus antworten sah. Nein, es geht mit dem Schweigen nicht wohl, das sahen ja Schiller und Göthe ein, wie sie die Xenien ausschleuderten, Kotzebue, wie er so manches bittre Pamphlet erließ, manche derbe Satyre in seine Stücke verwebte; Nikolai und andere, welche auch den Sanscülotten in der Gelehrtenrepublik antworteten. Denn es giebt immer einen Theil im Publikum, (mögte es ein kleiner sein) der dem _Drukke_ glaubt, und von dem leider die ziemlich unfeine Bemerkung in den Expektorationen gelten kann: Nennt mir doch nicht das Publikum, Es ist geduldig, fromm und dumm, Mit eignem Urtheil befaßt sichs nicht Es schnattert nach, was ein andrer spricht. Sie antworten also. Glauben den Aufwand einer witzigen Pointe sei der Handel wohl werth, und meinen, da sie sie ausspendeten, den naseweisen Mann abgefertigt zu haben. Aber nun gewinnt er, der immer an Stoff Verarmte, ja mit Einemmale neue Materie, über die er sich, plump oder gewandt, fertig oder elend ergießen kann. Vermag er nichts im bravgeführten Streite, im interessanten Federkampf wider sie, so verläßt er sich auf Geschrei, auf Grobheit, auf Personalität, auf das letzte Wort, von dem er nicht abgeht. Bei allem guten Selbstgefühl, bei aller Rechtlichkeit, aller überlegenen Kraft, kann es doch nicht ausbleiben, daß sie sich nicht schwer gekränkt fühlen. Und wie verdrießlich ist überhaupt so ein Kampf. B. Aber wird denn unter den Schriftstellern nimmer ein edler Ton -- -- A. Ein edler Ton? Wo sollte der erlernt, beliebt worden sein? Magister X. vor seinen Schulbänken, wo es jeder Augenblick erheischt, ungezogne Knaben mit Schärfe zu leiten, wo soll ihm die Gefühlsfeinheit erzogen sein? Etwa früher an des Vaters Werkstatt, der ein ehrsamer Schneider war? Der Kanzelist Y. der entweder bei seinen Akten schwitzte, oder dann sich in den Wirthshäusern umhertrieb, wo hätte ihm die Göttin des guten Geschmacks gelächelt? Der sogenannte privatisirende Gelehrte Z., der als Musketier in den Wachtstuben die Entdeckung machte, er würde auch schreiben können, weil die Soldaten gern anhörten, was er aus dem eben gelesenen Roman erzählte, und mit seiner Erfindung aufstutzte, was haben mit dem die Grazien zu thun? und mit alle diesen Männern gerathen sie in Verbindung. Grade mit diesen am ersten. Von den ehrenvollen Ausnahmen ist hier nicht die Rede. B. In der That! was sie alles sagen, lockt wenig an. A. So ists, junger Freund, so ists! Und das wird noch schlimmer werden, indem sie ihre Laufbahn verfolgen, denn seit zwanzig Jahren machte das Uebel auf dem Parnaß Riesenschritte, und woher ließe sich erwarten, daß es erlahmen sollte? Vollen Ernstes glaub ich, daß kein wahrer Ruhm in Deutschland zu erlangen sei. Alles zerfiel in Partheiwuth, alles ward breit tadelsüchtig und anmaßend. Denken sie an das Schicksal von Kant. Wer wird diesem Manne ein gigantisches Genie absprechen? Ich wünschte, sie schlügen alte kritische Blätter nach und sie fänden dann, wie unwürdig der Mann von uns behandelt worden ist. Späterhin gab es nun wieder ein Geschrei, welches so verzerrt war, daß es ihm selbst nicht gefallen konnte. Wie lange aber, da hieß er in Jena ein alter Schwätzer? Zweige brachen sie von seinem großen Stamm, steckten sie in die Erde, da wurde wieder ein Baum, und der Pflanzer rühmte sich Schöpfer. Wer jetzt noch eine Vorlesung über Kant ankündigt, wird ausgezischt. Denken sie an Kotzebue. In so vielen Laufbahnen er sich versuchte, in so vielen glänzte er. Sie besuchen sein Trauerspiel, und werden weinen. Sein Lustspiel läßt sie beinahe vom Lachen nicht ausruhen. Jeder kleine Aufsatz des Mannes überrascht sie durch ein nicht geahntes Interesse. Der Name Kotzebue auf dem Titel, ist Simbol des Genies. Das fühlt jeder, wer aber birgt den Muth, es zu sagen? So lange haben ihn Zoilus Jünger geschmäht, bis es Ton geworden ist, keinen Geschmack mehr an Kotzebue zu finden. Nein, mein junger Freund, wir sind keine Franzosen, die nach Hundert und funfzig Jahren noch mit Entzücken Racine's und Moliere's Meisterwerke sehn, ihren Rousseau fortlieben, ihren Rochefoucault immer wieder auflegen. Nur mit Modeschneidertalent kann man bei uns einmal in die Höhe schäumen, wenn man den Schnitt der literären Mode trifft, aber so gewiß der Modeschneider nach wenigen Jahren von der eleganten Welt verlacht wird, trifft den Autor das nämliche Geschick. -- Ueber den Punkt des Gewinnes sage ich ihnen nichts, da mögen ihre Erfahrungen reden, und sie werden nicht erfreulich sein. B. Wahrlich, wäre meine Bedienung besser -- A. Wie, sie wünschen Verbesserung des Amtes und wollen schreiben? Bedenken sie nicht, wie verhaßt sie sich dem Minister machen werden? B. Ei warum? A. Wo sahn sie einen Minister bei uns, der den Autor geschätzt hätte? Selbst wenn er in Dedikationen wie ein Bologneser kroch, wurde er verachtet. Machen sie sich gefaßt, ewig auf ihrer Stelle zu bleiben, auf Chikanen, Vorwürfe, bei einem geringen Fehler. B. Mein Minister ist ein aufgeklärter Mann. A. Das ist er nicht, sonst würde er ihr Genie nützen. B. Zum Henker mit der Autorschaft! Ende des ersten Theils. Anmerkungen zur Transkription Die fehlende Überschrift »Erstes Buch« wurde ergänzt. Einige Kapitelnummern erscheinen doppelt und einige Kapitelnummern fehlen. Dies wurde wie im Original belassen. Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden ^so^ markiert. Die kräftig variierende und inkonsistente Schreibweise und Grammatik des Originals wurden weitgehend beibehalten. Offensichtliche Auslassungen von Satzzeichen sowie offensichtliche Buchstabenvertauschungen wurden stillschweigend korrigiert. Alle weiteren Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): [S. 45]: ... Die Fußsohlen rieb er mit Bimssteim ab. Hierauf ... ... Die Fußsohlen rieb er mit Bimsstein ab. Hierauf ... [S. 65]: ... als Dreihunhert Piastern Aufwand, setzte ich meinen ... ... als Dreihundert Piastern Aufwand, setzte ich meinen ... [S. 65]: ... wohnenden Kopten, miethete ich den Keller. Der ... ... wohnenden Kopten miethete ich den Keller. Der ... [S. 85]: ... von Egyten untergehn. ... ... von Egypten untergehn. ... [S. 174]: ... Scwedenborgianer. ... ... Swedenborgianer. ... [S. 196]: ... seid, die Männer wollen mit schmählich ermorden. ... ... seid, die Männer wollen mich schmählich ermorden. ... [S. 240]: ... enwecken. Indessen, sollte es einmal Sklaverei ... ... erwecken. Indessen, sollte es einmal Sklaverei ... [S. 243]: ... Die Dschlabs gravitätisch ihre Pfeifen schmauchend, ... ... Die Dschelabs gravitätisch ihre Pfeifen schmauchend, ... [S. 247]: ... in einem Haren eingekerkert wäre. Sie sprach ... ... in einem Harem eingekerkert wäre. Sie sprach ... [S. 249]: ... glaubte das Mährchen war überzeugt, Isabelle stekke ... ... glaubte das Mährchen, war überzeugt, Isabelle stekke ... [S. 273]: ... Zeit, wo seine weisse Weiber ermordet wurden, ... ... Zeit, wo seine weissen Weiber ermordet wurden, ... [S. 281]: ... Allgemeine Sille und mißmüthiges Gemurmel ... ... Allgemeine Stille und mißmüthiges Gemurmel ... [S. 295]: ... doch auch einen Stoff zum Erstaunen aufhsparen. ... ... doch auch einen Stoff zum Erstaunen aufsparen. ... [S. 353]: ... Flore sagte nichs, als: Ich werde in meinem ... ... Flore sagte nichts, als: Ich werde in meinem ... [S. 370]: ... dem, Divan die Leidenschaften niederzuhalten. ... ... dem Divan die Leidenschaften niederzuhalten. ... [S. 374]: ... bringen. Gewinnt mein Schwert in in ... ... bringen. Gewinnt mein Schwert in ... [S. 376]: ... So stand Claudius Nero, dem listigen und und ... ... So stand Claudius Nero, dem listigen und ... [S. 395]: ... der Sterbens nah. Ohne deine himmelgesandte ... ... des Sterbens nah. Ohne deine himmelgesandte ... [S. 399]: ... des Vates entführt wurde. ... ... des Vaters entführt wurde. ... [S. 411]: ... »Leider;« ... ... »Leider!« ... [S. 433]: ... B. So ists, junger Freund, so ists! Und das ... ... A. So ists, junger Freund, so ists! Und das ... End of the Project Gutenberg EBook of Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Erster Band., by Julius von Voß *** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FLORENS ABENTHEUER IN AFRIKA, ERSTER *** ***** This file should be named 48917-8.txt or 48917-8.zip ***** This and all associated files of various formats will be found in: http://www.gutenberg.org/4/8/9/1/48917/ Produced by the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was produced from public domain images generously made available by the University and City Library of Cologne (Digital Collection Westerholt). Updated editions will replace the previous one--the old editions will be renamed. Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright law means that no one owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United States without permission and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you do not charge anything for copies of this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, performances and research. They may be modified and printed and given away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial redistribution. START: FULL LICENSE THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free distribution of electronic works, by using or distributing this work (or any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg-tm License available with this file or online at www.gutenberg.org/license. Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm electronic works 1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the terms of this license and intellectual property (trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. 1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or associated in any way with an electronic work by people who agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works even without complying with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic works. See paragraph 1.E below. 1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the collection are in the public domain in the United States. If an individual work is unprotected by copyright law in the United States and you are located in the United States, we do not claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, displaying or creating derivative works based on the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. 1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant state of change. If you are outside the United States, check the laws of your country in addition to the terms of this agreement before downloading, copying, displaying, performing, distributing or creating derivative works based on this work or any other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning the copyright status of any work in any country outside the United States. 1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: 1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or distributed: This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have to check the laws of the country where you are located before using this ebook. 