The Project Gutenberg EBook of Faust, by Johann Wolfgang von Goethe

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Title: Faust
       Eine Tragdie

Author: Johann Wolfgang von Goethe

Release Date: April 6, 2007 [EBook #21000]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                _Faust._


            _Eine Tragdie._

                  _von_

                _Goethe._



               _Tbingen._

in der J. G. _Cotta_'schen Buchhandlung.

                  1808.




_Zueignung._


Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten!
Die frh sich einst dem trben Blick gezeigt.
Versuch' ich wohl euch diesmal fest zu halten?
Fhl' ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?
Ihr drngt euch zu! nun gut, so mgt ihr walten,
Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt;
Mein Busen fhlt sich jugendlich erschttert
Vom Zauberhauch der euren Zug umwittert.

Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage,
Und manche liebe Schatten steigen auf;
Gleich einer alten, halbverklungnen Sage,
Kommt erste Lieb' und Freundschaft mit herauf;
Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage
Des Lebens labyrinthisch irren Lauf,
Und nennt die Guten, die, um schne Stunden
Vom Glck getuscht, vor mir hinweggeschwunden.

Sie hren nicht die folgenden Gesnge,
Die Seelen, denen ich die ersten sang,
Zerstoben ist das freundliche Gedrnge,
Verklungen ach! der erste Wiederklang.
Mein Leid[Lied] ertnt der unbekannten Menge,
Ihr Beyfall selbst macht meinem Herzen bang,
Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,
Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.

Und mich ergreift ein lngst entwhntes Sehnen
Nach jenem stillen, ernsten Geisterreich,
Es schwebet nun, in unbestimmten Tnen,
Mein lispelnd Lied, der Aeolsharfe gleich,
Ein Schauer fat mich, Thrne folgt den Thrnen,
Das strenge Herz es fhlt sich mild und weich;
Was ich besitze seh' ich wie im weiten,
Und was verschwand wird mir zu Wirklichkeiten.




_Vorspiel_

_auf dem Theater._


_Director, Theaterdichter,
lustige Person._

_Director._

Ihr beyden die ihr mir so oft,
In Noth und Trbsal, beygestanden,
Sagt was ihr wohl, in deutschen Landen,
Von unsrer Unternehmung hofft?
Ich wnschte sehr der Menge zu behagen,
Besonders weil sie lebt und leben lt.
Die Pfosten sind, die Breter aufgeschlagen,
Und jedermann erwartet sich ein Fest.
Sie sitzen schon, mit hohen Augenbraunen,
Gelassen da und mchten gern erstaunen.
Ich wei wie man den Geist des Volks vershnt;
Doch so verlegen bin ich nie gewesen;
Zwar sind sie an das Beste nicht gewhnt,
Allein sie haben schrecklich viel gelesen.
Wie machen wir's? da alles frisch und neu
Und mit Bedeutung auch gefllig sey.
Denn freylich mag ich gern die Menge sehen,
Wenn sich der Strom nach unsrer Bude drngt,
Und mit gewaltig wiederholten Wehen,
Sich durch die enge Gnadenpforte zwngt;
Bey hellem Tage, schon vor Vieren,
Mit Sten sich bis an die Kasse ficht
Und, wie in Hungersnoth um Brot an Beckerthren,
Um ein Billet sich fast die Hlse bricht.
Die Wunder wirkt auf so verschiedne Leute
Der Dichter nur; mein Freund, o! thu es heute.

_Dichter._

O sprich mir nicht von jener bunten Menge,
Bey deren Anblick uns der Geist entflieht.
Verhlle mir das wogende Gedrnge,
Das wider Willen uns zum Strudel zieht.
Nein, fhre mich zur stillen Himmelsenge,
Wo nur dem Dichter reine Freude blht;
Wo Lieb' und Freundschaft unsres Herzens Segen
Mit Gtterhand erschaffen und erpflegen.

    Ach! was in tiefer Brust uns da entsprungen,
Was sich die Lippe schchtern vorgelallt,
Mirathen jetzt und jetzt vielleicht gelungen,
Verschlingt des wilden Augenblicks Gewalt.
Oft wenn es erst durch Jahre durchgedrungen
Erscheint es in vollendeter Gestalt.
Was glnzt ist fr den Augenblick geboren,
Das Aechte bleibt der Nachwelt unverloren.

_Lustige Person._

Wenn ich nur nichts von Nachwelt hren sollte.
Gesetzt da _ich_ von Nachwelt reden wollte,
Wer machte denn der Mitwelt Spa?
Den will sie doch und soll ihn haben.
Die Gegenwart von einem braven Knaben
Ist, dcht' ich, immer auch schon was.
Wer sich behaglich mitzutheilen wei,
Den wird des Volkes Laune nicht erbittern;
Er wnscht sich einen groen Kreis,
Um ihn gewisser zu erschttern.
Drum seyd nur brav und zeigt euch musterhaft,
Lat Phantasie, mit allen ihren Chren,
Vernunft, Verstand, Empfindung, Leidenschaft,
Doch, merkt euch wohl! nicht ohne Narrheit hren.

_Director._

Besonders aber lat genug geschehn!
Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.
Wird vieles vor den Augen abgesponnen,
So da die Menge staunend gaffen kann,
Da habt ihr in der Breite gleich gewonnen,
Ihr seyd ein vielgeliebter Mann.
Die Masse knnt ihr nur durch Masse zwingen,
Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.
Gebt ihr ein Stck, so gebt es gleich in Stcken!
Solch ein Ragout es mu euch glcken;
Leicht ist es vorgelegt, so leicht als ausgedacht.
Was hilft's wenn ihr ein Ganzes dargebracht,
Das Publikum wird es euch doch zerpflcken.

_Dichter._

Ihr fhlet nicht wie schlecht ein solches Handwerk sey!
Wie wenig das den chten Knstler zieme!
Der saubern Herren Pfuscherey
Ist, merk' ich, schon bey euch Maxime.

_Director._

Ein solcher Vorwurf lt mich ungekrnkt;
Ein Mann, der recht zu wirken denkt,
Mu auf das beste Werkzeug halten.
Bedenkt, ihr habet weiches Holz zu spalten,
Und seht nur hin fr wen ihr schreibt!
Wenn diesen Langeweile treibt,
Kommt jener satt vom bertischten Mahle,
Und, was das allerschlimmste bleibt,
Gar mancher kommt vom Lesen der Journale.
Man eilt zerstreut zu uns, wie zu den Maskenfesten,
Und Neugier nur beflgelt jeden Schritt;
Die Damen geben sich und ihren Putz zum besten
Und spielen ohne Gage mit.
Was trumet ihr auf eurer Dichter-Hhe?
Was macht ein volles Haus euch froh?
Beseht die Gnner in der Nhe!
Halb sind sie kalt, halb sind sie roh.
Der, nach dem Schauspiel, hofft ein Kartenspiel,
Der eine wilde Nacht an einer Dirne Busen.
Was plagt ihr armen Thoren viel,
Zu solchem Zweck, die holden Musen?
Ich sag' euch, gebt nur mehr, und immer, immer mehr,
So knnt ihr euch vom Ziele nie verirren,
Sucht nur die Menschen zu verwirren,
Sie zu befriedigen ist schwer -- --
Was fllt euch an? Entzckung oder Schmerzen?

_Dichter._

Geh hin und such dir einen andern Knecht!
Der Dichter sollte wohl das hchste Recht,
Das Menschenrecht, das ihm Natur vergnnt,
Um deinetwillen freventlich verscherzen!
Wodurch bewegt er alle Herzen?
Wodurch besiegt er jedes Element?
Ist es der Einklang nicht? der aus dem Busen dringt,
Und in sein Herz die Welt zurcke schlingt.
Wenn die Natur des Fadens ew'ge Lnge,
Gleichgltig drehend, auf die Spindel zwingt,
Wenn aller Wesen unharmon'sche Menge
Verdrielich durch einander klingt;
Wer theilt die flieend immer gleiche Reihe
Belebend ab, da sie sich rythmisch regt?
Wer ruft das Einzelne zur allgemeinen Weihe?
Wo es in herrlichen Accorden schlgt,
Wer lt den Sturm zu Leidenschaften wthen?
Das Abendroth im ernsten Sinne glhn?
Wer schttet alle schnen Frhlingsblten
Auf der Geliebten Pfade hin?
Wer flicht die unbedeutend grnen Bltter
Zum Ehrenkranz Verdiensten jeder Art?
Wer sichert den Olymp? vereinet Gtter?
Des Menschen Kraft im Dichter offenbart.

_Lustige Person._

So braucht sie denn die schnen Krfte
Und treibt die dicht'rischen Geschfte,
Wie man ein Liebesabenteuer treibt.
Zufllig naht man sich, man fhlt, man bleibt
Und nach und nach wird man verflochten;
Es wchst das Glck, dann wird es angefochten,
Man ist entzckt, nun kommt der Schmerz heran,
Und eh man sich's versieht ist's eben ein Roman.
Lat uns auch so ein Schauspiel geben!
Greift nur hinein ins volle Menschenleben!
Ein jeder lebt's, nicht vielen ist's bekannt,
Und wo ihr's packt, da ist's interessant.
In bunten Bildern wenig Klarheit,
Viel Irrthum und ein Fnkchen Wahrheit,
So wird der beste Trank gebraut,
Der alle Welt erquickt und auferbaut.
Dann sammelt sich der Jugend schnste Blte
Vor eurem Spiel und lauscht der Offenbarung,
Dann sauget jedes zrtliche Gemthe
Aus eurem Werk sich melanchol'sche Nahrung;
Dann wird bald dies bald jenes aufgeregt,
Ein jeder sieht was er im Herzen trgt.
Noch sind sie gleich bereit zu weinen und zu lachen,
Sie ehren noch den Schwung, erfreuen sich am Schein;
Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen,
Ein Werdender wird immer dankbar seyn.

_Dichter._

So gieb mir auch die Zeiten wieder,
Da ich noch selbst im Werden war,
Da sich ein Quell gedrngter Lieder
Ununterbrochen neu gebar,
Da Nebel mir die Welt verhllten,
Die Knospe Wunder noch versprach,
Da ich die tausend Blumen brach,
Die alle Thler reichlich fllten.
Ich hatte nichts und doch genug,
Den Drang nach Wahrheit und die Lust am Trug.
Gieb ungebndigt jene Triebe,
Das tiefe schmerzenvolle Glck,
Des Hasses Kraft, die Macht der Liebe,
Gieb meine Jugend mir zurck!

_Lustige Person._

Der Jugend, guter Freund, bedarfst du allenfalls
Wenn dich in Schlachten Feinde drngen,
Wenn mit Gewalt an deinen Hals
Sich allerliebste Mdchen hngen,
Wenn fern des schnellen Laufes Kranz
Vom schwer erreichten Ziele winket,
Wenn nach dem heftgen Wirbeltanz
Die Nchte schmausend man vertrinket.
Doch ins bekannte Saitenspiel
Mit Muth und Anmuth einzugreifen,
Nach einem selbgesteckten Ziel
Mit holdem Irren hinzuschweifen,
Das, alte Herrn, ist eure Pflicht,
Und wir verehren euch darum nicht minder.
Das Alter macht nicht kindisch, wie man spricht,
Es findet uns nur noch als wahre Kinder.

_Director._

Der Worte sind genug gewechselt,
Lat mich auch endlich Thaten sehn;
Inde ihr Complimente drechselt,
Kann etwas ntzliches geschehn.
Was hilft es viel von Stimmung reden?
Dem Zaudernden erscheint sie nie.
Gebt ihr euch einmal fr Poeten,
So kommandirt die Poesie.
Euch ist bekannt was wir bedrfen,
Wir wollen stark Getrnke schlrfen;
Nun braut mir unverzglich dran!
Was heute nicht geschieht, ist Morgen nicht gethan,
Und keinen Tag soll man verpassen,
Das Mgliche soll der Entschlu
Beherzt sogleich beym Schopfe fassen,
Er will es dann nicht fahren lassen,
Und wirket weiter, weil er mu.

    Ihr wit, auf unsern deutschen Bhnen
Probirt ein jeder was er mag;
Drum schonet mir an diesem Tag
Prospecte nicht und nicht Maschinen.
Gebraucht das gro' und kleine Himmelslicht,
Die Sterne drfet ihr verschwenden;
An Wasser, Feuer, Felsenwnden,
An Thier und Vgeln fehlt es nicht.
So schreitet in dem engen Breterhaus
Den ganzen Kreis der Schpfung aus,
Und wandelt, mit bedchtger Schnelle,
Vom Himmel, durch die Welt, zur Hlle.




_Prolog_

_im Himmel._


_Der Herr, die himmlischen Heerscharen,_
nachher _Mephistopheles._

Die drey Erzengel treten vor.

_Raphael._

Die Sonne tnt, nach alter Weise,
In Brudersphren Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
Ihr Anblick giebt den Engeln Strke,
Wenn keiner sie ergrnden mag.
Die unbegreiflich hohen Werke
Sind herrlich wie am ersten Tag.

_Gabriel._

Und schnell und unbegreiflich schnelle
Dreht sich umher der Erde Pracht;
Es wechselt Paradieses-Helle
Mit tiefer schauervoller Nacht;
Es schumt das Meer in breiten Flssen
Am tiefen Grund der Felsen auf,
Und Fels und Meer wird fortgerissen
In ewig schnellem Sphrenlauf.

_Michael._

Und Strme brausen um die Wette
Vom Meer aufs Land vom Land aufs Meer,
Und bilden wthend eine Kette
Der tiefsten Wirkung rings umher.
Da flammt ein blitzendes Verheeren
Dem Pfade vor des Donnerschlags.
Doch deine Boten, Herr, verehren
Das sanfte Wandeln deines Tags.

_Zu Drey._

Der Anblick giebt den Engeln Strke
Da keiner dich ergrnden mag,
Und alle deine hohen Werke
Sind herrlich wie am ersten Tag.

_Mephistopheles._

Da du, o Herr, dich einmal wieder nahst
Und fragst wie alles sich bey uns befinde,
Und du mich sonst gewhnlich gerne sahst;
So siehst du mich auch unter dem Gesinde.
Verzeih, ich kann nicht hohe Worte machen,
Und wenn mich auch der ganze Kreis verhhnt;
Mein Pathos brchte dich gewi zum lachen,
Httst du dir nicht das Lachen abgewhnt.
Von Sonn' und Welten wei ich nichts zu sagen,
Ich sehe nur wie sich die Menschen plagen.
Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,
Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.
Ein wenig besser wrd' er leben,
Httst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
Er nennts Vernunft und braucht's allein
Nur thierischer als jedes Thier zu seyn.
Er scheint mir, mit Verlaub von Ew. Gnaden,
Wie eine der langbeinigen Cicaden,
Die immer fliegt und fliegend springt
Und gleich im Gras ihr altes Liedchen singt;
Und lg' er nur noch immer in dem Grase!
In jeden Quark begrbt er seine Nase.

_Der Herr._

Hast du mir weiter nichts zu sagen?
Kommst du nur immer anzuklagen?
Ist auf der Erde ewig dir nichts recht?

_Mephistopheles._

Nein Herr! ich find' es dort, wie immer, herzlich schlecht.
Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen,
Ich mag sogar die Armen selbst nicht plagen.

_Der Herr._

Kennst du den Faust?

_Mephistopheles._

                     Den Doctor?

_Der Herr._

                                 Meinen Knecht!

_Mephistopheles._

Frwahr! er dient euch auf besondre Weise.
Nicht irdisch ist des Thoren Trank noch Speise.
Ihn treibt die Ghrung in die Ferne,
Er ist sich seiner Tollheit halb bewut;
Vom Himmel fordert er die schnsten Sterne,
Und von der Erde jede hchste Lust,
Und alle Nh' und alle Ferne
Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.

_Der Herr._

Wenn er mir jetzt auch nur verworren dient;
So werd' ich ihn bald in die Klarheit fhren.
Wei doch der Grtner, wenn das Bumchen grnt,
Da Blt' und Frucht die knft'gen Jahre zieren.

_Mephistopheles._

Was wettet ihr? den sollt ihr noch verlieren!
Wenn ihr mir die Erlaubni gebt
Ihn meine Strae sacht zu fhren.

_Der Herr._

So lang' er auf der Erde lebt,
So lange sey dir's nicht verboten.
Es irrt der Mensch so lang er strebt.

_Mephistopheles._

Da dank' ich euch; denn mit den Todten
Hab' ich mich niemals gern befangen.
An[Am] meisten lieb' ich mir die vollen frischen Wangen.
Fr einen Leichnam bin ich nicht zu Haus;
Mir geht es wie der Katze mit der Maus.

_Der Herr._

Nun gut, es sey dir berlassen!
Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab,
Und fhr' ihn, kannst du ihn erfassen,
Auf deinem Wege mit herab,
Und steh' beschmt, wenn du bekennen mut:
Ein guter Mensch, in seinem dunkeln Drange,
Ist sich des rechten Weges wohl bewut.

_Mephistopheles._

Schon gut! nur dauert es nicht lange.
Mir ist fr meine Wette gar nicht bange.
Wenn ich zu meinem Zweck gelange,
Erlaubt ihr mir Triumph aus voller Brust.
Staub soll er fressen, und mit Lust,
Wie meine Muhme, die berhmte Schlange.

_Der Herr._

Du darfst auch da nur frey erscheinen;
Ich habe deines gleichen nie gehat.
Von allen Geistern die verneinen
Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.
Des Menschen Thtigkeit kann allzuleicht erschlaffen,
Er liebt sich bald die unbedingte Ruh;
Drum geb' ich gern ihm den Gesellen zu,
Der reizt und wirkt, und mu, als Teufel, schaffen.
Doch ihr, die chten Gttershne,
Erfreut euch der lebendig reichen Schne!
Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,
Umfa' euch mit der Liebe holden Schranken,
Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestiget mit dauernden Gedanken.

Der Himmel schliet, die Erzengel vertheilen sich,

_Mephistopheles_ allein.

Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern,
Und hte mich mit ihm zu brechen.
Es ist gar hbsch von einem groen Herrn
So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.




_Der Tragdie_

_Erster Theil._




_Nacht._

In einem hochgewlbten, engen, gothischen Zimmer _Faust_ unruhig auf
seinem Sessel am Pulte.


_Faust._

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerey und Medicin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studirt, mit heiem Bemhn.
Da steh' ich nun, ich armer Thor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heie Magister, heie Doctor gar,
Und ziehe schon an die zehen Jahr,
Herauf, herab und quer und krumm,
Meine Schler an der Nase herum --
Und sehe, da wir nichts wissen knnen!
Das will mir schier das Herz verbrennen.
Zwar bin ich gescheidter als alle die Laffen,
Doctoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
Mich plagen keine Scrupel noch Zweifel,
Frchte mich weder vor Hlle noch Teufel --
Dafr ist mir auch alle Freud' entrissen,
Bilde mir nicht ein was rechts zu wissen,
Bilde mir nicht ein, ich knnte was lehren,
Die Menschen zu bessern und zu bekehren.
Auch hab' ich weder Gut noch Geld,
Noch Ehr' und Herrlichkeit der Welt.
Es mchte kein Hund so lnger leben!
Drum hab' ich mich der Magie ergeben,
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimni wrde kund;
Da ich nicht mehr mit sauerm Schwei,
Zu sagen brauche, was ich nicht wei;
Da ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhlt,
Schau' alle Wirkenskraft und Samen,
Und thu' nicht mehr in Worten kramen.

    O shst du, voller Mondenschein,
Zum letztenmal auf meine Pein,
Den ich so manche Mitternacht
An diesem Pult herangewacht:
Dann ber Bchern und Papier,
Trbsel'ger Freund, erschienst du mir!
Ach! knnt' ich doch auf Berges-Hh'n,
In deinem lieben Lichte gehn,
Um Bergeshle mit Geistern schweben,
Auf Wiesen in deinem Dmmer weben,
Von allem Wissensqualm entladen,
In deinem Thau gesund mich baden!

    Weh! steck' ich in dem Kerker noch?
Verfluchtes, dumpfes Mauerloch!
Wo selbst das liebe Himmelslicht
Trb' durch gemahlte Scheiben bricht.
Beschrnkt mit diesem Bcherhauf,
Den Wrme nagen, Staub bedeckt,
Den, bis an's hohe Gewlb' hinauf,
Ein angeraucht Papier umsteckt;
Mit Glsern, Bchsen rings umstellt,
Mit Instrumenten vollgepfropft,
Urvter Hausrath drein gestopft --
Das ist deine Welt! das heit eine Welt!

    Und fragst du noch, warum dein Herz
Sich bang' in deinem Busen klemmt?
Warum ein unerklrter Schmerz
Dir alle Lebensregung hemmt?
Statt der lebendigen Natur,
Da Gott die Menschen schuf hinein,
Umgiebt in Rauch und Moder nur
Dich Thiergeripp' und Todtenbein.

    Flieh! auf! hinaus ins weite Land!
Und die geheimnivolle Buch,
Von Nostradamus eigner Hand,
Ist dir es nicht Geleit genug?
Erkennest dann der Sterne Lauf,
Und wenn Natur dich unterweist,
Dann geht die Seelenkraft dir auf,
Wie spricht ein Geist zum andern Geist.
Umsonst, da trocknes Sinnen hier
Die heil'gen Zeichen dir erklrt,
Ihr schwebt, ihr Geister, neben mir,
Antwortet mir, wenn ihr mich hrt!

(Er schlgt das Buch auf und erblickt das Zeichen des Makrokosmus.)

Ha! welche Wonne fliet in diesem Blick
Auf einmal mir durch alle meine Sinnen!
Ich fhle junges, heil'ges Lebensglck
Neuglhend mir durch Nerv' und Adern rinnen.
War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb?
Die mir das innre Toben stillen,
Das arme Herz mit Freude fllen,
Und mit geheimnivollem Trieb,
Die Krfte der Natur rings um mich her enthllen.
Bin ich ein Gott? Mir wird so licht!
Ich schau' in diesen reinen Zgen
Die wirkende Natur vor meiner Seele liegen.
Jetzt erst erkenn' ich was der Weise spricht:
Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist todt!
Auf bade, Schler, unverdrossen,
Die ird'sche Brust im Morgenroth!

(Er beschaut das Zeichen.)

Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie Himmelskrfte auf und nieder steigen
Und sich die goldnen Eimer reichen!
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all' das All durchklingen!

    Welch Schauspiel! aber ach! ein Schauspiel nur!
Wo fa' ich dich, unendliche Natur?
Euch Brste, wo? Ihr Quellen alles Lebens,
An denen Himmel und Erde hngt,
Dahin die welke Brust sich drngt --
Ihr quellt, ihr trnkt, und schmacht' ich so vergebens?

(Er schlgt unwillig das Buch um, und erblickt das Zeichen des
Erdgeistes.)

Wie anders wirkt die Zeichen auf mich ein!
Du, Geist der Erde, bist mir nher;
Schon fhl' ich meine Krfte hher,
Schon glh' ich wie von neuem Wein,
Ich fhle Muth, mich in die Welt zu wagen,
Der Erde Weh, der Erde Glck zu tragen,
Mit Strmen mich herumzuschlagen,
Und in des Schiffbruchs Knirschen nicht zu zagen,
Es wlkt sich ber mir --
Der Mond verbirgt sein Licht --
Die Lampe schwindet!
Es dampft! -- Es zucken rothe Strahlen
Mir um das Haupt -- Es weht
Ein Schauer vom Gewlb' herab
Und fat mich an!
Ich fhl's, du schwebst um mich, erflehter Geist.
Enthlle dich!
Ha! wie's in meinem Herzen reit!
Zu neuen Gefhlen
All' meine Sinnen sich erwhlen!
Ich fhle ganz mein Herz dir hingegeben!
Du mut! du mut! und kostet' es mein Leben!

(Er fat das Buch und spricht das Zeichen des Geistes geheimnivoll aus.
Es zuckt eine rthliche Flamme, _der Geist_ erscheint in der Flamme.)

_Geist._

Wer ruft mir?

_Faust_ abgewendet.

              Schreckliches Gesicht!

_Geist._

Du hast mich mchtig angezogen,
An meiner Sphre lang' gesogen,
Und nun --

_Faust._

          Weh! ich ertrag' dich nicht!

_Geist._

Du flehst erathmend mich zu schauen,
Meine Stimme zu hren, mein Antlitz zu sehn,
Mich neigt dein mchtig Seelenflehn,
Da bin ich! -- Welch erbrmlich Grauen
Fat Uebermenschen dich! Wo ist der Seele Ruf?
Wo ist die Brust? die eine Welt in sich erschuf,
Und trug und hegte; die mit Freudebeben
Erschwoll, sich uns, den Geistern, gleich zu heben.
Wo bist du, Faust? de Stimme mir erklang,
Der sich an mich mit allen Krften drang?
Bist _Du_ es? der, von meinem Hauch umwittert,
In allen Lebenstiefen zittert,
Ein furchtsam weggekrmmter Wurm!

_Faust._

Soll ich dir, Flammenbildung, weichen?
Ich bin's, bin Faust, bin deines gleichen!

_Geist._

In Lebensfluthen, im Thatensturm
Wall' ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glhend Leben,
So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit,
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

_Faust._

Der du die weite Welt umschweifst,
Geschftiger Geist, wie nah fhl' ich mich dir!

_Geist._

Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht mir!

(Verschwindet.)

_Faust_ zusammenstrzend.

Nicht dir!
Wem denn?
Ich Ebenbild der Gottheit!
Und nicht einmal dir!

(Es klopft.)

O Tod! ich kenn's -- das ist mein Famulus --
Es wird mein schnstes Glck zu nichte!
Da diese Flle der Gesichte
Der trockne Schleicher stren mu!

(_Wagner_ im Schlafrocke und der Nachtmtze, eine Lampe
in der Hand. Faust wendet sich unwillig.)

_Wagner._

Verzeiht! ich hr' euch declamiren;
Ihr las't gewi ein griechisch Trauerspiel?
In dieser Kunst mcht' ich 'was profitiren,
Denn heut zu Tage wirkt das viel.
Ich hab' es fters rhmen hren,
Ein Komdiant knnt' einen Pfarrer lehren.

_Faust._

Ja, wenn der Pfarrer ein Komdiant ist;
Wie das denn wohl zu Zeiten kommen mag.

_Wagner._

Ach! wenn man so in sein Museum gebannt ist,
Und sieht die Welt kaum einen Feyertag,
Kaum durch ein Fernglas, nur von weiten,
Wie soll man sie durch Ueberredung leiten?

_Faust._

Wenn ihr's nicht fhlt, ihr werdet's nicht erjagen,
Wenn es nicht aus der Seele dringt,
Und mit urkrftigem Behagen
Die Herzen aller Hrer zwingt.
Sitzt ihr nur immer! leimt zusammen,
Braut ein Ragout von andrer Schmaus,
Und blas't die kmmerlichen Flammen
Aus eurem Aschenhufchen 'raus!
Bewund'rung von Kindern und Affen,
Wenn euch darnach der Gaumen steht;
Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen,
Wenn es euch nicht von Herzen geht.

_Wagner._

Allein der Vortrag macht des Redners Glck;
Ich fhl' es wohl, noch bin ich weit zurck.

_Faust._

Such' Er den redlichen Gewinn!
Sey er kein schellenlauter Thor!
Es trgt Verstand und rechter Sinn
Mit wenig Kunst sich selber vor;
Und wenn's euch Ernst ist was zu sagen,
Ist's nthig Worten nachzujagen?
Ja, eure Reden, die so blinkend sind,
In denen ihr der Menschheit Schnitzel kruselt,
Sind unerquicklich wie der Nebelwind,
Der herbstlich durch die drren Bltter suselt!

_Wagner._

Ach Gott! die Kunst ist lang;
Und kurz ist unser Leben.
Mir wird, bey meinem kritischen Bestreben,
Doch oft um Kopf und Busen bang'.
Wie schwer sind nicht die Mittel zu erwerben,
Durch die man zu den Quellen steigt!
Und eh' man nur den halben Weg erreicht,
Mu wohl ein armer Teufel sterben.

_Faust._

Das Pergament, ist das der heilge Bronnen,
Woraus ein Trunk den Durst auf ewig stillt?
Erquickung hast du nicht gewonnen,
Wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt.

_Wagner._

Verzeiht! es ist ein gro Ergetzen,
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen;
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht.

_Faust._

O ja, bis an die Sterne weit!
Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit
Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
Was ihr den Geist der Zeiten heit,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.
Da ist's dann wahrlich oft ein Jammer!
Man luft euch bey dem ersten Blick davon.
Ein Kehrichtfa und eine Rumpelkammer,
Und hchstens eine Haupt- und Staatsaction,
Mit trefflichen, pragmatischen Maximen,
Wie sie den Puppen wohl im Munde ziemen!

_Wagner._

Allein die Welt! des Menschen Herz und Geist!
Mcht' jeglicher doch was davon erkennen.

_Faust._

Ja was man so erkennen heit!
Wer darf das Kind beym rechten Namen nennen?
Die wenigen, die was davon erkannt,
Die thricht g'nug ihr volles Herz nicht wahrten,
Dem Pbel ihr Gefhl, ihr Schauen offenbarten,
Hat man von je gekreutzigt und verbrannt.
Ich bitt' euch, Freund, es ist tief in der Nacht,
Wir mssen's diemal unterbrechen.

_Wagner._

Ich htte gern nur immer fortgewacht,
Um so gelehrt mit euch mich zu besprechen.
Doch Morgen, als am ersten Ostertage,
Erlaubt mir ein' und andre Frage.
Mit Eifer hab' ich mich der Studien beflissen,
Zwar wei ich viel, doch mcht' ich alles wissen.

(ab.)

_Faust_ allein.

Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,
Der immerfort an schalem Zeuge klebt,
Mit gier'ger Hand nach Schtzen grbt,
Und froh ist, wenn er Regenwrmer findet!

    Darf eine solche Menschenstimme hier,
Wo Geisterflle mich umgab, ertnen?
Doch ach! fr diemal dank' ich dir,
Dem rmlichsten von allen Erdenshnen.
Du rissest mich von der Verzweiflung los,
Die mir die Sinne schon zerstren wollte.
Ach! die Erscheinung war so Riesen-gro,
Da ich mich recht als Zwerg empfinden sollte.

    Ich, Ebenbild der Gottheit, das sich schon
Ganz nah gednkt dem Spiegel ew'ger Wahrheit,
Sein selbst geno, in Himmelsglanz und Klarheit,
Und abgestreift den Erdensohn;
Ich, mehr als Cherub, dessen freye Kraft
Schon durch die Adern der Natur zu flieen
Und, schaffend, Gtterleben zu genieen
Sich ahndungsvoll verma, wie mu ich's ben!
Ein Donnerwort hat mich hinweggerafft.

    Nicht darf ich dir zu gleichen mich vermessen.
Hab' ich die Kraft dich anzuziehn besessen;
So hatt' ich dich zu halten keine Kraft.
In jenem sel'gen Augenblicke
Ich fhlte mich so klein, so gro,
Du stieest grausam mich zurcke,
Ins ungewisse Menschenloos.
Wer lehret mich? was soll ich meiden?
Soll ich gehorchen jenem Drang?
Ach! unsre Thaten selbst, so gut als unsre Leiden,
Sie hemmen unsres Lebens Gang.

    Dem herrlichsten, was auch der Geist empfangen,
Drngt immer fremd und fremder Stoff sich an;
Wenn wir zum Guten dieser Welt gelangen,
Dann heit das Bere Trug und Wahn.
Die uns das Leben gaben, herrliche Gefhle
Erstarren in dem irdischen Gewhle.

    Wenn Phantasie sich sonst, mit khnem Flug,
Und hoffnungsvoll zum Ewigen erweitert,
So ist ein kleiner Raum ihr nun genug,
Wenn Glck auf Glck im Zeitenstrudel scheitert.
Die Sorge nistet gleich im tiefen Herzen,
Dort wirket sie geheime Schmerzen,
Unruhig wiegt sie sich und stret Lust und Ruh;
Sie deckt sich stets mit neuen Masken zu,
Sie mag als Haus und Hof, als Weib und Kind erscheinen,
Als Feuer, Wasser, Dolch und Gift;
Du bebst vor allem was nicht trifft,
Und was du nie verlierst das mut du stets beweinen.

    Den Gttern gleich' ich nicht! zu tief ist es gefhlt;
Dem Wurme gleich' ich, der den Staub durchwhlt;
Den, wie er sich im Staube nhrend lebt,
Des Wandrers Tritt vernichtet und begrbt.

    Ist es nicht Staub? was diese hohe Wand,
Aus hundert Fchern, mir verenget;
Der Trdel, der mit tausendfachem Tand,
In dieser Mottenwelt mich drnget?
Hier soll ich finden was mir fehlt?
Soll ich vielleicht in tausend Bchern lesen,
Da berall die Menschen sich geqult,
Da hie und da ein Glcklicher gewesen? --
Was grinsest du mir hohler Schdel her?
Als da dein Hirn, wie meines, einst verwirret,
Den leichten Tag gesucht und in der Dmmrung schwer,
Mit Lust nach Wahrheit, jmmerlich geirret.
Ihr Instrumente freylich, spottet mein,
Mit Rad und Kmmen, Walz' und Bgel.
Ich stand am Thor, ihr solltet Schlssel seyn;
Zwar euer Bart ist kraus, doch hebt ihr nicht die Riegel.
Geheimnivoll am lichten Tag
Lt sich Natur des Schleyers nicht berauben,
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.
Du alt Gerthe das ich nicht gebraucht,
Du stehst nur hier, weil dich mein Vater brauchte.
Du alte Rolle, du wirst angeraucht,
So lang an diesem Pult die trbe Lampe schmauchte.
Weit besser htt' ich doch mein weniges verprat,
Als mit dem wenigen belastet hier zu schwitzen!
Was du ererbt von deinen Vtern hast
Erwirb es, um es zu besitzen.
Was man nicht ntzt ist eine schwere Last,
Nur was der Augenblick erschafft, das kann er ntzen.

    Doch warum heftet sich mein Blick auf jene Stelle?
Ist jenes Flschchen dort den Augen ein Magnet?
Warum wird mir auf einmal lieblich helle?
Als wenn im ncht'gen Wald uns Mondenglanz umweht.

    Ich gre dich, du einzige Phiole!
Die ich mit Andacht nun herunterhole,
In dir verehr' ich Menschenwitz und Kunst.
Du Inbegriff der holden Schlummersfte,
Du Auszug aller tdlich feinen Krfte,
Erweise deinem Meister deine Gunst!
Ich sehe dich, es wird der Schmerz gelindert,
Ich fasse dich, das Streben wird gemindert,
Des Geistes Fluthstrom ebbet nach und nach.
Ins hohe Meer werd' ich hinausgewiesen,
Die Spiegelfluth erglnzt zu meinen Fen,
Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.

    Ein Feuerwagen schwebt, auf leichten Schwingen,
An mich heran! Ich fhle mich bereit
Auf neuer Bahn den Aether zu durchdringen,
Zu neuen Sphren reiner Thtigkeit.
Die hohe Leben, diese Gtterwonne!
Du, erst noch Wurm, und die verdienest du?
Ja, kehre nur der holden Erdensonne
Entschlossen deinen Rcken zu!
Vermesse dich die Pforten aufzureien,
Vor denen jeder gern vorber schleicht.
Hier ist es Zeit durch Thaten zu beweisen,
Da Mannes-Wrde nicht der Gtterhhe weicht,
Vor jener dunkeln Hhle nicht zu beben,
In der sich Phantasie zu eigner Quaal verdammt,
Nach jenem Durchgang hinzustreben,
Um dessen engen Mund die ganze Hlle flammt;
Zu diesem Schritt sich heiter zu entschlieen
Und, wr' es mit Gefahr, ins Nichts dahin zu flieen.

    Nun komm herab, krystallne reine Schaale!
Hervor aus deinem alten Futterale,
An die ich viele Jahre nicht gedacht.
Du glnztest bey der Vter Freudenfeste,
Erheitertest die ernsten Gste,
Wenn einer dich dem andern zugebracht.
Der vielen Bilder knstlich reiche Pracht,
Des Trinkers Pflicht, sie reimweis zu erklren,
Auf Einen Zug die Hhlung auszuleeren,
Erinnert mich an manche Jugend-Nacht,
Ich werde jetzt dich keinem Nachbar reichen,
Ich werde meinen Witz an deiner Kunst nicht zeigen,
Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht.
Mit brauner Flut erfllt er deine Hhle.
Den ich bereitet, den ich whle,
Der letzte Trunk sey nun, mit ganzer Seele,
Als festlich hoher Gru, dem Morgen zugebracht!

(Er setzt die Schaale an den Mund.)


_Glockenklang_ und _Chorgesang._

_Chor der Engel._

          Christ ist erstanden!
        Freude dem Sterblichen,
        Den die verderblichen,
        Schleichenden, erblichen
        Mngel umwanden.

_Faust._

Welch tiefes Summen, welch ein heller Ton,
Zieht mit Gewalt das Glas von meinem Munde?
Verkndiget ihr dumpfen Glocken schon
Des Osterfestes erste Feyerstunde?
Ihr Chre singt ihr schon den trstlichen Gesang?
Der einst, um Grabes Nacht, von Engelslippen klang,
Gewiheit einem neuen Bunde.

_Chor der Weiber._

        Mit Spezereyen
        Hatten wir ihn gepflegt,
        Wir seine Treuen
        Hatten ihn hingelegt;
        Tcher und Binden
        Reinlich umwanden wir,
        Ach! und wir finden
        Christ nicht mehr hier.

_Chor der Engel._

        Christ ist erstanden!
        Selig der Liebende,
        Der die Betrbende,
        Heilsam' und bende
        Prfung bestanden.

_Faust._

Was sucht ihr, mchtig und gelind,
Ihr Himmelstne mich am Staube?
Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind.
Die Botschaft hr' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube
Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.
Zu jenen Sphren wag' ich nicht zu streben,
Woher die holde Nachricht tnt;
Und doch, an diesen Klang von Jugend auf gewhnt,
Ruft er auch jetzt zurck mich in das Leben.
Sonst strzte sich der Himmels-Liebe Ku
Auf mich herab, in ernster Sabathstille;
Da klang so ahndungsvoll des Glockentones Flle,
Und ein Gebet war brnstiger Genu;
Ein unbegreiflich holdes Sehnen
Trieb mich durch Wald und Wiesen hinzugehn,
Und unter tausend heien Thrnen,
Fhlt' ich mir eine Welt entstehn.
Die Lied verkndete der Jugend muntre Spiele,
Der Frhlingsfeyer freyes Glck;
Erinnrung hlt mich nun, mit kindlichem Gefhle,
Vom letzten, ernsten Schritt zurck.
O! tnet fort, ihr sen Himmelslieder!
Die Thrne quillt, die Erde hat mich wieder!

_Chor der Jnger._

        Hat der Begrabene
        Schon sich nach oben,
        Lebend Erhabene,
        Herrlich erhoben;
        Ist er in Werdelust
        Schaffender Freude nah;
        Ach! an der Erde Brust,
        Sind wir zum Leide da.
        Lie er die Seinen
        Schmachtend uns hier zurck;
        Ach! wir beweinen
        Meister dein Glck!

_Chor der Engel._

        Christ ist erstanden,
        Aus der Verwesung Schoos.
        Reiet von Banden
        Freudig euch los!
        Thtig ihn preisenden,
        Liebe beweisenden,
        Brderlich speisenden,
        Predigend reisenden,
        Wonne verheienden
        Euch ist der Meister nah',
        Euch ist er da!




_Vor dem Thor._


_Spaziergnger_ aller Art ziehen hinaus.

_Einige Handwerksbursche._

Warum denn dort hinaus?

_Andre._

Wir gehn hinaus auf's Jgerhaus.

_Die Ersten._

Wir aber wollen nach der Mhle wandern.

_Ein Handwerksbursch._

Ich rath' euch nach dem Wasserhof zu gehn.

_Zweyter._

Der Weg dahin ist gar nicht schn.

_Die Zweyten._

Was thust denn du?

_Ein Dritter._

                   Ich gehe mit den andern.

_Vierter._

Nach Burgdorf kommt herauf, gewi dort findet ihr
Die schnsten Mdchen und das beste Bier,
Und Hndel von der ersten Sorte.

_Fnfter._

Du berlustiger Gesell,
Juckt dich zum drittenmal das Fell?
Ich mag nicht hin, mir graut es vor dem Orte.

_Dienstmdchen._

Nein, nein! ich gehe nach der Stadt zurck.

_Andre._

Wir finden ihn gewi bey jenen Pappeln stehen.

_Erste._

Das ist fr mich kein groes Glck;
Er wird an deiner Seite gehen,
Mit dir nur tanzt er auf dem Plan.
Was gehn mich deine Freuden an!

_Andre._

Heut ist er sicher nicht allein,
Der Krauskopf, sagt er, wrde bey ihm seyn.

_Schler._

Blitz wie die wackern Dirnen schreiten!
Herr Bruder komm! wir mssen sie begleiten.
Ein starkes Bier, ein beizender Toback,
Und eine Magd im Putz das ist nun mein Geschmack.

_Brgermdchen._

Da sieh mir nur die schnen Knaben!
Es ist wahrhaftig eine Schmach,
Gesellschaft knnten sie die allerbeste haben,
Und laufen diesen Mgden nach!

_Zweyter Schler_ zum ersten.

Nicht so geschwind! dort hinten kommen zwey,
Sie sind gar niedlich angezogen,
's ist meine Nachbarin dabey;
Ich bin dem Mdchen sehr gewogen.
Sie gehen ihren stillen Schritt
Und nehmen uns doch auch am Ende mit.

_Erster._

Herr Bruder nein! Ich bin nicht gern genirt.
Geschwind! da wir das Wildpret nicht verlieren.
Die Hand, die Samstags ihren Besen fhrt,
Wird Sontags dich am besten caressiren.

_Brger._

Nein, er gefllt mir nicht der neue Burgemeister!
Nun, da er's ist, wird er nur tglich dreister.
Und fr die Stadt was thut denn er?
Wird es nicht alle Tage schlimmer?
Gehorchen soll man mehr als immer,
Und zahlen mehr als je vorher.

_Bettler_ singt.

Ihr guten Herrn, ihr schnen Frauen,
So wohlgeputzt und backenroth,
Belieb' es euch mich anzuschauen,
Und seht und mildert meine Noth!
Lat hier mich nicht vergebens leyern!
Nur der ist froh, der geben mag.
Ein Tag den alle Menschen feyern,
Er sey fr mich ein Aerndetag.

_Andrer Brger._

Nichts bessers wei ich mir an Sonn- und Feyertagen,
Als ein Gesprch von Krieg und Kriegsgeschrey,
Wenn hinten, weit, in der Trkey,
Die Vlker auf einander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Glschen aus
Und sieht den Flu hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man Abends froh nach Haus,
Und segnet Fried' und Friedenszeiten.

_Dritter Brger._

Herr Nachbar, ja! so la ich's auch geschehn,
Sie mgen sich die Kpfe spalten,
Mag alles durch einander gehn;
Doch nur zu Hause bleib's beym Alten.

_Alte_ zu den Brgermdchen.

Ey! wie geputzt! das schne junge Blut!
Wer soll sich nicht in euch vergaffen? --
Nur nicht so stolz! es ist schon gut!
Und was ihr wnscht das wt' ich wohl zu schaffen.

_Brgermdchen._

Agathe fort! ich nehme mich in Acht
Mit solchen Hexen ffentlich zu gehen;
Sie lie mich zwar, in Sanct Andreas Nacht,
Den knftgen Liebsten leiblich sehen.

_Die Andre._

Mir zeigte sie ihn im Krystall,
Soldatenhaft, mit mehreren Verwegnen;
Ich seh' mich um, ich such' ihn berall,
Allein mir will er nicht begegnen.

_Soldaten._

        Burgen mit hohen
        Mauern und Zinnen,
        Mdchen mit stolzen
        Hhnenden Sinnen
        Mcht' ich gewinnen!
        Khn ist das Mhen,
        Herrlich der Lohn!

          Und die Trompete
        Lassen wir werben,
        Wie zu der Freude,
        So zum Verderben.
        Das ist ein Strmen!
        Das ist ein Leben!
        Mdchen und Burgen
        Mssen sich geben.
        Khn ist das Mhen,
        Herrlich der Lohn!
        Und die Soldaten
        Ziehen davon.

_Faust_ und _Wagner._

_Faust._

Vom Eise befreyt sind Strom und Bche,
Durch des Frhlings holden, belebenden Blick,
Im Thale grnet Hoffnungs-Glck;
Der alte Winter, in seiner Schwche,
Zog sich in rauhe Berge zurck.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmchtige Schauer krnigen Eises
In Streifen ber die grnende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weies,
Ueberall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafr.
Kehre dich um, von diesen Hhen
Nach der Stadt zurck zu sehen.
Aus dem hohlen finstren Thor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feyern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Huser dumpfen Gemchern,
Aus Handwerks- und Gewerbes Banden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dchern,
Aus der Straen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwrdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Grten und Felder zerschlgt,
Wie der Flu, in Breit' und Lnge,
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken berladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich hre schon des Dorfs Getmmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet gro und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich's seyn.

_Wagner._

Mit euch, Herr Doctor, zu spazieren
Ist ehrenvoll und ist Gewinn;
Doch wrd' ich nicht allein mich her verlieren,
Weil ich ein Feind von allem Rohen bin.
Das Fiedeln, Schreien, Kegelschieben,
Ist mir ein gar verhater Klang;
Sie toben wie vom bsen Geist getrieben
Und nennen's Freude, nennen's Gesang.


_Bauern_ unter der Linde.

_Tanz und Gesang._

Der Schfer putzte sich zum Tanz,
Mit bunter Jacke, Band und Kranz,
Schmuck war er angezogen.
Schon um die Linde war es voll
Und alles tanzte schon wie toll.
Juchhe! Juchhe!
Juchheisa! Heisa! He!
So ging der Fiedelbogen.

Er drckte hastig sich heran,
Da stie er an ein Mdchen an,
Mit seinem Ellenbogen;
Die frische Dirne kehrt sich um
Und sagte: nun das find' ich dumm
Juchhe! Juchhe!
Juchheisa! Heisa! He!
Seyd nicht so ungezogen.

Doch hurtig in dem Kreise ging's,
Sie tanzten rechts sie tanzten links
Und alle Rcke flogen.
Sie wurden roth, sie wurden warm
Und ruhten athmend Arm in Arm,
Juchhe! Juchhe!
Juchheisa! Heisa! He!
Und Hft' an Ellenbogen.

Und thu mir doch nicht so vertraut!
Wie mancher hat nicht seine Braut
Belogen und betrogen!
Er schmeichelte sie doch bey Seit'
Und von der Linde scholl es weit:
Juchhe! Juchhe!
Juchheisa! Heisa! He!
Geschrei und Fiedelbogen.

_Alter Bauer._

Herr Doctor, das ist schn von euch,
Da ihr uns heute nicht verschmht,
Und unter dieses Volksgedrng',
Als ein so Hochgelahrter, geht.
So nehmet auch den schnsten Krug,
Den wir mit frischem Trunk gefllt,
Ich bring' ihn zu und wnsche laut,
Da er nicht nur den Durst euch stillt;
Die Zahl der Tropfen, die er hegt,
Sey euren Tagen zugelegt.

_Faust._

Ich nehme den Erquickungs-Trank,
Erwiedr' euch allen Heil und Dank.

_Das Volk_ sammelt sich im Kreis umher.

_Alter Bauer._

Frwahr es ist sehr wohl gethan,
Da ihr am frohen Tag erscheint;
Habt ihr es vormals doch mit uns
An bsen Tagen gut gemeynt!
Gar mancher steht lebendig hier,
Den euer Vater noch zuletzt
Der heien Fieberwuth entri,
Als er der Seuche Ziel gesetzt.
Auch damals ihr, ein junger Mann,
Ihr gingt in jedes Krankenhaus,
Gar manche Leiche trug man fort,
Ihr aber kamt gesund heraus,
Bestandet manche harte Proben;
Dem Helfer half der Helfer droben.

_Alle._

Gesundheit dem bewhrten Mann,
Da er noch lange helfen kann!

_Faust._

Vor jenem droben steht gebckt,
Der helfen lehrt und Hlfe schickt.

(Er geht mit Wagnern weiter.)

_Wagner._

Welch ein Gefhl mut du, o groer Mann!
Bey der Verehrung dieser Menge haben!
O! glcklich! wer von seinen Gaben
Solch einen Vortheil ziehen kann.
Der Vater zeigt dich seinem Knaben,
Ein jeder fragt und drngt und eilt,
Die Fiedel stockt, der Tnzer weilt.
Du gehst, in Reihen stehen sie,
Die Mtzen fliegen in die Hh';
Und wenig fehlt, so beugten sich die Knie,
Als km' das Venerabile.

_Faust._

Nur wenig Schritte noch hinauf zu jenem Stein,
Hier wollen wir von unsrer Wandrung rasten.
Hier sa ich oft gedankenvoll allein
Und qulte mich mit Beten und mit Fasten.
An Hoffnung reich, im Glauben fest,
Mit Thrnen, Seufzen, Hnderingen
Dacht' ich das Ende jener Pest
Vom Herrn des Himmels zu erzwingen.
Der Menge Beyfall tnt mir nun wie Hohn.
O knntest du in meinem Innern lesen,
Wie wenig Vater und Sohn
Solch eines Ruhmes werth gewesen!
Mein Vater war ein dunkler Ehrenmann,
Der ber die Natur und ihre heilgen Kreise,
In Redlichkeit, jedoch auf seine Weise,
Mit grillenhafter Mhe sann.
Der, in Gesellschaft von Adepten,
Sich in die schwarze Kche schlo,
Und, nach unendlichen Recepten,
Das Widrige zusammengo.
Da ward ein rother Leu, ein khner Freyer,
Im lauen Bad, der Lilie vermhlt
Und beyde dann, mit offnem Flammenfeuer,
Aus einem Brautgemach ins andere geqult.
Erschien darauf, mit bunten Farben,
Die junge Knigin im Glas,
Hier war die Arzeney, die Patienten starben,
Und niemand fragte: wer genas?
So haben wir, mit hllischen Latwergen,
In diesen Thlern, diesen Bergen,
Weit schlimmer als die Pest getobt.
Ich habe selbst den Gift an Tausende gegeben,
Sie welkten hin, ich mu erleben
Da man die frechen Mrder lobt.

_Wagner._

Wie knnt ihr euch darum betrben!
Thut nicht ein braver Mann genug;
Die Kunst, die man ihm bertrug,
Gewissenhaft und pnctlich auszuben.
Wenn du, als Jngling, deinen Vater ehrst,
So wirst du gern von ihm empfangen;
Wenn du, als Mann, die Wissenschaft vermehrst,
So kann dein Sohn zu hhrem Ziel gelangen.

_Faust._

O! glcklich! wer noch hoffen kann
Aus diesem Meer des Irrthums aufzutauchen.
Was man nicht wei das eben brauchte man,
Und was man wei kann man nicht brauchen.
Doch la uns dieser Stunde schnes Gut,
Durch solchen Trbsinn, nicht verkmmern!
Betrachte wie, in Abendsonne-Glut,
Die grnumgebnen Htten schimmern.
Sie rckt und weicht, der Tag ist berlebt,
Dort eilt sie hin und frdert neues Leben.
O! da kein Flgel mich vom Boden hebt,
Ihr nach und immer nach zu streben.
Ich sh' im ewigen Abendstrahl
Die stille Welt zu meinen Fen,
Entzndet alle Hhn, beruhigt jedes Thal,
Den Silberbach in goldne Strme flieen.
Nicht hemmte dann den gttergleichen Lauf
Der wilde Berg mit allen seinen Schluchten;
Schon thut das Meer sich mit erwrmten Buchten
Vor den erstaunten Augen auf.
Doch scheint die Gttin endlich wegzusinken;
Allein der neue Trieb erwacht,
Ich eile fort ihr ew'ges Licht zu trinken,
Vor mir den Tag, und hinter mir die Nacht,
Den Himmel ber mir und unter mir die Wellen.
Ein schner Traum, indessen sie entweicht.
Ach! zu des Geistes Flgeln wird so leicht
Kein krperlicher Flgel sich gesellen.
Doch ist es jedem eingeboren,
Da sein Gefhl hinauf und vorwrts dringt,
Wenn ber uns, im blauen Raum verloren,
Ihr schmetternd Lied die Lerche singt;
Wenn ber schroffen Fichtenhhen
Der Adler ausgebreitet schwebt,
Und ber Flchen, ber Seen,
Der Kranich nach der Heimat strebt.

_Wagner._

Ich hatte selbst oft grillenhafte Stunden,
Doch solchen Trieb hab' ich noch nie empfunden.
Man sieht sich leicht an Wald und Feldern satt,
Des Vogels Fittig werd' ich nie beneiden.
Wie anders tragen uns die Geistesfreuden,
Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!
Da werden Winternchte hold und schn,
Ein selig Leben wrmet alle Glieder,
Und ach! entrollst du gar ein wrdig Pergamen;
So steigt der ganze Himmel zu dir nieder.

_Faust._

Du bist dir nur des einen Triebs bewut,
O lerne nie den andern kennen!
Zwey Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hlt, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt, mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust,
Zu den Gefilden hoher Ahnen.
O giebt es Geister in der Luft,
Die zwischen Erd' und Himmel herrschend weben,
So steiget nieder aus dem goldnen Duft
Und fhrt mich weg, zu neuem buntem Leben!
Ja, wre nur ein Zaubermantel mein!
Und trg' er mich in fremde Lnder,
Mir sollt' er, um die kstlichsten Gewnder,
Nicht feil um einen Knigsmantel seyn.

_Wagner._

Berufe nicht die wohlbekannte Schaar,
Die, strmend, sich im Dunstkreis berbreitet,
Dem Menschen tausendfltige Gefahr,
Von allen Enden her, bereitet.
Von Norden dringt der scharfe Geisterzahn
Auf dich herbey, mit pfeilgespitzten Zungen;
Von Morgen ziehn, vertrocknend, sie heran,
Und nhren sich von deinen Lungen;
Wenn sie der Mittag aus der Wste schickt,
Die Glut auf Glut um deinen Scheitel hufen,
So bringt der West den Schwarm, der erst erquickt,
Um dich und Feld und Aue zu ersufen.
Sie hren gern, zum Schaden froh gewandt,
Gehorchen gern, weil sie uns gern betrgen,
Sie stellen wie vom Himmel sich gesandt,
Und lispeln englisch, wenn sie lgen.
Doch gehen wir! ergraut ist schon die Welt,
Die Luft gekhlt, der Nebel fllt!
Am Abend schtzt man erst das Haus. --
Was stehst du so und blickst erstaunt hinaus?
Was kann dich in der Dmmrung so ergreifen?

_Faust._

Siehst du den schwarzen Hund durch Saat und Stoppel streifen?

_Wagner._

Ich sah ihn lange schon, nicht wichtig schien er mir.

_Faust._

Betracht' ihn recht! fr was hltst du das Thier?

_Wagner._

Fr einen Pudel, der auf seine Weise
Sich auf der Spur des Herren plagt.

_Faust._

Bemerkst du, wie in weitem Schneckenkreise
Er um uns her und immer nher jagt?
Und irr' ich nicht, so zieht ein Feuerstrudel
Auf seinen Pfaden hinterdrein.

_Wagner._

Ich sehe nichts als einen schwarzen Pudel,
Es mag bey euch wohl Augentuschung seyn.

_Faust._

Mir scheint es, da er magisch leise Schlingen,
Zu knft'gem Band, um unsre Fe zieht.

_Wagner._

Ich seh' ihn ungewi und furchtsam uns umspringen,
Weil er, statt seines Herrn, zwey Unbekannte sieht.

_Faust._

Der Kreis wird eng, schon ist er nah!

_Wagner._

Du siehst! ein Hund, und kein Gespenst ist da.
Er knurrt und zweifelt, legt sich auf den Bauch,
Er wedelt. Alles Hunde Brauch.

_Faust._

Geselle dich zu uns! Komm hier!

_Wagner._

Es ist ein pudelnrrisch Thier.
Du stehest still, er wartet auf;
Du sprichst ihn an, er strebt an dir hinauf;
Verliere was, er wird es bringen,
Nach deinem Stock ins Wasser springen.

_Faust._

Du hast wohl recht, ich finde nicht die Spur
Von einem Geist, und alles ist Dressur.

_Wagner._

Dem Hunde, wenn er gut gezogen,
Wird selbst ein weiser Mann gewogen.
Ja deine Gunst verdient er ganz und gar
Er, der Studenten trefflicher Scolar.

(Sie gehen in das Stadt-Thor.)




_Studirzimmer._


_Faust_ mit dem _Pudel_ hereintretend.

      Verlassen hab' ich Feld und Auen,
      Die eine tiefe Nacht bedeckt,
      Mit ahndungsvollem heil'gem Grauen
      In uns die bessre Seele weckt.
      Entschlafen sind nun wilde Triebe,
      Mit jedem ungestmen Thun;
      Es reget sich die Menschenliebe,
      Die Liebe Gottes regt sich nun.

Sey ruhig Pudel! renne nicht hin und wieder!
An der Schwelle was schnoperst du hier?
Lege dich hinter den Ofen nieder,
Mein bestes Kissen geb' ich dir.
Wie du drauen auf dem bergigen Wege,
Durch Rennen und Springen, ergetzt uns hast,
So nimm nun auch von mir die Pflege,
Als ein willkommner stiller Gast.

      Ach wenn in unsrer engen Zelle
      Die Lampe freundlich wieder brennt,
      Dann wird's in unserm Busen helle,
      Im Herzen, das sich selber kennt.
      Vernunft fngt wieder an zu sprechen,
      Und Hoffnung wieder an zu blhn,
      Man sehnt sich nach des Lebens Bchen,
      Ach! nach des Lebens Quelle hin.

Knurre nicht Pudel! Zu den heiligen Tnen,
Die jetzt meine ganze Seel' umfassen,
Will der thierische Laut nicht passen.
Wir sind gewohnt, da die Menschen verhhnen
Was sie nicht verstehn,
Da sie vor dem Guten und Schnen,
Das ihnen oft beschwerlich ist, murren;
Will es der Hund, wie sie, beknurren[?]
Aber ach! schon fhl' ich, bey dem besten Willen,
Befriedigung nicht mehr aus dem Busen quillen.
Aber warum mu der Strom so bald versiegen,
Und wir wieder im Durste liegen?
Davon hab' ich so viel Erfahrung.
Doch dieser Mangel lt sich ersetzen,
Wir lernen das Ueberirdische schtzen,
Wir sehnen uns nach Offenbarung,
Die nirgends wrd'ger und schner brennt,
Als in dem neuen Testament.
Mich drngt's den Grundtext aufzuschlagen,
Mit redlichem Gefhl einmal
Das heilige Original
In mein geliebtes Deutsch zu bertragen.

(Er schlgt ein Volum auf und schickt sich an.)

Geschrieben steht: im Anfang war das _Wort!_
Hier stock' ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das _Wort_ so hoch unmglich schtzen,
Ich mu es anders bersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: im Anfang war der _Sinn_.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Da deine Feder sich nicht bereile!
Ist es der _Sinn,_ der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: im Anfang war die _Kraft!_
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, da ich dabey nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! auf einmal seh' ich Rath
Und schreibe getrost: im Anfang war die _That!_

Soll ich mit dir das Zimmer theilen,
Pudel, so la das Heulen,
So la das Bellen!
Solch einen strenden Gesellen
Mag ich nicht in der Nhe leiden.
Einer von uns beyden
Mu die Zelle meiden.
Ungern heb' ich das Gastrecht auf,
Die Thr' ist offen, hast freyen Lauf.
Aber was mu ich sehen!
Kann das natrlich geschehen?
Ist es Schatten? ist's Wirklichkeit?
Wie wird mein Pudel lang und breit!
Er hebt sich mit Gewalt,
Das ist nicht eines Hundes Gestalt!
Welch ein Gespenst bracht' ich ins Haus!
Schon sieht er wie ein Nilpferd aus,
Mit feurigen Augen, schrecklichem Gebi.
O! du bist mir gewi!
Fr solche halbe Hllenbrut
Ist Salomonis Schlssel gut.

_Geister_ auf dem Gange.

      Drinnen gefangen ist einer!
      Bleibet hauen, folg' ihm keiner!
      Wie im Eisen der Fuchs,
      Zagt ein alter Hllenluchs.
      Aber gebt Acht!
      Schwebet hin, schwebet wieder,
      Auf und nieder,
      Und er hat sich losgemacht.
      Knnt ihr ihm ntzen,
      Lat ihn nicht sitzen!
      Denn er that uns allen
      Schon viel zu Gefallen.