1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not contain a notice indicating that it is posted with permission of the copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in the United States without paying any fees or charges. If you are redistributing or providing access to a work with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. 1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted with the permission of the copyright holder, your use and distribution must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the permission of the copyright holder found at the beginning of this work. 1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm License terms from this work, or any files containing a part of this work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. 1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic work, or any part of this electronic work, without prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate access to the full terms of the Project Gutenberg-tm License. 1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word processing or hypertext form. However, if you provide access to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. 1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. 1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided that * You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has agreed to donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60 days following each date on which you prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." * You provide a full refund of any money paid by a user who notifies you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm License. You must require such a user to return or destroy all copies of the works possessed in a physical medium and discontinue all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm works. * You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the electronic work is discovered and reported to you within 90 days of receipt of the work. * You comply with all other terms of this agreement for free distribution of Project Gutenberg-tm works. 1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. 1.F. 1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread works not protected by U.S. copyright law in creating the Project Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic works, and the medium on which they may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by your equipment. 1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH DAMAGE. 1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to the person you received the work from. If you received the work on a physical medium, you must return the medium with your written explanation. The person or entity that provided you with the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the work electronically, the person or entity providing it to you may choose to give you a second opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a refund in writing without further opportunities to fix the problem. 1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. 1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement shall not void the remaining provisions. 1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance with this agreement, and any volunteers associated with the production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of electronic works in formats readable by the widest variety of computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of life. Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will remain freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws. The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its volunteers and employees are scattered throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to date contact information can be found at the Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact For additional contact information: Dr. Gregory B. Newby Chief Executive and Director gbnewby@pglaf.org Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide spread public support and donations to carry out its mission of increasing the number of public domain and licensed works that can be freely distributed in machine readable form accessible by the widest array of equipment including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS. The Foundation is committed to complying with the laws regulating charities and charitable donations in all 50 states of the United States. Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these requirements. We do not solicit donations in locations where we have not received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state visit www.gutenberg.org/donate While we cannot and do not solicit contributions from states where we have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us with offers to donate. International donations are gratefully accepted, but we cannot make any statements concerning tax treatment of donations received from outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be freely shared with anyone. For forty years, he produced and distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper edition. Most people start at our Web site which has the main PG search facility: www.gutenberg.org This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, including how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.