_Faust._

Erst zu begegnen dem Thiere,
Brauch' ich den Spruch der Viere:
      Salamander soll glhen,
      Undene sich winden,
      Silphe verschwinden,
      Kobold sich mhen.

Wer sie nicht kennte
Die Elemente,
Ihre Kraft
Und Eigenschaft,
Wre kein Meister
Ueber die Geister.

      Verschwind' in Flammen
      Salamander!
      Rauschend fliee zusammen
      Undene!
      Leucht' in Meteoren-Schne
      Silphe!
      Bring' huliche Hlfe
      #Incubus! incubus!#
      Tritt hervor und mache den Schlu.

Keines der Viere
Steckt in dem Thiere.
Es liegt ganz ruhig und grins't mich an,
Ich hab' ihm noch nicht weh gethan.
Du sollst mich hren
Strker beschwren.

      Bist du Geselle
      Ein Flchtling der Hlle?
      So sieh dies Zeichen!
      Dem sie sich beugen
      Die schwarzen Schaaren.

Schon schwillt es auf mit borstigen Haaren.

      Verworfnes Wesen!
      Kannst du ihn lesen?
      Den nie entsprossnen,
      Unausgesprochnen,
      Durch alle Himmel gegossnen,
      Freventlich durchstochnen.

Hinter den Ofen gebannt
Schwillt es wie ein Elephant,
Den ganzen Raum fllt es an,
Es will zum Nebel zerflieen.
Steige nicht zur Decke hinan!
Lege dich zu des Meisters Fen!
Du siehst da ich nicht vergebens drohe.
Ich versenge dich mit heiliger Lohe!
Erwarte nicht
Das dreymal glhende Licht!
Erwarte nicht
Die strkste von meinen Knsten!

_Mephistopheles_

(tritt, indem der Nebel fllt, gekleidet wie ein fahrender Scholastikus,
hinter dem Ofen hervor.)

Wozu der Lrm? was steht dem Herrn zu Diensten?

_Faust._

Das also war des Pudels Kern!
Ein fahrender Scolast? Der Casus macht mich lachen.

_Mephistopheles._

Ich salutire den gelehrten Herrn!
Ihr habt mich weidlich schwitzen machen.

_Faust._

Wie nennst du dich?

_Mephistopheles._

                    Die Frage scheint mir klein,
Fr einen der das Wort so sehr verachtet,
Der, weit entfernt von allem Schein,
Nur in der Wesen Tiefe trachtet.

_Faust._

Bey euch, ihr Herrn, kann man das Wesen
Gewhnlich aus dem Namen lesen,
Wo es sich allzudeutlich weis't,
Wenn man euch Fliegengott, Verderber, Lgner heit.
Nun gut wer bist du denn?

_Mephistopheles._

                          Ein Theil von jener Kraft,
Die stets das Bse will und stets das Gute schafft.

_Faust._

Was ist mit diesem Rthselwort gemeynt?

_Mephistopheles._

Ich bin der Geist der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles was entsteht
Ist werth da es zu Grunde geht;
Drum besser wr's da nichts entstnde.
So ist denn alles was ihr Snde,
Zerstrung, kurz das Bse nennt,
Mein eigentliches Element.

_Faust._

Du nennst dich einen Theil, und stehst doch ganz vor mir?

_Mephistopheles._

Bescheidne Wahrheit sprech' ich dir.
Wenn sich der Mensch, die kleine Narrenwelt,
Gewhnlich fr ein Ganzes hlt;
Ich bin ein Theil des Theils, der Anfangs alles war,
Ein Theil der Finsterni, die sich das Licht gebar,
Das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht
Den alten Rang, den Raum ihr streitig macht,
Und doch gelingt's ihm nicht, da es, so viel es strebt,
Verhaftet an den Krpern klebt.
Von Krpern strmt's, die Krper macht es schn,
Ein Krper hemmt's auf seinem Gange,
So, hoff' ich, dauert es nicht lange
Und mit den Krpern wird's zu Grunde gehn.

_Faust._

Nun kenn' ich deine wrd'gen Pflichten!
Du kannst im Groen nichts vernichten
Und fngst es nun im Kleinen an.

_Mephistopheles._

Und freylich ist nicht viel damit gethan.
Was sich dem Nichts entgegenstellt,
Das Etwas, diese plumpe Welt,
So viel als ich schon unternommen
Ich wute nicht ihr beyzukommen,
Mit Wellen, Strmen, Schtteln, Brand,
Geruhig bleibt am Ende Meer und Land!
Und dem verdammten Zeug, der Thier- und Menschenbrut,
Dem ist nun gar nichts anzuhaben,
Wie viele hab' ich schon begraben!
Und immer zirkulirt ein neues, frisches Blut.
So geht es fort, man mchte rasend werden!
Der Luft, dem Wasser, wie der Erden
Entwinden tausend Keime sich,
Im Trocknen, Feuchten, Warmen, Kalten!
Htt' ich mir nicht die Flamme vorbehalten;
Ich htte nichts apart's fr mich.

_Faust._

So setzest du der ewig regen,
Der heilsam schaffenden Gewalt
Die kalte Teufelsfaust entgegen,
Die sich vergebens tckisch ballt!
Was anders suche zu beginnen
Des Chaos wunderlicher Sohn!

_Mephistopheles._

Wir wollen wirklich uns besinnen,
Die nchstenmale mehr davon!
Drft' ich wohl diesmal mich entfernen?

_Faust._

Ich sehe nicht warum du fragst.
Ich habe jetzt dich kennen lernen,
Besuche nun mich wie du magst.
Hier ist das Fenster, hier die Thre,
Ein Rauchfang ist dir auch gewi.

_Mephistopheles._

Gesteh' ichs nur! da ich hinausspaziere
Verbietet mir ein kleines Hinderni,
Der Drudenfu auf eurer Schwelle --

_Faust._

Das Pentagramma macht dir Pein?
Ey sage mir, du Sohn der Hlle,
Wenn das dich bannt, wie kamst du denn herein?
Wie ward ein solcher Geist betrogen?

_Mephistopheles._

Beschaut es recht! es ist nicht gut gezogen;
Der eine Winkel, der nach auen zu,
Ist, wie du siehst, ein wenig offen.

_Faust._

Das hat der Zufall gut getroffen!
Und mein Gefangner wrst denn du?
Das ist von ohngefhr gelungen!

_Mephistopheles._

Der Pudel merkte nichts als er hereingesprungen,
Die Sache sieht jetzt anders aus;
Der Teufel kann nicht aus dem Haus.

_Faust._

Doch warum gehst du nicht durchs Fenster?

_Mephistopheles._

's ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster:
Wo sie hereingeschlpft, da mssen sie hinaus.
Das erste steht uns frey, beym zweyten sind wir Knechte.

_Faust._

Die Hlle selbst hat ihre Rechte?
Das find' ich gut, da liee sich ein Packt,
Und sicher wohl, mit euch ihr Herren schlieen?

_Mephistopheles._

Was man verspricht, das sollst du rein genieen,
Dir wird davon nichts abgezwackt.
Doch das ist nicht so kurz zu fassen,
Und wir besprechen das zunchst;
Doch jetzo bitt' ich, hoch und hchst,
Fr diesesmal mich zu entlassen.

_Faust._

So bleibe doch noch einen Augenblick,
Um mir erst gute Mhr zu sagen.

_Mephistopheles._

Jetzt la mich los! ich komme bald zurck,
Dann magst du nach Belieben fragen.

_Faust._

Ich habe dir nicht nachgestellt,
Bist du doch selbst ins Garn gegangen.
Den Teufel halte wer ihn hlt!
Er wird ihn nicht sobald zum zweytenmale fangen.

_Mephistopheles._

Wenn dir's beliebt, so bin ich auch bereit
Dir zur Gesellschaft hier zu bleiben;
Doch mit Bedingni, dir die Zeit,
Durch meine Knste, wrdig zu vertreiben.

_Faust._

Ich seh' es gern, das steht dir frey;
Nur da die Kunst gefllig sey!

_Mephistopheles._

Du wirst, mein Freund, fr deine Sinnen,
In dieser Stunde mehr gewinnen,
Als in des Jahres Einerley.
Was dir die zarten Geister singen,
Die schnen Bilder die sie bringen,
Sind nicht ein leeres Zauberspiel.
Auch dein Geruch wird sich ergetzen,
Dann wirst du deinen Gaumen letzen,
Und dann entzckt sich dein Gefhl.
Bereitung braucht es nicht voran,
Beysammen sind wir, fanget an!

_Geister._

        Schwindet ihr dunkeln
        Wlbungen droben!
        Reizender schaue,
        Freundlich, der blaue
        Aether herein!
        Wren die dunkeln
        Wolken zerronnen!
        Sternelein funkeln,
        Mildere Sonnen
        Scheinen darein.
        Himmlischer Shne
        Geistige Schne,
        Schwankende Beugung
        Schwebet vorber.
        Sehnende Neigung
        Folget hinber;
        Und der Gewnder
        Flatternde Bnder
        Decken die Lnder,
        Decken die Laube,
        Wo sich fr's Leben,
        Tief in Gedanken,
        Liebende geben.
        Laube bey Laube!
        Sprossende Ranken!
        Lastende Traube
        Strzt in's Behlter
        Drngender Kelter,
        Strzen in Bchen
        Schumende Weine,
        Rieseln durch reine,
        Edle Gesteine,
        Lassen die Hhen
        Hinter sich liegen,
        Breiten zu Seen
        Sich ums Gengen
        Grnender Hgel.
        Und das Geflgel
        Schlrfet sich Wonne,
        Flieget der Sonne,
        Flieget den hellen
        Inseln entgegen,
        Die sich auf Wellen
        Gauklend bewegen;
        Wo wir in Chren
        Jauchzende hren,
        Ueber den Auen
        Tanzende schauen,
        Die sich im Freyen
        Alle zerstreuen.
        Einige glimmen[klimmen]
        Ueber die Hhen,
        Andere schwimmen
        Ueber die Seen,
        Andere schweben;
        Alle zum Leben,
        Alle zur Ferne
        Liebender Sterne
        Seliger Huld.

_Mephistopheles._

Er schlft! So recht, ihr luft'gen, zarten Jungen!
Ihr habt ihn treulich eingesungen!
Fr dies Concert bin ich in eurer Schuld.
Du bist noch nicht der Mann den Teufel fest zu halten!
Umgaukelt ihn mit sen Traumgestalten,
Versenkt ihn in ein Meer des Wahns;
Doch dieser Schwelle Zauber zu zerspalten
Bedarf ich eines Rattenzahns.
Nicht lange brauch' ich zu beschwren,
Schon raschelt eine hier und wird sogleich mich hren.

    Der Herr der Ratten und der Muse,
Der Fliegen, Frsche, Wanzen, Luse,
Befiehlt dir dich hervor zu wagen
Und diese Schwelle zu benagen,
So wie er sie mit Oel betupft --
Da kommst du schon hervorgehupft!
Nur frisch ans Werk! Die Spitze, die mich bannte,
Sie sitzt ganz vornen an der Kante.
Noch einen Bi, so ist's geschehn. --
Nun Fauste trume fort, bis wir uns wiedersehn.

_Faust_ erwachend.

Bin ich denn abermals betrogen?
Verschwindet so der geisterreiche Drang?
Da mir ein Traum den Teufel vorgelogen,
Und da ein Pudel mir entsprang.




_Studirzimmer._


_Faust. Mephistopheles._

_Faust._

Es klopft? Herein! Wer will mich wieder plagen?

_Mephistopheles._

Ich bin's.

_Faust._

           Herein!

_Mephistopheles._

                   Du mut es dreymal sagen.

_Faust._

Herein denn!

_Mephistopheles._

             So gefllst du mir.
Wir werden, hoff' ich, uns vertragen;
Denn dir die Grillen zu verjagen
Bin ich, als edler Junker, hier,
In rothem goldverbrmten Kleide,
Das Mntelchen von starrer Seide,
Die Hahnenfeder auf dem Hut,
Mit einem langen, spitzen Degen,
Und rathe nun dir, kurz und gut,
Dergleichen gleichfalls anzulegen;
Damit du, losgebunden, frey,
Erfahrest was das Leben sey.

_Faust._

In jedem Kleide werd' ich wohl die Pein
Des engen Erdelebens fhlen.
Ich bin zu alt, um nur zu spielen,
Zu jung, um ohne Wunsch zu seyn.
Was kann die Welt mir wohl gewhren?
Entbehren sollst du! sollst entbehren!
Das ist der ewige Gesang,
Der jedem an die Ohren klingt,
Den, unser ganzes Leben lang,
Uns heiser jede Stunde singt.
Nur mit Entsetzen wach' ich Morgens auf,
Ich mchte bittre Thrnen weinen,
Den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf
Nicht Einen Wunsch erfllen wird, nicht Einen,
Der selbst die Ahndung jeder Lust
Mit eigensinnigem Krittel mindert,
Die Schpfung meiner regen Brust
Mit tausend Lebensfratzen hindert.
Auch mu ich, wenn die Nacht sich niedersenkt,
Mich ngstlich auf das Lager strecken,
Auch da wird keine Rast geschenkt,
Mich werden wilde Trume schrecken.
Der Gott, der mir im Busen wohnt,
Kann tief mein Innerstes erregen,
Der ber allen meinen Krften thront,
Er kann nach auen nichts bewegen;
Und so ist mir das Daseyn eine Last,
Der Tod erwnscht, das Leben mir verhat.

_Mephistopheles._

Und doch ist nie der Tod ein ganz willkommner Gast.

_Faust._

O seelig der! dem er im Siegesglanze
Die blut'gen Lorbeern um die Schlfe windet,
Den er, nach rasch durchras'tem Tanze,
In eines Mdchens Armen findet.
O wr' ich vor des hohen Geistes Kraft
Entzckt, entseelt dahin gesunken!

_Mephistopheles._

Und doch hat Jemand einen braunen Saft,
In jener Nacht, nicht ausgetrunken.

_Faust._

Das Spioniren, scheint's, ist deine Lust.

_Mephistopheles._

Allwissend bin ich nicht; doch viel ist mir bewut.

_Faust._

Wenn aus dem schrecklichen Gewhle
Ein s bekannter Ton mich zog,
Den Rest von kindlichem Gefhle
Mit Anklang froher Zeit betrog;
So fluch' ich allem was die Seele
Mit Lock- und Gaukelwerk umspannt,
Und sie in diese Trauerhle
Mit Blend- und Schmeichelkrften bannt!
Verflucht voraus die hohe Meinung,
Womit der Geist sich selbst umfngt!
Verflucht das Blenden der Erscheinung,
Die sich an unsre Sinne drngt!
Verflucht was uns in Trumen heuchelt,
Des Ruhms, der Namensdauer Trug!
Verflucht was als Besitz uns schmeichelt,
Als Weib und Kind, als Knecht und Pflug!
Verflucht sey Mammon, wenn mit Schtzen
Er uns zu khnen Thaten regt,
Wenn er zu migem Ergetzen
Die Polster uns zurechte legt!
Fluch sey dem Balsamsaft der Trauben!
Fluch jener hchsten Liebeshuld!
Fluch sey der Hoffnung! Fluch dem Glauben,
Und Fluch vor allen der Geduld!

_Geisterchor_ unsichtbar.

        Weh! weh!
        Du hast sie zerstrt,
        Die schne Welt,
        Mit mchtiger Faust,
        Sie strzt, sie zerfllt!
        Ein Halbgott hat sie zerschlagen!
        Wir tragen
        Die Trmmern ins Nichts hinber,
        Und klagen
        Ueber die verlorne Schne.
        Mchtiger
        Der Erdenshne,
        Prchtiger
        Baue sie wieder,
        In deinem Busen baue sie auf!
        Neuen Lebenslauf
        Beginne,
        Mit hellem Sinne,
        Und neue Lieder
        Tnen darauf!

_Mephistopheles._

        Dies sind die kleinen
        Von den Meinen.
        Hre, wie zu Lust und Thaten
        Altklug sie rathen!
        In die Welt weit,
        Aus der Einsamkeit,
        Wo Sinnen und Sfte stocken,
        Wollen sie dich locken.

Hr' auf mit deinem Gram zu spielen,
Der, wie ein Geyer, dir am Leben frit;
Die schlechteste Gesellschaft lt dich fhlen
Da du ein Mensch mit Menschen bist.
Doch so ist's nicht gemeynt
Dich unter das Pack zu stoen.
Ich bin keiner von den Groen;
Doch willst du, mit mir vereint,
Deine Schritte durchs Leben nehmen;
So will ich mich gern bequemen
Dein zu seyn, auf der Stelle.
Ich bin dein Geselle
Und, mach' ich dir's recht,
Bin ich dein Diener, bin dein Knecht!

_Faust._

Und was soll ich dagegen dir erfllen?

_Mephistopheles._

Dazu hast du noch eine lange Frist.

_Faust._

Nein nein! der Teufel ist ein Egoist
Und thut nicht leicht um Gottes Willen
Was einem andern ntzlich ist.
Sprich die Bedingung deutlich aus;
Ein solcher Diener bringt Gefahr ins Haus.

_Mephistopheles._

Ich will mich _hier_ zu deinem Dienst verbinden,
Auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn;
Wenn wir uns _drben_ wieder finden,
So sollst du mir das Gleiche thun.

_Faust._

Das Drben kann mich wenig kmmern,
Schlgst du erst diese Welt zu Trmmern,
Die andre mag darnach entstehn.
Aus dieser Erde quillen meine Freuden,
Und diese Sonne scheinet meinen Leiden;
Kann ich mich erst von ihnen scheiden,
Dann mag was will und kann geschehn.
Davon will ich nichts weiter hren,
Ob man auch knftig hat und liebt,
Und ob es auch in jenen Sphren
Ein Oben oder Unten giebt.

_Mephistopheles._

In diesem Sinne kannst du's wagen.
Verbinde dich; du sollst, in diesen Tagen,
Mit Freuden meine Knste sehn,
Ich gebe dir was noch kein Mensch gesehn.

_Faust._

Was willst du armer Teufel geben?
Ward eines Menschen Geist, in seinem hohen Streben,
Von deines Gleichen je gefat?
Doch hast du Speise die nicht sttigt, hast
Du rothes Gold, das ohne Rast,
Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt,
Ein Spiel, bey dem man nie gewinnt,
Ein Mdchen, das an meiner Brust
Mit Aeugeln schon dem Nachbar sich verbindet,
Der Ehre schne Gtterlust,
Die, wie ein Meteor, verschwindet.
Zeig mir die Frucht die fault, eh' man sie bricht,
Und Bume die sich tglich neu begrnen!

_Mephistopheles._

Ein solcher Auftrag schreckt mich nicht,
Mit solchen Schtzen kann ich dienen.
Doch, guter Freund, die Zeit kommt auch heran
Wo wir was Gut's in Ruhe schmausen mgen.

_Faust._

Werd' ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen;
So sey es gleich um mich gethan!
Kannst du mich schmeichelnd je belgen,
Da ich mir selbst gefallen mag,
Kannst du mich mit Genu betrgen;
Das sey fr mich der letzte Tag!
Die Wette biet' ich!

_Mephistopheles._

                     Top!

_Faust._

                          Und Schlag auf Schlag!
Werd' ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schn!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zu Grunde gehn!
Dann mag die Todtenglocke schallen,
Dann bist du deines Dienstes frey,
Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
Es sey die Zeit fr mich vorbey!

_Mephistopheles._

Bedenk' es wohl, wir werden's nicht vergessen.

_Faust._

Dazu hast du ein volles Recht;
Ich habe mich nicht freventlich vermessen.
Wie ich beharre bin ich Knecht,
Ob dein, was frag' ich, oder wessen.

_Mephistopheles._

Ich werde heute gleich, beym Doctorschmaus,
Als Diener, meine Pflicht erfllen.
Nur eins! -- um Lebens oder Sterbens willen,
Bitt' ich mir ein Paar Zeilen aus.

_Faust._

Auch was geschriebnes forderst du Pedant?
Hast du noch keinen Mann, nicht Mannes-Wort gekannt?
Ist's nicht genug, da mein gesprochnes Wort
Auf ewig soll mit meinen Tagen schalten?
Ras't nicht die Welt in allen Strmen fort,
Und mich soll ein Versprechen halten?
Doch dieser Wahn ist uns ins Herz gelegt,
Wer mag sich gern davon befreyen?
Beglckt wer Treue rein im Busen trgt,
Kein Opfer wird ihn je gereuen!
Allein ein Pergament, beschrieben und beprgt,
Ist ein Gespenst vor dem sich alle scheuen.
Das Wort erstirbt schon in der Feder,
Die Herrschaft fhren Wachs und Leder.
Was willst du bser Geist von mir?
Erz, Marmor, Pergament, Papier?
Soll ich mit Griffel, Meiel, Feder schreiben?
Ich gebe jede Wahl dir frey.

_Mephistopheles._

Wie magst du deine Rednerey
Nur gleich so hitzig bertreiben?
Ist doch ein jedes Blttchen gut.
Du unterzeichnest dich mit einem Trpfchen Blut.

_Faust._

Wenn die dir vllig G'nge thut,
So mag es bey der Fratze bleiben.

_Mephistopheles._

Blut ist ein ganz besondrer Saft.

_Faust._

Nur keine Furcht, da ich die Bndni breche!
Das Streben meiner ganzen Kraft
Ist g'rade das was ich verspreche.
Ich habe mich zu hoch geblht,
In deinen Rang gehr' ich nur.
Der groe Geist hat mich verschmht,
Vor mir verschliet sich die Natur.
Des Denkens Faden ist zerrissen,
Mir ekelt lange vor allem Wissen.
La in den Tiefen der Sinnlichkeit
Uns glhende Leidenschaften stillen!
In undurchdrungnen Zauberhllen
Sey jedes Wunder gleich bereit!
Strzen wir uns in das Rauschen der Zeit
In's Rollen der Begebenheit!
Da mag denn Schmerz und Genu,
Gelingen und Verdru,
Mit einander wechseln wie es kann;
Nur rastlos bethtigt sich der Mann.

_Mephistopheles._

Euch ist kein Ma und Ziel gesetzt.
Beliebt's euch berall zu naschen,
Im Fliehen etwas zu erhaschen;
Bekomm' euch wohl was euch ergetzt.
Nur greift mir zu und seyd nicht blde!

_Faust._

Du hrest ja, von Freud' ist nicht die Rede.
Dem Taumel weih' ich mich, dem schmerzlichsten Genu,
Verliebtem Ha, erquickendem Verdru.
Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist,
Soll keinen Schmerzen knftig sich verschlieen,
Und was der ganzen Menschheit zugetheilt ist,
Will ich in meinem innern Selbst genieen,
Mit meinem Geist das Hchst' und Tiefste greifen,
Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen hufen,
Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern,
Und, wie sie selbst, am End' auch ich zerscheitern.

_Mephistopheles._

O glaube mir, der manche tausend Jahre
An dieser harten Speise kaut,
Da von der Wiege bis zur Bahre
Kein Mensch den alten Sauerteig verdaut!
Glaub' unser einem, dieses Ganze
Ist nur fr einen Gott gemacht!
Er findet sich in einem ew'gen Glanze,
Uns hat er in die Finsterni gebracht,
Und euch taugt einzig Tag und Nacht.

_Faust._

Allein ich will!

_Mephistopheles._

                 Das lt sich hren!
Doch nur vor Einem ist mir bang';
Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang.
Ich dcht', ihr lieet euch belehren.
Associirt euch mit einem Poeten,
Lat den Herrn in Gedanken schweifen,
Und alle edlen Qualitten
Auf euren Ehren-Scheitel hufen,
Des Lwen Muth,
Des Hirsches Schnelligkeit,
Des Italiners feurig Blut,
Des Nordens Dau'rbarkeit.
Lat ihn euch das Geheimni finden,
Gromuth und Arglist zu verbinden,
Und euch, mit warmen Jugendtrieben,
Nach einem Plane, zu verlieben.
Mchte selbst solch einen Herren kennen,
Wrd' ihn Herrn Mikrokosmus nennen.

_Faust._

Was bin ich denn? wenn es nicht mglich ist
Der Menschheit Krone zu erringen,
Nach der sich alle Sinne dringen.

_Mephistopheles._

Du bist am Ende -- was du bist.
Setz' dir Perrcken auf von Millionen Locken,
Setz' deinen Fu auf ellenhohe Socken,
Du bleibst doch immer was du bist.

_Faust._

Ich fhl's, vergebens hab' ich alle Schtze
Des Menschengeist's auf mich herbeygerafft,
Und wenn ich mich am Ende niedersetze,
Quillt innerlich doch keine neue Kraft;
Ich bin nicht um ein Haar breit hher,
Bin dem Unendlichen nicht nher.

_Mephistopheles._

Mein guter Herr, ihr seht die Sachen,
Wie man die Sachen eben sieht;
Wir mssen das gescheidter machen,
Eh' uns des Lebens Freude flieht.
Was Henker! freylich Hnd' und Fe
Und Kopf und H -- --[Hintern] die sind dein;
Doch alles was ich frisch geniee,
Ist das drum weniger mein?
Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,
Sind ihre Krfte nicht die meine?
Ich renne zu und bin ein rechter Mann,
Als htt' ich vier und zwanzig Beine.
Drum frisch! la alles Sinnen seyn,
Und g'rad' mit in die Welt hinein!
Ich sag' es dir: ein Kerl der speculirt,
Ist wie ein Thier, auf drrer Heide
Von einem bsen Geist im Kreis herum gefhrt,
Und rings umher liegt schne grne Weide.

_Faust._

Wie fangen wir das an?

_Mephistopheles._

                       Wir gehen eben fort.
Was ist das fr ein Marterort?
Was heit das fr ein Leben fhren,
Sich und die Jungens ennuyiren?
La du das dem Herrn Nachbar Wanst!
Was willst du dich das Stroh zu dreschen plagen?
Das beste, was du wissen kannst,
Darfst du den Buben doch nicht sagen.
Gleich hr' ich einen auf dem Gange!

_Faust._

Mir ist's nicht mglich ihn zu sehn.

_Mephistopheles._

Der arme Knabe wartet lange,
Der darf nicht ungetrstet gehn.
Komm, gib mir deinen Rock und Mtze;
Die Maske mu mir kstlich stehn.

(Er kleidet sich um.)

Nun berla es meinem Witze!
Ich brauche nur ein Viertelstndchen Zeit;
Indessen mache dich zur schnen Fahrt bereit!

_Faust_ ab.

_Mephistopheles_
in Faust's langem Kleide.

Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhchste Kraft,
La nur in Blend- und Zauberwerken
Dich von dem Lgengeist bestrken,
So hab' ich dich schon unbedingt --
Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben,
Der ungebndigt immer vorwrts dringt,
Und dessen bereiltes Streben
Der Erde Freuden berspringt.
Den schlepp' ich durch das wilde Leben,
Durch flache Unbedeutenheit,
Er soll mir zappeln, starren, kleben,
Und seiner Unersttlichkeit
Soll Speis' und Trank vor gier'gen Lippen schweben;
Er wird Erquickung sich umsonst erflehn,
Und htt' er sich auch nicht dem Teufel bergeben,
Er mte doch zu Grunde gehn!

_Ein Schler_ tritt auf.

_Schler._

Ich bin alhier erst kurze Zeit,
Und komme voll Ergebenheit,
Einen Mann zu sprechen und zu kennen,
Den alle mir mit Ehrfurcht nennen.

_Mephistopheles._

Eure Hflichkeit erfreut mich sehr!
Ihr seht einen Mann wie andre mehr.
Habt ihr euch sonst schon umgethan?

_Schler._

Ich bitt' euch, nehmt euch meiner an!
Ich komme mit allem guten Muth,
Leidlichem Geld und frischem Blut;
Meine Mutter wollte mich kaum entfernen;
Mchte gern' was rechts hierauen lernen.

_Mephistopheles._

Da seyd ihr eben recht am Ort.

_Schler._

Aufrichtig, mchte schon wieder fort:
In diesen Mauern, diesen Hallen,
Will es mir keineswegs gefallen.
Es ist ein gar beschrnkter Raum,
Man sieht nichts Grnes, keinen Baum,
Und in den Slen, auf den Bnken,
Vergeht mir Hren, Seh'n und Denken.

_Mephistopheles._

Das kommt nur auf Gewohnheit an.
So nimmt ein Kind der Mutter Brust
Nicht gleich im Anfang willig an,
Doch bald ernhrt es sich mit Lust.
So wird's euch an der Weisheit Brsten
Mit jedem Tage mehr gelsten.

_Schler._

An ihrem Hals will ich mit Freuden hangen;
Doch sagt mir nur, wie kann ich hingelangen?

_Mephistopheles._

Erklrt euch, eh' ihr weiter geht,
Was whlt ihr fr eine Facultt?

_Schler._

Ich wnschte recht gelehrt zu werden,
Und mchte gern, was auf der Erden
Und in dem Himmel ist, erfassen,
Die Wissenschaft und die Natur.

_Mephistopheles._

Da seyd ihr auf der rechten Spur;
Doch mt ihr euch nicht zerstreuen lassen.

_Schler._

Ich bin dabey mit Seel' und Leib;
Doch freylich wrde mir behagen
Ein wenig Freyheit und Zeitvertreib,
An schnen Sommerfeiertagen.

_Mephistopheles._

Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen,
Doch Ordnung lehrt euch Zeit gewinnen.
Mein theurer Freund, ich rath' euch drum
Zuerst Collegium Logicum.
Da wird der Geist euch wohl dressirt,
In spanische Stiefeln eingeschnrt,
Da er bedchtiger so fort an
Hinschleiche die Gedankenbahn,
Und nicht etwa, die Kreuz' und Quer,
Irlichtelire hin und her.
Dann lehret man euch manchen Tag,
Da, was ihr sonst auf einen Schlag
Getrieben, wie Essen und Trinken frey,
Eins! Zwey! Drey! dazu nthig sey.
Zwar ist's mit der Gedanken-Fabrik
Wie mit einem Weber-Meisterstck,
Wo Ein Tritt tausend Fden regt,
Die Schifflein herber hinber schieen,
Die Fden ungesehen flieen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlgt:
Der Philosoph der tritt herein,
Und beweis't euch, es mt' so seyn:
Das Erst' wr' so, das Zweyte so,
Und drum das Dritt' und Vierte so;
Und wenn das Erst' und Zweyt' nicht wr',
Das Dritt' und Viert' wr' nimmermehr.
Das preisen die Schler aller Orten,
Sind aber keine Weber geworden.
Wer will was lebendig's erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
Dann hat er die Theile in seiner Hand,
Fehlt leider! nur das geistige Band.
#Encheiresin naturae# nennt's die Chimie,
Spottet ihrer selbst und wei nicht wie.

_Schler._

Kann euch nicht eben ganz verstehen.

_Mephistopheles._

Das wird nchstens schon besser gehen,
Wenn ihr lernt alles reduciren
Und gehrig klassificiren.

_Schler._

Mir wird von alle dem so dumm,
Als ging mir ein Mhlrad im Kopf herum.

_Mephistopheles._

Nachher vor allen andern Sachen
Mt ihr euch an die Metaphysik machen!
Da seht, da ihr tiefsinnig fat,
Was in des Menschen Hirn nicht pat;
Fr, was drein geht und nicht drein geht,
Ein prchtig Wort zu Diensten steht.
Doch vorerst dieses halbe Jahr
Nehmt ja der besten Ordnung wahr.
Fnf Stunden habt ihr jeden Tag;
Seyd drinnen mit dem Glockenschlag!
Habt euch vorher wohl prparirt,
Paragraphos wohl einstudirt,
Damit ihr nachher besser seht,
Da er nichts sagt, als was im Buche steht;
Doch euch des Schreibens ja befleit,
Als dictirt' euch der Heilig' Geist!

_Schler._

Das sollt ihr mir nicht zweymal sagen!
Ich denke mir wie viel es ntzt;
Denn, was man schwarz auf wei besitzt,
Kann man getrost nach Hause tragen.

_Mephistopheles._

Doch whlt mir eine Facultt!

_Schler._

Zur Rechtsgelehrsamkeit kann ich mich nicht bequemen.

_Mephistopheles._

Ich kann es euch so sehr nicht bel nehmen,
Ich wei wie es um diese Lehre steht.
Es erben sich Gesetz' und Rechte
Wie eine ew'ge Krankheit fort,
Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte,
Und rcken sacht von Ort zu Ort.
Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage;
Weh dir, da du ein Enkel bist!
Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
Von dem ist leider! nie die Frage.

_Schler._

Mein Abscheu wird durch euch vermehrt.
O glcklich der! den ihr belehrt.
Fast mcht' ich nun Theologie studiren.

_Mephistopheles._

Ich wnschte nicht euch irre zu fhren.
Was diese Wissenschaft betrifft,
Es ist so schwer den falschen Weg zu meiden,
Es liegt in ihr so viel verborgnes Gift,
Und von der Arzeney ists kaum zu unterscheiden.
Am besten ist's auch hier, wenn ihr nur Einen hrt,
Und auf des Meisters Worte schwrt.
Im Ganzen -- haltet euch an Worte!
Dann geht ihr durch die sichre Pforte
Zum Tempel der Gewiheit ein.

_Schler._

Doch ein Begriff mu bey dem Worte seyn.

_Mephistopheles._

Schon gut! Nur mu man sich nicht allzu ngstlich qulen;
Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Mit Worten lt sich trefflich streiten,
Mit Worten ein System bereiten,
An Worte lt sich trefflich glauben,
Von einem Wort lt sich kein Jota rauben.

_Schler._

Verzeiht, ich halt' euch auf mit vielen Fragen,
Allein ich mu euch noch bemh'n.
Wollt ihr mir von der Medicin
Nicht auch ein krftig Wrtchen sagen?
Drey Jahr' ist eine kurze Zeit,
Und, Gott! das Feld ist gar zu weit.
Wenn man einen Fingerzeig nur hat,
Lt sich's schon eher weiter fhlen.

_Mephistopheles_ fr sich.

Ich bin des trocknen Tons nun satt,
Mu wieder recht den Teufel spielen.

(Laut.)

Der Geist der Medicin ist leicht zu fassen;
Ihr durchstudirt die gro' und kleine Welt,
Um es am Ende gehn zu lassen,
Wie's Gott gefllt.
Vergebens da ihr ringsum wissenschaftlich schweift,
Ein jeder lernt nur was er lernen kann;
Doch der den Augenblick ergreift,
Das ist der rechte Mann.
Ihr seyd noch ziemlich wohlgebaut,
An Khnheit wird's euch auch nicht fehlen,
Und wenn ihr euch nur selbst vertraut,
Vertrauen euch die andern Seelen.
Besonders lernt die Weiber fhren;
Es ist ihr ewig Weh und Ach
So tausendfach
Aus Einem Puncte zu curiren,
Und wenn ihr halbweg ehrbar thut,
Dann habt ihr sie all' unter'm Hut.
Ein Titel mu sie erst vertraulich machen,
Da eure Kunst viel Knste bersteigt;
Zum Willkomm' tappt ihr dann nach allen Siebensachen,
Um die ein andrer viele Jahre streicht,
Versteht das Plslein wohl zu drcken,
Und fasset sie, mit feurig schlauen Blicken,
Wohl um die schlanke Hfte frey,
Zu seh'n, wie fest geschnrt sie sey.

_Schler._

Das sieht schon besser aus! Man sieht doch wo und wie.

_Mephistopheles._

Grau, theurer Freund, ist alle Theorie,
Und grn des Lebens goldner Baum.

_Schler._

Ich schwr' euch zu, mir ist's als wie ein Traum.
Drft' ich euch wohl ein andermal beschweren,
Von eurer Weisheit auf den Grund zu hren?

_Mephistopheles._

Was ich vermag, soll gern geschehn.

_Schler._

Ich kann unmglich wieder gehn,
Ich mu euch noch mein Stammbuch berreichen.
Gnn' eure Gunst mir dieses Zeichen!

_Mephistopheles._

Sehr wohl.

(Er schreibt und giebt's.)

_Schler_ lies't.

#Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum.#

(Macht's ehrerbietieg[ehrerbietig] zu und empfiehlt sich.)

_Mephistopheles._

Folg' nur dem alten Spruch und meiner Muhme der Schlange,
Dir wird gewi einmal bey deiner Gotthnlichkeit bange!

_Faust_ tritt auf.

_Faust._

Wohin soll es nun gehn?

_Mephistopheles._

                        Wohin es dir gefllt.
Wir sehn die kleine, dann die groe Welt.
Mit welcher Freude, welchem Nutzen,
Wirst du den Cursum durchschmarutzen!

_Faust._

Allein bey meinem langen Bart
Fehlt mir die leichte Lebensart.
Es wird mir der Versuch nicht glcken;
Ich wute nie mich in die Welt zu schicken,
Vor andern fhl' ich mich so klein;
Ich werde stets verlegen seyn.

_Mephistopheles._

Mein guter Freund, das wird sich alles geben;
Sobald du dir vertraust, sobald weit du zu leben.

_Faust._

Wie kommen wir denn aus dem Haus?
Wo hast du Pferde, Knecht und Wagen?

_Mephistopheles._

Wir breiten nur den Mantel aus,
Der soll uns durch die Lfte tragen.
Du nimmst bey diesem khnen Schritt
Nur keinen groen Bndel mit.
Ein Bichen Feuerluft, die ich bereiten werde,
Hebt uns behend von dieser Erde.
Und sind wir leicht, so geht es schnell hinauf;
Ich gratulire dir zum neuen Lebenslauf!




_Auerbachs Keller in Leipzig._


_Zeche lustiger Gesellen._

_Frosch._

Will keiner trinken? keiner lachen?
Ich will euch lehren Gesichter machen!
Ihr seyd ja heut wie nasses Stroh,
Und brennt sonst immer lichterloh.

_Brander._

Das liegt an dir; du bringst ja nichts herbey,
Nicht eine Dummheit, keine Sauerey.

_Frosch_

(giet ihm ein Glas Wein ber den Kopf.)

Da hast du beydes!

_Brander._

                   Doppelt Schwein!

_Frosch._

Ihr wollt' es ja, man soll es seyn!

_Siebel._

Zur Thr hinaus wer sich entzweyt!
Mit offner Brust singt Runda, sauft und schreyt!
Auf! Holla! Ho!

_Altmayer._

                Weh mir, ich bin verloren!
Baumwolle her! der Kerl sprengt mir die Ohren.

_Siebel._

Wenn das Gewlbe wiederschallt,
Fhlt man erst recht des Basses Grundgewalt.

_Frosch._

So recht, hinaus mit dem der etwas bel nimmt!
A! tara lara da!

_Altmayer._

A! tara lara da!

_Frosch._

                 Die Kehlen sind gestimmt.

(Singt.)

    Das liebe, heil'ge Rm'sche Reich,
    Wie hlt's nur noch zusammen?

_Brander._

Ein garstig Lied! Pfuy! ein politisch Lied!
Ein leidig Lied! Dankt Gott mit jedem Morgen
Da ihr nicht braucht fr's Rm'sche Reich zu sorgen!
Ich halt' es wenigstens fr reichlichen Gewinn,
Da ich nicht Kaiser oder Kanzler bin.
Doch mu auch uns ein Oberhaupt nicht fehlen;
Wir wollen einen Papst erwhlen.
Ihr wit, welch eine Qualitt
Den Ausschlag giebt, den Mann erhht.

_Frosch_ singt.

    Schwing' dich auf, Frau Nachtigall,
    Gr' mir mein Liebchen zehentausendmal.

_Siebel._

Dem Liebchen keinen Gru! ich will davon nichts hren!

_Frosch._

Dem Liebchen Gru und Ku! du wirst mir's nicht verwehren!

(Singt.)

    Riegel auf! in stiller Nacht.
    Riegel auf! der Liebste wacht.
    Riegel zu! des Morgens frh.

_Siebel._

Ja, singe, singe nur, und lob' und rhme sie!
Ich will zu meiner Zeit schon lachen.
Sie hat mich angefhrt, dir wird sie's auch so machen.
Zum Liebsten sey ein Kobold ihr bescheert!
Der mag mit ihr auf einem Kreuzweg schkern;
Ein alter Bock, wenn er vom Blocksberg kehrt,
Mag im Galopp noch gute Nacht ihr meckern!
Ein braver Kerl von echtem Fleisch und Blut
Ist fr die Dirne viel zu gut.
Ich will von keinem Grue wissen,
Als ihr die Fenster eingeschmissen!

_Brander_ auf den Tisch schlagend.

Pat auf! pat auf! Gehorchet mir!
Ihr Herrn gesteht, ich wei zu leben,
Verliebte Leute sitzen hier,
Und diesen mu, nach Standsgebhr,
Zur guten Nacht ich was zum Besten geben.
Gebt Acht! Ein Lied vom neusten Schnitt!
Und singt den Rundreim krftig mit!

(Er singt.)

    Es war eine Ratt' im Kellernest,
    Lebte nur von Fett und Butter,
    Hatte sich ein Rnzlein angemst't,
    Als wie der Doctor Luther.
    Die Kchinn hatt' ihr Gift gestellt;
    Da ward's so eng' ihr in der Welt,
    Als htte sie Lieb' im Leibe.

_Chorus_ jauchzend.

    Als htte sie Lieb' im Leibe.

_Brander._

    Sie fuhr herum, sie fuhr heraus,
    Und soff aus allen Pftzen,
    Zernagt', zerkratzt' das ganze Haus,
    Wollte nichts ihr Wthen ntzen;
    Sie tht gar manchen Aengstesprung,
    Bald hatte das arme Thier genung,
    Als htt' es Lieb' im Leibe.

_Chorus._

    Als htt' es Lieb' im Leibe.

_Brander._

    Sie kam fr Angst am hellen Tag
    Der Kche zugelaufen,
    Fiel an den Heerd und zuckt' und lag,
    Und tht erbrmlich schnaufen.
    Da lachte die Vergifterinn noch:
    Ha! sie pfeift auf dem letzten Loch,
    Als htte sie Lieb' im Leibe.

_Chorus._

    Als htte sie Lieb' im Leibe.

_Siebel._

Wie sich die platten Bursche freuen!
Es ist mir eine rechte Kunst,
Den armen Ratten Gift zu streuen!

_Brander._

Sie stehn wohl sehr in deiner Gunst?

_Altmayer._

Der Schmerbauch mit der kahlen Platte!
Das Unglck macht ihn zahm und mild;
Er sieht in der geschwollnen Ratte
Sein ganz natrlich Ebenbild.

_Faust_ und _Mephistopheles._

_Mephistopheles._

Ich mu dich nun vor allen Dingen
In lustige Gesellschaft bringen,
Damit du siehst, wie leicht sich's leben lt.
Dem Volke hier wird jeder Tag ein Fest.
Mit wenig Witz und viel Behagen
Dreht jeder sich im engen Zirkeltanz,
Wie junge Katzen mit dem Schwanz.
Wenn sie nicht ber Kopfweh klagen,
So lang' der Wirth nur weiter borgt,
Sind sie vergngt und unbesorgt.

_Brander._

Die kommen eben von der Reise,
Man sieht's an ihrer wunderlichen Weise;
Sie sind nicht eine Stunde hier.

_Frosch._

Wahrhaftig du hast Recht! Mein Leipzig lob' ich mir!
Es ist ein klein Paris, und bildet seine Leute.

_Siebel._

Fr was siehst du die Fremden an?

_Frosch._

Lat mich nur gehn! bey einem vollen Glase,
Zieh' ich, wie einen Kinderzahn,
Den Burschen leicht die Wrmer aus der Nase.
Sie scheinen mir aus einem edlen Haus,
Sie sehen stolz und unzufrieden aus.

_Brander._

Marktschreyer sind's gewi, ich wette!

_Altmayer._

Vielleicht.

_Frosch._

            Gib Acht, ich schraube sie!

_Mephistopheles_ zu Faust.

Den Teufel sprt das Vlkchen nie,
Und wenn er sie beym Kragen htte.

_Faust._

Seyd uns gegrt, ihr Herrn!

_Siebel._

                             Viel Dank zum Gegengru.

(Leise, Mephistopheles von der Seite ansehend.)

Was hinkt der Kerl auf Einem Fu?

_Mephistopheles._

Ist es erlaubt, uns auch zu euch zu setzen?
Statt eines guten Trunks, den man nicht haben kann,
Soll die Gesellschaft uns ergetzen.

_Altmayer._

Ihr scheint ein sehr verwhnter Mann.

_Frosch._

Ihr seyd wohl spt von Rippach aufgebrochen?
Habt ihr mit Herren Hans noch erst zu Nacht gespeis't?

_Mephistopheles._

Heut sind wir ihn vorbey gereis't;
Wir haben ihn das letztemal gesprochen.
Von seinen Vettern wut' er viel zu sagen,
Viel Gre hat er uns an jeden aufgetragen.

(Er neigt sich gegen Frosch.)

_Altmayer._ leise

Da hast du's! der versteht's!

_Siebel._

                              Ein pfiffiger Patron!

_Frosch._

Nun, warte nur, ich krieg' ihn schon!

_Mephistopheles._

Wenn ich nicht irrte, hrten wir
Gebte Stimmen Chorus singen?
Gewi, Gesang mu trefflich hier
Von dieser Wlbung wiederklingen!

_Frosch._

Seyd ihr wohl gar ein Virtuos?

_Mephistopheles._

O nein! die Kraft ist schwach, allein die Lust ist gro.

_Altmayer._

Gebt uns ein Lied!

_Mephistopheles._

                   Wenn ihr begehrt, die Menge.

_Siebel._

Nur auch ein nagelneues Stck!

_Mephistopheles._

Wir kommen erst aus Spanien zurck,
Dem schnen Land des Weins und der Gesnge.

(Singt.)

          Es war einmal ein Knig,
          Der hatt' einen groen Floh --

_Frosch._

Horcht! Einen Floh! Habt ihr das wohl gefat?
Ein Floh ist mir ein saub'rer Gast.

_Mephistopheles_ singt.

          Es war einmal ein Knig,
          Der hatt' einen groen Floh,
          Den liebt' er gar nicht wenig,
          Als wie seinen eignen Sohn.
          Da rief er seinen Schneider,
          Der Schneider kam heran.
          Da mi dem Junker Kleider,
          Und mi ihm Hosen an!

_Brander._

Verget nur nicht dem Schneider einzuschrfen,
Da er mir auf's genauste mit,
Und da, so lieb sein Kopf ihm ist,
Die Hosen keine Falten werfen!

_Mephistopheles._

          In Sammet und in Seide
          War er nun angethan,
          Hatte Bnder auf dem Kleide,
          Hatt' auch ein Kreuz daran,
          Und war sogleich Minister,
          Und hatt' einen groen Stern.
          Da wurden seine Geschwister
          Bey Hof' auch groe Herrn.

          Und Herrn und Frau'n am Hofe,
          Die waren sehr geplagt,
          Die Kniginn und die Zofe
          Gestochen und genagt,
          Und durften sie nicht knicken,
          Und weg sie jucken nicht.
          Wir knicken und ersticken
          Doch gleich wenn einer sticht.

_Chorus_ jauchzend.

          Wir knicken und ersticken
          Doch gleich wenn einer sticht.

_Frosch._

Bravo! Bravo! Das war schn!

_Siebel._

So soll es jedem Floh ergehn!

_Brander._

Spitzt die Finger und packt sie fein!

_Altmayer._

Es lebe die Freyheit! Es lebe der Wein!

_Mephistopheles._

Ich trnke gern ein Glas, die Freyheit hoch zu ehren,
Wenn eure Weine nur ein Bichen besser wren.

_Siebel._

Wir mgen das nicht wieder hren!

_Mephistopheles._

Ich frchte nur der Wirth beschweret sich,
Sonst gb' ich diesen werthen Gsten
Aus unserm Keller was zum Besten.

_Siebel._

Nur immer her! ich nehm's auf mich.

_Frosch._

Schafft ihr ein gutes Glas, so wollen wir euch loben.
Nur gebt nicht gar zu kleine Proben;
Denn wenn ich judiciren soll,
Verlang' ich auch das Maul recht voll.

_Altmayer_ leise.

Sie sind vom Rheine, wie ich spre.

_Mephistopheles._

Schafft einen Bohrer an!

_Brander._

                         Was soll mit dem geschehn?
Ihr habt doch nicht die Fsser vor der Thre?

_Altmayer._

Dahinten hat der Wirth ein Krbchen Werkzeug stehn.

_Mephistopheles_ nimmt den Bohrer.

(zu Frosch)

Nun sagt, was wnschet ihr zu schmecken?

_Frosch._

Wie meynt ihr das? Habt ihr so mancherley?

_Mephistopheles._

Ich stell' es einem jeden frey.

_Altmayer_ zu Frosch.

Aha! du fngst schon an die Lippen abzulecken.

_Frosch._

Gut! wenn ich whlen soll, so will ich Rheinwein haben.
Das Vaterland verleiht die allerbesten Gaben.

_Mephistopheles._

(indem er an dem Platz, wo Frosch sitzt, ein Loch in den Tischrand
bohrt.)

Verschafft ein wenig Wachs, die Pfropfen gleich zu machen!

_Altmayer._

Ach das sind Taschenspielersachen.

_Mephistopheles_ zu Brander.

Und ihr?

_Brander._

         Ich will Champagner Wein,
Und recht mussirend soll er seyn!

_Mephistopheles._

(bohrt, einer hat indessen die Wachspropfen[Wachspfropfen] gemacht und
verstopft.)

_Brander._

Man kann nicht stets das Fremde meiden,
Das Gute liegt uns oft so fern.
Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden,
Doch ihre Weine trinkt er gern.

_Siebel._

(indem sich Mephistopheles seinem Platze nhert.)

Ich mu gestehn, den sauren mag ich nicht,
Gebt mir ein Glas vom echten sen!

_Mephistopheles_ bohrt.

Euch soll sogleich Tokayer flieen.

_Altmayer._

Nein, Herren, seht mir in's Gesicht!
Ich seh' es ein, ihr habt uns nur zum Besten.

_Mephistopheles._

Ey! Ey! Mit solchen edlen Gsten
Wr' es ein Bichen viel gewagt.
Geschwind! Nur grad' heraus gesagt!
Mit welchem Weine kann ich dienen?

_Altmayer._

Mit jedem! Nur nicht lang gefragt.

(Nachdem die Lcher alle gebohrt und verstopft sind,)

_Mephistopheles_ mit seltsamen Geberden.

          Trauben trgt der Weinstock!
          Hrner der Ziegenbock;
          Der Wein ist saftig, Holz die Reben,
          Der hlzerne Tisch kann Wein auch geben.
          Ein tiefer Blick in die Natur!
          Hier ist ein Wunder, glaubet nur!

Nun zieht die Pfropfen und geniet!

_Alle._

(indem sie die Pfropfen ziehen, und jedem der verlangte Wein in's Glas
luft.)

O schner Brunnen, der uns fliet!

_Mephistopheles._

Nur htet euch, da ihr mir nichts vergiet!

(Sie trinken wiederholt.)

_Alle_ singen.

          Uns ist ganz kannibalisch wohl,
          Als wie fnf hundert Suen!

_Mephistopheles._

Das Volk ist frey, seht an, wie wohl's ihm geht!

_Faust._

Ich htte Lust nun abzufahren.

_Mephistopheles._

Gib nur erst Acht, die Bestialitt
Wird sich gar herrlich offenbaren.

_Siebel._

(trinkt unvorsichtig, der Wein fliet auf die Erde, und wird zur
Flamme.)

Helft! Feuer! helft! die Hlle brennt!

_Mephistopheles_ die Flamme besprechend.

Sey ruhig, freundlich Element!

(zu dem Gesellen.)

Fr diemal war es nur ein Tropfen Fegefeuer.

_Siebel._

Was soll das seyn? Wart! ihr bezahlt es theuer!
Es scheinet, da ihr uns nicht kennt.

_Frosch._

La er uns das zum zweytenmale bleiben!

_Altmayer._

Ich dcht', wir hieen ihn ganz sachte seitwrts gehn.

_Siebel._

Was Herr? Er will sich unterstehn,
Und hier sein Hokuspokus treiben?

_Mephistopheles._

Still, altes Weinfa!

_Siebel._

                      Besenstiel!
Du willst uns gar noch grob begegnen?

_Brander._

Wart nur! es sollen Schlge regnen.

_Altmayer._

(zieht einen Pfropf aus dem Tisch, es springt ihm Feuer entgegen.)

Ich brenne! ich brenne!

_Siebel._

                        Zauberey!
Stot zu! der Kerl ist vogelfrey!

(Sie ziehen die Messer und gehn auf Mephistopheles los.)

_Mephistopheles_ mit ernsthafter Geberde.

Falsch Gebild und Wort
Verndern Sinn und Ort!
Seyd hier und dort!

(Sie stehn erstaunt und sehn einander an.)

_Altmayer._

Wo bin ich? Welches schne Land!

_Frosch._

Weinberge! Seh' ich recht?

_Siebel._

                           Und Trauben gleich zur Hand!

_Brander._

Hier unter diesem grnen Laube,
Seht, welch ein Stock! Seht, welche Traube!

(Er fat Siebeln bei[bey] der Nase. Die andern thun es wechselseitig und
heben die Messer.)

_Mephistopheles_ wie oben.

Irrthum, la los der Augen Band!
Und merkt euch, wie der Teufel spae.

(Er verschwindet mit Faust, die Gesellen fahren aus einander.)

_Siebel._

Was giebt's?

_Altmayer._

             Wie?

_Frosch._

                  War das deine Nase?

_Brander_ (zu Siebel)

Und deine hab' ich in der Hand!

_Altmayer._

Es war ein Schlag, der ging durch alle Glieder!
Schafft einen Stuhl, ich sinke nieder!

_Frosch._

Nein, sagt mir nur, was ist geschehn?

_Siebel._

Wo ist der Kerl? Wenn ich ihn spre,
Er soll mir nicht lebendig gehn!

_Altmayer._

Ich hab' ihn selbst hinaus zur Kellerthre --
Auf einem Fasse reiten sehn -- --
Es liegt mir bleyschwer in den Fen.

(Sich nach dem Tische wendend.)

Mein! Sollte wohl der Wein noch flieen?

_Siebel._

Betrug war alles, Lug und Schein.

_Frosch._

Mir duchte doch als trnk' ich Wein.

_Brander._

Aber wie war es mit den Trauben?

_Altmayer._

Nun sag' mir eins, man soll kein Wunder glauben!




_Hexenkche._


Auf einem niedrigen Herde steht ein groer Kessel ber dem Feuer. In dem
Dampfe, der davon in die Hhe steigt, zeigen sich verschiedne Gestalten.
_Eine Meerkatze_ sitzt bey dem Kessel und schumt ihn, und sorgt da er
nicht berluft. _Der Meerkater_ mit den Jungen sitzt darneben und wrmt
sich. Wnde und Decke sind mit dem seltsamsten Hexenhausrath
ausgeschmckt.

_Faust. Mephistopheles._

_Faust._

Mir widersteht das tolle Zauberwesen!
Versprichst du mir, ich soll genesen,
In diesem Wust von Raserey?
Verlang' ich Rath von einem alten Weibe?
Und schafft die Sudelkcherey
Wohl dreyig Jahre mir vom Leibe?
Weh mir, wenn du nichts bessers weit!
Schon ist die Hoffnung mir verschwunden.
Hat die Natur und hat ein edler Geist
Nicht irgend einen Balsam ausgefunden?

_Mephistopheles._

Mein Freund, nun sprichst du wieder klug!
Doch[Dich] zu verjngen, gibt's auch ein natrlich Mittel;
Allein es steht in einem andern Buch,
Und ist ein wunderlich Capitel.

_Faust._

Ich will es wissen.

_Mephistopheles._

                    Gut! Ein Mittel, ohne Geld
Und Arzt und Zauberey, zu haben:
Begib dich gleich hinaus aufs Feld,
Fang' an zu hacken und zu graben,
Erhalte dich und deinen Sinn
In einem ganz beschrnkten Kreise,
Ernhre dich mit ungemischter Speise,
Leb' mit dem Vieh als Vieh, und acht' es nicht fr Raub,
Den Acker, den du rndest, selbst zu dngen;
Das ist das beste Mittel, glaub',
Auf achtzig Jahr dich zu verjngen!

_Faust._

Das bin ich nicht gewhnt, ich kann mich nicht bequemen[,]
Den Spaten in die Hand zu nehmen,
Das enge Leben steht mir gar nicht an.

_Mephistopheles._

So mu denn doch die Hexe dran.

_Faust._

Warum denn just das alte Weib?
Kannst du den Trank nicht selber brauen?

_Mephistopheles._

Das wr' ein schner Zeitvertreib!
Ich wollt' inde wohl tausend Brcken bauen.
Nicht Kunst und Wissenschaft allein,
Geduld will bey dem Werke seyn.
Ein stiller Geist ist Jahre lang geschftig,
Die Zeit nur macht die feine Ghrung krftig.
Und alles was dazu gehrt
Es sind gar wunderbare Sachen!
Der Teufel hat sie's zwar gelehrt;
Allein der Teufel kann's nicht machen.

(Die Thiere erblickend.)

Sieh, welch ein zierliches Geschlecht!
Das ist die Magd! das ist der Knecht!

(Zu den Thieren.)

Es scheint, die Frau ist nicht zu Hause?

_Die Thiere._

Beym Schmause,
Aus dem Haus
Zum Schornstein hinaus!

_Mephistopheles._

Wie lange pflegt sie wohl zu schwrmen?

_Die Thiere._

So lange wir uns die Pfoten wrmen.

_Mephistopheles_ zu Faust.

Wie findest du die zarten Thiere?

_Faust._

So abgeschmackt, als ich nur jemand sah!

_Mephistopheles._

Nein, ein Discours wie dieser da,
Ist g'rade der, den ich am liebsten fhre!

(Zu den Thieren.)

So sagt mir doch, verfluchte Puppen!
Was quirlt ihr in dem Brey herum?

_Thiere._

Wir kochen breite Bettelsuppen.

_Mephistopheles._

Da habt ihr ein gro Publicum.

_Der Kater_

(macht sich herbey und schmeichelt dem Mephistopheles.)

O wrfle nur gleich,
Und mache mich reich,
Und la mich gewinnen!
Gar schlecht ist's bestellt,
Und wr' ich bey Geld,
So wr' ich bey Sinnen.

_Mephistopheles._

Wie glcklich wrde sich der Affe schtzen,
Knnt' er nur auch in's Lotto setzen!

(Indessen haben die jungen Meerktzchen mit einer groen Kugel gespielt
und rollen sie hervor.)

_Der Kater._

Das ist die Welt;
Sie steigt und fllt
Und rollt bestndig;
Sie klingt wie Glas;
Wie bald bricht das?
Ist hohl inwendig,
Hier glnzt sie sehr,
Und hier noch mehr,
Ich bin lebendig!
Mein lieber Sohn,
Halt dich davon!
Du mut sterben!
Sie ist von Thon,
Es giebt Scherben.

_Mephistopheles._

Was soll das Sieb?

_Der Kater_ holt es herunter.

Wrst du ein Dieb,
Wollt' ich dich gleich erkennen.

(Er luft zur Ktzinn und lt sie durchsehen.)

Sieh durch das Sieb!
Erkennst du den Dieb,
Und darfst ihn nicht nennen?

_Mephistopheles_ sich dem Feuer nhernd.

Und dieser Topf?

_Kater und Ktzinn._

Der alberne Tropf!
Er kennt nicht den Topf,
Er kennt nicht den Kessel!

_Mephistopheles._

Unhfliches Thier!

_Der Kater._

Den Wedel nimm hier,
Und setz' dich in Sessel!

(Er nthigt den Mephistopheles zu sitzen.)

_Faust._

(welcher diese Zeit ber vor einem Spiegel gestanden, sich ihm bald
genhert, bald sich von ihm entfernt hat.)

Was seh' ich? Welch ein himmlisch Bild
Zeigt sich in diesem Zauberspiegel!
O Liebe, leihe mir den schnellsten deiner Flgel,
Und fhre mich in ihr Gefild!
Ach wenn ich nicht auf dieser Stelle bleibe,
Wenn ich es wage nah' zu gehn,
Kann ich sie nur als wie im Nebel sehn! --
Das schnste Bild von einem Weibe!
Ist's mglich, ist das Weib so schn?
Mu' ich an diesem hingestreckten Leibe
Den Inbegriff von allen Himmeln sehn?
So etwas findet sich auf Erden?

_Mephistopheles._

Natrlich, wenn ein Gott sich erst sechs Tage plagt,
Und selbst am Ende Bravo sagt,
Da mu es was gescheidtes werden.
Fr diemal sieh dich immer satt;
Ich wei dir so ein Schtzchen auszuspren,
Und selig wer das gute Schicksal hat,
Als Brutigam sie heim zu fhren!

(Faust sieht immerfort in den Spiegel. Mephistopheles, sich in dem
Sessel dehnend und mit dem Wedel spielend, fhrt fort zu sprechen.)

Hier sitz' ich wie der Knig auf dem Throne,
Den Zepter halt' ich hier, es fehlt nur noch die Krone.

_Die Thiere._

(welche bisher allerley wunderliche Bewegungen durch einander gemacht
haben, bringen dem Mephistopheles eine Krone mit groem Geschrey.)

O sey doch so gut,
Mit Schwei und mit Blut
Die Krone zu leimen!

(Sie gehn ungeschickt mit der Krone um und zerbrechen sie in zwey
Stcke, mit welchen sie herumspringen.)

Nun ist es geschehn!
Wir reden und sehn,
Wir hren und reimen;

_Faust_ gegen den Spiegel.

Weh mir! ich werde schier verrckt.

_Mephistopheles_ auf die Thiere deutend.

Nun fngt mir an fast selbst der Kopf zu schwanken.

_Die Thiere._

Und wenn es uns glckt,
Und wenn es sich schickt,
So sind es Gedanken!

_Faust_ wie oben.

Mein Busen fngt mir an zu brennen!
Entfernen wir uns nur geschwind!

_Mephistopheles_ in obiger Stellung.

Nun, wenigstens mu man bekennen,
Da es aufrichtige Poeten sind.

(Der Kessel, welchen die Ktzinn bisher ausser Acht gelassen, fngt an
berzulaufen; es entsteht eine grosse Flamme, welche zum Schornstein
hinaus schlgt. _Die Hexe_ kommt durch die Flamme mit entsetzlichem
Geschrey herunter gefahren.)

_Die Hexe._

Au! Au! Au! Au!
Verdammtes Thier! verfluchte Sau!
Versumst den Kessel, versengst die Frau!
Verfluchtes Thier!

(Faust und Mephistopheles erblickend.)

Was ist das hier?
Wer seyd ihr hier?
Was wollt ihr da?
Wer schlich sich ein?
Die Feuerpein
Euch in's Gebein!

(Sie fhrt mit dem Schaumlffel in den Kessel, und spritzt Flammen nach
Faust, Mephistopheles und den Thieren. Die Thiere winseln.)

_Mephistopheles._

(welcher den Wedel, den er in der Hand hlt, umkehrt, und unter die
Glser und Tpfe schlgt.)

Entzwey! entzwey!
Da liegt der Brey!
Da liegt das Glas!
Es ist nur Spa,
Der Tact, du Aas,
Zu deiner Melodey.

(Indem die Hexe voll Grimm und Entsetzen zurcktritt.)

Erkennst du mich? Gerippe! Scheusal du!
Erkennst du deinen Herrn und Meister?
Was hlt mich ab, so schlag' ich zu,
Zerschmettre dich und deine Katzen-Geister!
Hast du vor'm rothen Wamms nicht mehr Respect?
Kannst du die Hahnenfeder nicht erkennen?
Hab' ich die Angesicht versteckt?
Soll ich mich etwa selber nennen?

_Die Hexe._

O Herr, verzeiht den rohen Gru!
Sah' ich doch keinen Pferdefu.
Wo sind denn eure beyden Raben?

_Mephistopheles._

Fr diemal kamst du so davon;
Denn freylich ist es eine Weile schon,
Da wir uns nicht gesehen haben.
Auch die Cultur, die alle Welt beleckt,
Hat auf den Teufel sich erstreckt;
Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen,
Wo siehst du Hrner, Schweif und Klauen?
Und was den Fu betrifft, den ich nicht missen kann,
Der wrde mir bey Leuten schaden;
Darum bedien' ich mich, wie mancher junge Mann,
Seit vielen Jahren falscher Waden.

_Die Hexe_ tanzend.

Sinn und Verstand verlier' ich schier,
Seh' ich den Junker Satan wieder hier!

_Mephistopheles._

Den Nahmen, Weib, verbitt' ich mir!

_Die Hexe._

Warum? Was hat er euch gethan?

_Mephistopheles._

Er ist schon lang' in's Fabelbuch geschrieben;
Allein die Menschen sind nichts besser dran,
Den Bsen sind sie los, die Bsen sind geblieben.
Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut;
Ich bin ein Cavalier, wie andre Cavaliere.
Du zweifelst nicht an meinem edlen Blut;
Sieh her, das ist das Wapen, das ich fhre!

(Er macht eine unanstndige Gebrde.)

_Die Hexe_ lacht unmig.

Ha! Ha! Das ist in eurer Art!
Ihr seyd ein Schelm, wie ihr nur immer war't!

_Mephistopheles_ zu Faust.

Mein Freund, das lerne wohl verstehn!
Die ist die Art mit Hexen umzugehn.

_Die Hexe._

Nun sagt, ihr Herren, was ihr schafft.

_Mephistopheles._

Ein gutes Glas von dem bekannten Saft!
Doch mu ich euch um's lt'ste bitten;
Die Jahre doppeln seine Kraft.

_Die Hexe._

Gar gern! Hier hab' ich eine Flasche,
Aus der ich selbst zuweilen nasche,
Die auch nicht mehr im mind'sten stinkt;
Ich will euch gern ein Glschen geben.

(Leise.)

Doch wenn es dieser Mann unvorbereitet trinkt,
So kann er, wit ihr wohl, nicht eine Stunde leben.

_Mephistopheles._

Es ist ein guter Freund, dem es gedeihen soll;
Ich gnn' ihm gern das beste deiner Kche.
Zieh deinen Kreis, sprich deine Sprche,
Und gieb ihm eine Tasse voll!

_Die Hexe._

(mit seltsamen Geberden, zieht einen Kreis und stellt wunderbare Sachen
hinein; indessen fangen die Glser an zu klingen, die Kessel zu tnen,
und machen Musik. Zuletzt bringt sie ein groes Buch, stellt die
Meerkatzen in den Kreis, die ihr zum Pult dienen und die Fackel halten
mssen. Sie winkt Fausten, zu ihr zu treten.)

_Faust_ zu Mephistopheles.

Nein, sage mir, was soll das werden?
Das tolle Zeug, die rasenden Geberden,
Der abgeschmackteste Betrug
Sind mir bekannt, verhat genug.

_Mephistopheles._

Ey Possen! Das ist nur zum Lachen;
Sey nur nicht ein so strenger Mann!
Sie mu als Arzt ein Hokuspokus machen,
Damit der Saft dir wohl gedeihen kann.

(Er nthigt Fausten in den Kreis zu treten.)

_Die Hexe_ mit groer Emphase fngt an aus dem Buche zu declamiren.

Du mut verstehn!
Aus Eins mach' Zehn,
Und Zwey la gehn,
Und Drey mach' gleich,
So bist du reich.
Verlier' die Vier!
Aus Fnf und Sechs,
So sagt die Hex',
Mach' Sieben und Acht,
So ist's vollbracht:
Und Neun ist Eins,
Und Zehn ist keins.
Das ist das Hexen-Einmal-Eins!

_Faust._

Mich dnkt, die Alte spricht im Fieber.

_Mephistopheles._

Das ist noch lange nicht vorber,
Ich kenn' es wohl, so klingt das ganze Buch;
Ich habe manche Zeit damit verloren,
Denn ein vollkommner Widerspruch
Bleibt gleich geheimnivoll fr Kluge wie fr Thoren.
Mein Freund, die Kunst ist alt und neu.
Es war die Art zu allen Zeiten,
Durch Drey und Eins, und Eins und Drey
Irrthum statt Wahrheit zu verbreiten.
So schwtzt und lehrt man ungestrt;
Wer will sich mit den Narr'n befassen?
Gewhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hrt,
Es msse sich dabey doch auch was denken lassen.

_Die Hexe_ fhrt fort.

          Die hohe Kraft
          Der Wissenschaft,
          Der ganzen Welt verborgen!
          Und wer nicht denkt,
          Dem wird sie geschenkt,
          Er hat sie ohne Sorgen.

_Faust._

Was sagt sie uns fr Unsinn vor?
Es wird mir gleich der Kopf zerbrechen.
Mich dnkt, ich hr' ein ganzes Chor
Von hundert tausend Narren sprechen.

_Mephistopheles._

Genug, genug, o treffliche Sibylle!
Gib deinen Trank herbey, und flle
Die Schale rasch bis an den Rand hinan;
Denn meinem Freund wird dieser Trunk nicht schaden:
Er ist ein Mann von vielen Graden,
Der manchen guten Schluck gethan.

_Die Hexe._

(mit vielen Ceremonien, schenkt den Trank in eine Schale; wie sie Faust
an den Mund bringt, entsteht eine leichte Flamme.)

_Mephistopheles._

Nur frisch hinunter! Immer zu!
Es wird dir gleich das Herz erfreuen.
Bist mit dem Teufel du und du,
Und willst dich vor der Flamme scheuen?

_Die Hexe_ ls't den Kreis.

_Faust_ tritt heraus.

_Mephistopheles._

Nun frisch hinaus! Du darfst nicht ruhn.

_Die Hexe._

Mg' euch das Schlckchen wohl behagen!

_Mephistopheles_ zur Hexe.

Und kann ich dir was zu Gefallen thun;
So darfst du mir's nur auf Walpurgis sagen.

_Die Hexe._

Hier ist ein Lied! wenn ihr's zuweilen singt,
So werdet ihr besondre Wrkung spren.

_Mephistopheles_ zu Faust.

Komm nur geschwind und la dich fhren;
Du mut nothwendig transpiriren,
Damit die Kraft durch inn- und ures dringt.
Den edlen Miggang lehr' ich hernach dich schtzen,
Und bald empfindest du mit innigem Ergetzen,
Wie sich Cupido regt und hin und wieder springt.

_Faust._

La mich nur schnell noch in den Spiegel schauen!
Das Frauenbild war gar zu schn!

_Mephistopheles._

Nein! Nein! Du sollst das Muster aller Frauen
Nun bald leibhaftig vor dir seh'n.

Leise.

Du siehst, mit diesem Trank im Leibe,
Bald Helenen in jedem Weibe.




_Strae._


_Faust. Margarete_ vorber gehend.

_Faust._

Mein schnes Frulein, darf ich wagen,
Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?

_Margarete._

Bin weder Frulein, weder schn,
Kann ungeleitet nach Hause gehn.

(Sie macht sich los und ab.)

_Faust._

Beym Himmel, dieses Kind ist schn!
So etwas hab' ich nie gesehn.
Sie ist so sitt- und tugendreich,
Und etwas schnippisch doch zugleich.
Der Lippe Roth, der Wange Licht,
Die Tage der Welt vergess' ich's nicht!
Wie sie die Augen niederschlgt,
Hat tief sich in mein Herz geprgt;
Wie sie kurz angebunden war,
Das ist nun zum Entzcken gar!

_Mephistopheles_ tritt auf.

_Faust._

Hr, du mut mir die Dirne schaffen!

_Mephistopheles._

Nun, welche?

_Faust._

             Sie ging just vorbey.

_Mephistopheles._

Da die? Sie kam von ihrem Pfaffen,
Der sprach sie aller Snden frey;
Ich schlich mich hart am Stuhl vorbey,
Es ist ein gar unschuldig Ding,
Das eben fr nichts zur Beichte ging;
Ueber die hab' ich keine Gewalt!

_Faust._

Ist ber vierzehn Jahr doch alt.

_Mephistopheles._

Du sprichst ja wie Hans Liederlich,
Der begehrt jede liebe Blum' fr sich,
Und dnkelt ihm, es wr' kein' Ehr'
Und Gunst, die nicht zu pflcken wr';
Geht aber doch nicht immer an.

_Faust._

Mein Herr Magister Lobesan,
La er mich mit dem Gesetz in Frieden!
Und das sag' ich ihm kurz und gut,
Wenn nicht das se junge Blut
Heut' Nacht in meinen Armen ruht;
So sind wir um Mitternacht geschieden.

_Mephistopheles._

Bedenkt was gehn und stehen mag!
Ich brauche wenigstens vierzehn Tag'
Nur die Gelegenheit auszuspren.

_Faust._

Htt' ich nur sieben Stunden Ruh,
Brauchte den Teufel nicht dazu,
So ein Geschpfchen zu verfhren.

_Mephistopheles._

Ihr sprecht schon fast wie ein Franzos;
Doch bitt' ich, lat's euch nicht verdrieen:
Was hilft's nur g'rade zu genieen?
Die Freud' ist lange nicht so gro,
Als wenn ihr erst herauf, herum,
Durch allerley Brimborium,
Das Pppchen geknetet und zugericht't,
Wie's lehret manche welsche Geschicht'.

_Faust._

Hab' Appetit auch ohne das.

_Mephistopheles._

Jetzt ohne Schimpf und ohne Spa.
Ich sag' euch, mit dem schnen Kind
Geht's ein- fr allemal nicht geschwind.
Mit Sturm ist da nichts einzunehmen;
Wir mssen uns zur List bequemen.

_Faust._

Schaff' mir etwas vom Engelsschatz!
Fhr' mich an ihren Ruheplatz!
Schaff' mir ein Halstuch von ihrer Brust,
Ein Strumpfband meiner Liebeslust!

_Mephistopheles._

Damit ihr seht, da ich eurer Pein
Will frderlich und dienstlich seyn;
Wollen wir keinen Augenblick verlieren,
Will euch noch heut' in ihr Zimmer fhren.

_Faust._

Und soll sie sehn? sie haben?

_Mephistopheles._

                              Nein!
Sie wird bey einer Nachbarinn seyn.
Indessen knnt ihr ganz allein
An aller Hoffnung knft'ger Freuden
In ihrem Dunstkreis satt euch weiden.

_Faust._

Knnen wir hin?

_Mephistopheles._

                Es ist noch zu frh.

_Faust._

Sorg' du mir fr ein Geschenk fr sie.

(ab.)

_Mephistopheles._

Gleich schenken? Das ist brav! Da wird er ressiren!
Ich kenne manchen schnen Platz
Und manchen alt vergrabnen Schatz,
Ich mu ein Bichen revidiren.

(ab.)




_Abend._


_Ein kleines reinliches Zimmer._

_Margarete._

(ihre Zpfe flechtend und aufbindend.)

Ich gb' was drum, wenn ich nur wt',
Wer heut der Herr gewesen ist!
Er sah gewi recht wacker aus,
Und ist aus einem edlen Haus;
Das konnt' ich ihm an der Stirne lesen --
Er wr' auch sonst nicht so keck gewesen.

(ab.)

_Mephistopheles. Faust._

_Mephistopheles._

Herein, ganz leise, nur herein!

_Faust_ nach einigem Stillschweigen.

Ich bitte dich, la mich allein!

_Mephistopheles_ herumsprend.

Nicht jedes Mdchen hlt so rein.

(ab.)

_Faust_ (rings aufschauend.)

Willkommen ser Dmmerschein!
Der du die Heiligthum durchwebst.
Ergreif mein Herz, du se Liebespein!
Die du vom Thau der Hoffnung schmachtend lebst.
Wie athmet rings Gefhl der Stille,
Der Ordnung, der Zufriedenheit!
In dieser Armuth welche Flle!
In diesem Kerker welche Seligkeit!

(Er wirft sich auf den ledernen Sessel am Bette.)

O nimm mich auf! der du die Vorwelt schon
Bey Freud' und Schmerz in offnen Arm empfangen!
Wie oft, ach! hat an diesem Vter-Thron
Schon eine Schaar von Kindern rings gehangen!
Vielleicht hat, dankbar fr den heil'gen Christ,
Mein Liebchen hier, mit vollen Kinderwangen,
Dem Ahnherrn fromm die welke Hand gekt.
Ich fhl', o Mdchen, deinen Geist
Der Fll' und Ordnung um mich suseln,
Der mtterlich dich tglich unterweis't,
Den Teppich auf den Tisch dich reinlich breiten heit,
Sogar den Sand zu deinen Fen kruseln.
O liebe Hand! so gttergleich!
Die Htte wird durch dich ein Himmelreich.
Und hier!

(Er hebt einen Bettvorhang auf.)

Was fat mich fr ein Wonnegraus!
Hier mcht' ich volle Stunden sumen.
Natur! Hier bildetest in leichten Trumen
Den eingebornen Engel aus;
Hier lag das Kind! mit warmem Leben
Den zarten Busen angefllt,
Und hier mit heilig reinem Weben
Entwirkte sich das Gtterbild!

    Und du! Was hat dich hergefhrt?
Wie innig fhl' ich mich gerhrt!
Was willst du hier? Was wird das Herz dir schwer?
Armsel'ger Faust! ich kenne dich nicht mehr.

    Umgiebt mich hier ein Zauberduft?
Mich drang's so g'rade zu genieen,
Und fhle mich in Liebestraum zerflieen!
Sind wir ein Spiel von jedem Druck der Luft?

    Und trte sie den Augenblick herein,
Wie wrdest du fr deinen Frevel ben!
Der groe Hans, ach wie so klein!
Lg', hingeschmolzen, ihr zu Fen.

_Mephistopheles._

Geschwind! ich seh' sie unten kommen.

_Faust._

Fort! Fort! Ich kehre nimmermehr!

_Mephistopheles._

Hier ist ein Kstchen leidlich schwer,
Ich hab's wo anders hergenommen.
Stellt's hier nur immer in den Schrein,
Ich schwr' euch, ihr vergehn die Sinnen;
Ich that euch Schelchen hinein,
Um eine andre zu gewinnen.
Zwar Kind ist Kind und Spiel ist Spiel.

_Faust._

Ich wei nicht, soll ich?

_Mephistopheles._

                          Fragt ihr viel?
Meint ihr vielleicht den Schatz zu wahren?
Dann rath' ich eurer Lsternheit
Die liebe schne Tageszeit,
Und mir die weitre Mh' zu sparen.
Ich hoff' nicht da ihr geitzig seyd!
Ich kratz' den Kopf, reib' an den Hnden --

(Er stellt das Kstchen in den Schrein und drckt das Schlo wieder zu.)

Nur fort! geschwind! --
Um euch das se junge Kind
Nach Herzens Wunsch und Will' zu wenden;
Und ihr seht drein,
Als solltet ihr in den Hrsal hinein,
Als stnd' leibhaftig vor euch da
Physik und Metaphysika!
Nur fort! --

(ab.)

_Margarete_ mit einer Lampe.

Es ist so schwl, so dumpfig hie,

(Sie macht das Fenster auf.)

Und ist doch eben so warm nicht drau'.
Es wird mir so, ich wei' nicht wie --
Ich wollt', die Mutter km' nach Haus.
Mir luft ein Schauer ber'n Leib --
Bin doch ein thricht furchtsam Weib!

(Sie fngt an zu singen, indem sie sich auszieht.)

              Es war ein Knig in Thule
          Gar treu bis an das Grab,
          Dem sterbend seine Buhle
          Einen goldnen Becher gab.

              Es ging ihm nichts darber,
          Er leert ihn jeden Schmaus;
          Die Augen gingen ihm ber,
          So oft er trank daraus.

              Und als er kam zu sterben,
          Zhlt' er seine Stdt' im Reich,
          Gnnt' alles seinem Erben,
          Den Becher nicht zugleich.

              Er sa beym Knigsmahle,
          Die Ritter um ihn her,
          Auf hohem Vter-Saale,
          Dort auf dem Schlo am Meer.

              Dort stand der alte Zecher,
          Trank letzte Lebensgluth,
          Und warf den heiligen Becher
          Hinunter in die Fluth.

              Er sah ihn strzen, trinken
          Und sinken tief ins Meer,
          Die Augen thten ihm sinken,
          Trank nie einen Tropfen mehr.

(Sie erffnet den Schrein, ihre Kleider einzurumen, und erblickt das
Schmuckkstchen.)

Wie kommt das schne Kstchen hier herein?
Ich schlo doch ganz gewi den Schrein.
Es ist doch wunderbar! Was mag wohl drinne seyn?
Vielleicht bracht's jemand als ein Pfand,
Und meine Mutter lieh darauf.
Da hngt ein Schlsselchen am Band,
Ich denke wohl, ich mach' es auf!
Was ist das? Gott im Himmel! schau,
So was hab' ich mein' Tage nicht gesehn!
Ein Schmuck! Mit dem knnt' eine Edelfrau
Am hchsten Feiertage gehn.
Wie sollte mir die Kette stehn?
Wem mag die Herrlichkeit gehren?

(Sie putzt sich damit auf und tritt vor den Spiegel.)

Wenn nur die Ohrring' meine wren!
Man sieht doch gleich ganz anders drein.
Was hilft euch Schnheit, junges Blut?
Das ist wohl alles schn und gut,
Allein man lt's auch alles seyn;
Man lobt euch halb mit Erbarmen.
Nach Golde drngt,
Am Golde hngt
Doch alles. Ach wir Armen!




_Spazirgang._


_Faust_ in Gedanken auf und ab gehend. Zu ihm _Mephistopheles._

_Mephistopheles._

Bey aller verschmhten Liebe! Beym hllischen Elemente!
Ich wollt', ich wte 'was rgers, da ich's fluchen knnte!

_Faust._

Was hast? was kneipt dich denn so sehr?
So kein Gesicht sah' ich in meinem Leben!

_Mephistopheles._

Ich mcht' mich gleich dem Teufel bergeben,
Wenn ich nur selbst kein Teufel wr'!

_Faust._

Hat sich dir was im Kopf verschoben?
Dich kleidet's, wie ein Rasender zu toben!

_Mephistopheles._

Denkt nur, den Schmuck fr Gretchen angeschafft,
Den hat ein Pfaff hinweggerafft! --
Die Mutter kriegt das Ding zu schauen,
Gleich fngt's ihr heimlich an zu grauen:
Die Frau hat gar einen feinen Geruch,
Schnuffelt immer im Gebetbuch,
Und riecht's einem jeden Mbel an,
Ob das Ding heilig ist oder profan;
Und an dem Schmuck da sprt sie's klar,
Da dabey nicht viel Segen war.
Mein Kind, rief sie, ungerechtes Gut
Befngt die Seele, zehrt auf das Blut.
Wollen's der Mutter Gottes weihen,
Wird uns mit Himmels-Manna erfreuen!
Margretlein zog ein schiefes Maul,
Ist halt, dacht' sie, ein geschenkter Gaul,
Und wahrlich! gottlos ist nicht der,
Der ihn so fein gebracht hierher.
Die Mutter lie einen Pfaffen kommen;
Der hatte kaum den Spa vernommen,
Lie sich den Anblick wohl behagen.
Er sprach: So ist man recht gesinnt!
Wer berwindet der gewinnt.
Die Kirche hat einen guten Magen,
Hat ganze Lnder aufgefressen,
Und doch noch nie sich bergessen;
Die Kirch' allein, meine lieben Frauen,
Kann ungerechtes Gut verdauen.

_Faust._

Das ist ein allgemeiner Brauch,
Ein Jud' und Knig kann es auch.

_Mephistopheles._

Strich drauf ein Spange, Kett' und Ring',
Als wren's eben Pfifferling',
Dankt' nicht weniger und nicht mehr,
Als ob's ein Korb voll Nsse wr',
Versprach ihnen allen himmlischen Lohn --
Und sie waren sehr erbaut davon.

_Faust._

Und Gretchen?

_Mephistopheles._

              Sitzt nun unruhvoll,
Wei weder was sie will noch soll,
Denkt an's Geschmeide Tag und Nacht,
Noch mehr an den, der's ihr gebracht.

_Faust._

Des Liebchens Kummer thut mir leid.
Schaff' du ihr gleich ein neu Geschmeid'!
Am ersten war ja so nicht viel.

_Mephistopheles._

O ja, dem Herrn ist alles Kinderspiel!

_Faust._

Und mach', und richt's nach meinem Sinn!
Hng' dich an ihre Nachbarinn.
Sey Teufel doch nur nicht wie Brey,
Und schaff' einen neuen Schmuck herbey!

_Mephistopheles._

Ja, gnd'ger Herr, von Herzen gerne.

(Faust ab.)

_Mephistopheles._

So ein verliebter Thor verpufft
Euch Sonne, Mond und alle Sterne
Zum Zeitvertreib dem Liebchen in die Luft.

(ab.)




_Der Nachbarinn Haus._


_Marthe_ allein.

Gott verzeih's meinem lieben Mann,
Er hat an mir nicht wohl gethan!
Geht da stracks in die Welt hinein,
Und lt mich auf dem Stroh allein.
Tht' ihn doch wahrlich nicht betrben,
Tht' ihn, wei Gott, recht herzlich lieben.

(Sie weint.)

Vielleicht ist er gar todt! -- O Pein! -- --
Htt' ich nur einen Todtenschein!

_Margarete_ kommt.

_Margarete._

Frau Marthe!

_Marthe._

             Gretelchen, was soll's?

_Margarete._

Fast sinken mir die Kniee nieder!
Da find' ich so ein Kstchen wieder
In meinem Schrein, von Ebenholz,
Und Sachen herrlich ganz und gar,
Weit reicher als das erste war.

_Marthe._

Das mu sie nicht der Mutter sagen;
Tht's wieder gleich zur Beichte tragen.

_Margarete._

Ach seh' sie nur! ach schau' sie nur!

_Marthe_ putzt sie auf.

O du glcksel'ge Creatur!

_Margarete._

Darf mich, leider, nicht auf der Gassen,
Noch in der Kirche mit sehen lassen.

_Marthe._

Komm du nur oft zu mir herber,
Und leg' den Schmuck hier heimlich an;
Spazier' ein Stndchen lang dem Spiegelglas vorber,
Wir haben unsre Freude dran;
Und dann gibt's einen Anla, gibt's ein Fest,
Wo man's so nach und nach den Leuten sehen lt.
Ein Kettchen erst, die Perle dann in's Ohr;
Die Mutter sieht's wohl nicht, man macht ihr auch was vor.

_Margarete._

Wer konnte nur die beyden Kstchen bringen?
Es geht nicht zu mit rechten Dingen!

(Es klopft.)

_Margarete._

Ach Gott! mag das meine Mutter seyn?

_Marthe_ durchs Vorhngel guckend.

Es ist ein fremder Herr -- Herein!

_Mephistopheles_ tritt auf.

_Mephistopheles._

Bin so frey g'rad' herein zu treten,
Mu bey den Frauen Verzeihn erbeten.

(Tritt ehrerbietig vor Margareten zurck.)

Wollte nach Frau Marthe Schwerdlein fragen!

_Marthe._

Ich bin's, was hat der Herr zu sagen?

_Mephistopheles_ leise zu ihr.

Ich kenne Sie jetzt, mir ist das genug;
Sie hat da gar vornehmen Besuch.
Verzeiht die Freyheit die ich genommen,
Will Nachmittage wieder kommen.

_Marthe_ laut.

Denk', Kind, um alles in der Welt!
Der Herr dich fr ein Frulein hlt.

_Margarete._

Ich bin ein armes junges Blut;
Ach Gott! der Herr ist gar zu gut:
Schmuck und Geschmeide sind nicht mein.

_Mephistopheles._

Ach, es ist nicht der Schmuck allein;
Sie hat ein Wesen, einen Blick so scharf!
Wie freut mich's, da ich bleiben darf.

_Marthe._

Was bringt Er denn? Verlange sehr --

_Mephistopheles._

Ich wollt' ich htt' eine frohere Mhr'!
Ich hoffe, Sie lt mich's drum nicht ben:
Ihr Mann ist todt und lt Sie gren.

_Marthe._

Ist todt? das treue Herz! O weh!
Mein Mann ist todt! Ach ich vergeh'!

_Margarete._

Ach! liebe Frau, verzweifelt nicht!

_Mephistopheles._

So hrt die traurige Geschicht'!

_Margarete._

Ich mchte drum mein' Tag' nicht lieben,
Wrde mich Verlust zu Tode betrben.

_Mephistopheles._

Freud' mu Leid, Leid mu Freude haben.

_Marthe._

Erzhlt mir seines Lebens Schlu!

_Mephistopheles._

Er liegt in Padua begraben
Bey'm heiligen Antonius,
An einer wohlgeweihten Sttte
Zum ewig khlen Ruhebette.

_Marthe._

Habt ihr sonst nichts an mich zu bringen[?]

_Mephistopheles._

Ja, eine Bitte, gro und schwer;
La Sie doch ja fr ihn dreyhundert Messen singen!
Im brigen sind meine Taschen leer.

_Marthe._

Was! nicht ein Schaustck? Kein Geschmeid'?
Was jeder Handwerksbursch im Grund des Sckels spart,
Zum Angedenken aufbewahrt,
Und lieber hungert lieber bettelt!

_Mephistopheles._

Madam, es thut mir herzlich leid;
Allein er hat sein Geld wahrhaftig nicht verzettelt.
Auch er bereute seine Fehler sehr,
Ja, und bejammerte sein Unglck noch viel mehr.

_Margarete._

Ach! da die Menschen so unglcklich sind!
Gewi ich will fr ihn manch Requiem noch beten.

_Mephistopheles._

Ihr wret werth, gleich in die Eh' zu treten:
Ihr seyd ein liebenswrdig Kind.

_Margarete._

Ach nein, das geht jetzt noch nicht an.

_Mephistopheles._

Ist's nicht ein Mann, sey's derweil' ein Galan.
's ist eine der grten Himmelsgaben,
So ein lieb Ding im Arm zu haben.

_Margarete._

Das ist des Landes nicht der Brauch.

_Mephistopheles._

Brauch oder nicht! es gibt sich auch.

_Marthe._

Erzhlt mir doch!

_Mephistopheles._

                  Ich stand an seinem Sterbebette,
Es war was besser als von Mist,
Von halbgefaultem Stroh; allein er starb als Christ,
Und fand, da er weit mehr noch auf der Zeche htte.
Wie, rief er, mu ich mich von Grund aus hassen,
So mein Gewerb, mein Weib so zu verlassen!
Ach! die Erinnerung tdtet mich.
Vergb' sie mir nur noch in diesem Leben! --

_Marthe_ weinend.

Der gute Mann! ich hab' ihm lngst vergeben.

_Mephistopheles._

Allein, wei Gott! sie war mehr Schuld als ich.

_Marthe._

Das lgt er! Was! am Rand des Grab's zu lgen!

_Mephistopheles._

Er fabelte gewi in letzten Zgen,
Wenn ich nur halb ein Kenner bin.
Ich hatte, sprach er, nicht zum Zeitvertreib zu gaffen,
Erst Kinder, und dann Brot fr sie zu schaffen,
Und Brot im allerweit'sten Sinn,
Und konnte nicht einmal mein Theil in Frieden essen.

_Marthe._

Hat er so aller Treu', so aller Lieb' vergessen,
Der Plackerey bey Tag und Nacht!

_Mephistopheles._

Nicht doch, er hat euch herzlich dran gedacht.
Er sprach: Als ich nun weg von Malta ging,
Da betet' ich fr Frau und Kinder brnstig;
Uns war denn auch der Himmel gnstig,
Da unser Schiff ein Trkisch Fahrzeug fing,
Das einen Schatz des groen Sultans fhrte.
Da ward der Tapferkeit ihr Lohn,
Und ich empfing denn auch, wie sich's gebhrte,
Mein wohlgemess'nes Theil davon.

_Marthe._

Ey wie? Ey wo? Hat er's vielleicht vergraben?

_Mephistopheles._

Wer wei, wo nun es die vier Winde haben.
Ein schnes Frulein nahm sich seiner an,
Als er in Napel fremd umher spazirte;
Sie hat an ihm viel Lieb's und Treu's gethan,
Da er's bis an sein selig Ende sprte.

_Marthe._

Der Schelm! der Dieb an seinen Kindern!
Auch alles Elend, alle Noth
Konnt' nicht sein schndlich Leben hindern!

_Mephistopheles._

Ja seht! dafr ist er nun todt.
Wr' ich nun jetzt an eurem Platze;
Betraurt' ich ihn ein zchtig Jahr,
Visirte dann unterweil' nach einem neuen Schatze.

_Marthe._

Ach Gott! wie doch mein erster war,
Find' ich nicht leicht auf dieser Welt den andern!
Es konnte kaum ein herziger Nrrchen seyn.
Er liebte nur das allzuviele Wandern,
Und fremde Weiber, und fremden Wein,
Und das verfluchte Wrfelspiel.

_Mephistopheles._

Nun, nun, so konnt' es gehn und stehen,
Wenn er euch ungefhr so viel
Von seiner Seite nachgesehen.
Ich schwr' euch zu, mit dem Beding
Wechselt' ich selbst mit euch den Ring!

_Marthe._

O es beliebt dem Herrn zu scherzen!

_Mephistopheles_ fr sich.

Nun mach' ich mich bey Zeiten fort!
Die hielte wohl den Teufel selbst beym Wort.

(zu Gretchen.)

Wie steht es denn mit Ihrem Herzen?

_Margarete._

Was meint der Herr damit?

_Mephistopheles_ fr sich.

                          Du gut's, unschuldig's Kind!

(Laut.)

Lebt wohl ihr Frauen!

_Margarete._

               Lebt wohl!

_Marthe._

                          O sagt mir doch geschwind!
Ich mchte gern ein Zeugni haben,
Wo, wie und wann mein Schatz gestorben und begraben.
Ich bin von je der Ordnung Freund gewesen,
Mcht' ihn auch todt im Wochenblttchen lesen.

_Mephistopheles._

Ja, gute Frau, durch zweyer Zeugen Mund
Wird allerwegs die Wahrheit kund;
Habe noch gar einen feinen Gesellen,
Den will ich euch vor den Richter stellen.
Ich bring' ihn her.

_Marthe._

O thut das ja!

_Mephistopheles._

Und hier die Jungfrau ist auch da? --
Ein braver Knab'! ist viel gereis't,
Fruleins alle Hflichkeit erweis't.

_Margarete._

Mte vor dem Herren schamroth werden.

_Mephistopheles._

Vor keinem Knige der Erden.

_Marthe._

Da hinter'm Haus in meinem Garten
Wollen wir der Herrn heut' Abend warten.




_Strae._


_Faust. Mehpistopheles._

_Faust._

Wie ist's? Will's frdern? Will's bald gehn?

_Mephistopheles._

Ah bravo! Find' ich euch in Feuer?
In kurzer Zeit ist Gretchen euer.
Heut' Abend sollt ihr sie bey Nachbar' Marthen sehn:
Das ist ein Weib wie auserlesen
Zum Kuppler- und Zigeunerwesen!

_Faust._

So recht!

_Mephistopheles._

          Doch wird auch was von uns begehrt.

_Faust._

Ein Dienst ist wohl des andern werth.

_Mephistopheles._

Wir legen nur ein gltig Zeugni nieder,
Da ihres Ehherrn ausgereckte Glieder
In Padua an heil'ger Sttte ruhn.

_Faust._

Sehr klug! Wir werden erst die Reise machen mssen!

_Mephistopheles._

#Sancta Simplicitas#! darum ist's nicht zu thun;
Bezeugt nur ohne viel zu wissen.

_Faust._

Wenn Er nichts bessers hat, so ist der Plan zerrissen.

_Mephistopheles._

O heil'ger Mann! Da wr't ihr's nun!
Ist es das erstemal in eurem Leben,
Da ihr falsch Zeugni abgelegt?
Habt ihr von Gott, der Welt und was sich d'rin bewegt,
Vom Menschen, was sich ihm in Kopf und Herzen regt,
Definitionen nicht mit groer Kraft gegeben?
Mit frecher Stirne, khner Brust?
Und wollt ihr recht in's Innre gehen,
Habt ihr davon, ihr mt es g'rad' gestehen,
So viel als von Herrn Schwerdleins Tod gewut!

_Faust._

Du bist und bleibst ein Lgner, ein Sophiste.

_Mephistopheles._

Ja, wenn man's nicht ein Bichen tiefer wte.
Denn morgen wirst in allen Ehren
Das arme Gretchen nicht bethren,
Und alle Seelenlieb' ihr schwren?

_Faust._

Und zwar von Herzen.

_Mephistopheles._

                     Gut und schn!
Dann wird von ewiger Treu' und Liebe,
Von einzig berallmcht'gem Triebe --
Wird das auch so von Herzen gehn?

_Faust._

La das! Es wird! -- Wenn ich empfinde,
Fr das Gefhl, fr das Gewhl
Nach Namen suche, keinen finde,
Dann durch die Welt mit allen Sinnen schweife,
Nach allen hchsten Worten greife,
Und diese Gluth, von der ich brenne,
Unendlich, ewig, ewig nenne,
Ist das ein teuflisch Lgenspiel?

_Mephistopheles._

Ich hab' doch Recht!

_Faust._

                     Hr'! merk' dir die --
Ich bitte dich, und schone meine Lunge --
Wer Recht behalten will und hat nur eine Zunge,
Behlt's gewi.
Und komm', ich hab' des Schwtzens Ueberdru,
Denn du hast Recht, vorzglich weil ich mu.




_Garten._


_Margarete_ an _Faustens_ Arm,
_Marthe_ mit _Mephistopheles_ auf und ab spazirend.

_Margarete._

Ich fhl' es wohl, da mich der Herr nur schont,
Herab sich lt, mich zu beschmen.
Ein Reisender ist so gewohnt
Aus Gtigkeit frlieb zu nehmen,
Ich wei zu gut, da solch' erfahrnen Mann
Mein arm Gesprch nicht unterhalten kann.

_Faust._

Ein Blick von dir, Ein Wort mehr unterhlt,
Als alle Weisheit dieser Welt.

(Er kt ihre Hand.)

_Margarete._

Incommodirt euch nicht! Wie knnt ihr sie nur kssen?
Sie ist so garstig, ist so rauh!
Was hab' ich nicht schon alles schaffen mssen!
Die Mutter ist gar zu genau.

(Gehn vorber.)

_Marthe._

Und ihr, mein Herr, ihr reis't so immer fort?

_Mephistopheles._

Ach, da Gewerb' und Pflicht uns dazu treiben!
Mit wie viel Schmerz verlt man manchen Ort,
Und darf doch nun einmal nicht bleiben!

_Marthe._

In raschen Jahren geht's wohl an,
So um und um frey durch die Welt zu streifen;
Doch kmmt die bse Zeit heran,
Und sich als Hagestolz allein zum Grab' zu schleifen,
Das hat noch keinem wohl gethan.

_Mephistopheles._

Mit Grausen seh' ich das von weiten.

_Marthe._

Drum, werther Herr, berathet euch in Zeiten.

(Gehn vorber.)

_Margarete._

Ja, aus den Augen aus dem Sinn!
Die Hflichkeit ist euch gelufig;
Allein ihr habt der Freunde hufig,
Sie sind verstndiger als ich bin.

_Faust._

O Beste! glaube, was man so verstndig nennt,
Ist oft mehr Eitelkeit und Kurzsinn.

_Margarete._

                                     Wie?

_Faust._

Ach, da die Einfalt, da die Unschuld nie
Sich selbst und ihren heil'gen Werth erkennt!
Da Demuth, Niedrigkeit, die hchsten Gaben
Der liebevoll austheilenden Natur --

_Margarete._

Denkt ihr an mich ein Augenblickchen nur,
Ich werde Zeit genug an euch zu denken haben.

_Faust._

Ihr seyd wohl viel allein?

_Margarete._

Ja, unsre Wirthschaft ist nur klein,
Und doch will sie versehen seyn.
Wir haben keine Magd; mu kochen, fegen, stricken
Und nhn, und laufen frh und spat;
Und meine Mutter ist in allen Stcken
So accurat!
Nicht da sie just so sehr sich einzuschrnken hat;
Wir knnten uns weit eh'r als andre regen:
Mein Vater hinterlie ein hbsch Vermgen,
Ein Huschen und ein Grtchen vor der Stadt.
Doch hab' ich jetzt so ziemlich stille Tage;
Mein Bruder ist Soldat,
Mein Schwesterchen ist todt.
Ich hatte mit dem Kind wohl meine liebe Noth;
Doch bernhm' ich gern noch einmal alle Plage,
So lieb war mir das Kind.

_Faust._

          Ein Engel, wenn dir's glich.

_Margarete._

Ich zog es auf, und herzlich liebt' es mich.
Es war nach meines Vaters Tod geboren.
Die Mutter gaben wir verloren,
So elend wie sie damals lag,
Und sie erholte sich sehr langsam, nach und nach.
Da konnte sie nun nicht d'ran denken
Das arme Wrmchen selbst zu trnken,
Und so erzog ich's ganz allein,
Mit Milch und Wasser; so ward's mein.
Auf meinem Arm, in meinem Schoos
War's freundlich, zappelte, ward gro.

_Faust._

Du hast gewi das reinste Glck empfunden.

_Margarete._

Doch auch gewi gar manche schwere Stunden.
Des Kleinen Wiege stand zu Nacht
An meinem Bett', es durfte kaum sich regen,
War ich erwacht;
Bald mut' ich's trnken, bald es zu mir legen,
Bald, wenn's nicht schwieg, vom Bett' aufstehn,
Und tnzelnd in der Kammer auf und nieder gehn,
Und frh am Tage schon am Waschtrog stehn;
Dann auf dem Markt und an dem Herde sorgen,
Und immer fort wie heut so morgen.
Da geht's, mein Herr, nicht immer muthig zu;
Doch schmeckt dafr das Essen, schmeckt die Ruh.

(Gehn vorber.)

_Marthe._

Die armen Weiber sind doch bel dran:
Ein Hagestolz ist schwerlich zu bekehren.

_Mephistopheles._

Es kme nur auf eures gleichen an,
Mich eines bessern zu belehren.

_Marthe._

Sagt g'rad', mein Herr, habt ihr noch nichts gefunden?
Hat sich das Herz nicht irgendwo gebunden?

_Mephistopheles._

Das Sprichwort sagt: Ein eigner Herd,
Ein braves Weib, sind Gold und Perlen werth.

_Marthe._

Ich meine, ob ihr niemals Lust bekommen?

_Mephistopheles._

Man hat mich berall recht hflich aufgenommen.

_Marthe._

Ich wollte sagen: ward's nie Ernst in eurem Herzen?

_Mephistopheles._

Mit Frauen soll man sich nie unterstehn zu scherzen.

_Marthe._

Ach, ihr versteht mich nicht!

_Mephistopheles._

                              Das thut mir herzlich leid!
Doch ich versteh' -- da ihr sehr gtig seyd.

(Gehn vorber.)

_Faust._

Du kanntest mich, o kleiner Engel, wieder,
Gleich als ich in den Garten kam?

_Margarete._

Saht ihr es nicht? ich schlug die Augen nieder.

_Faust._

Und du verzeihst die Freyheit, die ich nahm?
Was sich die Frechheit unterfangen,
Als du jngst aus dem Dom gegangen.

_Margarete._

Ich war bestrzt, mir war das nie geschehn;
Es konnte niemand von mir bels sagen.
Ach, dacht' ich, hat er in deinem Betragen
Was freches, unanstndiges gesehn?
Es schien ihn gleich nur anzuwandeln,
Mit dieser Dirne g'rade hin zu handeln.
Gesteh' ich's doch! Ich wute nicht was sich
Zu eurem Vortheil hier zu regen gleich begonnte;
Allein gewi, ich war recht bs' auf mich,
Da ich auf euch nicht bser werden konnte.

_Faust._

S Liebchen!

_Margarete._

              Lat einmal!

(Sie pflckt eine Sternblume und zupft die Bltter ab, eins nach dem
andern.)

_Faust._

              Was soll das? Einen Strau?

_Margarete._

Nein, es soll nur ein Spiel.

_Faust._

                      Wie?

_Margarete._

                           Geht! ihr lacht mich aus.

(Sie rupft und murmelt.)

_Faust._

Was murmelst du?

_Margarete_ halb laut.

                 Er liebt mich -- liebt mich nicht.

_Faust._

Du holdes Himmels-Angesicht!

_Margarete_ fhrt fort.

Liebt mich -- Nicht -- Liebt mich -- Nicht --

(Das lezte[letzte] Blatt ausrupfend, mit holder Freude.)

Er liebt mich!

_Faust._

Ja, mein Kind! La dieses Blumenwort
Dir Gtter-Ausspruch seyn. Er liebt dich!
Verstehst du, was das heit? Er liebt dich!

(Er fat ihre beyden Hnde.)

_Margarete._

Mich berluft's!

_Faust._

O schaudre nicht! La diesen Blick,
La diesen Hndedruck dir sagen,
Was unaussprechlich ist:
Sich hinzugeben ganz und eine Wonne
Zu fhlen, die ewig seyn mu!
Ewig! -- Ihr Ende wrde Verzweiflung seyn.
Nein, kein Ende! Kein Ende!

_Margarete_

(drckt ihm die Hnde, macht sich los und luft weg. Er steht einen
Augenblick in Gedanken, dann folgt er ihr.)

_Marthe_ kommend.

Die Nacht bricht an.

_Mephistopheles._

                     Ja, und wir wollen fort.

_Marthe._

Ich bt' euch lnger hier zu bleiben,
Allein es ist ein gar zu bser Ort.
Es ist als htte niemand nichts zu treiben
Und nichts zu schaffen,
Als auf des Nachbarn Schritt und Tritt zu gaffen,
Und man kommt in's Gered', wie man sich immer stellt.
Und unser Prchen?

_Mephistopheles._

                   Ist den Gang dort aufgeflogen.
Muthwill'ge Sommervgel!

_Marthe._

                       Er scheint ihr gewogen.

_Mephistopheles._

Und sie ihm auch. Das ist der Lauf der Welt.




_Ein Gartenhuschen._


_Margarete_ springt herein, steckt sich hinter die Thr, hlt die
Fingerspitze an die Lippen, und guckt durch die Ritze.

_Margarete._

Er kommt!

_Faust_ kommt.

          Ach Schelm, so neckst du mich!
Treff' ich dich!

(Er kt sie.)

_Margarete._

(ihn fassend und den Ku zurck gebend.)

          Bester Mann! von Herzen lieb' ich dich!

_Mephistopheles_ klopft an.

_Faust_ stampfend.

Wer da?

_Mephistopheles._

        Gut Freund!

_Faust._

                    Ein Thier!

_Mephistopheles._

                               Es ist wohl Zeit zu scheiden.

_Marthe_ kommt.

Ja, es ist spt, mein Herr.

_Faust._

            Darf ich euch nicht geleiten?

_Margarete._

Die Mutter wrde mich -- Lebt wohl!

_Faust._

                                Mu ich denn gehn?
Lebt wohl!

_Marthe._

           Ade!

_Margarete._

                Auf baldig Wiedersehn!

(Faust und Mephistopheles ab.)

_Margarete._

Du lieber Gott! was so ein Mann
Nicht alles alles denken kann!
Beschmt nur steh' ich vor ihm da,
Und sag' zu allen Sachen ja.
Bin doch ein arm unwissend Kind,
Begreife nicht was er an mir find't.

(ab.)




_Wald und Hhle._


_Faust_ allein.

Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Knigreich,
Kraft, sie zu fhlen, zu genieen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergnnest mir in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freund's, zu schauen.
Du fhrst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbey, und lehrst mich meine Brder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braus't und knarrt,
Die Riesenfichte, strzend, Nachbarste
Und Nachbarstmme, quetschend, nieder streift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hgel donnert;
Dann fhrst du mich zur sichern Hhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder ffnen sich.
Und steigt vor meinem Blick der reine Mond
Besnftigend herber; schweben mir
Von Felsenwnden, aus dem feuchten Busch,
Der Vorwelt silberne Gestalten auf,
Und lindern der Betrachtung strenge Lust.

    O da dem Menschen nichts Vollkomm'nes wird,
Empfind' ich nun. Du gabst zu dieser Wonne,
Die mich den Gttern nah' und nher bringt,
Mir den Gefhrten, den ich schon nicht mehr
Entbehren kann, wenn er gleich, kalt und frech,
Mich vor mir selbst erniedrigt, und zu Nichts,
Mit einem Worthauch, deine Gaben wandelt.
Er facht in meiner Brust ein wildes Feuer
Nach jenem schnen Bild geschftig an.
So tauml' ich von Begierde zu Genu,
Und im Genu verschmacht' ich nach Begierde.

_Mephistopheles_ tritt auf.

_Mephistopheles._

Habt ihr nun bald das Leben g'nug gefhrt?
Wie kann's euch in die Lnge freuen?
Es ist wohl gut, da man's einmal probirt;
Dann aber wieder zu was neuen!

_Faust._

Ich wollt', du httest mehr zu thun,
Als mich am guten Tag zu plagen.

_Mephistopheles._

Nun nun! ich la' dich gerne ruhn,
Du darfst mir's nicht im Ernste sagen.
An dir Gesellen unhold, barsch und toll,
Ist wahrlich wenig zu verlieren.
Den ganzen Tag hat man die Hnde voll!
Was ihm gefllt und was man lassen soll,
Kann man dem Herrn nie an der Nase spren.

_Faust._

Das ist so just der rechte Ton!
Er will noch Dank, da er mich ennyirt.

_Mephistopheles._

Wie htt'st du, armer Erdensohn,
Dein Leben ohne mich gefhrt?
Vom Kribskrabs der Imagination
Hab' ich dich doch auf Zeiten lang curirt;
Und wr' ich nicht, so wr'st du schon
Von diesem Erdball abspazirt.
Was hast du da in Hhlen, Felsenritzen
Dich wie ein Schuhu zu versitzen?
Was schlurfst aus dumpfem Moos und triefendem Gestein,
Wie eine Krte, Nahrung ein?
Ein schner, ser Zeitvertreib!
Dir steckt der Doctor noch im Leib.

_Faust._

Verstehst du, was fr neue Lebenskraft
Mir dieser Wandel in der Oede schafft?
Ja, wrdest du es ahnden knnen,
Du wrest Teufel g'nug mein Glck mir nicht zu gnnen.

_Mephistopheles._

Ein berirdisches Vergngen!
In Nacht und Thau auf den Gebirgen liegen,
Und Erd und Himmel wonniglich umfassen,
Zu einer Gottheit sich aufschwellen lassen,
Der Erde Mark mit Ahndungsdrang durchwhlen,
Alle sechs Tagewerk' im Busen fhlen,
In stolzer Kraft ich wei nicht was genieen,
Bald liebewonniglich in alles berflieen,
Verschwunden ganz der Erdensohn,
Und dann die hohe Intuition --

(Mit einer Geberde.)

Ich darf nicht sagen wie -- zu schlieen.

_Faust._

Pfuy ber dich!

_Mephistopheles._

                Das will euch nicht behagen;
Ihr habt das Recht gesittet pfuy zu sagen.
Man darf das nicht vor keuschen Ohren nennen,
Was keusche Herzen nicht entbehren knnen.
Und kurz und gut, ich gnn' Ihm das Vergngen,
Gelegentlich sich etwas vorzulgen;
Doch lange hlt Er das nicht aus.
Du bist schon wieder abgetrieben,
Und, whrt es lnger, aufgerieben
In Tollheit oder Angst und Graus.
Genug damit! dein Liebchen sitzt dadrinne,
Und alles wird ihr eng' und trb'.
Du kommst ihr gar nicht aus dem Sinne,
Sie hat dich bermchtig lieb.
Erst kam deine Liebeswuth bergeflossen,
Wie vom geschmolznen Schnee ein Bchlein bersteigt;
Du hast sie ihr in's Herz gegossen,
Nun ist dein Bchlein wieder seicht.
Mich dnkt, anstatt in Wldern zu thronen,
Lie es dem groen Herren gut,
Das arme affenjunge Blut
Fr seine Liebe zu belohnen.
Die Zeit wird ihr erbrmlich lang;
Sie steht am Fenster, sieht die Wolken ziehn
Ueber die alte Stadtmauer hin.
Wenn ich ein Vglein wr'! so geht ihr Gesang
Tagelang, halbe Nchte lang.
Einmal ist sie munter, meist betrbt,
Einmal recht ausgeweint,
Dann wieder ruhig, wie's scheint,
Und immer verliebt.

_Faust._

Schlange! Schlange!

_Mephistopheles_ fr sich.

Gelt! da ich dich fange!

_Faust._

Verruchter! hebe dich von hinnen,
Und nenne nicht das schne Weib!
Bring' die Begier zu ihrem sen Leib
Nicht wieder vor die halb verrckten Sinnen!

_Mephistopheles._

Was soll es denn? Sie meint, du seyst entfloh'n,
Und halb und halb bist du es schon.

_Faust._

Ich bin ihr nah', und wr' ich noch so fern,
Ich kann sie nie vergessen, nie verlieren;
Ja, ich beneide schon den Leib des Herrn,
Wenn ihre Lippen ihn inde berhren.

_Mephistopheles._

Gar wohl, mein Freund! Ich hab' euch oft beneidet
Um's Zwillingspaar, das unter Rosen weidet.

_Faust._

Entfliehe, Kuppler!

_Mephistopheles._

                    Schn! Ihr schimpft und ich mu lachen.
Der Gott, der Bub' und Mdchen schuf,
Erkannte gleich den edelsten Beruf,
Auch selbst Gelegenheit zu machen.
Nur fort, es ist ein groer Jammer!
Ihr sollt in eures Liebchens Kammer,
Nicht etwa in den Tod.

_Faust._

Was ist die Himmelsfreud' in ihren Armen?
La mich an ihrer Brust erwarmen!
Fhl' ich nicht immer ihre Noth?
Bin ich der Flchtling nicht? der Unbehaus'te?
Der Unmensch ohne Zweck und Ruh?
Der wie ein Wassersturz von Fels zu Felsen braus'te
Begierig wthend nach dem Abgrund zu.
Und seitwrts sie, mit kindlich dumpfen Sinnen,
Im Httchen auf dem kleinen Alpenfeld,
Und all ihr husliches Beginnen
Umfangen in der kleinen Welt.
Und ich, der Gottverhate, hatte nicht genug,
Da ich die Felsen fate
Und sie zu Trmmern schlug!
Sie, ihren Frieden mut' ich untergraben!
Du, Hlle, mutest dieses Opfer haben!
Hilf, Teufel, mir die Zeit der Angst verkrzen,
Was mu geschehn, mag's gleich geschehn!
Mag ihr Geschick auf mich zusammenstrzen
Und sie mit mir zu Grunde gehn!

_Mephistopheles._

Wie's wieder siedet, wieder glht!
Geh' ein und trste sie, du Thor!
Wo so ein Kpfchen keinen Ausgang sieht,
Stellt er sich gleich das Ende vor.
Es lebe wer sich tapfer hlt!
Du bist doch sonst so ziemlich eingeteufelt.
Nichts abgeschmackters find' ich auf der Welt,
Als einen Teufel der verzweifelt.




_Gretchens Stube._


_Gretchen_

am Spinnrade allein.

              Meine Ruh' ist hin,
          Mein Herz ist schwer,
          Ich finde sie nimmer
          Und nimmermehr.

              Wo ich ihn nicht hab'
          Ist mir das Grab,
          Die ganze Welt
          Ist mir vergllt.

              Mein armer Kopf
          Ist mir verrckt,
          Mein armer Sinn
          Ist mir zerstckt.

              Meine Ruh' ist hin,
          Mein Herz ist schwer,
          Ich finde sie nimmer
          Und nimmermehr.

              Nach ihm nur schau' ich
          Zum Fenster hinaus,
          Nach ihm nur geh' ich
          Aus dem Haus.

              Sein hoher Gang,
          Sein' edle Gestalt,
          Seines Mundes Lcheln,
          Seiner Augen Gewalt,

              Und seiner Rede
          Zauberflu,
          Sein Hndedruck,
          Und ach sein Ku!

              Meine Ruh' ist hin,
          Mein Herz ist schwer,
          Ich finde sie nimmer
          Und nimmermehr.

              Mein Busen drngt
          Sich nach ihm hin,
          Ach drft' ich fassen
          Und halten ihn!
          Und kssen ihn
          So wie ich wollt',
          An seinen Kssen
          Vergehen sollt'!




_Marthens Garten._


_Margarete. Faust._

_Margarete._

Versprich mir, Heinrich!

_Faust._

                         Was ich kann!

_Margarete._

Nun sag', wie hast du's mit der Religion?
Du bist ein herzlich guter Mann,
Allein ich glaub', du hlt'st nicht viel davon.

_Faust._

La das, mein Kind! du fhlst, ich bin dir gut;
Fr meine Lieben lie' ich Leib und Blut,
Will niemand sein Gefhl und seine Kirche rauben.

_Margarete._

Das ist nicht recht, man mu d'ran glauben!

_Faust._

Mu man?

_Margarete._

         Ach! wenn ich etwas auf dich knnte!
Du ehrst auch nicht die heil'gen Sacramente.

_Faust._

Ich ehre sie.

_Margarete._

              Doch ohne Verlangen.
Zur Messe, zur Beichte bist du lange nicht gegangen.
Glaubst du an Gott?

_Faust._

                    Mein Liebchen, wer darf sagen,
Ich glaub' an Gott?
Magst Priester oder Weise fragen,
Und ihre Antwort scheint nur Spott
Ueber den Frager zu seyn.

_Margarete._

                          So glaubst du nicht?

_Faust._

Mihr' mich nicht, du holdes Angesicht!
Wer darf ihn nennen?
Und wer bekennen:
Ich glaub' ihn.
Wer empfinden?
Und sich unterwinden
Zu sagen: ich glaub' ihn nicht.
Der Allumfasser,
Der Allerhalter,
Fat und erhlt er nicht
Dich, mich, sich selbst?
Wlbt sich der Himmel nicht dadroben?
Liegt die Erde nicht hierunten fest?
Und steigen freundlich blickend
Ewige Sterne nicht herauf?
Schau' ich nicht Aug' in Auge dir,
Und drngt nicht alles
Nach Haupt und Herzen dir,
Und webt in ewigem Geheimni
Unsichtbar sichtbar neben dir?
Erfll' davon dein Herz, so gro es ist,
Und wenn du ganz in dem Gefhle selig bist,
Nenn' es dann wie du willst,
Nenn's Glck! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Nahmen
Dafr! Gefhl ist alles;
Name ist Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmelsgluth.

_Margarete._

Das ist alles recht schn und gut;
Ungefhr sagt das der Pfarrer auch,
Nur mit ein Bichen andern Worten.

_Faust._

Es sagen's aller Orten
Alle Herzen unter dem himmlischen Tage,
Jedes in seiner Sprache;
Warum nicht ich in der meinen?

_Margarete._

Wenn man's so hrt, mcht's leidlich scheinen,
Steht aber doch immer schief darum;
Denn du hast kein Christenthum.

_Faust._

Lieb's Kind!

_Margarete._

             Es thut mir lang' schon weh,
Da ich dich in der Gesellschaft seh'.

_Faust._

Wie so?

_Margarete._

        Der Mensch, den du da bey dir hast,
Ist mir in tiefer inn'rer Seele verhat:
Es hat mir in meinem Leben
So nichts einen Stich in's Herz gegeben,
Als des Menschen widrig Gesicht.

_Faust._

Liebe Puppe, frcht' ihn nicht!

_Margarete._

Seine Gegenwart bewegt mir das Blut.
Ich bin sonst allen Menschen gut;
Aber, wie ich mich sehne dich zu schauen,
Hab' ich vor dem Menschen ein heimlich Grauen,
Und halt' ihn fr einen Schelm dazu!
Gott verzeih' mir's, wenn ich ihm Unrecht thu'!

_Faust._

Es mu auch solche Kuze geben.

_Margarete._

Wollte nicht mit seines Gleichen leben!
Kommt er einmal zur Thr herein,
Sieht er immer so spttisch drein,
Und halb ergrimmt;
Man sieht, da er an nichts keinen Antheil nimmt;
Es steht ihm an der Stirn' geschrieben,
Da er nicht mag eine Seele lieben.
Mir wird's so wohl in deinem Arm,
So frey, so hingegeben warm,
Und seine Gegenwart schnrt mir das Inn're zu.

_Faust._

Du ahndungsvoller Engel du!

_Margarete._

Das bermannt mich so sehr,
Da, wo er nur mag zu uns treten,
Meyn' ich sogar, ich liebte dich nicht mehr.
Auch wenn er da ist, knnt' ich nimmer beten,
Und das frit mir in's Herz hinein;
Dir, Heinrich, mu es auch so seyn.

_Faust._

Du hast nun die Antipathie!

_Margarete._

Ich mu nun fort.

_Faust._

                  Ach kann ich nie
Ein Stndchen ruhig dir am Busen hngen,
Und Brust an Brust und Seel' in Seele drngen?

_Margarete._

Ach wenn ich nur alleine schlief!
Ich lie dir gern heut Nacht den Riegel offen;
Doch meine Mutter schlft nicht tief,
Und wrden wir von ihr betroffen,
Ich wr' gleich auf der Stelle todt!

_Faust._

Du Engel, das hat keine Noth.
Hier ist ein Flschchen! Drey Tropfen nur
In ihren Trank umhllen
Mit tiefem Schlaf gefllig die Natur.

_Margarete._

Was thu' ich nicht um deinetwillen?
Es wird ihr hoffentlich nicht schaden!

_Faust._

Wrd' ich sonst, Liebchen, dir es rathen?

_Margarete._

Seh' ich dich, bester Mann, nur an,
Wei nicht was mich nach deinem Willen treibt,
Ich habe schon so viel fr dich gethan,
Da mir zu thun fast nichts mehr brig bleibt.

(ab.)

_Mephistopheles_ tritt auf.

_Mephistopheles._

Der Grasaff'! ist er weg?

_Faust._

                          Hast wieder spionirt?

_Mephistopheles._

Ich hab's ausfhrlich wohl vernommen.
Herr Doctor wurden da katechisirt;
Hoff' es soll Ihnen wohl bekommen.
Die Mdels sind doch sehr interessirt,
Ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch.
Sie denken, duckt er da, folgt er uns eben auch.

_Faust._

Du Ungeheuer siehst nicht ein,
Wie diese treue liebe Seele
Von ihrem Glauben voll,
Der ganz allein
Ihr selig machend ist, sich heilig qule,
Da sie den liebsten Mann verloren halten soll.

_Mephistopheles._

Du bersinnlicher, sinnlicher Freyer,
Ein Mgdelein nasfhret dich.

_Faust._

Du Spottgeburt von Dreck und Feuer!

_Mephistopheles._

Und die Physiognomie versteht sie meisterlich.
In meiner Gegenwart wird's ihr sie wei nicht wie,
Mein Mskchen da weissagt verborgnen Sinn;
Sie fhlt, da ich ganz sicher ein Genie,
Vielleicht wohl gar der Teufel bin.
Nun heute Nacht --?

_Faust._

                   Was geht dich's an?

_Mephistopheles._

Hab' ich doch meine Freude d'ran!




_Am Brunnen._


_Gretchen_ und _Lieschen._

(mit Krgen.)

_Lieschen._

Hast nichts von Brbelchen gehrt?

_Gretchen._

Kein Wort. Ich komm' gar wenig unter Leute.

_Lieschen._

Gewi, Sibylle sagt' mir's heute!
Die hat sich endlich auch bethrt.
Das ist das Vornehmthun!

_Gretchen._

                         Wie so?

_Lieschen._

                                 Es stinkt!
Sie fttert zwey, wenn sie nun it und trinkt.

_Gretchen._

Ach!

_Lieschen._

So ist's ihr endlich recht ergangen.
Wie lange hat sie an dem Kerl gehangen!
Das war ein Spaziren,
Auf Dorf und Tanzplatz Fhren,
Mut' berall die erste seyn,
Curtesirt' ihr immer mit Pastetchen und Wein;
Bild't sich was auf ihre Schnheit ein,
War doch so ehrlos sich nicht zu schmen
Geschenke von ihm anzunehmen.
War ein Gekos' und ein Geschleck';
Da ist denn auch das Blmchen weg[!]

_Gretchen._

Das arme Ding!

_Lieschen._

               Bedauerst sie noch gar!
Wenn unser eins am Spinnen war,
Uns Nachts die Mutter nicht hinunterlie;
Stand sie bey ihrem Buhlen s,
Auf der Thrbank und im dunkeln Gang
Ward' ihnen keine Stunde zu lang.
Da mag sie denn sich ducken nun,
Im Snderhemdchen Kirchbu' thun!

_Gretchen._

Er nimmt sie gewi zu seiner Frau.

_Lieschen._

Er wr' ein Narr! Ein flinker Jung'
Hat anderwrts noch Luft genung.
Er ist auch fort.

_Gretchen._

                  Das ist nicht schn!

_Lieschen._

Kriegt sie ihn, soll's ihr bel gehn.
Das Krnzel reien die Buben ihr,
Und Hckerling streuen wir vor die Thr!

(ab.)

_Gretchen._

(nach Hause gehend.)

Wie konnt' ich sonst so tapfer schmhlen,
Sah ich ein armes Mgdlein fehlen!
Wie konnt' ich ber andrer Snden
Nicht Worte g'nug der Zunge finden!
Wie schien mir's schwarz, und schwrzt's noch gar,
Mir's immer doch nicht schwarz g'nug war,
Und segnet' mich und that so gro,
Und bin nun selbst der Snde blo!
Doch -- alles was dazu mich trieb,
Gott! war so gut! ach war so lieb!




_Zwinger._


In der Mauerhhle ein Andachtsbild der #Mater dolorosa,# Blumenkrge
davor.

_Gretchen._

(steckt frische Blumen in die Krge.)

Ach neige,
Du Schmerzenreiche,
Dein Antlitz gndig meiner Noth!

Das Schwert im Herzen,
Mit tausend Schmerzen
Blickst auf zu deines Sohnes Tod.

Zum Vater blickst du,
Und Seufzer schickst du
Hinauf um sein' und deine Noth.

Wer fhlet,
Wie whlet
Der Schmerz mir im Gebein?
Was mein armes Herz hier banget,
Was es zittert, was verlanget,
Weit nur du, nur du allein!

Wohin ich immer gehe,
Wie weh, wie weh, wie wehe
Wird mir im Busen hier!
Ich bin ach kaum alleine,
Ich wein', ich wein', ich weine,
Das Herz zerbricht in mir.

Die Scherben vor meinem Fenster
Bethaut' ich mit Thrnen, ach!
Als ich am frhen Morgen
Dir diese Blumen brach.

Schien hell in meine Kammer
Die Sonne frh herauf,
Sa ich in allem Jammer
In meinem Bett' schon auf.

Hilf! rette mich von Schmach und Tod!
Ach neige,
Du Schmerzenreiche,
Dein Antlitz gndig meiner Noth!




_Nacht._


_Strae vor Gretchens Thre._

_Valentin_ Soldat, Gretchens Bruder.

Wenn ich sa bey einem Gelag,
Wo mancher sich berhmen mag,
Und die Gesellen mir den Flor
Der Mgdlein laut gepriesen vor,
Mit vollem Glas das Lob verschwemmt,
Den Ellenbogen aufgestemmt;
Sa ich in meiner sichern Ruh
Hrt' all' dem Schwadroniren zu.
Und streiche lchelnd meinen Bart,
Und kriege das volle Glas zur Hand
Und sage: alles nach seiner Art!
Aber ist eine im ganzen Land,
Die meiner trauten Gretel gleicht,
Die meiner Schwester das Wasser reicht?
Top! Top! Kling! Klang! das ging herum!
Die einen schrieen: er hat Recht,
Sie ist die Zier vom ganzen Geschlecht!
Da saen alle die Lober stumm.
Und nun! -- um's Haar sich auszuraufen
Und an den Wnden hinauf zu laufen! --
Mit Stichelreden, Nasermpfen
Soll jeder Schurke mich beschimpfen!
Soll wie ein bser Schuldner sitzen,
Bey jedem Zufallswrtchen schwitzen!
Und mcht' ich sie zusammenschmeien;
Knnt' ich sie doch nicht Lgner heien.

    Was kommt heran? Was schleicht herbey?
Irr' ich nicht, es sind ihrer zwey.
Ist er's, gleich pack' ich ihn beym Felle,
Soll nicht lebendig von der Stelle!

_Faust. Mephistopheles._

_Faust._

Wie von dem Fenster dort der Sakristey
Aufwrts der Schein des ewigen Lmpchens flmmert
Und schwach und schwcher seitwrts dmmert,
Und Finsterni drngt ringsum bey!
So sieht's in meinem Busen nchtig.

_Mephistopheles._

Und mir ist's wie dem Ktzlein schmchtig,
Das an den Feuerleitern schleicht,
Sich leis' dann um die Mauern streicht.
Mir ist's ganz tugendlich dabey,
Ein Bichen Diebsgelst, ein Bichen Rammeley.
So spukt mir schon durch alle Glieder
Die herrliche Walpurgisnacht.
Die kommt uns bermorgen wieder,
Da wei man doch warum man wacht.

_Faust._

Rckt wohl der Schatz indessen in die Hh'?
Den ich dorthinten flimmern seh'.

_Mephistopheles._

Du kannst die Freude bald erleben,
Das Kesselchen herauszuheben.
Ich schielte neulich so hinein,
Sind herrliche Lwenthaler drein.

_Faust._

Nicht ein Geschmeide? Nicht ein Ring?
Meine liebe Buhle damit zu zieren.

_Mephistopheles._

Ich sah dabey wohl so ein Ding,
Als wie eine Art von Perlenschnren.

_Faust._

So ist es recht! Mir thut es weh,
Wenn ich ohne Geschenke zu ihr geh'.

_Mephistopheles._

Es sollt' euch eben nicht verdrieen
Umsonst auch etwas zu genieen.
Jetzt da der Himmel voller Sterne glht,
Sollt ihr ein wahres Kunststck hren:
Ich sing' ihr ein moralisch Lied,
Um sie gewisser zu bethren.

(Singt zur Zither.)

          Was machst du mir
          Vor Liebchens Thr
          Cathrinchen hier
          Bey frhem Tagesblicke?
          La, la es seyn!
          Er lt dich ein
          Als Mdchen ein,
          Als Mdchen nicht zurcke.

          Nehmt euch in Acht!
          Ist es vollbracht,
          Dann gute Nacht
          Ihr armen, armen Dinger!
          Habt ihr euch lieb,
          Thut keinem Dieb
          Nur nichts zu Lieb',
          Als mit dem Ring am Finger.

_Valentin_ tritt vor.

Wen lockst du hier? beym Element!
Vermaledeyter Rattenfnger!
Zum Teufel erst das Instrument!
Zum Teufel hinter drein den Snger!

_Mephistopheles._

Die Zither ist entzwey! an der ist nichts zu halten.

_Valentin._

Nun soll es an ein Schedelspalten!

_Mephistopheles_ zu Faust.

Herr Doctor nicht gewichen! Frisch!
Hart an mich an, wie ich euch fhre.
Heraus mit eurem Flederwisch!
Nur zugestoen! ich parire.

_Valentin._

Parire den!

_Mephistopheles._

            Warum denn nicht?

_Valentin._

Auch den!

_Mephistopheles._

          Gewi!

_Valentin._

                 Ich glaub' der Teufel ficht!
Was ist denn das? Schon wird die Hand mir lahm.

_Mephistopheles_ zu Faust.

Sto zu!

_Valentin_ fllt.

         O weh!

_Mephistopheles._

                Nun ist der Lmmel zahm!
Nun aber fort! Wir mssen gleich verschwinden:
Denn schon entsteht ein mrderlich Geschrey.
Ich wei mich trefflich mit der Polizey,
Doch mit dem Blutbann schlecht mich abzufinden.

_Marthe_ am Fenster.

Heraus! Heraus!

_Gretchen_ am Fenster.

                Herbey ein Licht!

_Marthe_ wie oben.

Man schilt und rauft, man schreit und ficht.

Volk.

Da liegt schon einer todt!

_Marthe_ heraustretend.

Die Mrder sind sie denn entflohn?

_Gretchen_ heraustretend.

Wer liegt hier?

_Volk._

                Deiner Mutter Sohn.

_Gretchen._

Allmchtiger! welche Noth!

_Valentin._

Ich sterbe! das ist bald gesagt
Und blder noch gethan.
Was steht ihr Weiber, heult und klagt?
Kommt her und hrt mich an!

(Alle treten um ihn.)

Mein Gretchen sieh! du bist noch jung,
Bist gar noch nicht gescheidt genung,
Machst deine Sachen schlecht.
Ich sag' dir's im Vertrauen nur:
Du bist doch nun einmal eine Hur';
So sey's auch eben recht.

_Gretchen._

Mein Bruder! Gott! Was soll mir das?

_Valentin._

Lat unsern Herr Gott aus dem Spa.
Geschehn ist leider nun geschehn,
Und wie es gehn kann, so wird's gehn.
Du fingst mit Einem heimlich an,
Bald kommen ihrer mehre dran,
Und wenn dich erst ein Dutzend hat,
So hat dich auch die ganze Stadt.

    Wenn erst die Schande wird geboren,
Wird sie heimlich zur Welt gebracht,
Und man zieht den Schleyer der Nacht
Ihr ber Kopf und Ohren;
Ja, man mchte sie gern ermorden.
Wchst sie aber und macht sich gro,
Dann geht sie auch bey Tage blo,
Und ist doch nicht schner geworden.
Je hlicher wird ihr Gesicht,
Je mehr sucht sie des Tageslicht.

    Ich seh' wahrhaftig schon die Zeit
Da alle brave Brgersleut'
Wie von einer angesteckten Leichen
Von dir, du Metze! seitab weichen.
Dir soll das Herz im Leib verzagen!
Wenn sie dir in die Augen sehn.
Sollst keine goldne Kette mehr tragen!
In der Kirche nicht mehr am Altar stehn
In einem schnen Spitzenkragen
Dich nicht beym Tanze wohlbehagen!
In eine finstre Jammerecken
Unter Bettler und Krpel dich verstecken,
Und wenn dir denn auch Gott verzeiht,
Auf Erden seyn vermaledeyt!

_Marthe._

Befehlt eure Seele Gott zu Gnaden!
Wollt ihr noch Lstrung auf euch laden?

_Valentin._

Knnt' ich dir nur an den drren Leib
Du schndlich kupplerisches Weib!
Da hofft' ich aller meiner Snden
Vergebung reiche Ma zu finden.

_Gretchen._

Mein Bruder! Welche Hllenpein!

_Valentin._

Ich sage, la die Thrnen seyn!
Da du dich sprachst der Ehre los,
Gabst mir den schwersten Herzenssto.
Ich gehe durch den Todesschlaf
Zu Gott ein als Soldat und brav.

(stirbt.)




_Dom._

_Amt, Orgel und Gesang._


_Gretchen_ unter vielem Volke. _Bser Geist_ hinter Gretchen.

_Bser Geist._

Wie anders, Gretchen, war dir's,
Als du noch voll Unschuld
Hier zum Altar trat'st,
Aus dem vergriffnen Bchelchen
Gebete lalltest,
Halb Kinderspiele,
Halb Gott im Herzen
Gretchen!
Wo steht dein Kopf?
In deinem Herzen,
Welche Missethat?
Bet'st du fr deiner Mutter Seele? die
Durch dich zur langen, langen Pein hinberschlief.
Auf deiner Schwelle wessen Blut?
-- Und unter deinem Herzen
Regt sich's nicht quillend schon,
Und ngstet dich und sich
Mit ahndungsvoller Gegenwart?

_Gretchen._

Weh! Weh!
Wr' ich der Gedanken los,
Die mir herber und hinber gehen
Wider mich!

_Chor._

#Dies irae, dies illa
Solvet saeclum in favilla.#

(Orgelton.)

_Bser Geist._

Grimm fat dich!
Die Posaune tnt!
Die Grber beben!
Und dein Herz,
Aus Aschenruh'
Zu Flammenqualen
Wieder aufgeschaffen,
Bebt auf!

_Gretchen._

Wr' ich hier weg!
Mir ist als ob die Orgel mir
Den Athem versetzte,
Gesang mein Herz
Im Tiefsten ls'te.

_Chor._

#Judex ergo cum sedebit,
Quidquid latet adparebit,
Nil inultum remanebit.#

_Gretchen._

Mir wird so eng'!
Die Mauern-Pfeiler
Befangen mich!
Das Gewlbe
Drngt mich! -- Luft!

_Bser Geist._

Verbirg' dich! Snd' und Schande
Bleibt' nicht verborgen.
Luft? Licht?
Weh dir!

_Chor._

#Quid sum miser tunc dicturus?
Quem patronum rogaturus?
Cum vix justus sit securus.#

_Bser Geist._

Ihr Antlitz wenden
Verklrte von dir ab.
Die Hnde dir zu reichen,
Schauert's den Reinen.
Weh!

_Chor._

#Quid sum miser tunc dicturus?#

_Gretchen._

Nachbarin! Euer Flschchen! --

(Sie fllt in Ohnmacht.)




_Walpurgisnacht._


_Harzgebirg._

_Gegend von Schirke und Elend._

_Faust. Mephistopheles._

_Mephistopheles._

Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?
Ich wnschte mir den allerderbsten Bock.
Auf diesem Weg sind wir noch weit vom Ziele.

_Faust._

So lang' ich mich noch frisch auf meinen Beinen fhle,
Gengt mir dieser Knotenstock.
Was hilft's da man den Weg verkrzt! --
Im Labyrinth der Thler hinzuschleichen,
Dann diesen Felsen zu ersteigen,
Von dem der Quell sich ewig sprudelnd strzt,
Das ist die Lust, die solche Pfade wrzt!
Der Frhling webt schon in den Birken
Und selbst die Fichte fhlt ihn schon,
Sollt' er nicht auch auf unsre Glieder wirken?

_Mephistopheles._

Frwahr ich spre nichts davon!
Mir ist es winterlich im Leibe,
Ich wnschte Schnee und Frost auf meiner Bahn.
Wie traurig steigt die unvollkommne Scheibe
Des rothen Monds mit spter Gluth heran!
Und leuchtet schlecht, da man bey jedem Schritte,
Vor einen Baum, vor einen Felsen rennt!
Erlaub' da ich ein Irrlicht bitte!
Dort seh' ich eins, das eben lustig brennt.
He da! mein Freund! darf ich dich zu uns fodern?
Was willst du so vergebens lodern?
Sey doch so gut und leucht' uns da hinauf!

_Irrlicht._

Aus Ehrfurcht, hoff' ich, soll es mir gelingen
Mein leichtes Naturell zu zwingen,
Nur Zickzack geht gewhnlich unser Lauf.

_Mephistopheles._

Ei! Ei! er denkt's den Menschen nachzuahmen.
Geh er nur g'rad', in's Teufels Nahmen!
Sonst blas' ich ihm sein Flacker-Leben aus.

_Irrlicht._

Ich merke wohl, ihr seyd der Herr vom Haus,
Und will mich gern nach euch bequemen.
Allein bedenkt! der Berg ist heute zaubertoll,
Und wenn ein Irrlicht euch die Wege weisen soll,
So mt ihr's so genau nicht nehmen.

_Faust, Mephistopheles, Irrlicht_ im Wechselgesang.

In die Traum- und Zaubersphre
Sind wir, scheint es, eingegangen.
Fhr' uns gut und mach' dir Ehre!
Da wir vorwrts bald gelangen,
In den weiten, den Rumen.

    Seh' die Bume hinter Bumen,
Wie sie schnell vorber rcken,
Und die Klippen, die sich bcken,
Und die langen Felsennasen,
Wie sie schnarchen, wie sie blasen!

    Durch die Steine, durch den Rasen
Eilet Bach und Bchlein nieder.
Hr' ich Rauschen? hr' ich Lieder?
Hr' ich holde Liebesklage,
Stimmen jener Himmelstage?
Was wir hoffen, was wir lieben!
Und das Echo, wie die Sage
Alter Zeiten, hallet wieder.

    Uhu! Schuhu! tnt es nher,
Kauz und Kibitz und der Hher,
Sind sie alle wach geblieben?
Sind das Molche durchs Gestruche?
Lange Beine, dicke Buche.
Und die Wurzeln, wie die Schlangen,
Winden sich aus Fels und Sande;
Strecken wunderliche Bande,
Uns zu schrecken, uns zu fangen;
Aus belebten, derben Masern
Stecken[Strecken] sie Polypenfasern
Nach dem Wandrer. Und die Muse
Tausendfrbig, schaarenweise,
Durch das Moos und durch die Heide!
Und die Funkenwrmer fliegen,
Mit gedrngten Schwrme-Zgen,
Zum verwirrenden Geleite.

    Aber sag' mir ob wir stehen?
Oder ob wir weiter gehen?
Alles alles scheint zu drehen,
Fels und Bume, die Gesichter
Schneiden, und die irren Lichter,
Die sich mehren, die sich blhen.

_Mephistopheles._

Fasse wacker meinen Zipfel!
Hier ist so ein Mittelgipfel,
Wo man mit Erstaunen sieht,
Wie im Berg der Mammon glht.

_Faust._

Wie seltsam glimmert durch die Grnde
Ein morgenrthlich trber Schein!
Und selbst bis in die tiefen Schlnde
Des Abgrunds wittert er hinein.
Da steigt ein Dampf, dort ziehen Schwaden,
Hier leuchtet Glut aus Dunst und Flor,
Dann schleicht sie wie ein zarter Faden,
Dann bricht sie wie ein Quell hervor.
Hier schlingt sie eine ganze Strecke,
Mit hundert Adern, sich durchs Thal,
Und hier in der gedrngten Ecke
Vereinzelt sie sich auf einmal.
Da sprhen Funken in der Nhe,
Wie ausgestreuter goldner Sand.
Doch schau! in ihrer ganzen Hhe
Entzndet sich die Felsenwand.

_Mephistopheles._

Erleuchtet nicht zu diesem Feste
Herr Mammon prchtig den Pallast?
Ein Glck da du's gesehen hast;
Ich spre schon die ungestmen Gste.

_Faust._

Wie ras't die Windsbraut durch die Luft!
Mit welchen Schlgen trifft sie meinen Nacken!

_Mephistopheles._

Du mut des Felsens alte Rippen packen,
Sonst strzt sie dich hinab in dieser Schlnde Gruft.
Ein Nebel verdichtet die Nacht.
Hre wie's durch die Wlder kracht!
Aufgescheucht fliegen die Eulen.
Hr' es splittern die Sulen
Ewig grner Pallste.
Girren und Brechen der Aeste
Der Stmme mchtiges Drhnen!
Der Wurzeln Knarren und Ghnen!
Im frchterlich verworrenen Falle
Ueber einander krachen sie alle,
Und durch die bertrmmerten Klfte
Zischen und heulen die Lfte.
Hrst du Stimmen in der Hhe?
In der Ferne in der Nhe?
Ja, den ganzen Berg entlang
Strmt ein wthender Zaubergesang.

_Hexen_ im Chor.

        Die Hexen zu dem Brocken ziehn,
        Die Stoppel ist gelb, die Saat ist grn.
        Dort sammelt sich der groe Hauf,
        Herr Urian sitzt oben auf.
        So geht es ber Stein und Stock
        Es f--t[farzt] die Hexe, es st--t[stinckt] der Bock.

_Stimme._

        Die alte Baubo kommt allein,
        Sie reitet auf einem Mutterschwein.

_Chor._

        So Ehre dem[denn], wem Ehre gebrt!
        Frau Baubo vor! und angefhrt!
        Ein tchtig Schwein und Mutter drauf,
        Da folgt der ganze Hexenhauf.

_Stimme._

        Welchen Weg kommst du her?

_Stimme._

                                   Ueber'n Ilsenstein!
Da guckt' ich der Eule ins Nest hinein.
Die macht ein Paar Augen!

_Stimme._

                          O fahre zur Hlle!
Was reit'st du so schnelle!

_Stimme._

          Mich hat sie geschunden,
          Da sieh nur die Wunden!

_Hexen_ Chor.

    Der Weg ist breit, der Weg ist lang,
    Was ist das fr ein toller Drang?
    Die Gabel sticht, der Besen kratzt,
    Das Kind erstickt, die Mutter platzt.

_Hexenmeister._ Halbes Chor.

    Wir schleichen wie die Schneck' im Haus,
    Die Weiber alle sind voraus.
    Denn, geht es zu des Bsen Haus,
    Das Weib hat tausend Schritt voraus.

_Andre Hlfte._

    Wir nehmen das nicht so genau,
    Mit tausend Schritten macht's die Frau;
    Doch, wie sie auch sich eilen kann,
    Mit Einem Sprunge macht's der Mann.

_Stimme_ oben.

Kommt mit, kommt mit, vom Felsensee!

_Stimmen_ von unten.

Wir mchten gerne mit in die Hh'.
Wir waschen und blank sind wir ganz und gar;
Aber auch ewig unfruchtbar.

_Beyde Chre._

Es schweigt der Wind, es flieht der Stern,
Der trbe Mond verbirgt sich gern.
Im Sausen sprht das Zauberchor
Viel tausend Feuerfunken hervor.

_Stimme_ von unten.

Halte! Halte!

_Stimme_ von oben.

              Wer ruft da aus der Felsenspalte?

_Stimme_ unten.

    Nehmt mich mit! Nehmt mich mit!
    Ich steige schon dreyhundert Jahr,
    Und kann den Gipfel nicht erreichen.
    Ich wre gern bey meines gleichen.

_Beyde Chre._

    Es trgt der Besen, trgt der Stock,
    Die Gabel trgt, es trgt der Bock,
    Wer heute sich nicht heben kann,
    Ist ewig ein verlorner Mann.

_Halbhexe_ unten.

    Ich tripple nach, so lange Zeit,
    Wie sind die andern schon so weit!
    Ich hab' zu Hause keine Ruh,
    Und komme hier doch nicht dazu.

_Chor der Hexen._

    Die Salbe giebt den Hexen Muth,
    Ein Lumpen ist zum Segel gut,
    Ein gutes Schiff ist jeder Trog,
    Der flieget nie, der heut nicht flog.

_Beyde Chre._

    Und wenn wir um den Gipfel ziehn,
    So streichet an dem Boden hin,
    Und deckt die Heide weit und breit
    Mit eurem Schwarm der Hexenheit.

(Sie lassen sich nieder.)

_Mephistopheles._

Das drngt und stt, das ruscht und klappert!
Das zischt und quirlt, das zieht und plappert!
Das leuchtet, sprht und stinkt und brennt!
Ein wahres Hexenelement!
Nur fest an mir! sonst sind wir gleich getrennt.
Wo bist du?

_Faust_ in der Ferne.

            Hier!

_Mephistopheles._

                  Was! dort schon hingerissen?
Da werd' ich Hausrecht brauchen mssen.
Platz! Junker Voland kommt. Platz! ser Pbel, Platz!
Hier, Doctor, fasse mich! und nun, in Einem Satz,
La uns aus dem Gedrng' entweichen;
Es ist zu toll, sogar fr meines gleichen.
Dort neben leuchtet was mit ganz besond'rem Schein,
Es zieht mich was nach jenen Struchen.
Komm, komm! wir schlupfen da hinein.

_Faust._

Du Geist des Widerspruchs! Nur zu! du magst mich fhren.
Ich denke doch das war recht klug gemacht.
Zum Brocken wandlen wir in der Walpurgisnacht,
Um uns beliebig nun hieselbst zu isoliren.

_Mephistopheles._

Da sieh nur welche bunten Flammen!
Es ist ein muntrer Klub beysammen.
Im Kleinen ist man nicht allein.

_Faust._

Doch droben mcht' ich lieber seyn!
Schon seh' ich Glut und Wirbelrauch.
Dort strmt die Menge zu dem Bsen;
Da mu sich manches Rthsel lsen.

_Mephistopheles._

Doch manches Rthsel knpft sich auch.
La du die groe Welt nur sausen,
Wir wollen hier im Stillen hausen.
Es ist doch lange hergebracht,
Da in der groen Welt man kleine Welten macht.
Da seh' ich junge Hexchen nackt und blos,
Und alte die sich klug verhllen.
Seyd freundlich, nur um meinetwillen,
Die Mh' ist klein, der Spa ist gro.
Ich hre was von Instrumenten tnen!
Verflucht Geschnarr! Man mu sich dran gewhnen.
Komm mit! Komm mit! Es kann nicht anders seyn,
Ich tret' heran und fhre dich herein,
Und ich verbinde dich aufs neue.
Was sagst du Freund? das ist kein kleiner Raum.
Da sieh nur hin! du siehst das Ende kaum.
Ein Hundert Feuer brennen in der Reihe;
Man tanzt, man schwazt, man kocht, man trinkt, man liebt;
Nun sage mir, wo es was bessers giebt?

_Faust._

Willst du dich nun, um uns hier einzufhren
Als Zaub'rer oder Teufel produziren?

_Mephistopheles._

Zwar bin ich sehr gewohnt incognito zu gehn;
Doch lt am Galatag man seinen Orden sehn.
Ein Knieband zeichnet mich nicht aus,
Doch ist der Pferdefu hier ehrenvoll zu Haus.
Siehst du die Schnecke da! sie kommt herangekrochen;
Mit ihrem tastenden Gesicht
Hat sie mir schon was abgerochen.
Wenn ich auch will, verlugn' ich hier mich nicht.
Komm nur! von Feuer gehen wir zu Feuer,
Ich bin der Werber und du bist der Freyer.

(zu einigen, die um verglimmende Kohlen sitzen.)

Ihr alten Herrn, was macht ihr hier am Ende?
Ich lobt' euch, wenn ich euch hbsch in der Mitte fnde,
Von Saus umzirkt und Jugendbraus.
Genug allein ist jeder ja zu Haus.

_General._

Wer mag auf Nationen trauen!
Man habe noch so viel fr sie gethan;
Denn bey dem Volk, wie bey den Frauen,
Steht immerfort die Jugend oben an.

_Minister._

Jetzt ist man von dem Rechten allzuweit,
Ich lobe mir die guten Alten;
Denn freylich, da wir alles galten,
Da war die rechte goldne Zeit.

_Parven._

Wir waren wahrlich auch nicht dumm,
Und thaten oft was wir nicht sollten;
Doch jetzo kehrt sich alles um und um,
Und eben da wir's fest erhalten wollten.

_Autor._

Wer mag wohl berhaupt jetzt eine Schrift
Von mig klugem Inhalt lesen!
Und was das liebe junge Volk betrifft,
Das ist noch nie so naseweis gewesen.

_Mephistopheles._

(auf einmal sehr alt erscheint.)

Zum jngsten Tag fhl' ich das Volk gereift;
Da ich zum letztenmal den Hexenberg ersteige,
Und, weil mein Fchen trbe luft;
So ist die Welt auch auf der Neige.

_Trdelhexe._

Ihr Herren geht nicht so vorbey!
Lat die Gelegenheit nicht fahren!
Aufmerksam blickt nach meinen Waaren,
Es steht dahier gar mancherley.
Und doch ist nichts in meinem Laden,
Dem keiner auf der Erde gleicht,
Das nicht einmal zum tcht'gen Schaden
Der Menschen und der Welt gereicht.
Kein Dolch ist hier, von dem nicht Blut geflossen,
Kein Kelch, aus dem sich nicht, in ganz gesunden Leib,
Verzehrend heies Gift ergossen.
Kein Schmuck, der nicht ein liebenswrdig Weib
Verfhrt, kein Schwerdt das nicht den Bund gebrochen,
Nicht etwa hinterrcks den Gegenmann durchstochen.

_Mephistopheles._

Frau Muhme! Sie versteht mir schlecht die Zeiten.
Gethan geschehn! Geschehn gethan!
Verleg' sie sich auf Neuigkeiten,
Nur Neuigkeiten ziehn uns an.

_Faust._

Da ich mich nur nicht selbst vergesse!
Hei' ich mir das doch eine Messe!

_Mephistopheles._

Der ganze Strudel strebt nach oben;
Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben.

_Faust._

Wer ist denn das?

_Mephistopheles._

                  Betrachte sie genau!
Lilith ist das.

_Faust._

                Wer?

_Mephistopheles._

                     Adams erste Frau.
Nimm dich in Acht vor ihren schnen Haaren,
Vor diesem Schmuck, mit dem sie einzig prangt.
Wenn sie damit den jungen Mann erlangt,
So lt sie ihn sobald nicht wieder fahren.

_Faust._

Da sitzen zwey, die alte mit der jungen;
Die haben schon was rechts gesprungen!

_Mephistopheles._

Das hat nun heute keine Ruh.
Es geht zum neuen Tanz, nun komm! wir greifen zu.

_Faust_ mit der jungen tanzend.

    Einst hatt' ich einen schnen Traum;
Da sah ich einen Apfelbaum,
Zwey schne Aepfel glnzten dran,
Sie reizten mich, ich stieg hinan.

_Die Schne._

    Der Aepfelchen begehrt ihr sehr
Und schon vom Paradiese her.
Von Freuden fhl' ich mich bewegt,
Da auch mein Garten solche trgt.

_Mephistopheles_ mit der Alten.

    Einst hatt' ich einen wsten Traum;
Da sah' ich einen gespaltnen Baum,
Der hatt' ein -- -- --[ungeheures Loch];
So --[gro] es war, gefiel mir's doch.

_Die Alte._

    Ich biete meinen besten Gru
Dem Ritter mit dem Pferdefu!
Halt' er einen -- --[rechten Pfropf] bereit,
Wenn er -- -- --[das groe Loch] nicht scheut.

_Brocktophantasmist._

    Verfluchtes Volk! was untersteht ihr euch?
Hat man euch lange nicht bewiesen?
Ein Geist steht nie auf ordentlichen Fen;
Nun tanzt ihr gar, uns andern Menschen gleich!

_Die Schne_ tanzend.

Was will denn der auf unserm Ball?

_Faust_ tanzend.

Ey! der ist eben berall.
Was andre tanzen mu er schtzen.
Kann er nicht jeden Schritt beschwtzen;
So ist der Schritt so gut als nicht geschehn.
Am meisten rgert ihn, sobald wir vorwrts gehn.
Wenn ihr euch so im Kreise drehen wolltet,
Wie er's in seiner alten Mhle thut,
Das hie er allenfalls noch gut;
Besonders wenn ihr ihn darum begren solltet.

_Brocktophantasmist._

Ihr seyd noch immer da! nein das ist unerhrt.
Verschwindet doch! Wir haben ja aufgeklrt.
Das Teufelspack es fragt nach keiner Regel.
Wir sind so klug und dennoch spukt's in Tegel.
Wie lange hab' ich nicht am Wahn hinausgekehrt
Und nie wird's rein, das ist doch unerhrt!

_Die Schne._

So hrt doch auf uns hier zu ennuyiren!

_Brocktophantasmist._

Ich sag's euch Geistern in's Gesicht,
Den Geistesdespotismus leid' ich nicht;
Mein Geist kann ihn nicht exerziren.

(es wird fortgetanzt.)

Heut, seh' ich, will mir nichts gelingen,
Doch eine Reise nehm' ich immer mit
Und hoffe noch, vor meinem letzten Schritt,
Die Teufel und die Dichter zu bezwingen.

_Mephistopheles._

    Er wird sich gleich in eine Pftze setzen,
Das ist die Art wie er sich soulagirt,
Und wenn Blutegel sich an seinem Stei ergtzen,
Ist er von Geistern und von Geist kurirt.

(zu Faust der aus dem Tanz getreten ist.)

Was lssest du das schne Mdchen fahren?
Das dir zum Tanz so lieblich sang.

_Faust._

Ach! mitten im Gesange sprang
Ein rothes Muschen ihr aus dem Munde.

_Mephistopheles._

Das ist was rechts! Das nimmt man nicht genau.
Genug die Maus war doch nicht grau.
Wer fragt darnach in einer Schferstunde?

_Faust._

Dann sah' ich --

_Mephistopheles._

                Was?

_Faust._

                     Mephisto siehst du dort
Ein blasses, schnes Kind allein und ferne stehen?
Sie schiebt sich langsam nur vom Ort,
Sie scheint mit geschlonen Fen zu gehen.
Ich mu bekennen, da mir ducht,
Da sie dem guten Gretchen gleicht.

_Mephistopheles._

La das nur stehn! dabey wird's niemand wohl.
Es ist ein Zauberbild, ist leblos, ein Idol.
Ihm zu begegnen ist nicht gut,
Vom starren Blick erstarrt des Menschen Blut,
Und er wird fast in Stein verkehrt,
Von der Meduse hast du ja gehrt.

_Faust._

Frwahr es sind die Augen eines Todten,
Die eine liebende Hand nicht schlo.
Das ist die Brust, die Gretchen mir geboten,
Das ist der se Leib, den ich geno.

_Mephistopheles._

Das ist die Zauberey, du leicht verfhrter Thor!
Denn jedem kommt sie wie sein Liebchen vor.

_Faust._

Welch eine Wonne! welch ein Leiden!
Ich kann von diesem Blick nicht scheiden.
Wie sonderbar mu diesen schnen Hals
Ein einzig rothes Schnrchen schmcken,
Nicht breiter als ein Messerrcken!

_Mephistopheles._

    Ganz recht! ich seh' es ebenfalls.
Sie kann das Haupt auch unterm Arme tragen;
Denn Perseus hat's ihr abgeschlagen.
Nur immer diese Lust zum Wahn!
Komm doch das Hgelchen heran,
Hier ist's so lustig wie im Prater;
Und hat man mir's nicht angethan,
So seh' ich wahrlich ein Theater.
Was giebt's denn da?

_Servibilis._

                     Gleich fngt man wieder an.
Ein neues Stck, das letzte Stck von sieben,
Soviel zu geben ist allhier der Brauch.
Ein Dilettant hat es geschrieben,
Und Dilettanten spielen's auch.
Verzeiht ihr Herrn, wenn ich verschwinde;
Mich dilettirt's den Vorhang aufzuziehn.

_Mephistopheles._

    Wenn ich euch auf dem Blocksberg finde,
Das find' ich gut; denn da gehrt ihr hin.




Walpurgisnachtstraum

_oder_

_Oberons_ und _Titanias goldne Hochzeit._

Intermezzo.


_Theatermeister._

        Heute ruhen wir einmal
        Miedings wackre Shne.
        Alter Berg und feuchtes Thal,
        Das ist die ganze Scene!

_Herold._

        Da die Hochzeit golden sey
        Soll'n funfzig Jahr seyn vorber;
        Aber ist der Streit vorbey,
        Das _golden_ ist mir lieber.

_Oberon._

        Seyd ihr Geister wo ich bin,
        So zeigt's in diesen Stunden;
        Knig und die Kniginn,
        Sie sind auf's neu verbunden.

_Puck._

        Kommt der Puck und dreht sich queer
        Und schleift den Fu im Reihen,
        Hundert kommen hinterher
        Sich auch mit ihm zu freuen.

_Ariel._

        Ariel bewegt den Sang
        In himmlisch reinen Tnen,
        Viele Fratzen lockt sein Klang,
        Doch lockt er auch die Schnen.

_Oberon._

        Gatten die sich vertragen wollen,
        Lernen's von uns beyden!
        Wenn sich zweye lieben sollen,
        Braucht man sie nur zu scheiden.

_Titania._

        Schmollt der Mann und grillt die Frau,
        So fat sie nur behende,
        Fhrt mir nach dem Mittag Sie
        Und Ihn an Nordens Ende.

_Orchester Tutti_

(#Fortissimo.#)

        Fliegenschnauz' und Mckennas',
        Mit ihren Anverwandten,
        Frosch im Laub' und Grill' im Gras'
        Das sind die Musikanten!

_Solo._

        Seht da kommt der Dudelsack!
        Es ist die Seifenblase,
        Hrt den Schneckeschnickeschnack
        Durch seine stumpfe Nase.

_Geist der sich erst bildet._

        Spinnenfu und Krtenbauch
        Und Flgelchen dem Wichtchen!
        Zwar ein Thierchen giebt es nicht,
        Doch giebt es ein Gedichtchen.

_Ein Prchen._

        Kleiner Schritt und hoher Sprung
        Durch Honigthau und Dfte;
        Zwar du trippelst mir genung,
        Doch geht's nicht in die Lfte.

_Neugieriger Reisender._

        Ist das nicht Maskeraden-Spott?
        Soll ich den Augen trauen?
        Oberon den schnen Gott
        Auch heute hier zu schauen!

_Orthodox._

        Keine Klauen, keinen Schwanz!
        Doch bleibt es auer Zweifel,
        So wie die Gtter Griechenlands,
        So ist auch er ein Teufel.

_Nordischer Knstler._

        Was ich ergreife das ist heut
        Frwahr nur skizzenweise;
        Doch ich bereite mich bey Zeit
        Zur Italin'schen Reise.

_Purist._

        Ach! mein Unglck fhrt mich her.
        Wie wird nicht hier geludert!
        Und von dem ganzen Hexenheer
        Sind zweye nur gepudert.

_Junge Hexe._

        Der Puder ist so wie der Rock
        Fr alt' und graue Weibchen,
        Drum sitz' ich nackt auf meinem Bock
        Und zeig' ein derbes Leibchen.

_Matrone._

        Wir haben zu viel Lebensart
        Um hier mit euch zu maulen;
        Doch hoff' ich, sollt ihr jung und zart,
        So wie ihr seyd verfaulen.

_Capellmeister._

        Fliegenschnauz' und Mckennas'
        Umschwrmt mir nicht die Nackte!
        Frosch im Laub' und Grill' im Gras'
        So bleibt doch auch im Tacte!

_Windfahne_

(nach der einen Seite.)

        Gesellschaft wie man wnschen kann.
        Wahrhaftig lauter Brute!
        Und Junggesellen, Mann fr Mann,
        Die hoffnungsvollsten Leute.

_Windfahne_

(nach der andern Seite.)

        Und thut sich nicht der Boden auf
        Sie alle zu verschlingen,
        So will ich mit behendem Lauf
        Gleich in die Hlle springen.

_Xenien._

        Als Insekten sind wir da,
        Mit kleinen scharfen Scheren,
        Satan unsern Herrn Papa,
        Nach Wrden zu verehren.

_Hennings._

        Seht! wie sie in gedrngter Schaar
        Naiv zusammen scherzen.
        Am Ende sagen sie noch gar,
        Sie htten gute Herzen.

_Musaget._

        Ich mag in diesem Hexenheer
        Mich gar zu gern verlieren;
        Denn freylich diese wt' ich eh'r,
        Als Musen anzufhren.

_#Ci-devant# Genius der Zeit._

        Mit rechten Leuten wird man was.
        Komm fasse meinen Zipfel!
        Der Blocksberg, wie der deutsche Parna,
        Hat gar einen breiten Gipfel.

_Neugieriger Reisender._

        Sagt wie heit der steife Mann?
        Er geht mit stolzen Schritten.
        Er schnopert was er schnopern kann.
        Er sprt nach Jesuiten.

_Kranich._

        In dem Klaren mag ich gern
        Und auch im Trben fischen,
        Darum seht ihr den frommen Herrn
        Sich auch mit Teufeln mischen.

_Weltkind._

        Ja fr die Frommen, glaubet mir,
        Ist alles ein Vehikel,
        Sie bilden auf dem Blocksberg hier
        Gar manches Conventikel.

_Tnzer._

        Da kommt ja wohl ein neues Chor?
        Ich hre ferne Trommeln.
        Nur ungestrt! es sind im Rohr
        Die unisonen Dommeln.

_Dogmatiker._

        Ich lasse mich nicht irre schreyn,
        Nicht durch Critik noch Zweifel.
        Der Teufel mu doch etwas seyn;
        Wie gb's denn sonst auch Teufel?

_Idealist._

        Die Phantasie in meinem Sinn
        Ist diemal gar zu herrisch.
        Frwahr, wenn ich das alles bin,
        So bin ich heute nrrisch.

_Realist._

        Das Wesen ist mir recht zur Qual
        Und mu mich ba verdrieen;
        Ich stehe hier zum erstenmal
        Nicht fest auf meinen Fen.

_Supernaturalist._

        Mit viel Vergngen bin ich da
        Und freue mich mit diesen;
        Denn von den Teufeln kann ich ja
        Auf gute Geister schlieen.

_Skeptiker._

        Sie gehn den Flmmchen auf der Spur,
        Und glaub'n sich nah dem Schatze.
        Auf Teufel reimt der Zweifel nur,
        Da bin ich recht am Platze.

_Capellmeister._

        Frosch im Laub' und Grill' im Gras'
        Verfluchte Dilettanten!
        Fliegenschnauz' und Mckennas'
        Ihr seyd doch Musikanten!

_Die Gewandten._

        Sanssouci so heit das Heer
        Von lustigen Geschpfen,
        Auf den Fen geht's nicht mehr,
        Drum gehn wir auf den Kpfen.

_Die Unbehlflichen._

        Sonst haben wir manchen Bissen erschranzt,
        Nun aber Gott befohlen!
        Unsere Schuhe sind durchgetanzt,
        Wir laufen auf nackten Sohlen.

_Irrlichter._

        Von dem Sumpfe kommen wir,
        Woraus wir erst entstanden;
        Doch sind wir gleich im Reihen hier
        Die glnzenden Galanten.

_Sternschnuppe._

        Aus der Hhe scho ich her
        Im Stern- und Feuerscheine,
        Liege nun im Grase quer,
        Wer hilft mir auf die Beine?

_Die Massiven._

        Platz und Platz! und ringsherum!
        So gehn die Grschen nieder,
        Geister kommen, Geister auch
        Sie haben plumpe Glieder.

_Puck._

        Tretet nicht so mastig auf
        Wie Elephantenklber,
        Und der plumpst' an diesem Tag
        Sey Puck der derbe selber.

_Ariel._

        Gab die liebende Natur
        Gab der Geist euch Flgel,
        Folget meiner leichten Spur,
        Auf zum Rosenhgel!

_Orchester._

(#pianissimo.#)

        Wolkenzug und Nebelflor
        Erhellen sich von oben.
        Luft im Laub und Wind im Rohr,
        Und alles ist zerstoben.




_Trber Tag._

_Feld._


_Faust. Mephistopheles._

_Faust._

    Im Elend! Verzweifelnd! Erbrmlich auf der Erde lange verirrt und nun
gefangen! Als Missethterinn im Kerker zu entsetzlichen Qualen
eingesperrt das holde unselige Geschpf! Bis dahin! dahin! --
Verrthrischer, nichtswrdiger Geist, und das hast du mir verheimlicht!
-- Steh nur, steh! wlze die teuflischen Augen ingrimmend im Kopf herum!
Steh und trutze mir durch deine unertrgliche Gegenwart! Gefangen! Im
unwiederbringlichen Elend! Bsen Geistern bergeben und der richtenden
gefhllosen Menschheit! Und mich wiegst du inde in abgeschmackten
Zerstreuungen, verbirgst mir ihren wachsenden Jammer und lssest sie
hlflos verderben!

_Mephistopheles._

Sie ist die erste nicht.

_Faust._

    Hund! abscheuliches Unthier! -- Wandle ihn, du unendlicher Geist!
wandle den Wurm wieder in seine Hundsgestalt, wie er sich oft
nchtlicher Weise[Weile] gefiel vor mir herzutrotten, dem harmlosen
Wandrer vor die Fe zu kollern und sich dem niederstrzenden auf die
Schultern zu hngen. Wandl' ihn wieder in seine Lieblingsbildung, da er
vor mir im Sand auf dem Bauch krieche, ich ihn mit Fen trete, den
Verworfnen! -- die erste nicht! -- Jammer! Jammer! von keiner
Menschenseele zu fassen, da mehr als ein Geschpf in die Tiefe dieses
Elendes versank, da nicht das erste genugthat fr die Schuld aller
brigen in seiner windenden Todesnoth vor den Augen des ewig
Verzeihenden! Mir whlt es Mark und Leben durch das Elend dieser
einzigen, du grinsest gelassen ber das Schicksal von Tausenden hin.

_Mephistopheles._

    Nun sind wir schon wieder an der Grnze unsres Witzes, da wo euch
Menschen der Sinn berschnappt. Warum machst du Gemeinschaft mit uns,
wenn du sie nicht durchfhren kannst? Willst fliegen und bist vorm
Schwindel nicht sicher? Drangen wir uns dir auf, oder du dich uns?

_Faust._

    Fletsche deine gefrigen Zhne mir nicht so entgegen! Mir eckelts! --
Groer herrlicher Geist, der du mir zu erscheinen wrdigtest, der du
mein Herz kennest und meine Seele, warum an den Schandgesellen mich
schmieden? der sich am Schaden weidet und am Verderben sich letzt.

_Mephistopheles._

    Endigst du?

_Faust._

    Rette sie! oder weh dir! den grlichsten Fluch ber dich auf
Jahrtausende!

_Mephistopheles._

   Ich kann die Bande des Rchers nicht lsen, seine Riegel nicht
ffnen. -- Rette sie! -- Wer war's, der sie ins Verderben strzte? Ich
oder du?

_Faust_ blickt wild umher.

_Mephistopheles._

    Greifst du nach dem Donner? Wohl, da er euch elenden Sterblichen
nicht gegeben ward! Den unschuldig entgegnenden zu zerschmettern, das
ist so Tyrannen-Art sich in Verlegenheiten Luft zu machen.

_Faust._

    Bringe mich hin! Sie soll frey seyn!

_Mephistopheles._

    Und die Gefahr der du dich aussetzest? Wisse, noch liegt auf der Stadt
Blutschuld von deiner Hand. Ueber des Erschlagenen Sttte schweben
rchende Geister und lauern auf den wiederkehrenden Mrder.

_Faust._

    Noch das von dir? Mord und Tod einer Welt ber dich Ungeheuer! Fhre
mich hin, sag' ich, und befrey sie!

_Mephistopheles._

    Ich fhre dich und was ich thun kann, hre! Habe ich alle Macht im
Himmel und auf Erden? Des Thrners Sinne will ich umnebeln, bemchtige
dich der Schlssel und fhre sie heraus mit Menschenhand. Ich wache! die
Zauberpferde sind bereit, ich entfhre euch. Das vermag ich!

_Faust._

    Auf und davon!




_Nacht, offen Feld._


_Faust. Mephistopheles_
auf schwarzen Pferden daher brausend.

_Faust._

Was weben die dort um den Rabenstein?

_Mephistopheles._

Wei nicht was sie kochen und schaffen.

_Faust._

Schweben auf, schweben ab, neigen sich, beugen sich.

_Mephistopheles._

Eine Hexenzunft.

_Faust._

Sie streuen und weihen.

_Mephistopheles._

Vorbey! Vorbey!




_Kerker._


_Faust,_ mit einem Bund Schlssel und einer Lampe, vor einem eisernen
Thrchen.

Mich fat ein lngst entwohnter Schauer,
Der Menschheit ganzer Jammer fat mich an.
Hier wohnt sie hinter dieser feuchten Mauer,
Und ihr Verbrechen war ein guter Wahn!
Du zauderst zu ihr zu gehen!
Du frchtest sie wieder zu sehen!
Fort! dein Zagen zgert den Tod heran.

(er ergreift das Schlo. Es singt inwendig.)

          Meine Mutter, die Hur,
          Die mich umgebracht hat!
          Mein Vater, der Schelm,
          Der mich gessen hat!
          Mein Schwesterlein klein
          Hub auf die Bein,
          An einem khlen Ort;
          Da ward ich ein schnes Waldvgelein,
          Fliege fort, fliege fort!

_Faust_ aufschlieend.

Sie ahndet nicht, da der Geliebte lauscht,
Die Ketten klirren hrt, das Stroh das rauscht.

(er tritt ein.)

_Margarete_ sich auf dem Lager verbergend.

Weh! Weh! Sie kommen. Bittrer Tod!

_Faust_ leise.

Still! Still! ich komme dich zu befreyen.

_Margarete_ sich vor ihn hinwlzend.

Bist du ein Mensch, so fhle meine Noth.

_Faust._

Du wirst die Wchter aus dem Schlafe schreyen!

(er fat die Ketten, sie aufzuschlieen.)

_Margarete_ auf den Knieen.

Wer hat dir Henker diese Macht
Ueber mich gegeben!
Du holst mich schon um Mitternacht.
Erbarme dich und la mich leben!
Ist's morgen frh nicht zeitig genung?

(sie steht auf.)

Bin ich doch noch so jung, so jung!
Und soll schon sterben!
Schn war ich auch, und das war mein Verderben.
Nah war der Freund, nun ist er weit,
Zerrissen liegt der Kranz, die Blumen zerstreut.
Fasse mich nicht so gewaltsam an!
Schone mich! Was hab' ich dir gethan?
La mich nicht vergebens flehen,
Hab' ich dich doch mein Tage nicht gesehen!

_Faust._

Werd' ich den Jammer berstehen!

_Margarete._

Ich bin nun ganz in deiner Macht.
La mich nur erst das Kind noch trnken.
Ich herzt' es diese ganze Nacht;
Sie nahmen mir's um mich zu krnken
Und sagen nun, ich htt' es umgebracht.
Und niemals werd' ich wieder froh.
Sie singen Lieder auf mich! Es ist bs von den Leuten!
Ein altes Mhrchen endigt so,
Wer heit sie's deuten?

_Faust_ wirft sich nieder.

Ein Liebender liegt dir zu Fen
Die Jammerknechtschaft aufzuschlieen.

_Margarete_ wirft sich zu ihm.

O la uns knien die Heil'gen anzurufen!
Sieh! unter diesen Stufen,
Unter der Schwelle
Siedet die Hlle!
Der Bse,
Mit furchtbarem Grimme,
Macht ein Getse!

_Faust_ laut.

Gretchen! Gretchen!

_Margarete_ aufmerksam.

Das war des Freundes Stimme!

(Sie springt auf. Die Ketten fallen ab.)

Wo ist er? ich hab' ihn rufen hren.
Ich bin frey! mir soll niemand wehren.
An seinen Hals will ich fliegen,
An seinem Busen liegen!
Er rief Gretchen! Er stand auf der Schwelle.
Mitten durch's Heulen und Klappen der Hlle,
Durch den grimmigen, teuflischen Hohn,
Erkannt' ich den sen, den liebenden Ton.

_Faust._

Ich bin's!

_Margarete._

           Du bist's! O sag' es noch einmal!

(ihn fassend.)

Er ist's! Er ist's! Wohin ist alle Qual?
Wohin die Angst des Kerkers? der Ketten?
Du bist's! Kommst mich zu retten.
Ich bin gerettet! --
Schon ist die Strae wieder da,
Auf der ich dich zum erstenmale sah.
Und der heitere Garten,
Wo ich und Marthe deiner warten.

_Faust_ (fortstrebend.)

Komm mit! Komm mit!

_Margarete._

                    O weile!
Weil' ich doch so gern wo du weilest.

(liebkosend.)

_Faust._

Eile!
Wenn du nicht eilest,
Werden wir's theuer ben mssen.

_Margarete._

Wie? du kannst nicht mehr kssen?
Mein Freund, so kurz von mir entfernt,
Und hast's Kssen verlernt?
Warum wird mir an deinem Halse so bang?
Wenn sonst von deinen Worten, deinen Blicken
Ein ganzer Himmel mich berdrang,
Und du mich ktest als wolltest du mich ersticken.
Ksse mich!
Sonst kss' ich dich!

(Sie umfat ihn.)

O weh! deine Lippen sind kalt,
Sind stumm.
Wo ist dein Lieben
Geblieben?
Wer brachte mich drum?

(sie wendet sich von ihm.)

_Faust._

Komm! Folge mir! Liebchen fasse Muth!
Ich herze dich mit tausendfacher Glut,
Nur folge mir! Ich bitte dich nur die!

_Margarete_ zu ihm gewendet.

Und bist du's denn? Und bist du's auch gewi.

_Faust._

Ich bin's! Komm mit!

_Margarete._

                     Du machst die Fesseln los,
Nimmst wieder mich in deinen Schoos.
Wie kommt es, da du dich vor mir nicht scheust? --
Und weit du denn, mein Freund, wen du befreyst?

_Faust._

Komm! komm! schon weicht die tiefe Nacht.

_Margarete._

Meine Mutter hab' ich umgebracht,
Mein Kind hab' ich ertrnkt.
War es nicht dir und mir geschenkt?
Dir auch -- Du bist's! ich glaub' es kaum.
Gieb deine Hand! Es ist kein Traum!
Deine liebe Hand! -- Ach aber sie ist feucht!
Wische sie ab! Wie mich ducht
Ist Blut dran.
Ach Gott! was hast du gethan!
Stecke den Degen ein,
Ich bitte dich drum!

_Faust._

La das Vergang'ne vergangen seyn,
Du bringst mich um.

_Margarete._

Nein, du mut brig bleiben!
Ich will dir die Grber beschreiben,
Fr die mut du sorgen
Gleich morgen;
Der Mutter den besten Platz geben,
Meinen Bruder sogleich darneben,
Mich ein wenig bey Seit',
Nur nicht gar zu weit!
Und das Kleine mir an die rechte Brust.
Niemand wird sonst bey mir liegen! --
Mich an deine Seite zu schmiegen
Das war ein ses, ein holdes Glck!
Aber es will mir nicht mehr gelingen,
Mir ist's als mt' ich mich zu dir zwingen,
Als stieest du mich von dir zurck.
Und doch bist du's und blickst so gut, so fromm.

_Faust._

Fhlst du da ich es bin, so komm!

_Margarete._

Dahinaus?

_Faust._

In's Freye.

_Margarete._

            Ist das Grab drau',
Lauert der Tod; so komm!
Von hier in's ewige Ruhebett
Und weiter keinen Schritt --
Du gehst nun fort? O Heinrich knnt' ich mit!

_Faust._

Du kannst! So wolle nur! die Thr steht offen.

_Margarete._

Ich darf nicht fort; fr mich ist nichts zu hoffen.
Was hilft es fliehn? sie lauern doch mir auf.
Es ist so elend betteln zu mssen,
Und noch dazu mit bsem Gewissen!
Es ist so elend in der Fremde schweifen
Und sie werden mich doch ergreifen!

_Faust._

Ich bleibe bey dir.

_Margarete._

Geschwind! Geschwind!
Rette dein armes Kind.
Fort! immer den Weg
Am Bach hinauf,
Ueber den Steg,
In den Wald hinein,
Links wo die Planke steht,
Im Teich.
Fa es nur gleich!
Es will sich heben,
Es zappelt noch,
Rette! rette!

_Faust._

Besinne dich doch!
Nur Einen Schritt, so bist du frey!

_Margarete._

Wren wir nur den Berg vorbey!
Da sitzt meine Mutter auf einem Stein,
Es fat mich kalt beym Schopfe!
Da sizt meine Mutter auf einem Stein
Und wackelt mit dem Kopfe;
Sie winkt nicht, sie nickt nicht, der Kopf ist ihr schwer,
Sie schlief so lange, sie wacht nicht mehr.
Sie schlief damit wir uns freuten.
Es waren glckliche Zeiten!

_Faust._

Hilft hier kein Flehen, hilft kein Sagen;
So wag' ich's dich hinweg zu tragen.

_Margarete._

La mich! Nein, ich leide keine Gewalt!
Fasse mich nicht so mrderisch an!
Sonst hab' ich dir ja alles zu lieb gethan.

_Faust._

Der Tag graut! Liebchen! Liebchen!

_Margarete._

Tag! Ja es wird Tag! der letzte Tag dringt herein!
Mein Hochzeittag sollt' es seyn!
Sag Niemand da du schon bey Gretchen warst.
Weh meinem Kranze!
Es ist eben geschehn!
Wir werden uns wiedersehn;
Aber nicht beym Tanze.
Die Menge drngt sich, man hrt sie nicht.
Der Platz, die Gassen
Knnen sie nicht fassen.
Die Glocke ruft, das Stbchen bricht.
Wie sie mich binden und packen!
Zum Blutstuhl bin ich schon entrckt.
Schon zuckt nach jedem Nacken
Die Schrfe die nach meinem zckt.
Stumm liegt die Welt wie das Grab!

_Faust._

O wr' ich nie geboren!

_Mephistopheles_ erscheint drauen.

Auf! oder ihr seyd verloren.
Unntzes Zagen! Zaudern und Plaudern!
Meine Pferde schaudern,
Der Morgen dmmert auf.

_Margarete._

Was steigt aus dem Boden herauf?
Der! der! Schicke ihn fort!
Was will der an dem heiligen Ort?
Er will mich!

_Faust._

              Du sollst leben!

_Margarete._

Gericht Gottes! dir hab' ich mich bergeben!

_Mephistopheles_ zu Faust.

Komm! komm! Ich lasse dich mit ihr im Stich.

_Margarete._

Dein bin ich, Vater! Rette mich!
Ihr Engel! Ihr heiligen Schaaren,
Lagert euch umher, mich zu bewahren!
Heinrich! Mir graut's vor dir.

_Mephistopheles._

Sie ist gerichtet!

_Stimme_ von oben.

Ist gerettet!

_Mephistopheles_ zu Faust.

              Her zu mir!

(verschwindet mit Faust.)

_Stimme_ von innen, verhallend.

Heinrich! Heinrich!



[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1808 erschienenen Erstausgabe erstellt. Der Text folgt
strikt dem Original. Korrekturen in spteren Druckausgaben wurden in
eckigen Klammern gesetzt.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaen ersezt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]



[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print
edition published in 1808. The text strictly follows the original.
Corrections made in later print editions have been denoted in square
brackets.

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Antiqua:    #text in Antiqua font# ]





End of the Project Gutenberg EBook of Faust, by Johann Wolfgang von Goethe

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and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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